
                          Fouqu, Caroline de la Motte

                                    Rodrich

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                          Caroline de la Motte Fouqu

                                    Rodrich

                           Ein Roman in zwei Theilen

                                  Erster Theil

                                  Erstes Buch

Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten
Straen zeigten ihm das Getmmel vieler Tausende, die des Lebens Spiel kreisend
hin und her trieb. Glnzende Wagen, ferne Citherklnge, verworrenes Rufen und
Flistern, alles rauschte durch seine Sinne, und trieb ihn unruhig ber die neue
Welt hinweg, bis er endlich bei den hohen Pallsten verweilte, in deren Inneres
er wie in einen magischen Spiegel flchtig hinein schauete. Der Zierrath der
Gemcher wie die reichen Diener entzckten ihn. Oft hrte er lustige Musik, sah
schwebende Gestalten lngs den hellen Fenstern hingleiten, und htte die Welt
darum gegeben, mitten unter ihnen zu seyn. Da gedachte er pltzlich seines
unscheinbaren Daseyns, und das widrige Gefhl in dem Strom gemeinen Wirkens
ungekannt, unbeachtet mit fortzuschwimmen, stellte sich recht feindselig
zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn. Wie erhaben er sich auch
den Mittelpunkt eines Staates, den Hof und seine Umgebungen gedacht, so stand er
selbst, ohne es zu wissen, unter den Hauptfiguren der bunten Gemlde. Was dort
im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz, stand jetzt einzeln
und abgerissen vor ihm da. Die bersprungenen Stufen geselliger Verhltnisse
erschienen ihm pltzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter, und er blickte
zum erstenmal geringschtzig auf sich und die rmlichen Mittel, die seine
Ansprche geltend machen sollten. Voll Unmuth schlo er die Augen, und flchtete
zu den Erinnerungen der Vorwelt, in die er sich so oft versenkte, um die eigne
Beschrnkung in den weiten Kreisen menschlicher Thtigkeit zu vergessen. Die
Heroen der Profan- und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf. Er hatte die
Letzteren immer geliebt, um der Kraft willen, mit der sie das einmal
Unternommene vollfhrten. Ja, rief er, nach kurzem Sinnen, die Welt bleibt ewig
dieselbe, und wem die rechte Feuerkraft im Busen glht, der mu vom Schicksal
erzwingen, was es ihm krglich versagte.
    In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gasthof, vor welchem
sein Wagen hielt. Der Trotz der noch in seinen Mienen lag, und die etwas
gebieterische Stimme, mit welcher er eingelassen zu werden forderte, lieen auf
einen vornehmen Gast schlieen. Er bekam ein gutes Zimmer und anstndige
Bedienung. Inde war er viel zu bewegt, um hier lange in miger Beschauung zu
verweilen. Was ihm allein zu thun brig blieb, das sollte gleich geschehen.
berdem brannte er vor Begier, irgend einen Menschen zu finden, dem er
einigermaen angehre, mit dem er reden und ihm seine Wnsche und Hoffnungen
mittheilen knne. Er beschlo also noch diesen Abend zu dem Knstler zu gehen,
an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte, und eilte, bei dem Wirth die
nthigen Erkundigungen deshalb einzuziehen. Ein Maler also? fragte dieser, und
blickte nachlssig zu ihm auf. Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd
geklungen, als in diesem Augenblick. Er erschrack selbst darber, und wandte
sich mit dem verdrielichen Ja von dem Neugierigen, der ihm statt einer Antwort
eine Frage zurckgab. O, sagte dieser einlenkend, wollten Sie nicht einige
Augenblicke verweilen; Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde
finden, die Ihnen vielleicht nhere Auskunft geben knnen. Sie nannten gewi
einen unserer berhmtesten Meister, allein ich kann Ihnen seine Wohnung nicht
sogleich bezeichnen.
    Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder. Einer der Berhmtesten, dachte
er, und sie kennen seine Wohnung nicht einmal! Ach, wer kommt denn auch zu der
einsamen Werkstatt des Knstlers, der in abgeschloner Welt sich selbst und der
innern Gottheit lebt! Er fhlte jetzt, wie mhselig der Weg sey, den er
eingeschlagen hatte, und wie wenig er zu der unstten Beweglichkeit seines
Gemthes passe. Er gedachte der Worte seines Lehrers, der ihm oftmals sagte: da
er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe, und sie alles Fleies
ohnerachtet nur als Mittel betrachte. Er hatte das immer bestritten und gemeint:
der Wunsch, durch die Kunst berhmt zu seyn, liee sich von der Liebe zu ihr
nicht trennen. Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen, und suchte den
schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen. So gelang es ihm denn,
whrend er die innere Stimme durch tausend groe Worte bertubte, und die
gesunkne Achtung fr sein Gewerbe auf alle Weise anregte, die alte Begeisterung
aufs neue zu entflammen. Und um sich selbst zu entfliehen, zgerte er nicht
lnger, den Maler, aller Gegenrede des Wirthes ohnerachtet, aufzusuchen.
    Er war lange Zeit gegangen, ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft
gebeten zu haben, weil er berall nicht gern bat, am wenigsten den gaffenden
Pbel. So kam er zu einer langen prachtvollen Brcke, von deren jenseitigem Ende
sich ein breiter Kastaniengang lngs dem Ufer hinwand. Unzhlige bunte
Schiffchen glitten noch ber das stille Wasser hin, whrend viele andere unfern
der Brcke landeten und dem dunklen Gange manch' frhliches Paar zufhrten.
Rodrich gesellte sich zu diesen, indem er sich hier, wo ihn nichts so drckend
auf die eigne Nichtigkeit zurckfhrte zum erstenmal wieder wohl und leicht
fhlte. Das dumpfe Gerusch der Wagen, wie das ganze Gewirr der Menge, ward in
der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer bertubt, die lngs
dem Ufer das drftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten. Das seltsame Spiel des
Lichtes zwischen den dunklen Bumen ergtzte ihn unendlich. Er glaubte den
Zauber der Beleuchtung noch nie so gekannt zu haben, und entwarf tausend Plane,
die vor ihm schwebenden Gruppen darzustellen, als er bei einer Beugung des
Ganges pltzlich vor einem geffneten Gitterthor stand, das die Vorbergehenden
recht gastlich zum Eintreten einlud. Die blhenden Ufer waren hier zum
kunstreichen Garten umgewandelt. Zwischen duftigen Blumengewinden glnzten helle
Springbrunnen, deren silberne Stralen sich in Marmorbecken ergossen. Dunkle
Pinien und Cypressen beschatteten Kunstwerke der besten Meister. Rodrich stand
wie in einem Zauberkreise vor den steinernen Gebilden, die in der stillen Nacht
seltsam auf ihn herabblickten. Mit innerm Grausen betrachtete er einen Lakoon,
der auf einem hervorspringenden Hgel einsam am Ufer stand. Ihm war, als neige
sich jetzt erst das schmerzenvolle Haupt gegen den sterbenden Knaben. Er glaubte
das Angstgeschrei zu hren, und unwillkhrlich schlo er den starren Marmor an
die bewegte Brust. Da hrte er von fern leise Musik. Die Tne zogen ihn fort zu
einem kleinen Pavillon, der, wie von Wellen getragen, dicht am Wasser stand. Aus
dem Innern erschollen die Worte:

Blumen, ses Angedenken,
Blumen, meiner Liebsten Gabe,
Seyd ein Bild der kurzen Freuden,
Die mit euch verblhend schwanden.

Seh euch todt nun vor mir liegen,
Mu mit Wehmuth die betrachten,
Deren reiches frisches Leben
Freudig meinen Sinn erlabte.

Zaid nimmt die welken Blumen,
Drckt sie gegen Mund und Wange,
Will mit Thrnen sie benetzen,
Will mit Kssen sie erwarmen.

Und der Thrnen helle Perlen
Glnzen in des Mondes Stralen,
Bebend so in Lichtes Wonne
Spielen sie viel tausend Farben.

Blumen, wollt auch ihr mich tuschen,
Neu erblh'nd im ncht'gen Glanze?
Wollt euch dem Gestirn verbnden.
Das im Dunklen trg'risch waltet?

Leben habt ihr mir gelogen,
Will euch lnger nicht bewahren;
Denn fr solch' ein falsches Leben
Whl' ich's einsam zu verschmachten.

Und er wirft die Liebespfnder
Von dem steilen Meeresstrande
Tief hinunter in die Fluthen,
Sie auf ewig zu begraben.

Wie die Blumen dort verschwimmen,
Gar vergessend aller Farben,
Hat die Thrn' auf ihren Blttern
Bald zur Perle sich gestaltet.

Hier fiel Rodrich, ohne zu wissen, was er thue, ein und sang:

Perlen sind ja Liebesthrnen;
Denn von Wehmuth s umfangen
Ruht des Feuers ew'ger Funke
Mild verklrt im stillen Wasser.

Pltzlich rauschten die seidnen Vorhnge auf, und ein weiblicher Kopf beugte
sich aus dem geffneten Fenster. Rodrich war vergebens bemhet, die zarten
Umrisse aufzufassen. In der Dunkelheit schwankte alles verwirrt in einander.
Tausend Erinnerungen flogen wie Schatten vorber; je fester er die Blicke heften
wollte, desto beweglicher wogten die wechselnden Bilder auf dem dunklen Grunde.
Zuletzt glaubte er die Zge des Lakoon wieder zu erkennen; da sank der Vorhang
leise nieder, und er wandte sich gedankenvoll zur Stadt.
    Als er sich dem Gasthofe nahete, hrte er in den untern Zimmern sehr lebhaft
sprechen, und im Hineintreten fand er eine zahlreiche Tischgesellschaft in
allgemeinem Streite begriffen, der inde bald durch seine Ankunft unterbrochen
ward. Das Fremde und Stolze in seinen edlen Zgen, die dunkel glhenden Augen,
der hohe Wuchs, alles erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die ihn mit
neugierigen Blicken maen, whrend er ganz unbefangen einen leer gebliebenen
Platz einnahm, und sich des gnstigen Eindruckes freuete, der sichtlich bei
seiner Erscheinung aus jedem Auge sprach. Diese stille Bewunderung, in welcher
er sich zum erstenmal klarer als in einem Spiegel erkannte, gab seinem Wesen
Haltung und Sicherheit, und shnte ihn mit der ungekannten Welt aus, die ihm
Anfangs so fremd und abstoend erschien. Inde ward, nach einigen lebhaften
Erkundigungen bei dem Wirthe, der eben mit Rodrich gesprochen hatte, das vorige
Gesprch nach und nach wieder angeknpft. Je mehr ich nachdenke, sagte ein Mann,
der mit verschrnkten Armen und niederhangendem Kopfe da sa, je wahrer finde
ich, was Sie vorher sagten: es giebt in der That Worte, deren Bedeutung wir auf
Treu und Glauben annehmen, die uns eben deswegen niemals klar wird, und dennoch
mit uns aufwchst, sich uns anschmiegt und glauben lt, sie gehre zu unserm
Wesen, whrend es nur eines krftigen Stoes bedarf, um sie als etwas ganz
Fremdes uns Aufgedrungenes zu erkennen. Zu diesen gehrt die uere Ehre in dem
Sinne, wie sie allgemeingltig angenommen wird. - Welchen Unterschied, ich bitte
Sie, rief ein lebendiger Jngling ihm zur Seite aus, machen Sie denn zwischen
uerer und innerer Ehre? und was ist Ehre berhaupt, nach ihren Begriffen? -
Ehre, erwiederte ein Offizier, der bis jetzt von seinem Nachbar verdeckt,
Rodrich unbemerkt geblieben war, Ehre ist freie Selbststndigkeit, innere
Consequenz des Willens, die sich durch ein folgerechtes Leben behauptet. Der
Zweck, wie der Ausgangspunkt, sind als freie Erzeugungen ganz individuel, und es
ist nichts seltsamer, als allgemeine Prinzipien ber etwas aufstellen zu wollen,
was seiner Natur nach auf der Eigenthmlichkeit der Ansicht beruhet. - Da die
Ihrige Ihnen allein angehrt, sehe ich, fiel der junge Mann rasch ein; denn sie
ist mir in der That fremd. Nur thun Sie doch nicht gut, die Individualitten so
scharf von einander abzuschneiden, wir knnten bei consequenter Folgerung auf
den Punkt kommen, wo alle Ihre Worte verschwendet wren, wo wir wirklich nichts,
gar nichts von einander wten, und Menschen so kalt gegenber stnden, wie
abgeschlone Welten. Inde knnte ich Sie fragen, um mich auf einen
Erfahrungssatz zu berufen, wie es kam, da Jahrhunderte hindurch eine Religion
und eine Ehre alle Gemther beseelte, und das Grte erzeugte, was die Welt sah,
wenn sich nicht das ewige Licht ber Alle ergo und die Gluth einer Liebe jede
Brust entflammte? - Zeitalter, antwortete der Offizier, haben wie Menschen ihren
eigenthmlichen Charakter. Ich tadle diese nicht, da sie den ihrigen
durchfhrten, nur finde ich es etwas lcherlich, da wir unaufhrlich auf
morschem, verfallenem Grunde fortbauen, ohne zu fragen, was wir wollen und
knnen? Hat Graf Alvarez, dessen frher Tod unserm Gesprche neues Leben gab, so
durchaus in der Glckseligkeit seiner Schwester gelebt, da sie ihm das Hchste
war, und er die Treulosigkeit ihres Geliebten fr eine Beschrnkung seines
hchsten heiligsten Willens ansah, so that er recht, mit einem verfehlten Leben
auch den frechen Strer desselben zu vernichten. Hat ihn aber das blos Formelle
der Ehre, der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht fr die Reinheit und
Unverletzbarkeit des Familien-Namens hingerissen, so opferte er einem
krnklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf. - Krnklicher Wahn! rief der
kecke junge Streiter, was Sie so nennen, ist im Grunde ganz Eins mit dem, was
Sie selbst zuvor als Idee der Ehre aufstellten. Die freie Selbststndigkeit des
Mannes ist von der Unbeflecktheit seines Namens unzertrennlich. - Andre Zeiten
andre Sitten, erwiederte der Offizier. - Die unsrigen, fiel jener ein, mssen
doch von der fr Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen seyn, weil
sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt, so bald sein Vaterland, sein
Staat angegriffen wird, um wie viel mehr denn der Name, den er trgt. - Eine
Ausnahme, sagte der Offizier lachend, wirft Ihre ganze Regel ber den Haufen.
Ich gebe Ihnen meinen Namen fr eine Hand voll tauber Nsse hin, mich selbst
aber verkaufe ich theuer, das versichre ich Ihnen. - Es beruhet nur darauf, hub
der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an, den Wendepunkt zu
finden, in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins wren. Hier
fiel Ursprung und Zweck der That zusammen, und es knnte nicht mehr von einer
augenblicklichen Erzeugung des Willens, sondern einzig von einem innern
bleibenden Moralgesetz die Rede seyn, das, wie fr alle Zeiten, auch fr alle
Individuen gelten mte. - Was fr Alle gilt, Herr Doktor, sagte der Offizier,
schliet alles Charakteristische, alles, was einem Dinge Gestalt und
Physiognomie giebt, aus, und so htten wir unrecht, ber einen einzelnen Fall zu
streiten. - Das Einzelne, erwiederte der Doktor, ist auch berall nur wirklich
etwas, in so fern es sich zur allgemeinen Idee erhebt. Von diesem Standpunkt
mssen wir das Ganze betrachten, dann lernen wir die Geschichte des Menschen als
unendliche Entwickelung eines Gedankens erkennen. - Dies zugegeben, sagte der
Offizier, so mssen Sie mir eingestehen, da keine Rckschritte zum Ziele
fhren, und da jener Mastab einer lngst entwachsenen Zeit seltsame
Carikaturen erzeugt. Warum Autoritten aufrufen, die alles produktive Vermgen
ersticken! Trgheit ist es, die den Menschen auf dem frher geebneten Wege
fortzieht, und ihm weis macht, es passe kein andrer fr ihn.
    Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiednen Meinungen da
gesessen. Jetzt erregte der Offizier seine ungetheilte Aufmerksamkeit. Die
letzten Worte trafen sein Inneres. So hatte er immer gefhlt, etwas Groes und
Neues sollte geschehen, was gigantisch ber den Trmmern der Vorzeit
hinschreitend, eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte. Er betrachtete noch
das seltsame Gesicht, auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der
hingebendsten, trgsten Ruhe wechselten, und ber dessen scharfe Zge sich
wiederum eine Milde ergo, die es unendlich anziehend machte, als der junge
Mann, der von den Anwesenden Ritter genannt wurde, aufs neue mit verhaltnem
Unmuth begann: Wenn ich nur nicht hren mte, wie man die alten ehrenwerthen
Formen antastet, ohne zu erwgen, da unsre ganze uere Existenz ein
stillschweigendes Anerkennen derselben ist, indem wir durch Sprache, Religion,
Gesetze, und gesellige Verhltnisse hinlnglich darthun, da sie uns wirklich
ungetheilt angehren. - Wenn Sie mich darauf zurckfhren, erwiederte der
Offizier, da der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist, so
vergessen Sie auch nicht, das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten. -
Das ist ohnmchtiges Wollen, fiel jener ein, krnkliches Zucken entschwindender
Kraft. Seit der Blick verloren ging, mit dem wir einst das Alte betrachteten,
und der Muth, es wrdig zu behaupten, berreden wir uns, etwas Neues, Unerhrtes
erzeugen zu mssen. Kein Mensch wei aber eigentlich was? Es ist erstaunlich
bequem, so ins Blaue hinein zu produciren, und das unbekannte Ziel immer nur
ahnen zu lassen, whrend man bei aller produktiven Kraft einschlft - bis uns
das Alte ber dem Kopf zusammenstrzt, unterbrach ihn der Offizier, da haben Sie
ganz recht. Aber das liegt nicht daran, da wir es nicht wieder herstellen; denn
das wre am Ende doch nur Flickwerk, und zerbrckelte wohl leicht in einer
krftigen Hand, die es derb anfate, eher inde, weil es an Kraft und Genialitt
fehlte, aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen. Doch
seyn Sie ganz ruhig, es geschieht dennoch vieles, was wir bersehen. Was in der
Vergangenheit wie aus einem Gu geformt da steht, ist in der Gegenwart ein
langsames Werden. Der Wein ghrt still im verschlonen Dunkel, ehe der Geist
sich frei macht und die Gemther entzndet. Er hob bei diesen Worten ein
schumendes Champagnerglas in die Hhe und rief mit freudigen Blicken: gute
Zeiten und lebendiger Muth! Alle stieen an, und der Ritter sagte bewegt: wir
verstehen einander dennoch. Solche, die das Schwerdt und die hhere
Vaterlandsliebe verbindet, sollten eigentlich nie ber Ehre streiten. Sie sind
in der Hauptsache gewi einig. - Dies fiel wie ein Blitz in Rodrichs Seele, das
war der ungekannte Magnet, der ihn in die Welt zog. Darum hatte er im Kloster
nur Augen und Sinn fr den Erzengel Michael; darum sa er Stunden lang vor dem
Bilde und zeichnete mit unsichrer Hand die krftigen Zge, bis es ihm gelang und
Alle ber die Geschicklichkeit des Knaben staunten. Jetzt war es, als trte er
vor ihn hin, gewapnet, mit fliegendem Haar und eingelegter Lanze, das breite
Schwerdt an der Hfte, wie die alten Gtter ber die Erde hinschreitend. Seiner
nicht mehr mchtig, rief er: Alle gute Geister verbinde das Schwerdt! - Bravo!
sagte der Offizier, und flog auf ihn zu. In Ihren Augen glht etwas, das mit
frher verkndete, wie Sie Pinsel und Palette wohl am lngsten wrden gefhrt
haben. Kommen Sie nur, der Wein erschliet die Herzen, und der Mann darf dem
Manne ein freies Wort sagen.
    Sie waren bei diesen Worten in ein abgelegnes Zimmer getreten. Der Ritter
hatte sich zu ihnen gesellt, und alle drei setzten sich in eine kleine Nische.
Den perlenden Wein zwischen hellen Kerzen vor sich auf einem Tischchen, hub der
Ritter an: Solche Momente sind die heiligsten, wo der innere Lebensblitz,
pltzlich angefacht, einen flchtigen Schein auf die dunkle Zukunft wirft, und
ein prophetischer Laut uns die ganze Welt offenbart! - Sie wissen, erwiederte
der Offizier, ich halte in der Regel wenig von jenen mystischen Anklngen und
Offenbarungen. Da uns das Regen einer lichthellen Vernunft so oft nur dunkle
Ahnung bleibt, liegt darin, da der Mensch berall wenig auf sein Inneres
achtet, die verworrenen Strebungen selten scharf und bestimmt auffat und mit
Besonnenheit vor sich hinstellt. - Ach, sagte Rodrich, der beleuchtende Verstand
tritt das Lebendigste im Menschen nieder. Ich habe das wohl in der Kunst
erfahren, und wei, wie das Gelungenste aus dem augenblicklichen Zusammenfallen
von Gedanken und That entsteht. Auch im Leben will sich mir das so bewhren.
Jene, fast bewutlos herausgestoenen, Worte, haben mir zwei Freunde gewonnen,
zu denen ich endlich einmal aus voller Seele reden darf. - Wenn Ihr Gefhl Sie
nie auf schlimmere Wege fhrt, sagte der Offizier, so folgen Sie ihm nur
getrost. - Ja wohl, setzte der Ritter hinzu. Es ist nicht das Schlechteste im
Menschen, da er sich so ohne weitere Beglaubigung rcksichtslos hingeben und
das berflieende Herz erffnen kann. - So nehmen Sie mich denn hin, sagte
Rodrich in hchster Bewegung, ich gehre ja ohnehin Niemand an! Er hielt einen
Augenblick ein, und kmpfte, ob er seine dunkle Abkunft hier berhren und sich
selbst als ein Kind des Zufalls hinstellen sollte. Doch bald fuhr er fort: Es
wehet etwas Geheimnivolles durch mein ganzes Leben, das mich oft selbst mit
Bangigkeit erfllte, und schon da mit der Welt entzweite, als sie mir noch fremd
war. Meine frhesten Erinnerungen fhren mich in ein Kloster an die Seite eines
Greises zurck, der mit der zrtlichsten Sorge ber mich wachte. Ich kann nicht
sagen, ob ich je andre Umgebungen gekannt; allein oft vor dem Einschlafen, und
wenn Eusebio die Laute spielte, berfiel mich eine Sehnsucht, da ich weinend
nach einem hellen, bunten Hause verlangte, wo ich mit schnen Kindern spielen
knne. Einst war ich mehrere Tage hindurch nicht zu beruhigen, weil mir im Traum
eine Frau, in weie Tcher gehllt, auf einem Ruhebette liegend, erschienen war,
nach der ich vergebens die Arme ausgebreitet und sie zu erfassen gestrebt hatte.
Eusebio weinte mit mir, und schien mich mehr durch Liebkosungen als durch
Bestreitung meiner Wnsche zu beruhigen. Nach und mach ward ich inde stiller.
In der steten Einfrmigkeit schwieg inde jedes unruhige Verlangen. Meine
bescheidnen Wnsche drngten sich nicht ber die kleine Zelle hinaus, in deren
Innerem alle drftigen Freuden meines Lebens blheten. Denn selbst der
fruchtreiche Klostergarten ward mir durch die Aengstlichkeit, mit welcher ich in
die Steigen gebannt war, zuwider. So verlebte ich meine Tage unter Gesang und
Gebet, lernte Heiligenbilder zeichnen und fromme Thiere in Holz schnizzen. Die
erlschende Kraft, die nur in der Liebe zu Eusebio und beim Anblick des
Erzengels Michael, der recht gro und hehr ber dem Altar in unserer Kirche
hing, aufblitzte, gab dem Prior die besten Hoffnungen fr die Zukunft. Auch
hatte Eusebio strenge Befehle, jede weltliche Anregung gewissenhaft zu
vermeiden. Ich erfuhr das in einem Augenblick, der mir jetzt noch wehmthige
Erinnerungen giebt. Er hatte mir einst ein Pferd in Holz geschnitten, und, ich
wei nicht, war es Instinkt, oder hatte ich sonst schon etwas hnliches gesehen,
genug, ich besa einen zierlichen heiligen Georg, den ich auf das Pferd
befestigte und mit lautem Freudengeschrei auf und nieder hpfen lie. Eusebio
blickte lchelnd auf mich hin, whrend ein finsterer Mnch hereintrat, mir mein
liebes kleines Spiel entri und es unter Flchen und Verwnschungen gegen die
gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf. Eusebio bekam einen
harten Verweis und wir trauerten beide ber die gestrte Lust.
    So mochten wohl zehn Jahre verflossen seyn, als ich einst in der Nacht von
einem leisen Gerusch erwachte. Ich blickte um mich, und sah beim schwachen
Schein einer Lampe, wie Eusebio sorgsam ein Kstchen unter seinem Lager
hervorzog, es erffnete, und einen reichgestickten Mantel mit goldenem
Ordenskreutz daraus hervorzog. Er breitete ihn vor sich hin, blieb gedankenvoll
stehen, und kte dann ehrerbietig den Saum des Gewandes. Ich hatte mich whrend
dem genahet, und rief voll Entzcken: Vater, was hast du da fr herrliche
Sachen! Der Alte lie erschrocken die Arme sinken und sagte mit wehmthigem
Tone: Kind, das sollte Dir ewig ein Geheimni bleiben! Mut Du so voreilig in
das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen! Begierig nahm ich inde den
Mantel von der Erde, hllte mich hinein, und trat so in hchster Lust vor
Eusebio hin, der von dem Anblick berwltigt, mich in seine Arme schlo, und
weinend ausrief: Ist mir doch, als sehe ich deinen unglcklichen Vater, als er
das letzte mal vor der Welt und seinem Knig erschien. Ihn deckt die kalte Erde,
whrend Du mit den Trmmern seiner Herrlichkeit spielst. War es doch immer mein
Wunsch, Dich so geschmckt zu sehen! und, fuhr er fort, indem er mir die Hand
auf die Stirn legte, ich ahnde es, diese Flammen werden ihrer weltklugen
Weisheit spotten, was vermag der allmchtige Geist des Menschen nicht! Er sank
bei diesen Worten erschpft auf sein Lager. Ich kniete neben ihn, und um ihn zu
erheitern, wie ich es sonst wohl that, nahm ich die Laute, die vor ihm auf einem
Tischchen lag, und griff leise in die Saiten. Von dem Klange wie begeistert
richtete er sich in die Hhe, nahm mir das Instrument aus der Hand, spielte und
sang folgendes Lied, das mir wie mit Flammenzgen eingegraben blieb.

Vergebens hab ich hier gerungen,
Vergebens war der eitle Wahn,
Es knne Leib und Geist durchdrungen
Auf Erden gleiche Lust empfah'n.

Ich fhlte Herz von Herz sich reien,
Und Angst und Schmerz in wunder Brust
Wollt' ich dem Tod zu leben heien,
Und kmpft' und rang in trber Lust.

Ich seh' dich, farb'ge Pracht, erblassen,
Es naht sich bleich und kalt der Tod.
Ach ses Kind, dich mu ich lassen,
Mich ruft ein gttlich ernst Gebot.

So rauscht denn einmal noch ihr Saiten,
Ihr dringt aus einer frischen Welt;
Der leise Hauch soll euch begleiten,
Der mich noch hier gefangen hlt.

Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen, und flossen so mit dem
Klange zusammen, der immer leiser verhallte, bis die Laute den starren Hnden
entsank.
    Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Mnche herzu. Es whrte
lange, ehe sie mir begreiflich machen konnten, da Eusebio todt und fr mich
verloren sey. Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen, wie die
geliebte Leiche, die man mit Gewalt aus meinen Armen ri. Jener furchtbare
Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben.
Der natrliche Trotz in meinem Gemth lehnte sich gegen die ganze mir bekannte
Welt auf, ich hate alles, was sich mir nahete, da ich unter den erloschenen
abgezehrten Gesichtern nicht eins fand, das meinem Eusebio glich, und Niemand
als er mich je geliebt hatte. Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner
hchsten Freude versenkt, und erst sehr lange nachher unter freudigern
Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte, die mich zuerst
ber die Klostermauern hinaushoben.
    Als ich von Eusebio's Begrbni zurckkam, ward ich in eine fremde Zelle
unter die Aufsicht eines jungen Mnches gebracht, der in eigenen Schmerz
versenkt, wenig auf mich achtete. Ich fhle noch heute die entsetzliche Angst,
die mich in dem Augenblick berfiel, da man mich vor meinem alten, geliebten
Zimmer vorbei in dies neue fhrte. Mit innerer Wuth schlo ich die Augen, um
nichts zu sehen, was mich so kalt und fremd abstie. Auch lernte ich nie meinen
neuen Aufseher lieben, vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch thun konnte was
ich wollte. berall bekmmerte sich Niemand sonderlich um mich, man schien
hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen trgen Sinn gefunden zu haben. So kam
es denn, da man mich, als einst Feuer im Kloster ausbrach, mit anderem Gerth
in den Garten schleppte, und dort allein lie. Ich war weder erschrocken noch
erfreut. Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf: wenn die Flammen das
hliche Gebude verzehrten, so msse man mich wohl frei lassen, und ich knne
dann hingehen, wohin ich wolle. Doch war das auch kein bleibender Wunsch, ich
kannte ja nichts, wonach ich mich htte sehnen knnen. So ging ich gleichgltig
auf und ab, bis ich eine kleine Pforte, die nach einem See hinaus fhrte, und
durch welche man wohl in der allgemeinen Noth Wasser herbeigeschafft hatte,
offen fand. Ich trat hinaus, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und ging Anfangs
den schmalen Fusteig, der den See hinauf fhrte, ganz langsam fort. Doch je
weiter ich ging, desto freier hob sich meine Brust. Das Wasser rauschte und
quoll so lebendig neben mir hin, ich athmete zum erstenmal frisches Leben, und
der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich. Die erwachte Kraft
beflgelte meine Schritte. Ich hatte bald die hohe Mauer im Rcken, und kam auf
eine Wiese, die sich wie ein bunter Teppich neben dem klaren Wasserspiegel
ausbreitete. Jenseit sahe ich hohe Bume, alles keimte und blhete nach einem
kurzen Winterschlaf. Es ist unbeschreiblich, wie mich das erste Wehen des
Frhlings in der reinen freien Natur ergriff. Wie berauscht brach ich
Wasserlilien und lange zitternde Grashalme, und sie in der Luft schwenkend, lief
ich unter Jauchzen und Schreien den bunten Vgeln nach, die sich auf den
Blumenkelchen wiegten, und mich durch Feld und Wald nach sich zogen. Alle
Lieder, die ich kannte, alle Gebete, die ich je von Eusebio hrte, alles rief
ich den Lften, den Bumen, den Blumen entgegen. Ich wnschte, ich wollte
nichts, als ewig so leben.
    Mehrere Stunden mochte mich mein Entzcken so fortgetrieben haben, und ich
wei nicht, welchen Raum ich durchlief, als ich endlich bemerkte, da mein Weg
mich an einem steilen Gebirge hinauffhrte. Ich ging dennoch lustig weiter, und
ergtzte mich an den farbigen Steinchen und hellen Krystallen, die auf den
hervorragenden Spitzen glnzten. So erreichte ich den Gipfel des Berges, der mir
alle Pracht einer lange verschlonen Welt aufdeckte. In einem weiten
unermelichen Thal sah ich Wlder, Triften, hohe Thrme, Huser. Alles leuchtete
und wogte im hellen Abendglanz. Die untergehende Sonne vergoldete die rothen
Dcher, am Himmel glheten Purpurwolken, um und ber mir war ein Flimmern und
Glnzen. Da gedachte ich Eusebio's, und sank betend nieder. Ich hatte keine
Worte, aber in einen Laut htte ich alle Seligkeit der klopfenden Brust
aushauchen mgen. Nie ist mir wieder so zu Sinne gewesen!
    Nach einer Weile, als die trunknen Blicke sich wieder auf einzelne
Gegenstnde richteten, bemerkte ich am jenseitigen Abhange des Berges kleine
zerstreut liegende Htten. Ich lenkte meine Schritte dorthin, und stand bald vor
einer derselben, aus deren Innerm die anmuthigsten Fltentne erschollen. Ich
trat in die geffnete Thr und begrte eine schne junge Frau, die mich
erstaunt ansah, und nicht zu wissen schien, was sie aus mir machen solle. Die
gute Sara hat mir nachdem oft gesagt: wie mein Anblick sie erschreckt, und sie
mich fr ein gespenstisch unnatrliches Wesen gehalten habe. Ich hatte nehmlich
gleich Anfangs, um schneller laufen zu knnen, meine Kleider abgeworfen, und
trat nun so halb nackt, mit langen Blthenzweigen um Haupt und Arme, vor die
verwunderte Frau, die in meinen seltsam glhenden Augen ein berirdisches Feuer
zu sehen meinte. Ganz scheu fragte sie mich, woher ich km? Die Frage
erschreckte mich, ich hatte das Kloster bis dahin ganz vergessen, jetzt
frchtete ich mehr als jemals dahin zurckgebracht zu werden. In der Angst sagte
ich halb Wahrheit, halb Lge: wie mich die Flammen weit jenseit des Berges
vertrieben, und ich schon lngst als ein hlfloses Kind, unter Fremden lebend,
hier einen Zufluchtsort suchen wolle. Die Frau sah mich noch immer mitrauisch
an, und hie mich in der Laube vor der Htte ruhen, whrend sie gutmthig einige
Erfrischungen herbei holte. Indem kam ein lieblicher Knabe, mit der Flte in der
Hand, zu mir heraus. Wie ich ihn erblickte, fiel ich ihm, auer mir vor
Entzcken, in die Arme, und rief unter lautem Schluchzen: ein Kind, ein ses
Kind, so lieb und schn, wie der heilige Johannes zu der Mutter Gottes Fen.
Sara, die sich whrend dem genahet hatte, sagte mit erheitertem Gesicht: siehst
Du, Florio, sagte ich Dir's nicht immer, da Du dem Heiligen auf ein Haar
gleichest, jetzt bekrftigt's der Knabe dort auch. Sie strich ihm die blonden
Locken von der Stirn und kte ihn mit innerm Wohlbehagen. Mir ward bei dem
Anblick unbeschreiblich wehmthig, ich ergriff ihre Hand und blickte flehend zu
ihr auf. Armer Junge, sagte sie gerhrt, willst gern bei uns bleiben? Nun, es
trifft just da wir einen Treiber bei der Heerde brauchen; warte nur bis der
Vater zurck kommt, er wird dich wohl behalten, wenn du fein ordentlich bist.
    Der Vater kam und gestattete mein Dortbleiben. Ich lernte mich bald in alles
fgen, und trieb die Schfchen sorgsam im Thale. Florio begleitete mich berall.
Wir saugen und spielten. Ich schien mir selbst oft wie neu geboren, so
verdrngte die lustige Gegenwart jede Erinnerung des Vergangenen, und wenn ich
zuweilen des Klosters gedachte, so schlo dennoch die innere Angst meine Lippen,
da ich nie mein voriges Leben verrieth.
    Des Abends, wenn wir zurckkehrten und die Mutter am hellen Kamin trafen,
erzhlte sie uns wohl manche seltsame Geschichte. Am liebsten sprach sie von
einer wunderschnen Dame, die im Thale in einem groen glnzenden Hause gewohnt
habe, und von den Hirten wie eine Heilige verehrt worden sey. Wie ein Engelsbild
wre sie oft pltzlich dem Hlfsbedrftigen erschienen, und htte jedem Trost
und reiche Gaben gespendet. Zu ihr durfte inde Niemand, und man glaubte, der
Garten, dessen Gitter stets verschlossen blieb, sey bezaubert. Doch sey sie wie
allgegenwrtig im Thale gewesen, und Niemand habe je vergebens ihren Beistand
gewnscht. Nach und nach wre sie inde selbst wie ein Schatten vergangen, und
endlich mit ihrem Gemahle, von dem man wunderliche Dinge erzhlte, verschwunden.
Zwar wollten die Hirten diesen noch lange nachher, des Nachts, die Harfe im
Arme, wie einen Geist zwischen den Bergen herumstreifend gesehen haben, und,
setzte sie leiser hinzu, oft ist mir auch im Schlafe, als hre ich die
Harfentne von fern herber schallen. Das groe Haus, sagte sie dann klagend,
steht nun verdet und leer. Einst hat man viel Fahrens und Reitens dort in der
Nacht vernommen, nachdem ward aber alles still, und Niemand geht hinein.
    Ich hatte ein groes Verlangen nach dem Hause und lag der Mutter bestndig
an, mir den Weg dahin zu zeigen; allein sie kannte ihn selbst nicht, und der
alte Martin, der bei diesen Erzhlungen immer nachdenkend vor sich hin sah,
verwies mir meine Neugier sehr ernst. Wir blieben dann Alle einige Augenblicke
still und betrbt, bis Florio ein Lied von einer lustigen Schifffahrt anstimmte,
das die Herzen mit einem eignen Zauber belebte.
    Ich trug inde das Bild der schnen Dame immer mit mir herum, und hoffte um
so eher, sie solle mir einmal erscheinen, da Florio behauptete: sie komme oft im
Traume zu ihm, und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so wundervolle Blumen,
wie er nie wachend gesehen habe.
    Voll von diesen Vorstellungen hatte ich mich einst im Gebirge versptet und
trieb meine Heerde ngstlich die Klippen hinunter, als ich ein Klingen aus dem
Innern des Berges vernahm. Der Laut drang recht sehnschtig zu mir herauf;
allein was ich zuvor ungeduldig wnschte, erfllte mich jetzt mit Bangigkeit.
Mir grauete vor dem eignen Schatten, und die abgestorbnen hohlen Bume schienen
mir, wie gewaltige Riesen, lange drre Arme entgegen zu breiten. So strzte ich
athemlos in die Htte, und erzhlte: da der Berggeist mich gerufen, und wie ein
Nebel ber mich hingegangen sey, als ich einen stattlichen Fremden am Kamin
erblickte, der mir neugierig zuhrte, und Martin nach der Bewandni jener
Erscheinungen fragte. Weiber- und Kindergeschwtz, sagte dieser gleichgltig,
was wird's sonst seyn! Er zog Florio an sich, und fragte halb lachend, halb
besorgt: hast du nicht auch was gesehen? Doch ohne seine Antwort abzuwarten,
wandte er sich von ihm, und ging geschftig in der Htte umher. Der Fremde
blickte gedankenvoll in die Flamme, whrend ich mit Kohle allerlei Gestalten an
die Wand zeichnete und eben einen stattlichen Ritter vollendet hatte, als das
Feuer einen so seltsamen Schein auf das Bild warf, da des Ritters fliegender
Mantel von lauter Gold zu seyn schien. Ich gedachte jener Nacht, und rief
pltzlich: da steht er leibhaftig vor mir! Sara dachte an den Berggeist und
verhllte schreiend das Gesicht; allein Martin rief mit fester Stimme: wer? Mein
Vater, sagte ich ganz betubt. Er trat hinzu, betrachtete mich einige
Augenblicke, und sagte dann, sich still abwendend: heiliger Gott, was ist es mit
dem Kinde!
    Der Fremde, der dies wohl alles berhrt oder anders ausgelegt hatte, war
ganz im Anschauen der Zeichnungen verloren, und wollte durchaus nicht glauben,
da Niemand dies Talent in mir geweckt und ausgebildet habe. Er lie sich bald
in ein Gesprch mit mir ein, und ich erfuhr, da er ein Mahler und auf einer
weiten Reise nach seiner Heimat begriffen sey, hier im Gebirge sein Fahrzeug
zerbrochen habe und fr diese Nacht ein Obdach in unserer Htte suche.
    Ich war damals, nach Sara's Schtzung, ohngefhr funfzehn Jahre alt, voll
der lebendigsten Sehnsucht nach der weiten, regsamen Welt; und wenn ich die
Erscheinung jener wundervollen Frau mit jedem Tage inniger wnschte, so geschah
es nur durch ihre Macht dahin zu gelangen. Ich ergriff daher des Mahlers
Anerbieten, ihn nach seiner Vaterstadt zu begleiten, und dort unter seiner
Leitung ein angesehener Knstler zu werden, mit der lebhaftesten Freude. Meine
Pflegeeltern gaben ihre Einwilligung, und Sara, in der sich wohl die alten
Zweifel wieder regen mochten, sah mich gern von ihrem Herde weichen. Nur Florio
hing weinend an meinem Halse, und bat und flehete, ich mchte nur noch einige
Jahre warten, bis er gro genug sey, mir berall folgen zu knnen. Ich habe
lange das se Stimmchen und das liebe bittende Auge nicht vergessen knnen!
Ach, und niemals wird die Seligkeit jener Frhlingstage wiederkehren, die wir
mit einander verlebten! Sein frommer Sinn strmte so mild ber mich hin, wie der
stille Abendglanz ber die wilden Gluthen des Tages! Wohl hattest du recht, mein
Florio, wir durften nicht getrennt leben; du bist der feste Stern, der meine
unruhige Fahrt lenken sollte! -
    Rodrich schwieg hier einige Augenblicke. Der Ritter fate gerhrt seine
Hand, indem er sagte: wie liebe ich Sie dieser wehmthigen zrtlichen Aufwallung
wegen! Vielleicht haben Sie in der ganzen Zeit Florio's Andenken nicht so
lebendig gefhlt, als eben jetzt, da Ihnen sein Verlust unersetzlich erscheint.
Das ist das Eigenthmliche jener frheren kindlichen Verbindungen, da sie mit
tausend andern Erinnerungen verschwinden, und dann pltzlich, ungeahnet, in dem
frischen Glanz der Jugend vor uns hintreten, und das erschpfte Herz mit trber
Sehnsucht erfllen. Doch dahin sind Sie noch nicht. Der Himmelsfunke in ihrer
Brust wird Florio's Bild noch lange beleben, und Sie werden ihn unter
wechselnden Erscheinungen aufsuchen und finden. - Finden? wiederholte der
Offizier, man findet in der Regel nie, was man sucht. Darum rathe ich Ihnen,
nicht zu ngstlich an einem Wunsche zu hangen. Der Mensch bt nicht selten
seine Freiheit darber ein, indem der klare Blick verloren geht, mit dem man die
Welt um sich her betrachten soll. - Wen nicht irgend ein lebendiger Wunsch
durch's Leben begleitet, fiel der Ritter schnell ein, ihn drngt, fortreit, bis
er das hohe Ziel errungen hat, dessen Kraft wird sich in tausend zwecklosen
Anstrengungen zersplittern, und er wird nichts vollbringen, weil er alles
umfassen wollte. - Eine Idee soll den Menschen erleuchten, erwiederte der
Offizier, ein Wunsch darf ihn nicht fortreien. Oft glauben wir durch die
Erfllung des Ersteren die Letztere realisirt zu sehen; aber wer hintergeht sich
nicht in Augenblicken, wo das Gefhl allein herrscht, und wer darf sagen, der
menschlichen Thtigkeit sey ein Ziel gesteckt? Was sich absolut widersetzt, das
lasse man fahren, und ergreife das Nchste mit neuer Kraft. Darin besteht eben
die Consequenz der Allseitigkeit, da man das Eine in Vielem reflektirt. Doch
wir gerathen in unsern alten Streit, und gleichwohl, sagte er, sich zu Rodrich
wendend, erwartet uns das Ende einer interessanten Geschichte. Was mir noch zu
sagen brig bleibt, erwiederte jener, lt sich in wenig Worten zusammen fassen.
Ich reiste viele Tage und Nchte mit meinem freundlichen Meister durch das
fortgehende Gebirge, bis wir am Fue desselben in einem kleinen Stdtchen
anlangten, das mir damals von groem Umfang, doch weniger glnzend, als ich mir
berall eine Stadt dachte, erschien. Hier lebten wir in dem Hause einer sehr
bejahrten Frau, der Mutter des Mahlers, die den letzten Sonnenblick des Lebens
von der Liebe und dem Ruhme eines angebeteten Sohnes empfing. Fnf Jahre
verflossen mir unter dem eifrigsten Bemhn - und einer Anstrengung, die durch
die Liebe meines Lehrers und die Aussicht auf ein ruhmvolles Leben immer wach
erhalten ward. Ich lernte alte Sprachen, und durch sie die Geschichte der
Vorzeit kennen. Welch eine Welt sich mir nun erffnete, wie mein Gemth bewegt,
wie die innere Gluth in mir angefacht wurde, das ist unmglich zu beschreiben.
Der Wunsch etwas Groes, ja Unerhrtes zu vollbringen, lie mir nun keine Ruhe
mehr, er trieb mich hieher, wo alle Plane, alle Erwartungen, alles vor einer
ganz fremden Wirklichkeit verschwindet, und ich im Strudel widerstrebender
Gefhle nur durch Sie Haltung und Sicherheit gewinne. - Vor allem mssen Sie die
Welt in ihrer mannichfachen Gestaltung kennen lernen, sagte der Offizier. Was
Sie bis jetzt davon sahen, war gerade hinreichend, Ihre Erwartungen auf eine
Weise zu spannen, da Ihnen Vieles schaal und nchtern erscheinen wird, was
dennoch eine innere Bedeutung hat, die Niemand bersehen darf. Die Kunst, die
eigentlich nichts anders ist, als was das Leben berall seyn sollte,
Wiederschein einer innern erleuchteten Welt, Schpfung eines freien, krftigen
Geistes, wrde fr Sie immer nur die eine Seite des Lebens ausmachen, und zwar
die ideale. Sie mten daher sehr bald in Widerstreit mit der wirklichen Welt
gerathen, und in der qulenden Verwirrung sich selbst und ihr hohes Ziel
verlieren. Wir finden nur zu oft den Knstler vom Menschen getrennt, ein
Widerspruch, der sich, wenn die erste Frische des Gemthes verloren ging, sicher
auch in der Kunst selbst offenbart. Statt da ein wahrhaft knstlerisches Gemth
sich entweder freiwillig beschrnkend in der eignen abgeschlonen Welt still
fortwirkt, oder mit einem Gtterblick die ganze Natur durchdringt, berall
denselben Geist ein- und aushaucht, das Einzelne und Getrennte in dem Brennpunkt
einer gotterfllten Seele auffat, und wie die Kunst zum Leben, so das Leben zur
Kunst erhebt. - Es ist sonst nicht Ihre Art, unterbrach ihn der Ritter, zu hohe
Anfoderung an die Menschen zu machen, und das Vollendete als Norm Ihres Urtheils
anzunehmen. Inde, wenn ich auch im Ganzen Ihrer Meinung bin, so sind Sie doch
sicher im Einzelnen hier unbillig, eine vllig durchgefhrte Einheit als einzige
Beglaubigung eines chten Knstlergenies aufzustellen. Sie mssen mir zugeben,
da ein Blitz oft das vortreffliche erzeugte, und wenn sich mehrere solche
Momente an einander reihen, sie einen schnen Kreis bilden, aus welchem jede
Lcke verschwindet. -
    Wenn von dem Streben eines ganzen Lebens die Rede ist, erwiederte der
Offizier, so kann das Ziel wohl nicht hoch genug stehen. Und wenn ich Ihnen auch
eingestehe, da oft das Vortreffliche aus einem gestrten Leben hervorging, so
ist dieser Weg dennoch sicher nicht der wnschenswerthe, am wenigsten wird ihn
jemand mit Besonnenheit whlen. Es ist dafr gesorgt, da keiner dem andern
etwas absolut nehmen oder geben knne, und wenn Sie wirklich einen regen
Kunsttrieb in sich fhlen, so werden meine Worte ihn nicht erlschen, allein Sie
ahneten es bei weitem frher, wie Sie auf eine Sphre der Thtigkeit angewiesen
sind, die unmittelbar in die uern Verhltnisse des Lebens eingreift, darum
fassen Sie nur getrost das Schwerdt, und ziehen Sie nach allen Himmelsstrichen
Radien, die ihr khner Geist durchfliegen mge! Was Sie vergebens in der
Knstler-und Gelehrtenwelt suchen, Gemeingeist, Verbrderung, das finden Sie
hier allein. Der Flachste unter uns ahnet ein inneres Band, das Alle
zusammenhlt, und Niemand wagt es zu zerreien, ohne selbst unterzugehen. Er war
bei diesen Worten aufgesprungen, und die Hand an den Degen gelegt, stand er mit
flammenden Blicken wie ein Heros vor Rodrich, der im Begriff war, vor ihm
niederzusinken, und sich ihm wie einem Gottgesandten hinzugeben, als er ruhig
seinen Platz wieder einnahm, und gelassen sagte: doch mssen Sie selbst sehen
und urtheilen. Es ist nur gut, setzte er lchelnd hinzu, da hier der Egoismus
einen ganzen Stand umfat, sonst knnten Ihnen meine Worte leicht verdchtig
erscheinen. Was braucht es da viel langsamen Erwgens, fiel Rodrich ungeduldig
ein, ich bin entschlossen, sagen Sie nur, wie es anzufangen sey, da mir jedes
Mittel, wie berall jede uere Bedingung fremd ist. Das wird sich alles ganz
leicht fgen, erwiederte der Ritter, wenn Sie mir erlauben, meinen Oheim, bei
dessen Regiment hier unser Freund Stephano dient, einigermaen mit ihrer
Geschichte bekannt zu machen, und Sie bei ihm einzufhren. Sie trauen mir zu,
da das Erstere auf eine Weise geschehen wird, die Sie vor jedem unbescheidenen
Eindringen sichert, und da ich berall den Mann als geprft und erkannt ehre,
dem ich Ihr Geheimni bergebe. Ob ich gleich den Degen scheinbar zu einem
anderen Zwecke trage, so gehre ich dennoch zu dem edlen Stande, dem ich Sie mit
recht brderlichen Gesinnungen zufhre. Rodrich umarmte den liebenswrdigen
Jngling, und nahm dankbar einen Vorschlag an, der ihm so unerwartet die Kreise
eines freien beweglichen Lebens erffnete.
    Nach kurzen Verabredungen und dem Versprechen, den folgenden Mittag hier
wieder zusammenzutreffen, trennten sich die neuen Freunde. Rodrich verweilte
noch einige Augenblicke, whrend er die seltsamen Bilder seines Lebens berflog,
als ihn der Wirth hflich erinnerte, einige Stunden dem Schlafe zu geben. Er
blickte um sich, und sah wie die niedergebrannte Kerze dem hereinbrechenden Tage
wich. Die geleerten Flaschen, der Wein in den halbgefllten Glsern, alle
Gegenstnde im Zimmer erschienen in dem Doppellichte so bleich und verstrt, ihn
selbst berfiel ein leichter Frost, der ihn unangenehm aus seinem Traume weckte.
Mein Gott, sagte er verdrielich, mu mich denn der junge Morgen so kalt, so
widrig anfassen, da ihm doch so warme Herzen entgegenschlagen! Er ging verstimmt
auf sein Zimmer, und erffnete sein Gepck, um Florio's Bild, da ihm in einer
Stunde wehmthiger Erinnerungen wohl gelungen war, unter andern Zeichnungen
hervorzusuchen, als ihm die wenigen Goldstcke entgegenleuchteten, die er als
Frchte seines Fleies mit hieher brachte. Er bersah den kleinen Reichthum, und
fhlte schmerzlich, da er nicht zureichen werde, die ersten nothwendigsten
Bedrfnisse seiner neuen Lage zu befriedigen. Daran hatte er bis jetzt nicht
einen Augenblick gedacht, und nun zog es ihn pltzlich wie mit tausend Armen in
die Dunkelheit zurck. Sollte er wie ein Bettler vor seinen Freunden erscheinen,
oder alle freudige Erwartungen hingebend aus dem erffneten Paradiese fliehen? -
Er sa, die starren Blicke auf das Geld gerichtet, da, und lie es nachlig
durch die Finger gleiten, als msse es sich unter seinen Hnden vermehren.
Pltzlich rief er aus: die Schlacken gehren der niedern Erde an, dein Feuer
leuchtendes Metall erhebt mich zum Himmel! ich will nicht betteln, ich will
fordern, was ich einst mit Wucher zurck zugeben denke. Er beschlo, sich
Stephano ohne Rckhalt zu entdecken und warf sich getrstet und von neuen
Hoffnungen belebt auf sein Lager. Die innere Bewegung lie ihn inde hier keine
Ruhe finden. Zukunft und Vergangenheit verwirrte sich in seltsamen
Erscheinungen, die ihn halb wachend halb schlafend peinlich fortrissen. Zuweilen
glaubte er wieder als Hirtenknabe unter einem groen schattigen Baume zu ruhen,
und mit einem langen Stabe die kleine Heerde zu berzhlen, dann waren es wieder
die Goldstcke, die er zhlte, und in kleine Sulen vor sich hinstellte, whrend
der Berggeist zwischen den Klippen vorberging; Florio wollte ihn zu ihm fhren,
und wie sie gingen, ffnete sich der Berg zu einem langen, dunkeln Gange.
Rodrich hatte das Gold noch immer in Hnden, und zhlte sehr ngstlich, doch
unversehens fiel ein Stck auf den Boden, und in demselben Augenblick ergo sich
ein heller Glanz an den Wnden. Er warf nun alles Gold von sich, und die Hallen
wurden immer weiter und strahlender, bis er in einen reich verzierten Saal trat,
in dessen Mitte ihm Eusebio den glnzenden Mantel umhing, whrend der Ritter und
Stephano ein goldenes Schwerdt zu seinen Fen legten. Er wollte sie umarmen, da
fhlte er sich ngstlich gehalten, und als er um sich sah, lag er mit Florio in
einem engen Sarge; der Mantel bedeckte beide, das Schwerdt war ein friedlicher
Hirtenstab geworden, von welchem eine schne bleiche Frau mit heien Thrnen
einen Blutstropfen abzuwaschen bemhet war. Rodrich strebte vergebens sich frei
zu machen. Florio's kalte Wange lag an seinem Herzen, und er konnte sich mit
aller Gewalt nicht von ihm losreien. In der entsetzlichsten Anstrengung fuhr er
aus dem krankhaften Schlafe empor, und erkannte Stephano, der sich theilnehmend
ber ihn hinbeugte, und seine Hand auf die fliegende Brust legte, um ihn zu
erwecken. Ums Himmels willen ermuntern Sie sich, rief er besorgt, solch ein
Schlaf ist verzehrend, streifen Sie nur schnell die schweren Wolken ab, es ist
schon hoch am Tage, Ihrer erwartet heut noch mancherlei, wozu Sie Besonnenheit
und Klarheit bedrfen, ihre Angelegenheiten sind eingeleitet, und alles wird gut
gehen. Ins Grab, sagte Rodrich ganz verstrt, dahin also - - Mein Gott, was
haben Sie denn, rief Stephano ungeduldig! Kann ein Traum Sie so erschttern? wie
werden des Lebens Wogen Sie dann hin und herwerfen. Des Lebens Wogen?
wiederholte Rodrich, ach ich lebte ja auch, wer kann hier eine Grnzlinie
zwischen Traum und Wahrheit ziehen! Nun, nun, sagte Stephano lchelnd, kommen
Sie nur, ein Sonnenblick, denk ich, soll die freudige Wirklichkeit aufdecken,
und die matten Sinne aufs neue erfrischen. Junger Freund, fuhr er ernsthaft
fort, als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte, hten Sie sich vor
jener schlaffen Beweglichkeit, die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kmpfen
raubt. Es giebt weiche, kindliche Gemther, die in Freud und Schmerz gleich
hingebend sich selbst verlieren. Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise.
Aber der Mensch kann viel gegen die Schwche eigener Natur; und wer sich nach
der ersten Erschtterung nicht wiederzufinden, nicht in der eigenen Freiheit
wieder herzustellen vermag, fr den werde ich nie sonderliche Achtung hegen. Er
reichte ihm hierbei die Hand, um die Strenge seiner Worte zu mildern, Rodrich
ging beschmt neben ihm her, bis sie ins Freie kamen, und die Schnheit und
Regelmigkeit der Gebude, die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des
Ganzen fr ihn verloren ging, jetzt seine Aufmerksamkeit erregte. Sie sprachen
viel ber alte Architektur. Rodrich stimmte fr die Klarheit und in sich
bedingte Gre griechischer Formen. Hier ist berall Harmonie, fuhr er fort,
weil der Zweck nicht auerhalb zu suchen ist. Dem Griechen erschliet sich der
Himmel unmittelbar in der Anschauung, fr ihn ist alles an sich ganz und
ungetheilt da. Bei den Rmern war das schon anders. Die Kunst ward ihm Mittel,
er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze. - Wie gut Sie
die Rmernaturen verstehen! sagte Stephano lchelnd, fast glaube ich, Sie haben
ihr eignes Bild in dem Rmischen Knstler aufgestellt. Gewi ist es, da
Corinthus Blthen sehr bald in den Riesenmassen versteinten, doch auch so sind
sie schn in ihrer Eigenthmlichkeit. - Nur da sie sich in dieser Hinsicht mehr
der Gothischen als der Griechischen Kunst nhern, erwiederte Rodrich. Legen Sie
doch nicht den Maastab des Einen an, um das Andere zu wrdigen, entgegnete
jener. Durch solche Vergleiche verrckt man nur zu oft den Standpunkt, von dem
jedes Einzelne betrachtet seyn will. In ihrer Erscheinung sind alle drei hchst
ehrenwerth, weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen, wodurch sie sich
allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden, die uns nicht selten
zeigen, wie man drei in einem vereinigt. Glcklich genug, wenn wir ein
gothisches Huschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem
Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken, oft ist es noch schlimmer,
modische Pracht und antike Verzierung schmcken eine neu erbaute Rinne, und so
umgekehrt. Doch auch dies ist nicht charakterlos, es spricht die allgemeine
Verwirrung des Zeitmoments aus, und wer will behaupten, da nicht das
Herrlichste daraus hervorgehen knne. Sie standen bei diesen Worten vor
demselben Gitter, das Rodrich gestern offen fand. Er fragte begierig nach dem
Besitzer des Gartens, und erfuhr, da er zu dem Schlosse der Prinzessin Therese,
Schwester des Herzogs gehre, die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden
verlassend, mit ihren beiden Tchtern zu dem kinderlosen Bruder zurckgekehret
sey, und neues Leben ber das verwaisete Land verbreite. Stephano sprach noch
viel von der hohen Natur dieser Frau, die aus einem freudeleeren Bund eine
seltene Heiterkeit gerettet habe, und sie auch den verschlossensten Gemthern
mittheile. Rodrich fhlte bald den Einflu jenes stillen Geistes, der berall in
den freudigen Umgebungen athmete. Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den
hellen Wasserspiegeln, dem frischen Rasen, der reichen Flle der schattigen
Bume. Alles stand so anspruchslos da, da der dumpfe Mensch leicht daran
vorbergehen konnte, ohne die ordnende Hand zu ahnden, die so unscheinbar alle
einzelne Blthen zu einem vollen Kranze sammelte. Nirgend war etwas
Hervorstechendes, allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde
Stoffe aufgedrungen. Umgebungen - Erde und Himmel, alles berhrte sich in
ungestrtem Einklang. Was ihm gestern im nchtlichen Schein so feierlich
begegnete, trat jetzt leicht und erfreulich hervor. Den Laokoon sah er nicht,
wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern, deren lichtblaue Vorhnge
glauben lieen, der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der
Nereiden. Hier, sagte Stephano, verlebt Prinzessin Miranda die schnsten Stunden
in der Erinnerung frherer Kindheit, die ihr die Lage des Platzes, das ferne
Gebirge, die Beugung des Stromes, alles wie sie sagt, auf eine eigene Weise
zurckruft. Miranda? wiederholte Rodrich - der Name dringt seltsam aus der Ferne
herauf, mir ist, als habe ich ihn einst wo gehrt. Wie sollten Sie nicht, fiel
Stephano schnell ein. Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet, ist jedes Herz
davon erfllt. Schon als Knstler, setzte er hinzu, kann Ihnen der Name nicht
fremd seyn. Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern
vergebens nach geformt; inde Niemand das eigentliche Wesen, das, was ihrem
Gesicht den unwiderstehlichen Zauber giebt, darzustellen wei. Die Heftigkeit,
mit welcher Stephano dies alles sagte, war Rodrich nicht entgangen. Er gedachte
seiner gestrigen Erscheinung, des Liedes, das ihn so unwillkhrlich fortri, und
beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin, als der Ritter schnell
auf sie zukam und Rodrich bat, ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten, der
von allem unterrichtet, ihn ungeduldig erwarte. Er selbst, fuhr er fort, war
frher durch Familienverhltnisse gezwungen, fast auf hnliche Weise in fremde
Dienste zu gehen. Alle Widerwrtigkeiten seines reichen Lebens haben die
jugendliche Wrme nicht in ihm erlschen knnen, und ob ich ihm gleich nur im
Allgemeinen von Ihrer Flucht aus dem Kloster sprach, so hat ihn dies allein
schon fr Sie eingenommen. Dieser Mann, sagte Stephano, als sie auf dem Rckwege
begriffen waren, ist eine ganz eigne fast in sich widersprechende Erscheinung.
Entschiedner Feind alles geregelten Formellen, ist er dennoch bis zur
Uebertreibung streng im Dienste. Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung
ber alles. Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen, und in
dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst vllig ein Andrer. Es entspringt
dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhltnisse,
in deren innere Tiefe einzudringen er als hchst trbselig und jedem chten
Genusse zuwider, verwirft. Es ist ihm wie sein briges rcksichtsloses Wesen
ganz natrlich, und er trgt es so wenig zur Schau, als da er es verbirgt. Bei
aller dieser scheinbaren Unbestimmtheit, sagte der Ritter, ist er der festeste,
zuverligste Mann, der wohl eher fhig wr, uere Wohlfahrt, Freiheit und
Vaterland fr den geliebten Freund hinzugeben, weshalb er auch dem dstern
Herzog ewig fremd bleiben wird, der ihn nur auf das dringende Gesuch der
Prinzessin Therese in seine Dienste nahm. - Sehr seltsam ist es, da dieser
leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemthern das Daseyn gab. Jener
Fernando Alvarez, dessen Namen Sie gestern hrten, war sein Sohn, und die schne
Rosalie, das einzige ihm gebliebene Kind, vertrauert ein blhendes Leben auf
einem nahe gelegenen Landgute, wo sie seit dem Tode des Bruders fast Niemand als
die Miranda sieht, deren Gespielin sie ehedem im Auslande war.
    Hat auch der Tod des Sohnes keinen tiefern Eindruck bei dem Grafen
zurckgelassen? fragte Rodrich. Nichts beschftigt ihn dauernd, was seine uere
Thtigkeit hemmt, erwiederte der Ritter. Der erste Augenblick bewegte ihn
gewaltsam, nur war der Schmerz, der sonst die Sinne lhmt, ihm ein neuer Sporn
zu den krftigsten Maregeln, die erschtterte Familienruhe wiederherzustellen,
und sich selbst Genugthuung zu verschaffen. Er bestand mit Nachdruck auf der
Verbannung des Unglcklichen, der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude
tdtete, und obgleich Ludovico des Herzogs Gnstling war, so mute sich dieser
dennoch dem Willen eines Mannes fgen, der ihm in der milichen Lage seiner
uern Angelegenheiten unentbehrlich ist. Jetzt hat er seine ehemalige
Heiterkeit unverndert wieder erlangt, und das Glck einer frher geschlossenen
zweiten Verbindung mit einer beraus reizenden, ihm ganz gleich gesinnten
Gattin, lt ihn die Thrnen der einsamen Tochter weniger empfinden, deren
Schmerz er wie den Wahn einer frommen Trumerin schweigend ehrt. Doch hat er
mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben, und er sagte mir heute, da er
Hoffnung habe, sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen. Dies verdankt er wohl
Miranda's zrtlichem Bemhen, sagte Stephano, die mit ihrer eignen Klarheit dies
zerstrte Gemth aufzuhellen strebt.
    Sie waren whrend dem zu des Grafen Wohnung gekommen. Stephano verlie sie
hier, um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzufhren, mit denen er in der
Folge durch ein gleiches Verhltni in nhere Verbindung treten sollte. Ein
breiter Vorhof, den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit blhenden
Struchern zu einem lustigen Garten bildeten, fhrte sie in einen offenen
huslich verzierten Saal. Die Arbeit der Grfin, mehrere aufgeschlagene Bcher,
eine Laute, alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz. Ein
kleiner Tisch mit mehrern angefangnen Zeichnungen stand zunchst der Thr.
Rodrich entdeckte sogleich einen schnen weiblichen Kopf, in welchem der Ritter
Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte. Die Grfin, sagte er, seine
Verlegenheit verbergend, hat viel Talent, sie zeichnet vortrefflich, spielt und
singt auf die anmuthigste Weise, berall ist sie nie unbeschftigt, nur schweift
sie, wie eine Biene, von einer Blthe zur andern. Sie ist sogleich bersttigt
und der geliebte Gegenstand mu nicht selten das augenblickliche Entzcken, das
er erregte, durch einen dauernden Widerwillen ben. Diese Beweglichkeit, die
sie im Ganzen uerst anziehend macht, bezieht sich inde nicht auf ihren
Gemahl, dem sie mit unverletzter Treue zugethan bleibt. Auch Rosalien liebt sie
zrtlich. Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von
einander getrennt, und finden wenig Berhrungspunkte im Leben. Whrend dem trat
ein phantastisch gekleideter Knabe herein, und fragte mit vieler Zierlichkeit,
ob sie bei der Grfin vorgelassen zu werden wnschten. Rodrich blickte ihn
befremdet an, allein der Ritter, nachdem er das Kind zurckgesandt, sagte
lachend, es ist einer von Seraphinens launigen Einfllen, nur Kinder in ihrem
Dienste zu dulden, die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser,
bald in jener fremden Tracht auftreten lt. Der Graf weidet sich an dieser
schuldlosen Spielerei, und es ist in der That ein reizender Anblick, sie von den
bunten Figrchen, wie fliegende Blumen, umschwirrt zu sehen, die sie mit
wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mittheilt.
Aber was wird aus den Unglcklichen, fragte Rodrich, wenn Ueberdru und
Langeweile sie aus ihrer Nhe verbannen? Bis dahin lt sie es nicht kommen,
erwiederte der Ritter. Sie ist zu gut, um irgend jemand zu krnken, und da sie
die Kleinen unaufhrlich unter der Anfhrung eines alten erfahrnen Aufsehers
beschftigt, so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten, die sie zu ernstern
Beschftigungen fhig machen, wofr sie denn auch mtterlich sorgt, wenn sie
heranwachsen und sie, wie sie sagt, mit ihren nchternen Augen und schlfrigem
Wesen zum Unwillen reizen.
    Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern. Er wre lieber dem
Knaben als dem Ritter gefolgt, der ihn ernstlich antrieb, zu dem wartenden
Grafen zu eilen. Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten
bedeckten Tafel. Er durchflog die weiten Rume der Erde und entwarf manchen
Plan, seinen Namen mit gewichtigem Arme auf die Nachwelt zu bringen, als Rodrich
bescheiden vor ihn hintrat. Aller Stolz, alle Anmaung verschwand beim Anblick
des heitern benarbten Angesichts. Sobald ihn der Graf bemerkte, eilte er schnell
auf ihn zu. Einen Augenblick betrachtete er ihn mit festem durchdringenden
Blick, dann reichte er ihm vertraulich die Hand, indem er sagte: Seyn Sie
willkommen, wenn der rechte Ernst und die rechte Lust Sie zu mir fhren, und Sie
das Soldatenleben von ganzer Seele lieben. Ich kenne wenig vom Leben, sagte
Rodrich, allein mein Herz bewegt sich freudig beim Gedanken eines muthigen
Streites, und ich kenne nichts herrlicheres, als dem Tode mit lebendigem,
frischem Sinne zu trotzen. Ich gbe allen ruhigen Genu kommender Tage fr einen
herzhaften Kampf, der den ganzen Menschen durchglht, so da auch der Nchterne
seine gttliche Natur nicht verleugnet. Auf Rodrichs Stirn flammte die heilige
Wahrheit dieser Worte. Der Ritter drckte ihn freudig an die Brust, und der Graf
reichte ihm statt aller Antwort einen Degen, den Rodrich mit Stolz und Wehmuth
empfing, und, die hervorbrechenden Thrnen nicht verbergend, im Uebermaa des
Gefhls ausrief: heller Stahl, la die Welt in deinem Glanze leuchten, oder
trinke nie ruflos verspritztes Blut. Das ist der rechte Kriegersinn, sagte der
Graf. Ich liebe Gemther wie das, darum verehre ich Ihnen das erste Zeichen
meiner Achtung. Solch ein Fhrer lt Niemand sinken, und mte er sich auch
zuletzt gegen die eigne Brust wenden; und glauben Sie mir, wer nur recht krftig
durch die Welt hingeht, mit Gefahr und Tod spielt, dem kann das Schicksal nicht
viel anhaben, es ermdet endlich vor der unerschtterlichen Heiterkeit, und lt
den Menschen sein stilles Glck genieen!
    Rodrich war ber den unschuldigen Sinn gerhrt, der sicher nur das Rechte
gewollt, und so von aller Bitterkeit und feindlichen Gesinnungen rein geblieben
war.
    Sie sprachen bald weitluftiger ber das Nhere seiner knftigen Bestimmung,
und der Graf sagte ihm: da der Herzog, wenig Theil an der innern Oekonomie der
Armee nehmend, ihm ziemlich freie Hand lasse, und er daher im Stande sey das
Mglichste fr ihn zu thun. Indessen msse er ihn schon noch vorstellen, weil
seine Vertraulichkeit mit Stephano und dem Ritter Aufsehen erregt und die leeren
Kpfe hin und her bewegt habe, die in seiner Erscheinung etwas Geheimnivolles
und Wichtiges aufzufinden meinten. Vorlufig, fuhr er fort, werde ich Sie als
Volontair bei meinem Regimente vorschlagen, wogegen der Herzog wohl nichts
einwenden wird, wenn ich mich fr Sie verbrge. Bis dies geschehen, und alles
eingerichtet ist, mssen Sie sich mglichst zurckziehen. Sie drfen nicht eher
in die Welt treten, bis es mit allem Anstande und dem ihrer neuen Lage
gebhrenden Glanze geschehen kann. Noch Eins, fuhr er fort, als er in Rodrichs
Miene eine ngstigende Verlegenheit wahrnahm: Sie sind wohl fremd mit den
Bedrfnissen des Lebens? wollen Sie sich mir anvertrauen, mich vor der Hand als
Ihren Sachwalter annehmen, so tritt wohl einmal ein bequemer Zeitpunkt ein, wo
wir mit einander Rechnung halten und Sie sehen werden, da ich auch meinen
Vortheil nicht dabei verga. Rodrich war unbeschreiblich gerhrt. So vterlich
hatte Niemand seit Eusebio's Tode mit ihm geredet. Er glaubte die geliebte
Stimme wieder zu hren, und beugte sich voll heiliger Ehrfurcht ber des Grafen
Hand, der ihn umarmte und mit innerem Wohlbehagen in sein nasses Auge blickte.
Wenn ich Sie nur erst in der Uniform auf einem raschen gewandten Pferde sehe!
hub er nach einer Weile an; ja zu Pferde, da geht dem Krieger erst das rechte
Leben auf, wenn er so ber der Erde hinfliegt und Berge, Huser und Bume, alles
ihm zu weichen scheint, und das wilde Thier sich unter ihm bumt, und er es
dennoch mit einem Fingerdruck regiert; dann sieht er in Noth und Tod mit Stolz
auf die Menschen nieder, die dem khnen Reiter scheu ausweichen. Ich hatte einen
Sohn, fuhr er mit bebender Stimme fort, nicht wahr Alexis, der verstand zu
reiten? Der Ritter bejahete es, wehmthig lchelnd. Ja, ja, sagte der Graf, es
lst sich manches schne Band, darum mu man recht fest zusammen halten und die
wenigen Tage heiter mit allem, was man liebt, verleben. Indem ffnete sich die
Thre schnell; Seraphine trat mit einem aufgeschlagenen Brief herein. Nach einem
flchtigen Gru, rief sie ihrem Manne freudig entgegen: Rosalie kmmt, Morgen
ist sie hier und verspricht einige Zeit bei uns zu bleiben. Ich bin so voll von
dieser Nachricht, da ich schon das ganze Haus in Bewegung gesetzt habe; die
Zimmer nach der Wasserseite werden fr sie eingerichtet, alles soll ein recht
festliches, heiteres Ansehen bekommen; ich denke, sie wird sich bald mit dem
Leben vershnen. Rodrich betrachtete, whrend sie sprach, die zierliche Gestalt,
das feine blonde Haar, das sich um einen blendend weien Nacken ringelte und zu
der lieblichen Unordnung ihres ganzen Wesens im Einklange stand. Auch sie hatte
mehrere male auf ihn hingeblickt, und die schnen Augen wendeten sich immer
wieder, den Fremdling zu betrachten, der ihr wie alles Neue eine willkommne
Erscheinung war. Der Graf, der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte, gab ihn
dem Ritter, indem er sagte: lies mir doch diese Zeilen, es wird dir ja auch wohl
lieb seyn, zu wissen, was sie eigentlich zu uns fhrt; und Sie, fuhr er fort,
sich zu Rodrich wendend, nehmen auch unbekannt Theil an meinem Kinde. Rodrich
neigte sich, und der Ritter las mit groer Bewegung folgendes:
    Ich habe lange geglaubt, die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen, aber
ich fhl' es wohl, seit mich die Liebe verlie und die Erde das treueste Herz
verbirgt, mute ich hier in Sehnsucht vergehen, wo sich alles so kalt und todt
von mir abwendet. Wie manches habe ich versucht, die ewige Leere eines
erschpften Lebens auszufllen. Ich wollte Blumen ziehen, Vgel abrichten, ach!
ich verga, da keine Blume unter kranken Hnden gedeihet, und keine Macht das
Widerstrebende fesselt. Dann glaubte ich wieder, die zerstreueten Sinne sammeln
und auf ernste Gegenstnde lenken zu knnen. Ich flchtete zu den
Wissenschaften, aber die strengen Gttinnen verschlieen sich dem Unheiligen,
der sich ihnen nicht ungetheilt hingiebt. Und welche Kleinigkeiten zogen mich
ab! ein Wort, eine Aehnlichkeit des Lautes, ein gro gezeichneter Bubstab.
Liebe, gtige Freundin, ich darf Ihnen diese Schwche gestehen, Sie fanden wohl
eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht fr eine Unglckliche, die zu Ihnen
zurckkehrt, um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne qulende Daseyn zu
vergessen. - Ja, Liebe, ich verlasse aufs neue den selbstgewhlten Zufluchtsort.
Pltzlich treibt mich alles von hier weg. Mir ist nun, als knne ich auch nicht
eine Stunde lnger hier verweilen. Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater,
der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nhe
dulden wird.
    Der Graf wandte sich gerhrt ab, und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten
Heiterkeit: Ihr seht, wie sie selbst des lstigen Schmerzes mde, sich nach
freudigem Genusse sehnt, und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf,
um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen. Rosalie ist durch sich selbst
geheilt, und es ist jetzt die Aufgabe, sie durch etwas Neues, Ungewohntes an die
Gegenwart zu fesseln, um nach und nach alle trbe Erinnerungen in ihr zu
verwischen. Es kommt darauf an, erwiederte der Ritter, wie nah' oder fern ihr
diese Gegenwart steht. Was sie jetzt zu uns fhrt, ist das unendliche Bedrfni
einer liebenden beweglichen Seele, die in Allem das entschwundene Glck
aufsucht, und sich dann mit Schauder von dem abwendet, was sie am glhendsten
umfate, weil sie nirgend das Alte wiederfindet. Wie sehr die scheinbare
Vernderlichkeit auf der Oberflche ihres Wesens spielt, sehen wir aus dem
steten Zurckkehren zu dem einen herrschenden Gefhle. Was kann denn auch die
Leere einer verdeten Brust erfllen! Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen
und traurigen Behelfen verschwinden! Nun wahrhaftig, sagte die Grfin lachend,
Ihre eigene Muthlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurtheil. Ich hege
ganz andre Hoffnungen fr sie. Freilich, wenn alle ihre Freunde so lssig und
trocken da stehen, und Niemand recht herzhaft angreift, so kann ich sie nicht
allein retten. Ihren Beistand, Alexis, darf ich nun schon gar nicht in Anspruch
nehmen. Sie wrden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so
trbseligem Ernst begleiten, da ich wohl selbst davon angesteckt werden knnte.
Ihr Spott, sagte der Ritter beleidigt, trifft mich mehr, als Sie es vielleicht
wollen. Allein trauen Sie mir zu, da ich ein verletztes Gemth nicht zur Schau
tragen, am wenigsten Ihre heitre Feste, schne Grfin, damit trben werde. Der
Graf fate hier gutmthig seine Hand, indem er sagte: Nimm nicht alles so ernst,
was dort ber die schnen Lippen fliegt, und mische keine Bitterkeit in die
allgemeine Freude. La ihn nur, sagte Seraphine, er mu alle Tage einigemal so
in sich selbst zurckgeschreckt werden, um dann wieder aus voller Seele lachen
zu knnen. Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschtterung, er ist nie witziger,
als wenn der rger und die wiederkehrende Frhlichkeit noch in ihm streiten. Und
am Ende, fuhr sie fort, indem sie die kleinen Hnde auf seine Schultern legte,
mssen Sie mir es noch danken, da ich Ihnen zeige, wie Sie sich selbst alles
verderben, oft pltzlich den geebneten Weg durch einen muthwillig hingeworfenen
Stein versperren, und alle kluge Maregeln zu Schanden machen. Maregeln kenne
ich so wenig, als ngstliche Rcksichten, wenn es die Wahrheit meines Gefhls
gilt, erwiederte der Ritter. Es ist die Frage, sagte die Grfin, ob diese
Wahrheit die rechte ist, und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen. Das Erstre
wohl ganz gewi, entgegnete der Ritter, denn ich empfinde wirklich so, und nicht
anders; es mchte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer
fallen, mich vom Gegentheil zu berzeugen, und wenn das Zweite nicht die Folge
des Vorhergehenden ist, so knnte es nur beweisen, da ich berall ein falsches
Ziel habe. Ich wei, erwiederte Seraphine, Sie folgen den unmittelbaren
Eingebungen. Fr Sie ist das Licht des Verstandes eine berflssige Zugabe, denn
ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen. Lassen Sie mich
ausreden, fuhr sie schnell fort, als der Ritter im Begriff war zu antworten; die
berlegung ist uns beiden gleich fremd, nur da ich einzulenken verstehe, wenn
ich den Blthen des Augenblicks vorberging, die Sie, nach der Frucht greifend,
trotzig verschmhen. Die Frucht, erwiederte der Ritter, mu sich mir in der
Blthe offenbaren, sonst werfe ich den tauben Glanz hin. Und doch, entgegnete
die Grfin, wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie, der im
einzelnen Moment hchst vornehm auf den Wahn befangener Gemther blickt. Wie
lange zhlt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer, und Sie
haben recht, wer wird auch den Blthenstaub weghauchen, um zu sehen, was
darunter liegt, nur seyn Sie berall derselbe, und fordern Sie heute nicht mehr
von dem flchtigen Lebensgenu, als gestern. Ihr Muthwille, sagte der Ritter
halb lachend halb erbittert, wird mich noch zur Verzweifelung bringen! Wren Sie
nicht so schn, oder ich keine Dame, fiel Seraphine ein, der blutigste Kampf
knnte nur zwischen uns entscheiden. Gewi lieber Alexis, fuhr sie fort, so
herzlich gut ich Ihnen bin, so kann ich doch nie das Lachen lassen, wenn ich Sie
so ernst und bedeutend ber das Leben hinblicken, und gleichwohl in der nchsten
Stunde durch hchst gewhnliche Regungen gefesselt sehe. Nicht eine
vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen, so willig geben Sie sich dem
bunten Spiele hin. Da Sie recht haben, schne Seraphine, unterbrach sie der
Ritter, beweise ich jetzt. Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt. Und
gewi, ich mu es Ihnen danken, da Sie mich eines so heitern Spieles wrdigten.
    Der Graf, der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefllig zuhrte,
erinnerte sich jetzt, da es Zeit sey, mit Ernst fr Rodrichs Zukunft zu denken,
weshalb er auch sogleich zum Frsten gehen, und ihn von dem Erfolg der
Unterredung benachrichtigen wolle. Rodrich schied voll dankbarer Rhrung und
hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit, deren Bild in Gestalt der flchtigen
Horen vor ihm hinschwebte.
    Sie waren noch nicht weit gegangen, als Stephano mit mehrern Offizieren zu
ihnen stie. Der Ritter schlug vor, den Tag bei ihm zuzubringen, was von Allen
gern angenommen ward, da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft
schon jetzt beschftigte, und eine freudige Bewirthung verhie.
    Des Ritters Wohnung war mit mehrern Kunstwerken verziert, die er auf seinen
Reisen sammelte. Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines
Meisters, das er mehrere male nachgezeichnet hatte. Es war ein Einsiedler von
beraus schnem Ansehen, der in einer dunkeln Hle vor einem Cruzifix kniete,
von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging, und des Einsiedlers Gesicht wundervoll
beleuchtete. Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt, und begriff nun, warum
ihn der Anblick des Laokoon so bewegte; es waren dieselben Zge, die hier nur
weicher und verklrter erschienen. Whrend er nachdenkend da stand, trat
Stephano zu ihm, und ergo sich im Lobe des Knstlers, der die individuellste
Wahrheit hchst poetisch aufgefat und lebendig dargestellt habe. Das Ganze,
fuhr er fort, hat etwas sehr rhrendes, um so mehr, da eine geschichtliche
Wahrheit zum Grunde liegt, die uns sehr nahe angeht. Man sagt, es sey des
Herzogs Vater, der ein frher gebrochenes Gelbde eines Lieblingssohnes nur
durch die Entsagung der Welt zu lsen glaubte, und vor kurzem als Einsiedler
starb. Dann freilich, sagte der Ritter lachend, geht er Ihnen nahe genug an.
Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte, und erfuhr, da Stephano ein
natrlicher Sohn des Herzogs sey, der auer ihm keine Kinder habe. Mehrere der
Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt, und verhieen ihm hohe Wrden,
sogar die mgliche Nachfolge der Regierung. Er blickte inde finster auf das
Bild und beantwortete die Spttereien mit einem erzwungenen Lcheln, das Rodrich
unangenehm auffiel, den berall die ganze Unterhaltung ngstete, ohne da er
sich einen Grund anzugeben wute. Der Ritter suchte inde auf alle Weise wieder
einzulenken, indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstnde
fhrte, und sich selbst mit unerschpflicher Flle in Anekdoten und
Geschichtchen ergo. Stephano blieb dennoch verschlossen, und wenn Rodrich des
Ritters Beweglichkeit anstaunte, so suchte er sie vergebens in dem Gleichmuth
und der ruhigen Klarheit wieder, die er gestern bewunderte. Auch in seinen
Freunden erkannte er ihn nicht, die allesammt willige Hrer aber schlechte
Redner zu seyn schienen, und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete, da
sie sich an ihn anzuschlieen verstanden. Ein rstiger Jngling schien zwar mehr
absichtlich als aus Beschrnktheit zu schweigen, denn zuweilen drang ein ganz
lustiger Einfall ber den Ritter hervor, dessen lcherliche Seite er, wie die
eines jeden Menschen, immer bereit war aufzufassen, ohne sich weiter um den
Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekmmern. Fr ihn war die
Sache, wie sie erschien, und so fand er berall Stoff zu unendlicher
Belustigung. Er selbst war, wie Stephano sagte, ganz ohne Bildung, allein voll
natrlicher Anlagen, die er sehr geschickt anwandte, die Schwchen Andrer
herauszuheben, ohne da sie es merkten. So wute er dem Ritter eine
Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken, whrend er die listigen Augen
voll Begier auf seine Lippen heftete, und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu
erwarten schien, was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam
fortri. Selbst Stephano, der ihn ganz genau kannte, ging nicht selten in die
Falle, indem er durch ihn, der nicht ein Wort davon verstand, verleitet, alle
seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage frdern
mute, wobei er mit groer Ruhe ganz fremde Dinge trieb und wenig auf ihn
achtete. Die schuldlose, ja kindische Freude, mit welcher er dies versteckte
Spiel immer auf's neue begann, reizten jeden zur Theilnahme, und lie selbst den
Angefhrten ohne Bitterkeit. Rodrich gewann ihn bald lieb, und als der Wein die
Gemther freudiger stimmte, trat auch Stephano aus seiner trben Laune hervor,
und ri alles durch die Kraft und den Reichthum seiner ausstrmenden
Frhlichkeit hin. Ja es war, als htte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten
und wollte jetzt allen Mchten des Schicksals zum Trotz den Himmel erstrmen. In
dem allgemeinen Taumel zeigte er khn die Gewandheit und Sicherheit seines
Krpers. Mit einer Art von Wuth trug er ungeheure Lasten, ma im Sprunge einen
Raum, vor dem jeder sich entsetzte, balanzirte Leichtes und Schweres gleich
geschickt, kurz, er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue
Achtung ab. Bald fhrte man auch muthige, schn verzierte Pferde auf den
gerumigen Hof, und mancher, der nun erst an seinem Platze war, zeigte, wie
selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Uebung freier Krfte liebenswerth
erscheine. Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Thiere. Er konnte
der Lust nicht widerstehen, und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen, der
hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Stzen fortsprengte. Rodrichs Muth
wuchs mit jedem Augenblick, er fate khn die Zgel und flog im Kreise an seinen
Freunden vorber, deren lautes Bravo ihm wie Sphrenmusik erscholl. Schumend
stand das wilde Thier endlich auf seinen Wink, und Rodrich sah erstaunt den
Grafen, dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte, mit den freudigsten Mienen vor
ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier berreichen, indem er sagte: so
gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Frsten Befehl und die Erfllung meines
herzlichsten Wunsches. Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent
sah ihm recht feierlich mit des Frsten Unterschrift entgegen. Ganz auer sich
vor Freude fiel er dem Grafen in die Arme, eilte dann zu Stephano, dem Ritter,
den brigen Offizieren; alle umfate er in dem Augenblick mit gleicher Liebe,
alle sollten gleich sehr empfinden, wie glcklich er war. Der Graf nahm ihn
darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Uebrigen in seiner neuen
Wrde vor; allein er war viel zu bewegt, um ruhig unter Menschen auszuhalten. Er
fhlte das, und erbat sich die Freiheit, diesen Abend allein zubringen zu
drfen. Der Graf gestattete ihm dies gern, nur, setzte er hinzu, mssen Sie mich
morgen frh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten, der Sie durchaus sehen will.
    Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens, Ahnungen einer hohen
Geburt, einer glnzenden Zukunft, der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte,
wachsender Stolz und sehnschtige Regungen, alles drngte Rodrich auf sein
stilles Zimmer. Kaum war er inde hier angelangt, so fand er es ganz seltsam,
da ihn die Freude von den Urhebern seines Glckes entfernt, hieher in die
Einsamkeit trieb.
    Er begriff sich selbst nicht, da er bei allem dem den innigsten Drang nach
Mittheilung und Liebe fhlte. Da gedachte er des zrtlichen Florio, und zog sein
Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach, und wie ihn die weichen
kindlichen Zge so unschuldig anblickten, htte er in Thrnen zerflieen mgen;
so, das fhlte er, hatte nie eines Menschen Auge sein Herz berhrt. Was war des
verstndigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Theilnahme
gegen einen solchen Blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung! Er drckte
das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger
Kindheit.
    Als er am folgenden Morgen erwachte, glaubte er zu trumen oder in die
Feenwelt versetzt zu seyn, als ein stattlicher Diener mit einem Kstchen voll
reicher Kleider an seinem Lager stand, und ihn ehrerbietig fragte: ob er sich
anzukleiden, und dann in die neue Wohnung einzuziehen befehle? Rodrich fhlte
nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen, und fate sehr bald den
Ton, der solchen Verhltnissen geziemt.
    Nach einigen Augenblicken stand er geschmckt, sich selbst unkenntlich,
unaussprechlich schn da. Er wollte nun zum Wirthe gehen, um alles zu
berichtigen, als dieser hereintrat, und ihm ein Packet mit Geld berreichte, das
schon am vorigen Tage fr ihn eingelaufen sey. Rodrich war nie so reich gewesen.
Die Welt war in dem Augenblicke sein, und er verlie den Gasthof mit ganz andern
Erwartungen, als er ihn vor einigen Tagen betrat. Zwar fiel es ihm wohl ein: ob
das Glck nicht ermden werde, ihn so ausgezeichnet zu begnstigen? und ob er
diese ungeahnete Lust nicht einst werde theuer ben mssen? Der Traum flog
wieder an ihm vorber und die bedeutsamen Bilder ngsteten ihn mehrere
Augenblicke hindurch, doch siegte die frisch erblhete Hoffnung, und et eilte
leicht und froh zu dem herzoglichen Schlosse, wohin ihn der Graf beschieden
hatte. Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Sle mit ihrer
alten gediegnen Pracht empfingen, berfiel ihn eine Angst, die er vergebens
niederzukmpfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemhet war.
    Er ging unsicher durch die hohen Bogengnge, und blickte halb scheu, halb
verlangend, nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes, der hier thronte. Ein
seiner Mann trat auf ihn zu, und bezeichnete ihm, durch eine offen stehende
Gallerie, das Zimmer, wo ihn der Graf bereits erwarte. Er folgte der Weisung,
und kam an einer Reihe ernster Gemlde vorber, die allesammt in veralteter
Tracht die Stammvter des frstlichen Hauses zu seyn schienen. Der Einsiedler
war darunter, und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung
betrachten, als sich eine Seitenthr ffnete und der Herzog mit dem Grafen
erschien. Die lang bekmpfte Scheu machte pltzlich einem Widerwillen Platz,
dessen erster Anflug so unwillkhrlich wie das Entstehen der Liebe ist. Zwar
rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise. Die zerstrten Blthen
schimmerten noch aus den Trmmern hervor, und er galt berall fr einen schnen
Mann. Er begrte Rodrich mit Wrde, und hatte eben einige frstliche Worte
unverstndlich hingeworfen, als er pltzlich schnell auf ihn zutrat, die
unsichern Blicke ber ihn hingleiten lie und ihn dann schrfer und immer
schrfer anstarrend todtenbleich in des Grafen Arme sank. Rodrich schauderte bei
dem furchtbaren Ereigni, und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende
Diener versicherten, da er fters diesem Zufalle ausgesetzt sey, so wollte er
doch nicht lnger in dem Schlosse verweilen, wo ihn alles so peinlich drckte.
    Auf dem Rckwege traf er den Ritter, der bei seinem Anblicke erschrack, und
als er die Veranlassung erfuhr, ihn beruhigend, manch' hnlichen Fall erzhlte,
und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an
Miranda's Seite, die er anbete, berfalle, ohne da er von auen die geringste
Anregung erhalte. Das geschwtzige Volk, fuhr er fort, das ihn ohnehin nicht
liebt, hat tausend Ursachen dieses Uebels ersonnen. Vor allem glaubt man ihn
nicht unschuldig an dem pltzlichen Tode seiner Gemahlinn, durch deren Hand ihm,
als einem fremden Prinzen, dies Land erst zugefallen ist. Indessen hlt ihn mein
Oheim, der ihn seit langen Jahren kennt, und auf dessen Schicksal er frher
einen bedeutenden Einflu hatte, solcher That nicht fhig. Auch ist es gewi,
da der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist, wenn ihn der Augenblick
nicht fortreit. Diesen, fiel Rodrich ein, wei nur der Starke herbeizufhren,
der in der lebendigen Anschauung der That, das Verbrechen zur Tugend adelt. Er
dachte hier an Brutus, und was diesen selbst vom Cassius unterschied. Allein der
Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack ber die Heftigkeit,
mit welcher er eben gesprochen hatte. Sie schwiegen beide einige Augenblicke. Er
war verstimmt und wute das Gesprch auf keine Weise wieder anzuknpfen. Doch
bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Conzert fr diesen Abend
ein, wo er Rosalien und viel schne Frauen der Stadt sehen werde. Seraphinens
Bild verscheuchte jeden ngstigenden Gedanken. Er nahm die Einladung gern an,
und trennte sich mit erheitertem Gemth vom Ritter.
    Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet, wo es ihm vergnnet war, vor
der Grfinn zu erscheinen. Endlich betrat er ihre freudige Wohnung, und kam
durch eine Reihe ungewhnlich bunt verzierter Gemcher zu einem Saale, dessen
eine Hlfte ein halber Kreis glnzender Schnen, auf grnen Polstern ruhend,
einnahm, die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes
Blumengewinde auf dunklem Grunde prangten. In dem andern Theile des Zimmers
waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschftigt, als sich
oberhalb der Kuppel pltzlich eine Gallerie, von einer beweglichen chrystallnen
Sonne beleuchtet, erffnete, und Chre von Knaben und Mdchen, hinter blulichem
Flor geisterartig schwebend, Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tnen
feierten. Indem trat diese an der Grfinn Hand in die Versammlung. Alle Blicke
waren auf sie gerichtet. Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers, in
der einfachen Kleidung, unendlich rhrend. Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht
auf der Stirn, und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten. Ein
schwarz sammetnes Kleid von ungewhnlichem Schnitt bildete den schnsten
Faltenwurf, und whrend es sich der schlanken Gestalt anschmiegte, erhob es den
seltnen Glanz ihrer Haut. Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die
Gesellschaft, zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah. Indessen
wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab, und als sie bemerkte, wie sehr
die Musik sie bewege, winkte sie mit der Hand; die Sonne verschwand; ein
frisches Laubdach berzog die Kuppel und breitete sich lngs den Wnden
herunter. Bald erschienen die kleinen Snger in vielfacher Hirtentracht, und
tanzten zu dem Klange der Flten und Schalmeyen, wie Rodrich nur im Gebirge
hatte tanzen sehen. Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert, und theilte
vielleicht unter Allen Rosaliens Rhrung am meisten.
    Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt. Man
ging und kam aus anstoenden geschmackvoll erleuchteten Cabinetten, wo man
Erfrischungen, Bcher, Musikalien, tausend klone Spiele, kurz die mannichfachste
Unterhaltung fand. Seraphine war berall, und berall von ihrem kleinen Gefolge
umringt, in dessen Mitte sie wie eine Feenkniginn erschien. Der Ritter hatte
sich jetzt Rosalien genahet, die ihn mit hflicher Klte entfernte. Sie schien
das zu fhlen, und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu
machen, die den armen Alexis, auf's neue bethrend, unablssig an ihre Seite
fesselten. Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maae von ihm
abwandte, als er sie ungetheilt fesseln wollte. Ihre Ungeduld wuchs, in den
gespannten Zgen lag Widerwille und Aerger. Er nahete sich, um durch ein
verndertes Gesprch seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen. Einige
allgemeine Hflichkeiten veranlaten bald die Frage: ob er schon mit den
Umgebungen der Stadt bekannt sey? und als er es verneinte, erzhlte sie ihm von
schnen Wasserfllen, Thlern und beraus anziehenden Spaziergngen in den nahen
Gebirgswldern. Stephano, der herzugekommen war, sagte: was indessen von allem
das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt seyn mchte, ist ein altes
Bergschlo, in dessen Trmmern eine Khlerfamilie lebt. Es ist unmglich, eine
prachtvollere Lage zu erdenken. Von einer steilen Anhhe sieht man auf der einen
Seite in einen dunklen dicht verwachsnen Wald, den ein reiender Bach
durchschneidet, whrend er mit dumpfem Rauschen eine ferne Mhle treibt. Von der
andern Seite erffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt. Bebaute, blhende
Felder, Grten, Triften, ruhig weidende Heerden, kleine Landhuser, alles still,
friedlich, wenn Sie wollen gewhnlich, allein durch den Contrast gehoben, und
gleichsam da, um die aufgeregten Sinne zu beruhigen. Im Innern des Gebudes
finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer, vorzglich eine Gallerie, die zu
einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite fhrt, von wo sich erst die
rechte Herrlichkeit offenbart. Rosalie bezeigte ein groes Verlangen, das Schlo
zu sehen, und die Grfinn, die sich ein neues Fest davon versprach, sah mit
Ungeduld einer Wanderung nach dem Walde entgegen. Stephano's Beschreibung hatte
mehrere herbeigezogen, und alle stimmten fr den Plan, nchstens dort ein
lndliches Mahl einzunehmen. Wenn Sie die verwhnten Sinne einmal mit einfacher
Kost reizen wollen, sagte Stephano, so will ich schon dafr sorgen, da die
Khlerfrau mindestens Ihren Hunger stille. Die jungen Leute sprachen viel von
dem Poetischen solcher Feste, und verhieen einander groen Genu von den
lustigen Waldscenen. Ich, sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck, ich liebe
nichts so sehr, als das unmittelbare Leben in der Natur. Da streifen die
Menschen alles Conventionelle ab, und zeigen sich in ihrer ganzen
Eigenthmlichkeit. Ach meine Liebe, sagte die Grfinn, das thun Sie in jedem
unbewachten Augenblick. Es braucht dazu keiner Wlder und Ruinen, um die
Gebrechlichkeit zu ahnen. Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut, es
bedeckt manche Ble, und viele gehen in dem Festgewande noch ganz ertrglich
einher, die in den gewohnten Kleidern widerwrtig erscheinen wrden. - berdem,
sagte ein Gelehrter, der zu Seraphinens tglicher Gesellschaft gehrte, ist es
noch die Frage, ob sich die Menschen auch so wahr in der freien Natur zeigen,
als Sie mein Frulein es glauben, oder ob nicht vielmehr die ungewohnten
Umgebungen dem Gemthe nur etwas neues aufdringen, das gerade der Neuheit wegen
fr das Rechte gehalten wird. Die Unschuld des Sinnes, das geheime Band zwischen
Mensch und Natur, der eigentliche Schlssel ihrer Hieroglyphen-Sprache, kann
sich wohl auch in conventionellen Verhltnissen erhalten, und wo der einmal
verloren ging, da wird ihn kein vorberrauschendes Lftchen wieder erzeugen.
Sehr wahr, sagte Alexis, und ich sehe es nicht wohl ein, warum man sich
unaufhrlich in Luft und Duft ertrnken msse, um die Herrlichkeit der Welt zu
erkennen! Im Gegentheil, dnkt mich, zeuge es von einer Beschrnktheit, alles
nur von auen zu erwarten. Nun, sagte die Dame empfindlich, so fliehen Sie nur
gleich in eine Zelle, und trennen Sie sich von einer Welt, die Ihnen so
entbehrlich dnkt. - Wer den Muth hat, erwiederte der Ritter, freiwillig, aus
einer angebornen Lust, eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen,
der mu gewi einen groen Reichthum in sich tragen. - Die Bren, sagte
Stephano, zehren auch von dem eignen Fette, daher verschlafen sie auch die halbe
Lebenszeit. - Wer wei, fiel Alexis ein, zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas
Besseres, als wachend an ihnen vorbergeht. Rodrich hatte einst die ganze Flle
ausstrmender Seeligkeit in der erwachten Natur empfunden, unwiderstehlich zog
ihn alles zu ihr hin. Er war nie besser, nie gotterfllter, als wenn er in dem
reinen Luftmeere schwamm, und die ewig bewegte Fluth alle Bilder des Lebens an
ihm vorberfhrte. Jetzt hrte er das Klosterleben preisen, das, seine Jugend
verdunkelnd, eine widrige Strung zurckgelassen hatte. Er blickte unwillig auf
den Ritter, indem er sagte: ich zweifle nicht, da Sie in strenger Abgezogenheit
eine Welt in sich hervorrufen knnten, die als ideale Anschauung fr Sie keine
Spur der Mangelhaftigkeit an sich trge; ob indessen die lebendige Frische, die
Beweglichkeit in ihr zu finden wre, die uns die stete Reibung gemeinsamer
Krfte tglich offenbart; ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen krnklichen
Schimmer in ihr wahrnehme, bleibt unentschieden, bis Sie ihr Inneres in irgend
einem bleibenden Kunstwerke auer sich hinstellen. Ihr seyd seltsame Menschen,
sagte die Grfinn, Euch ber den mannigfaltigen Lebensgenu zu streiten, und so
eigenmchtige Abtheilungen darin vorzunehmen, whrend ihr mit vollen Sinnen in
der Gegenwart lebt, und Euch, wie mich dnkt, ganz wohl darin gefallt. Und Sie,
Alexis, kommen trotz alle dem, von der kleinen Wallfahrt nicht los, so bitter
Sie sich auch ber die milden Einflsse der Natur auslassen. Der Ritter kte
ihr lachend die Hand, indem er sagte, womit verstnden Sie nicht die
hartnckigsten Gemther auszushnen, liebenswrdige Seraphine! Ich werde den
dunklen Wald mit allen Schlangen und Krten fr ein Elysium halten, und Mcken
und Kfer als eine Wrze der Speisen tapfer mit hinunter schlucken. Sie sind ein
feindseliges Gemth, sagte die Grfinn unwillig, und wenig geschickt zu kleinen
Aufopferungen. Weil ich, erwiederte er ernst, in den grern zu streng gebt
werde. Rosalie begann schnell ein anderes Gesprch, und bald darauf ging man
unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander.
    Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschftigungen verflossen, die seine neue
Lage herbei fhrte, und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten
erfllte, als er eines Morgens zu der Grfinn beschieden ward, um nach
eingenommenem Frhstck die verabredete Wanderung anzutreten. Er folgte sogleich
ihrem Befehle, und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur Abreise bereit.
Seraphine trat ihm in einem dunkelgrnen Reitkleide freudig entgegen. Der kleine
Hut mit weien Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes, wie berall der
halb mnnliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Rodrich fand sie
jeden Augenblick reitzender, ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik
jedes ihrer Worte zu begleiten, er konnte die Augen nicht von ihr abwenden, und
als er ihr nachher auf's Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte,
fhlte er eine Unruhe, die ihn fr den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte. -
Die brige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg, der sie mehrere Stunden
leicht und angenehm ber Wiesen und Felder fhrte. Doch beim Eintritt in dem
Wald ward er uneben, und manche Ste und Schlge weckten die Reisenden aus
ihren Trumereien. Stephano hatte dafr gesorgt, da ein Platz vor dem Schlosse
geebnet, und des Khlers Reichthum an Sthlen, Tischen, Milch und Brodt
herbeigeschafft wurde. Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nchternen Mienen
auf die rmliche Kost. Ueberdem war es drckend hei. Kein Lftchen durchstrich
den dichten Wald, und der gutmthig dargebrachte Honig der Khlerinn, der den
Durst nur noch mehr reitzte, war fr die Feinde des Wassers und der Milch kein
erfreuliches Labsal. Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der innern
Unzufriedenheit der meisten, die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen
Ausbrchen erzwungenen Entzckens verbarg; dann winkte sie ihren Knaben, und
Saumthiere mit Wein und Speisen wurden herbeigefhrt. Sie ordnete alles
geschftig an, und indem sie das Kstlichste vor Alexis und seinen Freund
hinstellte, sagte sie: Euch gebhren vor Allen die strkenden Speisen; denn
sonst lauft ihr Gefahr, der Erde ohne Widerstand in den Schoo zu sinken.
    Alles erheiterte sich jetzt, und viele gestanden, da es mit den gewohnten
Bequemlichkeiten doch eine schne Sache sey, und man sich ungern davon losmache.
Wie wre es aber, Alexis, sagte die Grfinn, wenn Sie sich hier eine Einsiedelei
anlegten? Der Wald, die Trmmer der Vorzeit, die Abgeschiedenheit der Welt, hier
eine Quelle, dort das Echo, das Ihre frommen Seufzer nachhallt, Wurzeln,
Kruter, kurz alles, was der gengsame Mensch bedarf. Nur Ihr Anblick nicht,
schne Grfinn, sagte Alexis; wie knnte ich mich trsten, Ihnen nicht mehr als
Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen! Gewi, erwiederte
Seraphine herzlich, Niemand lt sich so willig auslachen und erwiedert meinen
Spott mit dieser wohlwollenden Gte. Sie reichte ihm hier die Hand, und die
Gesellschaft folgte ihnen und Stephano ber zerbrochne Stiegen und halb
verfallne Gewlbe in die oberen Zimmer des Schlosses. Sie hatten lange Zeit vom
Altane die herrliche Aussicht genossen, als ein dumpfes Rauschen im Walde sie
erschreckte. Stephano trat hinaus, und sah wie die Bume ihre Wipfel bewegten,
und das fliegende Gewlk sausend ber ihnen hinzog. Indem kam der Ritter lachend
heraus, und sagte, da der Khler ein entsetzliches Unwetter prophezeye, und er
daher der Gesellschaft, die vielleicht nie solche Gelegenheit zur Contemplation
hnlicher Naturscenen finden werde, rathe, hier versammelt zu bleiben, da des
Khlers Stbchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen knne. Whrend er sprach,
blitzte es entsetzlich; die Frauen liefen mit verhlltem Gesichte davon, und
einige versicherten, lieber in das unterste Gewlbe zwischen Molche und Krten
zu flchten, als hier die Angst zu ertragen. Seraphine trat beherzt unter sie
und stellte ihnen vor, da sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewlbten
Gallerie seyn knnten. Lat uns daher, fuhr sie fort, ruhig dort bleiben, und
das gestrte Fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche
Weise enden. Die gengsteten Schnen fgten sich widerstrebend der
Nothwendigkeit. Morsche Bnke wurden zusammen geschoben und alles drngte sich
in einen engen Kreis, whrend das Gewitter immer schwerer heraufzog. Der Wind
heulte furchtbar durch die zerbrochnen Thren. Steine rollten krachend von den
Mauern herunter; wie ein Feuerregen schossen die hufigen Blitze ihre Strahlen
durch die fensterreiche Gallerie. Seraphine war keinesweges gleichgltig. Sie
zitterte heftig, und hielt sich in der innern Angst an Rodrich und Stephano, die
ihr zur Seite saen. Pltzlich sprang sie auf; lat Musik kommen! rief sie. Wir
wollten ohnehin im Freien tanzen, warum nicht hier? Freudige Klnge verscheuchen
bse Geister.
    Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten. Seraphine nahm Rodrich bei
der Hand, alles folgte unwillkhrlich, jeder bertubte sich selbst in der
Todesangst. Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen.
In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlngelnd durch das Gemach. Das zitternde
Licht brach sich zischend an den Wnden, und verschwand durch die Fenster. Die
erschrocknen Tnzer blickten sich erstaunt an. Alle glaubten Rosaliens Gestalt
doppelt gesehen, und ein leises Wimmern vernommen zu haben; sie selbst lag
ohnmchtig in Seraphinens Armen. Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer,
whrend der zerrttete Alexis in einen Wald floh, und seine Ahnungen und
Schmerzen in bittere Klagen ausstrmte. In der allgemeinen Verwirrung schwieg
die Musik, der Tanz war aufgehoben, man trat zusammen, ohne da jemand das Herz
hatte zu reden. Endlich sagte Stephano mit leiser Stimme: warum erschrecken wir
vor einer ganz natrlichen Begebenheit? Der Hang zum Wunderbaren verblendet die
klarsten Menschen und reit alle gesunde berlegung mit sich fort. Was ist es
denn, das diese Bestrzung erregte? Ein Blitz, Rosaliens Ohnmacht und der
jammervolle Ton, der whrend dem aus ihrer Brust drang? Was wir sonst sahen oder
zu sehen glaubten, ist nur eine Folge des Vorhergehenden. Schon frher als der
Blitz uns verwirrte, hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschttert. Der
Schreck ber sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen, wir sahen
mit kranken Sinnen. - Ihrer Erklrung, sagte der Gelehrte, geht es, wie allen
Erklrungen dieser Art; sie sind unbefriedigend. Da nichts allein, losgerissen
von mitwirkenden Ursachen, deren jede wieder die Wirkung einer andern ist, und
so ins Unendliche fort, scheinen Sie auch beweisen zu wollen. Diese mgen wir
indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen knnen. Sichtbare und
unsichtbare Krfte berhren sich, wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit
der unsrigen verbunden; ist der Schein anders und leichter zu erklren, als der
Ton? Und lassen Sie es einen Wahn seyn, der mindestens sehr ausfallend Alle
zugleich bethrte, was ist denn Wahn? Ist es ein absoluter Gegensatz der
Wahrheit: so sage ich, da er gar nicht statt finden, und dem Menschen einwohnen
knne; ist er nur das Zufllige der Wahrheit: so lassen Sie uns das Bleibende
darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Krfte, Liebe zu
jener innern Mystik, Sehnsucht nach einer Offenbarung derselben. Wenn Migriffe
daraus hervorgehen, so steigen Sie bis zum Grunde, und Sie werden eine innre
Wahrheit empfinden. Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt, und wir
werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen. - Wenn Sie es so meinen, sagte
Stephano, sind wir einig; ich bestritt auch nur die Migriffe.
    Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschpft.
Es ward nach und nach stiller. Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte
Natur in den seeligen Schlaf der Frommen. Rosalie erholte sich, und trat mit
ergebenem Sinn auf den Altan. Rodrich, den ihr Bild seit dem Augenblick, da er
sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fhlte, nicht mehr verlie, war
ihr gefolgt, und hrte sie mit leiser Stimme singen:

Ich ging im bittern Schmerze,
Tief in der Berge Grund
Verklungen Lust und Scherze
Im Innern todeswund.

Was Jugend mir gelogen,
Was Liebe mir verhie,
Wie ich mich selbst betrogen,
Vom Schein bethren lie,

Und fort, in schnellen Flgen
Das Rechte bersah,
Das stand in Flammenzgen
Vor meiner Seele da.

Mir war die Welt verschlossen,
Gebleicht der frische Glanz,
Aus Liebe Leid entsprossen,
Zerrissen Blth' und Kranz.

Da zog es mich zur Tiefe
Durch der Felsen Spur
Der grausen Hieroglyphe
Umwandelnder Natur.

Und ber mir im Bogen
Sprang hell ein Wasserstrahl,
Des Perlen niederflogen,
Benetzend Fels und Thal.

Da grnten frisch die Moose,
Und aus dem kalten Stein
Wand eine weie Rose
Sich einsam und allein.

Ich wei nicht welch ein Sehnen
Mich pltzlich berfiel,
Es flossen meine Thrnen,
Als stnd' ich hier am Ziel.

Ach Rose, se Blume,
Du nah'st dich mir auf's neu;
Im dunkeln Heiligthume
Bewahrt dich stille Treu'.

Du wirst mich neu beglcken,
Dich frbt der Liebe Hauch!
So rief ich voll Entzcken,
Und nahte mich dem Strauch.

Und wie ich sie berhre,
So theilt sich schnell das Laub;
Ich sah des Grabes Thre,
Und alles sank in Staub.

Ich kann den Fluch nicht lsen,
So rauscht es fern herauf;
Dich traf die Macht des Bsen
Im herben Lebenslauf.

So walle nun von dannen,
Im Leiden wirst Du gro.
Was Lieb' und Lust gewannen,
Birgt nun der Erde Schoo.

Rodrich weinte heftig zu ihren Fen. O um Gottes willen nicht diese stille
Verzweifelung, rief er, ich mchte meines Herzens Blut geben, um Ihnen einen
freudigen Augenblick zu gewinnen. - Sie wollen mein Elend, sagte der Ritter, der
pltzlich hinter ihnen stand. Muthwillig geben Sie sich der Erkltung, dem Tode
hin, oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen
an? - Rodrich verstand ihn anfangs nicht, doch als er den Sinn seiner Worte
ahnete, sagte er bewegt: Du zerreit das edelste Herz, das ohnehin in Kummer
vergeht. Die welkende Blume, sagte Rosalie, blhet ihm noch zu frisch, er mu
sie vllig in den Staub treten. Sie ging stolz und emprt an Alexis vorber, der
ihr schweigend nachsah, dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend:
ach! hte diesen Himmelsfunken, wenn du ihn anzufachen verstandest; ich werde
ungesehen mein Leid tragen. Seraphine rief sie hier zur Rckreise ab. Alles war
bereit, und die muntre Gesellschaft kehrte erschpft und verstimmt von dem
gehofften Feste zurck.

                                  Zweites Buch


Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen. Des Ritters Worte erregten
Wnsche in ihm, die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren. Jetzt fiel es ihm
ein, ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den gromthigen Freund
beleidigt habe? Er ward ungewi ber sich selbst, und die innere Angst wuchs in
der einsamen Nacht. - Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre
Gefhl. Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in
Liebeshauch zerrinnen, und begriff nicht, wie der Ritter sie mit rauhen Worten
berhren, wie er es wagen knne, dies gequlte Herz durch Vorwrfe zu verletzen.
Welche Rechte, sagte er mit steigender Bitterkeit, darf er sich ber sie
anmaen? und giebt es etwas widersinnigeres, als eine erzwungene Liebe? Kann der
Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschpfter Natur erblhen? und
sollte nicht ein edles Gemth diesen Sieg verschmhen? Je mehr er nachdachte, je
schuldiger fand er Alexis. Zuletzt hielt er den Gedanken seines Unrechts so
fest, da er nichts als eigenschtige ungestme Thorheit in ihm erblickte. In
dieser Stimmung fanden ihn folgende Zeilen der Grfinn.
    Rosalie ist krank. Die unerwarteten Erschtterungen drohen sie umzuwerfen.
Ich selbst bin matt, unfhig zu erheiternder Unterhaltung. Ueberdie verschwimmt
jede freudige Aufwallung in diesem unversiegbaren Quell innerer Trauer, und was
ich ihr reiche, wird mir unter den Hnden zu Gift. Alle Freunde schweigen, auch
Alexis. Rosalie scheint deshalb beunruhigt. Ist etwas zwischen ihnen
vorgefallen? Eilen Sie doch, dies liebe bewegliche Herz zu beruhigen, und fhren
Sie uns so bald als mglich den Ritter wieder zu, mit dem ich gern zanken und so
die gute Laune wiedergewinnen mchte.
    Rosaliens Krankheit weckte neue Schmerzen in Rodrichs Brust, und vershnte
ihn mit dem bekmmerten Freunde, zu dem er ungesumt hingehen wollte, als
Stephano in sein Zimmer trat und ihm zurief: was ist es denn mit dem Ritter? Ich
komme aus seinem Hause, wo ich bis auf einen alten Diener alles leer fand, der
mir zwar versichern wollte, sein Herr kehre in wenigen Tagen zurck, allein ich
glaube daran nicht; zu einer Lustreise sind die Anstalten zu ernsthaft, berdie
kann ihn nichts Geringes zu diesem Entschlu gebracht haben. Ist denn irgend
etwas Wichtiges geschehen? Sie waren zuletzt mit ihm und Rosalien, knnen Sie
mir keine nhere Auskunft geben? Denn von dort her kann es nur kommen, was ihn
so pltzlich forttreibt. - Rodrich war so erschrocken, da er lange keine Worte
finden konnte; endlich erzhlte er Stephano den Vorgang auf dem Altan, und wie
Alexis hart und feindselig erschienen sey. Seltsam, sagte dieser, wie er
Rosalien nur so wenig verstehen und die Tiefen ihres Gefhls hier ganz bersehen
konnte! Ueberall kenne ich Niemand, dessen Urtheil sich augenblicklich so
verwirrt, wenn er selbst in die Handlung eingreift, und eine individuelle
Beziehung statt findet! Wie, sagte Rodrich, ist es aber bei dem Reichthum seiner
Phantasie, bei der innern Schwungkraft mglich, sich der Gegenwart so
hinzugeben? Weil, erwiederte Stephano, es ihm an Elastizitt, an Freiheit fehlt,
die Wechselwirkung zwischen Innerem und Aeuerem lebendig zu erhalten. Er gehrt
entweder dem Einen oder dem Andern an. Daher die Ungleichheit in seinem
Betragen, die ungebundene Frhlichkeit in einem und der feierliche Ernst im
andern Momente. Die Sinnenwelt blendet ihn, entrcken sie ihm diese, so ist er
klar, besonnen, in sich fest. Es ist gewi, fuhr er nach einigem Nachdenken
fort, er kehrt entweder bald, oder bei Rosaliens Leben nie wieder. Nie?
wiederholte Rodrich, und wir sollten also Einen von Beiden aufgeben und fr
immer von ihnen scheiden mssen! Alle Liebe und Theilnahme des wohlwollenden
Alexis stellte sich pltzlich vor ihn hin. Er fhlte es schmerzlich, da er die
Brust verwundet, die sich ihm so vertrauend geffnet hatte! Lassen Sie uns
eilen, rief er, vielleicht ist er noch zu retten; ich will mein Leben daran
setzen, ihm seinen Argwohn zu benehmen? Werden Sie ihn berzeugen? fragte
Stephano, - und gesetzt, es gelnge ihnen, fuhr er fort, was gewinnen wir? Kann
in dieser Stimmung die nchste Stunde nicht dasselbe erzeugen? Wo das Uebel
nicht aus der Wurzel zu heilen ist, da kann man die Wirkungen niemals berechnen.
Lassen Sie uns nicht so eigenmchtig in den Willen eines Menschen eingreifen,
man bewirkt wohl etwas andres, selten aber das Bessere. Ach, sagte Rodrich, mich
dnkt, wir schlfern unsre Theilnahme mit allgemeinen Klugheitsregeln ein,
whrend der Freund vor unsern Augen versinkt! Stephano suchte ihn von hnlichen
Vorstellungen abzulenken, indem er ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam machte,
Rosalien diese Nachricht mitzutheilen, ehe das allgemeine Gercht sie erreiche.
Woran erinnern Sie mich, sagte Rodrich, dies fehlte noch, um sie ganz elend zu
machen! Wie wird sie sich trsten knnen, die dargereichte Hand so kalt und
fremd zurckgestoen zu haben? Mute Reue noch den innern Unfrieden mehren!
Vielleicht, erwiederte Stephano, nimmt sie es auch weniger trbe auf, vielleicht
glaubt sie, da im Laufe fortschreitender Ereignisse die Unabnderlichkeit des
Erfolgs auf dem Ursprung frherer That beruhet, der selten dem Einzelnen allein
angehrt. Man sagt sich das so gern zum Trost, wenn Neigungen uns fortreien,
und Zorn und Liebe mit unsrer Freiheit spielen. Sie waren unter diesem Gesprch
zu des Grafen Wohnung gegangen, und betraten Rosaliens Vorzimmer, als ihnen die
Grfinn entgegen eilte, und im bittersten Unmuth zurief: sie wei alles! Meine
Ungeduld hat die Entdeckung beschleunigt! Ich bin auer mir ber die krnkliche
Weichlichkeit der Mnner. Eine Thrne zieht Euch aus Eurem Gleichgewicht und
wiegt das Bischen Besonnenheit auf, das Euch zu Theil ward. Geht nur, fuhr sie
fort, und helft bereuen, was ihr verdarbt, denn weiter versteht Ihr doch nichts.
Ich bin recht unglcklich, von lauter Mnnern umgeben zu seyn! Miranda ist
leider seit wenigen Tagen mit ihrer Mutter im Bade, und ich traue mir selbst
nicht mehr, seit alles solche Wendung nimmt! Der Graf war indessen von Rosalien
gekommen, und versicherte: sie sey um vieles ruhiger, seit sie Alexis Brief
gelesen, den er ihr ohne Rckhalt mitgetheilt habe. Sie gingen insgesammt zu ihr
hinein, und fanden sie auf einem Ruhebette, den Brief in der Hand, den sie
Rodrich sogleich mit den Worten gab: Sehen Sie, das ist der Fluch, der mich
traf, da mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab
strze! Rodrich beugte sich in stummen Schmerze ber ihre Hand, whrend sie ihn
drngte, folgende Zeilen zu lesen.
    Tadlen Sie es nicht, mein gtiger Beschtzer, wenn ich so pltzlich aus
Ihrem Kreise verschwinde, und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens
berlasse. Sie fhlten es wohl eher, wie schwer es dem Menschen wird, von allem
was er liebt zu scheiden, und in fremden Herzen die Theilnahme zu suchen, die er
in der geliebten Heimath zurcklt. Aber gewi, es mu so seyn! Ich habe lange
mit wachen Sinnen die Trume der Kindheit fortgespielt, und meine Arme sehnend
nach einem Schattenbilde ausgebreitet. Ein heftiger Sturm zerri die Nebel. In
der Erschtterung findet der Mann sich am ersten wieder. Ich thue endlich, was
ich lngst gesollt. Nicht jeder darf erwarten, hier seine Wnsche gekrnt zu
sehen, und im fruchtlosen Kampfe gegen einen hhern Willen ermatten die besten
Krfte. Vielleicht war ich berall zu schweren Opfern bestimmt, vielleicht
sollte ich das irdische Daseyn hinwerfen, um mich selbst zu behaupten! Ich folge
der innern Stimme, und eile, meines Heilandes Ruhm auf fernen Ksten zu
verbreiten oder unterzugehen. Tragen meine Wnsche mich einst zu Rosaliens
Fen, so wird sie den Helden im Mrtyrer ehren, und ihm die Achtung
wiederschenken, die sie dem schwankenden Jnglinge versagte. Ach, mein geliebter
Vater, knnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle Sehnsucht ausweinen, und
Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen! Aber ich soll Sie nicht mehr
sehen! Ich mu, ich mu fort! Ewig der Ihrige.
    
