
                            Unger, Friederike Helene

                              Albert und Albertine

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                            Friederike Helene Unger

                              Albert und Albertine

 Die frhe sich verloren hatten,
 Die finden sich im Abendschatten,
 Und eilen Hand in Hand zur Ruh.

                                 Erstes Kapitel


Vergebens hatte Albertine am Ufer des Baches Gras und Gestruch durchsucht;
nirgend, nirgend war der werthe Ring zu finden. Er ist verloren, rief sie
schmerzlich. Die Abendsonne rthete ihr Gesicht und lie eine Thrne der
Bengstigung sichtbar werden.
    Traurig lie sie sich am Ufer des Baches nieder, das zarte Hndchen auf ein
Polster von Moos sttzend. Pltzlich fiel, unfern von ihr, ein Schu im Schilf;
sie sprang auf. Eine mnnliche Stimme rief voll Entsetzen: Herr Jesus! und in
dem Augenblick stand ein junger, schner, stattlicher Jger vor Albertinen.
    Albert hatte an dem Gerusch vernommen, da sich da, wo er nur Enten
vermuthete, etwas viel Besseres in seiner Schulinie befnde. Rasch warf er die
Flinte von sich und eilte der Stelle zu.
    ber alle Beschreibung berraschte ihn die Gegenwart des reizvollen jungen
Mdchens, das er, dem schlichten anspruchlosen Anzuge nach, fr ein gewhnliches
Landmdchen gehalten htte, wenn der edle hohe Anstand der schnen Gestalt und
die Flle von Geist aus dem dunkelblauen Auge, ihn nicht eines andern belehrt
htte.
    Im ersten Momente glaubte Albert, ein leichtes Gesprch anknpfen zu knnen.
Jetzt aber schmte er sich so, da er sich nur in Alltagsformeln ber den
Schrecken auszubreiten wute, den ihr sein Schu verursacht haben mute.
    So leicht erschrecke ich nicht, antwortete Albertine ganz unbefangen; ich
schiee zum Scherz wohl selbst zuweilen ein Gewehr ab.
    Jetzt bckte sie sich, und begann von neuem den Ring zu suchen. Albert
bckte sich und suchte emsig mit, ohne zu wissen was? Was suchen denn Sie?
fragte Albertine lchelnd. Albert sahe ihr ins Auge und lchelte beschmt. Nun
erzhlte sie, da sie am frhen Morgen hier mit einer Freundin gewesen sei,
Kruter zu suchen, wobei sie einen Ring verloren habe, welchen sie erst nachher
vermite.
    Der Ring ist von groem Werth? sagte Albert. Fr mich von unsglichem,
erwiederte Albertine lebhaft. Ein Haargeflecht von ganz so schnem glnzend
blondem Haar, als das Ihrige ist, umschlingt ihn. Hier zeigte sie mit
kindlicher Unschulds Geberde auf Alberts volle blonde Locken, die seine schne
weie Stirn umflossen.
    Albert errthete. Gewi ein Pfand der Liebe, da sie der Ring so kmmert,
dachte er mit einigem Unmuthe. Doch war er zu delicat, irgend eine Bemerkung der
Art laut werden zu lassen. Der reine Ausdruck ihres unschuldvollen Gemthes
gebot ihm Ehrfurcht. Daher keine Frage um Stand und Namen. Auch Albertine fragte
nicht darnach; ihr war es genug, er war liebenswrdig und bescheiden; auch hatte
der reine Tenor seiner biegsamen Stimme, schon leise zu seinem Besten bei ihr
gesprochen. Zutraunsvoll legte sie ihren Arm in den seinigen, als sie sich
wegbegeben wollte, wobei sie ungezwungen usserte, ihrem Onkel, der gern
Gesellschaft bei sich she, wrde seine Bekanntschaft sehr angenehm seyn.
    Unterweges sprach Albert von den Vorzgen des Landlebens. Albertine drckte
sich mit Wrme ber Naturgenu aus; doch gestand sie freimthig, das
fortwhrende Landleben habe ihr Langeweile gemacht, deshalb habe sie ihren
Bruder verlassen und sich zu ihrem Onkel begeben, der nur die Sommermonate auf
seinem Landsitze zubringe.
    Alberten gefiel dies offene Gestndni, je seltener es war; weil
mehrentheils die entschiedensten Weltfrauen sich fr die Stille des Landlebens
zu erklren affectiren, die dann freilich ihrer erschlafften Existenz durch
Landluft und Badecur neue Spannung, zum Vollgenu des bunten Weltlebens
verschaffen mssen.
    Schon schwebte Alberten eine Artigkeit hierber auf der Zunge, doch hielt er
sie zurck, als er Albertinen sich ber so mancherlei, so sinnig und gehaltreich
auslassen hrte; er wrde sich ihr gegen ber mit irgend einer Stutzer
Galanterie, unbeschreiblich fade erschienen seyn. So wie sich ihm mit jedem
ihrer Worte, neue Schnheiten ihrer geistvollen Bildung entwickelten, wurde sie
ihm interessanter. Der lange Weg lngs der duftenden Wiese und durch das kleine
Buchenwldchen, dnkte ihm gar zu kurz, als sie an Albertinens Wohnort, einem
geschmackvollen einladenden Landhause angekommen waren.

                                Zweites Kapitel


Durch einen Lauben-Gang blhender Akazien, wurde Albert in einen elegant
geschmckten Salon eingefhrt, wo einige Herrn und Damen um einen Theetisch
versammelt saen. Ganz isolirt thronte ein zierlicher Herr aus der Classe alter
Jnglinge, hoch in einem grnattlassenen Armstuhl, die geschwollenen Beine weit
ber ein elastisches Kissen vor sich hinstreckend. Er war Albertinens Onkel, der
reiche, bersatte Banquier Dmmrig.
    Als Albertine ihm ihren Begleiter vorstellte, lftete er ein wenig das
seidne Baret vom knstlich nachlssigen Haar und fragte mit grellem nasenden
Ton: wer - wen - hm, hm, - hat man die Ehre? Albertine blickte verlegen auf
Alberten; daran hatte sie warlich noch nicht gedacht. Pltzlich flog es ihr
durch die Seele, sie knne wohl etwas thrichtes begangen haben. Befriedigend
war ihr also seine Antwort, als er sich Albert von Ulmenhorst nannte. Wie er
sagte, war er erst krzlich von seinen Reisen zurck gekommen und bewohne jetzt
sein in der Nachbarschaft gelegenes Gut Ulmengrund.
    Die sen Wrtlein: von und Reisen, durchfuhren den weiblichen Kreis, der
bis dahin keine Notiz von dem schnen Jger genommen hatte, wie ein elektrischer
Schlag. Zum hohen Verdrusse eines jungen strupfkpfigen Schngeistes, der eben
ein Manuscript vorlesen wollte, rief die prima Donna der kleinen Witzbhne mit
geziertem Tone: Albertine! wollen Sie uns ihren Fremden nicht auch vorstellen.
Mon cher, ich prtendire, sie sollen uns den fremden Herrn nicht vorenthalten.
Dieser mon cher, war der Onkel mit den geschwollenen Beinen.
    Albertine stellte ihren Begleiter mit der leichten Grazie und dem
unbefangenen Anstand, womit sie alles that, der brigen Gesellschaft vor. Albert
wurde durch den Platz neben der prima Donna der Madame Rosamund ausgezeichnet,
welches der junge Schwedenkopf gar ungndig zu vermerken schien; denn er schnitt
greuliche Gesichter und warf das Manuscript recht ungezogen auf den Tisch, auch
machte er Alberten nur so eben Platz, als ob es in einem groen Gedrnge gewesen
wre, wie dieser vor ihm vorbei zu seinem Sitze ging; dabei erwiederte er dessen
hfliche Verneigung gar nicht, und setzte sein Gesprch so laut fort, als ob gar
keine Vernderung in der Gesellschaft vorgefallen sei, ausser da er jetzt auf
eine unverstndige Weise, in der Geschwindigkeit einige Invectiven gegen den
Adel einzumischen affectirte, nachher Alberten in allem widersprach, ohne jedoch
das Gesprch unmittelbar an ihn zu richten; denn das wre ja hflich gewesen.
    Als eine von den Damen anmerkte, es sei ein sonderbarer Zufall, welchem die
Gesellschaft die Gegenwart des Herrn von Ulmenhorst verdanke, schnitt der
Strupfkopf Alberten die Antwort vor dem Mund weg, um zu beweisen, da es
eigentlich gar keinen Zufall gbe. Nachdem er nun eine gute Zeit lang den
Begriff durch ein gar kunstvolles Raisonnement verzerrt und verdstert hatte,
lie er ab; er hatte nun seine Absichten erreicht, Alberten um das Gesprch zu
bringen und die hohe Bewundrung der Damen zu verdienen, die gar nicht begreifen
konnten, wo er in aller Welt nur allen Verstand hernhme? Albert an seinem
Theile begriff nicht, wie einer zum frohen Geistesgenusse versammelten
Gesellschaft, so ein pedantischer Galimatias hingegeben werden drfe. Dabei aber
wurde er inne, da er sich in einem sthetischen Theeklub befnde, in einer der
Witz-Trdel-Buden, wo alte Waare neu aufgestutzt, von Unkundigen angestaunt
wird. Er nahm sich vor, ein stiller, aber desto aufmerksamerer Beobachter zu
seyn.
    Albertine warf es Alberten scherzend vor, da er sie beinahe erschossen
htte. Auch hier warf sich der Rundkopf mit wieherndem Gelchter dazwischen,
indem er bemerkte, dies gbe einen schnen Stoff zu einem komischen
Heldengedichte, indem es ganz neu sei, da der Ritter seine Dame fr eine wilde
Ente anshe. Albertine errthete; Albert schwieg indignirt, ob dem arroganten
Ton, und die Damen begriffen wieder nicht, wo ihr Freund all den Witz hernhme?
    Wollen Sie uns nicht etwas von ihren Reisen mittheilen, mein Herr von
Ulmenhorst? lispelte Frau Rosamund. Das mte interessant seyn, setzte der
Tituskopf Wassermann hinzu. Albert antwortete den Damen etwas, wobei ihm der
Name Weimar entfiel. Alle Weiber faten dies rasch auf und alle fragten im
Unisono: also haben sie Gthe gesehen?
    Er war der Zweck meines dasigen Aufenthalts.
    Oh! Oh! Gthe!! wieder im Unisono.
    Bitte, bitte, lieber, lieber Herr von Ulmenhorst, sagen Sie uns doch recht
viel, aber recht recht sehr viel, von Papa Gthe, zwitscherte das liebe alte
Kind Elisa, Dmmrigs Schwester. Wir werden Sie ja nher kennen lernen.
    Schon ffnete Albert freundlich die Lippen, den Frauen zu willfahren, als
Wassermann sich wthig dazwischen strzte. Ein Ungeweihter sollte nie ber Gthe
sprechen, sagte er; den er ganz allein nur verstand und begriff. berdem war er
ein Philosoph, der alle Dinge wute, alles ergrndete und sich nie der
erbrmlichen Krcke der invaliden Menschheit, der Erfahrung bediente, die ihm
ein Greuel war. Nur in dem groen Lazarethe geistiger Krppel brauchte man
diesen traurigen Nothbehelf. Wollten es die guten Gtter, sagte er oft, ich wre
taub und blind geboren, meine Begriffe ber tausend Erscheinungen wren in und
aus mir selber ausgesprochen, richtiger, als sie es durch die gemeine Einwirkung
der Sinne geworden sind!
    So gestand er zwar jetzt, da er Gthe in seinem ganzen Leben nie anders,
als in sehr unvollkommenen Abbildungen gesehen habe; inde stehe ihm das Bild
des Verehrten so lebendig aus seinen Werken vor der Seele, da er ihn Zug fr
Zug abzucontrefayen im Stande sei. Und nun begann der gute Wassermann das Werk;
er sprach vom ewigen Schnitte des Gesichts, von Mundwinkeln, von Lippenffnung,
vom Augenaufschlagen, von Nasenflgeln. Sie begreifen es, meine Damen, das cht
gebildete Wesen, das rein menschliche, mu stets von schner Form umgeben seyn.
Aber der rohe Haufen hat keine Ahnung von dem Formellen, will nur immer Stoff
und wieder Stoff. Sie verstehen mich, meine Schnen! -
    Es erscholl ein zweideutiges: O ja! Albert schttelte bedenklich den Kopf
und betheuerte auf seine Ehre, an dem allen sei keine Sylbe wahr; Gthe's Bild
sei durchaus Zug vor Zug verfehlt. Als hier Wassermann rasend schrie, Ulmenhorst
msse sich resigniren und eingestehen, Gthe sei ihm eine zu hohe unbegreifliche
Erscheinung, die sich ihrer berlegenheit ber gemeine Menschen Natur bewut,
wie ein Gott da stehe, wurde der zartsinnigen Elise bange; sie durchschnitt den
beginnenden Streit mit der Frage, ob Albert den groen Dichter der Iphigenie
wohl im Negligee gesehen habe? und von welcher Faon er es trage? Hier bekam
Wassermann einen schnen Anla, ber die kleinliche Neugier der Weiber zu
spotten; denn nie lie er eine Gelegenheit vorbei, etwas Verchtliches ber das
Geschlecht zu sagen, dem er insgeheim mit Heihunger nachjagte.
    Gthe erwiederte Albert, als er endlich zum Worte kommen konnte,
erscheint allen, die ihn begreifen, deren unbefangene Natur in seine schne
Individualitt eingreift, im liebenswrdigsten Negligee, und nie erscheint er
solchen aufgesteift mit dem ranailleusen Minister Air, wie der gute Lavater das
irgendwo sehr sonderbar nennt. Diese Seite wendet er nur heterogenen Naturen und
unberufenen Erklrern der seinigen mit gerechtem Selbstgefhl zu.
    Mchte ich mich diesem Edlen entgegen ranken knnen, lispelte Elisa!
Mchte ich in der seligen Fluth des Genusses seiner Freundlichkeit untergehen
knnen! Frau Rosamund belchelte Elisens Schwrmerei und meinte, die Gute werde
die Sehnsuchtsklnge ihrer Seele in Klagliedern grnen lassen mssen.
    Wassermann scho whrend dem grimmige Blicke und schwieg, weil ihm eben
nicht etwas recht grobes einfiel.
    Unserm Freunde schwebt ein schner Einfall auf den Lippen, sagte Laurette,
schneidend boshaft; heraus damit.
    Um der Gtter willen! Mademoiselle, verschonen Sie mich mit dergleichen
Voraussetzungen. Witz, nebst seinen Aborten, den Einfllen, berlassen reelle
Producenten gern den Damen und ihren vielfarbigen Rittern.
    Unser Freund spricht und spielt mit Sonnenstrahlen, entgegnete Frau
Rosamund. Ernst und Scherz, Witz und Laune, hrte sie, wie eine Schaar von
Rosen, sich in ihm regen.
    Oh! a propos vom Witz! Wo bleibt Antonie? Immer bleibt sie uns noch die
Vorlesung ihres Romans schuldig, sagte Elise.
    Ihr Bedienter hat jetzt nicht Zeit zum Schreiben; er mu die Farben reiben,
Antoniens Jugend aufzufrischen, sagte Wassermann, im unangenehmsten Tone.
    Wie? rief Laurette, ihm drohend; haben Sie die platten Erzeugnisse dieser
Schleichhndlerin mit fremden Gedanken, dieser Ideen Diebin, nicht bis in den
Himmel erhoben?
    Habe ich je ihren Wasch und Kochzeddel bewundert? sie sind warlich das
Beste, was sie edirt. Ich habe irgendwo ihre Ansprche beleuchtet, und ich
verspreche Ihnen, mes Dames, sie soll uns das Epigramm selbst vorlesen, wodurch
ich sie vernichte.
    O schn! schn! riefen Antoniens Herzensfreundinnen. Die Nrrin mu
endlich auf ihr Nichts reducirt werden. Sie hat keinen Funken producirender
Kraft.
    Kraft! schrie Wassermann; was ist Kraft? Am Ende doch nichts anders als
eine precre Anleihe an die Phantasie, oder die Magd derselben. Warum vergeuden
sie so viel Geistesaufwand an diese pitoyable Erscheinung. Antoniens
intellectuelle Tendenzen sind die miserabelste Misere, der schmutzigste
Nachdruck des unverstndigsten Unverstands, setzte die superfeine Frau Rosamund
mit gespitztem Mulchen hinzu.
    Schn, herrlich! rief Wassermann. Das war eine sperbe Skizze zu einem
groen Gedanken.
    Sollte sich wirklich etwas Schnes ber die gemeinste Gemeinheit sagen
lassen? meinte Laurette, eine zweite Nichte des Bankiers, die sich durch ihre
Herzlosigkeit, ihren schneidenden absprechenden Ton, ihre Unempfnglichkeit fr
zartere Weiblichkeit, ihr rasches Aufnehmen jeder Verschrobenheit, den Beinamen,
die Philosophin in diesem Zirkel erworben hatte.
    So schleppte sich das Gesprch in dem einmal angegebenen Ton ber Antonien,
die sonst die Seele, das Idol dieser Versammlung zu seyn schien, immer weiter.
Albert war nun im Ernste verstummt; ihm graute vor diesem Don Lucifer und der
falschen Klike. Aber wohl thats ihm im Innersten, da Albertine dem allem ganz
fremd blieb und sich inde mit Aufmerksamkeit um ihren Onkel mhete, um den sich
sonst Niemand zu bekmmern schien.
    Antonie hatte ganz lyrisch, mit Rosen bekrnzt, und mit Gesang, den Kreis
der Freunde, gleich einer himmlischen Erscheinung, pltzlich durchschweben
wollen, sie hatte das freundliche, sie betreffende, Gesprch in einem
anstoenden Cabinett belauscht und strzte jetzt ziemlich furienartig, heraus.
Ha! Schlangen! ihr hattet mich umwunden; jetzt verletzt euer Gezisch mein Ohr!
Unter den Blumen eurer verhaten Reden schlummern Nattern. Von nun an scheide
ich von euch aus; aber empfinden, ja empfinden sollt ihr's. Euer Ruf ist dahin,
den bernehme ich; in den Koth mit ihm, und ihr, ihr fahret zur Hlle!
    So strzte sie heulend und schimpfend zur Thr hinaus, und gab Lauretten,
die sich ihr in den Weg stellte, einen so krftigen Sto, da diese taumelnd
zurck fiel.
    Rosamunde erklrte, sie sei petrificirt. Elise behauptete, sie sei complett
in einen Fels verwandelt. Laurette schickte Antonien ein schallendes Gelchter
nach, weil ihr eben die Geistesgegenwart zu etwas recht Boshaftem fehlte.
    Traurig legte Elise den Lorbeerkranz bei Seite, womit sie eben heut Gthe's
neu angelangte, und in dem Versammlungssaal aufgestellte, Bste feierlich hatte
krnen wollen; sie zwitscherte leise die dazu aus des Dichters Tasso erwhlten
Worte, als sie den Kranz, bis auf weitern Bescheid, in den zierlichen Schrein
zurcklegte.
    Die war ganz gttlich grob, rief der Herr mit den geschwollenen Beinen.
Ihm hatte der Auftritt unsglich viel Spa gemacht. Er nannte ihn ein
wnschenswerthes Intermezzo in einem zum sterben trockenen Drama. Auch belachte
der gute Herr die Szene sowohl, als seinen schnen Einfall darber, so unmig,
da er darob in einen Stickhusten gerieth, der vor der Hand aller Unterredung
ein Ende machte.
    Nachher bemerkte Madame Rosamund, die den Einfall mit dem Drama und dem
Intermezzo sehr bel empfunden hatte, mon cher werde besser thun, sich auf sein
Zimmer zu begeben, als die Unterhaltung so ungeziemend zu unterbrechen. Mon cher
, der je und je seinen Witz in platten Ausfllen gegen die Ehe und den Hausstand
ergossen hatte, war gut genug erzogen, dem Winke einer gebietenden Maitresse
sogleich zu gehorchen. Er rief einen Bedienten, der ihn wegfhrte, inde er noch
immer betheuerte, dieser Auftritt sei die artigste kleine Falschheit, die
drolligste Plaisanterie, die ihm je vorgekommen sei.
    Mit allerliebst freundlichem Gesicht folgte Albertine ihrem Onkel und trug
ihm Tabatiere und Arzneiglas nach.
    Dem Kinde wird die Zeit unter uns lang, sagte Wassermann, Albertinen
bedeutend nachwinkend, den andern Weibern die Cour zu machen. - Im Herzen hielt
er Albertinen weder fr ein Kind, noch seiner Bemerkung unwerth. - Es ist
natrlich, entgegnete Rosamunde. Wo soll sie's herhaben? Das ist vom Lande und
kennt nur seinen Gellert und seinen Haushaltcalender. Um Verzeihung, liebes
Tantchen, gellte Laurette dazwischen, die, um sichs recht wohl seyn zu lassen,
vor Rosamunden kroch, und sie Tante nennte; - um Verzeihung, sie hat wirklich
auch die schne Genoveva und den Kaiser Octavian gelesen; ja wahrhaftig das hat
sie. Lassen sie mir das gute Kind mit Frieden, sagte Elisa gutmthig; es
liegt recht viel in ihr und sie betreibt sehr ernste Studien mit ihrer Madame
Euler.
    Albert hatte in diesem Augenblick die Tante recht lieb, um des Guten willen,
das sie von Albertinen sagte; er hoffte jetzt mehr von ihr zu erfahren, aber das
Gesprch wendete sich, als von einem zu gehaltlosen Gegenstand, wieder von ihr
ab und auf literarische Errterungen, die, weil sie alle von einem Schlage
waren, unserm Albert so wenig zusagten, da er sich empfehlen wollte. Das gaben
aber die Damen schlechterdings nicht zu, und die Wahrheit zu sagen, lie er sich
auch recht gern erbitten. Albertine war ihm in den flchtigen Augenblicken
seiner Bekanntschaft mit ihr sehr werth geworden. Die Feinheit und Grazie ihres
Benehmens war ihm nicht entgangen; er wnschte von ihren Verhltnissen zu diesem
seltsamen Geschlechte mehr zu erfahren; sie schien ihm keinem unter allen diesen
durch Liebe anzugehren, und die natrlichen Bande ziehen nicht stark genug,
entgegenstrebende Naturen einander nher zu bringen.
    Die strmische Szene mit Antonien hatte alle Fden der Unterhaltung
zerrissen; es war nicht mglich, fr diesen Abend zu einem ertrglichen Ton zu
gelangen, und Wassermann raffte hastig und unter mrrischen usserungen seine
Hefte zusammen. Die Damen waren untrstlich ber den Miton, der die reine
Harmonie der Gesellschaft gestrt hatte, und hofften in knftiger Session alles
wieder in Einklang zu bringen. Und dann waren sie doch auch wieder so hoch
erfreut, da ihr Kranz durch eine so hoch und hehr blhende Blume, an deren
Wohlgeruch sie sich knftig noch erquicken wrden, erweitert sei; nemlich sie
freuten sich, da Albert ein Genosse wrde; doch machten sie es zur Bedingung,
da Albert in den nchsten Sitzungen etwas von seinen geistigen Erzeugnissen
vorlesen msse.
    O ja, thun Sie's ja, fgte Wassermann hinzu: vermuthlich haben Sie sich
auf Ihren Reisen nach groen Mustern gebildet, und in dem, was der Mensch, der
ein Ganzes ist, producirt, spricht er sich ganz aus. Diese Rede begleitete er
mit einer unertrglich hmischen Pantomime und einem Lachen, das nicht
beleidigender seyn konnte.
    Ich werde Ihnen etwas vorlesen, wenn die Damen es mir vergnnen wollen;
brigens danken Sie es diesen, wenn ich Ton und Geberde bei ihren Reden ungergt
lasse und diesmal mit dem geziemenden Stillschweigen verachte.
    Elise, die se Seele, warf sich mit einem Bitte, Bitte, Herr von
Ulmenhorst, dazwischen, legte ihren Arm in seinen, die andern folgten und sie
schlenderten friedlich zum Speisesaal hin.
    Herr Dmmrig sa schon an der obern Ecke des Tisches, sein restaurirendes
Kraftsppchen genieend. Albertine war im Gesprch mit einer Dame begriffen, die
Albert vorher noch nicht gesehen hatte, deren geist- und gtevoller Ausdruck auf
einem nicht mehr ganz jungen Gesicht, in dem alles sprach, was reichlichen
Ersatz fr verblhte Jugend giebt, ihn aber unbeschreiblich anzog. An der
liebevollen Hinneigung zu Albertinen begriff er, da es die Madame Euler seyn
msse, mit der die junge Schne sich im Stillen so ernsthaft beschftigen
sollte.
    Bei Tische war die Unterhaltung allgemein. Albertinen in ein besonderes
Gesprch zu ziehen, gelang Alberten diesen Abend weiter nicht, und so rckte die
Stunde des Aufbruchs herbei, ohne da er erfuhr, ob Albertine ihn genug
auszeichne, um sein Wiederkommen zu wnschen. Denn als die Hauptacteurs des
literarischen Klubs ihn zur nchsten Session einluden, gab sie durchaus kein
Zeichen von Theilnahme; doch dnkte ihm, in ihrem lieblichen Gesicht sei ein
holdes zustimmendes Lcheln aufgegangen, als der Onkel ihm treuherzig sogte: ja
kommen Sie, ich bitte, recht bald; da wollen wir den Andern einen Schmau von
unsern Reiseabentheuern auftischen. Ich bin weit gewesen, mein Herr von
Ulmenhorst, und habe viel, viel gelebt. Ecce signum, indem er mit gellendem
Gelchter auf sein verfallenes Postament hinwie.
    Albert empfahl sich zgernd, immer noch etwas von Albertinen erwartend; sie
war aber merklich stiller geworden, als ihre unholde Cousine Laurette einigemal
mit schnden Reden scharf ber sie hingefahren war, und so mute er endlich wohl
gehen.
    Unterwegs berdachte er dies artige Abentheuer und that den kleinsten
Vorfllen desselben Gewalt an, irgend etwas wohlthuendes fr sein Herz heraus zu
grbeln. Aber immer war es nichts weiter, als da Albertine seinen Tiras
gestreichelt, und da er jetzt gegangen war, das Fenster geffnet hatte; ob, ihn
noch mit den Augen zu begleiten, oder des Mondhellen Abends zu genieen, war und
blieb dem angehenden Verliebten die groe, ihm lange unbeantwortete, Frage.

                                Drittes Kapitel


Und Albertine? hatte sie nur in den Mond, nicht nach dem schnen Jger gesehen?
Wir wissen es nicht, und ihrer Freundin, mit der sie sich vor Schlafengehen ganz
ruhig unterhielt, hat sie nichts davon vertraut. So gar kein armes Wrtchen
sollte sie ber eine neue interessante Bekanntschaft zu der Freundin ihres
Herzens gesagt haben? Da wre sie ja die einzige junge Dame auf Erden, die nicht
Stunden lang Bemerkungen ber so etwas mitzutheilen htte. Albertine lie sich
aber wirklich nichts weiter verlauten, als da Ulmenhorst ein sehr rechtlicher
junger Mann zu seyn schiene und durch sein Ausseres vortheilhaft fr sich
einnhme. Das war es alles, guter Albert. Deine reizende neue Bekanntschaft
hatte kein Herz und keine Hand mehr zu verschenken, wrest du auch der
heilbringende Engel Gabriel gewesen. Hand und Herz gehrten ihrem Louis, dessen
Gattin sie schon in ihrem siebenzehnten Jahre geworden war. Der ber Deutschland
losgelassene Krieg hatte ihn seit zwei Jahren von ihrer Seite gerissen und seit
dem die Deutschen Armeen sich Frankreichs Grenzen genhert hatten, waren alle
Nachrichten von ihm ausgeblieben; sie schwankte zwischen der grausamen
Alternative, ob er gefangen oder bei dem berfall von Bitsch geblieben sei? Sie
konnte das tdtende Schweigen nicht erklren. Da alle Erkundigungen fruchtlos
blieben, mute sie sich beinahe fr eine Witwe halten, wogegen ihr Gefhl
allmchtig strebte und ihr ganzer jugendlicher Frohsinn nicht Stich hielt.
    Bei seinem Ausmarsch hatte er Albertinen, sein Liebstes auf Erden, gebeten,
ihrer groen Jugend wegen nicht allein in dem grostdtischen fluthenden Leben
zu bleiben, sondern sich zu ihrem Bruder, der ein artiges Gut besa, auf das
Land zu begeben. In diesen Augenblicken hchster Wehmuth htte Albertine in
einen Aufenthalt bei den Kamtschadalen gewilligt; auch erschien es dem jungen
zarten Gemth so idyllenhaft s, im stillen Hain einsam um den Geliebten zu
trauern. An den Winter hatte sie nicht gedacht; auch war es ihr in der ersten
bangsten Periode der Trennung, kstliche Nahrung ihres Grams, allein in den
weiten Fluren umher zu irren und auf Philomelens Klagetne zu lauschen. Wie sich
in der Welt aber alles abnutzt, so auch durch zu hufige starke Anspannung der
finstere Gram des jungen achtzehnjhrigen Weibes. Der Hain wurde ihr zu still;
die Fluren zu de und Philomelens ewiges Klaglied zu eintnig. Kurz, sie sehnte
sich zu Menschen zurck. So fand sie sich, halb beschmt, da es so war, nach
und nach wieder bei der Gesellschaft ein, die ihr dann auch bald gar zu
beschrnkt, zu einfrmig, doch gar zu still huslich erschien.
    Dem liebenden Bruder entgingen diese bergnge nicht, so leise sie auch
angedeutet wurden. Er bemerkte sie um so mehr ungern, da seine bellaunige
Gattin das ihrige dazu beitrug, Albertinen ihre Lage bei ihm zu verleiden.
    berdem hatte Albertine durch den frhen Verlust ihrer Eltern, zeitig die
Vorzge der Unabhngigkeit kennen gelernt; sie war ihrer regsamen Natur, die
sich nirgends gehemmt fhlen wollte, Bedrfni geworden, und jede Beschrnkung
dnkte ihr ein Leiden zu seyn, dem sie sich nothgedrungen unterwarf. Von ihrer
Ehe hatte sie nur erst das Flatterjahr genossen und noch wenig von dem, in der
Natur der Sache gegrndeten, bergang des unterwrfigen Liebhabers zum
despotisirenden Eheherrn erfahren, in welcher Periode der schne Jugend-Traum
des Lebens seinen poetischen Schwung einbt und bei einem hchst prosaischen
Erwachen zerflattert. Die schne jugendliche Schwrmerin war durch die frhe
Trennung vom Geliebten, auf ihrer Hhe erhalten worden, und jetzt war sie durch
eine frostige Huslichkeit im Sinken begriffen. Albertinen war die Vorstellung
eines so entseelenden Zustandes unertrglich; deshalb hatte sie in ihrem
Kpfchen einen neuen Lebensplan ausgebrtet.
    Der Verstellung unfhig, erklrte sie ihrem Bruder ganz unverholen, da die
Einfrmigkeit des Landlebens und der ble Humor seiner Frau zwei Dinge wren,
die, durch ihren Verein, ihr das Leben verbitterten. Sie wnsche zum Onkel in
die Stadt zu ziehen.
    Ferdinand hatte eine solche Erffnung lngst gefrchtet, und doch fhlte er
sich jetzt, wie so ganz unvorbereitet; er sahe die Schwester schweigend und
gerhrt, fast bis zu Thrnen gerhrt, an. S schmeichelnd schlang sie ihren Arm
um ihn. Siehst du es nicht gern? fragte sie, ihn freundlich ins Auge blickend.
Mir wird die Zeit gar zu lang und deine Louise ist den lieben langen Tag durch
immerfort so knurrig. Dich habe ich herzlich lieb, und nhme dich gern mit.
    Albertine, so entschieden sehe ich dich, uns zu verlassen! - Sie sah ihn
betroffen und unentschlossen an. Ihr kleiner Lebensplan war entworfen und ihr
durch Aussichten und Verhltnisse mancher Art, die sie knstlich genug hinein
gewebt hatte, lieb geworden. Bei dieser Malerei bedient sich der feine weibliche
Sinn, gewhnlich der hellsten Rosenfarbe, sich seine Zukunft zu decoriren, die
jugendliche Hoffnung leiht ihr glnzendes Grn dazu und ungern giebt die
angeregte Phantasie solche Gebilde auf. Und hat nicht selbst das Helldunkel
einer ungewissen Zukunft oft mehr Reiz und Interesse, als die geflligste
Gegenwart?
    Albertine liebte, wie gesagt, den Bruder aus Herzensflle. Seine Traurigkeit
ging ihr nahe. Ihr Plan war ihr doch aber auch schon gar zu lieb geworden. Ich
mchte bei Dir, aber auch in der Stadt seyn, wiederholte sie einige Male aus
beklemmter Brust.
    Wre es nur nicht eben bei Onkel Dmmrig, liebe Albertine! - O der Onkel
ist, bei mancher Schwche, doch gut und bieder und hat mich recht lieb. - Auch
die Madame Rosamunde Wintergrn? Sieh nur, lieber Ferdinand, an die habe ich
freilich auch schon gedacht, fiel Albertine rasch ein, wobei sie recht weise
aus ihren lieben ugelchen blickte. Sie ist freilich nicht die Beste und
begegnet dem armen Onkel nicht aufs Beste, ist obendrein des Onkels - was man
nicht gern sagt, aber dafr ist die Seelengute Tante Elise da - Und die Cousine
Laurette. Laurette? Hm, mit der will ich mich schon vertragen. Zankt sie, so
scherze ich und bringe ihre Sarkasmen in Liederchen.
    Mchtest du meiner Louise eine solche Nachgiebigkeit widerfahren lassen.
Doch ich will dich nicht in Verlegenheit setzen; dein leichter Sinn mahlt dir
jene Lage nur zu reitzend, deren bedenkliche und ernste Seite dir zu zeigen mir
Pflicht ist.
    Ernst und bedenklich! Das war es nun eben, wobei unsre junge Freundin gar
nicht gern zu verweilen pflegte. Ich bitte, lieber Ferdinand, erklre dich;
aber - fgte sie leise hinzu - schone ...
    Louis! und der Respect fr dich selbst, kann meiner Albertine beides je
gleichgltig werden? Jene Weiber, welchen du dich zugesellen willst, machen von
Seiten der Achtung wenig Ansprche an die Gesellschaft; sie geben und empfangen
wenig. Ihre Losung ist, sich zu amsiren; das erreichen sie ohne groen Aufwand
von Krften; zu den momentanen Unterhaltungen reichen sie mit ein Paar bon mots,
einem Paar gut erzhlter Neuigkeiten des Tages aus, die sie hundertmal anbringen
knnen. Sie haschen nach allem, was ihrem dunklen Triebe, sich selber zu
entfliehen, entspricht. Es ist ihnen alles, zu diesem Ziele zu gelangen, gut
genug. Deine jugendliche Unerfahrenheit werden sie mit hochtnenden Worten von
gesellschaftlicher Toleranz, Humanitt, Selbststndigkeit, Verachtung der
ffentlichen Meinung, einwiegen; deine Achtung fr Zucht und Sitte werden sie
eine pedantische veralterte Ansicht der Welt, blinde Anhnglichkeit an
conventionelle Formen nennen; sie werden dir von der reinen Menschheit der Alten
vorreden, zu deren jugendlichem Weltzeitalter wir weder zurckkehren knnen noch
drfen.
    Albertinen ging es, wie es mancher meiner Leserinnen bei Ferdinands Tirade
gehen wird; ihr wurde sie zu lang und sie sagte ganz rasch: ach du siehst auch
alles gar zu schwarz, lieber Ferdinand; ich habe noch wenig von der Welt
gesehen; aber ich denke sie mir weder wie ein Elysium, noch wie eine Hlle. Ich
mchte gern Menschen sehen, mchte meiner Jugend mich freuen, mchte frei whlen
knnen, da meine Lage mir es gewhrt. - O Albertine, und das alles kannst du
bei mir nicht! Ich fhle, du hast Recht; aber Louis, der dich mir bergab, hat
sein vielleicht unglckliches Loos, ihn um alle Rechte auf seine Zustimmung zu
deinen Planen gebracht? oder meinst du, da er sie billigen wrde? -
    Albertine brach in helle Thrnen aus. Sie warf sich ihrem Bruder um den Hals
und weinte laut. Sie liebte ihren Louis treu und herzlich; aber er war doch nun.
einmal nicht da; Albertine war noch nicht ganz neunzehn Jahr, und man sage was
man will, Gegenwart und lange Abwesenheit ist so gnzlich zweierlei, auch fr
den, der mehr als achtzehn Sommer sahe. - Ferdinand mochte die nemliche
Reflexion gemacht haben; er ertrug berdem nicht leicht eine trbe Miene im
lieblichen Gesicht der Schwester. So wollte ich dein zartes Herz nicht brechen.
Du hast meine Einwilligung und meinen Seegen, und dann so trstet mich auch die
Nhe deiner redlichen Freundin Euler, die dir alles ersetzen wird, was du in uns
aufgiebst. Im Herzen hoffte Ferdinand, der Drang im jungen Gemthe sollte sich
wohl legen, wenn seine Frau nur erst mit darein sprche.
    Louise that's bei Tische, aber ganz nach ihrer bittern Weise, bei der es
recht merkbar wurde, da sie ihre Schwgerin je eher je lieber los zu werden
wnsche. Ferdinand sah leicht, da er einen zwiefachen Kampf gegen geliebte
Personen immer von neuem werde beginnen mssen; er resignirte sich also, da er
sah, da Widerstand nur mehr reitzen werde.
    Bei dem nchsten Spatziergange flossen die Geschwister in herzlicher Wehmuth
ber. Die Anstalten der Reise waren, wie man denken kann, emsig betrieben
worden, und in wenig Tagen sollte sie vor sich gehen. Ferdinand sprach mit
eindringender Innigkeit ber Albertinens knftige Lage und Verhltnisse. Seine
Ansicht des grostdtischen Lebens, in dem auch er sich wacker umhergetrieben
hatte, war freilich grell, aber zum Theil richtig. Die Huser der Groen und
Reichen, nannte er Treibhuser, worin die Jugend zur Frhreife gezogen wird und
meist vor der Reife abwelkt und verschrumpft; ihm waren sie das Grab zrterer
Weiblichkeit, die Zerstrer jugendlicher Tugend. Er bat Albertinen, sich nicht
so zu einer permanenten ffentlichen Erscheinung herabzuwrdigen, da sie in
ihrem zwanzigsten Jahre nicht etwa schon so ein Alltagsvgelchen sei, auf das
jeder, bei jeglichem ffentlichen Anlasse sicher rechne, zu dessen Ansicht man
Fremde einladen knne, weil es gewi nirgends fehle. Im Heiligthum des Hauses
wirkt, lebt und liebt das Weib, und wo es zu erscheinen wrdigt, mu es
Ehrfurcht einflen. So denk' ich, denkt und fhlt dein Louis, so wnschen wir,
da unsre Albertine fhlen mge.
    Albertine verhies alles mit Ku und Handschlag, noch als sie, in Wehmuth
aufgelt, in den Wagen stieg und Ferdinand ihr nur noch die Worte zuzurufen
vermochte: bleib gesund an Leib und Seele, meine Theure!
    Die Abwechselungen der Reise besnftigten ihren Schmerz, so da sie in
leidlich heiterer Stimmung bei Onkel Dmmrig ankam.

