
                                    Novalis

                            Heinrich von Ofterdingen

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                                    Novalis

                            Heinrich von Ofterdingen

                          Erster Theil: Die Erwartung

                                 Erstes Kapitel

Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einfrmigen Takt,
vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell
von dem Schimmer des Mondes. Der Jngling lag unruhig auf seinem Lager, und
gedachte des Fremden und seiner Erzhlungen. Nicht die Schtze sind es, die ein
so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst;
fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu
erblicken. Sie liegt mir unaufhrlich im Sinn, und ich kann nichts anders
dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als htt' ich
vorhin getrumt, oder ich wre in eine andere Welt hinbergeschlummert; denn in
der Welt, in der ich sonst lebte, wer htte da sich um Blumen bekmmert, und gar
von einer so seltsamen Leidenschaft fr eine Blume hab' ich damals nie gehrt.
Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen hnlichen
Menschen gesehn; doch wei ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so
ergriffen worden bin; die Andern haben ja das Nmliche gehrt, und Keinem ist so
etwas begegnet. Da ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden
kann! Es ist mir oft so entzckend wohl, und nur dann, wenn ich die Blume nicht
recht gegenwrtig habe, befllt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann
und wird Keiner verstehn. Ich glaubte, ich wre wahnsinnig, wenn ich nicht so
klar und hell she und dchte, mir ist seitdem alles viel bekannter. Ich hrte
einst von alten Zeiten reden; wie da die Thiere und Bume und Felsen mit den
Menschen gesprochen htten. Mir ist grade so, als wollten sie allaugenblicklich
anfangen, und als knnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. Es mu
noch viel Worte geben, die ich nicht wei: wte ich mehr, so knnte ich viel
besser alles begreifen.
    Sonst tanzte ich gern; jezt denke ich lieber nach der Musik. Der Jngling
verlohr sich allmhlich in sen Fantasien und entschlummerte. Da trumte ihm
erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte
ber Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Thiere sah er; er lebte
mit mannichfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getmmel, in stillen
Htten. Er gerieth in Gefangenschaft und die schmhlichste Noth. Alle
Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Hhe in ihm. Er durchlebte ein
unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur hchsten
Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt.
Endlich gegen Morgen, wie drauen die Dmmerung anbrach, wurde es stiller in
seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge
er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grne
Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er mute ber
bemooste Steine klettern, die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte. Je
hher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen
Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe
Klippe, an deren Fu er eine efnung erblickte, die der Anfang eines in den
Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien. Der Gang fhrte ihn gemchlich eine
Zeitlang eben fort, bis zu einer groen Weitung, aus der ihm schon von fern ein
helles Licht entgegen glnzte. Wie er hineintrat, ward er einen mchtigen Strahl
gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewlbes stieg, und
oben in unzhlige Funken zerstubte, die sich unten in einem groen Becken
sammelten; der Strahl glnzte wie entzndetes Gold; nicht das mindeste Gerusch
war zu hren, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er nherte
sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wnde der
Hhle waren mit dieser Flssigkeit berzogen, die nicht hei, sondern khl war,
und an den Wnden nur ein mattes, bluliches Licht von sich warf. Er tauchte
seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdrnge ihn
ein geistiger Hauch, und er fhlte sich innigst gestrkt und erfrischt. Ein
unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und
stieg in das Becken. Es dnkte ihn, als umflsse ihn eine Wolke des Abendroths;
eine himmlische Empfindung berstrmte sein Inneres; mit inniger Wollust
strebten unzhlbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder
entstanden, die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden,
und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an
ihn. Die Flut schien eine Auflsung reizender Mdchen, die an dem Jnglinge sich
augenblicklich verkrperten.
    Berauscht von Entzcken und doch jedes Eindrucks bewut, schwamm er gemach
dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinflo. Eine
Art von sem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten
trumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem
weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin
zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger
Entfernung; das Tageslicht [,] das ihn umgab, war heller und milder als das
gewhnliche, der Himmel war schwarzblau und vllig rein. Was ihn aber mit voller
Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunchst an der Quelle stand,
und ihn mit ihren breiten, glnzenden Blttern berhrte. Rund um sie her standen
unzhlige Blumen von allen Farben, und der kstlichste Geruch erfllte die Luft.
Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer
Zrtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nhern, als sie auf einmal sich zu
bewegen und zu verndern anfing; die Bltter wurden glnzender und schmiegten
sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die
Blthenbltter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes
Gesicht schwebte. Sein ses Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als
ihn pltzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen
Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzckt, um
unwillig ber diese Strung zu seyn; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich
guten Morgen und erwiederte ihre herzliche Umarmung.
    Du Langschlfer, sagte der Vater, wie lange sitze ich schon hier, und feile.
Ich habe deinetwegen nichts hmmern drfen; die Mutter wollte den lieben Sohn
schlafen lassen. Aufs Frhstck habe ich auch warten mssen. Klglich hast du
den Lehrstand erwhlt, fr den wir wachen und arbeiten. Inde ein tchtiger
Gelehrter, wie ich mir habe sagen lassen, mu auch Nchte zu Hlfe nehmen, um
die groen Werke der weisen Vorfahren zu studiren. Lieber Vater, antwortete
Heinrich, werdet nicht unwillig ber meinen langen Schlaf, den ihr sonst nicht
an mir gewohnt seid. Ich schlief erst spt ein, und habe viele unruhige Trume
gehabt, bis zuletzt ein anmuthiger Traum mir erschien, den ich lange nicht
vergessen werde, und von dem mich dnkt, als sey es mehr als bloer Traum
gewesen. Lieber Heinrich, sprach die Mutter, du hast dich gewi auf den Rcken
gelegt, oder beim Abendsegen fremde Gedanken gehabt. Du siehst auch noch ganz
wunderlich aus. I und trink, da du munter wirst.
    Die Mutter ging hinaus, der Vater arbeitete emsig fort und sagte: Trume
sind Schume, mgen auch die hochgelahrten Herren davon denken, was sie wollen,
und du thust wohl, wenn du dein Gemth von dergleichen unntzen und schdlichen
Betrachtungen abwendest. Die Zeiten sind nicht mehr, wo zu den Trumen gttliche
Gesichte sich gesellten, und wir knnen und werden es nicht begreifen, wie es
jenen auserwhlten Mnnern, von denen die Bibel erzhlt, zu Muthe gewesen ist.
Damals mu es eine andere Beschaffenheit mit den Trumen gehabt haben, so wie
mit den menschlichen Dingen.
    In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem
Himmel nicht mehr Statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die
einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntni von der berirdischen Welt, so
weit wir sie nthig haben, zu Theil wird; und statt jener ausdrcklichen
Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger
und wohlgesinnter Mnner und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer
Menschen zu uns. Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut,
und ich habe nie jene groen Thaten geglaubt, die unsre Geistlichen davon
erzhlen. Inde mag sich daran erbauen, wer will, und ich hte mich wohl
jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen. - Aber, lieber Vater, aus welchem
Grunde seyd Ihr so den Trumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und
leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewilich rege machen mssen? Ist
nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch
ohne noch an gttliche Schickung dabey zu denken, ein bedeutsamer Ri in den
geheimnivollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres
hereinfllt? In den weisesten Bchern findet man unzhlige Traumgeschichten von
glaubhaften Menschen, und erinnert Euch nur noch des Traums, den uns neulich der
ehrwrdige Hofkaplan erzhlte, und der Euch selbst so merkwrdig vorkam.
    Aber, auch ohne diese Geschichten, wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen
Traum httet, wie wrdet Ihr nicht erstaunen, und Euch die Wunderbarkeit dieser
uns nur alltglich gewordenen Begebenheit gewi nicht abstreiten lassen! Mich
dnkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmigkeit und Gewhnlichkeit des
Lebens, eine freye Erholung der gebundenen Fantasie, wo sie alle Bilder des
Lebens durcheinanderwirft, und die bestndige Ernsthaftigkeit des erwachsenen
Menschen durch ein frhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Trume wrden
wir gewi frher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar
von oben gegeben, doch als eine gttliche Mitgabe, einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten. Gewi ist der Traum, den ich
heute Nacht trumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich
fhle es, da er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in
mchtigem Schwunge forttreibt.
    Der Vater lchelte freundlich und sagte, indem er die Mutter, die eben
hereintrat, ansah: Mutter, Heinrich kann die Stunde nicht verlugnen, durch die
er in der Welt ist. In seinen Reden kocht der feurige wlsche Wein, den ich
damals von Rom mitgebracht hatte, und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte.
Damals war ich auch noch ein andrer Kerl. Die sdliche Luft hatte mich
aufgethaut, von Muth und Lust flo ich ber, und du warst auch ein heies
kstliches Mdchen. Bey Deinem Vater gings damals herrlich zu; Spielleute und
Snger waren weit und breit herzugekommen, und lange war in Augsburg keine
lustigere Hochzeit gefeyert worden.
    Ihr spracht vorhin von Trumen, sagte die Mutter, weit du wohl, da du mir
damals auch von einem Traume erzhltest, den du in Rom gehabt hattest, und der
dich zuerst auf den Gedanken gebracht, zu uns nach Augsburg zu kommen, und um
mich zu werben? Du erinnerst mich eben zur rechten Zeit, sagte der Alte; ich
habe diesen seltsamen Traum ganz vergessen, der mich damals lange genug
beschftigte; aber eben er ist mir ein Beweis dessen, was ich von den Trumen
gesagt habe. Es ist unmglich einen geordneteren und helleren zu haben; noch
jetzt entsinne ich mich jedes Umstandes ganz genau; und doch, was hat er
bedeutet? Da ich von dir trumte, und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen
fhlte, dich zu besitzen, war ganz natrlich: denn ich kannte dich schon. Dein
freundliches holdes Wesen hatte mich gleich anfangs lebhaft gerhrt, und nur die
Lust nach der Fremde hielt damals meinen Wunsch nach deinem Besitz noch zurck.
Um die Zeit des Traums war meine Neugierde schon ziemlich gestillt, und nun
konnte die Neigung leichter durchdringen.
    Erzhlt uns doch jenen seltsamen Traum, sagte der Sohn. Ich war eines
Abends, fing der Vater an, umhergestreift. Der Himmel war rein, und der Mond
bekleidete die alten Sulen und Mauern mit seinem bleichen schauerlichen Lichte.
Meine Gesellen gingen den Mdchen nach, und mich trieb das Heimweh und die Liebe
ins Freye. Endlich ward ich durstig und ging ins erste beste Landhaus hinein, um
einen Trunk Wein oder Milch zu fordern. Ein alter Mann kam heraus, der mich wohl
fr einen verdchtigen Besuch halten mochte. Ich trug ihm mein Anliegen vor; und
als er erfuhr, da ich ein Auslnder und ein Deutscher sey, lud er mich
freundlich in die Stube und brachte eine Flasche Wein. Er hie mich
niedersetzen, und fragte mich nach meinem Gewerbe. Die Stube war voll Bcher und
Alterthmer. Wir geriethen in ein weitlufiges Gesprch; er erzhlte mir viel
von alten Zeiten, von Mahlern, Bildhauern und Dichtern. Noch nie hatte ich so
davon reden hren. Es war mir, als sey ich in einer neuen Welt ans Land
gestiegen. Er wies mir Siegelsteine und andre alte Kunstarbeiten; dann las er
mir mit lebendigem Feuer herrliche Gedichte vor, und so vergieng die Zeit, wie
ein Augenblick. Noch jetzt heitert mein Herz sich auf, wenn ich mich des bunten
Gewhls der wunderlichen Gedanken und Empfindungen erinnere, die mich in dieser
Nacht erfllten. In den heidnischen Zeiten war er wie zu Hause, und sehnte sich
mit unglaublicher Inbrunst in dies graue Alterthum zurck. Endlich wies er mir
eine Kammer an, wo ich den Rest der Nacht zubringen knnte, weil es schon zu
spt sey, um noch zurckzukehren. Ich schlief bald, und da dnkte michs ich sey
in meiner Vaterstadt und wanderte aus dem Thore. Es war, als mte ich irgend
wohin gehn, um etwas zu bestellen, doch wute ich nicht wohin, und was ich
verrichten solle. Ich ging nach dem Harze mit beraus schnellen Schritten, und
wohl war mir, als sey es zur Hochzeit. Ich hielt mich nicht auf dem Wege,
sondern immer feldein durch Thal und Wald, und bald kam ich an einen hohen Berg.
Als ich oben war, sah ich die goldne Aue vor mir, und berschaute Thringen weit
und breit, also da kein Berg in der Nhe umher mir die Aussicht wehrte.
Gegenber lag der Harz mit seinen dunklen Bergen, und ich sah unzhlige
Schlsser, Klster und Ortschaften. Wie mir nun da recht wohl innerlich ward,
fiel mir der alte Mann ein, bei dem ich schlief, und es geduchte mir, als sey
das vor geraumer Zeit geschehn, da ich bey ihm gewesen sey. Bald gewahrte ich
eine Stiege, die in den Berg hinein ging, und ich machte mich hinunter. Nach
langer Zeit kam ich in eine groe Hhle, da sa ein Greis in einem langen Kleide
vor einem eisernen Tische, und schaute unverwandt nach einem wunderschnen
Mdchen, die in Marmor gehauen vor ihm stand. Sein Bart war durch den eisernen
Tisch gewachsen und bedeckte seine Fe. Er sah ernst und freundlich aus, und
gemahnte mich wie ein alter Kopf, den ich den Abend bey dem Manne gesehn hatte.
Ein glnzendes Licht war in der Hhle verbreitet. Wie ich so stand und den Greis
ansah, klopfte mir pltzlich mein Wirth auf die Schulter, nahm mich bei der Hand
und fhrte mich durch lange Gnge mit sich fort. Nach einer Weile sah ich von
weitem eine Dmmerung, als wollte das Tageslicht einbrechen. Ich eilte darauf
zu, und befand mich bald auf einem grnen Plane; aber es schien mir alles ganz
anders, als in Thringen. Ungeheure Bume mit groen glnzenden Blttern
verbreiteten weit umher Schatten. Die Luft war sehr hei und doch nicht
drckend. berall Quellen und Blumen, und unter allen Blumen gefiel mir Eine
ganz besonders, und es kam mir vor, als neigten sich die Andern gegen sie.
    Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn
mit heftiger Bewegung.
    Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles
eingeprgt habe.
    War sie nicht blau?
    Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit
Achtung zu geben. Soviel wei ich nur noch, da mir ganz unaussprechlich zu
Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich
endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, da er mich aufmerksam betrachtete und mir
mit inniger Freude zulchelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam,
erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter
stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir,
das glcklichste Wesen auf der Welt und noch ber das ein berhmter Mann zu
werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen
Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verstndni dieses Traumes
bittest, so wird dir das hchste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur
acht, auf ein blaues Blmchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und
berla dich dann demthig der himmlischen Fhrung. Ich war darauf im Traume
unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten
mit mannichfaltigen Vernderungen vor meinen Augen vorber. Wie gelst war meine
Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und
eng und gewhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschmten Blick vor
mir; sie hielt ein glnzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf
einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glnzender ward, und sich
endlich mit blendendweien Flgeln ber uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm,
und so hoch mit uns flog, da die Erde nur wie eine goldene Schssel mit dem
saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, da wieder jene Blume
und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fhlte
mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth,
der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort
gehalten haben wrde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen htte, und
ungestm nach Augsburg gereist wre.

                                Zweytes Kapitel


Johannis war vorbey, die Mutter hatte lngst einmal nach Augsburg ins vterliche
Haus kommen und dem Grovater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen
sollen. Einige gute Freunde des alten Ofterdingen, ein paar Kaufleute, muten in
Handelsgeschften dahin reisen. Da fate die Mutter den Entschlu, bey dieser
Gelegenheit jenen Wunsch auszufhren, und es lag ihr die um so mehr am Herzen,
weil sie seit einiger Zeit merkte, da Heinrich weit stiller und in sich
gekehrter war, als sonst. Sie glaubte, er sey mimthig oder krank, und eine
weite Reise, der Anblick neuer Menschen und Lnder, und wie sie verstohlen
ahndete, die Reize einer jungen Landsmnnin wrden die trbe Laune ihres Sohnes
vertreiben, und wieder einen so theilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm
machen, wie er sonst gewesen. Der Alte willigte in den Plan der Mutter, und
Heinrich war ber die Maen erfreut, in ein Land zu kommen, was er schon lange,
nach den Erzhlungen seiner Mutter und mancher Reisenden, wie ein irdisches
Paradies sich gedacht, und wohin er oft vergeblich sich gewnscht hatte.
    Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden. Er war nie ber die umliegenden
Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen; die Welt war ihm nur aus Erzhlungen
bekannt. Wenig Bcher waren ihm zu Gesichte gekommen. Bey der Hofhaltung des
Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu; und
die Pracht und Bequemlichkeit des frstlichen Lebens drfte sich schwerlich mit
den Annehmlichkeiten messen, die in sptern Zeiten ein bemittelter Privatmann
sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte. Dafr war aber der
Sinn fr die Gerthschaften und Habseeligkeiten, die der Mensch zum
mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt, desto zarter und
tiefer. Sie waren den Menschen werther und merkwrdiger. Zog schon das Geheimni
der Natur und die Entstehung ihrer Krper den ahndenden Geist an: so erhhte die
seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne, aus der man sie erhielt,
und die Heiligkeit ihres Alterthums, da sie sorgfltiger bewahrt, oft das
Besitzthum mehrerer Nachkommenschaften wurden, die Neigung zu diesen stummen
Gefhrten des Lebens. Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfndern eines
besondern Segens und Schicksals erhoben, und das Wohl ganzer Reiche und
weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung. Eine liebliche Armuth
schmckte diese Zeiten mit einer eigenthmlichen ernsten und unschuldigen
Einfalt; und die sparsam vertheilten Kleinodien glnzten desto bedeutender in
dieser Dmmerung, und erfllten ein sinniges Gemth mit wunderbaren Erwartungen.
Wenn es wahr ist, da erst eine geschickte Vertheilung von Licht, Farbe und
Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart, und sich
hier ein neues hheres Auge aufzuthun scheint: so war damals berall eine
hnliche Vertheilung und Wirthschaftlichkeit wahrzunehmen; da hingegen die
neuere wohlhabendere Zeit das einfrmige und unbedeutendere Bild eines
allgemeinen Tages darbietet. In allen bergngen scheint, wie in einem
Zwischenreiche, eine hhere, geistliche Macht durchbrechen zu wollen; und wie
auf der Oberflche unseres Wohnplatzes, die an unterirdischen und berirdischen
Schtzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden, unwirthlichen
Urgebirgen und den unermelichen Ebenen liegen, so hat sich auch zwischen den
rohen Zeiten der Barbarey, und dem kunstreichen, vielwissenden und begterten
Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen, die unter
schlichtem Kleide eine hhere Gestalt verbirgt. Wer wandelt nicht gern im
Zwielichte, wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in hhere
Schatten und Farben zerbricht; und also vertiefen wir uns willig in die Jahre,
wo Heinrich lebte und jetzt neuen Begebenheiten mit vollem Herzen entgegenging.
Er nahm Abschied von seinen Gespielen und seinem Lehrer, dem alten weisen
Hofkaplan, der Heinrichs fruchtbare Anlagen kannte, und ihn mit gerhrtem Herzen
und einem stillen Gebete entlie. Die Landgrfin war seine Pathin; er war oft
auf der Wartburg bey ihr gewesen. Auch jetzt beurlaubte er sich bey seiner
Beschtzerin, die ihm gute Lehren und eine goldene Halskette verehrte, und mit
freundlichen uerungen von ihm schied.
    In wehmthiger Stimmung verlie Heinrich seinen Vater und seine
Geburtsstadt. Es ward ihm jetzt erst deutlich, was Trennung sey; die
Vorstellungen von der Reise waren nicht von dem sonderbaren Gefhle begleitet
gewesen, was er jetzt empfand, als zuerst seine bisherige Welt von ihm gerissen
und er wie auf ein fremdes Ufer gesplt ward. Unendlich ist die jugendliche
Trauer bey dieser ersten Erfahrung der Vergnglichkeit der irdischen Dinge, die
dem unerfahrnen Gemth so nothwendig, und unentbehrlich, so fest verwachsen mit
dem eigenthmlichsten Daseyn und so unvernderlich, wie dieses, vorkommen
mssen. Eine erste Ankndigung des Todes, bleibt die erste Trennung
unvergelich, und wird, nachdem sie lange wie ein nchtliches Gesicht den
Menschen bengstigt hat, endlich bey abnehmender Freude an den Erscheinungen des
Tages, und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt, zu einem
freundlichen Wegweiser und einer trstenden Bekanntschaft. Die Nhe seiner
Mutter trstete den Jngling sehr. Die alte Welt schien noch nicht ganz
verlohren, und er umfate sie mit verdoppelter Innigkeit. Es war frh am Tage,
als die Reisenden aus den Thoren von Eisenach fortritten, und die Dmmerung
begnstigte Heinrichs gerhrte Stimmung. Je heller es ward, desto bemerklicher
wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden; und als auf einer Anhhe die
verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde, so
fielen dem berraschten Jngling alte Melodien seines Innern in den trben
Wechsel seiner Gedanken ein. Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in die er
oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren
Farben ausgemahlt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen.
Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Thringen, welches er jetzt
hinter sich lie mit der seltsamen Ahndung hinber, als werde er nach langen
Wanderungen von der Weltgegend her, nach welcher sie jetzt reisten, in sein
Vaterland zurckkommen, und als reise er daher diesem eigentlich zu. Die
Gesellschaft, die anfnglich aus hnlichen Ursachen still gewesen war, fing nach
gerade an aufzuwachen, und sich mit allerhand Gesprchen und Erzhlungen die
Zeit zu verkrzen. Heinrichs Mutter glaubte ihren Sohn aus den Trumereien
reien zu mssen, in denen sie ihn versunken sah, und fing an ihm von ihrem
Vaterlande zu erzhlen, von dem Hause ihres Vaters und dem frlichen Leben in
Schwaben. Die Kaufleute stimmten mit ein, und bekrftigten die mtterlichen
Erzhlungen, rhmten die Gastfreyheit des alten Schwaning, und konnten nicht
aufhren, die schnen Landsmnninnen ihrer Reisegefhrtin zu preisen. Ihr thut
wohl, sagten sie, da ihr euren Sohn dorthin fhrt. Die Sitten eures Vaterlandes
sind milder und geflliger. Die Menschen wissen das Ntzliche zu befrdern, ohne
das Angenehme zu verachten. Jedermann sucht seine Bedrfnisse auf eine gesellige
und reitzende Art zu befriedigen. Der Kaufmann befindet sich wohl dabey, und
wird geehrt. Die Knste und Handwerke vermehren und veredeln sich, den Fleiigen
dnkt die Arbeit leichter, weil sie ihm zu mannichfachen Annehmlichkeiten
verhilft, und er, indem er eine einfrmige Mhe bernimmt, sicher ist, die
bunten Frchte mannichfacher und belohnender Beschftigungen dafr
mitzugenieen. Geld, Thtigkeit und Waren erzeugen sich gegenseitig, und treiben
sich in raschen Kreisen, und das Land und die Stdte blhen auf. Je eifriger der
Erwerbflei die Tage benutzt, desto ausschlielicher ist der Abend, den
reitzenden Vergngungen der schnen Knste und des geselligen Umgangs gewidmet.
Das Gemth sehnt sich nach Erholung und Abwechselung, und wo sollte es diese auf
eine anstndigere und reitzendere Art finden, als in der Beschftigung mit den
freyen Spielen und Erzeugnissen seiner edelsten Kraft, des bildenden Tiefsinns.
Nirgends hrt man so anmuthige Snger, findet so herrliche Mahler, und nirgends
sieht man auf den Tanzslen leichtere Bewegungen und lieblichere Gestalten. Die
Nachbarschaft von Wlschland zeigt sich in dem ungezwungenen Betragen und den
einnehmenden Gesprchen. Euer Geschlecht darf die Gesellschaften schmcken, und
ohne Furcht vor Nachrede mit holdseligem Bezeigen einen lebhaften Wetteifer,
seine Aufmerksamkeit zu fesseln, erregen. Die rauhe Ernsthaftigkeit und die
wilde Ausgelassenheit der Mnner macht einer milden Lebendigkeit und sanfter
bescheidner Freude Platz, und die Liebe wird in tausendfachen Gestalten der
leitende Geist der glcklichen Gesellschaften. Weit entfernt, da
Ausschweifungen und unziemende Grundstze dadurch sollten herbeygelockt werden,
scheint es, als flhen die bsen Geister die Nhe der Anmuth, und gewi sind in
ganz Deutschland keine unbescholtenere Mdchen und keine treuere Frauen, als in
Schwaben.
    Ja junger Freund, in der klaren warmen Luft des sdlichen Deutschlands
werdet ihr eure ernste Schchternheit wohl ablegen; die frlichen Mdchen werden
euch wohl geschmeidig und gesprchig machen. Schon euer Name, als Fremder, und
eure nahe Verwandtschaft mit dem alten Schwaning, der die Freude jeder frlichen
Gesellschaft ist, werden die reitzenden Augen der Mdchen auf sich ziehn; und
wenn ihr eurem Grovater folgt, so werdet ihr gewi unsrer Vaterstadt eine
hnliche Zierde in einer holdseligen Frau mitbringen, wie euer Vater. Mit
freundlichem Errthen dankte Heinrichs Mutter fr das schne Lob ihres
Vaterlandes, und die gute Meynung von ihren Landsmnninnen, und der
gedankenvolle Heinrich hatte nicht umhin gekonnt, aufmerksam und mit innigem
Wohlgefallen der Schilderung des Landes, dessen Anblick ihm bevorstand,
zuzuhren. Wenn ihr auch, fuhren die Kaufleute fort, die Kunst eures Vaters
nicht ergreifen, und lieber, wie wir gehrt haben, euch mit gelehrten Dingen
befassen wollt: so braucht ihr nicht Geistlicher zu werden, und Verzicht auf die
schnsten Gensse dieses Lebens zu leisten. Es ist eben schlimm genug, da die
Wissenschaften in den Hnden eines so von dem weltlichen Leben abgesonderten
Standes, und die Frsten von so ungeselligen und wahrhaft unerfahrenen Mnnern
berathen sind. In der Einsamkeit in welcher sie nicht selbst Theil an den
Weltgeschften nehmen, mssen ihre Gedanken eine unntze Wendung erhalten, und
knnen nicht auf die wirklichen Vorflle passen. In Schwaben trefft ihr auch
wahrhaft kluge und erfahrne Mnner unter den Layen; und ihr mgt nun whlen,
welchen Zweig menschlicher Kenntnisse ihr wollt: so wird es euch nicht an den
besten Lehrern und Ratgebern fehlen. Nach einer Weile sagte Heinrich, dem bey
dieser Rede sein Freund der Hofkaplan in den Sinn gekommen war: Wenn ich bey
meiner Unkunde von der Beschaffenheit der Welt euch auch eben nicht abfllig
seyn kann, in dem was ihr von der Unfhigkeit der Geistlichen zu Fhrung und
Beurtheilung weltlicher Angelegenheiten behauptet: so ist mirs doch wohl
erlaubt, euch an unsern trefflichen Hofkaplan zu erinnern, der gewi ein Muster
eines weisen Mannes ist, und dessen Lehren und Rathschlge mir unvergessen seyn
werden.
    Wir ehren, erwiederten die Kaufleute, diesen trefflichen Mann von ganzem
Herzen; aber dennoch knnen wir nur in sofern eurer Meinung Beyfall geben, da
er ein weiser Mann sey, wenn ihr von jener Weisheit sprecht, die einen Gott
wohlgeflligen Lebenswandel angeht. Haltet ihr ihn fr eben so weltklug, als er
in den Sachen des Heils gebt und unterrichtet ist: so erlaubt uns, da wir euch
nicht beystimmen. Doch glauben wir, da dadurch der heilige Mann nichts von
seinem verdienten Lobe verliert; da er viel zu vertieft in der Kunde der
berirdischen Welt ist, als da er nach Einsicht und Ansehn in irdischen Dingen
streben sollte.
    Aber, sagte Heinrich, sollte nicht jene hhere Kunde ebenfalls geschickt
machen, recht unpartheiisch den Zgel menschlicher Angelegenheiten zu fhren?
sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den richtigen Weg durch
das Labyrinth der hiesigen Begebenheiten treffen, als die durch Rcksicht auf
eigenen Vortheil irregeleitete und gehemmte, von der unerschpflichen Zahl neuer
Zuflle und Verwickelungen geblendete Klugheit? Ich wei nicht, aber mich dnkt,
ich she zwey Wege um zur Wissenschaft der menschlichen Geschichte zu gelangen.
Der eine, mhsam und unabsehlich, mit unzhligen Krmmungen, der Weg der
Erfahrung; der andere, fast Ein Sprung nur, der Weg der innern Betrachtung. Der
Wanderer des ersten mu eins aus dem andern in einer langwierigen Rechnung
finden, wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich
unmittelbar anschaut, und sie in ihrem lebendigen, mannichfaltigen Zusammenhange
betrachten, und leicht mit allen brigen, wie Figuren auf einer Tafel,
vergleichen kann. Ihr mt verzeihen, wenn ich wie aus kindischen Trumen vor
euch rede: nur das Zutrauen zu eurer Gte und das Andenken meines Lehrers, der
den zweyten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat, machte mich so
dreist.
    Wir gestehen Euch gern, sagten die gutmthigen Kaufleute, da wir eurem
Gedankengange nicht zu folgen vermgen: doch freut es uns, da ihr so warm euch
des trefflichen Lehrers erinnert, und seinen Unterricht wohl gefat zu haben
scheint.
    Es dnkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so gelufig von den
Erscheinungen eures Gemths, und es fehlt Euch nicht an gewhlten Ausdrcken und
passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente
der Dichter.
    Ich wei nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von
Dichtern und Sngern sprechen gehrt, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich
kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch
habe ich eine groe Sehnsucht davon zu hren. Es ist mir, als wrde ich manches
besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft
erzhlt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat
nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir
davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen knnen. Doch meynte er immer, es
sey eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben wrde, wenn ich sie einmal kennen
lernte. In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige
Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sey noch mit andern
verlohrengegangenen herrlichen Knsten verschwistert gewesen. Die Snger htte
gttliche Gunst hoch geehrt, so da sie begeistert durch unsichtbaren Umgang,
himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tnen verkndigen knnen.
    Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse
der Dichter bekmmert, wenn wir gleich mit Vergngen ihrem Gesange zugehrt. Es
mag wohl wahr seyn, da eine besondere Gestirnung dazu gehrt, wenn ein Dichter
zur Welt kommen soll; denn es ist gewi eine recht wunderbare Sache mit dieser
Kunst. Auch sind die andern Knste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich
weit eher begreifen. Bey den Mahlern und Tonknstlern kann man leicht einsehn,
wie es zugeht, und mit Flei und Geduld lt sich beydes lernen. Die Tne liegen
schon in den Saiten, und es gehrt nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um
jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die
herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzhlige schne und wunderliche Figuren,
giebt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine gebte Hand, ein
richtiges Auge, und die Kenntni von der Bereitung und Vermischung der Farben,
die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natrlich ist daher auch die
Wirkung dieser Knste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der
Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben
und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschftigen; und da
unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervorbringt, so eingerichtet
sind, so mu uns auch die knstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur
will selbst auch einen Genu von ihrer groen Knstlichkeit haben, und darum hat
sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich ber ihre Herrlichkeit
freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche
Art allein hervorbringt, da sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen
Zeiten und allen Orten haben und genieen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst
sonst nirgends uerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit
Werkzeugen und Hnden; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das
bloe Hren der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst.
Es ist alles innerlich, und wie jene Knstler die uern Sinne mit angenehmen
Empfindungen erfllen, so erfllt der Dichter das inwendige Heiligthum des
Gemths mit neuen, wunderbaren und geflligen Gedanken. Er wei jene geheimen
Krfte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine
unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Hhlen steigen alte und
knftige Zeiten, unzhlige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten
Begebenheiten in uns herauf, und entreien uns der bekannten Gegenwart. Man hrt
fremde Worte und wei doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt ben
die Sprche des Dichters aus; auch die gewhnlichen Worte kommen in reizenden
Klngen vor, und berauschten die festgebannten Zuhrer.
    Ihr verwandelt meine Neugierde in heie Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte
euch, erzhlt mir von allen Sngern, die ihr gehrt habt. Ich kann nicht genug
von diesen besondern Menschen hren. Mir ist auf einmal, als htte ich irgendwo
schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hren, doch kann ich mich
schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so
klar, so bekannt, und ihr macht mir ein auerordentliches Vergngen mit euren
schnen Beschreibungen.
    Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen
Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von
Sngern zugebracht haben, und freuen uns, da ihr so lebhaften Antheil an unsern
Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter
Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergtzt es euch einige
artige Geschichten von Dichtern zu hren, die wir auf unsern Reisen erfuhren.
Von den Gesngen selbst, die wir gehrt haben, knnen wir wenig sagen, da die
Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedchtni hindert viel zu behalten,
und die unaufhrlichen Handelsgeschfte manches Andenken auch wieder verwischt
haben.
    In alten Zeiten mu die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn,
als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken
scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genieen,
bewegten damals leblose Krper; und so war es mglich, da kunstreiche Menschen
allein Dinge mglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt
vllig unglaublich und fabelhaft dnken. So sollen vor uralten Zeiten in den
Lndern des jetzigen Griechischen Kaiserthums, wie uns Reisende berichtet, die
diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter
gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime
Leben der Wlder, die in den Stmmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wsten,
verdeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und blhende Grten
hervorgerufen, grausame Thiere gezhmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und
Sitte gewhnt, sanfte Neigungen und Knste des Friedens in ihnen rege gemacht,
reiende Flsse in milde Gewsser verwandelt, und selbst die todtesten Steine in
regelmige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager
und Priester, Gesetzgeber und rzte gewesen seyn, indem selbst die hhern Wesen
durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den
Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenma und die natrliche
Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkrfte der Zahlen,
Gewchse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage
lautet, erst die mannichfaltigen Tne und die sonderbaren Sympathien und
Ordnungen in die Natur gekommen seyn, indem vorher alles wild, unordentlich und
feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebey, da zwar diese schnen Spuren,
zum Andenken der Gegenwart jener wohlthtigen Menschen, geblieben sind, aber
entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefhligkeit der Natur verlohren gegangen
ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, da einer
jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonknstler - wiewohl die Musik und Poesie
wohl ziemlich eins seyn mgen und vielleicht eben so zusammen gehren, wie Mund
und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist - da also
dieser Tonknstler bers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an
schnen Kleinodien und kstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden
waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darinn schienen bereitwillig,
ihn fr den verheienen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und
die Zierlichkeit seiner Schtze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, da sie
unter einander verabredeten, sich seiner zu bemchtigen, ihn ins Meer zu werfen,
und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen. Wie sie also mitten im
Meere waren, fielen sie ber ihn her, und sagten ihm, da er sterben msse, weil
sie beschlossen htten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die rhrendste
Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schtze zum Lsegeld an, und prophezeyte
ihnen groes Unglck, wenn sie ihren Vorsatz ausfhren wrden. Aber weder das
eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie frchteten sich, da er ihre
bsliche That einmal verrathen mchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen
sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, da er noch vor seinem Ende seinen
Schwanengesang spielen drfe, dann wolle er mit seinem schlichten hlzernen
Instrumente, vor ihren Augen freywillig ins Meer springen. Sie wuten recht
wohl, da wenn sie seinen Zaubergesang hrten, ihre Herzen erweicht, und sie von
Reue ergriffen werden wrden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte
Bitte zu gewhren, whrend des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen,
da sie nichts davon vernhmen, und so bey ihrem Vorhaben bleiben knnten. Dies
geschah. Der Snger stimmte einen herrlichen, unendlich rhrenden Gesang an. Das
ganze Schiff tnte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne
erschienen zugleich am Himmel, und aus den grnen Fluten tauchten tanzende
Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig
allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des
Liedes. Bald war es vorber. Da sprang der Snger mit heitrer Stirn in den
dunkeln Abgrund hin, sein wunderthtiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die
glnzenden Wogen berhrt, so hob sich der breite Rcken eines dankbaren Unthiers
unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Snger davon. Nach
kurzer Zeit hatte es mit ihm die Kste erreicht, nach der er hingewollt hatte,
und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein
frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am
Ufer des Meers allein, und klagte in sen Tnen ber seine verlohrenen
Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glcklicher Stunden und als Zeichen der
Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren. Indem er so sang, kam plzlich
sein alter Freund im Meere frhlich daher gerauscht, und lie aus seinem Rachen
die geraubten Schtze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sngers
Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen. Bey
dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen
mrderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen,
die brig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren knnen, und es war
bald auf den Strand gerathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit
genauer Noth das Leben davon, und kamen mit leeren Hnden und zerrissenen
Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hlfe des dankbaren Meerthiers, das
die Schtze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hnde ihres alten Besitzers
zurck.

