
                            Unger, Friederike Helene

                        Bekenntnisse einer schnen Seele

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                            Friederike Helene Unger

                        Bekenntnisse einer schnen Seele

                           Von ihr selbst geschrieben

                                    An Csar

Die Lage, worin ich mich gegenwrtig befinde, ist recht eigentlich dazu gemacht,
meiner Phantasie einen ganz neuen Schwung zu geben. Abgeschnitten von Ihrem
interessanten Umgang, mein angenehmer Freund, und auf mehrere Wochen getrennt
von meiner theuren Eugenie, bin ich, mehr als jemals, auf mich selbst zurck
geworfen. Die se Gewohnheit, mich Ihnen oder meiner Freundin mitzutheilen,
wrde fr mich zur Folter werden, bte mir die Schriftsprache keinen Ausweg dar.
Wenn ich mich lieber an Sie, als an meine Freundin, wende, so geschieht dies,
weil ich aufs bestimmteste wei, da Sie nur allzu oft gewnscht haben, die
Geschichte meiner Entwickelung vollstndig zu vernehmen. Wie vollendet Ihre
Diskretion auch seyn mag, mein angenehmer Freund, dieser Wunsch mute in Ihnen
entstehen, so oft Sie sich die Frage vorlegten: Woher es doch kommen mge, da
Ihre Mirabella, trotz ihrem Alter und ihrer Jungfrauschaft, noch immer ihren
Platz in der Gesellschaft behauptet, und sogar ein Gegenstand der Zuneigung und
Achtung bleibt? Gestehen Sie nur, da Sie sich einige Mhe gegeben haben, dies
Rthsel zu lsen, wre es auch nur geschehen, um begreiflich zu finden, wie ich,
zwischen einem Philosophen Ihres Schlages und einer so gebildeten Frau, als
unsere gemeinschaftliche Freundin ist, in der Mitte stehend, ein Band abgeben
kann, das man als nothwendig empfindet, und immer ein wenig ungern zerreissen
sehen wird. Ich mte Sie aber sehr wenig kennen, wenn ich nicht vorher wissen
sollte, da die Hauptfrage, welche Sie sich in Hinsicht meiner vorgelegt haben,
ohne sie jemals vollstndig beantworten zu knnen, immer die gewesen ist: Wie
ich mit den krperlichen und geistigen Eigenschaften, in deren Besitz ich
gewesen und allenfalls auch noch bin, eine Jungfrau habe bleiben knnen? In
Wahrheit, dies ist das Hauptproblem, das gelset werden mu, wenn man mich in
meiner Individualitt begreifen will.
    Nun, mein angenehmer Freund, jegliche Frage, die Sie sich, whrend unserer
zehnjhrigen Bekanntschaft, in Beziehung auf mich vorgelegt haben mgen, soll
Ihnen durch die nachfolgende Erzhlung beantwortet werden. Ich will den Zufall,
der mir die Feder in die Hand gegeben hat, recht eifrig benutzen, Sie mir fr
immer zu verbinden. Erst nach drei Wochen kann Eugenie zurckkehren. Bis dahin
gehre ich Ihnen, so viel ich die mit dem Schreiben unauflslich verbundene
Arbeit ertragen kann. Mein Wille ist der beste von der Welt; auch an Heiterkeit
und Laune gebricht es mir nicht; denn der lange Winter, den wir seit einigen
Wochen berstanden haben, macht einem so angenehmen Frhlinge Platz, da das
Gefhl des inneren Lebens mit verdoppelter Strke zurckkehrt.
    Erwarten Sie aber in meiner Erzhlung keine Abentheuer; ich habe nie zu
denjenigen gehrt, denen dergleichen begegnen knnen. Was in meiner Geschichte
Auerordentliches ist, bleibt noch immer in der Regel, wenn man die
Eigenthmlichkeit der Personen ins Auge fat, welche einen so wesentlichen
Einflu auf meine Entwickelung hatten. Im brigen wissen Sie, mein angenehmer
Freund, da es wenig Menschen giebt, die mit ihrem Geschick zufriedener sind,
als ich. Die Natur wollte nun einmal, da in der Reihe der Wesen auch ein
solches Geschpf existiren sollte, wie ich bin. Eben so weit davon entfernt,
mich als Muster darstellen zu wollen, als ich entfernt bin, meine eigene
Anklgerin zu werden, will ich mich also nur in meiner Eigenthmlichkeit
schildern. Ob diese gut sey, oder nicht, darber mgen Andere entscheiden. Ich
selbst bin, wenn ich die Wahrheit gestehen darf, dahin gelangt, da mich nichts
so sehr in Verlegenheit setzt, als die Frage: Ob dies oder jenes gut sey? und
nehme, sowohl fr mich selbst als fr Andere, meine Zuflucht sehr gern zu dem
Grundsatz: What ever is, is right.
    Auch Sie, mein angenehmer Freund, werden mich so nehmen; und unter dieser
Voraussetzung will ich Ihnen alles bekennen, was nur von einigem Interesse fr
Sie seyn kann.