                                Viertes Kapitel


Der Neugier aller, die an Frau Rosamunds Theetisch zu radotiren pflegten, in
Ansehung der kleinen Dorf Cousine auf einmal zu gngen, waren sie zu einer
ausserordentlichen Session eingeladen worden, bei welcher Herrn und Damen in
ihrem besten geistigen und leiblichen Putz erschienen. In ihrer Einfachheit
geschmckter als sie alle, die After-Griechinnen, trat Albertine mit dem Anstand
einer Grazie aus dem Zeitalter des Praxiteles in ihren Kreis ein.
    Bescheiden errthend nahm sie ihren Platz unter dieser drolligen
sthetischen Genossenschaft, durch deren hochtnendes Wortgeklingel bei dem
ersten Anklange dieses vielbesaiteten verstimmten Instruments, sie sich sogleich
auf immer zurck gestoen fhlte
    Herrn und Damen lieen es sich angelegen seyn, Albertinens Sinn fr's Groe
und Schne durch allerlei verfngliche Fragen und naseweise Zudringlichkeiten zu
mustern und zu prfen. Nebenher lieen sich Herrn und Frauen, jedes in seinem
Sinne, auch ganz menschlicher Weise herab, ihre krperliche Bildung, sammt
Kleidung emsig, nach gemeiner Weiber Weise, zu mustern. Aber zu ihrem Leidwesen
entdeckten sie, besonders an ersterer, durchaus keinen Fehl an ihr.
    Tante Elise, die jetzt eben fnf und vierzig Sommer sahe, schlo sich
freundlich an das junge Mmchen, fragte um ihre Herzensangelegenheiten, sprach
viel von ihrem eigenen Herzen, das zu ihrem eigenen Unglck zu weich und
hingebend sei; sie werde nie in der Liebe glcklich seyn. Sie wimmerte, da der
Wurm der Zeit die Lust der Seele stche; es sei ein Elend, da die Freude das
Menschenherz so mit Schmerz bestreuen knne. Wenn sie so im Ton der Zeit sprach,
sah Albertine die Tante mit groen Augen an; besser verstand sie es, wenn die
gute Verbildete, mit dem jungen Gemthe, ihr eignes Jugendleben noch einmal
durchempfinden wollte, und ihr aus ihrer Werther-Periode das Schnupftuch zeigte,
das, noch ungewaschen, welke Rosen einhllend, da lag, worein sie Werthers und
Lottens Leiden so heie Thrnen geweint hatte. Auch war sie so glcklich, unter
ihren heiligsten Besitzthmern einen Zahnstocher aufzubewahren, welchen der
Dichter bei einer Gasterei auf der Tafel hatte liegen lassen und den sie mit
schwerem Gelde von einem Marquer erstanden hatte. Die gute Elise sprach den
Namen Gthe stets mit heiligem Schauer, wie den, einer ersten Liebe, aus. Dies
war beinahe der einzige Berhrungspunct zwischen ihr und ihrer Nichte, die den
groen Dichter innig kannte und verehrte, obschon sie eine sehr verschiedene
Ansicht damit verband.
    Laurette, die dem Onkel Dmmrig als ein Vermchtni eines im Handel
verunglckten Bruders zugefallen war, fuhr ber alles, insbesondere aber ber
diese Grillen ihrer Tante, die ihrer rauhen Natur gar nicht eingingen, mit der
Schneide ihrer bittersten Kritik her. Albertine fand sie ihrer Bemerkung, wie
sie sagte, ganz unwerth; inde ergrimmte sie doch ganz unphilosophisch im
Geiste, als ihr Verehrer Wassermann, dem sie auch das Leben gallenbitter machte,
Albertine eine ganz artige kleine Erscheinung hie.
    Onkel Dmmrig, das Oberhaupt dieser curiosen Sippschaft, amsirte sich
vortrefflich mit dem verschrobenen Zeuge, wie er diese allerneuste Cultur zu
nennen pflegte. Er selbst war auf der Stufe der Bildung, die er in seinen
jngern Jahren erreicht hatte, stehen geblieben, und hielt steif und fest sowohl
an dem wirklich Schnen jener Periode, an dem jungen Tage, der zu der Zeit ber
Deutschland aufgegangen war, als auch an der unglcklichen Mischung deutscher
Kunst und gallischen Witzes. Wenn er darber sprach, sagte er oft, zum groen
Skandal seiner Gesellschaft, den Anfang eines alten Kirchenlieds: Der Tag der
ist vergangen, die Nacht ist vor der Thr. Die Sonne ist untergegangen in den
Wasserfluthen der neuern Poesie. Kinder! jenes erste war der chte Wein, dieses
ist der Coffent. Das verstehen Sie nicht, mon cher, sagte dann Frau Rosamund,
Sie sollten sich doch endlich resigniren, da es Dinge giebt, welche Sie nicht
begreifen; und so lie er sich gewhnlich bedeuten und lenkte wieder ein.
    Onkel Dmmrig war im Ganzen kein schlimmer Mann, und bei weitem besser, als
er scheinen wollte; denn es kam ihm vornehm und ber alle Maen galant vor, so,
als die wahre verkncherte Sinnlichkeit, zum Beispiel fr andere dazustehen Er
war ein Reichgeborener. Als ein solcher hatte er seine Kindheit und Jugend
verlebt; als ein solcher war er auf Reisen gegangen, Empfehlungsschreiben nach
London, Paris und Wien benutzend; als ein solcher hatte er sich endlich in
seiner Vaterstadt niedergelassen, einen Theil seiner besten Jahre
durchgeschwrmt, bis ihn die Welt frhe auf ihre groe Invalidenliste eintrug.
    Jetzt glaubte er eine gewisse Hhe des Lebens erreicht zu haben, von welcher
er, erfahrungsreich, mit groer Beruhigung in die verlebten Jahre zurcksehen
knnte, denn er hatte ja wirklich nicht alles das Bse gethan, wozu ihn sein
Reichthum und groer Wirkungskreis aufzufodern geschienen hatte. Nie hatte er
den goldenen Regen bei den Danaen gespart, und waren durch seine Sorglosigkeit
die lebendigen Folgen seiner Unordnungen, der Drftigkeit und Schande Preis
gegeben; so gab er ja doch auch viele Thaler an die ffentlichen Armenanstalten,
wovon auch sie ihre Spende erhalten konnten; berdem beschenkte er ja seiner
Schwester und Brder Kinder mit allerlei entbehrlichen Kleinigkeiten.
    Als ihn die Welt nun allmhlig verlie, und die Tage eintraten, von welchen
es hei: sie gefallen uns nicht! als Gicht und Podagra den raschen Lauf seiner
Fe hemmten, wurde es ihm erinnerlich, da er in seiner Jugend die Religion als
ein Spezifikum in Leiden hatte anpreisen hren; er machte also einige schwache
Versuche, sie aus der Rstkammer seines Gedchtnisses hervorzusuchen. Er nahm
eine Bibel zur Hand, freute sich, da der fromme David beinahe eben so tolle
Streiche gemacht hatte, als er selbst; las von der keuschen Susanna und der
schnen Knigin Esther, und vertiefte sich endlich so in das hohe Lied, da er
sich gar weltlich dabei gesinnt fhlte, und vor der Hand das Bekehrungswerk noch
einmal wieder zur Seite legte.
    Waren dergleichen Anflle berstanden, so existirte der 48jhrige Greis ganz
heiter, in der Erinnerung abgeschiedener Freuden. Besonders hatte er sein eignes
Vergngen, wenn Wassermann den Damen seines Hauses ber die Hetren der Griechen
demonstrirte, und was das fr ein herrliches Leben gewesen sei, als noch nicht
die kleinlichen Gesetze eines kleinlichen Anstandes eingefhrt waren, die,
leider Gottes! auch bei den gebildetsten Frauen nur noch zu viel glten. Da
erinnerte sich dann unser Dmmrig recht lebendig an Phillis und Doris, und
Lalage und Chloe, die er in seinem goldnen Frhling recht elegisch bewundert
hatte; seine alten Frequenzen machten ihm jetzt noch recht herzliche Freude.
    Strker, als alles andere, mahnte ihn an seine Jugendsnden Madame Rosamund
Wintergrn. In einer seiner bufertigen Perioden hatte sich ihm die Vorstellung
huslicher Freuden und weiblicher Umgebung aufgedrungen Heirathen? Alles, nur
das nicht; eine so kalte, langweilige Episode in sein Freudenleben schieben:
nein; das ging nicht! Aber eine Herzensfreundin, die es mit der Ehre und dem
ganzen weiblichen Plunder von gutem Namen und Wohlstand nicht gar zu genau
nimmt, so eine besa er schon in Rosamund, einer der gewandtesten und
leichtfigsten Schlerinnen Terpsychorens bei der groen Oper. Auch sie hatte
so reinen Moment der Zerknirschung zu berstehen, indem eine ihrer bedeutendsten
Freundschaften in der Auflsung war. Zwar verachtete sie, die in Absicht des
Ranges sehr verwhnt war, von ganzem Herzen den brgerlichen Amanten; doch waren
ihre Aussichten in diesen Herbsttagen ihres Lebens zu trbe, als da sie nicht
ein freudiges Ja! gesagt htte, als er das Anerbieten that, sie zur
unumschrnkten Besitzerin seines ppigsten Wohlstandes zu machen. Weil sie es
aber Ehren halber fr ihren guten Namen bedenklich fand, bei ihm zu wohnen,
entschlo er sich, ihr seine Schwestern Elise und Laurette als Ehrenretterinnen
zur Seite leben zu lassen.
    Rosamund war des Herrschens ber eine Schaar demthiger Verehrer allzu
gewohnt, als da sie nicht sogleich versucht haben sollte, sich ihrer weiblichen
Umgebung ganz zu bemchtigen. Mit Elisen, diesem sen, geschmeidigen Wesen,
gelang es ihr sehr leicht; schwerer machte Laurette ihr den Sieg. Doch erlag
auch diese endlich dem feinen Gifte der Schmeichelei und dem steten Lobpreisen
ihrer erhabenen Geistesqualitten, so da endlich dieses Kleeblatt so
ungleichartiger Naturen, gleichsam in einander verwuchs und ein seltsames Ganzes
darstellte, das mit vereintem Treiben, jedoch jedes sein besonderes Interesse
der Eitelkeit durchsetzte.
    Das Wohlleben und die Eleganz, worin sie einen guten Geschmack zu legen
verstanden, zog bald ein leichtes Vlkchen um sie zusammen, das so eben gut
genug war, sie zu amsiren, und auch wieder nicht gut genug, sich an dem etwas
schwankenden Rufe seiner Gnnerinnen zu stoen; wie es denn berhaupt zum
Amsements-System der schnen Welt gehrt in Absicht der Sittlichkeit alles fnf
gerade seyn zu lassen. Die trefflichsten Weiber werden dann nur erst bemerkt und
vorgezogen, wenn sie einen notablen dummen Streich gemacht haben.
    Diese Cotterie wurde bald ein Cirkel, und zwar anmalich ein sthetischer,
weil einige junge, Schngeisterei treibende Herren hier ihre Schwungkraft bten,
ehe sie sich in hhere Regionen wagten.
    Wir haben unsre junge Freundin in diesen Kreis eingefhrt gesehen, und
mssen sie uns nun betroffen und mit gesenktem Blicke da sitzend denken. Ihr
reines, ihr frommes Herz, ihr wahrhaft jungfrulicher Sinn, dem hier nichts
zusagte, fand gleich bei ihrem Eintritte nur zu viel Anla, den raschen, kecken
Schritt zu bereuen, den sie gethan hatte Von allen Seiten wurde sie mit Fragen
bestrmt, fr welche sie keine Antworten hatte; oder sie zu geben, zu bescheiden
war. Tante Elise, die berall dem Drange ihrer Gthe's-Existenz nicht
widerstehen konnte, fragte ganz zart und liebend, ob die liebe Niee diesen Gott
unter den Dichtern wohl kenne? Sie sind seltsam, Tante! rief Laurette
dazwischen, Ansprche der Art an unsere Verwandtin zu machen; sie hat auf ihrem
Dorfe wohl schwerlich andere Poesie, als aus dem Gesangbuche der lieben Gemeine
kennen gelernt. - Diese Menschen - ach Gott! sie dauern mich! - sie mssen sich
an die trivialsten Trivialitten halten! Diese rohen Naturkinder! und was
giebt's gemeineres, als die rohe Natur, mit der sie sich ganz umgeben, um in
ihrer Plattheit unterzugehen. Manches liee man in der Natur freilich so
hingehen, in so fern nemlich ihre Kenntni die Grundlage hherer Geisteskultur
wird; aber gestehen Sie, Tante! giebt es zum Beispiel etwas Gemeineres, als
dieses ewig einfrmige Zirkeltreiben der Jahreszeiten! Was ist in diesen
gemeiner, als der Winter? Wo ist ein krasserer Begriff, als ein Gewitter? -
Sieht man nicht hier schon offenbar, da die Welt nur ein erster Versuch von
einem Etwas ist, das es nicht besser zu machen verstand?
    Ganz anders wre sie gerathen, htten wir sie zusammengeknetet! rief ein
junger Herr, Lauretten persiflirend. - Freilich! entgegnete sie ganz
feierlich; denn es ist weder Philosophie, noch Geschmack in dem Dinge.
    Gott sei mir gndig! seufzte Albertine; Sie rezensiren den Schpfer! -
Inde wurde sie bald durch Rosamunden in ihren stillen Betrachtungen gestrt,
die zu viel Lebensart hatte, um in Gesellschaft zu beleidigen; daher nahm sie
den Faden des Gesprchs wieder auf, und fragte Albertinen sehr freundlich, ob
sie wohl etwas von dem Dichter, von welchem eben die Rede gewesen sei, gelesen
habe? - Ich wei nicht, ob ich sagen darf, alles; aber sehr viel las ich von
ihm, ehe ich zu meinem Bruder auf's Land ging. Meine liebe Cousine scheint nicht
zu wissen, da ich nur den kleinsten Theil meines Lebens auf dem Dorfe lebte,
und da auch da mein Bruder und viele der Nachbarn schtzbare Bibliotheken
besitzen, aus welchen zu schpfen, mir erlaubt war.
    Liebes Kind! das Lesen allein thut's nicht! sagte hier Laurette boshaft.
Verstandest du auch, was du lasest? mchte ich hier, wie Paulus den Kmmerer,
fragen.
    Wassermann schlug eine helle Lacht auf und rief: O pfui! pfui! wie kann
Jemand, der Anspruch auf Geschmack macht, aus der Bibel citiren! Pfui,
Mademoiselle, wie knnen Sie uns das thun? -
    Persiflirend ist's erlaubt, entgegnete Laurette. - Ach Gott! ach Gott!
seufzte Albertine. Ihr liebes Herz erlag in Wehmuth.
    Tante Elise fhlte fein genug, sich in Albertinens Verlegenheit versetzen zu
knnen. Sie machte sich also an sie, und indem sie das arme Kind vom allgemeinen
Gesprch abzog, drang sie in sie, sich zu erklren, welches von Gthe's
gttlichen Erzeugnissen sie vorziehe, in welcher seiner herrlichen Schpfungen
sie sich ganz heimisch fhle. - Aus Albertinens Antworten fand sich's bald, da
sie mehr als einheimisch in diesen Schpfungen war, da ihr Sinn sie mit
Geschmack und Geist durchdringe, ob sie gleich den groen und liebenswrdigen
Dichter nie zum Aushngeschilde ihrer Kultur mibrauchte.

                                Fnftes Kapitel


Albertinens leichter Sinn und trefliches Herz lieen freilich ihre Mibilligung
nie in Bitterkeit bergehen. War aber die Verstimmung zu unleidlich, so
flchtete sie zu ihrer Freundin Euler. Neben so vielen verzerrten Physiognomien
wird es uns wohl thun, die Bekanntschaft dieser angenehmen Frau zu machen.
    Henriette war die einzige Tochter einer angesehenen brgerlichen Familie.
Mit ihres Vaters Tode sank sie von ihrem Wohlstande, der sich nur auf ein hohes
Gehalt gegrndet hatte, so merklich herab, und der ganze Mckenschwarm der
Tischfreunde, die der Sonnenschein des Glcks herbeigezogen hatte, verschwand
pltzlich Henriettens Mutter berlebte ihren Unfall nicht lange, und die
liebenswrdige Waise wurde zu einer alten, abgelebten Verwandtin gegeben, die
sich um ihre Pflegebefohlne gar nicht bekmmerte, wenn diese sich ihre elende
Kost durch den angestrengtesten Flei wohl verdient hatte.
    Zur Zeit des Wohlstandes war die im elterlichen Hause schn aufblhende
Henriette der Gegenstand mancher flchtigen Verehrung gewesen. Wenn diese
Schmetterlinge aber inne wurden, da sich ihnen die keusch geschlossene Blthe
nicht ppig hinneigte, so flatterten sie von dannen; denn nie wird eine sittsame
Schnheit, welche die laute Bemerkung vermeidet, zur unglcklichen Ehre, die
Schnheit des Tages zu werden, gelangen. Sie hatte aber zu wenig Vermgen, als
da ihr heller, gebildeter Verstand und ihre erworbenen Talente ihr einen
bestndigen Verehrer htten gewinnen knnen.
    Indem dieses nicht geschah, wurden Henriettens heieste Wnsche erfllt. Sie
hatte die Liebe ihres schnen Herzens einem Jnglinge zugewendet, der in der
That auch so, wie wir ihn gekannt haben, ihre innigste Zuneigung zu verdienen
schien. Seine Armuth hatte ihn zu einer Schreiberstelle bei Henriettens Vater
herabgewrdigt. Man sagt, krperliche Vorzge pflegten junge Mnner eben so
eitel zu machen, wie junge Mdchen. Wenigstens war dies der Fall mit unserm Karl
Euler, der seiner Schnheit mit aller Sorgsamkeit einer vollendeten Kokette
pflegte. Diese Frivolitt entging Henrietten um so mehr, da sie Karln nur immer
in dem Verhltnisse eines Untergeordneten sahe, da denn das Mitleiden dieser
schnen Seele den Weg zur Liebe bahnte.
    Nicht so entging Henriette dem gefhrlichen Spiele seiner brennenden,
schwarzen Augen, worin er vor seinem Spiegel ein Meister geworden war. Henriette
beging den fr ihr ganzes Leben entscheidenden Fehler, dieser unwrdigen
Koketterie des Jnglings nicht jene kalte Wrde entgegen zu setzen, womit sie so
glcklich alle Geckerei aus ihrer Nhe verscheucht hatte. Der arme junge Mensch
knnte es fr Verachtung halten, dachte sie. Aber kein anderer war's, als der
Bube Amor, der ihr diese kleine Heuchelei eingab. - Karl sprte jedem Schlage
ihres Herzens, jedem ihrer unterdrckten Seufzer nach; und wenn er seine
unwiderstehlichen Reize mit in Anschlag brachte, schien ihm Widerstand selbst
bei einer Henriette unmglich. Leider hatte er nur zu richtig geschlossen!
Henriette gestand nach einigem jungfrulichen Weigern, da sie ihn allen Mnnern
vorziehe, und verhie, was auch sein oder ihr Loos seyn mge, die Seinige zu
werden.
    Als nach ihrer Eltern Tode sie, so zu sagen, sich selbst berlassen war,
wrde sie gern den feierlichen Bund geschlossen haben; denn obschon Karl nur vom
Abschreiben lebte, wandte sie doch jetzt ihr Talent, die Malerei, zum Broderwerb
an; und da sie durch den Meister, dem sie seine Kunst ablernte, viel
Bestellungen nach Ruland und Polen hatte und in der Landschafts- und Blumen
Malerei immer bedeutendere Fortschritte machte, so glaubte sie einen gengsamen
Haushalt versorgen zu knnen.
    So rechnete die 18jhrige Henriette. Der 22jhrige Karl hingegen so:
Henriette ist die Gutmthigkeit selbst; sie wird sich nicht weigern, das, was
sie zu einer Haushaltung zureichend hlt, zu anderm Endzwecke herzugeben. Ich
will, ehe ich eine so ernsthafte Verbindung eingehe, meiner Jugend genieen.
Und so geno der unwrdige Jngling, und verschwendete auf eine Weise, worber
sein guter Engel weinte, das mhsam erworbene Geld der Geliebten, die es als
nthigen Aufwand bei Bewerbung um irgend eine Stelle angewendet, glaubte, inde
er sie unter dem Vorwande hinhielt, keine Stelle sei ihrer werth.
    Es verging ein Jahr nach dem andern unter diesen schwankenden Aussichten auf
knftige Versorgung fr Henrietten; und immer noch verlor sie den Glauben an
Karln nicht so bedeutende Winke sie von vielen Seiten her erhielt. Da er, ihrer
Hand auszuweichen, nicht versorgt seyn wollte, fiel der treusten Seele auf
Gottes Erde nicht ein. Und hatte sie irgend eine bekmmernde Nachricht ber sein
geheimes Verhalten gehrt, so glaubte ihr zartes Gemth ihm fr den momentanen
Eindruck, den es auf sie gemacht hatte, Ersatz schuldig zu seyn; sie entzog sich
irgend ein nothwendiges Bedrfra (denn andere befriedigte sie nicht), ihm eine
Freude durch irgend ein kleines Geschenk zu machen, welches er gewhnlich kalt
annahm und oft noch an demselben Abend, irgend einer Unwrdigen einen
freundlichen Blick abzugewinnen, zum Opfer darbrachte.
    Karl hatte von Henriettens Flei so geschwelgt und seiner Jugend so
reichlich genossen, da er endlich auf die Hefen gekommen war. Er erkrankte und
fhlte jetzt mit Schrecken, da er einer treuen Pflege bedrfe, die er nicht
verdiente. Henriette weigerte sich keinen Augenblick ihm zu gewhren, was sie
fr ihre heiligste Pflicht hielt. Sie betrat die Schwelle des Krankenzimmers mit
dem Geistlichen zugleich, der ihre Hand in die brennende Hand des
Schwindschtig-Kranken legte, und sie fr die wenigen Tage seines Lebens mit ihm
verband.
    Wenige Tage vor seinem Hinscheiden beging er die, wie er es dafr hielt,
pflichtmige Grausamkeit an der Armen, ihr ein vollstndiges Bekenntni aller
seiner Treulosigkeiten gegen sie abzulegen. Sie gab die Zusage ihrer herzlichen
Verzeihung unter Strmen von Thrnen. Nach einigen Tagen starb er, und ihr Gram
war gemigter, als er vielleicht ohne dies unglckliche Bekenntni gewesen seyn
wrde.
    Aber jetzt erst wurde die unertrglichste Brde des Kummers ber ihr Herz
hingewlzt. Zu ehrlich, um irgend Einem Unrecht zu thun, bernahm sie das
Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen.
Bei diesem Anlasse sahe sie Briefschaften und Rechnungen durch, die ihr ein
schreckliches Licht ber die Verirrungen des Verstorbenen gaben. Sie war das
Spiel des Mannes gewesen, dem sie so viel hingegeben hatte, und nie hatte er es
erfahren, da sie zwei sehr annehmliche Parthien, nach ihrer Eltern Tode,
seinetwegen ausgeschlagen hatte. Aber ihr wahrhaft religiser Sinn entbrannte
nicht ber die Vergehen des Einzelnen; doch hrmte sie sich ber die allgemeine
Gebrechlichkeit, der sogar eine Natur, wie die ihres Karls, unterliegen mute.
    Allem zu gengen und allen Recht widerfahren zu lassen, arbeitete sie jetzt
strenger, als je. Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen
sehr anziehenden Karakter, der die zarteren Saiten menschlichen Gefhls hchst
lieblich berhrte. Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schlerin und ihre
Freundin. Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser
gleichartigen Naturen. Die ltere Freundin bewunderte neidlos die sich schn
entfaltenden Geistesblthen der jngern: und die jngere erndtete freudig die
reiferen Geistesfrchte der ltern ein.
    Dies war das Herz, zu dem Albertine sich flchtete, wenn das Mifallen an
ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefhrlich zu werden drohete. Ach, Henriette!
seufzte dann Albertine. Diese Menschen sind erbrmlich verschroben! fiel ihr
Madame Euler in's Wort; und halten sich obenein fr eminente Naturen, die uns
armen Menschen Pbel unbegreiflich sind. - Aber - wir wollen sie schon
begreifen, und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen!

                                Sechstes Kapitel


Die schnen Sommertage waren dahin, und schon erinnerte die frhere Dmmerung
und der nebelartige Thau, der sich Abends auf die Fluren senkte, da der Herbst
nahe sei, und die Familie zur Stadt zurck kehren werde.
    Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen. Sie
war sich immer gleich: offen, ehrlich, ohne Kunst; und eben dies war die
Ursache, da es ihm schien, als sei ihr mit Liebe, die gern kleine Schleifwege
einschlgt, und in mysterisen Lauben weilt, gar nicht beizukommen. Ihr Thun und
Treiben war so kindlich offen, und doch so klug, da Albert sich in ihrer Nhe
wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fhlte; denn auch er war grad' und bieder;
seine Bescheidenheit war wirkliche Bescheidenheit, nicht Linksheit oder
Bldigkeit, die jungen Mnnern ohne Gewandheit und Talent zum geselligen Leben,
so oft den Ruf der Bescheidenheit zu Wege bringen.
    Albertinens Umgang nicht zu entbehren, hatte er es sich gefallen lassen, ein
Mitglied des ridiclen Klubs zu seyn, wobei ihm aber nicht lange gestattet war,
eine mige Rolle zu bernehmen. Ein jeder sollte etwas vorzulesen bringen, und
Wassermann bestand mit so stark vorblickendem hmischen Triumph. Albert solle
eigne Arbeit produziren, da dieser sich endlich etwas finster und drohend
entschlo, folgendes Mhrchen der Gesellschaft zum Besten zu geben:


                              Prinzessin Grcula.

                                 Ein Mhrchen.

In dem weiten Gebiete der Phantasie lag ein groes, groes Knigreich, welches
noch kein Reisender entdeckt, kein Geometer ausgemessen und kein Geograph
beschrieben hat.
    ber dieses herrschte ein Knig, der im Kleinen sehr gro und im Groen sehr
klein war; kurz, ganz so ein moralischer Krppel, als htten ihn schon,
Jahrtausende hindurch, die Geschichtschreiber unter gehabt. Dieser Knig hatte
eine Gemahlin; und wie es in allen Mhrchen der Welt Sitte ist, hatte dieses
knigliche Paar denn auch keine Kinder. Doch ging der Knig darin von der alten
Sitte ab, da er sich ganz und gar nichts daraus machte. Unserm Fricando htte
das Mhe gemacht, und die armseligen 24 Stndchen Ruhe, die er sich tglich von
seinen Regierungssorgen abstahl, verbittert. Auer vom Gesottenen und
Gebratenen, nahm er von wenig Dingen Notiz. Die Natur hatte fr ihn nur in so
fern Schnheit, als er sie sich wie eine weite, wohl versehene Speisekammer
vorstellte. Seine Handbibliothek, woraus sein Hofzwerg ihm vorlas, bestand aus
eitlen Verdauungsbchern, nemlich Vademecums und Parodien, travestirten
Trauerspielen und Mnchhausiaden. So war unser erzgute Fricando! -
    Ganz ein Anderes war's mit seiner Knigin, der schnen Sentimentale. Sie
nahm von allem, was war und nicht war, Notiz, und lebte und webte in
Kunstgenssen. Mahler, Zeichner und Knstler aller Art wimmelten so chaotisch in
ihrem Schlosse, da sie oft einander den Weg verrannten. Und Musik! ja, Musik
tnte aus allen Gemchern; sogar am heimlichen eine Aeolsharfe. Die schne
Sentimentale bekmmerte sich um alles, was in ihrem weiten Reiche vorging; sie
ennuyirte sich tdtlich erfuhr sie nicht gleich alles. Dem nun vorzubeugen, war
ihr Schlo nach allen Richtungen hin mit Telegraphen umgeben, und ein ganzes
Heer Aeronauten stand auf ihren Wink bereit, ihr das Neueste vom Neuen
zuzufhren.
    Einst erwachte nach einer kurzen, sechsstndigen Sieste unser Fricando sehr
heiter. Sentimentale, [die unter andern auch eine Alterthumsforscherin war, und
das Alte gern so dicht als mglich an das Neue schob,] war eben in der wichtigen
Untersuchung vertieft, ob der Knauel, den Ariadne dem Theseus aus dem Labyrinth
zu kommen gab, Seide, Baumwolle oder Zwirn gewesen sei? als sie durch ein
unmiges Gelchter des theuren Gemahls gestrt wurde. Ha, ha, ha, ha!! -
Nun? - Und noch einmal ha, ha, ha, ha! Das sollten Sie lesen, Madame Knigin;
es ist verteufelt amsant! - Also wohl ein Kochbuch, weil es Euer Majestt so
treflich vorkommt. - Nicht so anzglich, wenn ich bitten darf, schne Frau
Knigin! Es heit - lies doch noch einmal den Titel, Zwerg! - Der kleine Unhold
las: Der Grobian eine Zeitschrift.
    Sie haben keine Idee, Madame! was die Kerls sich gttlich herunterreien.
Eine Malie, ein Ingrimm, ein Hmischseyn - kein Lazaroni hunzt den andern so
aus, wie dieses Geschlecht einander thut. Wessen Grobheit mich am meisten
amsirt, der hat fr mich den Sieg errungen. -
    Sentimentale warf das Nschen auf. Den Knig verdro, da sie so wenig in
seinen Geschmack einging, und er setzte hinzu: in Ihrer philosophischen
Hexensprache steht's freilich nicht. Aber so sind Sie immer. Was mir schmeckt,
davorekelt Ihnen; es mu erst alles vergriecht werden, soll's Ihnen mundrecht
seyn. Ihr guten Gtter und Feen, was soll ich denn noch anfangen, Sie zufrieden
zu stellen? Haben wir nicht die besten Kche? Ist unsre Konditorei nicht im
besten Stande? Tnt nicht, bis zum bel werden, Musik um uns her? Haben Sie
nicht in jeder Minute Gelegenheit, sich zu Tode zu tanzen? -
    Fricando sank nach dieser langen Rede erschpft in's weiche Polster zurck;
so lange er lebte, hatte er noch nicht so lange haranguirt. - Mit groer Wrde
antwortete die Knigin: Was das alles fr einfltige Reden sind! Schicken Sie
erst den garstigen Zwerg fort; dann will ich hren, ob sie capabel sind, Raison
anzunehmen.
    Fricando expedirte seinen armen kleinen Lector mit einem Futritt, wie so
mancher treue Diener expedirt wird, der das Unglck hat, hlich zu seyn und der
Gebieterin seines Herrn zu mifallen.
    Jetzt stand Sentimentale auf und schritt mit kniglichem Anstande das Zimmer
umher, wobei sie schmerzvoll und hchst pathetisch in die merkwrdigen Worte
ausbrach: Ich ennuyire mich! Ich ennuyire mich! Ich ennuyire mich!
    Potz Wetter, wie knnen Sie so dumm reden! erwiederte nun seiner Seits
Fricando, mit nicht minder hohem Anstande. Haben Sie nicht Hoffrulein, so
jung, wie sie von der Mutter kommen! Faseln Ihre Kmmerlinge nicht so
schnakisch, wie nur irgend welche unterm Monde? Was soll ich thun, das vertrakte
Wort nicht mehr zu hren?
    Machen Sie, da es anders ist! Doch ein Wort, wie tausend. Ich thue einen
Vorschlag, den Sie gewhren mssen. An der Grenze unsers Knigreichs, wo der
schne Strom der Freude die Zuckerbergwerke besplt; in der Gegend, wo Euer
Majestt eingemachte Pomeranzen und gebrannte Mandeln wachsen, wohnt in einer
Grotte der Marzipangebirge der Genius Frivolo. Er ist Priester eines Orakels;
das soll er befragen, warum mir, eben mir die Schmach der Kinderlosigkeit wurde?
Denn das ist's, das sollen Sie wissen: Kinder will und mu ich haben; und sollte
ich, gleich der kniglichen Ananas, nur eine Frucht bringen und dann welken, so
will ich die Seufzer meines Volks um einen Erben mir nicht lnger durch meine
Telegraphen zurufen lassen. Jede Zofe, jedes Hoffrulein bekommt richtig seine
Erben, und ich allein soll meinen Dienerinnen zurckstehen? Noch kam, so hre
ich, kein einsames Weib vom Frivolo einsam zurck. Dahin, dahin, o mein
Geliebter, la uns ziehn! fgte sie schmeichelnd hinzu.
    Fricando schmunzelte und sagte ganz gutmthig: Wie heit der Kerl? Hat er
einen guten Mundkoch?
    Sentimentale hatte nun gewonnen. Dreimal durchkte sie Etagenweise des
Knigs dreifaches Kinn und erzhlte recht redselig alle die schnen Waaren her,
die in jenen Gegenden zu haben wren. - Nun, so reisen wir! sagte Fricando
ghnend. Wenn's mir weiter keine Mhe macht und der Weg durch kein Hungerland
fhrt, bin ich von der Parthie.
    Schon wollte die Knigin ihre Befehle zur Abreise ertheilen, als dem Knig
noch ein Bedenken aufstie. Hren Sie doch, Frau Sentimentale! was soll's denn
seyn, wenn der Kerl, der Hexenmeister, wie Sie da sagen, Rath schafft? Ein
Prinzchen, oder Prinzechen?
    Einen Erben! antwortete die Knigin, halb verdrielich.
    Nun, nun, machen Sie mir darum nicht gleich so ein Kirieleisons-Gesicht!
Obschon ich an meinem Theile gleich gern bliebe, wie ich bin; denn die
Vaterschaft, habe ich all mein Tage gehrt, macht nur Plage; so dchte ich doch,
die Prinzechen wren auch ganz schnurrige Dingerchen, besonders wenn so ein
Muschen gut kochen lernt.
    Kochen! - Regieren, wollen Sie sagen! -
    Meinetwegen auch regieren. Ich habe in einer Druckschrift gelesen, da die
Damen gewi und wahrhaftig oft recht erschrecklich-prchtig regieren knnen. Da
kam auch drin vor von einer Kaiserin von England und einer Kurfrstin von
Ruland -
    Sentimentale wendete sich von ihm und machte ihre Reise-Anstalten. Hundert
Wagen wurden mit Bayonner Schinken, Bhmischen Fasanen-Pasteten aus Frankreich
und Leckereien aller Art beladen, damit der gute Herr auf der weiten Reise
keinen Abgang der Krfte verspren sollte. Dann wurden wieder andere hundert
Wagen mit Ober- und Unter-Zofen, nebst Toilettbedrfnissen aller Art fr die
Knigin befrachtet; denn Frivolo war ein Elegant, und wute immer um ein Haar um
die neusten Moden.
    Auf der Reise war unserm Fricando so wohl, wenn er sein Gefolge bersah, da
ihm oft das Wasser in dem Mund zusammenrann. In solchen Augenblicken umarmte er
seine Gemahlin, und versicherte, sie sei ihm so schn, wie der niedlichste
Ortolan und so kstlich, wie die beste Hollsteinsche Auster.
    Frivolo hatte durch seinen Boten ber und unter der Erde Nachricht von der
Reise des kniglichen Paars erhalten. Der schne Genius war galant; Frivolo fand
in Spalten und Klften Kollationen, von Geistern bereitet, und Sentimentale
berall Spiegel, die ihr ihre grazise Gestalt, schn verklrt, wieder gaben.
    Frivolo htte sich erschpfen mssen (wenn bei einem Genius so etwas mglich
wre) ob der berschwenglich guten Aufnahme. Sentimentale sonnte sich Tage
hindurch unermdet an dem Glanz seiner schnen Augen, inde der gute Fricando
Tage lang auf den Knien um das Orakel herumrutschte, etwas zu erhalten, das ihm
der Gott der Hahnreischaft schon gewhrt hatte.
    Da die poetische Periode in der Liebe gewhnlich die ist, welche der des
hchsten berdrusses vorangeht, und Frivolo jetzt begann, Sentimentalen mit
Sonnetten, worin sogar ihre Hneraugen gefeiert wurden, zu berschwemmen,
versprte sie, da es nun wohl Zeit sei, abzureisen. Frivolo wnschte von Herzen
glckliche Reise, und der ehrliche Fricando versicherte treuherzig, es habe ihm
lange nicht so gut geschmeckt, er werde dem wackern Mundkoch seinen
Fasanen-Orden ertheilen. Und damit hopp, hopp! knarr, knarr! auf und davon.
    Jetzt ging's wieder ber Berg und Thal, ber Thal und Berg, bis sie in einen
dunkeln, dunkeln, schaurigen Wald kamen. Da begab sich's, da der arme Knig
durchaus zu Bette verlangte; er litt an Indigestion. In dem wilden Walde war
nun, wie jedermann sich leicht vorstellt, weder an Bette, noch an Sopha (auer
denen von Moos, welche die Dichter sehen) gar nicht zu gedenken. Also war alles
in groer Bestrzung, denn Seine Majestt gnarrten unablssig: ich will zu
Bette, ich will zu Bette! Wie gro war aber auch die Freude, als sie ein Licht
durch das Dickicht schimmern sahen. Sogleich wurde darauf los gesteuert. Das
Lichtlein schien sich bald zu entfernen, bald ganz verschwunden zu seyn. Endlich
und endlich, durch Dornen und Hecken, hatten sie's erreicht, als es eben ganz
erlosch. Sie befanden sich vor einer kleinen Htte, worin dem Anscheine nach
kaum der knigliche Bauch Raum haben wrde. Als nun der knigliche
Ober-Hof-Anpocher die Thre der Htte mnniglich mit Faust und Fu bearbeitet
hatte, rief eine heisere weibliche Stimme: Gleich, gleich! Man kann doch so
nicht vor den Leuten erscheinen! - - Drauf ging's von Neuem: klopp, klopp! da
der Wald wiederhallte; und inwendig auf Pantoffeln: klapp, klapp! da allen Zeit
und Weile lang wurde. Nach langem klopp, klopp, und klapp, klapp, erschien
endlich an der geffneten Thre eine Alte, wie sie noch keines Menschen Auge je
gesehen hatte. Aus hundertjhrigen Furchen blitzten Augen, wie Brillanten.
Strenge und Milde schienen sich ewig um den Alleinbesitz dieser stark
ausgesprochenen Zge gestritten zu haben. Und so ridicl ihr imponirender Ton
gegen ihren bettelhaften Aufzug abstach, hatte keiner, sogar die Pagen nicht,
den Muth, darber zu lachen.
    Sie zog bei dem drftigen Schimmer einer erlschenden Lampe Knig und
Knigin ziemlich unmanierlich herein; den brigen warf sie trotzig die Thre vor
der Nase zu. Vergeblich suchte Fricando's Blick in dem engen Raum einen Sopha;
nur ein ledernes hartes Ruhebett, das sein Seculum zurckgelegt hatte, war
vorhanden. Er strekte seinen gemarterten Leichnam darauf hin, da die Sttzen
der alten Htte krachten.
    Jetzt ging's mit der Alten wieder von Neuem los: klipp, klipp, klapp, klapp;
darauf Thr' heraus, Thr' herein. Das Feuer war bald zusammengeschrt,
unverstndliche Worte ber den Kessel gemurmelt und ein herzstrkendes Sppchen
fr den Knig, ein niedlich Ragout von Kolibris fr die Knigin stand auf dem
wackelnden runden Tischgen vor ihnen.
    Hm! Hm! vom groen Gecken-Knig, vom eitlen Frivolo, kommt ihr also zu mir,
schne Dame? Wer mich zuerst gesehen hat, sieht ihn nicht; wer mich zuletzt
sieht, sieht mich zu spt. Nun, das Orakel war euch gnstig, wie ich vernahm.
Mge die Reise euch nicht gereuen!
    Was wit ihr von mir? sagte Sentimentale, die sich eines geheimen Schauers
vor dem grausenhaften Weibe nicht erwehrte. Wer bist du, Weib, das mich kennt,
das mein Inneres durchblickt? Hexe oder Kobold? Sag', wer bist du?
    Ich bin die erstgebohrne Tochter der Zeit: die Erfahrung, antwortete die
Alte ganz ruhig. Sinnlos taumelt die junge Welt an mir vorber, ihren Smpfen
zu. Die neue Weisheit, die auf den Dchern predigt, verstt mich; der Stolz
will ohne mich daher schreiten. So entwich ich in meine Einde, bis ein durch
meine geheime Anhnger erleuchtetes Geschlecht mich wieder in meine Rechte
einsetzen wird.
    Nun denn, du Eltermutter aller klugen Weiber, du Erstgeborne der Zeit, sage
mir, wenn ich nun einen Erben erhalte - - -
    Frivolo, entgegnete die Alte, Frivolo hat - -
    Bitte, bitte unterthnig! schmeichelte Sentimentale, ngstlich auf
Fricando blickend. Der schnarchte aber schon, da es im tiefen Walde
wiederhallte. Bitte um meines Kindes Zukunft!
    Deine Tochter wird wunderschn, wunderklug seyn. Machst du sie aber nicht
auch wundergut, so wirst du das Orakel, das zu deinen Wnschen Ja! sprach, in
die Tiefen des Orkus wnschen.
    Wie fang' ich's an, fragte die Knigin verlegen, da sie wundergut wird?
    Sei es selbst!
    Gut! Aber schreib mir mein Verhalten vor!
    La sie nicht sich in den Irrgarten der Sophisten verirren! Bewahre ihren
Fu vor den Rosengebschen der Wollust. Hte, da die Perle des schumenden
Bechers ihre Lippen nicht berhre Ich komme zu Gevatter; so wie du mich siehst,
kann ich mich gar schmuck herausputzen.
    Inde schrieb die Knigin den Spruch der Alten in ihr Souvenir; nur wenn sie
diese um nhere Erklrung bat, war sie stumm, wie das Grab. -
    Als nun das Knigspaar wieder daheim war, erhob sich im Lande ein Thun und
Treiben, als sollte eine Welt geschaffen werden. Dabei gab's gar wunderliche
Reden, wie es unter eleganten und uneleganten Damen nun so der Brauch ist;
einige der Erstern wuten sogar fr gewi, das Orakel habe der Knigin einen
leibhaften Affen zum Thronerben gewhrt.
    Fricando freute sich wie ein Kind auf den schnen Gevatterschmau. Recht
Landesvterlich versprach er dem Jean Hagel eine Cocagna, wie noch kein
Feenknig sie gegeben hatte. ber die Crater der Vulcane, welche Sentimentale um
des geisterhebenden Anblicks willen mit in ihre Parks gezogen hatte, wurden,
Holz zu ersparen, groe Suppen-Kessel und Punsch-Bowlen gemacht, da das Volk
sich vollauf labe, inde Sentimentale die feinern und geistigern Gensse fr den
beau monde besorgte, wobei unter andern ein See von Saffran-Essenz war, woraus
groe Prahm-Spritzen dem Publikum unaufhrlich diesen beliebten Wohlgeruch
altrmischer Nasen zufhrte; welches freilich die artigen Transparente der
therischen Chemise-Trgerinnen nicht gndig vermerkten, und den Antiquar in die
Hlle wnschten, welcher den Nasen diesen Schmau zubereitete.
    Unter solchen Zurstungen kam Zeit und Stunde herbei; die kleine Infantin
stellte sich richtig ein. Der erste Schrei, welchen das Wunderkind in die Welt
hinein schrie, setzte das Bonnen- und Ammenheer in Exstase. Haben Sie's gehrt!
All' ihr Gtter! hrten Sie's? Musik kam aus der kleinen Kehle. So wahr ich
lebe, eine Kantilene von Mozart! rief die Hebamme. Alles kam berein, sie habe
in Musik geschrieen. Die Nachricht ging von Mund zu Mund; jeder nannte den
Komponisten, den er kannte, bis denn in den Vorstdten eine Arie aus der
Donau-Nymphe daraus wurde. Die Knigin glaubte das Wunder; denn die Schmeichelei
hatte es gehrt. Doch gab's in der Stadt auch alte Damen, die darnach spheten,
ob der neugeborne Affe auch sehr grimmig sey?
    Und jetzt ging's an ein Gevatterbitten! Alle Papierfabrikanten im ganzen
weiten Reiche brachten kaum so viel Papier zusammen, als der geplagte Papa zu
Gevatterbriefen verbrauchte.
    Aber was wahr ist, nie hatte noch zuvor die Sonne einen so festlichen Tag,
wie diesen, beschienen. Aus hoher Luft, aus tiefen Klften kam's auf Tauben,
Sperbern, Adlern und Kranichen, mit Musen, Ratten und Maulwrfen angeritten und
angefahren. Silphen, Genien, Gnomen und Feen prunkten in bunten Schaaren und
glnzenden Reihen um unsre Knigstochter her, der zierliche Frivolo mitten unter
ihnen. Keiner fehlte noch, als die Waldmutter, die denn auch in groteskem
Aufzuge erschien.
    Als nun die Firmelung vor sich gehen sollte, sah der Bonze sich verlegen
nach dem Namengeber um. Poularde soll sie heien! rief Fricando, da es durch
die groe Versammlung dreimal wiederhallte; darob eine junge Fee so hell
aufquickte, da schier die ganze Ceremonie in's Komische herber gespielt worden
wre. O nein, nein, nicht Poularde! zwitscherte Sentimentale aus ihren
therischen Bettumhngen heraus. Grcula soll sie heien; so will ich! Die
junge Fee lachte wieder, aber nicht so laut, und Fricando gab sich, wie er
gewhnlich nach einem solchen Spruch zu thun pflegte.
    Nun, so weihe denn dein Kind schon durch den Namen zur Thorheit des
Zeitalters ein; meinetwegen! sprach die alte Waldmutter. Jetzt opfert eure
Gaben, ihr Andern da; du luftiges Gesindel und ihr wampigten Unholde unter der
Erde, ihr Gnomen-Pbel nahet euch, ich mu von dannen!

Einmal her und Einmal hin,
Fort, zur schnen Knigin!

Sie naheten Alle und Grcula wurde mit allem beschenkt, was die Schnheit
glnzend machen und den Verstand erweitern kann; doch keine dachte an der Gaben
schnste: an ein schnes, weibliches Herz, an ein Gemth, das die Schnheit
einzig schn macht, das den Verstand einzig zur schnen Gabe erhht. Grcula
wird tanzen, ehe sie gehen kann. Sentimentale wird die se Schmeichelei zur
Wrterin ihres Kindes machen, wird mich verachten, Grcula wird in bunten
mandrischen Kreisen den Tanz des Lebens frhe beginnen und ber ihre eigene
Fe fallen. Und jetzt adieu!

