
                                 Mereau, Sophie

                               Amanda und Eduard

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                                 Sophie Mereau

                               Amanda und Eduard

                              Ein Roman in Briefen

                                  Erster Theil

                                  Erster Brief

                                Amanda an Julien

Ich habe den geliebten, vaterlndischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun
wieder um vieles nher, meine Julie! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt
war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur ein unbedeutender Zwischenraum
zu seyn, obgleich nicht selten sich hier grere Schwierigkeiten in den Weg
stellen, als selbst bei jenen. - Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles
werther geworden, denn meine nhere Bekanntschaft mit den Menschen hat mich den
Werth und die Seltenheit einer Neigung, die sich nicht auf ussere Verhltnisse
sondern auf unsere Persnlichkeit grndet, sehr innig fhlen lassen. - Ich freue
mich darauf, Dir, da ich hier sehr ruhig leben zu knnen hoffe, von Zeit zu Zeit
manches aus der Geschichte dieser letzten, im Gerusch verlebten, Jahre
nachholen zu knnen. Meine bisherigen flchtigen Briefe mssen Dir nur einen
sehr unvollkommenen Abri meiner Lage gegeben haben. Alles war mir neu, Gegend,
Menschen, Verhltnisse, und ich gestehe Dir, da ich mich oft mit geheimem
Vergngen, oft auch mit Bangigkeit, daran erinnerte: ich stehe nun wirklich auf
dem Schauplatze der Welt, die ich mir sonst in mancher stillen Jugendphantasie
verworren getrumt hatte. Doch zuweilen schien das Gewhl von Menschen und der
glnzende Schein, der mich umgab, meine Eigenthmlichkeit ganz verschlungen zu
haben, und es kostete mir beinah Mhe, mich zu berzeugen, da ich jenes stille,
einfach erzogene Mdchen sei, welches die Welt und die Menschen nur aus ihren
Bchern kannte. Mein ganzes, voriges Leben wich immer mehr in einen neblichen
Hintergrund zurck, und selbst Dein Bild, meine Julie, schien an seiner
Lebhaftigkeit verloren zu haben. Aber dann kam ein Brief von Dir, Du warst noch
immer die Alte. Ganz und in Allem Deinen vorigen Ideen getreu, lebtest Du noch
ungestrt in jenem glcklichen Lndchen, dessen Andenken mir immer mehr zu
verschwinden drohte. Mit Dir erschienen die Geister aller vergangenen,
freundlichen Jugendscenen, und so waren Deine Briefe das Band, das ber Berg und
Thal zu mir reichte, und mich an sanften, seidenen Fden zu einem unversiegbaren
Quell von Ruhe und milder Besonnenheit zurckfhrte. - Ach! ich hatte oft
nthig, aus diesem Quell zu schpfen, wenn ich nicht unter den wechselnden
Eindrcken von Vergngen und Sorge, Neigung und Wiederwillen, mich selbst und
alle innre Uebereinstimmung auf ewig verlieren wollte! - Der erste Eintritt in
das Haus meines Mannes, als wir unsre Reise vollendet hatten, berraschte mich
auf das angenehmste. Der Glanz, den ich dort allenthalben herrschen sah, war mir
neu, und berauschte mich mit Vergngen. Ich wiegte mich mit Lust auf den
seidnen, schwellenden Polstern, ich strich gern vor den Spiegelwnden vorber,
ich horchte mit Aufmerksamkeit auf das melodische Spiel einer Fltenuhr, welches
die Stunden angenehm bezeichnete. So geschwind auch die Lebhaftigkeit dieses
Eindrucks verlosch - denn das Auge gewhnt sich bald an die Reize einer
prchtigen Umgebung, und Bewunderung ermdet leicht - so wute doch Albret durch
Neuheit und Abwechselung ihn immer wieder anzufrischen. Er fhrte mich in eine
Welt voll glnzenden Scheins, und munterte mich unaufhrlich auf, hier alle
andre zu verdunkeln. Die Art, wie ich mich, auf sein Verlangen, allenthalben
zeigen mute, war mir oft lstig, so sehr sie auch der Eitelkeit schmeichelte.
Ueberall, wo ich erschien, zog ich die Blicke der Neugierde auf mich, fterer
folgten selbst Frauen mir nach; besonders gab es Einige, die mich mit einer
seltsamen, unangenehmen Theilnahme beobachteten. Einst, als wir aus einem
glnzenden Zirkel zurckgekommen waren, wo diese mir, oder meiner Umgebung,
geweihte Aufmerksamkeit ihren hchsten Gipfel erreicht zu haben schien, fiel mir
Albret mit Innigkeit um den Hals. Holdes Weib, rief er entzckt, wie sehr hast
du mich zu deinem Schuldner gemacht! ich sehe es, ich bin durch dich gerchet!
- Diese Aeusserung freute und betrbte mich. Ich fhlte, da ich sie nicht mir
selbst, sondern einer fremden, mir unbekannten Ursache zuzuschreiben hatte, und
doch rhrte es mich, ihn endlich einmal herzlich mit mir sprechen zu hren.
Lieber Albret, sagte ich, und lehnte mich an seine Brust, wolltest du mich nur
nher kennen lernen, so wrdest du, wie ich hoffe, ganz andere Ursachen finden
mit mir zufrieden zu seyn, als diese, von denen ich mir nichts zueignen kann.
    Er sah mich einige Augenblicke lang mit zweifelhaftem Ausdruck an, und
schien bewegt. Aber bald war es, als schmte er sich seiner Empfindung, er
verlie mich, und blieb so verschlossen, wie vorher. Ach! Julie, wenn ich diesen
sonderbaren Mann zuweilen Stze aufstellen hrte, die meiner heitern Ansicht von
Welt und Menschen gnzlich Hohn sprachen, wenn ich sein peinliches Mitrauen in
Alle und auch in mich vergebens zu mildern versuchte, und vor diesem
verschlonen Herzen ewig unerhrt stand, dann wurden mir meine Tage oft
unertrglich, und die Erinnerung an das Gute, das ich ihm verdankte, sank wie
eine erdrckende Last auf mein Herz! - Freilich habe ich dies alles auch oft
genug vergessen. Meine Wnsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen
Gegenstand gebunden, meine Sinne standen jedem Eindruck offen, und so konnte es
mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen, meinen Kummer zu vergessen.
Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele, nach dem Genu einer
gegenseitigen Mittheilung, eines arglosen, innigen Umgangs, lie sich nie ganz
unterdrcken.
    Und wo htte ich dies Glck eher suchen sollen, als bei Albret? - Aber ach!
meine Julie, an welches unerklrliche, furchtbare Wesen hat mich das Schicksal
gebunden! - Du scheinst hievon weniger berzeugt zu seyn, und Deine schon oft
geusserte Meinung, da meine Klagen ber unsere wenige Uebereinstimmung wol
berspannt sein mchten, bewegt mich, Dir ein Geheimni zu entdecken, das
vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte. Du bist das einzige Wesen
auf der Welt, dem ich es anvertraue, das einzige, in dessen Herzen ich alle
meine Sorgen niederlege.
    Wenn ich nicht irre, so habe ich Dir schon lngst in einem meiner Briefe von
dem Markese * geschrieben, der meine nhere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen
schien. Bei dem zerstreuten, geselligen Leben, welches wir fhrten, ward es ihm
nicht schwer, Zutritt in unserm Hause zu finden; er sah mich fast tglich, und
bald hrte ich das Gestndni seiner Liebe von ihm. Ich hrte es ohne Entrstung
- und ohne Vergngen an. Ich schtzte den Markese; seine Unterhaltung war mir
von groem Werth; doch Liebe fhlte ich nicht. Natrlich da ich ihm dies sagte,
er aber schien es nur halb zu glauben. O! Sie werden, Sie mssen mich lieben,
rief er feurig aus, meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen. Die Natur will
mein Leben; ohne Liebe sterbe ich, und ich kann Niemand lieben, als Sie. Was
ich auch gegen diese Behauptung einwandte, so konnte es ihn doch fr den
Augenblick nicht berzeugen, und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz, mit
welchem Recht ich widersprochen hatte. Doch gestehe ich Dir, da ich mich selbst
oft im Stillen ber die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen
diesen liebenswrdigen Mann wundern mute. Das allgemeine Urtheil nannte ihn
schn, ich selbst erkannte gern so viele Vorzge in ihm an, und gleichwol fehlte
meiner Empfindung fr ihn jener geheimnivolle, harmonische Zug, ohne welchen
mir nun einmal jede Liebe gemein erschien. Unser Umgang, den Jedermann fr ein
Liebesverstndni hielt, dauerte auf diese Weise fort, ohne da unser
gegenseitiges Glck sehr dabei gewonnen htte. Die Offenherzigkeit, mit der ich
meinem Freunde den Zustand meines Herzens mittheilte, schien ihn nur fester an
mich zu binden. Er zerri, zu seinem Nachtheil, manches andere Verhltni, und
fuhr fort, mir mit einer hartnckigen Anhnglichkeit ergeben zu seyn. Albret
schien auf alles dies nicht zu merken, er beschrnkte unsern Umgang nicht, und
legte durchaus keine Spur seines Mifallens an den Tag.
    Einst an einem schnen Abend war ich mit dem Markese im Garten, der unser
Haus umgab. Das laue, schmeichelnde Wehen der Lfte, und die balsamischen
Gerche, die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen, bewegten mein Herz auf
ungewohnte Weise. Was ich empfand, war nicht Erinnerung des Vergangenen; nicht
Genu des Gegenwrtigen; es war eine Ahnung, ein Sehnen nach etwas Fernem,
Unnennbarem. Es schien mir, als mte ich die ganze Welt mit Innigkeit, mit
Liebe umfassen; nur das Nahe, Gegenwrtige war mir fremd. Auch der Markese war
ungewhnlich bewegt, jedoch von ganz andern Empfindungen, als ich. Wir gingen
schweigend neben einander durch die duftenden, halberhellten Alleeen. Wenn Sie
nur liebten, rief er endlich, mit schmerzlichem Ausdruck, wenn auch nicht mich!
- Aber Sie lieben nicht, und werden ewig nicht glcklich seyn! - O! der nagende
Schmerz, diese Blume, die schnste, welche je die Natur hervorbrachte, traurig
verblichen, an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen, der keinen Sinn
fr ihre Vortrefflichkeit hat! - und o! fuhr er fort, indem er mir schmerzlich
die Hand drckte, da eine Zeit kommen wird, wo Sie dies alles lebhafter, aber
vergebens, mit ewiger Reue empfinden werden! - - Mich schauderte, indem er dies
sprach. Ich fhlte, da eine Wahrheit in seinen Worten lag, die ach! nur zu sehr
mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf. Meine Gedanken flogen weit hinweg;
berall fanden sie eine trostlose Leere, und kehrten qulender zurck. So, ohne
Gegenstand, verworren trumend, wute ich es kaum, da wir uns in einer Laube
niedergesetzt hatten, und da der Markese mir zu Fen gesunken war, und mich
mit einem Arm umschlungen hielt.
    In diesem Augenblick trat Albret vor uns. - Er fuhr betroffen zurck, doch
war er bald gefat. Gut, sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton, ich habe es
erwartet. Und hierauf, als wre nichts geschehen, verschwand er in einen
Seitengang. Der Markese sprang auf, er drckte mich mit Heftigkeit an sich, dann
trennten wir uns stumm und bengstigt. Ich suchte Albret auf seinem Zimmer; ich
wnschte so sehnlich, ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdecken zu
knnen. Er war nicht da, und als ich ihn am andern Morgen wieder sah, blickte er
mich so kalt und entfernend an, da es unmglich war, diese Scheidewand
hinwegzuschieben. Er war noch bei mir, als man uns die Nachricht brachte, der
Markese sei am vorigen Abend, nicht weit von unserm Garten, ermordet gefunden
worden. Todesschauer berfiel mich bei dieser Nachricht und ein grlicher
Argwohn zuckte mir wie ein Dolchstich durch die Seele. O! Albret! rief ich mit
leichenblassem Gesicht, und bebender Stimme. Mein Mann heftete lange einen
festen Blick auf mich, und schien den schrecklichen Gedanken ohne groe
Befremdung in meinem Auge zu lesen. Es lag etwas furchtbares in seinem Blick,
aber zugleich eine gewisse Hoheit, der ich nicht widerstehen konnte. Unsre
Abreise erfolgte bald darauf, und ich blieb in dieser schauderhaften
Ungewiheit, deren Quaalen nur durch die Vernderung der Gegenstnde, und durch
den gnzlichen Mangel einer, jenen Verdacht bestrkenden, Besttigung, gemildert
worden sind.
    Doch, frage Dich selbst, ob mir nicht, wenn ich darber nachdenke, immer
noch Grnde genug zu ngstlichen, entfernenden Zweifeln gegen Albrets Carakter
brig bleiben? - Was soll, was kann ich von diesem geheimnivollen Wesen denken?
und ist nicht vielleicht diese erhabene, in allen Fllen sich gleichbleibende,
Fassung selbst ein Beweis, da gewisse schreckliche Grundstze ihm ganz zur
Natur geworden sind?
    Ich verlasse Dich, um mich zu zerstreuen, und diese Gedanken so viel als
mglich aus meiner Seele zu verbannen. Wollte ich ihnen nachhngen, so mte ja
aller Frieden und aller Glauben an Menschlichkeit auf ewig daraus scheiden.

                                 Zweiter Brief



                                Eduard an Barton

Seitdem Du mich verlassen, mein Barton, habe ich schon oft den waldigen Hgel
erstiegen, wo ich zum letztenmal Deines vertrauten, freundschaftlichen Umgangs
geno. Du warst damals in einer ungewhnlich feierlichen Stimmung, und Dein Auge
schaute voll tiefer Rhrung herunter in die heitere, weit um uns verbreitete
Welt. Welches Leben, welche Wirksamkeit in der ganzen Natur! sagtest Du. Stete
Umschaffung, Verarbeitung, Vernderung, und eine Kraft, die immer bleibt; denn
nur das Bleibende kann sich verndern. Aber was sie ist, diese Kraft, welche die
Rder des Ganzen zusammen hlt, da kein Theil sich aus seinen Fugen
herausreien darf, die den Geist mit Formen bekleidet, und das Aufgelsete, nach
Ruhe strebende, zu neuem Leben, neuer Thtigkeit zwingt? - Forsche nicht
darnach; nur das, was sich verndert, knnen wir wahrnehmen, und das Bleibende
erkennen wir, wie unser eignes Wesen, aus seinen Wirkungen. Ja, Eduard, fuhrst
Du fort, wir lernen unser inneres Leben immer deutlicher und schner kennen, je
wirksamer wir in dem ussern sind. La uns dem groen, guten All aufs innigste
angehren, und unser Selbst nur in dem Ganzen wiederfinden. Der Mensch fngt
damit an, Alles von Andern zu erwarten, und soll damit enden, Andern so viel er
kann zu gewhren. Es giebt eine Zeit, wo er sich unglcklich fhlt, wenn Andere
ihm nichts sein wollen, und wieder eine andere, wo es ihm Bedrfni ist, der
Welt etwas zu sein. Du hast den Weg bis dahin natrlich und gut vollendet; ich
gebe Dich mit frohem Muth der Welt; und verlasse Dich, weil Du es werth bist,
allein zu stehen. - Dieses, und noch manches andere fllt mir ein, so oft ich
den Hgel ersteige, und ich liebe diese Erinnerungen. - O! ich begreife wohl
Deine Absicht, Theurer! Du sahest meine Anhnglichkeit an Dich, meine feurige
Bewundrung Deiner seltnen Eigenschaften, und Du frchtetest, meine
Eigenthmlichkeit knnte bei diesen Empfindungen leiden, das Lebendige, Wahre in
mir knnte zu einer knstlichen, nachgeahmten Tugend herabsinken, die immer
unfruchtbar bleibt, so vortrefflich auch ihr Vorbild sein mag. Deshalb httest
Du mich verlassen, auch wenn keine andre Geschfte Deine Gegenwart verlangt
htten. Aber Dein Bild wird nie aus meinen Gedanken weichen, und in den Stunden
des Unmuths, wie in Stunden der Weihe, wird es, wie ein freundlicher Genius,
trstend oder theilnehmend vor meiner Seele schweben. Ja, Du hast mich der Welt
gegeben, ein heitres gutgebildetes Wesen, stehe ich vor ihr, und blicke mit Lust
in die weite, lebensvolle Sphre hin, wo auch ich mit wirken soll und will.
Eindrcke aller Art strmen mit Macht an mein Herz, und ich brenne vor
Verlangen, dem Ganzen, durch Wort und That, das wieder zu geben, was es so
wohlthuend in mir erweckte. Ich kann Dir nicht beschreiben, Barton, wie sehr
mich ein frohes Selbstgefhl zuweilen emporhebt, und glcklich macht. So war ich
am gestrigen Abend in einer Gesellschaft junger Mnner, die sich versammelt
hatten, um frhlich zu seyn. Wir hatten Musik, tranken, und die herrschende Idee
eines Jeden mahlte sich bald lebendiger und strker im freien Gesprch. Barton!
hier fhlte ich recht meinen Werth; ich fhlte mich voll Kraft, reich an
Erfindung eine ganze Welt zu beglcken, stark an Entschlieung, trotz allen
Verhltnissen, der Natur getreu zu leben. Ich sah um mich her - die meisten
schienen mir kraftlos, knstlich, verstimmt - nicht Einer, der sich zu meinen
Gefhlen htte emporheben knnen. Mitleid und Stolz bestrmten mich
wechselsweise so sehr, da ich es nicht aushalten konnte. Hinaus in die
freundliche Abendwelt lief ich, und an den einsamen Ufern des Stroms, wo nur die
Abendwinde mit geistigen Stimmen mich umsuselten, fand ich mich inniger,
glcklicher wieder. Ich sank auf die Kniee und kte die Blumen und die Erde, im
Gefhl einer namenlosen Liebe. - O! was sind alle Gensse der Sinne gegen das
Entzcken eines solchen Augenblicks! - ein dumpfes, unterbrochenes Gerusch
strte meine Begeisterung. Es kam aus dem Wasser, und ich entdeckte bald durch
die Gestruche etwas Lebendiges in dem Strom. Ein Knabe war es, der noch spt am
Ufer geangelt hatte, und unvorsichtig in die Fluth hinabgegleitet war. Er
kmpfte noch matt gegen die Wellen. Ich sprang sogleich hinein, und brachte ihn,
ohne Gefahr, leicht und glcklich ans Ufer. Seine Besinnung kehrte nach einiger
Mhe bald zurck, und ich fhrte ihn zu seinen, um ihn besorgten, Aeltern, deren
Wohnung er mir beschrieb. Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht, und selbst die
Keckheit, womit er sich heimlich an den Flu geschlichen hatte, gefiel mir; es
freute mich doppelt, ihn gerettet zu haben. Hierauf gieng ich zurck an den
Strom, entkleidete mich, und tauchte von neuem in die lauen Fluthen. Der
gewlbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermelicher
Tiefe unter mir im Wasser. Ich durchkreuzte die Fluren des Himmels und verwirrte
der Sterne ewige Bahnen. Ueber mir, unter mir und in mir war Himmel.
    Ein einziges thut mir weh, Barton! da sich mein Vater so lange von mir
trennt, da ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann, zu ihm, dem ich
mein ganzes Glck verdanke, und dem mein Anblick gewi belohnend sein mte.
-Jetzt erst fange ich an zu begreifen, wie er auf mich gewirkt hat. In vielem,
wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand, ahne ich jetzt die
wohlthtige Einwirkung eines vernnftigen heitern Geistes, der die Umstnde
gerade so fr mich zusammenreihte. Mein Vater hielt mir nie langweilige
Vorstellungen meiner Lebenspflichten, die nur den Verstand berhren und das Herz
unbewegt lassen; nur durch lebendige Eindrcke suchte er mich zu bilden, und so
blieb die Eigen-thmlichkeit und Freiheit meines Gemths ungekrnkt. Wenn ich in
die Zeiten meiner Kindheit zurckgehe, wie eine lachende Welt mich, von der
Wiege an, umfing, und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte,
der wie ich hoffe, unversiegbar sein wird. - Selbst das Zimmer, worin ich lebte,
der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele, hat ein angenehmes
Bild von Harmonie und Frhlichkeit in mir zurckgelassen, und ich wei noch ganz
genau, welche Farben, welche Gemlde es zierten, welche Aussicht es gewhrte.
Mein Auge gewhnte sich an heitre, liebliche Formen, und mein kindisches Herz
war mit unsichtbarer Gewalt an das Schne gebunden; ich unterlie das Schlechte,
nicht weil es bse, sondern weil es hlich war. So ward die Sinnlichkeit zuerst
in mir gebildet, und mir eine Freundin an ihr erzogen, bis ich lter ward, und
mein Verstand erwachte. Von dem glcklichen Wahn erfllt, da man Alles lernen,
Alles begreifen knne, war ich unermdet in Fragen, und vielleicht ward meine
Wibegierde noch geflissentlich gereizt. So lernte ich Sprachen, Mathematik,
Naturwissenschaft, Geschichte, mit immer neuer Lust und dankbarem Gefhl, und
der Baum der Erkenntni trug mir nur se Frchte, bis ein reiferes Alter mir
durch das Gefhl meines beschrnkten Wissens auch die bittern darreichte. Aber
jetzt brach ein neues Leben fr mich an. Mein Vater, hie es, mte eine Reise
in verschiedene Gegenden Europa's thun, und ich sollte ihn begleiten. Das heitre
Bild menschlicher Thtigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr, wie der Raum um
mich her. Unter der Menge neuer, lebendiger Vorstellungen verlohr ich das
Andenken an mich selbst; meine erwachende Phantasie umgab die Natur mit einem
therischen Schimmer; die Strahlen der Kunst berhrten meine Seele mit heiliger
Ahnung, und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus. Ich
dachte nur so viel als gerade nthig war, um meine Gensse schner und an
ziehender zu machen, und so geno ich Glcklicher! alle Freuden der Jugend, von
Phantasie, Gefhl und Geschmack zu Allem begleitet, und nur dann verlohren sie
ihren Reiz fr mich, wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten. - -
Freylich bin ich stolz geworden. Diesen Nacken hat noch kein Unglck gebeugt,
immer hat ein gnstiger Zufall mir, wenn ich sorgen wollte, die Hand geboten,
und selten habe ich einen Wunsch verfehlt. Ja, ich traue mir Kraft genug zu, die
Gewhrung meiner Wnsche, so hoch sie fliegen mgen, der Welt abzuzwingen, und
von dem Schicksal die Erfllung meines Berufes zum Glck zu fordern. Aber
Barton, mein Gefhl ist lebendig und gut; es giebt Menschen, die ich hasse, aber
ich knnte sie dennoch beglcken, stnde es in meiner Macht; und selbst die,
welche ich verachten mu, bedaure ich zugleich. Meine Leidenschaften sind
heftig, ich wei es, aber sie brechen sich in sanfte Farben, wie Regentropfen im
Sonnenstral, vor dem allmchtigen Schnheitssinn, der mein ganzes Wesen
durchdringt und emporhebt. - Und ist nicht dieser Sinn, wenn wir frei genug
denken, ihn aufs Ganze zu verbreiten, das grte, heiligste in uns? - wie weit
erhebt er uns ber eine engherzige Sinnlichkeit! Diese zieht nur einen kleinen
Zirkel um uns, whlt wankelmthig bald dies, bald jenes, und selbst das hchste
Interesse, das sie an Andere binden kann, wird durch den Tod zerrissen. Aber
jenes Gefhl, dessen heilige Rhrung durch die ganze Gattung gefhlt wird, durch
welches eine wahrhaft schne Handlung, eine groe Empfindung, die vor
Jahrhunderten verbt oder gefhlt ward, und auf unser persnliches Wohl oder Weh
keinen Einflu hat, Thrnen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt -
dies Gefhl entstand mit der Menschheit, erhielt sich und dauert fort.
    Du siehst, mein Lieber, da ich Deine Auffoderung, Dir viel, und viel von
mir selbst zu schreiben, treulich in Erfllung setze. Ich habe jetzt mehr als je
ber mich nachgedacht, und ich hoffe, dies soll nicht ohne Nutzen gewesen seyn.
Ja, Barton, ich erwarte viel von mir selbst. In dieser jugendlichen Freudigkeit
gedeihen gute Entschlsse, und die Krfte, die ich in mir fhle, sollen eine
wohlthtige Erscheinung werden, und die Fackel der Thtigkeit auch in fremden
Gemthern anznden. Das handelnde Leben, ohne welches die edelsten Gesinnungen
unfruchtbar bleiben, und alle Kraft des Gedankens verschwindet, reizt mein
Verlangen, und ich brenne vor Sehnsucht mein eignes Wesen, in Wort und That,
wieder zu finden.
    Leb wohl, mein Freund, und la mich bald von Dir hren.

                                 Dritter Brief



                                Eduard an Barton

Liegt es in meiner gegenwrtigen Stimmung, oder ist es ein besondrer Reiz dieser
Gegend, was mir diese Stadt so angenehm macht, da ich sie ungern verlassen
wrde, auch dann, wenn mir der nhere Umgang des vortrefflichen Mannes, dem ich
empfohlen bin, nicht so viel wahren Vortheil gewhrte, als er wirklich thut? -
Ich denke mir oft, hier sollte ich eigentlich gebohren sein, und lebhaft sehnte
ich mich schon sonst in diese Gegend, gleichsam als wren Theile in mir, die
hier erst ihr wahres Vaterland finden wrden. Und so viel ist gewi - bin ich
gleich nicht unter dem Einflu dieses schneren sdlichen Himmels gebohren, so
wird doch vieles hier in mir erzeugt, was mir ein neues schneres Daseyn
gewhrt. Ein unbeschreibliches glckliches Gefhl steht mit mir auf, winkt mir
ins Freie, belebt mir jede Ansicht. Blhende Mandelbume, schmeichelnde Lfte,
muntre Vgel, die in den zarten Schatten des sprossenden Gestruchs frlich
umher hpfen, alles, alles erhebt mein Herz mit freudiger Ahnung. Viele Stunden,
die nicht ernstere Beschftigungen einnehmen, weihe ich der Musik. Die
Mitternacht findet mich oft im Genu dieser bezauberten Welt, und kaum bin ich
des Morgens wach, so tragen mich die lockenden Tne bald wieder in ihr
geheimnivolles Vaterland hin.
    Vor einigen Wochen ist Nanette Sensy hier angekommen. Sie hatte meine
Wohnung bald erfahren, und kam, anstatt mich zu sich rufen zu lassen, selbst zu
mir. Wir waren seit mehrern Jahren getrennt, und unser Wiedersehen war so
frhlich, herzlich, so kindlich, als Du Dir nur denken magst. Erinnerungen an
das vterliche Haus, an unsere Jugendspiele, und ein lustiges Verwundern ber
jede kleine Vernderung, die wir gegenseitig an uns bemerkten, erfllten die
ersten Stunden, und seitdem vergeht kein Tag, wo wir nicht, allein oder in
Gesellschaft, zusammen sind. Ich finde sie sehr liebenswrdig, und es ist mir
herzlich wohl bei ihr. Sie ist jetzt Witwe und ist, wo mglich, noch heitrer,
muthwilliger, unbefangner geworden, als sie vor ihrer Verheirathung war. Es
leben hier in der Nhe mehrere ihrer Verwandten, und da ihr die Gegend gefllt,
so gedenkt sie lange hier zu bleiben.
    Gestern hatten wir ganz in der Frhe, noch mit einigen Andern, eine
Wallfahrt nach einem ziemlich fern gelegenen Dorfe gethan, dessen Lage uns sehr
romantisch beschrieben wurde, und es auch wirklich war. Nanette war sehr
ermdet, als wir zurckkamen und wollte die noch brigen Stunden des Tages
allein sein. Ich hingegen fhlte mich noch sehr munter, und da der Abend schn
war, lie ich mein Pferd satteln und suchte das Freie. Sehnsucht nach
menschlichem Anblick lockte mich auf die Landstrae, wo ich in jeden Wagen, der
mir begegnete, neugierig hinein sah und mich damit belustigte, aus dem Aussehen
der Reisenden auf ihren Stand, Gewerbe, Charakter und Vorhaben zu schlieen. In
dem letzten, den ich sah - denn fr die folgenden hatte ich kein Auge mehr -
schlummerte in einer Ecke des Wagens eine unbeschreiblich schne, weibliche
Gestalt. Du weit, wie mich Schnheit, wenn und wo ich sie auch finde,
unwiderstehlich anzieht, - wie mute sie in diesem Moment auf mich wirken, da
sie mich so empfnglich gegen jeden Eindruck fand! - Ich wandte um, der Wagen
fuhr langsam, und ich hatte Zeit, sie ruhig zu betrachten. Der Schlaf go eine
liebliche Unbestimmtheit ber die schnen Zge, in denen kein herrschender
Ausdruck sichtbar war, und mich dnkt, ein wahrhaft schnes Gesicht drfe auch
nie einen andern Ausdruck haben, als den, einer reinen Harmonie, welchen es von
der Natur empfngt. - Die schne Schlferin erwachte endlich, und nun fielen
meine Blicke auch auf ihre Begleitung, auf die ich zuvor gar nicht geachtet
hatte. Es war ein bejahrter Mann, mit einem sehr bedeutenden Gesicht, welches
wunderbar anziehend und zurckstoend war. Ein leichter Gram schien um die Augen
zu schweben, und flte Theilnahme ein, doch ein kaltes verchtliches Lcheln
bewachte den Mund und zerstrte schnell jenen Eindruck wieder. Die Stirne zeigte
Hoheit und das Auge schien gebt, in fremden Seelen zu lesen. Ich sah bald da
meine Blicke ihm lstig waren, und fhlte selbst das Unschickliche derselben.
Ich nahm nun einen andern Weg, und trumte noch viel ber die beiden. Nie
schienen mir zwei Geschpfe sich so unhnlich zu sein, wie diese, und der
Gedanke da sie wol auf irgend eine Art zusammen gehren mchten, machte mich
beynah traurig. Aber der holde Eindruck des Schnen beherrschte mich bald wieder
rein und ungetheilt. - Schnheit gleicht dem Genie; sie ist freie Gabe der
Gtter, und als solche hat der Wille der Menschen keinen Theil daran. Was selbst
erworbner Reiz des Betragens langsam hervorbringt, ist bei ihr das Werk eines
Augenblicks: die angenehme Rhrung, welche mein Herz bewegte, go einen hhern
Reiz ber die ganze Natur um mich her. Der Glanz der Abendsonne schien mit
berirdischer Klarheit auf den Baumwipfeln zu ruhen - der Rheinstrom und die
romantische Ferne, die einsamen Hhen und der frische duftige Wiesengrund mit
dem lebendigen Gewhl von Menschen und Thieren - das zarte Laub, das, kaum
entfaltet, freudig im Abendwind flsterte.-Alles schien verklrt, harmonisch,
ahnungsvoll. - O! ich bin so glcklich, mein Freund! - Mein einziger Wunsch ist,
da ich tausend Leben haben, tausend Formen beleben, alle Verhltnisse
durchirren, alle mgliche frohe Empfindungen fhlen knnte, und meine einzige
Sorge, da irgend eine Fhigkeit ungeweckt in meiner Seele schlummern, irgend
eine Freude ungefhlt vor mir vorber rauschen mchte!

                                 Vierter Brief



                                Amanda an Julien

Dein Brief hat mich angenehm gerhrt. Du schilderst mir Deine Lage so
gefhlvoll, Du bist so harmonisch mit Dir und Deiner Welt, Deine folgsame
Phantasie fhrt Dich nicht ber Deinen Kreis hinaus, und haucht nur ein
blhenderes Kolorit ber die Bilder des gewhnlichen Lebens. Wie glcklich bist
Du, meine Julie! - komm zu mir und lehre mich in meiner Lage zu sein, was Du in
der Deinigen bist. Dein Anblick wird die stillen Bilder unserer frhen Jugend an
Blumenketten der Erinnerung vor meine Seele fhren, und meine gespannte Stimmung
wohlthtig mildern. - Wenn wir uns allein fhlen, mag sich dann der lieblichste
Sonnenschein in goldnen Wellen ber die Gegend ergieen; ein gleichgltiger Tag
nach dem andern vergeht, und die Freude wird Wehmuth fr den, der sie nicht
theilen kann. Und ich bin allein! allein in der lebendigsten Natur, ber deren
frhlichste Bilder dies Gefhl einen schwermthigen Schleier zieht. Diese
duftenden Lauben wollen ein liebendes Gesprch, diese reizenden Irrgnge wollen
eine Bedeutung. - Ach! vielleicht trennt nur ein blhendes Gebsch, ein leichter
Pfad den Gegenstand von mir, der es wrdig wre, meine Gefhle zu theilen!
vielleicht wandelt auch er allein, mit dem schnen, unbefriedigten Herzen,
erstaunt, die todte Natur so lebendig, und die lebendige Welt so todt zu finden!
Er wei es nicht, da die, welche einzig ihn verstehen kann, so nahe bei ihm
ist; er flieht das Glck, das er sucht - ein schadenfroher Dmon fhrt ihn ewig
bei mir vorbei!
    Du lchelst ber meine Schwrmereien, Julie, aber la mir sie, die allein
mir Brge sind, da ich noch glcklich sein kann. Glcklich ist der Mensch nur
in seinem Gefhl. Er kann zufrieden sein, mit sich, mit der Welt, durch
Vernunft, durch reine Wrdigung der Dinge - aber jene gttlichen Momente, wo der
schne Eindruck nur Bilder und keine Begriffe in uns erweckt, jene Augenblicke
voll Unendlichkeit die wir undeutlich nennen, weil die Sprache fr sie zu arm
ist - diese liegen nur in unserm Gefhl. Zu lange, o! zu lange hat mein Sinn an
den Reizen einer zuflligen Umgebung gehangen, zu lange habe ich unter den
Freuden des Lebens mit kalter Ueberlegung gewhlt, ich mchte nicht mehr whlen,
ich mchte hingerissen sein. Die Seligkeit, die in dem Tausch der Seelen, in dem
Gedanken liegt, die Welt in einem fremden Herzen schner zu genieen, diese se
Trunkenheit der Gefhle, warum versagt sie mir das Schicksal, nur mir allein? -
In frher Jugend stand das Bild eines solchen Glcks lebhaft vor meiner Seele;
Jahre lang schien es verschwunden zu sein, aber jetzt stellen Einsamkeit und
Phantasie es mir mit neuen Reizen dar. Soll ich sterben, ohne je geliebt zu
haben? und habe ich dies Glck nicht durch eigene Schuld verscherzt? - Wenn dies
so ist, Julie, so werde ich ewig ber mein Geschick trauern mssen, ohne deshalb
unzufrieden mit mir selbst sein zu knnen, denn die Grnde meiner Handlungen
konnten irrig sein, aber unrecht waren sie nicht. - Damals als ich mit Albret
bekannt wurde, warst Du nicht bei mir, und ich glaube da ich jene Tage mit
Recht fr den Zeitpunkt halten kann, wo Du in Deinem ganzen Leben den wenigsten
Antheil an mir genommen hast. Es war unsre erste Trennung. Du reis'test mit
Deinem jungen, kaum zum Gatten gewordnen, Liebhaber nach Deinem neuen Wohnorte,
und natrlich da Dir da im ersten sen Rausch einer ganz aus Liebe geschlonen
Verbindung, wohl wenig Zeit, an Deine Freundin zu denken, brig blieb. Es hat
mir, die gerade in diesen Momenten fester an Dir hing, als je, manche Thrne
gekostet; desto erfreulicher ist mir jetzt der Gedanke, da eine Zuneigung,
welche dieser Klippe, der gefhrlichsten, die weiblicher Freundschaft drohet, zu
trotzen wute, auf der ganzen Reise des Lebens keinen Schiffbruch mehr zu
besorgen hat. Ich blieb allein, und bemerkte zum erstenmal, nicht ohne
Befremdung, da unsre Denkungsart nichts weniger als gleichfrmig sei. Ich
dachte mir Dich als unaussprechlich glcklich, und grmte mich recht sehr, da
ich es auf Deinem Wege nicht sein und nie werden zu knnen glaubte. Ich hielt
Dich fr besser, weil Du glcklicher warest, und glaubte fast, ich verdiene von
Dir vergessen zu sein. Unser gemeinschaftlicher Freund, der redliche Brenda,
besuchte mich oft, und suchte mir Deine Abwesenheit vergessen zu machen, aber es
wollte ihm nie recht gelingen. Er schien sich immer fester an mich zu ketten,
und auch ich glaubte Neigung fr ihn zu fhlen, - vielleicht nur, weil Du mir
gesagt hattest, da Du es wnschtest. Aber diese Neigung erfllte mein Herz
nicht so sehr, da darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden htten.
Es war mir s, wenn ich an die Zukunft dachte, wie Kinder bei halbgeschlonen
Augen, eine Menge rosiger, goldner, verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu
sehen. Ich konnte mir das Leben unmglich wie einen geraden, offnen Weg denken,
wo man schon beim Eintritt das Ende bersehen kann; vielmehr liebte ich mir
einen, verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden
Lichts zu trumen. Unser Freund, das wute ich, war fr diese Ideen nicht
gestimmt, sie betrbten ihn sogar und verursachten manches Miverstndni
zwischen uns; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen
Anhnglichkeit. - Jetzt kam Albret in unsre Stadt. Sein erster Anblick machte
einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich. Zwar konnte er, obgleich nicht
mehr jung, mit allem Recht auf den Namen eines schnen Mannes Anspruch machen,
aber in seinen Zgen war etwas so zerstrtes, gewaltsames, willkhrliches, das
allen den sanften frhlichen Bildern, die ich mir von Liebe und Lebensgenu
gezeichnet hatte, grausam Hohn zu sprechen schien. Mein Vater hatte viel
Geschfte fr ihn zu besorgen, er sagte mir, da er ihn schon ehedem, auf Reisen
an verschiednen Orten kennen gelernt htte, und hegte von seinem Charakter eine
eben so hohe Meinung, wie von seinen Reichthmern. Ich sah ihn oft, und lernte
ihn nie kennen; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes,
willkhrliches und planmiges, da es mir nicht mglich war, etwas anders, als
da er unergrndlich sei, von ihm zu wissen. Indessen bte die Reife seiner
Urtheile, und die Sicherheit, der Gleichmuth seines Betragens ber meinen
Verstand eine stille Gewalt aus, ohne da die Kluft, welche die Verschiedenheit
unserer Gefhle zwischen uns legte, dadurch ausgefllt worden wre. - In jener
Zeit sah ich meinen Vater von einer, mir unbekannten Unruhe geqult; sein
Betragen gegen mich ward weicher und zrtlicher als je, und wenn er mich
betrachtete, traten ihm oft die Thrnen in die Augen. Einst kam er zu mir - ich
sehe es noch, wie er vor mir stand - die ganze ehrwrdige, alternde Gestalt,
Ausdruck des Kummers, und der schne Zug reiner Gte in seinem Gesicht, mit
Rhrung und Unruhe vermischt. - Mein Kind, sagte er, Unglcksflle haben unser
kleines Glck vernichtet; mein Vermgen ist verlohren, und auch selbst dies
kleine Eigenthum, worinnen wir bis jetzt frei und zufrieden lebten, mssen wir
verlassen. Ich zittre nicht fr die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben
habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstnde vergnnten mir
nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden
Talente htte gehrig entwickeln knnen, damit du jetzt in ihrer Ausbildung
Mittel zu einem leichten und anstndigen Unterhalt finden mchtest. Aber du
lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhltnissen, und dein eignes Wesen
ist mehr fr Freiheit als Dienstschaft gemacht; du giebst lieber als du
empfngst, und du kannst nur glcklich sein, wenn es in deiner Macht steht,
glcklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein
wrden, wenn du reich wrest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes
Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschrnkte, Kmmerliche ertragen knnen? -
Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkmmerte
Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch
nie an ihre Versiechung gedacht, und fhlte jetzt mit Errthen, da ich wirklich
sogleich kein Mittel wute, die Sorge fr meine Erhaltung selbst zu bernehmen.
Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und trstend
sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglcklich sein! es
werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden - - Es hat sich eine
gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir mglich ist, dieser zu folgen, so
bittet dich dein Vater, thue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein
heitres, genuvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen
verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhngen, aber in brigen frei sein.
Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schliet, wie selten
vorzglich ein Weib in ihrer abhngigen Lage darauf Anspruch machen kann!
bedenke, da du Bedrfnisse und Wnsche hast, welche ein freies, nicht von
ngstlichen Sorgen bekmmertes Leben verlangen, und da jene Freiheit, welche
uns in den Stand setzt, den ussern Verhltnissen, mehr und mehr eine
selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichthum erreicht wird. Ich
verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort;
bedenke da die Ruhe deines Vaters davon abhngt.
    Und so, Julie - denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und
ich hielt es fr verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu berwinden,
welches mich von dieser Verbindung zurckzuziehen schien - ward ich in wenig
Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer
Verbindung mit einem Eifer, den ich fr wahre herzliche Liebe zu mir nahm. -
Ach! dies war es nicht! ganz andre Wnsche, andre Zwecke fesselten ihn an ferne,
mir unbekannte Gegenstnde und zogen ihn in andre Gegenden, und unsre
Verheirathung ward nur darum so beschleunigt, damit er sogleich nach seinen, bei
Florenz gelegnen Gtern reisen konnte, wohin ihn ein heftiges Verlangen trieb.
Die allen meinen Wnschen zuvorkommende Artigkeit meines Gatten, trstete mich
anfangs ber den Mangel an Vertrauen und Herzlichkeit, welchen ich nur allzubald
fhlte, und ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, ihm durch mein Betragen sein
Zutrauen abzugewinnen und selbst an seinem Wesen, vielleicht manches umndern zu
knnen - und erst dann, als ich wahrgenommen, da er mich zu wenig achtete, um
mir seine Geheimnisse mitzutheilen, ja, da er mich oft als Mittel zu mir
unbekannter Absichten brauchte, ist diese Hofnung gnzlich von mir gewichen.
Bald nach unsrer Trauung ward mein Vater gefhrlich krank, und ich bemerkte mit
tiefem Schmerz, da Albrets Bekmmerni, mehr dem Verdru, unsre Reise verzgert
zu sehn, als dem Antheil an dem geliebten Alten zuzuschreiben war.
    Er starb, der zrtlichste der Vter, dem in der liebenden Brust seines
Kindes, ein stilles aber unvergngliches Denkmal seiner Herzensgte und seiner
Liebe zurckgeblieben ist. - Mit aller Mhe konnte ich Albrets Einwilligung zu
einer Reise zu Dir nicht erlangen, und nur da er selbst sich gezwungen sah,
noch einige nothwendige Geschfte abzuthun, bestimmten ihn endlich dazu. Da kam
ich zu Dir, meine Julie, mit allen meinen Leiden, meinen Sorgen, meinem Wahn und
meinen Hoffnungen. Unsre Herzen fanden sich bald wieder; Deine heitre Stimmung
theilte sich mir unvermerkt wieder mit, und Deine ruhige Vorstellungsweise half
mir an meiner Lage manche neue, angenehme Seite entdecken. Doch gestehe ich Dir
auch, Julie, da ich Dich oft beneidete, wenn ich Dich traulich an der Seite
eines Mannes sah, mit dem Dich nur Neigung verbunden hatte. Eure Thorheiten
kamen mir zuweilen belachenswerth vor, ich schalt Dich damals oft, wegen Deiner
gnzlichen Hingebung, der sorglosen Nachlssigkeit Deines Betragens, aber ich
fand Dich glcklich. In euren kleinen Znkereien selbst, die oft entstanden,
weil ihr euch einander ganz ohne allen Schein, alle Verstellung zeigtet, lag
etwas, das mit gefiel. Die Erinnerung an eure Liebe vereinigte euch bald von
neuem, und die stille Harmonie eurer Herzen hielt das Band fest, das Leichtsinn
und Laune umsonst zu zerreissen drohten. Vielleicht verschnerte sich Dein Glck
in meiner Phantasie, aber ich gestehe dies, so oft ich daran dachte, ward ich
traurig, und fhlte es mit schmerzlicher Lebhaftigkeit, da Harmonie sich nicht
erknsteln lt.
    Diese bei Dir verlebte Zeit hatte mir jedoch dazu verholfen, da ich die
Reise nach Florenz nun mit neuem Muth und neuer Lebenslust antreten konnte. Der
Schmerz ber den Verlust meines Vaters war gemildert; vorige Trume und Wnsche
kehrten zurck, und die Phantasie stellte meinem neu auflebenden, ahnungsvollen
Herzen in die Ferne manches reizende Gemlde hin. Mit Vergngen erinnere ich
mich noch jetzt der ersten Tage unsrer Reise. Der volle Farbenschimmer des
Herbstes war ber die Gegend verbreitet, kleine Bsche wallten goldnen Locken
hnlich, die Hgel hinab; weisse Gewebe flogen ber den Boden, und der Himmel
war in zarte silberne Dnste gehllt. Nie bin ich heitrer gewesen, als da, habe
nie freier, jugendlicher gefhlt, nie der Tage, die mich erwarteten, mit
froherer Zuversicht entgegen gesehn. An den Gedanken, die Welt zu sehen, knpfte
sich alles, was Phantasie, Hang zum Vergngen und Verlangen nach reiferen
Begriffen sich nur wunderbares, liebliches und belehrendes zu denken vermgen.
    Doch so blieb es nicht lange. Ich dachte oft an Dich, meine gute Julie, und
nie hab' ich Dich schmerzlicher vermit, nie hat mir ein theilnehmendes Herz so
sehr gefehlt, als wenn wir durch neue bezaubernde Gegenden kamen - Gegenden, bei
denen ich, obgleich an die liebliche Hoheit meiner vaterlndischen Ansichten
gewhnt, in ein tiefes, wonnevolles Staunen gerieth - und Albret bei allem ganz
kalt blieb, und meine Entzckungen beinah verchtlich belchelte. Immer schien
sein Sinn mit Ungeduld in die Zukunft zu streben; die meiste Zeit war er still
und in sich gekehrt, und nie gieng ihm die Reise schnell genug. Ich suchte alles
hervor, was mich ber sein Betragen trsten konnte, und gewi habe ich viele
frohe, sehr frohe Momente gehabt. Viel jugendliche Trume, viel Wnsche sind mir
erfllt worden, ich war oft glcklich, nur mein Herz war nie hingerissen, nie
befriedigt! Und Julie! sollte ich vielleicht diesen Trumen nicht einmal
nachhngen? - aber warum erinnert mich denn Alles daran, da Liebe das hchste
Glck des Lebens ist, warum mu ich allenthalben sehn, wie sie die niedrigste
Lage veredeln, und der Drftigkeit und Abgeschiedenheit selbst ein zauberisches,
beneidenswerthes Ansehen leiht? - Meine Fenster gehen auf der einen Seite in
einen benachbarten Garten, den ein Grtner mit ein paar jungen Tchtern bewohnt.
Die Welt wird wohl nie ihren Namen nennen, niemand als die nchsten Nachbarn
kennen sie, ihr Anzug, ihre Beschftigungen verrathen ihren Mangel an allen
Gtern des Glcks, aber die Liebe hat sich ihrer angenommen. Bei frhem Morgen,
wenn noch alles schlft, schleicht die eine von ihnen an die Planke, und fnet
leise die Thre. Unruhig erwartend geht sie auf und ab, und fhrt bei jedem
Gerusch zusammen, das der Morgenwind an der halbofnen Thre macht. Bald
erscheint ein junger wohlgebildeter Mann, sie hpft ihm entgegen - sie sind so
jugendlich, so froh, und sie geniet in diesen Augenblicken die reichste
Entschdigung fr alles, was ihr die Laune des Glcks versagte! ich gestehe Dir,
da ich ihre frohen Unterhaltungen schon fter mit dem hchsten Interesse
belauscht habe - doch hinter der Jalousie, damit mein Anblick ihre Freude nicht
strte.

