
                                   Jean Paul

                                  Flegeljahre

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                                   Jean Paul

                                  Flegeljahre

                                Eine Biographie

                                Erstes Bndchen

                                Nr. 1. Bleiglanz

                            Testament - das Weinhaus

Solange Halau eine Residenz ist, wute man sich nicht zu erinnern, da man
darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet htte - die Geburt des Erbprinzen
ausgenommen - als auf die Erffnung des van der Kabelschen Testaments. - Van der
Kabel konnte der Halauer Krsus - und sein Leben eine Mnzbelustigung heien
oder eine Goldwsche unter einem goldnen Regen oder wie sonst der Witz wollte.
Sieben noch lebende weitluftige Anverwandte von sieben verstorbenen
weitluftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Pltze
im Vermchtnis, weil der Krsus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die
Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte, da er
nicht nur so mrrisch-sittlich und uneigenntzig berall wirtschaftete - in der
Sittlichkeit aber waren die sieben Anverwandten noch Anfnger - sondern auch
immer so spttisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und
Fallstricke, da sich auf ihn nicht fuen lie: Das fortstrahlende Lcheln um
seine Schlfe und Wulstlippen und die hhnische Fistelstimme schwchten den
guten Eindruck, den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar groe Hnde, aus
denen jeden Tag Neujahrsgeschenke und Benefiz-Komdien und Gratiale fielen,
htten machen knnen; deswegen gab das Zuggevgel den Mann, diesen lebendigen
Vogelbeerbaum, worauf es a und nistete, fr eine heimliche Schneu aus und
konnte die sichtbaren Beeren vor unsichtbaren Haarschlingen kaum sehen.
    Zwischen zwei Schlagflssen hatt' er sein Testament aufgesetzt und dem
Magistrate anvertraut. Noch als er den Depositionsschein den sieben
Prsumtiv-Erben halbsterbend bergab: sagt' er mit altem Tone, er wolle nicht
hoffen, da dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Mnner niederschlage, die er
sich viel lieber als lachende Erben denke denn als weinende; und nur einer
davon, der kalte Ironiker, der Polizei-Inspektor Harprecht, erwiderte dem
warmen: ihr smtlicher Anteil an einem solchen Verluste stehe wohl nicht in
ihrer Gewalt.
    Endlich erschienen die sieben Erben mit ihrem Depositionsschein auf dem
Rathause, namentlich der Kirchenrat Glanz, der Polizei-Inspektor, der Hofagent
Neupeter, der Hoffiskal Knoll, der Buchhndler Pavogel, der Frhprediger Flachs
und Flitte aus Elsa. Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel. Kabel
insinuierte Charte und die ffnung des Testaments ordentlich und geziemend. Der
Ober-Exekutor des letztern war der regierende Brgermeister selber, die
Unter-Exekutores der restierende Stadt-Rat. Sofort wurden Charte und Testament
aus der Rats-Kammer vorgeholt in die Ratsstube - smtlichen Rats- und Erbherrn
herumgezeigt, damit sie das darauf bedruckte Stadt-Sekret beshen - die auf die
Charte geschriebene Insinuations-Registratur vom Stadtschreiber den sieben Erben
laut vorgelesen und ihnen dadurch bekannt gemacht, da der Selige die Charte dem
Magistrate wirklich insinuiert und scrinio rei publicae anvertraut, und da er
am Tage der Insinuation noch vernnftig gewesen - endlich wurden die sieben
Siegel, die er selber darauf gesetzt, ganz befunden. Jetzt konnte das Testament
nachdem der Stadtschreiber wieder ber dieses alles eine kurze Registratur
abgefasset - in Gottes Namen aufgemacht und vom regierenden Brgermeister so
vorgelesen werden, wie folgt:

    Ich van der Kabel testiere 179* den 7. Mai hier in meinem Hause in Halau in
der Hundsgasse ohne viele Millionen Worte, ob ich gleich ein deutscher Notarius
und ein hollndischer Domin gewesen. Doch glaub' ich, werd' ich in der
Notariatskunst noch so zu Hause sein, da ich als ordentlicher Testator und
Erblasser auftreten kann.
    Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran. Diese
sind bei mir, wie gewhnlich, der selige Hintritt und die Verlassenschaft,
welche von vielen gewnscht wird. ber Begraben und dergleichen zu reden, ist zu
weich und dumm. Das aber, als was Ich brigbleibe, setze die ewige Sonne droben
in einen ihrer grnen Frhlinge, in keinen dstern Winter.
    Die milden Gestifte, nach denen Notarien zu fragen haben, mach' ich so, da
ich fr dreitausend hiesige Stadtarme jeder Stnde ebenso viele leichte Gulden
aussetze, wofr sie an meinem Todestage im knftigen Jahre auf der Gemeinhut,
wenn nicht gerade das Revue-Lager da steht, ihres aufschlagen und beziehen, das
Geld froh verspeisen und dann in die Zelte sich kleiden knnen. Auch vermach'
ich allen Schulmeistern unsers Frstentums, dem Mann einen Augustd'or, so wie
hiesiger Judenschaft meinen Kirchenstand in der Hofkirche. Da ich mein Testament
in Klauseln eingeteilt haben will, so ist diese die erste.

                                  2te Klausel

Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten
Testamentsstcke gezhlt. Demzufolge vermach' ich denn dem Hrn. Kirchenrat
Glanz, dem Hrn. Hoffiskal Knoll, dem Hrn. Hofagent Peter Neupeter, dem Hrn.
Polizei-Inspektor Harprecht, dem Hrn. Frhprediger Flachs und dem Hrn.
Hofbuchhndler Pavogel und Hrn. Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen
als den weitluftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebhrt, oder weil die
meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde
wei, da sie meine geringe Person lieber haben als mein groes Vermgen, bei
welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist. -
    Sieben lange Gesichtslngen fuhren hier wie Siebenschlfer auf. Am meisten
fand sich der Kirchenrat, ein noch junger, aber durch gesprochene und gedruckte
Kanzelreden in ganz Deutschland berhmter Mann, durch solche Stiche beleidigt -
dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch -
Flachsen, dem Frhprediger, wuchs das Kinn zu einem Bart abwrts - mehrere leise
Sto-Nachrufe an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist usw.,
konnte der Stadtrat hren. Aber der regierende Brgermeister Kuhnold winkte mit
der Hand, der Hoffiskal und der Buchhndler spannten alle Spring- und
Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort,
obwohl mit erzwungenem Ernste:

                                  3te Klausel

Ausgenommen gegenwrtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner
dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben
genannten Hrn. Anverwandten anfallen und zugehren soll, welcher in einer halben
Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) frher als die brigen sechs
Nebenbuhler eine oder ein paar Trnen ber mich, seinen dahingegangenen Onkel,
vergieen kann vor einem lblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber
alles trocken, so mu das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich
sogleich nennen werde. -

Hier machte der Brgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei
wohl ungewhnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht msse dem
ersten, der weine, das Haus zusprechen, legte seine Uhr auf den Sessionstisch,
welche auf 11 1/2 Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, um als
Testaments-Vollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken, wer zuerst die
begehrten Trnen ber den Testator vergsse.
    - Da es, solange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrbtern und
krausern Kongre gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten
trocknen Provinzen, kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden.
Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch blo verwirrt gestaunt und
gelchelt; der Kongre sah sich zu pltzlich in jenen Hund umgesetzt, dem mitten
im zornigsten Losrennen der Feind zurief: wart auf! - und der pltzlich auf die
Hinterfe stieg und Zhne-bleckend aufwartete - vom Verwnschen wurde man zu
schnell ins Beweinen emporgerissen.
    An reine Rhrung konnte - das sah jeder - keiner denken, so im Galopp an
Platzregen, an Jagdtaufe der Augen; doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen.
    Der Kaufmann Neupeter fragte, ob das nicht ein verfluchter Handel und
Narrensposse sei fr einen verstndigen Mann, und verstand sich zu nichts; doch
versprt' er bei dem Gedanken, da ihm ein Haus auf einer Zhre in den Beutel
schwimmen knnte, sonderbaren Drsen-Reiz und sah wie eine kranke Lerche aus,
die man mit einem eingelten Stecknadelknopfe - das Haus war der Knopf -
klistiert.
    Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann, den ein
Gesell Sonnabend abends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert; er war
frchterlich erboset auf den Mibrauch des Titels von Testamenten und nahe genug
an Trnen des Grimms.
    Der listige Buchhndler Pavogel machte sich sogleich still an die Sache
selber und durchging flchtig alles Rhrende, was er teils im Verlage hatte,
teils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei aus wie ein
Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundearzt Hemet auf die Nase
gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt.
    Flitte aus Elsa tanzte geradezu im Sessionszimmer, besah lachend alle
Ernste und schwur, er sei nicht der Reichste unter ihnen, aber fr ganz
Straburg und Elsa dazu wr' er nicht imstande, bei einem solchen Spa zu
weinen. -
    Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an und
versicherte: falls Monsieur etwan hoffe, durch Gelchter aus den sehr bekannten
Drsen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten
Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschwei zu beschlagen,
so wolle er ihn erinnern, da er damit so wenig gewinnen knne, als wenn er die
Nase schneuzen und davon profitieren wollte, indem in letztere, wie bekannt,
durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fliee als in jeden Kirchenstuhl
hinein unter einer Leichenpredigt. - Aber der Elsasser versicherte, er lache nur
zum Spa, nicht aus ernstern Absichten.
    Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen, suchte
dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, da er mit ihnen sehr starr und
weit offen blickte.
    Der Frhprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem
ein Hengst durchgeht; indes htt' er mit seinem Herzen, das durch Haus- und
Kirchenjammer schon die besten schwlsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine
Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das ntigste Wasser aufgezogen, wr' ihm
nur nicht das herschiffende Fl-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu
erfreulicher Anblick und Damm.
    Der Kirchenrat, der seine Natur kannte aus Neujahrs- und Leichenpredigten,
und der gewi wute, da er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an andere
Erweichungs-Reden halte, stand auf - da er sich und andere so lang am
Trockenseile hngen sah - und sagte mit Wrde, jeder, der seine gedruckten Werke
gelesen, wisse gewi, da er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen,
wie Trnen sind, eher zurckzudrngen, um keinem Nebenmenschen damit etwas zu
entziehen, als mhsam hervorzureizen ntig habe aus Nebenabsichten. - Dies Herz
hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund, sagt' er
und sah umher.
    Mit Vergngen bemerkte er, da alle noch so trocken dasaen wie Korkhlzer;
besonders jetzt konnten Krokodile, Hirsche, Elefanten, Hexen, Reben leichter
weinen als die Erben, von Glanzen so gestrt und grimmig gemacht. Blo Flachsen
schlugs heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Rcke
und grauen Haare seiner Zuhrerinnen des Frhgottesdienstes, den Lazarus mit
seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Kpfen
so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber,
wie er sich da so erbrmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren
abqule und abringe - noch drei Ste hatt' er zu tun mit dem Pumpenstiefel, so
hatte er sein Wasser und Haus.
    O Kabel, mein Kabel, fuhr Glanz fort, fast vor Freude ber nahe
Trauertrnen weinend, einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe
auch die meinige zum Vermod - -
    Ich glaube, meine verehrtesten Herren, sagte Flachs, betrbt aufstehend
und berflieend umhersehend, ich weine - setzte sich darauf nieder und lie
es vergngter laufen; er war nun auf dem Trocknen; vor den Akzessitaugen hatt'
er Glanzen das Preis-Haus weggefischt, den jetzt seine Anstrengung ungemein
verdro, weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochen hatte. Die
Rhrung Flachsens wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse
auf immer zugeschlagen. Der Brgermeister gnnt' es dem armen Teufel von Herzen;
es war das erstemal im Frstentum Halau, da Schul- und Kirchenlehrers Trnen
sich, nicht wie die der Heliaden in leichten Bernstein, der ein Insekt
einschlieet, sondern, wie die der Gttin Freia, in Gold verwandelten. Glanz
gratulierte Flachsen sehr und machte ihm froh bemerklich, vielleicht hab' er
selber ihn rhren helfen. Die brigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem
trockenen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar, blieben aber noch
auf das restierende Testament erpicht.
    Nun wurd' es weiter verlesen.

                                  4te Klausel

Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner Activa - also meines Gartens
vor dem Schaftore, meines Wldleins auf dem Berge und der elftausend Georgd'ors
in der Sdseehandlung in Berlin und endlich der beiden Fronbauern im Dorf
Elterlein und der dazugehrigen Grundstcke - sehr viel gefodert, viel leibliche
Armut und geistlichen Reichtum. Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in
Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben. Ich glaubte nicht, da es in einem
Dutzend- und Taschenfrstentmlein einen blutarmen, grundguten, herzlichfrohen
Menschen gebe, der vielleicht unter allen, die je den Menschen geliebt, es am
strksten tut. Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im
Dunkeln eine Tat getan, da ich nun auf den Jngling baue, fast auf ewig. Ja ich
wei, dieses Universalerben tt' ihm sogar wehe, wenn er nicht arme Eltern
htte. Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist, so ist er doch kindlich, ohne
Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jngling aus der alten
Vterzeit und hat dreiigmal mehr Kopf, als er denkt. Nur hat er das Bse, da
er erstlich ein etwas elastischer Poet ist, und da er zweitens, wie viele
Staaten von meiner Bekanntschaft bei Sitten-Anstalten, gern das Pulver auf die
Kugel ldt, auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es
ist nicht glaublich, da er je eine Studenten-Mausfalle aufstellen lernt; und
wie gewi ihm ein Reisekoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den
Hnden wre, erhellet daraus, da er durchaus nicht zu spezifizieren wte, was
darin gewesen und wie er ausgesehen.
    Dieser Universalerbe ist der Schulzen-Sohn in Elterlein, namens Gottwalt
Peter Harnisch, ein recht feines, blondes, liebes Brschchen - -

                                       *

Die sieben Prsumtiv-Erben wollten fragen und auer sich sein; aber sie muten
forthren.

                                  5te Klausel

Allein er hat Nsse vorher aufzubeien. Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft
selber erst von meinem unvergelichen Adoptivvater van der Kabel in Broek im
Waterland, dem ich fast nichts dafr geben konnte als zwei elende Worte,
Friedrich Richter, meinen Namen. Harnisch soll sie wieder erben, wenn er mein
Leben, wie folgt, wieder nach- und durchlebt.

                                  6te Klausel

Spahaft und leicht mags dem leichten poetischen Hospes dnken, wenn er hrt,
da ich deshalb blo fordere und verordne, er soll - denn alles das lebt' ich
eben selber durch, nur lnger - weiter nichts tun als:

    a) einen Tag lang Klavierstimmer sein - ferner
    b) einen Monat lang mein Grtchen als Obergrtner bestellen - ferner
    c) ein Vierteljahr Notarius - ferner
    d) solange bei einem Jger sein, bis er einen Hasen erlegt, es dauere nun 2
        Stunden oder 2 Jahre -
    e) er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen
    f) er soll eine buchhndlerische Mewoche mit Hrn. Pavogel beziehen, wenn
        dieser will -
    g) er soll bei jedem der Hrn. Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen (der
        Erbe mt' es sich denn verbitten) und alle Wnsche des zeitigen
        Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfllen -
    h) er soll ein paar Wochen lang auf dem Lande Schul halten - endlich
    i) soll er ein Pfarrer werden; dann erhlt er mit der Vokation die
        Erbschaft. - Das sind seine neun Erb-mter.

                                  7te Klausel

Spahaft, sagt' ich in der vorigen, wird ihm das vorkommen, besonders da ich ihm
verstatte, meine Lebens-Rollen zu versetzen und z.B. frher die Schulstube als
die Messe zu beziehen - blo mit dem Pfarrer mu er schlieen -; aber, Freund
Harnisch, dem Testament bieg' ich zu jeder Rolle einen versiegelten
Reguliertarif, genannt die geheimen Artikel, bei, worin ich Euch in den Fllen,
wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet, z.B. in Notariatsinstrumenten, kurz
gerade fr eben die Fehler, die ich sonst selber begangen, entweder um einen
Abzug von der Erbschaft abstrafe, oder mit dem Aufschube ihrer Auslieferung.
Seid klug, Poet, und bedenkt Euren Vater, der so manchem Edelmann im -a-n
gleicht, dessen Vermgen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht, aber
doch nur in einem einzigen, welches er selber ist. Bedenkt Euren vagabunden
Bruder, der vielleicht, eh' Ihrs denkt, aus seinen Wanderjahren mit einem halben
Rocke vor Eure Tre kommen und sagen kann: Hast du nichts Altes fr deinen
Bruder? Sieh diese Schuhe an! - Habt also Einsichten, Universalerbe!

                                  8te Klausel

Den Hrn. Kirchenrat Glanz und alle bis zu Hrn. Buchhndler Pavogel und Flitte
(inclusive) mach' ich aufmerksam darauf, wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft
erobern wird, wenn sie auch nichts erwgen als das einzige hier an den Rand
genhte Blatt, worauf der Poet flchtig einen Lieblings-Wunsch ausgemalt,
nmlich den, Pfarrer in Schweden zu werden. (Herr Brgermeister Kuhnold fragte
hier, ob ers mitlesen solle; aber alle schnappten nach mehren Klauseln, und er
fuhr fort:) Meine t. Hrn. Anverwandten fleh' ich daher - wofr ich freilich
wenig tue, wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Teilen hier
sowohl jhrlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutznieung meines
Immobiliar-Vermgens, wie es auch heie, so lange zuspreche, als besagter
Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antreten knnen
- solche fleh' ich als ein Christ die Christen an, gleichsam als sieben Weise
dem jungen mglichen Universalerben scharf aufzupassen und ihm nicht den
kleinsten Fehltritt, womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden
mag, unbemerkt nachzusehen, sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen.
Das kann den leichten Poeten vorwrtsbringen und ihn schleifen und abwetzen.
Wenn es wahr ist, ihr sieben Verwandten, da ihr nur meine Person geliebt, so
zeigt es dadurch, da ihr das Ebenbild derselben recht schttelt (den Nutzen hat
das Ebenbild) und ordentlich, obwohl christlich, chikaniert und vexiert und sein
Regen- und Siebengestirn seid und seine bse Sieben. Mu er recht ben, nmlich
passen, desto ersprielicher fr ihn und fr euch.

                                  9te Klausel

Ritte der Teufel meinen Universalerben so, da er die Ehe brche, so verlr' er
die Viertels-Erbschaft - sie fiele den sieben Anverwandten heim -; ein Sechstel
aber nur, wenn er ein Mdchen verfhrte. - Tagreisen und Sitzen im Kerker knnen
nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem
Kranken- und Totenbette.

                                  10te Klausel

Stirbt der junge Harnisch innerhalb zwanzig Jahren, so verfllet die Erbschaft
den hiesigen corporibus piis. Ist er als christlicher Kandidat examiniert und
bestanden: so zieht er, bis man ihn voziert, zehn Prozent mit den brigen Hrn.
Erben, damit er nicht verhungere.

                                  11te Klausel

Harnisch mu an Eidesstatt geloben, nichts auf die knftige Erbschaft zu borgen.

                                  12te Klausel

Es ist nur mein letzter Wunsch, obwohl nicht eben mein Letzter Wille, da, wie
ich den van der Kabelschen Namen, er so den Richterschen bei Antritt der
Erbschaft annehme und fortfhre; es kommt aber sehr auf seine Eltern an.

                                  13te Klausel

Liee sich ein habiler, dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben auftreiben und
gewinnen, der in Bibliotheken wohl gelitten wre: so soll man dem venerabeln
Mann den Antrag tun, die Geschichte und Erwerbzeit meines mglichen
Universalerben und Adoptivsohnes, so gut er kann, zu schreiben. Das wird nicht
nur diesem, sondern auch dem Erblasser - weil er auf allen Blttern vorkommt -
Ansehen geben. Der treffliche, mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber
nehme von mir als schwaches Andenken fr jedes Kapitel eine Nummer aus meinem
Kunst- und Naturalienkabinett an. Man soll den Mann reichlich mit Notizen
versorgen.

                                  14te Klausel

Schlgt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus, so ists so viel, als htt' er
zugleich die Ehe gebrochen und wre Todes verfahren; und die 9te und lote
Klausel treten mit vollen Krften ein.

                                  15te Klausel

Zu Exekutoren des Testaments ernenn' ich dieselben hochedlen Personen, denen
oblatio testamenti geschehen; indes ist der regierende Brgermeister, Hr.
Kuhnold, der Obervollstrecker. Nur er allein erffnet stets denjenigen unter den
geheimen Artikeln des Reguliertarifs vorher, welcher fr das jedesmalige gerade
von Harnisch gewhlte Erb-Amt berschrieben ist. - In diesem Tarif ist es auf
das genaueste bestimmt, wieviel Harnischen z.B. fr das Notariuswerden
beizuschieen ist - denn was hat er? und wieviel jedem Akzessit-Erben zu geben,
der gerade ins Erb-Amt verwickelt ist, z.B. Herrn Pavogel fr die
Buchhndler-Woche oder fr siebentgigen Hauszins. Man wird allgemein zu frieden
sein.

                                  16te Klausel

Folioseite 276 seiner vierten Auflage fodert Volkmannus emendatus von Erblassern
die providentia oder zeitige Frsehung, so da ich also in dieser Klausel
festzusetzen habe, da jeder der sieben Akzessit-Erben oder alle, die mein
Testament gerichtlich anzufechten oder zu rumpieren suchen, whrend des
Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten, als welche den andern oder streiten sie
alle - dem Universalerben zuflieen.

                            17te und letzte Klausel

Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen sein, nur
aber der Letzte nicht, sondern dieser mu, um sich zum zweiten-, dritten-,
viertenmal zu runden, also konzentrisch, wie berall bei den Juristen, zur
clausula salutaris, zur donatio mortis causa und zur reservatio ambulatoriae
voluntatis greifen. So will ich denn hiemit darzu gegriffen haben, mit kurzen
und vorigen Worten. - Weiter brauch' ich mich der Welt nicht aufzutun, vor der
mich die nahe Stunde bald zusperren wird. Sonstiger Fr. Richter, jetziger van
der Kabel.

                                       *

Soweit das Testament. Alle Formalien des Unterzeichnens und Untersiegelns etc.
etc. fanden die sieben Erben richtig beobachtet.

                       Nr. 2. Katzensilber aus Thringen


                       J. P. F. R.s Brief an den Stadtrat

Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testamentsexekution, besonders vom
trefflichen Kuhnold, zum Verfasser gewhlt. Auf einen solchen ehrenvollen
Auftrag gab er folgende Antwort.

        P. P.

Einem hochedlen Stadtrat oder einer trefflichen Testamentsexekution die Freude
zu malen, da Sie und die Klausel: Liee sich ein habiler, dazu gesattelter
Schriftsteller etc. mich aus 55000 zeitigen Autoren zum Geschichtschreiber eines
Harnisch ausgelesen; Ihnen mit bunten Farben das Vergngen zu schildern, da ich
mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden: dazu hatt' ich vorgestern,
da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzhlige
Dinge auf- und abzuladen hatte, ganz natrlich keine Zeit. Ja, kaum war ich zum
Stadttore und zur Haustre hinein, so ging ich wieder heraus auf die Berge, wo
eine Menge schner Gegenden neben- und hintereinander wohnen: Wie oft, sagt'
ich droben, wirst du dich nicht knftig auf diesen Tabors verklren!
    Hier send' ich dem etc. etc. Stadtrate die erste Nummer, Bleiglanz
berschrieben, ganz ausgearbeitet; ich bitte aber die trefflichen Exekutoren, zu
bedenken, da die knftigen Nummern reicher und feiner ausfallen und ich mich
darin mehr werde zeigen knnen als in der ersten, wo ich fast nichts zu machen
hatte als die Abschrift der erhaltenen Testaments-Kopie. Das Katzensilber aus
Thringen habe ganz erhalten; nchstens luft das Kapitel dafr ein, das aus
einer Kopie des gegenwrtigen Briefes, fr die Leser, bestehen soll. Ein weder
zu barocker noch zu verbrauchter Titel fr das Werk ist auch schon fertig;
Flegeljahre ist es betitelt.
    So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Mhlengang. Wenn die van der
Kabelsche Kunst- und Naturalien-Sammlung siebentausendundzweihundertunddrei
Stcke und Nummern stark ist, wie ich aus dem Inventarium ersehe: so werden wir
wohl, da der Selige fr jedes Stck sein ganzes Kapitel haben will, die Kapitel
etwas einlaufen lassen mssen, weil sonst ein Werk herauskme, das sich lnger
ausstreckte als alle meine opera omnia (inclusive dieses) zusammengenommen. In
der gelehrten Welt sind ja alle Kapitel erlaubt, Kapitel von einem Alphabet bis
zu Kapiteln von einer Zeile.
    Was die Arbeit selber anlangt, so verpfndet sich der Meister einem
hochedlen Stadtrate dafr, da er eine liefern will, die man keck jedem
Mitmeister, er sei Stadt- oder Frei- und Gnadenmeister, zu beschauen geben kann,
besonders da ich vielleicht mit dem sel. van der Kabel, sonst Richter, selber
verwandt bin. Das Werk - um nur einiges vorauszusagen - soll alles befassen, was
man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner
Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A zum
Buche der Seligen Dienstboten, angehenden Knaben und erwachsenen Tchtern wie
auch Landmnnern und Frsten werden darin die Collegia conduitica gelesen -
    Ein Stylisticum lieset das Ganze -
    Fr den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Vlker wird
darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden als Mit-
und Vorwelt -
    Ich berhre darin die Vakzine - den Buch- und Wollenhandel - die
Monatsschriftsteller - Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem - - die
neuen Territorialpfhle - die Schwnzelpfennige - die Feldmuse samt den
Fichtenraupen - und Bonaparten, das berhr' ich, freilich flchtig als Poet -
    ber das weimarsche Theater uer' ich meine Gedanken, auch ber das nicht
kleinere der Welt und des Lebens -
    Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, obwohl diese jetzt so selten
ist als ein Fluch in Herrnhut oder ein Bart am Hof. -
    Bse Charaktere, so mir der hochedle Rat hoffentlich zufertigt, werden
tapfer gehandhabt, doch ohne Persnlichkeiten und Anzglichkeiten; denn schwarze
Herzen und schwarze Augen sind ja - nher in letztere gefasset - nur braun; und
ein Halbgott und ein Halbvieh knnen sehr gut dieselbe zweite Hlfte haben,
nmlich die menschliche - und darf die Peitsche wohl je so dick sein als die
Haut? -
    Trockne Rezensenten werden ergriffen und (unter Einschrnkung) durch
Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Trnen
gerhrt, wie man mrbe Reliquien ausstellt, damit es regne -
    ber das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und ber das
achtzehnte human, ber das neueste wird gedacht, aber sehr frei -
    Das Schaf, das eine Chrestomathie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken
auszog mit den Zhnen, bekommt aus jedem Bande einen Band zu extrahieren in die
Hand, so da besagtes gar keine Auslese, sondern nur eine Abschrift zu machen
braucht, samt den einfltigsten Noten und Prfationen -
    Gleich dem Not- und Hlfs-Bchlein mu das Buch Arzneimittel, Ratschlge,
Charaktere, Dialogen und Historien liefern, aber so viele, da es jenem Not-
knnte beigebunden werden als Hlfs-Buch, als weitluftiger Auszug und Anhang,
weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille mu
umzuschleifen sein, als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen
Brillenglsern genommen werden -
    In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die errata
Wahrheiten -
    Tglich wird das Werkchen hher klettern, aus Lesebibliotheken in Leih
bibliotheken, aus diesen in Ratbibliotheken, die schnsten Ehren- und
Parade-Betten und Witwensitze der Musen - -
    Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wirds...
    O hochedler Stadtrat! Exekutoren des Testaments! sollt' es mir einst
vergnnet werden, in meinem Alter alle Bnde der Flegeljahre ganz fertig
abgedruckt in hohen, aus Tbingen abgeschickten Ballen um mich stehen zu sehen -
-
    Bis dahin aber erharr' ich mit sonderbarer Hochachtung

                                  Ew. Wohlgeb.
                                                                  etc. etc. etc.
                                                                J. P. F. Richter
                                                                          Legaz.

Koburg, den 6. Juni 1803

Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben fr den Leser ist
wohl jetzt nicht mehr ntig, da er ihn eben gelesen. Auf hnliche Weise setzen
uneigenntzige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn fr die
Zettel selber an, setzen aber nachher, wiewohl sie ins Unendliche fort knnten,
nichts weiter fr das Ansetzen des Ansetzens an.
    Ob aber der Verfasser der Flegeljahre nicht noch viel nhere historische
Leithmmel und Leithunde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu
verwenden habe als blo einen trefflichen Stadtrat; und wer besonders sein
herrlichster Hund und Hammel darunter sei - darber wrde man jetzt die Leser
mit dem grten Vergngen beruhigen, wenn man sich berzeugen knnte, es sei
sachdienlich, es sei prudentis.

                        Nr. 3. Terra Miraculosa Saxoniae


                  Die Akzessit-Erben - der schwedische Pfarrer

Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich
auf sieben Weisen im Gesicht. Viele sagten gar nichts. Alle fragten, wer von
ihnen den jungen Burschen kenne, ausgenommen der Hoffiskal Knoll, der selber
gefragt wurde, weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals
war. Es sei nichts Besonderes am jungen Haeredipeta, versetzte Knoll, sein Vater
aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig. - Vergeblich
umrangen die Erben den einsilbigen Fiskal, ebenso rats- als neubegierig.
    Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars, andere
vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf. Der Brgermeister erklrte
den Erben, man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend
vorbescheiden. Knoll erwiderte: da er bermorgen, das heit den 13ten hujus,
nmlich Donnerstags, in Gerichts-Geschften nach seiner Gerichtshalterei
Elterlein gehe, so sei er imstande, dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die
Zitation zu insinuieren. Es wurde bewilligt.
    Jetzt suchte der Kirchenrat Glanz nur auf eine kurze Leseminute um das
Blttchen nach, worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte
ausgemalet haben. Er bekams. Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhndler
Pavogel und las schnell die Seite zweimal herunter, eh' sie der Kirchenrat
umkehrte; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn, er sah sich um und sagte,
es sei wohl besser, wenn ers gar vorlese:

                     Das Glck eines schwedischen Pfarrers

So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rckhalt recht gro hermalen und
mich selber unter dem Pfarrer meinen, damit mich die Schilderung, wenn ich sie
nach einem Jahre wieder berlese, ganz besonders auswrme. Schon ein Pfarrer an
sich ist selig, geschweige in Schweden. Er genieet da Sommer und Winter rein,
ohne lange verdrliche Unterbrechungen; z.B. in seinen spten Frhling fllt
statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein, weirot und
bltenschwer, so da man in einer Sommernacht das halbe Italien, und in einer
Winternacht die halbe zweite Welt haben kann.
    Ich will aber bei dem Winter anfangen und das Christfest nehmen.
    Der Pfarrer, der aus Deutschland, aus Halau in ein sehr
nrdlich-polarisches Drflein voziert worden, steht heiter um 7 Uhr auf und
brennt bis 9 1/2 Uhr sein dnnes Licht. Noch um 9 Uhr scheinen Sterne, der helle
Mond noch lnger. Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag
gibt ihm liebe Empfindungen, weil er ein Deutscher ist und ber einen gestirnten
Vormittag erstaunt. Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengnger mit Laternen
in die Kirche gehen; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie
und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre, in die Winterstunden und
Weihnachtsmetten zurck, wo jeder sein Lichtchen mithatte. Auf der Kanzel sagt
er seinen lieben Zuhrern lauter Sachen vor, deren Worte geradeso in der Bibel
stehen; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernnftig, aber wohl ein redliches
Gemt. Darauf teilt er mit heimlicher Freude ber die Gelegenheit, jeder Person
so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr wie einem Kind Trank und Speise einzugeben,
das heil. Nachtmahl aus und genieet es jeden Sonntag selber mit, weil er sich
nach dem nahen Liebesmahl in den Hnden ja sehnen mu. Ich glaube, es mt' ihm
erlaubt sein.
    (Hier sah der Kirchenrat mit einem fragenden Rge-Blick unter den Zuhrern
umher, und Flachs nickte mit dem Kopfe; er hatte aber wenig vernommen, sondern
nur an sein Haus gedacht.)
    Wenn er dann mit den Seinigen aus der Kirche tritt, geht gerade die helle
Christ- und Morgensonne auf und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen. Die
vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenrot gefrbt. Der
Pfarrer knnte dann, wenn er auf die tote Mutter-Erde und den Gottesacker
hinshe, worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen, wohl diesen
Polymeter dichten:
    Auf der toten Mutter ruhen die toten Kinder in dunkler Stille. Endlich
erscheint die ewige Sonne, und die Mutter steht wieder blhend auf, aber spter
alle ihre Kinder.
    Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum samt einem langen Sonnenstreif an der
Bcherwand.
    Den Nachmittag verbringt er schn, weil er vor einem ganzen Blumen-Gestelle
von Freuden kaum wei, wo er anhalten soll. Ists am heil. Christfest, so predigt
er wieder, vom schnen Morgenlande oder von der Ewigkeit; dabei wirds ganz
dmmernd im Tempel; nur zwei Altar-Kerzen werfen wunderbare lange Schatten umher
durch die Kirche; der oben herabhngende Taufengel belebt sich ordentlich und
fliegt beinahe; drauen scheinen die Sterne oder der Mond herein - der feurige
Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekmmert sich nun um nichts, sondern
donnert aus der Nacht herab, mit Trnen und Strmen, von Welten und Himmeln und
allem, was Brust und Herz gewaltig bewegt.
    Kommt er flammend herunter, so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem
am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen, der fr ihn gewi eine aus dem
ewigen Sdmorgen herberschlagende Aurora ist, oder ein Wald aus heiligen
feurigen Mosis-Bschen um Gottes Thron.
    Ists ein anderer Nachmittag, so fahren Gste mit erwachsenen Tchtern von
Betragen an; wie die groe Welt diniert er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2
Uhr und trinkt den Kaffee bei Monschein; das ganze Pfarrhaus ist ein dmmernder
Zauberpalast. - Oder er geht auch hinber zum Schulmeister in die
Nachmittagsschule und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei
Licht um sein Grovater-Knie und ergtzet und belehret sie.-
    Ist aber das alles nicht: so kann er ja schon von 3 Uhr an in der warmen
Dmmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas
Orangenzucker dazu beien, um das schne Welschland mit seinen Grten auf die
Zunge und vor alle Sinne zu bekommen. Kann er nicht bei dem Monde denken, da
dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeerbumen hange? Kann er
nicht erwgen, da die olsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die
Sterne und die Kinder in heien und kalten Lndern dieselben sind? Wenn nun gar
die reitende Post, die aus Italien kommt, durchs Dorf blset und ihm auf wenigen
Tnen blumige Lnder an das gefrorne Museumsfenster hebt; wenn er alte Rosen-und
Lilienbltter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt, wohl auch eine
geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel; wenn dabei die prchtigen
Klnge Salatzeit, Kirschenzeit, Trinitatissonntage, Rosenblte, Marientage das
Herz anrhren: so wird er kaum mehr wissen, da er in Schweden ist, wenn Licht
gebracht wird, und er verdutzt die fremde Stube ansieht. Will ers noch weiter
treiben, so kann er sich daran ein Wachskerzen-Endchen anznden, um den ganzen
Abend in die groe Welt hineinzusehen, aus der ers her hat. Denn ich sollte
glauben, da am Stockholmer Hofe, wie anderwrts, von den Hofbedienten Endchen
von Wachskerzen, die auf Silber gebrannt hatten, fr Geld zu haben wren.
    Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas Schners
als Italien, wo die Sonne viel frher als in Halau untergeht, nmlich der
herrlich beladne lngste Tag an seine Brust an und hlt die Morgenrte voll
Lerchengesang schon um 1 Uhr nachts in der Hand. Ein wenig vor 2 Uhr oder
Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche, bunte Reihe im Pfarrhause ein,
weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vor hat. Sie ziehen nach 2 Uhr,
wenn alle Blumen blitzen und die Wlder schimmern. Die warme Sonne droht kein
Gewitter und keinen Platzregen, weil beide selten sind in Schweden. Der Pfarrer
geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder - er trgt sein kurzes Wams
mit breiter Schrpe, sein kurzes Mntelchen darber, seinen Rundhut mit wehenden
Federn und Schuhe mit hellen Bndern; - natrlich sieht er, wie die andern auch,
wie ein spanischer Ritter, wie ein Provenzale oder sonst ein sdlicher Mensch
aus, zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus
Beeten und sten hervorgezogne hohe Blten- und Bltterflle fliegen.
    Da ein solcher lngster Tag noch krzer als ein krzester verfliege, ist
leicht zu denken, bei soviel Sonne, ther, Blte und Mue. Schon nach 8 Uhr
abends bricht die Gesellschaft auf - die Sonne brennt sanfter ber den
halbgeschlossenen schlfrigen Blumen - um 9 Uhr hat sie ihre Strahlen abgenommen
und badet nackt im Blau - gegen 10 Uhr, wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder
ankommt, wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht, weil im Dorfe,
obgleich die tiefe laue Sonne noch ein so mdes Rot um die Huser und an die
Scheiben legt, alles schon still und in tiefem Schlafe liegt, so wie auch die
Vgel in den gelbdmmernden Gipfeln schlummern, bis zuletzt die Sonne selber,
wie ein Mond, einsam untergeht in der Stille der Welt. Dem romantisch
bekleideten Pfarrer ist, als sei jetzt ein rosenfarbnes Reich aufgetan, worin
Feen und Geister herumgehen, und ihn wrd' es wenig wundern, wenn in dieser
goldnen Geisterstunde auf einmal sein in der Kindheit entlaufner Bruder
herantrte, wie vom blhenden Zauber-Himmel gefallen.
    Der Pfarrer lsset aber seine Reisegesellschaft nicht fort, er hlt sie im
Pfarrgarten fest, wo jeder, wer will, sagt er, in schnen Lauben die kurze laue
Stunde bis zu Sonnen-Aufgang verschlummern kann.
    Es wird allgemein angenommen und der Garten besetzt; manches schne Paar tut
vielleicht nur, als schlaf' es, hlt sich aber wirklich an der Hand. Der
glckliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Khle und wenige Sterne
kommen. Seine Nachtviolen und Levkoien tun sich auf und duften stark, so hell es
auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dmmerung
auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdrfchen und an das Leben und
Sehnen der Menschen und wird still und voll genug. Da greift die frische
Morgensonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abendsonne vermengen
will, tut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklren alles und wecken die
Lauben.
    Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an; - - und es fehlt wenig, so
schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um
kein Bltenblatt verschieden ist.

                                       *

Glanz, dessen Gesicht die gnstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke
war, sah, mit einigem Triumphe ber ein solches Werk, unter den Erben umher; nur
der Polizei-Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem
Gesicht: Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstande noch zu schaffen
machen. Der Hoffiskal Knoll und der Hofagent Neupeter und Flitte waren lngst
aus Ekel vor der Lektre weg und ans Fenster gegangen, um etwas Vernnftiges zu
sprechen. Sie verlieen die Gerichtsstuben. Unterwegs uerte der Kaufmann
Neupeter:
    Das versteh' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann als unser sel.
Vetter noch am Rande des Grabes solche Schnurren treiben kann. - Vielleicht
aber, sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trsten, nimmt der
junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen. -
Knoll fuhr den Hausbesitzer an: Geradeso schwere wie heute eine. Sehr dumm
wr's von ihm und fr uns. Denn nach Clausul. IX. Schlgt aber Harnisch, fielen
ja den corporibus piis drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter
Bcke schieet -
    Das gebe doch Gott, sagte Harprecht.
    - schieet, fuhr jener fort, so haben wir doch die Klauseln: Spahaft
sagt' ich in der vorigen - und Ritte der Teufel - und den Hrn. Kirchenrat Glanz
und alle fr uns und knnen viel tun. Sie erwhlten ihn smtlich zum
Schirmherrn ihrer Rechte und rhmten sein Gedchtnis. - Ich erinnere mich
noch, sagte der Kirchenrat, da er nach der Klausel der Erb-mter vorher zu
einem geistlichen Amte gelangen soll, wiewohl er jetzt nur Jurist ist - - -
    Da wollt ihr nmlich, versetzte Knoll geschwind, ihr geistlichen Herren
und Narren, dem Examinanden schon so einheizen, so zwicken wahrhaftig, das
glaub' ich - und der Polizeiinspektor fgte bei, er hoffe das selber. Da aber
der Kirchenrat, dem beide schon als alte Kanzel-Strmer, als Baumschnder
kanonischer Haine bekannt waren, noch vergngt einen Rest von E-Lust versprte,
der ihm zu teuer war, um ihn wegzudisputieren: so suchte er sich nicht recht
sonderlich zu rgern, sondern sah nach.
    Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen
Gerichtsagent er war, nach Hause und erffnete ihm, da der junge Harnisch schon
lngst habe - als riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordere -
Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und da er am Donnerstag
nach Elterlein gehe, um ihn dazu zu kreieren. (Knoll war Pfalzgraf.) So mg' er
doch machen, bat der Agent, da der Mensch bei ihm logiere, da er eben ein
schlechtes unbrauchbares Dachstbchen fr ihn leer habe. - Sehr leicht,
versetzte Knoll.
    Das erste, was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte, war ein
Billett an den alten Schulz in Elterlein, worin er ihm bedeutete, er werde
bermorgen Donnerstags durch- und retourpassieren und unterwegs, gegen Abend,
seinen Sohn zum Notarius kreieren; auch hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles
Quartier fr solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden. - Vor dem
regierenden Brgermeister hatt' er demnach eine Verabredung, die er jetzt erst
traf, schon fr eine getroffne ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn
fr einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu
erheben.
    In allen Erzhlungen und uerungen blieb er uerst wahrhaft, solange sie
nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubtiere nur in
der Nacht ziehen) sein ntiges Stckchen Nacht bei sich, das er entweder aus
blauem Dunst verfertigte als Advokat oder aus arsenikalischen Dmpfen als
Fiskal.

                      Nr. 4. Mammutsknochen aus Astrachan


                                Das Zauberprisma

Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Halau, so unruhig
liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu
erfahren. Eine kleine Stadt ist ein groes Haus, die Gassen sind nur Treppen.
Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd und stieg in Elterlein ab, um nur den
Erben zu sehen; er war aber immer auf die Berge und Felder gelaufen. Der General
Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe hatte, beschied seinen Verwalter in die
Stadt, um zu fragen. Manche halfen sich damit, da sie einen eben angekommenen
Flten-Virtuosen, van der Harnisch, fr den gleichnamigen Erben nahmen und davon
sprachen; besonders tatens einhrige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten
Ohre, alles nur mit halbem hrten. Erst Mittwochs abends - am Dienstage war
Testaments-ffnung gewesen - bekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirt
zum weichen Krebs.
    Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewhnlich in die Dinte ihres
Schreib-Tages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdnnen.
Da bei dem weichen Krebswirte der alte Schulthei Harnisch seit 20 Jahren
einkehrte: so war er imstande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzhlen, da er
jede Woche Regierung und Kammer anlaufe mit leeren Fragen, und da er jedesmal
unter vielen Worten die alten Historien von seinem schweren Amte, seinen vielen
juristischen Einsichten und Bchern und seiner zweiherrigen Wirtschaft und
seinen Zwillingsshnen Abende lang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr
dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug - Es fhre zwar, fuhr der
Wirt fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der
seine Frau schickte bei handfesten Vorfllen, oder er reiche eine lange
Schreiberei ein; hab' auch ein zu nobles Naturell und knne sich ber eine
krumme Miene zu Tagen krnken und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter
von der Regierung bekommen, im Magen.
    Nur von der Hauptsache, beschlo er, von den Shnen, wiss' er nichts, als
da der eine, der Spitzbube, der Fltenpfeifer Vult, im 14 1/2 Jahre mit einem
solchen Herrn - er zeigte auf Hrn. van der Harnisch - durchgegangen; und vom
andern, der der Erbe sei, knne gewi der Herr unten mit den schwarzen
Knopflchern die beste Auskunft geben, denn es sei der Hr. Kandidat und
Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Przeptor.
    Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makulaturbogen einen Druckfehler
mit Bleistift korrigiert, eh' er ihn dick um ein halbes Lot Arsenik wickelte. Er
antwortete nicht, sondern wickelte wieder weies Papier ber das bedruckte,
siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift! - darauf berwickelte und
berschrieb er wieder und lie nicht nach, bis ers siebenmal getan und ein
dickes Oktav-Paket vor sich hatte.
    Jetzt stand er auf, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam,
indem er Kommata und andere Interpunktionen so deutlich im Sprechen absetzte als
jeder im Schreiben: Ganz wahr, da er mein Schler, und hinlnglich, erstlich,
da er so del ist, zweitens, da er treffliche Gedichte, nach einem neuen
Metrum, machet, so er den Streckvers nennet, ich einen Polymeter.
    Bei diesen Worten fing der Flten-Virtuose van der Harnisch, der bisher kalt
die Runde um die Stube gemacht, pltzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatt' er
aus groen Stdten die Verachtung kleiner mitgebracht - ein Dorf schtzen sie
wieder -, weil in kleinen das Rathaus kein Odeum, die Privathuser keine
Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken-Tempel sind. Er bat verbindlich den
Kandidaten um Ausfhrlichkeit. Fodert meine Pflicht schon, versetzte dieser,
da ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Erffnung eines
Vermchtnisses noch nicht erffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend,
tuet, wieviel mehr, da ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen, nie
ohne seine Erlaubnis, kundtue, wieviel mehr Aber Gott, wer von uns wird die
Leiche sein! setzt' er dazu, da er die Stundenglocke ins Gebetluten tnen
hrte; und griff sogleich zu einer darnebenliegenden Schlacht in der Zeitung, um
dreist zu werden, weil wohl nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse
gegen sein Totenbette macht als eine oder ein paar Quadratmeilen, worauf
unzhlige rote Glieder und ein Tod nach dem andern liegt.
    ber diesen religisen Skrupel-Luxus zog der Fltenist ein sehr
verchtliches Gesicht und sagte - indem er ein Prisma aus der Tasche holte und
vier Lichter verlangte - verdrlich: Ich knnte es bald wissen, wer die Leiche
sein wird; aber ich will Ihnen, Hr. Kandidat, lieber alles erzhlen aus diesem
Zauberprisma, was Sie mir nicht erzhlen wollen. Er sagte, das Prisma
verschliee die viererlei Wasser, welche man aus den vier Weltecken sammle, man
reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder
Zukunft zu sehen wnsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne
Todesgefahr nicht sagen drfte - daher das Geheimnis immer nur von Sterbenden
mitgeteilet werde oder auch von Selbstmrdern -, alsdann entstehe in den
viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in helle
Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen
oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man es eben gefordert.
    Der Schulmeister Schomaker erhielt sich noch ziemlich gleichgltig und fest
gegen das Prisma, weil er wute, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an.
Van der Harnisch zog seine Taufdecke aus der Tasche und sie sich ber den Kopf
und war darunter rege und leise; endlich hrte man das Wort: Schomakers Stube.
Jetzt warf er sie zurck, starrete erschrocken in das Prisma hinein und
beschrieb laut und eintnig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem
Zlibats-Zimmer war, von einer Druckerpresse an bis auf die Vgel hinter dem
Ofen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin umherlief.
    Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge; als aber
der Seher sagte: Irgendein Geister-Schatte in der leeren Stube hat Ihren
Schlafrock an und spielt Sie nach und legt sich in Ihr Bette - so berlief es
ihn sehr kalt. Das war etwas Gegenwart von Ihnen, sagte der Virtuose; nun
einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu
sehen, ob Sie etwan die diesjhrige Leiche werden.
    Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rck- und Vor-Seherei
entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden
mchten, und fing schon an, im Prisma zu sehen, da der Kandidat als junger
Mensch eine Frhpredigers-Stelle und eine Ehe ausschlug, blo aus 11000
Gewissensskrupeln.
    Der Wirt sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort
Schlgerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine
Vergangenheit zu hren mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den
Ausweg vor, er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermchtnisse
so interessanten Harnischischen Familie geben; Hr. v. d. Harnisch mge dabei ins
Prisma sehen und ihm einhelfen.
    Das hatte der qulende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun miteinander
eine kurze Vor-Geschichte des Testaments-Helden aus, welche man um so lieber im
Vogtlndischen Marmor mit musefahlen Adern - denn so heiet die folgende Nummer
- finden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wohl jeder sehnt, auf den
Helden nher zu stoen, wr's auch nur im Hintergrunde. Der Verfasser wird dabei
die Pflicht beobachten, beide Eutrope zu verschmelzen zu einem Livius und diesen
noch dadurch auszugltten, da er ihm Patavinitten ausstreicht und etwas
Glanzstil an.

               Nr. 5. Vogtlndischer Marmor mit musefahlen Adern


                                 Vorgeschichte

Der Schulthei Harnisch - der Vater des Universalerben - hatte sich in seiner
Jugend schon zum Maurergesellen aufgeschwungen und wre bei seinen Anlagen zu
Mathematik und Stubensitzen - denn er las Sonntage lang drauen im Reiche - weit
gekommen, htt' er sich nicht an einem frohen Marientage in einem Wirtshause in
das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt'
er am andern Morgen aus dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn fest und
darin. Er war unschlssig, sollt er hinausschleichen und sich in der Kche die
Vorderzhne ausschlagen, um keine fr die Patronen zum Regimente zu bringen,
oder sollt' er lieber - denn es konnt' ihn doch die Artillerie als Stckknecht
fassen - vor den Fenstern des Werb- und Wirtshauses einen Dachsschliefer
niedermachen, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte
kantonfrei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebi vor. Allein der erlegte Dachs
machte ihn zwar aus den Werber-Hnden los, aber er bi ihn wie ein Zerberus aus
seiner Gewerkschaft aus.
    Nu, nu, sagte Lukas in seinen Land-Bildern, lieber einen Schlitz in dem
Sumpf aufgerissen als einen in der Wade zugenht. - So sehr floh er, wie ein
Gelehrter, den Wehrstand.
    Damals starb sein Vater, auch Schulthei; er kam nach Hause und war der Erbe
des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwohl seine Krongter in Kron-Schulden
bestanden. In kurzem vermehrte er diese Krongter betrchtlich. Er warf sich mit
Leib und Seele auf das Jus - versa seine kanonischen Stunden an angeborgten
Akten und gekauften Bchern, teilte auf alle Seiten umsonst responsa aus, ganze
Bogen und Tage lang - jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich und
konzipierte und mundierte das Schreiben mit schner gebrochener Fraktur und
schiefer Kurrent, wobei ers noch fr sich selber kopierte - schauete als Schulz
berall nach, lief berall hin und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses
blhte wenigstens das Dorf mehr als seine cker und Wiesen, und das Amt lebte
von ihm, nicht er vom Amte. Er konnte gleich den besten Stdtern, die ein gutes
Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das rmste unterschreiben
(pauperrima domus). Alle verstndige Elterleiner traten darin einander bei, da
er ohne sein hantierendes Weib - eine gesunde Vernunft in corpore -, das an
einem Morgen fr Vieh und Menschen kochte, grasete, mhte, lngst mit dem
Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstabe in der andern htte von
seinem regierenden Haus und Hof ziehen mssen, wovon er eigentlich nur der
Pchter seiner Glubiger war.
    Nur eine Arzenei gabs fr ihn, nmlich den Entschlu, das Haus und dadurch
die Schultheierei wegzugeben. Aber er lie sich ebensogerne kpfen, als er
diese Arzenei nur roch oder einnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft.
    Erstlich war die Dorfschulzenschaft seit undenklichen Zeiten bei seiner
Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset; sein Jus und
Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wute, da im ganzen Dorfe
kein so guter Jurist fr diesen Posten zu finden war als er, wiewohl
Sachverstndige erklrten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu
einem rmischen Kaiser nach der Goldnen Bulle1, nmlich ein gerechter, guter und
brauchbarer Mann. Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter
Jammer ein.
    Elterlein war zweiherrig: am rechten Bachufer lagen die Lehnmnner des
Frsten, am linken die Einsassen des Edelmanus; wiewohl sie einander im gemeinen
Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hieen. Nun lief nach allen
Flurbchern und Grenzrezessen in alten Zeiten die Demarkationslinie, der Bach,
dicht an des Schulzen Hause vorbei. Nachher vernderte der Bach sein Bette oder
ein drrer Sommer nahm ihn gen Himmel; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit
hinbergebaut, da nicht nur ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern
auch eine Stubendecke und, wenn man ihn hinsetzte, ein Krpelstuhl.
    Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie
zugleich seine kameralistische Vorhlle. Mit unsglichem Vergngen sah er oft in
seiner Wohnstube - die an der Wand ein frstlicher Grenz- und Wappenpfahl
abmarkte - sich um und warf publizistische Blicke bald auf landesherrliche, bald
auf ritterschftliche Stubenbretter und Gerechtsame und bedachte, da er nachts
ein Rechter wre - weil er frstlich schlief - und nur am Tage ein Linker, weil
Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Shnen nichts Seltenes, da er
sonntags vor dem Abendessen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und
hastig den Kopf schttelte und dabei murmelte: Mein Haus ist einem redlichen
Iktus2, sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemacht - ein jeder anderer Mann
wrde die besten importantesten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern,
weil er gar nicht der Mann dazu wre - denn er wre in der Sache gar nicht zu
Hause und ich alter verstndiger Iktus soll heraus, solls losschlagen, hre
Vronel? - Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: Nun und
nimmermehr, ohne die Antwort Veronikas, seiner Frau, zu hren.
    Freilich wenn er sich tglich gegen seine Glubiger mehr in die Zitadelle
seines Hauses zurckzog und ihnen dabei wie andere Kommandanten die Vorstdte,
nmlich das Feld, d.h. die Felder rumte und, so gut er konnte, mit dem Hause
zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern
aufschob, statt solchen zu steigern - gleichsam sein schlagendes Herz, den
Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das tat: so hatt' er noch vier von ihm
selber gezeugte Hnde im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Tne
und Mitne wieder stellen sollten; nmlich seine Zwillingsshne.
    Als Veronika mit diesen niederkommen wollte, hielt er, als sei sie eine
sizilianische oder englische Knigin, hinlngliche Geburtszeugen bereit, die
nachher sich in Taufzeugen einteilten.
    Das Kindbette hatt'er ins ritterschaftliche Territorium geschoben, weil es
einen Sohn geben konnte, den man durch diese Bettstelle der Bettstelle den
landesherrlichen Hnden entzog, die ihm eine Soldatenbinde umlegen konnten statt
der schon bestimmten Themisbinde. In der Tat trat auch der Held dieses Werkes,
Peter Gottwalt, ans Licht.
    Aber die Kreiende fuhr fort; der Vater hielt es fr Pflicht und Vorsicht,
das Bette dem Frsten zuzuschieben, damit jeder sein Recht bekomme. Hchstens
gibts ein Mdchen, sagte er, oder was Gott will. Es war keines, sondern das
letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Schomakers bersetzung den Namen
des Bischofs von Karthago unter Geiserich, nmlich Quod Deus vult, oder Vult im
Alltagswesen bekam.
    Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen, Einhegungen und
Teilungs-Traktate gemacht, Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief
und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; spterhin, als beide ein
wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das frstliche
Gebiet durch ein kleines Gitterwerk - das man blo aus Hhner- und andern
Stllen auszuheben brauchte - leicht zugesperrt; und ebenso sprang der wilde
Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- und
ablaufenden Leoparden im Kfig gewann.
    Erst mit langer Mhe und Strenge schaffte Veronika die lcherliche Ab- und
Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere
Hartnckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltsinn gegen das
Lcherlichwerden.
    Bald wurde deutlich, da wissenschaftliche Fcher knftig Gottwalts Fach
sein wrden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, da er
weilockig, dnnarmig, zartstmmig und, wenn er einen ganzen Sommer
Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienwei in solchem Grade war, da der
Vater sagte: einen Stiefel woll' er mit einem Eiwei-Hutchen statt Pfundleder
ebensogut besohlen, als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der
Knabe ein so glubiges, verschmtes, berzartes, frommes, gelehriges,
trumerisches Wesen und war zugleich bis zum Lcherlichen so eckig und
elastischaufspringend, da zum Verdrusse des Vaters - der sich einen Juristen
nachziehen wollte - jedermann im Dorfe, selber der Pfarrer, sagte, er msse, wie
Csar, der erste im Dorfe werden, nmlich der Pfarrer. Denn wie? - fragte man -
Gottwalt, der blauugige Blondin mit aschgrauem Haar und feiner Schneehaut -
wie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden und unter dem groen Triumphator
Carpzov dienen, welcher blo mit seinem Federmesser, wozu er das Themisschwert
ausgeschliffen, an zwanzigtausend Mann niedergehauen? So schickt ihn doch, fuhr
man fort, nur versuchsweise mit einem Gerichtssiegel zu einer blassen Witwe, die
mit gefalteten Hnden auf dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre
Effekten anzeigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Tren
und Schrnke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpetschieren,
vollziehen und seht zu, ob ers kann vor Herzklopfen und Mitleiden! -
    Aber der jngere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, der
schwarzhaarige, pockennarbige, stmmige Spitzbube, der sich mit dem halben Dorfe
rauft und immer umherstreift und ein wahres tragbares thtre aux Italiens ist,
das jede Physiognomie und Stimme nachspielt - dieser ist ein anderer Mensch, dem
gebt Akten unter den Arm oder einen Schppenstuhl unter den Stei. Wenn Walt am
Fastnachtstage in der tanzenden Schulstube den Kandidaten und dessen Geige mit
dem Blein untersttzte und mit nichts hpfte als mit ungemein freudigen
Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer
Groschenflte im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem
Schabernack - Sollen solche Talente nicht fr das Jus benutzt werden, Herr
Schulz? beschlo man - -
    Sie sollens, sagt' er. Also Gottwalt wurde auf die Himmelsleiter gesetzt als
zuknftiger Pfarrer und Konsistorialvogel; Vult aber mute sich die Grubenleiter
in die delphische Rechtshhle zimmern, damit er ein juristischer Steiger wrde,
von welchem der Schulthei alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn
aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silber-Geder
umwunden, es sei nun, da der Sohn Prozesse fr ihn fhrte, oder schwere ihm
ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrat, oder wie es
etwa ginge, oder da er ihm jeden Quatember viel schenkte.
    Allein Vult hatte auerdem, da er bei dem Schulmeister und Kandidaten
Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrliche an sich, da er ewig blies
auf einer Batzenflte, und da er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die
spielende Fltenuhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr als seiner ersten
Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. - Hier sollte Zeit
sein, das Axiom einzuschichten, da berhaupt die Menschen mehr in
Viertelstunden als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die
Stadt und unter das Rekrutenma gefhret (scheines- und ordnunghalber), lief er
mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr
sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb
dann weg.
    Jetzt mute Gottwalt Peter daran, ans Jus. Aber er wollte auf keine Weise.
Da er stets las - was das Volk beten heiet, wie Cicero religio von relegere,
oft lesen, ableitet -, so lief er dem Dorfe schon als Pfarrherrlein durch die
Finger, ja ein Metzger aus Tirol nannte ihn bald den Pfarrbuben, bald den
Pfarrknecht3, weil er in der Tat ein kleiner Kaplan und Kster, nmlich dessen
Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern auf die Kanzel trug, das
Kommunikantentchlein am Altare den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein
den Nachmittagsgottesdienst, wenn Schomaker sich nach Hause geschlichen,
hinausorgelte und ein fleiiger Kirchengnger bei Wochentaufen war. Ja, sah
abends der Pfarrer nach dem Studieren mit Mtze und Pfeife aus dem Fenster, so
hofft' er nicht zurckzubleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und
weien Mtze an seines legte, welche letztere dem Knabengesicht ein zu
altvterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein
Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz
gleichgltigen, arthritischen, steinalten Schneidersfrau einen ordentlichen
Krankenbesuch ab und fing an, aus dem Liede O Ewigkeit, du Freudenwort ihr
vorzulesen? Und mut' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus einstellen,
weil ihn Trnen bermannten, nicht ber die taube, trockne Frau, sondern ber
den Aktus?
    Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, da er eines Abends vor dem
Gerichtsmann - so hr' ich mich lieber nennen als Schulz, sagte Lukas - frei
erklrte, er glaubte, im geistlichen Stande komme man besser fort, besonders
zarte Naturelle.
    Da nun der Kandidat selber nichts geworden war als sein eignes Minus und
seine eigne Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede blo mit
einem hflichen Gemurmel und fhrte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf,
da einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredet habe: Meine
hochzuverehrende Herren Justizminister, Geheime Kabinettsrte, Wirkliche Geheime
Rte, Prsidenten, Finanz-, Staats- und andere Rte und Syndikus, denn man wei
ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird! Er fhrte noch an, im Preuischen
werde die Stunde eines Advokaten auf 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxiert,
und bat, man solle das nur einmal fr ein Jahr ausschlagen - ferner einem
rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei, und er wolle ebensogut ein
Ferkel am eingeseiften Schwanz festhalten als einen Advokaten am jus -(welches
wohl im edlern Stile heien wrde: Kenntnis des Rechts ist die um einen Mann
geschriebene Mnz-Legende und verwehrt das Beschneiden des Stcks) - und Heringe
wie sein Peter Walt wren eben die ganzen Hechte; je dnner der Messerrcken,
desto schrfer die Schneide; und er kenne Iktusse, die durch Nadelhre zu fdeln
waren, die aber ungemein zustachen.
    Wie immer, halfen seine Reden nichts; aber die verstndige Veronika, seine
Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im huslichen Konsistorium immer
als geistliche Rte gegen die weltlichen stimmen, den Sohn aus dem geistlichen
Schafstall in die juristische Fleischscharre treiben; und das blo, weil sie
einmal bei einem Stadtpfarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sie sagte.
    Diese hielt, als sie einst allein mit dem Sohne war, der mehr an ihr als am
Vater hing, ihm blo soviel vor: Mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen,
da du dem Vater folgst; aber hre mich an: das erstemal, wo du predigst, so tue
ich meinen Trauerrock an und die weien Tcher um und gehe in die Kirche und
bcke mich unter der ganzen Predigt wie bei einer Leichenpredigt mit dem Kopfe
nieder und weine, und wenn mich die Weiber fragen, so zeig' ich auf dich. -
Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an, da er weinend nein, nein
schrie womit er das Trauer-Verhllen meinte - und ja, ja zum Advozieren sagte.
    So werden uns die Lebensbahnen, wie die Ideen, vom Zufall angewiesen; nur
das Fort- und Absetzen der einen wie der andern bleibt der Willkr freigestellt.
    Walt erlernte nun, wie Vlker, Sprachen fast von selber. Er warf dadurch den
Vater in ein Freuden-Meer; denn Dorfleute finden, wie die Schulleute, fast blo
auf der Zunge den Unterschied des Lehr- und Nhrstandes. Der Ex-Muerer bauete
daher in einem trocknen Frhjahr ohne allen Widerspruch des toten Dachshundes
und des Gewerks ein eignes Studierstbchen fr seinen Iktus. Dieser
frequentierte das Lyzeum (illustre) Johanneum; darauf wurd' er ins Gymnasium
(illustre) Alexandrinum geschickt; - welches beides niemand war als in
kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein, der Johann Alexander
hie. Anfangs hatte Walt noch mit Vulten, eh' er davongelaufen, die Kleintertia
und darauf die Grotertia sowohl besucht als reprsentiert; aber nachher mut'
er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen, worin er das
Hebrische, das in beiden Klassen die Theologen trieben, wie gewhnlich auch mit
aufschnappte. Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen
unmittelbar als Abiturient abgegangen auf die hohe Schule Leipzig, in welche er
aus Mangel einer hhern so lange tglich ging, als er es vor Hunger aushalten
konnte. Seit Ostern sitzt er bei den Eltern und wird morgen abends zum Notarius
kreieret, um zu leben, beschlo der Kandidat Schomaker die artige Historie.

                              Nr. 6. Kupfernickel


                               Quod Deus Vultiana

Nach dem Ende der Geschichte trat der Fltenist mit grimmigem Gesicht an den
betrbten Schulmeister, fragend: Wret Ihr nicht wert, da ich sogleich ins
Prisma she und Euch darin als lange Leiche antrfe? Wie, Ihr moralischer
Mikrolog, Ihr moralischer esprit de bagatelle, Ihr konntet Euch aus Furcht vor
schtzbaren Weissagungen erfrechen, gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier
bedeutender Brder und Eltern aus dem Laub herauszuziehen? Es soll Euch gereuen,
wenn ich Euch entdecke, da ich kein wahres Wort gesagt und da ich die
Geheimnisse nicht vom Prisma, sondern von dem davongelaufenen Fltenisten Vult
selber erfahren, der ein ganz anderer Mensch ist. Ich habe mit dem Manne im
andern Elterlein, nmlich im Bergstdtlein bei Annaberg, vereint geblasen. Damit
ich aber nach dem bisherigen Weismachen der Gesellschaft glaubhaft werde, so
will ichs ihr so beschwren: ewig verdammt will ich sein, kenn' ich ihn nicht
und habe ich nicht alles von ihm.
    Es war kein Meineid; denn er war ja jener entlaufne Vult selber, aber ein
starker Schelm.
    Der Kandidat nahm alles friedlich hin, weil ihn eine neue Lage, in welche er
sich immer so schnell geworfen fhlte, da er keine Sekunde Zeit zum Ausarbeiten
eines moralischen Modells und Lineals bekam, ber alles abstie. Es gab wenige
Kasuisten und Pastoraltheologen, die er nicht gelesen, sogar den Talmud, blo um
selig zu werden.
    Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen, um, im Falle sie
zufllig der begehrten gleichshe, sofort juristisch und sittlich gesattelt zu
sein, so wie er sich hufig des Mords, der Notzucht und anderer Fraischflle
heimlich aus Spa anklagte, um sich darein zu finden, falls ein Bsewicht
ffentlich dasselbe tte im Ernst.
    Er versetzte daher nur, da er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht
bringen knne als die von Vults Leben, da er den Flchtling unendlich liebe.
So, lebt die Fliege noch? fiel der Wirt ein. Wir hielten sie smtlich fr
krepiert. Wie sah er denn aus, gndiger Herr?
    Sehr wie ich (versetzte Vult und sah bedeutend trinkende Dikasterianten
an), falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht; denn ich knnte wohl
ebensogut eine verkleidete Ritterin d'Eon sein als diese bekannte Frau,
Messieurs, - ob wir gleich davon abbrechen wollen. - Vult selber ist wohl der
artigste Mann und der schnste, ohne es aber zu wissen, dem ich je ins Gesicht
gesehen, nur zu ernst und zu gelehrt, nmlich fr einen Musikus. Sie alle
sollten ihn sehen, das heiet hren. - Und doch so bescheiden, wie schon gesagt.
Der Musikdirektor der Sphrenmusik werd ich doch nie, sagt' er einst, sich
verbeugend die Flte weglegend, und meinte wahrscheinlich Gott. Jeder konnte mit
ihm so frei reden wie mit einem russischen Kaiser, der in Kaiserspracht in die
Kulisse von der Bhne kommt und fhlt, da ihn Kotzebue geschaffen und er
diesen. - Er war herzensgut und voll Liebe, nur aber zu aufgebracht auf
smtliche Menschen. Ich wei, da er Fliegen, die ihn plagten, einen Flgel
auszupfte und sie auf die Stube warf mit den Worten: Kriecht! die Stube ist fr
euch und mich weit genug, indes er gleichwohl mehreren ltlichen Herren ins
Gesicht sagte, sie wren siebenfache Spitzbuben, alte, obwohl in Milch
eingeweichte Heringe, die sich dadurch fr frische gben; inzwischen, setzt' er
sogleich dazu, er hoffe, sie deuteten ihn nicht falsch, und bewies ihnen jede
Artigkeit. - Unsere erste Bekanntschaft machte sich, als er von einer
frstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber
ffentlich so nrrisch vor sich her- und heimtrug, da jede Gasse stutzig wurde,
wodurch er ging. - Ich wollte, er wre mit hier und besuchte die Seinigen. - Ich
habe eine so besondere Liebhaberei fr die Harnische, als meine Namensvettern,
da ich sogar im Leipziger Reichsanzeiger mir ihren Stammbaum und Stammwald
bestimmt ausbat ohne Effekt.
    Jetzt schied er kurz und hflich und ging auf sein Zimmer, nachdem er bei
allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles getan, was er
gewollt. Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorbergehend; - er rckte auf
dem Markte einem bettelnden Judenjungen seinen schlechten Bettel-Stil vor und
zeigte ihm ffentlich, wie er anzuhalten habe - er setzte seinen franzsischen
Pa in keinen deutschen um, blo deshalb, um unter dem Stadttore die smtliche
Torschreiberei dadurch in Zank und Buchstabieren zu verflechten, indes er still
dabei wartete und sagte, er steife sich auf seinen Pa - und am ersten Tage
machte er den Scherz der Zauberschlgerei, von welcher oben der Wirt dem
Kandidaten ins Ohr erzhlt hatte. Er wute nmlich ganz allein in seinem Zimmer
ein solches Kunst-Gerusch zu erregen, da es die vorbergehende Scharwache
hrte und schwur, eine Schlgerei zwischen fnf Mann falle im zweiten Stocke
vor; als sie straffertig hinaufeilte und die Tre aufri, drehte sich Quod Deus
Vult vor dem Rasierspiegel mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um und
fragte, indem er das Messer hoch hielt, verdrlich, ob man etwas suche; - ja
nachts repetierte er die akustische Schlgerei und fuhr die hineinguckende
Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an: Wer Henker steht
drauen und strt die Menschen im ersten Schlafe?
    Dies alles kam daher, da er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab
wenig schtzte, dann Obrigkeit und Hof, etwa Brger aber mehr. Bei einer solchen
in Lustigkeit eingekleideten Verachtung konnt' ers nicht von sich erhalten, sich
den Kleinstdtern, die ihn in seinen glnzenden Tagen unter Grostdtern nicht
gesehen, in diesen berwlkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen; lieber
adelte er sich selber eigenhndig.
    Nach Halau war er nur gekommen, um ein Konzert zu geben, dann nach
Elterlein zu laufen und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen, aber durchaus
ungesehen. Unmglich wars ihm, da er nach einem Dezennium Abwesenheit, worin er
ber so viele europische Stdte wie eine elektrische Korkspinne, ohne zu
spinnen und zu fangen, gesprungen war, wieder vor seinen drftigen Eltern
erscheinen sollte, aber nmlich, o Himmel, als was?
    Als drftiger Querpfeifer in langer Strumpfhose, gelbem Studentenkollet und
grnem Reisehut und mit nichts in der Tasche (wenige Spezies ausgenommen) als
mit einem Spiel gesiegelter Entre-Karten fr knftige Fltenkonzerte? - Nein,
sagt' er, eh' ich das tte, lieber wollt' ich tglich Essig aus Kupfer trinken,
oder eine Fischotter an meiner Brust grosugen, oder eine kantianische Messe
lesen oder hren, eine Ostermesse. Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen
Vater endlich zu berwltigen hoffen konnte durch einige Musik-Stunden und durch
Erzhlungen aus fremden Lndern: so blieb doch die unbestechliche Mutter
unverndert brig mit ihren kalten hellen Augen, mit ihren eindringenden Fragen,
die seine Vergangenheit samt seiner Zukunft unerbittlich zergliederten.
    Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm
verndert - aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberflche und eine
bewegte Tiefe in das seinige hinauf. - Walts Liebe gegen ihn hatt' ihn
ordentlich angegriffen - dessen poetische Morgensonne wollt' er ganz nahe
besehen und drehen und an ihre Achse Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und
Wrme-Messer anlegen- Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht - -
Kurz, Vult konnte kaum den knftigen Tag erwarten, um nach Elterlein zu laufen,
heimlich Walts Notariats-Examen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende
sich dem Bruder zu entdecken, wenn ers verdiente. Mit welcher Ungeduld der
gegenwrtige Schreiber auf den offiziellen, den Helden endlich aus seinen tiefen
Spiegeln hervorziehenden Bericht des folgenden Kapitels mag gepasset haben,
ermesse die Welt aus ihrer.

                               Nr. 7. Violenstein


                      Kindheits-Drfchen - der groe Mann

Vult van der Harnisch reisete aus der Halauer Vorstadt nach Elterlein aus, als
die halbe Sonne noch frisch und waagrecht ber die tauige Fluren-Welt
hinblitzte. Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten; er fand
hnlichkeiten und dachte, er sei unter den vieren der Zwilling, der am strksten
glhe, des gleichen der zweite Krebs. In der Tat hatte schon in der Bergstadt
Elterlein bei Annaberg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf
angefangen und zugenommen auf allen Gassen; schon ein gleichnamiger Mensch,
wieviel mehr ein gleichnamiger Ort drngt sich warm ins Herz. Auf der lebendigen
Halauer Strae - die ein verlngerter Markt schien - nahm er seine Flte heraus
und warf allen Passagiers durch Fltenanstze Konzertanstze entgegen und nach,
schnappte aber hufig in guten Koloraturen und in bsen Dissonanzen ab und
suchte sein Schnupftuch oder sah sich ruhig um. Die Landschaft stieg bald rstig
auf und ab, bald zerlief sie in ein breites ebenes Grasmeer, worin Kornfluren
und Raine die Wellen vorstellten und Baumklumpen die Schiffe. Rechts in Osten
lief wie eine hohe Nebelkste die ferne Bergkette von Pestitz mit, links in
Abend flo die Welt eben hinab, gleichsam den Abendrten nach.
    Da Vult erst nachts anzulangen brauchte, so hielt er sich berall auf. Seine
Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemhten Wiesen, eine Linnische
Blumenuhr aus Gras: stehendes zeigte auf 4 Uhr morgens - liegendes auf 5 bis 7 -
zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 Uhr - Hgel aus Heu auf 3 - Berge auf
den Abend. Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeitsidylle an diesem Tag
zum erstenmal, so sehr hatten bisher die langen Fureisen das bersttigte Auge
blind gemacht.
    Eben da der Hgel in dieser Sanduhr am hchsten anlief: so zogen sich die
Kirsch- und Apfelbume wie die Abend-Schatten lang dahin - runde grne
Obstfolgen wurden hufiger - in einem Tale lief schon als dunkle Linie das
Bchlein, das durch Elterlein hpft - vor ihm grnte auf einem Hgel, von der
Abendsonne golden durchschlagen, das runde dnne Fichtengehlz, woraus die
Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf
hinuntersah.
    Er lief ins Gehlz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein, fr ihn eine
Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus, und der
Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, da ihm war,
als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schner luteten ihn
die Viehglocken in ein Rosenfest.
    Die einzelnen rotweien Huser schwankten durch die besonnten Baumstmme.
Endlich sah er drauen das traute Elterlein dem Hgel zu Fen liegen - ihm
gegenber standen die Glocken des weien Schieferturms und die Fahne des
Maienbaums und das hohe Schlo auf dem runden Wall voll Bume - unten liefen die
Poststraen und der Bach breit durchs offne Dorf - auf beiden Seiten standen die
Huser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstmmen - um das Drfchen
schlang sich ein Lustlager von Heu-Hgeln wie von Zelten und von Wagen und
Leuten herum, und ber dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rbsenflchen fr
Bienen und l heiter dem Auge entgegen.
    Als er von diesem Grenzhgel des Gelobten Kinderlandes hinunterstieg, hrt'
er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen: Leute, Leute,
sponselt doch euer Vieh; hab ichs nicht schon so millionenmal anbefohlen? -
Bube, sage zu Hause, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesumt mit zwei
Mann gefront, auf der Klosterwiese. Es war sein Vater; der mattugige,
schmchtige, bleichfarbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heu-Tag noch einige
weie Farbenkrner mehr geset) schritt mit einer leuchtenden Sense auf der
Achsel aus den Rainen in die Strae herein. Vult mute umblicken, um nicht
erblickt zu werden, und lie den Vater voraus. Dann fiel er ihm mit einigen
klingenden Paradiesen der Flte, und zwar - weil er wute, wie ihm Chorale
schmeckten - mit diesen in den Rcken.
    Lukas schritt noch trger fort, um lnger zurckzuhren - und die ganze Welt
war hbsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weien Zhnen setzten die
Grassicheln an die Augenbraunen, um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet
zu sehen - die Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandel-Glckchen auf beiden Seiten
mit - Lukas schneuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein
ungesponseltes Weide-Pferd nur ernsthaft an - aus den Schornsteinen des
Schlosses und Pfarrhauses und des vterlichen hoben sich vergoldete Rauchsulen
ins windstille khle Blau -
    Und so kam Vult ins berschattete Elterlein hinab, wo er das nrrische
verhllte trumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angehoben, und
wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch
nicht hatte zu krmmen gebraucht.
    Im Dorfe war das Alte das Alte. Das groe Haus der Eltern stand jenseits des
Bachs unverndert mit der weien Jahreszahl 1784 auf dem Dach-Schiefer da. - Er
lehnte sich mit dem Fltenliede: Wer nur den lieben Gott lt walten an den
glatten Maienbaum und blies ins Gebetluten hinein. Der Vater ging, sehr langsam
unter dem Scheine des Umsehens, ber den Bachsteg in sein Haus und henkte die
Sense an den hlzernen Pflock an der Treppe. Die rstige Mutter trat aus der
Tre in einem Manus-Wamse und schttete, ohne aufs Flten zu hren, das
abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel, und beide sagten zueinander
- wie Land-Gatten pflegen - nichts.
    Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus. Von dem Wirte erfuhr er, da der
Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die
Notariusmacherei erst abends angehe. Trefflich, dachte Vult, so wirds immer
dunkler, und ich stelle mich ans Backofenfenster und sehe ihrem Kreieren drinnen
zu. Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer groblumigen Damastweste
an die Tre heraus und wetzte in Hemdrmeln an der Schwelle das Messer fr das
Souper des Notarius-Schpfers ab. Aber das Prschlein solls auch nicht
herausreien, setzte der Wirt hinzu, der ein Linker war; der Alte hat mir
seine schne Branntweinsgerechtigkeit verkauft, und der Sohn hat von der Blase
studiert. Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheuten
Schenkwirt; sapperment! dem wrden Biergste zufliegen, der Bierhahn wre Hahn
im Korbe, aber ganz natrlich. Denn die Stube hat zweierlei Grenzen, und man
knnte darin zuprgeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann.
    Vult nahm keinen so spahaften Anteil am Wirte, als er sonst getan htte; er
erstaunte ganz, da er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach
Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter hineingeraten war, was doch,
sagt' er, auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen. Es war ihm
erwnscht, da ihn der Wirt beim rmel ergriff, um ihm den Pfalzgrafen zu
zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt ging; Vult eilte aus
seinem, um drben alles zu sehen.
    Drauen fand er das Dorf so voll Dmmerung, da ihm war, als steck' er
selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit, und die ltesten Gefhle flatterten
unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben
Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er
machte einen Bogen-Umweg durch ferne Bauernhfe, um hinter den Grten dem Hause
in den Rcken zu kommen. Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die
breite zweiherrige Grenzstube - keine Seele war darin, die einer schreienden
Grille ausgenommen, Tren und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein
der Ewigkeit gehauen: der rote Tisch, die roten Wandbnke, die runden Lffel in
der hlzernen Wand-Leiste, um den Ofen das Trocken- der tiefe Stubenbalken mit
herunterhngenden Kalendern und Herings-Kpfen, alles war ber das Meer der
langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herbergefhrt, auch die alte
Drftigkeit.
    Er wollte am Fenster lnger empfinden, als er ber sich Leute hrte und am
Apfelbaum den Lichtschimmer der obern Stube erblickte. Er lief auf den Baum,
woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die Stube hinein
und hatte das ganze Nest.
    Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weien Kchenschrze stehend,
eine starke, etwas breite, gesund nachblhende Frau, das stille, scharfe, aber
hfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt - dieser ruhig sitzend und an
seinem breiten Kopfe das Nabel-Gehenke eines Pfeifenkopfes befestigend - der
Vater gepudert und im heiligen Abendmahls-Rock unruhig laufend, halb aus
achtender Angst vor dem groen eingefleischten corpus juris neben ihm, das gegen
Frsten und alle Welt geradeso keck war als er selber scheu, halb aus sorgender,
das corpus nehm' es bel, da Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und
Vulten am nchsten war, sa Goldine, eine bildschne, aber bucklige Jdin, auf
ihr rotes Knul niedersehend, woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf
strickte; Veronika ernhrte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil
Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hie, der
Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen.
    Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt, versetzte Lukas, als der
Fiskal unwillig erzhlte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige
des sel. van der Kabels seine ihm zu zeigen gewut, sondern ihm einen Fronbauern
Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben. Vom erfreulichen
Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt.
    Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein, verbeugte sich eckig
und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und helle Freuden-Trnen liefen aus
den blauen Augen ber sein glhendes Gesicht.
    Was ist dir? fragte die Mutter. O meine liebe Mutter (sagt' er sanft),
gar nichts. Ich kann mich gleich examinieren lassen.
    - Und dazu heulst du? fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton:
Vater, ich habe, sagte er, heute einen groen Mann gesehen. - So?
versetzte Lukas khl - Und hast dich vom groen Kerl wamsen lassen und
zudecken? Gut!
    Ach Gott, rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so
dem Examinator mit zu erzhlen. Er hatte nmlich oben im Fichtenwldchen eine
haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldbgel einen bejahrten Mann mit
kranken Augen, der die schne Gegend im Sonnenuntergange ansah. Gottwalt
erkannte leicht zwischen dem Manne und dem Kupferstiche eines groen deutschen
Schriftstellers - dessen deutscher Name hier blo griechisch bersetzt werde, in
den des Plato - die hnlichkeit. Ich tat, fuhr er feurig fort, meinen Hut ab,
sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzckung und Liebe weinen mute. Htt'
er mich angefahren, so htte ich doch mit seinem Bedienten ber ihn viel
gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft und redete mit der sesten
Stimme mich an, ja er fragte nach mir und meinem Leben, ihr Eltern; ich wollt',
ich htt' ein lngeres gehabt' um es ihm aufzutun. Aber ich macht' es ganz kurz,
um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie se Bienen, flogen dann von seinen
Blumen-Lippen, sie stachen mein Herz mit Amors-Pfeilen wund, sie fllten wieder
die Wunden mit Honig aus: O der Liebliche! Ich fhlt' es ordentlich, wie er Gott
liebt und jedes Kind. Ach ich mcht' ihn wohl heimlich sehen, wenn er betete,
und auch, wenn er selber weinen mte in einem groen Glck. - Ich fahre
sogleich fort, unterbrach sich Walt, weil er vor Rhrung nicht fortfahren
konnte; bezwang sie aber etwas leichter, als er umhersah und gar keine
sonderliche Fremde fand.
    Er sagte, fuhr er fort, die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der
Natur wie die Orakel die Antwort, eh die Frage getan ist - desgleichen, Goldine:
was uns Schwefelregen der Strafe und Hlle deucht, offenbart sich zuletzt als
bloer gelber Blumenstaub eines zuknftigen Flors. Und einen sehr guten
Ausspruch hab' ich ganz vergessen, weil ich meine Augen zu sehr auf seine
richtete. Ja da war die Welt ringsumher voll Zauberspiegel gestellt, und berall
stand eine Sonne, und auf der Erde gab es fr mich keine Schmerzen als die
seiner lieben Augen. Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war
ich, den Polymeter: Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o
Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne. Dann nahm er meine
Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mute ihm unser Dorf zeigen; da
sagt' ich khn den Polymeter: Sehet, wie sich alles schn verkehrt, die Sonne
folgt der Sonnenblume. Da sagt' er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der
sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie,
scherzte aber artig ber ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewhne;
Gefhle, sagt' er, sind Sterne, die blo bei hellem Himmel leiten, aber die
Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner fhrt, wenn jene auch
verborgen sind und nicht mehr leuchten. So mag gewi der letzte Satz geheien
haben; denn ich hrte nur den ersten, weil es mich erschreckte, da er an den
Wagen ging und scheiden wollte.
    Da sah er mich sehr freundlich an, gleichsam zum Troste, da mir war, als
klngen aus den Abendrten Fltentne.
    Ich blies in die Rten hinein, sagte Vult, war aber etwas bewegt.
    Ja endlich, glaubt mirs, Eltern, drckt' er mich an seine Brust und an den
lieblichen Mund, und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin.
    Und, fragte der alte Lukas, der bisher, zumal wegen Platos vornehmen
Amtsnamen, jede Minute gewrtig gewesen, da der Sohn einen betrchtlichen
Beutel vorzge, den ihm der groe Mann in die Hand gedrckt, er ist weggefahren
und hat dir keinen Pfennig geschenkt? - O wie denn das, Vater? fragte Walt.
Ihr kennt ja sein weiches Gemt, sagte die Mutter. Ich kenne diesen
Skribenten nicht, sagte der Pfalzgraf; aber ich dchte, statt solcher leerer
Historien, die zu nichts fhren, fingen wir einmal das Examen an, das ich
anstellen mu, eh' ich jemand zum Notarius kreieren will.
    Hier steh' ich, sagte Walt, im Schanzlooper hin-und von Goldinen
wegfahrend, deren Hand er fr ihre Teilnahme an seiner Seligkeit ffentlich
genommen hatte.

                               Nr. 8. Koboldblte


                              Das Notariatsexamen

Wie heiet Herr Notariand? fing Knoll an - Alles war nmlich so, erstlich, da
Knoll als ein zusammengewachsenes, verknchertes Revolutionstribunal das
Vorhngschlo des Pfeifen-Kopfes am eignen hatte und zu allem sa - ferner, da
Lukas seinen auf zwei Ellenbogen wie auf Karyatiden gesttzten Kopf auf den
Tisch setzte, jeder Frage nachsinnend, eine Stellung, die seine matten grauen
Augen und sein blutloses Gelehrtengesicht, zumal unter dem Leichenpuder auf der
gebrunten Haut, sehr ins nahe Licht setzte, so wie seinen ewigen regnerischen
Feldzug gegen das Geschick - ferner, da Veronika dicht neben dem Sohne, mit den
Hnden auf dem Magen betend, stand und das stille Weiberauge, das in die
nrrischen Arbeits-Logen der Mnner dringen will, zwischen Examinator und
Examinanden hin und wieder gleiten lie - und zuletzt, da Vult mit seinen
leisen Flchen zwischen den unreifen Pelzpfeln sa und neben ihm - da ja alle
Leser durch ein Fenster in die Stube sehen - auf den benachbarten sten
smtliche 10 deutsche Reichs- und Lese-Kreise oder Lesezirkel; so viele tausend
Leser und Seelen von jedem Stande, was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume
lcherlich genug wird. - - Alles ist in der grten Erwartung ber den Ablauf
des Examens, Knoll in der allergrten, weil er nicht wute, ob nicht vielleicht
manche mgliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Artikeln des
Testaments auf mehrere Monate zurckschben oder sonst beschdigten.
    Wie heiet Hr. Notariand? fing er bekanntlich an.
    Peter Gottwalt, versetzte der sonst blde Walt auffallend frei und laut. -
Der geliebte entflogne Gttermensch hob noch seine Brust; nach einem solchen
Anblicke werden, wie in der ersten Liebe, uns alle Menschen zwar nher und
lieber, aber kleiner. Er dachte mehr an Plato als an Knoll und sich und trumte
sich blo in die Stunde, wo er recht lange darber mit Goldinen sprechen knnte.
Peter Gottwalt, hatt' er geantwortet.
    Harnisch mu noch bei, sagte sein Vater.
    Dessen selben Eltern und Wohnort? fragte Knoll -
    Walt hatte die besten Antworten bei der Hand.
    Ist Hr. Harnisch ehelich geboren? fragte Knoll -
    Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten. Das Taufzeugnis ist gelset,
sagte der Schulz. Es ist nur um Ordnung willen, sagte Knoll und fragte weiter:
    Wie alt?
    So alt als mein Bruder Vult (sagte Walt), vierundzwanzig -
    Jahre nmlich, sagte der Vater.
    Was Religion? - Wo studiert? usw.
    Gute Antworten fehlten nicht.
    Wen hat Hr. Harnisch von den Kontrakten gelesen? - Wie viele Personen sind
zu einem Gerichte erforderlich? - Wieviel wesentliche Stcke gehren zu einem
ordentlichen Prozesse? Der Notariand nannte sehr ntige, schlug aber die
Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. Nein, Herr, 13 sinds schon nach Beieri
Volkmanno emendato, sagte der Pfalzgraf heftig.
    Hat man Kaiser Maximilians Notariats-Ordnung von anno 1512 zu Cln
aufgerichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen? fragt' er weiter.
    Sauberer und eigenhndiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich, Hr.
Hofpfalzgraf! sagte der Schulz.
    Was sind Lytae? fragte Knoll.
    Lytae oder litones oder Leute (antwortete freudig Walt, und Knoll rauchte
ruhig zu seiner Vermengung fort) waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch
ein Drittel Eigentum besaen und daher Kontrakte schlieen konnten.
    Eine Zitation dazu! sagte der Pfalzgraf.
    Mser, versetzte Walt.
    Sehr wohl, antwortete der Fiskal spt und rckte die Pfeife in die Ecke
des formlosen Mundes, der nun einer aufgeschlitzten Wunde glich, die man ihm ins
Siberien des Lebens mitgegeben, sehr wohl! Aber lytae sind sehr verschieden von
litonibus; lytae sind die jungen Juristen, die zu Justinianus' Zeiten im vierten
Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten4; und die Antwort war
eine Ignoranz.
    Gottwalt antwortete gutmtig: Wahrhaftig, das hab' ich nicht gewut.
    So wird man wohl auch nicht wissen, was auf den Strmpfen, die der Kaiser
bei der Krnung in Frankfurt anhat, steht? - Ein Zwickel, Gottwalt,
soufflierte hinter ihm Goldine. Natrlich, fuhr Knoll fort; Hr. Tychsen hat
es uns folgendergestalt ins Deutsche bersetzt aus dem arabischen Texte: ein
prchtiges knigliches Strumpfband. - Darber, ber den Text und bersetzer der
Strmpfe, fuhr das Mdchen in ein freies Gelchter aus; aber Vater und Sohn
nickten ehrerbietig.
    Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlcherten Fischwaage des Examens blde
und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgraf ans Kreieren. Er sprach mit der
Pfeife und auf dem Sessel Walten den Notariats-Eid auswendig zum Erstaunen aller
vor; und Walt sagte ihn mit gerhrter Stimme nach. Der Vater nahm die Mtze ab;
Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen
ernst; denn der Meineid ist die Snde gegen den Hl. Geist, weil er mit der
hchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen
Gesetzes begangen wird.
    Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar
ausgeschaffen. Dinte, Feder und Papier wurden ihm von Knollen berreicht und
dabei gesagt, man investiere ihn hiemit. Ein goldner Ring wurde seinem Finger
angesteckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Comes palatinus
ein rundes Kppchen (Barettlein hie ers) aus der Tasche und setzte es dem
Notarius mit dem Beifgen auf den Kopf, ebenso ohne Falten und rund sollen seine
Notarien-Hndel sein.
    Goldine rief ihm zu, sich umzudrehen; er drehte ihr und Vulten ein Paar
groe blaue unschuldige Augen zu, eine hochgewlbte Stirne und ein einfaches
beseeltes durchsichtiges, mehr von der innern als von der uern Welt
ausgebildetes Gesicht mit einem feinen Munde, welches auf einem etwas schiefen
Torso stand, der wieder seinerseits auf eingeklappten Knie-Winkeln ruhte; aber
Goldinen kam er lcherlich und dem Bruder wie ein rhrendes Lustspiel vor und im
Schanzlooper wie ein Meistersnger aus Nrnberg. Noch wurd' sein Notariatssignet
und das in Halau verfate Diplom dieser Wrde bergeben; - und so hatte Knoll
in seiner Glashtte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen -
oder blo in einer andern Metapher, er brachte aus dem Backofen einen
ausgebacknen offnen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus.
    Hierauf ging dieser zum Vater und sagte gerhrt mit Hndedrcken:
Wahrhaftig, Vater, Ihr sollet sehen, welche Wogen auch..... Mehr konnt' er
nicht vor Rhrung oder Bescheidenheit sagen. Konsideriere besonders, Peter, da
du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten absonderlich derer Hospitler
und anderer notdrftiger Personen Sachen, desgleichen gemeine Wege befrdern zu
helfen. - Du weit, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den
notdrftigen Personen bist du die allererste. - Nein, ich will die letzte
sein, versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen
Papier-Wickel - denn die Menschen versilbern, sozusagen, die Pille des rohen
Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden
Eigennutzes, und zweitens, um es zu verstecken, wenn es zu wenig sein sollte -;
der Vater drckt' es hflich in die fiskalische lang gedehnte haarige Hand mit
den Worten: Pro rata, Hr. Hoffiskalis! Es ist das Schwanz-Geld von unserer Kuh
und etwas darber. - Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in
der Stadt. - Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns
abgekauft. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der
Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der
anfangs von nichts lebte. - Sei nur besonders vigilant, Peter, denn sobald der
Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt -
    Ein Notarius, fing heiter Knoll unter dem Geld-Einstecken an und hielt die
Pfeife lange ans Licht, eh' er fortfuhr, ist zwar nichts Sonderliches, im
Reiche seynd viel' nmlich Notarii, sagt der Reichs-Abschied von 15000 Art. XIV,
wiewohl ich selber meines Orts nur Notarien machen kann, und doch kein
Instrument.
    Wie mancher Pfalzgraf und mancher Vater, sagte leise Goldine, keine
Gedichte, aber doch einen Dichter. -
    Indes ist in Halau, fuhr er fort, so oft bald ein Testament, bald ein
Interrogatorium, bald ein Vidimus, zuweilen, aber hchst selten eine donatio
inter vivos zu machen; falls nun der junge Mensch advoziert -
    Das mu mein Peter, sagte Lukas -
    - Falls ers aber, fuhr er fort, recht macht, anfangs schlechte,
zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt, weil groe Advokaten sie von der Hand
weisen, letztere hufig konsultiert, sich windet und bckt und dreht
    So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Mhle werden, der sein Vater
ist, ja eine ganze Mhlwelle; er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit
ein betrchtliches Stck Geld zufertigen, sagte der Vater -
    O meine Eltern, wenn ich das einmal knnte! sagte leise Walt entzckt.
    O Gott, steh' mir bei, sagte Lukas zornig, wer denn sonst? Etwan dein
Spitzbube, dein Landlufer und Querpfeifer, der Vult?
    Dieser schwur auf seinem Baume, vor einem solchen Vater sich ewig zu
verkappen.
    Falls nun, fuhr Knoll lauter und unwillig ber das Stren fort, der junge
Anfnger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist, sondern ein Mensch, der blo
im juristischen Fache lebt und webt, wie hier sein vernnftiger Vater, der
vielleicht mehr vom Jus versteht....
    Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten: Hr. Hoffiskalis! Peter hat seines
Vaters Sinn nicht; mich htte man jura lassen sollen. Gott! ich hatte Gaben und
mein Pferdgedchtnis und Sitzfleisch. - Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann,
der nicht zugleich ein Zivilist - ein Kameralist - ein Kriminalist - ein
Feudalist - ein Kanolist - ein Publist ist, so weit er kann. Lngst htt' ich
dieses mein Amt niedergelegt - denn was zieh' ich weiter davon als jhrlich drei
Scheffel Besoldung und die Fakanne und viel Versumnis und Verdrlichkeit -,
wr' im ganzen Dorf ein Mensch zu haben, ders wieder nhme und scharmant
vershe. Wo sind denn die vielen Schulzen hierzulande, die vier
Schulzenordnungen im Hause haben wie ich, nmlich die alte gothaische, die
kurschsische, die wrttembergische und die haarhaarische? - Und setz' ich nicht
in jede Bcherlotterie und erstehe die gescheutesten Sachen, unter andern: Julii
Bernhards von Rohr vollstndiges Haushaltungs-Recht, in welchem die ntzlichsten
Rechtslehren, welche sowohl bei den Landgtern berhaupt, derselben Kauffung,
Verkauffung und Verpachtung, als insonderheit bei dem Ackerbau, Grtnerei etc.
etc. und andern konomischen Materien vorkommen, der gesunden Vernunft, denen
rmisch- und teutschen Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden, allen
denenjenigen, so Landgter besitzen, oder dieselben zu administriren haben,
hchst ntzlich und ohnentbehrlich. Die andere Auflage. Leipzig, 1738 verlegts
J. Ch. Martini, Buchhndler in der Grimmischen Strae. Es macht aber zwei Bnde,
sehen Sie! - Ich habe sie selber, sagte Knoll. Nun wohl! (schlo der Vater
daraus weiter fort) Mu ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmied die Taschen
schon im Schurzfell bei der Hand haben, nicht erst in den Hosen? O du lieber
Gott, Hr. Fiskalis, wo zu pfnden ist - zu taxieren - zu einquartieren -
mndlich und schriftlich Unzhliges anzuzeigen - wo Krnze um Brunnen zu machen,
Zigeuner aus dem Lande zu jagen, auf Straen und Feuerschau zu schauen - wo in
Drfern Pesten, Exzesse, Spitzbbereien sind; - da ist ja ein Gerichtsmann der
erste dabei und zeigt die Sachen an, sowohl bei lblicher Landeshauptmannschaft
als, wenn der Fall, bei der Ritterschaft. Was Wetter! da kann er nicht wie eine
Kanzeluhr die Woche nur einmal gehen, Tag fr Tag luft er zum grten Schaden
seiner Wirtschaft in alle Lcher - in alle Felder und Wlder - in alle Huser
und nachher in die Stadt und rapportierts mndlich, worauf ers schriftlich aus
der Tasche zieht. Es sollen mir Pferdner und Anspnner oder Hintersttler
hertreten und sagen: Lukas, lasse die Flausen! Du bist auch da und da fahrlssig
gewesen! O solche groe Verleumder, sehen sie denn nicht, da ich mich darber
klaftertief in Schulden stecke, und wre knftig der Notarius und Tabellio
nicht....
    Hr einmal auf, Gerichtsmann, sagte Veronika und wandte sich an den
Fiskal, dessen Schuldner ihr Mann war - Hr. Fiskal, er sagt das nur so, um
etwas zu sagen. Begehren Sie nichts? Und ich habe nachher eine groe Frage zu
tun.
    Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt, da in seiner Ehe-Sonatine die
linke Hand, die Frau, weit ber die rechte heraufgriff in die hchsten Tne zum
harmonischen Vorteil.
    Er schnapse gern vor dem Essen, versetzte Knoll zu Walts Erstaunen ber ein
solches Postillions-Zeitwort von einem Stadt- und Hofmann.
    Die Mutter ging und brachte in der einen Hand das Extrapost-Blut und
Elementarfeuer, aber in der andern ein dickes Manuskript. Walt nahm es ihr
blutrot weg. Goldinens Augen schimmerten entzckt. Du mut aus dem Liederbuch
lesen, sagte die Mutter, der gelehrte Herr sollen sagen, ob es taugt. Hr.
Kandidat Schomaker will es sehr loben.
    Und ich lob' es wirklich, sagte Goldine. Da trat der Kandidat selber
herein, warf sich blo vor dem Fiskale krumm und salutierte mit blitzenden
Augen. Er sah aus allen, da die Freuden-Post des Testaments noch nicht in der
Stube erschollen war. Sehr spt, sagte Lukas, der exzellente Aktus ist ganz
vorbei. Ausfhrlich beteuerte der Kandidat, er sei erst gegen Vesperzeit aus
der Stadt gekommen; ich steh' auch, sagte er und sah gern den Schulzen an,
vergngt, da er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn wie Knoll
beschauen mute, schon seit einer geraumen Vierteil-Stunde unten im Hofe, habe
mich aber vor fnf Gnsen, welche vor der Tre Flgel und Schnabel gegen mich
aufgemachet, nicht hereingetraut. - Nein, sechs warens, sagte die satirische
Jdin. Oder auch sechs, versetzte er; genung, eine ist genung, wie ich
gelesen, um einen Menschen durch einen wtigen Bi ganz toll und wasserscheu zu
machen.
    Ah a! wandt' er sich zu Walten (mehr franzsisch konnt er nicht), Ihre
Polymeter! - Was sinds? fragte Knoll trinkend. Herr Graf (sagte Schomaker
und lie die Pfalz weg), in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten,
meines Schlers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen
einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlngert, seiten-,
bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter.
    Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den pfeln. Walt stellte sich endlich mit
dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogenstirn und seiner geraden Nase vor
das Licht - bltterte ber alle Beschreibung lange und blde nach dem Frontispiz
seines Musentempels - der Kandidat tat mit der einen Hand in der Weste, mit der
andern in der Hose drei Streck-Schritte nach Vults Fenster, um hinaus zu -
spucken. Stotternd, aber mit schreiender ungebildeter Stimme fing der Dichter
an:

                             Nr. 9. Schwefelblumen


                                  Streckverse

Ich wei nicht, ich finde jetzt kein rechtes Gedicht, ich mu auf Geratewohl
ausheben:

                       Der Widerschein des Vesuvs im Meer

Seht, wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne, rote Strme wlzen sich
schwer um den Berg der Tiefe und fressen die schnen Grten. Aber unversehrt
gleiten wir ber die khlen Flammen, und unsere Bilder lcheln aus brennender
Woge. Das sagte der Schiffer erfreut und blickte besorgt nach dem donnernden
Berg auf. Aber ich sagte: Siehe, so trgt die Muse leicht im ewigen Spiegel den
schweren Jammer der Welt, und die Unglcklichen blicken hinein, aber auch sie
erfreuet der Schmerz.

                                       *

Was weint denn der wunderliche Mensch, da er ja alles sich selber ausgesonnen?
rief Lukas. Weil er selig ist, sagte Goldine, ohne es zu treffen; es war blo
das Weinen der Bewegung, die weder eine entzckte noch betrbte, sondern nur
eine Bewegung zu sein braucht. Er las jetzt:

                          Der Kindersarg in den Armen

Wie schn, nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt, auch die Wiege.

                                   Die Kinder

Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nchsten.

                          Der Tod unter dem Erdbeben5

Der Jngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie
schlief der Himmel und die Erde war leise - die Vgel schwiegen - der Zephyr
schlummerte in den Rosen ihres Haars und rckte kein Lckchen. Aber das Meer
stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Herden heran. Aphrodite, betete der
Jngling, du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, und die Erde ist
furchtsam, erhre mich, herrliche Gttin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner
Geliebten. Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fu der heilige Boden, die
Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Tore sprangen ihm auf.
- Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jngling stand
bei ihr, denn die Gttin hatte sein Gebet gehrt.

                                       *

Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel, seine sonst leicht zufallende
Seele stand weit den Musen offen: Liebes Gottwltlein! du allein sollst mich
kennenlernen; ja bei Gott, das geht an, das mu er mit ausfhren - Himmel! wie
wird der blde gttliche Narr erstaunen, wenn ichs ihm vorlege, sagte er und
hatte einen neugebornen Plan im Sinne.

Ich sollte meynen (sagte Schomaker), da er die Auktoren der Anthologie nicht
ohne Nutz unter mir studieret.

Da Knoll nicht antwortete, sagte der Vater: Lies weiter! Mit schwcherer
Stimme las Walt:

                      Bei einem brennenden Theatervorhang

Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt
verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und
dampfend erscheint die Bhne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der
Liebe, aber nie sink' er als feurige Asche auf immer darnieder.

                               Die nchste Sonne

Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit
Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du
sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug auf,
so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister!

                             Der Tod eines Bettlers

Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und sthnte sehr im
Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis aus einem bsen Traum aufzuwecken,
damit den matten Busen nicht die Nacht noch drcke. Der Bettler wurde nicht
wach, aber ein Schimmer flog ber das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war
jetzt gestorben; denn Gott hatt' ihn aus einem lngern Traum aufgeweckt.

                               Die alten Menschen

Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber
sie zeigen alle nach Morgen.


                            Der Schlssel zum Sarge

O schnstes, liebstes Kind, fest hinuntergesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig
halt' ich den Schlssel deiner Htte, und niemals, niemals tut er sie auf! - Da
zog vor der jammernden Mutter die Tochter blhend und glnzend die Sterne hinan
und rief herunter: Mutter, wirf den Schlssel weg, ich bin droben und nicht
drunten!

                               Nr. 10. Stinkholz


                       Das Kapaunengefecht der Prosaisten

O Himmel, wr's nur morgen, Brderlein! Es ist verdammt, man sollte nie passen
mssen, sagte Vult. - Ich habe genug, sagte Knoll, der bisher die eine
Tabakswolke gerade so gro und so langsam geschaffen hatte wie die andere. -
Ich meines Parts, sagte Lukas, kann mir nichts Rechts daraus nehmen, und den
Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her. - Fromme und traurige
Sachen stehen wohl darin, sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch
in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst, und auen vor der Wolke stehe, kam es
ihm vor, der ferne Plato als Sonnenball und durchglhe sie. Der Kandidat
Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen. Aus
religiser Freiheit glaubte er berall zu sndigen, wo er eilen sollte und
wagen. Daher hatt' er nicht den chirurgischen Mut, seine Schulkinder ordentlich
zu prgeln - er ngstigte sich vor mglichen Frakturen, Wundfiebern und
dergleichen -, sondern er suchte sie von weitem zu zchtigen, indem er in einer
Nebenkammer dem Zchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt.
    Meine Meinung, fing Knoll mit bsem Niederzug seiner schwarzwaldigen
Augenbraunen an, ist ganz kurz diese: Dergleichen ist wahrlich rechter
Zeitverderb. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch
gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und
schmeichl' ich mir nicht - etwas andere als diese. Ja als comes palatinus
kreier' ich ja eigenhndig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen.
Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu tun und genug zu leben
haben, knnen in der Tat Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber
nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes solides Fach hat und einen
vernnftigen Juristen vorstellen will - der soll es verachten, besonders Verse
ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich tausend in einer Stunde hecke, wenns
sein mu߫
    Vult geno still den Gedanken, da er in Halau schon Zeit und Ort finden
werde, dem Pfalzgrafen durch l ins Feuer und durch Wasser ins brennende l zur
Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen. - Und doch konnt' ers vor
Zorn kaum aushalten, wenn er bedachte, da der Kandidat und der Pfalzgraf so
lange dastanden, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Htt' er sehen und
schreiben knnen, er htte einen Stein mit einem Rapport-Wickel als sanfte
Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen.
    
    Hrst du? sagte Lukas. Sie sind auch eben nicht schn geschrieben, wie
ich sehe, und machte bltternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht
hineinzuhalten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter
entri es ihm pltzlich mit greifender Faust. - In den Nebenstunden aber denn
doch so etwa? fragte Schomaker, fr welchen der einzige Titel Hoffiskal einen
Ruprechts-Zwilling und Doppelhaken in sich fate; denn schon, wo einem Worte Hof
oder Leib zum Vorsprung anhing - und wars an einem Hofpauker und Leibvorreiter
-: da sah er in eine gehelmte Vorrede (praefation galeata) und hatte seine
Schauer; wieviel mehr bei dem Worte Fiskal, das jeden auf Pfhle oder in Trme
zu stecken drohte.
    In meinen Nebenstunden, versetzte Knoll, las ich alle mgliche
auftreibliche Aktenstcke und wurde vielleicht das, was ich bin. berspannte
Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschftsstil Platz und vergiften ihn
ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zurck als inept. - Natrlich denn
und verzeihlich daher (fing Schomaker als Selbstkrummschlieer an), da ich aus
Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz
wahrscheinlich deshalb, da Hr. Harnisch, seinem alleinigen Fache heier sich
weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewi, gewi, Hr. Notar?
    Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch - den Abfall des sonst
lobenden Lehrers fr eine Hofmnnerei ansehend, die gleich einem Balbiermesser
sich vor- und rckwrtsbeugt, obgleich Schomaker blo nicht fhig war, so auf
der Stelle, in der Schnelle, einem Thron-Diener gegenber und bei der Liebe fr
den Schler im Herzen sogleich das Jus auszufinden, sondern immer zu leicht
frchtete, unter der Hand gegen seinen Frsten zu rebellieren, indes er sonst
bei dem Bewutsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen wre - da
schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Lwe empor, sprang vor den
Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Hnden und schrie aus lang
gemarterter Brust so heftig auf, da der Kandidat wie vor nahem Totschlag
aufhpfte: Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleiiger Praxis,
meiner armen Eltern wegen. Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der
Ewige werfe mich dem glhendsten Teufel zu, wenn ich je den Streckvers lasse und
die himmlische Dichtkunst.
    Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: ich dichte fort -
alle schwiegen erstaunt - in Schomaker hielt noch halbes Leben - Knoll allein
zeigte ein grimmiges eisernes Lcheln - auch Vult wurde auf seinem Aste wild,
schrie: recht, recht! und griff blindlings nach unreifen Pelzpfeln, um eine
Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. - Darauf ging der Notar als
Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: Es geschieht euch
recht, ihr Prosaner! -
    Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und
hob nach der Sternenseite des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf
welchem alle seine Gedichte und Trume zu zhlen waren. Beinahe wre der
Fltenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfhl herabgefallen; er
htte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf
das Tote Meer, als wre es blhendes Land, herunterstrzt und darin ersuft,
hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die
schne Erkennung, sie nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben
Augen nach der Hhe, wo nur helle Sterne, keine trbe Erde standen. Hr.
Gottwalt, sagte sie, denken Sie nicht mehr ber die prosaischen Pinsel. Sie
haben sie abgetrumpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Tabak
und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer. - Nein, liebe Goldine, fing er mit
schmerzlich sanfter Stimme an, nein, ich war es heute nicht wert, da mich der
groe Plato kte. War es denn mglich? - Gott! es sollte ein froher letzter
Abend werden. - Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her -
der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem - Gott
segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen - - und ich Satan fahre so hllisch
auf! O Gott, o Gott! - Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein:
nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglck.
    Das dacht' ich gleich, sagte Goldine zornig; man schlage Sie ans Kreuz,
so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten, um damit einem
Kriegsknecht seine zu drcken. - Haben denn Sie oder die Strohkpfe droben den
heutigen Weinmonat, ich mchte sagen zum Weinessigmonat, versuert? - Ich
kenne, versetzte er, keine andere Ungerechtigkeiten gewi und genau, als die
ich an andern verbe; - die, so andere an mir begehen, knnen mir wegen der
Ungewiheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein. Ach es gibt ja
mehr Irrtmer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine Natur, welche die
Antithese und Dissonanz der meinigen ist, existieren sollte, wie von allem die
Antithesen: so knnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich ebensowohl ihre
Dissonanz bin als sie meine, so hab' ich nicht mehr ber sie zu klagen als sie
ber mich.
    Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber
beiden war sie uerst verdrlich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig
der Vater: Renne, Peter, renne, wir stehen im Testament und werden
vorbeschieden auf den 15 ten hujus.

                               Nr. 11. Fisettholz


                                   Lust-Chaos

Der Pfalzgraf hatte das Erstarren ber Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung
flssiger gemacht, da der Sansfaon es nicht verdiene, in einem wichtigen
Testamente zu stehen, zu dessen Erffnung er ihn vorzuladen habe, und dessen
Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrgen. Da war das
Anschlagerad und der Dmpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und
wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken luten - er wute und
gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die
unangenehmen ganz besttigte. Der Kandidat handelte so lange ungewhnlich sanft
nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon
im halben Hren Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden.
    Von zarter Schamrte durchdrungen, erschien dieser- niemand gab auf ihn acht
- man steckte im Testamente, ausgenommen Knoll. Dieser hatte gegen den Jngling
seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Ha gefat - so wie die Musik zwar
Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen -, weil ihm der eine
Umstand, da ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was
seinen fiskalischen Kern anfra), mehr wehe tat als der andere s, da sein
Eigennutz selber keinen Erben htte auslesen knnen, der geschickter wre, die
Erbschaft zu verscherzen.
    Walt hrte gerhrt der Wiederholung und Forterzhlung der Erb-mter und der
Erbstcke zu. Als um Lukas' Ohren jetzt die Worte 11000 Georgd'ors in der
Sdsee-Handlung und zwei Fronbauern samt Feldern in Elterlein flatterten, stand
sein Gesicht, das der pltzliche warme Sd-Zephyr des Glckes umsplte, wie
zergangen und verblfft da, und er fragte: Den 15ten? 11000? - Darauf warf er
seine Mtze, die er in der Hand hatte, weit ber die Stube weg - sagte: Den
hujus dieses? Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubentre ber
Schomakern weg. Gerichtsmann, rief die Frau, was ist Euch? - Ich habe so
mein Gaudium, sagte er. Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt,
ich will ihn lausen, breit tret' ich das Vieh. Und wir werden alle geadelt, wie
wir hier sitzen, und ich bleibe der adelige Gerichtsherr - oder ich werde der
Gerichthalter und studiere. Und auf meine Kabelschen Grundstcke se ich nichts
als Reps.
    Mein Freund, sagte verdrlich der Fiskal, Sein poetischer Sohn hat noch
vorher einige Nsse aufzubeien, dann ist der der Erbe.- Mit Freudentrnen trat
der Notar zum enterbten Fiskal und zog dessen zhe Hnde mit der Versicherung an
sich: Glauben Sie mir, Freuden-Bote und Evangelist, ich werde alles tun, um die
Erbschaft zu erringen, alles, was Sie gefodert haben - (Was wollt Ihr mit mir?
sagte Knoll, die Hnde wegziehend) denn ich tue es ja fr Menschen (fuhr Walt
fort, alle andere ansehend), die noch mehr fr mich getan, vielleicht fr den
Bruder, wenn er noch lebt. Sind denn die Bedingungen nicht so leicht, und die
letzte so schn, die vom Pfarrerwerden? - Der gute van der Kabel! Warum ist er
denn so gut gegen uns? Ich entsinne mich seiner lebhaft, aber ich dachte, er
liebte mich nicht. Doch mut' ich ihm meine Streckverse vorlesen. Kann man denn
zu gut von den Menschen denken?
    Vult lachte und sagte. Kaum!
    Ganz blde und schamhaft trat Walt zu Schomaker mit den Worten: Vielleicht
verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft und gewi die Dichtkunst dem Lehrer,
der mir die vorige Minute vergebe! -
    So sei vergessen, versetzte dieser, da man mich vorhin nicht einmal Herr
genannt, was doch so allgemein. Wonne herrsche jetz! - Aber Ihr Hr. Bruder,
dessen Sie gedachten, lebt noch und im Flore. Ein lebhafter Hr. van der Harnisch
vergewisserte mich dessen, zohe mich aber in eine unerlaubte Ausschwatzung Ihres
Hauses hinein, fr die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe als Ihnen die
meine!
    Der Notar rief es durch das Zimmer, der Bruder lebe noch. Im
erzgebrgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt, sagte Schomaker. - O
Gott, er kommt gewi heut oder morgen, beste Eltern, rief Walt entzckt. -
'soll mir lieb sein, sagte der Schulz, ich werd' ihm unter der Haustre mit
der Habern-Sense die Beine abmhen und ihn mit einem Holzapfel erstecken, einen
solchen Vagabunden! - Gottwalt aber trat zu Goldinen, die er weinen sah, und
sagte: o ich wei es worber, Gute - und setzte leise hinzu: ber das Glck
Ihres Freundes. - Ja bei Gott! antwortete sie und sah ihn entzckter an.
    Die Mutter warf nur die Bemerkung, wie oft ihr Gemt durch hnliche Sagen
von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden, flchtig unter die Mnner,
um sich blo mit dem verdrlichen Fiskale abzugeben, welchem sie freundlich
alle bse Klauseln des Testaments deutlich abfragte. Den Pfalzgrafen aber
verdro das von seiner Erbportion bestrittene Freudenfest am Ende dermaen, da
er hastig aufstand, die Zitationsgebhren im Namen des Ratsdieners forderte und
den mnnlichen Jubelkpfen die Hoffnung aufsagte, ihn am Abendtische unter sich
zu haben, weil er lieber, gab er vor, bei dem Wirte drben speise, der schon
seinem Vater ein Darlehn schuldig sei, wovon er seit so vielen Jahren, sooft er
Gericht halte, etwas abesse und abtrinke, um zu dem Seinigen zu kommen.
    Als er fort war, stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel und hielt ihre
Brandpredigten und Inspektionsreden an die Mnner: sie mtens haben, wenn der
Fiskal ihnen das Kapital aufkndigte; ihr Frohtun habe ihn als einen
ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen mssen. - Zieht denn aber er oder ich
die Interessen fr jetzt, he? - Er! sagte Lukas. - Schomaker fgte noch den
Bericht bei, da schon der Frhprediger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der
Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden. Der Schulz fuhr klagend auf und
versicherte, das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen; denn weinen knne
jeder; dieser aber sagte, es trst' ihn ordentlich ber sein Glck, da ein
anderer armer Erbe auch etwas habe. Veronika versetzte: Du hast noch nichts.
Ich bin nur eine Frau, aber im ganzen Testamente merk' ich eine
Partitenmacherei. Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gemunkelt
von fremden Stadtherren, ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts. Du,
Walt, hast gar kein Geschick zu Welthndeln; und so knnen leicht zehn Jahre
verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann,
Gerichtsmann? - So schlag' ich ihn, sagte dieser, tot, wenn er nicht soviel
Verstand zeigt wie ein Vieh; und von dir, Vronel, wars auch keiner, mich nicht
zu avertieren. -
    Ich verpfnde mich, sagte Schomaker, fr Hrn. Notars Finesse. Poeten sind
durchtriebene Fchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war
ein Gesandter - ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann - ein Voltaire, der
beides, auch beides.
    Vult lachte, nicht ber den Schulmann, aber ber den gutherzigen Walt, als
dieser sanft beifgte: Ich habe vielleicht aus Bchern mehr Weltklugheit
geschpft als Ihr denkt, liebe Mutter. - Aber nun nach zwei Jahren, allgtiger
Gott! - Wenigstens malen wollen wir uns heute die glnzende Zeit, wo alle hier
frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche und wnsche, weil ich
zu glcklich auf zwei alten heiligen Hhen wohne, auf der Kanzel und dem
Musenberg - Du sollst dann auch, sagte Lukas, streckversen den ganzen Tag,
weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs Jus. - Jetzt aber werd'
ich sehr aufmerksam, sagte Walt, das Notarienwesen treiben, besonders da ich
es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advozieren kann nun wohl
wegbleiben.
    Seht ihr, rief die Mutter, er will nur wieder recht ber seine langen
Verse her, denn er hats ja vorhin so gotteslsterlich beschworen - ich hab' es
nicht vergessen, Walt!
    So wollt' ich doch, da Donner und Teufel, rief Lukas, der rein-froh sein
wollte, mu man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du? Er
wollte gerade das Umgekehrte vorbringen. Er zog den Ehemannsvexierzug:
Schweig! Sie tats immer sogleich, wiewohl mit dem Entschlu, etwas spter erst
recht anzufangen.
    Man schritt zur Abendtafel, wie man dastand, Walt im Schanzlooper, obgleich
in der Heuernte, weil er sein Nanking-Rckchen schonte. Goldinens Freudenwein
war mit vielen Trnen ber die Trennung des Morgens gewssert. Der Notar war
unendlich entzckt ber die Entzckung des Vaters, welcher allmhlich, da er sie
ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Tranchiermesser und
Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem
Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: Du bist mein Glck. So lange
verharrte Vult auf dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausfhrlichen
Berichte Schomakers ber den Fltenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte,
stieg er, um nichts zu hren, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob s,
vom Baume herunter, schon beglckt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und
Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, da er gern die Nacht im Abendrot
ersuft htte, um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust.

                          Nr. 12. Unechte Wendeltreppe


                                  Reiterstck

Frh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Haustre reit-
und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommer-und
Frhlings-Rock von Nanking am Leibe, weil er als Universalerbe mehr aufwenden
konnte, einen runden weien braungeflammten Hut auf dem Kopf, die Reitgerte in
der Hand und Kindestrnen in den Augen. Der Schulz rief halt, sprang zurck und
sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die
Tasche steckte. Drben vor dem Wirtshause stand der knappe flinke Student Vult
im grnen Reisehut und der Wirt, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker
war. Das Dorf wute alles und pate. Es war des Universalerben erster Ritt in
seinem Leben. Veronika - die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln fr Erffnung
und Erfllung des Testaments vorgezeichnet hatte - zerrete den Schimmel am
langen Zgel aus dem Stall. Walt sollte hinauf.
    ber den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen - mehr als
ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstck zu geben, lieferte
aber freilich mehr die rohen Farbhlzer auf die Leinwand als deren feinsten
Absud - auch ist das mein erstes Tierstck von Belang, das ich in die Gnge
dieses Werks aufhnge und festmache - -: ich werde demnach einige Mhe daran
wenden und die grte Wahrheit und Pracht.
    In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel, bis ihn
der Fleischer bestieg und aus ihr in die Zeit herberritt. Der poetische Lenz
liegt weit hinter dem Gaul, wo er eignes Fleisch statt des fremden trug und mit
eignen Haaren den Sattel auspolsterte; er hat das Leben und den Menschen dieses
reitende Folterpferd der wunden Natur - zu lange getragen. Der aus zitternden
Fhlfaden gesponnene Notar, der den Tag vorher im Stalle um dessen Keilschrift
der Zeit, um die Stigmen von Sporen, Sattel und Stangengebi, herumging, htte
fr Geld keinen Finger in die Narben legen knnen, geschweige am Tage darauf die
Knuten-Schneide oder den Sporendolch. Htte doch der Himmel dem
Konfderations-Tiere des Menschen nur irgendeinen Schmerzenslaut beschert, damit
der Mensch, dem das Herz nur in den Ohren sitzt, sich seiner erbarmte. Jeder
Tierwrter ist der Plagegeist seines Tiers; indes er gegen ein anderes, z.B. der
Jger gegen das Pferd, der Fuhrmann gegen den Jagdhund, der Offizier gegen Leute
auer dem Soldatenstande, ein wahres weichwolliges Lamm ist.
    Dieser Schimmel betrat am Morgen die Bhne. Der Notar hatte den Tag vorher
den Gaul an eine seiner Gehirnwnde festgebunden und - wie die rechte Seite des
Konvents und des Rheins - sich immer die linke vorgestellt, um daran
aufzusteigen; - in alle Stellungen hatt' er in seinen vier Gehirnkammern das
Schulro gedreht, geschwind es links bestiegen und so sich selber vllig
zugeritten fr den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb
fest an den linken Steigbgel gepicht - aber sein Ich wurd' ihm unter den Hnden
zu gro fr sein Ich - seine Trnen zu dunkel fr sein Auge - er besteige,
merkt' er, mehr einen Thron als einen Sattel - die linke Roseite hielt er noch
fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknpfen
knnte, da beide die Gesichter vorwrts kehrten. -
    Wozu die teuflische Qual! Er probierte, wie ein preuischer Kavallerist,
rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine Probe aus, so
zeigten sie weiter nichts, als da sie nie gesehen hatten, wie emsig preuische
Kavalleristen auf dem rechten Bgel aufsitzen lernen, um gesattelt zu sein,
falls einmal der linke entzweigeschossen wird.
    Auf dem Sattel hatte nun Walt als Selbst-Quartiermeister das seinige zu tun,
alles zu setzen - sich gerade und sattelfest -, auszubreiten - die Finger in die
Zgel, die Rocksche ber den Pferdercken -, einzuschichten - die Stiefel in
die Steigeisen -; und anzufangen - den Abschied und Ausritt.
    An letztern wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates
Rckwrtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wichse man ihn mit
einem Pferde-Haar. Ein paar mtterliche Handschlge auf den Nacken nahm er fr
Streicheln. Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem
Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn
als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken, sowohl in die gelehrte als
schne. Das war dem Tier ein Wink, bis an den Bach vorzuschreiten; hier stand es
vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben
mit unsglicher Systole und Diastole der Fe und Bgel arbeitete, weil das
halbe Dorf lachte, und der Wirt ohnehin, glaubte der Harttraber seinen Irrtum
des Stehens einzusehen, und trug Walten von der Trnke wieder vor die Stalltre
hin, strt' aber die Rhrungen des Reiters bedeutend.
    Wart nur! sagte, ins Haus laufend, der Vater, kam wieder und langte ihm
eine Bchsenkugel zu: Setz ihm die ins Ohr, sagt er, so will ich kavieren, er
zieht aus, weil doch das Blei die Bestie khlen mu, glaub' ich.
    Kaum war das Rennpferd, wie ein Geschtz, mit dem Kopf gegen das Tor
gerichtet und das Ohr mit der Schnellkugel geladen: so fuhr es durchs Tor und
davon; - und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten
Glckwunsch flog der Notarius vorber, oben sitzend, mit dem Giebuckel des
ersten Versuchs, als ein gebogenes Komma. Weg ist er! sagte Lukas und ging zu
den Heuschobern hinaus. Still wischte die Mutter mit der Schrze das Auge und
fragte den Groknecht, worauf er noch warte und gaffe. Nur ein weinendes Auge
hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt, um mit dem andern nachzublicken, und sagte:
es geh' ihm gut! und ging langsam in sein leeres Studierstbchen hinauf.
    Vult eilte dem reitenden Bruder nach. Als er aber vor dem Maienbaume des
Dorfes vorberging und am Fenster die schnugige Goldine und im Hausgrtchen
die einsame Mutter erblickte, die mit tropfenden Augen, noch im Sitzen gebckt,
groe Bohnen steckte und Knoblauch band: so berstrmte seines Bruders warmes
mildes Blut pltzlich sein Herz, und er lehnte sich an den Baum und blies einen
Kirchenchoral, damit beider Augen sich ser lseten und ihr Gemt aufginge;
denn er hatte an beiden den kecken scharfen Seelen-Umri innigst wert gewonnen.
    Es war schade, da der Notarius, der samt dem Schimmel auf Wiesenflchen
zwischen grnschimmernden Hgeln, im blauen wehenden Tage flog, es nicht wute,
da hinter ihm sein Bruder sein fernes Drfchen und gerhrte liebe Herzen mit
Echos erflle. Oben auf einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds,
um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben. Da er sie erwischt hatte: so trat das
Tier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche; und nur der
Berg schob es herunter, und in der Ebene ging es, wie ein silberner glatter
Flu, unmerklich weiter.
    Jetzt geno der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart auf
dem Sattel und den weiten singenden Tag. Sein hoher Aufenthalt auf der
Sattelwarte stellte ihm, diesem ewigen Fugnger, alle Berge und Auen unter ihn,
und er regierte die glnzende Gegend. An einer neuen Anhhe stieg ein Wagenzug
von sieben Fuhrleuten auf, den er gern zu Pferde eingeholt und berritten htte,
um nicht in seinen Trumen durch ihr Umschauen gestrt zu werden; aber am
Hgel-Fue wollte der gerittene Blondin so gut die Natur genieen - die fr ihn
in Gras bestand - als der reitende und stand sehr fest. Walt setzte sich zwar
anfangs dargegen und stark, wirkte auf viele Seiten des Viehs vor- und
rckwrts; aber da es auf dem Feststehen bestand, lie ers fressen und setzte
sich selber herum auf dem Sattel, um die ausgedehnte Natur hinter sich mit
seligen Blicken auszumessen und gelegentlich diese sieben spttischen
Fuhr-Hemden so weit vorauszulassen, da ihnen nicht mehr unter die Augen
nachzureiten war.
    Am Ende kommt doch eines, ein Ende -, der Bereiter wnschte am Hgelfue,
als er sich wieder vorwrts gesetzt, sich herzlich von der Stelle und etwa
hinauf; denn die sieben Plejaden muten nun lngst untergegangen sein. Auch sah
er den netten Studenten nachkommen, der das Besteigen gesehen. Aber setzte
irgend jemand besondern Wert auf Ernte-Ferien, so tats der Schimmel -, vor
solcher Anhhe vollends stand er im Drachenschwanz, im aufsteigenden Knoten -
die Zume, die Fublle auf der Erde, alle brachten ihn nicht vorwrts. Da nun
der Notar auch die lebendige Quecksilberkugel jetzt nicht wieder mit diesem
fixierten weien Merkurius verquicken wollte - wegen der unglaublichen Mhe, sie
aus dem Ohr zu fischen -: so sa er lieber ab und spannte sich seiner eigenen
Vorspann vor, indem er sie durch den Flaschenzug des Zgels wirklich hinaufwand.
Oben blhte frische Not: hinter sich sah er eine lange katholische Wallfahrt
nachschleichen, gerade vor sich unten im langen Dorfe die bse Fuhr-Sieben
trinken und trnken, die er einholen mute, er mochte wollen oder nicht.
    Es grnte ihm auf der andern Seite Hoffnung, aber fruchtlos; er hatte
Aussichten, durch des Kleppers Allegro ma non troppo den haltenden Fuhrleuten
ziemlich vorzusprengen; er ritt erheitert in starkem Schritt den Berg hinab, ins
Dorf hinein; - aber da kehrte das Filial-Pferd ohne sonderliches Disputieren
ein, es kannte den Wirt, jeder Krug war seine Tochter-, jeder Gasthof seine
Mutterkirche. Gut, gut, sagte der Notar, anfangs wars ja selber mein Gedanke
- und befahl unbestimmt einem Unbestimmten, dem Gaule etwas zu geben. Jetzt kam
auch der flinke Grnhut nach. Vults Herz wallete auf vor Liebe, da er sah, wie
der erhitzte schne Bruder von der schneeweien Bogenstirn den Hut lftete, und
wie im Morgenwehen seine Locken das zarte, mit Rosenblute durchgossene kindliche
Gesicht anflatterten, und wie seine Augen so liebend und anspruchlos auf alle
Menschen sanken, sogar auf das Siebengestirn. Gleichwohl konnte Vult den Spott
ber das Pferd nicht lassen: Der Gaul, sagt' er, mit seinen schwarzen Augen
auf den Bruder blitzend und die Mhne streichelnd, geht besser, als er
aussieht; wie ein Musenpferd schwang er sich ber das Dorf. - Ach das arme
Tier! sagte Walt mitleidig und entwaffnete Vulten.
    Smtliche Passagiere tranken im Freien - die Pilgrime gingen singend durchs
Dorf - alle Tiere auf dem Dorfe und in der Luft wieherten und krheten vor Lust
- der khlende Nordost durchbltterte den Obstgarten und rauschte allen gesunden
Herzen zu: weiter hinaus ins freie weite Leben! - Ein sehr gttlicher Tag,
sagte Vult, verzeihen Sie, mein Herr! Walt sah ihn blde an und sagte doch
heftig: O gewi, mein Herr! Die ganze Natur stimmt ordentlich ein jubelndes
herzerfrischendes Jagdlied an, und aus den blauen Hhen tnen doch auch sanfte
Alphrner herunter.
    Da hingen die Fuhrleute die Gebisse wieder ein. Er zahlte schnell, nahm den
berschu nicht an und sa im Wirrwarr auf, willens, allen vorzufliegen. Es ist
ein Grundsatz der Pferde, gleich den Planeten nur in der Sonnen-Nhe eines
Wirtshauses schnell zu gehen, aber langsam daraus weg ins Aphelium; der Schimmel
heftete seine vier Fu-Wurzeln als Stifte eines Nrnberger Spielpferdes fest ins
lackierte Brett der Erde und behauptete seinen Ankerplatz. Der bewegte Zaum war
nur sein Ankertau fremde leidenschaftliche Bewegung setzt' ihn in eigne nicht -
umsonst schnalzte der leichte Reiter in grn-atlassener Weste und mit braunen
Hutflammen, er konnte ebensogut den Sattel ber einen Bergrcken geschnallet
haben und diesen spornen.
    Einige der sanftesten Fuhrleute bestrichen die Hinterbeine des Quietisten;
er hob sie, aber ohne vordere. Lange genug hatte nun Walt auf sein Mitleiden
gegen das Vieh gehrt; jetzt warf er ohne weiters dem Trauerpferd den Schusser
ins Ohr - die Kugel konnte die Massa, den Queue fortstoen ins grne Billard.
Walt flog. Er rauschte schnell dicht hinter der Hhner-Kette von Pilgern, die
scheu auseinanderspritzte, bis leider auf eine an der Spitze gehende taube
Vorsngerin, die Reiten und Warnen nicht vernahm - umsonst zupften seine
sterbenden Finger voll Todesnot im Ohr und wollten Kugelzieher sein - seine
fliegende Kniescheibe rannte an ihr Schulterblatt und warf sie um - sie erstand
schleunigst, um frhe genug, untersttzt von allen ihren Konfessions-Verwandten,
ihm ber alle Beschreibung nachzufluchen. Weit hinter dem Fluchen bracht' er
nach langer Ballotage die Glcks-und Unglckskugel zwischen dem Daumen und
Zeigefinger heraus, teuer schwrend, nie dieses Oberons-Horn mehr anzusetzen.
    Wenn er freilich jetzt die Bestie wie eine Harmonika traktierte, nmlich
langsam - so da jeder die grten Schulden auf ihr absitzen konnte, sogar ein
Staat, wenns anders fr diesen einen andern Schuldturm geben knnte auer dem
Babelturm -: so wr' es wohl gegangen, htt' er sich nicht umgedreht und
gesehen, was hinter seiner Statua equestris und curulis zog; ein Heer, sah er,
setz' ihm hitzig mit und ohne Wagen nach, Pilger voll Flche, sieben weie
Weisen voll Spa und der Student. Der menschliche Verstand mu sehr irren oder
an dem, was er nachher tat, hatte die Vermutung aus dem Vorigen groen Teil, da
der nachschwimmende Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein Rotes Meer
erzwingen, sondern da sogar das Meer selber mit ihm gehen wrde; weil er auf
seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte. Schon das bloe
Zurckdenken an den Nachtrab mute wie Lrmtrommeln in die schnsten leisen
Klnge fahren, die er jetzt am blauesten Tage aus den Himmels-Sphren seiner
Phantasie leicht herunterhren konnte.
    Deshalb ritt er geradezu aus der Landstrae ber Wiesen in eine Schferei
hinein, wo er halb gleichgltig gegen lcherlichen Schein, halb mit errtender
Ruhmliebe - fr Geld, gute Worte und sanfte Augen - es sich von der Schferin
erbat, da dem Schimmel so lange - denn er verstand nichts von Ro-Ditetik -
Heu vorgesetzet wrde, bis etwan die Feinde sich eine Stunde voraus und ihn
mathematisch gewi gemacht htten, da sie nicht zu ereilen wren, gesetzt auch,
sie ftterten zwei Stunden.
    So neu-selig und erlset setzt' er sich hinter das Haus unter eine
schwarzgrne Linde in den frischen Schatten-Winter und tauchte sein Auge still
in den Glanz der grnen Berge, in die Nacht des tiefens thers und in den Schnee
der Silberwlkchen. Darauf stieg er nach seiner alten Weise ber die Gartenmauer
der Zukunft und schauete in sein Paradies hinein: welche volle rote Blumen und
welches weie Bltengestber fllte den Garten!
    Endlich - nach einer und der andern Himmelfahrt - machte er drei
Streckverse, einen ber den Tod, einen ber einen Kinderball und einen ber eine
Sonnenblume und Nachtviole. Kaum wollte er, da das Pferd Heu genug hatte, von
der khlen Linde fort; er entschlo sich, heute nicht weiter zu reisen als nach
dem sogenannten Wirtshaus zum Wirtshaus, eine kleine Meile von der Stadt. Indes
eben in diesem Wirtshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr halt und Mittag
gemacht; und sein Bruder war dageblieben, um ihn zu erwarten, weil er wute, da
die Landstrae und der Schimmel und Bruder durch den Hof liefen. Vult mute
lange passen und seine Gedanken ber die nchsten Gegenstnde haben, z.B. ber
den Wirt, einen Herrnhuter, der auf sein Schild nichts weiter malen lassen als
wieder ein Wirtshausschild mit einem hnlichen Schild, auf dem wieder das
gleiche stand; es ist das die jetzige Philosophie des Witzes, die, wenn der
hnliche Witz der Philosophie das Ich-Subjekt zum Objekt und umgekehrt macht,
ebenso dessen Ideen sub-objektiv widerscheinen lsset; z.B. ich bin tiefsinnig
und schwer, wenn ich sage: Ich rezensiere die Rezension einer Rezension vom
Rezensieren des Rezensierens, oder ich reflektiere auf das Reflektieren auf die
Reflexion einer Reflexion ber eine Brste. Lauter schwere Stze von einem
Widerschein ins Unendliche und einer Tiefe, die wohl nicht jedermanns Gabe ist;
ja vielleicht darf nur einer, der imstande ist, denselben Infinitiv, von welchem
Zeitwort man will, im Genitiv mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich
sagen: ich philosophiere.
    Endlich um 6 Uhr hrte Vult, der aus seiner Stube sah, den Wirt oben aus dem
Dachfenster rufen: He, Patron, scher' Er sich droben weg! - Will Er ins
Kuckucks Namen wegreiten?! - Das Wirtshaus stand auf einem Birken-Hgel.
Gottwalt war seitwrts aus dem Wege an den herrnhutischen Gottesacker
hinaufgeritten, aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog, whrend
der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll geseter Grtner
irren lie. Wiewohl er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die
Birken sehen konnte: so zog er doch - da den Menschen berhaupt nach einer
Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgt - sogleich den rupfenden Rssel aus
dem Spaliere auf und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der
Stalltr an.
    Er tat an den sehr ernst unter seiner Tre stehenden Wirt von fernen -
umsonst wollt' er gar vor ihn hinreiten - barhaupt am Stalle die Frage, ob er
hier mit seinem Gaul logieren knne.
    Ein ganzer heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte
nach.
    Auch der Wirt wurde sternig und sonnig; aber wie wr' er - sonst htt' er
hflicher aus dem Dache gesprochen - darauf gekommen, da ein Passagier zu
Pferde in dieser Nhe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stillager
beehren werde. Als er wahrnahm, da der Passagier ein besonderes Vieleck oder
Dreieck mit dem rechten Beine ber dem Gaule absitzend beschrieb, und da er die
schweren, mit einem organisierten Sattel behangenen Schenkel ins Haus trug, ohne
weiter nach dem Tiere oder Stalle zu sehen: so wute der Schelm sehr gut, wen er
vor sich habe; und lachte zwar nicht mit den Lippen, aber mit den Augen den Gast
aus, ganz verwundert, da dieser ihn fr ehrlich und es fr mglich hielt, er
werde den Hafer, den er morgen in die Rechnung eintragen konnte, schon heute dem
Schimmel vorsetzen.
    Nun geht, sagte Vult bildlich, der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem
Bruder entgegenging, ein ganz neues Kapitel an. Unbildlich geschiehts ohnehin.