                                Drittes Kapitel


Eine andere Geschichte, fuhren die Kaufleute nach einer Pause fort, die freylich
nicht so wunderbar und auch aus spteren Zeiten ist, wird euch vielleicht doch
gefallen, und euch mit den Wirkungen jener wunderbaren Kunst noch bekannter
machen. Ein alter Knig hielt einen glnzenden Hof. Weit und breit strmten
Menschen herzu, um Theil an der Herrlichkeit seines Lebens zu haben, und es
gebrach weder den tglichen Festen an berflu kstlicher Waaren des Gaume[n]s,
noch an Musik, prchtigen Verzierungen und Trachten, und tausend abwechselnden
Schauspielen und Zeitvertreiben, noch endlich an sinnreicher Anordnung, an
klugen, geflligen, und unterrichteten Mnnern zur Unterhaltung und Beseelung
der Gesprche, und an schner, anmuthiger Jugend von beyden Geschlechtern, die
die eigentliche Seele reitzender Feste ausmachen. Der alte Knig, der sonst ein
strenger und ernster Mann war, hatte zwey Neigungen, die der wahre Anla dieser
prchtigen Hofhaltung waren, und denen sie ihre schne Einrichtung zu danken
hatte. Eine war die Zrtlichkeit fr seine Tochter, die ihm als Andenken seiner
frh verstorbenen Gemahlin und als ein unaussprechlich liebenswrdiges Mdchen
unendlich theuer war, und fr die er gern alle Schtze der Natur und alle Macht
des menschlichen Geistes aufgeboten htte, um ihr einen Himmel auf Erden zu
verschaffen. Die Andere war eine wahre Leidenschaft fr die Dichtkunst und ihre
Meister. Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergngen
gelesen; an ihre Sammlung aus allen Sprachen groen Flei und groe Summen
gewendet, und von jeher den Umgang der Snger ber alles geschtzt. Von allen
Enden zog er sie an seinen Hof und berhufte sie mit Ehren. Er ward nicht mde
ihren Gesngen zuzuhren, und verga oft die wichtigsten Angelegenheiten, ja die
Bedrfnisse des Lebens ber einem neuen, hinreienden Gesange. Seine Tochter war
unter Gesngen aufgewachsen, und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden,
ein einfacher Ausdruck der Wehmuth und Sehnsucht. Der wohlthtige Einflu der
beschtzten und geehrten Dichter zeigte sich im ganzen Lande, besonders aber am
Hofe. Man geno das Leben mit langsamen, kleinen Zgen wie einen kstlichen
Trank, und mit desto reinerem Wohlbehagen, da alle widrige gehssige
Leidenschaften, wie Mitne von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht
wurden, die in allen Gemthern herrschend war. Frieden der Seele und innres
seeliges Anschauen einer selbst geschaffenen, glcklichen Welt war das Eigenthum
dieser wunderbaren Zeit geworden, und die Zwietracht erschien nur in den alten
Sagen der Dichter, als eine ehemalige Feindinn der Menschen. Es schien, als
htten die Geister des Gesanges ihrem Beschtzer kein lieblicheres Zeichen der
Dankbarkeit geben knnen, als seine Tochter, die alles besa, was die seste
Einbildungskraft nur in der zarten Gestalt eines Mdchens vereinigen konnte.
Wenn man sie an den schnen Festen unter einer Schaar reitzender Gespielen, im
weien glnzenden Gewande erblickte, wie sie den Wettgesngen der begeisterten
Snger mit tiefem Lauschen zuhrte, und errthend einen duftenden Kranz auf die
Locken des Glcklichen drckte, dessen Lied den Preis gewonnen hatte: so hielt
man sie fr die sichtbare Seele jener herrlichen Kunst, die jene Zaubersprche
beschworen htten, und hrte auf sich ber die Entzckungen und Melodien der
Dichter zu wundern.
    Mitten in diesem irdischen Paradiese schien jedoch ein geheimnivolles
Schicksal zu schweben. Die einzige Sorge der Bewohner dieser Gegenden betraf die
Vermhlung der aufblhenden Prinzessin, von der die Fortdauer dieser seligen
Zeiten und das Verhngni des ganzen Landes abhing. Der Knig ward immer lter.
Ihm selbst schien diese Sorge lebhaft am Herzen zu liegen, und doch zeigte sich
keine Aussicht zu einer Vermhlung fr sie, die allen Wnschen angemessen
gewesen wre. Die heilige Ehrfurcht fr das knigliche Haus erlaubte keinem
Unterthan, an die Mglichkeit zu denken, die Prinzessin zu besitzen. Man
betrachtete sie wie ein berirdisches Wesen, und alle Prinzen aus andern
Lndern, die sich mit Ansprchen auf sie am Hofe gezeigt hatten, schienen so
tief unter ihr zu seyn, da kein Mensch auf den Einfall kam, die Prinzessin oder
der Knig werde die Augen auf einen unter ihnen richten. Das Gefhl des
Abstandes hatte sie auch allmhlich alle verscheucht, und das ausgesprengte
Gercht des ausschweifenden Stolzes dieser kniglichen Familie schien Andern
alle Lust zu benehmen, sich ebenfalls gedemthigt zu sehn. Ganz ungegrndet war
auch dieses Gercht nicht. Der Knig war bey aller Milde beynah unwillkhrlich
in ein Gefhl der Erhabenheit gerathen, was ihm jeden Gedanken an die Verbindung
seiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande und dunklerer Herkunft
unmglich oder unertrglich machte. Ihr hoher, einziger Werth hatte jenes Gefhl
in ihm immer mehr besttigt. Er war aus einer uralten Morgenlndischen
Knigsfamilie entsprossen. Seine Gemahlin war der letzte Zweig der
Nachkommenschaft des berhmten Helden Rustan gewesen. Seine Dichter hatten ihm
unaufhrlich von seiner Verwand[t]schaft mit den ehemaligen bermenschlichen
Beherrschern der Welt vorgesungen, und in dem Zauberspiegel ihrer Kunst war ihm
der Abstand seiner Herkunft von dem Ursprunge der andern Menschen, die
Herrlichkeit seines Stammes noch heller erschienen, so da es ihn dnkte, nur
durch die edlere Klasse der Dichter mit dem brigen Menschengeschlechte
zusammenzuhngen. Vergebens sah er sich mit voller Sehnsucht nach einem zweyten
Rustan um, indem er fhlte, da das Herz seiner aufblhenden Tochter, der
Zustand seines Reichs, und sein zunehmendes Alter ihre Vermhlung in aller
Absicht sehr wnschenswerth machten.
    Nicht weit von der Hauptstadt lebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter
Mann, der sich ausschlielich mit der Erziehung seines einzigen Sohnes
beschftigte, und nebenher den Landleuten in wichtigen Krankheiten Rath
erteilte. Der junge Mensch war ernst und ergab sich einzig der Wissenschaft der
Natur, in welcher ihn sein Vater von Kindheit auf unterrichtete. Aus fernen
Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und blhende Land
gezogen, und begngte sich den wohlthtigen Frieden, den der Knig um sich
verbreitete, in der Stille zu genieen. Er benutzte sie, die Krfte der Natur zu
erforschen, und diese hinreienden Kenntnisse seinem Sohne mitzutheilen, der
viel Sinn dafr verrieth und dessen tiefem Gemth die Natur bereitwillig ihre
Geheimnisse anvertraute. Die Gestalt des jungen Menschen schien gewhnlich und
unbedeutend, wenn man nicht einen hhern Sinn fr die geheimere Bildung seines
edlen Gesichts und die ungewhnliche Klarheit seiner Augen mitbrachte. Je lnger
man ihn ansah, desto anziehender ward er, und man konnte sich kaum wieder von
ihm trennen, wenn man seine sanfte, eindringende Stimme und seine anmuthige Gabe
zu sprechen hrte. Eines Tages hatte die Prinzessin, deren Lustgrten an den
Wald stieen, der das Landgut des Alten in einem kleinen Thale verbarg, sich
allein zu Pferde in den Wald begeben, um desto ungestrter ihren Fantasien
nachhngen und einige schne Gesnge sich wiederhohlen zu knnen. Die Frische
des hohen Waldes lockte sie immer tiefer in seine Schatten, und so kam sie
endlich an das Landgut, wo der Alte mit seinem Sohne lebte. Es kam ihr die Lust
an, Milch zu trinken, sie stieg ab, band ihr Pferd an einen Baum, und trat in
das Haus, um sich einen Trunk Milch auszubitten. Der Sohn war gegenwrtig, und
erschrak beynah ber diese zauberhafte Erscheinung eines majesttischen
weiblichen Wesens, das mit allen Reizen der Jugend und Schnheit geschmckt, und
von einer unbeschreiblich anziehenden Durchsichtigkeit der zartesten,
unschuldigsten und edelsten Seele beynah vergttlicht wurde. Whrend er eilte
ihre wie Geistergesang tnende Bitte zu erfllen, trat ihr der Alte mit
bescheidner Ehrfurcht entgegen, und lud sie ein, an dem einfachen Herde, der
mitten im Hause stand, und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Gerusch
emporspielte, Platz zu nehmen. Es fiel ihr, gleich beym Eintritt, der mit
tausend seltenen Sachen gezierte Hausraum, die Ordnung und Reinlichkeit des
Ganzen, und eine seltsame Heiligkeit des Ortes auf, deren Eindruck noch durch
den schlicht gekleideten ehrwrdigen Greis und den bescheidenen Anstand des
Sohnes erhhet wurde. Der Alte hielt sie gleich fr eine zum Hof gehrige
Person, wozu ihre kostbare Tracht, und ihr edles Betragen ihm Anla genug gab.
Whrend der Abwesenheit des Sohnes befragte sie ihn um einige Merkwrdigkeiten,
die ihr vorzglich in die Augen fielen, worunter besonders einige alte,
sonderbare Bilder waren, die neben ihrem Sitze auf dem Heerde standen, und er
war bereitwillig sie auf eine anmuthige Art damit bekannt zu machen. Der Sohn
kam bald mit einem Kruge voll frischer Milch zurck, und reichte ihr denselben
mit ungeknsteltem und ehrfurchtsvollem Wesen. Nach einigen anziehenden
Gesprchen mit beyden, dankte sie auf die lieblichste Weise fr die freundliche
Bewirthung, bat errthend den Alten um die Erlaubni wieder kommen, und seine
lehrreichen Gesprche ber die vielen wunderbaren Sachen genieen zu drfen, und
ritt zurck, ohne ihren Stand verrathen zu haben, da sie merkte, da Vater und
Sohn sie nicht kannten. Ohnerachtet die Hauptstadt so nahe lag, hatten beyde, in
ihre Forschungen vertieft, das Gewhl der Menschen zu vermeiden gesucht, und es
war dem Jngling nie eine Lust angekommen, den Festen des Hofes beyzuwohnen;
besonders da er seinen Vater hchstens auf eine Stunde zu verlassen pflegte, um
zuweilen im Walde nach Schmetterlingen, Kfern und Pflanzen umher zu gehn, und
die Eingebungen des stillen Naturgeistes durch den Einflu seiner
mannichfaltigen ueren Lieblichkeiten zu vernehmen. Dem Alten, der Prinzessin
und dem Jngling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig. Der Alte
hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt, den die Unbekannte auf seinen
Sohn machte. Er kannte diesen genug, um zu wissen, da jeder tiefe Eindruck bey
ihm ein lebenslnglicher seyn wrde. Seine Jugend und die Natur seines Herzens
muten die erste Empfindung dieser Art zur unberwindlichen Neigung machen. Der
Alte hatte lange eine solche Begebenheit herannahen sehen. Die hohe
Liebenswrdigkeit der Erscheinung flte ihm unwillkhrlich eine innige
Theilnahme ein, und sein zuversichtliches Gemth entfernte alle Besorgnisse ber
die Entwickelung dieses sonderbaren Zufalls. Die Prinzessin hatte sich nie in
einem hnlichen Zustande befunden, wie der war, in welchem sie langsam nach
Hause ritt. Es konnte vor der einzigen, helldunklen wunderbar beweglichen
Empfindung einer neuen Welt, kein eigentlicher Gedanke in ihr entstehen. Ein
magischer Schleyer dehnte sich in weiten Falten um ihr klares Bewutseyn. Es war
ihr, als wrde sie sich, wenn er aufgeschlagen wrde, in einer berirdischen
Welt befinden. Die Erinnerung an die Dichtkunst, die bisher ihre ganze Seele
beschftigt hatte, war zu einem fernen Gesange geworden, der ihren seltsam
lieblichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verband. Wie sie zurck in den
Pallast kam, erschrak sie beynah ber seine Pracht und sein buntes Leben, noch
mehr aber bey der Bewillkommung ihres Vaters, dessen Gesicht zum erstenmale in
ihrem Leben eine scheue Ehrfurcht in ihr erregte. Es schien ihr eine
unabnderliche Nothwendigkeit, nichts von ihrem Abentheuer zu erwhnen. Man war
ihre schwrmerische Ernsthaftigkeit, ihren in Fantasieen und tiefes Sinnen
verlornen Blick schon zu gewohnt, um etwas Auerordentliches darin zu bemerken.
Es war ihr jetzt nicht mehr so lieblich zu Muthe; sie schien sich unter lauter
Fremden, und eine sonderbare Bnglichkeit begleitete sie bis an den Abend, wo
das frohe Lied eines Dichters, der die Hoffnung pries, und von den Wundern des
Glaubens an die Erfllung unsrer Wnsche mit hinreiender Begeisterung sang, sie
mit sem Trost erfllte und in die angenehmsten Trume wiegte. Der Jngling
hatte sich gleich nach ihrem Abschiede in den Wald verlohren. An der Seite des
Weges war er in Gebschen bis an die Pforten des Gartens ihr gefolgt, und dann
auf dem Wege zurckgegangen. Wie er so ging, sah er vor seinen Fen einen
hellen Glanz. Er bckte sich danach und hob einen dunkelrothen Stein auf, der
auf einer Seite auerordentlich funkelte, und auf der Andern eingegrabene
unverstndliche Chiffern zeigte. Er erkannte ihn fr einen kostbaren Karfunkel,
und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben.
Er eilte mit beflgelten Schritten nach Hause, als wre sie noch dort, und
brachte den Stein seinem Vater. Sie wurden einig, da der Sohn den andern Morgen
auf den Weg zurckgehn und warten sollte, ob der Stein gesucht wrde, wo er ihn
dann zurckgeben knnte; sonst wollten sie ihn bis zu einem zweyten Besuche der
Unbekannten aufheben, um ihr selbst ihn zu berreichen. Der Jngling betrachtete
fast die ganze Nacht den Karfunkel und fhlte gegen Morgen ein unwiderstehliches
Verlangen einige Worte auf den Zettel zu schreiben, in welchen er den Stein
einwickelte. Er wute selbst nicht genau, was er sich bey den Worten dachte, die
er hinschrieb:

Es ist dem Stein ein rthselhaftes Zeichen
Tief eingegraben in sein glhend Blut,
Er ist mit einem Herzen zu vergleichen,
In dem das Bild der Unbekannten ruht.
Man sieht um jenen tausend Funken streichen,
Um dieses woget eine lichte Flut.
In jenem liegt des Glanzes Licht begraben,
Wird dieses auch das Herz des Herzens haben?

Kaum da der Morgen anbrach, so begab er sich schon auf den Weg, und eilte der
Pforte des Gartens zu.
    Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beym Auskleiden den theuren Stein in
ihrem Halsbande vermit, der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein
Talisman war, dessen Besitz ihr die Freyheit ihrer Person sicherte, indem sie
damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen gerathen konnte.
    Dieser Verlust befremdete sie mehr, als da er sie erschreckt htte. Sie
erinnerte sich, ihn gestern bey dem Spazierritt noch gehabt zu haben, und
glaubte fest, da er entweder im Hause des Alten, oder auf dem Rckwege im Walde
verloren gegangen seyn msse; der Weg war ihr noch in frischem Andenken, und so
beschlo sie gleich frh den Stein aufzusuchen, und ward bey diesem Gedanken so
heiter, da es fast das Ansehn gewann, als sey sie gar nicht unzufrieden mit dem
Verluste, weil er Anla gbe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen. Mit dem
Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde, und weil sie eilfertiger ging als
gewhnlich, so fand sie es ganz natrlich, da ihr das Herz lebhaft schlug, und
ihr die Brust beklomm. Die Sonne fing eben an, die Wipfel der alten Bume zu
vergolden, die sich mit sanftem Flstern bewegten, als wollten sie sich
gegenseitig aus nchtlichen Gesichtern erwecken, um die Sonne gemeinschaftlich
zu begren, als die Prinzessin durch ein fernes Gerusch veranlat, den Weg
hinunter und den Jngling auf sich zueilen sah, der in demselben Augenblick
ebenfalls sie bemerkte.
    Wie angefesselt blieb er eine Weile stehn, und blickte unverwandt sie an,
gleichsam um sich zu berzeugen, da ihre Erscheinung wirklich und keine
Tuschung sey. Sie begrten sich mit einem zurckgehaltenen Ausdruck von
Freude, als htten sie sich schon lange gekannt und geliebt. Noch ehe die
Prinzessin die Ursache ihres frhen Spazierganges ihm entdecken konnte,
berreichte er ihr mit Errthen und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen
Zettel. Es war, als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen. Sie nahm ihn
stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung fr seinen
glcklichen Fund beynah unwillkhrlich eine goldne Kette um, die sie um den Hals
trug. Beschmt kniete er vor ihr und konnte, da sie sich nach seinem Vater
erkundigte, einige Zeit keine Worte finden. Sie sagte ihm halbleise, und mit
niedergeschlagenen Augen, da sie bald wieder zu ihnen kommen, und die Zusage
des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen, mit vieler Freude
benutzen wrde. Sie dankte dem Jnglinge noch einmal mit ungewhnlicher
Innigkeit, und ging hierauf langsam, ohne sich umzusehen, zurck. Der Jngling
konnte kein Wort vorbringen. Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange
nach, bis sie hinter den Bumen verschwand. Nach dieser Zeit vergingen wenig
Tage bis zu ihrem zweyten Besuche, dem bald mehrere folgten. Der Jngling ward
unvermerkt ihr Begleiter bey diesen Spaziergngen. Er holte sie zu bestimmten
Stunden am Garten ab, und brachte sie dahin zurck. Sie beobachtete ein
unverbrchliches Stillschweigen ber ihren Stand, so zutraulich sie auch sonst
gegen ihren Begleiter wurde, dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele
verborgen blieb. Es war, als flte ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine
geheime Furcht ein. Der Jngling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele. Vater und
Sohn hielten sie fr ein vornehmes Mdchen vom Hofe. Sie hing an dem Alten mit
der Zrtlichkeit einer Tochter. Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die
entzckenden Vorboten ihrer Zrtlichkeit gegen den Jngling. Sie ward bald
einheimisch in dem wunderbaren Hause; und wenn sie dem Alten und dem Sohne, der
zu ihren Fen sa, auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer berirdischen
Stimme vorsang, und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete: so
erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Entrthselung der berall
verbreiteten Naturgeheimnisse. Er lehrte ihr, wie durch wundervolle Sympathie
die Welt entstanden sey, und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt
htten. Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzhlungen in
ihrem Gemth auf; und wie entzckt war sie, wenn ihr Schler, in der Flle
seiner Eingebungen, die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die
wundervollsten Gesnge ausbrach. Eines Tages, wo ein besonders khner Schwung
sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemchtigt hatte, und die mchtige Liebe
auf dem Rckwege ihre jungfruliche Zurckhaltung mehr als gewhnlich berwand,
so da sie beyde ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken, und der
erste glhende Ku sie auf ewig zusammenschmelzte, fing mit einbrechender
Dmmerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Bume pltzlich zu toben an.
Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nchtlichen Dunkel ber sie her. Er eilte
sie in Sicherheit vor dem frchterlichen Ungewitter und den brechenden Bumen zu
bringen: aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten
den Weg, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Seine Angst wuchs, wie er
seinen Irrthum bemerkte. Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Knigs und
des Hofes; eine unnennbare ngstlichkeit fuhr zuweilen, wie ein zerstrender
Strahl, durch ihre Seele, und nur die Stimme ihres Geliebten, der ihr
unaufhrlich Trost zusprach, gab ihr Muth und Zutrauen zurck, und erleichterte
ihre beklommne Brust. Der Sturm wthete fort; alle Bemhungen den Weg zu finden
waren vergeblich, und sie priesen sich beyde glcklich, bey der Erleuchtung
eines Blitzes eine nahe Hhle an dem steilen Abhang eines waldigen Hgels zu
entdecken, wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu
finden hoften, und eine Ruhesttte fr ihre erschpften Krfte. Das Glck
begnstigte ihre Wnsche. Die Hhle war trocken und mit reinlichem Moose
bewachsen. Der Jngling zndete schnell ein Feuer von Reisern und Moos an, woran
sie sich trocknen konnten, und die beyden Liebenden sahen sich nun auf eine
wunderbare Weise von der Welt entfernt, aus einem gefahrvollen Zustande
gerettet, und auf einem bequemen, warmen Lager allein nebeneinander.
    Ein wilder Mandelstrauch hing mit Frchten beladen in die Hhle hinein, und
ein nahes Rieseln lie sie frisches Wasser zur Stillung ihres Durstes finden.
Die Laute hatte der Jngling mitgenommen, und sie gewhrte ihnen jetzt eine
aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bey dem knisternden Feuer. Eine hhere
Macht schien den Knoten schneller lsen zu wollen, und brachte sie unter
sonderbaren Umstnden in diese romantische Lage. Die Unschuld ihrer Herzen, die
zauberhafte Stimmung ihrer Gemther, und die verbundene unwiderstehliche Macht
ihrer sen Leidenschaft und ihrer Jugend lie sie bald die Welt und ihre
Verhltnisse vergessen, und wiegte sie unter dem Brautgesange des Sturms und den
Hochzeitfackeln der Blitze in den sesten Rausch ein, der je ein sterbliches
Paar beseligt haben mag. Der Anbruch des lichten blauen Morgens war fr sie das
Erwachen in einer neuen seligen Welt. Ein Strom heier Thrnen, der jedoch bald
aus den Augen der Prinzessin hervorbrach, verrieth ihrem Geliebten die
erwachenden tausendfachen Bekmmernisse ihres Herzens. Er war in dieser Nacht um
mehrere Jahre lter, aus einem Jnglinge zum Manne geworden. Mit
berschwenglicher Begeisterung trstete er seine Geliebte, erinnerte sie an die
Heiligkeit der wahrhaften Liebe, und an den hohen Glauben, den sie einfle, und
bat sie, die heiterste Zukunft von dem Schutzgeist ihres Herzens mit Zuversicht
zu erwarten. Die Prinzessin fhlte die Wahrheit seines Trostes, und entdeckte
ihm, sie sey die Tochter des Knigs, und nur bange wegen des Stolzes und der
Bekmmernisse ihres Vaters. Nach langen reiflichen berlegungen wurden sie ber
die zu fassende Entschlieung einig, und der Jngling machte sich sofort auf den
Weg, um seinen Vater aufzusuchen, und diesen mit ihrem Plane bekannt zu machen.
Er versprach in kurzen wieder bey ihr zu seyn, und verlie sie beruhigt und in
sen Vorstellungen der knftigen Entwicklung dieser Begebenheiten. Der Jngling
hatte bald seines Vaters Wohnung erreicht, und der Alte war sehr erfreut, ihn
unverletzt ankommen zu sehen. Er erfuhr nun die Geschichte und den Plan der
Liebenden, und bezeigte sich nach einigem Nachdenken bereitwillig ihn zu
untersttzen. Sein Haus lag ziemlich versteckt, und hatte einige unterirdische
Zimmer, die nicht leicht aufzufinden waren. Hier sollte die Wohnung der
Prinzessin seyn. Sie ward also in der Dmmerung abgeholt, und mit tiefer Rhrung
von dem Alten empfangen. Sie weinte nachher oft in der Einsamkeit, wenn sie
ihres traurigen Vaters gedachte: doch verbarg sie ihren Kummer vor ihrem
Geliebten, und sagte es nur dem Alten, der sie freundlich trstete, und ihr die
nahe Rckkehr zu ihrem Vater vorstellte.
    Unterde war man am Hofe in groe Bestrzung gerathen, als Abends die
Prinzessin vermit wurde. Der Knig war ganz auer sich, und schickte berall
Leute aus, sie zu suchen. Kein Mensch wute sich ihr Verschwinden zu erklren.
Keinem kam ein heimliches Liebesverstndni in die Gedanken, und so ahndete man
keine Entfhrung, da ohnedies kein Mensch weiter fehlte. Auch nicht zu der
entferntesten Vermuthung war Grund da. Die ausgeschickten Boten kamen
unverrichteter Sache zurck, und der Knig fiel in tiefe Traurigkeit. Nur wenn
Abends seine Snger vor ihn kamen und schne Lieder mitbrachten, war es, als
liee sich die alte Freude wieder vor ihm blicken; seine Tochter dnkte ihm nah,
und er schpfte Hofnung, sie bald wieder zu sehen. War er aber wieder allein, so
zerri es ihm von neuem das Herz und er weinte laut. Dann gedachte er bey sich
selbst: Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit, und meine hohe Geburt. Nun bin
ich doch elender als die andern Menschen. Meine Tochter kann mir nichts
ersetzen. Ohne sie sind auch die Gesnge nichts, als leere Worte und Blendwerk.
Sie war der Zauber, der ihnen Leben und Freude, Macht und Gestalt gab. Wollt'
ich doch lieber, ich wre der geringste meiner Diener. Dann htte ich meine
Tochter noch; auch wohl einen Eydam dazu und Enkel, die mir auf den Knieen
sen: dann wre ich ein anderer Knig, als jetzt. Es ist nicht die Krone und
das Reich, was einen Knig macht. Es ist jenes volle, berflieende Gefhl der
Glckseligkeit, der Sttigung mit irdischen Gtern, jenes Gefhl der
berschwnglichen Gnge. So werd' ich nun fr meinen bermuth bestraft. Der
Verlust meiner Gattin hat mich noch nicht genug erschttert. Nun hab' ich auch
ein grenzenloses Elend. So klagte der Knig in den Stunden der heiesten
Sehnsucht. Zuweilen brach auch seine alte Strenge und sein Stolz wieder hervor.
Er zrnte ber seine Klagen; wie ein Knig wollte er dulden und schweigen. Er
meinte dann, er leide mehr, als alle Anderen, und gehre ein groer Schmerz zum
Knigthum; aber wenn es dann dmmerte, und er in die Zimmer seiner Tochter trat,
und sah ihre Kleider hngen, und ihre kleineren Habseligkeiten stehn, als habe
sie eben das Zimmer verlassen: so verga er seine Vorstze, gebehrdete sich wie
ein trbseliger Mensch, und rief seine geringsten Diener um Mitleid an. Die
ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm.
Sonderlich war es, da eine Sage umherging, die Prinzessin lebe noch, und werde
bald mit einem Gemahl wiederkommen. Kein Mensch wute, woher die Sage kam: aber
alles hing sich mit frohem Glauben daran, und sah mit ungeduldiger Erwartung
ihrer baldigen Wiederkunft entgegen. So vergingen mehrere Monden, bis das
Frhjahr wieder herankam. Was gilts, sagten einige in wunderlichem Muthe, nun
kommt auch die Prinzessin wieder. Selbst der Knig ward heitrer und
hoffnungsvoller. Die Sage dnkte ihm wie die Verheiung einer gtigen Macht. Die
ehemaligen Feste fingen wieder an, und es schien zum vlligen Aufblhen der
alten Herrlichkeit nur noch die Prinzessin zu fehlen. Eines Abends, da es gerade
jhrig wurde, da sie verschwand, war der ganze Hof im Garten versammelt. Die
Luft war warm und heiter; ein leiser Wind tnte nur oben in den alten Wipfeln,
wie die Ankndigung eines fernen frhlichen Zuges. Ein mchtiger Springquell
stieg zwischen den vielen Fackeln mit zahllosen Lichtern hinauf in die
Dunkelheit der tnenden Wipfel, und begleitete mit melodischem Pltschern die
mannichfaltigen Gesnge, die unter den Bumen hervorklangen. Der Knig sa auf
einem kstlichen Teppich, und um ihn her war der Hof in festlichen Kleidern
versammelt. Eine zahlreiche Menge erfllte den Garten, und umgab das prachtvolle
Schauspiel. Der Knig sa eben in tiefen Gedanken. Das Bild seiner verlornen
Tochter stand mit ungewhnlicher Klarheit vor ihm; er gedachte der glcklichen
Tage, die um diese Zeit im vergangenen Jahre ein pltzliches Ende nahmen. Eine
heie Sehnsucht bermannte ihn, und es flossen hufige Thrnen von seinen
ehrwrdigen Wangen; doch empfand er eine ungewhnliche Heiterkeit. Es dnkte ihm
das traurige Jahr nur ein schwerer Traum zu seyn, und er hob die Augen auf,
gleichsam um ihre hohe, heilige, entzckende Gestalt unter den Menschen und den
Bumen aufzusuchen. Eben hatten die Dichter geendigt, und eine tiefe Stille
schien das Zeichen der allgemeinen Rhrung zu seyn, denn die Dichter hatten die
Freuden des Wiedersehns, den Frhling und die Zukunft besungen, wie sie die
Hoffnung zu schmcken pflegt.
    Pltzlich wurde die Stille durch leise Laute einer unbekannten schnen
Stimme unterbrochen, die von einer uralten Eiche herzukommen schienen. Alle
Blicke richteten sich dahin, und man sah einen Jngling in einfacher, aber
fremder Tracht stehen, der eine Laute im Arm hielt, und ruhig in seinem Gesange
fortfuhr, indem er jedoch, wie der Knig seinen Blick nach ihm wandte, eine
tiefe Verbeugung machte. Die Stimme war auerordentlich schn, und der Gesang
trug ein fremdes, wunderbares Geprge. Er handelte von dem Ursprunge der Welt,
von der Entstehung der Gestirne, der Pflanzen, Thiere und Menschen, von der
allmchtigen Sympathie der Natur, von der uralten goldenen Zeit und ihren
Beherrscherinnen, der Liebe und Poesie, von der Erscheinung des Hasses und der
Barbarey und ihren Kmpfen mit jenen wohlthtigen Gttinnen, und endlich von dem
zuknftigen Triumph der letztern, dem Ende der Trbsale, der Verjngung der
Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters. Die alten Dichter
traten selbst von Begeisterung hingerissen, whrend des Gesanges nher um den
seltsamen Fremdling her. Ein niegefhltes Entzcken ergriff die Zuschauer, und
der Knig selbst fhlte sich wie auf einem Strom des Himmels weggetragen. Ein
solcher Gesang war nie vernommen worden, und Alle glaubten, ein himmlisches
Wesen sey unter ihnen erschienen, besonders da der Jngling unterm Singen immer
schner, immer herrlicher, und seine Stimme immer gewaltiger zu werden schien.
Die Luft spielte mit seinen goldenen Locken. Die Laute schien sich unter seinen
Hnden zu beseelen, und sein Blick schien trunken in eine geheimere Welt hinber
zu schauen. Auch die Kinderunschuld und Einfalt seines Gesichts schien allen
bernatrlich. Nun war der herrliche Gesang geendigt. Die bejahrten Dichter
drckten den Jngling mit Freudenthrnen an ihre Brust. Ein stilles inniges
Jauchzen ging durch die Versammlung. Der Knig kam gerhrt auf ihn zu. Der
Jngling warf sich ihm bescheiden zu Fen. Der Knig hob ihn auf, umarmte ihn
herzlich, und hie ihn sich eine Gabe ausbitten. Da bat er mit glhenden Wangen
den Knig, noch ein Lied gndig anzuhren, und dann ber seine Bitte zu
entscheiden. Der Knig trat einige Schritte zurck und der Fremdling fing an:

Der Snger geht auf rauhen Pfaden,
Zerreit in Dornen sein Gewand;
Er mu durch Flu und Smpfe baden,
Und keins reicht hlfreich ihm die Hand.
Einsam und pfadlos fliet in Klagen
Jetzt ber sein ermattet Herz;
Er kann die Laute kaum noch tragen,
Ihn bermannt ein tiefer Schmerz.

                                       *

Ein traurig Loos ward mir beschieden,
Ich irre ganz verlassen hier,
Ich brachte Allen Lust und Frieden,
Doch keiner theilte sie mit mir.
Es wird ein jeder seiner Habe
Und seines Lebens froh durch mich;
Doch weisen sie mit karger Gabe
Des Herzens Forderung von sich.

                                       *

Man lt mich ruhig Abschied nehmen,
Wie man den Frhling wandern sieht;
Es wird sich keiner um ihn grmen,
Wenn er betrbt von dannen zieht.
Verlangend sehn sie nach den Frchten,
Und wissen nicht, da er sie st;
Ich kann den Himmel fr sie dichten,
Doch meiner denkt nicht Ein Gebet.

                                       *

Ich fhle dankbar Zaubermchte
An diese Lippen festgebannt.
O! knpfte nur an meine Rechte
Sich auch der Liebe Zauberband.
Es kmmert keine sich des Armen,
Der drftig aus der Ferne kam;
Welch Herz wird Sein sich noch erbarmen
Und lsen seinen tiefen Gram?

                                       *

Er sinkt im hohen Grase nieder,
Und schlft mit nassen Wangen ein;
Da schwebt der hohe Geist der Lieder
In die beklemmte Brust hinein:
Vergi anjetzt, was du gelitten,
In Kurzem schwindet deine Last,
Was du umsonst gesucht in Htten,
Das wirst du finden im Palast.

                                       *

Du nahst dem hchsten Erdenlohne,
Bald endigt der verschlungne Lauf;
Der Myrthenkranz wird eine Krone,
Dir setzt die treuste Hand sie auf.
Ein Herz voll Einklang ist berufen
Zur Glorie um einen Thron;
Der Dichter steigt auf rauhen Stufen
Hinan, und wird des Knigs Sohn.

                                       *

So weit war er in seinem Gesange gekommen, und ein sonderbares Erstaunen hatte
sich der Versammlung bemchtigt, als whrend dieser Strophen ein alter Mann mit
einer verschleyerten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse, die ein wunderschnes
Kind auf dem Arme trug, das freundlich in der fremden Versammlung umhersah, und
lchelnd nach dem blitzenden Diadem des Knigs die kleinen Hndchen streckte,
zum Vorschein kamen, und sich hinter den Snger stellten; aber das Staunen
wuchs, als pltzlich aus den Gipfeln der alten Bume, der Lieblingsadler des
Knigs, den er immer um sich hatte, mit einer goldenen Stirnbinde, die er aus
seinen Zimmern entwandt haben mute, herabflog, und sich auf das Haupt des
Jnglings niederlie, so da die Binde sich um seine Locken schlug. Der
Fremdling erschrak einen Augenblick; der Adler flog an die Seite des Knigs, und
lie die Binde zurck. Der Jngling reichte sie dem Kinde, das darnach
verlangte, lie sich auf ein Knie gegen den Knig nieder, und fuhr in seinem
Gesange mit bewegter Stimme fort:

                                       *

Der Snger fhrt aus schnen Trumen
Mit froher Ungeduld empor;
Er wandelt unter hohen Bumen
Zu des Pallastes ehrnem Thor.
Die Mauern sind wie Stahl geschliffen,
Doch sie erklimmt sein Lied geschwind,
Es steigt von Lieb' und Weh ergriffen
Zu ihm hinab des Knigs Kind.

                                       *

Die Liebe drckt sie fest zusammen
Der Klang der Panzer treibt sie fort;
Sie lodern auf in sen Flammen,
Im nchtlich stillen Zufluchtsort.
Sie halten furchtsam sich verborgen,
Weil sie der Zorn des Knigs schreckt;
Und werden nun von jedem Morgen
Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt.

                                       *

Der Snger spricht mit sanften Klngen
Der neuen Mutter Hoffnung ein;
Da tritt, gelockt von den Gesngen
Der Knig in die Kluft hinein.
Die Tochter reicht in goldnen Locken
Den Enkel von der Brust ihm hin;
Sie sinken reuig und erschrocken,
Und mild zergeht sein strenger Sinn.

                                       *

Der Liebe weicht und dem Gesange
Auch auf dem Thron ein Vaterherz,
Und wandelt bald in sem Drange
Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.
Die Liebe giebt, was sie entrissen,
Mit reichem Wucher bald zurck,
Und unter den Vershnungskssen
Entfaltet sich ein himmlisch Glck.

                                       *

Geist des Gesangs, komm du hernieder,
Und steh auch jetzt der Liebe bey;
Bring die verlorne Tochter wieder,
Da ihr der Knig Vater sey! -
Da er mit Freuden sie umschlieet,
Und seines Enkels sich erbarmt,
Und wenn das Herz ihm berflieet,
Den Snger auch als Sohn umarmt.

Der Jngling hob mit bebender Hand bey diesen Worten, die sanft in den dunklen
Gngen verhallten, den Schleyer. Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Thrnen
zu den Fen des Knigs, und hielt ihm das schne Kind hin. Der Snger kniete
mit gebeugtem Haupte an ihrer Seite. Eine ngstliche Stille schien jeden Athem
festzuhalten. Der Knig war einige Augenblicke sprachlos und ernst; dann zog er
die Prinzessin an seine Brust, drckte sie lange fest an sich und weinte laut.
Er hob nun auch den Jngling zu sich auf, und umschlo ihn mit herzlicher
Zrtlichkeit. Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung, die sich dicht
zudrngte. Der Knig nahm das Kind und reichte es mit rhrender Andacht gen
Himmel; dann begrte er freundlich den Alten. Unendliche Freudenthrnen
flossen. In Gesnge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger
Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schnes Fest war. Kein
Mensch wei, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heit es, da Atlantis
von mchtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.

                                Viertes Kapitel


Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war
fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch
die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannichfaltig. Der furchtbare Thringer
Wald lag im Rcken; die Kaufleute hatten den Weg fter gemacht, waren berall
mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreyste Aufnahme. Sie vermieden die
abgelegenen und durch Rubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja
gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlngliches Geleite mit. Einige
Besitzer benachbarter Bergschlsser standen mit den Kaufleuten in gutem
Vernehmen. Sie wurden besucht und bey ihnen nachgefragt, ob sie Bestellungen
nach Augsburg zu machen htten. Eine freundliche Bewirthung ward ihnen zu Theil,
und die Frauen und Tchter drngten sich mit herzlicher Neugier um die
Fremdlinge. Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre guthmthige
Bereitwilligkeit und Theilnahme. Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt
zu sehn, die eben so willig die Neuigkeiten der Mode, als die Zubereitung
einiger schmackhafter Schsseln mittheilte. Der junge Ofterdingen ward von
Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden
Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden
Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast berhrt,
bis lngst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr
aufthut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze
dichtverschlungener Bltter zeigt, so da man es nie vergit, nicht mde wird es
zu wiederholen, und einen unversieglichen immer gegenwrtigen Schatz daran hat.
Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es
auf einmal klar wird, da es ein Bewohner der hhern Welt gewesen sey. - Die
Kaufleute erhielten eine groe Menge Bestellungen, und man trennte sich
gegenseitig mit herzlichen Wnschen, einander bald wieder zu sehn. Auf einem
dieser Schlsser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es frlich zu. Der Herr des
Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Mue des Friedens, und die
Einsamkeit seines Aufenthalt mit ftern Gelagen feyerte und unterbrach, und
auer dem Kriegsgetmmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den
gefllten Becher.
    Er empfing die Ankommenden mit brderlicher Herzlichkeit, mitten unter
lrmenden Genossen. Die Mutter ward zur Hausfrau gefhrt. Die Kaufleute und
Heinrich muten sich an die lustige Tafel setzen, wo der Becher tapfer
umherging. Heinrichen ward auf vieles Bitten in Rcksicht seiner Jugend das
jedesmalige Bescheidthun erlassen, dagegen die Kaufleute sich nicht faul finden,
sondern sich den alten Frankenwein tapfer schmecken lieen. Das Gesprch lief
ber ehmalige Kriegsabentheuer hin. Heinrich hrte mit groer Aufmerksamkeit den
neuen Erzhlungen zu. Die Ritter sprachen vom heiligen Lande, von den Wundern
des heiligen Grabes, von den Abentheuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von
den Sarazenen, in deren Gewalt einige gerathen gewesen waren, und dem frlichen
und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie uerten mit groer
Lebhaftigkeit ihren Unwillen jene himmlische Geburtssttte der Christenheit noch
im frevelhaften Besitz der Unglubigkeit zu wissen. Sie erhoben die groen
Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermdliches Bezeigen
gegen dieses ruchlose Volk erworben htten. Der Schloherr zeigte das kostbare
Schwerdt, was er einem Anfhrer derselben mit eigner Hand abgenommen, nachdem er
sein Castell erobert, ihn getdtet, und seine Frau und Kinder zu Gefangenen
gemacht, welches ihm der Kayser in seinem Wappen zu fhren vergnnet hatte. Alle
besahen das prchtige Schwerdt, auch Heinrich nahm es in seine Hand, und fhlte
sich von einer kriegerischen Begeisterung ergriffen. Er kte es mit
inbrnstiger Andacht. Die Ritter freuten sich ber seinen Antheil. Der Alte
umarmte ihn, und munterte ihn auf, auch seine Hand auf ewig der Befreyung des
heiligen Grabes zu widmen, und das wunderthtige Kreuz auf seine Schultern
befestigen zu lassen. Er war berrascht, und seine Hand schien sich nicht von
dem Schwerdte losmachen zu knnen. Besinne dich, mein Sohn, rief der alte
Ritter. Ein neuer Kreuzzug ist vor der Thr. Der Kayser selbst wird unsere
Schaaren in das Morgenland fhren. Durch ganz Europa schallt von neuem der Ruf
des Kreuzes, und heldenmthige Andacht regt sich aller Orten. Wer wei, ob wir
nicht bers Jahr in der groen weltherrlichen Stadt Jerusalem als frohe Sieger
bey einander sitzen, und uns bey vaterlndischem Wein an unsere Heymath
erinnern. Du kannst auch bey mir ein morgenlndisches Mdgen sehn. Sie dnken
uns Abendlndern gar anmuthig, und wenn du das Schwerdt gut zu fhren verstehst,
so kann es dir an schnen Gefangenen nicht fehlen. Die Ritter sangen mit lauter
Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:

Das Grab steht unter wilden Heyden;
Das Grab, worinn der Heyland lag,
Mu Frevel und Verspottung leiden
Und wird entheiligt jeden Tag.
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:
Wer rettet mich von diesem Grimme!

                                       *

Wo bleiben seine Heldenjnger?
Verschwunden ist die Christenheit!
Wer ist des Glaubens Wiederbringer?
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,
Und wird das heil'ge Grab erretten?

                                       *

Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;
Die trgen Schlfen aufzustren,
Umbraust er Lager, Stadt und Thurm,
Ein Klaggeschrey um alle Zinnen:
Auf, trge Christen, zieht von hinnen.

                                       *

Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehn;
Sie klagen mit den bngsten Tnen
Die Grausamkeit der Sarazenen.

                                       *

Es bricht ein Morgen, roth und trbe,
Im weiten Land der Christen an.
Der Schmerz der Wehmuth und der Liebe
Verkndet sich bey Jedermann.
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerdte
Und zieht entflammt von seinem Heerde.

                                       *

Ein Feuereifer tobt im Heere,
Das Grab des Heylands zu befreyn.
Sie eilen frlich nach dem Meere,
Um bald auf heil'gem Grund zu seyn.
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen.

                                       *

Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,
Und alte Helden stehn voran.
Des Paradieses sel'ge Thre
Wird frommen Kriegern aufgethan;
Ein jeder will das Glck genieen
Sein Blut fr Christus zu vergieen.

                                       *

Zum Kampf ihr Christen! Gottes Schaaren
Ziehn mit in das gelobte Land.
Bald wird der Heyden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand.
Wir waschen bald in frohem Muthe
Das heilige Grab mit Heydenblute.

                                       *

Die heil'ge Jungfrau schwebt, getragen
Von Engeln, ob der wilden Schlacht,
Wo jeder, den das Schwerdt geschlagen,
In ihrem Mutterarm erwacht.
Sie neigt sich mit verklrter Wange
Herunter zu dem Waffenklange.

                                       *

Hinber zu der heilgen Sttte!
Des Grabes dumpfe Stimme tnt!
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit vershnt!
Das Reich der Heyden wird sich enden,
Ist erst das Grab in unsern Hnden.