                                 Fnfter Brief



                                Amanda an Julien

Dies kleine, niedliche Stdtchen gefllt mir mit jedem Tage mehr. Das ruhige
Leben welches ich hier fhre, lt mich meinen Trumen ungestrt nachhngen, und
mildert manches traurige Bild, das sich mir, als ich im Gerusch lebte, sehr
oft, mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte. Hier ist
alles was mich umgiebt, Luft, Gegend, Frhling, in ein weiches Colorit getaucht,
und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken, traurige und
frhliche, in ein mildes, bereinstimmendes Ganze. Knnte ich nur diese
Sehnsucht nach einem verwandten Wesen, nach jener, vielleicht nur ertrumten
Seelenharmonie, die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift, knnte ich nur
diese vergessen, so wrde ich ganz glcklich sein. Ich seh' es ein, da mir so
vieles ward von dem, was die Wnsche des Menschen reizt. In der Blthe der
Jahre, in der vollen Kraft der Gesundheit gewhrte mir ein gnstiges Schicksal
so manche frhliche Gensse, schne Beziehungen des Lebens, die Andre unter
ewigen Wnschen, unter Sorgen und Gram erst spt, viele nie erreichen. Frei und
ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar, das Leben zu genieen, warum
fehlt mir doch oft der Sinn dafr? Warum fliegen alle meine Wnsche
unauf-haltbar dem Einen nach, was mir fehlt, da mich das Mannigfaltige, was ich
besitze, genug beschftigen knnte? - Ja, ich will allein sein, meine Julie! -
ist es denn so unmglich, da ein Weib sich selbst genug sein kann? - sind unsre
Herzen durchaus dazu geschaffen, in einem einzigen Gefhl die ganze Welt zu
genieen, und warum sollten wir dies Gefhl nicht ber die ganze Welt verbreiten
knnen? - Wenn ich die Liebe, die ich ungetheilt im Herzen verschliee, auf
viele Gegenstnde bertrage, wenn ich einzeln und zerstreut die schnen Blumen
breche, die das Schicksal nun einmal nicht fr mich in einen Straus
zusammenband, werde ich da nicht glcklich sein?
    Ich habe, seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche, schon viele
frohe Augenblicke gehabt. Kaum sind es einige Wochen, seit ich hier bin, und
dennoch seh' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt, die mir nichts mehr
zu wnschen brig lt. Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschpf, das jede
Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen lt, ohne sich
im geringsten darum zu bekmmern, ob er mich dagegen auch beherrscht, und ohne
deshalb von seiner Originalitt zu verlieren, der, ob er gleich das sinnlichste
Wesen von der Welt ist, bei stundenlangem Alleinsein, auch die Eifersucht selbst
nicht zum leisesten Mivergngen reizen wrde, der mich ungestrt meinen Launen
nachhngen lt und mich nie um meine Geheimnisse fragt. - Willst Du diesen
seltnen Liebhaber, ohne Herrschsucht, voll Unschuld und Bescheidenheit nher
kennen lernen, so sage ich Dir, da es ein kleiner, sieben oder achtjhriger
Knabe ist, der meiner Wirthin angehrt. Das Kind hat etwas edles, bedeutendes in
seinem Wesen, das ich unbeschreiblich anziehend finde. In den ersten Tagen
meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur, wo er mit einem zahmen
Vogel spielte, den er immer mit sich herum trug, und ausserordentlich zu lieben
schien. Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen, und nur dadurch, da ich
seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Krner brachte, und auf ihn gar
nicht zu achten schien, erwarb ich mir sein Zutrauen. Seitdem bringt er den
grten Theil des Tages bei mir zu, und die Aussicht etwas zur Verschnerung
seines innern und ussern Lebens beitragen zu knnen, ist mir unbeschreiblich
angenehm. - Ach! warum kann Albret dies Vergngen nicht theilen! wie unglcklich
ist das Herz, das sich so unschuldigen Gefhlen nicht hin zu geben wagt! Albret
traf den Kleinen auf meinem Zimmer, und sein liebenswrdiges Wesen schien auch
seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er betrachtete ihn - beinah wohlwollend,
spielte mit ihm - ja er war, wie ich ihn noch nie gesehen. Aber unerwartet
schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden; er bat mich,
ihn zu entfernen, wunderte sich ber meine Gedult mit dem unartigen Knaben, und
sagte so viel Hartes und unfreundliches ber ihn, da Wilhelm - so heit der
Kleine - scheu aus dem Zimmer sprang. Ist diese, so oft hervorbrechende
Bitterkeit Werk der Natur, oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder
Menschen tief gekrnkten Herzens?-O! da ich das letzte glauben drfte, wie gern
wollte ich theilen, was auf diesem Herzen lastete! - Aber umsonst suche ich mir
sein Vertrauen zu erwerben; er verschmht den Antheil, den ihm jetzt freilich
nur mein Blick noch zu zeigen wagt!
    Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen, und ber das harte
Gemlde des Menschenlebens ein weiches, geistiges Colorit zu hauchen vermag! -
ich stand am Fenster, und meine Blicke tauchten sich trumend in die nchtliche
Gegend hin. Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein, der sich immer
weiter und weiter verbreitete. Das Schweigen der Lfte, die feierliche Erwartung
der Natur, des Himmels wachsender Glanz, verkndete die nahende Erscheinung
einer Gottheit. - Und nun stieg sie herauf, im Glanz gehllt, die Beherrscherin
der Nacht, und ein silbernes Licht strmte aus ihren Augen ber die dunkle Erde
hin. In Trume aufgelt, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe
Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern
Erdkreis zu, und berlie mich ganz dem Genu einer unbestimmten, ahnungsvollen,
freundlichen Schwrmerei, die eigentlich nur das Eigenthum der frhen Jugend
ist. O! wer sollte nicht wnschen, da es mglich wre, in diesem Blthenraum
der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges
Morgenroth der Hoffnung unsre Aussicht bekrnzt, das ganze flchtige Leben
wegtrumen zu knnen? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus
diesen Blumenthlern hinweg, wohin kein Weg zurckfhrt? - Die Fhigkeit zu
allen sen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt
in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch
ungetheilt, alles, was es jemals, vertheilt, bei den mannigfaltigsten Eindrcken
zu fhlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrbt vor die jugendliche
Phantasie, und der lebendige Eindruck ergiet sich mit sanfter Gewalt durch alle
Saiten des erwachenden Gefhls. Deshalb umfat es die kleine Welt, die es
umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrcken kann. Die
liebliche Magie der Unerfahrenheit berwebt Ursprung und Ende jeder schnen
Empfindung wie mit einer Wolke, da sie auf einmal in ihrer ganzen Flle
dasteht, unbegreiflich und mchtig wie das Erscheinen einer Gottheit. Dies alles
verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und
den leisen Gang der Eindrcke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu
verfolgen vermag. - Aber, Julie, giebt es keine Zeit im Leben, wo diese
jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Strke und Einheit, nur noch inniger,
schner, heiliger zurckkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die,
wo wir lieben? - O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor
meiner Seele schweben!
    Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in frhen Jahren lernte ich nur wenige,
meist unterrichtende Bcher kennen, und Bcher zrtlichen Inhalts blieben mir
fast ganz fremd. - Jetzt lese ich, unter andern, fr mich neue Schriften, auch
zum erstenmal Rouseau' s Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem
von Juliens Briefen - denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux - vermag ich
nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, knnte ich auch lieben, und seufze
ber das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir
alles versagte.

                                 Sechster Brief



                                Eduard an Barton

Nicht immer, mein Freund, fhle ich mich so glcklich als an dem Tage wo ich Dir
zuletzt schrieb. Unruhe berfllt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher.
Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorber; ihr
schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die
jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich
die Gegenstnde strker, inniger, obgleich seltner. Oft dnkt es mich, als
fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und
das Gemlde menschlicher Wnsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken
verworren und drckend auf meinen Geist. Es ist mir, als stnde ich noch unter
den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschlu, die mir das
Rthsel des Lebens und der Welt erklren sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit
verstndigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht
verwstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen
gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mgen, zu
lenken weis; so fhl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und mcht' ihn bitten:
o Du! der Du die geheimen Irrgnge des Herzens beobachtetest und selbst
durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem groen Schauplatz des thtigen
Lebens zu erkennen und zu wrdigen weit, o schliee den Reichthum Deiner
Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht! - denn was
kann wohl schner sein, Barton, als in dem vorberrauschenden Strom des Lebens,
wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu
vernehmen, und mit geluterten Sinnen die schnen Tne des Gefhls zu
unterscheiden, die aus dem todten Stoff der Umstnde lebendig hervorquellen? Wer
dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls
nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu
geben. Mit schpferrischer Hand drckt er selbst der todten Natur Spuren eines
freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die
ewigen Zwecke des Lebens falich und rein seiner Seele vorber.
    Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum
Theil noch unbekannte Plne mit mir, ausfhren will, auf die Zeit, wo mich
vielleicht eine andere Hemisphre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird.
Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr
zauberisches Halbdunkel unaufhrlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich,
mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel nher zu bringen,
so thue es, und mache Deinen Eduard sobald als mglich glcklich.
    Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurck, und weihe Dir noch die
letzten Augenblicke dieses Tages. - Neues Leben regt sich durch die Natur; ein
frisches Grn breitet sich ber den Grund, die Bume schwellen von junger
Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Hhen hinaufstieg,
den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! - Wre es
doch mglich, dachte ich, so immer hher zu steigen, und dann, in heiliger
Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gem, dahin wandeln zu
sehen, dann immer weiter den unersttlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den
Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! - Ach! da es einen
Punkt giebt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen
Auges, des ussern und innern, traurig an der Grnze haftet, welche eine
unbegreifliche Macht seiner durstigen Wibegier vorschob! - Hier, wo sonst alles
in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Krfte es bestimmen,
wo alles in friedlicher Nothwendigkeit die beschriebene Bahn durchluft, wo fr
jedes Bedrfni des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen
freier, unauslschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn
gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnivollen lezten
Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den
Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens geniet? - Und
doch, mein Barton, wre der Streit ber unser eignes Wesen entschieden, der
geheimnivolle Schleier der Natur zerrissen; so wre ein Stillstand aller
Thtigkeit, alles Strebens in uns. Ewig mssen wir suchen, inde ein jeder das
Geheimni seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in
seinem eigenen Busen trgt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des
Herrn von W * *, wo er eine vorzgliche Sammlung phisikalischer Instrumente
aufbewahrt, und wo ich mir fr meinen Geist reichlichen Genu verschaffen darf.

                                Siebenter Brief



                                Amanda an Julien

Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefhrtin zugefhrt
- und da ich Dir so lange nicht schrieb, ist wol der strkste Bewei, wie
anziehend sie mich beschftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das
gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen,
den Dornen des Lebens vorber flattert; eine immer frhliche Laune, und das
glcklichste Talent, allenthalben das Angenehme leicht und sicher
herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist
gewi ein groer Schatz fr Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und
strebend, oft das Gute verschmhen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. -
Nanette Sensy - dies ist der Name meiner neuen Freundin - lebte nur wenige Tage
in der Ehe, die blo Convenienz geschlossen hatte, und ist jetzt Wittwe. Der
Wunsch, einige vormalige Bekannte wieder zu sehen, fhrte sie hieher ins Bad, wo
es ihr nun sehr zu gefallen scheint. Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball.
Wir waren beide fremd, hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art
gekleidet, fanden, da wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten, und dies alles
- Du weist, da solche kleine Umstnde oft ein Band knpfen knnen - beredete
uns, da wir einander mehr als den Uebrigen angehrten. Sie kam mir mit der
angenehmsten Art von der Welt entgegen, und zeigte in Allem was sie sagte und
that, etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes, da ich gleich sehr
lebhaft fr sie eingenommen ward, und ihren Umgang eifrig zu suchen beschlo.
Seitdem sehen wir uns tglich, und sie hat mich dazu vermogt, - was ich bis
jetzt nicht habe thun mgen, - unter der, hier immer mehr anstrmenden Menge von
Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen, und an ihrer Seite herum zu
schwrmen. Aber die liebsten Stunden, sind mir die, welche ich mit Nanetten
allein zubringe. Es giebt so vieles aus unserm vergangnen Leben, was wir uns
gern mittheilen mgen, und Nanette hat eine so harmlose, leichte Art, die Dinge
zu betrachten, da ich, seit diese Silphide mich umgaukelt, meine jugendliche
Heiterkeit ganz zurckkehren fhle. Wie sehr knnen zwei weibliche Wesen sich
gegenseitig beglcken, bei ihrer zarten Empfindung, dem leisen Errathen, der
schnellen, reizbaren Phantasie, die ihnen eigen ist, wenn sie nur standhaft alle
Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen! - Da wir hufig das Freie suchen,
so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen, und wir sind
bei unsern kleinen Ausflgen stets usserst froh. Ueberla ich mich in manchen
Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermthigen Trumerei, so wei sie
meine Blicke immer sehr glcklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu
lenken, oder sie neckt mich auch wol, und zerstreut mich, indem sie mit Laune
und Feinheit, meine Empfindlichkeit rege macht. Eine Scene, die gestern vorfiel,
mu ich Dir schildern, denn ich wei, Du liebst das idyllenhafte - und der ganze
Tag ist wol einer Beschreibung werth. Es war ein liebliches Wetter; die Luft
athmete so warm, so wohlthuend, da Alles ihren Einflu fhlte. Meine
Grtnermdchen sangen mit frhem Morgen, Frhlingslieder, und selbst ein paar
wilde, junge Menschen, die nicht weit von mir wohnen, waren aus ihrer
Fhllosigkeit erwacht, und stimmtem ihre rauhen Tne zu sanften Gesngen um. Wir
fhlten uns ungewhnlich heiter, und Nanette schlug vor, die Familie eines
Pchters zu besuchen, die sie auf ihrer Reise zuflligerweise hatte kennen
lernen, und die in einer vorzglich schnen, selten besuchten Gegend wohnen
sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns
dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwrts durch die Gebirge in ein
freundliches Thal; die waldigen Hhen wichen immer mehr zurck, und bekrnzten
zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge
gelacht. Eine Menge zierlicher Drfer sahen munter und anmuthsvoll aus ihren
blhenden Grten hervor; weite Saatfelder suselten in grnen Wogen vorber,
trauliche Gruppen von Bumen bekrnzten kleine spiegelhelle Seen, oder wlbten
sich ber schnelle, lautmurmelnde Bche. Wir freuten uns der mahlerischen
Krmmungen, an denen uns unser Weg durch viele Drfer und Bsche fhrte, und
priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd
zum Ziele fhrt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schnes,
reinliches Landhaus, worinnen alles Ordnung, Betriebsamkeit und Frhlichkeit
athmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergimeinnichtaugen uns
zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, da sie die Braut eines
von den Shnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden wrde.
Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf
nichts bedacht zu sein, als alle Geschfte in dem Sinn derselben zu verrichten,
und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit.
Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch berrascht, aber
nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr
verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die
Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen
Lffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische giengen
wir in den Garten, der etwas erhht, die Aussicht ber das ganze Dorf gewhrte.
Eine warme, fhlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flgeln die wrzigen
Dfte tausend blhender Pflanzen und Bume entgegen. Mein Herz bebte in
wunderbarer Rhrung, von Vergngen und Wnschen getheilt. Hier der trauliche
Schatten, hoher, wehender Bume, der sichtbar Khlung verbreitete - dort das
blhende, frhliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in
der kleinen Thr stand - die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und
Bltter friedlich ber die Grabhgel streute - mit ihrem Korbe voll Klee die
muntre Dirne, die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt - alles dies
gab mir ein Bild von Unabhngigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen
Lebensgenu, und natrlicher, leichter Erfllung aller menschlichen Pflichten,
das mich innig rhrte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen
Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschrnkten
Wissen, und ihrem eingeschrnkten Wnschen, glcklicher und nher der Natur, als
wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber
auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu
ihrer heitern Beschrnktheit zurckkehren knnen?
    Unser Wirth hatte mehrere erwachsene Shne, die, obgleich wohl gebildet,
doch bloe Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschftigen schienen,
als die weitluftige Wirthschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von
ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergngten Blicken angesehen; doch als
beim Mahl, der Genu des frhlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas
rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen
konnte, war er hinweggegangen. Jetzt gieng ich einige Augenblicke allein, in
einen von den schattigen Gngen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit,
sagte er mir: mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum
nicht bse, ich will ihn bitten, da er nicht wieder so spricht. Dann trat er
mir ehrerbietig aber zutraulich nher, legte seine Hand auf meinen Arm und
sagte: werden sie zrnen, wenn ich sie um einen Ku bitte? Sein Ton war weich
und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefhlvoll; ich zrnte nicht. Julie ich
kte ihn, und ich kann Dir sagen, da ich ihm im Herzen recht innig wohl
wollte. Er verlie mich schnell, sein Auge glnzte von reiner Freude, und wer
weis, ob mein Ku irgend jemand einen glcklicheren Moment gewhren knnte, als
diesen Jngling.
    Als wir zurckfuhren glnzten die Wiesen im Abendthau, ein rthliches Licht
wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond
heller durch die Gebsche.
    Ich erzhlte Nanetten mein kleines Abendtheuer, und sie lachte, wie ich
vermuthen konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jngling nichts
weiter, als einen hbschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und
alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewhnlichen
Schwrmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre
Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen bereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen
Eindruck so stark werden zu lassen, da er das Gleichgewicht ihres Gemths
strt, und dadurch, da sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefhrlichen
Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der
Phantasie ihrem mchtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefhrlich zu
werden droht. Ja zuweilen fhle ich es recht lebhaft, wie verschieden meine Art,
die Dinge anzusehen, von der euren ist. Wie vieles ngstigt und entzckt mich,
wobei ihr andern ganz gleichgltig und gelassen bleibt. Dafr aber bewahrt ihr
in eurem Gemth eine gewisse Klarheit, deren ich mich nicht zu erfreuen habe;
denn - was es ist, weis ich nicht - aber vieles liegt noch dunkel und
ahnungsvoll in meiner Seele.
    So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin, und auch Nanette versichert,
da sie sich kein bessres Leben wnscht. Freilich mu ich frchten, da
vielleicht der Reiz der Neuheit die Flchtige am strksten anzieht, und da sie,
wenn dieser verloschen ist, mich leicht fr eine neue Bekanntschaft hingeben
knnte. Denn sagte sie nicht selbst: mein Herz schmachtet ohne Aufhren nach
Neuheit; durch sie allein wiederholen wir uns den sen, allzuflchtigen Traum
der Jugend, wo uns alles neu ist? -
    Albret sehe ich jetzt wenig; er scheint sehr beschftigt; aber Wilhelm kmmt
fast nie von meiner Seite. Herzlich erfreut mich sein dankbares Lcheln, jede
freundliche Aeusserung, womit er mir die angenehmen Empfindungen, die ich ihm
verschaffe lohnt, und ich wrde seine Dankbarkeit ungern entbehren. Nenne dies
nicht eigenntzig; es ist ein so ses, menschliches Gefhl, sich als den
Schpfer fremder Freuden betrachten zu drfen, und von einem unschuldigen,
liebevollen Herzen dafr anerkannt zu sehen; so wie es in meinen Augen eine
unnatrliche Gre ist, die nahe an Bitterkeit und Hrte grnzt, allein und
unerkannt Gutes schaffen, und das dankbare Gefhl des Andern als berflssig
entbehren zu wollen!

                                  Achter Brief



                                Amanda an Julien

Meine Julie, ich habe neue traurige Stunden verlebt, und fast trage ich
Bedenken, Dir davon zu schreiben. Denn soll ich ewig klagen? Mu ich mich nicht
schmen, da ich zum Leben zu ungeschickt bin, und da meine Verhltnisse mir
eher dunkler und schwerer werden, da sie mir leichter und klrer werden sollten?
- Doch was Du auch von meinem Verstand denken magst, ich kann, ich will mich
nicht gegen Dich verstellen, und finde in der Wahrheit meiner Aeusserungen einen
Genu, der das Bewutsein, von andern fr vorzglich gehalten zu werden, mir
zehnfach aufwiegt. Du kennst die weiche Stimmung worin ich jetzt bin - alle
meine Briefe sprechen sie nur all zu deutlich aus. Mein Herz, das in Liebe
zerschmilzt, gleicht einer reifen Frucht, die ber einen Strom hngt. Bricht sie
nicht irgend ein Khner, wenn auch mit Lebensgefahr, so sinkt sie und begrbt
sich in die Fluth; denn brechen mu sie. Hre - und sag selbst, wie ist es
mglich, meine Wnsche mit meinen Verhltnissen in Uebereinstimmung zu bringen?
    Ich stand heute hinter meinen Jalousien, und bemerkte Albret in einer nahe
stehenden Laube, neben ihm den kleinen Wilhelm. Er glaubte sich ungesehn, und
ich sah, wie er mit einem ungewhnlichen Ausdruck seines Gesichts, den Knaben in
seinen Armen empor hielt, und ihm bewegt ins Gesicht sah. Da dieser Kleine in
irgend einer Verbindung mit ihm stehen msse, war mir lngst gewi, und ich
beschlo schnell, diesen kstlichen Moment, wo ich sein Herz bewegt, wo ich ihn
menschlich, fhlend und leidend zu sehen glaubte, nicht unergriffen vorber
gehen zu lassen. - Ich eilte zu ihm hinab und lehnte mich schmeichelnd an seine
Brust. Liebster, sagte ich, was soll diese unselige Verschlossenheit? la
mich von diesem theuren Herzen die grausame Rinde ablsen, worunter es beinah
erliegt. - Vergnne mir Theil zu nehmen an Deiner Freude und an Deinem Schmerz,
und verheele nicht lnger die Empfindungen, die ein treues Weib mit Dir theilen
will. - Eben weil es ein Weib ist, verheele ich sie, sagte er, und sah mich
mit einem Blick an, als befremde es ihn, da ich glauben knne, er leide.
Vertndle du dein Leben, Amanda, und kmmere dich nicht um ernste Dinge. Wenn
ihr nur spielt, seid ihr wenigstens nicht schdlich, wenn ihr ernsthaft sein
wollt, seid ihr es immer. Handle du nach Laune und berla es dem Mann nach
Vernunft zu handeln. - Mein Gefhl entbrannte bei diesen Worten. Warum, rief
ich schmerzhaft aus, whltest du ein fhlendes Weib zur Gefhrtin deines
Lebens, wenn du sie nicht zu wrdigen vermagst? warum bereitest du einem
schuldlosen Herzen, das dich achtet, und dir Alles sein mchte, die krnkende
Ueberzeugung, da es fr dich nichts sein kann? - War es recht, ein dir gleiches
Wesen blo Mittel sein zu lassen, zu Zwecken, welche du ihm nie bekannt zu
machen gedachtest? - Wer nicht selbst Zwecke haben soll und kann, wird immer
nur Mittel sein, sagte er nun schon ganz gefat. Ich hoffe nicht, da du dich
ber mich zu beklagen hast. Verschliet dein Herz Wnsche, so sage sie, und wenn
sie nicht unmglich sind, sollen sie sicher befriedigt werden. Nur wenn du an
meiner Denkungsart zu ndern hofst, so - Er brach hier ab, und gab mir eine
betrchtliche Summe Geld, wobei er mich mit vieler Artigkeit bat, bei
Gelegenheit einiger bevorstehenden Lustbarkeiten meinen Anzug so glnzend
einzurichten, als ich es mit vollem Recht thun knnte. Sein Gesicht hatte sich
nun ganz wieder in die feinen, verschlonen Falten gezogen, die es gewhnlich
hat, und er verlies mich. Ich fhlte, es war vorbei; er sah meine schwimmenden
Augen und konnte mich verlassen. Ich fhlte mich in diesem Augenblick ganz
einsam; alle Gegenstnde schienen weit von mir zurckzuweichen, und ein
unermelicher Abgrund von Leere sich neben mir zu fnen. - Ich lies mein Mdchen
ausgehen, und meine Thr blieb vor der ganzen Welt, selbst vor dem Knaben,
verschlossen. Ein bittrer, unmssiger Gram durchdrang das Innerste der Seele.
Ach! auf der ganzen Welt kannte ich kein liebendes Herz, das mich in den trben
Strom gereizter Empfindlichkeit erhalten, und durch freundliche Theilnahme
wieder zum Licht der Hoffnung empor gehoben htte! - Selbst Du, meine Julie,
entferntest Dich von mir! ich fhlte nur allzuwohl, was ich Dir sei, obgleich
ich Dir Alles bin, was ich Dir sein kann. Du hast Deinen Gatten, Deine Kinder,
und Dein Herz zerschmilzt in Liebe fr die Gegenwrtigen, whrend es fr die
Entfernte nur ein freundliches Andenken hat. - Anders war es, als wir zusammen
lebten, und unsre Freuden und Leiden, wie verschlungne Ranken zusammen
aufwuchsen. Damals, umgab mich die wahre, herzliche Liebe meines Vaters, gleich
einem wohlthtigen Schutzgeist, damals schien es mir, hingen so viele an mir,
schlug mir so manches Herz entgegen, und jetzt - Ich ging ans Fenster und khlte
meine brennenden Augen in der milden Abendluft. Es war ein lieblicher Abend, und
alles suchte das Freie. Mit welcher Sehnsucht sah ich auf die Vorbergehenden;
ach! Alle schienen mir glcklicher als ich. - Die Grtnertchter gingen in den
schattigen Gngen mit einem jungen Mann. Sie waren drftig gekleidet, ohne
Grazie, ohne Liebenswrdigkeit, aber sie gingen so traulich; ihre Herzen waren
leicht wie die Lfte und bereinstimmend wie die Farben des Abendhimmels - mit
welcher qulenden Wehmuth sah ich ihnen nach!
    Sieh! so strebe ich, whrend die hier immer mehr anwachsende Menschenmenge
sich munter um mich her treibt, und alles dem Vergngen sich ergiebt, mit
grausamer Erfindsamkeit mich selbst zu qulen und wie ein eigensinniges Kind
alles Glck, das sich mir anbietet, zu verschmhen, weil mir das Einzige, nach
dem ich mich sehne: geliebt zu werden, so wie ich mir es trume, versagt ist.
Doch fhle ich, da mir whrend dem Schreiben unvermerkt wieder leichter
geworden ist, und da der Quell der Hoffnung und Lebenslust, wie in jeder
Menschenseele, unversiegbar auch in mir lebt. - Aber was soll ich thun? ich
fhle was ich einem andern sein knnte, und darum ist es mir so schmerzlich,
Nichts fr den zu sein, dem ich viel sein mchte. Warum kann ich den Weg zu
seinem Vertrauen nicht finden, und stehe ewig fremd und unverstanden vor ihm? -
Als ich Albret kennen lernte, glaubte ich an ihm einen furchtbaren Gleichmuth,
eine kalte Erhabenheit ber Leidenschaften und Wnsche wahrzunehmen, die ihn in
meiner Phantasie zu einem hhern Wesen erhoben und meine Ehrfurcht erregten.
Aber in der Folge bemerkte ich, da diese Stille von aussen, nur destomehr innre
Strme verbarg, Strme, deren Natur mir nur Wiederwillen erregte - und da sah
ich es gern, da unsre Lebensart uns von einander entfernt hielt. Doch jetzt, da
ich berzeugt zu sein glaubte, da er menschlich empfindet, da er leidet, da
er vielleicht mehr unglcklich als hart ist, jetzt, meine Julie, fing ich an,
ihn zu lieben! - Noch einmal den Versuch zu machen, mich in seine Geheimnisse
einzudringen, halte ich fr unwrdig, aber der Knabe ist mir nun noch lieber
geworden. Es ist unverkennbar, da hier ein, ihm nahe liegendes Geheimni
verborgen ist, und, wie es auch sei, dies Kind soll mir als das Pfand einer
vergangenen, wahrscheinlich fr ihn glcklichen Zeit vorzglich werth sein. -
Gute Nacht, meine Julie, mein Herz schlgt ruhiger nach diesem Brief.

                                 Neunter Brief



                                Eduard an Barton

Ich schreibe Dir nur, um Dir Dein langes Schweigen vorzuwerfen, Du Saumseliger!
- Als wenn Du nicht wtest, da ich ohne Dich, ohne Zusammenhang mit Dir, noch
nicht im Leben auskommen kann, nicht wtest, da ich nur durch Dich, von dem
mir alles Gute kmmt, auch Nachrichten von dem theuern Vater erhalte, nach denen
ich mich immer sehne! - Ich verlasse morgen diesen lndlichen Aufenthalt wieder,
von dem ich viel Ntzliche und angenehme Erinnerungen mit hinweg nehme. Einige
Ideen ber Dinge, die ich hier erlernt und berdacht, lege ich Dir noch
besonders bei, und da ich wei, wie sehr Du Eigenthmlichkeit zu schtzen weit,
in welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, so will ich Dir, da ich selbst
heute nicht zum Schreiben tauge, einen Brief von Nanetten abschreiben, den ich
vor ein paar Tagen erhielt.
    Eduard, schreibt sie, wenn Du nicht im Augenblick Dein Altes verwnschtes
Schlo, und Deine Kenntnisse und sogenannten Zwecke, mit denen Du Dir selbst und
andern, doch nie eine einzige frohe Minute machen wirst, verlt, und hieher
eilst, wo alles frohes, warmes, erquickliches Leben athmet, so sterbe ich vor
Ungeduld. Du mut sie sehen, und hast keinen Augenblick zu verlieren. Eine
schne, junge, reiche Frau, deren Mann lter, in seinen eignen verwickelten
Hndeln ganz vergraben, und ohne alles Gefhl zu sein scheint; kannst Du Dir fr
junge Mnner etwas anziehenderes denken? - Ohne Gefahr knnen sie hier ihre
zrtlichen Lgen bis aufs usserste treiben, was sich, wenn sie blo jung und
schn wre, doch nicht so unbedingt thun lie. - Freilich hoffe ich, und sie
wird von ihrer Seite, diese unschtzbare Situation nicht unbenutzt lassen; ihrer
Eitelkeit mit ein paar Dutzend Mnnerherzen ein angenehmes Opfer bringen, und so
Betrug mit Betrug vergelten. - Ich wenigstens thue alles, um sie dafr zu
stimmen, denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens, ob ich gleich
eigentlich gar nicht begreifen kann, was mir so an ihr gefllt, da ich fast
alles was sie denkt und thut, abgezogen, da sie es thut, hchst lcherlich
finde. Denn wie man bei einem lermenden, allerliebsten Ball voll eleganter
Tnzer und Tnzerinnen, an die, im Menschen liegende, geheimnivolle Neigung zur
Harmonie, denken, und von einem Manne eine unerklrliche, se Uebereinstimmung,
kurz etwas anders verlangen kann, als - Mittel gegen die lange Weile und das
angenehme Gefhl unsrer Verstandsberlegenheit - das ist mir ganz unbegreiflich!
Ich hasse alles, was nur von fern einer Trumerei hnlich sieht, und die listige
Miene einer artigen Modehndlerin, die sich bestndig mit Geschmack zu kleiden
versteht, und dadurch die Kuferinnen anlockt, ist mir viel interessanter als
die tiefsinnigste Reflexion, die in nichts eingreift und nichts bewirkt. Frisch,
munter hingelebt, sein Dasein nach allen Seiten hin, sorgenlos ausgebreitet, so
viel Freude genossen, als mglich; gegen andre, nicht gut, sondern klug sich
betragen; sich nur an die Aussenseite gehalten, um das Innere nicht bekmmert,
denn dies ergrndet doch keiner; uns als die Seele des Ganzen - die Mnner, als
die grbern Werkzeuge betrachtet, die wir nach Gefallen regieren knnen - mit
dieser Weisheit, oder Thorheit hoffe ich auszukommen; ja ich hoffe noch so viel
angenehme Kleinigkeiten zu thun, so viel Neid und Liebe zu erregen, so viel
fremde Thorheiten zu belachen, da ich gar keine Zeit habe, an meine eigenen zu
denken.
    Ja! ich weis es doch, was mich eigentlich so an Amanden fesselt. - Sie
afektirt nicht; so wie sie ist, so ist es ihre Natur - und dies ist unschtzbar!
denn wenn irgend etwas der verstndigen Plumpheit der Mnner beikmmt, so ist es
die unverstndige Ziererei der Weiber.
    So komm denn, ich erwarte Dich.
                                                                 Deine Nanette.

                                 Zehnter Brief



                                Amanda an Julien

Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergo sich
ber die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den sssesten
Gerchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vgel sangen - Himmel und Erde umfaten
mich mit freundlicher Liebe. Ich fhlte mich an Krper und Geist unaussprechlich
wohl, und empfnglich fr jeden Eindruck.
    Nur Eins noch, ihr Gtter, rief ich in frhlicher Begeisterung, und ich bin
selig wie ihr!
    Was mein Gemth in diese freie, empfngliche Stimmung versetzt hat, da mir
alles neu verklrt, in einem schnern Licht erscheint, ist, ich fhle es, wol
etwas besseres als die flchtige Anwandlung einer heitern Laune. Es ist der
Nachklang einer hhern Harmonie, die gestern, mit gttlicher Hand alle Saiten
meines Herzens berhrte. Nanette lie in ihrem Gartensaal eine Musik auffhren.
Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens, der freundliche Himmel, die muntre,
liebenswrdige Wirthin, alles dies fnete bald die Herzen fr jeden geflligen
Eindruck. Ein paar fremde Virtuosen, Bekannte von Nanetten, die ganz in ihrer
Kunst lebten, fhrten, von den brigen gut untersttzt, verschiedene der besten
Compositionen, meisterhaft aus. Bei einer der schnsten Stellen fiel mein Blick
auf einen jungen Mann, der ganz in den Tnen zu leben schien. Denke Dir einen
wahren Geniuskopf, und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzckung. Die Tne
verklrten sich in dem schnen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen
Lippen. Er hatte fr nichts anders Sinn; seine ganze Seele war der Harmonie
hingegeben; und da ihn nichts stren konnte, war es eben, was mich ganz strte.
- Diese schne Rhrung, der hchste Triumph der Kunst, die ich selbst in
unharmonischen Zgen nie unbewegt wahrnehmen kann, wie muten sie sich auf einem
solchen Gesicht verherrlichen! - Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der
holden Gestalt wegwenden, und fand ein unbeschreibliches Vergngen darinnen, mir
die reine entzckte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu
denken. - Welch eine Wonne ist es, Julie, das Beschrnkte unserer Natur zu
vergessen, und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen! - So
hatte ich, ganz in diese Betrachtungen vertieft, nicht eher wahrgenommen, da
das Spiel zu Ende war, bis ich den Jngling fortgehen und unter die Spielenden
treten sah. Er nahm mit freimthigem, gebildetem Wesen ein Notenblatt; die Musik
begann von neuem; er sang. Nie habe ich eine reinere, lieblichere Stimme gehrt;
er sang mit einer Wahrheit, Biegsamkeit, mit einer Seele, die unwiderstehlich in
alle Herzen drang; auch die Gleichgltigsten wurden bewegt. Sein Gesang
bezauberte mich so sehr, da ich ihn selbst darber verga; mein Herz zerschmolz
in schmerzlich ser Wehmuth, und berlie sich ganz einem Gefhl, das ich nie
zuvor empfunden, das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung, nicht
bloes Wohlgefallen an der Kunst war.
    Als die Musik geendigt hatte, fhrte Nanette den Snger zu mir, und stellte
mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor, der eben jetzt von einer kleinen
Reise zurck gekommen sei. Ich erinnerte mich nun, da ich sie unter dem Namen
Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzhlen hren.
- Unser Gesprch lenkte sich natrlich auf den nchstliegenden Gegenstand, die
Musik, und gewann gar bald Leben und Bedeutung, besonders da wir mit Vergngen
in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten. Nanette horchte einige
Zeit mit muthwilliger Miene zu, aber bald, des ernstern Gesprchs berdrig,
unterbrach sie es mit einer Neckerei, nahm Eduard am Arm, und hpfte mit ihm
weg. Sie beschftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm,
und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergngen zu finden. Ich fhlte
mich weniger theilnehmend wie sonst; doch freute ich mich im Stillen an dem
anmuthsvollen Wesen, das in Allem, was Eduard sagte und that, sichtbar ward.
Warum besitze ich nicht die Kunst, Dir sein Bild durch einige genievolle Zge
lebendig vor Augen zaubern zu knnen? - - Sicher wrdest Du mit Lust darauf
verweilen, und Dich von diesem Auge, aus welchem Dir eine Welt von schnen
Gefhlen entgegen strahlt, dieser hellen, geistvollen Stirn, diesem ganzen
ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mhe wieder wegwenden knnen.
    Auch Albret schien von dem ersten, allgemeinen gnstigen Eindruck, nicht
ausgenommen. Doch als ich ihn schrfer beobachtete, bemerkte ich bald, da er
etwas, dem jungen Mann nachtheiliges, in seinem Gemth verschlo, so sehr er es
auch mit seiner gewhnlichen Feinheit zu verdecken wute; denn er hat sich so
sehr in seiner Gewalt, da nur sein Auge denen, die ihn genau kennen, die wahre
Stimmung seiner Seele ahnen lt. Wie bewundrungswrdig ist doch dieser Ausdruck
des Auges, und worinnen besteht er eigentlich? - Hier ist alles unendlich
zrter, feiner, geistiger als in den brigen Theilen des Gesichts, wo sich das,
was in der Seele vorgeht, durch Rthe oder Blsse, oder Zusammenziehen der Haut
entweder leicht verrth, oder bei festen Muskeln geschickt verheelen lt. Aber
das Auge ist unter allen das, was zunchst an Begeisterung, ans Unbeschreibliche
grnzt - es ist hier, wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint.
    Doch, ist es nicht seltsam, da ich im engen Zimmer sitze und schreibe,
inde mich im Freien alles zum frhlichsten Leben und Empfinden einladet? - Lebe
wohl, und freue Dich, Du theilnehmendes Wesen, da Deiner Freundin heute ein
sehr heit'rer Tag aufgegangen ist.

