
                                    Novalis

                             Die Lehrlinge zu Sais

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                                    Novalis

                             Die Lehrlinge zu Sais

                                1. Der Lehrling

Mannichfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird
wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener groen Chiffernschrift
zu gehren scheinen, die man berall, auf Flgeln, Eierschalen, in Wolken, im
Schnee, in Krystallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern
und uern der Gebirge, der Pflanzen, der Thiere, der Menschen, in den Lichtern
des Himmels, auf berhrten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den
Feilspnen um den Magnet her, und sonderbaren Conjuncturen des Zufalls,
erblickt. In ihnen ahndet man den Schlssel dieser Wunderschrift, die
Sprachlehre derselben; allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen
fgen, und scheint kein hherer Schlssel werden zu wollen. Ein Alcahest scheint
ber die Sinne der Menschen ausgegossen zu seyn. Nur augenblicklich scheinen
ihre Wnsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen,
aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.
    Von weitem hrt' ich sagen: die Unverstndlichkeit sey Folge nur des
Unverstandes; dieser suche, was er habe, und also niemals weiter finden knnte.
Man verstehe die Sprache nicht, weil sich die Sprache selber nicht verstehe,
nicht verstehen wolle; die chte Sanscrit sprche, um zu sprechen, weil Sprechen
ihre Lust und ihr Wesen sey.
    Nicht lange darauf sprach einer: Keiner Erklrung bedarf die heilige
Schrift. Wer wahrhaft spricht, ist des ewigen Lebens voll, und wunderbar
verwandt mit chten Geheimnissen dnkt uns seine Schrift, denn sie ist ein
Accord aus des Weltalls Symphonie.
    Von unserm Lehrer sprach gewi die Stimme, denn er versteht die Zge zu
versammeln, die berall zerstreut sind. Ein eignes Licht entzndet sich in
seinen Blicken, wenn vor uns nun die hohe Rune liegt, und er in unsern Augen
spht, ob auch in uns aufgegangen ist das Gestirn, das die Figur sichtbar und
verstndlich macht. Sieht er uns traurig, da die Nacht nicht weicht, so trstet
er uns, und verheit dem msigen, treuen Seher knftiges Glck. Oft hat er uns
erzhlt, wie ihm als Kind der Trieb die Sinne zu ben, zu beschftigen und zu
erfllen, keine Ruhe lie. Den Sternen sah er zu und ahmte ihre Zge, ihre
Stellungen im Sande nach. In's Luftmeer sah er ohne Rast, und ward nicht mde
seine Klarheit, seine Bewegungen, seine Wolken, seine Lichter zu betrachten. Er
sammelte sich Steine, Blumen, Kfer aller Art, und legte sie auf mannichfache
Weise sich in Reihen. Auf Menschen und auf Thiere gab er Acht, am Strand des
Meeres sa er, suchte Muscheln. Auf sein Gemth und seine Gedanken lauschte er
sorgsam. Er wute nicht, wohin ihn seine Sehnsucht trieb. Wie er grer ward,
strich er umher, besah sich andre Lnder, andre Meere, neue Lfte, fremde
Sterne, unbekannte Pflanzen, Thiere, Menschen, stieg in Hhlen, sah wie in
Bnken und in bunten Schichten der Erde Bau vollfhrt war, und drckte Thon in
sonderbare Felsenbilder. Nun fand er berall Bekanntes wieder, nur wunderlich
gemischt, gepaart, und also ordneten sich selbst in ihm oft seltsame Dinge. Er
merkte bald auf die Verbindungen in allem, auf Begegnungen, Zusammentreffungen.
Nun sah er bald nichts mehr allein. - In groe bunte Bilder drngten sich die
Wahrnehmungen seiner Sinne: er hrte, sah, tastete und dachte zugleich. Er
freute sich, Fremdlinge zusammen zu bringen. Bald waren ihm die Sterne Menschen,
bald die Menschen Sterne, die Steine Thiere, die Wolken Pflanzen, er spielte mit
den Krften und Erscheinungen, er wute wo und wie er dies und jenes finden, und
erscheinen lassen konnte, und griff so selbst in den Saiten nach Tnen und
Gngen umher.
    Was nun seitdem aus ihm geworden ist, thut er nicht kund. Er sagt uns, da
wir selbst, von ihm und eigner Lust gefhrt, entdecken wrden, was mit ihm
vorgegangen sey. Mehrere von uns sind von ihm gewichen. Sie kehrten zu ihren
Eltern zurck und lernten ein Gewerbe treiben. Einige sind von ihm ausgesendet
worden, wir wissen nicht wohin; er suchte sie aus. Von ihnen waren einige nur
kurze Zeit erst da, die Andern lnger. Eins war ein Kind noch, es war kaum da,
so wollte er ihm den Unterricht bergeben. Es hatte groe dunkle Augen mit
himmelblauem Grunde, wie Lilien glnzte seine Haut, und seine Locken wie lichte
Wlkchen, wenn der Abend kommt. Die Stimme drang uns allen durch das Herz, wir
htten gern ihm unsere Blumen, Steine, Federn alles gern geschenkt. Es lchelte
unendlich ernst, und uns ward seltsam wohl mit ihm zu Muthe. Einst wird es
wiederkommen, sagte der Lehrer, und unter uns wohnen, dann hren die Lehrstunden
auf. - Einen schickte er mit ihm fort, der hat uns oft gedauert. Immer traurig
sah er aus, lange Jahre war er hier, ihm glckte nichts, er fand nicht leicht,
wenn wir Krystalle suchten oder Blumen. In die Ferne sah er schlecht, bunte
Reihen gut zu legen wute er nicht. Er zerbrach alles so leicht. Doch hatte
keiner einen solchen Trieb und solche Lust am Sehn und Hren. Seit einer Zeit, -
vorher eh jenes Kind in unsern Kreis trat, - ward er auf einmal heiter und
geschickt. Eines Tages war er traurig ausgegangen, er kam nicht wieder und die
Nacht brach ein. Wir waren seinetwegen sehr in Sorgen; auf einmal, wie des
Morgens Dmmerung kam, hrten wir in einem nahen Haine seine Stimme. Er sang ein
hohes, frohes Lied; wir wunderten uns alle; der Lehrer sah mit einem Blick nach
Morgen, wie ich ihn wohl nie wieder sehen werde. In unsre Mitte trat er bald,
und brachte, mit unaussprechlicher Seligkeit im Antlitz, ein unscheinbares
Steinchen von seltsamer Gestalt. Der Lehrer nahm es in die Hand, und kte ihn
lange, dann sah er uns mit nassen Augen an und legte dieses Steinchen auf einen
leeren Platz, der mitten unter andern Steinen lag, gerade wo wie Strahlen viele
Reihen sich berhrten.
    Ich werde dieser Augenblicke nie fortan vergessen. Uns war, als htten wir
im Vorbergehn eine helle Ahndung dieser wunderbaren Welt in unsern Seelen
gehabt.
    Auch ich bin ungeschickter als die Andern, und minder gern scheinen sich die
Schtze der Natur von mir finden zu lassen. Doch ist der Lehrer mir gewogen, und
lt mich in Gedanken sitzen, wenn die Andern suchen gehn. So wie dem Lehrer ist
mir nie gewesen. Mich fhrt alles in mich selbst zurck. Was einmal die zweite
Stimme sagte, habe ich wohl verstanden. Mich freuen die wunderlichen Haufen und
Figuren in den Slen, allein mir ist, als wren sie nur Bilder, Hllen, Zierden,
versammelt um ein gttlich Wunderbild, und dieses liegt mir immer in Gedanken.
Sie such' ich nicht, in ihnen such' ich oft. Es ist, als sollten sie den Weg mir
zeigen, wo in tiefem Schlaf die Jungfrau steht, nach der mein Geist sich sehnt.
Mir hat der Lehrer nie davon gesagt, auch ich kann ihm nichts anvertrauen, ein
unverbrchliches Geheimni dnkt es mir. Gern htt ich jenes Kind gefragt, in
seinen Zgen fand ich Verwandtschaft; auch schien in seiner Nhe mir alles
heller innerlich zu werden. Wre es lnger geblieben, sicherlich htte ich mehr
in mir erfahren. Auch wre mir am Ende vielleicht der Busen offen, die Zunge
frey geworden. Gern wr' ich auch mit ihm gegangen. Es kam nicht so. Wie lang'
ich hier noch bleibe, wei ich nicht. Mir scheint es, als blieb' ich immer hier.
Kaum wag' ich es mir selber zu gestehen, allein zu innig dringt sich mir der
Glauben auf: einst find' ich hier, was mich bestndig rhrt; sie ist zugegen.
Wenn ich mit diesem Glauben hier umher gehe, so tritt mir alles in ein hher
Bild, in eine neue Ordnung mir zusammen, und alle sind nach Einer Gegend hin
gerichtet. Mir wird dann jedes so bekannt, so lieb; und was mir seltsam noch
erschien und fremd, wird nun auf einmal wie ein Hausgerth.
    Gerade diese Fremdheit ist mir fremd, und darum hat mich immer diese
Sammlung zugleich entfernt und angezogen. Den Lehrer kann und mag ich nicht
begreifen. Er ist mir just so unbegreiflich lieb. Ich wei es, er versteht mich,
er hat nie gegen mein Gefhl und meinen Wunsch gesprochen. Vielmehr will er, da
wir den eignen Weg verfolgen, weil jeder neue Weg durch neue Lnder geht, und
jeder endlich zu diesen Wohnungen, zu dieser heiligen Heimath wieder fhret.
Auch ich will also meine Figur beschreiben, und wenn kein Sterblicher, nach
jener Inschrift dort, den Schleyer hebt, so mssen wir Unsterbliche zu werden
suchen; wer ihn nicht heben will, ist kein chter Lehrling zu Sais.