Dreimal her und dreimal hin,
Fort von dir, du Knigin!
Eil' ich meinem Walde zu,
Frder strt nicht meine Ruh!

So die Waldfrau und polternd und scheltend fuhr sie von dannen.
    Die alte Nrrin! sagte Frivolo, s lchelnd. - Die alte Nrrin!
wiederholte das gefllige Echo der Hofleute; die alte Nrrin! bis es sich
leise verhallend bei der uersten Schildwacht verlor, die ihr noch, den
Gewehrkolben trotzig aufstoend, den Refrain nachschickte. Im Herzen hielt
Sentimentale die Waldmutter gar nicht fr so eine Nrrin, als sie sich jetzt den
Schein davon gab; sie beruhigte sich aber leicht, wie das alle Sentimentalen so
in der Art haben, und dachte: ich will den Rousseau studiren und den Campe; zum
Noth- und Hlfsbchlein wird mir auch noch die Frau le Prince de Beaumont zur
Hand gehen, da soll's ja wohl werden. berdem wird uns Groen ja alles so leicht
in die Hnde gespielt; wir werden ja doch mit so geringem Kraftaufwande
vortrefliche Wesen, da es sich keines so groen Aufhebens darber verlohnt.
    Erzogen werden, hie bei Sentimentalen, erschrecklich viel fremde Begriffe
auffassen lassen. Grcula's Wiege wurde gleich in den ersten Wochen mit
Knstlern und Gelehrten aller Art umgeben; denn sie dachte: je frher, je
besser! Dem jungen, thierisch stieren Auge wurden Antiken und Gemmen in Menge
vorgehalten, da der Kunstsinn sich frhe bilden solle. Andere declamirten
Gedichte ber des Pppchen Wiege hin, so da, wenn die Elegie schwieg, die
Pindarische Ode herrasselte. Wieder Andere disputirten ber spitzfindige
philosophische Stze, wobei sich die Kleine immer besonders unruhig gebrdete
und mit den Fchen strampelte, woraus die Herren schlossen, da sie mit dem
Zeitalter fortschreiten wolle.
    Sentimentale starb vor Ungeduld nach den ersten Sprachlauten des
Wunderkindes. An einem schnen Morgen strzten einige Dutzend Bonnen und deren
Gehlfinnen mit der freudigen Nachricht athemlos herein: die Prinzessin habe
Worte gesprochen! Worte? Ihr Nrrinnen, was fr Worte? - Das ist's eben! Ach,
ach, gn - dig - ste - K - ni - gin - frei - lich - ist's - das - eben - -
stotterte die lteste der Bonnen noch auer Athem hervor. Da kam's heraus; es
wren fremde Worte, wie Zauberformeln gewesen. Ich hab's immer gesagt, es wre
nicht gut, sich mit Hexen und Hexenmeistern abzugeben! meinte die alte
Gouvernante. - Ich will's selbst hren! sagte die Knigin, und erhob sich
wrdevoll nach der Kinderstube.
    Grcula gestikulirte mit den Hndchen, wie ein Professor, und rief
Mtterchen lustig entgegen: Mama - ich - nicht ich - und nun folgte ein ganzes
schwerflliges Heer der Wrter, worber zuletzt an ihrer Wiege gestritten war.
    berwltigt vom Entzcken, sank Sentimentale in eine leichte zwlfstndige
Ohnmacht. Als sie die Augen wieder aufschlug, war ihr Erstes, da sie den
Sekretr rief: O Musje Sekretr, sei er so gut, und mache er einen Aufsatz;
aber so recht was man einen Aufsatz nennt, und melde er's aller Welt, in aller
Welt Avisen, da meine Prinzessin schon ein Inbegriff der tiefsten Gelehrsamkeit
ist. Aber wie gesagt, so recht was man einen Aufsatz nennen mchte. Aber hrt
er, Musje Sekretr? Keine Schmeichelei, die verbitte ich mir; die Wahrheit ist
Wunders genug!
    Und der gescheute Sekretr stie so krftig in die Trompete, da es bald im
Lande, wie im Auslande, zu einem allgemeinen Schreiben und Dichten kam. Die
Postpferde erlagen unter der Last der Ballen, die sie nach der Residenz
schleppten, und die Kinderstube der kleinen Grcula mute erweitert werden, alle
die Oden und Dedicationen zu fassen, welche von hchst aufrichtigen Bewunderern
der einjhrigen Beschtzerin der Wissenschaften und Freundin der Wahrheit in
unterthnigster Devotion vor hchstdero Wiege gelegt wurden. -
    Zu der Zeit aber gab es einen erschrecklich gelehrten Professor, der den
Leuten das Cranium betastete und dann auf ein Haar wute, wozu sie sich in der
Welt geschickt haben wrden, so da mancher, der bei funfzig Jahren, zu dem
Volke gesprochen hatte, bei Gelegenheit der Betastung erfuhr, da er, seinen
Anlagen nach, ein Schneider htte werden mssen. Anderen, die beim Herrschen
ergraut waren, tastete er ein Kutschertalent heraus, und so mehr. Diesen
Wundermann berief Sentimentale an ihren Hof, und befahl, da er das kleine
Kpfchen ihrer Tochter befhlen und beschauen msse; doch wurde ihm leise
bedeutet, es werde hoffentlich alles so seyn, da Ihro Majestt Frau
Sentimentale nur Freude und Wonne nebst lieblichem Wesen die Flle davon haben
werde.
    Der Professor aber war ein Mann ohne alle Hofsitte, ging gerade mit der
Sprache heraus, und sagte seine Resultate so keck dahin, als wre weder Pension
noch Titel zu verlieren gewesen. - Grcula, so sprach er, hat viel leere
Fcher, worin sie allerlei fremde Waare lassen kann. Mit dem Selbstdenken
sieht's so, so aus; aber eine richtige Nachbeterin kann sie werden; denn die
Gedchtnikammer ist so rumig und gro, als zu dem Judicio nur eine kleine
Lumpen-Spelunke angewiesen ist. Aber nun noch etwas! sie wird sich den Lichtern
der Welt darin gleich stellen, da sie mit dem Kopfe fhlt und alles durch den
Verstand abthut. Wegen Herzensangelegenheiten kann man ganz sicher seyn; denn wo
andern Mdchen das Herzchen pickert, liegt ein felsenharter Kieselstein.
    Hier rief die ganze Akademie, die bei dem Experimente hatte zugegen seyn
mssen:

Hoch und gelehrt,
Sie ist es werth,
Da sie als eine Sule steh
In nostro docto corpore.

Nach diesem wuchs Grcula ganz gewaltig an Schnheit und Geist, zur Freude der
Mutter, mehr als des Vaters, der es sehr bel nahm, wenn das Tchterchen sich
den Kopf zerbrach, zu welcher Kathegorie der Wesen Papa wohl gehre? und ihm
endlich wohl gar im Pflanzenreich seinen Platz anwie.
    Im Vertrauen gesagt, ri auch der Mama ins Geheim oft die Geduld ber die
widerliche Selbststndigkeit des Mdchens aus, und sie verwie ihr oft die
emprenden Raisonnements, womit sie sich schon ber alle kindliche Verhltnisse
hinaus zu schwatzen verstand. Und wenn sie die Weisheitsmnner, die den
Unterricht der Prinzessin ber sich hatten, deshalb zur Rede stellte, bekam sie
zur Antwort: es sei zwar wahr, Grcula habe eine sehr kecke Ansicht der Dinge;
es wrde doch aber bel gethan seyn, einer solchen Genialitt den Spielraum zu
beschrnken, u. d. m.
    Was hat die alte Waldnrrin wohl mit ihrem Sibillinischen Wortkram
gewollt? fragte sich Sentimentale zuweilen. Die Rosen mgen blhen, der Becher
mag perlenden Schaum aufsprudeln; ein Wesen, das so wie Grcula allen
Erscheinungen der Sinnenwelt Hohn spricht, ist bewahrt genug. Ein Kiesel, wo das
Herz seyn soll - Aber sie hat Sinne und sehr rasches Blut! antwortete eine
Stimme, die Sentimentale sogleich fr die der Waldmutter erkannte, die in dem
Augenblicke vor ihr stand. - Sentimentale, sprach sie, deine Tochter ist
jetzt funfzehn Jahre. Sie steht am Scheidewege. La dich erbitten, mach' mich zu
ihrer Gouvernante! An der Hand der Erfahrung kann sie nicht straucheln! -
    Was soll mir die alte Krcke? sagte Grcula, die eben in's Zimmer trat.
Ich hoffe, Madame! Sie trauen es Ihrer Tochter zu, da sie durch sich selbst
etwas seyn knne. - Die Alte hob ihr elfenbeinernes Stbchen, und sagte
bedeutend: Grcula, die Rosen blhen, der Becher lockt, das Blut ist hei. Du
tanzest am Scheidewege; hte dich, allein zu stehen! - Ich falle gewi nicht,
gute Madame! sagte die Prinzessin hofmig. Und die Alte sagte nun zrnend:
Wehe dir und abermal Wehe, wenn du nach diesem mein Antlitz sehen wirst!
Schrecklich wird dir's seyn. - Lebt wohl! Gewarnt seyd ihr! -
    Sentimentalens weiches Gemth konnte sich ber diese Erscheinung lange nicht
zufrieden geben. Sie fing an, die Tochter zu hten. - Sparen Sie die Mhe!
sagte diese. Ich kann das Gngeln nicht leiden. Auch der Eltern Marionette mag
ich nicht seyn. Ein selbststndiges Wesen mu von allem sich berhren lassen,
ohne etwas in sich aufzunehmen. Keiner mu seine Individualitt um taube Nsse
aufgeben. So betete sie ihren Lehrern nach.
    An einem Abend, wo bei der Knigin ein groer literarischer Cirkel sich
einfinden sollte, verirrte sich Grcula in dem Park, ber den kathegorischen
Imperativ grbelnd und einen Satz, den sie irgendwo gelesen hatte, auswendig
lernend, weil er noch diesen Abend als selbst erfunden vorgefhrt werden sollte.
Sie hatte sich so weit vom Schlosse entfernt, da sie nicht die sinkende Sonne
die goldnen Zinnen rthen und in die kristallnen Dachfenster glnzen sah; zu
ihren Fen vernahm sie ein leises Rauschen und Zischen. Es kam von einer
kleinen, bunten, wunderschnen Schlange, die sich in allerlei knstlichen
Schlingungen zu ihren Fen bewegte, vorwrts glitt, wenn sie ging, und still
lag, wenn sie stehen blieb. Grcula verfolgte dies Spiel so lange Zeit, da die
Dmmerung darber eintrat. Sie wollte zurck; aber wie seltsam wurde sie
berrascht, als die kleine Schlange sich so krftig um ihren Fu wand, da sie
ihn nicht von der Stelle zu bewegen vermochte, und rings um sie her sich hohe,
blhende Rosenhecken zogen, sie dicht einzuschlieen. Das sind gewi die Wunder
des elfenbeinernen Stbchens der Alten! sagte die Prinzessin fest und schritt
vorwrts; denn die Schlange scho von ihrem Fu ab, einer Rosenlaube zu, wohin
Grcula ihr folgte.
    Folge der Verfhrerin nicht! erscholl's aus der Luft; sie betrgt dich. Da
die Stimme der Erfahrung leicht zu erkennen war, so antwortete die Prinzessin
mit edlem Trotze: Ich gehe und will siegen! - Gefahr meiden, ist sicherer,
als sie suchen, entgegnete die Stimme. - Nur der Krppel bedarf der Krcke!
sagte die Prinzessin und ging.
    Jetzt trat aus einer Laube, geflochten von Rosen und Mirthen, ein Mdchen,
von berirdischer Schnheit. Ihre ppigen Locken hielt ein Kranz von Tuberosen
und Granaten. Um den vollen Busen und die entblten Schultern schwebte ein
durchsichtiger Schleier. Ihre Miene war lachend und einladend. Freundlich
reichte sie der jungen Philosophin die Hand und sprach; Komm herein zu mir,
schne Knigstochter! La uns freundlich kosen! Was vergeudest du die goldene
Zeit der Jugend, die nie wiederkehrt, mit alten Perckenstcken und
unverstndlichem Geschwtz. Trume, wenn du nicht anders kannst; aber trume
froh. Willst du Weisheit? Raisonnement? Sieh hier, hier ist, wie es deinem Alter
zusteht; es ist meine Lebensphilosophie. - Ein Buch lag vor dem Mdchen
aufgeschlagen, es hie: das Paradies der Liebe. Hier lerne leben und genieen!
-
    Grcula trat sprde zurck, und gab dem Mdchen ihre klteste philosophische
Prunkmiene zum Besten. Das Mdchen lachte und sprach: Das kenne ich. Du wirst
mir nicht entgehen. Deine Stunde ist da. Sei ein Mdchen, schne Knigstochter!
Begehe nicht den schwersten Raub an dir selbst! Betrge dich nicht lnger um
deine Jugend; gieb den austrocknenden Plunder auf!
    Noch einmal: wer bist du, wildes, ungezhmtes Mdchen? Deine Gegenwart
flt mir unbekannte Schauer ein. Woher kommt das? Wer bist du?
    Die Mutter und die Zwillingsschwester des Menschengeschlechts. Die groe
Natur gehrt zur Hlfte mir. Ich gebahr alle; mit jedem Mutterkinde sugte ich
den mtterlichen Busen. Mig genossen, segne ich meine Verehrer, die Unmigen
lohne ich wie weiland Circe ihre Liebhaber, und berlasse sie meiner jngern
Schwester, die auch meine Tochter ist.
    Aber - wer bist du? Wer ist diese seltsame Schwester?
    Ich bin die Wollust; meine Schwester die ppigkeit.
    
    Nun denn, so hebe dich von mir! Sollten meine intellektuellen Krfte - -
    Still, Still! Diese Wrter machen mir Kopfweh. Ziere dich nicht, Pppchen!
Komm hier und trink' von meinem Wein! Diesen Becher, der sich immer wieder
schumend fllt, schickt dir Frivolo. Er blieb sein Pathengeschenk dir
schuldig.
    Ein kleiner, Bacchus gestalteter Genius reichte Grcula den vollen Becher
hin. Sie nippte, nippte wie eine Braut im Beiseyn des Brutigams. Voluptas trank
und reichte ihr den Becher schkernd wieder hin. Grcula trank nun auch, wurde
aber nur redselig, nicht frhlich, und die schwerflligen Sentenzen lten sich
jetzt wie Marmorblcke vom Felsen aus ihrem Gehirn los. Voluptas lachte, und
sagte: Ist's mir doch, als wohnte ich einem Magisterschmause bei. Rolle mir
deine schweren Sentenzen nicht ber'n Hals, sie erdrcken mich. Ich will dir ein
Liedchen singen. Hre! Und die Wollust sang ein Lied, wie die Wollust es nur zu
singen wei. Es regte die geheimsten Triebe der Sinnlichkeit auf. Grcula
errthete, ward aber immer freier und freier; denn in all dem Plunder, womit sie
den Kopf vollgepfropft hatte, fand sie kein Granchen Kraft, den Anregungen ihrer
Sinnlichkeit zu widerstreben. Der ganze Maximenkram war kalt an dem Kiesel in
ihrer Brust vorber gestreift.
    
    Auf diese erste Zusammenkunft folgten viele andere; und aus keiner kam sie
ungeahndet zurck. Ihre Lehrer, welchen diese Vernderung nicht entgehen konnte,
griffen zum Theil in ihren Busen, und sagten seufzend: Grcula ist worden, wie
unser Einer! Die hohe, hehre Philosophie ist ihr ein Spiel des Witzes, eine
bloe Verstandesbung, durch welche sie sich zu jeder ihrer Unordnungen
beschnigende Motive anzulgen wei.
    Endlich wurde Voluptas ihrer immer noch pedantischen Schlerin mde, und
berlie sie dem Umgange ihrer jngern Schwester. Nun sprachen beide dem
berauschenden Becher fleiig zu, und die Prinzessin sank, aller weiblichen Wrde
vergessend, sich gro in der Verachtung der guten Meinung anderer achtend, in
die Arme des schnen Tnzers Salto.
    Des Zwangs, den ihr Stand ihr auferlegte, mde, beschlo sie, mit ihrem
Liebhaber in ein fernes Land zu entfliehen. Ja - - aber ihre Ehre! - - Ha! was
ist Ehre? Ein leerer Schall, eine eingebildete Existenz in fremder Meinung; eine
konventionelle bereinkunft pedantischer Menschen. Die Hottentotten, die
Feuerlnder, die Neuseelnder, alle haben ihre eigene Ehre; - welches ist nun
die rechte? Wer darf den schwankenden Begriff fixiren? - Vater und Mutter werden
sich grmen? Hui! das ist nun wieder so ein Begriff zum Zerlegen. Nur dem groen
Haufen imponirt er. Mein Vater: ist's der Knig? ist's ein Anderer? Was wei
ich! Die Mutter! Je nun, bei allem Respect glaube ich doch schwerlich, da sie
sich eben mein Individuum dachte, als ich wurde. Ich kam, weil sie es nicht
hindern konnte; soll ich's ihr danken? Und ist, was wir kindliche Liebe nennen,
etwas anders, als die se Gewohnheit, neben einander zu existiren? Wrde ich
nicht eben das fr jeden, mit dem ich lebte, fhlen? Aber - die Eltern thaten
mir Gutes; sie erzogen mich. Gut, gut; das thun sie ihren Hndchen und Hnerchen
auch; und meine Erziehung waren sie ihrer Ehre schuldig. Also, was hielte mich
zurck? Fort, fort! - Einen Schritt in's weite Leben hineingewagt; ich will
meine Selbstheit dokumentiren; und damit auf und davon! Ohne Reue, ohne
wehmthigen Rckblick, lie sie den armen Fricando und die gute breiweiche
Sentimentale in den Armen des sesten Schlafes zurck.
    Als dem armen Fricando beim Erwachen die Trauernachricht wie ein Sftchen
beigebracht wurde, entfiel das bonbon der erstarrenden Lippe, und er erseufzte
so schwer, da die lodernde Flamme im Kamin davon erlosch. Sentimentale berlie
sich dem lautesten Jammer, worein alles stimmen sollte. Die Theater wurden
geschlossen; die Marionetten still an die Wand gelehnt; die
Saffran-Essenz-Sprtzen versiegten, und damit alles die Farbe der Melancholie
trge, lie sie ein Edikt ausgehen, da Jedermann schwarzen Kaffee trinken
sollte. Alle Tne der Freude schwiegen, und nur die durch ihre Seufzer bewegte
Aeolsharfe gab ihr sympathetisch das Echo ihrer Klagen zurck.
    Inde irrte ohne bestimmten Zweck das flchtige Paar ber Berg und Thal.
Grcula fhlte zum Erstenmal etwas von der Beklommenheit der schnen Vaestula,
als sie mit dem rothkpfigen Unhold in einer Tonne steckte. Salto war am Geiste
ein vollstndiger Pervonte. In einer schauerlichen Monddmmerung kamen sie durch
einen dicken Wald, wo sie weder Weg noch Steg fanden. Salto war hchst mrrisch
und plagte seine Schne mit den bittersten Vorwrfen, da er sich ihretwegen
hier unter den wilden Thieren herumtreiben msse, da er sanft und s in seinem
Eiderdunenbette sich wiegen knnte. Voll innigen Mimuths befahl Grcula vor
einer Htte zu halten, die dem Scheine nach irgend einem treuherzigen Khler
gehrte; allein, die Waldmutter trat heraus. Der Mond bedmmerte so eben nur die
schauerliche Gestalt, sie kennbar zu machen.
    Grcula kommt vermuthlich, sich eine Krcke auf ihrem schlpfrigen Wege zu
bestellen. So werde und sei denn, was du durch dich selbst werden konntest: ein
thrichter Affe! - Sie schwang, indem sie sprach, eine Gerte, da es durch die
Luft pfiff; und krik, krik, krak, krak, bei Grcula, und krik, krik, krak, krak,
bei Salto - so wahr ich lebe! er ein Affe, sie eine Meerkatze!
    Ihr schner, bequemer Reisewagen verschwand, und statt dessen hob sie ein
plumper hlzerner Kasten in die Luft, wo er von den Wolken ganz gemchlich ber
Seen und Felsen daher geschaukelt wurde.
    Mon Dieu! was ist das? rief Salto. - Oh Dio! die Prinzessin. Der Kasten
war dunkel; sie fhlten, da etwas mit ihnen vorgegangen war; doch eigentlich
was? erriethen sie nicht; nur an Epigrammen ber die Alte fehlte es nicht.
Endlich fiel ein Strahl der Morgendmmerung durch eine ffnung des Kastens. 
Grand Dieu! schrie Salto, voll Entsetzen; ich wei gar nicht, Madame! wie Sie
mir vorkommen? Man sollte beinahe denken - es will so scheinen, als ob - Nun,
Affe! was ist's? rief Grcula wthend. Das war das rechte Wort. Ein Affe; aber
auf Ehre, ein recht completter, tchtiger Affe!
    Ich rase, ich will zur Furie werden; ich will sie, dich, alle, alle
zerreien! - Gemach, Madame, gemach! Was soll ich nun erst nicht alles thun!
Sie? Sie sind glcklich, weil Sie als eine Philosophin auch hierber sich
beruhigen werden; aber ich pauvre diable, que je suis! - Ach, ich habe den
Henker von der Philosophie! Wer ist der Narr, der prtendirt, da sie in's
innere Leben eingreife, wenn sie meiner Schnheit nicht Bewunderer verschafft.
Nie habe ich mich ihrer anders bedient, antwortete Grcula. Aber mich
verlangt, wie das enden wird?
    Sie waren dem Ende ihrer Reise nahe. Der Kasten lie sich auf ein schnes
grnendes Eiland nieder. Salto sprang leicht, wie immer, zuerst aus dem
Futteral, und meinte, er fhle sich ganz wenig verwandelt; ihm sei, wie immer.
Grcula trat langgeschwnzt und melancholisch daher. Ein heller Wasserquell
zeigte ihr sogleich ihr scheuliches Bild, worber sie laut aufkreischte. Aber
eine Stimme rief: Verzweifle nicht! Siehe! Beobachte! Lerne! Jeder Grad von
Veredlung und Selbsterkenntni wird dir zugerechnet.
    Traurig und einsam setzte sich unser Ungeheuerchen auf einen Baum, und
betrachtete still die langgeschwnzte possierliche Kameradschaft, die sich nach
und nach versammelte, und worunter sich Salto schon ganz einheimisch fhlte.
Grcula hing den Kopf und dachte ganz ernstlich nach; das Resultat war der
Entschlu, der bewillkommenden Stimme zu folgen, zu lernen und still zu
beobachten. Froh bemerkte sie, da schon dieser Entschlu ihr frommte; denn aus
einer scheulichen Meerkatze wurde sie ein zierliches ffchen, niedlich
geschmeidig und das artigste Dosen-Gesichtchen. Die Stimme rief: Wohl dir,
Babiole! du siehst, ich halte Wort! -
    Vom heien Hunger getrieben, sah sich Babiole nach Nahrung um. Ein
Mandelbaum bot ihr seine Frucht, und zum Dessert reichte ihr die se Orange ein
anderer. In dem Schatten dieser Bume barg sich Babiole, ahnungsvoll ihr
Schicksal erwartend, als aus einem gegenber stehenden Baume eine mnnliche
Stimme sang:

Wo tanzt sie nun ein Labyrinth? Wo fllt
Ihr Lied den Hain? welch glckliches Gewsser
Wird schner durch ihr Bild?

Ha! wieder ein Wunder! Ein altfrnkisches unsthetisches Thier, das noch dem
Kleist singt! sprach sie laut. Welche Silbertne umsuseln mein Ohr! Tne noch
einmal, se Harmonie, da ich dich finde! sagte die Stimme, die gesungen
hatte. Babiole sprang hervor, und ihr entgegen ein schlanker Elegant vom
drolligen Geschlechte.
    Warst du ein Mensch? Sprich: habe ich Unglcksgefhrten? - Seit ich Sie
sehe, Schnste Ihres Geschlechts! fhle ich kein Unglck mehr, sagte der
Fremde, wobei er sich grazis seine Sitzschwlen rieb. Ob ich ein Mensch war,
wei ich so recht eigentlich nicht; denn die Meinungen waren darber getheilt,
und die Pluralitt nannte mich immer einen Affen.
    Wer warst du als Mensch?
    Ein Elegant, unterthnigst aufzuwarten. Mein Beruf war, mein Gesicht an
allen ffentlichen Orten spatzieren zu fhren, die Damen zu lorgniren, sie in
Gesellschaft zu unterhalten, den Schoohndchen Bisquit mitzubringen, das
Modejournal immer zuerst in die Gesellschaft einzufhren, alle neuen Broschren
aufzustbern, die Schauspiel Affichen zu prsentiren, beim Thee mit zu lstern
und das Stichblatt zu seyn, woran die Damen ihren Witz bten. Ich vertrug auch
en galant homme ihre Grobheiten. Sonst erinnere ich mich nicht, etwas gethan zu
haben.
    Solche Dinger sah ich viel am Hofe meiner Eltern. Sei mein Fhrer; ich bin
hier fremd!
    Unser Papillon lie sich das nicht zweimal sagen, und trat sein
Kammerherrngeschft sogleich an, indem er betheuerte, mit dem Locale vollkommen
bekannt zu seyn.
    Wie kamst du aber zu deiner Verwandlung, Herr Ritter?
    Ich - ich war so ein kleiner loser Vogel, hatte mich ein wenig sarkastisch
ber eine kleine, niedliche Hexe von Fee amsirt, und dafr beschenkte sie meine
zierlichen Glieder mit diesem braunen Frack jusqu' revoir.
    Gut! So la uns denn gehen. Zeige mir die Wunder dieses Orts! Ich will
alles sehen.
    Haben meine Gndigste Dero Flacon zur Hand, wenn bei dem Anblick, der
bevorsteht, die Nerven leiden sollten? -
    Du siehst, man trgt hier a l'antique keine Taschen; wo sollte das Flaon
herkommen? Doch, sei unbekmmert; Nerven kannte ich nie, war immer fest und
kalt, wie Erz.
    Jetzt sprangen sie leicht ber eine Dornenhecke, die einen groen Raum,
einem Kirchhofe hnlich, einschlo. Vor ihnen lag ein Verhack von umgestrzten
Monumenten, an welchen die Namen groer Mnner noch lesbar waren. Hohlugige,
bleiche Gestalten, die Kinder der Furien, mit dem Neide erzeugt, vertrieben ihre
Zeit damit, da sie diese Denkmler mit Schlangen geielten und den giftigen
Geifer ihrer Lippen darber hinsprudelten. Weiter hin waren Hinen und Schakals
in Menge, welche in die Grber whlten und dann die Todten zu verschlingen
schienen.
    Was treiben jene da? fragte Babiole.
    Als Menschen machten sie die Geschichte; sagte Pappillon. Hier fahren sie
fort, groe Menschen klein zu machen; diesem den Kopf, jenem das Herz zu nehmen.
Manchen haben sie schon so beputzt und beschnippert, da er aus einem Riesen,
der er seinem Zeitalter war, ein wahrhafter Pygme geworden ist.
    C'est tout, comme chez nous! sagte Babiole. La uns weiter gehen! Der
Modergeruch ekelt mich an; la uns zu jenem Feuer eilen; mich friert. - Ah
pour ca! daran werden Sie sich nicht erwrmen, meine Gndigste! Das sind nur
Johanniswrmchen, verwandelte Dichter und Schngeister. Freilich machen sie
einen frchterlichen Spectakel, und immerfort Anstalt, mit ihren Leuchten alle
groe Dichter der Nation zu verzehren. Aber endlich mssen sie es doch jenem
gelben zhnefletschenden Weibe dort berlassen, die sich, glaube ich, Madame
Kritik nennt. Aber die hat auch Zhne, die! Die vorigen Jahrhunderte hat sie
schon hintergeschlungen; jetzt macht sie sich an's gegenwrtige. Bon appetit!
Madame! rief er ihr zu, fate Babiole's Hndchen, und huy, von Zweig zu Zweig,
nach einem schnen Raum von Orange, Mirthen und Granaten beschattet, wo sie eine
groe, bunte Versammlung antrafen.
    Pappillon wute alles, kannte alles, lsterte, apologisirte nach Laune,
hatte berhaupt nur ganz wenig von seiner Natur eingebt. Er sprang unter den
Haufen, nannte sie alle bei Namen, kte Hndchen, Pftchen, Krallchen, was es
zu kssen gab, und prsentirte seine neue Bekanntschaft.
    Babiole ward bald inne, da hier Freiheit und Gleichheit war; denn keiner
nahm Notiz von ihrem Range. Ihr Sauersehen hielt keinen in Respect. Sie strmten
mit Fragen auf sie ein, ob der neue Musenalmanach schon erschienen wre? welche
Philosophie jetzt die neuste Mode sei? ob der vierte Theil der Donau-Nymphe
schon gegeben worden? ob die kurzen Taillen und langen Schleppen noch Mode
wren? ob Wallenstein noch nicht travestirt sei? u.s.w. Babiole war ganz
betubt, und wute nicht Antworten zu finden; berdem war sie auch dadurch
zerstreut worden, da sie unter den Fragenden manche ihrer Hofdamen zu erkennen
glaubte.
    Hier sind bekannte Stimmen, sagte sie; ich bitte, belehren Sie mich, ob
ich sie kenne? - Eine gravittische Elster nahte sich, und nach vielen unntzen
Worten kam's heraus, da sie die Ehre gehabt habe, der Prinzessin Grcula erste
Kammerfrau zu seyn. Zwei kleine zierliche Papchens erklrten sich als Hofdamen
der Prinzessin. Das brige war ein buntes Gemisch, wie die Feen, die oft die
reizenden Sterblichen beneiden, sie sich aus ihren Zirkeln ausgelesen hatten;
doch fand Babiole immer mehr, da sie sich en pays de connoissane befnde, fing
an, ihres Elendes zu vergessen und die neue Situation amsant zu finden. -
Suchen die mehrsten Weiber wohl mehr?
    Nach vollendetem Fragen schritt man zu der Tagesordnung, das heit: zum
Lstern; denn dieses war ein Klubb, den sie den sympathetischen nannten. Zuerst
wurden die abwesenden Mitglieder der Gesellschaft vorgenommen, ihr ueres, ihr
Inneres; Voraussetzungen galten fr Fakta; kurz, es ging ganz so, da Babiole
sich an ihrer Mutter Hof versetzt whnte. Nachher kam es an den Menschen, den
sie eine ernsthafte Bestie nannten; er betriebe, hie es, seine Spielereien so
feierlich. Endlich war auch dieser Quell der Unterhaltung versiegt, und Papillon
brachte in Vorschlag, da sie als ein Spiel des Witzes, jedes die Geschichte
seiner Verwandlung erzhlen solle. Einige fanden, da es amsiren wrde, und
stimmten ihm bei. Ein artiges ffchen hub an zu sagen: die seinige sei sehr
kurz. Auf dem letzten Ball habe sie, freilich ein wenig stark, in einer
Hopps-Anglaise einem hbschen jungen Offizier zu minaudirt, und habe dabei einen
Hopps gemacht, der sie in dieser Gestalt, nach diesem Eilande, unter diese
Gesellschaft versetzt habe. - Die Gtter wissen es, wie bsartig diese Feen
sind, nahm eine alte, dicke Mopshndin das Wort. Eben als ich meinen 60sten
Lenz erlebte, dichtete ich ein Lied an meinen Daphnis, und siehe da! whrend dem
Dichten verkrzten sich meine Finger; kurz, wie Sie mich hier sehen, kam ich,
die Feder noch in der Hand, in diese noble Kompagnie, die mich mit dem Namen
Amourette begrte. - Ja, ja! miaute eine fette, rothe Katze; traue Einer
den Feen! Ich habe blos so ein wenig meinen Scherz mit der Schngeisterei
getrieben. Eigentlich wute und verstand ich blutwenig; aber ich trieb doch
einen ganz eintrglichen Schleichhandel mit den Urtheilen und Kritiken Anderer.
Ich half manche literarische Malie in Kours bringen, und lie mir's oft bei
Wind und Wetter, Nacht und Nebel nicht verdrieen, um einen erhaschten boshaften
Einfall auszubringen, oder eine Feindschaft anzuzetteln, von Haus zu Haus, bis
in die fernsten Vorstdte zu laufen. Von einem solchen Gange wurde ich in dies
rothe Pelzchen, das kaum ein Schanzlooperchen zu nennen ist, gehllt, nebst
meinem Gatten, diesem fetten Kater, der hier neben mir schnarcht, auf einem
vertrakten Fuhrwerk durch die Luft hierher spedirt.
    So kettete sich Erzhlung an Erzhlung, Geschwtz an Geschwtz, bis zuletzt
die Gesellschaft einstimmig sagte, es sei nun an Babiole, ihre
Verwandlungsgeschichte zu erzhlen. Babiole wurde nachdenkend und ernst;
pltzlich ermannte sie sich, erzhlte ihre Begebenheiten, ohne sich im mindesten
zu schonen. Dabei gab sie zu erkennen, sie vermuthe mit Grund aus einigen ihr
einst unbekannten Regungen, der Kiesel in ihrer Brust sei mit ihrem Menschseyn
verschwunden; sie glaube jetzt wirklich ein wahres, fleischernes, warmes,
weiches Herz in sich zu verspren; denn wenn sie ihrer Eltern gedenke, fhle sie
immer ein Wallen, wovon ihr Auge na wrde.
    Indem erscholl's: Es lebe Frivolo und die Frivolitt! Es lebe der groe
Frivolo! Da sprang, hpfte, kroch, flog, schwirrte alles im bunten Gewirre
durch einander. Er erschien mit grazisen Verneigungen, bemerkte in der
Geschwindigkeit alle einzelne Schnheiten der anwesenden Damen, das Porte bras
dieser, die sanfte Lippenffnung jener, die Grazie, womit diese ihren langen
Schweif, jene die fatalen Sitzschwlen verbarg. Bei dem allen suchte sein Blick
durch die Menge noch Etwas. Babiole war es! Er fand sie, drckte sie zrtlich an
sein Herz. Deine Feindin ist schier vershnt, theure Grcula! Dein offnes
Gestndni in dieser Gesellschaft ist ihr ein wichtiger Schritt zu deiner
Veredlung. Noch eine kurze Prfung, und du hast berwunden. Ich komme nicht
allein. Deine kniglichen Eltern sind mit mir. Ihr Gram um dich eignete sie
bald, meine Unterthanen auf diesem Eilande zu werden.
    Babiole fiel ihren Eltern zu Fen und umarmte sie mit einer Flle des
Gefhls, wobei an keinen Kiesel mehr zu denken war. Er war an dem sanften Feuer
der gesunden Vernunft, das an die Stelle jener Philosopheme getreten war,
zerflossen, und das Herz, weil es ihr jetzt oft ziemlich schwer war, aus dem
Kopfe an seine rechte Stelle herabgesunken.
    Keuchend sagte der arme Fricando, der auch zu einer Umarmung
heranwatschelte: Da sehen wir's nun, Frau Sentimentale, was bei dem leidigen
gelehrten Wesen herauskommt! Affen werden wir, leibhafte Affen. Und das wollte
ich mir wohl noch gefallen lassen, wren nur die verwnschten Knackmandeln
nicht, die einem Unverdaulichkeit zuziehen. Dies Geschlecht versteht sich
verteufelt schlecht auf die Kche!
    Das Knigspaar war also nicht verwandelt? Ach! der gute Fricando hatte durch
Dickleibigkeit in der That nur noch sehr wenig Menschliches an sich, so da es
kaum lohnte, das wenige noch zu verwandeln. - Und Sentimentale? Je nun, ob die
Fee den Schwchen der Mutterliebe eine solche Nachsicht angedeihen lie, oder ob
es alte Freundschaft war; genug: sie war bis jetzt noch Sentimentale geblieben!
-
    Jetzt erschien die Fee Erfahrung, in einem Aufzuge, der aus den Rstkammern
aller Vlker zusammengebracht schien. Als Dekan der lblichen Feenschaft, war
das Richteramt ihr geworden. Frivolo's Departement war ein ihr untergeordnetes.
Schdlicher Genius! sprach die Alte, verschwinde, herrsche hinfort nur ber
alte Jungfern und Hagestolze. Durch den Beschlu hherer Geister, ist dir der
Vorzug ewiger Jugend genommen. Fhre dein geschniegeltes Figrchen unter
sterblichen Damen zur Schau umher, und werde so ein eitler, verspotteter, alter
Jngling! -
    Wenigen gab sie menschliche Gestalt zurck; die meisten schob sie tiefer in
die Thierheit hinein, weil sie, wie fast in jeder Strafanstalt, nicht gebessert,
sondern sich verschlimmert hatten. Zu Fricando sprach sie: Verla den Thron,
auf dem es sich zu hart und zu unbequem sitzt, und vertausche ihn mit einem
weichen Grovaterstuhl, der schon lngst in einem reichen Kloster seine Arme
nach dir ausbreitet. Schlummere, vegetire dort als Prior, und erwarte da dein
seliges Ende bei Gnseleber- und Karpfenzungen-Pasteten. Der beste Mundkoch ist
dir zugegeben. -
    Sentimentale, die liebliche Gestalt eines Tubchens, wird dir nicht zuwider
seyn. Nur eine kurze Zeit, und euer aller Schicksal ist gelt! -
    Noch einer Prfung bist du unterworfen, Prinzessin! unter welcher deine
Anlagen sich still und gro entwickeln mgen. Ich versetze dich als
Marmorgebilde in den Prunksaal des elterlichen Pallastes. Bei menschlicher
Sprachfhigkeit, verdamme ich dich zu beharrlichem Schweigen. Hre! Dulde!
Schweige! Ein einziger Laut verwandelt dich in kalten Marmor, der du zu seyn
scheinst. -
    Ein Donnerschlag beschlo die Szene. Die darauf reprsentirt hatten,
grunzten, grinzten, bellten, miauten von dannen, wohin ihnen ihre Natur ihre
Bestimmung anwie.
    Grcula stand nun gebildet in karrarischem Marmor, schn, wie die Venus von
Medici, im groen Saale des elterlichen Pallastes. Sentimentale setzte sich
wehmthig-gurrend auf der Tochter kalten Busen. Ach! ihr war er nie wrmer
gewesen!
    Schaaren von Kennern und Neugierigen drngten sich um die neue, wundervolle
Erscheinung, von der Niemand begriff, woher sie gekommen sey. Nur der
Hofmarschall gab schlau zu verstehen, er wisse es wohl; denn er habe sie aus dem
Herkulanum fr 100,000 Zechinen erhatten, die ihm der Tresorier auch ganz
treuherzig wieder erstattete.
    In den ersten Tagen der Ausstellung bte sich blo die Kritik der Kenner am
Ebenmaa, und der Streit war, zu entscheiden, ob das schne Weib wirklich antik
oder untergeschoben sey?
    An einem schnen Morgen machte eine Erkerbewohnerin des Schlosses, eine
uralte Charteke von Hofschranze die Entdeckung: die schne Marmorfrau sei der
verschollnen Prinzessin auf ein Haar hnlich. Diese Nachricht trieb eine
unerhrte Menge Kenner und Kennerinnen zusammen; und jetzt erst begann die groe
Prfungsstunde der Weiblichkeit. Aber es hie: hren, dulden, schweigen! - Die
Prinzessin bestand! -
    Wie! sagte eine Kennerin; diese vollendete Schnheit wre die Unholdin
Grcula? - Diese zierlich gerundeten Arme! Jener reichten ja die Hnde bis an
der Ferse! Und dieser Mund, hold sich ffnend, wie eine zarte Rosenknospe! Der
Prinzessin Mund war wie in Afrika geformt. Ihre ganze Natur war Sauerstoff! -
    Ja! - sagte eine Matrone - das ist wahr, unausstehlich war sie! Wohl dem
Lande, da sie den faux pas machte!
    In der Nasenspitze finde ich doch etwas von ihrer Bosheit; von der albernen
Anmaaung, mit der sie, als ein eminentes Wesen, ber alles hinwegtrat!
    Das war nur fr die Welt! sagte ein Stutzer; unter vier Augen, ich
versichre auf Ehre, war sie nichts weniger, als sprde!
    Sie soll von Zwillingen entbunden seyn! sagte eine paubackigte Rthin.
    Allerliebste Buben! ich versichere. Sie sind bei einer Muhme von der Muhme
meiner Kammerfrau in Kost! antwortete das Weib eines Oberpriesters.
    Wer war an Allem Schuld, als die gelehrte Nrrin, ihre Mutter, die durchaus
ein kleines Wunder haben wollte! Zu der Zeit ihrer Geburt raunte man sich
seltsame Dinge zu! sagte wieder Einer.
    Das Tubchen chzete leise, und schlug die Flgel einigemal, wie wenn sie
die Arme zum Himmel ausbreiten wollte, um Shne des Vergangenen herabzuflehen.
    Die Prinzessin litt unsglich. Sie hrte sich schmhen, schndlich
verleumden, ihre wirklichen und angedichteten Fehler aufs Bitterste herrechnen.
Die Operation war schmerzlich, aber sie bewirkte eine grndliche Kur. Sie hrte,
duldete und schwieg! -
    Jetzt nahte sich ihr eine junge Dame, die sie oft ihren ganzen bermuth
hatte fhlen lassen, weil sie diese schlichte, unverknstelte Natur fr
Beschrnkung hielt. Was werd' ich nun hren! sagte sich die Prinzessin. Ihr
Herz schlug fast hrbar unter dem Marmor.
    Gewi, meine Damen! sagte Eliante, Sie tadeln die Prinzessin hchst
unbillig. Sie war, wo mglich, schner noch, als dies Marmorgebilde. Sie war
meine Freundin nie, so gern ich die ihrige geworden wre. Denn hinter jener
unglcklichen Verbildung, welche die Folge einer schiefen Ansicht ihrer Mutter
war, schlummerten hundert schne Anlagen. Ich, an meinem Theile, habe sie nimmer
gehat, so tief sie mich auch krnkte.
    Sie haben recht, Eliante! sagte ein stattlicher Herr; die arme Prinzessin
wurde zu viel erzogen. Die schwerflligste Schmeichelei umgab schon ihre Wiege.
Sie hat nie durch die Gelehrsamkeit bis zum Menschen durchdringen knnen. -
    Das Tubchen bewegte immerfort die Flgel und gurrte. Man fand es
auffallend, da das Sinnbild treuer Liebe auf dem kalten Marmor hause.
    So vergingen der Prinzessin Tage und Wochen, und die Fee lie sich immer
noch nicht weder sehen, noch hren. Fast erlag sie unter der Last unerhrter
Schmhungen. Was die Groen so selten glauben, hrte sie jetzt mit eignen Ohren:
da dem Publiko keine einzige ihrer noch so geheim gehaltenen Handlungen
entgehet; da ihre Schiefheiten scharf bemerkt, das Gute aber nur entstellt und
im verjngten Maastabe erwhnt wird.
    Der Strom verlief sich endlich; man fand es gar nicht mehr amsant, in die
Ausstellung zu gehen; denn endlich trafen sich immer dieselben Gesichter wieder.
berdem war in der Stadt ein Hundetheater erffnet, wohin die schne Welt ihre,
ihr so lstige, Zeit zu tdten ging.
    Alle Pfeile der Schmhsucht waren nun auf die arme steinerne Dame
verschossen, und sie hatte in edler Selbstberwindung verharrt, keinen Seufzer
gespendet, kein Ach! kein Oh! vernehmen lassen. - Die Fee erschien!
    Sophia1, deine Klugheit macht dich fortan dieses Namens, womit ich dich
beehre, werth. - Sophia, du hast nun in kurzer Frist ein Leben voll Erfahrung
gewonnen. - Gehe hervor, und benutze sie redlich!
    Ein Donner endete die Metamorphose. Sophia ging wie ein stralender Stern
hinter einer Wolke, aus ihrer Marmorhlle hervor. Die Duegnen und Zofen quikten
vor Schreck, und die Hofdamen lagen reihenweise in Ohnmacht, wobei keine an
Attitde oder Faltenwurf gedacht hatte; denn es kamen wirklich ganz curiose
Stellungen zum Vorschein. Die Hflinge waren, sich mechanisch verbeugend,
erstarrt mit krummen Rcken stehen geblieben und erwarteten ihr Urtheil.
    Sophia war nun ihre Knigin, und sagte, statt zu strafen, allen Huld und
Gnade zu; nur die Schmeichelei lag unter dem strengsten Bannfluche. Die Lehre,
die sie bekommen hatte, wirkte bis auf's Mark bei ihr.
    Eliante wurde ihre theuerste Freundin, und der stattliche Herr, der mit
Elianten gesprochen hatte, ihr Rathgeber und Fhrer. Doch blieb die Waldmutter
immer die erste Instanz.
    Lange noch blieb Sentimentale eine Taube, weil sie sich selbst unter dieser
zarten Gestalt gefiel und die ewigen Liebkosungen ihr wohl thaten. Nur nach und
nach bequemte sie sich wieder zur menschlichen Gestalt; doch behielt sie am
lngsten die Flgel. Ihr zu Ehren, trugen nun alle Damen Chemisen  la
Sentimentale, von welchen sie sich bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz
haben befreien knnen; sie bedienen sich ihrer, wie man sagt, zum rastlosen
Umherflattern. Das soll aber auch das Einzige seyn, was sie von der Tauben-Natur
sich angeeignet haben.
    Die Waldmutter freute sich nun ihres Werkes, und brachte viel Zeit an diesem
Hofe zu, wo sie das Amt eines geheimen Archivarius verwaltete. Du mut dich
vermhlen! sagte sie einst zu Sophien. - Ich habe gewhlt, Mutter! Er ist es
werth! - Bescheiden errthend reichte Sophia dem Sohne ihres alten Freundes und
Rathgebers, einem Edlen des Landes, die Hand; und so machte sie an der Hand der
Erfahrung, der Weisheit und Freundschaft, ihre Staaten zu den glcklichsten,
welche je die Sonne beschien. -