Da der Brief noch nicht fort ist, mu ich Dir noch einmal schreiben. Ich habe
diesen ganzen Tag allein zugebracht; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen, und
doch war mir so wohl, doch fhle ich mich so glcklich, meine Julie! - Eine
leichte duftige Sommernacht schwebt' ber der Landschaft. Der Himmel mit allen
seinen glnzenden Augen blickte heiter herab. Der Mond strahlt mit halbem
Antlitz, und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin. Kleine
Johanniskfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Bsche. Eine
neue, muntre Welt umgiebt mich; alle Verhltnisse scheinen mir leicht, von
freundlichen Genien gewoben. Die Gegenwart begrnzt meine Wnsche, ich erwarte,
ich verlange nichts. Und wenn ich mich frage, woher diese Stimmung, wei ich es?
- woher - doch ich kann dies nicht verschweigen - ja! ich habe ihn heute
gesehen.
    Meinem Garten gegenber liegt eine kleine, anmuthige Anhhe, da gieng er in
der lieblichen Abendkhlung. Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend,
und zuletzt, da ihn das einsame Pltzchen anzuziehen schien, warf er sich auf
den frischen Rasen nieder; halb verbarg ihn ein blhendes Gestruch, und ich
sah, da er ein Buch hervorzog. - Es ist nichts, ich weis es; leicht mglich,
da er nicht einmal bemerkte, wer ihm gegenber stand, aber ich fhle, da meine
heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat.

                                  Elfter Brief



                                Eduard an Barton

Ich beklagte mich in meinem letzten Brief ber Dein Schweigen, und nun gebe ich
Dir Ursache ber das Meinige zu klagen. Aber sind wir uns gleich? - Du kannst
meine Briefe entbehren, Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen; mir sind
die Deinigen unentbehrlich, ja sie machen einen Theil meines Lebens aus.
    Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in
ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene Unbekannte wieder
gefunden, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins, neben dem ltlichen Mann
im Wagen schlummern sah, und deren unbefangene Schnheit ich Dir schilderte.
Eine nhere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen, und ich
berlasse mich willig den Eindrcken die sie auf mich macht, - unbekmmert, ob
sie meine flchtige Neigung wird fesseln knnen, oder nicht. Du selbst riethest
mir oft, mich dem verfeinerten Theil der Weiber, der gleichsam ein andres
Geschlecht ausmacht, zu nhern, und ich htte es gern gethan, wenn mich nicht
meine natrliche Ungeschicklichkeit immer davon zurckgehalten htte. Doch jetzt
fhle ich lebhafter als je den Wunsch, von diesem wunderbaren Wesen mehr zu
erfahren, und ihre mchtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an
mir selbst zu empfinden. Glaube jedoch nicht, da mich der weibliche Umgang
ausschlieend beschftigen und von allem andern, was mir bis jetzt wichtig war,
abziehen werde, denn noch gedenke ich lebhaft der Stunde, wo Du mir einst
sagtest: Nichts hindert die Bildung besserer Menschen mehr als Liebeleien.
Leidenschaften knnen zerrtten und erheben; die Seele, die sich ganz der Liebe
hingeben kann, ist zu jeder Gre fhig, aber sie werden nur selten empfunden,
und kleinlich ist es, ihren Schein zu erknsteln.
    Auch mte ich wol sehr eitel sein, wenn ich glauben wollte, auf Amandens
Herz einen bedeutend tiefen Eindruck machen zu knnen; denn sie ist reizend,
sehr reizend, ein jeder fhlt das, der sie sieht, und ein wunderbarer Zauber,
von tiefem, lebhaften Gefhl, der sie umgiebt, zieht Mnner und Weiber mit Liebe
zu ihr hin. Und doch, Barton! - ich mchte gegen Dich, um alles in der Welt
nicht Heuchler sein - wenn ich alles bedenke, so, - wie mich auch ihre Phantasie
ihr vielleicht darstellt - wie ich auch auf sie gewirkt haben mag - genug! ich
mu es glauben, dieses Weib, dem Alles huldigt, das ich anbeten mu - sie liebt
mich!
    Hre was ich Dir zu sagen habe, und urtheile selbst. Nanette hat sich in der
Nhe ein Gut gekauft, weil ihr das hiesige Leben so sehr gefllt, da sie
jhrlich einige Zeit in dieser Gegend zubringen will. Sie lud uns ein, mit ihr
dahin zu fahren, Amanda, mich und noch einige Bekannte, die ich Dir ein andermal
schildern will. Ich sage Dir nichts von der Reise, obgleich Witz und Vergngen
sie zu der angenehmsten erheben, und obgleich schon da ein unsichtbares,
unnennbares Band sich zwischen mir und Amanda webte. Als wir ankamen war es
bereits Nacht. Nanette, von der Hitze des Tages und ihrer eigenen Lebhaftigkeit
ermdet, sehnte sich nach Ruhe, und da Amanda, die, unvernderlich wie eine
Gttin, noch wie am Morgen voll Geist und Leben war, sich gleichwol nicht von
ihrer Freundin trennen wollte, so lieen wir brigen sie allein und gingen in
der heitersten Laune und mit der angenehmen Aussicht auf ein paar glckliche
Tage in die uns angewiesene Zimmer. Ich erwachte frh am andern Morgen; im Hause
war noch alles still, und ich eilte hinaus in die Landschaft, auf welche eben
die ersten Strahlen des Morgens fielen. - Die Schnheit der Gegend berraschte
mich, denn die glckliche Stellung der Gebirge, die sich um das schne Thal
ziehen, bildete sehr romantische Parthien und einen reizenden Grund, wovon ich
am Abend nicht das Mindeste geahnet hatte.
    Ich verlor mich seitwrts in den Wald, der sich sanft den einen Berg
hinaufzog; die frischen Waldgerche durchdrangen und strkten mich, und die
Vgel wirbelten mit ihrer wilden, frohen Musik, mich zu neuer, rascher
Lebenslust empor. Unvermerkt hatte ich die Hhe erreicht, und trat nun aus dem
Dunkel des Waldes heraus. Ein wildes Klippengemisch sank unter mir ins Thal
herab. Ringsumher waren alle Berge mit Wald bedeckt, der bald scharfe, dunkle
Umrisse zog, bald gefllig wie mit grnen Wellen herabsank. Die Morgensonne
glnzte mit heiligen Strahlen ber die Berge, und meine Seele erklang wie
Memnons Bildsule, beim Wiedersehen der Mutter. Lange, lange stand ich da, das
schne Bild mit Wollust in mich aufzunehmen, und meine Gedanken hiengen an dem
freudigen Wehen der Bume, und an dem Leben, das aus ihren Zweigen in heiterer
Ungebundenheit rauschte. Ueberall sah' ich eine unaussprechliche Freiheit und
Liebe verbreitet. Wie in einem glcklichen, wohl organisirten Staat gedieh' hier
alles, hinderte sich nichts, wuchs alles nach Krften empor. - Mitten in diesen
Bildern fhlte ich mein Herz von einer seltsamen Wehmuth durchschnitten. Hier,
wo alles sich zu kennen, sich zu fassen schien, und frhlich in Eins zerschmolz,
schien ich mir ganz unzusammenhngend, ganz allein, dazustehen, und erschrack
fast vor meiner eigenen Gestalt. - Ich breitete meine Arme aus, und fhlte mich
so innig mit der Natur verwandt, htte ein Mitglied dieser Bumerepublik werden
mgen! Ach, das ngstliche Klopfen meines Herzens strte keinen in seiner Ruhe,
und eine Thrne prete sich mir ins Auge, indem ich die unbersteigliche
Scheidewand fhlte, die mich von den Wesen, welche mich umgaben, trennte. - In
diesem Augenblick sah ich nicht weit von mir, unter Felsen und wildem Gestruch,
eine weibliche Figur sitzen, die ich im ersten Augenblick fr Amanda erkannte.
Sie sah zu mir herauf, sie blickte mich seelenvoll an, und mir ward wohl,
jugendlich wohl. - O! Leben, rief ich - und sprang ber die Felsen zu ihr hinab,
welch ein liebes, freundliches Geschenk bist du! - Mit innigen Vergngen hrte
ich, wie sie mir zurief, nicht diesen Weg, der allzugefhrlich sei, zu kommen.
Ich sah sie schner, himmlischer als je, eine berirdische Glut loderte in ihren
Blicken, und jeder Zug ihres Gesichts, jede Bewegung, war Anmuth und Seele. -
Meine Amanda! dachte ich - und merkte erst an ihrem berraschten Blick, da ich
es auch gesagt hatte. Aber wer htte bei dieser Umgebung, in solcher Stimmung,
und bei ihr, wol an Verhltnisse, oder nur an etwas Entferntes denken knnen? -
Die Gegenwart war so allbeseligend, und eine frhliche Begeisterung, gab allen
Gegenstnden um uns her eine neue, schnre Bedeutung. Ich schlang meinen Arm
dicht um den ihrigen; mein Blick durchirrte die Gegend nicht mehr, und so oft
auch sie mich anblickte, mit ihrem Auge voll Geist und Liebe, flog ein heiliger,
nie gefhlter Schauer durch meine Seele.
    Nach diesem Morgen war alles ganz anders, zwischen ihr und mir. Ueberall
schienen wir uns zusammen zu gehren, und ein geheimes Verstndni leitete uns,
ohne da davon zwischen uns die Rede gewesen wre. Wir blieben einige Tage auf
dem Lande. Am letzten war Amanda trbe, aber diese Schwermuth war reizender als
alle Freude der Welt. Wir alle hatten den schnen Abend in der Laube des Gartens
zugebracht. Die andern giengen weg; sie versptete sich einen Augenblick: O! da
ich sie zu erheitern vermchte! sagte ich, da ich ihnen nur etwas sein knnte!
- Eduard, sagte sie, sie knnen mir Viel sein! Und in diesem Augenblick fhlte
ich einen leisen Druck ihrer Hand, der meine ganze Seele erschtterte.
    Was wirst Du mir schreiben, Barton? ich erwarte Deinen Brief mit der
hchsten Ungeduld. Wie? wenn ich vor Dir da stnde, wie einer jener Gecken, die
ich immer so bitter gehat habe, die jedes freundliche Wort eines Weibes, jeden
leichten, vorbergehenden Scherz fr Liebe halten! - Tage sind vergangen, ich
habe sie nicht gesehen, und jene seltsame, freudige Gewiheit, ist nicht mehr in
meiner Brust; ja fast schme ich mich, da einige Blicke, halbe Worte, und ein
Hndedruck, mir sie erregen konnten. Und doch! - - O! sag' Du mir Deine Meinung,
aber bald! ich bin entschlossen, sie nicht wieder zu sehen; denn, wenn die
Gewalt eines Weibes so gro ist, da sie uns mit uns selbst entzweit, so ist sie
mir furchtbar.

                                 Zwlfter Brief



                                Amanda an Julien

Hab' ich bis jetzt getrumt? oder sendet eine hhere Sonne nur zuweilen einen
flchtigen, aber gttlichen Blick auf unser dstres Leben? - Was fr Stunden
sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurckgekehrt, alle
Miverhltnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert
folgen die Herzen dem sen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein
hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Theilnahme, ich
lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Hhe von Glck bin ich auf
einmal emporgestiegen? Welch ein gttlicher Frhlingshauch hat alle Blthen
meines Gefhls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fhlst! - Du
sagtest mir es oft - und ich bestritt es zuweilen - wenn zwei gleichgestimmte
Herzen sich fnden, das sei die lieblichste Blthe des Lebens. O! freue Dich mit
mir, holde Jugendgespielin! La Dich von keiner Sorge, keiner Bedenklichkeit
zurckhalten. - Wahrheit des Gefhls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie
sie sich auch ussert, ist immer ehrwrdig, immer heilig! -
    Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer migen
Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und
in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu
unserm nhern Umgang gehrt. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune
ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie fr
mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Mnner auf mancherlei Weise.
Eduard machte sie Vorwrfe ber seine Sentimentalitt, mit welcher er eigentlich
nur seine grnzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswrdiges
Betragen gegen die Weiber. Sie schlo mit der Prophezeihung, da es mit ihm noch
ganz anders werden wrde. Mein Herz, sagte Eduard lchelnd, ist gleich dem
Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der
Sonne. Er sah mich flchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm
zu sagen, da er ihr wol auf vier Wochen lang gefhrlich werden knnte; sie
schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs
natrlichste vorzutragen. - Dann fieng sie Hndel mit unserm andern Begleiter
an, der immer viel von Verhltnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre
Laune einen schnen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, da sie in ihrem Innern
nicht ganz harmonisch sei. Was das fr phantastische Grillen sind! rief sie
aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und
unerwartet vom Himmel kommt, grmlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu
allen meinen innern und ussern Verhltnissen schickt! - Ich bitte, verschonen
sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir
auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!
    Der Abend war unbeschreiblich schn, und ich schlug vor, den Rest des Weg's
zu Fu zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit
war strker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend
scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. - Der
Weg gieng durch ein verwachsenes, s duftendes Gehlz. Julie! was war es, was
ich empfand? - hast Du es je gefhlt, was, ganz von dem gewohnten Gang der
Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle Saiten Deines
Herzens rhrt? - was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit
geheimnivollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben fhrt, wo selbst die
Flgel des Gedankens nicht hinreichen? - welch' eine Wehmuth, eine Ahnung quoll
mir aus den Abendgerchen des Waldes, den bethauten Pflanzen, aus der zarten
Dmmerung, die schon durch die fernen Struche hervordrang, entgegen! Ich hatte
so manches Gesprch anknpfen, Eduard ber manches fragen wollen, aber ich war
stumm, doch ohne mivergngt darber zu sein. Eduard schien meine Gefhle zu
theilen, doch, vielleicht mehr gewohnt mit Eindrcken zu spielen, suchte er sich
und mich, auf eine angenehme Weise zu zerstreuen, und ich wute es ihm Dank,
denn ich kam gefater zu den Uebrigen zurck. Wir hatten von gleichgltigen
Dingen gesprochen, und doch schien es, als htte dieser Gang uns einander nher
gebracht. Was ist das, Julie, was ohne Worte, die Seelen leise zusammen bindet?
hast Du es je erklren knnen?
    Es ward Nacht, wir waren angekommen, und ohne Mdigkeit zu fhlen, war ich
froh, allein zu sein. Die Bilder des Tages giengen lchelnd vor meiner Seele
vorber; aber bald that es mir unbeschreiblich weh, da ich mit Eduard nicht
mehr gesprochen hatte. Ich wute noch so wenig von ihm; seine ganze
Vergangenheit war todt fr mich, seine Zukunft konnte uns leicht auf immer
trennen, und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbentzt vorbei! -
Es schien mir in meiner Unruhe, als knnte diese schne Gelegenheit nie wieder
kommen, und doch beschlo ich sie wieder zu suchen. - Ich erwachte mit dem Tag,
die Morgenrthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Fen. Alles zog
mich ins Freie; und ich folgte gern. Wie verndert war alles! Der Duft der
Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal, die Begeisterung hatte ihren Schleier
aufgerollt, aber ein Glanz, ein Leben, eine Herrlichkeit schwebte ber der
Gegend, die ich nicht zu beschreiben vermag.
    Ich war wie von unsichtbaren Hnden empor getragen, mein ganzes Wesen, war
leichte, freie, se Freude. Lange schwelgte ich auf der Hhe in reinem
Luftstrohm, dann lies ich mich die Felsen herab, und stand nun da, in einsam
lieblicher Wildni. Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether;
Himmelswrme spielte um meine Wangen, Begeisterung kte meine Seele, und frohe
Schauer durchbebten mich. - Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir
vorber; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurck, ich fhlte mich angenehm
beschrnkt, meine Wnsche berflogen diese Hhen nicht; ich hatte alles was ich
wnschte - denn ich liebte. Da sah ich auf, und die schne Gestalt die in meinem
Herzen wohnte, stand lebendig vor mir. Nachdenkend, mit schnem Ausdruck, stand
er auf der Hhe und bemerkte mich lange nicht. Endlich aber, wie von Zephirs
getragen, kam er herab, leicht und glcklich ber die gefhrlichsten Stellen.
Was soll ich Dir noch sagen, Julie? - Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an
die seine. - Alles um uns her blhte schner, ein zarter, heimlicher Sinn
suselte in jedem Lftchen, das uns kte. Das Herz war des Herzens gewi, jedes
unsrer Worte war voll Geist und Leben, ein hoher Genius trug alles weit ber das
Mittelmige empor. - Ich zwang mich nicht. Was mir ins Herz kam, das sagte, das
that ich. Ach! wie lange, wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen
gesehnt, wie bitter mir die gestrige, verlorne Stunden vorgerckt - jetzt von
der ganzen Natur zur Freude eingeladen, von allem Zwange fern, an seinem Arm,
der hei ersehnte Augenblick - denk' Dir, was ich empfand!
    Wir kommen wieder unter Menschen. Etwas Unnennbares hatte ihn an mich
gefesselt, hielt ihn ganz an mich gebannt. Die gleichgltigste Kleinigkeit, wie
erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes, unbeschreibliches Interesse! -
in Allem was wir sprachen, lag ein geheimer Sinn, den der Scharfsinn des Andern
immer leicht und glcklich zu finden wute; ein zufriedenes Lcheln war dann die
Belohnung. - Ohne Geist, welche traurige Liebe! Aber wenn das Auge von
Begeisterung glnzt, und ein ses Staunen ber die Vorzge des Geliebten die
Seele erhebt, dann- Himmel! o Entzckung!
    O, Julie! - die se erfinderische Liebe! - Eben kmmt Wilhelm, dessen
Anhnglichkeit an mich sich nicht mindert, und immer strker zu werden scheint,
zu mir. Ich hre ihn hastig die Treppe herauf springen; die Mutter hlt ihn auf;
fragt, wo er die schnen Blumen her habe? Gefunden, ruft er dreist und schnell,
macht sich los und schlpft zu mir herein. Er hlt mir einen groen, mahlerisch
schnen Rosenzweig, mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blthen
entgegen, und aus der kleinen festgeschlonen Hand zieht er ein feines Blatt
Papier hervor, das in leicht geschriebenen Zgen, folgendes enthlt: Ein
reizender Knabe spielt an meinem Garten. Sein Anblick erfreut mich; ich finde
Mittel ihn gesprchig zu machen, und erfahre, da er in Amanda's Nhe lebt, da
er sie liebt- wie knnt' er anders? - Ich breche die schnsten Rosen meines
Gartens; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schnsten Tage, aber
wie ihr Stachel, verwundet mich der Zweifel, ob sie auch je wiederkehren? - Bote
der Liebe! bringe sie der Gebieterin, und wenn ihr der Duft gefllt, wenn sie
den Zweifel zu heben wrdigte, vielleicht durch Dich - o! dann eile schneller
als ein Gott und segnender, zu dem Sehnsuchtsvollen zurck! O! wie schmeichelt
dieser Duft, dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand - wie mich die Nhe
des Gottes ergreift!
    Der Kleine hat mir noch vieles von dem schnen, jungen Mann erzhlt, vieles,
was mich entzckte. - Leb' wohl. Ich sende - ja ich sende ihn zurck. Der
nchste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.

                               Dreizehnter Brief



                                Amanda an Julien

Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Trumen umgaukelt. Die
Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich ksse sie, ich
drcke sie an mein Herz - seine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und
geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie s ist diese
Trumerei! Endlich, endlich bin ich glcklich! - Die Stunden hpfen wie
silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher
Wnsche, tnt eine leise Harmonie zu mir her - die ganze Natur ist ein schner,
ewig ungetrbter Spiegel, der mir heiter nur mein eignes Glck zurckstrahlt!
    Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fhle, so
wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich
noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Mitrauen in sie setzte? - Aber,
Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, drfen wir nicht hoffen, uns
selbst recht zu kennen. Eine fremde, hhere Macht bestimmt dann unsere
Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligthum unserer Gedanken und wir freuen
uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht mglich ohne das vollkommenste
Vertrauen; wir haben keine Grnde dazu, aber wir bedrfen auch keine. Unser
Gefhl reicht weiter, als unsre Ueberzeugung, und ein heiliger Glaube brgt uns
fr das fremde Herz, wie fr unser eignes.
    Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten.
Vom Schreibtisch gieng ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen
Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir
etwas so liebliches, da auch ich sie whlen wollte. Ich brach einen schnen,
frischen Myrthenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schne,
vergngliche, aber sich schnell wieder erholende Blthe Du wohl kennst. Dann
schrieb ich auf ein Blttchen: Liebe hlt das Flchtige fest und erneuert das
Vergangene. Der Kleine sprang vergngt und schnell mit seinem Auftrage fort.
Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen fterer; wir sahen uns
zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander
nher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und
der Knabe vollzog seine Auftrge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit,
die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie
erschreckten mich. Diese frh gebte Verstellung mute ja eine Rinde um sein
Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fhig
war. Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimni belastet werden, diese
Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden
fr Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und
was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir
ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.
    So giengen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm hrte, und
mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung
und Freude finden zu knnen; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und
Unempfindlichkeit bitter vor.
    Heute war es, wo ich, wie ich oft zu thun pflege, allein spazieren gieng.
Ich gieng durch blhende Alleen, zwischen Hecken und ber gemheten Wiesen;
    unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Trumen
hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sahe, da eine dunkle Wolke sich tief
in die Thler hereinneigte, und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu trnken.
Die Linden hauchten starke, begeisternde Gerche aus, eine laue, zrtliche Luft
drang mir entgegen, und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des
Himmels, die ahnend den Thrnen der Liebe entgegen harrt. - Jetzt stand ich ganz
nah vor einem Garten; die kleine Thr, von grnen Ranken und blauen Blumen
beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Strmen
flchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger
Mann mir entgegen kam, den ich sogleich fr Eduard erkannte. Er selbst war der
Bewohner dieses Gartens, und wir fhlten uns durch dies wunderliche Spiel des
Zufalls unbeschreiblich berrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen
schnen Tagen auf dem Lande, da wir uns allein sahen, und es schien, als wren
wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Und - es ist gewi -
Liebe vertrgt keine fremde Mittheilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich
selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe
auszudrcken sind, wo nur ein Blick aus dem verklrten Auge des Geliebten, der
Seele die Gewiheit, da ihr unnennbares Gefhl auch von dem verwandten Wesen
verstanden und empfunden wird? -
    Wir giengen durch einige Gnge, die nach dem Gartenhaus fhrten, als eine
Nische von Acazienbumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit
erregte. Ich bog die Zweige zurck und gieng hinein. Die Bildsule eines Amors,
fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine
Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit
ernster Schalkheit legte er den Finger auf den Mund. - Ein hoher Rosenstock, der
noch in voller Blthe stand, verbreitete ein rthliches, unbeschreibliches
Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind
ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich tglich die Gttin an,
die selbst ich nicht darzustellen wagte.
    Laut rauschte es jezt durch die Bltter und groe Regentropfen fielen herab.
Wir muten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche
Einsamkeit aufnahm. Knnte ich Dir doch den Eindruck mittheilen, den dieser
reizende Aufenthalt der Ruhe und des Vergngens, auf Deine bewegte Amanda
machte! - Alles schien mir zu sagen, da eine harmonische Seele hier ihre
schnsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefllige, zusammenstimmende Farben;
wenige, aber mit Sinn gewhlte Gemhlde erhoben die Wnde, berall dufteten
Blumen aus den zierlichsten Gefen, kstliche Frchte wie unter hesperischem
Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blttern hervor, eine Laute lag
weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grnte noch der Myrthenzweig,
wie durch Zauberei erhalten.
    Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus
seiner Trumerei gezogen fhlte, fanden wir uns bald mit Gesprchen, wie mit
Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine
Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumenthler von einander
abwichen, und doch am Ziel in schner Harmonie sich immer wiederfinden. - Was
soll ich Dir noch sagen, Julie? - Ach! Deine glckliche Amanda, verga ganz, da
es Verhltnisse, Klugheit und Mitne in der Welt giebt, und das selige Gefhl,
ihren schnsten Traum erfllt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz
gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchathmete ihr ganzes
Wesen!
    Der Regen hatte aufgehrt. Die grnen, getrnkten Bume schimmerten, frisch
und lachend in die Fenster herein, und ein glhendes Licht wankte durch die
bebenden Zweige an den zierlichen Wnden. Wir traten ans Fenster und athmeten
die gereinigte Lfte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte fr
die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzcken in mich sog! Die Sonne sandte
einen stillen, aber brennenden Blick ber die Gegend. Frhlich flatterten
Schwalben, mit glnzender, silberner Brust, wie weisse Blthen, durch den
Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorscho, und alles, was
er berhrte, mit berirdischem Reiz verklrte. Das ferne Bergschlo hllten
dstre Schatten, aber weit hinter demselben glhte der entlegendste Berg, wieder
in rthlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Thal versank schwermthig in
den Bergschatten, inde sich von dem Schlo, der Schleier wegzog. Ein heiliger
Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufblhenden
Gebschen, die es umgaben, und dem ganzen dstern Bergprofiel. Graue
Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie
flammende Wagen, flchtig an den Hhen vorber; in Westen glnzte ein endloses
Aethermeer, und ein dunkles Gewlk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein
glckliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter
die Sonne hinabsank. - Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen
Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden
seligen Gefhlen, und mein Auge mit unnennbaren Thrnen erfllte? - Nur dunkel,
dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und
von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und
Liebe! - Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir
stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzckung zurck, und fhlte mich
wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren frhlich und sprachen viel,
nur von dem, worber wir htten sprechen sollen, nehmlich: auf welche Weise wir
uns knftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten
wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schn, zu heilig, als von dergleichen
Dingen zu sprechen; wir berlieen alles den Gttern und trennten uns wehmthig,
aber unendlich glcklich.
    Ich gieng zurck. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite
Schweigen in der Natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die
Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach Hause, und erstaunte, alle
Gesichter noch eben so gleichgltig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es
denn allein, deren Augen von Vergngen glnzten, deren Seele mit Wonne an den
vergangenen Momenten hieng? - Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb
allein; mein Mdchen bat um die Erlaubni einige Bekannte zu besuchen, und ich
gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gesprch, und ich wrde
mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes Geschpf. In der ganzen Welt sehe ich nur
Liebe, allenthalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede
werth sein knne? - Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zrtliche,
warme Luft, zu mir herein wallen lassen. - Du weit nun alles, und ich verlasse
Dich, um von neuem zu trumen.

                               Vierzehnter Brief



                                Eduard an Barton

Dein Brief wrde mich sehr beruhigt haben, wenn es nicht schon zuvor die Liebe
gethan htte. Du schreibst es mir - o! und ich habe es gefhlt! - mit meinem
Entschlu sie nicht mehr zu sehen, sei es mir nicht Ernst. - Thor, der ich war!
Die schnsten Freuden meines Lebens frevelnd von mir weisen zu wollen, eines
elenden Stolzes wegen! - O, Freund! es ist geschehen! Alle Zweifel sind gelst;
die Welt steht in schner Klarheit vor mir, und das Leben liegt erwacht in
meinen Armen!
    Ich bin wieder auf einige Tage auf dem Gute des Herrn von V -, und bin
hieher gereist, um Dir zu schreiben, denn dort, ich gestehe Dir es aufrichtig -
in ihrer Nhe, ist an keinen Brief zu denken. - Anfangs sahen wir uns nur selten
und schchtern; aber jetzt bin ich fast tglich in ihrem Hause; wir sehen uns
bei Lustbarkeiten, und allein; Albret scheint keinen Widerwillen zu haben, und
ich begleite sie fast allenthalben hin.O, Freund! wie ist das alles so anders
geworden! Was war das kalte, leere Wohlgefallen an ihr, gegen das glhende
Gefhl, das jetzt in mir lebt! - Oft mu ich mich vor ihr niederwerfen und
anbeten, wenn sie in ihrer Unbefangenheit so hohe Dinge sagte, die wie Gestalten
aus einer andern Welt, mich mit sem Schauer berhrten. Mit Erstaunen hre ich
sie oft, mit ungeknstelter Eigenthmlichkeit und Klarheit, Gedanken aufstellen,
die den grten Scharfsinn enthalten. Sie sind nicht das Resultat eines langen,
mhsamen Nachdenkens, wie bei den Mnnern, nein! sie sind vielmehr der leichte,
glckliche Fund eines reinen, unfehlbaren Sinns, der die Wahrheit nicht erst
durch Dunkel suchen darf, sondern dem sie sich gleich im heitern, schimmernden
Lichte zeigt. - Und so, dnkt es mir, sollen berhaupt die Weiber immer auf das
merken, was ihnen schnell einfllt, ohne viel darber nachzudenken, denn bei
ihnen kommen die Resultate immer zuerst. Auch wenn sie schreiben, mten sie
dies beobachten, und stets die schnell herabfallenden Funken achten. Aber sie
sollen berhaupt nicht schreiben; sie sollen nichts als leben und - lieben.
    O, Freund! Du sagtest mir vieles, dessen Wahrheit ich schon erfuhr, aber das
sagtest Du mir nie, da das Leben so unaussprechlich reizend sein kann! oder
solltest Du selbst es vielleicht nie empfunden haben? sind vielleicht nur wenige
Sterbliche von den Gttern dazu ausersehen, und ergriff das Glck, das stets
nach Laune whlt, gerade mich in meinem seligsten Moment? - Erst hier, von ihr
getrennt, werd' ich mir ganz meines Reichthums bewut; denn es gehet mit unserm
Glck wie mit Gemhlden; erst in der gehrigen Entfernung knnen wir die
Schnheit derselben knstlerisch wahrnehmen und genieen. Welche Gensse, welche
Freuden, schmiegen sich bei diesen Rckerinnerungen um mein Herz! Alle
Verhltnisse meines Lebens, legen sich lieb und schmeichelnd um mich, als wren
es weichliche Gewnder, von Frhlingsdften gewoben. Jetzt erscheint sie mir
erst in all ihrer Schnheit, in all ihrer Liebe, und ich kann es kaum begreifen,
wie so schnell, wie so schn wir uns gefunden haben. O Tag! o Abend, den ich nie
vergessen will und kann! - Alles um mich her, war mir nicht mehr bedeutend,
sondern ausgesprochen; alles war da, nicht fliehend und nicht kommend; alle
Sehnsucht ruhte in der Gegenwart, die unendlich war. Als sie mich verlassen
hatte, war ich nicht traurig - nein! die lebendigste Freude hatte mein Herz
geffnet, ich fhlte mich ganz fr die Welt gebildet, kindlich nahm ich an Allem
Theil, und sah in Allem den heitersten Sinn. Die Knaben belustigten mich, die an
meinem Garten, hinter der grnen Umbschung eines Teichs, mit komischer,
wirklich empfundener Angst, nach einem Bret warfen, und es, als wre es ein
feindliches Schiff, durch Steine vom Ufer abzuhalten suchten, und in den rohen
Gesngen einiger wilden Gesellen, vermochte ich durch alle Milaute hindurch,
mit Vergngen die einzelnen Spuren einer wilden Geniealitt wahrzunehmen, und
mich derselben zu erfreuen. -
    Und als nach einer kurzen Schattennacht, der schwrmerische Tag des Mondes
aufgieng, und die Bume ihre Gipfel trumend in dem zrtlichen Licht wiegten, da
fhlte ich mich ihr so nahe, war ihres Andenkens so gewi, da ich von neuem
glcklich war.
    Und so ist es nun noch immer mit mir. - Sieh diesen Morgen! wie die Berge
hoch an ihren Scheitel den goldnen Schimmer empor heben, der Wald begierig die
sen Stralen einsaugt! o schne, reizende Erde! Alles, in und ausser mir, ist
Uebereinstimmung, Hoffnung und Liebe! In der ganzen Natur, sah ich keinen andern
Zweck, als sie; sie ist der therische Kranz, in dem alle Wesen verflochten
sind. Den stillen Drang der Nothwendigkeit, und den freien Flug des Willens, ist
kein anderes Ziel vorgesteckt; sie ist das Einzige, was uns glcklich macht,
weil sie, bei aller Unendlichkeit der Empfindung, doch alle unsere Wnsche
beschrnkt.
    Ich habe Dir nun alles gesagt; Du weit nun, da ich glcklich bin. Morgen
reise ich wieder von hier ab. Lnger von ihr getrennt sein, wre Tod; ich mu
sie sehen, denn mein Leben hngt an ihren Blicken. - O, ihr Horen! die ihr den
Himmel der Gtter verschliet und erffnet, fliegt, fliegt und erffnet auch mir
meinen Himmel! Zieht die Wolke hinweg, die mir die Gttin verbirgt!

                               Funfzehnter Brief



                                Amanda an Julien

Monden sind vergangen, und zu sehr mit der glcklichen Gegenwart beschftigt,
hatte mein Herz fr die entfernte Freundin, nur Gedanken, aber keine Worte.
    Deine Briefe allein, meine Julie, sie, die ich sonst immer mit freudiger
Rhrung las, haben jetzt zuweilen mein Glck gestrt. Wo ist der freie Blick,
der milde, menschliche Sinn, der sonst Dein Urtheil ber die Menschen leitete,
und Dich ihre Handlungen mit ihren Schicksalen gutmthig und richtig vergleichen
lehrte?
    Kann ich dafr, da mir die Liebe nicht auf Deinem Wege entgegen kam? und
hast Du vergessen, da, wie ich jetzt fhle, Du ehmals gefhlt hast? - Julie,
bedenke es, da, wir mgen noch so redlich streben, Keinem Unrecht zu thun, wenn
unser Gefhl nicht zart genug ist, die feinen Nuancen des Herzens zu bemerken,
und es uns an Phantasie fehlt, lebhaft die Tage eines andern zu empfinden; so
werden wir dennoch oft andern weh thun, und keinen um uns her glcklich machen
knnen. - Nein! stre den Frieden meines Herzens nicht mehr, und verlange nicht,
da ich mir Gewalt anthun soll. Wer sein natrlich reines Gefhl bewahrt hat,
kann sich die undankbare Mhe ersparen, seine Neigungen bekmpfen zu wollen; sie
fhren ihn recht; er darf sich ihnen berlassen.
    Du verkennest meinen Freund, wenn Du glaubst, er werde mich leichtsinnig und
ohne Bedenken tausend Unannehmlichkeiten aussetzen. Er selbst hat es durch sein
geschicktes Benehmen so einzuleiten gewut, da wir uns nun mit grter
Leichtigkeit so oft sehen, als wir wollen. O! Du solltest es sehen, wie er auf
Andere zu wirken versteht! Ueberall, so jung er auch ist, erregt er
unwillkhrliche Achtung. Seine Ueberlegenheit mu ein jeder, freiwillig oder
nicht, anerkennen. Er bittet - und man wei es ihm Dank, denn man fhlt, da er
befehlen knne. - Und Albret? - O! ich rechte nicht mehr mit ihm! sein
Verhngni fhrte ihn, wie mich das Meinige. Da ich mit einem Herzen voll Liebe
vergebens nach seinem Vertrauen rang, da ich in seinen Ideenkreis mich nicht zu
stellen vermochte, was kann er, was kann ich dafr? - Mein Schicksal fhrte mich
einen blumigen Pfad; es sandte mir die gleichgestimmte Seele, wo ich ihrer am
bedrftigsten und am wrdigsten war. Denn meine Liebe ist nicht die betubende,
ungewisse Glut der ersten Neigung; sie ist der reinste Genu des Herzens, mit
den edelsten Blthen des Lebens verwebt und verbunden. - Gern sagte ich alles,
was ich empfinde; denn kann es ihm weh thun, da er mich nicht liebt? Aber wrde
ihm nicht mein Vertrauen vielleicht kindisch erscheinen, ihm lstig sein? - Er
verlangt ja nur Schein von mir, nur - ach! ich wei nicht, was er verlangt! La
mich immer thrigt sein, Julie, diese Momente werden nie wiederkommen. - Ich
will jetzt alles vergessen, ich will! - und ich fhle mich dabei weise und gut.
    Wir werden wegen den Unruhen des Kriegs, diesen ganzen Winter, und
vielleicht noch lnger, hier bleiben. Seit einiger Zeit ist auch der Graf von L
- hier, dessen Bekanntschaft ich schon in Italien machte.
    Albret sieht es gern, wenn ich bei den Festen, die er veranstaltet,
erscheine, und ich fge mich leicht in seinen Sinn, denn mit Freuden ergreife
ich die Gelegenheit, ihn zu verbinden, und - allenthalben finde ich Eduard.
    Du fragst mich nach Nanetten - und ich fhle ganz den Vorwurf, der in dieser
Frage liegt; wie lange ist es, da ich ihrer, die ich doch so herzlich zu lieben
versicherte, gar nicht gegen Dich gedachte! Ach! wol lt sie uns alles
vergessen, diese gebieterische Leidenschaft! und so war es natrlich, da ich
Dir zu schreiben verga, wie sie schon seit einem Monat zu einer Verwandtin
gereist ist, die sie sehr angelegentlich zu sich einlud. Aber sie hat
versprochen, bald wieder hieher zu kommen, und wir erwarten sie tglich.
    Und wolltest Du, meine Freundin, Du allein, Deine Freundin betrben, whrend
Zufall, Liebe und Wahrheit sich zu ihrem Glck vereint haben? - O! gedenk' an
unsre jugendlichen Trume, an unsere Hoffnungen, an unsere milden, unschuldig
freien Grundstze! Bedenk', da die Sterblichen zwar oft das erreichen, was sie
wnschen, aber selten oder nie, gerade zu dem Zeitpunkt, wo sie es wnschten.
Julie, es kann schwach und unrecht sein, die Verhltnisse, worinnen wir einmal
sind, leichtsinnig zu verletzen, aber es ist stark und gerecht, sie zu seinem
Glck zu vergessen, ohne sie zu verletzen.

                               Sechzehnter Brief



                                Eduard an Amanda

Ich mu Sie verlassen, Amanda, wenn ich meine Abreise so nennen kann, da ich nie
von Ihnen mehr zu trennen bin. Barton ist hier, und berbringt mir die Bitte
meines Vaters, unverzglich zu ihm zu kommen. Mein Vater schreibt, da er nicht
versteckt vor mir handeln, nicht seine Grnde in den Schleier des Geheimnisses
hllen, aber mir nur alles mndlich sagen wolle, dann soll ich urtheilen, und
nur bis dahin seiner Versichrung trauen, da er nicht willkhrlich mit mir
verfhrt. - Meine Abreise soll fr Albret ein Geheimni bleiben. Warum? das wei
ich noch nicht, doch diese geheimnivollen Wesen, die jetzt ber mich gebieten,
sollen mir von Allem Rechenschaft geben. Schon morgen reise ich; darum vergnne
mir heute, Dich ungestrt zu sehen. Freudig will ich die letzten kstlichen
Tropfen der Gegenwart trinken. Ich bin glcklich; ich habe keinen Sinn fr
Trennung und fr Schmerz. Wir werden uns bald, freudig und liebend wiedersehn.

                              Siebenzehnter Brief



                                Amanda an Eduard

Sie erschrecken mich. - Ich hatte mich so sehr an mein Glck gewhnt, da ich,
wie ein Kind glaubte, es knne nie anders werden. Und nun, schon jetzt? - Ach!
diese Trennung ist nicht gut! keine ist es. Kommen Sie bald, damit Ihre
Gegenwart mir Alles klrer und heitrer mache.

                               Achtzehnter Brief



                                Amanda an Julien

Es ist vorbei! - Zwei Wesen sind getrennt, die ohne einander nicht leben knnen.
Abgerissen sind die Fden, die mein Herz an das gesellige Leben banden, und alle
Freuden erscheinen mir ohne ihn, wie entseelte Krper. - O! allmchtiges Gefhl
der Liebe, das im Innersten des Herzens wohnt, und mit unbekannter Kraft, Trauer
oder Freude ber die ganze Welt ausgieet, vergebens mht sich der bildende
Verstand, Dir die Erscheinungen nach seinem Gefallen darzustellen, vergebens
strebt die meisternde Vernunft, Dich in ihre Formen zu gieen - in hoher
Freiheit, waltest Du, unumschrnkt nach Deinem Willen. Deine Wahl ist die ewige
Harmonie der Natur, der geheime Zusammenklang lebendig fhlender Wesen. Ewig
suchst Du darnach, und, wo Du sie findest, aller Schranken und Hindernisse
spottend, da ist einzige, ewige Wahrheit. Oft weit Du in der Tiefe des
Unglcks, Dir Deinen Triumpf zu bereiten, nach dem vergebens das glcklichste
Leben sich sehnt. Und weh' dem, dem es gelingt, mit Dir den kalten Bund zu
schlieen, da Du folgsam Dich den niedern Bedingungen des Verstandes
anschmiegst; denn bald schweigst Du ihm ganz, und er steht da, ein kaltes,
trauriges Monument, des einst in ihm wohnenden Lebens! -
    O! Julie! ich war glcklich! glcklich, wie es wol nie eine Sterbliche war,
und werden wird! - Stunden hoher Begeisterung und ruhiger Einfalt, der
geistigsten, schnsten Poesie, und bescheidner, nchterner Lebensfreuden,
schlossen sich reizend an einander. Ja! es gab Momente, wo uns das Herz so gro
ward, wo uns Phantasie, Liebe und Naturgenu, ganz ber alle gewhnliche
Verhltnisse hinweg, ins Gebiet der Ideale empor hob, wo wir alles andere
verachteten, und zu sterben wnschten, weil nach solchen Augenblicken, kein
irdisches Glck mehr unsrer Sehnsucht werth schien. Aber es gab auch Stunden,
Tage, wo wir friedlich auf dem sanften Strom des gewhnlichen Lebens
hinabgleiteten, uns in den mannigfaltigen Beziehungen der Menschen, in
geselligen Verhltnissen glcklich fhlten, und mit freundlicher Ruhe einander
ins Auge blickten. - Das war es eben, was uns so selig machte, da wir uns
allenthalben begegneten, auf den ewigen Hhen der Begeisterung, und in den
flchtigen Wellen des Augenblicks, allenthalben uns einander nahe fhlten. - Und
dies alles ist vorbei! Julie, wenn Du dies je gefhlt hast, wenn Du es nur ahnen
kannst, so komm zu mir, und lehre mich, mich selbst ertragen! - Eine strmische
Sehnsucht ruft mich weg in ferne Gegenden, wo ich ihm zu begegnen hoffe. Wilde
Phantasien umschwrmen mich; es ist der sanfte Ton der Empfindung nicht mehr,
der in nahem Bezug, auf die Gegenwart allein, meinen Trumen die frhlichste
Bedeutung lieh. Die Welt ist tod fr mich, und in der ganzen Natur, bewegt kein
erfreuender Ton mehr mein Herz mit leisem Widerklang.