                                  2. Die Natur


Es mag lange gedauert haben, ehe die Menschen darauf dachten, die mannichfachen
Gegenstnde ihrer Sinne mit einem gemeinschaftlichen Namen zu bezeichnen und
sich entgegen zu setzen. Durch Uebung werden Entwickelungen befrdert, und in
allen Entwickelungen gehen Theilungen, Zergliederungen vor, die man bequem mit
den Brechungen des Lichtstrahls vergleichen kann. So hat sich auch nur
allmhlich unser Innres in so mannichfaltige Krfte zerspaltet, und mit
fortdauernder Uebung wird auch diese Zerspaltung zunehmen. Vielleicht ist es nur
krankhafte Anlage der spteren Menschen, wenn sie das Vermgen verlieren, diese
zerstreuten Farben ihres Geistes wieder zu mischen und nach Belieben den alten
einfachen Naturstand herzustellen, oder neue, mannichfaltige Verbindungen unter
ihnen zu bewirken. Je vereinigter sie sind, desto vereinigter, desto
vollstndiger und persnlicher fliet jeder Naturkrper, jede Erscheinung in sie
ein: denn der Natur des Sinnes entspricht die Natur des Eindrucks, und daher
mute jenen frheren Menschen alles menschlich, bekannt und gesellig vorkommen,
die frischeste Eigenthmlichkeit mute in ihren Ansichten sichtbar werden, jede
ihrer uerungen war ein wahrer Naturzug, und ihre Vorstellungen muten mit der
sie umgebenden Welt bereinstimmen, und einen treuen Ausdruck derselben
darstellen. Wir knnen daher die Gedanken unsrer Altvter von den Dingen in der
Welt als ein nothwendiges Erzeugni, als eine Selbstabbildung des damaligen
Zustandes der irdischen Natur betrachten, und besonders an ihnen, als den
schicklichsten Werkzeugen der Beobachtung des Weltalls, das Hauptverhltni
desselben, das damalige Verhltni zu seinen Bewohnern, und seiner Bewohner zu
ihm, bestimmt abnehmen. Wir finden, da gerade die erhabensten Fragen zuerst
ihre Aufmerksamkeit beschftigten, und da sie den Schlssel dieses wundervollen
Gebudes bald in einer Hauptmasse der wirklichen Dinge, bald in dem erdichteten
Gegenstande eines unbekannten Sinns aufsuchten. Bemerklich ist hier die
gemeinschaftliche Ahndung desselben im Flssigen, im Dnnen, Gestaltlosen. Es
mochte wohl die Trgheit und Unbehlflichkeit der festen Krper den Glauben an
ihre Abhngigkeit und Niedrigkeit nicht ohne Bedeutung veranlassen. Frh genug
stie jedoch ein grbelnder Kopf auf die Schwierigkeit der Gestalten-Erklrung
aus jenen gestaltlosen Krften und Meeren. Er versuchte den Knoten durch eine
Art von Vereinigung zu lsen, indem er die ersten Anfnge zu festen, gestalteten
Krperchen machte, die er jedoch ber allen Begriff klein annahm, und nun aus
diesem Staubmeere, aber freilich nicht ohne Beihlfe mitwirkender Gedankenwesen,
anziehender und abstoender Krfte, den ungeheuern Bau vollfhren zu knnen
meynte. Noch frher findet man statt wissenschaftlicher Erklrungen, Mhrchen
und Gedichte voll merkwrdiger bildlicher Zge, Menschen, Gtter und Thiere als
gemeinschaftliche Werkmeister, und hrt auf die natrlichste Art die Entstehung
der Welt beschreiben. Man erfhrt wenigstens die Gewiheit eines zuflligen,
werkzeuglichen Ursprungs derselben, und auch fr den Verchter der regellosen
Erzeugnisse der Einbildungskraft ist diese Vorstellung bedeutend genug. Die
Geschichte der Welt als Menschengeschichte zu behandeln, berall nur menschliche
Begebenheiten und Verhltnisse zu finden, ist eine fortwandernde, in den
verschiedensten Zeiten wieder mit neuer Bildung hervortretende Idee geworden,
und scheint an wunderbarer Wirkung, und leichter Ueberzeugung bestndig den
Vorrang gehabt zu haben. Auch scheint die Zuflligkeit der Natur sich wie von
selbst an die Idee menschlicher Persnlichkeit anzuschlieen, und letztere am
willigsten, als menschliches Wesen verstndlich zu werden. Daher ist auch wohl
die Dichtkunst das liebste Werkzeug der eigentlichen Naturfreunde gewesen, und
am hellsten ist in Gedichten der Naturgeist erschienen. Wenn man chte Gedichte
liest und hrt, so fhlt man einen innern Verstand der Natur sich bewegen, und
schwebt, wie der himmlische Leib derselben, in ihr und ber ihr zugleich.
Naturforscher und Dichter haben durch Eine Sprache sich immer wie Ein Volk
gezeigt. Was jene im Ganzen sammelten und in groen, geordneten Massen
aufstellten, haben diese fr menschliche Herzen zur tglichen Nahrung und
Nothdurft verarbeitet, und jene unermeliche Natur zu mannichfaltigen, kleinen,
geflligen Naturen zersplittert und gebildet. Wenn diese mehr das Flssige und
Flchtige mit leichtem Sinn verfolgten, suchten jene mit scharfen
Messerschnitten den innern Bau und die Verhltnisse der Glieder zu erforschen.
Unter ihren Hnden starb die freundliche Natur, und lie nur todte, zuckende
Reste zurck, dagegen sie vom Dichter, wie durch geistvollen Wein, noch mehr
beseelt, die gttlichsten und muntersten Einflle hren lie, und ber ihr
Alltagsleben erhoben, zum Himmel stieg, tanzte und weiagte, jeden Gast
willkommen hie, und ihre Schtze frohen Muths verschwendete. So geno sie
himmlische Stunden mit dem Dichter, und lud den Naturforscher nur dann ein, wenn
sie krank und gewissenhaft war. Dann gab sie ihm Bescheid auf jede Frage, und
ehrte gern den ernsten, strengen Mann. Wer also ihr Gemth recht kennen will,
mu sie in der Gesellschaft der Dichter suchen, dort ist sie offen und ergiet
ihr wundersames Herz. Wer sie aber nicht aus Herzensgrunde liebt, und dies und
jenes nur an ihr bewundert, und zu erfahren strebt, mu ihre Krankenstube, ihr
Beinhaus fleiig besuchen.
    Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen
Verhltnissen, wie mit den Menschen; und wie sie sich dem Kinde kindisch zeigt,
und sich gefllig seinem kindlichen Herzen anschmiegt, so zeigt sie sich dem
Gotte gttlich, und stimmt zu dessen hohem Geiste. Man kann nicht sagen, da es
eine Natur gebe, ohne etwas berschwengliches zu sagen, und alles Bestreben nach
Wahrheit in den Reden und Gesprchen von der Natur entfernt nur immer mehr von
der Natrlichkeit. Es ist schon viel gewonnen, wenn das Streben, die Natur
vollstndig zu begreifen, zur Sehnsucht sich veredelt, zur zarten, bescheidnen
Sehnsucht, die sich das fremde, kalte Wesen gern gefallen lt, wenn sie nur
einst auf vertrauteren Umgang rechnen kann. Es ist ein geheimnivoller Zug nach
allen Seiten in unserm Innern, aus einem unendlich tiefen Mittelpunkt sich rings
verbreitend. Liegt nun die wundersame sinnliche und unsinnliche Natur rund um
uns her, so glauben wir es sey jener Zug ein Anziehn der Natur, eine uerung
unsrer Sympathie mit ihr: nur sucht der eine hinter diesen blauen, fernen
Gestalten noch eine Heimath, die sie ihm verhllen, eine Geliebte seiner Jugend,
Eltern und Geschwister, alte Freunde, liebe Vergangenheiten; der Andre meynt, da
jenseits warteten unbekannte Herrlichkeiten seiner, eine lebensvolle Zukunft
glaubt er dahinter versteckt, und streckt verlangend seine Hnde einer neuen
Welt entgegen. Wenige bleiben bei dieser herrlichen Umgebung ruhig stehen, und
suchen sie nur selbst in ihrer Flle und ihrer Verkettung zu erfassen, vergessen
ber der Vereinzelung den blitzenden Faden nicht, der reihenweise die Glieder
knpft und den heiligen Kronleuchter bildet, und finden sich beseligt in der
Beschauung dieses lebendigen, ber nchtlichen Tiefen schwebenden Schmucks. So
entstehn mannichfache Naturbetrachtungen, und wenn an einem Ende die
Naturempfindung ein lustiger Einfall, eine Mahlzeit wird, so sieht man sie dort
zur andchtigsten Religion verwandelt, einem ganzen Leben Richtung, Haltung und
Bedeutung geben. Schon unter den kindlichen Vlkern gabs solche ernste Gemther,
denen die Natur das Antlitz einer Gottheit war, indessen andre frhliche Herzen
sich nur auf sie zu Tische baten; die Luft war ihnen ein erquickender Trank, die
Gestirne Lichter zum nchtlichen Tanz, und Pflanzen und Thiere nur kstliche
Speisen, und so kam ihnen die Natur nicht wie ein stiller, wundervoller Tempel,
sondern wie eine lustige Kche und Speisekammer vor. Dazwischen waren andre
sinnigere Seelen, die in der gegenwrtigen Natur nur groe, aber verwilderte
Anlagen bemerkten, und Tag und Nacht beschftiget waren, Vorbilder einer edleren
Natur zu schaffen. - Sie theilten sich gesellig in das groe Werk, die einen
suchten die verstummten und verlohrnen Tne in Luft und Wldern zu erwecken,
andre legten ihre Ahndungen und Bilder schnerer Geschlechter in Erz und Steine
nieder, bauten schnere Felsen zu Wohnungen wieder, brachten die verborgenen
Schtze aus den Grften der Erde wieder ans Licht; zhmten die ausgelassenen
Strme, bevlkerten das unwirthliche Meer, fhrten in de Zonen alte, herrliche
Pflanzen und Thiere zurck, hemmten die Waldberschwemmungen, und pflegten die
edleren Blumen und Kruter, ffneten die Erde den belebenden Berhrungen der
zeugenden Luft und des zndenden Lichts, lehrten die Farben zu reitzenden
Bildungen sich mischen und ordnen, und Wald und Wiese, Quellen und Felsen wieder
zu lieblichen Grten zusammen zu treten, hauchten in die lebendigen Glieder
Tne, um sie zu entfalten, und in heitern Schwingungen zu bewegen, nahmen sich
der armen, verlanen, fr Menschensitte empfnglichen Thiere an, und suberten
die Wlder von den schdlichen Ungeheuern, diesen Migeburten einer entarteten
Fantasie. Bald lernte die Natur wieder freundlichere Sitten, sie ward sanfter
und erquicklicher, und lie sich willig zur Befrderung der menschlichen Wnsche
finden. Allmhlich fing ihr Herz wieder an menschlich sich zu regen, ihre
Fantasieen wurden heitrer, sie ward wieder umgnglich, und antwortete dem
freundlichen Frager gern, und so scheint allmhlich die alte goldne Zeit
zurckzukommen, in der sie den Menschen Freundin, Trsterin, Priesterin und
Wunderthterin war, als sie unter ihnen wohnte und ein himmlischer Umgang die
Menschen zu Unsterblichen machte. Dann werden die Gestirne die Erde wieder
besuchen, der sie gram geworden waren in jenen Zeiten der Verfinsterung; dann
legt die Sonne ihren strengen Zepter nieder, und wird wieder Stern unter
Sternen, und alle Geschlechter der Welt kommen dann nach langer Trennung wieder
zusammen. Dann finden sich die alten verwaisten Familien, und jeder Tag sieht
neue Begrungen, neue Umarmungen; dann kommen die ehemaligen Bewohner der Erde
zu ihr zurck, in jedem Hgel regt sich neu erglimmende Asche, berall lodern
Flammen des Lebens empor, alte Wohnsttten werden neu erbaut, alte Zeiten
erneuert, und die Geschichte wird zum Traum einer unendlichen, unabsehlichen
Gegenwart.