                                                                        Alexis.

    Ich htte es wissen sollen, sagte Rosalie, wie das zurckgeschreckte Gefhl
immer das uerste ergreift und sich selbst in der verlornen Hoffnung
vernichtet. Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah berall nichts als
den Spott eines hhnenden Schicksals! - Warum mute ich auch gerade da mit
dieser ngstigenden Bestndigkeit geliebt werden, wo mein Herz unverndert
schwieg! Die Grfinn die nur froh war, da Rosalie wieder sprach, und im eignen
Unglck Trost und Entschuldigung fr Alexis Schmerzen suchte, fragte begierig,
wie es zugegangen sey, da der Ritter bei so viel Liebenswrdigkeit und einem
fast demthigen Hingeben auch in frhern Kinderjahren nie einen gnstigen
Eindruck auf sie habe machen knnen? Ich wei nicht, erwiederte Rosalie, warum
mir die Wnsche meiner Mutter, die Alexis sehr liebte, und die kleinen
Neckereien meiner Gespielinnen, ehe ich sie noch ganz verstand, Widerwillen
erregten, und ich ein Glck verschmhete, das mir von allen Seiten gezeigt ward.
Das frei ausstrmende Gefhl htte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es
absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang emprt ein
jugendliches Herz, und ich betrbte oft die gtige Mutter durch einen
Widerstand, in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte. Ach, und she
sie mich jetzt! Verstoen, zernichtet den Unglcklichen, den sie beschtzte,
elend durch mich, die ihn beglcken sollte! War es doch von jeher mein Loos, die
Erwartungen derer zu tuschen, die mit voller Seele an mir hingen! Welche
Mutter, sagte Stephano, darf auch hoffen ihre frommen Wnsche gekrnt zu sehen?
Darum blicken wir so wehmthig auf unsre Kindheit zurck, weil der einsame
Mensch die goldnen Trume wieder erkennt, die seine Wiege umflatterten, und das
Paradies, das ihm in der mtterlichen Liebe erblhete, so unschuldig aus den
Trmmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht! Rosalie, die aufgestanden war,
trat zum Clavier und sang folgendes Lied:

Hier im Walde, ses Leben,
Hier im Walde ruhe sanft;
Sieh, es neigen sich die Zweige,
Flechten dir ein Blthendach.

Und es rauschen durch die Bltter,
Von den Lften angefacht,
Linde Tne, dich zu wiegen
In den lang ersehnten Schlaf.

Will dich auf den Rasen betten,
An der frischen Quelle Rand;
Wchter sind dir meine Sorgen
Schutz und Wehr, der Mutter Arm.

Blumen sprieen aus der Erde,
Hllen dich in farb'ge Pracht,
Und die zarten Dfte weben
Luft'ge Schleier um dein Haar.

Wie sich schon die Augen schlieen,
Und der Wimpern dunkles Schwarz,
Auf dem ros'gen Hauch der Wangen,
Athmend auf und nieder wallt.

Reitzend schmiegen sich die Glieder
Wie Crystalle licht und klar
Auf dem frischen Blthenteppich,
Schimmernd in der Sterne Glanz.

Lt sich doch mein ganzes Innre,
Seh ich dich so reich begabt;
Und die Freudenthrnen flieen
Auf dich Engelsbild herab.

Jesus, schreit das Kind im Traume,
Jesus, sieh das Schlangenpaar,
Wie es sich durch Blumen windend,
Drohend aus dem Dickicht nah't.

Mutter, nun hat's mich ergriffen,
Sieh die Ringel um den Hals;
Blut'ge Thrnen mu ich weinen,
Wie es mich am Herzen fat.

Schlangen, Kind, sind goldne Reisen,
Sagt sie lchelnd, kt es wach,
Und die Thrnen deuten Perlen,
Dich zu schmcken am Altar.

Sinnend ging das Kind von dannen,
Bis es Traum und Wald verga.
Ach ihm zeigte bald das Leben,
Was die flcht'ge Ahnung war.

Alle fhlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt. Selbst die
Grfinn gedachte mit Rhrung einzelner vorberrauschender Anklnge ihrer
Kindheit, und fhlte zum erstenmal schmerzlich, niemand zu haben, in dessen
aufblhendem Daseyn sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfnde. -
Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben! Hatte je eine Mutter
Freudenthrnen auf sein kmmerliches Lager vergossen? oder waren die matten
Wnsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen, die fr ihn zum Himmel
stiegen? Warum mute er unter Tausenden so logerissen und verlassen da stehn!
Was war alle Theilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten, das
Ineinanderstrmen aller Gefhle einer Familie! Ach, und wie durfte der
Glckliche klagen, der in der bedrngten Gegenwart noch die Erinnerungen
seeliger Vergangenheit rettete. War er nicht berall, auch an Florio's Seite,
ein Fremdling gewesen? und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten?
Drngt mich, fragte er sich bitter, das Schicksal etwa darum so gewaltsam in
mich selbst zurck, da die riesenhaften Wnsche bermig emporschieen und ich
die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll? Die innern Schatten
gingen ber sein dsteres Gesicht, und Seraphine, die ihn eine Zeit lang
angeblickt, sagte lchelnd: mir wird fast bange in dieser trben Gesellschaft.
Kinder, ich bitte Euch, lat uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und
aller strenden Erinnerungen vergessen! Was hlfe das, sagte Rosalie, der
Schmerz lebt immer wieder auf, man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los.
Sagen Sie das nicht, erwiederte Stephano, es ist entweder berall, oder nirgend
Glckseligkeit zu finden. Wie verstehen Sie das? fragte Rosalie. - Ich meine,
erwiederte er, wer es dahin gebracht hat, die Bedeutung jeder Strung zu ahnen,
msse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und ber jeder momentanen
Unterbrechung schweben knnen. Das kann nur die Unschuld, oder die gttliche
Weisheit, erwiederte Rosalie, was dazwischen liegt, wird gleich einem Ball hin
und her getrieben, und erliegt endlich der steten Anstrengung. Ach, und sagte
nicht der Heiland am Kreutze: Herr, wenn es seyn kann, so la diesen Kelch an
mir vorbergehen! Warum sollten wir uns mit einer strrigen Tugend brsten, die
jeder irgend einmal verleugnet. Es ist doch eigen, sagte der Graf, der whrend
dem nachdenkend auf und ab gegangen war, wie Familienhnlichkeiten so
wiederkehren. Ich hatte einen ltern Bruder, den mir Alexis lebhaft zurckruft.
Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt, und sein verschollnes
Andenken lebt nur noch in meiner Brust. Wir beide, setzte er hinzu, erregten den
Zorn der Geistlichkeit, weil wir der Kirche einen Diener entzogen, weshalb ich
auch mein Vaterland niemals wiedersah! Auch Alexis Mutter traf das Schicksal
ihrer Brder. Eine schnell vollzogene Heirath rettete sie nur vor krnkenden
Verfolgungen. So gewi ist es, sagte er halb vor sich, da der Einzelne, wie er
sich selbst ungetreu wird, alle Andre mit ins Verderben zieht. - Die Zeit, fuhr
er nach einer Weile fort, hatte nach und nach einen Theil unsrer zerstreuten
Familie hier wieder versammelt, und wer wei, wo wir noch einst den theuren
Jngling antreffen! In der geliebten Heimath, mein Vater, sagte Rosalie, wo die
beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wnsche sich in einer
seligen Umarmung auflsen. Der Graf blickte wehmthig auf ihr bleiches Gesicht
und drckte sie schweigend an die Brust. Vergebens hatte Seraphine wiederholt
gesucht das Gesprch auf freudigere Gegenstnde zu lenken; sie stand endlich
ermdet auf, und begann hunderterlei kleine Geschfte, wobei sie unruhig nach
der Uhr sah und jedem vorberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte.
Rosalie, die es bemerkte, sagte endlich: Geliebte Seraphine, Ihre Wnsche tragen
Sie nach dem Schauspiel. Lassen Sie doch, um alles, durch mich die gewohnte
Lebensweise nicht unterbrechen; ich wre sehr unglcklich, wenn meine Gegenwart
auch Ihre schuldlosen Freuden trbte. Und glauben Sie nur, setzte sie hinzu, als
die Grfinn im Begriff war, den Vorschlag abzulehnen, ich bedarf der einsamen
Stunden, um mich zu sammeln, und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen. Der
Graf war Rosaliens Meinung, und fand es um so nothwendiger, gerade heute
ffentlich zu erscheinen, um des Ritters schneller Abreise den Anschein des
Gewhnlichen und Vorhergesehenen zu geben. Du weit, sagte er, wie sehr die
allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus, als Fremdlinge und Anhnger der neuen
herzoglichen Familie, gerichtet ist, und wie oft man sich schon der innern
Strungen gefreut hat. Seraphine sah ihre Wnsche gern durch so triftige Grnde
gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein, sie zu ihrer Loge zu begleiten.
Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand, und sagte gerhrt: geht nur, Ihr
Glcklichen, die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft
voraussagt; was Euch bewegt, glhete auch einmal in diesem verdeten Herzen!
    Als ihr Wagen an den Fenstern vorberrollte, wo die einsame Rosalie wie ein
Marmorbild an einer Sule lehnte, hub der Graf an: Wenn ich nur begreifen
knnte, wie das tiefe Gefhl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit
der Mnner erliegt, und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel
erhlt. Dieser Ludovico war ein feiner, anmuthiger Jngling, voll kleiner
Talente fr die Gesellschaft, geschmeidig, hingebend, ohne Liebe und ohne Ha,
leidenschaftlich, so viel es braucht um ein Weiberherz zu bercken, doch ohne
Zrtlichkeit und Mitgefhl. Er whlte Rosalien, wie er jede Andre gewhlt haben
wrde, und verlie sie eben so. Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen
verzrtelter Herzen, und wollte ihr eigentlich nicht wehe thun. Er meinte, es
solle sich alles so fgen, und es ist wohl nicht unbedeutend, wie das Schicksal
so kurzsichtiger Plane spottet. Der lchelnde, schwankende Ludovico, der nichts
als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte, mute die
unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen. Es
ist unbegreiflich, sagte Rodrich, wie Rosaliens hohe Natur sich bis zu ihm
neigen konnte! Die gnzliche Charakterlosigkeit, erwiederte Stephano, hat dies
mit der reichsten Flle gemein, da sich in beiden die ganze Welt spiegelt.
Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen. In der
grnzenlosesten Hingebung vergessen sie, da sich der leere Grund flacher Seelen
wie eine Schraube nach allen Seiten dreht, und nur den Schein des Bildes
aufnimmt. Erwgen Sie noch, sagte die Grfinn, da der erste Blick, der ein
unbewachtes Herz berhrt, fr das ganze Leben entscheidet, und die sptere
berlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefhle nicht wieder aufhebt. Tiefen
Gemthern bleibt dann der Schmerz, indessen Leichtgesinntere mit der Liebe
spielen, oder sie, wie ein verzehrendes Gift scheuen. Eine flchtige Rthe
berzog bei diesen Worten ihr Gesicht. O, sagte sie schnell, als der Graf ihr
lchelnd die Hand reichte: gedankenlose Tndeleien gehren nicht hieher. Ich bin
leicht ber das Leben hingegangen, ohne je meine Eigenthmlichkeit einzuben,
und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte, habe ich bald gegen etwas
edleres vertauscht, setzte sie schmeichelnd hinzu, und hpfte, als der Wagen
eben hielt, zu dem breiten schnen Portal hinein, an dessen Eingang der Gelehrte
stand, und ihnen sagte, da der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen
sei. Was wird denn gegeben, fragte Seraphine gleichgltig? Alle lachten, da
Niemand bisher daran gedacht hatte, und als der Gelehrte Macbeth nannte, sagte
die Grfinn, ich htte so etwas erwarten knnen, da der Herzog zugegen ist.
Liebt er das Tragische so ausschlieend, fragte Rodrich? Ich wei nicht,
erwiederte Seraphine, allein es ist, als wolle er sich an den Riesengestalten
aufrichten, und als bedrfe er es, alle Schauer der Hlle auer sich zu sehen,
um innerlich ruhiger zu werden. Wieder das alte Mitrauen, rief der Graf
unwillig; ich dchte, vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige
Richterinn finden. Nun mindestens, erwiederte sie, wollen die schlaffen Sinne
durch eine derbe Erschtterung gehoben seyn, denn so auer allem Zusammenhange
mit dem brigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht. Ich wei nicht,
sagte der Gelehrte, ob die Sehnsucht nach dem Gediegenen, in sich Feststehenden,
gerade von einer kraftlosen Seele zeugt, oder ob nicht vielmehr dies Bedrfni
selbst schon erweckte Kraft ist, die sich nach einem Wiederschein von auen
sehnt. Auch fr Sie, sagte die Grfinn lachend, ist es genug, da man den
nordischen Dichter liebt, um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden! Gewi,
erwiederte er, sind es nur befangene Menschen, die sich in ihm so wenig als in
der reichen Gestaltung der Natur finden knnen. Das Nationale der
Farbenmischung, so wie alles dasjenige, was dem Zeitmoment angehrt, sollte
billig fr Niemand eine Strung seyn, der die mannichfache Bedeutung der Natur
aufsucht. Und wie Shakespear auch in der blos uern Darstellung frhere
Zeitalter verstand, wie sdliche Gluth in ihrer hchsten Flle, in der zartesten
Lieblichkeit ihn durchdrangen, das sehen wir in den historischen Stcken und in
Romeo und Julie.
    Sie traten jetzt in die Loge, und Rodrich ward durch den Anblick der
wogenden schimmernden Menge, die das weite Haus umfate, wie durch den Glanz der
herzoglichen Umgebungen angenehm berrascht. Er kannte bis jetzt nur einzelne
herumziehende Truppen, und der hohe Maastab rmischer Amphitheater war zu dem
beschrnkten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft. Jetzt erffnete sich
ihm ein neuer ungeahneter Genu. Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor
ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort. Die Schauspielerinn, welche Lady
Macbeth darstellte, spielte mit einer erschtternden Wahrheit. Rodrich fhlte
die Gewalt, mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum
Ziele ri. Und als nun die That geschehen war, und die freche Snde noch einmal
mit der Reue stritt, bis diese sie gespenstisch anfate und der bleiche Tod auf
den starren Zgen lag, da berfiel ihn eine Angst, da er kaum aufzublicken
wagte. Um sie los zu werden, theilte er Macbeths Trotz, und focht in Gedanken
fr ihn um den Thron, bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeyung lste
und das Verderben der Rache die Hand bot.
    Rodrich sa mit klopfendem Herzen da, auf allen Gesichtern lag Entsetzen.
Zufllig blickte er nach der herzoglichen Loge. Die tief gebrannten Lichter
warfen unsichere Schatten, ihm war als schwankte der Herzog und wolle
niederfallen, unwillkhrlich sprang er auf, als ihn Seraphine bei der Hand
fate, und unruhig sagte: Lassen Sie uns fortgehen, die blutigen Gestalten
ngsten mich. Fhlen Sie wohl, sagte der Gelehrte, wie chte Poesie durch alle
Zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller
Herzen behauptet. Ich wnschte, sagte die Grfinn, sie nahete sich in
freundlichern Gebilden; diese Verzerrungen bemchtigen sich wohl des Gefhls,
lassen aber eine widrige Strung zurck. Es kommt darauf an, erwiederte er, ob
man bei dieser stehen bleibt, oder bis zur Idee des Gedichts hindurchdringt. Das
Laster in dem verblichnen Schein mattherziger Tugend auftreten zu lassen, so wie
das Verbrechen auf den halben Weg zu fhren, um ein verpfuschtes Leben durch
ohnmchtiges Wollen und thrichtes Vollbringen zu verwirren, das war jenen
frhern Dichtern fremd, die alles scharf und bestimmt auer sich hinstellten,
und wie die Urkrfte der Natur das Chaos gewaltsam durchbrachen. - Das mag seyn,
sagte die Grfinn, aber wir sind lngst ber den Zeitpunkt hinaus, wo das rohe
Walten jener Krfte dem Menschen so nahe lag, da er sein eignes Daseyn darin
wiederfand, und wie Sie es auch stellen mgen, die Erscheinungen heutiger Zeit
sind dennoch milder, beruhigender, kurz unserm Herzen verwandter. Je
beschrnkter der Kreis, erwiederte der Gelehrte, je nher berhren sich die
Gegenstnde, und dem ohngeachtet, knnten Sie pltzlich das allgemeine Band
einengender Rcksichten von den Herzen der Menschen lsen, und mit ihm den
Schein des Gleichartigen weghauchen, Sie wrden jetzt, wie damals, das Hohe vom
Niedern getrennt im schrfsten Gegensatze erblicken. Da so oft das einzelne
Groe in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt, da liegt nicht sowohl daran,
da die Menschen nicht knnen, was sie wollen, sondern da sie nicht wollen, was
sie knnen. Nun, erwiederte Seraphine, ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen
und dem langweiligen Streite ein Ende machen, wo jeder Recht behlt; denn ich
will nun einmal nicht die lustige Gegenwart fr jene halb verwischte,
unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben. Wer so frisch und
lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschnt, sagte der Gelehrte,
der htte auch Unrecht, eine so reitzende Einheit zu unterbrechen. Gottlob!
sagte sie lachend, Sie ersetzen mir den Ritter; nun, wir wollen bald mehr
streiten, jetzt schlafen Sie wohl. Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen, und
lie Rodrich mit den beiden Andern zurck, die das Gesprch noch weiter
fortsetzten. Sie verkennen in der That das Streben heutiger Welt, sagte
Stephano, das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung darthut. Sehen Sie denn
nicht den Wunsch alles zu umfassen, sowohl aus dunklen als erkannten Regungen
hervorleuchten. Und ist es nicht natrlich, da, seit die Richtungen
mannichfacher wurden, der Einzelne den aufgeschlonen Weg nicht mehr so streng
verfolgt, sondern sich nach allen Seiten neigt und die Krfte auf tausend Weisen
bt. Mich dnkt aber, sagte Rodrich, der erweiterte Kreis werde den innern
Reichthum nicht schmlern, so bald ein fester Punkt da ist, wohin man
zurckkehrt, und es ist ja nach frher geuerten Grundstzen auch wohl Ihre
Meinung, da darin die Consequenz der Allseitigkeit bestehe, in Vielem das Eine
aufzusuchen und zu reflektiren. Ganz richtig, erwiederte Stephano, aber dies
Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch, als die Menschheit berhaupt. Dasselbe,
sagte der Gelehrte, war weit frher und auf eine weit wrdigere Weise die
Tendenz des Christenthums, und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei
den Rmern etwas anderes? Ganz gewi, erwiederte Stephano, denn Christenthum und
Rmischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe, die sich in der Idee der
Menschheit erst auffinden. Daher die Einseitigkeit, zu der beide ausarteten. Und
was ist denn die jetzige Universalitt? fragte der Gelehrte. Ich sage nicht, da
sie berall schon etwas ist, erwiederte Stephano, allein man darf ahnen, wohin
alles fhrt. Manches Licht glht im Verborgnen, und - ein zerlumpter Knabe
nahete sich hier mit einer Laterne, und fragte, ob er ihnen zu Hause leuchten
sollte. Sie sahen mit Erstaunen, wie das alles leer und dunkel um sie war. Der
wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen, und schmutziges
Gesindel, das den Weihkessel der Prophetinnen, Birnams Wald und Maebeths
blutiges Schwerdt hin und her zerrte. Das nackte Gerst blickte sie frostig nach
dem lebendigen Spiele an, der Zugwind strich durch die geffneten Thren und
bewegte die halb sichtbare Thalia auf dem Vorhange schauerlich hin und her, das
letzte Licht erlosch und sie muten des Knaben Anerbieten benutzen, um die
langen Gnge hindurch zu finden. Schweigend begrten sie einander im Vorhofe,
und jeder ging den eignen Weg.
    In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf, und kmpften mit dem
unbezwinglichen Drange nach Gre und Herrlichkeit. Was ist es denn mit den
Wnschen der Menschen, sagte er muthlos, wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft
und die hingeworfene Blthen unter Trmmern eines gescheiterten Glckes
begraben, und alles was ihn hier bewegte, in einen erstarrten Blutstropfen
zusammendringt! Und wird nicht einem jeden, wenn die Jugend zerronnen und der
frische Glanz verblichen ist, die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen? Thte
man denn nicht besser, sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen, wohin man
doch einmal gelangt, als mit ngstlicher Hast die wohlthtige Trgheit der Zeit
zu beflgeln? Hier ging ein Mdchen mit einer Cyther vorbei, von deren
vorberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte:

La die Schatten zieh'n und wandeln,
Flchtig Spiel fand nimmer Stillstand,
Wnsche wechseln wie Gedanken,
Bleibend Licht erfreut hier Niemand.

Leben ist ein streitend Lieben,
Lieb' im Streit des Lebens Anfang,
Wie sich Muth und Kraft entbinden,
Strmt erst siegend khler Balsam.