                 Nr. 13. Berliner Marmor mit glnzenden Flecken


                               Ver- und Erkennung

Unten im Korrelationssaal und Simultanzimmer der Gste forderte der Notar nach
Art der Reise-Neulinge schnell einen Trunk, eine einmnnige Stube und
dergleichen Abendmahlzeit, damit der Wirt nicht denken sollte, er verzehre
wenig. Der lustige Vult trat ein, tat mit Welt-Manier ganz vertraulich und
freute sich sehr des gemeinschaftlichen bernachtens: Wenn - Ihr Schimmel zu
haben ist, sagt' er, so hab' ich Auftrag, ihn fr jemand zu einem Schiepferd
zu kaufen, denn ich glaube, da er steht. - Es ist nicht der meinige, sagte
Walt. Er frisset aber brav, sagte der Wirt, der ihn bat, nachzufolgen in sein
Zimmer. Als ers aufschlo, war die Abendwand nicht sowohl ganz zerstrt - denn
sie lag ein Stockwerk tiefer unten in ziemlichen Stcken - als wahrhaft
verdoppelt - denn die neue lag als Stein und Kalk unten darneben-. Weiter,
fgte der Herrnhuter seelenruhig bei, als der Gast ein wenig erstaunt mit dem
groen Auge durch das sieben Schritt breite Luftfenster durchfuhr, weiter hab'
ich im ganzen Hause nichts leer, und jetzt ists Sommer. - Gut, sagte Walt
stark und suchte zu befehlen; aber einen Besen! - Der Wirt lief demtig und
gehorchend hinab.

Ist unser Wirt nicht ein wahrer Filou? sagte Vult. Im Grunde, mein Herr,
versetzte jener freudig, ist das fr mich schner. Welcher herrliche lange
Strom von Feldern und Drfern, der hereinglnzt und das Auge trgt und zieht;
und die Abendsonne und - rte und den Mond hat man ganz vor sich, sogar im Bette
die ganze Nacht! - Diese Einstimmung ins Geschick und ins Wirtshaus kam aber
nicht blo von seiner angebornen Milde, berall nur die bermalte, nicht die
leere Seite der Menschen und des Lebens vorzudrehen, sondern auch von jener
gttlichen Entzckung und Berauschung her, womit besonders Dichter, die nie auf
Reisen waren, einen von Trumen und Gegenden nachblitzenden Reisetag
beschlieen; die prosaischen Felder des Lebens werden ihnen, wie in Italien die
wirklichen, von poetischen Myrten umkrnzt und die leeren Pappeln von Trauben
erstiegen.
    Vult lobte ihn wegen der Gemsenartigkeit, womit er, wie er sehe, von Gipfeln
zu Gipfeln setze ber Abgrnde. Der Mensch soll, versetzte Walt, das Leben
wie einen hitzigen Falken auf der Hand forttragen, ihn in den ther auflassen
und wieder herunterrufen knnen, wie es ntig ist, so denk' ich. - Der Mars,
der Saturn, der Mond und die Kometen ohne Zahl stren (antwortete Vult) unsere
Erde bekanntlich sehr im Laufe; - aber die Erdkugel in uns, sehr gut das Herz
genannt, sollte beim Henker sich von keiner fremden laufenden Welt aus der Bahn
bringen lassen, wenns nicht etwa eine solche tut wie die weise Pallas - oder die
reiche Ceres - und die schne Venus, die als Hesper und als Luzifer die
Erdbewohner schn mit dem lebendigen Merkur verbindet. - Und erlauben Sie es,
mein Herr, so werfen wir heute unsere Soupers zusammen, und ich speise mit hier
vor der Bresche, wo das Mondsviertel in der Suppe schwimmen und die Abendrte
den Braten bergolden kann.
    Walt sagte heiter ja. Auf Reisen macht man abends lieber romantische
Bekanntschaften als morgens. Auch trachtete er, wie alle Jnglinge, stark, viele
zu machen, besonders vornehme, unter welche er den lustigen Kauz mit seinem
grnen Reisehute rechnete, diesem Gegenhut eines Bischofs, der einen nur innen
grnen und auen schwarzen trgt.
    Da kam der Wirt und der Besen, um den Bau-Abhub und Bodensatz ber die Stube
hinauszufegen; in den linken Fingern hing ihm ein breiter, in Holz eingerahmter
Schiefer. Er zeigte an, sie mten ihre Namen darauf setzen, weil es hierzulande
wie im Gothaischen wre, wo jeder Dorfwirt den Schiefer am Tage darauf mit den
Namen aller derer, die nachts bei ihm logieret htten, in die Stadt an die
Behrde tragen mte.
    O man kennt euch Wirte, sagte Vult und fate die ganze Tafel, ihr seid
wohl ebenso begierig darhinterher, was euer Gast fr ein Vogel ist, als
irgendein regierender Hof in Deutschland, der gleich abends nach dem Tor- und
Nachtzettel aller Einpassanten greift, weil er keinen bessern Index Autorum
kennt als diesen.
    Vult setzte mit einem angeketteten Schiefer-Stift auf den Schiefer mit
Schiefer- so wie unser Fichtisches Ich zugleich Schreiber, Papier, Feder, Dinte,
Buchstaben und Leser ist - seinen Namen so: Peter Gottwalt Harnisch, K. K.
offner geschworner Notarius und Tabellio, geht nach Halau. Darauf nahm ihn
Walt, um sich auch als Notarius selber zu verhren und seinen Namen und
Charakter zu Protokoll und zu Papier zu bringen.
    Erstaunt sah er sich schon darauf und schauete den Grnhut an, dann den
Wirt, welcher wartete, bis Vult den Schiefer nahm und dem Wirte mit den Worten
gab: Nachher, Freund! - ce n'est qu'un petit tour que je joue  notre hte,
sagt er mit so schneller Aussprache, da Walt kein Wort verstand und daher
erwiderte: Oui. Aber durch seinen verwirrten Rauch schlugen die freudigsten
Funken; alles verhie, glaubte er, eines der schnsten Abenteuer; denn er war
dermaen mit Erwartungen ganz romantischer Naturspiele des Schicksals,
frappanter Meerwunder zu Lande ausgefllet, da er es eben nicht ber sein
Vermuten gefunden htte - bei aller Achtung eines Stubengelehrten und
Schulzensohns fr hhere Stnde -, falls ihm etwa eine Frstentochter einmal ans
Herz gefallen wre, oder der frstliche Hut ihres Hrn. Vaters auf den Kopf. Man
wei so wenig, wie die Menschen wachen, noch weniger, wie sie trumen, nicht
ihre grte Furcht, geschweige ihre grte Hoffnung. Der Schiefer war ihm eine
Kometenkarte, die ihm Gott wei welchen neuen feurigen Bartstern ansagte, der
durch seinen einfrmigen Lebenshimmel fahren wrde. Hr. Wirt, sagte Vult
freudig, dem seine beherrschende Rolle so wohl tat wie sein sanfter Bruder ohne
Stolz, servier' Er hier ein reiches Souper, und trag' Er uns ein paar Flaschen
vom besten aufrichtigsten Krtzer auf, den er auf dem Lager hlt.
    Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter
Gottesacker vor, whrend man fege. Ich ziehe droben, fgt' er bei, mein
Flauto traverso heraus und blase ein wenig in die Abendsonne und ber die toten
Herrnhuter hinber; - lieben Sie das Flauto? - O wie sehr gut sind Sie gegen
einen fremden Menschen! antwortete Walt mit Augen voll Liebe; denn das Ganze
des Fltenspielers verkndigte bei allem Mutwillen des Blicks und Mundes
heimliche Treue, Liebe und Rechtlichkeit. Wohl lieb' ich, fuhr er fort, die
Flte, den Zauberstab, der die innere Welt verwandelt, wenn er sie berhrt, eine
Wnschelrute, vor der die innere Tiefe aufgeht. - Die wahre Mondachse des
innern Monds, sagte Vult. Ach sie ist mir noch sonst teuer, sagte Walt und
erzhlte nun, wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verloren - und
welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen, da es ein kleinerer sei,
einen Verwandten im Grabe zu haben, als in jeder frohen Stunde sich zu fragen:
mit welcher dunklen, kalten mag jetzt der Flchtling auf seinem Brett im
Weltmeer ringen? Da aber Ihr Hr. Bruder ein Mann von musikalischem Gewicht sein
soll, so kann er ja ebensogut im berflusse schwimmen als im Weltmeer, sagte er
selber.
    Ich meine, versetzte Walt, sonst dachten wir so traurig, jetzt nicht
mehr; und da war es kein Wunder, wenn man jede Flte fr ein Stummenglckchen
hielt, das der in Nacht hinaus verlorne Bruder hren lie, weil er nicht zu uns
reden konnte. Unwillkrlich fuhr Vult nach dessen Hand, gab sie ebenso schnell
zurck, sagte: Genug! Mich rhren hundert Sachen zu stark - Himmel, die ganze
Landschaft hngt ja voll Duft und Gold.
    Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde lnger den Ku
des brderlichen aufzuschieben; so sehr hatte die vertrauende unbefangene
Bruderseele heute und gestern in seiner Brust, aus welcher die Winde der Reisen
eine Liebes-Kohle nach der andern verweht hatten, ein neues Feuer der
Bruderflammen angezndet, welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste
Hindernis. Stiller gingen jetzt beide im schnen Abend. Als sie den Gottesacker
ffneten, schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne. Htte Vult
zehn Meilen umher nach einem schnen Postamente fr eine
Gruppezwillings-brderlicher Erkennung gesucht, ein besseres htt' er schwerlich
aufgetrieben, als der Herrnhuter Totengarten war mit seinen flachen Beeten,
worin Grtner aus Amerika, Asia und Barby geset waren, die sich alle
aufeinander mit dem schnen Lebens-Endreim heimgegangen reimten. Wie schn war
hier der Knochenbau des Todes in Jugend-Fleisch gekleidet und der letzte blasse
Schlaf mit Blten und Blttern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinem
Saat-Herzen lebten treue Bume, und die ganze lebendige Natur sah mit ihrem
jungen Angesicht herein.
    Vult, der jetzt noch ernster geworden, freuete sich, da er aller
Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe, weil seine Brust,
solcher Erschtterungen ungewohnt, heute nicht genug Atem fr sein Spiel
behielt. Er stellte sich weg vom Bruder, gegenber der strahlenlosen Abendsonne,
an einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsgeschmeide eines blhenden
Jelngerjelieber wie eigne Blte hing; und blies statt der schwersten
Flten-Passaden nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestreueten Echos
ab, wovon er glauben durfte, da sie ins unerzogne Ohr eines juristischen
Kandidaten mit dem grten Glanz und Freuden-Gefolge ziehen wrden.
    Sie tatens auch. Immer langsamer ging Gottwalt, mit einem langen
Kirschzweige in der Hand, zwischen der Morgen- und Abend-Gegend auf und nieder.
Seliger als nie in seinem trocknen Leben war er, als er auf die liebugelnde
Rosen-Sonne losging und ber ein breites goldgrnes Land mit Turmspitzen in
Obstwldern und in das glatte weie Mutterdorf der schlafenden stummen
Kolonisten im Garten hineinsah, und wenn dann die Zephyre der Melodien die
duftige Landschaft wehend aufzublttern und zu bewegen schienen. Kehrt' er sich
um, mit gefrbtem Blick, nach dem Osthimmel und sah die Ebene voll grner auf-
und ablaufender Hgel wie Landhuser und Rotunden stehen und den Schwung der
Laubholzwlder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen
eingesenkt: so lagen und spielten die Tne wieder drben auf den roten Hhen und
zuckten in den vergoldeten Vgeln, die wie Aurorens Flocken umherschwammen, und
weckten an einer dstern schlafenden Morgenwolke die lebendigen Blicke
aufgehender Blitze auf. Vom Gewitter wandt' er sich wieder gegen das vielfarbige
Sonnenland - ein Wehen von Osten trug die Tne - schwamm mit ihnen an die Sonne
- auf den blhenden Abendwolken sang das kleine Echo, das liebliche Kind, die
Spiele leise nach. - Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und
strten nichts. -
    Jetzt brannte und zitterte in zartem Umri eine Obstallee durchsichtig und
riesenhaft in der Abendglut - schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem
Meer- es zog sie hinunter ihr goldner Heiligenschein glhte fort im leeren Blau
und die Echotne schwebten und starben auf dem Glanz: Da kehrte sich jetzt Vult,
mit der Flte am Munde, nach dem Bruder um und sah es, wie er hinter ihm stand,
von den Scharlachflgeln der Abendrte und der gerhrten Entzckung berdeckt
und mit bldem stillen Weinen im blauen Auge. - Die heilige Musik zeigt den
Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. Auch dem
Fltenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestmer Liebe. Walt schrieb sie
blo den Tnen zu, rckte aber wild und voll lauterer Liebe die schpferische
Hand. Vult sah ihn scharf an, wie fragend. Auch an meinen Bruder denk' ich,
sagte Walt; und wie sollt' ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen?
    Nun warf Vult kopfschttelnd die Flte weg - ergriff ihn hielt ihn von sich,
da er ihn umarmen wollte - - sah ihm brennend ins fromme Gesicht und sagte:
Gottwalt, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja der Bruder. - Du? O schner
Himmel! - Und du bist mein Bruder Vult? schrie Walt und strzte an ihn. Sie
weinten lange. Es donnerte sanft im Morgen. Hre unsern guten Allgtigen!
sagte Walt. Der Bruder antwortete nichts. Ohne weitere Worte gingen beide
langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker.

                      Nr. 14. Modell eines Hebammenstuhls


                    Projekt der thermhle - der Zauberabend

Fr zwei luftige Komdianten, die den Orest und Pylades sich einander abhren,
mute jeder beide halten, der ihnen aus dem Wirtshaus nachsah, wie sie unten in
einer abgemhten Wiese sich in Lauf-Zirkeln umtrieben, mit langen Zweigen in der
Hand, um ihre Vergangenheiten gegeneinander auszutauschen. Aber der Tausch war
zu schwer. Der Fltenspieler versicherte, sein Reiseroman - so knstlich
gespielt auf dem breiten Europa - so niedlich durchflochten mit den seltensten
confessions - stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der
Flte de travers - wre zwar fr die Magdeburger Zenturiatoren, wenn sie ihm
nachschreibend nachgezogen wren, ein Stoff und Fund gewesen, aber nicht fr ihn
jetzt, der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe, besonders zu fragen,
besonders ber dessen Leben. Etwas von dieser Krze mocht' ihm auch der Gedanke
diktieren, da in seiner Geschichte Kapitel vorkmen, welche die herzliche
Zuneigung, womit der unschuldige, ihn freudig beschauende Jngling seine
erwiderte, in einem so weltunerfahrnen reinen Gemte eben nicht vermehren
knnten; er merkte an sich - da man auf Reisen unverschmt ist -, er sei fast zu
Hause.
    Walts Lebens-Roman hingegen wre schnell in einen Universittsroman
zusammengeschrumpft, den er zu Hause auf dem Sessel spielte durch Lesen der
Romane, und seine Acta eruditorum in den Gang eingelaufen, den er in den Hrsaal
machte und zurck in sein viertes Stockwerk - wenn nicht das van der Kabelsche
Testament gewesen wre; aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner
Geschichte.
    Er wollte den Bruder mit den Notizen davon berraschen; aber dieser
versicherte, er wisse schon alles, sei gestern beim Examen gewesen und unter dem
Zanke auf dem Pelzapfelbaum gesessen.
    Der Notar glhte schamrot, da Vult seinen Zorn-Kaskatellen und seinen
Versen zugehorcht; - er sei wohl, fragt' er verwirrt' schon mit dem Hrn. van der
Harnisch angekommen, der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen. Jawohl, sagte
Vult, denn ich bin jener Edelmann selber. Walt mute fortstaunen und
fortfragen, wer ihm denn den Adel gegeben. Ich an Kaisers-Statt, versetzte
dieser, gleichsam so als augenblicklicher schsischer Reichsvikarius des guten
Kaisers; es ist freilich nur Vikariats-Adel. - Walt schttelte moralisch den
Kopf. Und nicht einmal der, sagte Vult, sondern etwas ganz Erlaubtes nach
Wiarda6, welcher sagt, man knne ohne Bedenken ein von entweder vor den Ort oder
auch vor den Vater setzen, von welchem man komme; ich konnte mich nach ihm
ebensogut Herr von Elterlein umtaufen als Herr von Harnisch. Nennt mich einer
gndiger Herr, so wei ich schon, da ich einen Wiener hre, der jeden
brgerlichen Gentlemen so anspricht, und lass' ihm gern seine so unschuldige
Sitte.
    Aber du konntest es gestern aushalten, sagte Walt, die Eltern zu sehen
und den Jammer der Mutter unter dem Essen ber dein Schicksal zu hren, ohne
herab und hinein an die besorgten Herzen zu strzen?
    So lange sa ich nicht auf dem Baume - - Walt, sagt' er, pltzlich vor ihn
vorspringend - Sieh mich an! Wie Leute gewhnlich sonst aus ihren Not- und
Ehrenzgen durch Europa heimkommen, besonders wie morsch, wie zerschabt, wie
zerschossen gleich Fahnen, braucht dir wohl niemand bei deiner ausgedehnten
Lektre lange zu sagen; - ob es gleich sehr erlutert wrde, wenn man dir dazu
einen Fahnentrger dieser Art - dir unbekannt, aber aus einem altgrflichen
Hause gebrtig und dessen Ahnenbildersaal mit sich als Hogarths Schwanzstck und
Finalstock beschlieend - wenn man dir jenen Grafen vorhalten knnte, der eben
jetzt vollends in London versiert und einst nie mehr Arbeit vor sich finden
wird, als wenn er von den Toten auferstehen will und sich seine Glieder, wie ein
Frhstck in Paris, in der halben alten Welt zusammenklauben mu, die
Wirbelhaare auf den Straendmmen nach Wien - die Stimme in den Konservatorien
zu Rom - seine erste Nase in Neapel, wo sich mehrere Statuen mit zweiten
ergnzen - seine anus cerebri (diese Gedchtnis-Sitze nach Hoboken) und seine
Zirbeldrse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens -
- Kurz der Tropf (er hat mir den Redefaden verworren) findet nichts auf dem
Kirchhof neben sich als das, worein er jetzt wie andere Leichen auf dem St.
Innozenz-Kirchhof in Paris, ganz verwandelt ist - das Fett. - - Nun aber beschau
mich und die Jnglingsrosen - das Mnnermark - die Reisebrune - die
Augenflammen - das volle Leben: was fehlt mir? Was dir fehlet - etwas zu leben.
Notar, ich bin nicht sehr bei Geld.
    Desto besser, versetzte Walt so gleichgltig, als kenn' er das Schpfrad
aller Virtuosen ganz gut, das sich immer zu fllen und zu leeren, eigentlich
aber nur durch beides umzuschwingen sucht, ich habe auch nichts, doch haben wir
beide die Erbschaft... Er wollte noch etwas Freigebiges sagen, aber Vult
unterfuhr ihn: Ich wollte vorhin nur andeuten, Freund, da ich mithin in
Ewigkeit nie mich in verlorner Sohnes-Gestalt vor die Mutter stelle - und
vollends vor den Vater! - Freilich, knnt' ich mit einer langen Stange von Gold
in die Haustre einschreiten! - Bei Gott, ich wollte sie oft beschenken - ich
nahm einmal absichtlich Extrapost, um ihnen eine erkleckliche Spiel-Summe (nicht
auf der Flte, sondern auf der Karte erspielt) zugleich mit meiner Person
schneller zu berreichen; leider aber zehr' ichs gerade durch die Schnelle
selber auf und mu auf halbem Weg leer umwenden. Glaub es mir, guter Bruder, ob
ichs gleich sage. Sooft ich auch nachher ging und fltete, das Geld ging auch
flten.
    Immer das Geld! sagte Walt, die Eltern geht nur ihr Kind, nicht dessen
Gaben an; knntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen
nagenden Sorge lassen, woraus du mich erlset? - Gut! sagt' er. So mg'
ihnen denn durch irgendeinen glaubwrdigen Mann aus Amsterdam oder Haag, etwan
durch einen Hrn. van der Harnisch, geschrieben werden, ihr schtzbarer Sohn, den
er persnlich kenne und schtze, emergiere mehr, habe jetzt Mittel und vor
tausenden das Pr und lange knftig an, so wie jetzt aus. Ach was! Ich knnte
selber nach Elterlein hinausreiten, Vults Geschichte erzhlen und beschwren und
falsche Briefe von ihm an mich vorzeigen - die noch dazu wahre wren -, nmlich
dem Vater; die Mutter, glaub' ich, erriete mich, oder sie bewegte mich, denn ich
liebe sie wohl kindlich! - Scheiden, sagtest du? Ich bleibe ja bei dir, Bruder!
    Das berfiel den Notarius wie eine versteckte Musik, die an einem
Geburtstage herausbricht. Er konnte nicht aufhren, zu jubeln und zu loben. Vult
aber erffnete, warum er dableibe, nmlich erstlich und hauptschlich, um ihm
als einem arglosen Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren knne,
unter dem adeligen Inkognito gegen die sieben Spitzbuben beizustehen; denn, wie
gesagt, er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg.
    Du bist freilich, versetzte Walt betroffen, ein gereiseter Weltmann, und
ich htte zu wenig gelesen und gesehen, wollt' ich das nicht merken; aber ich
hoffe doch, da ich, wenn ich mir immer meine Eltern vorhalte, wie sie so lange
angekettet auf dem dunstigen Ruderschiffe der Schulden ein bitteres Leben
befahren, und wenn ich alle meine Krfte zur Erfllung der
Testaments-Bedingungen zusammennehme, ich hoffe wohl, da ich dann die Stunde
erzwinge, wo ihnen die Ketten entzweigeschlagen und sie auf ein grnes Ufer
einer Zuckerinsel ausgeschifft sind und wir uns alle frei unter dem Himmel
umarmen. Ja ich hatte bisher gerade die umgekehrte Sorge fr die armen Erben
selber, an deren Stelle ich mich dachte, wenn ich sie um alles brchte; und nur
die Betrachtung machte mich ruhig, da sie doch die Erbschaft, schlg' ich sie
auch aus, nicht bekmen und da ja meine Eltern weit rmer sind und mir nher.

Der zweite Grund, versetzte Vult, warum ich in Halau verbleibe, hat mit dem
ersten nichts zu tun, sondern alles blo mit meiner gttlichen Windmhle, die
der blaue ther treibt, und auf welcher wir beide Brot - du erbst indes immer
fort -, soviel wir brauchen, mahlen knnen. Ich wei nicht, ob es sonst nicht
noch fr uns beide etwas so Angenehmes oder Ntzliches gibt als eben die
thermhle, die ich projektieren will; die Frisiermhlen der Tuchscherer, die
Bandmhlen der Berner, die Molae asinariae oder Eselsmhlen der Rmer kommen
nicht in Betracht gegen meine.
    Walt war in grter Spannung und bat sehr darum. Droben bei einem Glas
Krtzer, versetzte Vult. Sie eilten den Hgel auf zum Wirtshaus. Drinnen taten
sich schon an einem Tische, der die Marschalls-, Pagen- und Lakaientafel war,
schnelle Frezangen auf und zu. Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins
Freie. Das weie Tischtuch ihres verschobenen Soupers glnzte schon aus der
wandlosen Stube herab. Vult fing damit an, da er dem Modelle der knftigen
thermhle das Lob von Walts gestrigen Streckversen vorausschickte - da er sein
Erstaunen bezeugte, wie Walt, bei sonstigem berwallen im Leben, doch jene Ruhe
im Dichten habe, durch welche ein Dichter es dem Wasserrennen der Bayerinnen
gleichtut, welche mit einem Scheffel Wasser oder Hippokrene auf dem Kopfe unter
der Bedingung wettlaufen, nichts zu verschtten, und da er fragte, wie er als
Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen.
    Der Notarius trank mit Geschmack den Krtzer und sagte, zweifelnd vor
Freude: wenn wrklich etwas Poetisches an ihm wre, auch nur der Flaum einer
Dichterschwinge, so kme es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her,
in allen vom Jus freigelassenen Stunden an gar nichts zu hangen, an gar nichts
aufzuklettern als am hohen Olymp der Musen, dem Gttersitze des Herzens, wiewohl
ihm noch niemand recht gegeben als Goldine und der Kandidat; aber, guter Vult,
scherze hier nicht mit mir. Die Mutter nannte dich schon frh den Spaer. Ist
dein Urteil Ernst? - Ich will hier den Hals brechen, Tabellio, versetzte
Vult, bewunder' ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunstseele. Hr erst
weiter!
    Ach warum werd ich denn so berglcklich? (unterbrach ihn Walt und trank).
Gestern find' ich den Plato, heute dich, gerade zwei Nummern nach meinem
Aberglauben. Du hrtest gestern alle Verse? - Mitten unter dem heftigen Auf-
und Abschreiten suchte er immer das Wirtskind, das im Hofe unter der Baute von
Kartoffeln-Samenkapseln furchtsam aufguckte, jedesmal sehr anzulcheln, damit es
nicht erschrke.
    Vult fing, ohne ihm zu antworten, sein Mhlen-Modell folgendermaen
vorzulegen an, sehr unbesorgt, wie jeder Reisende, ber ein zuflliges fnftes
Ohr:
    Andchtiger Mitbruder und Zwilling! Es gibt Deutsche. Fr sie schreiben
dergleichen. Jene fassen es nicht ganz, sondern rezensieren es, besonders
exzellenten Spa. Sie wollen der poetischen Schnheitslinie ein Linienblatt
unterlegen; dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben, was aber so
schlimm ist, als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat. Die Kunst sei ihr
Weg und Ziel zugleich. Durch den jdischen Tempel durfte man nach Lightfoot
nicht gehen, um blo nach einem andern Orte zu gelangen; so ist auch ein bloer
Durchgang durch den Musentempel verboten. Man darf nicht den Parna passieren,
um in ein fettes Tal zu laufen. - Verdammt! La mich anders anfangen! zanke
nicht! Trinke! - Jetzt:

                                     Walt!

Ich habe nmlich auf meinen Fltenreisen ein satirisches Werk in den Druck
gegeben als Manuskript, die grnlndischen Prozesse in zwei Bnden anno 1783 bei
Vo und Sohn in Berlin. (Ich erstaune ganz, sagte Walt verehrend.) Ich wrde
dich inzwischen ohne Grund mit Lgen besetzen, wenn ich dir verkndigen wollte,
die Bekanntmachung dieser Bnde htte etwan mich oder die Sachen selber im
geringsten bekanntgemacht. Nimmt man sechs oder sieben Schergen, zugleich
Schcher und Schchter, aus - und hier fallen zwei auf die Allgem. deutsche
Bibliothek, die also wohl einer sind -, so hat leider keine Seele die Scripta
getadelt und gekannt. Es ist hier - wegen deiner Ungeduld nach der versprochenen
thermhle - wohl nicht der Ort, es glcklich auseinanderzusetzen warum; - habe
genug, wenn ich dir schwre, da die Rezensenten Snder sind, aber arme, echte
Gurkenmaler, die sich daher Gurken herausnehmen, Grenzgtter ohne Arme und Beine
auf den Grenzhgeln der Wissenschaften, und da wir alle hinauf und hinab
florieren wrden, gb' es nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen, fr jede
einen, so wie es wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt als - eine in
die andere bergerechnet - Truppen.
    Es ist eine der verwnschtesten Sachen. Oft rezensiert die Jugend das Alter,
noch fter das Alter die Jugend, eine Rektors-Schlafhaube kmpfet gegen eine
Jnglings-Sturmhaube -
    Wie Kochbcher arbeiten sie fr den Geschmack, ohne ihn zu haben -
    Solchen Sekanten, Kosekanten, Tangenten, Kotangenten kommt alles exzentrisch
vor, besonders das Zentrum; der Kurzsichtige findet nach Lambert7den
Kometenschwanz viel lnger als der Weitsichtige -
    Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken, nmlich den ordentlichen
Schreib-Kiel, sie wollen den Autor mit ihrem Richterstabe, wie Minerva mit ihrem
Zauberstabe den Ulysses, in einen Bettler und Greis verkehren -
    Sie wollen die erbrmlichsten Dinge bei Gott - (Des Notars Gesicht zog sich
dabei ins lange, weil er wie jeder, der nur gelehrte Zeitungen hlt, aber nicht
macht und kennt, von einer gewissen Achtung fr sie, vielleicht gar einer
hoffenden, nicht frei war.) Indes jeder Mensch - fuhr jener fort - sei billig;
denn ich darf nicht bersehen, da es mit Bchern ist wie mit Pkelfleisch, von
welchem Huxham dartat, da es zwar durch miges Salz sich lange halte, aber
auch durch zu vieles sogleich faule und stinke Notarius, ich machte das Buch zu
gut, mithin zu schlecht. -
    Du wimmelst von Einfllen (versetzte Walt); scherzhaft zu reden, hast du so
viele Windungen und Kpfe wie die lernische Schlange.
    Ich bin nicht ohne Witz, erwiderte Vult in vergeblicher Absicht, da der
Bruder lache, aber du reiest mich aus dem Zusammenhang. - Was kann ich nun
dabei machen? Ich allein nichts; aber mit dir viel, nmlich ein Werk; ein Paar
Zwillinge mssen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, ein Buch
zeugen, einen trefflichen Doppel-Roman. Ich lache darin, du weinst dabei oder
fliegst doch - du bist der Evangelist, ich das Vieh darhinter - jeder hebt den
andern - alle Parteien werden befriedigt, Mann und Weib, Hof und Haus, ich und
du. - Wirt, mehr Krtzer, aber aufrichtigen! - Und was sagst du nun zu diesem
Projekt und Mhlengang - wodurch wir beide herrlich den Mahlgsten Himmelsbrot
verschaffen knnen, und uns Erdenbrot, was sagst du zu dieser Musenro-Mhle? -
Aber der Notar konnte nichts sagen, er fuhr blo mit einer Umhalsung an den
Projektmacher. Nichts erschttert den Menschen mehr - zumal den belesenen - als
der erste Gedanke seines Drucks. Alte tiefe Wnsche der Brust standen auf einmal
aufgewachsen in Walten da und blhten voll; wie in einem sdlichen Klima fuhr in
ihm jedes nordische Strauchwerk zum Palmenhain auf; er sah sich bereichert und
berhmt und wochenlang auf dem poetischen Geburtsstuhl. Er zweifelte in der
Entzckung an nichts als an der Mglichkeit und fragte, wie zwei Menschen
schreiben knnten, und woher ein romantischer Plan zu nehmen sei.
    Geschichten, Walt, hab' ich auf meinen Reisen an 1001 erlebt, nicht einmal
gehrt; diese werden smtlich genommen, sehr gut verschnitten und verkleidet.
Wie Zwillinge in ein Dintenfa tunken? Beaumont und Fletcher, sich hundsfremd,
nhten an einem gemeinschaftlichen Schneider-Tische Schauspiele, nach deren Naht
und Suturen noch bis heute die Kritiker fhlen und tasten. Bei den spanischen
Dichtern hatte oft ein Kind an neun Vter, nmlich eine Komdie, nmlich
Autoren. Und im ersten Buch Mosis kannst du es am allerbesten lesen, wenn du den
Professor Eichhorn dazu liesest, der allein in der Sndflut drei Autoren
annimmt, auer dem vierten im Himmel. Es gibt in jedem epischen Werke Kapitel,
worber der Mensch lachen mu, Ausschweifungen, die das Leben der Helden
unterbrechen; diese kann, denk' ich, der Bruder machen und liefern, der die
Flte blset. Freilich Paritt, wie in Reichsstdten, mu sein, die eine Partei
mu so viele Zensoren, Bttel, Nachtwchter haben als die andere. Geschieht nun
das mit Verstand, so mag wohl ein Werk zu hecken sein, ein Ledas-Ei, das sich
sogar vom Wolfischen Homer unterscheidet, an dem so viele Homeriden schrieben
und vielleicht Homer selber. -
    Genug, genug, rief Walt. Betrachte lieber den himmlischen Abend um uns
her! In der Tat blhten Lust und Lebens-Lob in allen Augen. Mehrere Gste, die
schon abgegessen, tranken ihren Krug im Freien, alle Stnde standen
untereinander, die Autoren mitten im tiers-tat. Die Fledermuse schossen als
Tropikvgel eines schnen Morgens um die Kpfe. An einer Rosenstaude krochen die
Funken der Johanniswrmlein. Die fernen Dorfglocken riefen wie schne
verhallende Zeiten herber und ins dunkle Hirtengeschrei auf den Feldern hinein.
Man brauchte so spt auf allen Wegen, nicht einmal in dem Gehlze, Lichter, und
man konnte bei dem Schein der Abendrte die hellen Kpfe deutlich durch das hohe
Getreide waten sehen. Die Dmmerung lagerte sich weit und breit nach Westen
hinein, mit der scharfen Mond-Krone von Silber auf dem Kopfe; nur hinter dem
Hause schlich sich, aber ungesehen, die groe hohle Nacht aus Osten heran. In
Mitternacht glomm es leise wie Apfelblte an, und liebliche Blitze aus Morgen
spielten herber in das junge Rot. Die nahen Birken dufteten zu den Brdern
hinab, die Heu-Berge unten dufteten hinauf. Mancher Stern half sich heraus in
die Dmmerung und wurde eine Flug-Maschine der Seele.
    Vult vergabs dem Notar, da er kaum zu bleiben wute. Er hatte so viele
Dinge und unter ihnen den Krtzer im Kopfe; denn in diesem entsetzlichen Weine,
wahrem Weinbergs-Unkraut fr Vult, hatte sich der arme Teufel - dem Wein so hoch
klang wie ther - immer tiefer in seine Jahre zurckgetrunken, ins 20te, 18te
und letzlich ins 15te.
    Auf Reisen trifft man Leute an, die darauf zurckschwimmen ins erste Jahr,
bis an die Quelle. Vormittags predigen es die bte in ihren
Visitationspredigten: werdet wie die Kinder! Und abends werden sie es samt dem
Kloster, und beide lallen kindlich.
    Warum siehst du mich so an, geliebter Vult? sagte Walt. Ich denke an die
vergangenen Zeiten, versetzte jener, wo wir uns so oft geprgelt haben; wie
Familienstcke hngen die Bataillenstcke in meiner Brust - ich rgerte mich
damals, da ich strker und zorniger war und du mich doch durch deine elastische
wtige Schnelle aller Glieder hufig unterbekamst. Die unschuldigen
Kinderfreuden kommen nie wieder, Walt!
    Aber der Notar hrte und sah nichts als Apollos flammenden Sonnenwagen in
sich rollen, worauf schon die Gestalten seines knftigen Doppelromans
kolossalisch standen und kamen; unwillkrlich macht' er groe Stcke vom Buche
fertig und konnte sie dem verwunderten Bruder zuwerfen. Dieser wollte endlich
davon aufhren, aber der Notar drang noch auf den Titel ihres Buchs. Vult schlug
Flegeljahre vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der
teils so auffallend sei, teils so wild. Gut, so mag denn die Duplizitt der
Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer
beliebter Autor tut, etwan: Hoppelpoppel oder das Herz. Bei diesem Titel mute
es bleiben.
    Beide mengten sich wieder in die Gegenwart ein.
    Der Notar nahm ein Glas und drehte sich von der Gesellschaft ab und sagte
mit tropfenden Augen zu Vult: Auf das Glck unserer Eltern und auch der armen
Goldine! Sie sitzen jetzt gewi ohne Licht in der Stube und reden von uns. -
Hierauf zog der Flten ist sein Instrument hervor und blies der Gesellschaft
einige gemeine Schleifer vor. Der lange Wirt tanzte darnach langsam und zerrend
mit dem schlfrigen Knaben; manche Gste regten den Takt-Schenkel; der Notarius
weinte dazu selig und sah ins Abendrot. Ich mchte wohl, sagt' er dem Bruder
ins Ohr, die armen Fuhrleute smtlich in Bier freihalten. - Wahrscheinlich,
sagte Vult, wrfen sie sich dann aus point d'honneur den Hgel hinunter.
Himmel! sie sind ja Krsi gegen uns und sehen herab. Vult lie den Wirt
pltzlich, statt zu tanzen, servieren; so ungern der Notarius in seine
Entzckung hinein essen und kuen wollte.
    Ich denke roher, sagte Vult, ich respektiere alles, was zum Magen gehrt,
diese Montgolfiere des Menschen-Zentaurs; der Realismus ist der Sancho Pansa des
Idealismus. - Aber oft geh' ich weit und mache in mir edle Seelen, z.B.
weibliche, zum Teil lcherlich, indem ich sie essen und als Selbst-Futterbnke
ihre untern Kinnbacken so bewegen lasse, da sie dem Tier vorschneiden.
    Walt unterdrckte sein Mifallen an der Rede. Beglckt aen sie oben vor der
ausgebrochenen Wand; die Abendrte war das Tafellicht. Auf einmal rauschte mit
verlornem Donnern eine frische Frhlingswolke auf Laub und Grser herunter, der
helle goldne Abendsaum blickte durch die herabtropfende Nacht, die Natur wurde
eine einzige Blume und duftete herein, und die erquickte gebadete Nachtigall zog
wie einen langen Strahl einen heien langen Schlag durch die khle Luft.
Vermissest du jetzt sonderlich, fragte Vult, die Parkbume, den Paruckenbaum,
den Gerberbaum - oder hier oben die Bedienten, die Servicen, den Goldteller mit
seinem Spiegel, damit darauf die Portion mit falschen Farben schwimme? -
Wahrlich nicht, sagte Walt; sieh, die schnsten Edelsteine setzt die Natur
auf den Ring unseres Bundes - und meinte die Blitze. Die Luftschlsser seiner
Zukunft waren golden erleuchtet. Er wollte wieder vom Doppelromane und dem Stoff
dazu anfangen - und sagte, er habe hinter der Schferei heute drei
hineinpassende Streckverse gemacht. Aber der Fltenist, einer und derselben
Materie bald berdrssig und nach Rhrungen ordentlich des Spaes bedrftig,
fragte ihn: warum er zu Pferde gegangen? Ich und der Vater, sagte Walt ernst,
dachten, eh wir von der Erbschaft wuten, ich wrde dadurch der Stadt und den
Kunden bekannter, weil man unter dem Tore, wie du weit, nur die Reiter ins
Intelligenzblatt setzt. Da brachte der Fltenist wieder den alten Reiterscherz
auf die Bahn und sagte: der Schimmel gehe, wie nach Winkelmann die groen
Griechen, stets langsam und gesetzt - er habe nicht den Fehler der Uhren, die
immer schneller gehen, je lter sie werden - ja vielleicht sei er nicht lter
als Walt, wiewohl ein Pferd stets etwas jnger sein sollte als der Reiter, so
wie die Frau jnger als der Mann - ein schnes rmisches Sta Viator, Steh,
Wegmachender! bleibe der Gaul fr den, so darauf sitze....
    O lieber Bruder, sagte Walt sanft, aber mit der Rte der Empfindlichkeit
und Vults Laune noch wenig fassend und belachend, zieh mich damit nicht mehr
auf, was kann ich dafr?
    Nu, nu, warmer Aschgraukopf, sagte Vult und fuhr mit der Hand ber den
Tisch und unter alle seine weiche Locken, streichelnd Haar und Stirn, lies mir
denn deine drei Polymeter vor, die du hinter der Schferei gelammet.
    Er las folgende:

                            Das offne Auge des Toten

Blick mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Toter, ja der
Tod. O drcket das Auge zu, ihr Freunde, dann ist es nur Schlummer.

Warst du so trbe gestimmt an einem so schnen Tage? fragte Vult. Selig war
ich wie jetzt, sagte Walt. Da drckte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend:
Dann gefllts mir, das ist der Dichter. Weiter!

                                 Der Kinderball

Wie lchelt, wie hpfet ihr, blumige Genien, kaum von der Wolke gestiegen! Der
Kunst-Tanz und der Wahn schleppt euch nicht, und ihr hpfet ber die Regel
hinweg. - Wie, es tritt die Zeit herein und berhrt sie? Groe Mnner und Frauen
stehen da? Der kleine Tanz ist erstarrt, sie heben sich zum Gang und schauen
einander ernst ins schwere Gesicht? Nein, nein, spielet ihr Kinder, gaukelt nur
fort in eurem Traum, es war nur einer von mir.

                       Die Sonnenblume und die Nachtviole

Am Tage sprach die volle Sonnenblume: Apollo strahlt, und ich breite mich aus,
er wandelt ber die Welt, und ich folge ihm nach. In der Nacht sagte die Viole:
Niedrig steh' ich und verborgen - und blhe in kurzer Nacht; zuweilen schimmert
Phbus' milde Schwester auf mich, da werd' ich gesehen und gebrochen und sterbe
an der Brust.
    Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz! sagte Vult
gerhrt, weil die Kunst geradeso leicht mit ihm spielen konnte als er mit der
Natur, und er schied mit einer Umarmung. In Walts Nacht wurden lange Violenbeete
geset - an das Kopfkissen kamen durch die offne Wand die Dfte der erquickten
Landschaft heran und die hellen Morgentne der Lerche - sooft er das Auge
auftat, fiel es in den blauen vollgestirnten Westen, an welchem die spten
Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorlufer des schnen Morgens.

                             Nr. 15. Riesenmuschel


                           Die Stadt - chambre garnie

Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den brderlichen, als
er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit
weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er
mute lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene
Mauer herunter verteidigen. Darauf bat er den mden Vater, zu reiten, indes er
zu Fue neben ihm laufe. Lukas nahm es ohne Dank an. Sehnschtig nach dem
Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verlie Walt die Bhne eines so holden
Spielabends.
    Auf dem waagrechten Wege, der keinen Wassertropfen rollen lie, bewegte sich
das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von
der Sattel-Kanzel unzhlige Rechts- und Lebensregeln herabwarf. Was konnte
Gottwalt hren? Er sah nur in und auer sich glnzende Morgenwiesen des
Jugendlebens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee, ferner die
dunklen Blumengrten der Liebe, den hohen hellen Musenberg und endlich die Trme
und Rauchsulen der ausgebreiteten Stadt. Jetzt sa der Vater mit dem Befehle an
den Notarius ab, durchs Tor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10
Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm
gehrig vor dem Magistrate zu erscheinen.
    Walt sa auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so
anmutig; an den Huserreihen glnzte weier Tag, in den grnen tauigen Grten
bunter Morgen, selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheien, weil es
seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam. - Der Notarius sang
laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Frstentum stand kein Ich auf einem so
hohen Gehirnhgel als sein eigenes, welches daran herab wie von einem tna in
ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah, da die blitzenden Sulen,
die umgekehrten Stdte und Schiffe den ganzen Tag hngenblieben in der
Spiegelluft.
    Unter dem Tore befragte man ihn, woher? Von Halau, versetzte er entzckt,
bis er den lcherlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte: Nach Halau. Das
Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die
bevlkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um sofort
seine chambre garnie zu beziehen. Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei,
gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers, sah ers gern, da er seinen
Hausherrn, den Hofagent Neupeter, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit,
die verschttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und den Schutt
wegzufahren, so da zuletzt vllig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen,
ebenso prchtig, so breit und voll Palste und Damen, wie die waren, durch
welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum ersten Male fate ihn die
Pracht des ewigen Getses, die schnellen Wagen, die hohen Huser mit ihren
Statuen darauf und die flitternen Opern- und Galakleider mancher Person. Er
konnte kaum annehmen, da es in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend und
andere platte Bauerntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben
Feiertagen. Auch sehr sauer wurd' es ihm zu glauben - sehen mut' ers freilich
-, da so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmiede und andere
Ackerpferde des Staats, die auf die Drfer gehrten, mitten unter den feinsten
Leuten wohnten und gingen.
    Er erstaunte ber jeden Werkeltagshabit, weil er selber mitten in der Woche
den Sonntag anhabend - den Nanking - gekommen war; alle groe Huser fllte er
mit geputzten Gsten und sehr artigen Herren und Damen an, die jene
liebe-winkend bewirteten, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker
hinauf. Er warf helle Augen auf jeden vorbergehenden lackierten Wagen und auf
jeden roten Schal, auf jeden Friseur, der sogar werkeltags arbeitete und
tafelfhig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon vormittags
gewaschen wurde, anstatt in Elterlein nur sonntags abends.
    Endlich stie er auf die lackierte Tre mit dem goldgelben Titelblatt
Material-Handlung von Peter Neupeter et Compagnie und ging durch die Ladentre
ein. Im Gewlbe wartete er es ab, bis die hin-und herspringenden Ladenschrzen
alle Welt abgefertigt htten. Zuletzt, da endlich nach der Anciennet der
Mahlgste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Prschchen, was ihm
beliebe. Nichts, versetzte er so sanft, als es seine Stimme nur vermochte,
ich bekomme hier eine chambre garnie und wnsche dem Hrn. Hofagenten mich zu
zeigen. Man wies ihn an die Glastre der Schreibstube. Der Agent - mehr Seide
im Schlafrock tragend als die Gerichtsmnnin im Sonntagsputz - schrieb den
Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem apfel-roten und - runden Gesichte
den Mietsmann.
    Der Notarius gedachte wahrscheinlich, mit seinem Rogeruch und seiner
Spiegerte zu imponieren als Reiter; aber fr den Agenten - den wchentlichen
Lieferanten der grten Leute und den jhrlichen Glubiger derselben - war ein
Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Importanz.
    Er rief ganz kurz einem Laden-Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweisen. Der
Page rief wieder auf der ersten Treppe ein bildschnes nettes, sehr
verdrliches Mdchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spiegerte bis zur
vierten brchte. Die Treppen waren breit und glnzend, die Gelnder figurierte
Eisengirlanden, alles froh erhellt, die Trschlsser und Leisten schienen
vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die
Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, da er sanft ihren Namen zu wissen
wnschte. Flora heiet der Name, womit das schne mrrische Ding auf die
Nachwelt bergeht.
    Die chambre garnie ging auf. - Freilich nicht fr jeden wre sie gewesen,
ausgenommen als chambre ardente; mancher, der im Roten Hause zu Frankfurt oder
im Egalitts-Palaste geschlafen, htte an diesem langen Menschen-Koben voll
Ururur-Mbeln, die man vor dem glnzenden Hause hier zu verstecken suchte,
vieles freimtig ausgesetzt. Aber ein Polymetriker im Gttermonat der Jugend,
ein ewig entzckter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten
Kartons von Raffael blo im (poetischen) Spiegel beschauet und mildert - der an
einer Fischer-, Hunds- und jeder Htte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das
nicht prchtig drauen? - der berall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost,
oder in Karlsruh, das wie ein Fcher, oder in Meinungen, das wie eine Harfe,
oder in einem Seewurm-Gehuse, das wie eine Pfeife gebauet ist, die Sommerseite
findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Fcher Khlung, der Harfen Tne,
der See-Pfeife desfalls - Ich meine berhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der
mit einem solchen Kopfe voll Aussichten ber die weite Bienenflora seiner
Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flchtigen berschlag des
Honigs macht, den er darein aus tausend Blumen tragen wird, ein solcher Mensch
darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans
Abend-Fenster schreitet, es aufreiet und vor Floren entzckt ausruft:
Gttliche Aussicht! Da unten der Park - ein Abschnitt Marktplatz - dort die
zwei Kirchtrme - drben die Berge - Wahrlich sehr schn! - Denn dem Mdchen
wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen.
    Er warf jetzt sein gelbes Rckchen ab, um als Selbstquartiermeister in
Hemdrmeln alles so zu ordnen, da, wenn er von der verdrlichen Erscheinung
vor dem Stadtrate nach Hause kme, er sogleich ganz wie zu Hause sein knnte und
nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen
Streckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den
Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er fr schne
Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt fr ihn offenbaren
wollen. Mit Freuden trug er von zwlf grnen, in Tuch und Kuhhaar gekleideten
Sesseln die Hlfte - man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen - ins Schlafgemach
zu einem lackierten Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem
Frauen-Schattenri. Aus einer Kommode - einem Huschen im Haus zog er mit beiden
Hnden ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgefahrne fahrende Habe
dareinzuschaffen. Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das
Heie getrunken werden, da es beides so khlte. Er erstaunte ber den berflu,
worin er knftig schwimmen sollte. Denn es war noch eine Paphose da (er wute
gar nicht, was es war) - ein Bcherschrank mit Glastren, deren Rahmen und
Schlsser ihm, weil die Glser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er
oben die Bcher schickte, unten die Notariats-Hndel - ein blau angestrichener
Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und
andere Stcke, zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte,
wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfen und einem Einsatz
von lackiertem Blech tun wollte - endlich ein Kammerdiener oder eine Servante,
die er als Sekretr an den Schreibtisch drehte, um auf ihre Scheiben Papier,
eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum Jus zu legen. Das sind vielleicht
die wichtigern Pertinenzstcke seiner Stube, wobei man Lappalien, leere
Markenkstchen, ein Nhpult, einen schwarzen basaltenen Kaligula, der aus
Brustmangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschrnklein u.s.w. nicht
anschlagen wollte.
    Nachdem er noch einmal seine Stiftshtte und deren Ordnung vergngt
berschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weien Kiesgnge und
dunkeln vollaubigen Bume besehen hatte: machte er sich auf den Weg zum Vater
und freuete sich auf den Treppen, da er in einem so kostbaren Hause ein elendes
Wohn-Nest besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die
Hofagentin festgehalten. Es roch wie ein Garten, so da er bald auf der
Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schnsten Kniginnen und
Herzoginnen und Landgrfinnen hineinschwamm; indes hielt ers fr Pflicht, durch
das Ladengewlbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben: hier
sei etwas an Madame. Hinter seinem Rcken lachte smtliche Handels-Pagerie
ungewhnlich.
    Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte
ihn als Universalerben smtlichen Gsten vor. Er schmte sich, als eine
Merkwrdigkeit dieser Art lange dem Beschauen blozustehen, und beschleunigte
die Erscheinung vor dem Stadtrat. Verschmt und bange trat er in die Ratsstube,
wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte, auf welchen
andere Menschen wie Saiten gespannt waren; er schlug die Augen vor den
Akzessit-Erben nieder, die gekommen waren, ihren Brotdieb abzuwgen. Blo der
stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz, der ein viel zu berhmter
Prediger auf dem Kanzel- und dem Schreibpulte war, um zur Schau eines
ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun, von dem er die grte Begierde
forderte, vielmehr Glanzen aufzusuchen.
    Der regierende Brgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der
heimliche Freund des Jnglings, der mit so errtendem Schmerz sich allein, vor
den Augen stehender gefriger Zuschauer, an die gedeckte Glckstafel setzte.
Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf.
    Das Testament wurde verlesen. Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold
auf den Frhprediger Flachs, als den redlichen Finder und Gewinner des
Kabelschen Hauses; und Walt warf schnell die Augen auf ihn, und sie standen voll
Glckwnsche und Gnnen.
    Als er in der 4ten Klausel sich anreden hrte vom toten Wohltter: so wre
er den Trnen, deren er sich in der Ratsstube schmte, zu nahe gekommen, wenn er
nicht ber Lob und Tadel wechselnd htte errten mssen. Der Lorbeerkranz und
die Zrtlichkeit, womit Kabel ihm jenen aufsetzte, begeisterte ihn mit einer
ganz andern, heiern Liebe als das Fllhorn, das er ber seine Zukunft
ausschttete. - Die darauf folgenden Stellen, welche fr den Vorteil der sieben
Erben allerlei aussprachen, versetzten dem Schulthei den Atem, indem sie dem
Sohne einen freiern gaben. Nur bei der 14ten Klausel, die seiner unbefleckten
Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verfhrung zutrauete oder verbot,
wurde sein Gesicht eine rote Flamme; wie konnte, dachte er, ein sterbender
Menschenfreund so oft so unzart schreiben?
    Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel
Harnisch mu߫ einen Eid von ihm, nichts auf das Testament zu entlehnen. Kuhnold
sagte, er sei nur an Eides Statt es zu geloben schuldig. Ich kann ja
zweierlei tun; denn es ist ja einerlei, Eid und an Eides Statt und jedes bloe
Wort, sagte Walt; aber der biedere Kuhnold lie es nicht zu. Es wurde
protokolliert, da Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswhle - Der Vater
erbat sich Testaments-Kopie, um davon eine fr den Sohn zu nehmen, welche dieser
tglich als sein Altes und Neues Testament lesen und befolgen sollte - Der
Buchhndler Pavogel besah und studierte den Gesamt-Erben nicht ohne Vergngen
und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht, deren das Testament,
sagt' er, flchtig erwhne - Der Polizei-Inspektor Harprecht nahm ihn bei der
Hand und sagte: Wir mssen uns fters suchen, Sie werden kein Erb-Feind von mir
sein, und ich bin ein Erbfreund; man gewhnt sich zusammen und kann sich dann so
wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster, den man, wie Le Vayer
sagt, nie ohne Empfindung ausreien sieht. Wir wollen einander dann
wechselseitig mit Worten verkleinern; denn die Liebe spricht gern mit
Verkleinerungswrtern. Walt sah ihm arglos ins Auge, aber Harprecht hielt es
lange aus.
    Ohne Umstnde schied Lukas vom gerhrten Sohne, um die Kabelschen Erbstcke,
den Garten und das Wldchen vor dem Tore und das verlorne Haus in der
Hundsgasse, so lange zu besehen, bis der Ratsschreiber den Letzten Willen mochte
abgeschrieben haben.
    Gottwalt schpfte wieder Frhlings-Atem, als er die Ratsstube wie ein enges
dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte; so vieles
hatt' ihn bedrngt; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heihungers
gemeiner Weltherzen zuschauen - und sich verhat und verworren sehen mssen -
die Erbschaft hatte, wie ein Berg, die bisher von der Ferne und der Phantasie
versteckten und gefllten Grben und Tler jetzt in der Nhe aufgedeckt und sich
selber weiter hinausgerckt - der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhrlich
ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn
gelockt, wie den Gefangnen blhende Zweige und Schmetterlinge, die sich auen
vor seinen Gittern bewegen.
    Der liebliche Jesuiterrausch, den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen
groen Stadt im Kopfe hat, war in der Ratsstube meistens verraucht. An der
Wirtstafel, an der er sich einmietete, kam unter der rauhen ehelosen
Zivil-Kaserne von Sachwaltern und Kanzelisten ber seine Zunge, auer etwas
weniges von einer gerucherten, nichts, kein warmer Bruder-Laut, den er htte
aussprechen oder erwidern knnen. Den Bruder Vult wut' er nicht zu finden; und
am schnsten Tage blieb er daheim, damit ihn dieser nicht fehlginge. In der
Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat fr den Halauer Kriegs- und
Friedens-Boten auf, worin er als Notarius anzeigte, wer und wo er sei; ferner
einen kurzen anonymen Streckvers fr den Poetenwinkel des Blattes-Poets corner-,
berschrieben

                                   Der Fremde

 - - - - -, - - - -, - - - - -, - - - - - - - -, - - -, - , - - - -.

Gemein und dunkel wird oft die Seele verhllt, die so rein und offen ist; so
deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen licht und hell und blau wie
ther erscheint. Bleib' euch stets die Hlle fremd, bleib' es nur der Verhllte
nicht.

                                       *

Schwerlich werden einem Halauer Ohre von einiger Zrte die Hrten dieses Verses
- z.B. der Proceleusmatikus: kel wird oft die - der zweite Pon: die Hlle fremd
- der Molossus: bleib' euch stets - entwischen; durfte aber nicht der Dichter
seine Ideen-Krze durch einige metrische Rauheit erkaufen? - Ich bemerke bei
dieser Gelegenheit, da es dem Dichter keinen Vorteil schafft, da man seine
Streck- und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann; und es wre zu
wnschen, es gbe dem Werke keinen lcherlichen Anstrich, wenn man aus demselben
armlange Papierwickel wie Flughute flattern liee, die herausgeschlagen dem
Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbndern sen; aber ich glaube nicht,
da es Glck machte.

Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er
glaubte, er msse auf ihnen an die beiden Tchter und die Frau des Hauses seinen
Namen abgeben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen
Zeitungsdruckerei ablieferte: fiel sein Auge erschreckend auf das neueste
Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand:

Das Fltenkonzert mu ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes
Augen-bel mir verbietet, Noten anzusehen.
                                                           J. van der Harnisch.

Welch einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stbchen zurck!
Auf den ganzen Frhling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein
freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf
werfen sollte. Er lief mig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn. Die
Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und fllte das Zimmer mit
Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben
Sonnenzeit erst wiederbekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus
strmischem Heimwehe nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen
knnen: guten Morgen und lebe wohl, Vult!
    Da ging die Tre auf und der festlich gekleidete Fltenist herein. O mein
Bruder! rief Walt schmerzlich-freudig. Donner! leise, fluchte Vult leise, es
geht hinter mir - nenne mich Sie! Flora kam nach. Morgen vormittag demnach,
Hr. Notarius, fuhr Vult fort, wnsche ich, da Sie den Mietkontrakt zu Papier
brchten. Tu parles franais, Monsieur? - Misrablement, versetzte Walt, ou
non. - Darum, Monsieur, komme ich so spt, erwiderte Vult, weil ich erstlich
meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern
fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will,
der tue es in den ersten Tagen, wo er einpassiert; da sucht man noch die
seinige, um ihn nur berhaupt zu sehen; spter, wenn man ihn hundertmal gesehen,
ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem
Markte blogestanden.
    Gut, sagte Walt, aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus,
da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las- und zog leise die
Tre des Schlafkmmerchens zu, worin Flora bettete. Die Sache bleibt wohl die,
fing Vult an und stie kopfschttelnd die Pforte wieder auf - pudoris gratia
factum est atque formositatis8, erwiderte Walt auf das Schtteln - bleibt wohl
die, sag' ich, was Sie auch mgen hier eingewendet haben, die, da das deutsche
Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeiet als in Wunden oder in Metastasen.
Ich meine aber weiter nichts als soviel: da das Publikum z.B. einen Maler sehr
gut bezahlt und rekommandiert, der aber etwan mit dem linken Fue pinselte -
oder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliese - desgleichen einen
Harfenierer, der mit beiden Zahnreihen griffe - auch einen Poeten, der Verse
machte, aber im Schlafe - und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten,
der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dulons htte, stockblind zu
sein. - Ich sagte noch Metastasen, nmlich musikalische. Ich gab einmal einem
Fagottisten und einem Bratschisten, die zusammen reiseten, den Rat, ihr Glck
dadurch zu machen, da der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte, auf
dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben, und der andere, auf der Bratsche
so etwas vom Fagott. Ihr machts nur so, sagt' ich, da ihr euch ein finsteres
Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein
Instrument und geb' es fr das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem
Schwanze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwrdigkeit sehen lie,
die den Kopf hinten trage. Ich wei aber nicht, ob sie es getan.
    Flora ging; und Vult fragte ihn, was er mit der Trschlieerei und dem
Latein gewollt.
    Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann, er sei nun so,
da er sich schme und qule, wenn er eine Schnheit wie Flora in die
knechtischen Verhltnisse der Arbeit gestrzt und vergraben sehe; eine niedrig
hantierende Schnheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem
niederlndischen Gemlde. - Oder jener Correggio, den man in Schweden an die
kniglichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine9, sagte Vult; aber
erzhle das Testament!
    Walt tats und verga etwan ein Drittel: Seit die poetischen
thermhlflgel, die du Mhlenbaumeister angegeben, sich vor mir auf ihren Hhen
regen, ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden, setzte er
dazu. -
    Das ist mir gar nicht recht, versetzte Vult. Ich habe den ganzen heutigen
Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors
gehalten, um die Hrn. Akzessit-Erben von weitem zu sehen - so die meisten davon
verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. Du bekommst
wahrlich schwere Aufgaben durch sie. - Walt sah sehr ernsthaft aus. - Denn,
fuhr jener lustiger fort, erwgt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora
vorhin nach Befehlen fragte, und ihr belvedere, d.h. ihre bellevue von schnem
Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht blo
wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht, eine
Flora so nahe mag hergesetzt haben, die zu deflorieren - - -
    Bruder! unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jngling und hoffte, eine
ironische Frage zu tun, ist das die Sprache eines Weltmanus wie du? - Auch
wollt' ich effleurer sagen statt dflorer, sagte Vult. O, reiner starker
Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten
reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt
auf gemeiner Gasse. Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn
vorhin so traurend gefunden. Walt, jetzt zu verschmt, sein Sehnen zu bekennen,
sagte blo, wie es gestern so schn gewesen und wie immer, so wie in andere
Feste Krankheiten10fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie
ihm das Augen-bel in der Zeitung wehe getan, das er noch nicht recht verstehe.
    Vult entdeckt' ihm den Plan, da er nmlich vorhabe, so gesund auch sein
Auge sei, es jeden Markttag im Wochenblatt fr krnker und zuletzt fr
stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Fltenkonzert zu geben, das
ebenso viele Zuschauer als Zuhrer anziehe. Ich sehe, sagte Vult, du willst
jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf; aber predige nicht; die Menschen verdienen
Betrug - Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den
Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber. - O wie darf denn ein
Mensch so stolz sein und sich fr den einzigen halten, dem allein die volle
Wahrheit zufliee? fragte Walt - Einen Menschen, versetzte Vult, mu jeder,
der auf den Rest Dampf und Nebel loslsset, besitzen, einen Auserwhlten, vor
dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck hinein. Der Glckliche bist nun
du; blo weil du - soviel du auch, merk' ich, Welt hast - doch im ganzen ein
frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja
Zwilling und - so la es dabei!
    Walt wute sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die
fremde; er sah der schnen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und
Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte, ein Schattenleben wie seines
htte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewi erspart. Bis tief in
die Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwrfen und Grenzrezessen ihres
Doppelromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen
Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor, da Walt den andern Tag weiter
nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem
morgenden Sonntag entgegen; der Fltenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte,
wie ein Finke geblendet pfeife.

                                Nr. 16. Berggur


                             Sonntag eines Dichters

Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der
Trme dunkelrot vor der frhen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein
Morgengebet, worin er Gott fr seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an
den Gebrgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzckungen oder Paradiesvgel
flogen stumm auf den Sonntag zu. Walt htte sich gefrchtet, seine namenlose
Wonne laut zu machen, wenns nicht vor Gott gewesen wre. Er begann nun den
Doppelroman. Es ist bekannt genug, da unter allen Kapiteln keine seliger
geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und dann das letzte,
gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend. Besonders erfrischt' es ihn, da
er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbi auf dem Parna spazierengehen
durfte und oben mit einer Muse spielen; indem er, hofft' er, gestern im
juristischen Fache das Seinige gearbeitet, nmlich das Testament vernommen und
erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, da der Held des
Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als blo
nach einem Freunde, nicht nach einer Heldin: so lie er ihn es zwei Stunden,
oder im Buche selber so viele Jahre lang, wirklich tun; er selber aber sehnte
sich auch mit und ber die Maen. Das Schmachten nach Freundschaft, dieser
Doppelflte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder
konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen.
    Oft sprang er auf, beschauete den duftigen goldhellen Morgen, ffnete das
Fenster und segnete die ganze frohe Welt, vom Mdchen am Springbrunnen an bis
zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So rckt die Bergluft der eignen
Dichtung alle Wesen nher an das Herz des Dichters, und ihm, erhoben ber das
Leben, nhern die Lebendigen sich mehr, und das Grte in seiner Brust
befreundete ihn mit dem Kleinsten in der fremden. Fremde Dichtungen hingegen
erheben den Leser allein, aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit.
    Allmhlich lie ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei, Kirchengelut,
seinen Ladendiener-Klopfwerken und Nach-Walkmhlen an Sonntagsrcken in allen
Korridoren schwer mehr sitzen; er sehnte sich nach einem und dem andern
leibhaften Strahl der Morgensonne, von welcher ihm in seinem Abendstbchen
nichts zu Gesichte kam als der Tag. Nachdem lange der Schreibtisch und die
sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stbe an ihn gehalten und er sich vergeblich
zwei Ichs gewnscht, um mit dem einen spazierenzugehen, whrend das andere mit
der Feder sa: so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll
Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften (Aurorens Gold-Wlkchen spielten ihm
auf der Gasse noch um die Augen) ber den frohen lauten Markt und zog mit dem
Viertels-Flgel der frstlichen Kriegsmacht fort, welcher blies und trommelte,
und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein, die mit ihr
im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde. Drauen vor dem Tore hrte er,
da das magische, wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem Innern von
einem schwarzen fliegenden Korps oder Chor Kurrendschler ausgesprochen wurde,
das in der Vorstadt fugierte und schrie. Herrlich wiegte sich in bunter Flle
der van der Kabelsche Garten vor ihm, den er einmal erben konnte, wenn ers recht
anfing und recht ausmachte; er ging aber verschmt nicht hinein, weil Menschen
darin saen, sondern erstieg das nahe Kabelsche Wldchen auf dem Hgel.
    Darin sa er denn entzckt auf Glanz und Tau und sah gen Himmel und ber die
Erde. Allmhlich sank er ins Vortrumen hinein - was so verschieden vom engern
Nachtrumen ist, da die Wirklichkeit dieses einzunt, indes der Spielplatz der
Mglichkeit jenem freiliegt. Auf diesem heitern Spielplatze beschlo er das
groe Gtterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meieln -
was er im Romane nicht gedurft -, wie ers fr sich brauchte. Mein ewig teurer
Freund, den ich einmal gewi bekomme, sagt' er zu sich, ist gttlich, ein
schner Jngling und dabei von Stande, etwa ein Erbprinz oder Graf; - und eben
dadurch so zart ausgebildet fr das Zarte. Im Gesicht hat er viel Rmisches und
Griechisches, eine klassische Nase, aus deutscher Erde gegraben; aber er ist
doch die mildeste Seele, nicht blo die feurigste, die ich je gefunden, weil er
in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe trgt. So treuen,
unbefleckten, starken Gemts, mit groen Felsen-Krften, gleich einer Bergreihe,
nur gerade gehend - ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militrisches
oder ein diplomatisches - daher setzt er mich und viele eben in ein wahres
Staunen, da ihn Gedichte und Tonkunst entzcken bis zu Trnen. Anfangs scheuete
ich ordentlich den gersteten Kriegsgott; aber endlich einmal in einem Garten in
der Frhlings-Dmmerung, oder weil er ein Gedicht ber die Freundschaft der
zurckgetretenen Zeiten hrte, ber den griechischen Phalanx, der bis in den Tod
kmpfte und liebte, ber das deutsche Schutz- und Trutzbndnis befreundeter
Mnner, da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach
dem Herzen, und er trumt sich seufzend eine Seele, die sich sehnet wie er. Wenn
diese Seele - das Schicksal will, da ichs sei - endlich neben seinen schnen
Augen voll Trnen steht, alles recht gut errt, ihm offen entgegenkommt, ihn
ihre Liebe, ihre Wnsche, ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen
lsset, gleichsam als wollte sie fragen: ist dir weniges genug?, so knnt' es
wohl ein zweites gutes Schicksal fgen, da der Graf, gleich Gott alle Seelen
liebend, auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwhlte, der dem
Gotte dann gleich werden kann - da dann wir beide in der hellsten Lebensstunde
einen Bund ewiger, starker, unverflschter Liebe beschwren.....
    Den Traum durchri ein schner langer Jngling, der in roter Uniform auf
einem Englnder unten auf der Heerstrae vorberflog, dem Stadttore zu. Ein gut
gekleideter Bettler lief mit dem offnen Hute ihm entgegen - dann ihm nach, dann
voraus- der Jngling kehrte das Ro um - der Bettler sich - und jetzt hielt
jener, in den Taschen suchend, den stolzen Waffentanz des schnen Rosses so
lange auf, da Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht,
wie Mondschein auf einem Frhling, bemerken konnte, sowie einen solchen Stolz
der Nase und der Augen, als knn' er die Siegszeichen des Lebens verschenken.
Der Jngling warf dem Manne seine Uhr in den Hut, welche dieser lang an der
Kette trug, indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte.
    Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande, eine Minute aus der Stadt zu
bleiben, wohin der Reiter geflogen war, der ihm fast als der Freund, nmlich als
der Gott vorkam, den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller brigen Gtter
(signis Pantheis) geputzet hatte. Befreunden, sagt' er zu sich, in seinem
romantischen, durch das Testament noch gestrkten Mute, und auf sein
liebe-quellendes Herz vertrauend, wollten wir uns leicht, falls wir uns erst
htten. - Er wre gern zu seinem Bruder gegangen, um sowohl das drstende Herz
an dessen Brust zu khlen, als ihn ber den schnen Jngling auszufragen; aber
Vult hatte ihn gebeten, der Spionen wegen und besonders vor dem Blinden-Konzert
den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten.
    Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der Hofagent Neupeter in seine
dunkle Schreibstube hinein, damit er darin vor dem Essen einige Wechsel
protestierte. Wie an einem Kfer, der erst vom Fluge gekommen, hingen an ihm die
Flgel noch lang unter den Flgeldecken heraus; aber er protestierte doch mit
wahrer Lust, es war sein erster Notariats-Aktus; und - was ihm noch mehr galt -
seine erste Dankhandlung gegen den Agenten. Nichts wurde ihm lnger und lstiger
als das erste Vierteljahr, worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder
bekstigte, blo weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mhen vorscho, ohne
von ihm noch das Geringste zu ziehen. Er protestierte gut und sehr, mute sich
aber vom lchelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war berhaupt kaum bei
sich; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel, die er durch
Adler in alle helle therrume hat reien lassen, pltzlich unten auf der Erde
an, so hngt er doch noch entzckt unter dem Glob' und sieht verblfft umher.
    Das war der Sonntags-Vormittag. Der Nachmittag schien sich anders
anzufangen. Walt war von der hellen Wirtstafel - wo er mit seinem Puder und
Nanking zwischen Atlas, Manchester, Lackzpfen, Degen, Batist, Ringen und
Federbschen wettgeeifert und gespeiset hatte - in seine Schattenstube im
vlligen Sonntagsputz zurckgegangen, den er nicht ausziehen konnte, weil eben
der Putz in nichts als in einigem Puder bestand, womit er sich sonntglich
besete. Sah er so wei aus, so schmeckt' er freilich so gut als der Frst, was
sowohl Sonntage heien als Putz. Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des
Putzwerkes offen; denn das Glck weht ihm irgendeinen Lappen zu, womit er sein
grtes Loch zuflickt; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und
bietet es still schlechtem porsen Bettelvolk. Nur aber war der frohe Vorsatz,
den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben, jetzt
ber seine Krfte, blo wegen des Sonntags-Schmucks; ein gepuderter Kopf
arbeitet schwer. So mte zum Beispiel gegenwrtiger Verfasser - steckte man ihn
in dieser Minute zur Probe in Knigsmntel, in Krnungsstrmpfe, in
Sporenstiefel, unter Kurhte -, auf solche Weise verziert, die Feder weglegen
und verstopft aufstehen, ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben, denn es
geht gar nicht im herrlichsten Anzug; - ausgenommen allein bei dem verstorbenen
Buffon, von welchem Madame Necker berichtet, da er zuerst sich wie zur Gala und
darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet, um welche er als ein geputzter und
putzender Kammerdiener herumging, indem er ihnen vormittags die Nennwrter
anzog, und nachmittags die Beiwrter.
    Den Notar strte auer dem Puder noch das Herz. Die Nachmittags-Sonne glitt
jetzt herein, und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt, ins
Freie; er bekam das Sonntags-Heimweh, was fast armen Teufeln mehr bekannt und
beschwerlich ist als reichen. Wie oft trug er in Leipzig an schnen Sonntagen
die Vesper-Wehmut durch die entvlkerten Alleen um die Stadt! Nur erst abends,
wenn die Sonne und die Lust-Gste heimgingen, wurd' ihm wieder besser. Ich habe
geplagte Kammerjungfern gekannt, welche imstande waren, wchentlich siebenthalbe
Tage zu lachen und zu springen, nur aber sonntags nach dem Essen unmglich; das
Herz und das Leben wurd' ihnen nachmittags zu schwer, sie strichen so lange in
ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum, bis sie darin auf irgendein
dunkles Pltzchen stieen, etwan auf ein altes niedriges Grab, worauf sie sich
setzten, um sich auszuweinen, bis die Herrschaft wiederkam. Grfin, Baronesse,
Frstin, Mulattin, Hollnderin oder Freiin, die du nach weiblicher Weise immer
noch herrischer gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven - sei das doch
sonntags nach dem Essen nicht! Die Leute in deinem Dienste sind arme Landteufel,
fr welche der Sonntag, der in groen Stdten, in der groen Welt und auf groen
Reisen gar nicht zu haben ist, sonst ein Ruhe-Tag war, als sie noch glcklicher
waren, nmlich noch Kinder. Gern werden sie, ohne etwas zu wnschen, leer und
trocken bei deinen Hoffesten, Hochzeit- und Leichenfesten stehen und die Teller
und die Kleider halten; aber an dem Sonntage, dem Volks- und Menschenfest, auf
das alle Wochen-Hoffnungen zielen, glauben die Armen, da ihnen irgendeine
Freude der Erde gebhre, da ihnen zumal die Kinderzeit einfallen mu, wo sie an
diesem Bundes-Feste der Lust wirklich etwas hatten, keine Schulstunde - schne
Kleider - spahafte Eltern - Spielkinder-Abendbraten - grnende Wiesen und einen
Spaziergang, wo gesellige Freiheit dem frischen Herzen die frische Welt
ausschmckte. Liebe Freiin! wenn dann am Sonntage, wo gedachte Person weniger in
der Arbeit, der Lethe des Lebens, watet, das jetzige dumpfe Leben sie erstickend
umfngt und ihr ber die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die helle
Kinderzeit, die ja allen Menschen einerlei Eden verheiet, mit sen Klngen wie
neu herberkommt: dann strafe die armen Trnen nicht, sondern entlasse die
Sehnschtige etwan bis Sonnenuntergang aus deinem Schlosse! -
    Als der Notar sich noch sehnte, strmte lustig Vult herein, den Mittagswein
im Kopf, ein schwarzes Seidenband um ein Auge, mit offenem Hals und losem Haar,
und fragte, warum er noch zu Hause sitze, und wieviel er vormittags geschrieben.
Walt gab es ihm. Als ers durchhatte, sagte er: Du bist ja des Teufels,
Gtterchen, und ein Engel im Schreiben. So fahre fort! - Ich habe auch (fuhr er
mit klterer Stimme fort und zog das Manuskript aus der Tasche) diesen Morgen in
unserm Hoppelpoppel oder das Herz: gearbeitet und darin ausgeschweift, so viel
als ntig fr ein erstes Kapitel. Ich will dir den Schwanzstern (so nenn' ich
jede Digression) halb vorsagen - wenn du mich nur, o Gott, mehr zu goutieren
wtest! -, nicht vorlesen, denn eben darum! Ich fahre im Schwanzstern besonders
wild auf die jungen Schreiber los, die von dir abweichen und in ihren Romanen
die arme Freundschaft nur als Tr- und Degengriff der Liebe vornen an diese so
unntz anbringen wie den Kalender und das genealogische Verzeichnis der
regierenden Hupter vornen an die Blumenlesen. Der Spitzbube, der Krnkling von
Schwchling von Helden will nmlich auf den ersten paar Bogen sich stellen, als
seufz' er ziemlich nach einem Freunde, als klaffe auf sein Herz nach einer
Unendlichkeit - schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund, wenns Werk in
Briefen ist, an einen, den er schon hat zum Epistolieren - ja er verrt noch
Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst; - kaum aber ersieht und erwischt
die Bestie ihr Mdchen (der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin), so
hat sie satt und das Ihrige; wiewohl der Freund noch elendiglich mehrere Bogen
nebenher mitstapeln mu bis zu dem Bogen Ix, auf welchem dem geliebten Freunde
wegen einer Treulosigkeit des Mdchens frei gesagt wird, es gebe auf der Erde
kein Herz, keine Tugend und gar nichts. Hier spei' ich, Bruder, auf das
schreibende Publikum Feuer; Spitzbube, so rede ich im Schwanzstern an, Walt,
Spitzbube, sei wenigstens ehrlich und tue dann, was du willst, da doch dein
Unterschied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem
Sau- und einem Hunds-Igel ist!
    Hier sah Vult lange das Papier, dann Walten an. Der ist aber? fragte
dieser. - So fragt auch mein Schwanzstern, sagte jener. Keiner nmlich. -
Denn es gibt eben keine Schwein-Igel nach Bechstein11, sondern was man dafr
nahm, waren Weibchen oder Junge. Mit den Schweins-Dchsen ists ebenso. Was
hilfts, ihr romantischen Autoren (las Vult weiter und sah immer vom Papier weg,
um das Komische mehr zu sagen als, weil ers wenig konnte, vorzulesen), da ihr
euere unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstlpet? Sie dreht sich
wieder um; wie an Glastafeln wird nur euere der Erde zugekehrte Seite betauet;
wie an elektrischen Katzen msset ihr vorher aus eurem Brzel einen Funken
locken, bevor ihr einen aus dem Kopfe wieder bekommt und vice versa. Seid des
Teufels lebendig; aber nur offen; liebt entsetzlich, denn das kann jedes Tier
und jedes Mdchen, das sich deshalb fr eine Edle, eine Dichterin und einen
Welt-Solitr ansieht - aber befreundet euch nicht, was ja an liebendem Vieh so
selten ist wie bei euch. Denn ihr habt nie aus Johann Mllers Briefen oder aus
dem Alten Testament oder aus den Alten gelernt, was heilige Freundschaft ist und
ihr hoher Unterschied von Liebe, und da es das Trachten - nicht eines
Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Hlfte, sondern - eines Ganzen
nach einem Ganzen, eines Bruders nach einem Bruder, eines Gottes nach einem
Universum ist, mehr um zu schaffen und dann zu lieben, als um zu lieben und dann
zu schaffen..... Und so geht denn der Schwanzstern weiter, beschlo Vult, der
sich nicht erwehren konnte, ein wenig die Hand des Bruders zu drcken, dessen
voriges Freundschafts-Kapitel ordentlich wie helles warmes angebornes Blut in
sein Herz gelaufen war.
    Walt schien davon entzckt zu sein, fragte aber, ob nicht auch oft die
Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme, oft sogar fr dieselbe Person - ob
nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei - ob nicht die
Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft - ob jene am Ende nicht
in die gegen Kinder bergehe - ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei; -
und noch mehr wollte Gottwalt lindern und schlichten. Aber Vult fuhr auf, sowohl
aus voriger Rhrung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes, hielt
sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte: er sehe nur gar
zu gut voraus, wie ihm knftig Walt eine Erbosung nach der andern versalzen
werde durch sein berzuckern; beifgend, in ihrem Hoppelpoppel oder das Herz
gewnnen ja eben die sen Darstellungen am meisten durch die schrfsten, und
gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch;
aber, fuhr er fort, von etwas Angenehmerem, von den sieben Erb-Dieben, wobei
ich mir wieder deinetwegen Mhe gegeben! Ich mu etwas bei dir sitzen.
    Noch etwas Angenehmes vorher, versetzte Walt und schilderte ihm den roten
gtterschnen Jngling, und da solcher, wie ein Donnergott auf einem
Sturmvogel, zwischen Aurora und Iris gezogen und unter dem blauen Himmel wie
durch eine Ehrenpforte geritten wre. Ach nur seine Hand, endigte er, wenn
ich sie je anrhren knnte, dacht' ich heute, zumal nach dem
Freundschaftskapitel. O kennst du ihn?
    Kenn ihn so nicht, deinen Donner- und Wetter- - - Gott (sagte Vult khl und
nahm Stock und Hut). Verschimmle nur nicht in deinem Storchnest - lauf hinaus
ins Rosental wie ich, wo du alle Halauer beau monde's-Rudel mit einem Sau-Garn
berziehen und fangen kannst, und ihn mit. Vielleicht jag' ich darunter den
gedachten Donnergott auf - - mglich ists der Graf Klothar. - Nein, Freund, ich
gehe absichtlich ohne dich; auch tu berhaupt nicht drauen, als ob du mich
sonderlich kenntest, falls ich etwa zu nahe vor dir vorbergehen sollte vor
Augenschwche; denn nachgerade mu ich mich blind machen, ich meine die Leute.
Addio!

                               Nr. 17. Rosenholz


                                    Rosental

In drei Minuten stand der Notar, dem Vults Verstimmung entgangen war, freudig
auf dem grnen Wege nach dem Halauer Rosentale, das sich vom schnen Leipziger
besonders dadurch unterscheidet, da es sowohl Rosen hat als auch ein Tal und
daher mehr der Fantaisie bei Bayreuth hnlich ist, die blo die
Zuckerbckerarabesken und Phantasie-Blumen und Prunk-Pfhle vor ihm voraus hat.
Aus der Stadt zog er eigentlich kaum, denn er fand die halbe unterwegs; und alle
seine Seelen-Winkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken, so mitzugehen
unter Leuten, die mitgehen, mitfahren, mitreiten. Rechts und links standen die
Wiesen, die wallenden Felder und der Sommer. Aus der Stadt lief das
Nachmittags-Gelute der Kirche in die grne warme Welt heraus, und er dachte
sich hinein, wie jetzt die Kirchengnger sich herausdenken und ihn und das freie
luftige Leben gttlich finden wrden in den schmalen, kalten, steinernen Kirchen
auf langen leeren Bnken einzeln schreiend, mit schnen breiten Sonnenstreifen
auf den Schenkeln und mit der Hoffnung, nach der Kirche nachzumarschieren so
schnell als mglich.
    Die Zugherings-Herde von Menschen legte sich in die Bucht des Rosentals an.
Die Laubbume taten sich auf und zeigten ihm die glnzende offne Tafel des
Julisonntags, die aus einbeinigen Tfelchen unter Bumen bestand - kstlich,
sagte der Notar zu sich, ist doch wahrlich das allgemeine Sesselholen,
Zeltaufschlagen, Rennen grner Lauferschrzen, Weglegen der Schals und Stcke,
Ausziehen der Krke und Whlen eines Tischchens, die stolzen Federhte
zwischendurch, die Kinder im Grase, die Musikanten hinten, die gewi gleich
anfangen, die warmblhenden Mdchen-Stirnen, die durchschimmernden Gartenrosen
unter den weien Schleiern, die Arbeitsbeutel, die Goldanker und Kreuze und
andere Gehenke auf ihren Hlsen und die Pracht und die Hoffnung, und da noch
immer mehr Leute nachstrmen - - O ihr lieben Menschen, macht euch nur recht
viel Lust, wnsch' ich! -
    Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu
stren. Vom Zuckergu seines stillen Vergngtseins fest berlegt, sa er daran,
sich erfreuend, da jetzt fast in ganz Europa Sonn- und Lusttag sei, und nichts
begehrend als neue Kpfe, weil er jeden zwischen die Augen nahm, um auszufhlen,
ob er dem roten Jngling angehre, wornach seiner Seele alle ihre Bltenbltter
standen.
    Ein Geistlicher spazierte vorber, vor dem er sitzend den Hut abnahm, weil
er glaubte, da Priester, gewohnt, durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen auf
dem Lande, jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden mten, wenn ein ganz
fester vorbeiginge. Der Geistliche sah ihn scharf an, fand aber, da er ihn
nicht kenne. Jetzt trabten zwei Reiter heran, von welchen der eine wenig zu
leben hatte, der andere aber nichts, Vult und Flitte.
    Der Elsasser tanzte reichgekleidet und lustig - obgleich seine te deum
laudamus in laus deo bestanden - nach seinem eignen Gesang vom Steigbgel unter
seine Bekanntschaften, d.h. smtliche Anwesende hinein; geliebt von jedem, dem
er nichts schuldig war. Er berstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich
als den Menschen, der die Kabelsche Erbportion eingebet, welche er schon als
Faustpfand so oft wie den Reliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine
Glubiger verteilt hatte, weil das marseillische Schiff, worauf er eine groe,
ebensooft verpfndete Dividende hatte, jedem zu lange ausblieb. Walt wunderte
und freute sich, da der singende Tnzer, der alle Weiber grte, der khn ihre
Fcher und Sonnenschirme und Armbands-Medaillons handhabte und khner die
Hng-Medaillen und Hnguhren von jeder weien Brust mit den Fingern ans Auge
erhob, sich gerade vor den Tisch der drei hlichsten postierte, denen er Wasser
und Aufwrter holte, sogar schne Gespielinnen. Es waren die drei Neupeterischen
Damen, bei welchen Gottwalt gestern drei Visitenkarten abgegeben. Der Elsasser
machte in kurzem umherlaufend das ganze Rosental mit dem dort sitzenden Nanking
bekannt, der den alten Kabel beerbte; aber Walt, zu aufmerksam auf andere und zu
wenig sich voraussetzend, entging durch sein menschenfreundliches Trumen dem
Mivergngen, das allgemeine Schielen zu sehen. - Zuletzt trat Flitte gar zu ihm
und verriet durch einen Gru ihn der Kaufmannschaft. Unter allen sieben Erben
schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert auf Walten zu sein;
auch dieser gewann ihn herzlich lieb, da er zuerst den Spielteller der
Musikanten nahm, belegte und herumtrug, und gern htt' er ihm ein groes Stck
der Erbportion oder des Testaments zum Lohne mit daraufgeworfen.
    Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig.
Diese bestand aber darin, da er sich um nichts bekmmerte, sondern auswrts
tat, als sitz' er warm zu Hause und es gebe keine Fremden auf der Welt. Sollt'
es nicht einige Verachtung oder Hrte anzeigen, dachte Walt, durchaus keine
fremde erste Stunde anzuerkennen, sondern nur eine vertraute zweite, zehnte
etc.? - Dabei machte Vult das ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schnsten,
trat sehr nahe an dieses, klagte, sein Auge komme tglich mehr herunter, und
blickte (als Schein-Myops) unbeschreiblich kalt an und weg, als sitze die
Physiognomie, verblasen zu einem gestaltlosen Nebel, an einer Bergspitze hngend
vor ihm da. Sehr fiel dem Notarius - welcher glaubte, auch gesehen zu haben in
Leipzig in Rudolphs Garten, was feinste Sitten und Menschen sind, und mit
welchen forcierten Mrschen junge mnnliche Kaufmannschaft weibliche bedient und
bezaubert, gleichsam willige cartesianische Teufelchen, die der Damenfinger auf-
und niederspringen lsset - sehr fiel ihm Vults mnnliche Ruhe auf, bis er
zuletzt gar seine Definition des Anstands nderte und sich folgende fr den
Hoppelpoppel aus dem weltgewandten Bruder abzog: Krperlicher Anstand ist
kleinste Bewegung; nmlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines
Gemsensprunges - ein miger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgereckten
spitzen Fechter-Tangente, das ist die Manier, woran ich den Weltmann erprobe.
    Zuletzt wurde der Notar auch keck und voll Welt und Lebensart und stand auf
mit dem Vorsatz, wacker hin und her zu spazieren. Er konnte so zuweilen ein Wort
seines Bruders von der Seite wegschnappen; und besonders irgendwo den roten
Liebling des Morgens auffischen. Die Musik, welche die Dienste des Vogelgesangs
tat eben durch Unbedeutsamkeit, schwemmte ihn ber manche Klippe hinber. Aber
welche Flora von Honoratioren! Er geno jetzt das stille Glck, das er oft
gewnscht, den Hut abzuziehen vor mehr als einem Bekannten, vor Neupeter et
Compagnie, die ihm kaum dankten; und er konnte sich nicht enthalten, manche
frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Halauer Rosental mit
seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustellen, wo ihn auer den wenigen,
die er nicht richtig bezahlen konnte, fast keine Katze kannte. Wie oft war er in
jener unbekannten Zeit versucht, ffentlich auf einem Beine zu tanzen, oder auch
mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand, oder geradezu eine Flammen-Rede
ber Himmel und Erde zu halten, um nur Seelen-Bekannte sich ans Herz zu holen!
So sehr setzt der Mensch - der lter kaum bedeutenden Menschen und Bchern
zuluft - jnger schon blo neuen Leuten und Werken feurig nach.
    Mit Freuden bemerkt' er im Gehen, wie Vult in seine Ruhe und Wrde so viel
insinuante Verbindlichkeit, und in sein Gesprch so viele selber an Ort und
Stelle geerntete Kenntnisse von Europens Bilderkabinetten, Knstlern, berhmten
Leuten und ffentlichen Pltzen zu legen wute, da er wirklich bezauberte;
worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen (darin bestand
besonders seine schwarze Kunst bei Weibern) und wieder die Klte, welche
imponiert (Wasser gefriert sich immer erhoben ), sichtbar untersttzte. Eine
alte Hofdame des regierenden Huschens von Halau wollte schwer von ihm weg; und
bedeutende Herren befragten ihn. - Aber er hatte den Fehler, nichts so sehr zu
lieben - das Bezaubern ausgenommen - als Entzaubern darauf, und besonders die
Sucht, Weiber, wie ein elektrisierter Krper leichte Sachen, anzuziehen, um sie
abzustoen. Walt mute ber Vults Einflle ber Weiber bei Weibern selber
erstaunen; denn er konnte im Vorbergehen recht gut vernehmen, da Vult sagte:
sie kehrten stets im Leben und sonst, wie an ihren Fchern, gerade die reichste
bemalte Flche andern zu und behielten die leere - und mehr dergleichen, als
z.B.: sie machten, wie man die Coeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer
Spielerei umgewandelt, wieder leicht aus ihrem und einem fremden Gesicht ein
Coeur - oder auch: die rechte poetische, aber spitzbbische Art der Mnner, sie
zu interessieren, sei, ihnen immer die geistige Vergangenheit, ihre Lieblingin,
vortnen zu lassen, als z.B. welche Trume vergangen, und wie sich sonst das
Herz gesehnt usw.; das sei die kleine Sourdine, die man in die Weite des
Waldhorns stecke, dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge.
    Sie pfeifen auf der Flte? sagte die Hofagentin Neupeter. Er zog die
Anstze und Mittelstcke aus der Tasche und wies alles vor. Ihre beiden
hlichen Tchter und fremde schne baten um einige Stcke und Griffe. Er
steckte aber die Anstze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. Sie
geben wohl Stunden? fragte die Agentin. Nur schriftliche, versetzt' er, da
ich bald da, bald dort bin. Denn lngst lie ich in den Reichs-Anzeiger
folgendes setzen:
    Endes Unterschriebener kndigt an, da er in portofreien Briefen - die
ausgenommen, die er selber schreibt - allen, die sich darin an ihn wenden,
Unterricht auf der herrlichen Flte traversire (sie hier zu loben, ist wohl
unntig) zu geben verspricht. Wie die Finger zu setzen, die Lcher zu greifen,
die Noten zu lesen, die Tne zu halten, will er brieflich posttglich mitteilen.
Fehler, die man ihm schreibt, wird er im nchsten Briefe verbessern.
    Unten stand mein Name. Gleicherweise kegle ich auch in Briefen mit einem
sehr eingezognen Bischof (ich wollt', ich knnt' ihn nennen); wir schreiben uns,
redlicher vielleicht als Forstbeamte, wieviel Holz jeder gemacht; der andere
stellt und legte seine Kegel genau nach dem Briefe und schiebt dann
seinerseits.
    Die Halauer muten lachen, ob sie gleich ihm glaubten; aber die Agentin
strich sich mit innerer Hand so rot als einen Postwagen, dessen Ste Hr. Peter
Neupeter am besten kannte, an und fragte die Tchter nach Tee. Das
Kirwanentee-Kstchen war vergessen. Flitte war froh, sagte, er sitze auf nach
dem Kstchen, hoffe es in fnf Minuten aus der Stadt herzureiten, und sollte
sein Gaul fallen - d.h. der geborgte, denn sein Zutritt in allen Husern war
auch einer in allen Stllen - und er denke sogar noch dem Hrn. van der Harnisch
eine bewhrte Starbrille mitzubringen. Vult behandelte, glaubte Walt, das
Anerbieten und das Mnnchen etwas zu stolz.
    Wirklich kam Flitte nach 7 Minuten zurckgesprengt, ohne Starbrille - denn
er hatte sie nur versprochen - aber mit dem Neupeterischen Tee-Kstchen von
Mahagoni, dessen Deckel einen Spiegel mit der Tee-Doublette aufschlug.
    Pltzlich fuhr Vult, als aus dem sogenannten Poetengange des Rosentals eine
reiche rote Uniform mit rundem Hut heraustrat, auf den spazierenden Notarius los
- tat kurzsichtig, als glaub' er ihn zu kennen - fragte ihn unter vielen
Komplimenten leise, ob jener rote Bediente des Grafen von Klothar der bewute
sei - entschuldigte sich nach dem Kopfschtteln des bestrzten Notars laut mit
seinem Kurzblicke, der jetzt Bekannte und Unbekannte durcheinanderwerfe, und
setzte hinzu: Verzeihen Sie einem Halbblinden, ich hielt Sie fr den Herrn
Waldherrn Pamsen aus Hamburg, meinen Intimen - und lie ihn im Bewutsein einer
Verlegenheit, deren Quelle der redliche Notar nicht in seiner Wahrhaftigkeit
suchte, sondern in seinem Mangel an Reisen, die immer das Hlzerne aus den
Menschen wegnehmen, wie die Versetzungen das Holzige aus den Kohlrben.
    Jetzt trat nach dem dienerischen Abendrote der Aurora, hinter welcher der
Notar seine Lebens-Sonne finden wollte, wirklich der Reiter des Morgens im
blauen berrock, aber mit Federbusch und Ordensstern aus dem dichten Laubholze
heraus samt Gesprchen mit einem fremden Herrn. Der Fltenspieler brauchte blo
auf einen brennenden Blick des Notars seinen kalten zu werfen, um fest zu
wissen, da der Morgen-Mann dem Feuerherzen des Bruders wieder erschiene, den er
nur aus Ironie mit der Verwechslung des roten Bedienten mit dem blauen Herrn
geneckt. Walt ging ihm entgegen; in der Nhe erschien diesem der Musengott
seiner Gefhle noch lnger, blhender, edler. Unwillkrlich nahm er den Hut ab;
der vornehme Jngling dankte stumm fragend und setzte sich ans erste beste
Tischchen, ohne durch den sprungfertigen Rot-Rock etwas zu fodern. Der Notar
ging auf und ab, um, wie er hoffte, vielleicht unter das Fllhorn der Reden zu
kommen, das der schne Jngling ber den Begleiter go. Wenn auch.... (fing der
Jngling an, und der Wind wehte das Hauptwort Bcher weg) nicht gut oder
schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch. Wie rhrend und nur
aus dem Innersten in das Innerste dringend klang ihm diese Stimme' welche des
schnen wehmtigen Flors um das Angesicht wrdig war! - Darauf versetzte der
andere Herr: Die Dichtkunst fhrt ihre Inhaber zu keinem bestimmten
menschlichen Charakter; wie Kunstpferde machen sie Kssen und Totstellen und
Komplimentieren und andere fremde Knste nach; sind aber nicht die
dauerhaftesten Pferde zum Marsch. - Das Gesprch war offenbar im Poetengange
aufgewachsen.
    Ich bin gar nicht in Abrede, versetzte der blaue Jngling ruhig ohne alle
Gestus, und Gottwalt ging immer schneller und fter vorber, um ihn zu hren,
sondern vielmehr in der Meinung, da jede, auch willkrliche Wissenschaft,
dergleichen Theologie, Jurisprudenz, Wappenkunde und andere sind, eine ganz
neue, aber feste Seite an den Menschen oder der Menschheit nicht nur zeige, auch
wirklich hervorbringe. Aber desto besser! Der Staat macht den Menschen nur
einseitig und folglich einfrmig. Der Dichter sollte also, wenn er knnte, alle
Wissenschaften d.h. alle Einseitigkeiten in sich senden; alle sind dann
Vielseitigkeit; denn er allein ist ja der einzige im Staat, der die
Einseitigkeiten unter einen Gesichtspunkt zu fassen Ruf und Krfte hat und sie
hher verknpfen und durch loses Schweben alles berblicken kann.
    Ganz evident, sagte der Fremde, ist mir das nicht. - Ich will ein
Beispiel geben, versetzte der Graf Klothar. Im ganzen mineralogischen,
atomistischen oder toten Reiche der Kristallisation herrschet nur die gerade
Linie, der scharfe Winkel, das Eck; hingegen im dynamischen Reiche von den
Pflanzen bis zu den Menschen regiert der Zirkel, die Kugel, die Walze, die
Schnheitswelle! Der Staat, Sir, und die positive Wissenschaft wollen nur, da
sein Arsenik, seine Salze, sein Demant, sein Uranmetall in platten Tafeln,
Prismen, langrautigen Parallelepipedis usw. anschieen, um leichter eingemauert
zu werden. Hingegen die organisierende Kraft, eben darum die isolierende, will
das nicht, das ganze Wesen will kein Stck sein; es lebt von sich und von der
ganzen Welt. So ist die Kunst; sie sucht die beweglichste und vollste Form und
ist, wie sonst Gott, nur wie ein Zirkel oder ein Augapfel abzubilden.
    Aber der Notar zwang ihn aufzuhren. - Er hatte sich darber Skrupel
gemacht, da er so im Auf- und Abschleichen die obwohl lauten Meinungen des
edeln Jnglings heimlich weghorche; daher lehnt' er sich aus Gewissen an einen
Baum und sah unter dem Hren dem Blaurock deutlich ins Gesicht, um ihn
anzuzeigen, da er aufpasse. Aber den Jngling verdro es und er verlie den
Tisch.
    Herzlich wnschte der nachgehende Notar den Fltenisten herbei, um durch ihn
mehr hinter den Donnergott zu kommen. Zum Glcke teilte und durchschritt der
Graf einen bunten Menschen-Klumpen, der sich um ein Kunstwerk ansetzte. Es war
ein knabenhohes und - langes Kauffahrteischiff, womit ein armer Kerl auf der
Achse zu Lande ging, um mit diesem Weberschiffchen die Fden seines hungrigen
Lebens zu durchschieen und zusammenzuhalten. Als der Notar sah, da der
Jngling sich ans Fahrzeug und Notruder des Menschen stellte, drang er ihm nach,
um dicht neben ihm zu halten. Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den
Schiffsteilen, den Masten, Stengen, Reen, Sege'n und Touw-Werk ab. Das mu
ihm hundslangweilig werden, es tglich wiederholen, sagte der Herr zum Grafen.
    Es folgen sich, versetzte dieser mit einigem Lehrtone, in jeder Sache,
die man tglich treibt, drei Perioden: in der ersten ist sie neu, in der
nchsten alt und langweilig, in der dritten keines von beiden, sondern gewohnt.
    Hier kam Vult. Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des
Funds. Aber, Patron, sagte der Graf zum Schiffsherrn, die Brassen der
Fock-Ree mssen ja mitten von dem groen Stag an nach den Schinkel-Blocken
laufen, dann sieben oder sechs Fu tiefer nach dem groen Stag durch die Blocke
und so weiter nach dem Verdeck. Und wo habt Ihr denn den Vor-Teckel, die Schoten
des Vor-Mars-Segels, die Gy-Touwen des Bezaans-Segels und das Fall von dem
Seyn? - Hier lie der Graf verachtend den Schiffer, der seinen Mangel durch
Bewunderung fremder Kenntnis verkleistern wollte, in einer zweiten aufrichtigern
ber eine Geld-Fracht stehen, dergleichen ihm sein Proviantschiff und Brotwagen
noch nie aus den beiden Indien des Adels- und des Brgerstandes zugefahren.
    Walt - auch in einem sen Erstaunen ber die nautischen Einsichten bei so
viel philosophischen - lie den blauen stolzen Jngling schwer durchpassieren
und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drcken,
da der Blaurock ziemlich ernsthaft ihn ansah. Vult war verschwunden. Der
Jngling flog bald mit seinem Bedienten auf schnen Pferden davon. Aber der
Notarius blieb als ein Seliger in diesem Josaphats-Tal zurck, ein geheimer
stiller Bacchant des Herzens. Das ist ja gerade der Mensch, sagt' er heftig,
den du feurig wolltest, so jung, so blhend, so edel, so stolz -
hchstwahrscheinlich ein Englnder, weil er Philosophie und Schiffsbau und
Poesie wie drei Kronen trgt. Lieber Jngling, wie kannst du nicht geliebt
werden, wenn du es verstattest!
    Jetzt verschttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Tal. Die Musikanten
schwiegen, von dem Spielteller das Silber speisend, der umgelaufen war. Die
Menschen zogen nach Hause. Der Notarius ging noch eilig um vier leere Tische,
woran holde Mdchen gesessen, blo um die Freude einer solchen
Tischnachbarschaft mitzunehmen. Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen,
aber ein rosenroter heller, der ein Abendrot und eine Sonne auffate und trug.
Bald, sagt' er sich, als er die drei Stadttrme sah, an welchen das Abendgold
herunterschmolz, erfahr' ich von meinem Vult, wer er ist und wo - und dann wird
mir ihn Gott wohl schenken. Wie liebt' er alle Jnglinge auf dem Wege, blo des
blauen wegen! Warum liebt man, sagt' er zu sich, nur Kinder, nicht Jnglinge,
gleichsam als wren diese nicht ebenso unschuldig? - Ungemein gefiel ihm der
Sonntag, worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fhlte. Die erhitzten
Herren trugen Hte in Hnden und sprachen laut. Die Hunde liefen lustig und ohne
scharfe Befehle. Ein Postzug Kinder hatte sich vor eine volle Kinderkutsche
gespannt, und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen. Ein Soldat mit dem
Gewehr auf der Achsel fhrte sein Shnchen nach Hause. Einer fhrte seinen Hund
an seinem rotseidnen Halstuch. Viele Menschen gingen Hand in Hand, und Walt
begriff nicht, wie manche Fugnger solche Finger-Paare und Liebes-Ketten
trennen konnten, um nur gerade zu gehen; denn er ging gern herum. Sehr erfreuet'
es ihn, da sogar gemeine Mgde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schrzen
so weit und griechisch in die Hhe banden, da ein geringer Unterschied zwischen
ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb. Nahe um die Stadt unter dem
ersten Tore rasete die Schuljugend, ja ein gedachtes Mdchen gab der herrischen
Schildwache einen Blumenstrau keck neben das Gewehr - und so schien dem Notar
die ganze Welt so tief in die Abendrte geworfen, da die Rosenwolken herrlich
wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugen.


                                Zweites Bndchen

                                Nr. 18. Echinit

                                Der Schmollgeist

Es braucht keinen groen diplomatischen Verstand, um zu erraten, da der Notar
in der Sonntags-Nacht nicht zu Hause blieb, sondern noch spt zu dem
Theaterschneider Purzel gehen wollte, wo sein Bruder wohnte, um bei ihm mehr
ber den blauen Jngling zu hren. Aber dieser empfing heruntereilend ihn auf
der Gasse, die er als Saal und Corso des Volks in Feier-Nchten erhob und zum
Spaziergange vorschlug. Ziemlich entzckt nahms Walt an. So Sonntags in der
Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf- und abzugehen, sagt' er, das zeig'
ihm, was Italien sei; zumal da man den Hut aufbehalten und ungestrt zu Fue
trumen knne. Er wollte sofort viel reden und fragen, aber Vult bat ihn, bis in
andere, einsamere Gassen zu schweigen und nicht du zu sagen. Wie so gern!
sagte Walt. Unbemerkt war ihm in der Dmmerung die Brust voll Liebe gelaufen wie
eine Blume voll Tau - sooft er durfte, streift' er mit der Hand ein wenig an
eine jede blutfremde vorbeigehende an, weil er nicht wissen knne, dacht' er, ob
er sie je wieder berhre - ja er wagt' es in schattigern Stellen der Nacht
sogar, zu Erkern und Balkons, wo deutlich die vornehmsten Mdchen standen,
aufzusehen und sich von der Gasse hinaufzudenken mitten darunter mit einer an
der Hand als Brutigam, den sein Himmel halb erstickt.

Endlich spannt' er vor dem Fltenspieler in einer schicklichen Sackgasse das
glnzende historische Blatt von seinem innern Bankett und Freuden-Gewhle eines
Nachmittags auf, der darin bestand - als Vult neugierig nher nachsah -, da er
drauen hin und her gegangen und den Blaurock getroffen. Man sollte geschworen
haben, versetzte Vult, Sie kmen eben aus Gladheim12statt aus dem Rosentale
her und htten sich entweder die Freia oder die Sifna oder die Gunnur oder die
Gierskogul oder die Mista oder sonst eine Gttin zur Ehe abgeholt, und ein paar
Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu. - Doch ists zu rhmen, wenn ein Mann
das Galakleid der Lust noch so wenig abgetragen - die Fden zhl' ich auf meinem
-, ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt, da Zauberschlsser leicht die
Vorzimmer von Raubschlssern sind.

Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese, den blauen Jngling,
und fragte nach dessen Namen und Wohnung. Der Bruder erwiderte gelassen, es sei
der Graf Klothar, ein sehr reicher, stolzer, sonderbarer Philosoph, der fast den
Briten spiele, sonst gut genug. Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen, er
legte Vulten Klothars reiche Worte und Kenntnisse vor. Vult erwiderte, darin
seh' er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes. Ich knnt' es nicht
ertragen, versetzte Walt, wenn Menschen gewisser Gre demtig wren. - Und
ich kann, versetzte Vult, es nicht erdulden, wenn der englische Stolz, oder
der irlndische oder der schottische, der sich sehr gut in Bcher-Darstellungen
ausnimmt, in der Wirklichkeit auftritt und pustet. In Romanen gefllt uns fremde
Liebe und Stolziererei und Empfindelei; - aber drber hinaus schlecht.
    Nein, nein (sagte Walt), wie mir denn dein eigener Stolz gefllt. Wenn wir
uns recht fragen, so erzrnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel
an Grund - daher kann uns oft Demut ebensogut qulen; - daher ist unser Ha des
Stolzes kein Neid gegen Vorzge; denn indes wir allezeit grere ber uns
anerkennen und nur erstohlne, vorgespiegelte hassen: so ist unser Ha nicht
Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit. - Sie philosophieren ja
wie ein Graf, sagte Vult. Hier wohnt der Graf. Mit unsglicher Freude sah
Walt an die leuchtenden Fensterreihen einer Garten-Villa hinauf, die der Gasse
den glnzenden Rcken zeigte und in welche ein langer Garten durch eine breite
Vorhalle von Bumen- fhrte. Jetzt lie Walt vor dem Bruder eine durstige Seele
in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechen. Der Fltenspieler
sagte (eine gewhnliche Ergieung seines Zorns): freilich in gewissen Stcken -
indessen - zumal so - insofern ja freilich, o Himmel! und fgte bei, seines
schwachen Bednkens sei Klothar vielleicht nicht weit von dem entfernt, was man
im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt.

Walt hielt es jetzt schon fr Freundes-Pflicht, den unbekannten Grafen hierber
heftig zu beschtzen, und berief sich auf dessen edle Physiognomie, die gewi
darum, vermutete er, so trbe beschattet sei, weil er fruchtlos nach einer Sonne
sehe, die ihm auf irgendeinem Altare voll Opfer-Asche den alten Phnix der
Freundschaft erwecke; und ganz reiner Liebe schliee gewi kein Herz sich zu.
Wenigstens setzen Sie vorher, sagte Vult, eh' Sie vor seinen Kammerdiener
treten, einen Frstenhut auf, ziehen einen Stern an, binden ein blaues Hosenband
um: - dann mgen Sie bei ihm zur Cour vorfahren; so nicht wohl. Ich ja selber,
der ich von einem so eisgrauen Adel bin, da er vor Alters-Marasmus fast
erloschen ist, mute vorher bei ihm eigne Verdienste vorschtzen. - Und wie
wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgieren? Denn bloes Hegen derselben tuts
nicht. -
    Von morgen an, sagte Walt unschuldig, such' ich ihm so nahe zu kommen,
da er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht, was die Liebe an
ihn hineingeschrieben, Vult! - Van der Harnisch zum Henker! Was ist zu vulten?
Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt? versetzte Vult. -
Jawohl, sagte Walt, was hat denn der Mensch auer so seltnen Taten noch
anderes? - Aber den Fltenspieler berraschte an einem so bescheidenen Wesen,
das hhere Stnde vergtterte, dieses stille feste Vertrauen auf Sieg
ausnehmend. Die Sache war indes, da der Notar schon seit geraumen Jahren, wo er
Petrarcas Leben gelesen, sich fr den zweiten Petrarca still ansah, nicht blo
in der hnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichte - oder darin, da der Welsche
von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde, um das Jus zu studieren, das
er gegen Verse spter fahren lie -, sondern auch - und hauptschlich - darin
mit, da der erste Petrarca ein gewandter zierlicher Staatsmann war. Der Notar
glaubte, er drfe, nach den Reden zu schlieen, die er mehrmals siegend an
Goldinen und die Mutter gehalten, ohne Unbescheidenheit auf einige hnlichkeit
mit dem Italiener rechnen, falls man ihn nur in die rechten Lagen brchte. So
geht eigentlich in dieser Minute kein Jngling in ganz Jena, Weimar, Berlin
u.s.w. ber den Markt, der nicht glauben mte, als Schrein - Sakramenthuschen
- Heiligenhaus - Rindenhaus - oder Mumienkasten irgendeines jetzt oder sonst
lebenden Geister-Riesen heimlich herumzulaufen, so da, wenn man besagten
Schrein und Mumienkasten aufschlge, der gedachte Riese deutlich ausgestreckt
darin lge und munter blickte. Ja Schreiber dieses war frher fnf bis sechs
groe Mnner schnell nacheinander, so wie er sie eben gerade nachahmte. Kommt
man freilich zu Jahren, nmlich zu Einsichten, besonders zu den grten, so ist
man nichts.
    Wir wollen doch in einem fort hier auf- und abgehen, sagte Walt, der in
Vults Repliken, zumal von seiner Himmelsluft berauscht, nichts sprte als dessen
Manier. Ins Bette lieber; - wir stren vielleicht Klotharn, der schon darin
liegt, denn ich hre, morgen verreiset er auf einige Tage sehr frhe -
berichtete Vult, als woll' er, ordentlich sich selber zur Pein, aus Walts vollem
Herzen recht viel Liebe vorpressen.
    So ruhe sanft, Geliebter! sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle
und dann vom verdrlichen Bruder. Voll Freude und Friede zog der Notar nach
Hause - in die stillen Gassen schaueten nur die hohen Sterne - er sah im
Marktwasser einer nach Norden offnen Strae die Mitternachts-Rte abgespiegelt -
im Himmel zogen helle Wlkchen wie versptet aus dem Tage heim und trugen
vielleicht oben die Genien, die den Menschentag reich beschenket hatten - - und
Walt konnte, als er so glcklich in sein einsames dmmerndes Stbchen zurckkam,
sich sowohl des Weinens als des Dankens nicht enthalten.
    Sehr frh bekam er am Morgen von Vulten ein Briefchen mit einer versiegelten
Inlage, berschrieben: tempori!
    Jenes lautete:
    Freund, ich fodere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit, bis mein
Blinden- und Fltenkonzert gegeben ist, zumal da ich dazu Grnde habe, die Ihr
selber habt. Schreiben knnen wir uns sehr. Wchst mein Erblinden so hastig fort
wie bisher: so blas' ich den vierzehnten, obgleich als stockblinder Dulon, blo
um nur das arme Ohren-Publikum nicht lnger aus einem Wochentagsblatt ins andere
zu schleppen. - Ich bitt' Euch, macht kein Instrument, ohne mirs zu schreiben. -
Ich hoffe, da Ihr die Familien-Ehre schonet, wenn Ihr in den Webstuhl tretet,
um das bewute Freundschafts-Band zu weben, und da Ihr darauf rechnet, da ich
ntigstenfalls auch ein paar Fuste im Stuhle mitzutun bereit wre. Auf
Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zurck; zu gehriger
Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen. Addio!
                                                                        v. d. H.

N. S. Man mu jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich
schreiben wie diese da.

Letzteres tat Walt in seiner Antwort gern, aber der Blindheit gedacht' er nicht,
aus Wahrheitsliebe. Er versprach alles Verlangte und beklagte leidend die
Trennung einer so kurzen Vereinigung; beteuerte aber, da Vult jeden Schritt und
jedes Glck bei dem Grafen mit ihm schriftlich teilen solle. - brigens erkannte
Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs, der
sich auch gegen das kleinste Wetterleuchten des Zufalls einbauet, das den
Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle
aufrecht erhellet.
    Das geheime Paket htte man dem Notar ebensogut unversiegelt geben knnen,
so sehr erfreute er sich, eine Gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu
erleben.
    Das versiegelte Blatt lautete so:
    Da es ungewi ist, ob Du je diesen Brief an Dich lesen darfst: so kann ich
offen genug schreiben. Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch
gekrnkt, lieber Bruder - wer wei, ob wir uns noch so anreden bei dem Erbruche
dieses Blattes, der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht -,
da Du von der Freundschaft Deines Bruders nicht so wie er von Deiner
befriediget wirst, sondern schon eine neue suchst. Da ich Deinetwegen im dummen
Halau bleibe, oder da ich fr Dich mit Wrg-Engeln und Scharf- und
Hllenrichtern mich herumschlagen wrde - daraus kann nicht viel gemacht werden;
aber da ein Mensch, dem auf seinem Reisewagen das Herz halb ausgefahren,
gerdert, ja abgeschnitten worden, doch fr Dich allein eines mitbringt, das
darf er anrechnen, zumal in einem Tausche gegen Deines, das zwar unbeschreiblich
rein und hei, aber auch sehr offen - der Windrose aller Weltgegenden - dasteht.
Und nun wirds gar einem Grafen aufgemacht, der als Freund den Thron besteigt,
indes ich auf dem Geschwisterbnkchen oder Kindersthlchen sitze - o Bruder, das
durchbrennt mich. So rottenweise, so in der Landsmannschaft aller Menschen auch
mit geliebt zu werden und um ein Herz sich mit seinem samt hundert andern Herzen
wie ein Archipelagus von Zirkel-Inseln herumzulagern - - Freund, das ist mein
Geschmack nicht. Ich mu wissen und halten, was ich habe.
    Wollt' ich Dir freilich meinen schwlen Giftbaum, worunter ich diese Nacht
geschlafen, aufblttern: so kenn' ich Dein schnes, sanftes, opferndes Gemt; -
aber lieber wollt' ich ihn ganz abernten, eh' ich so demtig wre. Es verdrieet
mich schon, da ich vor Dir nur so viel schon am Grafen getadelt. Sieh selber
whle selber - nur Deine Empfindung treibe Dich, hinzu oder hinweg. - Umgekehrt
vielmehr werd' ich Dir alle mgliche Flugwerke, Strickleitern und
Schneckentreppen zum hohen Grafen machen und leihen, dem ich so gram bin; aber
dann, wann Du entweder ganz bezaubert oder ganz entzaubert bist, ls' ich das
Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn:
    Er ist nicht zum Ausstehen. Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die
beiden Brenn- oder Frostpunkte seiner Ellipse. Mir mifllt ein junger elender
Fant gar nicht - denn ich seh' ihn nicht - der ein Narr ist, ein Bilderdiener
seines Spiegelbilds, ein Spiegel seiner Pfauenspiegel; und so gern ich in
effigie jedem mnnlichen Fratzen, der sich hinsetzen und als Elegant einem
Mode-Journalisten sitzen kann, einen tapfern Futritt gbe: so bekmmern mich
doch die Narren zu wenig, ja ich knnte einem, der frei seine Eitelkeit
erklrte, solche nachsehen... Hingegen einem, der sie leugnet - der den
Pfauenschweif hinter den Adlersflgeln einheften will - der nur an Sonntagen
schwarz gehet, weil da der Schornsteinfeger wei gehet - der sehr ernst sich
blo die Glatze auskmmt - der wie eine Spinne nchtlich das Gewebe, womit er
die Sums-Mcke Lob einfngt, wieder verschluckt und dann wieder ausspannt - und
der die Ansprche des Philosophen und Narren gern verbnde - und der natrlich
noch dabei vollends so egoistisch ist... Ich sage egoistisch.
    Macht sich ein Mensch, Bruder, aus den Menschen nicht viel, so bin ich
stiller als einer dazu; nur mach' er sich auch nicht mehr aus sich, und im
Streitfall seines und fremden Glcks whl' er gromtig. Hingegen ein echter,
recht frecher Selbstschtling, der ganz unverschmt gerade die Liebe begehrt,
die er verweigert, der die Welt in einer Koschenille-Mhle mahlen knnte, um
sich Weste und Wangen rot zu frben, der sich fr das Herz der Allheit ansieht,
deren Geder ihm Blut zu- und abfhrt, und der den Schpfer und Teufel und Engel
und die gewesenen Jahrtausende blo fr die Schaffner und stummen Knechte, die
Weltkugeln fr die Dienerhuser eines einzigen erbrmlichen Ichs nimmt; - Walt,
es ist bekannt, einen solchen knnt' ich gelassen und ohne Vorreden totschlagen
und verscharren. Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, gromtige,
obwohl zerreiende Lwen; der Egoismus aber ist eine stille sich einbeiende
fortsaugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in
der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze.
Der Egoist hat, wie Wrmer und Insekten, nur eine. Du, glaub' ich, vermietest
deine rechte an Weiber, die linke an Mnner und behilfst Dich, so gut Du kannst,
im Herzohr oder Herzbeutel. Vom Grafen will ich Dir nichts sagen, als da er als
protestantischer Philosoph eine liebliche, aber katholische Braut - Dir frappant
hnlich in der Liebe gegen jeden Atem des Lebens - schlechterdings aus ihrer
Religion in seine schleppen will, blo aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit
gegen einen stillen Glauben in der Ehe, der seinen als einen falschen schlte.
    Und dieses Menschen Kebs-Braut wolltest Du werden? - Es schmerzet mich
jetzt, wo ich mich ins Khle geschrieben, recht ins Herz hinein, da Du Sanfter
bis dahin, bis zur Erffnung dieses Testaments dieses Briefs, so manche Plage
von zwei Spitzbuben erdulden wirst, wovon der zweite ich selber bin. Denn wie
ich bis dahin schmollen, Dich auf harte Proben stellen - z.B. auf die, ob meine
Unsichtbarkeit, Ergrimmung und Ungerechtigkeit Dir genug ans Herz gehe - und wie
ich berhaupt des Teufels gegen Dich sein werde, ist Gott und mir am besten
bekannt; denn ich kenne meine Schmoll-Natur, welche - so sehr ich mir auf dieser
Zeile das Gegenteil vornehme - so wenig als ein schwimmender Kork in einem Gef
Wasser in der Mitte bleiben kann. Ach, auf jedem frischen Druckbogen des Lebens
kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor.
    Mein bel aber eben ist der Schmollgeist, esprit de dpit d'amour, den mir
eine der vermaledeitesten Feen mu in die Nasenlcher eingeblasen haben. Eine
schlimmere Bestie von Polter- und Plagegeist ist mir in allen Dmonologien und
Geisterinseln noch nicht aufgestoen. - Ordentlich als sei das Lieben nur zum
Hassen da, erboset man sich den ganzen Tag auf das seste Herz, sucht es sehr
zu peinigen, breitzudrcken, einzuquetschen, zu vierteilen, zu beizen - - aber
wozu? - Um es halbtot an die Brust zu nehmen und zu schreien: o ich Hllenhund!
So gottlos hielt ich mit Freunden Haus, noch gottloser freilich mit Freundinnen.
- Dreitausendzweihundertundfnfmal shnt' ich mich mit einer thringischen
Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus - mit andern aber fter -;
und kndigte doch gleich darauf, wie ein kopulierter Frst, die Seelen-Trauung
wieder durch Kanonenschsse und Mordknlle an, weil ich wieder den kleinsten
schnsten allerliebsten Reif der Liebe fr Schnee ansah. - Bei solchen
Umstnden, das schwur ich feierlich, heirate der Teufel oder ein Gott; denn ist
die Person nicht abwesend, die man zu lieben hat (abwesend gehts sehr; auch
brieflich), oder was ebensogut ist, abgegangen mit Tod (Liebe und Testament
werden durch Sterben erst ewig): so hat man nach den bekannten wenigen
Flitter-Sekunden seine Blei-Jahre, bringt sein Leben wie an einem Kamin hin,
halb den Stei im Feuer, halb den Bauch im Frost, oder wie ein Stck Eis im
Wasser, oben von der schnen Sonne, unten durch die Wellen zerflieend. - Und da
schaue Gott den Jammer! Jeder hte sich, lehr' ich oft genug, vor dem sauern
Schmoll- und Salzgeist, weils keinen schlimmern gibt. - Da ich immer abreisete
von alten Menschen zu neuen, mu ich eben tun, um nicht zu zanken, sondern noch
zu lieben. Der Himmel wei, wie ich Dich peinigen werde. Aber vorausgesagt hab'
ichs hier in bester Laune; und dann sei dieses Blatt, wenn es aufgemacht wird,
mein Schirm-, mein Feigen-, mein lblatt.
                                                                          Q. H.

                              Nr. 19. Mergelstein


                          Sommerszeit - Klothars-Jagd

Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an. Er wurde der
allgemeine Instrumenten-Macher der neugierigen Stadt. Gerichtlich bei den
Testamentsexekutoren sind die Schuldverschreibungen, die Protokolle ber
verdorbne Warenfsser, Pachtbriefe ber Handelsgewlbe, Kontrakte ber zu
reparierende Stadtuhren und dergleichen niederlegt, die er in so kurzer Zeit
ausfertigte, da ein alter hinkender Notarius nicht wute, was er dazu sagen
sollte aus Grimm, sondern zu Gott hoffte, der Amtsbruder werde, was er da
einbrocke, schon einmal auszuessen haben, wenn ihn einst die sieben Erben und
die geheimen Testamentsartikel fr jedes Notariats-Verbrechen bei den Haaren
nehmen, wie ja das sein tgliches Gebet zum Himmel sei. Walt fand nichts dabei
unbegreiflich, als da er - freilich mehr sein Petschaft - imstande sein sollte,
die wichtigsten Dinge zu besttigen, da er kaum begriff, wie er einst einen
Ehemann oder Staatsbrger abgeben knnte statt einem leeren Jngling.
    Seinem Bruder schrieb er, wie er mitten unter den Instrumenten den Roman
weiterwebe, indem er so lange, bis eine Kopie abtrockne, ungehindert dichten
knne - so wie d'Aguesseau behauptete, er habe viele seiner Werke im
Zwischenraume gemacht, wo er sagte, qu'on serve, und wo man meldete, qu'il etoit
servi. Aber Vult schrieb ihm Bitten und Gebote zurck, ums Himmels willen bei
sich zu sein, sich nie zu irren, kein Stunden-Datum und andere Beiwerke der
Kontrakte zu vergessen, nie zu abbrevieren mit Zeichen oder notis, obgleich
notarius davon herstamme; - da er zumal sicher wisse, da man jedem Federzug
auflaure und da ihm nur deshalb der Hoffiskal das Kunden-Heer zuweise.
    Einst schrieb ihm etwas hnliches sein Vater Lukas - nachdem er bisher jeden
dritten Tag mndlich deswegen gekommen war - in einem kalligraphischen,
kopierten Briefe, worin er ihn bei der Erbschaft beschwor, in seinen
Instrumenten nichts zu radieren, noch zweierlei Dinte zu nehmen, und darauf
befragte, ob es auer Treibers Spatzenrecht, Klvers Hundsrecht und Mllers
Bienenrecht nicht noch Wespenrechte, Hhnerrechte und Rabenrechte gebe, und was
das Bienenrecht statuiere, wenn einer nur eine Biene totmache oder ein paar. Der
Sohn schickte eine hfliche und ernste Antwort mit einer Spielkarte, worein er
einen Maxd'or als einen Ehrensold fr den Rat gesteckt. Er hatte das Goldstck
gegen bermiges Agio von Neupetern erwechselt, um seine Eltern durch das Gold
(den Phnix und Messias des Landvolks) in den dritten Himmel zu werfen. Die
Botenfrau mut' ihm aber die Viertelstunde ihrer Ankunft bestimmen und beteuern,
damit er erstlich bis dahin in den seligsten Trumen des nahen elterlichen
Glckes schwimmen und zweitens doch noch die Viertelstunde kosten knne, wo er
entschieden wute, das ganze Haus in Elterlein sei nun auer sich vor Jubel ber
den Maxd'or und lasse Schomakern aus dem Schul-und die Goldwaage aus dem
Pfarrhause dazu holen. Soviel ser wirds, lieber durch Boten als mit der Hand,
lieber fernen Leuten als einem dasitzenden Mann zu schenken, der alles ausmacht,
wenn er einsteckt und sich bedankt.
    Seine alte Seelen-Schwester Goldine erhielt jetzt einen Brief. Vorn herein
schrieb er: er bertreib' es nicht, wenn er sowohl in Rcksicht seiner jetzigen
Bekanntschaften als seiner knftigen Hoffnungen sich fr ein Glckskind des
gtigsten Schicksals erklre; und nur mit griechischer Furcht vor der Nemesis
bekenn' er, da sein erster Ausflug fast zu glcklich, seine erste Ziel-Palme
schon voll Frchte sei und seine Abende einen Abendstern besen, und die Morgen
den Morgenstern.
    Darauf ging er weiter zur Malerei des Sommerlebens, an welche er sich ohne
Furcht mit folgenden Farben machte:
    Schon der Sommer allein erhbe! Gott, welche Jahreszeit! Wahrlich ich wei
oft nicht, bleib' ich in der Stadt, oder geh' ich aufs Feld, so sehr ists
einerlei und hbsch. Geht man zum Tor hinaus: so erfreuen einen die Bettler, die
jetzt nicht frieren, und die Postreiter, die mit vieler Lust die ganze Nacht zu
Pferde sitzen knnen, und die Schfer schlafen im Freien. Man braucht kein
dumpfes Haus; jede Staude macht man zur Stube und hat dabei gar meine guten
emsigen Bienen vor sich und die prchtigsten Zweifalter. In Grten auf Bergen
sitzen Gymnasiasten und ziehen im Freien Vokabeln aus Lexizis. Wegen des
Jagdverbotes wird nichts geschossen, und alles Leben in Bschen und Furchen und
auf sten kann sich so recht sicher ergtzen. berall kommen Reisende auf allen
Wegen daher, haben die Wagen meist zurckgeschlagen, den Pferden stecken Zweige
im Sattel und den Fuhrleuten Rosen im Mund. Die Schatten der Wolken laufen, die
Vgel fliegen darzwischen auf und ab, Handwerkspursche wandern leicht mit ihren
Bndeln und brauchen keine Arbeit. Sogar im Regenwetter steht man sehr gern
drauen und riecht die Erquickung, und es schadet den Viehhirten weiter nichts,
die Nsse. Und ists Nacht, so sitzt man nur in einem khlern Schatten, von wo
aus man den Tag deutlich sieht am nrdlichen Horizont und an den sen warmen
Himmels-Sternen. Wohin ich nur blicke, so find' ich mein liebes Blau, am Flachs
in der Blte, an den Kornblumen und am gttlichen unendlichen Himmel, in den ich
gleich hineinspringen mchte wie in eine Flut. - Kommt man nun wieder nach
Hause, so findet sich in der Tat frische Wonne. Die Gasse ist eine wahre
Kinderstube, sogar abends nach dem Essen werden die Kleinen, ob sie gleich sehr
wenig anhaben, wieder ins Freie gelassen, und nicht wie im Winter unter die
Bettdecke gejagt. Man isset am Tage und wei kaum, wo der Leuchter steht. Im
Schlafzimmer sind die Fenster Tag und Nacht offen, auch die meisten Tren, ohne
Schaden. Die ltesten Weiber stehen ohne Frost am offnen Fenster und nhen.
berall liegen Blumen, neben dem Dintenfa, auf den Akten, auf den Sessions- und
Ladentischen. Die Kinder lrmen sehr, und man hrt das Rollen der Kegelbahnen.
Die halbe Nacht geht man in den Gassen auf und ab und spricht laut und sieht die
Sterne am hohen Himmel schieen. Selber die Frstin geht noch abends vor dem
Essen im Park spazieren. Die fremden Virtuosen, die gegen Mitternacht nach Hause
gehen, geigen noch auf der Gasse fort bis in ihr Quartier, und die Nachbarschaft
fhrt an die Fenster. Die Extraposten kommen spter, und die Pferde wiehern. Man
liegt im Lrm am Fenster und schlft ein, man erwacht von Posthrnern, und der
ganze gestirnte Himmel hat sich aufgetan. O Gott welches Freuden-Leben auf
dieser kleinen Erde! Und doch ist das erst Deutschland! Denk' ich vollends an
Welschland! - Goldine, dabei hab' ich noch die trstende Aussicht, da ich
diesen Erntetanz der Zeit, den ich Ihnen hier in matter Prosa geschildert, weil
ich Ihre Liebe, Ihr Vergeben kenne, mit ganz anderem poetischen Farben-Schmelze
malen kann. - - Freundin, ich schreibe einen Roman. - Genug, genug! was ich
sonst noch gefunden, was ich vielleicht nach anderthalb Stunden finde - Goldine,
drfte ich diese Freuden in Ihr Herz ausgieen! O mt' ich nicht vor die
glnzenden Sonnenwolken verhllende Erdenwolken ziehen! - Addio, Carissima!
    Aber hier sprang er auf, lie unabgeschrieben den Kaufbrief liegen, unter
dessen Abfassung er heute eben vernommen, da Klothar zurck und der Himmel in
der Nhe sei, und lief in des Grafen Garten. Im Schreiben war Walt Befehlshaber
seiner Phantasie betrchtlich, aber im Leben nur Diener derselben; wenn jene
spielend ihm ihre Blumen und Frchte wechselnd in den Scho hinein und ber den
Kopf hinber warf: so drang unaufhaltsam sein ernsteres Herz seinen Grten,
seinem Gipfel zu und suchte den Zweig.
    In Klothars Park hofft' er auf ein schnes Begegnen. Alle Fenster der Villa
standen offen, aber kein Kopf darin. Der Grtner, der ihn fr einen Gartenfreund
nahm, ging ihm nach der Sitte mit einem Blumenstrau in der Hoffnung entgegen,
er werde diese Grtnersblumen-Schwabacher und Fernschreiberei lesen knnen und
ihm dafr ein paar Groschen schenken. Der Notar weigerte sich hflich vor dem
blhenden Geschenke, nahm es endlich mit den dankbarsten Mienen an und drckte
den aufrichtigsten Dank noch mndlich vor dem Grtner aus, der sich mit den
finstersten berwebte, weil er keinen Heller bekam. Selig strich der Notar durch
die Gnge, in die dunkeln Busch-Nischen, an betitelte Felsen und Mauern, vor
grne Bnke der Aussichten - und berall flog ihm ein Blumenkranz auf den Kopf
oder ein Sommervogel ans Herz, nmlich wahre Freuden, weil er berall ein Beet
erblickte, woraus, wie er dachte, sein knftiger Freund sich einige Blumen oder
Frchte des schnellen Lebens-Frhlings ausgezogen. Der edle Jngling kann,
sagte Gottwalt an den verschiedenen Pltzen, wohl auf dieser Bank lang der
Abendrte nachgesehen haben - in diesem Bltendickicht dmmernde Herzens-Trume
ausgesponnen - auf dem Hgel wird er an Gott gedacht haben voll Rhrung - Hier
neben der Statue, o wenn er hier knnte die sanfte Hand seiner Geliebten
genommen haben, falls er eine hat - wenn er betet, tat ers gewi in diesem
mchtigen Hain.
    Es gab wenige Bnke im Park, worauf er sich nicht niedersetzte,
voraussetzend, Klothar habe frher da gesessen. - Der englische Garten ist
gttlich, sagt' er abgehend zum stillen Grtner an der Pforte, abends
erschein' ich gewi wieder, liebster Mann.
    Er machte auch zur versprochenen Zeit die Gartentre auf. In der Villa war
Musik. Er verbarg sich und seine Wnsche in die schnste Grotte des Parks. Aus
der Felsenwand hinter ihm drangen Quellen und berhngende Bume. Vor ihm go
der glatte Flu seinen langen Spiegel durch ein Auen-Land. Windmhlen kreiseten
ungehrt auf den fernen Hhen um. Ein sanfter Abendwind wehte das rote
Sonnengold aus den Blumen hher um die Hgel. Eine weibliche Statue, die Hnde
in ein Vestalinnen-Gewand gehllt, stand mit gesenktem Haupte neben ihm. Die
Tne der Villa hingen sich wie helle Sterne ins Quellen-Rauschen und blitzten
durch. Da Gottwalt nicht wute, welches Instrument Klothar spiele: so gab er ihm
lieber alle in die Hand; denn jedes sprach einen hohen, tiefen Gedanken aus, den
er dem Herzen des Jnglings leihen mute.
    Er entwarf sich unter sen Klngen mehrmals den Umri von der unerhrten
Seligkeit, wenn der Jngling auf einmal in die Grotte trte und sagte:
Gottwalt, warum stehest du so allein? Komme zu mir, denn ich bin dein Freund.
    Er half sich durch einige Streckverse an Jonathan (so wollt' er im Halauer
Wochenblatte den Grafen verziffern), die ihm aber schlecht gelangen, weil sein
innerer Mensch viel zu rege und zitternd war, um den poetischen Pinsel zu
halten. Zwei andere Streckgedichte, unter welche er jene absichtlich im
Wochenblatte zum Scheine mischen wollte, als sei alles Dichtung, waren viel
besser und hieen so:

                    Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen

O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest. So
steht Gott am Himmel, und die Strme der Zeiten strzen und reien, und auf
allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens.

                              Die Liebe als Sphinx

Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an, und ihr schnes Angesicht lchelt.
Aber verstehst du sie nicht: so erhebt sie die Tatzen.

