
                               Klingemann, August

                        Die Nachtwachen des Bonaventura

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                               August Klingemann

                        Die Nachtwachen des Bonaventura

                                Erste Nachtwache

Die Nachtstunde schlug; ich hllte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm
die Pike und das Horn zur Hand, ging in die Finsterni hinaus und rief die
Stunde ab, nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bsen Geister geschtzt
hatte.
    Es war eine von jenen unheimlichen Nchten, wo Licht und Finsterni schnell
und seltsam mit einander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde
getrieben, wie wunderliche Riesenbilder vorber, und der Mond erschien und
verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Straen herrschte Todtenstille, nur
hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.
    Es war mir schon recht, und ich freute mich ber meinen einsam
wiederhallenden Futritt, denn ich kam mir unter den vielen Schlfern vor wie
der Prinz im Mhrchen in der bezauberten Stadt, wo eine bse Macht jedes lebende
Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig briggebliebener nach einer
allgemeinen Pest oder Sndfluth.
    Der letzte Vergleich machte mich schaudern, und ich war froh ein einzelnes
mattes Lmpchen noch hoch oben ber der Stadt auf einem freien Dachkmmerchen
brennen zu sehen.
    Ich wute wohl, wer da so hoch in den Lften regierte; es war ein
verunglckter Poet, der nur in der Nacht wachte, weil dann seine Glubiger
schliefen, und die Musen allein nicht zu den letzten gehrten.
    Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten:
    O du, der du da oben dich herumtreibst, ich verstehe dich wohl, denn ich
war einst deinesgleichen! Aber ich habe diese Beschftigung aufgegeben gegen ein
ehrliches Handwerk, das seinen Mann ernhrt, und das fr denjenigen, der sie
darin aufzufinden wei, doch keinesweges ganz ohne Poesie ist. Ich bin dir
gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine
Trume von Unsterblichkeit, die du da oben in der Luft trumst, hier unten auf
der Erde regelmig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergnglichkeit.
Nachtwchter sind wir zwar beide; schade nur da dir deine Nachtwachen in dieser
kalt prosaischen Zeit nichts einbringen, inde die meinigen doch immer ein
briges abwerfen. Als ich noch in der Nacht poesirte, wie du, mute ich hungern,
wie du, und sang tauben Ohren; das letzte thue ich zwar noch jetzt, aber man
bezahlt mich dafr. O Freund Poet, wer jezt leben will, der darf nicht dichten!
Ist dir aber das Singen angebohren, und kannst du es durchaus nicht unterlassen,
nun so werde Nachtwchter, wie ich, das ist noch der einzige solide Posten wo es
bezahlt wird, und man dich nicht dabei verhungern lt. - Gute Nacht, Bruder
Poet.
    Ich blickte noch einmal hinauf, und gewahrte seinen Schatten an der Wand, er
war in einer tragischen Stellung begriffen, die eine Hand in den Haaren, die
andre hielt das Blatt, von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich
vorrezitirte.
    Ich stie ins Horn, rief ihm laut die Zeit zu, und ging meiner Wege. -
    Halt! dort wacht ein Kranker - auch in Trumen, wie der Poet, in wahren
Fiebertrumen!
    Der Mann war ein Freigeist von jeher, und er hlt sich stark in seiner
letzten Stunde, wie Voltaire. Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im
Fensterladen; er schaut bla und ruhig in das leere Nichts, wohin er nach einer
Stunde einzugehen gedenkt, um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen. Die
Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen, aber sie blhen rund um ihn
auf den Gesichtern dreier holder Knaben. Der jngste droht ihm kindlich
unwissend in das blasse starre Antlitz, weil es nicht mehr lcheln will, wie
sonst. Die andern beiden stehen ernst betrachtend, sie knnen sich den Tod noch
nicht denken in ihrem frischen Leben.
    Das junge Weib dagegen mit aufgeltem Haar und offner schner Brust, blickt
verzweifelnd in die schwarze Gruft, und wischt nur dann und wann den Schwei,
wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden.
    Neben ihm steht, glhend vor Zorn, der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe, den
Freigeist zu bekehren. Seine Rede schwillt mchtig an wie ein Strom, und er
mahlt das Jenseits in khnen Bildern; aber nicht das schne Morgenroth des neuen
Tages und die aufblhenden Lauben und Engel, sondern, wie ein wilder
Hllenbreugel, die Flammen und Abgrnde und die ganze schaudervolle Unterwelt
des Dante.
    Vergebens! der Kranke bleibt stumm und starr, er sieht mit einer
frchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen, und fhlt wie sich die
kalte Eisrinde des Todes hher und hher zum Herzen hinaufzieht.
    Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schttelte die morschen
Fensterladen, wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist. Ich schauderte, der
Kranke blickte pltzlich krftig um sich, als gesundete er rasch durch ein
Wunder und fhlte neues hheres Leben. Dieses schnelle leuchtende Auflodern der
schon verlschenden Flamme, der sichere Vorbote des nahen Todes, wirft zugleich
ein glnzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstck, und
leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frhlingswelt des
Glaubens und der Poesie. Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Corregios
Nacht, und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu Einem wunderbaren
Glanze.
    Der Kranke wie die hhere Hoffnung fest und entschieden zurck, und fhrte
dadurch einen groen Moment herbei. Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele
und mahlte jezt mit Flammenzgen wie ein Verzweifelnder, und bannte den ganzen
Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden. Dieser lchelte nur und
schttelte den Kopf.
    Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewi; denn nur das endliche
Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, whrend der unsterbliche
Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann,
wie sich die Indischen Weiber khn in die Flammen strzen, und der Vernichtung
weihen.
    Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen, und
getreu seinem Karakter redete er jezt, indem ihm das Beschreiben zu ohnmchtig
erschien, in der Person des Teufels selbst, der ihm am nchsten lag. Er drckte
sich wie ein Meister darin aus, cht teufelisch im khnsten Style, und fern von
der schwachen Manier des modernen Teufels.
    Dem Kranken wurde es zu arg. Er wendete sich finster weg, und blickte die
drei Frhlingsrosen an, die um sein Bette blheten. Da loderte die ganze heie
Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf, und ber das blasse Antlitz flog ein
leichtes Roth, wie eine Erinnerung. Er lie sich die Knaben reichen, und kte
sie mit Anstrengung, dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust
des Weibes, stie ein leises, Ach! aus, das mehr Wollust als Schmerz schien, und
entschlief liebend im Arm der Liebe.
    Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu, donnerte ihm, der Bemerkung gem, da
das Gehr bei Verstorbenen noch eine lngere Zeit reizbar bleibt, in die Ohren,
und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bndig, da der Teufel nicht
nur seine Seele, sondern auch seinen Leib abfodern wrde.
    Somit strzte er fort, und hinaus auf die Gasse. Ich war verwirrt worden,
hielt ihn in der Tuschung wahrhaft fr den Teufel, und sezte ihm, als er an mir
vorberfahren wollte, die Pike auf die Brust. Geh zum Teufel! sagte er
schnaubend, da besann ich mich und sagte: Verzeiht, Hochwrdiger, ich hielt
euch in einer Art Besessenheit fr ihn selbst, und sezte euch deshalb die Pike,
als ein Gott sei bei uns! aufs Herz. Haltet mir's diesmal zu Gute!
    Er strzte fort.
    Ach! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden. Das schne Weib hielt
den blassen Geliebten still in ihren Armen, wie einen Schlummernden; in schner
Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht, und glaubte, da ihn der Schlaf zum
neuen Leben strken werde - ein holder Glaube, der im hhern Sinne sie nicht
tuschte. Die Kinder knieten ernst am Bette, und nur der jngste bemhete sich
den Vater zu wecken, whrend die Mutter, ihm schweigend mit den Augen zuwinkend,
die Hand auf sein umlocktes Haupt legte.
    Die Szene war zu schn; ich wandte mich weg, um den Augenblick nicht zu
schauen, in dem die Tuschung schwnde.
    Mit gedmpfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster, um in
dem noch hrenden Ohre den Feuerruf des Mnchs durch leise Tne zu verdrngen.
Den Sterbenden ist die Musik verschwistert, sie ist der erste se Laut vom
fernen Jenseits, und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester, die zum
Himmel zeigt. So entschlummerte Jakob Bhme, indem er die ferne Musik vernahm,
die Niemand, ausser dem Sterbenden hrte.

                               Zweite Nachtwache


Die Stunde rief mich wieder zu meiner nchtlichen Handthierung; da lagen die
den Straen, wie zugedeckt vor mir, und nur dann und wann flog ein
Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin, und weit, weit in der Ferne
murmelte es drein wie unverstndlicher Zauberspruch.
    Mein Poet hatte das Licht ausgelscht, weil der Himmel leuchtete und er dies
leztere fr wohlfeiler und poetischer zugleich hielt. Er schauete hoch droben in
die Blitze hinein, im Fenster liegend, das weie Nachthemd offen auf der Brust,
und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf. Ich erinnerte mich
an hnliche berpoetische Stunden, wo das Innere Sturm ist, der Mund im Donner
reden, und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen mchte, um damit in
feurigen Worten zu schreiben. Da fliegt der Geist von Pole zu Pole, glaubt das
ganze Universum zu berflgeln, und wenn er zulezt zur Sprache kommt - so ist es
kindisch Wort, und die Hand zerreit rasch das Papier.
    Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir, der am Ende immer nur
schadenfroh ber meine Schwche aufzulachen pflegte, gewhnlich durch das
Beschwrungsmittel der Musik. Jezt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn
zu stoen, und da geht's auch vorber.
    berall kann ich allen denen, die sich vor hnlichen poetischen
berraschungen wie vor einem Fieber scheuen, den Ton meines Nachtwchterhorns
als ein chtes antipoeticum empfehlen. Das Mittel ist wohlfeil und von groer
Wichtigkeit zugleich, da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie fr eine Wuth
zu halten pflegt, mit dem einzigen Unterschiede, da jener diese Wuth vom Himmel
und nicht aus dem Narrenhause herleitete.
    Mag dem inde sein, wie ihm wolle, so bleibt es doch heut zu Tage mit der
Dichterei berall bedenklich, weil es so wenig Verrckte mehr giebt, und ein
solcher berflu an Vernnftigen vorhanden ist, da sie aus ihren eigenen
Mitteln alle Fcher und sogar die Poesie besetzen knnen. Ein rein Toller, wie
ich, findet unter solchen Umstnden kein Unterkommen. Ich gehe deshalb auch nur
jetzt blos noch um die Poesie herum, das heit, ich bin ein Humorist worden,
wozu ich als Nachtwchter die meiste Mue habe. -
    Meinen Beruf zum Humoristen mte ich hier freilich wohl zuvor erst darthun,
allein ich lasse mich nicht darauf ein, weil man es berhaupt jezt mit dem
Berufe selbst so genau nicht nimmt, und sich dagegen mit dem Rufe allein
begngt. Giebt es doch auch Dichter ohne Beruf, durch den bloen Ruf - und somit
ziehe ich mich aus dem Handel.
    Eben flammte ein Bliz durch die Luft, da schlichen drei an der
Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven. Ich rief sie an, doch war's schon wieder
Nacht rings um, und ich sah nichts, als einen glhenden Schweif und ein paar
feurige Augen, und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nhe, wie zu
einer Don Juans Begleitung: Thu was deines Amtes ist, Nachtrabe; aber mische
dich nicht ins Geisterwerk!
    Das war mir doch etwas zu arg, und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme
her kam; eben blizte es wieder - da waren die drei in Luft zerronnen, wie
Makbeths Hexen.
    Erkennt ihr mich nicht fr einen Geist an; - rief ich noch zornig
hinterdrein, in der Hoffnung da sie's vernhmen - und doch war ich Poet,
Bnkelsnger, Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nach
einander. Ich mchte doch Eure Geister gekannt haben im Leben - wenn ihr anders
wirklich bereits daraus seid! - ob sich der Meinige mit ihnen nicht htte messen
knnen; oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode, wie wir
das Beispiel bei manchen groen Mnnern erfuhren, die erst nach ihrem Tode
berhmt wurden, und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen;
gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird. -
    Jezt war ich der Wohnung des exkommunizirten Freigeistes bis auf einige
Schritte nahe gekommen. Aus der offenen Thr legte sich ein matter Schein in die
Nacht hinein, und flo oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen, auch
murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen herber, wie wenn das
Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedchte.
    Auf der Hausflur war der Todte, der blichen Sitte gem, offen ausgestellt,
um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen, weil der Pfaff, teuflischen
Andenkens, die Weihe verweigert hatte. Der Verstorbene lchelte in seinem festen
Schlafe darber, oder ber seinen eignen thrichten Wahn, den das Jenseits
widerlegt hatte, und sein Lcheln glnzte wie ein ferner Wiederschein vom Leben
ber die starren vom Tode verfestigten Zge.
    Durch eine lange, wenig erleuchtete Halle, schaute man in eine schwarz
behngte Nische; dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter
vor einem Altare - die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern - in stummes
angstvolles Gebet versunken, um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel, dem
der Pfaff sie zugesprochen, zu entreien.
    Der Bruder des Abgeschiedenen allein, ein Soldat, hielt im festen sichern
Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Muth, der es mit dem Teufel selbst
aufzunehmen wagte, Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig und erwartend, und
er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Todten und in das
Wetterleuchten, das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte;
sein Sbel lag gezogen auf der Leiche, und glich mit seinem wie ein Kreuz
gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich.
    brigens herrschte Todtenstille rings um, und auer dem fernen Murren des
Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts.
    So bliebs, bis in einzelnen ernsten Schlgen die Klocke Mitternacht
ankndigte; - da fhrte plzlich der Sturmwind hoch oben in den Lften die
Gewitterwolke wie ein nchtliches Schreckbild herber, und bald hatte sie ihr
Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet. Die Kerzen um den Sarg verlschten, der
Donner brllte zrnend, wie eine aufrhrerische Macht herunter und rief die
festen Schlfer auf, und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus, wodurch das
starre blasse Antliz des Todten allein grell und periodisch beleuchtet wurde.
    Ich sah jezt, da der Sbel des Soldaten durch die Nacht blizte, und dieser
sich muthig zum Kampfe rstete.
    Es whrte auch nicht lange - die Luft warf Blasen auf, und die drei Makbeths
Geister waren pltzlich wieder sichtbar, wie wenn der Sturmwind sie beim
Scheitel herangewirbelt htte. Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und
Schlangenhaar, und den ganzen hllischen Apparat.
    Mich fate in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare, und als sie die
Gasse herauffuhren, mischte ich mich rasch unter sie. Sie stuzten, wie wenn sie
auf bsen Wegen gingen, ber den vierten ungebetenen der zu ihnen stie. Nun
zum Teufel! Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen! rief ich wildlachend
aus. Drum lat euch nicht irren, da ich euch auf bsen antreffe. Ich bin eures
Gleichen, Brder, ich mache mit euch Gemeinschaft! - Das brachte sie wahrhaftig
in Verlegenheit. Der Eine stie ein Gott sei bei uns! aus, und kreuzte sich,
was mich Wunder nahm, weshalb ich ausrief: Bruder Teufel fall nicht so hart aus
dem Karakter, ich mchte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich fr
einen Heiligen halten, zum mindesten fr einen Geweihten. - berlege ich's inde
reiflicher, so mu ich dir wohl eher Glck wnschen, da du endlich auch das
Kreuz verdauet hast, und von Haus aus ein eingefleischter Teufel, dich dem
Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest!
    An der Sprache mochten sie es endlich weg haben, da ich nicht einer ihres
Gleichen wre, und sie fuhren alle drei auf mich ein, und sprachen nun gar in
einem cht klerischen Tone von Exkommuniziren, u.d. gl. wenn ich sie in ihrer
Handthierung stren wrde.
    Sorgt nicht, erwiederte ich, ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht
geglaubt, doch seit ich euch gesehen, ist er mir klar worden, und ich bin gewi,
da ihr zunftfhig seid. Macht eure Sachen ab, denn mit der Hlle und der Kirche
kann's kein armer Nachtwchter aufnehmen.
    Dahin fuhren sie, ins Haus hinein. Ich folgte bedenklich nach.
    Es war ein furchtbares Schauspiel, Blitz und Nacht wechselten Schlag auf
Schlag. Jezt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und
das Blitzen des Sbels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes, dazwischen
schauete der Todte mit seinem blassen starren Gesichte unbeweglich wie eine
Larve. Dann war es wieder tiefe Nacht, und nur fern, im Hintergrunde der Nische
ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im
verzweifelnden Gebet.
    Es ging alles still und ohne Worte zu; aber jezt krachte es auf einmal
zusammen, wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte. Die Blitze wurden sparsamer
und es blieb lngere Zeit Nacht. Nach einem Weilchen inde fuhren zwei rasch zur
Thr heraus, und ich sah es durch die Finsterni bei dem Leuchten ihrer Augen -
sie trugen wirklich einen Todten mit sich fort.
    Da stand ich, in mich hineinfluchend vor der Thr; auf der Flur war es ganz
finster, keine Seele regte sich, und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmanne,
zum mindesten, den Hals gebrochen.
    In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz, mit dem sich die
Gewitterwolke vllig entlud, und blieb, gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel,
eine zeitlang in der Luft, ohne zu verlschen. Da sah ich den Soldaten wieder
ruhig und kalt am Sarge stehen, und die Leiche lchelte wie zuvor - aber, o
Wunder! dicht neben dem lchelnden Todtenantlitze grinsete eine Teufelslarve,
und der Rumpf fehlte zum Ganzen, und ein purpurrother Blutstrom frbte das weie
Sterbegewand des schlafenden Freigeistes. -
    Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel, verga es, zu blasen und die
Stunde abzusingen und floh meiner Htte zu.

                               Dritte Nachtwache


Wir Nachtwchter und Poeten kmmern uns um das Treiben der Menschen am Tage, in
der That wenig; denn es gehrt zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die
Menschen sind wenn sie handeln hchst alltglich und man mag ihnen hchstens
wenn sie trumen einiges Interesse abgewinnen.
    Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit
nur Unzusammenhngendes, das ich eben so unzusammenhngend mittheilen will.
    ber den Kopf zerbrach man sich am meisten die Kpfe, war es doch kein
gewhnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt. Die Justiz, der es vorgelegt
wurde, wies die Sache von sich, indem sie uerte, da die Kpfe eben nicht in
ihr Fach schlgen. Es war in der That ein bser Handel und man gerieth sogar in
Streit darber, ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren, indem er einen
Todschlag begangen, oder ihn vielmehr kanonisiren me, weil der Erschlagene der
Teufel. Aus dem leztern entsprang wieder ein neues bel; es wurde nemlich in
mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt, weil man den Teufel jezt
geradezu lugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief. Die
Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres, da
ein Teufel auch ohne Kopf bestehen knne, wovon sie Beweisgrnde, aus ihren
eigenen Mitteln, anzufhren, erbthig wren.
    Aus dem Kopfe selbst konnte man in der That nicht ganz klug werden. Die
Physiognomie war von Eisen; doch ein Schlo, das sich an der Seite befand,
fhrte fast auf die Vermuthung, da der Teufel noch ein zweites Gesicht unter
dem ersten verborgen htte, welches er vielleicht nur fr besondere Festtage
aufsparte. Das Schlimmste war, da zu dem Schlosse, und also auch zu diesem
zweiten Gesichte, der Schlssel fehlte. Wer wei was sonst fr fruchtbare
Bemerkungen ber Teufelsphysiognomien htten gemacht werden knnen, da hingegen
das erste nur ein bloes Alltagsgesicht war, das der Teufel auf jedem
Holzschnitte fhrt.
    In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewiheit, ob man ein chtes
Teufelshaupt vor sich habe, wurde beschlossen, da der Kopf dem Doktor Gall in
Wien zugesandt wrde, damit er die untrglichen satanischen Protuberanzen an ihm
aufsuchen mchte; jezt mischte sich pltzlich die Kirche ins Spiel, und erklrte
da sie bei solchen Entscheidungen als die erste und lezte Instanz anzusehen
sei, sie lie sich den Schdel ausliefern, und wie es bald darauf hie, war er
verschwunden, und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den
Teufel selbst gesehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm.
    Somit blieb die ganze Sache so gut, wie unaufgeklrt, um so mehr, da der
einzige, der allenfalls noch einiges Licht htte geben knnen, jener Pfaff
nemlich, der das Anathema ber den Freigeist aussprach, an einem Schlagflusse
pltzlich Todes verfahren war. So sagte es wenigstens das Gercht und die
Klosterherren; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen, weil er,
der warmen Jahrszeit wegen, schnell beigesetzt werden mute.
    Die Geschichte ging mir whrend meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn
ich hatte bis jezt nur an einen poetischen Teufel geglaubt, keinesweges aber an
den wirklichen. Was den poetischen anbetrifft, so ist es gewi sehr schade, da
man ihn jezt so uerst vernachlssiget, und statt eines absolut bsen Prinzips,
lieber die tugendhaften Bsewichter, in Ifland- und Kotzebuescher Manier,
vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht, und der Mensch verteufelt
erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und
Selbststndige; deshalb mgen wir denn auch weder chten Spa, noch chten
Ernst, weder chte Tugend noch chte Bosheit mehr leiden. Der Zeitkarakter ist
zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das rgste dabei
ist - der Narr, der darin stekt, mgte ernsthaft scheinen. -
    Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor
einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug,
als ich. Da bewegten sich plzlich eine weibliche und eine mnnliche Gestalt
dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich fr den Blind- und
Taubstummen von Stein hielten. Der Mann lie es sich recht angelegen sein im
rhetorischen Bombast, und sprach in einem Athem von Liebe und Treue; das
Frauenbild dagegen zweifelte glubig, und machte viel knstlichen Hnderingens.
Jezt berief sich der Mann keklich auf mich, und schwur er stehe unwandelbar und
unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die
Hand gleichsam zur Betheuerung auf meinen Mantel legte, schttelte ich mich
boshaft ein wenig, worber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die
leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt,
wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren.
    Er verschwur jezt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und
Tragdien seine Seele, wenn er jemals treulos; zulezt redete er gar noch in der
Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schlo mit den
bedeutenden Worten: dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei
unserm nchtlichen Mahle, meine ich's nicht redlich.
    Ich merkte mir's und hrte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine
geheime Feder an der Thr, wodurch er diese ffnen knne, zugleich auch die
Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte.
    Ich war eine halbe Stunde frher auf dem Plaze, fand das Haus, die Thr,
nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu
einem Saale, auf dem es dmmerte. Das Licht fiel durch zwei Glasthren; ich
nahete mich der einen, und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am
Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine
mechanische Figur sey, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur
blo der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenste
vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Laplnder. Es kam mir vor als wollte
es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus, ber ihr, kosten, denn
alles Leidenschaftliche und Theilnehmende war auf der kalten hlzernen Stirne
ausgelscht, und die Marionette sa, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll
Bcherwrmer. Jezt wurde der unsichtbare Drath gezogen, da klapperten die
Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander; ich
blickte schrfer hin - es waren Todesurtheile. Auf dem Tische lagen der
Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizirte Seele der
Marionette.
    Tadeln konnte ich's nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die
mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfllt; sein Arbeitstisch wie die
Gerichtsstte, auf der er in einer Minute mit drei Federzgen drei Todesurtheile
vollstreckt hatte. Beim Himmel htte ich die Wahl zwischen beiden, lieber wre
ich der lebende Snder, als dieser todte Gerechte.
    Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes
Konterfei ihm unbeweglich gegenber sitzen sah, als wre es an einem leblosen
Exemplare nicht genug, und eine Doublette nthig, um die todte Seltenheit von
zwei verschiedenen Seiten zu zeigen.
    Jezt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mtze ab, und
legte sie ngstlich erwartend bei sich hin. Noch nicht schlafen gegangen?
sagte jene, was fhren Sie fr ein wildes Leben! die Phantasie ewig
angespannt! - Phantasie? fragte er verwundert, was meinen Sie damit? Ich
verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jezt reden. - Weil
Sie sich fr nichts Hheres interessiren; nicht einmal fr das Tragische! -
Tragisch? Ei allerdings! antwortete er selbstgefllig, sehen Sie hier, ich
lasse drei Delinquenten hinrichten! - O weh, welche Sentiments! - Wie? Ich
dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Bchern die Sie lesen, so
viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu berraschen, die
Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt! - Mein Gott! Meine Nerven! -
O weh, Sie bekommen den Zufall jezt so hufig, da mir jedesmal bang im Voraus
wird! Ach ja, Sie knnen leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte,
und legen Sie sich schlafen!
    Das Gesprch war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schwei von der
Stirn trocknete. Ich beschlo in dem Augenblicke teuflisch genug, ihm noch, wo
mglich, diese Nacht seine Frau in die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung
auszuliefern, damit er Macht ber sie erhielte.
    Es whrte nun auch gar nicht lange, als mein Mars zu seiner Venus schlich.
Mir fehlte zum Vulkan, da ich von Natur hinkte, und nicht zum Besten aussah,
eben wenig mehr, als das goldne Nez, inde beschlo ich, in Ermangelung dessen,
einige goldene Wahrheiten und Sittensprchlein anzuwenden. Anfnglich ging es
ganz leidlich zu; mein Bursche sndigte blos an der Poesie durch eine zu
materielle Tendenz seiner Schilderungen; er malte einen Himmel voll Nymphen und
sich neckender Liebesgtter an den Betthimmel unter dem er zu ruhen gedachte,
den Weg dahin bestreute er mit Vexirrosen, die er zahlreich in zierlichen
Redefloskeln von sich warf, und die Dornen die ihm dann und wann die Fe
verwunden wollten, umging er durch leichte frivole Wendungen.
    Als der Snder sich nun aber so in ein poetisches Element versezt, und die
Moral vllig, dem Geiste der neuesten Theorien gem, abgewiesen hatte, der
grnseidne Vorhang vor der Glasthr herabrollte, und das Ganze ein Gardinenstck
zu werden begann, wandte ich rasch mein antipoeticum an, und stie gellend in
das Nachtwchterhorn, worauf ich mich auf ein leeres Piedestal, das fr die
Statue der Gerechtigkeit, die bis jezt noch in der Arbeit, bestimmt war,
schwang, und still und unbeweglich stehen blieb.
    Der furchtbare Ton hatte die beiden aus der Poesie, und den Ehemann aus dem
Schlafe geschreckt, und alle drei eilten plzlich zu gleicher Zeit aus zwei
verschiedenen Thren.
    Der steinerne Gast rief der Liebhaber schaudernd, indem er mich
erblickte; Ah, meine Gerechtigkeit! der Ehemann, ist sie endlich fertig
geworden; wie unerwartet hast du mich dadurch berrascht, Liebchen! - Reiner
Irrthum, sagte ich, die Gerechtigkeit liegt noch immer drben beim Bildhauer,
und ich habe mich nur provisorisch auf das Piedestal gestellt, damit es, bei
besonders wichtigen Gelegenheiten, nicht ganz leer sey. Es bleibt zwar immer mit
mir nur ein Nothbehelf, denn die Gerechtigkeit ist kalt wie Marmor, und hat kein
Herz in der steinernen Brust, ich aber bin ein armer Schelm voll sentimentaler
Weichlichkeit, und gar dann und wann etwas poetisch gestimmt; inde, bei
gewhnlichen Fllen fr das Haus mag ich immer gut genug seyn, und wenn es Noth
thut, einen steinernen Gast abgeben. Solche Gste haben das fr sich, da sie
nicht mitessen und auch nicht warm werden, wo es Schaden bringen knnte, dagegen
die andern leicht Feuer fangen, und es dem Hausherrn vor der Stirn hei machen,
wie mir das Beispiel nahe liegt.
    Ei, ei, mein Gott, was ist denn das? stammelte der Ehemann.
    Da die Stummen zu reden anfangen, meinen Sie? das fliet aus der
Frivolitt des Zeitalters. Man sollte nie den Teufel an die Wand malen. Unsere
jungen Herren von Welt setzen sich aber darber hinaus, und mibrauchen
dergleichen bei schwachen Seelen, um sich von der heroischen Seite zu zeigen. Da
habe ich nun meinen Mann beim Worte genommen, ob ich gleich eigentlich nicht
hieher gehre, sondern drauen auf dem Markte stehe im grauen Mantel als
heiliger Crispinus von Stein.
    Du Gott, was soll man davon denken! fuhr jener bengstet fort, es ist gar
nicht in der Ordnung, und ein unerhrter Fall!
    Fr den Rechtsgelehrten gewi! dieser Crispinus war nemlich ein Schuster,
legte sich aber aus besonderer Frmmigkeit und einem wirklichen berflusse von
Tugend auf die Dieberei, und stahl das Leder, um den Armen Schuhe daraus zu
machen. Was lt sich da entscheiden, reden Sie selbst! Ich sehe keinen andern
Ausweg, als ihn zuerst zu hngen, und nachher zu kanonisiren. Aus hnlichen
Grnden mte man z.B. gegen Ehebrecher verfahren, die blo um den Hausfrieden
aufrecht zu erhalten, gegen die Gesetze verstoen; der animus ist hier offenbar
ein lblicher, und darauf kommts doch hauptschlich an. Wie manche Frau wrde
nicht ihren Mann zu Tode qulen, wenn nicht ein solcher Hausfreund sich
einfnde, und aus reiner Moralitt zum Schurken wrde. Hier stehe ich eigentlich
an meinem Thema, und wir knnen nun in Gottes Namen die hochnothpeinliche
Halsgerichtsordnung aufschlagen. - Doch ich sehe da die Inquisiten bereits
beide in Ohnmacht liegen; da mssen wir im Prozesse eine Pause machen!
    Inquisiten? fragte der Ehemann mechanisch. Ich sehe keine, die dort ist
meine Ehehlfte! -
    Schon gut, wir wollen fr's erste bei ihr stehen bleiben. Ehehlfte! Ganz
recht! das heit: das Kreuz oder die Qual in der Ehe - und wahrhaftig das ist
schon eine exemplarische Ehe, wo dieses Kreuz nur die Hlfte ausmacht. Seyd Ihr
nun, als die zweite Hlfte, der Ehesegen, so ist Eure Ehe wirklich ein Himmel
auf Erden.
    Der Ehesegen! sagte jener mit einem tiefen Seufzer.
    Keine sentimentale Randglosse, lieber Freund, werfen wir hier vielmehr
einen Blick auf den zweiten Inquisiten, der ebenfalls aus Schrecken, ber den
steinernen Gast, in Ohnmacht liegt. Wenn wir Personen von Rechtswegen,
Milderungsgrnde aus moralischen Prinzipien herleiten drften, so mgte ich
schon sein Defensor seyn, und wollte wenigstens die Strafe des Kpfens, die die
Carolina ber ihn verhngt, von ihm abwenden; zumal da bei solchen Schchern das
Kpfen doch nur in effigie angewandt werden kann, weil bei ihnen, ernstlich
genommen, von einem Kopfe nie die Rede ist! -
    Die Karolina sollte auf einmal so grausam geworden seyn! sagte jener ganz
konfus. Vorhin schauderte sie doch noch, als ich vom Hinrichten sprach! -
    Ich verdenke es Euch nicht antwortete ich, da ihr beide Karolinen mit
einander verwechselt; denn Eure lebende Karolina ist, als Ehekreuz und Folter,
leicht mit der hochnothpeinlichen zu vertauschen, die ebenfalls keinen Himmel
voll Geigen abhandelt. Ja fast mchte ich behaupten, eine solche eheliche sey
noch viel rger als die kaiserliche, indem in dieser wenigstens in keinem
einzigen Falle von lebenslnglicher Folter die Rede ist. -
    Aber mein Gott, das kann doch nicht so fort gehen! sagte er auf einmal wie
zu sich kommend. Man wei nicht so recht mehr, ob man wacht oder trumt; ja ich
htte Lust mich zu betasten und zu zwicken, blos um zu sehen, ob ich wachte oder
schliefe, wenn ich nicht darauf schwren wollte, vorher wirklich den
Nachtwchter gehrt zu haben! -
    Ei mein Gott! rief ich aus. Jezt erwache ich; Ihr habt mich beim Namen
gerufen, und es ist noch mein Glck, da ich mich gerade nicht zu hoch befinde,
etwa auf einem Dache, oder in einer dichterischen Begeisterung, um mir jezt beim
Herabfallen den Hals zu brechen. So aber stehe ich glcklicherweise nicht hher,
als hier die Gerechtigkeit stehen soll, und da bleibe ich noch menschlich und
unter den Menschen. Ihr starrt mich an, und knnt Euch nicht darin finden; doch
will ich's Euch sogleich lsen. Ich bin Nachtwchter hier, und zugleich
Nachtwandler, wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in Einer Person
vorstehen lassen. Wenn ich nun als Nachtwchter mein Amt verrichte, so kommt mir
oft die Lust an als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen, wie auf Dachspitzen
oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben; und so bin ich denn auch
wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Themis gekommen. Es ist eine
verzweifelte Laune, die mich noch um den Hals bringen kann; inde fgte es sich
doch oft, da ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise
vor Diebsthlen gesichert habe, eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege,
und das gerade die unschdlichsten Diebe sind, die ihr Handwerk nur drauen
herum an den Lden mit Brechstangen exerciren. Dieser Punkt glaub ich,
entschuldigt mich; und somit gehe es Euch wohl!
    Ich entfernte mich, und lie den Ehemann und die andern beiden, die nun auch
wieder zu sich gekommen waren, erstaunt zurck. Wie sie nachher sich noch mit
einander unterhalten haben, wei ich nicht.