                               Siebentes Kapitel


Wir haben diese Kleinigkeit, die Albert der Kritik des Klubbs zum Besten gab, in
einer unabgebrochenen Folge hergesetzt; Er selbst las sie in drei Abenden.
    Onkel Dmmrig amsirte es trefflich; er rieb oft whrend des Lesens die
Hnde und rief: Kstlich! Delizis! Da habt ihr's! - Die Damen hingegen sahen
oft betroffen und etwas einfltig aus. Aber Wassermann warf sich mit Wuth
darber her und kunstrichterte ohne Schonung. Weil nun dieser Kleinigkeit gar
kein Werth beigelegt wird, wiederholen wir hier nicht Wassermanns Kritik, da sie
ohnehin ihren Richtern, sammt den Wassermnnern und Vadiussen nicht entgehen
wird. Vadius, der Allgefllige, wute freilich nicht so recht, nach welchem
Winde er den Mantel drehen msse; inde lie Albert sie machen, und antwortete
blo der Tante Elisa, als sie ihn freundlich fragte: Aber, mein Herr von
Ulmenhorst, es scheint in der That, als wren Sie der weiblichen hhern Kultur
sehr abhold? - Der unzweckmigen und verschrobenen von ganzem Herzen; denn
nie geschah der chten Bildung so viel Abbruch, als durch diese. berhaupt gebe
ich fr die ganze weibliche Verstandesbildung keine Priese Tabak, wenn sie ein
Spiel der Eitelkeit ist und nicht Karakterbildung wird. -
    Laurette maulte. Albertine sah unbefangen drein, und bemerkte es auch nicht,
da Albert ihr bei seiner letzten uerung einen wohlgeflligen Blick
zugeschickt hatte.
    Albertine war eines huslichen Geschfts wegen abgerufen worden; die
Unterredung hatte inde eine andere Richtung genommen. Es war viel wahres und
halb wahres ber den schnen Trieb der Menschheit, die Freundschaft, gesagt
worden. Albert bewies aus seinen eignen Erfahrungen das Daseyn dieses schnsten
Zuges und Beweises menschlichen Tugendsinnes, und sprach ber seine frheren
Verhltnisse zu einem Freunde, den er leider nun in dem Kriege verloren habe.
Lindenhain, sagte er, war das Muster junger Mnner. - Albertine trat eben
bei diesen Worten wieder herein; sie hrte den Namen, schlich leise nher und
lauschte. - Durch seltsames Zusammentreffen von Umstnden wurden wir getrennt,
hrten lange nichts von einander; doch - wenn ich nach meinem Herzen sprechen
soll, ohne uns deshalb einander minder werth geworden zu seyn. Ich reisete aus,
ihn aufzusuchen, und wenn auch nur als Volontair an seiner Seite zu fechten, als
mir schon die unglckliche Nachricht entgegen kam, er sei bei Bitsch geblieben.
- Albertine sank mit einem dumpfen Schrei hinter Albert ohnmchtig zur Erde. Sie
hatte so eben aus seinem Munde die Besttigung vernommen: ihr Louis, der von
Lindenhain hie, sei nicht mehr! -
    Albert war bestrzt, obschon er nicht ahnete, da er den Zufall veranlat
habe. Der hchste theilnehmende Schmerz ergriff ihn aber, als Laurette ihm mit
der grten Ruhe sagte: Sie werden sich schlecht bei meiner Cousine empfohlen
haben, Herr von Ulmenhorst! Der Lindenhain, dessen Tod Sie besttigen, ist ihr
Gemahl! -
    Von diesen Worten wurde Albert wie von einem Schlage getroffen. Er blieb mit
starren, auf Lauretten gerichteten Augen wie angewurzelt stehen, sprach keine
Silbe, strzte dann den Frauenzimmern nach, die Albertinen in ihr Zimmer
brachten, kehrte an der Schwelle pltzlich um, schlug sich vor die Stirn, und
eilte ohne Hut durch eine unwegsame Strae, in der Dunkelheit eines
Herbstabends, nach seinem Gute zurck, wo er erst lange nach Mitternacht
verstrt ankam und sich in den Kleidern auf's Bette warf.
    Seinem vertrautesten Freunde hat er nachher gestanden, da selbst in dem
Moment der hchsten berraschung und Bestrzung, die Hoffnung einen Strahl in
sein Herz geworfen und ihm Albertinens Besitz tief im Hintergrunde seiner Ahnung
hingezaubert habe, ob er gleich das Auge davon, als von einer Versndigung an
seinem verunglckten Freunde, schnell weggezogen habe.
    Tante Elisa hatte sich indessen mit der gutmthigsten Theilnahme die Pflege
ihrer Nichte angelegen seyn lassen, um welche Madame Rosamunde sich nur
Wohlstandes halber, Laurette aber gar nicht bekmmerte, obschon diese jetzt ganz
treffliche Sachen ber Humanitt, Freundschaft und Verwandtenliebe zu sagen
wute, welchen aber ihr Wassermann nur halbes Ohr lieh; denn sein kaltes Gemth
war eben damit beschftiget, die Zinsen von Albertinens Kapital sammt den
Vortheilen zu berechnen, die der Besitz einer so hbschen Frau einem Manne wohl
verschaffen knne. Onkel Dmmrigs Mitleiden ging gewhnlich in Verdru und ble
Laune ber, weil er immer in seiner Art von Frohleben gestrt zu werden
besorgte.
    Albertine verfiel in ein hitziges Nervenfieber, in dessen guten Intervallen
sie zu ihrem Bruder gebracht zu werden verlangte, inde man es fr rathsamer
fand, sie, der bessern Hlfe wegen, in die Stadt zu bringen, wohin ihr die ganze
Familie bald folgte, weil das abfallende Laub und die bereiften Morgenfluren den
nahen Winter verkndeten.
    Auch Albert verlie sein Gut, das ihm, ohne Albertinens Nhe, ein Exil zu
seyn dnkte. So emsig er auch jeden Tag mehrere Male Nachrichten von ihr sich
geben lie, zgerte doch seine Delikatesse, sich ihr, auch da es schon
schicklich gewesen wre, vorzustellen. Er kannte die Zrtlichkeit ihres Gemths,
das aber dennoch, sich selber gelassen, jeder Einwirkung der Vernunft und einer
gesetzten Fassung empfnglich war.
    Wassermann, den alle zarteren Verhltnisse des Lebens leere Form und leidige
Konvenienz dnkten, dachte jetzt auch: Nun, was ist's denn? Der erste Besitzer
ist todt. Warum sollte ich seinen Nachla nicht sobald als mglich erstehen? Mit
diesem Vorsatze im Herzen, begann er Lauretten, der er fast erlaubt hatte, ihn
nach ihrer Weise zu lieben, schnde und uerst grob zu begegnen. Er widersprach
ihr, ehe er noch ihre Meinung recht wute, glaubte, um recht verstndlich zu
seyn, ihr oft im Beiseyn eines Dritten ihre Neigung zu ihm vorrcken zu mssen,
und uerte mit hchster Unzartheit, da er sie nicht erwiedern wolle.
    In eben diesem Grade unfein waren seine Zuneigungs-uerungen gegen
Albertinen, die ihm, wie er glaubte, nicht entgehen knne. Oft polterte er mit
schweren, schmutzigen Stiefeln durch ihr Vorzimmer bis zu ihrem Bette hin,
strte ihren seltnen heilsamen Schlummer, um ihr den Vorzug seiner Theilnahme
angedeihen zu lassen; und nie verlie er sie, ohne sie auf die Ehre aufmerksam
gemacht zu haben, welche er ihr durch seine Aufmerksamkeit zu erweisen glaubte.
    Dieser, Albertinen so unwillkommnen und von ihr unaufgeforderten Liebe
wegen, entstand ein Miverhltni im Ganzen, das Albertinen in seinen Folgen
sehr bedeutend wurde, und das sie bald ausgetrieben haben wrde, htte Tante
Elisens fortdauernde Liebe und der vertraute Umgang mit ihrer Euler, ihm nicht
das Gleichgewicht gehalten.

                                 Achtes Kapitel


Jetzt, da Albertine wieder auer Gefahr war und kleine Gesellschaften in ihrem
eignen Zimmer anzunehmen anfing, wagte auch Albert einst um Zulassung bei
denselben zu bitten. Albertine gewhrte es ihm mit sichtbarer Bewegung; und als
er erschien, brach ihr Schmerz zum Erstenmale in einen Strom von Thrnen aus.
Denn bis dahin hatte sie, zum Schrecken ihrer Freundinnen, in ein dumpfes,
thrnenloses Schweigen hingebrtet, ohne der Ursache ihres Grams im mindesten zu
erwhnen.
    Die Wehmuth berwltigte sie so, da sie, ihr Gesicht in ein Tuch
verbergend, das Zimmer wankend verlie. Albert blieb betroffen zurck, und war
schon im Begriffe, sich ebenfalls zurckzuziehen, als Madame Euler erschien und
ihn in Albertinens Namen zu ihr zu kommen einlud.
    Albertine wollte ihn etwas fragen; es erstarb ihr aber auf der bebenden
Lippe, und so gut Albert es errieth, so wagte er doch nicht, es zu beantworten.
Sie weinte so schmerzlich, da Albert, dessen mnnliches Herz leicht in anderer
Gefhle einging, nichts zu sagen vermochte, als: hassen Sie mich nicht, da ich
der Trauerbote war! - Wie sollte ich den hassen, der ihm werth war!
erwiederte Albertine. Sie haben also die schreckliche Gewiheit? setzte sie
mit zitternder Stimme hinzu. - Leider sah ich den werthen Namen in der
Todtenliste des Regimentes nach dem unglcklichen berfall! Seine theuren
berreste - setzte er leiser hinzu - sind Preuischer Seits nicht gefunden, weil
die grliche Verwirrung und die Dunkelheit der Nacht jede Art von gewhnlicher
Procedur unthunlich machte. - Albertinens Brust hob sich konvulsivisch bei
dieser lebhaften Vorstellung ihres Verlustes, und sie winkte Alberten mit der
Hand, sich zu entfernen. Nach einer langen Zeit erschien sie, auf ihre Freundin
gesttzt, bei der Gesellschaft. Wassermann, der Albertinen auf gewisse Weise
schon als sein Besitzthum ansah, fuhr Alberten sehr ungeziemend an, da er es
gewagt habe, den eingewiegten Schmerz zu wecken; und Albertinen legte er mit
seiner eigenthmlichen Disgrazie die Hand auf ihren schnen Arm, wobei er ihr
mit seinem harten, herz-und klanglosen Tone sagte: Hin, ist hin, und todt, ist
todt! spare die vergebne Noth! - Albertine antwortete sanft: Ich bitte, mein
Herr, lassen Sie mir meinen Gram, und bedenken Sie, da wir mit einander nichts
gemein haben. Unsere Naturen sind sich durchaus fremd!
    Wassermann zog ergrimmt die Hand zurck, mit der er ihr, seinem Gefhle
nach, schon zu viel Ehre erzeigt hatte, und sein Zorn schwoll um so mehr, da
Laurette in ein hmisches Gelchter ausbrach, welchem sie, um doch auch
Albertinen eins abzugeben, hinzusetzte: Es leben die Prden! -
    Albert war, wie berall die Liebe in feinen Gemthern leise und still
waltet, schchtern, sich dem Gegenstande derselben zu nhern, und richtete
beinahe immer das Gesprch an Tante Elise, Laurette, oder lieber noch an Madame
Euler. Das hielten nun die beiden Ersten fr nichts anders, als entstehende
Liebe zu ihnen. An einem schnen Morgen fanden sie sich bei Albertinen ein, und
Tante Elise erklrte nach manchem Ruspern und viel mdchenhafter Ziererei, die
als Frhlingsblthe reizend, als Herbstsptling aber widrig ist, sie wisse sich
bei dieser neuen Liebe des guten Alberts nicht zu verhalten, da sie, nach der
Untreue ihres letzten Geliebten, dem falschen Gott ganz zu entsagen, ffentlich
gelobt habe. Inde sei der Albert so lieb, so zrtlich, so schn,2 wie ein
blhender Mond. Der se Ton des lieblichen Mundes, wenn er Worte voll
Sehnsuchtsklnge aushauchte, drehete sich in ihm wie Rder in den Flssen, und
sie leugne nicht, dann wende sich ihre Sehnsucht um die Schaufeln. -
    Nie htte ich mir eine solche auffallende Selbsttuschung, bei so langer
Erfahrung, als mglich gedacht! uerte Laurette schneidend. - Tante, sagte
sie: ich frchte sehr, auch diesen werden Sie auf die lange Liste ihrer
Ungetreuen setzen mssen. Sagt Ihnen denn Ihr guter Verstand nicht, wen er nur
meinen kann? - Nun, und wen denn? fragte Tante, ziemlich beleidiget.
Erklren Sie sich, Mademoiselle! - Laurette erhob sich und machte Tanten in
der Nhe eines Spiegels, der ihr ihre ganze Gestalt zeigte, einen tiefen,
spttischen Knicks. Ich denke, es hngt nur von mir ab, wie bald Sie erfahren
sollen, wer von uns Beiden Gebieterin in Ulmenwalde wird! - Tante wute in der
Geschwindigkeit nichts Besseres zu sagen, als: So, so! und Albertine sagte
freundlich: welcher das gute Loos auch falle, werde ich mich herzlich freuen!
    Ja! sagte wieder die liebe, alberne Elise, die durch Albertinens
Freundlichkeit entwaffnet wurde; und wenn ich mir wieder das Gttliche denke,
was dem Menschen werden knnte im Genu freier Liebe, die kein Gesetz ber sich
anerkennen drfte, als das allgemeine unverletzlicher Schnheit, die mit der
Liebe Eins ist! Mchte man nicht an einer Menschheit verzweifeln, die sich
selbst so drckende Fesseln schmiedete? - Liebe Tante! fragte Albertine, die
eben Laurettens beienden Spott frchtete, kam diese Tirade nun wohl aus Ihrem
eigenen sanften Sinn und Ihrem strengen sittlichen Gefhle?
    Elise gestand, da sie den Gedanken, weil er sie auf den ersten Anklang
frappirte, einem jungen, ziemlich excentrischen Dichter gestohlen htte.
    Meine liebe gute Tante mu nicht stehlen; sie ist reich genug an eigenem
Vermgen! antwortete Albertine schmeichelnd; und so wurden durch die
Liebenswrdigkeit des einen Gemths, die beiden andern wieder freundlicher
gestimmt.

                                Neuntes Kapitel


Wenn der Schmerz beginnt, sich hufiger mit seinem Gegenstande zu beschftigen,
wenn er wagt, ihn in's Auge zu fassen und ihn so zu sagen von allen Seiten
berhrt und sich von ihm berhren lt, so vertheilt er sich bald in kleinere
Ableitungen, und die Masse wird vermindert. Albertine beschftigte sich, seit
sie bestimmter von ihrem Verluste wute, ganz mit demselben. Sie stellte sich
jede mgliche Art der Todesquaal, die Greuel jener Nacht, alles, was sie ber
diese grausenhafte Scene gehrt hatte, vor, bis sie mit der Vorstellung vertraut
wurde, da der Schmerz seinen bittersten Stachel abstumpfte. Bald kam sie nicht
mehr ungerufen vor ihre Seele, und es wurde schon Vorsatz, sich in jenen
Seelenzustand von Zeit zu Zeit zu versetzen. Ihn einigermaen fest zu halten und
bleibend zu machen, entwarf sie eine Zeichnung zu einem Gemlde, wobei sie
freilich immer noch herzlich weinte; aber doch idealisirte die Phantasie schon
mehr, als tiefer, schneidender Schmerz es zu gestatten pflegt. Und warum sollte
es auch nicht so seyn? Warum sollte die kaum neunzehnjhrige Albertine an dieser
wohlthtigen Einrichtung der Natur nicht auch Theil nehmen? - Wehe dem armen
Menschengeschlechte, mte es ein Leben hindurch Leid um die Gestorbenen tragen!
-
    Albertine verga nicht, aber sie verschmerzte endlich, was zu ndern nicht
in menschlicher Macht stand. Onkel Dmmrig, der seiner eignen Behaglichkeit
wegen keinen Traurigen um sich leiden mochte, bestand darauf, sie msse sich
zerstreuen. Sie erschien also wieder in dem Kreis der Hausfreunde, und besuchte
auch zuweilen wieder ffentliche Orter. So wenig die sittsame Schnheit der
hchst reizenden Albertine sonst war bemerkt worden, weil sie es nicht seyn
wollte, so viel Aufsehen machte jetzt die interessante junge Wittwe, weil sie
mit einem Hause in Verbindung stand, das viel Tischfreuden und Genu mancher Art
spendete. Wer auf Ton Anspruch machte, stand Albertinen im Schauspiele
lorgnirend gegenber, stie mit dem Ellenbogen um sich und rannte im Gedrnge
alles bern Haufen, beim Ausgange auf sie zu warten, um dann an der table d'hte
von ihr, wie von einer Bekanntschaft, zu sprechen. -
    Anfnglich bemerkte Albertine von dem Allen nichts, aber die wohlerfahrne
Madame Rosamund fate desto sicherer alle die Vortheile auf, die in solchen
Fllen dem abnehmenden Lichte einer Frau, die schon zu lange schn gewesen ist,
durch die Allianz mit dem zunehmenden Lichte einer aufblhenden Schnheit, zu
Theil werden. Unter dem Vorwand, Albertinen zu zerstreuen, fhrte sie die gute,
unbefangene Seele berall ein; und so gelang es ihr, sich nach und nach ein
Gefolge von jungen Herren zu bilden, wobei sie ihren Zweck, sich zu amsiren und
noch eine Art von Aufsehen zu machen, vollkommen erreichte.
    Wir mten der Wahrheit zu nahe treten, wenn wir behaupteten, Albertine habe
sich sogleich in dieser ungewohnten Art zu seyn, gefallen. An stille, ernste
Unterhaltung gewhnt, fand sie dies Umherwandern unsglich fade, und froh eilte
sie zu dem gehaltreichen Umgang ihrer Euler und Alberts, der sich ihr auf's
Bescheidenste nherte, zurck.
    Gefllt Ihnen denn Keiner von allen den jungen Mnnern, die sich, wie Sie
es doch wohl bemerken mssen, an Sie drngen? fragte einst Rosamunde. - Nein,
kein Einziger! - Die Ernsthaften haben einen unleidlichen Anstrich von
Pedanterie, und treiben das literarische Wesen ordentlich fabrikenmig; und die
andern, deren Munterkeit mich allenfalls noch unterhlt, sind so flach, laufen
so ohne Unterschied jedem Weibe nach, da es mich vielmehr beleidigt, von ihnen
bemerkt zu werden, weil ich ihre Aufmerksamkeit mit dem elendesten Weiber-Pbel
theile! - Mit dieser Delicatesse wird Albertine ziemlich allein bleiben. Im
geselligen Leben mu man tolerant seyn oder sich in eine Karthause
verschlieen. - Keines von beiden, Madame! Ich denke, ich hoffe, es giebt
einen Mittelweg. - Albertine, ich kenne die Welt; ich habe in ihr und mit ihr
gelebt, ich habe immer gefunden, da, um froh zu leben, man es nicht zu genau
nehmen msse. Jedes Blmchen, das an unserm Wege aufspriet, mu man pflcken.
- Jedes? theure Madame! Auch die giftigen? - Aus diesen bereitet man
Arzeneien. Aber ich sehe, da Sie meine gute Absicht, Sie in ein froheres,
genureicheres Leben einzufhren, wenig erkennen werden. Ich werde Sie wieder
Ihrer Euler und dem steifen Landjunker Ulmenhorst lassen mssen! - Albertinen
that dieser Stich auf ihre Freunde unsglich wehe; doch wollte ihre
Gutmthigkeit auch Rosamunden beweisen, sie sei nicht unerkenntlich. Sie ging
aber hierin viel zu weit, indem sie sagte: Ich bin Ihre, Madame! machen Sie mit
mir, was Sie wollen! Sie sollen mich nicht undankbar finden! - Indem gedachte
sie ihres Bruders. Der Muth sank ihr und die Unterredung endete damit, da
Rosamunde ihre Zusage fr diesen Abend zu einer Gesellschaft erhielt, die ber
alle Beschreibung glnzend seyn sollte. -

                                Zehntes Kapitel


Das ist ein sperber Anzug, Albertine, werden Sie den anlegen? fragte die
einfache Euler, die freilich ihre Toilette sehr beschrnken mute. Es ist mein
Anzug fr diesen Abend. Der Onkel und die Rosamunde bestanden auf dieser
Eleganz, antwortete Albertine, etwas verlegen. - Ach, es ist immer ein gutes
Zeichen, wenn junge Wittwen so angelegentlich ihre Toilette besorgen,
erwiederte Madame Euler. - O, nicht diese Sprache, meine Henriette! Bin ich
denn nicht mehr Ihre Albertine? indem sie sich an Henriettens Busen warf. -
Ach, Albertine! wenn der Strudel Sie fassen sollte! Wenn dieses herzige, innige
Wesen in jene kalte Herzlosigkeit der Welt sich verlre! Wenn Lindenhains Wittwe
einen solchen Migriff thte! - Nein, Henriette, das ist zu viel! Noch hat
kein unwrdiger Gedanke sein theures Bild in mir entweiht! - Albertine setzte
sich wehmthig an ihre Arbeit und retouchirte einiges an dem, seinem Andenken
gewidmeten, Gemlde. Sie vertiefte sich so, da sie erinnert werden mute, sich
zu der Abendfete zu schmcken.
    Die Gesellschaft, in die Rosamunde sie einfhrte, war in der That glnzend.
Das heit, sie war uerlich im hchsten Grade elegant. Albertine erkannte
Mnner vom ersten Range; zwar einigermaen travestirt, doch hielt sie das in
ihrer Unerfahrenheit fr gewohnte Sitte. Inde schienen wieder die Damen nicht
jener hhern Klasse anzugehren. Obwohl sehr geschmckt, hrte sie in manchem
aufgehaschten Fragmente eines Gesprches so gewhnliche Ausdrcke, als ob sie
vielmehr den ganz untersten Klassen entronnen wren. Sie waren theils
Rosamundens ehemalige Gefhrtinnen, theils die Hausfreundinnen jener
travestirten groen Herren, die sich's einmal mit ihrem Unterstabe wohl seyn
lieen. Rosamunde durchkreuzte den groen Saal in allen Richtungen, kte und
kosete mit der alten Kameradschaft, und sprach zu jedem mit groem Geprnge,
Albertinens Namen von Lindenhain aus; wogegen die junge, schne Wittwe manch
artiges Kompliment eintauschte.
    Albertine war nie verlegen; aber die Ahndung, in was fr einer Gesellschaft
sie sich befnde, und ein unwillkhrlicher Gedanke an ihren Bruder, gaben ihrem
Betragen eine liebenswrdige Zurckhaltung, die allerdings unter diesen Weibern
eine ganz fremde Erscheinung war. Sie verlieen den Saal, und gingen in ein
Nebenzimmer, wo Hazardspiele gespielt wurden. Rosamunde war eine
leidenschaftliche Spielerin; sie trat an einen Pharaotisch, und berlie
Albertinen der Unterhaltung eines jungen Herrn von Stande, der bei einer
schnen, interessanten Figur, alle Knste der Verfhrung im hchsten Grade,
besonders die gefhrliche Schmiegsamkeit besa, sich in jeden fremden Karakter
leicht einzufgen. Albertine befand sich bei seiner leichten, anmuthigen
Unterhaltung sehr wohl; er hatte Lnder und Menschen gesehen und von beiden das
Interessanteste aufgefat, welches wie ein sanft rinnender Bach von seinen
Lippen flo. Albertine wurde nicht mde, ihm zuzuhren, und - was sollen wir's
leugnen! - ihn zu sehen, so da Mitternacht vorbei war, als sie den Abend kaum
begonnen zu haben meinte.
    Ich bitte; nur auf ein Wort! rief Rosamunde Albertinen zu und trat
verstrt zu ihr. Ich habe heut' entschiedenes Unglck; haben Sie eine Brse bei
sich? - Albertine gab ihr acht Louisd'or; und die Spielerin eilte damit zu den
raubgierigen Geiern zurck, die in sehr kurzer Frist die acht Louisd'or in ihren
Hnden hatten. Rosamunde rief Albertinen noch einmal auf die Seite. Der Baron
Weiensee, eben der, der Albertinen so angenehm unterhalten hatte, bemerkte
schnell die Verlegenheit der Dame und prsentirte ihr mit der feinsten Art seine
volle Brse. Rosamunde wollte Umstnde machen; er bat aber, so viel davon
anzunehmen, als sie eben brauche, bekmmerte sich auch nicht darum, wie viel sie
nahm. Auch dieses liberale und galante Benehmen verfehlte seine Wirkung bei
unserer jungen Freundin nicht. Mit diesem Gelde spielte Rosamunde sehr
glcklich, und in einigen Stunden lag ein hoher Klumpen Gold vor ihr. Sie
verlie endlich den Spieltisch um drei Uhr Morgens, und Albertine bemerkte, da
sie dem Baron nur zehn Goldstcke zurck gab, da sie genau gesehen hatte, da
sie sich deren zwanzig zugezhlt hatte. Albertinen gab sie, ungeachtet sie so
sehr viel gewonnen hatte, keinen Schilling zurck, worber diese sehr betroffen
war, denn es war beinahe ihre ganze kleine Baarschaft, die sie ihr hingegeben
hatte.
    Der Baron Weiensee fhrte die Damen zu ihrem Wagen, und erhielt leicht die
Erlaubni, ihnen in ihrem Hause aufwarten zu drfen, die er denn so gut
benutzte, da er nicht nur der tgliche Besuch war, sondern bald zu den nhern
Hausfreunden gerechnet wurde; wogegen Albertine wenigstens nichts einwendete.
    Als Albertine in ihrer Wohnung ankam, sah sie bei Elisen noch Licht, und
hrte, als sie vor ihrer Thre vorber mute, laut sprechen. Aus Besorgni, es
knne der Tante etwas zugestoen seyn, trat sie zu ihr hinein, und wurde durch
den nymphenhaften Aufzug unsrer alten Jungfer seltsam berrascht, die mit einem
Blumenkranz auf dem fliegenden Haare, in einem ganz romantischen Kostme
umherwanderte, ein Gedicht, was sie so eben gemacht hatte, sich laut vor zu
deklamiren. Die Gegenwart der Nichte schien sie zwar anfangs verlegen zu machen,
besonders da diese ihr Erstaunen nicht recht zu verbergen wute; aber bald
gewann die Dichterwuth wieder die Oberhand und sie machte Albertinen zur
Vertrauten ihrer so schchternen Muse.
    Elise hatte von Kindesbeinen an so viel Verse gelesen und auswendig gelernt,
da ihr endlich kleine Mondscheinliederchen ganz artig gelangen, worin sie es
denn freilich an Maienblthenregen, Monddmmerung und Rosenknspchen nicht
fehlen lie. Albertine wurde an den blonden wallenden Locken bald inne, wem dies
Gedicht gesungen sei.
    Sie wrden den jungen Mann unsglich eitel machen, liebe Tante, wenn er je
etwas davon erfhre! - Ei, mein liebes Kind! er wei alles. Unter Liebenden
mu nichts geheim bleiben. Sehen Sie da - indem sie an ihren Schreibetisch trat
- die Frchte meiner durchwachten Nchte! Sie zeigte ein starkes Heft Gedichte
vor, die Albert alle schon nach und nach erhalten hatte. Albertine wute jetzt
selbst nicht mehr, was sie denken sollte, und fragte ganz bescheiden: und was
hat er hierauf geantwortet? - Ja, wenn ich sagen soll, eigentlich nichts; nur
gedankt hat der bescheidene Jngling fr die Mittheilung, und mein Talent
gepriesen. - Albertine schwieg, hielt es jedoch fr Pflicht, der Tante in der
Folge den Wahn schonend zu benehmen; als sie die Gute so berselig sah, konnte
sie es nicht ber ihr Herz bringen, ihr wehe zu thun. Sie ging jetzt zur Ruhe,
und rieth der Tante Sappho, ein Gleiches zu thun.

                                Eilftes Kapitel


Sobald es bei Albertinen Tag wurde, welches heut eben nicht frh geschah, kam
Madame Euler, zu erfahren, wie es mit der glnzenden Gesellschaft abgelaufen
sei? Nun, Albertine, war der Abend, die Nacht, die sie durchwachten, all der
Anstrengung, des Aufwandes werth? Albertine gab ehrlich von allem Bescheid,
auch von der angenehmen neuen Bekanntschaft mit dem Baron Weiensee. Sie waren,
frcht' ich, in keiner gar zu ehrenvollen Versammlung, und dieser Name Weiensee
bringt mir einen dieses Namens in's Gedchtni, der nach den Briefen, die ich in
Eulers Nachla fand, zu den ausgelassensten Wstlingen gehrt, welche diese
groe Stadt aufzuweisen hat. - Nun, das kann dieser nicht seyn; er ist der
feinste, liebenswrdigste Mensch, den ich noch je sahe. Jetzt lie sich
Albertine ganz enthusiastisch zu seinem Lobe aus, wozu Henriette, schalkhaft
lchelnd, immer: da dich! sagte, und endlich: Nun, wenn er so ist, kann er
freilich der aus den Briefen nicht seyn. Wir werden ja sehen!
    Indem wurde Ulmenhorst gemeldet. Albertine machte, Gott wei, warum? ein
sauerses Gesichtchen, als wr's ihr eben nicht ganz recht. Wir wollen inde
nicht glauben, da ihr Selbstgefhl ihr einen Vorwurf gemacht habe, als der
Vertraute ihres Grams um den beweinten Gatten vor ihr erscheinen sollte.
    Albert kam mit einem Auftrag, der ihn einigermaen verlegen machte. Er hatte
bei seinem Bankier eine Summe von zweihundert Louisd'or fr Albertine von
Lindenhain, die ber Lyon fr sie ohne Brief oder weitern Bescheid angekommen
war, angetroffen. Sie war von der Municipalitt einem groen Hause in Paris
bermacht und durch dieses hierher gekommen. Das Pckchen war von Lindenhains
Hand berschrieben und mit seinem Wappen gesiegelt. So emsig brigens Albertine
in dem Umschlage nach irgend einer weitern Bezeichnung suchte, fand sich nichts
vor, das von Lindenhains Leben gezeigt htte, und so nahm sie es unter tausend
Thrnen als das Vermchtni des Sterbenden und gewi in der Gefangenschaft
Gestorbenen an.
    Henriette suchte geschickt das Gesprch abzuleiten, Albertinens Zartheit zu
schonen, und machte dagegen ihren gestrigen Abend zum Gegenstand der
Unterredung. Albert beobachtete ein beharrliches Stillschweigen, und hielt
beides, Tadel und Beifall, zurck. Kennen Sie einen Baron Weiensee? fuhr sie
fort, mit einem leichten Seitenblick auf Albertinen, die merklich errthete.
Ich kenne ihn! antwortete Albert einsilbig. - Unsre Freundin findet ihn
scharmant, setzte Henriette scherzend hinzu; ist er's? - Albert verdsterte
sich merklich, um so mehr, als er Albertinens bedeutende Verlegenheit bemerkte.
Darauf antwortete er kalt: Wenn Frau von Lindenhain ihn mit ihrem Beifall
beehrt, kann es der, den ich kenne, der ein unbekannter Avanturier ist, nicht
seyn! Albert brach hiermit das Gesprch ab und empfahl sich ziemlich ernsthaft.
    Der Ulmenhorst ist ein ausgemacht wackerer junger Mann, sagte Henriette.
Ich wei wohl, was ich wnsche. - Nun, und was denn? - Da Albertine seinen
Werth fhlen und ihn mit ihrer Hand lohnen mchte! - Wie? Er liebt ja Tante
Elisen! - Tante Elisen? Gott erbarme sich! Ich wei es besser. Nichte
Albertinen liebt er. - Er hat mir doch nie etwas davon gesagt. - Mnner
seiner Art sagen nichts; sie haben eine eigene Sprache; sie hat freilich keine
Worte, ist aber doch hchst verstndlich und ausdrucksvoll! -
    In diesem Augenblick, als Albertine eben antworten wollte und auf eine
unangenehme Art verlegen zu seyn schien, kam Rosamundens Zofe und ladete
Albertinen zu ihrer Dame ein, indem der Herr von gestern Abend seine Aufwartung
mache. Es ist ein allerliebster junger Herr! flsterte das Ding im Herausgehen
Albertinen zu.
    Henriette bemerkte mit wirklicher Bekmmerni den Eindruck, den diese
Botschaft auf ihre Freundin machte; und als diese nicht zu wissen schien, wie
sie geschwind ihre Toilette ordnen sollte, ohne Anla zu den kleinen Neckereien
der vertrauten Freundschaft zu geben, trat Henriette gutmthig hinzu, reichte
ihr eine feine Spitzenhaube und legte mit einem sanften Ku einen Schawl um ihre
Schultern, reichte ihr dann die Hand, und sagte: Adieu, auf Wiedersehen! -
Nicht doch, Henriette! Sie mssen ihn kennen lernen. - So schlenderten sie
beide, Hand in Hand, in das Visitenzimmer.
    Sie sehen, ich bin nicht neidisch, liebe Lindenhain! rief ihr Rosamunde
entgegen, und schien dabei sich etwas damit zu wissen, da sie der Schnheit und
Jugend huldigte. - Ei, Madame Euler! wie kommt man denn einmal zu der Ehre, Sie
ihrer Einsamkeit zu entlocken? Herr Baron, eine berhmte Knstlerin! - Die Dame
wollte aus Eitelkeit ihrer ganzen Umgebung eine vollwichtige Bedeutung geben.
Madame Euler lehnte das berhmt bescheiden ab; aber durch den Ausruf:
Knstlerin! gewann das Gesprch eine interessante Wendung, wobei der Baron sehr
einsichts- und geschmackvoll ber die Kunst sprach. Henriette schien sehr
zufrieden mit ihm zu seyn, und sagte nachher Albertinen: ist er, was er
scheint, so ist Ihre kleine Partheilichkeit vollkommen gerechtfertigt. Inde
frchte ich mich vor der erstaunlichen Regsamkeit seiner Muskeln. Bemerken Sie
doch das ewige Spiel derselben, das seiner Bildung nicht fnf Minuten nach
einander denselben Ausdruck lt. Im Ganzen ist er mir auch zu glatt, zu hell
polirt, als da er nicht harter Natur seyn sollte.
    Albertine schwieg, fand aber im Herzen an dem Urtheile ihrer Freundin viel
auszusetzen; seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihrer kleinen Eitelkeit sehr, da
er, nachdem er die Welt so durchkreuzt und gesehen hatte, sie dennoch
auszeichnete. Sie verglich ihn, beinahe ohne es zu wollen, mit Alberten, den sie
ein wenig dem Hintergrunde zuschob, so wie beinahe ohne ihr Zuthun, unter ihrem
Krayon des Barons Gestalt auf den Vordergrund hervorging, als sie eine Idee
ausfhren wollte, worin er eigentlich gar nicht eingriff.

                                Zwlftes Kapitel


Bei dem Abendtisch fand sich der ganze Cirkel der Hausfreunde ein, wozu nun auch
der Baron Weiensee gehrte. Wassermann war toll und bse ber diesen neuen
Aristokraten, wie er ohne Umstnde jeden Adlichen nannte, der ihm um so mehr
zuwider war, weil er einen neuen gefhrlichen Rival bei Albertinen in ihm
ahnete. Auch war seine Grobheit gegen den Baron ganz unbegrnzt, und wo dieser
nur den Mund aufthat, war er bereit, ihm auf's beleidigendste zu widersprechen.
Traf es sich nun zum Unglck, da Albert mit dem Baron einerlei Meinung war, so
schrie Wassermann ber den Esprit de Corps dieser Kaste, ber Despotisirung der
Meinungen u.s.w. Bei dieser Wendung des Gesprches war Niemanden wohl, und alle
waren froh, als es zu Tische ging.
    Vorher nahm noch Albert einen Augenblick wahr, Albertinen leise zu sagen:
der Baron Weiensee sei der nemliche, von dem er wisse, und sei aller
Wahrscheinlichkeit nach ein Avanturier, ein entlassener Schauspieler, und gehre
jetzt zu einer Spielerklicke. Es sei ihm heilige Pflicht der Freundschaft, ihr
dieses zu sagen. Albertine dankte ihm etwas kalt und nicht ganz mit der
Unbefangenheit, mit der sie sonst alles that. Albert zog sich bescheiden zurck.
    ber Tische wurde unter Mancherlei, auch die Weltbrgerschaft ein Gegenstand
des Gesprchs. Wassermann erklrte sich wthend dafr, und meinte, in Fllen, wo
es auf's Wohl der Menschheit ankme, knne man seinen Kreis nicht weit genug
ziehen. Albert behauptete, dies sei Bequemlichkeitstrieb, weil der Anforderungen
fr die Ferne wenige wren. In der Nhe und in engen Kreisen zu wirken, sei
sicherer, als seinen Wohlthtigkeitstrieb nach Amerika oder sonst in die Ferne
zu schicken. Die nhern Ansprche der Verwandtschaft, nach diesen die der
Mitbrgerschaft zu erfllen, sei verdienstlicher, und fnde dann ein groer,
vielumfassender Geist einen ferneren Wirkungskreis in seiner Sphre zu ziehen
mglich, so wre dies freilich etwas Groes, knne aber nie allgemeine Tugend
werden. Wie? schrie Wassermann; Sie wollten nicht mit Leib und Gut fr die
armen, bedrngten Neger wirken? - Mit meinem Leben mcht' ich's! - Ich vor der
Hand nicht! sagte Albert ruhig; noch habe ich zu viel Pflichten gegen meine
Gutsunterthanen und gegen viele andre meiner Mitbrger auszuben. - Wassermann
berschrie ihn und trieb es so arg, da man htte meinen sollen, er werde noch
diese Nacht unter Seegel gehen, die Schwarzen zu befreien.
    Indem erscholl's im Hause: Feuer! Feuer! - Die Thren des Speisesaales
wurden aufgerissen, und die Domestiken strzten todtenbleich mit der Nachricht
herein: es brenne im Hinterhause; der Stall stehe in lichten Flammen.
    Alle sprangen von ihren Sitzen auf und eilten heraus. Nur der einzige
Wassermann blieb ruhig sitzen, trank sein Glas Champagner aus, strzte sich noch
eines ein, trank in der Geschwindigkeit einige vollstehende Glser aus, packte
von den Dessert-Tellern die Macaronen und sen Orangen ein, suchte seinen Hut,
nahm noch ganz ruhig ein Buch zu sich, welches er liegen sah, las eine Recension
mit allem Bedacht, und verschwand, ohne sich nach dem schauerlichen Auftritt in
dem befreundeten Hause umzusehen, ganz gelassen, wahrscheinlich, um von den -
Negern zu trumen.
    Jetzt war ein Jeder nach seinem Karakter geschftig. Albert war sogleich
hingeeilt, die Pferde aus dem brennenden Stall zu ziehen. Albertine war durch
den erstickenden Rauch in die Kutscherwohnung gedrungen, ri die schlafenden
Kinder aus den Betten, und den Kfigt mit dem kleinen Zeisig vom Nagel, alles
Lebende zu retten. Albert, der die Pferde seinen Bedienten bergeben hatte, war
ihr nachgeeilt; sie winkte ihm mit der Hand, nach einer Stiege, die nach oben
fhrte, hin. Albert flog herauf, obgleich die Flammen schon ber ihm
zusammenschlugen, und brachte bald glcklich eine arme, alte, kranke Frau auf
seinen starken Armen getragen. Viele der Herren schleppten Wasser; der Baron
aber stand von ferne und bot Geld ber Geld, wer retten hlfe. Dmmrig trippelte
oben in seinem Reviere umher und gab zweckwidrige Befehle, die zum Glck Niemand
befolgte. Elise sank aus einer Ohnmacht in die andere und declamirte zwischen
durch das Lied vom braven Manne von Brger in den Lrmen hinein. Laurette
schimpfte auf den mechanten Pbel, der einen solchen Aufstand im Hause
angerichtet habe, und der nicht werth sey, da er gerettet werde. Frau Rosamunde
war an ihrem Theile sehr zweckmig fr sich thtig, denn sie packte mit ihrer
Kammerjungfer alles von Kostbarkeiten, was sie nur ansichtig wurde, zusammen,
um, im Fall das Feuer weiter um sich griffe, damit abziehen zu knnen.
    Erst, als alles vorber war, und die Gesellschaft sich gegen Morgen zu einem
Frhstck zusammen fand, bemerkte Albertine, da sie den einen Arm sehr
beschdigt habe. Albert, ohne ein Wort zu sagen, verschwand, und kam nach einer
Viertelstunde mit einer Brandsalbe zurck, die sogleich mit Erfolg angewendet
wurde; inde der Baron diese Zeit mit fruchtlosem Bedauern und hundert kleinen
Artigkeiten vertndelt hatte, die, wir mssen es leider zur Steuer der Wahrheit
sagen, Albertinen so wohl thaten, als kaum nachher das erprobte Mittel, das der
redliche Albert herbeigeschafft hatte.
    Und wo hat denn unser Kosmopolit Ende genommen? fragte Onkel Dmmrig. -
Ein jeder sagte seine Vermuthungen und bte seinen Witz; nur Laurette, die ihren
Mann um so besser kannte, als sie sich ihm in seinen konomischen
Angelegenheiten zur Vertrauten aufgedrngt hatte, behauptete, er habe seine
weiseidnen Strmpfe und die Prunkweste nicht Preis geben wollen; und so
verhielt sich's wirklich. Denn als er Mittags vom Onkel Dmmrig geneckt wurde,
stie er's in der rgerni heraus, da dieses Mal in der That die neuen Strmpfe
und die schne Weste den edlen Kosmopoliten unthtig erhalten hatten. Albertinen
machte er ernste Vorwrfe, da sie sich um nichts und wieder nichts in
Ungelegenheit gestrzt htte. - Um nichts und wieder nichts? Ich habe zwei
liebe Kleinen gerettet, und das, wie Sie sehen, um einen sehr geringen Preis! -
Wer wei auch noch, ob es ein Glck fr die Welt und selbst fr die Kinder ist,
da sie am Leben erhalten sind? Der ungebildete Mensch steht nur eine Stufe ber
dem Thier; und es ist nicht recht, wenn der ntzlichere, der gebildete sich fr
das Untergeordnete wagt; sich der Welt zu erhalten, ist die hhere Pflicht! -
Abscheulich! sagte Albertine, und wendete sich indignirt von ihm. - Und die
lieben Neger? fragte Onkel Dmmrig, der nicht leicht eine Neckerei fahren lie.
Wassermann, Wassermann, mich dnkt, ihr System ist lahm und hinkt auch! -
Unser Magister that, was er immer that, wenn er sich in die Enge getrieben
fhlte: er wurde grob. Gewisse Leute, schrie er, sollten sich doch endlich
resigniren, und gestehen, da sie vieles nicht begreifen und in das Wesen
hherer Naturen nicht einzugehen vermgen! - brigens hatte der Weltbrger sich
mit keiner Sylbe nach dem traurigen Vorfall erkundigt, wie das doch wohl ein
ganz Fremder gethan haben wrde.