    Eben kam der Grtner und befahl ihm an, sich wegzumachen, weil man den
Garten schliee. Er dankte und ging willig. Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in
der Theaterschneiders-Gasse nahe vor einem sechsspnnigen Fackel-Wagen vorbei,
worin Klothar sa nebst andern, so da er im Garten manches, sah er, vergeblich
empfunden. Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder,
zwar ohne diesen zu sehen, der ihn sah, aber doch um ihn sich nahe zu denken.
    Tags darauf hatt' er das Glck, den Grafen, der mit einer alten krummen Dame
englisch sprach, auf einem Garten-Gange zu treffen und vor dessen ernstem
schnen Gesicht den Hut mit Liebes-Augen zu ziehen. Er suchte ihm noch sechs
oder sieben Male aufzustoen und zog ebensooft - aus Unbekanntschaft mit der
Garten-Kleiderordnung - den Salutier-Hut, was zuletzt dem Grafen so verdrlich
fiel, da er unter Dach und Fach auswich. Auch der Grtner, der lngst ber ihn
und seine scharfen Beobachtungen des Landhauses seine eignen angestellt, wurde
konfus und glaubte, etwas zu vermuten.
    Noch spt abends kam ein Lufer vom polnischen General Zablocki - der in
Elterlein das bekannte Ritterschlo hatte - mit dem Befehle, sich morgen ganz
frh Punkt 11 Uhr einzustellen, um etwas zu machen. O Lieber, wenn doch mein
Klothar ein Instrument bei mir bestellte! Gb' es denn eine holdere
Gelegenheit? dacht' er. Punkt 11 Uhr kam derselbe Lufer und bestellt' ihn ab.
Aber an der Wirtstafel vernahm er, welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwrts
weggezogen war.
    Die Tischgenossenschaft vereinigte sich nmlich, das gttliche Gemt einer
gewissen Generals-Wina zu erheben... Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen
Menschenbrust, ewige Wnsche, ewige Schrecken, ewige Bilder - so auch ewige
Tne. Der Laut Wina, ja nur der verwandte Winchen, Wien, Mine, Mnchen, erfate
den Notar ebensosehr, als wenn er an - Aurikeln roch, auf deren Duft-Wolken er
sich so lange in neue auslndische Welten verschwamm, bis er entdeckte, da er
nur die frhesten seines Lebens tauig ausgebreitet sehe. Und die Ursache war
eben eine. In seiner Kindheit war nmlich, da er an den Blattern blind dalag,
ein Frulein Wina, die Tochter des General Zablocki, dem das halbe Dorf oder die
sogenannten Linken gehrte, mit der Mutter zum Schulthei gekommen. In der
Familie hatte sich erhalten, da das kleine Mdchen gesagt, der arme Kleine sei
ja sehr tot, und sie woll' ihm alle ihre Aurikeln geben, weil sie ihm keine Hand
geben drfte. Der Notar beteuerte, da er sich es noch klar und s erinnere,
wie ihn Blinden der Aurikeln-Geruch durchdrungen und ordentlich berauscht und
aufgelset habe, und wie er ein peinliches Schmachten gefhlt, nur eine
Fingerspitze des Kindes, dessen ses Stimmchen ihm fern, fern herzukommen
schien, anzurhren, und wie er die khlen Blumenbltter an seinen heien Lippen
totgedrckt. Diese Blumen-Geschichte mut' ihm, erzhlt' er, in der Krankheit
und nachher in der Gesundheit unzhlige Male erzhlt werden, er habe aber Wina
nie aus seiner Kindheits-Dmmerung gelassen und sie spter nie angesehen, weil
er es fr Snde gegen dieses fr das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte
Wesen gehalten. Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flgel zusammenstellen,
um wie auf einem Minervens-Schilde eine Schnheit emporzuheben durch Wolken
hindurch, ber schwache Monde, mitten unter die Nacht-Sonnen hinein: so hob doch
Walt die ungesehene, s sprechende Wina viel hher, nmlich in das dunkle
tiefste Sternenblau, wo das Hchste und das Schnste glht und strahlt, ohne
Strahlen fr uns Tiefe; gleich den groen Zentral-Sonnen Herschels, welche durch
ihre unendliche Gre ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und
ungesehen in ihrem Feuer schweben.
    Gottwalt fragte, ob diese Wina die Tochter Zablockis sei. Er hrte, es sei
diese eben die Braut - Klothars. Welche berraschung, sich einen mnnlichen,
markigen, scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken, mit dem
Dmpfer, der das Schmettern zu Nach- und Widerklngen erweicht, einen Heros
neben einer heiligen Jungfrau - und auf der andern Seite sich die Braut eines
Freundes zu denken, diese hhere geistige Schwester, diese Gott geweihte Nonne
im Tempel der Freundschaft (denn fr eine schne Seele gibt es keine schnere
als des Freundes Geliebte) - - mehr Liebe und Freuden-Trume konnte eine einzige
Nachricht schwerlich einem Menschen zuwerfen als die neue dem Notar, die neueste
ausgenommen, da heute beim General die Ehepakten aufgesetzet worden oder doch
wrden. Der Notar, der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wute, fuhr
ordentlich vor der aufgeschobenen Herzens-Szene zusammen, die ihm entgangen war;
ich glaube, ich sterbe, dacht' er, vor Liebe gegen zwei solche Menschen, die
ich auf einmal in ihrer fnde; den Kontrakt wrd' ich ohnehin mit zehntausend
Fehlern aufsetzen, und stnde mein Kopf darauf.
    Er hrte aber noch mehr. Der Graf, sagte die Wirtstafel, heirate sie bei
seinem Reichtum nur der Schnheit und Ausbildung wegen, denn er habe zehnmal
mehr Geld als der General Schulden. Was tuts, sagt' ein unbeweibter Komdiant,
der Vter machte, die Hehre soll die Liebe und Charis selber sein. - Zwar die
Mutter in Leipzig, glaub' ich, versetzte ein Konsistorial-Sekretr,
konsentiert bequem, da sie lutherischer Konfession ist, so gut wie der
Brutigam; aber der Vater - - Wieso? fragte der Komdiant. Tochter und Vater
sind nmlich Katholiken, antwortete der Sekretr. - Wird sie die Religion
changieren? fragte ein Offizier. Das wei man eben nicht (sagte der Sekretr);
bleibt sie inzwischen bei ihrer, so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen;
und beide mssen durchaus zweimal kopuliert werden, einmal von einem
lutherischen Geistlichen, hernach von einem katholischen. - Ihr Konsistorien,
sagte der Offizier, bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler,
nichtsntziger, langweiliger Schnickschnack, der mich ordentlich revoltiert; wie
stecht ihr ab gegen einen Feldprediger! -
    So beklommen, als (nach der medizinischen Geschichte) Leute erwachen, die in
ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten, der in der Nacht die Blten
auftat und sie mit seinem Duft-Frhling berfiel: so stand Walt, mit der
s-nagenden Geschichte am liebewunden Herzen, vom Tische auf. Er wollte, er
mute die Brautleute sehen. Wina, die er frher als der Graf wenigstens gehrt,
konnt' er ordentlich bitten, ihn dem Brutigam, und diesen, den er lngst
gesehen und gesucht, ihn der Braut vorzustellen. Sehr hatt' ihm an der
Wirtstafel die Bemerkung gefallen, da Wina eine Katholikin sei, weil er sich
darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte. Auch da
sie eine Polin war, sah er fr eine neue Schnheit an; nicht als htt' er etwa
irgendeinem Volke den Blumenkranz der Schnheit zugesprochen, sondern weil er so
oft in seinen Phantasien gedacht: Gott, wie kstlich mu es sein, eine Polin zu
lieben - oder eine Britin - oder Pariserin - oder eine Rmerin - eine Berlinerin
- eine Griechin - Schwedin - Schwabin - Koburgerin - oder eine aus dem 13. Skul
- oder aus den Jahrhunderten der Chevalerie - oder aus dem Buche der Richter -
oder aus dem Kasten Noh - oder Evas jngste Tochter - oder das gute arme
Mdchen, das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem Jngsten Tage. So waren
seine Gedanken.
    Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum - so khn und leicht, als
lieb' er selber, war ihm - und doch war ihm wieder, als wenn er zwar alle habe,
aber keine - er wollte Winen eine Brautfhrerin zufhren, in die er selber
sterblich verliebt wre - er lechzete nach dem Bruder, nicht um ihn darber zu
belehren oder zu vernehmen, sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an
seine zu haben - ein groer Regenbogen abends in Osten spannt' ihn noch hher.
Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offnes Farben-Tor fr ein
unbekanntes Paradies - es war der alte glnzende Siegesbogen der Sonne, durch
welchen schon oft so viele schne, tapfere Tage gegangen, so viele sehnschtige
Augen gesehen. Auf einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein, drei Wnsche zu
befriedigen, zwei laute und einen stillen.

                           Nr. 20. Zeder von Libanon


                               Das Klavierstimmen

Es ist bekannt, da nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch
einen Tag lang stimmen mu, um zu erben. Lngst hatt' ihn auer Vult noch sein
Vater, der nicht erwarten konnte, wie der sogenannte Regulier-Tarif oder die
geheimen Artikel Fehler setzen und strafen wrden, um Verwaltung dieses Erb-Amts
als des krzesten angelegen, um hinter die Ehrlichkeit des sel. Testators zu
kommen; aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt, den alten
gebenden Mann fr einen Schelm zu halten. Aus schnern Grnden hingegen konnt'
er jetzt stimmen, wenn er wollte; diese waren die dreifache Hoffnung, er werde,
da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum mute angeboten werden, in
die vornehmsten Huser und Zimmer kommen - die schnsten Tchter vorfinden (denn
Tchter und Instrumente sind nicht weit auseinander) - und wohl auch die
kstlichen Mahagonipiano von Schiedmaier aufdecken, auf deren Tasten Klothar und
Wina die beringten Finger gehabt.
    Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Ratfragen. Er zeigte seinen Willen
den Testament-Exekutoren oder dem regierenden Brgermeister Kuhnold an. Dieser
erffnete ihm, da er nach dem geheimen Regulier-Tarif 4 Louis aus der
Erbschaftskasse erhalte, weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder
Bezahlung aussetzen wollen. Wie ein Vater ermahnte er ihn, sein Ohr unter dem
Stimmen nicht zu zerstreuen, und er wrde ihm deutlicher raten, sagt' er, wenn
es seine Pflicht erlaubte. Auch ich geb Ihnen ein Instrument, setzt' er mit
einem wohlwollenden Lcheln dazu. Walt - in die Liebe verliebt - erinnerte sich
mit Vergngen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Tchter.
    Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt.
    Der einsilbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast
ernsthaften Kautelar-Bogen voll Predigten ber Saiten-Nummern, Saiten-Sprengen
und falsche Temperaturen, samt dem Flehen, doch nur einen Tag lang kein Dichter
zu sein. Sondern Instrumente, statt zu machen wie ein Notar, zu stimmen wie ein
ordentlicher Regensburger Komitial-Mensch.
    Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhuser; aber
darunter war weder sein Wohnhaus - Neupeter war zu stolz dazu - noch Klothars
und Zablockis ihre, doch sonst hohe genug.
    Als er am Morgen zuerst bei Kuhnold - nach der anciennet des Meldens hatt'
er zu hausieren - als Stimmer ankam: fand er im netten, glatten Klavier-Zimmer
statt der Dlles. Kuhnold den obengedachten hinkenden grmlichen Notar, den der
Fiskal Knoll, als der Kardinalprotektor der sieben Erben, hergeschickt zum
Zeugen aller Fehler, weil ein Notar, wie Deutschland wei, zwei Zeugen schwer
wiegt, folglich fr das Jus gerade jener nervus probandi und erster Grundsatz
des Widerspruchs, jene geistige tonica dominante oder Primzahl ist, wonach so
lange schon die Weltweisen wettrennen, um solche nur zu sehen; daher der Jurist
in Minuten mehr beweiset als der Philosoph in Skuln. -
    Auch war Knoll weitlufig schriftlich darauf bestanden, den Stimm-Tag
durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagen - was sich, replizierte
Kuhnold, ja von selber verstanden htte.
    Das heiter-geordnete Zimmer ohne Tchter trug indes berall die Farben-Asche
weiblicher Schmetterlingsflgel, bunte Arbeiten und Arbeitszeug schner Finger.
Das Pianoforte war fast wie gestimmt, nur zu hoch um einen Ton - eine Stimmgabel
lag dabei - auf den Tasten waren die Nummern der Saiten, auf dem Sangboden neben
den Stiften das Tasten-Abc mit schwrzerer Dinte retouchiert - fr Stille war in
der Nachbarschaft gesorgt und Kuhnold kam zuweilen nachschauend, aber ohne ein
Wort zu sagen. Er bot den Notarien ein Frhstck an. Wollte Gott, dachte Walt,
eine oder die andere Tochter trg' es herein! Eine runzlige, ehrliche,
mnnliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht' es so freundlich, als sei sie
in der Tat der Wirt. - -
    Redlicher Brgermeister von Halau, lasse mich in dieser Minute, wo ich eben
die folgende Nummer und Naturalie Gromaul oder Wydmonder samt Dokumenten von
dir und der Post erhalte, die Geschichte mit der Versicherung stren, da ich
wissen wrde, wie hoch ich dich zu stellen habe - wrest du auch weniger der
Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars-, schon daraus, mein' ich, da
du erstlich einen ganz alten (wahrscheinlich beweibten) Bedienten hast, und da
er zweitens noch vergngt aussieht.
    Beide Notarien frhstckten, und der Exekutor sprach, whrend die Wachparade
gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen, mit einem
Geschrei auf der Trommel, das nicht blo an die Haut des sie berziehenden Tiers
erinnerte, vorbeimarschierte und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen
zulie. Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog: so versicherte
Kuhnold, jetzt hre niemand sein Wort, geschweige den zrtesten Miton.
    So ging der ganze Vormittag unter fehler- und tchterlosem Stimmen vorber
und beide Notarien zum Essen, jeder ganz verdrlich, der hinkende darber, da
er wie ein Narr dagesessen ohne das geringste mgliche Niederschreiben, der
stimmende, da er niemand gesehen. In gewissen Jahren versteht das mnnliche -
und das weibliche Geschlecht unter niemand das eigne, und unter jemand das
andere.
    Zu Buchhndler Pavogel zogen darauf beide Notars. Dem Flgel des
Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu. Statt des
Stimmhammers mute Walt mit einem Gewlb-Schlssel drehen und arbeiten fr
Musikschlssel. Ein geschmcktes schnes Mdchen von 15 Jahren, Pavogels
Nichte, fhrte einen Knaben von 5, dessen Sohn, in seinem Hemde herum und suchte
leise singend eine leise Tanzmusik aus den zuflligen Stimm-Tnen
zusammenzuweben fr den jungen Satan. Der Kontrast des kleinen Hemdes und der
langen Chemise war artig genug. Pltzlich sprangen die drei Saiten a, c, h, nach
Halauer offiziellen Berichten, welche gleichwohl nicht festsetzen, in welchen
gestrichnen Oktaven. Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen, G. Harnisch, sagte
Pavogel. Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach. Es fehlt Ihnen
nur mein p! - Ich stimme am b, sagte Walt, aber fr das Springen kann ich
nicht. - Da der hinkende Notar so viel Verstand besa, um einzusehen, da ein
Stimm-Schlssel nicht drei Saiten auf einmal sprenge: so stand er auf und sah
nach und fands. Aus dem Ach wird ja ein Bach (scherzte der Buchhndler
ablenkend). Was macht der Zufall fr Wortspiele, die gewi keine Bibliothek der
schnen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe! Allein der hinkende Notar
versicherte, die Sache sei sonderbar und protokoll-mig; und als er noch einmal
den Sangboden besah, guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche
eine - Maus heraus. Die hats gemacht, sagt' er, schrieb es nieder und
schttelte so, als ob er vermute, der Buchhndler habe sie aus Absichten in den
Sangboden schieen lassen. Walt fragte auf einmal sich besinnend: Stimm' ich
denn fort? Ich sehe berall die Mausspuren, und alles springt. Er legte den
Gewlb-Schlssel sanft hin. Pavogel wollte als hitziger Mann ausfallen. Aber
Walt entkrftete ihn durch die Erklrung, er wolle in der Stadt herumstimmen und
zu ihm zuletzt, aber bei andern Saiten kommen.
    Sie gingen zu Hrn. van der Harnisch, der sich auch auf die Liste gesetzt. Er
sagte, er erwartete jede Stunde sein Miet-Pantalon, und lie beide fast eine
ganze lauern. Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar, der noch dazu
nicht fate, wie der stimmende den Edelmann so liebreich anschauen konnte. Walt
schrieb alles dem brderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu, indes Vult dabei die
Absicht hatte, dem Tage und Bandwurm, der an der Erbschaft fra, ein Stck
abzureien. Endlich lie er beide unverrichteter Sache abziehen, nachdem er sie
ein paarmal gefragt, ob sie noch da wren, weil er sie nicht hre in seiner
Blindheit.
    Sie kamen zu einer verwitibten schnen Stckjunkerin, die sich mit ihrem
Stickrahmen (eine Paukendecke stickte sie), sehr nahe an das gleiend-gebohnte
Klavier setzte, das sie ihn vielleicht stimmen lie, um ihn fr sich zu stimmen.
Er horchte so vergngt auf ihre Anreden, da er einmal den Stimmhammer auf den
Sangboden fallen lie und ein paar Saiten abdrehte. Am Ende des Geschfts zeigte
sie ihm das musikalische Wrfelspiel und bat ihn, damit zur Probe zu
komponieren. Er tats und spielte seine erste Komposition vom Blatte; er wollte
noch lnger vorspielen - denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen
- aber der hinkende Notar setzt' ihm die Testaments-Klausel entgegen. Die
Stckjunkerin machte selber einige prfende Griffe - der Schohund sprang empor
und ging mit vier dergleichen ber die Tastatur und verstimmte ein wenig. Walt
wollte nachhelfen; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen.
Er ging ungern. Sie war eine blonde Witwe von 30 Jahren, also um 5 oder 7 Jahre
jnger als eine Jungfrau von 30. Es freuete ihn, da die Saite doch einmal der
herrufende Klingeldraht der Schnheit geworden; aber Himmel, dacht' er, ein
Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zuflle gebrauchen! -
    Er mute zum Polizei-Inspektor Harprecht, der, wie sein Protokollist sagte,
mit einer Herde Tchter geschoren sei. Harprecht empfing ihn sehr verbindlich,
stubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich
zum Stimmen vor. Tchter waren nicht zu sehen. Walt stutzte und sagte mit langer
sanfter Hflichkeit nein; er setzte auseinander, da er, da in der 6. Klausel
nur von Klavieren die Rede sei, durch heutiges Stimmen - morgendes versprach er
ihm gern - gegen die vielen noch restierenden Stimm-Huser auf der Liste (er
wies sie vor) verstoen wrde, die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne
Geld besen. Auch der hinkende Notar sagte, unter Klavier knne nicht wohl ein
Hackbrett begriffen werden.
    Oft doch, versetzte mit alter Liebreichigkeit Harprecht, lchelnd blo mit
einem Mundwinkel, so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte; allein er sei
vielleicht so billig als einer; und da er mit dem Hoffiskal Knoll ein Instrument
gemeinschaftlich gemietet fr ihre Kinder, so begleit' er ihn zum Stimmen
desselben hin, um sich das Vergngen seiner Gesellschaft etwas zu verlngern,
drf' aber gewi bei der Testaments-Exekution darauf antragen, da das
Kompanie-Instrument und also jeder Stimm-Fehler fr zwei gelte, wobei ja Hr.
Harnisch genug an Zeit und Mhe erspare und gewinne. - Wahrlich, versetzte
Walt, ich wollt', es wre recht, ich fragte nichts darnach. Harprecht drckte
ihm die Hand und sagte, einen solchen jungen Mann htt' er lngst zu finden
gewnscht; und alle gingen. Eben jetzt, sagte Harprecht unterwegs, ist Tanz-
und Klavierschule bei Knoll und alle meine Tchter.
    Es wird nicht unter der Wrde der Geschichte sein, hier anzumerken, da
Harprecht und Knoll sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palstra
fr ihre Jugend und deren partielle Gymnastik, ein passives Hammerwerk fr ihr
aktives, gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzelisten, und da das
Spinett alternierend von einem Semester zum andern in den Husern beider
Dioskuren stand. Harprecht hatte sogar den Curas und Meidinger aus der
Gymnasiumsbibliothek fr die gallischen Stunden seiner Tchter geborgt und
sagte, er schme sich dessen gar nicht.
    Der krzere Weg zum Fiskal ging durch grne, rote, blaue, bunte Grten,
denen der Vor-Herbst schon die Frchte frbte vor den Blttern; und Walt, dem
die Vesper-Sonne so warmfreundlich ins Angesicht fiel, sehnte sich in den
Abend-Glanz hinaus. Wren Sie imstande, sagte Harprecht, so auf der Stelle
ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung, die man so lobt, auf was man will, zu machen
-? Etwa ein Gedicht ber die Dichter selber, z.B. wie sie glcklicherweise so
hoch stehen auf ihrer fernen idealischen Welt, da sie von der kleinen
wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen? - Er sann lange
nach; und sah gen Himmel; endlich schlug aus diesem der schne Blitz eines
Gedichtes in sein Herz. Er sagte, er hab' etwas; und bitt' ihn blo, sich zu
dessen Verstndnis an die astronomische Meinung zu erinnern, da das, womit die
Sonne leuchtet, nicht ihr Krper sei, sondern ihr Gewlke. Er fing an und
deklamierte, in die Sonne schauend:

                          Die Tuschungen des Dichters

Schn sind und reizend die Irrtmer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt,
die die gemeinen verfinstern. So steht Phbus am Himmel; dunkel wird die Erde
unter ihrem kalten Gewlke, aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine
Wolken, sie reichen allein das Licht herab und wrmen die kalten Welten; und
ohne Wolken ist er auch Erde.

    Hbsch und spitzig genug, sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer
Ironie, die er im Streckvers fand, die aber nicht der Dichter, sondern das
Schicksal hineingelegt. - In solcher Eile, versetzte Walt, kann man zwar wohl
den Gedanken schaffen - denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu -
aber gar zu schwer den rechten Vershau; ich gbe ein solches Gedicht nie
ffentlich.
    Sie traten ins laute Knollische Zimmer ein, wo auer dem Kompanie-Spinett
und dem Kompanie-Musik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester
war, die mit Fen und mit Hnden sausen und brausen wollten - lauter hagere,
schmalleibige, hnghutige, mokante, scharfe Mdchen-Figuren von jedem Alter,
worunter zwei Knaben mit turnierten. Smtliche Tanzschule harrete auf ihre
Klavierschule, die wieder auf das Stimmen des Spinetts wartete.
    Das Musikmeisterlein schwur, heute sei daran nichts zu brauchen, so toll
klinge das Spinett. Gleichwohl hatte sich den Abend vorher der Polizei-Inspektor
ber das Spinett gemacht, um, wie er sagte zum Fiskal, der ihn vertrauend machen
lie, dem jungen Universal-Erben etwas vorzuarbeiten - hatte aber die meisten
Saiten zu tief herabgelassen - ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern
auf dreimal gestrichne Noten oder Tasten gespannt - und in der Tat genug
gefehlt.
    Walt fing an. Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei. Harprecht
kegelte mit Saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere und trachtete sehr,
wie er sagte, seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschft zu
versen durch Diskurse; auch reicht' er ihm die Saiten-Knule, die er brauchte.
Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus, da er
sogar, da ihm keines Menschen Freudenstunde gleichgltig war, teils in das
stimmende Oktaven- und Quinten-Probieren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen
versuchte, teils ins Einhmmern der Stifte, so unangenehm ihm auch die
smtlichen Mdchen erschienen, die sogleich in den jngsten Jahren die venia
aetatis13, die einem Freiherrn ber 300 fl. in Wien kostet, auf dem Gesicht als
Brautschatz mitgebracht.
    Da aber jede Saite zersprang- und beinahe sein eignes Trommelfell, das er
und andere spannten und aufschraubten -: so ersuchte er um erforderliche Stille.
Man schwieg allgemein - er stimmte fort und lrmte allein - die Tanzschule samt
dem Tanz- und Musikmeisterlein sah jede Minute dem Anfange der Klavierstunde
entgegen - Walt durchschwitzte die Wind- und Meerstille - die Saiten sprangen
jetzt statt der Tnzer - das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett - er hatte
die annahende Nacht und die restierenden Stimmhuser voll schnster Tchter und
Zimmer im Kopfe - verdumpft hatt' er sich schon lngst, weil keine Anspannung so
hart ins Gehirn drckt als die des Ohrs - an siebenundzwanzig Saiten-Sprnge
hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht - - und nun lutete die
Abendglocke. - Mit Wut warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer und rief: Der
Donner unds... Was ist das? - Doch der brgerliche und der kanonische Tag ist
jetzt zu Ende, Herr Inspektor, und alles; die Saiten zahl' ich.
    Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn. Kuhnold der geheime Artikel des
Regulier-Tarifs erffnet, welcher bestimmt verordnete, da ihn jede Saite, die
er im Erbamte des Stimmens zerrissen htte, ein Beet der Erb-cker kosten
sollte, so da er jetzt, nach dem Protokoll des Hink-Notars, um zweiunddreiig
Saiten oder Beete rmer war. Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen. Aber
als er dem regierenden redlichen Burgermeister in das traurige Gesicht recht
sah, erriet er etwas, nmlich dessen ganze gestrige Gte, die ihm durch ein
hochgespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die
Entfernung der schnen Tchter sowohl die Gelegenheit zu Saiten-Rissen im eignen
Hause abschnitt als auch ein groes Stck Zeit zu mehreren in einem fremden.
Dieser erquickende Gewinn einer schnen warmen Erfahrung erstattete ihm den
metallischen Verlust so reichlich, da er den Abschied vom Brgermeister mit
einer frohen dankenden Rhrung nahm, die jener nur halb zu verstehen scheinen
mute.

                      Nr. 21. Das Gromaul oder Wydmonder


                                   Aussichten

Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus, er finde darin nach einem solchen
Stein-, Platz- und Muse-Regen des Schicksals ein sehr hbsches Stck
Sonnenschein. Und Flora brachte das Stck, nmlich eine mndliche
Einladungskarte - weil man ihn einer schriftlichen nicht wert halten konnte, so
lieb ihm auch ein Expektanzdekret eines Himmels, ein Wechselbrief auf Lust
gewesen wre - nmlich morgen, Sonntags, mittags zu Neupeters Geburtstags-Diner
auf einen Lffel Suppe zu erscheinen. Auf den Diner-Lffel und das
Souperbutterbrot, auf diese E-Pole laden die Deutschen ein, nie auf die Mitte,
auf Hechte, Hasen, Sue und dergleichen. Flora sagte, des Grafen Klothars wegen
feiere man die Geburt schon um 2 Uhr. Walt beteuerte, er komme gewi.
    Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Glckswind, das Wochenblatt mit Vults
Nachricht ans Publikum, er flte lieber Sonntags abends um 7 Uhr ffentlich, so
stockblind er jetzt sei, als da er lnger ein verehrtes Publikum forttusche
und herumzerre in groen Erwartungen. Dem Zeitungs-Blatte lag ein Billett an
Walten bei, worin ihn Vult um einen Vorschu von 2 Louis fr die
Konzert-Dienerschaft ersuchte und um das Protokoll des Stimm-Tags und um ein
Paar Ohren fr morgen und um das Ohren-Gehenk, das Herz.
    Es hat nicht den Anschein, da einen so schnen und schweren Terzentriller
der Lust jene Gttin, die immer pltzlich ins arme, von rauhen Wirklichkeiten
zerrissene Menschen-Ohr mit linden Melodien herabfhrt, je vor dem Notar
geschlagen als eben den mitgeteilten. Er war selig und alles und redselig und
schrieb erstlich: Hier das begehrte Darlehn doppelt, was gestern von Kabel fr
das Stimmen eingelaufen - dann schrieb er die kstlichen Hoffnungen auf Klothar
- zugleich die Streckverse auf den Grafen - die bisherigen Pregnge und
Kesseljagden nach diesem - die Trume vom morgenden Fltengedackt und von der
Zukunft eines freiern Bruder-Lebens ohne Blindheit - und den Verlust von 32
Beeten.
    Es frchte doch immer der Mensch die innerste Entzckung, er glaube nur nie
ganz toll, es werde jemals ein so leiser sanfter Himmels-Tau, wie sie ist, auf
der strmischen Erde und in ihren Windklften die seltenen Windstillen finden,
worin allein er sich in feste offne Blumenkelche einsenkt, gleichsam die helle
gediegne Perle aus dem grauen Wolken-Meer. Sondern der Mensch erwarte, da er
den zweiten Brief sogleich erhalten werde, den Vult an Walt in folgender
Stimmung schrieb:
    Vult hatte sich nmlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz
frischer Liebe fr denselben versorgt und sich besonders heimlich mit ihm
befreunden wollen durch die Bitte, ihm vorzuschieen - er hatte sich gute Plane
voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn- und Konzert-Tag
entworfen und sich gesagt: Sobald ich nur sehe, was ich gleich nach dem
Konzerte tue, so fallen lauter Bundes-Feste des Zusammenlebens und - schreibens
vor, und mein versiegelter Brief an ihn wird tglich dmmer - er war, wie oft,
aus seinem eignen Himmels-sein eigner Hllenstrmer geworden - er hatt' es recht
tapfer gefhlt, da einige fliegende Winter des Herzens, den fliegenden Sommern
so hnlich, dessen freudige Wrme nicht mehr wegnehmen als Eisstcke an den
Ufern den Lenz.
    So bekam er Walts obiges Freudengeschrei und Schreiben an einen Bruder, der
solange als blinder Mann zu Hause gesessen - gegen dessen Unsichtbarkeit der
andere sich noch so wenig gestrubt - auf welchen dieser noch kein einziges
Streck-Gedicht gemacht, obwohl auf den fremden Narren zwei oder drei - kurz an
einen Mann, der den alliebenden Notar dreitausendmal mehr liebe und allein....
    Folgendes setzte der Mann an Walten auf:
    Anbei folgen 2 Plus-Louis retour; mehr war ich nicht bentigt, obgleich
kein Mensch soviel Geld bedarf als einer, ders verachtet. - Das hole der Teufel,
da 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angeset werden. Solche Tonleitern
sind mehr Hllen- als Himmelsleitern fr mich. Bei Gott, ein anderer als der
eine von uns htte vorher zu sich gesagt: pa auf! Kato schrieb ein Kochbuch;
ein Streckdichter knnte wahrlich stimmen, wenn er wollte; nur umgekehrt gehts
nicht, da ein Koch einen Kato schreibt, sondern hchstens ein Cicero, dieser
Cicerone alter Rmer. Bse Trume, die echten Seelen-Wanzen des armen Schlafs,
gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein Pferde-Kopf gegen
Leibes-Wanzen, hatten mir manches vorgepredigt, was ich jetzt nachpredige vor
Denenselben, mein Herr!
    Noch zeigen Sie mir fast verwundert an, da Ihnen, nach der Marsch-Ordre vom
und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr, gerade um dieselbe Stunde Kontreordre
zum Kontre-Marsch zugekommen, ohne da Sie zu erwgen scheinen, da er sich
einen ganzen Tag Zeit genommen, um sich zu ndern. Herr, sind denn die Groen
nicht eben das einzige echte Quecksilber der Geisterwelt? - Die erste
hnlichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit - ihr Rinnen - Rollen -
Durchseigern - Einsickern - Verdammt! die rechten Gleichheiten dringen nach und
sind nicht zu zhlen. Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem
stoischem Eis zu bringen - - glnzend ohne Licht - wei ohne Reinheit - in
leichter Kugelform und doch schwer drckend - rein und zugleich zu tzendem Gift
sublimiert - zusammenflieend, ohne den geringsten Zusammenhang - recht zu
Folien und Spiegeln unterzulegen - sich mit nichts so eng verquickend als mit
edlen Metallen - und noch, aus wahrer Wahl-Anziehung, etwan mit Quecksilber
selber - Mnner, die sich mit ihnen befassen, sehr zum Ausspucken reizend - -
Herr, das wollt' ich die groe Welt nennen, deren goldnes Alter immer das
quecksilberne ist. Aber auf solchen glatten, blanken Weltkgelchen siedle sich
nur niemand an! - brigens folgen auch Einlabilletts fr das Fltenkonzert; 
revoir, Monsieur!
                                                                       v. d. H.
                                       *

Walten taten indes nur die Retour-Louis so weh, als wren sie von Louis XVIII.
geprgt; sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn fr Tanzen aus Lust und fr
Takt-Treten. Htt' er ahnen knnen, mit welchen Peinigungen der Liebe er den
Schmollgeist Vults wechselnd weg- und herbannte: er htte in seiner ganzen
Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden. Jetzt schlief er mit der schnsten auf
morgen ein.

                               Nr. 22. Sassafras


                           Peter Neupeters Wiegenfest

Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane, an
einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein, oder ein in einem Dorfe
gebrochner Juwel, der sich auf der Edelsteinmhle der Stadt schon sehr
ausgeschliffen. Er hielt sich vor, das sei das erstemal, da er in den
schimmernden Tier-Kreis des feinsten Cercle oder Krnzchens rcke. Gott, wie
fein werden sie alles drehen, sagte er sich, und vor Turnre kaum reden!
Madame - kann der Graf sagen -, ich bin zu glcklich, um es zu sein. Hr. Graf,
kann sie versetzen, Ihr Verdienst und Ihre Schuld - Darf man das Erraten
erraten? fragt er - Sollte Fragen mehr erlaubt sein als Antworten? fragt sie -
Das eine erspart das andere, versetzt er - Oh Graf, sagt sie - Aber Madame, sagt
er; denn nun knnen sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen, und wenn sie toll
wrden. Ich fr meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz.
    Walt go sich beizeiten seinen Sonntags-Beschlag, den Nanking, als sein
eigner Gelbgieer ber und setzte statt des braunflammigen Hutes - den wollt' er
in der Hand tragen - mehr Puder als gewhnlich auf. Er ging geputzt ein paar
Stunden leicht auf und ab. Er hrte vergngt einen Wagen nach dem andern
vordonnern; nur abgeladen! sprach er, lauter Fracht und. Megut fr den
Roman, in dem ich Leute von Stande so ntig habe als Dinte. Und wie wird sich
uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen mssen; der alte treue
Freund! Gott wird mir schon dazu verhelfen, da ich auch etwas sagen kann zu
ihm.
    Da er endlich bei einem neuen Rollen es fr Zeit hielt, sich hinabzumachen
und den Cercle zu schlieen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bckling:
so stellt' er sich oben, mit seinem Hute in der Hand, ans Treppengelnder und
schauete so lange hiedurch hinab, bis er dem neuen Nachschu sich zuschieen
konnte, um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen.
Er glnzte sehr, der Saal, die vergoldeten Schlsser waren aus den
Papier-Wickeln herausgelassen, dem Lster der Staub-und Busack ausgezogen, die
Seiden-Sthle hatten hflich vor jedem Stei die Kappen abgenommen, und auf dem
getfelten Fuboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen,
welche die ostindische Decke so zudeckten, da diese sowohl sich als den
getfelten Fuboden an einigen Winkeln leicht zeigte. Den Salon selber hatte der
Kaufmann, weil lebendige Sachen zuletzt jeden krnen, mit Gsten-Gefllsel
ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewlb saturiert, namentlich mit Aigretten -
Chemisen - Schmink-Backen - Rotnasen - feinsten Tuchrcken - spanischen Rhren -
Patentwaren und franzsischen Uhren, so da vom Kirchenrat Glanz an bis zu
netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles mischen mute. Der groe
Kaufmann sucht weiter in keine hchste Klasse zu kommen als in die der
Glubiger, wenn seine hohen Schuldner fallieren. Er, als kalter stiller
Justierer des Verdienstes, schtzt gleich sehr den niedrigsten Brger, wenn er
Geld hat, und den hchsten Adel, wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen
Adern luft und dessen Stammbaum Nahrungs- und Handelszweige treibt. Freilich -
so wie dem Pater Hardouin die Mnzen der Alten mehr historische Glaubwrdigkeit
hatten als alles Schriftliche derselben - so kann der abwgende Kaufmann
Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktierkunst nie so hoch stellen als dessen
Mnzen, insofern er von fremder Zuverlssigkeit sprechen soll.
    Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter,
als er nur hoffen wollen; denn er bemerkte bald, da er nicht bemerkt wurde,
sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner
Trume machen. Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den
beiden Tchtern gesehen - als endlich Klothar, der Eknig, zu seiner Freude
blhend hereintrat, obwohl in Stiefeln und berrock, als hab' er sich mehr auf
parlamentarische Wollen-Scke zu setzen als auf seidne Agenten-Sthle. Hr.
Hofagent, sagt' er, ohne die Versammlung zu prfen, wenn Sie wollen, mich
hungert verdammt. Der Hofagent befahl Suppe und Tchter; denn er schtzte den
Grafen lngst und innigst, weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten
wute, wieviel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem Manne
von so vielen jhrlichen Einknften solle doch jede vernnftige Seele es zugute
halten, wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese, was er wolle.
    Pltzlich kam Musik - mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten
Geburtsfestliedern - dann die beiden Tchter mit einer langen Blumen-Girlande,
die sie Neupeter so geschickt ber den Krper wanden, da er in einem blhenden
Ordenshand dastand - die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus - und
zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes - Nun fing andere Instrumentalmusik an,
um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten - die Gesellschaft
mit ihren Papieren in den Hnden stimmte ihn an als ein lngeres Tischgebet -
und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Vult htte nicht unter die
gehrt, die dabei am ernsthaftesten geblieben wren, zumal als der blumige
Ordens-Mann sich selber ansang; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch,
sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lcherlich, als es ein Toter sein
kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen
Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht gro, an welchen Schatten man
denke. Walt qulte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme; und als es
vorbei und der Alte sehr gerhrt war ber das fremde Gedchtnis fr sein
Wiegenfest bei eigner Vergelichkeit und die Seinigen ihm frher gratulierten
als die Fremden: so war kein Glckwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als
Gottwalts ferner und stiller; aber es beklemmte ihn, da der Mensch -
besonders, seh' ich, an Hfen, dacht' er gerade den heiligen Tag, wo er sein
erneuertes Leben berrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen
verhrt da er das neue Dasein mit der lrmenden Wiederholung des alten feiert,
anstatt mit neuen Entschlssen - da er statt der einsamen Rhrung mit den
Seinigen, deren Wiegen oder Grber seinen ja am nchsten stehen, den undankbaren
Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten
Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere - denn noch hatt' er in seiner
harten Armut keinen einzigen erlebt-, ganz anders zu begehen, nmlich sehr
weich, still und fromm. - -
    Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel -
Flitten - als der erste postiert und rechts neben den jngsten Buchhalter. Ihm
verschlugs wenig; ihm gegenber sa der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod
alles gleich macht war die Tafel, gleichsam ein grerer Kompanie-Teller. Der
Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts,
streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hnde zwei rechte aus und suchte mit
wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Sbel des Messers zu fhren; belesen
genug, um mit der Breite des Lffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er
sich blo bei bedenklichen Vorfllen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht
eher anzuspieen, bis ihm andere das Speisen vorgemacht; wiewohl er sie bei den
Artischocken so wenig fr ntig erachtete, da er, Beweisen nach, deren bittern
Stuhl und die Spitzbltter aufkuete, die er htte in die hollndische Sauce
getunkt ablecken knnen und sollen. Was ihm indes weit besser schmeckte als
alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertlffel, Eierbecher, Eistassen,
goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen
Kchenschrank abliefern konnte: Esset ihr in Gottesnamen, dacht' er, die
Kibitzen-Eier, die Mainzer Schinken und Rauch-Lchse; sobald ich nur die Namen
richtig berkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so hab' ich alles, was ich
fr meinen Roman brauche, und kann auftischen.
    
    In die hchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der
keine Umstnde machte - geradezu weien Portwein forderte - und einen
Kapaunenflgel mit nichts abschlte als mit dem Gebi - des Gebacknen nicht zu
gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schne Freiheit - eingekleidet
noch in Stiefeln und berrock - spornte Walten an, da er, als mehrere Herrn
Konfekt einsteckten fr ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch
einige se Papierchen oder Sbriefchen, die ihm ganz gleichgltig waren, in
die Tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein fra und foderte,
zeigte deutlich, wie man zu leben habe - besonders wovon.
    Indes war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klothar vernommen,
wenn nicht gar angeredet zu werden. Aber es ging gar nicht. Dem Grafen war aus
Achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchenrat Glanz, an die linke Seite
gebeten an die rechte die Agentin gesetzt; - aber er a blo. Walt sann scharf
nach, inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei, kein
Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer
Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der
schne grfliche Jngling etwas vom Teller nahm - oder die Flasche - oder froh
umhersah - oder trumend in den Himmel hinter dem Fenster - oder in den auf
einem lieblichen Gesicht. Aber bitterbse wurd' er auf den Kirchenrat, der einer
so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schnsten
Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, ber Klothars Hand
zufllig mit seiner hinstreichen knnte und vollends ihn ins Reden locken.
Allein Glanz glnzte lieber - er war vergtterter Kanzelredner und
Kanzelschreiber - auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Mnzen
geprgt: Bononia docet14- wie andere Redner die Augen, so schlo er die Ohren
unter dem Flusse der Zunge - - Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schlo er
Klothars stolzen Mund. Darber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt
es fr Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine Freuden-Blume ber die Tafel
hinberzuwerfen - die Artigkeit in Person zu sein - und immer ein wenig zu
sprechen. Wie gern htt' er sich ffentlich ausgedrckt und ausgesprochen!
Leider wie Moses sa er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil
er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset, in das aufgetischte Zungen- und
Lippen-Gehcke, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes
seinerseits zu werfen, da es ihm unmglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu
sagen: ein Westfale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermgend,
einen groben zu ziehen. Je lnger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob,
desto glnzender, glaubt er, mt' er aufgehen, und sinnet auf eine Sonne dazu;
knnt' er endlich mit einer Sonne einfallen, so fehlt ihm wieder der schickliche
Osten zum Aufgang, und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese
Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts.
    Walt legte sich indes auf Taten. Die beiden Tchter Neupeters hatten unter
allen schnen Gesichtern, die er je gesehen, die hlichsten. Nicht einmal der
Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schnheits-Mitteln gehrte und
nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wsten-Gesicht mit Reizen
anzusen, htte sich darauf einlassen knnen, eine und die andere
Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer.
Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche
Hlichkeit, die er fr einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde
(Raphaela hie sie), die ihm zum Glcke blickschu-recht sa, in einem fort mit
unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verraten, hofft' er, wie wenig er
sich von ihren Gesichts-Ecken abstoen lasse. Auch auf die Brnette, namens
Engelberta, lie er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick
anfallen, wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids
wrdigte. Es strkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, da
beide Mdchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; - als
vergoldete Wirtschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz
gebundene Leberreime mute man sie anerkennen. Hoch mut' er bei dieser
Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in
Aufmerksamkeit und Achtung fr dieselbe hliche Raphaela wetteiferte! Er
drckte Flitten - der als armer Teufel nichts weiter von der verhaten Schnheit
wollte als die Hand mit dem Heiratsgut - unter der Serviette die seinige; und
sagte nach dem dritten Glas Wein: Auch ich wrde mit einer Hlichen zuerst
sprechen und tanzen unter vielen Schnen. - Sehr galant! sagte der Elsasser.
Sahen Sie aber je eine superbere Taille? - Diese nahm jetzt erst der Notar an
beiden Tchtern auf Erinnern wahr; wer sie kpfte, machte jede zur Venus, ja mit
dem Kopfe sogar konnte jede sich fr eine Grazie halten, aber in doppelten
Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schnheiten als physiognomische; Walt war
majorenn geworden, ohne zu wissen, da er zwei Backenbrte habe, oder andere
Leute Taillen, schne Finger, hliche Finger usw. - Wahrhaftig, antwortete
der Notar dem Elsasser, ich wollte wohl einer Hlichen ohne allen Gewissensbi
die schne Taille ins Gesicht sagen und loben, um die Arme damit bekannt und
darauf stolz zu machen. Wenn Flitte etwas gar nicht begriff, so fragte er
nichts darnach, sondern sagte schnell ja. Walt heftete jetzt in einem fort recht
sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die
Blonde schielte von seinen Blicken zurck und suchte sich tugendhaft zu
beunruhigen ber die Frechheit des jungen Harnisch.
    Wer mir lieber, Herr? die Blonde oder Braune? sagte der Hofagent, vom
Weine lustig. Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet
vierteljhrlich der Kassa 12 Groschen weniger. Fr 3 Taler 12 Groschen gutes
Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig
(vinaigre de rouge) nota bene fr Blonde; fr Braune hingegen jede um nette 4
Tlr.; hat sie vollends schwarzes Haar, so mu ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12
Gr. verschreiben. Raphel! du sollst leben! - Cher pre, versetzte sie,
nennen Sie mich doch nur Raphaela. - Er verdients (dachte Walt, betroffen
ber Neupeters Ungeschicklichkeit), da sie sagte: Scher-Br! Denn so hatt' er
verstanden.
    Heute gibt der arme blinde Baron sein Flten-Konzert, sagte schnell
Raphaela; ach, ich wei noch, wie ich ber Dulon geweint. - Ich wei des
Menschen Namen nicht, sagte die brillantierte Mutter, namens Pulcheria, aus
Leipzig, wohin sie beide Tchter mehrmals abgefhrt, als in eine hohe Schule
bester Sitten, der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein
Flausenmacher. - Walt arbeitete in sich, weinglhend, an der schnellsten
Verteidigung. - Sobald ein poweres Edelmnnchen, sagte Engelberta spttisch,
nur etwas lernt und versteht, so nehm' ichs nicht so genau. - Wer wei es
denn, sagte die Mutter, was er auf der Flte kann fr Leute, die schon was
gehrt haben? - Er ist, fuhr Walt in grter Krze los, nicht grob, nicht
drftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein
kniglicher Mensch. Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in
seiner Stimme und Krze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende
Kauffrau berrumpelt, die zwar in den Zeiten hbsch gewesen, wo sie Gellerten
reiten sehen, die aber jetzt - aus ihren eignen Relikten bestehend - als ihr
eignes Gebeinhaus - als ihre eigne bunte Toilettenschachtel - ihren kostbaren
Anzug zum bemalten metallischen, mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten
Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar
nicht wild sein wollen, nur gerecht. Man hrte seine vorlaute Phrasis mit kurzem
Erstaunen und Verachten an. Neupeter aber nahm sofort den Faden auf: Bulchen,
sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, ich will, weils doch eine
arme Haut sein soll und noch dazu blind, drei Billette fr euch Weibsen holen
lassen vom powern Wicht.
    Die ganze Stadt geht hin, sagte Raphaela, auch meine teuerste Wina. O!
Dank, cher pre! Wenn ich den Unglcklichen hre, zumal im Adagio, ich freue
mich darauf, ich wei, da sammlen sich alle gefangnen Trnen um mein Herz15; ich
denke an den blinden Julius im Hesperus, und Trnen begieen die
Freuden-Blumen.
    Darauf sah sie nicht nur der Vater entzckt ber ihren Sprechstil an - ob er
gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte - desgleichen Flitte
begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in
ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wnsche, letzteres wre auszustehen oder doch zu
heben durch Liebe, da er unter einem Dache mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch
Winas Ankndigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich
an ihren Brutigam - als pltzlich wieder Raphaela die grten Revolutionen an
dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz: Wie kommts, Hr. Kirchenrat, um
auf Sehende zu kommen, da alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch
nichts verkehrt erblicken?
    Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektre
so gut auseinandersetzte, da die Tafel bewundern mute: so fing der Graf Feuer.
Es sei, da er satt war des Essens - oder satt des Hrens - oder bersatt der
Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca, jener schalen
Kanzel-Philosophie, wovon 1/4 moralisch, 1/4 unmoralisch, 1/4 verstndig, 1/4
schief ist und das Ganze gestohlen - genug, der Graf begann und unterhielt ein
so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat - wozu die nahe Nummer Congeries
von musefahlen Katzenschwnzen aus- und eingerumt wird - da er ordentlich
nicht mehr Ha gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren htte
zeigen knnen, wenn er auch der Fltenspieler Quod deus vult selber gewesen
wre, der sich allerdings so aussprach: Von alten Schimmelwldchen der
Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen Lese-Frchte auf und sen
damit an. - Diese grten engsten Egoisten machen Gott zum frre servant der
Pnitenzpfarren, wohin sie voziert worden, und auf dem Wege nach dem Filial
glauben sie, die Sonnenfinsternis sei gekommen, damit sie weniger schwitzen und
schattiger reiten - und so fegen sie die Herzen und Kpfe, wie in Irland die
Bedienten die Treppen, mit ihren Percken.

               Nr. 23. Congeries von musefahlen Katzenschwnzen


                        Tischreden Klothars und Glanzens

Nachdem also Glanz geuert hatte: da eben, da sich im Auge alle Gegenstnde
umwenden, also wir uns auch mit, wir mithin nichts von einem Umkehren spren
knnten -

So entgegnete der Graf: Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit
umgekehrt? - Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt? - Was hat denn das
Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun? Warum fragt man nicht auch, warum uns
nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine? -
    Glanz uerte nach Garve: unsere Vorzge seien am Ende keine und daher Demut
unsere Pflicht.
    Der Graf entgegnete: So seh' ich wenigstens nicht, warum ich Bettler
demtig gegen den zweiten Bettler sein soll; - und ist er gar stolz, so hab' ich
ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Demut.
    Es wurde ein schner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angefhrt: da die
Kinder fr Geringschtzung des Alters die vergeltende Strafe gewi von ihren
eigenen Kindern empfangen wrden.
    Klothar entgegnete: Folglich hat das geringgeschtzte Alter auch einmal
geringgeschtzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten
ohne die Snde.
    Glanz uerte, wie leicht das Gedchtnis zu berladen sei.
    Klothar entgegnete: Das ist blo unmglich. Ist denn, etwas zu behalten,
eine Beschwerde fr Gehirn oder Geist? Versprt ein Mann den Schatz, den zwanzig
Jahre Leben in ihm niederlegten, wohl an seinem Gedchtnis, als wre dieses
belasteter als in der Jugend? - Aber ferner: der Bauer trgt ebenso viele Ideen
in seinem Gedchtnis als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Bume, cker,
Menschen. berladung des Gedchtnisses kann also nichts heien als versumte
Kultur anderer Krfte.
    Glanz uerte, man knne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte
aussetzen, da die Nase fr die Brille geschaffen sei.
    Klothar versetzte: Und das ist die Nase auch: sobald alle Krfte einer Welt
berechnet wurden, mute auch die Kraft in Anschlag kommen, Glser zu schleifen.
    Glanz uerte: er sei ja dafr und finde in allen seinen gedruckten Reden in
der knstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand.
    Klothar fragte: Was soll gedachter Verstand dabei sein?
    Glanz uerte: Die Ursache.
    Jener entgegnete: Jede knstliche Ordnung, z.B. im Krperbau, erklren Sie
doch jetzt aus blinden Krften, nicht aus einer fremden Schpfung, diese Krfte
wieder aus blinden, und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen
Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen? -
    Glanz uerte spt darauf, eine hbsche, eingeschrnkte Monarchie wie in
England sei wohl am besten fr jeden.
    Klothar versetzte: Nur nicht fr die Freiheit. Warum hatten nur meine
Voreltern die Freiheit, sich Gesetze zu whlen, und ich nicht? Wohin ich fliehe,
find' ich schon Gesetze. Das Ideal eines Staats wre, da die kleinsten
Fderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gben, sich in Fderativ-Drfer -
dann in Fderativ-Huser - und zuletzt in Fderativ-Individuen zerflleten, die
in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben knnten.
    Glanz uerte, durch kleinere Staaten wrden freilich eher die Kriege
aufhren.
    Klothar versetzte: Gerade umgekehrt. An mehreren Orten zugleich und
hufiger in der Zeit entstnden sie. Soll auf der ganzen Erde der Krieg
aufhren: so mu sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben; davon mu der
eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel
Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden.
    Glanz glaubte beim Dessert wenigstens soviel uern zu drfen, da es gut
sei, da die Aufklrung den Hexenglauben vertrieben.
    Klothar entgegnete: Noch nicht einmal untersucht hat sie ihn. Glanz
schttelte leicht. Ich wei nicht, fuhr jener fort, welche von zwei Meinungen
Sie haben, aber da Sie nur eine von beiden hegen knnen - entweder die, da
alles Trug des Zeitalters, oder die, da etwas Wunderbares bei der Sache ist: so
mssen Sie in beiden Fllen irren.
    Glanz schttelte sehr, uerte aber, er sei wie jeder Vernnftige der ersten
Meinung.
    Klothar versetzte: Die Wundergeschichte der Hexen ist ebenso historisch
bewiesen als die der griechischen Orakel im Herodot; und diese ists gerade so
sehr als berhaupt alle Geschichte. Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren
von den bestochenen Orakeln. In jedem Falle war es eine groe Zeit, wo noch
Gtter die Weltgeschichte lenkten und darin mitspielten; daher ist Herodot so
poetisch wie Homer. - Gemeine Seelen machen in der Hexen-Geschichte alles zum
Werk der Einbildung. Wer aber viele Hexenprozesse gelesen, findet es unmglich.
Eine durch Vlker und Zeiten reichende Einbildung festgehaltener, nuancierter
Tatsachen ist so unmglich als die Einbildung einer Nation, da sie einen Krieg
oder Knig habe, der nicht ist. Will man die Einbildung als Kopie einer solchen
allgemeinen Einbildung erklren, so hat man das Urbild vorher zu deduzieren.
    Meist waren alte, drftige, einfltige Frauen die Aktricen des Trauerspiels,
mithin gerade am wenigsten fhig der Phantasie; auch malt die Phantasie mehr ins
Groe und Verschiedene zu gleich. Hier findet man nur erbrmliche wiederholte
Geschichten der Nachbarschaft - der Buhle, der Teufel, begleitet in gemeiner
Kleidung die Frau zu Fue auf irgendeinen benachbarten Berg, wo sie Tanz,
bekannte Spielleute, elendes Essen und Trinken, lauter Bekannte aus dem Dorfe
antrifft und nach dem Tanze mit dem Buhlen wieder heimgeht. Die Versammlungen
auf dem Blocksberge knnen blo fr dessen nchste Anwohnerinnen gelten; aber in
andern Lndern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewhlt. Will man
alle Bekenntnisse fr Lgengeburten der Folter erklren: so bedenkt man nicht,
da man in den Prozessen findet, da sie oft nach der Tortur zwei, drei
unbedeutende Bekenntnisse, die ihnen den Tod nicht ersparten, feierlich und
ngstlich widerriefen; und da also der halbe Widerruf das halbe Gestndnis -
besiegelt, um so mehr, da man in damaligen Zeiten zu religis dachte, um mit
Lgen auf der Zunge zu sterben.
    Die berauschenden Getrnke und Salben, womit sie sich sollen in den Traum
vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben, sind nirgends aus den Akten
erweislich oder nach der Physiologie mglich - da es kein Getrnk gibt, das
faktisch bestimmte Visionen erschfe -; und dann, um nur beide zu brauchen,
muten sie sich ja schon fr Hexen halten.
    Glanz uerte: Warum gibt es aber jetzt keine mehr? Und warum ist alles so
natrlich und alltglich dabei zugegangen, wie Sie vorhin selber einrumten?
Doch mach' ich diese Einwrfe gar nicht, Hr. Graf, als wenn ich glaubte, da Sie
im Ernste jener Meinung wren.
    Klothar versetzte: Dann verkennen Sie meine Denkweise. Wie? Kann man aus
dem Aussetzen oder Wegbleiben einer Erfahrung, z.B. einer elektrischen, einer
somnambulistischen, auf ihre Unmglichkeit schlieen? Nur aus positiven
Erscheinungen ist zu beweisen; negative sind ein logischer Widerspruch. Kennen
wir die Bedingungen einer Erscheinung? So viele Menschen und Jahre gehen
vorber, kein Genie ist darunter; - und doch gibts Genies; - knnt' es nicht
ebenso mit den Sonntags-Kindern sein, die Augen und Verhltnisse fr Geister
haben? - Was Ihre Alltglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch
fr jede positive Religion, die sich in die Alltglichkeit ihrer ersten Apostel
versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natrliche an wie
unsere Freiheit an die Naturnotwendigkeit.
    Glanz uerte: er wnsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung
fr sich habe.
    Klothar versetzte: Zuerst die damaligen Zeugen fr die erste. Um eine Frau
zu verurteilen, brauchte man statt der Tatsachen nur Zeugenschlsse; meistens
aus drei ganz fremden Tatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem
schnellen Unglck, z.B. Tod des Viehes, der Kinder etc., schlossen die Zeugen,
und ihre Schlsse waren ihre Zeugnisse.
    Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupen- oder Schnecken- oder
anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getuschten Weibe
nebst einem Antritts- oder Werbe-Taler gab, den sie zu Hause oft als eine
Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichtum, noch einen
Schutzbrief gegen den Scheiterhaufen. Ich schliee aus allem, da damals die
Mnner sich des Zauberglaubens bedienten, um unter der leichten Verkleidung
eines teufelischen Buhlen die Weiber schnde zu mibrauchen; ja da vielleicht
irgendeine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hlle eines Hexen-Tanzes
verbarg. Immer machten Mnner in den Hexenprozessen den Teufel gegen die Weiber,
selten umgekehrt - Nur unbegreiflich bleibts, da die Weiber bei dem damaligen
Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Hlle, sich nicht vor seiner Erscheinung
und vor der hllischen Umtaufe16und Apostasie entsetzet haben.
    Glanz lchelte, uerte aber, jetzt trfen sie beide ja vielleicht zusammen
-
    Klothar versetzte sehr ernst: Kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild
nicht auf, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte Geschichte des
Wunder-Glaubens oder vielmehr des Glaubens-Wunders - von den Orakeln,
Gespenstern an bis zu den Hexen und sympathetischen Kuren; - aber kein
engsichtiger und engschtiger Aufklrer knnte sie geben, sondern eine heilige
dichterische Seele, welche die hchsten Erscheinungen der Menschheit rein in
sich und in ihr anschauet, nicht auer ihr in materiellen Zuflligkeiten sucht
und findet - welche das erste Wunder aller Wunder versteht, nmlich Gott selber,
diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistererscheinungen auf dem
engen Boden eines endlichen Menschen....
    Hier konnte sich der Notar nicht lnger halten; eine solche schne
Seelenwanderung seiner Gedanken hatt' er in dem hohen Jngling nicht gesucht.
Auch im Weltall, hob er an, war Poesie frher als Prosa, und der Unendliche
mte vielen engen prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht
prosaisch genug denken.
    Was wir uns als hhere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie
denken; wo unser Denken aufhrt, fngt das Wesen an, sagte Klothar feurig, ohne
auf den Notarius sonderlich hinzusehen.
    Wir ziehen immer nur einen Theater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen
nur die gemalte Bhne der Natur, sagte Walt, der so gut wie Klothar etwas
getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern.
    Gb' es nichts Unerklrliches mehr, so mcht ich nicht mehr leben, weder
hier noch dort. Ahnung ist spter als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein
Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es mu ein Drittes geben,
so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft, sagte der
Graf.
    Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er
schafft wieder Gestalten17, sagte Walt, den die Flle der Wahrheit allein
fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft.
    Eine geistige Kraft bildet den Krper, dann bildet der Krper sie, dann
aber bewegt sie am mchtigsten auf der Erde die Krper, sagte Klothar.
    O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen
weltweisen Berg-Knappen in seinem Bergbau stren und ersufen, ihn, der Hhen
nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will - diese sind eben fr den rechten
Geist der groe Todesflu, der ihn in den Mittelpunkt zieht... sagte Walt; er
stand lngst aufrecht am Tisch und hrt' und sah nicht mehr.
    Echte Spekulaltion - -, fing der Graf an.
    Mr. Vogtlnder, unterbrach Neupeter, sich zum Buchhalter wendend und
Klotharn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen ebensogern zuhrte als
entsprang, die 23 Ellen Spekulation haben Sie doch heute gebuchet18? Nun aber
weiter, Herr Philosoph! - Der Graf hrte den Miton des Migriffs und schwieg
und stand gern auf, die vergessene, lngst wartende Gesellschaft noch lieber.
Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der
Kirchenrat Glanz hatt' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie
von den grflichen Stzen zu halten htten, und da dergleichen ihn nicht
weniger langweilte und anekelte als jeden.
    Walt war in den dritten Himmel gefahren und behielt zwei brig in der Hand,
um sie wegzuschenken. Er und der Graf trugen nun - nach seinem Gefhl - die
Ritterkette des Freundschafts-Ordens miteinander; nicht etwa, weil er mit ihm
gesprochen - der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der
Audienz -, sondern weil Klothar ihm als eine groe, freie, auf einem weiten
Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die
Wellen geworfen; weil ihm sein kecker Geistes-Gang gro vorkam, der weniger
einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen
Menschen gehrte, die mit unhnlichem Werte sympathisieren, wie das Klavier von
fremden Blas- und Bogen-Tnen anklingt.
    So lieben Jnglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet ist ihnen, wie den
Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde nur ihre Mutter; aber spter stirbt
ihnen der Vater, und die Mutter kann die Waisen schwer ernhren.
    Wie ganz anders - nmlich viel weniger schleichend, weniger stillgiftig,
vipernkalt und vipernglatt - stehen die Menschen von Tafeln, selber an Hfen,
auf, als sie sich davor niedergesetzt! Wie geflgelt, singend, das Herz
federleicht und federwarm! - Neupeter bot leicht seinen Park dem Grafen an - der
schlug ein - Walt drang nach. Unterwegs ri der Agent sein blumiges Ordens-Band
entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr aussehen
wolle.

                               Nr. 24. Glanzkohle


                              Der Park - der Brief

Der Graf ging zwischen seinen Brautfhrern, wovon der linke im Gehen das
Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe; doch hielts oft
schwer, in den engsten Gngen drei Mann hoch aufzumarschieren. Ein Markthelfer
hielt sich hinter ihnen, um aus dem Sande alle sechs Fustapfen auszubgeln. Der
Agent fhrte Klotharn vor die Glanz-Partien des Parks in der Absicht,
Ehrenflinten und -sbel da von Grafenhand zu empfangen - vor Kinderstatuen unter
Turm-Bumen - vor Herkules-Wrggruppen unter Blumen; aber den Grafen griff
nichts an. Neupeter zhlte das schne Geld aufs Rechenbrett hin, das ihm die
Bildsulen schon gefressen, besonders einige der feinsten, die er gegen
Regenwetter in ordentliche, wasserdichte ber- oder Reitersrcke eingewindelt,
und bracht' ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock. Klothar schwieg.
Neupeter ging weiter im Versuche und Garten, er setzte eigenhndig seinen Park
herunter gegen einen in England und erhob z.B. Hagleys seinen darber; aber,
sagt' er, die Englnder haben auch die Batzen dazu. Der Graf widerlegte
nichts. Blo Walt bemerkte: am Ende werde doch jeder Garten, sei er noch so
gro, kurz jede knstliche Eingrenzung klein und ein Kindergrtchen in der
unermelichen Natur; nur das Herz baue den Garten, der noch zehnmal kleiner sein
knne als dieser.
    Darauf fragte der Kaufmann den Grafen, warum er nicht aufgucke, z.B. an die
Bume, wo manches hnge. Dieser sah auf; weie Zolltafeln der Empfindung waren
von Raphaelen darangeschlagen zum berlesen. Bei Gott, meine Tochter hat sie
ohne fremde Hlfe ersonnen, sagte der Vater, und sie sind sehr neu und
hochtragend geschrieben, so glaub' ich. Der Graf stand vor den nchsten
Gefhls-Brettern und Herz-Blttern poetischer Blumen fest; auch der Notar las
den an die Welt wie an Arznei-Glschen gebundnen Gebrauchzettel herab, welcher
verordnete, wie man schne Natur einzunehmen habe, in welchen Lffeln und
Stunden. Walten gefiel die Gefhls-Anstalt, es waren doch Antritts- oder
Oster-Programmen der Frhlings-Natur, Frachtbriefe der Jahrszeiten, zweite,
heimlich abgedruckte Titelbltter der Natur-Bilderbibel.
    Dennoch strich Klothar stumm darunter hinweg. Aber Walt sagte, begeistert
von den Baum-, Not- und Hlfs-Tfelchen: Alles ist hier schn, die Partien, die
Bume und die Tafeln. Wahrhaftig, man sollte die Poesie verehren, auch bis ins
Streben darnach. Freilich wird nur die hchste, die griechische, gleich den
Schachten der Erdkugel immer wrmer, je tiefer man dringt, ob sie gleich auf der
Flche kalt erscheint; indes andere Gedichte nur oben wrmen. - Mein
Mietsmann, Hr. Notar Harnisch, sagte schnell der ber dessen Nhe und Kecke
verdrliche Neupeter, als der Graf ihn bedeutend ansah. Der Lac da um
Ermenonville herum - so lsset meine Frau den Teich nennen, weil sie sich auf
Grten versteht, da sie aus Leipzig ist - der Teich, sag' ich, ist blo um die
Insel herumgefhrt, die ich um meinen seligen Vater, einen Kaufmann wie wenige,
aufschtten lassen. Die Statue drinnen, das ist er selber nun. - Auf der
Teich-Insel sah unter Trauer- und Pappel-Bumen allein, gleichsam wie ein
Robinson, der alte sel. Christhelf Neupeter in Stein gebracht herber, brigens
in seinem Brsen-Habit ausgehauen, wiewohl die in Marmor bersetzte
Beutelpercke und die petrifizierten Wickelstrmpfe und Rocksche dem magern
Manne nicht das leichte Aussehen gaben, das er nackt htte haben knnen.
    Sagen Sie nur heraus, wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt? fragte
Neupeter der Sohn. Was bedeutet noch die hlzerne wunderbare Pyramide (fragte
der die Insel und den See umkreisende Graf), die mit der Basis halb ber dem
Wasser schwebt? Dem Hofagenten gefiel die Frage; er versetzte schelmisch: In
die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine Tre. -
Cestius-Pyramide? sagte Walt halblaut. - Der Graf verstand den merkantilischen
Schelm nicht. Nun, es dient nun so, erluterte er weiter, froh ber die
Einkleidung jener Verkleidung, bei der oder jener Gelegenheit - wenn mans eben
braucht - ein Mensch trinkt mittags viel, besieht sich den Garten, und nun
natrlich....
    God d -, sagte der verstndigte Graf im Feuer, ich mu in die Pyramide
und gab, des Agenten satt, das Zeichen des Zurckbleibens. Ein Regenbogen -
darein war die Holz-Brcke durch Farben verkleidet - fhrte an die Pyramide. Der
unschuldige Notar dachte zu zart, um alles zu verstehen. Der stolze Kaufmann,
der hier das Stehenlassen uerst unhflich fand, murmelte halb fr sich, halb
fr Walten: Ein hflicher, eigner Herr! Er blieb nun nicht so lange, da der
Notar, der ein Riesen-Kniestck vom Klothar anlegen wollte, solches htte
aufspannen knnen; sondern lie wieder diesen stehen, mit dem Pinsel voll
Flammen in der Hand.
    Ein zarter Genius war es, der den einsamen Gottwalt vom Betreten des Regen-
und Brcken-Bogens zurcklenkte durch die Erffnung der - Wahrheit. Anderthalb
Garten-Gnge prallte davor der Jngling zurck, den schon der vornehme
Tafel-Zynismus mit den nackt gezognen Zahnstochern gergert; - ohne doch auf den
Agenten zu zrnen, da er auf die vterliche Pappel-Insel eine solche Spitzsule
pflanzen knnen; er hatte oft zu viel Liebe, um Geschmack zu haben, wie andere
umgekehrt.
    Als der Graf von Ermenonville zurckgekommen: schlug Walt mehrere schmale
Radien-Gnge ein, um ihm zufllig aufzustoen und so, verschmolzen mit ihm, zu
gehen. Aber der Graf, der alleinbleiben wollte, merkte das stete Nachstreichen
und bog ihm verdrlich aus. Auch dem Notar selber wurde am Ende das
freundschaftliche Ballett versalzen, weil der Markthelfer mit seinem
Verwaschpinsel als Schrittzhler hinter ihm blieb und ihm jeden Schritt dadurch
vorrechnete, da er ihn ausstrich.
    Welch ein ganz anderes Glck wre es, trumt' er, fiel' ich ins
Lac-Wasser, und mein Jngling schleppte mich heraus, und ich lg ihm mit
tropfenden Augen zu Fen. Das denk' ich mir gar nicht - weil es zu gro wre,
das Glck -, wenn etwan gar er selber hineinstrzte und ich der Selige wrde,
der sein stolzes Leben rettete und ihn an der Brust ins Dasein trge.
    Indes fand er jetzt etwas Besseres auf seinem Wege, einen verlornen Brief an
Klothar. Indem er sich umsah, ihn zu bergeben, war der Graf unter die ins Haus
gehende Gesellschaft zurckgetreten. Er lief nach. Jener war schon davongeritten
auf ein Dorf. Es war ihm nicht sonderlich bitter, da er durch den Brief ein
Recht in die Hnde bekam, den Grafen morgen auf seinem eignen Zimmer
aufzusuchen.
    Er erstieg eilig das seinige - nicht ohne Freude, da er als der einzige
Gast im Hause verbleibe, indes alle andere daraus fortmuten -; und besah und
las ruhig droben den schon erbrochnen Briefauen. Denn innen ihn zu lesen, auch
irgendeinen andern fremden, lag auer seiner Macht. Sein Lehrer Schomaker - der,
wie Vult sagte, fr Schimmelwldchen Waldordnungen entwrfe - behauptete, nicht
einmal gedruckte drfe man lesen, wenn sie wider des Verfassers Wunsch
erschienen, da die Leichtigkeit und die Teilhaber einer Snde an dieser nichts
nderten. Eine Taube mit einem lzweig im Schnabel und in den Fen flog auf dem
Siegel. Der Umschlag roch anmutig. Er zog den Brief daraus hervor, faltete ihn
auf von weitem und las frei den Namen - Wina und legt' ihn eiligst weg... Ich
will ihm alle meine Aurikeln geben, hatte sie einst in der tiefen Kindheit
gesagt, aus deren dunkeln berblhten Tempe unaufhrlich jene Tne wie bedeckte
Nachtigallen heraufsangen. Jetzt aber berhrte die zitternde Saite - deren
Klnge bisher s-drckend sein Herz umrungen hatten - seine Finger; er hatte
ordentlich die Vergangenheit, die Kindheit in der Hand - Und heute trat vollends
die Unsichtbare im Konzertsaale endlich aus der blinden Wolke -
    Seine Bewegung bedarf keines Gemldes, da jede auf jedem erstarrt.
    Er hielt jetzt den offnen Brief nahe unter die Augen, obwohl umgekehrt. -
Das Papier war so blau-wei-zart wie eine feinste Haut voll Geder - die
umgestrzte Handschrift so zierlich und gleich - Blumengewinde waren den vier
Papierrndern eingepresset - er besah jeden - und ging auf Aurikeln aus - als er
aber auf dem untern suchte, fuhr ihm die letzte Zeile ins Auge, mit sieben
letzten Worten. Da steckt' er das Blatt erschrocken in die Hlle zurck.
    Es lautete aber das Schreiben an Klothar so:

Wozu meine lngern Kmpfe, die vielleicht schon selber Snden sind? Ich kann
nun nach Ihrem gestrigen entscheidenden Worte nicht die Ihrige werden; denn ich
knnte Ihnen wohl so leicht und so gern Glck und Leben und Ruhe opfern, aber
meine Religion nicht. Ich schaudere vor dem Bilde eines erklrten Abfalls. Ihre
religise Philosophie kann mich qulen, aber nicht ndern. Die Kirche ist meine
Mutter; und nie knnen mich alle Beweise, da es bessere Mtter gebe, von dem
Busen der meinigen reien. Wenn meine Religion, wie Sie sagen, nur aus
Zeremonien besteht: so lassen Sie mir die wenigen, die meine mehr hat als Ihre.
Denn am Ende ist doch alles, was nicht Gedanke ist, Zeremonie. Geb' ich eine
auf, so wei ich nicht, warum ich noch irgendeine bewahre. Halten Sie ja, wie
ich, vor meinem Vater Ihre scharfe Foderung des Abfalls geheim, ich wei, wie es
ihn krnken mte. - Ach lieber Jonathan, was knnt' ich noch sagen; jene
Stille, die Sie oft rgen, ist nicht Laune noch Klte, sondern die Trauer ber
meine Ungleichheit gegen Ihren groen Wert. O Freund, ist dieser Anfang unsers
Bundes wohl der rechte? Mein Herz ist nur fest, aber wund.
                                                                           Wina

Er beschlo im ersten Feuer, das Schreiben ihr selber im Konzerte zuzustellen.
Jetzt brigens, da er ein wenig seine heutige schwelgerische Lage berschlug -
Diner mittags - Konzert abends - Sonntag den ganzen Tag -: so konnt' er sich
weiter nicht bergen, wie sehr er sich, gleich einem Groen, schwindelnd auf dem
Glcksrad umschwinge, oder eine wahre Nacht der Ergtzlichkeiten durchtrume, in
der ein Sternbild voll freudiger Strahlen aufgeht, wenn ein anderes niedergeht,
indes arme Teufel nichts haben als einen blau-dunkeln Tag mit beigefgter Sonne.
    So macht' er sich denn - Kopf und Brust voll fltender Vulte, heiliger
Aurikelnbrute, feinster ihnen zu bergebender Briefe auf den Weg zum ersten
Konzert in seinem Leben. Denn fr die Leipziger Konzerte im Gewandhause hatt' er
nie den dazugehrigen Eintritts- und Torgroschen erschwingen knnen, bekanntlich
16 Groschen schwer Geld.

                              Nr. 25. Smaragdflu


                                Musik der Musik

Die Einlakarte fest drckend, langte er in der langen Prozession mit an, die
seine Flgelmnnin und Wegweiserin war. Das Einrauschen des glnzenden Stroms,
der hohe Saal, das Stimmen der Instrumente, das Schicksal seines Bruders machten
ihn zu einem Betrunkenen, der Herzklopfen hat. Dem Lauf des goldfhrenden Stroms
sah er mit Freude ber die Goldwsche seines Bruders zu, er htte die Wellen
zhlen mgen. Vergeblich sah er nach ihm sich um. Auch Wina sucht' er, aber wie
sollt' er einen Juwel in einer Ebene voll Tau-Glanz ausfinden? Nach seiner
Schtzung und Vermessung mochten unter den ihm zugekehrten Mdchen an 47 wahre
Anadyomenen, Uranien, Cytheren und Charitinnen sitzen in Pracht; unter den
abgewandten Rcken konnten sie sich noch hher belaufen.
    Er legte sich die Frage vor: wenn diese ganze Kette von 47 Paradiesvgeln
aufstiege und er sich einen darunter herabschieen sollte mit dem Amors-Pfeil,
welchen er wohl nhme? - Er brachte keine andere Antwort aus sich heraus als
die: jede, die mir die Hand recht drckte und etwas bei der Natur und fr mich
empfnde. Da nun unter diesem schnen Hondecoeters19- fliegenden Korps unzhlige
Raubvgel, Harpyen und dergleichen gewi steckten: so ermesse doch aus diesem
Selbstgesprch ein ganz junger Mensch, der seine erste Liebe zur ersten Ehe
machen will, in was er rennen knne.
    Eben stellte sich der Buchhndler Pavogel grend neben den Notar, als
Haydn die Streitrosse seiner unbndigen Tne losfahren lie in die enharmonische
Schlacht seiner Krfte. Ein Sturm wehte in den andern, dann fuhren warme, nasse
Sonnenblicke dazwischen, dann schleppte er wieder hinter sich einen schweren
Wolkenhimmel nach und ri ihn pltzlich hinweg wie einen Schleier, und ein
einziger Ton weinte in einem Frhling, wie eine schne Gestalt.
    Walt - den schon ein elender Gesang der Kinderwrterinnen wiegte und der
zwar wenige Kenntnisse und Augen, aber Kopf und Ohren und Herzohren fr die
Tonkunst hatte - wurde durch das ihm neue Wechselspiel von Fortissimo und
Pianissimo, gleichsam wie von Menschenlust und - weh, von Gebeten und Flchen in
unserer Brust, in einen Strom gestrzt und davongezogen, gehoben, untergetaucht,
berhllt, bertubt, umschlungen und doch - frei mit allen Gliedern. Als ein
Epos strmte das Leben unten vor ihm hin, alle Inseln und Klippen und Abgrnde
desselben waren eine Flche - es vergingen an den Tnen die Alter - das
Wiegenlied und der Jubelhochzeit-Gesang klangen ineinander, eine Glocke lutete
das Leben und das Sterben ein - er regte die Arme, nicht die Fe, zum Fliegen,
nicht zum Tanzen - er vergo Trnen, aber nur feurige, wie wenn er mchtige
Taten hrte - und gegen seine Natur war er jetzt ganz wild. Ihn rgerte, da man
pst rief, wenn jemand kam, und da viele Musiker, gleich ihrem Notenpapier, dick
waren, und da sie in Pausen Schnupftcher vorholten, und da Pavogel den Takt
mit den Zhnen schlug, und da dieser zu ihm sagte: ein wahrer ganzer
Ohrenschmaus - fr ihn ein so widriges Bild wie im Frstentum Krain der Name
der Nachtigall: Schlauz.
    Und doch mu nun erst das Adagio und mein Bruder kommen, sagte sich Walt.
    Den einer dort herfhrt, sagte Pavogel zu ihm, das ist der blinde
Flautotraversist, und der Fhrer ist unser blinder Hofpauker, der aber das
Terrain besser kennt. Das Paar gruppiert sich indes ganz artig. - Da der
schwarzhaarige Vult jetzt langsam kam, das eine Auge unter einem schwarzen Band,
mit dem andern starrblickend, den Kopf wie ein Blinder ein wenig hoch und die
Flte am Munde haltend - mehr um sein Lachen zu bedecken -; da er sich vom
Pauker verbeugungs-recht stellen lie - und da alle Schwtzereien stumm wurden
und weich: so konnte Walt sich der Trnen gar nicht mehr enthalten, sowohl wegen
der vorhergehenden als schon ber das bloe Gemlde eines blinden Bruders und
ber den Gedanken, das Verhngnis knne den Spatreiber beim Worte fassen; und
zuletzt braucht' er wenig, um mit dem ganzen Saale zu glauben, Vult sei
erblindet.
    Dieser gab wie eine Monatsschrift stets das beste Stck zuerst und fhrte
an, er gehe mit Einsicht von den allmhlich steigenden Virtuosen ab, weil die
Menschen einander nach der Erstgeburt, und nicht nach der Nachgeburt schtzten
und den schlimmen, mithin auch den guten Erstlings-Eindruck festhielten - und
weil man den Weibern, die von nichts so leicht taub wrden als von langer Musik,
das Beste geben mte, wenn sie noch hrten.
    Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf - die Mondnacht der
Flte zeigte eine blasse schimmernde Welt, die begleitende Musik zog den
Mondregenbogen darein. Walt lie auf seinen Augen die Tropfen stehen, die ihm
etwas von der Nacht des Blinden mitteilten. Er hrte das Tnen - dieses ewige
Sterben - gar nicht mehr aus der Nhe, sondern aus der Ferne kommen, und der
herrnhutische Gottesacker mit seinen Abend-Klngen lag vor ihm in ferner
Abendrte. Als er das Auge trocken und hell machte: fiel es auf die glhenden
Streifen, welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfenster zog; - und es
war ihm, als seh' er die Sonne auf fernen Gebrgen stehen - und das alte Heimweh
in der Menschenbrust vernahm von vaterlndischen Alpen ein altes Tnen und
Rufen, und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Gebrgen zu
und flog immer und erreichte die Gebrge nie - - O ihr unbefleckten Tne, wie so
heilig ist euere Freude und euer Schmerz! Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht
ber irgendeine Begebenheit, sondern ber das Leben und Sein, und eurer Trnen
ist nur die Ewigkeit wrdig, deren Tantalus der Mensch ist. Wie knntet ihr
denn, ihr Reinen, im Menschenbusen, den so lange die erdige Welt besetzte, euch
eine heilige Sttte bereiten oder sie reinigen vom irdischen Leben, wret ihr
nicht frher in uns als der treulose Schall des Lebens und wrde uns euer Himmel
nicht angeboren vor der Erde!
    Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio, das rohe Klatschen
wurde der Leitton zum Presto. Aber fr den Notar wurde dieses nur zu einer
wildern Fortsetzung des Adagios, das sich selber lset, nicht zu einer
englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel. Noch sah er Wina nicht; sie
konnte es vielleicht im langen himmelblauen Kleide sein, das neben dem ihm
zugewandten Rcken sa, der, nach den Kopffedern und nach der nahen Stimme zu
schlieen - die in einem fort, unter der Musik, die Musik laut pries -,
Raphaelen zukam; aber wer wut' es? Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schner
Welten unter dem Prestissimo an dem weiblichen Sternenkegel hinauf und hinab und
drckte mit seinen Augen die meisten ans Herz, vorzglich die schwarzen Habite,
dann die weien, dann die sonstigen. Unglaublich steigerte die Musik seine
Zuneigung zu Unverheirateten, er hrte die Huldigungsmnzen klingen, die er
unter die Lieben warf. Knnt' ich doch dich, gute Blasse, dacht' er ohne
Scheu, mit Freudentrnen und Himmel schmcken. - Mit dir aber, du Rosenglut,
mcht' ich tanzen nach diesem Presto - Und du, blaues Auge, solltest, wenn ich
knnte, auf der Stelle vor Wonne berlieen, und du mtest aus den weien Rosen
der Schwermut Honig schpfen - Dich, Milde, mcht' ich vor den Hesperus stellen
und vor den Mond, und dann wollt' ich dich rhren durch mich oder sonst wen -
Und ihr kleinen hellugigen Spieldinger von 14, 15 Jahren, ein paar Tanzsle
voll Kleiderschrnke mcht' ich euch schenken - O ihr sanften, sanften Mdchen,
wr' ich ein wenig das Geschick, wie wollt' ich euch lieben und laben! Und wie
kann die grobe Zeit solche se Wangen und uglein einst peinigen, na und alt
machen und halb auslschen? - -
    Diesen Text legte Walt dem Prestissimo unter.
    Da er schon seit Jahren herzlich gewnscht, in einem schnen weiblichen Auge
von Stand und Kleidung einer Trne ansichtig zu werden - - weil er sich ein
schneres Wasser in diesen harten Demanten, einen goldnern Regen oder schnere
Vergrerungslinsen des Herzens nie zu denken vermocht -: so sah er nach diesen
fallenden Licht- und Himmelskgelchen, diesen Augen der Augen, unter den
Mdchen-Bnken umher; er fand aber - weil Mdchen schwer im Putze weinen -
nichts als die ausgehangenen Weinzeichen, die Tcher. Indes fr den Notar war
ein Schnupftuch schon eine Zhre und er ganz zufrieden.
    Endlich fingen die in allen Konzerten eingefhrten Hr-Ferien an, die
Sprech-Minuten, in denen man erst wei, da man in einem Konzert ist, weil man
doch seinen Schritt tun und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der
Zunge schmelzen kann. Wer Henker, sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt
seines Hoppelpoppels oder das Herz, berschrieben

                              Vox Humana - Konzert

Wer Henker wollte Ton- wie Dicht-Kunst lang' aushalten ohne das Haltbare, das
nachhlt? Beider Schnheiten sind die herrlichsten Blumen, aber doch auf einem
Schinken, den man anbeien will. Kunst und Manna - sonst Speisen - sind jetzt
Abfhrungsmittel, wenn man sich durch Lust und Last verdorben. Ein Konzertsaal
ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer; fr den leisen Ton der Feindin und
Freundin, nicht fr den lauten der Instrumente hat das Weib das Ohr; wie
hnlicherweise nicht fr Wohlgeruch, sondern nur fr Geruch feindlicher und
bekannter Menschen nach Bechstein die Nase der Hund hat. Bei Gott, man will doch
etwas sagen im Saal, wenn nicht etwas tanzen. (Denn in kleinen Stdtchen ist ein
Konzert ein Ball, und keine Musik ohne Sphrentanz himmlischer Krper.) Dahero
sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sein und wie das Klingeln der
Mhle nur eintreten, wenn zwei Steine oder Kpfe nichts mehr kleinzumachen
haben. Aber gerade umgekehrt dehnen - mu ich klagen, so gern ich auch
allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte, wie Glocken und
Kirchenmusik vorher, eh Kanzeln bestiegen werden - sich die Spielzeiten weit
ber die Sprechzeiten hinaus, und mancher sitzt da und wird taub und darauf
stumm, indes es doch durch nichts leichter wre als durch Musizieren, Menschen,
so wie Kanarienvgel, zum Sprechen zu reizen, wie sie daher nie lnger und
lauter reden als unter Tafelmusiken. - Nimmt man vollends die Sache auf der
wichtigern Seite, wo es darauf ankommt, da Menschen im Konzert etwas genieen,
es sei Bier oder Tee oder Kuchen: so mu man, wenn man erfhrt, da das
Musizieren lnger dauert als das Trinken, gleichsam das Blasen zur Hoftafel
lnger als die Tafel selber, oder das Mhlen-Geklingel lnger als das
Zhne-Mahlen - - - und so weiter; denn der Hoppelpoppel gehrt in sein eignes
Buch und nicht in dieses.

Jetzt, da sich die ganze neue Welt und Hemisphre der Schnheiten vordrehte und
aufstellte, mute Wina zu finden sein. Raphaela stand schon herwrts gekehrt,
aber die himmelblaue Nachbarin sa noch vor ihr. Der Notar erkundigte sich
zuletzt geradezu bei Pavogeln nach ihr. Die, versetzte der Hofbuchhndler,
neben der ltern Dlle. Neupeter - in Himmelblau mit Silber- mit den
Perlenschnren im Haar-sie war bei Hof- Jetzt steht sie auf - sie wendet sich
wahrlich um. - Aber gibts denn schwrzere Augen und ein ovaleres Gesicht - ob
ich gleich sehr wohl wei, da sie nicht regelmig schn ist, z.B. scharfe Nase
und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes, aber sonst,
Himmel! -
    Als Walt die Jungfrau erblickte, sagte die Gewalt ber der Erde: Sie sei
seine erste und letzte Liebe, leid' er, wie er will! Der Arme fhlte den Stich
der fliegenden Schlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, und das
vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, da sie schn sei oder von Stand
oder die Aurikeln-Braut der Kindheit oder die des Grafen; es war ihm nur, als
sei die geliebte ewige Gttin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihm
eingeschlossen und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeit und Schnheit
gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden herausgetreten und
stehe jetzt, wie der Himmel auer ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede
Nhe) und blhe glnzend, berirdisch vor dem einsamen wunden Geiste, den sie
verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann.
    Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, die aus eitler
Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drngen wollte, den Weg zu Walten
daher. Als sie ganz dicht vor ihm vorbeiging und er das gesenkte schwarze
Zauber-Auge nahe sah, das nur Jdinnen so schn haben, aber nicht so still, ein
sanft strmender Mond, kein zckender Stern, und worber noch verschmte Liebe
das Augenlid als eine Amors-Binde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkrlich
zurck, und ein krperlicher Schmerz drckte in seinem Herzen, als werd' es
berfllt.
    Da auf der Erde alles so erbrmlich langsam geht, sie selber ausgenommen,
und da sogar der Himmel seine Rheinflle in hundert kleine Regenschauer
zersetzt: so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert
Altren auffliegenden Phnix-Asche der Liebe und Schnheit ganz pltzlich der
ausgespannte goldne Vogel farbeglhend am Gesicht vorberstreicht. Den
Zeitungsschreiber, den pltzlich Bonaparte, den kritischen Magister, den
pltzlich Kant ansprche, wrde der Schlag des Glcks nicht strker rhren.
    Die Menge verhllte Wina bald, so wie den Weg auf der fernen Seite, den sie
an ihre alte Stelle zurck genommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen
Kleide; und er schalt sich, da er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten
als die Augen voll Traum und voll Gte. Aber beides allein war ihm ein geistiges
All. Das mnnliche Geschlecht will den Stern der Liebe, gerade wie die Venus am
Himmel, anfangs als trumerischen Hesperus oder Abendstern finden, der die Welt
der Trume und Dmmerungen voll Blten und Nachtigallen ansagt, - spter
hingegen als den Morgenstern, der die Helle und Kraft des Tags verkndiget; und
es ist zu vereinigen, da beide Sterne einer sind, nur durch die Zeit der
Erscheinung verschieden.
    Obgleich Walt die andern Mdchen jetzt in sein Auge einlassen mute, so warf
er doch ein mildes auf sie; alle wurden Winas Schwestern oder Stiefschwestern,
und diese untergegangene Sonne bekleidete jede Luna - jede Ceres - Pallas -
Venus mit lieblichem Licht, desgleichen andere Menschen, nmlich die mnnlichen,
den Mars, den Jupiter, den Merkur - und sehr den Saturn mit zwei Ringen, den
Grafen.
    Dieser war Walten pltzlich nher gezogen - als sei der Freundschafts-Bund
schon mndlich beschworen -; aber Wina ihm ferner entrckt - als stehe die Braut
zur Freundin zu hoch. Ihren Brief ihr zu bergeben, dazu waren ihm jetzt Kraft
und Recht entgangen, weil er besser berdacht, da eine bloe Unterschrift des
weiblichen Taufnamens nicht berechtigte, eine Jungfrau fr die Korrespondentin
eines Jnglings durch Zurckgabe bestimmt zu erklren.
    Die Musik fing wieder an. Wenn Tne schon ein ruhendes Herz erschttern, wie
weit mehr ein tief bewegtes! Als der volle Baum die Harmonie mit allen Zweigen
ber ihm rauschte; so stieg daraus ein neuer seltsamer Geist zu ihm herab, der
weiter nichts zu ihm sagte als: weine! - Und er gehorchte, ohne zu wissen wem -
es war, als wenn sein Himmel sich von einem drckenden Gewlke pltzlich
abregnete, da dann das Leben luftig-leicht, himmelblau und sonnenglnzend und
hei dastnde wie ein Tag - die Tne bekamen Stimmen und Gesichte - diese
Gtterkinder muten Wina die sesten Namen geben - sie muten die geschmckte
Braut im Kriegsschiff des Lebens ans Ufer einer Schferwelt fhren und wehen -
hier mute sie ihr Geliebter, Walts Freund, empfangen unter fremden
Hirtenliedern und ihr rund umher bis an den Horizont die griechischen Haine, die
Sennenhtten, die Villen zeigen und die Steige dahin voll wacher und schlafender
Blumen - Er ntigte jetzt Cherube von Tnen, die auf Flammen flogen, Morgenrte
und Bltenstaub-Wolken zu bringen und damit Winas ersten Ku dmmernd
einzuschleiern und dann weit davonzufliegen, um den stummen Himmel des ersten
Kusses nur leise auszusprechen.
    Auf einmal, als unter diesen harmonischen Trumen der Bruder lang auf zwei
hohen Tnen schwebte und zitterte, die den Seufzer suchen und saugen: so
wnschte Gottwalt mitzitternd, am Traum des fremden Glcks zu sterben. Da
empfing der Bruder ein mitniges rauhes Lob; aber Walten war bei seiner
heftigen Bewegung die uere gar nicht zuwider.
    Es war alles vorbei. Er strebte - und nicht ohne Glck - am nchsten hinter
Wina zu gehen; nicht um etwa ihr Gewand zu bestreifen, sondern um sich in
gewisser Ferne von ihr zu halten, mithin jeden andern auch und so als eine
nachrckende Mauer von ihr das Gedrnge abzuwehren. Doch drckte er unter dem
Nachgange sehr innig ihre Hand im - Brief an Klothar.
    Zu Hause setzt' er im Feuer, das fortbrannte, diesen Streckvers auf:

                                 Die Unwissende

Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne trgt und ihre harten Wurzeln in
ihre Brust verschliet - wie die Sonne den Mond bestrahlt, aber niemals seinen
zarten Schein auf der Erde erblickt - wie die Sterne die Frhlingsnacht mit Tau
begieen, aber frh hinunterziehen, eh' er morgensonnig entbrennt: so du, du
Unwissende, so trgst und gibst du die Blumen und den Schimmer und den Tau, aber
du siehst es nicht. Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst.
O fliege zu ihr, du Glcklichster, den sie liebt, und sag es ihr, da du der
Glcklichste bist, aber nur durch sie; und glaubt sie nicht, so zeig ihr andere
Menschen, der Unwissenden.

                                       *

Beim letzten Worte strmte Vult ohne Binde ungewhnlich lustig herein.

                  Nr. 26. Ein feiner Pektunkulus und Turbinite


                            Das zertierende Konzert

Ich sehe! - rief der Fltenspieler mit einer Lustigkeit, worein sich Walt
nicht schnell genug hinberschaffen konnte. Er bat ihn, nur erst seine Augen-Kur
anzuhren; und dann zu sprechen, wovon er wolle. Walt war es am meisten
zufrieden. Es wird dir nicht bekannt sein, fing Vult an, da heute des
Kapellmeisters Wiegenfest war; ob dir gleich aus dem guten Spiel aller
Konzertisten bekannt werden konnte, da sie sich noch frher als den Zuhrer
berauschet. Die Konzertisten sind von Hunden, die vom Herrn nur kleine Stcke,
aber aus Furcht nie groe annehmen, das Widerspiel - Der Wein des Kapellmeisters
war ihr Antihypochondriakus geworden, und sie hatten so viele
Brunnenbelustigungen an diesem Wahrheitsbrunnen getrieben, da der Violoncellist
seine Bageige fr einen Himmel ansah; und die andern umgekehrt. Nun glomm ein
schwacher Funke zum nachherigen Kriegsfeuer schon unter dem Essen durch das
einzige Wort an, da ein Deutscher von einem deutschen groen Dreiklang sprach,
worin Haydn, sagt' er, den schylus, Gluck den Sophokles, Mozart den Euripides
vorstelle. Ein anderer sagte, von Gluck geb' ers zu, aber Mozart sei der
Shakespeare. Jetzt mengten sich die Italier darein, zu Ehren des Kapellmeisters,
und sagten, in Neapel geige man dem Mozart was. In der kurzen Zeit, wo ich mir
die Kasse in die Hand legen lasse - 60 Taler hab' ich brig, und hier hast du
deine - brach der Krieg wider die Unglubigen in vllige Flammen aus, und als
ich hinsah, fochten beide Nationen schon auf Hieb und Sto.
    Der Bageiger, ein Welscher, mochte zuerst mit seinem Fiedelbogen den
Ellenbogen des Flte--bec-Pfeifers im Feuer angestrichen, oder vielleicht auch
auf solchen, wie auf eine Ba-Saite, pizzicato geschlagen haben - um wohl
Harmonie der Meinungen vorzulocken -: kurz, als ichs sah, hatt' der Pfeifer den
Bogen von ihm entlehnt und an ihm solchen - das eigne Instrument sollte ganz
bleiben - bald wie einen Stechheber, bald wie eine Streichnadel versucht. Behend
kehrte aber der Geiger den Ba um und rannte damit - er hielt ihn am Geigenhals
- wie mit einem Mauerbock auf den Pfeifer los, wahrscheinlich um ihn umzurennen;
der Flte--beczist lag denn auch nieder, nahm sich aber auf dem Boden erst der
Nation hitzig an und fuhr dem Feinde mit der Flte  bec ins Gesicht und Maul,
um ihn vielleicht so mit dem Schnabel der Flte mehr an sich zu ziehen am
eignen.
    Der erste Violinist und der zweite fochten eine kurze Zeit mit Pariser
Bogen, nahmen aber bald die Geigen bei den Wirbeln als Streitkolben, als Fustel
in die rechte Hand, um entweder Deutsch- oder Welschland hinaufzubringen; das
Resonieren der Geigenbuche sollte ein Rsonieren der Kpfe vorstellen, aber es
war wohl mehr Wort- und Ton-Spiel.
    Du weit, Hr. Hsgen zu Frankfurt am Main hebt einen kostbaren Bschel Haare
von Albrecht Drer auf20; ein Amateur hielt ein paar hnliche herrliche
Reliquien mit beiden Hnden in die Hhe, in der einen die Percke, die er einem
Snger ausgerauft, in der andern das natrliche Haar, was er darunter
angetroffen.
    Um den liegenden Schnabelpfeifer hufte sich das Handgemenge dichter; der
Violincellist suchte den Ba von weitem tief in ihn zu drcken, nherte sich
aber dadurch dem heftigen Fltabec, womit sich der Deutsche wie mit einem
Kopulierreis, mit einer Fall-und Eselsbrcke an den Welschen anzuschlieen
strebte.
    Den stehenden Sieger griff von hinten mit einem faulen Trommelba ein
deutscher Zugtrompeter an - zur Schande der Deutschen -; den aber wieder ein
welscher Bassetthornist von hinten angriff- zur Schande der Welschen -; worauf
sich der Deutsche gegen den Welschen umkehrte, so da nun beide in kurzem so
glcklich waren, einander den Bruch, den sie sich sonst bliesen, jetzt - um
einen Bruch der Nationen zu heilen - mit den Instrumenten zu stoen, wenn ich
recht sah.
    Ein feiger Stadtpfeifer griff in die Tasche und zog Mittelstcke heraus die
er als Feldstcke von ferne auf die besten Kpfe warf, worauf ihm der
Hofballettmeister mit dem Serpent, den er sonst blset, zu Ohren kam.
    O Zwillingsbruder! wie wnscht' ich smtlichen Spitzbuben zu ihrem Mord- und
Totschlag Glck! - Nur ein Virtuose, der den Gyges-Ring scheinbarer Blindheit
anhat, kann sehen, wie ihn Orchester auslachen und auskeltern vom Kapelldiener
an bis zum Kapellmeister, und wie sie, wenn er sie mhsam zum Spielen gewonnen
und gepresset, wieder ihrerseits von ihm gewinnen und pressen. Meine einzige
Angst unter dem Waffentanz war, man mge mein Lachen und Sehen sehen; ich
kratzte mir daher in einem fort als Deckmantel das Kinn.
    Ich glaube wahrlich gar, fing der blinde Hofpauker neben mir an. Freilich,
freilich, mein Pauker! versetzt' ich. Und zwar sehr wird meines Wissens und
Hrens zugeprgelt - es soll eine schne dissertatiuncula pro loco zweier
friedlichen guten Nationen vorstellen, wenn nicht eine Sonate  quarante mains -
Aber Himmel, warum schenkte das Glck zu solchem reichen Ein- und Vielklang, zu
solcher musikalischen Exekution und Stangenharmonie nicht noch mehr Gewehr - -
Stangenharmonikas - Posthrner - Schulterviolen - d'Amour-Violen - gerade Zinken
krumme Zinken - Flageolettes - Tubas - Zithern - Lauten - Orphikas von Rllig -
Clestinen vom Konrektor Zink - und Klavizylinder von Chladni - samt deren
beigefgten gehrigen Spielern! - Wie knnten diese nicht damit sich schlagen
und jeden! Wie knnte nicht gehmmert, gestaucht, gesgt, gepaukt werden, mein
bester stiller Pauker! -
    Jetzt hatte die Prgel-Partie ihre Blte erreicht. Mehrere Stadtmusikanten
und der Bratschist faten, weil sie friedlich dachten, Notenpulte an und hielten
sie umgekehrt vor, um sich blo zu decken, eh' sie damit rannten - ein Trompeter
sprang mit dem Instrument auf eine Fensterbrstung und stie und blies auer
sich darein und in die Kriegsflamme und schmetterte, herunterspringend, fort,
als ein Kerl ihn an der Quaste niederzog - Paukenschlgel flogen auf Kopf- und
andere Hute - ein Welscher band, weil der Bogen entzwei war, einem deutschen
Spielmann die Rohaare von hinten wie eine Vogelschneu um den Kehlkopf- der
Fagottist und der Hoboist hatten einander an den linken Hnden, so da sie
tanzend in dieser bequemen, wie verabredeten Richtung jeder des andern Rckgrat
und Mark darin vor sich sahen und sich gegenseitig, wie Lauten, mit ihren
Instrumenten, wie mit Fchern, schlagen konnten, die sonst bliesen - - In die
hrtesten Kpfe wurde mehr Feuer hineingeschlagen als heraus - Wer einen Kamm
und einen Delta-Muskel besa, lie beide schwellen, ohne nhere Rcksicht auf
Religion - Es kam eine betrchtliche Vereinigung des Organischen und
Mechanischen zustande, Rckenwirbel und Geigenwirbel verknpften sich, so
Geigen- und sonstige Hlse, die Kunstwrter Vor- und Nachschlag,
Dreimalgestrichen, Hmmerwerk, Kalkant bekamen lebendige organische Beziehung,
die ohne dieses sonst als flaches Wortspiel gnzlich zu verwerfen wre - jede
Hand wollte der Geigen-Frosch sein, der fremde Haare zu Tnen anziehet und
spannt - -
    Ich wnschte nicht, da du lachtest; denn ganz furis fuhr der ernstere
Kapellmeister aus Neapel umher und herum - rief Santo Gennaro - schrie fragend,
ob das sein Wiegenfest sei oder ordentliche Ordnung - bewaffnete sich, weil man
ihm nichts darauf versetzte, obwohl jedem etwas, mit einer Armgeige links, mit
einem Waldhorn rechts - setzte und stauchte das Horn mit der weiten ffnung
siegenden Kpfen wie einen Stechhelm mit Feder-Bogen auf, doch so, da er halb
stie - schlug aber fort mit der Armgeige nach Knie- und allen Scheiben, die er
traf.
    Das mute zuletzt den Klavizembalisten, den Stadttertius, ein Mnnlein, das
sich selber nicht einmal an die Knie geht, geschweige lngern Personen, dermaen
auer Fassung setzen, Bruder, da der Mann auf Sitten drang, aber auf mildere,
da er halb des Teufels hinter seinem Flgel mit einem Streit- und Stimmhammer
auf- und niederlief und jeden verfluchte und Welsch- und Deutschland abkanzelte
ganz frei. Was, Ihr dummer Teufel, Ihr Dampfhans, Ihr Schwengelgalgen! rief der
Kapellmeister, habt Ihr Euch dazu besoffen bei mir? und wollte dem Tertius das
Waldhorn aufsetzen, weil er geringen Unterschied darin fand, ob er ihn damit
anblies wie einen jagdgerechten Hirsch oder damit halb erstie; aber mit
Stimmund Gesetzes-Hammer in den Hnden behauptete der Tertius den rechten Flgel
des Flgels, und der welsche Napler mute diesen erobern als einen Brckenkopf.
- -
    Was bedeutet denn auf einmal das Lachen im Saal? sagte der Pauker zu mir.
Herr, versetzt ich im Taumel, der Kapellmeister hat den kleinen Tertius unter
dem Flgel beim Flgel erwischt und vorgezogen und hngt ihn jetzt, wie ein Paar
Lederhosen, die ein Berliner trocknet, an den Beinen in die Luft. -
    Was Donner, Herr, sagte zu meinem Schrecken der Pauker, Sie sehen ja alles.
- Eben diesen Augenblick, versetzt' ich, rumte aber eiligst das Schlag- und
Schlachtfeld, um nicht selber darauf angestellt zu werden. - - Und so hab' ich
denn ganz unerwartet mein voriges Gesicht, obwohl noch ein uerst kurzes, fr
Stadt und Land wieder erhalten durch galvanische Schlge von weitem.
    Aber, mein Wltlein, eine so kstliche Nuntiaturstreitigkeit enharmonischer
Konkordaten bedenk! Ist es nicht, als habe einer meiner besten Genien uns die
Schlgerei als eine fertige Mauer mit Freskobildern fr unsern Hoppelpoppel oder
das Herz absichtlich so vor die Nase hingeschoben, da wir unser romantisches
Odeon nur darauf hinzumauern brauchen, bis sich die Mauer gerade da einfgt, wo
es krumm luft, Bruder?
    Wenn alle Personalitten dabei auszutilgen sind, versetzte Walt, gut!
Froher ists auch zu lesen als zu sehen. Gottlob, da du nur siehst! - Ach was
haben wir heute nicht zu reden, was gewi in keinen Roman gehrt und kommt!
    Nicht? sagte Vult. Darber liee sich noch reden, Walt.

                        Nr. 27. Spatdrse von Schneeberg


                                    Gesprch

Walt kam am ersten aus dem Lachen zu sich und zur ernsten Frage, wie Vult vor
der Stadt seine Augen-Rolle jetzt hinausspiele. Ich habe, sagte Vult, schon
einigen Schimmer, dann bessert sichs zusehends, zuletzt komm' ich mit einer
groen Kurzsichtigkeit davon. Der Notar bezeugte, wie er sich auf eine
leichtere Zukunft freue, worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun
wrde. Er bergo den Virtuosen, in der Hoffnung, ihn zu berraschen, mit einem
Frhlingsregen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flte. Allein
fahrende Ton-Meister, die man stets laut beklatscht, und nur hinter ihrem Rcken
auspfeift, sind fast noch eitler als Schauspieler, welche doch zuweilen eine
gute Monatsschrift kneipt und rgert. Ich darf mich, versetzte Vult, wohl,
ohne die Bescheidenheit zu verletzen, einiger Bescheidenheit rhmen. Aber wie
hrtest du? Voraus und zurck, oder nur so vor dich hin? Das Volk hrt wie das
Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden Polar-Zeiten, nur musikalische Silben,
keine Syntax. Ein guter Hrer des Worts prgt sich den Vordersatz eines
musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schn zu fassen.
    Der Notar erklrte sich darber ganz vergngt; er teilte dem Flautisten die
gewaltige Verstrkung des Eindrucks mit, die er selber der Flte durch die
Szenen-Trume, durch die Mdchen und durch Wina zugeschickt, ohne zu erraten,
da Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen kue, weil er den Unmut
seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb, worin der Virtuose las. Dieser hatte
das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen, es lobe keine andern Schnheiten als
musikalische. Es ist, sagte der Notar stockend, an die Braut des Grafen; ich
bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fu darin, ich meine den Ditrochus
( - -), den dritten Pon ( - ) und den Jonikus mit dem langen Anfang (- - )
    aber im Feuer wird man leicht hart. - Wie Prgel z.B. und Eier, sagte
Vult. Aber, o Gott, wie hren deine Menschen! Sollte man nicht lieber seine
Flte zum Blasrohr oder zur Kinder-Klistierspritze ansetzen oder zu Hobelspnen
fr einen Sarg verschneiden, wenn man so die grliche Bespritzung des einzigen
Himmlischen erfhrt, das noch ber die Lebens-Spiebrgerei oben vorberfliegt?
-
    Ich ziele nicht auf dich, Notar; aber du bringst mich darauf. Denn wie
besonders Musik entheiligt wird - obgleich jede Kunst berhaupt - das hre!
Tafelmusik lass' ich noch gelten, weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten,
die man in Klstern ins Kuen hinein hlt; von verfluchten, verruchten
Hofkonzerten, wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen
spielen und klingeln mu, red' ich gar nicht vor Grimm, da ein Ball in einem
Bilderkabinett nicht toller wre; aber das ist Jammer, da ich in Konzertslen,
wo doch jeder bezahlt, mit solchem Rechte erwarte, er werde fr sein Geld etwas
empfinden wollen; allein ganz umsonst. Sondern damit das Klingen aufhre ein
paarmal und endlich ganz, - deswegen geht der Narr hinein. Hebt noch etwas den
Spiebrger empor am Ohr, so ists zwei-, hchstens dreierlei: 1. wenn aus einem
halbtoten Pianissimo pltzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2.
wenn einer, besonders mit dem Geigenbogen, auf dem hchsten Seile der hchsten
Tne lange tanzt und rutscht und nun kopfunter in die tiefsten herunterklatscht,
3. wenn gar beides vorfllt. In solchen Punkten ist der Brger seiner nicht mehr
mchtig, sondern schwitzt vor Lob.
    Freilich bleiben Herzen brig, Walt, die delikater fhlen und eigenntziger.
Ich habe aber Stunden, wo ich aufbrausen kann gegen ein paar verliebte Blge,
die, wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder Natur vorbekommen,
sofort glauben, das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht, an ihren flchtigen
Erbrmlichkeiten, die ihnen selber nach einem Jahr bei noch grerer als solche
erscheinen, habe der Knstler sein Ma genommen und komme mit dem gestickten
Krnungsmantel und Isisschleier auf dem rmel zurck, fr die Kunden. Ein
Associ von Neupeter sieht bei solcher Gelegenheit nachts gen Himmel an die
Milchstrae und sagt zur Kauffrau: Edle, so empfange jenen Kreis als einen
schlechten Ring von mir zum Zeichen und Braut-Grtel unseres himmlischen Bunds.
    Ei, Bruder, sagte Walt, du bist so hart: was kann denn ein Mensch fr
eine Empfindung oder gegen sie, es sei in der Kunst oder groen Natur? - Und wo
wohnen denn beide, so gro sie auch sind, als nur in einzelnen Menschen? - Wohl
mag er sie sich daher zueignen, als wren sie fr ihn allein. Die Sonne geht vor
Schlachtfeldern voll Helden - vor dem Garten der Brautleute - vor dem Bette
eines Sterbenden zugleich auf, ja in derselben Minute vor andern unter; und doch
darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen, als beleuchte sie seine
Bhne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust; und ich mchte
sagen, gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen, indes doch ein Weltall
vor ihm betet. Ach sonst wr' es ja schlimm, wir sind ja alle einzelne.
    Gut, so nehmt die Sonne hin, sagte Vult, aber nur der Paradiesesflu der
Kunst treib' eure Mhlen nicht. Darfst du Trnen und Stimmungen in die Musik
einmengen: so ist sie nur die Dienerin derselben, nicht ihre Schpferin. Eine
elende Pfeiferei, die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln
hbe, wre dann eine gute. Und was wre das fr ein Kunst-Eindruck, der wie die
Nesselsucht sogleich verschwindet, sobald man in die kalte Luft wieder kommt?
Die Musik ist unter allen Knsten die rein-menschlichste, die allgemeinste. - -
    Desto mehr Besonderes geht hinein, versetzte Walt;irgendeine Stimmung mu
man doch mitbringen; warum nicht die gnstigste, die weichste, da das Herz ja
ihr wahrer Sangboden ist? - Aber deine Lehre will ich nicht vergessen, nmlich
voraus- und zurckzuhren.
    Wie gings dir sonst? fragte Vult mrrisch. Denn ich bleibe dabei,
Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an
manchen Deckengemlden, in welche der Perspektive wegen noch wirkliche
Gips-Figuren geklebet sind. Erzhle! Walt - der Vults Murrsinn blo seiner
unknstlerischen Hrkunst zuschrieb und ber welchen ohnehin die Liebe ihren
Traghimmel hielt - erzhlte sanft und gern, wie eifrig er bisher den Grafen
gesucht, wie er ihm bei Neupeter, dessen Diner er beschrieb, gegenber gesessen,
mit ihm gesprochen und an ihm gefunden, da er durch die stolze Gewandtheit
seines Geistes und durch den philosophischen Schwung ber enge Blicke und Winke
dem Fltenspieler so ungemein hnlich sei. Du liebst Dubletten, doch wahrlich
hier sind keine, Freund; aber nur weiter! versetzte Vult, dem, wie Frauen, kein
Lob der hnlichkeit gefiel.
    Darauf zeigt' er Winas Briefumschlag her als Einlakarte in Klothars Zimmer
und Ohr. Ja, ja, ganz natrlich - berhaupt (fing Vult an); aber nenne nur ins
Henkers Namen nicht Spie- und Pfahlbrgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen; in
groen Stdten, an Hfen gibts Damen, aber in Halau nicht. Dein hllisches
Preisen! Ich will gehangen sein, sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den
Verstand ab als fnfen, den fnf trichten im Neuen Testamente. - Und was hltst
du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen, der fnf klugen, der
Rosenmdchen, der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sngerinnen? Aber ich
wei es schon.
    Nun, ich scheue mich nicht, versetzte der Notar, wenigstens dir, meinem
leiblichen Bruder, zu bekennen, da ich bis diese Stunde keinen Begriff habe,
da ein vornehm gekleidetes schnes Frauenzimmer sich sndlich vergessen knne;
etwas anders ist eine Buerin. Gott wei wie heilig und zart alle insgeheim
sind; wer wills wissen? Aber mein Blut, das wei ich, knnt' ich fr jede
hingeben.
    Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und
nieder, schnappte mit beiden Hnden wie mit Schnappweifen, nickte mit dem Kopfe
und wiederholte: Vornehm gekleidetes! - Es wre zu wnschen, da die
Leserinnen sein anstiges Erstaunen, wenn nicht rechtfertigen, doch
entschuldigen wollten mit den Verhltnissen, worein er auf seinen groen Reisen
geraten mute, da es, wie schon gemeldet worden, wenig grere Stdte und hhere
Stnde gab, denen er nicht blies als anerkannter Fltenmeister. Das bessert
seinen Handel um vieles.
    Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt: Rede wenigstens!
sagt' er, denn dies widerlegt mich nicht. - Aber Vult versetzte mit dem
gleichgltigsten Tone von der Welt: De gustibus non und so weiter. Von etwas
Schnerem! uertest du nicht vorhin etwas, als ob beide Dlles Neupeter sich in
der Tat fr hlich anshen, und zeigtest ein Mitleid? - Desto besser, sagte
Walt, wenn sie sich schner finden. Bei allen Mdchen entschuldige ich das,
weil sie sich nur im Spiegel sehen, mithin, wie du aus der Katoptrik wohl weit,
gerade in einer noch einmal so groen Ferne als der Fremde sie; jede Ferne aber,
auch die optische, macht schner.
    So scheints, sagte Vult erstaunt. Spaeshalber will ich dir doch nur die
drei Weiber, so weit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen, aufstellen. Die
alte Engelberta - nein, das ist die Tochter - die Mutter also, mag noch
hingehen; ihr Herz ist ein ausgesessener Grovaterstuhl, und brigens hat sie
von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die Perlen.
Freilich, wre der Agent weniger bemittelt, so wrde sie wohl, als Widerspiel
der sterreicher Infanterie, die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotscke
machen mu21, seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden. - -
Engelberta, nun sie scherzt zuweilen - viele nennens Verleumden - wie Festungen
bei schlimmem Wetter, so tut sie immer Ausflle, wiewohl man sie nicht eben
belagert - wehrt sich, wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde, und ich
knnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen, worein sie sich eingebissen. -
Raphaela - sie empfinde, sagst du; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel
oder meine Ferse? frag' ich. Freilich will sie, ich bekenne es, an der
Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen
Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hbschen Walfisch von
Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen. An ihrem Ufer, zu
ihren Fen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte, der gern lebte und sich
gern als ein Goldfischchen in einem Gehuse auf einer Tafel stehen she,
Semmelkrumen aus schnsten Hnden fressend. Die andern - Aber was solls? An der
ganzen Tafel dauert mich nichts als der sdliche - Wein. Es ist Snde, wenn ihn
jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz. Es ist Snde gegen den heiligen
Geist des Weins, wenn er Fracht-Mgen gemeiner Menschen durchziehen mu.
    O Gott, sagte Walt, wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine
Menschen, aber so erzrnt dabei, als habe sich das Gemeine freiwillig von einer
Hhe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf, indes du doch milder von
Tieren und Feuerlndern sprichst!
    Warum? - Mich erbittert die Zeit, das Leben, der Satan. berhaupt - aber
was hilfts? - Gre den Grafen von mir herzlich morgen. Von den ehrlichen sieben
Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen, ganz gegen meine
Meinung weniger als gegen deine. Inzwischen Addio! sagte Vult, schied hastig,
ber den geringen Erfolg verdrlich, womit er mit seiner Welt und Kraft den
unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot.
    Walt sagte mit zrtlichster Stimme gute Nacht, aber ohne Umarmung, und er
sah ihn nur mit Lieb' und Trauer an. Er warf sich vor, da er durch seine
Urteile den knstlerischen Bruder so wenig belohnet, und da er diesem die -
Beete verloren habe. Wenigstens aber hab' ich ihm doch, sagt' er, die
Tafelschmhungen gegen ihn22verschwiegen. Er hielt es nur fr erlaubt, ein Lob
hinter dem Rcken, nicht einen Tadel hinter dem Rcken dem Gegenstande
mitzuteilen.

                                Nr. 28. Seehase


                               Neue Verhltnisse

Am Morgen eilte der Notar mit Winas Brief zum Grafen, bergab aber nichts, weil
vergoldete Wagen und Bediente an der Tre und deren Herren im Besuchszimmer
standen; was htte ich davon? fragt' er sich. Ich komme wieder, wenn niemand
darin ist, sagt' er zum Bedienten, dem das wie eine Diebs-Erklrung klang.
    Im Speisehause fand er auf dem Tischtuche das Wochenblatt und Klothars
gedruckte Bitte darin, ein redlicher Finder soll' ihm seinen Brief wieder
zustellen.
    Am Tische hrt' er, da der General Zablocki seinen Koch ein Dienstjubilum
feiern lasse. Der Komdiant leitete die Feier aus dem Herzen des Generals, ein
Offizier aus dessen Gaumen und Magen her; der Jubelkoch, fgt' er bei, ist
ihm so nahe wie eine Kompanie oder sein Schwiegersohn. Walt lief wieder in die
Villa des Grafen hinaus - Dieser a eben bei dem General.
    Zu erklren ist allerdings einer der keckesten Gedanken - die je Walten
Sporen und Flgel angesetzt -, welcher ihm unter Klothars Gartentre anflog,
sobald man erwgt, da er das Sonntags-Konzert noch im Kopfe haben mute und im
Herzen ohnehin. Daher ist es wohl nur ein Nebenumstand dabei - aber er trug mit
bei -, da der General der halbe Besitzer von Elterlein war und Gottwalt ein
Linker. Gleichwohl wollt' er anfangs sich erst mit seinem Bruder beraten, ob er
angehe, der Gang; lie es aber unterwegs, um ihn, hofft' er, abends mehr mit der
Nachricht zu fassen und aufzurtteln, da er ganz khn beim polnischen General
gewesen, um Winas Brief an dessen Schwiegersohn auszuliefern.
    Sehr spt brach er dahin damit auf, um nicht ins Essen zu fallen. Auch
sollte jeder Mensch gegen Abend - nmlich nie gegen Morgen, wo der Geist noch
den Krper und das Gestern verdauet - mit Gesuchen und sich zu Groen kommen,
welche er vielleicht alsdann halb betrunken und halb-menschlich, es sei vom
Mittags-Essen oder Mittags-Trinken, zu finden hoffen darf. Auf dem Wege dahin
wallete Gottwalts Herz wie ein angewehtes Blumenbeet bei dem Gedanken auf, da
er dem Hause zugehe, worin Wina so lange als Kind und Jungfrau gelebt. Auf der
letzten Gasse mut' er mit dem Plane der bergabe ins Reine kommen. Anders,
sagt' er sich, kanns doch nicht gehrig delikat ausfallen, als wenn ichs so
mache, da ich mich beim General - denn der Graf ist doch nur Gast - ordentlich
melden lasse, mich dann entschuldige und sage, da ich dem Hrn. Grafen etwas in
einem Seitenzimmer zu bergeben habe, dieser und seine Braut mgen nun
dabeistehen oder nicht; und dabei seh' ich doch auch einmal einen General, ja
einen polnischen. Sehr sucht' er sich unterwegs keine andere Freude vorzuhalten
als die, einen General zu hren. Drei Viertel-Stunden hatt' er einmal in Leipzig
am Hotel de Bavire gelauert, um einen Ambassadeur einsteigen zu sehen.
Denselben Durst hatte sein Herz nach dem Anblick eines preuischen Ministers.
Dieses Triumvirat war ihm der Dreizack der Gewalt, der Feinheit und des
Verstandes; feinere Turnren, als die sind, womit dieser Staats-Trident guten
Morgen, guten Abend und alles sagen werde (indes ohne Blumen), konnt' er nicht
wohl fr mglich halten, weil er glaubte, sie denen gleichsetzen zu knnen,
womit Louis XIV. und Versailles auf die Nachwelt kamen. Nur drei Personen,
gleichsam Kuriatier, stellt' er diesen drei Horatiern entgegen und sogar voraus
- deren Gemahlinnen; oft lie er besonders eine Ambassadrice durch seinen Kopf
gehen, welche es war, eine russische, dnische, franzsische, englische etc. -
Bei Gott, sagt' er, sie ist ganz Gttin sowohl in betreff der zartesten
Ausbildung und Tugend als des feinsten Teints, Gesichts und Anzugs; - aber warum
hab' ich armer Teufel noch keine Ambassadrice zu Gesicht bekommen?
    Endlich stand er vor dem Zablockischen Palast. - Die Auffahrt und das
Ketten-Gehenke an Pfeilern waren neue Siebenmeilenstiefel fr seine Phantasie;
er freute sich auf die Nacht, wo er diese gespannte bange Stunde auf dem
Kopfkissen frei und ruhig beschauen und behandeln werde. Er trat in den Palast,
er sah rechts und links breite Treppen mit Eisengelndern - groe Flgeltren -
sogar einen rennenden Mohr mit weiem Turban - geputzte Menschen gingen herab,
heraus, hinein - Tren wurden oben auf- und zugemacht - Treppen berennt. Schwer
wars fr einen Notar, sich einen Menschen auf der Hausflur auszusuchen, dem die
Bitte vorzutragen war, da er zum General wolle.
    Eine Viertelstunde stand er, hoffend, einer der Leute wende sich an ihn und
frag' ihn und entwickle dann alles; - aber man lief vorber. Zuletzt spazierte
er frei in der Hausflur auf und nieder - einmal eine halbe Treppe hinan - hielt
sich die grten Mnner aus der Weltgeschichte vor, um einen lebendigen besser
zu handhaben - und bracht' es endlich zu einer Frage nach dem General an ein
Mdchen.
    Sie wies ihn an den Portier. Der Himmel hat fter eine Vorhlle als einen
Vorhimmel - trstet' er sich - vielleicht die ganze gelehrte Vorwelt hat schon
auf hnlichen Palast-Fluren geschwitzt. Eine Himmelstre tat sich ihm auf;
heraus trat ein ltlicher gepuderter verdrlicher Mann, der ein breites Gehnge
ber dem Leib und einen Stock mit einem schweren Silber-Giebel trug. Walt, ganz
unvermgend, das lederne Bandelier fr etwas anders zu halten als fr ein
Ordensband und den Portier-Stab fr einen Kommando-und Generalstab und den
Portier fr den General, machte ohne viele Umstnde einige Verbeugungen und
nherte sich dem Trsteher hflich murmelnd.
    Das hilft alles nichts, sagte der Portier, gegenwrtig schlafen
Exzellenz, man mu sich gedulden. -
    - Aber niemand braucht aus Walts Verwechslung viel zu machen, wenn man
soviel von der Welt gesehen, da - keine mglich ist, - sondern da jeder
vornehme Inhaber eines Trhters selber wieder einer ist, nur an einer hhern
Tre, entweder an einer kaiserlichen, kniglichen, frstlichen Gnaden- oder an
einer Falltre, entweder als Klopfer, der das Hereinwollen, oder als Klingel,
die das Hereinkommen ansagt, und jeder wie Janus als Schwellen-Gott ein anderes
Gesicht gegen die Gasse kehrend, ein anderes gegen das Haus. - Sind manche gute
Gemter nur Portiers an blinden Toren: so stecken sie doch ihren Sperrgroschen
von Proselyten des Tors so gut ein wie die schlimmsten, die wenigstens den
Janustempel wie eine ffentliche Bibliothek gern ffnen.
    Sehr rot trat der Notar in das lustige Domestikenzimmer, das Geielgewlbe
eines drftigen Gelehrten. Bediente sind parasitische Menschen an Menschen,
Drfer, wo auf den Briefen die nchste Poststation angezeigt werden mu. Doch
die Zablockischen waren gut gelaunt und schn-betrunken vom Kchen-Jubel; - Walt
sa unbeunruhigt da. Wo ist der Bonsoir, Freund? fragte ein eintretender
Lakai. Walt glaubte sich gemeint und den Abendgru vermisset, nicht aber den
Licht-Tter; er versetzte frisch: Bon soir, mon cher! In der Tat kam es
endlich dahin, da ein Bedienter vor ihm vorausging und er hinterdrein, durch
Vorsle voll langer Kniestcke - ber glatte Zimmer weg - und endlich vor ein
Kabinett, das der Bediente zwar auf-, aber erst zumachte, da er hinein war,
bevor ers ihm auftat.
    Der General, ein stattlicher, mnnlich-schner, stark genhrter, lchelnder
Mann, fragt' ihn mit freundlicher Miene und Stimme, was Monsieur Harnisch
wnsche. Exzellenz, ich wnsche, fing er an und hielt die Wiederholung des
Zeitworts fr Welt, dem Hrn. Grafen von Klothar einen verlornen Brief zu
bergeben, da ich ihn hier zu finden hoffe. - Wen? fragte Zablocki. Den Hrn.
Grafen von Klothar, versetzte Walt. Wollen Sie mir den Brief vertrauen, so
kann ich ihn sogleich bergeben, sagte Zablocki. Der Notar hatte sich viel
schnere Entwicklungen versprochen; jetzt lief alles fast auf nichts hinaus; dem
Vater mut' er den Brief der Tochter abstehen und lassen. Er tats, da der
Umschlag entsiegelt war, mit den feinen Worten: er bring' ihn so offen, als er
ihn gefunden. Er wollte damit vielerlei leise andeuten - seine eigene
Rechtschaffenheit, ihn nicht gelesen zu haben, sein Erwarten der Nachahmung und
noch allerhand Gefhle. Der General steckte ihn, nach einem leichten
Entzifferungsblick auf die berschrift, gleichgltig ein und sagte, er habe
soviel Schnes ber seine Flte gehrt, er wnsche sie selber einmal zu hren. -
Groe sind ebenso vergelich als neugierig; doch konnt' es Zablocki auch tun, um
reden zu hren.
    Walten wars angenehm, zu berichtigen: Ich wnschte, sagt' er fein, ich
wrde nicht verwechselt, oder vielmehr (fgt' er bei, da ihm das gerade einen
zweiten, ganz entgegengesetzten Sinn geben wollte) ich knnt' es werden. - Ich
verstehe Sie nicht, sagte der General. Walt entdeckte ihm kurz, er sei aus
dessen Elterleinischem Territorium gebrtig, und sein Vater sei der Schulz.
Jetzt glaubte er an Zablocki den wahren menschenliebenden Menschen-Dulder ganz
zu erkennen, als dieser sich des Schulzen, der so oft als ein Mauerbock sich an
dessen Gerichtsstube die Hrner abgestoen, vielmehr mit den freundlichsten
Mienen und sogar der van der Kabelschen Erbschaft entsann, ja teilnehmend eine
genauere Geschichte derselben zu hren begehrte. Die lieferte Walt gern, nett
und hei; indes halb schwindelte er vor Freude, wenn er von der Hhe und Spitze
in die Drfer hinuntersah, auf der er neben einem Groen stand und ihn so lange
anreden und sich gut ausdrcken durfte. Mit Freuden htt' er fr ein so
menschenliebendes Herz, das er nie im Verband eines Ordensbandes gesucht hatte,
einen Zacken oder Stein aus der polnischen Krone ausgebrochen, oder diese fr
den schnen Kopf zugeschmolzen, um durch ein Prsent damit erkenntlich zu sein.
In etwas drckt' er seine Liebe - weil er nichts Nheres hatte, die Blicke
ausgenommen - streichelnd auf dem Kopfe eines Windhunds aus, der sich hochbeinig
an seine Schenkel anprete.
    Haben Sie eine franzsische Hand? fragte der General auf einmal und schob
ihm ein Papier vor zu einem Probeschu. Walt sagte: er verstehe es leichter zu
schreiben, in mehr als einem Sinn, als zu sprechen und verdank' es seinem
Lehrer. Allein welchem Worte er unter so vielen Tausenden, die Gallien hat, das
Schnupftuch zuwerfen sollte, das wut' er schwer, da das Wort doch etwas
vorstellen sollte. - Was Sie wollen, sagte endlich Zablocki. Er sann aber
fort. Das Vaterunser, sagte jener. In der Geschwindigkeit konnt' ers unmglich
bersetzen.
    Vorzglich, fuhr der General fort, als jener noch nachdachte, wrd' ich
auf rein franzsische Endbuchstaben sehen, dergleichen, wie Sie wissen, s, x, r,
t, p sind. Walt verstand die franzsische Benennung dieser Lettern nicht recht,
aber sehr wohl das franzsische Camnephez23; Schomaker, der jahrelang keinen
gallischen Dialog und Brief zu machen hatte - erstlich weil dazu stets eine
zweite Person gehrt, zweitens weil auch eine erste erforderlich ist, er aber
gar nichts davon verstand -, dieser Kandidat hatte echt-franzsische Handschrift
und Aussprache vermittelst dergleichen Kaufmannsbriefe und Reisediener zu einer
so auerordentlichen Hhe hinaufgetrieben wie vielleicht, auer Hermes und einem
zweiten Romancier, kein Autor von Gewicht ohne Stand. Und Walt hatte beides bei
ihm erlernt.
    O vortrefflich! sagte der General, als endlich jener Winas franzsische
Adresse an Klothar probierend hinschrieb. Recht gut ja! - Nun hab' ich ein
ziemliches Paket franzsischer Briefe ber einen Gegenstand auf meinen Reisen
gesammelt - von verschiedenen alten und neuen Personen -, welche ich sehr gern
in ein Buch abgeschrieben she, da sie sonst leicht sich verspringen. Wenn Sie
denn tglich an dem Buche - mmoires otiques mag es heien - eine Stunde - hier
in meinem Hause - schrieben....
    Exzellenz, stotterte Walt mit blitzenden rednerischen Augen, wenn ber
den zrtesten Gegenstand kein Ja zart genug sein kann - - Gehts nicht? fragte
der General. - O am besten, versetzte jener, und jede Minute. - Ich werde,
sagte Zablocki, die Briefe zusammensuchen und Ihnen die Kopier-Stunde nchstens
bestimmen lassen. Darauf machte Zablocki den vornehmen Entlassungs-Bckling,
Walt macht' ihn leicht zurck und harrte lange auf weitern Verfolg, bis er
endlich - da der General sich umstellte und durchs Fenster guckte - den
Abschied, dessen Schnelle er schwer mit dem warmen Gesprche paaren konnte,
herausbrachte durch berlegung. Jetzt mut' er etwas suchen, was ebenso schwer
zu finden war als vorhin der Eingang, nmlich der Ausgang am glatten Kabinett.
Keiner wollte vorstechen. Leise berstrich er mit den Hnden die fugenlosen
Wandtapeten, weil er sich schmte, zu fragen, wie er hereingekommen. ber drei
Wnde glitt er mit dem Bgel der Hand, bis er endlich in eine Ecke auf ein
goldenes Kreuz einer Tre griff. Er dreht' es mit Vergngen um, und es tat sich
ein Wandschrank auf, worin Winas himmelblaues Konzert-Kleid lang und nahe
niederhing. Staunend guckte er hinein und wollte noch lange davor erstaunen, als
sich der General, der das Handstreicheln und Gltten vernommen, endlich umdrehte
und ihn vor dem Schranke mit dem Schauen halten sah; ich wollte hinaus, sagt'
er. Das geht hier, sagte Zablocki und ffnete eine Tre, wo das wirklich zu
machen war.
    Das Schicksal mag ihm absichtlich die kleine Schamrte auf seinen Sieges-Weg
mitgegeben haben, um damit einigermaen das Bewutsein zu dmpfen, womit er, so
mit Ehrenmedaillen und Bassas-Roschweifen behangen, so mutig durch Zimmer und
Haus marschierte, da er sich auf der Strae mit einigen ma, die, wie er, zu
Fue kamen von Hof. Indes hatte er alle Welt lieb und verbarg sich am wenigsten,
wie mancher dahin gehe, der ohne Schuld solche Erhebungen nie erlebe. Daraus
messe die Welt ab, wie vollends ein drftiger Leutnant, der Sonntags seine
seidenen Beine unter der Hoftafel gehabt, um 4 1/4 Uhr, mit dem Kurial-Krtzer
und der Champagner-Folie im Kopfe, nach Hause gehen mag, mit welchem
Selbstbewutsein, meint man; Julius Csar selber kann dem Ortshalter aufstoen,
und dieser wird blo fragen: Jul, aber woher kmmst denn du, wste Fliege?
    Mit grter Sehnsucht, vor allen Dingen auf Vults Tisch einige schwache
Zeichnungen der heutigen Krnungsstadt und Ehrenpforte zu legen, klopfte Walt an
dessen Tre; sie war zu und mit Kreide stand daran: Hodie non legitur.

                        Nr. 29. Grobspeisiger Bleiglanz


                                   Schenkung

Nach einigen Tagen kam der Grtner von Alkinous' Grten - denn das war Walten
Klothars Kutscher - und lud ihn in die Villa ein. Der Notar hatte kaum in
grter Eile ein ganzes Philadelphia der Freundschaft auf einer
Freundschaftsinsel gebauet und ein Sortiment Lorenzosdosen gedreht - weil er die
Einladung fr einen Lohn der Brief-Gabe nahm -, als der Eden-Grtner die Treppe
wieder heraufkam und durch die Trspalte nachholte, er solle was zum
Verpetschieren einstecken, es wren Notarius-Hndel.
    Indes wars in jedem Falle etwas. Er traf als Notarius im reichen Landhaus
Klothars zugleich mit dem Fiskal Knoll ein. Aber als er die vergoldeten
Quartanten, die vergoldeten Wandleisten und das ganze Wohnzimmer des Luxus
bersah: so rckte die eigne Wohnung den Grafen weiter von ihm weg als die
fremden bisher. Klothar fuhr, ohne aus beiden Ankmmlingen viel zu machen, im
Streite mit dem Kirchenrat Glanz und dessen flachem Tolerieren so fort: Der
Wille arbeitet den Meinungen mehr vor als die Meinungen dem Willen; man gebe mir
eines Menschen Leben, so wei ich sein System dazu. Glaubens-Duldung schlsse
auch Handelns-Duldung in sich ein. Ganz tolerant ist daher niemand, Sie sind es
z.B. nicht gegen Intoleranz. Glanz gab recht, blo weil sein Ich beschrieben
wurde. Aber der Notar stellte - weil er ohnehin mig stehen mute - den Einwand
auf: Ganz intolerant ist auch kein Mensch, kleine Irrtmer vergibt jeder, ohne
es zu wissen. Aber freilich sieht der Eingeschrnkte, gleichsam im Tal Wohnende
nur einen Weg; wer auf dem Berge steht, sieht alle Wege.
    Ins Zentrum gibts nur einen Weg, aus dem Zentrum unzhlige, sagte der Graf
zu Glanz. Wollen Sie indessen sich an meinen Sekretr setzen, Hr. Notar, und
den gewhnlichen Eingang zu einem Schenkungs-Instrument fr Frulein Wina von
Zablocki in meinem Namen machen? Ich heie Graf Jonathan von Klothar. Die Namen
Jonathan und Wina zitterten dem Notar wie Apfelblten auf die Brust herab. Er
setzte sich und schrieb voll Lust: Kund und zu wissen sei jedermann durch
diesen offenen Brief, da ich Graf Jonathan von Klothar heute den - Walt fragte
den Juristen um den wievielsten; der 16., sagte dieser. Hflich nahm er keinen
neuen Bogen, sondern schabte am Schreibfehler des alten lange. Unter dem Schaben
konnt' er auf des magern haarigen Knolls Vorlesung ber Ehekontrakte hinhren,
neben welchem der schne Graf ihm wie der edle Hugo Blair in der Jugend, dessen
geist-erhebende Predigten seine Flgel und seine Himmel zugleich gewesen,
vorkam. Ein Kontrakt zwischen Wina und Jonathan - ein eigenschtiges do ut des -
war ihm eine widrige widersprechende Idee, da man wohl mit dem Teufel einen Pakt
macht, aber nicht mit Gott. Er benutzte das Wegschaben des Datums als eine freie
Sekunde und sagte (ebenso keck, wenn ihm etwas Rechtes einfiel, als bld' im
andern Falle): Ob ich gleich ein Jurist bin, Hr. Fiskal, und ein Notar, so
bedauer' ich bei jedem Ehe-Kontrakt, den ich machen mu, da die Liebe, das
Heiligste, Reinste, Uneigenntzigste, einen groben juristischen eigenntzigen
Krper annehmen mu, um ins Leben zu wirken, wie der Sonnenstrahl, der feinste,
beweglichste Stoff, mit der heftigsten Bewegung nichts regen kann ohne
Vermischung mit dem irdischen Dunstkreis.
    Knoll hatte mit saurem Gesicht nur auf die Hlfte des Perioden gehrt; der
Graf aber mit einem geflligen. Ich lasse, sagt' er, aber mit sanftester
Stimme, wie schon gesagt, keine Ehestiftung machen, sondern nur ein
Schenkungs-Instrument. Da trat ein Bedienter des Generals mit einem Briefe ein.
Klothar schnitt ihn aus dem Siegel - ein zweiter, aber entsiegelter lag darin.
Als er einige Zeilen im ersten gelesen, gab er dem Notar ein schwaches Zeichen
einzuhalten. Den eingeschlossenen macht' er gar nicht auf; Walten kam er sehr
wie der von ihm gefundne vor. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete Klothar den
Boten; aber auch mit einer Bitte um Vergebung das Zeugenpaar und den Notarius:
er sei zweifelhaft, sagt' er, ob er jetzt fortfahren lasse; aber da ers sei, so
lass' er lieber nicht. - Einige Schatten von innern Wolken flogen ber sein
Gesicht. Walt sah zum ersten Male einen geliebten Menschen, noch dazu einen
Mann, in verhehlter Bekmmernis - und die fremde besiegte wurd' in ihm eine
siegende. Eigenntzig wr' es jetzt, dacht' er, nur daran zu erinnern (wie er
anfangs gewollt), da er den Brief gefunden und gegeben; desgleichen wahrhaft
grob, nur darnach zu fragen, ob der Schwiegervater solchen ausgehndigt. Beim
Abschied wollte der Graf ihm etwas Hrteres in die Hand drcken als seine eigne.
Nein, nein, stotterte Walt. - Meine Verbindlichkeit, sagte der Graf, ist
dieselbe, Freund. - Ich nehme nichts an als die Anrede! sagte Walt, wurd'
aber wegen seines Ideen-Sprungs wenig verstanden. Klothar drang verwundert und
halb beleidigt in ihn. Aber meinen Bogen nhm' ich gern, sagte Walt, weil es
ihm so wohlgetan, darauf zu schreiben: Ich Jonathan von Klothar. - Hr. Graf,
sagte Knoll, der Bogen gehrt wohl uns sieben Erben, schon wegen der Rasur;
und wollt' ihn nehmen. Sie sei ja eingestanden, o Gott! sagte Walt erzrnt und
behauptete den Bogen - ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt' in seinen blauen
Augen - diesen zu entschuldigen, drckt er eilig Klothars Hand und floh davon,
um sich zu trsten und andern zu vergeben.
    Ach, dacht' er unterwegs, wie weit ists von einem hnlichen Herzen zum
andern! ber welche Menschen, Kleider, Ordenssterne, Tage geht nicht der Weg!
Jonathan! ich will dich lieben, ohne geliebt zu werden, wie ich deine Wina
liebte; es ist mir vielleicht mglich; aber ich wnschte doch dein Portrt.