                               Vierte Nachtwache


Zu den Lieblingsrtern, an denen ich mich whrend meiner Nachtwachen aufzuhalten
pflege, gehrt der Vorsprung in dem alten gothischen Dome. Hier sitze ich bei
dem dmmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft
selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort ldt zu Betrachtungen ein; heute fhrte
es mich auf meine eigene Geschichte, und ich bltterte, gleichsam aus
Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.
    Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt
nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische
Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklrenden Holzschnitte einen nicht
gewhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu
lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar
struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, giebt ihm
eine Wnschelruthe und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen
Schatz heben soll. Ich habe heute blos die Laune mich bei den Holzschnitten in
dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum


                              zweiten Holzschnitte

ber. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist
diesmal dem Knstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat krftige Zge
und zeigt an, da der Mann nicht blos bei den Fssen stehen geblieben, sondern
ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen
des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher
geworden wre, einen schlechten Schuhmacher abgeben mu, und auch im
Gegentheile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. - Das Lokale ist ein
Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das
Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann
von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber lt sich
nicht stren. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben;
und ist auch schon darber aus gewesen, sein erobertes Schatzkstlein zu ffnen.
Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein fr den kuriosen Liebhaber ein
Schatz zu nennen - denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kstlein, und
zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltbrger.
    Was mein Schatzgrber fr Betrachtungen ber seinen Fund angestellt hat,
davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Knstler die Grenzen seiner
Kunst nicht im mindesten hat berschreiten wollen.


                              Dritter Holzschnitt

Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nthen. - Auf einem Buche sitze ich, aus
einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschftigt sich mit einem Schuhe, scheint
aber zugleich eigenen Betrachtungen ber die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das
Buch worauf ich sitze, enthlt Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich
lese, ist Jakob Bhmens Morgenrthe, sie sind der Kern aus unserer
Hausbibliothek, weil beide Verfasser zunftfhige Schuhmacher und Poeten waren.
    Weiter mag ich nicht im Erklren gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner
eigenen Originalitt zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehrige




                                 dritte Kapitel


fr mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging,
meinen Lebenslauf selbst fortgefhrt hat, verfat, und hebt so an:
    Wunderlich wird mir gar oft zu Muthe, wenn ich den Kreuzgang betrachte. -
Es war nemlich dem Gebrauche gem, der Ort wo ich gefunden, bei meiner Taufe,
zu mir Gevatter geworden. - ber einen gewhnlichen Leisten kann ich ihn nicht
schlagen, denn es ist etwas berschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten
Bhme, der auch schon frh ber dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimni
verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewhnliche Dinge hchst ungewhnlich
vor; wie z.B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtglich zutrgt, und wobei wir
andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die
Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft unter einander sich
besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben lt. Hat er mich doch neulich
ber einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs ber die
Bestandtheile desselben befragte, und als ich ihm darauf Rede und Antwort
gegeben hatte, plzlich ber jede einzelne Substanz Aufklrung verlangte, immer
hher und hher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das
Leder auf den Ochsen zurck fhrte, dann gar noch weiter bis ich mich zulezt mit
meinem Schuhe hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte da
ich in meinem Fache ein Stmper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum lezten
Grunde Auskunft geben knnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift,
die wir nur nicht zu lesen verstnden, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er
hoft diese Sprache noch einst zu lernen, und verspricht dann gar wundersame
Dinge daraus mitzutheilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mcken oder Fliegen
wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt sie unterredeten sich ber
wichtige Gegenstnde, von denen bis jezt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwazt
er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen
ber ihn, so erklrt er sie sehr ernsthaft fr Blinde und Taube, die weder shen
noch hrten, was um sie her vorginge. Jezt sizt er Tag und Nacht bei'm Jakob
Bhme und Hans Sachs, welches zween gar absonderliche Schuhmacher waren, aus
denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte. -
    Soviel ist mir sonnenklar; ein gewhnliches Menschenkind ist dieser
Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewhnliche Weise zu ihm gekommen.
    Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmuthig ber meinen
wenigen Verdienst hier auf dem Dreifue eingeschlummert war; - da es gerade ein
Dreifu sein mute, soll, wie man mir sagt, nicht ohne Einflu gewesen sein - es
trumte mir wie ich einen Schaz fnde in einer verschlossenen Truhe, doch gebot
man mir diese Truhe nicht eher zu ffnen, bis ich erwacht sein wrde. Das war
alles so deutlich und selbst verstndig, indem Traum und Wachen sich ganz klar
von einander unterschieden, da es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte, und ich
zulezt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich
anzustellen.
    Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen,
besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und ffnete sie dann; aber statt des
Goldes was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben.
    Anfangs war ich wohl etwas betreten darber, weil solch ein lebendiger Schaz
zum mindesten von einem todten begleitet sein mu, wenn ein briges dabei heraus
kommen soll, und der Bube war mutternakt, und lachte noch dazu darber, als ich
ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich inde die Sache tiefer
und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach
Hause trug.
    So weit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plzlich durch eine sonderbare
Erscheinung unterbrochen wurde. Eine groe mnnliche Gestalt in einen Mantel
gehllt, schritt durch das Gewlbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich
schlich mich leise hinter eine Sule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den
Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief ber die Stirne
herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem sdlichen
blasgrauen Kolorit.
    Ich trete immer vor ein fremdes ungewhnliches Menschenleben mit denselben
Gefhlen hin, wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel
aufgefhrt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes so wie dieses ein
Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem chten Ernst nur tragischen Spa
leiden mag, und solche Narren wie im Knig Lear; eben weil diese allein wahrhaft
kek sind und die Possenreierei en gros treiben und ohne Rcksichten, ber das
ganze Menschenleben. Die kleinen Wizbolde und gutmthigen Komdienverfasser
dagegen, die sich nur blos in den Familien umhertreiben, und nicht, wie
Aristophanes, selbst ber die Gtter sich lustig zu machen wagen, sind mir
herzlich zuwider, eben so wie jene schwachen gerhrten Seelen, die statt ein
ganzes Menschenleben zu zertrmmern, um den Menschen selbst darber zu erheben,
sich nur mit der kleinen Qulerei beschftigen, und neben ihrem Gefolterten den
Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt, damit der arme
Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zulezt noch davon gehen kann;
als ob das Leben das Hchste wre, und nicht vielmehr der Mensch, der doch
weiter geht als das Leben, das grade nur den ersten Akt und den inferno in der
divina comedia, durch die er, um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht. -
    Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen
blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schn gearbeiteten Scheide gezogen,
in der Hand, schien mir cht tragischer Natur zu sein, und fesselte mich in
seine Nhe.
    Feuerlrm hatte ich eben nicht Lust zu machen, im Falle er etwas Ernsthaftes
unternehmen wrde, eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse
stehen, um im fnften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein,
meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die
schn gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hlle den Dolch
verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige
Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt
hat, mu man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.
    Ich hatte einen Knig Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er
aufs Haar glich; auch in allen seinen Manieren - grade solche hlzerne
mechanische Bewegungen, und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich
Marionettentruppen vor lebenden Schauspielern auszeichnen, die heut zu Tage auf
unsern Theatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.
    Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da
blieb dem Manne pltzlich der schon zum Todesstoe aufgehobene Arm erstarrt, und
er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der
Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch eine
Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die
Zeit aufgehrt zu haben und nicht mehr fortrcken zu wollen und der eine Moment
zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Vernderung aufgehoben.
    Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem
Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und grade auf der
Mitternachtszahl. Ich schien mir gelhmt und rings um war alles unbeweglich und
todt; der Mann auf dem Grabe, der Dohm mit seinen starren hohen Sulen und
Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen, die
unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in
derselben, wodurch sie entfesselt wrden, zu harren schienen.
    Jezt war's vorber, das Rderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger
rckte fort, und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch
das de Gewlbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf
dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine
hin, und zerbrach.
    Verwnscht sei die Starrsucht, sagte er kalt, wie wenn er's schon gewohnt
wre, sie lt mich nie den Sto vollfhren! - Damit stand er, wie, wenn
nichts weiter vorgefallen wre, auf, und wollte sich wieder entfernen.
    Du gefllst mir, rief ich, es ist doch Haltung in deinem Leben, und chte
tragische Ruhe. Ich liebe die groe klassische Wrde im Menschen, die viel Worte
hat, wo viel gethan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem
du eben bereit warst, ist doch nichts kleines, und gehrt zu den Forcestcken,
die man, bis zulezt, aufspart. -
    Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen, sagte er finster, so ist's gut;
sonst bemhe dich nicht weiter in Lobsprchen und Bemerkungen. ber die Kunst zu
leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat,
ber die Kunst zu sterben, vergeblich; und ich kann nicht sterben! -
    O besen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten
Schriftstellern! rief ich aus, Ihre Werke knnten dann immerhin Ephemeren
bleiben, wren sie selbst doch unsterblich, und knnten ihre ephemerische
Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jngsten Tage beliebt bleiben.
Leider aber kommt fr sie die Stunde nur zu frh, in der sie und ihre
Eintagsfliegen mit ihnen sterben mssen. - O Freund, knnte ich dich doch in
diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben, dieser Kozebue ginge dann nie
unter, und selbst am Ende aller Dinge lgen noch seine lezten Werke in dem
Hogarthschen Schwanzstcke, und die Zeit knnte ihre lezte Pfeife die sie da
raucht, mit einer Szene aus seinem lezten Drama anbrennen, und so begeistert, in
die Ewigkeit bergehen!
    Der Mann wollte jezt still abtreten, und ohne, wie ein schlechter Akteur,
noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der
Hand, und sagte: Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nthig, da du immer
Zeit hast, so lange nur berhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn
aus deinen Worten zu schlieen, halte ich dich fr den ewigen Juden, der, weil
er das Unsterbliche lsterte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden
ist, wo alles um ihn her vergeht. Du siehst finster, du einziger Mensch, dessen
Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes, nie im Morden innehaltendes
Schwerdt, auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll, und der
nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Rderwerk selbst zertrmmert.
Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spahaft und der Mhe
werth, dieser groen Tragikomdie der Weltgeschichte bis zum lezten Akte als
Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zulezt das ganz eigne Vergngen machen,
wenn du am Ende aller Dinge ber der allgemeinen Sndfluth auf dem lezten
hervorragenden Berggipfel als einzig briggebliebener stehst, das ganze Stck,
auf deine eigene Hand, auszupfeifen, und dich dann wild und zornig, ein zweiter
Prometheus, in den Abgrund zu strzen.
    Pfeifen will ich, sagte der Mann trozig, htte mich nur der Dichter nicht
selbst mit ins Stck verflochten als handelnde Person; das verzeih ich ihm
nimmer!
    Um so besser! rief ich, da giebt es wohl gar noch zu guter lezt eine
Revolte im Stcke selbst, und der erste Held emprt sich gegen seinen Verfasser.
Ist das doch auch in der, der groen Weltkomdie nachgefften kleinen nicht
selten, und der Held wchst am Ende dem Dichter ber den Kopf, da er ihn nicht
mehr bezwingen kann. - O ich htte wohl Lust deine Geschichte anzuhren, du ewig
Reisender, um darber mich auszuschtten vor Lachen; wie ich denn oft bei einer
chten ernsten Tragdie brav zu lachen pflege, und im Gegentheile beim guten
Possenspiele dann und wann weinen mu, indem das wahrhaft Khne und Groe immer
zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefat werden kann! -
    Ich verstehe dich, Spavogel, sagte der Mann! Bin auch gerade jezt wild
genug um zu lachen, und dir meine Geschichte zu erzhlen. Doch, beim Himmel, la
dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich in dem Augenblicke
stumm! -
    Sorge nicht, Kamerad, ich lache mit, antwortete ich, und jener sezte sich
unter eine steinerne, am Grabe betende Ritterfamilie, und hub an:
    Es ist, du wirst mir's zugeben, verdammt langweilig, seine eigene
Geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemthlich, aufzurollen; ich
bringe sie deshalb lieber in Handlung, und fhre sie als ein Marionettenspiel
mit dem Hanswurst auf; da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher.
    Zuerst giebt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten
exekutirt, das pat so recht zu einem verpfuschten Leben, und erhebt das Gemth
durch die groen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels
werden mgte. - Dann kommt der Hanswurst, und entschuldigt den
Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht, und die wichtigsten
Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber
auch wieder das Gute her, da das Stck rhrend ausfallen msse, eben wie es bei
groen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewhnliche Dichter
bearbeitet wrden. ber das Leben und den Zeitkarakter macht er die hchst
albernen Bemerkungen, da beide jezt mehr rhrend als komisch seyen, und da man
jezt weniger ber die Menschen lachen als weinen knne, weshalb er denn auch
selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden, und immer nur im edlen
Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekme.
    Darauf treten die hlzernen Puppen selbst auf; zwei Brder ohne Herzen
umarmen sich, und der Hanswurst lacht ber das Zusammenklappern der Arme, und
ber den Ku, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen knnen. Der eine
hlzerne Bruder bleibt im Marionettenkarakter, und drckt sich unendlich steif
aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen
will, und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben. Die andere Puppe aber
mchte gern einen lebendigen Akteur affektiren, und spricht hin und wieder in
schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsylben, und der
Hanswurst nikt dabei mit dem Kopfe, und hlt eine Rede ber die Wrme des
Gefhls in einer Marionette, und ber den eleganten Vortrag bei tragischen
Gedichten. - Darauf geben sich die Brder die hlzernen Hnde und gehen ab. Der
Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart
wieder durch die Dorfmusikanten.
    Jezt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem
Pagen, der den Sonnenschirm ber sie ausspannt; die Kolombine ist die prima
donna der Gesellschaft, und ohne Schmeichelei das Meisterstck des
Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture, und alles an ihr ins Ideale
hinbergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach;
er erblickt sie, schlgt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plzlich
in Versen, reimt alle Endsylben, oder bringt die Assonanz in A und O an, da die
Kolombine darber erschrickt, und mit dem Pagen davon luft. Jener will ihr
nachstrzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht,
sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte
satirische Rede hlt, worin er ihm darthut, da es seinem Schpfer - dem
Marionettendirektor nemlich - nicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und da
dadurch eben das Stck recht toll und komisch werden wrde, indem ein
melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgbe. -
Die andere Puppe stt Flche aus, lstert sogar in Verzweiflung auf den
Direktor, wobei den Zuschauern vor Lachen die Thrnen aus den Augen strzen.
Zulezt fat sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden, und beschliet
wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen. Der Hanswurst begleitet sie.
    Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder, und thut sehr schn mit der
andern Brudermarionette, sie singen auch ein zrtliches Duett mit einander, und
wechseln sodann die Ringe, worauf ein alter geschftiger Pantalon mit Musikanten
ankommt, die viel lustige Musik abspielen, wobei man nur allein die Tne nicht
hrt, was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht. Zulezt wird bei
der stummen Musik getanzt, und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen ber
sein musikalisches Gehr, vertheidigt auch das Mhrchen, da die Tne am
Nordpole gefrren, und nur im warmen Sden wieder aufthaueten und hrbar wrden.
Das Alles ist so sonderbar, da man schlechterdings nicht wei, ob man's
ernsthaft oder lustig nehmen soll; einige gescheute Leute unter den Zuschauern
halten's gar fr toll.
    Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind, kommt der Hanswurst
mit dem andern Bruder wieder. Dieser spricht, wie er weite Reisen von einem Pole
zum andern gemacht, und doch die Kolombine nicht gefunden, weshalb er
verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte. Der Hanswurst ffnet eine Klappe
an der Brust der Marionette und findet wirklich jezt zu seinem Erstaunen ein
Herz darin, worber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen
bekommt, z.B. da Alles in dem Leben, sowohl der Schmerz wie die Freude, nur
Erscheinung sei, wobei nur blos das ein bser Punkt, da die Erscheinung selbst
nie zur Erscheinung kme, weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten,
da man sie zum Besten htte und blos zum Zeitvertreibe mit ihnen spielte,
sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dnkten. - Er will
ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen, konfundirt sich
aber bestndig dabei, und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am
Ende da, wo er anfing. - Nun lachte er in der Stille hmisch ins Fustchen und
geht ab. -
    Im vierten Akte treffen die beiden Brder zusammen, und indem der mit dem
Herzen redet, werden pltzlich die stummen Tne aus dem vorigen Akte hrbar, und
begleiten die Worte, worber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird. Arlequin
kommt nun auch dazu und spottet ber die Liebe, weil sie keine heroische
Empfindung sei, und nicht fr das allgemeine Beste benuzt werden knne. Er
fordert auch den Direktor auf, sie fr die Folge ganz abzuschaffen, und reine
moralische Gefhle bei seiner Truppe einzufhren. Zulezt dringt er auf eine
Revision des Menschengeschlechts und auf einige hchstnthige Weltreparaturen;
besteht auch sehr trozig darauf zu wissen, weshalb er den Narren eines ihm
unbekannten Publikums abgeben msse.
    Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgefhrt. Die schne
Kolombine erscheint nemlich, und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als
seine Gemahlin vorstellt, fllt dieser ohne ein Wort zu sagen, hchst
ungeschickt, mit dem hlzernen Kopfe auf einen Stein. Jene beiden laufen fort,
um Hilfe zu senden; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige
Stirn abwischt, bittet er ihn ganz gelassen, da, weil es keine Dinge an sich
gbe, er sich den Stein, so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe
schlagen mge. Auch lobt er den Direktor, da er das griechische Fatum
abgeschaft und dafr eine moralische Theaterordnung eingefhrt habe, nach der
Alles zulezt sich gut auflsen msse.
    Der lezte Akt ist nun gar zum Todtlachen. Erst werden alberne Walzer
gespielt, um die Gemther zu besnftigen; dann erscheint die Marionette mit dem
Herzen, und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen, da der
Direktor die Puppen vertauscht, und sie, in einem Irrthume, seinem Bruder zur
Gemahlin gegeben, da sie doch dem komischen Ausgange des Stcks gem, ihm
selbst gehre. Die Kolombine scheint ihm zu glauben, will aber doch aus
Moralitt und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben,
worauf er in Verzweiflung gerth und kurze Anstalt sie zu entfhren macht. Sie
stt ihn verchtlich zurck, da gebehrdet er sich wie ein Rasender, rennt die
hlzerne Stirn gegen die Wand, und wendet die Assonanz in U an. Zulezt strzt er
fort, und schleudert nur noch den schnen Pagen aus dem zweiten Akte, der eben
schlaftrunken, im Nachtkleide, vorbergehen will, in das Zimmer, das er hinter
sich zuschliet.
    Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette, die
einen gezogenen Degen in der Hand hlt, und nach einer kurzen steifen Tirade,
erst den Pagen, dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstt. Der
Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hlzernen Puppen, die rings
umher auf der Erde liegen; dann greift er, ohne ein Wort weiter zu sagen,
ebenfalls nach dem Degen, um auch sich selbst, zu guter lezt, hinterherzusenden;
doch in diesem Augenblicke reit der Drath, den der Direktor zu starr anzieht,
und der Arm kann den Sto nicht vollfhren und hngt unbeweglich nieder;
zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft: Du
sollst ewig leben! -
    Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besnftigen und zu trsten,
fhrt auch unter andern, als er es gar zu arg macht, rgerlich an, wie albern es
sei, wenn es einer Marionette einfiele ber sich selbst zu reflektiren, da sie
doch blos der Laune des Direktors gem, sich betragen msse, der sie wieder in
den Kasten lege, wenn es ihm gefiele. Dann sagt er auch manches Gute ber die
Freiheit des Willens und ber den Wahnsinn in einem Marionettengehirne, den er
ganz realistisch und vernnftig abhandelt; alles das um der Puppe zu beweisen,
wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen, indem
alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe, und der Hanswurst im Grunde
die einzige vernnftige Rolle in der ganzen Farce abgbe, eben weil er die Farce
nicht hher nhme als eine Farce.
    Hier hielt der Mann einen Augenblick inne, und sagte dann in recht lustig
wilder Laune: Da hast du das ganze Fastnachtsspiel, worin ich selbst den Bruder
mit dem Herzen dargestellt habe. Ich finde es brigens recht wohl gethan, seine
Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen, man kann dabei recht boshaft
sein, ohne da die Moralisten etwas dagegen einwenden, und es eine Lsterung
heien drfen. Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt, wie es doch in den
ursprnglichen Verhltnissen wirklich ist, obgleich wir albernen Menschen im
Kleinen gern motiviren mgen, dagegen unser Director es gar nicht thut, und
keine Rechenschaft giebt, weshalb er so manche verpfuschte Rolle, wie ich z.B.
eine bin, in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will. O schon seit
vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stcke herauszuspringen,
und dem Direktor zu entwischen, aber er lt mich nicht fort, so pfiffig ich es
auch anfangen mag. Das berdrigste dabei ist die Langeweile, die ich immer
mehr empfinde; denn du sollst wissen, da ich hier unten schon viele
Jahrhunderte als Akteur gedient habe, und eine von den stehenden italienischen
Masken bin, die gar nicht vom Theater herunterkommen.
    Ich hab's auf alle Weise versucht. Anfangs gab ich mich bei den Gerichten
an, als groen Bsewicht und dreifachen Mrder; sie untersuchten's und thaten
endlich den Ausspruch: ich msse leben bleiben, indem sich aus meiner Defension
ergbe, wie ich nicht in bestimmten und ausdrcklichen Worten den Mord
beauftragt, und er mir nur hchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei,
die nicht vor ein forum externum gehre. Ich verwnschte meinen Defensor, und
die Folge war ein leichter Injurienproze, womit man mich laufen lie.
    Darauf nahm ich Kriegsdienste, und versumte keine Schlacht; doch zeichnete
das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel, und der Tod umarmte mich auf
der groen Wahlsttte unter tausend Sterbenden, und zerri seinen Lorbeerkranz,
um ihm mit mir zu theilen. Ja ich mute nun gar in dem verhaten Drama eine
glnzende Heldenrolle bernehmen, und verwnschte knirschend meine
Unsterblichkeit, die mir auf allen Seiten in den Weg trat.
    Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen, und tausendmal
entstrzte er der Hand, ehe ich ihn leeren konnte. Zu jeder Mitternachtsstunde
trete ich, wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr, aus meiner
Verborgenheit hervor, um den Todessto zu vollfhren, gehe aber jedesmal, wenn
der lezte Schlag verhallt ist, wie sie, zurck, um so fort ins Unendliche wieder
zu kehren und abzugehen. O wte ich nur dieses immerfort sausende Rderwerk der
Zeit selbst aufzufinden, um mich hinein zu strzen und es auseinander zu reien,
oder mich zerschmettern zu lassen. Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszufhren
bringt mich oft zur Verzweiflung; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend
Plane es mglich zu machen - dann schaue ich aber plzlich tief in mich selbst
hinein, wie in einen unermelichen Abgrund, in dem die Zeit, wie ein
unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht, und aus der finsteren
Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf, und ich strze schaudernd vor mir
selbst zurk, und kann mir doch nimmer entfliehen. -
    Hier endete der Mann, und in mir stieg die heie Sehnsucht auf, dem armen
Schlaflosen das wohlthtige Opium mit eigener Hand zu reichen, und ihm den
langen sen Schlaf, nach dem sein heies berwachtes Auge vergeblich
schmachtete, zuzufhren. Doch frchtete ich, da in dem entscheidenden
Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen knnte, und er, sterbend, das Leben,
eben um der Vergnglichkeit willen, wieder liebgewinnen mgte. O, aus diesem
Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen; er liebt das Leben um des Todes
willen, und er wrde es hassen, wenn das, was er frchtet, vor ihm verschwunden
wre.
    So konnte ich nichts fr ihn thun, und berlie ihn seinem Wahnsinn und
seinem Schicksale.

                               Fnfte Nachtwache


Die vorige Nachtwache whrte lange, die Folge war, wie bey Jenem,
Schlaflosigkeit, und ich mute den hellen prosaischen Tag, den ich sonst meiner
Gewohnheit gem, wie die Spanier, zur Nacht mache, durchwachen, und mich in dem
brgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schlfern langweilen.
    Da konnte ich nun nichts bessers thun, als mir meine poetisch tolle Nacht in
klare langweilige Prosa bersetzen, und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen
recht motivirt und vernnftig zu Papiere, und lie es zur Lust und Ergzlichkeit
der gescheuten Tagwandler abdrucken. Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich
zu ermden, und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen, um nicht zum
zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu mssen.
    Das geschieht denn auch nun jezt ganz plan, wie folget:
    Don Juans Vaterland war das heie glhende Spanien, in dem Bume und
Menschen sich weit ppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit
annimmt. Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen
Frhling versezt zu sein, er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann
lief ein Erdbeben unter ihm hin, da sie erschraken, und es ihnen unheimlich in
seiner Nhe wurde.
    Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfrulich mild, und wenn er sprach,
blheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben, durch das er
wie durch einen grn verhllten Zaubergarten hinwandelte. Alle liebten ihn; Juan
hate ihn nicht, aber sein Ausdruck war ihm zuwider, weil er nichts ruhig und
gro zu nehmen wute, sondern alles durch berladene Verzierungen verkleinerte,
und berall seine bunten Schnrkel zuvor anpinseln mute, um sich die Dinge
gefllig zu machen, wie schlechte Poeten, die die ppig reiche Natur noch zum
zweitenmale auszuschmcken versuchen, statt eine neue selbststndige, durch
eigene Kraft zu erschaffen.
    Ohne Theilnahme lebten sie bei einander, und wenn sie sich umarmten, so
schienen sie wie zwei erstarrte Todte auf dem Bernhard Brust gegen Brust
gelehnt, so kalt war es in den Herzen, in denen weder Ha noch Liebe herrschte;
nur Ponce hielt ihre unbeweglich lchelnde Maske vor das Gesicht und
verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne
genialische Hrten und herzliche Rohheit. Juan wurde dann nur sprder und
zurckstoender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Sden
da die erknstelten Blumen schnell entbltterten.
    Das Schicksal schien sich zu erzrnen ber die Gleichgltigkeit zweier
verwandten Herzen, und es warf tckisch Ha und Aufruhr zwischen sie, damit sie,
die die Liebe verschmht hatten, als zornige Feinde sich einander nhern
mchten. -
    Es war zu Sevilla als Juan untheilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte.
Sein Blick schweifte von dem Amphitheater ab, ber die ber einander
emporsteigenden Reihen der Zuschauer, und haftete weniger bei der lebenden Menge
als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die
Balustraden bedeckten. Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge
aufmerksam, und er starrte mechanisch dahin, wie wenn hier erst der Vorhang des
wahren Schauspiels fr ihn sich heben wrde. Nach einer langen Pause erschien
eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehllte hohe weibliche Gestalt, und
hinter ihr ein bildschner Page, der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie
vor der Hitze schzte. Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen, und eben so
unbeweglich stand ihr Juan gegenber; es war ihm als wenn das Rthsel seines
Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wre, und doch frchtete er den
Augenblick wenn sie fallen wrden, wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich
daraus erheben sollte.
    Endlich war der Moment gekommen, und wie eine weie Lilie blhete eine
zauberische weibliche Gestalt aus den Gewndern auf, ihre Wangen schienen ohne
Leben und die kaum gefrbten Lippen waren still geschlossen; so glich sie mehr
dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren bermenschlichen Wesens, als einem
irdischen Weibe.
    Juan fhlte zugleich Entsetzen und heie wilde Liebe, es verwirrte sich tief
in ihm, und ein lauter Schrei war die einzige usserung die seinem Munde
entfuhr. Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin, warf in demselben
Augenblicke die Schleier ber, und war verschwunden.
    Juan eilte ihr nach, und fand sie nicht. Er durchstrich Sevilla -
vergeblich; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurck, doch aber
erschien ihm oft in einzelnen schnell vorberfliegenden Sekunden der Augenblick
in dem er sie finden wrde eben so entsezlich als erwnscht; er bemhete sich
diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen, aber sie
rauschte jedesmal wie ein nchtlicher Traum schnell an ihm vorber, und wenn er
sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedchtnisse ausgelscht. -
    Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset, ohne das blasse Antlitz wieder
zu treffen, das tdtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien;
endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurck; und der
erste der ihm dort begegnete, war Ponce.
    Beide Brder schienen vor einander zu erschrecken, denn beide waren einander
fremd bis zum Rthsel geworden. Juans Hrte war verschwunden und er stand ganz
in Flammen wie ein Vulkan, durch dessen tausendjhrige Schichten das innere
Feuer sich mit einemmale Luft machte; aber in seiner Nhe schien es jezt nur um
so gefhrlicher. Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprdigkeit geworden, und
er stand kalt neben dem glhenden Bruder da, aller falscher Flitter war von
seinem Leben abgefallen, und er glich einem Baume der seines vergnglichen
Frhlingsschmuckes beraubt, die nackten ste starr und verworren in die Lfte
ausstreckt. - So entzndet derselbe Blizstrahl einen Wald da er tausend Nchte
hindurch den Horizont beleuchtet, inde er flchtig ber die Heide hinfhrt und
nur die sprlichen Blumen versengt da sie verdorren und keine Spur
zurcklassen.
    Kalt hflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnung zu begleiten, damit er
ihm seine Gemahlin vorstellen knne. Juan folgte mechanisch. Es war eben die
Zeit der Siesta; die Brder traten in einen von dichtem Weinlaube umhllten
Pavillon - da ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt
schlummernd und unbeweglich, neben dem steinernen Genius des Todes, dessen
umgestrzte Fackel ihre Brust berhrte. Juan stand starr und eingewurzelt, die
finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder,
und wurde furchtbar deutlich, wie das sich plzlich auflsende Rthsel des
Oedipus. Dann verlieen ihn die Sinne, und er sank bewutlos auf den Stein
nieder.
    Als er wieder erwachte, fand er sich allein, und nur der stumme ernste
Jngling war bei ihm zurk geblieben. Sturm und Aufruhr im Innern, strzte er
hinaus ins Freie. -
    Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden; die alte Zeit schien
sich wiederzugebhren, und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen
Schlafe, und herrschte wieder ber Erde und Himmel. Eine Furie verfolgte ihn,
wie den Orestes, auf jedem Schritte, und hob oft tckisch das Schlangenhaar, und
zeigte ihm ihr schnes Antliz. -
    Ponce mute auf lngere Zeit Sevilla verlassen, da schlich Don Juan aus
seiner tiefen Verborgenheit hervor, wie ein lichtscheuer Verbrecher. In seiner
Seele war alles fest und entschieden, doch floh er seinen eigenen Umgang, um dem
dunkeln Gefhle keine Worte zu geben, und sich nicht gegen sich selbst erklren
zu mssen. So suchte er, gegen sich geheimnivoll, Ponces Landgut auf, und trat
in Donna Ines Zimmer; sie erkannte ihn rasch, und die weie Rose blhete zum
erstenmale roth und glhend auf, und die Liebe belebte Pygmalions kaltes
Wunderbild. Die Abensonne brannte durch Laub und Blthen, und Ines schob
kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu, das sie anstrahlte:
dann ergriff sie bebend die Harfe, und wie Juan ihr Spiel mit der Flte
begleitete, hub das verbotene Gesprch ohne Worte an, und die Tne bekannten und
erwiederten Liebe. So bliebs bis Juan khner wurde, die mystische Hieroglyphe
verschmhete, und die schne geheimnivolle Snde in heller Rede offenbarte. Da
schwand die Dmmerung vor der Unschuldigen, sie schien erst jezt wie durch einen
feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen, und nannte zum erstenmale
schaudernd und erschrocken den Namen Bruder!
    Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter, und das eben noch gefrbte
Antliz war schnell wieder bla wie zuvor.
    Juan verstummte; Ines zog die Klocke, und eben jener Page, schn wie der
Liebesgott, trat in das Zimmer. - Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden.
    Es war schon ganz finster drauen im Walde, er schritt gedankenlos vor sich
hin, plzlich stand Don Ponce dicht vor ihm, rasch zog er den Dolch und fhrte
wild den Sto, - jezt kam er zur Besinnung; der Dolch stekte tief in dem Stamme
eines Baumes, und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen.
    Ponce kehrte endlich zurck, aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn,
und verhllte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust. Juan hate den Tag, und
lebte von jezt an nur in der Nacht, denn was in ihm vorging war lichtscheu und
gefhrlich. Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines
Aufenthalts hin nach Ponces Landgute, und blikte nach Ines Fenstern, doch wenn
der Morgen wieder grauete, entfernte er sich wild und grollend. Einmal sah er
Ines und den Pagen beim Lichtscheine, und seine Phantasie schuf ein Mhrchen,
wie Ines ihn, des Jnglings wegen, zurckgesezt habe, und nur diesem die sen
Stunden der Nacht heimlich weihe; da schwur er in wilder Eifersucht dem schnen
Knaben den Tod, und beschlo die erste Gelegenheit zur Ausfhrung zu ergreifen.
- Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht, er whnte den Pagen noch immer an
ihrer Seite, harrte bebend vor Wuth und Liebe bis zur Mitternachtsstunde, dann
schlich er, seiner nicht mehr mchtig, ein halb Wahnsinniger, hervor bis zur
Thr des Hauses und fand sie nur angelehnt. Mit ungewissen wankenden Schritten
ging er vor sich hin, und kam vor Ines Zimmer - ein rascher Druck, und es war
geffnet.
    Da lag die Blasse wieder wie an dem Sarkophage, das Nachtgewand war nur
leicht um sie her gewunden, und in das Saitenspiel, das sie, noch schlummernd,
an die Brust lehnte, schlangen sich braune Lockenkrnze. Juans Lippen entfuhr
unwillkhrlich der Name seines Bruders, da glaubte er plzlich in der
Schlafenden die Furie zu erblicken, die zwischen ihnen beiden aufgestiegen, und
die Locken die das schne Antliz umwallten, schienen sich in Schlangen zu
verwandeln. Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe, und er sank, auer
sich, zu ihren Fen nieder, und drkte seine heien Lippen in ihre Brust. Sie
taumelte erschrocken empor, erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts, stie ihn
mit heftiger Kraft von sich, und ihr Blik drckte Schauder und Entsezen aus.
    Der einzige Blick zerschmetterte ihn, doch erhob sich schnell sein bser
Dmon, und er strzte fort, bewutlos was er thun wollte - ein blutiger Vorsatz
lag dunkel vor seiner Seele.
    Von dem Gerusche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer
im Vorsaale, er ergriff ihn und sagte rasch: Deine Gebietherin verlangt nach
dir, sie will in die Frhmesse! Der Page rieb sich die Augen, er blikte ihm
nach, und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand. Das Schicksal hatte die
Katastrophe tckisch vorbereitet; Don Juan fand des Bruders Schlafgemach, ri
ihn aus dem ersten Schlummer, und rief ihm die Untreue seines Weibes zu. Ponce
fuhr rasch auf und wollte Erklrung, aber er zog ihn heftig mit sich fort, und
drkte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand; dann schob er ihn in das
Zimmer.
    Es war todtenstill um Don Juan, er stand furchtbar einsam in der Nacht, und
suchte zhneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe. Jezt entstand
ein Gerusch und die Thr flog wie von selbst aus den Angeln.
    Da wurde das schrekliche Nachtstck beleuchtet. Der schne Knabe lag schon
im festen Todesschlummer auf dem Boden, und aus Ines Brust flo der purpurrothe
Strom, und haftete auf dem schneeweien Schleier wie vorgestekte Rosen.
    Juan stand starr wie eine Bildsule; Ines blikte ihn fest an, aber die
blasse Lippe blieb geschlossen und enthllte nichts, dann senkte sich der tiefe
Schlaf sanft ber ihre Augen.
    Als sie starb erwachte erst Ponce, und er schien jezt zum erstenmale zu
lieben, weil er die Liebe verlohr, und ein liebendes Herz zu fhlen, um es zu
durchbohren. Er vermhlte sich still wieder mit Ines.
    Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Todten.