                              Dreizehntes Kapitel


Wenn in den lngeren Abenden Madame Rosamunde mit Albertinen und Lauretten, die
sie scherzweise ihre Hofdamen nannte, auer dem Hause ihr Wesen hatte, pflegte
Onkel Dmmrig zuweilen mit Schwester Elisen im Brette irgend eines der
kinderleichten Spiele, die den Kopf nicht angreifen, zu spielen. Sie machte
jetzt, bei ihrer belle passion fr Albert, die Zerstreute, so da der Bruder das
Spielen satt hatte, und eine Unterredung anfing, von der wir jetzt Folgendes
erfahren haben.
    Ich denke immer, ehe wir's uns versehen, fhrt der Ulmenhorst uns Nichte
Albertinen davon! - Wie so? - Weil er rasend in sie geschossen ist. -
Meinst du? Ich knnte dir die Sache ganz anders erklren. - Wie das,
Schwester? - Ulmenhorst hat sein Herz einer ganz Andern zugewendet. - Das
wre! Also nicht Albertinen? - Nein! Davon bin ich berzeugt. - Ich sage dir
aber, ich verstehe mich auf solche Affairen; er ist sterblich in sie verliebt.
- Possen! Das ist ein bloer, sinnreicher Schleier, den er einer weit
ernstlichern Leidenschaft leihet. - Nun, so mchte ich doch wissen, in wen er
hier, auer diesem allerliebsten Weibchen, verliebt seyn knnte! - Du mchtest
es gern wissen? - Freilich! - In mich! - In dich? - In Niemand anders.
- Potz, ber die alte Nrrin! - Herr Bruder! - - Elise war allemal, wenn sie
Herr, oder bei Frauenzimmern ein Ehrenwort hinzusetzte, auf dem hchsten Grad
ihrer Empfindlichkeit, und weiter verstieg sich die gute arme Tante in den
Regionen des Zornes auch nie. Also: Herr Bruder! was soll der beleidigende
Ausruf? Man ist doch noch nicht veraltert, und manche Jugend wrde auf dieses
Auge (sie lie es lieblich schmachten) und diesen Teint eitel seyn. Und
Doormann, Emmerich, Rothfel und Feldhain mchten doch wohl den Beweis liefern,
da andere Leute nicht so geringe von der Macht dieser Reize denken, als der
gtige Herr Bruder. - Diese Leute wren in dich verliebt? - Ja; ganz
unsterblich. - Und haben es dir gesagt? - So verwegen war keiner; aber die
Liebe hat eine stumme Sprache. - Sie lassen sich aber von keinem Auge im Hause
sehen? - Dank sei es ihrer diskreten Leidenschaft! - Und der Rothfel
vollends macht sich ber dich lustig, wo er nur wei und kann. - Ha! Wer kennt
nicht die Rasereien der Eifersucht? - Emmerich und Feldhain haben Weiber
genommen. - Ach! der Depit fehlgeschlagener Hoffnung. - Schwester! du bist
rein toll. - Herr Bruder! Sie sind sehr unartig! - Elise packte ihr
Arbeitskrbchen zusammen, begab sich unmuthig auf ihr Zimmer, und seit diesem
Abend blieben die Parthieen im Damenbrette auf lange Zeit ausgesetzt.
    Mit dem Tod im Herzen, wie sie sagte, wartete sie auf Albertinens
Zuhausekunft, und wie sie den leisen Futritt dieser Lieben ber sich hrte,
ging sie, ihr Herzeleid zu klagen. Aber wie vernichtet wurde sie, als Albertine
ihr wehmthig antwortete: Ach, der Onkel wird wohl mehr denn zu recht haben;
lesen Sie diesen Brief, liebe Tante! Elise vermochte es kaum; doch fate sie
mit zitternder Hand das Blatt und las mit von Thrnen verdunkeltem Blicke:

An Albertine von Lindenhain!
    Seit dem glcklichen Augenblick, der mich in Ihre Nhe brachte,
liebenswrdigste Freundin! habe ich Sie keinen Augenblick aus meinem Herzen
gelassen. Ich wute nicht, da Sie meinem Freunde gehrten; unter der einfachen
Benennung Albertine, wodurch Ihre Gesellschaft Sie bezeichnete, ahnete ich nicht
die Gattin eines Mannes von Stande. Ich schwieg, weil ich Ihre Achtung
verdienen, Ihre Zuneigung gewinnen wollte, ehe ich ein Gestndni wagte, das ich
jetzt mit der schweren Besorgni, Ihnen zu mifallen, ablege. Verehrteste
Freundin! es hat mir oft, besonders in den letzten Zeiten geschienen, als
bemerkten Sie meine innige Verehrung, meine so herzliche Zuneigung wenigstens
nicht so wohlgefllig, als das Glck meines Lebens es heischt; und deshalb bitte
ich jetzt um Ihre theure Hand, um Ihre Liebe, mit einem Grade von
Schchternheit, die kein redlicher Mann je fhlen sollte! - Albertine, verwirft
mich Ihr Herz als unwrdig, der Nachfolger des Liebenswrdigsten der Mnner zu
seyn, so geben Sie mir es wenigstens nicht in harten Worten zu erkennen, und
verweisen mich dann nicht aus dem Kreise Ihrer Freunde.
    Meine uern Glcksumstnde sind nicht unwerth, Ihnen angeboten zu werden;
und ich darf es Ihrem schnen Herzen, wenn es das Glck des meinen will,
vorschlagen, ber Ihr knftiges ansehnliches Vermgen, zu Gunsten irgend einer
von Ihnen geliebten Person, zu disponiren. Das meinige ist durch die Erbschaft
einer Tante zu einer mir beinahe lstigen Strke angewachsen. -
    Albertine, Sie kennen mich; ich werde nicht den Tod suchen, verwerfen Sie
mich: Aber durch Ihr Nein! scheitert jeder frohe Lebens-Plan, verdstert sich
meine ganze Zukunft. Denn Sie sind die Erste, die ich liebe, und ich fhle, da
dieses Herz nie einer Andern gehren kann. Ewig
                                                                             Ihr
                                                         Albert von Ulmenhorst.

Als die arme Elise vor lauter Wehmuth dazu kommen konnte, fragte sie mit
gebrochener Stimme: Und haben Sie schon einen Entschlu gefat, Nichte? -
Albertine sagte, sie sei, ihrem Gefhle nach, erst so kurze Zeit Wittwe, da
sie, selbst Wohlstandes wegen, noch an keine zweite Ehe denken knne; berdem
sei sie ja noch so jung und denke ihre Unabhngigkeit noch angenehm zu genieen.
Ach! seufzte Elise tief; er liebt Sie darum um nichts desto weniger, der
Falsche! O Gott! ich habe ihn so treu, so einzig geliebt. Ich habe ihm mit der
ganzen Kraft meines Gemthes gehuldigt. Albertine, Sie sind meine bitterste
Feindin, Sie rauben ihn mir! - Liebe Tante, ich bin unschuldig, bin, wei es
Gott, ganz unschuldig; denn ich suche seine Liebe nicht! - Elise ging
schmerzlich weinend von ihr.
    Am andern Morgen fuhr Elise, nachdem sie viel gerumt und gewirthschaftet
hatte, mit ihrer Kammerjungfer aus. Mittags wurde sie vergebens erwartet; so den
Abend, und da sie die Nacht ausblieb, suchte man in ihrem Zimmer nach, ob sie
vielleicht eine Weisung hinterlassen habe, wo sie hingekommen sei? - Auf ihrem
Arbeitstische lag folgender offner Zettel:

Ihr alle habt mir das Herz gebrochen. Mein unfreundlicher Bruder und meine
gute, schuldlose Nichte am meisten. Ich kann hinfort nicht mehr unter euch
wallen. Ich gehe hin, wo mir nur wohl seyn kann. Keiner trage Sorge um die
verstoene Elise; denn sie wird selig, selig, berselig seyn. Knftig mehr!
                                                                 Elise Dmmrig.

Keiner entzifferte diesen rthselhaften Brief, auer Albert, der zu diskret war,
der zrtlichen Elegie, die er zum Abschiede erhalten hatte, zu erwhnen. Die
Familie war hchst bestrzt. Frau Rosamunde hatte wirklich eine und eine halbe
Ohnmacht zu Stande gebracht; Albertine, die sich alle Schuld beilegte, war
untrstlich; und wenn der Onkel Dmmrig unter Thrnen, die er hinter einem
lppischen Lachen zu verbergen glaubte, ausrief: Wo nur in aller Welt, ma soeur
! oder auch, welches bei ihm gleichgeltende Ausdrcke waren, die alte Nrrin,
Ende genommen haben mu? sagte Laurette immer mit angenommener Traurigkeit:
Wer wei, in welchem Wasser die liegt! Mein Trost ist, da sie den neunten Tag
dann doch wieder zum Vorschein kommt, wie man sagt. - Inde musterte sie in der
Stille den Nachla der armen Tante, worunter sie manches fand, was ihrer
Habsucht schmeichelte.
    Erst nach vierzehn Tagen, als sie alle Vermuthungen erschpft hatten,
erhielten sie folgendes Schreiben.

Der Jammer hatte mein Herz gebrochen; denn Er fllte meine ganze Seele. Ihr
hattet mich getdtet. Jetzt bin ich zum seligen Leben hervorgesprot. Ich bin in
dem Himmel, in der Nhe der Gtter, die meine Seele anbetete. Ja, Albertine, du
Einzige, die du mich begreifst: ich sahe ihn! ich sprach ihn! Denke dir diese
Seeligkeit des Himmels: ich sprach ihn! Ewigkeiten mcht' ich so ihn sehen;
Ewigkeiten da wie angewurzelt stehen! Wie ich mich ihm entgegenrankte, dem
hehren Dichter der Iphigenia! Wie da alles andere vor meiner Seele schwand!!! -
Jetzt, Albertine, du geliebte Verwandtin meiner Seele, geniee des Vorzuges, von
dem Goldlockigen geliebt zu werden, unbeneidet; noch einmal, ich bin in dem
Himmel, in meinem Weimar. Lebt wohl!
                                                                 Elise Dmmrig.

Jetzt ward allen wieder wohl, als sie nur wuten, wo die gute Schwrmerin
hingekommen war, obschon die arme Albertine in die Erde sinken zu mssen
glaubte, als der Onkel den Brief ohne alle Schonung in aller Gegenwart laut
vorlas, wobei er lachte, da er htte ersticken mgen, und von Zeit zu Zeit
Albertinen und Alberten mit dem undelikaten Ausruf: Ha! Ha! da kommt's heraus!
ansah. Durch dieses Ereigni wurde Albertine bewogen, frher, als sie es wohl
sonst gethan htte, Alberten ein Krbchen zu flechten, das so zart, so fein, so
mit Blumen umwunden war, wie es der feine weibliche Takt nur immer ersinnen
konnte. Ihr Herz, ihr jetzt leider eingenommenes Herz wollte den Liebhaber
entfernen und sich den Freund erhalten; ein Plan, der achtungswerthen Weibern
sehr sicher zu gelingen pflegt und auch hier gelang.

                              Vierzehntes Kapitel


Albert hatte sich mehr Strke zugetraut, als er wirklich besa. Albertinens
Antwort versenkte ihn in stillen Gram, der endlich in ein gefhrliches Fieber
berging. In den Paroxismen rief er Albertinen und den Tod, ihn zu retten aus
dem Abgrund, worein er versinke. Die redliche Euler hielt sich verpflichtet, da
es ihm in seiner blos verdungenen Hausgenossenschaft durchaus an einer zarten,
pflegenden Hand fehlte, sich ber die Regeln eines ngstlichen Wohlstandes
hinauszusetzen und sich in sein Haus zu begeben. Durch sie erhielt Albertine
alle Stunden Nachricht von seinem Befinden; denn bei allem, was wir an
Albertinen mibilligen knnten, hatte sie immer noch nicht den Sinn fr einen
Freund, wie Albert ihr war, eingebt, wenn gleich ein flchtiger bergang von
Frivolitt sie jetzt einigermaen gefangen hielt.
    Ein Ereigni, das nicht zu den glcklichen gehrte, vernderte, whrend
Alberts Krankheit, gnzlich das Innere des Dmmrigschen Hauses. Der Herr
Prinzipal hatte. nach einer vieljhrigen Gewohnheit, sein ganzes Handelsgeschft
seinen Buchhaltern berlassen, wovon einige an Aufwand es ihm beinahe gleich
thaten; weil sie aber der Rosamunde ungeheure Zahlungen leisteten, sich ihrer
krftigsten Protection zu erfreuen hatten. Jetzt brach, was man einen
vollstndigen Bankerutt nennen mchte, ber das Haus ein, ohne da der sorglose
Herr Dmmrig die fernste Ahnung einer solchen Katastrophe gehabt htte. Nachdem
die ersten unmigen Regungen seines unmnnlichen Schmerzes vorber waren, lie
er seine Hausgenossen zusammenkommen, und erklrte ihnen, was geschehen war und
nun frder geschehen msse, nemlich eine totale Reform der eingefhrten
Lebensweise. Rosamunde sagte, nachdem sie in der Geschwindigkeit verschiedene
Ohnmachten abgethan hatte, sie werde nun nicht mit ihm Misere schmelzen, nachdem
sie ihm ihre schnste Jugend aufgeopfert habe, welche sie doch, im Vorbeigehen
gesagt, baare zwei und vierzig Jahre mit aller Anstrengung einer tapfern
Koulissenheldin genossen hatte; und was das Misere schmelzen betrifft, hatte sie
auch diesem mit groer Klugheit vorgebeugt, indem sie sich ein betrchtliches
Kapital, ohne die kostbaren Juwelen, welche sie besa, von ihm gerichtlich hatte
schenken lassen. Inde erklrte sie doch gromthiglich, sie wolle vor der Hand
im Hause bleiben, so lange, als man es ihnen selbst noch gestatten werde -
setzte sie trocken hinzu.
    Elise hat das Beste erwhlt; sie hat sich vor dem Sturm gerettet, sagte
Dmmrig gerhrt; aber ihr, meine Nichten, wie wird es euch armen Kindern
ergehen? Du, meine Philosophin, wirst in deiner Vernunft Grnde gegen das
Ungemach finden. - Seyn Sie unbekmmert, Onkel! Noch nie darbte der Verstand;
es wre traurig, wenn die hhere Ausbildung zu nichts weiter fhrte. Ich bin
nicht gemacht, um verlassen zu werden; die ersten Huser stehen mir offen und
die besten Kpfe finden sich durch meinen Umgang geehrt, sagte sie stolz und
entfernte sich, die Thrnen verbergend, welche die Aussicht in eine
beschrnktere Lage ihrem verzrtelten Sinne entlockte.
    Und du, Albertine, meine Gute, wirst du den armen Onkel nun verlassen
wollen? - Nein, mein theurer, guter Onkel. Ich geno Ihre Gromuth, und theile
von nun an jedes Schicksal mit Ihnen. Nimmer, nimmer verlasse ich den
Pflegebedrftigen, und was die Vorsehung mir zugetheilt hat, theile ich ehrlich
mit Ihnen. - Da sich der Himmel erbarme, armes Albertinchen! indem er die
Hnde verzweifelnd zusammen schlug; du weit nicht alles, du Arme! du bist mit
zu Grunde gerichtet. Dein Vormund gab mir dein Kapital zu Acht Procent, und -
ach, ich bin ein unglcklicher Mensch! Aber, Albertine, nenne mich einen
Schurken, wenn ich nicht den letzten Bissen mit dir theile!
    Albertine war wirklich etwas betubt; inde, nachdem sie die Hnde gefaltet
und andchtig in die Wolken geblickt hatte, warf sie sich ihrem Onkel mit treuer
Herzensergieung an die Brust, und bat, er mchte nur fr sich sorgen; sie traue
auf die Gte Gottes, der sie nicht verlassen werde. Sie wolle ihren theuren
Verwandten nun und immer nicht verlassen.
    In einem Briefe meldete sie ihrer Euler, was sich zugetragen und was sie
beschlossen hatte. Henriette gab ihr, ohne Vorwurf, zu verstehen, wie gut es
gewesen wre, wenn sie Alberten angenommen htte; jetzt verbiete es freilich
ihre Ehre, ihn anzunehmen. Sie bot ihr auf jeden Fall ihr Haus an, billigte aber
doch sehr das Zartgefhl, womit sie sich ihrem Onkel geweiht hatte.
    Die Reformen im Dmmrigschen Hause gingen so schnell von statten, da die
Tischfreunde nicht einmal Zeit hatten, sich nach und nach mit Anstand zurck zu
ziehen, sondern urpltzlich abbrachen, und, so zu sagen, mit dem Pariser Koch
zugleich abzogen. Noch einmal trank Wassermann einen einsamen, einfachen Thee
mit der Familie, wobei ihn Laurette nach ihrer Weise in der Stille fragte: wann
er denn nun um Albertinen anhalten werde? jetzt sei er doch eines Mitbewerbers
los; welches er blos mit einem: Ich habe warlich keine Eil! beantwortete.
Deutlicher erklrte er sich in einem Lachen, welches nur seinem Gesichte
gehrte, und auch von Laurettens eignem Lachen beantwortet wurde.
    Auffallend verschieden war das Benehmen der beiden Hausfreunde Ulmenhorst
und Weiensee. Jener, dessen erster Ausgang nach seiner Genesung zu dem
befreundeten Hause gerichtet wurde, begegnete Albertinen jetzt mit einer
delikaten Zurckhaltung, die er mehr auf ihren Verlust, als seine Verwerfung
bezog, und in die ihr eignes zartes Gemth leichter einging, als in die
zunehmende Galanterie und lebhaftere Annherung des Barons, worin die kleine
Weiblichkeit des guten Kindes erhhete Leidenschaft sahe und nichts von der
Undelikatesse ahnete, die ihre verschlimmerte Lage zu benutzen strebte.
    Das eitle Gemth Rosamundens ertrug nicht lange die erfolgte Stille des
Hauses, worin Frivolitt und frivoler Genu die stete Losung gewesen war. Der
literarische Klub brachte, auer Verspottung und Ridicules, wenig ein; sie lie
ihn eingehen und etablirte eine frmliche Pharaobank in ihrem Zimmer, wobei
Albertine, ohne es in ihrer Unschuld zu ahnen, die Lockung war. Auer einigen
Spielern von Profession waren verschiedene alternde Damen aus der alten
Kameradschaft, ein abgesetzter Hofmarschall, ein getaufter Jude, zwei oder drei
junge Edelleute und der Baron Weiensee die tgliche Genossenschaft. Die erste
Zeit ging Albertine blos ab und zu, ihren Onkel mit allerlei kleinen
Bedrfnissen, deren er unendliche hatte, zu versorgen; denn nie rhrte Laurette
auch nur eine Hand, ihm einen Trunk Wasser zu reichen. Nach und nach weilte
Albertine lngere Zeiten als Zuschauerin, weigerte sich aber immer noch
standhaft, Theilnehmerin zu werden, bis endlich einmal der Baron, der, ganz
unleidenschaftlich, sich blos dem geselligen Zeitvertreibe zu leihen schien, und
Rosamunde es von ihr erhielten, da sie mit pointirte. Sie gewann, pointirte
noch einmal und gewann wieder. Aufgemuntert durch diesen Erfolg, war sie jetzt
fast jeden Abend von der Parthie, bei der Laurette anfing eine wichtige Rolle zu
spielen, indem sie mit unausgesetztem Glcke spielte. Auch die arme Albertine
wurde immer tiefer verwickelt, und das um so leichter, da der Baron ihr nicht
von der Seite wich, immer zwischendurch auf das Spiel und dessen Unmoralitt
loszog, es inde billigte, wenn Albertine, so wie er selbst that, auch diese
Lebenserfahrung erwarb, um dann das Ganze wie ein schmutziges Gewand abstreifen
zu knnen.
    O, der unwrdigen Rnke, durch welche die unschuldigste und reinste ihres
Geschlechts in's Garn gelockt werden sollte! Die Spieler-Flitterwochen gingen
fr Albertinen bald vorber. Der bisherige Gewinn samt den zweihundert
Louisd'or, die Albert ihr eingehndigt hatte, gehrten im kurzen der Ruberbande
am grnen Tische, und die unglckliche Albertine gerieth in Verlegenheiten,
wovon wir bald Bericht erstatten wollen.

                              Funfzehntes Kapitel


Wassermann hatte, mit der ihm beiwohnenden Rohheit des Gemths, dem Hause, worin
er so manche frohe Stunde verlebt hatte, entsagt, sobald der gewohnte Wohlstand
daraus gewichen war. Albertine, die liebenswrdige Albertine ohne Vermgen, war
ihm nur ein gewhnlicher Gegenstand seiner ungeordneten Sinnlichkeit, dem aber
nachzustellen zu mhsam war. Inde hatte er. doch einmal den Vorsatz gefat,
durch eine Heirath reich zu werden, welches ihm die bequemste Art schien; denn
sich in die Mhle des Staats einspannen zu lassen, wodurch er das Leben des
Geschftsmannes bezeichnete, dazu erschien er sich zu eminent. Er schaute unter
den Tchtern des Landes umher, und siehe, es fand sich keine, die wrdig gewesen
wre, die Frau des Magister Wassermann zu werden.
    Inde erschien ihm, whrend des phantasiereichen Zustandes zwischen Schlaf
und Wachen, wo der unglcklich Liebende die Geliebte therisch umarmt, der
Dichter den Stoff zu Sonnetten und der Philosoph oft zu seinen Systemen auffat,
Antonie, die junge Wittwe, mit reinen 30,000 Thalern. Er rieb den Schlaf aus den
Augen, ber rechnete seine unermelichen Verdienste, seinen gelehrten Ruf, was
dieser ihm noch in der Folge einbringen werde, wie die Potenzen sich drngen
wrden, ihn an sich zu ziehen, und er beschlo, Antonien zu sich zu erheben.
    Ein feindseliger Genius, der seinen Spa mit unserm Magister zu haben
schien, wollte, da an eben diesem Morgen, in eben demselben Zustand zwischen
Schlaf und Wachen, Wassermann Antonien in den gehssigsten Farben erschien.
Immer noch hatte die an ihrer empfindlichsten Stelle tief gekrnkte Antonie
Rache in ihrem Herzen gekocht. An den Weibern nahm sie sie berall, wo nur Dampf
aus einer Theemaschine aufbrodelte; auch war es ihr wirklich gelungen,
Rosamundens Gesellschaft lcherlich zu machen, sie in einem ffentlichen Blatte
als eine solche bezeichnen zu lassen, und derselben einige frisch angekommene
Schngeister zu entfhren, so da der schne Kranz zerstiebte. Aber fr
Wassermann bereitete sie eine empfindlichere und vollstndigere Rache.
    Als sie ihren literarischen Anhang stark genug hielt, veranstaltete sie
durch denselben eine uerst harte und beiende Recension eines der
Wassermannschen Werke, worauf er, wie sie wute, den hchsten Werth setzte, weil
er, wie er sagte, sich ganz darin ausgesprochen hatte; und als das schne Werk
der Finsterni an den Tag gefrdert war, schickte sie es, von einem hmischen
Briefe begleitet, an den unglcklichen Magister ab. Dies geschah an eben dem
Vormittage, an dem er ihr die Ehre seiner Bewerbung angedeihen zu lassen
beschlossen hatte. Als sein Knabe mit Gru und Brief von Madame Sprhau
hereinkam, ri er ihm den Brief aus der Hand und rief triumphirend: Ha! sie
kommt mir zuvor! Sie kommt mir zuvor! Ich dacht's; sie kann mich nicht
vergessen! Ich war meiner zu gewi. Und bin ich denn nicht Wassermann?
    Wer schildert den Schreck, die Wuth des Magisters, als er den Brief und die
bezeichnete Stelle, die ihn betraf, gelesen hatte! - Der rasende Roland mte
ein bloer Stmper in tollen Geberden gegen unsern Wassermann gewesen seyn. Er
zertrmmerte die wenigen Habseligkeiten, die er besa, und trieb es so toll, da
sein Knabe in der Angst zum Arzte lief, der ihn im hef tigsten Fieber fand,
welches sich in einigen Tagen als ein hitziges Gallenfieber zeigte. Im
Dmmrigschen Hause erfuhr man seinen Zustand, und Albertine war sogleich bereit,
ihm auf die zarteste und schonendste Weise alle Arten von Erleichterung zukommen
zu lassen, welches auch der edle Albert that, ohne da der Kranke je erfuhr, von
woher ihm so reichlicher Beistand gekommen war.

                              Sechszehntes Kapitel


Albertine war indessen durch die niedrigen Knste ihrer Gesellschafter gnzlich
umstrickt, welches selbst durch die edle Unbefangenheit ihres Gemths gefrdert
wurde. Ihre liebende Seele widerstand nicht den Schmeicheleien derer, von
welchen sie nur kalte Zurcksetzung gewohnt war. Henriette hatte oft vor, sie
diesem Zustande gewaltsam zu entreien und an ihren Bruder zu schreiben. Dieser
war aber, einer Angelegenheit wegen, auer Landes, und Albert widerrieth immer
jede heftige Maaregel, weil er vielleicht zu sehr auf die Rckkehr eines
tugendhaften Gemthes rechnete, ohne daran zu denken, da es einem weiblichen
und dazu verirrten Gemth an Energie zur Rckkehr gebricht. In der That wurde
sie durch Verlegenheiten, die er nicht wissen konnte, am meisten aber durch eine
geheime Zuneigung zu dem Verfhrer zu sehr erschwert.
    Albertine gerieth durch anhaltenden Verlust in Geldverlegenheiten, wobei sie
das wieder gewinnen als die einzige Ressoure ansah; da diese aber immer
abgeredetermaen fehlschlug, beging sie die erste Unbesonnenheit, sich ihrer
Kammerjungfer zum Verkauf einiger Pretiosen zu bedienen. Da der Verkauf so ber
Erwarten gut von Statten ging, fuhr sie damit fort, bis sie in der That nichts
mehr zu verkaufen hatte, und in wirkliche Schuldennoth gerieth.
    Tief in sich versenkt, sa sie da, grmte sich und gedachte wehmthig der
Zeit ihrer Reinheit, als sie noch mit offnem Auge jedem Blicke begegnen durfte.
Jetzt war sie der Willkhr einer verchtlichen Rotte berlassen; ihrem Onkel,
dem sie sich aufgeopfert zu haben glaubte, ntzte sie eigentlich zu nichts. Ihre
edleren Freunde hatte sie diese letzte Zeit her vernachlssiget, und nie htte
sie es gewagt, sich ihrer Henriette, von der sie so manche freundliche Warnung
bekommen hatte, zu entdecken, als diese ungerufen in's Zimmer trat. Albertine
strzte ihr mit heien Thrnen in die Arme! -
    Liebste Albertine, Sie sind nicht glcklich! - O nein, nein, ihre
Albertine ist tief, tief gesunken. Sie kann nicht mehr glcklich seyn! - Armes
Kind! Was ist Ihnen begegnet? Sprechen Sie! - Albertine vermochte es nicht;
Thrnen erstickten ihre Stimme. Sie gab Henrietten einen Zettel, der eine grobe
Mahnung um zweihundert Thaler, mit Androhung des Arrestes, enthielt. Albertine
verbarg ihr Gesicht in die Sophakissen, inde die Freundin las.
    Henriette sprach keine Sylbe, wischte die Thrnen ab, und entfernte sich. -
Henriette! Henriette! rief Albertine ihr mit schwacher Stimme nach; wenn auch
du mich verlssest! Ach, ich hab' es verdient; wohl hab' ich's verdient, wenn
die Vortreffliche mit Abscheu von mir weicht! - Indem kam Henriette mit
beruhigender Freundlichkeit zurck. Endlich ist mir's vergnnt, sagte sie,
die Schuld der Freundschaft abzutragen! - Hier, meine Albertine; diese Summe,
die eben zureicht, Sie zufrieden zu stellen, ersparte ich, ich darf sagen, von
meinem berflusse. Denn ich entbehrte nichts; ich darbte mir nichts ab. Nun? Was
wird's? Warum dies Zgern? - - O ewig, ewig mten diese Augen beschmt am
Boden haften, unterfinge ich mich, in den Frchten des redlichsten Fleies, der
edelsten Gengsamkeit zu schwelgen! Nein, Henriette, sagte Albertine mit
trocknem, brennendem Auge und einer heftigen, krampfhaften Bewegung; nein,
Henriette! ehe verwese diese Hand im Gefngnisse, ehe sie sich zu diesem
Altarraub ausstreckt. O, meine Freundin, setzte sie wehmthig hinzu, wei
ich's denn nicht, wie Sie arbeiten? wie Sie sich die erlaubtesten Gensse
versagen? wie edel Sie entbehren? Und ich Unwrdige sollte - -! Aber nie, nie
vergesse ich dieses Augenblicks, in dem ich mich von Ihnen verstoen whnte! -
-
    Als Henriette sah, da die wrmste Beredsamkeit der Freundschaft nicht
zureichte, Albertinens Festigkeit ber diesen Punkt zu besiegen, lie sie ab,
und sagte bekmmert: Nun dann, weil Sie durchaus das Herz betrben wollen, aus
dem ich Ihnen dieses mir Entbehrliche anbot, so werden Sie sich doch nicht
weigern, dieses zurck zu nehmen? Und hier breitete die Gute alle Kleinodien
ber den Tisch hin, die Albertine nach und nach verkauft hatte. Ich war die
Kuferin. Verzeihen Sie der sorgsamen Freundschaft die kleine List, deren sie
sich, um zu ihrem Zwecke zu kommen, bediente.
    Das ist zu viel, Henriette! rief Albertine mit einem Erstaunen, in welches
sich einiger Unwille zu mischen schien; das ist zu viel! Das kommt nicht von
Ihnen allein! So fr mich zu wirken, vermgen Sie nicht allein, Henriette! Die
Hand eines Dritten ist hier im Spiele, und ich kann, ich darf, was so reichlich
bezahlt wurde, nie zurcknehmen. O, in welchen Abgrund von Schande und
Verwirrung sehe ich mich verloren! O, mein Leichtsinn! Mein Leichtsinn! - Wie
kann meine Freundinn einem solchen Opfer einen so unermelichen Werth beilegen!
Wei ich's denn nicht aus vielfacher Erfahrung, da mir in hnlichem Falle eben
das von ihr widerfahren wrde? Bin ich nicht lngst daran gewhnt, nur das
Nothwendige zu haben? ich gab aber das Entbehrliche! - Ach, Henriette, jedes
Wort durchbohrt mich! - Hier schwieg sie. Ein Thrnenstrom hemmte ihre Rede.
Inde legte Henriette, ohne sich abhalten zu lassen, die Juwelen in Albertinens
Toilette, umarmte ihre Freundin ernst und schweigend, nahete sich der Thre,
kehrte noch einmal wieder, drckte sie gerhrt an ihr Herz und entfernte sich
dann schnell.

                             Siebenzehntes Kapitel


Albertine! Albertine! Sehen und hren Sie denn nicht? rief Rosamunde
Albertinen zu, die ihren Eintritt aus einem Seiten-Kabinet gar nicht bemerkt
hatte und immer noch mit nachstrebenden Hnden die Augen starr auf die Thre
heftete, aus der Henriette verschwand. Albertine, Sie sind in einer seltsamen
Bewegung! Was ist Ihnen? - Wie, Madame, Sie wissen nicht, da ich verhaftet
werden soll, wenn ich zweihundert Thaler nicht bezahle, die ich durch das
heillose Spiel, wozu Sie mich verleiteten, schuldig geworden bin? -
Undankbare! ich habe es erwartet. Da Sie kindisch wagten, ist das meine
Schuld? Aber ich verzeihe Ihrem Unmuthe diesen Ausfall; erzhlen Sie mir doch;
es wird ja so schlimm nicht seyn? Sie haben ja Juwelen; es werden sich ja
Freunde finden, bei welchen Sie sie verpfnden oder verkaufen knnen. Lassen Sie
einmal sehen! - Sie hatte nemlich die ganze Scene zwischen Henrietten und
Albertinen belauscht. Albertine holte vertrauensvoll ihren Schatz. Rosamunde
wog, taxirte, besah, tadelte alles. Die Perlen waren nicht rund, die Uhr nicht
modern, die Diamanten nicht von reinem Wasser, die Ketten nur Kronengold; inde
zweihundert Thaler kommen zur Noth heraus. Ich gebe sie Ihnen. Nota bene, damit
ist dann zugleich die kleine Schuld von ehemals quittirt. Sie quittiren es mir!
(Der Leser wird sich erinnern, da Rosamunde acht Louisd'or von Albertinen
borgte.) Albertine ging alles ein; der Handel kam ihr vortrefflich und Rosamunde
hchst gromthig vor. Nun mssen Sie mir aber, sprach diese, auch einen
Gefallen thun. Ich habe keine Parthie zur Maskerade fr diesen Abend, und mchte
fr mein Leben gern hin. Laurette ist enrhumirt; Sie mssen mit; ich nehme
keinen refus an! - Wie, Madame! mit diesem zermalmten Herzen? mit diesem
wunden Gefhl meiner Strafwrdigkeit? - O Himmel, wie Sie einen ennuyiren
knnen! Die Sache ist ja vorbei; und damit gut. Geben Sie doch einmal diese
veralterte Sentimentalitt auf; sie steht einem zwanzigjhrigen Gesicht, wie
einem Jnglinge die Alongen-Perke des ltervaters. Albertine, seyn Sie dieses
eine Mal nur gefllig. Der Baron fhrt mich und der alte Hofmarschall Sie; daran
knnte die prdeste Duegna nichts auszusetzen haben. Jetzt kann ich mich nicht
darber erklren; aber gewi spreche ich dort ohne Zwang einen gewissen Groen,
der unsern guten Onkel aus seinen Verdrlichkeiten ziehen kann. - Jetzt,
Madame, legen Sie mir als Verbindlichkeit auf, was ich als Geflligkeit ungern
eingegangen wre; denn in der That, mein Gemth ist sonderbar erschttert und
sehr ernst gestimmt. - Eh, tant mieux, ma chere! so verjubeln Sie die Grillen!
Nun genug; sie gehen; in einer Stunde schicke ich Ihnen das Maskenkleid. Addio,
cara! - Sie hpfte wie ein junges Mdchen davon und lie Albertinen ganz
betubt zurck.
    Nach einer Stunde kamen wirklich ein zierliches Maskenkleid und zweihundert
Thaler in Sechsern. Albertine packte ihre Juwelen zusammen und schrieb die
Quittung, die den heillosesten Betrug der Habsucht besttigte.
    Jetzt wollte sie diese Scheidemnze in Gold umsetzen lassen, denn die Schuld
war in Gold zu bezahlen, als ihre Kammerjungfer mit einem Billet von dem bsen
Schuldner erschien, der ihr fr gute Bezahlung dankte, die er durch einen Herrn
erhalten hatte, und wogegen er ihr ihren Schuldschein zurck schickte. Lisette
fragte den Burschen aus; und nach dessen Beschreibung war der Herr kein anderer,
als der Baron Weiensee gewesen; wie denn Lisette jetzt gestand, er habe durch
sie selbst heute frh, da er ihrer Dame habe aufwarten wollen, ihre Verlegenheit
erfahren, als er darauf bestanden hatte, die Ursache der Thrnen, welche diese
treue Dienerin vergo, zu erfahren. Albertinens Delikatesse strubte sich zwar
gegen die Vorstellung, da sie einem jungen Mann eine Geldverbindlichkeit habe;
inde, ganz in der Tiefe ihres Herzens wute sie ihm fr eine so warme
Theilnahme Dank, und berdem stand es ja jetzt in ihrer Gewalt, die Schuld
sogleich zu tilgen.

                              Achtzehntes Kapitel


Wir haben unsern alten Bekannten, Wassermann, in dem Paroxismus eines
Gallenfiebers verlassen. Auch in diesem Zustand verlie ihn sein Genius nicht,
und der Arzt, welchen sein Knabe geholt hatte, wute gar nicht, mit was fr
einer Gattung Menschen er es zu thun htte. Wenn der Kranke immer durch Wir
sprach, glaubte er, es sei ein Verrckter, der sich fr irgend eine groe Potenz
halte, bis endlich einmal der frchterliche Spruch: ohe jam satis, sich aus dem
Ideenwirrwarr hervorthat. Jetzt wurde es ihm klar, wer der Kranke sei, und er
ging ihm nun tchtig mit Brechmitteln zu Leibe, die Galle von ihm zu schaffen.
Doch blieb, so stark die Mittel anschlugen, immer noch hinreichend zur knftigen
Konsumtion brig. Als der Kranke auer Gefahr, aber noch zu matt zum Schreiben
war, dictirte er seinem Arzte einen Brief an Antonien, den dieser, pour la
rarit du fait, wirklich niederschrieb; er war das Urbild des beleidigten
Autorstolzes und der plattesten Grobheit. Ferner wendete er seine wieder
erlangten Geisteskrfte sogleich zu einer Antikritik an, dergleichen die
literarische Markthelfersprache ebenfalls noch nicht aufzuweisen hatte.
    Als er sich so Luft gemacht, fhlte er sich um ein Groes erleichtert, und
die volle Genesung ging nun schnell von statten. Der Arzt war, als er ihn
bezahlen wollte, schon von unbekannter Hand sehr reichlich belohnt worden. Das
kmmerte nun den Magister weiter nicht, und er gab sich keinen Augenblick die
Mhe, seinen unbekannten Wohlthter auszuforschen. Die Sache war geschehen; nun
gut! Dankbarkeit gehrte nach ihm zu den Schwchlichkeiten invalider Gemther;
der Geber schafft sich selbst Vergngen, indem er giebt; er findet sich in dem
Gefhle, da er verpflichten kann, edel und gro: soll man ihm das danken? -
Wir, die wir eine andere Ansicht dafr haben, sind neugieriger gewesen, und
haben erfahren, da der edle Ulmenhorst eine so reichliche Spende gemacht hatte.
    Nachdem er vllig genesen war, wachte seine ganze Wuth wieder in ihm auf,
und es schien ihm unmglich, ferner unter diesem literarischen Sodomsgeschlecht
zu haufen. Er schied von dannen, und wrde keinem Menschen die Ehre erzeigt
haben, Kunde von sich zu geben, htte er nicht gehofft, aus den Trmmern des
Dmmrigschen Wohlstandes knne sich noch fr ihn ein Reisegerthe und manches zu
seinem Gebrauche vorfinden lassen; welches denn auch geschah. Der ehrliche
Dmmrig gab lachend, weil der Anblick des gelben Gerippes, worein Wassermann
verwandelt war, ihn unendlich amsirte, alles, was er an Reisebedrfnissen
hatte, und fand das Schlottern seiner weiten Kleider auf dem drren Leibe des
Magisters hchst belustigend. Als man ihn fragte, wohin er ginge? antwortete er:
nach dem einzigen Ort, wo es eigentlich nur Menschen giebt, wo man sie nicht,
wie hier, mit Leuchten suchen mu. Das hie, er ging dahin, wo Elise ihren
Himmel gefunden hatte.
    Mit dieser gab er sich denn auch zusammen; denn sie hatte ein artiges,
unabhngiges Vermgen und war der gute Wille selbst. Jetzt schmhete und
lsterte er, trotz der gallenreichsten alten Jungfer. In der Dmmrigschen
Familie erwartete man mit jedem Posttag die Nachricht ihrer ehelichen
Verbindung.