                                       *

Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle,
jugendliche Gestalt vor, die auf einem groen Stein mitten unter wildem Pbel
se, und auf eine entsetzliche Weise gemihandelt wrde, als wenn sie mit
kummervollen Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten
Zgen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich
vervielfltigte.
    Seine Mutter schickt eben herber, um ihn zu holen, und der Hausfrau des
Ritters vorzustellen. Die Ritter waren in ihr Gelag und ihre Vorstellungen des
bevorstehenden Zuges vertieft, und bemerkten nicht, da Heinrich sich entfernte.
Er fand seine Mutter in traulichem Gesprch mit der alten, gutmthigen Frau des
Schlosses, die ihn freundlich bewillkommte. Der Abend war heiter; die Sonne
begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von
der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in
das dstre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubni, sich auerhalb des
Schlosses besehen zu drfen. Er eilte ins Freye, sein ganzes Gemth war rege, er
sah von der Hhe des alten Felsen zunchst in das waldige Thal, durch das ein
Bach herunterstrzte und einige Mhlen trieb, deren Gerusch man kaum aus der
gewaltigen Tiefe vernehmen konnte, und dann in eine unabsehliche Ferne von
Bergen, Wldern und Niederungen, und seine innere Unruhe wurde besnftigt. Das
kriegerische Getmmel verlor sich, und es blieb nur eine klare bilderreiche
Sehnsucht zurck. Er fhlte, da ihm eine Laute mangelte, so wenig er auch
wute, wie sie eigentlich gebaut sey, und welche Wirkung sie hervorbringe. Das
heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasieen: die
Blume seines Herzens lie sich zuweilen, wie ein Wetterleuchten in ihm sehn. -
Er schweifte durch das wilde Gebsch und kletterte ber bemooste Felsenstcke,
als auf einmal aus einer nahen Tiefe ein zarter eindringender Gesang einer
weiblichen Stimme von wunderbaren Tnen begleitet, erwachte. Es war ihm gewi,
da es eine Laute sey; er blieb verwunderungsvoll stehen, und hrte in
gebrochner deutscher Aussprache folgendes Lied:

Bricht das matte Herz noch immer
Unter fremdem Himmel nicht?
Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer
Immer mir noch zu Gesicht?
Kann ich wohl noch Rckkehr whnen?
Stromweis strzen meine Thrnen,
Bis mein Herz in Kummer bricht.

                                       *

Knnt ich dir die Myrthen zeigen
Und der Zeder dunkles Haar!
Fhren dich zum frohen Reigen
Der geschwisterlichen Schaar!
Shst du im gestickten Kleide,
Stolz im kstlichen Geschmeide
Deine Freundinn, wie sie war.

                                       *

Edle Jnglinge verneigen
Sich mit heiem Blick vor ihr;
Zrtliche Gesnge steigen
Mit dem Abendstern zu mir.
Dem Geliebten darf man trauen;
Ewge Lieb' und Treu den Frauen,
Ist der Mnner Losung hier.

                                       *

Hier, wo um krystallne Quellen
Liebend sich der Himmel legt,
Und mit heien Balsamwellen
Um den Hayn zusammenschlgt,
Der in seinen Lustgebieten,
Unter Frchten, unter Blthen
Tausend bunte Snger hegt.

                                       *

Fern sind jene Jugendtrume!
Abwrts liegt das Vaterland!
Lngst gefllt sind jene Bume,
Und das alte Schlo verbrannt.
Frchterlich, wie Meereswogen
Kam ein rauhes Heer gezogen,
Und das Paradies verschwand.

                                       *

Frchterliche Gluten flossen
In die blaue Luft empor,
Und es drang auf stolzen Rossen
Eine wilde Schaar ins Thor.
Sbel klirrten, unsre Brder,
Unser Vater kam nicht wieder,
Und man ri uns wild hervor.

                                       *

Meine Augen wurden trbe;
Fernes, mtterliches Land,
Ach! sie bleiben dir voll Liebe
Und voll Sehnsucht zugewandt!
Wre nicht dies Kind vorhanden,
Lngst htt' ich des Lebens Banden
Aufgelst mit khner Hand.

Heinrich hrte das Schluchzen eines Kindes und eine trstende Stimme. Er stieg
tiefer durch das Gebsch hinab, und fand ein bleiches, abgehrmtes Mdchen unter
einer alten Eiche sitzen. Ein schnes Kind hing weinend an ihrem Halse, auch
ihre Thrnen flossen, und eine Laute lag neben ihr auf dem Rasen. Sie erschrack
ein wenig, als sie den fremden Jngling erblickte, der mit wehmthigem Gesicht
sich ihr nherte.
    Ihr habt wohl meinen Gesang gehrt, sagte sie freundlich. Euer Gesicht dnkt
mir bekannt, lat mich besinnen - Mein Gedchtni ist schwach geworden, aber
euer Anblick erweckt in mir eine sonderbare Erinnerung aus frohen Zeiten. O! mir
ist, als glicht ihr einem meiner Brder, der noch vor unserm Unglck von uns
schied, und nach Persien zu einem berhmten Dichter zog. Vielleicht lebt er
noch, und besingt traurig das Unglck seiner Geschwister. Wt ich nur noch
einige seiner herrlichen Lieder, die er uns hinterlie! Er war edel und
zrtlich, und kannte kein greres Glck als seine Laute. Das Kind war ein
Mdchen von zehn bis zwlf Jahren, das den fremden Jngling aufmerksam
betrachtete und sich fest an den Busen der unglcklichen Zulima schmiegte.
Heinrichs Herz war von Mitleid durchdrungen; er trstete die Sngerin mit
freundlichen Worten, und bat sie, ihm umstndlicher ihre Geschichte zu erzhlen.
Sie schien es nicht ungern zu thun. Heinrich setzte sich ihr gegenber und
vernahm ihre von hufigen Thrnen unterbrochne Erzhlung. Vorzglich hielt sie
sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf. Sie schilderte den
Edelmuth derselben, und ihre reine starke Empfnglichkeit fr die Poesie des
Lebens und die wunderbare, geheimnivolle Anmuth der Natur. Sie beschrieb die
romantischen Schnheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden, die wie glckliche
Inseln in unwegsamen Sandwsteneien lgen, wie Zufluchtssttte der Bedrngten
und Ruhebedrftigen, wie Kolonien des Paradieses, voll frischer Quellen, die
ber dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte, ehrwrdige Haine rieselten,
voll bunter Vgel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige
berbleibsel ehemaliger denkwrdiger Zeiten. Ihr wrdet mit Verwunderung, sagte
sie, die buntfarbigen, hellen, seltsamen Zge und Bilder auf den alten
Steinplatten sehn. Sie scheinen so bekannt und nicht ohne Ursach so wohl
erhalten zu seyn. Man sinnt und sinnt, einzelne Bedeutungen ahnet man, und wird
um so begieriger den tiefsinnigen Zusammenhang dieser uralten Schrift zu
errathen. Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewhnliches Nachdenken,
und wenn man auch ohne den gewnschten Fund von dannen geht, so hat man doch
tausend merkwrdige Entdeckungen in sich selbst gemacht, die dem Leben einen
neuen Glanz und dem Gemth eine lange, belohnende Beschftigung geben. Das Leben
auf einem lngst bewohnten und ehemals schon durch Flei, Thtigkeit und Neigung
verherrlichten Boden hat einen besondern Reiz. Die Natur scheint dort
menschlicher und verstndlicher geworden, eine dunkle Erinnerung unter der
durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zurck,
und so geniet man eine doppelte Welt, die eben dadurch das Schwere und
Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird.
Wer wei, ob nicht auch ein unbegreiflicher Einflu der ehemaligen, jetzt
unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt, und vielleicht ist es dieser dunkle
Zug, der die Menschen aus neuen Gegenden, sobald eine gewisse Zeit ihres
Erwachens kmmt, mit so zerstrender Ungeduld nach der alten Heymath ihres
Geschlechts treibt, und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Lnder zu wagen
anregt. Nach einer Pause fuhr sie fort: Glaubt ja nicht, was man euch von den
Grausamkeiten meiner Landsleute erzhlt hat. Nirgends wurden Gefangene
gromthiger behandelt, und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit
Gastfreundschaft aufgenommen, nur da sie selten derselben werth waren. Die
Meisten waren nichtsnutzige, bse Menschen, die ihre Wallfahrten mit
Bubenstcken bezeichneten, und dadurch freylich oft gerechter Rache in die Hnde
fielen. Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen knnen, ohne
nthig zu haben, einen frchterlichen, unntzen Krieg anzufangen, der alles
erbittert, unendliches Elend verbreitet, und auf immer das Morgenland von Europa
getrennt hat. Was lag an dem Namen des Besitzers? Unsere Frsten ehrten
andachtsvoll das Grab eures Heiligen, den auch wir fr einen gttlichen Profeten
halten; und wie schn htte sein heiliges Grab die Wiege eines glcklichen
Einverstndnisses, der Anla ewiger wohlthtiger Bndnisse werden knnen!
    Der Abend war unter ihren Gesprchen herbeygekommen. Es fing an Nacht zu
werden, und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze
herauf. Sie stiegen langsam nach dem Schlosse; Heinrich war voll Gedanken, die
kriegerische Begeisterung war gnzlich verschwunden. Er merkte eine wunderliche
Verwirrung in der Welt; der Mond zeigte ihm das Bild eines trstenden Zuschauers
und erhob ihn ber die Unebenheiten der Erdoberflche, die in der Hhe so
unbetrchtlich erschienen, so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer
vorkamen. Zulima ging still neben ihm her, und fhrte das Kind. Heinrich trug
die Laute. Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn, ihr Vaterland
dereinst wieder zu sehn, zu beleben, indem er innerlich einen heftigen Beruf
fhlte, ihr Retter zu seyn, ohne zu wissen, auf welche Art es geschehen knne.
Eine besondere Kraft schien in seinen einfachen Worten zu liegen, denn Zulima
empfand eine ungewohnte Beruhigung und dankte ihm fr seine Zusprache auf die
rhrendste Weise. Die Ritter waren noch bey ihren Bechern und die Mutter in
huslichen Gesprchen. Heinrich hatte keine Lust in den lrmenden Saal
zurckzugehn. Er fhlte sich mde, und begab sich bald mit seiner Mutter in das
angewiesene Schlafgemach. Er erzhlte ihr vor dem Schlafengehn, was ihm begegnet
sey, und schlief bald zu unterhaltenden Trumen ein. Die Kaufleute hatten sich
auch zeitig fortbegeben, und waren frh wieder munter. Die Ritter lagen in
tiefer Ruhe, als sie abreisten; die Hausfrau aber nahm zrtlichen Abschied.
Zulima hatte wenig geschlafen, eine innere Freude hatte sie wach erhalten; sie
erschien beym Abschiede, und bediente die Reisenden demthig und emsig. Als sie
Abschied nahmen brachte sie mit vielen Thrnen ihre Laute zu Heinrich, und bat
mit rhrender Stimme, sie zu Zulimas Andenken mitzunehmen. Es war meines Bruders
Laute, sagte sie, der sie mir beym Abschied schenkte; es ist das einzige
Besitzthum, was ich gerettet habe. Sie schien euch gestern zu gefallen, und ihr
lat mir ein unschtzbares Geschenk zurck, se Hoffnung. Nehmt dieses geringe
Zeichen meiner Dankbarkeit, und lat es ein Pfand eures Andenkens an die arme
Zulima seyn. Wir werden uns gewi wiedersehn, und dann bin ich vielleicht
glcklicher. Heinrich weinte; er weigerte sich, diese ihr so unentbehrliche
Laute anzunehmen: gebt mir, sagte er, das goldene Band mit den unbekannten
Buchstaben aus euren Haaren, wenn es nicht ein Andenken eurer Eltern oder
Geschwister ist, und nehmt dagegen einen Schleyer an, den mir meine Mutter gern
abtreten wird. Sie wich endlich seinem Zureden und gab ihm das Band, indem sie
sagte, Es ist mein Name in den Buchstaben meiner Muttersprache, den ich in
bessern Zeiten selbst in dieses Band gestickt habe. Betrachtet es gern, und
denkt, da es eine lange, kummervolle Zeit meine Haare festgehalten hat, und mit
seiner Besitzerin verbleicht ist. Heinrichs Mutter zog den Schleyer heraus, und
reichte ihr ihn hin, indem sie sie an sich zog und weinend umarmte. -

                                Fnftes Kapitel


Nach einigen Tagereisen kamen sie an ein Dorf, am Fue einiger spitzen Hgel,
die von tiefen Schluchten unterbrochen waren. Die Gegend war brigens fruchtbar
und angenehm, ohngeachtet die Rcken der Hgel ein todtes, abschreckendes Ansehn
hatten. Das Wirthshaus war reinlich, die Leute bereitwillig, und eine Menge
Menschen, theils Reisende, theils bloe Trinkgste, saen in der Stube, und
unterhielten sich von allerhand Dingen.
    Unsre Reisenden gesellten sich zu ihnen, und mischten sich in die Gesprche.
Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war vorzglich auf einen alten Mann
gerichtet, der in fremder Tracht an einem Tische sa, und freundlich die
neugierigen Fragen beantwortete, die an ihn geschahen. Er kam aus fremden
Landen, hatte sich heute frh die Gegend umher genau betrachtet, und erzhlte
nun von seinem Gewerbe und seinen heutigen Entdeckungen. Die Leute nannten ihn
einen Schatzgrber. Er sprach aber sehr bescheiden von seinen Kenntnissen und
seiner Macht, doch trugen seine Erzhlungen das Geprge der Seltsamkeit und
Neuheit. Er erzhlte, da er aus Bhmen gebrtig sey. Von Jugend auf habe er
eine heftige Neugierde gehabt zu wissen, was in den Bergen verborgen seyn msse,
wo das Wasser in den Quellen herkomme, und wo das Gold und Silber und die
kstlichen Steine gefunden wrden, die den Menschen so unwiderstehlich an sich
zgen. Er habe in der nahen Klosterkirche oft diese festen Lichter an den
Bildern und Reliquien betrachtet, und nur gewnscht, da sie zu ihm reden
knnten, um ihm von ihrer geheimnivollen Herkunft zu erzhlen. Er habe wohl
zuweilen gehrt, da sie aus weit entlegenen Lndern kmen; doch habe er immer
gedacht, warum es nicht auch in diesen Gegenden solche Schtze und Kleinodien
geben knne. Die Berge seyen doch nicht umsonst so weit im Umfange und erhaben
und so fest verwahrt; auch habe es ihm verdnkt, wie wenn er zuweilen auf den
Gebirgen glnzende und flimmernde Steine gefunden htte. Er sey fleiig in den
Felsenritzen und Hhlen umhergeklettert, und habe sich mit unaussprechlichem
Vergngen in diesen uralten Hallen und Gewlben umgesehn. - Endlich sey ihm
einmal ein Reisender begegnet, der zu ihm gesagt, er msse ein Bergmann werden,
da knne er die Befriedigung seiner Neugier finden. In Bhmen gbe es Bergwerke.
Er solle nur immer an dem Flusse hinuntergehn, nach zehn bis zwlf Tagen werde
er in Eula seyn, und dort drfe er nur sprechen, da er gern ein Bergmann werden
wolle. Er habe sich dies nicht zweymal sagen lassen, und sich gleich den andern
Tag auf den Weg gemacht. Nach einem beschwerlichen Gange von mehreren Tagen,
fuhr er fort, kam ich nach Eula. Ich kann euch nicht sagen, wie herrlich mir zu
Muthe ward, als ich von einem Hgel die Haufen von Steinen erblickte, die mit
grnen Gebschen durchwachsen waren, auf denen breterne Htten standen, und als
ich aus dem Thal unten die Rauchwolken ber den Wald heraufziehn sah. Ein fernes
Getse vermehrte meine Erwartungen, und mit unglaublicher Neugierde und voll
stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen, den man Halde nennt,
vor den dunklen Tiefen, die im Innern der Htten steil in den Berg
hineinfhrten. Ich eilte nach dem Thale und begegnete bald einigen
schwarzgekleideten Mnnern mit Lampen, die ich nicht mit Unecht fr Bergleute
hielt, und mit schchterner ngstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug. Sie
hrten mich freundlich an, und sagten mir, da ich nur hinunter nach den
Schmelzhtten gehn und nach dem Steiger fragen sollte, welcher den Anfhrer und
Meister unter ihnen vorstellt; dieser werde mir Bescheid geben, ob ich
angenommen werden mge. Sie meynten, da ich meinen Wunsch wohl erreichen wrde,
und lehrten mich den blichen Gru Glck auf womit ich den Steiger anreden
sollte. Voll frhlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort, und konnte nicht
aufhren, den neuen bedeutungsvollen Gru mir bestndig zu wiederholen. Ich fand
einen alten, ehrwrdigen Mann, der mich mit vieler Freundlichkeit empfing, und
nachdem ich ihm meine Geschichte erzhlt, und ihm meine groe Lust, seine
seltne, geheimnivolle Kunst zu erlernen, bezeugt hatte, bereitwillig versprach,
mir meinen Wunsch zu gewhren. Ich schien ihm zu gefallen, und er behielt mich
in seinem Hause. Den Augenblick konnte ich kaum erwarten, wo ich in die Grube
fahren und mich in der reitzenden Tracht sehn wrde. Noch denselben Abend
brachte er mir ein Grubenkleid, und erklrte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge,
die in einer Kammer aufbewahrt waren.
    Abends kamen Bergleute zu ihm, und ich verfehlte kein Wort von ihren
Gesprchen, so unverstndlich und fremd mir sowohl die Sprache, als der grte
Theil des Inhalts ihrer Erzhlungen vorkam. Das Wenige jedoch, was ich zu
begreifen glaubte, erhhte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde, und beschftigte
mich des Nachts in seltsamen Trumen. Ich erwachte bey Zeiten und fand mich bey
meinem neuen Wirthe ein, bey dem sich allmhlich die Bergleute versammelten, um
seine Verordnungen zu vernehmen. Eine Nebenstube war zu einer kleinen Kapelle
vorgerichtet. Ein Mnch erschien und las eine Messe, nachher sprach er ein
feyerliches Gebet, worinn er den Himmel anrief, die Bergleute in seine heilige
Obhut zu nehmen, sie bey ihren gefhrlichen Arbeiten zu untersttzen, vor
Anfechtungen und Tcken bser Geister sie zu schtzen, und ihnen reiche Anbrche
zu bescheeren. Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gebetet, und nie die hohe
Bedeutung der Messe lebhafter empfunden. Meine knftigen Genossen kamen mir wie
unterirdische Helden vor, die tausend Gefahren zu berwinden htten, aber auch
ein beneidenswerthes Glck an ihren wunderbaren Kenntnissen besen, und in dem
ernsten, stillen Umgange mit den uralten Felsenshnen der Natur, in ihren
dunkeln, wunderbaren Kammern, zum Empfngni himmlischer Gaben und zur freudigen
Erhebung ber die Welt und ihre Bedrngnisse ausgerstet wrden. Der Steiger gab
mir nach geendigtem Gottesdienst eine Lampe und ein kleines hlzernes Krucifix,
und ging mit mir nach dem Schachte, wie wir die schroffen Eingnge in die
unterirdischen Gebude zu nennen pflegen. Er lehrte mich die Art des
Hinabsteigens, machte mich mit den nothwendigen Vorsichtigkeitsregeln, so wie
mit den Namen der mannichfaltigen Gegenstnde und Theile bekannt. Er fuhr
voraus, und schurrte auf dem runden Balken hinunter, indem er sich mit der einen
Hand an einem Seil anhielt, das in einem Knoten an einer Seitenstange
fortglitschte, und mit der andern die brennende Lampe trug; ich folgte seinem
Beispiel, und wir gelangten so mit ziemlicher Schnelle bald in eine
betrchtliche Tiefe. Mir war seltsam feyerlich zu Muthe, und das vordere Licht
funkelte wie ein glcklicher Stern, der mir den Weg zu den verborgenen
Schatzkammern der Natur zeigte. Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gngen,
und mein freundlicher Meister ward nicht mde meine neugierigen Fragen zu
beantworten, und mich ber seine Kunst zu unterrichten. Das Rauschen des
Wassers, die Entfernung von der bewohnten Oberflche, die Dunkelheit und
Verschlungenheit der Gnge, und das entfernte Gerusch der arbeitenden Bergleute
ergtzte mich ungemein, und ich fhlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz
dessen, was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war. Es lt sich auch
diese volle Befriedigung eines angebornen Wunsches, diese wundersame Freude an
Dingen, die ein nheres Verhltni zu unserm geheimen Daseyn haben mgen, zu
Beschftigungen, fr die man von der Wiege an bestimmt und ausgerstet ist,
nicht erklren und beschreiben. Vielleicht da sie jedem Andern gemein,
unbedeutend und abschreckend vorgekommen wren; aber mir scheinen sie so
unentbehrlich zu seyn, wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen. Mein
alter Meister freute sich ber meine innige Lust, und verhie mir, da ich bey
diesem Fleie und dieser Aufmerksamkeit es weit bringen, und ein tchtiger
Bergmann werden wrde. Mit welcher Andacht sah ich zum erstenmal in meinem Leben
am sechzehnten Mrz, vor nunmehr fnf und vierzig Jahren, den Knig der Metalle
in zarten Blttchen zwischen den Spalten des Gesteins. Es kam mir vor, als sey
er hier wie in festen Gefngnissen eingesperrt und glnze freundlich dem
Bergmann entgegen, der mit soviel Gefahren und Mhseligkeiten sich den Weg zu
ihm durch die starken Mauern gebrochen, um ihn an das Licht des Tages zu
frdern, damit er an kniglichen Kronen und Gefen und an heiligen Reliquien zu
Ehren gelangen, und in geachteten und wohlverwahrten Mnzen, mit Bildnissen
geziert, die Welt beherrschen und leiten mge. Von der Zeit an blieb ich in
Eula, und stieg allmhlich bis zum Huer, welches der eigentliche Bergmann ist,
der die Arbeiten auf dem Gestein betreibt, nachdem ich anfnglich bey der
Ausfrderung der losgehauenen Stufen in Krben angestellt gewesen war.
    Der alte Bergmann ruhte ein wenig von seiner Erzhlung aus, und trank, indem
ihm seine aufmerksamen Zuhrer ein frliches Glckauf zubrachten. Heinrichen
erfreuten die Reden des alten Mannes ungemein, und er war sehr geneigt noch mehr
von ihm zu hren.
    Die Zuhrer unterhielten sich von den Gefahren und Seltsamkeiten des
Bergbaus, und erzhlten wunderbare Sagen, ber die der Alte oft lchelte, und
freundlich ihre sonderbaren Vorstellungen zu berichtigen bemht war.
    Nach einer Weile sagte Heinrich: Ihr mgt seitdem viel seltsame Dinge gesehn
und erfahren haben; hoffentlich hat euch nie eure gewhlte Lebensart gereut?
Wrt ihr nicht so gefllig und erzhltet uns wie es euch seit dem ergangen, und
auf welcher Reise ihr jetzt begriffen seyd? Es scheint, als httet ihr euch
weiter in der Welt umgesehn, und gewi darf ich vermuthen, da ihr jetzt mehr
als einen gemeinen Bergmann vorstellt. - Es ist mir selber lieb, sagte der Alte,
mich der verflossenen Zeiten zu erinnern, in denen ich Anle finde, mich der
gttlichen Barmherzigkeit und Gte zu erfreun. Das Geschick hat mich durch ein
frohes und heitres Leben gefhrt, und es ist kein Tag vorbergegangen, an
welchem ich mich nicht mit dankbarem Herzen zur Ruhe gelegt htte. Ich bin immer
glcklich in meinen Verrichtungen gewesen, und unser aller Vater im Himmel hat
mich vor dem Bsen behtet, und in Ehren grau werden lassen. Nchst ihm habe ich
alles meinem alten Meister zu verdanken, der nun lange zu seinen Vtern
versammelt ist, und an den ich nie ohne Thrnen denken kann. Er war ein Mann aus
der alten Zeit nach dem Herzen Gottes. Mit tiefen Einsichten war er begabt, und
doch kindlich und demthig in seinem Thun. Durch ihn ist das Bergwerk in groen
Flor gekommen, und hat dem Herzoge von Bhmen zu ungeheuren Schtzen verholfen.
Die ganze Gegend ist dadurch bevlkert und wohlhabend, und ein blhendes Land
geworden. Alle Bergleute verehrten ihren Vater in ihm, und so lange Eula steht,
wird auch sein Name mit Rhrung und Dankbarkeit genannt werden. Er war seiner
Geburt nach ein Lausitzer und hie Werner. Seine einzige Tochter war noch ein
Kind, wie ich zu ihm ins Haus kam. Meine msigkeit, meine Treue, und meine
leidenschaftliche Anhnglichkeit an ihn, gewannen mir seine Liebe mit jedem Tage
mehr. Er gab mir seinen Namen und machte mich zu seinem Sohne. Das kleine
Mdchen ward nach gerade ein wackres, muntres Geschpf, deren Gesicht so
freundlich glatt und wei war, wie ihr Gemth. Der Alte sagte mir oft, wenn er
sah, da sie mir zugethan war, da ich gern mit ihr schkerte, und kein Auge von
den ihrigen verwandte, die so blau und offen, wie der Himmel waren, und wie die
Krystalle glnzten: wenn ich ein rechtlicher Bergmann werden wrde, wolle er sie
mir nicht versagen; und er hielt Wort. - Den Tag, wie ich Huer wurde, legte er
seine Hnde auf uns und segnete uns als Braut und Brutigam ein, und wenige
Wochen darauf fhrte ich sie als meine Frau auf meine Kammer. Denselben Tag hieb
ich in der Frhschicht noch als Lehrhuer, eben wie die Sonne oben aufging, eine
reiche Ader an. Der Herzog schickte mir eine goldene Kette mit seinem Bildni
auf einer groen Mnze, und versprach mir den Dienst meines Schwiegervaters. Wie
glcklich war ich, als ich sie am Hochzeittage meiner Braut um den Hals hngen
konnte, und Aller Augen auf sie gerichtet waren. Unser alte[r] Vater erlebte
noch einige muntre Enkel, und die Anbrche seines Herbstes waren reicher, als er
gedacht hatte. Er konnte mit Freudigkeit seine Schicht beschlieen, und aus der
dunkeln Grube dieser Welt fahren, um in Frieden auszuruhen, und den groen
Lohntag zu erwarten. Herr, sagte der Alte, indem er sich zu Heinrichen wandte,
und einige Thrnen aus den Augen trocknete, der Bergbau mu von Gott gesegnet
werden! denn es giebt keine Kunst, die ihre Theilhaber glcklicher und edler
machte, die mehr den Glauben an eine himmlische Weisheit und Fgung erweckte,
und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erhielte, als der Bergbau.
Arm wird der Bergmann geboren, und arm gehet er wieder dahin. Er begngt sich zu
wissen, wo die metallischen Mchte gefunden werden, und sie zu Tage zu frdern;
aber ihr blendender Glanz vermag nichts ber sein lautres Herz. Unentzndet von
gefhrlichem Wahnsinn, freut er sich mehr ber ihre wunderlichen Bildungen, und
die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen, als ber ihren alles
verheienden Besitz. Sie haben fr ihn keinen Reiz mehr, wenn sie Waaren
geworden sind, und er sucht sie lieber unter tausend Gefahren und Mhseligkeiten
in den Vesten der Erde, als da er ihrem Rufe in die Welt folgen, und auf der
Oberflche des Bodens durch tuschende, hinterlistige Knste nach ihnen trachten
sollte. Jene Mhseeligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker;
er geniet seinen krglichen Lohn mit inniglichem Danke, und steigt jeden Tag
mit verjngter Lebensfreude aus den dunkeln Grften seines Berufs. Nur Er kennt
die Reize des Lichts und der Ruhe, die Wohlthtigkeit der freyen Luft und
Aussicht um sich her; nur ihm schmeckt Trank und Speise recht erquicklich und
andchtig, wie der Leib des Herrn; und mit welchem liebevollen und empfnglichen
Gemth tritt er nicht unter seines Gleichen, oder herzt seine Frau und Kinder,
und ergtzt sich dankbar an der schnen Gabe des traulichen Gesprchs!
    Sein einsames Geschft sondert ihn vom Tage und dem Umgange mit Menschen
einen groen Theil seines Lebens ab. Er gewhnt sich nicht zu einer stumpfen
Gleichgltigkeit gegen diese berirdischen tiefsinnigen Dinge und behlt die
kindliche Stimmung, in der ihm alles mit seinem eigenthmlichsten Geiste und in
seiner ursprnglichen bunten Wunderbarkeit erscheint. Die Natur will nicht der
ausschlieliche Besitz eines Einzigen seyn. Als Eigenthum verwandelt sie sich in
ein bses Gift, was die Ruhe verscheucht, und die verderbliche Lust, alles in
diesen Kreis des Besitzers zu ziehn, mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen
und wilden Leidenschaften herbeylockt. So untergrbt sie heimlich den Grund des
Eigenthmers, und begrbt ihn bald in den einbrechenden Abgrund, um aus Hand in
Hand zu gehen, und so ihre Neigung, Allen anzugehren, allmhlich zu
befriedigen.
    Wie ruhig arbeitet dagegen der arme gengsame Bergmann in seinen tiefen
Einden, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wibegier
und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger
Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie, und fhlt immer erneuert die
gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen. Sein Beruf
lehrt ihn unermdliche Geduld, und lt nicht zu, da sich seine Aufmerksamkeit
in unntze Gedanken zerstreue. Er hat mit einer wunderlichen harten und
unbiegsamen Macht zu thun, die nur durch hartnckigen Flei und bestndige
Wachsamkeit zu berwinden ist. Aber welches kstliche Gewchs blht ihm auch in
diesen schauerlichen Tiefen, das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen
Vater, dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar
wird. Wie unzhliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen, und bey dem Schein
meiner Lampe das schichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet! da habe
ich erst den heiligen Sinn dieses rthselhaften Bildnisses recht gefat, und den
edelsten Gang meines Herzens erschrft, der mir eine ewige Ausbeute gewhrt hat.
    Der Alte fuhr nach einer Weile fort und sagte: Wahrhaftig, das mu ein
gttlicher Mann gewesen seyn, der den Menschen zuerst die edle Kunst des
Bergbaus gelehrt, und in dem Schooe der Felsen dieses ernste Sinnbild des
menschlichen Lebens verborgen hat. Hier ist der Gang mchtig und gebrch, aber
arm, dort drckt ihn der Felsen in eine armselige, unbedeutende Kluft zusammen,
und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein. Andre Gnge verunedlen ihn,
bis sich ein verwandter Gang freundlich mit ihm schaart, und seinen Werth
unendlich erhht. Oft zerschlgt er sich vor dem Bergmann in tausend Trmmern:
aber der Geduldige lt sich nicht schrecken, er verfolgt ruhig seinen Weg, und
sieht seinen Eifer belohnt, indem er ihn bald wieder in neuer Mchtigkeit und
Hflichkeit ausrichtet. Oft lockt ihn ein betrgliches Trum aus der wahren
Richtung; aber bald erkennt er den falschen Weg, und bricht mit Gewalt
querfeldein, bis er den wahren erzfhrenden Gang wiedergefunden hat. Wie bekannt
wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls, wie sicher aber auch,
da Eifer und Bestndigkeit die einzigen untrglichen Mittel sind, sie zu
bemeistern, und die von ihnen hartnckig vertheidigten Schtze zu heben.
    Es fehlt euch gewi nicht, sagte Heinrich, an ermunternden Liedern. Ich
sollte meinen, da euch euer Beruf unwillkhrlich zu Gesngen begeistern und die
Musik eine willkommne Begleiterin der Bergleute seyn mte.
    Da habt ihr wahr gesprochen, erwiederte der Alte; Gesang und Zitherspiel
gehrt zum Leben des Bergmanns, und kein Stand kann mit mehr Vergngen die Reize
derselben genieen, als der unsrige. Musik und Tanz sind eigentliche Freuden des
Bergmanns; sie sind wie ein frliches Gebet, und die Erinnerungen und Hofnungen
desselben helfen die mhsame Arbeit erleichtern und die lange Einsamkeit krzen.
    Wenn es euch gefllt, so will ich euch gleich einen Gesang zum Besten geben,
der fleiig in meiner Jugend gesungen wurde.

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mit,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoo vergit.

                                       *

Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt gellt.

                                       *

Er ist mit ihr verbndet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzndet,
Als wr' sie seine Braut.

                                       *

Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Flei und Plage,
Sie lt ihm keine Ruh.

                                       *

Die mchtigen Geschichten
Der lngst verflonen Zeit,
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.

                                       *

Der Vorwelt heilge Lfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klfte
Strahlt ihm ein ewges Licht.

                                       *

Er trift auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.

                                       *

Ihm folgen die Gewsser
Hlfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlsser,
Thun ihre Schtz' ihm auf.

                                       *

Er fhrt des Goldes Strme
In seines Knigs Haus,
Und schmckt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.

                                       *

Zwar reicht er treu dem Knig
Den glckbegabten Arm,
Doch frgt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.

                                       *

Sie mgen sich erwrgen
Am Fu um Gut und Geld;
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt.

                                       *

Heinrichen gefiel das Lied ungemein, und er bat den Alten, ihm noch eins
mitzutheilen. Der Alte war auch gleich bereit und sagte: Ich wei noch ein
wunderliches Lied, was wir selbst nicht wissen, wo es her ist.
    Es brachte es ein reisender Bergmann mit, der weit herkam, und ein
sonderlicher Ruthengnger war. Das Lied fand groen Beyfall, weil es so
seltsamlich klang, beynah so dunkel und unverstndlich, wie die Musik selbst,
aber eben darum auch so unbegreiflich anzog, und im wachenden Zustande wie ein
Traum unterhielt.

Ich kenne wo ein festes Schlo
Ein stiller Knig wohnt darinnen,
Mit einem wunderlichen Tro;
Doch steigt er nie auf seine Zinnen.
Verborgen ist sein Lustgemach
Und unsichtbare Wchter lauschen;
Nur wohlbekannte Quellen rauschen
Zu ihm herab vom bunten Dach.

                                       *

Was ihre hellen Augen sahn
In der Gestirne weiten Slen,
Das sagen sie ihm treulich an
Und knnen sich nicht satt erzhlen.
Er badet sich in ihrer Flut,
Wscht sauber seine zarten Glieder
Und seine Stralen blinken wieder
Aus seiner Mutter weiem Blut.

                                       *

Sein Schlo ist alt und wunderbar,
Es sank herab aus tiefen Meeren
Stand fest, und steht noch immerdar,
Die Flucht zum Himmel zu verwehren.
Von innen schlingt ein heimlich Band
Sich um des Reiches Unterthanen,
Und Wolken wehn wie Siegesfahnen
Herunter von der Felsenwand.

                                       *

Ein unermeliches Geschlecht
Umgiebt die festverschlossenen Pforten,
Ein jeder spielt den treuen Knecht
Und ruft den Herrn mit sen Worten.
Sie fhlen sich durch ihn beglckt,
Und ahnden nicht, da sie gefangen;
Berauscht von trglichem Verlangen
Wei keiner, wo der Schuh ihn drckt.

                                       *

Nur Wenige sind schlau und wach,
Und drsten nicht nach seinen Gaben;
Sie trachten unablssig nach,
Das alte Schlo zu untergraben.
Der Heimlichkeit urmchtgen Bann,
Kann nur die Hand der Einsicht lsen;
Gelingt's das Innere zu entblen
So bricht der Tag der Freyheit an.

                                       *

Dem Flei ist keine Wand zu fest,
Dem Muth kein Abgrund unzugnglich;
Wer sich auf Herz und Hand verlt
Sprt nach dem Knig unbedenklich.
Aus seinen Kammern holt er ihn,
Vertreibt die Geister durch die Geister,
Macht sich der wilden Fluten Meister,
Und heit sie selbst heraus sich ziehn.

                                       *

Je mehr er nun zum Vorschein kmmt
Und wild umher sich treibt auf Erden:
Je mehr wird seine Macht gedmmt,
Je mehr die Zahl der Freyen werden.
Am Ende wird von Banden los
Das Meer die leere Burg durchdringen
Und trgt auf weichen grnen Schwingen
Zurck uns in der Heymath Schoo.

                                       *

Es dnkte Heinrichen, wie der Alte geendigt hatte, als habe er das Lied schon
irgend wo gehrt. Er lie es sich wiederholen und schrieb es sich auf. Der Alte
ging nachher hinaus und die Kaufleute sprachen unterdessen mit den andern Gsten
ber die Vortheile des Bergbaues und seine Mhseligkeiten. Einer sagte: der Alte
ist gewi nicht umsonst hier. Er ist heute zwischen den Hgeln umhergeklettert
und hat gewi gute Anzeichen gefunden. Wir wollen ihn doch fragen, wenn er
wieder herein kmmt. Wit ihr wohl, sagte ein Andrer, da wir ihn bitten
knnten, eine Quelle fr unser Dorf zu suchen? Das Wasser ist weit, und ein
guter Brunnen wre uns sehr willkommen. Mir fllt ein, sagte ein dritter, da
ich ihn fragen mchte, oder er einen von meinen Shnen mit sich nehmen will, der
mir schon das ganze Haus voll Steine getragen hat. Der Junge wird gewi ein
tchtiger Bergmann, und der Alte scheint ein guter Mann zu seyn, der wird schon
was Rechtes aus ihm ziehn. Die Kaufleute redeten, ob sie vielleicht durch den
Bergmann ein vortheilhaftes Verkehr mit Bhmen anspinnen und Metalle daher zu
guten Preisen erhalten mchten. Der Alte trat wieder in die Stube, und alle
wnschten seine Bekanntschaft zu benutzen. Er fing an und sagte: Wie dumpf und
ngstlich ist es doch hier in der engen Stube. Der Mond steht drauen in voller
Herrlichkeit, und ich htte groe Lust noch einen Spaziergang zu machen. Ich
habe heute bey Tage einige merkwrdige Hhlen hier in der Nhe gesehn.
Vielleicht entschlieen sich Einige mitzugehn; und wenn wir nur Licht mitnehmen,
so werden wir ohne Schwierigkeiten uns darinn umsehn knnen.
    Den Leuten aus dem Dorfe waren diese Hhlen schon bekannt: aber bis jetzt
hatte keiner gewagt hineinzusteigen; vielmehr trugen sie sich mit frchterlichen
Sagen von Drachen und andern Unthieren, die darinn hausen sollten. Einige
wollten sie selbst gesehn haben, und behaupteten, da man Knochen an ihrem
Eingange von geraubten und verzehrten Menschen und Thieren fnde. Einige andre
vermeinten, da ein Geist dieselben bewohne, wie sie denn einigemal aus der
Ferne eine seltsame menschliche Gestalt gesehn, auch zur Nachtzeit Gesnge da
herber gehrt haben wollten.
    Der Alte schien ihnen keinen groen Glauben beyzumessen, und versicherte
lachend, da sie unter dem Schutze eines Bergmanns getrost mitgehn knnten,
indem die Ungeheuer sich vor ihm scheuen mten, ein singender Geist aber gewi
ein wohlthtiges Wesen sey. Die Neugier machte viele beherzt genug, seinen
Vorschlag einzugehn; auch Heinrich wnschte ihn zu begleiten, und seine Mutter
gab endlich auf das Zureden und Versprechen des Alten, genaue Acht auf Heinrichs
Sicherheit zu haben, seinen Bitten nach. Die Kaufleute waren eben so
entschlossen. Es wurden lange Kienspne zu Fackeln zusammengeholt; ein Theil der
Gesellschaft versah sich noch zum berflu mit Leitern, Stangen, Stricken und
allerhand Vertheidigungswerkzeugen, und so begann endlich die Wallfahrt nach den
nahen Hgeln. Der Alte ging mit Heinrich und den Kaufleuten voran. Jener Bauer
hatte seinen wibegierigen Sohn herbeygeholt, der voller Freude sich einer
Fackel bemchtigte, und den Weg zu den Hhlen zeigte. Der Abend war heiter und
warm. Der Mond stand in mildem Glanze ber den Hgeln, und lie wunderliche
Trume in allen Kreaturen aufsteigen. Selbst wie ein Traum der Sonne, lag er
ber der in sich gekehrten Traumwelt, und fhrte die in unzhlige Grenzen
getheilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurck, wo jeder Keim noch fr sich
schlummerte, und einsam und unberhrt sich vergeblich sehnte, die dunkle Flle
seines unermelichen Daseyns zu entfalten. In Heinrichs Gemth spiegelte sich
das Mhrchen des Abends. Es war ihm, als ruhte die Welt aufgeschlossen in ihm,
und zeigte ihm, wie einem Gastfreunde, alle ihre Schtze und verborgenen
Lieblichkeiten. Ihm dnkte die groe einfache Erscheinung um ihn so
verstndlich. Die Natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich, weil sie das
Nchste und Traulichste mit einer solchen Verschwendung von mannichfachen
Ausdrcken um den Menschen her thrmte. Die Worte des Alten hatten eine
versteckte Tapetenthr in ihm geffnet. Er sah sein kleines Wohnzimmer dicht an
einen erhabenen Mnster gebaut, aus dessen steinernem Boden die ernste Vorwelt
emporstieg, whrend von der Kuppel die klare frliche Zukunft in goldnen
Engelskindern ihr singend entgegenschwebte. Gewaltige Klnge bebten in den
silbernen Gesang, und zu den weiten Thoren traten alle Creaturen herein, von
denen jede ihre innere Natur in einer einfachen Bitte und in einer
eigenthmlichen Mundart vernehmlich aussprach. Wie wunderte er sich, da ihm
diese klare, seinem Daseyn schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben
war. Nun bersah er auf einmal alle seine Verhltnisse mit der weiten Welt um
ihn her; fhlte was er durch sie geworden und was sie ihm werden wrde, und
begrif alle die seltsamen Vorstellungen und Anregungen, die er schon oft in
ihrem Anschauen gesprt hatte. Die Erzhlung der Kaufleute von dem Jnglinge,
der die Natur so emsig betrachtete, und der Eydam des Knigs wurde, kam ihm
wieder zu Gedanken, und tausend andere Erinnerungen seines Lebens knpften sich
von selbst an einen zauberischen Faden. Whrend der Zeit, da Heinrich seinen
Betrachtungen nachhing, hatte sich die Gesellschaft der Hhle genhert. Der
Eingang war niedrig, und der Alte nahm eine Fackel und kletterte ber einige
Steine zuerst hinein. Ein ziemlich fhlbarer Luftstrom kam ihm entgegen, und der
Alte versicherte, da sie getrost folgen knnten. Die Furchtsamsten gingen
zuletzt, und hielten ihre Waffen in Bereitschaft. Heinrich und die Kaufleute
waren hinter dem Alten und der Knabe wanderte munter an seiner Seite. Der Weg
lief anfnglich in einem ziemlich schmalen Gange, welcher sich aber bald in eine
sehr weite und hohe Hhle endigte, die der Fackelglanz nicht vllig zu
erleuchten vermocht; doch sah man im Hintergrunde einige ffnungen sich in die
Felsenwand verlieren. Der Boden war weich und ziemlich eben; die Wnde so wie
die Decke waren ebenfalls nicht rauh und unregelmig; aber was die
Aufmerksamkeit Aller vorzglich beschftigte, war die unzhlige Menge von
Knochen und Zhnen, die den Boden bedeckten. Viele waren vllig erhalten, an
andern sah man Spuren der Verwesung, und die, welche aus den Wnden hin und
wieder hervorragten, schienen steinartig geworden zu seyn. Die Meisten waren von
ungewhnlicher Gre und Strke. Der Alte freute sich ber diese berbleibsel
einer uralten Zeit; nur den Bauern war nicht wohl dabey zu Muthe, denn sie
hielten sie fr deutliche Spuren naher Raubthiere, so berzeugend ihnen auch der
Alte die Zeichen eines undenklichen Alterthums daran aufwies, und sie fragte, ob
sie je etwas von Verwstungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter
Menschen gesprt htten, und ob sie jene Knochen fr Knochen bekannter Thiere
oder Menschen halten knnten? Der Alte wollte nun weiter in den Berg, aber die
Bauern fanden fr rathsam sich vor die Hhle zurckzuziehn, und dort seine
Rckkunft abzuwarten. Heinrich, die Kaufleute und der Knabe blieben bey dem
Alten, und versahen sich mit Stricken und Fackeln. Sie gelangten bald in eine
zweyte Hhle, wobey der Alte nicht verga, den Gang aus dem sie hereingekommen
waren, durch eine Figur von Knochen, die er davor hinlegte, zu bezeichnen. Die
Hhle glich der vorigen und war eben so reich an thierischen Resten. Heinrichen
war schauerlich und wunderbar zu Muthe; es gemahnte ihn, als wandle er durch die
Vorhfe des innern Erdenpalastes. Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit
entfernt, und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen
seltsamen Reiche zu gehren. Wie, dachte er bey sich selbst, wre es mglich,
da unter unsern Fen eine eigene Welt in einem ungeheuern Leben sich bewegte?
da unerhrte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben, die das innere
Feuer des dunkeln Schooes zu riesenmigen und geistesgewaltigen Gestalten
auftriebe? Knnten dereinst diese schauerlichen Fremden, von der eindringenden
Klte hervorgetrieben, unter uns erscheinen, whrend vielleicht zu gleicher Zeit
himmlische Gste, lebendige, redende Krfte der Gestirne ber unsern Huptern
sichtbar wrden? Sind diese Knochen berreste ihrer Wanderungen nach der
Oberflche, oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe?
    Auf einmal rief der Alte die Andern herbey, und zeigte ihnen eine ziemlich
frische Menschenspur auf dem Boden. Mehrere konnten sie nicht finden, und so
glaubte der Alte, ohne frchten zu mssen, auf Ruber zu stoen, der Spur
nachgehen zu knnen. Sie waren eben im Begriff dies auszufhren, als auf einmal,
wie unter ihren Fen, aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang
anfing. Sie erstaunten nicht wenig, doch horchten sie genau auf:

Gern verweil' ich noch im Thale
Lchelnd in der tiefen Nacht,
Denn der Liebe volle Schaale
Wird mir tglich dargebracht.