                               Sechste Nachtwache


Was gbe ich doch darum, so recht zusammenhngend und schlechtweg erzhlen zu
knnen, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die
gro und herrlich dabei werden, und fr ihre goldenen Ideen goldene Realitten
eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, und die kurze simple
Mordgeschichte hat mich Schwei und Mhe genug gekostet, und sieht doch immer
noch kraus und bunt genug aus.
    Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben,
denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Jnglinge es sich
angelegen sein lassen immer gescheuter und vernnftiger zu werden, habe ich im
Gegentheile stets eine besondere Vorliebe fr die Tollheit gehabt, und es zu
einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht, eben um, wie unser
Herrgott, erst ein gutes und vollstndiges Chaos zu vollenden, aus welchem sich
nachher gelegentlich, wenn es mir einfiele, eine leidliche Welt zusammen ordnen
liee. - Ja es kommt mir zu Zeiten in berspannten Augenblicken wohl gar vor,
als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe, und mit dem
Ordnen zu voreilig gewesen sei, weshalb denn auch nichts an seinen gehrigen
Platz zu stehen kommen knne, und der Schpfer bald mglichst dazu thun msse
die Welt, wie ein verunglcktes System auszustreichen und zu vernichten. -
    Ach, diese fixe Idee ist mir bel genug bekommen, und htte mich selbst
beinahe einmal um mein Nachtwchteramt gebracht, indem es mir in der letzen
Stunde des Skulums einfiel mit dem jngsten Tage vorzuspuken und statt der Zeit
die Ewigkeit auszurufen, worber viele geistliche und weltliche Herren
erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen, weil sie so
unerwartet nicht darauf vorbereitet waren.
    Drollig genug machte sich die Szene bei diesem falschen jngsten Tages Lerm,
wobei ich den einzigen ruhigen Zuschauer abgab, inde alle Anderen mir als
leidenschaftliche Akteurs dienen muten. - O man htte sehen sollen was das fr
ein Getreibe und Gedrnge wurde unter den armen Menschenkindern und wie der Adel
ngstlich durch einanderlief, und sich doch noch zu rangiren suchte vor seinem
Herrgott; eine Menge Justiz - und andere Wlfe wollten aus ihrer Haut fahren und
bemheten sich in voller Verzweiflung sich in Schaafe zu verwandeln, indem sie
hier den in feuriger Angst umherlaufenden Wittwen und Waisen groe Pensionen
aussezten, dort ungerechte Urtheile ffentlich kassirten und die geraubten
Summen wodurch sie die armen Teufel zu Bettlern gemacht hatten, sogleich nach
Ausgang des jngsten Tages zurck zu zahlen gelobten. So manche Blutsauger und
Vampyre denunciirten sich selbst als Hngens und Kpfens wrdig und drangen
darauf, da noch in der Eile hier unten ihr Urtheil an ihnen vollzogen wrde, um
die Strafe von hherer Hand von sich abzuwenden. Der stolzeste Mann im Staate
stand zum erstenmale demthig und fast kriechend mit der Krone in der Hand und
komplimentirte mit einem zerlumpten Kerl um den Vorrang, weil ihm eine
hereinbrechende allgemeine Gleichheit mglich schien.
    mter wurden niedergelegt, Ordensbnder und Ehrenzeichen eigenhndig von
ihren unwrdigen Besitzern abgelset; Seelenhirten versprachen feierlich
knftighin ihren Heerden neben den guten Worten noch obendrein ein gutes
Beispiel in den Kauf zu geben, wenn der Herrgott nur diesesmal es noch beim
Einsehen bewenden liee.
    O was kann ichs beschreiben wie das Volk vor mir auf der Bhne in und
durcheinander lief und in der Angst betete und fluchte und jammerte und heulte;
und wie jeglicher Maske auf diesem zusammengeblasenen groen Balle, die Larve
von dem Antlitze fiel und man in Bettlerkleidern Knige und umgekehrt, in
Ritterrstungen Schwchlinge und so fast immer das Gegentheil zwischen Kleid und
Mann entdeckte.
    Es freute mich da sie lange vor bergroer Angst das Zgern der himmlischen
Kriminaljustiz gar nicht bemerkten, und die ganze Stadt Zeit hatte, alle ihre
Tugenden und Laster aufzudecken und sich gleichsam vor mir, ihrem lezten
Mitbrger, vllig zu entblen. Das einzige geniale Stckchen verbte ein
satirischer Bube, der schon vorher aus Langerweile entschlossen war in das neuen
Skulum nicht mit hinberzuwandern, und jezt in der letzten Stunde des alten
sich erscho, um den Versuch zu machen ob in diesem Indifferenzmomente zwischen
Tod und Auferstehen, das Sterben noch auf einen Augenblick mglich sei, damit er
nicht mit der ganzen bergroen Lebenslangeweile in die Ewigkeit ohne weiteres
hinbermsse.
    Auer mir gab es brigens nur noch eine ruhige Person, und zwar den
Stadtpoeten, der aus seinem Dachfenster trotzig in das Michel Angelos Gemlde
hinabschauete, und auf seiner poetischen Hhe auch das Weltende poetisch nehmen
zu wollen schien.
    Ein Astronom nahe bei mir merkte endlich an, da dieser groe actus solennis
sich doch etwas zu lange verzgere und da das feurige Schwerdt im Norden, statt
des Gerichtsschwertes auch wohl nur als ein bloer Nordschein zu nehmen sei. In
diesem entscheidenden Momente, da schon einige von den Schchern die Kpfe
wieder empor recken wollten, hielt ichs fr nzlich, sie wenigstens whrend
einer kurzen erbaulichen Rede noch in ihrer Zerknirschung festzuhalten zu
suchen, und ich hub folgender Gestalt an:


                             Theuerste Mitbrger!

Ein Astronom kann in diesem Falle nicht als ein kompetenter Richter angesehen
werden, indem ein so wichtiges Phnomen, das ber uns am Himmel heraufzuziehen
scheint, keinesweges wie ein unbedeutender Komet berechnet werden kann, und nur
einmal whrend der ganzen Weltgeschichte erscheint; lat uns darum unsere
feierliche Stimmung nicht so leichtsinnig aufgeben, sondern vielmehr einige fr
unsern Standpunkt wichtige und zweckmige Betrachtungen anstellen.
    Was liegt uns wohl am Weltgerichtstage nher als ein Rckblick auf den unter
uns wankenden Planeten, der nun mit seinen Paradiesen und Kerkern mit seinen
Narrenhusern und Gelehrten Republiken zusammenstrzen soll; lat uns deshalb in
dieser lezten Stunde, da wir die Weltgeschichte abschlieen wollen, nur kurz und
summarisch berschauen, was wir, seit dieser Erdball aus dem Chaos
hervorgestiegen, auf ihm getrieben und ausgefhrt haben. Es ist seit Adam her
eine lange Reihe von Jahren - wenn wir nicht gar die Zeitrechnung der Chineser
als die gltige annehmen wollen - was haben wir aber darin vollbracht? - Ich
behaupte: Gar Nichts!
    Staunet mich nicht so an; der heutige Tag ist eben nicht dazu eingerichtet
sich wichtig zu machen, und es thut Noth da wir uns ber Hals und Kopf noch ein
wenig mit der Bescheidenheit zu beschftigen suchen.
    Sagt mir, mit was fr einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen,
ihr meine Brder, Frsten, Zinswucherer, Krieger, Mrder, Kapitalisten, Diebe,
Staatsbeamten, Juristen, Theologen, Philosophen, Narren und welches Amtes und
Gewerbes ihr sein mgt; denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen
Nationalversammlung ausbleiben, ob ich gleich merke, da mehrere von euch sich
gern auf die Beine machen mchten um Reisaus zu nehmen.
    Gebt der Wahrheit die Ehre, was habt ihr vollbracht, das der Mhe werth
wre? Ihr Philosophen z.B. habt ihr bis jezt etwas Wichtigers gesagt, als da
ihr nichts zu sagen wtet? - das eigentliche und am meisten einleuchtende
Resultat aller bisherigen Philosophien! - Ihr Gelehrten, was hat eure
Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verflchtigung des
menschlichen Geistes um zulezt mit Mue und einfltiger Wichtigkeit an das
briggebliebene caput mortuum euch zu halten. - Ihr Theologen, die ihr so gern
zur gttlichen Hofhaltung gezhlt werden mchtet, und indem ihr mit dem
Allerhchsten liebugelt und fuchsschwnzt, hier unten eine leidliche
Mrdergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten
auseinander schleudert und den schnen allgemeinen Brder- und Familienstand als
boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt. - Ihr Juristen, ihr Halbmenschen,
die ihr eigentlich mit den Theologen nur eine Person ausmachen solltet, statt
dessen euch aber in einer verwnschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber
hinzurichten, wie jene Geister. Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr
Brderseelen vor dem armen Snder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die Hnde
und der geistliche und weltliche Henker erscheinen wrdig neben einander! -
    Was soll ich gar von euch sagen, ihr Staatsmnner, die ihr das
Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet. Knnt ihr mit euern
Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen, und wie wollt ihr, da wir jezt
in einen Geisterstaat berzugehen im Begriffe sind, jene ausgeplnderten
Menschengestalten placiren, von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg,
indem ihr den Geist in ihnen ertdtetet, zu benuzen wutet. - O, und was drngt
sich mir nicht noch alles auf ber die einzeln stehenden Riesen, die Frsten und
Herrscher, die mit Menschen statt mit Mnzen bezahlen, und mit dem Tode den
schndlichen Sklavenhandel treiben. -
    O es hat mich toll und wild gemacht, und wie ich die Erdenbrut jezt vor mir
herum kriechend erblicke mit ihren Verdiensten und Tugenden, so mgte ich nur
auf eine Stunde bei diesem allgemeinen Weltgerichte der Teufel sein, blos um
euch eine noch krftigere Rede zu halten! -
    Die feierliche Handlung zgert noch immer, wie ich sehe, und es wird euch
zur Bekehrung noch Raum gegeben, so betet und heult denn, ihr Heuchler, wie ihr
es kurz vor dem Tode zu machen pflegt, wenn ihr euer verpfuschtes Leben nicht
besser anzuwenden wit, und unfhig geworden seid, lnger zu sndigen.
    Hinter Euch liegt die ganze Weltgeschichte wie ein alberner Roman, in dem es
einige wenige leidliche Karaktere, und eine Unzahl erbrmlicher giebt. Ach, euer
Herrgott hat es nur in dem einzigen versehen, da er ihn nicht selbst
bearbeitete, sondern es euch berlies daran zu schreiben. Sagt mir, wird er es
jezt wohl der Mhe werth halten, da verpfuschte Ding in eine hhere Sprache zu
bersetzen, oder mu er nicht vielmehr, wenn er es in seiner ganzen Seichtigkeit
vor sich liegen sieht, es im Ingrim zerreien, und euch mit euren ganzen Planen
der Vergessenheit berantworten? Ich seh's nicht anders ein! denn ihr alle, wie
ich euch hier erblicke, knnt ihr wohl mit Recht auf den Himmel oder die Hlle
Anspruch machen? Fr jenen seid ihr zu schlecht, fr diese zu langweilig! -
    Die Gerichtsanstalten ziehen sich noch in die Lnge, doch rathe ich euch
werdet nicht etwa beruhigter, rafft euch vielmehr zusammen, um, bis es unter uns
kracht, noch einige hbsche Fortschritte in der Zerknirschung gemacht zu haben.
Ich will mit den triftigsten Grnden losbrechen: der Herr verschonte einst Sodom
und Gomorra um eines einzigen Gerechten willen, doch knntet ihr frech genug
sein zu folgern, da er einiger leidlich Frommen wegen einen ganzen Erdball voll
Heuchler bei sich beherbergen werde. Thue jemand unter euch auch nur einen
einzigen vernnftigen Vorschlag, wohin man euch plaziren soll! Schon der seelige
Kant hat es euch dargethan, wie Zeit und Raum nur bloe Formen der sinnlichen
Anschauung sind; nun wit ihr aber da beide in der Geisterwelt nicht mehr
vorkommen; jezt bitte ich euch, die ihr nur allein in der Sinnlichkeit lebt und
webt, wie wollt ihr Raum finden, da wo es keinen Raum mehr giebt? - Ja, was
wollt ihr gar beginnen, wenn es mit der Zeit zu Ende geht? Selbst auf eure
grten Weisen und Dichter angewandt, bleibt die Unsterblichkeit zulezt doch
auch nur ein uneigentlicher Ausdruck, was soll sie fr euch arme Teufel
bedeuten, die ihr keine andere Handlung ausgebt habt, als die, mit Waaren, und
keinen andern Geist kennt, als den Weingeist, durch den eure Poeten ein Analogon
von Begeisterung in sich hervorbringen. - Da gebe nur jemand einen leidlichen
Rath; ich wenigstens wei beim Teufel nicht, wo ich mit euch hin soll! -
    Hier bemerkte ich eine Unruhe in der Versammlung vor mir, und hrte auch
ganz deutlich, wie einige junge Freigeister, welche jezt Synonyma mit Geistlosen
sind, keklich behaupteten, da das ganze nur ein falscher Lerm gewesen. Der eine
aus der Versammlung hatte auch bereits wieder seine Krone aufgesezt, und der
erste Rathsstand, der sich selbst vorhin denunciirte, uerte erbot: da es
strenge Ahndung verdiene mit einer ganzen respectiven Stadt Komdie zu spielen,
und da man sich an mich als den ersten Lermstifter halten msse.
    Ich gab jezt klein zu, und bat nur noch, indem ich mich an den Mann mit der
Krone wandte, um einen Augenblick Gehr; worauf ich folgendes bemerkte: Wie ein
solches Gerichtstagansagen, selbst wenn es blos blinder Lerm, doch von einigem
Nutzen sein knne, und es sogar zu wnschen wre, da durch physikalische
Experimente und einige Centner Beerlappenmehl, um von den Anhhen und Thrmen
damit herabzublitzen, regelmig, von Staats wegen, ein solcher Vorspuk gemacht
werden mgte, damit der Mann mit der Krone, der in keinem Falle allwissend, dann
und wann dadurch eine allgemeine Staatsrevision veranstalten, und den Staat
selbst in puris naturalibus mit allen seinen Gebrechen erblicken knnte, da er
ihm sonst nur immer in Galla und tuschend durch die Staatsschneider oder
Beschneider, die Gnstlinge und Rthe ausgeschmkt, vorgefhrt wrde. Ja, ich
trge selbst darauf an, mir als erstem Erfinder dieses Staatsexperiments ein
Patent ber meine Erfindung auszufertigen, blo um die Nebensporteln die an
einem solchen pseudojngsten Tage vorfielen, als z.B. die Seegenswnsche der
vielen wieder emporgeholfenen armen Teufel, die Flche der gestrzten Heiligen
u.d.g. in meinen Skel zu ziehen.
    Ja ich wagte zulezt, durch die Todtenstille um mich her khner gemacht, zu
bemerken, wie ich selbst heute schon eine solche Revision durch meinen
Feuerlrm veranstaltet htte, und es nicht bel gerathen sei gleich jezt an eine
mige Reparatur zu gehen, und das verschobene Staatsgebude wieder leidlich
durch einige mterentsetzungen, Hinrichtungen u.s.w. einzurcken.
    Keiner redete, als ich ausgesprochen, ein Wort, und der Mann schob die Krone
auf dem Haupte hin und her, als wenn er mit sich unschlssig wre; das endliche
Resultat war inde, da meine Erfindung als unanwendbar verworfen wurde, und ich
aus hchster Gnade nur als ein Narr angesehen werden, und fr diesesmal noch mit
der Amtsentsetzung gegen mich innegehalten werden solle.
    Damit inde ein hnlicher Lerm nicht wieder fr die Folge zu besorgen, so
wurden durch eine Kabinetsordre die von Samuel Day erfundenen watchmanns
noctuaries eingefhrt, wodurch ich von einem singenden und blasenden
Nachtwchter auf einen stummen reduzirt wurde1, wobei man zum Grunde anfhrte,
da ich durch mein Blasen und Rufen mich den Nachtdieben verriethe, und es
deshalb als unzweckmig abgeschafft werden msse.
    Die Tagdiebe waren so mit einemmale meiner Aufsicht entzogen, und ich wandle
jezt stumm und traurig durch die den Straen, um in jeder Stunde meine Karte in
die Nachtuhr zu schieben. O es ist unglaublich, was seitdem der Schlaf befrdert
ist, und wie so mancher, der bei seinen geheimen Snden nichts als den jngsten
Tag frchtete, seitdem meine Gerichtsposaune zerbrochen ist, ruhig und fest in
seinen Kissen liegt.

                              Siebente Nachtwache


Ich bin einmal auf meine Tollheiten gekommen; nun ist aber mein Leben selbst die
rgste von allen, und ich will diese Nacht, da ich mir doch durch Blasen und
Singen die Zeit nicht mehr vertreiben darf, in der Rekapitulation desselben
fortfahren.
    Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft
sizend, mich selbst leidlich zu portraitiren, habe aber immer in das verdammte
Antliz hineingeschlagen, wenn ich zulezt fand, da es einem Vexirgemlde glich,
das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet, eine Grazie, eine Meerkaze
und en face den Teufel dazu darstellt. Da bin ich denn ber mich verwirrt
geworden, und habe als den lezten Grund meines Daseins hypothetisch angenommen,
da eben der Teufel selbst, um dem Himmel einen Possen zu spielen, sich whrend
einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen,
und da mich gleichsam als eine lex cruciata fr unsern Herrgott
niedergeschrieben habe, bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen
solle.
    Dieser verdammte Widerspruch in mir geht so weit, da z.B. der Papst selbst
beim Beten nicht andchtiger sein kann, als ich beim blasphemiren, da ich
hingegen wenn ich recht gute erbauliche Werke durchlese, mich der boshaftesten
Gedanken dabei durchaus nicht erwehren kann. Wenn andere verstndige und
gefhlvolle Leute in die Natur hinauswandern um sich dort poetische Stifts- und
Thaborshtten zu errichten, so trage ich vielmehr dauerhafte und auserlesene
Baumaterialien zu einem allgemeinen Narrenhause zusammen, worinn ich Prosaisten
und Dichter bei einander einsperren mchte. Ein paarmale jagte man mich aus
Kirchen weil ich dort lachte, und eben so oft aus Freudenhusern, weil ich drin
beten wollte.
    Eins ist nur mglich; entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn
die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.
    Dem sei wie ihm wolle, und meine Physiognomie falle hlich oder schn aus,
ich will ein Stndchen treulich daran kopiren. Schmeicheln werde ich nicht, denn
ich male in der Nacht, wo ich die gleissenden Farben nicht anwenden kann und nur
auf starke Schatten und Drucker mich einschrnken mu.
    Mir gaben zuerst einige poetische Flugbltter einen leidlichen Namen, die
ich aus der Werksttte meines Schuhmachers fliegen lie; das erste enthielt eine
Leichenrede die ich niederschrieb als diesem ein Knblein geboren wurde, und ich
erinnere mich nur noch blos an den Anfang, der ohngefhr so lautete:
    Da kleiden sie ihn ein fr seinen ersten Sarg, bis der zweite fertig
worden, an dem seine Thaten und Thorheiten eingegraben sind; so wie man
Frstenleichen erst in einen provisorischen Sarg einzulegen pflegt, bis sie dann
spter den zinnernen in die Gruft hinabtragen, der wrdig mit Trophen und
Inschriften verziert ist, und den Leichnam zum zweitenmale einsargen. - Traut
auch, ich bitte euch, dem Lebensscheine und den Rosen auf den Wangen des Knaben
nicht; das ist die Kunst der Natur, wodurch sie, gleich einem geschikten Arzte,
den einbalsamirten Krper eine lngere Zeit in einer angenehmen Tuschung
erhlt; in seinem Innern nagt doch die Verwesung schon, und wolltet ihr es
aufdecken, so wrdet ihr eben die Wrmer aus ihren Keimen sich entwickeln sehen,
die Freude und den Schmerz, die sich schnell durchnagen da die Leiche in Staub
zerfllt. Ach nur da er noch nicht gebohren war lebte er, so wie das Glck
allein in der Hoffnung besteht, sobald es aber wirklich wird, sich selbst
zerstrt. Jezt steht er nur noch auf dem Paradebette, und die Blumen die ihr auf
ihn streut sind Herbstblumen fr sein Sterbekleid. In der Ferne rsten sich auch
schon ringsum die Leichentrger, die seine Freuden und ihn selbst hinwegfhren
wollen, und die Erde bereitet schon seine Gruft fr ihn, um ihn zu empfangen.
berall strecken nur der Tod und die Verwesung gierig ihre Arme nach ihm aus,
ihn nach und nach zu verzehren, um zulezt wenn seine Schmerzen, seine Wonne,
seine Erinnerung und sein Staub verwehet ist, vom Morden mde auf seiner leeren
Gruft auszuruhen. Seine Asche hat die Natur dann schon lngst wieder zu neuen
Todtenblumen fr neue Sterbende verbraucht. -
    Das brige von der Rede habe ich vergessen. Sie meinten das Ganze sei nicht
bel und nur blos die berschrift ein Fehler, indem offenbar statt Geburtstage,
Sterbetage stehen msse; so wurde es dann auch bei vorkommenden Kinderleichen
gebraucht. -
    Ein debtirender Autor hat mit groen Schwierigkeiten zu kmpfen, da er sich
erst berhaupt durch seine Werke bekannt machen mu; hingegen ein schon
aufgetretener und einmal applaudirter, blos durch seinen Namen seine Werke
berhmt macht; indem die Menschen es nimmer sich berreden knnen, da groe
Poeten und groe Helden ihre Stunden haben, in denen sie schlechtere Werke und
schlechtere Handlungen ans Licht frdern als die schlechtesten anderer hchst
alltglicher Erdenshne. Hhe und Tiefe sind nie ohne einander, auf der Flche
dagegen, ist der Sturz nicht zu befrchten.
    Mich verfolgte inde das Glck ordentlicherweise und ich erhielt fast mehr
Reime zusammenzuflicken als Schuhe, so da wir das alte Hans Sachsische
Aushngeschild ber unserer Werkstatt wieder herstellen, und zwei fr den Staat
wichtige Knste amalgamiren konnten. Dazu erhielt ich fr ein Gedicht fast mehr
bezahlt als fr einen Schuh, weshalb der alte Meister das lose Handwerk neben
dem Brodhandwerke ungeneckt einherwandeln und meinen delphischen Dreifu neben
seinem gemeinnzigen stehen lies.
    Als eine vernnftige Anordnung der Vorsehung betrachte ich es brigens, da
manche Menschen in einen engen erbrmlichen Wirkungskreis und zwischen vier
Mauern eingesperrt sind, wo in der dumpfen Kerkerluft ihr Licht nur matt und
unschdlich aufflammen kann, so da man hchstens dabei erkennt, da man sich in
einem Kerker befindet; da es im Gegentheile in der Freiheit wie ein Vulkan
auflodern wrde, um Alles ringsum in Brand zu stecken. - Bei mir fing es
wirklich jezt schon an zu sprhen und zu funkeln, inde konnten nichts weiter
als poetische Leuchtkugeln zum Vorschein kommen, um das Terrain zu
rekognosciren, aber keine Bomben um zu zersprengen und zu verheeren. Eine
furchtbare Angst ergriff mich oft, wie einen Riesen, den man als Kind in einen
niedrigen Raum eingemauert, und der jezt empor wchst und sich ausdehnen und
aufrichten will, ohne es im Stande zu sein, und sich nur das Gehirn eindrcken,
oder zur verrnkten Misgestalt in einander drngen kann.
    Menschen dieses Schlages, wenn sie empor kmen wrden feindseelig sich
uern, und als eine Pest, ein Erdbeben oder Gewitter unter das Volk fahren, und
ein gutes Stck von dem Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen. Doch sind
diese Enaksshne gewhnlich gut postirt, und es sind Berge ber sie geworfen wie
ber die Titanen, worunter sie sich nur grimmig schtteln knnen. Hier verkohlt
sich ihr Brennstoff allmhlig, und nur selten gelingt's ihnen sich Luft zu
machen, und ihr Feuer zornig aus dem Vulkane gen Himmel zu schleudern.
    Ich brachte das Volk inde schon durch mein bloes Feuerwerkern in Aufruhr,
und die flchtige satirische Rede eines Esels ber das Thema: warum es berhaupt
Esel geben msse, machte gewaltigen Lerm. Ich hatte bei Gott wenig Arges dabei
gedacht, und das Ganze blo aufs Allgemeine bezogen; aber eine Satire ist wie
ein Probirstein, und jedes Metall das daran vorberstreicht lt das Zeichen
seines Werthes oder Unwerthes zurck; so gings auch hier - der *** hatte das
Blatt gelesen, und alles genau auf sich passend gefunden; weshalb man mich ohne
weiteres in den Thurm sperrte, wo ich Mue hatte immer wilder zu werden. Dabei
gings mir brigens mit meinem Menschenhasse wie den Frsten, die den einzelnen
Menschen wohlthun, und sie nur in ganzen Heeren wrgen.
    Endlich lie man mich los, als die fremde Zahlung aufhrte, denn mein alter
Meister war Todes verfahren, und ich stand nun mutterallein da in der Welt, als
wre ich aus einem andern Planeten herabgefallen. Jezt sah ich's recht, wie der
Mensch als Mensch nichts mehr gilt, und kein Eigenthum an der Erde hat, als was
er sich erkauft oder erkmpft. O wie ergrimmte ich, da Bettler, Vagabunden und
andere arme Teufel, wie ich einer bin, das Faustrecht sich nehmen lieen, und es
nur den Frsten zugestanden, als zu ihren Regalen gehrig, die es nun im Groen
ausben; konnte ich doch wahrlich kein Stkchen Erde finden, um mich darauf
niederzulassen, so sehr hatten sie jede Handbreit unter sich zertheilt und
zerstckelt, und wollten schlechterdings von dem Naturrechte, als dem einzigen
allgemeinen und positiven nichts wissen, sondern hatten in jedem Winkelchen ihr
besonderes Recht und ihren besonderes Glauben; in Sparta besangen sie den Dieb,
je kunstfertiger er zu stehlen verstand, und nebenan in Athen hingen sie ihn
auf.
    Zu etwas mute ich inde greifen um nicht zu verhungern, hatten sie doch
alles freie Gemeingut der Natur bis auf die Vgel unterm Himmel und die Fische
im Wasser an sich gerissen, und wollten mir kein Fruchtkorn zugestehen ohne gute
baare Bezahlung. Ich whlte das erste beste Fach, worin ich sie und ihr Treiben
besingen konnte, und wurde Rhapsode wie der blinde Homer, der auch als
Bnkelsnger umherziehen mute.
    Blut lieben sie ber die Maaen, und wenn sie es auch nicht selbst
vergieen, so mgen sie es doch fr ihr Leben berall in Bildern, Gedichten und
im Leben selbst gern flieen sehen; in groen Schlachtstcken am liebsten. Ich
sang ihnen daher Mordgeschichten und hatte mein Auskommen dabei, ja ich fing an
mich zu den nzlichen Mitgliedern im Staate, als zu den Fechtmeistern,
Gewehrfabrikanten, Pulvermllern, Kriegsministern, rzten u.s.w., die alle
offenbar dem Tode in die Hand arbeiten, zu zhlen, und bekam eine gute Meinung
von mir, indem ich meine Zuhrer und Schler abzuhrten, und sie an blutige
Auftritte zu gewhnen mich bemhete.
    Endlich aber wurden mir doch die kleineren Mordstcke zuwider, und ich wagte
mich an grere - an Seelenmorde durch Kirche und Staat, wofr ich gute Stoffe
aus der Geschichte whlte; lie auch hin und wieder kleine episodische
Ergzlichkeiten von leichteren Morden, als z.B. der Ehre, durch den tckischen
guten Ruf, der Liebe, durch kalte herzlose Buben, der Treue, durch falsche
Freunde, der Gerechtigkeit, durch Gerichtshfe, der gesunden Vernunft, durch
Zensuredikte u.s.w. mit einflieen. Da aber war es vorbei, und es wurden in
kurzen mehr denn funfzig Injurienprozesse gegen mich anhngig gemacht. Ich trat
auf vor Gericht als mein eigener advocatus diaboli; vor mir saen an der
Tafelrunde ein halb Duzend mit den Gerechtigkeitsmasken vor dem Antlize,
worunter sie ihre eigene Schalksphysiognomie und zweite Hogarthsgesichtshlfte
verbargen. Sie verstehen die Kunst des Rubens, wodurch er vermittelst eines
einzigen Zuges ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandelte, und wenden
sie bei sich selbst an, sobald sie sich auf die Gerichtssthle niederlassen,
damit man diese nicht fr arme Sndersthlchen anzusehen geneigt sein mchte. -
Nach einer strengen Verwarnung, die Wahrheit auf die mir vorgelegten Anklagen zu
sagen, hub ich so an:
    Wohlweise! Ich stehe hier als beschuldigter Injuriant vor Ihnen, und alle
corpora delicti sprechen wider mich, worunter ich auch Sie selbst zu zhlen fest
willens bin, indem man corpora delicti nicht nur als die Gegenstnde aus denen
man auf ein bestimmtes Verbrechen schlieen kann, z.B. Brechstangen,
Diebsleitern u.d. gl. sondern auch als die Leiber selbst in denen das Verbrechen
wohnt, ansehen knnte. Nun aber wre es nicht bel gerathen, da Sie selbst
nicht nur als gute Theoretiker die Verbrechen kennen lernten, sondern sie auch
als brave Praktiker auszuben verstnden, wie denn schon manche Dichter sich
ernstlich beklagen, da ihre Rezensenten selbst, nicht einen einzigen Vers zu
machen im Stande wren, und doch ber Verse richten wollten; - und was wrden
Sie, Wohlweise, zu entgegnen haben, wenn Ihnen, der Analogie gem, ein Dieb,
Ehebrecher oder irgend ein anderer Hundsfott dieses Gelichters, ber den Sie
richten wollten, eine hnliche Nu aufzuknacken gbe und sie nicht fr
kompetente Rezensenten in ihrem Fache anerkennen wollte, weil sie in praxi
selbst noch gar nichts prstirt.
    Die Gesetze scheinen auch in der That hierauf hinzudeuten, und eximiren Sie
als Gerichtspersonen in manchen Fllen von den Verbrechen, wie Sie denn z.B.
ungestraft erwrgen, mit dem Schwerdte um sich schlagen, mit Keulen niederhauen,
verbrennen, scken, lebendig begraben und viertheilen und foltern drfen; -
lauter grobe Missethaten, die man keinem andern als nur Ihnen hingehen lt. Ja
auch in kleineren Vergehungen, und namentlich in dem Falle, worin ich mich jezt
als Inquisit hier befinde, sprechen Sie die Gesetze frei, so erlaubt Ihnen die
lex 13.  1. und 2. de iniuriis geradezu diejenigen zu injuriiren, die Sie
selbst wegen Injurien in Ihrem Gerichtsgarn gefangen halten.
    Es ist unglaublich welche Vortheile aus dieser Einrichtung fr den Staat
flieen knnten; wrden nicht z.B. eine Menge Verbrechen mehr zu Tage gefrdert
werden knnen, wenn respektive Gerichtsherren in eigner Person die Lusthuser
besuchten, und die Lust vollzgen, um die Inkulpirten sogleich ohne weiteres zu
berfhren; wenn sie ebenfalls als Diebe sich unter die Diebe mischten, blos um
ihre Kameraden hngen zu lassen; oder wenn sie selbst den Ehebruch vollzgen, um
die etwanigen Ehebrecherinnen und solche die Lust und Liebe zu diesem Verbrechen
haben und als schdliche Mitglieder des Staates zu betrachten sind, kennen zu
lernen.
    Guter Himmel, das Wohlttige einer solchen Einrichtung ist so klar, da ich
gar nichts weiter hinzufgen mag, und blo dieses unmageblichen Vorschlags
halber meine Lossprechung verdient htte.
    Ich gehe inde zu meiner Vertheidigung selbst ber, Wohlweise! Mir ist hier
eine iniuria oralis und zwar nach der Unterabtheilung b eine gesungene Injurie
zur Last gelegt. Ich drfte schon hier einen Grund der Nullitt der Anklage
finden, indem Snger offenbar sich zu der Kaste der Dichter zhlen, und es
diesen leztern, eben weil sie nach der neuern Schule keine Tendenz bezwecken,
erlaubt sein msse in ihrer Begeisterung zu injuriiren und blasphemiren so viel
sie nur wollten. Ja es drfte einem Dichter und Snger schon deshalb dies
Verbrechen nicht zugerechnet werden, weil die Begeisterung der Trunkenheit
gleichzusezen ist, die ohne weiteres, wenn der Trunkene sich nicht culpose in
diesen Zustand versezt hat, welches offenbar bei einem Begeisterten nicht
anzunehmen ist, indem die Begeisterung eine Gabe der Gtter, von der Strafe
befreit. - Inde will ich meine Vertheidigung noch bndiger formiren, und
verweise sie deshalb auf die Schriften unserer vorzglichsten neuern
Rechtslehrer, in denen es bndig dargethan ist, da die Gerechtigkeit
schlechterdings nichts mit der Moralitt zu schaffen habe, und da nur eine die
uern Rechte verlezende Handlung als ein Verbrechen V.R.W. imputirt werden
knne. Nun aber habe ich nur moralisch injuriirt und verwundet, und weise
deshalb die Klage vor diesem Gerichtshofe als unzulnglich ab, indem ich als
moralische Person unter dem foro privilegiato einer anderen Welt stehe.
    Ja, da nach Weber ber Injurien im ersten Abschnitte pag. 29 an denjenigen
Personen die auf das Recht auf Ehre Verzicht gethan haben, keine Injurie
begangen werden kann, so darf ich auch der Analogie gem folgern da ich Sie da
Sie als Icti und Gerichtspersonen schlechthin von der Moralitt sich losgesagt
haben, hier an offener Gerichtssttte mit allen mglichen moralischen Injurien
berhufen darf; ja, wenn ich Sie kalte gefhllose unmoralische, obgleich
wohlweise und gerechte Herren zu nennen wage, so ist das vielmehr als eine
Apologie als Injurie zu halten, und ich weise schlechthin jede von hier
ausgehende gerichtliche Ansprche als unzulnglich ab. -
    Hier hielt ich inne und alle sechs sahen sich eine Weile an ohne zu
dezidiren; ich wartete ruhig. Htten sie mir als Strafe das Wippen, das
Trillhaus, den spanischen Mantel, Schmuchen, Riemschneiden oder gar das
Aufreien des Leibes, welches in Japan fr sehr ehrenvoll gehalten wird,
zuerkannt, mich wrde es gefreuet haben, gegen die Bosheit die der erste
Rechtsfreund und Vorsizer verbte, als er den Ausspruch that, da mir
schlechterdings das Verbrechen nicht zugerechnet werden knnte, indem ich zu den
mente captis zu zhlen sei und mein Vergehen als die Folge eines partiellen
Wahnsinns betrachtet werden msse, weshalb man mich ohne weiteres an das
Tollhaus abzuliefern habe.
    Es ist zu arg, ich mag heute nicht weiter rekapituliren, und will mich
schlafen legen.