    Wer dieses Stamms und dieses Glaubens ist, und gern auch das seinige zu
dieser Entwilderung der Natur beytragen will, geht in den Werksttten der
Knstler umher, belauscht berall die unvermuthet in allen Stnden
hervorbrechende Dichtkunst, wird nimmer mde die Natur zu betrachten und mit ihr
umzugehen, geht berall ihren Fingerzeigen nach, verschmht keinen mhseligen
Gang, wenn sie ihm winkt, und sollte er auch durch Modergrfte gehen: er findet
sicher unsgliche Schtze, das Grubenlichtchen steht am Ende still, und wer
wei, in welche himmlische Geheimnisse ihn dann eine reitzende Bewohnerinn des
unterirdischen Reichs einweiht. Keiner irrt gewi weiter ab vom Ziele, als wer
sich selbst einbildet, er kenne schon das seltsame Reich, und wisse mit wenig
Worten seine Verfassung zu ergrnden und berall den rechten Weg zu finden. Von
selbst geht keinem, der los sich ri und sich zur Insel machte, das Verstndni
auf, auch ohne Mhe nicht. Nur Kindern, oder kindlichen Menschen, die nicht
wissen, was sie thun, kann dies begegnen. Langer, unablssiger Umgang, freie und
knstliche Betrachtung, Aufmerksamkeit auf leise Winke und Zge, ein inneres
Dichterleben, gebte Sinne, ein einfaches und gottesfrchtiges Gemth, das sind
die wesentlichen Erfordernisse eines chten Naturfreundes, ohne welche keinem
sein Wunsch gedeihen wird. Nicht weise scheint es, eine Menschenwelt ohne volle
aufgeblhte Menschheit begreifen und verstehn zu wollen. Kein Sinn mu
schlummern, und wenn auch nicht alle gleich wach sind, so mssen sie doch alle
angeregt und nicht unterdrckt und erschlafft seyn. So wie man einen knftigen
Mahler in dem Knaben sieht, der alle Wnde und jeden ebenen Sand mit Zeichnungen
fllt, und Farben zu Figuren bunt verknpft, so sieht man einen knftigen
Weltweisen in jenem, der allen natrlichen Dingen ohne Rast nachsprt,
nachfrgt, auf alles achtet, jedes merkwrdige zusammentrgt und froh ist, wenn
er einer neuen Erscheinung, einer neuen Kraft und Kenntni Meister und Besitzer
geworden ist.
    Nun dnkt es Einigen, es sey der Mhe gar nicht werth, den endlosen
Zerspaltungen der Natur nachzugehn, und berdem ein gefhrliches Unternehmen,
ohne Frucht und Ausgang. So wie man nie das kleinste Korn der festen Krper, nie
die einfachste Faser finden werde, weil alle Gre vor und rckwrts sich ins
Unendliche verliert, so sey es auch mit den Arten der Krper und Krfte; auch
hier gerathe man auf neue Arten, neue Zusammensetzungen, neue Erscheinungen bis
ins Unendliche. Sie schienen dann nur still zu stehn, wenn unser Flei ermatte,
und so verschwende man die edle Zeit mit migen Betrachtungen und langweiligem
Zhlen, und werde dies zuletzt ein wahrer Wahnsinn, ein fester Schwindel an der
entsetzlichen Tiefe. Auch bleibe die Natur, so weit man kme, immer eine
furchtbare Mhle des Todes: berall ungeheurer Umschwung, unauflsliche
Wirbelkette, ein Reich der Gefrigkeit, des tollsten bermuths, eine
unglcksschwangere Unermelichkeit; die wenigen lichten Punkte beleuchten nur
eine desto grausendere Nacht, und Schrecken aller Art mten jeden Beobachter
zur Gefhllosigkeit ngstigen. Wie ein Heiland stehe dem armen
Menschengeschlechte der Tod zur Seite, denn ohne Tod wre der Wahnsinnigste am
glcklichsten. Gerade jenes Streben nach Ergrndung dieses riesenmigen
Triebwerks sey schon ein Zug in die Tiefe, ein beginnender Schwindel: denn jeder
Reitz scheine ein wachsender Wirbel, der bald sich des Unglcklichen ganz
bemchtige, und ihn dann durch eine schreckenvolle Nacht mit sich fortreie.
Hier sey die listige Fallgrube des menschlichen Verstandes, den die Natur
berall als ihren grten Feind zu vernichten suche. Heil der kindlichen
Unwissenheit und Schuldlosigkeit der Menschen, welche sie die entsetzlichen
Gefahren nicht gewahr werden liee, die berall wie furchtbare Wetterwolken um
ihre friedlichen Wohnsitze herlgen, und jeden Augenblick ber sie
hereinzubrechen bereit wren. Nur innre Uneinigkeit der Naturkrfte habe die
Menschen bis jetzo erhalten, inde knne jener groe Zeitpunkt nicht ausbleiben,
wo sich die smmtlichen Menschen durch einen groen gemeinschaftlichen Entschlu
aus dieser peinlichen Lage, aus diesem furchtbaren Gefngnisse reien und durch
eine freiwillige Entsagung ihrer hiesigen Besitzthmer auf ewig ihr Geschlecht
aus diesem Jammer erlsen, und in eine glcklichere Welt, zu ihrem alten Vater
retten wrden. So endeten sie doch ihrer wrdig, und kmen ihrer nothwendigen,
gewaltsamen Vertilgung, oder einer noch entsetzlicheren Ausartung in Thiere,
durch stufenweise Zerstrung der Denkorgane, durch Wahnsinn, zuvor. Umgang mit
Naturkrften, mit Thieren, Pflanzen, Felsen, Strmen und Wogen msse nothwendig
die Menschen diesen Gegenstnden verhnlichen, und diese Verhnlichung,
Verwandlung und Auflsung des Gttlichen und Menschlichen in unbndige Krfte
sey der Geist der Natur, dieser frchterlich verschlingenden Macht: und sey
nicht alles, was man sehe, schon ein Raub des Himmels, eine groe Ruine
ehemaliger Herrlichkeiten, Ueberbleibsel eines schrecklichen Mahls?
    Wohl, sagen Muthigere, lat unser Geschlecht einen langsamen,
wohldurchdachten Zerstrungskrieg mit dieser Natur fhren. Mit schleichenden
Giften mssen wir ihr beizukommen suchen. Der Naturforscher sey ein edler Held,
der sich in den geffneten Abgrund strze, um seine Mitbrger zu erretten. Die
Knstler haben ihr schon manchen geheimen Streich beygebracht, fahrt nur so
fort, bemchtigt euch der heimlichen Fden, und macht sie lstern nach sich
selbst. Benutzt jene Zwiste, um sie, wie jenen feuerspeienden Stier, nach eurer
Willkhr lenken zu knnen. Euch unterthnig mu sie werden. Geduld und Glauben
ziemt den Menschenkindern. Entfernte Brder sind zu Einem Zweck mit uns vereint,
das Sternenrad wird das Spinnrad unsers Lebens werden, und dann knnen wir durch
unsere Sklaven ein neues Dschinnistan uns bauen. Mit innerm Triumph lat uns
ihren Verwstungen, ihren Tumulten zu sehn, sie soll an uns sich selbst
verkaufen, und jede Gewaltthat soll ihr zur schweren Bue werden. In den
begeisternden Gefhlen unsrer Freyheit lat uns leben und sterben, hier quillt
der Strom, der sie einst berschwemmen und zhmen wird, und in ihm lat uns
baden und mit neuem Muth zu Heldenthaten uns erfrischen. Bis hieher reicht die
Wuth des Ungeheuers nicht, ein Tropfen Freyheit ist genug, sie auf immer zu
lhmen und ihren Verheerungen Maa und Ziel zu setzen.