                              Neunzehntes Kapitel


Albertine trieb sich ohne allen frohen Genu unter den wogenden Masken umher.
Ihr Herz hob sich in den langsamen Pulsen innerer Trauer, unter dem bunten
Gewande der Freude; in ihr Auge traten unwillkrliche Thrnen, als der Klang der
Saiten in ihr Ohr drang. Der Anblick des Barons weckte ihre ganze
Empfindlichkeit ber das Vergangene, und sie glaubte, nicht ohne Affectation
einen Punct unberhrt lassen zu knnen, der ihr zwischen verschiedenen
Geschlechtern eine nicht anstndige Vertraulichkeit schien. Ihre Verwirrung lie
den Baron nur ahnen, was sie sagen wollte; er lehnte mit Feinheit und Grazie den
Dank ab, (der ihm freilich auch nicht gebhrte; denn Albert war der, der die
Schuld in mglichster Eil und Verschwiegenheit getilgt hatte;) inde wute
Weiensee sich schnell zu orientiren, und lie es sich aus gewissen Ursachen
gern gefallen, fr Albertinens Beschtzer gehalten zu werden, ohne da es ihm
einen Heller kostete.
    Unter dem Gedrnge bemerkte Albertine eine Kosaken-Maske, von der sie nicht
nur immer verfolgt, sondern auch scharf beobachtet schien. Sie redete ihn einige
Male an, seiner los zu werden; aber er antwortete nicht, schttelte den Kopf und
legte seufzend die Hnde auf seine Brust, welches ihrem Begleiter, dem
Hofmarschall, Anla zu manchem schaalen Scherze gab, an welchem unsre Freundin
wenig Geschmack fand. Endlich drngte sich der Kosak noch einmal an sie, und
sagte mit verstellter, doch leiser Stimme: Weile nicht zu spt hier, schne
Maske! Ein Sturm bricht ber dich ein! - Albertine wurde empfindlich, sehnte
sich hinweg, und machte sich auf, ihre Gesellschaft zu suchen.
    Indessen gingen in Albertinens Wohnung wunderliche Dinge vor, die wir, der
Ordnung gem, berichten wollen.
    Albertine hatte nicht sobald das Haus verlassen, als sich ihr Zfchen,
Lisette, an ihre Arbeit begab, die zu einem Geschenk fr den charmanten Monsieur
George, des Barons Kammerdiener, bestimmt war. Schauerlich heulte der Wind durch
die Kamine der groen, jetzt leeren Gemcher. Unserm Lisettchen wurde es gar
unheimlich um's Herz; sie fing an Riegel zu zuschieben und Schlsser zu
verwahren, setzte sich wieder an's Tischchen, und lauschte gar ngstlich nach
der Thre hin, als pltzlich ein Gepolter entstand und eine krftige Hand
anklopfte. Wer ist da? wimmerte Lisettchen. - Gut Freund! antwortete die
Stimme von auen. - Ich mache Niemand auf, der sich nicht nennt. - Lisette
mu mir aufmachen, auch wenn ich mich nicht zu nennen fr gut finde. - Herr
Jemine! wie wissen Sie denn meinen Namen? - Weil ich gut Freund bin. - Herr
Je! ich mu doch einmal sehen! - Lisette machte auf; da war sie aber eben so
klug. Denn den Herrn im Reisekleide, der sich ziemlich keck und herrisch betrug,
kannte sie gar nicht. Da er aber unklug sei, nahm sie fr ausgemacht an; denn
er sah zwar sehr schn, aber verwildert aus, sprach nicht, nherte sich
Albertinens Bette, streckte die Hand bedeutend darnach hin, kte die Decke, ri
einen ihrer Handschuhe vom Tisch und kte ihn ungestm, trat an die Staffelei,
betrachtete das Gemlde, worauf der Gemahl sterbend abgebildet war, und weinte
laut. Lisette hatte sich vor dem groen wilden Mann hinter die Sthle geflchtet
und antwortete ganz schchtern, als er, nicht mit donnernder, sondern sehr
affectvoller Sprache fragte: ihre Dame ist also - hab' ich denn recht
verstanden? - auf dem Ball? - Auf dem Ball! wiederholte er einige Male und
immer weicher. O Gott! wie feierlich versprach sie's mir! und hier, hier in
diesem verfluchten Treibjagen nach Lust! - In diesem Affect entfiel dem Fremden
ein Handschuh, und Lisette sah mit Entsetzen, da er in dem Handschuh keine Hand
hatte, und schrie wie Zeter Mordio: Herr Jesu! Sie sind doch nicht unser
seliger gndiger Herr? - - Selig wahrhaftig nicht in diesem Augenblick!
Schweige sie! - Ach nein; ich will lieber den alten Herrn wecken; mir graut's
mit dem Herrn allein. - Nicht von der Stelle! sag' ich ihr. Wer ich auch sei;
ich mu ihre Dame sprechen. Ich bringe ihr Nachrichten, die ihr wichtig seyn
mssen. - - Inde hatte sich Lisette den wilden Mann etwas besser besehen, und
fand sein Antlitz sehr menschlich, ja sogar schn; und vollends, wenn er sprach,
und die schnen Augen so auf einen richtete; und dann seine Gestalt, die schlank
und doch krftig, und sein Anstand, der so herrisch und doch auch wieder so
milde, so ungezwungen edel war! - Genug, Lisetten verging das Grausen so gut,
da sie gar redselig wurde und dem Fremden viel von ihrer Herrschaft erzhlte,
die wohl die schnste Dame in der Stadt sei, der es aber auch nicht an Verehrern
fehle. Den Baron Ulmenhorst habe sie abgewiesen; nun aber werde sie sich
ehestens mit einem prchtigen jungen Herrn vermhlen, der so reich, als
gromthig sei. Er habe heut' noch ein Stckchen gemacht, darum die Damen ihm
gewi gut seyn mssen. Ihre Dame sei zwar eine recht gute Wirthin; aber die
Gelder wollten doch nicht immer zureichen, und da habe der allerliebste Baron
ihr aus der Noth geholfen, und so charmant, da sie nicht einmal davon gewut
htte. - Schlange, du lgst! rief der Fremde entrstet. Du lsterst einen
Engel! Sprichst du noch eine Sylbe, du bist des Todes! - Herr Je! man wei
doch auch gar nicht, wie man mit dem Herrn daran ist! - Jetzt hielt sie ihn
wieder fr rein toll; und da sie viel von Albertinens Bruder gehrt hatte, hielt
sie den Herrn dafr, verlie das Gemach, nachdem sie frische Lichter hingestellt
hatte, und den Fremden an Albertinens Bette sitzend, in tiefe Betrachtungen
versenkt.

                              Zwanzigstes Kapitel


Albertine fand die Parthie, an der Hand des Hofmarschalls, der immer witzig seyn
wollte, diesen Abend so langweilig, da sie ihre Gesellschaft aufsuchte, die
denn auch sogleich willig war, das Haus zu verlassen, weil es durch aus ennuyant
sei, sie auch den groen Herrn nicht angetroffen habe. Schon waren sie dem
Ausgange nahe, als Rosa munde sich pltzlich wendete. Da ist er! rief sie.
Ich mu zurck; dazu mu ich Sie haben, Herr Hofmarschall! Herr Baron, Sie
fhren inde die Frau von Lindenhain nach Hause; und Sie, Albertine, sind so
gut, mich in meinem Zimmer mit dem Thee zu erwarten!
    Albertine fand nichts Bedenkliches darin, dem Baron ihren Arm zu geben.
Indem aber diese Auswechselung geschah, streifte der Kosake dicht an ihr vorber
und machte eine mibilligende Bewegung mit der Hand, die Weiensee nicht
bemerkte. Dem Kosaken warf sein Diener einen braunen Mantel um, gab ihm
Pistolen, die er am Grtel befestigte, und nun bestieg derselbe, wie es
Albertinen vorkam, indem sie in die Kutsche stieg, ein Pferd, worauf er schnell
von dannen eilte.
    Als sie sich mit dem Baron allein im Wagen befand, nahm er pltzlich ein
Betragen an, wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte. Vertraut umschlang er
ihren zarten Leib, und sprach von Leidenschaft und Liebe, indem er ihr einen Ku
zu rauben strebte. Angstvoll entwand sie sich ihm und versuchte den
Kutschenschlag zu ffnen; da bemerkte sie, da sie in einer ihr unbekannten
Gegend der Stadt sei, und eben ber eine Brcke fuhr, die zu einer entlegenen
Vorstadt fhrte. Wo sind wir? Wo bringen Sie mich hin, Baron? Hier ist's nicht
richtig! - Es ist alles ganz richtig, meine Geliebte! Ich fhre Sie in's
Paradies der Liebe ein. Sie streben vergebens, sich los zu machen. Der Kutscher
hat seine Anweisungen. - Albertine benahm sich hier mit der ganzen Wrde der
Tugend; sie tobte, sie schmhte nicht; sie schwieg, mit dem vollen Gewichte der
Verachtung; ihr Herz war gebrochen, doch sagte sie ganz ruhig: Ich hielt Sie
fr einen ehrlichen Mann, der keines Bubenstckes fhig sei; ich stehe unter dem
Schutz der Gesetze und frchte Sie nicht; so verlassen ich in diesem
schrecklichen Moment scheine, ahne ich die unausbleibliche Erlsung! - Die
Liebe begeht keine Bubenstcke und kennt keine Gesetze. Sie sind mein! - Der
Wagen hielt vor einem kleinen, einsamen Huschen. Ein altes Weib erschien auf
ein Zeichen, mit einem Lichte an der Thre. Albertine weigerte sich,
auszusteigen; der Baron wollte sie mit starkem Arme fassen, als er selbst von
einem strkeren gefat wurde.
    Was hast du vor, Nichtswrdiger? rief eine Stimme. Albertine erkannte an
dem Scheine des Lichtes den Kosaken, und in diesem ihren Erretter Albert. - Wer
bist du, da du es wagst, mich auf meinem Wege zu verfolgen? - Der Freund
dieser Dame, die du jetzt in dieser Hle des Verderbens vernichten willst. -
O, da ich keinen Degen habe! - Sei ruhig; ich schlage mich nicht mit
Nichtswrdigen; aber die Gesetze sollen dich schlagen, da du so vieler Unthaten
berwiesen bist. Diese bricht dir und deiner Rotte den Hals! -
    Albertine hrte bebend diesem seltsamen Gesprche zu, das sich damit
endigte, da die im Hinterhalt lauernden Polizeidiener hervortraten und den
berfhrten Verbrecher in ihre Obhut nahmen.
    Jetzt gab Albert sein Pferd seinem Diener, und stieg zu Albertinen in den
Wagen. - Verzeihen Sie mir, meine arme, auf den Tod erschreckte Freundin! Ich
konnte Ihnen diese Scene nicht ersparen; denn ohne diese berfhrung seiner
Nichtswrdigkeit, konnt' ich mich seiner nicht bemchtigen. Keiner wei, wer Sie
sind. Ihre Ehre ist ungefhrdet. Erst heute erfuhr ich mit Gewiheit seinen
wahren Stand; und ich habe Anstalten getroffen, da er morgen schon ber die
Grenze gebracht wird.
    Albertine war starr und stumm vor Schreck und Beschmung. Sie weinte still.
Die letzte Periode ihres Lebens stand schwarz vor ihr, und schnitt scharf die
vorigen goldenen Tage ihrer reinen Unbefangenheit von der Gegenwart ab. - Ich
darf's Ihnen, Edelster der Freunde, nicht verhehlen, da ich diesem Elenden
unglcklicherweise Geldverbindlichkeiten habe. - Albert erschrak, wurde aber
sehr beruhigt, als sie ihm erklrt wurden; da er denn bekennen mute, da er der
Unbekannte, der ihre Schuld getilgt habe, gewesen sei, indem er Madame Eulers
Auftrge ausgerichtet habe. Albertine rief mit gefalteten, empor gehobenen
Hnden: O, ihr einzigen, einzigen, edelsten Freunde! verdien' ich euch? -
    Albert lie bei Madame Euler halten, aus Delicatesse, da Albertine sich
erst am Herzen dieser auserlesenen Freundin erholen mchte, ehe sie in ihrem
Hause erschiene. Henriette stand da mit offnen Armen, ihre Albertine
aufzunehmen; aber Albertine lag, ehe sie es hindern konnte, stumm weinend zu
ihren Fen. - Wollen Sie Ihre Albertine, Ihre arme, verirrte Albertine wieder
annehmen? - Jetzt haben Sie es versucht, meine einzige Liebe, wie sich's
schutzlos leben lt. Albertine, meine immer gute Albertine, begeben Sie sich
unter den Schutz eines Mannes, dieses Mannes. Albert, mcht' ich sagen drfen,
dieses Kleinod sei dein! - Albert lag zu Albertinens Fen; sein Blick sprach,
flehete; Albertine reichte ihm die Hand, und verhie ihm ihre Liebe. Henriette
sprach gerhrt den Segen zu diesem schnen Bunde, durch den alle glcklich
werden sollten.
    Unter diesen Ereignissen war die Nacht beinahe vergangen. Albertine wnschte
in ihre Wohnung zurck zu kehren, und Henriette, die sich in dieser einzigen
Situation nicht von ihr trennen konnte, wnschte sie zu begleiten. Sie kamen
alle drei bei Albertinen an.
    Die Begierde, mit der seltsamen Neuigkeit heraus zu platzen, hatte Lisetten
dieses Mal wundersam munter erhalten. Ach Herr Je! begann sie; hier ist recht
was kurioses passirt! - Albertine, die irgend eine Beziehung auf ihre eigne
Geschichte ahnete, stie das Mdchen leise zurck, und wollte in ihr
Schlafzimmer. - Aber so warten Sie doch, gndige Frau! Da ist ja Einer drin,
der nicht recht klug ist. Er ist, Gott verzeih' mir's! ganz gewi Euer Gnaden
gndiger Herr Bruder, so wie ich mir den vorstelle.
    Albertine vernahm nicht sobald das Wort Bruder, als sie rasch in's Zimmer
flog, und der Gestalt, die sie bei den trbe brennenden Kerzen leicht fr die
ihres Bruders halten konnte, in die Arme. Albert und Henriette waren ihr auf dem
Fue gefolgt, die schne Scene des Wiedersehens mit zu feiern.
    Lindenhain vermochte nicht zu sprechen; die Freude tdtete die Worte.
Langsam rollte die mnnliche Thrne die Wange herab. Endlich kam ein: O, meine
Albertine! in gebrochenen, bebenden Accenten hervor. Albertine vernahm den Laut
der Stimme, richtete den Blick auf das Antlitz des vermeinten Bruders, ri sich
mit einem Schrei des Entsetzens aus seinen Armen und strzte an Henriettens
Busen. Es ist Louis, Louis! chzete sie matt und bebend. Mein Strafgericht
beginnt! - - Louis - er war es wirklich - blieb den zu Albertinens Umarmung
ausgebreiteten Armen schweigend mit auf sie gerichtetem Blicke stehen. - Endlich
sagte er langsam und dumpf: was ist mit dieser, da sie sich des
Wiederkehrenden nicht freut? Wei sie es denn schon, da ich ein Krppel bin?
Freilich ist die Hand, die ich zum Unterpfand der Treue gab, verloren. Aber sie,
sie gab freiwillig die Hand, die noch mein ist!
    Er sprach mit sich selbst. Albert und Henriette blieben stumm. Albertinens
Brust hob sich krampfhaft; sie wagte keinen Blick auf den fr sie Erstandenen.
Sind Sie es, Baron Weiensee, der mir dieses himmlische Herz stahl? -
Lindenhain, was darf den Mann so fassungslos machen, da er seine ltesten,
besten Freunde nicht erkennt? Da er seines Ulmenhorsts vergit? - -
Ulmenhorst! O Gott! Ja, er ist's, er ist's! als er ihn beleuchtet hatte. Aber
verzeihe, wenn dieser Anblick, diese schrecklichen Vermuthungen mich fr diesen
Moment ganz hinnehmen. O Albertine! jeder Vorwurf lst sich ja in Liebe auf.
Komm! Sei wieder mein! - Albertine blickte einen Augenblick nach ihm hin, und
verbarg schnell wieder das Angesicht an der Freundin Busen. O, der strafende
Blick! Dieses verruchte Kleid! (ihr Maskenkleid) lispelte sie Henrietten zu.
    Albertine, bin ich dir denn nun schrecklich? Hat eine neue Liebe dich so
ganz hingenommen? Siehe, Albertine, betteln mu ich um deine Liebe, betteln um
mein Eigenthum. Ein armer, verstmmelter Mensch darf nicht fordern. Siehe hier,
wie sie deinen Ludwig zugerichtet haben! - der rechte Arm war bis an den
Ellenbogen abgenommen - und hier diese zerfleischte Brust! Mag dies ein junges,
rasches Weib von mir abwenden; aber so die erste Freude verbittern; o, o, das
ist sehr hart! -
    Albertinens Zartgefhl malte ihr ihre Vergehen mit schwrzeren Farben, als
sie es verdiente. Wir wissen, da sie in Alberten nur den edlen Mann, den treuen
Freund achtete; und wissen es gewi, da nur ein Wohlgefallen an der
Unterhaltung des Weiensee und eine Auszeichnung desselben vor den andern
Mnnern, die sie sah, alles war, was sie sich vorzuwerfen hatte. Und sie hat es
feierlich betheuert, da sie keinen Mann auf Erden dem lebenden Lindenhain je
vorgezogen haben wrde; wie sie sein Andenken auch heilig in der Tiefe ihrer
Brust ehrte und werth hielt.
    Als Albertine Lindenhains Wunden sah, als sie vernahm, wie er sich einen
Krppel nannte, hielt sich ihr Herz nicht lnger. Der Verdacht, sie verlasse ihn
deshalb, war ihr unertrglich. Ehe er die Worte noch ganz vollendet hatte, lag
sie in seinen Armen. Ihr Herz ergo sich nun in vollen, segnenden Strmen; in
der vollstndigen Erweichung, in der sie war, wrde sie sich aller Arten von
Vergehen, allenfalls auch Verbrechen, wie unsere Kirchenagenden uns so
treuherzig zu thun zwingen, schuldig bekannt haben, htte die vorsichtigere
Henriette nicht den Strom gehemmt, indem sie, die alte Freundin, sich auch von
Lindenhain bemerken lie.
    Jetzt, da die ersten tumultuarischen Bewegungen der von beiden Theilen
gereizten Empfindsamkeit sich legten und der Gang des Gesprchs ruhiger daher
flo, wurde auch Lindenhain aufgefordert, von seinem Benehmen Rechenschaft zu
geben; und Ulmenhorst warf es ihm vor, da alles, was er vielleicht mibilligen
zu mssen glauben knne, nur durch sein strriges Schweigen, wodurch er die
Nachricht von seinem Tode besttigt habe, veranlat sei. Lindenhain gab ihm
Recht, und sagte: Nur diese Liebe hier hat ein Recht, mich zur Rechenschaft zu
ziehen. Sie wird viel zu verzeihen haben; aber kein Wort davon heute. Morgen
erscheint meine Rechtfertigung.
    Alle waren einstimmig dafr, da man diese erste Zusammenkunft durch den
Schlaf abbrechen msse, sich zu einer zweiten strkend zu bereiten. Besonders
war die arme Albertine auf so mancherlei Weise angegriffen und erschttert
worden, da wir ihr die Ruhe nach so erschpfenden Auftritten gern gnnen.
Henriette blieb im Wohnzimmer auf dem Sopha, und Albert versprach, sich gleich
frh Morgens wieder einzustellen.

                          Ein und zwanzigstes Kapitel


Niemand war mehr erstaunt ber das, was sich in seinem Hause in der Nacht
zugetragen und er so ganz verschlafen hatte, als Onkel Dmmrig; obschon er das,
was ihn eigentlich anging, erst noch erfahren sollte und wir selbst es noch
nicht wissen. ber den schnurrigen Spa mit dem todten Mann, der am Ende, wie's
heraus kam, nicht todt war, wollte er sich immer zu Tode lachen. Ja, ja!
wiederholte er beim Frhstck hundertmal, ja, ja, Neveu, die luftigen Kerle,
Ulmenhorst und Weiensee, htten Ihnen Ihr Albertinchen bald weggekapert; aber
sie hat sich gehalten, wie der leibhafte Paswan Oglu, hahaha! Nun hrt, Kinder,
das giebt nun auf Ehre eine recht scharmante Ehe en quatre, mit der Henriette
oder Euler, wie sie da heit. Ei, ei, da Tante Elise das nicht erlebte! So
ging das in einem fort! Denn der arme Onkel war politisch; er wollte nicht gern
das Gesprch ber gewisse andere Dinge aufkommen lassen, deren Erwhnung er
mehr, als den Tod scheute; als da waren: sein ehrlicher Bankerutt, Albertinens
verlornes Vermgen und was der odisen Dinge mehr waren. Er htte sich aber
getrost alles Kopfbrechen hierber ersparen knnen, denn Lindenhain war bereits
auf's Zureichendste durch Albertinens Schwgerin, die gute Luise, unterrichtet,
die es ihm, in ihrer beliebten schwarzen Kunst gearbeitet, mit den kleinsten
Umstnden mitgetheilt hatte, wovon er sich aber aus Schonung nichts merken lie.
    Es stand inde da oben geschrieben, da Onkels guter Humor getrbt werden
sollte. So wie der Trost, kommt auch oft die Unlust aus Winkeln her, wo man sie
nicht vermuthet. Ein unholder Polizeibeamter war der Freudenstrer. Madame
Rosamunde sollte wegen eines ihrer artigen launigen Einflle arretirt werden;
sie und ihre Gesellschaft hatten sich den kleinen Spa gemacht, einen jungen
Auslnder von der verfhrerischen Last einer reichen Erbschaft zu befreien,
indem sie ihn, wie es in der Kunstsprache heit, ausgeschlt hatten. Weiensee
hatte, in der Hoffnung sich durchzustehlen, seine edle Beschtzerin verrathen,
mit der er nun die Reise in's Ausland angetreten hatte. Die kluge Rosamunde war
nicht wieder ber Dmmrigs Schwelle gekommen, sondern war vom Balle gleich der
nchsten Grnzstadt zugeeilt. Ihre Zofe hatte fr diesen Fall lngst ihre
Anweisungen. Auf den verabredeten Wink hatte sie sich eilig mit den
Kostbarkeiten ihrer Gebieterin auf den Weg gemacht; in der Geschwindigkeit
verfehlte sie aber des rechten, woran freilich Monsieur George, Weiensee's
Kammerdiener, Schuld seyn mochte, der, als ein Fremder, die rechten Wege nicht
alle in dem Kopf haben konnte. Die Herrschaft ging durch Sachsen nach Frankfurt
am Main zur Messe, und die Dienerschaft kam auf dem allernchsten Wege in
Hamburg wohlbehalten an, wo Minette lange untrstlich weinte; denn Monsieur
George war mit Wechseln und Juwelen gleich in den ersten Tagen verschwunden.
    In Laurettens Natur lag etwas, wodurch sie sich unwiderstehlich angereizt
fhlte, Hiobsposten zu berbringen; auch diese brachte sie dem Onkel ohne alle
Schonung, im drren Tone eines Gerichtsdieners, der sein Amt thut. Der arme Mann
entfrbte sich, sank zurck, und als er in sein Zimmer geschafft war, fand
sich's, da er vom Schlage gerhrt war. Doch hielt der Arzt den Zufall fr
diesen Augenblick nicht tdtlich.
    Inde Albertine mit der herzlichsten Gutmthigkeit um ihren Verwandten
bemht war, und sich kaum abmigte, zuweilen ihr niedliches Amorkpfchen in die
Thre herein zu stecken, ihrem Louis zu zuwinken oder ihm einen Ku zu zuwerfen,
war Laurette ihrer Seits bemht, die Freuden des Wiedersehens zwischen den
beiden zu verbittern. Sie gab Lindenhain mancherlei Winke ber Albertinens
Auffhrung und ihre Verhltnisse zu den Mnnern ihrer Bekanntschaft; aber nie
gab es eine untreuere bersetzung, nie ein boshafteres Unterschlagen des Textes,
als in dieser hllischen Erzhlung, der Lindenhain ganz ruhig zuhrte.
    Als sie geendigt war, entgegnete er sehr kalt: Ihr Gemlde hat viel
Schatten, Cousine! Inde habe ich es von Ihrer Hand so erwartet. Mein Weib,
meine engelgute Albertine, hat gleich in den ersten Stunden unserer
Wiedervereinigung ihre ganze Beichte mit der Offenheit, die keine Zweifel
gestattet, bei mir abgelegt, und ich habe sie mit der vollsten Zustimmung meiner
Vernunft absolvirt. Gebe Gott, da sie meiner Beichte eben das knne angedeihen
lassen!
    Die ist klug gewesen, wahrhaftig! tief Laurette, indem ein gallichtes Roth
ihre dickhutige Wange berzog. Die Dummen haben doch immer eine eigene
Schlauheit, ihr Interesse wahrzunehmen!
    Albertine hatte in der That aus dem edelsten Antriebe ihres ehrlichen
Gemths ihrem Manne jegliches ihrer Verhltnisse erzhlt, so ohne alle
Selbstschonung, als es bei Menschen mglich ist. Mit der grten Naivett
schilderte sie ihre aufgeregte Eitelkeit, und den flchtigen Reiz, den Weiensee
dadurch fr sie gehabt hatte; sie gestand, da sie Ulmenhorst allen Mnnern
vorgezogen haben wrde, htte das gtige Schicksal ihr nicht den Gatten wieder
zugefhrt. - Aber - setzte sie strafend hinzu - warum mute ich eine Wittwe
heien? Warum gab mein Louis zu, da ich mich selbst dafr halten mute?
    Lindenhain lauschte mit brennender Wange und thrnentrbem Auge der
banglichen Erzhlung, bei der er oft unwillkrlich seine Stirne rieb. Ach,
Albertine! rief er endlich, als sie schon einige Zeit schwieg, Albertine, du
bist ein Engel! In diesem Hause der ppigkeit und des Wohllebens hast du die
Feuerprobe bestanden. Wohl dir und wohl mir, da der edle Albert der Mann war!
Ach, Albertine, mchte ich dir nicht strafbarer erscheinen, mchten meine
Bekenntnisse das Engelsherz nicht von mir wenden! Dir war ich ein Todter; mir
lebte meine Albertine; lebte mir in allen ihren Reizen, in der Ausbung theuer
verheiner Treue. -
    Was hast du mir zu beichten? Ich frchte mich, zu hren, sagte Albertine,
ihm unruhig in's Auge schauend. Du wirfst einen Pfeil in meine Seele, der meine
Freuden tdtet.
    Du sollst alles hren; ihr alle, der ganze Kreis der Freunde sollt hren;
ihr sollt zu Gericht ber mich sitzen, und ich will ehrlich seyn, wie du es
gewesen bist! -

                          Zwei und zwanzigstes Kapitel


Viele Tage waren verstrichen, wo die Familie einzig mit der Krankheit des alten
Herrn beschftigt war, der sich nach gerade wieder erholte, die Bbin Rosamunde,
wie er sie nun selbst nannte, bei allen Teufeln wnschte, sich seiner Befreiung
von dem unleidlichen Joche freute, und den Kreis seiner Freunde, die er nun erst
recht unterscheiden lernte, um sein Bette versammelt zu sehen wnschte.
    Da dieses letztere geschah, veranstaltete Lindenhain selbst; denn ihm
verlangte nach gerade, sich der Brde seines Herzens zu entledigen, da die
Entwickelung so nahe vor der Thre seyn mute, von der auch wir noch nichts
ahnen. Er hatte Ulmenhorst, Madame Euler, Laurette, die nicht bergangen werden
durfte, vor des Onkels Bette beschieden, der bald selbst Anla gab, das Gesprch
einzuleiten, indem er sagte, der Herr Neveu sei doch nun schon so lange hier,
und man htte noch nichts von seinen Schicksalen und Kriegesthaten erfahren, und
wie er von den Todten auferstanden sei? - Es war hohe Zeit, Herr, da Sie sich
wieder einfanden, sonst htte es mit der jungen Wittwe leicht eine Hochzeit
geben knnen! Dies sagte er, lose auf Albert blickend, der dadurch, da ihn
Lindenhain ungestm an seine Brust drckte, aus einer Verlegenheit kam, um in
eine andere berzugehen; denn ganz verstand er Lindenhains Umarmung nicht, da er
von Albertinens Gestndnisse nichts wute.
    Ja - fuhr der Onkel fort - erzhlen Sie doch vom Kriege; ich hre fr
mein Leben gern davon. Ich war schon ein groer Bengel, als Mama, selige, immer
noch dafr hielt, ich werde wohl dem Kalbfelle folgen. Erstlich: weil ich so
eine Art von einem kleinen Taugenichts war; und dann: weil ich als ein beinahe
groer Mensch noch immer mit bleiernen Soldaten spielte, mir Festungen von
Marzipan baute und sie dann mit strmender Hand einnahm. Ich gedenke immer noch
eines tausend Spaes - Albertine fiel schlau genug ein, als sie den Onkel
Anstalt machen hrte, eine schon hundertmal erzhlte Kinderei wieder
aufzuwrmen. Lieber Onkel, der Arzt befiehlt, Sie sollen sich durchaus
schonen! Denn Albertinens Herz klopfte hoch vor ngstlicher Erwartung, was
Louis zu erzhlen habe, und darum mochte sie den Alten, den sie sonst mit der
grten Geflligkeit radotiren lie, diesmal nicht anhren.
    Meine Kriegsthaten - begann Lindenhain - wenn der Diensteifer der
Subalternen je diesen Namen verdient, haben hiermit, (auf seinen abgenommenen
Arm deutend,) ihr Ende erreicht. Aber leicht wurde es mir nicht, dieses
Ehrenzeichen zu verdienen. Der merkwrdige Tag, an welchem ich zum einhndigen
Bettler wurde, verdient eine Schilderung, die ich meinem beschrnkten Talent
nicht zutrauen darf.
    Laurette fate das Wort Bettler auf, und brachte auf ihre Weise zur
Errterung, was so lange zu erwhnen, von allen Seiten vermieden wurde; nemlich
den Verlust von Albertinens Vermgen. Wuten Sie das damals schon? fragte sie
schneidend. - Nein, sagte Lindenhain, halb scherzend, es gab da keine
Lauretten. Wenn diese Vorstellung aber irgend einem guten Gemthe krnkend ist,
dann kann ich die trstende Nachricht geben, da das Schicksal mir und meiner
Albertine mehr als zehnfachen Ersatz in der Erbschaft meiner alten Tante, der
Grfin Bodenheim, deren Universalerbe ich bin, gegeben hat.
    Alle strmten nun glckwnschend auf ihn ein. Ulmenhorst sagte herzlich und
anspruchslos: Auch ohne diese Erbschaft warest du noch reich; du hattest
Albertinen und deinen Albert, der fr euch alle reich genug ist. - Laurette
konnte nicht aufhren, Albertinens unerhrtes Glck zu preisen; und ganz leise,
doch so, da Albertine es deutlich vernehmen mute, setzte sie noch den
Gellertschen Spruch hinzu: Fr Grgen ist mir gar nicht bange, der kommt gewi
durch seine Dummheit fort.
    Jetzt ersuchten alle, Lindenhain mchte ihnen die Art seiner Gefangennehmung
erzhlen. Und Lindenhain begann:
    Sie werden sich erinnern, da unsre vortrefflichen Truppen, und mit ihnen
das Regiment, zu welchem ich gehrte, sich durch Mhseligkeiten vielfacher Art
und die uersten Anstrengungen um ruhige Winterquartiere wohl verdient gemacht
hatten. Inde war eine schwere Winterkampagne vorauszusehen. Die rauhe
Witterung, gegen welche uns weder Zelte noch Htten mehr Schutz gaben, und die
ernstlicheren Anstalten der Feinde zum Angriff, machten die Lage unserer Armee
immer bedenklicher, und unsern Wunsch, uns durch irgend etwas Entscheidendes
herauszureien, immer heier. Nie hatten bejahrte Krieger mehr guten Willen und
mehr wahren Heldensinn gesehen, als da ein Detaschement von 1600 Mann aus
verschiedenen Bataillons ausgehoben wurde und Befehl erhielt, sich bei Nusweiler
zu versammeln.
    Friedrichs und des edlen Braunschweigers Geist ruhete auf der auserlesenen
Schaar, die von ihrer Bestimmung nichts wute, so wie auf den Zurckbleibenden,
die sich laut darber beklagten, da sie ihre tapfern Kameraden den Weg zur Ehre
allein antreten shen.
    Ohne an's Sentimentale zu streifen, darf ich sagen, da die ganze Scene
sich ganz zum Romantisch-Schauerlichen eignete. Voll des entschlossensten
Heldenmuthes, der sich nicht in rohe, wilde Flche, sondern in ruhigen Vorsatz,
das uerste zu thun, auslie, schritt mit khnen, wiederhallenden Tritten die
edle Schaar vorwrts. Das soldatisch-freundliche Lebewohl des Bruders oder
Vetters, das ihnen die Zurckbleibenden nachriefen, hatte ihren Muth mehr
angefeuert, als erweicht. Es sollte ein schwerer Kampf mit dem eisernen
Schicksale beginnen. Jeder ahnete es; keiner wute bestimmt, was ihrer harrte.
Es war eine feierliche Nacht, in der der Todes-Engel eine reiche Erndte hielt.
Sie war herbstischkalt. Leichte Wolken streiften ber dem aufgeklrten Himmel,
und machten, da der Mond den Kriegeszug nur dmmernd beleuchtete, und die weie
Binde, die jeder der Unsrigen am Arme trug, sichtbar werden lie.
    In feierlicher, furchtbarer Stille nherten sich unsere Detaschements der
Bergfestung Bitsch, umgingen sie, und kamen auf der Straburger Strae, eben um
Mitternacht, bei dem bedeckten Gange an. Unbesorgt pfiff sich die Schildwache an
den ersten Pallisaden ihr: a ira, und schien nicht an die Mglichkeit eines
feindlichen Besuchs zu denken. Man hrte unten ihr gewhnliches: sentinelle,
prennez garde  Vous! und beides diente zur Richtschnur.
    In schauerlichem Schweigen kletterte nun die Kolonne den Berg hinan. Die
Schildwache gewahrte den Feind erst, als er nur noch zwanzig Schritte von ihr
entfernt war, und rief zweimal ihr: qui vit? worauf sie die Antwort: republique
francaise! erhielt. Als sie ihren Irrthum einsah, warf sie das Gewehr hin und
lief davon. Wir berstiegen die Pallisaden und eilten dem bedeckten Gange zu.
    Jetzt wurde in der Stadt Lrmen, nachdem zwei Posten Feuer gegeben hatten.
Ein schrecklicher Tumult verbreitete sich; allenthalben erscholl: aux armes! aux
armes! de ce cot, citoyens! ii Camerades!
    So glcklich der erste Angriff geschehen war, so viel unbersteigliche
Hindernisse setzten sich ihm jetzt entgegen. Wir fanden eine wthende Gegenwehr.
Handgranaten, Steine, Balken, Kugeln und gehacktes Eisen unterhielten einen
unaufhrlichen mrderischen Regen auf die andringenden Preuen.
    Ewig unvergelich in Preuens Annalen wird die Unerschrockenheit bleiben,
womit die vortrefflichen Truppen dem Tode, der in so vielerlei Gestalt unter
ihnen wthete, trotzten! Der Hinterste drngte den Vordersten; vorwrts,
vorwrts! war der ununterbrochene Ruf der Tapfern. Whrend dieses mrderischen
Gefechtes, wo die Gefahr der Vertheidigung in gar keinem Vergleiche mit der des
Angriffs stand, waren zwei Thore gesprengt worden. In dem engen Gange konnten
nur drei Mann in Fronte stehen. Waren diese getdtet oder blessirt, so eilten
von hinten andere herbei, ihren Platz zu ersetzen! Der Sterbende ward unter die
Fe getreten und seines chzens durfte nicht geachtet werden, wenn gleich der
Freund oder Bruder darin erkannt wurde. Die Blessirten, die noch gehen konnten,
drngten sich an den Wnden bis hinten hin zurck, wo sie fortgeschafft wurden.
    In der Dunkelheit und dem Tumulte waren xte, Brecheisen und alle
erforderlichen Instrumente verloren gegangen; die sie fhrten, waren getdtet
oder verwundet, die Dunkelheit lie nichts erkennen; ein wildes
Durcheinanderrufen machte die Scene grlich. Am dritten Thore standen wir nun,
und alle Anstrengung, es zu sprengen, war vergebens. Vergebens flo das Blut der
unerschrockenen Preuen. Nach vierstndigem Kampfe, der die Krfte der
menschlichen Natur zu bersteigen schien, folgte freilich Ermattung; aber kein
Schatten von Muthlosigkeit entweihete den unbefleckten Heldeneifer der nun schon
sehr zusammen geschmolzenen hochherzigen Preuen, davon jeder mit dem Blute
seines Kameraden oder von eigenem bespritzt war.
    Mein Herz blutete, da so edle, so unerhrte Anstrengung nicht mit Erfolg
gekrnt wurde! Des Augenblickes, wo ich aufhrte, thtig mitzuwirken, bin ich
mir nicht deutlich bewut; denn indem mein Arm zerschmettert wurde, traf mich
ein Steinwurf am Kopfe. Ich sank und wurde wahrscheinlich mit den Fen der
vorwrts Drngenden bis in eine Vertiefung der Mauer des Ganges gestoen und
unter einen Haufen Todter geschoben.
    Hatten Sie kein eau de Cologne bei sich, Herr Neveu? fragte Onkel Dmmrig,
ganz naiv. Nein! sagte Lindenhain kurzweg. - Das ist Schade; in dergleichen
Fllen ist es hchst bewhrt. Stoe oder quetsche ich mich; gleich eau de
Cologne zur Hand, und geheilt bin ich. -
    Unter freiem Himmel, auf einem rttelnden Wagen voll schwer Verwundeter,
kam ich wieder zur schmerzlichsten Besinnung. Albertine, als ich sank, dacht'
ich dein; als ich jetzt wieder auflebte, warst du, Liebe, mein erster Gedanke.
(Albertine legte hier ihr Haupt auf seine Schulter und schluchzte hrbar.) Ich
war ein Gefangener, mein Krper verstmmelt, und Bitsch war nicht genommen! Fr
den Erfolg war mein Leben mir nicht zu theuer; aber nun - o Gott! -
    Beschwert von einem schwer Verwundeten, der im Sterben lag, mute ich in
der unbequemsten Stellung liegen. Der Wagen eilte unaufhaltsam vorwrts; meine
Schmerzen berwltigten mich; in Bouquenon wurde ich, als ein dem Tode
Geweihter, bei Seite gelegt; ein Mitgefangener, leicht blessirter Landsmann
bemerkte mein leises Athmen und sorgte dafr, da ich untergebracht wurde.
    Dieses geschah nun glcklicherweise in dem Hause eines geschickten
Wundarztes, der selbst, Krankheits wegen, die Franzsische Armee auf einige Zeit
hatte verlassen mssen. Er untersuchte meine Wunden. Der Arm bis an den
Ellenbogen war ohne Rettung verloren. Unerschttert hrte ich diese Nachricht,
die mich dienstunfhig machte, nicht; denn selbst in der Dumpfheit des Sinnes,
hatte ich Plane und Dispositionen gedacht, wie Preuen an dem Feinde Rache
nehmen und ich mitwirken knne. Als er die Quetschung an meinem Kopf untersucht
hatte, machte er Anstalt zu trepaniren, und erklrte, ohne diese Operation sei
ich verloren, ob ihm meine Rettung durch sie ebenfalls auch ungewi sei.
    O, mein Vater, so lassen Sie ihn ohne den Schmerz sterben; ich will ihn
pflegen; ich will ihn retten; berlassen Sie ihn mir, mein Vater, er soll
genesen! rief mit Wrme eine weibliche Stimme, und meinem Lager nherte sich
ein schnes, junges Frauenzimmer. Sie legte ihre Hand an meine kranke Stirn, und
bemhte sich, mir durch leises Streichen wohl zu thun.
    Hier hob Albertine den Kopf von Lindenhains Schulter, und blickte ernsthaft
und verlegen vor sich hin. Onkel Dmmrig machte ein loses Gesicht und murmelte
ein bedenkliches: ha, ha!
    Lindenhain fuhr fort: Adelaide! was soll das? sagte der Vater. Wie
kommst du, kleiner Nasewei, zu dieser Vorschnelligkeit? - Aber, mein Vater,
Sie versprechen ja seine Besserung nicht; wozu den Greuel einer solchen
Operation? Unter den nemlichen Bedingungen will ich ihm wohl thun. Sie wollen
ihn todt plagen. Nein, nein! Er ist mein!
    Der Vater gab lchelnd nach. Er war jetzt selbst abgeneigt, sich mit meinem
Arm zu schaffen zu machen, bis alle Anzeigen eine schnelle Operation nothwendig
machten. Ein hitziges Fieber war die Folge davon, wobei meine Kopfwunde sich
sehr bel befand. Das schne Mdchen hielt inde Wort; sie verlie ihren Kranken
nicht. Und nie htte ich der franzsischen Lebhaftigkeit so viel Ausdauer
zugetraut, als dieses treffliche Mdchen hier bewie. Sie bestand jede Probe.
Nchte hindurch lie sie mein krankes Haupt an ihrer Brust ruhen, ohne sich in
den beschwerlichsten Stellungen auch nur zu rhren. Ihre sanfte Hand khlte
meine brennende Schlfe; sie verband mit der herzlichsten Sorgsamkeit meine
Kopfwunde, die sich unter ihrer Aufsicht sehr gut anlie, wie der Vater
wohlgefllig bemerkte. Ich wei, Albertine, du kannst nicht bse werden, da ich
diesem guten Mdchen von Herzen dankbar war, und aufrichtiges Wohlwollen fr sie
empfand.
    O nein, ich bin es ja auch nicht! sagte Albertine etwas kalt. Doch
schwankte ihr Ton. Laurette lachte ihr unverwandt in's Gesicht. Der Onkel
schnitt Gesichter nach seiner Weise, die spahaft seyn sollten.
    Als mein Zustand ertrglicher wurde, brachte Adelaide ihre Harfe in mein
Zimmer. Sie durchschwebte die Saiten so leise und lieblich, da die Melodie
therisch dahin lispelte, wie von einer Aeolsharfe. Ihr Gesang war rein und
kunstlos.
    Sobald ich aufrecht sitzen konnte, verlangte ich Schreibmaterialien, um
dir, meine Albertine, Nachricht von deinem armen Invaliden zu geben. Adelaide
brachte sie mir, mit einem so trben Gesichtchen, als ich bei ihr noch nicht
gesehen hatte. Hier, meine Albertine, wird deine ganze Gromuth aufgefordert
werden; ich schrieb, ich schrieb oft, und meine Briefe sind nicht zu dir
gekommen. Das Geheimni wird sich enthllen.
    Albertine antwortete wenig und unverstndlich. Sie machte sich mit dem Thee,
den eben der Bediente gebracht hatte, zu schaffen. Es war sichtbar, da sie
litte.
    So wie meine Genesung fortrckte - fuhr Lindenhain fort - vermied
Adelaide ganz unaffectirt, allein in meinem Zimmer zu bleiben. Eine ltliche
Gouvernante, die mit ihr dem Hauswesen vorstand, war immer zugegen. Adelaide las
uns vor, oder spielte und sang, oder beschftigte sich mit irgend einer
Handarbeit. Sie war immer gleich freundlich und sorgsam; doch hatte sie offenbar
etwas auf dem Herzen, das bei ihrer sonstigen Offenheit sie drckte. Einst, als
sie mir den Thee reichte, blieb sie wie zerstreut in meiner Nhe stehen und
spielte mit einem Stckchen Papier, welches sie absichtslos in den Fingern zu
rollen schien. Als sie mich verlie, sank das Papier aus ihrer Hand auf meinen
Tisch und sie entfernte sich, merklich errthend. Es war beschrieben. Meine
Neugier wurde rege. Ich las. Es enthielt folgende Worte: Ich habe von einem
Ihrer Landsleute gehrt, da Sie verheirathet sind. Ist das wahr? Adelaide.
    (Albertine, die bis jetzt wieder emsig strickte, stand auf, dem Onkel etwas
zu reichen, so da sie der Gesellschaft den Rcken zuwandte.)
    Adelaide kam diesen Tag erst zur Abendsuppe mit ihrem Vater und der
Gouvernante in's Zimmer. Sie war verlegen, und wich meiner Nhe wie meinem
Gesprch aus. Ich hatte sehr bald Anla Adelaidens Frage zu beantworten, indem
der Vater von dem Glcke sprach, das er an der Seite seiner verstorbenen Gattin
genossen hatte. Da nannte ich dich, meine Albertine, und ein Strom des reinsten
Gefhls deines Werthes, meine Liebe, ergo sich von meinen Lippen.
    (Albertine umarmte hier Lindenhain; doch schien es mehr Ehrenhalber, als aus
dem Herzen zu seyn. Laurette fragte gespannt: Nun? Und Ihre Adelaide?)
    Adelaide schien von der Wrme meiner Schilderung ergriffen. Sie lchelte
und wechselte die Farbe; bei den rhrenden Situationen flossen ihre schnen
Augen ber. Sie wnschte sich deine Freundschaft, meine Albertine!
    (Hm! Ich mchte sie wohl kennen! sagte Albertine nachlssig.)
    Sie ist deiner Freundschaft werth, Albertine! Sie erhielt dir deinen
Gatten; ihre Pflege und Aufsicht hat alles gethan.
    Meinen Gatten erhielt sie mir; aber auch sein Herz? Es mute heraus.
Albertine hielt sich nicht lnger. Sie brach in Thrnen aus, die sie gern
verborgen und dem Hohne der Cousine nicht ausgesetzt htte. Alle waren verlegen,
und Lindenhain sagte schmerzlich: ich darf nicht fortfahren, Albertine, wenn
schon dies dich so erschttert. Was ich noch zu sagen habe, setzt mich dann in
die uerste Verlegenheit!
    (Sieh nicht auf mich; ich bin ein albernes Ding. Es wird sich geben. Zeige
mir deine Achtung durch Wahrhaftigkeit!)
    Nach diesem Gesprche fand ich Adelaidens Benehmen offner, herzlicher,
zutraulicher, und fast mcht' ich's schwesterlich nennen. Sie sprach viel von
meinem Vaterlande, von meiner Albertine, von dem Kummer unserer Trennung. Sie
beschftigte sich oft so unbefangen um mich her, als ob ich gar nicht zugegen
gewesen wre. Doch sahe ich sie im Ganzen seltener, da ich schon im Stande war,
selbst wieder fr meine Unterhaltung zu sorgen. Ich vermite ihre Gesellschaft;
denn die unschuldsvolle, sich selbst unbewute Seele des Mdchens war mir sehr
werth geworden.
    Es war mir gar nicht gleichgltig, als wir von unsern Wunden hergestellte
Gefangene tiefer in Frankreich hinein geschafft wurden. So sehr sonst meine
Wnsche mich in's sdliche Frankreich versetzt hatten, so ungern ging ich jetzt
dahin ab. Dem commissair ordonateur stellte ich vor, da meine Dienstunfhigkeit
mich nicht lnger zum Kriegsgefangenen qualifizire; er gab mir aber den
vielleicht schmeichelhaft seyn sollenden Bescheid: der Arm mache nicht allein
den Feind gefhrlich; der Kopf wr's. Er wute wohl nicht, da die Unsrigen erst
zur ffentlichen Wirksamkeit gelangen, wenn sie schon wieder ergrauen.
    Auf einem ziemlich anstndigen Fuhrwerke traten wir unsere Reise nach der
Gegend von Toulouse an.
    Und Ihr Abschied von Adelaiden? unterbrach ihn hier der Onkel. Ich bin
ganz verliebt in das allerliebste Mdchen.
    War herzlich und meiner Seits von Dankbarkeit berflieend. Wie htte ich
anders gekonnt? - fuhr Lindenhain fort. Noch aus Bouquenon schrieb ich einen
langen, umstndlichen Brief an dich, meine Albertine, dem ich die kleine Summe
beifgte, die mir, wie durch ein Wunder, erhalten war. Da ich in die
Todtenlisten des Regiments eingetragen war, so darf ich mich nicht wundern, wenn
Ihr, meine Theuren, weiter keine Schritte thatet, etwas von mir zu erfahren.
    Adelaide hatte sich viele Tage emsig mit meiner Reiseanstalt beschftigt.
Wie hatte das edle Mdchen fr Alles gesorgt! Was die sorgsamste Aufmerksamkeit
auf alle kleine Bedrfnisse nur ersinnen kann, fand ich hier bei einander. In
einer kleinen bonbonniere fand ich zwanzig Louisd'or und diesen Ring von ihrem
Haar, mit dem Zettelchen: pour la charmante Albertine! - Hier, meine Albertine,
ist er; trag' ihn diesem wrdigen Mdchen zum Andenken!
    Alle machten jetzt groe Augen, als Lindenhain den Ring hervorzog und ihn
der sich halb weigernden Albertine an das Fingerchen schob. Das ist ein stark
Stck, das! sagte Onkel, die Hnde reibend. Albertine, auf die aller Augen
theils boshaft neugierig, theils mitleidig theilnehmend gerichtet waren, sprang
auf, umarmte ihren Gatten weinend, und sagte unter Schluchzen: Dein edles
Zutrauen, mein Louis, reit mich hin; du erhebst mich ber mich selbst! Wie
ehrst du mich! Vergieb den Kampf in meinem Innern! Ich habe gesiegt; ja, ich
hoffe, ich habe gesiegt!
    Kein Auge blieb trocken. Selbst Lauretten entwischte ein unwillkrliches:
recht brav! Doch wollte Ulmenhorst das Wort Drama nachtnen gehrt haben.
    Trage diesen Ring zum Zeichen dieser Stunde, meine gute, edle Albertine!
Mein Glaube an dich hat mich nicht getuscht. - Doch, ich eile zum Schlu meiner
Erzh lung!
    Mein neuer Aufenthalt war an sich viel reizender und gab meinen
Beobachtungen reichen Stoff. Doch fehlte mir ein verwandtes Herz; wenn ich es
mit einem Worte sagen soll, eine Deutsche Natur, nach der ich mich nun schon mit
aller Kraft sehnte. Der geringste unserer Landsleute interessirte mich deshalb
innigst; ich habe Denkarten unter ihnen getroffen, die den gebildetsten Stnden
Ehre machen wrden; auch bemerkte ich mit Vergngen, da ihre Gradheit, ihre
ehrliche Treuherzigkeit, ihr Flei von den Landesbewohnern auszeichnend bemerkt
wurden.
    Einst kam ich von einem Spaziergange zu Hause; da hie es: ein junger,
schner Knabe habe nach mir gefragt; er sei, um meiner zu warten, in die nahe
Kirche eingetreten. Wer konnte hier nach mir fragen! Nach einer halben Stunde
erschien wirklich ein sauber gekleideter Knabe in Bediententracht, in dem ich,
beim ersten Anklang seiner Sprache, Adelaiden erkannte.
    Nun, nun, den Braten merkt' ich! sprach der Onkel. Alle andere schwiegen
betroffen.
    Um Gotteswillen! rief das Mdchen, denken Sie nicht unrecht von mir!
Stoen Sie mich nicht aus! Ich bin eine Waise, bin emigrirt, und wrde hlflos
ohne ihren Schutz umher irren mssen! - Ich stand versteinert, und auf Ehre
kann ich bezeugen, da ich nichts weniger, als erfreut war. Sie bemerkte es, und
erzhlte mir schnell, da bald nach meiner Abreise ihr armer Vater angeklagt,
in's Gefngni geschleppt und schnell guillotinirt worden sei, weil er durch
seine Theilnahme an den Preuen verdchtig geworden wr. Ihr habe ein hnliches
Schicksal gedroht; sie habe sich daher diese Kleidung zu verschaffen gewut und
sei mit einer Dame hierher gekommen. Jetzt wolle sie mein Bedienter seyn; sie
habe von einer Auswechselung der Gefangenen gehrt; sie msse nun doch fort und
wolle bei mir und Albertinen leben.
    Sie ist dir ganz nahe, Albertine! Wirst du sie, willst du sie aufnehmen?
Dein Bruder, der Treffliche, der mich aufzusuchen reisete, fhrt sie dir zu!
    Erstehen wir das groe Himmelbette des Grafen von Gleichen, sagte der
Onkel lachend. Das giebt eben so eine Geschichte. Auf meine Ehre!
    Albertinens Gemth hatte sich aber nun einmal einen Schwung gegeben; sie
blieb sich gleich und sagte edelmthig: sie solle ihr willkommen seyn! Doch
schien ihr der Ausweg nicht mifllig, als ihre kluge Freundin Euler sagte: da
die Vorsehung wohl vielleicht ihrer Einsamkeit eine Gefhrtin in Adelaiden
bestimmt habe. - Alle, auch Lindenhain, stimmte diesem Gedanken von Herzen bei,
auer Laurette, die sich hhnisch lchelnd auf die Lippen bi.
    Jede Erwartung fhrt etwas Bngliches mit sich. Es ist Albertinen nicht zu
verdenken, wenn sie diese Nacht wenig schlief und sich ihrer nur zu geschftigen
Phantasie berlie. Doch konnte sie weder in ihres Gatten, noch in des wackern
franzsischen Mdchens Betragen etwas Strfliches ergrbeln; und da sie denn
nichts eingebt zu haben hoffte, erschien sie sich in ihrer eigenen Gre um so
wohlgeflliger.
    Ganz frhe schon weckte sie ihren Louis, ihm das Geheimni der
ausgebliebenen Briefe abzufragen; denn sie hatte einen dunklen Argwohn gefat,
Adelaide knne sie unterschlagen haben. Ungern gestand ihr Louis, ihre eigene
Schwgerin, ihres Bruders Frau, habe das Falsum begangen, sie los zu werden und
sie mit ihrem Bruder zu entzweien. Sie hatte gehofft, Albertine werde als eine
unabhngige Wittwe recht viel dumme Streiche machen und in Noth und Verwirrung
gerathen. Die Briefe waren jederzeit unter der brderlichen Addresse gekommen;
da hatte Frau Louise stets schlau gewut, sie auf die Seite zu bringen, indem
sie das Briefgeschft in der nchsten Stadt durch ihre Boten besorgen lie; und
was vermag nicht ein listiges Weib, das seines Gatten unumschrnktes Vertrauen
usurpirt! eines Gatten, dessen Seele, rein von Betrug, am wenigsten die Schlange
ahnet, die er an seinem Herzen erwrmt.