                                  Erstes Buch


Wer meine Eltern gewesen sind, vermag ich nicht zu sagen; denn ich habe sie nie
kennen gelernt. In einer gewissen Periode meines Lebens lag mir sehr viel daran,
hinter das Geheimni meiner Geburt zu kommen; allein so viel Mhe ich mir auch
zu diesem Endzweck gegeben habe, so hab' ich mit aller angewandten Sorgfalt doch
nur zu der Vermuthung aufsteigen knnen: Meine Existenz sey die Wirkung eines
Mibndnisses, welches entweder durch meine Geburt, oder bald nach derselben
aufgehoben wurde.
    Meine Erinnerungen reichen bis zu meinem sechsten Lebensjahre herab. - Wo
ich auch vorher existirt haben mag, in diesem Alter brachte man mich, nach einer
Reise, welche wenigstens drei Tage dauerte, in die Wohnung eines franzsischen
Geistlichen, der mit seiner Schwester auf dem Lande lebte. Ich wunderte mich
darber, da man mich auch hier Mirabella nannte, sobald ich aus dem Reisewagen
gestiegen war; denn ich konnte nicht begreifen, wie ganz fremde Personen mich
kennen knnten. Wesen und Namen war fr mich noch einerlei.
    Welche Richtungen mein Inneres auch bis dahin erhalten haben mochte, so lag
es in der Natur der Sache, da sie durch die neue Lage verdrngt wurden; denn so
lange der Mensch noch der Entwickelung fhig ist, bestimmt er sich nach seiner
Umgebung, die um so krftiger auf ihn einzuwirken pflegt, je abhngiger er in
jedem Betracht von ihr ist. Eigenen Charakter darf man nur solchen Personen
zuschreiben, die sich zu Meistern ihrer Umgebung gemacht haben.
    Meine Erzieher waren, nach den Bildern, die mir von ihnen brig geblieben
sind, sehr achtungswerthe Personen. Der Geistliche war nmlich ein Mann von
mannigfaltigen Talenten, und in jeder Hinsicht so gesetzt und verstndig, da
man htte in die Versuchung gerathen knnen, ihn fr einen Deutschen zu halten;
ja, ich mu bemerken, da er mir von allen franzsischen Geistlichen, die mir
jemals vorgekommen sind, immer als der einzige erschienen ist, der ein
lebendiges Gefhl von der Wrde seines Berufs hatte. Seine Schwester war seiner
wrdig. Hchst reinlich in ihrem ganzen Wesen, geschickt in allem, was zu den
Verrichtungen einer guten Hausmutter gehrt, sanft und nachgiebig, weil sie in
ihrem Verstande immer die nthigen Hlfsmittel fand, war sie das baare
Gegentheil von dem, was Franzsinnen zu seyn pflegen. Dieselbe Deutschheit,
welche ihren Bruder zu einem Mann machte, gab ihr die chte Weiblichkeit, die
man bei so wenigen Franzsinnen antrifft, weil sie immer erst dann einen Werth
errungen zu haben glauben, wenn sie aus ihrem Geschlecht getreten sind.
Gleichwohl sprachen diese beiden Personen unter sich immer franzsisch. Htte
die Sprache ihr Wesen bestimmen knnen, so wrden sie Franzosen gewesen seyn;
aber dies vermag keine Sprache in der Welt. Nur der Umgang, oder die Totalitt
gleichartiger Eindrcke, bestimmt die Individualitt.
    In dem Hauswesen herrschte die grte Ordnung. Der Bruder bewegte sich in
seinem Kreise, die Schwester in dem ihrigen. Beide Kreise berhrten sich; aber
sie griffen nie in einander, weil dies der Freiheit der Bewegung geschadet haben
wrde. Es war in der That eine Freude, zu sehen, wie diese Geschwister sich
gegenseitig achteten. Gromthig durch sein ganzes Wesen, fand der Bruder nie
den Widerspruch der Schwester, wenn seine Liberalitt ihrer Sparsamkeit in den
Weg trat. Nicht minder entging der konomische Geist der Schwester der Kritik
des Bruders. Beide schienen, ohne frmliche Verabredung, darin berein gekommen
zu seyn, da sie sich als vernnftige Wesen in ihrem Thun und Treiben
respektiren wollten, da es in der Natur der Sache lag, da sie sich gegenseitig
ergnzen muten, wenn sie den Charakter der Menschlichkeit in der Staatsbrgerei
retten wollten, von welcher sich Niemand ganz losreissen kann. Des Bruders
einzige Liebhaberei war eine Baumschule; allein auch in dieser Liebhaberei
folgte er nur seinem Hange zur Gromuth und zum Wohlthun. Da er von seinen
Einknften nichts verschenken konnte, ohne sich zu schaden; so wollte er
wenigstens die Produkte seines Fleisses verschenken. Die ganze Nachbarschaft
versorgte er mit jungen Baumstmmen von der edelsten Gattung, ohne jemals eine
Entschdigung in baarem Gelde dafr anzunehmen.
    Je mehr der ganze Gang des Hauswesens den Bedrfnissen meines Alters
entsprach, desto leichter gewhnte ich mich daran; und da meine Pflegeeltern
unter sich selbst so einig waren, da alles, was Leidenschaft genannt werden
mag, aus ihrem Bezirk verbannt war, so konnte es nicht fehlen, da ich in diese
ihre Stimmung hineingezogen wurde. In so fern Liebe ein bestimmtes Gefhl ist,
das zur Aufopferung treibt, war dies Gefhl nicht in mir; aber ich theilte die
Harmonie des Hauses, und theilte sie um so mehr, weil ich von allen Hausgenossen
gleichmig behandelt wurde, und die Entstehung dessen, was man Eigensinn zu
nennen pflegt, in mir ganz unmglich war. Was mir immer vorgehalten werden
mochte, ich nahm es als Beschftigung des Thtigkeitstriebes, und fand daher
meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer, als in der Kche und im Garten. Nur
in Hinsicht der Autoritt unterschied ich meine Umgebung. Die meines
Pflegevaters gab den Ausschlag ber jede andere. Ihn betrachtete ich im
eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt, und wo sein Ausspruch einmal erfolgt
war, da galt mir kein anderer. Htte man mir damals gesagt: Es ist ein
Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung, so wrde ich, vorausgesetzt, da zwei
so abstrakte Dinge nicht ganz fr mich verloren gewesen wren, auf der Stelle
geantwortet haben: Das wei ich recht gut; denn die Wahrheit ist bei meinem
Vater und die Meinung bei den Andern. Das Geschlecht, zu welchem ich gehrte,
gab mir diese Deferenz. Wr ich ein Knabe gewesen, so wrde die Autoritt meiner
Pflegemutter entschieden haben.
    Ich habe oft gedacht, da die Erziehung jedes menschlichen Wesens, das nur
einigermaen gerathen soll, hchst einfach seyn msse. Es kommt zuletzt doch nur
darauf an, da man eine achtunggebietende Individualitt gewinne. Wie will man
aber zu einer solchen gelangen, wenn es durchaus nicht gestattet ist, bleibende
Falten zu schlagen, die, sie mgen nun in Gefhlen oder in Ideen zum Vorschein
treten, allein den Charakter ausmachen? In Stdten, vorzglich aber in
Hauptstdten, besteht die Erziehung eigentlich darin, da der eine Eindruck
sogleich durch den andern vernichtet werde, so da der Zgling am Ende in einem
leeren Nichts dasteht; dies ist eine nothwendige Folge der allzuweit getriebenen
Zusammengesetztheit der Richtungen, welche der Zgling (ob mit oder ohne
Absicht, gilt hier gleich viel) in den Stdten erhlt. Auf dem Lande kann so
etwas durchaus nicht statt finden; da der Richtungen an und fr sich wenigere
sind, so ist die ganze Erziehung einfacher, und die natrliche Folge davon ist,
da das Innere des Zglings eine bestimmte Form annimmt, die sich zuletzt von
selbst gegen alle Unform vertheidigt, und im Kampfe mit derselben zu einer
hheren Entwickelung fhrt.
    Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den grten, sondern auch den besten
Theil meines Wesens der Erziehung, die ich in dem Hause meines Pflegevaters
erhielt. Die Gewhnung zur Reinlichkeit mute mir die Reinlichkeit zum Bedrfni
machen; und indem der materielle Schmutz ein Gegenstand des innigsten Abscheues
fr mich wurde, konnte der immaterielle, vermge des Zusammenhanges, worin das
Physische mit dem Geistigen im Menschen steht, keinen Eingang bei mir finden.
Mit der Liebe zur Reinlichkeit aber stand die Schamhaftigkeit in der
vollkommensten Harmonie. Da das Wohnhaus gerumig genug war, so hatte jedes
Mitglied der Familie sein eigenes Schlafzimmer; dabei erforderte eine
hergebrachte Sitte, nicht anders als vollkommen angekleidet aus demselben zu
treten. Jene Einrichtung und diese Sitte brachten die Wirkung hervor, da, wie
ungezwungen der Umgang im brigen auch seyn mochte, doch Keiner von uns begriff,
wie es mglich sey, sich in Gegenwart eines Andern aus- oder anzukleiden. Ich
mochte ein Alter von zehn Jahren erreicht haben, als der Anblick eines
achtjhrigen Knaben, der sich in meiner Gegenwart die Strmpfe aufband, mich in
eine solche Verlegenheit setzte, da ich nicht im Zimmer bleiben konnte; und der
bloe Umstand, da ich diese Scene niemals habe vergessen knnen, beweiset mehr,
als alles, was ich darber zu sagen vermag, wie sehr die Schamhaftigkeit in mein
Wesen bergegangen war. Dies verhinderte indessen nicht, da ich den Umgang mit
Knaben, so oft dazu Gelegenheit war, nicht unendlich interessanter gefunden
htte, als den mit jungen Mdchen. Ein geheimer Zug that hier alles; allein wie
unwiderstehlich er immer seyn mochte, so folgte ich ihm doch, ich will nicht
sagen, mit Vorsichtigkeit - denn diese war fr mich gar nicht vorhanden -
sondern mit Beibehaltung alles dessen, was mir einmal zur Gewohnheit geworden
war, und worber ich nicht weiter Herr werden konnte. Und so geschah es, da ich
selbst in einem Alter, dem die Herrschsucht ganz fremd ist, die widerstrebende
Natur meiner Gespielen mnnlichen Geschlechts in den Strudel meiner
Individualitt zog, und diese rettete, ohne fr sie zu kmpfen. Fremde Personen
nannten mich nicht selten die gesetzte Mirabella; meinen Pflegeeltern hingegen
war eine solche Benennung eben so fremd, als mir; unstreitig weil sie einsahen,
da mit dieser Gesetztheit keine Art des Zwanges oder des Calculs verbunden war.
Ich bewegte mich minder lebhaft, weil die Freiheit mir habituell war, und ich
folglich keine Aufforderung hatte, mich zu bernehmen.
    Mein Pflegevater lehrte mich Zeichnen, Rechnen, Lesen, Schreiben; und
nachdem ich ein Alter von zwlf Jahren erreicht hatte, kam der Unterricht in der
Naturgeschichte und Geographie hinzu. Wie sehr er auch Geistlicher war, so
befate er sich doch nicht mit der Unterweisung in der Religion; unstreitig aus
keinem anderen Grunde, als weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich
niederlegen wollte. Auch trug er mir nie eine frmliche Moral vor; und deute ich
sein Wesen recht, so hatte er dazu den sehr vernnftigen Grund, da die Liebe
keiner Regulative bedarf, und da der Ha sie verachtet. Seine Urtheile ber
Menschen und menschliche Verhltnisse waren die eines gebildeten Mannes, der
zwar an Unverstand, aber nicht an Bosheit glaubt, und sich daher immer zur
Nachsicht und Schonung berufen fhlt. Nie hab' ich ihn in Leidenschaft gesehen;
und wenn der Charakter eines Weisen in der Apathie enthalten ist, so war er mehr
als tausend Andere ein Weiser.
    Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken, Nhen, Brodiren; alles dieses
in einem hohen Grade von Vollkommenheit. Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren
Wirthschaftsangelegenheiten versenkt schien, so fehlte es ihr doch durchaus
nicht an Kunstsinn. Die Gewalt des Wahren war fr sie eben so wenig vorhanden,
als fr irgend ein Weib; aber die Gewalt des Schnen offenbarte sich in allen
ihren Schpfungen, in so fern sie alles verabscheuete, was den ewigen Gesetzen
der Harmonie widersprach. Zwar sagt man: Nur das Wahre sey schn; allein, so
weit meine Beobachtung reicht, gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf
Mnner; fr Weiber ist nur das Schne wahr, das heit, sie wollen immer und ewig
nur das Schne, unbekmmert um das Wahre. Vielleicht rhrt dieser Unterschied
der Geschlechter daher, da bei den Mnnern sich die Phantasie dem Verstande,
bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet. Wie dem aber
auch seyn mag, noch immer soll das Weib geboren werden, bei welchem die
Schnheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist.
    Unbemerkt wuchs ich unter so wohlthtigen Einflssen, als meine Pflegeeltern
waren, heran. Meine Entwickelung ging um so glcklicher von statten, da nichts
vorhanden war, was sie htte stren oder verhindern knnen. In einem Alter von
funfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet, und meinem Umri nach htte man mich
fr ein junges Mdchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten knnen. ber das
Mittelmaa hinaus gro und von einer anziehenden Flle, vereinigte ich
Brnettheit mit einer blendenden Weie, und keiner von meinen Gesichtszgen
widersprach der Weiblichkeit. Wer mich sah, verweilte mit Wohlgefallen bei
meinem Anblick; was man aber ganz laut bewunderte, war die ppigkeit meines
kastanienbraunen Haarwuchses; ich htte ihn als Schleier gebrauchen knnen, so
lang und dicht war er. Die Aufmerksamkeit, welche mir alle Fremden bewiesen,
fhrte mich vor den Spiegel, der mir bisher durchaus gleichgltig gewesen war;
ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit, und wer will es mir verargen, da
ich ihn in dem Abstich fand, den meine Gestalt von denen meiner Umgebung machte?
Mit Wahrheit aber kann ich versichern, da mich das ftere Hintreten vor den
Spiegel nicht eitel machte; diese Beschauung gewhrte mir nur ein Bild von mir
selber, und mit dem Bilde die berzeugung, da ich, wo nicht schn, doch
wenigstens hbsch sey; zu Ansprchen und zur Coketterie verleitete sie nicht,
und konnte sie nicht verleiten, weil meine Vorzge mir von Niemand bestritten
wurden. Man knnte glauben, ich sey in meiner Jugend sehr eitel gewesen, da mir
ein so bestimmtes Bild von mir selbst geblieben ist; allein das ist das
Eigenthmliche der weiblichen Einbildungskraft, da sie im Stande ist, die
Bilder fest zu halten, welche derselbe Gegenstand in seinen verschiedenen
Entwickelungsperioden gegeben hat. Schwerlich wird irgend ein Mann die Gestalt,
welche er als Jngling hatte, in spteren Jahren bei sich selbst zur Anschauung
bringen knnen; ein Weib aber kann dies ohne alle Mhe, und wenn sie sich auf
Malerei versteht, so mu an der Wahrheit des Bildes, das sie von ihrem frheren
Wesen entwirft, auch nicht das Geringste abgehen, vorausgesetzt nur, da ihre
Einbildungskraft nicht durch Eitelkeit verdorben worden ist.
    Es war um diese Zeit fters davon die Rede, da meine Erziehung nur in der
Hauptstadt vollendet werden knnte; und da mir die Nothwendigkeit einer hheren
Ausbildung nicht einleuchtete, so rief der Gedanke an eine nahe Trennung von
meinen Pflegeeltern die ersten traurigen Gefhle auf, die ich bis jetzt gehabt
hatte. Ob ich diese meine Pflegeeltern liebte oder nicht, war mir bisher eben so
unbekannt geblieben, als dem wirklich Gesunden das Gefhl der Gesundheit. Jetzt,
wo ich der sen Gewohnheit mit ihnen zu leben, entsagen sollte, wurde mir
zuerst klar, wie innig ich mit allen meinen Neigungen an ihnen hing. Meine
Traurigkeit war um so tiefer, je grer meine Unerfahrenheit war, und je weniger
ich folglich der Lockung folgen konnte, welche mit der Aussicht auf neue
Verhltnisse in der Regel verbunden ist. Dieselbe Stimmung waltete bei meinen
Pflegeeltern ob; es lag nur allzu sehr am Tage, da auch sie sich seit neun
Jahren verwhnt hatten, und da es ihnen Mhe machte, dem natrlichen Bedrfni
des Menschen, zu lieben und geliebt zu werden, schnell zu entsagen. Selbst mein
Pflegevater verlor einen guten Theil seiner gewhnlichen Heiterkeit, whrend
seine Schwester, den edleren Theil ihres Wesens hinter dem unedleren verbergend,
nicht aufhrte zu bedauern, da ihr fr ihre Wirthschaft eine so zuverlssige
Sttze entrissen wrde, als sie seit drei Jahren an mir gehabt.
    Das Schicksal nahm sich der ganzen Familie dadurch an, da mein Pflegevater
als Prediger in die Hauptstadt berufen wurde. Ich sage: das Schicksal, weil
ich mich nicht anders ausdrcken kann. Unstreitig ging auch dies sehr natrlich
zu, und allen meinen spteren Vermuthungen nach, hatte mein Pflegevater seine
Berufung bei weitem mehr dem Verhltni zu verdanken, in welchem er zu mir
stand, als seinen persnlichen Eigenschaften, wie achtungswerth diese auch seyn
mochten. Dem sey inde wie ihm wolle, es war uns allen herzlich lieb, da wir
zusammen bleiben konnten.
    Das einzige Problem, das noch zu lsen war, bestand in der Trennung von dem
Grund und Boden, auf welchem wir bisher gelebt hatten, die Nachbarschaft mit
inbegriffen. Vorzglich fiel es meinem Pflegevater schwer, sich von seiner
Baumschule zu trennen, die ihm um so theurer seyn mute, weil die Entwickelung
in ihr nach solchen Gesetzen erfolgte, deren sich die Willkhr vollkommen
bemchtigen kann. Er pflegte fters zu sagen: Er habe nie heirathen mgen, weil
er nichts so sehr verabscheut habe, als den Gedanken an ein ungerathenes Kind;
aber er freue sich darber, da er ein Grtner geworden sey, weil die Grtnerei
ihm jede Schadloshaltung gewhre, die der Kinderlose wnschen knne. Dem
ungeachtet gab das Menschliche in ihm den Ausschlag ber das Rsonnement, so oft
beide in Opposition geriethen; und dies zeigte sich auch gegenwrtig, da die
gromthige Zuneigung, die er fr mich gefat hatte, ihn den Kummer berwinden
lie, der mit einer ewigen Trennung von seiner geliebten Baumschule unauflslich
verbunden war. Wie sehr sie ihm am Herzen lag, zeigte sich in der Folge sehr
hufig, indem sein Gemth ihn in den Abendstunden regelmig den Gedanken an
seine Baumschule zurckrief, bis er nach einigen Jahren die Nachricht erhielt,
da sie durch die gnzliche Vernachlssigung seines Nachfolgers eingegangen sey.
Der Seufzer, der ihm bei dieser Gelegenheit entfuhr, sagte sehr deutlich, wie
viel er mir aufgeopfert hatte; in der That um so mehr, je uneigenntziger und
anspruchsloser er in jeder Hinsicht war.
    Nach unserer Ankunft in der Hauptstadt sollte ich vor allen Dingen Musik und
Tanz lernen. Beides wrde ich mit groer Leichtigkeit gelernt haben, htte ich
solche Lehrer gefunden, als mein Pflegevater war. Es fehlte mir weder an Lust,
noch an Fhigkeit; aber die Eigenthmlichkeit meiner Lehrer verhinderte alle
Fortschritte, die ich htte machen knnen, und wurde auf diese Weise die
Ursache, warum zwei Talente, die ich erwerben konnte, mir immer fremd geblieben
sind.
    Mein Lehrer in der Musik galt fr einen Meister in seiner Kunst. Wre er
blos Knstler gewesen, so wrde von seinem Wesen so viel auf mich bergegangen
seyn, als sich mit meiner Natur vertrug; allein da er zugleich ein galanter Mann
seyn wollte, so mute das, was er seine Artigkeit nannte, ihm einen so
lcherlichen Anstrich bei mir geben, da wesentliche Fortschritte in der Musik
unter seiner Leitung fr mich unmglich wurden. Alles ging vortrefflich, so
lange er mich fr eine junge Person seines Standes hielt; sobald er aber gehrt
hatte, da man mich Frulein Mirabella nannte, vernderte er seine Methode auf
Kosten seiner Kunst. Bis dahin hatte er ganz treuherzig gesagt: So und so mu es
seyn. Jetzt bat er, da es mir belieben mchte, es so und so zu machen. Griff
ich f statt fis, so bat er sich ein gndiges fis aus. berhaupt war seine
Deferenz gegen das Vorurtheil des Geburtsadels so gro, da er es nicht
offenbaren konnte, ohne mich aus allen meinen Angeln zu heben. Unbeschreiblich
weh that mir diese Wegwerfung; und um den unangenehmen Gefhlen zu entgehen,
welche so wie der Mann nun einmal war, von dem Unterricht nicht getrennt werden
konnten, gebrauchte ich den Ausweg, ihn allein ans Clavier zu setzen, und das zu
singen, was er spielte. Auf diese Weise bildete ich meinen Sinn fr Musik aus,
ohne jemals die gewhnliche Fertigkeit zu erwerben, welche sich durch die
Fingerspitzen offenbaret; und ich wei nicht, ob diese Ausbildung nicht die
vorzglichere war, da sie hinreichte, um zur Kenntni dessen zu gelangen, was
wahre Musik ist, und mich im brigen von jener Virtuositt, welche die
Weiblichkeit vernichtet, entfernt hielt. Im Grunde hab' ich nie bedauert, da
ich keine greren Fortschritte gemacht habe.
    Mein Tanzmeister war das vollkommenste Gegentheil von meinem Lehrer in der
Musik. Ein geborner Franzose, lebte und webte er in seiner Kunst, welche in
seinem Urtheil das Complement aller menschlichen Vollkommenheiten war. Ich sage
nicht zuviel, wenn ich behaupte, da er auf das allervollkommenste in ihr
untergegangen war; denn nichts verdiente seine Schonung, was der vollendeten
Ausbung der Tanzkunst in den Weg trat. Wie wurde mir gleich in der ersten
Lection zu Muthe, als er, nach den ersten Vorzeigungen, mich unsanft bei der
Schulter fate, um meinen Fen durch die seinigen die kunstmige Stellung zu
geben! Alles, was Gemth genannt werden kann, wurde in mir aufgeregt, und htte
ich nicht die Idee eines Lehrers festgehalten, so wrde ich auf der Stelle die
verletzte Schamhaftigkeit gercht haben. Mit glhenden Wangen kehrte ich auf
mein Zimmer zurck, als die Lection geendigt war; und als meine Pflegemutter
mich fragte, was mich in einen solchen Aufruhr gesetzt habe, war ich
schlechterdings nicht im Stande, ihr irgend eine Antwort zu geben; so gro war
meine Verworrenheit. Zagend ging ich in die zweite Lection. Da meine
Geschicklichkeit dadurch nicht gewann, versteht sich ganz von selbst. Mein
Lehrer sprach mir den Muth ein, der die groe Mehrheit aufrichtet, mir aber gar
nicht fehlte. Die bung wurde fortgesetzt, wiewohl ich schon halb betubt war.
Anstatt zu rechter Zeit abzubrechen, gerieth der Meister in den gemeinen
Kunsteifer; und indem er sagte, da eine so edle Figur, wie die meinige, sich
auch edel bewegen msse, strzte er auf mich zu, und bog, weil ich die Fe
nicht auswrts genug setzte, meine Knie mit den seinigen aus einander. Dies war
aber mehr, als ich ertragen konnte. Eine Beleidigung meiner Schamhaftigkeit
hatte ich verschmerzt; einen Angriff auf dieselbe glaubte ich ahnden zu mssen.
Ich sprang also unmittelbar nach geschehener That auf den Meister zu, gab ihm
eine Ohrfeige und lief athemlos auf mein Schlafzimmer. Jetzt mute die Sache zur
Sprache kommen. Der Meister, der nicht wute, wie er zu der Ohrfeige gekommen
war, beklagte sich darber bei meinem Pflegevater, und als mich dieser zur
Rechenschaft forderte, kam mit meiner Unschuld die seinige freilich an den Tag,
die Lectionen aber waren einmal fr allemal abgebrochen, weil ich erklrte, da
ich lieber gar nicht tanzen lernen, als allein unterrichtet werden wollte. Diese
Erklrung hatte die Folge, da man noch einige andere junge Mdchen in die
Lectionen zog; aber wie sehr mein Gefhl dadurch auch erleichtert werden mochte,
so konnte ich mich doch nie gewhnen, das Tanzen als eine freie Kunst zu nehmen.
Mit brennenden Wangen ging ich in den Tanzsaal; mit brennenden Wangen verlie
ich ihn. Es war mehr ein Abschern gegen den Willen des Gemths, als eine
Bewegung auf Gehei desselben, was ich Tanzen nennen mute; und daher ist es
unstreitig gekommen, da ich mein ganzes Leben hindurch so gleichgltig gegen
dies Vergngen geblieben bin, dem Andere so bereitwillig Gesundheit und Leben
aufopfern. Auch bin ich in dieser Hinsicht immer eine Stmperin gewesen.
    Obgleich die Lektre damals noch nicht zu den Dingen gehrte, welche die
Elemente einer weiblichen Erziehung ausmachen; so war ich doch durch meinen
Pflegevater von meinem funfzehnten Jahre an mit drei franzsischen Dichtern
bekannt geworden, die ich unablssig las und beinahe auswendig lernte. Es waren
de la Fontaine, Peter Corneille und Racine. Die Fabeln des erstern zogen mich
unendlich an, weil in ihnen eine Welt enthalten ist, worein ein jugendlicher
Geist sich nur mit Entzcken verlieren kann. Corneille und Racine beschftigten
mich gleich sehr; und ob man gleich glauben sollte, da ich, als Frauenzimmer,
meine Rechnung nur bei dem letzteren gefunden haben knne, so gestehe ich doch
ohne Bedenken, da die Strke Corneille's mir wenigstens eben so zusagte, als
die Sentimentalitt Racine's; ja da ich dem ersteren um des krftigen Gemthes
willen, das aus ihm spricht, im Ganzen den Vorzug gab, wie eifrig auch die
Mnner darauf bestehen mochten, da ich nur den letzteren lieben knnte und
drfte. Ich mte mich sehr irren, oder ein Schriftsteller interessirt immer nur
in so fern, als seine Gedanken Abgrnde enthalten, in welche man nur schwindelnd
blickt. Mit der natrlichen Vorliebe, welche der Mensch fr das Groe und Starke
hat, hab' ich in der Folge versucht, mir auch Shakspears Geist anzueignen;
allein dies hat mir nie gelingen wollen, und hab' ich mich anders gehrig
beobachtet, so ist es der Mangel an Zchtigkeit in den Werken des Englnders,
was mich bestndig von ihm zurckgeschreckt hat. Shakspear hat nur fr Mnner
geschrieben, und Weiber, welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergngen
lesen, verderben nichts mehr an sich selbst, wenn sie Pferde zureiten, Armeen
kommandiren, und jedes andere Geschft verrichten, das die Natur dem Manne
zugetheilt hat. Sie haben ihren Lohn dahin, indem sie der Weiblichkeit entsagt
haben.
    So lange ich auf dem Lande gelebt hatte, waren mir gewisse Empfindungen ganz
unbekannt geblieben. Dahin gehrten die des Mitleids und Erbarmens, fr welche
es auf dem Dorfe, das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte,
keine Gegenstnde gab, weil der berflu an Naturgtern wohl zur Geflligkeit,
aber nicht zur Gromuth fhren kann. In die Hauptstadt versetzt, fand ich nur
allzubald Gelegenheit, aus mir selbst heraus zu treten, um mich mit der
zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren, welche, ausgeschlossen von den
Vortheilen der gesellschaftlichen Arbeit, ihre Zuflucht zu der menschlichen
Milde nehmen mssen. Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht
vorbereitet war, desto heftiger wirkte er auf mich ein. Ich gab, was ich nur
einigermaen entbehren konnte, und that mir nicht eher genug, als bis ich die
Entdeckung gemacht hatte, da man fr Hlfsbedrftige nichts thut, so lange man
ihnen nicht gerade das giebt, was ihnen nothwendig ist. Von jetzt an gewann mein
Mitgefhl den Charakter der Thtigkeit; und ob es gleich dadurch an innerer
Strke verlor, so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergngen fr mich
verbunden, je bestimmter ich mir sagen konnte, wodurch ich ihn zu Stande
gebracht hatte. Jenes mssige Wohlthun, wodurch man sich zuletzt entweder von
einem unangenehmen Gefhl loskauft, oder sich die eigene Unbedrftigkeit klar
macht, ist mir seitdem immer fremd geblieben; und was die Vertheidiger der
Selbstheit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mgen, so hab' ich
immer an mir selbst zu bemerken geglaubt, da auer der Selbstheit noch etwas
anderes im Menschen ist, das, mag man es doch nennen wie man wolle, allein zu
Aufopferungen und Anstrengungen fr die Gesellschaft fhren kann. Es war, wenn
ich nicht irre, eine Franzsin, welche ber ihre Thre schrieb: Sparsamkeit ist
die beste Quelle der Gromuth; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger, als
Helvetius dachte, der in seinen Werken etwas Bewundernswrdiges geleistet haben
wrde, wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen Natur gelset htte.
    Der Zeitpunkt war gekommen, wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch
einen frmlichen Akt aufgenommen werden mute. Mein Pflegevater selbst wollte
diesen Akt verrichten, und bereitete mich daher auf das sorgfltigste dazu vor.
So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann, unterschied er
Christenthum von christlicher Religion. Das erstere setzte er in eine
gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen
Verhltnisse, in welchen sich das Individuum befindet; in der letzteren
erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen Natur,
welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte. Nach ihm
war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von Nothwendigkeit aus
dem Innern des Menschen hervorgegangen. Von jeher, sagte er, war das
Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet, das Unbegreifliche zu
begreifen. Hierbei konnte es nicht fehlen, da der Mensch sich zuletzt selbst an
die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte. Da eine Kraft in ihm
vorhanden war, aus welcher alle seine Schpfungen hervorgingen, so stellte er
diese Kraft (den Geist) symbolisch als den Vater dar. Eine andere Kraft in ihm
(das Gemth) enthielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schpfungen; und wie
htte diese Kraft schicklicher personifizirt werden knnen, als unter dem Bilde
des Sohnes, der den Vater liebt und von ihm geliebt wird? Die dritte Kraft ging
aus dem Verhltnisse der beiden ersteren hervor, und war in sich selbst das
Bewutseyn der greren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Krfte (
Gewissen); daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist,
der von Vater und Sohn ausgeht. Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also
wesentlich im Menschen, und ist im Grunde genommen die umfassendste Reflection,
die der Mensch jemals ber sich selbst gemacht hat. Ein Gegenstand des blinden
Glaubens und des spottenden Zweifels, so lange das Innere noch nicht erwacht
ist, wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten
berzeugung, so bald man anfngt, sein eigenes Wesen zu zergliedern. Wie viele
Sptter unserer Zeit wrden pltzlich verstummen, wenn es mglich wre, ihnen
den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenvter einzuimpfen!
Man findet es gegenwrtig ehrenvoll ein Atheist zu seyn; aber nur weil man nicht
wei, was ein Atheist ist. Sey man es immerhin in Beziehung auf den Gott der
Priester, und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist; aber ist
die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden? In Beziehung auf diese
ist es an und fr sich unmglich ein Atheist zu seyn, und versteht man das neue
Testament auch nur einigermaen, so entdeckt man eine auffallende Harmonie
zwischen Schrift und Vernunft. Was kann das Christenthum besser charakterisiren,
als der Ausspruch: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe treibet die
Furcht aus? Und was ist zugleich erhabener und umfassender, als der Satz: Gott
ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm
? Wir mssen nur nicht auer uns suchen, was nur in uns seyn kann; und wir sind
alles, was wir werden knnen, wenn unser Geist mit unserem Gemthe in einer
solchen Harmonie stehet, da die Verletzung desselben uns als eine Vernichtung
unsers ganzen Wesens erscheinen mu.
    Auf diese Weise erklrte mir mein Pflegevater jedes andere Dogma der
christlichen Religion, mir das Geheimni meines Inneren entschleiernd und mir
Achtung vor mir selbst einflend. Ein Ausspruch, der fr ihn einen tiefen Sinn
enthielt, und den er mir oft wiederholte, um ein bleibendes Ideal in mich
niederzulegen, war der Ausspruch, wodurch der Stifter des Christenthums seine
Schler aufforderte: Klug zu seyn, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die
Tauben. Auch ist mir dieser immer gegenwrtig geblieben.
    Der Sitte jener Zeiten gem, durfte ein junges Mdchen nicht eher
ffentlich erscheinen, als bis sie durch die Confirmation dazu berechtigt war;
durch diese erhielt man gleichsam ein Beglaubigungsschreiben der Zulssigkeit
und Wrdigkeit, und ich gestehe, da ich diese Einrichtung ungern habe zu Grunde
gehen gesehen, weil doch einmal eine gewisse Reife erfordert wird, um das
sociale Interesse zu theilen. Mein erster Eintritt in die gesellschaftlichen
Kreise der Hauptstadt war ohne allen Eclat. Nach den Vorbereitungen, die ich
erhalten hatte, war ich nichts weniger, als verlegen; aber von allen den
gesellschaftlichen Eigenschaften, wodurch man in die allgemeine Stimmung
eingreift, war auch keine einzige in mir. Mein ueres schien in dieser Hinsicht
bei weitem mehr zu versprechen, als mein Inneres zu halten im Stande war. Man
brachte mich auf allerlei Witz- und Kitzelproben; ich bestand keine einzige
derselben, weil mein Geist dazu durchaus nicht abgerichtet war. Dagegen trat
mein Inneres bei jeder Gelegenheit so ungeschminkt, gesund und krftig hervor,
da ich denjenigen, die mich durchaus nach sich modeln wollten, alle Lust
benahm, ein hartes Urtheil ber mich zu fllen. Ich hatte sehr bald das
Vergngen, zu bemerken, da man sich in allen ernsthaften Dingen vorzugsweise an
mich wandte, und mir also den Mangel an Witz um der hheren Verstndigkeit
willen verzieh, die mir beiwohnte. Wie viel meine gute Miene dazu beitrug, die
Gemther mit meiner Eigenthmlichkeit zu vershnen, will ich nicht berechnen; so
ausgemacht es auch ist, da die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und
regelmig gebildeten Gesichtes immer damit endigen mu, die Herzen zu gewinnen.
Mehr als alles brige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung
des Publikums. Es konnte nicht fehlen, da ich mit den soliden Eigenschaften,
die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte, ihnen
unendlich mehr Berhrungspunkte darbot, als andere junge Mdchen oder Frauen;
und indem sie die schwer erworbene Soliditt des Alters in mir wiederfanden, und
sich also in mir verjngt erblickten, blieb ihnen schwerlich etwas anderes
brig, als mir das Wort zu reden, wofern sie sich nicht selbst herabsetzen
wollten.
    Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin, da ich von Allen gesucht wurde.
Man mchte nun glauben, da ich ein Gegenstand des Neides fr andere Mdchen
meines Alters geworden sey; dies war aber durchaus nicht der Fall. Da ich keiner
in den Weg trat, so wurde ich mit meiner Gutmthigkeit ein Sttzpunkt fr alle,
so da selbst diejenigen von ihnen, welche die meisten Ansprche auf
Werthschtzung machten, mir gegenber diese Ansprche fahren lieen, und sich,
wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren, auf mein Urtheil und meine
Entscheidung bezogen. In Wahrheit, es mochte keine alltgliche Erscheinung seyn,
ein junges Mdchen von siebzehn bis achtzehn Jahren, das, wo nicht schn, doch
wenigstens nichts weniger als hlich war, in physischer und moralischer Kraft
den Ausschlag ber ihres gleichen geben, und sich doch niemals berheben zu
sehen. Das Rthselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung gelset;
allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Rthsel, da die wenigsten
Menschen - weil es einmal das Eigenthmliche der menschlichen Natur mit sich
bringt, sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschftigen - die Fhigkeit
haben, solche Charaktere, als meine Pflegeeltern, zur Anschauung zu bringen. Ich
blieb also immerdar ein Rthsel, das man nicht anders lsen zu knnen glaubte,
als durch Voraussetzung einer hheren Natur, welche die Morgengabe meiner Geburt
gewesen.
    Ich selbst fing an, mir unbegreiflich zu werden, so wie ich in der Meinung
Anderer hher emporstieg. Dem Abstich, den ich durch meine Individualitt
bildete, die Deferenz, welche man mir von allen Seiten her bewies,
zuzuschreiben, dazu war ich mit aller Verstndigkeit doch noch zu unschuldig. Da
ich nun in Zeiten lebte, wo man noch gar keine Ahnung davon hatte, da eine
vornehme Geburt nichts geben, wohl aber sehr viel nehmen kann, wenn nicht von
staatsbrgerlichem, sondern von rein-menschlichem Werth die Rede ist; so gerieth
ich auf die natrlichste Weise von der Welt auf den Gedanken, da ich ber mich
selbst unfehlbar ins Reine gekommen seyn wrde, so bald ich mir die nthigen
Aufschlsse ber meine Abkunft verschafft htte. Ich wunderte mich, da ich
einen so gesunden Gedanken nicht lngst gehabt htte. Man nennt dich, sagte
ich zu mir selbst, allenthalben Frulein Mirabella; dies setzt voraus, da
deine Eltern von Adel gewesen sind. Warum ist aber nie von deinen Eltern die
Rede? Du kannst doch kein isolirter Strahl seyn. Die ganze Welt um dich her
giebt zu, da du es nicht bist, und doch wirst du wiederum durch die ganze Welt
gezwungen, dich dafr zu halten. Mit solchen Ideen wandte ich mich an meinen
Pflegevater, zum voraus berzeugt, da er mir kein Geheimni aus meiner Geburt
machen wrde, wofern er nur selbst davon unterrichtet wre. Sie wissen, mein
theuerster Vater, redete ich ihn an, wie grenzenlos meine Liebe und Achtung
fr Sie ist. Hatte je ein menschliches Geschpf Ursach, mit seinem Geschick
zufrieden zu seyn, so hab' ich alle mglichen Bewegungsgrnde, das meinige zu
segnen; der Zufall, der mich Ihrer Pflege bergab, war in jedem Betracht ein
beglckender. Allein, da ich nur Ihre geistliche Tochter bin, und von der ganzen
Welt, Sie selbst nicht ausgenommen, als solche behandelt werde: so sagen Sie mir
doch endlich, wer die eigentlichen Urheber meines Daseyns sind. Ich wei nicht,
ob ich irgend etwas fr sie werde empfinden knnen; denn alles, was von
Dankbarkeit und Liebe in mir ist, haben Sie und meine theure Pflegemutter
unstreitig fr immer in Beschlag genommen. Aber mich drckt das Geheimnivolle
meiner Geburt; und der Wunsch, den Schleier, der auf ihr ruht, gelpft zu sehen,
wird um so lebhafter, je fter ich bemerke, welchen hohen Werth man auf die
Abkunft legt, und wie man auch mich, um meiner vorausgesetzten guten Abkunft
willen, auszeichnet. Es ist mir, als wenn mein Inneres gewinnen wrde, so bald
die Ungewiheit, worin ich ber diesen Punkt bisher gelebt habe, beendigt seyn
wird.
    Mein Pflegevater hrte mich, seinem Charakter gem, sehr ruhig an, und
nachdem er mich auf einen Sessel hingezogen hatte, der neben seinem Lehnstuhl
stand, antwortete er mir folgendes: Dein Ursprung, meine geliebte Tochter, ist
mir selbst immer ein Geheimni geblieben. Es war der geheime Rath von K..., der
mir deine Erziehung antrug. Von ihm hab' ich sehr regelmig die Gelder
erhalten, welche bei der ersten schriftlichen Verhandlung stipulirt wurden. Ob
er aber im Stande ist, Auskunft ber deine Geburt zu geben, wei ich nicht; ich
habe es aber immer vermuthet, weil er dich in seinen Schreiben immer Frulein
Mirabella nannte. Wenn du von mir verlangst, da ich ihn um Errterungen bitten
soll, so kann ich nicht umhin, dir eine abschlgige Antwort zu geben. Meiner
Einsicht nach, wirst du wohl thun, wenn du die ganze Sache frs erste auf sich
beruhen lt. Ich gebe zu, da diese Ungewiheit dich drckt; ich gebe sogar zu,
da es gut seyn wrde, wenn diese Ungewiheit gehoben werden knnte. Allein so
lange deine Eltern nicht von selbst zum Vorschein treten, wirst du dich
vergeblich bemhen, sie kennen zu lernen und dich nur unglcklich machen. Zu
deiner Beruhigung kann ich dir noch das sagen, da (der Schleier, der auf deiner
Geburt ruht, mag gelpft werden, oder nicht) dein Schicksal wenigstens in sofern
gesichert ist, als du Vermgen genug hast, mit Freiheit in der Gesellschaft
dazustehen. Diese Notiz verdanke ich den Erklrungen des geheimen Raths. Ich
fge nur noch hinzu: da die Welt dich immer nach deinem Werthe nehmen wird, und
da es also nur von dir abhngt, das Allerhchste zu seyn.
    Die Bemerkung, womit mein Pflegevater seine Antwort beschlo, sprach mich
ungemein wohlthtig an; sie machte auf mich ungefhr eben den Eindruck, den ein
khlendes Lftchen auf den erhitzten Wanderer macht. Ich fate ihre Wahrheit
sogleich, wiewohl ich in keine geringe Verlegenheit gerathen seyn wrde, wenn
ich sie auf der Stelle htte zergliedern sollen. Da mein Pflegevater mir
unmittelbar vorhergesagt hatte, da mein Schicksal vollkommen gesichert wre; so
wrde ich mich, seinem Wunsch gem, beruhigt haben, htte er mir nicht zu
verstehen gegeben, da der geheime Rath von K... allein im Stande sey, das
Dunkel aufzuhellen, das auf meiner Geburt ruhete. Auf eine sehr natrliche Weise
erhielt meine Neugierde eine Bundesgenossin an der Eitelkeit. Was meinem
Pflegevater nicht gelungen war, das knnte, dachte ich, mir gelingen; und da mir
die besondere Aufmerksamkeit, womit der geheime Rath mich beehrte, so oft wir an
irgend einem dritten Orte zusammentrafen, nicht entgangen war, so nahm ich mir
vor, ihn, der mir, unter anderen Umstnden, ewig gleichgltig bleiben mute, so
fr mich zu interessiren, da er von selbst mit dem Geheimni hervortrte. Mir
schlug das Herz, indem ich diesen Vorsatz fate; allein wie bestimmt ich auch
fhlen mochte, da er meiner unwrdig sey, so hatte ich doch nicht den Muth, ihm
zu entsagen, oder ihn nicht in Ausbung zu bringen. Wie wenig kannte ich die
Welt! Derselbe Mann, der mir vorher in allen Dingen zuvorgekommen war, und, um
mich liebkosen zu knnen, seinen Ernst beseitigt hatte, nahm die
allerabschreckendste Amtsmiene an, so bald er bemerkt hatte, da ich ihm nher
trat. Was blieb mir nun noch anderes brig, als dem Rathe meines Pflegevaters zu
folgen? Die Lektion, die mir fr meine Eitelkeit geworden war, tief empfindend,
fate ich den Entschlu, gar nicht weiter an meine Geburt zu denken. Dies gelang
mir auch so gut, da ich nur durch den Tod des geheimen Raths (der ungefhr ein
halbes Jahr darauf erfolgte) an die Neugierde zurck erinnert wurde, die mich
einen Monat hindurch so eigenthmlich geqult hatte. Als ich die Nachricht von
diesem Tode erhielt, war mir zu Muthe, wie einem, der nicht in den Besitz des
versprochenen Schatzes gelangt ist, weil seine Wnschelruthe nichts taugte.
    Ich war um so gelassener, weil um diese Zeit mein Kopf in eben den Wirbel
gezogen wurde, worin sich die Kpfe aller jungen Mdchen von meiner
Bekanntschaft dreheten. Nichts ergreift eine weibliche Einbildungskraft so
heftig und sicher, als die lebendige Vorstellung des schnen Zuknftigen. Die
ganze Gegenwart versinkt, wenn von etwas Schnen die Rede ist, das mit Gewiheit
erwartet werden kann; ist dies Schne aber vollends ein Mann, so drfte in der
Zusammensetzung des Weibes schwerlich etwas enthalten seyn, das verlorne
Gleichgewicht sogleich wieder herzustellen. Wie fest ich auch war, und wie noch
weit fester ich mich auch glaubte, so verlor ich doch die Tramontane, so bald
ich nicht umhin konnte, die Freude zu theilen, welche das Frulein Z... ber die
Zurckkunft ihres Bruders aus Italien empfand. Dies hing auf folgende Weise
zusammen:
    Ungefhr um eben die Zeit, wo meine Pflegeeltern mit mir in die Hauptstadt
gezogen waren, hatte sich die Frau von Z... mit ihrer Tochter daselbst
niedergelassen. Das Frulein war von meinem Alter, und ihre nchste Bestimmung
fiel mit der meinigen zusammen, in sofern wir unsere letzte Ausbildung in der
Nhe eines Hofes erhalten sollten, der in dem Rufe stand, der allergesittetste
in Deutschland zu seyn. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht, und die
Verschiedenheit unserer Charaktere brachte es mit sich, da wir Freundinnen
wurden. Unruhig, heftig, witzig, in ihrem Witze nicht selten beleidigend, und
aus allen diesen Grnden zusammengenommen eben so oft von sich selbst, als von
der Welt verlassen, bedurfte Adelaide (so hie meine junge Freundin) einer
Sttze, die sie nur in einem so sanften, stetigen und verstndigen Wesen finden
konnte, als ich nun einmal war. Ich meiner Seits bedurfte eines starken Reizes,
um mir, bei dem gnzlichen Mangel glnzender Eigenschaften, der inneren Gte
meiner Natur bewut zu werden; und da ich diesen Reiz vorzglich in Adelaiden
fand, so suchte ich sie wenigstens eben so sehr, als ich von ihr gesucht wurde.
Unsere Freundschaft war weit davon entfernt, eine leidenschaftliche zu seyn;
aber gerade weil ihr dieser Charakter fehlte, war sie nur um so zuverlssiger
und traulicher. Bisweilen mute es das Ansehn gewinnen, als ob ich fr Adelaiden
alles dasjenige wre, was der Mann, als Intelligenz und moralische Kraft
genommen, dem Weibe ist; allein da das Weib, seinem geistigen Wesen nach, nie
ein Mann werden kann, so geschah es nicht selten, da sich unser Verhltni
umkehrte. Es waren zwei Talente in Adelaiden, welche dies bewirkten: nmlich das
musikalische und das poetische. Ich fhle, da ich mich hier sehr unvollkommen
ausdrcke; aber ich will versuchen, die Sache selbst ohne Kunstausdrcke zu
fixiren.
    Adelaide hatte eine ungemeine Fertigkeit auf dem Claviere, und liebte es,
Proben ihrer Geschicklichkeit abzulegen. In dieser Hinsicht paten wir
vortreflich zusammen; denn da ein solches Talent nicht in mir war, und meine
Liebe fr Musik darunter gar nicht litt, so halfen wir uns vortreflich aus,
Adelaide mir, indem sie mir etwas vorspielte, ich Adelaiden, indem ich mich
ihrer Kunst hingab, und diese von Zeit zu Zeit durch meine Stimme verschnerte.
Auerdem fand meine Freundin sehr viel Vergngen am Versemachen. Dies war, genau
genommen, ihre schwache Seite; allein da das, was unsere schwache Seite
ausmacht, uns immer am meisten am Herzen liegt, so suchte Adelaide fr diesen
Theil ihrer Beschftigung - soll ich sagen Bewunderung und Lob, oder
Entschuldigung und Nachsicht? und ein sehr richtiger Instinkt sagte ihr, da sie
eins wie das andere nie erhalten knnte, wenn sie einen Mann zu ihrem Vertrauten
machte. Es mochten Verse seyn, was sie meiner Beurtheilung vorlegte; Poesie aber
war es gewi nicht. Adelaidens ganze Zusammensetzung verhinderte sie, eine
Dichterin zu werden; es fehlte ihr vor allen Dingen an dem Phlegma, das dazu,
wie zur Ausbung jeder anderen schnen Kunst, erforderlich ist; mit allen
poetischen Ideen, die ihr beiwohnten, konnte sie nie dahin gelangen, auch nur
ein ertrgliches lyrisches Ganze zu schaffen. Indessen paten wir auch in dieser
Hinsicht herrlich zusammen. War in ihr die Erhebung, welche zu freien
Schpfungen fhrt, so war in mir die Ruhe, welche diese Schpfungen vollendet;
und nachdem ich das Mechanische des Versbaues weg hatte, fehlte es mir nicht an
Kraft, meiner Freundin da nachzuhelfen, wo sie von ihrer Unvollkommenheit in
Stich gelassen wurde. Auf diese Weise lebten wir ohne alle Eifersucht, mehr als
Schwestern, denn als Freundinnen, bis die Ankunft ihres Bruders unseren
gegenseitigen Gefhlen eine andere Wendung zu geben versprach.
    Von diesem Bruder war dann und wann die Rede gewesen; aber ohne bemerkbare
Wrme und ohne Enthusiasmus, ungefhr so, wie man von Personen spricht, die man
zwar liebt, mit denen man aber zuflligerweise in solchen Verhltnissen lebt,
da es eine Thorheit seyn wrde, den Empfindungen nachzugeben, welche man fr
sie unterhlt. Gegenwrtig, wo Moritz (so hie dieser Bruder) seine baldige
Zurckkunft angemeldet hatte, vernderte sich die Sprache. Seine Mutter, deren
Liebling er immer gewesen war, brannte vor Ungeduld, ihn wieder zu sehen; allein
sie sprach nicht davon, unstreitig weil die jungen Mdchen, welche ihre Tochter
besuchten, sehr wenig geeignet waren, ihre Gefhle zu theilen. Adelaide
hingegen, wie wenig sie auch in Beziehung auf ihren Bruder empfinden mochte,
sprach unaufhrlich von ihm; und htte ich damals die Erfahrungen haben knnen,
welche mir ein fortgesetztes Studium der menschlichen Natur gegeben hat, so
htte mir einleuchten mssen, da meine Freundin jenes Ideal, das jedes junge
Mdchen in seinem Kopfe trgt, treuherzig auf ihren Bruder anwandte; voll von
der Voraussetzung, da ein dreijhriger Aufenthalt in Italien ihm alle die
Eigenschaften werde gegeben haben, welche den Mann vollenden. Da ich diese
Erfahrungen nicht hatte, so konnte es schwerlich fehlen, da Adelaide, zum
erstenmale seit unserer Bekanntschaft, mit mir durchging. Wie alle brigen
jungen Mdchen, welche in das Familieninteresse eingeweiht waren, glaubte ich an
die Wirklichkeit dessen, was Adelaide von ihrem Bruder sagte, und unter uns
allen war gewi keine Einzige, die nicht mit klopfendem Herzen den Augenblick
herbeigewnscht htte, in welchem entschieden werden mute, welcher der schnste
und liebenswrdigste der Mnner - denn in diesem Lichte erschien uns der Herr
von Z... - den Vorzug geben wrde. Fr einen ruhigen Zuschauer wrde es