Die schlanke Gestalt hpfte so leicht ber die Strae hinweg, whrend sie mit
den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab, da ihr Rodrich noch lange
nachsah, als die Tne schon in der Ferne verhallten, und er nur noch ganz
schwach Leben ist ein streitend Lieben zu hren glaubte, Worte die sein Herz
mit der wehmthigsten Sehnsucht erfllten. Er konnte sich viele Tage hindurch
nicht wiederfinden, und die Geschfte seines neuen Berufs ermdeten ihn zum
erstenmale, statt ihn aufzurichten, selbst der Ernst des Grafen schien ihm
erknstelt, wie das ganze Treiben zwecklos. Die weite Aussicht einer
thatenreichen Zukunft beschrnkte sich immer mehr auf einzelne wiederholte
Uebungen, die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren.
Rcksichten, die er frher nicht geachtet, dnkten ihn jetzt lstig. Ja ihm war,
als schlnge sich die Kette des Alltglichen immer fester um ihn herum, und
werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben. Die behagliche Wohlhabenheit
seiner Lage achtete er nicht mehr, seit er sie besa. Der ppige Ergu des
Glckes hatte ihn berfllt, und er betrachtete die Welt wie jemand, der in der
aufblhenden Jungfrau die erstorbenen Zge der Matrone erblickt. Die innere
Unzufriedenheit wuchs, da er immer auf demselben Punkt blieb, und nirgends einen
Fortgang sah. So lange er der Kunst gelebt, erkannte er einen groen Zweck, dem
er krftig entgegenarbeitete. Was er damals suchte, war ihm pltzlich nahe
getreten, er hatte es erfat, und glaubte mit einem raschen Anlauf das hchste
Ziel zu erschwingen. Jetzt ging alles den gewhnlichen Gang, und was er wnschte
und hate, was er frher getrumt, schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her,
und verfinsterte seinen Weg. Oft wollte er sich Stephand entdecken, allein ihn
schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe, mit welcher er ber
menschliche Verhltnisse hinaussah. Rosalie war krank, und lie Niemand vor
sich. Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht, er verlor die
Lust an ihrer Gesellschaft, seit er aufgehrt hatte, ihr neu und interessant zu
seyn. So verflossen ihm mehrere Wochen. Die wechselnden Gegenstnde erregten
seine Aufmerksamkeit nur schwach, und er selbst ging unbeachtet als eine
gewohnte Erscheinung an den Menschen hin.
    Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schlosse vorberfhrte,
gedachte er jenes Abends mit neuer Rhrung. Rosaliens Bild schwebte auf dem
Altane, er begriff nicht, wie er es je verkannt hatte, da sie in seinem Herzen
lebe und ihn von der Welt entfernt habe, wo er sie lngst nicht mehr fand.
Alexis pltzliches Verschwinden hatte auch jene frhere Eindrcke betubt, und
die Worte der kleinen Sngerinn verwirrten seine Gefhle, statt sie zu
entfalten. Jetzt war ihm alles so klar, er fhlte es bestimmt, da sie es war,
die ihm fehlte. Voll heitrer Erwartungen wandte er sich zur Stadt. Er wollte
sogleich zu ihr gehen, sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe
genesen; nie, das gelobte er sich, drfe ein khnes Wort ihr Gefhl verletzen.
Im Verborgnen solle die Blthe reifen und einst die innigste Treue lohnen. Alles
schien ihm leicht und sicher. Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder, die
er froh durchstrich. Er blickte heiter um sich her. Ueberall ruhete ein seliges
Schweigen, man hrte nur das Flistern der vollen Aehren, die sich leise zu
einander neigten; die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die
hochrothen Dcher der Stadt glheten wie eine Purpurwolke. Ihm war fast wie an
jenem Morgen, da er das Kloster verlie, nur fhlte er sich stiller, die Welt
hatte andre Erwartungen in ihm erregt, und er lauschte sehnend auf jeden
Athemzug der Freude. In dieser weichen, zrtlichen Stimmung, trat er unter die
Platanen, wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf. Kommen Sie Rosalien Glck zu
wnschen? fragte sie heiter, ihr die den ersten Tag auer dem Bette zubrachte,
und wieder Zerstreuung sucht und findet. Gehen Sie nur hinein, sie wird Sie gern
empfangen. Es war ihm nicht eingefallen, da Rosalie fr ihn nicht sichtbar und
fortwhrend krank seyn knnte, und dennoch ward er durch die Nachricht ihres
Wohlseyns berrascht, und sah sie als eine gnstige Vorbedeutung seiner Wnsche
an. Er fand Rosalien schner als jemals. Das zarteste Wei umflo wie ein Hauch
die edle Gestalt. Sie sa an einem offnen Fenster und freuete sich der milden
Luft, die mit ihrem Haar spielte. Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem
Strom und frbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken. Vor ihr
stand ein offnes Kstchen, in welchem sie beschftigt war Briefe zu ordnen.
Helfen Sie mir, sagte sie lchelnd, meine Liebe zu Grabe tragen. Diesen Schatz
will ich in die Erde versenken, damit kommende Geschlechter sehen, wie geschickt
man einst heimlich zu morden wute. Nein, fuhr sie nach einer Weile fort,
Niemand ward je so unerhrt betrogen! Lesen Sie, ich bitte Sie, lesen Sie diese
beiden Briefe, sie sind um wenige Tage aus einander. Ach Gott, ich mte Ihnen
wohl mehr sagen! nun ja - Sie wissen, ich liebte - ein Strom von Thrnen
benetzte ihr Gesicht; ach, ich habe ihn unbeschreiblich geliebt, sagte sie
wehmthig; unbeschreiblich! Wenn ich der ersten sen Regungen gedenke, wie
alles so friedlich war und die bescheidnen Wnsche mich in selige Trume
wiegten, und wie dann pltzlich alles die Grnzen berschritt und die gewichtige
Leidenschaft die heiligsten Bande zerri! Rodrich war in der peinlichsten Lage.
Diesen Beweis ihres Vertrauens htte er gerade heute gern entbehrt, und sein
Herz ward durch die Ausbrche ihres Schmerzes tausendfach zerrissen. Mein
Bruder, fuhr sie fort, mibilligte meine Wahl, Alexis verspottete sie, whrend
der Herzog, der damals um Seraphinens Liebe warb, die Flamme auf alle Weise
anschrte. Mein Vater blieb allein ruhig, und meinte, ich wrde wohl selbst von
dieser Thorheit, wie er es nannte, genesen. Nach und nach erhielt indessen unser
Verhltni eine Art von Gltigkeit vor der Welt, nur ward Ludoviko fortgesetzt
kalt, ja feindselig von meiner Familie behandelt, was mich den bittersten
Kmpfen hingab, und oft dahin trieb, meine Wnsche und Hoffnungen hinzugeben, um
ihm hnliche Krnkungen zu ersparen. In einem solchen Augenblick schrieb ich
ihm, als er den Herzog auf einer Reise begleitete, diese Worte, die ich der
merkwrdigen Auslegung wegen spterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre.
    Wie lieb' ich Dich, mein Ludoviko, der schonenden Ruhe wegen, mit der Du
jede Unannehmlichkeit ertrgst, die Dich meinetwegen trifft. Aber glaube nur,
gerade was mich unauflslich an Dich kettet, das flt mir oft den Gedanken ein,
mich selbst aufzuopfern, um Dich unter wrdigern Umgebungen ein schneres Glck
genieen zu lassen, als Dir meine Liebe giebt. Ach! fhle es nur, wie ich ganz
in Dir lebe, um so etwas denken zu knnen, und bist Du stark genug, Dich
meinetwegen zu verleugnen, so tdte die Schwche nicht, mit der ich dennoch
meinen Wnschen schmeichle.
    Bald darauf erhielt ich folgende Antwort.
    Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht! Rosalie, so schnell konntest
Du den Gedanken fassen, mich aufzugeben? so gelufig ist er Dir geworden, da Du
mir ihn ohne Rckhalt mittheilst? Will sich denn alles von mir wenden, und soll
ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen! Aber Du hast Recht.
Der Kampf, der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt, fllt
Deiner sanften Seele zu schwer. Einen von beiden mutest Du fahren lassen. Ich
weiche, Rosalie. Du hast mich die Nothwendigkeit einsehen gelehrt, und ich mu
die zarte Hand segnen, die mir so schonend diese Wunde schlug.
    Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen, das hier verborgen lag, und sah in
allem nur ein Uebermaa leicht zu verletzender Zrtlichkeit. In diesem Sinne und
in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Rhrung schrieb ich ihm eines Morgens,
als mein Bruder mit so verstrtem Gesicht zu mir hereintrat, da ich erschrocken
aufsprang, ohne den Muth zu haben, nach der Ursach seines Kummers zu fragen. Er
ging schweigend auf und ab, dann nahete er sich mir mit einem Blick, in welchem
Tod und Verderben lag. Rosalie, sagte er mit zitternder Stimme, wir sind
beschimpft, Ludoviko hat dich verlassen, und mich und uns Alle dem Gelchter
preisgegeben. Ich wei nicht deutlich, was ich damals empfand, allein ich
erinnere mich, da ich freier athmete, seit ich wute, was ihn so gewaltsam
bewegte. Ich hatte etwas Aergeres gefrchtet, und sagte nur: also ist er doch
nicht todt? - Wollte Gott, er wr' es, erwiederte Fernando; aber zweifle nicht
an seinem Untergang, so lange ein Athemzug in mir ist, soll er die Schmach
ben. Oder trauest du meinen Worten nicht? Glaubst du, man kennet mich nicht
genug, um mir ein leicht ersonnenes Mhrchen aufzuheften. Sieh, ich schwre dir,
er ist fr dich verloren. Gestern war seine Verlobung mit einem schnen,
unschuldigen Mdchen, das sich ihm so vertrauend hingab, wie du. Aber ich will
diese Taube retten. Der Weg zum Altar geht nur ber meine Leiche. Ich hatte
alles in dumpfer Verwirrung angehrt, und wute nicht, was ich glauben und
frchten sollte. Mein Bruder schlo mich ungestm in die Arme, und nachdem er
mich auf die Stirn gekt, sagte er: so sthle ich dich gegen alle glattzngige
Verfhrung, und knntest du diesen Ku vergessen, so mge er dich brennend an
meine Worte mahnen. Er strzte auer sich zum Zimmer hinaus, ach! und niemals
fhlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen! Sie hielt einen
Augenblick ein, dann sagte sie: wenn ich einen Augenblick nachdenke, wie alles
pltzlich so da stand, wie es mir oft in Fiebertrumen vorschwebte, so ist mir's
unbegreiflich, wie der Mensch die warnende Stimme berhrt, die oft so furchtbar
aus seinem Innern heraufdringt, und wie die anschwellenden Wogen ungezgelten
Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reien, bis das lang Gefrchtete, Ungekannte
ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die
Arme sinkt! Ich fate auch damals mein Unglck nur halb. Fernando hatte mich
erschttert, ohne mich zu berzeugen. Welch schuldloses Herz ahnet auch diese
Verrtherei! Ludoviko's Brief lste endlich jeden Zweifel, und meines Bruders
blutige Gestalt drngte mich aus einer Welt, wo mir nie eine Freude blhet!
    Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kstchen, und gab es Rodrich, der in der
heftigsten Bewegung folgendes las:
    Du hast es gewollt, meine Rosalie! Ich folgte Deinem Wink, und fate die
Hand eines frommen Kindes, das auf der Welt Niemand hat, als mich, und dessen
freies Gefhl dem Manne unbedingt angehrt, der es zu beschtzen und durchs
Leben zu fhren verhie. Warum sollte ich es Dir verhehlen, da ich mich in
meiner jetzigen Lage ruhiger fhle, wo ich auch dich frei von ngstlichen
Kmpfen und unsre Gefhle zu einer schnen Freundschaft veredelt sehe, die, sich
nach den Umstnden modifizirend, einen ganz eigenthmlichen, Dir angemessenen
Charakter behaupten wird. Wie knntest Du auch ein Band lsen wollen, das Du
selbst so fest knpftest! Wie knnte ich je die hohe edle Natur weniger in Dir
lieben! Wir sagten es uns wohl frher mit Wahrheit, da solch ein Bund
unzerstrbar sey, und so bleibst Du mir die treue Freundinn und der schtzende
Engel meiner Serena. Sage Deinem Bruder, da ich ihm jetzt, wie immer, die Hand
zum Frieden reiche, und wie ich hoffe, da er sie nicht verschmhen werde, da
uns nichts Aeueres mehr trennt.
    Wie ist es mglich, sagte Rodrich, da Sie dieser feigen Halbheit nur eine
Thrne schenken konnten! Tadeln Sie nicht so streng, erwiederte Rosalie
verletzt, was Sie unter hnlichen Umstnden vielleicht nicht anders gemacht
htten. Es ist unglaublich, wie sich der Mensch hintergeht, und oft das ganz
Gemeine fr eine groe That erklrt. Nein, beim ewigen Gott, rief Rodrich aus,
ich wrde den Muth haben zu sagen, wie ich fhle, ohne dem rcksichtslosen
Vertrauen eine Falle zu stellen, und dem edelsten Gemth die Schmach aufzulegen,
einen Nichtswrdigen geliebt zu haben! Sie sind wie Alexis! sagte Rosalie
schmerzlich. Ach, da doch Niemand ein krankes Herz zu schonen wei! Rodrich
gedachte seiner Vorstze, und fhlte sich fremd und befangen in der
Nothwendigkeit, so leise auftreten zu mssen. So schwiegen beide einige
Augenblicke hindurch, als Rosalie sich aufrichtete und erschpft in Rodrichs
Arme sank. Unwillkhrlich drckte er sie an die Brust; ach, ser Engel, sagte
er im Uebermaa des Gefhls, la mich dich so durch's Leben tragen; lehne nur
dein schnes Haupt an die Herz, das so stolz und so selig ist, seit es dein
Bild im Innern verschliet! Rosalie blickte berrascht zu ihm auf, dann sagte
sie wehmthig: lassen Sie sich nicht durch flchtige Regungen tuschen, bewahren
Sie die frischen Blthen vor nchtigem Reif. Rodrich, meine Hand ist kalt und
starr wie der Tod, sie hat den Druck der Liebe verlernt, und was mich noch
zuweilen in die Welt zurckzieht, das sind Aufwallungen einer sterbenden Jugend.
Glauben Sie nur, es giebt Menschen, die so innig von ihrem Unglck berzeugt
sind, da sie auch in den Sonnenblicken ihres Lebens nur dies Geschenk einer
liebenden Mutter erkennen, dem todtkranken Kinde die entsetzlichen Schmerzen zu
lindern. Er hatte sie sanft auf das Ruhebette gelehnt, und sa, das Gesicht in
die Kssen verbergend, weinend neben ihr, als die Thr ausflog und eine
unendlich schne Gestalt, von Seraphinen und den phantastischen Knaben mit
brennenden Kerzen begleitet, vor Rosalien hintrat. Miranda, rief diese, so sehe
ich Sie noch einmal wieder! Die Prinzessinn neigte sich mit unbeschreiblicher
Lieblichkeit zu der kranken Freundinn, und die klaren Blicke schwammen in
Wohlwollen und Liebe, als sie nach den ersten gegenseitigen Begrungen und den
allgemeinen Hflichkeiten, zu denen Rodrichs Vorstellung sie zwang, beruhigend
sagte: ich finde Sie bei weitem besser, als ich es nach den blen Nachrichten
erwarten durfte. Jetzt sehe ich, da alles gut gehen wird, wenn sie nur den
Freunden vertrauen wollen. Daher komme ich auch, Sie zu meinem Pavillon zu
entfhren, wo es mir so oft gelang, eine freudige Vergangenheit zurckzurufen
und bessere Erinnerungen mit Ihnen zu feiern. Sie glauben gar nicht, fuhr sie
fort, wie oft ich jetzt an der Kste unsrer nordischen Winterabende gedachte,
wenn die scharfe Meeresluft uns zwang das Zimmer zu hten, und wir Alle nach
Sonnenuntergang in Shawls und Tcher gehllt um den Kamin saen! Es ist seltsam,
wie man die bessere Gegenwart zuweilen gern fr entschwundene Freuden hingbe!
Sie wissen, wie oft wir mit trben Blicken auf der erstarrten Natur ruheten, und
uns nach der sdlichen Herrlichkeit sehnten, die uns Persische und Arabische
Mhrchen und der Mutter lachende Schilderungen kennen gelehrt; wie wir dann bei
den ersten Frhlingslftchen auflebend, uns so gern berredeten, wenn sich mein
Papagey auf den knstlich gezognen Orangen wiegte, wir wandeln in Asiens
blhenden Haynen, und gleichwohl streift jetzt ein kalter Ostwind wie ein
sehnender Ruf aus der Ferne an mir vorber, und mitten in der Blthenpracht
freue ich mich der leichten Schauer und der wogenden Nebel, die mich im Fluge zu
der alten Heimath tragen. Rodrich dachte hier an Florio, wie er der Einzige sey,
mit dem er in die einsame Kindheit zurckgehen knne, und da ihm dieser Eine
nun so fremd geworden, und er nicht einmal wisse, wo er ihn aufsuchen solle. Er
war noch so bewegt von dem vorigen Gesprch, er fhlte es jetzt so lebendig, da
ihm Rosalie nie etwas werden knne, und da er vergeblich suche dieser
herbstlichen Rose den Frhlings-Glanz seiner Liebe zu leihen, so da er gerhrt
ausrief: Wie glcklich sind Sie Rosalie, sich so schner Stunden mit einer
geliebten Gespielinn zu freuen! Und wie ganz anders mu der Mensch die Welt
ansehen, dem theilnehmende Freundschaft zur Seite steht. Miranda betrachtete ihn
aufmerksam, whrend er sprach. In seinem Auge glnzte noch eine Thrne, und
Schmerz und Sehnsucht umwlkten das blhende Gesicht. Es ist nur gut, sagte sie
lchelnd, da es Niemand giebt, zu dem nicht irgend ein verwandter Laut drnge,
und die de Brust mit Freude erfllte! - Was sind vorberrauschende Klnge,
erwiederte Rodrich, gegen die innere begleitende Musik des Lebens! Die vollen
Accorde dnken uns nur schner, sagte Miranda, je leiser sie verhallen, und dem
unbefriedigten Herzen neue Gensse verheien. Lassen Sie uns nicht so ngstlich
mit dem Schicksal ber jede einzelne Unterbrechung rechten, da es nur von uns
abhngt, den Ton da wieder aufzunehmen, wo wir ihn sinken lieen. Das hinge von
uns ab? fragte Rosalie. Ach man sieht wohl, wie der Himmel seinen Liebling jedes
dauernden Schmerzes berhob, und aus der augenblicklichen Strung neue Blthen
erwachsen lie. Das ist wohl berall dasselbe, sagte die Prinzessinn, nur glaubt
man oft ein trockenes Reis in den Hnden zu halten, wenn uns die sprossenden
Keime schon mit verhllten Augen anlcheln. Doch lassen Sie uns nicht ber Lust
und Schmerz streiten, Niemand glaubt dem Andern, bis er selbst sieht. Darum
mchte ich Sie so gern der Einsamkeit entreien, und in mein kleines Paradies
hinberziehn, wo die Blumen so lustig im Sonnenglanze spielen und alle Sorgen
vor der heitern Stille weichen. Ihre Freunde suchen Sie dort auf und Sie genesen
in unsrer Aller Liebe. Miranda umarmte sie hier und versprach den folgenden
Morgen wiederzukommen, da sie jetzt zurckkehren msse, weil der Herzog sie bei
ihrer Mutter erwarte. Im Weggehen sagte sie zu Rodrich und der Grfinn, die sie
begleiteten: es ist wohl eigentlich wenig fr Rosalien zu hoffen, sie betrachtet
alles in einem ganz eignen trben Licht, und so bald man ihr ein andres
aufdringen wollte, wrde sie in dem Streite untergehen. Einzelne Blicke drfen
nur an ihr vorberfliegen, die sie noch mehr reitzen und dem Schmerze Nahrung
geben. Denn fr Gemther, wie das ihrige, wre es ganz eigentlich der Tod, wenn
sie je aufhren knnten zu trauren. Daher mu man nur auf seiner Hut seyn, sich
in ihrer Nhe selbst zu behaupten, und weder etwas erzwingen zu wollen, noch sie
durch zu groe Nachgiebigkeit zu erschpfen. Haben diese Wunden einmal
ausgeblutet, so wird sich das innere Gift zerstrend gegen sie selbst wenden. Es
ist sehr leicht, setzte sie hinzu, einen Unglcklichen zu verletzen, und nicht
selten weckt das eifrigste Bemhen gehssige bittere Gefhle. Sie sagte das so
anspruchslos, so frei aus der innersten Seele heraus, die zrtlichste Rhrung
leuchtete dabei in ihren Augen, so da man deutlich sah, wie angeborne Klarheit
sie ber jede Verwirrung hinaus hob. Rodrich fhlte sich stiller seit er sie
gesehen, und tadelte selbst die Ungengsamkeit, die ihn zu thrichten Wnschen
verleite. Beschmt gestand er, da er, sich selbst ungetreu, die lang genhrte
Strung ffentlich zur Schau getragen, und das freundlichste Wohlwollen dadurch
von sich entfernt habe. Seine anmaende Foderungen gemahnten ihn selbst
lcherlich, und er konnte nicht begreifen, wie ihm jener klare Blick ber die
verschiedne Gestaltung des Glckes so lange fremd geblieben war. So erschien ihm
nun alles weit anders, und wie den trben Sinn die eigne Dunkelheit gefangen
hlt, so erblhet dem heitern ein Licht nach dem andern, bis er auf glnzenden
Schwingen die Welt berfliegt und berall nur Lust und Freude sieht. Er gefiel
sich so wohl in dieser erhebenden Stimmung, da er sich recht angestrengt
bemhete, jeden ngstigenden Ruf aus dem Innern zu berschreien, und vor den
eignen Gespenstern zu fliehen. Stephano fand ihn in diesem Lichtmeere
schwimmend, und als er die Veranlassung erfuhr, beredete er ihn, sich bei der
Prinzessinn Therese vorstellen zu lassen, wodurch es ihm allein mglich sey,
Rosalien fter zu sehen, und jene interessante Bekanntschaft fortzusetzen. Er
willigte ein, und betrat schon am folgenden Tage das leichte, fast feenartige
Sommerhaus. Eine Reihe weier Marmorsulen, die es umgab, trug ein reich
vergoldetes Dach. Alle Zimmer stieen auf diese uere Halle und zeigten durch
die geffneten mit bunten Vorhngen gezierten Thren die Pracht der innern
Einrichtung. Durch sie gelangte man zu einem Saale, der den Mittelpunkt des
Gebudes ausmachte, und durch eine vielfarbige Glaskuppel die Beleuchtung
erhielt. Nischen mit hohen Spiegeln versehen, fingen die bunten Lichtstrahlen
auf und verbreiteten sie auf rosige Marmorwnde und silberstoffne Polster. Alles
wogte hier im blendendsten Glanz. Er glaubte von verklrten Gestalten umgeben zu
seyn, als ihm die Prinzessinn mit ihren Tchtern entgegen trat. Doch bald zeigte
ihm Elwire, die sich mit einer ihrer Damen verstohlne Zeichen bei seinem
Eintritte gab, da er wirkliche Gebilde vor sich habe. Therese hatte von ihm
gehrt, und es war auf ihr Gehei, da ihn Stephano hier einfhrte. Sie redete
ihn sehr verbindlich an, in ihrem Ton und Wesen lag eine unendliche Milde, und
oft ruheten ihre Blicke wehmthig auf den seinen. Indessen suchte sie
beunruhigende Gedanken durch allgemein herbeigefhrte Gesprche zu entfernen.
Miranda sagte ihm, da sie Rosalien vergebens erwartet habe, deren wechselndes
Befinden sie unendlich beunruhige, je weniger sie selbst davon ergriffen
scheine. Elwire, die whrend dessen unter vielem Lachen Stephano's Anzug
gemustert, und oft ziemlich laut nach Alexis und dem Vorgange auf dem
Waldschlosse gefragt hatte, sagte jetzt unverholen, wie sie es nicht begreife,
da gerade Rosalie die treue Liebe des zierlichen Ritters so hartnckig von sich
weise, da sie in ihrer Lage wohl schwerlich auf einen ergebenern Anbeter rechnen
drfe. Man sieht aber, setzte sie hinzu, da Krnklichkeit sie verstimmt, und
das hat der gute Ritter auch wohl eingesehen und sich geschickt zurckgezogen.
Stephano lie sie gern reden, und freuete sich jedesmal ber die Sicherheit, mit
der sie ein falsches Urtheil hinstellte, ohne zu ahnen, da sie gleich von
irrigen Meinungen ausginge, und da sie selbst diesen Meinungen keine
sonderliche Aufmerksamkeit leihe. Allein Rodrich, den die gemeine Ansicht
verletzte, wagte es, ohnerachtet der geringen Bekanntschaft, die Freunde in
Schutz zu nehmen, und sprach mit Wrme ber die Heiligkeit einer
unerschtterlichen Liebe, die man wohl nie wahrer, als in einer weiblichen Brust
antreffe. Ach, sagte er, und was ist dem Menschen natrlicher, als das
wegzudrngen, was ihm das einzige Glck des Lebens eine seelige Erinnerung
trbt! Ja, erwiederte Elwire den Kopf schttelnd, da hat nun ein Jeder seine Art
zu sehen. Ich fr mein Theil, fuhr sie ohne weitern Zusammenhang mit dem
Vorhergehenden fort, ich habe den Ritter freilich oft sehr ermdend gefunden,
wenn er so in der grauen Vorwelt schwebte, und die farblosen Gestalten an mir
vorberziehen lie, whrend alles im frischesten Glanze um und neben mir lebte
und athmete. Einmal wollte er mir auf einem Ball ein Mhrchen erzhlen, aber ich
versicherte ihm, da Mhrchen seit meiner Kindheit eine narkotische Kraft fr
mich htten, und ich Gefahr liefe, den Ball und alle ihm versprochene Tnze zu
verschlafen. Alexis, sagte Miranda, setzt wie alle sehr lebendige Gemther
voraus, da man nichts verschmhe, was den eigentlichen Gesichtskreis erweitern
knne. In dieser Voraussetzung spricht er ganz unbesorgt, ob sich auch jedem die
Bedeutung seiner Worte aufschlieen werde. Und er hat im Allgemeinen nicht ganz
Unrecht, wenn er auch im Einzelnen oft fehl greift. Es kommt doch wohl einmal
eine Stunde, wo sich die harte Schaale lst, und der eigentliche Kern sichtbar
wird. Wie schn dir der Schleier steht, sagte Elwire, und ordnete die lnglichen
Perlen, die zwischen braune Locken auf Miranda's Stirn fielen. Therese blickte
lchelnd auf sie hin, und schien sich der zierlichen Ungezogenheit zu freuen.
Rodrich verstand nicht, wie sie nur die leeren Worte ertragen knne! berall
fhlte er bald, da die Prinzessinn aus Furcht, die gesellige Freiheit
einzuengen, oder irgend eine Strung zu veranlassen, dem Gesprch keine
eigentliche Haltung wie dem herrschenden Tone keine Einheit gab, und man sich in
dieser Schrankenlosigkeit sehr beschrnkt gefhlt haben wrde, wenn Miranda
nicht alles an sich gezogen, und den schwankenden Strebungen eine gemeinsame
Richtung gegeben htte. Sie schwebte wirklich wie ein Genius ber dem Ganzen,
und wute auch den leersten Kpfen irgend ein gutes Wort abzulocken, wie sie
berall einen seltenen Blick fr das Bessere im Menschen hatte, und dem Lichte
gleich, das verborgene Gold heraufbeschwor, weshalb ihr alle Herzen
entgegenflogen, und der Gedrckte, Tiefgebeugte, in ihrer Nhe freier athmete.
Stephano hing mit Entzcken an der edlen Gestalt, und Rodrich sah recht, wie
diese Liebe ihn ber sich selbst erheben, mit Verleugnung seiner widerstrebenden
Natur dahin zog, wo Miranda frei, in sich fest, unbefangen da stand. Sie
begegnete ihm wie einem lieben lang geehrten Freunde, der berall als ein Glied
der Familie angesehen, durch eine ehrende Vertraulichkeit ausgezeichnet ward,
und als spterhin der Herzog kam, und der Kreis immer grer ward, sah Rodrich
mit steigender Bangigkeit, mit welchen verheienden Blicken sein Freund von den
meisten betrachtet ward, ja wie selbst Miranda ein flchtiges Errthen nicht
bergend, den vielsagenden Gru des Herzogs empfing, und unruhig auf Stephano
blickte.
    Unter den vielfachen Gestalten; die Theresens Rckkehr aus dem Bade fr
diesen Abend herbeifhrte, zeichnete sich eine der hervorleuchtendsten
Physiognomien aus, die Rodrich jemals sah. Viormona, Nichte der verstorbenen
Herzoginn, hatte sich nach dem Tode ihrer Verwandten in den dunklen Privatstand
verloren, und nur mit Mhe die Hand eines edlen Fremden angenommen, um durch den
Glanz uerer Umgebungen die Hoheit der Geburt zu behaupten. Aller Stolz und
alle Bitterkeit zurckgedrngter Herrschsucht lag in den hohen Mienen und den
glhenden Augen, die wie Feuerkreise ber die Erde schweiften und alles zu
entznden droheten. Das seltsam geringelte Haar, der reiche Faltenwurf langer
weier Gewnder, der blendende Glanz ihrer Haut, alles gab ihr ein ganz eignes
plastisches Ansehen, so da sich Rodrich wie vor einer Juno neigte, und die
Flammenblicke kaum zu ertragen vermochte. Miranda war ihr mit der feinen
Hflichkeit entgegen getreten, wodurch eine edle Natur sich der andern
gleichstellt, ohne Herablassung oder ngstliches Zuvorkommen zu verrathen. Und
sie schien in diesen heitren Sonnenblicken sich selbst und ihr beschrnktes
Daseyn zu vergessen, als Elwire mit gutmthiger Redseligkeit von den Badefreuden
erzhlte, und ein Hirtenfest beschrieb, bei welchem Miranda auf einen Rosenthron
erhoben von einer jubelnden Menge als Herrscherinn begrt worden sey.
Viormona's Herz bebte bei dieser Hindeutung auf die Zukunft. Die gewaltsamen
Regungen preten ihr eine Thrne aus, die brennend in Rodrichs Seele fiel, der
nach einigen flchtigen Erkundigungen, von ihren frhern Verhltnissen
unterrichtet, die Schmerzen so bittrer Demthigung theilte. Ein Thron schien ihm
das hchste Ziel menschlicher Strebungen. Hier allein knne sich die innere
Unabhngigkeit darthun, und im Glanze eigner Klarheit die enge Sorge des Lebens
lsen und die bedrngte Menschenbrust zu hhern Genssen erschlieen. Wie konnte
nur ein edler Sinn die Schmach dulden, scheu in den Vorhallen zu weilen,
indessen eine fremde Hand im innern Heiligthume whlte. Sein Widerwille gegen
den Herzog wuchs in jedem Augenblick, er vermied es ngstlich seinen forschenden
Blicken zu begegnen, die sich unwillkhrlich auf ihn zu richten schienen. Alles
bis auf den Ton seiner Stimme, jedes unbedeutende Wort war ihm an dem verhaten
Gegenstand zuwider. Selbst als er sich der Schwester nahete, und ihr die Ankunft
des Cardinals ankndigte, zu dessen Empfang er recht glnzende Feste ersinne, um
dem entfernten Verwandten die weite Reise vergessen zu machen, fhlte sich
Rodrich unangenehm von dem ergriffen, was alle Andre mit frohen Hoffnungen
erfllte. Sein Auge traf Viormona, und es war, als sey ihr Inneres in dem
flchtigen Blick zusammengefallen. Auch sie erfreueten die versprochnen Feste
nicht, weil ihr die Veranlassung zuwider war, und der Unmuth in Rodrichs Mienen
schien ein stilles Einverstndni ihrer Gedanken zu seyn. Als sich daher die
Gesellschaft in die verschiedenen Gemcher und den Garten vertheilte, nahete sie
sich dem ungekannten Freunde, und wute geschickt die Vergangenheit
herbeizufhren, wo man Feste andrer Art hier gekannt, und ein freier
harmonischer Geist alle Herzen zu gleicher Freude gestimmt habe. Die Schnheit,
sagte Rodrich, fhrte das goldene Zeitalter herauf, aber das eiserne behauptet
seine Rechte in der verwirrten Menschenwelt, und nur der Donner des Geschtzes
theilt die Nebel des verfinsterten Horizontes. Er hatte diese Worte, ohne
sonderlich auf sie zu achten, herausgestoen, allein Viormona fate sie begierig
auf, und drckte nur noch mehr vergiftete Pfeile in sein offenes Herz. Wten
Sie, knnten Sie wissen, sagte sie lebhaft, wie alles zusammenfiel, seit die
Sonne diesem Lande unterging, wie sich die lockern Verhltnisse lsten, und ein
Band nach dem Andern zerri, wie tglich tausend Dolche in den tdtenden Blicken
seiner Unterthanen auf den Herzog gerichtet sind, wie man die rcksichtslose
Heiterkeit des Grafen, Miranda's versteckten Stolz und des Bastards Anmaungen
verachtet, Sie htten Ihre Dienste dem Volke, und nicht dem Frsten angetragen.
Rodrich war im Begriff ihre Hand zu fassen und einen verrtherischen Bund zu
schlieen, als Stephano nahete und ihn eilends fortzog. Um alles in der Welt,
sagte er, als sie sich in einen Seitengang verloren, was haben Sie mit dieser
Frau? Sie ist die unvershnlichste Feindin der herzoglichen Familie und ihre
Nhe jedem Anhnger derselben gefhrlich. So - ? erwiederte Rodrich gespannt,
dem Einen dnkt oft gefhrlich, was fr tausend Andre heilbringend wre! Sie
waren bei diesen Worten zu einem freien Platz gelangt, wo Miranda neben einem
Springbrunnen stand, und dem Spiel der zerrinnenden Tropfen gedankenvoll zusah.
Als sie beide wahrnahm, heftete sie einen wehmthigen Blick auf Rodrich und
verschwand in's Gebsch. Als wenn pltzlich alle Fesseln der gepreten Brust
zersprngen, so lste sich hier Rodrichs Schmerz in Thrnenstrme auf. Er fiel
dem betroffnen Stephano in die Arme, und sagte weich und ermattet: ach! leite
mich auf dem unsicheren Wege, ich frchte, ich werde der Gewalt des Schicksals
erliegen, oder die wunderbar verschlungnen Knoten eigenmchtig zerreien. Komm
nur, sagte dieser gerhrt, wir wollen mit einander reden. Freie Mittheilung soll
die Verwirrung lsen. Das wild ausstrmende Gefhl erhlt im Gesprch wie im
Leben Maa und Ordnung. Es ist wohl thricht, da man die vertrauenden
Ergieungen so lange zurckdrngt, bis sie der Augenblick herbeifhrt. Aber komm
nur, es ist noch nicht zu spt. Sie gingen schweigend zur Stadt, und als sie an
die Brcke kamen, wo jetzt, wie an jenem ersten Abend, viel lustige Wandrer mit
Rodrich den gleichen Weg gingen, whrend die Lebenswege wohl scharf von einander
geschieden waren, fiel es diesem auf, wie die vorgezeichnete Richtung unzhlige
gedankenlos zu dem gleichen Ziele triebe, ohne da Einer den Muth habe, die
Grnze zu berspringen und die wogende Fluth zu durchziehen. Man thut den
Menschen Unrecht, sagte er, wenn man ihnen freche Willkhr und Liebe zu dem
Ungebundnen, Schrankenlosen vorwirft. Sie sind in der Regel nur zu fgsam, und
die hergebrachte Weise oder eine gefrchtete Rcksicht umstricken nicht selten
die lebendigsten Regungen. Wie kommst du darauf? fragte Stephano. Ich wei nicht
- die Brcke - erwiederte jener zerstreut. Wolltest du sie hinter dir abbrechen?
fiel Stephano ein. Glaube nur, dir entstnde bei jedem Schritt eine neue. Und es
ist wohl gut, da man so gar nicht von der Welt loskommt, und der holde Leib uns
mit Liebesarmen umfngt, bis wir uns in den weichen Schlingen gefallen und
leicht und lustig darin bewegen. Dann sinkt die Hlle und die befreieten
Schwingen tragen uns zu unendlichen Fernen. Aber bis dahin? fragte Rodrich. -
Bis dahin, sagte der muthige Krieger, ringen und kmpfen wir getrost, und die
zusammengestrzten Wnsche und Hoffnungen werden uns ein Fels, auf dem wir
mitten im Sturme feststehen und die unverletzte Brust neuen Kmpfen hingeben.
Ach, ich sehe wohl, fuhr er fort, die Worte dieser Eris sind tiefer in dein Herz
gedrungen, als ich glaubte. Und was konnte sie dir gleichwohl entdecken, was dir
nicht frher bekannt war? Die innern Spaltungen konnten dir nicht fremd seyn.
Was ist es denn, das dich pltzlich so erschttert und zwischen frher gefaten
Neigungen und abgedrungenem Mitleid hin und her wirft? Rodrich fhlte, da er,
um dem Freunde verstndlich zu seyn, dunklen, halbverkannten Ahnungen Worte
leihen, die eigne Schwche offenbaren, und selbst dann noch eine Saite berhren
msse, deren Miklang ihn vielleicht auf immer von Stephano entfernen konnte.
Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht, und es schien ihm
unzart, den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen, der ihn
vom ersten Augenblick ngstete. Alle diese Rcksichten traten kalt und fremd
zwischen die hervorbrechenden Flammen herzlichen Vertrauens, und verschlossen
ihn fr alles, wodurch ihn Stephano zu gewinnen meinte. Du schweigst? sagte
dieser; vielleicht hat dich die hohe Schnheit deiner neuen Gnnerinn bestochen,
und ein unbewahrtes Herz widersteht solchem Zauber wohl nicht leicht. Zwar
begreife ich kaum, wie sie neben Miranda gefhrlich seyn knne. Rodrich glaubte
hier eine Schlinge zu sehen, um sein verborgnes Gefhl aufzudecken, und sagte
gleichgltig: warum wollen wir Vergleiche anstellen? Ich hrte ja eher von dir,
da jedes in sich schn sey, und man das Urtheil nicht durch Verrckung des
Standpunktes verwirren msse. Du hast Recht, erwiederte Stephano, eine
Vergleichung ist hier so unmglich, wie ein Verein dieser Gemther. Ich glaubte
dich nur fr das ganz Entgegengesetzte nicht so empfnglich. Das ndert freilich
viel. Unser Interesse ist getheilt, und du wirst mich so wenig verstehen wollen,
als ich dir verstndlich seyn kann. Nimm es nicht so ernstlich, sagte Rodrich
einlenkend, aber gestehe mir, da ihr Schicksal hart ist, und nichts den
menschlichen Stolz so emprt, als die Verletzung angeborner Rechte. - Wer kann,
erwiederte Rodrich, im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen.
- Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten, da seit Jahrtausenden das
ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter, deren
ehemalige Gre mit dem Staub ihrer Grber verwehete, in die spurlose
Vergangenheit sinkt. Flchte nicht so zu dem Allgemeinen, sagte Rodrich, wenn
das Leiden beschrnkter Gegenwart uns nahe tritt. Dieser Blick darf den Menschen
wohl ber sich selbst erheben, aber die lebendige Theilnahme soll er nicht
ersticken. Was nennst du so? fragte Stephano. Wo das scheinbare Uebel Segen
bereitet, da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern, die fortlaufende
Kette der Begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vortheils wegen zerreien
wollen. Jedes Uebel, entgegnete Rodrich, ist von deinem Standpunkt aus
scheinbar, und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen, wie nahe oder fern
das erwartete Ziel sey? Ist es nicht frech, so zermalmend hinzutreten und der
weinenden Menge neue Blthen aus den zusammengestrzten Trmmern zu verheien?
Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst, sagte Stephano, seit ein
schnes Auge beredt in das deine sahe. Aber vergi nicht, da du kurz zuvor ber
dumpfes Hingeben, Beschrnktheit des Willens und Armuth krftiger Gedanken
klagtest, da dir die hergebrachte Weise erdrckend schien, und da dein
Urtheil, durch individuelle Beziehungen bestochen, einseitig ausfllt. Und
kannst du die alte Ordnung herstellen, ohne die neue zu zertreten? Und welches
blutige Zeichen mtest du ber ein Land aushngen, das dich gastlich aufnahm,
das Miranda's milder Sinn beherrschen wird? Ist Miranda gewisse Erbin des
Reichs? fragte Rodrich schnell. Nicht ohne Widerstand, sagte Stephano, aber ich
habe auf dich, wie auf die Bessern, gerechnet, und ich gelobe es fest, diesem
hohen Ziele mein lebendigstes Streben, ohne irgend eine anderweitige Rcksicht,
zu weihen. Rodrich bewunderte, wie Stephano, sich selbst tuschend, die
Herzensschwche hinter Vaterlandsliebe verberge. Indessen konnte er nicht
leugnen, da er sich ihm wahr zeigen wolle, und er schwankte, ob er diese
Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten, und jedes Miverstndni
lsen msse, als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief.
    Er hatte dem edlen Beschtzer lange nur die gewohnte Achtung gezeigt, zu
welcher sein ueres Verhltni ihn zwang, ohne ihm die dankbare Liebe zu
beweisen, die in den ersten Augenblicken sein Herz erfllte. Er schmte sich
jetzt, vor ihm zu erscheinen, und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe
Zimmer, wo er das Schwerd und die heilige Weihe seines Standes empfing. Der Graf
trat ihm, wie damals, heiter entgegen, und sagte nach den ersten Begrungen:
junger Freund, Sie wissen, ich lasse jeden seinen Weg gehen, ohne da es mir,
selbst bei denen die mir nher sind, einfiele, das Schicksal spielen, und ihnen
eine eigenmchtige Richtung geben zu wollen, indessen glaube ich ohne Anmaung
sagen zu knnen, da mir der Ihrige nicht gefllt. Der innere Mimuth leitet sie
abwrts, mit halbem Herzen thut man auch nur das Halbe, und der Soldat braucht
mehr als ein Anderer frischen Lebensmuth, um sich selbst anzugehren. Das
Gewhnliche darf ihn nicht ermden, weil es zu dem Auerordentlichen fhrt; und
wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen, da wird der Bodensatz
des Gemeinen die schwerfllige Kraft bald erdrcken. Auch im Kriege ist es nicht
viel anders. Das Seltene und Groe luft einem auch hier nicht bei jedem Schritt
entgegen, und mu man sich oft durch langweiliges, mhseliges Harren
hinschleppen, ehe der erste Augenblick eintritt. Freilich, setzte er beruhigend
hinzu, als Rodrich beschmt zur Erde sah, freilich bedarf der Eine einen grern
Wirkungskreis als der Andere, und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges
freuen! Des Krieges? fragte Rodrich, aus allen drckenden Gefhlen pltzlich
emporgerissen. O mein edler Wohlthter, Sie sollen mich noch freudig in Ihre
Arme schlieen, und es nicht bereuen, den Jngling gromthig beschtzt zu
haben, der alle Gluth eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit
weihete. Wann und wohin ziehen wir? fragte er mit verlangenden Blicken. So weit
sind wir noch nicht, erwiederte der Graf lchelnd. Es ist nur von der Aussicht,
nicht von der Gewiheit des Krieges die Rede; eine grere Macht bedroht die
Selbststndigkeit des Staats, der Herzog kennt die Wrde seines Namens und ehrt
sein Volk. Er ist zu jedem Widerstande bereit. Wir erwarten nur das Ende einer
Unterhandlung, deren Zweck abzusehen ist, um dem Feinde entgegen zu gehen. Die
Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten, und ich
werde Sie mit Auftrgen zu einem unsrer Generale schicken, der bei der jetzigen
Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat. Er ist mein Freund, und seine
Bekanntschaft mag Ihnen einmal ersprielich seyn, wenn im Laufe der Dinge sich
manches ndert, und meine Hand Sie nicht mehr schtzen kann. Rodrich ergriff die
theure Hand und drckte sie gerhrt an die Brust. Mein Sohn, sagte der Graf, ich
hoffe, du bist meines Vertrauens werth, und meine zrtliche Vorliebe soll mich
nicht getuscht haben. Zgle dein strebend Gemth und bewache dich in dunklen
Augenblicken. Das Greste bist du fhig zu leisten, aber das Kleine geht
unbeachtet an dir vorber, und darum hte dich vor der steilen Hhe, der du so
khn, ja ich mchte sagen, so frech entgegen fliegst. Die mitgetheilte Nachricht
sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgltigkeit aufschrecken, du bist aber so
gespannt, da ich vor meinem Geheimnisse frchte. Darum sammle dich, und reise
morgen in aller Frhe. Heute Abend erhltst du die nthigen Instruktionen. Die
Reise soll dir, denke ich, in jeder Art gut seyn. Ach, mein Vater, sagte
Rodrich, wie demthigt mich diese Gte, und wie zerrinnen meine hochfliegenden
Plane vor dieser ruhigen Klarheit, und der Sicherheit eines so schuldlosen
Gemthes! Ich bin wohl recht unglcklich, da mein Gefhl so oft in mich
zurckgedrngt ward, und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm.
Mir ist davon in manchen Stunden eine Klte geblieben, die mich oft selbst
geschreckt, und die nur solcher Liebe weicht. Der Graf umarmte ihn, und bat ihn
zu Rosalien zu gehen, die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend
hren wollte.
    Er fand sie uerst matt, durch Erschpfung entstellt, neben der Grfinn
sitzen, die bemhet war, aus verschiednen vor ihr liegenden Bchern, eine
leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden. Mit groer Geduld nahm sie ein
Heft nach dem andern zur Hand, wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere
Langeweile verkndigten, und lchelnd, wie der Genius des Lebens, verhie sie
ihr von jedem Neuen Genu. - Das ist noch mein grtes Elend, sagte die Kranke
bei Rodrichs Eintritt, da ich zu dem Geist- und Herzertdtendsten meine
Zuflucht nehmen mu, um die innere Angst los zu werden. So lange ich den Schmerz
liebte, war ich eine seelige Martyrerinn. Jetzt ist das weit anders. Eine rechte
Sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drngt und qult mich. Ich mchte
die Fesseln eignen Unvermgens zersprengen, und mich der Lust der Welt hingeben.
Die Briefe, ach die unglckseeligen Briefe, haben mich so verwirrt. Seitdem
fhren mich alle Trume in jenen Zauberkreis zurck, und mir ist, als msse ich
das Fliehende erjagen. Seraphine glaubte wirklich in diesem unstten Verlangen
die ersten Regungen rckkehrender Lebenslust zu entdecken, und freuete sich
Rodrichs Ankunft, dessen frhere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung
einflte. Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefaten Bilder unruhig
durcheinander, und die verworrenen Anklnge hemmten jedes stille
Ineinanderflieen der Gefhle. Jetzt insbesondere, da sich die helleste Ferne
vor ihm aufthat, und alle ngstigenden Rcksichten vor einem freien, beweglichen
Leben schwanden, jetzt fhlte er sich in der Nhe dieser gestrten Natur
gedrckt, und die Zuckungen ohnmchtigen Schmerzes legten sich erkltend an sein
Herz. So kam es denn, da er, ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten,
einzig um qulende Gedanken zu verscheuchen, von Theresens Bekanntschaft, ihren
Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach. Seraphine stimmte seinem Lobe
bei, und setzte hinzu, da ihr nichts so auffallend gewesen sey, als wie die
Prinzessinn bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters, ihrer
kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe. Freilich, sagte sie,
spricht alles die zarteste Milde aus, aber auch diese hat ihren bestimmten
Charakter, und man vermit in ihrem ruhigen Schein den Mangel an groen
Gegenstnden nicht, da das Ganze weder farblos noch peinlich ist, und in sich
einen groen Reichthum hat. Es ist kaum zu begreifen, wie sie hier so sicher
geht, da sie oft im Leben durch zu zrtliches Nachgeben ein Ansehen von
Willenlosigkeit erhlt, das Mancher mibraucht. Vor allen, sagte Rodrich, ist
mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen, deren flache Unterhaltung
sie nicht einmal zu ermden schien. Nun Elwiren nehme ich in Schutz, sagte die
Grfinn, das ist ein zierliches Wiesenblmchen, das an seinem Platz unendlich
reitzend seyn wrde. Sie hat nur das Schicksal anzuklagen, welches sie in diese
Kreise versetzte. Ein Anflug halber Bildung, wie der Wunsch neben Miranda nicht
ganz zu verschwinden, heben sie zuweilen ber sich selbst hinaus. Sonst ist sie
die Gte, die Sanftmuth selbst, und die ganz eigne Liebenswrdigkeit ihres
wohlwollenden Gemthes bricht frei hervor, sobald der Wunsch zu glnzen nicht
mit der innern Unzulnglichkeit kmpft. Es ist berall schwer, den Punkt
anzugeben, wo man eigentlich steht, vorzglich denen, die nicht zu den hhern
Stufen gehren. Und was ist denn am Ende hoch und niedrig? wir sind mit dieser
Rangordnung sehr schnell bei der Hand, indem wir uns selbst unbedingt auf die
Spitze stellen. Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschftigt, um irgend
einen Gedanken fest ins Auge zu fassen, am wenigsten, um ihn ruhig zu
bestreiten, nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zrtlich, und ihr
Urtheil eher durch friedliche Gesinnungen, als durch klare Einsicht bestimmt zu
seyn. Schon in frhern Streiten mit Alexis, erkannte er diese behagliche Ruhe,
die sich so gern mit allen befreunden, und die scharfe Ecke aus dem Leben
verbannen mgte. Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit, aber sie drngte das
Strende hinweg, und hate nichts so sehr, als die schwerflligen Gemther,
welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben, und fr welche die Sonne nur
scheint, wenn sich kein Wlkchen am Himmel blicken lt. Es fiel ihr sehr selten
oder nie ein, sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken, und die
Bedeutung eines bels aufzusuchen; sondern sie eilte leicht darber hinweg, und
Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr. Er hatte dies wohl eher im
nhern Umgange erkannt, und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben. So
lie er es denn auch jetzt geschehen, da sie seine Meinung bestritt, whrend er
selbst ungewi war, ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im
Leben mache, und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch
menschlicher Gefhle achte. Erwgen Sie noch, fuhr die Grfinn fort, da die
Augenblicke so ungleich sind, und da es Zeiten giebt, in welchen der Erhabenste
recht jmmerlich dasteht, so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt,
und Ihr Tadel milder seyn. Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig. Er hatte
sich dem Grafen gegenber beschmt gefhlt, und es vermieden, tiefer in sich
selbst zurckzugehen. Die wechselnden Eindrcke dieser Tage hatten ihn zu den
leidenschaftlichsten Ausbrchen hingerissen. Er erkannte sich selbst nicht mehr
in der unstten Sehnsucht, dem Abstoen und Hinneigen seines Herzens, und
flchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit, um die eigne Schwche zu
entschuldigen. So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen, die ganz unbefangen
alle Vorgefhle hhern Strebens, das kindliche Anstaunen wie die erhebende
Bewunderung einzelner groer Erscheinungen in Anspruch nahm, um das
Gleichgewicht Leben im herzustellen.
    Rosalie, die whrend dessen ermattet eingeschlafen war, lchelte jetzt im
Traume, und sagte halblaut, sieh Ludoviko, wie uns Fernando winkt; ach er ist
wieder ein Kind geworden, und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen, die in
seinen Hnden Blumen werden, um die Braut zu krnzen. Siehst du den Stern in
seiner Brust, wie er sich hin und her bewegt, und die Strahlen sein schnes
Gesicht verklren? Sie hatte die Augen geffnet, als sie die letzten Worte
sprach, und beide berfiel ein Schauer, und sie gedachten der Erscheinung im
Waldschlosse, wie sie sich langsam aufrichtend, eine Bewegung machte, als
flechte sie Blumen durch das Haar. Seraphine reichte ihr eilend strkende
Essenzen, und fhrte sie an ein geffnetes Fenster, wo sie kaum die frische Luft
anwehete, als sie tief athmete und sich von einem ngstigenden Traume
loszumachen schien. Bald verlangte sie aus dem Zimmer, und zu Miranda gebracht
zu werden. Die Grfinn machte sogleich die nthigen Anstalten, und Rodrich
verlie sie in einem Zustand, der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe
aufschreckte.
    Am folgenden Morgen trat er, mit den Auftrgen des Grafen versehen, seine
Reise in aller Frhe an. Als er durch die einsamen Straen ritt, wo schon lngst
kein Wagen mehr rollte, und die laute Freude zu stilleren Genssen flchtete,
blickte er wehmthig auf die armen Menschen, die das drngende Bedrfni schon
wieder zu dem mhseligen Tagewerk jagte und deren rmliches Ansehen wunderlich
gegen die Pracht der Gebude abstach. Er fhlte sich leichter, als ihn sein Weg
endlich an den Grten vorberfhrte, und die wohlhabenden Besitzer den Reichthum
berschauend, seinen Morgengru im behaglichen Wohlseyn erwiederten. Je weiter
er kam und die blhende Ebene sich vor ihm aufthat, je freier ward ihm um's
Herz, und wie sein Pferd lustig forttrabte, und die Morgenluft ihn so
erfrischend anwehete, fhlte er sich zu jedem Geschfte freudig gestimmt. Er sah
recht, wie er thtig in's Leben eingreifen und die trge Ruhe von sich
verscheuchen msse.
    Alles, was ihn in dieser Zeit gedrckt, alle Fieberschauer, die seine
krnkliche Heftigkeit entzndet hatten, alles schwand vor dem hellen heitern
Leben der Natur. Im freiesten Spiel seiner Krfte sagte er froh: unter steter
Anstrengung, mu der Mensch den Genu des Augenblicks erringen! Was sich ihm so
ungesucht aufdringt, und whrend es den Sinnen schmeichelt, die lebendigste
Kraft gefangen nimmt, das widersteht dem Uebersttigten, und die innere Lust
erkrankt in trben Bildern. Sich so recht in die wogende Fluth zu tauchen, zu
wagen und zu wirken, die verschlossenen Quellen des Lebens zu erffnen und im
Fluge das Glck zu erhaschen, das zog ihn unwiderstehlich in die Welt, das
reitzte ihn zum freudigen Kriegerleben. Und jetzt erweiterte sich so ungehofft
der beschrnkte Kreis seines Wirkens. Die ersten Schritte waren gethan, und er
sah in Gedanken die reiche, gehaltvolle Zukunft. Was konnte nicht alles
geschehen, wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte, die oft bei einer
flchtigen Anregung krftig schlugen. Jede bessere Aufwallung seiner Cameraden
kam ihm jetzt ins Gedchtni. Er liebte sie alle, seit er hoffen konnte, an
ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu theilen.
Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken, und es reuete ihn fast, ihn
diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den
strenden Eindruck des gestrigen Gesprchs ausgelscht zu haben. So wohlwollend
hatte er noch nie auf die Menschen geblickt, die ihm alle in dem erheiterten
Sinn gut und liebreich erschienen.
    So ritt er, durch freudige Bilder fortgezogen, immer schneller und
schneller, als ihm sein Diener eine schn gebauete Capelle zeigte, die sich
hinter dunklem Gebsch auf einem Hgel erhob. Die Sonne stand in voller Pracht
ber der glnzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie
tausend lichte Flmmchen in ihrem Schein. Er betrachtete sie noch aufmerksam,
als die Messe eingelutet ward, und der helle Klang durch Berge und Klfte
wiederhallte. In dem Augenblick vernahm er auch einen volltnigen Gesang und ein
Trupp geschmckter Landleute ging aus einem nahen Drfchen den Weg zur Kirche
hinan. Vier Knaben mit langen Blthenzweigen und blendend weien Tchern, die
sie hoch in der Lust flattern lieen, erffneten den Zug, in ihrer Mitte ging
eine Jungfrau mit einem neugebohrnen Kinde, dessen bunte Deckchen mit Blumen und
Bndern geziert, den lustigsten Anblick gewhrten. Hinter ihnen kamen Mnner und
Frauen im schnsten Festtagsputz, Crucifixe und Heiligenbilder tragend, die sie
in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schlusse des Chors ein
freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten. - Rodrich hatte seit der Flucht
aus dem Kloster nie eine Kirche besucht. Jene dstre Erinnerungen verschlossen
sein Herz fr die Seligkeit heiliger, hingebender Andacht. Nur einmal hatte er
die Entzckungen des Gebets erkannt. Wie ein himmlisch Licht hatte es seine
Seele durchdrungen, hingerissen, aufgelst in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen
in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus. Was konnte ihm jenen Augenblick
zurckfhren, der das Ende seines Lebens htte seyn sollen! Wie konnten schaale
Gebruche ihn erheben, deren tgliche Wiederholung seine Kindheit so
unbarmherzig trbten! Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt, und
es sorgfltig vermieden, sein Inneres durch so gehssige Gefhle zu zerreien.
Hier in der Einsamkeit rhrte ihn der einfache Gesang zum erstenmal, und als die
frommen Knaben sich naheten, wiederholte er unwillkhrlich die Worte des Liedes,
bis ihn der Ton immer mehr fortri, und er sich pltzlich am Eingange der
Capelle befand. Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebude. Ein
schner Greis mit glnzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar, vor welchem
drei weie Grabsteine eingesenkt waren. Auf einem derselben kniete die Mutter
mit dem Kinde, das von ihren Lilienarmen umringt, hell und verheiend ber die
Grber hinaus sah! Rodrich hatte sich dem Altar gegenber an ein Monument
gelehnt, hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten. Er
betrachtete jetzt das steinerne Bild nher, das ihn halb verdeckte und erkannte
bald den Tod in der Gestalt eines schnen Jnglings, dessen umgewandter Fackel,
Blumen wie einem Fllhorne entstrmten, whrend sich auf den Mohnstengeln Genien
in einem Schlangenreise wiegten. Rodrich glaubte, dies Denkmal msse Beziehung
auf die Grabsteine haben, und als er dorthin sah, war es gerade, da der
Geistliche das Kind aus des Mdchens Arm nahm und es schwebend ber den
Weihkessel hielt. Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres. Er glaubte, die
Grber htten sich aufgethan, und die Jungfrau trte mit dem Jesuskinde hervor,
und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Blthen des Lebens. Und als
die Einsetzungsworte gesprochen, und Alles andchtig zur Erde sank, da kniete er
weinend nieder, denn er sah die unaussprechlichen Martern, und den Erlser am
Kreutz; ihm war, als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit,
ihn zu empfangen; ach, und die verkannte Liebe brach nun so pltzlich hervor,
da er sich lange nicht fassen konnte, als die Knaben schon ihr Lied angestimmt
und die muntre Schaar an ihm vorberzog. Sein Diener, den indessen weniger
heilige Dinge beschftigten, ging unruhig mit den Pferden unter den Bumen auf
und ab, und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam, so
wagte er es, sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitenthr zu stecken, als
die Pferde pltzlich ungewhnlich stampften und wieherten, worauf Rodrich
erschrocken aus seinen Trumen aufsprang, und durch ein Versehen den losgehakten
Degen mit groem Gerusch die Stufen des Monuments herunter fallen lie. Der
Capellan, der eben sein stilles Gebet geendet, sahe verwundert umher, und als
sich Rodrich entschuldigend nahete, sagte er heiter: es geht den Kriegern nicht
anders, die einmal fromm seyn wollen, die Welt ruft sie auf tausend Weisen
zurck, und rcht ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der
Kirche.
    Rodrich lie sich bald in ein weitluftigeres Gesprch mit ihm ein, und
eilte, ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Grber zu fragen. Hier, sagte
der Geistliche ernst, ruhen drei Herzen neben einander, die sich im Leben durch
Ha und Liebe verfolgten. Es waltet oft ein furchtbares Verhngni ber den
Sterblichen, der es erkennt und gengstet in die Arme der Tugend flchtet, aber
die losgelassenen Wnsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben. Die Erbauerinn
dieser Capelle, fuhr er fort, war aus frstlichem Stamme. Ihr leidenschaftlicher
Sinn umfate alles mit einer Heftigkeit, die sich bald in der Neigung zu einem
schnen Knaben offenbarte, den ihr Vater im Pallast erziehen lie. Sie war nicht
fest genug, diese Liebe auf Kosten des vterlichen Zornes geltend zu machen;
daher beugte sie sich in die Nothwendigkeit, und das lockende Dunkel des
Geheimnisses barg und nhrte ihre Flammen. Wie denn aber Sicherheit und Gefahr
oft Hand in Hand gehen, so nahete sich ihr die letzte, ehe sie es ahnete. Die
Entdeckung ihrer Liebe lie ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand
eines vornehmen Verwandten. Der heitre Strom ihres Lebens war getrbt, ihr Glck
zertrmmert, und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit. Sie willigte also,
nach den ersten Ausbrchen des Schmerzes, in die vorgeschlagne Verbindung. Ihr
Geliebter wandte sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und
opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden. So verstrichen mehrere
Jahre, whrend denen ihr verwhntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter
Sehnsucht schwankte. Ein einziges Kind, das in der verzehrenden Gluth ihrer
Liebe aufwuchs, erregte unaufhrlich ihre Sorgen, und wenn sie sich einen
Augenblick den seligen Genu seines Anschauens gewhrte, so erschrack sie ber
die sorglose Ruhe und ahnete irgend ein Unglck, das sie zu beschleichen drohe.
Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal, das mit eisernen
Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe. Daher erschreckte sie sein Anblick
jedesmal, und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne.
- Ihre Familie, die das Uebel von krperlicher Schwche herleitete, bot jedes
Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf. Aerzte und Heilige scheiterten an
der innern Unzugnglichkeit dieser zerrtteten Natur.
    Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem
Kinde im Arme zu einem nahen Kloster wallen, wo sie unter eifrigem Gebet oft
mehrere Stunden zubrachte. Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor
einem Heiligenbilde kniete, sank sie ohnmchtig nieder, und wie sie die Augen
aufschlug, stand ihr Geliebter an ihrer Seite. Sie breitete sehnend die Arme
aus, allein ihre Frauen, durch dies pltzliche Uebel erschreckt, trugen sie ins
Freie, wo sie in der sesten Verwirrung alles um sich her anstaunte, und selbst
nicht zu unterscheiden wute, ob ihr jenes Gesicht im Traume, oder wirklich
erschienen sey. Von diesem Augenblick an gena sie. Die wiederkehrenden Blthen
ihrer Schnheit, die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen, alles tuschte
ihre Freunde ber den wahren Zustand ihres Herzens, das durch neue Hoffnungen
belebt, eine verderbliche Liebe hegte. Das Kloster betrat sie nie mehr, wohl
aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Bume jeden Abend, in deren
Geflister sie die Vergangenheit hervorrief. Einst sa sie hier bis spt in der
Nacht, da trat der schne Jngling reich geschmckt vor sie hin. Schweigend
sanken sie einander in die Arme, und keins wagte die entzckende Stille zu
unterbrechen. Da strzte ihr Gemahl aus dem Dickicht, und nach einem kurzen
lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden. Starr und todt lagen sie auf derselben
Stelle, die nun ihr Grab geworden. Ich fand die Unglckliche ohne Zeichen des
Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt, whrend die kleine Viormona ruhig
zu ihren Fen schlief. Viormona! rief Rodrich aus, und seine Augen trafen die
Inschrift des Leichensteins, die ihm bald sagte, da jene wundervolle Gestalt,
die ihn so unwiderstehlich fortri, aus dem bittern Streit der qulendsten
Gefhle hervorging.
    Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit, sagte der Greis, und wei wohl wenig
von den Leiden ihrer Mutter, die nur noch ein Jahr lebte, in welchem sie die
prchtige Villa niederreien und diese Capelle erbauen lie, die nun alle drei
in ihrem Schooe birgt. Rodrich konnte sich von dem Anblick der Grber und der
seltsamen Gedanken nicht losreien, ob ihn gleich der Geistliche, durch
Berufsgeschfte abgehalten, bald verlie, und die Winke und das halblaute
Flistern seines Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten. Alle Schmerzen,
alle Kmpfe eines ganzen Lebens, sagte er betrbt, sinken so schnell in die
Vergessenheit, da sie nur noch bei ueren Anregungen in dem Gedchtni eines
verlebten Greises wieder erwachen. Was die Unglckliche liebte und litt, das
ruhet mit dem armen herzen in der Erde. Ach, und Niemand, selbst die verwaiste
Tochter ahnet ihre Qualen! Es konnte ihn nicht trsten, das nun alles vorber,
und das Leben wohl nur ein langer Traum sey. Dies spurlose Vorberziehen einer
groen Gegenwart war ihm schmerzlich, und er konnte lange seine vorige Stimmung
nicht wiederfinden.
    Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war, fragte ihn Felix, ob
er nicht lieber bei der groen Hitze in das Dorf einkehren wolle, um etwas zu
genieen, was ihnen dort nicht fehlen knne, weil der Gastwirth, wie er von den
Vorberziehenden erfahren, heute das Kindtaufsfest feiere, und die allgemeine
Lust sicher gro seyn werde.
    Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung, und nahm den Vorschlag an. Da
sie nun den schmalen Fusteig zwischen den Weinbergen hinritten, die vollen
Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend
ppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete, dachte er daran, da er
fast hier wieder, wie so oft im Leben, den Genu des Augenblicks fr eine
ungewisse Zukunft hingegeben htte, ohne zu erwgen, da sich die verschmhete
Freude dann gern in der getuschten Erwartung rche.
    Er war jetzt in das Dorf eingeritten, wo ihm fast aus jedem Hause Gesang und
Musik entgegen schallte. Vor einem derselben war das Mdchen aus der Kirche
beschftigt, in einer weit vorgebaueten gerumigen Epheulaube Tische und Sthle
zu ordnen, whrend ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte,
und sie zur Eile antrieb. Felix sagte mit groer Zuversicht, dies sey ohnfehlbar
der Gasthof, und er mchte nur getrost hier absteigen. Rodrich trat unter das
grne Dach, und bat das Mdchen, welches ihm in der Erinnerung noch so heilig
vorschwebte, bescheiden um Milch und Frchte. Allein der eilfertige Wirth lie
ihr nicht Zeit zu antworten, er flog den vornehmen Gast zu bedienen. Rodrich
setzte sich indessen zwischen den blhenden Ranken und freuete sich der lustigen
Geschftigkeit, die Gro und Klein in Bewegung setzte. Ueberall sahe man
Vorkehrungen zu dem morgenden Tage, whrend die heutige Feier Geladne und
Ungeladne herbeizog und Alle auf irgend eine Weise daran Theil nahmen. Vor einem
gegenber stehenden Hause wiegten sich zwei zierliche Mdchen mit geschmckten
glnzenden Strohhtchen, auf einem schmalen Bret, das ber einem abgehauenen
Baumstamm lag, whrend sie mit groer Geschicklichkeit Krbe flochten, die sie
fters in die Hhe warfen, und indem Eine die Andre hob, auf einem Stbchen
wieder auffingen. Ein jedesmal trat dann eine keiffende Alte zur Thre heraus
und verhie ihnen nicht die freundlichste Hlfe; sie aber wiesen die fast
vollendete Arbeit, und trieben das Spiel immer aufs neue, bis pltzlich ein
feiner Knabe mitten auf das Bret sprang und ihnen die Krbe wegfing. Auf ihr
Geschrei kam die Alte gelaufen, und Rodrich klopfte wirklich das Herz bei ihrem
Anblick, denn er sah alles Unheil, was nun entstehen mute. Der betretne Knabe
lie die Krbe sogleich fahren, und die Mdchen folgten willig in das Haus, wo
sie Rodrichs Blicke lange vergebens suchte, bis sie endlich aus einem
Dachfensterchen hervorguckten, und den bunten Gasthof verlangend und neugierig
betrachteten. Alle ihre Bewegungen drckten die hchste Lebhaftigkeit aus, die
keine Unflle beugen knnte, im Gegentheil schien ihre Zuversicht nur zu
wachsen, denn sie zeigten einander ihre Arbeit, und klopften in die kleinen
Hnde voll froher Erwartungen. Bald kam auch der Knabe geschlichen und flisterte
ihnen etwas zu, was Rodrich indessen nicht verstehen konnte. Sie bogen sich aber
heraus, und lachten heimlich, indem sie ihm die Krbe hinhielten und ihn
unaufhrlich neckten, als hchst unerwartet das Gesicht der Alten zwischen den
Cherubskpfchen hervorsahe; doch die Krbe waren fertig, und sie kten die
drren Wangen, bis sie ein Strahl ihrer Freude belebte und Alle bald wieder vor
der Thre erschienen. Rodrich war durch den kleinen Vorgang so gefesselt worden,
da er es nicht bemerkte, wie es nach und nach immer lebendiger um ihn her ward,
und Gste und Reisende um die besetzten Tische Platz nahmen. Die Emsigkeit des
Wirthes, sein unaufhrliches Rufen: Marie, hierher! Marie, Glser! o eilig,
eilig, ich wre schon zehnmal wieder da! machte ihn endlich auf die Anwesenden
aufmerksam, und schon zog die Mutter des neugebohrnen Kindes seine Blicke auf
sich. Ein langer rthlicher Mantel, in welchen sie das Kind eingeschlagen hatte,
und der die eine Schulter deckte, whrend er sich in den reichsten Falten um die
Hften schlang, gab ihrer brigens lndlichen Kleidung etwas vornehmes und
phantastisches, wie der leichte Anflug von Krnklichkeit und Erschpfung ber
ihre funkelnden Augen eine zauberische Milde ausgo. So oft sie das geliebte
Kind an die Brust drckte, oder sich ber dasselbe hin bog, flog die schnste
Rthe ber ihr klares durchsichtiges Antlitz, und sie blickte dann freudig auf
Marien, die ihr Entzcken theilte, whrend der unruhige Vater mit einem
flchtigen Ku und einer ungeschickten Liebkosung an dem zarten Kinde
vorberflog. Rodrich hatte sie lange Zeit mit Bewundrung angestaunt. Alle
Madonnen, die er je gezeichnet kamen ihm wieder ins Gedchtni, und er sah
recht, wie diese Weichheit, diese Demuth und Zuversicht mtterlicher Liebe, dies
reiche Spiel wechselnder Gefhle in den strahlenden Zgen unerreichbar sey, als
er zufllig einen Mann erblickte, dessen Augen von den aufgesttzten Hnden
beschattet, unverwandt auf die Frau gerichtet waren, als wolle er das schne
Bild, rein von allen strenden Umgebungen, auffassen. Wie einen das Bekannteste,
bei unerwarteter Erscheinung, oft fremd dnkt, so konnte er sich im ersten
Augenblick nicht besinnen, wen er vor sich habe; doch pltzlich strzte er voll
Freude in die Arme des betroffnen Mahlers, der ihn zweifelhaft ansahe, und halb
froh halb betrbt sagte: so schnell bist du der Kunst untreu geworden? Rodrich
war wirklich verlegen, was er antworten sollte, denn er fhlte wohl, da seine
Grnde wenig Eingang bei dem eifrigen Knstler finden wrden, als dieser heftig
fortfuhr: sieh' hieher, was kannst du herrlicheres vollbringen, als diesen
ewigen Gedanken der Schpfung, diese Mensch gewordne Liebe, in dem verklrten
Bilde, was hier vor meinen trunknen Sinnen schwebt, immer und immer wieder auer
dir hinzustellen und die Kunst in ihm zu verewigen? - Was kannst du noch anders
wollen? und darfst du hoffen, bei dem unruhigen Gewerbe, das du ergreifst, je
das Bleibende zu erfassen? Was ist bleibend, sagte Rodrich, als der Gedanke des
Lebens? und spiegelt sich der nicht in dem steten Wechsel, wie in der ruhigen
Wirksamkeit des Menschen? Mich reit der Augenblick fort, und ich mu mich dem
beweglichen Spiele hingeben oder in der innern Unzufriedenheit vergehen. Und zu
was, fragte der Mahler, soll dies zwecklose Spiel fhren? Zwecklos? wiederholte
Rodrich. Nennen Sie so das freieste Ringen und Entfalten der Krfte, das wie
Himmelsklang das Innere durchrauscht und jede trbe Sorge von dem reinen Spiegel
einer muthigen Seele weghaucht? Und was, als dieses Entzcken, wird fortleben,
wenn die Zeit auch Ihre blhenden Trume verwischt und die Frchte einer
mhevollen Laufbahn verschwinden? -
    Sie hatten sich gleich beim ersten Erkennen aus der Laube entfernt. Rodrich
sprach mit vieler Heftigkeit, denn es erbitterte ihn, da seine Freude so
ungetheilt blieb, und der Freund nur auf die Verschiedenheit ihrer Wege achtete.
Und wiederum konnte sich dieser gar nicht zufrieden geben, so die besten
Erwartungen getuscht und alle Sorge und Flei verschwendet zu sehen. Er
betrachtete Rodrich mit unwilligen Blicken, ohnerachtet dessen freier Anstand
und die edle Haltung dem knstlerischen Auge nicht zuwider seyn konnte. Tausend
Versuche ihn der Kunst wieder zu gewinnen, glitten an der verschlonen Seele des
gereitzten Jnglings ab, der endlich unwillig ausrief: Ich kann nun einmal weder
die Ruhe, noch die Freiheit erringen, in den abgeschlonen Bahnen eine Welt aus
mir hervorzurufen, die reich und gehaltvoll genug wre, um mein Verlangen zu
stillen, und ich will der Natur den Schimpf nicht anthun, zu glauben, als fhre
nur ein Weg zur Seligkeit. Ich habe es immer gefhlt, sagte der Mahler, da dir
die rechte Liebe fehle, aber ich glaubte dich nun schon zu vertraut mit der
Kunst, um je wieder von ihr lassen zu knnen. Jetzt sehe ich wohl, es war der
Ritter und das Schwerdt, was dich an jenem Abend in der Htte bewegte, und nicht
die Freude am Bilde selbst, wie ich thricht glaubte. Und doch, sagte Rodrich,
durch jene Erinnerungen erweicht, ich kann da nichts trennen, und ich wollte,
ich htte diese Einheit, dies Zusammenfallen oder Zusammenhalten der Gefhle in
allen Verzweigungen des Lebens bewahren knnen, aber da spaltet und fchert sich
alles so seltsam von einander, da die rechte Lust in tausend Stckchen
zerbrckelt, und nichts brig bleibt, als die drre Ueberlegung, die in
besonnenen Augenblicken das Gerippe zusammenhlt.
    Der Mahler wandte sich verdrielich von ihm ab, und er blieb in dem Andenken
des hervorgerufnen Bildes und der Stunde versenkt, die ihn zuerst der Welt
zufhrte. Alles was er dem gtigen Beschtzer verdankte, die edlere Bildung,
ueres Wohlseyn, die jetzigen Verhltnisse, alles dies reihete sich unmittelbar
an jene Erinnerungen, und es that ihm leid, sich so schroff und stolz gezeigt zu
haben, da auch sein jetziger Tadel eine Theilnahme verrathe, welche die Liebe
fr ihn und die Kunst so umfasse, da er sie vielleicht selbst nicht zu trennen
wute. Indessen war es ihm trstlich, da ihm dieser Streit wieder neue
Anregungen gegeben, und ihn klar einsehen lehrte, wie nur das bewegliche,
flssige Licht des Geistes durch alle Zeiten fortstrme, und sich von Geschlecht
zu Geschlecht in den Herzen verjnge, whrend die kleinen Werke der Menschen
zerfallen und ihr unscheinbares Daseyn von der Erde verschwindet. Und so, rief
er, ist auch die stille Liebe und Seligkeit der Unglcklichen, deren Grab ich
heut betrat, nicht gestorben, denn alles, was nur recht tief im Innern empfunden
wird, das ist so gewi ewig, wie das Leben selbst. Er sehnte sich mehr als
jemals nach dem Kriege, wo die Gegenstze recht scharf hervorspringen, und der
Mensch so gro ber die Erde hinsieht und sich freudig vergit in der Ehre und
dem Ruhm, der ihn weit berleben soll. Unter diesen Gedanken ging er mit raschen
Schritten auf und ab, als ganz unerwartet, die beiden Mdchen vor ihm standen,
die ihn vor wenigen Augenblicken so ergtzten. Es waren zwei zarte Rschen,
deren nahes Erschlieen sich in den halb jungfrulichen halb kindischen Blicken
und Geberden offenbarte. Die lteste sah schon recht listig aus dem Strohhtchen
hervor, und als sie Rodrich umschlang, wehrte sie den Ku nur leicht ab, der den
frischen Mund flchtig berhrte. Die kleine Laura erzhlte nun alles, was sie
auf dem Herzen hatte, und wnschte sehnlich, die Aufmerksamkeit des schnen
Herrn auf sich zu ziehn. Rodrich hrte auch willig zu, und lie sich gern von
dem Syrenenstimmchen in den sesten Taumel hineinschwatzen. Cyane trieb inde
zur Eile, da die Musi klngst angefangen htte, und in der Laube schon getanzt
wrde. Als sie unter das Laubdach traten, kam ihnen Marie mit einem Korbe der
schnsten Krnze entgegen, die sie berall an den Ranken befestigte, und das
bunte Gewinde in der Luft spielen lie, was den lustigsten Anblick gewhrte,
inde die bewegten Blumen erfrischenden Duft verbreiteten und die zarten Wangen
der Mdchen mit ihrem Glanze frbten. Alles war wie berauscht, und der Wirth,
der es wirklich war, lief mit lcherlichen Geberden umher, und indem er den
vollsten Kranz herunterri, und ihn auf die rothe Stirn drckte, glich er einem
Faun, der mit seinen Bocksprngen die Gesellschaft zum unversiegbaren Gelchter
reizte. Rodrich htte Cyanen, die beim Tanzen den Strohhut ablegte, des
Gegenstcks wegen die schnsten Blumen zwischen die braunen Locken geflochten,
und fhlte, als er die Reihen mit ihr hinunterflog, nicht ohne Bewegung die
kleine Brust an der seinigen schlagen. Die andern Mdchen hatten sich indessen
vertraulich genhert, und sahen mit Wohlgefallen in die hellen Blicke des
vornehmen Fremden. Der leichte Ton, den er sich hier erlauben durfte, die
ungezwungene Art des Tanzes, die leichtfertigen freien Blicke seiner
Tnzerinnen, alles ri ihn fort, und er wiegte sich an der Hand einer schlanken
Blondine in lsterne Trume, als seine Augen denen der einsamen Mutter
begegneten, die in dem Anschauen ihres Kindes versenkt, in einer eignen Welt
lebte, und nur zuweilen und flchtig auf die wogende Fluth blickte. Er wute
selbst nicht, wie es geschah, da er an Miranda dachte, und sich jeder
unheiligen Regung in tiefster Seele schmte. Marie, die dem Kinde auch ein
Blumenkettchen gewunden hatte, kniete vor diesem nieder, und schlang den Kranz
um die weien Kssen. Die schne Frau kte sie auf die Stirn, und Rodrich, der
sich genahet hatte, hrte da sie ihr leise zuflisterte, bringe doch den Bruder
zur Ruhe, die Thorheiten ngstigen mich. Groer Gott! dachte er, mu dieser
Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrbt werden, und ist denn nichts
rein in der Welt, da man sich an keinem Gebilde ohne wehmthige Strungen
erfreuen darf. Ach es ist wahr, das Glck und die Freude spielen nur auf der
Oberflche des Lebens, und wenn man sie fassen will, so winken sie uns weit aus
der unerreichbaren Tiefe, wo der Mensch schaudert, hinabzusteigen. Der Mahler
trat jetzt auf ihn zu, und fragte spttisch, bist du so schnell mit der
Wirklichkeit zerfallen, da Du mit diesen trbseligen Mienen in die allgemeine
Freude hineinschauest? - Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser,
dem Du dich so gern hingiebst? Wer hat ihn, fesseln wollen, fragte Rodrich,
durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht. Dies Ziehen und Wandeln, dieser
ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben, dessen hchstes Ziel
wohl jedem gleich abwrts steht. Dem Knstler nicht, erwiederte jener, der wei
den Streit zu lsen, und den Augenblick zu verewigen. In den reinen Himmel
seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt, und die niedre
Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schnen, das seinen Blick verklrt.
Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet, sagte Rodrich, so
sind dies auch nur Erhebungen, die er berall mit den hhern Menschen gemein
hat, und was ist denn der Knstler anders als ein rstiger Streiter, dem die
Siegespalme aus der Ferne winkt. Oder ist es nicht ein Streit zu nennen, wenn
Gedanke und That mit einander ringen, und die Schpfung langsam ans Licht tritt
und oft ganz anders, dem schaffenden Geiste fremd da steht, und er das eigne
Kind widerstrebend anerkennt? - Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit, wenn der
zurckgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des
Lebens ihm begegnen, den frischen Muth anfallen, an ihm nagen und zerren, bis er
gengstet in seinen Himmel flchtet, und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt,
was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen, sondern Eins mit ihm in der
innern und uern Verklrung gedacht werden soll? Wohl dem, erwiederte der
Knstler, der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte, er ist ihm ein sichrer
Anker auf der tosenden Fluth, wo die meisten ohne Halt herumirren und
rettungslos untergehen. Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt, und mit
Riesenarmen die ganze Flle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden
Lebens umfassen will, dem widersteht alles, bis die Hand, in der jede Lust
zerbrach, dem thrichten Herzen Fesseln schmiedet, und ihm in der gnzlichen
Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erblhet. So ging es manchem frommen
Einsiedler, den ein mhevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drngte. Haben
Sie, sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend, den Heiligen gekannt, dessen Bild
Sie mit der hinreienden Wahrheit auffaten, so da ihn Niemand ohne Rhrung
sieht. Ja, sagte der Mahler ernst. Mein keimendes Talent entfaltete sich unter
seinem Schutz. Er stand zu hoch, als da ich in sein Inneres htte dringen
sollen, allein ich wei, wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne
Seele befreien sollte, und darum ward er zum Mrtyrer an des Sohnes That. -
Rodrich, den diese Worte auerordentlich bewegten, wollte weiter in ihn dringen,
und sagte ihm, was er selbst Nheres von dem Zusammenhange des Ganzen wute;
allein der Mahler bat ihn, diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwecken. Hat
doch, setzte er hinzu, die Hand des Himmels jede Spur getilgt, und es soll ja
vergessen seyn.
    Ein allgemeiner Lrm zog sie hier zu der Menge hin. Der Wirth hatte in der
Trunkenheit das Kind von dem Schooe der Mutter gerissen, und sprang in den
gefhrlichsten Stellungen mit ihm umher. Niemand wagte sich zu nahen, aus
Furcht, ihn zu wildern Ausbrchen zu reitzen. Vergebens flehete Marie, vergebens
streckte die weinende Mutter die Arme aus, er schrie und jauchzte vor innerer
Lust und trieb sein tolles Spiel ungestrt. Rodrich kannte sich nicht vor Wuth,
er theilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit frchterlicher Stimme:
steh' Kobold, und gieb mir das Kind! Wie gebannt lie der Erschrockne die Arme
sinken, und Rodrich fate leicht und behend den zarten Liebling, den er in der
heiligsten Rhrung an das gengstete Mutterherz legte, indem er sagte: die Engel
der Unschuld mgen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden; und als
umfinge ihn diese Unschuldswelt, neigte er sich vor der segnenden Hand der
bewegten Frau, die ihm nur weinend dankte. Der Mahler drckte ihn an das Herz
und konnte lange nicht sprechen, dann sagte er: lebe wohl, mein liebes Kind, ich
mu dich jetzt verlassen, aber ich scheide ruhiger von dir, als ich dich
begrte, und wer wei wie alles kommt, du kehrst wohl noch einmal zu deiner
frhern Beschtzerin zurck. Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst, und
freuete sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohlthters, der sich seinen
Umarmungen entri und forteilte. Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen, da ihm
ohnehin die vorige Strung das kleine Fest verleidet hatte, und als er hierzu
Anstalten machte, sah er mit groer Beschmung den reich gekleideten Felix von
der schnen Blondine mehr als sich begnstigt. Er lie schnell die Pferde kommen
und ritt eiligst davon.
    Wie er nun endlich das Ziel seiner kleinen Reise erreichte und die alte
stark befestigte Stadt betrat, fhlte er eine innere Scheu, die sich beim
Anblick des etwas feierlichen Generals nur noch mehrte. Er konnte Anfangs nicht
begreifen, wie dieser fr den heitern offnen Grafen passe, und was sie
eigentlich verbinde. Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite
seines Standes, die er bis jetzt noch nicht so beachtete, und die der erfahrne
Graf wohl zu ehren verstand. Es war nicht sowohl das freie muthige
Soldatenleben, was er hier traf, sondern der tiefere Kriegersinn, das
Wissenschaftliche der edlen Kunst, was sich im Laufe der ernsten Gesprche
verkndete, und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte,
mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Flei und strengen Studium an, und gab ihm
mit vieler Gte selbst einige Anleitungen, indem er ihm die reichen Hlfsquellen
seiner Bchersammlung erffnete. Ich sehe wohl, sagte er, es fehlt Ihnen nicht
an dem schnellen Blick, der Gewandtheit und Kraft, die das eigentliche Geniale
des Kriegers verknden, und was keine Kunst der verschlonen Natur aufdringt;
allein verschmhen Sie nichts, was Sie tiefer in das Wesen der Sache einfhrt,
und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert. Es ist nicht selten, da
die jugendliche Flle sich ohne innern Halt frh erschpft, und das schnell
verstrmte Feuer eine leere, schlaffe Unthtigkeit zurcklt. Ich habe
Jnglinge gekannt, die wohl frher die Welt erstrmt htten, und sich dann in
den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zurckzogen, um ein trges Leben
hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen. Und wer wei, ist die frh
geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen.
Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl, der dann eine glorreiche Jugend
durch kleine Rcksichten befleckte. Es ist nothwendig, eine groe innere
Thtigkeit in sich zu erhalten, um den gewaltsamen Drang nach auen zu
beschrnken, der nicht immer das Rechte erzielt. Nur da, wo die Einsicht
Vorsicht wird, und den eigentlichen prophetischen Blick erzeugt, ohne welchen
der Feldherr nicht einen Schritt thun kann, da soll sich die innere Kraft
ungemessen ergieen, bei der wachsenden Gefahr immer strker anschwellen und wie
ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen, erkannten Ziele fortreien.
    Rodrich sah wohl da ihm noch vieles mangele, um mit Sicherheit den leicht
betretnen Weg fortzugehen, und da er, wie es wohl mehrere thun, die umfassende
Wirksamkeit zu flchtig berschaute, um sie gehrig zu wrdigen. Es beruhigte
ihn daher, als der General fortfuhr: Sie haben durch die Kenntni alter Sprachen
vielfache Mittel in Hnden, alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen. Je
tiefer Sie sich in die groen Begebenheiten der Welt verlieren, je herrlichere
Ideen strmen Ihnen von allen Seiten entgegen. Dies weite Feld eigener
Nachforschungen und spekulativer Folgerungen, kann nur der rohe Haufe zu
betreten verschmhen. Ich dchte, auch ein wenig entzndbares Gemth msse es
bewegen, die groen Worte des Csar zu lesen, und wer nimmt ohne Ehrfurcht die
Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten,
oft mitgefochtnen Schlachten groer Geschichtschreiber! Es gehrt
glcklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinpltzen, da dem Soldaten
Gelehrsamkeit unntz sey, und ich freue mich Ihretwegen, da Sie die grten
Schwierigkeiten berwunden haben.
    Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden
Gesellschaft verflossen, als ein Brief des Grafen seine Rckreise beschleunigte.
Er schied von seinem neuen Gnner und den leicht gewonnenen Cameraden in der
besten Hoffnung, Sie Alle nchstens im Felde zu begren und eilte der
Hauptstadt entgegen, wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden
meinte, statt dessen aber Straen und Huser festlich geschmckt, und viel Volk
vor den Fenstern des Schlosses stehen, aus welchem laute freudige Klnge
erschallten. Auf sein Nachfragen erfuhr er, da der Cardinal den Abend zuvor
eingezogen und heut seine Ankunft bei Hofe gefeiert werde. Er blickte nicht ohne
Widerwillen zu dem Schlosse auf, wo die ersten unangenehmen Eindrcke seine
Freude trbten, und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten. Allein hier war
alles leer. Die groe Feierlichkeit hatte die schne Seraphine und ihren Gemahl
nothwendig herbeigezogen, kaum erfuhr er noch, was sie alle beschftige, da die
ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesammt, den Glanz zu vergrern, begleitet
hatte. Er ging verdrielich durch die leeren Zimmer, und da der Auftrag des
Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt, und er ihn noch nicht zurck
erwarten konnte, so beschlo er, zu Stephano zu gehen, wenn er nicht auch etwa
zu dem verhaten Feste geladen sey. Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch
eine Seitenthr Rosalien, die emsig schrieb, whrend ihre Cammerfrau mit
Einpacken beschftigt, Anstalten zu einer Reise machte. Er trat hinein, um die
Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren. Doch als er sich
nahete, und sie die seltsam glnzenden Augen aufschlug, ohne ihn eigentlich zu
sehen, ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten, fhlte er sich so befangen, da
er sie kaum anzureden wagte. Nach einigem Besinnen schob sie indessen das
Geschriebene fort, und sagte: Sie sehen, ich mu wieder fort! Es geht hier auch
nicht. Ich finde berall keine Ruhe, und alles widersteht mir so leicht, so gar
die Musik, ich kann keinen Ton mehr finden, der mir nicht die heftigsten
Schmerzen erregte. Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden knnte, bis sich
alles lste und der Druck, der furchtbare Druck verginge! Aber die Worte
versagen mir, und meine Freunde verstehen mich nicht mehr, und sehen mich so
befremdet an, da mir gleich die Lust am Gesprche vergeht. Darum will ich auch
in die Einsamkeit zurck, und immer fort schreiben, bis ich selbst nichts mehr
wei. Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf, und ein leerer Bogen
sieht mich so lange lockend an, bis ich ihm mein heiligstes Geheimni vertraue.
Ich knnte gar nicht mehr leben, wenn ich die weie Flche nicht vor mir sehe.
Nur fhle ich zuweilen hier, auf der Stirn einen unertrglichen Schmerz, dann
wird mir so seltsam, alle meine Trume verschwinden, ich kann dann gar nichts
denken. Die Cammerfrau sagte jetzt, da alles bereit sey und der Wagen sie
erwarte. Rodrich bat um die Erlaubni, sie in ihrem Schlosse aufsuchen zu
drfen, und versicherte sie seiner zrtlichsten Theilnahme, die jeden Augenblick
fr ihr schnes Vertrauen dankbar seyn werde; allein sie schien auf nichts
anders zu achten, als nur schnell fortzukommen, und so entkrftet sie war, eilte
sie mit ngstlicher Hast dem Wagen entgegen.
    Rodrich sah ihr wehmthig nach. Die schne Gestalt, ber die der Schmerz so
hinziehend alle Blthen eines edlen Geistes grausam abstreifte, rhrte ihn
unbeschreiblich. Er sah mit Schmerzen, wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich
verwirrte, und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb. Die hellen Flammen
des Verstandes entzndeten wohl auch ihr Licht, aber der Brennpunkt war
verschoben, und es kreisete alles wild durcheinander. Er hatte sich unter
wehmthigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt, als ihm jene Bltter in die
Augen fielen, die sie ohnlngst beschrieb, und ohne weiter einen Werth auf sie
zu legen, hier verga. Er konnte sich nicht erwehren, hineinzusehn, und fand
gleich zu Anfang folgende Worte.
    Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glnzen, Du verschmhst
nicht lnger, was Dir ewig angehrt. Wie knntest Du auch den schmeichelnden
Regungen widerstehen, die Dich, wie mich gefangen halten. Ende darum nur bald
das ngstende Spiel, und lse die Ketten, die Dich halten.
    Gleich darunter stand:
    Niemand darf unsre Verbindung ahnen. Die Todten sollen unser Glck
beschtzen. Ich fliehe aus der Stadt, am Grabe meiner Mutter erwarte ich Dich.
Da ist es still und heimlich.
    Rodrich wute kaum, was er las, die Sicherheit und der Zusammenhang dieser
Worte machte ihn zweifelhaft, ob sie nicht mehr als einen glcklichen Traum
enthielten. Doch bald ri ihn Folgendes aus allen Zweifeln.
    Fernando wei um unsre Liebe. Er wird mich begleiten. Frchte Dich nur
nicht. Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher, und berhrt
mich oft mit seinen Strahlen, da es wie Flammen auf meiner Stirn brennt; aber
er hat mir versprochen, ihn zu verdecken, und darum sey nur ruhig.
    Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglcklichen Freundinn so lebendig
als heut empfunden. Alle Kmpfe dieser gengsteten Brust, das fruchtlose Ringen
und der arme Trost einer getrumten Liebe, preten ihm heie Thrnen aus. Er lag
noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Cabinet, als ein nahes Gerusch ihm
die Ankunft des Grafen verkndete. Er sammelte sich so gut es gehen wollte, um
mit Anstand vor ihm zu erscheinen. Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste
seines Geschfts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft, so blitzte die
alte Lust wieder in ihm auf, und er ging rstig und frei zu dem Grafen und
richtete seine Auftrge aus. Nach einer kurzen Unterredung, in welcher er mit
Freuden hrte, da die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich
sey, der Herzog aber die jetzige frhliche Stimmung durch keine voreilige
Nachricht trben wolle, trat die Grfinn herein, und berhrte Rosaliens schnelle
Abreise, die ihrem Gemahl noch unbekannt war, mit aller ihr eignen Schonung,
indem sie hinzusetzte, da der Arzt mit dieser Vernderung ihres Aufenthaltes
zufrieden sey, und von der Stille und Ruhe lndlicher Einsamkeit wenigstens
krperliche Erholung erwarte. Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu
beruhigen, und verlor sich in vergeblichen Muthmaungen ber diesen unerwarteten
Entschlu. Rodrich, der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerrttetes Gemth
gethan, wute ihm nichts trstliches zu sagen, und so schwiegen sie alle
betrbt, denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig blhenden
Hoffnungen laut werden zu lassen. und blickte selbst muthlos in die Zukunft.
Doch ri sie der Graf, der sich nie dem Kummer ergab, und den Schmerz als seinen
bittersten Feind hate, gegen den er schnell und immer ankmpfte, aus der
augenblicklichen Verstimmung, indem er selbst andre Gesprche herbeifhrte, und
sich mit vieler Laune ber den Hof und seine ganz eigne Demuth gegen den
Cardinal auslie. Ich wei nicht, sagte Seraphine, welche seltsame Scheu er auch
mir einflt, es ist nicht Ehrfurcht, nicht Andacht, die ich bei seinem Anblick
empfinde; aber mir ist als wenn die gttliche Verdammni ber der Erde
hinschritte, und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen, jeder
lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge, wenn die scharfen Blicke so gerade
auf mich hinzielen, und auf der glatten Flche des kalten Gesichts keine Spur
von Theilnahme und Wohlwollen zu finden ist. Ich begreife nur nicht, wie man
noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann. Er sieht
so gleichgltig darber hinweg und steht da, wie der rchende Engel, dem das
Verderben von selbst in die Arme laufen msse. Miranda ist die Einzige, die sich
in seiner Nhe gleich bleibt, und welche die Achtung fr seinen Stand, mit der
eignen Wrde zu behaupten wei. Alle Andern sind verndert. und ich selbst
schme mich meiner Furcht. Mich hat er nicht gestrt, sagte der Graf, ich kenne
ihn lange und sehe gern ber ihn weg. Diese Ruhe und lauernde Klte ist ja
nichts Neues bei den Heiligen der Welt, und mich befremdet nichts, was von
dieser Seite kommt. Nun, sagte die Grfinn, morgen werden Sie ihn ja sehen. Es
ist eine Abendversammlung in Theresens Lustschlo. Jedermann hat Zutritt im
Garten, und es werden viel lustige Masken und Aufzge dort erscheinen, indessen
Sie und wir Alle, die zum engern Ausschu gehren, seine Heiligkeit umgeben
mssen.
    Rodrich war unaussprechlich erfreut Miranda wiederzusehen, und hoffte, ihre
ruhige Heiterkeit werde ihn vor jedem feindseligen Einflusse bewahren. - So
trennte er sich heiter vom Grafen und erwartete in stiller geheimnivollen
Rhrung den folgenden Abend.
    Der erleuchtete Garten glnzte ihm schon von fern entgegen. Hohe duftende
Blumenranken verbanden die Gebsche und trugen in vielfachen Bogen farbige
Lampen. Staten und Springbrunnen traten in dem spielenden Glanze recht freudig
hervor. Ueberall hrte man unsichtbare Musik. Auf dem Strome wiegten sich die
beleuchteten Schiffe wie bunte Flammen, unzhlige Masken drngten sich durch
einander, Gesang, Spiel und Tanz wechselten in den verschiednen Gegenden des
Gartens ab, und mitten aus der allgemeinen Verwirrung strahlte das Schlo auf
den hohen Terrassen wie ein fester Stern. Von dort aus bersah man das Ganze mit
einem Blick, die seltsamsten Erscheinungen drngten sich daran vorber, whrend
im Innern alles die Ruhe einer abgeschlonen Welt athmete. Rodrich trat in die
glnzende Versammlung, deren leises Flistern und stilles Wesen seltsam gegen den
uern Lrm abstach, Wie er dem Cardinal vorgestellt ward, fhlte er sich
keinesweges durch dessen Anblick berrascht. Er war fest berzeugt ihn wo
gesehen zu haben. Dies Bild hatte ihm immer vorgeschwebt, und jedem Geistlichen
lieh er in der Erinnerung diese Zge und diese schreckende Klte. Er zog sich
indessen sogleich zurck und fand sich bald zwischen Miranda und Elwiren an
einem geffneten Fenster, das nach der Wasserseite sah. Das lustige Spiel der
Menge nahm sie hier gefangen. Sie weideten sich an dem Reichthum und der
geschmackvollen Anordnung prchtiger Masken. Ein Triumph des Aurelian mit der
strahlenden Zenobia und dem gedemthigten Tetrikus zog mit allem ersinnlichen
Pomp vorber. Auf dem Strom schwamm dagegen ein knstliches Fahrzeug, das einen
Neptun zwischen Tritonen und Nereiden zeigte. Ein neckender Proteus stand am
Ufer und verwandelte Harlekin und Colombinen in Meerklber und Ungeheuer, die er
dann unter lautem Jubel den Strand entlang trieb. Alles drngte sich ihnen nach,
whrend ein einsamer Snger in wunderlicher alter Tracht aus dem Gebsch trat
und folgende Worte sang:

Blumen ses Angedenken,
Blumen, meiner Liebsten Gabe,
Seyd ein Bild der kurzen Freuden,
Die mit euch verblhend schwanden.