                          Drei und zwanzigstes Kapitel


Die durchwachte und durchphantasierte Nacht gab unserer Freundin ein etwas
krnkliches Ansehen, welches ihren Gatten um so mehr in Verlegenheit setzte, da
der guten Albertine wahrscheinlich heute ein kampfvoller Tag, Adelaidens
Ankunft, bevorstand. Albertine gestand, da ihr Herz, sie wisse nicht bestimmt,
weshalb, heute unruhiger, als noch sonst je klopfe. Ist sie sehr schn? fragte
sie beim Frhstck, nachdem sie eine Zeit lang in Gedanken gesessen hatte. -
Mehr, als schn; sie ist hbsch! sagte Lindenhain. Die Schnheit, in so fern
sie auf Regeln beruht, ist oft kalt. Hbsche Weiber gefallen immer. Du, meine
Albertine, bist schn nach allen Erfordernissen der Kunst, und zugleich auch
hbsch, durch den Geist, der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten
Zge spricht. - Albertine seufzte, ohne zu antworten, lchelte ihm du bout des
Levres zu, und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans Fester. Louis
bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekmmerni.
    Was oft in Fllen der Art begegnet, geschah auch hier. Albertine hatte nach
ngstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach auen
hin, den rechten Augenblick doch versumt. Die Thre ihres Zimmers ging rasch
und weit auf; und pltzlich herein traten der Bruder und seine schne
Begleiterin; und dahin war Albertinens Fassung!
    Die Wahrheit zu sagen, war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst
Lindenhains festes mnnliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte. Wre
Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschftigt gewesen, wrde ihr das
Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen seyn; die
ganze Scene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang, welcher der
Unbefangensten unter allen, Adelaiden, schmerzlich auffiel; ihre schnen Augen
fllten sich mit Thrnen; sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit
unwiderstehlichem Ausdruck: O mein Gott! ich bin hier nicht willkommen!
Albertine nimmt mich nicht auf!
    Albertinens vortreffliches Herz fhlte sich schnell in die Lage des
verlassenen Mdchens hinein, deren Thrnen bis in ihr weiches Gemth lebendig
eindrangen. Mit unverkennbarer Gutmthigkeit drckte sie Adelaiden an ihre Brust
und hie sie von Herzen willkommen. Die freudige berraschung macht Ihren
Freund stumm! sagte sie, und zog Lindenhain zur Umarmung herbei. Er hatte sich
inde gefat, umarmte Adelaiden mit brderlicher Herzlichkeit, und segnete sein
Geschick, da diese wirklich erste Umarmung des schnen Mdchens in Gegenwart
und auf Gehei seiner Gattin geschah.
    Adelaide war keine der gemeinen Franzsischen Schnheiten, die dem
sinnlichen Mann durch dreisten Blick und ein impertinentes Nschen gefallen. Sie
hatte bei sehr sprechenden schnen Augen regelmige Zge, eine schne Farbe,
schne Zhne, eine gefallende Mittelgestalt, die, wenn nicht engelschn, doch
hchst elegant und grazis war. Albertine hatte das alles im ersten Augenblick
weg, und kam sich bei der Vergleichung, die sie in der Geschwindigkeit
anstellte, ganz bescheidentlich wie gar nichts, wie ein kleines Landputchen vor.
Adelaide fhlte den untersuchenden Blick Albertinens mit einiger Verlegenheit,
und ihn von sich abzuwenden, reichte sie ihr die Hand, und fragte: Sie weisen
mich also nicht von sich, schne Frau? Sie wollen meine Beschtzerin seyn?
    Lindenhain hatte, wei Gott, warum, gar keinen Muth, sich in das Gesprch
mit einzulassen; er sa zerstreut da, und als Albertine mit der Antwort zu
zgern schien, trat eilig der Bruder dazwischen, und gab in seiner Schwester
Seele die bindendsten Zusicherungen, welchen Albertine gleich, ohne Zwang und
unbedingt zustimmte.
    Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack, als
Onkel Dmmrig. Er suchte in der Eile den ganzen Vorrath seines veralterten
Franzsischen zusammen, sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit
ihr zu unterhalten, wobei er die Nasentne recht nationell zu accentuiren, nicht
verga. Es war eine Freude zu sehen, wie jung er wurde, wie er die Ohren spitzte
und sich zusammen nahm.
    Adelaide war die Hflichkeit und Geflligkeit selbst; sie lieh sich allem
und allen. Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu
knnen. Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben lie sie
es auch nicht fehlen. Durch sie wurde die Konversation genirt, weil sie durchaus
ihr fehlerhaftes Franzsisch unter dem Vorwand nicht wollte hren lassen, da
sie, eine Deutsche, es lcherlich finde, mitten in Deutschland Franzsisch zu
sprechen; es sei hflicher, wenn die fremd angekommenen sich bequemten. Adelaide
that's mit leichter Art, und lachte dann selbst ber ihr gebrochnes Deutsch.
    Laurette beschwerte sich ber die Unzulnglichkeit des weiblichen Umgangs
fr gebildete Geister. Die Weiber im Allgemeinen - sprach sie - haben eine so
erbrmliche kleine Ansicht der Welt, werden so breit ber Dinge, die der
Gebildetere liegen oder ganz fallen lt, sind entweder zu gespannt, oder
vegetiren in der traurigsten Schlaffheit; wie soll man mit ihnen auskommen?
    Adelaide nahm die Parthie ihres Geschlechts, und behauptete, es sei
demselben nicht zu verargen, wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhltnisse
nicht die Kraft und Eindringlichkeit des mnnlichen Blicks habe. Bedenken Sie
doch, Mademoiselle, in welchem Licht uns die Welt erscheinen mu, da unser Geist
nur zu den infiniment petits gebildet wird, und wie jedes rechtliche Weib, das
seinem Gatten oder seiner Familie ntzlich werden will, sich zu den unedelsten
Details des Hauswesens verstehen mu. Wer so sehen mu, der wird doch gewi
zuletzt ein moralischer Myops.
    Laurette hatte, wie alle dickhutige und erdfahle Weiber thun, jedes feinere
Kolorit im Verdachte des Schminkens; sie lie es sich auf unfeine Art merken,
da sie die Fremde fr geschminkt hielt. Adelaide antwortete ganz unbeleidigt:
Und warum nicht, Mademoiselle? Htte die Natur mir von der Seite einen Mangel
gelassen, wrde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen, weil ich es fr Weibespflicht
halte, meine Erscheinung so hbsch als mglich seyn zu lassen, und weil ich das
Rothauflegen, in so fern es der Gesundheit unschdlich gemacht wird, fr nicht
strflicher halte, als jedes andere Mittel, wodurch wir den Sinnen schmeicheln
wollen. Erlaubte ich mir aber je eine moralische Schminke, wollte ich mehr
scheinen, als seyn; ich wrde meinen Beschtzern nie wieder in die gtigen Augen
blicken knnen. Legen Sie uerlich immer ein wenig auf, Mademoiselle; es wrde
Ihnen recht gut kleiden.
    Unter dergleichen und andern noch erheiterndern Gesprchen wurde Onkel ganz
begeistert, und fing wirklich schon an, der Gesellschaft in entferntere Zimmer
nachzuschurren. Adelaide und Ferdinand von Rehthal, Albertinens Bruder, hatten
allen neues, rascheres Leben mitgetheilt; nur Albert allein schien nicht ganz
zwangfrei. Unbeobachtet war er still und dster, und in seiner Seele schien
etwas zu arbeiten, das die Zeit erst daraus loswinden sollte.

                          Vier und zwanzigstes Kapitel


Lindenhain machte zuerst die Bemerkung, da es Zeit werde, an einen bestimmten
Lebensplan zu denken, und er schlug Albertinen vor: sie wollten mit dem kleinen
Kreis der Freunde gemeinschaftlich darber zu Rathe gehen. Aber - wie ist's mir
denn? Albert hat sich ja in einigen Tagen nicht sehen lassen; er wird doch nicht
krank seyn? Die Weiber begreifen mit ihrem richtigen Takte sehr schnell.
Albertine fhlte, da etwas vor sei, wobei sie einben wrden. Sie redete
Lindenhain zu, Albert um sein Ausbleiben zu befragen.

Wo steckst du Albert? Stelle dich ein; du sollst der Konferenz beiwohnen, die
wir halten wollen, unsern gemeinschaftlichen Lebensplan zu entwerfen; denn da
unser Bleiben nicht hier ist und seyn kann, weit du. Wir wollen fort, Dich
aber, der Du uns unentbehrlich bist, nicht zurcklassen. Siehe zu, wie Du das
einrichtest. Es hoffet auf Dich und harret Dein
                                                                       der Deine
                                                                     Lindenhain

                                 An Lindenhain!

O, da Du so gut bist, da Albertine so gut ist, da ihr alle so vortrefflich
seid! und ich doch einen Lebensplan entwerfen mu, der mich weit aus Eurem
Kreise rckt!
    Hre mich an, Lindenhain, zrne mir nicht, und gieb mir Freundesrath! Durch
Henrietten wei ich, da Albertine Dir alle Folgen Deines vermeinten Todes
mitgetheilt hat. Ich lernte sie kennen und hielt sie fr ein Mdchen der
Familie, bei der sie lebte. Mein Loos war mit dem ersten Worte, das sie sprach,
geworfen. Sie wird Dir's gesagt haben, da mein Betragen ihr die Geheimnisse
meines Herzens auch nicht von fern ahnen lie. Es war nachher, als ich in ihr
Deine Wittwe erkannte, nicht strafbar, sie zu lieben. Strafbar aber wre es, die
Gattin meines Freundes zu lieben; und wrd' ich, mt' ich das nicht, wenn ich
mit jedem Tage neue Blthen dieses trefflichen Geistes, dieser herrlichen Natur
sich vor mir entwickeln she. Lindenhain, ich war berechtigt zu hoffen; sie war
die Meine, erschienst Du nicht. Fhlst Du die Glut, zu der diese Hoffnung meine
Liebe anfachte? Freilich habe ich sie tief in mein innerstes Herz
zurckgedrngt; aber wird sie in jeder Minute sich nicht vordrngen wollen? Soll
ich den Kampf in jeder Minute neu beginnen mssen? Werde ich in jedem
Augenblick, inde so viel Liebenswrdigkeit vor mir her waltet, die Kraft haben,
meine Gefhle mit Erfolg zu bekmpfen? Ich kenne mich selbst nicht genug; ich
wei nicht, was noch aus mir werden kann, darum la mich Euch fliehen,
wenigstens auf einige Jahre, weil ich Eurer Achtung noch werth bin, whrend es
noch in meiner Gewalt steht; im kurzen wrde es vielleicht nicht mehr. Wer
aufhren knnte, Albertinen zu lieben, hat nie die Liebe gekannt. Gehab Dich
wohl!
                                                                            Dein
                                                                        Albert.

                                  An Albert!

Sei nicht wunderlich, du Guter! Ich wei alles; und eben, weil ich alles wei,
mut Du, sollst Du bleiben. Ich kenne Dich und kenne Albertinen; und eben weil
ich Euch Beide kenne, sollst Du und mut Du bleiben, und mit uns leben, wie
immer. Ich sage Dir, so wenig das den Verliebten eingeht; durch tglichen
Gebrauch stumpft sich der Stachel ab, den die Abwesenheit und die, ber die
Verliebten waltende, Phantasie bis zum Unleidlichen schrft. Ich sage Dir, bleib
bei uns! Du bist keines schlechten Streiches fhig und Albertine eben so wenig.
Die feine Grenzlinie, welche ihr feiner Sinn zwischen dem Gatten und dem Freunde
zieht, wird Dir einleuchten und Dich streng in Deinen Grnzen beschrnken.
Albertinens unverhaltene uerung ihrer herzlichen Zuneigung zu Deinem Freunde,
wird Dir keinen Augenblick der Verirrung gestatten. Wenn Albertinens lieblicher
Reiz Dich entzckt, wirst Du daneben auch ihre kleinen Fehler bemerken; sie ist
ein lieber Engel, der bestimmt ist, meinem Leben Glanz zu geben und Klarheit;
aber sie ist auch ein Weib. Dessen wird Dich der tgliche Umgang belehren.
Albert, so wie ich Euch kenne, wre es Neid, erbrmliche Migunst, wenn ich das
schne, freundliche Verhltni, darin ihr ohne mich standet, zerreien sollte.
Lerne Dich selbst kennen und schtzen; Du bist nicht der, der in der Flucht
seine Sicherheit suchen mte. Denke Dir meinen Freund so, wie ich ihn mir
denke. Unzerreibar sei der Bund der Freundschaft mit Deinem
                                                                    Lindenhain.

Albert gab sich nur nach langem Kampfe. Er wollte immer nicht zugeben, da die
Abwesenheit der Liebe gnstiger, als das Beieinanderleben sei. Madame Euler
sagte, als sie gefragt wurde, lchelnd: so viel sie davon erfahren, glaubte sie,
der Hauptmann habe Recht. -
    Jetzt machten die Freunde ernstliche Anstalt, ber einen haltbaren
Lebensplan bereinzukommen; und bald kam Folgendes zu Stande.
    Ulmenhorst bezog sein Gut; Lindenhain kaufte eins in der Nachbarschaft, und
erstand zugleich den Landsitz, welchen der Onkel in seinem Wohlstande besessen
hatte, worauf er ihn auch wieder einsetzte. Madame Euler, an die Adelaide sich
unzertrennlich gekettet hatte, wohnte mit derselben in einem sehr eleganten
Pavillon auf Lindenhains Gute; und Rehthal, der sich von seiner Frau schied, die
er wegen des schlechten Streiches mit den untergeschlagenen Briefen, nicht
wieder an seiner Seite leiden konnte, so viel Albertine die Strafbare auch
entschuldigte und fr sie bat, verkaufte sein Gut und wohnte bei Ulmenhorst. Da
war denn immer Einer in und durch den Andern glcklich, und nur Laurette sete
zuweilen Unkraut unter den Weizen.
    Onkel Dmmrig fand den Plan so delizis, lebte wieder von Neuem auf, und
verjngte sich ganz so an dem reinen Feuer aus Adelaidens Augen, da er oft in
der Freude seines aufgewrmten Herzens sein altes: Damtas war schon lange
Zeit mit heiserer Stimme anstimmte, und sich freute, wenn er es den Damen nach
dreierlei Kompositionen, mit altvterischen Manieren verbrmt, vorsingen konnte.
    Musik, Mahlerei, worin auch nun Albertine anfing vortrefflich zu werden,
ernste Wissenschaft, leichter Scherz, kleine dramatische bungen,
landwirthschaftliches Treiben gaben dem, ohne den Umgang der Musen so einfrmig
huslichen Landleben Mannichfaltigkeit und reichen Genu. Eintracht pflanzte
berall die Friedenspalmen hin, und selbst Laurettens Geist schien unter der
Milde dieses Himmels von seiner Schrfe zu verlieren, obschon dem ungeachtet
Onkel sie oft seinen Pfahl im Fleisch und den Klotz an seinen Beinen nannte, und
von Herzen wnschte, da ein von Gott und allen Weibern Verlassener sich doch
erbarmen und sie ihm abnehmen mchte. Ob irgend eine Hoffnung dazu fr ihn und
die arme Hartsinnige grnte, werden wir im folgenden Kapitel erfahren.

                          Fnf und zwanzigstes Kapitel


Sagen Sie mir doch, Ulmenhorst, was ist's, da Sie jetzt so hufig verstimmt
scheinen, und oft mitten im frohen Gesprch sich einer eigensinnigen Laune
berlassen, die uns Ihre Unterhaltung verkmmert? fragte Henriette. Albert
errthete, legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. Morgen sollen Sie's
erfahren, wenn Sie mir helfen wollen? - Wenn ich kann, gern! Und das Gesprch
war abgebrochen.
    Henriette hatte ganz andere Besorgnisse, und fhlte sich erleichterten
Herzens, als sie folgendes Billet gelesen hatte.

Leiser berhrt die weibliche Hand wunde Herzen; leihen Sie mir die Ihrige,
meine Freundin, eines zurckzudrngen, das sich unaufgefordert zu mir hinneigt.
Nie gab ich Lauretten Anla, mich fr Ihren Liebhaber zu halten; nie fhlte ich
fr diese niedrigste aller Weiber; das wre sie mir, auch ohne die Nhe ihrer
englischen Cousine! Und dennoch macht sie Anstalt, mich mit strmender Hand zu
erobern. Ich verschweige, wie weit sie, aller weiblichen Delikatesse trotzend,
sich verga. Das macht mich bei ihrem Eintritte still, weil ich mich in ihrer
Seele schme. Ihrer Zartheit, meine Freundin, traue ich es zu, da Sie den
verirrten Sinn sanft zurckfhren werden. Zu hart wr's mit mnnlicher, mit
meiner Hand. berdem hat sie sich, meiner leisen Zurechtweisungen nicht achtend,
mir nur frecher entgegen geworfen. Ungern wrde ich Sie indessen dem Spotte des
Onkels und der Verachtung Anderer ausgesetzt sehen. Sie ist ein Weib,
Albertinens Verwandte und mu geschont werden. Nach meinem Gefhle darf ein Mann
die Fehler nicht strafen, die er veranlat. Leben Sie wohl! Von Ihnen hofft
seine Befreiung
                                                                             Ihr
                                                         Albert von Ulmenhorst.

Henriettens Verlegenheit war gro, nicht geringer Albertinens, als sie folgenden
Brief von der verschollenen Tante Elise erhielt.

Bitte, bitte, sei nicht bse, Nichte Albertinchen, wenn ich unter den Wellen
seligen Genusses, die ber mir zusammen schlugen, eurer zu vergessen schien.
Athemlos, in Wonne gelt, schwebt mein Geist dem Deinen wieder entgegen und
fleht um Einklangsseligkeit. Du Einzige gewhrst sie mir.
    Den Bruder gre mit dem Ku der Liebe. Nichte Lauretten sage - ach Gott!
die Arme! wie wird ihr Herz in dem Ocean der Krnkung sich nach einem
errettenden Felsen sehnen! Die Arme!!! Sage ihr, weil es doch einmal gesagt
werden mu, es ginge unmglich an, da Doctor (nicht mehr Magister) Doctor
Wassermann sie heirathen knne, wie sie gern will, weil er mich schon
geheirathet hat. Die Musen schlossen den ewigen Bund. Ach, was ist die Liebe fr
ein ses Ding! - Die Welt nennt mich alt. Alt? Was ist das nun? Die Hlle, das
Kleid wird alt; der Geist blht in ewig schner, jugendlicher Form. Wer nicht
alt werden will, wird es nicht. Ich gestehe freilich, da mein Wassermann nicht
ganz das Ideal meiner Vorstellungen ist. Sein ernster Sinn verschmht die
leichten Blthen des meinigen; oft windet er mir einen Kranz von Wermuth, wo ich
Rosen brechen mchte; fterer fhrt er mich unter Lauben von Cypressen, und
lehnt meine Leier an die Thrnen-Weiden der herben Vorwrfe; mehr nennt er mich
eine unerschaffene Ceder auf Libanon, denn eine Rose im einsamen Thale; aber
dennoch verehre ich den Theuren grenzenlos. Ich beuge mich vor seinem strkern
Geist, und neige mich, wie das zarte Schilf im Sturme.
    Begeistert durch die Nhe des Empyrum, streben unsre Geister hinanwrts,
hinanwrts!!! Mein Bertram arbeitet, im Vertrauen sei's gesagt, an einem groen
epischen Trauerspiel, von wie vielen Akten, das wissen die Gtter! Den Stoff
giebt die christliche Mythe, das Weltgericht. Sie begreifen, Nichte, wie reich!
wie wenig er dem belstande der Lokalitt ausgesetzt ist. Von Adam bis auf den
Sugling dieser letzten Stunden, pat alles hinein. Den Chorus geben die zur
Rechten, und die zur Linken stehenden, den diese letztern als Bcke natrlich
nur mkkern. Sie werden tchtig herunter gemacht vom Richter, und das giebt die
Entwickelung. Denn sehen Sie, Nichtchen, sonst erfhre man ja gar nicht, warum
die ganze Scene veranstaltet ist. Die Schfchen zur Rechten tanzen ein
Schluballet zu dem Chorus und somit gut!
    Sagen Sie es aber Niemand; es soll berraschen, will Bertram. Auch Eurer
Elise Geist producirt und ersetzt die leibliche Descendenz. Nichtchen, ich, ich
schwrme einen Roman, wie meine reiche Phantasie ihn mir hinzaubert. Wir waren
bis jetzt in dem Wahn, meine Liebe, das Wesen des Romans wre Natur und treues
Sittengemlde. O ganz und gar nicht! Richardson und der erzgemeine Fielding
sollten jetzt einmal aufstehen und lernen. Ihren abgeschmackten Dictionen sieht
man's gleich beim ersten Blick an, da ihre Verfasser Englnder sind, in England
schrieben und von Englndern gelesen seyn wollten. Das ist nun eben unrecht. Es
mu alles rein idealisch, rein poetisch seyn. Lieber mu man Schrnke und
Kommoden redend einfhren, ehe man's den Personen anmerkt, wer sie sind, und was
sie wollen? Und dann, so mu auch die Moral nicht so Fuderweise darin
aufgestapelt liegen. Dadurch entsteht dann die reine Menschheit. Ich sage dir,
Nichtchen, die wenigen Figuren, die ich zu meinem Roman brauche, sollen, so zu
sagen, wie die Figuren im Puppenspiel, zwischen Himmel und Erde schweben, an
einem unsichtbaren Drath, und ihrem Thun und Lassen soll keiner abmerken, ob sie
in jene oder diese Region gehren. Da vermeide ich dann die gemeine
Natrlichkeit und weiche dem platten konventionellen Leben aus.
    Lebe wohl! Trste Laurettchen! Sage ihr, sie soll sich an dem Duft meines
Glcks erlaben, und schreiben, schreiben; es fllt Kche und Keller. Lebe wohl!
Die Deinige, im Rosenduft der Freude
                                                              Elise Wassermann.

Albertinens Bestrzung ber diesen Brief und ihre Verlegenheit in Ansehung ihrer
Cousine, entging Lindenhain nicht. Seine Neugier wurde dadurch erregt und sie
konnte ihm die Mittheilung nicht versagen. - Miverstanden, Tante! abermals
miverstanden! rief er. O, ihr ehrwrdigen, erhabenen Geister, wie werdet ihr
verstanden und von Kleinmeistern und Pfuschern gehudelt! Bittet fr uns!
    Laurettens unglckliche Konstellation wollte einmal ihre Demthigung. Ein
dritter Brief an sie selbst kam an.

                                 Mademoiselle!

Dero Anfrage nach Lessing, siehe Minna von Barnhelm, ob ich keine Frau Vadius
brauche? ist so cht komisch, so wahrhaftig naiv, da wir, meine verlobte Frau
Braut, Madame Antonie Sprhau und ich, sie nicht genug haben bewundern und
belachen knnen. Nein, meine Geschtzte! ich brauche keine Frau Vadius, sintemal
mich der Himmel schon mit einer versorgt hat, die so jung, als schn, so reich,
als klug ist. Der wegwerfende Stolz, mit dem Sie sonst dem armen Secretr Vadius
begegneten, wird Ihnen nicht weiter zugerechnet, so wenig, wie der coup de
desespoir, womit die alternde Jungfer Brandbriefe ausschickt. Meine Antonie ist
in dem Fall, einer Kammerjungfer zu bedrfen; fhlten Sie sich geschickt zu
dieser Stelle, so soll sie Ihnen unverhalten seyn. Das Vergangene sei vergessen.
Mit dem gutmthigsten Ernst bietet Ihnen zu Ihrem redlichen Unterkommen die Hand
                                                                             Ihr
                                                                Cyprian Vadius.

Laurette war braun vor rger; sie kochte Wuth, und drohte eine frchterliche
Explosion, die denn auch bald erfolgte, und sich ber die huslichen friedlichen
Fluren verderbend ergo. Wie alle gemeine Gemther, fand sie in allem auer sich
die Schuld, nur in sich selbst ahnete sie sie nicht. Sie war nicht klug genug,
die derbe Weisung in sich selbst zu verarbeiten; so sehr die Freundinnen es
zurck zu treiben sich bemhten, ward sie nicht ruhig, bis alle Hausgenossen,
selbst die geringste Dienstmagd, mit in ihren Unmuth stimmten und den Verbrecher
mit entehrenden Namen nannten.
    Wie sollten die Freundinnen es wagen, ihr von den beiden andern Briefen
Kunde zu geben?
    Schwester Lieschen hat also den Wassermann wirklich geheirathet? sagte
Onkel ber Tische. - Ja! sagte Albertine verlegen. - Da sich Gott erbarme!
rief Laurette keck. Da mu die gute Tante recht heirathslustig gewesen seyn!
Man lege ihre Jahre mir noch zweimal zu, ich mchte den pedantischen Narren
nicht. An ihm liegt es nicht, da ich Tanten nicht zuvorgekommen bin! - Dmmrig
rckte auf dem Stuhl hier hin, dort hin, rusperte sich und fing an: Nichte, es
will doch verlauten - Albertine erschrak, gab Adelaiden einen Wink, und dieser
liebe Schalk brachte dem Onkel seinen alten Spruch: ce, que nous aimons! zu, in
den er sogleich einstimmte. Die Stimmung wurde nun heiterer, das Gewitter verzog
sich, und Laurette war fr dieses mal losgelassen.

                         Sechs und zwanzigstes Kapitel


Was fr mich denn nirgend vorhanden ist, sollen die Andern auch nicht haben!
sprach Laurette, und Satanas lchelte in seiner Hlle, und der freundliche
Horizont ber den Huptern der Lieben, mit deren Schicksal wir uns beschftigen,
schien sich schon ob dem unglckschwangern Vorsatz zu schwrzen.
    Laurette hielt Wort. berall zurckgewiesen, wo sie unterzukommen suchte, im
Gefhl ihrer Verchtlichkeit, warf sie, wo sie nur Brennstoff ahnete, die Funken
des Argwohns und der Zwietracht, die in ihrem Busen einen Heerd hatten,
bedchtig hinein, und blie und schrte, bis alles in lichten Flammen stand.
    Im ganzen Kreise nannte man die Familie Lindenhain und Ulmenhorst die
Glcklichen oder auch die Guten, und jedem schien's Gewinn, in ihre Mitte
eingelassen zu werden. Lange hieen sie noch so fr jeden nicht Vertrauten, als
lngst schon die Sttzen jedes huslichen Glcks, Liebe und Zutrauen, zu wanken
anfingen. Schmerzvoll ist die Erwhnung einer wiederholt besttigten Erfahrung,
da es unter dem Monde nichts Bestndiges giebt.
    Als der Krieg Albertinen von ihrem Gatten schied, hatte sie, wie wir schon
wissen, nur das rosenfarbene schne erste Jahr der Ehe mit ihm durchlebt. Beide
hatten sich nur im schnsten Lichte, im lachendsten Kolorit gesehen, dessen
Interesse durch die schwankende Aussicht einer bevorstehenden Trennung durch den
Krieg immer neu belebt wurde. Sie kannten im Grunde einander sehr wenig, und nur
in dem Lichte, worin Liebende sich sehen, das heit: im allerromantischsten.
Lindenhain hatte in dem Hause gewohnt, worin Albertine mit ihrer krnklichen
Mutter, der Frau von Rehthal, Dmmrigs jngster Schwester, sehr eingezogen
lebte. Kaum, da sie den Aufenthalt des schnen Jnglings, den sie nur im
Vorbeigehen durch die Jalousien gesehen hatte, in ihrer Nhe ahnte. Er hingegen
hatte die umgebende Gegend genau rekognoscirt, und nicht sobald erfahren, da
eine leibhafte Liebesgttin hier neben dem trbseligen Memento mori einer
kranken Mutter throne, so lie er sich bei den Damen melden.
    Er wurde sehr goutirt; und um irgend ein Band anzuknpfen, schlug der junge
Officier einen Kommerztractat vor, der eine Auswechselung geistiger Waare
betraf, da beide Theile Besitzer guter Bibliotheken waren, und berdem
Lindenhain alles Neuste, woran die Damen ziemlich arm waren, herbeizuschaffen
versprach. Der junge Nachbar frachtete, in Ermangelung der Domestiken, sein
Waarenschifflein immer selbst in den Hafen und geno seines Lohnes in dem
schnen Errthen der sen Albertine, die dem schnen Bchermann die Zufuhr
immer selbst abnahm.
    Um diese Zeit nahm eben Albertine Stunden in der Zeichen- und Malerkunst bei
ihrer Henriette. Da traf es sich immer ganz besonders, da Lindenhain eben aus
irgend einem Kollegium kam, wenn Albertinens Stunde aus war; und da sie in einem
Hause wohnten, so war nichts natrlicher, als da sie des Weges zusammen gingen.
Albertine sagte das unverholen ihrer Mutter, und die Mutter, die keine Prde
war, lchelte und sagte: Der Lindenhain wre mir schon eben recht; da er auch
ein Officier ist! - Und warum keinen Officier, Mutter? Giebt es, auer diesem,
einen Stand, in welchem der natrliche Karakter und eine bestimmte Denkungsart
am meisten beibehalten werden kann? Kann der Soldat nicht so frei, so gerade, so
khn verbleiben, als die Natur den Mann gemacht hat?
    Wo haben Sie diese Philosophie her, mein Frulein? sagte die freundliche
Mutter. Hast du so ernstlich ber den Nachbar nachgedacht? Ich leugne dir
nicht, da der Stand in meinen Augen groe Vorzge hat; aber sieh nur, wie viel
Wittwen macht nicht der bse Krieg! Wie viel Wittwen von lebenden Mnnern! Denn
das, was du sagest, giebt dem Ein anderes Stdtchen, ein anderes Mdchen seine
volle Kraft. - Ach, Mutterchen, der Nachbar vereint in sich die Vorzge seines
Standes mit der Kultur der friedlicheren Klasse. - Nun, Albertine, wenn er
kme, es wre mir nicht zuwider; aber ein Unglck, da diese edle Klasse nur
erst Brod bekommt, wenn sie es nicht mehr beien kann! - Albertine sagte
lustig: Mag's! und hpfte, froh, so viel schon bei der Mutter gewonnen zu
haben, an ihre Arbeit.
    Und es geschah, wie sie gewnscht hatten. Nach einem kurzen Urlaub, wo
Lindenhain die Erbschaft seines Vaters bernommen hatte, erschien er mit einer
offnen, ungeknstelten Bewerbung um die schne Nachbarin, und erhielt, ohne
Ziererei und Bitte um Bedenkzeit, ein herzliches Ja!
    Die verwelkliche Rosenkette umschlang Beide; sie taumelten in ihrem sen
Duft dahin. Die gute Mutter starb bald nachher, und ihr ansehnliches Vermgen,
das, wie wir wissen, leider! bei ihrem Bruder stand, machte Albertinen auch von
dieser Seite zu einer sehr guten Parthie.
    Nach einem im seligsten Genusse verlebten Jahre, bekam das Regiment Ordre
zum Aufbruch. Das junge Paar war untrstlich. Albertine zog, wie wir wissen, zu
ihrem Bruder und ihr Gatte in den Krieg, der, wir knnen es nicht leugnen, bei
weitem mehr sein Element war, als die Mirthenlauben von Paphos. Als seine
Albertine, wie es ihm schien, in Sicherheit war, zog er mit hoch aufklopfendem
Herzen und den hell lodernden Flammen der Kriegslust, seinen Fahnen nach.