unstreitig ein groes Vergngen gewesen seyn, zu sehen, wie Adelaide durch die
Art und Weise, wie sie ber ihren Bruder sprach, zur Knigin des ganzen
Mdchenkreises erhoben wurde. Da war auch keine ihrer Launen, der man nicht
nachgegeben htte; ja, selbst ihre Sarkasmen verloren die scharfe Spitze,
wodurch sie sonst verletzt hatten; und htte sie den Vortheil des Augenblicks
benutzen wollen, mit Tyranney ber uns alle zu walten, so wrde sie es
ungestraft gekonnt haben. Ich selbst, obgleich von allen am wenigsten von
Schwrmerei ergriffen, war in dieser Periode die Nachgiebigkeit selbst, und
wrde eine ganze Nacht durchwacht haben, um in einen ihrer poetischen Versuche
einen ertrglichen Sinn zu bringen.
    Die Tuschung, worein uns Adelaidens Phantasie gesetzt hatte, hrte nicht
auf, als der von Z... wirklich angelangt war. Zwar sagte uns der Augenschein,
da er dem Bilde nicht entsprach, welches wir uns von seinen krperlichen
Vorzgen entworfen hatten; allein krperliche Vorzge sind etwas, das in der
Phantasie des Weibes unter allen Umstnden der Liebenswrdigkeit weichen mu,
und diese blieb unbestritten, so lange keine Beweise vom Gegentheil vorhanden
waren. Aus dem Adonis, der Adelaidens Bruder seyn sollte, war ein Mann von
mittler Gre, festem Baue und einem Gesicht geworden, das, obgleich nicht ohne
interessante Zge, sehr wesentlich von den Blattern verunstaltet war, und sich
zuletzt nur durch eine sehr feine Nase und ein Paar groer schwarzer Augen
auszeichnete. Auch seine Liebenswrdigkeit war ganz anderer Art, als wir sie uns
gedacht hatten. Artig gegen alle, schien er keine einzige zu bemerken; und
wiewohl wir alle Ursache hatten, mit einem so klugen Benehmen zufrieden zu seyn,
so war doch jede gleich sehr davon emprt, weil jede sich einbildete, da er,
ohne ungerecht zu seyn, ihr den Vorzug nicht versagen knnte. Indessen wurden
wir alle in Athem erhalten; und diejenigen von uns, bei welchen das Temperament
den Ausschlag ber den Verstand gab, legten es recht augenscheinlich darauf an,
Entscheidung herbei zu fhren. Einen solchen Wettstreit zu theilen, hielt ich
nicht fr rathsam, nicht weil ich mein persnliches Verdienst in einen allzu
geringen Anschlag gebracht htte, sondern weil ich das Unweibliche einer
Bewerbung fhlte. Mich zurckziehend, berlie ich den smmtlichen Freundinnen
Adelaidens das Vergngen, sich um einen Mann zu zanken, von welchem ich aufs
bestimmteste ahnete, da etwas in ihm seyn msse, wodurch er gegen die
Aufmerksamkeit, die ihm von dem schnsten Theile meiner Bekanntschaft bewiesen
wurde, gleichgltiger war, als seine Jahre es mit sich brachten.
    Wenn Alles um uns her Politik treibt, so giebt es unstreitig kein sicherers
Mittel, unseren Concurrenten den Rang abzulaufen, als stilles Zurckbleiben und
ruhiges Abwarten des vortheilhaften Augenblicks, wo die brigen verzweifeln. Ich
sage damit nicht, da ich dieser Maxime gem handelte, als ich mich aus dem
Kreise zurckzog, der Adelaiden umgab; ich folgte dabei keiner Idee, sondern nur
einem Gefhl. Allein die Idee htte mich nicht sicherer leiten knnen, als das
Gefhl mich leitete. Kaum war Herr von Z... der Bewerbungen berdrig geworden,
deren Gegenstand er war, so zog er sich in die Einsamkeit zurck; und kaum war
er den Augen seiner Bewerberinnen entschwunden, so strzte der Thron zusammen,
auf welchem Adelaide bis dahin die Huldigung aller ihrer Gespielen erhalten
hatte. Verlassen und auf sich selbst zurckgebracht, konnte diese meiner nicht
lnger entbehren; und als sie zu mir zurckkehrte, fand sie alles, was sie
ehemals an mir besessen hatte, um so eher wieder, weil kein frmlicher Bruch uns
getrennt hatte. Ich wollte, als sie mich aufforderte, ihren Besuch recht bald zu
erwiedern, meine Entschuldigung von dem Aufenthalte ihres Bruders in dem Hause
ihrer Mutter hernehmen; allein sie kam meinen Ausflchten dadurch zuvor, da sie
eingestand: Sie habe sich bei der Beurtheilung des wahren Charakters ihres
Bruders nicht wenig geirrt. Ich kenne ihn gar nicht wieder, sagte sie.
Ehemals lauter Feuer, ist er jetzt lauter Eis. Wer sollte glauben, da man sich
auf einer Reise durch Italien in die Mathematik verlieben knnte! Und doch ist
dies sein Fall. Tag und Nacht brtet er ber seinen Folard, und alle
Exaltationen, deren er noch fhig ist, beziehen sich auf das verwnschte
Kriegeshandwerk. Ich wrde ihn hassen mssen, wenn er nicht mein Bruder wre.
Dir, liebe Freundin, aber kann ich mit vollkommner Wahrheit sagen, da weder
deine Jugend noch dein guter Name die mindeste Gefahr luft, wenn du zu uns
zurckkehrst; alle Leute kennen ihn nach gerade als einen harmlosen Sonderling,
der Keinem etwas zu Liebe noch zu Leide thut; auerdem ist die Frage: Wie lange
er noch bei uns verweilen wird. Denn es ist ihm hier viel zu enge, und ich stehe
gar nicht dafr, da er nicht ber kurz oder lang Soldat wird.
    Adelaiden so reden zu hren, kam mir freilich unerwartet; allein da ich mich
auf die Wahrheit ihrer Aussage verlassen konnte, so trug ich auch nicht weiter
Bedenken, mich in ein Haus zurck zu wagen, das von einem so harmlosen jungen
Manne bewohnt wurde. Die erstenmale war ich mit Adelaiden allein, und ich
gestehe, da mich dies ein wenig beleidigte. Das drittemal fand sich indessen
der junge Herr von Z... bei uns ein; und da wir gerade von Racine's Phdra
sprachen, so nahm er Gelegenheit, uns ber das Eigenthmliche der franzsischen
Poesie zu belehren. Er gab zu, da dies eines der interessantesten Stcke wre,
die jemals aus der Feder eines korrekten Dichters geflossen; allein, fuhr er
fort, was ist Korrektheit gegen das Wesen der Poesie gehalten! Wie stolz auch
die Franzosen auf ihre Dichter seyn mgen, und wie selbstgengsam auch einer
ihrer Didaktiker die italinische Poesie Schellengeklingel nennen mag, dennoch
bin ich sehr geneigt, die wahre Poesie nur bei den Italinern zu suchen. Ich
will, wenn die Wirklichkeit mir nicht lnger behagt, eine von ihr durchaus
verschiedene Welt, und diese finde ich durchaus nicht in den Werken
franzsischer Dichter, wohl aber in denen der italinischen. Welche Schpfung
ist in dem befreieten Jerusalem enthalten; und wo ist der Franzose, welcher
behaupten drfte, eine hnliche sey von ihm ausgegangen? Der rasende Roland -
welches Meisterstck fr denjenigen, dessen Geist nicht in den Convenienzen des
Lebens untergegangen ist! So hundert andere Dichterwerke der Italiner, welche
hier aufzuzhlen am unrechten Orte seyn wrde. Was will ich denn, wenn ich einen
Dichter in die Hand nehme? Nicht Wahrheit will ich, sondern Schnheit,
bereinstimmung mit sich selbst, Harmonie in der hchsten Bedeutung des Worts.
Wahrheit ist die Sache des Verstandes, und kann gelernt werden; Schnheit
hingegen ist Sache des Gefhls und der Anschauung, und eben deshalb ber das
Lernen hinaus. Ich gebe zu, da Wahrheit zuletzt auch schn ist; aber deswegen
ist Schnheit nicht wahr, und so lange es noch einen Dichter auf der Welt giebt,
d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen
Geschlecht erloschen ist, verlange ich von dem, der sich mir als Dichter
darstellt, da er mir Vergngen mache, ohne da jemals in seinem Werke von
Wahrheit die Rede sey. Gerade darin liegt die Schwche der franzsischen Poesie
verborgen, da die Franzosen das Wahre vom Schnen nicht zu trennen wissen, und
das eine nicht ohne das andere geben wollen. Boileau's rien n'est beau que le
vrai ist das Siegel des poetischen Unvermgens der Franzosen, die, wenn sie
jemals Dichter werden wollen, von neuem geboren werden mssen. Es ist zuletzt
nur die hhere Kraft des Menschen, die ihn zum Dichter macht, und in Hinsicht
dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italinern nach, die, so lange
sie eine groe Einheit bildeten, die ganze Welt eroberten, und als sich diese
Einheit in Trennung auflsete, das Gefhl ihrer vorigen Gre so lange in sich
konzentrirten, bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf. Ich mchte
nicht gern bertreiben; allein soll ich meiner berzeugung gem reden, so waren
die Italiner zur Zeit ihrer Horaze und Virgile, welche die Welt einzig
bewundert, noch Barbaren; zur Zeit ihrer Ariosto's, Tasso's und Guarini's
hingegen ein hoch kultivirtes Volk.
    Adelaide war, so wie ich, nicht wenig ber diese Erklrung erstaunt. Wir
kmpften fr unsern Corneille und Racine und Voltaire, so viel wir konnten;
allein ber diesen Punkt fand fr den Herrn von Z... kein Capituliren statt. Als
wir zuletzt, nicht ohne uns zu schmen, eingestanden, da wir nicht berechtigt
wren, Dinge zu bestreiten, die uns nie berhrt htten, und zugleich zu erkennen
gaben, wie sehr wir in die Geheimnisse der italinischen Poesie eingeweihet zu
werden wnschten: so war unser Antagonist sogleich erbtig, unser Mystagog zu
seyn. Wirklich nahm der Unterricht im Italinischen gleich am folgenden Tage den
Anfang, und unsere Fortschritte waren, wie unser Lehrer sie nur immer wnschen
konnte. Ob Adelaide mich, oder ich Adelaiden fortri, konnte nicht in
Betrachtung kommen, da wir unter den verschiedensten Antrieben standen; sie,
indem sie sich in ihrem Lieblingselement, der Poesie, bewegte; ich, indem ich
die Autoritt eines Mannes ehrte, der mir durch die Eigenthmlichkeit seiner
Urtheile tglich bedeutender wurde. brigens hatten wir uns kaum acht Wochen
ausschlieend mit dem Italinischen beschftigt, als uns die ganze poetische
Literatur der Franzosen ein Greuel war. Wie viel von diesem Abscheu auf Rechnung
unseres Lehrers kam, war etwas, das wir nicht weiter untersuchten; aber
schwerlich wrden wir durch uns selbst, oder unter der Leitung irgend eines
anderen Lehrers, zu unserer entschiedenen Vorliebe fr die italinische Poesie
gelangt seyn, und Adelaide namentlich ihre ganze franzsische Bibliothek fr
eine gute Ausgabe des Aminta von Tasso feilgeboten haben. Solche Keckheit, wenn
man sie in Weibern findet, ist immer das Produkt mnnlichen Einflusses, und
beruhet, so weit meine Beobachtung reicht, zuletzt nur auf Autoritt, nicht auf
Gefhl und Anschauung.
    Wenn ich in meinen Urtheilen vorsichtiger war, so hatte diese Vorsichtigkeit
ihren Grund nicht in einem schwcheren Gefhl, sondern in dem Verhltni, worin
das Gttliche der italinischen Poesie mit Adelaidens Bruder fr mich stand. Auf
eine ganz eigenthmliche Weise waren beide fr mich eins; denn indem ich die
erstere nur durch den letzteren in mich aufnehmen konnte, mute es mir
vorkommen, als wre jene nur in diesem vorhanden. Dasselbe wrde Adelaiden
begegnet seyn, wre Moritz nicht ihr Bruder gewesen. Sie konnte von der
italinischen Poesie an und fr sich sprechen; ich hingegen mute immer den
Herrn von Z... ins Spiel ziehen, und weil ich dadurch mein Geheimni verrathen
haben wrde, so schwieg ich lieber. Mein Geheimni aber bestand darin, da ich
den Herrn von Z... ber alle Mnner setzte, die mir jemals vorgekommen waren.
Auer meinem Pflegevater, dessen moralische Heiligkeit - wenn ich mich so
ausdrcken darf - ungefhr eben so auf mich einwirkte, als das Licht, und den
ich aus Gewohnheit hochachtete, hatten mich bisher alle Mnner so gleichgltig
gelassen, da ich mit Wahrheit von mir sagen konnte: das ganze mnnliche
Geschlecht sey gar nicht fr mich vorhanden. Wodurch sich Herr von Z... von
meinem Pflegevater unterschied, war mir nicht auf der Stelle klar; aber irgend
eine Ahnung sagte mir, da bei ihm auer dem Lichte auch Wrme sey. Es war, mit
einem Worte, die Phantasie, wodurch er mich so unwiderstehlich an sich zog. Was
ich damals nicht begriff, was mir aber seitdem sehr deutlich geworden ist, war:
da ein Weib an einem Manne zuletzt nie etwas anderes lieben kann, als jene
schaffende Kraft, wodurch er, das Geschpf, wiederum zum Schpfer wird. Was
Platon die irdische Liebe nennt, ist immer nur ein Abglanz der himmlischen, und
ohne diese wrde jene gar nicht vorhanden seyn, wenigstens nicht in einer
weiblichen Brust. Ich habe viele Weiber gekannt, die man ausschweifende nannte
und als solche verabscheute. Die Unglcklichen fanden nur nie, was sie suchten.
Sie wollten nicht den physischen Genu; sie wollten jene Wrme, die das Weib
empfindet, wenn es, befreit von den Banden des Egoismus, ganz in Anderen lebt,
und dadurch seine Bestimmung vollendet. Wie ganz anders wrden sie gerathen
seyn, htte der Zufall sich ihrer erbarmt! Von diesem verlassen, und ohne jemals
einen entwickelten Begriff von dem Gegenstande ihres rastlosen Strebens gehabt
zu haben, konnten sie freilich nicht anders endigen, als so, da sie zuletzt als
Abschaum der Gesellschaft dastanden; aber was sie zuerst in Bewegung setzte, war
dieselbe gttliche Flamme, durch welche allein Veredelung zu hoffen ist. Ein
Weib, das einmal einen Mann in der wahren Bedeutung des Wortes fand, ist der
Untreue eben so unfhig, als ein Weib, das an einen Lotterbuben gerieth, mit den
allerbesten Vorstzen von der Welt sich nicht in den Schranken der Treue
erhalten kann, so bald ein Mann ihr unter die Augen tritt. Dies beruht auf einem
Naturgesetz, dem alle gesellschaftliche Institutionen weichen mssen; und wer
sich jemals in der Welt umgesehen hat, kann sich hieraus erklren, wie die
schnsten Weiber an die (physisch) hlichsten Mnner gerathen, und woher das
bergewicht rhrt, das alle chte Knstler ber das weibliche Geschlecht
ausben.
    Ich ging, ich bekenne es, nach und nach in Adelaidens Bruder so vollkommen
unter, da ich nur in ihm lebte und webte. War aber jemals ein Mann unfhig,
diese vollendete Hingebung auf eine unedle Weise zu benutzen, so war es Moritz.
Wie theuer ich ihm war, leuchtete aus seinem ganzen Betragen gegen mich hervor,
das schwerlich liebevoller und zrtlicher seyn konnte; allein er schien mir
dadurch nur beweisen zu wollen, da, wenn irgend ein weibliches Wesen ihn
fesseln knnte, ich dies weibliche Wesen seyn wrde. Frei von aller
Leidenschaft, hatte seine Hinneigung zu mir mehr den Charakter des Wohlwollens,
als den der Liebe; wenigstens fehlte ihr diejenige Strke, welche zwei Wesen so
verschmilzt, da sie nur in gegenseitiger Anschauung leben. Ich fhlte dies; und
es schmerzte mich, die Wahrheit zu gestehen, um so tiefer, je unendlicher meine
Liebe fr Moritz war. Allein was konnte, was mute geschehen, wenn es anders
werden sollte? Ich grbelte in den Augenblicken, wo ich mir selbst wieder
gegeben war, recht emsig darber nach; aber ich sagte mir zuletzt immer, da
alle diese Grbeleien vergeblich seyn wrden, so lange ich die unbekannte
Gewalt, welche Moritzen von mir zurckzog, nicht genauer kennen gelernt htte.
Wie sehr frchtete ich, da sie in mir selbst seyn knnte! Wie gewissenhaft
erwog ich alle meine uerungen und in ihnen mein ganzes Wesen! Vergeblich fr
meinen Endzweck; ich mochte mich betrachten von welcher Seite ich wollte, alles
fhrte mich zu dem Resultat, da ich gut und edel sey; und in dieser berzeugung
wurde ich nicht wenig bestrkt, als Adelaide, der mein innerer Zustand nicht
entgangen war, mir gelegentlich sagte, da ihr Bruder nicht ohne Wrme und
Enthusiasmus von mir spreche. War aber jene unbekannte Gewalt auer mir - worin
bestand sie? Ich schlo auf eine frhere Verbindung, auf ein gegebenes Wort und
dergleichen zurck.
    Um hierber ins Reine zu kommen, erkundigte ich mich bei Adelaiden mit aller
nur mglichen Schonung nach den Verhltnissen, worin ihr Bruder stehe; aber ihre
Antwort war so beschaffen, da mein Zustand dadurch nur verschlimmert wurde.
Glaube mir, sagte sie, ber diesen sonderbaren Menschen kommen wir nur
dadurch ins Reine, da wir annehmen, er sey mit allen seinen herrlichen
Eigenschaften doch nur ein kalter Egoist, den nichts berhrt, was nicht ganz
unmittelbar in seine Ideen und Entwrfe eingreift. Ich wenigstens werde sonst
nicht klug aus ihm. Dafr kann ich dir einstehen, da er in keinen Verbindungen
lebt, welche der Freiheit Abbruch thun. Sollte man nicht glauben, er habe die
eine oder die andere Bekanntschaft auf seinen Reisen gemacht, welche einer
thtigen Zurckerinnerung werth wre? Allein, wie erwiesen es auch ist, da er
mit den allerinteressantesten Personen gelebt hat, so hat er doch seit seiner
Zurckkunft, d.h. seit mehr als vier Monaten, bis jetzt an keine lebendige Seele
geschrieben. Was in ihm vorgeht, mag Gott wissen. Jeder Augenblick, den er dem
Umgange entziehen kann, ist noch immer dem Studium der militairischen
Wissenschaften gewidmet. Die sonderbarste Liebhaberei von der Welt, wofern er
nicht damit umgeht, sich auf seinen Gtern zu verschanzen! Ich mchte nur
wissen, wie alle diese Zahlen und Linien - denn mit etwas anderem beschftigt er
sich gar nicht - ihn wach erhalten knnen. So etwas mu ja den Geist abstumpfen
und tdten; aber weit gefehlt, da er dies zugeben sollte, besteht er, so oft
ich hierber mit ihm anbinde, darauf, da dies nur eine andere Art der Poesie
sey, die ihre Grundlage in der Wirklichkeit habe, und den Vorzug besitze, fr
das gesellschaftliche Leben, das durch meine Poesie zu Grunde gerichtet werde,
neues Interesse einzuflen. Mehr bring' ich nicht aus ihm heraus; und wenn
seine Behauptungen nicht Unsinn seyn sollen, so mu er sie vor denjenigen
vertheidigen, die etwas mehr davon verstehen, als ich.
    Nach diesen Aufschlssen mute ich annehmen, da die Mathematik meine
Nebenbuhlerin sey; allein wie htte ich dazu kommen sollen, dieser Voraussetzung
Wahrheit zuzuschreiben, da Moritz hchstens 25 Jahre zhlte? Der Reiz der
Wissenschaft sey noch so gro, so ist er doch nicht frher vorhanden, als der
Besitz. Was uns aber zur Erwerbung treibt, ist nie die Wissenschaft, sondern
irgend etwas Menschliches, dem sie als Mittel dienen soll. Was trieb nun meinen
Moritz?
    Ich war der Katastrophe, welche das Geschick meines Lebens entscheiden
sollte, bei weitem nher, als ich glaubte; ehe ich aber der Aufschlsse erwhne,
welche mir Moritz ber sein Inneres gab, mu ich von den Zeiten reden, in
welchen dies vorfiel.
    Der siebenjhrige Krieg war seit anderthalb Jahren begonnen, und nicht blos
Deutschlands, sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen
Friedrich gerichtet, der lieber einen Kampf mit den grten Mchten des festen
Landes eingehen, als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zurckgeben
wollte. Die Urtheile ber seinen Charakter waren verschieden, je nachdem sie von
der Schwche oder der Strke ausgesprochen wurden. Die groe Mehrheit, welcher
innere Gre ein unauflsliches Rthsel ist, verdammte ihn bis in den tiefsten
Abgrund, als einen Ruber und als einen Tyrannen seiner eigenen Vlker; indessen
fehlte es nicht an Einzelnen, welche auf die Nothwendigkeit eingingen, worin
sich der Monarch befand, und, seinen Muth bewundernd, zugleich seine Einsicht
priesen. Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte, weil er
sich gleich bei Erffnung des Feldzuges Sachsens bemchtigt hatte; so wnschten
diese seinen Unternehmungen jeden glcklichen Erfolg, berzeugt, da das Genie
nur dann zerstrt, wenn es aufbauen will, und fest versichert, es werde doch
noch einmal eine schne Welt durch ihn ins Daseyn gerufen werden. Der Ausgang
des wunderbaren Kampfes, in welchem der Verstand gegen die Masse zu Felde zog,
beschftigte alle Kpfe; und nicht selten geschah es, da man sich in einer und
derselben Familie ber eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht
freute und hrmte, je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder bel
wollten. So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands, da seine
Thaten selbst in die entferntesten Kreise drangen, und wenigstens die muntere
Jugend fr den Helden ihrer Zeit begeisterten.
    Der Hof, in dessen Nhe ich lebte, war nicht blos durch die Bande der
Verwandtschaft an das preuische Haus gefesselt, sondern auch durch
Charakterschwung und Genie dem groen Friedrich besonders zugethan. In unserer
Hauptstadt galt also nur das preuische Interesse. Wer sich von demselben
losgesagt htte, wrde nicht sowohl fr einen schlechten Brger, als vielmehr
fr einen Einfltigen gegolten haben, der das Edlere und Bessere nicht zu fassen
vermgte. So lebendig war die Theilnahme an Friedrichs Siegen, da sie von
Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden. Die Neugierde war
unersttlich, wenn einmal von dem preuischen Knig die Rede war. Alles, was zu
seiner Umgebung gehrte, wurde als Bestandtheil seines Wesens betrachtet; und so
erhielten die Namen seiner vorzglichsten Generale eine Illustration, welche sie
schwerlich auf irgend einem anderen Wege erworben haben wrden.
    Kein Jahr war reicher an Glckswechseln, als das Jahr 1757. Im Anfang
desselben Sieger, so da Maria Theresia sich in Wien selbst nicht sicher
glaubte, wurde Friedrich bald darauf aus Bhmen vertrieben. Von seinen
Bundesgenossen verlassen, von allen Seiten mit Feinden umringt, dem Verderben
blosgestellt, ermannte er sich zu neuen Triumphen. Die Schlachten bei Rosbach
und Leuthen setzten ganz Europa in Erstaunen; vorzglich die letztere, in
welcher eine selbstgeschaffene Taktik dem dreimal strkeren Feinde den Sieg
entri. Die Wiedereroberung Schlesiens folgte diesem Siege. Gern htte Friedrich
auf seinen Lorbeern ausgeruht; denn der Krieg war gegen alle seine Wnsche
erfolgt, und die Fortsetzung desselben strte ihn in edleren Entwrfen. Allein
wie tief auch seine Feinde das bergewicht seines Genies empfunden haben
mochten, so fhlten sie sich noch nicht erschpft, und ihre Kampflust gebot
seinen Neigungen.
    Ich befand mich bald nach der Schlacht bei Leuthen eines Nachmittags in dem
Hause der Frau von Z... Es war die Rede von dem neuen herrlichen Siege, den die
preuische Tapferkeit erfochten hatte, und mit tiefgefhlter Theilnahme sprach
man von Friedrichs milicher Lage bei seiner Ankunft in Schlesien, und von der
Art und Weise, wie er, wenige Tage vor der Schlacht, seinen Generalen in einem
Kriegsrath den Zustand seines Gemthes offenbaret. Pltzlich sprang Moritz, der
whrend dieser Unterhaltung stumm und in sich selbst vertieft da gesessen hatte,
von seinem Lehnstuhl auf, und, in die Mitte des Zimmers tretend, sprach er,
starren Blickes und festen Tones, uns allen unerwartet, folgenden Monolog:
    Knnt' ich etwas an diesem Friedrich tadeln, so wrde es die Vorliebe seyn,
die er fr franzsischen Geist und franzsische Sitte zeigt. Wie wenig kennt er
sich selbst, wenn er Formen ehrt, die keine andere Grundlage haben, als die
Flachheit selbst! Doch er gebehrde sich, wie er wolle, nie wird er das Gemth
eines Deutschen ganz verleugnen knnen. Durch dies krftige, reiche Gemth
gebietet er selbst den Franzosen, deren Schngeisterei vor seinem Genie
verstummt, und deren Hinterhaltigkeit vor seiner Ehrlichkeit erbebt. Ja, er ist
das Grte, was das Schicksal diesen Zeiten verleihen konnte; der einzige Mann
seines Jahrhunderts, bestimmt, ein neues Geschlecht zu grnden, und in der
Weltgeschichte mit unverwelklichem Lorbeer zu prangen. Wer seine Rechtlichkeit
anklagt, vergisset, da das Genie die unversiegliche Quelle neuen Rechtes ist,
und jeglichen Beruf aus sich selber nimmt. Alle krftigen Naturen, so viel ihrer
in Deutschland brig geblieben sind, sollten Kreis um ihn schlieen und seine
Sache zu der ihrigen machen. Was ist das Leben ohne Liebe, und wie kann man das
Leben hher ausbringen, als wenn man groe Entwrfe befrdern hilft! Ich wei,
da diese Ziethen und Seidlitz und Keith nur Maschinen sind; allein war jemals
der Mensch etwas anderes, als Werkzeug in den Hnden des Schicksals, und was ist
das Schicksal selbst, wenn es seinen letzten Grund nicht in der Idee eines
vielumfassenden Kopfes hat? Friedrichs Planen dienen, ist die hchste
Bestimmung, die man sich geben kann. Je grer er der Nachwelt erscheint, desto
mehr Verdienst hat man sich um die Mitwelt erworben; denn nur dadurch kann er
wahrhaft gro werden, da man kein Bedenken trgt, sich ihm aufzuopfern.
Magnetisch fhl' ich mich an ihn angezogen, und verdorben ist meine ganze
Existenz, wenn ich nicht dahin gelange, mich in seinem Geiste zu spiegeln. Mich
seiner wrdiger zu machen, hab' ich es nicht an Anstrengungen fehlen lassen.
Jetzt hat die Stunde der Vollbringung geschlagen. Keinen Augenblick will ich
verlieren.
    Es war uns sonderbar zu Muthe bei diesem Monolog; denn so rcksichtslos
wurde er gesprochen, da unsere erste Ahnung keine andere seyn konnte, als die,
da Moritz von Sinnen gekommen sey. Adelaide, welche neben mir sa, umschlang
mich mit ihrer Linken und starrte auf ihren Bruder hin. Ob auch ich auf ihn
hinstarrte, oder die Augen niederschlug, wei ich nicht; aber das wei ich, da
ich nun mit einemmale gefunden hatte, was ich bisher vergebens suchte. Es war
also Friedrich der Groe, der sich zwischen mich und meinen Moritz in die Mitte
stellte und unsere Vereinigung verhinderte. Einen solchen Nebenbuhler hatte ich
nicht erwartet. Sollte ich ihm zrnen? Ich konnte es nicht. Er stand ja nur als
Idol da; und war er wohl das meinige minder, als Moritzens? Ich begriff den
inneren Zustand des jungen Mannes auf der Stelle; und wie sehr ich ihn anbeten
mochte, so fhlte ich doch, nach einem solchen Aufschlu, nicht das kleinste
Verlangen, ihn an der Ausfhrung seines Entwurfes zu verhindern. Wie Liebe ohne
Eigennutz bestehen knne, begreifen wenige; aber noch weit wenigere haben die
Kraft, sich eine leidenschaftslose Liebe zu denken. Ich mchte in diesen
Bekenntnissen um keinen Preis zu viel oder zu wenig von mir sagen; aber das wag'
ich zu behaupten, da, wenn der Eigennutz meiner Liebe fr Moritz immer fremd
geblieben war, die Leidenschaft von Stund an daraus verschwand. Ich kannte das
Schne, ehe ich seine Bekanntschaft gemacht hatte; er versinnlichte es mir und
wurde mir dadurch unendlich theuer. Jetzt, wo ich ihn in Regionen aufsteigen
sah, die ich nie geahnet hatte, jetzt wurde er fr mich eben so das Symbol des
Herrlichen, wie das Crucifix in den Hnden eines glubigen Catholiken das Symbol
jeder Tugend ist. Was ich hier sage, knnen nicht Alle zur Anschauung bringen;
aber wie soll ich es sagen, um mich deutlich zu machen? Genug, ich verlie das
Haus der Frau von Z... mit ganz anderen Empfindungen, als diejenigen waren, mit
welchen ich gekommen war; und ich behaupte, da es unmglich ist, zugleich
ruhiger zu seyn, und einen gegebenen Mann bestimmter anzubeten, als beides bei
mir der Fall war. Gelassen zog ich mich aus, nachdem ich zu meinen Pflegeeltern
zurckgekommen war; eben so gelassen ging ich zu Bette; und als ich am folgenden
Morgen nach einem sanften Schlaf erwachte, war mein erster Gedanke: Moritz ist
der erste aller Mnner. Ich wollte mir die Gefahren vergegenwrtigen, denen er
entgegenging; aber damit wollte es mir durchaus nicht gelingen; die Stimmung, in
welcher ich mich einmal befand, brachte es mit sich, an keine Gefahr in
Beziehung auf Moritz zu glauben, und diese Idee, wie sonderbar sie auch
erscheinen mag, war gewi eine sehr richtige.
    Es wird nach allem, was ich bisher gesagt habe, schwerlich auffallen, wenn
ich hinzufge, da ich nicht unterlie, meine Freundin, wie bisher, zu besuchen,
und mich dadurch dem Herrn von Z... zu nhern; ich konnte dies jetzt um so eher
thun, da das Verhltni, worin ich mit ihm stand, durch die Bestimmtheit, welche
seine letzte Erklrung ihm gegeben hatte, eine Unschuld gewann, die es zu einem
kindlichen machte. Von dem Auftritte des vorhergehenden Tages war nicht weiter
die Rede, nachdem Moritz ber das Pathos, womit er seinen inneren Zustand
verrathen, gelchelt hatte. ber andere Gegenstnde wurde gescherzt; ja irgend
eine Freude, die ich nicht beschreiben kann, die aber das unmittelbare Resultat
der aufgehobenen Spannung war, herrschte in allen Gesichtern und sprach aus
allen Gedanken, als Moritz, ich wei nicht ob am dritten oder vierten Tage nach
der oben beschriebenen Scene, die augenblickliche Abwesenheit seiner Mutter und
Schwester benutzend, meine Hand ergriff und folgende Rede an mich richtete:
    Ich gestehe Ihnen, meine Theure, da ich vor ungefhr einer Woche an den
Knig von Preuen geschrieben habe, um ihm meine Dienste anzutragen. Schon lange
war dies mein geheimer Entschlu; allein ehe ich ihn zur Ausfhrung bringen
konnte, bedurfte es mehrerer Vorbereitungen, mit welchen ich erst jetzt zu
Stande gekommen bin. Viele werden diesen Schritt tadeln; allein ich bleibe
ruhig, wenn ich wei, da Sie, meine Theure, nicht zu meinen Tadlern gehren.
Sagen Sie selbst, ob mir etwas anderes brig blieb? Fnf und zwanzig Jahre alt,
befinde ich mich in dem Wechselfall, entweder Civildienste zu nehmen, oder auf
meine Gter zu gehen, wenn ich durchaus nicht Soldat werden soll. Civildienste -
wohin knnen sie fuhren? Meiner Berechnung nach nur zur Erbrmlichkeit. Jedes
einzelne Geschft, das man als Civilbeamter betreibt, vorausgesetzt, da man
nicht an der Spitze eines Departements steht, ist zuletzt nichts weiter, als
eine anstndigere Art von Besenbinderei, die, wie gut sie auch remunerirt werden
mag, den inneren Menschen tdtet, indem sie den Staatsbrger belebt. Soll ich
Prozesse instruiren, oder Landesverordnungen entwerfen, oder Kammerherrendienste
thun? Meine Kraft wrde mich von jedem Subalternposten, den man mir geben
knnte, verdrngen. Ich habe nicht Athem genug, die lange Dienstcarriere zu
ertragen. Mich interessirt das in einander greifende staatsbrgerliche Leben,
aber nur im Groen, nicht im Kleinen; um das Detail lieb zu gewinnen, mt' ich
vor allen Dingen meinem ganzen Wesen entsagen, d.h. aufhren, ein Edelmann zu
seyn. Wahr ist, ich knnte mich auf meine Gter begeben und Herrscher in meinen
eignen Staaten seyn. Aber zu welchem Zweck? Meine Vorfahren haben genug
erworben, um mich zufrieden zu stellen. Ich will erhalten, was auf mich vererbt
worden ist; aber ich will es weder vermehren, noch ngstlich darauf bedacht
seyn, Schtze zu sammeln. Kommt Zeit, kommt Rath. Frs Erste will ich mich zum
Bewutseyn meiner Existenz erheben; und da dies nur im Felde mglich ist, so
will ich in den Krieg ziehen. Mich lockt dazu vor allen Dingen die Gre des
Helden, der unbezwungen gegen ganz Europa ankmpft. Je kritischer seine ganze
Lage ist, desto strker ist mein Beruf, ihn mit meinen Krften zu untersttzen.
Ich werde keinen materiellen Vortheil davon haben, das wei ich vorher; aber es
wird mich in Athem setzen, und das ist mir genug. Werd' ich meinen Wnschen
gem angestellt, so komme ich in seine Nhe und finde Gelegenheit, den grten
Charakter unseres Jahrhunderts zu studiren. Und was will ich mehr? Der Rckzug
auf meine Gter steht mir immer offen. Trete ich ihn nach einigen Jahren an, so
habe ich, bis dahin wenigstens, mein Leben hoch ausgebracht und mich mit
seltenen Erfahrungen bereichert. Diese Grnde, meine Theure, haben mich
bestimmt. Sollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben?
    Meine Antwort auf diese Frage war: Sie haben sich, mein edler Freund, durch
diese Analyse vor sich selbst zu rechtfertigen gesucht; aber ich glaube nicht,
da es einer solchen Rechtfertigung bedarf. Es war genug, da Ihr Gemth so
entschieden hatte. Friedrichs Wesen umschliet alles, was Sie gro und edel
nennen; darum drngen Sie sich in seine Nhe, wie ich mich in die Ihrige
gedrngt habe. Ich verstehe Sie vollkommen; und weil ich Sie verstehe, mu ich
Ihre Schritte billigen. Wie konnten Sie erwarten, da wir hierin verschiedener
Meinung seyn wrden? Dies sind wir nie gewesen, dies knnen wir niemals werden.
Der Streit ist nur fr diejenigen vorhanden, die sich einander nicht begreifen;
wir aber knnen, dnkt mich, nur zusammen sprechen, nicht mit einander
disputiren. Ich, die Ihnen so viel verdankt, ich sollte dieselben Ideen, die Sie
in mich niedergelegt haben, gegen Sie wenden? Wie wre dies nur mglich! Ich
habe nicht das Allermindeste gegen Ihren Entschlu vorzubringen; erlauben Sie
nur, Ihnen zu sagen, da Sie im Schlachtgetmmel mir eben so gegenwrtig seyn
werden, als Sie es in diesem Augenblicke sind.
    Um keinen Preis htte ich eine andere Antwort geben knnen, und ihre
Wahrheit ergriff den Herrn von Z... so sehr, da er in ein tiefes Nachdenken
versank. Mutter und Schwester kehrten zu uns zurck, und nun war von anderen
Dingen die Rede. Schwerlich ist jemals eine Liebeserklrung in dieser Form
gemacht worden; und schwerlich meinten es gleichwohl zwei Liebende ernstlicher
und redlicher mir einander. Mit welchem Feuer wrden wir uns umfat haben, htte
es keinen Friedrich den Zweiten gegeben! Wir fhlten auf das deutlichste, da
wir fr einander da waren, aber wir fhlten zugleich, da der Augenblick unserer
Verbindung noch nicht gekommen sey.
    Ein Eilbote berbrachte in einem kniglichen Handschreiben die Nachricht von
Moritzens Anstellung im Gefolge des Monarchen nach einem monatlichen
Garnisondienst. Die Anstalten zur Abreise wurden unverzglich gemacht. Mein Herz
klopfte bei dem Anblick derselben, und eine schwarze Ahnung bemchtigte sich
meines Gemths; aber ich half beim Einpacken, indem ich Pflicht nannte, was ich
zu meiner Zerstreuung that. Moritz war wechselsweise exaltirt und
niedergeschlagen, und ich sah nur allzudeutlich, wie er sich zugleich an mich
angezogen und von mir zurckgehalten fhlte. Einmal sagte er mir: Es bleibt
eine ewige Wahrheit, da die Ruhe nur in dem Gemthe der Weiber ist. Ich hatte
nicht das Herz darauf zu antworten, wiewohl ich fr den Augenblick sehr viel
gegen diese ewige Wahrheit einzuwenden hatte.
    Die Stunde der Trennung rckte immer nher. Ich wollte einem frmlichen
Lebewohl ausweichen, weil ich mich nicht stark genug dazu glaubte; allein Moritz
hatte meine Absicht allzugut errathen, um sie nicht zu vereiteln. berraschend
erschien er in meiner Wohnung, und mit einer Miene, welche mir seinen inneren
Zustand als sehr aufgeregt darstellte, berreichte er mir, auer einem Ringe,
sein Bildni im Kleinen an einer leichten goldenen Kette mit der Bitte, beides
zu seinem Andenken zu tragen. Ich nahm Ring und Bildni mit dem Versprechen an,
da ich sie tragen wollte, und fragte den Geber: Ob er gleiches Unterpfand von
mir zu besitzen wnschte? Auf seine bejahende Antwort verabredeten wir den Ort,
wohin ich beides schicken sollte. Moritz zauderte noch. Ich legte ihm die Frage
vor: Ob er noch etwas wnsche? Einen Ku, Mirabella! war seine Antwort.
Wiewohl es der erste ist, entgegnete ich, den ein Mann von mir erhlt; so bin
ich doch nicht berechtigt, dieses Zeichen weiblichen Wohlwollens dem
vorzuenthalten, den ich fr den ersten der Mnner halte. Mit diesen Worten
reichte ich ihm meine Lippen. Meine Thrnen ergossen sich; die seinigen nicht
minder. Und so schieden wir aus einander, hoffend, da wir uns wiedersehen
wrden.
    Moritz hrte nicht auf, mir gegenwrtig zu seyn, weil er abwesend war. Ring
und Bildni hatten nur eine untergeordnete Kraft, die sich bisweilen ganz
verlor. Eine hhere lag in der italinischen Poesie; denn noch immer dauerte die
Tuschung fort, vermge welcher diese fr mich mit Moritz einerlei war. So oft
ich das befreiete Jerusalem in die Hand nahm, unterhielt ich mich nicht mit
Tasso - dieser war gar nicht fr mich vorhanden - sondern mit dem Geliebten,
durch welchen sich in mir die Fhigkeit entwickelt hatte, in diesem Gedicht ein
Meisterwerk zu schtzen. Vermge eines besonderen Mechanismus meines Inneren
fing ich die Lektre nie mit der Betrachtung des Bildnisses an, das Moritz mir
zurckgelassen hatte; wohl aber endigte ich mit derselben. Und diese
Eigenthmlichkeit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben; ich kann noch
immer keinen Vers eines italinischen Dichters hren oder lesen, ohne sogleich
an Moritz zu denken und mir die ganze Periode zu vergegenwrtigen, in welcher
ich seine erste Bekanntschaft machte, und durch ihn Richtungen erhielt, die mir
eine ganze Ewigkeit hindurch bleiben muten.
    Moritz schrieb hufig an mich und die Seinigen. Am liebsten sprach er von
dem groen Knig, der ihn in seinen Strudel gezogen hatte. In einem seiner
Briefe drckte er sich folgendermaen aus: ber Friedrichs ganzes Wesen ist ein
unwiderstehlicher Zauber verbreitet, der eben so sehr aus seinen groen blauen
Augen, als von seinen kleinen geschlossenen Lippen spricht. Eine Folge dieses
Zaubers ist, da er in dem Urtheil seiner Umgebung immer Recht hat. Viele hassen
ihn, weil sie nicht von ihm geliebt werden; aber sie vollbringen seine Befehle
deshalb nicht langsamer, als ob die feurigste Liebe sie beseelte. Um als Diener
eines solchen Monarchen in keinem Widerspruche mit sich selbst zu stehen, mu
man auf Gegenliebe Verzicht leisten knnen; denn er hat sie nicht in seiner
Gewalt. Das groe Ganze mit seinem Gemthe umspannend, kann er zu Individuen
nicht mit Liebe herabsteigen, ohne sein Wesen zu zerstren. Sie gelten ihm
etwas, aber nur im Vorbeigehn, nur im Fluge, nur in so weit sie sich deutliche
Begriffe von seinem Geschfte machen und keine Ansprche an den Menschen bilden,
die der Monarch nicht erfllen kann, ohne seiner Pflicht zu entsagen. Wer dies
nicht fassen kann, weil es ihm an Kraft fehlt, aus sich selbst heraus zu gehen
und sich gewissermaen mit dem Knige zu identifiziren, der ist verloren,
wenigstens in sofern sein Verhltni zu dem Knige nie ein angenehmes fr ihn
werden kann. Wie neu mir auch der Dienst noch ist, so erkenne ich doch schon
aufs deutlichste, da ich, um jedem Widerspruch zu entgehen, in welchen ich mit
mir selbst gerathen knnte, von vorn herein allem Egoismus entsagen und nur in
der Liebe leben mu; und um mir die Auflsung dieses schweren Problems zu
erleichtern, wiederhole ich mir unaufhrlich, da Friedrich nichts anderes ist,
als die allgemeine Intelligenz des Staates, an dessen Spitze er steht, und da
ich fr alle Dienste, die ich ihm leisten kann, hinlnglich belohnt bin, wenn
ich ihn als allgemeine Intelligenz begriffen habe. In der That, das ist das
groe Ziel, das ich mir vorgesetzt habe. Erreiche ich es jemals, so hat die
Stunde meines Abschiedes in eben dem Augenblick geschlagen, wo ich es erreicht
habe. Eben so unbefangen, ehrlich und uneigenntzig, als ich in Friedrichs
Dienste getreten bin, verlasse ich dieselben, indem ich dem Monarchen melde, da
ich die Reife erhalten habe, die ich beim Eintritt in seine Dienste suchte. Die
Urtheile um mich her berhren mich nicht, weil ich die Quelle derselben
aufgefunden habe; wenn das Gemth die Stelle des Verstandes vertritt, so ist
Schiefheit und Verwirrung unvermeidlich. Man mu, einem Friedrich gegenber,
nicht als Mensch, sondern nur als Staasdiener gelten wollen; man mu sich mit
ihm identifiziren, ohne jemals zu verlangen, da er sich mit uns identifizire.
    Moritz, welcher, unmittelbar nach der bergabe von Schweidnitz, in die Nhe
des Knigs gekommen war, begleitete sein Idol als Adjutant auf dem Zuge nach
Mhren. Viele unvorhergesehene Hindernisse hemmten den Lauf der
Kriegsoperationen. Als alle endlich berwunden waren und Olmtz belagert werden
konnte, fehlte es an den Belagerungsmitteln, weil es den sterreichern gelungen
war, einen groen Theil derselben zu zerstren. Die Lage des preuischen Heeres
in Mhren war um so kritischer, da Laudon eine solche Stellung genommen hatte,
da der Rckzug nach Schlesien wo nicht unmglich, doch wenigstens sehr
gefhrlich geworden war. Nur Friedrichs berlegenes Genie konnte hier Rettung
bringen. Ein Marsch, auf den der sterreichische General nicht gerechnet hatte,
weil er ber lauter Gebirge fhrte, brachte das preuische Heer in verschiedenen
Abtheilungen durch Bhmen und die Grafschaft Glatz dennoch nach Schlesien
zurck. Gewi waren die Mhseligkeiten dieses Marsches fr jeden
unbeschreiblich; aber, wie andere sie mehr oder weniger empfinden mochten, fr
Moritz waren sie, wenigstens seinen Briefen nach, gar nicht vorhanden. berhaupt
war es auffallend, da er nie von den Beschwerden seiner Existenz, sondern nur
immer von den neuen Ideen sprach, womit sie ihn bereicherte.
    Bekanntlich waren die Russen, whrend Friedrich in Mhren verweilte, aus
Preuen, welches sie als Eigenthum verschonten, verheerend nach Pommern und der
Mark vorgedrungen. Kstrin, dessen Festung sie allein verhindern konnte, in das
Herz des preuischen Staates einzudringen, wurde von ihnen belagert und in einen
Aschenhaufen verwandelt. Der Sturm, womit der russische General die Festung
bedrohete, sollte anheben, als sich die Nachricht von der Ankunft des Knigs
verbreitete. Mit vierzehntausend Mann war Friedrich aus Schlesien aufgebrochen,
den Barbaren, die nur zerstren konnten, das Handwerk zu legen. In einem
verhltnimig kurzen Zeitraum hatte er unter groen Beschwerden sechzig
deutsche Meilen zurckgelegt; und so wie er sich dem Kriegesschauplatz genhert
hatte, war sein Gemth von den Brandsttten und Trmmern ergriffen worden,
welche den verheerenden Zug der Russen bezeichneten. Die Stimmung, worin er sich
befand, ging, wie ein elektrischer Strahl, auf seine Krieger ber. In allen
entwickelte sich der Gedanke: da Verschonung eines solchen Feindes
ahndungswrdiger Frevel sey, den man an der Menschheit selbst begehe.
Racheschnaubend nherten sich die Preuen den Russen, und in dem Heere der
letzteren erfuhr man nur allzubald, da die ersteren keinen Pardon geben wrden.
Eine mrderische Schlacht lag im Hintergrunde.
    Sie wurde bei Zorndorf geliefert. Was Andere vor mir beschrieben haben, mag
ich nicht wiederholen. Genug, diese Schlacht war die Verklrung der preuischen
Tapferkeit. Der Knig selbst strzte sich in jegliche Gefahr. Um ihn her fielen
seine Adjutanten, seine Pagen. Gleich einer ehernen Mauer stand der linke Flgel
der Russen da, als der rechte bereits geschlagen war. Was diesem geschehen war,
mute auch jenem zu Theil werden, wenn Friedrich seine Staaten mit Erfolg retten
wollte. Seidlitz erffnete das Gemetzel, indem er die russische Reiterei warf.
Es wurde vollendet; aber indem Moritz als Adjutant hiehin und dorthin flog, fiel
er, von einer Flintenkugel, welche der Zufall leitete, ereilt, eine halbe Stunde
vor dem Ausgang einer der merkwrdigsten Schlachten des siebenjhrigen Krieges,
mit vielen anderen Edlen, welche im Kampfe frs Vaterland hier ihr Grab fanden.
Erst am folgenden Tage fand man ihn unter den Todten. Die Kugel war durchs Herz
gefahren. Den Tod hatte er also nicht empfunden.
    Seine Briefe blieben aus. Eine schwarze Ahnung trat in unsere Seelen. Die
Sache selbst war gewi, ehe die Besttigung erfolgte. Endlich erfolgte auch
diese. Die Mutter war trostlos; denn es war ihr einziger Sohn, den sie verloren
hatte, und dieser einzige Sohn war um so mehr ihr Stolz, je unerreichbarer ihr
die Hhe war, auf welcher er als geistiges Wesen stand. Adelaide weinte; allein
ihr Kummer war weder tief, noch von Dauer; die Wandelbarkeit ihres Wesens
rettete sie von einem langen Schmerze. Ich - - Was soll ich von mir sagen? Da
es keinen Ersatz fr mich gebe, fhlte ich tief; aber in der Gre meines
Verlustes selbst lag ein Trost, der, wenn ich ihn auch auf niemand bertragen
konnte, doch aufs bestimmteste von mir empfunden wurde. Nur das begrnzte Etwas
kann ein Gegenstand menschlicher Empfindung werden, und das Gemth in angenehme
oder unangenehme Bewegungen setzen; das unendliche Alles ist immer nur ein
Gegenstand des Geistes, und kann daher nie auf die Empfindung zurckwirken. Weil
ich in Moritz untergegangen war, konnte ich nicht um ihn weinen. Eine zweite
Alceste, htte ich fr ihn eben so bereitwillig sterben knnen, als er fr sein
eigenes Ideal gestorben war; aber seinen Verlust bejammern konnte ich nicht. Er
war ja nicht der Meinige, wie ich die Seinige war. Dem Gemahl htte ich folgen
mssen in den Tod; den Brutigam konnte ich um so eher berleben, weil es sehr
problematisch war, ob das Verhltni, worin ich mit ihm stand, so modifizirt
werden konnte, da aus dem Brutigam ein Gemahl wurde. Denn nur seinem Ideale
hatte Moritz gelebt. Wollte er sich mit mir verbinden, so mute er aus seinem
Wesen heraustreten. Konnte er das, wenn er es auch wollte? Konnte er es nicht,
so mute zwischen uns eine Kluft befestigt bleiben, welche durch nichts
auszufllen war; und die natrlichste Folge davon war, da ich mich in einer
ewigen Sehnsucht verzehrte. Und hatte ich durch seinen Tod das Mindeste an ihm
verloren? In sofern er fr mich das Symbol des Schnen und Edlen war, existirte
er fr mich noch immer. Auf ihn mute ich zurckkommen, so oft ich einen
Maastab gebrauchte, das unsichtbare Groe nach allen seinen Dimensionen zu
erforschen. War er gleich nie der Meinige gewesen, und war es gleich jetzt
physisch unmglich geworden, ihn als Gemahl zu besitzen; so konnte ich doch nie
aufhren, die Seinige zu seyn und ihn mit aller der Hingebung zu lieben, die
meiner durch ihn veredelten Natur eigen war.
    Ich sage nicht, da ich in jenen Unglckstagen, wo Mutter und Schwester
durch die Besttigung seines schnen Todes zu Boden geworfen wurden, so dachte;
aber ich sage, da ich so empfand, wenn es anders erlaubt ist, diesen Ausdruck
da zu gebrauchen, wo Ruhe und Resignation obwalten. So also, und nicht anders,
htte ich mich gegen den Vorwurf der Fhllosigkeit vertheidigen mssen, wre er
mir gemacht worden. Ich wrde sehr Wenigen verstndlich geworden seyn; aber alle
diejenigen, welchen ein ber die gewhnlichen Schranken hinausgehendes
Verhltni nicht ganz unbegreiflich gewesen wre, wrden den Muth verloren
haben, mich zu verdammen. Aller Widerspruch, den man an mir entdeckt zu haben
whnen konnte, lag nicht in mir, sondern in den mangelhaften Vorstellungen
derer, die davon beleidigt waren. Man htte mich, man htte Moritz ganz kennen
mssen, um zu begreifen, wie ich bei seinem Tode gelassen seyn konnte. Ich bin
versichert, da Moritz, wre mir sein Schicksal zu Theil geworden, auch ruhig
geblieben seyn wrde, wiewohl ich von allen weiblichen Geschpfen das einzige
war, dem er wohlwollen konnte. Nur da, wo eine Identifikation zweier Wesen
vorhergegangen ist, kann eine Trennung mit tdtlichen Schmerzen verbunden seyn;
nicht da, wo sie noch im Hintergrunde der Zukunft liegt und aus weiter Ferne
winkt. brigens war es, in Beziehung auf Moritzens Mutter und Schwester, ein
Glck fr mich, da ich mich genug fr sie interessiren konnte, um mit ihnen zu
weinen - nicht um Moritz, sondern aus jener reinen Sympathie, welche sich bei
allen besseren, von keiner Art des Egoismus zusammen geschrumpften Menschen
wiederfindet, so oft sie Thrnen des Kummers oder der Freude vergieen sehen.
Was beide beklagten, war fr mich noch kein Gegenstand der Klage; aber sie
selbst waren Gegenstnde des Mitleids, und so vermischten sich unsere Zhren,
whrend der edlere Theil meines Selbst eben so unumwlkt blieb, als, nach dem
Ausdruck des ersten aller Snger, der Wohnsitz der seligen Olympier ist. So
wenig war ich in meinem ganzen Wesen gestrt, da kein einziges meiner Geschfte
stockte. Es kam mir zwar vor, als wre ich in vielen Dingen hurtiger und
bestimmter geworden; und in sofern dies wirklich der Fall war, konnte meine
grere Hurtigkeit und Bestimmtheit nur daher rhren, da mich das Problem,
Moritz zu dem Meinigen zu machen, weniger beschftigte. Ich kann aufs Heiligste
versichern, das ich bei der Auflsung dieses Problems nie an seiner
Rechtlichkeit zweifelte; durch diese mute er mir zu Theil werden. Das Einzige,
was mir immer zweifelhaft blieb, war: Ob seine hhere Natur ihn, seinen Wnschen
gem, zu mir hinfhren wrde? Und bei diesem Zweifel mute ich nothwendig sehr
viel von meiner natrlichen Klarheit einben.