                                Achte Nachtwache


Die Dichter sind ein unschdliches Vlkchen, mit ihren Trumen und Entzckungen
und dem Himmel voll griechischer Gtter, den sie in ihrer Phantasie mit sich
umhertragen. Bsartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an
die Wirklichkeit zu halten, und nun in diese, mit der sie gar nichts zu schaffen
haben sollten, zornig hineinschlagen. Sie wrden inde unschdlich bleiben, wenn
man ihnen nur in der Wirklichkeit ihres freien Plzchen ungestrt einrumen und
sie nicht durch das Drngen und Treiben in derselben eben zum Rckblik in sie
zwingen wollte. Fr den Maasstab ihres Ideals mu alles zu klein ausfallen, denn
dieser reicht ber die Wolken hinaus und sie selbst knnen sein Ende nicht
absehen, und mssen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten,
von denen inde wer wei wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich
noch auf der Reise zu uns herab befindet.
    Der Stadtpoet auf seinem Dachkmmerchen gehrte auch zu den Idealisten, die
man mit Gewalt durch Hunger, Glubiger, Gerichtsfrohne u.s.w. zu Realisten
bekehrt hatte, wie Karl der Groe die Heiden mit dem Schwerdte in den Flu
trieb, damit sie dort zu Christen getauft wrden. Ich hatte mit dem Nachtraben
Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die
Nachtuhr geschoben hatte, oft zu ihm hinauf, um seinem Ghren und Brausen
zuzuschauen, wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem
Haupte gegen die Menschen zrnte. Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die
Vollendung einer Tragdie, worin die groen Geister der Menschheit deren Krper
und bloe uere Hlle sie gleichsam nur erscheint, die Liebe, der Ha, die Zeit
und die Ewigkeit als hohe geheimnivolle Gestalten auftraten, durch die statt
des Chors ein tragischer Hanswurst, eine groteske und furchtbare Maske, hinlief.
Der Tragiker hielt das schne Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverrckt
vor seinen groen Hohlspiegel, worinn es sich in wilde Zge verzerrte und
gleichsam seine Abgrnde offenbarte in den Furchen und hlichen Runzeln die in
die schnen Wangen fielen; so zeichnete er's ab.
    Es ist gut, da es viele nicht begriffen, denn in unserm Lorgnetten
Zeitalter sind die gresten Gegenstnde so entrkt worden, da man sie
hchstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrerungsglser
erkennt; dagegen die kleinen recht grndlich kultivirt werden, weil Kurzsichtige
in der Nhe um so schrfer sehen. -
    Er hatte das Ganze bereits beendigt, und hoffte da die Gtter die er dabei
angerufen, sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren
wrden, durch den er seine Glubiger, den Hunger und die Gerichtsdiener von sich
verscheuchen knnte. Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten
Zensors, des Verlegers, hatte einlaufen mssen, und mich trieb die Neugierde zu
ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem frhlichen Gelage der Erdengtter zu
erblicken. - Ist es nicht traurig da die Menschen ihre Freudensle so fest
verschlossen halten und durch Geharnischte2 bewachen lassen, vor denen der
Bettler, der sie nicht bestechen kann, erschrocken zurckweicht!
    Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und ffnete den Eingang; aber
statt eines Trauerspiels, das ich nicht erwartet hatte, fand ich ihrer zwei, das
rkgehende vom Verleger, und den Tragiker selbst der das zweite aus dem
Stegereife zugleich gedichtet und als Protagonist3 aufgefhrt hatte. Da ihn der
tragische Dolch gemangelt, so hatte er in der Eile, was bei einem improvisirten
Drama leicht bersehen werden kann, die Schnur die dem auf der Retourfuhre
begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient, dazu auserwhlt, und schwebte an
ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger, recht leicht und mit abgeworfenem
Erdenballast ber seinem Werke.
    Es war brigens in der Stube ganz still und fast schauerlich; nur ein paar
zahme Muse, spielten als einzige Hausthiere friedlich zu meinen Fssen und
pfiffen, entweder aus guter Laune, oder aus Hunger; fr das leztere schien
beinahe eine dritte zu entscheiden, die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des
Dichters, seinem retourgegangenen opere posthumo, nagte.
    Armer Teufel, sagte ich zu ihm hinaufblickend, ich wei nicht ob ich deine
Himmelfarth komisch oder ernsthaft nehmen soll! Drollig bleibt es allerdings,
da du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt
bist, und eben so natrlich da du dich daraus weggestohlen; in einem ganzen
Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes
lusus naturae verlacht, eben so wrde in einem Staate von lauter Dieben die
Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden mssen; es kommt Alles in der
Welt auf die Zusammenstellung und bereinkunft an, und da nun deine Landsleute
nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewhnt sind,
so muten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den
Nachtwchtern zhlen, wie ich denn deshalb auch einer geworden bin. O die
Menschen schreiten hbsch vorwrts und ich htte wohl Lust meinen Kopf nach
einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken;
ich wette darauf ich wrde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur
noch das Frazzenhafte abzeichneten und nach einem Ideale der Hlichkeit
strebten, nachdem sie die Schnheit lngst als eine zweite franzsische Poesie
fr fade erklrt htten. Den mechanischen Vorlesungen ber die Natur wnschte
ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem
Aufwande von Krften vollstndig zusammenstellen kann, und die jungen Schler zu
Weltschpfern ausgebildet werden, da man sie jezt nur zu Ichsschpfern anzieht.
Guter Gott was mssen nach einem Jahrtausend nicht fr Fortschritte in allen
Wissenschaften gemacht sein, da wir jezt bereits so weit sind; man mu dann,
Naturreparirer, eben so hufig wie jezt Uhrmacher haben; Korrespondenzen mit dem
Monde fhren, von dem wir heutiges Tages schon Steine heraberhalten;
Shakspearsche Stcke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten; die
Liebe, die Freundschaft, die Treue, wie jezt den Hanswurst, schon nicht mehr auf
den Theatern dulden; Tollhuser nur noch fr Vernnftige aufbauen; die rzte als
schdliche Mitglieder des Staates ausreuten, weil sie das Mittel gegen den Tod
aufgefunden; und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten knnen, wie jezt
Feuerwerke. - Armer schwebender Teufel, wie wrde es da mit deiner
Unsterblichkeit aussehen, und du hast wohlgethan da du dich rasch aus dem
Staube machtest. -
    Ich wurde aber plzlich in meiner guten Laune gerhrt, so wie ein heftig
Lachender zulezt in Thrnen ausbricht, als ich in einen Winkel blikte, wo seine
Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige
zurckgebliebene Mbel dem Erblaten stumm und bedeutend gegenbergestellt war;
es war ein altes verwittertes Gemlde, auf dem die Farben schon halb verlscht,
so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenrthe
verfliegt. Es stellte den Poeten dar, wie er als ein freundlicher lchelnder
Knabe an der Brust seiner Mutter spielte; ach das schne Antliz war seine erste
und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden. Hier in dem
Bilde lachte die Kindheit noch um ihn, und er stand in dem Frhlingsgarten voll
geschlossener Blumenknospen, nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als
Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben. Ich mute mich schaudernd abwenden als
ich die Kopie, den lchelnden umlokten Kindskopf, mit dem jezigen Originale dem
schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich, das schwarz und schreklich wie ein
Medusenhaupt in seine Jugend schauete. Er schien noch in der lezten Minute den
lezten Blik auf das Gemhlde geworfen zu haben, denn er hing dagegen gekehrt und
die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte. - O die Leidenschaften
sind die tckischen Retouschirer, die den blhenden Rafaelskopf der Jugend mit
den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer hrtere Zge entstellen
und verzerren, bis aus dem Engelshaupt eine Hllenbreugelische Larve geworden
ist. -
    Der Arbeitstisch des Dichters, dieser Altar des Apoll, war ein Stein, denn
alles vorrthige Holz, bis auf den abgelseten Rahmen des Gemldes, war lngst
bei seinen nchtlichen Opfern zur Flamme verzehrt. Auf diesem Steine lagen das
rkgekehrte Trauerspiel, der Mensch berschrieben, und zugleich der Absagebrief
des Poeten an das Leben; dieser lautete so:


                           Absagebrief an das Leben

Der Mensch taugt nichts, darum streiche ich ihn aus. Mein Mensch hat keinen
Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta, fr die lezte (meine
Tragdie) will kein Buchhndler die Druckkosten herschieen, und um die erste,
(mich selbst) bekmmert sich gar der Teufel nicht, und sie lassen mich
verhungern, wie den Ugolino, in dem grten Hungerthurme, der Welt, von dem sie
vor meinen Augen den Schlssel auf immer in das Meer geworfen haben. Ein Glck
ist's noch da mir so viel Kraft brig bleibt, die Zinne zu erklimmen und mich
hinabzustrzen. Ich danke dafr, in diesem meinem Testamente, dem Buchhndler,
der ob er gleich meinem Menschen nicht forthelfen wollte, mir doch wenigstens
die Schnur in den Thurm hinabwarf, an der ich in die Hhe kommen kann.
    Ich denke es ist lustig droben, und eine gute freie Aussicht; besser ist's
in alle Wege, selbst wenn ich nichts sehen sollte, als hier unten, denn ich wei
nichts mehr darum; - aber der alte Ugolino tappte, vor Hunger blind geworden, in
seinem Thurme umher, und war sich seiner Blindheit bewut und das Leben kmpfte
noch gewaltig in ihm, da er nicht untergehen konnte.
    Ach ich habe zwar, wie er, in meinem Kerker auch noch mit holden Knaben
getndelt, die ich einsam in der Nacht erzeugte und die um mich her spielten als
eine blhende Jugend und goldene helle Trume; in ihnen die ich hinterlassen
wollte, schlo ich mich warm an das Leben; - aber sie haben auch sie verstoen,
und die hungrigen Thiere, die sie mit mir einsperrten, haben sie zernagt, da
sie mich nur noch in der Erinnerung umgaukeln.
    Mag's sein; die Thr ist fest hinter mir zugeworfen, und das leztemal, da
sie sie ffneten, war's nur um den Sarg meines lezten Kindes hereinzutragen; -
ich hinterlasse nun nichts, und gehe dir trozig entgegen, Gott, oder Nichts! -
    Dies war die lezte zurkgebliebene Asche von einer Flamme, die in sich
selbst ersticken mute. Ich sammelte sie, und so viele Reliquien von dem
Menschen ich den hungrigen Musen noch entreissen konnte, sorgfltig, indem ich
mich gewaltsamerweise zum Erben der Hinterlassenschaft einsezte.
    Bringt mich der Himmel unverhofft einmal in eine bessere Lage, so gebe ich
das Trauerspiel: der Mensch, so zernagt und unvollstndig es auch ist, auf meine
Kosten heraus, und vertheile die Exemplare gratis unter die Menschen. Fr jezt
will ich nur etwas vom Prologe des Hanswurstes mittheilen. Der Poet entschuldigt
sich in einer kurzen Vorrede darber, da er den Hanswurst in eine Tragdie
einzufhren wagte, mit eigenen Worten folgendermaen:
    Die alten Griechen hatten einen Chorus in ihren Trauerspielen angebracht,
der durch die allgemeinen Betrachtungen die er anstellte, den Blick von der
einzelnen schrecklichen Handlung abwendete und so die Gemther besnftigte. Ich
denke es ist mit dem Besnftigen jezt nicht an der Zeit, und man soll vielmehr
heftig erzrnen und aufwiegeln, weil sonst nichts mehr anschlgt, und die
Menschheit im Ganzen so schlaff und boshaft geworden ist, da sie's
ordentlicherweise mechanisch betreibt, und ihre heimlichen Snden aus bloer
Abspannung vollfhrt. Man soll sie heftig reizen, wie einen asthenischen
Kranken, und ich habe deshalb meinen Hanswurst angebracht, um sie recht wild zu
machen; denn wie, nach dem Sprichworte, Kinder und Narren die Wahrheit sagen, so
befrdern sie auch das Furchtbare und Tragische, indem jene es unschuldig hart
vortragen, und diese gar darber spotten und Possen damit treiben. Neuere
sthetiker werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen. -
    Das was ich noch von dem Manuscripte mittheilen will, lautete so:


              Prolog des Hanswurstes zu der Tragdie: der Mensch

Ich trete als Vorredner des Menschen auf. Ein respektives zahlreiches Publikum
wird es leichter bersehen, da ich meiner Handthierung nach ein Narr bin, wenn
ich fr mich anfhre, da nach Doktor Darwin4 eigentlich der Affe, der doch
ohnstreitig noch lppischer ist als ein bloer Narr, der Vorredner und Prologist
des ganzen Menschengeschlechts ist, und da meine und Ihre Gedanken und Gefhle
sich nur blos mit der Zeit etwas verfeinert und kultivirt haben, obgleich sie
ihrem Ursprunge gem doch immer nur Gedanken und Gefhle bleiben, wie sie in
dem Kopfe und Herzen eines Affen entstehen konnten. Doktor Darwin, den ich hier
als meinen Stellvertreter und Anwald auffhre, behauptet nmlich, da der Mensch
als Mensch einer Affenart am mittellndischen Meere sein Dasein verdanke, und
da diese blos dadurch da sie sich ihres Daumenmuskels so bedienen lernte, da
Daumen und Fingerspitzen sich berhrten, sich allmhlig ein verfeinertes Gefhl
verschaffte, von diesem in den folgenden Generationen zu Begriffen berging und
sich zulezt zu verstndigen Menschen einkleidete, wie wir sie jezt noch tglich
in Hof- und anderen Uniformen einherschreiten sehen.
    Das Ganze hat sehr viel fr sich; finden wir doch nach Jahrtausenden noch
hin und wieder auffallende Annherungen und Verwandschaften in dieser Rksicht,
ja ich glaube bemerkt zu haben, da manche respektive und geschzte Personen
sich ihres Daumenmuskels noch jezt nicht gehrig bedienen lernten, wie z.B.
manche Schriftsteller und Leute die die Feder fhren wollen; sollte ich darin
nicht irren, so spricht das sehr fr Darwin. Auf der andern Seite finden wir
auch manche Gefhle und Geschicklichkeiten in dem Affen, die uns offenbar bei
dem salto mortale zum Menschen entfallen sind, so liebt z.B. eine Affenmutter
noch heutiges Tages ihre Kinder mehr als manche Frstenmutter; das einzige was
dies widerlegen knnte, wre noch, wenn man anfhren wollte da diese sie, eben
aus bergroer Liebe vernachligte um das zu bezwecken, was jene nur etwas
schneller durch das Erdrcken ihrer Jungen erreicht.
    Genug ich bin mit Doktor Darwin einverstanden, und thue den
philanthropischen Vorschlag, da wir unsere jngeren Brder, die Affen in allen
Welttheilen, hher schzen lernen, und sie, die jezt nur unsere Parodisten sind,
durch eine grndliche Anweisung, den Daumen und die Fingerspizen zusammen zu
bringen, so da sie mindestens eine Schreibfeder fhren knnen, zu uns herauf
ziehen mgen. Ist es doch besser mit dem ersten Doktor Darwin die Affen fr
unsere Vorfahren anzunehmen, als so lange zu zgern bis ein zweiter gar andere
wilde Thiere zu unsern Adscendenten macht, welches er vielleicht durch eben so
gute Wahrscheinlichkeitsgrnde belegen knnte, da die meisten Menschen, wenn man
ihnen das Untertheil des Gesichts und den Mund, mit dem sie die gleissenden
Worte verschwenden, verdekt, in ihren Physiognomien eine auffallende
Geschlechtshnlichkeit besonders mit Raubvgeln, als z.B. Geiern, Falken u.s.w.
erhalten, ja da auch der alte Adel seine Stammbume eher zu den Raubthieren, als
Affen hinauffhren kann, welches, ausser ihrer Vorliebe zur Ruberei im
Mittelalter, auch noch aus ihren Wappen erhellet, in denen sie meistentheils
Lwen, Tieger, Adler und andere dergleichen wilde Thiere fhren. -
    Das Gesagte mag hinlnglich sein, um meine Person und Maske vor der jezt
aufzufhrenden Tragdie: Der Mensch, zu rechtfertigen. Ich verspreche einem
respektiven Publikum zum Voraus da ich spashaft sein will bis zum Todtlachen,
der Dichter mag es noch so ernsthaft und tragisch anlegen. - Was soll es auch
berhaupt mit dem Ernste, der Mensch ist eine spashafte Bestie von Haus aus und
er agirt blos auf einer grssern Bhne als die Akteure der kleinern in diese
groe wie in Hamlet eingeschachtelten; mag er's noch so wichtig nehmen wollen,
hinter den Koulissen mu er doch Krone, Zepter und Theaterdolch ablegen, und als
abgetretener Komdiant in sein dunkles Kmmerchen schleichen, bis es dem
Direktor gefllt eine neue Komdie anzusagen. Wollte er sein Ich in puris
naturalibus oder auch nur im Nachtkleide und mit der Schlafmze zeigen, beim
Teufel jedermann wrde vor der Seichtigkeit und Nichtsnuzigkeit davon laufen; so
behngt er's aber mit bunten Theaterlappen und nimmt die Masken der Freude und
Liebe vor das Gesicht, um interessant zu scheinen, und durch das innen
angebrachte Sprachrohr die Stimme zu erhhen; dann schaut zulezt das Ich auf die
Lappen herab, und bildet sich ein sie machten's aus, ja es giebt wohl gar andere
noch schlechter gekleidete Ich's, die den zusammengeflikten Popanz bewundern und
lobpreisen; denn beim Lichte besehen ist doch die zweite Mandandane5 auch eine
nur knstlicher zusammengenhte, die eine gorge de Paris vorgestekt hat um ein
Herz zu fingiren, und eine tuschender gearbeitete Larve vor den Todtenkopf
hlt.
    Der Todtenkopf fehlt nie hinter der liebugelnden Larve, und das Leben ist
nur das Schellenkleid das das Nichts umgehngt hat, um damit zu klingeln und es
zulezt grimmig zu zerreien und von sich zu schleudern. Es ist Alles Nichts und
wrgt sich selbst auf und schlingt sich gierig hinunter, und eben dieses
Selbstverschlingen ist die tckische Spiegelfechterei als gbe es Etwas, da doch
wenn das Wrgen einmal inne halten wollte eben das Nichts recht deutlich zur
Erscheinung kme, da sie davor erschrecken mten; Thoren verstehen unter
diesem Innehalten die Ewigkeit, es ist aber das eigentliche Nichts und der
absolute Tod, da das Leben im Gegentheile nur durch ein fortlaufendes Sterben
entsteht.
    Wollte man dergleichen ernsthaft nehmen, so mgte es leicht zum Tollhause
fhren, ich aber nehme es blos als Hanswurst, und fhre dadurch den Prolog bis
zur Tragdie hin, in der es der Dichter freilich hher genommen und sogar einen
Gott und eine Unsterblichkeit in sie hineinerfunden hat, um seinen Menschen
bedeutender zu machen. Ich hoffe inde das alte Schicksal, unter dem bei den
Griechen selbst die Gtter standen, darin abzugeben, und die handelnden Personen
recht toll in einander zu verwirren, da sie gar nicht klug aus sich werden, und
der Mensch sich zulezt fr Gott selbst halten, oder zum mindesten wie die
Idealisten und die Weltgeschichte, an einer solchen Maske formen soll.
    Ich habe mich jezt so ziemlich angekndigt, und kann das Trauerspiel nun
allenfalls selbst auftreten lassen mit seinen drei Einheiten, der Zeit - auf die
ich streng halten werde, damit der Mensch sich gar nicht etwa in die Ewigkeit
verirrt - des Orts - der immer im Raume bleiben soll - und der Handlung - die
ich so viel als mglich beschrnken werde, damit der Oedipus, der Mensch, nur
bis zur Blindheit, nicht aber in einer zweiten Handlung zur Verklrung
fortschreite.
    Gegen die Maskeneinfhrung habe ich mich nicht gesperrt, denn je mehr Masken
ber einander, um desto mehr Spa, sie eine nach der andern abzuziehen bis zur
vorlezten satirischen, der hypokratischen und der lezten verfestigten, die nicht
mehr lacht und weint - dem Schdel ohne Schopf und Zopf, mit dem der
Tragikomiker am Ende abluft. - Auch gegen die Verse habe ich nichts einwenden
wollen, sie sind nur eine komischere Lge, so wie der Kothurn nur eine
komischere Aufgeblasenheit.
    Prologus tritt ab. -