    Sie haben recht, sprechen Mehrere; hier oder nirgends liegt der Talisman. Am
Quell der Freiheit sitzen wir und sphn; er ist der groe Zauberspiegel, in dem
rein und klar die ganze Schpfung sich enthllt, in ihm baden die zarten Geister
und Abbilder aller Naturen, und alle Kammern sehn wir hier aufgeschlossen. Was
brauchen wir die trbe Welt der sichtbaren Dinge mhsam zu durchwandern? Die
reinere Welt liegt ja in uns, in diesem Quell. Hier offenbart sich der wahre
Sinn des groen, bunten, verwirrten Schauspiels; und treten wir von diesen
Blicken voll in die Natur, so ist uns alles wohlbekannt, und sicher kennen wir
jede Gestalt. Wir brauchen nicht erst lange nachzuforschen, eine leichte
Vergleichung, nur wenige Zge im Sande sind genug um uns zu verstndigen. So ist
uns alles eine groe Schrift, wozu wir den Schlssel haben, und nichts kommt uns
unerwartet, weil wir voraus den Gang des groen Uhrwerks wissen. Nur wir
genieen die Natur mit vollen Sinnen, weil sie uns nicht von Sinnen bringt, weil
keine Fiebertrume uns ngstigen und helle Besonnenheit uns zuversichtlich und
ruhig macht.
    Die Andern reden irre, sagt ein ernster Mann zu diesen. Erkennen sie in der
Natur nicht den treuen Abdruck ihrer selbst? Sie selbst verzehren sich in wilder
Gedankenlosigkeit. Sie wissen nicht, da ihre Natur ein Gedankenspiel, eine
wste Fantasie ihres Traumes ist. Ja wohl ist sie ihnen ein entsetzliches Thier,
eine seltsame abentheuerliche Larve ihrer Begierden. Der wachende Mensch sieht
ohne Schaudern diese Brut seiner regellosen Einbildungskraft, denn er wei, da
es nichtige Gespenster seiner Schwche sind. Er fhlt sich Herr der Welt, sein
Ich schwebt mchtig ber diesem Abgrund, und wird in Ewigkeiten ber diesem
endlosen Wechsel erhaben schweben. Einklang strebt sein Inneres zu verknden, zu
verbreiten. Er wird in die Unendlichkeit hinaus stets einiger mit sich selbst
und seiner Schpfung um sich her seyn, und mit jedem Schritte die ewige
Allwirksamkeit einer hohen sittlichen Weltordnung, der Veste seines Ichs, immer
heller hervortreten sehn. Der Sinn der Welt ist die Vernunft: um derentwillen
ist sie da, und wenn sie erst der Kampfplatz einer kindlichen, aufblhenden
Vernunft ist, so wird sie einst zum gttlichen Bilde ihrer Thtigkeit, zum
Schauplatz einer wahren Kirche werden. Bis da hin ehre sie der Mensch, als
Sinnbild seines Gemths, das sich mit ihm in unbestimmbare Stufen veredelt. Wer
also zur Kenntni der Natur gelangen will, be seinen sittlichen Sinn, handle
und bilde dem edlen Kerne seines Innern gem, und wie von selbst wird die Natur
sich vor ihm ffnen. Sittliches Handeln ist jener groe und einzige Versuch, in
welchem alle Rthsel der mannichfaltigsten Erscheinungen sich lsen. Wer ihn
versteht, und in strengen Gedankenfolgen ihn zu zerlegen wei, ist ewiger
Meister der Natur.
    Der Lehrling hrt mit Bangigkeit die sich kreutzenden Stimmen. Es scheint
ihm jede Recht zu haben, und eine sonderbare Verwirrung bemchtigt sich seines
Gemths. Allmhlig legt sich der innre Aufruhr, und ber die dunkeln sich an
einander brechenden Wogen scheint ein Geist des Friedens heraufzuschweben,
dessen Ankunft sich durch neuen Muth und berschauende Heiterkeit in der Seele
des Jnglings ankndigt.
    Ein muntrer Gespiele, dem Rosen und Winden die Schlfe zierten, kam
herbeigesprungen, und sah ihn in sich gesenkt sitzen. Du Grbler, rief er, bist
auf ganz verkehrtem Wege. So wirst du keine groen Fortschritte machen. Das
Beste ist berall die Stimmung. Ist das wohl eine Stimmung der Natur? Du bist
noch jung und fhlst du nicht das Gebot der Jugend in allen Adern? nicht Liebe
und Sehnsucht deine Brust erfllen? Wie kannst du nur in der Einsamkeit sitzen?
Sitzt die Natur einsam? Den Einsamen flieht Freude und Verlangen: und ohne
Verlangen, was ntzt dir die Natur? Nur unter Menschen wird er einheimisch, der
Geist, der sich mit tausend bunten Farben in all deine Sinne drngt, der wie
eine unsichtbare Geliebte dich umgiebt. Bey unsern Festen lst sich seine Zunge,
er sitzt oben an und stimmt Lieder des frhlichsten Lebens an. Du hast noch
nicht geliebt, du Armer; beim ersten Ku wird eine neue Welt dir aufgethan, mit
ihm fhrt Leben in tausend Strahlen in dein entzcktes Herz. Ein Mhrchen will
ich dir erzhlen, horche wohl.

Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut,
aber auch ber die Maaen wunderlich. Er grmte sich unaufhrlich um nichts und
wieder nichts, ging immer still fr sich hin, setzte sich einsam, wenn die
Andern spielten und frhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Hhlen und
Wlder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immer fort mit Thieren
und Vgeln, mit Bumen und Felsen, natrlich kein vernnftiges Wort, lauter
nrrisches Zeug zum Todtlachen. Er blieb aber immer mrrisch und ernsthaft,
ungeachtet sich das Eichhrnchen, die Meerkatze, der Papagay und der Gimpel alle
Mhe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans
erzhlte Mhrchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein groer dicker
Stein machte lcherliche Bockssprnge, die Rose schlich sich freundlich hinter
ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Epheu streichelte ihm die
sorgenvolle Stirn. Allein der Mimuth und Ernst waren hartnckig. Seine Eltern
waren sehr betrbt, sie wuten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und
a, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren frhlich und
lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mdchen gern
gesehn. Er war recht bildschn, sah aus wie gemahlt, tanzte wie ein Schatz.
Unter den Mdchen war Eine, ein kstliches, bildschnes Kind, sah aus wie Wachs,
Haare wie goldne Seide, kirschrothe Lippen, wie ein Pppchen gewachsen,
brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, htte mgen vergehn, so lieblich war sie.
Damals war Rosenblthe, so hie sie, dem bildschnen Hyacinth, so hie er, von
Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wutens nicht.
Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hausktzchen hatten es wohl
gemerkt, die Huser ihrer Eltern lagen nahe beisammen. Wenn nun Hyacinth die
Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblthe an ihrem, und die Ktzchen auf den
Musefang da vorbeyliefen, da sahen sie die Beiden stehn, und lachten und
kickerten oft so laut, da sie es hrten und bse wurden. Das Veilchen hatte es
der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundinn der Stachelbeere,
die lie nun das Sticheln nicht, wenn Hyacinth gegangen kam; so erfuhrs denn
bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyacinth ausging, so riefs von
allen Seiten: Rosenblthchen ist mein Schtzchen! Nun rgerte sich Hyacinth, und
mute doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidexchen gesplpft
kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwnzchen wedelte und sang:

Rosenblthchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind,
Denkt, die Mutter sey Hyacinth,
Fllt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fhrt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Kssen fort.

Ach! wie bald war die Herrlichkeit vorbey. Es kam ein Mann aus fremden Landen
gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe
Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und
seltsamen Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyacinths
Eltern gehrte. Nun war Hyacinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und
hohlte ihm Brod und Wein. Da that er seinen weien Bart von einander und
erzhlte bis tief in die Nacht, und Hyacinth wich und wankte nicht, und wurde
auch nicht mde zuzuhren. So viel man nachher vernahm, so hat er viel von
fremden Lndern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen
erzhlt, und ist drey Tage dageblieben, und mit Hyacinth in tiefe Schachten
hinuntergekrochen. Rosenblthchen hat genug den alten Hexenmeister verwnscht,
denn Hyacinth ist ganz versessen auf seine Gesprche gewesen, und hat sich um
nichts bekmmert; kaum da er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat
jener sich fortgemacht, doch dem Hyacinth ein Bchelchen dagelassen, das kein
Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Frchte, Brod und Wein mitgegeben, und
ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurckgekommen, und hat einen
ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblthchen hat recht zum Erbarmen um ihn
gethan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer fr
sich geblieben. Nun begab sichs, da er einmal nach Hause kam und war wie
neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals, und weinte. Ich mu fort in
fremde Lande; sagte er, die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzhlt, wie
ich gesund werden mte, das Buch hat sie ins Feuer geworfen, und hat mich
getrieben, zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme
ich bald, vielleicht nie wieder. Grt Rosenblthchen. Ich htte sie gern
gesprochen, ich wei nicht, wie mir ist, es drngt mich fort; wenn ich an die
alten Zeiten zurck denken will, so kommen gleich mchtigere Gedanken
dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich mu sie suchen gehn. Ich
wollt' euch gern sagen, wohin, ich wei selbst nicht, dahin wo die Mutter der
Dinge wohnt, die verschleyerte Jungfrau. Nach der ist mein Gemth entzndet.