                         Nr. 30. Misspickel aus Sachsen


                             Gesprch ber den Adel

Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Er konnte dessen Verschwinden
nicht fassen; die Sonnenfinsternis des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare.
Bald hielt er ihn fr ersoffen - bald fr verreiset - bald fr entlaufen - bald
fr beglckt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte den zweimal besiegelten
Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombinieren und rechnete einige Hoffnung heraus.
Immer macht' er die Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinn-und
Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Rechenkammer, die uns
verhangen ist, besttigt werden! Welche freudige glnzende Bilder hatt' er sich
nicht schon weit in seine Zukunft hineingestellt, welche Bilder davon, wie er
mit seinem Bruder in tglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen
und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimuerer-Zeichen der Verwandtschaft
den Grafen in den feurigen Bund hineinziehen werde, indes aus allen nichts wurde
als die gedachte Betrachtung! - Aber schon bei dem peloponnesischen Kriege - und
berhaupt in der Geschichte der Vlker sowohl als seines Lebens - hatt' er
zuerst bemerkt, da in der Geschichte - was sie einem alles motivierenden
Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht so unendlich wenig Systematisches
in Leid oder Freude vorfalle, und da man eben darum bei der falschen
Voraussetzung einer trben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so
schlecht errate; denn berall werden im historischen Bildersaal der Welt aus den
grten Wolken kleine, aus den kleinsten groe - um die grten Sterne des
Lebens ziehen sich dunkle Hfe - und nur der verhllte Gott kann aus dem Spiel
des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen.
    Die Botenfrau aus Elterlein brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder:

Morgen abends komm' ich, geh mir entgegen. Eben schneidet Deine Mutter einer
Bettlerin Brot vor; denn ich bin in Elterlein im Wirtshaus.
    Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflecken geblasen fr Geld; es
wachsen freilich mehr Grser als Blumen, doch heben jene diese, ich rede von
Menschen. Es wird Dir anvertraut, da ich vor meiner Abreise aus Halau so
verstimmt war wie eine Wind-Harfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh. Ich wei
nicht wovon; ich wollt' aber, ein bedeutender Freund, oder gar Du httest meine
Saiten so durcheinander geschraubt, kurz einer von Euch beiden htte mich ein
wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitiert. Ich wrde mich - das htte mich
wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zhnen - mit ihm tchtig
berworfen haben; ich htte hlich gedonnert, gehagelt, gewettert; das macht,
wie gesagt, gutes Blut.
    Denn nichts ist schdlicher, Notarius, sowohl in Ehen als Freundschaften
seiner Seelen, als ein langer unaufgelseter Verhalt auf einem Miton bei einem
wechselseitigen fortwhrenden Zusammenstimmen in allen zrtesten Pflichten, so
da die Narren sich abstoen, ohne sonst zu verstoen; da doch solche Seelen in
jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten, als sie bis zum
rechten Zanke zu treiben, worauf sich Vershnen von selber einstellte. Der
Braunstein liefert bei miger Erhitzung Stickgas; aber zwing ihn zum Glhen, so
haucht er ja Lebensluft. Aus der Knallbchse fliegt der Pfropf nicht anders
heraus als durch einen zweiten.
    Zum Glck knnen wir beide jeden Hader entraten, sogar den strksten. Doch
zurckzukommen - ich bekam bald Luft, sobald ich nur im Freien war und ritt und
blies und schrieb. Ertrgliche Sachen und Schwanzsterne setzt' ich fr unsern
Hoppelpoppel oder das Herz teils auf dem Sattel auf, teils sonst. Wahrlich ich
wurde Dir ganz gut; deswegen, glaub' ich, konnt' ichs ordentlich nicht lassen,
sondern mute nach Elterlein. Ich dachte: Dein Freund ist doch da so gewi ans
Licht gekommen, und seiner desgleichen, und was man so sagt, wenn man denkt.
    Ein lang verschobenes Werk konnt' ich da verrichten. Da ich, wie ich Dir
fters gesagt, dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flte mehrmals
aufgestoen: so konnt' ich dem alten Schulzen schne Nachrichten und Briefe vom
Wildfang geben. Ich lie den Vater ins Wirtshaus kommen. Der und der Edelmann
sei ich (sagt' ich dem staunenden Manne), und sein Sohn sei mein Intimer - er
befinde sich wohl auf den Postwagen, wo man ihn auer den Konzertslen zu suchen
habe - es geh' ihm so gut wie mir selber - er wrd' ihn nicht kennen, stnd' er
vor ihm da, so schn verndert sei er, schon mit der volljhrigen Stimme, deren
Diskantschlssel der Bart dadurch abgedreht worden, da er selber einen Bart
bekommen - und er lass' ihn gren. - Er versetzte, es freue ihn ber die Maen,
da ein solcher braver Herr wie ich gut auf seinen Halunken von Sohn zu sprechen
sei, und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre Ehre. Ich warf noch einiges
ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht' ihm zum
Behalten den bewuten Brief desselben aus Bayreuth an mich, worin er, einige
musikalische Klagen ber die dasigen Ohren ausgenommen, fast blo von seiner
geliebten Mutter spricht. Auch dessen Herrn Bruder, jetzigen Notar, kenn' ich
sehr wohl fgt' ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Ri von
Deinen Hhen und Tiefen auf: Mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich
mit dem Stimm-Hammer weg- (nicht zu-) geschlagen, und die Stadt hlt es bei so
vielen Saiten, die er unter sich hatte, mehr fr ein Wunder als fr einen Bock,
sagt' ich, um ihn fr Deine knftige Nachricht davon auszursten mit dem
lindesten Herzen von der Welt. Es wollte ihm aber schwer ein, das Herz; und er
schimpfte auf Deinen Kopf. Er erlebe wenig Freude an seinen Shnen, beschlo er,
und der Teufel knne die Spitzbuben holen, wenn er wolle. Ich schickte den Bauer
ganz kurz und hochtnig fort, da er zu vergessen anfing, da seine Zwillinge
meine Achtung in einigem Grade besen.
    Abends - als ich auf der schnsten Hhe des Zablockischen Gartens lag und
fr uns eine Satire ber den Adel entwarf und dabei der untergehenden Sonne ins
groe Engels-Auge sah, die ein lumpiges Drfchen ebensogut als ihren Hof von
Welten anschauet, und als ber mir auf den leichten roten Wlkchen manche Bilder
des Lebens dahinschifften, da erklang pltzlich eine kstliche kunstgerechte
Singstimme, die mich aus allen Satiren, Trumen, untergehenden Sonnen wegjagte
ins Ohr hinein, in dessen Labyrinth, wie im gyptischen, Gtter begraben liegen.
Die Generals-Tochter sang; sie hatte, wie vornehme Mdchen auf ihren
Rittergtern pflegen, der Sonne und der Einsamkeit - denn horchende Bauern sind
nur stille Blumen und Vgel in einem Hain - ein ganzes leidendes Herz mit Tnen
auseinandergetan. Sie weinte sogar, aber sanft; und da sie sich allein glaubte,
trocknete sie die Tropfen nicht ab. Sollte der edle Klothar, dacht' ich, seine
Braut in dunkle Farben kleiden, weil sie eine taille fine geben? - Das
schwerlich!
    Endlich sah sie mich, aber ohne zu erschrecken, weil der blinde Konzertist,
wofr sie mich noch halten mute, ja ihr nasses Auge und Angesicht nicht kennen
konnte. Sie, die Unwissende, sah sich nach meinem Fhrer um, indes sie leise ihr
Busenlied ertnen lie. Bekmmert um den hlflosen Blinden, ging sie langsam auf
mich zu, begann ein fremdes frohes Lied, um sich mir unter Singen so zu nhern,
da ich nicht zusammenfhre, wenn man mich pltzlich anredete. Ganz nahe an mir
unter den heitersten Tnen flo ihr Auge heftig ber aus Mitleid, und sie konnt'
es nicht eilig genug lichten, weil sie mich anschauen wollte. Wahrlich ein gutes
Geschpf, und ich wollt', es wre keine Braut oder eine Frau! - Wie ein
Rosenbeet blhten, zumal vor der Abendsonne, alle ihre wohlwollenden Gefhle auf
dem kindlichen Gesicht; und bedenk' ich die zarten schwarzen Bogen der schnsten
schwarzen Augen, so hatt' ich Augenlust und Augenbraunenlust zugleich und genug.
Aber wie kann ein Mann zu einer Schnheit sagen: heirate mich meines Orts! da ja
durch die Ehe, wie durch Eva, das ganze Paradies mit allen vier Flssen
verlorengeht, ausgenommen den Paradiesvogel daraus, der schlafend fliegt? Eine
schne Stimme aber zu ehelichen durch Ehepakten - das ist Vernunft; auerdem da
sie, wie die Singvgel, immer wieder zurckkehrt - das Gesicht aber nicht -, so
hat sie den Vorzug vor diesem, da sie nicht den ganzen Tag dasteht, sondern
manchmal. - Kenn' ich denn nicht mehr als einen abgeschabten Ehemann - gelb
geworden gerade dadurch, wodurch gelbes Elfenbein wei wird, durch langes Tragen
an warmer Brust -, der sogleich die Farben nderte, wenn die Frau sang, ich
meine, wenn das welsche Lftchen aus warmer alter Vergangenheit nrrisch und
tauend das Polar-Eis seiner Ehe anwehte? -
    Fast als schme sich Wina, neben einem Blinden allein zu sehen, gab sie
wenig auf die Himmelfahrt der Sonne acht. Sie hrte auf zu singen, sagte ohne
Umstnde, wer vor mir stehe, und fragte, wer mich gefhret habe. Ich konnte sie
unmglich mit dem Gestndnis guter Augen beschmen, doch versetzt' ich, es habe
sich um vieles gebessert, ich she die Sonne gut, und nur nachts steh' es mit
dem Sehen schlecht. Um einen Handlanger meiner Augen zu erwarten, fing sie ein
langes Lob meiner Flte an, der man in grter Nhe, sagte sie, nicht den Atem
anhre, und erhob die Tne berhaupt als die zweiten Himmels-Sterne des Lebens.
Wie hlt aber das Gefhl die immerwhrenden Rhrungen der Flte aus, da sie doch
sehr der Harmonika gleicht? fragte sie. Wer so gut snge, sagte ich, als sie,
wrde am besten wissen, da die Kunst sich vom persnlichen Anteil rein halten
lerne. Soviel htt' ich sagen sollen, nur nicht mehr; aber ich kann das nie: ein
Virtuose, fgt' ich bei mu imstande sein, whrend er auen pfeift, innen
Brezeln feil zu halten, ungleich den Brezel-Jungen, die beides von auen tun.
Rhrung kann wohl aus Bewegungen entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch
Butter gibt, aber nur stehende Kse.
    Sie schwieg sehr betroffen, als wre sie Du - nahm einige Dornenreiser weg,
die mich Dornenstrauch stechen konnten und sie dauerte mich halb, zumal als ich
sehr ihrem zu hufigen Augenlider-Nicken zusah, da ihr lieblich lsset, ohne da
ich recht wei warum.
    Sie sagte, sie gehe, um mir aus dem Schlosse einen Fhrer zu holen, und ging
fort. Ich stand auf und sagte, es brauch' es nicht. Da sie mich forttappen sah,
kehrte sie lieber um und befahl mir zu warten; sie wolle mir bis ins Wirtshaus
vorausgehen und jeden Ansto und Eckstein melden. Die Freundliche tats
wahrhaftig und ging mit dem ewig nach mir umgebogenen Halse, bis sie einem
jungen Lehnbauer hinter seinem Pfluge begegnete, dem sie ein Stck Geld und die
Bitte gab, mit dem blinden Herrn vor das Wirtshaus zu fahren. Sie sagte
liebreich gute Nacht, und die langhaarigen Augenlider nickten zu schnellen Malen
ber den groen Augen.
    Der Satan hole - vergib aber, Notarius, den Fluch - den Grafen von Klothar,
wenn er einer so gutmtigen Weiberseele nur die dnneste, leichteste Zhre aus
den schnen brutlichen Augen prete, dem armen Kinde, das das einzige ist, dem
ich noch die freie Reichs-Ritterschaft gegnnt. Denn mit wieviel Gall' und Grimm
ich in jedes Adels-Dorf eintrete, worin - wenn bei den Rmern ein ganzes Volk
fr das Geieln eines Menschen votieren mute - umgekehrt nur ein stimmender
Mensch zum Prgeln eines Volks erfordert wird, das kennst Du; aber in Winas
Elterlein dacht' ich ganz sanft.
    Wie berall, besonders im Brautstand gegen den Ehestand: so halten die
Menschen, wie in der Musik, den Vorschlag lnger und strker als die Hauptnote;
und Klothar konnte doch schon im Vorschlag fehlen? -
    Einen schwachen Streckvers in Deiner Manier fertigte ich im Wirtshaus auf
sie:

                               Bist du Philomele?

Nein; denn du hast zwar ihre Stimme; aber du bist unvergleichlich schn!
    So wirst Du schon frher nachgeahmet als gedruckt. - Nachher, nach dem
Speisen zog ich im Dorf herum. Ich dachte an einen Dir bekannten ersten und
zweiten Abend so sehr, da mir vorkam - schreib es auf Rechnung einer und der
andern Liebe - als sei manches von der Vergangenheit nachher vergangen. Eiligst,
wenn Du diesen Brief erhltst - was genau nachmittags gegen drei Uhr sein mu,
weil ichs bei der Botenfrau auf diese Weise und Stunde bestellt habe -, lufst
Du mir entgegen. - Bei Gott, ich denke oft an vieles. - Und was ist denn das
Leben als der ewige Ci-devant? - Werden denn nicht die reinsten Trommeten der
Lust krumm gebogen und mit Wasser gefllt durch bloes Blasen? - Mu man denn
nicht die lngsten Himmelsleitern - die freilich krzer sind als die
Hllenleitern - blo damit sie stehen, unten auf Dreck aufsetzen, ob man sie
gleich oben an Sternbilder und Polarsterne anlegt? Ganz verdrlich macht mich
dergleichen, sonst nichts. Inzwischen seh' ich sehr auf Antwort, auf mndliche
nmlich, womit Du sogleich entgegengehst dem Wirtshaus zum Wirtshaus und dem Dir
sehr bekannten oder was Gott will.
                                                                   Quoddeus etc.

N. S. Walt, wir knnten Brder sein, ja Zwillinge! Schon der Stamm-Namen
verkittet uns, aber noch weit mehr! -
    Walt nahm Flgel, aber sein Herz war schwer oder voll. Alles, was je ein
Ritter zu Pferde fr leidende Weiber zu tun gelobte, war er zu Fue zu leisten
bereit fr jede und dann fr Wina noch unzhligemal so viel. Auf dem Wege nach
dem Wirtshaus begegneten ihm Neupeters Tchter an Flittes Armen. Vielleicht
wissen Sie es, redete ihn Raphaela an und stimmte den Ton so schleunig um, da
man das Hinaufstimmen vernahm, da Sie beim Generale schreiben und aus Elterlein
her sind, was meine unglckliche Wina macht, ob die Teure noch dort ist? - Vor
Schrecken konnt' er kaum auf den Beinen, geschweige auf Vults schlaffem
Lgen-Seile stehen: Sie ist noch da, sagt' er, schreibt man mir eben. Ich
schreibe noch nicht bei ihr. Ach warum ist sie denn unglcklich? - Es ist
jetzt bekannt, da ihrem Vater, dem General, ein unschuldiger Brief von ihr in
die Hnde geriet, und da darauf ihr Bund mit dem Grafen aufgehoben wurde, o die
Gute! versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstrae. Aber ihre
Schwester verdammte, verdrlich blickend, die Straen-Ausstellung hoher
Bekanntschaften und Trnen; und der lustige Elsasser drohte ihr aus dem warmen
Gewlke oben Regen und schwemmte sie damit davon.
    Raphaela hatte Walts verliebte Blicke ber der Tafel nicht bersehen mit
ihren gerhrten; zur Liebe gehren ohnehin wie zur Grung - sie ist ja selber
eine - zwei Bedingungen, Wrme und Nsse; und mit letzterer begann Raphaela
gern. Es gibt weibliche Wesen - sie darf sich darunter rechnen -, die nichts so
gern haben als Mitleiden mit fremden Leiden, besonders mit weiblichen. Sie
wnschen sich ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in
der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher
Teilnahme und finden wahren Genu in fremden Trnen - denn soviel vermag die
Tugend durch bung -, so wie etwa der Zaunknig nie lustiger springt und singt
als vor Regenwetter. Mendelssohn, der das Mitleid unter die vermischten
Empfindungen bringt, hlt eben darum reine fr weniger schmackhaft.
    Nur den Notar traf die bittere Ausnahme, da ihn das Doppel-Unglck des
Paares glhend durchstach und durchgrub - ob ihn gleich ein guter Engel nicht
auf den Argwohn fallen lie, ob nicht sein an den Vater bergebener Brief das
Scheidungsdekret geworden -; indes setzt' er sich mehr an Klothars als an Winas
Stelle und stieg in die Brust des Jnglings hinein, um von dort aus recht um die
blhende Braut zu trauern und in Klothars Namen an nichts zu denken als an das
geliebte Mdchen.
    Er kam traurig im Wirtshaus zum Wirtshaus an. Vult war noch nicht da. Die
kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemht - erstlich vom
blhenden herrnhutischen Gottesacker das Grummet - zweitens am Wirtshaus ein
Vergimeinnicht und Jelngerjelieber der Erinnerung, nmlich die ausgebrochene
Abendwand, wovor er mit dem Bruder gegessen, war zugemauert. Vult kam. Mit
Flamme und Rhrung flogen beide einander zu. Walt bekannte, wie er geschmachtet
nach Vulten, wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange, und wie sehr er
eines Bruders bedrfe, um das Herz voll vermengter Gefhle in das verwandte zu
gieen. Der Fltenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten und begehrte
die fremde zuerst. Walt tats, erzhlte rckwrts, erstlich Raphaelens Erzhlung
aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief
der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung, drittens die Glcksflle bei
dem General berichtete und endlich mit den zusammengefaten Flammen seines
Sehnens nach Klothar schlo: so nderte Vult das mitgebrachte Gesicht - brach
noch vor dem Wirtshaus auf - schickte den leeren Gaul durch einen
auerordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus - und bat Walten, mitzugehen
und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen.
    Er tats. Vult steckte seine Flten-Anstze aneinander und blies zuweilen
einen lustigen Griff. Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden
Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus, bald schlug er ein wenig mit
der Flte in die Luft.
    Jetzt weit du alles, mein guter Mensch, urteile! sagte endlich Walt. Vult
versetzte: Bester, poetischer Fleu- und Florist! Was soll ich urteilen?
Verdammtes Regnen! - Der Himmel knnte auch trockner sein. Ich meine, was ist zu
urteilen, wenn du mir ber keinen Menschen beitrittst? Hinterher werd' ich dann
ganz schamrot, da ich als ein Mensch, der vielleicht kaum vor ein paar
Stadttore hinaus-, und durch ein paar Flgeltren hineingekommen - denn ich sa
stets -, gegen einen Welt- und Hofmann wie du recht behalten will, der, die
Wahrheit zu sagen, berall gewesen, an allen Hfen - in allen Hfen - Glcks-
und Unglckshfen - in allen Kaffee- und Teehusern Europens - in belle-vue, in
laide-vue - in Mon-plaisir, in Ton-plaisir und Son-plaisir - und so etwas weiter
herum; das war ich aber nicht, Walt!
    Verspottest du ernsthaft meine arme Lage, Bruder? fragte Walt.
Ernsthaft? sagte Vult. Nein, wahrlich mehr spahaft. Was den General anlangt,
so sag' ich, da, was du Menschenliebe an ihm nennst, nur Anekdotenliebe ist.
Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser fr tiefe als die flach
breiten, vollends aber im geadelten; nur breite lange Geschichte wollte der
General von dir aus Langweile, wenn er sie auch schon wute. Freund, wir
Bcher-Menschen - so tglich, so stndlich in Konversation mit den grten
belebtesten Mnnern aus der gedruckten Vorwelt, und zwar wieder ber die grten
Weltbegebenheiten - wir stellen uns freilich den Hunds-Ennui der Groen nicht
vor, die weiter nichts haben, als was sie hren und essen bei Tafel. Gott danken
sie auf Knien, wenn sie irgendeine Anekdote erzhlen hren, die sie schon
erzhlen hrten; - aber ich wei nicht, was du dazu sagst?
    ber Sachen, versetzte Walt, kann man leicht die fremde Meinung borgen
und glauben, aber nicht ber Personen. Wenn die ganze Welt gegen dich sprche:
mt' ich wohl eher ihr als mir glauben?
    Natrlich, sagte Vult. Was Wina anlangt, so ists mir ganz lieb, da sie
ihre weichen Finger wieder aus den grflichen Ringen gezogen. So wei ich auch,
da zwischen dir und dem Grafen die Miheirat eurer Seelen rckgngig wird.
    Darber erschrak der Notar ordentlich. Er fragte ngstlich: warum? Vult
blies einen Lufer. Er setzte dazu, da er dem Jngling seit dem Verluste einer
solchen Jungfrau noch heftiger anhnge; und fragte wieder: warum, lieber
Bruder? - Weil du, versetzte dieser, nichts bist, gar nichts als ein
offener, geschworner Notar, der Graf aber ein Graf; du wrdest ihm auch nicht
grer, wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest - einen
protocollista - einen judex chartularius - scriniarius - exceptor. -
Unmglich, versetzte Walt, ist in unsern Tagen ein philosophischer Klothar
adelstolz; ich hrt' ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben.
    Wir Brgerliche preisen smtlich auch die Fall-und Wasenmeister sehr und
ihren sittlichen Wert, erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und fhren
keine matresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze. - Gott, wenn
soll einmal mein Jammer enden, da ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen
hre? Sei so hflich, Walt, mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben. Bei
Gott, was verstehst denn du von der Sache, vom Adel? oder die Schreiber darber?
    Ich wollte, du bliebest ein wenig stehen oder krchest in jenen
Schferkarren und horchtest mir daraus zu; ich zge aus der Satire, die ich bei
Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht, das aus, was herpasset.
    Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu
setzen, ist ganz kindisch und dumm. Denn wer htte denn keine Ahnen? Nur unser
Herrgott, der sonach der grte Brgerliche wre; ein neuer Edelmann hat
wenigstens brgerliche, es mt' ihm denn der Kaiser vier adelige rckwrts
datierend mit geschenkt haben, wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen
vier geschenkten bedrfte und so fort. Aber ein Edelmann denkt so wenig an
fremde Verdienste, da er sich lieber von 16 adeligen Rubern, Ehebrechern und
Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag
geleiten lsset, als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Brgerlichen davon
hinwegfhren. Worauf stolziert denn der Edelmann? Zum Henker, auf Gaben; wie du
und ich als Genies, wie der Millionr durch Erbschaft, wie die geborne Venus,
der geborne Herkules. Auf Rechte ist niemand stolz, sondern auf Vorrechte.
Letztere, sollt' ich hoffen, hat der Adel. Solang' er ausschlieend an jedem
Hofe aufwarten, tanzen, der Frstin den Arm und die Suppe geben darf und die
Karte nehmen; - solange die deutsche Reichs-Geschichte von Hberlin noch nie ein
Paar brgerliche Weibs-Fe am Sonntag unter einer Hof-Tafel angetroffen und
vorgezogen (der Reichs-Anzeiger rede, wenn er kann); - solange Armeen und Stifte
und Staaten ihre hchsten reichsten Frucht-Zweige nie von gemeinen harten Hnden
pflcken lassen, die blo auf die Wurzeln Erde schaffen und von den Wurzeln
leben mssen: so lange wre der Adel toll, wenn er nicht stolz wre, auf solche
Vorrechte, mein' ich.
    Brgerliche werden, wie die Gewchse im alten System von Tournefort, nach
Blumen und Fruchten klassifiziert; Adelige aber viel einfacher, wie von Linn,
nach dem Geschlechts- (Sexual-) System; und es gibt dabei keine Irrtmer. Den
Adelstand ferner verknpft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa. Er
besteht aus einer schnen Familie von Familien; wie Juden, Katholiken,
Freimurer und Professionisten halten sie zusammen; die Wurzeln ihrer Stammbume
verfilzen sich durcheinander, und das Geflechte luft bald hier unter dem
Feudal-Acker fort, bald dort heraus am Thron hinan. Wir brgerlichen Spitzbuben
hingegen wollen einander nie kennen; der Brgerstand ist ungefhr so ein Stand
wie Deutschland ein Land, nmlich in lauter feindselige Unterabteilungen
zersprengt. Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen aus Elterlein, kein
Legationsrat in Koburg nach einem in Halau oder Weimar.
    Darum fhrt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft, der Brger in
eines mit Rudern. Jener ersteigt die hchsten Posten, so wie das Faultier nur
die Gipfel sucht. Aber was haben wir Teufel? Besitzen wir unbeschreibliche
Verdienste: so knnen diese nicht adeln, sondern sie mssen geadelt werden; und
dann sind wir zu brauchen, sowohl zu einem Ministers- als sonstigen Posten.
    Doch der Adel erkennt auch selber seine Kostbarkeit und unsere Notwendigkeit
gern an; denn er schenkt selber deswegen - wie etwan die Hollnder einen Teil
Gewrz verbrennen oder die Engellnder nur siebenjhrig ihre Wasserblei-Gruben
auftun, damit der Preis nicht falle - in seiner Jugend der Welt fast nur
Brgerliche, und sparsam erst spter in der Ehe eines und das andere Edelkind;
er macht lieber zehn Arbeiter als eine Arbeit, weil er den Staat liebt und sich.
    O schweige noch! freilich war dies nur Ausschweifung in der Ausschweifung. -
Abnahme des Adelsstolzes wollen neuerer Zeit viele noch daraus sehr vermuten,
da ein und der andere Frst mit einer Brgerstochter tanzte, wie ich trotz
meines gelehrten Standes mit einer Bauerstochter, oder da ein Frst zuweilen
einen Gelehrten oder Knstler zu sich kommen lie, wie den Klavier- und den
Schneidermeister auch, nicht in seinen Zirkel, sondern zum Privatgesprch. Meine
Leute, mes gens sagen sie von den Bedienten, um sie von uns andern Leuten zu
unterscheiden.
    Warum reitest und kletterst du aber so eifrig an einem der hchsten
Stammbume hinan? - Da ich meines Orts droben sitze, als Herr van der Harnisch,
hat seinen guten Grund: ich fenstere auf dem Gipfel meinen Zirkel aus und
erhebe, was drunten ist, euch Brger-Pack; kein Mensch kann sich rhmen, den
Adel noch so gergert zu haben als ich; nur in Stdten, wo ich nicht von Geburt
war, mut' ich mich von ihm rgern lassen, wenn er unter dem Vorwand, meine
Person zu schtzen, mich zur Tafel bat, um meine Flte zu kosten; dann blies ich
aber nichts, sondern ich dachte: ich pfeif' euch etwas. Dem weich' ich jetzt
ganz aus.
    Walt versetzte: Ich will deinem halben Ernste ganz offen antworten. Ein
Dichter, fr den es eigentlich gar keine gesperrten Stnde gibt, und welchem
sich alle ffnen sollten, darf wohl, denk' ich, die Hhen suchen, wiewohl nicht,
um da zu nisten, sondern den Bienen gleich, welche ebensowohl auf die hchsten
Blten fliegen als auf die niedrigsten Blumen. Die hhern Stnde, welche nahe um
das sonnige Zenith des Staates leuchten, als hohe Sternbilder, sind selber schon
fr die Poesie durch eine Poesie aus der schweren tiefen Wirklichkeit entrckt.
Welch eine schne freie Stellung des Lebens! Wr' es auch nur Einbildung, da
sie sich fr erhoben hielten, und das zwar geistig - denn jeder Mensch, der
Reiche, der Glckliche ruht nicht eher, als bis er aus seinem Glck sich ein
geistiges Verdienst gemacht -: so wrde dieser Wahn Wahrheit werden; wer sich
achtet, den mu man achten. Welch eine hohe Stellung, alle mit einerlei
Freiheit, alles zu werden - alle im Triumphwagen derselben Ehre, die sie
beschtzen mssen - -
    Es ist pechfinster, sagte Vult, aber ich bin wahrlich ernsthaft.
    - die einzelnen Namen verewigt und in Wappen-Werken wie Sterne gezhlt und
fortglnzend, indes im Volke die Namen wie Tautropfen ungeordnet verlschen -
und in der heiligen Nhe des Frsten, der sie zart behandelt und im Wechsel
seiner Reprsentation, es sei als Gesandte oder Generale oder Kanzler - nher
dem Staate verwandt, dessen groe Segel sie aufziehen, wenn das Volk nur rudert
- wie auf einer Alpe nur von hohen Gegenstnden umrungen - hinter sich die
glnzende knigliche Linie der alten Ritter, deren hohe Taten ihnen als Fahnen
vorwehen, und in deren heilige Schlsser sie als ihre Kinder einziehen - -
    Glaube mir auf mein Wort, sagte Vult, ich lache nicht -
     - vor sich den Glanz des Reichtums, der Gter, der Hfe und einer
blhenden Zukunft - Und nun vollends die schne freie Bildung, nicht zu einem
abgehauenen eckigen Staats-Gliede, sondern zu einem ganzen geformten Menschen,
welche ihnen Reisen, Hfe, gesellige Freuden unter Gemlden, unter Tnen und am
meisten ihre noch mehr gebildeten, schnen Frauen, deren Reize kein Gewicht der
Not und Arbeit erdrckte, leicht und froh zuspielen, so da im Staate der Adel
die italienische Schule ausmacht, und das arme Volk die niederlndische. - -
    Der Fltenspieler hatte bisher fters, wiewohl mit verdchtiger Stimme,
geschworen, er ziehe nicht eine Miene zum Lachen - beteuert, er wolle nicht Vult
heien, wenn er die Finsternis benutze und darin still lchle - wiederholt, er
sei kein solcher Mann, der lache, sondern so ernst wie ein Totenvogel. Jetzt
aber lachte er hell und sagte indes so viel: Walt, um wieder einmal auf deinen
Grafen zu kommen - schere dich nichts um mein dummes Gelchter ber etwas
anders, ich bin doch ernsthaft -, den du sonach in Bildungs-Bezug fr einen
Raffael hltst und dich fr einen Teniers, wie wollet ihr zwei Figuren euch denn
auf einer Leinwand paaren? -
    Walt schwieg verwundet, weil er sich gar nicht fr einen Teniers, sondern
eher fr einen Petrarca ansah. Aber Vult drang heftig auf das Bindemittel, das
der Bruder sich zutraue.
    Ich glaubte, dadurch, sagt' er leise demtig, wenn ich ihn recht liebte.
Vult wurde etwas bewegt, blieb aber unerbittlich und sagte: Um dir aber
zuzutrauen, da du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen knntest, mut du
dich, so bescheiden du auch tust, innerlich fr einen zweiten Karpser halten,
ganz gewi?
    Wer war dieser? fragte Walt.
    Balbieramtsmeister in Hamburg, wovon noch die Karpserstrae in der Stadt da
ist, weil er darin wohnte; ein Mann, darf ich dir sagen, von so feinen Sitten,
so voll belebter Reden, so zauberisch, da Frsten und Grafen, die nach Hamburg
kamen, ihr erstes und grtes Vergngen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem
Dreckwall oder im Scheelengang und in den Alster-Alleen suchten und fanden,
sondern lediglich darin, da unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen
wollte.
    Der Notar, sich fr einen versteckten Petrarca haltend, vermochte gar nicht,
den Balbier-Amtsmeister so hoch ber sich zu sehen; er sagte aber, erweicht
durch einen ganzen Nachmittag, nichts als die Worte: Wie glcklich ist ein
Edelmann! Er kann doch lieben, wen er will. Und wr' ich einer, und ein
redlicher gemeiner Notar gbe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und
Treue: wahrlich ich wrde sie bald verstehen und ihn dann nicht ein Minute lang
qulen, ja ich glaube, eher gegen meinesgleichen knnt' ich stolzer sein.
    Himmel, weit du was, fing pltzlich Vult mit anderer Stimme an, ich habe
ein sehr treffliches Projekt - in der Tat fr diesen Fall das beste - denn es
lset alles auf und bindet dich und den Grafen (falls er deinem Bilde
entspricht) schn auf ewig.
    Walt zeigte ihm seine Entzckung darber ganz und die Neugier, womit er es
zu hren kaum erwarten knne. Aber Vult versetzte: Ich glaube, morgen oder
bermorgen lass' ich mich mehr heraus. - Walt flehte um das Projekt, sie waren
nahe am Stadttore und Abschied. Vult antwortete: So viel kann ich sagen, da
ich nie Proschekt sage, sondern entweder franzsisch projet oder lateinisch
projectum. - Walt fragte, ob er denn nicht seine Freude ber den bloen
Vorschlag merke, und ob er nicht denke, da sie noch strker steige durch
Erffnung. Gewi! sagte Vult. Allein das projet gehrt ja in eine ganz andere
Nummer, sag' ich dir, denn die heutige ist aus und gute Nacht!

                              Nr. 31. Pillenstein


                                  Das Projekt

Purzel tuts, fuhr heftig Vult in die Stube des Notars, der freudig versetzte:
Das gebe Gott, und was denn? -  Ich erklre alles, und Purzel ist der
Theaterschneider, mein Hausherr, erwiderte Vult mit den Blitzen der Laune im
Auge, weil er eben die Digression ber den Adel fr den Doppel-Roman zu Papier
gebracht. - So viel gibst du zu, da du einige Heft-oder Demantnadeln zur
Bundes-Naht mit Klothar - was eben mein Projekt sein will - vonnten hast.
Handlungen freilich galten von jeher fr die besten Fhren zum Herzen, fr die
rechten Kernschsse zur Brust, da Worte nur Bogenschsse sind, oder was man
will. Einem einen Uhrschlssel abkaufen, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr
am bedeckten Gehuse eines Menschen auf als dreiig djeuners in einem Monat von
31 Tagen. Wolltest du also dem Grafen z.B. nur einen Stein ins Fenster werfen
oder an das Schulterblatt: so kmest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf
leicht in nhere Verbindung; oder ebenso auch, wenn du im Finstern auf ihn
losfahren, ihn bei den Rockklappen packen und nicht loslassen wolltest, weil du
ihn fr deinen Bruder gehalten httest, den du so unbeschreiblich liebtest,
gbest du vor. Da aber das nicht geht, so hre: Mein Hausherr Purzel hat jetzt
viele turnier- und tafelfhige Kleider in Arbeit, die er fr das Theater kehrt
und wendet; ich staffiere dich mit einem vollstndiger aus - habe vorher dem
Grafen, da ich ihn kenne, in einem Billett geschrieben, ich wnschte sehr, eines
Abends vor ihm zu blasen - bringe dich dann mit (sprich noch nicht) und lasse
dich von ihm ohne besonderes artikuliertes Lgen fr einen Edelmann ansehen,
blo weil du (das macht man ihm weis) mein Freund bist und wir miteinander
umgehen. Dann kann sich das Adels-Pergament unmglich mehr als Scheide- und
Brand-Mauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen; und falls der Graf
wirklich nicht, wie ein Eisstck, ebensoviel Eis unter dem Wasser verbirgt, als
er daraus vorhebt: so seh' ich euch, weil du unter und hinter der Flte ihm
alles sagen und zeigen kannst, vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden
stehen, und ich bin freudig das Kopuliermesser24. - - Jetzt sprich!
    Gttlich, gttlich! rief Walt und umhalsete Vulten. Ich stehe dann auf
dem Wagenstern der Liebe und rolle durch Himmel. Aber wenn ich ihn habe, den
Lieben, ja dann mu ich durchaus noch denselben Abend - meinen drftigen Namen
sagen; nicht nur ein heies Herz, auch ein offnes mu ich ihm bringen; es tut
dann nichts mehr. -
    Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald, womit seinen
romantischen Geist anfangs das Wagstck berauschte. Das Gewissen stellte sich
kalt mit der Waage hin und wog nach Skrupeln. Er konnt' es nicht recht finden,
die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangen, wenn er dieses auch nachher
vertilge. Der Bruder versicherte darauf, er woll' ihn blo fr seinen Verwandten
desselben Namens ausgeben, was ja wahr sei, ferner das von im Feuer der Rede
vergessen. Aber wenn ich nun zuletzt sage, ich bin dein Zwillingsbruder, was
sagst denn du? sagte Walt. - Herr Graf, sag' ich, versetzte Vult, er ist
allerdings der Bruder, ja Zwillingsbruder meines Herzens, und geistige oder
kanonische Verwandtschaft, dcht' ich, glte wohl hienieden, da ja unser
Herrgott selber eine dergleichen mit uns Bestien im allgemeinen verstattet und
sich unsern Vater nennen lt. - Ist diese Verwandtschaft nicht wahr?
    Walt schttelte. Was, fuhr der Fltenspieler fort, es wre nicht so,
nmlich da wir uns geistig verbrderten? O Zwilling, wer ist verwandter?
bedenke! Wenn Krper Seelen rnden und Herzen gatten, so dcht' ich, ein Paar
Zwillinge - um neun Monate frher einander verschwistert als alle andere Kinder
- in ihrer zweischlferigen Bettstelle des ersten Schlafes ohne Traum - teilend
alle und die frhesten und wichtigsten Schicksale ihres Lebens - unter einem
Herzen schlagend mit zweien - in einer Gemeinschaft, die vielleicht nie im Leben
mehr vorkommt - gleiche Nahrung, gleiche Nte, gleiche Freuden, gleiches Wachsen
und Welken - beim Teufel, wenn ein solcher Fall, wo im eigentlichsten Sinn zwei
Leiber eine Seele ausmachen, wie ja der alte und erste Aristoteliker, nmlich
Aristoteles selber, begehrt zur Freundschaft; zum Sakerment, wenn von solchen
Personen nicht der eine Zwilling sagen drfte, er sei mit dem andern geistig
genug verwandt, Walt, wo wre denn noch Verwandtschaft zu haben auf Erden? Kann
es denn, du ordentlicher Bruder-Mrder, frhere, nhere, ltere, peinlichere
Freundschaften geben als bei solchen Zwillingen? O Gott, du lachst ja ber
Gerhrte! schlo er wild und fuhr heftig mit der ganzen breiten Hand ber die
Augenknochen.
    Da wr' ich ja der Hlle wert, rief Walt und fing dessen Hand, um sie auf
sein nasses Auge zu decken - O Bruder, Bruder, weit du es denn nie, wie ich
dich fasse und deinen weichen Geist im strksten Scherz? Ach wie ist dein
Inneres so schn und mild, und warum wei es denn nicht die ganze Welt? - Darum
aber, was wr' ich, wenn ich es litte, was du bei Klothar wagen wolltest fr
mich? Nein, fremde Opfer mag man wohl annehmen, um von Martern loszukommen, aber
nie, um mit ihnen Freuden einzukaufen. Die Sache geht nicht, guter Vult!
    Aber hier war dieser schon die Treppe hinab. Indes, je mehr der Notar
nachsann, desto unbilliger fand ers, auf Vultens Kosten den Himmel der
Freundschaft zu erstehen. Zuletzt schrieb er ihm bestimmt, sein Gewissen leid'
es unmglich.
    Wenige Stunden darauf antwortete Vult folgendes:

        P. P.

Fraterkul! Eben erhalt' ich des Grafen Jawort mit Deinem Neinwort; Du mut also
mit, oder meine Ehre leidet gewaltig. Fleuch und flieh in einer guten Stunde zu
mir. Dein Umkleid oder Masken-Charakter liegt schon auf dem Stuhl. Der Friseur
ist bestellt mit Vorsteck-Locken. Sporen und die Steifstiefel darzu stehen auch
fertig. Glaube mir aber auf Ehre, da ein Bhnen-Habit fr dich ausgelesen ist,
der nicht simuliert, sondern nur dissimuliert. Ein anders - als was ich tue und
miete - wre, wenn ich Dich in einen Berghabit oder in eine Mnchskutte oder in
einen Waffenmantel oder in ein Bischofs-Pallium oder in englische
Kapitns-Uniform oder in den Satan und seine Gromutter steckte; so hingegen
fllest Du proper aus und unkenntlich, und dabei doch sittlich und wahr. Versuch
ihn nur bei mir an, Deinen polnischen Rock und Mantel der Liebe fr Klothar.
Purzel denkt gut, ja wohlfeil. - Ich schmachte freudig nach dem Spa. Der Abend
macht Dich noch unkenntlicher, des Puders gar nicht zu gedenken, den Du
weglassen mut. Dir zu schreiben vergess' ich ganz, da ich nmlich - als ich
den guten Grafen anfangs ins Rosental eingeladen zu einem matten Souper,
natrlich ohne Deiner Erwhnung - von ihm umgekehrt in seinen Garten invitieret
worden. Komme bestimmt, ich brenne. Denn dieser Abend fllet Definitiv-Sentenzen
und Mandate ohne Klauseln ber 40 bis 50 tausend Abende nachher. Gegenwrtiges
schreib ich fast gerhrt; - Garrick wute das bloe Alphabet so herzusagen, da
die Leute dazu trnten; aber woraus besteht denn alles, was angreift, als aus
Alphabeten? - Herzen gleichen Gnse-Eiern: die, so in lauem Wasser nicht sich
bewegen, sind faule und tote - Gott, ich werde heute so blasen, so trillern! Ich
freue mich freilich zu sehr.

P. S. Ich mu Dir doch berichten - anfangs wollt' ich nicht -, da Dein
knftiger Freund Klothar morgen frh um 3 Uhr auf und davon reiset, wie er sagt,
nach Dresden - eigentlich aber wohl, wie ich sage, nach Leipzig, um durch die
protestantische Mutter die katholische Braut sich anzuhren. Bist du nicht der
vollstndige Schomaker II.: so kommst Du heute und schlgst als Brger mit dem
Edelmann den Pedal-Triller der verwobenen Freundschaft. Denn wo wre Lge,
sobald ich nicht sage - und Du ohnedies nicht -, da Du ein Edelmann bist,
sondern ich nur anfangs, da Du mein Freund - und Du zuletzt, da Du ein
Notarius bist - wo, frag' ich?

Ach, ich komme freilich! schrieb Gottwalt zurck.

                        Nr. 32. Heller im Strauenmagen


                              Menschenha und Reue

Personen, die Vults alten, noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen,
durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen
Notars und finden deren nicht weniger als zwei. Der erste geheime Zweck Vults
ist wahrscheinlich der, sich mehr zu rgern als bisher und dadurch - indem er
der brderlichen Freundschaft gegen den Grafen zusieht oder gar der Erwiderung
derselben - sich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreiben, ohne welchen, seiner
bekannten Meinung nach, an Vershnungen gar nicht zu denken ist, auer an
schlechte. Freundschaftliche Eifersucht ist viel strker als liebende, schon
weil sie nicht, wie diese, ihren Gegenstand zu verachten vermag. - Die zweite
Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel- oder Hornschlu
grnden, da der Graf den Notar - wenn dieser den adeligen Pfauenschwanz fallen
lassen - als nackte Notariats-Krhe entweder wild aus Herz und Garten jagt (dann
gewnne eben Vult), oder ihm, wie eine Krhe der andern, nichts aushackt (dann
knnte Vult sehr zanken und sich spt vershnen); - und einen dritten Fall gibt
es eben nicht.
    Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an. Hier, sagte Vult,
liegt der menschenhassende Meinau aus Kotzebues Menschenha und Reue auf dem
Stuhl und zeigte auf den feinsten berrock, den Purzel fr edle
Bhnen-Charaktere gekehrt hatte, ferner einen langhaarigen Rundhut, gespornte
Steifstiefel, drei Ellen lange Halsbinden fr den Hals, um die Farben im Gesicht
zu unterbinden, und seidene Unterkleider. Aber was vorher leicht durch den ther
der Einbildung flog, steckte jetzt fest vor Walt in der unbehlflichen
Gegenwart, und die Snde zerfiel in Snden.
    Beim Henker, sagte Vult und streifte dem Notarius das Zpflein herunter,
skrupelst du doch, als knnt' es nicht ebensogut eine An- als Verkleidung
vorstellen. Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stiefeln und Sporen?
Versuere mir nichts! -
    Ein Friseur erschien. Das ganze Haar mute in unzhlige Locken zurckrollen.
Darauf wurd' er hermetisch mit Seide und Tuch versiegelt; und sein Kern wuchs
ganz in die Kotzebuesche Schote hinein.
    Unterwegs schwur ihm Vult, er sei - schon wegen der Dmmerung - unkenntlich
genug; und ein Groer sehe und behalte kein Brgergesicht. Am Ende wurd' ihm
selber der Notar, der blhend, liebe-zitternd neben ihm ging, ordentlich zum
menschenfeindlichen Meinau. Es fehlt nicht viel, sagt' er, so fall' ich dich
an, weil ich denke, ich habe Meinau vor mir, der sich einige Akte lang
schmeichelte und angewhnte, die Menschen zu hassen aus Mdchen-Liebe, wie etwan
Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind, da sie trommeln wie Krieger.
Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollegienrat K. abmalen, aber nicht
Dieterichs-Felsen. Mit seinen Patent-Herzen, wie Pott mit Patent-Fen zum
Knien, steh' er feil, sogar mit verchtlichen, aber nur nicht mit verachtenden!
Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjesuit, wenn man berall vor und auf der
Bhne Jnglingen begegnet, die Fait von Menschen-Verachtung machen, weil ein
Mdchen sie ein wenig verachtet hatte - Trpfe, bei denen der misanthropische
Tollwurm nur, wie bei Hunden, im Zungenbande besteht und denen er, wie Kindern
der Wurm, abginge, wenn man sie strkte - Walt, unterstehst du dich auch und
hassest die Menschen? - Nicht einen, auch nicht einen unglcklichen
Menschenfeind (sagt' er unendlich sanft), aber du fragst doch sehr hart. -
Vergib, versetzte Vult, ich fahr' schon seit zehn Jahren auf und los, wenn
ich nur etwas vom Theater rieche, und wr's nur ein Souffleur, oder der
Souffleur des Souffleurs, der Poet, ja ein bloer Hofrat - da doch die meisten
Theater-Helden, wie in Dorpat die Professoren, Hofrats-Rang haben -; denn, das
Schauspielervolk ausgenommen; zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das
Bhnenschreibervolk; Spieler und Schreiber verkrpern und beseelen sich
wechselseitig; und bekielen sich mit Lanierschwnzen - Lanierschweife? fragte
Walt.
    Sind der Schwanz, versetzte Vult, den ein Falkenier einem abkrftigen
Falken in die offnen Kiele des ausgefallenen knstlich einklebt mit ein wenig
Hausenblasenleim. Die armen Schauspieler (transzendente Statisten) sind die
Statuen, welche25jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern
fodern, um davon zu leben.
    Sie kamen im Park an, wo ihnen der Graf mit seiner einfachen, ernsten,
vornehmen Haltung entgegenging. Es ist mein Freund und Verwandter gleiches
Namens, stellte Vult den gekehrten Meinau dem Grafen vor, - seine Liebe zur
Flte treibt ihn mir nach. Walt machte statt vieler Entschuldigungen - die ihm
der Bruder abgeraten - ganz keck nur einen Bckling, weil der Graf, hatte Vult
gesagt, wenig Welt bese, wenn er ihn in seinem Garten ausfragen wollte, wie
ein Katechet unter dem Tore.
    Walt dachte gleichfalls zu redlich, um vor dem Grafen etwas anders, nur den
schwchsten Gedanken, zu verkleiden als seinen Leib. Vult hatte recht gehabt,
da Groe, die auf Reisen und an Hfen an zwanzig Heere von Menschen gesehen,
nicht leicht den Nachtrab aus einem Notarius sonderlich im Kopfe behalten und
aufheben; Klothar sah ihn ein wenig sinnend an, kannte aber den viellockigen,
zopflosen, dickbindigen Kavalier in der Dmmerung nicht.
    Letzterem wurd' es etwas eng in seiner Meinaus-Haut. Die Verkleidungen in
Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor. Wie im Zimmer
das Wetter, so ist im Freien die schne Natur der Notpfennig und Hecktaler des
Gesprchs - Walt hatte dem Grafen kein Hehl, da diese Stelle (wo er einmal
abends dem Musizieren zugehret hatte), mit der Katarakte hinter dem Rcken, der
Vestalin-Statue dabei, den fernen Hhen, ihre wahren Reize habe. Klothar aber
wollte wenig daraus machen, sondern versicherte, jeder Park gefalle nur einmal.
    Der Fltenspieler war so wortkarg und hflich gegen den Grafen, als dieser
selber und sparte Laune und Zunge nur der Flte auf. Die Gebrder Harnisch
wurden mit einem mehr aus Blttern als aus Beeren gequetschten Wein bewirtet.
Der Graf trank keinen; Walt aber einigen, um wie ein Schmied Verstrkungs-Wasser
ins Feuer zu sprengen. Vult, ber den Krtzer und alles aufgebracht, ging
schnell mit der Flte auf und ab, ohne zu blasen.
    Klothar berlie ihn seiner Laune. Endlich fing er (lustwandelnd dabei) sein
Fltenkonzert ein wenig an und blies aus Knstler-Klte gegen jenen nur obenhin
- zerstckte Phantasier-Galoppaden - musikalische Halbfarben zu Halbschatten -
starke Eingriffe in die Flten-Saiten, wie sie die Faust eines Sturmwinds auf
die olsharfe tut.
    Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absetzen das Gesprch
angenehm durchschossen, in welches sie miteinander geraten durften unter solcher
Musik. Der englische Park wurde ein Postschiff, worauf beide nach England
bersetzten, um es einmtig zu besehen und zu erheben. Klothar lobte die
britische Ungeselligkeit: Zu gewissen Fehlern gehren Vorzge, sagte er. Nur
Blumen schlafen, nicht Gras, sagte Walt, der durch Poesie und bersicht leicht
die fremde Meinung in seine bersetzte und umgekehrt. Wer immer nur die Morgen-
und Sonnenseite sucht, findet leicht berall Wrme und Licht. Klothar
behauptete, da die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein
Geschlecht. Walt tournierte seine Anwort dergestalt, da sie so klang: Auch im
Bestreben, die Ungleichheit zu vergessen, mssen beide Freunde gleich sein;
aber seine Aussprache war ein wenig buerisch, und sein Auge blickte nicht fein,
sondern es strmte klar ber von Liebesfeuer. Der Graf stand ruhig auf und
sagte, er entferne sich nur einen Augenblick, um die Abreise eine halbe Stunde
spter anzuordnen, und er gestehe, er sei selten so leicht verstanden worden als
diesen Abend.
    Mit unsglicher Entzckung sagte Walt leise zu Vult: Habe Dank, habe Dank,
mein Vult! - O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns, und
wr' es noch so frostig, zum Mae seines Wertes machen! Wieviel reiche Seelen
gehen uns durch Stolz verloren! - Ich sag' ihm nachher alles, Vult. - - Der
Krtzer aber, versetzte Vult, knnte etwas besser sein. - Das tu! - Ich halt'
ihn selber fr keinen selbstschtigen Eisvogel und Frost-Zuleiter weiter. - Er
wute zwar von deinem Gesichte und von der schnellen Kur meiner stadtkndigen
Erblindung nichts mehr; es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin
darin, da ein fremder Mensch ihm weniger sein mu als sein eigner. Und hier
ergo er sich, ohne Antwort abzuwarten, in seine Flte, seine zweite Luftrhre,
sein Feuerrohr, und blies schon trefflich, als der Graf kam.
    Dieser hrte das Spiel aus und sagte nichts. Walt konnte nichts sagen; er
hatte den Mond, den Grafen, den Wein, die Flte und sich selber im Kopfe. Der
Mond hatte die mit Windmhlen besetzten Hhen erstiegen und glnzte vom Himmel
herunter in die weite Ebene und den Flu voll Licht. Der Notar sah auf dem
Gesicht des Jnglings ein ernstes, tiefes und schmachtendes Leben wehmtig im
Mondschein blhen. Die Tne wurden ihm ein Tnen, die Flte setzt' er schon als
ein Posthorn auf den Bock, das ihm den neuen Freund und die seste Zukunft
davonblase in weite Fernen hinein. Und wo kann der Gute wiederfinden, dachte
Walt, was er verlassen und beweinen mu, eine Geliebte wie Wina? - Lnger
konnt' er sich nicht halten, er mute die zarte Hand des Grafen haben.
    Da er unbeschreiblich delikat sein wollte, und zwar in einem Grade, der,
hofft' er, ber die ltesten franzsischen Romane der franzsischen Weiber
hinauslief: so erlaubt' er sich nicht von weitem zu bemerken, da die Achse an
Klothars Braut-Wagen zerbrochen sei. Wir htten uns frher, sagte der Graf und
drckte die Hand, sehen sollen, eh' die Sphinx, wie ein sehr wackerer Dichter
die Liebe beschreibt, mir die Tatzen zeigte. - Walt war der wackere Dichter
selber gewesen. Mit diesem silbernen Leitton wurd' er ordentlich von dem zur
Saite gespannten Liebesseil, das ihn gab und worauf er tanzte, aufgeschnellt, er
konnte die Himmel nicht zhlen (der Flug war zu schnell), wodurch er fuhr. Er
drckte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und
sagte - nichts von seiner dichterischen Vaterschaft, sondern -: Edler Graf,
glauben Sie mir, ich kannte Sie schon frher, ich suchte und sah Sie lange - -
Blase, Guter, wandt' er sich pltzlich zu Vult, der zwischen Himmel und Hlle
auf- und niederfuhr mit jener mnnlichen Lustigkeit, die dem weiblichen
hysterischen Lachen gleicht, milder, blase Hirtenlieder, Lautenzge,
Gottesfrieden.
    Vult spielte noch fnf oder sechs Kehrause und Valetstrme und hrte gar
auf, weil er sich zu gut dnkte und es zu lcherlich fand, den Abfall von seinem
Herzen, den Text abtrnniger Empfindungen in Musik zu setzen. Auch ich entsinne
mich Ihrer Erscheinung, aber dunkel, doch wnsch' ich Ihr Inkognito nicht zu
brechen, versetzte der Graf. Nein, es werde gebrochen (rief der Notar), ich
bin der Notarius Harnisch aus Elterlein, derselbe, der den Brief des Fruleins
Wina im Park fand und bergab.
    Was? sagte der Graf gedehnt und stand als Knig auf; er besann sich aber
wieder und sagte ruhig: Ich bitte Sie sehr ernsthaft um Ihren Namen und
besonders um die Erffnung, inwiefern Sie in die Brief-Sache verwickelt waren.
Walt sah sich nach dem Fltenisten um; aber dieser war nach seinen Sturm-Sten
in die Flte seitwrts in einen Gang getreten, um zwei Herzens-Ergieungen aus
dem Weg zu gehen, wobei nach seiner berzeugung nichts Geringeres als es selber
ersoff.
    Walt erschrak ber des Grafen Erschrecken und sagte: er wnsche herzlich,
nichts Unangenehmes gesagt zu haben. Gott, was ist mit meinem Bruder? rief er;
eine Schlgerei und Vults Stimme lrmten im Gebsch. Im Park ist keine Gefahr,
sagte der Graf, nur weiter, weiter! - Walt erzhlte schnell das Finden des
offnen Briefes im Park. Was, Monsieur? rief jener laut neben dem lauten
Wasserfall. Er kann sich unterstehen, meine Briefe, die Er in meinem Parke
aufgelesen, dem Generale zu bergeben, um sich bei ihm einzuschmeicheln, weil
dieser der Rittergutsherr von Elterlein ist, Herr?
    Walt wurde wie von zwei Blitzen getroffen, gelhmt und gereizt; mit
sterbender milder Stimme sagt' er: Ach Himmel! das ist aber zu ungerecht -
Unglck ber Unglck - ich bin wohl unschuldig- Nein, nein, nur nicht so
entsetzlich ungerecht sei man - Und es war in Neupeters Park. -
    Vult hrte Klothars Stimme und lief aus der Mooshtte her, worin er aus
Verdru seine alte Kunst, mit seinem Ich eine prgelnde Stube vorzustellen,
getrieben hatte. Walt stand an der Statue der Vestalin, die den Kopf senkte, als
wr' er ihr Ehemann. Der Fltenist, auf eine noch geistigere Schlgerei
treffend, als seine gewesen, sah aus allem, da Walt seine adelige Hlse und
Raupen-Haut abgesprengt habe und als feste unbewegliche Puppe dahnge. Er bat
sich sogleich vom Grafen einige Erklrung des Unwillens aus.
    Sie liegt in der Sache, versetzte, ohne ihn anzusehen, dieser, nur
begreif' ich nicht, wie man keck genug dieselbe Person aufsuchen kann, deren
Briefe man lieset, man usurpiert und man in falsche Hnde spielt, die
ausdrcklich darin verbeten wurden. - O ich habe nichts gelesen, sagte Walt,
ich habe nichts getan; aber ich erdulde gern das hrteste Wort, da ich ein
solches Unglck ber Sie gebracht, sagte Walt und zog im Krampf der Hand einen
kurzen Theaterdolch aus dem menschenfeindlichen berrock und schwang ihn
unbewut. Der Graf bog sich ein wenig zurck vor dem Sack-Stilett: Was soll
das? sagt' er zornig. - Herr Graf, fing Vult sehr stark an, auf mein
Ehrenwort, er hat nichts gelesen, sag' ich, ob ich gleich nicht wei, von was
die Rede ist. - Gottwalt, besieh, was du in der Hand hast! Glhend stie dieser
die Waffe in die Scheide der Tasche.
    Herr van der Harnisch, wandte Klothar sich zum Fltenspieler, von Ihnen
hab' ich mir eine besondere Erklrung auszubitten, inwiefern Sie mir diesen
Notar unter fremdem Namen prsentieren konnten. - Ich stehe zu jeder da,
versetzte Vult, als meinen Freund und Verwandten gab ich ihn - das bleibt er -
ich konnt' ihn auch als mutmalichen Gesamt-Erben der van der Kabelschen
Erbschaft prsentieren. Ist sonst noch eine Erklrung ntig? - Ich wrde sie
fordern, versetzte der Graf, wenn ich nicht eben in den Reise-Wagen stiege. -
Ich bin erbtig, nachzusteigen und darin auseinanderzusetzen oder berall,
sagte Vult und ging dem Grafen beleidigt nach, der auf seinen Wagen mit stolzer
Klte zuschritt. O hr auf mich, schone mich, bat Walt, du weit nicht, was
ich ihm genommen. -
    Der Narr soll nicht hitzig reden, und du bist auch einer, fuhr er den
Notarius an. Hr. Graf, Sie sind mir noch Antwort schuldig, sagte Vult. Gar
keine; aber ich frage: Sind Sie beide Brder? sagte Klothar.
    Vater und Mutter mssen Sie fragen, nicht mich, sagte Vult. Der
unglckliche Notar konnte matt den Sargdeckel nicht aufstoen, zu welchem
hinunter er die polternden Zurstungen zu einem Duelle ber seinem Kopfe hrte.
Wenn Sie niemand unter falschem Titel prsentiert haben als sich selber, so
brauch' ich keine Erklrung; von Brgerlichen forder' ich keine, sagte der Graf
und sa im Wagen. Vult lie die Tre nicht schlieen und rief noch hinein:
Knnen denn nicht die zwei Narren von Adel sein - oder gar drei? Aber der
Wagen rollte fort, und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zurck.
    Walt konnte erdrckt dem Menschen kein Glck nachwnschen, dem er das grte
genommen; nicht einmal im Herzen wagt' er es, Wnsche auszudenken. Ohne Worte
schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlornen Eden-Garten. Vult sah den
Bruder unter der innern tiefhngenden Wetterwolke gebogen gehen; aber er sprach
kein Wort zum Trost. Walt nahm dessen Hand, um sich an ein Herz anzuhalten, und
fragte: Wer kann mich noch lieben? Vult schwieg und hielt seine Hand nur
schlaff; Walt entzog sie; das steife scharfe Schweigen hielt er fr eine
Strafpredigt gegen seine Versndigung. Er ging weinend durch die lustigen
Abend-Gassen, neben einem Bruder, um dessen eiferschtige Brust die Trnen wie
versteinernde Wasser nur Stein-Rinden ansetzten.
    Warum hast du mich beschtzen wollen? sagte Walt. Ich war ja nicht
unschuldig. Weit du alles mit dem Briefe? Vult schttelte kalt den Kopf; denn
Walts frhere Erzhlungen davon waren, wie alle seine von sich, aus blder Demut
zu karg und unbestimmt gewesen, als da Vult sein altes, von der Welt gewecktes
historisches Talent, jede Begebenheit rck-und vorwrts zu konstruieren und zu
der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden, sehr dabei htte
zeigen knnen. Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich; er sah und strich
in einem fort ein Faktum malend an; und weiter bracht' ers nie.
    Walt erzhlt' ihm nun das unglckliche bergeben von Winas Brief an ihren
Vater. Ei Teufel! rief Vult verndert, denn er erriet nun alles und erschrak
ber die Verwicklung, in welche er den Bruder gezogen, schuppe dich droben bei
mir ab. - Ja, sagte Walt, und ob ich gleich kein Unglck wollte, so htt'
ich doch die Absicht nicht haben sollen, den Vater und die Braut zu sehen. Ach
wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben: ich bin rein. Das Schicksal
hlt uns (fuhr er auf der Treppe fort) im Zufalle den Vergrerungsspiegel
unserer kleinsten Verzerrung vor - Ach ber dem leisen leeren Wort, ber sanften
Klngen steht eine stille bedeckte Hhe, aus der sie einen ungeheuern Jammer auf
das Leben herunterziehen26.
    Schle dich nur zuvrderst aus dem Hunds-Meinau heraus, sagte Vult
sanfter, als sie ins stille von Mondlicht gefllte Zimmer traten. Schweigend hob
der Notar den Kotzebuischen Zuckergu, wie ein Strom sein Eis, tat sanft den
berrock und Koadjutor-Hut ab und strich die Locken wieder aus. Als Vult im
Mondlicht dem betrbten Schelm das dnne Nankingrckchen wie einen Gehenkten am
Aufhng-Bndchen hinlangt' und er es berhaupt berlegte, wie lcherlich der
Bruder mit dem Korkwams der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben: so
dauerte ihn der getuschte stille Mensch in seinen weiten Steifstiefeln
unsglich, und ihm brach mitten im Lcheln das Herz in zwei Stcke von - Trnen
entzwei. Ich will dir, sagt' er, sich hinter ihn wie hinter ein Schiepferd
stellend, das Zpflein machen. - Nimm aber das Zopfhand zwischen die Zhne; das
eine Ende.
    Er tats fast verschmt. Als Vult gar das weiche Kruselhaar unter die Finger
bekam und den brderlichen Rcken vor sich hatte - der sehr leicht den Menschen
auf einmal tot, fern und abwesend darstellt und durch diese Linienperspektive
des Herzens das fremde mitleidig bewegt -: so hielt er dem Kopfe den Zgel des
Haares ganz kurz am Genick, damit Gottwalt sich nicht umkehren knnte, weil er
ihm mit fast schwerer Stimme (weinen konnt' er in solcher Stellung frei und
lustig, wie er wollte) die Frage tat: Gottwalt, liebst du einen gewissen
Quoddeus Vult noch?
    In der Stimme lag etwas Gerhrtes. Walt wollte sich eiligst herumwerfen,
aber er wurde an den Haaren gehalten. O Vult, liebst du mich denn noch? rief
er weinend und lie das Zopfband fahren.
    Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden, versetzte Vult und konnte
schwer reden, und darum krchz' ich wie ein Hund und wie ein Weib. Beie wieder
aufs Zopfband! - Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneewei, als er
Trnen ber das wellenschlagende Gesicht des Bruders rinnen sah: O Gott! was
fehlt dir? rief er. - Vielleicht nichts oder so etwas, sagte Vult, oder gar
Liebe. So fahr's nur heraus, das verfluchte Wort, ich war eiferschtig auf den
Grafen. Es ist nicht sauber vom Bruder, sagt' ich mir, da er so reviert und
jagt, da man ihm mehr zugetan ist als allen Menschen, die der Satan smtlich
hole, und von welchen ich in der Tat so schlimm denke als irgendein
Kirchen-Vater, ein griechischer oder rmischer. Er mu nur nicht denken, mich
mit lumpiger Geschwister-Liebe abzufinden. Mein junges Leben steht schon sehr
trocken da, die Freihfen der Liebe hat ihr Meer verlassen - und keine Katze
kann hinein und ankern - Bruder, ich hatte oft einige Tage voll Ohrenbrausen,
Nchte voll Herzgespann - Der Donner, ich weinte einmal abends gegen halb 12 Uhr
- -
    Er mute aber innehalten, die Unterlippe des bestrzten Notars zog ein
heier schwerer Liebesschmerz tief herunter. Was betrbt dich so? fragte Vult.
Walt schttelte - schritt weit auf und ab - nahm bald ein Glas, bald ein Buch in
die Hand - sah nichts an - schauete in den hellen Mond und weinte heier. So
sei es gut! sagte Vult; wir wollen die alten sein und umarmte ihn, aber Walt
ri sich bald los. Endlich fat' er sich und sagte schmerzlich: Mu ich denn
alles unglcklich machen? Du bist heute der dritte Mensch. Die drei Wachskinder
in meinem Traum.
    Vult fragte, um ihn von den Schmerzen abzufhren, dringend nach dem Traum.
Ungern, eilig erzhlte Walt: Verhllte Gestalten gingen vor mir vorbei und
fragten mich, warum ich nicht jammerte und nicht bla wrde. Eine nach der
andern kam und fragte. Ich zitterte vor einer ungeheuern Entschleierung. Da
flogen drei bildschne Kinder aus Wachs vom Himmel, sie blickten freundlich,
grten mich. Gebt mir die weien Hndlein und zieht mich hinauf, sagt' ich. Sie
taten es, aber ich ri ihnen die Arme mit der Brust aus, und sie fielen tot
herunter. Und schon als ich erwachte, sah ich noch einen fernen dunkeln
Leichenzug, der auf den Knien weiterzog. Der Traum ist eingetroffen.
    Vult, dem der zornige Schmerz wie weggezaubert war, machte jetzt alle
Anstalten zur Kur des fremden; er stellte ihm alles auf der leichtern Seite vor,
klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken Herzenskammer an, in welchem
ein Schmoll-Kobold und Werwolf hause und feurig blicke, zog das Silber von den
Giftpillen ab, die er bisher in seine Billette eingewickelt hatte, und machte
sein Naturell bekannt, das ohne tchtigen Zank nicht traktabel werde, wie die
Haubenlerche allezeit singe, wenn sie keife, und schwur, Walt sei nicht der
erste, dem er mit diesem Seelen-Pips beschwerlich falle, sondern der letzte;
denn dessen grenzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewi davon her.
    Aber Walt wollte wenig Vernunft annehmen, hielt alles fr opfernde Zartheit
und warf ein, da ihn Vult ja eben gegen den Grafen so feurig beschirmt und
bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe. Aus Gift, Schatz, sagte Vult,
und einigem Stolz dazu, nur darum. Hier, fuhr er fort und holte den mit zwei
Siegeln verschlossenen Brief hervor, lies den Beweis, ich habe dich voraus
gerechtfertiget, und mich besonders.
    Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf, er sagte, er glaubte aufs Wort
und verstehe ihn endlich, und jetzt sei ihm wieder um vieles besser. Vult lie
es dabei und drckte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heien Umarmung
an das Herz, die seinen wilden Geist erklrte.
    Und der Bruder wurde glcklich und sagte: Wir bleiben Brder.
    Nur einen Freund kann der Mensch haben, sagt Montaigne, sagte Vult.
    Oh! nur einen, sagte Walt - und nur einen Vater und nur eine Mutter, eine
Geliebte - und nur einen, einen Zwillings-Bruder!
    Vult versetzte ganz ernsthaft: Jawohl, nur einen! Und in jedem Herzen
bleibe nur die Liebe und das Recht.
    Spae wieder wie sonst, ich lache gewi, so gut ich kann, sagte Walt, zum
Beweise deiner Vershnung; dein Ernst durchschneidet sehr das Herz.
    Wenn du willst, so kann wohl gescherzt werden, sagt' er. Und nein! Bei
Gott nein! - Wenn die Kamtschadalen glauben nach Steller -, von zwei Zwillingen
habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater: so bin ich wahrlich dieser
Wolfs-Bastard-Mestize- du schwerlich. Jetzt, da wir alle klar ber die
Verwicklung sprechen knnen, darf ich dir sagen, da du durchaus rein und recht
gegen den Grafen gehandelt; nur da du zu wenig Egoismus hast, um irgendeinen zu
erraten. Klothar hat fast groen - wahrlich, ich greife heute niemand an,
sondern schlage dir nach - Aber die Philosophen, junge gar, wie er, sind doch
bei Gott den Augenblick egoistisch. Menschenliebende Maximen und Moralien sind,
weit du, nur Scherwenzel; ein Licht ist kein Feuer, ein Leuchter kein Ofen;
dennoch meint smtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab,
sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze, so heize
das Licht beide Kammern zulnglich.
    Lieber Vult, sagte Walt mit der allerzrtlichsten Stimme, erlasse mir die
Antwort; ich darf heute am wenigsten ber den unglcklichen Klothar aburteilen,
dem ich das Schnste genommen, und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit
nchtlichem Herzen in nchtliche Zukunft. Du bist rein, nicht ich; du kannst
sprechen.
    So sprech' ich, sagt' er, der Philosoph hat sich diesen Abend gehutet;
und das bedeutet, wenns Spinnen tun, klares Wetter. Apropos! hute dich, aber
besser und physisch! - Das tat Walt; jener hielt ihn, als er sich zum
Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte. Wie lchelt der Mond, sagte Vult,
im Zimmer herum! Darauf setzte er hinzu: Stelle dich in den sen Schein und
nimm wieder das Band-Ende zwischen die Zhne; jetzt flecht' ich dir dein
Zpflein mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin, pompser
Krauskopf! - Darauf schieden sie ruhig und liebreich.


                                Drittes Bndchen

                             Nr. 33. Strahlglimmer

                               Die Brder - Wina

Selige, heilige Tage, welche auf die Vershnungsstunde der Menschen folgen! Die
Liebe ist wieder blde und jungfrulich, der Geliebte neu und verklrt, das Herz
feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den
vorigen vergessenen Krieg nicht. Schlachten heitern den bezognen Himmel auf;
beide Brder standen nach der ihrigen im hellsten Wetter da und sahen sich und
alles schn beleuchtet. Walt, der nichts war als Lieben und Geben, wute jetzt
gar nicht, wie er beides noch zrter, noch wrmer gegen seinen Bruder sein
knnte; denn er trachtete nach dem hchsten Grade; die Narben der kleinen
Gewissensbisse brannten ihn noch ein wenig, und die Trnen des sonst drren
Vults hatt' er in seiner Seele aufgehoben. Vult stand selber als ein Mensch mit
neuen Melodien aus dem Kanon der Liebe da. Ob er diese gleich mehr durch Taten
als durch Zeichen wirken lie, so war sie doch zu sehen; sein hufiges Kommen,
sein Nachgeben, seine Milde, seine Helfbegierde und bei dem Abschiede wenn er
eben schnell genug die Treppe und Unsichtbarkeit erwischen konnte - oft sein
Bruder-Ku verrieten sein Inneres. Niemand, sagte einst Walt zu ihm, kann
rhrender aussehen als du, wenn du eben die Milde in deine Feueraugen bringst;
so kamen mir immer die Sparter vor, wenn sie mit ihren Flten auf das
Schlachtfeld zogen. - Es mu mir freilich lassen, sagte er, als wenn ein
Seehund Mama sagt27; ja ich mchte es fast einen leisen pianen Sturmwind nennen.
Aber ernsthaft zu sprechen, ich bin jetzt noch bei Konzert-Geld und deswegen ein
gutes frohes Lamm; mein Leben ist ein Buch voll geschlagnen Golds, die Bltter
sind so weich und so beweglich, freilich Gold-Blttchen auch, mein Kind!
    Walt nahm solche Reden gar nicht bel. Soweit indes auch Vult das Lieben
trieb - da er sich fr den nchsten und lachenden Thron-Erben des abgegangenen
Freund-Grafens ansehen konnte -, so merkte er doch, da er darin seinen Bruder
nur bezahle, nicht beschenke, und da dieser ihm stets um einen warmen Tag
voraus war. Einst hrte Vult von seinem Klingeldraht - er hie eine ganze
Mdchenpension so - die ganze heftige Schutzrede wieder, womit der sanfte Walt
gerade in der Liebes-Pause fr ihn gegen seine Antipathetiker an Neupeters Tafel
aufgetreten war. Walt hatte ihm nicht ein Wort davon gesagt - wiewohl aus Liebe
nicht blo gegen den Bruder, sondern auch gegen alle Welt, so wie er aus
doppelter Liebe das Kabelsche Testament, das den Bruder ein wenig beleidigen
konnte, zu zeigen verweigerte. Vult drckte ihm beim Eintritt im Feuer der Liebe
beide Achseln und machte solchem dadurch Luft, da er die Neupeterschen
scherzend handhabte. Aber er traf die falsche Zeit, wo Walt am Hoppelpoppel
schrieb und den Schreib-Arm allen fnf Weltteilen liebend, fhrend bot und wo er
so sehr an den verlornen Klothar dachte, weil er eben im Buch Freudenfeste
findender und gefundner Seelen beging. Mit eigner wehmtiger Freude schrieb er
jetzt daran unter dem Betrauern des abgestorbenen Freundes, so wie sonst mit
Schmerzen unter dem Nachjagen nach ihm; und wunderte sich ber den Unterschied.
Der schne Begeisterungs-Mittag bei Neupeter, auf welchen ihn Vult durch seinen
Dank zurckfhrte, stellte ihm den Grafen zu nahe wieder an die Brust; er
bekannte es dem Bruder ganz offen, wie ihm der Ferne mit seinem ausgeleerten
Dasein und mit der verlornen Wina immer in dem Kopfe liege und so schwer auf der
Brust - wie er ihn einsam in dem zugesperrten Wagen sitzen und zurckdenken sehe
- wie ihn ein solcher aus seinem Himmel in einen Kfig getriebene Adler erbarme
und wie darum keine Marter bitterer auf der Erde gefunden werde als das
Bewutsein, einem edlen Geist irgendeine zugefhrt zu haben. O Vult, trste
mich nur recht, wenn du kannst, sagt' er bei dem heftigsten Ausbruch. Mein
unschuldiger Wille trstet mich wenig. Wenn du zuflligst, ohne bse Absicht, ja
in der besten vielmehr, durch einen der Hlle entflognen Funken ein Krankenhaus
oder ein unschuldiges Schweizerdorf oder ein Haus voll Gefangner angezndet
httest, und du shest die Flammen und darauf die Gerippe: ach Gott, wer hlfe
dir?
    Mir die kalte Vernunft und dir ich (sagt' er, aber ohne Groll). Denn ich
werde mich bei der Mdchenpension hart neben mir an nach den nhern Umstnden
erkundigen. Als ich noch im Erblinden stand, sa ich jeden Abend drben; es ist
die schnelleste Wiener Klapperpost, die mir noch vorgekommen, da sie manche
Sachen schon liefert, indem sie noch geschehen. - Der Graf wird nicht wie du
durch Zuflle entschuldigt fr seine niedrigen Voraussetzungen ber das Lesen
und bergeben des Briefs; er macht es ganz nach Art der Groen und der
gallischen Tragiker, die, um etwas zu erklren, lieber die grte Snde als eine
kleine annehmen, lieber eine Blutschande als Unkeuschheit. Der Notar gestand,
Klothars Versndigung erleichtere die Last der seinigen; blieb aber bei seinem
Gefhl. In der Gesellschaft kann man einen Menschen leichter herabsetzen als
hinauf; bei Walt umgekehrt. Vult ging und versprach, bald wiederzukommen.
    Eines Nachmittags hpfte Flitte, dessen Tanzsaal die ganze Stadt war, in
Walts Stbchen. Er war gewohnt, an jedem Orte so viele und gute alte Bekannte zu
zhlen, als Einwohner darin waren; daher schlug er den zur Volksmenge gehrigen
Notar ohne Umstnde zur Freundes-Menge. Dieser glaubte gern, er komme
seinetwegen, und wurde durch die Freude und die Angst, einen solchen Weltmann zu
beherbergen, etwas auer sich gebracht. Sein Ich fuhr ngstlich oben in allen
vier Gehirnkammern und darauf unten in den beiden Herzkammern wie eine Maus
umher, um darin ein schmackhaftes Ideen-Krnchen aufzutreiben, das er dem
Elsasser zutragen und vorlegen knnte zum Imbi. Er fand wenig, was diesem
schmeckte, aber der Elsasser hatte auch keinen Hunger und keine Zhne. Gelehrte
Studierstuben-Sassen, welche die ganze Woche, tagaus tagein, im Bankett und
Picknick der feinsten, reizendsten Ideen und Gerichte aus allen Weltaltern und
Weltteilen schwelgen, bilden sich gar zu leicht ein, da der Welt- und
Geschftsmann verdrlich und trocken bei ihnen werde, wenn sie ihn nicht immer
hei und fett mit Ideen bergieen am Bratenwender des Gesprchs, indes der
Geschftsmann schon zufriedengestellt wre, wenn er se, und der Weltmann, wenn
er am Fenster stnde oder vernhme, da die Markgrfin gestern bei Tafel unmig
genieset und da der Baron von Kleinschwager, dessen Namen er gar nie gehrt,
diesen Morgen blo durchpassiert, ohne anzuhalten. Gelehrten kann das schwerlich
zu oft vorgestellt werden; sie ziehen sonst immer einen Proviant-Wagen fr die
Gesellschaft mit mehreren oder wenigern Gedanken nach oder gar mit Witz. Rechte
gewhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen
die, da einer das sagt, was der andere schon wei, worauf dieser aber etwas
versetzt, was jener auch wei, so da jeder sich zweimal hrt, gleichsam ein
geistiger Doppeltgnger.
    Mit Flitten, der so leer an Realien war als Gottwalt an Personalien, konnte
dieser wenig anfangen. Indes sprach, sang und tanzte der Elsasser, so gut es
ging, trat oft ans Fenster und oft ans Bcherbrett und suchte darber etwas zu
sagen, weil er gern vor jedem mit dem prahlte, was jeder eben war. Einige
Menschen sind Klaviere, die nur einsam zu spielen sind, manche sind Flgel, die
in ein Konzert gehren; Flitte konnte nur vor vielen reden; und blieb im Duett
fast zu dumm.
    Als endlich der gute Notar an der Langweile, die er zu machen glaubte,
selber eine fand - denn im Gesprch, wie im Pharao, ist erwiesen der Gewinn (des
Vergngens wie des Geldes) nie grer als der Einsatz von beiden -: so studierte
er am Elsasser heimlich den Franzosen (denn Elsa, sagt' er, ist doch
franzsisch genug) und go ihn im Vorbeigehen ab fr den Abgusaal seines Romans
und hob ihn auf.
    Unter dem Gieen macht' er pltzlich das Fenster zu und eine Verbeugung in
den Garten durchs Glas hinaus, weil ihn Raphaela, welche drunten neben Wina der
Vespersonne entgegenging, mit zurckgewandtem Kopfe leicht gegret hatte. - Da
flog Flitte herbei. Raphaela drehte sich, blickte schnell noch einmal um und
erkannte nun diesen. Wina ging langsam und wie schwere Schmerzen tragend
darneben, den Kopf nach der Abendsonne gehoben und das Schnupftuch mehrmals in
die Augen drckend. Raphaela schien heftig zu sprechen und einzudringen und
ordentlich an jeder nebligen Lebens-Stelle verborgnen tiefen Trnen-Quellen
nachzugraben.
    Walt verga sich so, da er laut seufzete. Ich glaube nur, setzt' er
gemigter hinzu, da die gute Generals-Tochter weint. Drunten? fragte
Flitte kalt. So ists in Verzweiflung ber den eingebten Grafen; denn sie kann
seinen Verlust nicht berleben. Ein andermal! - au revoir ami! So flog er in
den Garten hinab.
    Walt setzte sich nieder, sttzte den Kopf auf die Hand, die seine Augen
zudeckte, und hatte einen langen reinen Schmerz. Er war nicht imstand, das
liebliche Angesicht des schnen Mdchens oder dessen Leiden zu behorchen mit
Blicken, wenn sie den Garten herwrts kam. Er erschrak vor der ersten Stunde, wo
er bei ihrem Vater kopieren und ihr aufstoen knnte. Die untergehende Sonne
wrmte ihn endlich mtterlich aus dem Winterschlafe der bsen Stunde auf. Der
Garten war leer; er ging hinunter. Er wute nicht, was er drunten wollte. Im
Gebsch flatterte ein halb zerrissenes feines Brief-Papierblatt. Er nahm es, es
war von weiblicher Hand und enthielt eine aus einem fremden Briefe kopierte
Stelle, wie er aus den sogenannten Gnsefen ersah. Ein halbes Blatt, ein
entzweigeschlitztes, eine Kopie eines zweiten Briefes - einen ersten htt' er
nie gelesen - konnt' er wohl ansehen und lesen:

- Blumen entzwei. Glaub es mir. O wie leicht und froh verschmerzt man eignen
Schmerz! Wie so schwer den fremden, den man, wiewohl schuldlos und gezwungen,
hergefhrt! Wie kann ein Wesen, das doch auch ein schlagendes Herz hat, ganze
Vlker weinen lassen, wenn schon der erste Unglckliche, den man machen mssen,
so wehe tut? Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft, damit sie
nicht meinen Vater qule, der so leicht alles erfhrt! Doch du tust es ohnehin.
Indessen steht mein Entschlu so fest als je; nur will ich ihn bezahlen durch
Schmerzen. Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden, ich gehe
hufiger in die Kirche, ich schreibe fter an meine Mutter, ich bin geflliger
gegen meinen Vater, gegen jede Menschenseele. Denn es gehrt sich, da ich, da
mir die Kirche befiehlt, Freuden zu nehmen, es anderswo einbringe, wo sie es
erlaubt, einige zu vermehren. Meine haben lngst aufgehrt und frher, als ich
Ihn verloren. - O sei Du glcklich, meine liebe Raphaela! - Daraus kannst du
sehen, Schnste, wie diese Wunde meiner W. mein zu weiches Herz zerdrcken mu.
Leb wohl! Das goldne Herz, wenn Du es nicht schon beim Schmied bestellet hast,
mu durchaus drei Lot wiegen. Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter
bekommen.
                                                                Deine Raphaela.

Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit
den freudigsten Mienen; er las es unterwegs gar aus. Du kannst, fing jener
lustig an, meine eustachische Famas-Trompete? - Nmlich meine kumische Sibylle
der Vergangenheit? Das heiet meine Mietfackel? - Himmel, verstehest du mich
noch nicht? Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis (denn
so viele Mdchen sinds)? Zum Henker, die Schnappweife? Die Pension nmlich! Von
dieser nun erfahr ich eben folgendes aus reinster Quelle, weil der General, der
sie zuweilen besucht, ihr, wie alle Neugierige, ebensoviel vorerzhlt als
abhorcht.
    Genau genommen, ists die Dogaressa und Direktrice der Mdchen, die dem
General fr ein paar Neuigkeiten und Hflichkeiten geradesoviel Tchterseelen
opfert, als mir referieren, acht. Es war vorgestern, da der General sein
Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das hl. Abendmahl vor seinem Mittagsmahl
nahm und darauf der Seelen-Arzenei viel nachtrank. Die Tochter mu allemal mit
beichten. Ich wei nicht, ob du viel mit ausschweifenden Groen umgegangen, zu
welchen Mnche am leichtesten sagen wie zu Hunden: faites la belle, fr welche
der Ohrenbeichtstuhl das Absonderungsgef ihres geistigen bertrunks und
berfraes ist, und welche, wie der Norden, ihre Bekehrung den Weibern
verdanken, willst du anders Ludwigs XIV. letzten Stunden glauben. Kurz der
General mag so etwas sein. An seinem Geburts- und Beicht-Tage liebt' er von
jeher seine Tochter ganz besonders, weil er eine Art Taufwasser - um zwei
entlegne Sakramente durch Flssigkeiten zu vereinen - den ganzen Tag unter der
Gehirnschale dem Kopfe aufgieet. Er hat berhaupt das Gute, da er aufrichtig
gut gegen sie ist; er sieht ihr sogar nach, da sie der ihm verhaten
protestantischen Mutter in Leipzig anhngt. Da er nun so den ganzen Tag mit
seiner Beicht- und Vater-Tochter beisammen bleibt: so trinkt und weint er sehr.
Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr, warum sie noch so trauerte, da sie fast
den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die hl. Kirche und ihren
Vater. Sie antwortete heftig: das sei es am wenigsten; sogar dem Kirchenrate
Glanz, der fters mit ihr ber den hl. Glauben gesprochen, habe sie nur hflich
zugehrt; den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen! Zablocki
fragte erstaunt, warum sie ihn, bei ihrer Freiheit der Wahl, doch heiraten
wollen. Ich dachte, sagte sie, ich knnt' ihn vielleicht zu unserer Religion
durch rechtes Aufopfern bringen. Walt! einen Philosophen bekehren! Tauft und
tonsuriert lieber eine Percke! -
    Der General lchelte und weinte zugleich vor Lust, lief aber immer mehr auf
das weiche zarte Wesen Sturm, stieg ins offne Herz und holte sich das zweite
Geheimnis. Sie hoffte nmlich, ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter (und
wohl dem verschuldeten Vater) zuzeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette
zuzuwerfen; gestand es aber ohne Metaphern. Da konnte sich der trunkene Vater
nicht enthalten, zu schwren, ihm solle lieber ein Traubenschu in den Magen
fahren, oder sein Warschauer Proze verloren gehen, woll' er je einem solchen
seelentreuen Kinde etwas abschlagen oder aufdringen. Und so weiter! Bist du
getrstet?
    Walt schwieg; Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand. Er las es
froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spa ber
Raphaelens weibliche Weise, Herz und Wsche, Grtes und Kleinstes
ineinanderzustecken. Aber Walt sagte, eben das, so wie ihr Erzhlen, beweise,
da die Weiber mehr episch seien, die Mnner hingegen lyrisch.
    Ein Lufer Zablockis kam hinein und meldete, er solle morgen um 4 Uhr
erscheinen zum bewuten Kopieren. Er verbarg mhsam den ganzen Abend die Strke
seiner Bewegungen.

                          Nr. 34. Inkrustierte Kletten


                                  Kopierstunde

Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General, der wie gewhnlich lchelnd den
Blauugigen aufnahm. Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder
einer Erscheinung der Verfasserin gezagt. Zablocki gab ihm die namenlosen oder
nur taufnamigen Briefe auf dem schn gederten Sekretr samt Schreibbefehlen und
ging davon. Mit so sehr ausgesuchten End-Lettern oder Final-Schweifen als nur je
aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritten, z.B.
Robespierrischen Schweifen, Culs de Paris, kopierte der Notar und sah sich spt
um.
    Das schne Kabinett war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt, aber
voll Blumendfte, die aus einer wahren kamen, und voll grner Dmmerung. Die
Jalousie-Gitter waren vorgezogen, fr ihn ein grner Schleier eines blendenden
Tags; sogar im Winter grnte ihn dieses Bltter-Skelett der vertrockneten bunten
Zeit wie ein Zauber an. In dem nahen Wandschrank hngt er, sagt' er sich,
Winas himmelblaues Kleid, denk' ich. Wie auf einer sanftwallenden Wolke sa er
und schrieb oft eine briefliche Wendung ab, die sich fr seine Lage sehr gut
schickte. Es wiegt' ihn auf und nieder, da er sich doch mit ihr, mit derjenigen
in einer Zimmer-Ebene, unter einem Dache befand, mit welcher er das Trauerband
derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne
als stiller Liebes-Hesperus fortschimmerte.
    Er kopierte mit gespitzten Ohren, weil er (nicht ohne alle Hoffnung) in der
Furcht dasa, da Wina gar ins Kabinett und an einen oder den andern Sekretr
fliege, den hlzernen oder den lebendigen. Indes kam nichts. Er berlegte sehr,
ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den
blauen ther der fernen Sinne leicht anrhren sollte mit Hand oder mit Mund -
als der General eintrat, ihn erschreckte und das Kopieren pries und schlo.
    So glcklich ging die Schreibstunde und die Gefahr, Wina zu sehen, vorber,
und er wankte heim mit einem Kopfe, der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken
hatte.
    Auf den Turmknpfen und Park-Gipfeln lag noch ses rotes Sonnenlicht und
weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und auer Halau.
    Er kopierte den zweiten Tag, stets mit derselben Angst, da Wina die Tre
aufmache. Der dritte aber - wo wieder nichts kam - machte ihn, wie jeden Krieger
die Zeit, so mutig und so zum Mann am vierten, da er in der Tat sich sehnte
nach Gefahr. Ganze Nchte mute jetzt das fromme Mdchen vor seiner Seele stehen
- er hatte dabei seinen ewigen Frhling -, blo weil er einen Plan nach dem
andern entwarf und verwarf, wie er noch jetzt, um die Folgen des offnen Briefs
zu vergten, etwan durch die Sanfte fr den Grafen wirken knnte. Es wollte ihm
aber nie etwas Bedeutendes einfallen.
    Am vierten Tage hrt' er, unter dem Abschreiben einer schnen erotischen
Gestikulation im Briefe, eine weibliche Singstimme, die, obwohl aus dem dritten
Zimmer, doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte. Er kopierte feurig
weiter; aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese
Orpheus-Tne, und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen. Er erinnerte sich
noch recht gut, was ihm Vult ber Winas Singen geschrieben. Als er darauf unter
dem Heimgehen dieselbe Stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem
Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte: so macht'
es ihm das schlechteste Vergngen von der Welt, diese Stimme auf der Gasse zu
einer andern sagen zu hren, ihre Frulein - denn es war die Putzjungfer - komme
erst nchsten Freitag aus Elterlein zurck - - er sprte ordentliches Sehnen,
einmal in seinem Geburtsrtlein zu sein und aus der so heien Stadt
herauszukommen.
    Himmel, schlo er indes, wenn schon diese Putzjungfer Karyatide der fernen
Gttin so singt, wie mu erst diese glnzen, sowohl im Gesang als sonst! Er
wurde unendlich begierig, einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas
ins Gesicht zu sehen, berhaupt einer Person, deren gttlichen Geist der Tne
er, hinter ihr gehend, anbetete, kurz der Soubrette. Denn er glaubte lngst,
eine erste Sngerin sei gewi nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene;
und eine babylonische Hetre behalte keine Stimme, gesetzt sie htte eine
besessen; eine Meinung, die gutmtige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit
Bhne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit.
    Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben, um ihr vorzukommen: als
er drei Flche und ein Kotwort vernahm. Er drehte sich heftig um, mit der
glnzenden Ordenskette in Hnden, die er der anscheinenden Ordensschwester der
Sklavinnen der Tugend vom Sing-Halse gerissen; und in einer dunkeln Allee der
Stadt lie er Trnen fallen, darber, da eine solche rauhe Seele eine
Singstimme besitze, und da sie der heiligen so nahe wohne. Hoch aber zog Winas
Gestalt in ihrem glnzenden Wolkenhimmel weiter; und ihm war, als knne nur ein
Tod ihn, wie zu Gott, so zur Gttin bringen.

                               Nr. 35. Chrysopras


                       Trumen - Singen - Beten - Trumen

Am Freitage darauf, wo Wina wiederkommen sollte, sprang er, ohne an sie zu
denken, so innig-vergngt aus dem Bette in den Tag, als wr's ein Brauttag. Er
wute keinen Grund, als da er die ganze Nacht einen immer zurckflatternden
Traum gesehen, wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige
anonyme Seligkeit. Wie Himmelsblumen werden oft Trume durch die Menschennacht
getragen, und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Frhlingsduft die Spuren
der verschwundenen.
    Die Sonne blitzte ihm reiner und nher, die Menschen sah er wie durch einen
Traum der Trunkenheit schner und werter gehen, und die Quellen der Nacht hatten
seine Brust mit so viel Liebe vollgegossen, da er nicht wute, wohin er sie
leiten sollte.
    Zu Papier sucht' er sie anfangs zu bringen, aber kein Streckvers und kein
Kapitel gelang. Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht: man will
nichts machen als hchstens Trume, und auch nicht anderes haben - alles soll
sanft sein, sogar die Freude - sie soll nicht mit Windsten an den Flgeln
reien, still sollen die ausgestreckten Schwingen das dnne Blau durchschneiden
und durchsinken - nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen, aber kein
einziges Kriegslied, und ein Flor, aber ein hellgefrbter, bezieht und dmpft
die Trommel des Erden-Tobens.
    Walt konnte nichts anders machen - nur heute kein Instrument, das gebe
Gott! wnschte er - als einen Spaziergang in das van der Kabelsche Hlzchen,
das er einst erben kann, und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf
der Erde gesehen. Um ihn flogen, gingen, standen Trume aus tiefen Jahrhunderten
- aus Blten- und Blumenlndern - aus Knabenzeiten - ja ein Trumchen sa und
sang im spannenlangen grnen Weihnachts-Grtchen der Kindheit, das sich der
kleine Mensch auf vier Rdern am Faden nachzieht. Siehe, da bewegte vom Himmel
sich ein Zauberstab ber die ganze Landschaft voll Schlsser, Landhuser und
Wldchen und verwandelte sie in eine bltendicke Provence aus dem Mittelalter.
In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwldern kommen - sie sangen
heitere Lieder in heiterer Luft - die leichten Jnglinge zogen voll Freude und
voll Liebe mit Saitenspielen in die Tler vor hohe goldbedeckte Burgen auf
fernen Bergspitzen - aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen
herunter - sie wurden herabgelockt und lieen in den Auen Zelte aufspannen, um
mit den Provenzalen ein Wort zu reden (wie in jenen Zeiten und Lndern, wo die
Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war, und der Troubadour, ja der
Conteur sich in Damen hchsten Standes verlieben durfte) - und ein ewiger
Frhling sang auf der Erde und im Himmel, das Leben war ein weicher Tanz in
Blumen.
    Se Freudentler hinter den Bergen, sang Walt, ich mchte auch
hinberziehen in das morgenrote Leben, wo die Liebe nichts verlangt als eine
Jungfrau und einen Dichter - ich mchte drben in wehender Frhlingsluft mit
einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell
aufhren, wenn Wina vorbeiginge.
    Darauf kehrte Walt in sein Kmmerchen zurck, fand aber, mit seiner
geographischen und historischen Provence in der Brust, so wenig Platz darin, da
er mit einiger Khnheit - denn die Poesie hatt' ihn sehr gleich und frei gemacht
- in Neupeters Park hinabspazierte, wo er Floren, mit Frchten wie eine Pomona
beschwert, in den Wurf kam und die Hand gab. Dem Dichter glnzet die ganze Welt,
doch aber eine herzogliche, knigliche Krone matter als ein schner weiblicher
Kopf unter Krone und Herzogshut, oder als ein anderer, der nichts aufhat als den
Himmel ber sich; er ist bescheiden, wenn er einer Frstin, und aufgerichtet,
wenn er einer Hirtin die Hand gibt; nur zu den Vtern beider lsset er sich oft
gar nicht herab.
    In einer Laube fand er ein Strumpfhand. Ein italischer Vers - denn Raphaela
verstand welsch, obwohl er nicht - und ihr Name war darauf gestickt. Da er an
diesem geistigen Morgen merkte, da er einen provenzalischen Ritter und Poeten
zugleich in sich verbinde: so fat' er den freien Entschlu, das Strumpfband -
denn er hielts fr ein Armband - selber Raphaelen, die er brieflesend schleichen
sah, mit einigen bedeutenden Worten zu berreichen. Er legte das Band weich vorn
auf die flache Hand wie auf einen Prsentierteller und trug es ihr zart mit der
Wendung entgegen die er aus vielen andern ber weltlichen Arm und Arm aus den
Wolken ausgelesen -: er sei so glcklich gewesen, ein schnes Band der Liebe zu
finden, eine Sehne an Amors Bogen, gleichsam den grern Ring an schner Hand,
und er wisse nicht, wer glcklicher sei, der, so ihn abzge, oder der ihn
anlegte. Raphaela errtete beschmend-verschmt, nahm das Band, steckt' es
schnell ein und ging stumm fort; Walt dachte: fast ein gar zu zartes Gemt!
    Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel: als er zu
seinem Erstaunen da erfuhr - was er schon lngst gewut -, da an der
Juden-Vigilie, am Freitag, die Katholiken fasteten. Er legte Messer und Gabel
neben den Teller hin. Keinen Bissen - und wr' er aus dem Reichs-Ochsen in
Frankfurt bei der Kaiserkrnung ausgeschnitten gewesen - htt' er noch an die
Zunge heben knnen. Ich will nicht kstlich schwelgen, dachte er - betagtes
Vakzinefleisch war aufgesetzt -, in der Stunde, wo eine so wohlwollende Seele
wie Wina darben mu.
    Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgltigkeit gegen eigene
E-Entbehrungen ein weinendes Erbarmen ber fremde. Er dachte nach und fand es
immer hrter, da die Kirche auch Nonnen fasten liee, nicht die Mnche allein;
da es vielleicht schon genug wre, wenn nur Spitzbuben, Spieler, Mrder nichts
Rechts zu essen htten.
    Er ging in die Kopierstube zum General, nicht nur mit dem vlligen Wunsche,
das Mdchen zu sehen, das heute - an seinem romantischen Tage - eine Mrtyrin
gewesen, sondern auch mit der Gewiheit, sie sei von Elterlein zurck und
erscheine. Whrend er mit unsglichem Vergngen einen uerst frechen Brief
einer gewissen Libette, wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll
Epikurs-Stlle kommen kann, ins reine schrieb - denn er schmeckte in diesen
Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen
geschwefelten -, so drang aus den halboffenen Zimmern kein Laut in sein
Kabinett, den er nicht zu einer Ankndigung einer Erscheinung zitternd machte.
Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Tne hier und dort romantisch
durchklingen: so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano - Rufe des
Generals - Antworten an Wina vor. Endlich hrt' er wirklich Wina selber im
nchsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen. Er glhte bis zur Stirn
hinauf und bckte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder. Sie hatte
jenen innigsten, herzlichsten, mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten
Sprachton, den Weiber und Schweizer viel hufiger angeben als andre Leute.
    Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte: hatt' er
das Unglck, da das Mdchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte, ohne
da er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte, wenn man nicht die weie
Schleppe zu hoch anschlagen will. Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre
Singstimme an - O nein doch, rief der General durch die offnen Tren, den
letzten Wunsch von Reichardt meint' ich29.
    Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an. Singe, unterbrach er sie
wieder, nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten. Sie hielt inne,
mit Fingern ber den Tasten schwebend, und antwortete: Gut, Vater! Die Verse
heien:

Wann, o Schicksal, wann wird endlich
Mir mein letzter Wunsch gewhrt:
Nur ein Httchen, klein und lndlich;
Nur ein kleiner eigner Herd;
Und ein Freund, bewhrt und weise,
Freiheit, Heiterkeit und Ruh'!
Ach und sie, das seufz' ich leise,
Zur Gefhrtin sie dazu.

Vieles wnscht' ich sonst vergebens;
Jetzo nur zum letztenmal
Fr den Abend meines Lebens
Irgendwo ein Friedens-Tal;
Edle Mu' in eigner Wohnung
Und ein Weib voll Zrtlichkeit,
Das, der Treue zur Belohnung,
Auf mein Grab ein Veilchen streut.

Wina begann, ihre se Sprache zerschmolz in den noch sern Gesang, aus
Nachtigallen und Echos gemacht - sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton
drngen und gieen, gleichsam in einen tnenden Seufzer; - den Notar umfing der
lang getrumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so, da ihn das
heranrollende Meer, das er von fernen rollen und wallen sah, nun mit hohen
Fluten nahm und deckte. Der General sah unter dem Singen die Kopie des frechen
letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und
fragte lchelnd: Wie gefllt Ihnen die wilde Libette? - Wie der jetzige
Gesang, so wahr, so innig und so tief gefhlt, versetzte Gottwalt. - Das
glaub' ich auch, sagte Zablocki mit einem ironischen Mienen-Glanz, den Walt fr
Hr-Verklrung nahm.
    Was sind so Ihre vorzglichsten Notariats-Instrumente bisher gewesen?
fragte der General. Walt gab viele kurz und schleunig an, sehr verdrlich, da
er sein Ohr - wie sein Leben - zwischen Gesang und Prosa teilen sollte. Ob er
gleich sich so weniger Seelenkrfte und Worte dabei bediente, als er nur konnte:
so war fr Zablocki doch kein Mensch - weder aus Wetzlar noch Regensburg oder
aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs - zu
lang, zu weitschweifig, sondern blo zu abrupt. Ich glaube, fuhr Zablocki
fort, Sie machten auch einige Sachen fr den Grafen von Klothar?
    Keine Zeile, versetzte Walt zu eilfertig; er war vllig von den schnen
Tnen weggesplt und begriffs nicht, da der General, der selber diese schnen
Laute vorgeschrieben, sie ber platte verhren wollte. O Gott, wie kann ein
Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken, sondern daraus noch etwas
vorstecken, besonders die Zunge? Ist das mglich, zumal wenn es einen so nahe
angeht wie hier den verwaisten General? - Walt glaubte nmlich, der General,
der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war, habe solche und
hnliche Zeilen wie

Jetzo nur zum letztenmal
Fr den Abend meines Lebens
Und ein Weib voll Zrtlichkeit

blo als Nachtigallen-Darstellungen eigener Seelen-Klagen singen lassen. Es
konnte ihn weit mehr rhren - zumal da es auch viel reiner war -, wenn er
Ton-Sprche auf fremde Leiden und Wnsche, als wenn er sie auf eigne bezog; und
darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb.
    Vult aber, dem er alles vortrug, sprach spter den Weltmann mit diesen
Worten frei: Er ist an Hof-Konzerte gewhnt, mithin an Taub-Bleiben - wie
Cremen ist das Weltleben gleich kalt und s; - indes hat der Weltmann oft viel
Ohr bei wenig Herz (wie andere umgekehrt) und behorcht wenigstens die Form der
Tonkunst ganz gut.
    Keine Zeile, hatte Walt eilfertig gesagt. - Wieso? versetzte Zablocki.
Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil. Hier entfuhren Walten die
Trnen; - er konnte nicht anders, die letzten Sang-Zeilen hatten ihn mit- und
weggenommen; die Scham ber die unwillkrliche Unrichtigkeit trug weniger bei:
Wahrhaftig, versetzt' er, das meint' ich eben; denn die Schenkungs-Akte wurde
unterbrochen - die ersten Zeilen schrieb ich natrlich. Der General schrieb die
Verwirrung des gerhrtesten Gesichts nicht der schnern Stimme zu, sondern
seiner eignen brach gutmtig mit den Abschiedsworten ab, da er auf einige
Wochen das Kopieren einstelle, weil er morgen mit seiner Tochter nach Leipzig
auf die Messe reise. Hier hrte das Singen auf; und Walts kurzes Entzcken.

                             Nr. 36. Kompassmuschel


                               Trume aus Trumen

Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar, als
sei ihm etwas aus den Hnden gezogen, etwa ein ganzer brennender Christbaum oder
eine Himmelsleiter, die er an die Sonne anlegen wollen. Pltzlich sah er - ohne
zu fassen wie - die bse Aftersngerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr
Wina gehen, in die katholische Kirche. Letztere macht' er ohne Umstnde zur
Simultankirche und trat der zarten Nonne nach, um von ihr die Zeile: Wann, o
Schicksal, wann wird endlich fortsingen zu hren; denn sein inneres Ohr hrte
sie noch ganz deutlich auf der Gasse.
    Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars, ihr
schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet, ihr weies Kleid flo die Stufen herab.
- Der Mepriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle
Bewegungen - die Altarlichter loderten wie Opferfeuer - ein Weihrauchwlkchen
hing am hohen Fensterbogen - und die untergehende Sonne blickte noch glhend
durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wlkchen - unten
im weiten Tempel war es Nacht. Walt, der Lutheraner, dem ein betendes Mdchen am
Altare eine neue himmlische Erscheinung war, zerflo fast hinter ihrem Rcken in
Licht und Feuer, in Andacht und Liebe. Als wre die Heilige Jungfrau aus dem
beflammten Altarblatte, worauf sie gen Himmel stieg, herabgezogen auf die
Stufen, um noch einmal auf der Erde zu beten, so heilig-schn sah er das Mdchen
liegen. Er hielt es fr Snde, fnf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin
gerade ins fromme Angesicht zu sehen, obgleich diese fnf Schritte ihn fnf
goldne Sprossen auf der Himmelsleiter hher gebracht htten. Zuletzt zwang ihn
sein Gewissen, gar selber - wiewohl er protestantisch dachte - hinter den
stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten; die Hnde waren schon lngst
gehrig gefaltet gewesen, eh' er nur darauf gedacht, etwas dazu zu beten.
    Es ist aber zu glauben, da in der Welt hinter den Sternen, die gewi ihre
eignen, ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat, schon das unwillkrliche
Hndefalten selber fr ein gutes Gebet gegolten, wie denn mancher hiesige
Handdruck und Lippendruck, ja mancher Fluch droben fr ein Sto- und Schugebet
kursieren mag; indes zu gleicher Zeit den grten Kirchenlichtern hienieden die
Gebete, die sie fr den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rcksichten blo fr
fremde Bedrfnisse mit bestndiger Hinsicht auf wahre mnnliche
Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten, droben als bare Flche
angeschrieben werden. Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern
Engel des Lichts ausgeschneuzet werden, wenn solche Konsistorialvgel zu
vlligen Galgenvgeln gerupft im Himmel fliegen: so drfen verkannte Galgenvgel
dieser Art in ihren theologischen Journalen, falls sie droben welche schreiben,
mit Recht darauf aufmerksam machen, da die zweite Welt wunderliche Heiligen
habe und noch manche Aufklrung brauche, bis sie so weit vorrcke, da sie
Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult, nach einem liturgischen
Stilistikum, sozusagen abgeflucht, gleich gut aufnehme.
    Walt blieb, bis Wina aufstand und vorberging, um sie anzusehen. Er konnt'
es aber nachher gar nicht begreifen, da er, als sie in der grten Nhe war,
unwillkrlich wie krampfhaft die Augen zugedrckt; und was halfs mir viel,
sagt' er, da ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte?
    Er schweifte aus der Stadt hinaus. Es war ihm, als wenn zwei einander
entgegenwehende Strme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten. Drauen
stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte
Licht. Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor, groe Erregungen - z.B. wenn er
irgendeinen Virtuosen gesehen, und wr's auf dem Tanzseile gewesen - dadurch zu
nhren und zu stillen, da er sich frei einen Superlativ des Falls austrumte,
wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb. Er wagte dreist den herrlichsten
Traum ber Wina und sich. Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein, fing er
an, zufllig reis' ich durch mit Suite; ich bin etwa ein Markgraf oder
Groherzog, nmlich der Erbprinz davon - noch jung (doch ich bins jetzt auch),
so bildschn, sehr lang, mit so himmlischen Augen, ich bin vielleicht der
schnste Jngling in meinem Lande, ganz hnlich dem Grafen - Sie sah mich vor
dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber; da wirft ein Gott aus dem
Himmel den unauslschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust, als er das
Zeichen, einen Erbprinzen auf einem Araber, erblickt. Ich sah sie aber nicht im
Galopp.
    Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf, sondern
besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg, wovon man mir versicherte, da er die
schnsten Aussichten des Drfchens um sich sammle. Und ich fand es auch wahr.
Ich komme vor die hinabsteigende Sonne, auf goldnen Bergen der Erde stehen
goldne Berge der Wolken; o nur die glckliche Sonne darf hinter die seligen
Gebrge gehen, welche das alte, ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens
umschlieen - Und ich sehne mich bitter hinber, weil ich noch nicht lieben
durfte als Prinz, und trume mir Szenen. Da schlgt eine Nachtigall hinter mir
so hei, als zge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust; sie sitzt auf der
linken Schulter der Pfarrtochter, die, ohne von mir zu wissen und mich zu sehen,
herauf vor die Abendsonne gegangen war. Und ihre beide Augen weinen, und sie
wei nicht warum, denn sie schreibts den Tnen ihrer zahm gemachten Philomele
zu. Ein Wesen seh' ich da, wie ich noch nie gesehen, ausgenommen im Konzert -
doch es ist eben Wina - eine Menschen-Blume seh' ich, die ohne Bewutsein prangt
und deren Bltter nichts ffnet und schlieet als der Himmel. Abendrte und
Sonne mchten ordentlich gern nher zu ihr, das Purpurwlkchen wnschte
herunter, weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht, sie
zieht alles Leben an sich heran. Eine Turteltaube luft um ihre Fe und girrt
mit zitternden Flgeln. Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren
Bschen und singen um die singende herum.
    Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fllt aufgeschlagen auf
mich; aber sie zittert. Auch ich zittere, aber vor Freude, und auch ihretwegen.
Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin; wir sind uns in nichts
gleich als in der Schnheit, denn meine Liebe ist noch heier als ihre. Sie
bckt ihr Haupt und weint und bebt, und ich glaube nicht, da allein mein hoher
Stand sie so erschttert.
    Was gehen mich gefrstete Hte und Sthle mehr an? Ich schenke alles dem
Gott der Liebe hin; wenn du mich auch kennst, Jungfrau, sag' ich, so liebe mich
doch. Sie redet nicht, aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt.
Sieh! sag' ich ehrerbietig und mehr nicht; und nehme ihre rechte Hand und drcke
sie mit beiden Hnden fest an mein Herz. Sie will sie aber mit der linken holen
und losmachen; aber ich fasse und drcke nun auch die linke. So bleiben wir, ich
seh' sie unaufhrlich an, und sie blickt zuweilen auf, ob ichs noch tue.
Jungfrau, wie ist dein Name? sag' ich spt. So leise, da ichs kaum vernehme,
sagt sie: Wina. Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte Bruder-Stimme.
    Wina bedeutet Siegerin, antwort' ich. Sie drckt, glaub' ich, schwach meine
Hand; die Liebe hat sie erhoben, ber Pfarrers- und ber Prinzenstand. So blick'
ich sie unaufhrlich an, und sie mich zuweilen - die rufenden Nachtigallen
schlieen uns ein die blhenden Abendwolken gehen unter- der lchelnde
Abendstern geht unter - der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns - wir
haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben. Da fngt
eine ferne Flte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut, was uns
schmerzt und freuet: Es ist mein guter Bruder, sag' ich, und im Dorfe wohnen
meine lieben Eltern. - Hier kam Walt zu sich; er sah umher, im Flusse (er stand
vor einem) sank sein Frstenstuhl ein, und ein Wind blies ihm die leichte Krone
ab. Es wr' auch zuviel fr einen Menschentraum, sie gar zu kssen, sagt' er
und ging nach Hause. Unterwegs prft' er die Rechtmigkeit des Traums und hielt
ihn so Stck fr Stck an den moralischen Probierstein, da er ihn auf die beste
Weise zum zweiten Male hatte. So hlt sich die fromme Seele, welche bange
schwimmt, gern an jedem Zweige fest, der auch schwimmt. So ist die erste Liebe,
wiewohl die unverstndigste, doch die heiligste; ihre Binde ist zwar dicker und
breiter - denn sie geht ber Augen, Ohren und Mund zugleich -, aber ihre
Schwungfedern sind lnger und weier als irgendeiner andern Liebe.
    Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf, seine Zelle kam
ihm ordentlich fremd vor und er sich, und es war ihm, als msse der Notar jede
Minute oben herausgucken auf ihn herunter. Pltzlich fing am Fenster eine Flte
an; er fuhr sehr kurz zusammen, da sein lieber Bruder ihn droben erwartete. Er
brachte ihm das Feuer zu, in welches Wina ihr mildes l gegossen. Vult war ganz
liebreich und freundlich; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue
Stck Gartenland besehen und umschritten, das Walt bisher daran fertig gemacht
und gemauert - und hatte da gefunden, da die grnen Hngbrcken, die vom
Herkules-Tempel der Freundschaft wegfhrten, sehr schn gut gebogen und
angestrichen, die Moos-und Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber, die sich
selber noch fr einsam und einherzig hlt, vortrefflich, nmlich still und
dunkel und romantisch angelegt worden, so da nun nichts weiter mehr fehlte als
die Vogelhuser, Klingel-Huschen, Satyrs und andere Garten-Gtter, die Vult
seines Orts und Amts von der Brcke an ausschweifend zu postieren hatte.
    Er pries gewaltig, wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzckte als
erweichte. Brderlein, sagt' er, kennt' ich dich und die Macht der Kunst
nicht so gut, so schwr' ich, du wrest schon auf dem elektrischen
Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und httest geblitzt; so wahr und
hbsch steht jeder Funke da. Denn Vult hatte bisher, ungeachtet oder vielmehr
wegen aller Offenherzigkeit des Bruders, das Vergimeinnicht der Liebe nicht in
ihm bemerkt, weil alles in ihm voll Liebes-Blumen stand, und weil Vult selber
jetzt nicht viel aus den Weibern machte. Sein Schmollgeist, sagt' er oft, meide
den weiblichen; man msse aus einem lackierten Stbchen, das nur fr die
weiblichen Blumen in der Erde steht, eine rmische Sule werden, deren Kapitl
jene Blumen blo bekrnzen.
    Sehr erstaunte Walt - der im Doppel-Roman nur der Dichter, nmlich das
stille Meer gewesen, das alle Bewegungen, der Seegefechte und des Himmels,
abspiegelt, ohne selber in einer zu sein -, als Vult aus dem Buche von weitem
schlieen wollte, er liebe vielleicht. Er glaubte dem gereiseten Fltenisten
aufs Wort; sagte aber selber keines davon und war heimlich ganz vergngt, da
ers jetzt gerade so habe, wie ers hinschreibe. Stundenlang frappierte ihn eine
neue Rolle, worin er etwas zu spielen hatte, was schon millionenmal auf allen
Planeten gespielet worden.
    Als nun die Brder nach ihrer Gewohnheit ihre gegenseitigen Tagesgeschichten
gegeneinander austauschen wollten: so ging dem Notar die seinige sehr schwer und
klebend von der Zunge; - er hielt sich mehr an den General und an dessen
mmoires rotiques, um seine eignen zu decken.
    Er lobte die geistige reine Blte in jenen; Vult lchelte darber und sagte:
Du bist eine verdammt gute Seele! Die Liebe, welche das ganze Herz ffnet, so
wie verschenkt, verschlieet und behlt doch den Winkel, wo sie selber nistet;
und diktiert dem besten Jngling die erste Lge, wie der besten Jungfrau die
lngste.
    Walt begleitete - bei seinen innern Bewegungen, deren Blutkgelchen wie
hhere Kugeln einen freien Himmel zum Bewegen brauchten - den Bruder nach Hause.
Dieser begleitete erfreut wieder jenen; Walt wieder diesen, um vor Winas
Fenstern auf dem Heimwege vorbeizukommen. So trieben sie es oft, bis der
Notarius siegte.
    Einsam unter dem breiten Sternenhimmel konnt' er die glhende Seele recht
ausdehnen und abkhlen. Sollt' ich denn den romantischen, so oft gedichteten
Fall jetzt wirklich in der Wirklichkeit erleben, da ich liebte? sagte er. Nun
so will ich, setzt' er dazu, und der bisher winterlich eingepuppte, gefrorne
Schmetterling sprengte die Puppen-Hlse weit ab und fuhr auf und wiegte feuchte
Schwingen, lieben wie niemand und bis zum Tod und Schmerz - denn ich kanns ja
gut, da sie mich nicht kennt und nicht liebt und ich ihr nichts schade und sie
sehr von Stand ist und jetzt vollends auf einen Monat verreiset. Ja es sei ihr
ganz und voll hingereicht, das unbekannte Herz, und wie unterirdischen Gttern
will ich ihr schweigend opfern. O ich knnte diese Sterne fr sie pflcken zum
blitzenden Juwelen-Strau und weiche Lilien aus dem Monde darein binden und es
in ihrem Schlafe neben ihr Kissen legen; wt' es auch kein Wesen, wer es getan,
ich wre zufrieden.
    Er ging die Gasse herab an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgelscht.
Eine kernschwarze Wolke hing sich ber das Dach; er htte sie gern
herabgerissen. Alles war so still, da er die Wanduhren gehen hrte. Der Mond
schttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. O wr' ich
ein Stern, so sang es in ihm, und er hrte nur zu, ich wollte ihr leuchten; -
wr' ich eine Rose, ich wollte ihr blhen; - wr' ich ein Ton, ich drng' in ihr
Herz; - wr' ich die Liebe, die glcklichste, ich bliebe darin; - ja, wr' ich
nur der Traum, ich wollt' in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose
und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte.
    Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, da ihm vielleicht trume,
er sei der Traum.

                    Nr. 37. Eine auserlesene Kabinettsdrse


                                Neues Testament

Der September war so schn, der die schnste Rose, Wina, versetzt hatte, da dem
Notar Rock, Stube und Stadt zu enge wurde; er wollte ein wenig in die weite Welt
hinaus. Er reisete unsglich gern, besonders in unbekannte Gegenden; weil er
unterwegs glaubte, es sei mglich, da ihm eines der romantischsten lieblichsten
Abenteuer zuflattere, von dem er noch je gelesen. Daher war das erste, was er in
einer neuen Stadt machte, kleine Stundenreisen um sie herum. Hatt' er aber lange
da gewohnt, so lief er zuzeiten in eine neue Gasse ein und machte sich mit
besonderem Vergngen glaublich, er sei eben auf Reisen in einer ganz fremden
Stadt, aus der er noch dazu die Freude hatte, in seiner anzulangen, sobald er
nur um die Ecke umbog. Ja sah er nicht trumend dem Laufe der Chausseen nach,
die wie Flsse die Landschaft schmcken, weil sie, wie diese, ohne Wohin und
Woher unendlich ziehen und das Leben spiegeln? - Und dacht' er jetzt nicht, auf
einer davon geht das stille Mdchen dahin und sieht den blauen Himmel und den
Vater an und denkt an vieles?
    Nur war er lange im Zweifel und Skrupel, obs nicht Snde sei, das wenige von
den Eltern und Instrumenten gewonnene Geld blo vergngt zu verreisen, zumal da
der Bruder Vult nach seiner Gewohnheit wieder anfing, nicht viel zu haben. Er
las alle moralischen Regeln des reinen Satzes genau durch, um zu erfahren, ob er
diese s tnende Ausweichung oder diese Quinten-Fortschreitung von Lust zu Lust
in sein Kirchenstck aufnehmen drfe; und noch war er unentschieden, als Flitte
alles dadurch entschied, da er den Stadttrmer, bei welchem er wohnte, zu ihm
schickte und sagen lie, er liege auf dem Sterbebette und wnsche noch diesen
Abend sein Testament durch einen Notar zu machen.
    Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll, wo der Elsasser sich
tdlich gebettet, so mssen ihr vorher, ohne lange darber zu reden, die
notwendigsten Treppen hingestellt werden, die zu seinem Lager bringen; alles war
so:
    Das Glck ist ein so schlechter Freund als dessen Gnstlinge die Natur gibt
den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Ditengelder mit - Flitte war ein
solcher Weiser, und wiewohl er lngst die Regel kannte, da das Ende des Geldes
wie das eines Parks geschickt verborgen werden msse: so fehlt' ihm doch der
allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List.
    In Stdten, wo Flitte nur durchflog, vermocht' er leichter etwas, und wr'
es auch nur dadurch gewesen, da er sich als seinen eigenen reichen Bedienten
ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne
den Kerl wiederkam. In Halau tat es ihm einen Monat lang gute Dienste, da er
auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine
stochern und whlen lie, den er wollte hinein verloren haben. Aber der Hunger,
der ebensowohl als Philipp II., zumal unter des letztern Regierung, der
Mittagsteufel heien sollte, und noch mehr der Kleiderteufel und jeder Tag
hatten ihm allmhlich ein anstndiges Gefolge von Lehnlakaien oder valets de
fantaisie, das immer hinter ihm ging unter dem bekannten Namen Glubiger, in die
Dienste gefhret und zugewlzt. Oft schickten diese wahren Kammer-Mohren ihre
eignen Laden- und andere Diener als Mephistophelesse, die, ohne zitiert zu sein,
ihn selber zitierten.
    Deswegen zog er auf den Glockenturm - seinen Schuldturm -, um durch die
unzhligen Treppen manche Besuche zu verleiden, oder aus dem Glockenstuhle
vorauszusehen. Unten in der Stadt schwur er stets, er hab' es getan, um eine
schne freie Aussicht zu genieen, so sehr er auch die Beschwerden sich vorher
habe denken knnen. Unter seinen Glubigern war nun ein junger Arzt, namens Hut,
der sich sehr aufblies und der wenige Patienten hatte, weil er ihnen das
Sterbliche auszog und sie verklrte. Dieser Hut hatte den vier groen
Brownischen Kartenkniginnen seine vier ganzen Gehirnkammern eingerumt - der
Sthenie die erste vorn heraus - der Hypersthenie die zweite - der Asthenie die
dritte - der Hyperasthenie die vierte als wichtigste -, so da die vier groen
Ideen ganz bequem allein ohne irgendeine andere darin hausen konnten. Gleichwohl
macht' er mit der heiligen Tetraktys von vier medizinischen syllogistischen
Figuren selber noch keine sonderliche; der alte Spa ber den Doktorhut des Dr.
Huts wurde stets erneuert.
    Der galante Flitte tat nun seinem Glubiger folgenden Antrag: Die Stadt
stecke voll Vorurteile - er selber in leichten Schuldengesetzt aber, er stelle
sich ein wenig tdlich krank und mache sein Testament: so heile erstlich durch
einen Betrug sich die Stadt von ihrem Selbstbetrug, wenn Hr. Dr. Hut ihn
ffentlich wiederherstelle, und er selber zweitens, wenn er sein Vermgen dem
Hofagent Neupeter vermache, gewinne diesen nach der schon lngst gewonnenen
Tochter und knne sie heiraten und Herrn Hut leichter bezahlen. Der Doktor ging
weigernd den Antrag ein.
    Nach wenigen Tagen erkrankte der Elsasser sehr tdlich - erbrach sich - a
und trank nichts mehr (ausgenommen in seltenen einsamen Augenblicken) - nahm das
Abendmahl, das er und andere, wie er dachte, ja auch in gesunden Tagen nhmen.
Endlich mute zum Notar in der Nacht geschickt werden, damit er den Letzten
Willen aufsetzte.
    Walt erschrak; Flittens tanzende blhende Jugend hatt' er geliebt, und ihn
dauerte ihre Niederlage. Schwer, schwl, bewlkt legt' er den langen hohen
Treppen-Gang zurck. Die dicke Glocke schlug 11 Uhr, und ihm klangs, als bewegte
der Todesengel den Leichen-Klppel darin. Matt und leise und geschminkt (aber
wei) lag der Elsasser da, unter sieben Testierzeugen, wovon der Frhprediger
Flachs auch einer war, der es mit seinem blassen langen Gesicht zu keinem
Vesperprediger bringen konnte.
    Walt nahm stumm voll Mitleids des Patienten Hand mit der Rechten und zog mit
der Linken sein Petschaft und Papier aus der Tasche; und berzhlte mit den
Augen kurz die Zeugen. Er foderte drei Lichter, weil sie das promptuarium juris
von ihm foderte zu Nachttestamenten; war aber mit einem elenden zu frieden, weil
auf dem ganzen Leucht-Turm kein zweites zu haben stand, desgleichen kein
drittes, und er viel zu mitleidig und zu eilig war, jemand in die Nacht und den
Turm herabzuschicken nach Licht.
    Der Kranke fing an, das erste Vermchtnis zu diktieren, nach welchem dem
Kaufmann Neupeter Flittens ganze Dividende am lngst erwarteten westindischen
Schiffe zustarb, desgleichen ein versiegeltes, mit OUF bezeichnetes
Juwelenkstchen, das von den Gebrdern Heiligenbeil in Bremen abzufodern war. -
Es war sichtbar, da Flitte, obwohl halb tot, doch berall auf diktierte gut
stilisierte Schreibart ausging. - Aber Walt mute einhalten und einen Lffel
Wasser fordern, um einige Dinte aus dem Dintenpulver zu machen, in das er
eintunkte. Als die Dinte fertig war, fand er wieder sehr ungern, da die neue
ganz anders aussehe als die alte, und da er so das Instrument geradezu entgegen
allen Notariats-Ordnungen - mit doppelter Dinte hinschreibe. Gleichwohl bracht'
ers nicht ber sein hfliches Herz, alles zu zerreien und von neuem anzuheben.
    Darauf testierte der Kranke dem drftigen Flachs seine silbernen Sporen und
seinen mit Seehund bezognen leeren Koffer und die Reitpeitsche. Dem Dr. Hut
vermacht' er alles, was er an Aktiv-Schulden in der Stadt zu fodern hatte.
    Er mute innenhalten, um einige Krfte zu schpfen. Auch vermach' ich dem
Hrn. Notar Harnisch, hob er mit schwacher Stimme wieder an, fr das Vergngen,
ihn zu kennen, alles, was sich teils an Barschaft, teils an Wechseln nach meinem
Tode bei mir vorfinden mag, und was sich gegenwrtig nicht ber 20
Friedrichsd'or belaufen wird, daher ich ihn bitte, vorlieb zu nehmen, und meinen
goldnen Fingerring noch beifge.
    Walt konnte kaum die Feder fhren; und wollt' es auch nicht mehr; denn er
errtete vor so vielen Zeugen und von einem sterbenden Menschen, dem er nichts
vergelten konnte, so ansehnlich beschenkt zu werden; er stand auf, drckte stumm
vor Mitleiden und Liebe die gebende Hand und sagte nein und bat ihn, doch einen
Arzt zu whlen.
    Dem Hrn. Stadttrmer Heering - wollte Flitte fortfahren, sank aber,
geschwcht durch Sprechen, aufs Kissen zurck. Heering sprang herbei, lockerte
die Kissen besser auf und setzte den Patienten ein wenig in die Hhe. Es schlug
12 Uhr; und Heering sollte nachschlagen; aber er wollte in einen solchen Aktus
nicht hmmern auf der Glocke, sondern erhielt Stille, damit man den Testierer
forthre: ihn also bedenk' ich mit meinem feinen weien Zeuge, desgleichen mit
allen meinen Kleidern - nur die Reitstiefel gehren der Magd - und allem, was
noch von einer reichbesetzten Tabatiere in meinem Koffer brigbleibt, wenn man
davon Leichen- und andere Kosten bestritten hat.
    Bald nach einigen Legaten und nach den Formalitten, die den letzten Willen
eines Menschen noch mehr erschweren als den schlimmsten vorher, war alles
abgetan. Noch drang der sichtbar mehr ermattende Elsasser darauf, da der Notar
jetzt alle seine Effekten mit dem Notariatsspiegel zupetschiere. Er tats, da ihm
alle Promptuarien, sowohl von Hommel als Mller, dafr brgten, da ers knne.
    Es war ihm bitter, von dem armen lustigen Vogel - der ihm Federn und goldne
Eier zurcklie - zu scheiden und ihn schon in den Krallen der rupfenden
Todes-Eule um sich schlagen zu sehen. Heering leuchtete ihm und smtlichen
Zeugen herab. Mir wills schwanen, sagte der Trmer, da er die Nacht nicht
bersteht, ich habe meine kuriosen Zeichen. Ich hnge aber morgen frh mein
Schnupftuch aus dem Turme, wenn er wirklich abgefahren ist. Schauerlich trat
man die langen Treppenleitern durch die leeren dumpfen Turm-Geklfte, worin
nichts war als eine Treppe, herunter. Der langsame eiserne Perpendikelschlag,
gleichsam das Hin- und Hermhen der an die Uhr gehangenen Eisen-Sense der Zeit -
das uere Windstoen an den Turm das einsame Gepolter der neun lebendigen
Menschen - die seltsamen Beleuchtungen, die die getragene Laterne durch die
oberste Empore hinunter in die Stuhlreihen flattern lie, in deren jeder ein
gelber Toter andchtig sitzen konnte, sowie auf der Kanzel einer stehen - und
die Erwartung, da bei jedem Tritte Flitte verscheiden und als bleicher Schein
durch die Kirche fliegen knne, - - das alles jagte wie ein banger Traum den
Notar im dstern Lande der Schatten und Schrecken umher, da er ordentlich von
Toten auferstand, als er aus dem schmalen Turme unter den offnen Sternenhimmel
hinaustrat, wo droben Auge an Auge, Leben an Leben funkelte und die Welt weiter
machte.
    Flachs, als Geistlicher von den vier letzten Dingen mehr lebend als
ergriffen, sagte zu Walt: Sie haben Glck bei Testamenten. Aber dieser bezog
es auf seinen Stil und Stand, er dachte an nichts als an das nrrische hpfende
Lebens-Karnaval, wo der zu ernsthafte Tod am Schlusse den Tnzern nicht nur die
Larven abzieht, auch die Gesichter. Im Bette betete er herzlich fr den jetzt
kmpfenden Jngling um einige Abendrte oder Frhlingsstrahlen in der wolkigen
Stunde, welche auf jeden Menschen wie ein unendlicher Wolkenhimmel pltzlich
oben herunterfllt und ihn zugehllt auflset. Er drckte dabei fest die Augen
zu, um ber nichts Zuflliges etwan zusammenzuschaudern.