Da Eduard von mir getrennt, weit Du, aber warum so schnell, und so
geheimnivoll? - Das wute er selbst nicht, und wird es erst aus dem Munde
seines Vaters erfahren. Sein Freund Barton, den er so oft verehrte, kam hieher,
um Eduard's Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch, wie ich
fast vermuthe - mich nher zu beobachten. Es ist ein Mann, der die Welt sehr zu
kennen scheint, und den eine gewisse Sicherheit und Schicklichkeit im Betragen,
berall willkommen sein lt. In seinem Gesicht hat sich, um den Mund, noch ein
leiser Zug von Gutmthigkeit erhalten, aber die Augen sprechen viel Klugheit,
beinah Schlauheit aus. Er ist in unserm Haus bekannt geworden, und ich sehe ihn
fters, aber noch kann ich kein Vertrauen zu ihm fassen. Und wie sollte ich? er
scheint zu verstndig, um mich verstehen zu knnen.
    Albret hat sich jetzt, wie immer, auf eine eigenthmliche Weise benommen.
Nach unsrer Trennung, bei der auch Eduard trostloser war, als er selbst erwartet
hatte, sagte ich ihm alles was ich fhlte. Der Schmerz macht aufrichtig, und das
bestrmte Gemth kannte keine Schranken, keine Rcksichten mehr. - Er hrte mich
gelassen an, ohne ein Zeichen von Ueberraschung, mit einem Lcheln, wie man die
Trume eines Kindes belchelt. Amanda, sagte er, als ich schwieg, Du kennst
Dich selbst, Du kennst die Menschen nicht. Unbedachtsam hlst Du die hinfllige
Pflanze, die einen Frhling lebt, fr den Sprling eines Baumes, der allen
Wettern trotzen, und mit den Zeiten wachsen wird. Zu spte Reue ist schrecklich;
bedenke das! - du bist mir werth. Diese Aeusserung reizte meine
Empfindlichkeit. Ich fhlte mich so gro, so unendlich in meiner Liebe, da
jeder Zweifel an ihrer Dauer, ihrer Strke, mir Lsterung zu sein schien. -
Indessen, was mir auch darinnen mifllig sein konnte, so fand ich doch, Albrets
Benehmen, in diesem Fall untadelich, ja! edel. - Seitdem
    hat er nie wieder ber diesen Gegenstand, mit mir gesprochen, aber tglich
verwickelt er mich absichtlich, immer mehr in einen Wirbel von Zerstreuung und
Lustbarkeiten, wo ich ihm nicht glnzend genug erscheinen kann. Ich gestehe Dir,
da ich nicht wei, was ich davon denken soll. Bin ich das Spielzeug seiner
Eitelkeit, oder neuer, mir unbekannter Absichten? - - Ach! die Liebe macht mich
fr alles andere ungeschickt, und raubt mir alles Urtheil!

Eduard hat mir geschrieben. Seitdem wei ich, da die Welt noch Reiz fr mich
hat; ich ahne wieder einen leisen Einklang im Spiel des Lebens, und bin mir
selbst wieder gegeben. Seine Klagen haben mich geweckt, und die Sorge, ihn zu
trsten, fhrt meinem eignen Herze Beruhigung zu. Wie sehr wnschte ich, meine
Julie, da Deine Einrichtung, Dir jetzt verstattete, zu mir zu kommen. Deine
Gegenwart ist mir nie so nothwendig gewesen, und sie wrde das begonnene Werk
vollenden. - Nanette ist seit einiger Zeit wieder hier, aber sie scheint sich
von mir zu entfernen, wenigstens ist sie so unbefangen nicht mehr, wie vormals.
Zuweilen blickt sie mich liebevoll an, und ein fremder Zwang scheint ihren Mund
zu verschlieen; dann aber glaub' ich auch, Mitrauen und Zweifel in ihren Augen
zu lesen. - Und, soll ich Dirs gestehen? - beinah' ist es mir jetzt
gleichgltig. - Ach! seit ich ihn verloren habe, welchen Verlust kann ich noch
frchten?

                               Neunzehnter Brief



                                Eduard an Amanda

Wir halten hier in einem elenden Ort, weil mein Bedienter krank geworden ist.
Nur mit Mhe konnte sich Barton, der mich einige Tagereisen mit begleitet,
entschlieen, diese Nacht hier zuzubringen, denn rastlos lies er mit mir dahin
jagen, und der Wagen flog ihm nie schnell genug. Ich lasse mir alles gefallen,
ich habe keine Kraft, keinen Willen mehr. Amanda, Amanda, was ist aus mir
geworden? - O! wie wenig wute ich, was Trennung war, wie frevelnd war der Muth,
mit dem ich sie zu ertragen hofte! - Ich frchte in eine gnzliche Melancholie
zu verfallen, und wird es nicht besser mit mir, so kehre ich, trotz allen
Grnden, allen Verhltnissen zu Dir zurck. Du bist das einzige Wesen auf der
Welt, dem ich ausschlieend angehre. Andre bildeten mich zum Menschen, aber Du
erhobst mich zum Gott; von Dir getrennt, sinke ich tiefer hinab, je hher ich
stand. - Die ganze Natur scheint fhllos gegen meine Qual. Der blaue Himmel und
die lachenden Fluren, spotten meines Kummers, die Menschen knnen mein
unendliches Leid nicht fassen, und ihre unselige Kunst, entfernt mich schnell,
und immer schneller von dem Ort, der all' meine Liebe, mein Leben, meine
Freiheit in sich schliet. - Vergolde nur immer, Abendsonne! die trumende Erde,
du vergoldest die Trume meines Herzens nicht mehr! Ich bin tod, ohne gestorben
zu sein. Der magische Ring. ist zerbrochen, womit mein Sinn alle Erscheinungen
in lieblicher Einheit zusammen hielt, und die Harmonie des Weltalls, ist mit der
Harmonie meiner Seele entwichen. Die Unendlichkeit hat Grenzen, und ein kaltes
Schicksal ist in dem Kreis meiner Gedanken an die Stelle der gttlich freien
Willkhr getreten. Ich hasse die Welt, und in der Welt mich selbst am meisten.

Amanda! schne Seele! - Deine Wirkungen sind allgegenwrtig, wie die Gottheit
und begegnen mir da, wo ich es nicht im geringsten vermuthete. Eine arme
Vertriebene, die tiefer als viele andere ihres Gleichen gebeuget zu sein schien,
kam zu uns, und klagte uns ihr Leid. Als sie aus einer unscheinbaren Brieftasche
eine kleine Schrift hervorzog, die als Beglaubigungsschein ihres Unglcks gelten
sollte, entfaltete sich ein andres Papier, worauf ich Deine Hand zu erkennen
glaubte. Kaum bemerkte sie meine Aufmerksamkeit, als sie mir es berreichte, und
mit ungewhnlicher Rhrung Dein Lob anstimmte. Ich las Deine freundlichen Worte,
deren feine Wendung ein grrer Balsam auf die Wunde der Unglcklichen war, als
selbst Dein ansehnliches Geschenk. Ich kte die geliebte Schrift; es war das
erste, was ich seit unsrer Trennung von Dir sahe; ich wnschte, sie zu besitzen,
und bot der Frau eine betrchtliche Summe. Sie schlug sie aus, jedoch mit
sichtbarer Resignation. Ach! es ist traurig, wenn das feinere Gefhl gegen
Mangel zu kmpfen hat! - Ich gab ihr das Geld, und lie ihr Deine Schrift,
jedoch auch nicht ohne Resignation.

Wir sind wieder weiter gereit, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre
Pferde laufen unertrglich schnell vorwrts, und der Raum schmilzt vor unsrer
fliegenden Eil behende hinweg, inde er zwischen mir und Dir immer mehr
anwchst. Ach! Amanda, ich kann die Trennung von Dir, immer weniger ertragen!
Meine Gesundheit leidet, und nur die Hoffnung auf einen Brief von Dir, hlt mein
fliehendes Leben noch fest. - Doch, sorge nicht, Geliebte, ngstige Dich nicht!
es wird besser werden, oder ich kehre, so bald ich meinen Vater ein einzigmal
umarmt habe, unaufhaltsam zu Dir zurck.
    Ich bin so stolz geworden, und so demthig, da ich mich selbst nicht mehr
kenne. Stolz - denn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht
gewrdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wol erwartet hatte, und
mit Recht erwarten konnte. Ach, er wei es doch nicht, was Du bist, und kann es
nicht fassen - auch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich mchte eine eigne
Sprache haben, um von Dir sprechen zu knnen. So krnke ich meinen Freund, dem
ich so vieles verdanke, vorstzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit,
und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn
er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so
unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fhlen - ich habe das nie gefhlt,
und mte ich es nur auch jetzt nicht! - Ich war ein Uebermthiger, der der
ganzen Welt trotzen zu knnen glaubte - jetzt scheint mir jeder Dank zu
verdienen, der mich ertrgt.
    Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger
Augenblick! - bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst
frchtete. Die Thrnen strzen mir aus den Augen, aber es waren wohlthtige,
se Thrnen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel.

Hier, im Wirthshaus ist ein kleines Mdchen, das Deinen Namen fhrt. Wie ich
erschrack, als ich den Namen nennen hrte, wie rasch ich mich wandte! - Das Kind
darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches Geschpf, und hat
einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir giebt. Ich betrachte es
mit sem Schmerz, und trume mir viel. - Zuweilen wnsche ich - verzeih'! - es
mchte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein Geheimni bleiben sollte,
und das nun, durch Zuflle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Mdchen so
heilig, ich drcke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir
verklrter als vorher. Mich dnkt, es wrde mir um vieles besser sein, wenn ich
das Kind immer um mich haben knnte. Ich habe schon diese Idee gegen die Aeltern
geussert, und ernsthaft mit ihnen darber gesprochen, aber sie wollen nichts
davon hren.
    Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden
Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger Sehnsucht entgegen sieht. Amanda,
ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zurckzieht? - Diese Qualen
kennst Du nicht. -
    Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gb' ich darum, ihn bei mir zu
haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft
eiferschtig, wenn - o Bilder, o Erinnerung! -

                                                                      Ganz Dein.


                               Zwanzigster Brief

                                Amanda an Eduard

Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! - Ich
tauche mich in dem khlenden Luftstrom, ich athme die Dfte der Nacht, aber sie
mildern die Sehnsucht des Herzens nicht. In der Dmmerung, im Lftchen, im
Blumenduft, berall wohnen Erinnerungen; berall bist Du und bist Du nicht! - O!
da ich Dich verlieren mute! -
    Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen
war. Alles war durch sie geweiht, und allmchtig hauchte sie Leben und
Begeisterung, auch in die gleichgltigsten Dinge. Jetzt tritt mir allenthalben
eine unertrgliche Leerheit entgegen. Gefhllos seh' ich, wie sich die Menschen
um mich her bewegen; gefhllos thue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz
ist tod; mit Dir hat mich mein beres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in
mir ein unendliches Verlangen nach Glck. Ach! ich hatte es gefunden, und ich
lie es entfliehen, das einzige Glck, welches fr mich blhte! - Eduard! ich
theile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle
Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte,
unertrgliche Rcksichten, die mich noch jetzt zurckhalten! - Der Mensch denkt
sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn
verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfllt.
Aber da, wo ein hheres Leben fr ihn blht, wo sein heiligstes Dasein, an dem
gttlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schnsten Blthen
entfaltet, die ganze Welt sich seinem Aug' verklrt, und er gut sein mu, weil
ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da mu er sich, aller
Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.
    Ich fuhr gestern spazieren, und whlte den Weg, den Du gereist bist. Es war
mir, als kme ich Dir nher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die se
Tuschung, als eilte ich in Deine Arme. Es ward Abend; die Natur lag in ruhigen
Trumen, still und frei vor mir; das graue Bergschlo, das Deinem Grtchen
gegenber liegt, lchelte, wehmthig zrtlich in die Abendglut; die Fenster, der
lndlichen, umher zerstreuten Htten, glnzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm,
rief ich laut, die Sehnsucht tdtet Deine Amanda! - Ach! da zerrann die
Tuschung, und als ich wieder zurck fuhr, lebten alle Qualen der Trennung,
tausendfach in mir auf.
    Und so war es denn ein Traum, das ganze wunderbare Glck unsrer Liebe? Eine
Erscheinung, die flchtig wie alles andere, und bedeutungslos verschwindet? -
Ist es mglich, frage ich mich oft mit kindischem Zweifel, da man so glcklich
sein kann, wie wir es waren? so glcklich im Genu der Gegenwart? -
Vergangenheit umzieht ihre Freuden mit therischem Duft, und reizt die
Sehnsucht, nach unmglichen Genssen; die Zukunft kleidet ihre Bilder, in das
blendende Gewand der Tuschung; die Phantasie zieht sich aus einer fremden Welt
Paradiese herab, die nie sein werden - aber Gegenwart, Wahrheit; wenn auch diese
so beseligen, so begeistern, dann, ja! dann ist es nur das Werk der Liebe, der
Allesvermgenden! Aber wie selten finden sich so gleichgestimmte Seelen, wie
selten vereinigt sie ein so wunderbares Band! - Ach! unendlich wie mein Glck,
soll auch mein Schmerz es sein! Wie gern gb' ich noch eine solche Zeit, wie
diese war, zu leben, mein Dasein, mit allen brigen Genssen, dafr hin, und
strbe, mit dem letzten Ku beglckt, in Deinen Armen!

Ich habe Deinen Brief! Wie s hab' ich geweint, als ich ihn las! - O! Allgewalt
der Liebe, auch getrennt umwindest du deine Lieblinge, mit therischen Blthen
des Entzckens! - Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, und wohl mir, da
die Hoffnung mich nicht betrog! Sie tuschet also doch nicht immer, diese
Trsterin der Getrennten? - Wie wchst mein Vertrauen nach dieser Ueberzeugung!
    Beruhige Dich, Eduard, wir werden uns wiedersehen. Bekmpfe diese
Heftigkeit, die Deine Gesundheit untergrbt; ach! sie ngstet mich
unaussprechlich! - Hoffe Alles - die Zeit - unser Wille - ich bin ruhig - Nein,
Eduard! ich kann Dir nicht heucheln, der schne Bund der Aufrichtigkeit, den wir
zusammen schlossen, soll unter keinem Vorwand, auch den gutmthigsten nicht von
mir verletzt werden. Ich bin nicht ruhig. - Hoffnung und Zweifel belebt und
tdtet mich; mein Geist entflammt in Sehnsucht, und das Leben ist Qual ohne
Dich. -Wie wird sich das geheimnivolle Benehmen Deines Vaters lsen? - Welche
Plne verschliet sein Busen, die Dich vielleicht weit, weit von mir entfernen?
und soll ich Dich vielleicht nie wiedersehn?

Wilhelm, der einst unser kleine Vertraute war, spricht oft von Dir. Er kann die
Stunden, die er bei Dir zugebracht hat, nicht genug rhmen, und wird oft
ungeduldig, wenn ich ihm auf seine Fragen, mit trbem Blick versichre, da Du
noch immer nicht wiederkmmst. Der Knabe ist jetzt mein einziger Trost. In den
ersten Tagen der Trennung, wo ich fr Alles tod war, war auch er mir
gleichgltig geworden, aber sein ses Geschwtz, und der Gegenstand desselben,
hat mir bald Theilnahme abzulocken gewut. Seine Bildung beschftigt mich nun
wieder, das heit, ich pflege die zarten Blumen, die die Natur in das kindliche
Herz pflanzte, Wohlwollen, Frohsinn, Wahrheitsliebe. Du weit, wie bittre
Vorwrfe ich mir einst machte, da ich ihm Verstellung abgedrungen hatte; ich
suche es jetzt durch die einfachsten Erklrungen wieder gut zu machen, und jede
Spur einer Handlung zu vertilgen, die nur die Liebe entschuldigen konnte.
    Tglich, stndlich ruht mein Blick auf den Lauben, den Schattengngen, wo
wir beide oft, in lieblicher Einsamkeit, die schnsten Stunden unsers Lebens
vertrumten. Eduard! diese leise flsternde Bume, die stumm wankenden Schatten,
haben eine Sprache, die bis in das Innerste meiner Seele dringt! Dann fhle ich
mich oft so frei, so hoffnungsvoll, wie in den Tagen der Liebe. Aber bald fehlt
mir der Einzige, und es strmt von neuem in der Seele.
    Und keiner, keiner, der mein Leiden mit empfinden knnte! - Nur Du leidest
in der Ferne mit mir. Einsam trauren wir beide, und der se Trost der
Mittheilung ist uns versagt. Gute Nacht! ganz Dein.

                           Ein und zwanzigster Brief



                                Eduard an Amanda

Nun bin ich hier in dem geruschvollen * *, und statt meines Vaters, dessen
Anblick allein einen Strahl von Freude in mein Herz zu senken vermogt htte,
fand ich blo einen Brief von ihm. Er ist nach England gereis't, weil, wie er
schreibt, Geschfte, auf denen das Wohl von vielen beruht, dort seine Gegenwart
verlangen. Nur den dringendsten Beweggrnden, fhrt er fort, vermchte er seinen
liebsten Wunsch, noch lnger aufzuopfern. Er bittet mich um meine Nachsicht, und
rechnet ganz gewi darauf, in wenig Wochen wieder hier zu sein. - Und so mu ich
nun ausharren, denn erwartete ich die Ankunft meines Vaters nicht: ich kehrte
ohne Verzug zu Dir zurck. Ach, Amanda! ich bin so fern davon, ruhiger zu sein,
da meine Sehnsucht nach Dir, vielmehr mit jedem Tage zunimmt! - Tglich bin ich
in Gesellschaft; die Menschen sind gefllig, zuvorkommend gegen mich; manches
weibliche Auge glnzt mir entgegen, aber ich bin fr alles kalt und fhllos. Wie
anders, ach! wie ganz anders war es, wenn ich bei Dir war, welche Stunden der
Weihe, der Begeisterung, der Liebe! Du weit es nicht, was Du bist, Amanda, und
dies macht Dich eben so schn! wie eine Heilige verehre, bet' ich Dich an!
    Du glaubst nicht, wie schwer es mir oft wird, in Gesellschaft die nthige
Fassung zu behalten. Meine Seele ist jetzt in einem so hohen Grad zur Wehmuth
gestimmt, da alles, was nur den leisesten Bezug auf Dich hat - und wo fnde ich
ihn nicht? - mich unbeschreiblich erschttert. Gestern sagte einer bei Tische
die Stelle aus Carlos:

Gehrt die se Harmonie, die in
Dem Saitenspiele schlummert, seinem Kufer,
Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat
Das Recht erkauft, in Trmmern es zu schlagen,
Doch nicht die Kunst, den Silberton zu rufen,
Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.
Die Wahrheit ist vorhanden fr den Weisen,
Die Schnheit fr ein fhlend Herz.
Sie beide gehren fr einander.

Dies ergrif mich so gewaltig, da ich hinaus gehen mute. So geht es mir sehr
oft, und das Schrecklichste dabei ist, da ich dann noch Vorwnde suchen mu,
wenn ich nicht fr einen Thoren gehalten sein will. Dann bringe ich bald der
Wirthin Blumen, oder werfe irgend eine sonderbare Frage auf, und mu so noch an
kalte Gesellschaftsregeln denken, inde meine ganze Seele von Sehnsucht nach Dir
glht!
    Endlich Nachricht von Dir - das ist der erste, lichte Moment meines ganzen,
fern von Dir vertrumten Daseins. Jeder Buchstabe von Dir, ist mir heilig. Was
fr ein Himmel liegt in Deiner Liebe, einzige, geliebte Amanda! Ich bin
eiferschtig auf Dich, denn gewi hat Dir mein Brief nicht das Entzcken
gewhrt, wie mir der Deinige. In Allem mchtest Du mich bertreffen, nur
hierinnen solltest Du mich nicht zurcklassen. Und dennoch mchte ich um Alles
in der Welt nicht, da Dein Brief mir weniger Freude gemacht htte. So ist kein
Zustand im Leben so voll Widersprche, wie der Zustand der Liebe; die Zeit der
Liebe ist nicht die Zeit der Ruhe. Wie ist es doch mglich, da wir bei diesen
Widersprchen, bei dieser Unruhe so glcklich sind?
    Ich beneide Dich, Amanda, obwol ich Dir es gnne, obwol ich alle Freuden
meines Daseins hingeben mchte, um Dich froher zu wissen. Ich beneide Dich, da
Du dort lebst, wo jede Aussicht, jedes Pltzchen neue Schwrmereien weckt, und
se Qualen nhrt. Was gbe ich darum, wenn ich ungestrt meinen Trumen
nachhngen knnte! Du weit, wie wenig ich ber die Aeusserungen meiner
herrschenden Stimmung zu gebieten vermag, und hier, im Kreise meiner Verwandten
und ltern Bekannten, mu ich es fast immer. Mein einziger Trost ist oft, von
Dir zu sprechen, so wie sich nur die entfernteste Gelegenheit darbietet. Alle
kleine, von Dir gesammelten Zge, alles Freie, Hohe, Interessante, Schne, wird
erzhlt, und da ich nicht von einer Einzigen sprechen will, so vertheile ich
Deine Vorzge auf alle die Weiber, die in Deinem Kreise leben, und es ist fr
alle genug, reicht vollkommen hin, um hier die weibliche Eitelkeit durch eure
Unerreichbarkeit zu krnken. Sieh', meine Amanda so reich bist Du; und da man
Dir das erst sagen mu, das macht Dich eben noch reicher.
    Aufrichtigkeit - wie hat mich das Wort ergriffen, als ich es in Deinem
Briefe fand! Jener Stunde, worinnen Du Dich so schn hierber erklrtest,
gedenke ich noch oft und gern. Ich lag auf den Knieen vor Dir, das Herz voll
Qualen der Eifersucht. Es war spt; ich hatte Dich aus einem glnzenden Zirkel
nach Hause begleitet, wo Dein Reiz, Deine Anmuth, alle Weiber berstrahlt, alle
Mnner geblendet hatte. Ich sah die trunknen Blicke nach Dir hintaumeln, und wie
selbst kltere Herzen, Dir unwiderstehlich zuflogen, als Du mit seelenvollem
Ausdruck, zu den schmelzenden Tnen einer Laute sangst. Ich stand in einiger
Entfernung, und athmete kaum. Meine Blicke irrten auf Deiner Gestalt umher, und
liebten alles, bis auf die schimmernden Ketten, die Deine Arme umschlossen.
Diese schngebildete Hand ist mein, sagte ich mir freudig, dieser Arm, dieser
Nacken, diese Wange, dieser Mund - und mir schwindelte vor Entzcken. - Aber es
wird, es kann nicht mein bleiben, dachte ich weiter. Die Ansprche, die ein
jeder an sie thut, ihr jugendlicher Sinn, ihr vorzglicher Geist - genug, ich
sagte Dir alles, was mich qulte, als wir allein waren, und Deine sesten
Versicherungen konnten mich nicht beruhigen. Da sprachst Du: Vertrauen ist das
einzige Band, was die liebenden Seelen in fester, zarter Gemeinschaft erhlt.
Aller Zauber der Phantasie, vermag nichts ber die Herzen, wenn nicht Wahrheit
des Gefhls zum Grunde liegt. Sollte ich je anders fr Dich fhlen, als jetzt -
was mir unmglich scheint, so sage ich Dir es frei, und auch Dich halte keine
vermeinte Zartheit ab, die immer Falschheit bleibt, mir alles, was in Dir
vorgeht, zu vertrauen. - Da gelobten wir einander stete Aufrichtigkeit, und es
trstete und labte mich dieser Bund ber Alles.
    Barton hat mir geschrieben, doch was ich so sehnlich von seinem Briefe
wnschte und erwartete, fand ich nicht. Er schreibt wenig und nichts
Befriedigendes von Dir; aber wie sollte er anders? - Habe ich nicht durch meine
hartnckige Verschlossenheit seinen Unwillen verdient? Ist es nicht an mir,
alles wieder gut zu machen? - Dagegen schreibt er mir von Nanetten, mit einer
feurigen Beredsamkeit, die mir an ihm fremd ist, und mir eine sonderbare Art von
Freude macht. - Bei ihr, schreibt er, finde ich noch die liebe alte
Frhlichkeit, die, von uns entflohen, einst der Genius besserer Zeiten war, die
nicht erst lange fragt, warum? und ob mit Grund? und ob alles in der ganzen Welt
dazu pat? nein, frei aus dem Herzen herausquillt, und gleich einer erwrmenden
Frhlingssonne, auch in Andern, manche ferne, erstorbene Freude weckt. Nanette
plagt sich nicht mit Vorbereitungen zum Leben - sie lebt. Von andern wenig
fodern, auf sich selbst rechnen, brigens so wenig als mglich, an sich denken,
und lustig fortleben, dies ist ihre Weisheit, die einzigen Regeln, die sie
befolgt.
    Ich danke Dir, Amanda, da Du mir nichts von Albret schreibst, denn ich
verheele Dirs nicht, da sein Name mir stets, wie ein glhendes Eisen, durchs
Herz fhrt. Ich verehre Deine Handlungsart, aber das vermindert meine Schmerzen
nicht, ich werde kalt und warm, und taumle zwischen Wehmuth und Ungestm, wenn
ich an ihn denke. - O! warum warst Du so fremd, mit Deinem eignen Herzen? Und,
warum muten wir uns jetzt erst finden? -
    In wenig Tagen reise ich aufs Land, an den Ort, wo ich die ersten, goldnen
Tage des Lebens zubrachte. Dort werde ich auch meinen Vater einen Tag frher
sehen knnen, der mit seiner Ankunft mir schon viel zu lang zgert. Aber ich
habe nicht den Muth, mich darauf zu freuen, vielmehr frchte ich, irgend ein
Hinderni knnte mir dort die Nachrichten von Dir, lnger vorenthalten, und
diese sind jetzt das hchste Ziel meiner Sehnsucht. Schreibe mir Verbannten
bald. Gute Nacht, mein Leben, meine Seligkeit, mein Alles - ach! warum
antwortest Du nicht? -

                           Zwei und zwanzigster Brief



                                Amanda an Eduard

Eduard! ich bin allein - die romantische Stille der Nacht, ruht auf allen Wesen.
Vor gerinen, dunklen Wolken, steht einsam der Stern der Liebe; Ein geistiger
Schein verklrt das ferne Gebirge, inde tiefe ambrosische Nacht, das vor mir
liegende Thal bedeckt.
    Ach! aus allen Wesen ist die Bedeutung gewichen; ein kaltes Licht strmt von
dem Stern hernieder, und in den leisen, durch die Nacht verstreuten Tnen, liegt
Trauer und Wehmuth. - Eduard, ist dies die Welt, die einst so schn, so heiter
war? - Welch ein allmchtiger Zauber lag in Deiner Nhe! - Du wutest es nicht,
nein! Du wutest nicht, wie Du geliebt wurdest. - Die Luft hauchte mir Deinen
Athem, in dem Geflster der Bltter hrte ich Deine Stimme, der Mond beleuchtete
nur Deinen Pfad. Ich wute es, eine solche Nacht lie Dich nicht ruhen. Du
eiltest hinaus, in die Natur, vor Deinen Augen entfaltete sich eine neue Welt,
himmlische Freiheit und Liebe empfing Dich, und die heiligen Stimmen der Nacht,
riefen wunderbare Bilder vor Dein Gemth.
    Dann, ach! das wute ich auch - zog Dich ein allmchtiger Zug zu mir hin. Du
wandeltest durch blhende Haine, blhender und lebendiger als sie, und eine
strkere Sehnsucht entflammte Dich. Wenn ich dann hinaus sah, in die nchtliche,
liebeathmende Welt, und hinter jedem Gestruch Dich ahnen durfte, wie ward mir
dann die Gegend so lieb, so heilig! Wie strmte aus Deinen Blicken ein neuer,
himmlischer Reiz ber sie hin! - Deine Wnsche waren jugendlich wie die
Frhlingsblumen, Deine Phantasie himmlisch, wie das Licht der Sterne, Deine
Gefhle lebendig, wie der rauschende Bach. - Jetzt berfllt mich namenlose
Wehmuth, wenn ich die blhende Natur um mich erblicke, und mich von Dir
getrennt, in dieser blhenden Natur. Vergebens sage ich mir, da jedes Glck -
auch die Liebe, enden mu, besser gewaltsam durch Trennung als langsam durch die
Zeit - das Innerste des Herzens widerspricht, und meine Thrnen strafen mich
Lgen.
    Seit einigen Tagen ist Julie hier, und wie wohl mir ihre Gegenwart thut,
wirst Du fhlen, da Du weit, wie ich sie liebe; doch habe ich manches an ihr
anders gefunden, als ich mir es dachte. - Sie will um ihre, nicht ganz feste
Gesundheit, zu strken, diesen Sommer das hiesige Bad brauchen, und hat sich
gefreut, dies mit meinem Wunsch, sie bei mir zu seh'n, vereinigen zu knnen. Die
Jahre, whrend wir uns nicht sahen, haben den Duft der Jugend von ihrem Geist
abgestreift, und sie hat manches in ihrem Wesen, was mir weh thut, was ich hart
nennen mchte, wenn ich es nicht wegen der Uebereinstimmung des Ganzen gern
ertrge. Sie ist ganz das, was sie sein wollte, eine Frau, die Vergangenheit und
Zukunft, stets im Bezug auf die Gegenwart denkt, mit ihren Verhltnissen in
Eintracht lebt, den Lebensgenu weise vertheilt, um damit bis ans Ende
auszureichen, und die Befriedigung des, allen Menschen eignen Triebes nach
Glck, mehr von dem Verstand als dem Gefhl erwartet. Freilich lt sich von
einem solchen Gemth schwerlich Billigung und lebhafte Theilnahme an einer
Leidenschaft erwarten, die wie die unsrige, alle Verhltnisse des Lebens
vergit, den ganzen Himmel in Momente zusammen fat, und aus dem geheimnivollen
Quell der Gefhle, unendliche Freuden und unendliche Qualen schpft. Gleichwol
liebe ich sie, weil sie mir giebt, was sie mir geben kann, weil Jugendgefhle,
Erinnerungen, mich an sie binden, und ich ehre sie, weil sie unbefangen das ist,
was sie sein kann, und sich fr nichts anders gehalten wissen will. -
Verschieden werden die Menschen geboren, und mag doch immer jeder seine
Eigenthmlichkeit, - nur in einer schnen Form - zu erhalten suchen! Wie thrigt
begehren Manche die unendlich reiche Mannigfaltigkeit der Naturen mit der
flachen Einfrmigkeit einer einzigen Form vertauscht zu sehen!

Eduard! Deine Klagen dringen mir ans Herz. Verbanne diese wilde Traurigkeit, die
mich ngstigt; ich verlange, ich fodre es. - Auch ich will ruhiger sein; und bin
es schon. Ich habe Augenblicke, Stunden, wo ich mit gefatem Gemth, ber unsre
Trennung nachzudenken vermag. - Mhsam suche ich dann alle Grnde hervor, um
Vortheile fr Dich darinnen zu finden. Der vorzgliche Mensch, sage ich mir,
soll harmonisch ausgebildet werden; das Gefhl darf nicht die Oberhand
behaupten, nicht das schne Gleichgewicht verletzen, und dann in allen
Verhltnissen des Lebens, sich eine despotische Herrschaft ber die andern
Geisteskrfte, anmaaen. Ach! aber dann fllt es mir schwer aufs Herz, da wir
das, was in der Zukunft vielleicht noch reifen wird, mit den geliebtesten
Freuden der Gegenwart erkaufen; das Schne dem Ntzlichen, das Freie dem Gesetz
aufopfern, und wie gefallne Engel den hohen Pfad verlassen muten, der uns,
vereinigt, zu mehr als irdischem Glck und Hoheit fhrte. - Warum muten wir so
viel besitzen? - Ach! dem, der einmal den Himmel besa, dnkt ein gleichgltiger
Zustand schon Verdammung zu sein. - Doch, Eduard! wo gerathe ich hin!
    Ich beneide Dich um die Neuheit, das fremde Leben, welches Dich umgiebt, wie
Du mich um meine stillen Trume. Jedes hlt den Andern fr glcklicher, wnscht
sich an seine Stelle, und gnnt ihm doch seine vermeinte, bere Lage. - Ach! in
dem fremdesten Gewhl, und in der einsamsten Htte, wird das treue Herz von
Sehnsucht geqult!
    Es beunruhigt mich oft, da ich Dir nicht fterer schreiben kann, und da
meine Briefe Dich erst so spt erreichen. - Ich zittre fr jeden Aufschub, und
mchte Dir gern jede Unruhe, jede Sorge ersparen. Zuweilen, Freund, durchfliegt
mich eine himmlische Zuversicht. Weissagend, verheit mir eine innre Stimme: wir
sind nicht fr einander verloren! - Der stille Gang der Schicksale fhrt uns
wieder zusammen, diese Sehnsucht bleibt nicht ungestillt, aber wenn und wie?
noch wei ichs nicht! - O! ist nur erst der Schleier des Geheimnisses hinweg
gerollt, der ber Deinen Verhltnissen ruht! - Da er dann bald erscheine, jener
selige Moment des Wiedersehens! - bald, wenn noch die Glut der Gefhle ihn
unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre
Blthenkrnze flechten!

Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der
Vergangenheit, wie von einer Hhe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen
liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen
drngte. Schon frhe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn
wir von der Zukunft trumten, und Julie bald ein Ruhepltzchen zu finden
wnschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das
reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmiges Leben bald festhielt, so
reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die
unbestimmte Ferne zog mich an, und als das hchste Glck, dachte ich mir stets,
an der Seite eines geliebten Mannes, ein schnes, vielseitiges Dasein zu
genieen, tausendfach zu leben. - Ihr, der Gngsamen, ward, was sie wnschte,
und sie erfllte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben,
das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des
Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fhlte,
das alle Wnsche begrnzte - ach! da verschwand der Himmel, und einsam und
verlassen fand ich mich auf der Erde wieder!

Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen ngstet mich. Schon einige
Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit
getuschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Trume, und
meine sesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft berflieg' ich, was uns
trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schnes Leben. Und theilst Du sie mit
mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehn? - wie soll ich mir Dein Schweigen
erklren? - wie, wenn Du Dich der Freude berlieest, whrend ich voll Trauer
jede Freude verschmhe, und Dich stets allenthalben vermisse? - Ich bat Dich
ruhig zu sein, und mte verzweifeln, wenn Du es wrest. Nur das kann mich
beruhigen - wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des
Verstandes, keinen Trugschlu der Vernunft verleiten lt, das hohe Gesetz des
Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen
lt.

                           Drei und zwanzigster Brief



                                Eduard an Amanda

Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen
voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe -
glcklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick, mein Leben
war Genu und Thtigkeit. Hier war ich oft als Jngling, mit Wunsch und Gefhl.
Oefters weinte ich da an einem schnen Abend oder Morgen, Thrnen, deren Quelle
ich nicht kannte. Ach! es waren schon damals Thrnen der Sehnsucht, die ich Dir
weinte, obwol ich Dich nicht kannte, einzige Amanda! warum sah ich Dich damals
nicht, warum verband uns nicht Ein Himmel, Eine Flur? - Und als ich Dich endlich
fand, als mich die Liebe mit Dir vereinigte, wie war es mglich, Dich wieder zu
verlassen? - Ich habe viel darber nachgedacht, was mich ans Leben hlt, und was
berhaupt den Menschen so ans Leben fesselt, und ich wei es, ich habe es
gefunden, es ist die Liebe, einzig sie allein. Wenn ich aufhre zu lieben, so
hre ich auch gewi auf zu leben. Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande, die
alle menschliche Gesellschaft zusammen halten, und wenn ich mich in schwarzen
Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke, so schaudert mir, und ich
ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe. - Ich bin jung, und habe wenig
Leiden erprft, aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude
gefhlt. Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprfte Lagen
bis zur Wirklichkeit hinein. Ehe ich Dich kannte, fhlte ich fters
unbeschreibliches Verlangen, banges Gefhl von Alleinsein. Die Natur war damals
meine Geliebte. Wie oft bin ich auf die Knie gesunken, den Busen voll Sturm, das
Auge voll Thrnen, und habe die Blumen gekt und die Erde! - Dann schwrmte ich
rastlos umher, und ich brauche Dir nicht zu sagen, da es kein gemeiner Taumel,
kein gewhnlicher Durst nach Vergngen war. Eine Art von Verzweiflung jagte
mich, und bei allem Reichthum meiner Gefhle, dnkte ich mich arm. Da fhrte
mein Genius Dich zu mir - und alles, was ich je empfunden, wiederholte sich
schner bei Dir. Der Sehnsucht Thrne, der Wehmuth Seligkeit, die tiefe
Ehrfurcht, das stumme Entzcken, - das alles gab ich nun Dir, und Du warst
reicher als die Natur, Du nahmst und gabst. - O! Einklang der Seelen!
Mittheilung ohne Worte! O! selige, selige, selige Zeit! - Gleich einer
glcklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor. Die Liebe leitete
uns auf geheimnivollem Weg dahin; aber wir muten sie verlassen, unser Weg hat
weiter keinen Zusammenhang mit ihr, und einsam und getrennt treibt der Strom den
den Nachen hinab. - Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen, wo Du,
leuchtendes Gestirn! mir fehlst? - Ach! ich bin so kleinmthig! und das macht
die Entfernung allein, die Entbehrung, die mich alles Sinnes und Muthes beraubt!
- Die Welt weicht von mir zurck. Leiser, und immer leiser verhallen in dem
weiten All die Tne der Liebe, der Freude, unvermerkt lset sich ein Band nach
dem andern, und an dem groen Accord menschlicher Wnsche und Freuden schliet
sich der Ton meines Herzens nicht mehr an.

Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz, und grbt die Wunde doch tiefer.
Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin, worinnen ich
Dich so oft gesehn. Ach! da ich die Trume, die die Sehnsucht Deinem Auge
entlockt, wenn Du einsam in die nchtliche Gegend blickst, nicht von Deinen
Wangen kssen kann! da ich nicht mehr gegenwrtig bin, um die Musik Deiner Rede
zu vernehmen, wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen, da ich oft selbst
das Hren darber verga! - Kann der todte Buchstabe mir ersetzen, was einst so
lebensvoll, so gttlich vor mir stand? - Nein! meine Empfindung gleicht der
Empfindung eines Greises, der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den
schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurckblickt. Alles Glck liegt hinter
ihm, und vor ihm, eine stille, leere, dunkle Gegend.
    Ein Pltzchen habe ich hier gefunden, heimlich zwischen Bergen und
Gestruch, dem Garten hnlich, wo einst Engel zu mir herabstiegen. Hier will ich
mir eine kleine Kapelle bauen, einfach, prunklos und mit weichem Boden, da man
leise geht, wie der verstohlne Tritt der Liebe. Ueber dem Altar hngt Dein Bild;
auf ihm liegt alles, was ich je in seligen Stunden von Bndern, Blumen und
Briefen von Dir erhielt. Vier Sulen sind darinnen, der Phantasie, Erinnerung,
Hoffnung und Liebe geweiht, und jede trgt das Gemlde einer Sonne aus der
kurzen Blthenzeit meines Glcks. Zuweilen mu ich auch einen Menschen mit mir
dahin fhren, um dort zu beten, denn welcher Genu ist ungetheilt? - Aber
behutsam, sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl, und wol manches Jahr wird
hingehen, da keiner in den Tempel meiner Allgegenwrtigen tritt. Und wenn auch
einer der Erste seines Jahrhunderts wre, so mte er dennoch geliebt, glcklich
geliebt haben, wenn er mich begleiten drfte. Aber groe Menschen werden nicht
ohne Liebe; sie allein bringt uns den Vollkommnen nher. - Wre nur meine
Kapelle schon fertig, da ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und
der Sehnsucht, dahin verbergen knnte!

Amanda! ich bin in Verzweiflung! - In meiner Zerstreuung hab' ich vergessen, dem
Boten, der Briefe in die Stadt trgt, diesen Brief an Dich mitzugeben. Das
Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen, und ich kann diesen Gedanken
nicht ertragen. Ich lasse das schnellste Pferd satteln, und fliege in die Stadt,
um die Post noch zu erreichen. O! da es so unbndig wre und sich nicht halten
liee, und mich ohne Rast zu Dir hintrge!

Ich bin wieder besser, meine Amanda, ich bin ganz gesund. - Ach! was habe ich
gelitten, da ich Dich so lange in dieser Ungewiheit lassen mute, aber die
Krankheit bermannte mich mit unbeschreiblicher Strke und Schnelligkeit; ein
heftiges Fieber raubte mir das Bewutsein, und vergnnte mir nur selten einen
leichten Augenblick; ich habe viel phantasirt, und bin sehr glcklich gewesen.
Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen, was meiner Krankheit vorher gieng,
und ich will es Dir erzhlen, weil ich Dir nichts verheelen darf. - Ich ritt,
nachdem ich Dir zuletzt geschrieben, mit fliegender Eil, um noch vor Abgang der
Post in der Stadt zu sein. Auf meinem Weg lag eine Fhre, die ich passiren
mute. Es war so frh, da man auf der andern Seite niemand vermuthete, und ich
mute lange warten. Die Luft wehte kalt, der Himmel sah schwarz umzogen, und
meine Ungedult war frchterlich. Schon wollte ich mich in die Wogen strzen und
hinberschwimmen, als ein alter Schfer herbei kam, und mich gutmthig
festhielt. Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor,
da ich einige Augenblicke lang schwankte, und ein kleines Gesprch mit ihm
anknpfte. Und hier - so bitter war meine Stimmung - war ich recht bemht,
diesem Menschen, der mit seinem Dasein zufrieden schien, das Traurige desselben
mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken. In dieser den Gegend, wo Stunden weit
keine menschliche Wohnung, nur Sand und dnner Graswuchs zu sehen ist, mute
dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang - allein mit seinem Hund die Schaafe
hten, wo dann ein andrer ihn ablste. Bitter fragte ich den Mann: Wie magst du
nur das Leben ertragen? - Aber er begriff mich nicht, und erzhlte mir nur, wie
er dann Einen Tag in seiner Htte zubrchte, und mit seinem Weibe des kleinen
Lohns sich freue, und sein Grtchen bestelle. - Dies Gesprch machte mich noch
ungeduldiger, und da die Fhre noch immer nicht gekommen war, so nahm ich keine
Grnde mehr an. Ich verlie mich auf mein gutes Pferd und meine Krfte, und
wnschte, da ein verzweifelter Kampf mit den, Wogen, dem Leben, das in manchen
Augenblicken keinen Reiz mehr fr mich hat, wiederum Werth geben mchte. -
Glcklich erreichte ich das Ufer, und nun weiter nach der Stadt. Ich kam zu
spt, und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung; eine unnatrliche Glut
rann durch meine Adern; ich fhlte die Krankheit, aber ich fate die Idee, sie
zu bekmpfen, und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen. Unverzglich ritt
ich wieder fort, durch eine dunkle, strmische Nacht. Aber mir war wohl, sehr
wohl. Das Ungewisse der Schatten, erhhete meinen gespannten Zustand.
Allmchtig, wie ein Gott, wandelte ich allein in einer unendlichen Welt. Die
ganze Natur schien mir unterthan, ich frchtete, ich hofte nichts; Leben und Tod
lag in meiner Hand. Auf einer unermelichen Nebelbahn kam mir ein ferner,
freundlicher Lichtstrahl entgegen. Du warst es; wie eine leuchtende Sonne
nahtest Du mir, und wir stiegen hher, immer hher. - Gegen Morgen kam ich an
das Wasser und dachte mit Vergngen der gestern berstandnen Gefahr. Diesmal
fand ich die Fhre und lie mich gleichgltig bersetzen. Meine Verwandten
erschracken, als ich nach Hause kam. Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa
und Versen, mit der grten Lebhaftigkeit. Nach einigen Stunden gelang es ihnen,
mich ins Bett zu bringen, und von diesem Augenblick an wei ich wenig mehr. -
Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewutsein vergangen, doch war Dein Bild in
allen meinen Trumen. Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch
fhle ich jetzt meine Krfte tglich mehr zurckkehren, und meine einzige Sorge
ist Deine Bekmmerni. Frchte nur nichts mehr, Geliebte! Du liebst mich und ich
lebe.