                         Sieben und zwanzigstes Kapitel


Man sage, was man will, der Krieg, zu Wasser oder zu Lande, verwildert die
Naturen, giebt dem Hange zum unstten Leben Nahrung, erhlt in steter Spannung
und befriedigt nur durch groe, entscheidende Katastrophen; nur das Groe und
Riesenmige gengt den Mitwirkenden. Da Lindenhain, der von der Natur so ganz
zum Soldaten geeignet war, sich eine Zeit lang in der lndlichen Stille, in
friedlicher Thtigkeit, in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel, war mehr der
Neuheit und Seltenheit wegen, als da es seinem innern Geschmack zugesagt htte.
Bald wurde es ihm zu enge; er schnappte nach Luft; ihm war nur wohl, wenn er des
Tages ein paar Pferde mde geritten hatte; und endlich war's auch Albertinen
wohl, so herzlich sie ihn liebte, wenn sich das liebe Ungethm vom Hause
entfernte.
    Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen, ergab sich Albertine jetzt
mehr, als je, den Knsten; es freute dann Lindenhain wohl, wenn unter ihrem
Pinsel etwas Meisterhaftes entstand, aber er schalt doch auch, wenn etwas
Wirthschaftliches versumt oder aufgeschoben war. Er bedachte nicht, da es in
der Natur der Dinge liegt, und da es unbillig ist, vom Weibe zu fordern, was
der seltne Mann nur vermag: allem zu gengen. Wrde sich weibliches Talent im
Wettstreite mit dem mnnlichen nicht ungehemmter entwickeln, mte sich das Weib
nicht zugleich hundert zeitversplitternden Arbeiten hingeben? Und die Hand auf's
Herz, ihr Knstlerinnen, und schriftstellerischen Weiber, wenn ihr den Pinsel
aus der Hand legt, wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge
schwebt, gehet ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Kche oder an den
Wschschrank, als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzet?
Ich sage nein! und der Mann, der es von euch fordert, da die
Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll, ist ein unbilliger. Wer wird,
wenn er Nectar haben kann, noch gern sauren Landwein trinken! Aber das Weib, das
im Gefhl ihrer Pflicht und Wrde, eines thut und das andere nicht lt, ist das
beste.
    Albertine hatte nie in einem grern Kreise gewirkt; sie mute sich erst
hineinstudiren. Die Erfahrung macht die Wirthin, und jene wird oft mit Schaden
erst erlangt. Dadurch wurde sie unmuthig; es wurde ihr schwer, mancher
Kleinigkeit, die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist, Interesse
abzugewinnen, und Lindenhains Vorwrfe verleideten ihr das Ganze. Das versuerte
die Masse um so mehr, da Laurette gewhnlich bei den Vorwrfen, die Albertine
oft, indelicat genug, im Beiseyn mehrerer erhielt, laut lachte oder bejahend
einstimmte.
    Bei der krnkelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt, und
ihre Phantasie hatte sich durch Lesen und in sich selbst eine Welt gebildet, die
nur wenig hnlichkeit mit der wirklichen hatte. So hatte sie Freundschaft, Liebe
und Ehe kennen lernen, und so war sie untrstlich, da besonders die Ehe ihrem
Ideale, aus Dichtern und Romanen geschpft, so wenig entsprach.
    Lindenhain war, wir haben es schon selbst gestanden, durch den Krieg in
etwas verwildert; doch schrieb Albertine diesem mehr auf die Rechnung, als
darauf gehrte, und auf die des zum Ehemann gewordenen Liebhabers zu wenig. Der
Genu des zur Gewohnheit gewordenen Guten, kam auch nicht in Anschlag. Es kam
Mislaut in die schne Harmonie des Ganzen. Albertine hrmte sich im Stillen.
Adelaidens liebenswrdige Munterkeit wehrte dem Unwesen eine lange Zeit; aber
endlich wurde auch sie mit angesteckt. Sie warf Lindenhain bald scherzhaft, bald
ernstlich seine ehemnnische Laune vor. Sie sagte zuweilen drollig: Capitaine,
Capitaine! Ich habe Ihre Kopfwunde schlecht geheilt; Sie phantasiren noch. Da
kam es denn zu Errterungen, zu Mittheilungen von allen Theilen, und es konnte
Albertinen nicht angenehm seyn, da eben Adelaide das Depot der beiderseitigen
Beschwerden wurde. Als Schiedsrichterin war sie viel zu schn und zu jung.
    Fr Lauretten waren diese Verhltnisse wahrer Genu. Sie lebte wie von neuem
auf, und wute bald Albertinen auf Lindenhains Vertrauen zu Adelaiden, bald
Lindenhain auf Albertinens erheiterte Laune, wenn Albert zugegen war, geschickt
aufmerksam zu machen. Lindenhain war nicht eiferschtig; aber der oft Betrogene
war mitrauisch; auch mitrauisch gegen seine Albertine, gegen Albert, gegen den
besten Menschen; und dies war ein Zug in seinem Karakter, den Albertine noch
nicht kannte, den er nie Anla gehabt hatte, gegen sie zu entwickeln, und den er
selbst nicht kannte, als er Alberts Entfernung hintertrieb. Ma sich Lindenhain
mit Albert, so fiel ihm sein fehlender Arm schmerzlich auf's Herz. Ma sich
Albertine mit Adelaiden, so sahe sie in sich die gewohnte Ehefrau, bei der alles
Pflicht und Schuldigkeit, wie bei jener alles freier Antrieb und Edelsinn war.
Noch waren aller Herzen rein; aber - was sollte in der Folge daraus werden?
    Was daraus werden mute. Ein verstimmtes Instrument, das nur noch Milaute
von sich gab. Henriette, die es lange nicht hatte bemerken wollen, mischte sich
endlich, von Albertinen aufgefordert, darein. Sie redete Lindenhain an's Herz,
der ihr eine kecke Antwort gab, und unter andern sagte: er wisse sich zu
bescheiden; ein Krppel knne freilich nicht viel Ansprche machen; er fnde es
endlich nicht unnatrlich, wenn ein schnes, junges Weib einen bildschnen Mann,
dessen Gattin sie ohnehin htte werden wollen, vorzge.
    Lindenhain, nehmen Sie mir es nicht bel, jetzt sind Sie gemein. Eifersucht
wrde ich der Liebe verzeihen; aber Mitrauen in die edelsten Menschen - pfui!
schmen Sie sich! Und wer drfte es Albertinen verdenken, wenn sie des ewig
vorwerfenden, zurechtweisenden Umganges, der die Arme zur Marionette herabsetzt,
berdrig, sich in der Gegenwart eines sanfteren, heitern, geistreichen
Freundes erheitert fhlte? Wenn dies in ihrem Betragen nicht sichtbar wrde,
mte sie eine Heuchlerin seyn?
    Lindenhain schwieg, schien in sich zu gehen, und versprach, sich zu bessern.
Bald flsterte Satan Laurette ihm zu: sie hat dich verklagt; das war unrecht.
Und es blieb, wie es war. Oft, wenn er Albertinen mit gesenktem Kopfe, wie ein
dahinwelkendes Maienblmchen sahe, und berdachte, mit wie edlem Zutrauen sie
sein Verhltni zu Adelaiden aufgenommen hatte, ward er innig erweicht, drckte
sie ungestm an sein Herz und gelobte sich, den reinen Engel ganz glcklich zu
machen.
    Bald aber gewannen wieder die Miseren des huslichen Lebens, so wie sein
Hauptlaster, die bse Laune, die Oberhand, die durch das immerwhrende
schmerzliche Entbehren seines Armes geschrft wurde. Die arme Albertine wurde
fr alles, was im Hause milang, auch fr Zuflligkeiten, verantwortlich
gemacht, und Onkel Dmmrig, dem die Dissonanzen schmerzlich im Herzen
wiederhallten, weil er Albertinen sehr liebte, sagte oft halb scherzend, halb
traurig: Heut kriegt die arme Albertine gewi wieder Schelte; der Barometer
steht auf Regen.
    Albertine hatte drei kleine Narben am Kinn, deren Daseyn sie und die Ihrigen
bei jeder Pocken-Epidemie beruhigten; sie glaubten, da sie sie in frher
Kindheit gehabt habe. Die Pocken wtheten im Dorfe, und Albertine ging unbesorgt
in allen Htten umher, ihre Hlfe zu vertheilen. Sie erkrankte ob der
Mhwaltung, wie man glaubte; aber sie hatte sich Blattern und zwar von der
giftigsten Art geholt. Schrecken und Jammer berfiel die Ihrigen; keiner wich
von ihrem Lager; selbst der krnkliche Onkel trippelte an ihr Bett hin und
bejammerte das entstellte Engelsbild. Lindenhains Feuerseele schlug jetzt, durch
die Gefahr der Leidenden angefacht, in helle Flammen auf. Nie glaubte er sie
inniger geliebt, nie ihre sanfte Duldsamkeit mehr bewundert zu haben. In der
Hitze der Trbsal gelobte er mehr zu halten, als er seiner Natur nach vermochte.
Albertine reichte ihm freundlich die Hand, und gab vor, sich an einem Blick auf
eine glcklichere Zukunft zu laben, an den sie lngst nicht mehr glaubte.
    Aber wer begreift, wer schildert Adelaidens Edelmuth! Die schmerzliche Lage
der jungen Frau, wenn sie nun aller Schnheit beraubt, entstellt von diesem
Lager aufstnde, entging ihrem schnellen, richtigen Blicke nicht. Sie sollte
schn, und ihre beschtzende, gromthige Freundin eines so einnehmenden Vorzugs
beraubt seyn? Lindenhain sollte einen Vorwand gegen die arme Albertine haben?
Das ertrug das edle Mdchen nicht; sie wollte mit ihr zugleich hlich werden,
wollte keinen Vorzug an sich dulden, wollte auch die Blattern haben, die sie
noch nicht gehabt zu haben glaubte. Sie lehnte ihr Gesicht an Albertinens, a
von ihrem Bissen, trank aus ihrem Becher, und was auch eingewendet werden
mochte, schlief an ihrer Seite. Nie gab es eine Wrterin, wie diese; nie wurde
ein Kranker gepflegt, wie Albertine.
    Aber das Gift theilte sich ihr nicht mit. Sie bekam einen unschdlichen
Ausschlag, und das war alles. Ihre erhaltene Schnheit und die Verehrung und
Liebe Aller waren der gerechte Lohn ihres Edelsinns und ihrer unerhrten
Aufopferung.

                          Acht und zwanzigstes Kapitel


Albertinens Leben war zwar gerettet; aber - wer fat den Jammer! - sie blieb des
Lichtes ihrer Augen, ihrer wunderschnen blauen Augen beraubt! - Der
unwiederbringliche Verlust ihrer Schnheit wurde gegen dieses schwere Unglck
kaum bemerkt. In dem Frhling ihrer Tage, in dem Rosengarten ihres Lebens, umgab
das schreckliche Dunkel der Blindheit den Sinn, durch den uns der Anblick der
Wunder in Gottes schner Natur einen Strahl dauernder Freude und hherer Andacht
in die Seele sendet. So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war, ergab sie sich
still den Fgungen der rzte. Als nun aber die immer wiederholten neuen Versuche
alle tuschten, berlie sie sich einem stillen Gram, der um so rhrender war,
da sie ihn in sich verschlo und er ihren zarten Krperbau sichtlich angriff.
    An dem bebenden Ton ihrer Lieben vernahm sie die zurckgehaltene Wehmuth
derselben. Lindenhains Schmerz uerte sich, wie seine Natur es wollte, mit
Ungestm und meist im Style des Vorwurfes. Wrst du nicht in jene unglcklichen
Htten gegangen, das Unglck wre nicht geschehen! Was gingen dich jene Kinder
an? - Das drckte dann die arme Albertine ganz darnieder; sie suchte seine
Hand, bedeckte sie demthig mit Kssen, und bat ihm ihr Unglck ab. Ernst und
besonnen schlug sie ihm die Scheidung vor, da sie den Zweck des Hausstandes
nicht mehr erfllen knne, und nun im Dunkeln wandeln msse; weil ich meinen
Lieben nur Leiden, statt der gehofften Freuden geben kann! setzte sie
schmerzlich hinzu. Ach, mein Theurer, nur ein stilles Winkelchen rume mir ein;
die Zeit wird auch mir den Frieden geben, der so unverkennbar das Erbtheil aller
des Lichts Beraubten ist! Du bist zu jung und lebenslustig, als da es recht
seyn knne, dein Dasein an das einer armen Unglcklichen zu ketten, und ihre
Last mit zu schleppen.
    Dergleichen Auftritte, die nur zu oft in der ersten Zeit vorkamen,
berwltigten dann des Mannes Herz; seine Thrnen flossen, und mit von Schmerz
aufgelstem Herzen strzte er hinaus ins Freie, ritt zwecklos umher, und kehrte
dster und schweigend dann erst zurck, wenn seinem Pferde die Krfte, ihn
weiter zu tragen, entgingen.
    Wenn er dann Albertinens Klagetne am Fortepiano vernahm, indem sie ein
Lied, das sie selbst ber ihren Zustand gedichtet und componirt hatte, mit dem
himmelsen Ausdruck inniger Schwermuth sang, oder wenn er sie, beim raschen
Eintritte in's Zimmer, mit zum Himmel gebreiteten Armen betend fand, so regte
sich der wthendste Schmerz von neuem. Er drckte sie an seine hochklopfende
Brust, und doch schauderte seine sinnliche Natur bei der Annherung des armen
kleinen Ungeheuers zusammen. In seiner Brust war das Mitleiden kein milder
Trieb; es war Leidenschaft, ungestme, zerstrende Leidenschaft, die seine Kraft
zermalmte und sich in sich selbst aufrieb.
    Rhrender noch war der Anblick, wenn die Unglckliche sich bestrebte, ihrem
Hauswesen, wie in gesunden Tagen, vorzustehen, und ehe der Mechanismus der
Gewohnheit ihren Bewegungen zu Hlfe kam, tappend umher irrte, und oft ganz
entgegengesetzte Richtungen nahm. Als einst bei einem solchen Anlasse Lindenhain
selbst in Laurettens Augen Thrnen sah, strzte er auf sie zu, und umarmte sie
heftig. Laurette aber schmte sich ihrer Rhrung, und behauptete, es sei ihr nur
Staub in's Auge geflogen.
    Albertine gewhnte sich allmhlich an ihre Lage, und trug mit frommer
Resignation, was nicht mehr zu ndern war. berdem hatte sie die glckliche
Gemthsanlage, an allen ihren Lebenszustnden sich die beste Seite aufzusuchen
und sie sich anzueignen. Sie litt jetzt nur noch in ihren Freunden, in ihrem
Gatten. Sie entwarf sich einen neuen, ihrem Zustande angemessenen Lebensplan.
Adelaide hatte ihr Unterricht auf der Harfe gegeben; ihr glckliches Talent
hatte dieses ihr Lieblingsinstrument sich bald zu eigen gemacht. Sie wechselte
mit Musik und Handarbeiten, die sie zur Bewunderung fertig machte. Henriette
oder Adelaide lasen ihr vor, oder sie berlie sich ihren eigenen Betrachtungen;
auch gewann sie bald die Fertigkeit, leserlich zu schreiben, und nie war ihre
Phantasie reger und blhender gewesen, als da ihr die uern Eindrcke versagt
waren.
    An schnen Tagen sa sie in den Lauben ihres Gartens und bersah mit den
Augen ihres Geistes die ihr bekannte schne Gegend. Sie hatte in guten Tagen
einen Schatz von Ideen und Kenntnissen gesammelt, mit dem sie nun in ihren
Leidenstagen wucherte und diese verste.
    Wie ihr Freund Albert an ihr Theil nehmen mute, sagt uns die vergangene
Zeit. Schon war er im Begriff gewesen, die Gegend zu verlassen, weil er aus
einigen Winken, die Henriette ihm, ohne es beinahe zu wollen, gab, geschlossen
hatte, Lindenhain habe sich selbst nicht genug gekannt, als er seinen Vorsatz,
Albertinen nicht mehr zu sehen, ihm ausredete. Als aber das Unglck ber seine
Freunde ausbrach, wich jede andere Rcksicht; denn nun war alles anders, und
jetzt war es ihm Pflicht, der Leidenden alles zu werden, was er ihr, seiner
redlichen berzeugung nach, seyn durfte.
    Wenn sie so im traulichen Zirkel um sie saen und er auf ihre Rede lauschte;
wenn ihr heiterer Sinn und ihr heies Gefhl fr alles Edle und Groe wie ein
himmlischer Trost in seiner Seele aufging: dann bemerkte er nicht, da ihre
Gestalt verndert war; dann war sie ihm schn, wie in den ersten Wonnetagen
seiner Bekanntschaft mit ihr; dann sah er nicht die tiefgenarbte Wange, den
verzogenen Mund, den dicken rothen Kreis um das ehemals so schne Auge, aus dem
ihm der ganze Himmel gelacht hatte.
    Ganz anders wirkte der nemliche Anblick auf Lindenhain. Nie warf er den
Blick auf Albertinen, da er nicht zusammen schauderte; sich ihr zu nhern,
kostete ihm berwindung; nur was von schnen Lippen kam, fand er geistreich. Die
Schrfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab, ging aber in
Verdru und Abneigung gegen den Aufenthalt in seinem Hause ber. Die Eifersucht
stachelte ihn jetzt nicht mehr, und es war ihm eben recht, wenn Albert und der
ganze Zirkel um Albertinen versammelt war, weil er sie dann unterhalten wute
und seine Gegenwart um so entbehrlicher war. Er wurde ein Jger; und zwar so
leidenschaftlich, wie er alles in sich aufnahm. Oft kam er erst heim, wenn die
Andern den Abendtisch schon verlassen hatten, oder er blieb auch Nchte aus,
worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter, als seufzend sagte: Ach, ich
kann es ihm ja nicht verdenken! -
    Adelaidens zarter, herrlicher Sinn glnzte in seinem strahlendsten Lichte.
Ihre Lage war delikat und ihr Verhltni zur Familie forderte eine feine
Behandlung. In ihrem offnen, unbefangenen Betragen gegen Lindenhain vernderte
sie nichts; es blieb sich gleich. Gleichwohl hatte sie ihn unsglich geliebt und
war zu einiger Erwiederung berechtigt. Jetzt hatte sie der Hlfe bedrftigen
Albertine alles zugewendet, was ihr schnes Herz zu geben hatte; und mehr noch,
als kalte Principien, gab ihr ihre schne Natur ein, was sie dieser, da
Finsterni ihr Auge deckte, jetzt seyn mute.
    Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen; er weinte laut,
wie ein Kind, und drckte sich so klagend ber ihren Zustand aus, da ihr Gemth
aus seinem Gleichgewicht kam, und wenn sie ihn zu trsten bemht war, oft laut
in seinen Schmerz einstimmte.

                          Neun und zwanzigstes Kapitel


Die trbe Scene ein wenig zu erheitern, wollen wir einen Vorfall berichten, der
alle in Verwunderung, einige in Freude, andere in Verdru versetzte.
    An einem schnen Morgen kam ein rmliches Fuhrwerk, von lebensmden Pferden
gezogen, vor das Schlo. Aus Decken und Mnteln wickelte sich eine weibliche
Gestalt heraus, die verschleiert, wie sie war, von Niemand sogleich erkannt
wurde. Gerhrt warf sie sich Albertinen in die Arme, die sogleich am holden
Lispeln, an dem warmen poetischen Ausruf, Tante Elisen erkannte. Die Gute weinte
Albertinens Unglck die heiesten Thrnen, und dann ging ihre Bewunderung wieder
bis zur Anbetung, als sie Albertinens himmlische Resignation sahe. Durch
Henrietten erfuhr sie Adelaidens Geschichte, und auch diese umfate sie mit
einer hohen Begeisterung, die der Vergtterung nahe kam.
    Ihre eigne Geschichte machte alle traurig; nur ein Gesicht verzog sich zum
Hohn. Wer in dem Kreis der Guten das seyn konnte, errathen wir nur zu leicht.
    Waren Sie denn nicht mit ihm verheirathet, liebe Tante? fragte Albertine.
- Was man so recht eigentlich verheirathet nennen mchte, antwortete Elise,
waren wir nie. Wie mchte die Liebe dies erdrckende Joch tragen! - Kein
Priester sprach den Seegen, kein Ringewechseln besttigte den Bund der Liebe.
Lasen Sie nie das Paradies der Liebe, mon Neveu? fragte sie Lindenhain. - O ja
doch, ja! antwortete dieser lachend, ich fange an zu merken. -
    Nun - fuhr Elise fort - mu die Liebe, wie sie im Menschen das Hchste
und Lieblichste, die schnste Blthe des Lebens ist, so auch das Freieste unter
der Sonne seyn. Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe. Warum trge der Gott
der Liebe Flgel, als zum Flattern?

Da er sich im Flattern be,
Darum, darum trgt er sie!

Wer mag ihn festhalten? Und wie wohlthtig ist die Trennung, wo er nicht mehr
weilt!
    Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus, da
die gute, gar zu majorenne Elise ber ihr Vermgen zu Gunsten ihres
flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe. Seine Sinnlichkeit, das Streben
nach heimlichen Genssen, und eine affectirte Geringschtzung jeder konomischen
Rcksicht bei groer Geldgier, hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt, aus welchen
er sich durch Elisens Gutmthigkeit zu ziehen hoffte, als Antonie ihn abwies.
Elise gab, bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen
kam; mit diesen im Koffer, hatte er sich von ihr entfernt, sie wute nicht, ob
zur groen Nation hin, oder nach dem andern Freihafen fr Leute seiner Art, nach
Amerika; sie wute nicht, wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes
werde aufgehen lassen. So viel wute sie, da sie arm, verachtet und ausgelacht
zu den ihrigen zurck geflchtet sei, aber reich beladen mit den Erzeugnissen
Wassermannischen Geistes, womit sie nun einen Buchhndler zu beglcken und sich
ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte.
    Dmmrig accompagnirte ihre Erzhlung mit einem leisen Gemurmel zwischen
Gesang und Rede, welches ihr hchst anstig war. Und sein Drama von Schafen
und Bcken? fragte Dmmrig. - Erscheint! - Und dein bermenschlicher Roman,
worin nichts natrlich zugeht, wo eine Komode die prima Donna ist? -
Erscheint! - Spotte nur, spotte! Einen Schrank, einen Klotz kann man immer
noch vernnftiger, als einen alten Ritter, worein ihr so verliebt seid, redend
einfhren. Im weiten Reiche der Phantasie, in ihren Schpfungen ist alles Leben.
Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt, wie der Glaube, Berge.

                              Dreiigstes Kapitel


Lindenhains Vermgenszustand reichte fr den Aufwand eines noch so vergrerten
Familienzirkels zu; und gromthig, wie er war, kmmerte es ihn wenig, ob das
Kapital durch zurckgelegte Zinsen vergrert wurde. Elise war berdem allen von
Herzen willkommen; sie war eine so gute Art von einer Nrrin, da so leicht kein
Spott ber sie laut wurde. Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr
um sich, die das Vorleseramt ausschlieend bernahm. Sie fhlte, was sie
vortrug, und ihr angenehmes Organ fgte sich in alle Modulationen des Ausdrucks
leicht ein.
    So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit fr den liebenden Kreis, der
immer mehr an Festigkeit gewann. Obgleich fr jeden besondere Wohnungen bestimmt
waren, schlo sich doch der Kreis immer um Albertinen, der in ihrer Dunkelheit
jeder gern die hlfreiche Hand reichen wollte. Henriette hatte sich eine Zeit
her auf die Portrtmalerei, worin sie sehr glcklich war, gelegt; aber auf die
Lnge verdro es sie, ein glckliches Talent blos im Dienst der Eitelkeit zu
verwenden, und die Vorwrfe derer, die ihres Lebens Frhling in verschnter
Gestalt hingezaubert haben wollten, wenn der Herbstwind schon ber die kahlen
Scheitel wehte, wurden ihr zum Ekel. Sie gab also das Portrtmalen wieder auf;
und da sie berdem schon ein hbsches Kapital erworben hatte, so schrnkte sie
sich blos auf einzelne grere Sachen ein, die sie den Kabinetten der Freunde
zum Andenken bestimmte.
    Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und verga beinahe des
bessern. Lindenhains Launen sahe sie als natrliche Folge ihrer Lage an, und
ertrug sie still, ohne Widerrede. Denn selten sprach er mit ihr, da er nicht,
ohne es selbst zu wollen, ihr etwas Unangenehmes sagte. Er verfiel oft in einen
wirklichen Sergeanten-Ton, der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt.
Dann seufzte sie still und dachte: er liebt mich nicht mehr! Wer wei, wie
entsetzlich ich auch aussehe! Sie waren es insgesammt nun schon gewohnt, da er
in ihrer Mitte fehlte; und Albertine war froh, wenn sie nur, wenn auch spt,
seine Stimme wieder hrte.
    An einem dstern December-Abend saen sie um ein schnes, freundliches
Kaminfeuer versammelt. Drauen strmte es mit Schnee und Regen. Schon einigemal
war Albertine vergebens der Thre zugeeilt, was sie in ihrer Trbsal doch nie
unterlie, weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden
schien. Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen: Nein, er ist es noch
nicht! wieder zu ihrem Sitz begeben, als der Jger verstrt in's Zimmer trat
und Albert etwas zuflsterte, worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das
Zimmer verlie.
    Blinde hren sehr scharf. Was ist's mit dem Grauschimmel? Mein Mann pflegt
ihn zu reiten! und schon irrte sie zur Thre hinaus. Unter den Domestiken war
ein confuses Durcheinanderlaufen, und so erfuhr sie, der Grauschimmel sei allein
zu Hause gekommen; Sattel und Zeug sei na und in Unordnung. Albert hatte ihn
schnell wieder bestiegen, und war schon fort; alle mnnliche Domestiken waren
ihm mit Fackeln und Leuchten gefolgt. In dem Forst bei dem Frster fanden sie
ihn nicht. Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend; aber nirgend
fanden sie eine Spur.
    Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte, wre vermessen beschreiben zu
wollen.
    Mit krftiger Stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes; es
blieb todtenstill, nur der Widerhall antwortete. Gegen Morgen kam er in eine
entferntere, wenig gangbare Gegend; es war ein See, mit einem Kranz von Hgeln
umgeben. Auch hier rief er den Namen; da schlug Perdrix, Lindenhains
Lieblingshund, an, und kam von dem See her auf ihn zugestrzt. Eine
frchterliche Ahndung, was geschehen seyn knne, flog Albert durch die Seele. Er
folgte der Weisung des treuen Hundes, und - o des Jammers! - Lindenhain lag todt
in dem See! - Vom jhesten Abhang des Hgels herunter war er vom stolpernden
Pferde gestrzt; der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so
unglcklich um den Kopf gewickelt, da er, der arme Einhndige, sich nicht hatte
befreien knnen. Tief mit dem Kopf war er in's Moor gesunken, und so war der
vollbltige Mann schnell am Schlage gestorben.
    Hier ruhe die Feder, die schon zu viel Leiden schilderte. Dem Jammer Raum zu
lassen, bleibe eine Lcke in dieser Geschichte, die das Trauerjahr in sich fat,
das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde.

                          Ein und dreiigstes Kapitel


Albertine hatte den langen, trben Winter hindurch einem verzehrenden
Nervenfieber fast unterlegen. Was Liebe, was Freundschaft vermag, gewhrten ihr
die seltenen Freundinnen. Das zarte Gemth der Leidenden untergrub seinen
Frieden durch unverdiente Vorwrfe, es habe nicht genug geliebt und dadurch den
Gatten von sich entfernt, dessen Bild jetzt in unumwlkter Klarheit in
Albertinens Seele lebte. Alle seine kleinen Unarten und blen Gewohnheiten waren
ihr mit in die Gruft gesenkt; seine Tugenden nur, seine Gromuth, sein
mnnlicher Sinn, seine frhere Liebe, sein Feuereifer fr's Edle und Schne, der
gebildete Geist, die warme Vaterlandsliebe, standen in edler Schne hoch
emporstrebend um das Grab, das seine Fehler deckte. Mein Unglck, meine darauf
entstandene dstre Stimmung entfernten ihn, und darum - o Gott! darum - war sein
Ende so unglcklich; darum ging er in der Kraft der Jahre zu Grunde. O, ich habe
nicht genug geliebt! O, da ich mit ihm strbe! rief sie oft verzweifelnd aus.
    Selten, meine Albertine, verdienen wir den Vorwurf, da wir zu wenig
lieben, sagte Adelaide trstend. Ach, wir lieben viel zu viel, kommen den
Mnnern mit viel zu viel ermdender Liebe entgegen. Mit viel zu viel Liebe
tragen wir ihre Unarten. O, wren sie unsrer nicht so bis zum berma gewi, die
Geschlechtsverhltnisse wrden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter seyn.
Die Launen einer Ungetreuen, die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das
grillenhafte Wesen des Mannes strker, als die ausharrendste Liebe der Gattin.
Nein, Albertine, ihre Freunde, ihr innigstes Bewutseyn geben Ihnen das Zeugni,
da Sie nicht zu wenig liebten. Auch wre es schrecklich, wenn unserm
Menschen-Elende noch die Verantwortlichkeit fr alle zuflligen Folgen unsrer
Worte und Handlungen aufgebrdet wrde.
    Der Frhling kam in aller seiner Glorie herbei. Albertine sa in ihrer Laube
am Rosengelnder und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen
schwermthiger Harmonie zu erheben. Sie hielt es beinahe fr Versndigung an dem
Verstorbenen, sich erheitern zu wollen; nur Klagetne hauchten ihre Lippen in
die Harfe oder das Klavier.
    Albert war ihr Fhrer, ihr Begleiter. Die Liebe, die er gewaltsam in sich
zurckgedrngt hatte, erhob sich jetzt, ungebunden von Pflicht, allgewaltig
wieder in seiner Seele; die reinste, die geistigste. Doch hielt er schonend der
Traurenden auch die leiseste uerung zurck.
    Einst kam er frhe zur ungewhnlichen Stunde. Albertine, meine Freundin!
rief er in den Vorsaal, worin sie eben war, hinein; ich bin sehr glcklich
gewesen. An dem Ufer des Baches, wo mein Glck mich zuerst zu Ihnen fhrte, warf
ich mich ermdet an eben der Stelle hin, eine kleine Blumenpflanzung, die ich
dort anlegte, zu besehen. Mein alter Tiras, der mich an dem glcklichsten Tage
meines Lebens auch begleitete, grub sich neben mir ein Lager in das Moos. Da
sahe ich, da fand ich - rathen Sie einmal, was? - Trffeln oder Pilze! sagte
Albertine heiter. - Nein, meine Theure, den Ring, der dazumal der Gegenstand
ihres Spatzierganges war. Albertine, er ist in jedem Bezuge ein theures, theures
Andenken! - Albertine streckte die Hand hastig darnach aus. Ach, ich kann ihn
nicht sehen! sagte sie schmerzlich; ich werde fhlen, ob er es ist? -
Albertine, dieser Augenblick sei mir der feierlichste und heiligste meines
Lebens! Mir sind Sie noch ganz so schn, als Sie es mir in den ersten
Blthetagen meiner Bekanntschaft waren; aber noch unendlich liebenswrdiger
erscheinen Sie mir durch die Schnheiten Ihres Gemths, das ich in jener Zeit
nur ahnete. Albertine, Sie bedrfen eines Fhrers, eines Beschtzers in den
mancherlei Verhltnissen Ihrer Lage. Und - darf ich mahnen an jene Zeit, als Sie
Wittwe zu seyn whnten, was Sie dem berglcklichen zudachten? Albertine, ich
liefere den Ring nicht aus, er werde denn ein Verlobungsring!
    Albertine schwieg betroffen; hufige Thrnen drangen aus den geschlossenen
Augen. Sie kannte Alberts feste, ruhige Besonnenheit; es war gewi nicht der
Enthusiasmus des Mitleidens, der ihn bestimmte; aber dem theuren Andenken des im
Grabe Ruhenden thut es Abbruch, sagte ihr Zartgefhl. Albert fhlte sich in das
Herz, dessen innerste Regungen er kannte, hinein, und begegnete fein und
schonend den Einwrfen, die sie nicht sagte. Henriettens Dazwischenkunft
entschied fr Alberten. Albertine war in Liebe und Dankbarkeit aufgelst, als
der schne Bund der Vernunft und Liebe an dem Altare ihrer eigenen Kirche,
umgeben von ihren Lieben, rhrend und feierlich geschlossen wurde.

                          Zwei und dreiigstes Kapitel


Der Tag sollte im stillen Kreise der Freundschaft zugebracht werden. Henriette
und Adelaide feierten ihn durch Gesang, den die eine gedichtet, die andere
componirt hatte. Albertine setzte sich an's Fortepiano und berraschte alle
durch einen Gesang, der aller Herzen in Thrnen auflste. Er war Todtenfeier und
Brautweihe, im rhrendsten Verein. Sie hatte ihn in der Stille der Nacht vor
ihrem Vermhlungstage gedichtet, und ihr glckliches Talent hatte schnell die
rechten Tne dazu gefunden.
    Der Tag sollte aber noch in mehrerer Rcksicht mit Ereignissen bezeichnet
werden. Die stille Feier wurde durch die Ankunft zweier Fremden unterbrochen,
die sich als der Baron und die Baronin Rothensee melden lieen. Sie sollten
nicht angenommen werden, waren aber schon in Vorsaal eingetreten. Albert ging
ihnen entgegen, und fhrte bald, zum Schrecken aller, wen anders, als die Frau
Rosamund und den Baron Weiensee herein. -
    Mit edler Unverschmtheit nherte sie sich ihrem beleidigten alten Freunde,
der kein Wort zu sagen wute und das Haupt tief auf die Brust herabsenkte, als
sei er der Beleidiger. Sie haben es mir wahrscheinlich gedankt, da ich Sie von
einer lstigen Hausgenossin befreite. Mein Gemahl, der Baron, ist im Stande,
Ihnen jeden, mir zu Gunsten gemachten Aufwand zu ersetzen. Aber - ich sehe Sie
alle versammelt; nur Ihre Albertine fehlt! - Hier, hier! sagte Dmmrig, aus
seiner Verlegenheit hervortretend und Albertinen bei der Hand fassend. Gott im
Himmel! Rosamund wre beinah einmal im Ernste ohnmchtig geworden; sie drckte
die Arme hei weinend an ihr Herz. Albertine erkannte des Barons Stimme, fate
seine beinahe vor Schrecken erstarrte Hand und sagte sanft: Sehen Sie mich doch
jetzt recht an, Herr Baron! Dies einzige sei meine Rache! - Der Baron trat
erbleichend zurck und schob fast mechanisch den Hut vor die Augen. Albert war
zu glcklich, um einen verjhrten Streit aufzufrischen, und zu gastfrei, jemand
unter seinem Dache zu beleidigen; um so weniger, da die Fremden sagten, sie
gingen in einer Stunde weiter, und Petersburg sei das Ziel ihrer Reise, wo sie
sich mit ihrem Vermgen niederzulassen gedchten. Die Wahrheit war, da sich das
Hochfreiherrliche Paar auf der dortigen Bhne engagirt hatte.
    Mademoiselle sind noch unversagt? fragte Rosamunde, sich an Lauretten
wendend. Ergrimmt erwiederte diese, zu Aller Erstaunen: Es ist heute mein
Verlobungstag, und hier ist mein Verlobter! indem sie den Herrn Pastor Ehrich,
der die Trauung verrichtet hatte, bis mitten in's Zimmer zog. Der zgernde,
hocherrthende Mann stammelte unvernehmlich ein Kompliment an seinen Gutsherrn,
das eine Bewerbung um die Cousine vorstellen sollte, der aber der Braut in
dieser desperaten Situation krftig nachhalf. - Die Hand der Dame wurde dem
nothgedrungenen Brutigam unverweigerlich zugestanden, und der Onkel, dem die
gute Laune zurckgekommen war, sang in seinem gewhnlichen heisern Falsett:

So werd' ich armer Erdenklo
Mit Ehren meine Nichte los!

Laurette nahm die Glckwnsche an; der Brutigam, der nicht wute, wie ihm
geschehen war, erwiederte sie mit stillen Bcklingen und niedergeschlagenem
Auge, und wenn ein Laut aus seinem Munde kam, war er so weinerlich, da jeder,
der die Dame kannte, sich den Zusammenhang der Sache lebhaft dachte.
    Damit wir nicht nthig haben, die schon zu hufig vorkommende Laurette
wieder einzufhren, sei sie hiermit abgefertigt. Sie freiete und lie sich
freien; war ihrem Manne, der ihre Keckheit ganz treuherzig fr Verstand hielt,
eine wahre Megre; ihren Stieftchtern - denn der Mann war Wittwer - alles, was
Wahrheit und Dichtung je von Stiefmttern gesagt hat, und ihrem Gesinde ein
Schrecken. Die Geburt eines Kindes kostete ihr das Leben. Sie starb unbedauert
und ber ihre Gruft weht der Wind in Nesseln und Dornen, die keine Freundeshand
davon hinwegpflckt. -

                          Drei und dreiigstes Kapitel


Fried' und Freude wohnte mit den Edeln. Keiner gewahrte, da die, von der alles
Glck ausging, selbst des schnsten beraubt war. Alberts unablssiges Streben
war, einen Kreis von immer jungen Freuden um seine Theure zu ziehen, so da sie,
ihres Unglcks vergessend, ganz in seiner Liebe lebte, die nicht vulkanischer
Natur, sondern ein ewiges ruhiges Feuer, wie jenes, das allen Dingen Leben und
Gedeihen giebt, war. Ihren Nachbarn, auch den fernern, sich mitzutheilen,
stifteten sie einige Feste, die sie Volksfeste nannten, woran alles, auch der
Httenbewohner, auf der Gterbesitzer Kosten Theil nahm. Z.B. wenn der erste
Schnee fiel, wenn das erste Gewitter war, wenn die Bume blhten; die Heut, die
Kornerndte: dann war den Sonntag Tanz, und Bier und Braten im Herrschaftshause
fr die Gemeine, und Thee und Musik fr die Herrschaft. Den Thee nannten sie die
Wasser-Feten, der aber freilich mit allem verbrmt wurde, was der Wohlstand
zult.
    Als sie eines Tages im traulichen Zirkel versammelt saen, forderte Albert
den Onkel und die Tante auf, ihm etwas aus den Kinderjahren seiner lieben
Albertine zu erzhlen. Beide begannen zugleich und jeder bestritt die Erzhlung
des andern und berichtigte sie nach seiner Weise, bis Elise ihrem Bruder mit
komischem Zorn ein an ihrem Busen abgewelktes Blmchen an den Kopf warf (denn
auch im Zorne war sie zart) und sie die Erzhlung allein ber sich zu nehmen
verlangte. Albertine - sagte sie - war uns allen ein kleiner, vom Himmel
gesandter Engel; aber schon als Knspchen war sie einst dem Welken nahe; eine
ruchlose Amme, die - ganz ungesund war - - die arme Albertine mute mit dem
unseligen Geschpfe zugleich mediciniren, und dann ohne die natrliche Nahrung
der Kinder aufgezogen werden -
    Albert sprang mit ungewhnlichem Feuer von seinem Sitze, umarmte pltzlich
die Tante mit dem Ausruf: Vortrefflichste Tante! ist das wahr? Wissen Sie das
gewi? Elise erschrak zum Erblassen und betheuerte die Wahtheit ihrer
Erzhlung, die dann auch Dmmrig besttigte. Nun verlangte sie den Grund zu
Alberts Freude zu erfahren. Wie! rief er, wie auer sich; dann ist ja noch
Hoffnung, freudige Hoffnung fr meine Geliebte. Ein Mdchen meiner Familie
befand sich im nemlichen Fall und wurde im drei und zwanzigsten Jahre von ihrer
Blindheit hergestellt. Fort, fort zum Arzte, der dies Wunder bewirkte!
    Albertine hoffte nicht, aber sie ergab sich allem, was der sorgsame,
liebevolle Gatte beschlo. - Sie reisten zum Arzt; er sah, untersuchte und
verzweifelte nicht. Die Schuldlose, die Reinste unterwarf sich einer Behandlung,
wie das sich selbst bestrafende Laster sie erfhrt, und in vierzehn Wochen - o,
des schnen Lohnes ihrer frommen Resignation! - sahe sie den ersten
Lichtschimmer wieder. Still betend, begrte sie das ihr wieder auflebende
Licht. Laut jubelnd trat Albert vor sie, als sie zuerst wieder sein Antlitz
dmmernd erblickte. In einem halben Jahre kam sie sehend aus zwei recht schnen
gestrkten Augen zurck. Ihr Dank, ihre Freude, als sie an den Busen der
Freundinnen sank, grenzte an Verzckung; sie erlag beinahe der Strke ihres
Gefhls. Zgernd aber und bnglich nahte sie sich dem Spiegel, den scheuen Blick
kaum auf ihre Gestalt wagend.
    Albert gab es nicht zu, da sie irgend etwas ber ihre so sehr vernderte
Bildung sagte; er kte allen Harm von der Lippe hinweg. Nur Freude, und wieder
Freude, und berall Freude, sollte die Losung seyn!
    Der Arzt wurde fast kniglich belohnt. Henriette wurde bald nachher die
glckliche Gattin von Albertinens Bruder, der von der seinigen, ihrer
Unredlichkeit wegen, sich hatte scheiden lassen, und blieb so im Kreise der
Guten, ein theures Mitglied desselben.
    Adelaide fand sich durchaus so im schnen Gefhle ihrer Tugenden glcklich,
da sie in ihrer Lage nichts zu verndern wnschte. Das schne, jugendliche
Mdchen schlug jede Verbindung aus; sie gestand jetzt, da ihre erste und
einzige Liebe mit Lindenhain begraben sei! Albertinens Kinder zu bilden, die
lieblich wie junge Sprlinge an den Wasserbchen emporblhten, war ihr ernstes
und liebstes Geschft. Albertine pries sich oft selig, da sie durch kein
Vorurtheil die schne Emigrantin von sich entfernt hatte; selig, da sie durch
Trbsal, die ihr, als sie da war, nicht Freude zu seyn dnkte, zu den schnsten
Freuden des Lebens eingegangen war. - Und endlich sagen wir: Selig sind, die,
wie diese, reines Herzens sind; denn auch sie werden den Kelch reiner Freuden
schmecken! -

                                    Funoten


1 Die Weisheit.

2 Sind Ausdrcke, die irgendwo ein Dichter brauchte.