                               Nr. 38. Marienglas


                                    Raphaela

Als Gottwalt erwachte, hatt' er anfangs alles vergessen, und die Abendberge vor
seinem Bettfenster standen so rot im Morgenschein, da sein Wunsch der Reise
wiederkam - darauf der Einwurf der Armut - endlich der Gedanke, da er aber ja
ber 20 Louisd'or gebiete. Da sah er nach dem Stadtturm, worauf als einem
castrum doloris nun der verstorbne Flitte liegen konnte, und wollte traurig
aufblicken.
    Aber sein Gesicht blieb aufgeheitert, so mitleidig er auch die Augen aufzog;
die romantische Reise in solchen blauen Tagen in solchen Verhltnissen - so
pltzlich geschenkt - das war ihm ein Durchgang durch die helleste Glckssonne,
wo es Licht stubt und man sich ganz mit Flimmern berlegt.
    Ganz verdrlich zuletzt darber, da er nicht traurig werden wollte, fuhr
er ohne Gebet aus den Federn und hrte sein Herz ab. Er mochte aber fragen und
zanken, solang' er wollte, und dem Herzen den blassen jungen Leichnam auf dem
Turme hinhalten und dessen zugedrckte Augen, die mit keiner Morgensonne mehr
aufgingen: es half gar nichts, die Reise und mithin die Reisegelder behielten
ihren Goldglanz, und das Herz sah sehr gern hinein. Endlich fragt' er
aufgebracht, ob es denn, wie er sehe, des Teufels lebendig sei, und ob es, wenn
es knnte, etwa den armen Testator nicht sogleich und mit Freuden rettete und
aufbrchte? Man besnftigte ihn ein wenig durch die Antwort: mit Freuden und auf
der Stelle. Hier fiel ihm das Versprechen des Trmers ein, ein weies
Schnupftuch als Trauerflagge am Turme auszustecken, wenn der junge Mensch
verschieden wre. Da er aber droben keines fand und doch darber einige Freude
versprte: so entlie er das arme verhrte Herz und war ordentlich auf sich
rgerlich, ohne Not dem ehrlichen guten Schelm so zugesetzt zu haben.
    Er htt' aber nur diesen Schelm fragen sollen, wie ihn bei zehnmal grerer
Erbschaft z.B. der Tod des Bruders gestimmt haben wrde: so wrd' er, wenn er
gefunden htte, da dann die Last viel zu schwer, der Kopf zu gebeugt gewesen
wre, um nur etwas anderes zu sehen als das Grab und den Verlust, leicht den
Schlu gezogen haben, da nur die Liebe den Schmerz erschaffe, und da er
vergeblich einen zu groen bei einer zu kleinen fr den Elsasser von sich
gefordert.
    Jetzt sah er ein weies Schnupftuch, aber nicht am Turm, sondern an
Raphaelen, die im Parke traurig lustwandelte, und welcher die modische
Taschenlosigkeit das Glck gewhrte, diesen Schminklappen des Gefhls, diese
Flughaut der Phantasie in der Hand zu haben. Sie sah oft nach dem Turme,
einigemal an sein Fenster, grt' ihn mitten im Schmerz; ja als wenn sie ihm
winke, hinunterzukommen, kam es ihm vor, aber nicht glaublich genug, weil er aus
englischen Romanen wute, wie weit weibliche Zartheit gehe. Indes kam Flora und
bat ihn wirklich hinab.
    Er ging zur Bewegten als ein Bewegter. Ich denke mir leicht, dacht' er
sich auf der Treppe, wie ihr ist, wenn sie an den Stadtturm sieht und droben
den einzigen Menschen bald aufgebahret glauben mu, der nur durch eine
herzlichste Liebe, wie eine mtterliche gegen ein migeschaffnes Kind, den
Eindruck ihrer Widrigkeit schn berwand. - Verzeihen Sie meinen Schritt,
fing sie stockend an und nahm das Schnupftuch, diese Schrze eines trocknen
Herzens, von den feuchten Augen weg, wenn er Ihnen mit der Delikatesse, die
mein Geschlecht gegen Ihres behaupten mu, sollte zu streiten scheinen.
    Schade oder ein Glck wars, da sie gerade diese Phrasis nicht dem hastigen
Quoddeus Vult sagte; denn da es schwerlich in Europa oder in Paris oder Berlin
einen Mann gab, der es in dem Grade so verfluchte - und erriet - als er, wenn
eine Frau bestimmt auf ihr Geschlecht und auf das fremde und auf die ntigen
Zartheiten zwischen beiden hinwies und es hufig anmerkte, wie da mancher
Handku sie eine unreine Seele erraten lasse, dort mancher wilde Blick, und wie
das zrtere Geschlecht sich gar nicht genug decken knne: so wrde der
Fltenspieler ohne Umstnde geuert haben: eine freimtige H- sei eine kecke
Heilige gegen solche Abgrnde feiger und eitler Sinnlichkeit zugleich - er kenne
dergleichen Herzen, welche das Schlimme argwohnen, um nur es ungestraft zu
denken, die es wrtlich bekriegen, um es lnger festzuhalten - ja manche sehen
sich wohl gar in der Arzneikunde ein wenig um, damit sie im Namen der
Wissenschaft (diese habe kein Geschlecht) ein unschuldiges Wort reden knnen -
und lagern sich vor dem Altar und berall wie Friedrich II. so schlachtfertig,
en ordre de bataille, wie auf dem Sofa. - Wahrlich, setzt' er dazu, sie gehen
ins leibliche oder ins geistige Zergliederungshaus, um die Leichen zu - sehen.
Unschuld, nur wenn du dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist du eine;
aber dein Bewutsein ist dein Tod.
    So scheint, gleichnisweise, zermalmtes Glas ganz wei, aber ganzes ist
beinahe gar unsichtbar.
    So dachte aber nicht Walt: sondern als Raphaela an ihn die obige Anrede
gehalten, gab er die aufrichtige Antwort, da er nicht einmal bei seinem eignen
Geschlechte, geschweige bei dem heiligsten, das er kenne, irgendeinen Schritt
anders auslege, als das fremde Herz begehre.
    Indes hatte sie ihn weiter nichts zu fragen als: wie der Sterbende - dem sie
als einem Freunde ihres Vaters wohl gewollet, wie allen Menschen, und den sie
sehr bedauert - sich in der Nacht bei seinem Letzten Willen (wovon durch die
sieben Zeugen als durch sieben Tore ebenso viele Brote hinlnglicher Nachrichten
der Stadt herausgereicht waren) sich benommen habe, was sie gern zu wissen
wnsche, da ein Sterbender ein hheres Wort sei als ein Lebender.
    Der Notar antwortete gewissenhaft, das heiet als ein Notar, und sagte, er
hoffe, nach dem Schnupftuch zu schlieen, er sei noch lebendig. Sie berichtete,
da der Dr. Hut, der gerufen worden, ihn zwar angenommen, aber als einen
verlornen Menschen, und sie wnschte dem Doktor, mit ihrem weichen Leumund,
keine unglckliche Kur.
    Das ist doch schon was, und die berlebte Nacht dazu, versetzte Walt ganz
wohlgemut. Aber sie versicherte, sie trste sich leider nicht so leicht und sie
sei berhaupt so unglcklich, da das fremde Leiden, auch das kleinste ihrer
Verwandten, sie heftig angreife und sie Trnen koste. Sie brach in einige aus;
sie wurde von sich so leicht als von andern schwer gerhrt. Auch ist das
Sprechen vom Weinen bei Weibern ein Mittel zum Weinen.
    Der Notar war seelenvergngt ber alle die Rhrungen, die er teils sah,
teils teilte. Liebes Frauen- war ihm eine so seltene Kost als langer grner
Ungar, Nierensteiner Hammelhoden, Wormser Liebefrauen-Milch oder andere Weine,
die bei Hrn. Kaufmann Corthum in Zerbst zu haben sind. Er blickte ihr mit allen
Zeichen des teilnehmenden Herzens in ihre Augen voll Wasser-Feuer und htte wohl
gewnscht, die Delikatesse englischer Romane verstattete ihm, ihre zarte weie
Hand in etwas zu fassen, welche vor ihm stark im besonnten Grne gaukelte und in
den Tau der Gebsche fuhr und darauf ins Haar, um es damit nach der Vorschrift
eines Englnders wie andere Gewchse zu strken.
    Beide stellten sich jetzt - der Pyramide und dem steinernen Grovater auf
der Insel gegenber - an eine Urne aus Baumrinde. Raphaela hatte eine Lesetafel
mit der Inschrift: Bis daher dauere die Freundschaft darangemacht. Sie schlang
den Arm aufwrts um die Urne, so da er immer schneeweier wurde durch
Bluts-Verhalt, und versicherte, hier denke sie oft an ihre ferne Wina von
Zablocki, die ihr leider jhrlich zweimal, durch die Michaelis- und die
Ostermesse, nach Leipzig vom Generale entfhret werde, seinem Vertrage mit der
Mutter zufolge. Ohne ihr Wissen war ihr Ton durch langes Beschreiben der
Schmerzen ganz munter geworden. Walt lobte sehr ihre Freundschaft und ihre -
Freundin. Sie erhob die Freundin noch gewaltiger als er. Da konnt' er nicht
lnger mit dem anschwellenden Herzen bleiben. Mit Zurckberufung des alten
Klagetons und einem Trauerblick gegen den Turm schied sie von dem Jngling.
    In diesem aber wurde ein Flug von Dmmerungsvgeln um seine Ideen so zu
nennen - wach und flog ihm 36 Stunden lange dermaen um seinen Kopf, da er
ihnen nicht anders zu entkommen wute als zu Fu, durch eine Reise. Winas
lebendigeres Bild - die September-Sonne, die aus blauem ther brannte -
mgliches Reisegeld - und ein ganzes wnschendes Herz, das alles auf der einen
Seite - und auf der andern und schlimmen Dr. Huts lautes Bedauern und
Rezeptieren - Flittes laute Agonien - Heerings peinliches Schnupf- oder
Bahrtuch, das jede Minute flattern konnte - Walts versumte poetische
Sing-Stunden (denn was war in solcher Krisis zu dichten?) viele gesperrte Trume
- und endlich 36 innere Fecht-Stunden dazu - - so viel und nicht weniger mute
sich ineinanderhaken, damit Walt, weils nicht mehr auszuhalten war, keine
weitere Umstnde machte, sondern zwei ntige Gnge, den ersten zu den
Testaments-Vollstreckern, um den dritten langen anzusagen als Notariats-Pause;
und darauf den zweiten zum Fltenspieler, um ihm hundert Anlsse zur Reise und
die Reise zu melden.
    Beide Brder freuten sich wochenlang auf alles, was jeder nun dem andern
Geschichtliches werde zu erzhlen haben, wenn er wochenlang weggewesen; jetzt
war Walt der Geber. Vult hatte sich ber viel zu wundern. Sehr schwer fiel es
ihm, die juristische Regel, da Worte eines Sterbenden Eiden gleich gelten wie
die eines Qukers, auf den prahlenden Flitte anzuwenden; indes blieb ihm die
Angel verdeckt, um welche sich die ganze Tuschung drehte. Mir ist, sagt' er,
als htten die Narren dich zum - Weisen; ich wei aber nicht wo. Um Gottes
willen, junger Mensch, sei eine Kutsche (folge einem ltern) und habe hinten
dein rundes Fensterchen, damit kein Dieb dir Geld abschneidet oder Ehre.
    Ich habe leider nichts zu erzhlen, sagte Vult.
    Aber der Notar konnte zum Glck noch viel mitteilen. Er erzhlte
chronologisch - denn Vult gebots, weil jener sonst alles auslie - und mit
hchster Behutsamkeit - denn Walt kannte dessen unmetrische Hrten gegen Weiber
- Raphaelens Gesprch. Allein es half wenig; er hate alles Neupetersche und
besonders das weibliche. Raphaela, sagt' er, ist lauter Lug und Trug. - Und
einer so armen Hlichen, versetzte Walt, knnt' ich einen vergeben, obgleich
weder mir noch einer noch einem Geliebten. - Sie will nur, das mein' ich,
fuhr Vult fort, sich auf ihre innere Brust brsten, und whrend ein Liebhaber
auslscht, einen Sukzessor im trben Trnenwasser erfischen. Ein Weib ist ein
weiblicher Reim, der sich auf zwei Laute reimt; ein mnnlicher auf einen. Es ist
nicht viel besser, Alter, als wenn sie als Falkenier zu dir Falken sagte und
sich als Taube dir vorwrfe: rupf an, Mnnchen!
    Die Mglichkeit solcher Tuschungen, sagte Walt, seh' ich wohl auch
voraus, und dein Argwohn ist mir oft nichts Neues; aber ber die Wirklichkeit in
jedem Falle, darber ist der Skrupel. Und Liebe kann ja ebensowohl stimmen als
Ha verstimmen. Ist Raphaelens Freude ber mein Lob auf ihre Freundin kein
schnes Zeichen? - Nein, sagte Vult. Nur eine Schnheit ist an
ausschlieende Grade des Lobes und Feuers verwhnt und hasset jede
Unvollstndigkeit und Teilung der fremden Empfindung; aber eine untergeordnete
Gestalt ist gentigt zur Zufriedenheit mit mittlern Stufen und vergibt manches,
ausgenommen manches.
    Walt hatte nichts weiter zu berichten als seinen Plan, den reinen Himmel zu
atmen auf einigen Tagreisen, wo er auf nichts ausgehe als auf den Weg. Vult
genehmigte ihn stark. Jener wollte sehr scheiden; aber der Fltenspieler, durch
Reisen der Abschiedsabende gewohnt, machte nicht viel Wesens, sondern sagte
lustig: Fahre dahin, fahre daher, gute Nacht, glckliche Reise.
    Die schnsten Reise-Winke standen am Himmel. Glnzendscharf durchschnitt die
Mondsichel der Abendblumen das Blau; frische Morgenluft strich schon ber
dunkelroten Wolken-Beeten am Himmel; und ein Stern nach dem andern verhie einen
reinen Tag.

                             Nr. 39. Papiernautilus


                               Antritt der Reise

Am Morgen sah er auf der Schwelle reisefertig noch einmal seine dunkle westliche
Stube an, darauf sogar in die Kammer hinein und flog mit zwei liebreichen
Blicken, die einen Abschied bedeuten sollten, und mit einem an den Turm, dem der
Tod noch kein Schnupftuch zugeworfen, freudig auf einen leeren Platz am Tore
hinaus, wo er sich berall umsehen und unter den vier Holz-Armen eines
Wegzeigers bei sich festsetzen konnte, wohin er gegenwrtig gedenke, ob nach
Westen, Norden, Nordosten oder Osten; aus Sden, dem Stadttor, kam er aber her.
    Seine Hauptabsicht war, den Namen der Stadt gar nicht zu wissen, der er etwa
unterwegs aufstie, desgleichen der Drfer. Durch eine solche Unwissenheit
hofft' er ohne alles Ziel unter den geschlngelten Blumenbeeten der Reise
umherzuschweifen und nichts zu begehren sowie zu besehen, als was er eben habe-
in einem fort bei jedem Tritte anzukommen - sich in jedes goldgrne
Lust-Wldchen zu betten, und stnd' es hinter ihm - in jeder Ortschaft selber
den Namen der Ortschaft zu erfragen und darber sich ganz heimlich zu ergtzen -
und dabei, bei solchen Maregeln in einem solchen Strich Landes, der vielleicht
mit Landhusern, Irrgrten, Tharanden, plauischen Grnden vorher, Bergschlssern
voll heruntersehender Fruleins-Augen, Kapellen voll aufgehobner Beter-Augen und
berhaupt mit Pilgern, Zufllen und Mdchen ordentlich berset sein konnte, in
romantische Abenteuer von solcher Zahl und Gte hineinzugeraten, als er freilich
nie erwarten wollen.
    Mein guter Unendlicher in deinem blauen Morgenhimmel, betete er in seiner
durchdringenden Entzckung, lasse doch die Freude dasmal nichts vorbedeuten.
    Er hatte sich in acht genommen, an den Wegweiser hinaufzusehen, der wie ein
Affe vier Arme hatte, um nicht etwa an den abgewaschenen Armrhren einer Stelle
ansichtig zu werden, von welcher die Zeit, besonders die Regenzeit, den Namen
der Post-Stadt noch nicht rein weggerieben hatte. Am welt- und geistlichen
Arm-Paar wr' er diese Gefahr nicht gelaufen, sondern dieses zeiget allgemeiner
ins Blaue.
    In Norden lag Elterlein; in Osten standen die Pestitzer oder Lindenstdter
Gebrge, ber welche diese Strae nach Leipzig - auch eine Lindenstadt -
weglief; zwischen beiden nun nahm der Notar den Weg, um die Hhen, hinter
welchen die holdselige Wina jetzt rollte oder ruhte, niemals aus den Augen zu
verlieren, welche bald aus Blumenkelchen, bald aus Wolken auf Gebrgen trinken
wollten. -Ein Glck ists fr den gegenwrtigen Beschreiber der Reise und des
Reisenden, da Walt selber fr sein und des Fltenisten Vergngen ein so
umstndliches Tage- oder Sekunden-Buch seiner Reise gleichsam als ein Opfer-und
Sublimier-Gef des Lebens vollgefllt, da ein anderer weiter nichts zu tun
braucht, als den Deckel diesem Zucker- und Mutterfasse auszuschlagen und alles
in sein Dintenfa einzulassen fr jeden, der trinken will. Der leidende Mensch
hat einen erfreueten ntig - der erfreuete in der Wirklichkeit einen in der
Poesie und dieser, wie Walt, verdoppelt sich wieder, wenn er sich beschreibt.
    Fast wollt' ich hoffen, so fngt Walt das Sekunden- und Tertienbuch an
Vult an, da mein liebes Brderlein mich nicht auslachen werde, wenn ich meine
unbedeutende Reise nicht sowohl in deutsche Meilen als russische Werste abteile,
welche als bloe Viertelstunden freilich sehr kurz sind, aber doch nicht zu
kurz, ich meine fr einen Menschen auf der Erde. So wie es nicht auszukommen
wre mit dem flchtigen Leben, wenn man es, statt an Minuten- und Stunden-Uhren,
lieber an Achttage- oder gar Skular-Uhren abme, gleichsam einen kurzen Faden
an ungeheuern Welt-Rdern: so mchte man, zumal wenn ein Reich es tut, dem es am
wenigsten an Raum fehlt, das russische, dieselbe Entschuldigung haben, wenn man,
da der kleine Fu und der Schuh des Menschen sowohl sein eignes Ma als das
seiner Wege ist, fr bloe Fureisen die Werste zum Wegmesser erwhlt. Die
Ewigkeit ist ganz so gro als die Unermelichkeit; wir Flchtlinge in beiden
haben daher fr beide nur ein kleines Wort, Bruder: Zeit-Raum.
    Als er seine erste Werste nordstlich antrat, Winas Gebrge und die
Frh-Sonne zur Rechten und mitlaufende Regenbogen in den betaueten Wiesen zur
Linken: so schlug er die Hnde als Schellen einer morgenlndischen Musik
gegeneinander vor Lust und wurde so leicht und behend von sich selber
dahingetragen, da er kaum aufzutreten brauchte! Luferschuhe und Hosenscke der
Ohnehosen geben dem Menschen, wenn er sonst lange Stiefel und kurze Hosen trug,
fast Flgel. Sein Gesicht war voll Morgenluft, und ein Orient der Phantasie war
in seinen Blicken gemalt. Sein smtliches Mnzkabinett oder Studentengut hatt'
er eingesteckt, als Surplus- und Operationskasse, um an dieser Geld-Katze einen
Schwimm-Grtel fr alle Hllen- und Paradieses-Flsse zugleich zu haben. Er
bewegte sich durch das widerstrebende Leben so frei wie der Schmetterling ber
ihm, der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling. Der
Kunststrae, woran er einen ganzen Klumpen Reformatoren und Weg-Frotteurs
stampfen und klopfen sah, ging er aus dem Wege, weil er sich nicht damit plagen
wollte, entweder einen Morgengru lang durch sie hinzuziehen, oder den nmlichen
lcherlich immer von neuem zu sagen und doch wohl falsch abzusetzen. Hgelauf,
talein lief er in nassen Gras-Blten und verlor und erhielt abwechselnd die
Stadt, von welcher er indes wnschte, da er sie endlich einbte, weil ihm
sonst immer nicht recht war, als sei er fort.
    Er mute noch zwei starke Werste zurcklegen, ehe sie hinter den Obsthgeln
unterging. Noch war ihm nichts Besonders unterwegs begegnet als der Weg selber,
als er seinen Gru einem Menschen, dessen Gesicht ein Schnupftuch zuband, im
Fluge zuwerfen konnte. Er ging so lange fort, bis er glauben durfte, der Mann
habe sich umgesehen, und er knn' es auch, ohne zusammenzustoen. Aber eben sah
jener her. Er ging wieder weiter und blickte um - der Bandagist seinerseits
auch. Als ers zum drittenmal tat, merkte er, da der Mann trotzig stehen bleibe,
und da ihn die Rcksicht gar verdre. Da lie ihn Walt laufen und stehen.
    Er stie bald - so wuchsen die Abenteuer - auf drei alte Frauen und eine
blutjunge, welche mit hochaufgetrmten Krben voll Leseholz aus einem Wldchen
kamen. Auf einmal standen sie alle in gerader Linie zugleich hintereinander
still, die schweren Krbe auf den schief-untergestellten Stecken auflehnend, die
sie vorher als Badinen getragen. Sein Herz machte viel daraus, da sie, wie
Protestanten und Katholiken in Wetzlar, ihre Ferien und Feiertage des Gehens
gemeinschaftlich abtaten, um beisammen zu bleiben und fort zu reden. Nie
entwischte seinem Auge die kleinste Handvoll Federn oder Heu, womit sich der
Arme die harte Pritsche in der Wachtstube seines Lebens etwas weicher bettet und
sich die Marterbank auspolstert. Ein liebender Geist spret gern die Freuden der
Armen aus, um darber eine zu haben; ein hassender aber lieber die Plagen,
seltener um sie zu heben, als um ber die Reichen zu bellen, die er vielleicht
selber vermehrt.
    Herzlich gern wollt' er den Fracht- und Kreuztrgerinnen einige Groschen
Trage-Lohn auszahlen; er schmte sich aber vor so vielen Zeugen einer warmen
Tat. Darauf schob ein Mann einen Karren voll hoher klappernder Blechwaren daher;
sein Tchterchen war als Vorspann vorgelegt; beide keuchten stark. Es zwang ihn,
sich mit dem Karrenschieber zusammenzuhalten und sich auf die eine Waagschale zu
stellen, den Krrner auf die andere. Da er nun sogleich bemerkte, wie sehr er
mit seinen Glckslosen und Zuckerhten den Krrner berwiege - der alten
Holzweiber nicht einmal zu gedenken -; da er finden mute, da sein freies
fliegendes Fortkommen, gegen das trge Karren- und Stunden-Rad des Mannes
gemessen, mehr der freudigen leichten Weise beikomme, wie die Groen reisen: so
wurd' er rot ber seinen Reichtum und Stand - er sah die Weiber noch halten und
lehnen - er lief zurck mit vier Gaben und eilig davon.
    Bei Gott, schreibt er in sein Tagebuch, um sich ganz zu rechtfertigen, -
der armselige flchtige Sinnen-Kitzel einer bessern Nahrung, welchen etwan ein
paar geschenkte Groschen bereiten knnen, und berhaupt der Genu, der kann nie
der Anla werden, da man die Groschen so freudig hinreicht; aber die Freude,
die man dadurch auf einen ganzen Tag lang in ein ausgehungertes Herz und in
seine welken, kalten, engen Adern auswrmend hineingieet, dieser schnste
Himmel anderer Menschen ist doch wohl wohlfeil genug damit erkauft, da man
selber einen dabei hat. Hier kramt er weitlufig seinen alten Traum von dem
Glcke eines reisenden Mylords aus, auf einmal durch eine offne volle Hand ein
ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrhe zu setzen und in ein Elysium langer
Erinnerung.
    Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht - noch einen mehr hatt' er auf den
Gesichtern hinter sich gelassen - glitt er leicht von Tautropfen zu Tautropfen.
- Das Herz wird wie ein Luftschiff durch den Auswurf des schwersten Ballastes,
des Geldes, so leicht, so schnell, so hoch. Indes traf er ziemlich spt in dem
nur vier kleine Werste entlegenen Hrmlesberg ein. Denn berall sa und schrieb,
oder stand und sah er oder las alles - jede Inschrift einer Steinbank - und
wollte keine Kleinigkeit bergehen, sie mte denn Bevlkerung, Stallftterung,
Wiesenwuchs, Lehmboden und dergleichen betroffen haben.
    Drinnen will ich, sagt' er zu sich, da ich doch einem groen Herren
hnlich scheinen soll, mein djeuner dinatoire einnehmen, und trat in den Krug.

                               Nr. 40. Cedo nulli


                        Wirtshuser - Reisebelustigungen

Der Notarius, der unter die Menschen gehrte, welche wohl jahrelang daheim
sparen knnen, aber nicht unterwegs - hingegen andere kehren es gerade um -,
foderte keck sein Nel Landwein. Dabei a und sa er und beobachtete vergngt
die Wirtsstube, den Tisch, die Bnke und die Leute. Als einige Handwerkspursche
ihren Kaffee bezahlten: bemerkte er sehr wahr, da die Milchtpfchen in Franken
ihren Gieschnabel dem Henkel gegenber haben, in Sachsen aber links oder gar
keinen. Mit gedachten Purschen ging seine Seele heimlich auf Reisen. Gibt es
etwas Schneres als solche Wanderjahre in der schnsten Jahrszeit und in der
schnsten Lebenszeit, bei solchen Ditengeldern, die man unterwegs bei jedem
Meister erhebt, und bei solcher Leichtigkeit, in die grten Stdte Deutschlands
ohne alle Reisekosten zu gehen, und sobald kaltes nasses Wetter einbricht, sogar
auf einem Arbeitsstuhl huslich zu nisten und zu brten wie der Kreuzschnabel im
Winter? - Warum (schreibt sein Tagebuch Vulten) mssen die armen Gelehrten
nicht wandern, denen das Reisen und das Geld dazu gewi ebenso ntig und
dienlich wre als allen Gesellen?
    Drauen im Reich, sagte stets Walts Vater, wenn er bei Schneegestber von
seinen Wanderjahren erzhlte; und daher lag dem Sohne das Reich in so
romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland;
in allen Wandergesellen verjngte sich ihm die vterliche Vergangenheit.
    Jetzt fuhr ein Salzkrrner mit einem Pferde vor, trat ein, wusch sich in
einer ganz fremden Stube ffentlich und trocknete sich mit dem an einem
Hirschgeweih hngenden Handtuch ab, ohne noch fr einen Kreuzer verzehrt oder
begehrt zu haben. Walt bewunderte den krftigen Weltmann, ob er gleich nicht
fhig gewesen wre, sich nur unter vier Augen die seinigen zu waschen. Dennoch
exerzierte er - da er in etwas getrunken - einige Wirtshaus-Freiheiten und ging
in der Stube wohlgemut umher, ja auf und ab.
    Ob er gleich nicht imstande war, unter einer fremden Stubendecke den Hut
aufzubehalten - sogar unter seiner sah er ungern bedeckt aus dem Fenster aus
Artigkeit -: so hatt' er doch seine Freude daran, da andere Gste ihren
aufhatten und sonst berall von den herrlichen akademischen Freiheiten und
Independenzakten der Wirtsstuben den besten Gebrauch machten, es sei, da sie
lagen oder schwiegen oder sich kratzten. Ihm schienen die Wirtsstuben ordentlich
als hbsche gerumliche, aus abgebrochenen eingescherten Reichsstdten
unversehrt herausgehobene reichsunmittelbare Diogenes-Fsser vorzukommen, als
hbsche aus Marathons-Ebenen ausgestochne Grnpltze, vom Keller grnend
gewssert.
    Es wurde schon erwhnt, da er auf und ab ging; aber er ging weiter und -
denn das Wirtshausschild setzt' er als Achilles-Schild vor, den Weinbecher als
Minervens-Helm auf- schrieb unter aller Augen ein und das andere Texteswort in
seine Schreibtafel, um, wenn er allein wre abends im Quartier, darber zu
predigen. Auch trug er ein, da auf dem Schilde des Wirtshuschens ein
Schilderhuschen stand.
    Der Mut der Menschen wchset leicht, ist er nur herausgekeimt; - Kommende
grten leise, Gehende laut; der Notarius dankte beiden lauter. Er war so
freudig bei einem Freudenbecher, den nicht einmal schsischer Landwein htte
wssern knnen. Er liebte jeden Hund, und wnschte von jedem Hund geliebt zu
sein. Er knpfte deswegen mit dem Wirtsspitze - um nur etwas fr das Herz zu
haben - ein so enges Band von Bade-Bekanntschaft und Freundschaft an, als ein
Stckchen Wursthaut bei solchen Wesen sein kann. Fr warmherzige Neulinge sind
wohl stets die Hunde die Hundssterne, durch deren Leitung sie zur Wrme der
Menschen zu gelangen suchen, sie sind sozusagen die Saufinder und Trffelhunde
tief versteckter Herzen. Spitz, gib die Pfote, rief der Wirt in Hrmlesberg.
Spitz, oder der Spitz - denn der Gattungsname ist, was bei dem Menschen selten,
in Deutschland und in Halau zugleich der persnliche, ausgenommen in Thringen,
wo die Spitze Fixe heien - Spitz drckte dem Notar die Hand, soweit er wute.
    Gebt dem Herrn auch eine Patschhand, Bestien, rief der Wirt, als drei
kleine, armlange, geputzte Mdchen von einerlei Statur und Physiognomie an der
Hand einer jungen schnen, aber schneeblassen Mutter hereintraten aus der
Schlafkammer. Es sind Drillinge und sollen zu ihrer Frau Patin, sagte der
Wirt. Gottwalt schwrt im Tagebuch, da etwas Allerliebsteres,
Herzinniglicheres es gar nicht gebe, als drei so liebe hbsche, niedliche
Mdchen von einerlei Hhe mit ihren Schrzchen und Hubchen und runden
Gesichterchen sind, wobei nur zu bedauern sei, da es Drillinge gewesen, und
nicht Fnflinge, Sechslinge, Hundertlinge. Er kte sie alle vor der ganzen
Wirtsstube kurz und wurde rot; - es war halb, als hab' er die zarte bleiche
Mutter mit der Lippe angerhrt; auch sind ja die guten Kinder die schnste
Wesen- und Jakobsleiter zur Mutter. Dabei sind solche winzige Mdchen fr
Notarien, welche ohne Mut und ohne Elektrisier- und Sprachmaschine fr
erwachsene Mdchen dazustehen frchten, ordentlich die schnen Ableiter und
Zuleiter, geschenkte Rechenknechte fr den Augenblick; - man wundert sich
frhlich und heimlich, da man ein Ding wie ein Mdchen so dreist umhalset. Walt
wurde der Kleinen spter satt als sie seiner. Er war ja dem Drilling - als
eigner Zwilling - viel verwandter als alle Gste in der Stube. Er beschenkte sie
geldlich zur hchsten Freude der Mutter. Dafr bekam er drei Ksse, die er lange
zurcklieferte, nur bei sich betrbt, da ein Tauschhandel solcher Artikel
selber so frh dem Tausche der Zeit heimfalle. Ei, Herr guter Harnisch! sagte
der Wirt. Walt wunderte sich ber die Kenntnis seines Namens, aber nicht ohne
Vergngen, ja mit einiger Hoffnung, da es, nach einem solchen Anfange zu
urteilen, wohl noch seltsamere Avantren zu erleben gebe. Er wollte daher lieber
nicht fragen, wie und wo und wann, aus Furcht, um seine Hoffnung zu kommen.
    Mit Wollust sah er zu, wie der Vater sich von den Kindern pfel abkaufen
lie, um Walts Geld von ihnen zu haben - und wie die Mutter dem ersten Drilling
Brot zulangte, damit er wie der davon furchtsam eine Ziege unter dem Fenster
abknuppern liee - und wie der zweite herzhaft in einen Apfel einbi, ihn dem
dritten zum Beien hinhielt, und wie beide ihn wechselnd anbissen und reichten
und jedesmal lchelten. O wr' ich nur ein wenig allmchtig und unendlich,
dachte Walt, ich wollte mir ein besonderes Weltkgelchen schaffen und es unter
die mildeste Sonne hngen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte als lauter
dergleichen liebe Kinderlein; und die niedlichen Dinger lie' ich gar nicht
wachsen, sondern ewig spielen. Ganz gewi, wenn ein Seraph himmelssatt wre oder
sonst die goldnen Flgel hngen liee, knnt' ich ihn dadurch herstellen, da
ich ihn einen Monat lang auf meine springende jubelnde Kinderwelt herabschickte,
und kein Engel knnt', solange er ihre Unschuld she, seine eigene verlieren.
    Endlich rckten die Kinder, einander an den Hnden zu fhren befehligt, mit
der Mutter aus, zur Frau Patin. Ein langer Tiroler mit grnem Hut, von welchem
bunte Bnder flatterten, trat singend hinein. - Walt trank und brach auf. Schn
war drauen die Welt, sogar noch in Hrmlesberg. Im Dorfe wurde Zimmerholz mit
lauten Schlgen zugehauen und, mit der roten Meschnur angeschnellet, in gerade
Formen abgeteilt; - alle Kinderszenen unter dem Bauholz seines Vaters kamen mit
dem Rosenhonig der Erinnerung aus den Kindheitsrosen beladen zurck.
Bleicherinnen mit groen Hten begossen, leicht gebckt, die weien Beete aus
Flachs-Lilien. Aus dem Hut, den ein Mdchen an langen Bndern an der Hand
herunterhngen lie, floh er zu den blauen, gelben Glaskugeln eines Gartens auf
und wiegte sich berall.
    Jetzt kam er in die lange Gasse des aus Bergen wie aus Palsten
zusammengereiheten Rosana-Tals hinein - Edens Gartenschlssel wurden ihm vorn
berreicht, und er sperrte es auf. Der vllige Frhling ist da, der Orpheus der
Natur, sagt' ich (schreibt er), denn die Wiesen blhen ja - die Dotterblumen
stehen so dicht - den Heu-Bergen ziehen kleine Kinder mit groen Rechen kleine
Hgel zu - oben aus den Wldern der Berge ruft die Waldlerche und die Drosseln
herrlich herunter - schne Frhlingswinde ziehen durch das lange Tal - die
Schmetterlinge und die Mcken halten ihren Kinderball, und der Rosennachtfalter
oder das Goldvgelchen sitzt still auf der Erde - die Bltter der Kirschbume
glhen rot, wie ihre Frchte, nach, und statt blasser Blten fallen schn
bemalte Bltter - und im Frhling wie im Herbste zieht die Sonne am Spinnrade
der Erde fliegendes Gewebe aus - - wahrhaftig es ist ein Frhling, wie ich noch
selten einen gesehen.
    Im hohen ther waren zarte Streifen Silberblumen gewebt, und meilen-tief
darunter zog langsam ein Wolken-Gebrge nach dem andern hin; - zwischen diese
aufgebauete Kluft im Blau flog Walt und wandelte auf dem Himmelswege aus Duft
leicht dahin und sah oben noch hher auf. Doch sah er auch herab ins heimliche
Tal - sah den stillen glatten Flu darin gleiten - Wlder bogen sich liebend von
einem Bergrcken hinein, am andern glnzten Trauben und Weinbergshuschen und
reife Beete. Er fuhr wieder hernieder in sein langes Tal, wie auf einen Eltern
Scho.
    Wie geht es sich so schn in den Sulenhallen der Natur, auf dem Grn und
zwischen dem Grn, in ewiger Begleitung des unendlichen Lebens! sang er, ohne
besondere Metrik, laut hin und sah sich um, damit niemand seine Singstimme
belausche. Wallet nur hin, ihr hbschen Schmetterlinge, und genieet die
Honigwoche des kleinen Seins - ohne Hunger, ohne Durst30- ein schnes
Sonnenleben - ein Liebessein - und die einzige Kammer des Herzens ist nur eine
ewige Brautkammer der Liebe - beugt die Blumen - lasset euch wehen - spielt im
Glanz und entzittert nur linde wie Blten dem Leben.
    Er sah eine Herde stummer Nachtigallen, die sich zum nchtlichen Abzug
rsteten. Wo fliegt ihr hin, ihr sen Frhlings-Klnge? Sucht ihr die Myrte
zur Liebe, sucht ihr den Lorbeer zum Sange? Begehrt ihr ewige Blten und goldne
Sterne? So fliegt nur ohne Strme unter unsern Wolken fort und besingt die
schnsten Lnder, aber fliegt dann liebesbrnstig in unsern Frhling zurck und
singt dem Herzen in schmachtenden Tnen das Heimweh nach gttlichen Lndern vor.
    Ihr Bume und ihr Blumen, ihr neigt euch hin und her und mchtet noch
lebendiger werden und reden und fliegen, ich liebe euch, als wr' ich eine Blume
und htte Zweige; einstens werdet ihr hher leben. Und da bog er einen tief ans
Wasser sich neigenden Zweig gar ein wenig in die Wellen hinein.
    Pltzlich hrt' er in tiefer Ferne hinter sich eine Flte durch das Tal
gleichsam auf dem Strom herunterkommen, dem Wehen entgegen. Die Ferne ist die
Folie der Flte; und ihm, der mehr ihren Ton als ihren Gang verstand, war keine
nahe gute nur halb so lieb. Die Tne schienen nachzukommen, doch schwcher. Am
Wege stand eine Steinbank, die ihn in dieser Einsamkeit schn an die
Menschensorge fr andere Menschen erinnerte. Er setzte sich ein wenig darauf, um
gleichsam zu danken. Aber er legte sich bald ins hohe Ufer-Gras, um der guten
Erde, die zugleich der Stuhl, der Tisch und das Bette der Menschen ist, nher zu
sein, und regte sich wenig, um die im warmen stillen Uferwinkel spielenden
Eintags-Fischchen nicht wegzuschrecken. Er liebte nicht einen und den andern
Lebendigen, sondern das Leben, nicht einmal die Aussichten, sondern alles, die
Wolke und den Gras-Wald der goldnen Wrmchen, und er bog ihn auseinander, um
ihren Aufenthalt zu sehen und ihre Brotbumchen und ihre Lustgrtchen. Er hielt
lieber mit Schreiben und Dichten auf seiner Schreibtafel innen, wenn ein buntes
weiches Wesen ber die glatte Flche sich wegarbeitete, als da er es
weggeschnellet oder gar erdrckt htte. Gott, wie knnte man ein Leben tten,
das man recht angesehen, z.B. nur eine halbe Minute lang, fragt' er. Er hrte
die Flte, die gleichsam aus dem Herzen der stummen Nachtigallen sprach. Heie
Freudentropfen sog das dunkle Getn aus seinem von tausend Reizen berfllten
Auge. Jetzt schlugen ein paar groe helle Tropfen aus einer warmen Flug-Wolke
ber ihm auf seine flache Hand herab - er sah sie lange an, wie er es sonst als
Kind bei Regentropfen gemacht, weil sie vom hohen fernen heiligen Himmel
gekommen. Die Sonne stach auf die weie Haut und wollte sie wegkssen - er kte
sie auf und sah mit unaussprechlicher Liebe nach dem warmen Himmel auf, wie ein
Kind an die Mutter. Er sang nicht mehr, seitdem er hrte und weinte. Endlich
stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort, als er einige Schritte in der
Nhe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege
gewahr wurde. In der Hoffnung, da er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn
finde, hob er das Blttchen auf; weil ihm nichts Fremdes klein, wie nichts
Eignes wichtig vorkam, und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog
als eine Blume. Wenn die Leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes
Schiff: so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne
Abendrot-Taube, oder wie ein Christus, der gen Himmel geht, weil er eben die
Erde nicht vergisset.
    Die Flte flo ihm immer durch das Bette des Tales nach, ohne doch weder
nherzukommen, wenn er stand, oder zurckzubleiben, wenn er lief.
    Jetzt schwang sich die Landstrae pltzlich aus dem Tale den Berg hinauf. -
Die Flte drunten wurde still, da sich oben die Weltflche weit und breit vor
ihm auftat und sich mit zahllosen Drfern und weien Schlssern anfllte und mit
wasserziehenden Bergen und mit gebognen Wldern umgrtete. Er ging auf dem
Bergrcken wie auf einer langen Bogen-Brcke ber die unten grnende
Meeresflche zu beiden Seiten hin.
    Er war ganz allein und vor Ohren sicher, er pfiff frei daher figurierte
Chorle, Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und hrte nicht einmal auf,
wenn er einatmete. Gegen die Natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese
Mundharmonika, wie die andere, romantisch und s in groer Nhe - keinen halben
Fu vom Ohre - und wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der
Instrumentenmacher, Komponist und Spieler, ohne im geringsten einen andern
Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich, den Schler selber.
    Immer betrunkner und glcklicher wurde Walt, als er auf dieser ersten
Schferpfeife, auf diesem ersten Alphorn fortblies, dem Morgenwinde entgegen,
der die Tne in die Brust zurckwehte; und zuletzt wurd' ihm, als komme das
verwehte Getn aus weiter Ferne her. Da er lange so ging und trumte - da er von
dem Bergrcken bald links in die Hirtenstcken der Wiesen hinuntersah und zu den
Kirchtrmen von Altengrn - von Joditz von Talhausen - von Wilhelmslust - von
Kirchenfelda - und die Jagd- und Lustschlsser erblickte, deren beide Namen
allein, wie romantische Zauberworte, alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele
erscheinen lieen - da er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite
Ebene, worin sich der gerade Flu seines Tales, die Rosana, freigeworden, auf
einem blumigen Tanzplatz schlngelte und das Silber-Schild der Sonne trug und
immer zeigte - und da er das Auge auf die Lindenstdter Gebrge warf, wo unter
den hohen hellen Laubholzwldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als
breite Schlagschatten zu stehen schienen - und da er in den Himmel sah, worin
still und leicht die Wolke und die Taube flog - und da in den Wldern des Tals
die Herbstvgel schrien und in den Steinbrchen einzelne Schsse lang
forthalleten: so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem, was er
singen wollte, nach, als ob der Unendliche nicht auch das Denken hre; bis er
mit leiser Stimme den Streckvers sang und wiederholte, den er schon lngst
gemacht:
    O wie ist der Himmel, wie die Erde so voll freudiger Stimmen! Viel schner
als dort, wo einstens der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter
dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh, jauchzen die Chre im Himmel und auf
Erden, und nur der Allselige ist still, und der ther verschleiert ihn.
    Darauf sah er gen Himmel, nannte Gott zweimal du und schwieg lange; und
hielt es fr erlaubt, sogleich an Wina zu denken. Pltzlich kam ein altes
vertrautes, aber wunderbares Mittagsgelute aus den Fernen herber, ein altes
Tnen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit; siehe, meilen-tief in
Westen sah er Elterlein hinter unzhligen Drfern liegen und glaubte die alte
Dorfglocke zu erkennen und Winas weies Bergschlo, ja sogar das elterliche
Haus. Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern - an das Stilleben der
Kindheit - und an die sanfte Wina, die ihm, auch im Stilleben ihrer Kindheit,
einst die Aurikeln in die Hand gelegt - sein Auge hing an den stlichen Gebrgen
im stillen Blau, hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne
in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen lie. Glocken aus mehreren Drfern
tnten zusammen der Morgenwind rauschte strker - der Himmel wurde blauer und
reiner - der bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich ber die Gegend
aus und flatterte an den Enden, und Walt wohnte, wie ein Traum, nur in der
Vergangenheit.
    Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht: Es zieht in schner
Nacht der Sternenhimmel, es zieht das Frhlings-Rot31, es schlgt die Nachtigall
- und der Mensch schlft und merkt es nicht; - endlich geht sein Auge auf, und
die Sonne sieht ihn an. O Lina, Lina, du gingst auch vorber mit deinen Blumen -
mit den sen Tnen - und mit Liebe - aber mein Auge war blind; nun ist es
aufgetan, allein die Blumen sind verwelkt, die Worte sind vergangen, und du
glnzest hoch als Sonne.
    Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen; er fand die Welt sonderbar still um
sich; nur das Gelute klang allein und leise, wie Schalmeien der Kindheit, und
er wurde sehr bewegt. Er lief wieder und sang immer heier: Nasses Auge, armes
Herz, siehst du nicht den Himmel und den Lenz und das schne Leben? Warum
weinest du? Hast du was verloren, ist dir wer gestorben? Ach ich habe nichts
verloren, mir ist nichts gestorben; denn ich habe noch nicht je geliebt, o la
mich weiter weinen!
    Zuletzt sang er nur einzelne Fe noch, ohne besondern Zusammenhang - er kam
eiliger durch Beete - durch grne Tler ber klare Bche - durch mittagsstille
Drfer - vor ruhendem Arbeitszeug vorbei - auf dem Zauberkreis der Hhen stand
Zauberrauch - der Sturmwind war entflohen, und am klaren Himmel blieb das groe
unendliche Blaue zurck - Vergangenheit und Zukunft brannten hell und nahe,
entzndet von der Gegenwart - der Blumenkelch des Lebens umschlo ihn
buntdmmernd und wiegte ihn leise - und Pans Stunde ging an -
    Jetzt ergriff mich, schreibt er in seinem Tagebuche, Pans Stunde, wie
allemal auf meinen Reisen. Ich mchte wohl wissen, woher sie diese Gewalt
bekommt. Nach meiner Meinung dauert sie von 11 und 12 bis 1 Uhr; daher glauben
die Griechen an die Pans-, das Volk an die Tags-Geisterstunde, auch die Russen32
. Die Vgel schweigen um diese Zeit. Die Menschen schlafen neben ihrem
Arbeitszeug. In der ganzen Natur ist etwas Heimliches, ja Unheimliches, als wenn
die Trume der Mittagsschlfer umherschlichen. In der Nhe ist es leise, in der
Ferne an den Himmels-Grenzen schweifet Getn. Man erinnert sich nicht sowohl der
Vergangenheit, sondern sie erinnert sich an uns und durchzieht uns mit nagender
Sehnsucht; der Strahl des Lebens bricht in seltsam-scharfe Farben. - Allmhlich
gegen die Vesper wird das Leben wieder frischer und krftiger.

                             Nr. 41. Trdelschnecke


                                 Der Bettelstab

In Grnbrunn kehrt' er ein. Im Wirtshaus hielt er seine Wachsflgel ans
Kchenfeuer und schmolz sie ein wenig. In der Tat braucht der Mensch bei den
besten Flgeln fr den ther doch auch ein Paar Stiefel fr das Pflaster. Da der
Speisesaal schon voll Hunde und Herren war: so setzt' er sich lieber unter eine
Vorhalle oder Vordachung zu Tisch, die so breit war als der Tisch. Es war ihm,
als sei er ein Patriarch, da er in einem offnen freien luftigen Halb-Haus am
Hause sitzen und die ganze sich aufbltternde Welt umherhaben konnte. Er sah
hinaus in die ihm fremden Gegenden und Felder, und er fhlte sich einem leichten
Troubadour alter Zeiten gleich, nachdem er zusammengerechnet hatte, da er jetzt
schon in einer Ferne von neunzehn Wersten von seiner Heimat lebe. Er trug in
sein Reisebuch die konomische Gewohnheit ein, die er vor sich sah, die Wiesen
mit einem Kohl-oder anderen Fruchtbeete zu umrndern, anstatt da man sonst
umgewandt Beet-Felder in Wiesen-Raine einschliet; und bemerkte gegen einen
neben ihm essenden Bauersmann, das sehe sehr niedlich aus.
    Man lie ihn lange in seinem Nachklange des melodischen Vormittags, in jener
epischen Stimmung sitzen, worin er das Kommen und das Verschwinden der
Sterblichen im Wirtshause ansah, und warten, bevor man ihm sein Tischtuch und
seinen Teller Essen auftrug. Es ist vielleicht der Mhe wert, zu bemerken, da
er nicht aufa, teils aus Freundlichkeit gegen den Wirt, um ihn nicht um die
Nachlese zu bringen, teils weil der Mensch, gleich seinen Unter-Knigen, dem
Adler und dem Lwen, eine besondere Neigung hat, nie rein aufzuspeisen, wie man
an Kindern am ersten wahrnimmt. Der Notar begriff gar nicht, wie der Bauersmann
und andere Gste imstande sein konnten, den Teller ordentlich zu scheuern und zu
trocknen und jeden abgegltteten Knochen noch zu trepanieren und, wie Kanonen
und Perlen, zu durchbohren.
    Nach dem Essen stellte er sich vor die offne Saaltre der Tafelstube, um mit
dem im Zaubertal gefundenen Zollzettel in der Hand und mit dessen bergabe zu
warten, bis die speisenden Fuhrleute, die er in corpore anzureden und zu
befragen scheuete, einzeln herauskmen. Da stand ein junges, schnippisches
dreizehnjhriges Fuhrmnnlein in blauem Hemde und dicker weier Schlafmtze auf,
drehte ganz heimlich des Wirts Sand-Uhr um und wollte dem Mann im eigentlichen
Sinne (denn es war erst ein Drittel Stunden-Sand verlaufen) die Zeit vertreiben.
    Aber der Notar fuhr erboset hinzu und kehrte die Umkehrung um, viel zu
unvermgend, ein hmisches Unrecht, das er gegen sich erdulden konnte, gegen
einen andern zu ertragen.
    Diese Hitze setzt' ihn in den Stand, den Zettel vor der ganzen table d'hte
emporzuheben und auszurufen, ob ihn jemand verloren. Ich, Herr, sagte ein
langer herbergestreckter Arm und ergriff ihn und nickte einmal kurz mit dem
Kopfe statt der warmen Danksagung, auf die Walt aufgesehen.
    Auf dem Fenster sah er neben der Uhr das Schreibbuch des Wirts-Kindes
liegen, dem zu drei Zeilen die drei Worte Gott Walt - Harnisch vorgezeichnet
waren. Er war sehr darber erstaunt und fragte den Wirt, ob er etwan Harnisch
heie. Karner ist mein Name, sagte dieser. Walt zeigte ihm das Buch und sagte,
er selber heie, wie da stehe. Der Wirt fragte grob, ob er denn auch wie die
vorige Seite heie: Hammel - Knorren - Schwanz - etc.
    Jetzt wollte der Notar wieder Flgel anstatt der Pferde nehmen und fort, und
vorher bezahlen, als ihn ein Bettelmann dadurch aufhielt und erfreuete, da er
sein Almosen in Naturalien eintreiben wollte und um ein Glas Bier bettelte,
wahrscheinlich ein stiller Anhnger des physiokratischen Systems. Da der Mann
unter dem Einkassieren der kleinen Naturalbesoldung seinen Bettelstab in eine
Ecke stellte: so gab das dem Notar Gelegenheit, diesen dornigen, schweren Stab
in die Hand zu nehmen. Walt hob und schwang ihn mit dem besondern Gefhl, da er
nun den Bettelstab, wovon er so oft gehrt und gelesen, wirklich in Hnden
halte.
    Zuletzt - da er sich es immer wrmer auseinandersetzte, wie das der letzte
und dnnste Mast eines entmasteten Lebens, ein so drrer Zweig aus keinem
goldnen Christbaum, sondern aus der Klag-Eiche sei, eine Speiche aus Ixions Rad
- wurd' er erfasset; er handelte dem Bettelmann, der vom Ernst nicht anders zu
berzeugen war als durch Geld, den Stab ab, die einzige Nippe, die der Mann
hatte. Dieser Stab, sagte Walt zu sich, soll mich wie ein Zauberstab
verwandeln und besser als eine Lorenzo-Dose barmherzig machen, wenn ich je vor
dem groen Jammer meiner Mitbrder einst wollte mit kaltem oder zerstreuetem
Herzen vorbergehn; er wird mich erinnern, wie braun und welk und mde die Hand
war, die ihn tragen mute.
    So sagt' er strafend zu sich; und der weichherzige Mensch warf sich,
ungleich den hartherzigen, vor, er sei nicht weichherzig genug, indes jene sich
das Gegenteil schuld geben. Er brauchte dieses Stnglein seiner fruchtbringenden
Blumen nicht; aber da, wo diese Wetterstange selber wchset, auf den
Schlachtfeldern und um die Lustschlsser vierzehnter Ludwige herum, die schon
gleich mit Zhnen auf der Welt ankommen33, an Orten, wo die geheimen Treppen und
Throngerste aus solchem Marter-Holz gezimmert werden, in Lndern, wo der
Bettelstab der allgemeine oder General-Stab ist, vielleicht durch den
militrischen selber, da wrd' es ein erwnschtes Legat sein, wenn jeder Bettler
seinen Stab in ein eignes Staats-Hlzer-Kabinett vermachte; wenigstens ist zu
glauben, wenn neben jedem Kommando-Stab und Zepter ein solcher lge, er diente
als Balancierstange und schlge vielleicht wie ein Moses-Stecken aus manchen
harten Thron-Felsen weiches Wasser.
    Der Notar verlie sein Quartier mit dem Exulantenstab so froh als es zu
erwarten war, da er den Verkufer desselben in Erstaunen und Freudentrnen
gesetzt; und besonders da er ber die goldne Ernte von Abenteuern hinsah, die er
blo in einem halben Tage eingeerntet. Wahrlich es ist stark, sagt' er, in
Hrmlesberg wei man meinen Namen schon mndlich - in Grnbrunn gar schriftlich
- eine wunderbare Flte geht und steht mit mir einen fremden Wanderstab hab' ich
desfalls - Gott, was kann mir nach solchen Zeichen nicht in einem ganzen langen
Nachmittag passieren? Hundert Wunder! Denn es schlgt erst halb 2 Uhr. So
schlo er und sah mit frohlockenden Augen in den blau-ausgewlbten Himmel
hinein.

                              Nr. 42. Schillerspat


                                   Das Leben

Im nchsten Flusse wusch er den Bettelstab und die Hnde ab, in welche er ihn
vor dem Verkufer aus Schonung frei genommen. Der erste Akt der Wohlttigkeit,
den er nach dem Kaufe des Stabes verrichtete, war einer mit dem Holze selber an
Fl-Holz. Er konnt' es nicht ertragen, da, whrend mitten im Strome viele
Fl-Scheite lustig und tanzend hinunterschwammen, eine Menge anderer, die nicht
unbedeutender waren, sich in Ufer-Winkeln stieen, drngten und elend
einkerkerten; eine solche Zurcksetzung auf die Expektantenbank verdienten die
Fl-Scheite nicht; er nahm daher seinen Bettelstock und half so vielen
hintangesetzten Scheiten durch Schieben wieder in den Zug der Wogen hinein, als
neben ihm litten; denn alle Scheite - sowie alle Menschen - zu befrdern, steht
auer dem Vermgen eines Sterblichen.
    Er holte darauf einen kleinen zerlumpten Jungen ein, der barfu in einem
Paar roten Plschhosen voll unzhliger Glatzen ging, das, von einem Manne
abgelegt, eine Pump- und Strumpfhose zugleich an ihm geworden war. Der Knabe
hatte nichts bei sich als ein Glschen, mit dessen Salbe er sich unaufhrlich
die rotkranken Augen bestrich. Walt fragte ihm sanft seine Leidensgeschichte ab.
Sie bestand nur darin, da er von seiner Stiefmutter weggelaufen, weil sein
Vater, ein Militr, von dieser weggelaufen, und da er sich zu den Franzosen zu
betteln hoffe. Kannst du hessische Groschen brauchen? fragte Walt, der zu
seinem Schrecken zu groes Geld bei sich fand. Der Knabe sah ihn dumm an,
lchelte dann, wie ber einen Spa, und sagte nichts. Walt wies ihm einen. O,
sagt' er, das kenn' er wohl, sein Vater hab' ihn oft wechseln lassen. Der Notar
erfuhr endlich, der Knabe sei ein Hesse - und gab ihm alle vaterlndische
Groschen.
    Allmhlich uerte jetzt der Bettelstab seine feindselige Kraft, eine
Wetterstange zu sein, welche Gewitter zieht. Walt konnte den Frhling des
Vormittags durchaus nicht wieder zurckbringen, sondern mute den Herbst vor
sich stehen sehen, der gerade so episch macht als der Lenz lyrisch und
romantisch. Er durft' es dem Stock sehr aufbrden, da er nach den Leipziger
Bergen sah und doch ganz vergeblich hinter ihnen auf der andern Seite in die
Leipziger Ebenen herabzufahren suchte bis vor Winas Gartentre, weil der Stock
sich gleichsam unter den Berg-Schlitten stemmte und stlpte.
    Er sah nur das Fliehen und Fliegen des Lebens, die Eile auf der Erde, die
Flucht des Wolkenschattens, indes am Himmel die Wolke selber nur langsam zieht,
und die Sonne gar wie ein Gott steht und blickt. Ach in jedem Herbst fallen auch
dem Menschen Bltter ab, nur nicht alle.
    Er sah eine abgefressene Wiese, aber violett von ausgeschlossenen giftigen
Herbstblumen. Auf ihr lrmten Zugvgel, die miteinander den Plan zu ihrer
Nachtreise zu bereden schienen. Auf der Landstrae fuhr ein rasselnder Wagen
hin, unter den Hinterrdern boll ein Hund. Am fernen Bergabhange schritt eine
weibliche weie Gestalt kaum merkbar hinter ihrem dunkelbraunen Manne, um in
irgendeinem unbekannten Drfchen ein Glas und eine Tasse zu genieen und dazu
vor- und nachher soviel von schner Natur, als unterwegs gewhnlich vorkommt. In
der Nhe trippelten zwei weigeputzte Mdchen von Stande, mit Blumen und
Schnupftchern in den Hnden, durch die grnen Saaten-Furchen, und die gelben
Schals flatterten zurck.
    Er ging vor einem bis an die Himmelswagen hinauf getrmten sogenannten
Brautwagen vorbei, worauf alle die Wachsflgel, Flgeldecken, Glasfedern und der
Federstaub einerseits, und die Stei- und Schwanzflossen, die Brust- und
Rckenflossen, die Danaidengefe, Wasserstcke, Wasserwaagen, Regenmesser und
Trockenseile andererseits unter dem Namen Hausgerte aufgeladen waren, welche
der Mensch durchaus hienieden haben mu, um nur einigermaen halb durch das
Leben zu schwimmen, halb darber zu fliegen. Der Eigentmer aber schritt voll
Empfehlungen der grten Vorsichtsregeln fr seine aufgepackten Flgel und
Flossen neben dem Wagen her und versprach sich und andern Schritt vor Schritt
ganz andere, blauere Tage in der Zukunft, als er in seinem vorigen unbekannten
Neste gehabt.
    Darauf kam Walt auf ein Filial-Drfchen von fnf oder sechs waschenden,
fegenden Husern und rauchenden Backfen. Die Jnglinge hoben mit Stangen und
halber Lebensgefahr einen Maienbaum mit roten Bnder-Fahnen in die Hhe, der fr
ein Dorf wohl nicht weniger ist, als was eine Vogelstange fr eine Mittelstadt.
Die Mdchen, welche die Bnder hinaufgeschenkt, sahen hochrot dem Aufbumen zu
und hatten nichts im seligen Kopf und Herzen als den morgendlichen Kirmes-Tanz
um den Baum mit den allerbedeutendsten Purschen des Orts.
    Darauf begegnete der Notar einem schwer ausgeschmckten eilfjhrigen Mdchen
mit einer Krcke - was ihn unsglich erbarmte -, und die Frau Patin lief aus dem
rtchen ihrem Kirmesgast schon entgegen.
    Darauf kam ein an sich selber angeketteter Malefikant zwischen seinen
Kerker-Fhrern; alle priesen, soweit sie mit Worten noch vermochten, das Bier
des vorigen Dorfs; auch der Malefikant.
    Er kam durch das ansehnlichere Dorf, worin das Filial nur eingepfarrt war.
Da die Mutterkirchen-Tre gerade offen stand aus dem kurzen dicken Turme wurde
etwas geblasen, worein wieder der Viehhirt blies - so ging er ein wenig hinein;
denn unter allen ffentlichen Gebuden besucht' er Kirchen am liebsten, als
Eispalste, an deren leere Wnde das Altarlicht seiner frommen Phantasie sich
mit Glanz und irrenden Farben am schnsten brach und umhergo. Es wurde drinnen
getauft. Der Tufer und der Tufling schrien sehr vor dem Taufengel. Vier oder
fnf Menschen waren nach ihrer Art sonntglich blasonniert, graviert, mit
getriebner Arbeit vom Schneider bedeckt; nur aus den vornehmsten Kirchen-Logen,
den adeligen, schaueten Mgde, die Arme in blaue Schrzen wie in Unter-Schals
gewickelt, im demi-nglig des Wochentags heraus. Wirtschafts-Kleidung in
heiliger Sttte war ihm harter Miton. Der Pate des getauften Urenkels war der
Urgrovater desselben, der das Schreihlschen kaum halten konnte vor Jahren, und
dessen abgepflckte winterliche nackte Gestalt Walten besonders dadurch ins Herz
drang, da der alte Mann fnf oder sechs schneeweie Haare mehr nicht - zu einem
grauen Zpflein zusammengesammelt und gedreht hatte, um sich zu zeigen.
    Da der alte Mensch dem jungen so nahe war, das Kind des Grabes dem Kinde
der Wiege, die gelben Stoppeln dem heitern Maienblmchen, das rhrte den Notar
noch eine Stunde ber das Dorf hinaus. Spielet doch Kindtaufens, sagt' er zu
einigen Kindern, die ein Kreuz trugen und Begrabens spielen wollten. Gerade aus
dem Herzen flog ihm in den Kopf der Streckvers:
    Spielet jauchzend, bunte Kinder! Wenn ihr einst wieder Kinder werdet, bckt
ihr euch lahm und grau; unter dem weinerlichen Spiele bricht der Spielplatz ein
und berdeckt euch. Wohl auch abends blht im Osten und Westen eine Aurora, aber
das Gewlke verfinstert sich, und keine Sonne kommt. O hpfet lustig, ihr
Kinder, im Morgenrot, das euch mit Blten bemalt, und flattert eurer Sonne
entgegen.
    Die Zauberlaterne des Lebens warf jetzt ordentlich spielend bunte laufende
Gestalten auf seinen Weg; und die Abendsonne war das Licht hinter den Glsern.
Sie wurden gezogen, und es mute vor ihm vorberlaufen unten im Strom ein
Meschiff - ein niedriger Dorfkirchhof an der Strae, ber dessen Rasenmauer ein
fetter Schohund springen konnte - eine Extrapost mit vier Pferden und vier
Bedienten vornen - der Schatte einer Wolke - nach ihr ins Licht der Schatte
eines Rabenzugs - zerrissene hohe graue Raubschlsser - ganz neue - eine
polternde Mhle - ein zu Pferde sprengender Geburtshelfer - der drre
Dorfbalbier mit Schersack ihm nachschieend - ein dicker berrckiger
Landprediger mit einer geschriebenen Erntepredigt, um fr die allgemeine Ernte
Gott und fr seine den Zuhrern zu danken - ein Schiebkarren voll Waren und ein
Stab Bettler, beide um die Kirmessen zu beziehen - ein Vor-Drfchen von drei
Husern mit einem Menschen auf der Leiter, um Huser und Gassen rot zu
numerieren - ein Kerl, auf seinem Kopfe einen weien Kopf von Gips tragend, der
entweder einen alten Kaiser oder Weltweisen vorstellen sollte oder sonst einen
Kopf- ein Gymnasiast spitz auf einem Grenzstein sehaft, mit einem Leih-Roman
vor den Augen, um sich die Welt und Jugend poetisch ausmalen zu lassen - und
endlich oben auf ferner Hhe und doch noch zwischen grnen Bergen ein
vorschimmerndes Stdtchen, worin Gottwalt bernachten konnte, und die helle
Abendsonne zog alle Spitzen und Giebel sehr durch Gold ins Blau empor.
    Wir sind laufende Strichregen und bald herunter, sagt' er, als er auf
einem Hgel bald rck-, bald vorwrts sah, um die Kette der auseinandereilenden
Gestalten zu knpfen. Da stieg ihm ein Bilder-Hndler mit seiner auf eine Walze
gefdelten flatternden Bilder-Bibel und Bilder-Galerie auf dem Nabel nach und
fragte, ob er nichts kaufe. Ich wei gewi, da ich nichts kaufe, sagte Walt
und gab ihm zwlf Kreuzer, aber lassen Sie mich ein wenig dafr darin
herumblttern.
    Wer lieber als ich, sagte der Mann und bog seinen Thorax zurck und sein
Bilderbuch ihm entgegen. Hier fand der Notar wieder die stehenden Bilder der
laufenden Bilder, das Leben fuhr mit Farben auf dem Papiere durcheinander, die
halbe Welt- und Regenten-Geschichte, Potentaten und herkulanische Topf-Bilder
und Hanswrste und Blumen und Militr-Uniformen, und alles berlud den Magen des
Mannes. Wie heiet das Stdtlein droben? sagte Walt. Altfladungen, mein
lieber Herr, und die Berge dort sind eine prchtige Wetterscheide, sonst htte
uns vorgestern das liebe Gewitter alles angezndet (versetzte der Bildermann);
indes hab' ich noch schne aparte Stcke zum Ansehen und bltterte das bunte
Hng-Werk mit beiden Hnden auf. Walts Auge fiel auf eine Quodlibetszeichnung,
auf welcher mit Reiblei fast alle seine heutigen Weg-Objekte, wie es schien,
wild hingeworfen waren. Von jeher hielt er ein sogenanntes Quodlibet fr ein
Anagramm und Epigramm des Lebens und sah es mehr trbe als heiter an - jetzt
aber vollends; denn es stand ein Januskopf darauf, der wenig von seinem und
Vults Gesichte verschieden war. Ein Engel flog ber das Ganze. Unten stand
deutsch: Was Gott will, ist wohlgetan; dann lateinisch: quod Deus vult, est
bene factus. Er kaufte fr seinen Bruder das tolle Blatt.
    Der Bildermann verlie den Hgel mit Dank. Walt heftete das von dem
Vorberzuge unseres malenden und gemalten Lebens gerhrte Seelen-Auge auf den
wetterscheidenden Berg, der ganz unter den Rosen der Sonne mit einzelnen
Felsen-Schneiden und mit Schafen glhte, und er dachte:
    So fest steht er nun ewig da - frh, als noch keine Menschen hier waren,
schnitt er auch die schweren Wetterwolken entzwei und zerbrach ihre Donnerkeile
und machte es hell und schn im Tale ohne Augen - Und wie tausendmal mag das
Abendrot im Frhlingsglanz herrlich ihn vergoldet haben, da noch kein Leben
unten stand, das in die Herrlichkeit mit Trumen versank. - - Bist du denn
nicht, du groe Natur, gar zu unendlich und zu gro fr die armen Kleinen hier
unten, die nicht jahrelang, geschweige Jahrtausende glnzen knnen, ohn' es zu
zeigen? Und dich, o Gott, hat noch kein Gott gesehen. Wir sind ganz gewi
klein.
    Je mehr es Abend wurde, desto mehr ging das epische Gefhl in das se
romantische ber, und hinter den Rosen-Bergen wandelte wieder Wina in Grten.
Denn der Abend frbet zugleich die optischen und geistigen Schatten bunter an.
Er sehnte sich nach einem fremden Menschenworte; zuletzt drngt' er sich an
einen Mann, der einen Schiebekarren voll Wolle ungemein langsam schob und immer
stand und nach der Sonne sah.
    Er sei, sagte dieser sehr bald aufgeregt, sonst nur ein Hutmann gewesen und
habe auf einem glsernen Horn sein Vieh so in der Stadt zusammengeblasen, da
mancher Hutmann etwas daran gewendet htte, wenn ers Blasen halb so htte lernen
knnen. Nicht ein jedweder sei es kapabel. Und er wnschte zu wissen, ob andern
Hirten ihr Vieh so nachgegangen, wenn sie durch die Elbe vorausgewatet; ihm sei
es wie Soldaten nachgezogen; und Gott beht' ihn, da er sich dessen rhmte,
aber wahr sei's.
    Der Notar hatte ber nichts soviel Freude, als wenn arme Teufel, die niemand
lobte, sich selber lobten. Ich schiebe noch ganzer fnf Stunden durch, sagte
der Mann, den der Anteil ins Reden setzte, die frische Nacht hab' ich dazu sehr
gern. - Das kann ich mir leicht denken, mein Alter (sagte Walt, der den
unvergelichen dichterischen Mann von Tockenburg vor sich glaubte); im
zweirderigen Schferhuschen, wo Er doch meist im Frhling schlft, hatt' Er ja
den ganzen Sternenhimmel vor sich, wenn Er aufwachte. Ihm ist die Nacht gewi
besonders lieb?
    Ganz natrlich, denk' ich, versetzte der Schfer; denn sobalds frisch
wird und es tapfer tauet, so zieht die Wolle die Nsse etwas an sich und schlgt
mehr ins Gewicht, das mu ein rechtschaffener Schfer wissen, Herr. Denn zum
Zentner wills doch immer etwas sagen, wenns auch nicht viel ist.
    Da lie ihn Walt mit einer zornigen guten Nacht stehen und eilte dem
rauchenden Bergstdtchen zu, wo er, nach den heutigen Drfern zu schlieen, im
Nachtquartier unter solche Abenteuer zu geraten verhoffte, die vielleicht ein
anderer mit Wurzeln und Blten geradezu ausheben und in einen Roman verpflanzen
knnte.

                       Nr. 43. Polierter Bernsteinstengel


         Schauspieler - der Maskenherr - der Eiertanz - die Einkuferin

Er kehrte im Ludwig XVIII. ein, weil der Gasthof vor dem Tore lag, vor dessen
Fragmaschinen er nie gern vorbeiging, nmlich stillstand. Das erste Abenteuer
war sogleich, da ihm der Wirt ein Zimmerchen abschlug; es sei alles von
Frnzels Truppe besetzt, sagte der Ludwigs-Wirt, der hhere Posten und
Stockwerke nur solchen, die auf den hhern des Wagens und der Pferde kamen,
aufschlo, hingegen den Fuboden Fuboten anwies. Walt sah sich gezwungen, den
lauten Markt der Gaststube mit der Aussicht zu bewohnen, da wenigstens sein
Schlafkmmerlein einsam sei.
    Er setzte sich in den halbrunden Ausschnitt eines Wandtisches hinein und zog
einen Hausknecht, da er nahe genug vorberkam, gelegentlich an sich und trug ihm
hflich seine Bitte um Trinken vor, die er mit drei guten Grnden untersttzte.
Ohne Grnde htt' ers sechs Minuten frher bekommen. Am Klapptischchen tat er
nichts, als in einem fort die Schauspieler und -spielerinnen im allgemeinen
hochachten, die aus- und eingingen, dann noch besonders an ihnen hundert
einzelne Sachen - unter andern den mit dem Glttzahn aufgestrichenen Manns-Habit
- die entgegengesetzten Schwimmkleider der Weiber - die allgemeine hohe
Selbstschtzung, wodurch jeder Akteur leicht der Mnzmeister seiner
Preismedaillen und sein eigner Chevalier d'honneur war, und jede Aktrice leicht
ihre Dekorationsmalerin den Bhnen-Mut in der Wirtsstube - das Gefhl, da der
Sockus oder der Kothurn ihre Achilles-Fersen beschtze - die bunte Naht ihrer
Diktion, die aus so vielen Stcken so gut zugeschnitten war als die Uniformen,
welche sich die Frankreicher aus Bettdecken, Vorhngen und allem, was sie
erplnderten, machten - und den reinern Dialekt, den er so sehr beneidete.
Darunter ist wohl keine einzige Person, dacht' er, die nicht lngst und oft
auf der Bhne eine rechtschaffene oder bescheidene oder gelehrte oder
unschuldige oder gekrnte gespielt, und er impfte, wie Jnglinge pflegen, dem
Holze der Bhne, wie des Katheders und der Kanzel, den Menschen ein, der darauf
nur steht, nicht wchset.
    Was ihn betrbte, war, da alle Gesichter, sogar die jngsten, die
Alten-Rollen spielten, indes auf der Bhne, wie auf dem Olymp, ewige Jugend war,
wenns der Zettel begehrte.
    Im Abenddunkel fiel ihm ein Mensch auf, der keine Miene rckte, mit allen
sprach, aber hohl, oft, wenn ihn einer fragte, statt der Antwort dicht an den
Frager trat, mit dem schwarzen Blicke einmal wetterleuchtete und darauf sich
umwandte, ohne ein Wort zu sagen. Er schien zu Frnzels frucht-essender
Gesellschaft zu gehren; dennoch schien diese wieder sehr auf ihn zu merken. Der
Mann lie sich jetzt eine Melone bringen und eine Dte Spaniol, zerlegte sie,
bestreuete sie damit und a die Tabaks-Schnitte und bot sie an. Eben kamen
Lichter herein, als er den Teller dem staunenden Notar vorhielt, der vollends
sah, da der Mensch eine Maske, doch keine unfrmliche, vorhatte und der
bekannten eisernen glich, die so alte Schauder in seine Phantasie geworfen. Walt
bog und schttelte sich; es war ihm aber einiges lieb, und er trank.
    Darauf stieg die Maske - auch diese Phrasis, wenn ein Wort eine ist, war ihm
ein schwarz-bedeckter Wagen, der Tote und Tiger fhren konnte - auf einen
Fensterstock, machte das Oberfenster auf und fragte einige Akteurs, ob sie ein
Ei durch das Fenster zu werfen sich getraueten. Warum? sagte der eine, warum
nicht? der andere. Die Maske machte aber mit etwas Verstecktem in der Hand
einige Linien in die Luft und versetzte kalt: Jetzt vielleicht keiner mehr! Er
wolle alle Eier zweifach bezahlen, sobald einer nur eines durchwerfe, sagt' er.
Ein Akteur nach dem andern schleuderte - alle Eier fuhren schief - die Maske
verdoppelte den Preis der Aufgabe - es war unmglich - Walt, der sonst auf dem
Lande so oft in die Schleudertasche gegriffen, tat die Geldtasche auf und
bombardierte gleichfalls mit einem Groschen Eier - ebensogut htt' er eine Bombe
geworfen ohne Mrser - Eine ganze Bruttafel und Poularderie von Dottern flo von
den Fenstern hernieder.
    Es ist gut, sagte die Maske; aber noch bis morgen abend um diese Zeit
bleibt die eier-feindliche Kraft im Fenster; dann kann jeder durchwerfen - und
so ging er hinaus. Der Wirt lchelte, ohne sonderlich zu bewundern, gleichsam
als schien' er mehr zu berechnen, da er morgen auf seiner Rechentafel aus
diesen Eiern die beste Falkonerie von Raubvgeln ausbrten knnte, die ihm je in
Fngen einen Fang zugetragen.
    Da die Maske nicht sogleich wiederkam, so ging der Notar mit dem Gedanken:
Himmel, was erlebt nicht ein Reisender in Zeit von 12 Stunden! auch hinaus -
als sei er nach neuen Wundern hungrig -, nach seiner Weise die Vorstadt im
Zwielicht zu durchschweifen. Eine Vorstadt zog er der Stadt vor, weil jene diese
erst verspricht, weil sie halb auf dem Lande an den Feldern und Bumen liegt,
und weil sie berall so frei und offen ist.
    Er ging nicht lange, so traf er unter den hundert Augen, in die er schon
geblickt, auf ein Paar blaue, welche tief in seine sahen, und die einem so
schnen und so gut gekleideten Mdchen angehrten, da er den Hut abzog, als sie
vorbei war. Sie ging in ein offenes Kaufgewlbe. - Da unter den festen Pltzen
ein Kaufladen das ist, was unter den beweglichen ein Postwagen, nmlich ein
freier, wo der Romanschreiber die unhnlichsten Personen zusammenbringen kann:
so behandelte er sich als sein Selbst-Romanschreiber und schaffte sich unter die
Schnittwaren hinein, aus welchen er nichts kaufte als ein Zopfband, um doch
einigermaen ein Band zwischen sich und dem Blau-Auge anzuknpfen.
    Das schne Mdchen stand im Handel ber ein Paar gemslederne Mannshandschuh,
stieg im Bieten an einer Kreuzerleiter hinauf und hielt auf jeder Sprosse eine
lange Schmhrede gegen die gemsledernen Handschuhe. Der bestrzte Notar blieb
mit dem Zopfband zwischen den Fingern so lange vor dem Ladentisch, bis alle
Reden geendigt, die Leiter erstiegen und die Handschuhe kaufsunlustig dem
Kaufmann zurckgeworfen waren. Walt, der sich sogar scheute, sehr und bedeutend
in einen Laden zu blicken, blo um keine vergeblichen Hoffnungen eines groen
Absatzes im Vorbeigehen in der feilstehenden Brust auszusen, schritt erbittert
ber die Hrte der Sanftugigen aus dem Gewlbe heraus und lie ihre Reize, wie
sie die Handschuhe, stehen. Schnheit und Eigennutz oder Geiz waren ihm
entgegengesetzte Pole. Im Einkaufe - nicht im Verkaufe - sind die Weiber weniger
gromtig und viel kleinlicher als die Mnner, weil sie argwhnischer,
besonnener und furchtsamer sind und mehr an kleine Ausgaben gewhnt als an
groe. Das Blau-Auge ging vor ihm her und sah sich nach ihm um; aber er sah sich
nach der Brief-Post um, deren Horn und Pferd ihm nachlrmte. Am Posthorne wollte
seiner Phantasie etwas nicht gefallen, ohne da er sichs recht zu sagen wute,
bis er endlich herausfhlte, da ihn das Horn - sonst das Fllhorn und Fhlhorn
seiner Zukunft jetzt ohne alle Sehnsucht - ausgenommen die nach einer - dastehen
lasse und anblase, weil der Klang nichts male und verspreche, als was er eben
habe, fremdes Land. Auch mag das oft den Menschen kalt gegen Briefpostreiter
unterwegs machen, da er wei, sie haben nichts an ihn.
    Im Ludwig XVIII. fand er die Briefpost abgesattelt. Diese fragte ihn, da er
sie sehr ansah, wie er heie. Er fragte warum. Sie versetzte, falls er heie,
wie er hie, so habe sie einen Brief an seinen Namen. Er war von Vults Hand. Auf
der Adresse stand noch: Man bittet ein lbliches Postamt, den Brief, falls Hr.
H. nicht in Altfladungen sich befinden sollte, wieder retour gehen zu lassen, an
Hrn. van der Harnisch beim Theaterschneider Purzel.

                         Nr. 44. Katzengold aus Sachsen


                                   Abenteuer

Der Brief von Vult war dieser:
    Ich komme erst jetzt aus den Federn - indes Deine Dich wohl schon
wersten-weit getragen, oder Du sie - und schreibe eilig ohne Strmpfe, damit
Dich mein Geschriebenes nur heute noch erreitet. Es ist 10 Uhr, um 10 1/2 Uhr
mu der Traum auf die Post.
    Ich habe nmlich einen so seltsamen und prophetischen gehabt, da ich Dir
ihn nachschicke, gesetzt auch, Du lachst mich einen Monat lang aus. Deine ganze
heutige und morgende Reiseroute hab' ich klar getrumet. Belgt mich der
Quintenmacher von Traum und trifft er Dich in Altfladungen nicht an - worauf ich
schwren wollte; - so luft er retour an mich, und es ist die Frage, ob ich ihn
einem Spott-und Spavogel wie Du dann je vorzeige.
    Ich sah im Traum, auf der Landzunge einer Wolke sitzend, die ganze
nordstliche Landschaft mit ihren Blten-Wiesen und Miststtten; dazwischen hin
eine rennende, schmale, gelbrckige, jubelnde Figur, die den Kopf bald vor sich,
bald gen Himmel, bald auf den Boden warf - und natrlich warest Du es. - Die
Figur stand einmal und zog ihr Beutelchen, dann fuhr sie in Hrmlesberg in den
Krug. Darauf sah ich sie oben auf meiner Wolkenzinne durch das Rosana-Tal
ziehen, den Bergrcken hinauf, vor Drfern vorbei. - In Grnbrunn verschwand sie
wieder im Krug. Wahrhaftig dichterisch wars vom Traumgott gedacht, da er mich
allzeit 6 Minuten vorher, eh' Du in einen Krug eintratest, ein Dir ganz
hnliches Wesen vorher hinschlpfen sehen lie, nur aber glnzender, viel
schner, mit Flgelchen, wovon bald ein dunkelblauer, bald ein hellroter Strahl,
so wie es sie bewegte, meinen Wolken-Sitz ganz durchfrbte; ich vermute also,
da der Traum damit nicht Dich denn den langhosigen Gelbrock zeigt' er mir zu
deutlich -, sondern Deinen Genius andeuten wollte.

    - Vor Bewegung konnte Walt kaum weiterlesen; denn jetzt fand er das Rtsel
fast aufgelst - wenn nicht verdoppelt durch ein greres -, warum nmlich der
Hrmlesberger Wirt seinen Namen kannte, warum bei dem Grnbrunner derselbe dem
Kinde im Schreibbuche vorgezeichnet war, und warum er bei dem Bildermann das
seltsame Quodlibet gefunden. Ordentlich aus Scheu, nun weiter und tiefer in die
aufgedeckte Geisterwelt des Briefs hineinzusehen, erhob er in sich einige
Zweifel ber die Wahrhaftigkeit desselben und fragte den trinkenden Postreiter,
wann und von wem er den Brief bekommen. Das wei ich nicht, Herr, sagt' er
spttisch; was mir mein Postmeister gibt, das reit' ich auf die Station, und
damit Gott befohlen. - Allerdings, sagte Walt und las begierig weiter:

    Darauf sah ich Dich wieder ziehen, durch viele rter, endlich in eine
Kirche gehen. Der Genius schlpfte wieder voraus hinein. Abends standest Du auf
einem Hgel und nahmest im Stdtchen Altfladungen Nachtquartier. Hier sah ich
vor der Wirtshaustre Deine verherrlichte Gestalt, nmlich Deinen Genius, mit
einem dunklen behangnen Wesen kmpfen, dessen Kopf gar kein Gesicht hatte,
sondern berall Haare. - -

    Gott! rief Walt, das wre ja der Masken-Mensch!
    Das Wesen ohne Gesicht behauptete die Tre, aber der Genius fuhr als eine
Fledermaus in die Dmmerung zu mir hinauf, sprengte dicht an meiner
Wolken-Spitze seine Flgel wie Krebsscheren ab und hinab und fiel als Maus oder
Maulwurf in die Erde (etwa eine Meile von Altfladungen) und schien fortzuwhlen
(denn ich sah es am Wellenbeete) bis wieder zu Dir und warf unweit einer
Kegelbahn einen Hgel auf. Es schlug acht Uhr in den Wolken um mich herum; da
kam das Ungesicht zum Hgel und steckte etwas wie eine Maulwurfsfalle hinein. Du
aber warst hinterher, zogst sie heraus und fandest, indem Du damit blo den
Erd-Gipfel wegstrichest, einige hundert- - -jhrige Friedrichsd'or, die der
Genius, Gott wei aus welcher Tiefe und Breite, vielleicht aus Berlin, gerade an
die Stelle fr Dich hergewhlt....

    Jetzt kam wirklich die Maske wieder. Walt sah sie schauernd an; hinter der
Larve steckte gewi nur ein Hinterkopf, dacht' er. Es schlug dreiviertel auf
acht Uhr. Der Mann ging unruhig auf und ab, hatte ein rundes schwarzes Papier,
das, wie er einem Akteur sagte, an Herzens Statt auf dem Herzen eines
arkebusierten Soldaten zum Zielen gehangen, und schnitt ein Gesicht hinein,
wovon Walt im Tagebuch schreibt: Es sah entweder mir oder meinem Genius gleich.
Die unabsehliche Winternacht der Geister, wo die Sphinxe und Masken liegen und
gehen und nicht einmal sich selber erblicken, schien mit der Larve
herausgetreten zu sein ins Sommerlicht des Lebens.
    Da es acht Uhr schlug, ging die Larve hinaus - Walt ging zitternd-khn ihr
nach - im Garten des Wirtshauses war ein Kegelschub, und der Notar sah (wobei er
mig zu erstarren anfing) wirklich die Larve einen Stab in einen Maulwurfshgel
stecken. Kaum war sie zurck und weg, so nahm er den Stab als ein Streichholz
und rahmte sozusagen den Hgel wie Milch ab - Die Sahne einiger verrosteten
Friedrichsd'or konnt' er wirklich einschpfen mit dem Lffel.
    Die wenigen haltbaren Grnde, warum der Notar nicht auf die Stelle fiel und
in Ohnmacht, bringt er selber bei im Tagebuch, wo man sie weitluftiger
nachlesen kann; obgleich zwei schon viel erklren; - nmlich der, da er ein
Strom war, der gegen die strkste Gegenwart heftig anschlug, indes ihn blo der
auflsende Luft-Himmel der Zukunft dnn und verfliegend in die Hhe zog, wie er
nur wollte. Jetzt aber nach dieser Menschwerdung des Geisterwesens stand Walt
neben seinesgleichen. Der zweite Grund, warum er stehenblieb, war, weil er im
Briefe weiter lesen und sehen wollte, was er morgen erfahren und welchen Weg er
nehmen werde. Es war wahrhaftig das erstemal in meinem Leben, schreibt er,
da ich mich der seltsamen Empfindung nahte, ordentlich so hell wie ber eine
Gegenwart hinweg in eine Zukunft hineinzusehen und knftige Stunden zweimal zu
haben, jetzt und einst.
    In der Gaststube war die Maske nicht mehr. Er las herzklopfend die Marsch-
und Lebensroute des Morgens:
    Darauf wurde der Traum wieder etwas menschlicher. Ich sah, wie am Morgen
darauf Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei verschiedenen Wegen
vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius und gingest statt nach
St. Lne lieber nach Rosenhof. Darber fiel das Un-Gesicht in Stcken herab,
einen Totenkopf und einige Knochen sah ich deutlich von der Wolke. Der Genius
wurde in der Ferne eine helle Wolke; ich glaub' aber mehr, da er sie nur um
sich geschlagen. Du trabtest singend aus Deinem Mittagsquartier, namens Joditz,
durch eine Landschaft voll Lustschlsser bis an die Rosana, die Dich so lange
aufhielt, bis Dich die Fhr-Anstalt hinbergefahren hatte in die passable Stadt
Rosenhof. Mir kams vor, soweit ich die tief in den Horizont hinunterliegende
Stadt erkennen konnte, als habe sich ber ihr der Genius in ein groes
blendendes Gewlke auseinandergezogen und Dich und die Stadt zuletzt darin
aufgefasset, bis die Wolkenstrecke unter immer strkerem Leuchten und Auswerfen
von Sternen und Rosen und Gras zugleich mit meinem Traume auseinanderging.
    Und damit wollt' er, denk' ich, nur bedeuten, da Du Dich im Stdtlein recht
divertieren und darauf auf den Heimweg machen wrdest.
    Wie eine solche Trumerei in meinen Kopf gekommen, lsset sich nur dadurch
begreiflich machen, da ich seit gestern immer Deinen eignen mit seiner Romantik
darin gehabt.
    Ich wollte, Dein Name wre so berhmt, da der Brief Dich fnde, wenn blo
darauf stnde: an Hrn. H., auf der Erde; wie man z.B. an den Mann im Monde recht
gut so adressieren kann. Die schnste Adresse hat jener allein, an den man blo
die Aufschrift machen braucht: an Den im Universum.
    Reise klug wie eine Schlange, Bruder. Habe viele Weltkenntnis und glaube
nicht - wie Du Dir einmal merken lassen -, es sei tunlich, da sich auf der
Briefpost blinde Passagiere aufsetzen knnten oder auch sehende, und la
hnliche Fehlschlsse. Sei verdammt selig und lebe von den alten
Friedrichsd'oren, die der Maulwurf ausgeworfen, in einigem Saus und Braus.
Erkies, o Freund, nur kein Trauerpferd zu einem Steckenpferd; da ohnehin jedes
Kreuz, vom Ordenskreuze an bis zum Eselskreuz herab, entweder genug trgt oder
genug drckt. Meide die groe Welt mglichst; ihre Hopstnze sind aus F-moll
gesetzt. Das Schicksal nimmt oft das dicke Sholz, an welchem die Leute kuen,
als einen guten Prgel vor und prgelt sie sehr - Ich wnschte doch nicht, da
Du gerade auf der ersten Stufe des Throns gleich neben dem Frstenstuhlbein
stndest, wenn ihn der neue Regent zur Krnung besteigt, und da er Dich dann zu
etwas erhbe, in den Adelstand, zu einem Kammer- oder Jagdjunker oder so; wie
ein solcher Regent wohl pflegt, weil er in seiner neuen Regierung gerade nichts
frher macht als das Edelste, nmlich Menschen, d.h. Kammer-Herrn, Edelleute
usw., und erst spter den Staat und dessen Glck, so wie die alten Theologen34
behaupten, da Gott die Engel vor der Erde und zwar darum erschaffen, damit sie
ihn nachher bei deren Schpfung lobten -
    Ich wnscht' es nicht, sag' ich, da Du dem jungen neugebacknen und
neubackenden Frsten die gedachte Ehre anttest und eine annhmest - wahrlich
ein Thron wird, wie der Vesuv, gerade hher durch Auswerfen von Hhen und Hohen
um ihn her -; und mein Grund ist dieser: weil Du, gesetzt, Dir wrde irgendeine
bedeutende mnnliche oder weibliche Hof-, ja Regierungs-Charge zuteil, doch
nicht eher ein ruhiges Leben und eine starke Pension bekmest als nach einem
tapfern, verflucht groen Fehltritt oder bei gnzlicher Untauglichkeit zu irgend
etwas, worauf der Hofmensch Abschied und Pension begehrt und nimmt, gleich dem
verurteilten Sokrates, der sich eine hnliche Strafe vor Gericht diktierte,
nmlich lebenslnglichen Freitisch als Prytan; wie untchtig aber Du zu rechter
Untchtigkeit bist, das weit Du am besten - Kannst du whlen auf deiner
Spannen-Reise, so besuche lieber den grten europischen Hof als die kleinsten
deutschen, welche jenen in nichts bertreffen (in den Vorzgen am wenigsten) als
in den Nachteilen, wie man denn wahrgenommen, da auch die Seekrankheit (was sie
gibt und nimmt, kennst Du) viel rger wrgt auf Seen als auf Meeren - Suche dein
Heil an Hfen mehr in groben Taten als in groben Worten; diese werden schwerer
verziehen - Ein Hofmann vergibt zwar leicht, aber mit Gift - Auf diesen
schlpfrigen Abhngen des Throns betrage Dich berhaupt ganz trefflich und
bedenke, da man da, wie die Griechen zu Homers35Zeiten, die Verwnschungen nur
leise zu tun habe, weil die lauten auf den Urheber zurckspringen - Sage
Frsten, Markgrafen, Erzherzogen, Knigen zwar die Wahrheit, aber nicht grber
als jedem ihrer Bedienten, um Dich von republikanischen Autoren zu
unterscheiden, die sich lieber vor Verlegern als vor Potentaten bcken - Gegen
Malteser-Damen, Konsulesse, Hof- und andere Damen vom hchsten Rang sei kein
Pariser Bisamschwein, d.h. keine parfmierte Bestie, kein verbindlicher Grobian,
der auf die manierlichste Weise von der Welt des Teufels gegen sie ist - Sei der
schnste, langgewachsenste, schlankeste Mann von 30 Jahren, der mir noch
vorgekommen - Kurz, bleibe ein wahres Musterbild, bitt' ich Dich als Bruder!
berhaupt, sei passabel!
    Ich schliee den lngsten ernsthaften Brief, den ich seit zehn Jahren
geschrieben; denn es schlgt 10 1/2 Uhr, und er soll durchaus noch fort. Himmel
aber! wo magst du jetzt sein? Vielleicht schon mehr als wersten-weit von unserm
Halau, und erfhrest nun an dir selber, wie leicht es groen Reisen wird, den
Menschen auszublgen und umzustlpen wie einen Polypen, und was es auf sich
habe, wenn Hfen und Mrkte und Vlker vor uns vorbergehen, oder wir, was
dasselbe ist, vor ihnen - und wie es einem ziemlich schwer ankommt, nicht zu
verchtlich auf Stubenhocker herabzusehen, die vielleicht noch nie ber 10
Meilen weit von ihrem Sparofen weggekrochen und fr welche ein Urteil ber ein
paar Reisende wie wir eine Unmglichkeit ist. Solche Menschen sollten, Freund,
nur einmal an ihrer eignen Haut erfahren, wie schwer das britische Gesetz, da
Leute, die aus der Stadt kommen, denen ausweichen sollen, die in selbige reisen
36, manchem Weltmann moralisch zu halten falle: sie shen uns beide anders an. -
Fahre wohl! Folge mir, noli nolle!
                                                                        v. d. H.

Postscr. Hebe diesen Brief, im Falle du ihn bekommst - sonst nicht -, auf, es
sind Gedanken darin fr unsern Hoppelpoppel.

                               Nr. 45. Katzenauge


                       E- und Trink-Wette - das Mdchen

Es mag nun hinter dem Traum ein Geist oder ein Mensch stecken, dachte Walt,
eines der grten Abenteuer bleibt er immer. Das schwang ihn ber die ganze
Stube voll Gste weg; er fuhr auf dem romantischen Schwanzstern ber die Erden
hinaus, die wir kennen. Die Friedrichsd'ore, von denen er viel vertun wollte,
waren die goldnen Flgeldecken seiner Flgel, und er konnte ohne Eingriffe in
den vterlichen Beutel sich ein Nel Wein ausbitten, gesetzt auch, der Elsasser
Testator komme wieder auf.
    So froh gestimmt und leicht gemacht, bahnte er sich durch das theatralische
Gewimmel der Stube seinen bestndigen Hin- und Herweg, wie durch ein Kornfeld,
streifte oft an Chemisen vorbei, stand vor manchen Gruppen still und lchelte
khn genug in fremdes Gesprch hinein. Jetzt trat die Blauugige, welche keine
Mannshandschuhe gekauft, ins Zimmer. Der Direkteur der Truppe schnaubte
ffentlich Winen (so verkrzt' er Jako-bine) hart an, weil sie ihm zu teuere
Handschuhe mitgebracht. Mit Vergngen entschuldigte Walt innerlich ihren
Handelsgeist mit der alten Theater-Einrichtung solcher Truppen, da sie nichts
brig haben, und da aller Goldstaub nur Geigenharzpulver ist, das man in ihr
Feuer wirft. Das Mdchen heftete, whrend der rohe Direkteur um sie donnerte,
die heitersten Blicke auf den Notarius und sagte endlich, der Herr da mge doch
den Ausspruch tun und zeugen. Er tats und zeugte stark.
    Aber der Donnerer wurde wenig erschttert. Da trat die Maske wieder ein.
Walt scheuete seinen bsen Genius. Sie schien ihn wenig zu bemerken, aber desto
mehr den geizigen Prinzipal. Endlich brachte sie es durch leises Disputieren
dahin, da zu einer Wette der Regisseur 10 Taler in Silber auf den Tisch legte
und jene ebensoviel in Gold.
    Eine Flasche Wein wurde gebracht, eine Schssel, ein Lffel und eine
neugebackne Zweipfenning-Semmel. Es wurde nun vor dem ganzen Stuben-Publikum die
Wette publiziert, da der Masken-Herr in krzerer Zeit eine Flasche Wein mit dem
Lffel aufzuessen verspreche, als der Direkteur seine Semmel hinunterbringe; und
da dieser, wie gewhnlich bei Wetten, gerade auf das Umgekehrte wette. Da die
Wette gar zu ungleich schien: so beneideten die meisten Hintersassen des
Theater-Lehnsherrn ihrem Vorgesetzten das ungeheure Glck, so leicht - blo
durch ein Semmel-Essen - zwei preuische Goldstcke, die nicht einmal aus dem
Lande ausgefhrt werden drfen, in seines einzufhren.
    Alles hob an, der Larvenherr hielt die Weinschssel waagrecht am Kinn und
fing das schnellste Schpfen an.
    Der Gro- und Brotherr der Truppe tat einen der unerhrtesten Bisse in die
Semmel, so da er wohl die Halb- oder Drittels-Kugel sich ausschnitt. Jetzt a
er unbeschreiblich - er hatte eine halbe Weltkugel auf dem Zungenbein zu
bewegen, zu zerstcken, zu mazerieren, also auf trocknem und nassem Weg zugleich
zu scheiden - was er von Dienst-Muskeln in der Wett-Hhle besa, mute aufstehen
und sich regen, er spannte und schirrte den Bei- und den Schlfe-Muskel an, die
bekanntlich immer zusammenziehen - ferner den innern Flgelmuskel, den uern
und den zweibuchigen - die Muskeln drckten nebenher die ntigsten
Speicheldrsen, um Menstrua und Alkaheste zu erpressen, der zweibuchige die
Kieferdrse, der Beimuskel die Ohrdrse, und so jeder jede. Aber wie in einem
Ballhause wurde der Magenball im Munde hin- und hergeschlagen; die Kugel, womit
er alle zehn Taler wie Kegel in den Magen schieben wollte, wollte durchaus die
Schlundbahn nicht ganz passieren, sondern halb und in kleinen Divisionen, wie
ein Armee-Kern. Auf diese Weise indessen verlor der theatralische Kommandeur,
der den Larvenherrn unaufhrlich und ungehindert schpfen sehen mute, eine
unschtzbare Zeit, und indem er den Teufels- mhsam, cahiers-weise oder in
Rationen ablieferte und schluckte, hatte der Wett-Herr schon zwei Drittel mit
dem Lffel leicht aufgetrunken.
    Auer sich wirkte Frnzel in alle seine Muskeln hinein - mit den
Ceratoglossis und den Genioglossis plattiert' er die Zunge, mit den Styloglossis
exkaviert' er sie - darauf hob er Zungenbein und den Kehlkopf empor und stie
die Unglcks-Kugel wie mit Ladstcken hinab. An anatomischen Schling-Regeln
fehlt' es ihm gar nicht.
    Noch lag eine ganze Drittels-Semmel vor ihm, und der Larvenherr
inkorporierte schon zusehends das vierte Viertel, sein Arm schien ein
Pumpenstiel oder sein Lffel.
    Der Unglckliche schnappte nach der zweiten Hemisphre der Hllenkugel - in
Betracht der Zeit hatt' er ein entsetzliches Divisionsexempel vor sich oder in
sich, eine lange Analyse des Unendlichen - er schauete kuend die Zuschauer an,
aber nur dumm und dachte sich nichts bei ihnen, sondern schwitzte und malmte
verdrlich vor sich - die zwanzig Taler auf dem Tische sah er grimmig an und
wechselnd den Lffel-Sufer - zu reden war keine Zeit, und das Publikum war ihm
nichts - die elende Pechkugel vom Drachen konnt' er nicht einmal zu Brei
zersetzen (es flo ihm nicht) - ans Schlucken durft' er gar nicht denken, indes
er sah, wie der Maskenherr den Wein nur noch zusammenfischte - -
    Das fhlt' er wohl, sein Heil und Heiland wre man gewesen, htte man ihn
auf der Stelle in eine Schlange verkehrt, die alles ganz einschluckt, oder in
einen Hamster, der in die Backentaschen versteckt, oder ihm den Thyreopalatinus
ausgerissen, der die Ewaren hindert, in die Nase zu steigen.
    Endlich schttete der Maskenherr die Schssel in den Lffel aus - und
Frnzel stie und worfelte den Semmel - globe de compression noch hin und her,
so nahe am erweiterten Schlundkopfe, aber ohne das geringste Vermgen, die
Semmel durch das so offne Hllentor zu treiben, so gut er auch aus den
anatomischen Hrslen wute, da er in seinem Maule ber eine Muskel-Hebekraft
von 200 Pfund zu befehlen habe.
    Der Larvenherr war fertig, zeigte endlich dem Publikum die leere Schssel
und die vollen Backen des Direkteurs und strich das Wettgeld mit der Rechten in
die Linke, unter der Bitte, Hr. Frnzel solle, wenn er etwas darwider und die
Semmel schon hinunter habe, blo das Maul aufmachen. Frnzel tats auch, aber
blo um den teuflischen Fangeball durch das grere Tor davonzuschaffen. Der
Maskenherr schien froh zu sein und bot dieselbe Wette wieder aus, bei welcher er
glnzende Erleichterungen vorschlug, z.B. statt einer Semmel blo einen ganzen
kleinen Kuh- oder Ziegenkse, kaum Knie- oder Semmel-Scheiben gro, auf einmal
in den Mund zu nehmen und hinabzuessen, whrend er trinke ut supra; aber man
dachte sehr verdchtig von ihm, und niemand wagte.
    Den Notar htte der Direkteur zu sehr gedauert, wenn er vorhin die schne
Blondine sanfter angefahren htte. Diese sa und nhte und hob, sooft sie mit
der Nadel aufzog, die groen blauen Augen schalkhaft zu Walten auf, bis er sich
neben sie setzte, scharf auf die Naht blickte und auf nichts dachte als auf eine
schickliche Vorrede und Anfurt. Er konnte leicht einen Gesprchsfaden lang und
fein verspinnen, aber das erste Flckchen an die Spindel legen konnt' er schwer.
Whrend er neben ihr so vor seiner eignen Seele und Gehirnkammer
antichambrierte, schnellte sie leicht die kleinen Schuhe von ihren Fen ab und
rief einen Herrn her, um sie an den Trockenofen zu lehnen. Mit Vergngen wr' er
selber aufgesprungen; aber er wurde zu rot; ein weiblicher Schuh (denn er gab
fast dessen Fu darum) war ihm so heilig, so niedlich, so bezeichnend wie der
weibliche Hut, so wie es am Manne (sein Schuh ist nichts) nur der berrock ist
und an den Kindern jedes Kleidungsstck.
    Ich dchte, Sie sagten endlich etwas, sagte Jakobine zu Walten, an dem sie
statt der Zunge den Rest mobil machte, indem sie ihr Knul fallen lie und es am
Faden halten wollte. Er lief der Glckskugel nach, strickte und drehte sich aber
in den Faden dermaen ein, da Jakobine aufstehen und diesen von seinem Beine
wie von einer Spindel abweifen mute. Da sie sich nun bckte und er sich bckte
und ihre Postpapierhaut sich davon rot beschlug - denn ihr schlechter
Gesundheitspa wurde auer und auf der Bhne mit roter Dinte korrigiert - und er
die Rte mit Glut erwiderte; und da beide sich einander so nahe kamen und in den
unordentlichsten Zwiespalt der Rede: so war durch diese ttige Gruppierung mehr
abgetan und getan fr Bekanntschaft, als wenn er drei Monate lang gesessen und
auf ein Prludium und Antrittsprogramm gesonnen htte. - Er war am
Ariadnens-Faden des Knuls durch das Labyrinth des Rede-Introitus schon durch,
so da er im Hellen fragen konnte: Was sind ihre Hauptrollen? - Ich spiele
die unschuldigen und naiven smtlich, versetzte sie, und der Augenschein schien
das Spielen zu besttigen.
    Um ihr rechte Freude zu machen, ging er, so tief er konnte, ins Rollen-Wesen
ein und sprach der stummen Nhterin feurig vor. Sie reden ja so langweilig wie
der Theaterdichter, sagte sie, oder Sie sind wohl einer? Dero werten Namen? -
Er sagte ihn. Ich heie Jakobine Pamsen; Hr. Frnzel ist mein Stiefvater. Wo
gedenken Sie denn eigentlich, Hr. Harnisch? Er versetzte: Wahrscheinlich nach
Rosenhof. - - Hbsch, sagte sie. Da spielen wir morgen abends. Nun malte
sie die gttliche Gegend der Stadt und sagte: Die Gegend ist ganz superb. -
Nun? fragte Walt und versprach sich eine kleine Muster- und Produktenkarte der
Landschaft, ein dnnes Bltterskelett dasigen Baumschlags und so weiter. Aber -
Was denn? sagte die Pamsen, die Gegend, sag' ich, ist die gttlichste, so man
schauen kann. Schauen Sie selber nach.
    Da trat der Larvenherr unbefangen hin und sagte entscheidend: Bei
Berchtolsgaden im Salzburgischen ist eine hnliche, und in der Schweiz fand ich
schnere. Aber knstliche Zahnstocher schnitzen die Berchtolsgadner und zog
einen aus der Weste, dessen Griff sauber zu einem Spitzhund ausgearbeitet war.
    Wer Lustreisen machen kann, fuhr er fort, mein Herr, findet seine
Rechnung vielleicht besser im Badort St. Lne, wo gegenwrtig drei Hfe
versieren, der ganze flachsenfingische, dems gehrt, darnach der Scheerauer und
der Pestitzer und ein wahrer Zuflu von Kurgsten. Ich reise morgen selber
dahin.
    Der Notar machte eine matte Verbeugung; denn das Geschick hatt' ihn auf
diesen ganzen Abend verurteilt, zu erstaunen. Allmchtiger Gott, dacht' er bei
sich, ist denn das nicht wrtlich so wie in des Bruders Briefe? Er stand auf-
(Jakobine war aus Hasse gegen den um 10 fl. reichern Larvenherm lngst
weggelaufen mit dem Nhzeug in den Hnden) - und sah am Lichte diese Briefstelle
nach: Ich sah, wie am Morgen Dein Genius und das Un-Gesicht Dir auf zwei
verschiedenen Wegen vorflogen, um Dich zu locken; Du folgtest aber dem Genius
und gingest statt nach St. Lne lieber nach Rosenhof - Er sah nun zu gewi, die
Maske sei sein bser Genius, Jakobine Pamsen aber, nach manchem zu urteilen,
sein bester, und er wnschte sehr, sie wre nicht aus der Stube gegangen.
    Hatt' er schon vorher den Entschlu gefasset, lieber dem Briefe und Traume
zu folgen nach Rosenhof, weil er aus Homer und Herodot und ganz Griechenland
eine heilige Furcht gelernt, hhern Winken, dem Zeigefinger aus der Wolke mit
frecher Willkr zu widerstehen und gegen ihn die Menschenhand aufzuheben: so
wurde sein Entschlu des Gehorsams jetzt durch die Zudringlichkeit der Maske und
die Einwirkung Jakobinens und durch das Netz neu verstrkt, worin Menschen und
Vgel sich der Farbe wegen fangen, weil es mit der allgemeinen der Erde und
Hoffnung angestrichen ist, nmlich der grnen.
    Jakobinen sah er nicht mehr als blo auf ihrer Trschwelle mit einem Lichte,
da er ber die seines Kmmerleins trat. Er berdacht' es darin lange, ob er
nicht gegen die Menschheit durch Argwohn verstoe, wenn er den Nachtriegel
vorschiebe. Aber die Maske fiel ihm ein, und er stie ihn vor. Im Traume war es
ihm, als werd' er leise bei dem Namen gerufen. Wer da? schrie er auf. Niemand
sprach. Nur der hellste Mond lag auf dem Bettkissen. Seine Trume wurden
verworren, und Jakobine setzt' ihn immer wieder in das rosenfarbne Meer ein,
sooft ihn auch die Maske an einer Angel auf einen heien Schwefel-Boden
geschleudert.

                              Nr. 46. Edler Granat


                                Der frische Tag

Am frhen Morgen brach die Truppe, wie Truppen, die Zelte lrmend ab und aus dem
Lager auf. Die Fuhrleute stubten das Nachtstroh von sich. Die Rosse wieherten
oder scharrten. Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau
ber alle Felder der Zukunft, und man hielt es sehr der Mhe wert, solchen
zuzureisen. Das Getse und Streben belebte romantisch das Herz, und es war, als
reite und fahre man gerade aus dem Prosa-Land ins Dichter-Land und komme noch an
um 7 Uhr, wenn es die Sonne vergolde. Als vor Walten die ber alles blasse
Jakobine wie ein bleicher Geist einsa, sah er in den Traum und Abend hinein, wo
er diesen weien Geist wieder finden, auch ber die Blsse fragen konnte; denn
er erriet fast leichter Seelen-Schminke als Wangen-Schminke, diese rote
Herbstfarbe fallender Bltter statt der Frhlingsrte jungfrulicher Blte.
Weie Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht, weil sie nicht
absehen knnen, sagen sie, wo sie nur anfange.
    Die Maske sa auf und sprengte seitab nach St. Lne zu. Gottwalt wute, da,
wenn er den Weg nach Joditz einschlge, der weissagende Traum, da er da mittags
essen werde, schon halb in Erfllung gehe; - er nahm also diesen Weg. Es sei,
da der zweite Reisetag an der Natur den blendenden Glanz abwischet, oder da
sein unruhiger Blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grn
der Natur, das wie ein Gemlde nur in ein stilles Auge kommt, verscheuchte:
genug, statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatt' er jetzt einen
strebenden, ttigen. Er sa selten nieder, er flog, er stand und ging als
Befehlshaber an der Spitze seiner Tage. Wr' ihm Don Quijotes Rosinante auf
einer Wiese grasend begegnet, er htte sich frei auf die nackte geschwungen (er
wre sein eigner Sattel gewesen), um in die romantische Welt hineinzureiten bis
vor die Haustre einer Dulzinee von Toboso. Er sah vorrbergehend in eine
hackende lmhle und trat hinein; die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor,
die hauenden Rssel, die unaufhaltbaren Stampf-Mchte und Kltze wurden von
seltsamen Krften und Geistern geregt und aufgehoben.
    Durch den rein-blauen Himmel brausete ein unaufhrlicher Sturm - der seine
eigne Windharfe war -; aber nichts weht weiter in Zauber- und Zukunfts-Lnder
als eine solche unsichtbare tnende Gewalt. Geister flogen im Sturm; die Wlder
und Berge der Erde wurden von berirdischen geschttelt und gerckt;-die uere
Welt schien so beweglich zu werden, wie es die innere ist.
    berall lagen auf den Felsen Ritterschlsser - in den Grten Lustschlsser -
an den kleinen Rebenbergen weie Huserchen - zuweilen da eine rotglnzende
Ziegelhtte, dort das Schieferdach einer Korn- oder Papiermhle. - - Unter allen
diesen Dchern konnten die seltensten Vter und Tchter und Begebenheiten wohnen
und heraustreten und auf den Notar zugehen; er versah sich dessen ohne Furcht.
    Als eine zweite Strae seine zu einem Kreuzwege, diesem Andreaskreuze der
Zauberinnen, durchschnitt: so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der
Kindheit an; im Brennpunkte der vier Welt-Ecken stand er, das fernste Treiben
der Erde, das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt' er auf der wehenden
Stelle. Da erblickt' er Joditz, wo er Vults Traume nach essen sollte. Es kam ihm
aber vor, er hab' es schon lngst gesehen, der Strom um das Dorf, der Bach durch
dasselbe, der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg, die Birken-Einfassung und
alles war ihm eine Heimat alter Bilder. Vielleicht hatte einmal der Traumgott
vor ihm ein hnliches Drfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn
durchschweben lassen37. Er dachte nicht daran, sondern an Abenteuer und an die
Natur, die gern mit hnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen
spielet.
    Im Joditzer Wirtshaus wurd' er wieder berrascht durch Mangel an allem
berraschenden. Nur die Wirtin war zu Hause und er der erste Gast. Erst spter
kam mehr Leben an, ein Bheimer mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde; aber
da dieser sehr lamentierte, da er lieber vier Herden treiben und absetzen
wollte als allemale die letzten ser, mit denen es nie ein Ende nehme: so lie
sich Walt seine Sonnenseite nicht lnger zur Winterseite umdrehen, sondern zog
mit einer Portativ-Mahlzeit davon.
    Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so
lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach, bis er an die sogenannte
stille Stelle kam, die er im Tagebuche so beschreibt:
    Die Felsen drngen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln
berhren, und die Bume darauf langen wirklich einander die Arme zu. Keine Farbe
ist da als Grn und oben etwas Blau. Der Vogel singt und nistet und hpft, nie
gestrt auf dem Boden, auer von mir. Khle und Quellen wehen hier, kein
Lftchen kann herein. Ein ewiger dunkler Morgen ist da, jede Waldblume ist
feucht, und der Morgentau lebt bis zum Abendtau. So heimlich eingebauet, so
sicher eingefasset ist das grne Stilleben hier und ohne Band mit der Schpfung
als durch einige Sonnenstrahlen, die mittags die stille Stelle an den
allgewaltigen Himmel knpfen. Sonderbar, da gerade die Tiefe so einsam ist wie
die Hhe. Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag- und einen
Nachtschmetterling, was mich sehr erfreuete. Am Ende wurde ich selber so still
als die Stelle und schlief ein.
    Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flgel an, die bald wieder zu
groen Blumenblttern wurden, auf denen ich lag und schwankte. Endlich war mir,
als rufe mich eine Flte beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette.
Ich schlug die Augen auf, allein ich hrte fast gewi noch eine Flte. Ich wut'
aber durchaus nicht, wo ich war; ich sah die Baumgipfel mit Glut-Rot
durchflossen; ich entsann mich endlich mhsam der Abreise aus Joditz und
erschrak, da ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier
verschlafen htte; denn ich hielt die Rte fr Morgenrte. Ich drngte mich
durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Strae hinaus - ein prchtiges
Morgen-Land faltete vor mir die glhenden Flgel auf und ri mein Herz in das
allerheiterste Reich. Weite Fichtenwlder waren an den Spitzen gelbrot besumt,
freilich nur durch mordende Fichtenraupen. Die liebe Sonne stand so, da es der
Jahreszeit nach 5 3/4 Uhr am Morgen sein mochte, es war aber, die Wahrheit zu
sagen, 6 1/2 Uhr abends. Indes sah ich die Lindenstdter Gebrge rot von der
entgegenstehenden Sonne bergossen, die eigentlich der stlichen Lage nach ber
ihnen stehen mute.
    Ich blieb im Wirrwarr, obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg, bis ein
junger hagerer Maler mit scharfen und schnen Gesichtsknochen und langen Beinen
und Schritten und einem der grten preuischen Hte vor mir dahin vorber
wollte, mit einer Maler-Tasche in der Hand. Guten Morgen, Freund, sagt' ich, ist
das die Strae nach Rosenhof, und wie lange? - Dort hinter den Hgeln liegts
gleich. Sie knnen in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen,
wenn die Fhre eben da ist. Er entlief mit seinen gedachten Schritten, und ich
sagte: Dank, gute Nacht. Es war mir aber gewaltsam, als wenn sich die Welt
rckwrtsdrehte, und als wenn ein groer Schatte ber das Sonnen-Feuer des
Lebens kme, da ich den Morgen zum Abend machen mute. So weit seine Worte.
    Jetzt stand der Notar still, drehte sich um, eine lange Ebene hinter ihm
schlossen unbekannte Berge zu; vor ihm standen sie, wie Sturmbalken der
Gewitter, gehrnt und gespalten hinter den Hgeln gen Himmel, und die
Berg-Riesen trugen die hohen Tannen nur spielend. Der fliegende
Landschaftsmaler, sah er, setzte sich auf die Hgel und schien, nach seiner
Richtung zu schlieen, die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier
heraufzutragen. Gott, dachte Walt, nun begreif' ichs einigermaen, wie die Stadt
liegen mag, wie gttlich und himmlisch, wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung
sich davor setzt und nur sie abreiet, indes er hinter seinem Rcken eine
Landschaft wei, die einen Fremdling, der jene nicht kennt, ordentlich mit
Abend-Glanz und Ansicht berhuft.
    Als er oben vor die Aussicht kam, stand er neben dem Stand- und Sitzpunkte
des Malers still und rief nach dem ersten Blick auf die Landschaft aus: Ja, das
ist des Malens wert. - Ich zeichne blo߫, sagte der gebckte Maler, ohne
aufzublicken. Walt blieb stehen, und sein Auge schweifte von dem breiten
Rosana-Strome zu seinen Fen aufwrts zur Stadt am Ufer und Gebrg und stieg
auf die waldigen zwei Felsen-Gipfel ber der Stadt und fiel auf die Fhre, die,
voll Menschen und Wagen zwischen Seilen, zu seinem Ufer voll neuer Passagiere
herberglitt, und sein Auge flog endlich den Strom hinab, der, lang von der
Abendsonne beglnzt, sich durch fnf grne helle Inseln brennend drngte.
    Die Fhre war gelandet, neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen, sie
wartete aber noch und, wie es ihm vorkam, auf ihn. Er lief hinab und sprang auf
das Fahrzeug. Allein es wartete auf schwerere Befrachtung. Er schauete auf drei
hier einlaufende Straen hinauf. Endlich bemerkte er, da im Abendglanze ein
zierlicher Reisewagen mit vier Pferden, lange Staubwolken nachschleppend,
daherrollte.
    Darber mute der Notar frohlocken, weil schon ein Fuhrmanns-Karren mit
Pferden auf der Fhre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel
gedrngter und bunter machte, als sie es schon durch den Kongre von Bettlern,
Boten, Spaziergngern, Hunden, Kindern, Wandergesellen und Grummet-Weibern war,
wozu noch der Tiroler, der Geburtshelfer und der Bettelmann kam, die ihm
unterwegs begegnet waren. Die Fhre war ihm ein zusammengepreter Marktplatz,
der schwamm, ein stolzes Linien-Schiff zwischen zwei Linien-Seilen, ein
Bucentauro, aus welchem seine Seele zwei Vermhlungsringe auswarf, einen in den
Seestrom, einen in den glnzenden Abendhimmel. Er wnschte halb und halb, die
berfahrt wollte sich durch einige Gefahr, die andern nichts schadete, noch
trefflicher beleben.
    Ein schner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus,
eh' dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehrig eingeschichtet wurde;
er traue seinen Pferden nicht, sagte der Herr. Walt fuhr ihm fast ohne
ausgezeichnete Hflichkeit entgegen vor Jubel, denn er sah den General Zablocki
vor sich. Dieser, durch Reisen hufiger an solche Erkennungen gewhnt, bezeugte
ein ruhiges Vergngen, seinen erotischen Sekretr hier anzutreffen. Der lange
Postzug stolperte endlich in die Fhre mit dem Wagen herein, und aufzitternd sah
Walt, da Zablockis schne Tochter darin sa, die Augen auf die fnf Inseln
heftend, welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer berschwemmte. Sein Herz brannte
sanft in seinem Himmel, wie die Sonne in ihrem, und ging selig auf und selig
unter. Schon der leere Bekannte wr' ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder
erschienen; aber nun die still geliebte Gestalt - sie gab ihm einen
Seelen-Augenblick, den kein Traum der Phantasie weissagt.
    Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne
Bedenken, da auf der Fhre alle Welt fest stehen mu, verharren und in einem
fort hineinsehen (er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt); er schlug aber die
Augen oft nieder, aus Furcht, da sie ihre herumwende und von seinen gestret
werde, ob er gleich wute, da sie, geblendet von der Sonne, anfangs so viel
she als nichts. Er verga, da sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen. Nach
der herrlichen Pracht-Sonne und nach den fnf Roseninseln sah er nicht hin,
sondern geno und erschpfte sie ganz dadurch, da er der stillen Jungfrau und
dem stummen Abendtraume, womit sie auf den goldnen Inseln ruhte, mit tausend
Wnschen zusah, es mg' ihr doch noch besser ergehen, und himmlisch, und darauf
noch herrlicher.
    Von weitem wars ihm, als wenn die Rosana flsse und die Fhre schiffte und
die Wellen rauschten, und als wenn die waagrecht einstrmende Abendsonne Hunde
und Menschen mit Jugendfarben berzge und jeden Bettler und Bettelstab
vergoldete, desgleichen das Silber der Jahre und Haare. Aber er gab nicht
besonders acht darauf. Denn die Sonne schmckte Wina mit betenden Entzckungen
und die Rosen der Wangen mit den Rosen des Himmels; - und die Fhre war ihm ein
auf Tnen sich wiegender Sangboden des Lebens, ein durch Abendlicht schiffendes
Morgenland, ein Charons-Nachen, der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers.
Walt sah unkenntlich aus, fremd, berirdisch, denn Winas Verklrung warf den
Widerschein auf ihn.
    Ein Krppel wollte ihm in der Nhe etwas von seiner Not vorlegen, aber er
fate nicht, sondern hassete es, wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht
selig war, wo sich die bisher betrbte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne
gleichsam wie eine liebe warme Schwester-Hand an das Herz drckte, das bisher
oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen.
    Htt' er nur kein Ende, der Abend, wnschte Walt, und keine Breite die
Rosana - oder man beschiffte wenigstens ihre Lnge, fort und fort, bis man mit
ihr ins Meer verschwmme und darin unterginge mit der Sonne.
    Eben war die Sonne ber dem Strome untergegangen. Langsam wandte Wina das
Auge ab und nach der Erde, es fiel zufllig auf den Notar. Er wollte einen Gru
voll Verehrungen spt in den Wagen werfen, aber die Fhre scho heftig vom Ufer
zurck und zerstie das wenige, was er zusammengebauet.
    Der Wagen fuhr bedchtlich ans Land. Walt gab an 4 Groschen Fhrgeld; fr
wen noch? fragten die Fhrleute. Fr wer will, versetzte Walt; darauf
sprangen, ohne zu fragen und zu zahlen, mehr als zu viele ans Land. Der General
wollte zu Fu in die schne Garten-Stadt, Walt blieb neben ihm. Jener fragte, ob
ihm gestern keine Komdianten begegnet. Er berichtete, da sie diesen Abend in
Rosenhof spielten. Gut! sagte Zablocki - so essen Sie abends bei mir im
Granatapfel- Sie bernachten doch? - und morgens sieht man in Soziett die ganze
splendide Felsen-Gruppe, die Sie droben ber der Stadt bemerken.
    Die Entzckung ber diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch
kurz so aus: Wie ich vor ihm darber meine Freude aussprach, lieber Bruder, das
kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt.

                                Nr. 47. Titanium


                        Kartause der Phantasie - Bonmots

Es gibt schwerlich etwas Erquicklicheres, als abends mit dem General Zablocki
hinter dem Wagen seiner Tochter zwischen den Grten voll Rosenstruche in die
schne Stadt Rosenhof einzugehen - ohne alle Sorge und voll Ausmalungen des
Abendessens zu sein - und den schnen E-Rauch ber der Stadt ordentlich fr die
Zauberwolke zu halten, womit der gute Genius in Vults Briefe sie berzogen - und
von den wirtlichen reinen breiten Gassen und den leichten vergnglichen Spielen
und Zwecken des Lebens immer gerade zu den drauen ber der Vorstadt stehenden
finstern Gebirgshuptern aufzusehen, die so nahe aus ihrer kalten Hhe auf die
Huser und die Trme herunterschauen. Besonders nahm den Notar die grnende
Gasse ein, wo der Granatapfel logierte: Mir ist ordentlich, sagte er
begeistert und redselig zum General, als ging' ich in Chalcis in Euba38oder
auch einer andern griechischen Stadt, wo so viele Bume in den Gassen standen,
da man die Stadt kaum sah. Gibt es eine schnere Vermischung von Stadt und Land
als hier, Exzellenz? Und ist Ihnen nicht auch der Gedanke s, da hier zu einer
gewissen Zeit, so wie in Montpellier, alles in Rosen und von Rosen lebt, wenn
man auch gleich jetzt nichts davon sieht als die Dornen, Herr General?
    Dieser, der nicht darauf gehorcht hatte, rief seinem Kutscher einen derben
Fluch zu, weil er mit seinem Wagen fast an dem Frnzelschen geentert htte. Walt
sagte, das seien die Akteurs; und forderte vom Wirt ein vortreffliches Zimmer,
das man ihm leicht zugestand, weil man ihn fr einen Sekretr Zablockis ansah,
was noch dazu richtig war in Rcksicht der erotischen Memoiren. Da er
dareingefhret wurde, erstaunte er schon vorlufig ber den Prunk des
Prunkzimmers und wurde gerhrt von seinem Glcksschwung, was zunahm, als er den
Bettelstab, dem er seinen Hut aufsetzte, an den Spiegeltisch stellte. Da er aber
in hchster Bequemlichkeit und Seelen-Ruhe auf und ab ging, die Papiertapeten
statt des ihm gewhnlichern Tapetenpapiers - die drei Spiegel - die
Kommode-Beschlge mit Messing-Masken die Fenster-Rouleaus - und vollends die
Bedientenklingel ausfand: so lutete er diese zum erstenmal in seinem Leben, um
sogleich ein Herr zu sein und, wenn er eine Flasche Wein sich bringen lassen,
nun die squellende Gegenwart gehend auszuschlrfen und berhaupt einen Abend
zu erleben, wie irgendein Troubadour ihn genossen. Troubadours, sagt' er sich,
indem er trank, bernachteten oft in sehr vergoldeten Zimmern der Hfe - den
Tag vorher vielleicht in einer Moos- und Strohhtte - wie Tne durchdrangen sie
hohe und dicke Mauern - und dann pflegten sie sich darin noch die schnste Dame
von Stand zu aufrichtiger Liebe auszulesen und, gleich Petrarca, solche in
ewiger Dichtung und Treue gar nie selber zu begehren - setzt' er dazu und sah
an die Wand des - Generals.
    Zablockis Zimmer war seinem durch eine zweimal verriegelte Wand- und
Transito-Tre versperrt und verknpft. Er konnte gehend - denn stehend
zuzuhren, hielt er fr Unrecht - auspacken und jedes heftige Wort des Vaters an
Bediente und den sen Ton, worein Wina sie, wie eine olsharfe den Sturmwind,
auf der Stelle bersetzte, leicht vernehmen. Ob er gleich hoffte, unten in der
breiten Gaststube Jakobinen wieder und viel bekannter anzutreffen: so hielt er
es doch fr seliger, neben der nahen Nonne Wina als Wandnachbar auf und ab zu
spazieren und sie unaufhrlich sich vorzustellen, besonders das groe
beschattete Auge und die Freundlichkeit und Stimme und das Abendessen neben ihr.
    Er hrte endlich, da der General sagte, er gehe ins Schauspiel, und da
Wina bat, zurckbleiben zu drfen, und da sie darauf ihrer Kammerdienerin - der
gottlosen Sngerin Luzie - die Erlaubnis gab, sich im Stdtchen umzusehen.
Alsdann wurde alles still. Er sah zum Fenster hinaus an ihres. Winas beide
Fenster-Flgel (sie schlugen sich nach der Gasse auf) waren offen und ein Licht
im Zimmer und am Wirtshausschild ein Schattenri, der sich regte. Da er aber
nichts weiter sah, so kehrte er wieder mit dem Kopf in seine Stube zurck, worin
er - so gehend, trinkend, dichtend - ein aus Rosenzucker gebackenes Zuckerbrot,
ja Zucker-Eiland nach dem andern aus dem Backofen auf der Schaufel behutsam
herausholte; - O ich bin so glcklich! dacht' er und sah nach, ob man keine
Armenbchse an die Papiertapeten geschraubt, weil er in keinem Wirtshause
verga, in diese Stimm-Ritze unbekannter Klagstimmen, soviel er konnte, zu
legen; aber das Zimmer war zu nett zu Wohltaten.
    Es wurde sehr dunkel. Der frhe Herbstmond stand schon als ein halbes
Silber-Diadem auf einem Gebirgshaupt. Der Kellner kam mit Licht, Walt sagte:
Ich brauche keines, ich esse bei dem Hrn. General. Er wollte das stubenlange
Mondlicht behalten. An der Fensterwand wurde ihm endlich dadurch eine und die
andere Reise-Sentenz von frhern Passagieren erleuchtet. Er las die ganze Wand
durch, nicht ohne Zufriedenheit mit den jugendlichen Sentenzen, welche smtlich
Liebe und Freundschaft und Erden-Verachtung mit der Bleifeder anpriesen. - Ich
wei so gut als jemand, schreibt er im Tagebuch, da es fast lcherlich, wenn
nicht gar unbillig ist, sich an fremde Zimmerwand anzuschreiben; dennoch
ergtzet den Nachfahrer ein Vorgnger sehr dadurch, da er auch dagewesen und
die leichte Spur eines Unbekannten einem Unbekannten nachgelassen. Freilich
schreiben einige nur den Namen und Jahrszahl an; aber einem wohlwollenden
Menschen ist auch ein leerer Name lieb, ohne welchen eine entrckte verreisete
Gestalt doch mehr ein Begriff bliebe als ein Begriffenes, weniger ein Mensch als
eine luftige, auch wohl therische Menschheit. Und warum soll man denn einen
leeren Gedanken lieber haben und vergeben als einen leeren Namen? - Ich nehm'
es gar nicht bel, da einer blohin anschrieb J. P. F. R. Wonsidel: Martii anno
1793 - oder ein anderer Vivat die A. etc., die B. etc., die C. etc., die J. etc.
- oder das Franzsische, Griechische, Lateinische, auch Hebrische. - Und es
stehen ja oft kostbare Sentenzen daran wie folgende: Im physischen Himmel
glauben wir stets in der Mitte zu sein; aber in Rcksicht des innerlichen
glauben wir immer am Horizont zu stehen; im stlichen, wenn wir frohlocken, im
westlichen, wenn wir jammern. Er wagte zuletzt selber Winas und Walts Namen
samt Datum ans Stammbuch so zu schreiben: W - W. Sept. 179-. Er schauete wieder
auf die mondhelle Gasse hinaus nach Winen und erblickte drei herausgelegte
Finger und ein wenig weie Hutspitze; dabei und davon lie sich leben und
trumen. Er schwebte und spielte wie ein Sonnenstubchen in den langen
Mondstrahlen der Stube, er ergnzte sich das stille Mdchen aus den drei
Fingern; er schpfte aus der nie versiegenden Zukunft, die beim Abendessen als
Gegenwart erschien. Freuden flogen ihm als purpurne Schmetterlinge nach, und die
beleuchteten Stubenbretter wurden Beete von Papillonsblumen - drei
Viertelstunden lang wnscht' er herzlich, so einige Monate auf und nieder zu
gehen, um sich Wina zu denken und das Essen.
    Aber der Mensch drstet am grten Freudenbecher nach einem grern und
zuletzt nach Fssern; Walt fing an, auf den Gedanken zu kommen, er knne nach
der vterlichen Einladung ohne belstand sich jetzt gar selber einstellen bei
der einsamen Wina. Er erschrak genug - wurde scham- und freudenrot - ging leiser
auf und ab - hrte jetzt Wina auch auf und nieder gehen der Vorsatz trieb immer
mehr Wurzeln und Blten zugleich nach einer Stunde Streit und Glut war das
Wagstck seiner Erscheinung und alle zartesten Entschuldigungen derselben fest
beschlossen und abgemacht: als er den General kommen und sich rufen hrte. Er
riegelte, mit dem Hut-Stock in der Hand, seine Wandtre auf; diese ist zu,
Freund! rief der General, und er ging, den Migriff nachfhlend, erst aus
seiner durch die fremde ein.
    Blhend von Trumen trat er ins helle Zimmer; halb geblendet sah er die
weie schlanke Wina mit dem leichten weien Hute wie eine Blumengttin neben dem
schnen Bacchus stehen.
    Der letztere hatte ein heiteres Feuer in jeder Miene. Die Tochter sah ihn
unaufhrlich vor Freude ber die seinige an. Bediente muten ihm auf Flgeln das
Essen bringen. Der Notar wog auf den seinigen, verschwebt in den Glanz dieses
magischen Kabinetts, nicht viel ber das Gewicht von fnf Schmetterlingen, so
leicht und therisch flatterte ihm Gegenwart und Leben vor.
    Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das E-Tfelchen, als
er selber gedacht hatte. Der General, der ein unaufhrliches Sprechen und
Unterhalten begehrte, sann Walten an, etwas zu erzhlen, etwas Aufgewecktes. Mit
etwas Rhrendem wr' er leichter bei der Hand gewesen; so aber sagt' er: er
wolle nachsinnen. Es fiel ihm nichts bei. Schwerer ist wohl nichts als das
Improvisieren der Erinnerung. Viel leichter improvisiert der Scharf- und
Tiefsinn, die Phantasie als die Erinnerung, zumal wenn auf allen Gehirn-Hgeln
die freudigsten Feuer brennen. Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar
allemal schon gelesen gehabt, sobald er sie von einem andern erzhlen hrte;
aber er selber kam nie zuerst darauf, und er schmte sich nachher vor dem
Korreferenten. Sehr htt' er das Schmen nicht ntig, da solche Referendarien
des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne
tragen, auf deren Tenne nie die Blumen wachsen, die sie da aufspeichern und
auftrocknen.
    Ich sinne noch nach, versetzte Walt, gengstigt, einem Blicke Zablockis,
und flehte Gott um einigen Spa an; denn noch sah er, da er eigentlich nur ber
das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit. Die Tochter reichte dem Vater die
Flasche, die nur er - seine Briefe aber sie - aufsiegelte. Trinken Sie dies
Gewchs fr 48er oder 83er? sagte der General, als man Walten das Glas bot. Er
trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken.
Er mag wohl, versetzt' er, um die Hlfte lter sein als mein voriger Wein,
den ich eher fr jungen 48 er halte; - ja (setzt' er fest darzu und blickte ins
Glas), er ist gewi herrliche 83 Jahre alt. Zablocki lchelte, weil er eine
Anekdote, statt zu hren, erlebte, die er schn weiter geben konnte.
    Der General wollt' ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots
herausfragen durch die Rede: wie er nach Rosenhof komme? Walt wute keine rechte
ostensible Ursachen - wiewohl diese ihm gegenber sa im weien Hute -
anzugeben, ausgenommen Natur und Reiselust. Da aber diese keine Geschfte waren:
so begriff ihn Zablocki nicht, sondern glaubte, er halte hinter irgendeinem
Berge, und wollte durchaus hinter ihn kommen. Walt schttelte von seinen
poetischen Schwingen die kstlichen Berge und Tler und Bume auf das Tischtuch,
die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte. Zablocki
sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern: Beim Teufel! nimm, oder ich fre
nicht! Wina - denn diese hatt' er in jenem Liebes-Zorn angeredet, den weniger
die Vter gegen ihre Tchter als die Mnner gegen ihre Weiber haben - nahm
erschrocken ein groes Stck vom Schnepfen, dem Schokinde des vterlichen
Gaumens, und reichte, hflicher als Zablocki, den Teller dem betretenen Notar
hinber, um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen. Walt konnte auf keine
Weise fassen, wie bei so mndlicher lebendiger Darstellung der lebendigen,
beinahe mndlichen Natur, als seine war, eine Schnepfe mit allem seinem Album
graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei. Poetische Naturen wie Walt
sind in Nordlndern - denn ein Hof oder die groe Welt ist der geborne Norden
des Geistes, sowie der geborne Gleicher des Krpers - nichts weiter als
Elefantenzhne in Siberien, die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden,
wo der Elefant erfriert.
    Mit einschmeichelnder Stimme fragt' ihn wieder Zablocki, ob ihm noch nichts
eingefallen; und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so
lieblich augen-nickend und bittend an, da er sehr gelitten htte, wenn ihm
nicht die drei Bonmots, auf die er sich gewhnlich besann, endlich zugekommen
wren, und da er wieder nahe daran war, ein gelieferter Mann zu werden und
alles zu vergessen, weil das kindlich bitthafte Auge zu viel Platz - nmlich
allen - in seiner Phantasie, Memorie und Seele wegnahm.
    Ein harthriger Minister, fing er an, hrte an einer frstlichen Tafel
.... Wie heiet er und wo? fragte Zablocki. Das wut' er nicht. Allein da der
Notar den wenigen Historien, die ihm zufielen, keinen Boden, Geburtstag und
Geburtsschein zuzuwenden wute - vorfabeln wollt' er nie -: so braucht es
Sozietten nicht erst bewiesen zu werden, wie farbenlos er als Historienmaler
auftrat, und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore.
Ein harthriger Minister hrte an einer frstlichen Tafel die Frstin eine
komische Anekdote erzhlen und lachte darber mit dem ganzen Zirkel
unbeschreiblich mit, ob er gleich kein Wort davon vernommen. Jetzt versprach er,
eine ebenso komische zu erzhlen. Da trug er, zum allgemeinen Erstaunen, die
eben erzhlte wieder als eine neue vor.
    Der General glaubte, so schnapp' es nicht ab; da er aber hrte, es sei aus,
so sagt' er spt: Delizis!, lachte indes erst zwei Minuten spter hell auf,
weil er gerade soviel brauchte, um sich heimlich die Anekdote noch einmal, aber
ausfhrlicher vorzutragen. Der Mensch will nicht, da man ihm die spitze, blanke
Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze. Eine gemeine
Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh, sobald er nur vorher durch viel
Langeweile dahin getrieben wurde. Geschichten wollen Lnge, Meinungen Krze.
Walt trieb die zweite anonyme Geschichte von einem Hollnder auf und vor,
welcher gern ein Landhaus, wegen der herrlichen Aussicht auf die See, besessen
htte, wie alle Welt um ihn, allein nicht das Geld dazu hatte. Der Mann aber
liebte Aussichten dermaen, da er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen
suchte, da er sich auf einem Hgel, den er gegen die See hatte, eine kurze
Wandmauer und darein ein Fenster brechen lie, in welches er sich nur zu legen
brauchte, um die offne See zu genieen und vor sich zu haben, so gut als
irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus.
    Sogar Wina lchelte glnzend unter dem roten Taft-Schatten hervor. Mit noch
mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit.
    Ein Frhprediger, dessen Kehlkopf mehr zur Kanzel-Prosa als zur Altar-Poesie
gestimmt war, rckte zu einer Stelle hinauf, die ihn zwang, vor dem Altare das
Gott in der Hhe sei Ehr' zu singen. Er nahm viele Singstunden; endlich nach
vierzehn Singtagen schmeichelte er sich, den Vers in der Gewalt und Kehle zu
haben. Die halbe Stadt ging frher in die Kirche, um der Anstrengung zuzuhren.
Ganz mutig trat er aus der Sakristei (denn er hatte sich darin vom Singmeister
noch einmal leise berhren lassen) und stieg gefat auf den Altar. Alle
Erzhler der Anekdote stimmen berein, da er trefflich angehoben und sich
anstndig genug in den Choral hineingesungen hatte: als zu seinem Ruin ein
blasender Postillion drauen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Posthorn ins
Kirchenlied einfiel; - das Horn hob den Prediger aus dem alten Sing-Geleise in
ein neues hinein, und er sah sich gezwungen, das ernste Lied mitten vor dem
Altare nach dem vorbeireitenden Trompeterstckchen auf die lustigste Weise
hinauszusingen.
    Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer; aber er kam
nicht wieder.