                           Vier und zwanzigster Brief



                                Amanda an Eduard

O Du bist krank, Eduard! Du bist es noch immer! Dein Brief trgt unverkennbare
Spuren Deines zerrtteten Zustandes. Weh mir, da ich so Dich wissen und
entfernt von Dir bleiben mu! Diese innre Nothwendigkeit bei aller ussern
Freiheit ist das Schrecklichste, was sich fhlen lt, ist die grte Qual
meines Lebens! - Ich mchte, wie Clrchen, als sie Egmont im Kerker wei, und
ihn nicht retten kann, ich mchte gebunden sein, an allen Gliedern gelhmt,
lieber, als so frei herum gehn zu knnen, und doch fern von Dir bleiben zu
mssen! - O! jetzt - bei dem heiligen Gefhl der Liebe, beschwre ich Dich -
schone Dein! gedenke des liebenden Herzens, dessen Qualen Dein Werk sind.
Verbanne alle Schwrmereien, bndige Deine Phantasie, bedenke, da mit der
Gesundheit auch die Freude, mit dem Leben die Hoffnung verfliegt. - Wie heftig
bist Du in Allem - o! sei ruhig, vertraue dem Herzen der Geliebten, der Du Alles
bist, la uns der Zeit vertrauen, die das Verworrene still lsen wird. Noch hab'
ich selten an unsre Zukunft gedacht, und wohin das alles wol fhren sollte.
Fragst Du den Strom, wohin er seinen Lauf zu nehmen gedenkt? Allmchtig wogt er
dahin, wie Naturgesetz und Kraft es ihm gebieten. - Wie nahe, wie lebendig hat
mich noch heute Dein Andenken umschwebt! einsam gieng ich in den dunklen Gngen
des Gartens! sehnsuchtsvoll breitete ich meine Arme aus, und nannte leise Deinen
geliebten Namen. Ach! da war es mir, als mte ich Dich aus Deiner Ferne zu mir
herberziehen, und mir ward wohl und weh bei dieser Tuschung. - Und nun noch
einmal, Eduard! einzig Geliebter! schone Dein Leben, Deine Gesundheit! - Julie
ist zurckgereist; Albret ist krank; ich bin allein - o! wenn Du meine Unruhe
kenntest!

                           Fnf und zwanzigster Brief



                                Amanda an Julien

Ich komme mit der alten Freundschaft und mit neuer Unruhe zu Dir, geliebte
Freundin! - Wohl uns, da wir uns verstanden, uns aufs neue gefunden haben! Der
Sonnenstrahl der Nhe, hat alle die verhllten Blthenknospen der
Jugendfreundschaft und Erinnerung, in unsern Herzen wieder aufgeschlossen; ein
neuer Lenz hat sich unserm Gefhl entfaltet, dessen heitern Himmel keine
Miverstndnisse, keine Klugheit, keine kleinlichen Rcksichten getrbt haben,
und unsre Herzen waren gegen einander noch rein und ohne Falsch, wie in den
Tagen der Kindheit. Du hast mich weicher, fhlender - jugendlicher verlassen;
mich hast Du klrer, menschlicher, hoffnungsvoller zurckgelassen. Und nun
vergnne mir den trstenden Genu der Mittheilung, und la mich Dir sagen, was
seit Deiner Abreise mit mir vorgegangen ist.
    Du weit, da Albret von einer heftigen Krankheit berfallen ward; sein
Zustand schien gefhrlich. Ich that fr ihn, was Dankbarkeit, was menschliches
Gefhl, was mir mein Herz gebot, und er schien weicher und vertrauungsvoller
gegen mich zu sein als je. Einst lie er mich zu sich rufen. Amanda, sagte er
mit schwacher Stimme, mein Leben, ich fhle es, ist bald dahin. Willst du meine
letzten Lebensstunden erheitern, und dir selbst die Ruhe deiner Zukunft
sichern? - O! rede frei, rief ich, schon ganz erweicht, alles was ich kann,
will ich gern, gern fr deine Zufriedenheit thun! - Du liebst Eduard, fuhr er
fort diesen Jngling, der heftig, ehrgeizig, unzuverlssig, undankbar ist, kurz
alle Fehler der Jugend in hohem Maa besitzt; dein Glck, deine Ruhe,
zertrmmert der Wilde unausbleiblich. Entsage ihm jetzt, da es noch Zeit ist,
brich allen Umgang mit ihm ab; versprich es mir, und du verbreitest Frieden ber
mein gequltes, hinsinkendes Leben! - Mein Herz zerflo in tiefen Schmerz, und
mein Auge in Thrnen; - ach! es gelang ihm nur zu gut, alle Saiten meines
Gefhls zu tiefer Trauer zu bewegen - aber ich war entschlossen. Jene rauhe
Tugend, die Alles seinen Grundstzen aufzuopfern befiehlt, mgen auch alle andre
darber zu Grunde gehen, kenne ich zwar nicht; sie ist mir fremd; aber diesen
Betrug, diese Herabwrdigung dessen, was mir das Liebste, das Heiligste ist - O!
wie htte ich ein solches Versprechen ber meine Lippen bringen knnen? - Nein!
sagte ich fest, und nur dieses einzige kann ich Dir nicht gewhren! - Albret gab
seinen Plan so leicht nicht auf; er suchte alles hervor, was mich zu erschttern
vermochte, und nur spt berzeugte er sich, da es vergebens war. Nun wohl,
sagte er hierauf, bist du seines Herzens, ist er des deinigen so gewi, so
kannst du nichts dabei wagen, wenn ich ihn auf eine, nicht allzu schwere Probe
stelle; und dies Verlangen wirst du mir, ohne Ungerechtigkeit, nicht
unbefriedigt lassen knnen. Versprich mir nur vier Monate lang, ihm keine Zeile,
kein Wort von deiner Hand lesen zu lassen, und dann entscheide selbst ber ihn.
Fhlt er wirklich so, wie du glaubst, was vermag eine so kurze Zeit, was
vermchte die grte Wahrscheinlichkeit, gegen die freudige Gewiheit seiner
Liebe? gegen sein Vertrauen zu dir? - Er fgte noch manches hinzu, und Julie -
ich versprach es. Ich versprach es und werde es halten, was es mir auch schon
jetzt kostet. Denn diese Probe, was soll sie? - Vertrgt sich die Klugheit einer
solchen Prfung mit der Einfalt, der heiligen Kindlichkeit der Liebe? - Ach!
schon bin ich sehr unruhig! Dem Sterblichen sollte Wahrheit ber alles heilig
sein! Eine einzige Abweichung - und Du kannst die Folgen nicht berechnen. Kaum
ist die Handlung geschehen, so geht ihre Wirkung ins Unendliche; unaufhaltsam
strmen die raschen Mchte des Schicksals mit deiner That dahin, und nie
bekommst Du sie mehr in Deine Gewalt!

                          Sechs und zwanzigster Brief



                                Eduard an Barton

Barton! ich habe Dich beleidigt, schwer beleidigt - ich wei es, und allen
Deinen Briefen fhle ich meine Schuld und Deinen Kaltsinn an. Eigenmchtig, ohne
Grund, entzog ich Dir mein Vertrauen. Du warst mir wenig mehr, weil mir Amanda
Alles war. Vergi es jetzt, ich selbst kann es Dir noch nicht erklren - und
vielleicht kannst Du es besser als ich; beurtheile mich im Ganzen, als
Erscheinung, wie Du sonst wol thatest, und Du wirst sehen, es wird sich alles
ausgleichen.
    Ich bin kaum genesen und es strmt so vieles auf mich ein. Mein Vater ist
hier, und hat mir Alles gesagt. Ich wei es nun, da er von Albret tdlich
gehat wird, und aus welchen Grnden; wei es, da dieser stolze, rachedrstende
Mann seinen Groll auch auf mich bertrug, und da mein Vater, der in seiner Nhe
fr mich frchtete, sogar mein Leben in Gefahr glaubte, deshalb so schleunig, so
unbiegsam auf meine Abreise drang. Seine Liebe erfreut mich, aber die Gefahr,
worinnen er mich geglaubt, rhrt mich weit weniger, als, wie ihr das furchtbare
Gemth dieses Mannes kennen, und es so gleichgltig zu ertragen vermochtet, da
Amanda bei ihm lebt. Wie? habt ihr Herzen? oder hat die Welt schon euren Sinn so
eng zusammen gezogen, da nur euer eignes Schicksal euch rhren kann, und ihr
das Wohl und Weh eines fremden Wesens - o Gott! und des vollkommensten -
gelassen und unthtig, in seine eignen Hnde gebt? - Und ihr seid ja die bessern
unter den Menschen! - Doch davon hernach: jetzt das Wichtigste.
    Amanda schreibt mir nicht - was geht dort vor? - das ist es, was ich von Dir
wissen mu. Einer meiner dortigen Bekannten erzhlt mir in seinem Brief ganz
unbefangen, da man sie sehr oft mit dem Grafen * * zusammen sehe; da seine
heftige Leidenschaft fr sie kein Geheimni sei, und Amanda ihr Gehr zu geben
scheine. Ich glhe, wenn ich mir das denke. Kanntest Du jemals diese Qualen der
Eifersucht, die mir, wthender Flammen gleich, verheerend durch die Seele
zucken. - Warum vernichten sie ohne zu tdten? - Und warum soll sie keine Freude
mehr genieen, ohne mich: ihre ganze Existenz gedultig in die meinige auflsen?
- Kann ich, will ich diesen Seelenmord verlangen? Ja! ich darf Alles von ihr
fodern, weil ich ihr Alles zu geben bereit bin; mein Gefhl ist natrlich, ist
gerecht! - Ein heiliges Gesetz, da Liebe nur Liebe - verlangt und giebt, liegt
ihm zu Grunde. Ist sie mir nicht Alles? Mchte ich nicht, von ihr getrennt, jede
Freude nur darum genieen, um sie, treu aufbewahrt und verschnert, ihrer
Phantasie wieder zu geben?
    Vergleiche ich nun die stillen Aeusserungen Deiner Briefe damit, die auch
ihrer oft in Verbindung mit dem Grafen erwhnen, so stoen sie mir den Dolch ins
Herz, und doch kann ich nicht sagen, da du mir weh thust. Du schreibst mir kein
Urtheil, nur trockne Wahrheit; blo die ure Erscheinung, nichts von
Vermuthung, selbst das nicht, wie es auf Dich wirkte. Das thust Du, eben weil Du
weit, wie tief es mich angeht. Ich rathe niemand in Sachen des Gefhls,
sagtest Du einst, denn ich kann so gut irren, wie der Andere. Aber ich stelle
ihm die Sache hin, rein und natrlich, wie sie mir erscheint, um vielleicht
durch eine neue Ansicht sein Urtheil unbefangen zu machen. - Aber, Freund! mit
dieser kalten Klarheit richtest Du jetzt nichts aus, jetzt nicht gegen mein
leidenschaftliches, gequltes Herz. Ich fodre Dein Urtheil, ganz bestimmt, Alles
was Du von ihr, ihrem Wesen, ihren Verhltnissen und ihrer Liebe zu mir, denkst.
- Ach! da ich so kalt, so fremd, so gemein, von ihr, von dem sprechen mu, was
mir das Nchste, das Heiligste, das Unaussprechlichste war! - Wie anders, wie
ganz anders gestalten sich diese gttlichen Bilder, durch diesen Zweifel, diese
unwrdige Verhandlung! - Wie! ich htte vielleicht getrumt? - und dies alles
knnte enden, wie das Gemeinste endet? und es wre Wahn gewesen, Rausch des
Vergngens, kurz, irgend etwas, was man erklren kann, was ich so einzig, so
gttlich in mir fhlte? - O! vielleicht haben meine letzten Briefe, oder die
ihrigen, ein unglckliches Schicksal gehabt, und ein gemeiner Zufall verfhrt
mich zu den frevelhaftesten Aeusserungen! - Genug, schreibe mir bald und
deutlich. Ich warte zwei Posttage auf Deinen Brief, und warte ich vergebens, so
siehst Du mich vor Dir!

                          Sieben und zwanzigster Brief



                                Eduard an Barton

Gut! ich habe nun Deinen Brief, und Du bist mit mir abgefunden. Du handelst
rechtlich, und ob gleich ich Dich hier lieber fhlend htte handeln sehen, so
darf ich doch nichts dagegen sagen. - Du schreibst mir, da Dich Albret einst
aus einer der grten Verlegenheiten Deines Lebens befreit hat, da Du ihm groe
Verbindlichkeiten schuldig bist, und damals den unverbrchlichen Vorsatz gefat
hast, niemals auf keine Veranlassung, und in keinem Verhltni, gegen ihn zu
handeln. Treue gegen Deinen Entschlu, und noch berdies, die Ueberzeugung, da
man sich nie in fremde Herzensangelegenheiten mischen drfe, hielten Dich also
ab, an meinem Verhltni mit Amanda, auch nur entfernt, Theil zu nehmen, und
alles was Du jetzt fr mich thun konntest, war, da Du Nanetten fragtest, ob ihr
vielleicht der Grund von Amandas Schweigen bekannt sei? - Und er war es! -
Amanda hat mir auf Albrets Bitte feierlich entsagt! Sei der Bewegungsgrund
welcher er wolle, sie hat mir entsagen knnen, was lt sich dagegen einwenden?
- Und nicht von ihr selbst sollte ich dies erfahren - denn ich habe keinen Brief
darber von ihr, so unbegreiflich dies ist. Vielleicht, da irgend ein Geheimni
hier verborgen ist, aber wie es auch sei - Nanette hat es ja von Albret selbst
gehrt. - Entsagt! nein! mein Stolz erwacht, und was es auch kosten mag, ich
reie Liebe und Hoffnung und Glck, auf ewig aus meinem Herzen!
    In einigen Tagen wird mein Vater mit Privatauftrgen des * * schen Hofs nach
* * gehen. Er will, da ich ihn begleiten, mancherlei Geschfte bernehmen, und
mich nun selbst mit Welt und Menschen bekannt machen soll; und ich werde, so
viel ich kann, mich in seine Wnsche fgen; aber mein Sinn, meine Stimmung,
treibt mich jetzt fast unwiederstehlich dazu, Kriegsdienste zu nehmen, und ich
werde alles thun, um ihn fr diesen Wunsch zu gewinnen. Sonderbar ist es mir zu
Muthe, wenn ich jetzt an meine frhern Wnsche zurck denke, wo ich mir kein
grer Glck denken konnte, als meines Vaters Freund zu sein, und viele Lnder
und Menschen kennen zu lernen. Und nun bin ich fast der Vertraute meines Vaters
geworden; ich sehe ihn, der sonst vor meiner Phantasie immer in heiliges Dunkel
gehllt war, ganz nahe und klar vor mir handeln; nun ist der Augenblick
gekommen, der sonst eine Grnze fr alle meine Hoffnungen zog. Und wenn ich mich
nun doch so voll Unruhe und Sehnsucht fhle, da erscheint mir der Mensch wie ein
Wandrer, der einen Berg ersteigen will, und wenn er die eine Hhe, die er fr
die letzte hielt, erstiegen hat, so wchst der Berg vor seinen Augen, und er
steigt mit steter Sehnsucht, so weit er kann, ohne je den Gipfel erreichen zu
knnen. Unsre Wnsche verlieren sich ins Unendliche, wie alle unsre
Vorstellungen; denn wir knnen uns das Grte und das Kleinste, das
Unbeschrnkte und Beschrnkteste nicht denken. Nur Einen Zustand im Leben giebt
es, welcher Ruhe gewhrt ohne Ersterbung, der das Unendliche umspannt, und alle
Sehnsucht befriedigt. Es ist der kurze, glhende Sonnenblick, den eine hhere
Sonne, vorbergehend, auf das dunkle, flchtige Leben des Sterblichen wirft.
Aber er geht vorber, und alles sinkt ihm noch in tiefere Schatten! - Ohne
Hoffnung blicke ich in mein zuknftiges Leben hin; das Glck liegt hinter mir,
und ich lebe dafr nicht mehr. Und wofr denn sonst? - zum Wohl des Ganzen soll
ich wirken? und wei ich denn, worinnen dies eigentlich besteht? zeige mir, wo
ich das wahre Ziel zu suchen habe: - und wenn ich es nicht wei, nicht wissen
darf, so treibt mich eine ewige Nothwendigkeit, auch ohne mein Zuthun dahin. -
Ach! das hat mich schon fters geqult! - Rollt die Menschheit mit allen ihren
ussern und innern Revolutionen, ewig wie ein ungeheures Rad, mit Nacht und
Traum bedeckt, in dem Strom der Zeit dahin? Das Rad rollt unablssig durch die
Feuersule hindurch, und was beschienen wird, erwacht auf einen Augenblick zum
Leben, zum Bewutsein. Aber alles eilt hindurch und schwindet in Nacht; bis es
einst vielleicht wiederum unter einer andern Gestalt eben so flchtig den
Feuerstrahl durchrollt. O! dann wnscht' ich trostlos, von diesem unendlichen,
einfrmigen, zwecklosen Reif herabspringen zu knnen, wre es auch, um in das
ewige Nichts zu versinken! - Oder steigen wir auf der unermelichen Linie der
Zeit einem vorgesteckten Ziel entgegen? aber was es ist, und wo es endet? - O!
warum streben unsre Wnsche ewig dieser Grnze zu, wo eine fremde Macht sie kalt
zurckreit; warum knnen wir nicht, wie Mckenschwrme im Abendgold, uns des
flchtigen Sonnenblicks unbesorgt erfreuen, bis er verloschen ist?

Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine
andre erinnert, und ein Augenblick hat mich belehrt, wie sehr mein Herz an
seiner Liebe hngt. Beinah' dnkte es mir unmglich, diese Gegend zu verlassen,
und mich noch weiter von ihr zu entfernen. Nein! ich war zu rasch, und will
nicht so von ihr getrennt sein! Ich will schreiben, und Nanette den Brief
zuschicken, da Du es nicht bernehmen kannst. Ich mu, ich mu sie wieder sehn,
mit ihr leben! - O! ewig wrde dies schne Bild, wie ein verlornes Paradies,
meiner Seele vorschweben, und alle Freuden durch seine Erscheinung in Qualen
verwandeln, wenn ich nicht alles thte, um es mit Wahrheit zu beleben! - Wie?
ich sollte nie mit ihr glcklich sein? unsre Bekanntschaft wre ohne
Zusammenhang mit unserm ganzen brigen Leben, und die Harmonie unsrer Herzen
nichts als der Traum einer erregten Phantasie? - Und wie kann sie ohne mich
glcklich sein? - kein Andrer kann ihr das sein, keiner ihre Gefhle so
verstehen wie ich, keiner sie so erwiedern! de und leer wird uns beiden das
Leben, das uns so frisch, so verstndlich, so blthenvoll sein knnte. - Nein!
sie soll alles wissen was in mir vorgeht; unser Glck will ich ganz in ihre
Hnde, in ihren Willen legen. Und wissen soll sie, welch ein Herz der Mann, an
welchen sie das Schicksal band, im Busen trgt. Denn mich banden ja die
Bedenklichkeiten nicht, welche Euch zurckhalten, und ich darf ihr frei sagen,
da Albret, als ein unvershnlicher Feind meines Vaters, seinen Ha auch auf
mich Unschuldigen bertrug, ja, da mein Leben nicht sicher in seiner Nhe war,
und mein, um mich besorgter Vater, deshalb auf meine Entfernung so eifrig, so
ohne Aufschub drang. Ja ich mu ihr das alles sagen, und wie konnte ich nur so
lange schweigen? - welche Verblendung ist es, die den Menschen oft verfhrt,
gegen einen falschen Stolz, kleinliche Bedenklichkeit oder ein bereilt
gegebenes Wort, sein Liebstes, sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen?


                                 Zweiter Theil

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                                Amanda an Julien

Seit langer Zeit, Julie, ist dies der erste Augenblick, wo ich Dir wieder
schreiben kann. Zu welchem Wechsel von Gefhlen ist mein Leben bestimmt! - ich
wandle wie in einem dichten, dstern Hain, wo nur zuweilen die wankenden Zweige
sich ffnen, und mir die Aussicht auf ein fernes glnzendes Thal zeigen. Aber
schnell schlieen sie sich wieder, und ungewi, ob mich der Weg in eine Einde,
oder in jene lichte Gegend fhrt, gehe ich im Dunkel weiter, wie das Schicksal
es mir gebietet.
    Ich schrieb Dir, da Albrets Krankheit gefhrlich gewesen sei, und sie ist
es noch. Sein Gemth scheint in gewissen Augenblicken, vielleicht zum erstenmal,
von Vertrauen gegen ein fremdes Wesen durchdrungen, und eine wunderbare
Weichheit nimmt dann die Stelle seiner gewohnten Fhllosigkeit ein. In solchen
Momenten hat er mir Vieles aus seinem frhern Leben vertraut. Da war es, wo mir
von ihm entdeckt ward, da Wilhelm sein Kind sei; da er einst eine heftige
Leidenschaft fr dessen Mutter gefhlt, sie aber bald darauf wieder ganz
verlassen habe. - Sie sei, fuhr er fort, wahrscheinlich aus Gram darber,
gestorben; er habe das Kind hier erziehen lassen, und der Wunsch es zu sehen,
wre unter andern Grnden, mit eine Veranlassung gewesen, warum er an diesen Ort
gereist sei. Sorgfltig, setzte er hinzu, war ich bisher bemht, Dir aus diesem
Verhltni ein Geheimni zu machen, denn, Amanda, ob gleich ich in Dir das
vorzglichste Weib verehre, das ich je habe kennen lernen - aber, sei so edel Du
willst; frag Dich selbst, ob Du nach dieser Entdeckung nicht ein Recht ber mich
zu haben glaubst? und wer kann mir brgen, da Du diese Gewalt nie misbrauchen
wirst? - o! die Gewalt ber uns, ist fr ein Weib das schnste Ziel, nach dem
sie ringt, und dem Vergngen, dann nach Laune und Willkhr verfahren zu knnen,
opfert sie mit Freuden jede andere Rcksicht auf!
    Wie seltsam ich bei diesen Scenen bewegt war, kann ich Dir nicht
beschreiben. Es war mir genugthuend, diesem verdeten HerzenEtwas sein zu
knnen, es durch mich mit leisen Banden des Vertrauens, des Wohlwollens wieder
an das Leben gebunden zu sehen. Aber dann war mir dieser Mann wieder so fremd;
seine lange Verschlossenheit, sein Argwohn, seine kalten Berechnungen stieen
mein Gefhl zurck, und machten mir seine Nhe schauderhaft. Ja, Julie, diese
Verschiedenheit unsrer Ansichten, unsrer Empfindungen, liegt wie ein tiefer
Abgrund, den wir nicht berschreiten knnen, zwischen uns beiden; vergebens
sende ich die Blthen der Innigkeit, der Mitempfindung, mit weichem Herzen zu
ihm hinber; kaum Eine derselben erreicht ihn; die meisten flattern in die
Tiefe, und ich fhle nur die dunkle Leere, die uns trennt. - Und doch mu ich so
innig das Herz bedauern, das seine schnsten Gefhle zu verbergen strebt, weil
es frchtet, in die Gewalt eines Andern zu gerathen, das unablig, ferne,
dunkle Zwecke verfolgt, die ihn doch nie glcklicher machen, und sein Auge fr
das nahe, helle Leben um ihn her verschlieen; doch bleibt mir der Wunsch immer
lebendig, ihn durch Wahrheit und Gefhl mit dem Leben wieder auszushnen, und
das verschlossene Gemth den Empfindungen der Menschlichkeit wieder zu erffnen.
    Und so bin ich denn jetzt ganz allein gelassen, mit diesen wechselnden
Gefhlen? Du bist fern, und ich kann und will Deine Gegenwart nicht fodern.
Nanette ist zu ihren Verwandten gereist, und wer wei wann sie zurckkehrt.
    Barton hat schleunig diesen Ort verlassen, wahrscheinlich um mit Eduards
Vater, ich wei nicht wo? zusammen zu treffen. Und Eduard - ach! wie entfremdet
ist mir dieser Name geworden! wie anders, wie so ganz anders sind die Bilder,
die jetzt mein Gemth erfllen! - Schon sind beinahe drei Monate verflossen,
ohne da ich die geringste Nachricht von ihm erhalten htte, und Alles was mir
so nah, was so ganz Mein zu sein schien, droht wie ein wesenloser Traum zu
verschwinden. - O! warum mute der Liebe kindlicher Glaube, das heitre
Vertrauen, so leicht dem beleidigten Stolz, dem unverstndlichen Schein,
weichen? - Warum vertraute er mir nicht? - Schreibe mir bald, ich bedarf es.
Alles ist mir fern und dunkel, und ich stehe allein in dem fremd gewordenen
Gebiete des Lebens.

Albret ist nicht mehr! - Der stille Genius des Todes hat nun dies Herz
beruhig't, und alles Widersprechende in sanftem Frieden aufgelst. - Wie ein
aufgerolltes Gemlde liegt das farbige Spiel seiner irdischen Freuden und Leiden
vor meinem Blick, und auf der Rckseite steht mit schwarzen Zgen das Grab. -
    Ich wei es, Julie, da er selten wahrhaft gegen mich war, da ihm mein
ganzes Dasein blo fr ein Opfer seiner Absichten galt, da bei ihm auf jede
wahre Aeusserung seines Gefhls nur Reue folgte, aber ich fhle in diesen
Augenblicken nichts, als da er unglcklich war. Ach! ist dieser Kampf, diese
Mischung von Wahrheit und Lge, von Hlle und Himmel, nicht in jedem Menschen,
wie in ihm, nur mit etwas mildern Farben? - la mein Urtheil ber ihn, immer so
weich als mglich sein, es ist gewi ein gutes menschliches Gefhl, was uns so
mild gegen die Todten macht, die sich nun nicht mehr vertheidigen, nicht mehr
sagen knnen, wie oft sie misverstanden worden, und wie schmerzlich ihnen
vielleicht oft eben dann zu Muthe war, wann sie Andern hart und gefhllos
erschienen! -
    Ich erwarte sehnlich einen Brief von Dir. Eine Menge Geschfte, die alle
Geistesgegenwart erfordern, drngen sich in trauriger Verwirrung um mich her; so
bald ich kann, schreibe ich Dir wieder.

                                 Zweiter Brief



                                Amanda an Julien

Nur mit Mhe, meine Freundin, vermag ich mich aus dieser Verwirrung von
prosaischen Dingen heraus zu reissen. Albrets Angelegenheiten sind zum Theil in
groer Unordnung; und doch mchte ich dem Vertrauen, mit welchem er mir die
Berichtigung derselben bertrug, gern auf das Vollstndigste entsprechen.
Tglich kommen Briefe; tglich giebt es neue Geschfte abzuthun. - Wie
verndert, wie tief verndert ist alles um mich her! - Wohin sind die lieblichen
Bilder, die himmlischen Trume, geliebte Schmerzen? - Oft dnkt es mir, ich sei
mit kalten Blicken in die todte Sphre hinber getreten, wo alles in das de
Gebiet des Irrdischen versinkt, wo die klingenden Spiele der Phantasien
schweigen, kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt, und die Nothwendigkeit nicht
mehr durch den Schleier des Schnen verhllt, offen und vernehmlich ihre
Ansprche geltend macht. - O! warum ist das Leben denn ein immerwhrender Kampf!
- Frei tritt der Mensch in die Welt; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein
einer hhern Sonne beglnzt; aber berall lauern die unterirdischen Geister, die
Sorgen der Erde, ihn zu sich herab zu ziehen; wohin er flieht, verfolgen sie
ihn, und rettet er sich auf die Hhen der Liebe und Phantasie; so dringen die
Strme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein, und bengstigen sein
schlagendes Herz!

Wilhelm soll mich nun nie verlassen; er war mir immer lieb, aber nun ist er mir
heilig. Mit sonderbarem Gefhl betrachte ich ihn, als ein Wesen, das mir so ganz
hingegeben ist, und fhle dann mit ruhigem Selbstbewutsein, da er sich dieses
Looses wohl erfreuen darf. - Ich werde fr seine knftige Bildung sorgen, so gut
ich kann, das heit, ich werde ihm seine Eigenthmlichkeit zu erhalten suchen.
Denn die Menschen werden verschieden gebohren. Wie die Pflanze, das Thier, jede
Erscheinung, eine besondere Form hat; so auch sie. Keiner darf deshalb zrnen,
wenn ihm die Natur vorzgliche Gaben versagte, denn jeder erscheint, wie er
kann, und ist darum fr sich nicht schlechter, wenn er sich nur den Sinn erhlt,
ber seine Verhltnisse zu den Andern frei denken zu knnen. - Der Mensch, so
denke ich, Julie, soll immerhin Alles um sein selbst willen thun, aber man kann
ihn lehren, sein eigenes Glck darin zu finden, da er fr Andre lebt. Diese
einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz, und ist dem Kinde, dem
ungebildeten Menschen, verstndlich. Jede Aufopferung fr einen Andern, die
nicht aus Neigung geschieht, ist unnatrlich; sie zerwhlt das eigene Herz und
steht fruchtlos im Aeuern da. Menschen sollen recht gegen einander handeln,
aber nicht gromthig. Gromuth ist anmaaend, weil sie nur hhern Wesen
zukmmt, und grausam, weil sie Andere erniedrigt. -
    Knnte nur, - ich wiederhole es - ein jeder seine Natur verstehen lernen!
Und glcklich der, dessen Neigungen ein freies, angemessenes Gebiet im Leben
finden, wo sie sich uern knnen, denn die Neigungen sind immer gut!
    Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * *, der sehr bekannt mit Albrets
Angelegenheiten ist, und mir in meiner verwickelten Lage, viele Dienste leistet.
- Manches von dem, was er mir aus Albrets Leben erzhlt, giebt mir Aufschlu
ber Vieles, was mir so lange dunkel geblieben ist, und neue Veranlassung ber
die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern. - Denn ich wei es wohl,
Julie, da Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann;
da der Mensch, der fr Andere und mit Andern leben will, oft etwas von der
Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern mu, um des Ganzen willen. Auch mchte
ich nicht gern zu denen gehren, die bitter auf die Klugheit schimpfen, weil sie
zu ungeschickt sind, ihr eigenes Leben, so wie sie gern es wollten,
durchzufhren. Aber, ich fhle es jetzt innig in der Seele, geoffenbart: nichts
kann beruhigen als Wahrheit, nichts erfreuen, nichts beglcken, als sie. - Und
darum ist - die Zeit der Liebe, auch die schnste, glcklichste Zeit des Lebens,
weil da reine, ewige Wahrheit ist; denn niemals werde ich so thricht sein, das
Unendliche, Himmlische - Wahn, und das Irrdische, Beschrnkte, - Wahrheit zu
nennen.

                                 Dritter Brief



                                Amanda an Julien

Die Natur lebt wieder auf; die letzten drren Bltter suseln in den singenden
Strom hernieder; ein frisches Grn breitet sich ber den Grund, und die Rebe
weint schon dem Frhling ihre sssen Thrnen. Durch das Dunkel der Tannenwlder,
schimmern die lichten, grnen Gruppen der jungen aufsprossenden Birken, wie
freudige Erinnerungen die Schwermuth eines trauernden Gemths unterbrechen. -
Mit dem Frhling erwacht mein Herz aus seinem Schlummer, und die Zeit der Ruhe
ist, wie ein leichtes Gewlk, weit ber mir dahin gezogen. - Vergebens nehme ich
ein Buch, um mich zu zerstreuen; - ich kann nicht lesen. Mein Auge kann sich von
den erfreulichen Bildern nicht losreissen. Die verklrten Bume, die rthlichen
Wolken, die den Himmel durchfliegen; die blhenden Bsche, welche Felder und
Wiesen, wie Perlen, umfassen - in allen sieht mein treuloses Herz sein Bild!
Vergebens rufe ich Stolz und Leichtsinn zu Hlfe; in meine einsamsten Stunden,
drngen sich Bilder aus der Vergangenheit, und mit der ambrosischen Luft, athme
ich neue Wnsche, neue Phantasien ein. O! ihr holden Genien des Lebens, rufe ich
dann, Liebe, Hoffnung und Freude, solltet ihr mir auf immer entwichen sein?
Sollte kein Tropfen eurer Gtterschaale jemals wieder das verdete Herz
erquicken? - Und doch, Julie, wenn ich seine Briefe lese - ach! ich lese sie
fterer, als ich selbst will! - und mich das Innige derselben bis zum Zersthren
ergreift - dann wird mir der Gedanke kalte, tdtende Pein, da auch dies enden
konnte, auch dies, wie Alles endet! - Nein! wie es auch sei, ich kann ihm dieses
Schweigen, dies Ersterben, ich kann es ihm nie verzeihen! - Denn was steht in
meiner Macht zu thun, da ich nicht einmal seinen Aufenthalt wei? - Und wenn ich
auch handeln knnte, wrde ich es wollen? Nein! nur dem Mann, dem Machtvollen,
kmmt es zu, die Begebenheiten zu schaffen, alles Aeure nach seinem Gefallen zu
lenken. - Doch - was ich auch denken mag - bald kehrt die Erinnerung, des
hchsten, einzigen Glcks, wieder siegreich in meine Seele zurck, und Er
erscheint mir wieder ganz wie vormals. - Dann klage ich; warum bist du mir fern,
Geliebter! in dieser heiligen Abenddmmerung, hier, wo alles die Sehnsucht nach
dir erneut? - Wie ein Dolchstich fhrt es mir durchs Herz, wenn ich dann
bedenke, wie glcklich wir sein knnten, und jede Minute, die ich ohne ihn
verleben mu, dnkt mich ein unersetzlicher Verlust. -Ja! alle bere Seelen,
haben Momente des hhern Lebens, der Begeisterung. Diese Momente verschwinden,
und sie steigen zur Nchternheit des Gewhnlichen wieder herab; aber wenn zwei
Seelen sich in solchen Momenten finden, wenn sie sich da begegnen, dann ist der
Himmel zwischen den beiden. - O! da auch dies enden mute, wie Alles, was hlt
denn den flchtigen Geist noch hier? Wo erwartet denn nun noch das Herz,
Befriedigung seiner unendlichen Sehnsucht? - Weh mir, da ich unsterbliche
Gefhle in mir nhren, und nur sterbliche erwecken konnte, da mein Leben in dem
Herzen des Geliebten aufhrte, und doch die Liebe unsterblich in mir lebt!

                                 Vierter Brief



                                Eduard an Barton

Wir leben nun hier in der Residenz, und ich bin ganz ruhig. Es ist vieles in mir
anders geworden; ich komme mir klger, aber auch schlechter vor, und ich kann
meinen vorigen Gemthszustand, nicht ohne eine gewisse Art von Ehrfurcht
betrachten. - Du weit, da ich an Amanda schreiben wollte, und ich that es mit
aller Innigkeit meiner Liebe. Ich schickte diesen Brief an Nanetten, die ihn mit
einem eignen begleitete. Aber keine Antwort von Amanda erfolgte, und nur von
Fremden habe ich die Nachricht erhalten, da Albret todt ist, da sie noch immer
in B * * lebt, und der Graf ihr einziger und steter Gesellschafter ist. Nun,
Barton, was kann ich denn noch zu wissen begehren? Ist es nun nicht klar, da
ihre Liebe zu mir nur ein Sommertraum war, der Nachhall einer schnen Phantasie,
die nun den Gegenstand gewechselt hat? Sie ist ruhig, und hat mich vergessen.
Ich kann sie nicht tadeln, nur erscheint sie mir anders wie ehemals, doch auch
jezt noch unaussprechlich liebenswrdig. - Sie ist eine von jenen schnen,
heitern Naturen, welche gleich den Blumen, mit jedem Frhling neue Wnsche, wie
Blthen hervor treiben, wo sie dann den Sommer hindurch wachsen und grnen, bis
sie bei dem leichtesten Sturme des Schicksals dahinwelken und sterben, so lange
kein neuer Lenz, neue Blthen und neue Wnsche erweckt. - O! wenn sie die
Geistesstrke gehabt htte, mir das alles freimthig selbst zu sagen, ich htte
sie ewig! gttlich in meinem Herzen verehren mssen! dann wre sie bei der
liebenswrdigsten Natur, auch die edelste gewesen. Denn die Weiber, die durch
ihre Neigung zur Gte, Aufopferung fr Andere gefhrt werden, knnen nur dann
edel sein, wann sie wahr und selbststndig sind, und ihre Weichheit besiegen,
die sie leicht zur Verschlossenheit und Anhngigkeit geneigt macht.
    Wie sonderbar fllt es mir jezt auf, da die kurze Zeit von einigen Jahren,
und ein paar Erfahrungen, so viel an unsern Ansichten verndern knnen! Ich
htte es nie geglaubt, denn die Bilder, die ich in mir trug, schienen mir alle
ewig und unvernderlich. - Freilich wei ich, da ich ohne den Umgang meines
Vaters, lange mit schweren Zweifeln htte kmpfen mssen, und vielleicht auf
immer, bitter und ungerecht gegen Welt und Menschen, oder ein krnkelnder
Phantast geblieben wre. Wie bewundre ich diesen Mann, der eine so reiche
Imagination, mit einem so groen praktischen Verstand verbindet, und dem es so
oft im Leben gelungen ist, die geistigen Blthen der Phantasie und Liebe, und
die irrdischen Frchte mhevoller Thtigkeit zu brechen, und in zwei Gebieten zu
genieen. - Auch ich stehe nun erheitert im Leben da, und entschlossen, das
Ruder meines Schicksals, so viel ich kann, selbst zu lenken, ohne mich, und
berhaupt den einzelnen Menschen, fr auerordentlich wichtig, aber auch eben so
wenig, fr vergessen zu halten. Ein groer Verstand beherrscht das Ganze; und es
ist klein und eitel, sich als Zweck desselben zu denken. Das ist die Freiheit
des Menschen und sein Werth, da er mit Weisheit in die Umstnde eingreift, die
ihn umgeben; und wohl ihm, wenn er es versteht, sie mit seinem eigentlichen
Wesen in Harmonie zu bringen! - Ich strebe darnach, mir feste Ideen zu bilden,
nach denen ich handle; denn wren sie auch falsch, so machen sie doch das Leben
zu einem Ganzen, da Erfahrung allein nicht zum Leitstern unserer Handlungen
taugt, weil man fast bei allen Zweifeln, die uns im Leben aufstoen, Erfahrungen
dafr und dagegen anfhren kann. Andere werde ich immer nach mir selbst
beurtheilen, denn ein jeder kann sich selbst der Reprsentant der Menschheit
sein, wenn er Geistesjugend und Freiheit genug besitzt, um Menschen und Welt im
Allgemeinen denken zu knnen, und nicht in dem engen Kreise einer ngstlichen,
kurzsichtigen Selbstsucht fest gebannt ist.