                                  Zweites Buch


Mein Verhltni mit dem Herrn von Z... hatte mich seit Jahr und Tag sehr
isolirt; allein die gute Meinung, welche man vorher von mir gehabt hatte, war
sich gleich geblieben; und so fand ich bei meinem Zurcktritt in die
gesellschaftlichen Zirkel, welche ich ehemals besucht hatte, denselben Empfang
wieder, womit man mir in allen Dingen zuvor zu kommen gewohnt war. Die etwanigen
Bewegungen des Neides, wenn ja dergleichen in dem Busen der einen oder der
andern meiner Gespielen vorhanden gewesen waren, hatte Moritzens Tod zum
Stillstand gebracht; man nherte sich mir mit desto mehr Freundschaft, je
bestimmter man voraussetzte, da dieser Tod mich sehr unglcklich gemacht htte.
Ich sprach, ganz der berzeugung gem, welche das Anschaun mit sich fhrt, mit
Enthusiasmus von dem Vollendeten; aber ich berlie es Anderen, mein Schicksal
zu beklagen, weil ich mich hiermit nicht befassen konnte, ohne zur Lgnerin zu
werden, was ich aus allen Krften verabscheuete. Dafr hatte ich denn freilich
den Verdru, Condolenzen ber Condolenzen annehmen zu mssen, von welchen die
eine noch abgeschmackter war, als die andere. berhaupt bemerkte ich bei diesem
meinen Zurcktritt in die Gesellschaft, da ich seit Jahr und Tag eine so sprde
Individualitt gewonnen hatte, da ich fr den Umgang unendlich weniger taugte,
als vorher. Ich untersuchte nicht, ob die Personen, mit welchen ich gerade zu
schaffen hatte, ber oder unter meinem Horizont waren; allein ich fhlte, da
zwischen mir und ihnen irgend eine Antipathie obwaltete, die, sie mochte nun
gegrndet seyn, worin sie wollte, die grte Aufmerksamkeit auf mich selbst
nthig machte, da ich als ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht berechtigt
war, den Ausschlag zu geben. Selbst mit dem grten Wohlwollen und den hellsten
Ideen kann man dahin kommen, die Gesellschaft zu fliehen; ja, in solchen
Eigenschaften liegt zuletzt der strkste Bewegungsgrund zur Isolirung, oder
wenigstens zur Beschrnkung auf einige Wenige, da einmal kein Einzelner
verlangen kann, da alle brigen sich in seine Form schmiegen sollen, und es von
der anderen Seite doch etwas sehr Wesentliches ist, seine Individualitt zu
retten. Sind wir einmal breit getreten, so mag es immerhin etwas Gutes seyn,
aller Menschen Freund seyn zu knnen; allein so lange wir es noch nicht sind,
mssen wir alles, was unseren Charakter ausmacht, als das kstlichste Kleinod
bewahren, weil eine krftig ausgesprochene Individualitt zuletzt mehr werth
ist, als die ganze Gesellschaft. Ich sollte dies nicht sagen, weil ich ein Weib
bin; aber meine Rechtfertigung liegt in dem Stillschweigen, welches die Mnner
in Beziehung auf diese Wahrheit behaupten.
    Adelaide, welche mir unter diesen Umstnden besonders theuer wurde, nicht
weil der Unterschied, den die Natur selbst zwischen uns gelegt hatte, durch die
Lnge der Zeit aufgehoben war, sondern weil die Gewohnheit des Beisammenseyns
den Ausschlag ber diesen Unterschied gab - Adelaide sah sich seit dem Tode
ihres Bruders, der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte, von Bewerbern
umgeben, welche den Augenblick, wo sie sich fr den einen oder den anderen von
ihnen erklren wrde, nicht zeitig genug erleben konnten. Das Unglck des armen
Mdchens bestand recht eigentlich darin, da unter diesen Bewerbern kein
einziger war, der ihr Achtung abgewinnen konnte. Ich habe immer bemerkt, da
diejenigen Frauenzimmer, welche im Besitze bestimmter Talente sind, in die
grte Verlegenheit gerathen, so bald es darauf ankommt, ber ihre Person zu
disponiren; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide. Was ihre
Freier am meisten in Betrachtung zogen, ihr Vermgen, war gerade das, worauf sie
den geringsten Werth legte. Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und
Poesie, oder vielmehr im Clavierspielen und Versemachen, in einen desto hheren
Anschlag; und wo nun unter den jungen Mnnern ihres Standes denjenigen finden,
den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer Person wrdig gehalten htte? Es
gab Einen, der sich nur htte zeigen drfen, um mit offenen Armen von ihr
empfangen zu werden; aber dieser Eine war fern, im Kriegesstrudel umgetrieben,
vollkommen unbekannt mit der Schnen, welche ihn ber alle Mnner ehrte; es war
der berhmte Kleist, dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu
werden, und der, wenig Monate darauf, in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet,
sein Leben nur rettete, um es im Lazareth auszuhauchen. Alle brigen mochten sie
noch so sehr loben; da ihr die Idee blieb, da sie von der Sache selbst nichts
verstnden, so konnte sie nicht umhin, sie sammt und sonders als ein Pack feiler
Schmeichler zu verachten. Mir leuchtete schon damals ein, da Adelaide fr eine
Ehe so gut als verdorben sey. Htte sie kein bedeutendes Vermgen gehabt, so
htte es nur gewisser Umstnde bedurft, um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben,
welche die Talente ihr genommen hatten; durch die Herrschaft, welche sie als
reiche Eigenthmerin ber die Umstnde ausbte, mute sie ewig verhindert
werden, in die volle Weiblichkeit zurck zu treten. Sie war klug genug, um nur
dem Manne, dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach, ihre
Hand zu geben; allein, weil bei ihr alles ins Unendliche ging, so bedurfte sie
fr ihre Eigenthmlichkeit eines Beschrnkers, und da sie diesen in ihrem Gatten
nicht fand, so war es wohl kein Wunder, wenn sie in der Folge von der
Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit berging.
    Herr von M..., den sie whlte, war ein begterter Landedelmann, von gesundem
Geist und guten Sitten. Er war unstreitig die beste Parthie, die Adelaide machen
konnte; das Schlimme war nur, da es fr Adelaiden keine gute Parthie gab.
Vermge der Eigenthmlichkeit ihres Geistes standen ihre Mittel nie in einem nur
ertrglichen Verhltni zu ihren Zwecken. Man htte mit groer Wahrheit von ihr
sagen knnen: Sie setze einen Ocean in Bewegung, um eine Feder fortzuschaffen.
Die Liebe ihres Gatten zu gewinnen, glaubte sie sich die Hochachtung der ganzen
Welt erwerben zu mssen. Wie bot sie alles auf, um die Meinung zu erwerben, da
sie eine Frau von groem Verstande sey, und wie blieb sie immer und ewig hinter
ihrer Erwartung zurck! Ein besonderes Unglck fr sie war ihre Kinderlosigkeit.
Diese setzte sie in eine Art von Wuth, welche sich dadurch offenbarte, da sie
alles vereinigen wollte, was nur immer ein Gegenstand des menschlichen Wissens
ist. Nachdem sie alle Zweige der Naturgeschichte studirt hatte, endigte sie mit
dem Studium der Mathematik; aber ihr armer Mann wurde ihr in eben dem Maae
unausstehlicher, in welchem sie selbst gelehrter wurde. Eine Scheidung, die aus
allen Grnden nothwendig geworden war, erfolgte, so bald Herr von M...
eingesehen hatte, da seine Individualitt sich nur auf diesem Wege retten lie.
Adelaide zog in eine Hauptstadt, um den Bibliotheken und Gelehrten nher zu
seyn, als sie es bisher gewesen war; aber auch diese Art der Existenz wurde ihr
nur allzubald lstig und abgeschmackt. Sie warf sich in die sogenannte schne
Kunst, und um diesem Studium mit desto besserem Erfolge obzuliegen, ging sie
nach Italien, wo sie groe Summen verschwendete. Die Briefe, die ich von Zeit zu
Zeit von ihr erhielt, sagten mir, wie ber Alles reizend ihr diejenige Periode
ihrer Jugend erschiene, in welcher sie meine Bekanntschaft gemacht, und wie
alles, was sie unternhme, um sich zu zerstreuen, doch nicht die Kraft habe, sie
ber die Dauer weniger Stunden zu beglcken. Es wrde Thorheit gewesen seyn, ihr
mit einem guten Rath an die Hand zu gehen, von welchem sie keinen Gebrauch
machen konnte; auch sah sie selbst sehr deutlich ein, da sie nicht mehr genesen
konnte. Den Hang nach ewiger Bewegung befriedigte sie dadurch, da sie von einem
Lande in das andere reisete. Von England aus meldete sie mir: Die europische
Welt mache ihr Langeweile, und darum sey sie fest entschlossen, nach Asien zu
gehen. - Seit dem hab' ich nichts von ihr erfahren. Mehreren Anzeigen zufolge
ist sie auf ihrer Reise nach Ostindien am Kap der guten Hoffnung gescheitert.
Anders, aber nicht besser, konnte eine Person endigen, in welcher die Phantasie
den Ausschlag ber den Verstand gab, inde das Schicksal dafr gesorgt hatte,
da es ihr nicht an Mitteln fehlte, jeden noch so seltsamen Einfall ins Werk zu
richten. Ihre ganze Geschichte hab' ich, der Zeit vorgreifend, an diesem Orte
conzentrirt, um nicht auf sie zurckkommen zu drfen, nachdem wir uns einmal
getrennt hatten, und nur neben nicht mit einander gehen konnten.
    Um eben die Zeit, wo Adelaide sich mit dem Herrn von M.... verband, wurde
mir die Stelle einer Gesellschaftsdame bei der jngsten Tochter unseres Frsten
angetragen, welche damals ein Alter von funfzehn Jahren erreicht hatte. Dieser
Antrag war um so ehrenvoller, weil ich berechtigt war, ihn als das Resultat der
guten Meinung zu betrachten, in welche ich mich bei dem Publikum gesetzt hatte.
Mehr indessen, als die Ehre, bestimmte mich die Liebenswrdigkeit der jungen
Prinzessin, ber welche nur Eine Stimme war. Das Einzige, was mich von der
Annahme abschrecken konnte, war meine eigene Individualitt, die, wie es mir
vorkam, sehr schlecht zu den Verhltnissen pate, welche ein Hof in sich selbst
zu erzeugen pflegt. Als dieser Punkt zwischen meinem Pflegevater und mir zur
Sprache kam, beruhigte mich dieser durch folgende Vorstellungen, die mir immer
gegenwrtig geblieben sind:
    In dem Leben mit Seinesgleichen, sagte er, hat man entweder gar keinen,
oder nur einen sehr schwachen Antrieb, die eigene Individualitt zu verbergen;
und indem man sie mit Unbefangenheit Preis giebt, luft man bestndig Gefahr,
dadurch anzustoen, weil jeder einmal die seinige retten will. Nicht so im
Umgange mit Vornehmeren. Hier kommt es darauf an, solche Formen zu gewinnen, da
man selbst die krftigste Individualitt rettet, ohne jemals dadurch zu
beleidigen. Es ist wahr, da es Personen giebt, die zuletzt nichts weiter haben,
als die Form; allein dies ist nicht sowohl die Wirkung des Hoflebens, als
vielmehr die einer ursprnglichen Leerheit, welche sich hinter Reprsentation
verkriecht. Wer einmal inneren Gehalt und eigentlichen Kern hat, fr den ist das
Untergehen in der Form unmglich; dagegen gewinnt er durch die Form eben das,
was der Diamant durch die Politur erhlt. Vollendet ist zuletzt doch nur
derjenige Mensch, der mit der geflligsten Form den meisten inneren Gehalt
verbindet, den das Individuum erwerben kann. Und gehe von diesem Grundsatz aus,
so giebt es fr dich, meine liebe Mirabella, keine bessere Schule, als den Hof.
In ihr soll dir das Siegel der Vortrefflichkeit aufgedrckt werden; denn in ihr
sollst du lernen, wie man, ohne weder seiner Individualitt zu entsagen, noch
durch dieselbe anzustoen, allen Menschen ohne Ausnahme gebietet. Knnt' ich
befrchten, da du zu lauter Form wrdest, so wrde ich der Erste seyn, der dich
von der Annahme des dir gemachten Antrages zurckschreckte; denn nichts ist mir
in der Welt so sehr zuwider, als ein gehaltloser Mensch, wenn ein solcher noch
Mensch genannt werden kann. Aber indem ich dies ganz und gar nicht befrchte,
erwarte ich nichts Geringeres von dir, als eine Vereinigung oder vielmehr
Verschmelzung der schnen Form mit einem reichen Wesen; gerade wie bei dem
Diamant, um bei dem einmal gebrauchten Bilde zu bleiben. Besorge nicht, da man
dir irgend eine Gewalt anthun werde. Alle tugendhaften Neigungen, die in dir
sind, wirst du befriedigen knnen, wenn du Verstand genug hast, deine Pflichten
scharf ins Auge zu fassen. Selbst deinen Gewohnheiten brauchst du nicht zu
entsagen, wofern du nicht fr gut befindest, neue anzunehmen. Sehr bald wirst du
die Entdeckung machen, da man sich auch bei Hofe nicht von dem allgemeinen
Gesetze dispensiren kann, den Menschen nur nach seinem inneren Werth zu
schtzen, und da es neben dir noch manche Andere giebt, die davon nicht weniger
haben, weil sie gefllige Manieren damit verbinden. Das beste Mittel, dich auf
der Stelle geltend zu machen, ist, dich an diese anzuschlieen, und dabei deine
Stellung so zu nehmen, da du immer aus der Schuweite der Partheien bleibst. Da
ich deine Gutmthigkeit kenne, so warne ich dich vor nichts so ernstlich, als
vor allem Befassen mit Empfehlungen. Verbinde so viel Bedrftige, als du immer
kannst, das heit, so viel deine Einknfte und deine Krfte berhaupt erlauben;
aber setze deine Freunde nicht in Contribution, weil du sie dadurch zu
Gegengeflligkeiten berechtigen wrdest, die zu sehr unangenehmen Verwickelungen
fhren knnten. Das groe Problem, das du zu lsen hast, besteht, so weit ich
diese Region kenne, darin, da du von Allen abzuhngen scheinest, und immer
deine volle Freiheit behauptest. Man nennt den Boden, den du betreten sollst,
schlpfrich; er mag es auch im Ganzen genommen seyn. Allein wer in einem
natrlichen Gleichgewicht mit sich selbst stehet, bewegt sich zuletzt selbst auf
einer spiegelglatten Eisflche mit Leichtigkeit und Anmuth; und meiner Mirabella
darf ich es zutrauen, da sie da nicht fallen werde, wo sich so viele Andere vor
ihr aufrecht erhalten haben.
    Diese Bemerkungen meines Pflegevaters beruhigten mich, indem sie mir
zugleich die Vermuthung zufhrten, da Alles vorher mit ihm verabredet worden
sey. Wenigstens gerieth ich auf den Gedanken, da seine Connivenz, auer dem
pdagogischen Zwecke, den er nicht verhehlte, auch einen politischen haben
knnte, da er, seiner Gewohnheit ganz entgegen, in dieser Angelegenheit bei
weitem entschlossener war, als ich ihn bei minder wichtigen kennen gelernt
hatte. Wie dem aber auch seyn mochte, so hatten alle meine Bedenklichkeiten nach
dieser Unterredung ein Ende; und vertrauensvoll trat ich meine neue Laufbahn an.
    Sowohl der Frst als dessen Gemahlin empfingen mich mit einer
ausgezeichneten Huld, welche mir um so mehr wohlthat, da sie sich weniger in
Lobsprchen, als in - ich mchte sagen elterlicher Affection offenbarte, und mir
zuraunte, da es nur von mir abhange, um am Hofe wie zu Hause zu seyn.
Prinzessin Caroline ihrer Seits kam mir mit aller der Naivett entgegen, wodurch
sie der Zauber aller ihrer Bekannten war. Da sie mich schon sonst gesehen hatte,
so lag in meinem Wesen nichts Fremdes fr sie; und dies mute mir nothwendig um
so lieber seyn, weil in meiner Miene sehr viel Ernsthaftes war, wodurch ich
leicht zurckschrecken konnte. Ich befand mich gegenwrtig in einem Alter von
drei und zwanzig Jahren, und die hhere Cultur, die mir durch Studium und
Schicksale zu Theile geworden war, konnte mich, einer so jungen Person, als
Prinzessin Caroline, gegenber, nur allzuleicht zu einer Verwechselung der
Gesellschaftsdame mit der Gouvernante verfhren. Um diesem belstand
auszuweichen, nahm ich mir vor, alles zu vermeiden, was einer frmlichen Lehre
oder Zurechtweisung hnlich she, mich, wie man es gegenwrtig nennt, gehen zu
lassen, und immer nur auf die Unterhaltung der Prinzessin, wenn gleich so
bedacht zu seyn, da ich nicht von ihr gezogen wrde. Der Erfolg rechtfertigte
meine Maximen. Ohne nur ein einzigesmal auf Albernheiten oder Fadaisen
eingegangen zu seyn, wurde ich der Prinzessin so nothwendig, da sie nicht von
meiner Seite wich, so lange es ihre brigen Verhltnisse erlaubten, in meiner
Gesellschaft zu seyn. Da ich mich zugleich in einer gewissen Zurckgezogenheit
hielt, und alle, mit welchen ich, oder welche mit mir zu thun hatten, mit
gleicher Aufmerksamkeit behandelte; so gewann man mich in kurzer Zeit lieb.
Vielleicht wute man nicht, was man von mir denken sollte; allein mir war es
auch nur darum zu thun, da Niemand Nachtheiliges von mir denken mchte.
    Ich wnschte, meine Gewohnheiten mit denen des Hofes in Harmonie zu setzen;
und dies wurde mir nicht schwer, so bald die Tagesordnung des Hofes mir gelufig
geworden war. Seit meinem sechsten Jahre gewohnt, um fnf Uhr des Morgens, im
Winter wie im Sommer, aufzustehen, behielt ich diese Sitte bei, indem ich mir
berechnete, da die drei bis vier Stunden, die ich auf diesem Wege gewann, nicht
bel angewendet seyn wrden, wenn ich sie meinen Privatangelegenheiten widmete.
Mochte ich also auch noch so spt ins Bette kommen - und dies war, ich gestehe
es, Anfangs keine geringe Beschwerde fr mich - so war ich immer zu derselben
Zeit aus dem Bette. Mein erstes Geschft war alsdann, mich mit kaltem Wasser zu
waschen, und mein nchstes, mich vollstndig fr den Vormittag anzuziehen. War
ich damit fertig, so las oder schrieb ich im Winter, und verrichtete fr mich
oder fr andere irgend eine weibliche Handarbeit im Sommer. Immer war es mein
Stolz gewesen, den grten Theil meiner Bekleidung selbst verfertigen zu knnen;
und diesen Stolz behielt ich bei, weil er mir niemals schaden konnte. So lange
ich bei meinen Pflegeeltern lebte, war ich nie allein, wenn ich auch noch so
frh aufstand; denn meine Pflegemutter wenigstens war immer schon vor mir aus
dem Bette. Es kam mir daher anfangs ein wenig schauerlich an, wenn ich,
besonders im Winter, wo die Natur um fnf Uhr selbst noch schlft, das einzige
wachende Wesen im ganzen Schlosse war; doch, da ich einmal durchaus nicht im
Bette bleiben konnte, wenn ich ausgeschlafen hatte, so suchte ich das
unangenehme Gefhl des Alleinseyns durch eine verdoppelte Thtigkeit zu
zerstreuen, und dies gelang mir so gut, da es sich nach und nach gnzlich
verlor. Sobald die Prinzessin aufgestanden war, frhstckte ich mit ihr, und von
diesem Augenblick an war ich in allem, was Gewohnheit war, au courant des Hofes,
ohne mir auch nur die kleinste Abweichung zu gestatten.
    In Hinsicht meiner Neigungen hatte ich grere Mhe, mich in den Hof zu
schicken. Es gab besonders zwei Punkte, worin ich sehr gern meinem Genius allein
gefolgt wre, htte es in meiner Gewalt gestanden, die Bedingungen zu machen.
Der eine war der Tanz, der andere das Spiel.
    Um den Tanz zu lieben, fehlte es mir offenbar an Temperament; und da man
nicht mit Erfolg tanzen kann, wenn man nicht gern tanzt, so war ich in einer
desto greren Verlegenheit. Es kam aber noch dazu, da die Prinzessin Caroline
ber diesen Punkt ganz entgegengesetzter Neigung war, und nicht aufhrte, mich
in ihr Interesse ziehen zu wollen. Ich that zuletzt, was in meinen Krften
stand, und erreichte dadurch alles, was ich zu erreichen nur wnschen konnte.
Aber im Ganzen genommen blieb mir der Tanz zuwider, und mein liebster Trost war
immer, da die Gelegenheit dazu nicht tglich wiederkehrte.
    Spielen hatte ich nie gelernt, wiewohl es mir auch dazu nicht an Gelegenheit
gefehlt hatte. An den Hof versetzt, sah' ich sehr bald ein, da Fertigkeit in
dieser Beschftigung eine von den Haupttugenden sey, die ich mir erwerben mte.
Allein wie in den Besitz dieser Fertigkeit gelangen? Ich lie mich unterrichten,
und ohne Mhe fate ich die Regeln des Spiels. Doch wie wenig hatte ich dadurch
gewonnen! Die Hauptsache war und blieb, diese Regeln mit Leichtigkeit und Grazie
anzuwenden; und dahin konnte ich es nicht bringen. Es fehlte mir ganz offenbar
der Spielgeist. Um ihn zu erhalten, sagte ich zu mir selbst: das Spiel, so wie
es am Hofe getrieben wird, ist ein pis aller; weil es unmglich ist, eine groe
Gesellschaft auf eine edle Weise in Thtigkeit zu setzen, so hat man diesen
Ausweg erfunden, sie nicht ganz unbeschftigt zu lassen. Ohne Spiel wrde man in
den Hofzirkeln von der Langenweile zu Tode gemartert werden, und jeder den Hof
fliehen; eben deswegen aber mu jeder, der dem Hofe keine Schande machen will,
sich auf das Spiel verstehen. Allein, wie ich mich auch stacheln mochte, ich
kam in der Sache selbst nicht weiter; ich war und blieb zerstreut, verlor mein
Geld, und wrde gern das Doppelte verloren haben, wenn ich nur htte dispensirt
bleiben knnen. Endlich schlug sich der Frst selbst gromthig ins Mittel; und
indem er erklrte, da es knftig immer von mir abhngen sollte zu spielen oder
nicht zu spielen, fand ich in meiner Abneigung von dem Spiele den Keim zu einer
seltenen Tugend, die ich genauer analysiren mu.
    Wie ich sie nennen soll, wei ich nicht; ihrem Wesen nach aber bestand sie
darin, da, indem ich fr alle Nichtspielenden die Gesellschaftsdame machte, ich
die in der That nicht leichte Kunst lernte, mich mit allen Menschen, wenn ich
mich so ausdrcken darf, zu ihrer und meiner Zufriedenheit aus einander zu
finden. Es war zuletzt die Langeweile, die mich zur Unterhaltung hintrieb; aber,
indem ich diesem Stoe folgte, abstrahirte ich sehr bald, da man, um mit Erfolg
zu unterhalten, so wenig als mglich von dem Seinigen geben, und so viel als
mglich von dem Fremden empfangen me. In wenigen, sehr bestimmt ausgedrckten,
das Individuum, welches man vor sich hat, tief ergreifenden Fragen mu die Kraft
enthalten seyn, nicht nur Mittheilung berhaupt, sondern auch diejenige Art der
Mittheilung zu erzwingen, welche den smmtlichen Verhltnissen des Hofes
entspricht. Die Fragen an und fr sich wrden nichts bewirken, wenn sie nicht
unter solchen Wendungen gemacht und von solchen Manieren begleitet wren, da,
whrend das Gemth in den Fesseln des Fragenden einhergeht, der Geist in
Freiheit gesetzt wird. Vor allen Dingen kommt es darauf an, den Stolz, der in
der Frage selbst liegt, so zu verschleiern, da er gar nicht sichtbar wird. Eine
Kunst, auf welche sich nur sehr Wenige verstehen, die aber, wenn ich nicht irre,
das Criterion der gesellschaftlichen Bildung ist. Das ganze Manvre, welches man
in dieser Hinsicht macht, setzt den allerschnellsten und feinsten Takt voraus;
denn der kleinste Fehlgriff zerstrt das Werk, weil man sogleich aus der
Stellung gehoben wird, in welcher man sich nothwendig befinden mu, um Anderen
die Tuschung zuzufhren, da man nur mit ihnen beschftigt sey. Wer sich nicht
ganz in seiner Gewalt hat, wird von seiner eigenen Kunst ber den Haufen
geworfen; denn es kommt nicht nur darauf an, da man schicklich anfange und gut
fortfahre, sondern auch, da man vortrefflich endige. Die ganze Unterhaltung mu
ein Sonnet seyn, in welchem ein interessanter Gedanke so verarbeitet wird, da
die Hauptidee den Beschlu macht. In der That, jene italinischen
Improvisatoren, welche jedes beliebige Thema so ausbilden, da es mit allen
Farben der Poesie zum Vorschein tritt, haben die grte hnlichkeit mit wirklich
ausgebildeten Hofleuten; und der Zauber, welche beide in den Gemthern
zurcklassen, ist vollkommen derselbe. Alle Saiten sanft berhren, und aus dem
Instrument, worauf wir spielen, eine solche Harmonie hervorlocken, wodurch wir
selbst nie beleidigt werden, das Instrument selbst aber entzckt wird - dies ist
es, worauf wir ausgehen mssen, und was wir gewi erreichen, wofern es uns nicht
an der scheinbaren Entsagung fehlt, die alles Eigenthmliche nur deshalb in den
Hintergrund stellt, damit es desto unerreichbarer bleibe. Ob berlegenheit des
Geistes die unerlaliche Bedingung der besten Ausbung dieser Kunst sey, mcht'
ich weder bejahen, noch verneinen, da sie es bei den einen wirklich, bei den
anderen gar nicht ist. Ich glaube wenigstens bemerkt zu haben, da man, wie in
vielen anderen Dingen, so auch in dieser Kunst, durch gewisse Eigenschaften des
Gemthes eben so weit kommt, als durch die des Geistes; und der grte Theil
ihrer Ausber drfte sie wohl durch die ersteren erwerben. Vielleicht ist dies
aber nur Schein, und wenn in irgend einer Kunst, so mu in dieser Geist und
Gemth in dem vollkommensten Gleichgewicht stehen.
    In welcher bestimmten Individualitt ich auch als Weib dastehen mochte, so
gab die Weiblichkeit in mir doch den Ausschlag ber alles; und da der
Grundcharakter des Weibes Resignation ist, so wurde mir die Erlernung jener
nahmenlosen Kunst, die ich so eben beschrieben habe, dadurch nicht wenig
erleichtert. Fr mich selbst gewann ich dabei auf eine doppelte Weise; einmal
indem jene sprde Eigenthmlichkeit, die ich an den Hof gebracht hatte, sich
nach und nach verlor, ohne da mein Charakter im Wesentlichen dabei litte;
zweitens indem sich mein Gesichtskreis durch alle die Ideen erweiterte, welche
mir durch die Mittheilung ganz absichtslos zugefhrt wurden. In Beziehung auf
den ganzen Hof aber fllte ich eine Lcke aus, die man vor meiner Ankunft mehr
empfunden als deutlich gedacht hatte. Htte ich in jenem zarten Alter ber diese
Beziehung raisonnirt; so wrde ich auf das Resultat gestoen seyn, da der ganze
Hof, als geistiger Mittelpunkt genommen, in mir conzentrirt wre; allein daran
dacht' ich damals eben so wenig, als irgend einer von denen, die ich in den
Stand setzte, ihren Neigungen rcksichtsloser zu folgen.
    Die Oberhofmeisterin war im Besitz aller der Formen, welche ihr Geschft mit
sich fhrte; aber sie war zugleich so sehr in der Reprsentation untergegangen,
da sie, auch wenn sie noch einer Erhebung fhig gewesen wre, allen Geist fr
eine Todsnde erklrt haben wrde. Man nannte sie in der Regel Madame Etiquette;
und diese Benennung beleidigte sie nie, theils weil sie sich bewut war, als
Reprsentantin der Etiquette einen hohen Werth zu haben, theils weil sie keine
Ahnung davon hatte, da es neben dem staatsbrgerlichen Werth noch einen anderen
giebt, der zuletzt alles entscheidet. Das einzige Menschliche, was in ihr
zurckgeblieben war, bestand in einer Art von Witz, wodurch sie zwar sehr zum
Lachen reizte, wobei es aber sehr unentschieden blieb, ob sich das Lachen mehr
auf ihre Einflle, oder auf den Widerspruch bezog, in welchem diese Einflle mit
ihrer Person und ihrem Geschfte als Oberhofmeisterin standen. Es war nmlich
eine gute Mundvoll Zweideutigkeiten, wodurch sie sich auszeichnete: eine ble
Angewohnheit, die sie unstreitig ihrer ersten Erziehung zu verdanken hatte, um
so bler, weil sie lngst ber das Alter hinaus war, wo der weiblichen
Erfahrenheit ein freieres Wort verziehen wird. - Aus allen diesen Grnden nun
konnte kein Abstich auffallender seyn, als der, den ich gegen sie bildete. Ich
sage in der That nicht zuviel, wenn ich behaupte, da in ihr und mir zwei
Extreme einander gegenber standen, von welchen man das eine die vollendete
Unweiblichkeit, das andere die hchste Jungfrulichkeit nennen konnte. Dieser
Gegensatz blieb nicht unbemerkt; und wenn man sich auch nicht darber uerte,
so lag die Sache selbst doch dadurch an dem Tag, da man, aus berwiegender
Achtung fr mich, eine Frau vernachlssigte, welche, dem Range nach, die erste
nach der Frstin selbst war. Mir war dabei oft sehr peinlich zu Muthe; allein,
wie sehr man sich auch an mich anschlieen mochte, so sah die gute
Oberhofmeisterin darin immer nur die grere Freiheit, welche sie als
leidenschaftliche Lhombrespielerin fr sich gewann, und das Hchste, was ihr
Neid ihr auszupressen vermochte, war: da ich in ihrem Alter auf gleicher Linie
mit ihr stehen wrde; eine Prophezeihung, welche niemals eintreffen konnte, weil
ich mit meinen Eigenschaften darber hinaus war, ihre Erfahrungen zu machen.
Abgesehen von dieser Opposition, wirkte die Stellung, welche ich genommen hatte,
dadurch sehr eigenthmlich auf mich zurck, da ich, indem ich fr alle
vorhanden seyn mute, fr keinen Einzelnen vorhanden seyn konnte. Selbst wenn
Moritzens Bild mir - wie dies wirklich der Fall war - nicht als Ideal
vorgeschwebt htte, so wrde ich durch das Problem, dessen Auflsung ich einmal
bernommen hatte, von allem, was Liebe im engeren Sinne des Wortes genannt wird,
entfernt geblieben seyn. Ich hatte mich, trotz meines jugendlichen Alters, von
der Liste der fhlenden Wesen gestrichen, um mich auf die der Intelligenzen
setzen zu knnen.
    Mein Pflegevater freuete sich nicht wenig ber diese Verwandlung meines
Wesens; sie entsprach seinen Erwartungen von mir eben so sehr, als seinen
Wnschen. Unstreitig wrde sie noch vollkommner gewesen seyn, htte nicht mein
Verhltni zu der Prinzessin Caroline meinen ursprnglichen Charakter, d.h.
denjenigen, mit welchem ich an den Hof gekommen war, auf das wesentliche
festgehalten.
    Wie der ganze brige Hof, so war auch die Prinzessin von der Verbindung
belehrt, in welcher ich mit dem Herrn von Z... gestanden hatte; und da sie sich
in einem Alter befand, worin keine Unterhaltung willkommner ist, als diejenige,
welche einen Liebeshandel zum Gegenstand hat, so bat sie mich in den
Augenblicken, wo wir allein waren, sehr oft, ihr etwas von meiner Geschichte zu
erzhlen. In sofern ich selbst die Heldin derselben war, wrd' ich es schwerlich
der Mhe werth gehalten haben, den Mund zu ffnen; aber da ich das Andenken an
meinen Moritz liebte, so lie ich mich immer bereitwillig finden, der Prinzessin
mitzutheilen, was ihn in seiner eben so krftigen als edlen Individualitt
darstellte. Merkwrdig war der Erfolg meiner Erzhlung dadurch, da niemals eine
von uns beiden dadurch gerhrt wurde, dies Wort in seinem gewhnlichen Sinne
genommen. Meine Erzhlung enthielt gewi alle Elemente des Tragischen; aber auf
unsere Thrnendrsen wirkten diese nie zurck. Ich selbst war wie begeistert,
und mein Zustand ri die Prinzessin zu einem hnlichen hin; doch alles, was sich
mit Wahrheit von uns sagen lie, war: da wir uns im hchsten Grade interessirt
fhlten, ohne in unserem Gemthe im Mindesten verwirrt zu seyn.
    Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, eine artistische Bemerkung zu
machen, die, wie sehr sie auch den gewhnlichen Theorien widersprechen mag, mir
vollkommen richtig scheint. Sie ist: da die wahre Tragdie das Gemth nicht
foltern, sondern heben msse, so da der Zuschauer, nachdem der Vorhang
gefallen, nicht mit beklommenem, sondern mit freudigem Herzen die Bhne
verlt. Es ist gewi nur immer die Schuld des Dichters, wenn dies nicht der
Fall ist. Wer sich eines tragischen Stoffes so zu bemchtigen versteht, da er
die Entwickelung in ihrer Nothwendigkeit fortfhren kann, der befriediget
zugleich unser Gemth und unseren Verstand; und dabei ist die volle Heiterkeit
des ganzen Menschen nicht nur mglich, sondern sogar nothwendig. Wer hingegen
den tragischen Stoff zerreisset, und aus poetischem Unvermgen die
Einbildungskraft der Zuschauer nthigt, das Ganze, das er selbst nicht zu Stande
bringen konnte, an seiner Stelle zu schaffen; der kann nicht anders als
verwirren, ngstigen und foltern. Will man wissen, wer der eigentliche Meister
in der tragischen Kunst ist? Derjenige unstreitig, der alles so anzuordnen wei,
da das Nothwendige immer mit Freiheit vollzogen wird, so da das Schicksal nie
ber den Helden, dieser hingegen bestndig ber jenes siegt, sogar alsdann, wenn
er vom Schicksal zerschmettert wird. Wer dies nicht kann, der ist und bleibt ein
Pfuscher in der Tragdie, gut genug fr den Pbel, dem es immer nur um
Gemthsbewegung zu thun ist, aber zu schlecht fr gebildete Menschen, welche die
Freiheit im Kampf mit der Nothwendigkeit obsiegen sehen wollen. Wollte man
sagen, da ich hier als Aristokratin spreche, so wrde meine Antwort seyn: Die
grte Aristokratin ist die Kunst selbst, die sich nur in der Region des Idealen
bewegen will, weil sie wei, da sie, ohne abgeschmackt zu werden, diese Region