                               Neunte Nachtwache


Es freut mich da ich in den vielen Dornen meines Lebens doch wenigstens Eine
blhende volle Rose fand; sie war zwar so von den Stacheln umschlungen, da ich
sie nur mit blutiger Hand und entblttert hervorziehen konnte; doch aber pflkte
ich sie, und ihr sterbender Duft that mir wohl. Diesen einen Wonnemonat unter
den brigen Winter- und Herbstmonden verlebte ich - im Tollhause. -
    Die Menschheit organisirt sich gerade nach Art einer Zwiebel, und schiebt
immer eine Hlse in die andere bis zur kleinsten, worin der Mensch selbst denn
ganz winzig stekt. So baut sie in den groen Himmelstempel an dessen Kuppel die
Welten als wunderheilige Hieroglyphen schweben, kleinere Tempel mit kleinern
Kuppeln und nachgefften Sternen, und in diese wieder noch kleinere Kapellen und
Tabernakel, bis sie zulezt das Allerheiligste ganz en miniature wie in einen
Ring eingefat hat, da es doch ringsum gro und mchtig um Berge und Wlder
schwebt, und in der glnzenden Hostie, der Sonne, am Himmel emporgehoben wird,
da die Vlker davor niederfallen. In die allgemeine Weltreligion, die die Natur
mit tausend Schriftzeichen geoffenbart hat, schachtelt sie wieder kleinere
Volks- und Stammreligionen fr Juden, Heiden, Trken und Christen; ja die
leztern haben auch daran nicht genug, sondern schachteln sich noch von neuem
ein. - Eben so ist es mit dem allgemeinen Irrhause, aus dessen Fenstern so viele
Kpfe schauen, theils mit partiellem, theils mit totalem Wahnsinne; auch in
dieses sind noch kleinere Tollhuser fr besondere Narren hineingebaut. In eins
von diesen kleinern brachten sie mich jezt aus dem groen, vermuthlich weil sie
dieses fr zu stark besezt hielten. Ich fand es inde hier gerade wie dort; ja
fast noch besser, weil die fixe Idee der mit mir eingesperrten Narren meistens
eine angenehme war.
    Ich kann meine Mitnarren nicht besser darstellen, als wenn ich gerade den
Augenblick whle wo ich sie dem besuchenden Arzte vorfhren mute, was dann und
wann geschah, weil mich der Aufseher des Instituts meiner unschdlichen Narrheit
halber zum Vize-und Unteraufseher ernannt hatte. Ich that es das leztemal unter
folgender Rede:
    Herr Doktor hlmann, oder Olearius - wie Sie denn ihren Namen vor
Dissertationen und Programmen, durch eine todte Sprache in die Unsterblichkeit
bersetzen - wir laboriren zwar alle mehr oder minder an fixen Ideen; nicht nur
einzelne Individuen, sondern ganze Gemeinheiten und Fakultten, von denen z.B.
viele der lezteren neben dem Vertriebe der Weisheit auch einem bloen Huthhandel
obliegen, wodurch sie sogar nicht weise Hupter, blo vermge des leichten
Aufdrckens eines solchen Huthes aus ihrer Fabrik in weise umzusetzen glauben;
ja ihn oft selbst auf einen bloen Rumpf schlagen und so scheinbar Philosophen
bilden, weil die Gesichter der lezteren vor bergroem Spekuliren sich ohnedies
gewhnlich tief unter die Huthkrempe zu verkriechen pflegen. - Ich habe der
vielen Beispiele halber, die sich hier meinem Gedchtnisse aufdrngen, den Faden
des Perioden verlohren, und reie ihn lieber ganz ab, um von neuem anzuheben.
    hlmann schttelte hier seinen Doktorhut, wie wenn er daran zweifelte, da
man dem meinigen eine Doublette von diesem erhandelten Exemplare jemals
verabfolgen lassen wrde.
    Sie schtteln, fuhr ich fort, weil mich der Himmel blos zu einem Narren
kreirt hat, und nicht spterhin der Kaiser zum Doktor? doch beseitigen wir das
fr jezt noch und reden von meiner Tollheit und den Mitteln ihr abzuhelfen,
lieber zulezt.
    Hier No. 1. ist ein Beleg zur Humanitt, der mehr als alle Schriften darber
gilt; ich kann nie an ihm vorbergehen, ohne mich an die grten Helden der
Vorzeit, einen Curtius, Coriolan, Regulus und dergleichen zu erinnern. Sein
Wahnsinn besteht darin, die Menschheit zu hoch und sich selbst zu niedrig
anzuschlagen; deshalb behlt er, im Gegensaze schlechter Poeten, alle
Flssigkeiten bei sich, weil er befrchtet durch ihre Freilassung eine
allgemeine Sndfluth herbeizufhren. Ich ergrimme oft, wenn ich ihn betrachte,
darber, da ich sein eingebildetes Vermgen nicht in der That besize - wahrlich
ich tht's, ich nhme die Erde als meinen pot de chambre in die Hand, da alle
Doktoren untergingen, und nur ihre Hthe in Menge oben schwmmen. Es ist ein
groer Gedanke - der arme Teufel fat ihn nicht, denn sehn sie nur wie er da
steht und sich qult, und den Athem zurkhlt, blos aus reiner Menschenliebe,
und wenn wir ihm jezt von dieser Seite nicht Luft verschaffen, so ist er des
Todes. Mein recipe sind Feuersbrnste, ausgetrocknete Strme mit stillstehenden
Mhlen und vielen Hungrigen und Durstigen an den Ufern. Eine Radikalkur, denke
ich, soll die Hlle des Dante abgeben, durch die ich ihn jezt alle Tage fhre,
und die er zu verlschen sich ernstlich vorgesezt hat. - Seines ursprnglichen
Handwerks nach, soll er ein Poet gewesen sein, der seine Flssigkeiten in keinen
Buchladen ableiten konnte.
    No. 2 und 3 sind philosophische Gegenfler, ein Idealist und ein Realist;
jener laborirt an einer glsernen Brust, und dieser an einem glsernen Gese,
weshalb er sein Ich niemals sezt, was jenem eine Kleinigkeit ist, ob er gleich
dagegen die moralische Anschauung vermeidet, und darum die Brust sorgfltig
bedeckt.
    No. 4. sizt hier blos deswegen weil er in der Bildung um ein halbes
Jahrhundert zu weit vorausgeschritten ist; es wandeln noch einige von der Art
frei herum, die man aber, wie billig, alle auch fr toll hlt.
    No. 5. hielt zu verstndige und verstndliche Reden, deshalb haben sie ihn
hieher geschickt.
    No. 6. ist aus der Verrktheit den Scherz eines Groen als Ernst zu nehmen,
verrkt geworden.
    No. 7. hat sein Gehirn versengt, dadurch da er sich zu hoch in die Poesie
verstieg, und
    No. 8 dadurch, da er bei vernnftigen Tagen es mit der Rhrung in seinen
Komdien zu bermig betrieb, seine Vernunft gnzlich weggeschwemmt. Jener
glaubt jezt als Flamme zu brennen, so wie im Gegentheile dieser als Wasser dahin
fliet. Ich habe dann und wann versucht die widerstreitenden Elemente durch
einen gegenseitigen Kampf zu verzehren, aber das Feuer fiel dann so heftig ber
das Wasser her, da ich
    No. 9, der sich fr den Weltschpfer hlt, herbeirufen mute, um sie wieder
von einander zu scheiden.
    Diese letzte Nummer hlt oft hchst wunderliche Selbstgesprche, und Sie
knnen jezt eben einem zuhren, wenn sie anders Geduld dazu haben.




                     Monolog des wahnsinnigen Weltschpfers


Es ist ein wunderlich Ding hier in meiner Hand, und wenn ichs von Sekunde zu
Sekunde - was sie dort ein Jahrhundert heien - durch das Vergrerungsglas
betrachte, so hat sich's immer toller auf der Kugel verwirrt, und ich wei nicht
ob ich darber lachen oder mich rgern soll - wenn beides sich nur berhaupt fr
mich schickte. Das Sonnenstubchen, das daran herumkriecht, nennt sich Mensch;
als ich es geschaffen hatte, sagte ich zwar der Sonderbarkeit wegen es sei gut -
bereilt war das freilich, inde ich hatte nun einmal meine gute Laune, und
alles Neue ist hier oben in der langen Ewigkeit willkommen, wo es gar keinen
Zeitvertreib giebt. - Mit manchem was ich geschaffen, bin ich freilich noch jezt
zufrieden, so ergzt mich die bunte Blumenwelt mit den Kindern die darunter
spielen, und die fliegenden Blumen, die Schmetterlinge und Insekten, die sich
als leichtsinnige Jugend von ihren Mttern trennten und doch zu ihnen
zurckkehren um ihre Milch zu trinken und an der Mutter Brust zu schlummern und
zu sterben.6 - Aber dies winzige Stubchen, dem ich einen lebendigen Athem
einblie und es Mensch nannte, rgert mich wohl hin und wieder mit seinem
Fnkchen Gottheit, das ich ihm in der bereilung anerschuf, und worber es
verrkt wurde. Ich htte es gleich einsehen sollen, da so wenig Gottheit nur
zum Bsen fhren msse, denn die arme Kreatur wei nicht mehr, wohin sie sich
wenden soll, und die Ahnung von Gott, die sie in sich herumtrgt, macht da sie
sich immer tiefer verwirret, ohne jemals damit aufs Reine zu kommen. In der
einen Sekunde, die sie das goldene Zeitalter nannte, schnizte sie Figuren
lieblich anzuschauen und baute Huserchen darber, deren Trmmer man in der
andern Sekunde anstaunte und als die Wohnung der Gtter betrachtete. Dann betete
sie die Sonne an, die ich ihr zur Erleuchtung anzndete und die, mit meiner
Studierlampe verglichen, sich wie das Fnkchen zur Flamme verhlt. Zulezt - und
das war das rgste - dnkte sich das Stubchen selbst Gott und bauete Systeme
auf, worin es sich bewunderte. Beim Teufel! Ich htte die Puppe ungeschnizt
lassen sollen! - Was soll ich nur mit ihr anfangen? - Hier oben sie in der
Ewigkeit mit ihren Possen herumhpfen lassen? - Das geht bei mir selbst nicht
an; denn da sie sich dort unten schon mehr als zuviel langweilt und sich oft
vergeblich bemht in der kurzen Sekunde ihrer Existenz die Zeit sich zu
vertreiben, wie mte sie sich bei mir in der Ewigkeit, vor der ich oft selbst
erschrecke, langweilen! Sie ganz und gar zu vernichten thut mir auch leid; denn
der Staub trumt doch oft gar so angenehm von der Unsterblichkeit, und meint,
eben weil er so etwas trume, msse es ihm werden. - Was soll ich beginnen?
Wahrlich hier steht mein Verstand selbst still! Lasse ich die Kreatur sterben
und wieder sterben, und verwische jedesmal das Fnkchen Erinnerung an sich
selbst, da es von neuem auferstehe und umherwandle? Das wird mir auf die Lnge
auch langweilig, denn das Possenspiel immer und immer wiederholt, mu ermden! -
Am besten ich warte berhaupt mit der Entscheidung bis es mir einfllt einen
jngsten Tag festzusetzen und mir ein klgerer Gedanke beikommt. -
    Was das fr ein verruchter Wahnsinn ist - fiel ich ein, als Nro. 9 inne
hielt. - Wenn ein vernnftiger Mensch dergleichen vorbrchte, wrde man es
wahrlich konfisziren. -
    hlmann schttelte den Kopf und machte einige bedeutende Anmerkungen ber
Gemthskrankheiten berhaupt.
    Der Weltschpfer, der bei seiner Rede einen Kinderball in der Hand hielt und
jezt mit ihm an zu spielen fing, fuhr nach einer Pause fort.
    Wie die Physiker sich jezt ber die vernderte Temperatur wundern, und neue
Systeme darber aufstellen werden. Ja diese Erschtterung bringt vielleicht
Erdbeben und andere Erscheinungen zuwege, und es giebt ein weites Feld fr die
Teleologen. O das Sonnenstubchen hat eine erstaunliche Vernunft, und bringt
selbst in das Willkhrlichste und Verworrenste etwas systematisches; ja es lobt
und preiset oft seinen Schpfer eben deshalb weil es davon berrascht wurde da
er eben so gescheut als es selbst sei. - Dann treibt es sich durch einander und
das Ameisenvolk bildet eine groe Zusammenkunft und stellt sich fast an, als ob
etwas darin abgehandelt wrde. Lege ich jezt mein Hrrohr an, so vernehme ich
wirklich etwas und es summen von Kanzeln und Kathedern ernsthafte Reden ber die
weise Einrichtung in der Natur, wenn ich etwa den Ball spiele und dadurch ein
paar Duzzend Lnder und Stdte untergehen und mehrere von den Ameisen
zerschmettert werden, die sich ohnedas seitdem sie die Kuhpocken erfunden haben
nur zu viel vermehren. O seit einer Sekunde sind sie so klug geworden, da ich
mich hier oben nicht schneuzen darf, ohne da sie das Phnomen ernsthaft
untersuchen. - Beim Teufel! da ist es fast rgerlich Gott zu sein, wenn einen
solch ein Volk bekrittelt! - Ich mchte den ganzen Ball zerdrcken! -
    Sehen Sie nur, Herr Doktor, - fuhr ich fort als der Weltschpfer endete -
wie grimmig der Kerl es auf die Welt angelegt hat; es ist fast gefhrlich fr
uns andere Narren, da wir den Titanen unter uns dulden mssen, denn er hat eben
so gut sein konsequentes System wie Fichte, und nimmt es im Grunde mit dem
Menschen noch geringer als dieser, der ihn nur von Himmel und Hlle abtrennt,
dafr aber alles Klassische rings umher in das kleine Ich, das jeder winzige
Knabe ausrufen kann, wie in ein Taschenformat zusammendrngt. Jeder vermag jezt
aus der unbedeutenden Hlse, wie es ihm beliebt, ganze Kosmogonien, Theosophien,
Weltgeschichten und dergleichen, samt den dazu gehrigen Bilderchen
herauszuziehen. Gro und herrlich ist das allerdings; wenn nur das Format nicht
so klein wre! - Schon Schlegel hat es sehr auf die kleinen Bilderchen
abgesehen, und ich mu gestehen da mir eine groe Iliade in Sedez
herausgegeben, nimmer behagen will - das heit den ganzen Olymp in eine
Nuschale packen, und die Gtter und Helden mssen sich entweder zum verjngten
Maasstabe bequemen, oder ohne Gnade das Genik brechen! -
    Sie sehen mich an, Herr Doktor, und schtteln zum zweitenmale den Kopf! Ja,
ja sie haben es getroffen; das Alles gehrte zu meiner Tollheit und im
vernnftigen Zustande bin ich grade der entgegengesezten Meinung!
    Lassen Sie uns den Weltschpfer verlassen! -
    Hier Nro. 10 und 11 sind Belege zur Seelenwanderung; der erste bellt als
Hund und diente ehmals am Hofe; der zweite hat sich aus einem Staatsbeamten in
einen Wolf verwandelt. Man kommt auf eigene Gedanken bei ihnen.
    Nro. 12, 13, 14, 15 und 16 sind Variazionen ber denselben Gassenhauer, die
Liebe.
    Nro. 17 hat sich ber seine eigene Nase vertieft. Finden sie das sonderbar?
Ich nicht! Vertiefen sich doch oft ganze Fakultten ber einen einzigen
Buchstaben, ob sie ihn fr ein a oder o nehmen sollen.
    Nro. 18 ist ein Rechenmeister, der die lezte Zahl finden will.
    Nro. 19 denkt ber einen Diebstahl nach, den der Staat an ihm beging; - das
darf er aber nur im Tollhause.
    Nro. 20 ist endlich mein eigenes Narrenkmmerchen. Treten Sie immer herein
und schauen Sie sich um, sind wir doch vor Gott alle gleich und laboriren blos
an verschiedenen fixen Ideen, wo nicht an einem totalen Wahnsinn blo mit
kleinen Nuanzen. - Das dort ist ein Sokrates Kopf dem Sie die Weisheit, so wie
jenem Skaramuz, die Narrheit an der Nase ansehen. Dies Manuscript enthlt
eigenhndige Parallelen von mir ber beide, und ist zu Gunsten des Narren
ausgefallen. - Nicht wahr der Fleck mte kurirt werden? Es ist berhaupt die
verstockteste Seite an mir da ich alles Vernnftige abgeschmackt, so wie vice
versa finde - ich kann mich der Grille gar nicht erwehren!
    Oft zwar habe ich es versucht die Weisheit mit den Haaren an mich zu reien,
und habe deshalb privatim mit allen drei Brodfakultten Umgang gepflogen, um
mich demnchst ffentlich, nach einem kurzen akademischen Musenbeilager, als
eine heilige Dreizahl zum Besten der Menschheit einsegnen zu lassen, und mit den
drei bereinandergestlpten Doktorhten einherzuschreiten. O dachte ich bei mir
selbst; knntest du dann nicht blos durch leichten unbemerkbaren Hutwechsel als
ein Proteus in praktischer und theoretischer Hinsicht umherwandeln! ber die
krzeste Heilungsmethode der Krankheiten in Dissertationen verkehren, und den
Kranken selbst auf dem krzesten Wege von seinem bel entbinden! Den Sterbenden,
nach rasch vertauschtem Hute, als Rechtsfreund umarmen und sein Haus bestellen,
und endlich blos durch bergeworfenen Mantel als Himmelsfreund ihm den rechten
Weg zum Himmel zeigen. Wie in einer Fabrik durch verschiedene Maschinen, liee
sich auf diese Weise durch verschiedene Hte ein Hchstes und Leztes erreichen.
Und welch ein berflu an Weisheit und Gelde - eine erwnschte Kombination der
beiden entgegengeseztesten Gter, eine hchste Idealisirung der Zentaurennatur
im Menschen, wo das wohlgesttigte Thier unten, den hhern Reiter kek
einherstolziren lt. -
    Doch ich fand bei nherer Ansicht Alles eitel, und erkannte in aller dieser
gepriesenen Weisheit zulezt nichts anders als die Decke die ber das
Mosesantlitz des Lebens gehngt ist, damit es Gott nicht schaue.
    Sie sehen wohin das fhrt, und es ist eben meine fixe Idee, da ich mich
selbst fr vernnftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft, und fr
weiser als die docirte Weisheit.
    Ich mchte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Berathschlagung mich
verbinden, blo um zu berlegen, wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei, und
welche Mittel man dagegen anwenden knnte. Die Sache ist von Wichtigkeit, denn
sagen Sie, wie kann man gegen Krankheiten sich auflehnen wollen, wenn man
selbst, wie Sie wissen, mit dem Systeme nicht im Reinen ist, ja wohl gar das fr
Krankheit hlt, was hhere Gesundheit ist, und umgekehrt.
    Ja, wer entscheidet es zulezt, ob wir Narren hier in dem Irrhause
meisterhafter irren, oder die Fakultisten in den Hrslen? Ob vielleicht nicht
gar Irrthum, Wahrheit; Narrheit, Weisheit; Tod, Leben ist - wie man
vernnftigerweise es dermalen gerade im Gegentheile nimmt! - O ich bin
inkurabel, das sehe ich selbst ein.
    Der Doktor hlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und
wenig oder gar kein Denken, weil er meinte, da mein Wahnsinn, gerade wie bei
andern eine Indigestion durch zu hufigen physischen Genu, durch bertriebene
intellektuelle Schwelgerei entstanden sei. - Ich lie ihn gehen!
    Fr meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstck auf.

                               Zehnte Nachtwache


Das ist eine wunderliche Nacht; der Mondschein in den gothischen Bogen des
Dohmes erscheint und verschwindet wie Geister - an der Laterne des Thurmes
klettert ein Nachtwandler herum, mit einem Suglinge im Arme, es ist der
Klkner; sein Weib schaut aus der Luke, hnderingend, aber stumm wie das Grab,
da der schlafende Wanderer, der sicher, wie der sorglose Mensch, die
gefhrlichsten Stellen zurklegt, nicht beim Rufe seines Namens erwachend und
schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinunterstrze. - Gegenber in der
Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast; aber es ist mein Revier nicht, und
ich bin zum Stummsein verdammt; so mag er einbrechen! - Ganz in der Ferne ist
leise kaum vernehmbare Musik, wie wenn Mcken summen, oder Koch zur Nacht auf
der Mundharmonika phantasirt; und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese
drehen sich leicht und luftig Schlittschuhlufer, und tanzen den Baseler
Todtentanz zu der Trauermusik. -
    Alles ist kalt und starr und rauh, und von dem Naturtorso sind die Glieder
abgefallen, und er streckt nur noch seine versteinerten Stmpfe ohne die Krnze
von Blthen und Blttern gegen den Himmel. Die Nacht ist still und fast
schrecklich und der kalte Tod steht in ihr, wie ein unsichtbarer Geist, der das
berwundene Leben festhlt. Dann und wann strzt ein erfrorner Rabe von dem
Kirchendache, und ein Bettler ohne Dach und Fach kmpft mit dem Schlummer, der
ihn so s und lockend, in die Arme des Todes legen will, wie den leichtsinnigen
Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet. -
    Soll ich den Tod betrgen um das Bettlerleben? Beim Teufel ich wei es ja
nicht was besser ist - Sein, oder Nichtsein! - O die dort mit dem nachgeahmten
Sden in ihren Schlafkammern, und dem gemahlten Frhling an den Wnden, wenn
drauen der wirkliche erstarret ist, werfen die Frage nicht auf, und sie
bereiten sich selbst die Natur, wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln, zu
und genieen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen, damit sie im
Geschmack bleiben. Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar
an der Brust, die eigensinnig und launisch, wie jede Alte, bald ihre Kinder
erwrmt und bald sie erdrckt. - Doch nein, du Mutter bist ewig treu und
unvernderlich, und bietest den Kindern Frchte in dem grnen Laube das sie
beschattet, und Flammen und die Erinnerung an dich, wenn du schlummerst; aber
die Brder haben den Joseph verstoen, und verschlieen tckisch die Gaben, die
du ihm, wie den andern Kindern reichst. - O die Brder sind es nicht werth, da
Joseph unter ihnen wandle! Er mag entschlummern!
    Da ist das Gesicht schon starr und kalt, und der Schlaf hat die Bildsule
seinem Bruder in die Arme gelegt; ich will sie hier aufrichten, da sie wie ein
Schreckbild, wenn die Sonne aufgeht, in den Tag schaue. - O mrderischer Tod,
der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben und die Liebe - die braune
Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust; du httest ihn nicht
wrgen sollen, - und doch -


                              Der Traum der Liebe

Die Liebe ist nicht schn - es ist nur der Traum der Liebe der entzckt. Hre
mein Gebet, ernster Jngling! Siehst du an meiner Brust die Geliebte, o so brich
sie schnell die Rose, und wirf den weien Schleier ber das blhende Gesicht.
Die weie Rose des Todes ist schner als ihre Schwester, denn sie erinnert an
das Leben und macht es wnschenswerth und theuer. ber dem Grabhgel der
Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekrnzt und nimmer entstellt
die Wirklichkeit ihre Zge, und berhrt sie nicht da sie erkalte und die
Umarmung sich ende. Entfhre sie schnell die Geliebte, Jngling, denn die
Entflohene kehrt wieder in meinen Trumen und Gesngen, sie windet den Kranz
meiner Lieder und entschwebt in meinen Tnen zum Himmel. Nur die Lebende stirbt,
die Todte bleibt bei mir, und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung! -
    Horch! - Tanzmusik und Todtengesang - das schttelt lustig seine Schellen!
Rstig, immer zu; wer den andern bertubt, fhrt die Braut heim. Schade nur,
ich sehe zwei Brute, eine weie und eine rothe - zwei Hochzeiten, zu der einen
im untern Stockwerk heulen die Klageweiber ihre Weise; einen Stock hher pfeifen
und geigen die Musikanten, und die Decke ber dem Todtenkmmerlein und dem Sarge
bebt und drhnt vom Tanze.
    Erklrt mir doch den nchtlichen Spuk!
    Lenore reitet vorber - die weie Braut hier in der stillen Hochzeitkammer,
liebte den Jngling der droben walzt; und, das ist Lebensweise, sie liebte, er
verga, sie erblate, und er entglhte fr eine rothe Rose, die er heute
heimfhrt, indem man diese wegtrgt. -
    Das ist die alte Mutter der weien Braut, am Sarge - sie weint nicht; denn
sie ist blind - auch die weie weint nicht und schlummert und trumt sehr s. -
    Da strmt der Hochzeitszug noch tanzend die Stiegen herab - und der Jngling
steht zwischen zwei Bruten. Er erblat doch ein wenig. Still! Die blinde Mutter
erkennt ihn am Gange. - Sie fhrt ihn zum Brautbette der schlummernden Braut.
    Sie hat sich frher niedergelegt zur Hochzeitnacht, als du, erweck sie
nicht, sie schlft so s, aber deiner hat sie gedacht bis zum Schlummer. Das
ist dein Bild auf ihrem Herzen. - O zieh die Hand nicht so erschrocken zurk von
der kalten Brust; die Nacht ist die lngste wo der Frost am bittersten ist, und
sie liegt einsam im Brautbett', ohne den Brutigam! -
    Sieh! Da hat der Schrecken die rothe Rose auch erblat und der Jngling
steht zwischen den zwei weien Bruten. - Fort, fort, das ist Weltlauf. O wenn
ich doch blasen und singen drfte.
    Jezt schwebt die Leiche hin durch die Gassen, und der Laternenschein still
hinterdrein an den Wnden, wie wenn der vorberwandelnde Tod sich dem
schlummernden Leben nicht verrathen wollte. Der gefrorene Boden knirscht unter
den Futritten der Leichentrger - das ist der heimliche tckische Brautgesang!
- Und sie bergen sie in ihr Kmmerlein.
    Aber nahe dabei singen und brausen noch Jnglinge, und verschwenden das
Leben, und die Liebe und die Poesie in einem kurzen raschen Rausche, der am
Morgen verflogen ist - wo ihre Thaten, ihre Trume, ihre Hoffnungen, ihre
Wnsche, und alles um sie her nchtern geworden und erkaltet ist. -
    Im Nonnenkloster der heiligen Ursula war noch spt in der Nacht ein
unruhiges Treiben. Die Klocke schlug dann und wann leise und dumpf an, wie wenn
man trumend strmen hrt, und an den Kirchenfenstern, deren Bogen ber die
Mauer herabschaueten, flog oft ein ungewhnlicher aber schnell wieder
verlschender Lichtglanz auf. Ich ging einsam um die Mauer herum, die wie ein
geweiheter Zauberkreis die heiligen Jungfrauen umschliet. - Plzlich stie ich
auf jemand im Mantel - was ich von ihm erfuhr, gehrt in die folgende
Winternacht; was ich that, noch in diese. -
    Der Pfrtner an der ussern Mauer war ein alter tiefsinniger Menschenhasser,
der mir herzlich zugethan war, als einem Gegenstande, den er mit seinem Zorne
nach Belieben berschtten konnte. Ich besuchte ihn oft zur Nacht um seiner
Galle Luft zu machen; auch jezt ging ich zu ihm. Er sa in seiner Htte bei
einer Lampe, in der Gesellschaft eines schwarzen Vogels dem er eine Kappe ber
den Kopf gezogen hatte, und mit ihm in Unterredung war.
    Kennst du das Wesen - sprach der Pfrtner - dessen Antliz tckisch lacht,
wenn die vorgehaltene Larve Thrnen vergiet, das Gott nennt, wenn es den Teufel
denkt, das im Innern, wie der Apfel am todten Meere, giftigen Staub enthlt,
inde die Schaale blhend roth zum Genu einladet, das durch das knstlich
gewundene Sprachrohr melodische Tne von sich giebt indem es Aufruhr hineinruft,
das wie die Sphynx nur freundlich lchelt, um zu zerreissen, und wie die
Schlange blo deshalb so innig umarmt, um den tdlichen Stachel in die Brust zu
drcken? - Wer ist das Wesen, Schwarzer?
    Mensch! krchzte das Thier auf eine unangenehme Weise.
    Der Schwarze spricht weiter kein Wort - sagte der Pfrtner - aber er
beantwortet deshalb doch jede meiner Fragen auf das treffendste. - Geh schlafen,
Schwarzer!
    Der Vogel rief noch dreimal Mensch aus, und sezte sich dann, wie wenn er
tiefsinnig nachdchte in eine finstere Ecke - er schlummerte aber nur.
    Sie spielen Begrabens im Kloster - fuhr der Alte fort - willst du nicht
zuschauen? Eine keusche Urselinerinn ist heute Mutter geworden; - in der Legende
wre 's freilich als ein Wunder aufgezeichnet; aber, so sehr haben sie Gott in
die Karte geschauet, da sie heutiges Tages an keine Wunder mehr glauben. Die
heilige Jungfrau wird diese Nacht lebendig eingescharrt. - Ich lasse dich ein;
sieh's zum Zeitvertreibe an! -
    Er nahm die Schlssel, die Angel pfiffen, und ich ging ber Grber durch den
Kreuzgang. Fackelglanz flog oft rasch ber die Monumente, auf denen steinerne
Jungfrauen betend schlummerten, mit knstlich abgeformten Gesichtern, inde
drunten die Originale schon die Masken abgeworfen hatten. -
    Ich stellte mich hinter einen Pfeiler, drunten war eine offene gemauerte
Gruft - ein einsames Entkleidungskmmerchen fr den abgehenden Menschen - im
Kmmerchen brannte eine blasse Todtenlampe und auf einem hervorragenden Steine
befand sich ein Brod, ein Krug Wasser, ein Kruzifix und ein Gebetbuch. In der
ber die Gruft gebaueten Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen, die
von den Wnden herabschaueten, nur wenn dann und wann ein Windsto durch das
Orgelwerk fuhr, heulte eine Pfeife unangenehm.
    Der Zug ward endlich durch die Sulen sichtbar - viele schweigende
Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes. Der ganze Akt htte
fr einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes,
eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde,
gehabt, so wie denn die tragische Muse, je weniger Hnderingens sie macht, um so
mehr erschttert. Mein Gemth inde, (das einem mit Vorsatz widersinnig
gestimmten Saitenspiele gleicht, auf dem daher niemals in einer reinen Tonart
gespielt werden kann, wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf
ankndigt) wurde wenig ergriffen, und es kam im Grunde nichts weiter als ein
toller Lauf durch die Skala zuwege, der ohngefhr durch die folgenden Tne ging
und in einer Disharmonie stehen blieb:


                              Lauf durch die Skala

Das Leben luft an dem Menschen vorber, aber so flchtig da er es vergeblich
anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten, um sich mit ihm zu besprechen, was
es will, und warum es ihn anschaut. Da fliehen die Masken vorber, die
Empfindungen, eine verzerrter wie die andere. Freude steh mir Rede - ruft der
Mensch - weshalb du mir zulchelst! Die Larve lchelt und entflieht. Schmerz la
dir fest ins Auge schauen, warum erscheinst du mir! Auch er ist schon vorber. -
Zorn, warum blickst du mich an - ich frage es, und du bist verschwunden.
    Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her - um mich der
ich Mensch heie - und ich taumle mitten im Kreise umher, schwindelnd von dem
Anblicke und mich vergeblich bemhend eine der Masken zu umarmen und ihr die
Larve vom wahren Antlize wegzureien; aber sie tanzen und tanzen nur - und ich -
was soll ich denn im Kreise? Wer bin ich denn, wenn die Larven verschwinden
sollten? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, da ich mich selbst
einmal erblicke - es wird mir berdrssig nur immer eure wechselnden Gesichter
anzuschauen. Ihr schttelt - wie? steht kein Ich im Spiegel wenn ich davor trete
- bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes - knnt ihr
mir nicht zu meinem Leibe verhelfen, und schttelt ihr nur immer Eure Schellen,
wenn ich denke es sind die meinigen? - Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im
Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken, und ich mich selbst anschauen will -
alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton - nirgends Gegenstand, und
ich sehe doch - - das ist wohl das Nichts das ich sehe! - Weg, weg vom Ich -
tanzt nur wieder fort ihr Larven!
    Jezt steigt die Nonne in die Gruft hinab. O endet doch das Spiel da ich's
erfahre ob's eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinausluft. Folgt doch noch
auf dem lezten Wege der Braut des Todes eine Maske - es ist der Wahnsinn. Die
Larve lchelt heimlich - ob dahinter das wahre Antliz schaudert, oder verzckt
ist - wer sagt es mir?
    Zwar mauern sie, der Braut zur Gesellschaft, eine Schlange ein - den Hunger
- die sich ihr bald um die Brust schlingen, und bis zum Ich fortnagen wird. Wenn
dann die lezte Maske auch verschwindet, und das Ich mit sich allein ist - wird
es sich wohl die Zeit vertreiben? -
    Nun klopfen die Hmmer der Freimaurer dumpf durch das Gewlbe, und ein Stein
nach dem andern fgt sich in das Gewlbe der Gruft. Jezt erblicke ich nur noch
durch eine kleine Lcke beim Lampenschein das heimliche Lcheln der Begrabenen -
jezt blos ein wenig sich durchstehlenden Schimmer -- nun ist alles verdeckt, und
die lebenden Todten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere ber dem Haupte
der Begrabenen. -
    Den Pfrtner fand ich als ich zurckkehrte, wie gewhnlich mit seiner alten
finstern Maske beisammen. - Hassest du jezt die Menschen? fragte er.
    Ich bin fast mit mir allein - sagte ich - und hasse oder liebe eben so
wenig als mglich! Ich versuche zu denken, da ich nichts denke, und da bringe
ich's zulezt wohl so weit auf mich selbst zu kommen! -
    Nimm den Wurm mit - fuhr der Alte fort, und hob die Decke ber einem
schlummernden Kinde - ich mag ihn nicht bei mir behalten, denn ich habe noch
Anflle von Menschenliebe, wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken knnte!
    Ich nahm den Knaben in die Arme, und das noch trumende Leben vershnte mich
wieder mit dem erwachten.
    Sie haben mir das Kind bergeben es fortzuschaffen - sprach der Pfrtner -
denn sie dulden nichts Mnnliches unter sich die frommen Jungfrauen, ausser in
den Gemhlden, fr die Einbildungskraft; die Mutter des Knaben sahest du eben
begraben, such jezt seinen Vater auf, oder schleudre den Brger in die Welt, es
hat keine Gefahr mit der Menschenbrut, sie geht nicht unter.
    Ich kenne den Vater! antwortete ich, und ging aus der Htte. Drauen stand
der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest. - Die Braut ist begraben - dies
ist dein Sohn! mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die Arme, und er
drkte ihn stumm ans Herz.