                                       *

Ihre heilgen Tropfen heben
Meine Seele hoch empor,
Und ich steh in diesem Leben
Trunken an des Himmels Thor.

                                       *

Eingewiegt in seelges Schauen
ngstigt mein Gemth kein Schmerz.
O! die Kniginn der Frauen
Giebt mir ihr getreues Herz.

                                       *

Bangverweinte Jahre haben
Diesen schlechten Thon verklrt,
Und ein Bild ihm eingegraben,
Das ihm Ewigkeit gewhrt.

                                       *

Jene lange Zahl von Tagen
Dnkt mir nur ein Augenblick;
Werd ich einst von hier getragen
Schau ich dankbar noch zurck.

                                       *

Alle waren auf das angenehmste berrascht, und wnschten sehnlichst den Snger
zu entdecken.
    Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand, einen
abwrts gesenkten Gang, in welchen die Fu[s]tapfen zu fhren schienen. Bald
dnkte es ihnen, eine Hellung zu bemerken, die strker wurde, je nher sie
kamen. Es that sich ein neues Gewlbe von noch grerem Umfange, als die
vorherigen, auf, in dessen Hintergrunde sie bey einer Lampe eine menschliche
Gestalt sitzen sahen, die vor sich auf einer steinernen Platte ein groes Buch
liegen hatte, in welchem sie zu lesen schien.
    Sie drehte sich nach ihnen zu, stand auf und ging ihnen entgegen. Es war ein
Mann, dessen Alter man nicht errathen konnte. Er sah weder alt noch jung aus,
keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm, als schlichte silberne Haare, die auf
der Stirn gescheitelt waren. In seinen Augen lag eine unaussprechliche
Heiterkeit, als she er von einem hellen Berge in einen unendlichen Frhling
hinein. Er hatte Sohlen an die Fe gebunden, und schien keine andere Kleidung
zu haben, als einen weiten Mantel, der um ihn hergeschlungen war, und seine edle
groe Gestalt noch mehr heraus hob. ber ihre unvermuthete Ankunft schien er
nicht im mindesten verwundert; wie ein Bekannter begrte er sie. Es war, als
empfing er erwartete Gste in seinem Wohnhause. Es ist doch schn, da ihr mich
besucht, sagte er; Ihr seyd die ersten Freunde, die ich hier sehe, so lange ich
auch schon hier wohne. Scheint es doch, als finge man an, unser groes
wunderbares Haus genauer zu betrachten. Der Alte erwiederte: Wir haben nicht
vermuthet, einen so freundlichen Wirth hier zu finden. Von wilden Thieren und
Geistern war uns erzhlt, und nun sehen wir uns auf das anmuthigste getuscht.
Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestrt
haben, so verzeiht es unserer Neugierde. - Knnte eine Betrachtung erfreulicher
seyn, sagte der Unbekannte, als die froher uns zusagender Menschengesichter?
Haltet mich nicht fr einen Menschenfeind, weil ihr mich in dieser Einde
trefft. Ich habe die Welt nicht geflohen, sondern ich habe nur eine Ruhesttte
gesucht, wo ich ungestrt meinen Betrachtungen nachhngen knnte. - Hat euch
euer Entschlu nie gereut, und kommen nicht zuweilen Stunden, wo euch bange wird
und euer Herz nach einer Menschenstimme verlangt? - Jetzt nicht mehr. Es war
eine Zeit in meiner Jugend, wo eine heie Schwrmerey mich veranlate,
Einsiedler zu werden. Dunkle Ahndungen beschftigten meine jugendliche Fantasie.
Ich hoffte volle Nahrung meines Herzens in der Einsamkeit zu finden.
Unerschpflich dnkte mir die Quelle meines innern Lebens. Aber ich merkte bald,
da man eine Flle von Erfahrungen dahin mitbringen mu, da ein junges Herz
nicht allein seyn kann, ja da der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit
seinem Geschlecht eine gewisse Selbststndigkeit erlangt.
    Ich glaube selbst, erwiederte der Alte, da es einen gewissen natrlichen
Beruf zu jeder Lebensart giebt, und vielleicht, da die Erfahrungen eines
zunehmenden Alters von selbst auf eine Zurckziehung aus der menschlichen
Gesellschaft fhren. Scheint es doch, als sey dieselbe der Thtigkeit, sowohl
zum Gewinnst als zur Erhaltung gewidmet. Eine groe Hoffnung, ein
gemeinschaftlicher Zweck treibt sie mit Macht; und Kinder und Alte scheinen
nicht dazu zu gehren. Unbehlflichkeit und Unwissenheit schlieen die Ersten
davon aus, whrend die letztern jene Hoffnung erfllt, jenen Zweck erreicht
sehen, und nun nicht mehr von ihnen in den Kreise jener Gesellschaft
verflochten, in sich selbst zurckkehren, und genug zu thun finden, sich auf
eine hhere Gemeinschaft wrdig vorzubereiten. Inde scheinen bey euch noch
besondere Ursachen statt gefunden zu haben, euch so gnzlich von den Menschen
abzusondern und Verzicht auf alle Bequemlichkeiten der Gesellschaft zu leisten.
Mich dnkt, da die Spannung eures Gemths doch oft nachlassen und euch dann
unbehaglich zu Muthe werden mte.
    Ich fhlte das wohl, inde habe ich es glcklich durch eine strenge
Regelmigkeit meines Lebens zu vermeiden gewut. Dabey suche ich mich durch
Bewegung gesund zu erhalten, und dann hat es keine Noth. Jeden Tag gehe ich
mehrere Stunden herum, und geniee den Tag und die Luft soviel ich kann. Sonst
halte ich mich in diesen Hallen auf, und beschftige mich zu gewissen Stunden
mit Korbflechten und Schnitzen. Fr meine Waaren tausche ich mir in entlegenen
Ortschaften Lebensmittel ein, Bcher hab ich mir mitgebracht, und so vergeht die
Zeit, wie ein Augenblick. In jenen Gegenden habe ich einige Bekannte, die um
meinen Aufenthalt wissen, und von denen ich erfahre, was in der Welt geschieht.
Diese werden mich begraben, wenn ich todt bin und meine Bcher zu sich nehmen.
    Er fhrte sie nher an seinen Sitz, der nahe an der Hhlenwand war. Sie
sahen mehrere Bcher auf der Erde liegen, auch eine Zither, und an der Wand hing
eine vllige Rstung, die ziemlich kostbar zu seyn schien. Der Tisch bestand aus
fnf groen steinernen Platten, die wie ein Kasten zusammengesetzt waren. Auf
der obersten lagen eine mnnliche und weibliche Figur in Lebensgre eingehauen,
die einen Kranz von Lilien und Rosen angefat hatten; an den Seiten stand:

                      Friedrich und Marie von Hohenzollern
               kehrten auf dieser Stelle in ihr Vaterland zurck.

Der Einsiedler fragte seine Gste nach ihrem Vaterlande, und wie sie in diese
Gegenden gekommen wren. Er war sehr freundlich und offen, und verrieth eine
groe Bekanntschaft mit der Welt. Der Alte sagte: Ich sehe, ihr seyd ein
Kriegsmann gewesen, die Rstung verrth euch. - Die Gefahren und Wechsel des
Krieges, der hohe poetische Geist, der ein Kriegsheer begleitet, rissen mich aus
meiner jugendlichen Einsamkeit und bestimmten die Schicksale meines Lebens.
Vielleicht, da das lange Getmmel, die unzhligen Begebenheiten, denen ich
beywohnte, mir den Sinn fr die Einsamkeit noch mehr geffnet haben: die
zahllosen Erinnerungen sind eine unterhaltende Gesellschaft, und dies um so
mehr, je vernderter der Blick ist, mit dem wir sie berschauen, und der nun
erst ihren wahren Zusammenhang, den Tiefsinn ihrer Folge, und die Bedeutung
ihrer Erscheinungen entdeckt. Der eigentliche Sinn fr die Geschichten der
Menschen entwickelt sich erst spt, und mehr unter den stillen Einflssen der
Erinnerung, als unter den gewaltsameren Eindrcken der Gegenwart. Die nchsten
Ereignisse scheinen nur locker verknpft, aber sie sympathisiren desto
wunderbarer mit entfernteren; und nur dann, wenn man im Stande ist, eine lange
Reihe zu bersehn und weder alles buchstblich zu nehmen, noch auch mit
muthwilligen Trumen die eigenliche Ordnung zu verwirren, bemerkt man die
geheime Verkettung des Ehemaligen und Knftigen, und lernt die Geschichte aus
Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen. Inde nur dem, welchem die ganze Vorzeit
gegenwrtig ist, mag es gelingen, die einfache Regel der Geschichte zu
entdecken. Wir kommen nur zu unvollstndigen und beschwerlichen Formeln, und
knnen froh seyn, nur fr uns selbst eine brauchbare Vorschrift zu finden, die
uns hinlngliche Aufschlsse ber unser eigenes kurzes Leben verschafft. Ich
darf aber wohl sagen, da jede sorgfltige Betrachtung der Schicksale des Lebens
einen tiefen, unerschpflichen Genu gewhrt, und unter allen Gedanken uns am
meisten ber die irdischen bel erhebt. Die Jugend liest die Geschichte nur aus
Neugier, wie ein unterhaltendes Mhrchen; dem reiferen Alter wird sie eine
himmlische trstende und erbauende Freundinn, die ihn durch ihre weisen
Gesprche sanft zu einer hheren, umfassenderen Laufbahn vorbereitet, und mit
der unbekannten Welt ihn in falichen Bildern bekannt macht. Die Kirche ist das
Wohnhaus der Geschichte, und der stille Hof ihr sinnbildlicher Blumengarten. Von
der Geschichte sollten nur alte, gottesfrchtige Leute schreiben, deren
Geschichte selbst zu Ende ist, und die nichts mehr zu hoffen haben, als die
Verpflanzung in den Garten. Nicht finster und trbe wird ihre Beschreibung seyn;
vielmehr wird ein Strahl aus der Kuppel alles in der richtigsten und schnsten
Erleuchtung zeigen, und heiliger Geist wird ber diesen seltsam bewegten
Gewssern schweben.
    Wie wahr und einleuchtend ist eure Rede, setzte der Alte hinzu. Man sollte
gewi mehr Flei darauf wenden, das Wissenswrdige seiner Zeit treulich
aufzuzeichnen, und es als ein andchtiges Vermchtni den knftigen Menschen zu
hinterlassen. Es giebt tausend entferntere Dinge, denen Sorgfalt und Mhe
gewidmet wird, und gerade um das Nchste und Wichtigste, um die Schicksale
unsers eigenen Lebens, unserer Angehrigen, unsers Geschlechts, deren leise
Planmigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefat haben, bekmmern wir
uns so wenig, und lassen sorglos alle Spuren in unserm Gedchtnisse verwischen.
Wie Heiligthmer wird eine weisere Nachkommenschaft jede Nachricht, die von den
Begebenheiten der Vergangenheit handelt, aufsuchen, und selbst das Leben eines
Einzelnen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgltig seyn, da gewi sich
das groe Leben seiner Zeitgenossenschaft darinn mehr oder weniger spiegelt.
    Es ist nur so schlimm, sagte der Graf von Hohenzollern, da selbst die
Wenigen, die sich der Aufzeichnungen der Thaten und Vorflle ihrer Zeit
unterzogen, nicht ber ihr Geschft nachdachten, und ihren Beobachtungen keine
Vollstndigkeit und Ordnung zu geben suchten, sondern nur aufs Gerathewohl bey
der Auswahl und Sammlung ihrer Nachrichten verfuhren. Ein jeder wird leicht an
sich bemerken, da er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann,
was er genau kennt, dessen Theile, dessen Entstehung und Folge, dessen Zweck und
Gebrauch ihm gegenwrtig sind: denn sonst wird keine Beschreibung, sondern ein
verwirrtes Gemisch von unvollstndigen Bemerkungen entstehn. Man lasse ein Kind
eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewi wird kein Mensch
aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schpfen knnen, und so ist es
mit den meisten Geschichtschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzhlen und
bis zum berdru weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswrdigste
vergessen, dasjenige, was erst die Geschichte zur Geschichte macht, und die
mancherley Zuflle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet. Wenn
ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtschreiber
nothwendig auch ein Dichter seyn mte, denn nur die Dichter mgen sich auf jene
Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknpfen, verstehn. In ihren Erzhlungen
und Fabeln habe ich mit stillem Vergngen ihr zartes Gefhl fr den
geheimnivollen Geist des Lebens bemerkt. Es ist mehr Wahrheit in ihren
Mhrchen, als in gelehrten Chroniken. Sind auch ihre Personen und deren
Schicksale erfunden: so ist doch der Sinn, in dem sie erfunden sind, wahrhaft
und natrlich. Es ist fr unsern Genu und unsere Belehrung gewissermaen
einerley, ob die Personen, in deren Schicksalen wir den unsrigen nachspren,
wirklich einmal lebten, oder nicht. Wir verlangen nach der Anschauung der groen
einfachen Seele der Zeiterscheinungen, und finden wir diesen Wunsch gewhrt, so
kmmern wir uns nicht um die zufllige Existenz ihrer uern Figuren.
    Auch ich bin den Dichtern, sagte der Alte, von jeher deshalb zugethan
gewesen. Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie
geworden. Es dnkte mich, sie mten befreundet mit den scharfen Geistern des
Lichtes seyn, die alle Naturen durchdringen und sondern, und einen
eigenthmlichen, zartgefrbten Schleyer ber jede verbreiten. Meine eigene Natur
fhlte ich bey ihren Liedern leicht entfaltet, und es war, als knnte sie sich
nun freyer bewegen, ihrer Geselligkeit und ihres Verlangens froh werden, mit
stiller Lust ihre Glieder gegen einander schwingen, und tausenderley anmuthige
Wirkungen hervorrufen.
    Wart ihr so glcklich, in eurer Gegend einige Dichter zu haben? fragte der
Einsiedler.
    Es haben sich wohl zuweilen einige bey uns eingefunden: aber sie schienen
Gefallen am Reisen zu finden, und so hielten sie sich meist nicht lange auf.
Inde habe ich auf meinen Wanderungen nach Illyrien, nach Sachsen und
Schwedenland nicht selten welche gefunden, deren Andenken mich immer erfreuen
wird.
    So seid ihr ja weit umhergekommen, und mt viele denkwrdige Dinge erlebt
haben.
    Unsere Kunst macht es fast nthig, da man sich weit auf dem Erdboden
umsieht, und es ist als triebe den Bergmann ein unterirdisches Feuer umher. Ein
Berg schickt ihn dem andern. Er wird nie mit Sehen fertig, und hat seine ganze
Lebenszeit an jener wunderlichen Baukunst zu lernen, die unsern Fuboden so
seltsam gegrndet und ausgetfelt hat. Unsere Kunst ist uralt und weit
verbreitet. Sie mag wohl aus Morgen, mit der Sonne, wie unser Geschlecht, nach
Abend gewandert seyn, und von der Mitte nach den Enden zu. Sie hat berall mit
andern Schwierigkeiten zu kmpfen gehabt, und da immer das Bedrfni den
menschlichen Geist zu klugen Erfindungen gereitzt, so kann der Bergmann berall
seine Einsichten und seine Geschicklichkeit vermehren und mit ntzlichen
Erfahrungen seine Heymath bereichern.
    Ihr seyd beynah verkehrte Astrologen, sagte der Einsiedler. Wenn diese den
Himmel unverwandt betrachten und seine unermelichen Rume durchirren: so wendet
ihr euren Blick auf den Erdboden, und erforscht seinen Bau. Jene studieren die
Krfte und Einflsse der Gestirne, und ihr untersucht die Krfte der Felsen und
Berge, und die mannichfaltigen Wirkungen der Erd- und Steinschichten. Jenen ist
der Himmel das Buch der Zukunft, whrend euch die Erde Denkmale der Urwelt
zeigt.
    Es ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung, sagte der Alte lchelnd.
Die leuchtenden Profeten spielen vielleicht eine Hauptrolle in jener alten
Geschichte des wunderlichen Erdbaus. Man wird vielleicht sie aus ihren Werken,
und ihre Werke aus ihnen mit der Zeit besser kennen und erklren lernen.
Vielleicht zeigen die groen Gebirgsketten die Spuren ihrer ehemaligen Straen
und hatten selbst Lust, sich auf ihre eigene Hand zu nhren und ihren eigenen
Gang am Himmel zu gehn. Manche hoben sich khn genug, um auch Sterne zu werden,
und mssen nun dafr die schne grne Bekleidung der niedrigern Gegenden
entbehren. Sie haben dafr nichts erhalten, als da sie ihren Vtern das Wetter
machen helfen, und Profeten fr das tiefere Land sind, das sie bald schtzen
bald mit Ungewittern berschwemmen.
    Seitdem ich in dieser Hhle wohne, fuhr der Einsiedler fort, habe ich mehr
ber die alte Zeit nachdenken gelernt. Es ist unbeschreiblich, was diese
Betrachtung anzieht, und ich kann mir die Liebe vorstellen, die ein Bergmann fr
sein Handwerk hegen mu. Wenn ich die seltsamen alten Knochen ansehe, die hier
in so gewaltiger Menge versammelt sind; wenn ich mir die wilde Zeit denke, wo
diese fremdartigen, ungeheuren Thiere in dichten Schaaren sich in diese Hhlen
hereindrngten, von Furcht und Angst vielleicht getrieben, und hier ihren Tod
fanden; wenn ich dann wieder bis zu den Zeiten hinaufsteige, wo diese Hhlen
zusammenwuchsen und ungeheure Fluten das Land bedeckten: so komme ich mir selbst
wie ein Traum der Zukunft, wie ein Kind des ewigen Friedens vor. Wie ruhig und
friedfertig, wie mild und klar ist gegen diese gewaltsamen, riesenmigen
Zeiten, die heutige Natur! und das furchtbarste Gewitter, das entsetzlichste
Erdbeben in unsern Tagen ist nur ein schwacher Nachhall jener grausenvollen
Geburtswehen. Vielleicht da auch die Pflanzen- und Thierwelt, ja die damaligen
Menschen selbst [,] wenn es auf einzelnen Eylanden in diesem Ozean welche gab,
eine andere festere und rauhere Bauart hatten, - wenigstens drfte man die alten
Sagen von einem Riesenvolke dann keiner Erdichtungen zeihen.
    Es ist erfreulich, sagte der Alte, jene allmhlige Beruhigung der Natur zu
bemerken. Ein immer innigeres Einverstndni, eine friedlichere Gemeinschaft,
eine gegenseitige Untersttzung und Belebung, scheint sich allmhlich gebildet
zu haben, und wir knnen immer besseren Zeiten entgegensehn. Es wre vielleicht
mglich, da hin und wieder noch alter Sauerteig ghrte, und noch einige heftige
Erschtterungen erfolgten; inde sieht man doch das allmchtige Streben nach
freyer, eintrchtiger Verfassung, und in diesem Geiste wird jede Erschtterung
vorbergehen und dem groen Ziele nher fhren. Mag es seyn, da die Natur nicht
mehr so fruchtbar ist, da heut zu Tage keine Metalle und Edelsteine, keine
Felsen und Berge mehr entstehn, da Pflanzen und Thiere nicht mehr zu so
erstaunlichen Gren und Krften aufquellen; je mehr sich ihre erzeugende Kraft
erschpft hat, desto mehr haben ihre bildenden, veredelnden und geselligen
Krfte zugenommen, ihr Gemth ist empfnglicher und zarter, ihre Fantasie
mannichfaltiger und sinnbildlicher, ihre Hand leichter und kunstreicher
geworden. Sie nhert sich dem Menschen, und wenn sie ehmals ein wildgebhrender
Fels war, so ist sie jetzt eine stille, treibende Pflanze, eine stumme
menschliche Knstlerinn. Wozu wre auch eine Vermehrung jener Schtze nthig,
deren berflu auf undenkliche Zeiten ausreicht. Wie klein ist der Raum, den ich
durchwandert bin, und welche mchtige Vorrthe habe ich nicht gleich auf den
ersten Blick gefunden, deren Benutzung der Nachwelt berlassen bleibt. Welche
Reichthmer verschlieen nicht die Gebirge nach Norden, welche gnstige Anzeigen
fand ich nicht in meinem Vaterlande berall, in Ungarn, am Fue der
Carpathischen Gebirge, und in den Felsenthlern von Tyrol, streich und Bayern.
Ich knnte ein reicher Mann seyn, wenn ich das htte mit mir nehmen knnen, was
ich nur aufzuheben, nur abzuschlagen brauchte. An manchen Orten sah ich mich,
wie in einem Zaubergarten. Was ich ansah, war von kstlichen Metallen und auf
das kunstreichste gebildet. In den zierlichen Locken und sten des Silbers
hingen glnzende, rubinrothe, durchsichtige Frchte, und die schweren Bumchen
standen auf krystallenem Grunde, der ganz unnachahmlich ausgearbeitet war. Man
traute kaum seinen Sinnen an diesen wunderbaren Orten, und ward nicht mde diese
reizenden Wildnisse zu durchstreifen und sich an ihren Kleinodien zu ergtzen.
Auch auf meiner jetzigen Reise habe ich viele Merkwrdigkeiten gesehn, und gewi
ist in andern Lndern die Erde eben so ergiebig und verschwenderisch.
    Wenn man, sagte der Unbekannte, die Schtze bedenkt, die im Orient zu Hause
sind, so ist daran kein Zweifel, und ist das ferne Indien, Afrika und Spanien
nicht schon im Alterthum durch Reichthmer seines Bodens bekannt gewesen? Als
Kriegsmann giebt man freylich nicht so genau auf die Adern und Klfte der Berge
acht, inde habe ich doch zuweilen meine Betrachtungen ber diese glnzenden
Streifen gehabt, die wie seltsame Knospen auf eine unerwartete Blthe und Frucht
deuten. Wie htte ich damals denken knnen, wenn ich froh ber das Licht des
Tages an diesen dunkeln Behausungen vorbeyzog, da ich noch im Schooe eines
Berges mein Leben beschlieen wrde. Meine Liebe trug mich stolz ber den
Erdboden, und in ihrer Umarmung hoffte ich in spten Jahren zu entschlafen. Der
Krieg endigte, und ich zog nach Hause, voll froher Erwartungen eines
erquicklichen Herbstes. Aber der Geist des Krieges schien der Geist meines
Glcks zu seyn. Meine Marie hatte mir zwey Kinder im Orient geboren. Sie waren
die Freude unsers Lebens. Die Seefahrt und die rauhere Abend lndische Luft
[zer]strte ihre Blthe. Ich begrub sie wenig Tage nach meiner Ankunft in
Europa. Kummervoll fhrte ich meine trostlose Gattin nach meiner Heymath. Ein
stiller Gram mochte den Faden ihres Lebens mrbe gemacht haben. Auf einer Reise,
die ich bald darauf unternehmen mute, auf der sie mich wie immer begleitete,
verschied sie sanft und pltzlich in meinen Armen. Es war hier nahe bey, wo
unsere irdische Wallfahrt zu Ende ging. Mein Entschlu war im Augenblicke reif.
Ich fand, was ich nie erwartet hatte; eine gttliche Erleuchtung kam ber mich,
und seit dem Tage, da ich sie hier selbst begrub, nahm eine himmlische Hand
allen Kummer von meinem Herzen. Das Grabmal habe ich nachher errichten lassen.
Oft scheint eine Begebenheit sich zu endigen, wenn sie erst eigentlich beginnt,
und dies hat bey meinem Leben statt gefunden. Gott verleihe euch allen ein
seliges Alter, und ein so ruhiges Gemth wie mir.
    Heinrich und die Kaufleute hatten aufmerksam dem Gesprche zugehrt, und der
Erstere fhlte besonders neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Innern.
Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub, in seinen
Schoo, und rckten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Hhe
der Welt. Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm, und er
glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben.
    Der Einsiedler zeigte ihnen seine Bcher. Es waren alte Historien und
Gedichte. Heinrich bltterte in den groen schngemahlten Schriften; die kurzen
Zeilen der Verse, die berschriften, einzelne Stellen, und die saubern Bilder,
die hier und da, wie verkrperte Worte, zum Vorschein kamen, um die
Einbildungskraft des Lesers zu untersttzen, reizten mchtig seine Neugierde.
Der Einsiedler bemerkte seine innere Lust, und erklrte ihm die sonderbaren
Vorstellungen. Die mannichfaltigsten Lebensscenen waren abgebildet. Kmpfe,
Leichenbegngnisse, Hochzeitfeyerlichkeiten. Schiffbrche, Hhlen und Palste;
Knige, Helden, Priester, alte und junge Leute, Menschen in fremden Trachten,
und seltsame Thiere, kamen in verschiedenen Abwechselungen und Verbindungen vor.
Heinrich konnte sich nicht satt sehen, und htte nichts mehr gewnscht, als bey
dem Einsiedler, der ihn unwiderstehlich anzog, zu bleiben, und von ihm ber
diese Bcher unterrichtet zu werden. Der Alte fragte unterde, ob es noch mehr
Hhlen gbe, und der Einsiedler sagte ihm, da noch einige sehr groe in der
Nhe lgen, wohin er ihn begleiten wollte. Der Alte war dazu bereit, und der
Einsiedler, der die Freude merkte, die Heinrich an seinen Bchern hatte,
veranlate ihn, zurckzubleiben, und sich whrend dieser Zeit weiter unter
denselben umzusehn. Heinrich blieb mit Freuden bey den Bchern, und dankte ihm
innig fr seine Erlaubni. Er bltterte mit unendlicher Lust umher. Endlich fiel
ihm ein Buch in die Hnde, das in einer fremden Sprache geschrieben war, die ihm
einige hnlichkeit mit der Lateinischen und Italienischen zu haben schien. Er
htte sehnlichst gewnscht, die Sprache zu kennen, denn das Buch gefiel ihm
vorzglich ohne da er eine Sylbe davon verstand. Es hatte keinen Titel, doch
fand er noch beym Suchen einige Bilder. Sie dnkten ihm ganz wunderbar bekannt,
und wie er recht zusah entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich
unter den Figuren. Er erschrack und glaubte zu trumen, aber beym wiederhohlten
Ansehn konnte er nicht mehr an der vollkommenen hnlichkeit zweifeln. Er traute
kaum seinen Sinnen, als er bald auf einem Bilde die Hhle, den Einsiedler und
den Alten neben sich entdeckte. Allmhlich fand er auf den andern Bildern die
Morgenlnderinn, seine Eltern, den Landgrafen und die Landgrfinn von Thringen,
seinen Freund den Hofkaplan, und manche Andere seiner Bekannten; doch waren ihre
Kleidungen verndert und schienen aus einer andern Zeit zu seyn. Eine groe
Menge Figuren wute er nicht zu nennen, doch duchten sie ihm bekannt. Er sah
sein Ebenbild in verschiedenen Lagen. Gegen das Ende kam er sich grer und
edler vor. Die Guitarre ruhte in seinen Armen, und die Landgrfinn reichte ihm
einen Kranz. Er sah sich am kayserlichen Hofe, zu Schiffe, in tauter Umarmung
mit einem schlanken lieblichen Mdchen, in einem Kampfe mit wildaussehenden
Mnnern, und in freundlichen Gesprchen mit Sarazenen und Mohren. Ein Mann von
ernstem Ansehn kam hufig in seiner Gesellschaft vor. Er fhlte tiefe Ehrfurcht
vor dieser hohen Gestalt, und war froh sich Arm in Arm mit ihm zu sehn. Die
letzten Bilder waren dunkel und unverstndlich; doch berraschten ihn einige
Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzcken; der Schlu des Buches
schien zu fehlen. Heinrich war sehr bekmmert, und wnschte nichts sehnlicher,
als das Buch lesen zu knnen, und vollstndig zu besitzen. Er betrachtete die
Bilder zu wiederholten Malen und war bestrzt, wie er die Gesellschaft
zurckkommen hrte. Eine wunderliche Schaam befiel ihn. Er getraute sich nicht,
seine Entdeckung merken zu lassen, machte das Buch zu, und fragte den Einsiedler
nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben, wo er denn erfuhr, da es
in provenzalischer Sprache geschrieben sey. Es ist lange, da ich es gelesen
habe, sagte der Einsiedler. Ich kann mich nicht genau mehr des Inhalts
entsinnen. Soviel ich wei, ist es ein Roman von den wunderbaren Schicksalen
eines Dichters, worinn die Dichtkunst in ihren mannichfachen Verhltnissen
dargestellt und gepriesen wird. Der Schu fehlt an dieser Handschrift, die ich
aus Jerusalem mitgebracht habe, wo ich sie in der Verlassenschaft eines Freundes
fand, und zu seinem Andenken aufhob.
    Sie nahmen nun von einander Abschied, und Heinrich war bis zu Thrnen
gerhrt. Die Hhle war ihm so merkwrdig, der Einsiedler so lieb geworden.
    Alle umarmten diesen herzlich, und er selbst schien sie lieb gewonnen zu
haben. Heinrich glaubte zu bemerken, da er ihn mit einem freundlichen
durchdringenden Blick ansehe. Seine Abschiedsworte gegen ihn waren sonderbar
bedeutend. Er schien von seiner Entdeckung zu wissen und darauf anzuspielen. Bis
zum Eingang der Hhlen begleitete er sie, nachdem er sie und besonders den
Knaben gebeten hatte, nichts von ihm gegen die Bauern zu erwhnen, weil er sonst
ihren Zudringlichkeiten ausgesetzt seyn wrde.
    Sie versprachen es alle. Wie sie von ihm schieden und sich seinem Gebet
empfahlen, sagte er: Wie lange wird es whren, so sehn wir uns wieder, und
werden ber unsere heutigen Reden lcheln. Ein himmlischer Tag wird uns umgeben,
und wir werden uns freuen, da wir einander in diesen Thlern der Prfung
freundlich begrten, und von gleichen Gesinnungen und Ahndungen beseelt waren.
Sie sind die Engel, die uns hier sicher geleiten. Wenn euer Auge fest am Himmel
haftet, so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heymath verlieren. - Sie trennten
sich mit stiller Andacht, fanden bald ihre zaghaften Gefhrten, und erreichten
unter allerlei Erzhlungen in Kurzem das Dorf, wo Heinrichs Mutter, die in
Sorgen gewesen war, sie mit tausend Freuden empfing.

                                Sechstes Kapitel


Menschen, die zum Handeln, zur Geschftigkeit geboren sind, knnen nicht frh
genug alles selbst betrachten und beleben. Sie mssen berall selbst Hand
anlegen und viele Verhltnisse durchlaufen, ihr Gemth gegen die Eindrcke einer
neuen Lage, gegen die Zerstreuungen vieler und mannichfaltiger Gegenstnde
gewissermaen abhrten, und sich gewhnen, selbst im Drange groer Begebenheiten
den Faden ihres Zwecks festzuhalten, und ihn gewandt hindurchzufhren. Sie
drfen nicht den Einladungen einer stillen Betrachtung nachgeben. Ihre Seele
darf keine in sich gekehrte Zuschauerin, sie mu unablssig nach auen
gerichtet, und eine emsige, schnell entscheidende Dienerinn des Verstandes seyn.
Sie sind Helden, und um sie her drngen sich die Begebenheiten, die geleitet und
gelst seyn wollen. Alle Zuflle werden zu Geschichten unter ihrem Einflu, und
ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwrdiger und glnzender,
verwickelter und seltsamer Ereignisse.