Lebt wohl. Er ri sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen
Thrnen, Rosenblthchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyacinth
lief nun was er konnte, durch Thler und Wildnisse, ber Berge und Strme, dem
geheimnivollen Lande zu. Er fragte berall nach der heiligen Gttin (Isis) [:]
Menschen und Thiere, Felsen und Bume. Manche lachten [,] manche schwiegen,
nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel
und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es strmte immerfort; dann fand er
unabsehliche Sandwsten, glhenden Staub, und wie er wandelte, so vernderte
sich auch sein Gemth, die Zeit wurde ihm lang und die innre Unruhe legte sich,
er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen,
aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemth sich auflste. Es lag wie viele
Jahre hinter ihm. Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannichfaltiger,
die Luft lau und blau, der Weg ebener, grne Bsche lockten ihn mit anmuthigem
Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu
sprechen, und doch erfllten sie auch sein Herz mit grnen Farben und khlem,
stillem Wesen. Immer hher wuchs jene se Sehnsucht in ihm, und immer breiter
und saftiger wurden die Bltter, immer lauter und lustiger die Vgel und Thiere,
balsamischer die Frchte, dunkler der Himmel, wrmer die Luft, und heier seine
Liebe, die Zeit ging immer schneller, als she sie sich nahe am Ziele. Eines
Tages begegnete er einem krystallnen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in
ein Thal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Sulen. Sie grten ihn
freundlich mit bekannten Worten. Liebe Landsleute, sagte er, wo find' ich wohl
den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum mu er seyn, und ihr seid
vielleicht hier bekannter, als ich. Wir gehn auch nur hier durch, antworteten
die Blumen; eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und
Quartier, inde sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hrten wir
ihren Namen nennen. Gehe nur aufwrts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr
erfahren. Die Blumen und die Quelle lchelten, wie sie das sagten, boten ihm
einen frischen Trunk und gingen weiter. Hyacinth folgte ihrem Rath, frug und
frug und kam endlich zu jener lngst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und
andern kstlichen Gewchsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher
Sehnsucht, und die seste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der
ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedften entschlummerte er, weil ihn
nur der Traum in das Allerheiligste fhren durfte. Wunderlich fhrte ihn der
Traum durch unendliche Gemcher voll seltsamer Sachen auf lauter reitzenden
Klngen und in abwechselnden Accorden. Es dnkte ihm alles so bekannt und doch
in niegesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in
Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau, da hob er den
leichten, glnzenden Schleyer, und Rosenblthchen sank in seine Arme. Eine ferne
Musik umgab die Geheimnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergieungen der
Sehnsucht, und schlo alles Fremde von diesem entzckenden Orte aus. Hyacinth
lebte nachher noch lange mit Rosenblthchen unter seinen frohen Eltern und
Gespielen, und unzhlige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau fr ihren
Rath und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen so viel Kinder, als sie
wollten. -

Die Lehrlinge umarmten sich und gingen fort. Die weiten hallenden Sle standen
leer und hell da, und das wunderbare Gesprch in zahllosen Sprachen unter den
tausendfaltigen Naturen, die in diesen Slen zusammengebracht und in
mannichfaltigen Ordnungen aufgestellt waren, dauerte fort. Ihre innern Krfte
spielten gegen einander. Sie strebten in ihre Freiheit, in ihre alten
Verhltnisse zurck. Wenige standen auf ihrem eigentlichen Platze, und sahen in
Ruhe dem mannichfaltigen Treiben um sich her zu. Die brigen klagten ber
entsetzliche Qualen und Schmerzen, und bejammerten das alte, herrliche Leben im
Schooe der Natur, wo sie eine gemeinschaftliche Freiheit vereinigte, und jedes
von selbst erhielt, was es bedurfte. O! da der Mensch, sagten sie, die innre
Musik der Natur verstnde, und einen Sinn fr uere Harmonie htte. Aber er
wei ja kaum, da wir zusammen gehren, und keins ohne das andere bestehen kann.
Er kann nichts liegen lassen, tyrannisch trennt er uns und greift in lauter
Dissonanzen herum. Wie glcklich knnte er seyn, wenn er mit uns freundlich
umginge, und auch in unsern groen Bund trte, wie ehemals in der goldnen Zeit,
wie er sie mit Recht nennt. In jener Zeit verstand er uns, wie wir ihn
verstanden. Seine Begierde, Gott zu werden, hat ihn von uns getrennt, er sucht,
was wir nicht wissen und ahnden knnen, und seitdem ist er keine begleitende
Stimme, keine Mitbewegung mehr. Er ahndet wohl die unendliche Wollust, den
ewigen Genu in uns, und darum hat er eine so wunderbare Liebe zu Einigen unter
uns. Der Zauber des Goldes, die Geheimnisse der Farben, die Freuden des Wassers
sind ihm nicht fremd, in den Antiken ahndet er die Wunderbarkeit der Steine, und
dennoch fehlt ihm noch die se Leidenschaft fr das Weben der Natur, das Auge
fr unsre entzckenden Mysterien. Lernt er nur einmal fhlen? Diesen
himmlischen, diesen natrlichsten aller Sinne kennt er noch wenig: durch das
Gefhl wrde die alte, ersehnte Zeit zurckkommen; das Element des Gefhls ist
ein inneres Licht, was sich in schner'n, krftiger'n Farben bricht. Dann gingen
die Gestirne in ihm auf, er lernte die ganze Welt fhlen, klrer und
mannichfaltiger, als ihm das Auge jetzt Grenzen und Flchen zeigt. Er wrde
Meister eines unendlichen Spiels und verge alle thrichten Bestrebungen in
einem ewigen, sich selbst nhrenden und immer wachsenden Genusse. Das Denken ist
nur ein Traum des Fhlens, ein erstorbenes Fh[l]en, ein blagraues, schwaches
Leben.

Wie sie so sprachen, strahlte die Sonne durch die hohen Fenster, und in ein
sanftes Suseln verlor sich der Lrm des Gesprchs; eine unendliche Ahndung
durchdrang alle Gestalten, die lieblichste Wrme verbreitete sich ber alle, und
der wunderbarste Naturgesang erhob sich aus der tiefsten Stille. Man hrte
Menschenstimmen in der Nhe, die groen Flgelthren nach dem Garten zu wurden
geffnet, und einige Reisende setzten sich auf die Stufen der breiten Treppe, in
den Schatten des Gebudes. Die reitzende Landschaft lag in schner Erleuchtung
vor ihnen, und im Hintergrunde verlor sich der Blick an blauen Gebirgen hinauf.
Freundliche Kinder brachten mannichfaltige Speisen und Getrnke, und bald begann
ein lebhaftes Gesprch unter ihnen.
    Auf alles, was der Mensch vornimmt, mu er seine ungetheilte Aufmerksamkeit
oder sein Ich richten, sagte endlich der Eine, und wenn er dieses gethan hat, so
entstehn bald Gedanken, oder eine neue Art von Wahrnehmungen, die nichts als
zarte Bewegungen eines frbenden oder klappernden Stifts, oder wunderliche
Zusammenziehungen und Figurationen einer elastischen Flssigkeit zu seyn
scheinen, auf eine wunderbare Weise in ihm. Sie verbreiten sich von dem Punkte,
wo er den Eindruck fest stach, nach allen Seiten mit lebendiger Beweglichkeit,
und nehmen sein Ich mit fort. Er kann dieses Spiel oft gleich wieder vernichten,
indem er seine Aufmerksamkeit wieder theilt oder nach Willkhr herumschweifen
lt, denn sie scheinen nichts als Strahlen und Wirkungen, die jenes Ich nach
allen Seiten zu in jenem elastischen Medium erregt, oder seine Brechungen in
demselben, oder berhaupt ein seltsames Spiel der Wellen dieses Meers mit der
starren Aufmerksamkeit zu seyn. Hchst merkwrdig ist es, da der Mensch erst in
diesem Spiele seine Eigenthmlichkeit, seine specifische Freiheit recht gewahr
wird, und da es ihm vorkommt, als erwache er aus einem tiefen Schlafe, als sey
er nun erst in der Welt zu Hause, und verbreite jetzt erst das Licht des Tages
sich ber seine innere Welt. Er glaubt es am hchsten gebracht zu haben, wenn
er, ohne jenes Spiel zu stren, zugleich die gewhnlichen Geschfte der Sinne
vornehmen, und empfinden und denken zugleich kann. Dadurch gewinnen beide
Wahrnehmungen: die Auenwelt wird durchsichtig, und die Innenwelt mannichfaltig
und bedeutungsvoll, und so befindet sich der Mensch in einem innig lebendigen
Zustande zwischen zwey Welten in der vollkommensten Freiheit und dem freudigsten
Machtgefhl. Es ist natrlich, da der Mensch diesen Zustand zu verewigen und
ihn ber die ganze Summe seiner Eindrcke zu verbreiten sucht; da er nicht mde
wird, diese Associationen beider Welten zu verfolgen, und ihren Gesetzen und
ihren Sympathieen und Antipathieen nachzuspren. Den Inbegriff dessen, was uns
rhrt, nennt man die Natur, und also steht die Natur in einer unmittelbaren
Beziehung auf die Gliedmaen unsers Krpers, die wir Sinne nennen. Unbekannte
und geheimnivolle Beziehungen unsers Krpers lassen unbekannte und
geheimnivolle Verhltnisse der Natur vermuthen, und so ist die Natur jene
wunderbare Gemeinschaft, in die unser Krper uns einfhrt, und die wir nach dem
Maae seiner Einrichtungen und Fhigkeiten kennen lernen. Es frgt sich, ob wir
die Natur der Naturen durch diese specielle Natur wahrhaft begreifen lernen
knnen, und in wiefern unsre Gedanken und die Intensitt unsrer Aufmerksamkeit
durch dieselbe bestimmt werden, oder sie bestimmen, und dadurch von der Natur
losreien und vielleicht ihre zarte Nachgiebigkeit verderben. Man sieht wohl,
da diese innern Verhltnisse und Einrichtungen unsers Krpers vor allen Dingen
erforscht werden mssen, ehe wir diese Frage zu beantworten und in die Natur der
Dinge zu dringen hoffen knnen. Es liee sich jedoch auch denken, da wir
berhaupt erst uns mannichfach im Denken mten gebt haben, ehe wir uns an dem
innern Zusammenhang unsers Krpers versuchen und seinen Verstand zum Verstndni
der Natur gebrauchen knnten, und da wre freylich nichts natrlicher, als alle
mgliche Bewegungen des Denkens hervorzubringen und eine Fertigkeit in diesem
Geschft, so wie eine Leichtigkeit zu erwerben, von Einer zur Andern berzugehen
und sie mannichfach zu verbinden und zu zerlegen. Zu dem Ende mte man alle
Eindrcke aufmerksam betrachten, das dadurch entstehende Gedankenspiel ebenfalls
genau bemerken, und sollten dadurch abermals neue Gedanken entstehn, auch diesen
zusehn, um so allmhlich ihren Mechanismus zu erfahren und durch eine oftmalige
Wiederholung die mit jedem Eindruck bestndig verbundnen Bewegungen von den
brigen unterscheiden und behalten zu lernen. Htte man dann nur erst einige
Bewegungen, als Buchstaben der Natur, herausgebracht, so wrde das Dechiffriren
immer leichter von statten gehn, und die Macht ber die Gedankenerzeugung und
Bewegung den Beobachter in Stand setzen, auch ohne vorhergegangenen wirklichen
Eindruck, Naturgedanken hervorzubringen und Naturcompositionen zu entwerfen, und
dann wre der Endzweck erreicht.