                               Nr. 48. Strahlkies


                              Die Rosenhfer Nacht

Weder Jakobine noch der General machten je ein Geheimnis daraus - nmlich aus
ihrem wechselseitigen; - es kann also die Anverwandten von beiden auf keine
Weise zu etwas Juristischem gegen den Verfasser der Flegeljahre berechtigen,
wenn er im Strahlkies blo kalt erzhlet, da Zablocki ein wenig in den nchsten
Garten spazieren gegangen, und die Aktrice Jakobine zufllig nicht sowohl, als
in der guten Absicht, von ihrer Rolle der Johanna von Montfaucon im Freien zu
verschnaufen. Noch viel weniger als schreibende Verfasser sind von hohen
Anverwandten allgemeine Stze anzugreifen, wie z.B. dieser: da sehr leicht der
weibliche theatralische Lorbeer sich rckwrts in eine Daphne verwandle - und
der Satz, da eine Schauspielerin nach einer schweren tragischen Tugend-Rolle am
besten ihr eignes Theater aux Italiens und ihre eigne Parodie werde - am
wenigsten dieser, da das Militr, es sei auf Kriegs- oder Friedensfu, den
griechischen Mbeln gleiche, die meistens auf Satyrfen standen und endlich
der, da wohl nichts einander mehr sucht und hnlich findet (daher schon die
Worte Kriegstheater und Theaterkrieg, Aktion und Staatsaktion, Truppen) als eben
Theatertruppen die Kriegstruppen, und vice versa. Ich fahre also, nachdem ich
berichtet, da beide spazieren gegangen, gleich ihnen ruhig und ungestrt, hoffe
ich, fort.
    Walts Gesicht wurde eine Rose unter dem Ausbleiben des Vaters. Wina heftete
die Augen, die sich wie se Frchte unter das breite Laub der Augenlider
versteckten, unter dem Hute auf ihr Strickzeug nieder, das einen langen
Kinderhandschuh vollendete. ber den Notar kam nun wieder die Furcht, da sie
ihn als den Auslieferer ihres Briefes zu verabscheuen anfange. Er sah sie nicht
oft an, aus Scheu vor dem zuflligen Augen-Aufschlag Beide schwiegen. Weibliches
Schweigen bedeutet - ohnehin als das gewhnlichere - viel weniger als
mnnliches. Die befeuernde Wirkung, welche der Wein htte auf den Notar tun
knnen, war durch seine Anstrengung, den feinsten Gesellschafter zu spielen,
niedergehalten worden. Indes wr' ihm die Lage nicht unangenehm gewesen, wenn er
nur nicht jede Minute htte frchten mssen, da sie - vorbei sei.
    Endlich sah er sehr scharf und lange auf den Strick-Handschuh und wurde so
glcklich, sich einen Faden der Rede daraus zu ziehen; er schpfte nmlich die
Bemerkung aus dem Handschuh, da er oft stundenlang das Stricken besehen, und
doch nie begriffen.
    Es ist doch sehr leicht, Hr. Harnisch, versetzte Wina, nicht spttisch,
sondern unbefangen, ohne aufzublicken.
    Die Anrede Herr Harnisch jagte den Empfnger derselben wieder in die Denk-
und Schweig-Kartause zurck. - Wie kommts, sagt' er, spt heraustretend und
den Strick-Faden wieder aufnehmend, da nichts so rhrend ist als die
Kleidungsstcke der lieben Kinder, z.B. dieses hier - so ihre Htchen Schhchen?
- - Das heiet freilich am Ende: warum lieben wir sie selber so sehr?
    Es wird vielleicht auch darum sein, versetzte Wina und hob die ruhigen
vollen Augen zum Notar empor, der vor ihr stand, weil sie unschuldige Engel auf
der Erde sind, und doch schon viele Schmerzen leiden.
    Wahrhaftig, so ist es - (beteuerte Walt, indem Wina wie eine schne stille
Flamme glnzend vor ihm aufstand, um ihr Mdchen herzuklingeln) - Und wie drfen
Erwachsene klagen? - Ich will wahrlich das Sterben eines Kindes (setzt' er hinzu
und folgte ihr einige Schritte nach) ertragen, aber nicht sein Jammern; denn in
jenem ist etwas so Heilig-Schauerliches. Wina kehrte sich um und nickte.
    Luzie kam; Wina fragte, ob der General ihr nichts aufgetragen. Luzie wute
von nichts, als da sie ihn in den nahen Garten hineinspazieren sehen. Rasch
trat Wina ans mondhelle Fenster, atmete einmal recht seufzend ein und sagte
schnell: Den Schleier, Luzie! Und du weit es gewi, liebes Mdchen, und auch
den Garten? - Mit einer leisen Stimme, wie nur eine mhrische Schwester
anstimmen kann, versetzte Luzie: Ja, Gndigste! Wina warf den Schleier ber
den Hut und redete, hinter diesem gewebten Nebel und fliegenden Sommer
unbeschreiblich blhend und liebreizend, den Notarius mit sanftem Stocken an:
Lieber Hr. Notar - Sie lieben ja auch, wie ich hrte, die Natur - und mein
guter Vater - -
    Er war schon nach dem Hut-Stock geflogen und stand bewaffnet und reisefertig
da - und ging hinter beiden mit hinaus. Denn ein fremdes Zimmer zu verlassen,
fhlt' er sich ganz berechtigt. Indes aber solches geschlossen wurde, kam er
wieder vorauszustehen, nahe an der Treppe; - und in ihm fing ein kurzes Treffen
und Scharmtzel an ber die Frage, ob er mit entweder drfe oder solle - oder
weder eines noch das andere. Wina konnte ihn nicht zurckrufen - und so kam er,
innen fechtend, auf die Treppe und trug das stille Handgemenge bis zur Haustre
hinaus.
    Da ging er ohne weiteres mit und setzte den Hut von seinem Stock auf den
Kopf; aber er zitterte, nicht sowohl vor Furcht oder vor Freude, sondern vor
einer Erwartung, die beide vereinigt. O es ist eine lcherliche und reine Zeit
im Jnglingsalter, wo im Jngling die alte franzsische Ritterschaft mit ihrer
heiligen Scheu erneuert und wo der Khnste gerade der Bldeste ist, weil er
seine Jungfrau, fr ihn eine von dem Himmel geflogne, eine nach dem Himmel
fliegende Gestalt, so ehret wie einen groen Mann, dessen Nachbarschaft ihm der
heilige Kreis einer hhern Welt ist, und dessen berhrte Hand ihm eine Gabe
wird. Unselig, schuldvoll ist der Jngling, der niemals vor der Schnheit blde
war.
    Die drei Menschen gingen durch eine waldige Gasse dem Garten zu. Der Mond
zeichnete die wankende Gipfel-Kette auf den lichten Fusteig hin, mit jedem
zitternden Zweig. Luzie erzhlte, wie schn der Garten und besonders eine ganz
blaue Laube darin sei, aus lauter blauen Blumen gewebt. Blauer Enzian - blaue
Sternblumen - blauer Ehrenpreis - blaue Waldreben vergitterten sich zu einem
kleinen Himmel, worin gerade im Herbst keine Wolke, d.h. keine Knospe war,
sondern offne therkelche.
    Da die Blumen leben und schlafen, sagte Walt bei diesem Anla, so trumen
sie gewi auch, so gut wie Kinder und Tiere. Alle Wesen mssen am Ende trumen.
- Auch die Heiligen und die hl. Engel? fragte Wina. Ich wollte wohl sagen:
ja, sagte Walt, insofern alle Wesen steigen und sich also etwas Hheres
trumen knnen. - Ein Wesen ist aber auszunehmen, sagte Wina. - Gewi! Gott
trumet nicht. Aber wenn ich nun die Blumen wieder betrachte, so mag wohl in
ihren zarten Hllen der dunkle Traum von einem lichtern Traume blhen. Ihre
duftende Seele ist nachts zugehllt, nicht durch bloe Bltter, sondern wahrhaft
organisch, wie denn unsere auch nicht durch bloe Augenlider zugeschlossen wird.
Sobald nun einmal die farbigen Wesen am Tage Licht und Kraft verspren: so
knnen sie ja auch nachts einen trumerischen Widerschein des Tages genieen.
Der Allsehende droben wird den Traum einer Rose und den Traum einer Lilie kennen
und scheiden. Eine Rose knnte wohl von Bienen trumen, eine Lilie von
Schmetterlingen - in dieser Minute kommt es mir ordentlich fast gewisser vor -
das Vergimeinnicht von einem Sonnenstrahl - die Tulpe von einer Biene - manche
Blume von einem Zephyr- Denn wo knnte denn Gottes oder der Geister Reich
aufhren? Fr ihn mag wohl ein Blumenkelch auch ein Herz sein, und umgekehrt
manches Herz ein Blumenkelch.
    Jetzt traten sie in den Zauber-Garten ein, dessen weie Gnge und finstere
Blttergruppen einander wechselnd frbten. Die Berge waren, wie Nachtgtter,
hoch aufgestanden und hoben ihr dunkles Erdenhaupt khn unter die himmlischen
Sterne hinein. Der Notar sah den bisher auseinanderliegenden Farbentau der
Dichtung an Winas Hand sich als einen Regenbogen aufrichten und im Himmel stehen
als der erste glnzende Halbzirkel des Lebens-Kreises.
    Er wurde - so wie Wina immer einsilbiger - immer vielsilbiger und betrank
sich im Taufwasser seiner Worte, das er ber jeden Berg und Stern go, der ihnen
vorkam. Es gab wenige Schnheiten, die er nicht, wenn er vorbeiging,
abschilderte. Es war ihm so wohl und so wohlig, als sei die ganze schimmernde
Halbkugel um ihn nur unter seiner Hirnschale von einem Traume aufgebauet und er
knne alles rcken und rauben und die Sterne nehmen und wie weie Blten
herunterschlagen auf Winas Hut und Hand. Je weniger sie ihn unterbrach und
abkhlte: um so grer machte er seine Ideen und tat zuletzt die grte, jene
ungeheure auf, worin die Welt zerschmilzt und blht, so da Luzie, die bisher
weltliche Lieder murmelnd gesungen, damit aufhrte, aus Scheu vor Gottes Wort.
    Eben wurde das Completorium gelutet, als Wina vor einer berlaubten kleinen
Kapelle vorbeiging. Sie ging wie verlegen langsam, stand und sagte Luzien etwas
ins Ohr. Walt war ihrer Seele zu nahe, um nicht in sie zu schauen; er ging
schnell voraus, um sie beten zu lassen und sie heimlich nachzuahmen. Luzie hatte
leise Winen gesagt, seitwrts oben die schwarze Laube sei die blaue. In dieser
wollte er die Beterin erwarten. Als er nher trat, flog aus der Laube Jakobine
lustig heraus und warf ihm scherzend einen Schal ber den Kopf und entfhrte ihn
am Arme, um an seiner grnen Seite, sagte sie, die kostbare Nacht zu genieen.
    Ob er gleich nicht von weitem ahnte, mit welcher frechen Parodie der
Morpheus des Zufalls den Menschen oft mit seinem Geschicke paare und entzweie:
so widerstand doch der Spa und die Freiheit und der Kontrast dem ganzen Zuge
seiner hhern Bewegungen. Er setzt' ihr eiligst auseinander, woher und womit er
komme, und sah bedeutend nach der Kapelle, als werd' er von dort aus stark
erwartet. Jakobine scherzte schmeichelnd ber Walts Damen-Glck und verschlo
ihm den Mund durch das berfllen seines Herzens. Indes er nun uerlich
scherzend focht - und innen es auf allen Seiten berschlug, wie er ohne wahre
Grobheit Jakobinens Arm von seinem schtteln knne: so sah er, wie vom Eingange
des Gartens her, den General auf die Tochter loskommen, sehr freudig ihre Hand
in seinen Arm einpacken und mit dem Engel der Sterne davon und nach Hause
laufen.
    Ach wie schnell gehen die schnen Sterne des Menschen unter! dachte Walt
und sah nach den Bergen, wo morgen ein paar Bilder davon wieder aufgehen
konnten; und war nicht imstande, Jakobinen zu fragen, ob sie die Reize der
schnen Nacht empfinde.
    Diese flog kalt vor dem Notar ins Haus und verschwand auf der Treppe. Er
brauchte diesen Abend nichts weiter als ein Kopfkissen fr seine wachen Trume
und ein Stck Mondschein im Bette. Aber in der Nachmitternacht - so lange
trumt' er - fuhr wieder auf der Gasse eine Nachtmusik auf, welche Zablockis
Leute abbliesen. Nachdem Walt die Gasse wie ein Lorettohuschen in die schnste
welsche Stadt getragen und niedergesetzt nachdem er die herrlichen Blitze des
Klanges, die an den Saiten wie an Metalldraht herabfuhren, auf sich einschlagen
lassen und nachdem er die Sterne und den Mond nach der irdischen Sphrenmusik in
Tanz gesetzt - und nachdem die Lust halb aus war: so flatterte Jakobine, deren
Flstern er vorher fast im Nebenzimmer zu hren geglaubt, zur Tre hinein und
ans Fenster, vor brennender Ungeduld, die Tne zu hren, nicht aber den Notar.
    Walt wute nicht sogleich, wo er war oder bleiben sollte. Er schlich sich
heimlich und leise aus den Kissen in die Kleider und hinter die Hrerin; wie
angezndeter Flachs war er in hhere Regionen aufgeflogen, ohne einen Weg zu
wissen. Nicht da er von ihr oder von sich etwas besorgte; aber nur die Welt
kannte er und ihre Parterres-Pfeifen gegen jedes khne Mdchen, ein Unglck,
wogegen er lieber sich von der zweiten Famas-Trompete jagdgerecht anblasen
liee, um nur das Weib zu retten; - und er wute kaum, ob er nicht aus der Stube
so lange unvermerkt entflchten sollte, bis die Aktrice in ihre heimgegangen.
    
    Sie hrte drei Seufzer - fuhr um - er stand da - sie entschuldigte sich sehr
(zu seiner Lust, da er gefrchtet, er habe sein eignes Dasein zu exkusieren),
da sie in ein besetztes Zimmer gekommen, das ihr, da es ohne Nachtriegel
gewesen, frei geschienen. - Er schwur, niemand habe weniger dawider als er; -
aber Jakobinens Reinheit glaubte sich damit noch nicht rein gewaschen, sie fuhr
fort und stellt' ihm unter dem musikalischen Getse, so laut sie konnte, vor,
wie sie denke, wie ihr Nachtmusik in Mark und Bein fahre, an Fast- und Freitgen
ganz besonders, weil da vielleicht ihr Nervensystem viel rhrbarer sei, und wie
dergleichen sie nie unter dem Bette lasse, sondern wie sie die erste beste
Wasch-Serviette (sie hatte eine um) ber den Hals schlage, um nur ans Fenster zu
kommen und zu hren.
    Unter dieser Rede hatte eine fremde Flte so nrrisch mit feindlichen Tnen
durch die Nachtmusik gegriffen und geschrien, da diese es fr angenehmer hielt,
berhaupt aufzuhren. Jakobine sprach laut, ohn' es zu merken, weiter: Man
berkommt dann Gefhle, die niemand gibt, weder Freundin noch Freund.
    Etwas leiser, Vortreffliche, ums Himmels willen leiser! sagte Walt, als
sie den letzten Satz nach der Musik gesagt, der General schlft gerade nebenan
und wacht. Wohl, wohl ist meistens fr ein weibliches Herz eine Freundin zu
unmnnlich und ein Freund zu unweiblich. - Sie sprach so leise, als ers haben
wollte, und fate ihn an der Hand mit beiden Hnden an, wodurch die dicke plumpe
Serviette, die sie bisher mit den Fingern wie mit Nadeln zugehalten,
auseinanderfiel. Er erfuhr, was Hllenangst ist; denn das leisere Sprechen und
Beisammenstehen, wut' er, konnt' ihn ja jede Minute, wenn die Tre aufging, bei
der Welt in den Ruf eines Libertins, eines frechen Mdchen-Wolfs setzen, der
nicht einmal die Unschuld schonet, wofr er Jakobine hielt, weil sie sanfte
blaue Augen hatte.
    Aber Sie wagen beim Himmel zu khn! sagt' er. Schwerlich, sobald nur Sie
nicht wagen, versetzte sie. Er deutete, was sie von seinen Anfllen sagte,
irrig auf seinen unbefleckten Ruf und wute nicht, wie er ihr mit Zrte die
Rcksicht auf seinen ohne Eigennutz - denn ihr Ruf war ja noch wichtiger - in
der grten Eile und Krze (wegen des Generals und der Tre) auseinandersetzen
sollte. Und doch war er von so guten ehrlichen Eltern, von so unbescholtenem
Wandel - und trug den Brautkranz jungfrulicher Sittsamkeit so lange vor dem
Bruder und jedem mit Ehren - - er hatte den Henker davon, wenn der verfluchte
Schein und Ruf hereingriff und ihm den gedachten Kranz vom Kopfe zog, gesetzt
auch, es wuchs ihm nachher eine frische Martyrerkrone nach.
    Ihm wurde ganz warm, das Gesicht rot, der Blick irre, der Anstand wild:
Gute Jakobine, sagt' er bittend, Sie erraten - es ist so spt und still -
mich und meinen Wunsch gewi.
    Nein, sagte sie, halten Sie mich fr keine Eulalia, Hr. v. Meinau.
Schauen Sie lieber die reine keusche Luna an! sagte sie und verdoppelte seinen
Irrtum. - Sie geht, versetzte er und verdoppelte ihren, in einem hohen Blau,
das kein Erden-Wurf durchreicht. So will ich wenigstens meine Tr zuriegeln,
damit wir sicher sind.
    Nein, nein, sagte sie leise, lie ihn aber mit einem Handdruck los, um
ihre Serviette zurechte zu falten. Er kehrte sich jetzt um und wollte dem
Nachtriegel zufliegen, als etwas auf den Boden hinflog - ein Menschen-Gesicht.
Jakobine schrie auf und rannte davon. Er nahm das Gesicht, es war die Maske des
Larvenherrn, den er fr den bsen Genius gehalten.
    Im Mondschein durchkreuzten sich seine Phantasien so sehr, da es ihm am
Ende vorkam, Jakobine habe selber die Maske fallen lassen und ihm und seinem
armen Rufe nachgestellt. Er litt viel; - es richtete ihn nicht auf, da er sich
der besten Behauptungen seines Bruders erinnerte, da z.B. solche Befleckungen
des Rufs heutzutage, gleich den Flecken von wohlriechenden Wassern, aus den
Schnupftchern und der weien Wsche von selber herausgehen, ohne alle
Prinzessen-Waschwasser und Fleckenausmacher - es trstete ihn nicht, da Vult
ihn einmal gefragt, ob denn die jetzigen Frsten noch wie die alten gewisse
moralische Devisen und Symbola htten, dergleichen gewesen praesis ut prosis
und andere spielende, und da der Fltenist selber geantwortet, dergleichen habe
jetzt nicht einmal ein tiefer Stand, und es knne berhaupt, wenn schon in
Tassos und Miltons christliche Heldengedichte die heidnische Gtterlehre hab'
eindringen drfen, auch in unserem Christentum so viel Gtterlehre (wenigstens
in betreff der schnsten Abgttin) Platz greifen, als wir gerade bedrfen und
begehren.
    Darauf dachte Walt wieder an die Mglichkeit, da irgend jemand das arme
unschuldige Mdchen gesehen, und da er ihren unbescholtnen Ruf anschmitze, der
- schlo er - unbeschreiblich rein und fest sein mute, da sie so viel gegen die
Weiblichkeit sich herausnehmen durfte - Dann fiel ihm die 9te Testaments-Klausel
Ritte der Teufel ein, die Ehebruch und hnliche Snden an ihm besonders
bestraft - Dann der General mit seiner heiligen Briefsammlung von erotischen
Platonikerinnen - Dann Wina und ihr Auge aus dem Himmel - - Der Notar bracht'
eine der dmmsten und elendesten Nchte zu, die je ein Mensch durchgelegen, der
unter dem Rckgrat keine Eiderdunen gehabt, welche freilich noch strker
einheizen.

                              Nr. 49. Bltter-Erz


                               Beschlu der Reise

Heiliger Morgen! Dein Tau heilet die Blumen und den Menschen! Dein Stern ist der
Polstern unserer dahingetriebenen Phantasien, und seine khlen Strahlen bringen
und fhren das verwirrte erhitzte Auge zurecht, das seinen eignen Funken nachsah
und nachlief!
    Als noch viele Sterne in die Dmmerung schienen, rief der General den
Notarius mit der frohesten Stimme aus dem Bette zur Berg-Partie; und dann nahm
er ihn so liebreich auf - bis an die Stirnhaare lchelte er empor -, da Walt
sehr beruhigt war und beseligt; der General, dacht' er, wrde ganz anders mit
mir reden, wenn er etwas wte. Winas Angesicht blhte voll zarter Morgen-Rosen;
im Paradies am Schpfungs-Morgen blhten keine vollern.
    Sie gingen zu Fue dem zerspaltenen Gebrge zu. Die Stadt war tief still,
nur in den Grten rstete schon einer und der andere Beete und Rosenhecken fr
den Frhling zu, und die Rauchsulen des Morgenbrots bogen sich ber die Dcher.
Drauen flatterte schon Leben auf, die Singdrossel wurde in den nahen Tannen
wach, unten an der Fhre klang das Posthorn herber, und aus dem Gebrge
donnerte der ewige Wasserfall heraus. Die drei Menschen sprachen, wie man am
Morgen pflegt gleich der grauen Natur um sie her, nur einzelne Laute. Sie sahen
gen Osten, woran das Gewlke zu einem roten Vorgebrge des Tages anfing
aufzublhen, und es wehte schon leise, als atme der Morgen vor der Sonne her.
    Wina ging an der einen Hand des Vaters, der in der andern einen sogenannten
schwarzen Spiegel hatte, um daraus die Natur zum zweiten Male als ein
Luftschlo, als einen Abgusaal einzuschpfen. Die Frhe - Winas Morgenkleidung
- das Trumerische, das der Morgenstern auflsend im Herzen so unterhlt, als
stehe er am Abendhorizonte - und Walts Bewegungen von der Nacht her, so wie
seine Hinsichten auf die nahe Scheide-Sekunde; das zusammen machte ihn
sprachlos, leise, sinnend, bewegt, voll wunderbarer Liebe gegen das nhere
Jungfrauenherz, welche so weich und vielknospig war, da er sich auf unterwegs
freuete, um in der blhenden Seligkeit recht ruhig zu blttern.
    Mit ser Stimme aber tat an ihn Wina die Bitte um Verzeihung des gestrigen
Auseinanderkommens. Da er die Bitte nicht zurckgeben konnte: so schwieg er.
Darauf bat sie ihn, Raphaela zu gren und ihr als Ursache ihres brieflichen
Schweigens den Umweg ber Rosenhof nach Leipzig zu sagen. Der General, der so
freimtig mit der Tochter vor dem Notarius sprach, als laufe dieser als ein
tauber Schattenmann oder als ein stummer verschwiegner Affe mit, machte Winen
geradezu Vorwrfe ber ihre vielseitigen Sorgen und Schreibereien und ber die
ewigen Opfer ihres Ichs. Sie versetzte blo: wollte Gott, sie verdiente den
Tadel!
    Als sie ins Gebrge traten, kroch die Nacht in die Schluchten zurck und
unter die Talnebel unter, und der Tag stand mit der Glanz-Stirn schon in den
Hhen des thers. Pltzlich lenkte der General das Paar in eine Felsenspalte
hinein, worin sie hoch oben das eine hchste Berghorn schon vom Morgen-Purpur
umwickelt sahen, das andere tiefer vom Nachtschleier umwunden, zwischen beiden
schimmerte der Morgenstern - die Jungfrau und der Jngling riefen miteinander:
O Gott!
    Nicht wahr? sagte der General und sah den Himmel im schwarzen Spiegel nach
- das ist einmal fr meine Schwrmerin? - Langsam und ein wenig nickte sie mit
dem Kopfe und mehrmals mit dem Augenlide, weil sie vom gestirnten Himmel nicht
wegsehen wollte; fhrte aber die vterliche Hand an den betenden Mund, um ihm
stiller zu danken. Darauf zankt' er ein wenig, da sie so stark empfinde und die
Gefhle so gern aufnehme, die er ihr zuleite.
    Schnell fhrte er beide durch einen knstlichen Weg vor das stubende Grab,
worein sich der Wasserfall, wie ein Selbstmrder, strzte, und woraus er als ein
langer verklrter Strom auferstand und in die Lnder griff. Der Strom strzte -
ohne da man sehen konnte, aus welcher Hhe - weit ber eine alte Ruinenmauer
hinber und hinab.
    Zablocki sagte darauf schreiend, wenn beide nicht scheueten, sich auf Gefahr
eines schwachen Dampf-Regens mit ihm hart an der Mauer hin und durch deren
niedrige, von lauter grnen Zweigen zugewebte Pforte durchzudrngen: so knnten
sie auch etwas von der ebenen Landschaft sehen.
    Er ging voraus, mit langem Arme sich Winen nachziehend. Als sie durch das
halb versunkne Tor durch waren, sahen sie in Westen eine Ebene voll Klster und
Drfer mit einem dunkeln Strom in seinem Tal und in Osten die Gebrge, die
wieder auf Gebrgen wohnten und, wie die Cybele, mit roten Stdten aus Eis, wie
mit Goldkronen, im hohen Himmel standen. Die Menschen erwarteten das
Durchbrennen der Sonne, welche den Schnee des Erden-Altars schon sanft mit ihren
warmen Rosen fllte. Der Donner des Wassers zog noch allein durch den
Morgenhimmel. - Jetzt blickte Gottwalt von Osten weg und in die Hhe, denn ein
seltsamer Goldschein berflog das nasse Grn da sah er ber seinem Haupte den
festschwebenden Wasserfall vor der Morgensonne brennen als eine fliegende
Flammenbrcke, ber welche der Sonnenwagen mit seinen Rossen entzndend rollte.
- Er warf sich auf die Knie und den Hut ab und die Hnde empor, schauete auf und
rief laut: O die Herrlichkeit Gottes, Wina!
    Da erschien ein Augenblick - niemand wute wie oder wenn wo der Jngling auf
die Jungfrau blickte und sah, da sie ihn wunderbar, neu und sehr bewegt
anschaue. Seine Augen ffneten ihr sein ganzes Herz; Wina zitterte, er zitterte.
Sie schauete auf zum Rosen-und Feuerregen, der die hohen grnen Tannen mit
Goldfunken und Morgenrot bespritzte; und wie verklrt schien sie vom Boden
aufzuschweben, und der rotbrennende Regenbogen leuchtete schn auf ihre Gestalt
herunter. Dann sah sie ihn wieder an, schnell ging ihr Auge unter, und schnell
auf, wie eine Sonne am Pol - das herzerhebende Donnern und das Wetterleuchten
des Stroms umrauschte, berdeckte beide mit himmlischen goldnen Flgeln gegen
die Welt - der Jngling streckte die Arme nicht mehr nach dem Himmel allein aus,
sondern nach dem Schnsten, was die Erde hat - -
    Er verga beinahe alles und war nahe daran, in Gegenwart des Vaters die Hand
des Wesens zu ergreifen, das ber sein ganzes Leben diesen Sonnenblick der
Zauberei geworfen. Wina drckte schnell die Hand ber ihre beiden Augen, um sie
zu verdecken. Der Vater hatte bisher den Wasserfall im schwarzen Spiegel
beobachtet und sah nun auf.
    Alles wurde geendigt. Sie kehrten zurck. Der General wnschte, da man
heftiger und deutlicher lobte. Das Paar konnt' es nicht. Jetzt, sagt' er,
nach solcher Freude sehnet man sich nach einem rechten Janitscharen-Marsch! -
Gottwalt erwiderte: O wohl, nmlich nach solchen Stellen daraus, die piano und
aus Moll zugleich gehen, wodurch vielleicht die Entzckung frchterlich stark
hereinspricht, wie aus einem Geisterreich. - Es regnet heute noch, versetzte
Zablocki, die Morgenrte zieht sich nrrisch ber den ganzen Horizont, so ganz
besonders; aber der schne Morgen war doch wenigstens des Sehens wert, Wina?
    Sie gab kein Ja. Schweigend kam man nach Rosenhof. Zablockis Wagen, Pferde
und Bedienten standen schon reisefertig da. Darauf flog alles auseinander und
davon. Die Liebenden gaben sich kein Zeichen der vorigen Minute, und der Wagen
rollte davon, wie eine Jugend und eine heilige Stunde.
    Walt ging im Granatapfel noch einige nachblitzende Minuten in seiner Stube
auf und ab, dann in die des Generals. In dieser fand er ein vergessenes
beschriebenes Blatt von Wina, das er ungelesen, aber nicht ungeksset
einsteckte, samt einem Flakon. Borstwisch und Sprenggef, die Vorarbeiter neuer
Gste, trieben ihn in sein Zimmer zurck. Er steckte die sonderbare Maske zu
sich. Darauf machte er - gleich unvermgend, lnger zu bleiben und lnger zu
reisen - sich trunken auf den Weg nach Halau zurck. Er sehnte sich mit seinem
Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die Stube Vults. Sein Herz hatte genug
und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen.
    Jakobine warf ihm von der Treppe, die sie hinaufging, und er herunter, das
Versprechen nach, im Winter in Halau zu spielen. - Drauen verwelkte der
rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken. An der Fhre mut' er
lange warten. Es fing endlich an zu regnen. Aber da der Vorhang vor dem
Singspiele der Liebe aufgegangen war: so wut' er, mit Augen und Ohren unter
ihren Gesngen und Lichtern wohnend, wenig oder nicht, ob es auf das Dach des
Opernhauses regne oder schneie.
    Da das Schicksal gern nach dem Feste der sesten Brote dem Menschen
verschimmeltes, wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet: so lie es den
Notar hinter Joditz auf Irrwege - auf physische - laufen, was dem Verhngnis
leicht wurde, da er ohnehin nichts rtliches behielt, nicht den Ri eines Parks,
in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen. Dann mut' er die
gebogne weie Hutfeder, welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem
Hohlweg vorstach, fr die Schwanzfeder eines laufenden Hahns ansehen und nachher
den Irrtum dem Militr gutmeinend entdecken, der ihn sehr anschnauzte. In einem
Kirmesdorf wurd' ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig
nachgelacht. Das Rosanatal lief voll Wasser. In einem schnen Gartenhaus spielte
der Regenwind auf der Windharfe einen mitnigen Lufer und Kadenzen voll
Schreitne, da er vorberlief.
    Selig flog er seinen Weg - denn er hatte Flgel am Kopf, am Herzen, an den
Fen und sa als geflgelter Merkur noch auf dem Flgelpferd -, und ohne es
kaum zu merken, kam er durch die vorigen Drfer. Gleich dem Blitze lief sein
Geist nur an den Vergoldungen des Welt-Gebudes hin. Nur Wina und ihre Augen
fllten sein Herz; an Zukunft, Folgen, Mglichkeiten dacht' er nicht; er dankte
Gott, da es noch einige Gegenwart auf der Erde gab.
    Eine Freude kleinerer Art geno er hinter Grnbrunn, wo ihm der bheimische
Schweintreiber, dessen Klagen er in Joditz gehrt, mit einem Pilger-Liede
aufstie und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund.
    So trug ihn die rollende Erde ohne Erdste wiegend um die bedeckte Sonne.
Gegen Abend sah er schon Halau, die Meilen waren ihm Wersten geworden. In
Hrmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin, die man daraus bis an den
Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte.
    Aus Halau kamen ihm Feuerspritzen entgegen, welche glcklich hatten lschen
helfen. Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzckungen
durch das Halauer Tor getreten: sah er an den Kirchturm, wo Flitte und Heering
wohnten; und nahm freudig wahr, da der Testator Flitte, so hergestellt und
gesund wie ein Fisch im Wasser, aus dem Schalloch guckte.

                  Nr. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds


                  J. P. F. R.s Brief an den Halauer Stadtrat

                                     P. P.

Hier bersend ich den trefflichen Testaments-Exekutoren durch den Student und
Dichter Sehuster die drei ersten Bnde unserer Flegeljahre samt diesem Briefe,
der eine Art Vor- und Nachrede vorstellen soll. Von dem geschickten Schn- und
Geschwindschreiber Halter, bisherigen Infanteristen beim Regiment Kurprinz - der
zum Glcke des elend geschriebenen Manuskripts gerade in diesem Monat aus
Bregenz mit freundlichem Abschied und gesunder Schreib-Hand nach Hause an das
Schreibpult kam, nachdem er ber 4 Jahre sich auf mehreren Schlachtfeldern mit
den Franzosen gemessen und geschlagen - von diesem sind, darf ich hoffen, sowohl
die drei Bnde als dieser Brief so gut geschrieben, da sie sich lesen lassen;
folglich setzen und rezensieren ohnehin.
    Will ich mich ber das Werk hier bis zu einem gewissen Grade uern: so
mssen einige allgemeine Sentenzen und Gnomen vorausgehen:
    Nicht nur zu einer Percke, auch zu einem Kopfe gehren mehrere Kpfe
Ferner: Jedem mu seine Nase in seinen Augen viel grer und verklrter, ja
durchsichtiger erscheinen als seinem Nebenmenschen, weil dieser sie mit andern
Augen und aus einem viel fernern Standpunkte ansieht -
    Weiter: die meisten jetzigen Biographen (worunter auch die Romanciers
gehren) haben den Spinnen wohl das Spinnen, aber nicht das Weben abgesehen -
    Ferner: die Verdauung spren, heiet eben keine spren, sondern vielmehr
Unverdaulichkeiten -
    Weiter: zur zweiten, bessern Welt, worauf alle Welt aus ist und aufsieht,
gehret auch der Hllenpfuhl samt Teufeln -
    Ferner: der Schatten und die Nacht sehen weit mehr als Gestalten und
Wirklichkeit aus als das Tageslicht, das doch nur allein existieret und jene
scheinen lsset - Und zuletzt: man reiche dem Leser etwas in einer Nu, so
verlangt ers noch enger als Nu-l; man breche fr ihn aus der steinigen Schale
eine kstliche Mandel, so will er um diese wieder eine Hlse von Zucker haben -
    Blo diese wenigen schwachen Stze wende ein verehrlicher Stadtrat auf das
Buch und sich und den Leser an und frage sich: Ist noch jetzt die Frage von
diesen und jenem?
    Noch vier Punkte hab' ich auerdem zu berhren.
    Der erste Punkt ist nicht der erfreulichste. Noch hab ich nicht mehr als
Nummern vom Kabelschen Naturalienkabinett (denn dieser Brief ist fr den halben
Dachshunds-Blasenstein) erschrieben; und fahre schon mit drei Bnden vor, die
abzuladen sind; da nun das Kabinett 7203 Nummern in allem besitzt: so mssen
endlich smtliche Flegeljahre so stark ausfallen als die Allgemeine deutsche
Bibliothek, welche sich doch von ihnen im Gehalte so sehr unterscheidet. Ich
sage letzteres nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ichs selber fhle. Indes
werd ich nchstens in meinen Vorlesungen ber die Kunst, gehalten in der
Leipziger Ostermesse 180439erweisen, erstlich da (was man ja sieht) und
zweitens warum der Epiker (in wessen Gebiet dieses Werk doch zu rubrizieren ist)
unendlich lang werde und nur mit dem langen Hebels-Arme den Menschen bewege,
anstatt da der Lyrikus mit dem kurzen gewaltig arbeitet. Ein epischer Tag hat,
wie der Reichstag, kaum einen Abend, geschweige einen Garaus; und wie lang
Goethes Dorothea, die nur einen Tag einnimmt, ist, wei jeder Deutsche; der
Reichsanzeiger wrde eine bloe prosaische Geschichte dieser poetischen
Geschichte in den Flchenraum einer Buchhndler-Anzeige einzupressen vermgen.
    Auch drfte ein verehrlicher Magistrat noch bedenken, da die Autoren gleich
gespannten Saiten - welche oben und unten, Anfangs und Endes sehr hoch klingen
und nur in der Mitte ordentlich - ebenso im Eingange und nachher im Ausgange
eines Werkes die weitesten und hchsten Sprnge machen (die immer Platz
einnehmen), um sich teils zu zeigen, teils zu empfehlen, in der Mitte aber kurz
und gut zu Werke gehen. Sogar diesen Dreiband hab' ich mit Briefen an
Testaments-Exekutoren begonnen und beschlossen, um nur zu schimmern. Ich hoffe
von den mittlern Bnden der Flegeljahre das Beste, nmlich lyrische Verkrzungen
, worin meines Wissens Michelangelo ein wahrer Meister ist.
    Der zweite Punkt ist noch verdrlicher, weil er die Rezensenten betrifft.
Es wird ihnen allen, wei ich, so schwer werden, sich alles feinen und groben,
schon aus dem Titel Flegeljahre geschpften und abgerahmten Spaes gegen mich zu
erwehren, als es mir wirklich selber, sogar in einem offiziellen Schreiben an
verehrliche Exekutoren, sauer ankommt, solchen Personen mit keinen versteckten
Retorsionen und Antizipationen des Titels entgegenzugehen. Doch das liee
vielleicht sich hren, wenigstens machen - und durch eine Grobheit wird leicht
eine zweite fast zu einer Hflichkeit - Allein, verehrte Vter der Stadt, wie
der Vorstdte, man packt Sie an, man fngt mit der Exekution bei den Exekutoren
den Proze an. Allgemein, schreibt man mir sehr krzlich aus Halau, Weimar,
Jena, Berlin, Leipzig, wundert und rgert man sich hier, da die Exekutoren des
Kabelschen Testaments gerade Dir (Ihnen) die Biographie des Notarius, die nach
der testatorischen Klausel ja ebensogut Richardson, Gellerren, Wielanden,
Scarron, Hermesen, Marmonteln, Goethen, Lafontainen, Spieen, Voltairen,
Klingern, Nikolain, Mds. Stal und Mereau, Schillern, Dyken, Tiecken usw.
aufgetragen werden konnte, eben Dir (Ihnen) zugewandt und das herrliche
Naturalien-Kabinett dazu, das viele schon besehen.
    Freunde und Feinde benannter Autoren wollen - Dich (Sie) ohnehin - den
Halauer Magistrat in Journalen verdammt her untersetzen und heimschicken. Doch
bitt' ich Dich (Sie), mich nicht zu nennen. Ein knftiger Rezensent schwur hoch:
er wolle nicht ehrlich sein, wenn er ehrlich bleibe bei so bewandten Umstnden.
    Hiergegen lsset sich nie etwas machen, ausgenommen Antikritiken, die aber
ins Unendliche gehen; denn ein Hund billt das Echo an; es tritt der alte Zyklus
von Jcken und Kratzen und von Kratzen und Jcken ein. Das sind aber bse
Historien; und der Autor leidet dabei unsglich; er hat immer einen Namen zu
verlieren, und nur der Rezensent einen zu gewinnen; er lobt sich berhaupt das
Lob und feiert so ungern nach seinem Namenstage noch einen Ekelnamens-Tag. Es
ist ihm terribel und so unangenehm als irgend etwas, da das deutsche Publikum
von seinen Autoren, wie das englische von seinen Bren, wnscht, sie nicht nur
tanzen, sondern auch gehetzt zu sehen. Ein jeder Autor hat doch - oder solls
haben - so viel Stolz als irgendein Peha oder Tezet oder Iks oder ein anderer
Kapital-Letter von Klopstock in dessen grammatikalischen Gesprchen, besonders
da er ja der Chef dieser aufgeblasenen XXIIer Union oder dieser grande Bande des
24 Violons ou les vingt-quatre ist, die er in Glieder stellt auf dem Papier, wie
er nur will.
    Allerdings gb' es ein gutes Mittel und Projekt dagegen, hochedler Stadtrat,
wenn es angenommen wrde. Hundertmal hab' ich gedacht: knnte nicht eine
Kompanie wackerer Autoren von einerlei Grundstzen und Lorbeerkrnzen
zusammentreten und soviel aufbringen, da sie sich ihren eignen Rezensenten
hielten, ihn studieren lieen und salarierten, aber unter der Bedingung, da der
Kerl nur allein seine Brotherren ffentlich in den gangbaren Zeitungen streng,
aber unparteiisch und nach den wenigen sthetischen Grundstzen beurteilte, die
ein solcher Famulant und Valet de Fantaisie haben und behalten kann? - Wenn sich
eine solche Ordonnanz sozusagen in seiner Chefsmanier einschlsse, nichts weiter
triebe und wte: sollte sie sich nicht niedersetzen und hinschreiben knnen:
Da und da, so und so ist die Sache; und wers leugnet, ist so gewi ein Vieh als
ein Affe.

    - Einigermaen, verehrlicher Stadtrat, hab' ich einen Anschlag; und er
betrifft eben den jungen Mann, der Ihnen die Flegeljahre persnlich berbringt.
Der Mensch heit eigentlich Schuster, hat aber den dumpfen Namen durch ein
Strichelchen mehr in den hellern Sehuster umgeprgt. Anfnglich stet er
vielleicht einen wohlweisen Rat etwas ab durch sein ueres, durch den
verworren-grimmigen Blick, Schweden- und Igelkopf, greulichen Backenbart und
durch die hnlichkeiten, die er mit sogenannten Grobianen gemein hat. Heimlich
aber ist er hflich, und er hat berhaupt seine Menschen, die er veneriert. Ich
mochte diesen Schuster etwa 14 Tage, nachdem er sein Gymnasium als ein scheuer
stiller leiser Mensch verlassen, der eben keinen besonderen Zyklopen und Enak
versprach, 14 Tage darauf in Jena wieder gefunden haben - Himmel! wer stand vor
mir? Ein Frst, ein Gigant, ein Flegel, aber ein edler, ein Atlas, der den
Himmel trug, den er schuf, setzend eine neue Welt, zersetzend die alte! Und doch
hatt' er kaum zu hren angefangen und wute eigentlich nichts Erhebliches; er
war noch ein ausgestreckt-liegender Hahn, ber dessen Kopf und Schnabel
Schelling seine Gleicher-Linie mit Kreide gezogen, und der unverrckt, ja
verrckt darauf hinstarrt und nicht auf kann; aber eben er war schon viel und
mehr, das fhlt' er, als er verstand und schien. Dieses beweiset beilufig, da
es ebensogut im geistigen Reiche eine schnelle Methode, den innern Menschen in
14 Tagen zu einem groen Manne aufzufttern, geben msse, als es die hnliche im
krperlichen gibt, eine Gans, schwebend gehangen, die Augen verbunden, die Ohren
verstopft, durch Nhren in nicht lngerer Zeit so weit zu bringen und zu msten,
da die Leber 4 Pfund wiegt.
    In der Tat bestimmte mich dieses, da der gute Gigant nichts hat auer
Krfte, mit vier andern belletristischen herrlichen Verfassern - (ich werde
ihnen nie die Schuhriemen auflsen - gesetzt, sie verlangtens) - aus der Sache
zu sprechen und sie zu fragen, ob wir uns nicht knnten zusammenschlagen und ihn
auf den ntigsten Akademien fr unser Geld absolvieren lassen: Wir hobeln
Sehustern, sagt' ich, ganz nach unsern Werken zu, oder vielmehr er hat seine
deduzierenden Theorien nach dem Meister und andern Stcken seiner Kostherren
einzurichten, um einstens imstande zu sein, als unser Fixstern-Trabant,
Brautfhrer und Chevalier d'honneur unserer fnf Musen, kurz als unser
Rezensier-Markeur in den verschiedenen Zeitungen, die die Welt jetzt mithlt, zu
beurteilen und zu schtzen.
    Das nahm man an. Und wir Fnfer hatten wahrhaftig keine Ursache, unsere
Ausgaben zu bereuen, als wir spter, im ersten Semester hrten, da er die
Polaritten und die Indifferenz leiden knne, da er ein transzendenter
quilibrist sei und ein polarischer Eis-Br, da er die Menschen
indifferenziere, sich aber potenziere, da er zwar kein Dichter, kein Arzt und
kein Philosoph sei, aber, was vielleicht mehr ist, alles dieses
zusammengenommen. Und in der Tat nannt' er uns bald darauf in seinen Rezensionen
die fnf Direktoren, ja die fnf Sinne der gelehrten Welt, ich soll darunter der
Geschmack sein, le Got, el Gusto40spricht aber doch verdammt frei von jedem
andern. Gesetzt, mein feuriger Schuster, wandt' ich einstens ein, als er
hingeschrieben hatte, er sehe voraus, in 4 oder 5 Jahren sei Goethe so tief
herunter als gegenwrtig Wieland - O was? versetzt' er, ich stecke zuweilen
einen Kometen-Kern ins blaue ther-Feld und bekmmere mich nicht, ob er aufgeht
und fliegt als Feuer-Blume. An der Himmels-Achse der Unendlichkeit sind die Pole
zugleich Gleicher, alles ist eines, Hr. Legaz.!
    Nun halten vier Treffer der Literatur (fnf wrd' ich sagen, wr' ich nicht
darunter) bei einem Hochedlen Rate um das Maushackische Legat, das eben fr arme
Studenten aufgeht, fr den guten Ohnehosen an; denn letzteres ist er, wechselnd
eigentlich und uneigentlich, gleichsam als differenziere und indifferenziere er
auch hier und whle Realismus und Idealismus beliebig als zwei
Wechselstandpunkte aus einem dritten. Ich meine aber so: er hat nichts. Sein
Marquisat de Quinet41wirft zu wenig ab er braucht zu viele erregende Potenzen,
wenn er selber eine sein soll, und Weinberge sind die Terrassentreppe zu seinem
Musenberg - wir fnf Marquis verspren das Ernhren eines sechsten auch stark; -
Wiese man nun aber Sehustern das Maushackische Legat zu: so knnt' ers pro forma
in Jena oder Bamberg verzehren; und dabei gemchlich beurteilen, einige
bekrnzen und ganz weg haben, unzhlige kaum von der Seite ansehen, die
Gemeinheit herzlich verachten, viele Sachen deduzieren, wie z.B. den Roman, den
Humor, die Poesie, aus vier oder fnf Termen und Schreibern, und vllig unter
die sogenannten ganzen Leute gehren. Der selige Maushack selber - den ich zwar
nicht kenne, der aber doch von der andern Welt mu endlich profitieret haben -
wrde droben, wenn er von diesen Frchten seines Nachlasses hrte,
seelenvergngt sagen: Herzlich gnn' ich der wilden Fliege drunten das Legat,
blo weil sie um eine Welt frher als ich von dem Reflexions-Punkte
weggeflogen.
    O Gott, Stadtrat! was wre noch zu sagen, wrd' es nicht gedruckt! Ein Autor
gibt lauter Nsse aufzubeien, welche dem Gehirne gleichen, das nach Le Camus
ihnen gleicht, und die also drei Hute haben; wer aber schlet sie ab? - Ein
bekannter Autor ist allerdings bescheiden; das ist aber eben sein Unglck, da
niemand wei, wie bescheiden man ist, da man von sich nicht sprechen und es
sagen kann. Er knnte seinem Stiefelknecht hundert Livreefarben anstreichen, er
knnte den Eisen-Fang seines Windofens zu seinem brennenden Namenszug
verschweifen und ringeln lassen, aber niemand wei es, da ers nicht tut. Erwgt
man vollends, wie viele Schlachten Bonaparte, sowohl in als auer Europa,
ausstand und lieferte, blo damit nur einmal sein Name richtig geschrieben
wrde, ohne das U, wofr er jetzt den Franzosen jenes X macht, jenes
algebraische Zeichen der unbekannten Gre, erwgt man also, mit welcher Mhe
ein Name gemacht und mit wie leichter er wieder ausgewischt wird: so ists
wahrlich ein matter Trost, da es in Rcksicht des Verkennens auch andern
grten Mnnern nicht besser ergangen, z.B. dem groen Gottsched, der selber
sogar im Gellertischen Leipzig so manches erlitt, was man hier nicht wiederholen
will.
    Der vierte Punkt, wovon ich einem hochedlen Magistrate zu schreiben
versprach, ist gerade ein nrrischer, den der junge Schuster am besten
ausfechten wrde in ffentlichen Blttern.
    Ein hochedler Stadtmagistrat wnschte nmlich von weitem, da das Werk etwas
verweint und beweglich verfasset wrde. Aber wie war das noch tunlich in unsern
Tagen, Verehrteste, die ein wahrer einziger heller Tag sind, wo die Aufklrung
als ein eingeklemmter angezndeter Strick fortglimmt, an welchem an ffentlichen
Orten jedes Tabakkollegium seine Kpfe anzndet? - Wer ffentlich noch ein wenig
empfinden darf und der ist zu beneiden -, das sind entweder die Buchhndler in
ihren Bcher-Geburts-Anzeigen, indem man alle etwanige Empfindsamkeit darin mit
dem Eigennutz entschuldigen kann; oder es sinds die lachenden Erben in ihren
Todes-Anzeigen, wo aus demselben Grunde der Korkzieher der Trnen darf
eingeschraubt und angezogen werden. Sonst aber hat man gegen Weinen, besonders
wahres, viel - die Trnenkrge sind zerschlagen, die weinenden Marienbilder
umgeworfen von zeitiger Titanomanie - die besten Wasserwerke sind noch frher
angelegt als die Bergwerke, welche davon auszutrocknen sind - wie in
Schmelz-Htten ist in die Seelenschmelz-Htten, in die Romane, einen Tropfen
Wasser zu bringen streng verboten, weil ein Tropfen das Glut- und Flu-Kupfer
zertrmmernd auftreibt - der Mensch fngt berhaupt an, und zwar bei den Trnen
(nach Hirschen und Krokodilen zu schlieen), das Tierische abzulegen, und das
Menschliche anzunehmen, wo man bei dem Lachen anfngt, so da jetzt eine
poetische Zauberin, wie sonst eine prosaische Hexe, daran eben erkannt wird, da
sie nicht weinen kann.
    Kurz, Rhrung wird gegenwrtig nicht verstattet - leichter eine
Rckenmarksdrre als eine Augenwassersucht; - und wir Autoren gestehen es uns
manchmal untereinander heimlich in Briefen, wie erbrmlich wir uns oft wenden
und winden, damit wir bei Rhr-Anlssen (wir mssen selber darber lachen)
keinen Tropfen fahren lassen.
    Ich schliee diese Zeilen ungern; aber der Ohnehosen Schuster steht hinter
dem Kopisten, Halter, schon gestiefelt und wartet auf die Kopie derselben mit
der Jagdtasche; denn es wre kaum zu sagen, was ich den trefflichen
Testaments-Vollstreckern noch zu sagen htte ber das Werk. Mg' ich und die
Welt nicht zu lange bei Ihnen auf die nchsten fnfhundert Nummern passen
mssen! Nachgerade gegen den vierten Band spinnt sich in der Biographie
ordentlich merkbar eine Art von Interesse an. Denn nun mssen die kostbarsten
Sachen kommen und im Anzug sein; und ich brenne nach Nummern. berall stehen
Tellerfallen, und Dampfkugeln fliegen, Wildrufdreher schleichen, Hummerscheren
klaffen Walts und Winas neuester Bund ist seltsam und kann unmglich lange
bleiben ohne die grten Strme, die bndelang rasen von Messe zu Messe -
Jakobinens Nachtvisite mu konfuse Folgen haben oder kanns doch - der Larvenherr
mu entlarvt werden (wiewohl ich ihn wahrlich errate; denn er ist mir zu
kenntlich) - Vult hat seinen Schmollgeist, ist erlogen von Adel, lebt von Luft,
strmt so leicht - der testierende Elsasser ist ganz hergestellt und sieht zum
Schalloch heraus - die meisten Erben minieren gewi, ich seh' aber, bekenn' ich,
noch nichts - des Helden Vater sitzt zu Hause und rennt und verschuldet Haus und
Hof-Pavogel, Harprecht, Glanz, Knoll mssen sich sehen lassen und graben noch
unter der Erde - guter Gott, welche eine der verwickeltsten Geschichten, die ich
kenne! Walt soll Pfarrer werden, und ich begreife nicht wie, und hundert andere
Dinge nicht besser - der Graf Klothar will heiraten, kommt zurck und findet
beim Himmel eine neue Wirtschaft und Historie, die ihm natrlich etwas
frappieret - Walt will unendlich gut und willig bleiben und ein zartes
Gottes-Lamm, und soll daraus ein Schaf, ein Hammel werden, unter Wollen-Scheren,
unter Schlachtmessern - Schlingen, Flammen, Feinde, Freunde, Himmel, Hllen,
wohin man nur sieht!......
    - Allerdings, verehrlichster Stadtrat! hat eine solche Geschichte noch kein
Dichter gehabt; aber ein Jammer ist es eben und ein noch unbestimmliches Unglck
fr die ganze schne Literatur, da sie wahr ist - da mir so etwas nicht frher
eingefallen als zugefallen - da ich unglckliche Haut, an Testaments-Klauseln
und Naturalien-Nummern gefesselt gehend wie an klein-schrittigem Weiberarm,
nichts von romantischen Gaben und Blten (indem ich doch auch unter den
Romanciers mitlaufe) knstlich pelzen darf auf solchen Stamm. - - O Kritiker!
Kritiker, wr's meine Geschichte, wie wollt' ich sie fr euch erfinden und
schrauben und verwirren und quirlen und kruseln! Wrfe ich z.B. etwan nur ein
schmales Schlachtfeld in eine solche gttliche Verwicklung - ein paar Grber -
einen Schlegelschen Revenant des Euripidischen Ions42- fnf Schaufeln voll
italischer Erde oder sonst klassischer - einen schwachen Ehebruch - einen
Klostergarten samt Nonnen - von einem Tollhause die Ketten, wenn nicht die
Husler - ein paar Maler und deren Stcke - und den Henker und alles; - - - ich
glaube, Vollstrecker, es fiele anders aus als jetzt, wo ich blo nur
nachschreibend zusehen mu, wie die Sachen gehen und aus Halau kommen, ohne da
ich, im mglichen Falle ungewhnlicher Langweile, etwas anderes fr die Welt und
fr Hrn. Cotta in der Gewalt htte als wahres Mitleiden mit beiden, fast zu sehr
vom Gewissen und sonst eingeklemmt und angepfhlt.
    - Aber mein Rezensent, der junge Schuster, der eben zwischen Schreiber und
Abschreiber steht, treibt auerordentlich und will fort und sieht verdrlich
nach dem Gottesacker hinaus. Noch schllich ersuch' ich die Vollstrecker, falls
schwere Kapitel, die besondere Kraft und Stimmung fordern, im Anzuge sein
sollten, mir sie bald und jetzt zu schicken, wo gerade meine Lokale (wozu auch
mein Leib zu rechnen), mein Schreibfenster, das den ganzen Ilzgrund beherrscht
(denn ich wohne im Grunerschen Hause in der Gymnasiumsstrae), und das Blhen
der Meinigen (worunter mein empirisches Ich mit gehrt) mich sichtbar
untersttzen; ja ich wrde - wenn nicht solche Selbst-Personalien eher vor ein
Publikum als vor einen Stadtrat gehrten - dazu selber den gedachten Gottesacker
schlagen, wo man eben jetzt (es ist Sonntags 12 Uhr) halb in der
Salvatorskirche, halb auf deren Kirchhofe im Sonnenscheine zwischen Kindern,
Schmetterlingen, Sitz-Grbern und fliegenden Blttern des Herbstes den
singenden, orgelnden und redenden Gottesdienst so hlt, da ich alles hier am
Schreibtische hre.
    Ich knnte dabei manches empfinden; aber Rezensent drngt erbrmlich - weil
die Tage krzer werden -, und er ist schuld, da ich in grter Eile mit der
grten Hochachtung erharre
                                                       eines Hochedlen Stadtrats
Koburg, den 23. Okt. 1803.
                                                              J. P. Fr. Richter.


                                Viertes Bndchen

                        Nr. 51. Ausgestopfter Blaumller

                  Entwicklungen der Reise - und des Notariats

Der Notar glaubte wie ein erwachter Siebenschlfer eine ganz umgegossene Stadt
zu durchtreten, teils weil er einige Tage daraus weggewesen, teils weil eine
Feuersbrunst, obwohl ohne Schaden, da gehauset hatte. Noch in den Gassen blieb
er auf Reisen. Auch zog das Volk, durchs Feuer aus der Alltglichkeit
aufgerissen, gescharet hin und her, um das Unglck zu besehen, das htte
geschehen knnen. Walt lief zuerst zum Bruder mit dem grten Drange, dessen
Neugierde unglaublich zu spannen und zu stillen. Vult empfing ihn ruhig, sagte
aber von sich, er sehe erhitzt aus und gebe das glhende Gesicht der Feuers-Not
schuld. Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten Reise-Wundern in die Hhe
schrauben und droben erquicken; er schickte daher die lockendsten Ankndigungen
voraus, indem er sagte: Bruder, ich habe dir Sachen zu melden, in der Tat
Sachen - Auch ich, unterbrach Vult, bin mit einigen sieben Wundern der Welt
versehen und kann erstaunen lassen. Nur erst das erste! Flitte genas! Noch
staunt und starret die Stadt. Unter dem Lazarustor sah ich ihn schon am
Schalloch stehen, versetzte Walt, eilig wegredend. - Das ist ganz natrlich,
fuhr jener fort. Denn der Dr. Hut, ein wahrer Chapeau wie wenige, hat ihn
wieder auf die Hinterbeine gebracht, so da der Testator sich selber beerbt als
allernchster Anverwandte und du so wenig bekommst als der Rest. Wie freilich
darber die alten rzte, besonders die ltesten, welche in jeder Stadt als ein
wahrer Rat der Alten einen Alterserla (veniam aetatis) nicht von 20, sondern
von allen irdischen Jahren dem jngsten erteilen und so die Sterblichkeit der
Einwohner kstlich mit der Unsterblichkeit verknpfen, wie sie, sag' ich,
darber, da ein so junger Wicht einen nicht ltern herstellte, auer sich sein
mssen: dies kann man ganz natrlich noch wenig oder nicht bestimmen, bevor gar
eine bekannte Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt geworden. Es hat nmlich
der Elsasser eine schwache Danksagung ein paar Male umgearbeitet, worin er im
Reichs-Anzeiger (Doktor Hut schiet die Inserats-Gelder her) mitten vor der Welt
Huten gerhrt genug dankt und beteuert, nie knn' ers ihm lohnen, was ein so
wahres Gefhl ist, da er nichts hat.
    Walt konnte sich nicht lnger eindmmen: Liebstes Brderlein, begann er,
wahrlich mehr deinen Einfllen als deinen Berichten horcht' ich zu: denn das,
was ich dir zu erzhlen... Deinen Brief nmlich mit dem Wunder-Traum hab ich
wirklich und in der Tat empfangen; aber was wre blo dies? Eingetroffen ist er
von Punkt zu Punkt, von Komma zu Komma; hre nur!
    Er legte ihm jetzt die Spiel-Wunder zum ersten Male vor (wegen der
verworrenen Wellen der alles heranschwemmenden Flut) - zum zweiten Male. Kein
Abenteuer, selber das schlimmste, ist je so selig zu erleben als zu erzhlen. Ja
er htte beinahe von Winas liebendem Blick unter dem Wasserfalle in seinem Sturm
den Schleier gehoben, htt' er nicht auf dem ganzen Wege, mit Wina an einer Hand
und mit Vulten an der andern, das Wichtigste vorlufig bedacht und sich die
strksten Grnde eingeprgt gehabt, da er durchaus Wina in den General
einkleiden msse und Empfindungen, obwohl nicht Tatsachen, unterschlagen; so
gern er auch in das einzige ihm vom Leben aufgeschlone Herz die beiden Arme
seines in Liebe und in Freundschaft geteilten Stroms ergossen htte.
    Aus deinen Abenteuern in bezug auf meinen Brief, sagte Vult, mach ich
eben nicht das meiste - ich lege dir nachher eine sehr gute Hypothese darber
vor -, hingegen in Jakobinens Stelldich-ein sh' ich mit Freuden klrer. Walt
erzhlte dann den Nachtbesuch ganz wahr, hell und leicht und verga keine
einzige Empfindung dabei.
    Nichts will ich leichter erklren, fing endlich Vult an. Kann denn nicht
ein Kerl, der alle Verhltnisse wei, dir durch Wlder und Felder immer drei
Schritte nach- oder vorgeschlichen sein - mit der Flte geblasen haben - deinen
Namen in den Krgen und Hotels vorausgesagt - die kleinste Sache bestellt und
angestellt, z.B. mit dem Bilderhndler und dem Quodlibet und dessen quod deus
vult est bene factus, statt factum - und so fort? Was den Brief anlangt, so war
er ja in meinem Namen und Stil so leicht zu schreiben, unterwegs aufzugeben,
darin alles zu weissagen, was man eben selber vollfhren wollte, das Geld aber
eine Minute vorher einzugraben! - Unmglich! sagte Walt. Und vollends der
Larvenherr? - Hast du die Larve etwa in der Tasche? sagte Vult. Er zog sie
hervor. Vult drckte sie vor das Gesicht, funkelte ihn darhinter mit Zorn-Augen
an und rief wild mit bekannter Stimme des Larvenherrn: He? Bin ichs? - Wer seid
ihr? - Himmel, wie wre denn das? rief der erschrockene Walt. - Sanft hob
Vult die Larve ab, sah ihn ganz heiter an und sagte: Ich wei nicht, was deine
Gedanken ber die Sache sind; ich sentiere, da sowohl der Larvenherr und
Fltenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind.
Mein Verstand steht still, sagte Walt. Kurz, ich wars, beschlo Vult. Aber
der Notar wollte seiner eigenen Bestrzung nicht recht glauben. Etwas
Wunderbares, sagte er, steckt gewi noch hinter der Zauberei; und warum
httest du mich berhaupt so sonderbar hintergangen?
    Aber Vult zeigte, da er ihm einige Lust zuwenden, ja einige Unlust ersparen
wollen. Er fragte schelmisch-blickend, ob er nicht zur rechten Zeit seine Maske
ins Zimmer geworfen, ehe Jakobine die ihrige fallen lassen. Endlich sagte er
gerade heraus, die Klausel des Testaments, welche fr Fleisches-Snden um halbe
Erbschaften bestrafe, sei allgemein bekannt, und Walt sei leider stets sehr
unschuldig, auf nichts aber werde in einer Aktion fter und besser geschossen
als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschuld - die sieben Erben decken, wie
kluge Feldherrn, ihr Lager mit Morast - kurz, beschlo er, wie Taubenhndler
wahrhaft betrgen und zwei Tubinnen oft fr ein ordentliches Paar Ehetauben
ausgeben: htte man es mit dir und der Aktrice nicht ebenso machen knnen, wr'
ich dir nicht nachgereiset? - Da wurde der Notar blutrot vor Scham und Zorn,
sagte: o garstig ber die Maen - setzte unter dem Umherfahren nach dem Hute
hinzu: in diesem Lichte steht ein armes Mdchen bei dir? Und dein eigner Bruder
dazu? - lief fort - sagte wild weinend: gute Nacht; aber bei Gott, ich wei
nicht, was ich dazu sagen soll - und lie keiner Antwort Zeit. Vult rgerte
sich fast ber den unvermuteten Zorn.
    Ich, ich? wiederholte Walt auf der Gasse innigst- ich htte mich
versndigen sollen an einem Tage, wo mir Gott den rhrendsten Reise-Abend
bescherte und die fromme Wina mir so nahe lebte? - Das wolle Gott nicht!
    Als er aber in sein Stbchen trat, berflog ihn eine ganz besondere
Seligkeit und zehrte den Schmerz auf; - eine neue Empfindung wird an einem alten
Orte lebendiger; - es war Winas guter Blick unter dem Wasserfalle, der jetzt ein
ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden berstrahlte und alle Taublumen darin
blitzen lie. Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen geworden sowie neu: der
Park unten, in dessen Gngen er sie einmal gesehen, und Raphaela im Hause, die
ihre Freundin war, gehrten unter die Habseligkeiten seiner Brust. Selber seinen
eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr, auf so neue Gemlde des liebenden
Herzens stie er jetzt darin, von denen er erst diesen Abend recht fate, was er
neulich etwa damit haben wollen; nie fand ein Autor einen gleichtniger
gestimmten Leser als er heute. Er bauete sich sogleich ein zartes Bilderkabinett
fr die Gemlde von den Auftritten, die Wina vermutlich diesen Abend haben
knnte; z.B. im Schauspielhause oder in den Leipziger Grten oder in einer
gewhlten Gesellschaft mit Musik. Darauf setzte er sich hin und beschrieb es
sich mit Feuerfarben, wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tauris;
dann machte er selige Gedichte auf sie; dann hielt er die Papiere voll Eden ins
Talglicht und verkohlte alles, weil er, sagt' er, nicht einsehe, mit welchem
Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern.
    Als er zu Bette ging, verstattete er sich, Winas Tume sich zu ertrumen.
Wer kann mir verbieten, sagt' er, ihre Trume zu besuchen, ja ihr sehr viele
zu leihen? Ist der Schlaf vernnftiger als ich? O sie knnte im wilden Wahnsinn
desselben ja recht gut trumen, da wir beide unter dem Wasserfalle stnden,
verbunden aufflgen in ihn, umarmend hinschwmmen auf seinem flssigen
Feuergolde und zum Sterben herabstrzten mit ihm und vergttert still nun
weiterflssen durch die Blumen, in den Strahlen, sie mit ihrer Welle in meine
schimmernd, und wir so uns ineinander verrnnen in das weite hohe blaue reine
Meer, das sich ber die schmutzige Erde deckt. Ach, wenn du so trumen wolltest,
Wina! - Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharf - weil nachts in
der wilden Zeit des Vortraums vor der Seele alle blasse Bilder junge
Lebensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen ffnen - das liebe,
milde Auge Winas vor sich aufgetan und wie einen Mond, den der Tag zum Wlkchen
verdnnte, am Nachthimmel herrschend strahlen; und er sank in das liebe Auge,
wie ein Frommer in das Auge, unter welchem man Gott abbildet. Wie leicht und
dnn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenrschen ist er, das der
Mensch von der hchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hlt der
Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die
ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen Blick - und auf
dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bumen fest! So sind
Geister; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre
Sichtbarkeit!
    Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her. Alle Blten zu
Zankpfeln waren abgefallen. Die Morgenstunde hat Gold, aber das reinste, im
Mund; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemt; das finstere berma,
besonders des Hasses, hrt auf. Walt sah sich um im Morgenlicht, fand sich wie
von einem Arm aus den Wolken durch alle bereinanderstehenden Wolken des Lebens
durchgehoben ins Blau - Wer liebt, vergibt, wenigstens den Rest dem Rest; er
fragte sich, wie er denn gestern, gerade am Heimkehr-Feste, so gegen den armen
Bruder aufbrausen knnen.
    Jawohl den armen Bruder, fuhr er fort; denn er hat gewi keine Geliebte,
deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt. Nun ging er
ganz ins Einzelne und stellte sich - nach seinem Instinkte, der ihn stets in die
fremde Seele trieb und in ihr ber sie hinzuschauen zwang - an Vults Stelle, wie
dieser nichts habe, nichts wisse (vom Wasserfalle nmlich), wie er alles oder
vieles so sehr gut meine, besonders fr Walt, wie er nur herrschschtig hart
verfahre usw.
    In dieser Gesinnung beschlo er, zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen
ber die Essig-Sache, sondern blo mit seiner Hand eine schon im Mutterleib
verknpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen, besonders was
die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe.
    Vult war verreiset. Ein Briefchen an Walt war an die Tr gesiegelt: Bester!
Ich reisete heute flchtig ab, um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu
blasen. Knftig arbeit' ich viel fleiiger; denn wirklich tu' ich fr unsern
Gesamt-Roman zu wenig, besonders da ich gar nichts dafr tue. Es entgeht uns
nicht, da ich lieber spreche im reiendsten Strome mich schwemmend - als
schreibe. Gut aber ists nicht, weder fr die Literatur noch das Honorar. In
Schulen gilt sonst Rechen- und Schreib-Meister fr einen; ein trefflicher
Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister; leider bin ich nicht
einmal einer von beiden und brauche doch Geld. Adieu! v. H.
    Der gehetzte Bruder! sagte Walt, so mu er sich jetzt das Geschenk
erpfeifen, das er mir so spahaft in die Hnde gespielt; warum fall' ich immer
so heftig aus und drcke den Guten? Er fate den ernstlichen Vorsatz, knftig
seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zgel anzuziehen. -
    Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den
Fltenspieler, den er in den nachschimmernden Auen des schnsten Morgens mit
Glanz besprtzt umherwaten sah.
    Wackerer als je betrat er nun seine Notariats-Gnge wieder, die sich gegen
das Ende seines Erbamts immer hufiger auftaten. Es war ihm ganz einerlei - so
freudig ging sein Puls -, worber er ein Instrument aufsetzte, ob ber die
Verlassenschaft eines Hofpredigers oder ber eine angebohrte l-Tonne oder ber
eine Wette: immer dacht' er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder
an Leipzig, und es konnte ihm gleichgltig sein (denn er gab nicht darauf acht),
was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar.
    So glnzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens, kam er aus dem September
und dem Notariat endlich in den Oktober hinber, wo er vor den Kabelschen
Testaments-Exekutoren die Rechnung ber das bisherige Erbamt abzulegen hatte,
vor welcher ihm nicht im geringsten bange war; denn Winas Blick hatte in ihm
einen so feurigen Herzschlag entzndet, da er mit einem solchen Frhlings-Pulse
vermochte, in jeder uern Klte des Schicksals warm zu bleiben.
    Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen
(die der Schulze behielt, weil im Briefschreiben das Original das schlechtere
ist) seine Angst vor dem Notariats- Hintergrund und die Beteurung seiner
Herbeikunft wissen lassen. Walten wurde die Wiederholung desselben drren
Gedankens, die so manchen frischen erdrckte, sehr zur Last, und er wnschte
nichts weiter als die alte Freiheit, an hundert Dinge zu denken. Warum ist denn
ein Irrweg so verdrielich, sagt' er, als blo weil man so lange, bis man den
rechten wieder erwischt, immer die abgeschabte platte Idee des Wegs besehen und
behalten mu! Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer
Geburt als whrend ihrer Schwangerschaft, und der eigentliche Leidenstag geht 24
Stunden oder Zeiten frher an als der uere. Der erste Schritt, den Walt am
anberaumten Morgen ins Rathaus tat, machte ihn zu einem andern Menschen, nmlich
zum alten - die Sache war fr ihn vorbei, denn sie war so nahe. Zu bald kam er
im Vorzimmer an, harrte aber vergngt und machte einen Polymeter, worin er
einige gute Gruppen besang, die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller
der Wrme dargestellt waren, welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt.
Tanz-Horen, Fllhrner voll Heu, Fruchtschnre oder -stricke, Bschel von dicken
festen Blumen oder Obst und sechs Frhlinge aus Ton (denn es war ein
Zirkulierofen) waren allerdings imstande, einen Dichter wie er zu heizen. - Als
noch immer die Ratsstube zublieb, so geriet er auf Neben-Ideen, ob nmlich nicht
ein ganzer Roman aus Ofen-Pasten darzustellen und zu entwickeln wre, besonders
ein komischer. So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wendepunktsstunde,
z.B. vor einer Krnung, Schlacht, Selbstermordung, nicht aber seine Frau vor
einer hnlichen, z.B. vor einem Balle, - zu dichten, zu schlafen, zu lesen.
    Da endlich der Schirmherr der Kabelschen enterbten Erben, der Pfalzgraf
Knoll, eintrat, so fing alles an und wurde gehrig vor den Brgermeister Kuhnold
gestellt.
    In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Ratsstube gewesen; auf
dem Staubfaden einer Lilie htt' er sich schaukeln knnen. Er fiel aber bald von
seiner Lilie ins Beet herunter, als der Schirmherr anfing vorzutragen und zu
belegen, da der offne geschworne Notar bisher sehr absurd gewirtschaftet -
da er nicht nur erstlich und zweitens zweimal in Instrumenten abbrevieret -
drittens ein nchtliches (das Turm-Testament) mit zweierlei Tinte und viertens
bei einerlei Licht geschrieben fnftens einmal radiert - sechstens einmal gar
nicht angegeben, da er ausdrcklich zur Aufrichtung des Instruments
vorgefordert worden - desgleichen siebentens in dem nmlichen auch die Stunde
nicht - achtens den ngelein-braunen Bindfaden, womit die Klagschrift N. N.
contra N. N. umwickelt gewesen, als einen gelben zu Protokoll gebracht -
neuntens Hauszeugen, als sie eidlich aussagten fr ihren Herrn, ihrer Pflicht
vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen als diesen Akt des Entlassens
anzuzeigen ganz vergessen - sondern da er auch zehntens einen falschen Datum im
Wechselprotest, ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an
einem 31. September, der nicht existiere, auszufertigen wenig Anstand genommen.
- Nun wurd' er gerichtlich befragt, was er dawider einzuwenden habe. Ich wte
eigentlich nichts'- versetzt' er gegnerischerseits; auch trau' ich fremdem
Gedchtnis hier weit mehr als eignem. Doch was die Hauszeugen anlangt, so hielt
ich es fr eigenmchtig und unmglich, sie durch mein bloes Wort ihren
Pflichten zu entnehmen und wieder zurckzugeben. Darauf sagte Hr. Kuhnold,
dieser Grund sei mehr edel gedacht als juristisch, und berief sich auf Hrn.
Fiskal Knoll. Nichts sei lcherlicher, versetzte dieser und schob nun zehn bis
zwanzig breite hohle Worte aneinander, um bei den Testaments-Exekutoren um das
nachzusuchen, was sich von selber verstand - die Erffnung des hier eintretenden
geheimen Artikels.
    Eh' es Kuhnold tat, erwies er dem Pfalzgrafen, da gar nicht alle
Rechtsgelehrten allgemein zu Nacht-Kontrakten drei Lichter begehrten, sondern
nur mancher; und langte - als Knoll auf seinem Satze beharrte - blo das
promtuarium juris von Hommel oder Mller als den nchsten Beweis aus dem
Schranke vor. Die Ratsbibliothek war nicht hher als die vier Bnde des
promtuarium stark; dennoch fehlte ihr, wie den meisten ffentlichen
Bibliotheken, ein Katalog.
    Knoll behielt sich das Seinige vor; Kuhnold gab aber nicht nach, sondern
verlas den Straftarif; da nmlich fr jeden juristischen Notariats-Schnitzer
des jungen Harnisch jedem der sieben Erben ein Tannenbaum in Kabels Wldchen zu
fllen verstattet sein sollte. Da er nun in zehn Snden geraten war - ohne die
streitigen Lichter -, so belief sich der Dezem, mit den sieben letzten Plagen
multipliziert, auf den ansehnlichen Schlag von 70 Stmmen, so da Walt nie halb
so gut dadurch gelichtet werden konnte als das Wldchen selber. - Nu, sagte
der Notar, schnell beide Hnde seitwrts auswerfend, was ist zu machen? - Er
wute sich innerlich ber die Zuflle des Lebens so erheiternd zuzureden wie ein
Schuster den Kunden ber neue Stiefel, die er bringt; sind sie zu enge, so sagt
der Meister: sie treten sich schon aus; sind sie zu weit, so sagt er: die
Nsse zieht sie schon ein. So dachte Walt heimlich: Das witzigt mich. Jetzt
kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen, ohne da mir
geheime Artikel das geringste zu befehlen oder zu nehmen haben. Aber am Ende
machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen Gtter-Ichor des
Herzens schwer, dick und salzig, als dieser, ohne im geringsten durch die Freude
ber den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden, seine Protestation
im Punkte der drei Lichter erneuert zurcklie. Die stehende Gegenwart eines
deutlich hassenden Wesens drckt und pret eine immer liebende Seele, die ihre
Klte schon fr Ha ansieht, mit dem schwlen Dunstkreis eines Gewitters, dessen
Schlag weniger qult als dessen Nhe. Betrbt, selber von Kuhnolds sanftem
Worte, das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf,
ging er nach Hause; und er sah Vults Fluchen und Scherzen darber schon
entgegen.
    Das erste, was er zu Hause machte, war ein Sprung aus demselben auf die
schnen stillen Hhen der Oktober-Natur, um seinem Vater, dem Schulthei, und
dessen Scherbengerichte zu entspringen, der, wie er gewi wute, in die Stadt
laufen wrde, um jede Scherbe des zerbrochenen Glcktopfes ihm an den Kopf zu
werfen. Auf einer friedlichen Anhhe - dem Wldchen gegenber-konnt' er, whrend
er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Empfinden in ein
musikalisches verwandelte, recht gut wahrnehmen, da schon mehrere Erben mit
verstndigen Holzhauern im Erb-Forste lustwandelten, um eintrchtig mit
Waldhmmern ihr Gnadenholz anzupltzen. Endlich ritt im Schritt Flitte an der
Spitze einer holzersparenden Gesellschaft mit xten, Sgen, Mastben in den
Hnden den Wald hinan. Gleich einem Witwer, der seine Halbtrauer tglich in
kleinere Brche zerfllt, in Drittelstrauer, in ein 1/4, 1/8, 1/64 Teil -
wiewohl die Trauer oder der Zhler nie Null werden kann, nach mathematischen
Gesetzen -, verkehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halbtrauer,
arithmetisch zu sprechen, in einen unendlich groen Nenner und in einen
unendlich kleinen Zhler, d.h. er wurde das, was man gemeinhin froh nennt. Es
ist schon recht, dachte er, da ich dem guten Flitte fr seine gutmtige
Erbeinsetzung meiner Person doch einen schwachen Dank durch meine Fehler
zuschanze; er habe recht viele Freude dabei, nur keine Schadenfreude. Aber die
Lustigkeit ber die Holz-Einbue wurde Walten etwas verkmmert, als er den alten
Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah, Mrtyrerkrone und
Zepter tragend. Auf die angepltzten Stmme lief Lukas zu - fragte, sagte dies
oder das und keifte - durchschnitt den Gehau nach allen Ecken - stritt ohne
Vollmacht wider alles - flog als ein flchtiges Waldgericht und Forstkollegium
hin und her, an jeden Busch, neben jede Sge - machte die Wste seines Gesichts
immer drrer und arabischer, je mehrere Erben ankamen, die grten Baumschnder,
die er sich denken konnte - sah seufzend zu jedem Gipfel auf, der strzen wollte
- und trieb nichts durch als forstgerecht den Weg, auf welchem der fallende Baum
das Buschholz schonen mute.
    Walt schaute erbrmlich herber; so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal
wie sein weies nur zu dichterischer Farbengebung verrieb, gleichsam zu Kohle
und zu Kreide: so konnt' er sich doch den Holzschlag des Schlagholzes zu keinem
dichterischen Baumschlag ausmalen, weil ihn der Vater peinigte. Er wartete aber
fest dessen Weggang ab; dann fragte er nach der glhendsten Abendrte vor seinen
Augen nichts, sondern er lie in sich abstimmen, welches Erbamt, das seinen
Vater freudig lasse, er jetzt zu whlen habe.
    Nun fehlte es ihm aus Mangel des Fltenspielers an einer Stimmensammlung und
an irgendeiner, auch nur kleinsten Minoritt, weil die Majoritt selber (er) nur
ein Mann stark war, welches, wenn nicht die kleinste - denn oft ist gar kein
Mann beim Stimmen -, doch keine betrchtliche ist.
    Endlich whlte er das krzeste Amt, nmlich das siebentgige Leben bei einem
Erben. Die Stelle darber heiet im Corpus juris des Testaments claus. 6. Litt.
g. so: Er (Walt) soll bei jedem der Hrn. Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen
(der Erbe mt' es sich denn verbitten) und alle Wnsche des zeitigen
Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfllen. Ein so kurzes Amt
hoffte er ohne groe Fehltritte und Fehlsprnge und mit einiger Ehre und in
kurzem, noch eh' der Bruder erschiene, zu beendigen. Nach der Wahl des Amts
mut' er wieder die neue desjenigen Erben anstellen, welchem die erste Ehre
davon zuzuwenden sei. Er erlas sich zum wchentlichen Wohnen den, bei welchem er
bisher gewohnt, Hrn. Neupeter. Auch begehrts die Zrte, sagt' er.

                     Nr. 52. Ausgestopfter Fliegenschnpper


                                Vornehmes Leben

Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten in den Kopf gebracht
hatte, woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war: trat er vor Neupeter, der ihn
in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte mit dem Petschaft am nassen
Maul und mit der Nachricht empfing, es sei Posttag. Whrend der Kaufmann
fortsiegelte, hielt er hinter dessen Rcken leicht seine Rede voll Zrte, bis
dieser, da er ausgesiegelt hatte, das Licht ausputzte und fragte: Was gibts?
Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon.
    Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten; in der Eile
mute er nur darauf denken, aus dem Gesagten einen dnnen Bleiextrakt zu
liefern. Der Hofagent ersuchte ihn aber, mit solchen Schnurrpfeifereien den
Leuten vom Halse zu bleiben.
    Alle mglichen Snden im neuen Amt htt' er lieber getragen als dieses harte
Trzuschlagen vor demselben. - Jemanden nun ferner Ordensketten durch
geschenktes Vorkaufsrecht der Wohnprobewoche berhngen zu wollen, fiel ihm
nicht mehr ein: sondern wo ein armer, aber guter Teufel, mit welchem sich mehr
Trnen- als Himmelsbrot, z.B. ein elendes Wohnloch teilen liee, anzutreffen und
zu beglcken wre, darnach ging sein Sehnen, nicht sein Fragen; denn besagter
Teufel war lngst da, Flitte aus Elsa. Walt ging auf den Nikolai-Turm und trug,
aber furchtsam, Flitten den Vorzug an, da er bei ihm die erste Probewoche
halten wolle. Der Elsasser umhalste ihn erfreuet und versicherte, er ziehe
diesen Tag noch vom Turm herab, weil er ganz hergestellt sei und der frischen
Turmluft weniger bedrfe. Ich miete fr uns ein paar kostbare garnierte Zimmer
beim Cafetier Fraisse; pardieu wir wollen leben comme il faut, sagt' er. Walt
wurde zu selig. In einer halben Stunde hatte Flitte ein- und darauf ausgepackt;
denn mit seinem Gerte hatt' er, wie eine Raupe und Spinne mit ihrem
Fadengespinste, gewhnlich den Gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und
bezeichnet; gleichsam mit schnen Haarlocken, die zum Andenken ausgerauft
werden; und hatte sich, wie gedacht, wie Weltkrper durch Umlauf kleiner
eingeschliffen. Er wagte es jetzt, aus seinem Turm - seiner bisherigen Bastei
und Grenzfestung gegen Glubiger - herabzurcken in ein unbefestigtes
Kaffeehaus, weil er teils sein eignes Testament beerbet hatte, nmlich den
Kredit davon, teils das Kabelsche, in dessen Gtergemeinschaft ihn Walts neueste
Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen, teils die zehn Tannenstmme, Walts
Klage-Eichen. Der ausgestopfte Blaumller Nr. 51 erwhnte schon weitluftiger,
mit welchem Geprnge er die durch Walt gesete Fehler-Ernte von Steinobst und
Kernhusern aufgeknackt und ausgekernet hatte, um sich der Stadt zu zeigen.
    Walt schied am schnsten Nachsommer-Morgen halb wehmtig aus seiner leisen
Klause; ihm war, als brauche sie ihn und habe dann so leer und allein
Langeweile, besonders sein Sessel. Aber wie fuhr er, da er beim Cafetier Fraisse
eintrat, vor der Garnitur der Zimmer, vor den langen Spiegeln voll
Zurckfahrern, vor den Ei-Spiegeln an den Wandleuchtern und vor der Rest-Pracht
zurck! - Er erschrak. Flitte lchelte - Fremden wollte Walt ein Ersparer sein;
- da der gute Elsasser solche Palste von Stuben miete, bedacht' er und sthnte
sehr. Denn er hielts fr Aufwand seinetwegen, weil er nicht voraussetzte, da
Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehre, die wie der deutsche
Kaiser schwren, nichts auf die Nachkommen zu bringen, Reich oder Reichtum, und
welche wie hohe Staatsbediente Athens zum Zeichen ihrer Vaterlandsliebe nichts
hinterlassen als Nachruhm und Schulden.
    Walt zog ohne weiteres das aus der Kabelschen Operationskasse fr die
Probewoche bewilligte Goldstck hervor und legt' es mit den Worten auf den
Tisch: Dies bestimmte der Testator; ich wollte gern, es wre mehr. - Wenige
Menschen wurden noch so stark angefahren als er von Flitten, der ihn fragte, ob
er denn beim Henker nicht sein Gast sei.
    Aber nun hatt' er noch einen feinern Punkt, nmlich den testatorischen Zweck
seines Wohnens zu besprechen. Er nahm folgende Wendung: Es wird ordentlich
schwer, in diesen kostbaren heitern Zimmern und bei Ihnen an etwas so
Juristisches wie das Testament und dessen Haupt-Klausel zu denken; da ich aber
meine Freude nicht meiner Obliegenheit gegen meine Eltern opfern darf: so - darf
ich eben schwerlich, sondern ich mu Sie um den Vorschlag dessen bitten, worin
ich etwa Fehler begehen knnte. Wahrlich, es wird mir schwerer zu fragen als zu
handeln.
    Der Elsasser fate ihn nicht sogleich mit seinen Feinheiten: Pah!, sagt'
er, was ist zu sakrifizieren? Wir parlieren und tanzen zusammen; das geht den
alten Kabel nichts an. - - Parlieren und tanzen? versetzte der vom Notariat
zusammengescheuchte Walt. Und zwar beides zusammen? - Ich kann hier nichts
sagen, als da schon eines von beiden einen unabsehbaren Spielraum zu Fehlern
auftte, geschweige - Wahrlich, an und fr sich oder fr mich, lieber Herr
Flitte - aber... - - Sacre -! wovon reden wir denn eigentlich? - Wird denn ein
Mensch auf der Erde prtendieren, da man zum langnasigen Brgermeister luft
und ihm es vorsingt, wie man lustig gewesen ist? - Walt fate schnell die Hand
und sagte: ich vertraue; und Flitte umarmte ihn.
    Sie frhstckten unter freudigen Gesprchen. Die langen Fenster und Spiegel
fllten das geglttete Zimmer mit Glanz; ein khler blauer Himmel lachte hinein.
Der Notar versprte sich in vornehmer Behaglichkeit; das Glcksrad dreht ihn,
nicht er das Rad, und er brauchte es nicht wie ein Wagenrad erst rot zu malen.
Flitte las ihm zwei fr den Reichs-Anzeiger in wenigen Tagen ausgearbeitete
Inserate vor; - im ersten forderte er einen Generalkriegszahlmeister, Hrn. von
N. N. in B., auf, ihm die Summe von 960 Albustalern fr Wein innerhalb 6 Monaten
zu bezahlen, wenn er nicht gewrtig sein wolle, da er ihn ffentlich an den
Pranger in dem Reichs-Anzeiger stellte. Dem Notar entdeckte er gern den Namen
des Mannes und der Stadt; indessen war an der Sache nichts. Das zweite Inserat
enthielt mehr ungefrbte Wahrheit, nmlich die Nachricht, da er einen Compagnon
mit 20000 Tlr. zu einem Weinhandel suche und wnsche.
    Walts Gesicht glnzte von Freude, da der gutmtige Mensch so viele Mittel
habe, und erhob dessen vergoldete Wetterstangen des Lebens recht stark.
    Flitte aber versetzte: Sagen Sie mir aufrichtig, ob keine Stil- Fehler
darin sind. Ich warf die Dinge in der Zeit einer kleinen Stunde hin. Walt
erklrte, je kleiner eine Anzeige sei, desto schwerer werde sie; er wolle
leichter einen Bogen fr den Druck ausarbeiten als dessen 1/24 Bogen. Schadet
wohl berhaupt Lukubrieren viel? An der Makrobiotik sahen mich oft die Nachbarn
bis 3 Uhr aufsitzen, sagte Flitte, nicht ganz unwahr, da er bisher durch seine
Nachtmtze auf einem Haubenstock und durch ein Licht daneben einen
makrobiotischen Leser auf die leichteste und gesndeste Weise vorgestellt hatte.
Darauf schnrte er vor dem Notar, dessen herzliches aufrichtiges Bewundern und
einfltiges Vertrauen ihn mit ser Wrme durchzog, ein Bndel seiner
Liebesbriefe an sich auf, worin er, sein Herz und sein Stil sehr geschtzet
wurde. Der Elsasser hatte das Paket von einem jungen Pariser, an den es
geschrieben war, zum sichern Verschlusse bekommen.
    Walt wute sich so wenig zu lassen vor Beifallklatschen ber den Stil der
schnen Schreiberin, da der Elsasser am Ende beinahe selber glaubte, die Sache
sei an ihn geschrieben; aber jener tats sehr deshalb, um nicht ber die Liebe
selber viel zu reden. Da er als ein unerfahrner verschmter Jngling noch
glaubte, die Empfindungen der Liebe mten hinter dem Klostergitter, hchstens
in einem Klostergarten leben, so sagt' er nur im allgemeinen: Die Liebe dringt
wie Opferrauch, so zart auch beide sind, doch im dicken Regenwetter durch die
schwere Luft empor - wurde aber ungemein rot. Surement, sagte der Elsasser,
die Liebe strebt jeden Tag immer weiter.
    Flitte ging noch weiter und zeigte sich seinem Gaste gar gedruckt; er wies
ihm nmlich die feinsten Liebes-Madrigale, die er, wie er sagte, drucken lassen
in Centesimo-Vigesimo-Format und nie ber einen 1/20 Bogen stark; es waren
Verseblttchen, aus Pariser Zuckerwerk ausgeschlt, wahre Sbriefchen, deren
Plagiat Flitte sich dadurch erleichterte, da er den sen Einband aufa. Warum
lsset die deutsche Poesie der franzsischen den Vorzug der sesten
Einkleidung; warum wollen wir nmlich, wenn die Franzosen Zucker und Gebck um
ihre Verse wickeln, es umkehren und mit den unserigen Zucker und Gewrz
einkleiden und einpacken? - knnte man hier fragen, wenn es der Ort wre, hier
zu antworten. - Walt pries unmig; der Elsasser schwamm auf Freudenl, ertrank
beinah in Lobes-Salbl. ber jeden Genu, den man den Menschen wohlwollend
zubereite, waltet der Zufall der Aufnahme, des Gaumens, des Magens, der ihn
verarbeitet; hingegen fr den Genu eines aufrichtigen Lobes hat ohne Ausnahme
jeder Mensch zu jeder Stunde Ohr und Magen aufgetan; und er sagt auer sich:
Lob ist Luft, die das einzige ist, was der Mensch unaufhrlich verschlucken
kann und mu. Flitte nicht anders; neuerfrischt zog er den Notar auf die
Stadtgassen hinaus, um ihm einige Freuden zu machen und sich Platz. Nmlich die
alten Glubiger jagten ihm so eifrig nach als er neuen; da er nun die Maxime der
Rmer kannte, welche nach Montesquieu so weit als mglich vom Hause Krieg
fhrten: so war er selten zu Hause. Beide durchstrichen die Morgenstadt; und
Walten wurde sehr wohl. Da Flitte der Stadt sich zeigen wollte - nmlich den
Kabels-All-Erben Harnisch in der Probewoche -, so sprach er mit vielen ein Wort;
und der Notar stand glcklich dabei. Vor jedem Parterre-Fenster - par-terre,
sagte Flitte, sprechen die Deutschen ganz falsch aus, klopft' er wie an einer
Glastre an und sagte dem aufmachenden Mdchenkopfe, dem noch die halbe Aurora
des Morgenschlafs anschwebte, hundert gute Dinge, und die Tochter in der
Morgenkleidung mute am Fensterrahmen fortnhen. Oft gab er ohne weiteres Fragen
Ksse von auen hinein - was Walt fr einen Grad von Lebensart hielt, den nur
einige Gnstlinge Frankreichs erreichten. Rauchte ein ansehnlicher Mann in der
Schlafseide mit der Pfeife aus dem zweiten Stock herab: so sprach oder ging
Flitte hinauf, und Walt tats mit. Jener kannte jeden lange; denn bei dem
Hochbrgerstande lehrte er die Kinder tanzen und beim Adel die Hunde; letzterem
ging er auch auf heiligern Wegen nach, nmlich zur Altar-Partie. Denn da der
Halauer Adel, wie bekannt und sonst gewhnlich ist, in corpore ffentlich auf
einmal als eine heilige Tischgesellschaft und Kompaniegasse das Abendmahl geno:
so war er hinterdrein und der letzte Mann, wie hinter den Brgerlichen der
Scharfrichter; das einzige Mal ausgenommen, wo er wie ein Schieferdecker es blo
nahm, weil er einen Turm bestiegen. Walt betrat nie mehr Zimmer als an diesem
Morgen. Sprengte ein Herr vorbei: Flitte wute ein Wort ber den Gaul
nachzuschicken, etwa dieses: er hinke. Stand ein Wagen fahrfertig: Flitte pate,
bis man einstieg, und verhie nachzukommen aufs Landgut. Kehrten versptete
Kaufleute von der Leipziger Messe zurck: Flitte lie sie auf die Me-
Neuigkeiten von Halau nie so lange warten, bis sie unter Dach und Fach waren,
sondern er packte aus, whrend sie auspackten.
    Walt wurde aller Welt vorgestellt und redete mehrmals.
    Es wre schwer zu glauben, da beide an einem Morgen so viele Besuche
abgestattet haben, wre nicht die Gewiheit da. Sie gingen zu dem Spitzen-oder
Klppelherrn Hrn. Oechsle und besahen die Sachen und die hbschen Klpplerinnen
aus Sachsen und viele Knpfe aus Eger, in welche Vgel halb mit Farben, halb mit
eigenen Federn gefasset waren. Walt hatte dessen schne Futapeten ganz mit
Stiefelspuren verschont durch einen einzigen tapfern Weitschritt, den er ber
sie sogleich in die gebohnte Stube tat.
    Sie gingen ins Gartenhaus des Kirchenrat Glanz, wo Flitte seine Latinitt an
dem Kupferstich eines Kanzelredners schwach zu zeigen suchte, indem er die
darunter gesetzten lateinischen Verse und Notizen fertig und mit gallischer
Aussprache ablas, ausgenommen bis zu den Worten mortuus est anno MDCCLX. Denn
wer solche fremde Zahlen-Zeichen mehr in eigner als in fremder Sprache ablesen
mu, weil er diese nicht versteht, fllt halb ins Lcherliche bei aller
sonstigen Gelehrsamkeit. -
    Er ging mit Walt zum Postmeister, blo um, wie er gewhnlich tat, nach
Marseiller Briefen vergeblich zu fragen. Dem Postsekretr las er eine schwere
franzsische Aufschrift vor. Walt pries dessen Accent und Prononciation
aufrichtig. Auf der Strae macht' ihm nun Flitte zehn vergebliche Male vor, wie
er wenigstens beide Worte zu akzentuieren und zu prononcieren habe. Walt
gestand, da ihm mehr Ohr als Zunge fehle, drckte ihm die Hand mit dem
Bekenntnis, da er die meisten Franzosen gelesen, aber noch keinen gehrt, und
da er deswegen so eifrig auf jeden Laut von Flitte horche; indes berief er sich
auf den General Zablocki, ob er nicht vielleicht eine ertrgliche Hand von
Schomaker davongebracht. Darauf zeigte ihm Flitte gegenseitig Germanismen der
Phrasen, die ihm noch anklebten.
    Sie gingen zur Stckjunkerin, bei welcher Walt neulich Saiten aufgezogen
hatte. Diese sprach von dem Tode ihres Mannes und der Einscherung eines
Palastes, den sie im belagerten Toulon gehabt, aus welchem sie nichts gerettet,
als was sie zur Erinnerung ewig aufbewahrte, einen Nachttopf aus feinstem
Porzellan. Der Zug entzckte den Notar durch den vornehmen Zynismus, womit er im
Hoppelpoppel Leute von Welt kolorieren konnte. Selten sieht ein romantischer
Anfnger einen alten General oder jungen Hofjunker im Zwielicht z.B. pissen,
ohne sich an den Schreibtisch niederzusetzen und niederzuschreiben: Herren vom
Hofe stellen sich gemeinhin im Zwielicht in Ecken. Man sprach viel franzsisch;
und Walt tat, was er konnte, und sagte hufig: comment? - Flitte zeigt' ihm
nachher den Germanismus in der Frage.
    Sie gingen in die weibliche, ihm durch Vult bekannte Pensions- Anstalt,
worin noch mehr Gallizismen und noch mehr Schnheiten regierten. Flitten war
nicht nachzufliegen im freien Artig- sein; doch wars ihm genug, nur
nachzublicken und zwischen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fuzehe an
die Ferse der andern anzuschienen. Ach ihr Lieben! sagte sein Herz. Was er nur
hrte, erklang ihm so zart; aber, dacht' er, sind denn Frauenzimmer anders?
Mitten im unreinen mnnlichen Weltleben, das alle Strme und Leichen aufnimmt,
sind sie ja abgesondert voll eigner Reinheit; im salzigen Weltmeer kleine Inseln
voll frischen klaren Wasser; o diese Guten! -
    Als er heraustrat, wurden ihm auf einem goldnen Egeschirr des regierenden
Frsten leichte Farschen, Rouletten und Frikandellen aufgetischt - fr die
Frespitzen der Phantasie. Das Geschirr - das Geschenk eines alten Knigs -
wurde nmlich jhrlich zweimal ffentlich auf dem Markte abgescheuert und
geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fu, das seine Waffen hatte,
um es gegen ungeratene Landeskinder zu decken.
    Sie gingen zum Galanteriehndler Prielmayer und lieen sich von der Pracht
der weiblichen Welt umgeben.
    Ein so freier, leichter, alle Stnde mischender Vormittag war Harnischen
noch nie vorgekommen; ein Musenpferd nach dem andern wurde seinem
Siegeswgelchen angeschirrt, und es flog. Flittens Leben hielt er von jeher fr
ein tanzendes Frhstck und fr einen th dansant; sein eignes hielt er jetzt
fr ein eau dansant. Er geno ebensosehr in Flitten - den er sich wie sich
begeistert dachte - als in sich selber hinein; die elsassischen Sonnenstubchen
vergoldete und beseelte er zu poetischem Bltenstaub. Zuletzt macht' er, neben
ihm gehend, heimlich folgende Grabschrift auf ihn:

                            Grabschrift des Zephyrs

Auf der Erde flog ich und spielte durch Blumen und Zweige und zuweilen um das
Wlkchen - Auch im Schattenland werd' ich flattern um die dunkeln Blumen und in
den Hainen Elysiums. Stehe nicht, Wanderer, sondern eile und spiele wie ich.

Um 10 Uhr bracht' ihn Flitte dem Hofe nher: Wir gehen in die champs lyses
und nehmen ein djeuner dinatoire. Es war ein bejahrter Frstengarten, welcher
den Weg zur ersten Chaussee im Lande gebahnt hatte. Unterwegs fingen zwar
Warnungstafeln gegen Kinder und Hunde an; aber in den champs lyses wurde erst
ordentlich alles verboten, besonders die elysischen Felder selber - in keinem
Paradies gab es so viele verbotene Bume und Frucht- und Blumen-Sperren - auf
allen Gngen blhten oben oder keimten unten Kerker-Diplome und Aus- und
Einwanderungsverbote - unter Expektanzdekreten der Zchtigung durchkreuzte jeder
als ein lustwandelnder Zchtling das Eden und feierte Petri Kettenfeier im Gehen
und strapazierte sich hinter seinem Rcken - mehr wie eine Wallfahrt durch
Dantes Hllenkreise (der Himmel blieb nirgends als ber dem Kopfe) denn als ein
katholischer Bugang durch Christi Leidens-Stationen kam jedem unter dem
schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Bume und Tempel sein Lustwandeln vor
- - ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigiert
heraus.
    War Walt je froh und frei: so wars in diesen Feldern; sein innerer Mensch
trug ein Thyrsus-Stbchen und rannte damit. Von allen diesen Warnungstafeln war
nmlich nichts mehr da als die Tafel, das Holz, Stein, Blech; die Warnung aber
war gut vermooset, verraset, versandet. Kstliche Freiheit und Freilassung
beherrschte nun Eden, wie ihm Flitte beschwur und bewies. Die ganze Sperrordnung
war blo in jenen Zeiten an der Tagesordnung gewesen, wo groe und kleine
Frsten - ganz anders als jetzt die groen - (hflich zu sprechen) etwas grob
gegen Untertanen waren, und wo sie als Ebenbilder der Gottheit - welche darin
eben nicht von dem Maler geschmeichelt wurde -, dem mehr jdischen als
evangelischen Gotte der damaligen Kanzeln hnlich, fter donnerten als segneten.
Was die Herrschaft jetzt etwa im Parke sehr lieb und gern hat, sagte Flitte,
dies ist schon besonders recht eingezunt, so da ohnehin niemand hinein kann.
    Beide nahmen ihr djeuner dinatoire, Morgenbrot und Morgenwein, in einem
offenen und lustigen Kiosk, unweit des Gartenwirts. Der Notar war erwhntermaen
selig; - den auf- und absteigenden Tag- und Nachtgarten samt dem leichten, wie
herabgeflogenen Lustschlosse, das ein versteinerter Frhlingsmorgen schien,
ferner die Wldchen, woraus bunte Lusthuschen wie Tulpen herauswankten,
desgleichen die gemalten Brcken und weien Statuen und die Regelschnre vieler
Hecken und Gnge - - das konnt' er dem Elsasser, dem ers zeigte, gar nicht
feurig genug vorfrben, je lnger er trank. Diesem gefiels natrlich; denn
gewhnlich fhrte er seine Claude-Lorrains nur mit dem einzigen Wort und Striche
wacker aus: sperb! - Jeder aber hat seine andere Hauptfarbe der Bewunderung;
der eine sagt: englisch! - der andere: himmlisch! - der dritte: gttlich! - der
vierte: ei der Teufel! - der fnfte: ei! -
    Walt aber sagte, obwohl zu sich: Dies ist von Morgen an, oder ich irre
entsetzlich? das wahre Weltleben Eleganter. Bin ich nicht wie in Versailles und
in Fontainebleau; und Louis quatorze regiert zurck? Der Unterschied ist
schwerlich erheblich. Diese Alleen - diese Beete - Bsche - diese vielen Leute
am Morgendieser lichte Tag! - Walten war nmlich, der Himmel wei von welchen
Frhblicken des Lebens, eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des
galanten, liberalen, Lnder, Weiber, Hfe besiegenden Ludwigs XIV.
nachgeblieben, da ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln wie eine
eigene Vorjugend schn als sanftes Feuerwerk in den Lften vorschwebte und wie
der freie frische Morgen eines im Neglig spazierenden Hofs - so da ihn jeder
Springbrunnen nach Marly warf, jede geschniegelte Allee nach Versailles und hohe
Fontange-Kupferstiche an Schrnken-Wnden ins damalige Knigsschlo, ja sogar
die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf seinem Schreibtische flogen mit
ihm in jene lustige Hof-, wenn auch nicht lustige Vlkerzeit. - Ist nicht das
Leben der Hofleute - hatt' er sich mehrmals gesagt - fortgehende Poesie (wenn
anders die franzsischen Mmoires nicht lgen), ohne pressende Nahrungs-Qualen
und in geflgelten Verhltnissen, und die Hofmnner knnen sich an jedem
Musik-Abend verlieben und dann am Garten-Morgen mit den herrlichsten Geliebten
spazieren gehen? O wie ihnen die Gttinnen blhen mssen im frischen
schminkenden Morgen rot!
    Dadurch geno er im Garten einen ganz andern, schon beerdigten; als
Feuerwerk hing das phantastische Nachbild ber dem liegenden Vorbild.
Glcklicherweise tat ihm Flitte - der in jeder Gesellschaft stets eine neue
suchte - den Gefallen, da er mit dem Garten-Restaurateur in ein Gesprch geriet
und ihn dadurch mit der kstlichen Einsamkeit zu einigen trumerischen
Streifzgen beschenkte. Wie freudig tat er diese! Er sah alles und dabei an- die
grnen Schatten, von Sonnen-Funken durchregnet - die fernen Seen, einige wie
dunkle Augenlider des Parks, einige wie lichte Augen - die Barken auf Wassern -
die Brcken ber beide - die weien hohen Tempel-Staffeln auf Hhen - die
fernen, aber hell-herglnzenden Pavillons - und hoch ber allen die Berge und
Straen drauen, die khn in den blauen Himmel hinaufflogen - Sein Vormittag
hatte sich stndlich gelutert, aus reinem Wasser zur Zephyr-Luft, diese oben zu
ther, worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht. Den Bruder htt' er
gern hergewnscht - Winas Blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage. Er
war selig, ohne recht zu wissen wie oder warum. Seine Fackel brannte mit gerader
Spitze auf in der sonst wehenden Welt, und kein Lftchen bog sie um. Nicht
einmal einen Streckvers macht' er, aus Flucht des Silbenzwangs, es war ihm, als
wrd' er selber gedichtet, und er fgte sich leicht in den Rhythmus eines
fremden entzckten Dichters.
    In diesem innern Wohlklang stand er vor einem sonderbaren Garten im Garten
und zog fast nur spielsweise an einem Glckchen ein wenig. Er hatte kaum einige
Male gelutet: so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut
herbeigerudert, um einigen von der frstlichen Familie die Tre aufzureien,
weil das Glckchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte. Als aber der vornehme
Mensch nichts an der Tre fand als den sanften Notar: so filzte er den
erstaunten Glckner in einer der lngsten Reden, die er je gehalten, aus, als
htte Walt die Sturm- und Trkenglocke ohne Not gezogen.
    Diesem war indes sein Inneres so leicht und fest gewlbt, da das uere
schwer eindringen konnte, nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes
Schiff; zu Flitten kehrte er sogleich zurck. Sie gingen heim. Die groen
Eglocken riefen die Stadt zusammen, wie zwei Stunden spter kleinere den Hof;
dies wirkte auf den satten Notar, der jetzt nicht zum Essen ging, sehr
romantisch. Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr, der zugleich die Uhr selber
ist, so ists der Magen. Je dunkler und zeitlicher das Wesen, desto mehr Zeit
kennt es, wie Leiber, Fieber, Tiere, Kinder und Wahnsinnige beweisen; nur ein
Geist kann die Zeit vergessen, weil nur er sie schafft. Wird nun dem gedachten
Magen oder Manne nach der Uhr seine Speise-Uhr um Stunden voraus- oder
zurckgestellt: so macht er wieder den Geist so irre, da dieser ganz romantisch
wird. Denn er mit allen seinen Himmels- Sternen mu doch der krperlichen
Umdrehung folgen. Das Frhstck, das ein Sptstck gewesen, warf den Notar aus
einem Gleise, worin er seit Jahrzehenten gefahren war, so weit hinaus, da vor
ihm jeder Glockenschlag, der Sonnenstand, der ganze Nachmittag ein fremdes
seltsames Ansehen gewann. Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinierten
Soldaten durch die Verkehrung aller Zeiten in unordentlichen Ebben und Fluten
des Genusses romantisch und kriegerisch.
    Um die Vesperzeit erschien ihm der Schattenwurf der Huser noch
wunderlicher, und in Fraissens Zimmer wurd' ihm die Zeit zugleich eng und lang,
weil er wegen seiner untergrabenen Sternwarte nichts voraussehen konnte. Er
wollte wieder Monde und begleitete Flitten in ein Billardzimmer, wo er
verwundert hrte, da dieser die Blle nicht franzsisch zhlte, sondern
deutsch. Hier entlief er bald aus dem magern Zuschauen allein hinaus an das
schne Ufer des Flusses. Als er da die armen Leute erblickte, welche an diesem
Tage nach den Stadtgesetzen fischen durften (obwohl ohne Hamen) und Holz lesen
(obwohl ohne Beil): so erhielt er pltzlich an ihren heutigen Genssen eine
Entschuldigung der seinigen, die ihm allmhlich zu vornehm und zu
miggngerisch vorgekommen waren: Auch ich habe dacht' er, heute vornehm
genug geschwelgt und kein Wort am Roman geschrieben; doch morgen soll ganz
anders zu Hause geblieben werden.
    Die langen Abend-Schatten am Ufer und die langen roten Wolken legten sich
ihm als neue groe Schwingen an, welche ihn bewegten, nicht er sie.
    Er durchstreifte allein die dmmernden Gassen, bereit zu jedem Abenteuer,
bis der Mond aufging und seine Mond-Uhr wurde. Da war der Wirrwarr gelichtet,
und der Magen wute, welche Zeit es sei. Vor Winas schimmerndem Hause trug er
das vielfach erregte Herz auf und ab; da sank ihm in dasselbe eine stille
Sehnsucht wie vom Himmel nieder, und den lustigen Erden-Tag krnzte die
heiligste Himmels-Stunde.

                Nr. 53. Kreuzstein bei Gefrees im Bayreuthischen


                              Glubiger-Jagdstck

Am Morgen freuete sich Walt kindisch in den vergangenen Tag zurck, weil dieser
durch eine kleine Wendung sein Leben so schillernd gegen die Sonne gehalten, da
er eine Menge Tage an einem verlebte, indes sonst viele hintereinander
fliegende, sich deckende Zeiten des Menschen kaum eine zeigen. Heute aber blieb
er zu Hause und schrieb sehr.
    Das war Flitten nicht recht; zu Hause bleibende Einsamkeit war ihm wohl
Wrze und Zukost der Gesellschaft, aber nicht diese selber. Indes wer nicht
nachahmt, wird eben nachgeahmt; Walt hatte ihm mit seinem poetischen Saus und
Braus so sehr gefallen - ob er sich gleich als seine prosaische Sprech-Walze
neben jenes dichterischer Spiel-Welle drehte und ihn selten verstehen oder
beantworten konnte -, und dessen ungewhnliches Anlieben und Anlegen hatte den
umherfliegenden Menschen so sehr erwrmt, da er selber mit zu Hause blieb, blo
bei ihm, ob er gleich besser als einer in der Welt voraussah, welche
Glubiger-Moskiten ihn heute stechen wrden, da Mcken bekanntlich uns mehr im
Stehen als Gehen anfallen. Denn ein Grundgesetz der Natur ist dies: wer nichts
baut als spanische Schlsser, rechne auf nichts als spanische Fliegen, welche so
gewaltig ziehen. Ein zweites Gesetz ist: man kann nicht frh genug bei einem
schlechten Schuldner vorsprechen, der eben tags vorher Geld bekommen.
    Es kam das gewhnliche wtende Heer, das der Elsasser immer als ein
geheiltes zurckschicken mute, zu rechter frher Tageszeit an; und Flitte
konnte es hier wie berall in der besonders dazu gewhlten Audienz-Kammer
empfangen, um solchem das einzige zu geben, was er hatte, Gehr. Blo letzteres
mute wieder der Notar versagen, der eifrig taub fortdichtete, whrend Flitte
von weitem seine Schlachten schlug. Es lohnet der Mhe, die Feldzge flchtig zu
erzhlen, welche der Elsasser an einem Tage tat, bevor er abends das warme
Winterquartier des Betts bezog. Der linke Flgel des tglich angreifenden Heeres
war aus Juden geworben; und den rechten formierten Zimmer- und Pferde- und
Bcher-Verleiher und smtliche Professionisten des menschlichen Leibs und deren
Fisch-Weiber; und an der Spitze zog als Generalissimus ein Mann mit einer
Tratte; - die offiziellen Berichte davon sind aber folgende:
    Am Frh-Morgen im Nebel griff eine Karree Juden an; leicht schlug er sie
mehr mit grobem Kriegsgeschrei als feiner Kriegslist zurck und sagte nur: sie
wren nur Juden, und er habe noch nichts, und was sie weiter wollten?
    Beim Frhstck mit Walt berennte ihn ein Uhrmacher, von welchem er eine
Repetier-Uhr gegen seine Zeige-Uhr und Geld-Assignate eingekauft hatte. Flitte
schwur, sie repetiere schlecht, seine sei ihm ebenso lieb - auch repetiert eine
Zeige-Uhr wenigstens das Zeigen -, und bot Auswechslung der Gefangnen an. Da nun
der Mann die stumme schon selber verkauft hatte - Flitte freilich auch die laute
-: so zog sich der Feind mit dem Verlust einer Uhr zurck.
    Spter sah zu er seinem Glcke aus dem Fenster und die Bewegungen des
berittenen Feindes, eines Pferde-Verleihers. Er empfing ihn in der
Audienz-Kammer, bekannt mit dessen einhauender Stimme und Kriegsgurgel;
erstickte aber dessen Feldgeschrei durch die Dampfkugel, die er so warf: Lieber
Mann! kennt Er die Ecktanne in Kabels Wald, die eben mein Erbstck geworden samt
vielem anderem, des Knftigen zu geschweigen? - Eine Mhlwelle drechselt sich
daraus her! - Was brauchts Redens! Kurz, ich hatte sie schon halb einem andern
versprochen; Er soll aber das Vorzugsrecht haben - schtz' Er sie - dann geb' Er
nach Abzug der Schuld heraus, was honett ist - was sagt Er, mein Freund? Sein
Feind versetzte, das sei einmal ein Wort, das Hand und Fu habe, und rumte das
Feld.
    Hart hinter ihm trabte ein zweiter Pferdelieferant ein, in langem, blauen,
ber dem Schurzfell aufklaffenden berrock, und schob grimmig und grend die
Ledermtze von hinten ber die halbe Stirne hinein: Wie wirds? fragt' er.
Finten und Quinten schlagen heute nicht an bei mir. - Gemach! versetzte
Flitte. Kennt Er die Ecktanne etc.? - Eine Mhlwelle drechselt etc. - Kurz, ich
hatte sie schon etc. - Der Feind versetzte: Ists aber Vexiererei: Gott soll -
Gott befohlen!
    Mit einer harthrigen Altreiin turnierte er gefhrlich, weil ihr Geschrei
nur mit einem solchen empfangen werden mute, da Walt es vernehmen konnte. Zum
Glck konnt' er einen alten vergoldeten Schaupfennig - der schon 100 mal seine
Belagerungsmnze und sein Hecktaler gewesen - herausziehen und ihr hinhalten und
blo ins Ohr schreien: Wechseln - abends 6 Uhr! Doch feuerte sie auf dem
Schlachtfeld noch lange fort, weil sie sich nie verscho. Die weibliche Bellona
ist furchtbarer als der mnnliche Mars.
    Nur hieher! rief er; ein kurzstmmiger, rundbackiger, runder
Apothekers-Junge kugelte sich herein. Allhier berbring' ich als Diszipel
unserer Hechtischen Offizin laut Rechnung die Rechnung fr die arme Bitterlichin
in der Hopfegasse, weil sich mein Herr Prinzipal bestens empfiehlt und die
Heilungskosten dafr zu haben ersucht. Es ist nur von wegen unsrer Ordnung in
der Offizin; denn bermorgen werde ich bekanntlich zum Subjekt gesprochen. Vor
dem sanften Feinde streckte er das Gewehr, eine halbe Pistole (auf alten
Pistolenfu), sagte aber: Hr. Hecht lsset sich seine versilberten Pillen stark
vergolden. Den Geburtshelfer - richt Ers aus - hab' ich schon saldieret. -
Guter, guter Mann! sagte Walt. - Die Frau war ja in den kmmerlichsten
Umstnden von der Welt und heute noch; und ist nicht einmal hbsch dabei, sagt'
er.
    Ungesehen war eben ein Heerbann eingerckt, einen Banner stark, der so
anfing: Gehorsamer! - Ein fr allemal, der Mensch lt sich in die Lnge nicht
hnseln. Seit Pauli Bekehrung bin ich Sein Narr und laufe nach dem bichen
Mietzins. Herr, was denkt Er denn von unsereinem? - Wei Er wohl, versetzte
Flitte, da ich nur messenweise zahle und berhaupt mich gar nicht mahnen
lasse, Er? - So? erwiderte der Banner. Ich und noch drei Hausherren und der
Stiefelwichser haben uns schon zusammengeschlagen und die Schuld dem
Armen-Leute-Hause vermacht. - Wahhas, ungehobeltes Pack? sang Flitte dehnend.
Das ist mir ja recht lieb. Eben gab ich dem Hechtischen Subjekt (der Herr da
zeugts) ein halbes Goldstck fr die blutfremde blutarme Bitterlich; was geht
sie mich weiter an? - Hier hielt er ihm den einen, mit einem Ringe
zugeschraubten vollen Beutelpol mit der Erklrung vor, der Zins sei hier fr ihn
schon bereitgezhlt gewesen, jetzt bekomm' er keinen Deut; - worauf der Feind
nach vergeblichen Einlenkungen, das Armenhaus habe nichts Schriftliches, ohne
alles klingende Spiel abzog, uerst verdrlich, da der Beutel, wie bei den
Trken, das Geld selber bedeutet habe.
    Diesem folgte der 23ste Herr, der Territorialherrschaft ber ihn ausgebt -
dem 23sten sukzedierte der 11te - diesem der fnfte- jeder, um den Grundzins,
die Quatembersteuer, das Stttegeld fr den Winkel seines Staatsgebudchens
einzutreiben. Groben Herren gab er nichts als die Antwort, unter ihnen sei in
die Zimmer mehr der Wind als das Licht eingedrungen, die Aufwartung schlecht und
die Mbeln alt gewesen. Hfliche bezahlte er fr ihre Territorialrechte mit
Territorialmandaten auf die zehn Erb-Stmme, mit den Bonbons der Bons. Darauf
kam der Herr, der vor dem Trmer regiert hatte, ein frommer Huter, mit zwei
groen grauen Locken, welche aus dem knappen Lederkppchen vorwalleten, und bat
ihn um ein Darlehn, gerade die Hlfte der Schuld. Flitte gab ihm das Geld und
sagte: Ohnehin restiere ich, entsinn' ich mich recht, noch etwas, Herr Huter.
- Es wird sich finden, sagt' er.
    Nach dem Vesperbrot lief ein Bcherverleiher Sturm und Gefahr. Er forderte
fr ein Buch  12 Groschen und 12 Bogen genau 2 Tlr. Lesegeld auf 2
Vierteljahre. Flitte hatte nmlich nach seiner Weise, keine Sache abzuborgen,
die er nicht ihrer Bestimmung gem wieder verborgte, das Werk so lange umlaufen
lassen - denn jeder ahmte ihm nach -, da es verloren war. Umsonst erbot er sich
zum Drittel, zum Kaufe; der Verleiher bestand auf Lesegeld und fragte, ob viel
mehr als ein Pfennig auf die Seite komme. Selber Walt suchte den Verleiher von
seinem Eigennutzen zu berzeugen. Eigenntzig? das verhoff' ich eben; vom
Eigennutzen lebt der Mensch, sagte der Verleiher. Flitte lie ihn ganz kurz ab-
und wild in die nchste Gerichtsstube hineinlaufen, nachdem er blo zehn
Neujahrswnsche und fnf Kalender, die er zur Auswahl gehabt und behalten,
gromtig bezahlet hatte.
    Kurz vor 6 Uhr wollte das Paar ein wenig in die Luft, von der Flitte am
liebsten lebte; auf der Hausschwelle bebte der Pinselmacher Purzel - jngerer
Bruder des Theaterschneiders - ihnen entgegen mit einem ausgehhlten Gesicht wie
ein Hohlglas (Stirn-und Kinn-Rnder waren konvex) - das verschabte berrckchen
auf die linke Seite hinbergeknpft - mit einem langen Fadenwurm von Zopf aus
Zopfhand - und wackelnd mit dem rechten Knie: Ihro gndigen Gnaden, fing das
Jammerbildchen an, werden meinen Miniatur-Pinsel vorgestern herrlich und nett
erhalten - Ich stehe davor, da der Pinsel ganz vortrefflich einigermaen - und
bitte denn um das wenige, was er kostet, und auch, da Sie mir bei dieser
Gelegenheit etwas schenken. Hier! sagte Flitte zum stillen lebendigen
Friedensfest, ja ruhigen Reichs-Friedensprotokoll, zu Purzel dem Jngern. Abends
machte den Waffentanz der Cafetier Fraisse mit einem Grovatertanz aus. Er kam
herauf, um hflich anzumerken, es sei seine herkmmliche Weise, Gsten aus der
Stadt jeden Abend die Rechnung zur Einsicht vorzulegen, damit sie solche shen
und saldierten. Walt sah hier zum erstenmale einen franzsischen oder
elsassischen Zorn ohne Ohren; es war ein strzend-fortrollender Streit- und
Sichelwagen, woran Fluche, Schwre, Blicke, Hnde auf- und niederschlugen und
zersbelten. Fraissen wurde das ntige Geld vor die Fe, ja an den Kopf
geworfen, dann eingepackt und fluchend fortgezogen in des verreiseten Dr. Huts
leeres Haus. Walt wehte durch seine niederblasenden Friedenspredigten die
Flammen nur hher auf. Eine verlebte Stunde war fr Flitte der einzige Epiktet.