Anders ist es mit jenen ruhigen, unbekannten Menschen, deren Welt ihr Gemth,
deren Thtigkeit die Betrachtung, deren Leben ein leises Bilden ihrer innern
Krfte ist. Keine Unruhe treibt sie nach auen. Ein stiller Besitz gengt ihnen
und das unermeliche Schauspiel auer ihnen reitzt sie nicht, selbst darinn
aufzutreten, sondern kommt ihnen bedeutend und wunderbar genug vor, um seiner
Betrachtung ihre Mue zu widmen. Verlangen nach dem Geiste desselben hlt sie in
der Ferne, und er ist es, der sie zu der geheimnivollen Rolle des Gemths in
dieser menschlichen Welt bestimmte, whrend jene die uere[n] Gliedmaen und
Sinne und die ausgehenden Krfte derselben vorstellen.
    Groe und vielfache Begebenheiten wrden sie stren. Ein einfaches Leben ist
ihr Loos, und nur aus Erzhlungen und Schriften mssen sie mit dem reichen
Inhalt, und den zahllosen Erscheinungen der Welt bekannt werden. Nur selten darf
im Verlauf ihres Lebens ein Vorfall sie auf einige Zeit in seine raschen Wirbel
mit hereinziehn, um durch einige Erfahrungen sie von der Lage und dem Character
der handelnden Menschen genauer zu unterrichten. Dagegen wird ihr empfindlicher
Sinn schon genug von nahen unbedeutenden Erscheinungen beschftigt, die ihm jene
groe Welt verjngt darstellen, und sie werden keinen Schritt thun, ohne die
berraschendsten Entdeckungen in sich selbst ber das Wesen und die Bedeutung
derselben zu machen. Es sind die Dichter, diese seltenen Zugmenschen, die
zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln, und berall den alten ehrwrdigen
Dienst der Menschheit und ihrer ersten Gtter, der Gestirne, des Frhlings, der
Liebe, des Glcks, der Fruchtbarkeit, der Gesundheit, und des Frohsinns
erneuern; sie, die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind, und von
keinen thrichten Begierden umhergetrieben, nur den Duft der irdischen Frchte
einathmen, ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt
gekettet zu seyn. Freye Gste sind sie, deren goldener Fu nur leise auftritt,
und deren Gegenwart in Allen unwillkhrlich die Flgel ausbreitet. Ein Dichter
lt sich wie ein guter Knig; frohen und klaren Gesichtern nach aufsuchen, und
er ist es, der allein den Namen eines Weisen mit Recht fhrt. Wenn man ihn mit
dem Helden vergleicht, so findet man, da die Gesnge der Dichter nicht selten
den Heldenmuth in jugendlichen Herzen erweckt, Heldenthaten aber wohl nie den
Geist der Poesie in ein neues Gemth gerufen haben.
    Heinrich war von Natur zum Dichter geboren. Mannichfaltige Zuflle schienen
sich zu seiner Bildung zu vereinigen, und noch hatte nichts seine innere
Regsamkeit gestrt. Alles was er sah und hrte schien nur neue Riegel in ihm
wegzuschieben, und neue Fenster ihm zu ffnen. Er sah die Welt in ihren groen
und abwechselnden Verhltnissen vor sich liegen. Noch war sie aber stumm, und
ihre Seele, das Gesprch, noch nicht erwacht. Schon nahte sich ein Dichter, ein
liebliches Mdchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch
Berhrung eines sen zrtlichen Mundes, die blden Lippen aufzuschlieen, und
den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten.
    Diese Reise war nun geendigt. Es war gegen Abend, als unsere Reisenden
wohlbehalten und frlich in der weltberhmten Stadt Augsburg anlangten, und
voller Erwartung durch die hohen Gassen nach dem ansehnlichen Hause des alten
Schwaning ritten.
    Heinrichen war schon die Gegend sehr reitzend vorgekommen. Das lebhafte
Getmmel der Stadt und die groen, steinernen Huser befremdeten ihn angenehm.
Er freute sich inniglich ber seinen knftigen Aufenthalt. Seine Mutter war sehr
vergngt nach der langen, mhseligen Reise sich hier in ihrer geliebten
Vaterstadt zu sehen, bald ihren Vater und ihre alten Bekannten wieder zu
umarmen, ihren Heinrich ihnen vorstellen, und einmal alle Sorgen des Hauswesens
bey den traulichen Erinnerungen ihrer Jugend, ruhig vergessen zu knnen. Die
Kaufleute hofften sich bey den dortigen Lustbarkeiten fr die Unbequemlichkeiten
des Weges zu entschdigen, und eintrgliche Geschfte zu machen.
    Das Haus des alten Schwaning fanden sie erleuchtet, und eine lustige Musik
tnte ihnen entgegen. Was gilt's, sagten die Kaufleute, euer Grovater giebt ein
frhliches Fest. Wir kommen wie gerufen. Wie wird er ber die ungeladenen Gste
erstaunen. Er lt es sich wohl nicht trumen, da das wahre Fest nun erst
angehn wird. Heinrich fhlte sich verlegen, und seine Mutter war nur wegen ihres
Anzugs in Sorgen. Sie stiegen ab, die Kaufleute blieben bey den Pferden, und
Heinrich und seine Mutter traten in das prchtige Haus. Unten war kein
Hausgenosse zu sehen. Sie muten die breite Wendeltreppe hinauf. Einige Diener
liefen vorber, die sie baten, dem alten Schwaning die Ankunft einiger Fremden
anzusagen, die ihn zu sprechen wnschten. Die Diener machten anfangs einige
Schwierigkeiten; die Reisenden sahen nicht zum Besten aus; doch meldeten sie es
dem Herrn des Hauses. Der alte Schwaning kam heraus. Er kannte sie nicht gleich,
und fragte nach ihrem Namen und Anliegen. Heinrichs Mutter weinte, und fiel ihm
um den Hals. Kennt Ihr Eure Tochter nicht mehr? rief sie weinend. Ich bringe
euch meinen Sohn. Der alte Vater war uerst gerhrt. Er drckte sie lange an
seine Brust; Heinrich sank auf ein Knie, und kte ihm zrtlich die Hand. Er hob
ihn zu sich, und hielt Mutter und Sohn umarmt. Geschwind herein, sagte
Schwaning, ich habe lauter Freunde und Bekannte bey mir, die sich herzlich mit
mir freuen werden. Heinrichs Mutter schien einige Zweifel zu haben. Sie hatte
keine Zeit sich zu besinnen. Der Vater fhrte beyde in den hohen, erleuchteten
Saal. Da bringe ich meine Tochter und meinen Enkel aus Eisenach, rief Schwaning
in das frohe Getmmel glnzend gekleideter Menschen. Alle Augen kehrten sich
nach der Thr; alles lief herzu, die Musik schwieg, und die beyden Reisenden
standen verwirrt und geblendet in ihren staubigen Kleidern, mitten in der bunten
Schaar. Tausend freudige Ausrufungen gingen von Mund zu Mund. Alte Bekannte
drngten sich um die Mutter. Es gab unzhlige Fragen. Jedes wollte zuerst
gekannt und bewillkommet seyn. Whrend der ltere Theil der Gesellschaft sich
mit der Mutter beschftigte, heftete sich die Aufmerksamkeit des jngeren Theils
auf den fremden Jngling, der mit gesenktem Blick da stand, und nicht das Herz
hatte, die unbekannten Gesichter wieder zu betrachten. Sein Grovater machte ihn
mit der Gesellschaft bekannt, und erkundigte sich nach seinem Vater und den
Vorfllen ihrer Reise.
    Die Mutter gedachte der Kaufleute, die unten aus Geflligkeit bey den
Pferden geblieben waren. Sie sagte es ihrem Vater, welcher sogleich hinunter
schickte, und sie einladen lie heraufzukommen. Die Pferde wurden in die Stlle
gebracht, und die Kaufleute erschienen.
    Schwaning dankte ihnen herzlich fr die freundschaftliche Geleitung seiner
Tochter. Sie waren mit vielen Anwesenden bekannt, und begrten sich freundlich
mit ihnen. Die Mutter wnschte sich reinlich ankleiden zu drfen. Schwaning nahm
sie auf sein Zimmer, und Heinrich folgte ihnen in gleicher Absicht.
    Unter der Gesellschaft war Heinrichen ein Mann aufgefallen, den er in jenem
Buche oft an seiner Seite gesehn zu haben glaubte. Sein edles Ansehn zeichnete
ihn vor allen aus. Ein heitrer Ernst war der Geist seines Gesichts; eine offene
schn gewlbte Stirn, groe, schwarze, durchdringende und feste Augen, ein
schalkhafter Zug um den frlichen Mund und durchaus klare, mnnliche
Verhltnisse machten es bedeutend und anziehend. Er war stark gebaut, seine
Bewegungen waren ruhig und ausdrucksvoll, und wo er stand, schien er ewig stehen
zu wollen. Heinrich fragte seinen Grovater nach ihm. Es ist mir lieb, sagte der
Alte, da du ihn gleich bemerkt hast. Es ist mein trefflicher Freund Klingsohr,
der Dichter. Auf seine Bekanntschaft und Freundschaft kannst du stolzer seyn,
als auf die des Kaysers. Aber wie stehts mit deinem Herzen? Er hat eine schne
Tochter; vielleicht da sie den Vater bey dir aussticht. Es sollte mich wundern,
wenn du sie nicht gesehn httest. Heinrich errthete. Ich war zerstreut, lieber
Grovater. Die Gesellschaft war zahlreich, und ich betrachtete nur euren Freund.
Man merkt es, da du aus Norden kmmst, erwiederte Schwaning. Wir wollen dich
hier schon aufthauen. Du sollst schon lernen nach hbschen Augen sehn.
    Sie waren nun fertig und begaben sich zurck in den Saal, wo inde die
Zurstungen zum Abendessen gemacht worden waren. Der alte Schwaning fhrte
Heinrichen und Klingsohr zu, und erzhlte ihm, da Heinrich ihn gleich bemerkt
und den lebhaftesten Wunsch habe mit ihm bekannt zu seyn.
    Heinrich war beschmt. Klingsohr redete freundlich zu ihm von seinem
Vaterlande und seiner Reise. Es lag soviel Zutrauliches in seiner Stimme, da
Heinrich bald ein Herz fate und sich freymthig mit ihm unterhielt. Nach
einiger Zeit kam Schwaning wieder zu ihnen und brachte die schne Mathilde.
Nehmt euch meines schchternen Enkels freundlich an, und verzeiht es ihm, da er
eher euren Vater als euch gesehn hat. Eure glnzenden Augen werden schon die
schlummernde Jugend in ihm wecken. In seinem Vaterland kommt der Frhling spt.
    Heinrich und Mathilde wurden roth. Sie sahen sich einander mit Verwunderung
an. Sie fragte ihn mit kaum hrbaren leisen Worten: Ob er gern tanze. Eben als
er die Frage bejahte, fing eine frliche Tanzmusik an. Er bot ihr schweigend
seine Hand; sie gab ihm die ihrige, und sie mischten sich in die Reihe der
walzenden Paare. Schwaning und Klingsohr sahen zu. Die Mutter und die Kaufleute
freuten sich ber Heinrichs Behendigkeit und seine liebliche Tnzerinn. Die
Mutter hatte genug mit ihren Jugendfreundinnen zu sprechen, die ihr zu einem so
wohlgebildeten und so hoffnungsvollen Sohn Glck wnschten. Klingsohr sagte zu
Schwaning: Euer Enkel hat ein anziehendes Gesicht. Es zeigt ein klares und
umfassendes Gemth, und seine Stimme kommt tief aus dem Herzen. Ich hoffe,
erwiederte Schwaning, da er euer gelehriger Schler seyn wird. Mich ducht er
ist zum Dichter geboren. Euer Geist komme ber ihn. Er sieht seinem Vater
hnlich; nur scheint er weniger heftig und eigensinnig. Jener war in seiner
Jugend voll glcklicher Anlagen. Eine gewisse Freysinnigkeit fehlte ihm. Es
htte mehr aus ihm werden knnen, als ein fleiiger und fertiger Knstler. -
Heinrich wnschte den Tanz nie zu endigen. Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein
Auge auf den Rosen seiner Tnzerinn. Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht.
Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung. Aus ihren
groen ruhigen Augen sprach ewige Jugend. Auf einem lichthimmelblauen Grunde lag
der milde Glanz der braunen Sterne. Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie
her. Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht, und von dem
schlanken, weien Halse schlngelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um
die zarten Wangen. Ihre Stimme war wie ein fernes Echo, und das braune lockige
Kpfchen schien ber der leichten Gestalt nur zu schweben.
    Die Schsseln kamen herein, und der Tanz war aus. Die lteren Leute setzten
sich auf die Eine Seite, und die jngern nahmen die Andere ein.
    Heinrich blieb bey Mathilden. Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner
Linken, und Klingsohr sa ihm gerade gegenber. So wenig Mathilde sprach, so
gesprchig war Veronika, seine andere Nachbarin. Sie that gleich mit ihm
vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt. Heinrich
verhrte manches. Er war noch bey seiner Tnzerin, und htte sich gern fters
rechts gewandt. Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende. Er fragte ihn nach dem
Bande mit sonderbaren Figuren, was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte.
Heinrich erzhlte von der Morgenlnderin mit vieler Rhrung. Mathilde weinte,
und Heinrich konnte nun seine Thrnen kaum verbergen. Er gerieth darber mit ihr
ins Gesprch. Alle unterhielten sich; Veronika lachte und scherzte mit ihren
Bekannten. Mathilde erzhlte ihm von Ungarn, wo ihr Vater sich oft aufhielt, und
von dem Leben in Augsburg. Alle waren vergngt. Die Musik verscheuchte die
Zurckhaltung und reizte alle Neigungen zu einem muntern Spiel. Blumenkrbe
dufteten in voller Pracht auf dem Tische, und der Wein schlich zwischen den
Schsseln und Blumen umher, schttelte seine goldnen Flgel und stellte bunte
Tapeten zwischen die Welt und die Gste. Heinrich begriff erst jetzt, was ein
Fest sey. Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln, und in
stiller Sympathie mit den frlichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit
ihren Genssen sich zu berauschen. Der Lebensgenu stand wie ein klingender Baum
voll goldener Frchte vor ihm. Das bel lie sich nicht sehen, und es dnkte ihm
unmglich, da je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefhrlichen
Frucht des Erkenntnisses, zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte.
Er verstand nun den Wein und die Speisen. Sie schmeckten ihm beraus kstlich.
Ein himmlisches l wrzte sie ihm, und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit
des irdischen Lebens. Einige Mdchen brachten dem alten Schwaning einen frischen
Kranz. Er setzte ihn auf, kte sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr
mt ihr einen bringen, wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder
lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und
sang mit lauter Stimme:

Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Loos betrbt?
Nur zu Zwang und Noth erlesen
In Verstellung nur gebt,
Drfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen.

                                       *

Allem was die Eltern sprechen,
Widerspricht das volle Herz.
Die verbotne Frucht zu brechen
Fhlen wir der Sehnsucht Schmerz;
Mchten gern die sen Knaben
Fest an unserm Herzen haben.

                                       *

Wre dies zu denken Snde?
Zollfrey sind Gedanken doch.
Was bleibt einem armen Kinde
Auer sen Trumen noch?
Will man sie auch gern verbannen,
Nimmer ziehen sie von dannen.

                                       *

Wenn wir auch des Abends beten,
Schreckt uns doch die Einsamkeit,
Und zu unsern Kssen treten
Sehnsucht und Geflligkeit.
Knnten wir wohl widerstreben
Alles, Alles hinzugeben?

                                       *

Unsere Reize zu verhllen,
Schreibt die strenge Mutter vor.
Ach! was hilft der gute Willen,
Quellen sie nicht selbst empor?
Bey der Sehnsucht innrem Beben
Mu das beste Band sich geben.

                                       *

Jede Neigung zu verschlieen,
Hart und kalt zu seyn, wie Stein,
Schne Augen nicht zu gren,
Fleiig und allein zu seyn,
Keiner Bitte nachzugeben:
Heit das wohl ein Jugendleben?

                                       *

Gro sind eines Mdchens Plagen,
Ihre Brust ist krank und wund,
Und zum Lohn fr stille Klagen
Kt sie noch ein welker Mund.
Wird denn nie das Blatt sich wenden,
Und das Reich der Alten enden?

Die alten Leute und die Jnglinge lachten. Die Mdchen errtheten und lchelten
abwrts. Unter tausend Neckereyen wurde ein zweiter Kranz geholt, und
Klingsohren aufgesetzt. Sie baten aber instndigst um keinen so leichtfertigen
Gesang. Nein, sagte Klingsohr, ich werde mich wohl hten so frevelhaft von euren
Geheimnissen zu reden. Sagt selbst, was ihr fr ein Lied haben wollt. Nur nichts
von Liebe, riefen die Mdchen ein Weinlied, wenn es euch ansteht. Klingsohr
sang:

Auf grnen Bergen wird geboren,
Der Gott, der uns den Himmel bringt.
Die Sonne hat ihn sich erkohren,
Da sie mit Flammen ihn durchdringt.

                                       *

Er wird im Lenz mit Lust empfangen,
Der zarte Scho quillt still empor,
Und wenn des Herbstes Frchte prangen
Springt auch das goldne Kind hervor.

                                       *

Sie legen ihn in enge Wiegen
In's unterirdische Gescho.
Er trumt von Festen und von Siegen
Und baut sich manches luft'ge Schlo.

                                       *

Es nahe keiner seiner Kammer,
Wenn er sich ungeduldig drngt,
Und jedes Band und jede Klammer
Mit jugendlichen Krften sprengt.

                                       *

Denn unsichtbare Wchter stellen
So lang er trumt sich um ihn her;
Und wer betritt die heil'gen Schwellen,
Den trift ihr luftumwundner Speer.

So wie die Schwingen sich entfalten,
Lt er die lichten Augen sehn,
Lt ruhig seine Priester schalten
Und kommt heraus wenn sie ihm flehn.

                                       *

Aus seiner Wiege dunklem Schooe,
Erscheint er in Krystallgewand;
Verschwiegener Eintracht volle Rose
Trgt er bedeutend in der Hand.

                                       *

Und berall um ihn versammeln
Sich seine Jnger hocherfreut;
Und tausend frohe Zungen stammeln,
Ihm ihre Lieb' und Dankbarkeit.

                                       *

Er sprtzt in ungezhlten Strahlen
Sein innres Leben in die Welt,
Die Liebe nippt aus seinen Schalen
Und bleibt ihm ewig zugesellt.

                                       *

Er nahm als Geist der goldnen Zeiten
Von jeher sich des Dichters an,
Der immer seine Lieblichkeiten
In trunknen Liedern aufgethan.

                                       *

Er gab ihm, seine Treu zu ehren,
Ein Recht auf jeden hbschen Mund,
Und da es keine darf ihm wehren,
Macht Gott durch ihn es allen kund.

                                       *

Ein schner Profet! riefen die Mdchen. Schwaning freute sich herzlich. Sie
machten noch einige Einwendungen, aber es half nichts. Sie muten ihm die sen
Lippen hinreichen. Heinrich schmte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin, sonst
htte er sich laut ber das Vorrecht der Dichter gefreut. Veronika war unter den
Kranztrgerinnen. Sie kam frlich zurck und sagte zu Heinrich: Nicht wahr, es
ist hbsch, wenn man ein Dichter ist? Heinrich getraute sich nicht, diese Frage
zu benutzen. Der bermuth der Freude und der Ernst der ersten Liebe kmpften in
seinem Gemth. Die reizende Veronika scherzte mit den Andern, und so gewann er
Zeit, den ersten etwas zu dmpfen. Mathilde erzhlte ihm, da sie die Guitarre
spiele. Ach! sagte Heinrich, von euch mchte ich sie lernen. Ich habe mich lange
darnach gesehnt. - Mein Vater hat mich unterrichtet, Er spielt sie
unvergleichlich, sagte sie errthend. - Ich glaube doch, erwiederte Heinrich,
da ich sie schneller bey euch lerne. Wie freue ich mich euren Gesang zu hren.
- Stellt euch nur nicht zu viel vor. - O! sagte Heinrich, was sollte ich nicht
erwarten knnen, da eure bloe Rede schon Gesang ist, und eure Gestalt eine
himmlische Musik verkndigt.
    Mathilde schwieg. Ihr Vater fing ein Gesprch mit ihm an, in welchem
Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach. Die Nchsten wunderten sich
ber des Jnglings Beredsamkeit, ber die Flle seiner bildlichen Gedanken.
Mathilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an. Sie schien sich ber seine Reden
zu freuen, die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklrte.
Seine Augen glnzten ungewhnlich. Er sah sich zuweilen nach Mathilden um, die
ber den Ausdruck seines Gesichts erstaunte. Im Feuer des Gesprchs ergriff er
unvermerkt ihre Hand, und sie konnte nicht umhin, manches was er sagte, mit
einem leisen Druck zu besttigen. Klingsohr wute seinen Enthusiasmus zu
unterhalten, und lockte allmhlich seine ganze Seele auf die Lippen. Endlich
stand alles auf. Alles schwrmte durch einander. Heinrich war an Mathildens
Seite geblieben. Sie standen unbemerkt abwrts. Er hielt ihre Hand und kte sie
zrtlich. Sie lie sie ihm, und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit
an. Er konnte sich nicht halten, neigte sich zu ihr und kte ihre Lippen. Sie
war berrascht, und erwiederte unwillkhrlich seinen heien Ku. Gute Mathilde,
lieber Heinrich, das war alles, was sie einander sagen konnten. Sie drckte
seine Hand, und ging unter die Andern. Heinrich stand, wie im Himmel. Seine
Mutter kam auf ihn zu. Er lie seine ganze Zrtlichkeit an ihr aus. Sie sagte:
Ist es nicht gut, da wir nach Augsburg gereist sind? Nicht wahr, es gefllt
dir? Liebe Mutter, sagte Heinrich, so habe ich mir es doch nicht vorgestellt. Es
ist ganz herrlich.
    Der Rest des Abends verging in unendlicher Frhlichkeit. Die Alten spielten,
plauderten, und sahen den Tnzen zu. Die Musik wogte wie ein Lustmeer im Saale,
und hob die berauschte Jugend.
    Heinrich fhlte die entzckenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe
zugleich. Auch Mathilde lie sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen,
und verbarg ihr zrtliches Zutrauen, ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter
einem leichten Flor. Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verstndni, und
neckte beyde.
    Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen, und freute sich seiner
Zrtlichkeit. Die andern Jnglinge und Mdchen hatten es bald bemerkt. Sie zogen
die ernste Mathilde mit dem jungen Thringer auf, und verhehlten nicht, da es
ihnen lieb sey, Mathildens Aufmerksamkeit nicht mehr bey ihren Herzensgeschften
scheuen zu drfen.
    Es war tief in der Nacht, als die Gesellschaft auseinanderging. Das erste
und einzige Fest meines Lebens, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein
war, und seine Mutter sich ermdet zur Ruhe gelegt hatte. Ist mir nicht zu Muthe
wie in jenem Traume, beym Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare
Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem
Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht, und nun
erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehn zu haben. Aber warum hat es
dort mein Herz nicht so bewegt? O! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges,
eine wrdige Tochter ihres Vaters. Sie wird mich in Musik auflsen. Sie wird
meine innerste Seele, die Hterin meines heiligen Feuers seyn. Welche Ewigkeit
von Treue fhle ich in mir! Ich ward nur geboren, um sie zu verehren, um ihr
ewig zu dienen, um sie zu denken und zu empfinden. Gehrt nicht ein eigenes
ungetheiltes Daseyn zu ihrer Anschauung und Anbetung? und bin ich der
Glckliche, dessen Wesen das Echo, der Spiegel des ihrigen seyn darf? Es war
kein Zufall, da ich sie am Ende meiner Reise sah, da ein seliges Fest den
hchsten Augenblick meines Lebens umgab. Es konnte nicht anders seyn; macht ihre
Gegenwart nicht alles festlich?
    Er trat ans Fenster. Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel, und im
Morgen kndigte ein weier Schein den kommenden Tag an.
    Mit vollem Entzcken rief Heinrich aus: Euch, ihr ewigen Gestirne, ihr
stillen Wandrer, euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an. Fr
Mathilden will ich leben, und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knpfen.
Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an. Die Nacht ist vorber. Ich
znde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nieverglhenden Opfer an.
    Heinrich war erhitzt, und nur spt gegen Morgen schlief er ein. In
wunderliche Trume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen. Ein tiefer blauer
Strom schimmerte aus der grnen Ebene herauf. Auf der glatten Flche schwamm ein
Kahn. Mathilde sa und ruderte. Sie war mit Krnzen geschmckt, sang ein
einfaches Lied, und sah nach ihm mit ser Wehmuth herber. Seine Brust war
beklommen. Er wute nicht warum. Der Himmel war heiter, die Flut ruhig. Ihr
himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen. Auf einmal fing der Kahn an
sich umzudrehen. Er rief ihr ngstlich zu. Sie lchelte und legte das Ruder in
den Kahn, der sich immerwhrend drehte. Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn.
Er strzte sich in den Strom; aber er konnte nicht fort, das Wasser trug ihn.
Sie winkte, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, der Kahn schpfte schon
Wasser; doch lchelte sie mit einer unsglichen Innigkeit, und sah heiter in den
Wirbel hinein. Auf einmal zog es sie hinunter. Eine leise Luft strich ber den
Strom, der eben so ruhig und glnzend flo, wie vorher. Die entsetzliche Angst
raubte ihm das Bewutseyn. Das Herz schlug nicht mehr. Er kam erst zu sich, als
er sich auf trocknem Boden fhlte. Er mochte weit geschwommen seyn. Es war eine
fremde Gegend. Er wute nicht wie ihm geschehen war. Sein Gemth war
verschwunden. Gedankenlos ging er tiefer ins Land. Entsetzlich matt fhlte er
sich. Eine kleine Quelle kam aus einem Hgel, sie tnte wie lauter Glocken. Mit
der Hand schpfte er einige Tropfen und netzte seine drren Lippen. Wie ein
banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm. Immer weiter und
weiter ging er, Blumen und Bume redeten ihn an. Ihm wurde so wohl und
heymathlich zu Sinne. Da hrte er jenes einfache Lied wieder. Er lief den Tnen
nach. Auf einmal hielt ihn jemand am Gewande zurck. Lieber Heinrich, rief eine
bekannte Stimme. Er sah sich um, und Mathilde schlo ihn in ihre Arme. Warum
liefst du vor mir, liebes Herz? sagte sie tiefathmend. Kaum konnte ich dich
einholen. Heinrich weinte. Er drckte sie an sich. - Wo ist der Strom? rief er
mit Thrnen. - Siehst du nicht seine blauen Wellen ber uns? Er sah hinauf, und
der blaue Strom flo leise ber ihrem Haupte. Wo sind wir, liebe Mathilde? - Bey
unsern Eltern. - Bleiben wir zusammen? - Ewig, versetzte sie, indem sie ihre
Lippen an die seinigen drckte, und ihn so umschlo, da sie nicht wieder von
ihm konnte. Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund, was sein
ganzes Wesen durchklang. Er wollte es wiederholen, als sein Grovater rief, und
er aufwachte. Er htte sein Leben darum geben mgen, das Wort noch zu wissen.

                               Siebentes Kapitel


Klingsohr stand vor seinem Bette, und bot ihm freundlich guten Morgen. Er ward
munter und fiel Klingsohr um den Hals. Das gilt euch nicht, sagte Schwaning.
Heinrich lchelte und verbarg sein Errthen an den Wangen seiner Mutter.
    Habt ihr Lust mit mir vor der Stadt auf einer schnen Anhhe zu frhstcken?
sagte Klingsohr. Der herrliche Morgen wird euch erfrischen. Kleidet euch an.
Mathilde wartet schon auf uns.
    Heinrich dankte mit tausend Freuden fr diese willkommene Einladung. In
einem Augenblick war er fertig, und kte Klingsohr mit vieler Inbrunst die
Hand.
    Sie gingen zu Mathilden, die in ihrem einfachen Morgenkleide wunderlieblich
aussah und ihn freundlich grte. Sie hatte schon das Frhstck in ein Krbchen
gepackt, das sie an den Einen Arm hing, und die andere Hand unbefangen
Heinrichen reichte. Klingsohr folgte ihnen, und so wandelten sie durch die
Stadt, die schon voller Lebendigkeit war, nach einem kleinen Hgel am Flusse, wo
sich unter einigen hohen Bumen eine weite und volle Aussicht ffnete.
    Habe ich doch schon oft, rief Heinrich aus, mich an dem Aufgang der bunten
Natur, an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigenthums
ergtzt; aber eine so schpferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie
erfllt wie heute. Jene Fernen sind mir so nah, und die reiche Landschaft ist
mir wie eine innere Fantasie. Wie vernderlich ist die Natur, so unwandelbar
auch ihre Oberflche zu seyn scheint. Wie anders ist sie, wenn ein Engel, wenn
ein krftigerer Geist neben uns ist, als wenn ein Nothleidender vor uns klagt,
oder ein Bauer uns erzhlt, wie ungnstig die Witterung ihm sey, und wie nthig
er dstre Regentage fr seine Saat brauche. Euch, theuerster Meister, bin ich
dieses Vergngen schuldig; ja dieses Vergngen, denn es giebt kein anderes Wort,
was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdrckte. Freude, Lust und Entzcken
sind nur die Glieder des Vergngens, das sie zu einem hhern Leben verknpft. Er
drckte Mathildens Hand an sein Herz, und versank mit einem feurigen Blick in
ihr mildes, empfngliches Auge.
    Die Natur, versetzte Klingsohr, ist fr unser Gemth, was ein Krper fr das
Licht ist. Er hlt es zurck; er bricht es in eigenthmliche Farben; er zndet
auf seiner Oberflche oder in seinem Innern ein Licht an, das, wenn es seiner
Dunkelheit gleich kommt, ihn klar und durchsichtig macht, wenn es sie berwiegt,
von ihm ausgeht, um andere Krper zu erleuchten. Aber selbst der dunkelste
Krper kann durch Wasser, Feuer und Luft dahin gebracht werden, da er hell und
glnzend wird.
    Ich verstehe euch, lieber Meister. Die Menschen sind Krystalle fr unser
Gemth. Sie sind die durchsichtige Natur. Liebe Mathilde, ich mchte euch einen
kstlichen lautern Sapphir nennen. Ihr seyd klar und durchsichtig wie der
Himmel, ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte. Aber sagt mir, lieber Meister,
ob ich recht habe: mich dnkt, da man gerade wenn man am innigsten mit der
Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen knnte und mchte.
    Wie man das nimmt, versetzte Klingsohr; ein anderes ist es mit der Natur fr
unsern Genu und unser Gemth, ein anderes mit der Natur fr unsern Verstand,
fr das leitende Vermgen unserer Weltkrfte. Man mu sich wohl hten, nicht
eins ber das andere zu vergessen. Es giebt viele, die nur die Eine Seite kennen
und die andere geringschtzen. Aber beyde kann man vereinigen, und man wird sich
wohl dabei befinden. Schade, da so wenige darauf denken, sich in ihrem Innern
frey und geschickt bewegen zu knnen, und durch eine gehrige Trennung sich den
zweckmigsten und natrlichsten Gebrauch ihrer Gemthskrfte zu sichern.
Gewhnlich hindert eine die andere, und so entsteht allmlich eine unbehlfliche
Trgheit, da wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Krften aufstehen
wollen, eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt, und alles ber einander
ungeschickt herstolpert. Ich kann euch nicht genug anrhmen, euren Verstand,
euren natrlichen Trieb zu wissen, wie alles sich begiebt und untereinander nach
Gesetzen der Folge zusammenhngt, mit Flei und Mhe zu untersttzen. Nichts ist
dem Dichter unentbehrlicher, als Einsicht in die Natur jedes Geschfts,
Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen, und Gegenwart des
Geistes, nach Zeit und Umstnden, die schicklichsten zu whlen. Begeisterung
ohne Verstand ist unntz und gefhrlich, und der Dichter wird wenig Wunder thun
knnen, wenn er selbst ber Wunder erstaunt.
    Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung
des Schicksals unentbehrlich?
    Unentbehrlich allerdings, weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen
kann, wenn er reiflich darber nachdenkt; aber wie entfernt ist diese heitere
Gewiheit, von jener ngstlichen Ungewiheit, von jener blinden Furcht des
Aberglaubens. Und so ist auch die khle, belebende Wrme eines dichterischen
Gemths gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines krnklichen Herzens.
Diese ist arm, betubend und vorbergehend; jene sondert alle Gestalten rein ab,
begnstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhltnisse, und ist ewig durch
sich selbst. Der junge Dichter kann nicht khl, nicht besonnen genug seyn. Zur
wahren, melodischen Gesprchigkeit gehrt ein weiter, aufmerksamer und ruhiger
Sinn. Es wird ein verworrnes Geschwtz, wenn ein reiender Sturm in der Brust
tobt, und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflst.
Nochmals wiederhole ich, das chte Gemth ist wie das Licht, eben so ruhig und
empfindlich, eben so elastisch und durchdringlich, eben so mchtig und eben so
unmerklich wirksam als dieses kstliche Element, das auf alle Gegenstnde sich
mit feiner Abgemessenheit vertheilt, und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit
erscheinen lt. Der Dichter ist reiner Stahl, eben so empfindlich, wie ein
zerbrechlicher Glasfaden, und eben so hart, wie ein ungeschmeidiger Kiesel.
    Ich habe das schon zuweilen gefhlt, sagte Heinrich, da ich in den
innigsten Minuten weniger lebendig war, als zu andern Zeiten, wo ich frey
umhergehn und alle Beschftigungen mit Lust treiben konnte. Ein geistiges
scharfes Wesen durchdrang mich dann, und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen
brauchen, jeden Gedanken, wie einen wirklichen Krper, umwenden und von allen
Seiten betrachten. Ich stand mit stillem Antheil an der Werkstatt meines Vaters,
und freute mich, wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen
konnte. Geschicklichkeit hat einen ganz besondern strkenden Reiz, und es ist
wahr, ihr Bewutseyn verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genu, als
jenes berflieende Gefhl einer unbegreiflichen, berschwenglichen
Herrlichkeit.
    Glaubt nicht, sagte Klingsohr, da ich das letztere tadle; aber es mu von
selbst kommen, und nicht gesucht werden. Seine sparsame Erscheinung ist
wohlthtig; fterer wird sie ermdend und schwchend. Man kann nicht schnell
genug sich aus der sen Betubung reien, die es hinterlt, und zu einer
regelmigen und mhsamen Beschftigung zurckkehren. Es ist wie mit den
anmuthigen Morgentrumen, aus deren einschlferndem Wirbel man nur mit Gewalt
sich herausziehen kann, wenn man nicht in immer drckendere Mdigkeit gerathen,
und so in krankhafter Erschpfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will.
    Die Poesie will vorzglich, fuhr Klingsohr fort, als strenge Kunst getrieben
werden. Als bloer Genu hrt sie auf Poesie zu seyn. Ein Dichter mu nicht den
ganzen Tag mig umherlaufen, und auf Bilder und Gefhle Jagd machen. Das ist
ganz der verkehrte Weg. Ein reines offenes Gemth, Gewand[t]heit im Nachdenken
und Betrachten, und Geschicklichkeit alle seine Fhigkeiten in eine gegenseitig
belebende Thtigkeit zu versetzen und darin zu erhalten, das sind die
Erfordernisse unserer Kunst. Wenn ihr euch mir berlassen wollt, so soll kein
Tag euch vergehn, wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert, und einige ntzliche
Einsichten erlangt habt. Die Stadt ist reich an Knstlern aller Art. Es giebt
einige erfahrne Staatsmnner, einige gebildete Kaufleute hier. Man kann ohne
groe Umstnde mit allen Stnden, mit allen Gewerben, mit allen Verhltnissen
und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen. Ich will
euch mit Freuden in dem Handwerksmigen unserer Kunst unterrichten, und die
merkwrdigsten Schriften mit euch lesen. Ihr knnt Mathildens Lehrstunden
theilen, und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren. Jede Beschftigung
wird die brigen vorbereiten, und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt, so
werden euch das Gesprch und die Freuden des gesellschaftlichen Abends, und die
Ansichten der schnen Landschaft umher mit den heitersten Genssen immer wieder
berraschen.
    Welches herrliche Leben schliet ihr mir auf, liebster Meister. Unter eurer
Leitung werde ich erst merken, welches edle Ziel vor mir steht, und wie ich es
nur durch euren Rath zu erreichen hoffen darf.
    Klingsohr umarmte ihn zrtlich. Mathilde brachte ihnen das Frhstck, und
Heinrich fragte sie mit zrtlicher Stimme, ob sie ihn gern zum Begleiter ihres
Unterrichts und zum Schler annehmen wollte. Ich werde wohl ewig euer Schler
bleiben, sagte er, indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte. Sie
neigte sich unmerklich zu ihm hin. Er umschlang sie und kte den weichen Mund
des errthenden Mdchens. Nur sanft bog sie sich von ihm weg, doch reichte sie
ihm mit der kindlichsten Anmuth eine Rose, die sie am Busen trug. Sie machte
sich mit ihrem Krbchen zu thun. Heinrich sah ihr mit stillem Entzcken nach,
kte die Rose, heftete sie an seine Brust, und ging an Klingsohrs Seite, der
nach der Stadt hinber sah.
    Wo seyd ihr hergekommen? fragte Klingsohr. ber jenen Hgel herunter,
erwiederte Heinrich. In jene Ferne verliert sich unser Weg. - Ihr mt schne
Gegenden gesehn haben. - Fast ununterbrochen sind wir durch reizende
Landschaften gereiset. - Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmuthige Lage? -
Die Gegend ist abwechselnd genug; doch ist sie noch wild, und ein groer Flu
fehlt ihr. Die Strme sind die Augen einer Landschaft. - Die Erzhlung eurer
Reise, sagte Klingsohr, hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung
gewhrt. Ich habe wohl gemerkt, da der Geist der Dichtkunst euer freundlicher
Begleiter ist. Eure Gefhrten sind unbemerkt seine Stimmen geworden. In der Nhe
des Dichters bricht die Poesie berall aus. Das Land der Poesie, das romantische
Morgenland, hat euch mit seiner sen Wehmuth begrt; der Krieg hat euch in
seiner wilden Herrlichkeit angeredet, und die Natur und Geschichte sind euch
unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet.
    Ihr verget das Beste, lieber Meister, die himmlische Erscheinung der Liebe.
Es hngt nur von euch ab, diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten. - Was
meynst du, rief Klingsohr, indem er sich zu Mathilden wandte, die eben auf ihn
zukam. Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefhrtinn zu seyn? Wo du bleibst,
bleibe ich auch. Mathilde erschrak, sie flog in die Arme ihres Vaters. Heinrich
zitterte in unendlicher Freude. Wird er mich denn ewig geleiten wollen, lieber
Vater? - Frage ihn selbst, sagte Klingsohr gerhrt. Sie sah Heinrichen mit der
innigsten Zrtlichkeit an. Meine Ewigkeit ist ja dein Werk, rief Heinrich, indem
ihm die Thrnen ber die blhenden Wangen strzten. Sie umschlangen sich
zugleich. Klingsohr fate sie in seine Arme. Meine Kinder, rief er, seyd
einander treu bis in den Tod! Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen
Poesie machen.

                                 Achtes Kapitel


Nachmittags fhrte Klingsohr seinen neuen Sohn, an dessen Glck seine Mutter und
Grovater den zrtlichsten Antheil nahmen, und Mathilden wie seinen Schutzgeist
verehrten, in seine Stube, und machte ihn mit den Bchern bekannt. Sie sprachen
nachher von Poesie. Ich wei nicht, sagte Klingsohr, warum man es fr Poesie
nach gemeiner Weise hlt, wenn man die Natur fr einen Poeten ausgiebt. Sie ist
es nicht zu allen Zeiten. Es ist in ihr, wie in dem Menschen, ein
entgegengesetztes Wesen, die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefhllosigkeit und
Trgheit, die einen rastlosen Streit mit der Poesie fhren. Er wre ein schner
Stoff zu einem Gedicht, dieser gewaltige Kampf. Manche Lnder und Zeiten
scheinen, wie die meisten Menschen, ganz unter der Botmigkeit dieser Feindinn
der Poesie zu stehen, dagegen in andern die Poesie einheimisch und berall
sichtbar ist. Fr den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes uerst
merkwrdig, ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschft. Es sind
gewhnlich die Geburtszeiten der Dichter. Der Widersacherinn ist nichts
unangenehmer, als da sie der Poesie gegenber selbst zu einer poetischen Person
wird, und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht, und von ihrem
eigenen heimtckischen Geschosse heftig getroffen wird, dahingegen die Wunden
der Poesie, die sie von ihren eigenen Waffen erhlt, leicht heilen und sie nur
noch reitzender und gewaltiger machen.
    Der Krieg berhaupt, sagte Heinrich, scheint mir eine poetische Wirkung. Die
Leute glauben sich fr irgend einen armseligen Besitz schlagen zu mssen, und
merken nicht, da sie der romantische Geist aufregt, um die unntzen
Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten. Sie fhren die Waffen fr die
Sache der Poesie, und beyde Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne.
    Im Kriege, versetzte Klingsohr, regt sich das Urgewsser. Neue Welttheile
sollen entstehen, neue Geschlechter sollen aus der groen Auflsung anschieen.
Der wahre Krieg ist der Religionskrieg; der geht gerade zu auf Untergang, und
der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner vlligen Gestalt. Viele Kriege,
besonders die vom Nationalha entspringen, gehren in diese Klasse mit, und sie
sind chte Dichtungen. Hier sind die wahren Helden zu Hause, die das edelste
Gegenbild der Dichter, nichts anders, als unwillkhrlich von Poesie
durchdrungene Weltkrfte sind. Ein Dichter, der zugleich Held wre, ist schon
ein gttlicher Gesandter, aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht
gewachsen.
    Wie versteht ihr das, lieber Vater? sagte Heinrich. Kann ein Gegenstand zu
berschwnglich fr die Poesie sein?
    Allerdings. Nur kann man im Grunde nicht sagen, fr die Poesie, sondern nur
fr unsere irdischen Mittel und Werkzeuge. Wenn es schon fr einen einzelnen
Dichter nur ein eigenthmliches Gebiet giebt, innerhalb dessen er bleiben mu,
um nicht alle Haltung und den Athem zu verlieren: so giebt es auch fr die ganze
Summe menschlicher Krfte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit, ber welche
hinaus die Darstellung die nthige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten
kann, und in ein leeres tuschendes Unding sich verliert. Besonders als Lehrling
kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen hten, da eine lebhafte
Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begiebt, und bermthig das
Unsinnliche, bermige zu ergreifen und auszusprechen sucht. Reifere Erfahrung
lehrt erst, jene Unverhltnimigkeit der Gegenstnde zu vermeiden, und die
Aufsprung des Einfachsten und Hchsten der Weltweisheit zu berlassen. Der
ltere Dichter steigt nicht hher, als er es gerade nthig hat, um seinen
mannichfaltigen Vorrath in eine leichtfaliche Ordnung zu stellen, und htet
sich wohl, die Mannichfaltigkeit zu verlassen, die ihm Stoff genug und auch die
nthigen Vergleichspunkte darbietet. Ich mchte fast sagen, das Chaos mu in
jeder Dichtung durch den regelmigen Flor der Ordnung schimmern. Den Reichthum
der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung falich und anmuthig,
dagegen auch das bloe Ebenmaa die unangenehme Drre einer Zahlenfigur hat. Die
beste Poesie liegt uns ganz nahe, und ein gewhnlicher Gegenstand ist nicht
selten ihr liebster Stoff. Fr den Dichter ist die Poesie an beschrnkte
Werkzeuge gebunden, und eben dadurch wird sie zur Kunst. Die Sprache berhaupt
hat ihren bestimmten Kreis. Noch enger ist der Umfang einer besondern
Volkssprache. Durch bung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen.
Er wei, was er mit ihr leisten kann, genau, und wird keinen thrichten Versuch
machen, sie ber ihre Krfte anzuspannen. Nur selten wird er alle ihre Krfte in
Einen Punkt zusammen drngen, denn sonst wird er ermdend, und vernichtet selbst
die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftuerung. Auf seltsame Sprnge
richtet sie nur ein Gaukler, kein Dichter ab. berhaupt knnen die Dichter nicht
genug von den Musikern und Mahlern lernen. In diesen Knsten wird es recht
auffallend, wie nthig es ist, wirthschaftlich mit den Hlfsmitteln der Kunst
umzugehn, und wie viel auf geschickte Verhltnisse ankommt. Dagegen knnten
freylich jene Knstler auch von uns die poetische Unabhngigkeit und den innern
Geist jeder Dichtung und Erfindung, jedes chten Kunstwerks berhaupt, dankbar
annehmen. Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer seyn -
beydes nach der Art und Weise unserer Kunst. Der Stoff ist nicht der Zweck der
Kunst, aber die Ausfhrung ist es. Du wirst selbst sehen, welche Gesnge dir am
besten gerathen, gewi die, deren Gegenstnde dir am gelufigsten und
gegenwrtigsten sind. Daher kann man sagen, da die Poesie ganz auf Erfahrung
beruht. Ich wei selbst, da mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu
entfernt und zu unbekannt seyn konnte, den ich nicht am liebsten besungen htte.
Was wurde es? ein leeres, armseliges Wortgerusch, ohne einen Funken wahrer
Poesie. Daher ist auch ein Mhrchen eine sehr schwierige Aufgabe, und selten
wird ein junger Dichter sie gut lsen.
    Ich mchte gern eins von dir hren, sagte Heinrich. Die wenigen, die ich
gehrt habe, haben mich unbeschreiblich ergtzt, so unbedeutend sie auch seyn
mochten.
    Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen. Es ist mir Eins erinnerlich,
was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte, wovon es auch noch deutliche
Spuren an sich trgt, inde wird es dich vielleicht desto lehrreicher
unterhalten, und dich an manches erinnern, was ich dir gesagt habe.
    Die Sprache, sagte Heinrich, ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und
Tnen. Wie der Mensch sie beherrscht, so mchte er gern die groe Welt
beherrschen, und sich frey darinn ausdrcken knnen. Und eben in dieser Freude,
das, was auer der Welt ist, in ihr zu offenbaren, das thun zu knnen, was
eigentlich der ursprngliche Trieb unsers Daseyns ist, liegt der Ursprung der
Poesie.
    Es ist recht bel, sagte Klingsohr, da die Poesie einen besondern Namen
hat, und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen. Es ist gar nichts
besonderes. Es ist die eigenthmliche Handlungsweise des menschlichen Geistes.
Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute? - Eben trat Mathilde
in's Zimmer, als Klingsohr noch sagte: Man betrachte nur die Liebe. Nirgends
wird wohl die Nothwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als
in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann fr sie sprechen. Oder die
Liebe ist selbst nichts, als die hchste Naturpoesie. Doch ich will dir nicht
Dinge sagen, die du besser weit, als ich.
    Du bist ja der Vater der Liebe, sagte Heinrich, indem er Mathilden
umschlang, und beyde seine Hand kten.
    Klingsohr umarmte sie und ging hinaus. Liebe Mathilde, sagte Heinrich nach
einem langen Kusse, es ist mir wie ein Traum, da du mein bist, aber noch
wunderbarer ist mir es, da du es nicht immer gewesen bist. - Mich dnkt, sagte
Mathilde, ich kennte dich seit undenklichen Zeiten. - Kannst du mich denn
lieben? - Ich wei nicht, was Liebe ist, aber das kann ich dir sagen, da mir
ist, als finge ich erst jetzt zu leben an, und da ich dir so gut bin, da ich
gleich fr dich sterben wollte. - Meine Mathilde, erst jetzt fhle ich, was es
heit unsterblich zu seyn. - Lieber Heinrich, wie unendlich gut bist du, welcher
herrliche Geist spricht aus dir. Ich bin ein armes, unbedeutendes Mdchen. - Wie
du mich tief beschmst! bin ich doch nur durch dich, was ich bin. Ohne dich wre
ich nichts. Was ist ein Geist ohne Himmel, und du bist der Himmel, der mich
trgt und erhlt. - Welches selige Geschpf wre ich, wenn du so treu wrst, wie
mein Vater. Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt; Mein Vater weint fast
alle Tage noch um sie. - Ich verdiene es nicht, aber mchte ich glcklicher
seyn, als er. - Ich lebte gern recht lange an deiner Seite, lieber Heinrich. Ich
werde durch dich gewi viel besser. - Ach! Mathilde, auch der Tod wird uns nicht
trennen. - Nein, Heinrich, wo ich bin, wirst du seyn. - Ja wo du bist, Mathilde,
werd' ich ewig seyn. - Ich begreife nichts von der Ewigkeit, aber ich dchte,
das mte die Ewigkeit seyn, was ich empfinde, wenn ich an dich denke. - Ja
Mathilde, wir sind ewig weil wir uns lieben. - Du glaubst nicht Lieber, wie
inbrnstig ich heute frh, wie wir nach Hause kamen, vor dem Bilde der
himmlischen Mutter niederkniete, wie unsglich ich zu ihr gebetet habe. Ich
glaubte in Thrnen zu zerflieen. Es kam mir vor, als lchelte sie mir zu. Nun
wei ich erst was Dankbarkeit ist. - O Geliebte, der Himmel hat dich mir zur
Verehrung gegeben. Ich bete dich an. Du bist die Heilige, die meine Wnsche zu
Gott bringt, durch die er sich mir offenbart, durch die er mir die Flle seiner
Liebe kund thut. Was ist die Religion, als ein unendliches Einverstndni, eine
ewige Vereinigung liebender Herzen? Wo zwey versammelt sind, ist er ja unter
ihnen. Ich habe ewig an dir zu athmen; meine Brust wird nie aufhren dich in
sich zu ziehn. Du bist die gttliche Herrlichkeit, das ewige Leben in der
lieblichsten Hlle. - Ach! Heinrich, du weit das Schicksal der Rosen; wirst du
auch die welken Lippen, die bleichen Wangen mit Zrtlichkeit an deine Lippen
drcken? Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorbergegangenen
Liebe seyn? - O! knntest du durch meine Augen in mein Gemth sehn! aber du
liebst mich und so glaubst du mir auch. Ich begreife das nicht, was man von der
Vergnglichkeit der Reitze sagt. O! sie sind unverwelklich. Was mich so
unzertrennlich zu dir zieht, was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat, das
ist nicht aus dieser Zeit. Knntest du nur sehn, wie du mir erscheinst, welches
wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir berall entgegen leuchtet, du
wrdest kein Alter frchten. Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses
Bildes. Die irdischen Krfte ringen und quellen um es festzuhalten, aber die
Natur ist noch unreif; das Bild ist ein ewiges Urbild, ein Theil der unbekannten
heiligen Welt. - Ich verstehe dich, lieber Heinrich, denn ich sehe etwas
hnliches, wenn ich dich anschaue. - Ja Mathilde, die hhere Welt ist uns nher,
als wir gewhnlich denken. Schon hier leben wir in ihr, und wir erblicken sie
auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt. - Du wirst mir noch viel
herrliche Sachen offenbaren, Geliebtester. - O! Mathilde, von dir allein kommt
mir die Gabe der Weiagung. Alles ist ja dein, was ich habe; deine Liebe wird
mich in die Heiligthmer des Lebens, in das Allerheiligste des Gemths fhren;
du wirst mich zu den hchsten Anschauungen begeistern. Wer wei, ob unsre Liebe
nicht dereinst noch zu Flammenfittichen wird, die uns aufheben, und uns in unsre
himmlische Heimath tragen, ehe das Alter und der Tod uns erreichen. Ist es nicht
schon ein Wunder, da du mein bist, da ich dich in meinen Armen halte, da du
mich liebst und ewig mein seyn willst? - Auch mir ist jetzt alles glaublich, und
ich fhle ja so deutlich eine stille Flamme in mir lodern; wer wei, ob sie uns
nicht verklrt, und die irdischen Banden allmhlich auflst. Sage mir nur,
Heinrich, ob du auch schon das grenzenlose Vertrauen zu mir hast, was ich zu dir
habe. Noch nie hab' ich so etwas gefhlt, selbst nicht gegen meinen Vater, den
ich doch so unendlich liebe. - Liebe Mathilde, es peinigt mich ordentlich, da
ich dir nicht alles auf einmal sagen, da ich dir nicht gleich mein ganzes Herz
auf einmal hingeben kann. Es ist auch zum erstenmal in meinem Leben, da ich
ganz offen bin. Keinen Gedanken, keine Empfindung kann ich vor dir mehr geheim
haben; du mut alles wissen. Mein ganzes Wesen soll sich mit dem deinigen
vermischen. Nur die grenzenloseste Hingebung kann meiner Liebe gengen. In ihr
besteht sie ja. Sie ist ja ein geheimnivolles Zusammenflieen unsers geheimsten
und eigenthmlichsten Daseyns. - Heinrich, so knnen sich noch nie zwey Menschen
geliebt haben. - Ich kanns nicht glauben. Es gab ja noch keine Mathilde. - Auch
keinen Heinrich. - Ach! schwr es mir noch einmal, da du ewig mein bist; die
Liebe ist eine endlose Wiederholung. - Ja, Heinrich, ich schwre ewig dein zu
seyn, bey der unsichtbaren Gegenwart meiner guten Mutter. - Ich schwre ewig
dein zu seyn, Mathilde, so wahr die Liebe die Gegenwart Gottes bey uns ist. Eine
lange Umarmung, unzhlige Ksse besiegelten den ewigen Bund des seligen Paars.