                               Eilfte Nachtwache


Folgendes ist ein Bruchstck aus der Geschichte des Unbekannten im Mantel. Ich
liebe das Selbst - drum mag er selbst reden!
    Was ist denn die Sonne? fragte ich eines Tages meine Mutter, als sie den
Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb. Armer Knabe, du verstehst es nimmer,
du bist blind geboren! antwortete sie gerhrt und fuhr sanft mit der Hand ber
meine Stirn und meine Augen.
    Ich glhete - die Beschreibung hatte mich entzckt; zwischen den Menschen
und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand - wenn ich die Sonne nur einmal
erblicken knnte, glaubte ich, wrde sie schwinden und ich mich eines nhern
Umgangs mit meiner Mutter erfreuen drfen. -
    Meine Phantasie arbeitete von jezt an heftig, der sehnsuchtsvolle Geist
strebte gewaltsam den Krper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen. Dort
lag das Land meiner Ahnung, das Italien voll Wunder der Natur und Kunst.
    Sie sprachen viel von Nacht und Tag, fr mich gab es nur eins, einen ewigen
Tag, oder eine ewige Nacht - sie meinten es sei die letztere! -
    Ich sa in meinem Dunkel, und die wunderbare groe Welt ging in meinem
Geiste auf, aber die Beleuchtung fehlte, und ich stieg nun an dem Leben herum,
wie an einem himmelhohen Felsen, mit verbundenen Augen; ich fhlte die seidene
Wange der Blume, trank ihren Duft - aber ich trumte, die Blume selbst sei
unendlich schner als ihr Duft und ihre seidene Wange.
    Ein lebhafter wunderbarer Traum lie mich in einer Nacht das Licht
erblicken, und es war es wahrlich; aber als ich erwachte, bemhete ich mich
vergeblich den Traum wieder hervorzurufen.
    Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln
Kerker, und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkrnze der Poesie. Es war
heiliger Boden den ich jetzt betrat - das erste Italien meiner Sehnsucht.
    Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zufhrte, war
ein Mdchen, die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen
hinterlassen. - Maria war mit mir von gleichem Alter, und sie entzckte den
blinden Knaben durch ihre Lieder und Tne, und rief die Liebe und die Hoffnung
aus ihren Trumen auf, da sie zum erstenmale hell um sich schauten, und als die
beiden schnsten Vestalen in das Leben traten.
    Marie war eine elternlose Waise, und meine Mutter hatte, als sie sie zu sich
nahm, ein feierliches Gelbde geleistet, das Kind dem Himmel zu weihen, wenn ich
jemals das Licht erblicken wrde. Jezt sehnte ich mich wieder nach der Sonne,
denn sie entfhrte mir Marie und ihre Gesnge.
    Bald darauf hrte ich fter von einem Arzte reden, von dessen Kunst man sich
viel zu meinem Vortheile versprach. - Ich wankte zwischen entgegengesetzten
Gefhlen - die Liebe zur Sonne und zu Marie war gleich heftig in meiner Seele.
Fast mit Gewalt mute man mich dem Arzte entgegenfhren. -
    Er gebot mir Ruhe - und meine Brust hob sich strmischer. Ich stand an den
Pforten des Lebens, gleichsam um zum zweitenmale geboren zu werden. Jetzt
empfand ich einen heftigen Schmerz an meinen Augen; ich schrie auf, denn mein
Traum kehrte zu mir zurk - ich sah Licht! - Tausend blizende Strahlen und
Funken - ein rascher Blick in den reichsten Schaz des Lebens.
    Die vorige Nacht umgab mich dann wieder. Es war eine Binde um meine Augen
gelegt, und ich durfte erst nach und nach in die neue Welt eingehen.
    Nichts von den Zwischenrumen - man zeigte mir nur wenige Gegenstnde, und
kein lebendiges Wesen, auer dem Arzte, nahte sich mir, bis dieser mich endlich
fr stark genug hielt das Greste zu ertragen.
    Er fhrte mich in die Nacht hinaus, ber meinem Haupte in der unermelichen
Ferne brannten die Sternbilder, und ich stand unter den tausend Welten wie ein
Trunkener, Gott ahnend, ohne seinen Namen auszusprechen. - Vor mir ragten die
alten Ruinen einer vorigen Erde, die Berge, finster und rauh in die Nacht empor,
ein mattes Wetterleuchten aus wolkenloser Luft spielte um ihre Hupter. Wlder
ruhten tief und verhllt zu ihren Fen und schttelten nur leise ihre schwarzen
Wipfel. Der Arzt stand ernst und still neben mir - einige Schritte weiter regte
es sich wie eine verschleierte Gestalt. -
    Ich betete! -
    Pltzlich vernderte sich die Szene; ber die Berge schienen Geister
heraufzuziehen, und die Sterne erblaten wie vor Schrecken, und hinter mir
deckte sich ein weiter Spiegel auf - das Weltmeer. -
    Ich bebte, denn ich glaubte Gott nahe sich.
    Und auf die Erde drckten sich die Nebel und verhllten sie sanft - aber am
Himmel zogen die Geister mchtiger heran, und wie die Sterne verlschten, flogen
goldene Rosen ber die Berge empor in den blauen Himmel, und ein zauberischer
Frhling blhete in der Luft - immer mchtiger und mchtiger - jetzt wogte ein
ganzes Meer herber, und Flamme auf Flamme brannte in die Himmelsfluthen.
    Da stieg ber den Fichtenwald, in tausend Strahlen wiederleuchend, wie eine
entzndete Welt die ewige Sonne empor!
    Ich schlug beide Hnde vor die Augen, und strzte zu Boden.
    Als ich wieder erwachte, da schwebte der Gott der Erde in den Lften, und
die Braut hatte alle ihre Schleier zerrissen, und enthllte ihre hchsten Reize
dem Auge des Gottes. -
    berall war Heiligthum - der Frhling lag wie ein ser Traum an den Bergen
und auf den Fluren - die Sterne des Himmels brannten als Blumen in dem dunkeln
Grase, aus tausend Quellen strzte das Lichtmeer herab in die Schpfung, und die
Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf. Ein All von Liebe und Leben -
rothe Frchte und blhende Krnze in den Bumen, und duftende Gewinde um Hgel
und Berge - in den Trauben brennende Diamanten - die Schmetterlinge als
fliegende gaukelnde Blumen in den Lften - Gesang aus tausend Kehlen,
schmetternd, jubelnd, lobpreisend - und das Auge Gottes aus dem unendlichen
Weltmeere zurkschauend und aus der Perle im Blumenkelche.
    Ich wagte den Ewigen zu denken!
    Plzlich rauschte es hinter mir - neue Schleier fielen von dem Leben - ich
schaute rasch zurk und sahe - ach zum erstenmale! das weinende Auge der Mutter!
    O Nacht, Nacht, kehre zurk! Ich ertrage all das Licht und die Liebe nicht
lnger!

                               Zwlfte Nachtwache


Es geht nun einmal hchst unregelmig in der Welt zu, deshalb unterbreche ich
den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzhlung, und es wre nicht
bel zu wnschen da mancher groe Dichter und Schriftsteller sich selbst zur
rechten Zeit unterbrechen mchte, so auch der Tod in der rechten Stunde das
Leben groer Mnner - Beispiele liegen nahe.
    Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheinet der Erde
entrckt, da Alle dem Verklrten in seinem Glanze nachstaunen; - aber der
Egoist kehrt plzlich zurk und statt den Sonnenstrahl wie Prometheus geraubt zu
haben und zur Erde herabzufhren, verbindet er den Umstehenden die Augen, weil
er glaubt es blende sie die Sonne.
    Wer kennt den Sonnenadler nicht, der durch die neuere Geschichte schwebt! -
    Was brigens meinen Unbekannten betrifft, so gebe ich nach romantischem
Stoffe hungernden Autoren mein Wort, da sich ein miges Honorar mit seinem
Leben erschreiben liee - sie mgen ihn nur aufsuchen und seine Geschichte
beenden lassen. -
    In dieser Nacht war grosser Lerm. Aus der Hausthr eines berhmten Dichters
flog eine Percke und hinter drein eilte ihr Besizzer, so da es zweideutig war,
ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze, oder vielmehr nachgesezt werde. Ich
hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest, und lie ihn beichten. -
    Mein Freund! - sagte er - Ich seze der Unsterblichkeit nach, und werde von
ihr nachgesezt! Er selbst wird es wissen, wie schwer es ist berhmt zu werden,
wie noch unendlich schwerer aber zu leben; man klagt in allen Fchern ber
berhufung, so auch in dem Fache des berhmt und lebendig seins, dazu beschwert
man sich ber so manche in beiden Fchern angestellte schlechte Subjekte, da
man niemandem mehr auf sein Wort glauben will. Mir besonders hat man groe
Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und ich habe es durchaus zu nichts bringen
knnen. Sage er selbst, was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine
Krone auf dem Haupte trgt, oder mindestens, wenn er aus dem Eie gekrochen, an
den sten eines Stammbaums das Klettern lernen kann, in dieser Welt anfangen,
wenn er weiter nichts mitbringt, als sein naktes Ich und gesunde Glieder. Ich
kenne nichts einfltigeres in der Zeit worin wir einmal leben, und wo die mter,
die Wrden, die Ordensbnder und Sterne schon frher fertig sind, als der, der
sie tragen oder bekleiden soll. Mchte ein armer Teufel, der nicht mindestens
bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann, nicht lieber wnschen
als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen, angestaunt und gespeiset zu
werden? Ich denke er versteht mich Kamerad!
    Ich hab's auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich;
bis ich endlich fand ich habe Kants Nase, Gthens Augen, Lessings Stirn,
Schillers Mund, und den Hintern mehrerer berhmter Mnner; ich machte darauf
aufmerksam und fand Eingang, ja man fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich's
weiter, ich schrieb an groe Geister um alten abgelegten Trdel, und das Glck
wollte mir so wohl, da ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant
eigenfig ging, am Tage Gthens Hut auf Lessings Percke setze, und zu Abends
Schillers Schlafmtze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie
Kotzebue und niesen wie Tiek, und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft
dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe, und hat es mit
diesem lieber zu thun, als mit dem Geiste; es ist keine Spiegelfechterei, wenn
ich ihm erzhle, da jemand vor dem ich einst wie Gthe mit verkehrt gesetztem
Hute und in die Rockfalten verborgenen Hnden einherwandelte, mir die
Versicherung gab, das amsire ihn mehr, als Gthens neueste Schriften. - Man
zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei. -
    Nur heute fuhr ich bel, denn als ich einen bekannten groen Geist, der
ffentlich bedeutend auftritt, in seinen vier Pfhlen belauschen wollte,
behandelte er mich als einen Dieb, ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit
den Augen entwandte, nicht eben sehr rhmenswerth war.
    Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Percke wieder auf das Haupt und
machte dabei noch folgenden Sarkasmus:
    Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit, wenn nach dem Tode die
Percke unsterblicher ist, als der Mann der sie trug? - Vom Leben selbst will
ich nicht einmal reden, denn whrend seines Daseins stolzirt nur der
sterblichste Schlucker unsterblich einher, whrend man nach dem Genius, wo er
sich blicken lt, mit Fusten ausschlgt - erinnere er sich an das Haupt das
vor mir in dieser Percke steckte! Gute Nacht! -
    Ich lie den Narren laufen. -
    Auf dem Gottesacker trieb sich ein junger Mensch herum im Mondenschein, ich
konnte ganz nahe an ihn kommen und er bemerkte mich nicht, weil er beschftigt
war durch heftiges Gestikuliren und Deklamiren sich in eine mige Verzweiflung
zu bringen - das Mittel ist probat, und ich kannte wirklich einen Frhprediger
der durch nichts zu Thrnen zu bewegen war, auer wenn er sich selbst sehr
heftig reden hrte; - es gelang ihm allmlig damit, ja er zog zulezt ein Pistol
und sezte es sich verschiedene male an die Stirn, bis er endlich eine solche
Hhe erreicht hatte, da er khn genug war es abzudrcken - es versagte, und bei
der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf. Da die Sache mir zulezt
doch etwas milich vorkam, so sprang ich hinzu, und berreichte ihm den
Entfallenen unter einer fr die Lage passenden Anrede. Er mochte's noch in der
ersten Hitze fr einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wiewohl
vergebliche Ste damit zu Stande.
    Ich suchte ihn durch die Bemerkung, da tragische Situationen durch komische
Nancen, wie z.B. durch einen dem Knig Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel
u.d.g. gestrt wrden, zu sich zu bringen, und es gelang mir in so weit, da er
sich auf den Grabhgel niedersetzte, und sich dazu verstand den falschen
Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen. Whrend des Geschftes versuchte ich
es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren, die er ruhig anhren mute,
weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt.




                              Apologie des Lebens


Bei Gott, das Leben ist doch schn! - Und was vermag Sie nur, junger Mensch,
da sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen? - Fassen
Sie das Band; ich will whrend des Wickelns so kurz als mglich ihnen einige
Schnheiten zu entwickeln suchen. -
    Was giebt es auf der Erde das Sie im Himmel - wenn anders auer dem
Lufthimmel ber uns noch ein zweiter, oder gar mehrere existiren sollten -
besser erwarten knnten? - Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich
eingerichtet? Wissenschaften, Kultur und Sitten sind im schnsten Flore und
wandern recht modern einher; der allgemeine Staat ist, wie Holland, mit Kanlen
und Grben durchschnitten, worinn alle menschliche Fhigkeiten geschickt
abgeleitet und vertheilt werden, damit nicht zu frchten steht, da sie auf
einmal in zu groer Vereinigung das Ganze berschwemmen mchten. Es giebt
Menschen, die so vortheilhaft placirt sind, da man sie als recht gute Hammer
und Zangen betrachten kann, und die doch deshalb keinesweges an ihrer
Unsterblichkeit Abbruch leiden; sehen sie nur diesen Kolo der Menschheit an,
wie alles sich an ihm regt und arbeitet und verkehrt, der erste klettert ber
den zweiten hinauf, und ber diesen wieder ein dritter, wie die quilibristen,
dieser trgt Erfindungen, jener Systeme mit sich in die Hhe, und es kann nicht
fehlen, da dies Menschengeschlecht, das auf seinen eigenen Schultern immer
hher kommt, oder sich, wie Mnchhausen, bei seinem eigenen Zopf emporzieht,
zuletzt sich bis in den Himmel verklettert, und es ganz unnthig wird an einen
zweiten zu denken. - Hlt der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein
falscher, wie der, an dem ich wickele, was ist es denn noch nthig auf einem
andern Wege als auf diesem sich in eine hhere Welt zu versetzen.
    Was denken Sie auch dort zu gewinnen, Freund? Bessere Gesetze etwa? Fr
unsere hienieden spricht das Alter! Bessere Sitten? Wir sind darin so empor
gestiegen, da wir fast daraus hinausgekommen und ber ihnen stehen! Bessere
Verfassungen? Haben sie nicht, wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben,
eine Menge vor sich liegen? Gehen Sie nach Frankreich, Freund, wo die
Verfassungen mit den Moden wechseln, da knnen sie alle der Reihe nach anpassen,
aus einer Monarchie in die Republik, und aus dieser wieder in eine Despotie
fahren; sie knnen dort gro und klein, kurz nach einander, und zuletzt wieder
ganz gewhnlich sein, was doch immer fr die Menschheit am interessantesten
bleibt.
    Freund, gegen den Menschenha giebt es trefliche Mittel; ja ich habe das
Exempel gehabt, da ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde
abbrachte, und ich gesttigt ausrief: das Leben ist doch schn! Wie andere den
Kopf oder das Herz, so nehme ich den Magen fr den Sitz des Lebens an; an allem
was je Groes und Vortrefliches in der Welt geschah, ist meistentheils der Magen
Schuld. Der Mensch ist ein verschlingendes Geschpf, und wirft man ihm nur viel
vor, so giebt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich,
und verklrt sich essend und wird unsterblich.
    Welche weise Einrichtung des Staats dahero, die Brger - wie die Hunde die
man zu Knstlern ausbilden will - periodisch hungern zu lassen! Fr eine
Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen, bilden die Philosophen
Systeme, richten die Richter, heilen die rzte, heulen die Pfaffen, hmmern,
klopfen, zimmern, ackern die Arbeiter, und der Staat frit sich zur hchsten
Kultur hinauf. Ja htte der Schpfer den Magen vergessen, behaupte ich, so lge
die Welt noch so roh da wie bei der Schpfung, und sei jezt nicht der Rede
werth.
    Was denken Sie nun aber von jenem Leben, in das Sie diese innere Seele aller
Bildung nicht mit hinber nehmen, und wo sie nur geistig hineindringen wollen! -
Reien Sie sich nicht los, ich schlinge jezt erst die Schleife, wodurch ich ihr
Haar wieder mit dem Zopfe verbinde! - Freund, der Geist ohne Magen gleicht dem
Bren, der trg an seinen eigenen Pfoten saugt. Er ist nur der Schatzmeister
dieses in ihm hngenden Skels, und schneiden Sie ihm diesen ab, so ist's um ihn
gethan. Giebt es eine Seelenwanderung, woran ich nicht zweifle, und fahren die
abgeschiedenen Geister, wie denn das nicht unwahrscheinlich ist, eben so gut in
Blumen und Frchte u.s.w. als in Thiere - wo liegt denn noch anders dieser
Verbindungskanal der Geister, als in dem sie verschlingenden Magen, durch ihn
steigen sie, nachdem das animalische wieder abgegangen ist, verflchtigt in den
Kopf empor, und es liegt so am Tage, da wir die grten Weisen, einen Plato,
Hemsterhuis, Kant u.s.w. blos durch behagliches Hineinessen in uns aufnehmen
knnen.
    Denken Sie hier an Beispiele: Gthe, der den Hans Sachs, die Romantiker und
Griechen in sich vereinigt, ist ein so guter Esser, als Dichter, und hat
wahrscheinlich diese Geister vorweggespeiset; Bonaparte mag den Julius Csar zu
sich genommen haben, und nur der Geist des Brutus scheint dort noch ungegessen
sich irgendwo aufzuhalten. -
    Wie ist es mglich, Freund, da Sie diesem Magen und diesem Leben entsagen,
und berhaupt aus dieser knstlichen Maschine, in der Sie tausend Rder drehn
und treiben, heraus fliegen wollen? Wie viele Bhnen liegen nicht um Sie her,
auf denen Sie als Held agiren knnen! Schlachtfelder, Almanache,
Litteraturzeitungen, das grere und das kleinere Theater -
    Ich stehe am Hoftheater - fiel der junge Mensch ein, indem er eine
Danksagungsverbeugung fr den wieder angehefteten falschen Zopf machte. - Das
Pistol ist brigens ungeladen, und ich suchte mich nur hier am Grabe durch
miges Rasen in den Karakter eines Selbstmrders zu versetzen, den ich morgen
darzustellen habe. Nchternheit ist das Grab der Kunst! Ich fahre in die
Leidenschaften mglichst hinein, wie in Schlachthandschuhe, ich spiele meine
Karaktere mit Gefhl, und bin wenigstens, wie die grten Meister, auf einen Tag
geizig, wenn ich einen Geizigen, oder toll, wenn ich einen Tollen dargestellt
habe.
    Dahin ging er, und lie mich fast abgeschmakt und lcherlich da stehn. O
falsche Welt! rief ich grimmig aus - an der nichts mehr wahrhaft ist, selbst
bis auf die Haarzpfe deiner Bewohner, du leerer abgeschmackter Tummelplatz von
Narren und Masken, ist es denn nicht mglich auf dir zu einiger Begeisterung
sich zu erheben!
    Es war mir, wie wenn ich mich jezt in der Nacht unter dem zugedeckten Monde,
weit ausdehnte, und auf groen schwarzen Schwingen, wie der Teufel ber dem
Erdball schwebte. Ich schttelte mich und lachte, und htte gern alle die
Schlfer unter mir mit eins aufgerttelt, und das ganze Geschlecht im Neglige
angeschaut, wo es noch keine Schminke, falsche Zhne und Zpfe und Brste und
Hintere auf- - und an- - und umgelegt, um den ganzen abgeschmakten Haufen
boshaft auszupfeifen.

                             Dreizehnte Nachtwache


Ich stieg den Berg hinauf am Ausgange der Stadt - es war die Tag- und
Nachtgleiche des Frhlings, und drauen lag die alte Fee, die Erde, und kochte
ihre mitternchtlichen Zauberkruter, um am Morgen nach abgeworfenem Silberhaare
und ausgegltteten Runzeln, schn umlockt und bekrnzt als eine junge Nymphe
aufzustehen, und ihre neugebornen Kinder an dem schwellenden Busen zu tragen. -
Unten im Thale blies ein Hirte das Alphorn, und die Tne sprachen so lockend von
einem fernen Lande, und von Liebe und Jugend und Hofnung; ich dichtete zu ihrer
Begleitung folgenden


                         Dithyrambus ber den Frhling.

Du erscheinst, und erschrocken flieht dein finsterer Bruder, und die Schilde
und Panzer, worin er gewaffnet dastand, rasseln durcheinanderstrzend und
zerbrechen; und siehe errthend in Morgengluth tritt die junge Erde hervor, wie
eine blhende Jungfrau; und du kssest die Geliebte, Jngling, und schlingst ihr
den Brautkranz in die Locken. Da sinkt der letzte Gltscher und das erstarrte
Element wird frei, und fliet still dahin zwischen Blumen und berwlkt von
grnen Gebschen, die Berge halten ihre Sennenhtten hoch in die blaue Luft, und
an ihren Abhngen kleben die gefleckten Heerden. Blumen blhen und trumen
Liebe, und die Nachtigall singt sie in den Gestruchen. Die Bume schlingen ihre
Zweige in duftige Krnze, und reichen sie zum Himmel empor; der Adler steigt
betend in den Sonnenglanz auf, wie zu Gott, und die Lerche wirbelt ihm nach,
jubelnd ber der geschmckten Erde. Jeder duftende Kelch wird zu einer
Brautkammer, jedes Blatt ist eine kleine Welt, und alles saugt Leben und Liebe
an dem heien Herzen der Mutter! - Nur der Mensch -
    Hier verstummte plzlich das Alphorn, und der lezte Ton und das lezte Wort
verhallten langsam und sterbend.
    Hast du nur bis zu diesem Worte geschrieben, Mutter Natur? Und in wessen
Hand berlieferst du die Feder zur Fortsetzung? - Kannst du es nimmer lsen,
warum alle deine Geschpfe trumend glcklich sind, und nur der Mensch wachend
dasteht und fragend - ohne Antwort zu erhalten? - Wo liegt der Tempel des Apollo
- wo ist die Stimme, die einzig antwortende? Ich hre nichts, als Wiederhall,
Wiederhall meiner eigenen Rede - bin ich denn allein?
    Allein! ruft die hmische Stimme. Mutter, Mutter, warum schweigst du? - O du
httest das letzte Wort in der Schpfung nicht schreiben sollen, wenn du dabei
abbrechen wolltest. Ich blttere und blttere in dem groen Buche, und finde
nichts, als das eine Wort ber mich, und dahinter den Gedankenstrich, wie wenn
der Dichter den Karakter, den er vollfhren wollte, im Sinne behalten, und nur
den Namen htte mit einflieen lassen. War der Karakter zu schwierig zur
Ausfhrung, warum strich der Dichter nicht auch den Namen aus, der jetzt allein
dasteht, sich anstaunt, und nicht wei, was er aus sich selbst machen soll.
    Schlag das Buch zu, Name, bis der Dichter bei Laune ist, die leeren Bltter,
vor denen du nur als Titel stehst, vollzuschreiben! - -
    An dem Berge, mitten in das Museum der Natur, hatten sie noch ein kleines
fr die Kunst gebaut, wohinein jetzt mehrere Kenner uns Dilettanten mit
brennenden Fackeln zogen, um bei dem sich bewegenden Lichtscheine die Todten
drinnen mglichst lebendig sich einzubilden. Ich habe auch dann und wann meine
Kunstlaunen, aus mehr oder minderer Bosheit, und trete oft gern aus der groen
Kunstkammer in die kleine, um zu sehen wie der Mensch, auch ohne den Haupttheil
alles Lebens, das Leben selbst, einblasen zu knnen, doch recht artig etwas
bildet und schnitzt, wovon er nachher meint, es gehe noch ber die Natur.
    Ich folgte den Kennern und Dilettanten!
    Und vor mir standen die steinernen Gtter als Krppel ohne Arme und Beine,
ja einige gar mit fehlenden Huptern; das Schnste und Herrlichste, wozu die
Menschenmaske sich je ausgebildet hatte, der ganze Himmel eines groen
gesunkenen Geschlechts, als Leichnam und Torso wieder ausgegraben aus Herkulanum
und dem Bette der Tiber. Ein Invalidenhaus unsterblicher Gtter und Helden,
hineingebaut zwischen eine erbrmliche Menschheit.
    Die alten Knstler, die diese Gttertorsos gedacht und gebildet hatten,
zogen verhllt vor meinem Geiste vorber. -
    Jezt kletterte ein kleiner Dilettant von den Anwesenden an einer
medicischen Venus ohne Arme, mhsam hinauf, mit gespiztem Munde und fast
thrnend, um, wie es schien, ihr den Hintern, als den bekanntlich gelungensten
Kunsttheil dieser Gttin, zu kssen. Mich ergrimmte es, weil ich in dieser
herzlosen Zeit nichts weniger ausstehen kann, als die Frazze der Begeisterung,
wozu sich manche Gesichter verziehen knnen, und ich bestieg erzrnt ein leeres
Piedestal, um einige Worte zu verschwenden.
    Junger Kunstbruder! - redete ich ihn an. - Der gttliche Hintere liegt
Ihnen zu hoch, und Sie kommen bei Ihrer kurzen Gestalt nicht hinauf, ohne sich
den Hals zu brechen! Ich rede aus Menschenliebe, denn es thut mir leid, da Sie
sich unter Lebensgefahr versteigen wollen. Wir sind seit dem Sndenfalle, vor
dem Adam bekanntlich, nach der Versicherung der Rabbinen, seine hundert Ellen
ma, merklich kleiner geworden, und schwinden von Zeit zu Zeit immer mehr, so
da man in unserm Skulo vor allen solchen halsbrechenden Versuchen, wie der
vorliegende ist, ernstlich warnen mu. Was wollen Sie berhaupt bei der
steinernen Jungfrau, die in diesem Augenblicke zu einer eisernen fr Sie werden
wrde, wenn ihr nicht die chten Arme zum Umschlingen fehlten; denn mit den
ergnzten hat es keine Noth, sie dienen nicht einmal zu einer
Berlichingensfaust, und gleichen nur den angehefteten hlzernen, an den Krpern
zerschossener Soldaten. O Freund, was die Kunstrzte der neuern Periode auch
immer heilen und flicken mgen, sie bringen doch die von der tckischen Zeit
verstmmelten Gtter, wie z.B. diesen daliegenden Torso, nicht wieder auf die
Beine, und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt
verbleiben mssen. Einst, als sie noch aufrecht standen, und Arme und Schenkel
und Hupter hatten, lag ein ganzes groes Heldengeschlecht vor ihnen im Staube;
jezt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, whrend unser aufgeklrtes
Jahrhundert aufrecht steht, und wir selbst uns bemhen leidliche Gtter
abzugeben.
    Kunstfreund, wohin sind wir gekommen, da wir es wagen, diese groen
Gttergrber aufzuwhlen, und die unsterblichen Todten ans Licht zu ziehen, da
wir doch wissen, wie hart bei den Rmern die bloe Verletzung der Menschengrfte
verpnt war. Freilich achten Aufgeklrte diese Verstorbenen jezt geradezu fr
Gtzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische
Sekte, die an ihnen vergttert und anbetet - aber was ist es auch mit ihr,
Kunstfreund? Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre
Chre zum Lobe der Gtter; unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken, und
hat die Andacht im Kopfe, wie cht Religise im Herzen.
    Ach, man soll die alten Gtter wieder begraben! Kssen Sie den Hintern,
junger Mann, kssen Sie, und damit gut!
    Auf der andern Seite, Freund, wollen Sie nicht mehr anbeten, so sollen Sie
auch nicht weiter auf Kosten der Natur bewundern; denn der Menschwerdung dieser
Gtter widersetze ich mich standhaft. Sie haben die Wahl; entweder beten, oder
begraben! -
    Nicht so aufgeschaut, Lieber! Fhren Sie die Natur, die chte meine ich, wo
mglich in Person einmal in diesen Kunstsaal, und lassen Sie sie reden. Beim
Teufel, sie wird lachen ber die komische Menschenmaske, die ihr so abgeschmackt
wie der Popanz in Horazens Briefe an die Pisonen erscheinen mu.
    Lassen Sie sie sprechen, ob sie jemals zu dieser Zehe diese Nase, zu diesem
Munde jene Stirn, zu dieser Hand jenen Hintern wirklich geschaffen haben wrde;
- ich wette sie wrde verdrielich werden, wenn Sie ihr so etwas einreden
wollten! Dieser Apoll wre vielleicht ein Krppel, htte sie ihn von der kleinen
Zehe fortgesetzt, dieser Antinous ein Thersites und jener tragische gewaltige
Laokoon gar eine Art von Kaliban, wenn nach Naturgesetzen alles reformirt werden
sollte. Ja was mchte dann wohl aus dieser Minerva werden, die jetzt bis zum
hchsten Punkte des Ideals hinaufgearbeitet vor Ihnen steht, indem nmlich das
Haupt an ihr defekt ist, worin der weise Geist thront, der nach Geisterart sich
unsichtbar gemacht hat.
    Diese Minerva ohne Kopf erregt berhaupt noch in weit grerem Maae meine
Aufmerksamkeit, als der Agamemnon mit verhlltem Haupte, in dem bekannten
Gemlde des Timanthes. So wie dieser nmlich den Knstlern die Regel gegeben
hat, den hchsten unendlichen Schmerz nur errathen zu lassen, so scheint jene
dasselbe in Hinsicht auf die Urschnheit anzudeuten. Unsere modernen richten
sich auch danach, und ihre Kpfe sind in doppelter Hinsicht nur als Surrogate
von Kpfen anzusehen, und stehen da oben nur gleichsam wie die Knpfe auf
Thrmen, zum bloen Schlusse der Gestalt. - Die Alten backten, wie jener
Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen
den Sonnenfunken mit hinein; - wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht
vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; - ja es giebt jetzt sogar eine
allgemeine Feuerpolizei - eine Zensur und Rezensur - die schnell genug jedwede
Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns
nicht aufkommen. Weise Einrichtung des Staates, der lieber gute brauchbare
Maschienen, als khne Geister unter seinen Brgern duldet, der den Fuchs selbst
zum Balge herauspeitscht, um den Balg zu benutzen, der die Hnde und Fe, als
dauerhafte Dreh- und Tretemaschienen, hher anschlgt, als die Kpfe seiner
Landeskinder. - Der Staat hat, wie der Briareus, nur einen einzigen Kopf, aber
hundert Arme von Nthen - und damit gut! -
    Ich endete erschrocken, denn bei dem tuschenden Fackelglanze schien sich
der ganze verstmmelte Olymp umher plzlich zu beleben; der zrnende Jupiter
wollte sich aufrichten von seinem Sitze, der ernste Apoll griff nach dem Bogen
und der klingenden Leier, mchtig bumten sich die Drachen um den kmpfenden
Laokoon und die sinkenden Shne, Prometheus formte mit den Stmpfen seiner Arme
Menschen, die stumme Niobe schtzte das jngste ihrer Kleinen vor den
herabstrahlenden Sonnenpfeilen, die Musen ohne Hnde, Arme und Lippen regten
sich durcheinander, wie wenn sie sich bemheten die alten verklungenen Lieder zu
singen und zu spielen - aber es blieb alles still ringsum, und schien nur noch
heftige zuckende Bewegung auf einem Schlachtfelde; - nur tief im Hintergrunde
stand, ohne Beleuchtung, starr und versteinert ein Furienchor, und schaute
finster und schrecklich dem Gewhle zu.