Seh' euch todt nun vor mir liegen,
Mu mit Wehmuth die betrachten,
Deren reiches, frisches Leben
Freudig meinen Sinn erlabte.

Zaid nimmt die welken Blumen,
Drckt sie gegen Mund und Wange,
Will mit Thrnen sie benetzen,
Will mit Kssen sie erwarmen.

Und der Thrnen helle Perlen
Glnzen in des Mondes Strahlen.
Bebend so in Lichtes Wonne,
Spielen sie viel tausend Farben.

Blumen, wollt auch ihr mich tuschen
Neu erblh'nd im mcht'gen Glanze?
Wollt euch dem Gestirn verbnden,
Das im Dunkel trg'risch waltet.

Leben habt ihr mir gelogen;
Will nicht lnger euch bewahren,
Denn fr solch ein falsches Leben
Whl' ich's einsam zu verschmachten.

Und er wirft die Liebespfnder
Von dem steilen Meeresstrande
Tief hinunter in die Fluten,
Sie auf ewig zu begraben.

Wie die Blumen dort verschwimmen,
Gar vergessend aller Farben,
Hat die Thrn auf ihren Blttern
Bald zur Perle sich gestaltet.

Perlen sind ja Liebesthrnen,
Denn, von Wehmuth s umfangen,
Ruht des Feuers ew'ger Funke
Mild verklrt im stillen Wasser.

Ruhig athmeten die Wasser,
Sonne glnzt' im Liebeslichte,
Und auf sanft bewegten Wellen
Flo daher ein leichtes Schiffchen.

Schn gebaut aus seltnem Holze,
Reich geziert mit bunten Wimpeln,
Deren roth und weie Streifen
Lieblich in der Sonne spielten.

Auf den sammtnen Polstern ruhend,
Unter seidnem Baldachine,
Lacht in Jugend, Pracht und Schnheit
Fatme, des Alhambras Zierde.

Muntre Fischer ihr zu Fen,
Ihres Hofes edle Diener,
Die, auf Fatmes Winken lauschend,
Leicht geschrzte Netzchen hielten.

Hell ertnten zu den Flten
Viele mnnlich schne Stimmen,
Und die Zauberkraft der Tne
Drang hinunter in die Tiefe;

Und es folgten gern dem Rufe
Grn und goldgesprengte Fische,
Aus der Tiefe sich erhebend
Zu des Meeres obern Spiegel.

Doch der Ton war ihr Verderben,
Denn auf Schiffesrand sich schwingend,
Warf das Netz ein feiner Knabe,
Leicht ersph'nd der Herrin Willen;

Nahm sie allzumahl gefangen,
Die im frohen Liebesspiele
Sich erlabend an den Klngen,
In den seidnen Kerker liefen.

Er, ihr Schrecken nicht beachtend,
ffnete behend die Schlinge,
Und was sich zuerst ihm zeigte,
War der schnsten Perle Schimmer.

Lchelnd wandt' er sich zur Herrin,
Sprach mit hfisch feiner Sitte:
Dir allein gebhrt dies Kleinod,
Sieh' in ihm dein gttlich Bildni.

Fatme nahm entzckt die Perle,
Drckte sie an glh'nde Lippen:
Perle, mir vor allem theuer,
Die so unverseh'ns ich finde.

Will in feines Gold dich fassen,
Sollst das Haar mir glnzend zieren,
Und du, holder Knabe, lese
Meinen Dank in meinen Blicken.

Schne Perle, schne Perle,
Sieh mich weinend stehn am Ufer,
La dich meine Klagen rhren,
Folge meinem bangen Rufe.

Du, des reichen Schmuckes Zierde,
Bist nun meinem Blick entschwunden,
Und ich Arme mu vergebens
Dich am den Strande suchen.

Ses Kleinod, kehre wieder,
Zier' aufs neu' mir Haupt und Busen,
La in deinem Glanz mich leuchten,
Leben nur in deinem Ruhme!

Nein, du bist in Nacht geboren,
Bist ein Kind der schlimmsten Mutter;
Trg'risch war dein sanftes Leuchten,
Zu verlocken meine Jugend.

Grausend steh' ich hier alleine -
Schumend naht ihr, wilde Fluthen,
Wollt auch mich hinunterreien,
Wie die Perl' ihr habt verschlungen!

Ihr entgegen klingen Stimmen,
Wie aus tiefem Meeresgrunde:
Holder Perle ses Leben
Blht im stillen Heiligthume.

Was der Tiefe ward entrissen,
Khn aus Tageslicht gerufen,
Sinkt zurck in Liebesarme
Scheu vor euren wilden Gluten.

Steig hinunter in die Wasser,
Khle deines Herzens Wunden,
Und im feuchten Schooe finde
Neu erblht die Wunderblume.

Alle drei blickten ihm schweigend nach, als Elwire wie aus einem Traum
aufschreckte. Mein Gott! meine Lieblingsromanze, wie kommt die hieher? Sie
sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen: Es ist sonderbar,
vor kurzem ging es mir fast eben so. Diese Lieder haben einen innern
Zusammenhang, ich kannte sie sehr frhe schon und habe sie sonst niemals gehrt!
Rodrich wute nicht, was er denken sollte. Er war Miranda gefolgt, die in die
Halle trat, und ging neben ihr, ohne da beide redeten, so heilig und still war
es in ihrer Seele, und keiner bemerkte, da der Weg immer einsamer ward, und sie
pltzlich vor dem matt erleuchteten Pavllion der Prinzessinn standen. Sie traten
hinein, und eine unbeschreibliche Wehmuth ergriff sie, als die vorigen Tne aufs
neue vorber rauschten. Sie muten beide weinen, und in der seeligsten Rhrung
sanken sie einander in die Arme. Als sie aufblickten, stand der Snger hinter
ihnen, er hatte die Larve abgenommen und Rodrich rief voll Entzcken: Florio,
mein Florio; so mute ich Dich wiederfinden! Miranda hatte ihm die Hand
gereicht, und sagte mit bewegter Stimme: Bist Du der Engel, der uns
zusammenfhrte, so bewahre das Geheimni, da es ewig in unsrer Brust
verschlossen bleibe! - Sie eilte hinaus, und Rodrich zog den Wiedergefundenen
eilig an sein Herz, das alle Seeligkeit der Welt auf einmal erfllte. Komm nur,
sagte er, jetzt kann ich noch alles nicht fassen, aber ich werde mich
wiederfinden, und mein unaussprechliches Glck begreifen lernen. - Sie stieen
hier auf Stephano, der einsam an einem Baum lehnte und weit ber den Strom
hinaus sah. Rodrich eilte auf ihn zu, schlo ihn stumm an die Brust, und ging
unter Freudenthrnen an Florio's Hand zurck in die Stadt.


                                 Zweiter Theil

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Die Nacht fand beide Freunde in den seligsten Betrachtungen versenkt. Florio
konnte sein Auge nicht von dem kniglichen Jnglinge abwenden, der nun so
anders, und doch nicht fremd, in seinen Armen lag. Ihm war, als trume er aufs
neue, wie in so mancher wehmthigen Stunde, den lang' ersehnten, durch Klang und
Worte heraufbeschwornen Augenblick des Wiederseh'ns. Wie tausendmal hatte ihm
die herrliche Gestalt so, grade so in alten Ritterliedern vorgeschwebt! Ach und
wie tausendmal kehrte er dann mit trben Blicken in sich selbst zurck, und floh
die trgerischen Bilder, die ihn von Land zu Land fortrissen, und das
unbefriedigte Herz erschpften! Mit innrer Bangigkeit bog er sich jetzt ber ihn
hin, und drckte einen leisen Ku auf seine Wange. Da war ihm, als flssen die
reinen, krftigen Zge milder in einander, und als blicke ihn aus den weichen
Umrissen das kindische Gesichtchen seines Rodrichs wieder an. Wie mit
Liebesarmen umfing ihn die Vergangenheit, und fhrte ihn zu der kleinen Htte
zurck, die so lange seine stillen Freuden umfate. Er mute jener Nacht
gedenken, wo er zuerst den Wunsch in sich aufkommen lie, den geliebten
Gespielen jenseit der Berge aufzusuchen, und wie dann das Verlangen so
riesenmig aufscho, da es ihn, alle andere Gefhle erdrckend, vom Lager
fort, zu den steinigen Klippen zog, die ihm den Weg in die weite unbekannte Welt
erffneten. Hier, den unersteiglichen Bergen gegenber, erschrak er ber sein
Vorhaben. Er blickte fragend zu ihnen auf. Der Mond glnzte wie Gottes Auge ber
ihren verhllten Gipfeln, hinter denen sich eine dunkle Wolke in Gestalt eines
gewapneten Mannes mit doppeltem Antlitz erhob. Florio's Herz schlug ngstlich,
er betrachtete die Wolke, die sich, immer mehr dehnend, zwei lange Arme ber der
Erde ausbreitete, und, wie mit langsam ernstem Tritt, aus der Tiefe heraufstieg.
Das gewaltige Haupt bog sich ber den Mond hin, so da das Gesicht gen Osten
bleich und zitternd ber dem erschrockenen Jngling schwebte. Er wollte zur
Htte zurck, allein in der Dunkelheit hatte er den Weg dahin verloren, und er
irrte bang und traurig zwischen dem Gestein umher. Endlich erfreuete ihn ein
Licht ganz weit aus der Ferne. Er beflgelte seine Schritte, und kam bald auf
ebnere Weg. Er fhlte wieder weichen Rasen unter seinen Fen, und zuweilen
wehete ihm der herrlichste Blumenduft entgegen. Inde mute er sich noch lange
zwischen dichten Gebschen hindurchwinden, ehe er dem Lichte nher kam. Da
erblickte er pltzlich ein schnes Haus, von dessen untern Fenstern sich der
Schimmer ergo. Ein offnes halb verfallnes Gitterthor fhrte ihn zwischen hohen
Blumenwnden zu einem Altan, ber welchem die rankenden Stauden, wild durch
einander gebogen, einen farbigen Schleier vor den Lichtschein zogen. Florio
blieb betroffen stehn. Die Sage des verzauberten Gartens kam mit allen Schauern
jener frhern Eindrcke wieder in sein Gedchtni. Er blickte in einem seltsamen
Gemisch von Furcht und khnem Verlangen um sich her. Alles, was er in der
Dmmerung unterscheiden konnte, sah wst und traurig aus einer bessern
Vergangenheit herauf. Sarois Klagen legten sich aufs neue wehmthig an sein
Herz, da setzte er sich auf einen umgestrzten Baum, und sah bekmmert zu den
zerbrochenen Fenstern hinauf, hinter welchen herabgerollte Vorhnge ungehindert
hin und her flatterten. Keines Menschen Hand hatte hier seit Jahren gewaltet,
und dennoch brannte das Licht, und zeugte von nchtigen, unheimlichen Bewohnern.
In der Todtenstille hrte Florio nichts, als das Flstern der Blumen, die ihre
Bltter in seinen Schoo schtteten. Eine unbeschreibliche Sehnsucht drngte
ihn, den niedern Altan zu betreten; aber, als wollten ihm die Zweige den Eingang
verwehren, so bogen sie sich in einander, und er schwankte schon, ob er dem
Winke folgen und umkehren solle, als ein langer Schatten hinter dem grnen
Gewebe vorber zog, und ein leises Rauschen, als striche der Wind ber volle
Saiten, hindurch drang. Ohne lnger zu weilen, theilte er nun schnell die
Ranken, und stand vor einer hohen Glasthre, deren verblindete trbe Scheiben
das schwach erhellte Zimmer wie in einen Nebel hllten. Die wachsende Begier,
irgend etwas zu entdecken, trieb seine Blicke unstt umher. Alles wogte und
flimmerte ihm vor den Augen. Das Herz klopfte hrbar in seiner Brust, sonst war
es still wie im Grabe. Pltzlich hrte er eine Uhr zwlf schlagen, und leise
Flten ein Sterbelied spielen. Unwillkhrlich sank er auf die Knie nieder, und
betete fr die Erlsung der Seele. Als er sich wieder ausrichtete, bemerkte er
unterhalb der Thr eine ausgehobene Scheibe; er sah hindurch, in ein hellgraues
Gemach, den Berggeist auf die Harfe gelehnt, unbeweglich vor einem verhangenen
Ruhebette stehen, dessen Decke sich zu bewegen schien, als athmete jemand schwer
und langsam unter ihr. Auf einem schwarzen Altar brannte die Lampe, und erhellte
ein Cruzifix von weiem Marmor, ber welchem das Bild der schnen Dame aus dem
Traume hing, nur trug sie weder goldene Harfe noch Blumen, sondern einen
feurigen Reif, in dessen Mitte eine rthliche Perle, wie eine blutige Thrne
schwamm. Sie hatte ihn mit bittern Leidensmienen vom Finger gezogen, und schien
bereit, ihn in das offne vor ihr liegende Meer zu werfen. Florio betrachtete das
Bild mit steigender Wehmuth. Es waren die holden Zge, die ihn trumend so oft
entzckten. Der schne Mund lchelte ihn so vertraut und lebendig an, die ganze
Gestalt schien immer dichter und gerundeter aus dem Bilde hervor zu treten, da
hrte er tief aus gepreter Brust seufzen, seine Blicke flogen zu dem Ruhebette,
er breitete die Arme aus, er wollte die Scheidewand zersprengen, indem erlosch
die Lampe, und er strzte, halb sinnlos vor Schreck, aus dem Garten. Noch in
diesem Augenblick fate ihn derselbe Schauer, da jene Erinnerungen wieder
erwachten, und dennoch wollte er sich nicht davon losmachen, sondern versenkte
sich immer tiefer, mit geheimer ahndungsvoller Lust hinein, als Rodrich halb
trumend zu ihm aufblickte, und leise wie im Schlafe fragte, warum ist er nicht
bei dir geblieben, da ich euch doch bei einander sahe, und er es war, der dich
zu mir fhrte? Florio fhlte bebend, da derselbe Gedanke sie beide erfllte. Er
wandte sich von dem schlaftrunkenen Freunde, und sang still zur Harfe:

Wenn die Nacht, heraufbeschworen
Von der Erde stillem Ruf,
Nieder ihre Schleier senkend
Zu verhllen keusche Glut:

Sterne bald als Liebesboten,
Spielend auf der Tiefe Grund,
Sich in duft'ge Perlen tauchen
Die entquellen innrer Lust:

Alle Farben dann verschwimmen,
Tragend auf bewegter Fluth
Erd' und Himmel im Vereine,
Aufgelst in sel'gem Ku:

Dann zerspringen alle Bande,
Freiheit athmet die Natur,
Aus den Wolken, aus den Grften
Dringt ein geistig leiser Gru.

Was der Sonne kreisend Walten
Frech getdtet, was der Sturm
Trber Zeiten lngst verwehte,
Paradieses Blthenschmuck,

Keimt aus wonnevollen Thrnen
Zieht heran in Wolkenduft.
Frei gegeben sind die Spiele,
Frei, im innern Heiligthum.

Traum und Schatten zieh'n im Fluge
Durch die offne Menschenbrust,
Gren froh die alte Heimath,
Wecken ahndend heien Wunsch.

Wnsche sind geheime Seufzer
Nach entfloh'ner Gtterlust;
Sehnsucht ist die heil'ge Stimme
Die zum Paradiese ruft.

Der Morgen war inde heraufgezogen, und trieb nach und nach Theresens muntre
Gste zur Stadt zurck. Auf den Straen wimmelte es bald von bunten Masken, die
schwirrend durch einander hinzogen, und ihr muthwilliges Spiel erst in den
stillen Wohnsitzen drftiger Gengsamkeit endeten. Rodrich war auf den
wachsenden Lrm herbeigekommen, und lehnte an Florio's Seite im offnen Fenster.
Er konnte sich weder des augenblicklichen Rausches noch der phantastischen
Gestalten recht erfreuen. Der Tag war zu nahe, er wehete khl herber, die ganze
Lust schien ihm ein mattes Spiel, die armen Sinne zu betrgen, die beim hellen
Licht den engen Kreis bald wieder erkennen, und befangener als je darin athmen
wrden. Gedankenvoll lauschte er vorberziehenden Klngen, die endlich vor dem
eintnigen Treiben der nahen Werksttte schwiegen, und mit ihrem Verschwinden
fast jeden Zauber der Phantasie lsten. Rodrich blickte auf sich und seinen
Freund, der ihm in gewohnter herkmmlicher Tracht nichts als den wohlgebildeten
Jngling dieser Welt zeigte. Der lange Sngermantel hing mit dem weien Barte
und der bleichen Larve neben ihm auf einem Sessel; er spielte nachlssig mit dem
reichen Faltenwurf des altvterischen Gewandes, als es unversehens herunterfiel,
und wie ein Vorhang zusammenrollte. In dem Augenblick war es Rodrich, als wren
alle Trume dieser Nacht versunken. Vergebens suchte er die erwachten Bilder der
Kindheit, vergebens die Geliebte in seiner Brust. Miranda war wieder die groe
herrliche Frstin, zu der er kaum aufzublicken wagte. Jener einzige
unbegreifliche Moment des Entzckens lag weit, weit hinter ihm. Wie ein Blitz
hatte ihn diese Seligkeit berhrt. Jetzt war alles anders. Die gewohnte Ordnung
behauptete ihr Recht. Der gemene Gang des Lebens schritt langsam fort, und er
stand wie gestern und alle vorhergehende Tage, in den beschrnkten, durch fremde
Gte erschaffnen Umgebungen, Mirandas Pallast gegenber. Kaum wagte er es, die
schne Erinnerung festzuhalten, die so unschuldig zu ihm herbersah. Er hatte
sich dem Zauber hingeben, er hatte die Welt einen Augenblick vergessen knnen,
ach, und er wrde gern gestorben seyn, um noch einmal so selig zu leben, aber
der Wahn zerrann, wie leise er ihn auch anfate. Was war er, und was konnte er
wollen? Das se Geheimni seines Glckes war ihm ein krnkender Vorwurf. Frei
und festgestaltet sollte es in vollem Glanze des Tages leuchten, in jedem Auge
wollte er den Wiederschein desselben lesen. Miranda's Name sollte nicht blos wie
ein geistiger Hauch durch sein Innres ziehen, er wollte ihn laut aussprechen,
allen Lften zurufen knnen! O, er fhlte sich gedrckter als je, seit ihn die
heiligste Liebe einen Augenblick ber sich selbst erhob.
    Wie er sich nun immer fester und fester an jede Widerwrtigkeit seines
Lebens hing, und sie so lange betrachtete, bis er, aufs hchste gereizt, die
Augen vor den Erscheinungen des wiederkehrenden Tages schlo, rauschte noch der
letzte Trupp herumschwrmender Masken die Gasse herauf. Unter tollen Gaukeleien
schwirrten sie an den Husern vorber, und ehe es Rodrich bemerken konnte, hatte
ihm eine derselben ein zusammengerolltes Blttchen in die Hand gesteckt. Er
ffnete es schnell, und Florio, der wie ein gutes Kind in des Freundes
Hoffnungen und Wnschen lebte, und schon lngst die getrbten Augen mit Wehmuth
betrachtete, sah zutraulich ber seine Schulter, und beide lasen folgende Worte:
    Ich wnsche Ihnen Glck. Der Krieg ist entschieden. In wenigen Tagen ist
alles aufgebrochen. Ein neues Licht geht ber Ihnen auf, denn eine reiche Natur
fodert gewaltsam groe und mannigfache Gegenstnde, um die immer brennende Frage
zu beantworten, sonst erschpft sich der gereizte Wille in zwecklosen
Ausbrchen, die oft den werdenden Helden in ihren engen Schranken begraben.
Lsen Sie die Fesseln. Das Schicksal gab Ihnen viel, machen Sie sich alles zu
eigen. Es ist Weisheit, das Hchste aufs Spiel zu setzen, um das Hchste zu
gewinnen. Das Schwerdt werde eine Flamme in Ihrer Hand, vor der sich Freund und
Feind beuge. Schwanken Sie nie, denn es giebt auf Erden nichts Herrlicheres, als
einen Thron frei zu machen und das erkannte Recht behaupten.
    Rodrich faltete das Blatt, ohne etwas Bestimmtes zu denken. Der ernste Zuruf
erschtterte ihn! Es war, als drnge ihn das Schicksal mit Gewalt zu einem
unbekannten Ziele. Tausend verworrene Ahnungen trieben ihn unsicher umher.
Endlich lsten sich die innern Nebel. Er glaubte Miranda's Stimme in jenen
Worten, ohnerachtet ihrer strengen Heftigkeit, nicht zu verkennen. Durch sie
ward ihm des Himmels Wille kund, und seine frheren stolzen Hoffnungen
gerechtfertigt. Zu sich hinauf wollte sie ihn heben, durch die innere Kraft
seines Willens! Was lag darin auch Unerhrtes? Sagt nicht die Geschichte aller
Vlker, da von jeher ein khner Flug die armselige Stufenleiter zwerghafter
Wnsche hinter sich lie? Das Auerordentliche tritt die gemeine Ordnung nieder,
und eine neue Folgereihe beginnt von dem lichten Punkt, den ein krftiger Geist
ber der Erde herauffhrt. Der Krieg bahnt dahin den Weg. Hier verschwinden
hergebrachte Verhltnisse vor der berwiegenden Gewalt einer groen Seele, die
sich in Feuerstrmen ergieend, alles wie Gottes Zorn mit sich fortreit. Darauf
deuteten auch die Worte des Briefes, und doppelt war der Sinn zu nehmen, in
welchem der Thron befreit werden sollte. Mute die knigliche Natur nicht
fhlen, da sie zum Herrschen geboren, da sie bestimmt sey, das Wohl der
Menschen, wenigstens ber die zu verbreiten, die ihr so nahe gerckt waren? Und
sagte ihm jene Umarmung nicht, da er es sey, den sie wrdig hielt, ihr zur
Seite zu stehen? Er schlug das Blatt noch einmal auseinander, und las immer und
immer wieder, was ein leidenschaftliches Verlangen schon bei weitem frher in
sein Inneres grub.
    Whrend dieser Betrachtungen hatte er Miranda oftmals laut genannt. Wie,
sagte endlich Florio, jene Heilige, zu deren Fen ich dich gestern fand, htte
diese Worte zu dir geredet? Warum nicht, fiel Rodrich schnell ein, glaubst du,
sie sey nicht reich genug, alle Herrlichkeiten der Welt zu umfassen? Ein Auge,
das in die Himmel dringt, will ihren Glanz auf Erden erblicken, und soll sie den
heiligen Zorn weniger als die Liebe verstehen? Kann sie den Frieden ohne den
Krieg wnschen? oder glaubst du, sie gehre zu den engherzigen Gemthern, die
meinen, mit einem frommen Wunsche die ewige Seligkeit herbei zu rufen? Das
nicht, unterbrach ihn Florio, sie htte, dasselbe fhlend, doch anders
gesprochen. Ich wei es nicht, warum der Klang dieser Worte ein Milaut in
Miranda's Munde wre! Aber in dieser Beziehung fllt er widrig in mein Ohr, und
zieht mir das Herz ngstlich zusammen, ach und sie kann es ja nur zu den
herrlichsten Gefhlen erffnen. Hat sie dich so schnell entzndet? fragte
Rodrich lchelnd. Ich begreife es wohl, fuhr er fort, da du sie nur auf deine
Weise verstehen, und jedes strenge Wort in ihrem Munde fr einen Frevel halten
mut. Die khnen, mnnlich gesinnten Frauen, passen in deinen Himmel nicht, du
frommer Snger! O, sagte Florio, des Himmels Braut trug der Welt den Sohn mit
dem Schwerdte entgegen, aber die Palme blhete in ihrer Hand, und der Friede
strahlte aus ihren Augen! Sie ist mir nicht fremd geblieben, was rechter Art
ist, offenbart sich dem Snger von selbst.
    Hier strzte Stephano wie ein freigelassener Lwe herein. Es ist Krieg, rief
er mit gepreter Stimme. Die Marsch-Ordre ist da, wir beide sind des Grafen
Adjutanten. Ich bitte dich, komm, den Jubel der Regimenter zu sehen! Die ganze
Stadt ist schon in Bewegung, jedes Herz zittert vor Freude. In der Nacht ist der
Courier gekommen. Man sagt laut, der Frst sey emprt, ber die frechen
Anforderungen des Feindes. Alles theilt sein Gefhl. Jung und Alt strmt herbei.
Niemand will zurckbleiben, von allen Seiten erschallen Kriegslieder. Herr Gott
im Himmel, rief er mit zusammengeschlagenen Hnden, so habe ich es doch endlich
erlebt! Es wird ein groer Tag ber diesem Lande aufgehen. Es ist, als blitzte
Eine Flamme aus aller Augen, sogar die Weiber, fuhr er fort, fhlen was ein
Vaterland sey! Sogar die Weiber, wiederholte Rodrich, den Stephano's Glut
unwillkhrlich erkaltete, ich verstehe dich nicht wohl, es gab eine Zeit, wo du
mit Alexis ber den Wahn so einseitiger Anhnglichkeit strittest, und diese
Migeburt veralteter Zeiten, als lngst abgefallen und verwittert ansahest. Ich
erinnere mich genau, von dir gehrt zu haben, da jetzt weder von dem Menschen
noch dem Staate, als Individuen, die Rede sey. sondern da die allgemeinen
Strebungen das Ganze umfaten, und das Leben daher weniger in hervorleuchtenden
Momenten, als in einem gleichmigen Fortschreiten still in einander greifender
Krfte bestehe. Diese weltbrgerliche Gesinnungen halten dennoch wohl die Probe
bei hnlichen Veranlassungen nicht aus, das gleichgefhlte Recht des Eigenthums
drngt jeden zu Vertheidigung und Rache. - Ich bin zu befangen, erwiederte
Stephano, um mich jetzt vor dir behaupten zu knnen, und ich gestehe dir auch,
da mir alles, was ich sonst dachte und sprach, in diesem Augenblick sehr schaal
und leer erscheint. Ich mag gar nicht untersuchen, was mich jetzt so ber allen
Ausdruck bewegt, was, wie tausend zuckende Blitze meine Brust durchfhrt, und
mich in freudiger Wuth fortreit, so da ich nirgend Ruhe finde, und selbst Hand
an mich legen mchte, um die innern Vulkane auszustrmen. Wer kann jetzt
motiviren und klgeln? Es mag seyn, da die bloe Kampflust mich und Alle
treibt, da die groe Reibung gesammter Krfte die innern Schwingen hebt, und
Vaterlandsliebe und Eigenthumsrecht weit berflgelt, es mag auch anders seyn,
ich wei nichts, gar nichts, als da ich endlich einmal messen und prfen will,
was ich vermag. Der Schneckengang nchterner Thtigkeit trennte ja alle freie
Bewegung, Niemand wei was er soll und kann, so lange die ungebte Kraft wie ein
bldes Kind in die Welt hineinsieht, und jede khne Regung gefangen hlt. Jene
erschpfenden Definitionen fallen von selbst, sobald das rechte Leben anhebt.
Die alten Helden, sagte Florio mit bescheidener Stimme, die noch einen Glauben
und eine Liebe kannten, wuten, meine ich, trotz aller wilden Streitlust,
dennoch warum sie fochten, und ich dchte, wer das Recht und die Wahrheit nicht
von Angesicht zu Angesicht schauete, der knne nie auf Sieg hoffen. Stephano,
der in seiner Freude den Jngling bis dahin nicht bemerkt hatte, ward seltsam
durch die Milde seiner Stimme getroffen; er betrachtete ihn aufmerksam, dann
sagte er, den Kopf in beide Hnde sttzend, ich mag jetzt ber nichts streiten,
Gott wei es, wie verworren und wild es in meiner Brust tobt. Sie sollten mit
uns gehen, fuhr er nach einer Weile, Florio die Hand reichend, fort; ihr Anblick
mte jedem wohlthun, und die unruhigen Begierden snftigen. Ich folge meinem
Rodrich berall, erwiederte dieser, wohin sein Schicksal ihn fhrt. Rodrich, den
die letzten Worte wieder in seine gewohnte bessere Stimmung hinberzogen,
drckte ihn gerhrt an sein Herz, indem er sagte, jetzt, mein guter Junge,
darfst du mich nicht begleiten, das verbietet die hergebrachte Ordnung. Manches
rohe Wort knnte dich treffen, was mich und dich krnken wrde. Aber nahe wollen
wir einander dennoch bleiben, und ich will zu dir wie zu meinem guten Engel
flchten, wenn das Leben mich wieder so kalt anfat und die innere Lust
erstarrt. Ein Himmelsbote sollst du mir in trben Augenblicken erscheinen. Mein
Florio, sieh mich nicht so wehmthig an. Gewi, du folgst mir bald, recht bald.
Wie knnte ich mich denn auch aufs neue von dir losreien wollen, dein frommer
Blick soll sich schirmend zwischen jeden wilden Gedanken legen, und ihn auf ewig
von mir abhalten. Jetzt erlaube mir inde, da ich dich zu einer Freundin fhre,
der du ein lieber Trost seyn wirst, und die dich wohl selbst, wenn es sich
anders fgen will, zu uns begleitet. Bis dahin sey ruhig Lieber, Seraphine wird
dich gern aufnehmen, und du wirst bei diesem leichten, tndelnden Gemth, deine
Kinderwelt am ersten wiederfinden. Ach, du fhlst es nicht, sagte Florio, mit
abgewandtem Gesicht, wo meine Welt blhet, du und wenige wissen, wie ein Gedanke
das ganze Leben umfassen, und jede andere Rcksicht vernichten kann, darum
begreifst du auch nicht, was mir es kostet, ohne dich zurck zu bleiben. Du
sprichst so ruhig davon, als glte es irgend einer andern Vorkehrung deiner
Reise. Es mu ja wohl so seyn. Ich bleibe, weil du es willst, und wo du willst.
Mir gilt jeder Ort gleich, seit du mich aufs neue von dir verbannst. O seht
doch, seht, rief Stephano, auf eine nahe gelegene Hauptwache zeigend, da wird
der Ausmarsch recht anmuthig gefeiert. Das Cithermdchen sa in den Zweigen
einer schattigen Linde, und sang und spielte, whrend die Krieger im Kreise um
den Baum standen, und still auf folgende Worte lauschten:

Auf jener Wiese glhen
Die Blumen purpurroth,
Die allesammt erblhen
Aus vieler Helden Tod.

Es sind die blut'gen Wunden,
Die auf zum Himmel seh'n,
Im Sonnenlicht gesunden,
Verknden, was gescheh'n.

O, sagt nun, heil'ge Zungen,
Wes Thaten feiert ihr?
Wer hat den Tod bezwungen?
Wer ruht verklrt allhier?

Da weht es in den Halmen,
Da rauscht es in der Luft,
Die Erde will's zermalmen,
Es sprengen aus der Gruft.

Die khnen Reiter alle,
Auf wei und goldnem Ro,
Die einst im herben Falle
Besiegt der Feinde Tro.

Wir, tnt es aus der Ferne,
Der Lnder Wehr und Zier,
Glh'n nun als Himmelssterne,
Erblh'n als Blumen hier.

Der Zauber ist verschwunden,
Die alte Schuld gelst.
Die haben Ruh' gefunden,
Die kmpfend sich erlst.

Als sie geendigt, schallte es wie aus einem Munde:

Die khnen Reiter alle,
Auf wei und goldnem Ro,
Die einst im herben Falle
Besiegt der Feinde Tro.

Das Mdchen wiegte sich inde in den Zweigen, und weigerte sich herunter zu
kommen. Da schwang sich ein schlanker Crassier zu ihr auf, und sie umfassend:
sang er:

Der Krieg lst alle Bande,
Der Krieg trennt Seel' und Leib,
Er zieht in ferne Lande
Den Mann vom Eheweib.

Nun ist die Lust gestorben,
Gewelkt der Myrtenkranz,
Um sie hat Tod geworben
Im frischen Minneglanz.

Da sitzt sie in der Kammer
Und weint in Todesnoth,
Ach, und im herben Jammer
Glht ihr das Morgenroth.

Des Hauses Thr verschlossen
Seit jener trben Zeit,
Wo Thrnen nur geflossen,
Geschwiegen Gastlichkeit.

Die hrt sie jetzt erklingen,
Die thut sich pltzlich auf.
Wer mag ihr Freude bringen?
Wer hemmt der Thrnen Lauf?

Ein Pilger thut sich neigen
Und spricht: Euch gre Gott;
Wollt mir den Ring wohl zeigen,
Den ihr jetzt tragt zum Spott.

Und auch das Tuch von Seide
Gebleicht im Mondenschein,
Das ihr im tiefen Leide
Bewahrt im goldnen Schrein.

Es fodert diese Gaben
Der Eheherr zurck;
Ich mu sie wieder haben,
Spricht er mit zorn'gem Blick.

Zu lsen das Verbrechen,
Zu lschen wilde Glut,
Die stummen Zeugen rchen
Zu laut den Wankelmut.

Sie giebt den Ring ihm willig,
Sie ffnet still den Schrein,
Was er verlangt ist billig,
Ich will'ge in Demuth ein.

Und wie sie dies gesprochen,
Sinkt sie erbleichend hin;
Das Herz ist ihr gebrochen,
Entschwunden Welt und Sinn.

O Jesus, meine Wonne!
Ruft laut der Pilgersmann,
Blick auf, du reine Sonne,
Sieh, Angst und Weh zerrann.

Wirf ab, wirf ab die Sorgen,
Dein ist das treu'ste Herz;
Auf Abend folgt der Morgen,
Lust keimt aus Liebesschmerz.

Die kleine Sngerin hatte sich vertraulich an ihn gelehnt, und sah ihm zufrieden
in die freundlichen Augen; aber die Alten lachten, und meinten, sie solle sich
darauf nur verlassen, dann sei sie gut berathen; das Herz habe im Kriege nicht
Platz fr derlei Erinnerungen. Solche weie Tubchen, wie sie, flgen hinein und
heraus. Das mache den rechten Soldaten, da er zu jeder Zeit mit frischem Herzen
liebe und hasse, wie das vernderliche Leben es von ihm fodre. Nun, nun, fuhr
der Eine fort, und reichte ihr gutmthig die Hand, werde nicht bse, Kleine, es
ist nicht so ernstlich gemeint, und als sie ihm dennoch die Hand verweigerte,
sang er im tiefen Ba:

Hab' ich dir was zu Leide gethan,
Rufe Dich um Vergebung an,
Reiche mir deine Hnde,
Weil es geht zum Ende.

Sie sprang behend auf seine Schulter, und er trug sie unter lustigem Zuruf der
Andern davon.
    Wenn marschiren wir, fragte Rodrich, dessen Herz immer unruhiger klopfte.
bermorgen, erwiederte Stephano. Deine Frage, setzte er hinzu, erinnert mich an
alle die tausend Kleinigkeiten, die uns in dieser Zwischenzeit genugsam
beschftigen werden. Nun, es gehrt ja auch dazu, darum la uns nur immer frisch
Hand anlegen. Sie sprachen hier weitluftig ber die nthigen Einrichtungen, und
trennten sich endlich, damit jeder das Seinige besorge. Vor allem mute Rodrich
zum Grafen. Er eilte zu ihm, und erhielt dort Auftrge, die ihn eine Zeitlang
von sich und seinen schwankenden Vorstellungen der Zukunft abzogen.
    Florio sah ihn kommen und gehen, ohne gleichwohl sein geschftiges Treiben
durch irgend eine Beziehung auf sich zu unterbrechen. Nur am Abend, als Rodrich
einen Augenblick neben ihm ruhete, und schweigend seine Hand drckte, brach der
innre Schmerz hervor. Wie seltsam, sagte er, spielt das Schicksal mit mir!
Nachdem ich leichtgesinnt alle Hindernisse berflogen, alles verlassen habe, was
mich von dir zurckhielt, unbekannte Gegenden durchstreifend, die Welt wie eine
liebe Heimath begrte, weil ich dich berall ahnete und sahe, mu ich dich
endlich finden, um dich gleich darauf zu verlieren! Soll denn das Leben wie ein
buntes Spiel an mir vorberziehen, und darf ich nie bei einer Freude verweilen?
- Rodrich erffnete ihm beruhigend eine bessere Zukunft, ohnerachtet er selbst
den eignen Wnschen keine bestimmte Richtung zu geben wute. Er bat ihn darauf
um nhere Auskunft seines vergangenen Lebens. Darber, erwiederte jener, wei
ich wenig Deutliches anzugeben. Das Meiste liegt wie ein Traum hinter mir, wo
sich die Erscheinungen in einander verlieren, und das dunkle Gefhl der Wehmuth
oder Freude uns allein brig bleibt. Auch habe ich weniger mit Menschen als mit
der Natur gelebt. Nicht da ich jene nicht unaussprechlich liebte, oder da ich
kalt von ihnen zurckgewiesen wre, allein Vieles in ihren Verhltnissen ist mir
fremd geblieben, oder erschien mir doch schwer und drckend. Spterhin zogen
mich die Klster, ihres herrlichen Gesanges und der wundervollen Gemlde wegen,
zu sich hin. Die alten frommen Sagen, die Gebilde der Vorzeit, das heimliche,
innerliche Leben, das sich nur dann und wann in Klngen verkndet, alles dies
fesselte mich oft viele Tage hindurch, und ich verstand die Natur nie besser,
als wenn ich so aus dieser abgeschlossenen Welt zu ihren wechselnden Spielen
zurckkehrte. Ich erkannte hier den heiligen Ernst, wie er in bunten Kleidern an
den Menschen vorbergeht, die ihn lieben, ohne ihn zu kennen, und oft dachte ich
des Abends, wenn der lustige Farbenschmuck zerrann, und Hain und Wlder
schwiegen, die frommen Brder trten zu mir hin, und sagten mir dasselbe, was
jene zuvor in tausend Weisen verkndeten. Mir ward es in solchen Augenblicken
klar, da wir, so wie die Nacht, auch das innere Walten des Geistes, vertrumen,
und da es recht schwer ist, sich selbst in den einzelnen Lauten zu verstehen,
die, gerade wie der Traum, zu uns heraufdringen, und dann wieder lange Zeit
hindurch schweigen. Ich habe in hnlichen Stimmungen viel gedichtet, aber es war
so lose und unzusammenhngend, da es dem Gedchtni entfiel, und ich darber
die schnsten Erinnerungen einbte. Ich verlor mich dann auch wieder in groe
Stdte, bei festlichen Aufzgen, Versammlungen, berall, wo ich dich zu finden
hoffte. Gesang und Musik verschaffte mir leicht Zutritt. Dies sind Bande, die
berall die Menschen vereinen. Es ist wohl sicher Gottes Stimme, die Niemand
berhrt. Viele reden freilich mehr davon, als sie empfinden; aber es geht ihnen
damit, wie mit der Tugend. Sie ahnen ihre Gttlichkeit, und mchten sie doch zum
Scheine lieben, und ohne da sie es glauben, werden sie, wenigstens fr
Augenblicke, durch sie bezwungen. Wie viel kalte Herzen sah ich durch die Gewalt
der Tne erweicht und belebt, die sich dann wohl wieder verschlossen, aber doch
eine Sehnsucht nach jenem seligen Vergessen ihrer einengenden Rcksichten
behielten. So habe ich den Cardinal, und durch ihn dich gefunden. Wie,
unterbrach ihn Rodrich, diese Hand htte dir den Weg zu mir gebahnt? Ich wei
nicht, erwiederte jener, wie es kam, da mich sein kalter Blick nicht schreckte,
und ich darein willigte, ihn hieher zu begleiten. Mich bestimmte weder ein
lebhafter Gedanke an dich, noch irgend eine andre Hoffnung. Ich gab mich dem
Schicksale ganz rcksichtslos hin, da mir berdies alles gleich unwichtig
schien, so lange du mir fehltest. Ach und sieh, die Menschen denken und sinnen,
erwgen und messen, und am Ende thun sie doch auch nichts anders, als sich
glubig in Gottes Arme werfen. Es giebt immer einen Punkt, wo die menschliche
Klugheit nicht zureicht. Zuweilen ahnen wir ganz dunkel, da diese uns berall
mileiten knne, und werfen uns getrost in das offne Meer des Lebens. Wie
thricht das auch von fern aussieht, so ist es dennoch schn, da man sich
berall gehalten fhlt. Mein Cardinal war wohl ein trocknes Reis, aber es hielt
mich dennoch, und ich kam bis zu dir. Wer mchte auch ber die Mittel rechten,
die uns die Vorsehung sendet! Frchte brigens nicht, fuhr er fort, als Rodrich
gedankenvoll vor sich hin sahe, da mich irgend ein Band an ihn kettet. Ich habe
immer die Freiheit ber alles geschtzt. Beschwerden achtete ich nie,
Bedrfnisse kenne ich nicht, was sollte mich daher fesseln, wenn es nicht die
unendliche Liebe ist, die ich von jeher zu dir im Herzen trug. Wie kam es aber,
sagte Rodrich, noch immer das Bild des Cardinals festhaltend, da ihr euch
traft? Sd und Nord drfen die je einander berhren? Es war um Mitternacht, hub
Florio erzhlend an, als er eben die Messe gehalten, und sein Herz vielleicht in
Demuth zu Gott gewendet hatte, da er nicht eben weit von der Kirche, vor einem
kleinen Hause vorber ging, an welchem ich singend lehnte. Es war ein heilig
Lied, das in frommer Andacht aus meinem Innern drang. Er blieb einen Augenblick,
mich betrachtend, stehen. Da schwieg ich ehrerbietig, und er ging still vorber,
wandte inde mehreremale den Kopf, und sah immer wieder zu mir hin. Ich hatte
ihn schon vergessen, als wir bald darauf einander in der Kirche trafen. Ich wei
nicht, was er sich bei meinem Anblick denken mochte, allein er stutzte anfangs,
und doch konnte er seine Augen nicht von mir wenden. Mir kam er seltsam vor. Ich
hatte kein rechtes Herz zu ihm, inde folgte ich wenige Tage darauf seiner
Einladung, die mich zu ihm fhrte. Er empfing mich mit mehr Gte, als sein
stolzes Ansehen erwarten lie, doch sahe er vornehmer als in der Kirche auf mich
hin. Nach einigen Worten ber mein Talent, das, wie er versicherte, ihn
berrascht habe, fragte er nach meinem Vaterlande, meiner Herkunft, den
Ursachen, die mich zu dieser Stadt gefhrt htten, in welcher ich
augenscheinlich als Fremder ohne sonderlichen Anhang lebe? Ich hatte viel Muth,
allein ich empfand eine innere Scheu in seiner Gegenwart, unsrer frhern
Verbindung, meiner kindischen Wnsche und unsichern Hoffnungen zu gedenken. Es
wre mir unmglich gewesen, deinen Namen auszusprechen, und doch hing er mit
allen geheimnivollen Regungen, mit dem verwischten Glanz meiner Jugend, ach,
mit jedem Gedanken, der mich von da an begleitete, zusammen. Ich sagte daher,
mein einfaches Leben sey nicht werth von ihm beachtet zu werden. Ein Hirtenknabe
wandre ich unstt durch die Welt, die mir von meinen Thlern aus so lockend
erschienen sey. Ich freue mich Sprache und Sitten der Vlker in ihren Gesngen
zu erkennen, und finde meine Heimath berall in der Zauberwelt der Klnge. Er
schien unbefriedigt, und ich fhlte mich unsicher und ngstlich. Nach einem
augenblicklichen Schweigen trat er auf mich zu, und fragte mit gespannten
zweideutigen Mienen, ob ich meine frheren Jahre nicht in einem Kloster verlebt
habe? Es war sichtlich, da ihn irgend eine falsche Vermuthung mileite; inde
war mir aller Irrthum von jeher zuwider, mich befiel eine peinliche Angst, und
ich mochte wohl betroffen aussehen, als er mich gtig bei der Hand nahm und
sagte, er wolle nicht in mich dringen, wenn diese Erinnerungen mich schmerzten;
er wisse berdem jetzt genug, es wrde sich alles aufklren. Dies gab mir die
nthige Zuversicht wieder, und ich versicherte ihm sehr unbefangen und ehrlich,
da ich wohl in Klstern gelebt, sie aber erst in sptern Jahren aufgesucht und
in ihnen gelernt habe, da die Wahrheit berall siegen msse. Er lie meine Hand
fahren, und ging schweigend im Zimmer aus und nieder. In mir war alles wieder
ruhig und still, und ich ergtzte mich an den reichen Verzierungen, die uns
umgaben, als er mit vieler Heftigkeit ein Seitenzimmer ffnete, mir einen reich
gestickten Mantel mit goldnem Ordenskreuz zeigte, und mich ernsthaft fragte: ob
ich dies Gewand nie als Kind gesehen und im Spiele getragen habe? Mein Gott, was
erwiedertest du? sagte Rodrich in der heftigsten Bewegung. Ich mute wirklich
lachen, entgegnete Florio, seine Unruhe nicht beachtend, da unsre Htte solchen
Reichthum wohl nie umfate. Der Cardinal konnte auch meine Aufrichtigkeit nicht
lnger bezweifeln, denn er sagte gerhrt: nein, so lgt man nicht in der Jugend!
Als wir bald darauf von einander schieden, hrte ich im Weggehen, da er laut
ausrief: es ist unbegreiflich, da diese Zge mich tuschen konnten! Wir sahen
einander oftmals wieder. Das Geheimnivolle in seinem Betragen hatte etwas
Anziehendes fr mich, und da er sich immer bei meinem Anblick zu erweichen und
zufriedner zu seyn schien, so willigte ich ein, ihn hieher zu begleiten. - Es
ist klar, sagte Rodrich nach einem kurzen Schweigen, mich, mich will er haben! O
jetzt treten die allerfrhesten Erinnerungen hervor. So knnte ich denn mein
dunkles Schicksal aufdecken! Gott wei es, welche peinliche Angst mich
zurckhlt! aber ich kann nur mit Schrecken daran denken, den Schleier zu heben.
Wer wei, was darunter liegt! Ich zittere wie ein Kind, etwas Ausserordentliches
zu sehen, und am Ende ist es wohl nichts, als das Allergemeinste, was mich
spottend ansieht, und die stolzen Hoffnungen in den trben Strom bedrftiger
Wnsche zurckwirft. Jetzt, nur jetzt, mu ich den glnzenden Wahn noch
festhalten! mgen dann die Zeiten alles zerstrend berhren, wer kann wissen,
wie es ber kurz oder lang endet! - Was redest du fr seltsame Dinge? unterbrach
ihn Florio. Dich suchte der Cardinal? warst du denn jemals im Kloster? und mich
soll er fr dich angesehen haben? Ach du weit es nur nicht, erwiederte jener,
ich schwieg ja in eurer Gegenwart von allem, was mir das Herz zusammenzog. Ja,
ich war im Kloster lange Jahre hindurch, und wie auch der Cardinal mit meinem
Leben zusammenhngt, ich glaube ihn dort gesehen zu haben, doch so frh, da mir
nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist, und er, die kindischen Zge
leicht vergessend, sie berall in jedem fremden Gesicht zu finden glaubt.
    Rodrich schttete nun sein ganzes Herz vor ihm aus, und wie er der
Vergangenheit gedachte, konnte er nicht umhin, prophetische Blicke in die
Zukunft zu werfen. Florio bat ihn, Gott zu vertrauen, der sich niemals
widerspreche, und der Natur eines Jeden gewhre, was sie durch ihr lebendiges
Wollen verlange. Ich werde es niemals glauben, setzte er hinzu, da Mensch und
Welt in so argem Widerstreite gegen einander stehen, und die Nothwendigkeit sich
gegen den innern Ruf so aufthrmen knne, da dieser unbeantwortet bliebe, oder
der Geist, in eigner Erniedrigung verschmachtend, dahin getrieben wrde, sich
durch freche That zu befreien. Das hat noch Niemand gro gemacht, da er mehr
gewollt als er gedurft. Wenn man recht zusieht, bietet sich doch alles einander
die Hnde, und wer zu Gott will, mit dem ist Gott auch sicherlich. Rodrich hrte
nicht recht auf das, was er sprach. Sein Denken war berall unstt, oder in
Einem Gegenstande befangen. Beides traf hier zu. Mirandas Besitz beschftigte
ihn ausschlieend, und doch war es als wenn auf diesem hchsten Gipfel seines
Glckes noch tausend andre Wnsche, wie Cristallspitzen, anschssen, die, alle
Farben spielend, seine Sinne unruhig umhertrieben. La uns noch einmal nach
Theresens Garten gehen, rief er aus! ach, es war so unbeschreiblich schn dort!
Florio folgte ihm willig. Allein da sie hinaustraten, wehete ihnen ein feuchter
frischer Wind entgegen, der Himmel war trbe, hin und wieder fielen einzelne
Regentropfen, die sich, je weiter sie gingen, verdoppelten, und zuletzt in
Strmen ergossen. Rodrich wollte sein Vorhaben nicht aufgeben, bis er zu der
Gartenthr kam, die gerade jetzt wohl durch einen Zufall verschlossen war. Er
blieb ganz erschrocken stehen. Soll ich sie denn nicht wieder sehen, sagte er so
leise, als wre selbst der Klang dieser Worte von bler Vorbedeutung. Denn das
ist kein Sehen zu nennen, fuhr er unwillig fort, wenn ich morgen mit hundert
Andern dahin gelange, einen kalten frmlichen Abschied in des Frsten Gegenwart
von ihr zu nehmen; dieses Menschen, der mir doppelt widrig ist, seit er sich
hinter alten Gebruchen verschanzt, um sein Heer nicht auf dem einzigen Wege zu
begleiten, der ihn wenigstens zu einem wrdigen Tode fhren knnte. Mssen die
verhaten Umgebungen so schneidend zwischen uns treten, und soll ich mit Ha und
Widerwillen zu kmpfen haben, wenn ich sie sehe? Der Himmel sollte mir doch
wenigstens dies Eine Gefhl rein erhalten! - Schilt den Himmel nicht, sagte
Florio sanft. Knnte ein Gefhl deine Brust erfllen, glaube mir, die Umgebungen
hinderten es nicht. Manchem erscheint das Leben wohl nur so strend, weil alles
leicht zerstrbar in ihm ist. Komm nur, fuhr er fort, wir wollen die Stadt noch
ein wenig durchstreifen, vielleicht zerstreuen dich die lustigen Kameraden, die
alle Sorgen hinter sich lassen, und im frhlichen Rausch nur vorwrts Glck und
Wohlleben sehen. -
    Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie Stephano trafen, der in
unglaublicher Bewegung berall war, und sich mit Entzcken in das neue Leben
verlor. Es giebt, sagte er, als er sie erblickte, in der Welt keinen khnern
Idealisten, als den Soldaten. Auch der Erfahrenste tritt die oft empfundenen
Widerwrtigkeiten lachend nieder, und sieht unverwandt in die Sonne des Ruhmes.
Es ist, als wren Mhe und Noth, Gefahr und Wunden gar nicht da, so freudig
sieht er darber hinaus. Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich an allem
ergtze, was mich umgiebt. Jeder Krieger ist sicher ein Mrtyrer seines
unerkannten Gefhls, und eben diese Bewutlosigkeit giebt ihm das unbefangne
Kindliche, die frische Heiterkeit, die ein unversiegbarer Quell wohl ersonnener
Spchen bleibt. Ja wohl, sagte ein Mann in Grau gekleidet, den Stephano ganz
dreist fr einen Schulmann erklrte, ja wohl gleicht der Soldat dem Kinde, das
hundertmal ber einen Stein gefallen ist, und ihn doch nicht sieht, wenn die
lockende Frucht aus der Ferne winkt. Das ist ja eben das herrliche in ihm, fiel
Stephano schnell ein, da ihn keine niedertrchtige berlegung von einem
dreisten Schritt zurckhlt. Der Engel mit dem Schwerte leihet dem Krieger seine
Schwingen, um ihn ber die Erbrmlichkeiten des Lebens hinaus zu tragen. Knnte
der Tollkhne, fuhr der graue Mann fort, das glnzende Elend durchschauen, er
wrde gedankenvoll und mit Weisheit die Bahn betreten, oder mindestens drften
seine Fhrer den Stein zu umgehen suchen. Nun ich sehe zum Glcke, sagte
Stephano, da ein letztes Fnkchen dieser Tollkhnheit jedem und auch ihnen
beiwohnet, da sie so rcksichtslos mit und von den Soldaten reden. Hten sie
sich aber doch vor diesem Stein, ihr khner Geist mgte sie nicht bei allen auf
gleiche Weise empfehlen. Sie wandten sich von dem friedliebenden Lehrer, den ein
paar kecke Bursche spottend nthigten, mit ins Feld zu ziehen. Er werde, meinten
sie, in der Schlacht gut thun, da er mit den kurzen Beinen nicht weit laufen
knne.
    Rodrich's Ahnungen hatten ihn inde nicht betrogen. Er sahe Miranda erst am
folgenden Abend in der groen Hofversammlung. Die Stunden rollten dort quaalvoll
in kalter Frmlichkeit hin, ohne da sich der Augenblick fand, in welchem ein
herzliches Wort zu ihm gedrungen wre. Miranda sprach wenig, sie schien sehr
bewegt, ihre Blicke senkten sich oft zur Erde, und einmal glaubte Rodrich eine
Thrne in den dunkeln Wimpern zu sehen. Er wute selbst nicht was ihn
zurckhielt, sich ihr wie viele Andre zu nhern. Er zgerte und kmpfte, als
pltzlich alles aufbrach, und er in einer kalten Verbeugung sein Blut erstarren
fhlte. Die zurckgedrngte Leidenschaft drohete ihn zu ersticken. Er hatte
nicht die Kraft den Fu zu heben, und verweilte in ngstlicher Betubung einen
Augenblick, als die Prinzessin schnell auf ihn zutrat. Ihre Brust hob sich
unruhig, als kmpfe sie mit zurckgehaltnen Thrnen; stockend sagte sie endlich:
Ich habe vergessen, sie von Rosalie zu gren, bei der ich diesen Nachmittag
war. Die Arme hoffte sie jeden Augenblick zu sehen, um ihnen Lebewohl zu sagen.
Ich habe recht mit ihr getrauert, sie htten sie nicht um diese letzte Freude
betrben sollen. Es war eine von den wenigen klaren Stunden, in denen sie ihr
Leben mit Ruhe umfat, und still in sich selbst zurckgehet. Vergessen sie es
nicht, da eine bekmmerte Freundin fr sie betet, die ihnen dies Andenken, als
eine liebe Erinnerung schner Augenblicke, giebt. Er empfing mit Entzcken einen
kleinen Ring aus ihrer Hand, den er noch betrachtete, als sich alles um ihn her
verloren und Miranda lngst entfernt hatte. So liebreiche Worte durfte er kaum
erwarten. Er drckte das Zeichen stiller, heiliger Zuneigung an seine Lippen.
Ja, meine fromme Geliebte, sagte er leise, bete nur, da ich immer so demthig
und rein, wie in diesem Augenblick, zu dir aufsehe! Ist es doch, wenn ich den
Ton ihrer Stimme hre, als gebte sie den innern Wogen Stille. Ich gebe mich
dann auch so willig hin, und lasse sie walten, als htten ihr von Ewigkeit alle
meine Gedanken angehrt. Es war ihm fast lieb, nicht bei Rosalien gewesen zu
seyn, so gewi er auch glauben durfte, da Miranda ihn dort aufgesucht habe.
Dieser pltzliche Wechsel, der geheimnivoll wehende Liebeshauch, der ihn
anrhrte, als wolle er die Flammen aus dem Eismeere locken, die unnennbare
Freude, die pltzlich durch sein ganzes Wesen zitterte, welche andre Wonnen
konnten diese aufwiegen?
    Er eilte zu Florio, um in dies treue Herz sein Glck zu ergieen. Als er ihn
sah, schlo er, ihn freudig in die Arme, und zeigte ihm den Ring, der ihm sein
stummes Entzcken erklren sollte. Florio betrachtete gerhrt das Kleinod. Es
war eine groe Perle, die in einem Blumenkranz von feinstem Golde lag. Je lnger
er darauf verweilte, je lebhafter ward er an den feurigen Reif auf dem Bilde der
Dame erinnert. Er konnte sich kaum der Thrnen erwehren, und gab ihm den Ring
schweigend zurck. Verzeihe, sagte er, als ihn Rodrich verwundert ansahe, wenn
ich dir kalt erscheine, ich bin von allem, was ich heute sehe, auf eine
ngstliche Weise ergriffen. Die ganze Welt scheint mir in einer peinlichen
Beklemmung zu liegen. Es ist als wenn alle zurckgehaltene Thrnen des nahen
Abschiedes auf meine Seele fielen. Ich war bei der Grfin, wie du es wolltest.
Sie empfing mich gtig, und meinte: wir mssen beide die Undankbaren vergessen,
die uns jetzt mit freudiger Ungeduld verlieen; aber sie lchelte dabei so
wehmthig und sah so kummervoll auf den geschftigen Grafen, da man wohl
fhlte, was ihr jeder Scherz kostet. Sie bittet dich, die letzten Stunden dieses
Abends bei ihr zuzubringen. Alle Freunde sind dort. Sie versichert im voraus,
da sie eure Freude auf keine Weise stren, sondern den Augenblick so fest
halten wolle, als knne der morgende Tag niemals hereinbrechen. Florio, sagte
Rodrich sanft, du entkmmst mir nicht, trotz dem ungewohnten Strom deiner Worte,
und den neuen Bildern, die du ngstlich vorberfhrst. Beschftigt auch dich der
Ring allein? Sage doch, mein guter Junge, was bewegt dich dabei so seltsam? Hast
du nicht in meine offne Seele gesehen? war ich je bemhet, dir selbst die trben
Flecken darin zu verbergen? und darfst du dich gleichwohl vor mir verschlieen?
Florio widerstand dem sanften Eindringen nicht. Er fate seine Hand, und
vertraute ihm, was er seit jenem Augenblick sorgfltig in seiner Brust
verschlo. Sie betrachteten beide den Ring; in dem rthlichen Schein der Perle
strahlte Florio jene nchtliche Erscheinung zurck, er senkte den Kopf in beide
Hnde, und weinte still vor sich hin. La nur, sagte Rodrich, die Zeit wird das
Rthsel lsen, und mag auch eine blutige Thrne auf die flammende Glut fallen,
wer wei was daraus hervorgeht!
    Bald darauf trafen sie bei Seraphinen ein, die sie bleich und mit verweinten
Augen empfing. Rodrich fate gerhrt ihre Hand. O, sagte sie halb lachend halb
weinend, thun sie sich keine Gewalt an, die Freude glnzt so unverschmt aus
ihren Augen, da jede Bemhung, traurig zu scheinen, vergeblich ist. Nein, nein,
fuhr sie fort, als Rodrich im Begrif war zu antworten, lat uns durch nichts
erweichen, der Ton ist der rechte, den ich eben angestimmt habe, die dreiste
Frhlichkeit soll den Schmerz wenigstens fr heute verscheuchen. Sie versuchte
bald dem Gesprch eine leichtere Wendung zu geben; allein was sie auch that, die
Anstrengung war berall sichtbar, und verbreitete eine ngstliche Unruhe, jede
Lcke auszufllen, die das unterdrckte Gefhl nur noch stechender hervorrief.
Ihr Kinder, sagte endlich der Graf, so geht es nicht. Das Herz widersteht in
ernsten Augenblicken knstlichen Spielereien, darum lat uns das bel recht
scharf ansehen, man gewhnt sich ja an den hlichsten Anblick. Seraphine lehnte
sich an ihn, und weinte sanft, whrend er fortfuhr mit Ernst ber den Krieg zu
reden, und die Herrlichkeit eines ehrenvollen Todes herauszuheben. Die muthige
Seele meiner Seraphine, sagte er, sollte nicht vor dem schnsten Lohne
zurckbeben, der einen tapfern Krieger erwartet. Ich habe das Leben immer heiter
angesehen, der letzte Augenblick wird mich ja auch nicht tauschen. Gott wei es,
ich denke nicht leichtsinnig daran, ich werde ihn auch nicht vermessen
herbeifhren; allein berraschen sollte er wohl Niemand unter uns! Darum lat
uns recht still und innerlich froh seyn, wie Menschen, die am Ziele einer langen
Fahrt noch einmal einander die Hnde reichen, und wehmthig und getrost auf die
getrennten Lebenswege blicken. Ach, setzte er hinzu, es giebt Leiden ganz andrer
Art! Ich habe gestern mein armes Kind gesehen, das in dumpfem Jammer hinwelkt,
und den Todeskampf wohl tausendmal besteht. Jugend und Lebenslust ringen wie
Gewapnete mit den kalten Strmen, die ber ihre Blthen hinfahren, und zuweilen
dringt ein lauter Schrei aus der Tiefe ihres Elendes, da man wohl fhlt, wie
die Seele noch nicht vom Leibe scheiden will. Ich habe den Anblick nicht
ertragen knnen, am wenigsten aber, wenn in andern Stunden die erschpfte Natur
so in sich abgeschlossen, so kalt und gleichgltig in die dunkle Nacht
hinstarrte, und alles, alles in ihr schwieg. Gott! sagte er bewegt, gieb uns
einen klaren, besonnenen Tod. Alle Blicke richteten sich auf ihn, wie er mit
gefaltnen Hnden recht verklrt zum Himmel sah, und eine groe Thrne ber sein
glnzendes Angesicht rollte.
    Gewi, sagte die Grfin nach einer Weile, ich scheue die Schmerzen nicht,
die mich jetzt fast auflsen. Man fhlt in ihnen Gottes Hand, und das Herz
wendet sich liebreich und ergeben zu Allem, was einem auf Erden theuer ist;
allein mich ngstet im voraus die Unlust, das Einerlei, die rechte innere
Mdigkeit, die bei manchen Gemthern auf solche Erschtterung folgt, und die ich
ganz von fern kommen sehe. Denkt euch, wie farbelos alles, in dem grauen Winter
vor mich hintreten wird! Kein lebendiger Odem kann die ermdenden
Frauengesellschaften beleben, in denen die Langeweile sich so gern als Kummer
und Trbsinn bewhren mchte, wenn die schlaffen Zge nicht unverkennbar ihre
Spuren trgen. Manche stille Seele weint dann wohl im Verborgenen, und gedenkt
seliger Stunden, aber das entzweiet vollends mit der Gegenwart, die Blicke auf
das zu lenken, was nicht mehr ist. Oft, sagte Stephano, der whrend dem mit dem
Gelehrten gekommen war, shnt man sich aber auch mit ihr aus, wenn man sich
lange in andre Zeiten verlor, und nun pltzlich zu ihr, wie zu der alten
Heimath, zurckkehrt, in der zwar wenig von der verlassenen Herrlichkeit zu
finden ist, die inde zu uns gehrt, und der Leib unsrer Zeiten ist. - Nun,
dieser Leib, sagte der Gelehrte, sieht freilich ziemlich zerbrechlich aus; ich
wollte das drre Gerippe zerfiele, und der jugendliche, lebendige Gott schritte
wieder wie ein starker und glubiger Held durch die neuen Zeiten. Das wird er,
das wird er, riefen die jungen Krieger! Ja das wird er, sagte der Graf, glauben
sie nur, das Alte wird wieder neu, freilich anders, aber was jetzt hier glht,
ist doch auch schn und Gott wohlgefllig. Es regt sich in der Asche, fuhr der
Gelehrte fort, vieles kann wieder kommen, was man oft thricht verloren giebt;
ob jetzt? das wei Gott! Allein gewi ist es, der Phnix hebt die Schwingen,
durch einen khnen Flug kann er sich frei machen! Es ist Schade, fiel Stephano
ein, da der Herzog nicht mitgeht! Warum? unterbrach ihn Rodrich schnell, das
Volk liebt ihn nicht, das Heer kennt ihn kaum, was soll er ntzen? Nun,
erwiederte der Graf, sein Name deutet darauf, in solcher Zeit ziehen sich alle
Bande fester, das Vertrauen wchst mit der Gefahr, und: Herren Auge, Gottes
Auge! Sonst war es so, erwiederte der Gelehrte, und mich dnkt, der giebt sein
Land verloren, der die Armee verlassen kann. Wirklich? sagte Rodrich lchelnd.
Der Cardinal, habe ich gehrt, hat den Bruder auch heldenmthig zum Aufbruche
ermuntert, und sich edel genug zur Verwaltung des Reiches erboten. Wer wei,
erwiederte Stephano beleidigt, stnde es dann nicht gut. Sein fester Blick wrde
die Frechen und Kindischgesinnten zgeln, die des Herzogs Gleichgltigkeit
unbeachtet lt. - Es sind groe Opfer fr den Glanz dieses Hauses gefallen,
sagte der Graf, dem Cardinal ist nichts zu werth, was er dieser Idee nicht gern
unterwrfe. Gewi ist es, er bleibt den Winter ber hier. Ohne Absicht geschieht
das nicht. Nun Gott mge alles nach seinem Willen lenken! Der Herzog kann nicht
mitgehen, die Stnde wollen es nicht, und er darf hoffen, da er auch unsichtbar
bei jedem unter uns ist.
    Seraphine hatte unterde mit Florio geredet, und konnte nicht genugsam ihr
Gefallen ber ihn ausdrcken. Nein, sagte sie zu Rodrich, es ist etwas so
Eigenthmliches, Fremdes, ja Veraltetes in ihm, da ich bald ein Kind, bald
einen Heiligen zu hren glaube, so unschuldig und doch so besonnen, so klar und
tief sieht er die Welt an. Ich mchte zuweilen ber ihn lachen, und doch mu ich
ihn unwillkhrlich verehren. Er sagte nur wenige Worte, aber das liegt so
rcksichtslos auf gesellschaftliche Formen, so offen da, da es berall
anerkannt werden mu. Ich glaube, sie sollten alles von sich werfen, und mit ihm
in ihre Berge flchten. Aber das Paradies ist nun wohl fr sie verschlossen, sie
knnen nicht mehr von der Welt lassen, und doch sind sie weder heiter genug, um
unbefangen, noch fest genug, um ruhig in ihr zu leben. Sie wissen, es ist nicht
meine Art, Gemther zu sichten und zu zerlegen, um einen Beitrag meiner
Seelenkunde herauszuheben, wobei die Eitelkeit gewhnlich alle Liebe und
Theilnahme niedertritt, und die natrlichsten Gefhle in Kunstworte zwngt; aber
sie geben sich dem bldesten Auge preis. Ich kann sagen, es strt mich oft recht
wehmthig, wie bei einem leisen Ruf von auen, ihr wilder Sinn so flammend
losbricht, und auch, wenn sie nichts sagen, so schwer und trbe in ihnen
arbeitet, da sie mir wie ein feuriger Berg erscheinen, dessen frische grne
Decke die Menschen vertrauend lockt, sich an ihn zu lehnen, bis er dann
unversehens alles in Asche und Glut verschttet. Ach, und der Augenblick wird
kommen, und sie werden mit verloren gehen! Wenn ich denke, fuhr sie nach einer
Weile fort, in welcher beide schwiegen, wie es sie und mich treffen kann, wenn
ich den geliebten Mann niemals, niemals wiedersehe! Mein Gott, was wrde dann
auch aus ihnen werden! Sie stnden ganz allein, ach und ich knnte nicht mehr in
einer Welt leben, die ohnehin immer trber wird, und die nur die sanfte
Heiterkeit des reinsten Gemthes erhellt. Sie bog sich zurck, und lie ihre
Thrnen still flieen, whrend Rodrich halb erweicht, halb erbittert, ber die
eigne feindselige Natur schweigend vor sich hinsah.
    Die Stunden waren inde unbemerkt entflohen. Der letzte Augenblick nahete,
ohne da es Jemand unter ihnen einfiel, den vertraulichen Kreis zu erffnen.
Stephano hrte zuerst das langsame Rollen der schwer bepackten Wagen, die immer
hufiger durch die Straen fuhren. Bald ward nun alles lebendiger. Niemand
konnte das verworrene Rufen, das Klirren der Waffen lnger berhren. Die
Artillerie zog mit klingendem Spiele vorber, das Geschtz drhnte dumpf auf dem
Steinpflaster. Alle fhlten mit Angst und Freude, da auch ihre Zeit bald kommen
mute, inde wagte Niemand die augenblickliche Stille zu unterbrechen, die recht
ngstigend fast jede Bewegung gefangen hielt. Endlich stellten sich die
Regimenter auf den Straen. Marketenderinnen und anderes Gesindel lrmte frech
vorber, ihre derben Spe fuhren schneidend durch Seraphinens heilige Wehmuth.
Sie verhllte das Gesicht, und kmpfte sichtlich, die schickliche Haltung zu
gewinnen; auch gelang es ihr bald, sich ruhig zu erheben und mit erheiterten
Mienen an das Fenster zu treten. Der dmmernde Morgen stritt noch mit dem
Mondenlichte. Die Gestalten traten wunderbar aus dem magischen Scheine hervor.
Seraphine ward von dem Anblick der rstigen Schaaren berrascht, die mit ihren
glnzenden Waffen so kampflustig da standen, und jeder Trauer zu spotten
schienen. Handwerker und Brger, Mnner und Frauen hatten sich herzugedrngt,
jeder brachte das Seinige sogleich herbei; manche stille Thrne, mancher laute
Zuruf ward gefhlt und erwiedert. Die Offiziere flogen die Reihen herauf,
whrend Blick und Gru der glubigen Geliebten Trost verhie. Alles sah schn
aus in dem Augenblick, wo Thorheiten und Fehler vor der beginnenden krftigen
That verschwinden. Solchen Reiz giebt der edle Wille, und so tief lebt Freiheit
und Recht in der Menschen Brust. Und als nun die Trommeln gerhrt wurden, und
ein langes: lebt wohl, lebt tausendmal wohl, nebst dem lauten Hurrah der
jubelnden Knaben nachhallte, als die betagten Mtter betend zu dem klaren Himmel
aufsahen, und behagliche Krmer und Meister schon in Gedanken den ersten Bericht
von der Armee lasen, sagte der Graf fest: Lat uns thun was seyn mu, die Reihe
ist nun an uns. Seraphine wollte den letzten Moment durch keine Schwche trben,
der Anblick so vieler Tapfern, die heiter und vertrauend dem dunklen Ausgang
entgegen sahen, hatte ihr Muth gegeben. Sie wandte sich beherzt zu dem Gemahl,
der sie still bewegt an sein Herz drckte; ihre Thrnen stockten, sie hatte
keine Worte, Alle schwiegen gerhrt; da schmetterten die Trompeten, die Pferde
stampften wiehernd vor dem Hause, Weiber und Kinder schrien in unvernehmlichen,
herzzerreissenden Tnen. Der Graf drckte noch einen Ku auf Seraphinens bleiche
Wange, und eilte, ohne sich umzusehen, aus dem Zimmer. Stephano und der Gelehrte
reichten einander die Hnde, indem der erstere sagte: es hat Punkte gegeben, wo
wir von einander abwichen, allein was mich jetzt durchdringt und fortreit, das
fhlen sie, und das wollen wir in der Erinnerung festhalten und Freunde bleiben.
Florio ging schweigend neben Rodrich; nur einmal sagte er mit gefaltnen Hnden:
Ach! nun fhle ich auf's neue, wie sich Herz vom Herzen reit, und die Wunde so
still ausbluten mu, bis sie in sich selbst heilt. Lebe wohl! sagte Rodrich
stockend, schwang sich auf's Pferd, und war bald mit Stephano den
Zurckbleibenden aus den Augen.
    Der lustige Gru der Reiter, verwehete schnell die leichten Wolken auf ihrer
Stirn. Ihre Herzen waren weich und offen, die klaren Luftstrme zogen
erfrischend durch sie hin. Alles blickte sie in dem herbstlichen Morgenglanz so
reif und krftig, und doch so scheidend an. Die Erde dampfte und thauete in
unzhligen Tropfen nieder, als weine sie ihren Kindern nach. Da hoben die Reiter
folgendes Lied an, das, wie ein Gesprch, von dem Einzelnen angefangen, und von
der ganzen Schaar beantwortet wurde.