                                Neuntes Kapitel


Abends waren einige Gste da; der Grovater trank die Gesundheit des jungen
Brautpaars, und versprach bald ein schnes Hochzeitfest auszurichten. Was hilft
das lange Zaudern, sagte der Alte. Frhe Hochzeiten, lange Liebe. Ich habe immer
gesehn, da Ehen, die frh geschlossen wurden, am glcklichsten waren. In
sptern Jahren ist gar keine solche Andacht mehr im Ehestande, als in der
Jugend. Eine gemeinschaftlich genone Jugend ist ein unzerreiliches Band. Die
Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe. Nach Tische kamen mehrere.
Heinrich bat seinen neuen Vater um die Erfllung seines Versprechens. Klingsohr
sagte zu der Gesellschaft: Ich habe heute Heinrichen versprochen ein Mhrchen zu
erzhlen. Wenn ihr es zufrieden seyd, so bin ich bereit. - Das ist ein kluger
Einfall von Heinrich, sagte Schwaning. Ihr habt lange nichts von euch hren
lassen. Alle setzten sich um das lodernde Feuer im Kamin. Heinrich sa dicht bey
Mathilden, und schlang seinen Arm um sie. Klingsohr begann:
    Die lange Nacht war eben angegangen. Der alte Held schlug an seinen Schild,
da es weit umher in den den Gassen der Stadt erklang. Er wiederholte das
Zeichen dreymal. Da fingen die hohen bunten Fenster des Pallastes an von innen
heraus helle zu werden, und ihre Figuren bewegten sich. Sie bewegten sich
lebhafter, je strker das rthliche Licht ward, das die Gassen zu erleuchten
begann. Auch sah man allmhlich die gewaltigen Sulen und Mauern selbst sich
erhellen; Endlich standen sie im reinsten, milchblauen Schimmer, und spielten
mit den sanftesten Farben. Die ganze Gegend ward nun sichtbar, und der
Wiederschein der Figuren, das Getmmel der Spiee, der Schwerdter, der Schilder,
und der Helme, die sich nach hier und da erscheinenden Kronen, von allen Seiten
neigten, und endlich wie diese verschwanden, und einem schlichten, grnen Kranze
Plaz machten, um diesen her einen weiten Kreis schlossen: alles dies spiegelte
sich in dem starren Meere, das den Berg umgab, auf dem die Stadt lag, und auch
der ferne hohe Berggrtel, der sich rund um das Meer herzog, ward bis in die
Mitte mit einem milden Abglanz berzogen. Man konnte nichts deutlich
unterscheiden; doch hrte man ein wunderliches Getse herber, wie aus einer
fernen ungeheuren Werkstatt. Die Stadt erschien dagegen hell und klar. Ihre
glatten, durchsichtigen Mauern warfen die schnen Strahlen zurck, und das
vortreffliche Ebenmaa, der edle Styl aller Gebude, und ihre schne
Zusammenordnung kam zum Vorschein. Vor allen Fenstern standen zierliche Gefe
von Thon, voll der mannichfaltigsten Eis- und Schneeblumen, die auf das
anmuthigste funkelten.
    Am herrlichsten nahm sich auf dem groen Platze vor dem Pallaste der Garten
aus, der aus Metallbumen und Krystallpflanzen bestand, und mit bunten
Edelsteinblthen und Frchten berset war. Die Mannichfaltigkeit und
Zierlichkeit der Gestalten, und die Lebhaftigkeit der Lichter und Farben
gewhrten das herrlichste Schauspiel, dessen Pracht durch einen hohen
Springquell in der Mitte des Gartens, der zu Eis erstarrt war, vollendet wurde.
Der alte Held ging vor den Thoren des Pallastes langsam vorber. Eine Stimme
rief seinen Namen im Innern. Er lehnte sich an das Thor, das mit einem sanften
Klange sich ffnete, und trat in den Saal. Seinen Schild hielt er vor die Augen.
Hast du noch nichts entdeckt? sagte die schne Tochter Arcturs, mit klagender
Stimme. Sie lag an seidnen Polstern auf einem Throne, der von einem groen
Schwefelkrystall knstlich erbaut war, und einige Mdchen rieben msig ihre
zarten Glieder, die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen. Nach
allen Seiten strmte unter den Hnden der Mdchen das reizende Licht von ihr
aus, was den Pallast so wundersam erleuchtete. Ein duftender Wind wehte im
Saale. Der Held schwieg. La mich deinen Schild berhren, sagte sie sanft. Er
nherte sich dem Throne und betrat den kstlichen Teppich. Sie ergriff seine
Hand, drckte sie mit Zrtlichkeit an ihren himmlischen Busen und rhrte seinen
Schild an. Seine Rstung klang, und eine durchdringende Kraft beseelte seinen
Krper. Seine Augen blitzten und das Herz pochte hrbar an den Panzer. Die
schne Freya schien heiterer, und das Licht ward brennender, das von ihr
ausstrmte. Der Knig kommt, rief ein prchtiger Vogel, der im Hintergrunde des
Thrones sa. Die Dienerinnen legten eine himmelblaue Decke ber die Prinzessin,
die sie bis ber den Busen bedeckte. Der Held senkte seinen Schild und sah nach
der Kuppel hinauf, zu welcher zwey breite Treppen von beyden Seiten des Saals
sich hinauf schlangen. Eine leise Musik ging dem Knige voran, der bald mit
einem zahlreichen Gefolge in der Kuppel erschien und herunter kam.
    Der schne Vogel entfaltete seine glnzenden Schwingen, bewegte sie sanft
und sang, wie mit tausend Stimmen, dem Knige entgegen:

Nicht lange wird der schne Fremde sumen.
Die Wrme naht, die Ewigkeit beginnt.
Die Knigin erwacht aus langen Trumen,
Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt.
Die kalte Nacht wird diese Sttte rumen,
Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt.
In Freyas Schoo wird sich die Welt entznden
Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden.

Der Knig umarmte seine Tochter mit Zrtlichkeit. Die Geister der Gestirne
stellten sich um den Thron, und der Held nahm in der Reihe seinen Platz ein.
Eine unzhlige Menge Sterne fllten den Saal in zierlichen Gruppen. Die
Dienerinnen brachten einen Tisch und ein Kstchen, worin eine Menge Bltter
lagen, auf denen heilige tiefsinnige Zeichen standen, die aus lauter
Sternbildern zusammengesetzt waren. Der Knig kte ehrfurchtsvoll diese
Bltter, mischte sie sorgfltig untereinander, und reichte seiner Tochter einige
zu. Die andern behielt er fr sich. Die Prinzessin zog sie nach der Reihe heraus
und legte sie auf den Tisch, dann betrachtete der Knig die seinigen genau, und
whlte mit vielem Nachdenken, ehe er eins dazu hinlegte. Zuweilen schien er
gezwungen zu seyn, dies oder jenes Blatt zu whlen. Oft aber sah man ihm die
Freude an, wenn er durch ein gutgetroffenes Blatt eine schne Harmonie der
Zeichen und Figuren legen konnte.
    Wie das Spiel anfing, sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten
Theilnahme, und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden, gleichsam als htte
jeder ein unsichtbares Werkzeug in Hnden, womit er eifrig arbeite. Zugleich
lie sich eine sanfte, aber tief bewegende Musik in der Luft hren, die von den
im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen, und den brigen
sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien. Die Sterne schwangen sich, bald
langsam bald schnell, in bestndig vernderten Linien umher, und bildeten, nach
dem Gange der Musik, die Figuren der Bltter auf das kunstreichste nach. Die
Musik wechselte, wie die Bilder auf dem Tische, unaufhrlich, und so wunderlich
und hart auch die bergnge nicht selten waren, so schien doch nur Ein einfaches
Thema das Ganze zu verbinden. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit flogen die
Sterne den Bildern nach. Sie waren bald alle in Einer groen Verschlingung, bald
wieder in einzelne Haufen schn geordnet, bald zerstubte der lange Zug, wie ein
Strahl, in unzhlige Funken, bald kam durch immer wachsende kleinere Kreise und
Muster wieder Eine groe, berraschende Figur zum Vorschein. Die bunten
Gestalten in den Fenstern blieben whrend dieser Zeit ruhig stehen. Der Vogel
bewegte unaufhrlich die Hlle seiner kostbaren Federn auf die mannichfaltigste
Weise. Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschft msig
betrieben, als auf einmal der Knig voll Freuden ausrief: Es wird alles gut.
Eisen, wirf du dein Schwerdt in die Welt, da sie erfahren, wo der Friede ruht.
Der Held ri das Schwerdt von der Hfte, stellte es mit der Spitze gen Himmel,
dann ergriff er es und warf es aus dem geffneten Fenster ber die Stadt und das
Eismeer. Wie ein Komet flog es durch die Luft, und schien an dem Berggrtel mit
hellem Klange zu zersplittern, denn es fiel in lauter Funken herunter.
    Zu der Zeit lag der schne Knabe Eros in seiner Wiege und schlummerte sanft,
whrend Ginnistan seine Amme die Wiege schaukelte und seiner Milchschwester
Fabel die Brust reichte. Ihr buntes Halstuch hatte sie ber die Wiege
ausgebreitet, da die hellbrennende Lampe, die der Schreiber vor sich stehen
hatte, das Kind mit ihrem Scheine nicht beunruhigen mchte. Der Schreiber
schrieb unverdrossen, sah sich nur zuweilen mrrisch nach den Kindern um, und
schnitt der Amme finstere Gesichter, die ihn gutmthig anlchelte und schwieg.
    Der Vater der Kinder ging immer ein und aus, indem er jedesmal die Kinder
betrachtete und Ginnistan freundlich begrte. Er hatte unaufhrlich dem
Schreiber etwas zu sagen. Dieser vernahm ihn genau, und wenn er es aufgezeichnet
hatte, reichte er die Bltter einer edlen, gttergleichen Frau hin, die sich an
einen Altar lehnte, auf welchem eine dunkle Schaale mit klarem Wasser stand, in
welches sie mit heiterm Lcheln blickte. Sie tauchte die Bltter jedesmal
hinein, und wenn sie bey'm Herausziehn gewahr wurde, da einige Schriften stehen
geblieben und glnzend geworden war, so gab sie das Blatt dem Schreiber zurck,
der es in ein groes Buch heftete, und oft verdrielich zu seyn schien, wenn
seine Mhe vergeblich gewesen und alles ausgelscht war. Die Frau wandte sich zu
Zeiten gegen Ginnistan und die Kinder, tauchte den Finger in die Schaale, und
sprtzte einige Tropfen auf sie hin, die, sobald sie die Amme, das Kind, oder
die Wiege berhrten, in einen blauen Dunst zerrannen, der tausend seltsame
Bilder zeigte, und bestndig um sie herzog und sich vernderte. Traf einer davon
zufllig auf den Schreiber, so fielen eine Menge Zahlen und geometrische Figuren
nieder, die er mit vieler msigkeit auf einen Faden zog, und sich zum Zierrath
um den magern Hals hing. Die Mutter des Knaben, die wie die Anmuth und
Lieblichkeit selbst aussah, kam oft herein. Sie schien bestndig beschftigt,
und trug immer irgend ein Stck Hausgerthe mit sich hinaus: bemerkte es der
argwhnische und mit sphenden Blicken sie verfolgende Schreiber, so begann er
eine lange Strafrede, auf die aber kein Mensch achtete. Alle schienen seiner
unntzen Widerreden gewohnt. Die Mutter gab auf einige Augenblicke der kleinen
Fabel die Brust; aber bald ward sie wieder abgerufen, und dann nahm Ginnistan
das Kind zurck, das an ihr lieber zu trinken schien. Auf einmal brachte der
Vater ein zartes eisernes Stbchen herein, das er im Hofe gefunden hatte. Der
Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum, und brachte
bald heraus, da es sich von selbst, in der Mitte an einem Faden aufgehngt,
nach Norden drehe. Ginnistan nahm es auch in die Hand, bog es, drckte es,
hauchte es an, und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben, die sich
nun pltzlich in den Schwanz bi. Der Schreiber ward bald des Betrachtens
berdrig. Er schrieb alles genau auf, und war sehr weitluftig ber den
Nutzen, den dieser Fund gewhren knne. Wie rgerlich war er aber, als sein
ganzes Schreibwerk die Probe nicht bestand, und das Papier wei aus der Schaale
hervorkam. Die Amme spielte fort. Zuweilen berhrte sie die Wiege damit, da fing
der Knabe an wach zu werden, schlug die Decke zurck, hielt die eine Hand gegen
das Licht, und langte mit der Andern nach der Schlange. Wie er sie erhielt,
sprang er rstig, da Ginnistan erschrak, und der Schreiber beynah vor Entsetzen
vom Stuhle fiel, aus der Wiege, stand, nur von seinen langen goldernen Haaren
bedeckt, im Zimmer, und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod,
das sich in seinen Hnden nach Norden ausstreckte, und ihn heftig im Innern zu
bewegen schien. Zusehends wuchs er.
    Sophie, sagte er mit rhrender Stimme zu der Frau, la mich aus der Schaale
trinken. Sie reichte sie ihm ohne Anstand, und er konnte nicht aufhren zu
trinken, indem die Schaale sich immer voll zu erhalten schien. Endlich gab er
sie zurck, indem er die edle Frau innig umarmte. Er herzte Ginnistan, und bat
sie um das bunte Tuch, das er sich anstndig um die Hften band. Die kleine
Fabel nahm er auf den Arm. Sie schien unendliches Wohlgefallen an ihm zu haben,
und fing zu plaudern an. Ginnistan machte sich viel um ihn zu schaffen. Sie sah
uerst reizend und leichtfertig aus, und drckte ihn mit der Innigkeit einer
Braut an sich. Sie zog ihn mit heimlichen Worten nach der Kammerthr, aber
Sophie winkte ernsthaft und deutete nach der Schlange; da kam die Mutter herein,
auf die er sogleich zuflog und sie mit heien Thrnen bewillkommte. Der
Schreiber war ingrimmig fortgegangen. Der Vater trat herein, und wie er Mutter
und Sohn in stiller Umarmung sah, trat er hinter ihren Rcken zur reitzenden
Ginnistan, und liebkoste ihr. Sophie stieg die Treppe hinauf. Die kleine Fabel
nahm die Feder des Schreibers und fing zu schreiben an. Mutter und Sohn
vertieften sich in ein leises Gesprch, und der Vater schlich sich mit Ginnistan
in die Kammer, um sich von den Geschften des Tags in ihren Armen zu erholen.
Nach geraumer Zeit kam Sophie zurck. Der Schreiber trat herein. Der Vater kam
aus der Kammer und ging an seine Geschfte. Ginnistan kam mit glhenden Wangen
zurck. Der Schreiber jagte die kleine Fabel mit vielen Schmhungen von seinem
Sitze, und hatte einige Zeit nthig seine Sachen in Ordnung zu bringen. Er
reichte Sophien die von Fabel vollgeschriebenen Bltter, um sie rein zurck zu
erhalten, gerieth aber bald in den uersten Unwillen, wie Sophie die Schrift
vllig glnzend und unversehrt aus der Schaale zog und sie ihm hinlegte. Fabel
schmiegte sich an ihre Mutter, die sie an die Brust nahm, und das Zimmer
aufputzte, die Fenster ffnete, frische Luft hereinlie und Zubereitungen zu
einem kstlichen Mahle machte. Man sah durch die Fenster die herrlichsten
Aussichten und einen heitern Himmel ber die Erde gespannt. Auf dem Hofe war der
Vater in voller Thtigkeit. Wenn er mde war, sah er hinauf ans Fenster, wo
Ginnistan stand, und ihm allerhand Nschereien herunterwarf. Die Mutter und der
Sohn gingen hinaus, um berall zu helfen und den gefaten Entschlu
vorzubereiten. Der Schreiber rhrte die Feder, und machte immer eine Fratze,
wenn er genthigt war, Ginnistan um etwas zu fragen, die ein sehr gutes
Gedchtni hatte, und alles behielt, was sich zutrug. Eros kam bald in schner
Rstung, um die das bunte Tuch wie eine Schrpe gebunden war, zurck, und bat
Sophie um Rath, wann und wie er seine Reise antreten solle. Der Schreiber war
vorlaut, und wollte gleich mit einem ausfhrlichen Reiseplan dienen, aber seine
Vorschlge wurden berhrt. Du kannst sogleich reisen; Ginnistan mag dich
begleiten, sagte Sophie; sie wei mit den Wegen Bescheid, und ist berall gut
bekannt. Sie wird die Gestalt deiner Mutter annehmen, um dich nicht in
Versuchung zu fhren. Findest du den Knig, so denke an mich; dann komme ich um
dir zu helfen.
    Ginnistan tauschte ihre Gestalt mit der Mutter, worber der Vater sehr
vergngt zu seyn schien; der Schreiber freute sich, da die beiden fortgingen;
besonders da ihm Ginnistan ihr Taschenbuch zum Abschiede schenkte, worin die
Chronik des Hauses umstndlich aufgezeichnet war; nur blieb ihm die kleine Fabel
ein Dorn im Auge, und er htte, um seiner Ruhe und Zufriedenheit willen, nichts
mehr gewnscht, als da auch sie unter der Zahl der Abreisenden seyn mchte.
Sophie segnete die Niederknieenden ein, und gab ihnen ein Gef voll Wasser aus
der Schaale mit; die Mutter war sehr bekmmert. Die kleine Fabel wre gern
mitgegangen, und der Vater war zu sehr auer dem Hause beschftigt, als da er
lebhaften Antheil htte nehmen sollen. Es war Nacht, wie sie abreisten, und der
Mond stand hoch am Himmel. Lieber Eros, sagte Ginnistan, wir mssen eilen, da
wir zu meinem Vater kommen, der mich lange nicht gesehn und so sehnsuchtsvoll
mich berall auf der Erde gesucht hat. Siehst du wohl sein bleiches abgehrmtes
Gesicht? Dein Zeugni wird mich ihm in der fremden Gestalt kenntlich machen.

Die Liebe ging auf dunkler Bahn
Vom Monde nur erblickt,
Das Schattenreich war aufgethan
Und seltsam aufgeschmckt.

                                       *

Ein blauer Dunst umschwebte sie
Mit einem goldnen Rand,
Und eilig zog die Fantasie
Sie ber Strom und Land.

                                       *

Es hob sich ihre volle Brust
In wunderbarem Muth;
Ein Vorgefhl der knft'gen Lust
Besprach die wilde Glut.

                                       *

Die Sehnsucht klagt' und wut' es nicht,
Da Liebe nher kam,
Und tiefer grub in ihr Gesicht
Sich hoffnungsloser Gram.

                                       *

Die kleine Schlange blieb getreu:
Sie wies nach Norden hin,
Und beyde folgten sorgenfrey
Der schnen Fhrerin.

                                       *

Die Liebe ging durch Wsteneyn
Und durch der Wolken Land,
Trat in den Hof des Mondes ein
Die Tochter an der Hand.

Er sa auf seinem Silberthron,
Allein mit seinem Harm;
Da hrt' er seines Kindes Ton,
Und sank in ihren Arm.

                                       *

Eros stand gerhrt bey den zrtlichen Umarmungen. Endlich sammelte sich der alte
erschtterte Mann, und bewillkommte seinen Gast. Er ergriff sein groes Horn und
stie mit voller Macht hinein. Ein gewaltiger Ruf drhnte durch die uralte Burg.
Die spitzen Thrme mit ihren glnzenden Knpfen und die tiefen schwarzen Dcher
schwankten. Die Burg stand still, denn sie war auf das Gebirge jenseits des
Meers gekommen. Von allen Seiten strmten seine Diener herzu, deren seltsame
Gestalten und Trachten Ginnistan unendlich ergtzten, und den tapfern Eros nicht
erschreckten. Erstere grte ihre alten Bekannten, und alle erschienen vor ihr
mit neuer Strke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen. Der ungestme
Geist der Flut folgte der sanften Ebbe. Die alten Orkane legten sich an die
klopfende Brust der heien leidenschaftlichen Erdbeben. Die zrtlichen
Regenschauer sahen sich nach dem bunten Bogen um, der von der Sonne, die ihn
mehr anzieht, entfernt, bleich da stand. Der rauhe Donner schalt ber die
Thorheiten der Blitze, hinter den unzhligen Wolken hervor, die mit tausend
Reizen dastanden und die feurigen Jnglinge lockten. Die beyden lieblichen
Schwestern, Morgen und Abend, freuten sich vorzglich ber die beyden
Ankmmlinge. Sie weinten sanfte Thrnen in ihren Umarmungen. Unbeschreiblich war
der Anblick dieses wunderlichen Hofstaats. Der alte Knig konnte sich an seiner
Tochter nicht satt sehen. Sie fhlte sich zehnfach glcklich in ihrer
vterlichen Burg, und ward nicht mde die bekannten Wunder und Seltenheiten zu
beschauen. Ihre Freude war ganz unbeschreiblich, als ihr der Knig den Schlssel
zur Schatzkammer und die Erlaubni gab, ein Schauspiel fr Eros darin zu
veranstalten, das ihn so lange unterhalten knnte, bis das Zeichen des Aufbruchs
gegeben wrde. Die Schatzkammer war ein groer Garten, dessen Mannichfaltigkeit
und Reichthum alle Beschreibung bertraf. Zwischen den ungeheuren Wetterbumen
lagen unzhlige Luftschlsser von berraschender Bauart, eins immer kstlicher,
als das Andere. Groe Heerden von Schfchen, mit silberweier, goldner und
rosenfarbner Wolle irrten umher, und die sonderbarsten Thiere belebten den Hayn.
Merkwrdige Bilder standen hie und da, und die festlichen Aufzge, die seltsamen
Wagen, die berall zum Vorschein kamen, beschftigten die Aufmerksamkeit
unaufhrlich. Die Beete standen voll der buntesten Blumen. Die Gebude waren
gehuft voll von Waffen aller Art, voll der schnsten Teppiche, Tapeten,
Vorhnge, Trinkgeschirre und aller Arten von Gerthen und Werkzeugen, in
unbersehlichen Reihen. Auf einer Anhhe erblickten sie ein romantisches Land,
das mit Stdten und Burgen, mit Tempeln und Begrbnissen berset war, und alle
Anmuth bewohnter Ebenen mit den furchtbaren Reizen der Einde und schroffer
Felsengegenden vereinigte. Die schnsten Farben waren in den glcklichsten
Mischungen. Die Bergspitzen glnzten wie Lustfeuer in ihren Eis- und
Schneehllen. Die Ebene lachte im frischesten Grn. Die Ferne schmckte sich mit
allen Vernderungen von Blau, und aus der Dunkelheit des Meeres wehten unzhlige
bunte Wimpel von zahlreichen Flotten. Hier sah man einen Schiffbruch im
Hintergrunde, und vorne ein lndliches frliches Mahl von Landleuten; dort den
schrecklich schnen Ausbruch eines Vulkans, die Verwstungen des Erdbebens, und
im Vordergrunde ein liebendes Paar unter schattenden Bumen in den sesten
Liebkosungen. Abwrts eine frchterliche Schlacht, und unter ihr ein Theater
voll der lcherlichsten Masken. Nach einer andern Seite im Vordergrunde einen
jugendlichen Leichnam auf der Baare, die ein trostloser Geliebter festhielt, und
die weinenden Eltern daneben; im Hintergrunde eine liebliche Mutter mit dem
Kinde an der Brust und Engel sitzend zu ihren Fen, und aus den Zweigen ber
ihrem Haupte herunterblickend. Die Szenen verwandelten sich unaufhrlich, und
flossen endlich in eine groe geheimnivolle Vorstellung zusammen. Himmel und
Erde waren in vollem Aufruhr. Alle Schrecken waren losgebrochen. Eine gewaltige
Stimme rief zu den Waffen. Ein entsetzliches Heer von Todtengerippen, mit
schwarzen Fahnen, kam wie ein Sturm von dunkeln Bergen herunter, und griff das
Leben an, das mit seinen jugendlichen Schaaren in der hellen Ebene in muntern
Festen begriffen war, und sich keines Angriffs versah. Es entstand ein
entsetzliches Getmmel, die Erde zitterte; der Sturm brauste, und die Nacht ward
von frchterlichen Meteoren erleuchtet. Mit unerhrten Grausamkeiten zerri das
Heer der Gespenster die zarten Glieder der Lebendigen. Ein Scheiterhaufen
thrmte sich empor, und unter dem grausenvollsten Geheul wurden die Kinder des
Lebens von den Flammen verzehrt. Pltzlich brach aus dem dunklen Aschenhaufen
ein milchblauer Strom nach allen Seiten aus. Die Gespenster wollten die Flucht
ergreifen, aber die Flut wuchs zusehends, und verschlang die scheusliche Brut.
Bald waren alle Schrecken vertilgt. Himmel und Erde flossen in se Musik
zusammen. Eine wunderschne Blume schwamm glnzend auf den sanften Wogen. Ein
glnzender Bogen schlo sich ber die Flut auf welchem gttliche Gestalten auf
prchtigen Thronen, nach beyden Seiten herunter, saen. Sophie sa zu oberst,
die Schaale in der Hand, neben einem herrlichen Manne, mit einem Eichenkranze um
die Locken, und einer Friedenspalme statt des Szepters in der Rechten. Ein
Lilienblatt bog sich ber den Kelch der schwimmenden Blume; die kleine Fabel sa
auf demselben, und sang zur Harfe die sesten Lieder. In dem Kelche lag Eros
selbst, ber ein schnes schlummerndes Mdchen hergebeugt, die ihn fest
umschlungen hielt. Eine kleinere Blthe schlo sich um beyde her, so da sie von
den Hften an in Eine Blume verwandelt zu seyn schienen.
    Eros dankte Ginnistan mit tausend Entzcken. Er umarmte sie zrtlich, und
sie erwiederte seine Liebkosungen. Ermdet von der Beschwerde des Weges und den
mannichfaltigen Gegenstnden, die er gesehen hatte, sehnte er sich nach
Bequemlichkeit und Ruhe. Ginnistan, die sich von dem schnen Jngling lebhaft
angezogen fhlte, htete sich wohl des Trankes zu erwhnen, den Sophie ihm
mitgegeben hatte. Sie fhrte ihn zu einem abgelegenen Bade, zog ihm die Rstung
aus, und zog selbst ein Nachtkleid an, in welchem sie fremd und verfhrerisch
aussah. Eros tauchte sich in die gefhrlichen Wellen, und stieg berauscht wieder
heraus. Ginnistan trocknete ihn, und rieb seine starken, von Jugendkraft
gespannten Glieder. Er gedachte mit glhender Sehnsucht seiner Geliebten, und
umfate in sem Wahne die reitzende Ginnistan. Unbesorgt berlie er sich
seiner ungestmen Zrtlichkeit, und schlummerte endlich nach den wollstigsten
Genssen an dem reizenden Busen seiner Begleiterin ein.
    Unterdessen war zu Hause eine traurige Vernderung vorgegangen. Der
Schreiber hatte das Gesinde in eine gefhrliche Verschwrung verwickelt. Sein
feindseliges Gemth hatte lngst Gelegenheit gesucht, sich des Hausregiments zu
bemchtigen, und sein Joch abzuschtteln. Er hatte sie gefunden. Zuerst
bemchtigte sich sein Anhang der Mutter, die in eiserne Bande gelegt wurde. Der
Vater ward bey Wasser und Brod ebenfalls hingesetzt. Die kleine Fabel hrte den
Lrm im Zimmer. Sie verkroch sich hinter dem Altare, und wie sie bemerkte, da
eine Thr an seiner Rckseite verborgen war, so ffnete sie dieselbe mit vieler
Behendigkeit, und fand, da eine Treppe in ihm hinunterging. Sie zog die Tr
nach sich, und stieg im Dunkeln die Treppe hinunter. Der Schreiber strzte mit
Ungestm herein, um sich an der kleinen Fabel zu rchen, und Sophien gefangen zu
nehmen. Beyde waren nicht zu finden. Die Schaale fehlte auch, und in seinem
Grimme zerschlug er den Altar in tausend Stcke, ohne jedoch die heimliche
Treppe zu entdecken.
    Die kleine Fabel stieg geraume Zeit. Endlich kam sie auf einen freyen Platz
hinaus, der rund herum mit einer prchtigen Colonnade geziert, und durch ein
groes Thor geschlossen war. Alle Figuren waren hier dunkel. Die Luft war wie
ein ungeheurer Schatten; am Himmel stand ein schwarzer strahlender Krper. Man
konnte alles auf das deutlichste unterscheiden, weil jede Figur einen andern
Anstrich von Schwarz zeigte, und einen lichten Schein hinter sich, warf; Licht
und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben. Fabel freute sich in
einer neuen Welt zu seyn. Sie besah alles mit kindlicher Neugierde. Endlich kam
sie an das Thor, vor welchem auf einem massiven Postument eine schne Sphinx
lag.
    Was suchst du? sagte die Sphinx; mein Eigenthum, erwiederte Fabel. - Wo
kommst du her? - Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind - Und werde ewig ein
Kind seyn. - Wer wird dir beystehn? - Ich stehe fr mich. Wo sind die
Schwestern, fragte Fabel? - berall und nirgends, gab die Sphinx zur Antwort. -
Kennst du mich? - noch nicht. - Wo ist die Liebe? - In der Einbildung. - Und
Sophie? - Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin, und rauschte mit den
Flgeln. Sophie und Liebe, rief triumphirend Fabel, und ging durch das Thor. Sie
trat in die ungeheure Hhle, und ging frlich auf die alten Schwestern zu, die
bey der krglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschft
trieben. Sie thaten nicht, als ob sie den kleinen Gast bemerkten, der mit
artigen Liebkosungen sich geschftig um sie erzeigte. Endlich krchzte die eine
mit rauhen Worten und scheelem Gesicht: Was willst du hier, Miggngerin? wer
hat dich eingelassen? Dein kindisches Hpfen bewegt die stille Flamme. Das l
verbrennt unntzer Weise. Kannst du dich nicht hinsetzen und etwas vornehmen? -
Schne Base, sagte Fabel, am Miggehn ist mir nichts gelegen. Ich mute recht
ber eure Thrhterin lachen. Sie htte mich gern an die Brust genommen, aber
sie mute zu viel gegessen haben, sie konnte nicht aufstehn. Lat mich vor der
Thr sitzen, und gebt mir etwas zu spinnen; denn hier kann ich nicht gut sehen,
und wenn ich spinne, mu ich singen und plaudern drfen, und das knnte euch in
euren ernsthaften Gedanken stren. - Hinaus sollst du nicht, aber in der
Nebenkammer bricht ein Strahl der Oberwelt durch die Felsritzen, da magst du
spinnen, wenn du so geschickt bist; hier liegen ungeheure Haufen von alten
Enden, die drehe zusammen; aber hte dich: wenn du saumselig spinnst, oder der
Faden reit, so schlingen sich die Fden um dich her und ersticken dich. - Die
Alte lachte hmisch, und spann. Fabel raffte einen Arm voll Fden zusammen, nahm
Wocken und Spindel, und hpfte singend in die Kammer. Sie sah durch die ffnung
hinaus, und erblickte das Sternbild des Phnixes. Froh ber das glckliche
Zeichen fing sie an lustig zu spinnen, lie die Kammerthr ein wenig offen, und
sang halbleise:

Erwacht in euren Zellen,
Ihr Kinder alter Zeit;
Lat eure Ruhestellen,
Der Morgen ist nicht weit.

                                       *

Ich spinne eure Fden
In Einen Faden ein;
Aus ist die Zeit der Fehden.
Ein Leben sollt' ihr seyn.

                                       *

Ein jeder lebt in Allen,
Und All' in Jedem auch.
Ein Herz wird in euch wallen,
Von Einem Lebenshauch.

                                       *

Noch seyd ihr nichts als Seele,
Nur Traum und Zauberey.
Geht furchtbar in die Hhle
Und neckt die heil'ge Drey.

                                       *

Die Spindel schwang sich mit unglaublicher Behendigkeit zwischen den kleinen
Fen; whrend sie mit beyden Hnden den zarten Faden drehte. Unter dem Liede
wurden unzhlige Lichterchen sichtbar, die aus der Thrspalte schlpften und
durch die Hhle in scheuslichen Larven sich verbreiteten. Die Alten hatten
whrend der Zeit immer mrrisch fortgesponnen, und auf das Jammergeschrey der
kleinen Fabel gewartet, aber wie entsetzten sie sich, als auf einmal eine
erschreckliche Nase ber ihre Schultern guckte, und wie sie sich umsahen, die
ganze Hhle voll der grlichsten Figuren war, die tausenderley Unfug trieben.
Sie fuhren in einander, heulten mit frchterlicher Stimme, und wren vor
Schrecken zu Stein geworden, wenn nicht in diesem Augenblicke der Schreiber in
die Hhle getreten wre, und eine Alraunwurzel bey sich gehabt htte. Die
Lichterchen verkrochen sich in die Felsklfte und die Hhle wurde ganz hell,
weil die schwarze Lampe in der Verwirrung umgefallen und ausgelscht war. Die
Alten waren froh, wie sie den Schreiber kommen hrten, aber voll Ingrimms gegen
die kleine Fabel. Sie riefen sie heraus, schnarchten sie frchterlich an und
verboten ihr fortzuspinnen. Der Schreiber schmunzelte hhnisch, weil er die
kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte und sagte: Es ist gut, da du
hier bist und zur Arbeit angehalten werden kannst. Ich hoffe, da es an
Zchtigungen nicht fehlen soll. Dein guter Geist hat dich hergefhrt. Ich
wnsche dir langes Leben und viel Vergngen. - Ich danke dir fr deinen guten
Willen, sagte Fabel; man sieht dir jetzt die gute Zeit an; dir fehlt nur noch
das Stundenglas und die Hippe, so siehst du ganz wie der Bruder meiner schnen
Basen aus. Wenn du Gnsespulen brauchst, so zupfe ihnen nur eine Handvoll zarten
Pflaum aus den Wangen. Der Schreiber schien Miene zu machen, ber sie
herzufallen. Sie lchelte und sagte: Wenn dir dein schner Haarwuchs und dein
geistreiches Auge lieb sind, so nimm dich in Acht; bedenke meine Ngel, du hast
nicht viel mehr zu verlieren. Er wandte sich mit verbiner Wuth zu den Alten,
die sich die Augen wischten, und nach ihren Wocken umhertappten. Sie konnten
nichts finden, da die Lampe ausgelscht war, und ergossen sich in Schimpfreden
gegen Fabel. Lat sie doch gehn, sprach er tckisch, da sie euch Taranteln
fange, zur Bereitung eures ls. Ich wollte euch zu euerm Troste sagen, da Eros
ohne Rast umherfliegt, und eure Scheere fleiig beschftigen wird. Seine Mutter,
die euch so oft zwang, die Fden lnger zu spinnen, wird morgen ein Raub der
Flammen. Er kitzelte sich, um zu lachen. Wie er sah, da Fabel einige Thrnen
bey dieser Nachricht vergo, gab ein Stck von der Wurzel der Alten, und ging
nasermpfend von dannen. Die Schwestern hieen der Fabel mit zorniger Stimme
Taranteln suchen, ohngeachtet sie noch l vorrthig hatten, und Fabel eilte
fort. Sie that, als ffne sie das Thor, warf es ungestm wieder zu, und schlich
sich leise nach dem Hintergrunde der Hhle, wo eine Leiter herunter hing. Sie
kletterte schnell hinauf, und kam bald vor eine Fallthr, die sich in Arkturs
Gemach ffnete.