                             Vierzehnte Nachtwache


Kehre mit mir zurck ins Tollhaus, du stiller Begleiter, der du mich bei meinen
Nachtwachen umgiebst. -
    Du erinnerst dich noch an mein Narrenkmmerchen, wenn du anders den Faden
meiner Geschichte - die sich still und verborgen, wie ein schmaler Strom, durch
die Fels- und Waldstcke, die ich umher aufhufte, schlingt - nicht verloren
hast. In diesem Narrenkmmerchen lag ich, wie in einer Hle der Sphynx, mit
meinem Rthsel eingeschlossen, und war fast auf dem glcklichen Wege, mich
wahrhaft zur Tollheit, als dem einzigen haltbaren Systeme, zu bekennen, eben
weil ich tglich Gelegenheit hatte die Resultate dieser allgemeinen Schule, mit
denen der einzelnen zu vergleichen.
    Ich will etwas ausholen! sagen die Schriftsteller, wenn sie vom Eie einer
Sache anheben wollen, ich mu mich auch dazu bequemen, da ich in dieser Nacht
das einzige Nachtigallenei meiner Liebe auszubrten gedenke; denn um mich her
schlagen die Nachtigallen in allen Bschen und Gezweigen, und verbinden sich,
wie ein Chor, zu einem einzigen Liebesgesange.
    Ich spielte einst aus Ingrimm ber die Menschheit auf einem Hoftheater den
Hamlet, als Gastrolle, um Gelegenheit zu haben, mich gegen das schweigend
dasitzende Parterre eines Theils meiner Galle zu entledigen. An diesem Abende
trug es sich zu, da die Ophelia aus ihrem Vexirwahnsinne Ernst machte und
frmlich toll vom Theater ablief. Es gab gewaltigen Lrm, und wie andere
Direktoren sich mit dem Einstudieren der Rollen zu beschftigen pflegen, so
bemhete sich dagegen der anwesende seine Prima Donna mit aller Anstrengung aus
der gespielten herauszustudieren; - doch vergeblich, die mchtige Hand des
Shakespear, dieses zweiten Schpfers, hatte sie zu heftig ergriffen, und lies
sie zum Schrecken aller Gegenwrtigen nicht wieder los. Fr mich war es ein
interessantes Schauspiel, dieses gewaltige Eingreifen einer Riesenhand in ein
fremdes Leben, dieses Umschaffen der wirklichen Person zu einer poetischen, die
jetzt vor den Augen aller Vernnftigen, auf Kothurnen ernsthaft auf- und abging,
und abgerissene Gesnge, wie wunderbare Geistersprche, hren lie. So sehr man
auch mit den bndigsten Grnden in sie drang zur Vernunft zurckzukehren, so
heftig protestirte sie dagegen, und es blieb zuletzt kein anderes Mittel brig,
als sie ins Tollhaus zu schicken.
    Zu meinem nicht geringen Erstaunen traf ich hier wieder mit ihr zusammen.
Ihr Kmmerchen stie dicht an das meinige, und ich hrte sie tglich den
Holzschuh und Muschelhut ihres Geliebten besingen. Ein Kerl wie ich, der aus Ha
und Grimm zusammengesetzt ist, und nicht wie andere Menschenkinder seiner Mutter
Leibe, sondern vielmehr einem schwangern Vulkane entbunden zu sein scheint, hat
fr Liebe und dergleichen wenig Sinn; und doch beschlich mich hier im Tollhause
so etwas, es uerte sich zwar anfangs nicht in den gewhnlichen Symptomen, als
Vorliebe fr Mondschein, poetischen Andrangs zum Kopfe und dergleichen; sondern
vielmehr in dem heftigen Bestreben zur Errichtung einer Narrenpropaganda und
einer ausgebreiteten Kolonie von Verrckten, um sie zum Schrecken der andern
vernnftigen Menschen plzlich anlanden zu lassen.
    Dies tolle Gefhl inde, das sie Liebe nennen, und das wie ein Flicken vom
Himmel auf diese drre Steppe der Erde heruntergefallen ist, fing doch am Ende
auch bei mir an es ernstlicher zu nehmen, und ich machte zu meinem eigenen
Entsetzen mehrere Gedichte in Versen, schaute auch in den Mond, und sang gar zu
Zeiten mit, wenn drauen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen. Ich habe
wahrhaft einmal einige Rhrung an einem sogenannten melancholischen Abende
versprt; ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushle
schauen, und weniger denken als nichts. - Auch Betrachtungen habe ich in diesem
Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt, von welchen ich doch hier einige fr
gefhlvolle Seelen ausheben will.


                                  An den Mond

Sanftes Antlitz voll Gutmthigkeit und Rhrung; denn beides mut du in dir
vereinen, weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreiest, weder zum Fluchen,
noch zum Ghnen, wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wnsche zu
dir hinaufrichten, und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen; so lange du auch schon
um die Erde herumgelaufen bist, als ihr Begleiter und Cicisbeo, so hast du dich
doch bestndig als ein treuer Confident gehalten, und man findet kein einziges
Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin, wo du unwillig geworden wrest,
die Nase germpft, oder einige hmische Mienen angenommen httest, ob du gleich
diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen
hrtest. Noch immer bist du gleich aufmerksam, ja man sieht dich so oft gerhrt
das Wischtchlein einer Wolke vorhalten, um deine Thrnen dahinter zu verbergen.
Welchen bessern Zuhrer knnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter whlen,
als dich, welchen innigern Vertrauten ich, der ich hier im Tollhause mich
liebend verzehre. Wie bla du bist, Guter, wie theilnehmend, und zugleich wie
aufmerksam auf alle, die noch in diesem Augenblicke auer mir stehen, und dich
anschauen! Deine gutmthige Miene knnte man leicht fr Einfalt halten,
besonders heute, wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genhrt
anzuschauen ist; aber du magst zunehmen, wie du willst, ich lasse mich dadurch
in deinem Antheile nicht tuschen, bleibst du doch immer der Alte, und nimmst
auch wieder ab, und verzehrst dich - ja verhllst du nicht gar, wenn dich die
Rhrung berwltigt, dein Gesicht, wie der weinende Agamemnon, da man nichts
von dir sieht, als den vor Gram kahlen Hinterkopf! - Leb wohl, Trauter, Guter!


                                  An die Liebe

Weib, was willst du von mir, da du dich an mich hngst? Hast du mir auch schon
ins Gesicht geschaut? - Du mit deinem Lcheln und deinen holden liebugelnden
Mienen, und ich, mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz! - Traute,
berleg es, wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab. La mich los, beim Teufel!
ich habe nichts mit dir zu schaffen! Du lchelst wieder und hltst mich fest?
Was soll die vorgehaltene Gttermaske, mit der du mich anblickst? Ich reie sie
dir ab, um das dahintersteckende Thier kennen zu lernen; denn in der That, ich
halte dein wahres Gesicht nicht fr das reizendste. - Himmel, das wird immer
rger, ich girre und schmachte ganz erbrmlich - willst du mich vllig rasend
machen! Weib, wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden
Instrumente, wie ich bin, spielen zu wollen! Die Komposizion ist fr einen Fluch
gesetzt, und ich mu ein Liebeslied dazu absingen. O la mich fluchen und nicht
in so schrecklichen Tnen schmachten! hauche deine Seufzer in eine Flte, aus
mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete, und ich rhre die Lermtrommel,
wenn ich girre. - Und nun gar der erste Ku - o das andere liee sich noch
berstehen, wie alles, was sich blos in der Sprache und in Tnen umhertreibt,
und es wre mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken - aber
der erste Ku - ich habe niemals gekt, aus Abscheu gegen alle rhrende und
zrtliche Heuchelei - Unhold, wte ich da du mich dazu verleiten knntest, ich
bte meine letzte Kraft auf, und schttelte dich von mir!

In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet, und mich
ordentlich methodisch auszuschreiben gesucht, wie mancher Dichter, der seine
Gefhle so lange auf dem Papiere von sich giebt, bis sie zuletzt alle abgegangen
sind, und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nchtern dasteht.
    Es schlug inde alles fehl bei mir, ja die Symptome wurden immer kritischer,
und ich fing gar an in mich vertieft umherzuwandern, und fhlte mich fast human
und kleinlaut gegen die Welt gestimmt. Einmal meinte ich gar, sie knnte doch
wohl die beste sein, und der Mensch selbst wre etwas mehr, als das erste Thier
darauf, ja er habe einigen Werth und knne vielleicht gar unsterblich sein.
    Als es so weit gekommen war, gab ich mich selbst verloren, und betrieb es
jetzt ganz so langweilig und alltglich wie ein anderer Verliebter. Ich
entsetzte mich schon nicht mehr, wenn ich versifizirte, ja ich konnte auf eine
lngere Zeit gerhrt bleiben, und gewhnte mich an manche Ausdrcke, die ich
sonst gar nicht in den Mund genommen htte. Jetzt lie ich den ersten
Liebesbrief vom Stapel laufen, den ich hier sammt dem andern Briefwechsel zu
Erbauung anhnge:


                               Hamlet an Ophelia

Himmlischer Abgott meiner Seele, reizerfllteste Ophelia! Dieser Eingang zwar,
mit dem ich meinen ersten Brief an dich berschrieb, als wir noch blos auf dem
Hoftheater uns zum Vergngen der Zuschauer liebten, knnte dich vielleicht
tuschen, und es dir einreden wollen, als ob ich noch eben so wie damals an
einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfndigkeiten, die ich
von der hohen Schule mitbrachte, laborirte. - Aber la dich dadurch nicht
tuschen Abgott, denn ich bin fr diesesmal wirklich toll - so sehr liegt alles
in uns selbst und ist auer uns nichts Reelles, ja wir wissen nach der neuesten
Schule nicht, ob wir in der That auf den Fen, oder auf dem Kopfe stehen, auer
da wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben angenommen haben. - Es
ist dies ein ganz verwnschter Ernst, Ophelia, und du sollst nicht etwa glauben,
da ich es als Persiflage von mir gebe. - Ach, wie ist es alles jetzt verndert
in deinem armen Hamlet - diese ganze Erde, die ihm sonst wie ein verdeter
Garten voll Dornen und Disteln, wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer
Ausdnstungen vorkam, hat sich jezt vor ihm in ein Eldorado verwandelt, in einen
blhenden Garten der Hesperiden; er war einst so frei und kerngesund, als er sie
hate, und ist jetzt ein Sklav und fast krank, da er sie liebt. - Theuerste -
ich wollte da ich Verhateste sagen knnte, es gbe dann doch wenigstens
nichts, was mich an diesen dummen Ball fesselte, und ich knnte ganz froh und
lustig mich von ihm hinunterstrzen in das ewige Nichts - also leider Theuerste!
ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir: Geh in ein Nonnenkloster! denn ich
bin toll genug zu glauben, wenn der Mensch liebe, so sei der Narr etwas, ob er
gleich deshalb doch immer nur dem Tode rascher entgegen geht, und dieser ihm,
bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen; es sei dies nun an
dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte, auf dem Gerste wo die schne
Maria blutete, oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte.
    Ich wei gewi, der bse Feind schwebt hohnlachend ber der Erde, und hat
die Liebe, als eine bezaubernde Maske, auf sie herabgeworfen, um die sich jezt
alle Menschenkinder reien, sie auf eine Minute lang vorzuhalten. Sieh, auch ich
habe sie leider gefat, und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zrtlich hinter
ihr, und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen. O wre
die verwnschte Larve nicht, es htten dann die Erdenshne hienieden gewi dem
jngsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevlkerung, damit
unser Herrgott, oder wer sonst zulezt den Erdball noch einmal anschauen will,
ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvlkert gefunden htte.
    Doch la mich endlich zu dem Punkte kommen, den ich leider, so sehr ich mir
auch Mhe gebe, nicht umgehen kann - zu meiner Liebeserklrung!
    Zorniger, wilder, menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht
ausgesehen, als in diesem Augenblicke, wo ich es dir aufgebracht hinschreibe,
da ich dich liebe. dich anbete, und da ich nach dem Wunsche dich zu hassen und
zu verabscheuen, keinen sehnlichern hege, als das Gestndni deiner Gegenliebe
zu vernehmen. Bis dahin dein
                                                               liebender Hamlet.


                               Ophelia an Hamlet

Liebe und Ha steht in meiner Rolle, und zulezt auch Wahnsinn - aber sage mir
was ist das alles eigentlich an sich, da ich whlen kann. Giebt es etwas an
sich, oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie. - Sieh da kann ich
mich nimmer herausfinden, ob ich ein Traum - ob es nur Spiel, oder Wahrheit, und
ob die Wahrheit wieder mehr als Spiel - eine Hlse sitzt ber der andern, und
ich bin oft auf dem Punkte den Verstand darber zu verlieren.
    Hilf mir nur meine Rolle zurcklesen, bis zu mir selbst. Ob ich denn selbst
wohl noch auer meiner Rolle wandle, oder ob alles nur Rolle, und ich selbst
eine dazu. Die Alten hatten Gtter, und auch einen darunter, den sie Traum
nannten, es mute ihm sonderbar zu Muthe sein, wenn es ihm etwa einfiel sich fr
wirklich halten zu wollen, und er doch immer nur Traum blieb. Fast glaube ich
der Mensch ist auch solch ein Gott. Ich mchte gern mich auf einen Augenblick
mit mir selbst unterreden, um zu erfahren, ob ich selbst liebe, oder nur mein
Name Ophelia - und ob die Liebe selbst etwas ist, oder nur ein Name. - Sieh, da
suche ich mich zu ereilen, aber ich laufe immer vor mir her und mein Name
hinterdrein, und nun sage ich wieder die Rolle auf - aber die Rolle ist nicht
Ich. Bring mich nur einmal zu meinem Ich, so will ich es fragen, ob es dich
liebt.
                                                                        Ophelia.


                               Hamlet an Ophelia

Grbele dergleichen Dingen nicht so tief nach, Theure, denn sie sind so
verworrener Natur, da sie leicht zum Tollhause fhren knnten! Es ist Alles
Rolle, die Rolle selbst und der Schauspieler, der darin steckt, und in ihm
wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possen - alles gehrt dem
Momente an, und entflieht rasch, wie das Wort, von den Lippen des Komdianten. -
Alles ist auch nur Theater, mag der Komdiant auf der Erde selbst spielen, oder
zwei Schritte hher, auf den Brettern, oder zwei Schritte tiefer, in dem Boden,
wo die Wrmer das Stichwort des abgegangenen Knigs aufgreifen; mag Frhling,
Winter, Sommer oder Herbst die Bhne dekoriren, und der Theatermeister Sonne
oder Mond hineinhngen, oder hinter den Koulissen donnern und strmen - alles
verfliegt doch wieder und lscht aus und verwandelt sich - bis auf den Frhling
in dem Menschenherzen; und wenn die Koulissen ganz weggezogen sind, steht nur
ein seltsames nacktes Gerippe dahinter, ohne Farbe und Leben, und das Gerippe
grinset die anderen noch herumlaufenden Komdianten an.
    Willst du aus der Rolle dich herauslesen, bis zum Ich? - Sieh dort steht das
Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fllt jezt selbst
zusammen; - aber hinterdrein wird hhnisch gelacht. Das ist der Weltgeist, oder
der Teufel - oder das Nichts im Wiederhalle!
    Sein oder Nichtsein! Wie einfltig war ich damals, als ich mit dem Finger an
der Nase diese Frage aufwarf, wie noch einfltiger diejenigen, die es mir
nachfragten, und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte. Ich htte das
Sein erst um das Sein selbst befragen sollen, dann liee sich nachher auch ber
das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln. Ich brachte damals noch die
Unsterblichkeitstheorie von der hohen Schule mit, und fhrte sie durch alle
Kategorien. Ja, ich frchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halber - und
beim Himmel mit Recht, wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch
eine zweite folgen sollte - - ich denke es hat damit nichts zu sagen!
    Darum, theure Ophelia, schlag dir das alles aus dem Sinne, und la uns
lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreiben - blos aus Rache, damit
nach uns noch Rollen auftreten mssen, die alle diese Langweiligkeiten von neuen
ausweiten, bis auf einen lezten Schauspieler, der grimmig das Papier zerreit
und aus der Rolle fllt, um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre
spielen zu mssen.
    Liebe mich kurz und gut, ohne weiteres Grbeln!
                                                                         Hamlet.


                               Ophelia an Hamlet

Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle, und ich kann dich nicht
herausreien, so wenig wie die Bltter aus dem Stcke, worauf meine Liebe zu dir
geschrieben ist. So will ich denn, da ich mich aus der Rolle nicht zurcklesen
kann, in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes, hinter dem dann
doch wohl das eigentliche Ich stehen wird. Dann sage ich dir, ob auer der Rolle
noch etwas existirt und das Ich lebt und dich liebt.
                                                                        Ophelia.

Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein, und jeder
nachfolgende Wechsel, von den Blicken, Kssen und dergleichen an, bis zum
Selbstwechsel.
    Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben. -
Ich war doch fast glcklich in der Zeit, und sprte in dem Tollhause zuerst
einige Menschenliebe, so da ich ernsthaft ber Planen brtete mit den Narren um
mich her Plato's Republick zu realisiren. Doch da strich der Traumgott wieder
alles aus!
    Die Ophelia wurde immer blasser und vernnftiger, obgleich der Arzt meinte,
der Unsinn sei bei ihr im Steigen; aber es war der Moment, wo ein groer Sinn in
ihn eintrat. -
    Es strmte wild um das Tollhaus her - ich lag am Gitter und schaute in die
Nacht auer der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war. Es war mir,
als stnde ich dicht am Nichts und riefe hinein, aber es gbe keinen Ton mehr -
ich erschrack, denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben, aber ich hrte mich
nur in mir. Ein Bliz, ohne nachfolgenden Donnerschlag, flog pfeilschnell, aber
still durch die Nacht, und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr, wie ein
Geist. Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit
seinen Ketten, auf der anderen hrte ich Ophelia abgerissene Stcke ihrer
Balladen singen, doch wurden die Tne oft Seufzer, und zulezt schien mir alles
eine groe Disharmonie, zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik
abgaben. Es dnkte mich, als entschliefe ich. Da sah ich mich selbst mit mir
allein im Nichts, nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde, wie
ein auslschender Funken - aber es war nur ein Gedanke von mir, der eben endete.
Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die de - es war die ausschlagende
Zeit, und die Ewigkeit trat jetzt ein. Ich hatte jezt aufgehrt alles andere zu
denken, und dachte nur mich selbst! Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden, als
das groe schreckliche Ich, das an sich selbst zehrte, und im Verschlingen stets
sich wiedergebar. Ich sank nicht, denn es war kein Raum mehr, eben so wenig
schien ich emporzuschweben. Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit
verschwunden, und es herrschte eine frchterliche ewig de Langeweile. Auer
mir, versuchte ich mich zu vernichten - aber ich blieb und fhlte mich
unsterblich! -
    Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Gre und ich erwachte
tiefaufathmend - das Licht war erloschen, ringsum tiefe Nacht; nur Ophelien
hrte ich leise ihre Balladen singen, wie wenn sie jemand damit in den Schlaf
wiegte. Ich tappte an den Wnden aus meiner Kammer, neben mir schlichen drauen
durch die Finsterni noch Wahnsinnige und zischelten leise.
    Ich ffnete Opheliens Thr, sie lag bla auf ihrem Lager, bemht ein todtes
eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen; neben ihr stand ein
irres Mdchen und legte den Finger auf den Mund, wie wenn sie mir Stille
zuwinkte.
    Jezt schlft es! sagte Ophelia und blickte mich lchelnd an, und das Lcheln
war mir, wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute. - Gottlob, es giebt
einen Tod, und dahinter liegt keine Ewigkeit! sprach ich unwillkhrlich.
    Sie lchelte fort und flsterte nach einer Pause, wie wenn die Sprache sich
allmlig in Hauche auflsen und leise verschwinden wollte: Die Rolle geht zu
Ende, aber das Ich bleibt, und sie begraben nur die Rolle. Gottlob da ich aus
dem Stcke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann; hinter dem
Stcke geht das Ich an! - Es ist nichts! sagte ich schttelnd. - Sie fuhr kaum
hrbar fort: Dort steht es schon hinter den Koulissen und wartet auf das
Stichwort; wenn nur der Vorhang erst ganz nieder ist! - Ach, ich liebe dich! das
ist die lezte Rede im Stcke, und sie allein will ich aus meiner Rolle zu
behalten suchen - es war die schnste Stelle! Das brige mgen sie begraben! -
    Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab - niemand klatschte und es war, als
ob kein Zuschauer zugegen wre. Sie schlief schon ganz fest mit dem Kinde an der
Brust, und beide waren nur sehr bla und man hrte keine Athemzge, denn der Tod
hatte ihnen seine weie Maske schon aufgelegt. -
    Ich stand strmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich
zornig Luft, wie zu einem wilden Gelchter - ich erschrack, denn es wurde kein
Gelchter, sondern die erste Thrne, die ich weinte. Nahe bei mir heulte noch
einer; - doch war es nur der Sturm, der durch das Tollhaus pfiff.
    Als ich aufblickte, standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das
Lager her, alle schweigend, aber seltsam gestikulirend und sich gebrdend;
einige lchelnd, andere tief nachsinnend, noch andere den Kopf schttelnd, oder
starr die weie Schlummernde und das Kind betrachtend; - auch der Weltschpfer
war darunter, aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund.
    Es ward mir fast bange in dem Kreise!

                             Funfzehnte Nachtwache


So sehr es auch die tgliche Erfahrung lehrt, da man an allen Pltzen Narren
duldet, so aufgebracht war man doch darber, da ich den Versuch angestellt
hatte, sie fortzupflanzen, und mir wurde darber sogar zur Strafe mein
Narrenkmmerchen aufgesagt.
    Ach es war mir recht traurig, als ich von meinen Brdern Abschied nehmen
sollte, um wieder unter die Vernnftigen zu laufen und wie nun die Thr des
Tollhauses hinter mir in das Schlo rasselte, stand ich ganz einsam da und
suchte melancholisch den Gottesacker auf, wo sie die Ophelia hingetragen hatten.
O htte ich nur mindestens einen Laertes auffinden knnen, um mit ihm an dem
Grabe mich herumzuschlagen, denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstrkten
Ha gegen alle Vernnftige mitgebracht, die mit ihren platten nichtssagenden
Physiognomien, jezt wieder um und neben mir wandelten.
    Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewhnlichen
Menschenkindern, da sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen drfen. Der
Reiche schliet sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlssel in
seiner Hand auf; der Arme hat ein Freibillet fr die ganze Natur, und er kann
die hchsten und schnsten Wohnungen nach Belieben beziehen; heute den tna,
morgen die Fingalsgrotte; in dieser Woche den Sommeraufenthalt des Weisen am
Genfersee, und in der folgenden die kstliche krystallene Halle des Rheinfalles,
wo statt der Deckengemlde ihm die Sonne Regenbogen ber das Haupt webt, und die
Natur seinen Pallast im immerwhrenden Zerstren wieder aufbaut.
    Zeigt mir einen Knig, der glnzender wohnen kann, als ein Bettler!
    Ich reisete berdies mit dem Vortheile, nirgend um meine Zeche gemahnt zu
werden, oder mich fr die Nachtmahlzeit bei jemand anderm, als bei der alten
Mutter selbst bedanken zu mssen; denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem
Schooe, die sie mir nicht verweigerte, und sie reichte der durstigen Lippe in
der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des strzenden
Wasserfalls. - Ich war recht froh und frei und hate die Menschen nach Belieben,
weil sie so klein und nichtsnutzig durch den groen Sonnentempel hinschlichen.
    Einst hatte ich mich eben von meinem Lager, einem duftenden blumigten Rasen,
aufgerichtet, und schaute in die Morgenglut, die wie ein Geist aus dem Meere
aufstieg, wobei ich, um das Ntzliche mit dem Angenehmen zu verbinden, eine
aufgegrabene Wurzel anbi. Es gehrt zur menschlichen Gre in der Nhe
erhabener Gegenstnde, Nebengeschfte zu betreiben, z.B. der aufgehenden Sonne,
mit der Pfeife im Munde ins Antlitz zu schauen, oder whrend der Katastrophe
einer Tragdie Makkaroni zu speisen und dergleichen; die Menschen haben es darin
sehr weit gebracht.
    Als ich nun so behaglich da lag, wandelte mich die Laune zu einem Monologe
an, den ich folgendergestalt hielt:
    Nichts geht doch ber das Lachen, und ich schlage es fast so hoch an, wie
andere gebildete Leute das Weinen, obgleich sich eine Thrne leicht zu Tage
frdern lt, blos durch starkes Hinschauen auf einen Fleck, oder durch
mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen, ja zuletzt schon durch heftig
anhaltendes Lachen allein. Habe ich nicht letzthin einen ziemlich abgezehrten
Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne hufig Thrnen vergieen sehen, und
andere standen nahe dabei und rhmten es als ein Zeichen eines gefhlvollen
Gemthes, und weinten zuletzt ber den Weinenden. Nur ich trat hinzu, und
fragte: Freund, rhrt der Gegenstand so heftig? - Nicht doch; sagte jener, aber
der Lichtstrahl wirkt nach neuern Beobachtungen, auerdem da er niesen und
weinen zuwege bringt, auch auf das Erzeugen; und ich war in Italien! - Ich
verstand den Mann, der der Sonne zu etwas Reellerm ins Auge schaute, als zum
bloen Phantasieren. - Als ich mich lachend umdrehete, schalten die andern mich
weinend in sehr harten Ausdrcken; ich lachte ber diesen Kontrast noch strker,
und es fehlte wenig, so htten sie mich aus Rhrung gesteinigt! -
    Wo giebt es berhaupt ein wirksameres Mittel jedem Hohne der Welt und selbst
dem Schicksale Troz zu bieten, als das Lachen? Vor dieser satirischen Maske
erschrickt der gerstetste Feind, und selbst das Unglck weicht erschrocken von
mir, wenn ich es zu verlachen wage! - Was beim Teufel, ist auch diese ganze
Erde, nebst ihrem empfindsamen Begleiter dem Monde, anders werth als sie
auszulachen - ja sie hat allein darum noch einigen Werth weil das Lachen auf ihr
zu Hause ist. Es war alles auf ihr so empfindsam und gut eingerichtet, da es
dem Teufel, der sie einst zum Zeitvertreibe sich beschaute, zum rger gereichte;
um sich an dem Werkmeister zu rchen, schickte er das Gelchter ab, und es wute
sich geschickt und unbemerkt in der Maske der Freude einzuschleichen, die
Menschen nahmen's willig auf, bis es zuletzt die Larve abzog und als Satire sie
boshaft anschaute. - Lat mir nur das Lachen mein lebelang, und ich halte es
hier unten aus! -
    Hoho! rief es jetzt dicht an meinem Ohre und als ich mich umdrehete, schaute
mir ein hlzerner Hanswurst keck und trotzig ins Antlitz. Er ist mein Patron!
sagte ein groer Kerl, der ihn mir entgegenhielt, und neben sich einen groen
Kasten stehen hatte. Er hat Talente zum Hanswurst, und ich brauche eben einen,
denn der meinige ist mir heute verstorben. Hat er Lust, so schlage er ein; der
Posten ist eintrglich, und wirft mehr ab, als Wurzeln fressen! -
    Der hlzerne Spamacher schaute mich dabei vertraulich an, und ich fhlte
mich zu ihm hingezogen, wie zu einem Freunde. Der Kerl ist in Venedig
geschnitzt, - sagte der Puppenspieler wie zur Aufmunterung - und ich wette, er
macht seine Sache besser, als irgend ein anderer; schaue er nur, er geht und
steht, wie auf lebendigen Beinen, legt die Hand aufs Herz, trinkt und it, wenn
ich am Faden ziehe, und kann lachen und weinen, wie ein gewhnlicher Mensch,
blo durch einen leichten mechanischen Druck! -
    Topp! rief ich, und nahm den Kasten auf die Schultern, und die hlzerne
Gesellschaft klapperte drinnen unter dem Tragen, wie wenn sie eine franzsische
Revoluzion zum Zeitvertreib auffhrte.
    Im Wirthshause fanden wir das Theater, und schon Leute, die sichs ansehen
wollten; der Direktor gab mir einen flchtigen theoretischen Unterricht in der
tragischen sowohl, wie in der komischen Kunst, auch erffnete er mir zur
Zerstreuung eine kleine Seitenthr, wo mein Vorgnger im Hanswurst auf der Streu
im Leichentuche lag, und seine Rolle ausgespielt hatte; das Gesicht war recht
boshaft verzogen, und jener sagte: Er ist im Lachen verstorben, wodurch er sich
hinter der Bhne einen Stickflu zuzog! -
    Ein schner Tod! erwiderte ich, und wir machten uns nun bereit die hlzerne
Treppe zu dirigiren. Mein Gefhrte hatte groe Force in den Liebhabern und
Liebhaberinnen, wovon er diese durch die Fistel sprach. Mein Hauptfach dagegen
war der Hanswurst, doch hatte ich auch nebenzu die Knige zu besorgen. Als der
Vorhang fiel, umarmte mich der Mann feurig, und sagte da ich meinem Posten Ehre
mache.
    Wie theuer einem inde das Dirigiren zu stehen kommen kann, das hatten wir
Gelegenheit auch unter Marionetten zu erfahren; die Sache trug sich
folgendergestalt zu:
    Wir hatten unsere Bhne in einem kleinen deutschen Dorfe, nahe an der
franzsischen Grenze, aufgeschlagen. Sie gaben drben grade die groe
Tragikomdie, in der ein Knig unglcklich debtirte, und der Hanswurst, als
Freiheit und Gleichheit, lustig Menschenkpfe, statt der Schellen, schttelte. -
Wir hatten den unglcklichen Einfall den Holofernes auf das Theater zu bringen,
und erhizten dadurch die zuschauenden Bauern so heftig, da sie die Bhne
erstrmten, unter den Schauspielerinnen uns die Judith entfhrten, und mit ihr
und dem abgeschlagenen hlzernen Haupte des Holofernes geradeweges vor das Haus
des Schulzen zogen, und nicht weniger als seinen Kopf von ihm forderten. Das in
Anspruch genommene Haupt erblate, als die Rebellen ihm das blutige hlzerne
entgegenhielten, und weil die Sache mir immer bedenklicher schien, so suchte ich
ihr rasch eine andere Wendung zu geben. Ich bemchtigte mich des
Holoferneskopfes, sprang auf einen Stein, und suchte in der Angst folgende Rede
zu Stande zu bringen:
    Lieben Landleute!
    Schaut dieses hlzerne blutige Knigshaupt an, das ich hier hoch
emporhalte. Es wurde, als es noch auf dem Rumpfe sa, durch diesen Drath
regiert, den Drath regierte wieder meine Hand, und so fort bis ins
Geheimnivolle, wo das Regiment nicht mehr zu bestimmen ist. Dieses Haupt ist
ein knigliches, ich aber, der an dem Drathe zog, da es so oder so nickte, oder
schttelte, bin ein ganz gewhnlicher Kerl, und komme im Staate in gar keine
Betrachtung. Wie knntet ihr euch also wohl gegen diesen Holofernes erzrnen,
wenn er nickte, oder schttelte wie ich es wollte? - Ich denke ihr findet meine
Rede vernnftig, Landleute! - Doch aber scheint der Zorn ber dieses hlzerne
Haupt, sich bestimmt auf das Haupt eures Schulzen bertragen zu haben - und das
finde ich unbillig. - Ich will mich bildlich auszudrcken suchen: Mein
Holofernes spielt nicht nach eurem Willen; wohlan, so schlagt mich, den gemeinen
Kerl, auf die Hnde, da mein Minister, der Drath den ich anziehe, eine andere
Richtung bekommt, und durch diese wieder der Knigskopf anmuthiger und
verstndiger nicke oder schttele. Was hat euch dieser arme Kopf gethan, da ihr
so mit ihm umspringt; er ist das mechanischste Ding auf der Welt und es wohnt
nicht einmal ein Gedanke in ihm. Fordert doch von diesem Kopfe keine Freiheit,
da er selbst nichts Analoges davon in sich enthlt. - Auch ist es ein miliches
Ding um das, war ihr Freiheit scheltet, ist es doch nicht das Marionettenspiel
allein, was ihr heute gesehen habt, wo dem hlzernen Knige der Kopf ohne
weiteren Erfolg vom Rumpfe geschlagen wird, sondern ich habe dergleichen von
noch fehlerhafterer Natur in meinem Kasten, wo der Dichter dem Stoffe nicht
gewachsen war, und er nach Art politischer Poeten, die Republick an der er
dichtete, zu einer Despotie verpfuschte. Ich kann dergleichen vor euch
auffhren! - Unrecht bleibt es auch immer solche widernatrliche Strafen zu
exerziren, als z.B. da auf das Kpfen zu bestehen, wo sich kein Kopf vorfindet,
denn dieser hlzerne ist nur blos fr das Auge da, und zum Glck verstehe ich
es, ihn wieder auf den Rumpf zu sezen, was nicht in jedem hnlichen Falle
glcken drfte. Und wehe meinen armen Marionetten, wenn es einmal einem
wirklichen Kopfe einfiele, den hlzernen hier in meiner Hand ersetzen zu wollen,
und jener nun auf seine Weise nickte und schttelte, und den Drath ganz abrisse
- da knnte eine Posse sich leicht zu einer ernsten Tragdie revolutioniren! -
Ich denke, ich habe genug gesagt, Landleute! -
    Die Menschheit ist im Ganzen, wenn sie nicht grade an fixen Ideen leidet,
eine ehrliche einfltige Haut, und sie findet sich leicht in das
Entgegengesezteste; ja ich glaube sie kann sich, wenn sie heute ein leichtes
Band, das sie fesselte, zerrissen hat, morgen mit eben dem Enthusiasmus in
Ketten werfen lassen. Einer der droben zuschaut, mu mit dem Volke Mitleid
haben. So gaben auch heute meine Bauern das Revoluzioniren gutmthig wieder auf,
und lieen dagegen ihren Schulzen hochleben; leider nur verwandelte sich diese
Freude der lebenden Akteurs in bitteres Leid fr meine hlzernen.
    Wir Direktoren erwachten nmlich in der folgenden Nacht von einem
anhaltenden Gerusche, das vom Theater her erschallte; anfangs schoben wir es
auf Rollenneid, oder eine unter der Truppe ausgebrochene Kabale, als wir uns
aber nher zu unterrichten suchten, fanden wir unten den Schulzen, dem ich eben
das Haupt wieder auf dem Rumpfe befestigt hatte, mit dem Holofernes in der Hand,
und von Gerichtsdienern begleitet, die die ganze Truppe im Namen des Staates zu
Gefangenen machten, weil man sie fr politisch gefhrlich erklrte. Alle meine
Einreden waren vergeblich, und sie zogen vor meinen Augen mehrere Knige und
Herren, als den Salomo, Herodes, David, Alexander u.s.w. aus dem Kasten um sie
fortzuschleppen. So inkonsequent verfhrt der Staat gegen seine eigenen
Reprsentanten! - Der lezte Mann war mein Hanswurst; ich erniedrigte mich fr
ihn fast zu Bitten - allein man that mir kund, da durch ein strenges
Zensuredikt alle Satire im Staate ohne Ausnahme verboten sei, und man sie schon
zum voraus in den Kpfen konfiscire. Mit Mhe erhielt ich es nur auf einen
Augenblick noch mit ihm abseits zu treten; ich nahm ihn mit mir hinter eine
Koulisse, und hier in der Einsamkeit drckte ich unbelauscht seinen hlzernen
Mund an den meinigen und vergo die zweite Thrne, denn er war auer Ophelia das
einzige Wesen, das ich in der Welt wahrhaftig geliebt hatte. -
    Mein Mitdirektor ging den ganzen darauf folgenden Tag wie ein Trumender
umher, und am Abende fand man ihn, weil er die angesagte Tragikomdie nicht
schuldig bleiben wollte, auf der Bhne an einer Wolke erhngt.
    So traurig endete auch dieses Unternehmen, und ich suchte nun endlich mit
Ernst, von den Mhseligkeiten des Lebens ermdet, mich unter den Menschen um
einen soliden Posten zu bewerben. Es geht doch nichts auf Erden ber das
Bewutsein ntzlich zu sein und einen festen Gehalt zu genieen; - der Mensch
ist nicht Kosmopolit allein, er ist auch Staatsbrger! - Das Nachtwchteramt war
eben vakant geworden, und ich glaubte mich allenfalls tchtig ihm mit Ehre
vorzustehen. Die Welt ist jezt sehr gebildet und man fordert mit Recht groe
Talente von jedem einzelnen Brger. -
    Wohl dem der Konnexionen hat - es gelang mir bei dem Diener des Ministers
Zutritt zu erhalten, er hatte grade seine gute Stunde, und empfahl mich seinem
Herrn; so wurde ich die Staatsleiter immer hher gehoben und ging aus einer Hand
in die andere, bis zur obersten Sprosse, wo ich einen Fufall wagte, und man mir
gndig Hoffnung zum Nachtwchter machte. - Eine nhere Prfung in der ich
darthun mute, ob ich theils einen gemigten Vortrag bese, um den Monarchen
wenn er schliefe nicht aus dem Schlafe zu wecken, theils aber auch einen
angenehmen und gebildeten, um in schlaflosen Nchten seinen musikalischen Sinn
nicht zu beleidigen, fiel nicht ganz unglcklich aus, und ich hatte die Freude
mich, nachdem mir vorher noch weiteres Studium angelegentlich empfohlen war, als
Nachtwchter angestellt zu sehen.