nicht verlassen kann. Doch ich lenke wieder ein.
    Indem ich der Prinzessin gegenber meine ganze Individualitt festhielt, so
konnte es schwerlich fehlen, da, vermge der achtungsvollen Anhnglichkeit, die
sie fr mich empfand, von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie berging. Ich
mchte nicht sagen, da ich mich zu ihr herablie; dies war durchaus unnthig,
da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren, da ich sie mit
Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte. Es kam dahin, da wir Studien und
Vergngungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten, da man uns fr
geborne Schwestern htte halten knnen. Im Scherz nannte mich die Prinzessin
bisweilen ihren Moritz; und dies mochte ich auch in der That seyn, wenn nur von
dem geistigen Verhltni die Rede ist, das zwischen ihr und mir statt fand. Ob
ich durch bertragung meiner Eigenthmlichkeit der Prinzessin ntzlich oder
schdlich wurde, war etwas, woran ich gar nicht denken konnte, da die
Verhltnisse, in welche sie zu treten bestimmt war, tief im Hintergrunde lagen;
wenn ich aber auch daran gedacht htte, so wrde mich keine Klugheit abgehalten
haben, meinen ganzen Charakter zu behaupten, weil dieser zuletzt doch das
Einzige ist, was der Mensch sein nennen kann, und jede knstliche Modifikation
desselben baare Narrheit genannt werden mu. Ich habe mich hinterher, ich
gestehe es, sehr hufig ber die Unbefangenheit gewundert, womit der Frst seine
einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah, welche sie in ihren knftigen
Verhltnissen nur unglcklich machen konnte; allein mir selbst hab' ich nie den
mindesten Vorwurf darber gemacht, da ich die Urheberin dieser Entwickelung
war; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame whlte, htte man ausmachen sollen,
ob meine Wahl nicht schdliche Folgen haben knnte. Es ging hierin, wie es in
der Welt gewhnlich geht: An das Wesentliche dachte man nicht, und nachdem der
Schaden einmal geschehen war, konnte er nicht wieder gut gemacht werden. War es
aber auch meine oder der Prinzessin Schuld, da diejenigen, welche, ihrem Stande
nach, zu uns htten passen sollen, als ob sie fr uns geboren gewesen wren,
nicht zu uns paten? Wir konnten unserm Wesen nicht entsagen, ohne uns
herabzuwrdigen; aber diejenigen, mit welchen wir zu schaffen hatten, konnten
dies sehr wohl; und alles Unglck, das uns begegnete, rhrte nur daher, da sie
in ihren Gewohnheiten allzu tief versunken waren, um das Edlere und Bessere zu
lieben.
    Ehe ich die Rthsel lse, welche in dem vorhergehenden Abschnitt enthalten
sind, mu ich, aus Achtung fr die Zeitfolge, noch des Todes meines Pflegevaters
erwhnen. Er starb, nachdem ich ungefhr drei Jahre am Hofe gelebt hatte. ber
sein Hinscheiden wei ich nur das zu sagen, da es das Hinscheiden eines chten
Christen war, der, wenn seine letzte Stunde geschlagen hat, mit Ergebung in den
Mittelpunkt der Gesellschaft zurcksinkt, welcher er sich, sein ganzes Leben
hindurch, ntzlich zu machen gestrebt hat. Das Testament, welches er zurcklie,
war ganz eigenthmlichen Inhalts, in sofern er seiner eigenen Schwester den
kleinsten, mir hingegen den grten Theil seines Vermgens mit dem Zusatze
vermachte, da davon nie etwas auf seine Verwandten zurckfallen sollte. Ich
erbte auf diesem Wege von ihm nicht weniger als dreiigtausend Thaler; eine
ungleich grere Summe, als wofr man sein Vermgen bis dahin angenommen hatte.
Das Wahre von der Sache aber war unstreitig, da die eben genannte Summe nicht
zu seinem Vermgen gehrte, sondern ihm nur von denjenigen anvertrauet war, die
es fr gut befanden, meine Abkunft zu verschleiern. Immer hatte ich so viel
gewonnen, da ich, ohne mein Kapital anzugreifen, von den Zinsen desselben mit
Anstand und Freiheit leben konnte. Dies war die Ansicht, welche ich fate,
sobald ich mich ber den Hintritt meines Pflegevaters beruhigt hatte; und dieser
Ansicht gem nahm ich mir vor, nie zu heirathen, indem ich noch immer daran
verzweifelte, einen Mann zu finden, wie der Herr von Z... gewesen war. Auf meine
Verhltnisse am Hofe wirkte die Unabhngigkeit, die ich durch mein Vermgen
erworben hatte, nicht weiter zurck; denn diese waren so gut, als sie werden
konnten, da ich mich schon vorher durch meine innere Kraft frei gemacht hatte.
    Ich war kaum mit meiner Erbschaft im Reinen, als das ...sche Frstenhaus um
die Hand der Prinzessin Caroline fr den Erbprinzen Carl werben lie. Ohne
gerade glnzend zu seyn, war dieser Antrag ehrenvoll; auch wurde er keinesweges
zurckgewiesen. Was man von dem Erbprinzen sagte, war so beschaffen, da er zu
den frohesten Erwartungen berechtigte; man schilderte ihn nmlich als einen
schnen jungen Mann von den besten Sitten und den herrlichsten Eigenschaften des
Gemths und des Geistes. Der ganze Hof schtzte die Prinzessin glcklich, einen
solchen Bewerber gefunden zu haben; und sie selbst gab sich der sen Tuschung,
alle ihre Wnsche nach kurzer Frist erfllt zu sehen, nur allzu bereitwillig
hin. Da unser Hof den Rang vor dem ...schen hatte, so wurde nur die Bedingung
gemacht, da der Erbprinz sich in eigner Person bewerben mchte, und diese
Bedingung zu erfllen, erschien derselbe anderthalb Monate darauf. Eine schne
Figur, mit einem Gesichte, dem es weniger an Adel, als an bestimmten Ausdruck
fehlte! So wie sich der Prinz zum erstenmale produzirte, mute er gefallen. Die
Prinzessin Caroline war eben so bezaubert von seinem Betragen, als von seiner
Gestalt. Mir entging, bei einer fortgesetzten Aufmerksamkeit auf den Prinzen,
nicht, da eine gewisse Heftigkeit in ihm war, die sich auf den ersten besten
Gegenstand wirft, weil sie denjenigen noch nicht gefunden hat, der sie anhaltend
beschftigen knnte; allein, wie wichtig mir meine Entdeckung um der Prinzessin
willen seyn mochte, so hielt ich es doch nicht der Mhe werth, darber ein Wort
fallen zu lassen, da sie einen Fehler betraf, der sehr leicht zu verbessern ist.
Die Vermhlung wrde ohne Carolinens Einwilligung beschlossen und vollzogen
worden seyn; aber dies war so wenig nothwendig, da in dem vorliegenden Falle
das Herz recht eigentlich im Bunde mit der Politik zu seyn schien, oder vielmehr
wirklich war. Das Einzige, was die Prinzessin sich ausbedung, war, da es ihr
erlaubt seyn mchte, mich als Gesellschaftsdame mit an den ...schen Hof zu
nehmen; eine Bedingung, die man sehr gern gestattete.
    Von der Vermhlung der Prinzessin, welche einige Monate darauf an unserem
Hofe vollzogen wurde, kein Wort; denn sie war, wie dergleichen immer zu seyn
pflegen. Vierzehn Tage darauf erfolgte die Abreise. Whrend der Reise hatte ich
mehr als eine Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, da meine erste Entdeckung
in Betreff des Erbprinzen eine sehr richtige gewesen sey, und ich gestehe, da
ich jetzt anders darber urtheilte, als vorher; allein wenn mir die Mittheilung
meiner Entdeckung frher nicht der Mhe werth geschienen hatte, so war sie jetzt
zu spt, und mein Vorsatz konnte kein anderer seyn, als mich mit der grten
Behutsamkeit zu betragen, im Fall meine Freundin selbst aus ihrer bisherigen
Tuschung erwachen sollte. Diesem Vorsatze gem betrug ich mich so, da ich die
junge Frstin zu keiner Vertraulichkeit aufforderte, wie bestimmt ich es ihr
auch schon am vierten Tage nach unserer Abreise ansah, da sie ihren Busen gegen
mich auszuschtten wnschte. Als wir endlich an Ort und Stelle angelangt waren,
wurden wir zwar mit allem Pomp empfangen, der bei solchen Gelegenheiten
herkmmlich ist; aber ber Tuschungen dieser Art erhaben, wie wir einmal waren,
rekognoszirten wir nur das Terrain, worein uns das Schicksal geworfen hatte. Ein
jeder warf sich, wie sich dies von selbst versteht, in seine besten Atours, und
die Erscheinung einer so liebenswrdigen Prinzessin, als Caroline war, trug
gewi nicht wenig dazu bei, da alle Bewillkommungen und Glckwnsche nur desto
besser von statten gingen; bei allem dem aber konnten wir nicht verfehlen, die
Entdeckung zu machen, da irgend ein dsterer Geist ber diesem Hof walten
msse, ein unmittelbares Gefhl sagte uns dies, ohne alle knstliche
Vernunftschlsse.
    Die nchsten vierzehn Tage klrten unsere Ahnung - denn mehr war unsere
Entdeckung nicht - gnzlich auf. Alles beruhete auf einem Miverhltni der
Herzogin zu dem Herzoge. Von Gewissenszweifeln gengstigt und im hchsten Grade
aberglubisch, war die erstere (ihre Kinder allein ausgenommen, welche sie aus
unbezwingbarem Instinkt liebte) sich selbst und allen Menschen abhold, whrend
der letztere, wenn gleich nicht minder zum Aberglauben geneigt, mit einer
gesnderen Constitution die Freuden, welche er im eigenen Familienkreis nicht
finden konnte, auerhalb desselben suchte, und, weil er sie auch da nicht fand,
in der Regel mrrisch und auffahrend war, und dadurch alles von sich
zurckschreckte. Dies hatte auf Carolinens Gemahl in sofern zurckgewirkt, als
er in dem vergeblichen Bestreben, seinen sich selbst so ungleichen Eltern genug
zu thun, zuletzt ungeduldig und ber die Gebhr heftig geworden war. Unfhig
seinen Vater zu lieben, und eben so unfhig sich mit seiner Mutter zu
identifiziren, war er, von seinem eigenen Herzen verleitet, die Beute aller
derjenigen geworden, in deren Arme er sich geworfen hatte. Wie gesund auch sein
Verstand in seinen Anlagen war, so hatte er ihn doch nie in den Besitz der
Mittel fhren knnen, durch welche man sich seiner ganzen Umgebung bemchtigt;
und je mehr er zwischen hundertfltigen Rcksichten dahin schwankte, desto
unzufriedener war er mit seiner ganzen Lage. Vor seiner Vermhlung mit einem
liebenswrdigen Frulein verbunden, hatte er dieser Verbindung entsagen mssen,
ohne seinen Neigungen entsagen zu knnen; und wie diese Schwche von allen
denjenigen gemibraucht wurde, welche, aus frherer Zeit her, im Besitz seines
Vertrauens waren, lt sich ohne Mhe denken. Kurz der ganze Hof war ein
Vereinigungspunkt der Antipathien, und, was immer damit verbunden ist, der
Intriguen. Keine einzige klare Seele, an welche man sich verdachtlos htte
anlehnen knnen! Und die Quelle von diesem allen war der Aberglaube in dem
Geiste der Herzogin und des Herzogs, der von dem ersten Hofgeistlichen krftigst
untersttzt wurde. Ich habe seitdem sehr oft Gelegenheit gehabt, die Bemerkung
zu machen, da frstliche Personen ungemein zum Aberglauben hinneigen; und so
oft ich mir diese Erscheinung zu erklren versucht habe, bin ich immer auf das
Resultat gekommen, da, whrend alles, was ihnen untergeordnet ist, nur sie
frchtet und verehrt, sie ihrer Seits auch etwas frchten und verehren wollen,
weil es ihnen unmglich fllt, der menschlichen Gebrechlichkeit diesen Tribut zu
versagen. Nur wenige drften hiervon eine Ausnahme machen.
    Indem ich diese Entdeckungen machte, nahm ich mich wohl in Acht, darber mit
der Erbprinzessin zu sprechen. Ich bot vielmehr meine ganze Heiterkeit auf, sie
glauben zu machen, da ich ganz unbefangen sey und bleibe. Es war mir, ich
gestehe es, ein wenig peinlich, meiner Freundin gegenber der Offenheit zu
entsagen, womit ich sie bisher behandelt hatte; allein ich sagte mir wiederum,
da dies ein Opfer sey, das ich hheren Verhltnissen bringen msse. Sehr
deutlich leuchtete mir ein, da hier nichts zu verbessern sey, da man aber aus
bel leicht rger machen knnte. Ich nahm mir also vor, meine Stellung immer so
zu nehmen, da ich, so viel an mir wre, die Sachen in einem ertrglichen Gange
erhielte. Auf keinen Fall war ich gesonnen, die erste Confidenz zu machen; und
war es irgend mglich, die Erbprinzessin von Confidenzen gegen mich zurck zu
halten, so wollte ich es nicht an mir fehlen lassen. Am meisten frchtete ich
den Charakter der Herzogin, welche, nachdem ihre Schwiegertochter einmal mit
eigenen Augen gesehen hatte, sehr leicht auf den unglcklichen Einfall gerathen
konnte, sich vor ihr zu rechtfertigen, und mich darber zum Zeugen zu nehmen.
Ich sah dies so bestimmt vorher, da ich vorlufig auf den Gedanken verfiel,
nichts zu thun, was der Herzogin Vertrauen zu mir einflen knnte. In der That,
ich war sehr bel daran. An unserem Hofe hatte ich mit der grten Freiheit
gelebt; hier hingegen war ich von allen Seiten her so eingeklemmt, da ich mich
durchaus nicht bewegen konnte, ohne anzustoen und Quetschungen und Schrammen
davon zu tragen. Meiner ganzen Natur nach ohne Falsch und ohne Hehl, war ich
gegen meinen Willen zur Politik hingezogen. Htte mich das Interesse fr meine
Freundin nicht aufrecht erhalten, so wrde ich, gleich der Tochter Ludwigs des
Funfzehnten von Frankreich, den Aufenthalt in irgend einem Carmeliterkloster der
meschanten Lage vorgezogen haben, in welcher ich an diesem Hofe war. Der
auffallende Entschlu jener Prinzessin hat mich nie in Erstaunen gesetzt, weil
ich selbst erfahren habe, wie abgeschmackt und langweilig das Hofleben unter
gewissen Bedingungen werden kann.
    Die Erbprinzessin verstand mich vollkommen; auch in den zartesten
Empfindungen und Ideen begegnete sie mir mit einem Takt, der, wenn ein Dritter
als Zuschauer zwischen uns in der Mitte gestanden htte, diesen nothwendig htte
bezaubern mssen. Wir, die wir drei Jahre hindurch in der vollkommensten
Freundschaft gelebt hatten, welche auf Erden mglich ist, verabredeten jetzt
stillschweigend unter uns, da, obgleich unsere Unschuld dieselbe sey, es
dennoch Geheimnisse gbe, welche wir Ursache htten, uns gegenseitig zu
verbergen. Hieraus entwickelte sich ein eigenthmliches Verhltni, das freilich
nie Consistenz gewinnen konnte, aber, so lange es dauerte, unseren inneren
Zustand so modifiziren mute, da unsere gegenseitige Anhnglichkeit an einander
verstrkt wurde. Sonst hatte sich die Erbprinzessin in ihrer Liebe zu mir eben
so frei gefhlt, als ich mich in der meinigen zu ihr. Jetzt hingegen, wo die in
ihrem Gemahl eingeschlossene zurckstoende Kraft sie in Ansehung des Spielraums
liebender Gefhle so wesentlich beschrnkte, und wo ich meiner Seits durch die
Erbrmlichkeit des Hofes ganz auf mich selbst zurckgeworfen wurde, jetzt
konnten wir den Sttzpunkt, dessen wir bedurften, nur eine in der anderen
finden. Wir wrden glcklich gewesen seyn, htten wir dem Zuge folgen drfen,
der uns zu vereinigen versprach; aber gerade darin lag das Verzweifelnde unserer
Lage, da wir diesem Zuge nicht folgen durften; wenigstens nicht mit der
Rcksichtslosigkeit, welche die Freundschaft gebietet. Wir beide ahneten, da
ein Zeitpunkt eintreten wrde, wo wir dem Verderben nur durch festes
Aneinanderschlieen entrinnen knnten; aber wir wollten diesen Zeitpunkt nicht
beschleunigen, welches unvermeidlich war, sobald wir zum voraus
gemeinschaftliche Sache machten. Mochte das Problem, das wir uns aufgegeben
hatten, immerhin nicht zu lsen seyn; genug wir wollten, was die Klugheit gebot,
so lange ehren, als es wahrer Freundschaft unbeschadet geschehen knnte.
    Den brigen Mitgliedern des Hofes war ich ein unerklrbares Rthsel. Was sie
durchaus nicht begreifen konnten, war, wie man an einem Hofe fremd und doch so
abgeneigt seyn knnte, sich an irgend eine Parthei anzuschlieen. Diese meine
Eigenthmlichkeit war ihnen um so unbegreiflicher, da ich, dem Anscheine nach,
ganz isolirt dastand, und selbst von der Prinzessin, deren Gesellschaftsdame ich
seyn sollte, vernachlssigt war. Gern htte mich die eine oder die andere
Parthei fr sich gewonnen; aber gerade das, was mich zum Gegenstand so
mannichfaltiger Bewerbungen machte, mute mich behutsam und vorsichtig machen.
Dies war nmlich das bischen Verstand, wodurch ich mich auszeichnete. Wie
bescheiden ich selbst auch darber denken mochte, so konnte ich mir doch nicht
verhehlen, da ein Amalgam mit diesen Personen fr mich unmglich sey. Es war
vor allen Dingen ihre unbeschreibliche Flachheit, die mich von ihnen
zurckschreckte. In der That, man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel
Ehre, wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von Achtung spricht,
sollte diese Achtung sich auch nur durch Mibilligung und Abscheu ausdrcken. In
keiner Sache tief, sind sie es eben so wenig in der Intrigue. An dem Kitzel
fehlt es ihnen nicht, wohl aber an dem Geiste, der sich ein Ziel setzet und
seine Mittel demselben anpat. Es wrde wenigstens eine Art von Poesie in das
Hofleben gebracht werden, wenn dieser Geist vorherrschte; allein dies ist so
wenig der Fall, da es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann. Es ist
wahr, jeder hat sein besonderes Interesse, dem er nachgeht; doch, indem man sich
mehr von irgend einem Instinkt als vom Verstande leiten lt, vertrdelt man das
Leben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen; und daher die groe Zahl der
Unzufriedenen, die, wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen
sind, wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen, und, indem sie von
unerkannten Diensten sprechen, die sie geleistet haben, sich nur immer selbst
verdammen. Kurz: die eigentliche Gemeinheit, in sofern sie mit Flachheit eins
und dasselbe ist, wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen, als an den
Hfen, vorzglich aber an den kleinen deutschen Hfen. Und dies gerade war, was
mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot, welche man unbegreiflich
nannte.
    Mich zu erforschen schickte man das Factotum des Hofes, den Herrn
Hofcapellan, an mich ab. Dieser Mann, der, seinem Berufe nach, der rechtlichste
und edelste des ganzen Hofes seyn sollte, war, wie es zu geschehen pflegt, nur
der feinste und eigenntzigste; und so gro war die Verkehrtheit aller
Mitglieder des Hofes, da man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen
achtete, die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen muten. Seine
Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet, wiewohl ich in dem Augenblick, wo er
sich melden lie, auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war. Der
Zufall wollte, da Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag, als er in mein
Zimmer trat. Der hochwrdige Herr konnte, nachdem die ersten Begrungen vorber
waren, nicht umhin, einen neugierigen Blick auf meine Lektre zu werfen; und als
er Klopstocks Messiade erblickte, die er wenigstens von Hrensagen kannte, war
seine erste Frage: Ob mir diese Lektre Vergngen mache? Unendliches, war
meine Antwort; ich erblicke in der Messiade eine Welt, wie sie sich noch keinem
schaffenden Geist aufgeschlossen hat. Alles ist gro und erhaben, und weil man
das Groe und Erhabene nicht betrachten kann, ohne dem Kleinen und Niedrigen zu
entsagen, so wre wohl zu wnschen, da Klopstocks Schpfung sich in Jedermanns
Hnden befnde. Aber ich bin versichert, fgte ich hinzu, da dies Gedicht,
anstatt wie andere Werke in dem Zeitstrom unterzugehen, einer ganzen Ewigkeit
von Entwickelung trotzen und in eben dem Maae an Werth gewinnen wird, in
welchem es als reine Poesie dasteht. Dieser Gedanke fiel dem Herrn Capellan
auf; und weil er ihn wirklich nicht verstand (was mir sehr wahrscheinlich
geworden ist, seitdem ich andere seines Gelichters kennen gelernt habe), oder
weil er gute Ursache hatte, ihn nicht verstehen zu wollen, legte er mir die
naive Frage vor: Wie ich das meinte? Ich meine, erwiederte ich, da wenn der
religise Geist, welcher die Messiade dictirt hat, lngst verflogen seyn wird,
dies Heldengedicht nicht nur noch bezaubern, sondern auch um so mehr bezaubern
wird, je weniger sich der Glaube, oder vielmehr der Unglaube, bei der Lektre
ins Spiel mischet. Der Capellan, der mich noch immer nicht verstand, lie
irgend etwas Albernes fallen, wodurch er zu verstehen gab, da er von mir
voraussetze, nur Religiositt treibe mich zur Lektre der Messiade; und als ich
hierauf nicht antwortete, nahm er sogleich Gelegenheit, ber die Irreligiositt
des Zeitalters (welche ihm bei weitem vollendeter erschien, als sie wirklich
war) ein Langes und Breites zu sprechen, und sich so eine Brcke zu bauen, um
zur Herzogin zu kommen, die er als das Muster aller Frstinnen vorstellte. Eine
nhere Bekanntschaft mit ihr, meinte er, wrde mir zeigen, wie sehr es zu
wnschen wre, da ihr Geist den ganzen Hof durchstrmen mchte; und hierauf
erfolgten neben den Lobeserhebungen, welche der Herzogin gemacht wurden, mehrere
Winke, welche mich orientiren sollten. Ich lie den hochwrdigen Herrn ausreden,
und als er das Bedrfni fhlte, wieder zu Athem zu kommen, setzte ich das
Gesprch durch einige Bemerkungen fort, worin ich zu verstehen gab, da, allen
meinen Beobachtungen zufolge, der Hof wirklich von dem Geiste der Herzogin
durchdrungen sey. Ach wie viel fehlt daran, antwortete der Hofcapellan; da
ist z.B. der Kammerherr unseres geliebten Erbprinzen, ein Mann, dem auer seinem
Vortheile nichts heilig ist, und gegen den sich der ganze Hof verschwren
sollte, da er es so geflissentlich darauf anlegt, die liebenswrdigste
Prinzessin verhat zu machen, um .... Still! still, Herr Hofcapellan! fiel ich
ihm in die Rede; dies sind Dinge, ber welche wir nicht berechtigt sind zu
sprechen. Die Wendung, welche Sie der Unterhaltung zu geben geruhen, ist mir so
neu als interessant, aber ich darf darauf nicht eingehen, wenn ich nicht einmal
fr allemal aus der Bahn weichen will, die ich mir vorgezeichnet habe. Der
Hofcapellan sah mich mit so dummen Augen an, als wenn von Verschmitztheit und
Rnkesucht nie eine Spur in ihm gewesen wre. Offenbar erstaunte er darber, an
ein Wesen gerathen zu seyn, dem er nicht gewachsen war; und ob er sich gleich
alle Mhe gab, in sein voriges Gleichgewicht zurckzutreten, und seinen Besuch
recht absichtlich verlngerte, um mir irgend einen Vortheil abzugewinnen, der
alles, was zwischen uns vorgefallen war, wieder ins Gleiche bringen mchte, so
schieden wir zuletzt doch so auseinander, da von einer Gemeinschaft zwischen
uns beiden, was auch immer ihr Gegenstand seyn mchte, nicht wieder die Rede
seyn konnte.
    Was den Kammerherrn des Erbprinzen betraf, so hatte ich lngst bei mir
ausgemacht, da er bei weitem unschuldiger sey, als er in der Darstellung des
Hofcapellans erschien. Sein Hauptverbrechen war, der Liebling des Erbprinzen zu
seyn, dessen Gunst er durch nichts so sehr erobert hatte, als durch seine
Polsterartigkeit, wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will. Es ist wahr, es
fehlte ihm nicht an Verstand; allein sein Verstand war nicht der schpferische,
der Anderen gebietet, indem er ihnen Richtungen giebt, die sie aus sich selbst
zu nehmen allzuschwach sind, sondern der legale, der nur immer den fremden
Willen bearbeitet, und folglich gar nicht fr und durch sich existirt. Des
Kammerherrn hchster Grundsatz war: der Erbprinz ist der Herr. Diesem Grundsatz
gem wagte er es nie, dem Erbprinzen zu widersprechen. Htte dieser seine
Gemahlin lieben knnen, so wrde er nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; da
aber der Erbprinz dies nicht konnte, so hatte der Kammerherr auch wiederum
nichts dagegen, da er seine Verbindung mit einer frheren Geliebten fortsetzte,
und that, was in seinen Krften stand, die Wnsche des Prinzen in dieser
Hinsicht zu befriedigen. Er meinte es gewi mit der ganzen Welt gut; aber da es
einmal unmglich ist, der ganzen Welt zu gengen, so hielt er es nur mit dem,
dem er seine Dienste einmal gewidmet hatte. Seine Furchtbarkeit war gewi nicht
weit her; indessen erschien er allen denjenigen furchtbar, welche in Erwgung
zogen, da es, nach dem Tode des Herzogs, nur von ihm abhngen werde,
Premier-Minister zu seyn. Einem solchen Schlag zuvorzukommen, wollte man ihn so
zeitig als mglich verdrngen. Wenn man mich in die Cabale zu verflechten
wnschte, so geschah dies um der guten Meinung willen, die man von meinem
Verstande gefat hatte. Nichts beabsichtigte man weniger, als eine Vereinigung
des Prinzen mit der Prinzessin, und der Hofcapellan hatte sich nur in das
Complott ziehen lassen, weil er erfahren hatte, da eben dieser Kammerherr im
Punkt der Religion ein wenig locker sey. Indem ich also in dem Gegenstande des
Partheihasses keinen Widersacher der Prinzessin erblickte, konnte ich unmglich
geneigt werden, mich mit den brigen zur Entfernung eines Mannes zu vereinigen,
der zuletzt der Unschuldigste von Allen war.
    Ich konnte dies um so weniger, weil mir immer deutlicher einleuchtete, da
das Miverhltni zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin eben so sehr durch
die Individualitt der letzteren als durch die des ersteren gehalten wurde. Es
ist gewi sehr zu bedauern, wenn die Tugend selbst die Quelle unseres
Migeschicks und unserer Leiden wird; allein dies ist unter gewissen Umstnden
eben so nothwendig, als da das Gegentheil der Tugend zum Mivergngen mit sich
selbst und zur Opposition gegen die ganze Welt fhren mu. Es war ganz offenbar
die Liebenswrdigkeit der Erbprinzessin, was sie ihrem Gemahl so verhat machte.
Wre der Prinz in den Besitz seiner Gemahlin gekommen, ohne vorher in einem
ernsthaften Verhltni mit einer anderen Person gestanden zu haben; so wrde er,
bezaubert von der Liebenswrdigkeit seiner Gemahlin, vielleicht sein ganzes
Leben hindurch an keine Untreue gedacht haben. Da dies nicht nur nicht der Fall
war; da die ehemalige Geliebte noch immer ihren Platz in seinem Gemthe
behauptete, und, von den Eigenschaften der Gemahlin unterrichtet, es sich
vielleicht doppelt angelegen seyn lie, die Zuneigung des Prinzen zu fesseln; so
konnte es schwerlich fehlen, da dieser, von seinen Neigungen auf der einen, und
von seinen Pflichten auf der anderen Seite gedrngt, in eine Leidenschaft
gerieth, wie sie dem Menschen nur einmal eigen ist, so oft er sich zwischen zwei
Feuern befindet. Erleichterung fr sich selbst konnte der Prinz unter diesen
Umstnden nur dadurch erhalten, da seine Gemahlin Eigenschaften offenbarte,
welche die Untreue wo nicht rechtfertigen, doch wenigstens entschuldigen; da
diese aber immer in derselben moralischen Schnheit dastand, und, ohne weder zur
Rechten noch zur Linken aus der einmal vorgezeichneten Bahn zu weichen, nur
immer darauf dachte, wie sie die Weiblichkeit retten wollte, so blieb ihm
zuletzt nichts anderes brig, als entweder sich selbst, oder diejenige zu
hassen, die ihn, wenn gleich gegen ihren Willen, in einem solchen Widerspruch
mit sich selbst erhielt. In der That, mehr, als alles andere, war dies die
Quelle der heftigen Ausbrche, welche sich der Erbprinz gegen seine Gemahlin
erlaubte; und welche Wahrscheinlichkeit, da sich dies jetzt noch abndern
lassen werde! Um anhaltend zu hassen, darf man nur beleidigen; und wen es
befremdet, da frstliche Personen bei weitem tiefer in ihrem Hasse sind, als
andere Erdenshne und Tchter, der darf nur bedenken, da jenen die Beleidigung
unendlich mehr kostet, als diesen, weil sie sich auf die Kunst des Ausweichens
bei weitem besser verstehen, und, nur im hchsten Drange der Noth und nie ohne
ihrem Wesen zu entsagen, zu dem, was man Unhflichkeit nennt, gebracht werden
knnen. Fasset man dies gehrig, so hat man den Schlssel zu sehr viel
Erscheinungen, welche in der Regel uerst schlecht interpretirt werden. Um nur
nicht unhflich seyn, oder beleidigen zu mssen, (und beides ist zuletzt
einerlei) hat man sich, wer wei wie oft, durch eine Vergiftung aus der Affaire
gezogen. Dies ist besonders an groen Hfen der Fall gewesen, wo man noch weit
mehr Ursach hatte, die Folgen eines Skandals in Erwgung zu ziehen, als an
kleineren, wo die Brgerei zuletzt, wenn gleich in einer etwas veredelten
Gestalt, ihr Wesen forttreibt. Wre von den Scenen, welche tglich zwischen dem
Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden, nur eine einzige an dem franzsischen
oder spanischen Hofe vorgefallen, so wre eine Trennung - gleich viel unter
welcher Form - unvermeidlich gewesen. Ich will damit nicht sagen, da ihre
Feindschaft in der Periode, von welcher hier die Rede ist, den hchsten Gipfel
erstiegen hatte; allein es giebt Verhltnisse, bei welchen es gleich viel ist,
welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben, so bald man sagen mu, da
sie aufgehrt haben gut zu seyn. Die Erbprinzessin fhlte sich warlich nicht
minder unglcklich, weil ihr Gemahl noch einige Rcksichten nahm, die unter
Personen frstlichen Standes nie wegfallen drfen, wenn sie nicht zu dem Pbel
herabsinken wollen.
    Ich machte sehr bald die Bemerkung, da ein weit hheres Maa von Kraft
erfordert wird, die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten, als sie zu
leiten. Das Erstere ist in der Regel ganz unmglich; die menschliche Natur ist
es, was diese Unmglichkeit hervorbringt. Das letztere lt sich
bewerkstelligen; nur erfordert es eine berlegenheit des Geistes, wodurch man
den Ausschlag ber seine ganze Umgebung giebt. Nichts war dadurch gewonnen
worden, da ich mich neutralisirt hatte; allein wie meine Taktik so verndern,
da ich das Verlorne wieder gewann? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu
lsen, da ich es mit Personen zu thun hatte, durch welche sich kein einziger von
den Planen ausfhren lie, die ich entwerfen konnte. Unaussprechlich leiden sah
ich die Prinzessin, und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem
Anblick; aber wie ich sie retten, oder wenigstens erleichtern sollte, darber
konnt' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen. Der Zufall that
zuletzt mehr, als ich erwartet hatte.
    Es war an einem von den schnen Tagen, durch welche der Frhling zum Sommer
bergeht, als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen lie. Ich eilte in
ihre Nhe; wir waren allein. Der Vertrag, den wir stillschweigend geschlossen
hatten, dauerte fort, und keine von uns beiden beabsichtigte einen Bruch
desselben. Die Prinzessin bat mich indessen neben ihr Platz zu nehmen, und
redete mich hierauf folgendermaen an: Ich kenne jetzt keine angenehmere
Zerstreuung, als die der italinischen Dichter, weil diese mich am schnellsten
in die Regionen fhren, wo ich die Wirklichkeit vergesse. Aber ich bin nicht
lnger im Stande, dies hohe Vergngen allein zu genieen. Sie, meine geliebte
Mirabella, sollen es mit mir theilen. Wenn ich Sie ersuche, meine Vorleserin zu
seyn, so leitet mich dabei der besondere Eigennutz, die Musik der italinischen
Poesie durch Ihre Stimme erhht zu fhlen. Whlen Sie, welches Gedicht Sie
wollen, und lesen Sie mir vor, was Ihnen beliebt. Mit der besonderen
Zrtlichkeit, die ich noch immer fr Tasso's befreites Jerusalem hatte, whlte
ich dies gttliche Gedicht; und da der Charakter der Erminia mich immer vor
allen brigen weiblichen Charakteren, die in demselben entfaltet sind, angezogen
hatte, so las ich den sechsten Gesang vor. Ich war bis an die Stelle gekommen,
wo Erminia auf ihrer Flucht beim Anblick des Lagers der Christen in folgende
Klagen ausbricht:

O belle agli occhi miei tende Latine,
Aura spira da voi che mi recrea,
E mi conforta, pur che m'avvicine.
Cosi a mia vita combattuta e rea
Qualche onesto riposo il Ciel destine,
Come in voi solo il cerco: e solo parme,
Che trovar pace io possa in mezzo all' arme.
Raccogliete me dunque, e in voi si trove
Quella piet, che mi promise Amore etc.