Was zieht dich so lustig zum Thore hinaus,
Was locket dich ber die Brcke?
Was reit dich von Weib und Kind und Haus,
Zu jagen nach schnerem Glcke?
Der Krieg, der Krieg, der lustige Krieg,
Der locket den Reiter, der ruft ihn zum Sieg.

Ach wende die Augen, sieh jenseit dem Flu,
Sieh Wellen in Wellen sich kreisen,
Es schumet die Brandung, es sprudelt der Gu,
La schweigen die lustigen Weisen,
Und schlngen die Wellen auch Habe und Gut
Der Reiter blickt vorwrts, lacht spottend der Flut.

Die Brcke sieh fallen, zerbrechen den Steg,
Kannst nimmer zur Heimath nun wandern.
Die Kindlein, sie jammern auf schlpfrigem Weg,
Die Mutter verhhnt dich mit Andern.
La brechen, la brechen, was halten nicht kann,
Verloren hat niemals, der wieder gewann.

Halt an die Zgel, halt an, um Gott!
Sieh vor dir die Todten-Gebeine,
Es ffnen die Thren, dem Frevler zum Spott,
Die Grber, im stummen Vereine.
Wen kmmern die Grber, wer achtet den Tod?
Es treibet den Krieger ein gttlich Gebot!

Der Graf trabte inde munter vor seinem Regimente her, welches, ohne achtet er
das Haupt-Corps fhrte, so selten und so spt als mglich, von ihm entfernt seyn
durfte. Stephano und Rodrich ritten an seiner Seite. Alle drei hrten dem Liede
zu, als der Wind rauschend durch die trocknen Bltter fuhr, und sie kreisend des
Grafen Wange streiften. Das ist wohl gar der Tod, sagte er lachend, indem er ein
welkes Blatt zerdrckte; nun, setzte er hinzu, das Lied hat Recht, wer achtet
den Tod! Die beiden konnten nicht lachen. Seine Worte waren ihnen schwer auf's
Herz gefallen. Rodrich dachte an Seraphinens prophetische Klagen; seine Blicke
richteten sich wehmthig auf den heitern Greis. Das mgliche Unglck schien ihm
gewi, schien ihm so nahe, da er kaum dem innern Drange widerstand, ihn an sein
Herz zu drcken. Lieber Sohn, sagte der Graf, der seine Bewegung wahrnahm, la
dich das nicht irre machen, in der Jugend hlt man viel auf solche Zeichen, im
Alter wei man, da sich der menschliche Verstand berall anhngt, wo er nicht
hindurch kann, und in den engen Schranken alles zu sehen meint, was ihm Gottes
Hand verbarg. Das Geheimni deuten zu wollen, fhrt auf bse Trugschlsse oder
kindische Spielereien. Wer nicht alles wei, darf niemals glauben die dunklen
Worte zu verstehen, die wohl zuweilen in und um uns erschallen, und die nur an
die unsichtbare Weisheit erinnern, und zur Demuth und Standhaftigkeit ermuntern
sollen. La jetzt deine Gedanken sich lieber auf die thatenreiche Gegenwart
lenken! Viel Sinnen in das Blaue hinein, macht den Blick unsicher und die Tritte
schwankend. Kinder, ich kann euch nicht sagen, fuhr er nach einer Weile fort,
mit welchem Blick ich die Gegend umher betrachte! Keine frhern Erinnerungen
knpfen mich an sie, ich bin nicht alt geworden mit diesen Bumen, ihr Schatten
und ihre Frchte haben erst spt den Fremdling erquickt, und dennoch hlt sie
mein ganzes Herz gefangen. Ich knnte die Erde kssen, die mich so gastlich
aufnahm, wo mir so viel, so viel Freuden erblheten! Ja ich will sie schtzen
als mein kstlichstes Gut! Wir wollen ihr eine Vormauer seyn, an der die
ruberischen Hnde zerbrechen sollen! Wachend und schlafend habe ich nur den
einen Gedanken. Wohl tausendmal schlage ich den Feind im Traume. Nun es wird
geschehen, bei Gott, es wird! Jetzt dringen wir in Eilmrschen vor. Rechts deckt
uns das Meer, links die feste Gebrgskette, so sind wir ber den Grnzen, in
Feindes Land, ehe es die weisen Staatsrthe noch ahnen. Die Armee ist frisch,
krftig, zu Anstrengungen gewhnt, von den Einwohnern geliebt. In solchen Zeiten
wird es dem Landmanne erst anschaulich, was der Soldat im Frieden bedeutet. Sie
haben einen Respekt vor ihm, der zugleich Liebe ist und Dankbarkeit. Das fhlt
der Reiter besonders, der berall einen gewissen Stolz hat, der ihm wohl
ansteht, und nur in einzelnen seltenen Fllen bermuth wird. Rodrich glaubte
nichts Herrlicheres gesehen zu haben, als dies wachsende Feuer, das in den
schnen, beweglichen Zgen des Grafen spielte. Er selbst ward wie neugeboren,
heiter, in sich gewi. So ging es mehrere Tage. Das thtige Leben, der Wechsel
der Gegenstnde, die Neuheit der ungewohnten Verhltnisse, alles that ihm wohl,
trieb ihn aus sich selbst heraus, und gab seinen Gedanken einen uern, festen
Halt, an dem sie wuchsen und reiften, und eben deshalb beruhigter in sich selbst
zurck gingen. Er stie auf nichts, was ihn zurck drngte, oder feindlich
erbitterte. Stephano war ein geflliger Freund, ihre beiderseitige Wnsche fr
den Augenblick erfllt, des Grafen Achtung und Freundschaft zwischen ihnen
getheilt, die Unterhaltung durch ihn bestimmt, leicht und unterrichtend. Alles
traf zu um das Verhltni rein zu erhalten, und Rodrich eine thtige Ruhe kennen
zu lehren, die seiner Natur eigentlich fremd, und nur durch die Umstnde erzeugt
war.
    Nach mehreren Mrschen muten sie inde das Regiment verlassen, um die
wechselnden Hauptquartiere schicklich und passend whlen zu knnen. Es ward nun
immer reicher, vollwichtiger um sie her. Im buntesten Gewhl fremder und doch
innig verbundener Gemther, in der wilden Lustigkeit und dem Ernste
anstrengender Berathschlagungen, in dem Zusammenklang alles dessen, was den
Soldaten ausmacht, dehnte sich Rodrichs Seele, die Schranken traten immer weiter
und weiter zurck, er umfate die Weltgeschichte, in dem lauten, ans Herz
dringenden Ruf der Gegenwart. Was lngst gewesen, ward ihm wieder neu. Die nie
verschollnen Nahmen ewiger Helden erklangen in seiner Brust, der allmchtige
Geist hob sich, und trat die nichtigen Wnsche nieder. Was seine Blicke bis
jetzt wie Irrlichter verlockt, die schwankenden Vorstellungen unsichrer Gre,
drngten sich hier in einen gewichtigen Gedanken zusammen. Das Leben fate ihn
recht herzhaft an, und er begegnete der wohlthuenden Erschtterung mit
wachsender Kraft. berall fhlte er sich wohl, berall blitzten ihm die
versprheten Funken gttlicher Herrlichkeit entgegen, die hier in einer Flamme
aufloderten. Er lernte die Welt wieder lieben, die er nie recht kannte, am
wenigsten, wenn er sie aus dem Gesichte verlierend, sich selbst berflog. Es sah
ihn alles so gro, so neu, wie aus langem Schlaf erwacht, mit frischen,
lebendigen Augen an. Alle Klagen ber gesunkene Weltherrlichkeit erkannte er als
erste Regung des Erwachens. Er glaubte einzusehen, wie das tiefe, bis zum
Schmerz beschmender Erniedrigung empfundene Bedrfni groer Wirksamkeit, die
That nothwendig herbei fhren msse, und wie der Geist nie lange in der Hlle
schmachte, ohne sie zu sprengen und gewaltsam zu fodern, was ihm werden mu,
sobald er es will.
    Noch war er nie so bleibend ruhig in sich selbst, so vershnlich mit der
Welt, so zuversichtlich und heiter gewesen, als in den stillen Abenden, die er
mit Stephano allein bei dem Grafen zubrachte. Alles, bis auf die unbedeutenden
Beschrnkungen uerer Bequemlichkeit, erinnerte sie an das erwnschte Ziel, dem
sie mit jedem Tage nher rckten. Der Graf schrte die Flamme noch mehr an,
indem er sich selbst wohlthtig erwrmte, und seine Plne an dem stillen,
inneren Lichte reisen lie.
    So waren sie ber die Grenzen, dem berraschten Feinde entgegen, in sein
eignes Gebiet gerckt. Kaum hatte dieser so viel Zeit gewonnen, sich vor die
Festungen zu werfen, und das Innere des Landes mit allen Krften berwiegender
Macht, und allen Vortheilen wohlgelegener, stark befestigter Pltze zu sichern.
Der Graf sah mit Freuden, wie sein Gegner, immer strker und strker gegen
seinen rechten Flgel anrckend, einen Hauptangriff von dieser Seite zu erwarten
schien, inde er sich links nur schwach gegen das Gebirge lehnte, das sich hier
stark erhebend, weiteres Vordringen unwahrscheinlich machte. Auch rechtfertigten
des Grafen Bewegungen diese Maaregeln eine Zeit lang, und die Armee selbst
glaubte, da hier der Schlag fallen msse, bis er durch eine geschickte Stellung
den Kern der Truppen pltzlich links wandte, whrend leichte Corps den Feind von
der andern Seite ungewi hinhielten. Die Regimenter zogen sich, immer
vorrckend, dichter und dichter zusammen. Alles ging den festen Gang auf Leben
und Tod mit Zuversicht. Endlich kam der groe Tag, des Grafen Plne waren reif,
alle Befehle in der Stille gegeben, Maaregeln und Vorkehrungen getroffen. Das
tiefste Geheimni deckte die Zukunft, Niemand wute, aber Jeder glaubte und
wollte das Beste, darum blieben die Gemther frei und sicher, und die Herzen
voll Kampfeslust. So stand es in und um den edlen Grafen, als er am Abend vor
der Schlacht seinen jungen Freunden entdeckte, da noch in dieser Nacht ein
Scheinangriff die feindlichen Anfhrer tuschen werde, inde sie wenige Stunden
darauf mit zusammengedrngter Kraft von der Gebirgsseite einbrechen, und
wahrscheinlich alles aufreiben und sprengen wrden, ehe noch ein Mann zu Hlfe
eilen knne. Stephano ward deshalb sogleich zur Avantgarde verschickt, um jede
Bewegung zu beobachten und dem Grafen nthigen Bericht abzustatten. Er hatte mit
gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort in sich gesogen, sein Herz zitterte vor
innerm Entzcken, er konnte keine Sylbe hervorbringen, so wogte und brauste es
in seiner Brust; unwillkhrlich fate er Rodrich's Hand, um doch etwas in der
gewaltsamen Anspannung zu ergreifen, er schttelte und drckte sie whrend groe
Thrnen ber das glhende, fast verschmte Antlitz des Jnglings rollten. Nun
gehen sie mit Gott, sagte der Graf bewegt, und als wre die Erde unter ihm
verschwunden, so pfeilschnell war er ihnen aus dem Gesicht.
    Rodrich war heut still und innerlich, wie Jemand, dem das Grte im Leben
pltzlich ganz nahe tritt. Der erwnschte Augenblick war anders, als er sich ihn
gedacht hatte, unendlich schn, aber ernst und heilig. Er sprte nichts von der
leidenschaftlichen Erschtterung, die ihn ber sich hinaus zu nie gesehenen
Thaten treiben sollte. Weit Geringeres hatte ihn sonst wohl heftiger
fortgerissen. Jetzt war er ruhig und sicher, seit sich die groen Bahnen vor ihm
erschlossen. Er erschien sich selbst ungewohnt, und was er that und sah,
erfllte ihn mit unbekannter feierlicher Ehrfurcht.
    So war ihm ein Theil der Nacht verflossen, als des Grafen Regiment
einrckte, das im entscheidenden Augenblick den gewohnten Fhrer nicht entbehren
sollte. Es ward nun alles lebendiger, als der Graf sich auf sein Pferd
schwingend den Leuten zurief: nun Kinder in Gottes Nahmen vorwrts! Wie ein
freudiger Blitz fuhr es ber alle Gesichter, die Alten sahen so vertrauend
drein, tausend Gre flogen ihm zu, sogar die an einander gewhnten Pferde
wieherten sich lustig entgegen. Doch bald ging es still und eilig vorwrts.
Rodrichs Herz klopfte jetzt zum erstenmal heftiger. Man hrte stark feuern, des
Grafen Blicke flogen nach dem Gebrge hin. Dampf und Rauch hllten sie in dichte
Nebel. Vor und hinter ihnen wimmelte es von heranrckenden Regimentern. Rodrich
verlor sich immer mehr in die groen Erscheinungen. Indem ward das Feuer
schwcher, als zge es sich weiter hin, und sie sahen Stephano heransprengen,
der ihnen zurief: die Psse sind frei, die Hhen genommen, der Feind ist
geworfen, aufgerieben, doch rechts wlzt es sich wie ein Gewitter heran.
Vorwrts, vorwrts, rief der Graf, und alles drang in schneller Ordnung vor.
Bald zogen sie zwischen den Gebrgen an Leichen und Verwundeten vorber. Des
Grafen Pferd stutzte und bumte sich bei dem blutigen Anblick, auf Rodrichs
Lippen schwebten jene Worte:

Halt an die Zgel, halt an, um Gott,
Sieh vor dir die Todten-Gebeine.

Der alte, unerschrockne Held gab inde dem Pferde unwillig die Spornen, und sie
gelangten schnell in die weite unabsehbare Ebne, die sich nun vor ihnen
hindehnte. Die Sonne drang am dunkeln Saum des Horizontes herauf, ber der Erde
schwebte und flimmerte es, wie tausend Luftgestalten, die ein klarer Morgen
verjagte, die Trommeln schallten dumpf durch die tiefe Stille, die Infanterie
marschirte auf, hell glnzten die polirten Bajonette. Die weien Federbsche der
Cavallerie wogten wie ein bewegtes Meer im frischen Morgenwinde, alles stand in
fester, geschlossener Ordnung zum Kampfe bereit, whrend ein feindliches Corps
wild und verzweifelnd heranstrmte. Da schmetterten die Trompeten, wie Ein Leib
bewegte sich die dichte Schaar. Sie strzten auf einander ein; der Sieg war
leicht, der Widerstand schwach, doch bald drngten sich die Haufen immer dichter
und dichter heran. Rodrich sah alle Krfte in einem furchtbaren Momente gegen
einander aufsteigen. Der alte heilige Schoo der Erde bebte, und nahm die
kreisenden Kugeln mit dumpfem Gesthne auf, um und neben ihm sank ein blhendes
Leben nach dem andern, schwarze Rauchsulen drngten sich zum Himmel und hllten
die blutigen Gestalten in schattige Wolken, das lichte Gewlbe ber ihm war
umzogen, die Erde mit Blut und Leichen bedeckt. Unheimlich und beengend trat die
grause Wirklichkeit vor Rodrich hin. Wie gebannt mute er neben dem Grafen
halten, der von einer Anhhe das Ganze scharf und ernst betrachtete. Der Sieg
blieb eine Zeitlang ungewi, Noth und Verzweiflung gaben dem Feinde
ungewhnliche Krfte. Rodrich sah das, und kmpfte mit der stechenden innern
Ungeduld und dem uern Unvermgen, etwas Entscheidendes zu unternehmen. Jetzt,
sagte der Graf, ist es Zeit. Die brennende Mittagssonne strahlt dem ermatteten
Feinde entgegen, inde wir, frisch und stark, ihr den Rcken zuwenden. Er eilte
voran und sandte Rodrich, seinem fast umringten Regimente Untersttzung herbei
zu fhren. Wie eine Flamme ri dieser die Schaaren mit sich fort, durchdrang die
Reihen, entwand einem gefallnen, sterbenden Jngling die Standarte, und strzte
mit den jubelnden Reitern in die dichtesten Haufen. Bald darauf sah man den
Feind wanken, die Reihen waren durchbrochen, die Ordnung nicht wieder
herzustellen, die wilde Fluth, Gesetz und Maa berspringend, rann unaufhaltsam
aus einander. Mehrere Stunden wurden sie verfolgt, viele gefangen und getdtet,
die Meisten retteten sich durch ungezgelte Flucht. Endlich ward alles still,
die wachsende Schlachtwuth tobte nur noch im Innern der aufgeregten Gemther.
Bald lagerten sich die siegreichen Truppen auf einem frischen Anger, den Drfer
und klare Bche durchschnitten. Rodrich hatte inde mit steigender Angst den
Grafen vergeblich aufgesucht. Auch Stephano fehlte. Er eilte unzhligen Todten
und Verwundeten vorber, zitternd, in jedem einen dieser Geliebten zu erkennen.
Seine Unruhe ward bald allgemein gefhlt, tausend kreuzende Gerchte, wo man den
Grafen zuletzt gesehen und gesprochen haben wollte, verwirrten nur die Meinungen
und erhheten die laut geuerten Sorgen. Der Abend brach unter ngstlichen
Nachforschungen herein, da sah Rodrich aus der Ferne drei Gestalten langsam zu
Pferde herannahen. Er eilte ihnen entgegen, und erkannte, im trben
Dmmerlichte, den schwer verwundeten Grafen, von Stephano und einem Diener
untersttzt. Zusammengesunken, mit schlaffen herabhangenden Armen, lie er sich
fast bewutlos von demselben Pferde schleichend forttragen, das sonst nur in
raschen Sprngen mit ihm ber die blhende Erde hinflog. Rodrich weinte laut,
als ihn der Tod aus den edlen Zgen so bleich und zerstrend anblickte. Er
umfate den geliebten Kranken und wollte ihn still und behutsam in eine nahe
gelegene Htte tragen, allein der Graf verlangte in gebrochnen Tnen nach einem
Zelte bei seinen Reitern gebracht zu werden. Stephano eilte voran, die nthigen
Anstalten zu treffen, und die Andern zogen schweigend an den bestrzten
Regimentern vorber, die den geliebten Feldherrn mit stummer Ehrfurcht
begrten. Als sie nun aber vor dem Zelte anlangten, und der Graf in einem
rckkehrenden Lebensblitz seine wackeren Kampfgenossen anredete, und sich und
ihnen Glck zu dem wohlerfochtenen Siege wnschte, da hielt sich keiner lnger;
tausend Thrnen flossen, Aller Herzen ergossen sich in Klagen ber das theure
Opfer, das nun so blutend vor ihnen lag. Die alten Krieger drngten sich um ihn
her, sie wollten noch einmal in das sterbende Auge blicken, das ihnen so oft
Ehre und Sieg verhie. Er grte Alle mit erschpfender Anstrengung, und wurde
dann eilig von herzueilenden rzten auf ein bequemes Lager gebracht. Rodrich
harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden
Ausspruch des Arztes. Er kannte sein Unglck, er hatte die tiefe Wunde in der
Brust gesehen, er durfte nicht hoffen, und dennoch zitterte er heftig, als
Stephano herausstrzte, und die zurckgehaltenen Thrnen an seinem Busen
ausweinte. Er wagte es nicht, ihn zu fragen, die Gewiheit war ihm
schrecklicher, als jene betubende, hinhaltende Furcht. Beide schwiegen, der
Arzt ging wehmthig an ihnen vorber. Niemand sagte ihm ein Wort, so traten sie
wieder an das Bett des Kranken, der nach dem schmerzlichen Verbande einen
Augenblick schlief.
    Die Nacht war inde herauf gezogen. Eine laue, heitre Luft suselte durch
die halb geffneten Zelt-Vorhnge. Auf der weiten Ebne brannten Wacht- und
Lagerfeuer, still und erschpft ruheten die mden Krieger, ber ihnen glnzte
der Himmel im heiligen, verklrten Lichte ewigen Friedens. Rodrich und Stephano
lauschten auf die stockenden ungleichen Athemzge des Grafen, der sich fter
regte, und im Schlafe unzusammenhngende Worte und einzelne Nahmen laut werden
lie. Rodrich ward sehr erschttert, als er ihn mehreremale mit vieler
Anstrengung, Eusebio, Eusebio, rufen hrte. Die Vorstellungen verwirrten sich,
er glaubte wieder ein Kind, an des sterbenden Freundes Lager zu sitzen, dunkle
Ahnungen durchflogen ihn, er beugte sich ber das bleiche Angesicht und ihm war,
als lgen zwei Gestalten in dem engen Bette. In dem Augenblick erwachte der
Graf. Er schien gestrkt, blickte klar und sicher um sich her, verlangte, da
man das Zelt noch mehr ffnen solle, und freuete sich der Ruhe und Ordnung im
Lager. Sein heiteres Gesprch go einen Strahl von Hoffnung in die Herzen beider
Freunde, doch bald ward er ganz still, seufzte mehreremale tief, und schien
auf's neue zu schlafen. Rodrich hatte seine Hand gefat, und als er sah, da er
unverwandt nach dem Lager blickte, wagte er es, ihm einige leise Fragen zu thun.
Mein Sohn, erwiederte er, der Tod ist viel mehr, als man glaubt, es sollten sich
die Fden langsam lsen, die uns an die Welt fesseln, oft reien sie aber
gewaltsam, und die Sehnsucht und der Schmerz halten uns hier noch lange
gefangen. Vieles bleibt so unvollendet und zerstckt hinter uns liegen, und
scheint uns mit tausend Stimmen zurck zu rufen, wenn gleich eine hhere Hand es
anders und besser beendigen kann. Auch du liegst mir schwer auf dem Herzen. Ich
kann nun wenig mehr fr dich thun. Nimm die Schreibtafel, die dort in dem
Kstchen liegt. Sie enthlt Papiere, die du meinem Freunde, dem General
berbringen sollst, er wird weiter fr dich sorgen. Rodrich, sagte er nach einer
Weile, als Alle um ihn her weinten, den Krieger mssen heitre Blicke zum Grabe
geleiten, la dich nicht so gewaltsam beugen, dir bleibt viel zu thun brig.
Dein Schicksal wird dich noch wunderbar fhren. Ich erkannte dich frher.
Eusebio war mein Bruder. Zerreie das bunte Gewebe nicht, la die Zeiten an dir
vorber gehen, es waltet und wechselt die ewige Gottheit in wunderbarer Gestalt,
neige dich vor ihrem unerforschlichen Willen, und trachte nicht vermessen, das
Dunkel aufzuhellen. Ich habe in dieser Nacht viel erfahren. Es ist wenig mit
diesem Leben, und doch wieder so viel, so unendlich viel! Er schwieg, Rodrich
glaubte nichts Neues zu erfahren, ihm war, als habe er immer Eusebio's Bruder in
dem geliebten Wohlthter geehrt, es kam ihm auch alles ganz gewohnt und
natrlich vor. Er forschte nicht weiter nach, alle Neugier ward durch den
heiligen, verklrten Blick des Sterbenden zurck gedrngt. Er wute selbst nicht
deutlich, was er fhlte und dachte, er sah nichts, als das Eine, was diesen
bangen, ngstigenden Augenblick ausfllte.
    So hatten sie mehrere Stunden schweigend neben einander verweilt. Da drang
die Trompete, die im Lager zum Satteln rief, schneidend durch die heilige tiefe
Stille. Der Graf fuhr gewaltsam empor, er winkte mit der Hand, und blieb einen
Augenblick aufgerichtet in einer angestrengten Stellung, als wolle er dem Rufe
folgen; wie der schmetternde Ton verhallte, sank er zurck, und lag starr und
todt an Rodrichs blutendem Herzen.

                                  Zweites Buch


Viele Tage waren seit dem Tode des Grafen verflossen. Der alte Held ruhete
lngst in starrer, winterlicher Erde. Alle Klagen und Thrnen waren in die
stille Gruft versenkt. Wie ausgestorben lag die verdete Gegend. Kein lebendiger
Hauch drang hindurch. Stumm ging der Tod und das Elend hinter dem verscheuchten
Bewohner, der unsichern Trittes die Trmmer seiner Heimath aufsuchte. Weit hin
vor trotzigen Festen lag das siegreiche Heer, und erkrankte im ermdenden
Belagerungskriege. Rodrich sah mit erschpftem Geiste auf die unerschtterliche
Ausdauer seines neuen Gnners. In und um ihn war alles verwandelt. Die getrumte
Lust reichte nicht ber einzelne Momente der Erwartung hinaus. Der Gedanke hatte
ihn erschttert, gehoben, die That verblich in den schaalen Gebilden des Lebens!
Wie er etwas anfate, so schwand der Zauber, und das nackte Gerst trat
schauerlich vor seine begehrlichen Sinne. Spottend blickte er auf sich und die
Menschen, die immer auf's neue die abgerissenen Fden wieder anknpfen, um das
trgerische Labyrinth zu durchirren, und dennoch war nirgend ein Stillstand, und
alle Ruhe, Ohnmacht berreizter Begier. Er suchte das ewig Bleibende, und
entsetzte sich vor dem abgeschlossenen Einerlei erfllter Wnsche.
Unwiderstehlich zog ihn der Wechsel an sich, um ihn dann unsanft zurck zu
stoen, weil er niemals fand, was berall ist, oder nirgend. Dieselbe
wiederkehrende Unzufriedenheit sagte ihm, da dies die eigentlich bleibende
Stimmung seines Geistes und eine Folge erkannter Tuschungen sey. Er glaubte
tiefere Blicke als jemals ber die Nichtigkeit menschlicher Strebungen gethan zu
haben, da nichts die innre Sehnsucht stille, sondern den glubigen Muth zerreie
und erdrcke. Was haben nun, fragte er sich oft im bittern Unmuth, die
unzhligen Opfer, der groe Aufwand von Krften, alle die uern und innern
Erschtterungen bewirkt? In kurzem ist es vergessen, die neue Gestaltung wird
eben so spurlos von einer neuern verdrngt, und whrend das kreisende Rad sich
unaufhaltsam dreht, glauben wir thricht den Augenblick zu fesseln. Tausende
haben dasselbe vor mir gewut und empfunden, und doch arbeitet sich jeder auf
seine Weise ab, und wenn er die mhselige Bahn durchlaufen ist, so wundert er
sich, auf demselben Punkte zu stehen, von wo er ausging. Rodrich konnte aus den
Widersprchen nicht heraus, in denen er sich und die Welt gefangen sah. Das
innere Drngen und Treiben und jene Verachtung menschlicher Thtigkeit,
zerrissen ihn auf eine Weise, da er in jedem Augenblick in Ungewiheit ber
sich selbst gerieth. Seraphinens Worte: er sey weder unbefangen genug, um
heiter, noch fest genug, um ruhig in der Welt zu leben, fielen ihm wohl zuweilen
ein, inde glaubte er auch in der Grfin etwas Gezwungenes, Systemartiges zu
erkennen. Es kam ihm vor, als wolle sie mit Gewalt die anraisonnirte Heiterkeit,
auf Kosten eigner, unangenehmer Gefhle oben auf spielen lassen, whrend Mimuth
und Widerwille sie im Innern folterten. Die kleinen Spielereien, die ihrem Leben
den frischen Glanz liehen, schienen ihm knstliche Behelfe, eine Unbefangenheit
geltend zu machen, die lngst dem Lichte reflektirender Betrachtungen weichen
mute. berhaupt kam es ihm vor, als habe der Verstand alle eigentliche
Originalitt verwischt, und jedem nur ein Kleidchen aufgehngt, wie es sich
gerade fr Lage und Verhltnisse passen wolle. Die Menschen, meinte er, dchten
im Grunde ziemlich einerlei, das heit, an sich selbst. ber diese Sphre gehe
selten etwas hinaus, wie sich die Eitelkeit auch hinter bescheidner
Selbstverlugnung verstecke. Er mute lachen, wenn er seines frhern
Enthusiasmus, der glhenden Bewundrung einzelner, groer Erscheinungen, und all'
der tausend Irrlichter gedachte, die den kindlich glubigen Sinn blenden. Am
wenigsten begriff er, wie Stephano, dessen Ansehen lngst bei ihm gesunken war,
diesen entscheidenden Eindruck auf ihn machen konnte. Er glaubte ihn jetzt ganz
zu verstehen, um so mehr, da ihre gegenseitigen Neigungen, Ansichten und
Gefhle, unaufhrlich einander begegneten, und Stephano nur da zu seyn schien,
um durch stte Reibung, alle Saiten in Rodrichs Seele zu berhren, und die
verstecktesten Tne hervor zu rufen. Dies unwillkhrliche Ergreisen, diese
hnlichkeit, die keinesweges Gleichheit war, und dennoch jenes schauerliche
Erkennen in fremder Gestalt, drngte beide Freunde aus einander. Rodrich wandte
sich ohne Schmerz von ihm ab. Er hatte etwas Auerordentliches erwartet, lange
die auffallenden Widersprche wie geheimnivolle Rthsel, mystische Anklnge
einer unbegreiflich hohen Natur angestaunt, jetzt entdeckte er kleinliche
Regungen, die auch seine Brust anfllten, und verzieh es ihm um so weniger, sich
vor einer berlegenheit gedemthigt zu haben, die nur die Beschrnktheit eines
kleinen Kreises dafr erkannte. Stephano lie es geschehen, ohne sonderliche
Empfindlichkeit zu uern. Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen. Er
empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen fr Menschen, die sich ihm
anneigten, und versuchte dann ungesumt, sie in seine Plne hinber zu ziehen.
Wenige verstanden ihn, und auch diese Wenigen lie er durch inkonsequente
Maaregeln erkalten. Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet. Er beschwichtigte
das verletzte Gefhl mit einer Verstandesformel, und hing dem groen
Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach. Es galt
nichts weniger, als dem launenhaften Schicksal zum Trotz, sein abgerissenes,
zweideutiges Daseyn zu begrnden, und die dunkle Hlfte desselben, durch einen
gewichtigen Schlag zu berstrahlen. Es war nie klar in ihm geworden, was er
eigentlich wollte und vermochte. Einzelne groe Begebenheiten fuhren wie Blitze
durch sein Inneres, und drngten ihn verworren nach allen Richtungen. Mit einer
unglaublichen Leichtigkeit jede uere Anregung aufzufassen, arbeitete er sich
innerlich bis zur Erschpfung ab, ohne etwas Groes zu leisten. Muth und Wille
zerbrachen leicht an den gewhnlichen Widersprchen des Lebens, inde erschien
er in solchen Krisen originell, krftig, und oft sogar mit einer gewissen
Verstandes-Konsequenz, die leicht imponirt, und der Welt die demthigende Klage
ausprete: da es eine Schmach sei, diesen gewaltigen Geist in den gemeinen
Umgebungen verschmachten zu lassen. Stephano sagte dasselbe, freilich etwas
bescheidner, allein die einmal gefate Verachtung aller hergebrachten,
gesetzlichen Verhltnisse, die unwillkhrlich ein Fuschemel eigner Erhhung
wird, rechtfertigte genugsam das Milingen seiner hufig genderten Plne. Was
in Rodrich wie ein ungestmes Meer brauste, und ihn mit zerschmetternder Gewalt
an die Brandung emprter Wnsche trieb, das hatte in ihm eine drftige Phantasie
und ein berlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgethrmt, ber den die
ltere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgo. Dieser Schein inde war es,
der Rodrich mehr als alles verletzte. Er vermengte ganz natrliche Folgen mit
absichtlicher Heuchelei, und whrend er das Unrecht zu bestrafen meinte, wandte
er sich von einer Ruhe, die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf.
    So war ihm ein Theil des Winters unter feindseligen Kmpfen verflossen, die
das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhheten. Vergebens
hatte er, so wie die Armee, auf eine Entscheidung gehofft. Unbedeutende Pltze
waren in ihrer Gewalt, whrend die Hauptfestung, der eigentliche Schlssel des
Landes, den khnsten Widerstand leistete, und alles weitere Vordringen unmglich
machte. Rodrich konnte die ruhigen Maaregeln des Generals nicht begreifen, und
tadelte sie um so strenger, je weniger Berhrungspunkte zwischen ihrer beider
Ansichten statt fanden, und je sorgsamer der erfahrne Krieger sich in sich
selbst zurck zog. In dieser finstern Stimmung erhielt er einen Brief von
Florio, der ihn, wie ein milder Frhlingshauch anwehend, einen Augenblick mit
der Welt vershnte. Sein Herz ffnete sich recht eigentlich, whrend er folgende
Worte las.
    Mein Rodrich, warum kann ich nicht bei dir seyn? warum halten mich Bande,
die ich gern anerkennen und selbst um den Preis deiner Umarmung nicht lsen
mchte? Sage mir, wie kann der Mensch so widersprechend und doch wieder so einig
und beruhigend fhlen? In manchen Augenblicken berfllt mich eine Sehnsucht
nach dir, die oft zur peinlichsten Unruhe anschwillt, allein ich mchte dich
eher in unserer Mitte wissen, als dort in dem verworrenen Getmmel aufsuchen. Es
ist viel anders in mir geworden. Die Welt lockt und reizt mich nicht mehr wie
sonst. Ich habe es nie geglaubt, da man den Schmerz so lieben, und sich mit den
schauerlichsten Erscheinungen befreunden knnte. Es soll nicht gut seyn, sich
der Wehmuth und allen sern Regungen des Herzens so ohne Widerstand hinzugeben,
als wolle man sich in dem wonnigen Meere auflsen. Es ist wohl mglich, und ich
glaube sogar, da man aus diesen Trumen mit matten Widerstreben zu den
kreisenden Bewegungen des Lebens erwacht, aber ich kann dir nicht beschreiben,
wie heilig und still alles in dieser Einsamkeit athmet, und mit welcher
seltsamen Bangigkeit ich jeden Ruf naher Weltereignisse vernehme! Wie ein feiges
Kind mchte ich mir die Ohren verstopfen, um nichts von allem, was drauen
vorgeht, zu hren. Ja, ich kann sagen, mir schlgt das Herz vor Angst, wenn ich
denke, da man deinen Nahmen auerhalb dieses abgeschlossenen Kreises nennt.
Wrst du nur hier! Ich kann meine kindischen Sorgen durch nichts rechtfertigen,
und doch, knnte ich dich mit mir in diese Dunkelheit vergraben, uns wre wohl
allen besser. Wtest du inde, wie wir hier leben, wie Schmerz und Wahnsinn mit
allen winterlichen Schauern, unsre den Tage erfllen, wie nur taube Blthen
kranker Phantasie unsre einfrmigen Gesprche dann und wann anregen, und selten
ein Sonnenblick ber uns hinzieht, du wrdest nicht begreifen, wie man solche
Umgebungen lieben, wie man in ihnen frei athmen knne. Und doch ist es so. Seit
dem Tode des Grafen sind wir zu Rosalien gegangen, die uns ungern und mit
sichtbarer Scheu aufnahm. Ihr Anblick berraschte mich schmerzlich. Die hagre,
erloschne Gestalt umhllte ein langer schwarzer Schleier, der ihr Stirn und
Augen bedeckte, unter demselben sah ein frischer Myrtenkranz wie zum Spott auf
ihr bleiches Gesicht herab. So lag sie unter einem groen Bilde ihrer Mutter, zu
deren Fen sie und Fernando als Kinder spielen. Der Knabe steht in einer
nachdenklichen Stellung, ber einen sprudelnden Quell gebeugt, in welchem er,
wie im Anschauen verloren, einzelne Rosen fallen lt; Rosalie hat sich halb
gewandt, und indem sie das volle Lockenkpfchen zu ihm neigt, deutet sie auf die
verstreuten Rosen. Die Mutter sieht mit unendlicher Liebe auf beide herab, und
als knnte ihr Blick nicht ohne den ihrigen leben, so spiegelt sich das
himmlische Gesicht auf den Fluthen, und dringt aus der Tiefe zu ihnen herauf.
Dies volle, beginnende Daseyn im Bilde, alle die frohen Hoffnungen, die dazu
berechtigten, und vor mir die welken Blthen! Mein Herz zerri in dem
schneidenden Widerspruch. Ich fhlte mich beklommen, und konnte kein Wort
hervorbringen, um mein Erscheinen mit der Grfin zu rechtfertigen. Sie sah uns
lange mit unsichern Blicken an, dann winkte sie, und sagte: man solle ihre
stille Freuden nicht auf's neue trben. Seraphine, deren Wunden heftiger als je
bluteten, warf sich vor ihr nieder, und beschwor sie, ihrem heiligen Schmerz
hier eine Freistatt zu gnnen. Sie schien gerhrt, und lie es geschehen, da
wir blieben. Doch sprach sie weiter nicht, und wir sahen sie nachdem nur selten.
Mich ngstete diese Abgeschlossenheit, allein die Grfin schien wenig
empfindlich dagegen, und die Tage verflossen, ohne da einer den andern
erfreuete, oder strte. Eines Abends, als ich in einem Cabinet, das Seraphine
bewohnte, mit ihr vor dem Kamine sa, der das kleine Gemach halb dmmernd
erhellte, ffnete sich die Thr, und ehe wir noch Zeit hatten, uns zu besinnen,
trat Rosalie mit zurck geworfnem Schleier, im brutlichen Schmuck vor uns hin.
Ihre Augen rollten wild umher; das Haar von Regen und Sturm aufgelst, ringelte
sich um Hals und Brust, sie deutete auf die Stirn, und sagte mit furchtbarer
Stimme: seht ihr die Flamme, die nun hell brennt? Sie schlug die Hnde heftig
zusammen, und fiel unter wiederholten Zuckungen ohnmchtig in meine Arme.
Seraphine rief mit ihrem gewohnten Muth ohne Weiteres um Hlfe. Auf ihr
wiederholtes Nachfragen erfuhren wir, da die Kranke jeden Abend, um dieselbe
Stunde, in dem nmlichen Aufzuge, nach dem Grabe ihrer Mutter gehe, und jedesmal
still und betrbt wiederkehre. Der Arzt, den man davon benachrichtigte, befahl,
ihr kein Hinderni in den Weg zu legen, und man sey auch so sehr an diese
nchtliche Wallfahrt gewhnt, da niemand weiter darauf geachtet habe. Nur heute
msse etwas Auerordentliches vorgefallen seyn, was sie so heftig bewege. Sie
lag noch immer starr und bewutlos vor uns da, der Ausdruck gewaltsamer innerer
Erschtterung in den gespannten Zgen, die Todtenblsse, das feuchte
anschmiegende Gewand, der reiche Schmuck, alles gab ihr ein so ngstlich
widersprechendes Ansehen, da ich nur mit heimlichem Grausen meine Blicke auf
sie richtete. Seraphine glaubte inde, der rauhen Witterung diesen Unfall allein
zuschreiben zu mssen, und hoffte getrost von den angewandten Mitteln die
sicherste Wirkung. Ihr Muth belebte uns alle, wir waren noch um sie beschftigt,
als ein Fremder die Grfin allein zu sprechen verlangte. - Wie eine dunkle
Ahnung flog es hier ber Seraphinens Gesicht, sie wandte sich verlegen zu mir,
und bat mich, sie zu begleiten. Wir gingen schweigend in ein abgelegenes Zimmer.
Ich setzte das Licht, das diese unerwartete Erscheinung beleuchten sollte, mit
einem Gemisch von Angst und Neugier in den Hintergrund, und sah unverwandt nach
der gegenber stehenden Thr. Die Grfin warf sich unruhig in einen Sessel, und
schien neuen Schrecken mit erschpfter Kraft entgegen zu sehen. So blieben wir
mehrere Augenblicke, als sich endlich die Thr ffnete, und ein schlanker,
schner Mann zu Seraphinens Fen strzte. Ludowiko! schrie diese, und verhllte
mit Entsetzen das Gesicht. Haben Sie mir auch geflucht? fragte er mit einer
beraus einschmeichelnden biegsamen Stimme. Knnen Sie ein Herz verdammen, fuhr
er fort, das so unwillkhrlich erkaltete, als es einst entbrannte? und fhlen
Sie nicht, da dieser einzige Migriff mein ganzes Leben verwirrt? Was fhrt Sie
hieher? unterbrach ihn Seraphine unwillig. Sind Sie Bsewicht genug, hier einen
Triumph zu suchen? Wollten Sie noch mit den abgerissenen Blthen spielen? oder
gelstete es Sie, zu sehen, wie ein treues Herz unter Ihren weltklugen
Knsteleien zerbrach? Ich bin kein Bsewicht, sagte Ludowiko sanft. Sie
zerreien mein Herz in einem Augenblick, wo ich Trost bei Ihnen suche. Trost? -
wiederholte die Grfin. - O mein Gott, fiel er schnell ein, es ist jetzt nicht
Zeit zu untersuchen, ob ich ein Recht darauf habe, sagen Sie mir nur, ob sie
lebt? und ob ihr Zustand immer so ist, wie ich sie heute fand? Sie haben sie
also gesehn? fragte Seraphine, der nun alles klar ward. Ewiger Gott, erwiederte
Ludowiko, der Tod hat mich in ihren Armen gefat, und alle gespenstische Schauer
rissen mich aus meinem Trumen ihrem Wahnsinne nach! Seraphinens Blicke lagen
noch immer forschend auf den seinigen, und er fuhr fort: ich kam auf Rosaliens
dringenden Ruf hieher. Ein Brief, den ich auf eine seltsam geheime Weise in
meinem Zimmer fand, zog mich unwiderstehlich zu ihr hin. Ich war so weit
entfernt, ihre Zerrttung zu ahnen, da ich in dem Unzusammenhngenden und
Phantastischen ihrer Einladung, nur die Stimme lange bekmpfter Leidenschaft
erkannte. Ich trotzte den Gefahren der Verbannung und kam unerkannt zu dem
stillen Grabe, das sie zum Ort unseres Wiedersehens festgesetzt hatte. - Sie
trat mir entgegen, ihr Anblick griff wie glhende Zangen in mein Inneres.
Unwillkhrlich schlo ich sie in meine Arme. Sie lie es still geschehen,
pltzlich wand sie sich los, und mit einem Schrei des Entsetzens rief sie:
Fernando, dein Ku brennt wie eine dreizackige Flamme auf der Stirn der
Snderin. Ich bemhete mich vergebens, sie zu beruhigen, sie stie mich von
sich, ihr wilder Blick flog unstt umher, und als jagten sie alle Furien der
Hlle, so lief sie pltzlich vor mir her. Ich hatte sie bald aus dem Gesichte
verloren, und irrte in tdtlicher Angst um das Haus, ohne mich gleichwohl hinein
zu wagen, als ich endlich Ihre Stimme, liebste Seraphine, vernahm, und nun
beschwre ich Sie, wenn noch eine menschliche Regung fr einen Unglcklichen
sprechen kann, sagen Sie mir, was ist aus ihr geworden? Die Grfin war tief
erschttert. Lieber Himmel, sagte sie, wer darf mit dem Andern rechten! Ich
beklage Sie von ganzer Seele. Wenn Sie noch irgend eine Anhnglichkeit fr die
Unglckliche erhielten, so werden Sie viel leiden. Rosaliens Wahnsinn hat durch
Ihre Erscheinung nur eine andre Richtung genommen, sie gehrte sich lngst nicht
mehr an. Die Drohung ihres Bruders, und die unbezwingliche Leidenschaft fr Sie,
wogten ringend in ihr auf und ab, und entzndeten allmhlig ihr Gehirn. Sie kann
nur der Tod retten. Ludowiko weinte still, seine Liebe schien gewaltsam erweckt
zu seyn. Die Grfin versprach ihm Nachricht zu bringen, und lie uns allein. Ich
hatte nicht den Muth, seinen stummen Schmerz durch eine unzeitige Anrede zu
unterbrechen. Diese schwachen, beweglichen Gemther haben bei allen dem einen
eignen Reiz. Ihr willenloses Hingeben ist selten ohne Liebenswrdigkeit, und wie
viel Unheil sie auch anrichten, man kann ihnen nicht feind seyn. Ich empfand
wirklich eine zrtliche Theilnahme fr den schnen bekmmerten Mann, und schlo
ihn ohne ein Wort zu sagen an mein Herz. Er verstand mein Gefhl, und schmiegte
sich so vertrauend an mich, als wolle er sein ganzes Innres in meinen Busen
ausschtten. - Ach Gott, sagte er nach einer Weile, ich erscheine wohl als ein
groer Snder, und doch bin ich gewi nicht ganz schlimm. Das kommt und geht so
mit unsern Gefhlen, ohne da man es wehren kann, und die Folgen ziehen uns dann
unvermeidlich mit sich fort. Ich drckte ihm schweigend die Hand. Seine
Philosophie war freilich ziemlich leicht, inde mochte sie ihm fr den
Augenblick wohlthun, und ich konnte ihm das gnnen. Die Grfin war inde zurck
gekommen; sie versicherte, Rosalie sey besonnen und ruhig erwacht, spreche
zusammenhngend und scheine gerhrt bei jeder ihr bezeigten Aufmerksamkeit, nur
leide sie nicht, da man sie zu Bett bringe, aus Furcht etwas anzuznden, so
sitze sie auch ganz frei, mitten im Zimmer, mit unbedecktem Haupt und offner
Stirn. Seraphine drang jetzt auf Ludowikos Abreise, da der Zustand der Kranken
mehr bleibend als gefhrlich zu seyn schiene; allein er war durch nichts dahin
zu bringen. Allen unsern Grnden setzte er die schmeichelndsten Bitten entgegen,
und wirklich hat er es durchgesetzt, bis zu dieser Stunde verborgen im Schlosse
zu bleiben. So leben wir denn alle Vier, ein ganz eignes von der brigen Welt
losgerissenes Leben, indem sich jeder mehr oder weniger in die schwankenden
Vorstellungen des Andern verliert, oder die Bilder eignen Wahnsinns auer sich
zu sehen glaubt. Rosalie spricht mit vieler Ruhe von dem letzten Ereigni. Sie
sagt, nun ngste sie nichts mehr, da alles eingetroffen sey, wie sie es unter
tausend Quaalen geahnet habe. Dies sey der letzte Schlag des Schicksals, den sie
htte herbei fhren mssen. Nun sey es wahr geworden, und sie be gern und
willig. Diese Flamme reinige auch die Seele ihres Bruders von Ha und Rache, und
Ludowiko sey in dem Augenblick ein Engel geworden, der immer um sie bleiben und
sie trsten drfe. Es ist unbeschreiblich, welche Gewalt ihre Worte ber uns
ausben. Ludowiko, der die meiste Zeit von ihr ungesehen, verborgen im Zimmer
weilt, lebt und athmet nur in dem Zauber ihrer Stimme. Oft sitzen wir die
dunkeln Abende so neben einander, und begleiten ihr Lieblingslied mit tiefer
Rhrung. Es klingt recht wehmthig, wenn sie mit der matten, kranken Stimme
singt:

Die bangen Stunden winden
Sich langsam auf und ab.
Tod, soll ich nie dich finden?
Bleibst mir verschlossen, Grab?