Der Knig sa umringt von seinen Rthen, als Fabel erschien. Die nrdliche Krone
zierte sein Haupt. Die Lilie hielt er mit der Linken, die Wage in der Rechten.
Der Adler und Lwe saen zu seinen Fen. Monarch, sagte die Fabel, indem sie
sich ehrfurchtsvoll vor ihm neigte; Heil deinem festgegrndeten Throne! frohe
Bothschaft deinem verwundeten Herzen! baldige Rckkehr der Weisheit! Ewiges
Erwachen dem Frieden! Ruhe der rastlosen Liebe! Verklrung des Herzens! Leben
dem Alterthum und Gestalt der Zukunft! Der Knig berhrte ihre offene Stirn mit
der Lilie: Was du bittest, sey dir gewhrt. - Dreymal werde ich bitten, wenn ich
zum viertenmale komme, so ist die Liebe vor der Thr. Jetzt gieb mir die Leyer.
- Eridanus! bringe sie her, rief der Knig. Rauschend strmte Eridanus von der
Decke, und Fabel zog die Leyer aus seinen blinkenden Fluten. Fabel that einige
weiagende Griffe; der Knig lie ihr den Becher reichen, aus dem sie nippte und
mit vielen Danksagungen hinweg eilte. Sie glitt in reizenden Bogenschwngen ber
das Eismeer, indem sie frliche Musik aus den Saiten lockte.
    Das Eis gab unter ihren Tritten die herrlichsten Tne von sich. Der Felsen
der Trauer hielt sie fr Stimmen seiner suchenden rckkehrenden Kinder, und
antwortete in einem tausendfachen Echo.
    Fabel hatte bald das Gestade erreicht. Sie begegnete ihrer Mutter, die
abgezehrt und bleich aussah, schlank und ernst geworden war, und in edlen Zgen
die Spuren eines hoffnungslosen Grams, und rhrender Treue verrieth.
    Was ist aus dir geworden, liebe Mutter? sagte Fabel, du scheinst mir
gnzlich verndert; ohne inneres Anzeichen htt' ich dich nicht erkannt. Ich
hoffte mich an deiner Brust einmal wieder zu erquicken; ich habe lange nach dir
geschmachtet. Ginnistan liebkoste sie zrtlich, und sah heiter und freundlich
aus. Ich dachte es gleich, sagte sie, da dich der Schreiber nicht wrde
gefangen haben. Dein Anblick erfrischt mich. Es geht mir schlimm und knapp
genug, aber ich trste mich bald. Vielleicht habe ich einen Augenblick Ruhe.
Eros ist in der Nhe, und wenn er dich sieht, und du ihm vorplauderst, verweilt
er vielleicht einige Zeit. Inde kannst du dich an meine Brust legen; ich will
dir geben, was ich habe. Sie nahm die Kleine auf den Schoo, reichte ihr die
Brust, und fuhr fort, indem sie lchelnd auf die Kleine hinunter sah, die es
sich gut schmecken lie. Ich bin selbst Ursach, da Eros so wild und unbestndig
geworden ist. Aber mich reut es dennoch nicht, denn jene Stunden, die ich in
seinen Armen zubrachte, haben mich zur Unsterblichen gemacht. Ich glaubte unter
seinen feurigen Liebkosungen zu zerschmelzen. Wie ein himmlischer Ruber schien
er mich grausam vernichten und stolz ber sein bebendes Opfer triumphiren zu
wollen. Wir erwachten spt aus dem verbotenen Rausche, in einem sonderbar
vertauschten Zustande. Lange silberweie Flgel bedeckten seine weien
Schultern, und die reitzende Flle und Biegung seiner Gestalt. Die Kraft, die
ihn so pltzlich aus einem Knaben zum Jnglinge quellend getrieben, schien sich
ganz in die glnzenden Schwingen gezogen zu haben, und er war wieder zum Knaben
geworden. Die stille Glut seines Gesichts war in das tndelnde Feuer eines
Irrlichts, der heilige Ernst in verstellte Schalkheit, die bedeutende Ruhe in
kindische Unsttigkeit, der edle Anstand in drollige Beweglichkeit verwandelt.
Ich fhlte mich von einer ernsthaften Leidenschaft unwiderstehlich zu dem
muthwilligen Knaben gezogen, und empfand schmerzlich seinen lchelnden Hohn, und
seine Gleichgltigkeit gegen meine rhrendsten Bitten. Ich sah meine Gestalt
verndert. Meine sorglose Heiterkeit war verschwunden, und hatte einer traurigen
Bekmmerni, einer zrtlichen Schchternheit Platz gemacht. Ich ht[tte] mich
mit Eros vor allen Augen verbergen mgen. Ich hatte nicht das Herz in seine
beleidigenden Augen zu sehn, und fhlte mich entsetzlich beschmt und
erniedrigt. Ich hatte keinen andern Gedanken, als ihn, und htte mein Leben
hingegeben, um ihn von seinen Unarten zu befreyen. Ich mute ihn anbeten, so
tief er auch alle meine Empfindungen krnkte.
    Seit der Zeit, wo er sich aufmachte und mir entfloh, so rhrend ich auch mit
den heiesten Thrnen ihn beschwor, bey mir zu bleiben, bin ich ihm berall
gefolgt. Er scheint es ordentlich darauf anzulegen, mich zu necken. Kaum habe
ich ihn erreicht, so fliegt er tckisch weiter. Sein Bogen richtet berall
Verwstungen an. Ich habe nichts zu thun, als die Unglcklichen zu trsten, und
habe doch selbst Trost nthig. Ihre Stimmen, die mich rufen, zeigen mir seinen
Weg, und ihre wehmthigen Klagen, wenn ich sie wieder verlassen mu, gehen mir
tief zu Herzen. Der Schreiber verfolgt uns mit entsetzlicher Wuth, und rcht
sich an den armen Getroffenen. Die Frucht jener geheimnivollen Nacht, waren
eine zahlreiche Menge wunderlicher Kinder, die ihrem Grovater hnlich sehn, und
nach ihm genannt sind. Geflgelt wie ihr Vater begleiten sie ihn bestndig, und
plagen die Armen, die sein Pfeil trifft. Doch da kmmt der frliche Zug. Ich mu
fort; lebe wohl, ses Kind. Sei[ne] Nhe erregt meine Leidenschaft. Sey
glcklich in deinem Vorhaben. - Eros zog weiter, ohne Ginnistan, die auf ihn
zueilte, einen zrtlichen Blick zu gnnen. Aber zu Fabel wandte er sich
freundlich, und seine kleinen Begleiter tanzten frhlich um sie her. Fabel
freute sich, ihren Milchbruder wieder zu sehn, und sang zu ihrer Leyer ein
munteres Lied. Eros schien sich besinnen zu wollen und lie den Bogen fallen.
Die Kleinen entschliefen auf dem Rasen. Ginnistan konnte ihn fassen, und er litt
ihre zrtlichen Liebkosungen. Endlich fing Eros auch an zu nicken, schmiegte
sich an Ginnistans Schoo, und schlummerte ein, indem er seine Flgel ber sie
ausbreitete. Unendlich froh war die mde Ginnistan, und verwandte kein Auge von
dem holden Schlfer. Whrend des Gesanges waren von allen Seiten Taranteln zum
Vorschein gekommen, die ber die Grashalme ein glnzendes Netz zogen, und
lebhaft nach dem Takte sich an ihren Fden bewegten. Fabel trstete nun ihre
Mutter, und versprach ihr baldige Hlfe. Vom Felsen tnte der sanfte Wiederhall
der Musik, und wiegte die Schlfer ein. Ginnistan sprengte aus dem
wohlverwahrten Gef einige Tropfen in die Luft, und die anmuthigsten Trume
fielen auf sie nieder. Fabel nahm das Gef mit und setzte ihre Reise fort. Ihre
Saiten ruhten nicht, und die Taranteln folgten auf schnellgesponnenen Fden den
bezaubernden Tnen.
    Sie sah bald von weitem die hohe Flamme des Scheiterhaufens, die ber den
grnen Wald emporstieg. Traurig sah sie gen Himmel, und freute sich, wie sie
Sophieens blauen Schleyer erblickte, der wallend ber der Erde schwebte, und auf
ewig die ungeheure Gruft bedeckte. Die Sonne stand feuerroth vor Zorn am Himmel,
die gewaltige Flamme sog an ihrem geraubten Lichte, und so heftig sie es auch an
sich zu halten schien, so ward sie doch immer bleicher und fleckiger. Die Flamme
ward weier und mchtiger, je fahler die Sonne ward. Sie sog das Licht immer
strker in sich und bald war die Glorie um das Gestirn des Tages verzehrt und
nur als eine matte, glnzende Scheibe stand es noch da, indem jede neue Regung
des Neides und der Wuth den Ausbruch der entfliehenden Lichtwellen vermehrte.
Endlich war nichts von der Sonne mehr brig, als eine schwarze ausgebrannte
Schlacke, die herunter ins Meer fiel. Die Flamme war ber allen Ausdruck
glnzend geworden. Der Scheiterhaufen war verzehrt. Sie hob sich langsam in die
Hhe und zog nach Norden. Fabel trat in den Hof, der verdet aussah; das Haus
war unterde verfallen. Dornstruche wuchsen in den Ritzen der Fenstergesimse
und Ungeziefer aller Art kribbelte auf den zerbrochenen Stiegen. Sie hrte im
Zimmer einen entsetzlichen Lrm; der Schreiber und seine Gesellen hatten sich an
dem Flammentode der. Mutter geweidet, waren aber gewaltig erschrocken, wie sie
den Untergang der Sonne wahrgenommen hatten.
    Sie hatten sich vergeblich angestrengt, die Flamme zu lschen, und waren bey
dieser Gelegenheit nicht ohne Beschdigungen geblieben. Der Schmerz und die
Angst prete ihnen entsetzliche Verwnschungen und Klagen aus. Sie erschraken
noch mehr, als Fabel ins Zimmer trat, und strmten mit wthendem Geschrey auf
sie ein, um an ihr den Grimm auszulassen. Fabel schlpfte hinter die Wiege, und
ihre Verfolger traten ungestm in das Gewebe der Taranteln, die sich durch
unzhlige Bisse an ihnen rchten. Der ganze Haufen fing nun toll an zu tanzen,
wozu Fabel ein lustiges Lied spielte. Mit vielem Lachen ber ihre possierlichen
Fratzen ging sie auf die Trmmer des Altars zu, und rumte sie weg, um die
verborgene Treppe zu finden, auf der sie mit ihrem Tarantelgefolge hinunter
stieg. Die Sphinx fragte: Was kommt pltzlicher, als der Blitz? - Die Rache,
sagte Fabel. - Was ist am vergnglichsten? - Unrechter Besitz. - Wer kennt die
Welt? - Wer sich selbst kennt. - Was ist das ewige Geheimni? - Die Liebe. - Bey
wem ruht es? - Bey Sophieen. Die Sphinx krmmte sich klglich, und Fabel trat in
die Hhle.
    Hier bringe ich euch Taranteln, sagte sie zu den Alten, die ihre Lampe
wieder angezndet hatten und sehr msig arbeiteten. Sie erschraken, und die eine
lief mit der Scheere auf sie zu, um sie zu erstechen. Unversehens trat sie auf
eine Tarantel, und diese stach sie in den Fu. Sie schrie erbrmlich. Die andern
wollten ihr zu Hlfe kommen und wurden ebenfalls von den erzrnten Taranteln
gestochen. Sie konnten sich nun nicht an Fabel vergreifen, und sprangen wild
umher. Spinn' uns gleich, riefen sie grimmig der Kleinen zu, leichte
Tanzkleider. Wir knnen uns in den steifen Rcken nicht rhren, und vergehn fast
vor Hitze, aber mit Spinnensaft mut du den Faden einweichen, da er nicht
reit, und wirke Blumen hinein, die im Feuer gewachsen sind, sonst bist du des
Todes. - Recht gern, sagte Fabel und ging in die Nebenkammer.
    Ich will euch drey tchtige Fliegen verschaffen, sagte sie zu den
Kreuzspinnen, die ihre luftigen Gewebe rund um an der Decke und den Wnden
angeheftet hatten, aber ihr mt mir gleich drey hbsche, leichte Kleider
spinnen. Die Blumen, die hinein gewirkt werden sollen, will ich auch gleich
bringen. Die Kreuzspinnen waren bereit und fingen rasch zu weben an. Fabel
schlich sich zur Leiter und begab sich zu Arktur. Monarch sagte sie, die Bsen
tanzen, die Guten ruhn. Ist die Flamme angekommen? - Sie ist angekommen, sagte
der Knig. Die Nacht ist vorbey und das Eis schmilzt. Meine Gattin zeigt sich
von weitem. Meine Feindinn ist versenkt. Alles fngt zu leben an. Noch darf ich
mich nicht sehn lassen, denn allein bin ich nicht Knig. Bitte was du willst. -
Ich brauche, sagte Fabel, Blumen, die im Feuer gewachsen sind. Ich wei, du hast
einen geschickten Grtner, der sie zu ziehen versteht. - Zink, rief der Knig,
gieb uns Blumen. Der Blumengrtner trat aus der Reihe, holte einen Topf voll
Feuer, und sete glnzenden Samenstaub hinein. Es whrte nicht lange, so flogen
die Blumen empor. Fabel sammelte sie in ihre Schrze, und machte sich auf den
Rckweg. Die Spinnen waren fleiig gewesen, und es fehlte nichts mehr, als das
Anheften der Blumen, welches sie sogleich mit vielem Geschmack und Behendigkeit
begannen. Fabel htete sich wohl die Enden abzureien, die noch an den
Weberinnen hingen.
    Sie trug die Kleider den ermdeten Tnzerinnen hin, die triefend von Schwei
umgesunken waren, und sich einige Augenblicke von der ungewohnten Anstrengung
erholten. Mit vieler Geschicklichkeit entkleidete sie die hagern Schnheiten,
die es an Schmhungen der kleinen Dienerin nicht fehlen lieen, und zog ihnen
die neuen Kleider an, die sehr niedlich gemacht waren und vortrefflich paten.
Sie pries whrend dieses Geschftes die Reize und den liebenswrdigen Charakter
ihrer Gebieterinnen, und die Alten schienen ordentlich erfreut ber die
Schmeicheleyen und die Zierlichkeit des Anzuges. Sie hatten sich unterde
erholt, und fingen von neuer Tanzlust beseelt wieder an, sich munter
umherzudrehen, indem sie heimtckisch der Kleinen langes Leben und groe
Belohnungen versprachen. Fabel ging in die Kammer zurck, und sagte zu den
Kreuzspinnen: Ihr knnt nun die Fliegen getrost verzehren, die ich in eure Weben
gebracht habe. Die Spinnen waren so schon ungeduldig ber das hin- und
herreien, da die Enden noch in ihnen waren und die Alten so toll umhersprangen;
sie rannten also hinaus, und fielen ber die Tnzerinnen her; diese wollten sich
mit der Scheere vertheidigen, aber Fabel hatte sie in aller Stille mitgenommen.
Sie unterlagen also ihren hungrigen Handwerksgenossen, die lange keine so
kstlichen Bissen geschmeckt hatten, und sie bis auf das Mark aussaugten. Fabel
sah durch die Felsenkluft hinaus, und erblickte den Perseus mit dem groen
eisernen Schilde. Die Scheere flog von selbst dem Schilde zu, und Fabel bat ihn,
Eros Flgel damit zu verschneiden, und dann mit seinem Schilde die Schwestern zu
verewigen, und das groe Werk zu vollenden.
    Sie verlie nun das unterirdische Reich, und stieg frlich zu Arkturs
Pallaste.
    Der Flachs ist versponnen. Das Leblose ist wieder entseelt. Das Lebendige
wird regieren, und das Leblose bilden und gebrauchen. Das Innere wird offenbart,
und das ure verborgen. Der Vorhang wird sich bald heben, und das Schauspiel
seinen Anfang nehmen. Noch einmal bitte ich, dann spinne ich Tage der Ewigkeit.
- Glckliches Kind, sagte der gerhrte Monarch, du bist unsre Befreyerin. - Ich
bin nichts als Sophiens Pathe, sagte die Kleine. Erlaube da Turmalin, der
Blumengrtner, und Gold mich begleiten. Die Asche meiner Pflegemutter mu ich
sammeln, und der alte Trger mu wieder aufstehn, da die Erde wieder schwebe
und nicht auf dem Chaos liege.
    Der Knig rief allen Dreyen, und befahl ihnen, die Kleine zu begleiten. Die
Stadt war hell, und auf den Straen war ein lebhaftes Verkehr. Das Meer brach
sich brausend an der hohlen Klippe, und Fabel fuhr auf des Knigs Wagen mit
ihren Begleitern hinber. Turmalin sammelte sorgfltig die auffliegende Asche.
Sie gingen rund um die Erde, bis sie an den alten Riesen kamen, an dessen
Schultern sie hinunter klimmten. Er schien vom Schlage gelhmt, und konnte kein
Glied rhren. Gold legte ihm eine Mnze in den Mund, und der Blumengrtner schob
eine Schssel unter seine Lenden. Fabel berhrte ihm die Augen, und go das
Gef auf seiner Stirn aus. So wie das Wasser ber das Auge in den Mund und
herunter ber ihn in die Schssel flo, zuckte ein Blitz des Lebens ihm in allen
Muskeln. Er schlug die Augen auf und hob sich rstig empor. Fabel sprang zu
ihren Begleitern auf die steigende Erde, und bot ihm freundlich guten Morgen.
Bist du wieder da, liebliches Kind? sagte der Alte; habe ich doch immer von dir
getrumt. Ich dachte immer, du wrdest erscheinen, ehe mir die Erde und die
Augen zu schwer wrden. Ich habe wohl lange geschlafen. Die Erde ist wieder
leicht, wie sie es immer den Guten war, sagte Fabel. Die alten Zeiten kehren
zurck. In Kurzem bist du wieder unter alten Bekannten. Ich will dir frliche
Tage spinnen, und an einem Gehlfen soll es auch nicht fehlen, damit du zuweilen
an unsern Freuden Theil nehmen, und im Arm einer Freundinn Jugend und Strke
einathmen kannst. Wo sind unsere alten Gastfreundinnen, die Hesperiden? - An
Sophiens Seite. Bald wird ihr Garten wieder blhen, und die goldne Frucht
duften. Sie gehen umher und sammeln die schmachtenden Pflanzen.
    Fabel entfernte sich, und eilte dem Hause zu. Es war zu vlligen Ruinen
geworden. Epheu umzog die Mauern. Hohe Bsche beschatteten den ehmaligen Hof,
und weiches Moos polsterte die alten Stiegen. Sie trat ins Zimmer. Sophie stand
am Altar, der wieder aufgebaut war. Eros lag zu ihren Fen in voller Rstung,
ernster und edler als jemals. Ein prchtiger Kronleuchter hing von der Decke.
Mit bunten Steinen war der Fuboden ausgelegt, und zeigte einen groen Kreis um
den Altar her, der aus lauter edlen bedeutungsvollen Figuren bestand. Ginnistan
bog sich ber ein Ruhebett, worauf der Vater in tiefem Schlummer zu liegen
schien, und weinte. Ihre blhende Anmuth war durch einen Zug von Andacht und
Liebe unendlich erhht. Fabel reichte die Urne, worin die Asche gesammelt war,
der heiligen Sophie, die sie zrtlich umarmte.
    Liebliches Kind, sagte sie, dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz
unter den ewigen Sternen erworben. Du hast das Unsterbliche in dir gewhlt. Der
Phnix gehrt dir. Du wirst die Seele unsers Lebens seyn. Jetzt wecke den
Brutigam auf. Der Herold ruft, und Eros soll Freya suchen und aufwecken.
    Fabel freute sich unbeschreiblich bey diesen Worten. Sie rief ihren
Begleitern Gold und Zink, und nahte sich dem Ruhebette. Ginnistan sah
erwartungsvoll ihrem Beginnen zu. Gold schmolz die Mnze und fllte das
Behltni, worin der Vater lag, mit einer glnzenden Flut. Zink schlang um
Ginnistans Busen eine Kette. Der Krper schwamm auf den zitternden Wellen. Bcke
dich, liebe Mutter, sagte Fabel, und lege die Hand auf das Herz des Geliebten.
    Ginnistan bckte sich. Sie sah ihr vielfaches Bild. Die Kette berhrte die
Flut, ihre Hand sein Herz; er erwachte und zog die entzckte Braut an seine
Brust. Das Metall gerann, und ward ein heller Spiegel. Der Vater erhob sich,
seine Augen blitzten, und so schn und bedeutend auch seine Gestalt war, so
schien doch sein ganzer Krper eine feine unendlich bewegliche Flssigkeit zu
seyn, die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reitzendsten Bewegungen
verrieth.
    Das glckliche Paar nherte sich Sophien, die Worte der Weihe ber sie
aussprach, und sie ermahnte, den Spiegel fleiig zu Rathe zu ziehn, der alles in
seiner wahren Gestalt zurckwerfe, jedes Blendwerk vernichte, und ewig das
ursprngliche Bild festhalte. Sie ergriff nun die Urne und schttete die Asche
in die Schaale auf dem Altar. Ein sanftes Brausen verkndigte die Auflsung, und
ein leiser Wind wehte in den Gewndern und Locken der Umstehenden.
    Sophie reichte die Schaale dem Eros und dieser den Andern. Alle kosteten den
gttlichen Trank, und vernahmen die freundliche Begrung der Mutter in ihrem
Innern, mit unsglicher Freude. Sie war jedem gegenwrtig, und ihre
geheimnivolle Anwesenheit schien alle zu verklren.
    Die Erwartung war erfllt und bertroffen. Alle merkten, was ihnen gefehlt
habe, und das Zimmer war ein Aufenthalt der Seligen geworden. Sophie sagte: das
groe Geheimni ist allen offenbart, und bleibt ewig unergrndlich. Aus
Schmerzen wird die neue Welt geboren, und in Thrnen wird die Asche zum Trank
des ewigen Lebens aufgelst. In jedem wohnt die himmlische Mutter, um jedes Kind
ewig zu gebren. Fhlt ihr die se Geburt im Klopfen eurer Brust?
    Sie go in den Altar den Rest aus der Schaale hinunter. Die Erde bebte in
ihren Tiefen. Sophie sagte: Eros, eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten.
Bald seht ihr mich wieder.
    Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg. Es war ein
mchtiger Frhling ber die Erde verbreitet. Alles hob und regte sich. Die Erde
schwebte nher unter dem Schleyer. Der Mond und die Wolken zogen mit frlichem
Getmmel nach Norden. Die Knigsburg strahlte mit herrlichem Glanze ber das
Meer, und auf ihren Zinnen stand der Knig in voller Pracht mit seinem Gefolge.
berall erblickten sie Staubwirbel, in denen sich bekannte Gestalten zu bilden
schienen. Sie begegneten zahlreichen Schaaren von Jnglingen und Mdchen, die
nach der Burg strmten, und sie mit Jauchzen bewillkommten. Auf manchen Hgeln
sa ein glckliches eben erwachtes Paar in lang' entbehrter Umarmung, hielt die
neue Welt fr einen Traum, und konnte nicht aufhren, sich von der schnen
Wahrheit zu berzeugen.
    Die Blumen und Bume wuchsen und grnten mit Macht. Alles schien beseelt.
Alles sprach und sang. Fabel grte berall alte Bekannte. Die Thiere nahten
sich mit freundlichen Gren den erwachten Menschen. Die Pflanzen bewirtheten
sie mit Frchten und Dften, und schmckten sie auf das Zierlichste. Kein Stein
lag mehr auf einer Menschenbrust, und alle Lasten waren in sich selbst zu einem
festen Fuboden zusammengesunken. Sie kamen an das Meer. Ein Fahrzeug von
geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden. Sie traten hinein und lsten das
Tau. Die Spitze richtete sich nach Norden, und das Fahrzeug durchschnitt, wie im
Fluge, die buhlenden Wellen. Lispelndes Schilf hielt seinen Ungestm auf, und es
stie leise an das Ufer. Sie eilten die breiten Treppen hinan. Die Liebe
wunderte sich ber die knigliche Stadt und ihre Reichthmer. Im Hofe sprang der
lebendiggewordne Quell, der Hain bewegte sich mit den sesten Tnen, und ein
wunderbares Leben schien in seinen heien Stmmen und Blttern, in seinen
funkelnden Blumen und Frchten zu quellen und zu treiben. Der alte Held empfing
sie an den Thoren des Pallastes. Ehrwrdiger Alter, sagte Fabel, Eros bedarf
dein Schwerdt. Gold hat ihm eine Kette gegeben, die mit einem Ende in das Meer
hinunter reicht, und mit dem andern um seine Brust geschlungen ist. Fasse sie
mit mir an, und fhre uns in den Saal, wo die Prinzessin ruht. Eros nahm aus der
Hand des Alten das Schwerdt, setzte den Knopf auf seine Brust, und neigte die
Spitze vorwrts. Die Flgelthren des Saals flogen auf, und Eros nahte sich
entzckt der schlummernden Freya. Pltzlich geschah ein gewaltiger Schlag. Ein
heller Funken fuhr von der Prinzessin nach dem Schwerdte; das Schwerdt und die
Kette leuchteten, der Held hielt die kleine Fabel, die beynah umgesunken wre.
Eros Helmbusch wallte empor, Wirf das Schwerdt weg, rief Fabel, und erwecke
deine Geliebte. Eros lie das Schwerdt fallen, flog auf die Prinzessin zu, und
kte feurig ihre sen Lippen. Sie schlug ihre groen dunkeln Augen auf, und
erkannte den Geliebten. Ein langer Ku versiegelte den ewigen Bund.
    Von der Kuppel herunter kam der Knig mit Sophien an der Hand. Die Gestirne
und die Geister der Natur folgten in glnzenden Reihen. Ein unaussprechlich
heitrer Tag erfllte den Saal, den Pallast, die Stadt, und den Himmel. Eine
zahllose Menge ergo sich in den weiten kniglichen Saal, und sah mit stiller
Andacht die Liebenden vor dem Knige und der Kniginn knieen, die sie feyerlich
segneten. Der Knig nahm sein Diadem vom Haupte, und band es um Eros goldene
Locken. Der alte Held zog ihm die Rstung ab, und der Knig warf seinen Mantel
um ihn her. Dann gab er ihm die Lilie in die linke Hand, und Sophie knpfte ein
kstliches Armband um die verschlungenen Hnde der Liebenden, indem sie zugleich
ihre Krone auf Freyas braune Haare setzte.
    Heil unsern alten Beherrschern, rief das Volk. Sie haben immer unter uns
gewohnt, und wir haben sie nicht erkannt! Heil uns! Sie werden uns ewig
beherrschen! Segnet uns auch! Sophie sagte zu der neuen Kniginn: Wirf du das
Armband eures Bundes in die Luft, da das Volk und die Welt euch verbunden
bleiben. Das Armband zerflo in der Luft, und bald sah man lichte Ringe um jedes
Haupt, und ein glnzendes Band zog sich ber die Stadt und das Meer und die
Erde, die ein ewiges Fest des Frhlings feyerte. Perseus trat herein, und trug
eine Spindel und ein Krbchen. Er brachte dem neuen Knige das Krbchen. Hier,
sagte er, sind die Reste deiner Feinde. Eine steinerne Platte mit schwarzen und
weien Feldern lag darin, und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und
schwarzem Marmor. Es ist ein Schachspiel, sagte Sophie; aller Krieg ist auf
diese Platte und in diese Figuren gebannt. Es ist ein Denkmal der alten trben
Zeit. Perseus wandte sich zu Fabeln, und gab ihr die Spindel. In deinen Hnden
wird diese Spindel uns ewig erfreuen, und aus dir selbst wirst du uns einen
goldnen unzerreilichen Faden spinnen. Der Phnix flog mit melodischem Gerusch
zu ihren Fen, spreizte seine Fittiche vor ihr aus, auf die sie sich setzte,
und schwebte mit ihr ber den Thron, ohne sich wieder niederzulassen. Sie sang
ein himmlisches Lied, und fing zu spinnen an, indem der Faden aus ihrer Brust
sich hervorzuwinden schien. Das Volk gerieth in neues Entzcken, und aller Augen
hingen an dem lieblichen Kinde. Ein neues Jauchzen kam von der Thr her. Der
alte Mond kam mit seinem wunderlichen Hofstaat herein, und hinter ihm trug das
Volk Ginnistan und ihren Brutigam, wie im Triumph, einher.
    Sie waren mit Blumenkrnzen umwunden; die knigliche Familie empfing sie mit
der herzlichsten Zrtlichkeit, und das neue Knigspaar rief sie zu seinen
Statthaltern auf Erden aus.
    Gnnet mir, sagte der Mond, das Reich der Parzen, dessen seltsame Gebude
eben auf dem Hofe des Pallastes aus der Erde gestiegen sind. Ich will euch mit
Schauspielen darin ergtzen, wozu die kleine Fabel mir behlflich seyn wird.
    Der Knig willigte in die Bitte, die kleine Fabel nickte freundlich, und das
Volk freute sich auf den seltsamen unterhaltenden Zeitvertreib. Die Hesperiden
lieen zur Thronbesteigung Glck wnschen, und um Schutz in ihren Grten bitten.
Der Knig lie sie bewillkommen, und so folgten sich unzhlige frliche
Bothschaften. Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron verwandelt, und war
ein prchtiges Hochzeitbett geworden, ber dessen Himmel der Phnix mit der
kleinen Fabel schwebte. Drey Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten,
und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt. Der Knig umarmte seine
errthende Geliebte, und das Volk folgte dem Beyspiel des Knigs, und liebkoste
sich unter einander. Man hrte nichts, als zrtliche Namen und ein Kugeflster.
Endlich sagte Sophie: Die Mutter ist unter uns, ihre Gegenwart wird uns ewig
beglcken. Folgt uns in unsere Wohnung, in dem Tempel dort werden wir ewig
wohnen, und das Geheimni der Welt bewahren. Die Fabel spann msig, und sang mit
lauter Stimme:

Gegrndet ist das Reich der Ewigkeit,
In Lieb' und Frieden endigt sich der Streit,
Vorber ging der lange Traum der Schmerzen,
Sophie ist ewig Priesterin der Herzen.


                          Zweiter Theil: Die Erfllung

                          Das Kloster, oder der Vorhof

                                    Astralis

An einen Sommermorgen ward ich jung
Da fhlt ich meines eignen Lebens Puls
Zum erstenmal - und wie die Liebe sich
In tiefere Entzckungen verlohr,
Erwacht' ich immer mehr und das Verlangen
Nach innigerer gnzlicher Vermischung
Ward dringender mit jedem Augenblick.
Wollust ist meines Daseyns Zeugungskraft.
Ich bin der Mittelpunkt, der heilge Quell,
Aus welchem jede Sehnsucht strmisch fliet
Wohin sich jede Sehnsucht, mannichfach
Gebrochen wieder still zusammen zieht.
Ihr kennt mich nicht und saht mich werden -
Wart ihr nicht Zeugen, wie ich noch
Nachtwandler mich zum ersten Male traf
An jenem frohen Abend? Flog euch nicht
Ein ser Schauer der Entzndung an? -
Versunken lag ich ganz in Honigkelchen.
Ich duftete, die Blume schwankte still
In goldner Morgenluft. Ein innres Quellen
War ich, ein sanftes Ringen, alles flo
Durch mich und ber mich und hob mich leise.
Da sank das erste Stubchen in die Narbe,
Denkt an den Ku nach aufgehobnen Tisch.
Ich quoll in meine eigne Fluth zurck -
Es war ein Blitz - nun konnt ich schon mich regen,
Die zarten Fden und den Kelch bewegen,
Schnell schossen, wie ich selber mich begann,
Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an.
Noch war ich blind, doch schwankten lichte Sterne
Durch meines Wesens wunderbare Ferne,
Nichts war noch nah, ich fand mich nur von weiten,
Ein Anklang alter, so wie knftger Zeiten.
Aus Wehmuth, Lieb' und Ahndungen entsprungen
War der Besinnung Wachsthum nur ein Flug,
Und wie die Wollust Flammen in mir schlug,
Ward ich zugleich vom hchsten Weh durchdrungen.
Die Welt lag blhend um den hellen Hgel,
Die Worte des Profeten wurden Flgel,
Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Mathilde
Vereinten Beide sich zu Einem Bilde. -
Ich hob mich nun gen Himmel neugebohren,
Vollendet war das irrdische Geschick
Im seligen Verklrungsaugenblick,
Es hatte nun die Zeit ihr Recht verlohren
Und forderte, was sie geliehn, zurck.

Es bricht die neue Welt herein
Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein[,]
Man sieht nun aus bemooten Trmmern
Eine wunderseltsame Zukunft schimmern
Und was vordem alltglich war
Scheint jetzo fremd und wunderbar.
Eins in allem und alles im Einen
Gottes Bild auf Krutern und Steinen
Gottes Geist in Menschen und Thieren,
Dies mu man sich zu Gemthe fhren.
Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit
Hier Zukunft in der Vergangenheit[.]
Der Liebe Reich ist aufgethan
Die Fabel fngt zu spinnen an.
Das Urspiel jeder Natur beginnt
Auf krftige Worte jedes sinnt
Und so das groe Weltgemth
berall sich regt und unendlich blht.
Alles mu in einander greifen
Eins durch das Andre gedeihn und reifen;
Jedes in Allen dar sich stellt
Indem es sich mit ihnen vermischet
Und gierig in ihre Tiefen fllt
Sein eigenthmliches Wesen erfrischet
Und tausend neue Gedanken erhlt.
Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt
Und was man geglaubt, es sey geschehn
Kann man von weiten erst kommen sehn.
Frey soll die Fantasie erst schalten,
Nach ihrem Gefallen die Fden verweben
Hier manches verschleyern, dort manches entfalten,
Und endlich in magischen Dunst verschweben.
Wehmuth und Wollust, Tod und Leben
Sind hier in innigster Sympathie -
Wer sich der hchsten Lieb' ergeben,
Genest von ihren Wunden nie.
Schmerzhaft mu jenes Band zerreien
Was sich ums innre Auge zieht,
Einmal das treuste Herz verwaisen,
Eh es der trben Welt entflieht.
Der Leib wird aufgelst in Thrnen,
Zum weiten Grabe wird die Welt,
In das, verzehrt von bangen Sehnen,
Das Herz, als Asche, niederfllt.

Auf dem schmalen Fusteige, der ins Gebrg hinauflief, gieng ein Pilgrimm in
tiefen Gedanken. Mittag war vorbey. Ein starker Wind sauste durch die blaue
Luft. Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verlohren sich, wie sie kamen. War
er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen? Oder durch andre redende
Lnder? Es waren Stimmen, deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien
sie der Pilgrimm nicht zu kennen. Er hatte nun das Gebrg erreicht, wo er das
Ziel seiner Reise zu finden hoffte - hoffte? - Er hoffte gar nichts mehr. Die
entsetzliche Angst und dann die trockne Klte der gleichgltigsten Verzweiflung
trieben ihn die wilden Schrecknisse des Gebrgs aufzusuchen. Der mhselige Gang
beruhigte das zerstrende Spiel der innern Gewalten. Er war matt aber still.
Noch sah er nichts was um ihn her sich allmlich gehuft hatte, als er sich auf
einen Stein setzte, und den Blick rckwrts wandte. Es dnkte ihm, als trume er
jezt oder habe er getrumt. Eine unbersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm
aufzuthun. Bald flossen seine Thrnen, indem sein Innres pltzlich brach. Er
wollte sich in die Ferne verweinen, da auch keine Spur seines Daseyns brig
bliebe. Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen; die
weiche, heitre Luft durchdrang ihn, seinen Sinnen ward die Welt wieder
gegenwrtig und alte Gedanken fiengen trstlich zu reden an.

Dort lag Augsburg mit seinen Thrmen. Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel
des furchtbaren, geheimnivollen Stroms. Der ungeheure Wald bog sich mit
trstlichen Ernst zu dem Wanderer - das gezackte Gebrg ruhte so bedeutend ber
der Ebene und beyde schienen zu sagen: Eile nur Strom, du entfliehst uns nicht -
Ich will dir folgen mit geflgelten Schiffen. Ich will dich brechen und halten
und dich verschlucken in meinen Schoos. Vertraue du uns Pilgrimm, es ist auch
unser Feind, den wir selbst erzeugten - La ihn eilen mit seinem Raub, er
entflieht uns nicht.

Der arme Pilgrimm gedachte der alten Zeiten, und ihrer unsglichen Entzckungen
- Aber wie matt gingen diese kstlichen Errinnerungen vorber. Der breite Hut
verdeckte ein jugendliches Gesicht. Es war bleich, wie eine Nachtblume. In
Thrnen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens, in tiefe Seufzer sein
schwellender Hauch verwandelt. In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben
verschossen.

Seitwrts am Gehnge schien ihm ein Mnch unter einem alten Eichbaum zu knieen.
Sollte das der alte Hofkaplan seyn? so dachte er bey sich ohne groe
Verwunderung. Der Mnch kam ihm grer und ungestalter vor, je nher er zu ihm
trat. Er bemerkte nun seinen Irrthum, denn es war ein einzelner Felsen, ber den
sich der Baum herbog. Stillgerhrt fate er den Stein in seine Arme, und drckte
ihn lautweinend an seine Brust: Ach, da doch jezt deine Reden sich bewhrten
und die heilge Mutter ein Zeichen an mir thte. Bin ich doch so ganz elend und
verlassen. Wohnt in meiner Wste kein Heiliger, der mir sein Gebet liehe? Bete
du, theurer Vater, jezt in diesem Augenblick fr mich.
    Wie er so bey sich dachte fieng der Baum an zu zittern. Dumpf drhnte der
Felsen und wie aus tiefer, unterirrdischer Ferne erhoben sich einige klare
Stimmchen und sangen:

Ihr Herz war voller Freuden
Von Freuden sie nur wut
Sie wut von keinem Leiden
Druckts Kindelein an ihr' Brust.
Sie kt ihm seine Wangen
Sie kt es mannichfalt,
Mit Liebe ward sie umfangen
Durch Kindleins schne Gestalt.

Die Stimmchen schienen mit unendlicher Lust zu singen. Sie wiederholten den Vers
einigemal. Es ward alles wieder ruhig und nun hrte der erstaunte Pilger, da
jemand aus dem Baume sagte:
    Wenn du ein Lied zu meinen Ehren auf deiner Laute spielen wirst, so wird ein
armes Mdchen herfrkommen. Nimm sie mit und la sie nicht von dir. Gedenke
meiner, wenn du zum Kayser kommst. Ich habe mir diese Sttte ausersehn um mit
meinem Kindlein hier zu wohnen. La mir ein starkes, warmes Haus hier bauen.
Mein Kindlein hat den Tod berwunden. Hrme dich nicht - Ich bin bey dir. Du
wirst noch eine Weile auf Erden bleiben, aber das Mdchen wird dich trsten, bis
du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst. Es ist Mathildens Stimme, rief
der Pilger, und fiel auf seine Kniee, um zu beten. Da drang durch die Aeste ein
langer Strahl zu seinen Augen und er sah durch den Strahl in eine ferne, kleine,
wundersame Herrlichkeit hinein, welche nicht zu beschreiben, noch kunstreich mit
Farben nachzubilden mglich gewesen wre. Es waren beraus feine Figuren und die
innigste Lust und Freude, ja eine himmlische Glckseligkeit war darinn berall
zu schauen, sogar da die leblosen Gefe, das Sulwerk, die Teppiche,
Zierrathen, kurzum alles was zu sehn war nicht gemacht, sondern, wie ein
vollsaftiges Kraut, aus eigner Lustbegierde also gewachsen und zusammengekommen
zu seyn schien. Es waren die schnsten menschlichen Gestalten, die dazwischen
umhergiengen und sich ber die Maaen freundlich und holdselig gegen einander
erzeigten. Ganz vorn stand die Geliebte des Pilgers und hatt' es das Ansehn, als
wolle sie mit ihm sprechen. Doch war nichts zu hren und betrachtete der Pilger
nur mit tiefer Sehnsucht ihre anmuthigen Zge und wie sie so freundlich und
lchelnd ihm zuwinkte, und die Hand auf ihre linke Brust legte. Der Anblick war
unendlich trstend und erquickend und der Pilger lag noch lang in seliger
Entzckung, als die Erscheinung wieder hinweggenommen war. Der heilige Strahl
hatte alle Schmerzen und Bekmmernisse aus seinem Herzen gesogen, so da sein
Gemth wieder rein und leicht und sein Geist wieder frey und frhlich war, wie
vordem. Nichts war briggeblieben, als ein stilles inniges Sehnen und ein
wehmthiger Klang im Aller Innersten. Aber die wilden Qualen der Einsamkeit, die
herbe Pein eines unsglichen Verlustes, die trbe, entsezliche Leere, die
irrdische Ohnmacht war gewichen, und der Pigrimm sah sich wieder in einer
vollen, bedeutsamen Welt. Stimme und Sprache waren wieder lebendig bey ihm
geworden und es dnkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender, als
ehemals, so da ihm der Tod, wie eine hhere Offenbarung des Lebens, erschien,
und er sein eignes, schnellvorbergehendes Daseyn mit kindlicher, heitrer
Rhrung betrachtete. Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berhrt und
einen innigen Verein geschlossen. Er stand weit auer der Gegenwart und die Welt
ward ihm erst theuer, wie er sie verlohren hatte, und sich nur als Fremdling in
ihr fand, der ihre weiten, bunten Sle noch eine kurze Weile durchwandern
sollte. Es war Abend geworden, und die Erde lag vor ihm, wie ein altes, liebes
Wohnhaus, was er nach langer Entfernung verlassen wiederfnde. Tausend
Errinnerungen wurden ihm gegenwrtig. Jeder Stein, jeder Baum, jede Anhhe
wollte wiedergekannt seyn. Jedes war das Merkmal einer alten Geschichte.
    Der Pilger ergriff seine Laute und sang:

                                       1

Liebeszhren, Liebesflammen
Fliet zusammen;
Heiligt diese Wundersttten,
Wo der Himmel mir erschienen,
Schwrmt um diesen Baum wie Bienen
In unzhligen Gebeten.