                          Nr. 54. Surinamischer neas


                      Malerei - Wechselbrief - Fehdebrief

Licht und leicht flogen die Horen in Dr. Huts vielgehusigem Hause ein und aus
und holten Honig. Hier, in diesem sonnenhellen Eiland der unschuldigen Freude,
sah Walt keinen hflichgroben Fraisse - hrte keinen Geld-Werber und Geld-Jger,
der das durch Kontrakte eingezunte Wild prscht, keinen aus den fnf
(Mosis-Bcher-)Klassen der Glubiger, die uns ewig an die Lebens-Darre und
Drrsucht erinnern - hier hrt' er nur Liederchen und Sprnge; hier waren ganze
Sackgchen aus dem neuen Jerusalem. Denn was aus dem alten teils von Juden,
teils von Christen einwanderte, konnt' er nicht hren, weil Flitte sich von
seinen Arsenikknigen der Metalle, den Glubigern, blo in einem fernen
Schmollwinkel vergiften lie. Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche,
Flitte und die Knige; im dritten die triumphierende, Flitte und Walt.
    Indes brachte der Notar es doch nicht so weit, da er gar nichts gemerkt
htte. Ich wollt', ich wre kurzsichtiger (sagt' er sich); bedenkt man, wie
froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen, und wie ers vollends
wre ohne die geringsten Qualen - - denn wahrlich gewisse Menschen htten
Tugend, wenn sie Geld htten -, und mit welcher Sigkeit er vom Reichsein
spricht: wahrhaftig, so wt' ich keinen schnern Tag als den, wo der arme Narr
die hchsten Geldksten und Geldscke pltzlich in seiner Stube stehen she. Wie
knnten einem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der englischen
Nationalschuld aufhelfen! Er fragte, warum, da alle Leiden Ferien finden, denn
die eines deutschen Schuldners nie absetzen, indes in England doch der Sonntag
ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist, wie sogar um die Verdammten (nach der
jdischen Religion) am Sabbat, am Feste des Neumonds und unter dem wchentlichen
Gebete der Juden die Hlle erstirbt und ein sanfter khler Nachsommer des
begrabnen Lebens ber die heien Abgrnde weht.
    Lieblich berwallete ihm das Herz, wenn er sich das Seelenfest ausfrbte,
womit er den Fltenspieler durch den Elsasser und diesen durch jenen zu
beschenken hoffte, wenn er Vulten die unschuldige liberale poetische
Lebensfreiheit Flittens beschwre und diesem einen Spiel- und Edelmann zugleich
zufhrte: O ich will dabei dem wackern Bruder das Bewutsein und Gestndnis,
geirrt zu haben, so sanft ersparen! sagt' er entzckt.
    Immer wrmer lebten beide sich in die Woche und ineinander hinein, sie
htten die Probewoche lieber wiederholt als geendigt. Flitten war das liebende
warme Wesen, womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphre umgeben war, etwas
Neues und Anziehendes; er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem Hause.
    Walt machte daraus desto mehr, je weniger beide eigentlich, wie er fhlte,
einander unterhalten konnten; ihre Nervengewebe hatten sich verstrickt, sie
waren wie Polypen ineinander gesteckt; doch fra jeder so auf eigne Rechnung,
da keiner weder der Magen noch die Nahrung des andern war.
    Es kam der letzte Probe- und Flitterwochentag. Walt scheuete alles Letzte,
jedes scharfe Ende, sogar einer Klage. Ein Ripienist von Vults Spiele im
Rosenhof hatte dessen Eintreffen verkndigt. Auch der Dr. Hut wollte nachts
anlangen. Einige schne Mitternachtsrte stand ihm bevor. Flitte bat ihn, diesen
letzten Nachmittag, wo sie beisammen wren, ihn zu Raphaelen zu begleiten,
welche ihm heute flchtig sitze zu einem schlechten Miniatur- Portrt fr den
Geburtstag ihrer Mutter: Wir drei sind sperbe allein, fgt' er hinzu. Wenn
ich nun male, parlier' ich wenig; und doch animiert Reden ein Gesicht
unglaublich. Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand, da man ihn als
Sprach- und Reiz-Maschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete: so folgte
er doch. Er wars schon gewohnt seit einer Woche, einige Male des Tags zu
erstaunen ber Mangel an zrtester Denkart, sowohl auf dem Markte als in den
besten Husern, welche uerlich einen glnzenden Anstrich und Anwurf hatten.
    Mit Vergngen kam er in dem eigenen Hause wie in einem fremden an. Raphaela
lchelte beiden von der obersten Treppe herab und fhrte sie hastig in ihr
Schreibzimmer hinein. Hier waren schon widersprechende Weine, Eise und Kuchen
gehuft. Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes errt: so
wei sie freilich nicht, was er abends um 4 Uhr am liebsten trinkt. Ein
Bedienter nach dem andern sah durch die Tre, um einen von Raphaelens Wnschen
zu holen und erfllt zurckzubringen. Die ganze Dienerschaft schien ihre
Regierung fr eine goldne von Saturn zu halten; man sah einige von der
weiblichen sogar im Park spazieren gehen. Die immer voller ins Zimmer
hineinstrmende Abendsonne und der Freudenglanz, der jedem Gesichte steht,
bewarfen das Mdchen und die Situation mit ansehnlichen Reizen. Flitte war gegen
Raphaela nicht die Falschheit selber, sondern ein Fnftelsaft von Wesen -
nmlich ein Fnftel galant, ein Fnftel gut, eines sinnlich, eines geldschtig,
ein Fnftel ich wei nicht was, als sie zu Walts Entzcken gesagt hatte:
Schmeicheln sollen. Sie meinem Gesichte nicht, es hilft nichts; machen Sie es
nur, da ma chre mre es wiedererkennt. - - Im Notar kroch heimlich die stille
Freude herum, da er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe, im Hause
zugleich Gast und Mietsmann, da er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spre
- denn Flitte war ihm nicht fremd, und ber eine Frau war schon zu regieren -,
und da die schnsten Dfte und namenlosesten Mbel jede Ecke schmckten: Htt'
ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen? dacht' er.
    Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkstchen hervor und erklrte dem
Modelle' je freier und belebter es sitze, desto besser glck' es dem Maler.
Indes htte sie ebensogut auf dem Nordpol sitzen knnen, er aber auf dem Sdpol
kleben: die hnlichkeit wr' ihm nicht anders gelungen; er, berhaupt kein
malerischer Treffer, wollte nichts treffen als das, was sie anhatte. Sie setzte
sich hin und verfertigte das Sitz-Gesicht, das die Mdchen unter dem Malen
schneiden. Die noble masque, womit sich alsdann der Mensch berstlpen will, ist
das Klteste, wozu er je sein Gesicht aushauet, so da seltner Menschen als ihre
Bsten portrtiert werden. Dieses Gesicht heiet in weiblichen Pensions-
Anstalten das Sitz-Gesicht der Mdchen; - dann kommt das gespannte
Frisiergesicht - dann das essende Butterbrot-Gesicht, eines der breitesten -
endlich zwei Ballgesichter, das eine, die Wetterseite, fr die Putzjungfer, das
andere, die Sonnenseite, fr den Tnzer. Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer,
und zwar um selber zu malen, nicht um andere malen zu helfen. Er kelterte
-vortrefflich genug - Auszge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte
beiher ein, da er ihre Freundin, Wina, unter der Katarakte gesehen. Unter allen
Erzhlern und Unterhaltern sind Reisebeschreiber die glcklichsten und
reichsten; in eine Reise um 1/1000000 der Welt knnen sie die ganze Welt
bringen, und niemand kann ihnen (zweitens) widersprechen. Der Notar wollte sich
seiner malerischen Strke in Sommer- und Herbst-Landschaften - Flitte lieferte
die Winterlandschaft - noch strker bedienen und setzte zu einem wandbreiten
goldnen Bergstcke der Rosenhfer Berghrner an; - aber Raphaela war ganz
entzckt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina, um solche
allein fortzuspinnen. Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer- sie zeigte
ein Mahagoni-Kstchen, worin deren Briefe lagen - sie wies die sogenannte
Winens-Ecke im Winkel, wo diese gewhnlich sa und zwischen der Park-Allee der
untergehenden Sonne nachsah - sie glnzte ganz liebend und warm. - Der Notarius
war ziemlich schwach bei sich; nach seinen stillen Augen zu urteilen, jubelte er
laut, feierte er Bacchanalien, trieb artes semper gaudendi, lieferte
Lusttreffen, sprach sich selber die Seligsprechung - ja er ging so weit, da er
sich zufllig hineinsetzte in Winas Ecke -
    Der Jubel wuchs ganz. Man trank fort - in jeder halben Viertelstunde machte
ein Diener die Tre auf, um einem zweiten sptern Befehle wegzufangen. Flitte
wute gar nicht, wie er auf einmal zu der Glckseligkeit gelangte, da man so
viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker, und da Raphaela sich so herrlich
enthusiasmierte. Zufllig rckte Walt den Fenster-Vorhang, und eine Sonne voll
warmer Tinten bergo Raphaelens Gesicht, da sie es wegkehrte; auf sprang
Flitte, wies ihr ihr Sbozzo, fragte, ob es nicht halb aus den schnen Augen
gestohlen sei. Halb? Ganz! sagte Walt aufrichtig, aber einfltig; denn sie
htte demselben Bildchen ebensogut mit dem Hinter-Kopfe und Stahlkamm gesessen.
Der Elssaser gab ihr darauf einige Ksse ffentlich. Er tats vermutlich zu
abrupt, dachte zu wenig daran, da auch erblickte Empfindungen - so gut als
gelesene - vor dem Zuschauer wollen motiviert sein; Walt sah eiligst in den Park
und stand endlich gar auf.
    Ich wre ja ein Satanas, dacht' er, lie' ich sie nicht einander
abherzen und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf
sein Zimmer. Flitte machte sich, sobald er die Tre zugedrckt, vom schnen
Munde wieder ans Malen desselben und punktierte fleiig. Wie mssen jetzt die
Seligen, sagte oben Walt, einander an den Herzen halten, und die Abendsonne
glht prchtig dazwischen hinein! - In seine eigne Stube quoll das Fllhorn der
Abendrosen noch reicher und weiter aus; dennoch standen seine verschlissenen
Zimmer-Pices (die Wohn- und die Schlaf-Kammer) im Abstich von der eben
verlassenen Putz-Stube, und er ma die Kluft seines uerlichen Glcks. Er wurde
weich und wollte aus Sehnsucht, die Liebe wenigstens zu sehen, eben eilig
hinunter, als Vult hereintrat. Ans Herz, ins Herz flog ihm Walt: Ach so
himmlisch, sagt' er, da du jetzt eben kommst!
    Vult, mit sanfter Stimmung zurckkehrend, tat zuerst (nach seiner
Gewohnheit) die Fragen nach fremder Geschichte, eh' er die nach eigner auflste.
Walt teilte frei und froh den Ablauf des Notariats-Amtes und den Verlust der 70
Stmme mit. Schlimm ists nur, sagte Vult gelassen, da ich gerade selber
verschwende und Geld verachte; sonst wrd' ich dir aus Vernunft, Gewissen,
Geschichte zeigen, wie sehr und wie recht ich meine Ebenbildnerei an andern,
z.B. an dir, verfluche. Verachtung des Geldes macht weit mehrere und bessere
Menschen unglcklich als dessen berschtzung; daher der Mensch oft pro prodigo,
nie pro avaro erklrt wird. - Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel!
sagte lustig Walt und sprach sogleich von der neuen Erbamts-Wahl und von der
schnen Flittes-Woche und vom Lobe des Elsassers: Wie oft, beschlo er,
wnscht' ich dich her in unsere heimlichen geflgelten Feste hinein; auch damit
du ihn weniger hart richten lerntest; denn dies tust du, Lieber!
    Flitte scheint dir erhaben? ein Seelenklassiker oder so? Und seine
Lustigkeit poetisches Segel- und Flugwerk? fragte Vult. Ich habe in der Tat,
versetzte Walt, recht gut seinen schnen Temperaments-Leichtsinn, der nur
Gegenwart abweidet, von dem dichterischen leichten Schweben ber jeder
unterschieden; er freuete sich nie lange nach. -
    - Hat er dich in deiner Probe-Woche, die du dir selber sehr gut ohne allen
fremden Rat gewhlt, keine bedenklichen Sprnge machen lassen, die etwa Bume
kosten? sagte Vult. Nein, versetzte Walt, aber franzsische Fehltritte hat
er mir abgewhnt. Hier fuhr der Notarius fort und bediente sich der fragenden
Figur, ob Flitte ihm nicht das Feinste entdecket habe, z.B. da man nie oder
selten comment fragen msse, sondern hflicher Monsieur oder auch Madame? Hab'
ers nicht gergt, fragte Walt, als er so ganz unfranzsisch bon appetit
wnschte, oder eine Kammerfrau, femme de chambre, zur Kammerjungfer machte, oder
einen friseur nicht coiffeur hie? Hab' er ihm nicht gut erklrt, warum
porte-chaise dumm sei, weil man die Wahl habe zwischen einer chaise  porteur
und porteurs de chaise?
    Ich glaube nicht, sagte Vult, da dich diese Sprachstunden mehr kosten
als den Rest des Kabel-Walds. - Ein Hund woll' er heien, sagte Walt, schwur
mir Flitte, bentz' ers. In der Rechtschreibung aber dient' ich ihm, z.B. jabot
schrieb er chapeau. Ach, bekme der Arme nur weniger Glubiger und mehr Geld! -
Das wird eben deine Klippe auf ihm, sagte Vult. Wer arm wird - nicht wers ist
- verdirbt und verderbt, und wr's nur, weil er jeden Tag einen andern Glubiger
oder denselben anders zu belgen hat, um nur zu bestehen. So feiert er jeden Tag
ein Fest der Beschneidung fremder Narren. So mu auch jeder Schuldner ungemessen
prahlen; er mu mit Leibnizens Dyadik die 8 (z.B. Gulden) mit 1000 schreiben.
Welche Reden - jeden Tag eine andere - hab' ich oft denselben Schuldmann an
seinen Faust- und Pfand-Glubiger halten hren und seine herrliche
Unerschpflichkeit Dichtern und Musikanten gewnscht, womit er dasselbe Thema -
da er nmlich eben nichts habe - so kstlich und s immer mit Variationen
vorzuspielen verstanden! - Ich lasse dich erst ausreden, sagte Walt.
    So bescho z.B., um es kurz zu machen, fuhr Vult fort, der polnische
Frst *** in W. jeden Glubiger anders; denn ich stand dabei; gemeines tiefes
Volk bescho er teils mit dem dragon, der 40 Pfund schiet, teils mit dem dragon
volant, der 32 - nmlich er war grob gegen das Grobe - Honoratioren, besonders
Advokaten, denen er schuldete, griff er teils mit der coulevrine, die 20 Pfund
schiet, teils mit der demi-coulevrine an, die 10 - hher hinauf gebraucht' er
den pelican, der sechs - den sacre von 5 - den sacret von 4 - und gegen
seinesgleichen, einen Frsten, den ribadequin, der 1 Pfund schiet.
    Nun, begann Walt, darf ich dir doch mit einiger Zufriedenheit berichten,
da der gute Mensch, weit entfernt, hartherzig zu sein, eben durch Arme selber
ein Armer wird. Aus lauter guter Freude ber ihn bezahlt' ich hinter seinem
Rcken zwei Damenschneiderinnen; denn er selber braucht doch nur einen
Herrenschneider, und zwar einen; so aber berall; z.B. die Bitterlich.
    Da entbrannte der Bruder - sagte, dies sei vollends der Satan, im Dezember
Huser anzuznden, um einige Brnde an Hausarme auszuteilen - niemand verschenke
mehr als Personen, die man spter henke - nichts sei weicher als Schlamm, der
versenke -Tyrannen, solche Trnen-Ruber, sngen und klngen wie Seraphim, aber
mit Recht, da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten - und hass' er etwas, so sei
es diese Mischung von Stehlen und Schenken, von Mausen und Mausern - -
    O Gott, Vult! sagte Walt, kann der Sterbliche so hart richten? - Soll
denn ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben und etwas fr sich tun, da er
doch den ganzen Tag bei sich selber wohnt und sich immer hrt und denkt, was ihn
ja schon mit den niedrigsten Menschen und Tieren zuletzt vershnt, nmlich das
Beisammensein? Wer nimmt sich denn eines armen Ichs von Ewigkeit zu Ewigkeit so
sehr an als dieses Ich selber? - Ich wei recht gut, was ich sage; und jeden
Einwurf. Doch basta! - Nur mcht' ich wissen, wenn man wie du schon kalt und
ohne Leidenschaft die armen Menschen so rauh richtet und nimmt: was dann werden
soll in heftiger Hitze, wo man von selber bertreibt. Vielleicht wie mit deiner
Uhr, wovon du mir sagtest, da der Stift, blo weil er eben und recht passe, in
kalter Zeit gut tue, aber in der Hitze, weil er sich ausdehne, das Werk
aufhalte.
    Solltest du nicht getrunken haben? sagte Vult, du sprichst heute so viel;
aber in der Tat sehr gut.
    Nun bat ihn Walt, selber mitzutrinken und mit ihm hinabzugehen, um sich
drunten mit eignen Ohren von seinem schnen Leben mit Flitte zu berreden. Der
Tollheit wegen tu' ichs, versetzt' er, ob ich gleich wei, da ich beiden
brgerlichen Narren einen Eitelkeits-Jubel ber die Herablassung eines adeligen
bereite; du aber mut mich mit einer Feinheit zu entschuldigen wissen, die kaum
zu schtzen ist.
    Hr. v. Harnisch, fhrte drunten Walt ihn ein, fand mich in meinem Zimmer;
wie sollt' ich, Demoiselle, nun mein Vergngen schner teilen, als da ichs mit
ihm und mit Ihnen zugleich teilte. Er warf dies so leicht hin und bewegte sich
so leicht auf und ab - auf den teils von Flitte bisher polierten Rdern, teils
auf den vom Wein eingelten -, da Vult ihn heimlich auslachte und sich dabei
rgerte; er verglich still den Bruder mit Minervens Vogel, mit einer Eule, der
der Vogelsteller gewhnlich noch einen Fuchsschwanz anheftet. Das erstemal, da
ein Mensch, den wir vorher als unbeholfen gekannt, uns beholfen und gewandt
vorbertanzt, will er unsrer Eitelkeit durch einen Schein der seinigen nicht
sonderlich gefallen.
    Vult war sehr artig - sprach ber Malen und Sitzen - lobte Flittes
Miniatur-Punktierkunst als ziemlich hnlich, ob die Farben-Punkte gleich so
wenig als roter und weier Friesel ein Gesicht darstellten - und lockte dadurch
den Bruder, der aufrichtiger lobte, in den Ausbruch der schelmischen Zartheit
hinein: Raphaela ist ja nicht weit von Raffael.
    Als jene indes nach ihrem Trauerreglement der Lust, sich ihr Freudenl in
Trnentpfen zu kochen, auf des Fltenspielers Musik, dann schnell auf die
Blindheit und deren schnen Eindruck auf andere verfiel und sich nach seinem
Augen-Stand erkundigte, unterbrach Vult sie kurz: Das war nur ein Scherz fr
mich und ist vorber Hr. Notar, wie knnen wir beide so mig dastehen und
reden, ohne zum Malen zu helfen? - Hr. von Harnisch? fragte Walt, ohne
comment zu sagen. Kann denn nicht einer von uns, Freund, vorlesen, versetzte
Vult, ist nichts dazu da? - und ich dazu die Begleitung blasen? - Wie oft sah
ich auf meinen Reisen, da Personen, welche saen, sich hoben und entfalteten,
weil nichts die Physiognomie, welche der Maler auffangen will, in ein so schnes
Leben setzt als eine mit Musik begleitete Vorlesung von etwas, das gerade
anpat! -
    Raphaela sagte, sie nehme freilich ein Doppelgeschenk von Musik und
Deklamation dankend an. Vult fate einen nahen Musenalmanach - bltterte -
sagte, er msse klagen, da in allen Musenkalendern leider der Ernst zu hart mit
dem Spa rangiere, wie in J. P...s Werken, wolle aber Hoffnung geben, da er
vielleicht durch Tne zu diesen Mitnen Leittne herbeischaffe - und reichte
Walten eine Elegie, mit der Bitte, sie vorzulesen und darauf unbekmmert die
satirische Epistel und dann das Trinklied.
    Da dieser erfreuet war, da er seinem Feuer eine Sprache, obwohl eine
nachsprechende, geben durfte: so verlas er so hei, laut und taub das sehr
rhrende Gedicht, da er gar anfangs nicht vernahm, mit welchen nrrischen
6/8-Takten, Ballett-Passaden, sogar mit einem Wachtelruf ihn der Bruder fltend
sekundierte. Erst als er die satirische Epistel vorlas, hrte er in der Klte
einigen Wider-Ton, da nmlich Vult dem Witze mit Lagrimosis-Passagen und
einigen Silben aus Haydns sieben Worten zur Seite ging; er nahm sie aber fr
berreste voriger Rhrung. Dem Trinkliede nachher setzte Vult mehrere
Languidos-Halte, gleichsam schwarz und weie Trauerschneppen an. Der Widerstreit
prete den Zuhrern einen gelinden Angstschwei aus, der eben, wie Vult fest
behauptete, ein Gesicht, das sitze, beseele.
    Aber pltzlich trat ein ganz anderer Mi- und Dur-Ton, der vier Fu lang
war, hflich mit dem Hut in der Hand ins Zimmer. Es kam nmlich der Reisediener
des Kaufherrns in Marseille, bei welchem Flitte lange gewesen, und prsentierte
ihm einen flligen Wechsel, den er auf sich ausgestellt.
    Flitte verlor die Farben, die er Raphaelen geliehen, und verstummte ein
wenig, und wurde wieder reich an roter. Endlich fragte er den Reisediener:
Warum er so spt am Verfalltage komme? Jetzt hab' er eben nichts. Der Diener
lchelte und sagte, er habe ihn vergeblich gesucht zu seinem Verdrusse, denn er
msse jede Minute fort, sobald er die Valuta habe. Flitte zog ihn aus dem Zimmer
auf ein Wort; aber fast noch unter dem Worte trat der Fremde wieder mit
gezuckten Achseln ein und sagte: Entweder - oder -; in Halau gilt das
schsische Wechselrecht. Lieber fuhr Flitte in die Hlle, welche wenigstens
gesellig ist, als in die Einsiedelei des Kerkers; dennoch lief er ohne eine
sanfte Miene auf und ab und murmelte fluchende Angriffe; endlich sagt' er
franzsisch Raphaelen etwas ins Ohr. Diese bat den Reisediener so lange um
Geduld, bis eine Antwort auf ein Blttchen von ihr zurck sei; es war eine Bitte
an ihren Vater um Geld oder Brgschaft.
    Flitte setzte sich wieder zum Malen mit jener Folie des Stolzes nieder,
wovon der Diener eigentlich den Juwel besa. Walt jammerte leise und flatterte
so ngstlich um den Bauer als Flitte in demselben und folgte jedem Umherschieen
des eingekerkerten Vogels auen am Gitter nach. Vult beobachtete scharf den
gewandten Diener: Sollt' ich Sie nicht, sagt' er, in der Gegend von Spoleto
schon gesehen haben, wovon die alten Rmer, wie bekannt, die Opfer-Tiere
hergeholt wegen der weien Farbe? - Ich war nie da und reise blo nrdlich
(sagt' er), mein Name klingt zwar italienisch, aber nur meine Groeltern
warens. - Er heiet Mr. Paradisi, sagte Flitte.
    Endlich kam Neupeters Antwort. Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende
Blatt: Ich glaube, Du bist betrunken. Dein Vater P.N.
    Mit groem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde. Der Elsasser war von
oben und von unten gerdert zu einem organischen Knul und sann, wiewohl ins
Blaue hinein. Paradisi trat hflich vor Raphaela und bat um Vergebung, da er
sie und die Gesellschaft in der schnen Stunde des Malens unterbrochen habe;
aber, beschlo er, Hr. Flitte ist in der Tat ein wenig mit schuld. - O
sacre! sagte er, was bin ich? - Sie kommen, fragte Raphaela, aus Norden
wieder hiedurch? und wann? In sechs Monaten, aus Petersburg, sagte der
Reisediener. Darauf blickte sie ihn, dann den Notar mit feucht-bittenden Augen
an. O, Hr. Paradisi! fuhr dieser heraus, ich will ein Wort mit wagen - ein
Kriegszahlmeister, den Hr. Flitte im Reichs-Anzeiger auffodert, mu ihn dann
gewi bezahlt haben - - Lassen Sie denn keine Brgschaft bis zu Ihrer Rckkehr
zu, edler Signore? fragte Raphaela. Herr Harnisch! sprach sie und zog ihn in
ihr Schlafzimmer. Nur auf ein Wort, Hr. Notar! sagte Vult. Gleich! versetzte
Walt und folgte Raphaelen.
    Ach guter Harnisch, fing sie leise an, ich bitte Sie mit Trnen - ich
wei, Sie sind ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so aufrichtig - denn
ich wei es von ihm selber - Und er verdients, er geht Freunden durchs Feuer. -
Mit diesen meinen Trnen.... Aber ein nahe laute Trommelschule von
Kriegs-Anfngern, ein taubstumm-machendes Institut, zwang sie unwillig
innezuhalten. Er blickte ihr unter der Lrmtrommel in die groen runden
Regen-Augen und nahm ihre weie Wachs-Hand, um etwan durch beides ihre Bitte zu
erraten. Mit Wonne tu' ich alles, rief er im wohlduftenden Kabinette voll
Abendsonnen und roter Fenstervorhnge, voll Amor und Psychen und vergoldeter
Standuhren mit herbergelegten Genien, wei ich nur was.
    Ihre Brgschaft fr Hrn. Flitten, fing sie an, sonst mu er heute noch
ins Gefngnis; - hier in Halau, ich beteure Ihnen, borgt und brgt fr ihn kein
Mensch, selber mein lieber Vater nicht. - O wre meine Wina da; - oder htt' ich
mein Nadelgeld noch....
    Sie schlug ihren weien Bettvorhang auf die Seite und wies ihn oben auf die
kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten: Da liegt er stets am
Morgen, der holdselige Wurm, den ich ernhre, ein Soldatenkind - aber ich brg'
Ihnen fr alles. - Hr. Notarius Harnisch, rief Vult aus dem Malerzimmer, Sie
sind hier ntig!
    Ich bin in der Tat selig, sagte Walt und faltete die gehobnen Hnde. Auch
jene teuren Spielwaren dort auf dem Tisch schafften Sie fr Kinder an? - Ach
ich wollte lieber, ich htte das Geld noch, sagte Raphaela. - Mit welcher
Gesinnung ich Hrn. Paradisin Brgschaft leiste - denn ich leiste sie - brauch'
ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen; glauben Sie mir!
sagt' er. Sie strzte aus einer von ihr halb angesetzten Umarmung zurck,
drckte die Hand und fhrte ihn daran heiter in die Gesellschaft zurck, der sie
alles meldete. Der Reisediener dankte dem Mdchen lange und verbindlich, kam
aber mit einer feingekleideten Frage ber des Brgen Rckbrgschaft zum
Vorschein. Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater, den der Diener lngst
fr solid gekannt, damit er diesen ber Walts knftige Reichtmer belehre und
bewhre. Paradisi ging handkssend damit ab und versprach, wiederzukommen.
    Vult bat freundlich den Notar um einen Augenblick auf seinem Zimmer. Auf der
Treppe dahin sagte er: Himmel, Hlle! Rasest du? - ffne nur hurtig! - Eile,
fleh' ich! - O Walt, was hast du heute gemacht im Schlafzimmer! - Dreh nicht -
es ist Brot im Schlssel - Klopf ihn aus - Ist denn der Mensch ewig ein Hund,
der zu passen hat? - Was hast du darin gemacht! - Wieder ein Ebenbild von dir; -
wenn nun Feuer wre! - Aber so bist du berall... Ein Ebenbild wre mir daraus
wahrlich lieber entgegengehpft als du selber - Gottlob! Die Stube war offen.
Walt begann: Ich erstaune ganz. - Du merkst also nicht, sagte Vult, da
alles ein vom Satan gedrehter Fallstrick ist, womit sie dich Hrn. Brgen wrgen
und in den Fublock schnren, damit du dich ihnen nach der dummen
Testamentsklausel43so lange verzinsest, als du sitzest? - Ich frchte nichts,
sagte Walt. - Du hoffest wohl, versetzte Vult, der alte Kaufmann werde dir
den Kredit schon abschneiden, da man deine Brgschaft gar nicht annimmt? -
Das verhte der Himmel! sagte Walt. - Du verbrgst dich? - Bei Gott!
schwur Walt.
    Der Fltenspieler sank jetzt steilrecht und versteinert auf den Stuhl,
starrte waagrecht vor sich hin, jede Hand auf eines von den aufgesperrten,
rechtwinklichten Knien gelegt, und wimmerte eintnig: Nun so erbarms denn Gott
und wer will! Das sind also die Garben und Weinlesen, die ich davontrage nach
allem Anspannen und Hiersein! Und der Teufel hauset, wie er will! Das ist der
Lohn, da ich wie der Rumormeister bald hinten, bald vornen im Heere ritt bei
jedem Unfug. - - Nu so schwr' ich, da ich tausendmal lieber einem Schiffsvolk
mitten im Sturm auf einem Schaukel-Schiffe den Bart abnehmen will, als einen
Dichter sauber scheren, den alles bewegt und erschttert. Lieber den Brocken
hinauf will ich als hinterster Leichentrger im Wedel-Mantel eine Leiche tragen
und nachstemmen, als einen Poeten geleiten und fortschaffen hinauf und hinab;
denn dem redlichen, nicht ganz viehdummen Bruder glaubt der Poet weniger als
weichem Diebsgesindel, das ihn umstellt und mit Fen tritt wie ein Tpfer den
Ton, um ihn zu kneten.
    Ich mu dir gestehen, erwiderte Walt sehr ernst, da der weichste Mensch
zum erstenmal hart werden knnte gegen einen harten, der ber die Menschen stets
ungerecht richtet.
    Wie gesagt, fuhr Vult fort, das tut er nicht, der Poet. Vergeblich reitet
ihm ein leiblicher Zwillingsbruder, wie dem Suworow ein Kosak, nach und hat den
leichten Nachtstuhl fr ihn am Halse hngen, so da er sich nur setzen brauchte
aufs Gestelle - er tuts nicht, sondern er zeigt sich - und mehr dazu - der Welt
-
    An Menschheit glauben, versetzte Walt, an fremde und eigne - durch sein
Inneres ein fremdes ehren und kennen - das ists, worauf das Leben und die Ehre
ankommt; alles brige hole der Henker. Wie, grere Leute haben in greren
Gefahren auf Leben und Tod vertrauet, ein Alexander hat sein Schein-Gift whrend
der Brief-Lesung seines Arztes getrunken; und ich sollte den heien Trnen eines
menschenfreundlichen Mdchens nicht glauben? Nein, lieber nehm' ich diesen Stab,
der ein Bettelstab ist, und gehe damit, so weit mich meine Fe tragen...
    Weiter kann auch kein Bettler, sagte Vult, aber du unterbrichst. So da
also, will ich nur noch zusetzen, die Alten nicht ohne Anspielung dem Gotte der
Dichter einfltige junge Schafe geopfert. - Daher ein Reichs-Hofrats-Schlu
jeden, der einen Band Gedichte bei Trattner verlegen lassen, sofort pro prodigo
erklren sollte, da er in Betracht seiner ewigen gttlichen Apollos-Jugend von
15 Jahren zu brgerlichen Handlungen, z.B. Schenken unter den Lebendigen, nicht
fhig ist, welche Volljhrigkeit befehlen Nun aber einmal gelassen, Bruder! Was
ist denn das fr ein Leben dahier, zum Sakrament? - Aber ganz ruhig! Vater,
Mutter, Zwillingsbruder willst du Leuten opfern, von denen ich - nichts weiter
sage? Bedenk alles - siebzig eben gefllte Notariats-Bume - eine so unerwartete
Verkettung so vieler Ketten - manche deiner Irrsale auf dem Weg nach Rosenhof -
und in der Tat bist du auch heute ganz belebt durch den Wein. - Am Ende fliegst
du wohl gar mit Sperber-und mit Weihes-Fittichen um das Brautherz der Sitzerin,
Fuchs, und brauchst den Pinsel-Brutigam nur zum Lockvogel, du Raub- und
Spavogel! Doch du wirst rot. Was Raphaelens Trnen anlangt glaube mir, die
Weiber haben grere Schmerzen als die, worber sie weinen!
    Gott, wie desto trauriger! rief Walt. Weiber und Mller, sagte Vult,
halten versteckte Windlcher, damit Mehl fr sie verstube, wenn der andere
mahlt. -
    Meinetwegen! sagte Walt. Ich gab einem Frauenzimmer mein Wort. Ich brge.
Gott dank' ich nur, da er mir eine Gelegenheit bescherte, das Vertrauen zu
zeigen, das man zu den Menschen haben soll, will man nicht das eigne verlieren.
Soll es aber sein - la mich reden in dieser Stunde -, da kein Gefhl mehr
wahrsagt, soll der Glaube und die Liebe bluten und verbluten: o so freu' ich
mich, da ich die Wunde nur empfange, aber nicht schlage. Ich brge entschieden.
Vater-Zorn - aber kennt er in seiner Dorf-Welt meine hhern Verhltnisse? - und
Mutter-Zorn - und Kerker und Not: es brech' ein; ich brge. Zrne du. Ich brge
und gehe hinab.
    Vult hielt ordentlich noch an sich, ganz bestrzt und aus dem Sattel gehoben
von Walts Sprngen, der jetzt immer weniger zu regieren war, je mehr er ihn
stach und trieb - vielleicht, weil der sanfteste Mensch, sobald man seiner
Freiheit, statt zu schmeicheln, droht, spornstetig44wird -: Du gehst, sagte
Vult, (ich bitte dich gewi ruhig), gehe blo in dich. Fahre nicht, wie ein
geblendeter Vogel, gerade in die Hhe! Kehr um. Ich flehe dich, Bruder! - Und
mt' ich gleich ins Gefngnis, ich hielte Wort! sagt' er. - Verschimmle da,
sagte Vult; ich wehr' es nicht; nur aber die klrste Vernunft und Billigkeit
behalt' ihr Recht - nur das Gesindel triumphiere nicht - Am Ende wird noch dazu
erfahren, da ich mit dir verwandt bin, und ich werde so verflucht ausgelacht
als einer von uns - Freund, Bruder, hre, Teufel!
    Er ging aber. O du wahrer Linker45! sagte glhend der Fltenist. Doch
zusehen will ich dir unten, wie du vor meinen Augen die Wintersaat zur
herrlichsten Sommer-Ernte von Distelkpfen fr Finken aussest!
    Als sie eintraten, fanden sie das Liebespaar allein, der Reisediener war
noch nicht zurckgekommen zu Vults Verdru, der oben manche Reden lange
gesponnen hatte, um versumen zu lassen. Walts Gesicht glhte bewegt, auch die
Stimme; dabei warf er Blicke auf Vult in Angst, dieser werde grob. Aber gegen
alles Erwarten war der Fltenspieler eine Flte; er schauete so unbefangen an
und sprach so sanft. Malen Sie ganz lustig weiter, sagte Vult zu Flitten.
Darber kann wohl jeder sein Lied singen, ber dergleichen Butexte; manche
besitzen ganze Liederbcher. Ich habe selber einmal in diesem Gesange der drei
Mnner im Feuer auf eine Weise eine Stimme gehabt, da ichs beinah hier zum
besten geben mchte, wenn ich wte, da es uns zerstreuete. Ich entsinne mich
nmlich noch sehr wohl, da ich vorher in London eine Zeitlang in einer
Sakristei wohnte und nachts den Kniepolster des Altars als Kopfkissen
unterhatte, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus Deutschland bezog. Nicht
ganz reich, noch weniger bequem kam ich mit noch sechs Emigranten auf der Post
nach Berlin, aber nicht blind, sondern samt unserer ganzen geldersparenden
Gesellschaft fr ein einmnniges Postgeld. Einer nmlich lie sich stets
einschreiben, welcher zahlte und ffentlich vor der Welt einsa. Drauen stieg
einer um den andern von uns auf, nach der anciennet der Mdigkeit, indes die
brigen Deutschlandsfahrer neben dem Wagen auf beiden Seiten mitgingen; so da
vor dem zweiten Posthaus immer ein anderer Passagier absprang, als vor dem
ersten aufgesprungen war. Die deutschen Posten fahren immer so gut, da man
schon mit fortkommt zu Fue. In Berlin selber fuhr ich, weil mir die Gelder
ausblieben, die ich aus England bezog, noch viel hrter. Vom einzigen Berge da,
monte di piet, hatt' ich Aussicht; in groen Stdten mietet man sich alles,
Huser, Pferde, Kutschen, bse Frauen, besonders aber zuerst Geld. In letzterem
ging ich weit. Schulden fhren wie andere Silber-Pillen erst den Morgen darauf,
wenn man ausgeschlafen, das ab, was man noch hat. Eine Figurantin bei dem
Ballett, welche ich heiraten wollte, weil sie die Unschuld selber war und
folglich solche nie verlieren konnte, steigerte das Leid ohne Beileid, die
Schulden, noch hher, weil wir die Flitter-und Honig-Wochen vor der Ehe abtaten,
damit diese nachher ungestrt aus einem Stck gemacht wre; Flittern und Honig
wollen aber gekauft sein. Wie wir freilich liebten, sie im bessern Sinne
Figurantin, ich Figurist, mit welchen Konfigurationen - davon ist kein anderer
Zeuge mehr da - denn sie wollte kein bloes Bruststck - als ihr
Herzgrubenstck, das ich in einer Ferne von 6 Schuhen malte, indem ich nmlich,
selber ein lebendiges Kniestck, die niedrigen Beine aus Ehrfurcht hinter mich
oder meine Schenkel zurckwerfend, vor ihr stand auf den bekannten Scheiben der
Kniee. rzte haben oft bemerkt, da pltzliches Erschrecken den Krper und
dessen Finger so frostig-knapp einziehe und einklemme, da Ringe, die letztern
sonst nicht abzuschrauben waren, von selber abglitten. Es sollte mir so gut
werden, etwas hnliches zu beobachten. Das gute Tanz-Wesen erschrak so
frchterlich, als ich nachher beschreiben werde, den 7. Februar im Karneval. Ich
stie bei ihr vorher meine gewhnliche Anzahl Seufzer in einer Minute aus -
nmlich vierundzwanzig, wovon, weil man in einer nur zwlfmal atmet, die Hlfte
aus-, die Hlfte eingezogen wird - tat die alten Wnsche, ich mchte meinen
Seufzern Luft machen knnen, als ob ein Seufzer aus etwas anderm bestnde, und
rief endlich im Feuer aus: Wieviel, du Kostbare, bin ich Berlin schuldig, da
ich dich kennen lernte, Unbezahlbare: - als pltzlich bei diesen Worten, wie bei
Stichworten, meine ganze Dienerschaft von Lakaien und meine ganze Herrschaft von
Hausherren an der Spitze eines Jockeis hereindrangen auf mein Theater - leider
keines, worauf meine Kebsbraut sprang - und Dinge von mir verlangten, die ich
natrlich nicht bewilligen konnte. Meiner Geliebten - die weniger darauf
vorbereitet war als ich - entglitschte vom erschrocknen erklteten Ringfinger
unser groer Ring der Ewigkeit, und sie sagte im Schrecken ohne Bewutsein
verflucht grob: Herr von Lumpenhund!
    Wer in Berlin war, wundert sich gar nicht, sondern wei, wie man da zuweilen
angeredet wird, wenn man zwar von Stand und folglich nicht zu bezahlen ist, aber
auch nicht zu bezahlen hat. Ich mutmae, ich wre damals gestorben in der
Friedrichs-Strae, wr' ich nicht zu meinem Glcke erkrankt an einem hitzigen
Fieber. Die Krankheit - weniger der Arzt - rettete mich. Sie, Hr. Flitte wurden,
hr' ich, von der Ihrigen auf dem Turm durch die Kunst gerettet; wahrscheinlich
also eine ganz andere als die meinige. Mein Fieber organisierte mich so
sonderbar, da mir nicht nur die alten Haare ausfielen - blo zu einem Titus
behielt ich schwachen kurzen Pelz -, sondern auch die alten Ideen, vorzglich
verdrliche.
    Platner bemerkt recht gut - sowie den teleologischen Vorteil davon -, da
das Gedchtnis des Menschen das Se weniger fahren lasse als das Bittere.
    Mit mir - obwohl nicht vom Krankenlager - standen meine Glubiger auf.
Trefflicher Hr. Musikhndler Rellstab! - mein Bedienter versichert, Sie hieen
so -, sagt' ich zu dem bekannten Manne, meinem starken Glubiger, eben mach' ich
mich vom hitzigsten Fieber von der Welt auf und habe alles, 1000000 Dinge, ja
den Namen vergessen, den ich gewhnlich unterschreibe. Erklren lt sichs gut
genug aus Physiologie, aus Schweien, Fieberbildern und Ermattungen; aber
verdrlich ists fr einen Mann wie ich, der gern seine Nota von Musikalien
abfhrt, und dem doch alles entfallen. In dieser Not bitt' ich Sie, so lange zu
warten, bis ich mich der Sache entsinne, guter Rellstab; dann, wahrlich, haben
Sie Ihr Geld auf der Stelle im Hause, was sich im anderen Sinne ohnehin
versteht.
    Darauf erschien der erste Theaterschneidermeister und Garderobier und
ersuchte mich um das Seinige. Ich antwortete: Lieber Hr. Freytag - denn Sie
sind, hre ich, ein Namensvetter des heutigen Karfreitags - entfhrt jedem
Schuldner soviel auf dem Krankenbette als mir (z.B. etwa den Blutschuldnern,
Ehrenschuldnern), so ists schlimm fr Glubiger. Denn mir fr meine Person ist
rein alles entfallen, was ich schuldig bin; - Sie werden mir kaum glauben, wenn
ich Sie an meine Krankenmatratze fhre, wo ich so geschwitzt und gefiebert, da
ich nichts behalten habe. Mnzen helfen hier wenig ohne Gedchtnis-Mnzen; es
ist aber betrbt, Rellstab.
    Er heie Freytag, sagt' er. Das hole der Teufel, sagt' ich, brauch' ich auch
gar einen Kor-Repetitor? Nun, ich will nicht vergessen, mich zu erinnern. -
    Der Kammerherr Julius trat ein und wnschte zu meiner Genesung sich sowohl
Glck als die zwanzig Friedrichsd'or Spielgeld von mir. Ich soll Sie kennen,
sagt' ich. - Quoddeusvult? - Ich hoffe, du verstehst mich, sagt' er. -
Entschieden! sagt' ich. Aber du erschrickst; denn wenn ich wei, ob ich mehr dir
oder dem Mann im Mond oder dem Growesir Spielgeldschuldig bin: so will ich
nicht krank gewesen sein. Recht hast du gewi; aber sollte man sich denn nicht
jedesmal, eh' man in ein hitziges Fieber verfllt, tausend Knoten ins
Schnupftuch machen, um genesen manche besser zu lsen als durch das Zuwerfen des
Schnupftuchs? Sprich, Kammerherr! - Pa also, bis mir die Memorie wieder
aufhilft! - aber verflucht fatal, da ihr Leute vom Hofe ganz gegen Platners
Bemerkung gerade nur das Fatale (weniger fast Fatalien) behaltet. Aber wie gehts
brigens? Revue schon an? - Wie, im Winter, Vult? sagte Julius. Nun, du siehst
es selber, sagt' ich. Was macht denn die liebenswrdige Knigin? - Manches,
glaub' ich, vergit man weniger. - Darauf bat ich ihn, nchstens mich zu
erinnern, und wir schieden ganz gtlich.
    Anders gings, als ich von der Langen Brcke in die Knigsstrae wollte und
mich ein gebildeter Jude aufhielt: Lieber Moses! sagt' ich, bse Nachrichten!
das Fieber hat mich zu einem Titus geschoren. - Bse! unterbrach der Jude; wenn
wir Juden einen schlimmen Frsten malen wollen, so sagen wir: das ist ein wahrer
Titus! - Die Tituskpfe bauen uns kein Jerusalem. - Sonst, fuhr ich fort, war
Hebrisch, Judenteutsch, Neuhebrisch mein Fach, samt den Hlfssprachen, dem
Chaldischen, Arabischen - alles ist vergessen durchs starke Fieber, Moses -
Sonst kannt' ich meine Schuldner auf hundert Schritte, die Glubiger auf tausend
weit. - Wechsel, versetzt' er, sind da gut und prsentierte mir einen flligen
noch ber der Spree.....
    Hier machte aufgeheitert Hr. Paradisi die Tre auf und dankte Raphaelen sehr
fr ihr Blatt und warf ein hfliches Auge auf Walt. Er nahm dessen Brgschaft
an. Selten war der Notarius seliger - und unseliger gewesen. Vults parodischer,
zynischer Spa hatte ihm allein rein-bitter geschmeckt - andern nur abgeschmackt
-; indes ihn das neue Glck erquickte, Flittes Entsatz und Schutzgeist zu
werden. Vor Vults Ohren und Augen wurde khn und kalt die Wechselsache vollfhrt
und gerndet, und der Fltenspieler wurde ber die so frei auseinanderblhende
Gegenwart bestrzt und erzrnt, obwohl heimlich; so wenig vertrgt sogar der
Kraftmensch fremde Strke und Konsequenz, sobald sie mehr wider ihn auftritt als
fr ihn, weil jeder berhaupt vielleicht von fremder mehr zu frchten als zu
hoffen hat.
    Als der Wechsel erneuert war, schied der Fltenspieler sanft von der
Gesellschaft, besonders von Walt. Dieser begleitete ihn nicht. Er fragte
Flitten, ob er die wenigen Stunden, die etwa seiner Probe-Woche noch abgingen,
nicht in seinem eignen Zimmer verbringen drfe. Flitte sagte freudig ja.
Raphaela drckte dankend Walten noch ihre zarte Hand in die seinige. Er ging in
seine stille Stube zurck, und beim Eintritte war ihm, als wenn er in Trnen
ausbrechen sollte, ob vor Freude oder Einsamkeit oder Trunk oder berhaupt, das
wut' er nicht; am Ende vergo er sie vor Zorn.

                              Nr. 55. Pfefferfra


                    Leiden des jungen Walts - Einquartierung

Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder schlafen noch seinen Bruder
lieben; sondern der Zorn war sein Traum, und das nchtliche Auftrmen zankender
Grnde erhitzte ihn zuletzt dermaen, da er, wenn Vult sich an dessen Bett
gewagt htte, vielleicht fhig gewesen wre, ihm zu sagen: Ich rede nun anders
mit dir, Bruder; setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbrett, sondern mehr auf
die Kissen herein! - Unbegreiflich und unverzeihlich fand er dessen Kraft,
Menschen ins Gesicht hinein zu martern, den armen Flitte und ihn selber. Schon
fters hatt' er bei der Weltgeschichte versucht, in jene mchtigen Schnee-und
Gletscher-Mnner, welche mitten unter dem Hasse eines ganzen Hofs und Volks
heiter glnzen und gedeihen, sich so gut poetisch zu versetzen als in andere
Charaktere; aber es hatte nie besondern Erfolg - er wre ebensogut einer Statue
durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm griff schon ein Menschen-Antlitz in die
Seele, und wr' es punktiert an der Puppe eines Nachtschmetterlings erschienen
oder wchsern an der Puppe eines Kindes; er htte beide nicht kalt eindrcken
knnen mit dem Daumen.
    Er stieg aus dem Bette in einen platt-gemhten Herbsttag: denn er wollte,
wie er pflegte, lieben und der sesten Empfindung kaum mchtig sein; fand aber
nichts Brauchbares dazu, sondern nur die Zuckersure der vorigen Zuckerinsel.
Jetzt stellte er sich, da es sein erstes Zrnen war, recht dazu an. Ein Herz
voll Liebe kann alles vergeben, sogar Hrte gegen sich, aber nicht Hrte gegen
andere; denn jene zu verzeihen ist Verdienst, diese aber Mitschuld.
    Darauf machte er sich auf den matten Weg aufs Rathaus, um da, wie bisher,
sich fr seine Erbamts-Snden wacker abstrafen zu lassen. Der Spavogel Flitte,
jetzt sein gestriger Unglcksvogel, war schon da - denn er hatte fast nichts auf
der Erde als Zeit -; samt Pavogeln, dem Buchhndler. Walt sah so liebegieend
dem Elsasser ins Auge, als htte dieser sich fr ihn verbrgt; nie warf
irgendein Fegfeuer auf den Gegenstand, der es fr ihn schuldlos angezndet, vor
seiner Seele irgendeinen gelben hlichen Widerschein; vielmehr freuete er sich
recht, allein im Fegfeuer zu stehen und den Fremdling rein aus den Flammen
anzuschauen.
    Der Testaments-Ober-Vollstrecker, Hr. Kuhnold, erffnete nach der siebenten
Klausel - mchte doch jeder Leser das Testament aus dem Buche herausgeschnitten,
broschiert, immer neben sich haben - den geheimen Artikel des Reguliertarifs,
der rechtmig zu ffnen war. In der Tat war darin auf jeden franzsischen
Germanismus, den Flitte von ihm an Eidesstatt berichten wrde, ein Tag
verspteter Erbschaft zur Schulstrafe gesetzt. Flitte erwiderte darauf, er wisse
niemand, der soviel Organ fr franzsische Sprache besitze, sowie Kalligraphie
dafr, als Herrn Walt, und er entsinne sich keines erheblichen Fehlers. Walt
griff nach dessen Hand und sagte: O wie schn, da ich mir Sie so immer dachte!
Aber meine Freude ist nicht so uneigenntzig, als sie scheint, sondern noch
uneigenntziger. Der Ober-Vollstrecker wnschte ihm erfreuet Glck -
desgleichen der Buchhndler - und jener bat ihn um die Wahl des neuen Erbamtes.
    Es ist sehr schlimm fr diese Geschichte, da die Welt nicht die sechste
Klausel Spahaft und leicht mags auswendig kann, auf welcher doch gerade die
Pfeiler des Gebudes stehen. Der Notar wute sie ganz gut, und der Buchhndler
am besten. Als Walt in dem Seelen-Rausche ber die schnste Rechthaberei, die es
gibt - sich nmlich nicht in guten Voraussetzungen von Flitte geirrt zu haben -,
nicht sogleich das Erbamt erlesen konnte, das er bekleiden wolle: trat Pavogel
zu ihm und erinnerte ihn an den Buchstaben e der Klausel, welcher sagt: Er soll
als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen. - Trefflich genug! sagte Walt,
verstand und erklrte sich dazu; - in das vom Nacht-Zorne zerfressene Herz
flossen die kleinsten Ergsse menschlicher Milde balsamisch-heilend ein.
    Auerhalb der Ratsstube fand er auf einmal sein Herz um- und dem Bruder
wieder zugewandt; Flitte war gerechtfertigt, er selber entschuldigt, und er
verzieh in Massen, blo weil er so viel - recht gehabt. Nachdem er eilig seinem
gengstigten Vater den schnen Ablauf seines Wochenamtes geschrieben hatte: so
machte er sich ernsthafter an seine alte Versetzung ins fremde Ich und fragte:
Kann denn Vult seine Handlungen nach andern Grundstzen zuschneiden als nach
seinen eigenen? Und wollt' er denn anders als ich selber eben fr mich handeln?
- Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu;
ei gut, so geb' er andern auch beides, und das will ich tun. Er fand zuletzt in
Vults Stokraft eine Ergnzung seiner eigenen weichwolligen Auenseite; die
Freundschaft und Ehe wird, so wie ein Fernrohr, durch Zusammensetzung erhobner
und hohler Glser gemacht.
    Was half aber sein aufgetanes Herz? Niemand ging hinein. Liebes-schamhaft
harrte er, da Vult nur eine Viertels-Elle von einer weien Friedensfahne
flattern liee, um sogleich mit Liebesaugen in die fremde Seele einzuziehen;
aber nicht einen Fingerbreit davon streckte dieser aus, sondern er schickte ihm
Ausschweifungen fr den Hoppelpoppel ohne ein Wort dazu. Walt sandte ihm mehrere
Kapitel, die er in seinem Herzenskloster um so leichter aufgesetzt, da ihn
Pavogel noch immer auf den ersten Korrekturbogen warten lie, so wie die Stadt
ihn auf irgendein Notariats-Instrument, das ihn htte stren und bereichern
knnen. Ihnen fgt' er blo zwei Streckverse bei:

                                       I

Meine ganze Seele weint' denn ich bin allein; meine ganze Seele weint, mein
Bruder!

                                       II

Ich sah dich und liebte dich. Ich sah dich nicht mehr und liebte dich. So mu
ich dich immer lieben, ich mag nun frohlocken oder weinen tief im Herz.

Einen Tag darauf schickte ihm Vult die ausgearbeitetsten Ausschweifungen zu und
gedachte des Genusses kurz, den ihm jetzt Walts Hoppelpoppel oder das Herz
zufhre, da jedes Kapitel mit wahrer Kunstwrme erschaffen sei und berfeilt -
und schrieb noch, er selber schreibe zwar eifriger als je, drfe aber nicht
entscheiden, wie glcklich - und schrieb weiter nichts. Nun denk' ich, sagte
Walt zu sich, wei ich recht gut, woran ich bin, ich bin fast sehr unglcklich
- es ist vorbei mit dem Himmel, der sich hier auftat fr mein Armen-Auge - Auf
ewig ist mir der Bruder begraben und eingesenkt - Tritt er etwan einmal vor
mich, so, wei ich wohl, ists ein Antlitz grimmig verzogen, und mich wird
schaudern durch mein Herz. O mein Bruder, wie schn war es einst, als ich dich
noch umarmte und zwar weinen mute, aber ganz anders!
    Darauf schrieb er wieder ein gutes Kapitel am Romane, schickt' es ihm mit
folgendem, hier ganz mitzuteilendem Briefe:

            Bruder!
Hier! - - - - - -
                                                                     Dein Bruder
                                                                              G.

Vult versetzte nichts darauf. Gottwalt erzrnte sich nach der Tertien-Uhr; dann
hatt' er wieder lieb nach der Turm-Uhr. Nur die Trume drangen mit ihren
greulichen aufgerissenen Larven in seinen Schlaf, jede mute wie ein Bruder
aussehen, der ihn marterte auf einer unabsehlichen Folterleiter, auf der er
ausgespannt lag von Stern zu Stern.
    An einem November-Nachmittage ging er in das Wirtshaus zum Wirtshaus, wo er
ihn, wie bekannt, nach einem langen Lebens-Winter gefunden hatte, wie einen Mai.
Der herrnhutische Wirt prgelte eben, da er eintrat, die Wirtin aus dem Gasthofe
hinaus, warf ihr seinen Jungen nach und schrie: wr' er kein Christ, so wrd' er
sie anders behandeln; so eben zhm' er sich, und kein bses Wort komme aus
seinem Maule. Walten kannt' er gar nicht mehr, als dieser um das vorige, jetzt
zugemauerte Oberzimmer anhielt, wo er im Juli geschlafen hatte. Teils Wrste,
teils Flachs auf Stroh waren darin auseinandergebreitet.
    Er entfloh auf den herrnhutischen Gottesacker, wo er einstens, als die Sonne
unter - und der Bruder aufging, so froh und so neu geworden. - Aber die Bume
waren, anstatt begrabne Gerippe laubig zu bedecken, selber steilrechte geworden
- dabei schneiete es regnerisch - mehr das Gewlke als die Sonne ging unter -
und Abend und Nacht waren schwer zu sondern. Der Notarius sah aus wie der eben
regierende November, der, noch weit mehr dem Teufel als dem April hnlich, nie
ohne die verdrlichsten Folgen abtritt.
    Von da trug er sich verarmet - fern von jenem reichen Morgen, wo er neben
dem reitenden Vater zu Fue hergelaufen - zurck in die Stadt. Als er ber die
kalt wehende Brcke ging und nichts um ihn war als die de dunkle Nacht: so
flogen zwei dicke Wolken auseinander - der helle Mond lag wie eine Silberkugel
einem weien Wolkengebrge im Scho, und der lange Strom wand sich erleuchtet
hinab. Auf dem Wasser kam etwas herabgeschwommen wie ein Hut und ein rmel.
Geht es durch die Brcke unter mir durch, sagte Walt, so nehm' ichs fr ein
Zeichen, da auch mein Bruder so von mir dahin geht; stt es sich an die
Pfeiler, so bedeutet es etwas Gutes. Er fuhr zusammen, da es unten wieder
hervorkam; endlich fiel ihm ein, da wohl gar ein ertrunkener Mensch unter ihm
ziehen knne, ja Vult selber. Er sprang herunter ans Ufer herum, wo sich das
schwimmende Wesen in eine Bucht voll Buschwurzeln verfangen hatte. Mhsam und
zitternd hob er mit seinem Stabe einen leeren rmel, dann noch einen und darauf
gar noch einige auf, bis er sehr sah, da das Ganze nichts sei als eine ins
Wasser geworfene, von der Jahrszeit abgedankte - Vogelscheuche.
    Aber ein Schauder dauert lnger als sein Anla oder Irrtum; er ging, noch
sorgend fr den Bruder, in dessen Wohngasse, als seine Flte schon von ferne
herauftnte und wie die Flut alle die offnen rauhen Klippen der Welt mit einem
weichen Meer zudeckte. Der elende November, der herrnhutische Wirt, die
Vogelscheuche und die leere Ebbe des Lebens gingen nun unter in schnen Wogen.
Walt trat, weils finster war - denn am Tage schauete er nur die lange Gasse
hinab -, dicht vor Vults Haus, obwohl in die Monds- Er drckte den Trdrcker
wie eine Hand, weil er wute, wie oft ihn die brderliche mute angefat haben.
Vult, dies merkte er aus dem Schatten und dem Lichtschimmer gegenber, mute mit
dem Notenpulte nah' am Fenster stehen. Als wieder ein langer Wolkenschatten die
Gasse heraufflog: schritt er querber und guckte hinauf und sah hinter dem
erleuchteten Notenpulte das so lange begehrte Gesicht; und weinte bitter. Er
ging an ein groes rotes Tor seitwrts, worauf Vults Schattenri, aber greulich
auseinandergezogen wie ein angenagelter Raubvogel, hing und kte etwas vom
Schatten, aber mit einiger Mhe, weil sein eigner viel verdeckte.
    Gern wr' er jetzt zu ihm hinaufgegangen mit der alten Bruder-Brust an sein
Herz; aber er sagte: Blies' ich selber droben, o so wei ich alles wohl - nein,
es gbe fr mich kein fremdes Herz; aber er ist fast immer das Widerspiel seines
Spiels und oft fast hart, wenn er sehr weich dahinfltet. - Ich will ihn in
seiner Geister-Lust nicht stren, sondern lieber manches zu Papier bringen und
morgen schicken.
    Er tats zu Hause, die Fltentne des Bruders fielen schn in das Rauschen
seiner Gefhle ein - er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm
zwei Polymeter ber den Tropfstein bei, dessen Sulen und Bildungen bekanntlich
aus weichen Tropfen erstarren.

                                Erster Polymeter

Weich sinkt der Tropfen im Hhlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf
verewigt er sich. Schner ist die Menschen-Trne. Sie durchschneidet das Auge,
das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge
sieht sich um nach ihm, und er ist der Tau in einer Blume.

                                    Zweiter

Blick' in die Hhle, wo kleine stumme Zhren den Glanz des Himmels und die
Tempelsulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Trnen und Schmerzen, o
Mensch, werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler.
    Vult antwortete darauf: Mndlich das brige, Lieber! Wie mich unser so
wacker gefdertes Schreiben freut, weit Du besser als ich selber. - So hol'
ihn der Henker, sagte Walt, ich habe mehr eingebt als er, denn ich lieb' ihn
ganz anders. Er war nun so unglcklich, als es die Liebe auf der Erde sein
kann. Er webte - ganz entblt von Menschen und Geschften - seinen Roman fort,
als das einzige dnne leichte Band, das sich noch aus seiner Stube in die
brderliche spannen lie.
    An einem Abende, als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und lsend
schien, bedacht' er, ob es denn nicht schicklich sei, ordentlich Abschied zu
nehmen. Er schrieb folgendes Briefchen:
    Empfange mich nicht bel, wenn ich diesen Abend um 7 Uhr komme. Wahrlich,
ich nehme nur Abschied; alles wird auf der Erde ohne Abschied
auseinandergestrmt; aber der Mensch nimmt seinen von einem Menschen, wenn er
kann, wenn kein Meer-Sturm, wenn kein Erdbeben die Seelen-Nchsten pltzlich
zerwirft. Sei wie ich, Vult; ich will Dich nur wiedersehen und dann nicht
lnger. Antworte nur aber nicht; weil ich mich frchte.
    Er bekam auch keine Antwort und wurde noch furchtsamer und trauriger. Er
ging abends, aber ihm war, als sei der Abschied schon vorbei. In Vults Stube war
Licht. Welche Brde trug er die Treppe hinauf, nicht um sie oben abzuladen,
sondern zu verdoppeln! Aber niemand sagte: komm herein! Das Zimmer war
ausgeleert, die Kammertre offen - auf einem Stalleuchter wollte ein sterbendes
Licht verscheiden - die Bettstelle beherbergte, gleich einer Scheune, nur
fatales Stroh - verzettelte Papier-Spne, Brief-Umschlge, zerschnittene
Flten-Arien bildeten den Bodensatz verlaufener Tage - es war das Gebeinhaus
oder Gebeinzimmer eines Menschen.
    Walt dachte im ersten Unsinn des Schreckens, Vult knne, wenn nicht damals,
doch spter, im Wasser gelegen sein, und griff alle Papier-Reliquien mit gro
tropfenden Augen halb unbewut zusammen. Auf einmal rief die bastimmige Frau
des Theaterschneiders herauf, wer droben umtrabe. Harnisch, versetzt' er. Da
fuhr sie die Treppe herauf und schalt: das sei Harnischens Stimme nicht. Als sie
ihn gar im Finstern sah - denn er hatte das sterbende Licht gettet, weil jede
Nacht besser ist, so wie der Tod besser als Sterben -, so mut' er sich mit der
Theaterschneiderin in ein anzgliches Hand-, nmlich Wortgemenge ber seine
Diebs-Tendenzen einlassen und zuletzt ber sein Lgen. Denn er hatte sich in der
Eile fr Vults dasigen Bruder ausgegeben und doch gefragt, wohin Vult gekommen
sei.
    Verworren und gescholten wanderte er seiner Stube zu und schlich auf den
Treppen voll Lichter und Leute - der Hofagent gab einen tanzenden Tee - gebckt
hinauf.
    Da fand er sein Zimmer aufgetan und einen Mann darin mit Hmmern arbeitend,
um sich gut einzurichten in seiner neuen Wohnung. Es war Vult.
    Erwnschter, sagte Vult und nagelte an einer Theaterwand fort. Aber guten
Abend! Erwnschter, meint' ich nmlich, kann mir nichts kommen, als du endlich
kommst. Schon seit Schlag sieben vexier' ich mich ab, um alles aufs beste
aufzustellen und etwa so einzurichten, da keiner von uns nachher brumme oder
grunze; untersttze mich aber dabei, bei der gemeinschaftlichen Einrichtung, und
hilf! - Du siehst mich so an, Walt? -
    Vult? - Wie? - Sprich nur! sagte Walt. Es knnte doch etwas Himmlisches
sein! Und sei nur von Herzen willkommen! Hier lief er mit Ku und Umhalsen an
ihn; Vult konnte aber, da er in der einen Hand den Nagel hielt, in der andern
den Hammer, nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals und antwortete: Die
Hauptsache ist wohl, da du jetzt ein vernnftiges Wort darber hren lssest,
wie die Sachen zu traktieren sind fr beiderseitige Lust. Denn ist einmal alles
festgenagelt: so nderts der Mensch ungern. Mich deucht aber, so besitzest und
beherrschest du gerade das eine Fenster und fast drber, und ich das andere; ein
drittes fehlt.
    Ich wei wahrlich nicht, was du vorhast, aber mache nur alles und sage
dann, was es ist, sagte Walt. So mu ich dich gar nicht verstehen, versetzte
Vult, oder du mich nicht. Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben?
sagte Vult. - Nein, sagte er.
    Ich meine das heutige, fragte jener fort, worin ich schrieb, ich wrde
dein Schweigen fr ein Ja auf meine Bitte nehmen, da wir doch mchten zusammen
wie ein Vgelpaar ein Nest oder Quartier bewohnen, dieses nmlich? Wie? -
Nichts (sagte Walt). Aber du willst dies? O warum traut' ich denn deinem Gemte
weniger? Gott zchtige mich dafr! O wie bist du!
    In diesem Falle mu ich das Blatt noch in der Tasche tragen, versetzte
Vult und zog es hervor; zuvrderst mssen wir aber unsern Stuben-Etat fr den
Winter ins reine und aufs trockne bringen; denn, Freund, leichter vertrgt sich
ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kirche als eines von Zwillingen
in einer Stube, wie sie denn schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe
es ein Jahr lang ausdauern, sondern sich sondern. Mein Wunsch ist allerdings,
da die Feuermauer, die ich zwischen uns Flammen gezogen - und die Bhnenwand
langt zum Glck so nett -, uns krperlich genug abtrenne, um uns nicht geistig
zu trennen. Die Scheidewand ist auf deiner Seite mit einer schnen Reihe Palste
bermalt, auf der meinigen ist ein arkadisches Dorf hingeschmiert, und ich stoe
nur dieses Palast-Fenster auf, so seh' ich dich von meinem Schreibtische an
deinem. Reden knnen wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch.
    Das ist ja kstlich, sagte Walt.
    Wir arbeiten dann in unserm Doppel-Kfig am Hoppelpoppel Tag und Nacht,
weil der Winter fr Autoren und Kreuzschnbel die beste Zeit zum Brten ist, und
wir darin und die schwarze Nieswurz (was sind wir anders als Nieswurz der Welt?)
im Froste blhen.
    O herrlich, sagte Walt.
    Denn ich mu leider bekennen, da ich bisher aus einer Ausschweifung in die
andere, nmlich aus spahaften in reelle geraten und in der Tat wenig gegeben.
So aber werden wir beide schreiben und dichten, da wir rauchen; - nur fr
Bcher und Manuskripte wird gelebt, nmlich von Honorarien. - In 14 Tagen, mein
guter Freund, kann schon ein sehr hbscher Aktensto an einen Verleger ablaufen
vom Stapel.
    O gttlich, sagte Walt.
    Falls ein solches gemeinschaftliches Zusammenbrten in einem Neste - ich
als Tauber, du als Tubin - nicht am Ende einen Phnix oder sonst ein
Flgel-Werk aussitzen kann, das sich vor der Nachwelt so gut sehen lsset, da
sie ihre Vorwelt fragt, wer beide Brder waren, wie lang, wie breit, wie sie
gegessen, genieset, und was die Gebrder sonst fr Sitten und Mbeln und
Narrheiten gehabt; wenn das, sag' ich, nicht der Fall bei uns sein soll: so will
ich nicht im Ernste gesprochen haben.
    Ach du schner Gott, rief Walt mit Freudenblicken.
    Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und, wie man von Bomben sagt,
krepieren, crper, wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben, eh' wir uns
zanken, kurz berhaupt nicht Sachen vorfallen, wovon in Zukunft ein Mehreres
mndlich. - Bei Gott, du gibst mir neues Leben, sagte Walt. Hltst du es
aber genehm, sagte Vult und fhrte ihn in die Schlafkammer, da ich unsere
Bettstellen durch die spanische Wand - fr die spanischen Schlsser der Trume -
quer geschieden halte? Ich sehe sie aber mehr fr einen alten Bettschirm an.
    Du kennst darber meine Grundstze, sagte Walt; ich hielt es schon in
frhern Jahren fr unschicklich, nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen
oder ihn zu tragen, es mte denn aus Lebensgefahren sein.
    Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Pa vor, worauf er
hereinkommen, ferner seine Zukunfts-Karten. Schon lngst hab' er, sagt' er, zu
ihm ziehen wollen, teils aus Liebe fr ihn und den Hoppelpoppel, teils des
halbierten Mietzinses halber, teils sonst. Neulich auf einem Spaziergange hab'
er sich in die Gunst der guten Raphaela zurckgeschwungen, mit welcher er als
mit einem Hebels-Langarm dann den Vater habe bewegt. Vor einer Stunde sei er mit
der Theaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den
Stubenschlssel im bekannten Mausloch gefunden. Nun erbrich aber doch mein
Schreiben, beschlo er. Auf dem Umschlag stand: An Hrn. Walt, abzugeben bei
mir.
    Walt bemerkte nicht, da auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand
und da es jener alte war, worin Vult ihm in der Zukunft das nchtliche Poltern,
Tren-Zuwerfen seines Polter- oder Schmollgeistes voraussagt, um nachher
entschuldigt zu sein, und den wir frher gelesen als Walt, oder vielmehr spter
46. Walt glaubte eilig, er meine eine von heute an zuknftige Zukunft, und
sagte, dahin komm' es nicht; aber als Vult ihm am Datum zeigte, da eine
vergangne geschildert sei: so fate der Notar seine Hnde mit beiden fest, sah
ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Rhrung an: Vult! - Vult! - Den
Fltenspieler drckte es, da er einige Tropfen in die eignen Augen, ber die er
mit den gefangnen Hnden nicht hinfahren konnte, mute treten lassen: Nun,
fuhr er auf, auch ich bin kein Kiesel; lasse mich aber auf mein Zimmer gehen
und auspacken! und fuhr hinter die Bhnenwand.
    Er packte aus und stellte auf. Walt ging im seinigen auf und ab und erzhlte
ihm ber die Stadt herber seine bisherigen Versuche, ihren Seelen-Tauf-Bund zu
erneuern. Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm, sein Haus- oder
Stubengerte ordnen. Er war so hlf-fertig, so freundlich-ttig, er wollte dem
Bruder so viel Platz aufdringen samt Fenster Licht und Mbeln, da Vult heimlich
sich einen Narren schalt, da er ihm den eigensinnigen Widerstand in der
Flitteschen Wechselsache zu hart nachgetragen. Walt hingegen stellte seinerseits
wieder heimlich den Fltenspieler ins grte Glanzlicht, dafr da er ihm
zuliebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke; und nahm sich vor, alle schnen
Zge desselben unbemerkt aufzuschreiben, um sie als Rezepte nachzulesen, wenn er
wieder knurren wolle. Die Gtergemeinschaft und Stuben-Verbrderung wurde auf
die hellsten Grenzvertrge zurckgebracht, damit man am Morgen gleich anfangen
knnte, beisammen zu sein. Schn bemerkte Vult, man msse innerlich dem Zorne
recht viel Platz machen, damit er sich abtobe und totrenne an den Gehirnwnden;
dann werde ja dem Menschen nichts leichter, als mit dem gestorbenen Wolf im
Herzen ein weiches Lamm zu sein auen mit der Brust. Man knnte aber hier noch
andere Bemerkungen machen, z.B.
    - Die starke Liebe will fr Fehler nur bestrafen und dann doch vergeben - -
Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird:
so ist daran blo eine hassende Denkungsart ber alle Menschen schuld, die ihn
dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht.
- - Die hchste Liebe kennt nur Ja und Nein, keinen Mittelstand; kein Fegefeuer,
nur Himmel und Hlle; - und doch hat sie das Unglck, da sie Geburten der
Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorhlle fhren sollten, zu
Pfrtnerinnen von Himmels- und Hllentoren macht -
    Beide kleideten voreinander die eigentmlichsten Gefhle in allgemeine Stze
ein. Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg, sagt er: Versetze mir
nichts darauf - denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu -, aber
ich glaube selber, ich htte dich bisher noch besser lieben knnen. - Nein,
ich dich, schrie Walt.

                           Nr. 56. Fliegender Hering


                        Brief des Biographen - Tagebuch

Gegenwrtiger Biograph der jungen Harnische bekam nach dem Abschlusse der
vorigen Nummer (des sogenannten Pfefferfraes) von dem Halauer Stadtrate vier
neue - nmlich den fliegenden Hering 56, den Regenpfeifer 57, die Giftkuttel 58
und die Notenschnecke 59 - samt einem uerst wichtigen Tagebuche Vults ber
Walt. Darauf antwortete er den trefflichen Testaments-Exekutoren folgendes, was
durchaus als ein Zeitstck der Flegeljahre hereingehrt.

                                     P. P.

Indem ich Ihnen, verehrlicher Stadtrat und Vollstrecker, die Ausarbeitung der
55sten Nummer Pfefferfra zusende und den Empfang der vier neuesten Naturalien,
der Nummern 56, 57, 58, 59, desgleichen des Vultischen Tagebuchs bescheinige:
leg' ich zugleich die vier Kapitel fr das Nummern-Viereck bei, welche ich
dadurch geliefert zu haben hoffe, da ich das Vultische Tagebuch unzerzauset
einwob und es durch berschriften in Kapitel schnitt und andere Drucker-Sachen
anflocht, z.B. Gnsefe, um Vults jetzige Worte von meinen knftigen zu
scheiden. Man griffe ohne weiteres meinen Charakter an, wenn Sie mich deshalb
etwan einen Schelm, einen Naturalien-Ruber schlten und einen Arbeits-Knauser.
Sh' es ein verehrlicher Halauer Stadtrat etwan lieber - was so unmglich zu
glauben -, wenn ich den herrlichen Vult, einen zwar auen ungemalten, aber innen
schn glasierten Sauertopf, mit meinen Tpferfarben umzge? Oder kann irgendein
Testament ansinnen, da ich einem fremden Charakter etwas aus meinem eignen
vorstrecke? Mich dnkt, ich und smtliche poetische Weberschaft haben oft genug
bewiesen, wie gern und reich wir jedem Charakter - und wr' er ein Satan oder
Gott - von unserem leihen und zustecken. Wir gleichen am wenigsten - dies drfen
wir sagen - jenem englischen Geizhalse, Daniel Dancer, welcher auf einen fremden
Acker nichts von dem, was die Natur bei ihm brig hatte, wollte fallen lassen,
sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache. Sondern recht
freudig leihet der Romancier alles, was er hat und was er ist, seinen
geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der Person und des Charakters!
Folglich htte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umgeackert und beset als
ich, wr' es ntig gewesen.
    Andere Grnde, z.B. Zeitmangel und Haus-Tumult, schtz' ich nicht einmal
vor, weil diese sich auf persnliche Vertrauungen grnden, womit man wohl
schicklicher das Publikum als einen verehrlichen Stadtrat behelligt; worunter
aber in jedem Falle die Nachricht gehren wrde, da ich gestern nach meinem
Wechselfieber des Wechsels - doch nur mit Stdten - wieder aus Koburg abgezogen
bin nach Bayreuth. Niemand mu berhaupt die Zeit mehr sparen als einer, der fr
die Ewigkeit nicht sowohl lebt - das tut jeder Christ- als schreibt. Wieviel
Blattseiten lsset denn die Biographia britannica unseres Ichs der Historiole
des Universums brig? - Wie ohnehin alles uns Dichter drckt, scheinen nur die
alten Holzschnittschneider zu ahnen, wenn sie Bienen und Vgel - diese
bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugs - blo als fliegende Kreuze
zeichnen. Wer hngt an diesen Kreuzen als wir Kreuztrger, z.B.
                                                                             Ihr
                                                                      testierter
                                                                       Biograph,
                                                              J. P. F. Richter?
Bayreuth, den 13. August 1804.
                                       *

Jetzt geht Walts Geschichte so fort, nmlich Vults Wochenbuch fngt so an:

Ich schwre hiemit mir, da ich ein Tagebuch wenigstens auf ein Vierteljahr
schreiben will; hr' ich frher auf, so strafe mich Gott oder der Teufel. Von
heute - dem Tage nach dem gestrigen Einzuge - geh' es an. Ja wenn mich der
Gegenstand - nicht ich, sondern Walt - hinge, pfhlte, knebelte, zerfetzte, nach
Siberien schickte, in die Bergwerke, in die zweite Welt, in die dritte, ja in
die letzte: so fhr' ich das Wochenbuch fort; und damit ich nicht wanke, so will
ich mit den Fingern, die man sonst dazu aufhebt, es herschreiben:

                                  Ich schwre.

Die Welt - welche aber nie dieses Blatt bekommen soll - kann sich leicht denken,
ber wen das Wochenbuch gefhret werde; nicht ber mich. Ein Tagebuch ber sich
macht jeder Dinten-Mann schon an und fr sich, wenn er seine opera omnia
schreibt; bei einem Schauspieler sinds die Komdienzettel; bei einem
Zeitungsschreiber die Jahrgnge voll Welthndel; bei einem Kaufmann das
Korrespondenzbuch; bei einem Historienmaler seine historischen Stcke; Angelus
de Constantio, der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb,
konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen, obwohl nur auf 53 Jahre,
denken; und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne
mit unsichtbarer Dinte dazwischen, weil er an die Eroberungen, innern Unruhen
und Wanderungen der Vlker seine eignen herrlich knpfen kann. Wer aber nichts
hat und tut, woran er seine Empfindungen bindet, als wieder Empfindungen: der
nehme Lang- und Querfolio-Papier und bringe sie dazu, nmlich zu Papier. Nur
wird er Danaiden- und Teufelsarbeit haben: whrend er schreibt, fllt wieder
etwas in ihm vor, es sei eine Empfindung oder eine Reflexion ber das
Geschriebene - dies will wieder niedergeschrieben sein - kurz der beste Lufer
holet nicht seinen Schatten ein.
    Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches Nach-Leben, dieses
grabes-luftige Zurckatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus
frischer Luft! Das flchtige Getmmel wird ein Wachsfigurenkabinett, der
blhende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett. Ists nicht
tausendmal klger, der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von
Ewigkeit zu Ewigkeit, und der frhliche Trieb tut seinen Windsto in die Blumen
und Wellen hinein, wirft Blumenstubchen und Schiffe an ihren Ort und ghnt und
sthnt nicht wieder erbrmlich zurck?
    Hingegen ein Tage- und Wochenbuch ber andere! - Ich gesteh' es meinem
geneigten Leser, dem guten Vult, dies ist etwas anderes; aber ich mu freilich
sehen und - anfangen.
    Doch so viel lsset sich auch, ohne anzufangen, annehmen, da mein
Hausherrlein und Brderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman (den
Titel Tlpeljahre eines Dichters verschwr' ich nicht) zu verbrauchen ist,
nmlich als Held, besonders da er eben in Liebes-Blte und vollends gegen eine
Hlichkeit47steht; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Proze und sein
heies Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrgt. Nur
ist durchaus erforderlich, da ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt,
wie eine herkulanische Bcherrolle, auseinanderwinde und dann kopiere. Ich seh'
auch nicht ein, warum ich nicht berhaupt so gut einen gttlichen Roman
schreiben sollte wie Billionen andere Leute. Mir selber ist Schriftstellerei so
gleichgltig, Vult! Wie ich lebe, nicht um zu leben, sondern weil ich lebe, so
schreib' ich blo, Freund, weil ich schreibe. Worin soll denn das Ebenbild
Gottes sonst bestehen, als da man, so gut man kann, ein kleines Aseittchen48
ist und - da schon Welten mehr als genug da sind - wenigstens sich Schpfer
tglich erschafft und geniet, wie ein Mepriester den Hostiengott? - Was ist
berhaupt Ruhm hienieden in Deutschland? Sobald ich mir nicht einen Namen machen
kann, da ich vom Niedrigsten bis zum Hchsten tglich genannt, gelobt und vor
Begierde verschlungen werde - diesen Namen aber hat in Deutschland weiter
niemand als Broihann, nmlich der erste Brauer des Broihanns -, so erhebe mich
doch nie ein Journal, fleh' ich. Ebensogern als einer Vergrerung durch
dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen, welcher mit einem
mittelmigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes
etwas verdienen will und daher, um andern neugierigen Markt-Engeln die Wunder
Gottes und des Mikroskops zu zeigen, mich als die nchste Laus einfngt und auf
den Schieber setzt mit vergrerten Gliedmaen zum allgemeinen Bewundern und
Ekeln.
    Dies beiseite, so merk' ich noch fr dich besonders an, liebes Wltlein,
falls du der zweite Leser dieses Wochenbuchs wrdest, wie dein Vult der erste
ist - in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgeblgter Spitzbube wrest,
der sein gestriges Wort brche, nie in meine Papiere zu blicken -, ja ich setz
es absichtlich zur Strafe der Lesung fr dich her, was ich jetzt behaupten
werde, da ich nmlich dich echter zu lieben frchte, als du mich liebst. Wre
dies gewi: so ging' es schlimm. Sehr zu besorgen ist, mein' ich, da du - ob du
gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh - nur poetisch lieben
kannst, und nicht irgendeinen Hans oder Kunz, sondern bei der grten Klte
gegen die besten Hnse und Knze, z.B. gegen Klothar, in ihnen nur schlecht
abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens- und Seelenbilder kniend
verehrst. Ich will aber erst sehen.
    Du wirst dich nicht erinnern, Wltchen, da ich dir gestern oder heute
morgen weisgemacht, da ich nicht aus andern Grnden, sondern deinetwegen allein
in deine Schwei-, Dachs- und Windhunds-Htte eingezogen bin. Folglich log ich
nichts vor. Nur keine Lge sage der Mensch, dieser Spitzbube von Haus aus! Fast
alles ist gegen einen Geist eher erlaubt, weil er gegen alles sich wehren kann,
nur keine Lge, welche ihn, wie ein altrmischer Henker die unmannbare Jungfrau,
in der Form der innigsten Vereinigung schnden und hinrichten will.
    Schauest du also so sehr spitzbbisch und ehrvergessen in dieses Journal: so
erfhrst du hier nach dem vorigen Doppelpunkt, da ich ein Narr bin und eine
Nrrin will, mit einem Wort, da ich eben ein Fenster von dir - wie zu einer
Hinrichtung Damiens' um vieles Geld - gemietet, blo um aus dem Fenster mich
selber hinzurichten, nmlich hinunterzusehen in den Neupeterschen Park, wenn
Wina, in die ich mich vergafft habe, zufllig mit deiner Raphaela lustwandelt.
Ich freue mich darauf, wie wir beide an unsern Fenstern stehen und
hinabschmachten und lcherlich sein werden. Nichts ist komischer als ein Paar
Paare Verliebter; noch mehr wr' es ein ganzer rechter und ein linker Flgel,
der seufzend einander gegenberstnde; - - hingegen eine ganze Landsmannschaft
von Freunden she nur desto edler aus.
    Fr jeden ist eine Frau freilich etwas anderes; fr den einen Hausmannskost,
fr den Dichter Nachtigallenfutter, fr den Maler ein Schauessen, fr Walten
Himmelsbrot und Liebes- und Abendmahl, fr Weltmenschen ein indisches Vogelnest
und eine pommersche Gnsebrust - kalte Kche fr mich. Die Lungensucht, welche
Liebende und die Wrter der Seidenraupen - jene wollen ja auch Seide dabei
spinnen - davontragen, wird mich als Seladon eher verlassen als ergreifen, weil
ich so lange die lungengefhrliche Flte einstecke, als ich auf den Knien liege
und spreche. Ich bin dir aber wirklich sehr gut, Wina, zumal da deine Singstimme
so kanonisch ist und so rein! - Aber ich will denn mein heutiges Tagebuch ber
den Bruder anheben...


                    Nachtrag zu Nr. 56. Der fliegende Hering

Das Vorstehende war zur Testaments-Exekution abgeschickt, als ich es von
derselben - dem trefflichen Kuhnold - mit diesem Briefe wieder bekam:

Verehrtester Herr Legationsrat! Ich glaube nicht, da die van der Kabelschen
Erben das bloe Einheften der zugefertigten Dokumente, wie das Vultische
Tagebuch ist, fr eine hinlngliche Erfllung der biographischen Bedingungen,
unter welchen Ihnen das Naturalienkabinett testieret worden, nehmen werden. Und
ich selber bin, gesteh' ich, mit den Vorteilen meines Geschmacks zu sehr dabei
interessiert, als da es mir gleichgltig sein sollte, Sie durch Vult verdrngt
zu sehen. Ihr Feuer, Ihr Stil etc. etc. - - huldigen49. -
    Dazu steht noch vieles andere dagegen. Es kommen im Verfolge des Vultischen
Tagebuchs - zumal im Februar, wo er in vollen Flammen tobt - Stellen vor, deren
Zynismus schwerlich durch den Humor, weder vor dem poetischen noch sittlichen
Richterstuhle, zu entschuldigen steht. Z.B. die am 4ten Februar, wo er sagt: das
junge Leben als eine Sonne verschlingend verdauen und es als einen Mond kacken.
- Oder da, wo er dem dezenten Bruder, um ihn zu rgern, erzhlt, wie er, da er
kein Wasser um sich gehabt, um es ins vertrocknete Dintenfa zu gieen, sich
doch so geholfen, da er eintunken konnte, um sein Paket Briefe, seinen
Briefbeutel, zu schreiben. Das zweite mag eher hingehen, da er, wenn er mit
vielen Oblaten Pakete gesiegelt und doch keine Siegelpresse und keine Zeit,
sondern zu viele Arbeit gehabt, sich blo eine Zeitlang darauf gesetzt, um
andere Sachen zu machen unter dem Siegeln. Es sind berhaupt, Verehrtester, in
unserer Biographie so manche Anstigkeiten gegen den laufenden Geschmack - vom
Titel an bis zu den berschriften der meisten Kapitel -, da man ihn wohl mehr
zu vershnen als zu erbittern suchen mu.
    Noch einen Grund erlauben Sie mir, da er der letzte ist. Unsere Biographie
soll doch, der Sache, der Kunst, der Schicklichkeit und dem Testamente gem,
mehr zu einem historischen Roman als zu einem nackten Lebenslauf ausschlagen; so
da uns nichts Verdrlicheres begegnen knnte, als wenn man wirklich merkte,
alles sei wahr. Werden wir aber dieses verhten - verzeihen Sie mein unhfliches
Wir - wenn wir blo die Namen verndern, nicht aber den Stil der Akteurs? Denn
wird man uns nicht auf die Spur kommen schon durch Vults unverndert geliefertes
Tagebuch allein, sobald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels (auch
dieser Titel gehrt unter die Gesamt-Rge), den die Welt gedruckt in Hnden hat
und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im Literarischen Anzeiger jeder
kennt, zusammenzuhalten anfngt? O ich frchte zu sehr. -
    Aber alle diese Noten stren die Verehrung nicht, womit ich ewig etc.
                                                                        Kuhnold
                                       *

Ich antwortete folgendes:

Ich fluche, aber ich folge. Denn was hlf' es, den Deutschen zuzumuten und das
Beispiel zu geben, nur wenigstens auf dem Druckpapier - nicht einmal auf dem
Reichsboden - so keck zu sein, als ihre Vorfahren im 16ten, 17ten Skul auf
beiden waren? Gedachte sagen, sie hofften seitdem von den Franzosen weiter
gebracht zu sein. Unser Diamant der Freiheit ist aus unserem Ringe in einen
Drachenkopf gekommen, wo er nicht eher glnzen kann, als bis wir im
Drachenschwanze stehen.
    Ich wei nicht, ob ich mich dunkel erklre, hoff' es aber.
    Trefflichster! der Humorist hat zwar einen nrrischen, widerlichen Berghabit
zum Einfahren in seine Stollen; - er verleibt sich zwar nach Vermgen alle Aus-
und Mi-Wchse der Menschheit ein, um das Beispiel der Migeburten zu befolgen
und zu geben, die in vorigen Jahrhunderten blo darum mit fleischernen
Fontangen, Manschetten und Pluderhosen geboren wurden, um damit der Welt, wie
die Strafprediger errieten, ihre angezogenen vorzuwerfen - und hiemit wre Vult
entschuldigt-; aber wie gedacht, ich folge und schlage nichts ein als den alten
aristotelischen Mittelsteig, der hier darin besteht, da ich weder erzhle noch
erdichte, sondern dichte; und wenn Scaliger in einem Werkchen von 8 Bogen ber
seine Familie imstande war, vierhundertundneunundneunzig Verflschungen
anzubringen, wie Scioppius gut erwiesen50: so drfte in einem Werkchen von
ebenso vielen Bnden die Doppelzahl davon ebenso leicht als ntzlich ausfallen.
    Vor dem Erraten der wahren Namen unserer Geschichte drfen wir, Hr.
Brgermeister, uns nicht ngstigen, da bisher fr keine von allen Stdten, die
ich in meinen vielen Romanen abkonterfeiet habe, der Bschingische Name
ausgesphet wurde, ungeachtet ich in einigen davon selber wohnte, sogar z.B. in
Haelwebeemcebe und Efgeerenengeha.
    Indes ersuch' ich die Testaments-Exekution, da mir doch Vults Einleitung zu
seinem Tagebuch samt unserem Briefwechsel darber in den fliegenden Hering (Nr.
56) einzunehmen zugelassen werde, weil Sachen dadurch vorbereitet werden, die
ohne das Tagebuch kein Mensch motivieren kann, nmlich Vults schnelles Einziehen
und Verlieben. Wahrlich Sie, verehrlicher Stadtrat, sind glcklich und erfahren
nichts von den Vater- und Mutterbeschwerungen ertrglicher Autoren. Sie als
Menschen stehen smtlich unter dem herrlichen Satze des Grundes, und der
Freiheit dazu, und alles, was Sie nur machen oder sehen, bekommen Sie sogleich
schon motiviert - - Aber Dichter haben oft die grten Wirkungen recht gut
fertig vor sich liegen, knnen aber mit allem Herumlaufen keine Ursachen dazu
auftreiben, keine Vter zu den Jungfernkindern. Wie ihnen dann Kritiker
mitspielen, die weniger mit als von kritischem Schweie - der hier die
Krankheit, nicht die Krisis ist - ihr Brot verdienen, wissen der Himmel und ich
am besten.
    Der ich verharre etc. etc.
                                                                    J. P. F. R.
                                       *
Meiner Bitte wurde, wie man sieht, willfahren.

                              Nr. 57. Regenpfeifer


                                  Doppel-Leben

Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen - wiewohl die Hlle auch -,
so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an, sagte Vult beim Frhstck.
Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre Arbeiten nach Hause. Vult schrieb am
Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus
fr den Hoppelpoppel. Dann sah er aus dem Fenster und sprach zur freundlichen
Raphaela herab, welche auf Vaters Befehl im Garten wachstehen mute, weil man
die Bildsulen wie die Orangerie-Ksten in die Winterquartiere trug. Da er
voraussah, da Walt ihn hren mte, so schneiete er zierlich-gefrorne
Eisblmchen von Anspielungen auf Liebe, Klte, Halbgtterchen und ganze
Gttinnen hinab, welche, hofft' er, Walts und Raphaelens Wrme schon zu schnen
bunten Tropfen auftauen wrden. Raphaela lie hnliche Eisblumen an seinen
Scheiben anschieen, und wurde im kalten Wetter des Gartens schn geheizt, blo
weil Vult ein Mann und ein Edelmann war. Fr manches Mdchen sitze ein
Ahnen-Mann auf seinem Stammbaum so entgliedert und zerschossen wie ein
Schtzenvogel am dritten Tage auf der Stange, sie wird doch an ihm gern zur
Knigin und will ihn erzielen. Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf
die Frage, wann der General mit seiner Tochter komme, die Hoffnung ihrer Nhe.
    Kaum hatten die Gebrder mit grerer Mhe wieder zu fliegen und zu scherzen
angefangen im Roman: so stand Vult auf und murmelte so zu sich - Walt mut' es
hren -: Ich wte nicht, warum ich nicht zu meinem einsamen Bruder einmal
einen Spaziergang machte, da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fester
sind als selber in Kursachsen. Darauf ffnete er das Kappfensterchen am
gemalten Palaste der Bhnenwand und rief hindurch: Kannst du mich hren? Ich
htte Lust, zu dir zu marschieren, wenn du eben allein wrest. - Du Schelm, du
guter, sagte Walt. Jener reisete denn um die Wand mit anderthalb Schritten und
dem Wandnachbar entgegen mit vorgestrecktem Handschlag sagend: Mich schrckt
das Schneegestber drauen wenig ab, dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und
sie vielleicht zu verwandeln in eine lachende Zweisiedelei. - Bruder, sagte
Walt, vom Schreibetisch aufstehend, knnt' ich komisch dichten oder drfte man
einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen: wahrlich ich schriebe
jeden Schritt ab von dir. Aber ich glaube nicht, da es sich geziemt, ein
geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen. Bin ich etwa zu sehr
im Schreibfeuer?
    Nein, versetzte Vult, auch nicht im Rechte; ists Zufall oder was, da du
in der Stube wieder ein Linker bist, und ich ein Rechter51? - Aber ich mu
endlich nach Hause, Alter, und da spaen - vor Welt und Nachwelt. Er ging. Walt
hielt es fr Pflicht, ihn auch bald zu besuchen, um ihm die Einsperrung in eine
halbierte Stube ein wenig zu vergelten. Er sagte Vulten, wie heute so viele
andere Zuflle sich zu ihrem Glck vereinigten, da z.B. der erste Schnee falle,
der von jeher etwas Husliches und Heimliches fr ihn aus der Kindheit gehabt,
gleichsam die Maienblmchen des Winters - und da er heute von hier aus die
ersten Drescher hre, diese Sprach- oder Spielwalzen des Winters. Du meinst die
Flegel, sagt Vult; nur stret ihr Takt meiner Flte ihren. - Wie kommts
beilufig, mein Alter, sagte Walt, da ein fast so einfltiger Vers, der den
Takt von drei Dreschern nachklappen soll, etwas Anziehendes fr mich hat: Im
Winter, mein Gnther, so drischt man das Korn; wenns kalt ist, nicht alt bist,
tapfer gefrorn? - Es kann so sein, antwortete Vult, da der Vers in seiner
Art vortrefflich ist und nachahmend, wer wills wissen? - Oder auch, weil ihn uns
unser Vater so oft aus Herrn v. Rohrs Haushaltungs-Recht vorlas. Nmlich in
Kursachsen hatte damals die Drescherzunft besondere Gesetze. Z.B. wer, wie du
weit, das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch: Fleisch in Tpfen, lat uns
hpfen, bekam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Stei. So wars ein
Zunftartikel, da man fr jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel abgeben
mute; eine Strafe, welche bei literarischen Zwistigkeiten schon im Fehler
selber abgefhrt wird.
    Beide hoben wieder das Schreiben an. Ich dachte jetzt daran, rief ihm Vult
aus dem Palastfensterlein, als ich dich laut das Papier umwenden hrte und
innenhielt, wie von solchen Kleinigkeiten ganze europische Stdte, fr die wir
etwa arbeiten, mit ihren feinsten Empfindungen geradezu abhngen. Eine von Staub
verdickte Dinte - oder eine elende weie, die sich spter schwrzt - ein
hnlicher bestohlner Kaffee - ein rauchender Ofen - eine knuspernde Maus - eine
verdammte rissige Feder - ein Bartscherer, der dich gerade mitten in deinem
hchsten Schu durch den ther einseift und dir mit dem Bart die Flgel
beschneidet - - sind das nicht lauter elende Wolkenflocken, welche einer ganzen
Erde eine Sonne voll Strahlen, um einen Autor so zu nennen, verdecken knnen? Es
ist ja ordentliche Fopperei der Welt. Auf der andern Seite ist es allerdings -
schreibe aber dann fort - ebenso ermunternd und erhaben, da der Tropfen Dinte,
den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im stillen hinflen, Wasser
fr die Mhlrder der Welt sein kann - aushhlendes tzwasser und Tropfbad fr
das Riesengebirge der Zeit - ein Riechspiritus und Hirschhorngeist fr manches
Volk der Aufenthalt des Meergottes als Zeitgeistes - oder sonst etwas hnliches
dem Tropfen, womit ein Bankier oder ein Frst Stdte und Lnder berschwemmt.
Gott! womit verdient man es, da man so erhaben ist? - Jetzt schreib aber.
    Abends gegen vier Uhr hrte Walt deutlich, da Vult zu Floren sagte: Eh' du
uns bettest, schnes Kind, so laufe zum Hrn. Notarius Harnisch, in meiner
Nachbarschaft, und ich lie' ihn bitten, diesen Abend zum Tee, auf einen Th
marchant - und bringe nur mir Licht, weil er dann keines braucht. - Walt
erschien, um das erstemal in seinem Leben einen Tee anders als nach
Laxiermitteln zu trinken. Vult gab ihn mit Wein, den er nie verga zu borgen.
Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen, wieviel mehr wir den Lorbeer!
- Wer einen Hoppelpoppel schreibt, sollte ohnehin einen Hoppelpoppel trinken, ja
er sollte beides vereinen und ein Punsch-Royalist werden, wenn du weit, was
Punch royal ist. Ich geniee das Leben sub utraque. Beide fhrten darauf ihre
guten Diskurse, wie Menschen pflegen und sollen. Vult: Ich sprech' unendlich
gern - vorher eh' ich das Gesprochne aufschreibe. Tausend Sachen lassen sich
erfinden, wenn man keift und kriegt. Daher kommts vielleicht, da man auf
Akademien sich in alle Wrden und Erlaubnisse, zu lehren, nicht wie an Hfen
hineinschmeichelt, sondern hineinzankt, d.h. disputiert, wozu Sprechen so ntig;
z.B. so bring' ich selber diesen Einfall oder den vormittgigen vom Flegel zu
Papier. - Walt: Darum werden Briefe als Nachhalle der Gesprche so geschtzt.
- Vult: Denn sogar zum Philosophieren ist ein zweites Menschengesicht
behlflicher als eine weie Wand- oder Papier-Seite. - Walt: O Lieber, wie
hast du recht! Doch kann es nicht so sehr auf poetische Darstellungen passen als
auf scherzhafte und witzige und philosophische; dir hilft Reden mehr, mir
Schweigen. - Vult: Der Winter ist berhaupt die fruchtbarste Lettern-Zeit;
Schneeballen gefrieren zu Bcherballen. Hingegen, wie reiset und fliegt ein
Mensch im Lenz! Hier wren Bilder leicht; aber die Ostermesse ist der beste
Beweis. - Walt: Es ist, als wenn der Mensch, von neuen Bergen aus Wolken
umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde, blo im Meer des Schnees treibend - so
ganz allein - kein Sington und keine Farbe in der Natur - ich wollte etwas
sagen; nmlich der Mensch mu aus Mangel uerer Schpfung zu innerer greifen.
    Vult: Trink diese Tasse noch. O sehr wahr! Wiewohl wir heute eben nicht
viel geschrieben und ich gar nichts.
    Beide bedauerten nur, da ihre so schne Gemeinschaft der Gter durch Mangel
an Gtern etwas gestrt wrde, indem alles, was sie von Gold in Hnden htten,
sich blo auf die Goldfinger daran einschrnke. Weder Vult konnte auf dem
Instrumente, das er blies, noch Walt mit den Instrumenten, die er jetzt selten
zu machen bekam, sich viel verdienen. Armen-Anstalten fr beide muten getroffen
und jeder der Almosen-Pfleger des andern werden. Noch heute, ja auf der Stelle
mute ein Zauberschlag von unabsehlichen Folgen getan werden; sie taten ihn im
Weinfeuer mit vier Armen.
    Sie schickten die ersten Kapitel und Ausschweifungen des Hoppelpoppel oder
das Herz an den Magister Dyk in Leipzig zum Verlage.
    Denn ein Werk kann immer mit dem hintern Ende noch in der Schneckenschale
des Schreibpultes wachsen, indes das vordere mit Fhlhrnern schon auf der
Poststrae kriecht. Sie setzten ihre erste Hoffnung gtiger Annahme darum auf
den Magister, weil sie glaubten, ein Buchhndler, der selber ein Gelehrter ist,
habe doch immer mehr prfenden Geschmack fr Manuskripte als ein Buchhndler,
der erst einen Gelehrten hlt, welcher prft.
    Walt mute im Briefe - auf Vults Welt-Rat - sich stolz gebrden und viel
begehren und sich alle Rechte der folgenden Auflagen vorbehalten. Da Milton,
setzte er hinzu' 12 Guineen fr sein verlornes Paradies einstrich: so wollen
wir, um in Leipzig zu zeigen, wie wenig wir uns ihm gleichsetzen, achtundvierzig
begehren. - Der Notar erstaunte, da ein Autor, besonders er, die groe Gewalt
ausbe, Papier, Druck, Format und Strke der Auflage - 3000 Exemplare wurden dem
Magister zu drucken erlaubt - dem Verleger vorzuschreiben.
    Vult trug darauf selber die Kapitel auf die schsische Post, um, wie er
sagte, einmal wieder die Welt zu sehen.
    Am Tage darauf schufen beide sehr. Ein junger Autor glaubt, alles, was er
auf die Post schickt, sei schon dadurch verlegt und gedruckt, und schreibt darum
fleiiger. Kein Besuch, kein Fest, kein Mensch, kein Brief strte sie. Vult
hatte kein Geld, und Walt war zum Sitzling geboren. Dichter bauen, wie die
afrikanischen Vlker, ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an. Wie oft
fuhr Walt berglcklich vom Sessel auf und durch die Stube mit der Feder in der
Hand (Vult sah oben ber die spanische Wand hinein und merkt' es an) und ans
Fenster und sah nichts und konnte den sen Sturm kaum aus der Brust aufs Papier
bringen und setzte sich wieder nieder! Darauf sagt' er berflieend: Flte
immer, mein Vult, du strest mich nicht; ich gebe gar nicht darauf acht, sondern
verspre nur im allgemeinen das Ertnen vorteilhaft. - Sagt mir lieber, Ihr
Kauz, von was ich jetzt auszuschweifen habe in Euerem Kapitel, damit wir
beisammenbleiben! sagte Vult.
    ber dem Essen - bald auf Walts, bald auf Vults Zimmer - dehnten beide die
Mahlzeit in die Lnge, die aus einer Portion fr zwei Menschen bestand, weil
kein Wirt die zweite herborgte (was jedoch das Beisammenwohnen desto schner
motiviert), und zwar dadurch, da sie mit hherem Geschmacke sprachen als mit
krperlichem und mehr Worte als Bissen ber die Zunge brachten. Sie rechneten
aus, um wie viele Meilen die ersten Kapitel dem Magister Dyk schon nher wren,
mit welchem Feuer der Hoppelpoppel ihn durchgreifen und aus allen Fugen
schtteln wrde, und ob das Drucken etwa, wenn es anginge, nicht so schnell
fortginge, da mit dem Schreiben kaum nachzukommen wre. - Vult bemerkte, wenn
ein Romanschreiber gewi wte, da er sterben wrde - z.B. er brchte sich nur
um -, so knnt' er so seltsame herrliche Verwicklungen wagen, da er selber kein
Mittel ihrer Auflsung abshe, auer durch seine eigne; denn jeder wrde, wenn
er tot wre, die durchdachteste Entwicklung voraussetzen und darnach
herumsinnen. Weit du denn gewi, Walt, da du am Leben bleibst? Sonst wre
manches zu machen. - Inzwischen seh' ich jetzt in unsrer Stube herum und denke
daran, wie auffallend, falls wir nun beide durch unsern Hoppelpoppel uns unter
Ehrenpforten und in Unsterblichkeits-Panthea hineinschrieben, unser Nest wrde
gesucht und besucht werden - jeden Bettel, den du an die Wand spucktest, wrde
man wie aus Rousseaus Stube auf der Peters-Insel abkratzen und abdrucken die
Stadt selber bekme einigen Namen, wahrscheinlich nach hnlichkeit von
Ovidiopolis den Namen Harnischopolis - Was mir aber die persnliche
Unsterblichkeit versuert, ist, da mein Name nur lange whrt, nicht lang52. O
wer es wissen knnte bei der Taufschssel, da er sich einen groen Namen
machte, wrde sich ein solcher Mann, wenn er sonst scherzt, nicht einen der
ausgestrecktesten erkiesen, zum Beispiel (denn der Sinn hat nichts zu sagen) den
Namen, den schon ein Muskel fhrt, nmlich Mr.
Sternocleidobronchocricothyrioideus? Belesene Damen kmen zu ihm und redeten ihn
an: Hr. Sternocl und knnten nicht weiter. Militrs ttens nach und sagten: Hr.
Sternocleido! - Die Geliebte allein suchte den Namen auswendig zu knnen und
liebt' ihn so lange, als sie aussprche: Teurer Mr.
Sternocleidobronchocricothyrioid! Er wrde gern zitiert von Gelehrten, weil
schon sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Kufern. - Apropos! Warum
schickt denn der Sieben-Erbe Pavogel nicht den ersten Korrekturbogen, gem
allen Testaments-Klauseln in Halau?
    Der Autor bessere noch an der Handschrift, lie er mir vorgestern sagen,
sagte Walt. - Darauf verschnauften sich beide in der Luft. Wie manchen
flchtigen Zug der hhern Stnde schnappte der Notar auf der Strae im
Vorbeigehen auf fr seinen Roman! Die Art, wie ein Halauer Hofkavalier aus dem
Wagen sprang oder wie eine Grfin aus dem Fenster sah, konnte romantisch
niedergeschrieben werden und ein Mann fr tausend stehen und fallen! Diese
bertragungs-Manier, ein Farbenkorn zu einer erhobenen Arbeit zu machen,
erleichtert Bauernshnen das Studium der hhern Stnde unglaublich. Aus
demselben Grunde besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und tat die Augen auf.
    Alsdann ging man nach Hause und ans Erschaffen, das so lange whrte, bis es
finster wurde. Auf die Dmmerung verschoben sie - um Licht zu ersparen - teils
weitluftigere Gesprche, teils Flte. Wenn Vult so blies hinter der Wand und
Walt so dort sa im Finstern und in den blauen Sternenhimmel sah und an den
Morgen in Rosenhof dachte und an Winas Herz und Wiederkunft und unter dem
mondhellen Flten-Lichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde:
o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin, um den Bruder dadurch im
Blasen nicht zu stren, da er ihm bekannte, wie ihn jetzt die Minuten in
Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umflchten. Aber wenn er ausgeblasen
hatte und nach der langen Polardmmerung Licht kam: so sah ihn Walt forschend an
und fragte froh: Bist du zufrieden, Bruder, mit dieser sen Enge des Lebens;
und mit den Orchester-Tnen und innern Zauberbildern, die wir heute vielleicht
ebenso reich, nur ungestrter, genossen haben als irgendein groer Hof? - Eine
wahre Himmelskarte ist unser Leben, versetzte Vult, freilich vor der Hand nur
ihre weie Kehrseite; doch einen Taler, den mir jemand auf die Karte legte, sh'
ich nicht mit Unlust.
    Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schnen Aussichten auf die fltende
Nachtigallen-Dmmerung. Etwas mhsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschpfung
des melodischen Himmels gebracht. Aber mit desto grerem Feuer erzhlte darauf
der Notar, wie glcklich er die dmmernde harmonische Hrzeit angewandt habe,
nmlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman; der Held
sei - hab' er unter der Flte gedichtet - getadelt worden, da er ber das Wort
einer alten, kranken, dummen Frau, welche ihn fr seine Gaben an jedem Abend in
ihr Gebet eifrig einzuschlieen versprochen, sich innigst erfreuet; allein der
Held habe versetzt: nicht ihres Gebetes Wirkung auf ihn wre ihm etwas, sogar
wenn diese gewi wre, sondern die auf sie selber, da ein so frierendes Wesen
doch jeden Abend in eine schne Erhebung und Erwrmung gelange. Ist das kein
wahrer Zug von mir, Vult?
    Es ist ein wahrer von dir (sagte Vult). In der Kunst wird, wie vor der
Sonne, nur das Heu warm, nicht die lebendigen Blumen. Walt verstand ihn nicht;
denn oft kam es ihm vor, als finde Vult zuweilen spter den Sinn als das Wort.
    Im nchsten Dmmerungs-Feiertag und Feierabende, nmlich im dritten, war der
dritte abgeschafft, Vult griff kein Fltenloch, blies keine Note. Aber der
Bruder nahm den knstlerischen Eigensinn nicht bel, hielt den Bruder fr so
glcklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der Dmmer-Partien.
Hab' ich denn nicht eine Luftrhre wie du, so gut zu Lauten gebohrt als die
Flte? Kann ich denn dir nichts sagen, ohne das Holz ins Maul zu stecken? -
Diskurieren wir lieber beiderseits, sagte Vult.
    In den folgenden Dmmerungen kehrte dieser zur alten Sitte zurck, hinter
den Laternenanzndern die Gassen zu durchstreifen - ein Abenteuer mit einer
Schauspielerin zu bestehen - Burgunder allein zu borgen (Walten hielt er, seit
dieser ihn mit Zucker abste, keines mehr wrdig) - mit der Flte in fremde
Flten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten - und sich endlich auf dem
Kaffeehause halbtot zu rgern, da er am Ende so gut als einer sich unter die
Halauer mische, und, allmhlich hinabgewhnt, sich mit ihnen in Gesprche
verflechte, da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei.
    Walt blieb freudig zu Hause; er fand in den kleinsten Blmchen, die durch
seinen Schnee hindurchwuchsen, so viel Honig, als er brauchte. Als die Tage
abnahmen: so freuete er sich ber die Lnge der Abenddmmerung sowie des
gestirnten Morgens; ohne dabei zu vergessen, da er sich ebensogut, nur spter,
ber die Zunahme freuen wrde. Der Mond war eigentlich sein Glcksstern, so da
er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schne Abende oder Morgen
herunterwarf; denn beinahe 14 Tage (nur die paar ersten ausgenommen) konnt' er
auf dessen Wachstum bauen; - von Vollmond bis zum letzten Viertel wurde ohnehin
Elysiums-Schimmer, blo spter, oft ber seinem Bette aufgetragen, und das
letzte Viertel gab den Morgenstunden Silber in den Mund. Da einmal gerade in der
Dmmerung Ballmusik gegenber war: so nahm er sich sein Stck Winterlustbarkeit
heraus, so gut wie einer. Die Musik drang unsichtbar, ohne den Armen-Zickzack
und die Backen-Kurven des Orchesters, nur entkrpert mit seligen Geistern in
sein dmmerndes Stbchen. Er stellte sich zum Tanzen an, und weil es ihm an den
schnsten Tnzerinnen nicht fehlte - da ganze Harems und Nonnenschaften darin
waren und mehrere Rosenmdchen und alles -: so zog er Gttinnen von solchem
Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnen - obwohl leise, um unter seinen Fen
nicht rezensiert zu werden - nach den fernen Takten, die er begleitete, so gut
seine Pas, seine Seiten-, seine Vorpas zu Hopstnzen, zu Eier-, zu Schaltnzen,
da er sich vor jedem sehen lassen durfte, der nichts suchte als einen muntern
Geist, der im Finstern umhersetzt. Was er in der Seligkeit zu scheuen hatte, war
blo Vults pltzlicher Eintritt.
    Ihn - der ohnehin nicht gewohnt war, da er etwas hatte - drckte kein
Entbehren; er hatte Phantasie, welche helles Kristalisationswasser ist, ohne
welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen.
    Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit ber die Lfte der
Erde hinausgehoben, er wurde auch zuweilen so real heruntergebaut wie ein
Theater- oder ein Betthimmel. An Sonntagsgeluten, am Hofgarten, an frischer
kalter Luft, an Winterkonzerten (die er unten auf der Gasse spazierend hrte)
hatt' er soviel Anteil als irgendeine Person mit Schlssel und Stern, der im
Innern gerade beide fehlen. A er sein Abendbrot, so sagt' er: Der ganze Hof
it doch jetzt auch Brot wie ich; dabei setzte und benahm er sich zierlich und
artig, um gewissermaen in guter Gesellschaft zu sitzen. An Sonntagen kauft' er
in einem guten Hause sich einen der besten Borsdorfer pfel ein und trug ihn
sich abends in der Dmmerung auf und sagte: Ganz gewi werden heute an den
verschiedenen Hfen Europens Borsdorfer aufgesetzt, aber nur als seltner
Nachtisch; ich aber mache gar meinen Abendtisch daraus - und wenn ich mehr
Leibliches begehre, du guter Gott, so erkenne ich deine Gte nicht, die mir ja
in einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele berfllt.
    Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorberschieende
Freuden-Zweifalter - dazu gehrte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im
Gartenhaus - jeder Stern, der stark funkelte - italienische Blumen, deren
deutschen Treibscherben zwischen Schals er auf der Gasse aufgestoen - eine
bekrnzte, zwischen Andacht und Putz glhende Braut - ein schnes Kind - ein
Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in
Kanarieninseln und in Sommergrten hinberschauen lie - und alles.
    Flog Flora, die Bettmeisterin, mit hellen Gesngen die Treppen herauf, so
hrte er erste Sngerinnen fr seinen Teil. -
    Einst an einem Markttage hatt' er halb Italien mit einem ganzen Frhling um
sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller
Winternachmittag, worin Mcken in den schiefen Strahlen spielen, als er im
Hofgarten - den der gute Frst jeden Winter dem Publikum ffnen lie - die
silbernen Schneeflocken der Bume unter der blitzenden Sonne in weie Blten,
die den Frhling berluden, umdachte und darunter weiterspazierte. So pltzlich
auf die Frhlings-Insel ausgesetzt, schlug er in ihr die heitersten Wege ein. Er
machte einen nahen an der Bude eines Smereienhndlers vorbei und hielt ein
wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Dte zu kaufen - wozu ihm ein Beet
fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden -, sondern
um den Samen von franzsischen Radiesen, Maienrben, bunten Feuerbohnen,
Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und
auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub' ich) einen Vorfrhling zu
schnupfen. In der Tat geht unter allen Sinnen-Wegen keiner so offen und kurz in
das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhhlen.
    Darauf holte er sich beim Bcherverleiher vieles, was er von guten Werken
ber Schmetterlinge, Blumen- und Feldbau erwischen konnte - und las aufmerksam
in den Werken, um sich die Lenz-Sachen vorzustellen, die darin auftraten. Blo
das konomische, Botanische und Naturhistorische berhpfte er ohne besondern
Verstand und Eindruck, weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte.
    Als der Bruder fort war, stand gerade die Abendrte am Himmel und auf dem
Schneegebrg, dieses Vorstck Aurorens, dieser ewige Widerschein des Frhlings.
    ber das Haus herber war schon das Mondsviertel gerckt und konnte, nicht
weit von der Rte, zugleich mit ihr in sein Stbchen kleine Farben und Strahlen
werfen. Wenn nicht der Winter nur eine lngere Polar-Morgenrte des Frhlings
fr die Menschen ist, sagt' er, indem er aufstand, so wei ich in der Tat
nicht was sonst. Der ganze Nachmittag war voll Frhling gewesen - und jetzt in
der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem uern Bltenhain
in seinen innern herber. Er nahm einen Judenjungen, der im nchsten Wirtshaus
schlug, fr eine wahre Nachtigall. Ein unmerklicher Irrtum, da die Philomele,
die uns singt, eigentlich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust!
Schnell, wie von einem Zauberer, wurden die steilen Felsenwnde seiner Lage
umher mit Efeu und mit Blmchen berzogen. Der Mond kam heller herein, und Walt
stand und ging mitten in seinem leisen Glanze trumend betend, es war ihm, als
hben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen
Gegenstand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festtapeten zu verhllen, damit der
Himmel nur Himmlisches auch auf der Erde berhre. So war es gerade einst, sang
er mehrmals, auf jenen Abend deutend, wo er neben Winas Zimmer mondstill auf und
ab ging. Ja er improvisierte singend den Polymeter:

Liebst du mich? fragte der Jngling die Geliebte jeden Morgen; aber sie sah
errtet nieder und schwieg. Sie wurde bleicher, und er fragte wieder, aber sie
wurde rot und schwieg. Einst, als sie im Sterben war, kam er wieder und fragte,
aber nur aus Schmerz: Liebst du mich nicht? - und sie sagte ja und starb.

Er versang sich immer tiefer in sein Herz - Zeit und Welt verschwand - er
spielte wie eine sterbende Ephemere s in den hellern Strahlen des Mondes und
unter Mondsstubchen -: da kam Vult heiter zurck und brachte die Nachricht,
Wina sei angekommen, deckte aber sogleich deren Wert fr ihn selber durch eine
zweite lustige zu (und lachte stark): da er nmlich, sagt' er, im Vorbeigehen
zu seinem Schuster gegangen, um ihn zu fragen, ob er denn seit 14 Tagen keinen
15ten gefunden, um die Rehabilitierung, Palingenesie, Petersensche
Wiederbringung seiner Stiefel (so drcke mancher leider ihr Besohlen aus) zu
vollenden; er habe ihn aber nicht eher als auf dem Rckwege gefunden, wo er
auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen; - bis er nach
langem Predigen gesehen, da der Mann die Stiefel, welche der Butext der
Kasualrede waren, an den Beinen bei sich habe und herumtrage, um sie erst noch
etwas abzutreten, bevor er sie flicke. War dieser Spa, der noch dazu voll
Anspielungen steckt, nicht soviel wert als das beste Paar Stiefel selber? -
Ist er denn so sonderlich? sagte Walt. - Warum, fragte Vult bestrzt,
siehst du so sonderbar aus? Warest du traurig? - Ich war selig, und jetzt bin
ichs noch mehr, versetzte Walt, ohne sich weiter zu erklren. Die hchste
Entzckung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille
Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber innen voll berirdischer Trume.

                               Nr. 58. Giftkuttel


                                  Erinnerungen

Der Notarius erwartete am Morgen nichts Geringeres und Gewisseres als einen
Bedienten auer Atem, der ihn eilig vor das Schreibepult des Generals bestellte.
Nichts kam. Der Mittelmann glaubt, die Obermnner stehen darum auf den hhern
Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu berschauen; indes er
selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern
seines Vorsteigers heftet: und so alle auf und ab. Die mittleren Stnde haben
den hhern keine andere Vergelichkeit schuld zu geben als die, welche die
niedern wieder ihnen vorwerfen.
    Die Dmmerung konnte Vult kaum erwarten, um ein Dmmerungsfalter zu werden
und auszuflattern; Walt zhlte ebenso stark darauf, um ein Dmmerungs-, ein
Nacht- und ein Tagfalter zugleich zu sein, aber nur geistig und nur daheim.
    Himmel! er wurd' es so sehr! Denn als Vult ganz spt und nicht in bester
Laune nach Hause kam, fand er Walten hingegen darin, nmlich in bester - feurig
schreitend - fast verjngt, ja verkindlicht - so da er ihn fragte: Du hast,
ich schwre, heute Gesellschaft gehabt oder gesehen, und zwar die angenehmste,
nur wei ich nicht welche. (Er meinte heimlich Raphaela.) Oder hat der Magister
Dyk gut geschrieben?
    Ich erinnerte mich, versetzte Walt, den ganzen Abend fort, und zwar der
Kindheit; denn sonst hatt' ich noch nichts. - Lehre mich diese
Gedchtniskunst, sagte Vult. - Das Schulmeisterlein Wutz von J. P. macht' es
wie ich, so wunderbar errt ein Dichter das Geheimste. Ich mchte wohl tagelang
ber die kleinen Frhlingsblmchen der ersten Lebenszeit reden und hren. Im
Alter, wo man ohnehin ein zweites Kind ist, drfte man sich gewi erlauben, ein
erstes zu sein und lange zurckzuschauen ins Lebens-Frhrot hinein. Dir
offenbar' ichs gern, da ich mir hhere Wesen, z.B. Engel, ordentlich weniger
selig aus Mangel an Kindheit denken kann, wiewohl Gott vielleicht keinem Wesen
irgendeine Kindheits-oder Vergimeinnichts- Zeit mag abgeschlagen haben, da
sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt. Besteht denn nicht das gute
Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung, Bruder, und die Frhregen der Trnen
fliegen darber nur flchtig hin?
    Frh-Regen und alter Weiber Tnze und so weiter - nmlich junge Not und
alte Lust und so weiter. Fall' ich noch in den Zeitpunkt deiner versus
memoriales? sagte Vult.
    Wahrlich, stets hob ich in Leipzig und hier nur Tage dazu heraus, wo du
noch nicht mit dem Musikus entlaufen warst.
    So erinnere dich deines heutigen Erinnerns wieder vor mir, bat Vult; -
ich stehe dir mit neuen Zgen bei.
    Ein neuer Zug aus der Kindheit ist ein goldnes Geschenk, sagte Walt - nur
wirst du manches zu kindisch finden. (Kindisch blo, sagte Vult.) Ich nahm heute
zwei Tage, nahe am krzesten und lngsten.
    Der erste Tag fiel in die Adventszeit. Schon dieser Name und der andere
Adventsvogel umfliegt mich wie ein Lftchen. Im Winter ist ein Dorf schn, man
kann es mehr berschauen, weil man mehr darin beisammen bleibt. Nimm nur den
Montag. Schon den ganzen Sonntag freuete ich mich auf die Schule am Montag.
Jedes Kind mute um 7 Uhr bei Sternenschein mit seinem Lichtchen kommen; ich und
du hatten schn bemalte von Wachs. Vielleicht mit zu groem Stolze trug ich
einen Quartband, einige Oktavbnde und ein Sedez-Werkchen unter dem Arm.
    Ich wei߫, sagte Vult, du holtest der Mutter noch Semmel aus dem
Wirtshause, als du schon den Markus und seinen Ochsen griechisch exponiertest.
    Dann fing die schne Welt des Singens und Lehrens in der sen
Schulstubenwrme an. Wir groen Schler waren hoch ber die kleinen erhoben;
dafr hatten die Abc-Zwerge das Recht - und es war ihnen zu gnnen -, da sie
den Kandidaten laut anreden und ohne Anstand ein wenig aufstehen und herumgehen
durften.
    Wenn er nun entweder die Spezialkarte aufhing und wir am meisten froh waren,
da Halau und Elterlein und die umliegenden Dorfschaften daraufstanden - oder
wenn er von den Sternen sprach und sie bevlkerte und ich voraussah, da ich
abends den Eltern und Knechten dasselbe erweisen wrde - oder wenn er uns laut
vorlesen hie: -
    Du weit, fiel Vult ein, da ich dann das Wort Sakrament, er mochte
sagen, was er wollte, immer mit einem Akzent herlas, als ob ich fluchte,
desgleichen Donnerwetter. Auch war ich der einzige, der ins laute
gemeinschaftliche Abbeten eine Art 3/8 Takt zu bringen versuchte.
    Ich htte dem arbeitsamen Manne so gern Entzckungen gegeben, wenn ich sie
gehabt htte. Ich betete oft ein leises Vaterunser, damit Gott ihn einen Finken,
wenn er hinter seinem Kloben lauerte, darauf fangen liee; und du wirst dich
erinnern, da ich stets die Schlachtschssel mit Fleisch (du aber nur den
Suppentopf) zu ihm trug. Wie ich mich auf das nchste Wiedersehen in der Schule
freuete!
    Wer mich hart gegen den Schulmeister findet, sagte Vult, dem halt' ich
blo vor, da mir der Schulmann einmal eine angerauchte Pfeife abpfndete und
sie in derselben Schulstube ffentlich vor meiner Nase gar ausrauchte. Heit
dies exemplarischer Lebenswandel von Schulmeistern? Oder etwa dies, da sie
Fischchen-Fangen und Vgel-Stellen uns Scholaren sprichwrtlich verbieten, wie
Frsten die Wagspiele, sich aber selber erlauben? Darber mcht ich einmal
Mnner in ffentlichen Blttern hren. -
    O die liebe erste Schulzeit! Mir war alles erwnscht, was gelehrt und
geboten wurde, die kleinste Wissenschaft war ja ganz voll Neuigkeiten, indes ihr
jetzt in Messen nur einige nachwachsen. Kam nun vollends der Pfarrer mit den
groen Augenbraunen im Priesterornat und verdunkelte doch den Kandidaten, wie
ein Kaiser oder Papst einen Landesregenten, den er besucht: wie s-schauerlich!
Wie gro fiel jeder Laut seiner Bastimme! Wie wollte man das Hchste werden!
Wie wurde jedes Wort unsers Schomakers dreifach besiegelt durch seines!
    Ich glaube, man ist schon darum in der Kindheit glcklicher als im Alter,
weil es in ihr leichter wird, einen groen Mann zu finden und zu whnen; ein
geglaubter groer Mensch ist doch der einzige Vorschmack des Himmels.
    Insofern, sagte Vult, mcht' ich ein Kind sein, blo um zu bewundern,
weil man damit sich so gut kitzelt als andere. Ja ich mchte als ein Ftus mit
Spinnenarmen an die Welt treten, um die Wehmutter als eine Juno Ludovisi
anzustaunen. Ein Floh findet leicht seinen Elefanten; ist man hingegen lter, so
bewundert man am Ende keinen Hund mehr. Doch mu ich dir bekennen, da ich schon
damals unserem knurrenden Pfarrer Gelbkppel aus seiner Kragen-Glorie einige
Strahlen ausrupfte. Ich hatte, wie gewhnlich, ein Buch unter die Schultafel in
der Absicht fallen lassen, hinunterzukriechen und drunten die Fruchtschnur von
Hngfen am Bank-Galgen lcherlich zu finden: als ich auch Gelbkppels
Wochen-Stiefel auf dem Boden antraf und durch den aufklaffenden Priesterrock die
Hosen, die er bei dem Grummet-Aufladen angehabt, zu Gesicht bekam - weg war
seine ganze oben darauf gepelzte Wrde - Der Mensch, wenigstens der Apostel, sei
aus einem Stck gekleidet, er sei kein halber Aposteltag, Walt!
    Vult, bist du dergleichen nicht fast in mancher Bemerkung? Nun kam 11 Uhr
heran, wo wir beide auf den Turm zum Luten und Uhr-Aufziehen gehen durften. Ich
wei noch gut, wie du dich oben auf dem Glockenstuhl an das Seil der
ausschwankenden Glocke hingst, um geschwungen zu werden, obgleich viele dir
sagten, sie werfe dich durch das Schalloch. Ich htte selber hindurchfliegen
mgen, wenn ich so hinaussah ber das ganze kreuzweis gebahnte Dorf voll
lrmender Dreschtennen und an die dunkle Bergstrae nach der Stadt und ber den
weiten Schnee- Glanz auf allen Hgeln und Wiesen und dabei den blauen Himmel
darber her! Doch damals war der Erde der Himmel nicht sehr ntig. - Hinter mir
hatt' ich die ernsthafte Glocke mit ihrer eiskalten Zunge und mit ihrem Hammer,
und ich dachte mir es schauerlich, wie sie einsam in der frostigen Mitternacht
zu mir ins tiefe Haus und warme Bette hinab reden werde. Ihr Summen und
Aussummen in dieser Nhe umflo den Geist mit einem strmenden Meere, und alle
drei Zeiten des Lebens schienen darin untereinander zu wogen.
    Bei Gott! Hier hast du recht, Walt. Nie hr' ich dieses Tonbrausen ohne
Schauder und ohne den Gedanken, da der Mller erwacht, sobald die rauschende
Mhle stillsteht, unser Leib mit seiner Holz- und Wasserwelt; indes ergtzt die
Betrachtung schlecht fr den Augenblick.
    Nimm nicht dein ernstes Herz so wieder zurck, Bruder! Sollt' ich dein
Gleichnis wieder mit einem beantworten, so wrd' ich sagen, diese Stille sei die
auf dem Gipfel des Gotthardsberges Alles ist dort stumm, kein Vogel und kein
Lftchen zu hren, jener findet keinen Zweig, dieses kein Blatt; aber eine
gewaltige Welt liegt unter dir, und der unendliche Himmel mit allen brigen
Welten umfngt dich rings. - Willst du jetzt weitergehen in unserer Kindheit
oder lieber morgen?
    
    Jetzt, besonders jetzt. Der Kindheit werf' ich nichts vor als zuweilen -
Eltern. Wir stiegen also beide die langen Turmtreppen herunter -
    - und im elterlichen Hause wurden wir durch die reinlichgeordnete
Mittags-Welt erfreuet an der Stelle der trben Morgenstube; berall Sonnenschein
und Aufordnung. Da aber der Vater in der Stadt war und also das Mittagbrot
schlechter und spter: so lie ich mir es bis nach der Schule aufheben, weil ich
nicht zu spt in diese kommen wollte, und weil mir jetzt aus der Ferne durchs
Fenster schon Kameraden und Lehrer wieder neu erschienen.
    In der Schulstube grte man die unvernderten Bnke als neu, weil man
selber verndert ist. Ein Schul-Nachmittag ist, glaub' ich, huslicher, auch
wegen der Aussicht, abends zu Hause und noch huslicher zu bleiben. Ich freute
mich auf das ungewhnliche Allein-Essen und auf den Vater mit seinen Sachen aus
der Stadt. Ein ganzer Wolkenhimmel von Schneeflocken wirbelte herunter, und wir
Schler sahen es gern, da wir kaum mehr die kleine Bibel lesen konnten in der
ohnehin dunkeln traulichen Schulstube.
    Drauen nun sprang jeder in neu-gefallnen Schnee sehr lustig mit den lange
migen Gliedmaen. Du warfst deine Bcher ins Haus und bliebst weg bis zum
Gebetluten; denn die Mutter erlaubte dir das Austoben am meisten in Absein des
Vaters. Ich folgte dir selten. Der Himmel wei, warum ich stets kindischer,
ausgelassener, hpfender, unbeholfen-eckiger war als du - ich machte meine
Kinds- oder Narrenstreiche allein, du machtest deine als Befehlshaber fremder
mit.
    Ich war zum Geschftsmann geboren, Walt!
    Aber in der Vesper las ich lieber. Ich hatte erstlich meinen Orbis pictus,
der, wie eine Iliade, das Menschen-Treiben auseinanderbltterte. Ich hatte auf
dem Gesimse auch viele Beschreibungen, teils vom Nordpol, teils von alter
Norden-Zeit, z.B. die frhesten Kriege der Skandinavier usw., und je
grimmig-klter ich alles in den geographischen Bchern fand oder je wilder in
den historischen: deso huslicher und bequemer wurde mir. Noch kommt mir die
altnordische Geschichte wie meine Kindheit vor, aber die griechische, indische,
rmische mehr wie eine Zukunft.
    In der Dmmerung verflatterte das Schneegestber, und aus dem reinen Himmel
blitzte der Mond durch das Blumengebsch der gefrierenden Fenster - Hell klang
drauen in der strengen Luft das Abendluten unter den aufgebumten Rauchsulen
- Unsere Leute kamen hnde-reibend aus dem Garten, wo sie die Bume und
Bienenstcke in Stroh eingebauet hatten - Die Hhner wurden in die Stube
getrieben, weil sie im Rauche mehr Eier legen - Das Licht wurde gespart, weil
man ngstlich auf den Vater harrete - Ich und du standen auf den Hand- und
Fuhaben der Wiege unserer sel. Schwester, und unter dem heftigsten Schaukeln
hrten wir dem Wiegenlied von grnen Wldern zu, und der kleinen Seele taten
sich tauschimmernde Rume auf - Endlich schritt der geplagte Mann ber den Steg,
bereift und beladen, und eh' er noch den Quersack abgehoben, stand sein dickes
Licht auf dem Tisch, kein dnnes. Welche herrliche Nachrichten, Gelder und
Sachen bracht' er mit und seine eigne Freude!
    Wer bezweifelt seine Entzckung weniger als ich, den er darin allemal
ausprgelte, blo weil ich auch mit entzckt sein wollte und dadurch, springend
und tanzend, den Lrm erregte, den er in stiller Lust am meisten verfluchte; so
wie ein Hund sich nie mehr kratzen mu, als wenn er freudig an seinem Herrn
aufspringt.
    Scherze nicht! Und bedenke, was er uns mitbrachte; ich wei es aber nicht
mehr - mir einen fr mein Geld gekauften Bogen Konzeptpapier, wovon ich damals
nicht denken konnte, da so etwas Breites, Nettes nicht mehr koste als zwei
Pfennige. - Fr die Schwester ein Abc-Buch mit Gold-Buchstaben schon auf der
uern Deckel-Schale und mit frischen saubern Tier-Bildern im Vergleich gegen
unsre abgegriffenen alten.
    Schiepulver als Digestivpulver fr das Schwein, wovon die wenigen
Krnchen, die ich zusammenkehrte, mir bessere Feuerwerke auf einen Span
bescherten als irgendeinem Knig ein dreiigjhriger Krieg.
    Das Beste war wohl der neue Kalender. Es war mir, als hielt' ich die
Zukunft in der Hand, wie einen Baum voll Fruchtlage. Mit Lust berlas ich die
Namen: Ltare, Palmarum, Jubilate, Kantate, wobei mir mein wenig Latein gute
Dienste tat. Die Epiphanias waren mir verdrlich, besonders zu viele; hingegen
je mehrere Trinitatis-Sonntage fielen, desto lnger grne, dacht' ich, die
freudenreiche Zeit. Lcherlich kommt es mir vor, da, eben da ich hinten im
Kalender die Halauer Postberichte las, die kaiserliche reitende Post im Dorfe
ins Horn stie und ich den guten Menschen bewunderte und bedauerte, der nun,
laut dem Berichte, mitten im Winter allein nach ganz Pommern, Preuen, Polen und
Ruland ritt; ein Irrtum, den ich erst in Leipzig fahren lie. Wenn nun darauf
der Kandidat Schomaker zum Essen kam und wir vom Vater manche Historien mit
Vergngen zum zehntenmal hrten - wenn du nach dem Essen auf einer Span-Geige
aus gewichstem Zwirnfaden kratztest - und ich einen glimmenden Schleien-Span zu
einem Feuerrad umschwang - und ich und du und der lange Knecht, der mir damals,
wie den Kindern vielleicht alle gewohnte Gesichter, schn vorkam, spielten und
sangen: Ringe, ringe Reihe, 's sind der Kinder dreie, Sitzen auf dem
Holderbusch, Schreien alle Musch, Musch, Musch! Setzt euch nieder! Es sitzt 'ne
Frau im Ringelein, Mit sieben kleinen Kindern. Was essens gern? Fischelein. Was
trinkens gern? Roten Wein. Setzt euch nieder! - Innig erfreuet las ich neulich
in Grters Bragur das einfltige Kinderding. - Ich mu aber meinen Satz ganz
anders angefangen haben.
    Nunmehr ist er geschlossen. Das Leben fngt, wie das griechische Drama, mit
Possen an. Beginn, eh' du erwachst, deinen versprochenen Sommertag.
    Ich knnte ihn wohl von der Fanacht anheben, wo der neuerstandene Frhling
lauter Sonnenstrahlen in die Schulstube voll kleiner geputzter Tnzer streuet,
so da es in den Seelen frher blhte als in den Grten. Schon der alte simple
Vers: Zur Lichtme essen die Herrn am Tag, zur Fanacht tuns die Bauern auch
nach zog Abendrte und Bltenschatten um den Abendtisch. Gott, wie wehen noch
die Namen Marientage, Salatzeit, Kirschenblte, Rosenblte die Brust voll
Zauberduft! - So denk' ich mir auch die Jugend meines Vaters blo als einen
ununterbrochenen Sommer, besonders in der Fremde; so wie ich meinen Grovater
und berhaupt die zurckliegende Zeit vor meiner Geburt immer jung und blhend
sehe. Da gabs schne Menschentage, sagt man sich. Wie frisch und hell springend,
gleich Frhlingsbchen, kommen mir die alten Universitten, Bologna und Padua,
vor mit ihren ungemessenen Freiheiten, und ich wnschte mich oft in diese
hinein!
    Macht' ich weniger aus dir, so mt' ich bei deinem Wunsche denken, es wre
damals, auer Hauspump, Buxen, Landesvater, auch gassatim Rumoren und Degen
wetzen deine Sache gewesen; aber ich wei gut, du wolltest zu allem nur ruhig
sitzen und zusehen als Rector magnificus. - Allein gib nun deinen heutigen
Sommertag!
    Es war das hl. Dreifaltigkeitsfest, und zwar das jener Woche, worin du auf
und davon gingest. Nur vorher lasse mich noch bemerken, da mir deine erwhnten
Studenten-Wrter teils neu klingen, teils roh. An diesem hl. Feste nun, das mit
Recht in die schnste Jahreszeit fllt, gingen, wenn du es nicht vergessen,
unsere Eltern immer zum hl. Abendmahl. Gerade an jenem Sonnabend - wie denn
berhaupt an jedem Beichtsonnabend - bezeigten die lieben Eltern sich noch
gtiger und gesprchiger gegen uns Kinder als sonst; Gott aber schenke ihnen in
dieser Stunde die Freude, die mir jetzt in ihrem Angedenken das Herz durchwallt!
Die Mutter lie vieles im Stall durch Leute besorgen und betete aus dem
schwarzen Kommunion-Bchlein. Ich stand hinter ihr und betete unbewut mit
herunter, blo weil ich das Blatt umkehrte, wenn sie es herab hatte. Die
Bauernstube war so rein und schmuck aufgerumt fr den Sonntag - wie am hl.
Christabend war es am Beichtabend - aber schner und hher - dazu hing nun der
reich-schwere Frhling herein, und der Bltengeruch zog durch das ganze Haus und
jeden Dachziegel - Frhling und Frmmigkeit gehren gewi recht fr einander -
Ich sah nachher, als der Nachtwchter antrat, noch ein wenig aus dem
Dachfenster, voll Dfte und Sterne war der Himmel ber dem Dorfe - die Generalin
ging so spt noch mit ihrem Kinde an der Hand auf dem Schlowall spazieren, und
das ganze Dorf wute, da sie morgen kommunizierte und ich und du die
Kommunikantentchlein dabei hielten - Wahrlich, ob ich gleich schon Lateinisch
sprechen konnte, die weigekleidete Generalin kam mir als die Mutter Gottes vor,
und das Kind als ihr Kind.
    Hat denn die Generalin einen Sohn?
    Walt sagte verlegen: Ich stellte mir nmlich ihre damalige Tochter so vor
in der Ferne. Ich mchte jetzt noch vor Freude ber die Wundernacht weinen, wenn
du nicht lachtest....
    So weine zum Henker! Wer lacht denn, Satan, wenn einmal ein Mensch die
Aufrichtigkeit in Person ist?
    Es erschien denn das hl. Trinitatis-Fest mit einem blauen Morgen voll
Lerchen und Birkendfte; und als ich aus dem Bodenfenster diese Blue ber das
ganze Dorf ausgespannt erblickte, wurde mir nicht, wie sonst an schnen Tagen,
beklommen, sondern fast wie jauchzend. Unten fand ich die Mutter, die sonst nur
in die Nachmittagskirche ging, schon angeputzt, und den Vater im
Gottestischrock, wodurch sie mir, zumal da sie unser Sonntags-Warmbier nicht
mittranken, sehr ehrwrdig erschienen. Den Vater liebt' ich ohnehin am Sonntag
strker, weil er blo da rasiert war. Ich und du folgten ihnen in die Kirche;
und ich wei, wie darin die Heiligkeit meiner Eltern gleichsam in mich
herberzog unter der ganzen Predigt; eine fremde wird in einem blutsverwandten
Herzen fast eine grere.
    Mein Fall war es weniger. Ich lebte nie lustiger als an ihren
Kommuniontagen, weil ich wute, da sie es fr Snde hielten, mich frher als
nach Sonnenuntergang auszuwichsen - und weil sie nach dem Abendmahl auch das
Mittagsmahl bei dem Pfarrer nahmen und wir folglich das Schachbrett zum
Rsselsprung frei hatten. Steht es noch vor deiner Seele, malt es sich noch
glhend, frbt es sich noch brennend, da ich an demselben Sonntage mit einem
Taschenspiegel vom Chore herab den Sonnenglanz wie einen Paradiesvogel durch die
ganze Kirche und sogar um die zugedrckten Augen des Pfarrers schieen lie,
indes ich selber ruhig mit nachsah und nachsprte? Und gedenkst du noch - denn
nun entsinn' ich mich alles -, da mich darber der satanische Kandidat
erwischte und der Vater nach der Kirche mich nach der peinlichen
Halsgerichts-Ordnung von Karl, die (im Artikel 113) Gefangenschaft mit
Besen-Streichen leicht vertauschen lsset, aus Andacht blo einkerkerte,
anstatt, was mir lieber gewesen, mich halbtot zu schlagen?
    Du hieltest aber dennoch in der Kirche das rechte Altartchlein bei der
Oblate unter den Kommunikanten auf und ich das linke beim Kelch. Es soll nie von
mir vergessen werden, wie demtig und rhrend mir unser blasser Vater auf seinen
Knien an der scharlachenen Altarstufe vorkam, indes der Pfarrer ihm sehr
schreiend den goldnen Kelch vorhielt. Ach wie wnscht' ich, da er stark trnke
vom hl. Weine und Blut. Und dann die tief geneigte Mutter! Wie war ich ihr unter
dem Trinken so rein-gut! Die Kindheit kennt nur unschuldige weie Rosen der
Liebe, spter blhen sie rter und voll Schamrte. Vorher aber trat die
majesttische lange Generalin in ihrem schwarzen und doch glnzenden
Seidengewand an die Altarstufe, sich und die langen Augenwimpern senkend wie vor
einem Gott, und die ganze Kirche klang mit ihren Tnen drein in die andchtige
Gegenwart dieser idealen Herzogin fr uns alle im Dorf.
    Die Tochter soll ihr so hnlich sehen, Walt?
    Die Mutter wenigstens ist ihr sehr hnlich. Darauf zog man denn aus der
Kirche, jeder mit emporgehobnem Herzen - die Orgel spielte in sehr hohen Tnen,
die mich als Kind stets in helle fremde Himmel hoben - und drauen hatte sich
der blaue ther ordentlich tief ins Sonntagsdorf hineingelagert, und vom Turme
wurde Jauchzen in den Tag herabgeblasen - Jeder Kirchgnger trug die Hoffnung
eines langen Freudentags auf dem Gesichte heim - Die sich wiegende lackierte
Kutsche der Generalin rasselte durch uns alle durch, nette, reiche Bedienten
sprangen herab - - berhaupt, wre nur nachher nicht die Sache mit dir gewesen -
-
    Zu oft kue sie nicht wieder!
    Also ging der Vater im Gottestischrock ins Pfarrhaus und hinter ihm die
Mutter. Und als ich, da sie abgegessen hatten, die Klingeltre des Pfarrhofs
ffnete und schon die Truthhner desselben mit Achtung sah; -
    Du brauchst mirs nicht zu verdecken, da du mich drben aus meiner
verfluchten Karzerkammer losbitten wolltest, weil ich zu sehr schrie und Fenster
und Kopf einzustoen schwur.
    Die Bitte half wenig beim Vater; vielleicht weil der Pfarrer sagte, du
httest ihn zu sehr beleidigt und geblendet. Ich verga leider bald dich und die
Bitte ber dem herrlichen sen Wein, den ich trank. Auf dem Lande hat man zu
wenig Erfahrung der vornehmern Welt und bewundert ein Glas Wein. Der Pfarrer
lie mich Entzckten durch ein Prisma schauen und gleichsam jedes einzelne Stck
Welt mit einer Aurora und Iris umziehen. Ich bildete mir oft ein, ich knnte
wohl, da ich so viel Gefhl fr Malerei, sogar fr Farben an Schachteln,
Zwickeln, Ziegelsteinen zeigte, fast mehr zum Maler taugen, als ich dchte. Da
ich meinen Vater tief unten an der Tafel sitzen sah, dacht' ich mir das
Vergngen, ihn einst sehr auszuzeichnen, falls ich etwas wrde.
    Es ist auffallend, wie oft auch ich schon seit Jahren geschworen, mich
meiner Herkunft zu entsinnen, wenn ich im Publikum bedeutend in die Hhe und
Dicke wchse, und mich weder deiner noch der Eltern zu schmen. Man kann fast
nicht frh genug anfangen, sich bescheiden zu gewhnen, weil man nicht wei, wie
unendlich viel man noch wird am Ende. - Liebe fr Farben, wovon du sprachst, ist
darum noch keine fr Zeichnung; inzwischen kannst du immer, wenn die eine Art
Maler sich von fremder Hand die Landschaften, die andere sich die Menschen darin
malen lie, beide Arten in dir vereinen. Vergib den Spa!
    Recht gern! Wir zogen als vornehme Gste durchs Dorf nach Hause, wo der
Vater die Scharlachweste anlegte und mit mir und der Mutter spazieren ging, um
abends gegen 6 Uhr im Gartenhuschen zu essen. Nun glaub' ich nicht, da an
einem solchen Abende, wo alle Welt im Freien und angeputzt und freudig ist und
die Generalin und andere Vornehme mit rotseidnen Sonnenschirmen spazierengehen,
irgendein Herz, wenn es zumal in einem Bruder schlgt, es ertragen kann, da du
allein im Kerker hausest.
    Sakerment! sagte Vult.
    Sondern es war natrlich, da ich und der Knecht dir eine Dachleiter ans
Fenster setzten, damit du herunter knntest ins Dorf zur Lust. - Nein, kein
Spaziergang mit Menschen ist so schn als der eines Kindes mit den Eltern. Wir
gingen durch hohe grne Kornfelder, worin ich die Schwester hinter mir
nachfhrte in der engen Wasserfurche. Alle Wiesen brannten im gelben
Frhlingsfeuer. Am Flusse lasen wir ausgesplte Muscheln wegen ihres
Schillerglanzes auf. Das Flholz scho in Herden hinab in ferne Stdte und
Stuben, und ich htte mich gern auf ein Scheit gestellt und wre mitgeschifft!
Viele Schafherden waren schon nackt geschoren und legten sich mir nher ans
Herz, gleichsam ohne die Scheidewand der Wolle. Die Sonne zog Wasser in langen
wolkigen Strahlen, aber mir kam es vor, als sei die Erde mit Glanzbndern an die
Sonne gehangen und wiege sich an ihr. Eine Wolke, die mehr Glanz als Wasser
hatte, regnete blo neben, nicht auf uns; ich begriff aber damals gar nicht, als
ich die Grenzen der nassen und der trocknen Blumen sah, wie ein Regen nicht
allezeit ber die ganze Erde falle. Die Bume neigten sich gegeneinander, als
die Wolke tropfend Darber wegwehte, wie die Menschen am Abendmahls-Altar. Wir
gingen ins Gartenhaus, das innen und auen nur wei ist; aber warum glnzet
dieser kleine Name ber alle stolz gedeckte Prachtgebude herber und blinkt in
seinem Abendrot sehr gegen fremdes Morgenrot? Alle Fenster und Tren waren
aufgemacht - Sonne und Mond sahen zugleich hinein - die rotweien pfelknospen
wurden von ihren starren struppigen sten hineingehalten und zuweilen eine
schneeweie pfelblte mit (o Vult, ich gebe den Apfel fr die pfelblte gern)
- Die Bienen gaben dem Vater Zeichen eines nahen Schwrmens - Ich fing mir in
eine Schachtel Goldkfer, fr welche ich den Zucker lngst aufgesparet hatte -
Noch glnzt mir das Gold und der Smaragd dieser Paradiesvgelchen hienieden, in
Deutschland meint' ich - Auch zog ich mir im Garten Schlinge aus, um sie
daheim anzupflanzen zu einem Lustwldchen unter meinem Knie. Die Vgel schlugen
wie bestellt in unserem Grtchen, das nur fnf Apfelbume und zwei Kirschbume
hatte und mehrere Pflaumenbume samt guten Johannisbeer-und Haselstauden. Zwei
Finken schlugen, und der Vater sagte, der eine singe den scharfen Weingesang und
der andere den Brutigam. Aber ich zog - und noch jetzt - meinen guten Embritz
vor-
    Deutlicher in der ornithologischen Sprache Emmerling, Goldammer, Grning,
Gelbling, Geelgerst, Emberiza citrinella L.
    - welcher, wie die Eltern sagten, sang: wenn ich eine Sichel htt', wollt'
ich mit schnied. - Was ist denn das Dunkle im Menschen-Innern, da ich wirklich
den einfachen Embritz, wenn ich durch Wiesen gehe und ihn an belaubten Abhngen
hre, leider ber die gttliche Nachtigall, die freilich wenig rein durchfhrt,
sondern heftig springt, zu setzen suche? - Flo aber nicht nachher die Abendrte
in den ganzen Garten hinein und frbte alle Zweige? Kam sie mir nicht wie ein
goldner Sonnentempel mit vielen Trmen und Pfeilern vor? Und gingen nicht auf
den Wolkenbergen die Sternchen wie Maienblmchen auf? - und die breite Erde war
ein Webstuhl rosenroter Trume? Und als wir spt nach Hause wandelten, hingen
nicht in den finstern Bschen goldne Tautropfen, die lieben Johannis-Wrmchen?
Und fanden wir nicht im Dorfe ein ganz besonderes Fest-Leben, sogar die kleinen
Viehhirten endlich im Sonntagsputz, und dem Wirtshause fehlte nichts als Musik,
und auf dem Schlosse wurde gesungen?
    Und nahm mich nicht, fuhr Vult fort, der gute Vater, als er mich in
dieser Freude als Teilhaber fand, leise bei den Haaren mit nach Hause und
prgelte mich so verflucht? - O da doch der Teufel alle Erziehungen holte, so
wie er selber keine erhalten! Wer nimmt mir jetzt die Fest-Prgel ab und den
Karzer? Du kannst dich leicht herstellen und entsinnen und vergngt auer dir
sein und die Repetieruhr der Erinnerung aus der Tasche ziehen. Aber Hlle, was
hab' ich denn schmelzend mich zu erinnern als an die lausige Aurora eines
aufgehenden Schwanzsterns? O wie glcklich, glcklich knnte man ein Kind
machen! Dies probiere aber einmal einer bei einem greisen Schelm von 40 Jahren!
Ein einziger Kindertag hat mehr Abwechsel als ein ganzes Manns- Jahr. Sieh an,
wie er mich, wenn das khne Bild zu gebrauchen ist, aus einem zarten, weien
Kindesgesicht so zu einem braunen Kopfe geraucht und erhitzt hat wie einen
Pfeifenkopf! - Wrme mich nicht mehr wieder so auf! - Was seh' ich denn von
Elysien und elysischen ckern um mich her als ein paar Sessel? - unsern Bett-
und Stuben-Schirm? - nichts zu trinken? - dich guten Millionr blo voll innerer
Gedchtnismnzen? - und einen hlzernen Sitz der Seligen? - O ich mchte... He,
herein nur! Vielleicht bringt uns doch, Walt, ein Himmelsbrger ein oder ein
paar Himmelspforten und Empyreen.
    Es schritt die gelbe Postmontur ein mit dem Hoppelpoppel oder das Herz unter
dem Arm, das der Magister Dyk mit den Worten zurckschickte, er verlege zwar
gern Rabenersche und Wezelsche Plsanterien, aber nie solche. Nu, ist das kein
Sonnenblick aus unserm Freudenhimmel? fragte Vult. Ach, sagte Walt, ich
glaube, ich war eben vorhin und bisher zu glcklich; darauf kommt immer ein
wenig Betrbnis - Es ist doch gut, da das Werk nicht auf der Post hin und her
verloren gegangen. - O du weiches - Holz! fuhr jener auf. Aber nicht du
sollst es ausbaden, sondern der Magister. Ich will ihn waschen mit Seewasser,
obs gleich nicht wei macht.
    Er setzte sich auf der Stelle nieder und schrieb im Grimm einen
unfrankierten Brief an den Magister, worin die Hflichkeit des Briefstils so gut
als ganz hintangesetzt war.