Als die Prinzessin, von ihren Gefhlen berwltigt, in die Worte ausbrach: O
wre doch auch fr mich eine Flucht mglich! und unmittelbar darauf dem
gepreten Herzen durch einen Strom von Thrnen Luft machte. Mir fiel bei diesem
Anblick das befreiete Jerusalem aus den Hnden, und, meiner frheren Vorstze
uneingedenk, warf ich mich zu den Fen der Prinzessin nieder, sie beschwrend,
da sie mir nichts verhehlen mchte. Ich bin ganz die Ihrige, rief ich aus,
so bald Sie verlangen, da ich es seyn soll.
    Die Prinzessin sah mich mit der Miene der Rhrung an, und nachdem sie sich
gefat hatte, sprach sie folgendes:
    Ich habe Sie nur allzugut errathen, Mirabella; um nicht zu verschlimmern,
was sich nicht verbessern lie, nahmen Sie diese Stellung an, worin Sie die
Dinge sich selbst berlieen. Aber ich htte Sie nie kennen lernen mssen, wenn
ich auch nur einen Augenblick an Ihrer Bereitwilligkeit, alles was in Ihren
Krften steht, fr mich zu leiden und zu thun, htte zweifeln sollen. In dem
gegenwrtigen Augenblicke folgen Sie mehr Ihrem Gemthe, als Ihrem Verstande;
aber dies liegt so sehr in der Natur der Sache, da Sie mir dadurch nur um so
theurer werden. Wie die Lage der Sachen ist, wissen Sie, ohne da wir jemals
darber gesprochen haben. Auch jetzt wollen wir nicht ausfhrlich darber
werden. Genug, da ich die Verlassenheit, worin ich mich befinde, nicht lnger
ertragen kann. An irgend ein menschliches Wesen mu ich mich anschlieen knnen,
wenn das Leben einen Werth fr mich behalten soll. Mein Gemahl kann es nicht
seyn, und wer bleibt mir brig, als Sie? Ich stehe fr nichts, wenn Sie sich mir
noch lnger entziehen. Berechnen Sie hiernach, was Sie thun mssen. Die Politik,
von welcher Sie sich bisher leiten lieen, hat Ihrem guten Herzen zuletzt am
meisten Wehe gethan. Warum wollen Sie ihr noch lnger folgen? Verderben lt
sich nicht, was schon im hchsten Grade verdorben ist. Ich verzeihe Alles, und
verzeihe mit der hchsten Freudigkeit des Gemths; aber meine Bedingung ist, da
Sie sich fester, als jemals, an mich anschlieen. Ihnen gegenber werd' ich die
Kraft haben, Alles zu ertragen, was mir noch bevorsteht; oder vielmehr, ich
werde von nun an gar nichts mehr zu ertragen haben, und meines Daseyns von neuem
froh werden. Htt' ich von mir allein abgehangen, wer wei, ob ich jemals in ein
Verhltni getreten wre, wodurch eine Scheidewand zwischen uns errichtet werden
mute? Da dies einmal geschehen ist, so wollen wir lieber gar nicht daran
zurckdenken. Gewi, wir sind uns selbst genug; nur mssen wir fest
zusammenhalten, und auf die Wirklichkeit um uns her so wenig als immer mglich
zurckblicken. Was hab' ich von meiner Freundin, von meiner Mirabella, zu
erwarten?
    Meine Antwort auf diese Frage war, wie sie nach einer solchen Scene seyn
konnte; ich wiederholte mein: Ich bin die Ihrige mit Allem, was in mir ist;
denn ob sich gleich die Folgen dieser Vereinigung nicht berechnen lieen, so
wollte ich doch lieber aus Heroismus edel, als aus Feigheit klug handeln.
    Es war von diesem Augenblick an gleich viel, wo wir existirten; aber um der
Prinzessin einige Erleichterung zu verschaffen, entwarf ich den Plan zu einem
Sommeraufenthalt auf einem drei Meilen von der Hauptstadt gelegenen
Lustschlosse, welches seit vielen Jahren unbewohnt geblieben war. Voraussehen
lie sich, da dieser Plan groe Schwierigkeiten finden wrde; vorzglich von
Seiten der Herzogin, welche seit einiger Zeit ihre Schwiegertochter liebgewonnen
hatte, weil sie wenigstens eben so unglcklich war, als die Herzogin selbst.
Allein alle diese Schwierigkeiten lieen sich berwinden, sobald es mir gelang,
den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten. Ich trat zu
diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen, und so bald er eingesehen hatte, da fr
ihn selbst nichts dabei zu wagen sey, bestimmte er den Erbprinzen, seine
Genehmigung zu geben. Es gewann fr den groen Haufen der Hofleute das Ansehen,
als sey eine Vershnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt,
weil ich darauf bestand, da der Erbprinz, um den Schein zu retten, uns
begleiten sollte, und er sich wirklich dazu hergab. Doch, von dem Nachmittag des
zweiten Tages an, waren wir uns ganz selbst berlassen, und so wenig um die
Folgen unserer Isolirung bekmmert, da wir nur daran dachten, wie wir recht
angenehm leben wollten. Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und
dem Lustschlosse, und mehr bedurfte es nicht, uns glauben zu machen, da wir von
der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten.
    Die Lage des Lustschlosses war die reizendste, die man sich denken kann. Auf
einer Anhhe gelegen, war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch
einen dunklen Tannenwald begrnzt. Vorn dehnte sich ein gerumiger Garten aus,
den man anzubauen nicht vernachlssigt hatte, und in welchem eine zahlreiche
Orangerie neben den Treibhusern hin ihre Wohlgerche verbreitete. Hinten war
ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefllt, und an den Park
lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbumen bepflanzt. Der Aufenthalt war
ber alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem. Ihn durch nichts zu
verderben, hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen, die uns
unentbehrlich waren. Ein halb geffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere
einzige Equipage; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen.
Unsere Gensse sollten zugleich einfach und ausgesucht seyn; und dazu war vor
allen Dingen nthig, da der Tisch nie befrachtet, die Bibliothek hingegen mit
allen den Dichtern angefllt war, die uns jemals entzckt hatten; denn da die
Wirklichkeit uns einmal verhat war, so wollten wir ihr auf allen mglichen
Fittigen entfliehen. Unser Leben sollte, wenigstens fr den nchsten Sommer, ein
wahres Idyllenleben seyn, und um diese Idee immer gegenwrtig zu haben, nannte
mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe, wo sie mir gebot, sie selbst
Daphne zu nennen.
    Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft. Die ersten Morgenstunden
wurden im Garten oder im Park verlebt, wo wir mit irgend einer leichten Arbeit
in der Hand, mehr empfindend als denkend, uns nach allen Richtungen hin
bewegten. Ward die Sonnenhitze uns allzustark, so begaben wir uns in einen
Pavillon, wo wir abwechselnd vorlasen. Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen
gemacht; allein wir legten sie bald zurck, weil es uns vorkam, als ob der
grte Reiz, den sie gewhren knnten, nicht in den Gemlden, sondern in der
Einfassung enthalten sey. Ich hatte seit ungefhr einem halben Jahre einen Theil
meiner Mue auf das Studium der spanischen Sprache und schnen Literatur
gewendet, und die Prinzessin mit dieser Liebhaberei angesteckt. Indem wir
frhere Fortschritte gegenwrtig zu unserem Vergngen benutzen wollten,
verfielen wir auf die Diana des Montemayor, und machten sehr bald die
Entdeckung, da dies Meisterstck der sogenannten Schferpoesie ohne Gleichen
dasteht, und allen modernen Idyllendichtern zum Muster dienen mu, wofern der
wahre Dichter eines Musters bedarf. Das dritte Buch der Diana, welches die
Geschichte der unglcklichen Belisa enthlt, bezauberte uns vor allen; wir
wurden nicht mde es zu lesen und wieder zu lesen, bis wir ganz davon
durchdrungen waren. Bezauberte uns Montemayors Einfachheit, so entzckte uns
Boscan's und Garcilaso's kunstreiches Genie nicht minder. Es kam uns vor, als ob
der Strom der Gedanken und Empfindungen in diesen Dichtern etwas ganz
Eigenthmliches habe, wodurch er von Anfang bis zu Ende aufs innigste
zusammenhange und immer nur Ein Ergu sey. Noch andere spanische und
italinische Dichter wechselten mit diesen ab. War die Lektre geendigt; so
kehrten wir in das Lustschlo zurck, wo wir, im rechten Flgel, der lachendsten
und unabsehbarsten Aussicht gegenber, zu Mittag aen, und uns auf diese Weise
selbst das Materielle vergeistigten. Nur die einfachsten Gerichte durften auf
unserer Tafel erscheinen, und junges Geflgel war die einzige Fleischspeise, die
wir uns erlaubten. Die schwlen Mittagsstunden wurden verschlafen, oder
vertrumt, wofern dieser Ausdruck auf Personen anzuwenden ist, welche
gewissermaen nie aus ihrem Traum erwachten. Gegen Abend fuhren wir aus. Die
ganze umliegende Gegend wurde von uns besucht, und wo wir Gelegenheit fanden,
unsere liebenden Gefhle zu ergieen, da blieb sie nicht unbenutzt. Ein leichtes
Abendessen empfing uns bei unserer Zurckkunft, und unmittelbar darauf erfolgte
jener se Schlummer, den Gesundheit und Unschuld geben.
    In diesem Kreislauf von Beschftigungen und Vergngen verstrich ein Tag nach
dem andern, bis ein Schreiben von dem Kammerherrn des Erbprinzen mir zu
verstehen gab, da ich die Achtung fr den Schein, auf welcher ich vor meiner
Abreise in Beziehung auf die Prinzessin so nachdrcklich bestanden, seit meiner
Ankunft auf dem Lustschlosse in Beziehung auf den Prinzen ganz aus den Augen
gesetzt htte. Der Vorwurf war gerecht; und wie schwer es uns auch fallen
mochte, aus unserer Idyllenwelt, wr' es auch nur auf wenige Stunden,
herauszutreten, so mute doch irgend etwas geschehen, den begangenen Fehler
wieder gut zu machen. Ungefhr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf dem
Lustschlosse fuhren wir also in die Hauptstadt zurck, um an dem Hofe zu mittag
zu essen, und unmittelbar darauf in unsere Einsamkeit zurckzukehren. Ich
befrchtete bei dieser Gelegenheit, da die Erbprinzessin alle die Ungeduld
beweisen wrde, welche dann einzutreten pflegt, wenn wir uns von geliebten
Formen losreissen mssen; allein meine Befrchtung war sehr berflssig, und ich
bemerkte jetzt zum erstenmale, wie meine Freundin, seit ihrer frmlichen
Wiedervereinigung mit mir, eine Ruhe gewonnen hatte, die sich durch nichts
stren oder unterbrechen lie. Ein Seufzer aus der uersten Tiefe der Brust, so
bald wir das Stadtthor im Rcken hatten, war alles, was zum Vorschein trat, um
ihre Liebe fr Freiheit, Offenheit und Unschuld zu beurkunden; und als wir an
Ort und Stelle angekommen waren, drngte sich das Gestndni hervor: da sie nur
an meiner Seite glcklich leben knne.
    Derselbe Besuch wurde alle vierzehn Tage wiederholt, und zur Abwechselung
erhielten wir auch wohl auf einige Stunden die Ehre, von dem Herzog oder dem
Erbprinzen selbst besucht zu werden. So wie aber die Zeit vorrckte, fingen wir
an, den Winter zu frchten, den wir uns als diejenige Jahreszeit dachten, in
welcher die knftige Freiheit durch die drckendste Sklaverei erkauft werden
mte. Wohlmeinender, liebender und schuldloser konnten schwerlich zwei andere
Wesen seyn; allein dies alles rettete uns nicht vor der Langenweile, der
Krnkung und dem Argwohn. Mit unseren Eigenschaften muten wir das Schicksal
mancher anderer Weiber theilen, die nur deswegen verkannt werden, weil man ihre
Eigenthmlichkeit nicht zu begreifen vermag. Den Klang des Silbers kann man nur
durch Silber erforschen; und eben so bedarf es einer sympathetischen Seele, um
den wahren Gehalt eines edlen Gemths kennen zu lernen. Warlich nicht alle
Weiber sind lcherlich, die in die Regionen der Kunst und des Schnen streben.
Wie knnen sie es vermeiden, wenn ihre bescheidensten Ansprche auf die
Wirklichkeit unerfllt bleiben? Zuletzt will jede von uns, die nicht von der
Wiege an verdorben ist, nur ihren rechtmigen Theil an huslicher
Zufriedenheit; aber wenn auch dieser versagt wird, bleibt dann etwas anderes
brig, als das wirkliche Glck durch ein eingebildetes zu ersetzen? Manche, die
von einem bsen Dmon getrieben zu werden scheint, so lange sie disseits der
Schwelle ihres Hauses verweilt; manche Andere, welche nur in der schnen Kunst
lebt und alle ihre Nerven zerreisset, um als Schriftstellerin zu glnzen,
wrden, wenn sie an den rechten Mann gekommen wren, das baare Gegentheil von
dem geworden seyn, was sie jetzt sind. In der Begrnztheit der meisten Mnner
liegt fr Weiber, die nur einigermaen einer Entwickelung fhig sind, eine zur
Verzweiflung treibende Kraft. Das Weib will bewahren, was es instinktmig fr
sein Herrlichstes erkennt, die Weiblichkeit; aber durch die Einseitigkeit des
Mannes aus sich selbst heraus getrieben, schwrmt es umher, die verlorne Sttze
zu suchen, und findet es sie nicht in der Kunst, so mu es Ruhe in der
Zerstrung seines Wesens finden. So endigen die meisten.
    Unaufhaltbar nherte sich der Winter. Wir muten unser Paradies verlassen
und in die Hauptstadt zurckkehren. Die Verhltnisse am Hofe waren noch
dieselben; aber das Gemth der Erbprinzessin hatte durch den Aufenthalt auf dem
Lustschlosse eine Verwandlung erfahren, welche nicht ohne Folgen bleiben konnte.
So lange ihr Gemahl die einzige Sttze war, die es fr sie gab, mute sie sich
ihm, wenn gleich gegen ihren Willen und gegen alle ihre Neigungen, unaufhrlich
nhern; und da konnte es denn nicht fehlen, da sie zurckgestoen und einmal
ber das andere beleidigt wurde. Jetzt, wo sie in mir, oder vielmehr in ihrer
Liebe fr die schne Kunst, eine Sttze gefunden hatte, jetzt war ihr der Gemahl
so gleichgltig, als ob er gar nicht vorhanden gewesen wre. Der Erbprinz mochte
sich hierber nicht wenig wundern; aber selbst dann, wenn er ber diese
Verwandlung gar nicht nachdachte, mute es ihm sehr empfindlich seyn, da er in
seiner Gemahlin keinen Gegenstand des Hasses mehr hatte, whrend er eines
solchen fr seine anderweitigen Verhltnisse bedurfte. Immer ruhig, immer
gelassen und heiter, ohne irgend eine Spur von beleidigtem Stolze zu zeigen, und
ohne irgend einen Anspruch zu bilden, wodurch sie den Neigungen ihres Gemahls in
den Weg getreten wre, stellte sich die Erbprinzessin bestndig in den edelsten
Formen dar, eben so sehr ein Gegenstand der Verzweiflung fr denjenigen, der ihr
etwas anhaben wollte, als der liebenden Huldigung fr Alle, welche unbefangenen
Gemthes auf sie hinblickten. Dies mute zu neuen Entwickelungen fhren; ich sah
es vorher und zitterte vor dem Ausgange, aber ich begriff den ersten Anfang
nicht eher, als bis er gemacht war.
    Von den Eigenschaften seiner Schwiegertochter bezaubert, und, weil eben
diese Schwiegertochter mit allem Glanze der Gesundheit und Schnheit bisher
unfruchtbar geblieben war, nicht ohne Sorge fr seine Descendenz, wollte der
Herzog von den Ursachen belehrt seyn, welche den Erbprinzen und dessen Gemahlin
von einander entfernt hielten. Da fehlte es nun nicht an Personen, welche, sich
der Erbprinzessin annehmend, alle Schuld auf das Verhltni schoben, worin ihr
Gemahl noch immer mit seiner ersten Geliebten stand. Der Herzog war vor der
Vermhlung seines Sohnes von diesem Verhltnisse unterrichtet gewesen, hatte
sich aber gar nicht trumen lassen, da es noch immer fortdauerte. In Harnisch
gesetzt durch die Entdeckung, wozu man ihm verholfen hatte, hielt er es fr
seine Pflicht, diesem Unwesen auf dem Wege der Gewalt sogleich ein Ende zu
machen. Ohne also auf die Individualitt seines Sohnes die mindeste Rcksicht zu
nehmen, und ohne irgend eine von den Folgen, welche dieser Schritt nach sich
ziehen konnte, schrfer ins Auge zu fassen, ertheilte er Knall und Fall den
Befehl, da Frulein von M... nicht nur die Hauptstadt, sondern sogar seine
Staaten innerhalb vier und zwanzig Stunden rumen sollte. Ich wrde alles
aufgeboten haben, diesen Streich abzuwenden, wre ich davon unterrichtet
gewesen; allein er fiel so pltzlich, da er bereits vollendet war, als ich die
erste Nachricht davon bekam. Wie sehr ich auch wnschen mochte, da es fr die
Erbprinzessin eine wahre Ehe geben mchte, so sah ich doch sehr deutlich ein,
da die Gewalt sie nie herbeifhren werde. Mir war daher sehr bel zu Muthe, als
mich der Herzog einige Tage darauf zu sich berufen lie, und mir erklrte, da,
nachdem von seiner Seite alles geschehen sey, um ein gutes Verhltni zwischen
der Erbprinzessin und seinem Sohne zu begrnden, er nun auch von mir erwartete,
da ich das Meinige thun wrde, um die Sachen in das gehrige Geleis zu bringen.
So mute freilich der Herzog sprechen, der, weil er im Besitz der Gewalt war,
alles nur in dem Lichte der Pflicht betrachten konnte; allein so konnte
derjenige nicht sprechen, der das Wort zum Rthsel hatte und zu beurtheilen
verstand, welche Hindernisse in der Erbprinzessin zurckblieben, nachdem alle
Hindernisse in dem Erbprinzen aus dem Wege gerumt waren. Ich versicherte - und
gewi mit Wahrheit - da es nie an mir gelegen habe, den Erbprinzen in dem
Besitz seiner liebenswrdigen Gemahlin beglckt zu sehen; ich fgte aber
zugleich hinzu, da man es der Zeit berlassen msse, diejenige Vereinigung der
Gemther hervorzubringen, ohne welche eine Ehe nicht denkbar sey. Das sind
Chimren, erwiederte der Herzog. Was bedarf es hier der Zeit? Die
Erbprinzessin ist hbsch; mein Sohn ist nicht hlich. Daraus folgt, da sich
beide lieben knnen. Ich bin zufrieden, wenn ich vor meinem Tode einen wackern
Enkel habe. Gegen eine solche Sprache lt sich nie etwas einwenden, und ohne
dem Herzog noch irgend eine Bemerkung zu machen, welche seine Logik
kompromittirt htte, entfernte ich mich mit dem Versprechen, da ich fr die
Erfllung seiner Wnsche alles thun wrde, was in meinen Krften stnde.
    Die Erbprinzessin war gegen die Maaregel ihres Schwiegervaters so
gleichgltig geblieben, als ob sie tausend Meilen von ihr entfernt genommen
worden wre. Das Einzige, was sie dabei zu befrchten schien, war, da der
Prinz, der gewaltsamen Richtung folgend, welche sein Vater ihm gegeben hatte,
sich ihr wieder nhern knnte. Sie war weit davon entfernt, ihn zu hassen;
allein sie war eben so weit davon entfernt, ihn zu lieben. So theuer waren ihr
seit Jahr und Tag ihre Beschftigungen geworden, da sie keinen anderen Wunsch
hatte, als sich selbst berlassen, d.h. ganz ungestrt zu bleiben. Ich, meiner
Seits, stand als die Urheberin dieser Vorliebe fr das Schne da, die sich ihrem
ganzen Wesen so tief eingefugt hatte. Nie hatte ich eine andere Absicht gehabt,
als ihr einen temporren Ersatz fr das zu geben, was sie entbehren mute. Wenn
das, wobei ich immer nur an ein pis aller gedacht hatte, vermge der
Vortrefflichkeit ihrer Anlagen, etwas ganz Anderes geworden war - wer konnte die
Schuld tragen, wenn sie nicht von eben diesen Anlagen bernommen wurde? Wie
achtungswerth, ja wie liebenswrdig sogar, die innere Nothwendigkeit seyn
mochte, worin die Prinzessin meinen Blicken erschien; so konnte ich mir doch
nicht verhehlen, da diese Nothwendigkeit eben so eisern sey, als jede andere.
Denn wie die Ideale, in welchen sie lebte und webte, wieder aus ihr verdrngen?
So lange sie in ihrem bisherigen Geleise blieb, war fr die Wnsche des Herzogs
nichts von ihr zu hoffen. Es wrde mir nichts gekostet haben, mein eigenes Werk
in ihr zu zerstren, weil ich wohl einsah, da es zerstrt werden mute, wenn
die Prinzessin wieder in ihr emporkommen sollte; allein wie diese Zerstrung
einleiten? Ich verzweifelte, so oft ich hierber nachdachte; ich verzweifelte um
so mehr, weil ich mich selbst genug kannte, um das Nothwendige in mir in einigen
Anschlag zu bringen.
    Da aber von meiner Seite irgend Etwas geschehen mute, so glaubte ich nicht
besser zum Ziele kommen zu knnen, als wenn ich mich mit dem Kammerherrn des
Erbprinzen zur Wiedervereinigung der beiden frstlichen Personen verbnde. Ich
ging von der Voraussetzung aus, da er, als ein Mann von Verstand, vor allen
Anderen mich verstehen msse, so bald ich ihm ber das Wesen der Prinzessin die
Aufschlsse gbe, die Niemand geahnet hatte. Ehe aber diese Aufschlsse
erfolgten, sondirte ich ihn ber die Gesinnungen des Erbprinzen in Beziehung auf
dessen Gemahlin. Was ich erfuhr, entsprach meinen Wnschen und bertraf alle
meine Erwartungen; denn der Kammerherr sagte mir geradezu, da der Erbprinz
durch die Maaregel seines Vaters zwar politisch beleidigt, aber nicht
menschlich gekrnkt worden sey, da er es schon seit lngerer Zeit darauf
angelegt habe, sich aus der Klemme zu ziehen, worin er sich bisher befunden. Er
fgte hinzu, der Erbprinz wrde schon seit mehreren Monaten zu seiner Gemahlin
zurckgekehrt seyn, htte diese ihn nicht eine niederschlagende Gleichgltigkeit
blicken lassen, wodurch sein Stolz nothwendig htte geweckt werden mssen. Ich
rckte hierauf mit meinen Aufschlssen ber das Wesen der Erbprinzessin hervor.
Der Kammerherr sah mich bei dieser Analyse mit so groen Augen an, als ob von
den sieben Wundern der Welt die Rede gewesen wre. Unstreitig verstand er mich
nicht, ob er sich gleich das Ansehn gab, als htte er dies lngst vermuthet.
Indem nun, fuhr ich fort, die Krfte so einander entgegen wirken, begreifen
Sie sehr leicht, da unser Plan, in so weit er auf Vereinigung des Erbprinzen
mit seiner Gemahlin abzweckt, nur auf einem einzigen Wege durchgetrieben werden
kann. Alles ist verloren, wofern die Individualitt beider gleich sehr
respektirt wird. Von dem, was die Pflicht gebietet, kann hier gar nicht die Rede
seyn; denn hat sie nicht immer geboten und ist sie nicht immer unter die Fe
getreten worden? Sie mssen von der Voraussetzung ausgehen, da die Neigungen
Ihres Herrn die Erbprinzessin in die Form hineingedrngt haben, worin sie jetzt
erscheint, und alles aufbieten, was in Ihren Krften steht, den Erbprinzen so zu
stimmen, da er keine unzeitigen Ansprche an die Gemahlin macht, die das Weib
in ihr verwerfen mu. Meine Sache wird es seyn, die Erbprinzessin aus dem
geistigen Schwerpunkt, in welchem sie versunken ist, wieder heraus zu heben und
den Engel in ihr von neuem zu verkrpern. Gemeinschaftlich mssen wir dahin
arbeiten, den Erbprinzen in eine Achtung zu setzen, die er bis jetzt noch nicht
gefunden hat. Da ich mich nie ber ihn erklrt habe, so kann ich, ohne mich mit
mir selbst in Widerspruch zu bringen, alles Gute von ihm sagen. Sorgen Sie ihrer
Seits dafr, da es mir dazu nicht an Veranlassung fehle. Wir Weiber achten an
den Mnnern nichts so sehr, als die staatsbrgerlichen Tugenden, und ich stehe
Ihnen dafr, da ich die Prinzessin in den Prinzen verliebt mache, so bald
dieser aufhrt, seine Bestimmung nur von Seiten der Gensse zu schtzen, welche
damit verbunden sind. ber kurz oder lang tritt er an die Stelle seines Vaters;
bewegen Sie ihn doch, sich dazu in jeder Hinsicht vorzubereiten. Ganz neue
Gefhle mssen in der Erbprinzessin erwachen, wenn sie, welche nie abfiel,
sondern nur verdrngt wurde, wieder an den Gemahl angezogen werden soll.
    Entwrfe dieser Art knnen nur dann gelingen, wenn sie zwischen einer
Palatine und einem Kardinal von Retz verabredet werden. Ich sage wohl nicht zu
viel, wenn ich behaupte, da der veredelte Geist der Palatine auf mir ruhete,
als ich diese Vorschlge that; aber der Kammerherr war weit davon entfernt, ein
Kardinal von Retz zu seyn. Es war seine Legalitt, was ihn unfhig machte, mit
mir vereinigt zu wirken. Gegen den Zweck hatte er nichts einzuwenden; eben so
wenig konnte er die Mittel mibilligen; die Moralitt unseres Entwurfs war ber
allen Zweifel erhaben. Aber woher den Muth nehmen, seinem Herrn eine Richtung zu
geben! Dies war die Klippe, an welcher alles scheitern mute; und ich gestehe,
da, wenn ich diese Klippe geahnet htte, ich meinen ganzen Entwurf fr mich
behalten haben wrde. Der groe, wenn gleich sehr verzeihliche, Fehler, den ich
beging, bestand darin, da ich Verstand und Genie verwechselte. Ich glaubte an
dem Kammerherrn einen tchtigen Gehlfen gefunden zu haben, weil er ein Mann von
Verstand war; aber ich bedurfte eines Mannes von Genie, und davon war, genau
genommen, keine Spur in dem Kammerherrn. Mochte er noch so sehr versichern, da
er mich vollkommen verstanden habe; er konnte meine Idee nur verderben.
    Da meine Operationen von denen des Kammerherrn abhingen; so war ich auf
nichts so aufmerksam, als auf das Betragen des Prinzen gegen seine Gemahlin.
Gewisse Modifikationen in demselben zeigten mir an, da eine Unterredung statt
gefunden haben msse; aber diese Modifikationen hatten noch keinen so bestimmten
Charakter, da ich mit Sicherheit auf den Gehalt der Unterredung zurckschlieen
konnte. Mir schlug das Herz vor Ungeduld; in mehreren Billets zeigte ich dem
Kammerherrn an, da keine Zeit zu verlieren sey. Dieser mochte seiner Seits den
besten Willen von der Welt haben; da er aber seiner Einsicht unterlag, so konnte
er sein Geschft nur verderben. Unfhig, einen solchen Charakter, wie der der
Prinzessin nun einmal war, zur Anschauung zu erheben, und sich unstreitig
einbildend, da das, was wir erreichen wollten, sich auf mehr als einem Wege
erreichen lasse, gab er seinem Herrn lauter solche Anschlge, da dieser sich in
der Achtung der Prinzessin noch weiter zurcksetzen mute. Soll ich das Betragen
des Prinzen mit Einem Worte charakterisiren, so mu ich sagen, da es ein
galantes war. Was in aller Welt konnte aber die Prinzessin mehr empren, als
dieses Gemisch von Ehrerbietung und Verachtung, zusammengehalten durch Heuchelei
und Niedertrchtigkeit? Sie htte zu den allergemeinsten Naturen gehren mssen,
wenn ihr der Prinz auf diesem Wege achtungswerth geworden wre. Auch fhlte sie
sich tief verwundet; und ob sie gleich kein Wort fallen lie, wodurch sie ihren
inneren Zustand offenbaret htte, so zeigte doch eine gewisse unbeschreibliche
Traurigkeit, wie heftig der Schmerz war, der ihr Innerstes durchwhlte. Es lag
am Tage, da der Kammerherr sich nicht hatte von der Idee losreissen knnen, die
er von der Gebrechlichkeit des weiblichen Geschlechts hatte; und wollen wir ihm
hier Vorwrfe darber machen, da er in dieser Hinsicht auf Einer Linie mit den
meisten Mnnern stand, welche nie begreifen knnen, wie es auer ihrer Realitt
noch eine andere geben knne?
    Es versteht sich von selbst, da ich neutralisirt war, so bald die Sache
diese Wendung genommen hatte; denn ich hatte mich nur zur Nachhlfe anheischig
gemacht, und diese konnte nicht statt finden, so bald das ganze Werk verdorben
war. Dies war indessen etwas, wovon sich der Kammerherr nicht berzeugen konnte.
Da er sich einem so schwierigen Geschfte einmal unterzogen hatte, so wollte er
dies auch mit Verstand gethan haben. Hierber fand kein Capituliren mit ihm
statt; und weil ich ungern zankte, so blieb ich weit davon entfernt, ihm auch
den glimpflichsten Vorwurf zu machen. Er selbst trat mit Vorwrfen hervor, so
bald er sah, da die Sache, anstatt von der Stelle zu rcken, nur
schwerkrftiger und schlimmer wurde. Mir war hierbei sehr bel zu Muthe; denn
ich sah sehr deutlich ein, da ich mich in die fatalste Lage von der Welt
gesetzt hatte. Es konnte nmlich nicht fehlen, da ein Ungewitter von Gemeinheit
ber meinem Haupte losbrach, sobald die von mir zuerst entworfene
Wiedervereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin nicht wirklich erfolgte.
Was blieb mir aber, wenn dies durchaus geschehen mute, anderes brig, als
entweder meinem Gehlfen den Proze machen, oder meinem ganzen Wesen zu entsagen
und der Prinzessin eine Gemeinheit aufdringen, die mir selbst fremd war, und die
sie ewig verabscheuen mute? Zu beidem war ich gleich unfhig; ich konnte daher
nur die Hnde in den Schoo legen, und den Donner, der mich vernichten sollte,
voll Ergebung erwarten. In der That, mein Geschlecht ist in jeder Hinsicht sehr
bel daran. Werden die Plane eines Biedermannes vereitelt, so darf er sich
deshalb rechtfertigen, und je krftiger er die Wahrheit sagt, desto mehr ehrt
man seine Tugend. Ein edles Weib hingegen kann die allertriftigsten Grnde der
Rechtfertigung haben; sie darf davon immer nur innerhalb der Schranken der
Weiblichkeit Gebrauch machen, wenn sie nicht alles verlieren will. Wie viele
weibliche Thrnen wrden unvergossen bleiben, wenn dem weiblichen Geschlecht die
Sprache des Gemths gestattet wre!
    Was ich mit so viel Bestimmtheit vorhergesehen hatte, blieb nicht lange aus.
Die ganze Schuld des Milingens fiel auf mich zurck, ob ich gleich nicht dahin
gelangt war, auch nur einen Finger in der Sache selbst in Bewegung setzen zu
knnen. Es kam nur noch darauf an, sich das Wie zu erklren. Man erschpfte sich
in Vermuthungen ber die Natur meines Verhltnisses mit der Prinzessin; und da
es unmglich war, das Wort zum Rthsel zu finden, so machte man es wie immer:
das Heiligste wurde bis zur Scheulichkeit entheiligt. Man sprach ganz laut von
Lastern, die uns selbst dem Namen nach unbekannt waren. Und welche
Bewegungsgrnde legte man mir unter! Nach Einigen hatte ich es darauf angelegt,
die Mtresse des Prinzen zu werden; nach dem Urtheil Anderer war ich damit
umgegangen, den Kammerherrn zu erobern, um, nach dem Tode des Herzogs,
gemeinschaftlich mit ihm das Land zu regieren. Ein Paar Familien, welche seit
hundert und funfzig Jahren im Besitz groer Vorrechte waren, und sich steif und
fest einbildeten, da von der Behauptung dieser Vorrechte nicht nur die
Wohlfahrt des Herzogthums, sondern auch die des ganzen heiligen rmischen Reichs
abhange, nannten mich eine Verderberin der guten Sitten, weil ich eine Fremde
war und meine Gesellschaftsdamen-Stelle nicht ihrer Gromuth verdankte. Der Herr
Hofcapellan, auf dessen Intriguen ich nicht hatte eingehen wollen, vereinigte
sich mit den brigen, und erffnete den frmlichsten Kreuzzug gegen mich, indem
er ber den Text predigte: Es ist besser, da Einer umkomme, denn da das ganze
Volk verdorben werde. Rache, Neid und Bosheit liehen der Verleumdung ihre
Waffen, um mich zu Grunde zu richten, und nie wirkte eine Verschwrung, in
welcher nichts verabredet war, conzentrirter. Htte man wenigstens die
Erbprinzessin verschont! Doch um mich zu strzen, glaubte man die ganze Hlle in
Bewegung setzen zu mssen.
    Verworren und dumpf hallten zu der Prinzessin und zu mir die Gerchte
herber, die man auf unsere Kosten verbreitete. Was sollte, was mute geschehen,
um das Ungewitter abzuleiten? Ich gestehe, da es Augenblicke gab, in welchen
ich mich zermalmt fhlte; aber diese Augenblicke gingen um so schneller vorber,
weil meine Liebe fr die Prinzessin immer die Oberhand behielt. Noch hatte sie
kein Wort von dem Entwurf erfahren, welcher zwischen dem Kammerherrn und mir zu
ihrer Wiedervereinigung mit dem Erbprinzen war verabredet worden. Ich hielt es
fr meine Pflicht, sie gegenwrtig damit bekannt zu machen, weil in diesem
Entwurfe alle die Unflle eingewickelt lagen, die seitdem ber uns
zusammengeschlagen hatten. Sie lchelte, als meine Erzhlung geendigt war. Mein
Wille war rein, fuhr ich fort; meine Absicht edel; meine Mittel auf die
herrliche Natur meiner Freundin berechnet. Dies ist es nicht, erwiederte die
Prinzessin, was mir ein Lcheln abdringt; ich lchle nur darber, da meine
Mirabella auch nur einen Augenblick an die Besieglichkeit der Gemeinheit glauben
konnte. Doch was geschehen ist, lt sich nicht ndern, fuhr sie fort; und die
Hauptsache ist und bleibt, welche Maaregeln wir ergreifen mssen, um aus diesem
Kerker ins Freie zu kommen? Was meinen Sie?
    Ich sah es der Prinzessin an, da sie groe Lust hatte, mein Geschick zu
theilen; allein dies war etwas, das ich aus allen Krften, wenigstens fr den
Augenblick, abwenden mute. Ich sagte ihr also: Ich nhme mit Freuden die ganze
Schuld auf mich, und wrde mich darber an Ort und Stelle schon zu verantworten
wissen. Da man es nur auf meine Entfernung anlegte, so wollte ich auch die
Einzige seyn, welche das Terrain rumte, ein noch grerer Triumph wre zu viel
Ehre fr diese erbrmlichen Seelen. Der Besiegte htte in den Augen der Welt
immer Unrecht, und darum msse die Prinzessin nicht als besiegt erscheinen. Ich
gbe zu, da ihr der Aufenthalt an diesem Hofe unertrglich seyn wrde, so bald
ich mich entfernt htte; allein es kme auch nur darauf an, einen besseren
Vorwand zu finden, und dieser wrde nicht zu theuer erkauft, wenn die peinliche
Lage der Prinzessin noch einige Monate fortdauerte. Am Ende htte sie es doch
immer in ihrer Gewalt, mit gebietender Herrlichkeit hervorzutreten, so bald sie
es fr gut befnde; denn all dies Volk, das sie in dem gegenwrtigen Augenblick
um meinetwillen verunglimpfe, wrde sie anbeten, so bald sie es verlangte. Ob
Egoismus, oder Liebe fr meine Freundin, fuhr ich fort, meine Schritte leitet,
darber kann wohl kein Zweifel statt finden. Alles, was ich vernnftiger Weise
bezwecken kann, ist: Rettung derjenigen, die ich gegen alle meine Absichten
unglcklich gemacht habe. Ich will bleiben, so bald Sie mir beweisen knnen, da
mein Bleiben sicherer zum Ziele fhrt. Allein davon werd' ich mich nie
berzeugen; denn der Kampf, in welchen wir gerathen sind, ist von einer so
seltsamen Beschaffenheit, da wir, selbst mit dem hchsten Muthe, die Flucht
ergreifen mssen, wenn wir uns nicht fr immer besudeln wollen. Sagen Sie
selbst, meine Freundin, wodurch wollen wir die Gerchte niederschlagen, die man
gegen uns in Gang gebracht hat? Der bloe Versuch wrde uns brandmarken. In uns
beiden ist so Vieles enthalten, was sich durchaus nicht vor Gericht stellen
lt; und wer wrden unsere Richter seyn, wenn wir es auch in unserer Gewalt
htten, unsere Gegner zu fassen? Das Leben gilt mir alles in Beziehung auf Sie;
aber eben deshalb mchte ich nicht vor der Zeit untergehen. Hier knnen wir uns
nur durch das Gefhl unserer Ohnmacht vernichten. Hab' ich mich aber einmal aus
dem Strudel gerettet, der uns in seinen Abgrund zu ziehen droht, so bekomm' ich
meine ganze Freiheit wieder; und meine Energie wird um so grer seyn, je
ehrwrdiger mir das Ziel ist, das ich verfolge. Erlauben Sie mir, zu Ihren
Eltern zurck zu reisen, um diesen die nthigen Aufschlsse ber Ihre Lage zu
geben.
    Die Prinzessin empfand, da ich Recht hatte. Es war nun nur noch davon die
Rede, wie meine Entfernung einzuleiten sey. Ich habe, sagte ich, nur von
Ihnen abgehangen, und kann daher meinen Abschied nur aus Ihren Hnden erhalten.
Die Prinzessin setzte sich sogleich nieder, um dem Herzog und ihrem Gemahl zu
melden, da sie fr gut befunden habe, mich zu entlassen, nachdem ich selbst
darauf angetragen. Unter stummen Umarmungen schieden wir von einander, nicht
ohne Thrnen, diesen ewigen Symbolen der Ohnmacht. Mein Reisekoffer war bald
gepackt, und nach zwei Stunden befand ich mich auf dem Wege nach W..., freier
athmend, mit tausend Entwrfen fr die Zukunft beschftigt, das Bild der
geliebten Prinzessin immer vor Augen habend.
    Ich kam wohlbehalten an. Mit meinem Berichte fand ich Eingang, so weit die
elterlichen Gefhle reichten; da diese aber bei frstlichen Personen durch
politische Verhltnisse in sehr engen Schranken gehalten werden, so war das
letzte Resultat meiner gromthigen Unternehmung, da man das Schicksal einer
geliebten Tochter beklagte, und es ihrem Verstande berlie, die Gewalt
desselben zu brechen. Vergeblich sagte ich, da dies nur dadurch geschehen
knne, da die Prinzessin zur Gemeinheit herabsnke. Die einzige Antwort, die
ich hierauf erhielt, war: da man sich nach seiner Umgebung bequemen msse.
Unstreitig bedachten diejenigen, die mir diese Antwort gaben, nicht, wie
abscheulich sie war; ich aber mute fortan den Muth verlieren, mich noch einmal
zu verwenden. Zwar blieb ich in der Nhe des Hofes, und so oft ich an demselben
erschien, wurde ich auf eine Art empfangen, welche sehr deutlich anzeigte, da
man mich um der Ideale willen ehrte, die aus mir sprachen; allein, da alle
Berhrungspunkte, in welchen ich ehemals gestanden hatte, wegfielen, so
beschlich mich die Langeweile, und um dieser zu entrinnen, gab es keinen
besseren Ausweg, als die Einsamkeit. Mit der Prinzessin blieb ich in Verbindung.
Posttglich empfing ich Briefe von ihr, worin sie mich mit den Begebenheiten des
...schen Hofes bekannt machte; posttglich antwortete ich ihr, und jeder meiner
Briefe enthielt irgend eine Aufforderung, ihren Charakter zu behaupten. Denn ich
konnte mich durchaus nicht von der Idee losreissen, da ein menschliches
Geschpf alles preisgiebt, wenn es dem Heiligsten entsagt, das in ihm ist. ber
diesen Punkt war ich mit mir selbst vollkommen im Reinen; und wenn nur diese
Denkungsart eine mnnliche genannt werden kann, so ist es die meinige nicht blos
gewesen, sondern auch immer geblieben.
    Geschahe es, um meine Einsamkeit aufzuheitern, oder liebenden Gefhlen einen
unmittelbaren Gegenstand zu verschaffen, da ich mich um diese Zeit eines von
seinen Eltern verlassenen liebenswrdigen Kindes annahm? Vielleicht war noch
etwas Hheres dabei im Spiele. Der Mensch hrt nicht auf, die Unschuld zu
lieben, welche im Fortgange seiner Entwickelung so nothwendig als
unwiderbringlich verloren geht. Nun hatte ich zwar die meinige bisher bewahrt;
allein je theurer sie mir zu stehen kam, desto mehr wnschte ich, recht viel an
ihr zu besitzen. Sie mir nach ihrem ganzen Werthe zu vergegenwrtigen, gab es
unstreitig kein besseres Mittel, als die symbolische Reprsentation derselben in
einem Kinde. Ich mte mich sehr irren, oder es ist nichts als verlorne
Unschuld, was so viele Menschen so allmchtig zu Kindern hinzieht; in diesen
wollen sie wiederfinden, was fr sie selbst nicht mehr vorhanden ist; in diesen
wollen sie sich die Mglichkeit einer vom gesellschaftlichen Leben unbefleckten
und selbst in ihrer hchsten Entwickelung schuldlos gebliebenen Seele denken. So
etwas wirkte freilich nicht in mir; aber, ohne den ersten Anflug davon, wrd'
ich schwerlich dahin gekommen seyn, mich mit einem Wesen zu verbinden, das in
jeder Hinsicht ein Kind war. Von Ideen der Ntzlichkeit wurde ich durchaus nicht
geleitet; das Ntzliche ordnete sich in mir dem Schnen ganz von selbst unter.
Um brigens mein Wesen auf meinen Liebling zu bertragen, erzog ich ihn nach
eben den Maximen, welche meiner eigenen Erziehung zum Grunde gelegen hatten. Vor
allen Dingen flte ich ihm die Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung ein.
berhaupt dachte ich mir den Krper immer als den Abglanz der Seele; und so wie
ich selbst von dem Bedrfni der physischen Sauberkeit zu dem einer
metaphysischen aufgestiegen war, so sollte dies auch bei meinem Zgling der Fall
werden. Dies ist mir auch ganz nach Wunsch gelungen, und htte das Schicksal
nicht gewollt, da meine Luise vor mir hinsterben sollte, so knnt' ich auf die
Frau des Professors D... als auf ein Muster aller weiblichen Tugenden hinweisen,
diejenigen gar nicht ausgenommen, die zu ben ich selbst nie Gelegenheit gehabt
habe. Ich kann von meinem edukatorischen Verdienste jetzt nicht ausfhrlicher
sprechen, wenn ich meine eigene Entwickelungsgeschichte nicht allzuweit aus den
Augen verlieren soll.
    Whrend ich mich in Luisen - so hie mein Zgling - zum zweitenmale erzog,
und, weil ich mir selbst lebte, auf keine Weise in der Stimmung gestrt wurde,
die mich zur Harmonie mit der ganzen Welt fhrte, gerieth die Erbprinzessin aus
einer milichen Lage in die andere. Von ihren frstlichen Eltern verlassen,
jeder anderen Sttze beraubt, den Intriguen des ...schen Hofes blosgestellt,
und, weil sie berall dieselbe Gemeinheit fand, zuletzt an sich selbst
verzweifelnd, schwankte sie so lange hin und her, bis sie sich zu einer
Ausshnung mit ihrem Gemahle entschlo. Von welcher Art diese Ausshnung war,
ist leicht zu errathen; zwei so ungleiche Naturen knnen nie zu einem
dauerhaften Einverstndni zusammenschmelzen, nie diejenige Einheit bilden, ohne
welche die Ehe nur ein leerer Schall ist. Immer war indessen die Parthie, welche
die Prinzessin genommen hatte, die beste, die sie den Umstnden nach nehmen
konnte; denn so lange sie auf ihrem Eigensinn beharrte, mute sie den Hof in
einer verderblichen Ghrung erhalten, nicht zu gedenken, da der Erbprinz von
allen Personen ihrer Umgebung zuletzt noch die zuverlssigste und edelste war.
Die Prinzessin trug einiges Bedenken, mich in diesem Schritte preiszugeben;
allein ich selbst hob alle die Gewissensskrupel, welche sie sich hierber
machte. In der That, was konnte es mir, nachdem ich mein Schicksal einmal von
dem der Prinzessin getrennt hatte, noch verschlagen, da man mich am ...schen
Hofe eine Furie nannte, welche sich zwischen dem Erbprinzen und dessen Gemahlin
in die Mitte gestellt und den Frieden des Hofes gestrt htte? Ich kannte nach
gerade die Welt allzugut, um nicht zu wissen, da es den wenigsten Sterblichen
verliehen ist, den Kern von der Schaale, das Wesen von den Formen desselben zu
unterscheiden. Wie man sich auch ber mich erklren mag, schrieb ich der
Prinzessin, so ersuche ich Sie, keine Notiz davon zu nehmen. Mich treffen diese
Urtheile nicht; und eben deswegen drfen sie Ew. Durchlaucht nicht berhren. Die
Hauptsache ist und bleibt, da die ewigen Oscillationen des Hofes zum Stillstand
gebracht werden; und wenn dies durch Aufopferung meiner Renomme zu Stande
gebracht werden kann, so bin ich damit sehr zufrieden; ich schtze mich sogar
glcklich, da ich mich in Gedanken an die nicht unbedeutende Anzahl der
besseren Menschen anschlieen kann, die man fr Verbrecher oder Wahnsinnige
hielt, weil man sie durchaus nicht verstand. brigens bin ich unbesorgt fr
meine Freundin und Beschtzerin. Wie auch ihre Umgebung sey, sie wird den
Idealen nicht ungetreu werden, die sie bisher zwar gemartert, aber auch hoch
beglckt haben; und denke ich mir vollends, da ihr im Verlaufe der Zeit die
Verwandlung ihres Gemahls gelingen werde, so mchte ich die Stunde segnen, wo
ich mich freiwillig aus ihrer beglckenden Gegenwart verbannete, um ihr ein
besseres Geschick vorzubereiten. Es ist hchst selten der Fall, da die Dinge
gerade die Wendung nehmen, die wir ihnen geben mchten; aber dafr nehmen sie
oft eine weit glnzendere.
    Dieser Schlu meines Briefes drckte mehr meine Wnsche als meine Hoffnungen
aus. Wie htte ich auch das Mindeste hoffen knnen, da sich nicht begreifen
lie, wie eine solche Verwandlung des Erbprinzen zu Stande kommen knnte? Hat
sich das Zarte einmal in eine Verbindung mit dem Starken eingelassen, so mu es
sich auch darauf gefat machen, in ihm unterzugehen. Ich konnte nicht an die
Prinzessin zurckdenken, ohne mich der unglcklichen Johanna von Castilien zu
erinnern, welche, mit dem Erzherzog Philipp vermhlt, so lange mit der Strke
ihres Gemahls rang, bis alle ihre Nerven rissen. Der unbesiegliche Theil des
Erbprinzen war jene Heftigkeit, vermge welcher erschtternde Sensationen ihm
allein lieb und werth waren. Er konnte der Mann, aber nie der Gemahl der
Prinzessin werden; denn um das letztere zu werden, htte er sie begreifen und
verstehen lernen mssen, wozu auch nicht die mindeste Anlage in ihm war, ob man
gleich nicht mit Wahrheit behaupten konnte, da es ihm an gesundem Verstande und
an einem gewissen Adel in den Gesinnungen fehle. Auf jeden Fall mute die
krperliche Schnheit der Prinzessin fr dies Verhltni das Beste thun, und die
Sinnlichkeit des Erbprinzen die Vermittlerin einer Harmonie werden, die, wie
lange sie auch dauern mochte, ihre Dauer nie ber die den krperlichen Reizen
von der Hand der Natur selbst gesetzten Schranken hinaus erstrecken konnte. Auch
qulte mich in Beziehung auf die Prinzessin nichts so sehr, als der Gedanke an
ein trostloses Alter, und mit Schaudern dachte ich an ihre Schwiegermutter
zurck, die, bei einem weit geringeren Grad von hellen Gedanken und bestimmten
Empfindungen, so nahmenlos unglcklich geworden war, da man ihr Schicksal
verabscheuen mute.
    Noch war seit unserer Trennung kein Jahr verstrichen, als mir die Prinzessin
meldete, da sie sich schwanger fhle. Wie viel Mhe es ihr auch gekostet haben
mochte, die mit diesem Gestndni fr sie verbundene Schaamrthe zu berwinden,
so durchblitzte mich doch bei dieser Nachricht ich wei selbst nicht welche
Ahnung eines besseren Geschickes fr meine Freundin. Nicht als htte ich
knftige Mutterfreuden in einen hohen Anschlag gebracht; wie htte ich dies thun
knnen, da ich aus Erfahrung wute, da die Kinder frstlicher Personen nur
einen politischen Werth haben, und eben deswegen als Unterpfnder gegenseitiger
Liebe wenig oder gar nicht auf ihre Eltern zurckwirken? Sondern weil ich mir
sagte, da der Zweck der ursprnglichen Verbindung meiner Freundin mit dem
Erbprinzen jetzt erfllt wrde, und da sich von dieser Erfllung ein hheres
Maa von Freiheit fr die vom Schicksal Verfolgte erwarten liee. Meine Ahnung
war, wie die Folge zeigen wird, sehr richtig; was mir aber fr den Augenblick
die hchste Genugthuung gewhrte, war: da der ganze ...sche Hof, von dem ersten
Augenblick der erklrten Schwangerschaft der Erbprinzessin an, um meine Freundin
Kreis schlo, da der alte Herzog auer sich war vor Freuden, seinen letzten
Wunsch in Erfllung gehen zu sehen, da selbst die Herzogin zu einem neuen Leben
erwachte, als sie die erfahrne Rathgeberin machen konnte. Dazu kam noch, da,
auer den Jagdparthien, welchen die Erbprinzessin gegen alle ihre Neigungen
hatte beiwohnen mssen, noch alle brigen geruschvollen und heftigen
Zeitvertreibe eingestellt wurden, welche ihren gegenwrtigen Zustand gefhrlich
machen konnten. Der ganze Hof wurde durch die Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten, in eine Stimmung gebracht, welche dem ruhigen, von keinen
Leidenschaften zersetzten Gemth meiner Freundin entsprach; und unaussprechlich
war die Freude, als sie, nach Ablauf der gewhnlichen Zeit, von einem so starken
als schnen Prinzen gena. Sie selbst meldete mir, wenig Tage nach ihrer
Niederkunft, ihre Entbindung, und forderte mich auf, gegenwrtig zu ihr
zurckzukehren, weil sie es in ihrer Gewalt habe, mich vor allen Verfolgungen zu
sichern. Htte ich dem Zuge des Instinkts folgen wollen, der mich unablssig zu
meiner Freundin hintrieb; so htte ich, wie lieb mir auch meine Einsamkeit
geworden war, keinen Augenblick verlieren drfen, mich auf den Weg zu machen.
Allein ich zog in Betrachtung, da die temporelle Ergebenheit des Hofes gegen
die Erbprinzessin, wie gro sie auch seyn mchte, keine wesentliche Vernderung
in seinen Ideen und Tendenzen hervorgebracht haben knnte; und, wie wenig ich
auch mein eigenes Selbst in Anschlag bringen mochte, so blieb es noch immer
problematisch, ob meine Wiedererscheinung nicht das Gegentheil von dem wirken
wrde, was die Erbprinzessin sich davon versprach. In diesem Sinne schrieb ich
meine Entschuldigungen nieder; und um der Prinzessin, welche nicht aufhrte,
sich nach mir zurck zu sehnen, nicht auf einmal alle Hoffnung zu rauben,
versprach ich zu kommen, so bald der Erbprinz seinem Vater in der Regierung
gefolgt seyn wrde.
    Dieser Zeitpunkt stellte sich weit frher ein, als ich es geglaubt hatte;
denn der alte Herzog starb wenige Monate darauf. Da die Prinzessin mich an mein
Versprechen erinnerte, so machte ich mich auf den Weg, so bald ihr Gemahl mich
in einem eigenhndigen Schreiben dazu aufgefordert hatte. Ich kam frh genug an
Ort und Stelle, um den Festlichkeiten der Succession beizuwohnen. Die junge
Herzogin empfing mich mit all dem Enthusiasmus, welcher ihrer schnen Seele
eigen war; aber eben dieser Enthusiasmus sagte mir auch, da hier alles noch
beim Alten sey; denn die Wiedererscheinung der Freundin mute minderen Eindruck
machen, wenn zwischen Gemahl und Gemahlin eine wirkliche Harmonie statt fand.
Ich sollte mich auf der Stelle entschlieen, den Posten einer Oberhofmeisterin
bei der jungen Herzogin anzunehmen; allein wie htte ich dies gekonnt, ohne dem
warnenden Genius entgegen zu streben, der mir zuflsterte, da hier kein
Gedeihen fr mich sey? Im Grunde war ich nur gekommen, das Terrain zu
rekognosziren. Ich bat also, da man mir Zeit lassen mchte; und ich that wohl
daran, mich nicht zu bereilen. Der Geist des Hofes war durchaus derselbe. Kaum
war es bekannt geworden, da ich bestimmt sey, Oberhofmeisterin zu werden, als
jene Paar Familien, von welchen oben die Rede gewesen ist, alles aufboten, um
mich zu krnken und wieder zu entfernen. Ich war aufrichtig genug, darber mit
der Herzogin zu sprechen. Sie zog die Schultern, und eine Thrne des
ohnmchtigen Unwillens drang aus ihren schnen Augen.
    Sie haben Recht, Mirabella, sagte sie, hier kein Gedeihen zu erwarten;
und knnten Sie noch in meiner Achtung gewinnen, so wrde es durch die Entsagung
geschehen, womit Sie in Beziehung auf sich selbst zu Werke gehen, indem Sie die
Stelle der Ersten Dame von sich ablehnen. Ich mu es ganz Ihrem Gutbefinden
berlassen, ob Sie bei mir bleiben wollen oder nicht. Welche Parthie Sie aber
auch ergreifen mgen, nie werd' ich an Ihnen irre werden, so lange noch etwas in
mir ist, wodurch ich das Edle von dem Gemeinen, das Schne von dem Hlichen zu
unterscheiden im Stande bin. Ich habe, um alles mit einem Worte zu sagen, weder
das Recht, Sie unglcklich zu machen, noch die Befugni, von Ihnen zu verlangen,
da Sie mich durch engeres Anschlieen an meine Person noch unglcklicher machen
sollen, als ich gegenwrtig bin; denn dies ist es doch zuletzt, was Sie allein
vermeiden wollen.
    Es giebt, behaupte ich, kein angenehmeres Gefhl, als sich in einer
gromthigen Idee errathen zu sehen. Und wren mir, whrend meines kurzen
Aufenthalts am ...schen Hofe, die grten Beleidigungen widerfahren; so wrd'
ich sie in diesem Augenblick vergessen haben. Ich kte die Hand der Herzogin
voll stummer Wehmuth, whrend sie mit einem Blick, aus welchem etwas Gttliches
strahlte, mich ihre ewig theure Mirabella nannte.
    Um mir meinen Aufenthalt in der Nhe eines so herrlichen Wesens nicht
unnthig zu verbittern, sorgte ich dafr, da es noch an demselben Tage bekannt
wurde, da ich die Stelle einer Oberhofmeisterin abgelehnt htte. Die Wirkungen
dieser Nachricht zeigten sich bald. Um die Achtung der meisten Menschen zu
gewinnen, darf man ihnen nur unbegreiflich werden. Je weniger man darauf
gerechnet hatte, da ich eine so eintrgliche und ehrenvolle Stelle ausschlagen
wrde, desto emsiger drngte man sich zu mir, um das Warum zu erforschen. Wie
geschmeidig waren nun mit einemmale alle die Creaturen, welche sich noch kurz
vorher so trotzig und boshaft bewiesen hatten! Dem Kammerherrn mu ich indessen
die Gerechtigkeit widerfahren lassen, da er sich auch jetzt seinem legalen
Charakter gem bewies. Kaum konnte ich mich bei seinem Anblick des Lachens
enthalten, so feist und glnzend hatte ihn seine Legalitt gemacht, die in ihm,
wie in allen anderen Menschen, sich ganz vortrefflich mit der goldenen
Mnchsregel vertrug: da man seine Pflicht handlich erfllen, den Herrn Abt in
Ehren halten und die Welt gehen lassen msse, wie sie nun einmal gehen will. Es
war eine Lust, zu sehen, wie der ehrliche Kammerherr, von seiner Corpulenz
gedrckt, auf einem Lehnstuhl da sa, die Ellenbogen auf die Lehnen gesttzt,
die Daumen um einander schiebend, und von Zeit zu Zeit so tief aufathmend, als
ob die Brde der Weltregierung auf ihm lastete. Und diesen Ehrenmann hatte ich
einmal in meine Ideale verwickeln wollen; und diesem Manne hatte ich zugemuthet,
einem jungen Prinzen Erhebung und bleibenden Antrieb frs Edle zu geben!
Fehlgriffe dieser Art werden in der Welt nicht selten gemacht; aber sehr selten
lacht man darber, weil man nicht auf die Kontraste merkt, zu welchen sie
fhren. Ich wollte einen Versuch machen, mit dem guten Kammerherrn ber unseren
ehemaligen Entwurf zu plaisantiren; allein ich hatte kaum davon zu sprechen
angefangen, als der Schwei aus allen seinen Poren hervorbrach; unstreitig weil
er sich noch sehr lebhaft der Folter erinnerte, auf die ich ihn gesetzt hatte.
    Der bewaffneten Neutralitt, in welcher ich den Hofleuten gegenber dastand,
verdankte ich es, da der Rest meines Aufenthalts am Hofe sehr angenehm war.
Lange durft' ich aber nicht bleiben, wofern ich nicht Mitrauen und Eifersucht
erregen wollte. Ich trennte mich also von der Herzogin, so bald ich es nur ber
mich erhalten konnte. Wir sehen uns wieder, sagte sie beim Abschied; und so
Gott will, kommt nun die Reihe des Aufsuchens an mich. Ich verstand dies so,
als ginge sie damit um, ihre Eltern zu besuchen, und antwortete in diesem Sinne.
Nhere Verabredungen wurden unter uns nicht genommen. Ich trat meine Rckreise
mit frohem Herzen an, weil mir volle Genugthuung zu Theil geworden war. Was ich
nach meiner Zurckkunft unserem Hofe berichtete, machte um so mehr Vergngen,
weil es eine indirekte Lobrede auf die Weisheit enthielt, womit man die Dinge
sich selbst berlassen hatte. Mit Vergngen trat ich in meine Einsamkeit zurck,
welche nicht mehr einsam war, seitdem sie durch ein junges Geschpf belebt
wurde, das sich tglich herrlicher entwickelte. Die Tage verstrichen mir als
Minuten; aber sie dehnten sich desto mehr in der Erinnerung aus; ein sicheres
Zeichen, da sie weder gedanken- noch empfindungslos verlebt wurden. Das
einzige, was mein Gemth in einer unangenehmen Spannung erhielt, waren die
Briefe der Herzogin voll bitterer Klagen ber ihr Geschick. Doch, ohne hierber
in ein Detail einzugehen, begnge ich mich, im Allgemeinen zu erzhlen, wie sich
ihr Geschick entwickelte, und wie wir gegen alle unsere Erwartungen ganz
pltzlich wieder vereiniget wurden.
    Das hhere Maa von Freiheit, welches der Herzog durch den Tod seines Vaters
gewonnen hatte, wirkte in sofern nachtheilig auf seine huslichen Verhltnisse
zurck, als es ihn zu Liebeshndeln aufgelegt machte, welche sein Ansehn
kompromittirten. Seine Gemahlin war nicht sehr geneigt, davon Notiz zu nehmen;
allein, indem einzelne Hofleute, die schwache Seite des Herrn benutzend, sich
ein Verdienst daraus machten, ihm behlflich zu seyn, so konnte es nicht fehlen,
da alle die Spaltungen erneuert wurden, welche den ...schen Hof in einer
frheren Periode zu einem so unangenehmen Aufenthalte gemacht hatten, und da
selbst die Herzogin litte. Es kam aber noch dazu, da, whrend sie auf der einen
Seite durch das Daseyn eines Erbprinzen ihre Bestimmung erfllt hatte, der
Herzog auf der anderen seiner Gemahlin gegenber eine Scham empfand, die zu
berwinden er zuletzt allzugut war. Es war besonders dieser letzte Umstand, der
das edelste Weib, das je die Sonne beschienen hat, lstig, wo nicht gar verhat,
machte. Die Herzogin fhlte dies, wute sich aber nicht eher zu rathen noch zu
helfen, als bis sie auf den gesunden Gedanken gerieth, ihren Gemahl um die
Erlaubni zu einer Reise nach der Schweiz und Italien zu bitten. Ihr Vorschlag
wurde auf der Stelle angenommen, und eine hinlngliche runde Summe zur
Bestreitung der Reisekosten ausgemittelt. So wurde die Ahnung erfllt, die mich
bei der ersten Nachricht von der Schwangerschaft der Herzogin durchblitzte.
    Zwei Jahre mochten seit meiner Zurckkunft verstrichen seyn, als ich ganz
unerwartet ein Schreiben voll Jubels von der Herzogin erhielt, worin sie mir
nicht nur den Ausgang des langen Kampfes meldete, den sie gekmpft hatte,
sondern auch sagte, da sie, um bequemer zu reisen, nicht den ganzen Aufwand
machen wrde, den die eigenntzige Gromuth ihres Gemahls ihr zu machen erlaube.
brigens verstnde es sich von selbst, da ich sie begleiten sollte. Nur auf
diese Weise, schrieb sie, konnten wir uns wieder vereinigen, und ich schtze
mich glcklich, da ich endlich zum Ziel gelangt bin. Ich hatte Mhe mich von
meinem Erstaunen zu erholen; allein indem ich die Sache nahm, wie sie einmal da
lag, fand ich mich darin, und machte meine Reiseanstalten mit allem Eifer, den
meine Liebe fr die Herzogin mit sich fhrte. Meine Luise nicht an Andere
abzutreten, beschlo ich, sie mit mir zu nehmen.
    Ich war, als dies geschah, ein und dreiig Jahre alt; die Herzogin sechs
Jahre jnger. Gesundheit und Erfahrung besaen wir in gleichem Maae; unsere
Kpfe hatten dieselbe Richtung genommen. War irgend ein Unterschied, den
physischen nicht in Anschlag gebracht, zwischen uns, so bestand er darin, da
bei der Herzogin, welche durch eine weit hrtere Schule gegangen war, als ich,
die Empfindungen mehr Tiefe hatten, whrend ich, ohne deshalb nur im Mindesten
leichtsinnig zu seyn, die ersten Eindrcke bei weitem leichter berwinden und
zur Sprache bringen konnte. Selbst vermge dieses Unterschiedes paten wir
herrlich zusammen; denn indem die Herzogin in ihrer stillen Gre blieb und sich
nur selten aussprach, war ich gewissermaen ihr Dollmetsch, und ihr selbst um so
willkommner, weil ich ihre Empfindungen in Ideen verwandelte.
    Wenige Wochen nach ihrem letzten Schreiben kam sie bei ihren Eltern an.
Diese waren wiederum sehr zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal ihrer
Tochter genommen hatte. Sie freueten sich herzlich, sie wieder zu sehen; sie
freueten sich aber noch weit mehr der bedeutenden Pension, welche ihr Gemahl ihr
ausgeworfen hatte. Es wurden Feste veranstaltet, welche frohe Gefhle wecken
sollten, aber, wie immer, nur Langeweile erregten. Die Herzogin konnte den
Augenblick nicht erwarten, wo sie in meiner Gesellschaft ihre Reise nach der
hochgepriesenen Schweiz antreten sollte. Endlich schlug die Stunde, und wir
reiseten in einer wenig zahlreichen Begleitung ab.