Ich seh' des Tages Neigen,
Ich seh' der Nchte Lauf,
Verworrne Bilder steigen
Aus mattem Streit herauf.

Der Kindheit fromme Spiele,
Der Jugend banges Fleh'n,
Ach! und der Leiden viele
Mu ich nun kommen seh'n.

Zieh still an mir vorber,
Du se Kinderwelt!
Mein Blick reicht nicht hinber,
In jenes bunte Feld.

Verhll' in dunkle Schleier
Dein Hoffen, armes Herz,
Der Jugend Liebesfeuer
Erblich in dumpfem Schmerz.

Doch ihr nahmt mich gefangen
Ihr droh'nde Schatten dort,
Nach euch trag' ich Verlangen,
Reit mich umschlingend fort.

Nun steht das Grab mir offen,
Nun winkt der Tod herbei,
Und all mein ses Hoffen,
Giebst du mir sterbend frei.

Neulich unterbrach sie sich selbst, und meinte, Ludowikos Stimme deutlich gehrt
zu haben. Es ist mir oft schauerlich, wie Wahrheit und Tuschung hier so in
einander spielen, da wir selbst nicht wissen, was das Rechte sey. brigens ist
ihr Lied prophetisch, denn sie neigt sichtlich dem Grabe entgegen, und erblickte
sie Ludowiko ein zweites mal, so wrde das sicher ihr letzter Augenblick seyn.
Er fhlt das auch, und giebt sich mit einer Art phantastischem Wohlbehagen ihren
Trumen hin, in denen er sich selbst gereinigt und verklrt erscheint.
    Ich kann nicht sagen, mit welcher Sehnsucht mich diese geheimnivolle,
dunkle Liebe erfllt! Ich beneide Ludowikos Loos, und mu oft stundenlang zu
Seraphinens Fen weinen. Zuweilen ist mir, als wren wir Alle Schatten einer
andern Welt, und ich betrachte mich und die Andern mit Bangigkeit. Wollte Gott,
es wre so! allein Elwire, die jetzt fter zu uns herber schweift, reit unsre
ideale, kleine Welt mit Gewalt in die wirkliche hinein. Es ist sichtlich, da
die Begier, etwas Nheres ber die letzten Vorflle zu erfahren, sie hieher
lockt; inde kehrt sie jedesmal unbefriedigt zurck. Sie ist wie ein Kind, und
neckt und schwatzt und qult uns oft bis zur Ermdung. Besonders drngt sie
mich, sie nach der Hauptstadt zu begleiten, von der sie, nach Kinder Art, alles
in einander vermengend, erzhlt. Miranda schweigt ganz. Elwire lacht zweideutig,
so oft man nach ihr fragt, und meint, es wrden bald groe Dinge geschehen.
Niemand wird aus ihr klug.
    Ach, mein Rodrich, knntest du hier seyn! Ich darf das vielleicht
deinetwegen nicht wnschen, du bist wohl auf deine Weise glcklich. O sage mir
bald, wie dir's ergeht, und ob du meiner noch mit Liebe gedenkst. Ewig der
Deine. Florio.
    Rodrich ward, wie mit einem Zauberschlage, zu jenen verworrnen Auftritten
hingezogen. Die frhesten Regungen seines erwachenden Daseys, sein dunkler
Eintritt in die Welt, der trotzige Unmuth, das wechselnde Glck, der Graf,
Seraphine, Rosalie, all jene Lichtblicke, die in sein Inneres fielen, flossen
jetzt in dem Schmerz ber die frh getrbte Herrlichkeit zusammen. Er konnte es
sich nicht ableugnen, er dankte jenen beiden weiblichen Wesen die sesten
Ahnungen. Was er jetzt fr Miranda fhlte, war anders, in manchen Augenblicken
heiliger, und doch wieder mit einer ngstigenden Unbestimmtheit vermischt.
berall war sein Denken und Fhlen so schwankend und zerstckt, da er eine
Scheu hatte, in sich selbst zurck zu gehen.
    Um dieselbe Zeit erhielt Stephano ebenfalls Briefe vom Hofe. Rodrich wute
das, und bemerkte nicht ohne Unruhe, wie er immer zurckhaltender und
gezwungener ward. Er fragte ihn einmal nachlssig: ob er nichts Lustiges von der
geistlichen Regierung zu erzhlen wisse? O ja, erwiederte jener, Viormona
vertheilt die Rollen, du hast ja frher ihr Talent erprobt, und kannst denken,
welch reiches Leben nun beginnt. Viormona? fragte Rodrich. Nun ja, sagte
Stephano, ihr gewaltiger Geist begegnete dem Cardinal, oder umgekehrt, wie du
willst, genug es ist jetzt alles einig und friedlich, und Therese und ihre
Tchter, der Hof, die Stadt, alles giebt sich den neuen Fhrern hin. Rodrichs
Herz zog sich unwillkhrlich bei diesen Worten zusammen. Es lag dahinter etwas,
das ihn ngstete, und er hatte gleichwohl weder den Muth, noch das Recht, in den
vernachlssigten Freund zu dringen, der auch weiter nicht auf ihn zu achten und
nur mit eignen Sorgen zu kmpfen schien.
    Beide hatten inde nicht lange Zeit, ihren Trumen nachzuhngen. Der General
beschlo, die Festung durch einen berfall einzunehmen, und bestimmte dazu die
folgende Nacht. Das tiefe Geheimni, die Erwartung, der unbestimmte Ausgang,
alles lockte sie aus dem langen Winterschlafe hervor, und strmte erfrischend
durch den heitern Soldatensinn. Stephano konnte kaum den entscheidenden
Augenblick erwarten. Er maa mit klopfendem Herzen Mauern und Wlle. Ihm war,
als schwebe er unaufhrlich auf der letzten Sprosse der Leiter. Endlich rckte
die Stunde heran. Alles war vorbereitet, die Nacht dunkel wie das Grab. Der Wind
fuhr heulend durch die Wolken, und trieb Schnee und Regen vor den anrckenden
Truppen her. Kein andrer Laut drang durch das dumpfe Gerusch hindurch. Niemand
wagte zu athmen. So erstiegen sie mhsam den Hauptwall, den der herabstrmende
Regen schlpfrig und ungleich gemacht hatte. Rodrich rckte inde mit der
Cavallerie nach dem Thore zu. Noch war alles still. Die Bataillons drangen
schweigend herauf, einzelne Posten wurden geruschlos niedergemacht. Pltzlich
fiel ein Schu, dann noch einer, man hrte wild durch einander rufen, der Lrm
nahm zu. Rodrich trabte muthig heran, indem wurde das Thor gesprengt, die
Cavallerie fuhr wie ein Blitz hinein, durch die Straen hin, und hieb nieder,
was sich widersetzte, inde die schwache Besatzung am Thore geworfen, und der
Posten von der Infanterie genommen wurde. Bald darauf folgte die zweite und
dritte Division. Der Tumult in den Straen war furchtbar, alles drngte nach der
Hauptwache. Hier begann ein neuer, verzweifelter Kampf. Viele muten bluten, ehe
der Platz gewonnen war; Stephano traf ein Schu durch die rechte Schulter, er
sank ohnmchtig nieder, und sahe nicht, wie die Seinen endlich siegten und alles
in ihre Gewalt kam. Eine augenblickliche, zweifelhafte Stille folgte auf den
schauderhaften Lrm. Die gengsteten Bewohner lauschten furchtsam in den
dunkelsten Winkeln ihrer Huser, die Ordnung schien inde hergestellt, man wagte
hin und her ein Licht anzuznden, und sah beruhigt auf die berstandne Gefahr,
da flog mit einemmal der losgelane Schwarm ber Todte und Verwundete an die
verschlossenen Thren. Riegel und Bollwerk muten der Gewalt weichen, und wo
dies nicht glckte, da sprangen die Fenster klirrend auseinander, und ffneten
den Eindringenden so den Zugang. Alle Schranken zerfielen, die freigegebene
Plnderung trieb Laster und freche Begier ber sich selbst hinaus. Das Geheul
der Mihandelten rang schneidend mit dem wilden Geschrei des ebermuthes. Jedes
Band der Menschheit schien sich in dem Augenblicke zu lsen. Der zitternde
Brger mute den Widerstand der Festung ben. Frohlockend schwelgten Alt und
Jung in dem mhsam errungenen, wohlgeordneten Hausrath, auch das Liebste
zerbrach in den rohen Hnden; Ehre, Glck, frohe Zukunft, alles, alles,
befleckte, zertrmmerte die wilde Wuth. Rodrich ging mit emprtem Herzen an dem
Lrme vorber. Er war durch und durch erschttert, zerrissen, so nahe war ihm
die ruchlose Willkhr nie getreten, Sitte und Gesetz hatten bis dahin das
Gemeinste von ihm abgehalten. Er erschrack vor dem Thierischen im Menschen, und
als habe er sich selbst in jener unverhllten Niedrigkeit erkannt, so ngstlich
suchte er sich in einem edlern, hhern Sinne wiederzufinden. Er bemhte sich
vergebens, Stephano zu entdecken, den er unter den Verwundeten wute. Man sagte
ihm endlich, viele derselben seyen gleich in die nchste Kirche getragen, um sie
vor den Gefahren des ausbrechenden Tumultes zu sichern. Er eilte sogleich dahin.
Die hohen, dunkeln Pforten standen weit offen, auf der Schwelle lagen Gewehre,
blutige Kleider, Stroh, berall Spuren allgemeiner Zerstrung. Aus dem
Hintergrunde dmmerte ein mattes Licht. Rodrich schritt nachdenkend durch die
gewlbten Gnge; allein das Gesthn der Kranken ri ihn bald aus seinen Trumen.
Er nahm die Laterne, die das Bild der Auferstehung Christi flackernd erhellte,
vom Hochaltar, und ging suchend umher. Stephano lag in einer Ecke, den Kopf auf
einen reich beschlagenen Sarg gesttzt. Die kalten Steine, der schneidende
Zugwind, und sein starker Blutverlust hatten sein bel schlimmer gemacht.
Rodrich bedeckte ihn sogleich mit seinem Mantel, und eilte, alles Stroh
herbeizuschaffen, um ihn weicher zu betten, bis anderweitige Hlfe mglich war.
Beim hin und her gehen bemerkte er ein seltsames Rauschen, als spiele der Wind
mit einem seidnen Gewande. Er blieb einen Augenblick stehen, das anmuthige
Flstern schien ihm ganz nahe, er bog sich hinter einen Pfeiler, und entdeckte
den Eingang zu einer kleinen Kapelle. Ohne weiter viel zu erwgen, trat er
hinein, und erblickte eine weibliche Gestalt, die starr und leblos auf einem
Grabsteine kniete. Die kleinen Hndchen lagen verschlungen auf dem Marmor, und
schienen den Obertheil des zarten Leibes, wie den gesenkten Kopf, zu tragen.
Schauerliche Grabesluft zog ber ihr hin, und wogte spielend in den reichen
Locken und dem flatternden Kleide. Dies fremde Leben, was sie so bewutlos
berhrte, gab der lieblichen Erscheinung etwas Rhrendes, das Rodrich noch
schneller zu ihr hinzog. Er glaubte ein schlafendes Kind in Todesarmen zu sehen.
Kaum wagte er es, sie zu erwecken, doch umfate er sie leise, und fhlte mit
Entzcken ppiges, jugendliches Leben in ihren Adern glhen. Bald regte sie sich
in seinen Armen, er hob sie vollends empor, und konnte die Augen nicht mehr von
dem holden Gesichtchen wenden, sie flsterte, wie im Schlafe, unvernehmliche
Worte, endlich sagte sie deutlich, sich fester an ihn schmiegend: rette mich,
mein Bruder, rette mich vor den wilden Kriegern! Rodrich zitterte vor ihrem
vlligen Erwachen, er theilte im voraus ihre Angst, und dennoch konnte er sie
unmglich so hlflos verlassen. Bei einer leichten Bewegung mit der Hand, lie
er das Licht hell in ihre Augen fallen; sie schlug sie pltzlich auf, Unschuld,
Furcht, Sehnsucht, Vertrauen, alles spiegelte sich in den himmlischen Blicken.
Sie fhlte sich sanft gehalten, und whrend sie noch immer von unsichtbaren
Banden umschlungen zu seyn glaubte, wagte sie in einem Gemisch von Scheu und
Ergebung nicht, den Kopf zu wenden. Rodrich htete sich wohl, das Schweigen zu
brechen, doch indem rief ihn Stephano, den sein pltzliches Verschwinden
befremdete. Sie fuhr erschrocken auf; als sie Rodrich erblickte, blieb sie wie
betubt stehen, und schien mit banger, ngstigender Ungewiheit zu ringen.
Frchten sie nichts, sagte er, ehrerbietig vor sie hintretend, whrend ihn
Stephano noch immer wiederholt rief, ich hnge von ihren Winken ab, gebieten sie
ber mich, wohin soll ich sie fhren? Ach, um der Tuschung willen, sagte sie
weinend, die mich so lange bei ihnen fesselte, um der sen Erinnerung eines
geliebten Bruders willen, retten Sie mich vor jedem fremden Auge, das ich jetzt
mehr als den Tod scheue. Erwartet sie vielleicht eine Mutter, fiel Rodrich
schnell ein, oder sonst eine geliebte Verwandte? Ach Gott, meine Mutter, rief
sie bewegt, meine arme Mutter, wie wird sie ihre Aline suchen! Was hast du denn
hier? sagte Stephano, der sich mhsam bis zum Eingang der Kapelle geschleppt
hatte; aha! rief er lchelnd, und wandte sich von beiden ab. Dies Lcheln ging
Rodrich durch die Seele; er sah auf Alinen, die sich zitternd an ihn hielt, und
kein Wort hervorbringen konnte. Sie sagen mir wohl, hob er ernsthaft an, wohin
ich sie so schnell als mglich fhren darf, um sie vor Beleidigung zu sichern.
Aline weinte still, ohne aufzusehen. Mein Gott, sagte sie nach einer Weile, ich
bin wohl recht kindisch gewesen, aber ich konnte wirklich nicht anders, es zog
mich unwiderstehlich hieher zu meinem Bruder, bei dem ich durch mein ganzes
Leben gewohnt war, Trost und Rath zu suchen. Wir wohnen ganz nahe bei der
Kirche, an welcher mein Oheim Geistlicher ist. Meine Mutter und ich leben seit
vielen Jahren bei ihm; lieber Himmel, er ist wohl ein recht braver Mann, aber
wie der Bruder, ist er doch nicht, der ein Schwerdt trug, wie Sie, und uns wohl
alle beschtzt htte! Die Mutter sagte das auch, als wir in der Todesangst so
hin und her liefen, und niemand wute, wohin er sich verbergen sollte. Die
Heiligen, dachte ich, haben ja wohl fter ihre Lieblinge beschirmt, und Benedikt
war sicher ein Heiliger! Ich eilte hieher, und weinte und betete auf seinem
Grabe, da ward es pltzlich so laut um und neben mir, ich wollte fliehen, aber
es hielt mich fest, und ich sank bewutlos nieder. Ihr Vertrauen hat sie nicht
getuscht, sagte Stephano, dem ein Blick auf Alinen jeden Schein von Verdacht
nahm Wollen sie den Schutz eines Todtkranken annehmen, so geleiten wir beide sie
zu den Ihrigen, und sie gnnen mir wohl fr diese eine unruhige Nacht ein
Pltzchen in ihrem Hause? Aline betrachtete ihn mit theilnehmenden Blicken. Ihre
eignen Sorgen hatte sie ber dem bleichen, erschpften Gesicht, und dem
blutenden, schlecht verbundenen Arm vergessen. Was sumen wir denn, sagte sie
schnell, kommen sie doch, ich werde ihnen den Weg zeigen. Sie nahm die Laterne,
und sorgte, da Rodrich den Kranken untersttzte. Eine Seitenthr fhrte sie in
wenigen Schritten durch einen kleinen Garten, zu einem stillen, abgelegenen
Huschen. Aline sprang wie ein Reh hinein. Bald darauf kam man ihnen mit Licht
entgegen, und fhrte sie in ein bequemes, gastliches Zimmer. Die Mutter, eine
feine, sittige Frau, war entzckt ber Alinens Ankunft, die sie inde, mit
ruhigem Vertrauen, bei einer reichen, ihr wohlwollenden Verwandten in Sicherheit
glaubte. Wenige Worte machten sie mit dem Vorgange bekannt, sie bezeigte den
Eintretenden ihre herzliche Dankbarkeit, und war doppelt bemht, Stephano's
Zustand zu erleichtern. Rodrich verlor sich in Alinens anmuthigen
Geschftigkeit, die sie wie im Spiele an ihm vorber trieb, ohne irgend eine
schwerfllige Sorge ahnen zu lassen. Diese leichte Beweglichkeit in den
beschrnkten Kreisen, hob sie bewutlos darber hinaus, und gab dem ganz
Gewhnlichen einen eignen Zauber. berall fhlte er sich unendlich wohl. Die
harmloseste Ruhe wehte ihm hier in den einfachen, in Lieb' und Eintracht
geordneten Umgebungen entgegen. Seine aufgeregten Sinne schlossen sich behaglich
an die Einfrmigkeit des Ganzen. Er vermite keine Pracht, und weidete sich an
jedem Gegenstand, der vom innern, huslichen Frieden zeugte. Bald trat auch der
nunmehr beruhigte Geistliche herein. Er erschien beiden Freunden mild und
angenehm, so sichtlich man auch wahrnahm, da er kein Streiter dieser Welt sey.
Sein stiller Wohnsitz war von den Plndernden bersehen, und er hatte nichts,
als die Ruhe dieser Nacht bei dem allgemeinen Schrecken eingebt.
    Whrend dessen hatte sich der Aufruhr in den Straen gnzlich verloren.
Stephano bedurfte der Ruhe, und Rodrich fhlte, da er sich von seinen neuen
Bekannten losreien msse, um nicht lstig zu werden. So schied er denn, von der
herzlichen Bitte, recht bald wieder zu kommen, begleitet.
    Er fand sein Quartier bei einem reichen Rathsherrn, der mit ngstigender
Frmlichkeit seinen Wnschen zuvorkam. Auch Stephano erwartete ein hnliches
Loos, allein Rodrich sah voraus, da er es vorziehen werde, bei seinem
liebreichen Wirthe zu bleiben, wenn er ihn anders behalten wolle.
    Am folgenden Tage erhielt er von allen Seiten Glckwnsche ber sein
ausgezeichnetes, besonnenes Betragen bei der Einnahme der Stadt, und wie man ihm
vorzglich die Besetzung der wichtigsten Posten verdanke. Auch der General sagte
ihm etwas Verbindliches. Rodrich sah sich geehrt, ohne sonderlich darber
erfreut zu seyn. Angenehmer war es ihm, zu erfahren, da der Feind um Frieden
bitte, und da die Unterhandlungen schon im Gange seien, was inde Zeit und
lngern Aufenthalt in dieser Stadt erfodre. Ohne irgend eine Ursach anzugeben,
oder sein Gefhl nher zu betrachten, strebte er, sich der Freude, lnger in
Alinens Nhe zu bleiben, ganz ungestrt zu berlassen, und ergtzte sich im
Voraus an dem heitern Umgang, der ihn aller anderweitigen Sorgen auf kurze Zeit
entrcken sollte. Er glaubte lngst darber mit sich einig zu seyn, da man
vergebens nach Glckseligkeit verlange, und die einzelnen vorberfliegenden
Momente sorgsam auffassen und an einander reihen msse, um ein ertrgliches
Ganzes heraus zu bringen. Der Genu, meinte er, wie jeder gewnschte Erfolg,
fliehe der Absichtlichkeit, nur was sich so ungesucht nahe, das solle man
getrost auf sich zu kommen lassen. Es werde sich bald zeigen, in wie weit es zu
einem gehre, oder nicht. Alles Streben und Widerstreben lasse die Dinge
ziemlich beim Alten, man werde auch gewhnlich sein eigner Narr bei einer
getrumten Konsequenz, die ein unbewachter Augenblick zu Schanden mache. So im
Kampfe mit Sinn und Verstand, aller klgelnden Reflexion entfliehend, und doch
in ihr verstrickt, Hheres verachtend und kindlicher Sorglosigkeit entwachsen,
ging er in schmeichelnden Trumen zu Stephano. Es war ein heller, anmuthiger
Wintertag. Die Sonne schien warm in Alinens Fenster, an welchem sie unter Blumen
und bunten Vgeln, auf einem niedern Sessel bei ihrer Arbeit sa. Auf das
Gerusch bei seinem Eintritt, legte sie schnell den Finger auf den Mund, und
zeigte auf den schlafenden Stephano, der am andern Ende des Zimmers in einem
Lehnstuhl lag. Rodrich trat leise zu ihr hin. Sie glhete wie ein frisches
Rschen in dem blendenden Schnee des weien Gewandes. Freudige, schuldlose
berraschung, sprach aus Blick und Mienen. Er beugte sich ber ihren Sessel, und
beide begannen kaum hrbar mit einander zu reden. Aline ward bald unbefangener,
und als Rodrich nach den ersten Erkundigungen, Stephano's Wohlseyn betreffend,
das Gesprch auf den geliebten Benedikt lenkte, erzhlte sie mit ser
Vertraulichkeit ihren ganzen kleinen Lebenslauf. Rodrich hrte kaum was sie
sprach, das sanfte Wehen ihres Odems, das berauschende Flstern und all die
Unschuld und Lieblichkeit nahm seine ganze Seele hin. Er fhlte nur, wie wahr
und anspruchslos sie ihr Inneres aufdecke, und wie nichts, nichts in dem reinen
Herzen lebe, was den Blick eines Menschen scheue. Die feste, heilige Liebe fr
den Bruder, brach oft recht ernst aus dem spielenden Wesen hervor, und zeigte,
wie die kindischen Schwingen den Himmel wohl zu erreichen wuten. Er htte gern
ewig so bei ihr gesessen, und sich in ihre Welt hinber ziehen lassen, allein
Stephano erwachte, und bei seiner ersten Bewegung flog Aline an sein Lager. Sie
fand ihn bei weitem krnker als zuvor. Brennende Fieberhitze und stechende
Schmerzen im Arm, machten ihn auf's hchste ungeduldig und verdrlich. Rodrich
nahete sich ihm theilnehmend. Sein Herz war offen und warm. Die alten, halb
zerrissenen Bande schienen sich auf's neue fester zu schrzen, es reuete ihn
jede Hrte gegen den kranken Freund, der ihm so gar nicht im Wege war, dessen
Schwchen ihm sehr verzeihlich, ja von tausend herrlichen Eigenschaften
berstralt dnkten. Er htte ihm in diesem Augenblicke gern seine Schuld und
seine Reue bezeigt, und so die frhere Vertraulichkeit wieder hergestellt,
allein Stephano begngte sich, die hervorbrechenden, herzlichen Worte, mit einem
stummen Hndedruck zu beantworten, und sich lchelnd von ihm abzuwenden.
    Aline kam und ging, und war sorglich um den Kranken bemht. Bald erschien
auch die Mutter, welche husliche Geschfte bis dahin entfernt hielten. Rodrich
entdeckte heute eine auffallende hnlichkeit zwischen ihr und ihrem Kinde. Alter
und Erfahrung hatten den rosigen Hauch jugendlicher Sorglosigkeit nicht in ihr
verwischen knnen. Wie bei Alinen Ernst und Leichtsinn in den blhenden Zgen
spielte, so leuchtete beides aus dem Wesen der alternden Matrone hervor.
Dasselbe Vertrauen, derselbe einfltig fromme Blick ber alle ausgedehnteren
Verhltnisse des Menschen, die gleiche, gefllige Redseligkeit, und das
gnzliche Verlieren in den einzigen, merkwrdigen Hauptmoment ihres Lebens, den
Tod des blhenden, geliebten Jnglings, alles fand man in Beiden auf gleiche
Weise. Wenn Worte und Gedanken auch nicht ber die abgeschlossenen Kreise ihrer
einfachen, frhlichen Wirksamkeit hinaus reichten, so lag dennoch hierin eine
Welt von Gefhl. Alles Thun und Treiben erschien wie das bewutlose Walten der
Natur. Man gab sich willig hin, und lie sich, wie beim Erwachen des Frhlings,
allmhlig in die harmlosen Erinnerungen der Kindheit hinber spielen. Gleichwohl
fhlte Rodrich einen gewissen Zwang, seit er nicht mehr mit Alinen ohne Zeugen
war. Ihre Aufmerksamkeit wurde unwillkhrlich getheilt, sie durfte nicht einzig
bei ihm verweilen; sie fhlte das, und sehnte sich, wie Rodrich, nach der
stillen vertraulichen Stunde zurck. Inde blieb mehrere Tage hindurch alles,
auch Stephano's Befinden, unverndert. - Rodrich hatte daheim bei seinem
Rathsherrn eine ganz stattliche Familie, der er tglich einige Stunden geben
mute. Der Mann fhrte einen guten Tisch, alten Wein, und besa die
vortreffliche Gewohnheit, beides, um eines hflichen Lobes willen, Freund und
feindlichen Gsten preis zu geben. berdem hatte er zwei Tchter, von denen die
eine verheirathet, die gute Mutter, und die andere unverheirathet, die
Gebildete, nicht ohne Gewandtheit, und mit tiefer innerer berzeugung spielten.
Beide verstanden es, einen Kreis von Bewunderern um sich her zu ziehen, unter
denen sich Erwin, ein genialer, ganz frisch auf Universitten erblheter
Philosoph am meisten hervorthat. Er war ganz ausgebildet, so da wirklich kein
einziges festes Bild in ihm Bestand hatte. Die groe Ansicht des Universums
dehnte, wogend und flimmernd, die inneren Schwingen, und hob ihn auf einen
Standpunkt, vor welchem Hohes und Niederes gleich verschwanden. Die bunte
Gestaltung der Welt war ihm nichts, als die Unterbrechung absoluter Einheit,
deren wechselndes Spiel er, wie der Arzt das Zucken der Nerven, mit
Antheilnehmendem Lcheln durchdrang. berhaupt sah man ihn immer lcheln, nichts
durfte das ruhige Gleichgewicht unterbrechen, er fand sich berall wieder, weil
er sich ganz verlor, und kannte weder einen bestimmten Freund, noch eine
Geliebte, indem er einzig der Unendlichkeit angehrte. Ihm zunchst stand ein
Knstler, der mit hagerer Gestalt und matten Blicken, die Flle gttlicher
Sinnlichkeit in jedem Theetropfen in sich sog, und mit frechen, oft unkeuschen
Worten laut werden lie, wie er sein ganzes Daseyn dem wahnsinnigen Rausche
hingebe, und die Muse erst in den ppigen, glhenden Umarmungen der frischen
Sinnenwelt erzeuge. Die vllige, rothwangige Laura neigte sich bei hnlichen
Worten zu ihrem jngsten Kinde, und drckte es mit viel Empfindung an den
unverhllten Busen. Ihre Schwester Beate hate den unsittigen Schwtzer, und
verfehlte nie, ihn mit giftigen Pfeilen ihres Witzes zu verwunden. berall war
sie das anregende Prinzip dieses kleinen Zirkels, und ohnerachtet man sie mehr
hate, als sie es wohl verdienen mochte, so trieb und drngte jeder so lange,
bis sie die Rolle der anerkannt Geistreichen, in tausend gesuchten Wendungen
durch einen ganzen Abend behauptete. Die Familie nickte dann einander beifllig
zu, und jedes sonnte sich behaglich in dem trben Schein. Ziemlich abgesondert
von den brigen, und gewhnlich mit einem groen Windhunde beschftigt, sa ein
ltlicher Offizier, der den biedern Hausfreund machte, und mit einigen
polternden Spen die Wahrheit ziemlich hart traf. Da er inde gern Wein trank,
die Pferde liebte, den Damen huldigte, und einige veraltete, nach Romanzenart in
sich unzusammenhngende Kriegslieder sang, so gesellte sich der Neffe des Hauses
zu ihm, ein Jngling, der sich mit der Welt nicht mehr vertragen konnte, und die
altvterlichen Sitten hier zu finden meinte. Beide sprachen ganz
entgegengesetzte Dinge, und glaubten einander doch zu verstehen. Der junge
Mensch sah dabei auf ein schnes unbedeutendes Mdchen, das ihn fr etwas toll
hielt, und seine verschollene Galanterie mit sichtlicher Scheu ablehnte. Rodrich
glaubte zuweilen mitten unter einer Sammlung Karikaturen zu stehen, in denen er,
bei genauer Betrachtung, bekannte Zge entdeckte, die verworren und schwankend
an ihm vorber fuhren, und ihm irgend einen befreundeten Nahmen, oft seinen
eignen, zuriefen. Er war zu stolz und vornehm, um sich hier mitzutheilen, oder
das Ganze fr etwas anders, als ein flaches Spiel anzusehen. Wenn er inde ber
die grotesken Theaterknste lachte, mit welchen einer den andern zu tuschen
suchte, so fhlte er ganz dunkel, da auch er dabei eine Rolle spiele, und zwar
die des untheilnehmenden, kalten Zuschauers, der gleichwohl alle Augenblicke
einmal auf die Bhne trat, und Eitelkeit durch Eitelkeit parodirte. berhaupt
begegnete es ihm so oft, gerade das, was ihm bei Andern aus voller Seele zuwider
war, in sich selbst wieder zu finden. Er stritt und kmpfte wohl dagegen, aber
die nichtswrdigen Regungen waren dennoch da, kamen immer wieder, und
behaupteten ihr Recht in tausend verkappten Gestalten, in denen er sie nicht
selten hegte und pflegte, bis die Hlle unversehens herabfiel, und die Fratze
ihn hhnisch ansah. Oft glaubte er, das msse alles so seyn, um ihm die
Schlechtigkeit menschlicher Natur recht anschaulich zu machen, und ihn mit Kraft
und Verachtung dagegen auszursten. Er hielt sich wirklich berufen, das goldne
Netz zu zerreien, womit Thorheit und Eitelkeit die Welt umspinnen. Er griff in
jedem Augenblick danach, und verwirrte sich unwillkhrlich in das glnzende
Gewebe. Er fhlte das mit feindlichem Unwillen gegen sich und Andere, und konnte
dennoch die fruchtlose Arbeit nicht aufgeben. Umsonst, meinte er, habe ihn der
rchende Erzengel nicht so in seiner Kindheit angezogen. Die mahnende Stimme
kehre immer wieder, und er msse das Recht zu Tage frdern. Nur bei Alinen
sphrte er nichts von hnlichen Auffoderungen. Hier war ihm von selbst alles
ergeben. Warmer, ser Liebeshauch wehete ihm berall entgegen. Das Anneigen und
Erschlieen einer schuldlosen Seele, strmte berauschend in die seinige ber.
Stolz und Ehrgeiz schwiegen zum erstenmal. Alles gefiel ihm, wie es sich eben
zeigte, in einfacher Herzlichkeit. Wenn er aus dem berbildeten Kreise in die
stille, behagliche Wohnstube trat, wo Mutter und Tochter ihn mit unverstellter
Freude empfingen, und ihn alles anlachte, bis auf die zierliche Magd, die dann
gern und eilig den Tisch zu Vieren deckte, dann ging sein ganzes Herz auf, er
fhlte die Nhe reiner Menschlichkeit, und nichts konnte ihn stren, selbst der
einsylbige Geistliche nicht, den doch hin und wieder ein wohlwollender Blick auf
Alinen verschnte. Nur Stephano blieb krank und mit sich selbst beschftigt.
Nach mehrern Tagen fand er bei seiner Ankunft das ganze Haus in groer Bewegung.
Der Kranke war pltzlich schlimmer geworden, selbst die rzte frchteten fr
sein Leben. Er lag in heftigen Krmpfen, die er sich durch eine Erkltung
zugezogen hatte. Aline weinte aus voller Seele. Sie kannte nichts
Schrecklicheres als den Tod, der ihr einst das Liebste auf Erden entri, jede
Hindeutung auf diesen einzigen Schmerz ihres Lebens, bewegte sie auf's
gewaltsamste. Rodrich ward sehr erschttert, als Stephano's heftige Natur in die
furchtbarsten Zuckungen ausbrach. Bis nach Mitternacht blieb jeder in banger
Ungewiheit. Endlich strmte ihm das Blut aus den Adern, ohne da man sie
geffnet htte, und wenig Minuten darauf ward er ruhig und besonnen. Die rzte
erklrten dies fr eine wohlthtige Crisis, und nachdem sie noch einige Mittel
verordnet hatten, empfahlen sie den Kranken der Obhut seiner Pfleger, und
verlieen ihn mit der Versicherung baldiger Genesung. Alles um ihn her athmete
jetzt freier, die Mutter konnte ihre Theilnahme nicht rhrend genug ausdrcken,
Niemand sollte ihn die Nacht ber verlassen, sie selbst wollte ihn genau
beobachten, und schickte sich an, in einem gemchlichen Sessel an seinem Lager
zu wachen. Aline sa mde und erschpft auf einer kleinen Bank zu ihren Fen;
die Arme ber einander geschlagen, senkte sich das zierliche Kpfchen auf die
Brust, und schwankte, ohne weiteren Gegenhalt, im Schlafe hin und her. Rodrich
betrachtete sie mit unnennbarem Entzcken, und als Stephano und die Mutter
endlich auch schliefen, neigte er sich ber sie hin, und fragte leise, ob er sie
zu einem bequemeren Sitze tragen drfe. Sie lehnte den Kopf an seine Brust, und
sich nach Kinder-Art dehnend, umschlang sie ihn fest mit beiden Armen, indem sie
schlaftrunken versicherte, sie sey gar nicht mde. Rodrich fhlte sie an seinem
Herzen, ihr erstes unerwartetes Erscheinen trat wieder vor ihn hin. Unbewut,
wie damals, lag sie jetzt in seinen Armen, so ward sie ihm auf's neue wieder
gegeben, er zog sie fester an sich, sie war sein, kein lebendes Wesen machte sie
ihm streitig, die unsichtbaren Mchte fhrten sie ihm selbst zu, er hielt sich
lnger nicht, und hauchte alle Liebe und Sehnsucht auf ihre glhende Lippen.
Liebe, liebe Aline, rauschte es an ihr vorber, sie blickte wie im Traume zu ihm
auf, und als er sie noch feuriger kte, fllten sich ihre Augen mit heiligen,
wonnevollen Thrnen. Liebst du mich? fragte er schmeichelnd. O, Gott mge es mir
verzeihen, sagte sie fromm und wahr, wie du schon lange mein einziger Gedanke
bist, und wie ich den guten Benedikt oft darber verga. Sie waren beide an ein
Fenster getreten. Die Sterne leuchteten und funkelten in der hellen Nacht, wie
tausend geheimnivolle Blicke. Aline hob betend ihre Hnde zu ihnen auf, ihre
ganze Seele lste sich in einem wehmthigen Blicke, mit dem sie, wie bewutlos
ber die Erde hinsah, und sich dann schweigend an Rodrichs Busen verbarg. Wie
ist dir? fragte dieser, ber den Ernst des lieblichen Kindes erstaunt. Ich
fhle, sagte sie bewegt, wie ich jetzt von der ganzen Welt scheide, wie alles,
alles mit einemmal ganz anders ist. Ich kann dir das nicht so sagen, aber meine
liebsten Hoffnungen und Freuden sehen mich jetzt so todt an, wie ehemals das
alte zerbrochene Spielzeug am hellen Weihnachtsabend. Ich komme mir ganz seltsam
vor, ich mchte immer weinen, mir ist so wohl, und doch so wehmthig, fast wie
am Tage da Benedikt seine segnende Hand auf mich legte, und unter stillem Gebet
verschied. Sieh nur, fuhr sie fort, wie die Mutter und alles um uns schlft, wir
sind wohl ganz allein auf der weiten Erde! Sie schmiegte sich vertrauend an ihn.
Rodrich fhlte mit Entzcken ihr Herz an dem seinigen schlagen. Die schuldlose
Liebe brach wie ein Maienglckchen durch die dunkeln Schatten seiner Seele.
Ser, ser Engel, rief er, fast eben so weich und gerhrt, als Aline, la nur
deine kleine Welt zusammenstrzen, meine Liebe soll dich in den Himmel tragen.
Er wute nicht was er sprach. Sein ganzes voriges Leben stand auer aller
Verbindung mit diesem Augenblick. Er glaubte wenigstens sich selbst nicht wieder
zu erkennen, und begrte diesen neuen heranbrechenden Morgen in Alinens frommen
Blicke.
    So innig beglckt, in die heitre Stille eines ruhigen, fr den Augenblick
befriedigten Herzens versenkt, eilte er heut nach seiner Wohnung zurck. Von
tausend lieblichen Bildern begleitet, ffnete er eine Seitenthr derselben, die
durch eine schmale Gallerie zunchst nach seinem Zimmer fhrte. Es war noch
dunkel, er trat leise und behutsam auf, um niemand im Hause zu stren, und hielt
sich von Zeit zu Zeit an die Wand, dem Krper bei den unsichern Tritten das
Gleichgewicht zu geben, als pltzlich eine schattenartige Gestalt unter seinen
Armen hinschlpfte. Ohne sonderlichen Schreck fate er ganz mechanisch nach dem
fremden Krper, und trug ihn sicher und geruschlos zu der brennenden Ampel am
Haupteingange. Er mute laut auflachen, als er in dem kleinen zappelnden, sich
strubenden Wesen, Erwin erkannte, der in einen brunlichen Mantel gewickelt,
vor Angst und Frost zitternd, auf Liebesabentheuer ausging. Ein schwacher
Lichtstrahl, der aus Laura's halb geffneter Thr drang, zeigte Rodrich, in
welcher verborgnen Blume der geheimnireiche Forscher heut das Universum
gefunden hatte. Doch konnte er sich eines innern Unwillens nicht enthalten,
indem er bemerkte, da sie beide hier als beglckte Liebende einander gegenber
standen, und da sein lieblichstes Entzcken, so grob und gemein in dem
verzerrten Bilde ausgesprochen sey. Fast war ihm, als treffe er hier im Hause,
unaufhrlich auf ein gespenstisches Hhnen seiner innersten Natur. Er lie den
frierenden Nachtwandler gleichgltig fahren, und ging verdrielich nach seinem
Zimmer.
    Die folgenden Tage waren inde reich an Freuden, die nur Liebe erzeugt und
versteht. Das geheimnireiche Anneigen und Berhren, die flammende Ungeduld, wie
das stille Beieinanderseyn, all die Wonne und das innerliche Leben zweier
liebeathmender Herzen, wogte in Rodrich auf und ab. Er schmiegte sich hingebend
in se Bande, und schlo die Augen vor dem Gewebe, da sich immer dichter ber
ihm zusammenzog. Aline ging ruhig an seiner Hand auf dem blhenden Teppich, der
vor ihr ausgebreitet lag. Sie sann und forschte nicht, was die bunte Hlle
verbarg. Wie sollte sie die Zukunft bedchtig herauf fhren, da die Gegenwart
sie wie ein lchelndes Kind aus hellen Augen ansah! Beide begngten sich lange
mit dem flchtigen, verstohlnen Genu, den eine beschrnkte Lage und wachsende
Aufmerksamkeit fr die erweiterten Umgebungen ihnen gnnte. Inde hatte
Stephano's wiederkehrende Genesung nach und nach so viele seiner Kameraden zu
ihm gefhrt, und diese wieder so manche von Alinens Verwandten angezogen, da
endlich alles Eigenthmliche des ehemaligen huslichen Zirkels bis auf die
geruschlose, milde Heiterkeit daraus verbannt war. Fade Scherze und
kleinstdtische Prtensionen, rangen hier nicht immer zum zierlichsten mit
einander. Manches fiel Rodrich unangenehm auf, was gegen einen natrlichen Takt
feiner Sitte stritt. Er war vergebens bemht, in den allgemeinen Ton einzugehen.
Der kleine Vorrath flacher Spe erschpfte sich um so eher, je sichtlicher das
Verlangen darnach bei den Andern hervorleuchtete. Es war ihm unmglich, sich,
wie seine Freunde, in das grob geschrzte Netz roher Koketterie hineinziehen zu
lassen. Jeder Aufflug von Gemeinheit, jede Hindeutung drftigen Herkommens, war
ihm eine rgerliche Strung, und trieb seine Ungeduld oft so weit, da er im
Begriff war, Alinen in seine Arme zu schlieen, und mit ihr auerhalb jeder
lstigen Schranke zu fliehen. Sie gehrte wirklich keinem bestimmten Kreise an.
Ihr eigenthmliches, kindliches Wesen, trieb sie leicht zwischen den hlzernen,
drr ausgesprochnen Gestalten hindurch, zu Rodrichs innerer Flammenwelt, in der
sich ihr ganzes Daseyn liebend auslste. Sie theilte seinen Unmuth, weil er
unmittelbar aus den trben Blicken in ihre offne Seele berging, und bemhete
sich, durch zarte Aufmerksamkeit jede aufsteigende ble Laune zu snftigen.
Inde gelang ihr dies nur halb, und als er einst mehrere Stunden gegen alle
uere Unannehmlichkeiten ankmpfend, vergebens einen flchtigen Moment zu
erhaschen hoffte, in welchem die leidenschaftlichen Gluthen sich auf Alinens
rosigen Lippen khlen sollten, da hielt er sich nicht lnger, er entfernte sich
einen Augenblick, und schrieb mit klopfendem Herzen folgende Worte, welche er
geschickt in Alinens Hnde spielte.
    Tadle es nicht, meine Aline, wenn dein sanfter, flehender Blick die inneren
Strme nur noch mehr anregt, wenn ich vergebens ringe, mich in die stillen
Fluthen deiner frommen Seele zu tauchen, wenn alles, alles, mein Verlangen
glhend hinauf treibt! Ich bebe, wenn du an mir vorber streifst, meine Arme
zucken unwillkhrlich, ich widerstehe dem inneren Zuge nicht lnger, la mich,
ich bitte dich, la mich nur einmal wieder, deine se Nhe berauschend fhlen,
la mich deinen Athem trinken, der wie Himmelsduft um die innern Flammen spielt.
Bei Gott, Aline, ich mu dich an meine Brust drcken, oder ich zertrete alle
Schranken, die dich und mich fesseln!
    Sie flog mit dem geheimnireichen Blttchen in ihre Kammer, und kam bald
darauf mit verweinten Augen und in sichtlicher Bewegung zurck, indem sie
Rodrich ein hnliches Papier folgenden Inhalts zusteckte.
    Fodre nur, Ungestmer, du wutest ja wohl, da ich keinen andern Willen als
den deinigen kenne. Gott wei inde, ob es so recht ist! Ich habe gebetet, und
Benedikt recht aus voller Seele gefragt, aber es blieb alles wie es war. Meine
Augen fielen dabei auf die brennenden Zeilen, die mein ganzes Inneres anfachten,
dein Nahme tnte laut aus jedem Worte, und ich thue was du willst.
    Komm denn diesen Abend gegen 12 Uhr nach der Kapelle, wo wir uns zuerst
trafen. Rodrich, ich ahnete es wohl, da sich alle andere Bande von meiner Seele
lsen, und ich allein in deiner Liebe athmen wrde. Es ist so gekommen! Mir ist
doch recht wehmthig dabei zu Sinne. Zum erstenmal in meinem Leben thue ich
widerstrebend, was ich dennoch so gern thue! Wenn es nur erst Morgen wre! Angst
und Sehnsucht treiben mich wie ein Kind hin und her. Lieber, lieber Rodrich,
fhle doch nur, wie unendlich ich dich liebe, und wie alle Unruhe und alles
wankende Wollen sich sogleich in deinen Armen trstend auflsen mu.
    Rodrich bersah den kleinen Streit, der Alinens Gefhle noch hher hinauf
trieb, und sie mit unauflslichen Banden an ihn kettete. Er wute noch nicht,
wie ein weibliches Gemth die berwundene Scheu, mit der sie gegen ein
gnzliches Hingeben ringt, in der festesten, unendlichsten Liebe abzuben
strebt, und wie viel ein Mann gewinnt, der es bei der Geliebten bis zur
Uneinigkeit mit sich selbst gebracht hat. Er dachte und empfand berall nichts
als sein nahes Glck. Jede berlegende Absichtlichkeit, war weit von seiner
Seele. Im frhlichsten Taumel rauschte ihm die Zeit bis zur zwlften Stunde hin.
Fast zugleich stand er mit Alinen am Eingange der Kapelle. Sie schlpften beide
hinein. Zitternd, ohne ein Wort zu sagen, kniete sie neben ihm auf die Stufen
eines kleinen Altars. Die kalten Steine schienen zu ihrem Herzen zu dringen, und
es peinlich zusammen zu ziehen. Rodrich kte sie sanft. Sie weinte an seiner
Brust, halb aus Schaam, halb aus Freude. Frchte nichts, Aline, sagte er
beruhigend, die Grber sind stumme Zeugen, und wir im Schutze frommer Geister.
Jesus, rief sie, was war das! - Aline, erwiederte er halb unwillig, mein Herz
klopft dem deinigen ungestm entgegen, sonst hrst du nichts, glaube mir. Nein,
nein, sagte sie, es ist gewi etwas anderes, hre nur. Der Wind rauschte hohl
und tief zwischen einigen veralteten Bumen, die sich vor den Fenstern hin und
her neigten, die Zweige warfen bei dem hereinbrechenden Mondenlicht lange
Schatten in die Kapelle. Aline sah mit halben Blicken ihr flimmerndes Spiel an
den dunkeln Wnden. Ihr war, als bewege sich der frische Epheukranz ber dem
Grabe ihres Bruders, indem hrten sie jemand husten, und ein schallendes
Gelchter flog an ihnen vorber. Rodrich sprang zur Thr. Ertappt, ertappt,
riefen mehrere rohe Stimmen, du willst wohl Geister beschwren, oder giebt es
sonst etwas Geheimes hier abzumachen? - Nur heraus damit, jetzt gilt kein
Heucheln mehr. Lat mich, sagte ein Anderer, ich will's ja sagen, plagt mich nur
nicht mit eurem Geschrei. Ich habe in dieser Kirche ein Bndelchen Zeug, etwas
Geld und eine Uhr in der Nacht versteckt, als wir Verwundete hier hinein
gebracht wurden, und konnte immer nicht dazu kommen, es abzuholen, ich wollte
jetzt versuchen, ohne viel Gerusch zu der kleinen Thr hinein zu kommen. Das
ist gestohlen Gut, riefen auf's neue alle insgesammt, das mu kameradschaftlich
getheilt und zusammen verzehrt werden. Der Lrm ward immer grer, zog inde
bald die Wache herbei, die sie schnell aus einander trieb. Lieber sterben, sagte
Aline bebend, als hier einen Augenblick lnger verweilen. Umsonst versicherte
Rodrich, da nun alles ruhig, und sie vollkommen sicher wren, sie entwand sich
seinen Umarmungen, und eilte angstvoll vor ihm her. Er folgte schweigend bis vor
des Hauses Thr. Liebe Aline, sagte er jetzt bittend, fodre nicht, da ich dich
in dieser Stimmung verlasse. Du zitterst und weinst, wie knnte ich ohne dich
ruhig seyn, lieber Engel, la mich mit hinein gehen! Aline war so verwirrt, so
durch und durch erschttert, da sie es still geschehen lie. Sie traten in die
warme, duftende Wohnstube, Rodrich fhrte sie zu dem kleinen Sitz unter ihren
Blumen; nein, rief sie, sich besinnend, hier darfst du nicht bleiben, Stephano
schlft ganz nahe. Nun, erwiederte Rodrich, so la uns hinauf zu deinem
Zimmerchen gehen. Da ist wieder die Mutter nicht weit, fiel sie ein. Ach, die
schlft wohl, sagte Rodrich, und zog sie sanft zur Thr. Sie blieb einen
Augenblick unschlssig stehen. Rodrich, rief sie weich und hingebend, er schlo
sie fest an sich, und trug sie leicht die wenigen Stufen hinauf.
    Der Morgen dmmerte schon, als sich Rodrich endlich von Alinens glhendem
Herzen ri, und durch die kalten, feuchten Nebel zu seinem einsamen Lager eilen
wollte. Ein Blick auf jene ppige, in Liebe und Sehnsucht hinsterbende Gestalt,
fesselte ihn noch mehrere Augenblicke. Die groen, blauen Augen, senkten sich
keusch und verschmt unter dunkle Wimpern, inde Mund und Wangen von seinen
Kssen glheten. Einzelne Lckchen quollen aus dem purpurnen Netz hervor, das
den reichen Schmuck gefesselt hielt, und schienen mit den zarten Gliedern zu
kosen, die durchsichtig und klar im rosigen Hauche der Liebe wogten. Als wage
sie nicht, sich zu regen, so lag sie in sich selbst zurck gezogen, unbeweglich,
und doch voll innern, unendlichen Lebens vor ihm da. Doch pltzlich sank sie
unter einem Strom von Thrnen zu seinen Fen, sich fest an ihn schmiegend, rief
sie: nicht wahr, nun verstt du mich nicht, nun kannst du dich nie wieder von
mir losreien! Aline, Aline, sagte Rodrich bewegt, wenn du nicht willst, da ich
sterben soll, so sieh mich so nicht an! Du fhlst ja wohl, wie ich ewig dein
bin! Ihre kleinen Hndchen lagen gefaltet in den seinigen; Engel, rief er, sie
noch einmal kssend, und flog zur Thr hinaus.
    