                                 Fnfter Brief



                                Eduard an Barton

Ich gieng vor einigen Monaten aufs Land. Mein Vater selbst rieth es mir, weil er
meine Gesundheit nicht fr ganz befestigt hielt. Aber whrend der ersten Tage,
die ich in der freien Natur zubrachte, war mir sehr weh zu Muthe. Hier erst,
fhlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals, fhlte, da
die Musik in meiner Seele verstummt war. Ein Schleier schien zwischen mir und
der Natur herunter gefallen zu sein; ich hrte die sehnende Nachtigall nicht,
sahe unbewegt die neubelebte Gegend. Oft lief ich weit, und strebte mit Ungeduld
an einen Ort zu kommen, und wenn ich nun da war, so hatte ich keinen Zweck
gehabt; alles war stumm, und ich mute rastlos weiter. - Da drang das Andenken
an Amanda, an ihre unnennbare Liebenswrdigkeit, mit voller, siegender Gewalt in
mein Herz. O! ses, ses Glck der Liebe! rief ich einsam, du einziges nicht
zu vergleichendes Gut! O, knnten alle meine Seufzer, alle meine Thrnen, Flgel
werden, und ich so, Dich wieder erreichen! - Aber, Freund, ich fhlte bald das
Gefhrliche dieser Stimmung, und ich hatte nun schon Kraft genug, mich heraus zu
reissen. Ich beschlo in der Gegend Bekanntschaft zu suchen; vielleicht konnte
ich hier finden, was ich so sehr bedurfte - neues Leben, neue Liebe. Denn
Barton, was ist denn das Leben, ohne weiblichen Umgang? - Warum sollte ich es
nicht sagen: das Weib ist die Seele von Allen. Sie sind die innersten, feinsten
Triebfedern des groen Kunstwerks, alles menschlichen Thuns und Beginnens; wir
sind die usseren Rder, und natrlich, da unsre strkern Bewegungen immer
sichtbar sind, whrend jene, meist ungesehn, und nur dem geschrften Auge
bemerkbar wirken.
    Ich suchte mich also, mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen, bekannt zu
machen.
    Bald fhrte mich das Ungefhr in eine Gegend, die mich unbeschreiblich
anzog. Mitten im Walde, lag die schnste Ruine, die ich je gesehen habe. Die
ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung, von ser, weichlicher
Lndlichkeit, und reizender romantischer Wildheit; nie hab' ich etwas
Lieblicheres gesehen. Ich stand vor den Ruinen, in der dunkelsten, angenehmsten
Schwrmerei vertieft, und ward nur durch das Haus des Amtmanns, darinnen
gesthrt, das recht unschicklich in die edlen Trmmer hineingebaut war, als ich
an einem Fenster desselben, ein frisches, weibliches Gesicht erblickte. - Es ist
nicht zu leugnen, da der Anblick eines artigen Mdchens, in einer einsamen,
schnen Gegend, einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht, und ich empfand
dies um so mehr, da mir unwillkhrlich Werthers Amtmanns Tochter, dabei einfiel.
- Auch hatte ich schon vorher im Wirthshause, von der Schnheit dieses Mdchens
gehrt, und, da schon viele, sich, ihr zu gefallen, hier aufgehalten htten. -
Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war; so entstand der Plan sehr leicht,
einige Zeit in dem Orte zu leben, und es war nicht schwer, in dem Amthause
selbst aufgenommen zu werden, um so mehr, da das auerordentliche, schlechte
Wirthshaus des Orts, meine Bitte vollkommen rechtfertigte.
    Ich wohnte nun da, und konnte tglich, so viel ich wollte, den Anblick eines
wirklich schnen Mdchens genieen, die, mit ein paar jngern Geschwistern,
ihrem Vater, einem freundlichen, verbindlichen Mann, der fr vieles Sinn zu
haben schien, und der Mutter, einer geschftigen Hausfrau, das reizendste,
liebenswrdigste Gemlde von der Welt darstellte. - Ich fhlte mich wirklich
glcklich, weil ich unter Menschen lebte, die es zu sein, und es zu verdienen
schienen, und wr' ich bald wieder abgereist, so htte ich eine reine, schne
Erinnerung fr mein Leben gewonnen; so aber blieb ich, und zersthrte meine
angenehme Illusion.
    Es entgieng mir nicht, als einige Wochen vorbei waren, da ich von Agnes, -
dies war der Name des schnen Waldmdchens - mit gnstigem Auge angesehen wurde.
Sie hrte meine Gesprche mit der ungetheiltesten Aufmerksamkeit an, und ihr
schnes Auge lchelte mir immer den sesten Beifall zu. Sie selbst sprach nicht
viel, aber alles was sie sagte, schien mir einfach, gefhlvoll und zrtlich -
genug, es gefiel mir, denn es lag fast immer etwas Schmeichelhaftes fr mich
darinnen. Beinah' glaubte ich, sie im Ernst zu lieben. Schon malte mir in
manchen Stunden, meine Phantasie, ein reizendes Bild der Zukunft. Hier - in
lieblicher Wildni, beglckt durch die Liebe der schnen, unschuldigen
Geliebten, in Einsamkeit, das Leben zu vertrumen - konnte dies Glck, das mir
so freundlich entgegen kam, nicht das unruhige Herz befriedigen? - Ach! nur
qulte es mich, da ich bei allem diesen, so leicht die Grnze sah, da ich
hinter den Armen der Liebe, der jugendlichen Begeisterung, die um das ganze
Landleben ein frisches, entzckendes Colorit verbreiteten, gleich die dumpfe,
leere Einfrmigkeit, das Drckende der Eingeschrnktheit, mute hervorblicken
sehen! - Auch Agnes schien mir nicht ganz zufrieden, oft hrte ich ihre stillen
Seufzer, und ich dachte mir sogleich, da Sehnsucht, nach einem geliebten Wesen,
der Grund dieser kleinen Verstimmung sein mte, denn nur eine schne Trauer,
war mir bei ihr denkbar. Und wenn ich dann diese Vermuthung leise uerte, dann
bestrkte mich ein ses Lcheln, das halb zufrieden, halb verlegen war, ganz
fest in meinen Ideen. - Soll ich Dir sagen, da ich mir oft, dem Mdchen
gegenber, die so sanft und tief zu fhlen schien, bittere Vorwrfe darber
machte, da ich, aller vorigen Sehnsucht, all' der schnen Bilder, die mich
umgaben, zum Trotz, oft eine tiefe, unertrgliche Leere in meinem Herzen
empfand? - Ach! dachte ich, und meine eigenen Gedanken stimmten mich zur
Wehmuth, du kmmst mir entgegen, liebende Seele, mit allen deinen Blthentrumen
von Lebensglck, die vom schmeichelnden Hauch der Hoffnung verfhrt, zum
erstenmal lieblich erwachen - und die Klte, die oft wie ein schneller
Nachtfrost aus meinem einst so tief gekrnkten Herzen dringt, wird vielleicht
die schnsten dieser Blthen verderben!
    Nach einiger Zeit, erhielt Agnes einen Besuch aus dem benachbarten
Stdtchen; es war ein Mdchen, die sie ihre vertrauteste Freundin nannte. Sie
schien von einem neuen Geist belebt, nie war sie mir so schn, so lebhaft, so
anziehend erschienen. Das halblaute Geschwtz, die Neckereien, das frohe
Gelchter der beiden Mdchen, nahm kein Ende, und kaum war das Mittagsmahl
vorbei, so sprangen sie beide in den Wald. Wie s, wie reizend dnkte mich der
frohe Sinn dieser harmlosen Geschpfe! und wie freute ich mich, diese einzige,
liebe Gabe des Himmels, auch bei dem geliebten, von der Natur so reich
ausgestatteten, Mdchen zu finden!
    Ich gieng von einer andern Seite gleichfalls in den Wald, und suchte mir ein
romantisches Pltzchen zu meinem Ruheheert. Ich lag auf weichen Rasen, und ein
dichter Busch, entzog mich allen Blicken. Der wohlbekannte, frische, geliebte
Waldduft kam mir entgegen, und drang in mich mit allen den stillen, dunkeln
Bildern von Einsamkeit, von lndlichem Leben und einfachem Glck, und mit der
Gegenwart, schmolz die Vergangenheit in meinem Sinn wunderbar zusammen. - Ich
fhlte auf Augenblicke ganz das se, reine Leben, das nichts will, und alles in
sich trgt. - Da hrte ich Stimmen, und erkannte bald Agnes und ihre Freundin.
Es freute mich, etwas von ihrem schuldlosen, vertrauten Geschwtz zu erfahren.
Sie sprachen sehr lebhaft, und blieben nicht weit von mir stehn. O! ja, sagte
Agnes, ich bin Wilhelm gewi sehr gut, aber sage mir selbst, was habe ich denn
fr Aussichten mit ihm? - wer wei, ob er die Stelle bekmmt, und wenn auch -
soll ich mich denn ewig auf dem Lande begraben? Warum soll ich denn nicht auch
das Leben genieen, wie die Mdchens und Weiber in groen Stdten, wovon mir so
viele erzhlt haben? - Nein! ich mu Dir sagen, ich sehne mich recht von hier
weg; und ich glaube, was mir auch schon viele versichert haben, da ich ganz fr
die Stadt geschaffen bin. Ach! schweig nur, sagte die andere, Wilhelm gefllt
dir nicht mehr, weil du den Fremden lieber hast. - Nein, antwortete Agnes
lebhaft, ich kann dir versichern, da ich Wilhelm weit mehr liebe, als ihn. Aber
die Mutter hat erfahren, da der Fremde sehr reich, und der Sohn eines vornehmen
Mannes ist, und wenn er mir nun wirklich gut wre; so knnte ich ja durch ihn,
ein sehr groes Glck machen - und Wilhelm, knnte ich deswegen doch immer noch
sehen.
    Wie schneidend dies Gesprch mit meinen Gefhlen und mit dem einfachen Reiz
der Waldgegend abstach, brauche ich Dir nicht zu beschreiben. - Mit meiner Liebe
war es aus. Dieses Mdchen war Alles das, nur noch unausgebildet, was verdorbene
Weiber in groen Stdten vollendet sind. Die schaale Bewunderung, der
Flittertand, die leeren, rauschenden Freuden, galten ihr fr das Hchste, wofr
sie alles hingeben mchte. Ihre Seufzer, die mir so s, so gefhlvoll
geschienen hatten, galten der Einsamkeit, welche sie hinderte, ihre Vorzge zu
zeigen, die, wie sie meinte, hier keinen wrdigen Schauplatz htten, und fr die
Reize ihrer Lage, fr die Freuden des Gefhls, der Einfachheit, hatte sie keinen
Sinn. Das kluge Mdchen war mir nun ganz zuwider geworden; ich lachte ber meine
Menschenkenntni, meine Eitelkeit und reis'te bald geheilt hinweg. - Aber, ist
es denn gleichwohl nicht traurig, Barton, da da, wo wir die schnste Wahrheit
zu umfassen glauben, oft nur eine hliche Lge, ihr Gaukelspiel mit uns treibt?
Und drft' ich denn so streng mit ihr rechten, da mein eigenes Herz, nicht rein
von Betrug gegen sie war? - Denn, la uns ehrlich sein, Barton, leider ist es
wahr, da die meisten Weiber alles aus Eitelkeit thun, da die Reden der
Geistreichen, wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist, und da
all' ihr ses Wesen gegen uns, was wir fr Liebe nehmen, grtentheils nur
eitle, selbstschtige Zwecke zum Grund hat, aber, Freund! was thun wir?

                                 Sechster Brief



                                Amanda an Julien

Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht, die ich Dir mittheilen will, und die
gewi ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird, wie sie es bei mir gethan hat.
    Seit einiger Zeit gieng ich fast tglich, an dem einen Ufer des Flusses
spazieren, wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte, der mir nach
und nach merkwrdig wurde. Tglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen
beschftigt; er grub, pflanzte, bego, verrichtete alle Arbeiten eines Grtners,
aber alles mit einem eigenthmlichen, leichten und anstndigen Wesen. Nur des
Sonntags sah' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten,
um welchen Kinder spielten, und der stets aus denselben Personen zu bestehen
schien. Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer, und fand ihn, bei aller
Hinsicht auf Nutzen, so artig eingerichtet, da sein Anblick mir wohl that. Der
grere Theil desselben, der zierlich mit Blumen, die bis zu mir herber
dufteten, eingefat, und mit schmalen, reinlichen Gngen durchschnitten war,
diente zum Kchengarten, und alle Gewchse darinnen, schienen wohlgepflegt und
von edler Art. Vorn nach dem Flue zu, stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken
berblht, und eine Laube, die so schattig, duftend und behaglich dastand, da
sie mich oft, wenn es hei war, fast unwiderstehlich zu sich hinber zog. Weiter
hinten, lag ein Baumgarten mit frischem, reinlichem Gras und schnen
Fruchtbumen, den ein einziger schmaler Weg durchlief, und der sich an das Haus
anschlo, das eben so anspruchlos, geordnet und nett wie das brige, aus der
Umarmung blhender Obstbume hervorsah. - Du weit, welchen Reiz eine gute
Einrichtung fr jedes weibliche Auge hat, wie uns hier selten das Kleinste
entgeht, und wir immer nach der Schpferin dieses Kunstwerks sphen, und Du
wirst es also sehr natrlich finden, da ich mich bald nher nach den Besitzern
des Hauses erkundigte.
    Und hre nun, die kleine rhrende Geschichte, die Du eher wissen mut, als
das, wie es gekommen ist, da ich jetzt in der Laube sitze, zu der ich mich so
oft hinber sehnte, und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe. Charlotte war
die Tochter eines sehr reichen Beamten, der aber durch den Krieg, den grten
Theil seines Vermgens und seine Stelle verlor, und mit seiner Familie in einer
Eingeschrnktheit leben mute, die gegen die vorigen Zeiten, Drftigkeit war.
Charlotte lebte eine Zeitlang, bei Verwandten in der Residenz. Sie war usserst
reizend, und alle die Annehmlichkeiten fr die Gesellschaft, welche ihre
vormalige Lage zu fodern schien, waren ihr in einem ungewhnlichen, hohen Grade
eigen. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit; jedermann warb um ihren
Umgang, und ein sehr reicher, vornehmer Mann, um ihre Hand. Die Verwandten
wnschten Glck, die Eltern waren erfreut, aber der Mann war bei seinem
unermelichen Reichthum, unermelich arm; er war roh, von dumpfen,
eingeschrnktem Geist, und von widrigem Aeuern. Lieben konnte ihn Charlotte
nie, und ihn blo als ein Mittel, sich eine glnzende Lage zu versichern, zu
betrachten, widersprach ihrem Gefhl; sie schlug also seine Antrge, ganz
bestimmt, und unwiderruflich aus, was man ihr auch dagegen einwenden mochte.
Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zurck, in deren Hause sie
einen jungen Offizier fand, der wegen einer sehr gefhrlichen Augenkrankheit,
den Dienst hatte verlassen mssen, und sich jetzt durch die Hlfe eines
geschickten Arztes, wieder herzustellen hoffte. Es war ein sehr vorzglicher,
junger Mann, voller Talente und Geschicklichkeiten, aber fast ohne Vermgen.
Charlotte bernahm die Pflege des Kranken; ihr Herz zerschmolz in Wehmuth, wenn
sie sein Geschick bedachte, das ihn, in der schnsten Blthe des Lebens und der
Wirksamkeit, zur Unthtigkeit verdammte, und sie berlie sich gern den schnen
Regungen ihres Gefhls. Aber vielleicht dachte sie, wenn sie die Augen ihres
Freundes mit der heilenden Binde verhllte, und sich ungesthrt dem Anschauen,
seiner schnen, sprechenden Zge berlie, so oft an die Binde des Liebesgottes,
bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang. Genug,
aus der Wohlthterin des schnen Kranken, ward sie seine Geliebte. Sie liebten
sich zrtlich, treu, ber alles, und nach einiger Zeit verheirathete sie sich
mit ihm, was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte. Die Augen des
jungen Mannes wurden besser, aber blieben schwach, und den Dienst konnte er
nicht wieder antreten. Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermgens, welches die
Kur, beinah ganz aufgezehrt hatte, kauften sie sich in diesem Stdtchen ein
kleines Eigenthum. Charlotte richtete alles in dem Sinn ein, wie es ihr fr ihre
Lage zu passen schien; es fiel ihr nie ein, einen ihrer vorigen vornehmen
Bekannten sehen, oder benutzen zu wollen. Sie vermied allen zwecklosen Umgang,
erhielt sich und ihren Mann durch ihre Thtigkeit, sah' mit jedem Jahr ein neues
Pfand ihrer Liebe und war glcklich. - Und gerade deshalb, thut der Anblick
ihrer kleinen Einrichtung so wohl, weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar
ist. Tglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung
beinah erliegen und sich aufopfern, und es thut einem weh, ist sogar widrig.
Denn diese haben blos die Umstnde dahin gebracht, sie sind, was sie sind mit
Unmuth und Schwche, und trumen sich eine andre Lage, als ein hohes Glck, das
sie nur nicht erreichen knnen. Aber hier ist Leben, Geist, Bewutsein und
Klugheit, und dies erfrischt jeden, der es sieht; und ermuntert ihn, in seiner
Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln. - Ihr Mann fhlt ganz den Werth
ihrer Liebe und Vortreflichkeit, ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu
schtzen; denn er wei, da auch er sie liebt, wie keiner lieben wrde, und da
ihm, den Verlust seiner Liebe, nichts in der Welt ersetzen knnte. Er war der
junge Mann, den ich tglich mit so viel Eifer und Anmuth der Pflege seines
Gartens obliegen sah, weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere
Beschftigungen verstatteten, und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig, fr sie
geworden ist.
    Gewi hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen, und ich hoffe, Du wirst Dir
alles, Personen, Haus, Garten, recht lebendig denken knnen; aber ganz
einheimisch wirst Du werden, wenn ich Dir sage, da diese edelmthige Frau,
Charlotte M ..... ist, deren Vater, als er noch reich war, in unsrer
Nachbarschaft wohnte, und die damals als ein liebenswrdiges Kind, mit ihren
schnen Kleidern und lieblichem Wesen, oft das Ideal unsrer kindischen
Nachahmungssucht war.
    Ich suchte Gelegenheit Charlotten zu sehen, und sie fand sich. Wir erkannten
uns beide sogleich wieder, und sie hatte Scharfsinn genug, um mich richtig zu
beurtheilen, und sich nicht von mir zurck zu ziehen, obgleich man mich reich
nannte, und sie sonst die Reichen flieht. Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht
es zu thun! Denn der Reichthum, der nur die Neigungen befreien, nur dem Menschen
dienen sollte, ihn ber kleine, enge Rcksichten wegzuheben, und ihm an Andern
ein feineres, edleres Interesse nehmen zu lassen, eben weil er andere weniger
braucht, wie ganz unertrglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren
Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen
andere ganz verhrten, und es recht unableugbar zeigen, da sie zu Sclaven
gebohren sind!
    Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschlieen
kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach!
ich war einst zu berauscht, zu seelig, als da ich das blos Angenehme des Lebens
recht herzlich fhlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln
vergesse, und blos das Ganze in meiner Seele fhlen kann, dann habe ich den
Muth, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfllte Natur, wo Luft und Stauden,
Bche und Vgel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe
ich mich ganz dahin, wo alles stille, groe, harmonische Einfalt ist. Meine
Sorgen klage ich den zrtlichen Lften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen
Ordnung, mein Glck suche ich in dem allmchtigen Liebeshauch, der die Stauden
und die Sonnen durchdringt. - Die Natur wirkt auf mich mit ihren groen
Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flgeln, und wenn es s ist, Ein
verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fhlen; so ist es
heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah'
oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!

                                Siebenter Brief



                                Amanda an Julien

Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemiethet, welche mir durch ihre
uerst schne romantische Lage schon lngst gefiel, und es beschftigt mich
immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon
lange im Sinne trage, und bisher nie, ungesthrt ausfhren konnte. Die
Ungebundenheit meines Lebens; die Klarheit, mit der ich die Welt um mich
erblicke; die stille Wirksamkeit die ich be, macht mich zufrieden, und wenn
ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche
ich mir oft jugendlich trumte. Mein stilles Leben fat weit mehr in sich, und
gewhrt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. -
Ein schner, freier Kreis, das fhle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor
mir da; und inde mir in meiner Sphre nichts entgeht, nichts zu gering ist,
ergreift meine Phantasie alle ferne schnen Beziehungen des Lebens.
    Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Gtter mit Wilhelm! Du glaubst
nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswrdige Natur jede
Mhe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von
seiner kleinen Geschichte erfahren, und ich hielt es frs Beste, ihm das Ganze,
der Wahrheit gem, zu sagen. Er hrte es still und nachdenklich an, dann
schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm, und sagte freudig gerhrt:
    O! du warst mir schon lngst Alles, warst mir, vom ersten Anblick an, da
ich dich sah, mehr als Vater und Mutter! - Mit jedem Tag, wird er auch mir
lieber, glaube ich, sein stilles und feuriges Gemth besser zu verstehen, und
wenn ich in sein schnes, bedeutendes Auge blicke, finde ich mich mit den
liebsten Erinnerungen und Trumen umgeben. - Auch den Grafen sehe ich oft und
seh' ihn gerne. Wir leben ein ruhiges Leben, und ich bin so weit davon entfernt,
Zrtlichkeit fr ihn zu fhlen, da ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm
voraussetzen kann; denn er ist zu vernnftig und zu erfahren, als ohne Hoffnung
auf Erwiedrung zu lieben, und so finde ich in seinem Bestreben mir gefllig zu
sein, weiter keine Bedeutung, als da ihm meine Umgebung gefllt, und er meinen
Umgang sucht, weil er ihm Vergngen macht. -
    So lsen sich leise und natrlich alle Verwirrungen auf, wenn wir selbst
ruhig sind, und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand, macht
alle unsere Verhltnisse schwer und verworren. - Weil er Albret so genau kannte,
so wei er viel von meinem vorigen Leben, vieles was ich selbst nicht wute; und
ich hre mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen Geschichte, die nun
hinter mir versunken ist, so tief versunken, da ich mich oft selbst kaum
berzeugen kann, eine, der in seiner Erzhlung spielende Person zu sein. -
    Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzhlt, einer heissen, stolzen,
grausamen Italienerin, die auf Albrets Gemth den mchtig traurigsten Einflu
gehabt hat, und die von Uebermuth, Herrschsucht und Rache zu Handlungen
getrieben wurde, die uns sanften, weichmthigen Deutschen beinah' unglaublich
vorkamen. Sie galt in ihrer Blthe fr die erste Schnheit in Florenz, und auch
im reifern Alter, wute sie durch Kunst, Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit
in der Welt den Rang zu behaupten, welcher fr ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit
unentbehrlich geworden war, und ohne welchen sie sich hchst elend gefhlt haben
wrde. In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr drckenden Verhltnissen gelebt,
und so hatte sich Hrte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet. Sie liebte
heftig, aber sie hate noch heftiger. Einen Plan durchzusetzen, galt ihr mehr
als Alles; unerschtterlich verfolgte sie ihn, und wenn sie selbst dabei htte
zu Grunde gehen sollen. Wie viel weniger schonte sie das Leben, die
Glckseligkeit Anderer! Mehrere, die das Unglck hatten, sie zu beleidigen,
muten es mit ihrem Leben ben, denn durch Schnheit, Rang, Reichthum und
Einflu war ihr Vieles mglich. - Frhzeitig, unumschrnkte Gebieterin eines
groen Vermgens, wrden ihr die Mnner durch ihre ewigen Schmeicheleien
gleichgltig geworden sein, wenn nicht Vergngen und Stolz, mnnlichen Umgang
ihr zum Bedrfni gemacht htten. Was sie am meisten an einem Mann reizen
konnte, war Verschwendung, Pracht, Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in
ihren Willen. Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Mnner, mit
so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln, da selbst die, welche sich von
ihr losgerissen hatten, ihr heimlich ergeben blieben, und sich von ihrer
Meinung, ihren Willen noch lange abhngig fhlten. - Mit Albret hatte sie eine
Zeitlang in den engsten Verstndnissen gelebt, um ihrentwillen hatte er den
grten Theil seines Vermgens verschwendet, und Verhltnisse zerrissen, fr die
er sonst viele Rcksichten gehabt hatte. Sie war die einzige, die er geliebt
hatte, die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts gro erschien; alle
andere Weiber hielt er fr kleinlich, kindisch, verchtlich, und diesen
Gesinnungen gem, hatte er sie immer behandelt. Und als seine Leidenschaft fr
sie, weniger heftig brannte, da ward es das Ziel seines Stolzes, ihren Rnken
mit noch grerer List und Gewandheit zu begegnen, und sich, selbst wider ihren
Willen, wenigstens den Schein eines engen Verstndnisses zu erhalten. Aber seine
Bemhungen waren vergebens, und er mute es geschehen lassen, da sie einen
Andern ihm vorzog, auf eine Art, die seinen Stolz eben so sehr, wie seine
Leidenschaft krnkte. Nunmehr trat Ha und Begierde nach Rache ganz an die
Stelle der Liebe; bittre Verschlossenheit und verachtendes Mitrauen, wozu er
immer Anlage gehabt hatte, erfllten nun ganz sein Gemth. Doch auch gehat,
blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt, die geheime Beherrscherin seiner
Handlungen, das einzige Wesen, bei dem er sein Andenken erhalten, und sein
Dasein fr wichtig gehalten wissen wollte. Er wute, wie sehr ihr Stolz durch
den Anschein von Gleichgltigkeit zu verletzen war, nur mute dieser Schein ganz
die Gestalt der Wahrheit haben, wenn er ihren Scharfsinn tuschen wollte. - Er
verheirathete sich mit mir, und es gelang ihm wirklich, ihre Empfindlichkeit
rege zu machen. Das Aufsehen, welches er zu erregen, auf alle Weise bemht war,
reizte sie noch mehr, und es war die hchste Zeit, da er sich entfernte, denn
der Todesstreich, welcher den unglcklichen Marchese traf, war, wie es hernach
klar geworden ist, Albret von ihrer Hand zugedacht. - Wie gut war es, Julie, da
ich meinen Argwohn gegen Albret, der sich doch nur auf eine bloe Vermuthung
grndete, und durch nichts besttigte, in meinem Herzen nicht lange Raum gab,
und meinen Glauben an seine Menschlichkeit, so sehr sie auch durch seine
Grundstze leiden mochte, deshalb nicht ganz zurcknahm! - Doch la mich von
diesen Gegenstnden schweigen! Es ist ein peinliches Gefhl, mit welchem ich auf
jene Zeit der Verwirrung und der Miverhltnisse zurcksehe. Die wunderbarste
Beleuchtung, die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten, ruht auf
jenen Tagen, und nur dann kann ich ruhig sein, wenn ich das alles vergesse, wenn
ich mich berzeuge, da alles dies tief hinter mir versunken ist, und ich nun
frei und einfach mein Leben fortfhren kann.
    Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines
jungen Mannes vermehrt worden, der fr mehrere Knste ausgezeichnete Talente
besitzt, und sich Antonio nennt. Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier
Aufsehen, und ich lie mich auf Wilhelms unabliges Bitten, fr diesen von ihm
malen; und da Wilhelm selbst fr die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt; so
beschlo ich, diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen. Auf diese
Weise ist er uns nher bekannt geworden, und wir haben bald einstimmig
entschieden, da seine Manier im Umgang, fr uns eben so angenehm ist, wie in
Gemlden, und da er eben so viel Charakter, als Talente besitzt. - Er hat in
seinen frhern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kmpfen gehabt,
sich aber unter allen unverrckt, zu dem gebildet, was er ist, und weil ihm
seine Verhltnisse bald in die Einsamkeit, bald unter viele Menschen gefhrt
haben; so hat er beides gebildet, Charakter und Talente; denn jener bildet sich
in der Einsamkeit, diese mehr in der Gesellschaft. - Endlich ist ihm der Genu
eines freieren Daseins geworden, und er, der still und verborgen unter dem Druck
der Umstnde fortgeblht hat, steht nun vollendet da, wie die Schneeblume,
sobald der Schnee zerschmolzen ist. - Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts;
die Welt gefllt ihm, und an allem kann er eine schne poetische Seite finden.
Das Einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht, so hoch es ihm wieder in andern
Augenblicken beseeligt, ist seine Liebe zu den Knsten. - Vieles, und auch das
qult den Knstler, da er sein Werk, was er schaffen will, nicht mit Einemmal
vollendet hinstellen kann, sondern erst das Mechanische berwinden, tausend
kleine Schritte thun, geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und
Nacht durchgehen mu, und so seine heigefate Idee, das schnell gebohrne Kind
seines Geistes, langsam, wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen
sieht, da er sie schon vollendet, als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit, in
seinem Geiste trug.
    Lebe nun wohl, ich wei Du wirst Dich ber meine jetzige Stimmung freuen.
Doch, Julie, wenn Du glauben wolltest, da mein Gemth immer so ruhig wre, wie
es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag, so wrdest Du Dich sehr irren. -
Sehr oft berfllt mich eine dunkle, qulende Unruhe; ich fhle mich
unzufrieden, fremd mit mir selbst, und es ist mir, als gb' es fr mich noch
viele Rthsel im Leben, die der Auflsung bedrften, als mte ich ahndungsvoll
noch irgend eine Begebenheit erwarten. - Und ich wei es wohl was es ist - ich
werde ihn wiedersehn, das ist mir fast gewi - aber wenn? und wo? und mu ich
dies, obgleich es in manchen Momenten mir als das ssseste Glck, der hellste
Punkt meines Lebens erscheint, mu ich es nicht frchten? - Ach! die Seelen der
Liebenden, finden sich nie wieder! Einmal getrennt, sind sie es auf immer. - Ihr
haltet noch das Bild des Geliebten fest, und erstaunt ein fremdes Wesen wieder
zu finden, die Zeit verndert euch und ihn, und das eigensinnige Herz verblutet
sich da, wo einst der Gegenwart himmlische Rosen blthen, vergebens an den
Dornen der Erinnerung.

                                  Achter Brief



                                Eduard an Barton

Es ist tiefe Nacht. - Der Mond malt die Umrisse der Fenster blo auf den Boden
hin. Ich tauchte mich in die nchtliche Luft, die lieblich khlend mir entgegen
quoll, und eine dunkle Unruh berfiel mich, als ich an dem nchtlichen Himmel
die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken, das sonderbar gebrochne Licht des
Mondes betrachtete. - Aber es war die zrtliche Schwrmerei nicht mehr, die wohl
einst in glcklicher Zeit mich in solchen Stunden, mit Sehnsucht und Wehmuth
ergriff - es war vielmehr das lstige Gefhl eines beschrnkten Wissens, das in
gewissen Momenten den Menschen so mchtig ergreift. - Ich dachte mir, wie die
frhen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskrper
geachtet htten, wie sie in stillen Nchten ihren Gang beobachtet, und mit der
sssen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfllt, ihnen ihre
geheimnivolle stille Ordnung abgelauscht htten - bis dann die Menschen sich
auf einmal vor der Grnze fanden, wo jede Spur verschwindet. Keiner stieg in den
Stern hinauf, keiner stieg herab. Sie durften nicht fragen: warum befolgt ihr
diesen Gang, diese ewige, gesetzmige Gleichfrmigkeit? - Von ihrer eignen
Schwere festgehalten, bleiben die Menschen an die Erde gefesselt, und nur auf
den Schwingen der Phantasie knnen sie dieselbe verlassen. - Die Wolken flogen
auseinander, und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen,
unermelichen Klarheit da. - Dort oben also, ewiges Licht, und abwrts nur
Dnste und zweifelhafter Schein? - Warum wirkt ihr auf mich, warum beunruhigt
ihr mich, ihr geheimnivollen Wesen, deren Natur ich vielleicht nie zu ergrnden
vermag? -
    Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast, mein lieber Freund, so wirst
Du mir es vielleicht kaum glauben, da ich unmittelbar vorher, von der
zrtlichen Unterhaltung, einer schnen Geliebten, nach Hause gekommen war. Und
doch ist es so; aber meine Liebe, ist wie sie selbst, nur der Gegenwart
geheiligt, aber auch in dieser gleich ihr, unendlich beglckend.
    Ich will Dir nicht leugnen, da jenes Abentheuer, mit dem schnen
Waldmdchen mich doch im Grunde gewaltig verstimmt hatte. Die Ueberzeugung, da
nur meine Umgebung allein, so vielen Reiz fr sie gehabt hatte, war mir sehr
empfindlich, und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemthigt vor. -
Denn gewi dnkt es doch einem jeden schn, - und ist es auch - um seiner
Persnlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden, und so gern auch Viele sich
im Nothfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichthums verstecken,
so schmeichelt ihnen doch nichts mehr, als wenn sie glauben, man bersehe dies
alles, und achte nur ihr eigenthmliches Verdienst. Und wie unangenehm wrden
Manche, die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres persnlichen
Werths schreiben, berrascht werden, wenn ihnen ihre artigen Umgebungen, denen
eigentlich die andern schmeicheln, auf einmal genommen wrden, und sie nun mit
einemmale alles um sich her verndert shen! Ich war menschenscheu geworden und
vergrub mich eine Zeitlang in Arbeiten, in denen mein Vater mir es nicht fehlen
lie, bis ich mein Selbstgefhl wieder so sehr gestrkt fand, da ich wieder
heiter und empfnglich in die muntre Welt, die mich hier umgiebt, treten konnte.
Mitten im bunten Getmmel begegnete ich bald darauf einem Mdchen, deren Umgang
im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward. Ich fand sie in den besten
Gesellschaften, und berall, wo Vergngen, Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte,
und durfte sie bald, so oft sie nur selbst wollte, in dem geschmackvollsten
Zimmer, und der niedlichsten Umgebung allein sehen. Dir zu schildern, was sie
eigentlich ist, vermag ich nicht, obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz
zu verstehen glaube, aber wie es auch sei, so viel ist gewi, da mich ihr
Wesen, so oft ich sie sehe, ganz froh und glcklich macht. Ich mchte sagen, da
sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und flchtigste, wie den bunten
Staub auf den Schmetterlingsflgeln, abstreift, und ber alles Tiefe,
Nachdenkliche, im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlpft, wie ein Zephir
nur die Spitzen der Blumen berhrt. Fr mich ist sie sehr poetisch, obgleich sie
selbst nichts davon wissen will, denn die Poesie, sagt sie, ist ein Traum aus
einer andern Welt, und ich schlafe nicht; ich wache. - Uebrigens mein Lieber,
bemhe ich mich auch eben nicht sonderlich, mein Urtheil ber sie recht ins
volle Licht zu setzen, und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu
wollen. Denn schon oft sind mir die meisten Urtheile der Mnner ber Weiber
recht herzlich zuwider gewesen. Fast ein jeder hat sein System, und hlt nun,
wie an einer Silberprobe jedes weibliche Geschpf, das ihm im Leben begegnet; er
knstelt an dem unschuldigen Wesen, um es in sein System zu passen, und nennt es
dann verschroben, wann es seiner Eigenthmlichkeit nach anders ist, als er sich
es dachte. - Ich bin zufrieden, da es mir vergnnt ist, in den Spiegel dieses
heitern, empfnglichen Gemths zu schauen, welches alle Strahlen der Welt
auffat, und in den lieblichsten Farben zurckstrahlt so, da mir nun vieles,
was mir sonst d' und todt war, mit frischen Reizen in die Seele herein scheint.
-
    Wir hatten uns schon oft und viel gesehen, ohne sonderlich auf einander zu
achten, als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen. Ich war in der
reinsten Stimmung, das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich; ich
nahm mir vor, nichts Bedeutendes zu erwarten, und die Freude frisch zu
ergreifen, wo sie mir entgegen lcheln wrde. Und so hatte ich den
entschiedensten Sinn fr ihre Liebenswrdigkeit. Wir wurden sehr schnell
bekannt, und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken. Sie antwortete nicht
darauf, blieb in ihrem Betragen unverndert, und schien es gar nicht zu achten.
Aber einst, als ich allein bei ihr war, und sie mir mehr als gewhnlich reizend
erschien, nahm sie eine frische Granatblthe von ihrer Brust, und gab sie mir.
Diese Blthen sind der Gegenliebe geweiht, sagte sie, und blickte mich mit
feuriger Schwrmerei an. - In diesem Styl ist alles was sie thut, leicht,
willkhrlich und fein, nur da es von Blick und Geberde begleitet sein mu, und,
wie sie selbst sich schner sehen, als beschreiben lt.
    Sonderbar ist es, da mich ihr Gesang, - denn sie bt' diese Kunst wie
manche andere mit glcklichem Erfolg - stets in meiner Zufriedenheit sthrt. -
Auf seinen Flgeln trgt mich der Gesang dann in ein anderes, fernes Land, wo
liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen. Und gebe ich mich ihnen hin, so
dnkt es mich, ich finde bekannte Wesen, die ich schon einst gesehen; es sind
die Schatten meiner vorigen Freuden, meine Wnsche, meine Lieblingstrume. -
Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her, und mein Herz wei von
keinem grssern Glck, als sich an diesen Wunden verbluten, in Wehmuth sterben
zu knnen, - Und so ist es wohl gewi, Barton, da es Eindrcke giebt, die
unauslschlich sind; und die Tne sind die wunderbaren Fden, die von der
Geisterwelt gesponnen, durch alle Zeiten reichen und mit geheimnivoller
Wahrheit uns mit unsern eigentlichen Wnschen bekannt machen, und unsichtbar
daran festhalten.

                                 Neunter Brief



                                Amanda an Julien

O! Julie, dieser Antonio ist mir sehr viel geworden! - Sein heitrer, umfassender
Geist zaubert eine schne Gegenwart um mich her, seine feurige Phantasie trgt
mich auf ihren Schwingen in das himmlische Land der Dichtung, wo alles auf ewig
in dem entzckenden Duft jugendlicher Begeisterung getaucht ist! - Und dahin
will ich mich flchten, aus dem den verworrnen Gewebe irrdischer Plne und
Verirrungen, dahin auf ewig mit reinem, liebenden Herzen! Ich fhle es, ich mu
ihm alle meine Zweifel, meine Schmerzen, mein ganzes Leben mu ich ihm
anvertrauen. - An den heitern Sinn dieses Mannes, schmiegt sich mein Herz
vertrauungsvoll an, und die Welt lchelt mir neu in dem Wiederschein seines
Geistes. Durch Antonio werde ich mit den schnsten Erzeugnissen der Poesie
bekannt, die mir bis jetzt meist fremd geblieben sind, und indem ich mich ganz
dieser himmlischen, ewig in Morgenroth schimmernden Welt hingebe, und gar nicht
mehr nach Deutlichkeit in der irrdischen strebe, geht eine neue Wahrheit, ein
neuer Glanz in meiner Seele auf. - Selbst der Gedanke an Eduard, an die schne
untergegangene Liebe, der so lange meine Seele mit dunkeln, niederschlagenden
Erinnerungen bengstigte, fngt an, bei dieser Vernderung meiner Ansichten,
eine lichtere Gestalt anzunehmen. Im Vergnglichen lerne ich das Unvergngliche
ahnden; und wenn ich ber die Irrungen des Verstandes trauere, erscheint mir die
Wrde und die Unfehlbarkeit des Gefhls desto herrlicher. - Und auch dies dank'
ich dem Freunde, der mit einem so weichen, fhlenden Herzen, den hellsten,
freiesten Geist vereinigt. Was fr Morgen, was fr Abende vergehen uns!
Ahndungsvoll und heiter, wehmthig und freundlich spricht die Natur in einer
neuen Sprache zu meinem Gemth:

Blumen dften
in den lauen Lften,
sieh! dort in den blauen Himmelsraum
lauschen Wlkchen, wie ein Frhlingstraum.

Und die Hoffnung, - ber Thal und Hgel
kmmt die Holde mit smaragdnem Flgel,
und ich fhl', in Lust verlohren,
mich, wie neu gebohren!

Beschreiben soll ich Dir diesen Antonio? Das verlangst Du schon in zwei Deiner
Briefe. - Aber verzeih mir, wenn ich gar keine Lust dazu habe, weil ich ihn fr
unbeschreiblich halte, und begnge Dich deshalb blo mit einigen, leicht
hingeworfenen Zgen. Er ist nicht schn, ob gleich ich glaube, da er bis zur
Anbetung gefallen kann; er ist jugendlich, ohne noch Jngling zu sein; heiter,
ohne Flachheit; sinnig, ohne Trbsinn; witzig, ohne Bitterkeit; gefhlvoll, ohne
Affektation. Seine Fehler, - denn Du wirst mir wohl zutrauen, da ich ihn davon
nicht frei spreche - sind nicht gemein, nicht unertrglich, sondern sie tragen
das Geprge eines genialischen Geistes, unverkennbar an sich.
    Heute fand ich auf meinem Schreibtisch einige Strophen, welche ich Dir hier
mittheile. Ich irre mich gewi nicht, wenn ich glaube, da Antonio der Verfasser
derselben ist; - ganz sicher sind sie von ihm, aber welche Glut des Gefhls auch
aus ihnen athmet, so glaube ich doch, Antonios Sinn zu gut zu verstehen, als da
ich nicht zugleich das leichte Spiel der Phantasie darinnen wahrnehmen sollte:

Eine Seele mcht' ich kennen
eine treue Seele nur!
wollte stets in Liebe brennen,
glhender als Ku und Schwur.

Eine Seele, treu ergeben
mir mit Wahrheit zugethan,
treu im Lieben, und im Leben
sonder falschen, eitlen Wahn.

O! wie wollt' ich mich ihr weihen,
froh mit innigem Gemth!
Liebe sollte sie erfreuen
Liebe, wie sie nie geglht!

Alles wollt' ich, Alles wagen,
immer freudig, gleich gesinnt,
wollte nie die Schmerzen klagen,
die der Liebe Nahrung sind.

Geh' ich durch das Frhlingsblhen,
athme Blumendfte schwer,
whn' ich in der Lfte Glhen,
wandle Liebe zu mir her.

Ist vergebens all' mein Whnen?
Fllt die Blthe fruchtlos ab,
zieht mein liebevolles Sehnen
nie die Treue, mir herab?

Soll ich nie die Seele kennen,
eine treue Seele nur?
soll ich nie in Lieb' entbrennen,
glhender als Ku und Schwur?

                                 Zehnter Brief



                                Eduard an Barton

Ich wei es selbst nicht, Barton, warum mich der Inhalt Deines letzten Briefs so
ungewhnlich bewegt, ja befremdet hat. Du schreibst mir, da Du Dich mit
Nanetten verheirathen wirst; da Ihr beschlossen habt, ihr bei** gelegenes Gut
zu bewohnen, und dort abwechselnd dem Lndlichen und der Geselligkeit zu leben.
Du schreibst mir das, mich dnkt, mit einem gewissen Stolz; Du freust Dich
Deines Looses mit so ruhiger Freude, als wenn das alles sich so htte begeben
mssen, weil Du es gewollt hast. - Beinah' glaube ich, da es eine Art von Neid
ist, was sich dabei so seltsam in mir regt. Auch mein Schicksal ist jetzt auf
gewisse Weise entschieden. Ich sehe mit Zufriedenheit fast alle meine
jugendlichen Wnsche erfllt, meine Plne der Reife, und meinen Ehrgeiz seiner
Befriedigung nah'n, und doch - doch sehne ich mich oft ganz unaussprechlich in
jene Zeiten der Wnsche, des Unvollendeten zurck, wo mir, verhllt in das
schne Geheimni der Liebe, der Genu der schnsten Poesie meines Lebens, die
Gewiheit der in mir wohnenden Gottheit vergnnt ward. Und dann fhle ich in
tiefer Seele, da eigentlich ein Loos den Deinen hnlich, das Ideal meiner
Wnsche war. - Doch wie es auch sei, ich gnne Dir Dein Glck. - Schon mehrmals
habe ich meine Ansicht von Dir gendert, aber der wahre Gehalt Deines Wesens,
und das, was ich Dir verdanke, blieb mir zuletzt ganz unvernderlich. In frhern
Jahren sah' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben, Du schienst mir
unerreichbar, und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen.
    Dann aber kam eine Zeit, die Zeit wo alles vor mir schwankte, ich an allem
zweifelte, und da verschwand auch der Nimbus, der Dich verherrlichte, und Dein
ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor. Hat er sein Spiel mit mir getrieben?
dachte ich oft. Was sollen mir diese hohen Ideen, diese Ansprche, die nie
befriedigt werden, die mich mit der Welt unzufrieden und mich fr sie untauglich
machen? - Warum gab er, der die Menschen kannte, mir nicht lieber Wahrheit, wenn
sie auch bitter war, fr dieses zauberhafte Licht, bei dessen Verschwinden mich
nur ein tiefes Dunkel umfngt? - Aber bald ward es mir heller; ich erkannte die
hhere Wahrheit, in dem, was ich fr Tuschung hielt, ich erkannte Dich als
einen Menschen, den das Leben gebildet hat, und der nun wiederum das Leben
bildet, der die Welt versteht, und seine eignen Erfahrungen auch fr andre aufs
beste zu benutzen strebt. So blieb Dein eigenthmlicher Werth nun klar vor mir
stehen und auch Dein Verhltni gegen mich. - Ich fhle, da Du mich erzogen
hast, denn Erziehung, wie ich dies Wort nehme, heit nicht den Menschen
bestimmen, sondern ihm Gelegenheit geben, seine angebohrnen Fhigkeiten zu ben
und zu entwickeln; ihm Gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen. Jeder, der
nicht seinen Anlagen gem leben kann, fhlt sich unglcklich und unbestimmt.
Der weisere Mensch, merkt diese Anlagen frhzeitig bei der Entwickelung des
Kindes, und thut dann das Seine, es in eine ihm angemessene Lage zu bringen,
denn erst dann, wann der Mensch seiner Eigenthmlichkeit gem leben kann,
vermag er auch fr andre viel zu sein. - Das Leben ist nichtig und ein jeder hat
Momente, wo er es fhlt, wo er fragen mu: aller Zweck, alles Streben, wozu
fhrt es? - Aber dann treibt die Lust zu wirken, zu schaffen, wieder in den
Schauplatz, der uns allein zur Uebung unserer Krfte gegeben ist, und wir fragen
nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo
wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze
als Spiel betrachten, so dnkt es uns doch wrdig, das Spiel mit allem Ernst
durch zu fhren. - Nur soll ein jeder seine Individualitt kennen lernen, hat er
dann ein richtiges Bild von sich selbst gefat; so kann er mit diesem Bilde in
die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. - Denn was man auch sagen mag;
so ist es doch gewi, da sich die uern Umstnde fterer nach dem Menschen
formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein
Geschmack, seine Irrthmer ziehn die Verhltnisse um ihn herum, und der Wunsch
sie verndert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst ndern will und
kann. - War bei allen bittern Klagen, die Rousseau ber die Menschen ausstie,
er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? - Er, der
sich gegen alle so sonderbar und ungewhnlich betrug, mute auch ein
ungewhnliches Betragen von andern erfahren, und wr' er aufrichtig gewesen, so
htte er doch wahrscheinlich gestehen mssen, da er nirgends so glcklich htte
sein knnen, kein Zustand fr ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung,
wo er von allen Verhltnissen frei, seinen Trumereien ganz ungesthrt leben
konnte.
    Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuthen, da gerade
jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich ber meine Verhltnisse zu der
Welt, mehr als gewhnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. - Ein jeder,
glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fhlt, aus seinem Leben, ein
Ganzes, eine Geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den
Faden, der seine kleinen und groen, innern und uern Begebenheiten
zusammenhlt, gnzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er
unglcklich und zerstckt. - Bisher habe ich dies Bedrfni nie lebhaft gefhlt;
denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand
ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. - Doch jetzt, da
ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten
Teppich vor mir liegen sehe, und bersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang,
und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. -
Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das Einzige schmerzt mich,
und wird mich ewig schmerzen, da das Hchste meines Lebens, die Zeit, wo sich
die Blthe meines Lebens entfaltete, wo alles auf etwas Einfaches, Groes
hinzudeuten schien, doch am Ende in Unverstndlichkeit vergieng. O Barton! ich
wiederhole es, nur der kleinste Umstand meines Lebens durfte anders sein, und
Vernunft und Glck muten unvermeidlich der Quaal dieses Gedankens erliegen!
    Ich wei nicht, ob ich Dir es schon geschrieben habe, da ich ohngeachtet
meiner Jugend nun als ** hier angestellt bin. Dies ist eine Stelle, die sich
mein jugendlicher Ehrgeitz oft als das schnste Ziel dachte. Theils in
Geschften meines Vaters, theils um noch manche, mir nthige Kenntnisse und
Geschicklichkeiten zu erwerben, werde ich, eh' ich die Stelle antrete, noch ein
Jahr lang reisen. Komme ich dann zurck, so wird es nur von mir abhngen, mich
mit Clestinen, - so heit das reizende Geschpf, die Du aus meinem Briefe
kennst, - auf immer zu verbinden. - Auf dieser Reise werde ich auch zu Dir
kommen, verla Dich darauf! Wahrscheinlich wirst Du dann schon Dein Landgut
bewohnen. - Ich mu Dich, ich mu Amanda wiedersehen! Wie sollte ich mir diesen
wunderbaren Moment, der schon jetzt mein Herz erbeben lt, nicht in mein Leben
herein bannen? - Wie wird sie mir, wie wird mir alles um sie her erscheinen?
    Du wirst glcklich sein, Barton! - Ich mu immer wieder hierauf
zurckkommen. Du wirst das heiterste, lebendigste Leben fhren, und von
Nanettens stets gegenwrtigem Gemth, Deinen weiter strebenden Sinn, stets
freundlich an dem Augenblick gefesselt fhlen! Eben weil ihr wenig Aehnlichkeit
habt, werdet ihr so sehr fr einander passen, denn die Liebe wird oft durch das
Verlangen genhrt, das, was uns fehlet, durch den geliebten Gegenstand ersetzt
zu finden, und bei vollkommener Gleichheit des Gemths mangelt ihr grter Reiz.