    Es ist wohl viel gewagt, sagte ein Anderer, so aus den uerlichen Krften
und Erscheinungen der Natur sie zusammen setzen zu wollen, und sie bald fr ein
ungeheures Feuer, bald fr einen wunderbar gestalteten [B]all, bald fr eine
Zweyheit oder Dreyheit, oder fr irgend eine andere seltsamliche Kraft
auszugeben. Es wre denkbarer, da sie das Erzeugni eines unbegreiflichen
Einverstndnisses unendlich verschiedner Wesen wre, das wunderbare Band der
Geisterwelt, der Vereinigungs- und Berhrungspunkt unzhliger Welten.
    La es gewagt seyn, sprach ein Dritter; je willkhrlicher das Netz gewebt
ist, das der khne Fischer auswirft, desto glcklicher ist der Fang. Man
ermuntre nur jeden, seinen Gang so weit als mglich fortzusetzen, und jeder sey
willkommen, der mit einer neuen Fantasie die Dinge berspinnt. Glaubst du nicht,
da es gerade die gut ausgefhrten Systeme seyn werden, aus denen der knftige
Geograph der Natur die Data zu seiner groen Naturkarte nimmt? Sie wird er
vergleichen, und diese Vergleichung wird uns das sonderbare Land erst kennen
lehren. Die Erkenntni der Natur wird aber noch himmelweit von ihrer Auslegung
verschieden seyn. Der eigentliche Chiffrirer wird vielleicht dahin kommen,
mehrere Naturkrfte zugleich zu Hervorbringung herrlicher und ntzlicher
Erscheinungen in Bewegung zu setzen, er wird auf der Natur, wie auf einem groen
Instrument fantasiren knnen, und doch wird er die Natur nicht verstehn. Dies
ist die Gabe des Naturhistorikers, des Zeitensehers, der vertraut mit der
Geschichte der Natur, und bekannt mit der Welt, diesem hheren Schauplatz der
Naturgeschichte, ihre Bedeutungen wahrnimmt und weiagend verkndigt. Noch ist
dieses Gebiet ein unbekanntes, ein heiliges Feld. Nur gttliche Gesandte haben
einzelne Worte dieser hchsten Wissenschaft fallen lassen, und es ist nur zu
verwundern, da die ahndungsvollen Geister sich diese Ahndung haben entgehn
lassen und die Natur zur einfrmigen Maschine, ohne Vorzeit und Zukunft,
erniedrigt haben. Alles Gttliche hat eine Geschichte und die Natur, dieses
einzige Ganze, womit der Mensch sich vergleichen kann, sollte nicht so gut wie
der Mensch in einer Geschichte begriffen seyn oder welches eins ist, einen Geist
haben? die Natur wre nicht die Natur, wenn sie keinen Geist htte, nicht jenes
einzige Gegenbild der Menschheit, nicht die unentbehrliche Antwort dieser
geheimnivollen Frage, oder die Frage zu dieser unendlichen Antwort.
    Nur die Dichter haben es gefhlt, was die Natur den Menschen seyn kann,
begann ein schner Jngling, und man kann auch hier von ihnen sagen, da sich
die Menschheit in ihnen in der vollkommensten Auflsung befindet, und daher
jeder Eindruck durch ihre Spiegelhelle und Beweglichkeit rein in allen seinen
unendlichen Vernderungen nach allen Seiten fortgepflanzt wird. Alles finden sie
in der Natur. Ihnen allein bleibt die Seele derselben nicht fremd, und sie
suchen in ihrem Umgang alle Seligkeiten der goldnen Zeit nicht umsonst. Fr sie
hat die Natur alle Abwechselungen eines unendlichen Gemths, und mehr als der
geistvollste, lebendigste Mensch berrascht sie durch sinnreiche Wendungen und
Einflle, Begegnungen und Abweichungen, groe Ideen und Bizarrerieen. Der
unerschpfliche Reichtum ihrer Fantasie lt keinen vergebens ihren Umgang
aufsuchen. Alles wei sie zu verschnern, zu beleben, zu besttigen, und wenn
auch im Einzelnen ein bewutloser, nichtsbedeutender Mechanismus allein zu
herrschen scheint, so sieht doch das tiefer sehende Auge eine wunderbare
Sympathie mit dem menschlichen Herzen im Zusammentreffen und in der Folge der
einzelnen Zuflligkeiten. Der Wind ist eine Luftbewegung, die manche uere
Ursachen haben kann, aber ist er dem einsamen, sehnsuchtsvollen Herzen nicht
mehr, wenn er vorbersaust, von geliebten Gegenden herweht und mit tausend
dunkeln, wehmthigen Lauten den stillen Schmerz in einen tiefen melodischen
Seufzer der ganzen Natur aufzulsen scheint? Fhlt nicht so auch im jungen,
bescheidnen Grn der Frhlingswiesen der junge Liebende seine ganze
blumenschwangre Seele mit entzckender Wahrheit ausgesprochen, und ist je die
ppigkeit einer nach ser Auflsung in goldnen Wein lsternen Seele kstlicher
und erwecklicher erschienen, als in einer vollen, glnzenden Traube, die sich
unter den breiten Blttern halb versteckt? Man beschuldigt die Dichter der
bertreibung, und hlt ihnen ihre bildliche uneigentliche Sprache gleichsam nur
zu gute, ja man begngt sich ohne tiefere Untersuchung, ihrer Fantasie jene
wunderliche Natur zuzuschreiben, die manches sieht und hrt, was andere nicht
hren und sehen, und die in einem lieblichen Wahnsinn mit der wirklichen Welt
nach ihrem Belieben schaltet und waltet; aber mir scheinen die Dichter noch bei
weitem nicht genug zu bertreiben, nur dunkel den Zauber jener Sprache zu ahnden
und mit der Fantasie nur so zu spielen, wie ein Kind mit dem Zauberstabe seines
Vaters spielt. Sie wissen nicht, welche Krfte ihnen unterthan sind, welche
Welten ihnen gehorchen mssen. Ist es denn nicht wahr, da Steine und Wlder der
Musik gehorchen und, von ihr gezhmt, sich jedem Willen wie Hausthiere fgen? -
Blhen nicht wirklich die schnsten Blumen um die Geliebte und freuen sich sie
zu schmcken? Wird fr sie der Himmel nicht heiter und das Meer nicht eben? -
Drckt nicht die ganze Natur so gut, wie das Gesicht, und die Geberden, der Puls
und die Farben, den Zustand eines jeden der hheren, wunderbaren Wesen aus, die
wir Menschen nennen? Wird nicht der Fels ein eigenthmliches Du, eben wenn ich
ihn anrede? Und was bin ich anders, als der Strom, wenn ich wehmthig in seine
Wellen hinabschaue, und die Gedanken in seinem Gleiten verliere? Nur ein
ruhiges, genuvolles Gemth wird die Pflanzenwelt, nur ein lustiges Kind oder
ein Wilder die Thiere verstehn. - Ob jemand die Steine und Gestirne schon
verstand, wei ich nicht, aber gewi mu dieser ein erhabnes Wesen gewesen seyn.
In jenen Statuen, die aus einer untergegangenen Zeit der Herrlichkeit des
Menschengeschlechts brig geblieben sind, leuchtet allein so ein tiefer Geist,
so ein seltsames Verstndni der Steinwelt hervor, und berzieht den sinnvollen
Betrachter mit einer Steinrinde, die nach innen zu wachsen scheint. Das Erhabne
wirkt versteinernd, und so drften wir uns nicht ber das Erhabne der Natur und
seine Wirkungen wundern, oder nicht wissen, wo es zu suchen sey. Knnte die
Natur nicht ber den Anblick Gottes zu Stein geworden seyn? Oder vor Schrecken
ber die Ankunft des Menschen?
    ber diese Rede war der, welcher zuerst gesprochen hatte, in tiefe
Betrachtung gesunken, die fernen Berge wurden buntgefrbt, und der Abend legte
sich mit ser Vertraulichkeit ber die Gegend. Nach einer langen Stille hrte
man ihn sagen: Um die Natur zu begreifen, mu man die Natur innerlich in ihrer
ganzen Folge entstehen lassen. Bey dieser Unternehmung mu man sich blo von der
gttlichen Sehnsucht nach Wesen, die uns gleich sind, und den nothwendigen
Bedingungen dieselben zu vernehmen, bestimmen lassen, denn wahrhaftig die ganze
Natur ist nur als Werkzeug und Medium des Einverstndnisses vernnftiger Wesen
begreiflich. Der denkende Mensch kehrt zur ursprnglichen Function seines
Daseyns, zur schaffenden Betrachtung, zu jenem Punkte zurck, wo Hervorbringen
und Wissen in der wundervollsten Wechselverbindung standen, zu jenem
schpferischen Moment des eigentlichen Genusses, des innern Selbstempfngnisses.
Wenn er nun ganz in die Beschauung dieser Urerscheinung versinkt, so entfaltet
sich vor ihm in neu entstehenden Zeiten und Rumen, wie ein unermeliches
Schauspiel, die Erzeugungsgeschichte der Natur, und jeder feste Punkt, der sich
in der unendlichen Flssigkeit ansetzt, wird ihm eine neue Offenbarung des
Genius der Liebe, ein neues Band des Du und des Ich. Die sorgfltige
Beschreibung dieser innern Weltgeschichte ist die wahre Theorie der Natur; durch
den Zusammenhang seiner Gedankenwelt in sich, und ihre Harmonie mit dem
Universum, bildet sich von selbst ein Gedankensystem zur getreuen Abbildung und
Formel des Universums. Aber die Kunst des ruhigen Beschauens, der der
schpferischen Weltbetrachtung ist schwer, unaufhrliches ernstes Nachdenken und
strenge Nchternheit fordert die Ausfhrung, und die Belohnung wird kein Beifall
der mhescheuenden Zeitgenossen, sondern nur eine Freude des Wissens und
[Machens], eine innigere Berhrung des Universums seyn.