                             Sechszehnte Nachtwache


Ich wnschte dieses Ultimatum und Hogarthsche Schwanzstck meiner Nachtwachen,
recht deutlich vor Jedermanns Augen ausmahlen zu knnen; leider aber fehlen mir
die Farben in der Nacht dazu, und ich kann nichts als Schatten und luftige
Nebelbilder vor dem Glase meiner magischen Laterne hinfliehen lassen.
    Wenn ich in der Laune bin Knige und Bettler in eine recht lustige
brderliche Gesellschaft zusammenzustellen, so wandle ich auf dem Kirchhofe ber
ihre Grber hin, und denke sie mir, wie sie da unten im Boden friedlich neben
einander liegen, im Stande der grten Freiheit und Gleichheit, und nur in ihrem
Schlafe satirische Trume haben, und hmisch aus den Augenhlen grinsen. Unten
sind sie Brder, nur oben aus dem Rasen ragt hchstens noch ein moosigter Stein
herauf, woran die alten zerschlagenen Wappen des Groen hngen, inde auf dem
Grabe des Bettlers nur eine wilde Blume sprot, oder eine Nessel. -
    Ich besuchte auch in dieser Nacht meinen Lieblingsort, dieses
Vorstadtstheater, wo der Tod dirigirt, und tolle poetische Possen als Nachspiele
hinter den prosaischen Dramen auffhrt, die auf dem Hof- und Welttheater
dargestellt werden. Es war eine schwle drckende Luft, und der Mond schaute nur
heimlich zu den Grbern herab, und blaue Blize flogen dann und wann an ihm
vorber. Ein Poet meinte, die zweite Welt lausche in die untenliegende herunter
- ich hielt es nur fr ffenden Wiederhall und matten tuschenden Lichtschein,
der noch eine Weile dem versunkenen Leben nachgaukelt; wie der abgestorbene
faulende Baum noch eine Zeitlang des Nachts zu glnzen scheint, bis er ganz in
Staub zerfllt. -
    Ich war unwillkhrlich an dem Denkmale eines Alchymisten stehen geblieben;
ein alter krftiger Kopf starrte aus dem Steine hervor, und unverstndliche
Zeichen aus der Kabbala waren die Inschrift.
    Der Poet trieb sich eine Zeitlang unter den Grbern herum, und besprach sich
abwechselnd mit auf dem Boden liegenden Schdeln, um sich in Feuer zu setzen,
wie er sagte; mir wurde es langweilig, und ich schlief darber am Denkmale ein.
    Da hrte ich im Schlafe das Gewitter aufsteigen, und der Poet wollte den
Donner in Musik sezen und Worte dazu dichten, aber die Tne ordneten sich nicht
und die Worte schienen zu zersprengen und in einzelnen unverstndlichen Sylben
durcheinander zu fliehen. Dem Poeten stand der Schwei auf der Stirne, weil er
keinen Verstand in sein Naturgedicht bringen konnte - der Narr hatte das Dichten
bisher nur auf dem Papiere versucht.
    Der Traum verwickelte sich immer tiefer. Der Poet hatte sein Blatt von neuem
ergriffen und versuchte zu schreiben; zur Unterlage diente ihm ein Schdel - er
begann wirklich und ich sah den Titel vollendet:


                        Gedicht ber die Unsterblichkeit

Der Schdel grinsete tckisch unter dem Blatte, der Poet hatte kein Arg daraus,
und schrieb den Eingang zum Gedichte, worin er die Phantasie anrief ihm zu
diktiren. Darauf hub er mit einem grausenden Gemlde des Todes an, um zulezt die
Unsterblichkeit desto glnzender hervorfhren zu knnen, wie den hellen
strahlenden Sonnenaufgang nach der tiefsten dunkelsten Nacht. Er war ganz in
seine Phantasieen vertieft und bemerkte es nicht, da sich um ihn her alle
Grber geffnet hatten, und die Schlfer unten boshaft lchelten, doch ohne sich
zu bewegen. Jezt stand er am bergange und fing an die Posaunen zu blasen und
viele Zurstungen zum jngsten Tage zu machen. Eben war er im Begriffe alle
Todte zu erwecken, da schien es als ob etwas Unsichtbares seine Hand hielte, und
er blickte verwundert auf - und unten in den Schlafkammern lagen sie noch alle
still und lchelten, und niemand wollte erwachen. Schnell ergriff er die Feder
von neuem und rief heftiger und sezte eine starke Begleitung von Donner und
Posaunenschall zu seiner Stimme - umsonst, sie schttelten nur alle unmuthig
unten und wandten sich auf die andere Seite von ihm weg, um ruhiger zu schlafen
und ihm die nackten Hinterkpfe zu zeigen. - Wie, ist denn kein Gott! rief er
wild aus, und das Echo gab ihm das Wort Gott! laut und vernehmlich zurck.
Jezt stand er ganz einfltig da und kuete an der Feder. Der Teufel hat das
Echo erschaffen! sagte er zulezt - Wei man doch nicht zu unterscheiden ob es
blo fft, oder ob wirklich geredet wird!
    Er setzte noch einmal rasch an, doch die Schriftzge kamen nicht zum
Vorscheine; da steckte er abgespannt und fast gleichmthig die Feder hinter das
Ohr und sagte monoton: Die Unsterblichkeit ist widerspnstig, die Verleger
zahlen bogenweis und die Honorare sind heuer sehr schmal; da wirft dergleichen
Schreiberei nichts ab, und ich will mich wieder in die Dramen werfen! -
    Ich erwachte bei diesen Worten, und mit dem Traume war auch der Poet vom
Kirchhofe verschwunden; aber an meiner Seite sa ein braunes Bhmerweib und
schien aufmerksam in meinen Gesichtszgen zu lesen. Ich erschrack fast vor der
groen gigantischen Gestalt, und vor dem dunkeln Antlize, in das ein seltsam
barockes Leben mit eben so grellen Zgen niedergeschrieben schien. Gieb mir die
Hand, Blanker! sagte sie geheimnivoll, und ich reichte sie ihr unwillkhrlich
hin.
    Je strker und sicherer der Mensch sich selbst gefat hlt, um so lppischer
erscheint ihm alles Geheimnivolle und Wunderbare, vom Freimaurerorden an, bis
zu den Mysterien einer zweiten Welt. Ich schauderte heute zum erstenmale etwas,
denn das Weib las aus meiner Hand mein ganzes voriges Leben, wie aus einem Buche
mir vor, bis hin zu dem Augenblicke, wo ich als ein Schaz gehoben wurde (S. die
vierte Nachtwache.) Darauf sagte sie: Sollst auch deinen Vater sehen, Blanker;
schau dich um, er steht hinter dir! - Ich wandte mich rasch - und der ernste
steinerne Kopf des Alchymisten blickte mich starr an. Sie legte die Hand auf
ihn, und sagte sonderbar lchelnd: Der ist's! und ich bin die Mutter!
    Das gab eine tolle rhrende Familienscene - die braune Zigeunermutter und
der steinerne Vater, der halb aus der Erde hervorragte, als wollte er den Sohn
halsen und an die kalte Brust drcken. Um die Familiengruppe zu runden umarmte
ich beide, und als ich so mitten inne sa, erzhlte das Weib im
Bnkelsngervortrage:
    Es war in der Christnacht, als dein Vater den Teufel bannen wollte - er las
aus dem Buche, und ich leuchtete dazu mit drei besprochenen Kerzen - unter dem
Boden lief es hin, wie wenn die Erde Wellen schlge, und das Licht brannte blau.
Wir hielten jezt an der Stelle, wo dem Himmel entsagt und der Hlle geschworen
wird, und blickten uns eine Weile schweigend an. Es ist zur Abwechselung! sagte
dann dieser Steinerne und las die Stelle laut und vernehmlich - zwischen uns
lachte es leise, wir lachten laut mit, um nicht albern dazustehen. Nun fing es
an in der Nacht um uns her sein Wesen zu treiben, und wir merkten, da wir nicht
allein waren. Ich schmiegte mich in dem gezogenen Kreise dicht an deinen Vater,
wir berhrten zufllig das Zeichen des Erdgeistes, und wurden warm beisammen.
Als der Teufel erschien, erblickten wir ihn nur noch mit halb geffneten Augen -
es war grade der Moment in dem du entstandest! - Jener war recht bei Laune und
erbot sich Pathenstelle zu vertreten; er mochte ein angenehmer Mann in seinen
besten Jahren sein, und ich erstaune ber die hnlichkeit, die du mit ihm hast;
nur siehst du finsterer aus, was du dir noch abgewhnen drftest. Als du geboren
wurdest, hatte ich soviel Gewissenhaftigkeit dich in christliche Hnde zu
bergeben, und spielte dich darum jenem Schazgrber zu, der dich erzog. - Das
ist deine Familiengeschichte, Blanker! - Welch ein helles Licht nach dieser
Rede in mir aufging, das knnen sich nur Psychologen vorstellen; der Schlssel
zu meinem Selbst war mir gereicht, und ich ffnete zum erstenmale mit Erstaunen
und heimlichem Schauder die lang verschlossene Thr - da sah es aus wie in
Blaubarts Kammer, und es htte mich erwrgt, wre ich minder furchtlos gewesen.
Es war ein gefhrlicher psychologischer Schlssel!
    Ich mchte mich selbst, wie ich bin, geschickten Psychologen zur Secirung
und Anatomirung vorlegen, um zu sehen ob sie das aus mir herauslesen wrden, was
ich jezt wirklich las - dieser Zweifel soll brigens der Wissenschaft selbst
nicht zu nahe treten, die ich wahrlich hoch schze, weil sie es sich nicht
verdrieen lt an einen so hypothetischen Gegenstand, als die Seele ist, Zeit
und Mhe zu verschwenden.
    Ich mochte einige von den Betrachtungen, die ich ber mich selbst in diesem
Augenblicke gemacht hatte, laut geuert haben, denn die Zigeunerin sprach wie
ein Orakel: Es ist grer die Welt zu hassen, als sie zu lieben; wer liebt
begehrt, wer hat, ist sich selbst genug, und bedarf nichts weiter als seinen
Ha in der Brust und keinen dritten!
    Die Worte dienten ihr zur Parole, und ich erkannte durch sie, da sie zu
meiner Familie gehre. - Nach einer Weile sagte sie ganz heimlich: Ich mchte
den Alten da unten in seinem lezten chemischen Prozesse, den er mit sich selbst
anstellt, wohl noch einmal sehen; er liegt schon lange im Boden - ob wohl noch
was von ihm brig ist? - Wir wollen's doch anschauen! - - Nach diesen Worten
schlich sie ber Schdel und Todtenknochen hin nach dem Gebeinhause, kehrte mit
Schaufel und Hacke zurck und grub sich still und geheimnivoll in die Erde.
    Ich lie sie bei der sonderbaren Arbeit allein, denn drben wandelte einer
mit vielen Ausbeugungen und Krmmungen um die Grber hin, wie wenn er ihm im
Wege stehenden Gestalten auswiche; oft schien er zu lcheln, oft aber wandte er
sich erschrocken und zitternd ab, und floh einige Schritte, bis er wieder vor
einem neuen Gegenstande zurckzubeben schien. - Als ich ihm nahe war, fate er
meine Hand, und sagte tiefaufathmend: Gottlob ein Lebender! Begleite mich nur
bis zu jenem Grabe! - Ich hielts fr Wahnsinn und schritt mit ihm fort, um das
Ende zu erwarten, oft drngte er mich, wenn ich einem Grabe zu nahe kam zurck,
da ich die Luft darber nicht berhren sollte, zulezt aber schien er mehr Muth
zu fassen, und ruhte eine Weile zwischen drei groen Monumenten aus; es waren
umgestrzte Sulen, und an den Tafeln standen die Namen verstorbener Frsten.
    Hier knnen wir etwas verziehen; sagte er, denn ber den Grbern steht
nichts als Stein und Denkmal, und drunten im Boden mag hchstens noch eine
Handvoll Staub, neben den Kronen und Zeptern zu finden sein; solche groen
Herren vergehen schnell, weil sie im berflusse genieen und schon im Leben eine
groe Masse erdigter Theile in sich aufnehmen.
    Ich sah ihn erstaunt an, da fuhr er fort: Ihr haltet mich wohl gar fr
toll; aber darin irrt Ihr! Ich betrete diese Orte nicht gern, denn ich habe
einen wunderbaren Sinn mit auf die Welt gebracht, und erblicke wider meinen
Willen auf Grbern die darunter liegenden Todten mehr oder minder deutlich, nach
den Graden ihrer Verwesung7. So lange der Verstorbene unten noch unversehrt ist,
so lange steht fr mich seine Gestalt deutlich ber der Gruft, und nur wenn der
Krper sich mehr und mehr auflst, verliert sich auch das Bild in Schatten und
Nebel, und verfliegt zulezt ganz wenn das Grab leer ist. - Die weite Erde ist
zwar ein einziger Gottesacker, aber die Gestalten der Verweseten nehmen eine
freundlichere Gestalt an und blhen als schne Blumen wieder auf; - hier aber
stehen sie noch alle deutlich umher und blicken mich an, da ich erschrocken vor
ihnen zurckweiche. Nichts sollte mich auch bewegen diese Sttte zu betreten,
wenn mich nicht eine Schferstunde hier erwartete!
    Da htte Euer Liebchen auch einen freundlichern Ort fr Euch erwhlen
sollen! sagte ich unwillig ber seine unbekannte Schne, als er eine Weile inne
hielt.
    Sie ist dazu gezwungen! antwortete er. - Denn sie hat hier ihre Wohnung
aufgeschlagen!
    Jetzt begriff ichs und verstand ihn, als er auf ein fernes Grab deutete -
Dort unten ruht sie - sie starb in der Blthe, und ich kann nur hier nach ihrem
Brautbette wandeln. Sie lchelt mir schon aus der Ferne entgegen, und ich mu
eilen; denn seit einiger Zeit wird die Gestalt immer luftiger, und nur das
Lcheln um die Lippen ist noch ganz deutlich. -
    Das ist doch mindestens einmal eine etwas ungewhnliche Liebschaft, die ich
erlebe, - setzte ich hinzu - brigens ist auf der Erde nichts langweiliger als
ein Verliebter! -
    Wir wandelten jetzt weiter fort, und er entwarf mir im Gehen noch flchtig
einige Skizzen von den Inhabern der Wohnungen an denen wir vorbei muten.
    Dort hat sich ein Hofnarr noch gut gehalten, er steht vollkommen da, bis
auf den Spott und die Satire in seinen Minen. - Hier harrt ein Poet der
Auferstehung entgegen, aber von ihm selbst ist nur wenig noch dazu vorhanden,
denn ich sehe blo leichten Duft, und mu die Phantasie anstrengen, etwas
Gescheutes hineinzufinden. - Da erblicke ich eine Mutter mit dem Kinde an der
Brust, und beide lcheln! - (Es erschtterte mich, denn es war grade das Grab
der Ophelia!) - Hier liegen ein Finanzier und ein Politiker beisammen, aber an
beiden ist schon vieles defekt. - Jenes soll das Grab eines berhmten Geizhalses
sein, er hlt noch mit der schon verschwindenden Hand den Zipfel seines
Leichentuches fest! -
    Jetzt waren wir zur Stelle, und er bat mich ihn zu verlassen; aus der Ferne
sah ich nur noch wie er die Luft umarmte und heie Ksse ausstrmte - es war
eine recht seltsame Schferstunde! - -
    Inde hatte die Wahrsagerin das Grab des Vaters gesprengt, und der morsche
Sarg hob sich aus dem Boden; neugierig gleitete das Mondlicht an den halb
verwitterten Schildern und Verzierungen hinab, und das Kruzifix auf dem Deckel
blinkte hell und wei. Mir war doch ungewhnlich zu Muthe, als die alte graue
Vergangenheit noch einmal sich in der Gegenwart umsah, und die lezte Wiege des
Vaters, die ihn in den langen Schlummer wiegte, heraufstieg. Ich zgerte den
Deckel zu heben, und redete in der Pause, um mir selbst Muth zu machen, einen
Wurm an, den ich ergriff, als er sich eben bei dem Sarge aus dem Boden whlte:
    Auer den Favoriten und Gnstlingen der Groen und Herren, giebt es nur
noch ein Vlkchen, das es sich recht eigentlich an den Brsten der Majestt wohl
sein lt; und zu diesem gehrst du, Minirer! Der Knig ernhrt sich von dem
Marke seines Landes, und du dich wieder von dem Knige selbst, um die
verstorbene Majestt, wie Hamlet sagt, nach einer Reise durch drei oder vier
Magen, wieder in den Schoo, oder mindestens in den Bauch ihrer getreuen
Unterthanen zu fhren. An dem Gehirne wie vieler Knige und Frsten hast du dich
gemstet, du fetter Schmarozer, bis du zu diesem Grade von Wohlbeleibtheit
gekommen bist? Den Idealismus wie vieler Philosophen hast du auf diesen deinen
Realismus zurckgefhrt? Du bist ein unwiderlegbarer Beleg fr die reelle
Nzlichkeit der Ideen, da du dich an der Weisheit so mancher Kpfe wacker
gemstet hast. - Dir ist nichts mehr heilig, weder Schnheit noch Hlichkeit,
weder Tugend noch Laster; alles umwindest du Laokoons Schlange, und beurkundest
deine intensive Erhabenheit an dem ganzen Menschengeschlechte. Wo ist jezt das
Auge das so bezaubernd lchelte, oder so drohend gebot - Du Satiriker sizest
allein in der leeren Knochenhle und schauest frech und boshaft um dich, und
machst das Haupt zu deiner Wohnung, und zu etwas noch schlechterm, in dem sonst
die Plane eines Csar und Alexander geboren wurden. Was ist nun dieser Pallast,
der eine ganze Welt und einen Himmel in sich schliet; dieses Feenschlo, in dem
der Liebe Wunder bezaubernd gaukeln; dieser Mikrokosmus, in dem alles was gro
und herrlich, und alles Schreckliche und Furchtbare im Keime nebeneinander
liegt, der Tempel gebar und Gtter, Inquisitionen und Teufel; dieses
Schwanzstck der Schpfung - das Menschenhaupt! - - die Behausung eines Wurmes.
- O was ist die Welt, wenn dasjenige was sie dachte nichts ist und alles darin
nur vorberfliegende Phantasie! - Was sind die Phantasieen der Erde, der
Frhling und die Blumen, wenn die Phantasie in diesem kleinen Rund verweht, wenn
hier im innern Pantheon alle Gtter von ihren Fugestellen strzen, und Wrmer
und Verwesung einziehen. O rhmt mir nichts von der Selbststndigkeit des
Geistes - hier liegt seine zerschlagene Werkstatt, und die tausend Fden, womit
er das Gewebe der Welt webte, sind alle zerrissen, und die Welt mit ihnen. - -
Auch der Alte hier in seiner Kammer wird schon seine Theaterkleider abgeworfen
haben, und dieser boshafte Bube, in meiner Hand, kommt vielleicht eben von dem
Kehraus, dem er hier in der vterlichen Behausung beigewohnt hat; - doch mag's
sein - ich will ergrimmt in das Nichts schauen, und Brderschaft mit ihm machen,
damit ich keine menschlichen Reste mehr verspre, wenn es auch mich zuletzt
ergreift!
    Ich war jezt stark und wild genug den Deckel zu heben, ob ich gleich fhlte,
da dieser Grimm und Zorn, wie Alles brige, auch mit zum Nichts gehre. -
    Wie seltsam - als das stille Schlafkmmerchen sich aufthat, in dem ich
keinen Schlfer mehr erwartete, lag er noch unversehrt auf dem Kissen, mit
blassem ernsten Gesichte und schwarzen krausen Haaren um Schlfe und Stirn; es
war noch die abgeformte Bste vom Leben, die hier in dem unterirdischen Museum
des Todes zur Seltenheit aufbewahrt wurde, und der alte Schwarzknstler schien
dem Nichts Troz bieten zu wollen.
    So sah er aus, als er den Teufel bannte! sagte die Wahrsagerin - Nur
haben sie ihm nachher die Hnde gefaltet, da er hier unten wider Willen beten
mu! - - Und warum betet er denn? fragte ich zornig - da drben ber uns im
Himmelssee funkeln und schwimmen zwar unzhlige Sterne, aber wenn es Welten
sind, wie viele kluge Kpfe behaupten, so giebt es auch Schdel auf ihnen und
Wrmer, wie hier unten; das geht so fort durch die ganze Unermelichkeit, und
der Baseler Todtentanz wird dadurch nur um so lustiger und wilder und der
Ballsaal grer - O wie sie alle, die auf den Grbern umherlaufen, und auf einer
tausendfach geschichteten Lava vergangener Geschlechter - wie sie alle nach
Liebe wimmern, und nach einem groen Herzen ber den Wolken, woran sie mit allen
ihren Erden einst ruhen knnen! Wimmert nicht lnger - diese Myriaden von Welten
sauen in allen ihren Himmeln nur durch eine gigantische Naturkraft, und diese
schreckliche Gebrerin, die alles und sich selbst mit geboren hat, hat kein Herz
in der eigenen Brust, sondern formt nur kleine zum Zeitvertreib, die sie umher
vertheilt - haltet euch an diese, und liebt und girrt so lange diese Herzen noch
zusammenhalten! - Ich will nicht lieben, und recht kalt und starr bleiben, um wo
mglich dazu lachen zu knnen, wenn die Riesenhand auch mich zerdrckt! -
    Der alte Schwarzknstler scheint zu meiner Rede zu lachen! Weit du es etwa
besser, Teufelsbanner - und steigt ber diesem zertrmmerten Pantheon ein neues
herrlicheres auf, das in die Wolken reicht, und in dem sich die kolossalen
ringsumher dasizenden Gtter wirklich aufrichten knnen, ohne sich an der
niedern Decke die Kpfe zu zerstoen - - wenn es wahr wre, so mchte es zu
rhmen sein, und es drfte schon die Mhe verlohnen zu zu schauen, wie mancher
unermeliche Geist auch seinen unermelichen Spielraum erhielte, und nicht mehr
zu wrgen brauchte und zu hassen, um gro zu sein, sondern frei in die Himmel
emporsteigen knnte, um dort sein strahlendes Gefieder auszubreiten. - Der
Gedanke knnte mich fast erhizen! - Nur alle drften sie mir nicht erstehen
wollen; alle nicht! - Was wollten so viele Pygmen und Krppel in dem groen
herrlichen Pantheon, in dem nur die Schnheit thronen soll, und die Gtter! O
man schmt sich dieser Gesellschaft ja oft genug schon auf Erden, wie knnte man
den Himmel mit ihnen gemeinschaftlich theilen! - Nur ihr mgt euch aus dem
Schlummer erheben, ihr groen kniglichen Hupter, die ihr mit den Diademen in
der Weltgeschichte erscheint, und ihr begeisterten Snger, die ihr von den
Kniglichen entzckt redet und sie verherrlicht! Die andern mgen ruhig schlafen
und recht sanft, auch angenehme Trume haben, die gnne ich ihnen von Herzen! -
    Mit dir, alter Alchymist, mchte ich den Weg schon antreten; nur betteln
sollst du mir nicht um den Himmel - nicht betteln - lieber ertroze ihn, wenn du
Kraft hast. Die strzenden Titanen sind mehr werth, als ein ganzer Erdball voll
Heuchler, die sich ins Pantheon durch ein wenig Moral und so und so
zusammengehaltene Tugend schleichen mchten! La uns dem Riesen der zweiten Welt
gerstet entgegengehen; denn nur wenn wir unsere Fahne dort aufpflanzen, sind
wir es werth dort zu wohnen! - La das Betteln; ich reie dir die Hnde mit
Gewalt auseinander! - -
    Wehe! Was ist das - bist auch du nur eine Maske und betrgst mich? - Ich
sehe dich nicht mehr Vater - wo bist du? - Bei der Berhrung zerfllt alles in
Asche, und nur auf dem Boden liegt noch eine Handvoll Staub, und ein paar
genhrte Wrmer schleichen sich heimlich weg, wie moralische Leichenredner, die
sich beim Trauermahle bernommen haben. Ich streue diese Handvoll vterlichen
Staub in die Lufte und es bleibt - Nichts!
    Drben auf dem Grabe steht noch der Geisterseher und umarmt Nichts!
    Und der Wiederhall im Gebeinhause ruft zum leztenmale - Nichts! -

                                    Funoten


1 Diese Nachtuhren sind so eingerichtet, da der Nachtwchter jedesmal in ein
bis dahin verstektes Loch, das erst bei der bestimmten Stunde hervorrkt, einen
Zettel stekt, zum Belege, da er regelmig umhergegangen ist. Am Morgen
schliet dann ein Polizeyoffizier die Uhr auf, um zu sehen, ob in jedem
einzelnen Loche der Zettel sich vorfindet.

2 Auf den hollndischen Dukaten steht ein geharnischter Mann.

3 So hie der eine Akteur der zu Thespis Zeit mit dem Chore die ganze Tragdie
ausmachte.

4 S. dessen Gedicht ber die Natur.

5 Gthe's Triumpf der Empfindsamkeit.

6 Irgend ein Naturforscher stellt die Hypothese auf, da die ersten Insekten nur
Staubfden an Pflanzen waren, die sich durch ein Ohngefhr von ihnen trennten.

7 Ein Beispiel dieser orginellen Geisterseherei findet sich, wenn ich nicht
irre, in Moritz Magazin der Erfahrungsseelenkunde.