    Er konnte sich den ganzen Tag ber von dem lieblichen Bilde nicht losmachen,
alle seine Sinne nahm es gefangen, und trieb ihn im Zauber der Erinnerung halb
trumend umher. Zufllig traf er auf einem einsamen Spazierritt Stephano, der
zum erstenmal die frische Luft, mit wieder auflebenden, gesunden Sinnen
begrte. Sie trabten eine Zeitlang schweigend neben einander her, Rodrich
fhlte sich verlegen, gestrt, sie waren lange nicht so allein gewesen, wovon
sollte er berdies jetzt reden, wenn es nicht das Eine betraf, was seine ganze
Seele erfllte, und wer konnte und durfte hier sein Entzcken theilen! - Da wir
in kurzem Frieden haben, und in Gottes Nahmen zu Hause gehen, weit du wohl
schon, hob endlich Stephano an. Rodrich erinnerte sich davon gehrt zu haben.
Ja, ja, sagte jener auf's neue, das ist nun auch wieder vorbei! Vorbei? fragte
Rodrich, der in diesem Augenblick nicht recht wute, wohin dies ziele. Nun ja,
erwiederte Stephano, wie berhaupt mit aller getrumten Herrlichkeit der Welt!
Hm! - sagte Rodrich nachlssig, und schmiegte sich in Gedanken in Alinens
Lilienarme, oft ist in den abgefallenen Blthen ein Saamenkorn verborgen, aus
welchem unerwartet ein neues Reis emporschiet. Man mu das kommen lassen, wie
es eben will und kann. Stephano betrachtete ihn einen Augenblick, dann sagte er
lchelnd, wir haben wohl heute die Rollen vertauscht, du gehst ja recht ergeben
und ausgeshnt, mit dem Schicksale Hand in Hand, ohne da es, so viel ich wei,
sonderlich viel fr dich gethan htte, denn das Spielchen mit Alinen hlt doch
wohl nicht ber einige Stunden vor? Rodrichs Blut kochte, er htte den lstigen
Sptter zerreien knnen, und dennoch verschmhete er es, die innere Wahrheit
zur Schau zu tragen. Er starrte unentschlossen in die de Gegend und konnte kein
Wort hervorbringen. Zwar, sagte Stephano, jenen Unwillen wenig beachtend, hat
dich das gute, unbedeutende Kind ganz artig unterhalten, und in dieser Zeit ist
jede drftige Freude willkommen, doch verstehe ich deine Ruhe, ja, dein
gleichgltiges, abgeschlossenes Wesen immer noch nicht. Du wirst mich nicht
berreden wollen, da ein paar frische Lippen so groe Weltansichten, so
vollwichtige Plane weghauchen knnten. Vollwichtige Plane? wiederholte Rodrich,
der in Stephano's Annherung irgend eine Absichtlichkeit vermuthete, ich mchte
wissen, wie mein unzusammenhngendes Dasein solche gestattete! Schlage doch, ich
bitte dich, einige elektrische Blitze, die ein unerwarteter Sto von auen hin
und her erzeugt, so hoch nicht an. Wer nicht wenigstens die Richtung des Hafens
kennt, der treibt Zeitlebens auf offener See umher. Mir ist der groe Anlauf der
mehrsten Jnglinge schon tausendmal sehr lcherlich vorgekommen. Meine eignen
hohen Weltansichten haben mich lsterlich gefoppt. Manches trat freilich im
groen Stil, auf dem Cothurn zu mir hin, allein ich sah die Maske immer noch
fallen, und das Pygmengeschlecht blieb was es war. So, - sagte Stephano, und
klopfte seinem Pferde gleichgltig den Hals. Ja, sage mir, fiel Rodrich immer
heftiger ein, fandest du nicht in allem, was sich so gro ankndigte,
Verworrenheit der Begriffe, geschraubtes, vornehmes Wesen, hchstens gutmthige
Selbsttuschung, und nirgend herzliches, ehrliches Wollen, wie es ein gesunder
Sinn fodert? Dies bewutlose, tiefe Gefhl, was vor sich selber so gar nichts
seyn will, und berall den Ton anschlgt, den es treffen mu; wo, ich bitte
dich, wo fandest du dies, wo den kindlichen Menschen, den nicht irgend ein
Schulsystem, oder flache Verstandes-Konsequenz zu seinem eignen Narren machte.
Warum, sagte Stephano kalt, bliebst du nicht in der Kinderstube, wenn du mit
Kindern leben wolltest? O, tusche dich nicht, unterbrach ihn Rodrich schnell,
als wenn du berall bei Kindern den kindlichen Sinn fndest. Das, was ich so
nenne, das rein Menschliche, die Empfindung, die mit unnachahmlicher Anmuth,
Wort, That und Geberde wird, kurz, dies freie, kunstlose Bewegen von Innen nach
Auen, dies offenbart sich in sehr wenigen Gemthern, und wo es ist, da
behauptet es sich auch durch ein ganzes Leben, es widersteht den Formen, und
gehrt eben darum keinem Zeitmomente an. Der stille Bach, sagte Stephano, der
flach und spielend ber weien Sand rinnt, ergtzt freilich dann und wann unser
Auge. Du stehst davor, und vergit das tiefe, gewaltige Meer, mit seinen
Brandungen und schumenden Wogen. Nun, es wird auch wieder anders werden, wie so
vieles im Laufe deiner Gefhle und Ansichten. Rodrich unterdrckte unwillig die
beschmende Wahrheit dieser Worte, in der inneren Verlegenheit ri er heftig an
einem berhangenden Ulmenzweig, unter welchem er eben hinritt. Bei der schnellen
Bewegung streifte sich Miranda's Ring vom Finger, und rollte weit hin auf den
trocknen Boden. Ehe ihn seine Blicke noch trafen, hatte ihn Stephano mit vieler
Gewandheit auf die Spitze des Degens aufgefangen, indem er lachend sagte: ist
das auch so ein verschollnes Andenken, das sich fliehend noch einmal meldet?
Rodrich war, als fhre eine eiskalte Hand ber sein Herz, er hatte nicht den
Muth, irgend einen Gedanken festzuhalten. Mit sichtlicher Verwirrung nahm er den
Ring, und lie ihn gedankenlos zwischen seinen Fingern spielen. Du siehst ja
heute gewaltig schwerfllig in den unbedeutendsten Scherz, sagte Stephano nach
einer Weile. Ich merke wohl, wo das hinaus will. Die Welt ging an dir, wie die
Bilder eines optischen Kastens vorber, du stehst am Ende, wie zu Anfang, in der
engen, dunkeln Stube, und lest die bersttigten Blicke auf alltglichen
Umgebungen ausruhen; nun Gott befohlen, ber kurz oder lang, fhrst du wohl
einmal wieder wie die Flamme durch das niedre Dach, und kmpfst mit den
Elementen. Fr jetzt la dir wohl seyn. Mit diesen Worten wandte er sein Pferd,
und ritt einen andern Weg. Lcherlich, sagte Rodrich, halb trotzig halb
verlegen, steckte den Ring an den Finger und eilte bei Alinen jede lstige
Strung zu vergessen. Das holde Kind empfing ihn mit einer wehmthigen
Innigkeit, die sein ganzes Wesen durchdrang. Er hatte nie etwas Reizenderes
gesehen, als jenen Streit zarter Schaam und wachsender Zrtlichkeit, in welchem
sie sichtlich gefangen war. In heiliger, hingebender Selbstverlugnung, ruheten
ihre Blicke auf den seinen, einzelne Thrnen rannen ihr selbst unbewut, ber
die frischen Wangen, ihre Stimme zerrann fast in leisen Bebungen, die wie
abgerine Tne einer Harfe die innern Akkorde bewegter Natur offenbaren.
    Der Geistliche war inde bei seinem Eintritt zum erstenmale mrrisch an ihm
vorber gegangen, und hatte die Mutter in einer hnlichen Stimmung zurck
gelassen. Es ist Friede, sagte diese endlich, ihr augenblickliches Schweigen mit
losbrechender Redseligkeit ersetzend; nun, lieber Gott! ich freue mich gewi von
ganzer Seele darber, aber sagen werde ich doch wohl drfen, da es nun recht
todt und weitluftig in unserem Huschen seyn wird, und da wir uns alle ungern
von so lieben Gsten trennen. Was liegt denn darin Gottloses und Sndliches?
Meine Klagen werden berdies nichts ndern, und was man einmal recht aus
Herzensgrunde fhlt, das kann man auch ohne Schaam vor aller Welt bekennen. Und,
lieber Gott, jeder hat seine Weise, mu man denn gleich in so anzglichen Worten
die Meinung Andrer bestreiten. Ich will wahrhaftig nicht Hader und Zwietracht
unter die Menschen sen, und wie der Bruder meint, thrichte Wnsche durch das
allgemeine Verderben befriedigen. Ich bin nicht hoffrtig und stolz, ich
wirthschafte in De- und Wehmuth, und halte das bischen Armuth zusammen, aber ich
will andre Gesichter sehen, und andre Begebenheiten erleben, als die ich nun
seit drei Jahren, Tag ein, Tag aus in den trbseligen Legenden und
Mrtyrergeschichten zu Gesicht bekomme. So manchmal ist die Selbstverlugnung
und Ergebung der heiligen Mnner wohl recht trstlich, und man sieht und fhlt,
wie alles Irdische weicht, aber die Welt ist doch kein offnes Grab, und das
blhende Kind da, soll mir doch nicht immer wie in ein Leichentuch gehllt
erscheinen. Er hat gut reden, er steht allein, von ihm geht kein neues Leben
aus, wie er altert und welkt, so erbleicht auch alles um ihn her, ihn zieht
nichts in die frische Jugend zurck. Im Grunde ist er zu bedauern, solch ein
Mann, der niemals liebte, wird am Ende so schroff, allen Weltfreuden
abgestorben, da man sich nicht mehr eines gesunden Appetits und Schlafs von ihm
erfreuen darf. Hier trat der Bruder unvermuthet herein, und der breite Strom der
Rede stockte pltzlich. Aline, hob er nach einer Weile an, stelle nur die
nchtlichen Wanderungen zur Kapelle ein, Menschen oder Geister duldeten es so
wohl nicht, du mutest wahrscheinlich entfliehen, denn ich fand am Eingange dies
Kettchen mit Benedikts Locke, und die Perlenschnur aus deinem Haar, so etwas
giebt rgerliche Gerchte. Aline nahm zitternd die zerbrochene Kristal-Kapsel
aus seiner Hand, whrend die Mutter mit unsichrer Stimme sagte: nun, Beten ist
doch keine Snde? Wenn es aus reinem Herzen zu Gott und seinen Heiligen dringt,
erwiederte der Geistliche, sicher nicht, wenn aber irdische Wnsche die Gott
geweihete Sttte beflecken, dann ist es dem Herrn ein Gruel. Ich bitte dich,
Aline, flsterte Rodrich dem weinenden Mdchen zu, fasse dich doch jetzt nur,
und suche den keimenden Argwohn durch ein ruhiges Betragen zu ersticken. Warum?
sagte sie matt und ergeben, Gott und Benedikt kennen mein Unrecht, mgen es die
Menschen denn auch wissen. Ach, Mutter, Mutter! rief sie aus gepreter Brust,
ich bin sehr unglcklich! Der Geistliche trat gerhrt zu ihr hin, legte die Hand
auf ihre Stirn, und sagte, Gott giebt uns allen Frieden. In dem reinen Herzen
der Mutter stieg eine trbe Ahnung aus, sie blickte fragend umher, aller Augen
senkten sich, Rodrich strebte vergebens untheilnehmend und ruhig zu erscheinen,
er fiel auf's neue aus allen seinen Himmeln, in die fest gestaltete, nothwendige
Ordnung der Dinge, die ihn mit allen Quaalen peinigender Gegenwart gefangen
hielt. Zagend stand er neben Alinen, deren trbes Auge schmerzlich aus den alten
geliebten Umgebungen ruhete, als sagten sie ihr, nun werden unzhlige Thrnen
hier flieen, und wir alle werden unbeachtet vergehen. Er fhlte, da ein Wort
die inneren Zweifel lsen, und Glck und Ruhe verbreiten knne, aber dies eine
Wort drang nicht ber die widerstrebenden Lippen. Indem trat Stephano herein,
mehrere Briefe in der Hand haltend, von welchen er Rodrich zwei gab, und sich
dann, die brigen zu lesen, in eine Ecke des Zimmers niederlie. Rodrich
erkannte sogleich Florio's Hand, er ffnete schnell das Siegel, und las, um sich
selbst allen zweifelhaften Regungen zu entziehen, begierig folgende Worte:
    Der Tod, lieber Rodrich, ist nun wirklich an uns vorber gegangen, und hat
Rosalien entfhrt. Seitdem ist mir unaufhrlich, als schritte er auf mich zu,
und spottete meiner Wnsche und Hoffnungen. Alles um mich her erscheint mir so
schattenartig und vergnglich, und was ich sage und thue, es gemahnt mich wie
ein Spiel. Der rechte Ernst lauert doch nur im Hinterhalte, und macht zuletzt
allen Trumen ein Ende. Dies ist gewi nicht die rechte Ansicht des Lebens. Der
gesunde Sinn greift frisch in die Kette ein, und fhlt, da sie sich ewig
ununterbrochen fortschlingt. Ich mu auch wohl krank seyn, denn niemand auer
mir ist so ergriffen, selbst Ludowiko kehrte vor einigen Tagen ruhig, ja
erleichtert zu den Seinigen zurck. Es war, als habe er dem Schmerz, wie allen
innigern Gefhlen einen gewissen Tribut zollen mssen, dessen letzter Rest mit
Rosaliens Leib in die kalte Erde verschttet ward. Ach, Rodrich! Rodrich! ich
wrde glauben, die meisten Menschen seien leblose Instrumente, ber welche die
Hand des Schicksals hinfhrt, und ihnen von Zeit zu Zeit einen Ton entlockt, der
eine Weile fortrauscht, und dann in das innere Nichts verhallt, aber sind wir
denn anders? und whlt die Welt nicht mit tausend Hnden in den Saiten unsers
Herzens, und schlgt eine nach der andern an, ohne da wir es selbst ahnen?
Sonderbar war es, da Rosalie ganz verstndig unter hchst einfachen, ja ich
mchte sagen, kalten Betrachtungen verschied. Ludowiko's Bild schien immer mehr
von ihr zu weichen, sie nannte ihn wenig, und gab sich mit sichtlichem Behagen
der wiederkehrenden Stille ihres Gemthes hin. Der Gelehrte, der vor einigen
Tagen bei Seraphinen war, meinte: Rosalie sey ihm unendlich heftig, aber nicht
gefhlvoll erschienen. Dieser Mangel an Tiefe, und eine groe Phantasielosigkeit
habe so lange mit dem Streben, sich einen hhern, ungewhnlichen Schwung zu
geben, gerungen, bis sie dies ber sich selbst hinaus, zwischen frostigen
Verzerrungen, zum Wahnsinne hingetrieben habe. Nichts, setzte er hinzu, ist so
gefhrlich, als wenn der blos reizbare, wenig schpferische Sinn, uere Bilder
fr die seinigen aufnimmt, und sich aus die Art in eine ganz fremde Welt
verirrt. Ludowiko, sagte er, sey vollends ein kalter Geck, der sich in jeder
Kappe gefalle. Dies letzte that mir wehe. Ich hatte ihn doch so wahr und innig
gesehen, seine Thrnen waren in mein Herz gefallen, so bemchtigt sich der bloe
Schein nicht der Seele eines Andern. Es mag wohl seyn, da man Erscheinungen und
Motife richtig aufstellen, und Eines durch das Andere entwickeln knne, allein
im Menschen ist noch vieles, was sich so nicht auffassen lt, und was
gleichwohl alles verndert. Man sage immer, die Liebe sey blind, ich glaube es
nicht. Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen, und fllt die Lcken, die der
Verstand mhsam grbt. Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen ber die
letzten Vorflle. Die Frauen sind milder, bei ihnen herrscht das Gefhl, und
wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen, so wird ihnen doch der Mensch
nie zu einem bloen Rechenexempel, das sich nach gewissen Regeln auflsen lt.
Ich dachte jetzt recht ungestrt in dieser Einsamkeit deine Rckkehr zu
erwarten, allein es hat sich auf's neue alles gendert. Vor einigen Tagen trat
der Ritter ganz unerwartet mit einer hbschen jungen Frau bei uns ein. Rosaliens
Tod war ihm noch fremd, er glaubte, sie durch die glckliche Wendung seines
Schicksals freudig zu berraschen, und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen.
Es war uns unendlich peinlich, ihn in diesem Irrthum zu wissen. Der Grfin
gebrach es fast an Muth, ihm die Wahrheit zu gestehen. Das Lcheln eines
Menschen, dem der ungekannte Schmerz so nahe steht, hat etwas beraus Rhrendes.
Inde entging ihm unsere Verlegenheit nicht, und er drang uns bald das
Gestndni seines Unglcks ab. Du kannst denken, wie sehr es ihn erschtterte.
Doch gelang es der schnen, blhenden Gattin, ihn nach und nach zu beruhigen.
Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens Grabe, und bringt manche Stunde dort zu,
allein er willigt dennoch ein, in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen, wohin
Seraphine ihm folgt. Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte, und freut
sich, durch irgend ein Familienband auf's neue an die Welt geknpft zu seyn. Ich
sollte sie begleiten, Alexis drang deshalb in mich, er ist liebenswerth und
offen, und erwiederte meine Theilnahme mit der kindlichsten Innigkeit, allein
ich fhle mich doch losgerissen in diesem geschlonen Kreise. Halte mich nicht
fr eitel und anmaend, wenn ich dir gestehe, da mir dies freundliche Dulden,
die ehrenwerthe Anhnglichkeit gutmthiger Menschen, nicht gengt, da ich es
schmerzlich fhle, fr niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu seyn, da alles
ohne mich gerade eben so ist und fortgeht, ich nur neben, nicht mit meinen
Freunden lebe, ach, und da keiner ahnet, oder ahnen will, welche eine Welt voll
Liebe ich in meinem Herzen trage. Ich bleibe allen fremd, auch dir, Rodrich,
glaube nicht, ich wolle dir einen Vorwurf machen, du kannst nicht anders, daher
kehre ich auch in meine Berge zurck, da leben die frommen Eltern und alle
freudigen Erinnerungen der Kindheit. Vielleicht suchst du mich dort auf, wenn
dir alles einmal milingt, und die Welt dir keinen Ersatz bietet.
    Rodrich mochte nicht lange bei den wehmthigen Klagen seines Freundes
verweilen. Er scheuete in diesem Augenblick jede tiefere Rhrung, und eilte
daher zu dem andern Briefe, dessen Ausschrift ihn lebhaft an das geheimnivolle
Billet nach dem Maskenballe erinnerte. Allein, wie erstaunte er, als er
Viormona's Unterschrift entdeckte, und Blick und Mienen ihm sogleich aus den
ersten Worten entgegen blitzten. Der Karnaval, schrieb sie, ist vorber, eine
Larve nach der andern fllt, so mgen Sie mich denn in diesen Zgen immerhin
erkennen. Es war ein Augenblick, in welchem wir uns verstanden. Sie fhlten
meine Schmach, und der Flug unserer Gedanken berhrte sich. Damals erkannte ich
in dem groherzigen Jngling nur das Mittel, meine Plne durchzusetzen, ich
mute Ihnen noch unbekannt bleiben. Jetzt ist es bei weitem anders. Ihr
beschimpftes, bis auf den Schein vernichtetes Daseyn wird Zweck meines Lebens.
Knnte ich doch in ein Wort alles zusammendrngen, was mich seit zwlf Stunden
unaufhrlich mit Abscheu, Lust, Rache, ja, mit allen gewaltigen Leidenschaften
erfllt, aber ich darf nicht. Fliegen Sie zu mir, die Brieftasche des Kardinals
ist in meinen Hnden, ohne da er sie vermit. Rodrich, ich kann so nicht
schlieen, was sind alle abgemessene Regeln der Klugheit, gegen die tosende Flut
eines berwallenden Herzens. Nun denn, mein Unglcksgefhrte, ich gre in Ihnen
den Neffen des Herzogs. Um Gotteswillen, bezhmen Sie die losbrechenden Flammen,
Sie brauchen Besonnenheit, die Gewalt ist in den Hnden Ihrer Feinde, List und
Gewandheit knnen es allein rchen, da man Sie ber zwanzig Jahr um den stolzen
Genu hoher Geburt betrog, und den Zweig kniglichen Stammes in die Gemeinheit
niederer Naturen verstie.
    Rodrich schlug hier zhneknirschend den Brief zusammen. Aline fuhr in die
Hhe, er bemerkte erst jetzt, da sie weinend zu seinen Fen lag, und niemand
als sie im Zimmer war. Armes, armes Kind, rief er bewegt. Ja wohl, sagte sie,
die Mutter wird nun alles erfahren, sie ist bei dem Onkel, der uns zuverlssig
in der Nacht gesehen hat. La nur, erwiederte Rodrich gedankenlos, es kann ja
noch alles gut werden! Ja? fragte sie halb getrstet, und drckte seine Hand an
ihr Herz, ach, mein lieber, lieber Rodrich, knntest du die Angst fhlen, die
mich - ich fhle sie, Aline, unterbrach er sie heftig, ich fhle sie, daher la
mich fort, ich knnte mich sonst in Gegenwart deiner Familie verrathen. Er
reichte ihr flchtig die Hand, und eilte, ohne ihre Antwort abzuwarten, zur
Thr. So willst du gehen? fragte Aline betroffen. - Lebe wohl, Engel, rief er
schnell, ich hre drauen Jemand. - Ach Gott! sagte sie, und wandte sich langsam
von ihm ab. Er strzte fort, ohne noch zu wissen, was er eigentlich wollte und
durfte. Es kochte und wthete in seiner Brust. Alles was er je erlebte, trumte
und fhlte, ging verwirrend an ihm vorber. Nur vorwrts, vorwrts, sagte er
halb laut, es mu jetzt alles klar werden. Er beschlo, noch in dieser Nacht zu
reisen, und da der Friede unterzeichnet war, so hielt es weiter nicht schwer,
Urlaub nach der Hauptstadt zu bekommen. Als er deshalb von dem General
zurckkehrte, fand er Stephano auf einem freien Platz der Stadt gedankenvoll auf
und niedergehen. Er wollte ihn Anfangs nicht bemerken, inde sein Blick, in
welchem eine Thrne glnzte, traf ihn, und er rief unwillkhrlich, ist dir etwas
begegnet? Nein, es ist alles schn und gut, sagte Stephano, halb bitter halb
ergeben, uns erwarten Friedensfeste und Hochzeitfeiern. - Hochzeitfeiern?
wiederholte Rodrich. Ja, ja, was denkst du denn, erwiederte jener, soll der
Herzog etwa den Staat noch lnger ohne Erben lassen? Miranda's schne Hand wird
ihn beglcken. Der Kardinal betreibt es recht angelegentlich, und es kann ja
auch nicht fehlen, wer wird ein Herzogthum ausschlagen? Du trumst, sagte
Rodrich halb sinnlos, drckte den Hut in die Stirn, und eilte in seine Wohnung.
Mehrere Stunden sa er hier ohne einen zusammenhngenden Gedanken zu fassen. Die
innere Angst stieg fast in jedem Augenblick. Die Zeit ist gekommen, rief er
endlich voll Grimm, bei Gott und allen Heiligen, er soll mir Rechenschaft geben.
-
    Er rief seine Leute, sie muten schnell das Gepck ordnen, und er ging,
seinem Wirthe einen flchtigen Besuch zu machen, um bei den Alltagsgesichtern
Gleichmuth fr die letzten Augenblicke zu gewinnen. Mitternacht kam inde heran.
In einer Stunde wollte er reisen. Sein Herz klopfte bang, er ffnete das
Fenster, berall war es still. Ob Aline wohl schlft! dachte er mit wehmthiger
Rhrung. Die Kirche neben ihrer Wohnung ragte so fest und ernst ber die brigen
Gebude hervor, ihm war, als bewegten sich die langen Fenster der Kapelle, und
Aline breite ihm flehend die weien Arme entgegen. Unglckseliger, rief er, ist
denn nun alles, alles vorbei! soll die unschuldige, hingebende Liebe nie wieder
dies Herz berhren, und ist nicht vielleicht hier und dort alles verloren?
Rodrich, sagte eine weiche Stimme, du entgehst mir nicht, glaube mir, ich wei,
du willst dich von mir losreien, er blickte erschrocken auf, Aline stand bleich
wie ein Geist hinter ihm. Du hier? sagte er sich fassend. Ich bitte dich, fuhr
sie fort, la uns jetzt nicht untersuchen, ob ich zu viel wage, jede ruhige
berlegung gehrte einer frhern Zeit an, ich komme blos, dich zu fragen, wie du
es ber dich gewinnen konntest, mich heimlich zu verlassen? Rodrich, wolltest du
mich schonen oder bersahest du mich ganz? Liebe Aline! - sagte er ausweichend.
O, um alles, unterbrach sie ihn, nur jetzt keine Ausflchte, schme dich nicht
zu sagen was du fhltest, ich bin dir nichts, Rodrich, gar nichts, ich empfand
das diesen Nachmittag, du sahst meine Todesangst, ein einziges Wort htte mich
in den Himmel gehoben, du hast es nicht ausgesprochen. - Ich glaube es gern, da
ich nur eine unbedeutende Erscheinung deines Lebens seyn konnte, aber warum
stehst du an, mich ganz zu vernichten? Glaubst du, es sey besser, mir ein
dumpfes, des Daseyn zu lassen, das Niemand beglcken kann? Friede und Vertrauen
sind aus unserm Huschen geflohen, die Mutter hat zum erstenmal in die Welt
gesehen, ihr frommer Blick kehrt scheu und getrbt in sich zurck, ich bin alt
geworden, lieber Rodrich, die Jugend, ja, die Welt strzte mir in einem
Augenblicke zusammen, habe Erbarmen, rief sie mit einem zerreienden Ton, indem
sie vor ihm niedersank, nimm mir dies quaalvolle Leben. Hier klopfte es leise an
die Thr. Verzeihen Sie, sagte Beate im Hereintreten, fuhr aber, als sie Alinen
bemerkte, laut schreiend zurck. Bleiben Sie, sagte Rodrich, mit Blick und
Stimme, die ihr fast jede weitere Bewegung unmglich machte; was fhrt Sie
hierher? fuhr er fort. Diese Bcher, sagte sie gefater, ihm mehrere
berreichend, die ich unter den meinigen fand, und die ich ber ihre pltzliche
Abreise beinahe vergessen htte. Nun, erwiederte Rodrich, dasselbe Geschft
fhrte die gtige Aline hierher. Ich zweifle doch, fiel Beate vornehm und
beleidigt ein, da wir einander auf gleichen Wegen treffen knnen. Sie neigte
sich spttisch und ging. Ich danke dir, Lieber, sagte Aline, du wolltest mich
vor den Menschen retten, aber das ist nun doch alles vorbei. Meine liebe, liebe
Aline! rief er auf's hchste gerhrt, sieh nicht so verzweifelnd in die Zukunft,
glaube nur, ich kann nicht anders, mein verworrenes Schicksal umstrickt mich mit
tausend Schlingen, und ich darf sie nicht so zerreien, wie ich wohl mchte,
ohne alles mit mir in den Abgrund zu ziehen. Ich tadle dich auch nicht, sagte
sie ruhiger, es war wohl unrecht, so klagend und wimmernd vor dir zu erscheinen,
gewi, ich will dich nicht qulen, aber knntest du - sie stand einen Augenblick
schweigend vor ihm da. Was foderst du, meine Aline? fragte Rodrich; nichts, rief
sie unter heien Thrnen, ach, du kannst mir nichts, selbst den Tod nicht geben!
- Lebe wohl, sieh, ich kam - ach mein unaussprechlich geliebter Rodrich,
stammelte sie und sank ohnmchtig in seine Arme. Er trug sie leise in Laura's
Zimmer. Sorgen sie fr die Unglckliche, rief er der erschrockenen Frau
entgegen. Sie sind Mutter, in Ihrer Brust lebt ein menschliches Gefhl, dulden
Sie nicht, da man den Engel beleidige, ich warne sie, sie und Erwin sind in
meinen Hnden. Er drckte einen Ku auf Alinens Stirn, und flog zum Hause
hinaus.
    Ohne Aufenthalt und Ruhe eilte er nun der Hauptstadt entgegen. Alle
Herrlichkeiten des erwachenden Frhlings, die lachendsten Gegenden, nichts
konnte ihn aus sich selbst herausziehen. Seine Gedanken kreisten unaufhrlich um
einen Punkt, ohne ihn gleichwohl zu erfassen. So in sich versenkt, dumpf und
befangen kam er an das Thor. Hier spannten sich alle seine Gefhle zur hchsten
Erwartung. Er glaubte, sein Anblick msse die Menschen ungewhnlich erschttern,
und jedes Auge an dem seinen entznden. Statt dessen ging alles den gewohnten
Gang. Niemand, auer der Schildwache am Thore bemerkte ihn. In thatenloser
Geschftigkeit eilte Jung und Alt an ihm vorber. Ein Jeder hatte sein kurzes
Ziel vor Augen, und kmmerte sich wenig um die ausgedehntern Plane Anderer.
    Ich werde euch nicht lange fremd bleiben, dachte er, und eilte zu Viormona.
Schon hier? rief diese, nun, ich konnte es denken. Ihr guter Engel fhrte sie im
rechten Augenblicke hieher. Das Schicksal hat vorgearbeitet. Der Herzog ist
weich und erschttert wie ein Kind. Sie wissen vielleicht, da er Miranda mit
seiner Hand beglcken wollte. Vor einigen Tagen ist diese mit ihrer Mutter und
Elwire in ein fernes Kloster geflohen, und droht den Schleier zu nehmen. Den
Schleier? - unterbrach sie Rodrich. Nun, lassen wir sie, fiel sie ungeduldig
ein, sie pate ohnehin nicht hieher. Wichtiger ist, da der Herzog in seinen
gescheiterten Hoffnungen eine Strafe des Himmels sieht, und sie um so leichter
Eingang finden werden. Wollen sie sich mit langsamen Gifte nhren, fuhr sie
fort, einige Papiere aus einem Kstchen langend, oder soll ich - doch besser,
sie lesen selbst. Nehmen sie zuerst diesen angefangenen Brief des Kardinals, dem
er wohl noch mehreres hinzufgen wollte.
    Rodrich las mit flammenden Blicken.
    Ihre frheren Vermuthungen sind eingetroffen. Der Knabe lebt, und tritt
jetzt sehr unberufen als Mann in meinen Weg. Der dumpfe Trotz, mit dem er sich
einst Ihren Hnden entwand, hat sich zur frechen Verachtung aller gesetzlichen
Ordnung und hergebrachten Weise entwickelt. Er ist zu klug, um gengsam zu seyn,
und wird eben deshalb furchtbar. Zum Glck besitzt er noch etwas von jener
schwankenden Reizbarkeit, die man Herz und Gemth nennt, und die uns kltern
Naturen die Welt unterwirft. Sonst ist er stolz, es regt sich so etwas von
Herrschersinn in ihm, er knnte vielleicht an der Hand eines Gewaltigen hhern
Stufen entgegen reifen, allein er mu in die Dunkelheit zurck. Sie wissen, wie
ich bemht war, jede Spur eines beschmenden Ereignisses zu verwischen, und den
Hohn der Kirche im eignen Blute zu rchen. Das Daseyn des Knaben wandte sich
inde wie ein Dolch gegen die eigne Brust. Ich war nicht ruhig, seit er ihnen
entwich. Sie erinnern sich des Fehlgriffes mit dem Snger, ich forschte
vergebens. Ganz unerwartet fand ich endlich hier, was ich suchte. Die
abentheuerliche Erscheinung eines jungen Mannes, der unter dem Schutze des alten
Alwarez, pltzlich Offizier wird, bei dessen Anblick der Herzog ohnmchtig
niedersinkt, der durch ein gebieterisches, vornehmes Wesen jede Nachfrage zurck
drngt, und so alles, bis auf die Neugier der Menschen unterjocht, mute
nothwendig tausend Muthmaungen erregen, mit denen man mich sogleich bei meiner
Ankunft bekannt machte. Ich ward begierig, mehr zu erfahren. In einer
Abendversammlung trat er vor mich hin. Ich glaubte, fnf und zwanzig Jahr jnger
zu seyn, und den Bruder des Herzogs zu sehen. Nur in Vater und Sohn kann sich
die Natur so wiederholen. Derselbe Blick, Mienen und Gebehrden. Ich konnte nicht
lnger zweifeln. Dazu kam die enge Verbindung mit dem Grafen, der
augenscheinlich mehr von seinem Schicksale wei. Ich setzte alles in Bewegung,
um der Sache auf den Grund zu kommen, und erfuhr, da er in einem Gasthofe,
mehreren jungen Leuten seine Geschichte nach Jugend-Art laut genug mitgetheilt
hatte, um den Wirth mit einigen Zgen derselben bekannt zu machen, die mir
weiter keinen Zweifel brig lassen. Die Erinnerung des Mantels lebt noch frisch
in seiner Seele, und er wrde sicher nicht anstehen, ihn von den Schultern
seines herzoglichen Oheims zu reien, wenn er eine Ahnung der Wahrheit htte.
Dies ist hinreichend, um ihn bald wieder in Ihre Hnde zu liefern. Vorerst habe
ich ihn ruhig in den Krieg ziehen lassen, vielleicht gebietet das Schicksal ohne
meine Hlfe ber ihn. Seine Entfernung thut dem Herzoge wohl. Dieser schwache
Mensch sitzt ohnehin unsicher auf dem fremden Thron. Ich kam, um ihm eine
schickliche Haltung zu geben. Es wird mir gelingen. Seine Feinde sind nicht
gefhrlich, Trgheit und Furcht augenblicklicher Strung halten die meisten
Menschen in der milichsten Lage gefangen. Ein rachschtiges, eitles Weib steht
an ihrer Spitze. Sie ist in meinen Schlingen, indem ich ihr glauben lie, sie
knne mich als Mittel ihrer Plane gebrauchen. Der Herzog soll sich vermhlen.
Der Bastard darf ihm nicht in der Regierung folgen, aus diesem knnte etwas
werden, wenn er nicht alles seyn wollte. Leben sie wohl. Vielleicht sende ich
ihnen bald ihren Flchtling zurck. Entgehen wird er uns schwerlich. Sind sie
gewi, da der andere Knabe in Martins Htte starb?
    Rodrich wollte hier losbrechen. Halten sie sich noch einige Augenblicke,
sagte Viormona, ihm das Blatt entwindend, lesen sie erst diesen zweiten Brief
des Herzogs an den Kardinal, der hebt die Decke, und lt in ein weites Feld
menschlicher Verirrungen sehen.
    Er gehorchte, ohne sich irgend einer deutlichen Vorstellung bewut zu seyn,
und las Folgendes:
    Sie haben von jeher meinen Willen gelenkt, und in unsichern Augenblicken
meinem Gefhl die Richtung gegeben, die Sie nothwendig hielten. Ich kenne ihre
Gewalt, und flchte zu ihr, jetzt, da alle Wunden auf's neue aufspringen, und
die alten Quaalen mich foltern. Reue, sagt man, sey ohnmchtiges Wollen. Es kann
wahr seyn, allein die Menschen haben das so auf Treu und Glauben angenommen,
weil jeder Rckblick Anstrengung kostet, und der Wille lieber erzeugt als
herstellt. Ich mchte gern nicht bereuen, aber wenn nun die Wahrheit so vor mich
hintritt, und mich mit ihrer zermalmenden Gewalt anfat, da ich schreien
mchte, wie kann ich ihr, wie kann ich mir selber entfliehen? - In solchen
Augenblicken verliere ich auch den Glauben an Ihre Unfehlbarkeit, und das ist
von allem das Schrecklichste. Warum lieen sie mich, meiner frhern Bestimmung
gem, nicht in einem Kloster still und unbeachtet verblhen? Ich brauchte es,
so ein scharf ausgesprochenes, drres Ziel vor mir zu sehen. Die Mauer wre
meinen schwankenden Vorstellungen eine selige Grnze geblieben. Htten sie sich
wirklich in mir geirrt? Ich glaube es nicht. Rache war es gegen meinen Vater,
der einst im tollen bermuthe einige Klosterfrauen entfhrte, die Sakramente
verspottete, und das Hochamt entweihen half. Darum berredeten sie ihn, ein
zweiter Abraham, seinen Liebling zu opfern, darum schrten sie die drftige
Flamme in mir an, damit ich den ernsten Bruder berstrahlen und die Welt glauben
machen sollte, ich gehre ihr an. Mute das ganze Erdenglck eines Menschen in
meinen Hnden zerbrechen, damit ich ungenieend darbe? Mich knpfte kein Band an
die Menschen, nchtern und leer blickte ich auf ihr buntes Treiben. Ja meiner
Brust lag die Welt unberhrt und todt, und dennoch, dennoch konnte ich den
Bruder opfern. Nehmen sie mir die Erinnerung jenes Augenblickes, in welchem er
mir zuerst sein groes Herz erffnete. Mit glhenden Blicken bekannte er mir
seine Liebe zu Mathilden, beschwor mich, alles zu nehmen, und ihm nur so viel zu
lassen, da er still an ihrer Seite leben knne, seine Brust schlug zum
erstenmal an der meinigen, ja, er sank zu meinen Fen, und ich verrieth ihn,
zwang beide, schimpflich zu fliehen, und ihr Glck und ihre Schande in der
Dunkelheit zu verbergen. Und als nun ihr sphender Blick sie auch hier
entdeckte, die schne Mathilde starb, mein Bruder auf's neue verschwand, und
seine unglcklichen Kinder in niedrer Vergessenheit verschmachteten, da schwieg
ich, da bewahrte ich das tiefe Geheimni, da vermochten feige Rcksichten mehr
als die heiligste Liebe. Sagen sie mir, ich beschwre sie, da ich ein
kindischer Thor sey, schleudern sie alle Blitze ihres Zornes auf mich nieder,
zertreten, zermalmen sie mich, damit ich wieder in der alten Demuth an sie
glauben lerne, und ruhig werde. So kann ich es nicht seyn, meine kurzsichtigen
Blicke verwirren sich in dem Erfolge jener Thaten. Es ist nirgend ein Punkt, wo
sie freudig ruhen knnten, nichts, was die erwachenden Zweifel beschwichtigte.
Mein Vater starb in herbem Leide, sein finstrer Sohn herrscht in seinen
blhenden Staaten, inde ich allein, ungeliebt und verlassen, unter fremden
Gesichtern, vergebens ein Auge suche, das dem meinigen begegne. Verstoen sie
mich nicht, lehren sie mich, tiefere Blicke in die verworrnen Ereignisse des
Lebens werfen, und die Bedeutung der Dinge erkennen. Ich stehe auf halbem Wege
der Erkenntni, und wei nicht, wohin ich mich wenden soll!
    Rodrich lie das Blatt fallen, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem
Zimmer, inde ihm Viormona in hchster Unruhe nachsahe, und sich vergebens
bemhete, ihn zurck zu rufen. In wenigen Augenblicken war er im Schlosse. Er
flog die Treppen hinauf, niemand redete ihn an, der Anblick eines Offiziers lie
in dieser Zeit auf irgend eine wichtige Sendung schlieen. So kam er durch die
Vorzimmer zum Eingang der Gallerie. Der Tag neigte sich schon, alle Gegenstnde
verschwammen in ein schauerliches Halbdunkel. Gedankenvoll blieb er stehen,
seine Blicke hefteten sich gerhrt auf die alten Bilder, in denen er zuerst
seine Ahnherrn begrte, er suchte den Einsiedler, und bemerkte den Kardinal,
der ihm gegenber nachdenklich an einem Pfeiler lehnte. In dem Augenblicke
ffnete sich dieselbe Tapetenthr, aus welcher ihm der Herzog zuerst entgegen
trat. Er erschien auf's neue, indem er dem Kardinal sehr heiter zurief: sie wird
mein, Therese schreibt, sie sey bei weitem ruhiger, und fge sich immer mehr
ihren Bitten, sie hatten Recht, ich kann dennoch glcklich werden! Nein, das
sollst du nicht, feiger Bsewicht, schrie Rodrich, und stie ihn wthend nieder.
Ewiger Gott, stammelte der Kardinal, ist das deine Rache? Rodrich wandte sich
langsam, und ging wie im Traume, durch die weiten Hallen zu Viormona's Wohnung.
Haben sie sich anders besonnen? fragte diese, ber seine schnelle Rckkehr
erfreut. Besonnen? wiederholte er vor sich hin. Ich glaubte wirklich, fuhr sie
fort, sie wren in dieser Stimmung zum Herzoge gegangen. Der ist ja todt, sagte
Rodrich. Todt? schrie sie, todt? - um Gotteswillen, wer hat jetzt - ich,
erwiederte er dumpf und gedankenlos. - Viormona betrachtete ihn einen Augenblick
zweifelhaft. Wahnsinniges Kind, rief sie endlich, mute ich meine Rache ihren
Hnden anvertrauen? so plump und zwecklos konnte sie nur durch einen Mann
vollfhrt werden! Nun ist alles verloren, der gemeine Mrder bleibt verachtet,
wie sehr die That auch den meisten willkommen seyn mge. Muten sie sich so
freventlich blo stellen, glaubten sie wirklich, mit blutigen Hnden das Zepter
zu ergreifen? War denn ihre Phantasie so arm, da sie diesen letzten Triumph
nicht fest halten, da sie ihn wegen einer schwchlichen Aufwallung hingeben
konnten? Jetzt gehen sie nur, ich will nicht das Ansehen haben, als theile ich
ihre Schuld. Recht gern, erwiederte Rodrich, und schwankte zur Thr. Ach,
Rodrich! Rodrich! sagte sie, ahnet ihnen nicht, was sie verloren? war denn keine
andere Regung in ihrer Brust, als die Rache? Glauben sie nur, so zum bloen
Werkzeuge wollte ich sie nicht herabwrdigen, das konnte ich entbehren. Er stand
noch immer untheilnehmend und kalt vor ihr da. Fhlst du nicht, rief sie, sich
an seine Brust strzend, da ich hier mein hchstes Glck suchte? da ich hier
allen Schmerz und alle Wuth der Liebe khlen, und meinen Stolz in deiner Glorie
erhhen wollte? Du solltest siegen, durch die Gewalt hoher Natur, den Mord
mutest du Andern berlassen. - Sie haben sich geirrt, sagte Rodrich kalt, meine
Hand war zu grob zu dem feinen Gewebe, ich habe sie nicht verstanden, oder
besser, sie gar nicht gehrt - ich fhlte nichts, als mich, mich selbst, sie
waren mir gar nichts. Es ist nun auch mit mir vorbei, darum lassen sie mich. Er
ging, in seinen Mantel gehllt, weit hin zur Stadt hinaus. Sein Herz schlug matt
und krank, er wute nicht, wohin ihn die unsichern Schritte fhrten, und dennoch
lief er, da ihm der kalte Schwei ber die Stirn rann. Die Nacht brach endlich
herein, er sank erschpft auf einer Anhhe nieder. Seine Augen richteten sich
unwillkhrlich gen Himmel, kein Stern leuchtete, die Wolken zogen schwer und
langsam ber ihn hin, alles um ihn war stumm und unbeweglich, die Natur schwieg,
als habe sie ihm nichts mehr zu sagen. In der dstern Stille erwachte sein
Inneres, wie aus einem bangen Traume. Es stand alles einzeln und zerrissen vor
ihm da, er konnte kein Ganzes zusammen finden. Warum gerade ihn -? fragte er
sich laut, warum nicht den Kardinal? - Dahin also, dahin sollte es kommen! ach,
du armes, thrichtes Herz, wie hast du dich betrogen! rief er wehmthig, das
Gesicht unter heien Thrnen am Boden verbergend. Er weinte so heftig, als wolle
sich die wunde Seele in Thrnen auflsen. Endlich schlossen sich seine Augen, er
schlief ein, und begrte im Traume fast alle freudigen Momente seines Lebens.
Seraphinens lustige Umgebungen nahmen ihn wie in den ersten Tagen gefangen. Er
ging hier an den lieblichsten Gestalten vorber. Aline war unter ihnen. Der Graf
fhrte sie durch die Reihen, sie reichte ihm zutraulich die Hand, und er steckte
ihr Miranda's Ring an den Finger. Als er erwachte, stand der Mond hell am
Himmel, und beleuchtete die Thrme der Stadt, da sie glnzend vor ihm da lagen.
Er konnte sich lange nicht besinnen, ihm war, als wenn er dahin zurck msse, er
ngstete sich, da man ihn vermissen knne, und stand eilig auf, um sich auf den
Weg zu machen. Pltzlich fiel ihm die Wahrheit wie ein Stein auf's Herz. Ach
Gott, sagte er, es ist ja alles vorbei. Sie hatte Recht, der gemeine Mrder
bleibt ewig verachtet. Wer wird mir es jetzt glauben, da ich der Neffe des
Herzogs sey? Viormona verlugnet mich, und ich mu wie ein Wahnsinniger
erscheinen. Er wute lange nicht, wohin er sich wenden sollte. Endlich dachte er
an Florio. Ja, ja, du frommes Kind, ich suche dich wieder, rief er, es ist alles
milungen, mit einem Schlage alles zertrmmert, die Welt bietet mir keinen
Ersatz - ich flchte zu dir. - Er wandte sich noch einmal mit nassem Blicke zur
Stadt. Alle Wnsche und Hoffnungen, sagte er, liegen in dir zertrmmert, so
trage ich mich denn selbst mit diesem erschpften Herzen zu Grabe. Er ging
langsam die Anhhe hinunter, die nun mit einemmale, wie eine Scheidewand,
zwischen ihm und seiner Welt da stand. Schweigend breitete er ihr zum
letztenmale die Arme entgegen, und wanderte so verlassen weiter.
    Nach vielen Tagen und Nchten kam er in das Gebrge. Er hatte gehofft, die
Erinnerung jener schuldlosen, frommen Zeit sollte sein Herz wohlthuend berhren,
allein, was er sah, schien ihm so klein und rmlich, die drftigen Umgebungen so
drckend, da er vor dem Gedanken zurck schreckte, hier seine Tage zu
beschlieen. Er nahete sich inde Martins Htte, die er an einem Ziehbrunnen
erkannte, an dessen Rande er wohl mit Florio zu spielen pflegte. Eine hagere,
zusammengefallene Gestalt, trat ihm entgegen. Es war Sara. Sie blickte ihn starr
und fremd an, und hie ihn leise hineintreten, da eine Kranke in ihrem
Kmmerchen schlummere. Ihr Anblick drngte ihn vollends in sich zurck. Er
folgte ihr schweigend in das enge Stbchen. Alles war hier wie ehemals, aber es
konnte ihn nichts erfreuen, er fhlte schmerzlich, da ihn nur der Fluch seines
Schicksals dahin zurck triebe, von wo er einst mit so stolzen Hoffnungen
schied. Ist euer Sohn nicht bei euch? fragte er nach einer Weile. Nein,
erwiederte Sara mrrisch, er ist verreist, und es ist auch uns gut, denn ich
habe so Wunder genug im Hause. Die Kranke dort mute auch gerade hierher kommen!
Wer ist sie denn? fragte Rodrich, wei ich es? erwiederte sie. Ein geistlicher
Herr kam in voriger Nacht mit ihr an, um sie in ein nahes Kloster zu einer
Verwandten zu fhren. Pltzlich erkrankte sie, und er mute nur eilen, einen
Arzt herbei zu schaffen. Aber es ist mehrere Stunden Weges bis zur Stadt, sie
werden nicht vor Nacht ankommen, und derweil habe ich nun die Sorge allein! Es
ist sonst ein liebes, feines Kind, und es geht einem durch's Herz, sie so leiden
zu sehen. Mich dnkt inde, da wird wohl kein Arzt helfen, denn sie weint gar zu
viel und wnscht sich den Tod in den herzbrechendsten Worten. Hrt ihr, wie sie
betet, die fromme Seele! Rodrich beugte sich zur halb geffneten Kammerthr.
Jesus, schrie er, meine Aline! und strzte an ihr Bett. Rodrich, ach, mein
Rodrich, rief sie, ihn erkennend, Gott hat mein Gebet erhrt, er thut ein
Wunder, und lt mich in deinen Armen sterben. Rodrich drckte sie freudig an
sein Herz; nein, ser Engel, sagte er, du sollst leben, sieh, es ist nun alles
gut, alle andere Bande sind gelst, ich gehre einzig dir an. Gewi? fragte sie
unter wonnigen Thrnen. Gewi, meine Aline, sagte er, und erffnete ihr die
trstlichsten Aussichten fr die Zukunft. Er glaubte einen Augenblick selbst
daran, und meinte einen Wink des Himmels in dem unerwarteten Zusammentreffen mit
dem geliebten Kinde zu sehen, vielleicht sollte sie ihn mit dem Leben ausshnen,
und ihm in glcklicher Verborgenheit alle getrumte Lust schenken. In dem
freudigen Taumel umschlang er auch die herzu eilende Sara. Kennt ihr mich denn
nicht? fragte er sie, ich bin ja euer Pflegekind Rodrich! - Htte ich es doch an
dem Ungestm merken sollen, mit dem ihr alles anfat, erwiederte sie, nun, ihr
seht ja recht stattlich aus, ihr seyd wohl ein vornehmer Mann geworden, wie ihr
es sonst schon in euren Spielen waret. Diese Worte schleuderten ihn auf's neue
in seine ganze Nichtigkeit zurck, er unterdrckte mhsam den aufsteigenden
Unwillen, und sagte, sich ngstlich zu Alinen wendend: lat das, gute Mutter,
seht nur hier auf die schnste Gabe, die mir der Himmel verlieh. Ja wohl, ja
wohl, erwiederte die Alte, wenn es nur alles ist, wie es seyn soll! Aline
schmiegte sich zrtlich an seine Brust, und zog ihn fr Augenblicke in ein
glckliches Vergessen seines schmerzlichen Daseyns hinber. Sie genas recht
eigentlich an seinem Blicke, und konnte schon am Abend, gestrkt und erheitert,
neben ihm am Kamine sitzen, dessen spielende Flammen Rodrichs Blicke, wie
ehemals fesselten. Sara spann an ihrer Seite, und erzhlte mancherlei, was beide
berhrten; als sie inde Martin erwhnte, bezeigte Rodrich seine Verwunderung,
ihn nicht hier zu finden. Gott wei, was der treibt, sagte sie nachdenklich, er
hatte schon immer solch heimliches Wesen, aus dem niemand klug ward. Seit
Florio's Rckkehr ist es rger, als je. Sie gehen ihre Wege, und niemand thut,
als ob ich in der Welt wre! Ei nun, mgen sie doch, der Florio ist mir auch
fremd geworden. Es ist wahr, da ich nicht seine Mutter bin, aber ich habe ihn
doch auferzogen, und gepflegt, und es oft darber vergessen, da es nicht so
ist. Freilich, freilich, sagte Rodrich, dem das ganz bekannt vorkam, ohnerachtet
er es zum erstenmale hrte. Wie seyd ihr denn zu ihm gekommen? Darber liee
sich manches sagen, erwiederte sie. Martin brachte ihn mir eines Abends, als er
wohl noch wenige Stunden das Licht der Welt erblickt hatte. Frau, sagte er, nimm
dich des Kindes an, es hat keine Mutter mehr, glaube und la die paar Menschen
um uns her glauben, was sie wollen. Thue du nur deine Pflicht, und bekmmere
dich sonst um nichts. Schwatze nicht viel, die Leute fragen nicht, wenn sie
nicht merken, da man gern reden mchte. Ich that, wie er sagte, und hatte nur
im Stillen meine Gedanken. Das Kind ward mir lieb, und dann hoffte ich immer, es
solle einmal ein reicher Mann in unsere Htte treten, und es zurckfodern, wie
man es sonst wohl gehrt hat. Ich sah mich und Martin zu Ehren kommen, und
meinte, uns so das Glck zuzufhren. Von dem allen ist nun freilich nichts
geschehen. Zum Lohne lassen sie mich hier in der Unwissenheit sitzen und
abqulen, da ich Blut weinen mchte. Aber sie mgen sich stellen wie sie
wollen, ich wei doch was ich wei. Nun, was wit ihr denn? fragte Rodrich
begierig. - Das de Haus im Thale, sagte sie leise, denkt an mich, der Florio
gehrt hinein. - Aline war inde an Rodrichs Brust eingeschlafen. Er lehnte sie
sanft zurck. Es ist wohl Zeit, sagte er, da wir alle ruhen. Sara schob
gedankenvoll ihr Rad bei Seite, und wies ihm seine alte Schlafstelle in einem
Seitenkmmerchen an. Kaum sah er sich hier allein, so stiegen Wnsche und
Gedanken in ihrer gewohnten Gestalt in ihm auf. Er warf sich ngstlich auf dem
Lager hin und her. Alle Ruhe war von ihm gewichen. Sara's letzte Worte rauschten
unaufhrlich in seinem Ohre. Wie oft, dachte er, haben mich meine stolzen Trume
von hier fort, in die Welt gefhrt, was glaubte ich nicht alles zu erleben, und
so nahe, so nahe lag die Entwickelung meines Schicksals. Seine Augen fielen auf
das offne Fensterchen, durch welches man die nahen Berge sah. Ich will hinber
zu dir, mein Florio, rief er, und lehnte sich weit hinaus, die laue Nacht
begrend. Da hrte er, wie ehemals, Sara den Abendsegen beten. Unwillkhrlich
wiederholte er ihre Worte, und trat mit ergebenem Sinn aus der Htte. Ohne lange
zu erwgen, welchen Weg er whlen solle, drang er die steinigen Klippen hinan.
Lngs unermelichen Abgrnden wand sich ein schmaler Pfad, den herabgerollte
Steine fast durchgehends verschttet. Rodrich schritt behutsam darber hin, und
kam endlich ber einen schmalen Abhang zu einer Wiese, aus deren Hintergrunde
ihm ein Licht entgegen leuchtete. Er beflgelte seine Schritte, und stand
endlich mit klopfendem Herzen vor dem ersehnten Hause. Hier also, ach hier, rief
er, und sank weinend auf die Schwelle nieder. Bald darauf drangen leise
Harfentne aus dem Innern, die folgende Worte begleiteten:

Schne Perle, schne Perle,
Sieh mich weinend steh'n am Ufer,
La dich meine Klagen rhren,
Folge meinem bangen Rufe.

Du, des reichen Schmuckes Zierde,
Bist nun meinem Blick entschwunden,
Und ich Arme mu vergebens
Dich am den Strande suchen.

Ses Kleinod, kehre wieder,
Zier' auf's neu mir Haupt und Busen,
La in deinem Glanz mich leuchten,
Leben nur in deinem Ruhme.

Nein, du bist in Nacht geboren,
Bist ein Kind der schlimmsten Mutter,
Trg'risch war dein sanftes Leuchten,
Zu verlocken meine Jugend.

Grausend steh' ich hier alleine,
Schumend naht ihr wilde Fluthen,
Wollt auch mich hinunter reien,
Wie die Perl' ihr habt verschlungen!

Ihr entgegen klingen Stimmen,
Wie aus tiefem Meeresgrunde.
Holder Perle ses Leben
Blht im stillen Heiligthume.

Was der Tiefe ward entrissen,
Khn an's Tageslicht gerufen,
Sinkt zurck in Liebesarme,
Scheu vor euren wilden Gluthen.

Steig' hinunter in die Wasser,
Khle deines Herzens Wunden,
Und im feuchten Schooe finde
Neu erblht die Wunderblume.

Rodrich war inde immer weiter gegangen, und lehnte an einer verfallnen Thre,
aus welcher ihm der Ton entgegen drang. Die Erinnerung der Perle nahm ihm alle
Sinne gefangen; er stand noch in sich versunken da, als Martin mit einer kleinen
Laterne an ihm vorber zur Thre hineinging, indem er sagte: Miranda ist wohl,
sie wird kommen, wie ihr es wnscht. Miranda? wiederholte Rodrich laut, und
folgte ihm schnell in das anstoende Gemach. O, ewiger Gott! da ist er! schrie
Florio, in seine Arme strzend. Mein Bruder, mein geliebter Bruder! Rodrich war
so erschttert, da er stumm an sein Herz sank, und heftig weinte. Als er
aufblickte, kniete ein schner Mann, in Einsiedler-Tracht vor dem Bilde der
wundervollen Dame, in der Rodrich seine sterbende Mutter erkannte. Das lang
Vergene ward wieder neu, die dunkelsten Vorstellungen klrten sich pltzlich
auf. Hier hatte er einst gestanden, das wute er gewi, und der geliebten Leiche
vergebens die Arme entgegen gebreitet. Das war das helle Haus, nach dem er sich
so bang im Kloster sehnte. Du weit nicht, sagte Florio, ach, du weit nicht,
da wir Geschwister sind, und da jene Sehnsucht nach dem Berggeist, die tiefe,
unerkannte Liebe zu unserm Vater war. Ich wei alles, erwiederte Rodrich, htte
ich es doch hier zuerst erfahren! Der Einsiedler hob sich langsam zu ihnen auf.
Meine Kinder, sagte er gerhrt. Rodrich bebte bei dem Ton seiner Stimme, er
glaubte den Herzog zu hren, und dennoch lag eine so se Gewalt in ihr, da
sich alle Bande seiner Seele lsten, und er, wie neu geboren, vor dem Heiligen
kniete. Ich wollte, sagte dieser, alles zerreien, was mich an die Welt fesselt;
aber was die Liebe knpft, lst sich niemals. So legt euch nur Alle an mein
Herz, ich kann es nicht lnger wehren! Warum sind die Schwestern nicht hier?
rief Florio aus! Die Schwestern? fragte Rodrich. Ja du Armer, Lieber, erwiederte
jener, Miranda, Elwire! ahnete dir es nicht? Die ferne Therese durfte ihre
Mutter seyn, sie waren nicht gefhrlich, ihnen gnnte man es, frei in der Welt
zu leben. Ich verstehe, sagte Rodrich, aber wo sind sie? Im nchsten Kloster,
erwiederte Florio, morgen sollst du sie sehen. Rodrich war, als sey er
gestorben, so pltzlich zerfielen alle trgerische Verhltnisse der Welt vor
seinen erwachten Sinnen, sein Herz erweiterte sich, und er fhlte, da ihn
nichts als die reinste Liebe erflle. Er dachte an Aline, und da er noch
glcklich seyn knne. Da trat Martin herzu, und mahnte sie zur Rckkehr an. Nun
dann, zu Morgen, sagte der Einsiedler, lat uns gehen. Sie traten alle
schweigend den Rckweg an. Am Abhange des Berges trennten sie sich. Der fromme
Vater ging in seine Klause, inde die brigen den Berg hinanstiegen. Auf dem
Gipfel desselben, setzte sich Rodrich ermdet nieder. Der Tag zog herauf, und
wie er die Gegenstnde erhellte, sah Rodrich, da er auf derselben Stelle sa,
wo er als Knabe, aus dem Kloster entfliehend, zuerst sein Gefhl zu Gott erhob.
Es rhrte ihn unbeschreiblich, da er so nahe an dem Vaterherzen das reinste
Glck empfunden habe. Jetzt war es doch weit anders. In der hchsten Freude
mischte sich das Gefhl seiner Schuld, und trbte jede Erinnerung. Martin nahm
ihn bei der Hand: so lebtet ihr denn in meiner Htte, sagte er, ohne da ich
euch kannte. Jetzt besinne ich mich auf alles. Ihr habt euch wenig gendert.
Zuweilen kamt ihr mir damals freilich wunderbar genug vor, allein wer konnte das
denken? Ja wohl, guter Martin, sagte Rodrich, und ich spielte hier in bunten
Trumen, whrend mir die Wirklichkeit so nahe lag. Sie sollte euch nicht nahe
liegen, sagte Martin, darum mutet ihr sie suchen. Euer Vater hatte euch alle
aus seinem Herzen gerissen. Er wollte einzig in Gott leben, und glaubte, jedes
andere Band auflsen zu mssen. Gott wollte das nicht. Ich dachte es immer! Nun
fhrt er ihm die Kinder unversehens wieder zu, und lohnt die strenge Bue
reichlich. Florio erzhlte darauf, wie ihn die Sehnsucht nach dem
geheimnivollen Garten, dorthin zurck gezogen, und wie sich alles so ganz von
selbst aufgeklrt habe. Die stillen Nchte verlebe der Vater immer dort im
Anschauen trber Vergnglichkeit, und dieser Blick sey es, der ihn immer mehr in
der gnzlichen Abgeschiedenheit von der Welt bestrkt habe. Dies Gefhl sey ihm
schon sehr frh gegenwrtig geblieben; mit einer Art von Schmerz habe er sich
von allem abgewandt, was Andere reize, und selbst die zrtlichsten Regungen
seien mit einem Gemisch von Wehmuth und Unzulnglichkeit menschlicher
Empfindungen verbunden gewesen. Daher, fiel Martin ein, erschien er kalt.
Eusebio und ich wuten es besser. Ich wartete ihn seit seiner zartesten
Kindheit, und hatte ihn oft im Gebet belauscht, wie sich da Herz und Seele
hingab, und er durch und durch glhete. In der Liebe zu Mathilde brach es denn
auch endlich hervor. Er hatte diese Leidenschaft oft eine Verirrung genannt. Der
Himmel mag es wissen. Glcklich war er nie. Mathilde hing an der Welt und der
hergebrachten Weise. Wie sie sich auch bekmpfte, Reue und Mimuth qulten sie
unaufhrlich. Sie starb so allmlig hin, bis der rechte Friede bei Florio's
Geburt ber sie kam, und ihre Augen schlo. Euer Vater ward auch ganz still und
innerlich klar. Er kte euch Alle, und ging mit der Harfe im Arme davon.
Niemand wute, wo er geblieben sey. Des Cardinals Spione waren schon frher bis
hieher gedrungen. Jetzt trat er hervor, und bemchtigte sich eurer, ohne da es
jemand wehren konnte; Eusebio hatte euern Vater nie verlassen, er begleitete
auch seinen Rodrich ins Kloster. Florio blieb in meinen Hnden. Seine
Schwchlichkeit lie seinen Tod erwarten, berdies versprach ich, ihn fr meinen
Sohn auszugeben, und als solchen zu erziehen. - Spterhin verbreitete sich der
Ruf eines heiligen Mannes hier in der Gegend. Ich ahnete die Wahrheit, ging zu
ihm, und erkannte meinen geliebten Herrn. Miranda, sagte Florio, ist ihrerseits
vom Kloster aus, ebenfalls zur stillen Klause gewallt, um dort, in der innern
Bedrngni, Rath und Hlfe zu suchen. Der Anblick erschtterte den Vater ber
alles. Sie enthllte ihm ihr reines Leben in seinen seltsamsten Verhltnissen,
und er erkannte sein Kind. Rodrich sa whrend dessen nachdenklich zwischen den
Erzhlenden, als ein Wagen vorber rollte, aus welchem sich Aline weit
herausbog, und ihm mit schmerzlicher Gebehrde die Arme entgegen breitete. Er
gerieth ganz auer sich, und wollte ihr sogleich folgen, allein Florio stellte
ihm vor, da es besser sey, erst zu Sara zurck zu kehren, um dort das Nhere zu
erfragen. Er gab endlich nach, und sie machten sich eilends auf den Weg. Sara
erzhlte bei ihrer Ankunft, da der Geistliche durch nichts zu bereden gewesen
sey, Alinen in der Htte zu lassen, und da ihre wiederkehrende Gesundheit ihn
bestimmt habe, sogleich mit ihr zum Kloster zu eilen. War das auch ein Traum?
sagte Rodrich betrbt, und alles was ich sah und fhlte, das ganze Leben, ach,
und mein trgerisches Daseyn auch? Florio schlo ihn theilnehmend an sein herz,
allein Rodrich blieb den ganzen Tag ber still und in sich gekehrt. Die Nacht
fhrte alle wieder zu dem verwaisten Hause zurck. Sie fanden Miranda und Elwire
an des Einsiedlers Seite. Es war ein stiller, heiliger Moment, in welchem sie
einander in die Arme sanken. Miranda zog leise den Ring von Rodrichs Finger: das
ist die wiedergefundne Perle, mein Vater, sagte sie sanft lchelnd. Der
Einsiedler betrachtete sie aufmerksam, als sich die Thr ungestm ffnete, und
Stephano und der Kardinal hereintraten. Mrder, schrie der erstere, auf Rodrich
eindringend, vertheidige dich. Sto nur zu, erwiederte jener, ich habe keine
Waffen. Was zaudern sie, sagte der Kardinal, es ist gttliche Rache! Wie ein
Blitz durchbohrte Stephano's Schwerdt beide Brder, die sich fest umschlingend
zu des Vaters Fen strzten. Mein Traum, der Laokoon, stammelte Rodrich.
Miranda sah mit einem zerreienden Blick auf Stephano, der das Schwerdt fallen
lie, und wild hinausstrmte. Das ist die wiedergefundne Perle, sagte der
Einsiedler, sich ber beide Kinder neigend. - Der Kardinal wandte sich langsam
zur Thr, und trat schweigend hinaus. Ach, mein edler Herr, rief Martin, seinen
zerrissenen Mantel ber die Todten breitend, so rmlich sollten eure Kinder zur
Erde bestattet werden. Lat nur, sagte Miranda, wir gehen nun alle zu Grabe. Der
Schleier soll mich auf ewig vor der Welt verbergen. Der Einsiedler hatte sich
matt auf das Ruhebett gelehnt, und sang wie in innrer Verzckung:

Was der Tiefe ward entrissen,
Khn ans Tageslicht gerufen,
Sinkt zurck in Liebesarme,
Scheu vor euren wilden Gluthen.

Steig' hinunter in die Wasser,
Khle deines Herzens Wunden,
Und im feuchten Schooe finde
Neu erblht die Wunderblume.