    Ja, sagte der Zweite, nichts ist so bemerkenswerth, als das groe Zugleich
in der Natur. Ueberall scheint die Natur ganz gegenwrtig. In der Flamme eines
Lichts sind alle Naturkrfte thtig, und so reprsentirt und verwandelt sie sich
berall und unaufhrlich, treibt Bltter, Blthen und Frchte zusammen, und ist
mitten in der Zeit gegenwrtig, vergangen und zuknftig zugleich; und wer wei,
in welche eigne Art von Ferne sie ebenfalls wirkt und ob nicht dieses
Natursystem nur eine Sonne ist im Universo, die durch Bande an dasselbe geknpft
ist, durch ein Licht und einen Zug und Einflsse, die zunchst in unserm Geiste
sich deutlicher vernehmen lassen, und aus ihm heraus den Geist des Universums
ber diese Natur ausgieen, und den Geist dieser Natur an andere Natursysteme
vertheilen.
    Wenn der Denker, sprach der Dritte, mit Recht als Knstler den thtigen Weg
betritt, und durch eine geschickte Anwendung seiner geistigen Bewegungen das
Weltall auf eine einfache, rthselhaft scheinende Figur zu reduciren sucht, ja
man mchte sagen die Natur tanzt, und mit Worten die Linien der Bewegungen
nachschreibt, so mu der Liebhaber der Natur dieses khne Unternehmen bewundern,
und sich auch ber das Gedeihen dieser menschlichen Anlage freuen. Billig stellt
der Knstler die Thtigkeit oben an, denn sein Wesen ist Thun und Hervorbringen
mit Wissen und Willen, und seine Kunst ist, sein Werkzeug zu allem gebrauchen,
die Welt auf seine Art nachbilden zu knnen, und darum wird das Princip seiner
Welt Thtigkeit, und seine Welt seine Kunst. Auch hier wird die Natur in neuer
Herrlichkeit sichtbar, und nur der gedankenlose Mensch wirft die unleserlichen,
wunderlich gemischten Worte mit Verachtung weg. Dankbar legt der Priester diese
neue, erhabene Mekunst auf den Altar zu der magnetischen Nadel, die sich nie
verirrt, und zahllose Schiffe auf dem pfadlosen Ozean zu bewohnten Ksten und
den Hfen des Vaterlandes zurck fhrte. Auer dem Denker giebt es aber noch
andre Freunde des Wissens, die dem Hervorbringen durch Denken nicht vorzglich
zugethan, und also ohne Beruf zu dieser Kunst, lieber Schler der Natur werden,
ihre Freude im Lernen, nicht im Lehren, im Erfahren, nicht im Machen, im
Empfangen, nicht im Geben finden. Einige sind geschftig und nehmen im Vertrauen
auf die Allgegenwart und die innige Verwandtschaft der Natur, mithin auch im
Voraus von der Unvollstndigkeit und der Continuitt alles Einzelnen berzeugt,
irgend eine Erscheinung mit Sorgfalt auf, und halten den in tausend Gestalten
sich verwandelnden Geist derselben mit stetem Blicke fest, und gehn dann an
diesem Faden durch alle Schlupfwinkel der geheimen Werksttte, um eine
vollstndige Verzeichnung dieser labyrinthischen Gnge entwerfen zu knnen. Sind
sie mit dieser mhseligen Arbeit fertig, so ist auch unvermerkt ein hherer
Geist ber sie gekommen, und es wird ihnen dann leicht, ber die vorliegende
Karte zu reden und jedem Suchenden seinen Weg vorzuschreiben. Unermelicher
Nutzen segnet ihre mhsame Arbeit, und der Grundri ihrer Karte wird auf eine
berraschende Weise mit dem Systeme des Denkers bereinstimmen, und sie werden
diesem zum Trost gleichsam den lebendigen Beweis seiner abstrakten Stze
unwillkhrlich gefhrt haben. Die Migsten unter ihnen erwarten kindlich von
liebevoller Mittheilung hherer, von ihnen mit Inbrunst verehrter Wesen die
ihnen ntzliche Kenntni der Natur. Sie mgen Zeit und Aufmerksamkeit in diesem
kurzen Leben nicht Geschften widmen, und dem Dienste der Liebe entziehn. Durch
frommes Betragen suchen sie nur Liebe zu gewinnen, nur Liebe mitzutheilen,
unbekmmert um das groe Schauspiel der Krfte, ruhig ihrem Schicksale in diesem
Reiche der Macht ergeben, weil das innige Bewutseyn ihrer Unzertrennlichkeit
von den geliebten Wesen sie erfllt, und die Natur sie nur als Abbild und
Eigenthum derselben rhrt. Was brauchen diese glcklichen Seelen zu wissen, die
das beste Theil erwhlt haben, und als reine Flammen der Liebe in dieser
irdischen Welt nur auf den Spitzen der Tempel oder auf umhergetriebenen
Schiffen, als Zeichen des berstrmenden himmlischen Feuers lodern? Oft erfahren
diese liebenden Kinder in seligen Stunden herrliche Dinge aus den Geheimnissen
der Natur, und thun sie in unbewuter Einfalt kund. Ihren Tritten folgt der
Forscher, um jedes Kleinod zu sammeln, was sie in ihrer Unschuld und Freude
haben fallen lassen, ihrer Liebe huldigt der mitfhlende Dichter und sucht durch
seine Gesnge diese Liebe, diesen Keim des goldnen Alters, in andre Zeiten und
Lnder zu verpflanzen.
    Wem regt sich nicht, rief der Jngling mit funkelndem Auge, das Herz in
hpfender Lust, wenn ihm das innerste Leben der Natur in seiner ganzen Flle in
das Gemth kommt! wenn dann jenes mchtige Gefhl, wofr die Sprache keine
andere Namen als Liebe und Wollust hat, sich in ihm ausdehnt, wie ein
gewaltiger, alles auflsender Dunst, und er bebend in ser Angst in den dunkeln
lockenden Schoos der Natur versinkt, die arme Persnlichkeit in den
berschlagenden Wogen der Lust sich verzehrt, und nichts als ein Brennpunkt der
unermelichen Zeugungskraft, ein verschluckender Wirbel im groen Ozean brig
bleibt! Was ist die berall erscheinende Flamme? Eine innige Umarmung, deren
se Frucht in wollstigen Tropfen herunterthaut. Das Wasser, dieses erstgeborne
Kind luftiger Verschmelzungen, kann seinen wollstigen Ursprung nicht verlugnen
und zeigt sich, als Element der Liebe und der Mischung mit himmlischer Allgewalt
auf Erden. Nicht unwahr haben alte Weisen im Wasser den Ursprung der Dinge
gesucht, und wahrlich sie haben von einem hhern Wasser, als dem Meer- und
Quellwasser gesprochen. In jenem offenbaret sich nur das Urflssige, wie es im
flssigen Metall zum Vorschein kommt, und darum mgen die Menschen es immer auch
nur gttlich verehren. Wie wenige haben sich noch in die Geheimnisse des
Flssigen vertieft und manchem ist diese Ahndung des hchsten Genusses und
Lebens wohl nie in der trunkenen Seele aufgegangen. Im Durste offenbaret sich
diese Weltseele, diese gewaltige Sehnsucht nach dem Zerflieen. Die Berauschten
fhlen nur zu gut diese berirdische Wonne des Flssigen, und am Ende sind alle
angenehme Empfindungen in uns mannichfache Zerflieungen, Regungen jener
Urgewsser in uns. Selbst der Schlaf ist nichts als die Flut jenes unsichtbaren
Weltmeers, und das Erwachen das Eintreten der Ebbe. Wie viele Menschen stehn an
den berauschenden Flssen und hren nicht das Wiegenlied dieser mtterlichen
Gewsser, und genieen nicht das entzckende Spiel [ihrer] unendlichen Wellen!
Wie diese Wellen, lebten wir in der goldnen Zeit; in buntfarbigen Wolken, diesen
schwimmenden Meeren und Urquellen des Lebendigen auf Erden, liebten und
erzeugten sich die Geschlechter der Menschen in ewigen Spielen, wurden besucht
von den Kindern des Himmels und erst in jener groen Begebenheit, welche heilige
Sagen die Sndflut nennen, ging diese blhende Welt unter; ein feindliches Wesen
schlug die Erde nieder, und einige Menschen blieben geschwemmt auf die Klippen
der neuen Gebirge in der fremden Welt zurck. Wie seltsam, da gerade die
heiligsten und reitzendsten Erscheinungen der Natur in den Hnden so todter
Menschen sind, als die Scheideknstler zu seyn pflegen! sie, die den
schpferischen Sinn der Natur mit Macht erwecken, nur ein Geheimni der
Liebenden, Mysterien der hhern Menschheit seyn sollten, werden mit
Schaamlosigkeit und sinnlos von rohen Geistern hervorgerufen, die nie wissen
werden, welche Wunder ihre Glser umschlieen. Nur Dichter sollten mit dem
Flssigen umgehn, und von ihm der glhenden Jugend erzhlen drfen; die
Werksttten wren Tempel und mit neuer Liebe wrden die Menschen ihre Flamme und
ihre Flsse verehren und sich ihrer rhmen. Wie glcklich wrden die Stdte sich
wieder dnken, die das Meer oder ein groer Strom besplt, und jede Quelle wrde
wieder die Freisttte der Liebe und der Aufenthalt der erfahrnen und
geistreichen Menschen. Darum lockt auch die Kinder nichts mehr als Feuer und
Wasser, und jeder Strom verspricht ihnen, in die bunte Ferne, in schnere
Gegenden sie zu fhren. Es ist nicht blos Wiederschein, da der Himmel im Wasser
liegt, es ist eine zarte Befreundung, ein Zeichen der Nachbarschaft, und wenn
der unerfllte Trieb in die unermeliche Hhe will, so versinkt die glckliche
Liebe gern in die endlose Tiefe. Aber es ist umsonst, die Natur lehren und
predigen zu wollen. Ein Blindgeborner lernt nicht sehen, und wenn man ihm noch
so viel von Farben und Lichtern und fernen Gestalten erzhlen wollte. So wird
auch keiner die Natur begreifen, der kein Naturorgan, kein innres
naturerzeugendes und absonderndes Werkzeug hat, der nicht, wie von selbst,
berall die Natur an allem erkennt und unterscheidet und mit angeborner
Zeugungslust, in inniger mannichfaltiger Verwandtschaft mit allen Krpern, durch
das Medium der Empfindung, sich mit allen Naturwesen vermischt, sich gleichsam
in sie hineinfhlt. Wer aber einen richtigen und gebten Natursinn hat, der
geniet die Natur, indem er sie studirt, und freut sich ihrer unendlichen
Mannichfaltigkeit, ihrer Unerschpflichkeit im Genusse, und bedarf nicht, da
man ihn mit unntzen Worten in seinen Genssen stre. Ihm dnkt vielmehr, da
man nicht heimlich genug mit der Natur umgehen, nicht zart genug von ihr reden,
nicht ungestrt und aufmerksam genug sie beschauen kann. Er fhlt sich in ihr,
wie am Busen seiner zchtigen Braut und vertraut auch nur dieser seine erlangten
Einsichten in sen vertraulichen Stunden. Glcklich preis' ich diesen Sohn,
diesen Liebling der Natur, dem sie verstattet sie in ihrer Zweyheit, als
erzeugende und gebrende Macht, und in ihrer Einheit, als eine unendliche,
ewigdauernde Ehe, zu betrachten. Sein Leben wird eine Flle aller Gensse, eine
Kette der Wollust und seine Religion der eigentliche, chte Naturalismus seyn.