                                  Drittes Buch


Befrchten Sie nicht, mein angenehmer Freund, da ich in meinen Bekenntnissen
von Dingen sprechen werde, welche Sie weit besser wissen, als ich. Mein
Reise-Journal liegt zwar neben mir; allein ich werde mich wohl in Acht nehmen,
Ihnen durch die Mittheilung desselben Langeweile zu machen. Alles, was ich Ihnen
mitzutheilen habe, sind einzelne Bemerkungen, hergenommen von dem Eindruck, den
Gegenstnde der Natur und Kunst, oder auch sehr interessante Personen, whrend
meiner Reise auf mich gemacht haben. Auf diese Weise werd' ich dem Alltglichen
entrinnen, und die Geschichte meiner Entwickelung beendigen, ohne auch nur ein
einziges Mal in den unverzeihlichen Fehler der Geschwtzigkeit verfallen zu
seyn. Ich selbst finde meine Rechnung bei diesem Verfahren; denn das Schreiben
ist in sich selbst eine so groe Beschwerde, da ich gar nicht begreife, wie
Leute sie berwinden knnen, die, um mich des gewhnlichen Ausdrucks zu
bedienen, durchaus nichts auf ihrem Herzen und Gewissen haben. Doch zur Sache!
    Wenn die meisten Reisenden gar keinen Beruf zum Reisen haben, so haben dafr
diejenigen Individuen den allerbestimmtesten Beruf, die aus dem Kampf mit der
Gesellschaft eine Empfindlichkeit davon getragen haben, vermge welcher sie, in
bleibenden Verhltnissen, nur beleidigen oder beleidigt werden knnen. Auf
Reisen hat man es in seiner Gewalt, seine ganze Eigenthmlichkeit zu behaupten;
denn von dem Augenblick an, wo sie bekmpft wird, reiset man weiter; und da dem
Reisenden, besonders dem bemittelten Reisenden, alles entgegen kommt, so fehlt
es nie an Gelegenheit zu neuen Verhltnissen, die alsdann wiederum so lange
dauern, als sie knnen.
    In dieser Hinsicht war mein Bedrfni zu reisen bei weitem nicht so stark,
als das der Herzogin; allein da ich nur an meinen Idealen hing und in der
Herzogin die Reprsentantin derselben liebte, so war es mir vollkommen
gleichgltig, an welchem Orte ich existirte; und auf diese Weise begegneten die
Wnsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen. Selbst die Reise nach der
Schweiz lie ich mir sehr gern gefallen, ob ich gleich fr dieses Land nie die
mindeste Zrtlichkeit empfunden hatte. Die Vorliebe der Herzogin fr dasselbe
grndete sich von der einen Seite auf die hohe Achtung, welche sie fr Haller
unterhielt, von der anderen auf die Urtheile jngerer Dichter, welche die
Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten. Um keinen
Preis htte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen.
    Ich gestehe, da, nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren, die
Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten; allein wenn
dieser Eindruck zur Erhebung fhrte, so fhrte er zugleich zur
Niedergeschlagenheit; mit einem Worte: Er verwirrte das Gemth und raubte die
innere Freiheit, ohne welche es unmglich ist, sich wohl zu befinden. Herrliche
Einfassungen, eine ppige Vegetation und - was immer damit zusammenhngt - eine
krftige Animalitt zeichnen die Schweiz vor allen Lndern Europa's aus; hat sie
aber das, was der gebildete Mensch unaufhrlich sucht - Menschen von hherer
Entwickelung? Ich mchte nicht gern darber absprechen; das aber kann ich mit
Wahrheit behaupten, da ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe. Eben
deswegen ist mir dies Land immer als ein schner Rahmen mit einem schlechten
Bildni erschienen. Ich habe nicht den Muth gehabt, dies jemals ffentlich zu
sagen, weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefat machen mute;
allein deshalb wrde ich, wenn es einmal glte, mein Urtheil nicht minder
standhaft vertheidigen. Worin die groe Beschrnktheit der Schweizer ihren
letzten Grund hat, ob in ihrer Umgebung, oder in ihrer Verfassung, das mgen
Andere entscheiden; genug da sie allgemein ist, und da, wenn man sich mit der
Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann, eigentlich kein Interesse fr
diese Nation mglich ist. Selbst die Herzogin, so gro auch ihre Vorliebe fr
die Schweiz war, trat zuletzt mit dem Gestndni hervor, da es ihr
problematisch geworden sey, ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen knnte,
da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben, und die Entwickelung des
brigen Europa kaum im Widerschlage theilten. Ich wrde mich, sagte sie, auf
das tdtlichste langweilen, wenn die todte Natur hier nicht den Ausschlag ber
die lebendige gbe; um jener willen mu man dieser etwas nachsehen; es versteht
sich ja auch von selbst, da da, wo Adel ist, auch Gemeinheit seyn mu.
    Nach meiner Zurckkunft in Deutschland hab' ich, um meine Urtheile ber die
Schweizer zu berichtigen, ihre Geschichte studirt; allein ich mu gestehen, da
mich mein Studium in diesen Urtheilen nur bestrkt hat. Und hier kann ich nicht
umhin, die Bemerkung zu machen, da die Vorurtheile ber die Schweiz in dem
gegenwrtigen Augenblick so allgemein sind, da sie sich selbst ber den
neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken. Wie dieser Mann zu seiner
Reputation gelangt ist, begreife ich durchaus nicht. Seine Art zu komponiren hat
fr mich so viel Widerwrtiges, als ob ich mit entblten Fen ber scharfe
Kiesel laufen mte. Ich bin so leicht nicht abzuschrecken, wenn es Belehrung
gilt; aber es ist mir nicht mglich, acht Bltter von ihm hintereinander zu
lesen, ohne mich ermdet zu fhlen, und ich fordere alle Leute von Geschmack und
Bildung auf, mir zu sagen, ob es ihnen besser gelingt? Ich will nicht sagen, da
die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz gefhrt habe, wiewohl ich
nicht begreife, wie man ohne der Einfachheit den frmlichsten Abschied gegeben
zu haben, so schreiben kann; allein, wenn der Styl in historischen Compositionen
auch noch so gleichgltig seyn sollte, so entsteht noch immer die Frage: Wo hier
die historische Composition sey? Dieser Mann mu auch nicht die
allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben. Alle guten Geschichtsbcher,
die ich bisher gelesen habe, enthielten in der Darstellung selbst so viel
Nothwendiges, da mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen
wurde; in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft
hingegen mag ich anfangen wo ich will, mein Interesse ist immer und ewig
dasselbe, d.h. gleich null; und wenn es nicht vorher ausgemacht ist, da die
Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet,
als die der Felsenwnde, wovon sie umgeben sind, so kann die Schuld nur an der
Unfhigkeit des Geschichtschreibers liegen, der es nicht versteht, die Notizen
zu Thatsachen zu erheben, und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser
Thatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden. Doch was geht mich die Kritik an?
Ich bitte allen Grazien die Snde ab, die ich hier begangen habe; dabei
versichere ich aber, da ich sie nicht begangen haben wrde, wenn ich es dem
Deutschen verzeihen knnte, da er sich in seinem Gtzendienst immer gleich
bleibt, nicht ahnend, da er von allen Bestandtheilen des menschlichen
Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient.
    Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag,
immer bleibt es ausgemacht, da man sich fr Italien, als das Land der schnen
Kunst, nicht besser vorbereiten kann, als durch einen lngeren Aufenthalt in der
Schweiz. Schwerlich giebt es zwei Lnder, die sich in jeder Hinsicht noch mehr
entgegen gesetzt wren. In der Schweiz sind die Menschen nichts; in Italien
hingegen sind sie alles. Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schnen
Erdstrichs fr den Augenblick noch so sehr niedergedrckt haben; deshalb haben
sie nicht aufgehrt, die Herrn der Erde zu seyn; ihr ganzes Wesen kndigt an,
da sie es gewesen sind, und da es nur begnstigender Umstnde bedarf, damit
sie es von neuem werden. Auf keinem Erdfleck hat es seit drei bis vier
Jahrhunderten so viel Revolutionen gegeben, als in Italien; und ob man gleich,
diesen langen Zeitraum hindurch, nie den rechten Punkt getroffen hat, so folgt
doch daraus nicht, da man ihn niemals treffen werde. Eine bessere politische
Verfassung ist es, was den Vlkern Italiens fehlt, und ist diese nur erst
vorhanden, so wird sich die alte Gre ganz von selbst wieder herstellen.
Mailand und Toskana ausgenommen, hat die Natur im Ganzen genommen sehr wenig fr
die Bewohner Italiens gethan; aber gerade dieser Umstand ist es, dem die
Italiner diesen hohen Grad von Entwickelung zu verdanken haben, in dessen
Besitz sie sich befinden.
    Wir gingen nach einem zweijhrigen Aufenthalt in den verschiedenen
Hauptstdten der Schweiz nach Italien. Da die Kunst der Magnet war, welcher uns
zog, so eilten wir nach der Hauptstadt des Kirchenstaates, wo wir mehrere Jahre
verweilen wollten. Unser Weg fhrte uns durch das Mailndische nach Florenz.
Hier machten wir die Bekanntschaft der Grfin Luisa Stolberg d'Albania, Gemahlin
des Prinzen Stuart, Prtendenten von England; und mehr bedurfte es nicht, um uns
auf der Stelle Fesseln anzulegen, die wir Mhe hatten wieder abzustreifen.
    Denn welche eigenthmliche Richtungen wir auch in unserer Ausbildung
genommen hatten, so zeigte uns doch jetzt die Erfahrung, da wir nicht die
Einzigen unserer Gattung waren. Die Grfin Luisa d'Albania war Unseresgleichen;
auch hatten wir uns kaum kennen gelernt, als wir mit aller der
Unzertrennlichkeit an einander hingen, welche gleichgestimmten Gemthern eigen
ist. Das Einzige, wodurch die Grfin sich von uns unterschied, war ihre
Religiositt; da diese aber mit dem, was man kirchlichen Glauben nennt, durchaus
nichts gemein hatte, so bildete sie auch keinen trennenden Unterschied. Es giebt
offenbar Dinge, welche ber alle Beschreibung hinaus sind; und zu diesen Dingen
gehrt eine solche Religiositt, als die der Grfin war. Ihrem Wesen nach, so
weit ich dasselbe habe beobachten knnen, bestand sie in einem unablssigen
Streben nach Harmonie mit dem Universum. In ihr war also alles begriffen, was
Philosophie und Poesie genannt werden kann; nicht etwa diejenige Philosophie,
welche darauf ausgeht, einen dynamischen obersten Grundsatz fr das All der
Welterscheinungen aufzufinden, sondern diejenige, welche ber alles, was
Erscheinung ist, hinaus strebt, und sich in das Wesen der Dinge versenkt und mit
Poesie einerlei ist. Wie die Grfin zu dieser Entwickelung gelangt war, wei ich
nicht mit Bestimmtheit anzugeben; unstreitig aber hatte ihre Verbindung mit
einem so prosaischen Prinzen, als ihr Gemahl war, das Meiste dazu beigetragen.
Zwischen beiden fand eben das Verhltni statt, welches mehrere Jahre hindurch
die Herzogin gedrckt hatte; und da die Unmglichkeit einer Trennung aus
staatsbrgerlichen Grnden fr die Grfin eine unwiderstehliche Gewalt erhalten
hatte; so war ihr nichts anderes brig geblieben, als die freieren Sitten
Italiens zu einer Verbindung zu benutzen, welche ihrem ins Unendliche
hinstrebenden Geiste zwar eine Sttze gewhrte, allein doch bei weitem mehr
versprach als wirklich leistete.
    Der Mann, mit welchem die Grfin in Verbindung stand, war der Graf Vittorio
Alfieri d'Asti, ein Piemontese, dessen Tragdien in Deutschland jetzt bekannter
zu werden anfangen. Nie hab' ich einen Sterblichen kennen gelernt, der mir das
Bild, das ich mir immer von dem jngeren Brutus, dem Mrder Csars, entworfen
habe, getreuer reprsentirt htte. Ich kann mit Wahrheit sagen, da er ein Rmer
im hchsten Sinne des Worts war; eine Natur, wie man sie in unseren Zeiten gar
nicht mehr erwarten sollte. Eine lange, hagere Gestalt, bewegte er sich langsam,
mit starrem, auf die Erde geheftetem Blick. Sein Gesicht war bla, seine Lippen
fein und geschlossen, seine Zhne wei und scharf, seine Nase regelmig
gebildet, seine Augen dunkelblau, seine Stirne gro, aber schn gewlbt. In
seiner Miene lag neben unbegrnztem Wohlwollen eine Wuth, die auch das uerste
nicht scheuet; und dies war so ganz der Charakter seines Gemthes, in welchem
die sanftesten Empfindungen neben den allerheftigsten bestanden. In seinem
Geiste flossen die Geister des Tacitus, Macchiavelli und J. J. Rousseau
zusammen. Wie in einem der edelsten Rmer aus den besten Zeiten der Republik,
war in ihm Alles auf das Politische hingerichtet. Er hatte keinen Begriff davon,
wie die Poesie sich selbst Zweck seyn knnte; und darum wollte er ihr einen
politischen Zweck geben. Alle Monarchien der Welt zu strzen, darauf arbeitete
er in seinen Trauerspielen hin, und ohne diesen Zweck wrde er es nicht haben
ber sich erhalten knnen, eine Feder anzusetzen. Gewissermaen war dies der
bse Dmon der ihn trieb; aber er war weit davon entfernt, ihn dafr
anzuerkennen, und wrde wthend geworden seyn, htte man einen Versuch gemacht,
ihm das Falsche seiner Idee zu zeigen. Was man gemeiniglich unter einem
Aristokraten versteht, giebt nur eine schwache Idee von seinem Wesen, und ich
sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, da er die Reprsentation der
Aristokratie in der hchsten Potenz war, gerade so, wie jeder alte Rmer,
nachdem die Universalherrschaft errungen war. Was er ewig bedauerte, war, in
diesen elenden Zeiten geboren zu seyn, die keinen freien Aufflug durch Thaten
gestatteten, und in dem Schreiben allein eine Entschdigung erlaubten. Ich
setze mich an den Schreibtisch, nur um meinem Unwillen Luft zu machen und meine
Galle zu verdnnen, sagte er mir mehr denn zehnmal, und ich glaubte es ihm,
weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing. Ein hchst charakteristischer
Zug von ihm war, da er, um ungehinderter schreiben zu knnen, oder, wie er sich
auszudrcken pflegte, per poter scemar la bile, seiner Schwester einen sehr
wesentlichen Theil seines groen Vermgens abgetreten hatte.
    Man htte glauben sollen, da die Grfin Luisa d'Albania und der Graf
Vittorio Alfieri mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig fr einander
vorhanden gewesen wren. Allein, indem die Grfin mit der unendlichen Liebe, die
in ihr war, einen Gegenstand der Hochachtung suchte, mute der Graf ihr theuer
werden; und indem dieser mit seinem grnzenlosen Unwillen gegen das Verderbni
seiner Zeiten doch Etwas lieben wollte, gab es fr ihn keinen anderen
Gegenstand, als ein Weib von Luisa's Geprge. Beide bewunderten sich um so mehr,
je weniger sie sich begriffen. War der Graf Brutus, so war die Grfin Portia.
Dies Verhltni wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgendert. Die
Herzogin, welche einmal fr allemal mit dem mnnlichen Geschlecht gebrochen
hatte, schlo sich enger an Luisen an, weil sie in ihr die eigene Vollendung zu
erblicken glaubte. Ich hingegen fhlte mich an Vittorio Alfieri angezogen,
unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war, den ich achten konnte. Mir
entging die Schwrmerei nicht, die aus ihm wirkte, und um keinen Preis htte ich
die Seinige werden mgen; allein, da die Phantasie zuletzt das Einzige ist, was
ein Weib an einem Mann lieben kann, so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem
Grafen, soll ich sagen der Schwche meines Geschlechtes, oder dem ewigen Gesetz,
unter welchem es steht? brigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen
inniger und schuldloser, als die unsrige.
    Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen. Selbst aus seinem besondern
Antriebe zum Schreiben machte er mir kein Geheimni, und es war warlich nicht
seine Schuld, wenn ich seinen Tyrannenha nicht theilte. Diese Trauerspiele der
Freiheit (wie er seine Tragdien nannte), die einander so hnlich sind, da sie
dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Thema's erscheinen mssen,
hatten alle nur einen und denselben Zweck, nmlich Verunglimpfung der
Frstenmacht. Aus der Emsigkeit und Anstrengung, womit der Graf arbeitete, htte
man schlieen sollen, da ihm die Kunst ber Alles theuer wre; und doch war
dies gar nicht der Fall. In ihm ordnete sich der Knstler dem Grafen, oder, wenn
man lieber will, dem Aristokraten, auf das allerbestimmteste unter; in der That
so sehr, da er sich selbst verachtet haben wrde, wenn er in sich nur den
Knstler gesehen htte. Was ihn unaussprechlich verwundete, war die
Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schpfungen.
Errathen sollten sie ihn und zu einem unendlichen Frstenha hingerissen werden;
und da weder das eine noch das andere erfolgte, indem die Zuschauer und Leser
nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend, lieber dem Mitleid
als dem Unwillen Raum gaben, so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung
getrieben, worin es keinen anderen Trost fr ihn gab, als die Idee eines
unbegrnzten Ruhmes, der seiner in besseren Zeiten harrete. Mit
unbeschreiblicher Wollust erfllte ihn dagegen alles, was die Wahrheit seiner
Grundidee auch nur von fernher besttigte. Die Nordamerikanische Revolution war
fr ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit fr den
gesellschaftlichen Zustand von Europa; und so bestimmt sah er durch sie alle
Thronen umgestrzt, da er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte.
Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte, war diese innige Vereinigung des
Schnen mit dem Politischen, die sein Wesen so einzig bestimmte. Ob die Idee,
von welcher er ausging, probehltig war, oder nicht, das kann und mag ich nicht
bestimmen; das wei ich aber, da sie in ihm eine philanthropische war. Giebt es
fr die wahre Gre keinen anderen Maastab, als die Ideen, womit ein Individuum
sich unablssig beschftigt; so stand Vittorio Alfieri in einer Gre da, welche
die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist. Und welche Kindlichkeit bei
dieser Gre! Eben der Mann, dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan
glich, war durchaus unfhig, irgend ein Individuum zu krnken, selbst dann
nicht, wenn er es verachten mute. Er selbst sprach hierber, als ber einen
ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf, und war nur allzuoft
ungewi, ob er sich fr einen Thersites oder Achilles halten sollte; dies rhrte
aber nur daher, da er in seinem Unwillen und Ha die Liebe verkannte, welche
die Quelle derselben war. In sich selbst war er ein Ganzes, wie die Natur es
selten hervorbringt; allein, indem er sich nicht als ein solches erschien,
konnte er, anstatt sich seiner Individualitt zu freuen, sich nur zerreiben und
vor der Zeit zerstren. Bewundernswrdig waren seine Affektionen in Beziehung
auf einzelne Zweige der Kunst. Wre er blos Knstler gewesen, so wrde die Kunst
fr ihn eine einige gewesen seyn; denn er htte in den Knstlern nur immer die
Poeten sehen knnen. Weil er aber Graf und Knstler zugleich war, so schied er
die Poesie von allen brigen Knsten, und mehrere derselben berhrten ihn gar
nicht. So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht fr ihn vorhanden,
oder ihm wohl gar verhat, weil sie der staatsbrgerlichen Gre dienten. Die
Musik hingegen liebte er sehr, ob gleich auch nicht um ihr selbst willen,
sondern weil sie ihn in einen Zustand versetzte, worin seine herrschende
Stimmung sich in Harmonie auflsete. berall war der Adel seiner Natur auf eine
ganz eigenthmliche Weise mit demjenigen verschwistert, den er seiner Geburt
verdankte, und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte, war: wie viel von
seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand
verdankte? Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben, und vielleicht
htte er nie eine Tragdie geschrieben, wenn ihm zeitig genug klar geworden
wre, auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete, oder, mit
anderen Worten, wenn er sich als Aristokraten htte zur Anschauung bringen
knnen.
    Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte, verzieh ich ihm Alles,
weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah. Ich konnte ihm nicht werden,
was die Grfin d'Albania ihm gewesen war und noch war; dazu fehlte es mir an
Einbildungskraft. Allein, indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte,
nahm ich der eisernen Nothwendigkeit, in welcher er dastand, das Lstige, das
bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war. Er selbst fhlte sich durch mich
nicht wenig erleichtert; und ob er gleich nicht angeben konnte, worin diese
Erleichterung bestand, so lag es doch nur allzusehr am Tage, da er in seinem
Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte. Wir kamen tglich zusammen, bald
bei der Grfin d'Albania, bald bei der Herzogin. Des Grafen Sache war, uns seine
Compositionen mitzutheilen. Was er seine Poesie nannte, war freilich sehr wenig
fr uns vorhanden; allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine
doppelte Weise. Einmal konnten wir nicht umhin, ber das reiche Gemth eines
Mannes zu erstaunen, der, unbekmmert um die gewhnlichen Hlfsmittel der
tragischen Kunst, seinen Personen eine solche innere Strke gab, da die
Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte, ohne da mehr als
vier bis fnf Werkzeuge dazu beitrugen; und in der That werden seine Tragdien
von dieser Seite immer bewundernswrdig bleiben. Zweitens wurden whrend der
Vorlesung alle die schauerlichen Gefhle in uns geweckt, welche den religisen
so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind; wir glaubten
uns von lauter Gespenstern umgeben, und ich erinnere mich auf das bestimmteste,
da, als der Graf an einem strmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas, die
Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den
Grafen hinschaute, als wollte sie begreifen, wie eine Elektra oder Clytemnestra
sich in seinem Gehirn htte entwickeln knnen. Dergleichen Vorlesungen endigten
sich in der Regel mit einem Streit ber die tragische Kunst. Der Graf sprach
gern ber diesen Gegenstand, weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte;
allein da sich, wie ich schon oben bemerkt habe, der Knstler in ihm dem Grafen
so wesentlich unterordnete, so war ber diesen Punkt kein Einverstndni mit ihm
mglich; der eigenthmliche Zweck seiner Tragdien verhinderte die
Vortrefflichkeit derselben, ohne da es mglich war, ihn davon zu berzeugen.
Ich hatte schon damals eine Ahnung davon, da die wahre Tragdie das Gemth des
Zuschauers oder Lesers nicht martern, sondern erheben msse, und ohne Rckhalt
uerte ich diese Ahnung; allein der Graf war hierber durchaus
entgegengesetzter Meinung, und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen
verabscheute, so bestand er doch auf Erzeugung eines groen Unwillens, indem er
sich einbildete, da das Gemth nur durch Gefhle, nicht durch Ideen, erhoben
werden knnte. Dies war ein Punkt, auf welchem er standhaft beharrete; und auf
welchem er freilich beharren mute, wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen
wollte. berhaupt war es mehr die Individualitt des Grafen, als seine Kunst,
was an ihm beschftigen konnte. Am reinsten sprach sich diese Individualitt in
seinen Sonnetten aus, welche vielleicht die schnsten sind, die Italien
aufweisen kann. Htte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen
Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt, so htte er es schwerlich jemals
darauf angelegt, durch die letztere unsterblich zu werden.
    Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen, als die Herzogin sich nach Rom
zu sehnen begann. Die Grfin d'Albania versprach uns dahin zu begleiten; der
Graf Vittorio Alfieri hingegen, welcher seine Mirrha angefangen hatte, wollte
sich nach Siena begeben, um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen
Freistaat ungehinderter nachhngen zu knnen. Es wurde die Verabredung genommen,
da der Graf uns, whrend des nchsten Winters, in Rom auf einen Monat besuchen
sollte, und da wir gegen den nchstfolgenden Winter wieder in Florenz
zusammentreffen wollten. Ein florentinischer Maler hatte die Geflligkeit, uns
begleiten zu wollen. Die Reise ging vor sich, wir kamen wohlbehalten in Rom an,
und wurden, von der liebenswrdigen Grfin eingefhrt, allenthalben unserem
Stande gem empfangen.
    Obgleich der ausschlieende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und
nahmentlich die Malerei war; so konnten wir doch nicht umhin, auch auf die
Menschen einzugehen, von welchen wir uns umgeben sahen. Man nennt die Rmer
schlau und fein; allein man vergit, da sie mit diesen Eigenschaften eine
Unschuld verbinden, welche erst dann aufhrt, wenn eine gewisse Rohheit
Forderungen an sie macht, die sie nicht befriedigen knnen, ohne ihrem Wesen zu
entsagen. Einem vielseitig ausgebildeten Menschen mu, allen meinen Erfahrungen
zufolge, in Rom sehr wohl zu Muthe seyn, weil er allenthalben auf seines
Gleichen stt. Dem vornehmeren Theil der Rmer besonders ist ein
Entwickelungsgrad eigen, wie man ihn, auerhalb des Kirchenstaates, schwerlich
auf irgend einem Erdfleck antrifft. Je unbestimmter und schwankender die
gesellschaftlichen Verhltnisse in Italien, besonders aber im Kirchenstaate,
sind, desto strker ist die Aufforderung, welche jeder Einzelne hat, in diesem
Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern. Daher die Feinheit, womit man
sich gegenseitig behandelt. Schon von der frhesten Jugend an nimmt das Studium
menschlicher Krfte und Eigenthmlichkeiten seinen Anfang; es ist also kein
Wunder, wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt. Das
Verhltni der Kirche zum Staate, oder vielmehr das Verhltni des Mittelpunkts
der Theokratie zu der Welt trgt nicht wenig dazu bei, dem Geiste der Rmer eine
Gewandtheit zu geben, wie man sie sonst nirgend findet; eine Gewandtheit, die,
obgleich ursprnglich nur in den ersten Reprsentanten der Kirche vorhanden, von
diesen selbst auf die untersten Volksklassen bergeht. Mit Vergngen erinnere
ich mich einer Unterredung mit dem berhmten Cesarotti, der, als von dem
Charakter der Rmer unter uns die Rede war, mir Folgendes zur Aufhellung
desselben sagte:
    Unser ganzes gegenwrtiges Wesen besteht aus drei Elementen, die, wie
verschiedenartig sie auch scheinen mgen, den innigsten Zusammenhang unter
einander haben. Das erste ist die Messertrgerei; eine Folge des unvollkommenen
gesellschaftlichen Zustandes, in welchem wir leben. Das zweite ist unsere
Religiositt, welche mit unserer physischen Trgheit in enger Verbindung steht,
und durch nichts so sehr gehalten wird, als durch den Umstand, da von Rom aus
aller kirchlicher Impuls geschieht. Das dritte ist unsere Kunst, wodurch wir,
abgesehen von der Kraft selbst, welche sie mglich macht, nichts weiter
beabsichtigen, als Sicherstellung unserer Eigenthmlichkeit. Man zerstre eines
dieser Elemente in uns, so sind die beiden anderen zugleich zerstrt. Auf den
ersten Anblick sollte man freilich glauben, da die Messertrgerei dem hohen
Aufschwunge, welcher in das Gebiet der Kunst fhret, nicht gerade nothwendig
sey. Ich will auch nicht im Allgemeinen behaupten, da ohne Messertrgerei keine
Kunst statt finden knne. Aber etwas anderes ist Kunst berhaupt, und etwas
anderes rmische Kunst insbesondere. Die letztere kann nur dadurch mglich
werden, da das Gemth dem Geiste eine Erhebung giebt, wie sie nun einmal
erforderlich ist, um das Auerordentliche zu Stande zu bringen. Htten wir eine
regelmige, nur fr den Kirchenstaat vorhandene Regierung, beschftigte sich
diese Regierung nur mit der Beglckung der Unterthanen, und fnde Jeder im
Ackerbau, in der Ausbung irgend eines Handwerks, in Fabrikarbeit und
dergleichen, was zur Leibesnahrung und Nothdurft gehrt; so wren wir gewi eben
so moralisirt, als die Brger anderer Staaten. Da wir keine solche Regierung
haben, und auch alle brige Bedingungen geradezu wegfallen; so sind wir nicht
moralisirt, aber wir sind Rmer, und, was man auch zu unserem Nachtheil im
Auslande sagen mag, unseren groen Vorfahren bei weitem mehr verwandt, als die
Kurzsichtigkeit es begreifen kann. Was unsere Vorfahren durch eine mit
physischer Gewalt verbundene List vollzogen, das vollziehen wir durch die reine
List. Die rmische Universalmonarchie hat deshalb noch nicht aufgehrt, weil es
keine rmische Imperatoren mehr giebt; die Bande, durch welche die Welt an Rom
gefesselt ist, sind nur geistiger geworden. Wollen Sie leugnen, da dies groe
Eigenschaften von Seiten der Rmer voraussetze? Der wrde ein Thor seyn, der
unseren gesellschaftlichen Zustand als Muster empfehlen wollte; wer ihm aber
alle Kraft abspricht, der versndigt sich an der Wahrheit. Das staatsbrgerliche
Elend, das hier vielleicht grer ist, als in irgend einem anderen europischen
Staate, mu vorhanden seyn, damit es einzelnen Menschen gelinge, ber die ganze
Menschheit hervorzuragen. Das Wesen eines Rmers ist auf ein ungemeines Maa von
Kraft berechnet. Wer im Besitze desselben ist, der emergirt, und mu als ein
Reprsentant der Rmerheit betrachtet werden; wer es nicht ist - nun der gehrt
zum Pbel, zu den Lasttrgern der Gesellschaft. Von einem hheren Standpunkt aus
betrachtet, ist die Kraft immer dieselbe, und der Unterschied besteht nur in der
temporellen Richtung, die sie genommen hat. Dasselbe Individuum, da Sie heute
als Bildhauer oder Maler in seiner Werksttte bewundern, ist vielleicht nach
acht Tagen ein Cardinal, und als solcher nicht minder bewundernswerth. Jene
Universalitt, welche zu jedem ausgezeichneten Lebensgeschft geschickt macht,
finden Sie nur in dem Rmer; und man mchte sagen, sie sey ihm angeboren, so
bestimmt geht sie aus seinem ganzen Wesen hervor. Anderwrts zerquetschen
staatsbrgerliche Klemmen tausend und aber tausend Krfte; hier ist dies nicht
der Fall, weil die Idee des Rechts uns fremd ist, und wir gewissermaen
fortgesetzt im Zustande der Natur leben. Wer dem anderen ein Bein unterschlagen
kann, hat auch die Befugni dazu, und niemand frgt, ob er ungromthig
gehandelt habe. Jeder will der Erste seyn; jeder sich zum Mittelpunkt machen. Er
thue es auf seine Gefahr; gelingen kann es ihm immer nur in sofern, als er allen
brigen zusammengenommen gewachsen ist. Mglich, da unser Wesen in der
Folgezeit sehr bedeutend abgendert wird; aber so lange Rom das Centrum der
Theokratie bleibt, wird es auch Rmer geben, und berall begreife ich nicht, was
den Rmer aus der Welt verbannen knnte, da sein Wesen nicht an eine einzelne
Form gebunden, sondern immer in der Kraft gegrndet ist. Es ist vielleicht sogar
wnschenswerth, da irgend eine Revolution erfolge, die uns aus dem Schwerpunkt
hebe, worin wir gegenwrtig stehen. Ich frchte sie nicht, und berlasse es
kurzsichtigen Thoren ihren Eintritt zu bejammern. Die Sttzen meines Muthes sind
diese sieben unfruchtbaren Hgel, welche so viele Jahrhunderte hindurch
unendlich mehr sttzten.
    Ich habe hier alles zusammengefat, was ich ber die Rmer zu bemerken
hatte, damit ich ungestrter in meiner Erzhlung fortschreiten mchte. Sowohl
die Herzogin als die Grfin d'Albania wurden sehr wenig von den Menschen um sie
her berhrt; die erstere, weil sie nur nach der Weihe strebte, welche die Kunst
verleiht, die letztere, weil sie sich durch den Umgang in dem Fluge gehemmt
fhlte, den ihre Einbildungskraft zum Universum genommen hatte. Fleiig wurden
die Tempel der Kunst besucht, deren Rom so viele hat; aber verschieden waren die
Eindrcke, welche die Schpfungen der auserlesensten Geister auf uns machten.
Die Grfin d'Albania begrte sie als Jugendgespielen, an welche wir uns selbst
dann noch hingezogen fhlen, wenn wir in unserer Entwickelung weit ber sie
hinausgegangen sind; sie war seit vielen Jahren mit ihnen vertraut, da sie aber
ihrer Bildung zum Grunde lagen, so konnten sie nicht mehr in dieselbe
eingreifen. Die Herzogin trat in die Sixtinische Capelle, in welche wir zuerst
gefhrt wurden, mit der holden Verwirrung einer Jungfrau, die sich pltzlich in
einen Kreis wunderschner Jnglinge versetzt sieht; errthend starrte sie hin
auf die dem Pinsel entquollenen Gestalten, als ob alle diese Bilder von jeher in
ihrer Seele gelegen htten, ohne da ihr die Kraft geworden, sie selbst zu
erzeugen. Was mich selbst betrifft, so empfand ich zwar das Auerordentliche
dieser Schpfungen; allein sie bten keine anziehende Kraft an mir aus, es sey
nun, weil der Verstand in mir den Ausschlag ber die Einbildungskraft gab, oder
weil Vittorio Alfieri's Geist strker auf mich eingewirkt hatte, als ich mir
selbst gestehen mochte; wenigstens mu ich bekennen, da ich mich oft
instinktmig nach ihm umsah, um sein Urtheil zu erfahren.
    Diese verschiedene Empfnglichkeit fr die Wunder der Kunst fhrte zu
eigenthmlichen Entwickelungen. Whrend die Grfin darber hinaus war, und ich
dahinter zurckblieb, ging die Herzogin darin unter. Eine lngere Zeit hindurch
schwankte sie zwischen verschiedenen Meistern hin und her; ihr Zustand konnte
eine sthetische Betubung genannt werden, so wie die Allgewalt des Schnen ihn
erzeugen mu. Als sie sich aber nach und nach wieder sammelte und mit Bewutseyn
zu empfinden begann, da erklrte sie sich mit allem, was in ihr war, fr Raphael
. Nie hat eine reinere Seele diesem unsterblichen Meister feuriger gehuldigt.
Sie wurde nicht mde, seine Werke zu betrachten, und seine Schpfungen
verdrngten aus ihr alle anderen Bilder, von welcher Art sie auch seyn mochten.
Hab' ich sie anders gehrig beobachtet, so fhlte sie sich allzuschwach, die
Individualitt der Grfin in sich aufzunehmen; aber Raphaels Begrnzung
entsprach der ihrigen. Ihn begriff sie in allen seinen Bildungen, und wunderbar
waren die Commentare, die sie darber machte. Sie wute z.B. alle Widersprche
zu lsen, welche einzelne Kritiker in Raphaels Verklrung anzutreffen geglaubt
haben, und nannte dies Werk die Apotheose des Knstlers. Denn ihrer Versicherung
nach, waren die beiden Handlungen, die man in diesem Gemlde erblickt, aufs
innigste fr einander vorhanden, und das Wunder der Verklrung nur durch die
fehlgeschlagene Heilung des besessenen Knaben bedeutend und idealisch. Dabei
rhmte sie die tiefe Menschenkenntni, welche Raphael dadurch offenbaret, da er
den schnsten der Apostel in einer Unterredung mit Weibern, die brigen im
Gesprch mit Mnnern dargestellt habe; und was die in gleicher Linie laufenden
Arme der Apostel betrifft, so behauptete sie, da, die kunstgerechte Anordnung
mchte sich noch so heftig dagegen erklren, die Symmetrie der Composition sie
nothwendig mache. Um brigens immer von Raphael umgeben zu seyn, setzte sie sich
in den Besitz der besten Copien, vorzglich in Kupferstichen; und so konnte es
schwerlich fehlen, da dieser Knstler nach und nach der einzige Gegenstand
ihrer Liebe wurde.
    Es ist unstreitig schon fter der Fall gewesen, da ein hingeschiedener
Geist einen noch vorhandenen einzig beschftigt hat; allein schwerlich ist dies
jemals auf eine so eigenthmliche Weise geschehen, als in der Liebe der Herzogin
fr Raphael. So weit eine rein geistige Ehe denkbar ist, vermhlte sie sich auf
das frmlichste mit ihm. Es war zuletzt nicht der Knstler, es war der Mann, den
sie in ihm erblickte, die schaffende Kraft, die sie in ihm anbetete. Die Folgen
frchtend, welche eine so eigenthmliche Wendung ihres Geistes nach sich ziehen
konnte, suchte man ihren Enthusiasmus dadurch zu vermindern, da man ihr
Anekdoten von Raphaels Liederlichkeit erzhlte. Vergeblich; so keusch sie auch
war, so wurde sie dadurch doch nicht beleidigt. Wie konnte, erwiederte sie,
Raphael anders seyn? Was ihr Liederlichkeit nennt, war bei ihm die Folge einer
ppigen Flle. Zugegeben, da er lnger gelebt htte, wenn er haushlterischer
mit seinen Krften umgegangen wre, entsteht noch immer die Frage, ob diese
konomie ihm mglich war? Und hat er etwa weniger gelebt, weil er im sechs und
dreiigsten Jahre gestorben ist? Seine Schpfungen sagen, da er viel gelebt
hat, und was wir ihm alle beneiden sollten, ist, da er die Kraftlosigkeit und
Erschpfung des Alters nie empfand, sondern wie Achilles zu den Unsterblichen
gewandert ist. Sagt mir, Raphael sey siebzig Jahre alt geworden, weil er
durchaus verstndig gewesen sey, und ihr werdet euren Zweck erreichen. Was ihr
seine Liederlichkeit nennt, redet ihm bei mir das Wort; denn wer das Schne so
darstellt, wie Raphael es dargestellt hat, der kann nur das Schne lieben und -
nur in dem Schnen untergehn.
    Und indem die Herzogin auf diese Weise ihrer Leidenschaft fr Raphael das
Wort redete, verzehrte die innere Gluth, womit sie empfand, ihre physischen
Krfte zusehends. Es war ein eigenthmliches Schauspiel, das der Grfin und mir
in dieser Hinsicht gewhrt wurde; denn wir sahen eine Verklrung von statten
gehen, wie man sie selten erlebt. Ohne da irgend ein Lebensorgan angegriffen
war, wurde die Herzogin nach und nach zu einem Schemen. Alles, was Kraft genannt
werden kann, blitzte aus ihren groen blauen Augen und sprach von ihren Lippen;
aber andere Kennzeichen des Lebens waren nicht in ihr vorhanden. Sie selbst
hatte keine Ahnung von ihrem nahen Hintritt, und sprach zu uns nur immer von
ihrer Liebe; Ort und Zeit aber war darin untergegangen. In uns erstickte eine
gewisse Feierlichkeit alle die gewhnlichen Gefhle des Mitleides, des Bedauerns
u.s.w. Immer mute es uns schmerzen, eine solche Freundin zu verlieren; aber wie
htten wir sie beklagen knnen, da sie nur in einem bermaa von innerem Leben
ihren Untergang finden konnte? Noch ruhiger, als ich, war die Grfin d'Albania.
Sobald sie wahrgenommen hatte, da der Herzogin nicht mehr zu helfen sey,
versetzte sie sich in diejenige Stimmung, wodurch sie dem hohen Flug ihrer
Phantasie innerhalb des Gebietes der Kunst nachhalf. Wirklich wurden die letzten
Augenblicke der Herzogin dadurch nicht nur aufgeheitert, sondern auch
verlngert, und der Ankunft des Grafen Vittorio Alfieri war es aufbehalten, den
kritischen Moment herbeizufhren.
    Er hatte seine Myrrha vollendet, als er bei uns ankam. Seiner eigenen
Vorstellung nach war dies von allem, was er je gearbeitet hatte, das Beste. Er
brannte vor Begierde, diese Tragdie vorzulesen, weil er es darin ausschlieend
auf eine Huldigung der Grfin angelegt hatte. Meinen Wnschen nach sollte die
Herzogin entfernt werden; aber dazu war keine Gelegenheit. Die Vorlesung nahm
ihren Anfang, sobald es dunkel geworden war. Wir saen dem Vorleser gegenber.
Die Herzogin theilte unsere Spannung nicht, wiewohl sie nicht ganz unaufmerksam
war. So wie indessen der Charakter der Myrrha, in welchem des Heldenmthigen
genug, des Weiblichen aber nur allzuwenig ist, sich mehr entwickelte, nahm die
Unruhe der Herzogin zu. Beim vierten Akt sank sie ganz unerwartet in die Arme
der Grfin. Wir vermutheten nichts weniger als pltzlichen Tod; allein ihre
Augen erhielten die Richtung der Verklrten, und zwei Zuckungen, welche
unmittelbar darauf erfolgten, vollendeten den Hintritt.
    Hatte Alfieri's Vorlesung die Herzogin getdtet, so war Alfieri dabei ganz
unschuldig. Es giebt Krankheiten, in welchen ein kaltes Lftchen die Kraft hat,
die leidende Maschine einmal fr allemal zu zerrtten. Eine hnliche Bewandni
mute es mit dem Zustande der Herzogin haben. Die Grfin, wie tief sie auch von
dem Tode unserer gemeinschaftlichen Freundin verwundet war, behielt ihre ganze
Klarheit und vergo daher keine Thrne. Was mich betrifft, so gesteh' ich, da
die Pltzlichkeit des Todesfalles verwirrend auf mich zurckwirkte, und das
Gefhl der Ohnmacht so bestimmt in mir aufregte, da ich weinen mute, um mir
wieder klar zu werden. Unendlich mehr, als ich, war der Graf Vittorio ergriffen;
die Kindlichkeit seines Gemthes zeigte sich bei dieser Gelegenheit in ihrer
ganzen Strke. Er, der in seinen Trauerspielen den Tod so oft vorbereitet hatte,
da man htte glauben sollen, er sey in der Wissenschaft der Gesetze, nach
welchen der Tod erfolgen mu, abgehrtet worden - er ertrug den vorliegenden
Fall so ungeduldig, als ob er unter uns das einzige Weib gewesen wre. So wenig
hatte er das Wesen der Herzogin ergrndet, da er darauf bestand, sie lebe noch,
und durch diese khne Behauptung uns in die Nothwendigkeit setzte, die
geschicktesten rzte herbei zu rufen. berflssige Maaregel! Sie, die kein Arzt
htte retten knnen, weil ihre Krankheit ber alle Hlfe hinaus war, wurde von
den rzten fr vollkommen todt erklrt, und wohl hatte die Grfin Recht, wenn
sie sagte: Wie konnte sie noch lnger leben, da sie am Ziele war? Auch bin ich
berzeugt, da die Herzogin, wenigstens in den letzten Tagen ihres Daseyns, eine
Ahnung von dem nahen Aufhren desselben hatte; denn, obgleich ihre ehemaligen
Verhltnisse mit ihrem Gemahl ganz in ihrer Erinnerung untergegangen waren, so
gedachte sie doch noch des Sohnes, dem sie das Leben geschenkt hatte, und
schmeichelnd bat sie mich, Erkundigungen von seinem Befinden einzuziehen. Dies
wrde nicht geschehen seyn, htte sie nicht die Abnahme ihrer physischen Krfte
gefhlt, und htte dies Gefhl sie nicht getrieben, der Mtterlichkeit den
letzten Tribut zu bringen; denn es ist nun doch einmal die Mutter, die in einem
vollendeten Weibe zuletzt stirbt.
    Von der Leichenbestattung der Herzogin kein Wort, so glnzend sie auch war,
da die Frstin fr eine gute Catholikin ausgegeben wurde, und die rmische
Geistlichkeit keine Ursache fand, diese Unwahrheit zu bestreiten. Ihr Tod wirkte
vorzglich in sofern auf mich zurck, als er das Verhltni zerri, in welchem
ich bisher mit Vittorio Alfieri gestanden hatte. Nicht da ich ihm nicht theuer
geblieben wre; ich blieb ihm alles, was ich ihm jemals gewesen war. Allein die
Grfin war der Zeit nach seine erste Liebe, und mute es auch dem Range nach
bleiben, weil die Unendlichkeit, die in ihr war, durch kein anderes Weib ersetzt
werden konnte. Auch die Grfin ihrer Seits fhlte sich wieder an Vittorio
angezogen, da die Herzogin nicht mehr war. Ich stand von nun an zwischen beiden
in der Mitte, gleichsam als Dolmetsch ihres gegenseitigen Interesses. Sie baten
mich, mit ihnen nach Florenz zurck zu gehen, und ich that es in Ermangelung
eines besseren Schicksals. Mehrere Jahre blieb ich bei ihnen, und war ein Zeuge
von Alfieri's steigender Verwirrung und Luisa's wachsender Klarheit. In diesem
Zeitraume verheirathete ich meine Pflegetochter mit dem Professor D..., einem
Deutschen, dessen Bekanntschaft ich in Rom gemacht hatte, wo er jene lieb gewann
und nicht eher rastete, als bis ich ihm erlaubte, sie zu ehelichen und mit nach
Deutschland zurck zu nehmen.
    Der Prtendent von England war inde gestorben und bald darauf die
franzsische Revolution ausgebrochen. Die Felsenmasse die bisher auf Vittorio
Alfieri's Brust gelegen hatte, wurde durch diese beiden Ereignisse versprengt;
denn das erstere erfllte alle die Wnsche, die er in Beziehung auf die Grfin
unterhalten hatte, und durch das letztere glaubte er alle seine politischen
Ideale der Realisirung nahe. Den Cothurn von sich schleudernd, fate er den
Entschlu, nach Frankreich zu gehen und ein Brger der neuen Republik zu werden.
Die Grfin d'Albania war leicht beredet, ihm dahin zu folgen; denn von allen
gleichgltigen Dingen war der Ort ihrer Existenz ihr das gleichgltigste. Auch
ich sollte mit nach Frankreich gehen; da mir aber die Franzosen noch immer
zuwider waren, und alles, was ich jetzt noch lieben konnte, sich in Deutschland
befand, so entschuldigte ich mich so gut, als mglich, indem ich versprach, da
ich erst eine Reise in mein Vaterland machen und alsdann meine Freunde in Paris
aufsuchen wollte. Beide gingen ber Turin nach Lyon, von wo aus sie ihre
Wallfahrt nach der Hauptstadt des Reiches fortsetzten. Ich begab mich in die
pisanischen Bder, um daselbst neue Bekanntschaften anzuknpfen, und mit diesen
nach Deutschland zurck zu gehen. Hier war es, wo ich meine Eugenia zuerst
kennen lernte. Ehe ich aber in meiner eigenen Geschichte fortfahre, mu ich noch
einen Blick auf die Grfin d'Albania und den Grafen Vittorio Alfieri werfen.
    Nur Weniges hab' ich seit meiner Trennung von beiden erfahren. Die erstere
kehrte nach Italien zurck, sobald die Revolution eine blutige Wendung genommen
hatte. Der letztere blieb in Paris, bis alle seine Erwartungen getuscht waren.
In einer feurigen Ode besang er die Zerstrung der Bastille; in einer noch
feurigern den Umsturz des Thrones. Als aber der Schrecken eintrat, da siegte
seine Menschlichkeit ber alle seine Ideale. So gro wurde sein Abscheu vor
allem, was um ihn her vorging, da er sich mehr, als jemals, in der Einsamkeit
begrub. Sich zu zerstreuen, lernte er Griechisch, und htte ein Knstler aus ihm
werden knnen, so wrde es unter diesen Umstnden geschehen seyn. Doch die
heitere Region der Kunst sollte ihm ewig verschlossen bleiben. Anstatt sich von
den Schlacken der Aristokratie zu reinigen, wurde er trbsinnig und
schwermthig; und wie konnte dies ausbleiben, da von allem, was er geahnet
hatte, das Gegentheil erfolgte und sein ganzes System ber den Haufen geworfen
wurde? Nach einem achtjhrigen Aufenthalte in Frankreich kehrte er nach Florenz
zurck, wo die Grfin d'Albania unterdessen gestorben war. Hier lebte er seitdem
zerbrochenen Herzens als ein von seinen Idealen Verlassener. Hat er nicht selbst
die Dauer seines Lebens abgekrzet, so ist er wenigstens nicht ungern gestorben.
Wenige Menschen haben im Kampfe mit sich selbst mehr gelitten. In einem Sonnet,
das ich sorgfltig aufbewahre, weil er es zu einer Zeit machte, wo er mit sich
selbst hchst unzufrieden war, redet er sich also an:

                           Uom, sei tu grande, o vil?

Und seine Antwort ist:

                               Muori; il saprai.