Der Morgen meiner Abreise ist gekommen, und in wenig Augenblicken sitze ich im
Wagen. Ich habe lange keine Frhstunden genossen, und berhaupt alle
Naturerscheinungen, unempfindlich vor mir vorber gehen lassen, weil ich mich
nicht den Eindrcken hingab, sondern sie beherrschte. - Nie dnkt es mich, habe
der Hahn so melodisch sein Morgenlied gesungen; nie die Vgel so laut und khn
dem Tag entgegen gejauchzt; die Landschaft habe nie so frisch aus den
nchtlichen Regenschauer hervor geschaut; die Sonne nie so freudig ber die
dunkeln Wolken gesiegt, als heute. Ich ahnde es, - auch meinem Leben ist noch
ein Morgen aufgegangen - noch Ein Morgen, und wte ich auch, da mit diesem
Tage ich selbst mich leise neigen wrde, so knnte es mich doch nicht sthren in
meiner freudigen Hoffnung.

                                  Elfter Brief



                                Amanda an Julien

Dein letzter Brief hat mir sehr viel Freudiges gesagt. In Deinen Urtheilen ber
mich und mein Leben, finde ich eben so viel Klugheit als Zartheit, und Du
versicherst mir es so ehrlich, da ich es glauben mu, wie meine Briefe immer
sehnlich von Dir erwartet wrden, wie sie fr Dich weit mehr Leben und
Interesse, als das schnste Buch htten, ja, wie sie das einzige Poetische in
Deinem Leben wren. - Dies alles ist mir nun sehr willkommen, denn mir ist es
nun einmal Bedrfni geworden, Dir meine Klagen, meine Erinnerungen und meine
Freuden, ohne Zwang und Rcksicht zu vertrauen, und Du bist auch die Einzige,
gegen die ich es kann. - Ja, Julie, was auch die Zeit an den glnzenden Farben
jener Vergangenheit verwischen mag, so glcklich ich mich jetzt durch Antonios
Gegenwart fhle, so viele schne Beziehungen ich um mich vereine; so kann sich
mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreissen, und selbst jedes
frhlichere Gefhl, das mein Herz bewegt, scheint mir nur ein Bote von dort zu
sein, der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht. - Oft fhle ich es so
unruhig und so gewi, da ich ihn wiedersehn werde - aber bald spricht eine
feindliche Stimme dazwischen: er hat Dich vergessen - und alles ist verndert.
Die suselnden Lfte, die Berge mit ihren waldigen Scheiteln, der Flu mit
seinen rauschenden Wellen, alle sagen es nach: er hat Dich vergessen! die
Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr! - Oft wenn ich hinblicke unter
die Schatten der Bume, und aus ihrer freundlichen Dmmerung, viele halbvergene
Jugendbilder hervortreten, und von ihren flsternden Zweigen seelige Trume auf
mein Herz einsinken; dann schwebt die entflohene Liebe, wie ein verlohrnes
Paradies vor meiner Seele, und eine Thrne des Schmerzes verdunkelt mein Auge. -
Aber dann reisse ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los, und schaue
mit verschlonem Weh in die lichte, offne Ebene hin, und weite, frhliche
Entwrfe, heiter wie die Ferne, dmmern vor mir auf; dann umweht mich neue
Lebenslust, und ich freue mich meines Muths, da ich, nach dem Verlust
desjenigen, was mir Alles war, noch zu leben wage. - Und Julie, so schwankt mein
Gemth noch oft zwischen den Eindrcken, einer allzu schnen Vergangenheit, und
einer heitern Gegenwart.
    Du kennst aus meinen Briefen die Menschen, die ich tglich sehe, es ist
Antonio, der Graf, Charlotte, ihr Mann und Wilhelm; mein Leben verfliet jetzt
gleichfrmig und anmuthsvoll, und nur kleine Begebenheiten, nichts Groes,
Erschtterndes, bezeichnet die Spur der fliehenden Tage. Unter diese gehrt auch
folgendes, was unserm Kreis, zu Bemerkungen und Gesprchen viel Veranlassung
gab. Wilhelm hatte eine kleine Reise, in eine nahgelegene, wild-schne Gegend
gethan, und als er zurckgekommen war, spielte uns der Zufall ein Lied in die
Hnde, das er dort gedichtet hatte. Hier ist es:

Es seufzen bedeutend
die Winde und stumm,
die Wolken ziehn leidend,
am Himmel herum.

Sie quellen, sie fliehen
die Thler entlang,
und Trume durchziehen
den Busen so bang.

Der Tag ist verschwunden
tief schweiget die Nacht,
im Dunkel dort unten
der Hammer nur wacht.

Da klagt eine Flte
ihr Leid durch die Nacht,
das stets mit der Rthe
des Abends erwacht.

Es strzet der Reuter
den Waldsturz hinab,
und weiter und weiter
erreicht ihn sein Grab.

O! Mutter nun weine
die Thrn' ber ihn,
dann glnzet im Scheine
dir froher das Grn.

Wenn Frhling besumet
den Hgel mit Flor,
in Blumen dann keimet
sein Geist dir empor.

Sie blicken wie Augen
sie suchen dich doch;
sie winken und hauchen
und lieben dich noch.

Was mich bei diesen Strophen am meisten rhrte, war die Stimmung, die ich
darinnen durchschimmern sah. Ich fand eine Schwermuth, die ich ungern in diesem
jungen Gemthe bemerkte. Aber auf der andern Seite mute ich auch das Talent
anerkennen, das ohngeachtet der Verworrenheit und den Mngeln die in dem Liede
herrschen, doch unleugbar sich zeigt, und deutlich das Bestreben wahrnehmen
lt, die Eindrcke, die Bilder, die um ihn sind zu einem Ganzen zu gestalten
und einen Sinn in sie zu legen. - Diese Strophen gaben zu einem Gesprch ber
Poesie im Allgemeinen Anla, welches ich aufgezeichnet habe, weil es meine
Freunde sehr genau charakterisirt und reich an auffallenden Bemerkungen ist,
aber da ich nicht wei, ob Dir der Gegenstand wichtig genug ist, ein langes
Gesprch darber nicht ungelesen bei Seite zu legen: so will ich erst Deine
Entscheidung darber abwarten, bevor ich Dir es schicke.

                                 Zwlfter Brief



                                Amanda an Julien

Ich wei nicht, ob ich Dir schon in einem meiner Briefe geschrieben habe, da
ich einer baldigen Trennung von Antonio entgegen she. Seine Verhltnisse machen
ihm eine Reise nothwendig, und diese bevorstehende Entfernung lt es mich erst
fhlen, wie nahe er mir ist. Ja, Julie, mein Leben, das so lange dunkel war,
erhellt sich wieder, und ich fhle meine Jugend schner zurckkehren. Oft schien
es mir, als sei ich von aller Liebe frei, und nun liebe ich mehr als jemals. Und
wie sollt' ich anders? Des Weibes Natur ist Liebe; die Liebe befreit sie von
allen qulenden, unedlen Neigungen, und sie lernt das Gttliche verehren, weil
sie in dem Geliebten das Bild der Gottheit anbetet. - Die Stimmung, welche mein
Gemth durch Antonios Umgang, durch seine schnen, freien Ansichten vom Leben
erhalten hat, dnkt mich reizender und freudiger, als die schnste, jugendliche
Begeisterung. - Mit jedem Tage erscheint mir Antonio schner, liebenswrdiger,
und ein milder Zauber schmilzt sein Bild mit Eduards Andenken zusammen. Es ist
nicht Bewunderung, nicht Achtung, Freundschaft mehr, was mich zu ihm zieht; es
ist die se Gewalt der Neigung, die mich an ihn bindet. - Und so, Julie, seh'
ich freudig seiner Zurckkunft entgegen. Zwar ist mir noch manches in seinen
Verhltnissen dunkel geblieben, aber ich habe ein so entschiedenes Vertrauen zu
ihm, da es mir durchaus keine Unruhe macht. Ich hingegen habe schon lngst
keine Geheimnisse mehr fr ihn, und Eduard war oft der Gegenstand unserer
innigsten Gesprche. O! Julie! wie glcklich werde ich sein, wenn ich auf immer
mit Antonio verbunden bin; denn die Ehe ist fr gebildete Menschen, die sich
lieben, gewi der freieste und glcklichste Zustand! - Spottend wies ich lange
alle Hoffnung auf Glck von mir, und nun winkt es mir so nahe, so freundlich;
nun sehe ich mich geliebt, wie ich stets geliebt zu sein mich sehnte! - Ich kann
Dir heute nichts mehr schreiben; meine Seele ist allzu verwirrt, betubt von
angenehmen, wunderbaren Bildern, aber ich lege Dir hier ein Liedchen bei, das
Dir die Stimmung meiner Seele vielleicht deutlicher auszusprechen vermag.

Es flieht das se Leben
vom himmlischen umgeben,
es hemmt kein trger Zwang
des Geistes frohen Drang,
und wehret den Gefhlen
in Tnen sich zu khlen
in holder Verwirrung mich Stunden umspielen,
wie Weste, im Frhling die Blthen durchwhlen.

Schon floh'n des Lebens Sterne,
die Heimath schien so ferne,
in banger Sorge Grab
zog's grausend mich hinab.
Nun ist die Welt erheitert,
des Lebens Bahn erweitert,
und frei wie die Bienen im Blumenthal schweben,
fliegt heiter mein Sinn durch das blumige Leben.

Nur du hast mich gerettet,
auf Rosen mich gebettet,
der Liebe heil'ge Glut!
du gabst der Seelle Muth,
die Hoffnung die nie altet,
die Freude schn gestaltet,
und alle die Himmlischen sangen mir wieder,
seit du mir erschienen, die goldenen Lieder.

Geweiht zu hohem Leben,
sie mich nun stets umgeben,
gescheucht von ihrem Licht,
nah't mir die Sorge nicht.
Nur du, mit leisem Schauer
der Sehnsucht heil'ge Trauer,
du nah'st, und entzndest, zu hheren Leben
die liebende Seele mit himmlischen Streben.


                               Dreizehnter Brief

                                Eduard an Barton

Hier an den Ufern des Arno, nicht weit von dem blhenden Florenz, schreibe ich
Dir, nach langem Schweigen wieder. Welch' eine reizende Umgebung verbreitet sich
um mich her! Unter dem sanften Himmelsstrich prangt hier die Erde in der Flle
der reichsten Vegetation; dicht belaubte Bsche, schimmernd grne Rasenpltze,
schlngelnde Pfade, wechseln in der anmuthigsten Mischung mit einander ab. Eine
groe Volksmenge versammelt sich jetzt im Freien, um die schnen Herbsttage zu
genieen, die in diesem Lande unaussprechlich schn sind. Gruppen einzelner
Menschen und ganze Familien, umschwrmt von ihren Kleinen, lagern sich im
Schatten, auf den glnzend grnen Rasen, und dieser Anblick gewhrt ein
liebliches Bild von Ruhe und heiterm schnen Genu der Gegenwart. O! wie beneide
ich dies Volk, das unter dem Einflu eines milden Himmels gebohren, sein Dasein
in jedem Moment auf das lebendigste geniet, und nichts als Lebenslust, Ruhe,
und frohen Genu der fliehenden Tage athmet, inde wir Armen, im nordischen
Klima Erzeugten, ewig mit Klte und Melancholie kmpfen, und statt, den Genu
des Lebens zu fhlen, den Genu verstehen wollen! Alle die Schrecknisse der
Phantasie, welche den ungebildeten Theil der Nordlnder, und auch den
Gebildeten, so hufig das Leben verbittern, sind diesen Bewohnern sdlicher
Gegenden gnzlich unbekannt; nicht wie bei jenen durch die Ungemchlichkeiten
des Klima, aus den Regionen des Lebens hinweg gedrngt, kann ihre Phantasie
ruhig auf den Gegenstnden der wirklichen Welt verweilen, und findet hier den
reichsten Stoff sich zu beschftigen. Auch die Ideen des Aufhrens, der
Verwesung suchten diese Glcklicheren stets so leise als mglich zu berhren,
und wenn es scheint als habe das rauhe, nordische Klima seine Bewohner schon im
Leben mit ihren Gedanken zum Grabe hingedrngt, und sie mit den furchtbarsten
Gegenstnden, die man sonst kaum zu denken wagte, ganz vertraut gemacht, so
suchten jene die Gestalt des Todes, mit einem mildernden Schleier zu verdecken,
oder diese Idee durch weiche, liebliche Bilder minder furchtbar zu machen. Ja,
auch jetzt, so verschieden auch die neuen Gttergestalten, von den ltern
Gttern sein mgen; so sichtbar sind auch jetzt noch die Spuren des Geistes, der
in jener poetischen, aus Griechenland hieher verpflanzten Religion athmete,
welche wie die Dichtungen Homers, ihres Sngers, erhaben, schn und beglckend
war. - Nie vermag ich, ohne die innigste Rhrung den Abendgesang der heiligen
Jungfrau zu hren, welcher hier den mden Arbeiter zum ersehnten Feierabend
ruft. In ihm ertnt das Lob der Maria, die mit den Sternen gekrnt ist und den
Mond zu ihren Fssen hat; die ohne Mackel und ohne Flecken, mit der Klarheit der
Sonne umkleidet ist; die groe Ausspenderin von den Schtzen des Himmels;
golden, heit es, ist das Haar der Himmelsknigin, und Licht ist ihr Gewand!
Maria, du schn Gebildete, ich wnsche im Paradiese zu deinem Anschauen zu
kommen! - Und hrt man in dieser Zusammensetzung, das sanfte Madre d'amore! so
whnt man auf Augenblicke, ganz in das schne Alterthum versetzt zu sein.

Doch so sehr ich mich auch bestrebe, der Stimmung dieses Volks gem, alle
Erscheinungen vor mir bergehn zu lassen, ohne Reflexionen darber anzustellen;
mich immer mehr auf den Moment zu beschrnken, und mir nicht, mehr die
vergebliche Mhe zu geben, die labyrinthischen Verwickelungen des Lebens
entrthseln zu wollen, so will es mir doch nicht immer gelingen. Eine
unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich hier, wo alles, Genu und Befriedigung
athmet. - Der angenehme Miggang der Reise, die Entfernung von bindenden
Geschften, von der prosaischen Zerstreuung des gesellschaftlichen Lebens, diese
haben mich ganz wieder in das Land der Jugend und der Wnsche zurckgefhrt.
Alles Streben, alles Treiben der Menschen - wie unntz erscheint es mir - und
nur die Liebe allein dnkt mich der Sehnsucht werth! - Ja, sie war es, sie
allein, die einst einen sdlichen Himmel in meine Seele zauberte, die mich die
Sprache der Natur verstehen lehrte, und mir das Gefhl einer heiligen
berirrdischen Begeisterung gab, die mir das Unsterbliche ahnden lie und mein
Gemth mit frommen Glauben entzndete! - O! wie verschwanden und entbltterten
sich alle Resultate des Verstandes, alles Kalte, Gesuchte, was von vielen Moral
genannt wird, wie verschwanden sie bei dieser warmen glubigen Religion der
Liebe, durch die ich mich unsterblich und gttlich fhlte! - Knnt' ich Amanda
an meine Brust drcken, knnt' ich hier mit ihr leben, wo mir nun oft ein
schneller Gedanke an sie, die Freude selbst verbittert, weil sie Amanda nicht
mit mir theilt, und weil ich nun einmal glaube, da sie ohne mich nicht
glcklich sein kann! - Da Amanda in dieser Gegend, wo ich jetzt lebe, auch eine
geraume Zeit zugebracht hat, vergegenwrtigt mir ihr Andenken noch mehr. Ich
habe schon Mehrere gesprochen, die sie gekannt haben, die sich ihrer noch sehr
lebhaft erinnerten, und ihrer Schnheit, ihrem Edelsinn und ihrer Anmuth einige
Lobreden hielten. - O! Barton, Du wirst sie sehen! Schreibe mir von ihr, so bald
Du sie gesehen hast. Auch ich will sie sehen; ich bin es Clestinen, ich bin es
meinem knftigen Leben schuldig. Ich mu es wissen, ob das, was ich jetzt fr
sie fhle, nur ein leichter, wesenloser Traum ist, vom Zauber der Entfernung,
vom Einflu dieses Himmels und trgerischem Spiel der Phantasie erzeugt, oder ob
ein wahres, tief in mein ganzes Wesen eingewebtes Gefhl zum Grunde liegt. -
Bald eile ich ber die Alpen, dann in jene Gegend, wo auch milde Lfte
schmeicheln, auch Mandelbume blhen, und Rebenhgel winken, und wo mehr ist als
italinischer Himmel, weil Amanda dort lebt!

Dem ausdrcklichen Verlangen meines Vaters Genge zu leisten, mute ich hier
auch Biondina di Monforte sehen, eine Bekanntschaft, die ich sonst gern
vermieden haben wrde. Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Gte aufgenommen,
und ohngeachtet meines Widerwillens gegen sie, konnte ich mich nicht enthalten,
die Reize zu bewundern, die, trotz des herangenahten Alters, noch jetzt an ihr
sichtbar sind, und die, was auch die Kunst fr Theil daran haben mag, von einer
seltnen Begnstigung der Natur zeugen. Jedoch fand ich auch dagegen, einen
Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen, der mich unwiderstehlich
von ihr zurckzog, und der, wie ich fest berzeugt bin, auch bei der schnsten
Blthe feuriger Jugend eben dasselbe Gefhl in mir hervorgebracht haben wrde.
Mit inniger Befremdung, erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so
mancher Scene, wo mein Vater, nach einer mehr als zehnjhrigen Entfernung seines
Umgangs mit ihr, als der schnsten Zeit seines Daseins mit einem Enthusiasmus,
einer Rhrung gedacht hatte, der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten
Manne doppelt auffallend war. Bedenke ich aber, wie er hier, in diesem
Paradiese, noch vom Abendroth der Jugend beglnzt, von Liebe und Stolz zu sem
Genu eingeladen, sich einem seeligen Rausche hingab, der ihm die magische Binde
so fest um die Augen legte, da er die unweibliche Anmaaung und Herrschsucht
dieser Frau nicht sah, und alle ihre Fehler den Umstnden und der Umgebung
aufbrdete; so wird es mir wiederum sehr begreiflich, da ihm die hier verlebte
Zeit stets fr die Blthe seines Lebens galt. Diese Frau war es, welche meinem
Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab, und durch diese Krnkung in das
stolze und heftige Gemth dieses Mannes einen unauslschlichen Ha gegen den
Begnstigten pflanzte. Dieser Ha ward durch mich, in dessen Anblick er die Zge
seines Feindes wieder fand, aufs neue belebt, und die Begierde, sich durch den
Sohn, an dem Vater gercht zu sehen, lie ihn mancherlei Plne entwerfen, deren
Ausfhrung ihm um so mehr am Herzen lag, da Amanda, deren seltnen Werth er
unwillkhrlich anerkennen mute, ihn durch ihr Betragen gegen mich, immer mehr
mit Ha und Rache entflammte. O! wie willkommen, wird ihm in mancher Rcksicht
der Befehl meines Vaters gewesen sein, wodurch er auf meine schnelle Abreise
drang, ohne damals mir selbst die Grnde dieses Verlangens anzugeben! - Und dem
Ha dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern? Auf seine Bitten, welche
die Furcht, sie frh oder spt mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu
sehen, ihm eingab, konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer
entsagen? - Sieh' Barton, wenn ich mir denke, wie Albret selbst das Gelingen
seines Plans triumphirend verbreitete, wie Amanda es Nanetten besttigte, wie
ich auf meinem letzten, dringend an sie geschriebenen Brief, voll feuriger
Liebe, keine Antwort erhielt, dann glh' ich von neuem, wie in den ersten Zeiten
jener unseeligen Auflsung; selbst der Anblick des sdlichen Himmels, und der
milden, lachenden Natur, die mich hier umgiebt, vermehrt nur die Bitterkeit,
womit ich jener nordischen Klte und Unnatur gedenke, die mich, ach! all zu
frh! aus dem schnsten Wahn meines Lebens weckte, und ich eile, mich zwischen
engen, dstern Wnden einzuschlieen, weil ich den Contrast der heitern, mich
umgebenden Welt, mit der zersthrten, die ich im Busen trage, da minder lebhaft
zu fhlen glaube!

                               Vierzehnter Brief



                                Amanda an Julien

Ich schreibe Dir in der seltsamsten Mischung von Wehmuth, Ueberraschung,
Schmerzen und Freuden. Ein Augenblick, ein Zufall hat mir so viel Aufschlu ber
Zweifel gegeben, die lange mein Leben verbitterten; hat so viele Bilder der
Vergangenheit lebhaft vor meinem Geist gefhrt, da ich vor Unruhe und Trumen
kaum zu mir selbst kommen kann. Und warum jetzt diese Entwickelung, diese oft
mit heisser Sehnsucht gewnschte Befriedigung? Warum jetzt erst? Warum sehen wir
das, was wir so sehnlich wnschten, meist erst dann geschehen, wann unsre Freude
darber nicht mehr ganz rein sein kann? Doch drfen Klagen nur das herrliche
Gefhl, den sesten Genu des Herzens verbittern, der in dem Gedanken der
Ueberzeugung liegt, uns von einem Wesen geliebt zu sehen, welches uns selbst das
Geliebteste war? - Nein! ohne Rcksicht auf Vergangenheit und Gegenwart, ohne
ngstliches Untersuchen, dessen was ist, und was htte sein knnen, will ich
mich, dankbar und frei, jetzt ganz diesem schnen Gefhl hingeben, eines der
seeligsten, welches das Menschenherz zu empfinden vermag! -
    Vor einigen Tagen, erhielt ich von Nanetten, die mehrere Jahre lang fr mich
so gut, wie aus der Welt verschwunden war, einen Brief, in welchem sie mir,ohne
sich ber ihr langes Schweigen zu rechtfertigen, oder unsre vorigen Verhltnisse
zu berhren, eine leichte Skitze ihres bisherigen Lebens gab, und mir dann auf
eine lustige Art ankndigte, wie sie in kurzer Zeit, von ihrem Mann begleitet,
den sie mir aber nicht nannte, auf ihr so lang verlassenes Gut reisen wollte, wo
sie mich ganz gewi zu sehen hoffe.
    Meine Freude, diese frhliche, liebe Gestalt aus einer schnen, lngst
entflohenen Zeit mir auf einmal wieder erscheinen zu sehen, war uerst lebhaft,
und ich entwarf sogleich einen Plan, wie ich sie auf eine ihr angenehme Art
empfangen und berraschen wollte. Um meine Ideen auszufhren, mute ich auf das
Gut reisen, um dort vor ihrer Ankunft die nthigen Anstalten zu treffen. Die
Zubereitungen zur Reise, gaben mir Veranlassung, noch einige von Albrets
Papieren zu ordnen, welche ich noch undurchgesehen, aufbewahrt hatte. Ich that
es, und ein Brief von Eduards Hand fiel mir in die Augen. Mit lautpochendem
Herzen, las ich die an mich gerichtete Ueberschrift - ein schlimmes Verhltni
hatte ihn in Albrets Hnde gegeben. - O! Julie, was fand ich! - Wahrheit,
Irrthum, Sehnsucht, Liebe, - o! unendliche Liebe! - Ich kann Dir nichts weiter
sagen, ich bin verwirrt, beklommen! -Wie Unrecht habe ich ihm, habe ich mir
gethan! Lies hier einige Strophen, die ich in Eduards Briefe gefunden habe.
Diese Blthen seiner lieberfllten Phantasie, werden Dir am lebhaftesten
schildern knnen, was ich jetzt empfinde:


                                   An Amanda

                                       1.

Oefters wnscht' ich mir schon in seeligen Stunden der Liebe,
- an ihr bebendes Herz, leise das Haupt hingesenkt, -
fters wnscht' ich mir dann des Todes freundliche Nhe,
rthselhaft fhlet das Herz welches die Liebe erfllt!
wnscht' ich feig, und voll Furcht, an ihrer Seite zu sterben,
da ich der Schmerzen verge', ber den Himmel um mich?
Oder erzeugten den Wunsch des Dankes zarte Gefhle,
gern zu vergehen auch da, wo ich zu leben begann?
oder erlieget der Geist dem sen Taumel der Liebe
whnet im seeligsten Wahn, lnger ertrage ichs nicht?

                                       2.

Immer sind wir vereinigt, so fern das Schicksal uns trennte,
Liebste! ich komme zu dir, oder ich rufe dich her.
Ist mir's im Herzen so weh, und fllen mir Thrnen das Auge
eil' ich geistig zu dir - lieblicher Trstung gewi.
Schlgt mir voll Freude das Herz, und lieb' ich das freundliche Dasein,
ruf' ich, Amanda! dich her, - hherer Freude gewi!

                                       3.

Einst, o! zrntest du mir, da einer Andern ich kos'te,
aber es waren doch stets, Auge und Seele bei dir.
Mit verstohlenem Blick, hieng ich am zrnenden Auge,
schuf mir durch liebende Qual, grausam der Liebe Genu.

                                       4.

Oft erscheinest du mir, ein berirrdisches Wesen,
das nur Seegnungen hier, spendet in Menschengestalt.
Aber gedenk ich des Bundes, der uns're Herzen verbindet,
whn' ich, stolzer, da hier, dich nur die Liebe verweilt.

                                       5.

Wende, so bat ich dich einst, nie wieder dein Auge voll Seele
nach dem Himmel hinauf, ach! ich erliege dem Blick!
Leben und Liebe, und Hoffnung, ach! Alles wohnt dir im Auge,
was nur belebet und strkt, alles was freut und erquickt.

Ungengliche! willst du die Geister, die Engel, den Himmel,
was kein Auge noch sah', auch noch vermhlen dem Aug?
Wend', ich bitte nicht wieder, zur Heimath dein himmlisches Auge,
ich ertrage das nicht, willst du denn sterben mich seh'n?

                                       6.

Herzlich ha ich der Menschen Gewhl, seit ich, Liebste dich kenne,
meinem Herzen so nah, bist du dort immer so fremd.
Einsam war es um uns, da lernt' ich dich, Einzige kennen,
Einsamkeit! mache aufs neu, uns mit einander bekannt!


                               Funfzehnter Brief

                                Amanda an Julien

Heute erhielt ich diesen Brief von Eduard selbst. - Wie sonderbar, ist in meinem
Leben, das Licht vertheilt! Welche lange, tiefe Schatten, und welche zauberisch
glnzende Beleuchtung! - Und so ist es; wir harren Jahre lang auf einem einzigen
Moment, und dann berrascht er uns doch unerwartet, und im Gedrnge von Andern
nicht minder wichtigen. Ich bin in Verwirrung, und doch bin ich ganz frei von
jeder Schuld. Ich liebe Antonio; mein Herz, von seiner Liebenswrdigkeit, seinem
Werth durchdrungen, hat sich der sen Neigung hingegeben. Fr ihn belebt mich
wahres inniges, gegenwrtiges Gefhl, fr Eduard vielleicht nur der Nachklang
eines ehemaligen, ein Spiel der Phantasie. Und doch, wie schlug mein Herz, als
ich die Zge seiner Hand erkannte, wie ergriff, durchglhte mich, der Inhalt
seines Briefs! - O! warum bist du selbst mir jetzt fremd, mein einziger beter
Freund! - Komm, eile zu mir, du, dem ich mehr, als mir selbst vertraue, der mir
Jugend und Liebe wiedergab, komm, Antonio, lse alle Zweifel, mit deinem reinen,
umfassenden, menschlich fhlenden Gemth!
    La mich ruhig sein, Julie, la mich hoffen, da die Stille meiner Seele
zurckkehrt, und glauben, da sich alles lsen wird.
    Was ich so tief empfand und als richtig erkannte:da Wahrheit jedes
Verhltni rein erhlt, und auch das Verworrenste leicht und natrlich lset,
das will ich nun auch ben und durch die That beweisen. Alle meine Verhltnisse
sind rein, und sie sollen es bleiben.
    Bald schreibe ich Dir wieder.

                               Sechszehnter Brief



                                Eduard an Amanda

Die Auferstehung der Todten ist mir seit diesen Tagen gewi geworden! - Oder,
ist das nicht eine Auferstehung zu nennen, wenn der Geist und die Liebe, welche
eh'mals den Gegenstand unsrer zrtlichsten Neigung zu beseelen schienen, nach
einer langen Verborgenheit, wo sie sich in undurchdringliche Schleier hllten,
wieder lebendig werden in der lieblichsten Verklrung, der vollen Glorie des
Wahren und Schnen? - O! es liegt eine Seeligkeit darinnen, sich getuscht zu
haben, wenn uns die Wahrheit in solchen reinen Formen erscheint!
    Sie erstaunen, Amanda! und wissen nicht, ob ich in frommer Begeisterung oder
in verworrenen Trumen spreche, aber ich bin noch nicht am Ende.
    Denken Sie sich das Bild der Geliebten, in der Seele eines innigen,
unverdorbenen Jnglings; denken Sie es sich in aller Bezauberung einer
ungetrbten Phantasie, in der Unschuld und Liebe des ersten, aufkeimenden
Seelengefhls - denken Sie sich dann dies Bild durch Miverstndnisse, durch den
Nebel unglcklicher Verhltnisse, getrbt und entstellt; lassen Sie es so, als
eine Schreckensgestalt, eine Zeitlang die edelsten Ahndungen und Krfte des
Jnglings zersthren - und auch, durch Zeit und Anstrengung von diesem Zustande
geheilt, ihm immerfort wie eine dunkle Wolke, seine heitersten Plne und
Empfindungen trben - - und nun zerreissen Sie auf einmal den Nebel,
durchblitzen Sie die Finsterni, da er die holde Gestalt in ihrer vorigen
Klarheit und Schne wieder erkennt; - so haben Sie mein Gefhl der Auferstehung,
meine Seeligkeit im Wiederfinden der Wahrheit, Sie haben den Schlssel zu diesem
Allen, in - meiner Bekanntschaft mit Antonio!
    Ja! Amanda! er ist es, der Dich mir wieder gegeben hat, und mit Dir, Jugend,
Glauben und Liebe! - Ja, als er mir alles, was er von Dir wute, einfach und
ehrlich gesagt hatte, und nun Dein Bild, rein wie die Gestalt der Madonna vor
Raphls Geist, wieder vor mir stand, da ward es mir so heilig in der Seele, und
das leise Ahnden einer unsichtbaren Macht erfllte mich mit Schauer. Wieder, wie
eh'mals belebt mich jenes Vertrauen, jene Liebe, die uns ber die Erde erheben.
So folgte ich mechanisch einer Menge Menschen, die sich in einer Kirche
versammelten, wo das Fest eines Heiligen gefeiert ward. Des Tempels
majesttischer Bau, die Musik, das groe Schauspiel eines zahlreichen, in
Andacht versunknen Volks, alles dies mute mich nur noch mehr beflgeln; mein
Herz vereinigte sich mit der Rhrung der Andern, ich fhlte die Gegenwart
himmlischer Mchte, und die Liebe machte mich zum innigsten, glaubensvollsten
Beter, unter der ganzen hier versammelten Menge.
    O! Amanda! ich eile, ich fliege zu Dir! Fhlst Du noch Liebe fr mich, so
la uns vereint in dies Land zurckkehren, hier wollen wir leben, und eine
glhende Gegenwart soll das Andenken einer kalten Vergangenheit auf ewig aus
unsrer Seele vertilgen!

                               Siebzehnter Brief



                                Eduard an Barton

Nein! sie ist mit Nichts zu vergleichen, die Gewalt der Liebe! - Wohl ist das
eine Gottheit zu nennen, was alles um und in uns in einem Augenblick verndern,
dem wsten, kalten Leben einen heitern, glhenden Sinn geben kann! - Und nun
will ich ihr auch ewig ergeben bleiben, ewig ihr ehrfurchtsvoll huldigen, der
Gttlichen, der Herzerhebenden!
    Was geschehen ist, fragst Du erstaunt? - Nichts! - Nichts und doch Alles;
denn fhl' ich nicht, wie Alles um mich her verndert ist, wie die Bume und die
Blumen wieder, wie ehedem vor meinem Blick in freudigen Tnzen sich bewegen, wie
ich in dem Leben der Menschen, Geschichte und Zusammenhang sehe, und berall mir
wieder Licht und Ordnung erscheint! -
    Ach! diese schne Begeisterung war so fern, so fern von mir versunken, und
es schien mir ganz unmglich, jemahls wieder diese Hhe des Gefhls zu
erreichen! So vieles Irrdische, Todte, hielt mich lange, dicht umfangen; ich war
oft ganz darinnen vergraben, und sahe nun berall keinen Ausweg, keinen Zweck,
keinen Geist! - Schon hatte ich alles aufgegeben, und nun! - steh' ich nicht mit
einemmal wieder auf jenen heitern Hhen der Begeisterung, und betrachte von da
die Welt, die mir nun lauter liebliche oder rhrende Bilder zeigt, und woraus
alles Harte, Verworrene, Gemeine verschwunden ist? Fhl' ich mich nicht empor
gehoben wie eh'mals, ber die Menge, die sich da unten um taube Nsse zerqult;
und hat, und liebt nicht mein frmmer gewordnes Herz die Menschen inniger, je
mehr ich sie bersehe? - Und wenn ich Dir alles erzhle, so wirst Du vielleicht
lcheln, und wohl viele wrden es. Auch kann ich mich recht gut in Deine Ansicht
versetzen, aber dann bitte ich Dich, das einzige zu bedenken, was Dir alles
ehrwrdig machen wird, nehmlich, da alles, was ich empfinde, unwillkhrliche,
tief aus dem Herzen hervorquellende Wahrheit ist.

Seit einiger Zeit, hatte ich die Bekanntschaft eines Fremden gemacht, der,
gleich mir, auch erst seit Kurzem aus Deutschland, ob gleich aus einer ganz
andern Gegend hier angekommen war. Wir waren bei Betrachtung der Kunstwerke in
den Pallsten des Groherzogs fterer zusammengetroffen, und hier, wo unser Sinn
von den Eindrcken des Schnen erffnet war, hatte sich eine schnelle
Bekanntschaft zwischen uns entsponnen, die mit jedem Tage inniger wird.
Wenigstens fhlte ich mich, durch den Geist und die Anmuth meines neuen
Bekannten, so sehr angezogen und gefesselt, da ich es kaum wahrnahm, wie ich
ihm unvermerkt das Merkwrdigste meines vergangenen Lebens mitgetheilt hatte,
ohne dafr von seinen Verhltnissen etwas mehr erfahren zu haben, als da ich
ihn oft mit feuriger Beredsamkeit, aber im-mer nur im Allgemeinen von seinem
Aufenthalt in Deutschland hatte sprechen hren. - Er hatte meine Klagen und
meine Unzufriedenheit, mit dem Leben und den Menschen oft angehrt, ohne viel
darauf zu erwidern, aber als ich gestern von einem solchen Moment ergriffen,
wiederum ausrief: O! schner Himmel und lachende Erde! O Leben und Liebe! warum
seid ihr mir so fremd geworden? Mein Herz ist todt und vernimmt eure schne
Sprache nicht mehr! da sagte er mit einer seltsamen Zuversicht: ich will Sie
dem Leben zurckgeben; Morgen sollen Sie geheilt sein.
    Heute kam er zu mir und sagte, da er mich in eine sehr angenehme Gegend
fhren wolle. Wir kamen an eine Stelle, die romantisch schn war. Eine Grotte,
aus deren Tiefe ein Quell mit khlendem, klaren Wasser hervor sprudelte. Der
grne, unbeschreiblich frische Rand des Ufers, und die rthliche Felswand der
Grotte, welche mit berhangendem, grnen Gestruch bewachsen war, spiegelten
sich in der klaren Fluth, und bildeten einen reizenden malerischen Anblick. Hohe
Pinien, die mit ihren schlanken, kniglichen Wuchs und dunkelgrnen, schn
gerndeten Kronen, jedem Ort, wo sie stehen, ein romantisches, feierliches
Ansehen geben, verschlossen die Aussicht, bis auf eine kleine Oeffnung, durch
welche der Blick auf weite, helle Gegenden fiel, wo dichte Wlder von
Fruchtbumen, mit Saatfeldern vermischt, sich zeigten, wo das hohe Korn im
Schatten der Bume schwankte, und die Weinranken wie Krnze, von einem Baum zum
andern voll Trauben hiengen, und eine immer fortgehende Laube bildeten. - Hier
verweilten wir, und nach einem kurzen Schweigen sagte Antonio: Ich habe ihnen
ein Gemlde mitgebracht, und wenn es diesem nicht gelingt, ihr Gemth zu
erheitern, und sie wieder mit sich selbst zu vereinigen, so giebt es keinen Rath
mehr fr sie. - Hier zog er eine Rolle hervor, die er sorgfltig auseinander
wickelte, und dann an eine lichte Stelle der Grotte hielt, wo das Licht von oben
herab, darauf fiel, und es mit einer unbeschreiblichen Glorie umgab. - Ich sah,
und - erwarte nicht, Barton, da ich Dir schildern soll, was in mir vorgieng! -
es war Amanda! es war ihr Bild! - ihr Auge, in dessen wunderbare, se Nacht ich
mich einst so gern verlohren hatte, blickte mich mit heiliger Liebe und
Sehnsucht an, und wiederum ganz wie vormals, hatte ich alles andre vergessen,
sah' und fhlte in der ganzen Welt nichts mehr, als diesen Blick, der mich zu
ihren Fssen warf. Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir selbst gekommen war,
erhielt ich von Antonio alle Aufschlsse, die ich nur wnschen konnte. Er
erzhlte mir, wie er Amanda's Bekanntschaft gemacht, wie er ihr Freund geworden
sei, dem sie mit schner Offenherzigkeit, die Geschichte ihres Lebens und ihrer
Empfindung vertraut habe. Er wute mir ihre Handlungsweise, wodurch ich mich fr
so tief und bitter gekrnkt hielt, in ein so helles, richtiges Licht zu stellen,
da alle Wolken, die mir ihr Bild so lange verdunkelt hatten, auf einmal
zerrissen, und mir ihr Wesen, wieder so rein, so wahr, so menschlich erschien,
wie in den glcklichsten Stunden meines Lebens. - Mein letzter Brief an sie,
worinnen ich sie so herzlich um Aufschlu gebeten, mu durch Zufall, Gott wei,
in welche Hnde gerathen sein, denn sie hat nie einen solchen Brief erhalten,
und so fanden wir uns beide durch ein unwrdiges, wesenloses Miverstndni
gekrnkt und getrennt, das nur durch die Entfernung, Wesen und Gestalt erhalten
konnte. - Doch warum noch lnger an dieser qulenden Vergangenheit denken, da
nun alles so neu, so schn und glcklich ist? -
    Herrlich erscheint mir nun das Leben, jede Freude, jeder Eindruck findet
mein Herz offen und fhlbar, seitdem ich es wei, da die alte Liebe in ihrem
Herzen immer neu geblieben ist!

Antonio ist mein Nebenbuhler und ich wrde ihn frchten, wenn ich mich jetzt
nicht allzu glcklich fhlte; aber dem Glcklichen, wohnt Stolz und Khnheit in
der Brust. - Vor einigen Tagen sagte er mir mit einem scherzhaften Ernst, der
ihm sehr wohl stand: Mit der Vergangenheit sind sie nun abgefunden, aber nicht
mit der Gegenwart. Denn sie wissen, oder knnten es doch leicht gemerkt haben,
da mir selbst das Herz fr Amanda geglht. Es dulden, da Amanda in einem
schiefen, ungnstigen und unwahren Licht vor Ihnen erschiene, dies konnte und
wollte ich nicht. Auch wnschte ich sie von einem Irrthum zu heilen, der noch
immer wie eine dunkle Wolke ber Ihrem Leben hieng, aber weiter wollte ich
nichts. Von diesem Augenblick an, wollen wir nichts mehr von einander wissen,
denn zwei Nebenbuhler knnen nie Freunde bleiben. Ein jeder versuche nun, sich
der Neigung der Geliebten zu versichern, und wir sind einander wieder eben so
fremd wie vorher. - Mit diesen Worten verlie er mich, und ich habe ihn seitdem
nicht wieder gesehn.