                             Nr. 59. Notenschnecke


                                Korrektur - Wina

Am Morgen kam wieder ein Manuskript, aber ein fremdes abgedrucktes; der Setzer
der Pavogelschen Buchhandlung - fr Walt war ein Setzer viel - hndigte den
ersten Korrekturbogen ein, damit der Universalerbe der Kabelschen
Verlassenschaft daran seinen Testamentsartikel erflle. Das Werk, dessen Titel
war: Das gelehrte Halau, alphabetisch geordnet von Schie߫, - nun in aller
Hnden - war sehr gut in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern geschrieben,
nur aber ganz schlecht oder unleserlich, und enthielt jeden Halauer, der mehr
als eine Seite, nmlich zwei, d.h. ein Blatt, fr Strae und Welt gemacht, samt
einem kurzen Nachtrag von den Lands-Gelehrten, die schon als Kinder verstorben.
Wenn man zhlt, welche Menge von Autoren Fikenscher aus seinem gelehrten
Bayreuth blo dadurch hinaussperrt, da er keinen aufnimmt, der nicht mehr als
einen Bogen geschrieben - sogar zwei reichen nach der Vorrede nicht hin, wenns
blo Gedichte sind -, und welche noch grere Meusel aus seinem gelehrten
Deutschland verstt, dadurch da er nicht einmal Leute einlt, die nur ein
Bchlein geschrieben, nicht aber zwei: so sollte wohl jeder wnschen, in Halau
geboren zu sein, blo um in das gedruckte gelehrte zu kommen, da Schie nicht
mehr dazu begehrt zum Einlazettel als etwas nicht Greres, als der Zettel ist,
nur ein gedrucktes Blatt; denn sich mit noch wenigerem in einen solchen
Charons-Kahn, der stets zur Unsterblichkeit des Edens entweder oder des Tartarus
abfhrt, einschiffen wollen, hiee ja Schriftsteller einladen, die ganz und gar
nichts geschrieben.
    Der Notar fing sofort das Korrektieren an - in die Korrekturzeichen hatt' er
sich lngst eingeschossen -; aber er fand statt der Hgel Klippen zu
bersteigen. Schie schrieb eine gelehrte Hand und eine ungelehrte zugleich; der
Korrekturbogen war aus Titeln, Namen, Jahrszahlen und solchen Sachen gewebt, die
nirgends zusammenhngen als in Gott. Es ist daher die gemeine Meinung, da
Pavogel blo zum Drucke des Notars den Druck des Werkes eingegangen. Vult
wollte zwar bessern helfen, aber Walt fand fremde Hlfe gott- und treulos und
korrigierte allein.
    Eh' ers hintrug in die Buchhandlung, fragte ihn Vult, ob man nicht einen
witzigen Einfall haben und er, Vult, nicht ihren Roman mit einem Briefe an
Pavogel tragen knnte, worin er sich als den Verfasser ausgbe und sagte, der
Endes-Unterschriebene stehe dem Leser eben vor der Nase. Es geschah. Beide
trafen zufllig einander im Buchladen. Kaum sah Pavogel aus Vults Tasche eine
Manuskript-Rolle stechen: so machte er sich nichts aus ihm - weils ein Autor war
-, sondern setzte Walt, den Korrektor und Erben, hher und berlas freundlich
den Bogen: Der Hr. Autor, sagte er, wird schon nachsehen.
    Darauf berreichte ihm Vult furchtsam den Brief samt Roman und sah begierig
in seine lesende Physiognomie, wie sie sich bei der Stelle umsetzen wrde, wo
der Briefschreiber dasteht als Brieftrger. Aber dem feinen, im Gesetze der
geselligen Stetigkeit lebenden Manne tat der Ri und Zuck weh auf der eleganten
Haut, und er sagte - nach dem berlaufen des Titels - verdrlicher als
gewhnlich, er bedaure, da er schon berladen sei, und schlage kleinere
Buchhndler vor. Wir Autoren, versetzte Vult, gehen anfangs wie Hirsche,
denen das zarte Gehrn erst entsprieet, mit gesenktem Haupte; aber spter, wenn
es gro und hart zu sechzehn Enden ausgeschossen, schlgt man damit an die Bume
heftig, und ich frchte, Hr Pavogel, ich werde im Alter grob. - Wieso? sagte
dieser.
    Vult tat darauf, als kenn' er Walten von weitem, und sagte: wenn er als
Kabelscher Erbe erst den ersten Bogen bergeben, so schein' es fast, als wollten
ihm die Erben das zwlfbogige Korrektoramt zu zwlf Wochen ausdehnen. Dann
entsprang er nach seiner boshaften Sitte pltzlich, um dem Feinde die Replik zu
entwenden.
    Beide verliehen daheim vor allen Dingen dem Romane Flgel, weil die Hoffnung
immer so lange zum Totliegenden gehrte als das Buch. Man schickte ihn an Hrn.
Merkel in Berlin, den Brief- und Schriftsteller, damit er das Buch einem
Gelehrten, Hrn. Nicolai, empfhle und aufheftete.
    Mitten in den Genu der abfahrenden Post fiel wieder ein Staubregen: der
hinkende Notar, der bekannte Geschftstrger der Erben, kam mit dem ersten
Korrekturbogen und Schieens Re-Korrekturen.
    Walt hatte einundzwanzig Druckfehler stehen lassen. Schie wies aus dem
Manuskripte nach, da er ein c statt einem e - dann ein e statt eines c - ein o
statt eines s - ein o statt eines f - ein Komma statt eines Semikolons - eine 6
statt einer 9 - ein h statt eines b - ein n statt eines u und umgekehrt, da eben
beide umgekehrt waren, habe stehen lassen usw. Walt sah nach und sann nach und
sprach seufzend: Wohl ists nicht anders!
    Arme Korrektoren! wer hat noch eurer Mutter-Beschwerungen und Kindsnten in
irgendeinem Buche ernsthaft genug gedacht, das ihr zu korrigieren bekommen! So
wenig, da Millionen in allen Weltteilen aus der Welt gehen, ohne je erfahren zu
haben, was ein Korrektor aussteht, ich meine nicht etwa dann, wann er teils
hungert, teils friert, teils nichts hat als sitzende Lebensart, sondern dann,
wann er ein Buch gern lesen mchte, das er zwar vor sich sieht (noch dazu
zweimal, geschrieben und gedruckt), aber korrigieren soll; denn verfolgt er wie
ein Rezensent die Buchstaben, so entrinnt ihm der Sinn, und er sitzt immer
trister da; ebensogut knnte einer sich mit einer Wolke, durch deren
Dunststubchen er eine Alpe besteigt, den Durst lschen.
    Will er aber Sinn genieen und sich mit nachheben: so rutscht er blind und
glatt ber die Buchstaben hinweg und lsset alles stehen; reiet ihn gar ein
Buch so hin wie die zweite Auflage des Hesperus, so sieht er gar keinen
gedruckten Unsinn mehr, sondern nimmt ihn fr geschriebnen und sagt: Man
verstehe nur aber erst den gttlichen Autor recht! - Ja wird nicht selber der
Korrektor dieser Klage blo aus Anteil an dem Anteil, den ich zeige, so manches
bersehen?
    Endlich brachte das schlechtsprechende und schn singende Kammermdchen des
General Zablocki nicht nur Raphaelen ein Briefchen der Tochter, sondern auch um
eine Treppe hher Walten die Frage des Vaters, ob er nicht diesen ganzen Tag bei
ihm schreiben knnte. O Gott, gewi! sagte er und begleitete das Mdchen drei
Treppen herab.
    Vult lchelte ihn seltsam an und sagte: er kopiere ja mmoires rotiques mit
und ohne Feder und jage Mdchen; er Hund hingegen msse, wie die
Schmetterlings-Puppe eines Naturforschers, sich in einer Schachtel von Stube zum
Falter entfalten, wenn jener im Freien gaukle. Allein, setzt' er dazu, ein
Greifgeier, ein Basilisk wie ich hat so gut seinen Liebes-Pips als ein Phnix
wie du. - Walt wurde sehr rot, er sah sein und Winas Herz gleichsam gegen das
helle freie Tageslicht gehalten. Nu, nu, versteige dich nur um drei Treppen
hinauf oder hinab; indes ich daheim hinter meiner arkadischen Dorfwand ein
Madrigal auf den Schmelz der Auen und der Zhne setze und Blumen und Lippen
rte. Das Mdchen gefiele mir selber, sie sollte eher ein Palast- als ein
Kammermdchen sein. Sehr zornrot erwiderte Walt, der endlich eigne und fremde
Verwechslung erriet: Du tust gar nicht recht, da du weit, wie mir dieses
Mdchen bei der besten Singstimme einmal durch unziemliche Reden aufgefallen.
    Damit ging er so rasch und wild fort, da Vult sich gestand, er wrde, wenn
er nicht schon frher dessen Liebe fr eine vornehmere Raphaela kennte, sie
jetzt aus dem Grimm erraten, den bloe Heiligkeit unmglich einbliese. Als der
Notar in den groen Zablockischen Palast, wovor und worin viele leere Wagen
standen, und unter die kalte Dienerschaft kam: so wirkten Vults Scherze, die
seine Liebe entweder wie Schiepulver unter das Dach oder wie l in den Keller
lagerten, verdrlich nach, und er erstaunte nun erst, da er Wina liebe und
ihren Morgenblick aufbewahre. Sein Glck blhte als eine nackte Blumenkrone auf
einem entbltterten Stiel. Spt kam er nach seinem Erinnern an frhestes
Vorfordern in das alte Schreibstbchen; und spter der General.
    Innigst - so spann Walt, nahe an ihn tretend, die Unterredung an, um sie
dem andern nach den Gesetzen der Lebensart zu erleichtern - wnsch' ich Ihnen
Glck zum Glck der Wiederkunft, wie damals im Rosenhof zur Abreise, wenn Sie
sich dieser Kleinigkeit noch entsinnen. Mg' Ihnen Leipzig ein fortgesetzter
Spaziergang gewesen sein! - Sehr verbunden! (sagte Zablocki) Sie verpflichten
mich, wenn Sie heute die bewuten Briefe zu Ende kopieren und mir Ihren Tag
weihen. - Welchen nicht? War Ihr dreifaches Glck - verzeihen Sie die kecke
Frage - nicht, wie ich hoffe, der Jahrszeit ungleich? fragt' er.
    Fr die spte Jahrszeit war das Wetter gut genug, versetzte Zablocki.
    Da der Notar nichts Schwierigeres kannte, als zu fragen - d.h. im Ozean zu
angeln -, nichts Leichteres aber, als zu antworten, weil die Frage die Antwort
umkrnze: so hielt er es fr Pflicht jedes Unter-Sprechers, auf den
Ober-Sprecher nur die leichtere Last zu laden, und fragte sogleich. Wie bequem
wohnen dagegen Mnner, welche gerade das Widerspiel als Weltsitte kennen und
ehren, unter ihrer Gehirnschale, und wie vergngt, wenn sie vor Kronen und
Kronerben treten! Aller Anreden gewrtig und gewi, machen sie auer der
Verbeugung nichts und keine eigne, sondern warten ab. Sogar nach der ersten
Antwort passen die Weltmnner gelassen von neuem, weil kein anderer als der
gekrnte Kopf fortzuweben hat.
    Der Notar machte darauf seine Abschriften von den verliebten Zuschriften,
aber seine Seele wohnte mit ihren Fhlfaden nirgends als in der Schnecke des
Ohrs, um jedem Laute der verborgenen Lebensseele nachzustellen. Er schrieb keine
Seite, ohne sich umzudrehen und das heilige Zimmer zu beschauen, das er einen
ganzen Tag, aber als den letzten, bewohnen durfte, - fr ihn, wenn kein Sonnen-,
doch ein Mondtempel, dem nichts fehlte als die Luna dazu. Sogar der blaue
Streusand voll Goldsand - das blauweie Dintenfa und Papier - das blaue
Siegellack - und die Blumendfte, welche aus dem Nebenzimmer einwehten,
schmckten sein stilles ther-Fest der Hoffnung. In der Liebe ist das Erntefest
der Freude nicht um eine halbe Sekunde vom Setage und Sefest der Freude
verschieden.
    Als er sich nun abschreibend abmalte, wie ihm das Herz schlagen wrde, das
schon heftig schlug, wenn die Liebes-Gestalt aus seinem Kopf und langen Traume
wie eine Gttin lebendig ins Leben sprnge, nmlich vor ihn hin: so kam nichts
als das verhate Kammermdchen mit einem Stick-Gerste, aber bald ihr nach die
blhende Wina, die Rose und das Rosenfest zugleich. Es ist schwer zu sagen,
womit er sie anmurmelte, da er sie damit nicht anredete. Sie verbeugte sich so
tief vor ihm, als wre er der goldne und figurierte Knopf am Oberstabe des
Generals, und sagte das hchste Bewillkommungs-Wort und setzte sich an den
Stickrahmen. Konnte sie nicht hundert Deckmntel ihrer Absicht, im Schreibzimmer
zu sein, als ein Mdchen finden und umlegen? Htte sie nicht z.B. ihr blaues
Kleid aus dem Wandschrank holen knnen - oder das weie - oder den Schleier -
oder einmal eintunken wollen - oder an der elektrischen Lampe ein Licht zum
Siegeln anznden - oder hier den Vater ganz vergeblich suchen? - So aber trat
sie herein und setzte sich vor den Stickrahmen, um fr eine Stiftsdame einen
Ordensstern aufgehen zu lassen, der fr den abschreibenden Sternseher, wie oft
fr Trgerinnen, nichts werden konnte als ein Irr- und Nebelstern.
    Der Schreiber schwamm nun in der Wonne einer himmlischen Gegenwart, wie in
unsichtbarem Duft einer hauchenden Rose, Winas Dasein war eine sanfte Musik um
ihn. Er sah zuletzt sehnschtig khn ihre gesenkten groen Augenlider und den
ernst geschlonen Mund im Spiegel zu seiner Linken an, versichert der eignen
Unsichtbarkeit und erfreuet, da gerade zufllig, wenn er eben in den Spiegel
sah, immer ein warmes Errten das ganze niederblickende Antlitz berflo. Einmal
sah er im Spiegel den Brautschatz ihres Blicks ausgelegt, sie zog leise wieder
den Schleier darber. Einmal, da ihr offnes Auge darin wieder dem seinigen
begegnete, lchelte sie wie ein Kind; er drehte sich rechts nach dem Urbild und
ertappte noch das Lcheln. Ging es Ihnen seit Rosenhof wohl, Hr. Harnisch?
sagte sie leise. Wie einem Seligen, versetzte er, wie jetzt. Er wollte wohl
etwas viel anderes, Feineres sagen; aber die Gegenwart unterschob sich der
Vergangenheit und testierte in deren Namen. Doch gab er die Frage zurck. Ich
lebte, sagte Wina, mit meiner Mutter, dies ist genug; Leipzig und seine
Lustbarkeiten kennen Sie selber. - Diese kennt freilich ein darbender Musen-und
Schulzensohn wenig, der an den Rosen des kaufmnnischen Rosentals nicht hher
aufklettert als bis zu den Dornen, weil er jene nicht einmal so oft teilt als
ein Maurer-Meister einen frstlichen Saal, zu welchem dieser stets so lange
Zutritt hat, als er ihn mauert. Indes denken sich die hheren Stnde nicht
leichter hinab, zu Honoratioren besonders - denn von Schfer-, d.h. Bauerhtten
haben sie im franzsisch eingebundenen Gener eine gute Modell-Kammer - als sich
die tiefern hinauf. Gttlich ist da der Frhling, antwortete er, und der
Herbst. Jener voll Nachtigallen, dieser voll weichen Duft; nur gehen der Gegend
Berge ab, welche nach meinem Gefhl durchaus eine Landschaft beschlieen mssen,
doch nicht unterbrechen; denn auf einem Berge selber ist nicht die Landschaft,
sondern wieder ein fernster Berg schn und gro. Die Leipziger Gegend enget also
ein, weil die Grenze, oder vielmehr die Grenzlosigkeit, nichts der Phantasie
briglsset, was, soviel ich gehrt, nicht einmal das Meer tut, das sich am
Horizont in den ther-Himmel auflset. - Sonderbar, versetzte Wina, bestimmt
hier die Gewohnheit des uern Auges die Kraft des innern. Ich hatte eine
niederschsische Freundin, welche zum ersten Male von unsern Bergen ebenso
beschrnkt wurde als wir von ihren Ebenen. Der Notarius war ber ihre
philosophische Sprachkrze - da berhaupt der Mann an der Frau geradesosehr
seinen Kopf bewundert als seine Brust verdammt - so betroffen, da er nicht
wute, was er sagen sollte, sondern etwas anderes sagte. Besuchten Sie zuweilen
die Baderter um Leipzig? fragte sie spt. Da er darunter nicht Lauchstdt,
sondern die Studenten-Baderter in der Pleie verstand und eine solche Frage von
weiblichen Lippen zum vornehmen Zynismus rechnete: so umging er sie nach
Vermgen in der Antwort: Der Leipziger Magistrat habe zu seiner Zeit wegen
mehrerer Unglcksflle erst die bessern Badrter bestimmen lassen. - Wina
miverstand wieder sein Miverstehen. Und so kann in Deutschland und fast auf
der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zhlen, der sich verhrt; so
wenige Ohren, ob sie gleich doppelt am Kopfe stehen, gibt es fr die hiesigen
Zungen, und man findet noch schwerer ein offnes als ein kurzes.
    Pltzlich sprang der General wie mit einem verschimmelten bleichen Gesicht
herein aus dem Puderstbchen - mit einem Bilde in der Hand und trocknete sich
aus den Augenlidern den Puder wie Zhren ab. Sage mir, wer ist hnlicher, die
Mutter oder die Tochter? - In der Tat recht brav retuschiert! Das Gemlde
stellte Wina vor, wie sie zu einem ihr hnlichen Tchterchen, das nach einem
Schmetterling fing, ihr Gesicht herab an die kleine Wange beugt, sehr
mtterlich-gleichgltig, ob sie vom Kinde ber dem Schmetterling bersehen werde
oder nicht. Im Kunst-Feuer fragte der General auch den Notar: Ist denn die
Mutter nicht so ausnehmend getroffen, meine Wina nmlich, da man die
hnlichkeit sogar im Kinde wieder findet? - Sprechen Sie als Dritter! - Walt,
verlegen mit seiner Errtung ber den bloen Gedanken, das Kind sei Winas,
versetzte: Die hnlichkeit ist wohl Gleichheit? - Und zwar auf beiden
Seiten! erwiderte Zablocki, ohne sehr den Notar zu fassen, der nach den
gewhnlichen Voraussetzungen des Standes schon alles voraussetzen sollte, und
zwar folgendes: Der General wollte seiner losgetrennten Gattin ein Denkmal
seiner Zrte zuwenden, einen Spiegel, der nur sie abbildete, nmlich ein festes
Bild; hatt' aber leider aus Klte sie sonst nie sitzen lassen, auer zuletzt
juristisch - Zum Glcke war nun Wina ihr so hnlich - die wenigen Jahrzehente
ausgenommen, wodurch sich Tchter hauptschlich von Mttern zu unterscheiden
suchen -, da die jetzige Wina als die vorige Mutter zu gebrauchen war, der man
nichts als die vorige Wina in die Hand zu geben hatte, die, als Kind gemalt,
eine Aurikel in der Linken hlt und darauf einen weien Schmetterling mit der
Rechten setzt. Diese zweimal, als Bild und als Urbild, angewandte Wina wollte
der General seiner Frau als einen lgemalten Ichs-Himmel auf Leinwand auftun, um
sie in Erstaunen zu setzen, da sie ber vierzig Meilen gesessen - einem Maler.
    Als der Vater fort war, machte Walt - noch tiefer in Erstaunen und Unglauben
gesetzt - die Bemerkung, sie sehe dem schnen Kinde hnlich, um nur
herausgezogen zu werden. O bliebe man sich nur auch in wichtigern Punkten
hnlich! sagte Wina. Auch war ich noch bei meiner Mutter; ich glaube, Sie oder
ihr Bruder lag damals am Tage des Malens an den Blattern blind; denn sie ging
mit mir in Ihr Haus. Schne Zeit! ich wollte gern die eine hnlichkeit auf mich
nehmen, knnte ich damit meiner Mutter die andere zurckfhren.
    Nun fuhr der Notar ber die Nhe des erhelleten Abgrunds, in den er htte
treten knnen, rot zurck und frchtete ordentlich, die Betise fahre ihm noch
wider Willen aus dem Halse. Auch ich ginge gern in jene Blindheit zurck; die
Nacht ist die Mutter der Gtter und Gttinnen! sagte er und wollte ertrglich
auf die Aurikelbraut anspielen. Wina verstand nichts davon als den Ton und
Blick; und so war es genug und gutgemacht.
    Man rief sie zum Essen. Da er glaubte, er werde wie im Rosenhfer-Wirtshaus
wieder an die Generals-Tafel gezogen: so stand er auf, um ihr den Arm zu bieten,
sie stickte aber fort; und er stand nahe am Rahmen und sah herab auf das lockige
Haupt, worin seine Welt und seine Zukunft wohnte, die sich in lauter Schnheiten
verbarg - das Fruchtgewinde des Geistes war vom Blumengewinde der Gestalt schn
verhllt und schn verdoppelt. Sie stand auf. Jetzt nherte er sich mit dem
rechten Arme, um sie fortzufhren. Ich werde - sagte Wina sanft - nach dem
Essen wiederkommen und Ihrem Herzen eine Bitte bringen; und sah ihn mit den
groen guten Augen unverlegen an und gab, wie zur Antwort auf seinen fragenden
Arm, ihm ein wenig die ablenkende Hand in seine, um sie zu drcken. Mehr
braucht' er nicht, der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein Blick mehr
als ein Auge. Er blieb reich zurck am einsamen Etische, den ein verdrlicher
Bedienter an den Schreibtisch gesetzt hatte. Seine Hand war ihm wie geheiligt
durch das Wesen, das bisher nur von seiner Seele berhrt wurde. Wer kann es
sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zauberwrme in die Seele
sendet als selber ein Ku, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit
des Zeichens es tut?
    Er speiste an einer Gttertafel - die Welt war der Gttersaal -, denn er
sann Winas nchster Bitte nach. Eine tun, heit in der Liebe mehr geben, als
eine erhren. Aber warum macht die Liebe denn diese Ausnahme? Warum gibt es denn
keine verklrte Welt, wo alle Menschenbitten so viel gelten und geben, und wo
der Geber frher dankt als der Empfnger?
    Mit wunderbaren Gefhlen irrte er um Winas Bitte herum, da er doch fhlte,
Wina sei ein durchsichtiger Juwel ohne Wlkchen und Federn. Denn dies ist eben
die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schrfer als sich, so
da man den blauen Himmel dadurch erblickt, durch welchen man wieder die Sterne
sieht - indes der Ha berall Nacht sieht und braucht und bringt. Als er die
wenigen Strahlen kte, die am Sterne des Stifts und der Liebe aufgegangen waren
oder gestickt: tat sein Himmel alle Wolken wieder auf, nmlich die Flgeltren,
und Wina erschien und schien. Er wollte sagen: ich bitte um die Bitte; aber er
hielt es fr unzart, das eine Bitte zu nennen, was Wina eine genannt. So hatt'
er den hchsten Mut fr sie, aber nicht vor ihr; und von den langen Gebeten an
dieses Heiligenbild, welche er zu Hause sich aussann und vornahm, brachte er
nichts zum Bilde selber auf seinen Knien als: amen oder ja, ja. Sie sind
zuweilen bei den hiesigen Tees? fing Wina an und setzte, wie es ihr Stand tut,
immer ihren Stand voraus. Neulich bei mir, bei dem vortrefflichen
Fltenspieler, den Sie gewi bewundern. - Ich hr' dies heute von meinem
Mdchen, sagte sie, meinend die Nachricht des Beisammenwohnens; Walt aber nahm
an, sie habe von seinem magern Weintee manches gehrt.
    Ich meine vorzglich, sind Sie fters bei den geistreichen Tchtern des
Hrn. Hofagenten? Eigentlich red' ich blo von meiner Freundin Raphaela. Er
fhrte - doch ohne die Wechsel- Not- den Abend an, wo sie fr den mtterlichen
Geburtstag gesessen. Wie schn! sagte Wina. So ist sie eben. Einst, als sie
bei mir in Leipzig in eine lange Krankheit fiel, durfte ihrer Mutter nichts
geschrieben werden, bis sie entweder genesen oder verschieden sei. Um dieser
Liebe wegen lieb' ich sie so. Ein Mdchen, das seine Mutter und seine Schwestern
nicht liebte, - ich wei nicht, warum oder wie es sonst noch recht lieben
knnte, nicht einmal seinen Vater. - Walt wollt' es gern uerst fein auf sie
selber zurckwenden und machte daher die allgemeine Bemerkung, da Tchter, die
ihre Mutter lieben, die besten und weiblichsten sind.
    Ich tauge nicht zu Wendungen, wie Sie hren, Hr. Sekretr. Empfangen Sie
meine offne Bitte gutmtig auf einmal. Es war diese: Da Raphaelens
Geburtsstunde in die Nachmitternacht oder Morgenstunde des Neujahrs einfalle: so
wolle sie durch den Beistand Engelbertens sie durch leises Ansingen zur Feier
des erneuerten Lebens wecken; wnsche aber zur drftigen Stimme eine Begleitung,
nmlich die Flte, und an wen knne sie sich schicklicher wenden als an Hrn. von
Harnisch? - Walt schwur freudig, dieser blase freudig dazu.
    Sie bat auch um das Setzen des Gesangs; Walt schwur wieder. Aber sogar um
die Verse dazu mu ich Ihren werten Freund angehen, setzte sie
unbeschreiblich-lieblich lchelnd hinzu, da ich ihn aus unserer Zeitung als
einen weichen Dichter des Herzens kenne.
    Ganz froh erstaunt fragte Walt, was Vult darin gemacht. Sie sagt' ihm - mit
der den Literatoren noch gewhnlichern Verwechslung gleicher Namen - folgenden
Polymeter von ihm selber her:

                                Das Maiblmchen

Weies Glckchen mit dem gelben Klppel, warum senkst du dich? Ist es Scham,
weil du, bleich wie Schnee, frher die Erde durchbrichst als die groen stolzen
Farbenflammen der Tulpen und der Rosen? - Oder senkst du dein weies Herz vor
dem gewaltigen Himmel, der die neue Erde auf der alten erschafft, oder vor dem
strmenden Mai? Oder willt du gern deinen Tautropfen wie ein Freuden-Trne
vergieen fr die junge schne Erde? - Zartes, weies Knospenblmlein, hebe dein
Herz! Ich will es fllen mit Blicken der Liebe, mit Trnen der Wonne. O
Schnste, du erste Liebe des Frhlings, hebe dein Herz!

Walten waren unter dem Zuhren vor Freude und Liebe und vor Dichtkunst die Augen
bergegangen - und Wina hatte mit geweint, ohne es zu merken -; darauf sagt' er:
Ich habe wohl den Vers gemacht.
    Sie Lieber? fragte Wina und nahm seine Hand, und alle Polymeter? -
Alle, lispelte er. Da blhte sie wie das Morgenrot, das die Sonne verspricht,
und er wie die Rose, die schon von ihr erbrochen ist. Aber einander verborgen
hinter den froher nachquellenden Trnen, glichen sie zwei Tnen, die unsichtbar
zu einem Wohllaut zittern; sie waren zwei gesenkte Maienblmchen, einander durch
fremdes Frhlingswehen mehr nachbewegt als angenhert.
    Jetzt hrte sie den Vaterstritt. Und sie machen den Text fr den
Geburtstag sagte sie. - O! (versetzte er) - Ja, ja! und durfte nicht
fortreden, weil Zablocki eintrat und mit dem Vter- und Gatten-Schnauben ihr den
arbeitsamen Verzug vorrckte, da sie, wie er sagte, wisse, da die Neupeters -
dahin fuhr er mit ihr - Brgerliche wren, und eh' er solche im kleinsten
mankiere, komm' er lieber bei seinesgleichen um Stunden zu spt. Sie floh dahin;
er rief sie aber zurck, um selber mit einem Schlsselchen, so gro wie ein
Staubfaden, ein goldnes Schlo an einer Kette auf ihrem schnen Halse
aufzuschlieen und sie abzunehmen. Unter dem Aufsperren sah sie gutmtig dem
Vater ins Auge; dann warf sie scheidend dem Notar einen Flugblick voll Weltall
zu.
    Kauen und Schlucken unter einem Adagio Pianissimo einer Tafelmusik htte
Walten nicht so widerstanden als die Annahme von Kopiergebhren, die ihm der
General jetzt aufntigen wollte. Das Weigern hielt dieser anfangs scherzend aus,
bis er durch den Argwohn, Walt handle aus Ehrgefhl, sein eigenes so beleidigt
fand, da er so heftig schwur, ihn, wenn er nicht gehorche, nie mehr zu einem
Notariats-Instrument ins Haus zu lassen, da Walt sich entschlo, sich seine
Himmelspforte nicht selber zuzuriegeln.
    Nun war er allein und zum letzten Male als Kopist im Zimmer; und hatte, was
der Mensch zum feinsten Glcke braucht, nmlich einen Widerspruch der Wnsche:
er wnschte nicht nur wegzukommen, um ber Winas Kopf zu Hause mit Sternen-
Trumen auf und ab zu schweben, sondern auch dazubleiben, da er das
Krnungszimmer seines Lebens zum letzten Male bewohnte. Die Sonne fiel immer
feuriger hinein und vergoldete es zu einer Zauberlaube im elysischen Haine. Als
er es verlie, war ihm, als falle ein blhender Zweig herab, worauf bisher die
Nachtigall seiner Seele gesungen. Wie lag zu Hause, wo ihm nichts fehlte als
Vult - aber dieser kaum -, das Leben und der Traum im Leben wie vergoldetes
Gewlk um ihn her! Tausend Paradieses-Zweige schlugen ber ihm unsichtbar
zusammen und durchzogen ihn heimlich mit einem berauschenden Bltendufte, in
dessen Eden er nicht hineinsehen konnte. Wenn bisher die Wolke zu stehen schien
und der Mond zu fliehen: so sah er jetzt die Flucht der Wolken unter dem festen
schnen Gestirn.
    Wenn sie nur recht innig liebt, dacht' er, gesetzt auch, sie meinte mich
nicht allein; die Hauptsache ist ihre Wonne Sie sollte dazu ordentlich mehrere
Mtter haben, mehrere Vter und unzhlige Freundinnen! Er freuete sich mehr als
dreiigmal ber die Freude, womit Wina die Neujahrs-Nacht und jetzt unter seinen
Fen die Freundin anschauen werde. Da sie ihn liebe und achte, wut' er nun
recht; aber nicht wie stark; - den hchsten Grad ihrer Liebe gegen ihn sich
jetzt zu denken, hie ihm, sich abzuzeichnen, wie ihm sein wrde, wenn man ihn
auf Millionen Weltstufen auf die Gipfel-Sonne geleitete, um ihn, den Notar, zum
Gott zu krnen.
    Er hatte schon viel von dem Geburtstags-Gedicht ohne sein Wissen
ausgearbeitet - blo durch das Denken an Winas Bitte -, als endlich Vult
erschien. In der Angst, dieser schlage aus Klte gegen Raphaela und den Adel das
Musikfest ab, wollt' er ihn etwas knstlich, wie in einem englischen Garten, auf
feinen Schlangenlinien und mit Mandern vor den Vorschlag wie vor ein Denkmal
fhren. Leider schrieb ich heute das letztemal beim General, sagt' er mit der
seligsten Miene von der Welt. Du willst sagen: Gottlob, sagte Vult. Walt
stolperte schon vornen in den Mander hinein und ertrank fast. Ich hoffte
bisher, versetzte Vult, du solltest mich Stimmen-Narren allmhlich beim Vater
einfhren, damit die Tochter snge, wenn ich bliese. Beides, schlug Walt
heraus, kannst du ohne ihn und mich jetzt haben, dies hab' ich dir sogar
vorzuschlagen.
    Der Fltenspieler fragte heftig. Walt bestand aber darauf, da er, bevor er
deutlich werde, ihm einen einzigen Zug von Raphaelen geben drfte; es war der
schne vom Verschweigen des Krankseins.
    Es gab keinen Charakterzug von der Welt, den der Fltenspieler je mit einem
so abstrebenden Gesichte sich vorzeichnen lassen, als diesen; doch zog er den
satirischen zuckenden Stachel in die Scheide zurck, um nur den Vorschlag zu
bekommen.
    Walt qulte ihn so lange um sein Urteil hierber, da er losbrach: Ich
schwre dir ja, ich schtze die Handlung; der Teufel und seine Gromutter
knnten nicht zrter verfahren; es ist eine Redensart, ich meine wir beide. Nun
sprich! -
    Walt schlugs vor.
    Du bist ein guter Mensch, sagte Vult mit einer schwer zu bergenden
Erfreuung, ich nehm' es willig an. Ich scherze berhaupt oft blo. Als
Mietsmann zeig' ich der Tochter vom Hause so gerne einige Aufmerksamkeiten - und
ich soll es. Doch die Wahrheit zu sagen - ein bser Ausdruck, gleichsam als habe
man vorher keine gesagt -, so stimmt mich hier Wina mit ihrer reinen rollenden
Perlen-Stimme noch mehr. Gott! wie kann nicht eine Singpartie gesetzt werden
(besonders von mir), wenn man das edle portamento der Sopran-Person, deren
diminuendo und crescendo und ihre herrliche Vereinigung von Kopf- und Brust
-Stimme - du verstehst mich unmglich, Bruder, ich spreche als Knstler -
dermaen kennt wie ich! Mensch, glaubst du, da ich damals, als ich sie in
Elterlein hrte, schwur, sie soll mit meinem Willen nie mehr a secco singen? - a
secco, Walt, heit nmlich allein; ein Punsch-Royalist wie ich kommt freilich
auch leicht aufs Trockne, aber anders.
    Walten schien es ein wenig, als komme Vult eben nicht vom festen Lande her.
Beider Abend wurde aber im Feuer der Liebe vergoldet. Jeder glaubte, er sehe
ber den Paradieses-Strom hinber recht gut die Quelle der Freude des andern von
weitem rauchen und nebeln. Walt zwang ihn scherzhaft, es auf einen Bogen zu
schreiben, da er morgen noch der heutigen Meinung sein und blasen und setzen
wolle. Vult schrieb: Ich will, wie Siegwart, den Mond zu meinem Bettwrmer
machen - oder ein Lauffeuer im Laufe aufhalten - ja ich will die erste beste
Glacire von Prde heiraten und mir es also gefallen lassen, da eine Jungfrau
die Frchte der Glutzeit zu Eiszieraten ausquetscht, z.B. zu Rosen- und
Aprikoseneis, zu Stachelbeereis, zu Zitroneneis: wenn ich nicht die beste
Fltenmusik sogleich mozartisch setze und blase zur Zauberflte, in der Minute,
wo diese mein Bruder gedichtet und aufgeschrieben hat; und ich entsage jeder
Exzeption, besonders der, da ich heute nicht gewut htte, was ich morgen
wollte. -
    Ein wahrer Schelm ist doch mein Walt, dacht' er im Bette, wrde ihn ein
andrer wohl im Hauptpunkte so durchschauen wie ich? - Kaum!

                             Nr. 60. Scherschwnzel


                               Schlittschuh-Fahrt

Der nchste Tag des Notars war aus 24 Morgenstunden gemacht, weil er ber das
Geburtstagslied fr Wina nachsann. Der zweite bestand aus ebenso vielen
Mittagsstunden, weil er es ausfhrte. Es war, als mt' er sich selber
verklren, um Winas heiliges Herz auf seine Zunge zu nehmen; als mt' er in
Liebe zerrinnen, um ihre Liebe gegen die Freundin in seiner Seele wie ein
zweiter Regenbogen neben dem ersten nachzuglnzen. Da die Liebe so gern im
fremden Herzen lebt: so wird sie noch zrter, wenn sie in diesem wieder fr ein
drittes zu leben hat, wie das zweite Echo leise ber die Milde des ersten siegt.
- Dies alles aber war nur leichtes Sen im Frhling, wo lauter neue Snger am
Himmel flogen; aber am zweiten Tage fiel die heie Ernte ein Walt mute um die
therischen Trume die feste Form des Wachens legen, nmlich nicht nur die neue
metrischer Verhltnisse, sondern auch musikalischer, weil Vult oft den besten
Gedanken weder sing- noch blasfhig fand. So mu sogar der Geist des Geistes,
das Gedicht, aus seinem freien Himmel in einen Erdenleib, in eine enge
Flgel-Scheide ziehen.

Vult hingegen hatte leicht Gesang und Begleitung gesetzt; denn im unermelichen
ther der Tonkunst kann alles fliegen und kreisen, die schwerste Erde, das
leichteste Licht, ohne zu begegnen und anzustoen.
    Da Walt bekanntlich das Gedicht in seinem Roman ganz abdrucken lassen, nur
mit wenigen, aber unwesentlichen Abnderungen in den Stellen: Wach auf,
Geliebte, der Morgen schimmert, dein Jahr geht auf - dann: Schlferin, hrst
du nicht die Liebe rufen, und trumst du, wer dich liebt? - und endlich: Dein
Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume - so setz' ich die
Verse als allgemein bekannt voraus.
    Jetzt war blo die Schwierigkeit, Winen Musik und Text zuzuspielen. Walt
schlug mehrere ausfhrbare Mittel und Wege dazu vor, die sehr dumm waren, Vult
schlug aber jedes aus, weil man beim Treibjagen der Mdchen, sagt' er, nichts zu
tun habe als ruhig zu stehen auf dem Anstand schufertig, um sogleich
abzubrennen, wenn sie das Wild vortreiben.
    Indes wurde nichts gebracht; Wina verstand von den weiblichen Vermittlers-
und Dietrichs-Knsten soviel als Walt. Endlich erschien eine helle
Dezember-Dmmerung im Park, wo der lange See (es war ein schmaler Teich) mit dem
Besen von Schnee gesubert wurde, und wo spter, da der Mond scharf jeden drren
Schatten-Baumschlag auf den weien Grund abri, nicht nur die drei Ursachen
davon verschwanden in die nahe Rotonda - ein schnes Rindenhaus, das dem
rmischen Pantheon auffallend hnlich war in der ffnung nach oben -, sondern
auch sogleich einander wieder herausfhrten aufs See-Eis, weil die drei smtlich
Schlittschuhe darin angeschnallet hatten, Wina sowohl als Raphaela und
Engelberta.
    Gttlich, rief Walt, als er fahren sah, fliegen die Gestalten wie Welten
durcheinander, umeinander; welche Schwung- und Schlangenlinien! Eben machte
Engelberta, beide Arme malerisch aufgehoben, hernickende Fingerwinke. Lauf mit
deinem Musikblatt und sei drunten ein Mensch! sagte Vult zu Walt. Sie wollen
uns beim Teufel. - Unmglich, versetzte Walt, betrachte doch die Dmmerung
und die Zrte! - Fr ein Paar Stiefel hat doch der See noch Platz? fragte
Vult hinab und flatterte drei Treppen hinunter, um einen Ladendiener ohne
weiteres zum Nachtragen von ein Paar Schlittschuhen zu kommandieren, die er
voraussetzte.
    Walt steckte das heilige Blatt voll Ton- und Dichtkunst an einen Ort, den er
fr schicklicher als die Rocktasche ansah, nmlich an dessen Geburtsort' d.h.
unter die Weste ans Herz. Drunten am See-Teich lie er an seinem langen Bckling
die drei Danksagerinnen vorbergleiten und teilend losen, weil er nicht
offenbaren konnte, wieviel er jeder vom Rckenbogen abschneide.
    Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren, und
wie schwebte der Geist ber dem Wasser, das gefroren war! - Zuerst bald Winas
Bart-, bald ihr Wandelstern, bald ihre gerade schieende Sternschnuppe zu sein,
damit fing er an - sie Schachknigin zu decken gegen jede Knigin, es sei als
Lufer, als Springer oder Turm - als Amors Pfeil zu fliegen, so oft sie Amors
Bogen war - es nicht zu leiden, wenn sie khner fliegen wollte als er, sondern
sie so lange zu berbieten, bis er selber berboten wurde und dann leichter den
Wettflug mit einem Doppelsiege schlo - dies war die Kunst, womit seine schne,
von der Welt erzogne Gestalt ihren Wert entwickelte in leichter Haltung und
Wechslung.
    Walt war am Ufer als Strandlufer auer sich vor Lust und warf laut den
schnen Tanz- und Schweb-Linien Krnze von Gewicht in so richtigen Kunstwrtern
zu, da man htte schwren sollen, er tanze. Er sprach noch vernehmlich von drei
Grazien; - welche noch dazu, versetzte Vult, wenn nicht um die Venus, doch um
deren Mann tanzen; und was fehlt denn uns, Herr Harnisch, zu drei Weisen als die
Zahl? - Nur mute Walt unter dem Bewundern beklagen, nmlich sich und sein
Strandlaufen; denn auf dem Eise wre er nicht viel leichter zu drehen gewesen
als ein Kriegsschiff. Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie
schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die drftige
Erziehung nicht mit den Knsten der Freude ausrstete, wie Tanz, Gesang, Reiten,
Spiel, franzsisches Sprechen sind.
    Gegen Raphaela war Vult der artigste Mann, den es auf dem Teiche gab, sagte
ihr Hflichkeiten ber ihre fr diesen Tanz gemachte Gestalt - welche ihm und
ihr leicht zu glauben waren, weil sie wirklich einige Zolle ber Wina hinaus ma
- und schnitt oder fuhr sogar ihr Namens-R mit den Schuhen in die Eisrinde wie
in eine Baumrinde ein.
    Sie nahm indes sein hfliches berma ohne eignes auf; vielleicht weil das
seinige den Scherz nicht genug verbarg und weil sie als eiferschtige Freundin
Winas unwillig die Hand sah, die er so offen nach dieser ausstreckte. Er
berhpfte oder berfuhr es. Zu Engelberta sagt' er: Wir wollen Geliebtens
spielen. - Auf dem Eise bin ich dabei, erwiderte sie; und so neckten beide
sich leicht und rasch mit ihrem Rollen-Schein, er mit edel- und weltmnnischer
Keckheit, sie mit kaufmnnischer weiblicher. Wte man nur, schien sie zu
denken, ob er mehr ein seltsamer Haberecht wre als ein nrrischer Habenichts:
dann wre mehr zu tun.
    Fnfmal hatte schon Walt an sein Musikblatt gedacht, um es einzuhndigen,
und es viermal vergessen, wenn Wina wie seine ganze Zukunft um sein Ufer flog
oder gar ihn mit einem Blumenblicke bewarf, dem er zu lange nachtrumte. Endlich
sagte er der Eisfahrerin: Zwei Ja sind neben Ihnen. - Ich verstand sie nicht
ganz, sagte sie lchelnd wiederkommend und entglitt. Er ging ihr am Ufer ein
wenig entgegen aufs Eis: Ihr Wunsch wurde auch der fremde, sagte er. Wie ists
mit der Fltenmusik? fragte sie fliehend. Ich trage Musik und Text bei mir,
aber nicht blo am Herzen, antwortete er, als sie wieder herfuhr. Wie
herrlich! sagte sie umwendend und glnzte vor Freude.
    Vult flog wie eiferschtig fragend her: Hat sie das Blatt? - Sehr
hingedeutet hab' ich dreimal, versetzte Walt, aber wie natrlich fhrt sie
nicht unweiblich vor mir aus und steht. Jener zog seine Flte ffentlich vor
und sagte laut, da der ganze Teich es hrte: Hr. Harnisch, Sie haben vorhin
mein Musikblatt eingesteckt? Jetzt blas' ich. Dieser reichte es (seinem Blicke
mehr als seinem Worte) zu. Wina kam herbei. Knnen Sie, sagte Vult laut zu
ihr, es bergebend, im Mondschein noch lesen, was ich abspiele? Das trauende
Mdchen sah ihn lieblich an und ernsthaft ins Blatt hinein, da er zu flten
anhob. Am Hrchen des Zufalls hing nun der ganze Neujahrs-Morgen herab, zwar
kein Schwert, aber eine blumige Krone. Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch
wechselnd ber dasselbe Hrchen, blo weil es zur einen Zeit ein Schwert, zur
andern ein Diadem ber seinem Kopfe hlt und auf diesen fallen lt.
    Wina las lange auf dem Blatt Noten nach, die er gar nicht blies, bis sie
endlich Vults End-Absichten merkte und erfllte. Wie flog sie dann der Flte
nach, um mit Blicken zu danken - und Walts Stand-Ufer vorber, um ihn
anzuschauen - und freudig ber die kalte Flche, weil ihre freundschaftlichen
Wnsche so schn begnstigt waren und dieser Nacht nichts mehr fehlte als die
erste des knftigen Jahrs. Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin
und zum Sternenhimmel! Dazu ging nun die umherirrende Flte, die wie mit einem
Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans Empyreums-Eis des Himmels aufhob.
Alles war zwar selig, Vult besonders, Walt aber am meisten. Ach wolltest du mir
nicht, sagte Vult herfahrend mit vergngtem Gesicht, ein paar Doppel-Louis
vorstrecken nur auf zwei Stunden, armer Wicht? - Ich? fragte Walt. Aber jener
fuhr und blies frhlich weiter, um als Chorfhrer mit Sphrenmusiken den
himmlischen Krpern auf dem Eise vor-und nachzuschweben. Wenn die Tonkunst,
welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische einschiebt,
vollends eine offne bewegte findet: so wird darin statt des Erdbebens ein
Himmelbeben entstehen, und der Mensch wird sein wie Walt, der das Ufer mit
stillen Dankgebeten und lautem Freudenrufen umlief und seine Herzens-Welt, sooft
die Flte sie ausgesprochen, immer von neuem und verklrter erschuf. Er sammelte
alle fremde Freuden wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum
Brennpunkte. Den mit Sternen weiblhenden Himmel lie er ins kleine
Nachtigallenspiel herabhngen, und der Mond mute seinen Heiligenschein mit
Winas Gestalt zusammenweben. Dieser Mond, sagt' er sich, wird in der
Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen, und ich werde
nicht nur die Flte und meine Gedanken, auch ihre Stimme hren. - Die Sterne des
Morgens werden blinken - und ich werde erst unter dieser knftigen Musik denken:
So gro htt' ich mir die Wonne am frohen Abend der Eisfahrt nie gedacht.
    Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein oder stach weiter in die See
oder ins Eismeer, um der Geliebten nher zu begegnen. Da sie ihn nun ein paarmal
nahe umkreisete und seine Freudenblumen den hchsten Schu taten und mit breiten
Blttern wogten, mhte sie Zablockis Bedienter mit der Nachricht ab: der Wagen
sei da. Der stolze Lakai erinnerte ihn wunderbar an Winas Stand und an seine
Khnheit.
    Nach der Flucht der drei nahm ihn Vult am Arme aufs Eis hinein und sagte:
Jede Lust ist eine Selbstmrderin, und damit gut. Aber gibt es denn ein
kahleres Paar arme Hute als ich und du, smtlich? Denn wenn es ein
Lumpen-Hndchen-Paar gibt, das drei durstige Engel den ganzen Abend trocken auf
dem Wasser herumfahren lsset, weil es nicht so viel in der Tasche oder droben
in der Stube zusammenbringen kann, um den Engeln nur die kleinste Erfrischung
vorzusetzen, das wenige Kommi-Eis ausgenommen, worauf sie fuhren -: so ist
wahrlich das Paar niemand als wir. - Ach waren wir denn imstande, wenn sie
schlechtes Wetter und kein Fuhrwerk hatten, nur eine Halbchaise anzuspannen und
einen Floh dazu anzuschirren, wie einmal ein Knstler in Paris eine samt
Passagieren und Postillon so fein ausgearbeitet hatte, da ein einziger Floh
alles zog? - Sonst war der Abend hbsch.
    O wahrlich! Freilich; - aber gewi so wenig als ich diesen Abend an
leibliche Gensse dachte, so wenig vielleicht die guten Wesen! Die Frau hat
einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden. Sieh nach, dies
trifft schn mit den Worten auf der Tafel, die dort an der Eiche hngt. -
    Eine Linde ists, sagte Vult. So kenn' ich, versetzte Walt, immer die
Gewchse nur in Bchern. - Darauf steht: Die schne weibliche Seele sucht, wie
die Biene, nichts als Blte und Blume; aber die rohe sucht, wie die Wespe, nur
Frchte....
    Ja sogar Ochsenleber, wie die Fleischer wissen. - O, alle, fuhr Walt
fort, waren heute so froh, und besonders ber dich! Nun ich sage dirs offen,
habe ich dich je als freien, gewandten, khnen, alles schlichtenden Weltmann
erkannt, so wars heute, sagte Walt und hob besonders sein Benehmen gegen
Raphaela heraus. Vult bedankte sich mit einem - Spae ber sie. Es war der, da
Weiber den Augen glichen, die so zart, rein und fr Stubchen empfindlich wren,
und denen doch Metallsafran, Cayennepfeffer, Vitriolspiritus und andere
angreifende tzmittel als Heilung dienen. Von Zeit zu Zeit lie er einen migen
Scherz gegen Raphaela los, um den Bruder von einer verdrlichen Erffnung
seiner Liebe zurckzuschrecken.
    Allmhlich sanken beide sanft und tief in die Stille ihres Glcks. Von der
schimmernden Gegenwart war ihnen nichts geblieben als oben der Himmel und unten
das Herz. Der Fltenspieler ma seinen Weg zu Winas Ich zurck und fand sich
schon auf halbem - Ihr Danken, ihr Blicken, ihr Nhern, Raphaelens Meiden langte
zu, ihm fr die Neujahrsnacht, wo er alles durch einen Zauberschlag entscheiden
wollte, die schnste Hoffnung zu lassen, und doch noch grere Sehnsucht. Aber
gerade diese war ihm fast lieber und seltner als jene; er dankte Gott, wenn er
sich nach irgend etwas unbeschreiblich sehnte, so sehr mute er sich nach Sehnen
sehnen. Aber die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selber
Erfllungen und Freuden und geben Trost und brauchen keinen, so wie die
Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen und die Erdenwolken
vertreiben.
    Nur auf Walt, dessen dichterische Nachtigallen in seinem warmen Duft-Eden
betubend schlugen, machten die gttlichen Sterne und ein glcklicher Bruder zu
starken Eindruck; er drfe, schwur er vor sich, dem aufgeschlonen Freunde
gerade die heiligste Herzens-Sttte, wo Winas Denkmal in Gestalt einer einzigen
Himmelsblume stand, nicht lnger verdecken und umlauben. Daher schickte er ohne
weiteres Hand-Drucke und Augen-Blicke als Vorspiele der schamhaften Beichte
seiner khnsten Sehnsucht voraus, um ihn zu fragen und vorzubereiten; dann fing
er an: Sollte der Mensch nicht so offen sein als der Himmel ber ihm, wenn
dieser gerade alles Kleinliche verkleinert und alles Groe vergrert? - Mich
vergrert er wenig, versetzte Vult. La' uns aber im Schatten gehen; sonst
mu ich alles vorbeigehend lesen, was da von Empfindungen an die Bume genagelt
ist. Denn so sehr mir Raphaela seit nherer Bekanntschaft in einem andern Lichte
erscheinen mu als sonst, so hasse ich doch das gewaltsame Herauskehren und
Umstlpen des Innern zum uern noch fort, als sei man eine kehrbare
Tierpflanze. Wenn ein Mdchen anfngt: eine schne weibliche Seele: so lauf' ich
gern davon; denn sie besieht sich mit. - Herzen hat ohnehin jedes so viele
aufzumachen und zu verschenken als ein Frst Dosen, und beide enthalten das
Bildnis des Gebers, nicht des Empfngers. berhaupt! - Und so fort! - Aber ich
berufe mich auf dich selber, ob du wohl bei deiner und unserer Delikatesse fhig
wrest, von deinen heiligern Herzens-Gegenden, vom innersten und heiesten
Afrika, alles bekannt zu machen und Landkarten davon zu stechen. Ein anderes,
Bruder, sind Spitzbbereien der Liebe bloe schlimme Streiche - Wiegenfeste des
alten Adams - alles dieses dergleichen wilde Fleisch am Herzen, oder, mcht' ich
mit den rzten sprechen, solche Extravasata, oder mit den Kanonisten, solche
Extravagantia, kurz deine starken Ausschweifungen kannst du mir, ob ich sie dir
gleich kaum zugetrauet htte, ohne Schaden entblen. Verliebte Liebe hingegen -
bedenke dies wenigstens fr knftige Flle. Denn der vortreffliche Mann, dem du
etwa deine Flamme und deren Gegenstand bekanntgemacht, wei nicht recht, da er
doch an deinen frohen Empfindungen den frohesten Anteil nehmen will, wie er die
Person zu behandeln habe - Ob ganz wie du? Aber dann fehlte gar der Unterschied,
und du knurrtest wohl am Ende. - Oder ob ganz matt und hochachtend? Dann wirst
du geqult und gedrngt, da er dir mit seinen gipsernen Augen in deine
na-brennenden sieht. Der vortreffliche Mann schluckt jedes Wort zurck, das
nicht wie ein Wunderungs-O ber sie aussieht, dieser schne Selbstlauter, der im
Munde ebensogut den Kreis als die Nulle nachspielt. - Ihr beide oder ihr drei
sitzt immer befangen nebeneinander. Der Mann schmt sich vor dem Mann stets mehr
der Liebe als der Ehe; denn in der Ehe finden ein paar Freunde schon eher etwas
zum Sympathisieren, z.B. Wechsel-Jammern ber ihre Weiber usw.
    Walt schwieg, legte sich ins Bett und in die Trume hinein und tat die Augen
zu, um alles zu sehen, was ihn beglckte.

                 Nr. 61. Labrador-Blende von der Insel St. Paul


                Vults antikritische Bosheit - die Neujahrs-Nacht

Auf die sen Frchte und Rosen, die sie an der Wetterseite ihres Lebens zogen,
blies wieder ein rauhes Lftchen, nmlich Hr. Merkel, der ihren Roman mit wahrer
Verachtung zurckschickte, den Waltischen Anteil noch ertrglich, den Vultischen
aber nicht nur abgeschmackt fand, sondern gar dem Kuckuck Jean Paul
nachgesungen, welcher selber schon ohne die Kuckucks-Uhr der Nachahmung
langweilig genug klinge. Dieses brachte den Fltenmeister dermaen auf, da er
alle kritischen Bltter dieses Selbst-Redakteurs durchlief und darin blo nach
Ungerechtigkeiten, Bosheiten, Fehlschlssen, Fehlgriffen und Fehltritten so
lange nachjagte, bis er ihm gerade so viele, als man Delille in seinem homme aux
champs Wiederholungen53vorwarf, zum zweiten Einrcken zufertigen konnte in einem
Briefe, nmlich sechshundertunddreiundvierzig.
    Der ganze Brief war voll Ironie, nmlich voll Lob - Anfangs erwhnte Vult
achtend der Kritik im allgemeinen, welche er eine ntige Zuchthusler-Arbeit
nennt, da sie im Polieren des Marmors, Schleifen der Brillen, Raspeln der Frbe
hlzer und Hanfklopfen fr Stricke bestehe - machte glaublich, da, insofern
Genies nur durch Genies, Elefanten nur durch Elefanten zu bndigen und zu zhmen
wren, ein kritischer Floh sich ganz tauglich dazu anstelle, da er sich von
anderen Elefanten weder in der Gestalt, noch, unter einem Vergrerungsglase, in
der Gre unterscheide und noch den Vorzug habe, sich leichter ins Ohr zu setzen
und berall zu stechen und zu hpfen - erklrte jedoch die gewhnliche
Regelgeberei bei Mnnern wie z.B. Goethe fr ebenso unntz als eine
zurechtweisende Sonnenuhr auf der Sonne rckte nun Herrn Merkel nicht ohne
Bosheit nher, indem er es erhob, da er gerade an groen Autoren, die es am
ersten und stillsten vertrgen, sich am meisten zeige durch kleine Ergieungen
von Galle und Hirnwasser, so wie man nirgends (selten an kleine Privathuser) so
oft als an erhabene und ffentliche Gebude wie Rats-, Opernhuser und Kirchen
pisset. - Er wunderte sich, da das Publikum sich noch nicht die Qual und Arbeit
stark genug vorgestellt, womit er ganz allein in den Frauenzimmer-Briefen das
tote Musenpferd aus der Strae wegzuschleppen strebte, eine Marter, wovon ein
Wasenknecht zu sprechen wisse, der mehrere Tage ganz allein, weil jeder
Vorbeigehende sich zur Handreichung aus Vorurteil fr zu ehrlich halte, an einem
gefallenen Gaule abtrage - nahm davon Gelegenheit, dessen Stolz im vorteilhaften
Lichte zu erblicken, da M. allerdings ber die ungeheuren Riesenschenkel und den
Riesenthorax seines Schattens vergngt erstaunen msse, den er auf die
Mrker-Flche projektiere bei dem tiefen Stand der Morgensonne der neuen Zeit.
    Da aber Vult im Verfolge anfngt, anzglich zu werden, ja verachtend: so
hlt sich der Verfasser durch kein Kabelsches Testament und durch keine
Labrador-Blende von der Insel St. Paul fr das Kapitel verbunden, den Rest hier
zu exzerpieren; um so mehr, da nicht einmal Merkel selber das ganze Schreiben
eingerckt oder beantwortet hat, den ich hier ffentlich zu bezeugen auffordere,
ob nicht der unterdrckte Rest noch unschicklichere Angriffe enthalten habe und
aus gleichen Grnden von ihm wie von mir unterschlagen worden ist.
    Darauf wurde der Roman an Hrn. von Trattner in Wien geschickt, weil man
dahin, sagte Vult, nur halb frankieren drfe. Ich danke Gott, sobald ich nur
hoffen kann, sagte Walt. Die neue Arbeit wurde der alten mit beigelegt. Der
Buchhndler blieb dabei, da er jede Woche nicht mehr als einen Korrektur- Bogen
zuschickte und folglich dieses Erbamt des Korrektorats ungewhnlich ausdehnte.
Der Notarius beging jede Woche zwar nicht neue Korrektorats-Fehler, aber
unzhlige; nur ber den Buchstaben W keine, weil sein Wohl und Weh, Wina, damit
anfing.
    Tot-de wre das Doppel-Leben der Brder ausgefallen ohne die Liebe, welche
den Baugefangenen der Not die hchsten Luftschlsser erbauen lt, welches so
viel ist, als sie bewohnen! Nichts ertrgt die Jugend leichter als Armut (so wie
das Alter nichts leichter als Reichtum); denn irgendeine Liebe - sie meine ein
Herz oder eine Wissenschaft - erhellet ihre dunkle Gegenwart knstlich und
lsset sie im knstlichen Tage so freudig sein, als sei es ein wahrer, wie Vgel
vor dem Nachtlicht fortschlagen, weil sie es fr einen Tag ansehen.
    Vult war nun entschlossen, in der Neujahrs-Nacht auf Winas Herz seine
feindliche Landung - mit der Flte in der Hand - zu machen. Hoffnungen hatt' er
- da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird und aus dem Faktor
der Handelswitwe leicht ihr Mann - genug: Wenn ein Paar durch das Ausfhren
eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden: so irr' ich mich sehr,
sagt' er. Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den, Wina
verstohlen anzuschauen - vor Freude zu weinen - ja heranzurcken mit sich - und,
wenn Gott ihm Finsternis oder sonst Gelegenheit bescherte, im Saus und Braus der
Wonne ihre Hand zu kssen und gewi irgend etwas zu sagen. Bis dahin sagte er
ihr noch mehr, aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier.
    Da er nmlich durch seinen poetischen Anteil an der Halauer Zeitung das
Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte, da dieser von ihm die ganze
Lieferung gedichteter Neujahrswnsche, eines betrchtlichen Handels-Artikels des
Mannes, sich verschrieben, so legte er in die Bltter, die fr Mdchen verkauft
wurden, unzhlige Phnix-, Paradiesvgel-und Nachtigallen- Eier zum Wnschen
nieder, welche das Schicksal spter ausbrten sollte; nmlich es gab mit anderen
Worten wenig Freudenkrnze, Freudenmonde, Freudensonnen, Freudenhimmel,
Freudenewigkeiten, welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Mdchen
wnschte, blo in der Hoffnung, da unter so vielen Wnschen wenigstens einer
von so vielen Freundinnen Winas werde gekauft werden, fr diese. O wohl zehn!
sagt' er. So kam Weihnachten heran und ging vorber, ohne da aus der Asche der
Kindheit die gewhnlichen schillernden Phnixe aufstiegen - da die
Neujahrs-Nacht ihnen zu nahe vorglnzte -, und diese brach endlich mit ihrer
Abend-Aurora an, die noch dem alten Jahre gehrte.
    Noch abends beim Schimmer des Hesperus oder sonst eines Sterns verflucht' es
Vult von neuem, da er nichts weiter hatte als die schnste Gelegenheit, aber
kein Geld, nachts den galantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen:
Ich wollte, ich wre wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der
Neujahrsfahrer umhergeschifft und htte wenigstens mir soviel erbettelt, um den
Reichen zu machen, sagt' er. Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr morgens in die
groe gelbe Stube mit dem Bewuten bestellte: so ging er nachts mit Walt
freudeglhend in das Weinhaus, wo er als ein alter Hausfreund den Tag vorher (es
kostete ihm blo seine feinen Beinkleider-Schnallen) Champagner-Wein ohne Kork
aufs Eis setzen lassen, um, wie er sagte, die Ruinen ihres Hunds-Lebens ein
wenig auszutapezieren.
    Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu begreifen, da dem offenen
Weine kein Weingeist verrauchet sei. Dann trank - allen Nachrichten zufolge, die
man hat - jeder; doch so, da beide einander als positive und negative Wolken
entladend entgegenblitzten, Walt mehr mit scherzhaften Einfllen, Vult mit
ernsten. In einer Blumenlese aus ihrem Gesprche wrden die Farben so bunt
nebeneinander kommen, als hier zur Probe folgt:
    Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit als ein Perlenfischer zum
Perlen-Aufgreifen, etwa zwei Minuten. - Manche Staatseinrichtungen znden ein
Schadenfeuer an, um die eingefrornen Wasserspritzen aufzutauen, damit sie es
lschen. - Man steigt den grnen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem
Eisberge zu sterben. - Jeder bleibt wenigstens in einer Sache wider Willen
Original, in der Weise zu niesen. - Winckelmann verdient Suworows Ehrennamen
Italiskoi. - Heimlich glauben die meisten, Gott existiere blo, damit sie
erschaffen wurden; und die durch den ther ausgestreckte Welten-Partie sei die
Erdzunge ihres Dunst-Meers, oder ihre Erde sei die Himmelszunge. - Jeder ist dem
andern zugleich Sonne und Sonnenblume, er wird gewendet und wendet. -
    Viele Witzkpfe an einer Tafel, heit das nicht mehrere herrliche Weine in
ein Glas zusammengieen?
    - Kann eine Sonne mit andern Kugeln als Welt-Kugeln beschossen werden? -
Sterben heit sich selber durch Schnarchen wecken.
    Und so weiter; denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr
Feuer. So schlug endlich die Totenglocke des Jahrs; und der unsichtbare Neumond
des neuen schrieb sich bald mit einer Silber-Linie in den Himmel ein. Als die
Glser endlich geleert waren wie das Jahr: so lustwandelten beide auf der Gasse,
wo es so hell war wie am Tage. berall riefen sich Freunde, die von
Freuden-Gelagen herkamen, den Neujahrs-Gru zu, in welchem alle Morgen-und
Abendgre eingewickelt liegen. Auf dem Turm-Gelnder sah man die Anblser des
Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich; Walt dachte sich in ihre Hhe hinauf,
und in dieser kam es ihm vor, als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll
wirbelnder Gestalten am Horizont heraufziehen; und die Tne nannten die
Gestalten knftiger Stunden beim Namen. Die Sterne standen als Morgensterne des
ewigen Morgens am Himmel, der keinen Abend und Morgen kennt; aber die Menschen
schaueten hinauf, als gb' es droben ihren eiligen Wechsel und ihre Stunden-und
ihre Totenglocken und den deutschen Januar.
    Unter diesen Gefhlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligenbild, von
Sternen gekrnt, und der Himmels-Schein zeigte ihre groen Augen heller und ihre
sanften Rosenlippen nher. Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr, das an der
Geburt des neuen starb, das Vergehen des Lebens dar; die Liebe verwandelt alles
in Glanz, Trnen und Grber; und vor ihr berhrt das Leben, wie die
niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage, nur mit dem Rande
die Untergangs- Erde und steigt dann wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf.
    Beide Freunde gingen Arm in Arm, endlich Hand in Hand in den Straen umher.
Walts kurze Lustigkeit war dem tiefern Fhlen gewichen. Er sah sich oft um und
in Vults Gesicht hinein: So mssen wir bleiben in einem fort, wie jetzt, sagt'
er. Geschwind drckte ihm Vult die Hand auf den Mund und sagte: Der Teufel
hrts! - Und Gott auch, versetzte Walt; und fgte dann leise, rosenrot und
abgewandt hinzu: In solchen Nchten solltest du auch einmal das Wort Geliebte!
sprechen. - Wie? sagte Vult rot, dies wre ja toll.
    Nach langem Genu des hellen Vorfestes sahen sie endlich Wina mit Engelberta
wie eine weie Blumen-Knospe in das Feuerhaus einschlpfen. Hoffend auf die
ausgearbeiteten Plne seiner Liebeserklrung und so glcklich wie ein Astronom,
dem sich der Himmel aufklrt, ehe sich der Mond total verfinstert, suchte Vult
jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Liebhaber- Theater wegzustellen, indem
er ihm vorhielt, wenn er in einiger Ferne z.B. unten im Park zuhorchte, wrden
ihn die Tne viel feiner ergreifen. Guckst du mir ber die Achsel: so ists
soviel, als schnaubest du selber mit ins Fltenloch hinein, wobei wenig zu holen
ist; und was berhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager, das
zwei junge Mnner vor ihrem eignen im Bette aufschlagen, sagt, braucht doch auch
Bedacht, mein Walt! - Da es dir so lieb ist, so wend' ich nichts ein, sagte
dieser und ging in den kalten Garten, wo der blendende Schnee so gut gestirnt
war als der tiefe ther.
    Aber oben ging es wider Vults Vermuten, doch nicht wider dessen Wunsch.
Engelberta versicherte, ihre Schwester wrde, da sie Flte und Stimme so kenne,
vom ersten Anklang erwachen und alles verderben. So mu die Musik in grter
Ferne anfangen und wachsend sich nhern. - Gut, das geschieht im Park, sagte
Wina und eilte hinab. Auf der Treppe, hinter nahen Ohren, nahm Vult eiligst alle
musikalische Abreden mit ihr, damit er auf dem einsamern Park-Wege nichts zu
machen brauchte als seine Eroberung. Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine
stille Pulverschlange, die blo auf das Losznden wartete, der Notar auf der
Hauptstrae, der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach, mitzugehen
und alles zu begleiten. Wina gab ihm einen freudigen Morgen-, dann noch einen
Neujahrs-Gru und die Frage: Geht nicht alles vortrefflich? - Sta, Sta,
Viator! sagte Vult und winkte ihm heftig rckwrts, stillzuliegen - was jener
nachdenkend vollzog, weil ich ja, dacht' er, nicht wei, was er fr Ursachen
dazu hat.
    Ein wahrer, inniger Mensch und Dichter, begann Vult. Seine Gedichte sind
himmlisch, versetzte sie. Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser
verwechselt? fragt' er rasch, weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt
nichts fehlte als Zeit. Ein solcher Irrtum verdient nicht die geringste
Verzeihung, sondern Dank. Eine andere, aber richtigere Verwechslung denk' ich
mir eher - (Wina sah ihn scharf an). Denn ich und er haben ein paar gegenseitige
Zwillings-Geheimnisse des Lebens, die ich niemand in der Welt entdecke - auer
Ihnen, denn ich vertraue Ihnen. - Ich wnsche nichts zu wissen, was ihr Freund
nicht gern erlaubt, versetzte sie.
    Jetzt sprang er, weil das Entdeckungs-Gesprch viel zu lange Wendungen nahm
und er vergeblich auf langsamere Schritte sann, um ihr nher zu kommen,
pltzlich vor eine Linde und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab:
Noch im Mondenschimmer tnen Bienen in den Blten hier und saugen Honig auf; du
schlummerst schon, Freundin, und ich ruh' hier und denk' an dich, aber trumst
du, wer dich liebt?
    Eilen wir nur, sagte sie. Wie kstlich ist ihr Auge wiederhergestellt! -
Ich nehme auch alles lieber von Amor an, besonders die Giftpfeile, als die
Binde; ich sah Sie stets, verehrte Wina, wer dabei von uns beiden am meisten
gewinnt, das wei nicht ich, sondern Sie, sagte er mit feiner Miene.
    Schn, fuhr er fort, hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt:
trumst du, wer dich liebt? - Darauf drehte er sich halb gegen sie, sang ihr
leise diese Zeile, die er absichtlich zu diesem Gebrauche komponiert, ins
treuherzige Angesicht, und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe.
Da sie schwieg und strker eilte: so nahm er ihre Hand, die sie ihm lie, und
sagte: Wina, Ihr schnes Herz errt mich, Ihnen will ich anders, ja, wenns
nicht zu stolz ist, hnlicher erscheinen als der Menge. Ich habe nichts als mein
Herz und mein Leben; aber beides sei der Besten geweiht. - Dort, Guter! sagte
sie leise, zog ihn eiliger an die Stelle, wo sie spielen wollten; dann stand sie
still, nahm auch seine andre Hand, hob die Augen voll unendlicher Liebe zu ihm
empor, und auf ihrem reinen Angesicht standen alle Gedanken klar, wie helle
Tautropfen auf einer Blume. Guter Jngling, ich bin so aufrichtig als Sie, bei
diesem heiligen Himmel ber uns versichere ich Sie, ich wrd' es Ihnen offen und
froh gestehen, wenn ich Sie liebte, in dem Sinne, worin Sie es wahrscheinlich
meinen. Wahrlich, ich tt' es khn aus Liebe gegen Sie. Schon jetzt schmerzen
Sie mich. Sie haben meinen Morgen gestrt, und meine Raphaela wird mich nicht
froh genug finden.
    Vult zog, schon ehe sie die letzten Worte sagte, die Fltenstcke heraus,
setzte sie zusammen und gab, nur einen Blick hinwerfend, ein stummes Zeichen
anzufangen. Sie begann mit erstickter Stimme, eine kurze Zeit darauf mehr forte,
aber bald ordentlich.
    Walt durchschnitt den Hauptgang unten hin und her, um beiden nachzublicken,
bis sie ihm ferne in den Mondschimmer wie zergingen. Endlich hrte er den
wunderbaren Gru-Gesang an die Schlafende, seine eigenen Worte, aus der
Dmmer-Ferne und sein Herz in eine fremde Brust versetzt, wie es der armen
Schlferin droben, an die selber er bisher gerade am wenigsten gedacht, die
Worte sagt: Erwache froh, geliebtes Herz! - Er sah deshalb aufrichtig mit
Glckwnschen an ihr Fenster hinauf, um sich zu entschuldigen, und wnscht' ihr
alles, was Leben und Liebe Schnes zu reichen haben, unter dem grten Bedauern,
da ihr Flitte gerade verreiset sein mute. Mchtest du dich doch, gutes
Mdchen, dacht' er, tglich fr immer schner halten, wr' es auch nicht ganz
wahr! Und deine Mutter, deine Wina msse auch so denken, um sich sehr an dir zu
freuen!
    Auf einmal hrt' er Engelberta, die ihm riet, er mge, wenn er sich warm
laufen wolle, lieber ins Haus hinauf. Da ihn nun diese Aufmerksamkeit eines
Zeugen strte: so ging er ins nahe Rindenhaus, wo er nichts sah als ber sich
das nchtliche Himmelsblau mit dem hereinstrahlenden Monde und nichts hrte und
in sich hatte als die sen Worte der fernen zarten Lippen. Er sah hinter der
Rinde die schimmernde Wildnis des Himmels aufgetan und er jauchzete, da das
neue Jahr in seiner mit Sternen besetzten Morgenkleidung so gro und voll Gaben
vor ihn trat.
    Nun kam Wina, die melodische Weckerin zum Wiegenfesttage, immer nher mit
strkeren Tnen, Vult hinter ihr, um die heien Trnen des Unmuts, die er neben
der Flte nicht trocknen konnte, niemand zu zeigen als der Nacht. In der Nhe
gab ihr Engelberta auf das Schlafzimmer der Schwester und Walts Rinden-Rotunda
winkende Zeichen, welchen sie zu folgen glaubte, wenn sie sich in die Rotunda
singend verbarg, um da sich und ihr Frhlings-Lied von der erwachenden Freundin
finden zu lassen.
    Sie fand den Notar mit dem Auge auf dem Monde, mit dem Geiste in dem blauen
ther - ihre nheren Tne und Vults fernere hatten ihn berauscht und auer sich
und auer die Welt gesetzt. Eigentlich versteht niemand als nur Gott unsere
Musik; wir machen sie, wie taubstumme Schler von Heinicke Worte, und vernehmen
selber die Sprache nicht, die wir reden. Wina mute fortsingen und die Anrede
durch ein englisches Anlcheln ersetzen.
    Da er gleichfalls nichts sagen durfte, so lchelte er auch an, und sehr, und
schwamm vor ihr in Liebe und Wonne. Als sie nun die schne melodische Zeile
sang: Trumst du, wer dich liebt? und sie so nahe an seiner Brust die
heimlichen Laute derselben nachsprach: so sank er auf die Knie, unwissend, ob
zum Beten oder zum Lieben, und sah auf zu ihr, welche vom Mond wie eine
obenherabgekommene Madonna umkleidet wurde mit dem Nachglanze des Himmels. Sie
legte sanft die rechte Hand auf sein weichlockiges Haupt; - er hob seine beiden
auf und drckte sie an seine Stirn; - die Berhrung lsete den sanften Geist in
Freudenfeuer auf, wie eine weiche Blume in ppiger Sommernacht Blitze wirft -
Freudentrnen, Freudenseufzer, Sterne und Klnge, Himmel und Erde zerrannen
ineinander zu einem thermeere, er hielt, ohne zu wissen wie, ihre Linke an sein
pochendes Herz gedrckt, und der nahe Gesang schien ihm wie einem Ohnmchtigen
aus weiten Fernen herzuwehen.
    Die Flte stand ganz nahe, das letzte Wort wurde gesungen. Wina zog ihn
sanft von der Erde auf; er glaubte noch immer, es tne um ihn. Da kam mit
freudigem Ungestm Raphaela hineingestrzt, an die Brust der Geberin des
schnsten Morgens. Wina erschrak nicht, aber Gottwalt - sie gab der Freundin
eine ganze Freundin. Sie sagte zu Gottwalt, der nicht sprechen konnte: Wir
sehen uns abends wieder, am Montage? - Bei Gott, antwortete er, ohne das
Mittel zu kennen. Jetzt trat Vult hinzu und empfing von Raphaela lauten Dank,
und er verlie schweigend mit Walt den seltsamen Garten.
    Oben hing sich dieser warm an seinen Hals. Vult nahm es fr Freuden-Lohn
seiner Bemhung um Raphaelens Morgenfest und drckt' ihn einmal an die Brust.
La mich reden, Bruder, begann Walt. O la mich schlafen, Walt, versetzte er
- nur Schlaf her, aber rechten tiefen, dunkeln; wo man von Finsternis in
Finsternis fllt. O Bruder, was ist recht derber Schlaf nicht fr ein kstlicher
weiter Landsee fr beidlebige Tiere, z.B. einen Aal, der matt vom schwlen Lande
kommt, und der nun im Khlen, Dunkeln, Weiten schwanken und schweben kann! -
Oder leugnest du so etwas, und mehr? - Nun, so gebe dir Gott doch Trume, und
die seligsten, die ein Schlaf nur haben kann, sagte Walt.

                                Nr. 62. Saustein


                                  Einleitungen

Walt hatte nun in seinem (mit Blumen ausgeschmckten) Kopf nichts weiter als den
Montag, an welchem er Wina sehen sollte, ohne zu wissen wo. Nach einigen Tagen
lie ihm Raphaela durch Flora sagen, die Redoute am Montage sei durch eine
Landestrauer verschoben. Er stutzte das Mdchen an und sagte: Wie, es war eine
Redoute? Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte und anmerkte,
wahrscheinlich habe ihn Engelberta dahin bestellt und lasse es fein genug durch
die Schwester sagen, so ging ihm ein Licht, ja ein Stern ber Winas Montag auf.
Seine Gehirnkammern wurden vier Maskensle; er schwur, so lange sich abzukargen
- und sollte er verhungern -, bis er so viel Geld zusammen htte, da er zum
erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen knnte. Hab'
ich einmal eine Maske vor, dacht' er, so tanz' ich selig mit ihr oder fhre
sie und frage wahrlich nichts darnach, wie alles aussieht. Wie sanft htte es
ihn berhrt und gewrmt, wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und
Geheimnis htte ziehen knnen! Nur wars zu unmglich. Die Schmerzen hatten in
diesen harten Edelstein Winas Namen und Nein sehr tief geschnitten - dies ertrug
er nicht, sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern, damit
nichts mehr daran zu lesen wre; nicht vor Liebe, sondern vor Ehrliebe, nicht
vor Sehnsucht, sondern vor Rachsucht htte er sterben oder tten knnen. In
diesem Zustand war es jedem, der kein Notarius war, schwer, mit ihm auszukommen.
Vor allen Dingen mifiel ihm die Nhe und die Ferne, er verfluchte Quartier und
Stadt, jenes fein, diese geradezu, indem er sie eine Schaluppe zu Brants
Narrenschiff- eine Loge zum hohen Licht voll ausgelschter, stinkender
Studierlampen - ein Gebeinhaus von Gekpften ohne Schdelsttte - eine
Tierresidenz mit Viehmarkt und Tiergrten, feinen Kferkabinetten und einigen
Musetrmen nannte; Ausdrcke, wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz
hineinnahm. Walt leitete die Ergieungen auf die Stadt doch auf sich selber,
nmlich als ob der Bruder sagen wollte: Deinetwegen sitz' ich im Nest. - Ach
wrst du doch glcklicher, Vult, sagte er einmal, und nicht mehr. Was hast du
von mir gehrt? sagte zornig Vult. Nun eben das vorige, versetzte er und nahm
ihm den Argwohn, da er um die Fehlschlagung seiner Liebes-Erklrung wte.
    Am schnen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemalte
Bhnen-Drfchen verschli jetzt aller vorige Glanz. Vult donnerte - als wre
Walt an der Strung des Fltens und Schreibens schuld - hinter der Wand, wenn
drauen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf
der Trommel nach Vermgen bte und angriff; - oder wenn der nher wohnende
Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach, das schrie, wenn er blies; -
oder nachts, wenn der Nachtwchter so abscheulich absang, da Vult mehrmals im
Mondschein ihm ber den Park hinber die strksten Schimpf- und Drohworte
zuschreien mute.
    Die milde Wrme des ewig liebenden Notars trieb und blhte seinen Sauerteig
nur mehr auf; auch ich wre an seiner Stelle, sagte Vult, ein Gottes-Lamm und
eine Madonna und ein Johannes-Scho-Jnger, wenn ich das htte, wofr er seine
Grazie hlt.
    Der Notar aber dachte blo an den Larventanz und an die Mittel dazu. O
liebte nur mein Bruder irgendeine Geliebte, wie leicht und selig wollten wir
sein! Wir drckten dann alle uns an eine Brust, und welche er auch liebte, es
wre meine Geliebte mit. - So ists leicht, ihm alles zu vergeben, wenn man sich
an seine trbe Stelle nur setzt!
    Zufllig verflogen sich in ihre Zimmer Lose einer Kleiderlotterie. Da nun
Walt aus der Sattel- und Geschirrkammer der Masken manches brauchte und nichts
hatte, und Vult gar noch weniger, und doch beide in die Redoute begehrten: so
nahm jeder ein Los, um etwa eine Maske zu ziehen.
    Beide scharrten das Losgeld zusammen, Vult unter vielem Fluchen auf ihre
Nichtshaberei und unter dem Beschwren, es geh' ihm so schlimm als den
Hinterbacken eines Gaules. - berhaupt hielt er ber jeden Mangel und Unfall
lange Schimpfreden gegen das Leben, indem er sagte, auf der Vorhllen-Fahrt sei
das Leben ein Hemde-Wechseln, nmlich mit Hren-Hemden, und zu jedem pis sage
das Schicksal bis, und auf das Kanonen-Fieber folge das Lazarett-Fieber - oder
indem er fragte, ob nicht so das Gebi den Zahnfra bekommen mte, da es nichts
anderes anzubeien habe, wie Mhlsteine ohne Krner sich selber angreifen. -
Bald sagte er auch, das Leben sei durch Eis gut darzustellen - auf einem Eisfeld
habe man, auer kalter Kche und Gefrornes, noch seinen russischen Eispalast mit
einem guten Eiskeller fr Khltrnke, und, von Eisvgeln umsungen, drcke man
den Glacier ans Herz, in der heiern Zeit eines Maifrosts. - Ich kann dir nicht
sagen, sagt' er unter dem Anziehen einmal, wie sehr ich wnschte, es wre bei
uns wie bei den Dahomets in Ober-Guinea, wo niemand Strmpfe tragen darf als der
Knig, und es wre jetzt wie unter Karl dem VII. von Frankreich, wo im ganzen
Lande niemand zwei Hemden besa als seine Gemahlin. - Warum? fragte Walt.
Ei, dann knnten wir uns recht gut mit unserm Stand entschuldigen, versetzte
er.
    Durch diese Ergieungen fhrte er eine Menge Verdru ab, nur aber dem Bruder
manchen zu, weil sich dieser fr die Quelle hielt. Armut, antwortete Walt,
ist die Mutter der Hoffnung; gehe mit der schnen Tochter um, so wirst du die
hliche Mutter nicht sehen. Aber ich will gern dein Simon von Cyrene sein, der
dir das Kreuz tragen hilft. - Bis nmlich auf den Berg, versetzte jener, wo
man mich daran schlgt. - Liebe kennt keine Armut, weder eigne noch fremde.
    Endlich wurde die Kleider-Lotterie gezogen, auf welche beide sich blo durch
Lnge der Zeit die grten Hoffnungen angewhnt und weisgemacht hatten. Die
Gewinste waren fr Nr. 515 (Walt) ein beinah vollstndiger Anzug von
Schtzischem Gichttaffent, so da er fr jeden Gichtischen, es mochte ihn
reien, in welchem Gliede es wollte, brauchbar war. Nr. 11000 (Vult) gewann ein
ertrgliches blaues Fuhrmanns-Hemd. In dieser Minute brachte der Postbote den
Hoppelpoppel wieder, den sie an die Buchhandlung Peter Hammer in Kln mit vielen
aufrichtigen Lobsprchen des Hrn. Hammers ablaufen lassen nachdem vorher leider
das Mskr. von Hrn. von Trattner mit der kahlen Entschuldigung abgewiesen worden,
er drucke selten etwas, was nicht schon gedruckt sei -; auf dem Umschlag hatte
das lbl. Klnische Postamt blo bemerkt, es sei in ganz Kln keine Peter
Hammersche Buchhandlung dieses Namens zu erfragen, und der Name sei nur
fingiert.
    Htte Vult je die beste Veranlassung gehabt, ber die ewigen Erdste des
Lebens zu fluchen, etwa zu fragen, ob nicht alle Hllenflsse fr ihn aufgingen
und Eis und Flammen fhrten, oder auch zu behaupten, da in ihr Schicksal
geradesogut Poesie zu malen sei als auf eine Heuschreckenwolke ein Regenbogen -
htte er je eine solche Gelegenheit gehabt, so wre es jetzt gewesen, wenn er
nicht aus diesem Schlagregen wre herausgekommen gar unter die Traufe eines
Wasserfalls. Der Elsasser erschien, aber er gehrte noch zum Regen. Er dankte
beiden sehr fr die Geburtstags-Arbeiten - noch regnete es -; darauf aber, da er
mit seinem Auftrage von Raphaela herausrckte, welche Walten einen vollstndigen
Berghabit ihres Vaters, den er zuweilen in seinem Bergwerkchen Gott in der Hh'
sei Ehre trug, fr den Larventanz anbot - als Flitte seine
Glckwnschungs-Mienen, und Walt seine Danksagungs-Mienen spielen lie - dann
beide wieder die Mienen umtauschten, und dies alles so wohlwollend
gegeneinander, da, wenn der Notar nicht der ausgemachteste Spitzbube des festen
Landes war, Raphaela durchaus noch die Geliebte des Elsassers sein mute: so
fiel auf einmal der lange Nebel und Vult in die Traufe.
    Gott verdamme, er liebt Wina (sagte Vult in sich) und sie wohl ihn! Alle
seine wilden Geister brauseten nun wie Suren auf - doch fest zugedeckt,
ausgenommen im Tagebuch. So falsch, so heimlich, so verdammt keck und wie toll
emporstrebend dacht' ich mir doch den Narren nicht, sagte sein Selbstgesprch,
o recht gut! - Bei Gott, ich wei, was ich tue, hab' ichs nur ganz gewi! -
Aber auf dem Larventanz entlarv' ich; - der Plan geht leicht, darauf kommt der
Teufel und holt. Erst recht klar will ich mich, zum Beweise meiner Freundschaft
gegen ihn, berzeugen lassen, und zwar von ihr selber. Himmel, wenn der
Glckliche meinen refus in der dummen Neujahrs-Nacht erfhre! - Ich tt' ihm
viel an. - O lieber Vult, so sei nur diesmal, eben deswegen, desto gezhmter und
stiller und bndige dein Sprech-Zeug und Gesicht, blo bis morgen nachts!
    Vults bisherige Fehlblicke entschuldigt leicht die Bemerkung, da dieselbe
Leichtigkeit, womit man sich einbildet, geliebt zu werden, ja auch weismachen
msse, da ein anderer geliebt werde, Walt von Raphaelen. Auch glaubte er, als
Weiberkenner, die Weiber so verschieden, und folglich ihre Weisen, die Liebe zu
bekennen, noch mehr, da er nur eine Weise annahm, worauf zu fuen sei, welche
aber nicht darin bestehe, da die Frau etwa an den Hals oder an das Herz falle,
sondern da sie blo einfach sage: ich liebe dich; alles brige, sagte er,
sagt dies ganz und gar nicht.
    Um also sich das Wort der Ruhe zu halten und kalt und fest wie ein Hamilton
auf der heien Lava-Rinde zu stehen, auf welcher er fortrckte: so sprach er,
wovon er wollte, und berichtete Flitten, er und Walt duzten sich jetzt. Er riet
sehr ernsthaft dem Notar, lieber im Gicht-Taffent eingescheidet auf dem Ball zu
erscheinen; und als dieser sich in seinem und der Mittnzerin Namen ekelte vor
der Krankenhlle: blieb jener dabei, er sehe hierin nichts als eine
ungewhnliche Maske, die ganz unerwartet sei. Doch fahre meinetwegen in den
Berghabit ein und damit in den goldhaltigen Lustschacht; aber mein
Fuhrmanns-Hemd wirf wenigstens ber das A-leder, sagte Vult. Wenn in der
Redoute, versetzte Walt, sich das Leben und alle Stnde untereinander und
aneinander mischen: so mgen zwei sich wohl an einem Menschen finden und einen.
- Verzeih nur das ganz gewhnliche Bergwort, sagte Vult, fr welchen es keine
grere Freude gab, als Walten ins verlegne Gesicht zu schauen, wenn er von Culs
de Paris sprach, welche er anus cerebri Lutetiae nannte (so heit der Anfang der
vierten Gehirnkammer), nie ein anderes Wort zur bersetzung erlas als das
gedachte, so sehr auch schon dem schwachen Kenner der deutschen Sprache der
grte Reichtum zum Wechsel vorliegt.
    
    Er kann nmlich, wandt' er sich zu Flitten, das bekannte Wort A- nicht
leiden; ich bin hierin fast mehr frei wie irgendein Pariser oder Elsasser.
berhaupt, Hr. Flitte, seh' ich doch nicht, warum die Menschen so viel Umstnde
machen, Sachen auf die Zunge zu bringen, zu welchen Gott selber mit seiner sagen
mute: werdet! Zur Snde sagte ers gewi nicht. Kannst du denn berhaupt je
vergessen, Hr. Notar - mehr frag' ich nicht -, wenn du an der grten Hoftafel
Europens speisest, die es geben soll, da hinter den feinsten Ordensbndern doch
Splanchnologien liegen, wovon jeder die seinige unter die zierlichsten Menschen
mitbringt und sich damit vor den heiligsten Herzen, weil er die Splanchnologie
nicht wie seinen Mantel dem Bedienten geben kann, verbeugt? Wenigstens ist dies
immer meine Entschuldigung, wenn er mich scharf vornimmt, weil ich die Feder an
der innern unsichtbaren berrocks-Klappe abstreife, indem er immer einwirft, die
abgewandte Flche sehe doch wenigstens der Geist; worauf ich ihm, wie gesagt,
den Nabel der Menschheit entgegenhalte. Doch Scherz beiseite! Reden wir lieber
von Liebe, die auf dem Larven-Ball gewi nicht fehlen wird. Ewige, glaub' ich,
dauert lange, und lnger als man glaubt - denn ich wte nicht, warum ein
Liebhaber die seinige beschwre, wenn er nicht damit versprche, sein Herz so
lange brennen zu lassen als das Steinkohlenbergwerk bei Zwickau, das es nun ein
Skulum durch tut. - Vive l'amour! sagte Flitte.
    Vult erzhlte jetzt, Jakobine, die Schauspielerin, sei angekommen: Sie wird
auf dem Balle auch ihre Rolle spielen, spiele du weder den ersten noch den
letzten Liebhaber, Walt. Es ist Teufelsvolk, die Weiber; scheinen sie schlimm,
so sind sie es auch; scheinen sie es nicht, so sind sie es doch. Indes zieh' ich
alle Jakobinen allen Prden vor, welche ihre himmelblauen Netze durch den ther
aufspannen. Walt fragte, wie es denn eine arme Schne machen solle, wenn Schein
und Sein nichts hlfen. Allerdings ist eine gewisse Zurckziehung ein Netz, aber
eines um einen Kirschbaum voll ser Frchte, nicht um die Sperlinge zu fangen,
sondern um sie abzuhalten. Aber Vults Zunge schonte, ungleich dem Lwen, jetzt
keine Frau.
    Walt trug mit stillem Beklagen des verarmten Bruders alles ganz gern. Vor
Vult hatte sich die Lebensseite in die Nachtseite gekehrt, darum mute er im
Schatten kalt sein und, wie andere Gewchse, Gift-Lfte ausatmen. Hingegen der
Liebe wendet sich die Himmelskugel, wie auch die irdische Welt sich drehe, stets
mit aufgehenden Sternen zu. Wie ein Schiffer auf einem windstillen Meer, sieht
sie ohne alle Erde Himmel ber, Himmel unter sich offen, und das Wasser, das sie
trgt, ist blo der dunklere Himmel.
    Als Vult mit Flitte freundlich fortging, dachte Walt: Ich mach' ihm ja
immer friedlicher; sogar mit dem Elsasser scheint er sich auszushnen.

                              Nr. 63. Titan-Schrl


                                  Larven-Tanz

Nachts werden wir uns sehen, sagte Vult zu Walt am Morgen der Redoute - und
ging mit diesem Vorgrue wie mit dem Entschleiern eines Schleiers davon. In der
Einsamkeit brannte dem Notar der Tag zu hell fr die schne Nacht, woraus und
wozu dieser Tag bestand. Unter dem Essen sehnte er sich nach dem Bruder, dessen
leeres Gehuse noch leerer wurde, weil er ihn abends antreffen sollte, ohne doch
zu wissen in welcher Gestalt.
    Walt ging in eine Larven-Bude und suchte lange nach einer Larve, welche
einen Apollo oder Jupiter darstellte; er begreife nicht, sagte er, warum man
fast nur hliche vorstecke. Da Vult ihm geraten, erst um 11 Uhr in den vollen
Saal zu kommen: so holte er im gemchlichen Anputzen sich aus jedem
Kleidungsstck wie aus Blumenkelchen feinen Traum-Honig. - Das Ankleiden gerade
in der Zeit des Auskleidens und das allgemeine spte Wachen und Lrmen der Stadt
sowie des Hauses frbte ihm die Nachtwelt mit romantischem Scheine, besonders
der Punkt, da er eine Rolle in diesem groen Fastnachtsspiele hatte. Wie anders
klingt das Rollen der Wagen, wenn man wei, man kommt ihnen nach, als wenn man
es hrt, mit der Nachtmtze vor dem Bett-Brett stehend!
    Da er aus dem Stbchen trat, bat er Gott, da er es froh wieder finden mge;
es war ihm wie einem ruhmdurstigen Helden, der in seine erste Schlacht auszieht.
Mit huslichem Gefhle, in der Doppelmaske des Bergknappen und Fuhrmanns
gleichsam zu Hause zu sein und nur wie aus zwei Mansardenfenstern zu gucken,
trug er sich wie eine Snfte ber die Gasse und konnte es kaum glauben, da er
so herrlich ungesehen und zweigehusig mit allen Seelen-Rdern berall
vorbeigehe, wie eine Uhr in einer Tasche. Durch einen Irrweg, der sein Leben
verfolgte, trat er zuerst in das Punschzimmer ein, das er fr den Tanzsaal
hielt, worin Musik aus schicklicher Ferne schn-gedmpft eindringe Ihn wunderte
nichts so sehr, als da er seine Bergkappe, einfahrend in die schimmernde
Baumannshhle voll Figuren, nicht abzog. Als er sich khn aus der Maske mit den
Augen ans Fenster legte, fand er umhersehend nicht ohne Verwunderung viele
nackte Angesichter, mit der abgeschundenen Maske in der einen Hand, in der
andern mit einem Glas. Das allgemeine Schpfen aus dem Gesundbrunnen oder
Ordensbecher rechnete er zu den Ballgesetzen und verlangte sogleich sein Glas
und darauf - weil eine Admiralsmaske sein Flgelmann und Muster war - noch
eines. Wina sah er nicht, auch keinen Schein von Vult. Eine Ritterin vom Orden
der Sklavinnen der Tugend ging gewandt umher und sah ihm sehr in die Augenhhlen
hinein. Endlich fate sie seine Hand, machte sie auf und zeichnete ein H darein;
da er aber von dieser Fern- oder Naheschreibekunst nichts wute, drckte er ihre
Hand mig, anstatt solche zu beschreiben.
    Endlich geriet er, da er das hereinstrmende Nebenzimmer prfen wollte, in
den wahren schallenden brennenden Saal voll wallender Gestalten und Hte im
Zauberrauch hinaus. Welch ein gebrender Nordschein-Himmel voll
widereinanderfahrender zickzackiger Gestalten! Er wurde dichterisch erhoben, da
er, wie bei einer auferstehenden Erdkugel am Jngsten Tage, Wilde, alte Ritter,
Geistliche, Gttinnen, Mohren, Juden, Nonnen, Tiroler und Soldaten durcheinander
sah. Er folgte lange einem Juden nach, der mit herausgeschnittenen
Schuldforderungen aus dem Reichs-Anzeiger behangen war, und las ihn durch,
dergleichen einen andern, welcher die Warnungstafeln des frstlichen Gartens, an
passende Gliedmaen verteilt, umhatte. Von einer ungeheuren Percke voll
Papilloten, welche der Trger abwickelte und austeilte, nahm er auch seine an
und fand nichts darin als einen gemeinen Lobspruch auf seine bezaubernden Augen.
    Am meisten zog ihn und seine Bewunderung ein herumrutschender Riesenstiefel
an, der sich selber anhatte und trug, bis ein altvterischer Schulmeister mit
dem Bakel ihn so kopfschttelnd ernst und zurechtweisend ansah, da er ganz irre
wurde und sich selber an sich und an seinem Fuhrmanns-Hemde nach einem Verstoe
umsah. Als der Schulmann dieses merkte, winkte und rgte er noch heftiger, bis
der Notar, der ihm erschrocken in die druenden Augen geblickt, sich in die
Menge einsteckte. Es war ihm etwas Frchterliches, in die dunkle unbekannte
Augenhhle wie in die offne Mndung eines Geschosses hineinzuschauen und
lebendige Blicke eines Unbekannten zu empfangen.
    Noch hatte er weder Vult noch Wina gesehen; und ihm wurde am Ende bange, ob
er auch in diesem Meere sie wie Perlen oder Inseln finde.
    Auf einmal stellte sich eine Jungfrau mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe
vor ihn; aus dem Munde der Maske hing ein Zettel des Inhalts: Ich bin die
personifizierte Hoffnung oder Spes, die mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe und
einer Lilie in der rechten Hand abgebildet wird; mit dem linken Arm sttzt sie
sich auf einen Anker oder eine starke Sule. S. Damms Mythologie, neue Auflage
von Levezow . 454. Walt, der anfangs in jeder Sache mit den dmmsten Gedanken
geplagt war, wollte innerlich auf Wina raten, wre die Gestalt nur feiner und
weniger gro gewesen. Die Hoffnung drehte sich schnell um; eine verlarvte
Schferin kam und eine einfache Nonne mit einer Halbmaske und einem duftenden
Aurikelstrau. Die Schferin nahm seine Hand und schrieb ein H hinein; er
drckte die ihrige nach seiner Gewohnheit und schttelte den Kopf, weil er
glaubte, sie habe sich mit einem H unterzeichnen wollen. Pltzlich sah er die
Halbmaske, nmlich das Halbgesicht der Nonne recht an, an der feinen, aber
kecken Linie der Rosenlippen und am Kinn voll Entschiedenheit erkannt' er
pltzlich Wina, welche blo aus dem Dunkel mit sanften Augen-Sternen blickte. Er
war mit der Hand schon auf dem Wege nach der Bergkappe, bis er sie nahe daran
wieder in Maskenfreiheit setzte. O wie selig! sagt' er leise. Und Sie sind
die Mademoiselle Raphaela? Beide nickten. O was begehrt man denn noch in
solcher geistertrunkenen Zeit, wenn man sich, verhllt wie Geister ohne Krper,
in elysischen Feldern wiedererkennt?
    Ein Lufer tanzte daher und nahm Raphaela zum Tanzen davon: Glck auf, Hr.
Bergknappe! sagt' er entfliegend, da Walt den Elsasser erkannte. Jetzt stand
er eine Sekunde allein neben der ruhigen Jungfrau - die Menge war einen
Augenblick lang seine Maske - Neu, reizend drang aus der Halb-Larve wie aus der
Bltenscheide einer gesenkten Knospe die halbe Rose und Lilie ihres Gesichts
hervor. - Wie auslndische Geister aus zwei fernen Weltabenden sahen sie
einander hinter den dunklen Larven an, gleichsam die Sterne in einer
Sonnenfinsternis, und jede Seele sah die andre weit entfernt und wollte darum
deutlicher sein.
    Da aber Walt in dieser Stellung Miene machte, als wollte er einige Jubilen
dieser schnen Minuten feiern und erleben: so fragte ihn Wina, als Spes
forschend die Sklavin der Tugend vorberfhrte, ob er nie tanzte. Sogleich wurde
er in den Tanz- Sturm geweht und half wehen, indem er tanzte wie die Rmer, bei
welchen nach Bttiger das mimische Tanzen in nichts bestand als in Bewegung der
Hnde und Arme. Mit den Fen ging er feurig den Walzer bis zum Rastzeichen der
Waage, wo der fliegende Schwarm hintereinander sich anlegte als Stand-Herde.
Indes glaubt' er, er flge hinter einem mit Sommervgeln fliegenden Sommer. Wie
ein Jngling die Hand eines berhmten groen Schriftstellers zum ersten Male
berhrt: so berhrte er leise, wie Schmetterlingsflgel, wie Aurikeln-Puder,
Winas Rcken und begab sich in die mglichste Entfernung, um ihr lebenatmendes
Gesicht anzuschauen. Gibt es einen Ernte-Tanz, der die Ernte ist; gibt es ein
Feuerrad der liebenden Entzckung: Walt, der Fuhrmann, hatte beide. Da er aber
keinen Fu bewegen konnte ohne die Zunge: so war der Tanzsaal nur sein grerer
Rednerstuhl; und er schilderte ihr unter dem Tanz: wie da sogar der Krper Musik
werde - wie der Mensch fliege und das Leben stehe - wie zwei Seelen die Menge
verlieren und einsam wie Himmelskrper in einem therraum um sich und um die
Regel kreisen - wie nur Seelen tanzen sollten, die sich lieben, um in diesem
Kunst-Schein harmonischer Bewegung die geistige abzuspiegeln. Als sie standen
und er die Redoute mit ihrem tanzenden Sturmlaufen bersah, so sagte er: Wie
erhaben sehen die Mntel und groen Hte der Mnner aus, gleichsam die
Felsenpartie neben der weiblichen Gartenpartie! Ein Ball en masque ist
vielleicht das Hchste, was der spielenden Poesie das Leben nachzuspielen
vermag. Wie vor dem Dichter alle Stnde und Zeiten gleich sind und alles uere
nur Kleid ist, alles Innere aber Lust und Klang: so dichten hier die Menschen
sich selber und das Leben nach - die lteste Tracht und Sitte wandelt
auferstanden neben junger - der fernste Wilde, der feinste wie der roheste
Stand, das spottende Zerrbild, alles, was sich sonst nie berhrt, selber die
verschiedenen Jahreszeiten und Religionen, alles Feindliche und Freundliche wird
in einen leichten, frohen Kreis gerundet, und der Kreis wird herrlich wie nach
dem Silbenma bewegt, nmlich in der Musik, diesem Lande der Seelen, wie die
Masken das Land der Krper sind. - Nur ein Wesen steht ernst, unbedeckt und
unverlarvt dort und regelt das heitere Spiel. - Er meinte den Redoutenmeister,
den er mit einem nackten kleinen Gesicht und Kopfe in einem Mantel ziemlich
verdrlich achtgeben sah.
    Wina antwortete leise und eilig: Ihre Ansicht ist selber Dichtkunst. So mag
wohl einem hhern Wesen die Geschichte des Menschengeschlechts nur als eine
lngere Ball-Verkleidung erscheinen. - Wir sind ein Feuerwerk, versetzte Walt
schnell, das ein mchtiger Geist in verschiedenen Figuren abbrennt, und fuhr
in seinen eckigen Walzer hinein. Je lnger er ging, bis er stand, je mchtiger
pries er die Frhlinge, die im Tanzflug ihm duftend begegneten. O drfte ich
mich heute fr die schnste Seele opfern, dann wr' ich die glcklichste, sagt'
er. Die Hoffnung (Spes) stand ihm berall zur Seite, wenn er sprach. Die Nonne
Wina, eine sanfte Taube, noch dazu mit dem lblatt im Munde, bemerkte gar nicht,
da er ungestm spreche, und schien sich aus Khnheit ber Mideutung fast so
leicht wegzusetzen als er aus Unwissenheit.
    Heute erschien sie ihm ganz vollendet, wiewohl er bisher jedes letztemal
geglaubt hatte, er berschaue ihren ganzen weiten Wert; wie der Mond schon
vorher, eh' er mit vollem Lichte ber uns hngt, uns als eine vollendete Scheibe
aufzugehen scheint.
    Nach dem Ende des deutschen Tanzes ersuchte er sie - da ihm ihre Nachsicht
allmhlich zu einer Ehrenpforte seiner Kunst aufwuchs - gar um einen englischen,
blo damit er recht oft ihre Hand fassen und recht lange den guten Lippen und
Augen gegenberstehen knnte, ohne aufspringen zu mssen. Sie sagte leise: Ja!
-
    Noch leiser hrt' er seinen Namen; hinter ihm stand Spes und sagte: Gehe
gleich durch die groe Saaltre und siehe links drauen umher. Es war Vult.
Erfreuet fand er unter Unbekannten seinen lieben Bekannten wieder, den er auf
seiner elysischen Insel herumfhren konnte. Er ging hinaus; Spes ins fnfte
Kabinett; drauen winkte sie ihm aus einer Tre hinein. Walt wollte den Bruder
umarmen, aber dieser fuhr nach beiden Trschlssern: Bedenke das Geschlecht
unserer Masken! und schlo zu. Er warf seine Larve weg, und eine seltsame heie
Wsten-Drre oder trockne Fieberhitze brach durch seine Mienen und Worte. Wenn
du je Liebe fr deinen Bruder getragen, begann er mit trockner Stimme und nahm
den Kranz ab und lsete das Weiberkleid auf, wenn dir die Erfllung eines
innigsten Wunsches desselben etwas gilt, dessen Wichtigkeit du 24 Stunden spter
erfhrst; - und ist es dir unter deinen Freuden nicht gleichgltig, ob er die
kleinsten oder grten haben soll, kurz wenn du eine seiner flehentlichsten
Bitten erhren willst: so ziehe dich aus; dies ist die halbe; ziehe dich an und
sei die Hoffnung, ich der Fuhrmann; dies die ganze.
    Lieber Bruder, antwortete Walt erschrocken und lie den im langen Erwarten
geschpften Atem los, darauf kann ich dir, wie sich von selbst versteht, nur
zur Antwort geben: mit Freuden.
    So mache nur schnell, versetzte Vult, ohne zu danken. Walt setzte hinzu,
sein feierlicher Ton erschrecke ihn beinahe, auch fass' er den Zweck des
Umtauschs wenig. Vult sagte, morgen werd' alles heiter entwickelt, und er selber
sei gar nicht verdrlich, sondern eher zu spaend. Unter dem wechselseitigen
Entpuppen und Verpuppen fiel Walt auf den Skrupel, ob er aber als Maskendame mit
Wina, einer Dame, den versprochenen Englischen tanzen knne: O, ich freue mich
so sehr darauf, sagte er dem Bruder; unter uns, es ist die allererste
Angloise, die ich in meinem Leben tanze; aber auf mein heutiges Glck und auf
die Maske mu ich ein wenig rechnen. Da schossen auf Vults drrem Gesicht
lebendige Mienen auf. Himmel, Hlle, sagte er, ebensoleicht nach dem Takte
will ich niesen, oder die Arme zurckstrecken und meine Flte traversiere hinten
anlegen, als, was du vorhast, nachtun. Deine Walzer bisher, nimm nicht die
Nachricht bel, liefen als gute mimische Nachahmungen, teils waagrechte des
Fuhr-, teils steilrechte des Bergmanus, im Saale durch, aber einen Englischen,
Freund! und welchen? Ein teuflischer, nicht einmal ein irlndischer wirds. Und
erwgst du deine Mittnzerin, die ja schamrot und leichenbla wird einsinken als
eine Ritterin von trauriger Gestalt, als deine leidtragende Kreuztrgerin,
sobald du nur stockst, plumpst, drunterfhrst als Schwanzstern? - Aber dies ist
nun alles so herrlich zu schlichten, als ich eben will. Der Pbel soll nun eben
sehen, da der Fuhrmann sich entlarven und aus dem Tanz Ernst machen kann. Denn
ich tanze in deiner Maske die Angloise. Sogar in Polen galt ich fr einen
Tnzer; geschweige hier, wo nichts von Polen tanzt als der Br.
    Walt blieb einige Minuten still, dann sagte er: Die Dame, wovon ich meinte,
ist Wina Zablocki, der ich die Mhe bisher gemacht haben soll. Aber da sie
meiner Maske den Tanz versprochen, wie willst du mich und den Wechsel
entschuldigen bei ihr? - O dies ist eben unser Triumph (sagte Vult); aber du
sollst nicht eher erraten, wie ich es mache, als morgen. - Darauf entdeckte er
ihm, er habe heute im Pharao so viel gewonnen, da er durchaus ein Goldstck als
Stckwerk zum Zerstcken von ihm annehmen msse, wre es auch nur, damit er
unter den Zuschauern etwas zu tun habe, im Magenzimmer; dabei empfahl er ihm,
sich als Spes mit keiner weiblichen Maske einzulassen, da aus einer guten
Hoffnung leicht die andere werde.
    Walts Abendstern trat allmhlich wieder ins Vollicht, und als er Vulten die
Halbbste anlegte und ihm ins sehr ernste Gesicht und Auge sah, so sagte er
hei: Sei froher! Freuden sind Menschenflgel, ja Engelsschwingen. Ich bin nur
heute zu sehr von allem berauscht, als da ich dir meinen Wunsch fein genug
ausdrcken knnte, wie du noch mehr lieben solltest als mich. -
    Liebe, versetzte Vult, ist, um in deiner Fltensprache zu reden, ewig ein
Schmerz, entweder ein ser oder ein bitterer, immer eine Nacht, worin kein
Stern aufgeht, ohne da einer hinter meinem Rcken untertaucht - Freundschaft
ist ein Tag, wo nichts untergeht als einmal die Sonne; und dann ists schwarz,
und der Teufel erscheint. -
    Aber ernsthaft zu sprechen, die Liebe ist ein Paradies- und Spavogel - ein
Phnixvogel voll weicher Asche ohne Sonne ist zwar weiblichen Geschlechts, hat
aber, wie die Ziege, Hrner und Bart, so wie wieder deren Ehemann wahre Milch
hat54. Es ist beinahe einerlei, was einer ber die Liebe sagt oder einwirft;
denn alles ist wahr, zu gleicher Zeit. - Hiermit setze ich dir den Blusenkranz
auf, und verkleide dich in das, was du hast, die Spes. Gehe aber durch meine
Tre in den Saal, wie ich durch deine sieh zu, schweige still und trinke fort!
    Walten kams beim Eintritt vor, als sehe jeder ihm den Larventausch an und
kundschafte seinen Kern hinter der zweiten Hlse leichter aus als hinter der
ersten. Einige Weiber merkten, da Hoffnung hinter den Blumen jetzt blonde Haare
statt der vorigen schwarzen trage, maen es aber der Percke bei. Auch Walts
Schritt war kleiner und weiblicher, wie sichs fr Hoffnungen geziemt.
    Aber bald verga er sich und Saal und alles, da der Fuhrmann Vult ohne
Umstnde Wina, die jeder kannte, an die regierende Spitze des englischen Tanzes
stellte und nun zum Erstaunen der Tnzerin mit ihr einen Tanzabri knstlich
entwarf und, wie einige Maler, gleichsam mit dem Fue malte, nur mit greren
Dekorationsstrichen. Wina erstaunte, weil sie den Fuhrmann Walt vor sich zu
haben glaubte, dessen Stimme und Stimmung Vult wider Walts Voraussetzung hinter
der Larve wahrhaft nachspielte, damit er nicht etwa als Lgner befunden werde,
der sich fr den Notarius nur ausgebe.
    Spt am Ende des Tanzes lie Vult im eiligen Hndereichen, im Kreuzen, im
fliegenden Auf- und Ableiten sich immer mehrere polnische Laute entwischen - nur
Hauche der Sprache - nur irre, aufs Meer verwehte Schmetterlinge einer fernen
Insel. Wie ein seltner Lerchengesang im Nachsommer klang Winen diese Sprache
herab. Freudenfeuer brannten hinter ihrer halben Larve. Wie sie aus der
einsilbigen Angloise in den sprachfhigen Walzer sich hinbersehnte, weil sie
ihm ihr Erstaunen und Erfreuen gern anders als mit frohen Blicken sagen wollte,
sahen seine, die keine frohen waren.
    Es geschah. Aber das zuwehende Lob seiner so lange bedeckten Talente
bltterte wieder eines auf, seine Bescheidenheit. Er habe, sagte er von sich in
den besten Polonismen, so wenig Welt, so viel Einfalt wie wenig andere Notarien
und heie mit Recht Gottwalt, nmlich Gott walte! Doch sein Herz sei warm, seine
Seele rein, sein Leben leise dichtend; und er nehme, wie er vorhin im ersten
Walzer gesagt, den Larventanz im Erdensaal gern und froh vom Lnderer und
Schferballett an bis zum Waffen- und Totentanz.
    Da jetzt der zweite Teil der Musik in jene sehnschtige berflle, wie in
tiefe Wogen, einsank, welche gewaltsamer als alle Adagios den innersten Boden
der Sehnsucht hei aus tiefem Meer aufhebt - und da die Menschen und die Lichter
flogen und wirbelten - und das weite Klingen und Rauschen die Verhllten wieder
in sich selber einhllte, so sagte Vult im Fluge, aber polnisch: Mit
grobltterigen Blumengewinden rauscht die Lust um uns. Warum bin ich der
einzige hier, der unaufhrlich stirbt, weil er keinen Himmel und keine Erde hat,
Nonne? denn du bist mir beides. Ich will alles sagen, ich bin begeistert zur
Pein wie zur Lust - willst du einen Gottverlanen aus einem Gottwalt machen? O
gib ein Zeichen, aber eines Worts! Nur der Zunge glaube ich mein Hochgericht;
sie sei mein Schwert, wenn sie sich bewegt, Nonne!
    Gottwalt, sagte Wina erschttert und schwerer als er dem Tanze folgend,
wie knnte eine Menschenzunge dies sein? - Aber drfen Sie mich so qulen und
sich? - Nonne, fuhr er fort, der Laut sei mein Schwert! - Harter,
antwortete sie mit leiser Stimme, Sie foltern hrter zum Schweigen als andere
zum Reden.
    Jetzt hatt' er alles, nmlich ihr Liebes-Ja fr seinen Scheinmenschen oder
Rollenwalt, und lachte den wahren aus, der als Rolle und als Wahrheit noch bloe
Hoffnung sei und habe; allein sein erzrntes Gemt bequemte sich nun zu keinem
Schattendank, sondern hartstumm tanzte er aus und verschwand pltzlich aus dem
fortjauchzenden Kreise.
    Lange hatte sich Spes mit lauter Segnungen einer Doppelwonne in der Nhe
gehalten und sich und Wina zum besten Tnzer Glck gewnscht, und in der
Meinung, ihr sei gesagt, was ihn abbilde, hatte er ihre himmelsvollen Blicke
ganz auf sich bezogen. Zum Unglck schpfte er eben im Trinkzimmer, als der
langweilige englische Tanz ausging, auf dessen Ende er seine Anreden verschoben
- Vult schwebte eben in der tanzenden Liebeserklrung, und Spes stand mit dem
Blumenkranze auf dem Kopfe und dem Flatterzettel der Inschrift am Kinne
leer-harrend da und mute dem langen Walzer zusehen. Kurz vorher, ehe dieser
schnell abbrach, kam die Sklavin der Tugend und zog Spesen in ein Nebenzimmer.
Hundert der seltensten Ereignisse hoffte Spes. So, kennen Sie mich nicht mehr?
fragte die Maske. Kennen Sie mich denn? fragte Spes.
    Machen Sie nur einen Moment die Augen zu, so bind' ich ihre Maske ab und
meine dazu, sagte sie. Er tats. Sie kte ihn schnell auf den Mund und sagte:
Sie habe ich ja schon wo gesehen. Es war Jakobine. In diesem Augenblick trat
der General Zablocki durch eine zweite Tr hinein: Ei Jakobine, schon wieder
bei der Hoffnung? sagte er und ging zurck. Was meinte er damit? sagte sie.
Aber Walt lief erschrocken und halb nackt in den Saal und befestigte darin mit
einiger Mhe die verschobene Maske wieder vor den bekrnzten Kopf.
    Wina und Vult waren nicht mehr zu finden; nach langem Suchen und Hoffen
mute er ohne Umtausch als Hoffnung nach Hause gehen. So schlo der Larventanz
voll willkrlicher Verhllungen endlich mit unwillkrlichen von grerer
Schwere.

                       Nr. 64. Mondmilch vom Pilatusberg


                          Brief - Nachtwandler - Traum

Vult war, sobald er Walts berkhne Liebe gegen Wina und deren Begnstigung,
sowie seine eigne Niederlage, sich recht nah vor die eignen Augen gehoben hatte,
nach Hause geeilt, mit einer Brust, worin die wilden Wasser aller Leidenschaften
brausten, um sogleich an Walt so zu schreiben:
    Nur die Lcherlichkeit fehlte noch, wenn ich Dirs lange verdchte, da Dein
sogenanntes Herz nun auch endlich den Herzpolypen, den ihr Liebe nennt, in sich
angesetzt, wenngleich manches dabei so wenig das Beste ist als Dein knstliches
Verstecken vor mir. Das aber nimmst Du mir jetzt nicht bel, da ich zum Teufel
gehe und Dich allein Deinem Engel ablasse, da der Liebe die Freundschaft so
entbehrlich und unhnlich ist als dem Rosenl der Rosenessig. Halte denn Deinen
geistigen Schar- und sonstigen Bock aus, bis Du auf grnes Land aussteigst und
auf der Stelle genesest, die schwerlich auf der Freundschaftsinsel ist. Himmel!
zu was waren wir denn beide berhaupt beisammen und ritten wie alte Ritter, auf
einem Trauer-und Folter-Pferd (equuleus) oder Folteresel? - Etwa dazu, da ich
auf dem Wege und zum Besten Deiner Erbschaft Dich und Dein Pferd lenkte und
hielte und keinen von Euch steigen oder fallen lie? - Nun die sieben Erben
wissen, ob ich ihnen geschadet. berhaupt, was sind denn die irrenden Menschen
anders als Himmelskrper auf Erden, bei deren tglichen und jhrlichen
Aberrationen und Nutationen man nichts machen kann als blo den guten Zach
dabei, nmlich die Zachischen Tafeln davon? Ebenso httest Du Dich auch sonst
hintergangen, wenn Du Dir geschmeichelt httest, ich wrde Dich sonderlich
ausbilden und ausprgen mit meinem Mnzkopf. Ich lasse Dich, wie Du warst, und
gehe, wie ich kam. Auch Du hast mich nicht merklich umgemnzt, so da ich leicht
schliee, Du bist der - so wahren - Meinung, es sei im Geisterreich, so wie im
Krperreich man trage das Fuhrmannshemde sowohl auf Redouten als auf Chausseen -
das Spurfahren verderblich.
    Morgen bin ich in die freie Welt hinausgezogen. Der nahe Frhling ruft mich
schon ins weite helle Leben. Spielgeld, das meine Schulden bezahlt, liegt bei; -
und somit guten Tag. Fllt und klagt mich jemand an, Bruder, so verficht mich
nicht; wahrlich, sobald man mich hat, so frag' ich wenig darnach, ob man mich
um drei Stufen strker hasse oder nicht; und wie viele Menschen verdienen es
denn berhaupt, da man sich von ihnen lieben lsset? Mich ausgenommen, nicht
zwei, und kaum.
    Wir beide waren uns einander ganz aufgetan, sowie zugetan ohnehin; uns so
durchsichtig wie eine Glastr; aber Bruder, vergebens schreibe ich auen ans
Glas meinen Charakter mit leserlichen Charakteren: Du kannst doch innen, weil
sie umgekehrt erscheinen, nichts lesen und sehen als das Umgekehrte. Und so
bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare, aber umgekehrte Schrift zu
lesen.
    Wozu sollen wir denn miteinander und voneinander Plagen haben? Du, als
liebender Dichter, als dichtender Liebhaber, hltst Deine knftigen so leicht
aus als ein Vogel das Erdbeben - und ich meine so leicht als eine
Winterlandschaft den Hagel. Aber warum war ich so dumm und trank tglich eine
Flasche Burgunder weniger, ja oft zwei? Du bezahltest mirs nicht, da ich nichts
trank, und ich nicht einmal, wenn ich etwas trank. Oder glaubst Du, da ein
Mann, der seine Flte blset, der mehr Welt hat, sah und geno als alle seine
Anverwandten, der in Paris und Warschau abends um 1 Uhr, nach Mitternacht, seine
Tasse Suppe trank und seinen Lffel Eis speiste, so leicht sein Paris und
Warschau als Du Dein Halau und Elterlein in einer Neupeterschen Mansardstube
opfert, die nicht einmal den Quadratinhalt eines Opferaltars gro ist? Ich aber
glaube, ich war ein Cook, der Freundschafts- und Gesellschaftsinseln entdeckte
und darunter die schne Insel O-Waihi, welche aber den Entdecker und
Weltumfahrer zuletzt, als er den Mastbaum wollte wieder zusammenschienen lassen,
gar tot machte und auffra.
    Sogar meine Flte ist Dir entbehrlich, da Du einmal (was Du wohl vergessen)
eine Hoboe fr eine Flte angesehen, nmlich angehrt. Und da Dir, wie Du sagst,
berall die hchsten Tne am meisten gefallen: so wirst Du immer
musikalisch-glcklich bleiben, weil in der Tat alle Schrei-, Mi- und Zorn-Tne,
die den Ohren auf Gassen begegnen, stets hohe und hchste sind.
    Meine Gedanken werfen sich so wild umher wie Granitblcke; aber ich schreibe
hier im Finstern bei hellem Sternenlicht; ich habe keine Zeit - die Post ist
bestellt - nichts noch eingepackt; und Du sollst nicht eher von meinem
Unsichtbarwerden wissen als nach ihm. Mit Briefen, die ich Dir, hoff' ich,
schicke, sollen Dir gar die wenigen Ausschweifungen zukommen, die unserem
Hoppelpoppel noch fehlen, wenn er als fest zusammengeleimter und
lang-geschwnzter Papierdrache aufsteigen will in Leipzig in der Zahlwoche.
    Gehabe Dich wohl, Du bist nicht zu ndern, ich nicht zu bessern; so wollen
wir einander denn in wechselseitiger Luftperspektive entlegen erblicken, und
jeder von uns sage: Warum warst du ein Narr und kein Lamm? Und doch, Walt, bist
Du allein an allem schuld.

                                       *

Als er eben in das Papier noch den zweiten Inhalt, das Geld, gelegt hatte - und
eilte, um noch vorher sein Tagebuch, seine Noten und Notae und alles vorher fr
die Post zugesperret zu haben, bevor der Bruder erscheine: hrte er ihn kommen.
Er warf sich vor dessen Eintreten aufs Bett und schnarchte als Fuhrbergmann ihm
entgegen. Walt trat nahe an ihn, sah als Spes ins braunglhende Gesicht voll
strmischer Trume. Leise ging er umher, hauchte sich Tanzmelodien vor und legte
als Text Liebesworte unter.
    Zuletzt richtete sich Vult - von diesem windstillen und hohen Himmel wie
gergert - auf, trat mit zugeschlonen Augen im Zimmer umher und stellte sich
als Nachtwandler an, um in solcher Rolle ungefragt einzupacken, und sobald jener
schliefe, unbedauert fortzugehen. Heda, rief er, her, ihr Leute, und was es
noch sonst fr Spitzbuben gibt, helft packen, Bestien, und schleppen! Greift
mehr zu, ihr Helfershelfer! Soll ich denn nicht heute um 3 Uhr nach der
Spitzbubeninsel, und unten steht schon mein Pferd gesattelt, wie? Dabei zog er
sich an. Walt begleitete seine blinden Schritte bewachend. Allerdings, Freund,
taugen die Menschen und die Gurken nichts, sobald sie reif sind; das ist ja mein
eigner Satz. Der Mensch im allgemeinen verdient viele Nasen von Gott und mehrere
Nasen, als sich je durch einen alten Theatervorhang gesteckt haben, den man
daher an manchen Orten in Blech einfate. Die Grnde sind freilich nicht jedem
gelufig.
    Jetzt ging er in seinen Zimmerverschlag und packte, blinzelnd und sich oft
von Walt abkehrend, sein Tagebuch und alles in den Koffer. Auf der Flte? -
Nein, sondern auf dem Kamm will ich ihn knftig anblasen und abkmmen. Sagen Sie
mir nichts von Liebe, Hr. Reisemarschall, sie ist zu dumm, eine hbsche Antike,
die man den ganzen Tag ergnzen mu - ein Sonnentempel in Hosentaschenformat -
und das dumme Ding glaubt, es lebe. Ich hab' es von ihr selber. Der Mensch fhrt
sogar Gott vor einen Vergrerungsspiegel, so unersttlich und so einfltig ist
er Stecht mich in Kupfer, wie einen britischen Kampfhahn, ich will eben ein
Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben, liebster Artilleriesekretr! Als er fertig
war und blo den Koffer zuzusperren brauchte, schien er nachzusinnen und auf
eine neue Idee zu geraten. Scher' Er sich weg, Leichenmarschall, ich sperre
meinen Sarg schon selber zu und will auch den Schlssel als Hals-Gehenke tragen
und niemand hineinlassen als einen oder den andern guten Freund. Was die ganze
und halbe Trauer um mich anlangt, so soll sie niemand anlegen als ich. Musik
wird als Requiem whrend der Trauerzeit am wenigsten verboten, aber ich bestehe
auf einem scharfen Trauer-Reglement. Der Nachtstuhl mu schwarz ausgeschlagen
werden - man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau anlaufen; - jede
Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen - meine Papilloten knnen
Trauerschneppen sein und der Zopf in einer Trauerschleppe herabfallen. Aber was
Henker ist das? Dort steh' ich ja leibhaftig und erscheine mir eigenhndig. -
Warte, wir wollen gleich finden, wer von uns beiden wahren Du's der wahre und
haltbarste ist.
    Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und
erwachte davon; erst nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange
auseinandersetzen lassen, wo und was er sei, wurde er dahin gebracht, sich
angekleidet aufs Bett zu werfen. Indem beide einander eine Zeitlang bewachten,
fielen beide in einen wahren Schlaf.
    Jetzt weckte ihn Walt, der noch traumtrunken und in berauschter
Vergessenheit der vorigen Szenen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang:
    Ich wei kaum recht, wie oder wo der Traum eigentlich anging, wie ein Chaos
wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebren, eine Gestalt keimte auf
der andern, aus Blumen wuchsen Bume, daraus Wolkensulen, aus welchen oben
Gesichter und Blumen brachen. Dann sah ich ein weites leeres Meer, auf ihm
schwamm blo das kleine graue fleckige Welt-Ei und zuckte stark. Es wurde mir im
Traum alles genannt, ich wei aber nicht von wem. Dann fuhr ein Strom mit der
Leiche der Venus durchs Meer; er stand fest, das Meer flo wieder an ihm hin.
Darauf schneiete es helle Sterne hinein, der Himmel wurde leer, aber an der
Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenrte; das Meer hhlte sich unter ihr
aus und trmte in ungeheuren bleiernen Schlangen-Wlsten am Horizonte sich auf
sich selber auf, den Himmel zuwlbend - und unten aus dem Meeresgrund stiegen
aus unzhligen Bergwerken traurige Menschen wie Tote auf und wurden geboren.
Eine dicke Gruben-Nacht quoll ihnen nach. Aber ein Sturm schlug sich auf den
Dampf und zerquetschte ihn zu einem Meer. Gewaltig fuhr er auf und ab und
schttelte alle Wellen, hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene
Biene leise singend einem Sternchen zu und sog an dessen weien Blten, und rund
um den Horizont standen Trme heiter mit leuchtenden Gewitterspitzen, bis wieder
ungeheure Wolken, als reiende Tiere gestaltet, ankamen und am Himmel fraen.
    Da hrte ich einen Seufzer, alles war verschwunden. Ich sah nichts als ein
glattes stilles Meer, aus diesem brach die bse Feindin, ohne eine Welle zu
machen, wie Licht durch Glas: Seit der Ewigkeit, fing sie an, ist das Wasser
l-glatt, das bedeutet eben den groen Sturm. Ich soll dir, sagt man, das
lteste Mrchen erzhlen; bist du aber vorber? Sie sah seltsam aus, sie war in
Meergrn und Meerblten gekleidet, kleine Flofedern zuckten an ihrem Rcken,
ihr Gesicht war meergrau und doch jung, aber voll kmpfender Farben. Ehe ich
antwortete, fuhr die bse Feindin fort: Es war einmal ein ewiges Mrchen, alt,
grau, taub, blind, und das Mrchen sehnte sich oft. Dort tief in der letzten
Welt- Ecke wohnt es noch, und Gott besucht es zuweilen, um zu sehen, ob es noch
flattert und sich sehnt. - Bist du denn vorber? So schaue die Tiere am Ufer an!
- Am glatten Meere hinauf lag es voll reiender Tiere, welche schliefen, aber im
Schlafe sprachen und einander einen uralten Heihunger und Blutdurst erzhlten.
    Ehe ich antwortete, versetzte die bse Feindin: Vernimm das alte
Widerhallen; noch kein Wesen hat den Ton gehrt, den es nachspricht. Wenn aber
einst der Widerhall aufhrt, so ist die Zeit vorbei, und die Ewigkeit kommt
zurck und bringt den Ton; sobald alles sehr still ist, so werd' ich die drei
Stummen hren, ja den Urstummen, der das lteste Mrchen sich selber erzhlt;
aber er ist, was er sich sagt. Hlle, du erschrickst wie ein Sterblicher, bist
du denn nicht vorber, Tor?
    Noch eh' ich antwortete, wuchsen ihr die Flofederchen zu hohen zackigen
Schwingen aus, womit sie mich unverdient und grimmig schlug; da verschwand
alles, nur das schne Tnen blieb. Es war mir, als snk' ich in geflgelte Wogen
eines wolkenhohen Meeres. Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange
Wste; aber ich konnte durch die glserne Flche nicht hindurch; sondern hing im
dunkeln Wasser und schaute hindurch. Da sah ich drauen, nah oder fern, ich wei
es nicht, das rechte Land liegen, ausgedehnt, glnzend-dmmernd. Die Sonne
schien als Ephemere in ihren eignen Strahlen zu spielen, und die Strahlen hrten
auf. Nur die leisen Tne des rechten Landes flogen noch um mein Ohr. Goldgrne
Wlkchen regneten hei bers Land, und flssiges Licht tropfte berquellend aus
Rosen- und Lilien- Kelchen. Ein Strahl aus einem Tautropfen schnitt herber
durch mein dsteres Meer und durchstach glhend das Herz und sog darin, aber das
Tnen erfrischte es, da es nicht welkte. Ich sagte laut: Es regnet drben heie
Freudentrnen; nur die Liebe ist eine warme Trne, der Ha eine kalte. - Tief
hinten im Lande stiegen Welten, wie Dunstkgelchen, unter einem weit umhllten
Sonnenkrper auf. In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um, die Sterne waren mit
tausend Silberfden daran gereihet, und es spann sie immer nher und enger vom
Himmel hernieder. - An einer Lilie hing ein Bienenschwarm. Eine Rose spielte mit
einer Biene, beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig. Eine
schwarze Nachtblume wuchs gierig gen Himmel und bog sich immer heftiger ber, je
heller es wurde; eine Spinne lief und wob emsig im Blumenkelche, um mit Fden
die Nacht festzuhalten, ja den Leichenschleier der Welt zu spinnen; aber alle
Fden wurden betaut und schimmerten, und der ewige Schnee des Lichts lag auf den
Hhen.
    Es schlft alles im rechten Lande, sagt' ich, aber die Liebe trumt. Ein
Morgenstern kam und kte eine weie Rosenknospe und blhte mit ihr weiter - ein
Zephyr hing sich kssend an einen Eichengipfel - einer der leisesten Tne kam
und kte eine Maiblume, und ihr Glckchen wurde heftig emporgeweht - tausend
warme Wolken kamen und hingen sich brnstig an Himmel und Erde zugleich -
Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und warfen girrend sich
die Ksse auf Blumenblttern zu.
    Auf einmal quoll am Himmel ein scharfblitzendes Sternchen heraus - es hie
die Aurora - wie vor Lust ri sich einen Augenblick mein Meer auf. - Statt der
dmmernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir. Aber es schlug sich
wieder zu, das verdmmerte Land erwachte, und alles wurde verndert; denn die
Blumen, die Sterne, die Tne, die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen.
Nun umarmte jedes Kind ein Kind, und die Aurora klang unzhlig darein. Die hohe
Bildsule des Donnergottes stand in der Landes-Mitte. Ein Kind um das andere
flog auf den Stein-Arm und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler,
der den Gott umkreiset. Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die nchste
Wolke und sah herab nach seinem andern, das liebende Arme aufhob. Ach so wird
schon Gott, vor dem wir ja alle Kinder sind, unser Lieben nehmen! Darauf
spielten die Kinder untereinander Liebens. Sei meine rote Tulpe, sagte das eine,
und das andere war sie und lie sich an die Brust stecken. Sei mein liebes
Sternchen oben, und es war es und wurde - an die Brust gesteckt. Sei mein Gott -
und du meiner, aber dann verwandelten sich beide nicht, sondern sahen sich lange
an voll zu groer Liebe und verschwanden wie sterbend dahin. - Bleibe bei mir,
mein Kind, wenn du von mir gehst, sagte das bleibende; da wurde das scheidende
in der Ferne ein kleines Abendrot, dann ein Abendsternchen, dann tiefer ins Land
hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond, und endlich verlor es sich ferner und
ferner in einen Flten-oder Philomelenton.
    Aber der Morgenrte gegenber stand eine Morgenrte auf; immer
herzerhebender rauschten beide wie zwei Chre einander entgegen, mit Tnen statt
Farben, gleichsam als wenn unbekannte selige Wesen hinter der Erde ihre
Freudenlieder heraufsingen. Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich
krampfhaft bis zum Knicken nieder. Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die
Sterne vom Himmel herabgesponnen und er nun hellblau gemacht. Der Allklang hatte
die Blumen zu Bumen gereift. Die Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen
und standen endlich als Gtter und Gttinnen da und sahen sehr ernst nach Morgen
und Abend.
    Die Chre der Morgenrten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen, und
jeder Schlag zndete einen gewaltigern an. Zwei Sonnen sollten aufsteigen, unter
dem Klingen des Morgens. Siehe, als sie kommen wollten, wurde es leiser und dann
berall still. Amor flog in Osten, Psyche flog in Westen auf, und sie fanden
sich oben mitten im Himmel, und die beiden Sonnen gingen auf - es waren nur zwei
leise Tne, zwei aneinander sterbende und erwachende; sie tnten vielleicht; Du
und ich; zwei heilige, aber furchtbare, fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit
gezogne Laute, als sage sich Gott das erste Wort und antworte sich das erste.
Der Sterbliche durfte sie nicht hren, ohne zu sterben. Ich schlief in den
Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als verhlle und
vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses - -
    Da fand ich mich pltzlich am alten ersten Ufer wieder, die bse Feindin
stand wieder im Wasser; aber sie zitterte wie vor Frost und zeigte ngstlich auf
das glatte Meer hinter ihr, mit den Worten: Die Ewigkeit ist vorbei, der Sturm
kommt, denn das Meer wird geregt. Ich sah hin, und die Unermelichkeit gor zu
unzhligen Hgeln auf und zum himmelhohen Sturme; doch tief im Horizont wallete
hinter den Zacken ein sanftes Morgenlicht empor. Aber ich erwachte; was sagst
du, Bruder, zu diesem knstlich-fgenden Traume?
    Du sollst es sogleich hren in dein Bett hinein, versetzte Vult, nahm die
Flte und ging, sie blasend, aus dem Zimmer - die Treppe hinab - aus dem Hause
davon und dem Posthause zu. Noch aus der Gasse herauf hrte Walt entzckt die
entfliehenden Tne reden, denn er merkte nicht, da mit ihnen sein Bruder
entfliehe.

                                    Funoten


1 Aur. bull. II. r. homo justus, bonus et utilis.

2 Juristen.

3 Jener bedeutet in Tirol den Pfarrer, dieser den Diakonus.

4 Heinecc. hist. jur. civ. stud. Ritter. L. I. 393

5 Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Luft still, nur das Meer woget.

6 Wiarda ber deutsche Vor- und Geschlechtsnamen. S. 216-221.

7 Lamberts Beitrge zur Mathematik. III. Bd. S. 236

8 Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt zuliebe.

9 Winckelmann, Von der Nachahmung etc.

10 Weil die meisten Feste in groe Wetter-Krisen treffen.

11 Dessen Naturgeschichte Deutschlands. I. Bd. 2. Auflage.

12 Das Freudental in Walhalla.

13 Alters-Erla.

14 Bologna lehrt.

15 Die Redensart hat sie aus dem Hesperus.

16 Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf.

17 Die Figuren auf klingenden Glasscheiben.

18 d.h. zu Buch gebracht. - Spekulation ist in Neupeters Sinn ein ungekreuzter
halbleinener, halbseidener Pariser Zeug, der sich von der enzyklopdistischen
Spekulation, ebenfalls da gewebt, zu seinem Vorteil unterscheidet.

19 ein groer Vgelmaler.

20 Meusels neue Miszell. art, Inhalts. 10 Stck.

21 Gesetzbuch fr die kais. k. Armee. 1785. S. 248.

22 An Neupeters Tische, wo er ihn kurz und stark verteidigt hatte.

23 Dieses Wort fat die hebrischen Buchstaben in sich, die am Ende grer und
anders geschrieben werden.

24 Womit man bekanntlich Zweige pfropft.

25 Die Perser glauben, da die Statuen am Jngsten Tage Seelen von den
Bildbauern begehren werden.

26 Ein Wort, ein Glockenton reit oft die Lauwins ins Fallen.

27 Nach Bechstein lernt er Worte, Papa etc., murmeln.

28 Diesen Namen Kotstadt trug sonst Paris in unbildlicher Beziehung.

29 S. 10 in Reichardts Lieder-Sammlung, worin manche das zehntemal besser
klingen als das erstemal, und Dichter und Komponist meistens ihr gegenseitiges
Echo sind.

30 Schmetterlinge haben nur eine Herzkammer und die meisten keinen Magen.

31 Die Abendrte in Norden.

32 Wenden und Russen nehmen eine Glieder raubende Mittags-Teufelin an. Lausitz.
Monatsschrift 1797. 12. Stck.

33 Ludwig XIV. wurde gezhnt geboren.

34 Bibliotheque universelle T. IX. p. 83.

35 Hermanns Mytholog. I.

36 Humes Vermischte Schriften, 3. Bd.

37 Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend - das Kindheitsdorf des
gegenwrtigen Verfassers -, es liegt aber nicht in Halau, sondern im Vogtland,
wohin gewi nicht der Notar gekommen.

38 Pausan. in Att.

39 in der Michaelis-Messe 1804.

40 Fr den Sprachforscher ist le Goust von el Gusto das Anagramm, oder
umgekehrt, und welche Sprache versetzte die andere?

41 So nannte Scarron seinen Ehrensold vom Buchhndler Quinet.

42 Ion heit der Kommende.

43 In der neunten steht ausdrcklich: Tagreisen und Sitzen im Kerker knnen
nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden.

44 So sagt man von Pferden, welche das Spornen zu nichts bringt als zum Stehen.

45 So hieen in Elterlein bekanntlich die adeligen Insassen.

46 Bd. 11, S. 175-180.

47 Gegen Raphaela, glaubt er.

48 aseitas, seine eigne Ursache sein.

49 Die Bescheidenheit erlaubt nicht, Lobsprche stehen zu lassen, die, wie
leicht zu erraten, den Gegenstand zu einem literarischen Pair ausrufen und die
desto grer und folglich desto unverdienter sind, je feiner, gebildeter und
aufrichtiger der Geschmack des Hrn. Brgermeisters bekanntlich ist.

50 Mencken de Charl. erud. ed. IV.

51 Bekanntlich heien im Dorfe Elterlein die frstlichen Untertanen am rechten
Bachufer die Rechten, die adeligen am linken die Linken.

52 Lange bezieht sich auf Zeit, lang auf Raum.

53 Im Appel aux principes, wozu noch 558 - Antithesen vorgeworfen werden.

54 Nach Bechstein und anderen Naturforschern hat der Bock so gut als der
Amerikaner Milch, und das alte Sprichwort ist richtig.