Aber der unglckliche Mann ist nie hinter das Geheimni gekommen, das ihn einzig
beschftigte; denn nie konnte er seiner Verwirrung Meister werden; sie mute ihn
tdten. Ich habe oft gedacht, da Alfieri in jenen Zeiten, wo das Feudalwesen in
seiner Blthe dastand, ein herrlicher, hoch hervorragender Mann gewesen seyn
wrde. Nicht die Feder, sondern Lanze und Schwert waren ihm, allen seinen
Anlagen nach, vom Schicksal beschieden; sein groes Unglck war da seine
Existenz in Zeiten fiel, wo sich von beiden kein Gebrauch mehr machen lt.
Sanft ruhe seine Asche; sie ruhe um so sanfter, weil alle Strme, die sein
Daseyn zerrtteten, innere Strme waren, deren Wuth sich nicht beschwichtigen
lie. Selbst Bonaparten, der das Problem der franzsischen Revolution so
vollstndig gelset hat, mute Alfieri hassen, weil er nicht an seiner Stelle
war.
    Gleich bei der ersten Bekanntschaft fhlte ich mich unwiderstehlich an
Eugenien angezogen. Es war ihre Physiognomie, was mir die Versicherung gab, da
wir Freundinnen werden knnten; und da dieser Brge sich in diesem, wie in jedem
anderen Falle, bewhrt hat, so so seh' ich mich genthigt, hier einen Theil
meines Systemes in Ansehung freundschaftlicher Verbindungen zu enthllen. Ich
werde von der einen Seite sehr viel Mhe haben, mich deutlich zu machen, und von
der andern, gegen alle meine Neigungen, zu einer (wenn gleich kurzen)
Dissertation ber das Verhltni der Physiognomie zur Freundschaft hingerissen
werden. Allein ich mu mich jener Beschwerde und diesem belstande unterwerfen,
wofern meine Bekenntnisse nur einigermaen vollstndig ausfallen sollen.
    Eine lngere Zeit hindurch folgte ich in freundschaftlichen Verbindungen
einem gewissen Instinkte, welcher mir sagte, da mit diesen oder jenen Personen
ein gutes Verhltni fr mich mglich oder unmglich sey, weil ihre Physiognomie
irgend eine Wendung hatte, die mich anzog oder zurckschreckte. Das Wunderbare
hierbei war, da sich, bei genauerer Bekanntschaft mit eben diesen Personen,
bestndig fand, da die Aussage meines Instinktes eine sehr zuverlssige gewesen
war. Eben deswegen wnschte ich alles Dunkle aus diesem Instinkte zu verbannen.
Allein wie das, was bisher bloes Gefhl, und zwar ein sehr verworrenes Gefhl,
gewesen war, in eine Formel verwandeln, die ich auf jede mir vorkommende neue
Physiognomie anwenden knnte?
    Da die Physiognomie selbst nur etwas Symbolisches sey, leuchtete mir sehr
bald ein. Eben so begriff ich ohne Mhe, da sie als etwas Symbolisches nur auf
das Gefhl wirken knnte. Wollte ich nun das Gefhl in Idee und den Instinkt in
haltbare Formel verwandeln, so blieb mir nichts anderes brig, als das
Symbolische aus der Physiognomie fortzuschaffen, und, wo mglich, in ihr den
inneren Zustand des einzelnen Menschen, dessen bloer Typus sie war, zu erkennen
und zu begreifen. Ich sagte mir selbst, da dies nur auf dem Wege einer sehr
genauen Analyse aller meiner Erfahrungen ber einzelne Menschen geschehen
knnte.
    Indem ich nun ber diesem Gedanken rastlos brtete, gelangte ich dahin, zwei
Grundkrfte im Menschen zu unterscheiden, die eine durch Gemth, die andere
durch Geist zu bezeichnen, und die letzte Bestimmung jedes menschlichen
Individuums in die Harmonie dieser beiden Grundkrfte zu setzen. Die Menschen
unterschieden sich demnach sehr wesentlich von einander, je nachdem sie mehr
Gemth, oder mehr Geist, oder Gemth und Geist in Harmonie gesetzt, waren. Da,
wo das Gemth den Ausschlag gab, mute ein rastloses Streben nach
freundschaftlichen Verbindungen statt finden; allein, da in dem Gemthe keine
regulirende Kraft enthalten ist, so konnten die Gemthreichen weder diskrete,
noch standhafte und zuverlssige Freunde werden; sie muten, vermge ihrer
ganzen Eigenthmlichkeit, immer zu unerfllbaren Ansprchen aufsteigen, und sich
und ihre Freunde dadurch um den Genu der eigentlichen Freundschaft bringen; es
waren, um alles mit einem Worte zu sagen, nur Passaden in der Freundschaft mit
ihnen mglich. Da, wo der Geist den Ausschlag gab, war an gar keine
freundschaftliche Verbindung zu denken; denn der Geist ist sich unter allen
Umstnden selbst genug, und, von dem Gemthe getrennt, mehr eine
umherschweifende, als regulirende Kraft. Nur da, wo Gemth und Geist in Harmonie
gesetzt sind, war eigentliche Freundschaft mglich, wiewohl nur immer unter der
Bedingung, da zwei gleichartige Wesen zusammen trafen; denn das bloe Gemth
des Freundes wrde eben so zerstrend auf die Harmonie zurck gewirkt haben, als
der bloe Geist desselben.
    Mit diesen Grundbegriffen war ich im Stande, mir alle physiognomische
Rthsel zu lsen. Die Idee festhaltend, da die Physiognomie immer nur etwas
Symbolisches oder Typisches sey, sagte ich zu mir selbst: Da, wo das Gemth
vorherrscht, mu die Physiognomie unregelmig und verworren seyn; aus keinem
anderen Grunde, als weil es an der regulirenden Kraft gebricht, welche einen
bestimmten Charakter wirkt. Da, wo der Geist, vom Gemthe verlassen, wild
umherschweift, wird freilich keine Unregelmigkeit und Verworrenheit sichtbar
werden, allein der Physiognomie wird es an allem Adel fehlen, und ihre
anziehende Kraft gnzlich vernichtet seyn. Nur da, wo Gemth und Geist in
Harmonie stehen, wird man im Antlitz des Menschen das Siegel seiner
Oberherrlichkeit entdecken; und was auch der Zufall thun mag, ein solches
Meisterstck der plastischen Natur zu verunstalten, so wird es ihm doch nie
gelingen, den Charakter desselben aufzuheben, weil dieser auf etwas Innerem
beruhet, das ber allem Zufall erhaben ist.
    Man urtheile ber dies Rsonnement, wie man wolle, fr mich ist es so
hinreichend, da ich aufrichtig bekenne, es vertrete bei mir die Stelle
mathematischer Evidenz. Nie hat es mich irre geleitet, und eine groe Menge von
Erscheinungen hab' ich mir nur auf diesem Wege erklren knnen.
    Dahin gehrt, da eben die Nation, der wir das schne Ideal verdanken, fr
die Freundschaft so ausschlieend vorhanden war, da sie mit einem besonderen
Sinne dafr ausgestattet schien. Allerdings hatte sie diesen besonderen Sinn;
aber er lag in der Harmonie des Gemths und des Geistes, welche den Griechen
eigen und unstreitig das Resultat ihrer gesellschaftlichen Institutionen war.
Dieselbe Harmonie aber, wodurch sie der wahren Freundschaft empfnglich wurden,
wirkte auf ihre Gesichtsbildung und auf ihren ganzen Krperbau so zurck, da
sie vorzugsweise in den Besitz der physischen Schnheit kommen muten, und einer
ihrer Philosophen vollkommen berechtigt wurde, zu behaupten: Eine schne Seele
knne nur in einem schnen Krper wohnen.
    Wie verschieden von der griechischen Physiognomie ist die italinische und
die franzsische! In der ersteren lauter Carrikatur, wenn gleich nicht selten
erhabene und hchst interessante Carrikatur; meiner Theorie nach, aus keiner
anderen Ursache, als weil in dem Italiner, von alten Zeiten her, das Gemth den
Ausschlag gegeben hat. In der letzteren bei weitem weniger Carrikatur, aber
zugleich auch beinahe gar keine Spur von Erhebung und innerer Gre, weil in dem
Franzosen das Gemth dem Geiste weicht, und dieser, von dem Gemthe verlassen,
sich immer nur in witzigen Combinationen, nie in groen, viel umfassenden Ideen
offenbaret. Vermge dieses wesentlichen Unterschiedes ist der Italiner fr die
Freundschaft unendlich empfnglicher, als der Franzose; nur da jener durch die
Heftigkeit seines Gemthes sie unaufhrlich zerstrt, whrend dieser sie zu
einem Spielwerk macht, worber der Muthwille schaltet. Die edelste franzsische
Physiognomie, welche mir jemals vorgekommen ist, hat Racine, so wie er von den
Knstlern gewhnlich dargestellt wird. Auch bin ich vollkommen berzeugt, da
dieser Mann der wahren Freundschaft fhig war. Wre ich seine Zeitgenossin
gewesen, so wrde ich mich mit ihm verbunden haben, htte ihn gleich die ganze
Welt treulos und falsch genannt; er konnte es nicht seyn, sobald er einen
Gegenstand antraf, an welchem sich die Harmonie seines Gemthes und Geistes,
wovon seine Physiognomie immer nur das Symbol war, offenbaren konnte.
    Um bei diesem Gegenstande nicht allzulange zu verweilen, will ich nur noch
eine artistische Bemerkung machen, die mir von einiger Bedeutung scheint. Sie
besteht darin, da der Streit, ob die Schnheit oder der Charakter der
eigentliche Vorwurf der schnen Kunst sey? ein sehr unntzer Streit ist, weil
es, nach allem bisher Gesagten, am Tage liegt, da die Schnheit als etwas
Sichtbares, nur immer das Resultat einer inneren Harmonie ist, die in sich
selbst einen Charakter bildet, und zwar den hchsten, den es geben kann. Der
Charakter ist also eben so sehr ein Vorwurf der schnen Kunst, als die
Schnheit, oder vielmehr, beide sind in Beziehung auf die schne Kunst eins und
dasselbe, so da der Knstler nie etwas anderes thut, als das Symbol der inneren
Harmonie zwischen Gemth und Geist darstellen. Das Ideal des Schnen wre
demnach nichts weiter, als der Abdruck dessen, was von der inneren Harmonie
uerlich sichtbar wird, und daber versteht sich ganz von selbst, da jeder
Charakter, dessen Wesen nicht mehr auf innerer Harmonie beruht, aufhrt, ein
Vorwurf der schnen Kunst zu seyn; denn sonst wrde Carrikatur und Hlichkeit
mit Harmonie und Schnheit einerlei werden mssen.
    Genug von meiner Lebensphilosophie und meinem Kunsttakt. Es kam blos darauf
an, begreiflich zu machen, wie ich mich fr Eugenien so lebhaft interessiren
konnte, ohne sie jemals gesehen oder von ihr gehrt zu haben. Die anziehende
Kraft, die sie an mir ausbte, brachte uns sehr bald nher; und ich glaube mit
Wahrheit behaupten zu knnen, da wir Freundinnen waren, ehe wir uns dem Namen
nach kannten. Erst am dritten Tage unserer Bekanntschaft entdeckte sichs, da
wir beide geborne Deutsche waren; denn bis dahin hatten wir nur Franzsisch
gesprochen, und uns in dieser Sprache ber jedes hhere Interesse, das Menschen
an einander kettet, einverstndigt. War es mir angenehm, in Eugenien ein Weib
kennen zu lernen, dem ich mich aufschlieen konnte; so war die Freude Eugeniens
ber diese Entdeckung in Beziehung auf mich nicht geringer. Ob ich gleich um
mehrere Jahre lter war, als meine neue Freundin; so verschwand doch der
Unterschied des Alters vor unseren Augen. Was unserer Verbindung eine so
pltzliche Innigkeit gab, da wir von dem ersten Momente unserer Bekanntschaft
an unzertrennlich waren, ist etwas, das sich nur dann wird sagen lassen, wenn
die menschliche Sprache einen weit hheren Grad von innerer Vollkommenheit
erreicht haben wird. Genug, da das Interesse, welches wir an einander fanden,
von dem gewhnlichen wesentlich verschieden war. Wren wir Mnner gewesen, so
wrden wir uns gegenseitig achten gelernt haben; in dieser Achtung aber htte
unser Verhltni seinen hchsten Charakter gefunden. Da wir Weiber waren, so
mute zu der Achtung sich noch die Liebe gesellen und unsere Freundschaft um so
vollkommner werden. Denn fr den Mann, der, es sey durch welches Talent es
wolle, immer seinen Sttzpunkt in der ganzen Gesellschaft hat, ist die
Freundschaft mehr Luxus als Bedrfni, whrend sie fr ein Weib, das in der
ganzen Gesellschaft nie einen Sttzpunkt haben soll, ein um so strkeres
Bedrfni ist, wenn das Weib auch der mnnlichen Untersttzung ermangelt.
Freundschaft unter Weibern ist nur darum so selten, weil sie in der Regel in der
Geschlechtsliebe untergeht; ein Fall, in welchem sich keine von uns beiden
befand.
    Wenn Personen sich einander mit Vertrauen nhern, so ist das Erste, da sie
sich gegenseitig ihre Geschichte erzhlen; und ob dies gleich in der Regel sehr
absichtslos geschieht, so offenbart sich doch auch hierin das Eigenthmliche der
menschlichen Natur, die, weil sie nicht auf einmal wird, was sie werden kann,
ber sich selbst nur dadurch Aufschlu zu geben vermag, da sie aussagt, wie sie
allmhlig zu Stande gebracht worden ist. Auch zwischen Eugenien und mir fand
diese Art von Mittheilung statt, und Eugeniens Entwickelungsgeschichte war im
Wesentlichen folgende:
    Mit groer Sorgfalt erzogen, hatte sie sich in einem Alter von siebzehn
Jahren durch ihre Mutter bereden lassen, einem funfzigjhrigen Manne, der sich
in ihre Unschuld verliebte, ihre Hand zu geben. Auch mein Herz, fgte sie
hinzu, wrd' ich hingegeben haben, wenn dies von meinem Willen abgehangen
htte. Nicht als htte ich einen Anderen geliebt; denn in einem solchen Falle
wrde keine Macht der Welt im Stande gewesen seyn, mir eine meinen Neigungen
entgegen strebende Richtung zu ertheilen. Sondern weil der Unterschied der Jahre
ins Mittel trat, und ich an meinem Manne nicht lieben konnte, was er an mir
liebte. Dies verschlug indessen fr die Soliditt unsers Verhltnisses sehr
wenig. Da mein Mann in jedem Betracht achtungswrdig war, so fand er meine ganze
Hochachtung; und in so weit die Liebe durch diese ersetzt werden kann, hat er
gewi nie das Mindeste entbehrt. Etwas Eigenthmliches an ihm war, da er nicht
aufhrte, sich ber meine Klte zu beklagen; allein diese Klage berhrte mich
sehr wenig von dem Augenblick an, wo ich einsah, da das, was er meine Klte
nannte, seiner Wrme sehr nothwendig war, und wo ich mich ber unser Verhltni
hinlnglich orientirt hatte, um zu wissen, was sich daraus machen liee, und was
nicht. Im Grunde war es auch nur eine Art von Laune, welche meinem Manne diese
Klagen eingab; denn im Ganzen genommen lebten wir zufrieden und vergngt, bis
der Moment eintrat, der uns fr immer trennen sollte. Dies geschah, nachdem wir
eilf Jahre zusammen verlebt hatten. War es nun die berzeugung, da ich nie an
einen anderen Mann gerathen knnte, der mich aufrichtiger liebte, als er, oder
lag seiner Forderung irgend eine andere moralische oder religise Idee zum
Grunde, die mir nicht ganz deutlich geworden ist - genug mein Mann verlangte auf
seinem Sterbebette, da ich mich nie wieder vermhlen sollte; und sobald ich ihm
mein Wort gegeben hatte, band er an die gewissenhafte Erfllung desselben den
Besitz seines ganzen Vermgens, von welchem mir nur ein bedeutender Theil werden
konnte, wenn die Ansprche einiger Verwandten in Betrachtung gezogen wurden.
Nach seinem Tode entstand die Frage, ob ich verbunden sey, mein Versprechen zu
halten. Die Jurisprudenz sprach mich davon los, weil die ganze Sache meinem
Gewissen berlassen war; da ich aber mein Versprechen nicht aus Eigennutz
gegeben hatte, und in mir selbst auch nicht die allermindeste Versuchung
wahrnahm, ber die freiwillig gesetzte Schranke hinauszugehen, so mochten mich
meine Verwandten noch so sehr fr den einen oder den andern Bewerber
interessiren, ich blieb meinem Vorsatz, Wittwe zu seyn, nicht minder getreu.
Einmal sagte ich zu mir selbst, da derjenige, der ein freiwillig geleistetes
Versprechen, das er halten kann, nicht hlt, gewissermaen zum Mrder seiner
Moralitt wird. Zweitens war es mir sehr problematisch, ob ich in einer zweiten
Ehe finden wrde, was ich in der ersten hatte entbehren mssen. Zwar hatte ich
es jetzt in meiner Gewalt, zu verhindern, da der Unterschied der Jahre die
Gleichheit der Gefhle nicht aufhob; allein lag nicht in dem Mittel, das ich zu
diesem Endzweck anwenden konnte, ein anderes noch wesentlicheres Hinderni der
Gleichheit? Ehemals hatten persnliche Eigenschaften mich whlbar gemacht. Diese
waren zwar nicht verschwunden; allein neben ihnen standen staatsbrgerliche
Vorzge von solcher Bedeutung, da es ungewi wurde, welche von beiden in einen
hheren Anschlag gebracht wrden. Ich verabscheuete aber nichts so sehr, als den
Gedanken, einen Mann so sehr in Widerspruch mit sich selbst zu setzen, da ein
Heuchler aus ihm werden mute. berall konnt' ich nie gewinnen, wohl aber
verlieren. Dies gerade machte mich vorsichtig. Um aber meinen Vorsatz desto
leichter auszufhren, fate ich den Entschlu, bis zu einem gewissen Alter
nirgend huslich zu seyn; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa
angetroffen, nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin, die Welt,
die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe, mehr im Groen kennen
zu lernen. Es ist nicht die zweite Ehe, der ich aus dem Wege gehe, sondern die
unglckliche Ehe; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen, die ich
darber zu machen Gelegenheit gehabt habe, so wie das natrlichste und
einfachste, so auch das genureichste und edelste aller Verhltnisse, in welches
ich ohne Bedenken zurcktreten wrde, wenn ich glauben knnte, da es fr mich
einen so unschuldigen Gatten gbe, als ich eine unschuldige Gattin seyn wrde.
    Die letzte Bemerkung Eugenia's bezog sich auf neue Heirathsvorschlge,
welche ihr in Pisa waren gemacht worden. Ob sie darauf eingehen sollte, oder
nicht, darber war sie nicht lnger zweifelhaft, sobald der Zufall uns zusammen
gebracht, und eine gewisse Sympathie uns mit einander verbunden hatte. Da sie
keinen Beruf fhlte, noch lnger in Italien zu verweilen, und ich von einer
unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zurckgetrieben wurde; so vereinigten
wir uns leicht, durch das Tyrolische nach Wien zu gehen. Unsere Abreise ging vor
sich, sobald die Badezeit vorber war. Wir kamen ohne Abentheuer in der
Kaiserstadt an; und weil der Aufenthalt in den Hauptstdten fr Personen, die
der Beobachtung noch nicht berdrig geworden sind, immer mit groen Reizen
verbunden ist, so nahmen wir uns vor, einige Jahre unter den Wienern zu
verleben.
    Schwerlich htten wir uns an irgend einem anderen groen Orte so theuer
werden knnen, als in der Hauptstadt der sterreichischen Staaten. Hier lebten
wir gewissermaen wie in einer Einde. Denn nicht genug, da die Kraft der
Hauptstadt eben so auf uns zurckwirkte, als auf die brigen Bewohner derselben,
in sofern sie uns isolirte, fanden wir durch Alles, was wir unsere
Eigenthmlichkeit nennen konnten, ein besonderes Hinderni freundschaftlicher
Verbindungen. Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks, unter
welchem wir lebten; eine Sinnlichkeit, ber welche wir hinaus waren, und die wir
eben deswegen weder theilen noch achten konnten. Ist von den geselligen Tugenden
der Wiener die Rede, so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; sie sind
gastfreundschaftlich und bieder, wie kein anderes Volk, das ich kennen gelernt
habe. Allein in diesem Kreise drften auch alle ihre Vorzge eingeschlossen
seyn; denn sobald von etwas Hherem die Rede ist, strengen sie sich vergeblich
an, es zu fassen, und erliegen ihrem geistigen Unvermgen nur allzubald. Mit dem
besten Willen, nur Deutsche zu frequentiren, sahen wir uns genthigt, unseren
Geselligkeitstrieb im Umgange mit franzsischen Ausgewanderten zu stillen,
wofern wir nicht ganz auf uns zurckgebracht seyn wollten.
    Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen, als die franzsische Grfin
C... sich enger an uns anzuschlieen begann. Htte sie es mit mir allein zu thun
gehabt, so wrde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen seyn;
denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft,
da diese Frau, obgleich, vermge ihres sehr gebildeten Verstandes, fr den
Umgang wie geschaffen, zu denjenigen gehre, mit welchen man sich in kein
bleibendes Verhltni einlassen mu, weil sie seiner unwrdig sind. Da Eugenia
aber zwischen uns beiden stand, so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen, von
der meinigen zu erdulden. Ich war hchst begierig, die Triebfedern kennen zu
lernen, welche sie in Bewegung gesetzt hatten; allein wie gespannt auch meine
Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden seyn mochte, so konnte ich doch eine lngere
Zeit hindurch nichts Unedles entdecken; und da meine Freundin mir den Vorwurf
machte, da ich in meinem Mitrauen zu weit ginge, so wurde ich nach und nach
sogar geneigt, an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln,
als ich einzelne Ausnahmen gestattete.
    Die Grfin war weit hufiger bei uns, als wir bei ihr; die Ursache lag in
ihrer gegenwrtigen Lage, welche eine strenge konomie nothwendig machte. Wie
selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten, so hatten wir doch nie das
Vergngen, irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden.
Eugenia verzieh auch dies, wiewohl sie eingestand, da alles anders seyn wrde,
wenn die Grfin aus Einem Stcke wre. Ich mochte also noch so deutlich zu
erkennen geben, da wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem
Wesen entsagten; meine Winke waren verloren, und Eugenia schien sogar ein
gewisses Ergtzen daran zu finden, da sie eine Frau kennen gelernt hatte,
welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemth unter die Fe trat.
    Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben, als wir bei
der Grfin eine gewisse Aurora kennen lernten, welche, um alles mit einem Worte
zu sagen, die Grfin in Ungebundenheit des Geistes noch bertraf, wiewohl es mir
nicht entgehen konnte, da sie sich, uns gegenber, nicht wenig Gewalt anthat.
Talentvoller und einschmeichelnder kann brigens kein Weib seyn, als diese
Aurora es war. Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schnheit; allein wer
htte diesen Mangel nicht verziehen, wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer
heitern Laune, ihres sprudelnden Witzes, ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der
Kindlichkeit war, womit sie gelobte sich zu bessern? Alle Mnner waren von
Auroren wie bezaubert, und die Weiber trsteten sich mit dem Besitz soliderer
Eigenschaften, welche Aurora keiner von ihnen streitig machte.
    Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B... vorbereitet, und
nicht lange darauf fhrte die Grfin ihn bei uns ein. Ein schner Mann, wenn von
bloem Wuchse die Rede ist! In seinen Mienen lag etwas Hartes, das er vergeblich
durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte. Er behauptete
- und seine Manieren bewiesen es unwidersprechlich - da er bis zum Ausbruche
der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem Hofe
durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe; aber
seine Auswanderung motivirte er so schlecht, da er dem Titel eines Chevaliers
die grte Schande machte. brigens war seine Parthie gleich nach der ersten
Bekanntschaft genommen. Um nmlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu knnen,
glaubte er mich mit tausend Artigkeiten berschtten zu mssen. Was ihm durchaus
nicht klar werden wollte, war das Verhltni, worin wir standen. Denn anstatt
Eugeniens Freundin in mir zu sehen, betrachtete er mich fortgesetzt in dem
Lichte einer Duenna, und indem er mich als eine solche behandelte, konnte er
nicht verfehlen, mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflen und sich
dadurch selbst zu schaden. Nur allzuoft ist es im Leben der Fall, da die
Combinationen der Listigen in sich selbst zusammenstrzen, weil sie nicht umfat
haben, was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten; und es ist mehr als
merkwrdig, da es, um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen
Zwecken zu leiten, nur einer Ehrlichkeit bedarf, die alle List berflssig
macht.
    Fr einen unbefangenen Einsichtsvollen htte es ein Schauspiel ganz eigener
Art seyn mssen, zwei deutsche Frauen ihre Eigenthmlichkeit gegen die Angriffe
vertheidigen zu sehen, welche von zwei sehr gewiegten Franzsinnen, die von
einem eben so gewiegten Franzosen untersttzt waren, darauf gemacht wurden. Ich
will unsere Gegner nicht beschuldigen, da sie es darauf anlegten, uns zu
demoralisiren; eine solche Absicht zu haben, htten sie sich in ihrer wahren
Gestalt erkennen mssen, welches durchaus nicht der Fall war. Allein die
Demoralisation mute ganz von selbst erfolgen, sobald wir nachgiebig genug
waren, uns von ihnen gebieten zu lassen. Und wie dies vermeiden? Die
Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin, da sie es in der Kunst
des Ausweichens so weit gebracht haben; sie respektiren, dem Scheine nach, jede
ihnen gegenberstehende Individualitt, weil sie wissen, da man sich ihrer
durch nichts so leicht bemchtigt, als durch diesen scheinbaren Respekt. Am
allergefhrlichsten war Aurora. Nach einem gewissen Maastab genommen, gab es
fr sie gar keine Tugend; allein sie beschnigte alle ihre Laster oder Schwchen
dadurch, da sie kein Geheimni daraus machte, und so oft die Sache ernsthaft zu
werden begann, ber sich selbst plaisantirte. Zwischen der Grfin und dem
Chevalier in der Mitte stehend, war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung
jedes egoistischen Zweckes; denn so vollkommen war alles edlere Gemth in ihr
ausgestorben, da sie sich den grten Abscheulichkeiten preisgegeben haben
wrde, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, da es Abscheulichkeiten wren.
Bewundernswrdig war es, da alle diese Personen sich mit Idealen trugen, welche
nie von ihnen wichen; allein sie blickten darauf hin, wie auf das goldene
Zeitalter, und Astra war fr sie auf immer entflohen. Unpartheiisch gesagt,
fanden sie alles, was einen Werth in ihren Augen haben konnte, in uns wieder,
und die Art des Interesses, welches sie fr uns fhlten, mochte zuletzt nur
darauf beruhen, da wir ihre Gegenstze waren; allein, um dies anzuerkennen,
htten sie aus dem Gespinnst heraustreten mssen, womit sie sich umgeben hatten;
und so weit reichte ihre Kraft nicht.
    ber alle Veredelung hinaus, konnten sie es immer nur darauf anlegen, uns in
ihren Wirbel zu ziehen; und fr uns bestand die Aufgabe darin, wie wir uns in
unserem eigenen Wirbel halten mchten. Eugenien schien die Gefahr minder gro,
als mir. Als ich sie eines Tages auf das Verhltni aufmerksam machte, worein
wir gerathen waren, antwortete sie mir: Wir htten es ja in unserer Gewalt,
dies Verhltni aufzuheben, sobald wir es fr gut befnden. Sie selbst she sehr
deutlich ein, da sie dadurch nie gewinnen knnte; allein so lange der Verlust
ertrglich wre, wrde sie nicht brechen, weil sie doch einigen Ersatz in dem
Geistesreichthum dieser Personen fnde. berall begriffe sie nicht, wie wir den
lngeren Aufenthalt in der Kaiserstadt ohne diesen Umgang ertragen wollten. Das
Casperle zu besuchen, fhlten wir uns zu gut, und ganz und gar in die Einsamkeit
zurck zu treten, wre weder heilsam noch unseren Planen entsprechend. Wie wenig
Terrain der Chevalier bei ihr gewnne, davon wre ich selbst Zeuge. Nur Aurora
amsire sie, als ein Wesen, das mit der ganzen Gesellschaft gebrochen habe und
noch immer den Ausschlag geben wollte. Es gbe ja zuletzt kein anderes Mittel,
zum Gefhl seines Werthes zu gelangen, als der Umgang mit Personen dieser Art,
die sich so treuherzig beredeten, die Geburt habe alles fr sie gethan.
    So lange Eugenia dieser Ansicht getreu blieb, konnte ich ganz ruhig seyn.
Ich strte also den Chevalier auf keine Weise in seinen Bewerbungen um meine
Freundin, und sah es ruhig an, wie Aurora, anstatt die Ungebundenheit zu
predigen, sie auf das allerliebenswrdigste reprsentirte. Meine ganze
Aufmerksamkeit war nur darauf gerichtet, welche Wendung diese Verbindung nehmen
werde, um einen bestimmteren Charakter zu gewinnen.
    Die Grfin lie mich nicht lange warten. Nachdem sie einigemale in der
Gesellschaft geghnt hatte, brachte sie das Kartenspiel in Vorschlag. Der
Chevalier und Aurora waren nicht abgeneigt davon; und da Eugenia und ich die
Wirthe waren, so durften wir uns nicht versagen, wie fremd uns auch der
Spielgeist seyn mochte. Als aber die Sache einmal in Gang gebracht war, fand
kein Stillstand statt. Wie bedeutend auch unsere Verluste seyn mochten, so
durften wir sie nur in dem Lichte solcher Tribute betrachten, welche der
Freundschaft dargebracht wurden. Dies war indessen der geringste Nachtheil, den
wir von unserer Nachgiebigkeit hatten. Ein nicht zu berechnender stand uns
dadurch bevor, da wir uns durch das Spiel mit unseren Gegnern identifiziren
muten. Es ist nun einmal das Eigenthmliche des menschlichen Geistes, immer
dahin zu neigen, wo er die meiste Beschftigung findet, sollte er sich auch
dadurch zerstren. So lange der Austausch von Ideen und Gefhlen unsere einzige
Unterhaltung gewesen war, fanden Eugenia und ich darin das Mittel, unsere
Individualitt gegen jeden Angriff zu vertheidigen. Sobald hingegen alle
Unterhaltung in Spiel ausgeartet war, kamen wir in eine so unvortheilhafte
Stellung, da aller Widerstand vergeblich wurde und in sich selbst verging. In
der That, man braucht nur aus Neigung zu spielen, um das Gefhl seines Werthes
zu verlieren und jeder Erhebung unfhig zu werden; denn indem der Geist seine
ganze Kraft auf das Spiel richtet, bet er sie in Beziehung auf alle edleren
Gegenstnde ein, auf die sie gerichtet werden knnte.
    Indem ich diese Reflektionen machte, war ich auch auf den Rckzug bedacht.
Aber wie ihn einleiten? Eugenien zurcklassen und sie dem allerschlimmsten
Schicksal preisgeben, war eins; und dies vermochte ich nicht ber meine Liebe
fr sie. Eugenien die Augen ffnen, war milich, da das Spiel, welches sie
liebgewonnen hatte, zwischen ihr und mir in der Mitte stand, und der
freundschaftlichen Wrme, womit sie mir sonst entgegen zu kommen pflegte, nur
allzuviel Abbruch that. Ich machte den Anfang meiner Operationen damit, da ich
mich vom Spiele ausschlo und dadurch gewissermaen aus der Schuweite setzte.
Dies mute sehr bel aufgenommen werden; und dies wurde auch wirklich der Fall.
Ohne mich indessen daran zu kehren, spielte ich die Beobachterin. Mir selbst
zurckgegeben, bemerkte ich mit Entsetzen, welche Fortschritte durch das Spiel
in der Familiaritt gemacht waren. Aurora fand es gar nicht mehr der Mhe werth,
ihre Gebrechen zu verschleiern; sie sprach darber, als ob es unmglich wre,
Verstand zu haben und anders zu seyn, als sie. Der Chevalier hatte das Bischen
Galanterie, das ihm vorher eigen gewesen war, an den Nagel gehangen, und behielt
nur noch die Manieren eines Glcksritters. Die Grfin gebot mit einer
Unverschmtheit, als ob alle Vorrechte in ihr vereinigt worden wren. Und
Eugenia blieb bei allen diesen widerwrtigen uerungen immer gelassen, weil sie
fr den Augenblick die Schrfe des Gefhls verloren hatte, wodurch man gegen
fremde Anmaung emprt wird. Ich schauderte vor dem Abgrund zurck, in welchen
ich meine Freundin strzen sah; aber ich hatte nicht den Muth, sie darauf
hinzuweisen, so lange sie nicht aus ihrer Gleichgltigkeit hervortrat.
    Indessen hatten die Ausgewanderten nicht sobald wahrgenommen, da ich ihrem
Interesse abhold sey, als sie es darauf anlegten, Eugenien von mir zu trennen.
Aurora wurde dazu gebraucht, dies Meisterstck der Intrigue zu Stande zu
bringen. Niemand hatte dazu mehr Geschicklichkeit; denn niemand war um den
Unterschied zwischen Lge und Wahrheit weniger verlegen, und niemand verstand
sich auf die Kunst des Lcherlichmachens besser, als Aurora. Um aber noch von
einer anderen Seite her zu wirken, verstrkten sich die Grfin und der Chevalier
dadurch, da sie mehrere andere Ausgewanderte bei uns einfhrten. Dies mochte
sich zuletzt ganz von selbst machen, da der Gewinn, den man von Eugenien zog,
die Lockspeise war; indessen wurde dadurch immer eine groe Mehrheit zu Stande
gebracht, in welcher sich Eugenia als die einzige Fremde erscheinen und alle
Lust zum Widerstande verlieren mute. Es war zum Erstaunen, mit welcher Freiheit
sich alle diese Personen um meine Freundin hinbewegten. Sie, welche fr alle der
Mittelpunkt htte seyn sollen, war nichts mehr und nichts weniger, als die
Schuscheibe des Geldinteresses. So vollkommen war man hierber mit sich selbst
einig, da man aus Poissardensinn gar kein Geheimni mehr machte.
    Ich sah alle diese Manvres mit Gelassenheit an, weil meine Stunde noch
nicht geschlagen hatte. Um Eugenien von diesen Vampyren zu befreien, mute ich
den Zeitpunkt abwarten, wo sie sich davon beschwert fhlte. Dieser Zeitpunkt
konnte mglicherweise nicht eher eintreten, als bis meine Freundin in
Geldverlegenheit gerieth und ihre Zuflucht zu meiner Casse nahm. Ich enthielt
mich das erstemal aller Bemerkungen ber ihre allzuweit getriebene
Nachgiebigkeit; aber das zweitemal legte ich ihr ganz unverholen die Frage vor:
Ob sie denn dieses eckelhaften Einerleies nicht berdrig wrde? Sie
betrachtete mich nicht ohne Verwunderung; und als ich khn genug war, meine
Frage zu widerholen, anwortete sie: Was soll ich machen? Verstrickt, wie ich
einmal bin, mu ich mein Schicksal ertragen. Ich selbst fhle wohl, da ich mich
von meiner Hhe herabgeworfen habe; allein wie kann ich es anfangen, sie noch
einmal zu erreichen?
    Ohne weder die Grfin, noch den Chevalier, noch Auroren, noch irgend einen
von den brigen anzuklagen, stellte ich sie Eugenien als Bedrftige dar, welche
sie, aus irgend einem Instinkt, eben so behandelten, als sie ehemals den Hof
behandelt htten, und auf gleiche Weise von ihr abfallen wrden, sobald sie
nichts mehr zu geben htte. Es ist, fgte ich hinzu, ganz offenbar die
Parasitenkunst, die sie treiben; die eckelhafteste von allen Knsten, die es
geben kann, weil sie ihre Grundlage weder im Verstande, noch im Gefhl, sondern
in einem dumpfen Egoismus hat, der sich nicht besser zu verschleiern wei, als
dadurch, da er die Miene annimmt, fr das Vergngen Anderer zu sorgen, whrend
er nur den grbsten Vortheil im Auge hat. Mag es doch in der Gesellschaft
Personen geben, denen ihr Recht widerfhrt, wenn sie von einem Parasitenheer
umlagert werden; allein zu ihnen zu gehren, kann weder angenehm seyn, so lange
man die Wahrheit noch von der Lge zu unterscheiden wei, noch ehrenvoll, so
lange man noch nicht in leerer Reprsentation untergegangen ist. Meine Freundin
mu zu einem neuen Leben erwachen; und dies kann nur dadurch geschehen, da sie
solchem Volke den Rcken weiset und es seinem Schicksal berlt. Man mu die
Kraft haben, einem Umgange zu entsagen, durch welchen man nicht veredelt werden
kann; denn sonst luft man Gefahr, wo nicht selbst verunedelt zu werden, doch
wenigstens solche Schrammen und Quetschungen davon zu tragen, da es unmglich
wird, noch einmal zu einem heitern Lebensgenu aufzusteigen.
    Recht absichtlich drckte ich mich mit dieser Strke aus, um einen tiefen
Eindruck zu machen. Meinem Vorsatze nach wollte ich mich von Eugenien trennen,
so bald sie dadurch beleidigt wrde. Dies war aber so wenig der Fall, da nur
von den Mitteln die Rede war, sich aus der Schlinge zu ziehen.
    Eugenia wollte sogleich abreisen; dagegen aber hatte ich Mehreres
einzuwenden. Vor allen Dingen sollte meine Freundin die Kaiserstadt mit eben so
unumwlkter Seele verlassen, als sie in dieselbe eingetreten war. Auerdem aber
sollten diese Ausgewanderten, deren Rache ich vorhersah, nicht Raum gewinnen,
hinter unserem Rcken zu sagen, was sie fr gut befinden wrden. Zu diesem
doppelten Endzweck schlug ich Eugenien eine Reise in die Gebirgsgegenden Bhmens
vor, deren bezaubernde Mannigfaltigkeit alle die peinlichen Gefhle zerstreuen
mute, die ihre Wangen mit Schaamrthe berzogen; zugleich aber bat ich sie,
davon nicht eher ein Wort zu sagen, als bis alle Reiseanstalten gemacht seyn
wrden, und alsdann der Grfin in einem kurzen Billet auer der Abreise zugleich
den Tag der Zurckkunft anzuzeigen. Eugenia gab sich meinen Anordnungen mit der
Entsagung vertrauender Freundschaft hin. Nach wenig Tagen waren wir reisefertig.
Welchen Eindruck unsere pltzliche Abreise auf die edle Gesellschaft machte,
lt sich nur dann berechnen, wenn man sie in ihrer Gemeinheit kannte. Sie
mochte davon eben so betroffen seyn, als die National-Versammlung von der Flucht
Ludwigs des Sechzehnten.
    Unsere Reise brachte alle die Wirkungen hervor, die ich beabsichtigt hatte,
und Eugenia dankte dem Himmel fr die Freiheit, die ihr zu Theil geworden war.
Zur festgesetzten Zeit kehrten wir nach Wien zurck. Die Ausgewanderten
unterlieen nicht, sich wieder bei uns einzufinden, sobald sie unsere Ankunft
erfahren hatten; allein wir hatten es jetzt in unserer Gewalt, jede beliebige
Stellung gegen sie anzunehmen. Aurora stellte sich zuerst ein, und ganz offenbar
legte sie es darauf an, uns durch ihre Familiaritt in das alte Geleise zurck
zu fhren. Doch die Feierlichkeit, die wir ihr entgegensetzten, verwirrte sie
so, da sie sich ein Dementi ber das andere gab, bis sie mit Bekenntnissen
hervortrat, auf welche wir gar nicht gefat waren. Ihrer Aussage zufolge war
unter allen diesen Personen keine einzige ehrliche Seele. Was sie von jeder
einzeln sagte, soll mit Stillschweigen bergangen werden. Genug, wir wurden,
wenn auch nur die Hlfte von Aurorens Offenbarungen Glauben verdiente,
hinlnglich berzeugt, da wir es mit eigentlichem Auswurf zu thun hatten, der
es wohl verdiente, von der Welt verlassen zu seyn und sich selbst zu bekmpfen.
Aurora selbst wnschte sich an uns anschlieen zu knnen; allein wir lehnten
ihre Bitte ab, weil, wie gut auch ihre Vorstze fr den Augenblick seyn mochten,
ihr Inneres durch langen Mibrauch allzusehr verdorben war, um noch einmal zu
genesen. Wir verweilten noch einige Wochen in Wien, um der Welt zu zeigen, da
es zwischen uns und den Ausgewanderten zu einem frmlichen Bruch gekommen wre,
den wir selbst zu Stande gebracht htten. Alle Billets der Grfin, des Chevalier
u. s. w., die whrend dieser Zeit ankamen, wurden angenommen, aber nicht
beantwortet. Der Verlust, den Eugenia gelitten hatte, war bedeutend genug;
indessen lie er sich ertragen, wenn man in Anschlag brachte, da sie bestimmt
war, noch weit mehr zu verlieren, und nicht nur ihr Vermgen, sondern auch ihre
Moralitt und ihre Ehre einzuben. Hierber hatte uns Aurora so vollstndige
Aufschlsse gegeben, da die Sache keinem Zweifel unterworfen war. Wien
verlieen wir mit der traurigen Reflektion, da, mit allem guten Willen uns an
Deutsche anzuschlieen, wir unsere Zuflucht zu egoistischen Franzosen hatten
nehmen mssen, die in uns nur die leichte Beute schtzten.
    Wir durchreiseten einen groen Theil des deutschen Reichs, um einen
Aufenthalt zu finden, der unseren Neigungen entsprche; allein wir kamen nicht
eher zur Ruhe, als bis Eugenia sich entschlo, in der Nhe von W... das Gut zu
kaufen, das wir noch immer bewohnen.
    Seit dieser Zeit leben wir in unserer eigenen Welt, hinlnglich geschieden
und hinlnglich berhrt von unserer Umgebung, um in voller Freiheit zu
existiren. Unsere Sorge ging gleich Anfangs dahin, das Ntzliche dem Schnen so
unterzuordnen, da dieses ein hinreichendes Fundament in jenem erhielte; und
dies ist uns ber alle Erwartung gelungen. Unser Gtchen ist der Wohnsitz der
Reinlichkeit, der Ordnung, der Bequemlichkeit und Gastfreundlichkeit; und in
sofern diese Schpfung von uns ausgegangen ist, macht sie, hoff ich, unserem
Verstande keine Unehre. Die Angelegenheiten der Wirthschaft sind unter uns so
getheilt, da jede von uns ihren eigenen Wirkungskreis hat, ohne gleichwohl
dadurch so beschftigt zu seyn, da wir auer Stande wren, uns im Nothfall zu
ersetzen; denn wir haben das Geheimni aufgefunden: Alles so zu ordnen, da es
nur eines leichten Impulses bedarf, um das Ganze im Gange zu erhalten. Den
Frieden neben die Thtigkeit zu stellen, dies ist die groe Kunst bei allen
Organisationen; und diese Kunst ist von uns ausgebt worden.
    Wir wrden noch immer glcklich seyn, wenn wir auch ganz von der Welt
getrennt lebten. Dies ist aber nicht der Fall; wir leben vielmehr mitten in der
Welt. Es kam darauf an, eine solche Stellung zu gewinnen, da wir von dem
Gerusch um uns her nur gerade so viel berhrt wrden, als sich mit der
Bestimmung vertrug, die wir uns selbst gegeben hatten. Zu diesem Endzweck
konnten wir uns nur dem Umgange solcher Personen hingeben, die wirklich zu uns
paten; allein, indem wir in dieser Hinsicht so klug als vorsichtig waren,
brachten wir es dahin, da wir die ganze Welt durch wenige Personen in einem
kurzen Auszuge um uns herstellten. Wer sich mit dem Volumen befat, wird davon
erdrckt; wer hingegen Verstand genug hat, nur nach der Quintessenz zu streben,
behlt seine ganze Freiheit und wird durch die hchsten Gensse belohnt.
    Durch Sie, mein theurer Csar, wurde ich von neuem in die deutsche Literatur
eingeweihet, die mir seit vielen Jahren fremd geworden war; und dafr danke ich
Ihnen, wenn es eines Dankes bedarf. Ich habe mich berzeugt, da die Deutschen
in jeder Kunst und Wissenschaft seit ungefhr dreiig Jahren Riesenschritte
gemacht haben; und weit entfernt, an einen nahen Stillstand zu glauben, erwarte
ich vielmehr von der Zukunft noch glnzendere Perioden. Mag doch die groe
Mehrheit der Schriftsteller in gar keine Betrachtung kommen; dies verschlgt
demjenigen nichts, welcher einsieht, wie nothwendig sie sind, um einen
ausgezeichneten hervor zu bringen. Auch das Gold erzeugt sich nur in Bleistufen;
und wer verlangt es, da kein Blei existiren soll? Alle materielle Industrie ist
die Bedingung der immateriellen, und in dieser Ansicht mgen wir jene wohl
verzeihen.
    In der That, ich freue mich, die Zeit erlebt zu haben, in welcher Gthe's
natrliche Tochter erscheinen konnte. Hher als jedes andere Produkt desselben
Meisters setz' ich dieses. Mag die Mitwelt darber urtheilen wie sie wolle, die
Nachwelt wird darin nur ein Dokument unseres gegenwrtigen Culturgrades
erblicken; und auf diese Weise erwarte ich nichts Geringeres, als da die
natrliche Tochter die Zeiten, in welchen wir leben, verherrlichen werde. Was
ist es denn zuletzt, was die Lektre eines Reineke Fuchs so anziehend macht?
Meinem Urtheile nach nichts anderes, als die Entdeckung, da in diesem Gedichte
eine groe Welt dargestellt ist, die so und so gegen oder fr einander wirkte.
Das Feudalwesen in seiner Glorie; dies ist der Inhalt des Reineke Fuchs, und es
wre unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser nicht allegorisirt htte. Das
Feudalwesen in seinem Verfall und nahen Zusammensturz; dies ist der Inhalt der
natrlichen Tochter, und es wre eben so unendlich zu bedauern, wenn der
Verfasser keinen Knig, keinen Herzog, keinen Grafen, keinen Weltgeistlichen,
keinen Mnch, keinen Gouverneur u.s.w. aufgefhrt htte. Beide Kunstwerke
bezeichnen also bestimmte Entwickelungsepochen, und haben in dieser Hinsicht,
wie verschieden sie auch ihrem Inhalte nach seyn mgen, gleichen Werth. Ist von
der Kraft die Rede, durch welche beide ins Daseyn gerufen wurden, so mchte ich
behaupten, da sie in beiden Verfassern gleich gro war; so da ich mich gar
nicht darber wundere, wie Gthe der bersetzer des Reineke Fuchs werden konnte;
ein Werk, das mich bezaubert, und dessen sorgfltiges Studium mich zu meiner
Ansicht der natrlichen Tochter gefhrt hat.
    Man rhmt es als einen groen Vorzug der letzteren, da die edlen Formen der
Griechen in ihr conzentrirt sind. Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, da
die natrliche Tochter als Kunstwerk erbrmlich wenig seyn wrde, wenn nur die
Formen in Betrachtung gezogen werden sollen. Auch ohne jemals den Aeschylus und
Sophokles gelesen zu haben, mute Gthe, vermge seines Verstandes, solche
Formen erzeugen. Der Geist, welcher in der natrlichen Tochter lebt und webt,
ist aber ber den der Griechen so unendlich erhaben, da ich zweifle, Aeschylus
und Sophokles wrden die natrliche Tochter verstehen, wenn sie ihnen in die
Hnde gegeben werden knnte.
    Da ich einmal ein wenig in das Gthische Kunstwerk verliebt bin; so mssen
Sie mir, mein angenehmer Freund, verzeihen, wenn ich zu diesen Bemerkungen noch
einige andere hinzufge, von welchen ich glaube, da sie zur Sache gehren.
    Mir war bei der Lektre der natrlichen Tochter eben so zu Muthe, als bei
der Betrachtung der Verklrung Raphaels. Anfangs wute ich nicht, wodurch ich in
diese Stimmung gerathen war; als ich aber tiefer nachdachte, entdeckte ich
zwischen beiden Kunstwerken eine auffallende hnlichkeit, welche darin bestand,
da in beiden eine doppelte Handlung vorgeht, welche die hchste Einheit mit
sich fhrt. Wollen Sie sich geflligst desjenigen erinnern, was ich weiter oben
ber das Raphaelsche Kunstwerk als Urtheil meiner verewigten Freundin bemerkt
habe; so mssen Sie gestehen, da das Wunder der Verklrung zu der
fehlgeschlagenen Heilung des besessenen Knaben in eben dem Verhltnisse steht,
worin sich die Revolution zu Eugenia's Schicksal befindet. Vereinigung des
Epischen mit dem Dramatischen war wie Raphaels so auch Gthe's Zweck, und beide
haben ihn auf das allervollkommenste erreicht, indem sie die doppelte Handlung
so stellten, da die eine die andere beleuchtet und aufklrt. Ist nicht alles,
was der Gthischen Eugenia begegnet, von einer solchen Beschaffenheit, da es in
dumpfes Erstaunen setzt, wofern man nicht an das zurckdenkt, was der ganzen
Gesellschaft, zu welcher sie gehrt, bevorsteht? Nur auf diese Weise lie sich
eine groe Revolution auf die Bhne bringen; aber indem sie im Hintergrunde
gehalten werden mute, so konnte es schwerlich fehlen, da alle diejenigen
(Zuschauer oder Leser), denen es an Einbildungskraft gebrach, von der Handlung
sehr wenig ergriffen werden, und da Gthe in dieser Hinsicht Raphaels Schicksal
theilte, an dessen Verklrung die gewhnliche Critik zur Tadlerin werden mute.
    Groe, hocherhebende Gefhle wollte der Dichter erzeugen, und solche hat er
in allen denen erzeugt, die ihn zu fassen Kraft genug haben. Doch auf die Menge
konnte er nicht einwirken. Dieser mute es sogar problematisch werden, ob sein
Kunstwerk fr eine wahre Tragdie zu achten sey, da sie sich in derselben durch
nichts gemartert und gefoltert fhlte. Mit tiefer, alles umfassender
Menschenkenntni hatte der Dichter gezeigt, wie aus Eugenia's nicht
gesetzmiger Geburt sich, mit ihren seltenen Talenten und ungemeinen
Eigenschaften, ihre Ansprche auf anerkannte Hoheit und ihre Schicksale
entwickelten; allein sich mit einem solchen Wesen, wie diese Eugenia ist, zu
identifiziren, ist der groen Menge unmglich; und da sie die Heldin des Drama's
nicht vor ihren Augen vernichtet sieht, so entgeht ihr diejenige Vernichtung,
welche Eugenia dadurch erfhrt, da die Flammen der Revolution ber alle ihre
Wnsche, Hoffnungen und Ideale zusammenschlagen. Nur dem gebildeten Zuschauer
oder Leser ist es einerlei, ob er eine Iphigenia in Aulis zum Opferaltare
fhren, oder eine Eugenia ein Mibndni eingehen sieht; und wie sehr der
Dichter auf diese hhere Bildung gerechnet habe, liegt darin am Tage, da er den
Schmerz ber Eugenia unglckseliges Geschick nicht besser besnftigen zu knnen
glaubte, als wenn er ihrem letzten Schritte Vaterlandsliebe zum Grunde legte,
und sie noch obendrein zur Gattin eines achtbaren Mannes machte. Wre Gthe's
Empfindsamkeit allen Zuschauern und Lesern seiner Eugenia eigen, so mten sie
in eben die melancholische Stimmung gerathen, in welcher er sein Kunstwerk
schuf. Es ist also nur das Miverhltni, worin Gthe, als Culturgeschpf, zu
der Welt, auf welche er einwirken mchte, steht, was alle die schiefen Urtheile
zu verantworten hat, die ber seine Eugenia, wie ber seine brigen Dramen,
gefllt worden sind. Ob dies Verhltni immer dasselbe bleiben werde, mag ich
nicht entscheiden; kommt aber die Welt auf ihrem Entwickelungsgange so weit, da
sie Gthen fassen lernt, so mu das Schicksal seiner Eugenia eben so tiefe
Rhrungen hervorbringen, als alles, worber das Publikum gegenwrtig in Thrnen
zerflieet; nur mit dem Unterschiede, da man sich in Gthe's Dramen zugleich im
Gemthe verwirrt und im Geiste erleuchtet, zugleich niedergedrckt und gehoben
fhlen wird.
    So wie die Sachen gegenwrtig stehen, ist dies unmglich. Denn - um bei der
natrlichen Tochter stehen zu bleiben - es ist nicht Eugenia's Individualitt
allein, was den grten Theil der Zuschauer oder Leser unberhrt lt; die
brigen Personen des Drama's sind ihnen nicht minder unbegreiflich. Um in diesem
Herzog den schwankenden Vasallen neben dem gefhlvollen Vater, in diesem
Sekretr das egoistische Werkzeug eines fremden Willens, in dieser Hofmeisterin
die verzweifelnde Jungfrau, in diesem Gouverneur das Geschpf militairischer
Disciplin, in dieser btissin die durch die weltliche Macht beschrnkte Frau, in
diesem Mnch den religisen Schwrmer, in diesem Gerichtsrath den ber sein
Geschft hoch erhabenen, das Recht idealisirenden Menschen zu fassen, mu man
etwas mehr von der Welt begriffen haben, als die groe Mehrheit, der alles, was
gesellschaftliches Verhltni genannt werden mag, ein unauflsliches Rthsel
ist. Ohne Zweifel hing es nur von dem Dichter ab, sein Kunstwerk dennoch der
groen Mehrheit angenehm zu machen; aber alsdann htte er eben die Wege
einschlagen mssen, welche Schakespear einschlug, so oft es ihm darauf ankam,
ungemeinen Charakteren Eingang zu verschaffen; nmlich viel Theatergerusch in
nchtlichen Erscheinungen, Zweikmpfen u.s.w. Da Gthe dies nicht gethan hat, so
mssen wir annehmen, da er dergleichen Behelfe verachtet; und wie kann man
anders als sie verachten, wenn man nicht zu dem groen Haufen gehrt, oder fr
ihn lebt? Die Unsterblichkeit sichert man sich nur dadurch, da man die eigene
Individualitt vor allen Verunstaltungen bewahrt; und wenn Alfieri ber irgend
einen Punkt Recht hatte, so war es in der Behauptung, da nur diejenige
Schriftstellerei einen Werth haben knne, deren Inzentiv ein groer, ewig
dauernder Ruhm ist. Ich stelle mir vor, da es mir an Gthe's Stelle Vergngen
machen wrde, in meinen dramatischen Werken die Verzweiflung der Schauspieler
und Kritiker zu erblicken.
    So viel ber Gthe's Eugenia, deren Lektre mir unaussprechliches Vergngen
gemacht hat; ein Kunstwerk, das sich in jedem Betracht den ersten Meisterwerken
aller Nationen zur Seite stellen kann, ohne durch die Vergleichung zu leiden,
und das ganz unstreitig das allervollkommenste ist, das der deutsche Geist
jemals geschaffen hat.
    Ich komme nach dieser Abschweifung auf mich selbst zurck.
    Durch die Lektre auserlesener Geisteswerke erhalte ich meinem eigenen
Geiste die jugendliche Kraft, wodurch ich mich von anderen Personen meines
Alters unterscheide. Allen meinen Erfahrungen nach, giebt es kein besseres
Mittel, dem Alter auszuweichen. Eine Sammlung wirklich geistreicher Schriften
hat den Vorzug selbst vor der besten Gesellschaft. Einmal behlt man seiner
Bibliothek gegenber die vollste Freiheit, welche nothwendig verloren geht, wenn
man sich, im persnlichen Umgange, fremden Individualitten anschmiegen mu.
Zweitens hat man den Vortheil, die Geister in ihren Sonntagsschmuck zu sehen,
d.h. nicht verunstaltet durch Launen, Antipathien und alle die Wirkungen
momentaner Eindrcke, welche die Mittheilung hemmen; denn wer sich einmal an
sein Pult gesetzt hat, um mit der Welt zu sprechen, befindet sich gewi in der
ihm vortheilhaftesten Verfassung. Drittens hat man es in seiner Gewalt,
aufzurufen welchen Geist man will, nur ihm zu leben, und ihm nur so lange zu
leben, als man es fr gut befindet. In der That, ich wundere mich, wie so viele
Personen, welche auf Bildung Anspruch machen, diese Vorzge verkennend, den
Geselligkeitstrieb nur dann zu befriedigen glauben, wenn sie sich durch den
Umgang auf die Folter spannen lassen.
    Da von meinen Schicksalen nicht weiter die Rede seyn kann, so bleibt mir nur
noch brig, von meiner Lebensweise und meinen Erwartungen zu sprechen.
    Ich habe die Gewohnheiten und Neigungen meiner Jugend immer beibehalten; ich
konnte es, weil sie in jeder Hinsicht leicht und bequem waren, und that es, weil
ich mich dabei wohl befand. Meiner Migkeit verdanke ich, da ich nie krank
gewesen bin. Aber ich kann mit gleicher Wahrheit sagen, da ich mich nie
unglcklich gefhlt habe; und dies bedeutet etwas mehr. Vielleicht sind die
Gemthskrfte nie so stark in mir gewesen, da sie mich zu inneren Widersprchen
fhren konnten; vielleicht aber auch hat die frhe Gewhnung, ihren Anfllen zu
begegnen, die Wirkung hervorgebracht, da ich mir zu allen Zeiten klar und
gleich bleiben konnte. Dem sey wie ihm wolle - denn hierber ganz ins Reine zu
kommen, ist vielleicht unmglich - indem ich Anderen eben so sehr gelebt habe,
als mir selbst, habe ich immer einer beneidenswerthen Ruhe und Heiterkeit
genossen. Jungfrau bin ich geblieben, weil nach Moritz sich mir kein Mann
dargestellt hat, dem ich meine Freiheit aufzuopfern der Mhe werth gehalten
htte; ich mu mich so ausdrcken, ob ich gleich bei mir berzeugt bin, da
meine Jungfrauschaft nicht die Folge des Raisonnements bei mir gewesen ist. Wre
ich Gattin und Mutter geworden, so wrde ich diesen Verhltnissen keine Schande
gemacht haben; denn Treue und Liebe lagen in meinem Wesen eingehllt. Als eine
geborne Catholikin wrd' ich mich nach Moritzens Tode entschlossen haben, in
irgend ein Kloster zu gehen; schwerlich aber wre dann aus mir geworden, was ich
jetzt bin, und in sofern ich einen Werth auf mich setze, freue ich mich auch,
eine Protestantin zu seyn. Ich frchte weder den Verfall, noch den Tod. Den
ersteren betrachte ich als eine Folge des mangelnden Reizes, und so lange mir
noch mein Bewutseyn bleibt, werd' ich dafr sorgen, da dieser Mangel mich
nicht treffe. In dem letzteren seh' ich nur den Stillstand einer Maschine, die
nicht fr die Ewigkeit geschaffen wurde. So lange ich lebe, werd' ich mich auch
wohlbefinden. Mein Arkanum in dieser Hinsicht ist sehr einfach. Es heit: Fliehe
den Umgang mit alten und langweiligen Personen. Nichts verbittert das Leben so
bestimmt und tdtet so sicher, als das berhandnehmende Gefhl der Langenweile.
Gewissen Anzeigen nach, werd' ich aber ein hohes Alter erreichen, ohne da ich
dies gerade wnsche. Denn blick' ich auf die Vergangenheit zurck, so dehnt sie
sich unermelich vor mir aus, welches durchaus nicht der Fall seyn knnte, wenn
der langweiligen Tage, Wochen, Monate in ihr sehr viele gewesen wren. Ich
glaube nmlich die Bemerkung gemacht zu haben, da es in jedem Menschen ein von
allen knstlichen Zeitmaaen ganz unabhngiges giebt, nach welchem das
Fortschreiten der Zeit durch Gefhle und Ideen bezeichnet wird. Vermge dieses
natrlichen Zeitmaaes mu eben die Zeit, welche im Durchleben sehr rasch
vorber zu fliegen scheint, in der Zurckerinnerung eine groe Ausdehnung
gewinnen, und umgekehrt die trg vorber schleichende Zeit in der Erinnerung
zusammen schrumpfen. Da ich aber die letzte Erfahrung durchaus noch nicht an mir
selbst gemacht habe, so mu ich daraus schlieen, da noch ein hohes Maa von
Lebenskraft in mir ist, und ich fr eine ungewhnlich lange Dauer bestimmt bin.
Doch dies komme, wie es wolle, ich werde mit meinem Geschick knftig eben so
zufrieden seyn, als ich es gegenwrtig bin. Das Einzige, warum ich den Himmel
bitten mchte, ist die Erhaltung der letzten Freunde, die er mir zufhrte.
Bessere werd' ich niemals wiederfinden, und ein freundloses Leben hat so viel
Abscheuliches fr mich, da ich lieber gar nicht mehr existiren will, wenn die
nackte Existenz durch sich selbst bedingt ist.

Und nun, mein theurer Csar, hab' ich Ihnen alles mitgetheilt, was Sie wissen
muten, um mich nach meinem ganzen Wesen zu begreifen. Von grerer
Ausfhrlichkeit haben mich zwei Rcksichten abgehalten. Einmal wollte ich Ihnen
so wenig Langeweile machen, als mir immer mglich wre, und Ihnen
schlechterdings nichts von dem wiederholen, was sonst wohl zwischen uns beiden
zur Sprache gekommen ist. Zweitens - ich wei, Sie verzeihen, da ich bei einem
so unangenehmen Geschfte, als das Schreiben nun einmal ist, auch an mich
gedacht habe - wollte ich mir durch alle diese Bekenntnisse nur die Abwesenheit
meiner Freundin ertrglicher machen, und folglich nur bis zu ihrer Zurckkunft
an meinem Pulte kleben. Ich habe das Vergngen, Ihnen zu melden, da Eugenia
bermorgen ganz unfehlbar wieder eintreffen wird. Unstreitig werden Sie bald zu
uns kommen, und dann Ihre Mirabella mit ganz anderen Augen betrachten, als es
bisher der Fall war. Nun, es wird sich zeigen, ob ich durch meine Aufrichtigkeit
bei Ihnen gewonnen oder verloren habe. Immer war es meine Sache, fr nichts mehr
und nichts weniger gelten zu wollen, als was ich wirklich bin. Adieu.