Unter dieser Rede hatte sich der Lehrer mit seinen Lehrlingen der Gesellschaft
genhert. Die Reisenden standen auf und begrten ihn ehrfurchtsvoll. Eine
erfrischende Khlung verbreitete sich aus den dunkeln Laubgngen ber den Platz
und die Stufen. Der Lehrer lie einen jener seltnen leuchtenden Steine bringen,
die man Karfunkel nennt, und ein hellrothes, krftiges Licht go sich ber die
verschiednen Gestalten und Kleidungen aus. Es entspann sich bald eine
freundliche Mittheilung unter ihnen. Whrend eine Musik aus der Ferne sich hren
lie und eine khlende Flamme aus Krystallschaalen in die Lippen der Sprechenden
hineinloderte, erzhlten die Fremden merkwrdige Erinnerungen ihrer weiten
Reisen. Voll Sehnsucht und Wibegierde hatten sie sich aufgemacht, um die Spuren
jenes verloren gegangenen Urvolks zu suchen, dessen entartete und verwilderte
Reste die heutige Menschheit zu seyn schiene, dessen hoher Bildung sie noch die
wichtigsten und unentbehrlichsten Kenntnisse und Werkzeuge zu danken hat.
Vorzglich hatte sie jene heilige Sprache gelockt, die das glnzende Band jener
kniglichen Menschen mit berirdischen Gegenden und Bewohnern gewesen war, und
von der einige Worte, nach dem Verlaut mannichfaltiger Sagen, noch im Besitz
einiger glcklichen Weisen unter unsern Vorfahren gewesen seyn mgen. Ihre
Aussprache war ein wunderbarer Gesang, dessen unwiderstehliche Tne tief in das
Innere jeder Natur eindrangen und sie zerlegten. Jeder ihrer Namen schien das
Loosungswort fr die Seele jedes Naturkrpers. Mit schpferischer Gewalt
erregten diese Schwingungen alle Bilder der Welterscheinungen, und von ihnen
konnte man mit Recht sagen, da das Leben des Universums ein ewiges
tausendstimmiges Gesprch sey; denn in ihrem Sprechen schienen alle Krfte, alle
Arten der Thtigkeit auf das Unbegreiflichste vereinigt zu seyn. Die Trmmer
dieser Sprache, wenigstens alle Nachrichten von ihr, aufzusuchen, war ein
Hauptzweck ihrer Reise gewesen, und der Ruf des Alterthums hatte sie auch nach
Sais gezogen. Sie hofften hier von den erfahrnen Vorstehern des Tempelarchivs
wichtige Nachrichten zu erhalten, und vielleicht in den groen Sammlungen aller
Art selbst Aufschlsse zu finden. Sie baten den Lehrer um die Erlaubni, eine
Nacht im Tempel schlafen, und seinen Lehrstunden einige Tage beiwohnen zu
drfen. Sie erhielten was sie wnschten, und freuten sich innig, wie der Lehrer
aus dem Schatze seiner Erfahrungen ihre Erzhlungen mit mannichfaltigen
Bemerkungen begleitete, und eine Reihe lehrreicher und anmuthiger Geschichten
und Beschreibungen vor ihnen entwickelte.
    Endlich kam er auch auf das Geschft seines Alters, den unterschiednen
Natursinn in jungen Gemthern zu erwecken, zu ben, zu schrfen, und ihn mit den
andern Anlagen zu hheren Blthen und Frchten zu verknpfen.

Ein Verkndiger der Natur zu seyn, ist ein schnes und heiliges Amt, sagte der
Lehrer. Nicht der bloe Umfang und Zusammenhang der Kenntnisse, nicht die Gabe,
diese Kenntnisse leicht und rein an bekannte Begriffe und Erfahrungen
anzuknpfen, und die eigenthmlichen fremd klingenden Worte mit gewhnlichen
Ausdrcken zu vertauschen, selbst nicht die Geschicklichkeit einer reichen
Einbildungskraft, die Naturerscheinungen in leicht faliche und treffend
beleuchtete Gemhlde zu ordnen, die entweder durch den Reitz der
Zusammenstellung und den Reichthum des Inhalts die Sinne spannen und
befriedigen, oder den Geist durch eine tiefe Bedeutung entzcken, alles dies
macht noch nicht das chte Erforderni eines Naturkndigers aus. Wem es um etwas
anders zu thun ist, als um die Natur, dem ist es vielleicht genug, aber wer eine
innige Sehnsucht nach der Natur sprt, wer in ihr alles sucht, und gleichsam ein
empfindliches Werkzeug ihres geheimen Thuns ist, der wird nur den fr seinen
Lehrer und fr den Vertrauten der Natur erkennen, der mit Andacht und Glauben
von ihr spricht, dessen Reden die wunderbare, unnachahmliche Eindringlichkeit
und Unzertrennlichkeit haben, durch die sich wahre Evangelia, wahre Eingebungen
ankndigen. Die ursprnglich gnstige Anlage eines solchen natrlichen Gemths
mu durch unablssigen Flei von Jugend auf, durch Einsamkeit und
Stillschweigen, weil vieles Reden sich nicht mit der steten Aufmerksamkeit
vertrgt, die ein solcher anwenden mu, durch kindliches, bescheidnes Wesen und
unermdliche Geduld untersttzt und ausgebildet seyn. Die Zeit lt sich nicht
bestimmen, wie bald einer ihrer Geheimnisse theilhaftig wird. Manche Beglckte
gelangten frher, manche erst im hohen Alter dazu. Ein wahrer Forscher wird nie
alt, jeder ewige Trieb ist auer dem Gebiete der Lebenszeit, und je mehr die
uere Hlle verwittert, desto heller und glnzender und mchtiger wird der
Kern. Auch haftet diese Gabe nicht an uerer Schnheit, oder Kraft, oder
Einsicht, oder irgend einem menschlichen Vorzug. In allen Stnden, unter jedem
Alter und Geschlecht, in allen Zeitaltern und unter jedem Himmelsstriche hat es
Menschen gegeben, die von der Natur zu ihren Lieblingen ausersehn und durch
inneres Empfngni beglckt waren. Oft schienen diese Menschen einfltiger und
ungeschickter zu seyn, als Andere, und blieben ihr ganzes Leben hindurch in der
Dunkelheit des groen Haufens. Es ist sogar als eine rechte Seltenheit zu
achten, wenn man das wahre Naturverstndni bey groer Beredsamkeit, Klugheit,
und einem prchtigen Betragen findet, da es gemeiniglich die einfachen Worte,
den geraden Sinn, und ein schlichtes Wesen hervorbringt oder begleitet. In den
Werksttten der Handwerker und Knstler, und da, wo die Menschen in vielfltigem
Umgang und Streit mit der Natur sind, als da ist beim Ackerbau, bey der
Schifffahrt, bey der Viehzucht, bey den Erzgruben, und so bey vielen andern
Gewerben, scheint die Entwickelung dieses Sinns am leichtesten und ftersten
statt zu finden. Wenn jede Kunst in der Erkenntni der Mittel, einen gesuchten
Zweck zu erreichen, eine bestimmte Wirkung und Erscheinung hervorzubringen, und
in der Fertigkeit, diese Mittel zu whlen und anzuwenden, besteht, so mu
derjenige, der den innern Beruf fhlt, das Naturverstndni mehreren Menschen
gemein zu machen, diese Anlage in den Menschen vorzglich zu entwickeln, und zu
pflegen, zuerst auf die natrlichen Anlsse dieser Entwicklung sorgfltig zu
achten und die Grundzge dieser Kunst der Natur abzulernen suchen. Mit Hlfe
dieser erlangten Einsichten wird er sich ein System der Anwendung dieser Mittel
bey jedem gegebenen Individuum, auf Versuche, Zergliederung und Vergleichung
gegrndet, bilden, sich dieses System bis zur andern Natur aneignen, und dann
mit Enthusiasmus sein belohnendes Geschft anfangen. Nur diesen wird man mit
Recht einen Lehrer der Natur nennen knnen, da jeder andre bloe Naturalist nur
zufllig und sympathetisch, wie ein Naturerzeugni selbst, den Sinn fr die
Natur erwecken wird.