                               Achtzehnter Brief



                                Amanda an Julien

Mein ganzes Wesen wird jetzt von einer unbeschreiblichen, nie gefhlten
Reizbarkeit beherrscht, die, wenn sie Krankheit ist, wie Manche behaupten, mich
glcklicher, als die vollkommenste Gesundheit macht. Ich denke fast gar nicht an
meine Verhltnisse und an die Zukunft; meine ganze Seele fhlt nur das schne
Bild von Antonios Werth und seiner Liebe, fhlt nur das Glck zu wissen, da
Eduard lebt, und da er nicht der Liebe unwerth war. Empfnglich giebt mein
Gemth sich jedem Eindruck, jeder Erinnerung hin, wie das leichte Gestruch der
Birke, zrtlich bei jedem Lftchen flstert. - Ich bin hier auf Nanettens Gut;
in wenig Tagen wird sie mit ihrem Gemahl hier ankommen; und ich will sie hier
mit einem lndlichen Fest empfangen. Wie wird sie meine Gegenwart, meine
Erklrung berraschen! Wie ist nun alles zwischen uns wieder so neu, so
jugendlich geworden! Eine Menge Freuden sind wie junge Blumen, um mich
aufgesprot! Gnne mir das Vergngen, Dir mit froher Umstndlichkeit, meine
kleine Reise zu schildern.
    Ich reis'te gestern Morgen von *** ab; der muntre Ton des Posthorns bewegte
wieder mein Herz wie sonst; ich sah das Leben wieder in dem schnen Gewand der
Jugend, der Ahndung, der Liebe, und meine Sinne konnten die Sprache der Natur
verstehen. - Nach einer langen, verheerenden Trockenheit, war jetzt gerade der
erste Regen gefallen, und ein unnennbar frisches Grn labte mein Auge. Die
klaren Regentropfen hiengen an den Bumen, wie Freudenthrnen. Wir kamen durch
Buchenwlder, die mich in groer, schauerlicher Majestt umwlbten. In den
Thlern zogen Wolken, wei und dicht, wie Schnee; oft sahen hoch oben, noch
Bume hindurch, und der Himmel schien herabgefallen, die Erde hinangestiegen zu
sein.
    Aber von dem sehr heftigen Regen war der Flu schnell angeschwollen, und wir
waren genthigt, einen weiten Umweg zu machen, der uns sehr versptete, und wo
wir uns von einer ganz andern Seite dem Ziel meiner Reise nherten. Schauerlich
krmmte sich der Weg durch einen unendlichen Wald. Hoch stiegen dstre Tannen an
der einen Seite gen Himmel; unabsehbar auf der andern in die Tiefe. Endlich ward
es lichter; die Strae senkte sich, und wir hielten vor einem kleinen
Wirthshause still. - Ich sah mich um, und es war als rauschten Schleier hinweg.
Auf der einen Seite khne, groe Bergmassen; auf der andern ein seeliges Thal,
von Bchen umarmt, aus dessen Mitte ein Eichenwald wrdevoll empor stieg. - O,
Julie! was fhlte ich, als ich es nun gewi wute, da ich in *** war, dem Ort,
wo ich mich einst so seelig fhlte! Ein wunderbarer Wahnsinn befiel mich; alle
Bsche, alle Felsen verklrten sich; aus den Wolken, aus den Blumen sah' die
Liebe mich mit trunknen Augen an, in mir tnten freundliche Melodien, und ich
konnte nicht mehr anders als in Rhythmus denken. Die Wirthin erinnerte sich,
mich gesehen zu haben; ich erkannte sie wohl, sie war mir sehr lieb! - Ich
setzte mich in dem dunkeln Buchengang, nicht weit vom Hause, der zu zrtlichen
Gesprchen einzuladen schien. Der Mond warf aus seiner Wolke einen Silberblick
auf den Berg, da der weie Fels am Gipfel desselben, wo ich einst Eduard
gesehen, mir wie ein weies Blthenblatt der Vergangenheit in die Seele schien;
Alles erhhete meine Stimmung. Und als nun spter der Wirthin Mann zurckkam,
und ein liebliches Kind ihm entgegen lief, er es liebevoll im Arm nahm, und die
beiden in schner Freundlichkeit vor der kleinen Thr des Hauses saen, da
schien es mir, als blickten selbst die Sterne zrtlich ber diese Gebrge, und
es war wohl kein Wunder, da ich die ganze Nacht von Wiedersehn und Freude
trumte? - Welch ein seeliger Morgen war der folgende! - Ich setzte mich unter
eine hohe Linde, in deren weiten, grnen Welt ein frhliches Summen lebte. Die
heitre Herbstluft strich durch die Thler, und strahlte in der Ferne, wie
Silber. Es war Sonntag; die rhrende Stimme der lndlichen Glocke tnte durch
die stillen Ebnen und rief die Bewohner der niedern Drfer herauf. - Der Wald
lockte mich unwiderstehlich mit seiner Khlung, und ich gieng hinein. Ueber mir
blickte die Sonne nur verstohlen, wie durch grne Wolken hindurch, aber mein
Herz war mit so freudigen Bildern erfllt, da ich die tiefe Einsamkeit und das
wunderliche Rufen der Waldvgel nicht achtete, und ohne Furcht den Weg
verfolgte. Und bald, bald stand ich wieder da, unter den Klippen wie einst, und
unter mir der herrliche Grund in einem Meer von Sonnenstrahlen schwimmend. Dicht
neben den Klippen, plauderte ein Maienwldchen, mit dessen kindischen Zweigen
und Blttern ein leichter Morgenwind sein Spiel trieb. Ich blickte auf sie
hinber, wie in das Land der Kindheit; die Klippen, die undeutlich und wild sich
um mich drngten, wurden mir zur Allegorie der spteren Zeit, und ich flchtete
mich schnell in die leichten Schatten des Wldchens, wo ich mit dem lebendigsten
Bewutsein, alle holden Trume des Kinderlebens mir zurckrief.
    Ich gieng weiter. Am Flu stand ich lange still, von dem Gerusch der Wellen
angenehm betubt. Trumend sah ich an den hohen Bumen des Ufers hinab, und ihr
krftiges Ansehen, das Leichte, Gefllige ihrer Bltter, bewegte mich mit
freudiger Rhrung. Die festen, starken Stmme, standen ruhig in der sichern
Erde, inde die hohen, leicht bewegten Gipfel in reinerm Aether und Sonnenschein
sich wiegten. So, dachte ich, ist der vollendetere Mensch; mit seinem Willen
fest auf sich selbst gesttzt, steht er im Leben da, inde die feinsten Getriebe
der Seele, die holden Kinder der Phantasie und des Geschmacks, leicht, wie die
Bltter und Blthen in hhern Regionen suseln und leben drfen!
    Ich kam nach Hause, und mein freundliches Stbchen umfieng mich. Mir war
sehr wohl! Es war in mir das Gefhl des freudigsten Wiedersehens. Ich hatte
meine liebsten Wnsche, meine glcklichsten Trume, meine schnsten Bilder, ich
hatte mich selbst wieder gefunden. -

Wieder mich whnend,
droben in Jugend,
in der vertaumelten lieblichen Zeit,
in den umduftenden
himmlischen Blthen,
in den Gerchen, seeliger Wonne
die der Entzckten, der Schmachtenden ward!

Diese Worte kamen mir so lebhaft und unwillkhrlich in den Sinn, da ich sie
laut sagen mute. Sie begeisterten mich; es war, als flgen die Wnde des
Stbchens auf, und es ward zum Tempel. Zauberische Irrgnge, Myrthenhaine und
ein griechischer Himmel umgaben mich von allen Seiten; in der Mitte des Tempels
erschien der Genius der Liebe mit flammen der Fackel; schn bekrnzte Jnglinge
und Mdchen tanzten im frohen Gewhl durch einander. - Und sieh'! das ist die
Gewalt des Dichters, da er durch Eine wahre Empfindung, die er in das
Zauberkleid der Dichtung hllt, und an ein fremdes Schicksal knpft, in dem
hnlich empfindenden Gemthe, eine schne Kette von Bildern, ein magisches
Gemisch von Wahn und Wirklichkeit hervorrufen kann! -
    Ich dachte nun mit Ernst an die Anordnung der Feierlichkeiten. Die Erfindung
einiger Inschriften, die Vertheilung einzelner Gruppen, die Wahl der Pltze und
der Vergngungen kostete mir wirklich des Nachdenkens genug, denn ich wollte
nicht allein Nanettens Geschmack huldigen, sondern sie sollte auch meinen
eigenen, in diesen Anstalten finden; und beides war nicht eben leicht zu
vereinigen. Indessen hoff' ich doch, da es mir ziemlich geglckt ist. Die
reizende Gegend hat mir herrliche Dienste gethan; manche Stellen scheinen ganz
eigen fr meine Ideen geschaffen zu sein, und auf der andern Seite lebt hier so
ein muntres, lustiges Volk, das sich mit ganzem Herzen, einem frohen Tage
hingeben kann, so da Nanette ohne Zweifel nach Wunsch an die Wirklichkeit
erinnert werden soll. - Bis sie kommen, will ich mich noch ganz an den Reizen
dieser Gegend sttigen; denn nach meinem Sinn, kann ich eine schne Natur
weniger genieen, wenn ich sie in geliebter Begleitung sehe. Der reine Genu der
Natur, ist fr Einsamkeit, fr Erinnerung und Hoffnung, und da wird selbst die
Sehnsucht zur Wollust.

Sie sind nun da, und uns vergehen die schnsten Tage. Ich geno die Genugthuung,
Nanetten sogar einige Augenblicke lang gerhrt zu sehen. Aber bald erlangte sie
ihre alte Dreistigkeit wieder, mit der sie ber Alles scherzen kann. Ihre
Ansichten sind, wie ihr Ansehen, unverndert geblieben, alles Lebendige,
Geschmackvolle, Scherzhafte reizt sie, gefllt ihr, ja sie behauptet sich in
ihren Ideen fast mit grerer Heftigkeit, aber mit noch eben so viel Anmuth, wie
vor dem. - Sie liebt Umgang, und kann nicht ohne ihn leben; doch treibt sie ihre
Laune oft an, ber Andre zu spotten; aber sie thut dies mit so viel Witz und
Gutmthigkeit, da diese Neigung an ihr ein neuer Reiz wird, so sehr auch andre
oft durch sie verunstaltet werden. - Denn fters habe ich Menschen, die stets
von fremden Fehlern sprachen, geistreich nennen hren, die mir immer uerst
geistarm vorkamen. Denn wie viel leichter ist es, die Unterhaltung mit dem Tadel
andrer, zu wrzen, da dadurch der geheimen Schadenfreude andrer, und dem sen
Wahn der Ueberlegenheit geschmeichelt wird - als Gesprche zu fhren wissen, die
ohne diesen Kunstgriff reizen und unterhalten. Nein, nur wer mit so viel Laune,
Geist und Virtuositt wie Nanette zu spotten wei, nur der sollte es sich
erlauben!
    Recht sehr berrascht fand ich mich, als ich in Nanettens mir noch
unbekannten Gatten, eine wohlbekannte Gestalt wiederfand. Barton war es, er, den
ich von allen Mnnern am wenigsten an Nanettens Seite zu sehen erwartet htte!
Wie sehr sich Nanette an meiner Befremdung ergtzte, kannst Du Dir denken. Sie
scheinen sehr glcklich zu sein; Barton ist ein feiner Mann, der mir jetzt weit
besser gefllt, sei's, weil unsre Verhltnisse oder meine Forderungen an die
Menschen sich gendert haben. Es ist nun alles zwischen uns zur Sprache
gekommen. Und Eduard! - O Julie! wie wahr, wie innig hat er mich geliebt! - Auch
alles, wie er sich nachher benommen hat, da er von meiner Unzuverligkeit
berzeugt war, ist ganz so wie es mir gefllt. - Er ist ganz, das geworden, wie
ich mir ihn stets gewnscht, stets gedacht habe. - O! beschtzt ihn, gute
Geister der Ferne! beschtzt meinen Freund! da ich ihn nur einmal sehen, einmal
noch in seiner Nhe athmen kann! -
    Und nun Julie! siehst Du, wie alles aus jener Zeit der Verwirrung so licht,
so geordnet geworden ist? O! la immer das Gefhl walten, es erwhlt stets das
Wahre, das Sichre! - La uns diese Sphre lieben, und lcheln, wenn ein Theil
der Mnner mit stolzem Mitleid, uns darauf beschrnkt glauben. - Mann und Weib
erscheint mir oft, wie Musik und Mahlerei. Der Mann mu alles aufzuhellen
streben, und sein Wesen deutlich und schn darstellen, inde das Weib ihr Gefhl
in heiliges Dunkel hllt, und mit kindlichem Vertrauen, ihrem Schicksal entgegen
geht!

Heute erhielt ich diesen sonderbaren Brief von Wilhelm, der, wie ich Dir
vielleicht schon geschrieben habe, seit einiger Zeit mich verlassen hat, um sich
in einer andern Stadt auf eine zweckmigere Weise, auszubilden:

                                 Liebe Mutter!

Ich bin nun von Dir getrennt, weil Du es wolltest, und wenn dies nicht wre,
und ich mir nicht so oft sagte, da es Dein Wille ist, so wre ich schon lngst
zurckgekehrt. - Ich fhle es tglich, da ich in der Welt keinen Menschen, als
Dich habe, fr den ich lebe, da ich nichts, gar nichts in der Welt habe, als
meine Liebe zu Dir, in der ich aber so reich bin. - O! ich hoffe, ich darf Dir
alles schreiben, was ich fhle, denn ich habe ja Niemanden, dem ich mich
mittheilen mchte; nicht aus Demuth, sondern aus Stolz. Es ist mir oft, wenn ich
Andern meine Empfindungen sagen will, als wollt' ich Bettlern oder Unwissenden,
Banknoten hingeben, und sie mten mich auslachen, weil sie glaubten, ich wollte
ihrer, mit dem Papier, wofr sie sich kein Brod kaufen knnen, spotten. - Sieh'
so steh't es mit mir; Du, liebe Mutter, bist das einzige Wesen, dem ich
angehren kann. La mich Dir ewig dienen in dem schnen Gewande, das Du mir um
die Schultern gelegt hast, und das mit vollen malerischen Falten ber ein Herz
herunter wallt, worein Dein Bild so lieblich und treu gezeichnet ist, und das so
gut ist, als Du Dir nur denken magst. -Ja mein Herz, ist mein einziger Stolz,
mein einziger Trost, es mte dann Deine Liebe verlieren, dann - ja, dann wre
ohnedies alles verloren. Aber Du wirst Dein Geschpf nie aufgeben, und ich darf
also sagen, da mein Herz, in welchem Du lebst, mein einziger Trost, so wie mein
Kopf, meine einzige Sttze werden soll. - Mutter! ich werde Dir dann hnlicher
sein - welch' eine Wollust ist mir der Gedanke, Dir hnlicher! - Auch Dir ist
Dein Herz, einziger Trost gewesen, und Dein Kopf mit der freundlichen Stirn, mit
der hohen, feinen Miene, und der Schwermuth in den schwarzen Augen, und der
Liebe, der sen und ernsten Liebe auf den Lippen. - Zwar habe ich Deine Leiden
nie einsehen knnen, denn Du wurdest ja immer von allen geliebt, was Dich umgab,
und durftest whlen, und konntest doch alle entbehren, weil Du in Dir selbst so
reich warst, aber doch habe ich gefhlt, da Du littest, und wie gro mu Dein
Herz sein, da Du bei Deinen eignen, vielleicht sehr verwickelten Verhltnissen,
allen Deinen Freunden mit Deinem Rath und Deiner Liebe dienen konntest, als
wr'st Du selbst von allen Sorgen gnzlich frei! - Auch ich hatte an dieser
Vorsorge Antheil, und o! ich bitte Dich nochmals dringend! la sie nie enden,
la mich nie frei sein! Diese Freiheit ist mir schrecklich, frei wie ein
Einsiedler! - O! Mutter! Es wird Dir gewi einst wohlthun, einen Menschen, dem
Du so viel gegeben hast, durch Dich und um Dich gro und gut werden zu sehen! -
O knnte ich die Seeligkeit des Gefhls mit Dir theilen, das sich jetzt in
meinem Herzen voll und wohlthtig ausbreitet! In diesem Moment fhl' ich innig,
wie viel besser, wie sehr gut ich schon durch Dich geworden bin. Dank, ewigen
Dank! - Das Band, welches mich an Dich bindet, kann nicht mehr zertrmmern, denn
Du hast so unendlich viel in mir erschaffen, was nicht aufhren, sondern immer
wachsen mu. Du hast durch Deine Vortrefflichkeit, jede Art von Liebe in mir
erregt. Ich ehre und liebe die Natur, die ein Geschpf, wie Dich hervorbringen,
die eine solche Schpferin schaffen konnte. - O! da Du einst mit Freuden auf
mich, als Dein Werk sehen mgtest! Schreibe mir nur wenige Worte, ob es Dir
wohlgeht, denn sonst mu ich gleich zu Dir hin, weil mich die Angst der
Ungewiheit tdten wrde! - Und, dann schreib mir auch, ob Dir mein Brief
gefllt, und was Du nicht gerne von mir hrst, damit ich Dir mit freiem und un
gedrcktem Herzen wieder schreiben kann, denn ich wrde gewi ewig jede Zeile
beweinen, mit der ich Dir Verdru gemacht htte!
                                                                        Wilhelm.

Ich gestehe Dir Julie, da ich diesen Brief nicht ohne Thrnen habe lesen
knnen. - Es ist eine Innigkeit darinnen, die unverkennbar aus dem Herzen kmmt,
aber, was mich so unendlich schmerzt, - aus einem beklommenen Herzen. - So werth
mir Wilhelm immer war; so wenig hab' ich doch, wie mir nun klar wird, auf das,
was in ihm vorgieng, geachtet. - Seine innige Anhnglichkeit, nahm ich fr die
natrliche Ergebenheit eines dankbaren Kindes, sein Schweigen, seine stille
Trauer in der sptern Zeit, fr Ruhe oder Ge fhllosigkeit. - So enthllt doch
meist erst die Entfernung, was in der Gegenwart verborgen blieb, und der
Buchstabe kann oft leichter verknden, was der Mund sich zu bekennen weigert!
Indessen seh' ich keine nachtheiligen Folgen fr den Jngling voraus - Ich stand
ja vor ihm in allen den Beziehungen da, die nur die schnsten Gefhle des
Herzens erwecken knnen, so da das seinige wohl natrlich sich so an mich
gebunden fhlen mute; und diese frhe Neigung, glcklich geleitet, vermag ber
sein ganzes Leben den schnsten zauberischen Duft zu hauchen, der alle Blthen
desselben mit hhern Reizen beleben, und vieles Schdliche von ihm entfernt
halten wird. Und zuletzt - wird irgend ein urer oder innrer Umstand diese
Ewigkeit zertrmmern, wohl ihm, wenn ihm dann die Innigkeit der Empfindung
bleibt, ob gleich er mit dem Gegenstand wechselt!
    Ich scheide mit heiterm Herzen von Dir! - alle unangenehmen Eindrcke sind
weit von mir entrckt, die Natur umfat mich, enthllt, und verhllt die Welt
vor meinem Blick! Ich fhle es innig, das ist die se, reine Gegenwart, das
wahre Leben, das nichts will, und alles in sich fat, und das ich nicht
beschreiben mag, denn wer es je besa, der kennt es, und wrde es vielleicht
nicht wieder erkennen, wenn er es beschrieben fnde.

                               Neunzehnter Brief



                                Amanda an Julien

Ich bin, seit ich Dir nicht geschrieben habe, sehr ernstlich krank gewesen, und
der Arzt hat mir als Mittel zur Wiederherstellung meiner Gesundheit, eine Reise
verordnet, die ich in wenig Tagen, anzutreten gedenke. Es war wohl kein Wunder,
da die Erschtterungen meines Gemths, auch auf den Krper Einflu hatten, aber
was man mir auch von dem Bedenklichen meines Zustandes sagen mag, so fhle ich
doch meinen Geist unbeschreiblich heiter und frei, und meine ganze Stimmung
ungewhnlich erhht und freudig. - Ich werde nach Lausanne reisen, weil ich mir
von den Reizen des dortigen Klimas und der Gegend den angenehmsten Genu
versprechen darf, und eine geheime Sehnsucht mich wieder nach diesem Ort, den
ich schon kenne, hinzieht.
Ich endige diesen angefangenen Brief an Dich, erst auf der Reise. Ich bin in * *
* und habe heute gewi einen der merkwrdigsten Tage meines Lebens verlebt.
Meine Reise bis hieher war glcklich, zwar hatte die Trennung von jener Gegend
und meinen Freunden mich tief gerhrt; auch die andern berlieen sich der
heftigsten Trauer, und Nanette war in einer Bewegung, wie ich sie nie gesehen
habe. Doch hat mir der wohlthtige Einflu der Reise, meine vorige Heiterkeit
zurckgegeben, und ich hoffe, da auch meine Freunde nun wieder freudig an mich
denken werden. Doch nun zur Schilderung des heutigen Tages, dessen Eindrcke
noch meine ganze Seele beschftigen.
    Ich wollte diesen Ort nicht verlassen, ohne die Einsiedelei besucht zu
haben, die vor mehr als hundert Jahren von einem Eremiten in einer kleinen
Entfernung von der Stadt angelegt worden ist, und noch jetzt von einem Kapuciner
bewohnt und unterhalten wird. Romantischer als die Gegend, worin diese
Einsiedelei liegt, vermag die fruchtbarste Einbildungskraft sich nichts zu
denken. Hohe, steile Felsenwnde, die von der Allmacht eines Gottes aus einander
zerrissen zu sein scheinen, umschlieen ein enges, tiefes Thal, das aber nichts
Furchtbares, nichts Bengstigendes hat, weil es, nach beiden Seiten hin,
freundlich geffnet, sich in einem fernen, lachenden Grund zu endigen scheint.
Ueber das tiefe Bett eines reissenden Bachs, fhrte von einem Felsen zum andern,
eine Brcke zu der Wohnung des frommen Einsiedlers. In der kleinen niedlichen
Htte athmete alles Ruhe, Andacht und Gengsamkeit; nutzbare Pflanzen und
Kruter blhten in dem Grtchen vor der Wohnung, und einige sorgfltig
gepflanzte Blumen, besonders Rosen, gaben dieser Wildni einen unbeschreiblich
rhrenden Reiz. Ich fhlte meine Seele von dem heiligen Einflu dieser Stelle
durchdrungen, der noch mchtiger wurde, als ich die ehrwrdige Gestalt des
Einsiedlers erblickte, der mich mit stiller Freundlichkeit begrte. Die Ruhe in
seinen Zgen, die hohe Freudigkeit in seinem reinen, himmelblauen Auge, war
nicht Stumpfheit oder Zersthrung aller menschlichen Gefhle und Wnsche, nicht
wesenlose, kranke Schwrmerei - nein! es war die glckliche Auflsung aller
Zweifel des Lebens, die Sicherheit vor jedem innern Kampf, die freudige
Entscheidung der den Menschen wichtigsten Fragen, die Ahndung einer schnen
Zukunft. - Meine Begleiter waren am Fu des Felsens zurckgeblieben, und ich
setzte mich mit dem Einsiedler auf die Rasenbank vor der kleinen Htte, wo
unschuldige Blumen uns umrankten, und die heiterste Bergluft uns umsuselte. -
Hier fanden wir uns bald in Gesprchen vertieft, wie sie nur von Menschen
gefhrt werden knnen, deren Inneres ohne Falsch ist, und die sich durchaus in
keinen Verhltnissen des Lebens berhren, als in solchen, welche den Menschen
allgemein und heilig sind. - Ich konnte ihm alle meine Ideen, meine Zweifel und
Hoffnungen ber Leben und Tod, alle meine Wnsche und Neigungen frei entdecken,
und fand in seinen einfachen Gegenreden, Beruhigung, Sicherheit und Freude. Dir
alle unsre Gesprche, der Folge nach, mitzutheilen, ist mir unmglich, obgleich
meine ganze Seele, noch mit ihnen erfllt ist, aber ich will hier einige
Fragmente seiner Gesprche hinschreiben, in welchen Du seinen Sinn aufs
getreueste bergetragen findest, wenn es auch seine Worte nicht immer sein
sollten.

Es giebt Eine Religion, sagte der fromme Einsiedler, welche allen andern
Religionen vorhergieng und zum Grunde liegt, und wer sie erkennt, dem geht eine
Klarheit auf, in welcher er den Zusammenhang Aller einsieht, und welche Licht
ber alle Verhltnisse sterblicher Wesen verbreitet. - Die Gottheit hat ihren
Dienst selbst geoffenbaret; es war eine Zeit, wo Gtter mit den Menschen
umgiengen, wo wirkliche Gttergestalten lebten. Daher die Heiligkeit des fernen
Alterthums; je hher hinauf, je mehr Gre, Einfachheit, Gttlichkeit; alles
deutet darauf hin. Das, was wir Mythe nennen, ist nur der ferne vielmal
gebrochne Widerhall einer ehemaligen Wahrheit, nicht die Menschen erfanden es,
sondern es war, und ich hoffe, dies wird einst bewiesen werden; diese Wahrheit,
welche die fromme Vorwelt glaubte, und die Mitwelt vergit, wird einst das
sichre, klare Resultat der Nachforschung, der Wissenschaft, der Weisheit sein! -
Erstaunt werden die Menschen dann mit Ueberzeugung anerkennen mssen, da das
Morgenland die Wiege der Menschen, der Aufenthalt der Gtter war, welche die
Menschen einst ihre unmittelbaren Offenbarungen wrdigten, und da alle
Religionen dieses Ursprungs des einzig Wahren, sind!
    Und warum sollten Offenbarungen nicht mglich, nicht wirklich sein? - Ich
selbst habe die Stimme Gottes, fters laut in meiner Seele vernommen, ein
unwiderstehlicher, seeliger Drang, hat mich hinaufgezogen in den blauen,
endlosen Aether, wo eine Stimme mir zurief: Hier bin ich! hier ist Wahrheit! -
Ich wei es gewi, da ich ein Theil seines Wesens bin. So wie der Aether durch
die Feinheit seiner Theile berall eindringt, ohne verletzt zu werden; so bleibt
der allenthalben gegenwrtige Geist in Allen, ohne verndert zu werden; und wie
eine einzige Sonne die ganze Welt erleuchtet, so erhellt der Weltgeist alle
Krper. Diejenigen, welche mit den Augen ruhiger Weisheit wahrnehmen, da Krper
und Geist also unterschieden sind, und da es fr den Menschen eine endliche
Trennung von der animalischen Natur giebt, die gehen in das hchste Wesen ber.
Auch die werden mit ihm vereinigt, deren Werke nur ihn zum Gegenstand haben, die
ihn als das hchste Wesen betrachten, ihm einzig dienen, allem persnlichen
Vor-theil entsagen, und ohne Ha unter den Menschen leben.
    Doch soll der Mensch nicht unthtig, ohne Antheil, und als wre er ohne
Sinne, seine Tage auf der Erde verleben. Der Mensch soll handeln; er darf seinen
natrlichen Neigungen folgen, seine Wnsche zu erfllen streben, und die Freuden
der Erde unschuldig genieen. Und nur dann wird er schuldig, wann er sein Gemth
ganz dem Irrdischen und Vergnglichen hingiebt, das ihn immer mehr mit Unruhe
und niedrigen, dunkeln Leidenschaften erfllt, und ihn, des in ihm wohnenden
Gottes, und seiner eigentlichen Heimath ganz vergessen lt. Der Mensch
hingegen, welcher bei Erfllung seiner Lebenspflichten, fern von eigenntzigen
Bewegungsgrnden, ohne ngstliche Unruhe wegen des Erfolgs seiner Handlungen,
nur das hchste Wesen vor Augen hat, der bleibt, mitten im Gerusch der Welt,
rein, wie die Alpenrose von Klippen und Verheerung umgeben, unberhrt ihre
reinen und sen Dfte aushauchet. Ein solcher praktischer Mensch, welcher die
Pflichten seines Lebens, blos durch seinen Verstand, sein Gemth und seine Sinne
vollzieht, ohne da dadurch die Ruhe seiner Seele gesthrt wird, der, um seiner
innern Reinheit willen, allen persnlichen Vortheil entsagt, und den Erfolg der
Handlung nicht achtet, der gelangt zu einer unendlichen Glckseeligkeit, whrend
der Unbeschftigte, welcher dabei irdische Wnsche in seinem Herzen trgt, in
den Banden der Sklaverei bleibt.
    O! es wird eine Zeit kommen, wo alle Menschen wiederum niederfallen, vor dem
ewigen Wesen, das
    alle Religionen versteht! und ich ahnde, hoffend, da sie nicht fern ist!
    Geniee die kurze Zeit, die dir noch vergnnt ist, sagte er, - indem er mir
mit einem wunderbaren Ausdruck von Rhrung und Mitleid ins Auge sah, - der Erde
und der Gegenwart. Folge deinen Neigungen, wenn sie wahr und natrlich sind,
aber verehre in deiner Seele, unermdet, das Gttliche, was du in dir fhlst,
und la dein Gemth, nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh
erfllt, und herniedergezogen werden.

Es war spt geworden, als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verlie. Die
Sonne gieng mit namenloser Herrlichkeit unter, und strahlte einen berirdischen,
goldnen Schimmer an die Hupter der fernen Schneegebrge! Sonne! - sagte der
fromme Bruder, mit sanft erhhter Stimme, aber immer gleicher, ruhiger Miene, -
Du bist mir das Bild der Gottheit! und du reiner Aether, der, allgegenwrtig
Alles durchdringt! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt, also
ich euch!
    Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unplichkeit - und
wirklich fhlte ich mich krperlich nicht ganz wohl - mir meinen Beitrag zur
Unterhaltung fr heute zu erlassen, und kam schweigend, aber voll ernster,
wunderbarer Eindrcke nach Hause.

                               Zwanzigster Brief



                                Amanda an Julien

Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt, wo ich mehrere Monate
zubringen werde. Der Himmel ist mir so freundlich, da er die schnsten
Herbsttage herabsendet, die nur je die Erde mit ihren blhenden Kindern, fr den
nahen Abschied der geliebten Sonnenwrme, schadlos gehalten haben. - Ich fhle
mich unbeschreiblich wohl, ob gleich ich es, der Behauptung meiner Begleiterin
nach, nicht sein soll. - Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees, und geno
eines wunderbar schnen Abends. Das leuchtende Auge des Tages blickte, nach
einem, fr diese Jahrszeit ganz ungewhnlich heien Tage, noch einmal durch
dunkle Wolken ber die glhende Erde, und verbarg sich hinter die Gebirge; nur
an den hohen Berghuptern schimmerte der feurige Schein. Drohende Gewitterwolken
zogen wie ein furchtbares Kriegsheer vorber, und schauten bermthig herab, auf
die reifen, schwellenden Frchte, und die bunten, lchelnden Blumen, die sie in
einem Augenblick zertrmmern konnten. Schwer athmeten die Geister der Lfte, die
Vgel waren verstummt. Da nahte der freundliche Abend, und schlang um die
glhende Erde seine leichten Schattenarme. Die Natur schpfte wieder Athem und
verhllte sich in den zarten Schleier der Dmmerung. Der See schien zu
verweilen; Phbe blickte im Glanz ihrer Gottheit in die Wellen und nur leise
Schatten und ein dreimal seres Dften der Pflanzen und Bume, bezeichneten den
ambrosischen Hauch der Nacht. Ganz den Eindrcken der Natur hingegeben, erfllte
sich mein Herz mit heiliger Sehnsucht. Ihr goldnen Stralen, dachte ich, ihr
Stimmen der Lfte, ihr aus den Wldern hervorquellenden Ahndungen, ihr seid
Bilder einer andern Welt! ihr lockt das Gemth von der Erde hinweg - und du,
schne Liebe! was bist du anders, als ein Wiederschein aus jener schnern Welt!
- O! zu sterben im seeligen Gefhl der glcklichen Liebe, welcher Tod knnte
schner sein? - Dann schwnge sich die Seele auf feurigen Wolken gen Himmel, wie
einst Auserwhlte, Lieblinge der Gottheit, und empfnde den Tod nicht!

Ich habe seit Kurzem mehrere Briefe von Antonio erhalten, die so schn sind, da
ich sie Dir gern mittheilen wrde, wenn ich mich von ihnen trennen knnte, und
zum Abschreiben jetzt nicht zu trge wre. Alles, was er mir schreibt, athmet
die innigste Liebe, hohe Geistesfreiheit, reine natrliche Ansicht unsers
Verhltnisses. Ich fhle, da ich diesen Mann anbeten und lieben mu, und warum
sollte ich nicht? - Die Behauptung, da wir nur Einmal, nur Einen einzigen
Gegenstand lieben knnen, ist ein phantastischer, ja schdlicher Irrthum. Wir
begegnen im Leben mehrern Wesen, zu denen uns die Neigung hinzieht, und die wir
lieben knnten, wenn die Mchte des Schicksals die zarte Blume zur Reife
brchten, denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen. Freilich wird
derjenige seltner gerhrt, dessen eignes Wesen seltner ist, freilich rhrt uns
ein Gegenstand schneller, ein andrer langsamer, und wir werden desto strker
angezogen, je mehr wir in dem fremden Wesen, Eigenschaften finden, die uns die
liebsten sind, und dann ist die Liebe am schnsten und vollkommensten, wo das
Schnste, Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird. Aber Fehler selbst
knnen Liebe erregen, und fester verbinden.

O Julie! wie soll ich Dir sagen, was geschehen ist! - Er ist hier, Eduard ist
hier! Er athmet wieder in meiner Nhe! - Er war auf der Reise nach ***;
unterweges erfhrt er, da ich hier in Lausanne bin; er eilt hierher;
unvermuthet treffen wir uns - o! wie sollte ich es wagen, Dir diesen Augenblick
schildern zu wollen? - Alles, Alles ist vergessen, und ich sehe ihn
liebenswrdiger, liebender und geliebter als je! Wir leben wieder, und
glcklicher, in jener glcklichen Zeit; die Jahre, die dazwischen liegen, sind
eingesunken, ber ihre Trmmer drngen sich die Blumenranken jener Zeit frisch
und unversehrt hervor, und alle Knospen entfalten sich, zu den vollsten,
herrlichsten Blumen. - Welch eine Gegenwart! - La mich schweigen; denn die
Sprache kann zwar das Glck der Vergangenheit und Zukunft schildern, aber die
Seeligkeit des Augenblicks entzieht sich ihrem Ausdruck, gleich einem heiligen
Geheimni, das nicht ausgesprochen werden darf.

Ich mu Dir schreiben, Julie, - die Tage entfliehen - aber erwarte nur Fragmente
von mir. Ich bin verwirrt, seelig berauscht! - Oft fhl' ich mich den
Himmlischen nahe, und vernehme die Sprache freundlicher, unsichtbarer Mchte,
leise, aber zuversichtlich in meiner Seele! Ganz in Liebe und Harmonie
aufgels't, tnet die erhabene Musik der Sterne und Welten, in mein Gemth, die
leichte Scheidewand verweht, und entkrpert tauche ich mich in das unendliche
Meer der Liebe, worinnen die Wesen unsterblich sind! -
    Gestern - Dir das zu erzhlen ist heute der Zweck meines Schreibens -
gestern fuhren wir nach Hindelbank, um das berhmte Grabmal von Nahl zu sehen. -
Auf der Reise machte Eduard unsre Verbindung zum Gegenstand aller unsrer
Gesprche. Stolz, feurig und leidenschaftlich, wie er ist, war ich schon die
ganze vorhergehende Zeit mit Bitten, bald, ohne Verzug darein zu willigen, von
ihm bestrmt worden; aber, immer stellte sich Antonios Bild, seinen Wnschen
entgegen; ich mute diesem schreiben; wollte einen Brief von ihm erwarten, und
so hatte ich muthig widerstanden. - Wir kamen an das Grabmal, und da man die
Vorsicht gebraucht hatte, schon vorher die nthigen Lden zu ffnen - was sonst
oft den vollen Eindruck sthrt - so sahen wir es gleich bei'm Eintritt gehrig
beleuchtet, und empfanden den ganzen Eindruck dieses Kunstwerks. - Ich hatte es
vorher noch nie gesehen, und wrde Dir es zu schildern versuchen, wenn es nicht
schon so oft beschrieben worden wre. Wehmthig gerhrt stand ich vor dieser
himmlischen Gestalt, die im Leben fr eine der schnsten ihres Landes galt. Die
Nhe des geliebten Mannes, der im blhenden Leben vor mir stand, erfllte mich
in diesen Augenblicken, mit schmerzlicher Freude; ich fhlte mich glhender, als
je zu ihm hingezogen, und wunderbare Bilder und Ahndungen von Leben, Tod und
Unsterblichkeit, zogen mich in eine tiefe, namenlose Betubung hin, in der ich
lange schweigend dastand. Die geliebte Stimme weckte mich endlich wie der Ruf
der Engel die Todten. Theure Amanda, sagte diese Stimme, die mir in's Herz
drang, sieh' das Leben ist flchtig, und das Schnste vergnglich, kannst du
noch zgern wollen? - Ich konnte nichts antworten, die Welt verschwand mir, und
ich sank an seine Brust.

Wir sind verbunden. Hier, ganz so wie es Eduard wnschte, war unsre Trauung;
hier ward auch fr Andre der Bund besttigt, den Neigung, Vertrauen, Phantasie
und Wahrheit, nur selten so schn schlingen, der Bund, der - ich glaube es fest
- nur selten in seiner wahren Bedeutung und Reinheit, zwei so glckliche Seelen
verband. - O! Julie, so war es keine Tuschung? kein vergnglicher Wahn der
Jugend? - Nein! es giebt Ahndungen, die durch das Leben gehen! - Sie sind die
Stimmen eines hhern Geistes, der in uns wohnt, und das ergebne Gemth vernimmt
sie, und folgt ihnen! -- Ich mu weinen, Julie, denn ich bin zu glcklich.

Welche Tage hab' ich verlebt, welche erschtternde Scenen! - Ich will Dir es
schildern, so lange es mir die heftige Bewegung, in der ich noch bin,
verstattet.
    Ich halte mich fr krank, so lang ich allein bin, aber kaum seh ich Eduard,
so fhl' ich keine Schmerzen mehr.
    Wir hatten beschlossen, in Gesellschaft einiger Freunde, eines der
merkwrdigsten Gebrge dieser Gegend zu besteigen. Zwar fhlte ich vorher,
einige Anwandlung von Krankheit, doch verbarg ich sie vor den andern und verga
sie ber den Freuden und der wohlthtigen Anspannung der Reise bald selbst. Wir
hatten uns mit allem versehen, was uns die Beschwerlichkeiten des Wegs versen
konnte; unsre Begleitung war munter und jovialisch und die mannichfaltigen
Gensse und Freuden unsrer Unternehmung lieen uns die Mhseligkeiten derselben,
gnzlich vergessen, obgleich diese, ich gestehe Dir's gern, nicht unbedeutend
waren. Oft mute ich mich sorgfltig hten, irgend einen neugierigen oder
ngstlichen Blick in die schaudervolle Tiefe an meiner Seite hinunter zu thun,
weil ich dann schwindelnd, leicht dem Blick selbst, htte folgen knnen, und
beinah schien es mir unmglich, die letzten steilen Pfade, die zum Gipfel
fhrten, hinauf zu klimmen. Doch that ich es mit Anstrengung aller Krfte. Und
als ich nun oben stand, und alle Berge entschleiert, alle Thler entnebelt, und
die zahllos um mich verbreiteten Wunder sah, da fand ich mehr, als die reichste
Entschdigung. Keine Sprache vermag die Empfindungen des Erstaunens, des
Entzckens und des Entsetzens auszusprechen, die durch diese Aussicht erregt
wurden, und keine Kunst das unermeliche Naturgemlde zu fassen, das hier nach
allen Seiten hin, sich ausbreitet. - Eduard und ich erinnerten uns jetzt
lebhafter als je, aller Scenen unsers ehemaligen Umgangs, jedes
gemeinschaftlichen Genusses der Natur, jeder einsamen und geselligen Freude, und
sahen nun mit inniger Begeisterung, wie das Schicksal uns jede vormalige Freude,
nun freier, romantischer, feuriger und begeisternder wiedergab.
    Als wir zurckgiengen - o Julie! wie werde ich Dir das schildern knnen, da
ich schon bei der Erinnerung, mein Blut in den Adern erstarren fhle? - Wir
hatten einen andern Weg zurck genommen, der aber bald zu unserm Entsetzen,
grausenvolle Abgrnde zur Seite hatte, und bei jedem Schritt uns mit
Lebensgefahr drohte. Auf einmal sah' ich Eduard, der vor mir hergieng,
ausgleiten, und in die frchterliche Tiefe verschwinden. - Besinnung und Leben
entwich mir in diesem grlichen Augenblick, und ich kam nicht eher wieder zu
mir selbst, als am Fu des Berges, wo ich mich auf dem Rasen sitzend, und den
Geliebten lebend an meiner Seite wieder fand. Er hatte im Fallen, noch
glcklicher Weise ein Felsstck ergriffen, das fest genug lag, um nicht mit ihm
hinabzustrzen, und war so mit einigen, nicht gefhrlichen Verletzungen, der
schrecklichen Lebensgefahr entkommen. Mich hatte mein Fhrer bei'm Hinsinken
noch schnell genug ergriffen, und mich so bewutlos, mit vieler Mhe den Berg
hinunter getragen. - Doch ich fhle, wie ich bei dieser Erinnerung von neuem, in
eine kranke, heftige Erschtterung gerathen bin, und ich mu eilen durch die
Gegenwart des Freundes wieder zu genesen.

Dies waren die letzten Briefe, welche Amanda an ihre Freundin schrieb. Das
heftige Schrecken bei der Gefahr ihres Freundes, zog ihr ein Fieber zu, das bei
ihrer schon vorher wankenden Gesundheit, gefhrlich, und in wenig Tagen tdtlich
ward. Sie starb in den Armen ihres Geliebten, in dem seeligen Gefhl des
hchsten Glcks, der vollsten Blthe ihres Lebens, und fhlte den Tod nicht.
Wenige Stunden vorher schrieb sie an Eduard noch diese Strophen nieder:

Ich lasse Dich - doch bald siehst Du mich wieder,
Die trennt kein Tod, die wahres Leben band,
im Irisbogen, steig ich zu Dir nieder
in Frhlingssprossen biet' ich Dir die Hand,
und rhren Dich der Saiten goldne Lieder,
es ist mein Geist, der Dir dies Spiel erfand.
So wird Dein Schutzgeist nie von Dir sich trennen,
und wenn Du stirbst, wirst Du mich froh erkennen.

Diese Briefe kamen in meine Hnde, und ich hielt sie fr interessant genug, sie,
nach einigen vorhergegangenen, nthigen Abnderungen, der lesenden Welt
mitzutheilen; sie mag verzeihen, wenn ich in meinem Urtheile zu voreilig gewesen
bin. Eduards Gemth, war tief zerrttet; denn er hatte, mit der ganzen Innigkeit
seines Wesens geliebt; doch vom Untergang rettete ihn die Gesundheit seiner
Seele. Allgemeine, groe Ansichten des Lebens breiteten um ihn die mchtigen
Schwingen, und linderten seinen brennenden Schmerz; aber das Glck war fr ihn
verlohren; er begehrte es auch nicht mehr, und eine tiefe Sehnsucht, eine schne
Trauer, wohnte von dieser Zeit an, in seiner sonst so heitern Seele.
    Von Antonios Leben, ist mir nichts weiter bekannt geworden; aber Wilhelm ist
zu einem sehr vorzglichen Menschen herangewachsen. Der Tod seiner von ihm
angebeteten Mutter, brachte ihn am Rand des Wahnsinns; aber ihr Andenken, ist
der Genius seines Lebens geblieben.