                                       2

Er hat froh sie aufgenommen
Als sie kommen,
Sie geschzt vor Ungewittern;
Sie wird einst in ihrem Garten
Ihn begieen und ihn warten,
Wunder thun mit seinen Splittern.

                                       3

Auch der Felsen ist gesunken
Freudentrunken
Zu der selgen Mutter Fen.
Ist die Andacht auch in Steinen
Sollte da der Mensch nicht weinen
Und sein Blut fr sie vergieen?

                                       4

Die Bedrngten mssen ziehen
Und hier knieen,
Alle werden hier genesen.
Keiner wird fortan noch klagen
Alle werden frhlich sagen:
Einst sind wir betrbt gewesen.

                                       5

Ernste Mauern werden stehen
Auf den Hhen.
In den Thlern wird man rufen
Wenn die schwersten Zeiten kommen,
Keinem sey das Herz beklommen,
Nur hinan zu jenen Stufen.

                                       6

Gottes Mutter und Geliebte
Der Betrbte
Wandelt nun verklrt von hinnen.
Ewge Gte, ewge Milde,
O! ich wei du bist Mathilde
Und das Ziel von meinen Sinnen.

                                       7

Ohne mein verwegnes Fragen
Wirst mir sagen,
Wenn ich zu dir soll gelangen.
Gern will ich in tausend Weisen
Noch der Erde Wunder preisen,
Bis du kommst mich zu umfangen.

                                       8

Alte Wunder, knftige Zeiten
Seltsamkeiten,
Weichet nie aus meinem Herzen.
Unvergelich sey die Stelle,
Wo des Lichtes heilge Quelle
Weggesplt den Traum der Schmerzen.

Unter seinem Gesang war er nichts gewahr worden. Wie er aber aufsah, stand ein
junges Mdchen nah bey ihm am Felsen, die ihn freundlich, wie einen alten
Bekannten, grte und ihn einlud mit zu ihrer Wohnung zu gehn, wo sie ihm schon
ein Abendessen zubereitet habe. Er schlo sie zrtlich in seinen Arm. Ihr ganzes
Wesen und Thun war ihm befreundet. Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu
verziehn, trat unter den Baum, sah mit einem unaussprechlichen Lcheln hinauf
und schttete aus ihrer Schrze viele Rosen auf das Gras. Sie kniete still
daneben, stand aber bald wieder auf und fhrte den Pilger fort. Wer hat dir von
mir gesagt, frug der Pilgrimm. Unsre Mutter. Wer ist deine Mutter? Die Mutter
Gottes. Seit wann bist du hier? Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin? Warst du
schon einmal gestorben? Wie knnt' ich denn leben? Lebst du hier ganz allein?
Ein alter Mann ist zu Hause, doch kenn ich noch viele die gelebt haben. Hast du
Lust, bey mir zu bleiben? Ich habe dich ja lieb. Woher kennst du mich? O! von
alten Zeiten; auch erzhlte mir meine ehmalige Mutter zeither immer von dir?
Hast du noch eine Mutter? Ja, aber es ist eigentlich dieselbe. Wie hie sie?
Maria. Wer war dein Vater? Der Graf von Hohenzollern. Den kenn' ich auch. Wohl
mut du ihn kennen, denn er ist auch dein Vater. Ich habe ja meinen Vater in
Eysenach? Du hast mehr Eltern. Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.
    Sie waren jezt auf einen gerumigen Platz im Holze gekommen, auf welchen
einige verfallne Thrme hinter tiefen Grben standen. Junges Gebsch schlang
sich um die alten Mauern, wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines
Greises. Man sah in die Unermelichkeit der Zeiten, und erblickte die weitesten
Geschichten in kleine glnzende Minuten zusammengezogen, wenn man die grauen
Steine, die blitzhnlichen Risse, und die hohen, schaurigen Gestalten
betrachtete. So zeigt uns der Himmel unendliche Rume in dunkles Blau gekleidet
und wie milchfarbne Schimmer, so unschuldig, wie die Wangen eines Kindes, die
fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten. Sie giengen durch ein altes
Thorweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt, als er sich nun von lauter
seltenen Gewchsen umringt und die Reitze des anmuthigsten Gartens unter diesen
Trmmern versteckt sah. Ein kleines steinernes Huschen von neuer Bauart mit
groen hellen Fenstern lag dahinter. Dort stand ein alter Mann hinter den
breitblttrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stbchen. Den Pilgrimm
fhrte seine Begleiterinn zu ihm und sagte: Hier ist Heinrich nach den du mich
oft gefragt hast.
    Wie sich der Alte zu ihm wandte, glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu
sehn. Du siehst den Arzt Sylvester, sagte das Mdchen. Sylvester freute sich ihn
zu sehn, und sprach: Es ist eine geraume Zeit her, da ich deinen Vater eben so
jung bey mir sah. Ich lie es mir damals angelegen seyn, ihn mit den Schtzen
der Vorwelt, mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu frh abgeschiedenen
Welt bekannt zu machen. Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines groen
Bildknstlers. Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge, ein schaffendes
Werckzeug zu werden. Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden
Fleis. Aber die gegenwrtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bey ihm
geschlagen. Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur.
Die trbe Strenge seines vaterlndischen Himmels hatte die zarten Spitzen der
edelsten Pflanze in ihn verdorben. Er ward ein geschickter Handwerker und die
Begeisterung ist ihm zur Thorheit geworden. Wohl, versezte Heinrich, hab ich in
ihm oft mit Schmerzen einen stillen Mimuth bemerkt. Er arbeitet unaufhrlich
aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust. Es scheint ihm etwas zu fehlen, was
die friedliche Stille seines Lebens, die Bequemlichkeiten seines Auskommens, die
Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitbrgern zu sehn und in allen
Stadtangelegenheiten zu Rathe gezogen zu werden, ihm nicht ersetzen kann. Seine
Bekannten halten ihn fr sehr glcklich, aber sie wissen nicht, wie lebenssatt
er ist, wie leer ihm oft die Welt vorkommt, wie sehnlich er sich hinwegwnscht,
und wie er nicht aus Erwerblust, sondern um diese Stimmung zu verscheuchen, so
fleiig arbeitet.
    Was mich am Meisten wundert, versezte Sylvester, da er eure Erziehung ganz
in den Hnden eurer Mutter gelassen hat und sorgfltig sich gehtet in eure
Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten Stande
anzuhalten. Ihr habt von Glck zu sagen, da ihr habt aufwachsen drfen, ohne
von euren Eltern die mindeste Beschrnkung zu leiden, denn die Meisten Menschen
sind nur berbleibsel eine[s] vollen Gastmahls, das Menschen von verschiednen
Appetit und Geschmack geplndert haben.
    Ich weis selbst nicht, erwiederte Heinrich, was Erziehung heit, wenn es
nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist, oder der Unterricht
meines Lehrers des Hofkaplans. Mein Vater scheint mir, bey aller seiner khlen
und durchaus festen Denkungsart, die ihn alle Verhltnisse, wie ein Stck Metall
und eine knstliche Arbeit ansehn lt, doch unwillkhrlich und ohne es daher
selbst zu wissen, eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen
unbegreiflichen und hhern Erscheinungen zu haben, und daher das Aufblhen eines
Kindes mit demthiger Selbstverleugnung zu betrachten. Ein Geist ist hier
geschftig, der frisch aus der unendlichen Quelle kommt und dieses Gefhl der
berlegenheit eines Kindes in den allerhchsten Dingen[,] der unwiderstehliche
Gedanke einer nhern Fhrung dieses unschuldigen Wesens, das jezt im Begriff
steht eine so bedenkliche Laufbahn anzutreten, bey seinen nhern Schritten, das
Geprge einer wunderbaren Welt, was noch keine irrdische Flut unkenntlich
gemacht hat, und endlich die Sympathie der Selbst Errinnerung jener fabelhaften
Zeiten, wo die Welt uns heller, freundlicher und seltsamer dnkte und der Geist
der Weissagung fast sichtbar uns begleitete, alles dies hat meinem Vater gewi
zu der andchtigsten und bescheidensten Behandlung vermocht.
    La uns hieher auf die Rasenbank unter die Blumen setzen, unterbrach ihn der
Alte. Zyane wird uns rufen, wenn unser Abendessen bereit ist, und wenn ich euch
bitten darf, so fahrt fort mir von eurem frhern Leben etwas zu erzhlen. Wir
Alten hren am liebsten von den Kinderjahren reden, und es dnkt mich, als liet
ihr mich den Duft einer Blume einziehn, den ich seit meiner Kindheit nicht
wieder eingeathmet htte. Nur sagt mir noch vorher, wie euch meine Einsiedeley
und mein Garten gefllt, denn diese Blumen sind meine Freundinnen. Mein Herz ist
in diesen Garten. Ihr seht nichts, was mich nicht liebt, und von mir nicht
zrtlich geliebt wird. Ich bin hier mitten unter meinen Kindern und komme mir
vor, wie ein alter Baum, aus dessen Wurzeln diese muntre Jugend ausgeschlagen
sey.
    Glcklicher Vater, sagte Heinrich, euer Garten ist die Welt. Ruinen sind die
Mtter dieser blhenden Kinder. Die bunte, lebendige Schpfung zieht ihre
Nahrung aus den Trmmern vergangner Zeiten. Aber mute die Mutter sterben, da
die Kinder gedeihen knnen, und bleibt der Vater zu ewigen Thrnen allein an
ihrem Grabe sitzen?
    Sylvester reichte dem schluchzenden Jnglinge die Hand, und stand auf, um
ihm ein eben aufgeblhtes Vergimeinnicht zu holen, das er an einem
Zypressenzweig band und ihm brachte. Wunderlich rhrte der Abendwind die Wipfel
der Kiefern, die jenseits den Ruinen standen. Ihr dumpfes Brausen tnte herber.
Heinrich verbarg sein Gesicht in Thrnen an dem Halse des guten Sylvester, und
wie er sich wieder erhob, trat eben der Abendstern in voller Glorie ber den
Wald herber.
    Nach einiger Stille fieng Sylvester an: Ich mcht euch wohl in Eysenach
unter euren Gespielen gesehn haben. Eure Eltern, die vortreffliche Landgrfin,
die biedern Nachbarn eures Vaters, und der alte Hofkaplan machen eine schne
Gesellschaft aus. Ihre Gesprche mssen frhzeitig auf euch gewrkt haben,
besonders da ihr das einzige Kind wart. Auch stell ich mir die Gegend uerst
anmuthig und bedeutsam vor.
    Ich lerne, versezte Heinrich, meine Gegend erst recht kennen, seit ich weg
bin und viele andre Gegenden gesehn habe. Jede Pflanze, jeder Baum, jeder Hgel
und Berg hat seinen besondern Gesichtskreis, seine eigenthmliche Gegend. Sie
gehrt zu ihm und sein Bau, seine ganze Beschaffenheit wird durch sie erklrt.
Nur das Thier und der Mensch knnen zu allen Gegenden kommen; Alle Gegenden sind
die Ihrigen. So machen alle zusammen eine groe Weltgegend, einen unendlichen
Gesichtskreis aus, dessen Einflu auf den Menschen und das Thier eben so
sichtbar ist, wie der Einflu der engern Umgebung auf die Pflanze. Daher
Menschen, die viel gereit sind, Zugvgel und Raubthiere, unter den brigen sich
durch besondern Verstand und andre wunderbare Gaben und Arten auszeichnen. Doch
giebt es auch gewi mehr oder weniger Fhigkeit unter ihnen, von diesen
Weltkreisen und ihrem mannichfaltigen Inhalt und Ordnung gerhrt, und gebildet
zu werden. Auch fehlt bey den Menschen wohl manchen die nthige Aufmerksamkeit
und Gelassenheit, um den Wechsel der Gegenstnde und ihre Zusammenstellung erst
gehrig zu betrachten, und dann darber nachzudenken und die nthigen
Vergleichungen anzustellen. Oft fhl ich jezt, wie mein Vaterland meine frhsten
Gedanken mit unvergnglichen Farben angehaucht hat, und sein Bild eine seltsame
Andeutung meines Gemths geworden ist, die ich immer mehr errathe, je tiefer ich
einsehe, da Schicksal und Gemth Namen Eines Begriffs sind. Auf mich, sagte
Sylvester, hat freylich die lebendige Natur, die regsame berkleidung der Gegend
immer am meisten gewirkt. Ich bin nicht mde geworden besonders die verschiedene
Pflanzennatur auf das sorgfltigste zu betrachten. Die Gewchse sind so die
unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist
irgend ein Geheimni, was sich hervordrngt und das, weil es sich vor Liebe und
Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze
wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als wre
alles umher verklrt und hielten sich die kleinen befiederten Tne am liebsten
in ihrer Nhe auf. Man mchte fr Freuden weinen, und abgesondert von der Welt
nur seine Hnde und Fe in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie
diese glckliche Nachbarschaft zu verlassen. ber die ganze trockne Welt ist
dieser grne, geheimnivolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Frhjahr wird
er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der
Blumenstraus des Orients. Ewig wird er lesen und ich nicht satt lesen und
tglich neue Bedeutungen, neue entzckendere Offenbarungen der liebenden Natur
gewahr werden. Dieser unendliche Genu ist der geheime Reitz, den die Begehung
der Erdflche fr mich hat, indem mir jede Gegend andre Rthsel lst, und mich
immer mehr errathen lt, woher der Weg komme und wohin er gehe.
    Ja, sagte Heinrich, wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden, und von
der Erziehung, weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung
der Kindheit, die unschuldige Blumenwelt, unmercklich in unser Gedchtni und
auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte. Mein Vater ist
auch ein groer Freund des Gartenlebens und die glcklichsten Stunden seines
Lebens bringt er unter den Blumen zu. Dies hat auch gewi seinen Sinn fr die
Kinder so offen erhalten, da Blumen die Ebenbilder der Kinder sind. Den vollen
Reichthum des unendlichen Lebens, die gewaltigen Mchte der sptern Zeit, die
Herrlichkeit des Weltendes und die goldne Zukunft aller Dinge sehn wir hier noch
innig in einander geschlungen, aber doch auf das deutlichste und klarste in
zarter Verjngung. Schon treibt die allmchtige Liebe, aber sie zndet noch
nicht. Es ist keine verzehrende Flamme; es ist ein zerrinnender Duft und so
innig die Vereinigung der zrtlichen Seelen auch ist, so ist sie doch von keiner
Heftigen Bewegung und [k]einer fressenden Wuth begleitet, wie bey den Thieren.
So ist die Kindheit in der Tiefe zunchst an der Erde, da hingegen die Wolken
vielleicht die Erscheinungen der zweyten, hhern Kindheit, des wiedergefundnen
Paradieses sind, und darum so wolthtig auf die Erstere herunterthauen.
    Es ist gewi etwas sehr geheimnivolles in den Wolken, sagte Sylvester und
eine gewisse Bewlkung hat oft einen ganz wunderbaren Einflu auf uns. Sie ziehn
und wollen uns mit ihrem khlen Schatten auf und davon nehmen und wenn ihre
Bildung lieblich und bunt, wie ein ausgehauchter Wunsch unsers Innern ist, so
ist auch ihre Klarheit, das herrliche Licht, was dann auf Erden herrscht, wie
die Vorbedeutung einer unbekannten, unsglichen Herrlichkeit. Aber es giebt auch
dstre und ernste und entsezliche Umwlkungen, in denen alle Schreken der alten
Nacht zu drohen scheinen. Nie scheint sich der Himmel wieder aufheitern zu
wollen, das heitre Blau ist vertilgt und ein fahles Kupferroth auf schwarzgrauen
Grunde weckt Grauen und Angst in jeder Brust. Wenn dann die verderblichen
Strahlen herunterzucken und mit hhnischen Gelchter die schmetternden
Donnerschlge hinterdrein fallen, so werden wir bis ins Innerste bengstigt, und
wenn in uns dann nicht das erhabene Gefhl unsrer sittlichen Obermacht entsteht,
so glauben wir den Schrecknissen der Hlle, der Gewalt bser Geister berliefert
zu seyn.
    Es sind Nachhalle der alten unmenschlichen Natur, aber auch weckende Stimmen
der hhern Natur, des himmlischen Gewissens in uns. Das Sterbliche drhnt in
seinen Grundvesten, aber das Unsterbliche fngt heller zu leuchten an und
erkennt sich selbst.
    Wann wird es doch, sagte Heinrich, gar keiner Schrecken, keiner Schmerzen,
keiner Noth und keines bels mehr im Weltall bedrfen?
    Wenn es nur Eine Kraft giebt - die Kraft des Gewissens - Wenn die Natur
zchtig und sittlich geworden ist. Es giebt nur Eine Ursache des bels - die
allgemeine Schwche, und diese Schwche ist nichts, als geringe sittliche
Empfnglichkeit, und Mangel an Reitz der Freyheit.
    Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich.
    Wenn ich das knnte, so wr ich Gott, denn indem man das Gewissen begreift,
entsteht es. Knnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen?
    Etwas Persnliches lt sich nicht bestimmt abfragen.
    Wie viel weniger also das Geheimni der hchsten Untheilbarkeit. Lt sich
Musik dem Tauben erklren?
    Also wre der Sinn ein Antheil an der neuen durch ihn erffneten Welt
selbst? Man verstnde die Sache nur, wenn man sie htte?
    Das Weltall zerfllt in unendliche, immer von grern Welten wieder befate
Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn fhrt wie Eine Welt allmlich
zu allen Welten. Aber alles hat seine Zeit, und seine Weise. Nur die Person des
Weltalls vermag das Verhltni unsrer Welt einzusehn. Es ist schwer zu sagen, ob
wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Krpers wircklich unsre Welt mit
neuen Welten, unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren knnen, oder ob jeder
Zuwachs unsrer Erkenntni, jede neu erworbene Fhigkeit nur zur Ausbildung
unsers gegenwrtigen Weltsinns zu rechnen ist.
    Vielleicht ist beydes Eins, sagte Heinrich. Ich wei nur so viel, da fr
mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwrtigen Welt ist. Selbst das
Gewissen, diese Sinn und Weltenerzeugende Macht, dieser Keim aller
Persnlichkeit, erscheint mir, wie der Geist des Weltgedichts, wie der Zufall
der ewigen romantischen Zusammenkunft, des unendlich vernderlichen
Gesamtlebens.
    Werther Pilger, versezte Sylvester, das Gewissen erscheint in jeder ernsten
Vollendung, in jeder gebildeten Wahrheit. Jede durch Nachdenken zu einem
Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung, zu
einer Verwandlung des Gewissens. Alle Bildung fhrt zu dem, was man nicht
anders, wie Freyheit nennen kann, ohnerachtet damit nicht ein bloer Begrif,
sondern der schaffende Grund alles Daseyns bezeichnet werden soll. Diese
Freyheit ist Meisterschaft. Der Meister bt freye Gewalt nach Absicht und in
bestimmter und berdachter Folge aus. Die Gegenstnde seiner Kunst sind sein,
und stehn in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt.
Und gerade diese allumfassende Freyheit, Meisterschaft oder Herrschaft ist das
Wesen, der Trieb des Gewissens. In ihm offenbart sich die heilige
Eigenthmlichkeit, das unmittelbare Schaffen der Persnlichkeit, und jede
Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen, einfachen,
unverwickelten Welt - Gottes Wort.
    Also ist auch das was ehemals, wie mich ducht, Tugendlehre genannt wurde,
nur die Religion, als Wissenschaft, die sogenannte Theologie im eigentlichsten
Sinn? Nur eine Gesetzordnung, die sich zur Gottesverehrung verhlt, wie die
Natur zu Gott? Ein Wortbau, eine Gedankenfolge, die die Oberwelt bezeichnet,
vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt? Die Religion
fr das Vermgen der Einsicht und des Urtheils, der Richtspruch, das Gesetz der
Auflsung und Bestimmung aller mglichen Verhltnisse eines persnlichen Wesens?
    Allerdings ist das Gewissen, sagte Sylvester, der eingeborne Mittler jedes
Menschen. Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden, und ist daher so Vielen das
hchste und lezte. Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft, die man
Tugend oder Sittenlehre nannte, von der reinen Gestalt dieses erhabenen,
weitumfassenden persnlichen Gedankens. Das Gewissen ist der Menschen eigenstes
Wesen in voller Verklrung, der himmlische Urmensch. Es ist nicht dies und
jenes, es gebietet nicht in allgemeinen Sprchen, es besteht nicht aus einzelnen
Tugenden. Es giebt nur Eine Tugend - - den reinen, ernsten Willen, der im
Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschliet und whlt. In
lebendiger, eigenthmlicher Untheilbarkeit bewohnt es und beseelt es das
zrtliche Sinnbild des menschlichen Krpers, und vermag alle geistigen
Gliedmaaen in die wahrhafteste Thtigkeit zu versetzen.
    O! trefflicher Vater, unterbrach ihn Heinrich, mit welcher Freude erfllt
mich das Licht, was aus euren Worten ausgeht. Also ist der wahre Geist der Fabel
eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend, und der eigentliche Zweck
der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des hchsten, eigenthmlichsten
Daseyns. Eine berraschende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und
einer edeln Handlung. Das mige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden
Welt wird zum fesselnden Gesprch[,] zur alleserzhlenden Fabel. In den Fluren
und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter, und die Tugend ist der Geist seiner
irrdischen Bewegungen und Einflsse. Sowie diese die unmittelbar wirkende
Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der hhern Welt ist,
so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner
Begeisterung oder wenn auch er einen hhern berirrdischen Sinn hat, hheren
Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demuth berlassen. Auch in
ihm redet die hhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprchen in
erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhlt, so
die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten
der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in den Fabellehren das Leben einer
hhern Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab.
Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den
verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und
die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs.
    Ihr redet vllig wahr, sagte Sylvester, und nun wird es euch wohl
begreiflich seyn, da die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und
immer bestndiger werden soll. Er ist das allzndende, allbelebende Licht
innerhalb der irrdischen Umfassung. Vom Sternhimmel, diesem erhabenen Dom des
Steinreichs, bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn
erhalten, durch ihn mit uns verknpft, und uns verstndlich gemacht, und durch
ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklrung
fortgeleitet.
    Ja und ihr habt vorher so schn fr mich die Tugend an die Religion
angeschlossen. Alles was die Erfahrung und die irrdische Wircksamkeit begreift
macht den Bezirk des Gewissens aus, welches diese Welt mit hhern Welten
verbindet. Bey hhern Sinnen entsteht Religion und was vorher unbegreifliche
Nothwendigkeit unserer innersten Natur schien, ein Allgesetz ohne bestimmten
Inhalt, wird nun zu einer wunderbaren, einheimischen unendlich mannichfaltigen
und durchaus befriedigenden Welt, zu einer unbegreiflich innigen Gemeinschaft
aller Seligen in Gott, und zur vernehmlichen, vergtternden Gegenwart des
allerpersnlichsten Wesens, oder seines Willens, seiner Liebe in unserm tiefsten
Selbst.
    Die Unschuld eures Herzens macht euch zum Profeten, erwiederte Sylvester.
Euch wird alles verstndlich werden, und die Welt und ihre Geschichte verwandelt
sich euch in die heilige Schrift, sowie ihr an der heiligen Schrift das groe
Beyspiel habt, wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart
werden kann; wenn auch nicht gerade zu, doch mittelbar durch Anregung und
Erweckung hherer Sinne.
    Mich hat die Beschftigung mit der Natur dahin gefhrt, wohin euch die Lust
und Begeisterung der Sprache gebracht hat. Kunst und Geschichte hat mich die
Natur kennen gelehrt. Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberhmten
Berge Aetna. Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart, welches verdeckt von
uralten Kastanienbumen dicht an den felsigen Ufern des Meers, die Zierde eines
mit mannichfaltigen Gewchsen besezten Gartens ausmachte, war ihre Wohnung. In
der Nhe lagen viele Htten, in denen sich Fischer[,] Hirten und Winzer
aufhielten. Unsre Kammern und Keller waren mit allem, was das Leben erhlt und
erhht, reichlich versehn und unser Hausgerthe ward durch wohlerdachte Arbeit
auch den verborgenen Sinnen angenehm. Es fehlte auch sonst nicht an
mannichfaltigen Gegenstnden, deren Betrachtung und Gebrauch das Gemth ber das
gewhnliche Leben und seine Bedrfnisse erhoben und es zu einem angemessenern
Zustande vorzubereiten, ihm den lautern Genu seiner vollen eigenthmlichen
Natur zu versprechen und zu gewhren schienen. Man sah steinerne Menschen
Bilder, mit Geschichten bemahlte Gefe, kleinere Steine mit den deutlichsten
Figuren, und andre Gerthschaften mehr, die aus andern und erfreulicheren Zeiten
zurckgeblieben seyn mochten. Auch lagen in Fchern bereinander viele
Pergamentrollen, auf denen in langen Reihen Buchstaben die Kenntnisse und
Gesinnungen, die Geschichten und Gedichte jener Vergangenheit in anmuthigen und
knstlichen Ausdrcken bewahrt standen. Der Ruf meines Vaters, den er sich als
ein geschickter Sterndeuter zuwege brachte, zog ihm zahlreiche Anfragen, und
Besuche, selbst aus entlegenern Lndern, zu, und da das Vorwissen der Zukunft
den Menschen eine sehr seltne und kstliche Gabe dnkt, so glaubten sie ihre
Mittheilungen gut belohnen zu mssen, so da mein Vater durch die erhaltnen
Geschenke in den Stand gesezt wurde, die Kosten seiner bequemen und genureichen
Lebensart hinreichend bestreiten zu knnen.

                      Tiecks Bericht ber die Fortsetzung


Weiter ist der Verfasser nicht in Ausarbeitung dieses zweiten Theils gekommen.
Diesen nannte er die Erfllung, so wie den ersten Erwartung, weil hier alles
aufgelst, und erfllt werden sollte, was jener hatte ahnden lassen. Es war die
Absicht des Dichters, nach Vollendung des Ofterdingen noch sechs Romane zu
schreiben, in denen er seine Ansichten der Physik, des brgerlichen Lebens, der
Handlung, der Geschichte, der Politik und der Liebe, so wie im Ofterdingen der
Poesie niederlegen wollte. Ohne mein Erinnern wird der unterrichtete Leser sehn,
da der Verfasser sich in diesem Gedichte nicht genau an die Zeit, oder an die
Person jenes bekannten Minnesngers gebunden hat, obgleich alles an ihn und sein
Zeitalter erinnern soll. Nicht nur fr die Freunde des Verfassers, sondern fr
die Kunst selbst, ist es ein unersetzlicher Verlust, da er diesen Roman nicht
hat beendigen knnen, dessen Originalitt und groe Absicht sich im zweiten
Theile noch mehr als im ersten wrde gezeigt haben. Denn es war ihm nicht darum
zu thun, diese oder jene Begebenheit darzustellen, eine Seite der Poesie
aufzufassen, und sie durch Figuren und Geschichten zu erklren, sondern er
wollte, wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Theils bestimmt angedeutet
ist, das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht
erklren. Darum verwandelt sich Natur, Historie, der Krieg und das brgerliche
Leben mit seinen gewhnlichsten Vorfllen in Poesie, weil diese der Geist ist,
der alle Dinge belebt.
    Ich will den Versuch machen, so viel es mir aus Gesprchen mit meinem
Freunde erinnerlich ist, und so viel ich aus seinen hinterlassenen Papieren
ersehen kann, dem Leser einen Begriff von dem Plan und dem Inhalte des zweiten
Theiles dieses Werkes zu verschaffen.
    Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat,
erscheint nichts wiedersprechend und fremd, ihm sind die Rtsel gelst, durch
die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknpfen, die Wunder
verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder: so ist dieses Buch gedichtet,
und besonders findet der Leser in dem Mhrchen, welches den ersten Theil
beschliet, die khnsten Verknpfungen; hier sind alle Unterschiede aufgehoben,
durch welche Zeitalter von ein ander getrennt erscheinen, und eine Welt der
andern als feindselig begegnet. Durch dieses Mhrchen wollte sich der Dichter
hauptschlich den bergang zum zweiten Theile machen, in welchem die Geschichte
unaufhrlich aus dem Gewhnlichsten in das Wundervollste berschweift, und sich
beides gegenseitig erklrt und ergnzt; der Geist, welcher den Prolog in Versen
hlt, sollte nach jedem Kapitel wiederkehren, und diese Stimmung, diese
wunderbare Ansicht der Dinge fortsetzen. Durch dieses Mittel blieb die
unsichtbare Welt mit dieser sichtbaren in ewiger Verknpfung. Dieser sprechende
Geist ist die Poesie selber, aber zugleich der siderische Mensch, der mit der
Umarmung Heinrichs und Mathildens gebohren ist. In folgendem Gedichte, welches
seine Stelle im Ofterdingen finden sollte, hat der Verfasser auf die leichteste
Weise den innern Geist seiner Bcher ausgedrckt:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder kssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in's freie Leben,
Und in die Welt wird zurck begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu chter Klarheit werden gatten,
Und man in Mhrchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Der Grtner, welchen Heinrich spricht, ist derselbe alte Mann, der schon einmal
Ofterdingens Vater aufgenommen hatte, das junge Mdchen, welche Cyane heit, ist
nicht sein Kind, sondern die Tochter des Grafen von Hohenzollern, sie ist aus
dem Morgenlande gekommen, zwar frh, aber doch kann sie sich ihrer Heimath
erinnern, sie hat lange in Gebirgen, in welchen sie von ihrer verstorbenen
Mutter erzogen ist, ein wunderliches Leben gefhrt: einen Bruder hat sie frh
verlohren, einmal ist sie selbst in einem Grabgewlbe dem Tode sehr nahe
gewesen, aber hier hat sie ein alter Arzt auf eine seltsame Weise vom Tode
errettet. Sie ist heiter und freundlich und mit dem Wunderbaren sehr vertraut.
Sie erzhlt dem Dichter seine eigene Geschichte, als wenn sie dieselbe einst von
ihrer Mutter so gehrt htte. - Sie schickt ihn nach einem entlegenen Kloster,
dessen Mnche als eine Art von Geisterkolonie erscheinen, alles ist hier wie
eine mystische, magische Loge. Sie sind die Priester des heiligen Feuers in
jungen Gemthern. Er hrt den fernen Gesang der Brder; in der Kirche selbst hat
er eine Vision. Mit einem alten Mnch spricht Heinrich ber Tod und Magie, er
hat Ahndungen vom Tode und dem Stein der Weisen; er besucht den Klostergarten
und den Kirchhof; ber den leztern findet sich folgendes Gedicht:

Lobt doch unsre stillen Feste,
Unsre Grten, unsre Zimmer,
Das bequeme Hausgerthe,
Unser Hab' und Gut.
Tglich kommen neue Gste,
Diese frh, die andern spte,
Auf den weiten Heerden immer
Lodert neue Lebens-Glut.

Tausend zierliche Gefe
Einst bethaut mit tausend Thrnen,
Goldne Ringe, Sporen, Schwerdter,
Sind in unserm Schatz:
Viel Kleinodien und Juwelen
Wissen wir in dunkeln Hlen,
Keiner kann den Reichthum zhlen,
Zhlt' er auch ohn' Unterla.

Kinder der Vergangenheiten,
Helden aus den grauen Zeiten,
Der Gestirne Riesengeister,
Wunderlich gesellt,
Holde Frauen, ernste Meister,
Kinder und verlebte Greise
Sitzen hier in Einem Kreise,
Wohnen in der alten Welt.

Keiner wird sich je beschweren,
Keiner wnschen fort zu gehen,
Wer an unsern vollen Tischen
Einmal frhlich sa.
Klagen sind nicht mehr zu hren,
Keine Wunder mehr zu sehen,
Keine Thrnen abzuwischen;
Ewig luft das Stundenglas.

Tiefgerhrt von heilger Gte
Und versenkt in selges Schauen
Steht der Himmel im Gemthe,
Wolkenloses Blau;
Lange fliegende Gewande
Tragen uns durch Frhlingsauen,
Und es weht in diesem Lande
Nie ein Lftchen kalt und rauh.

Ser Reitz der Mitternchte,
Stiller Kreis geheimer Mchte,
Wollust rthselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch.
Wir nur sind am hohen Ziele,
Bald in Strom uns zu ergieen
Dann in Tropfen zu zerflieen
Und zu nippen auch zugleich.

Uns ward erst die Liebe, Leben;
Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseyns Fluten,
Brausend Herz mit Herz.
Lstern scheiden sich die Fluten,
Denn der Kampf der Elemente
Ist der Liebe hchstes Leben,
Und des Herzens eignes Herz.

Leiser Wnsche ses Plaudern
Hren wir allein, und schauen
Immerdar in selge Augen,
Schmecken nichts als Mund und Ku.
Alles was wir nur berhren
Wird zu heien Balsamfrchten,
Wird zu weichen zarten Brsten,
Opfern khner Lust.

Immer wchst und blht Verlangen
Am Geliebten festzuhangen,
Ihn im Innern zu empfangen,
Einst mit ihm zu seyn,
Seinem Durste nicht zu wehren,
Sich im Wechsel zu verzehren,
Von einander sich zu nhren,
Von einander nur allein.

So in Lieb' und hoher Wollust
Sind wir immerdar versunken,
Seit der wilde trbe Funken
Jener Welt erlosch;
Seit der Hgel sich geschlossen,
Und der Scheiterhaufen sprhte,
Und dem schauernden Gemthe
Nun das Erdgesicht zerflo.

Zauber der Erinnerungen,
Heilger Wehmuth se Schauer
Haben innig uns durchklungen,
Khlen unsre Gluth.
Wunden giebt's, die ewig schmerzen,
Eine gttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen,
Lst uns auf in Eine Flut.

Und in dieser Flut ergieen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein;
Und aus seinem Herzen flieen
Wir zurck zu unserm Kreise,
Und der Geist des hchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.

Schttelt eure goldnen Ketten
Mit Smaragden und Rubinen,
Und die blanken saubern Spangen,
Blitz und Klang zugleich.
Aus des feuchten Abgrunds Betten,
Aus den Grbern und Ruinen,
Himmelsrosen auf den Wangen
Schwebt in's bunte Fabelreich.

Knnten doch die Menschen wissen,
Unsre knftigen Genossen,
Da bei allen ihren Freuden
Wir geschftig sind:
Jauchzend wrden sie verscheiden,
Gern das bleiche Daseyn missen, -
O! die Zeit ist bald verflossen,
Kommt Geliebte doch geschwind!

Helft uns nur den Erdgeist binden,
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden;
Einmal kehrt euch um.
Die Macht mu bald verschwinden,
Dein erborgtes Licht verlassen,
Werden dich in kurzem binden,
Erdgeist, deine Zeit ist um.

Dieses Gedicht war vielleicht wiederum ein Prolog zu einem zweiten Kapitel.
Jetzt sollte sich eine ganz neue Periode des Werkes erffnen, aus dem stillsten
Tode sollte sich das hchste Leben hervorthun; er hat unter Todten gelebt und
selbst mit ihnen gesprochen, das Buch sollte fast dramatisch werden, und der
epische Ton gleichsam nur die einzelnen Szenen verknpfen und leicht erklren.
Heinrich befindet sich pltzlich in dem unruhigen Italien, das von Kriegen
zerrttet wird, er sieht sich als Feldherr an der Spitze eines Heeres. Alle
Elemente des Krieges spielen in poetischen Farben; er berfllt mit einem
flchtigen Haufen eine feindliche Stadt, hier erscheint als Episode die Liebe
eines vornehmen Pisaners zu einem Florentinischen Mdchen. Kriegslieder. Ein
groer Krieg, wie ein Zweykampf, durchaus edel, philosophisch, human. Geist der
alten Chevalerie. Ritterspiel. Geist der bacchischen Wehmuth. - Die Menschen
mssen sich selbst untereinander tdten, das ist edler als durch das Schicksal
fallen. Sie suchen den Tod. - Ehre, Ruhm ist des Kriegers Lust und Leben. Im
Tode und als Schatten lebt der Krieger. Todeslust ist Kriegergeist. - Auf Erden
ist der Krieg zu Hause. Krieg mu auf Erden seyn. - In Pisa findet Heinrich den
Sohn des Kaisers Friedrich des Zweiten, der sein vertrauter Freund wird. Auch
nach Loretto kmmt er. Mehrere Lieder sollten hier folgen.
    Von einem Sturm wird der Dichter nach Griechenland verschlagen. Die alte
Welt mit ihren Helden und Kunstschtzen erfllt sein Gemth. Er spricht mit
einem Griechen ber die Moral. Alles wird ihm aus jener Zeit gegenwrtig, er
lernt die alten Bilder und die alte Geschichte verstehn. Gesprche ber die
griechischen Staatsverfassungen; ber Mythologie.
    Nachdem Heinrich die Heldenzeit und das Alterthum hat verstehen lernen,
kommt er nach dem Morgenlande, nach welchem sich von Kindheit auf seine
Sehnsucht gerichtet hatte. Er besucht Jerusalem; er lernt orientalische Gedichte
kennen. Seltsame Begebenheiten mit den Unglubigen halten ihn in einsamen
Gegenden zurck, er findet die Familie des morgenlndischen Mdchens; (s. den
I.Th.); die dortige Lebensweise einiger nomadischen Stmme. Persische Mhrchen.
Erinnerungen aus der ltesten Welt. Immer sollte das Buch unter den
verschiedensten Begebenheiten denselben Farben-Charakter behalten, und an die
blaue Blume erinnern: durchaus sollten zugleich die entferntesten und
verschiedenartigsten Sagen verknpft werden, Griechische, orientalische,
biblische und christliche, mit Erinnerungen und Andeutungen der Indischen wie
der nordischen Mythologie. Die Kreuzzge. Das Seeleben. Heinrich geht nach Rom.
Die Zeit der Rmischen Geschichte.
    Mit Erfahrungen gesttigt kehrt Heinrich nach Deutschland zurck. Er findet
seinen Grovater, einen tiefsinnigen Charakter, Klingsohr ist in seiner
Gesellschaft. Abendgesprche mit den beiden.
    Heinrich begiebt sich an den Hof Friedrichs, er lernt den Kaiser persnlich
kennen. Der Hof sollte eine sehr wrdige Erscheinung machen, die Darstellung der
besten, grten und wunderbarsten Menschen aus der ganzen Welt versammelt, deren
Mittelpunkt der Kaiser selbst ist. Hier erscheint die grte Pracht, und die
wahre groe Welt. Deutscher Charakter und Deutsche Geschichte werden deutlich
gemacht. Heinrich spricht mit dem Kaiser ber Regierung, ber Kaiserthum, dunkle
Reden von Amerika und Ost-Indien. Die Gesinnungen eines Frsten. Mystischer
Kaiser. Das Buch de tribus impostoribus.
    Nachdem nun Heinrich auf eine neue und grere Weise als im ersten Theile,
in der Erwartung, wiederum die Natur, Leben und Tod, Krieg, Morgenland,
Geschichte und Poesie erlebt und erfahren hat, kehrt er wie in eine alte Heimath
in sein Gemth zurck. Aus dem Verstndni der Welt und seiner selbst entsteht
der Trieb zur Verklrung: die wunderbarste Mhrchenwelt tritt nun ganz nahe,
weil das Herz ihrem Verstndni vllig geffnet ist.
    In der Manessischen Sammlung der Minnesinger finden wir einen ziemlich
unverstndlichen Wettgesang des Heinrich von Ofterdingen und Klingsohr mit
andern Dichtern: statt dieses Kampfspieles wollte der Verfasser einen andern
seltsamen poetischen Streit darstellen, den Kampf des guten und bsen Prinzips
in Gesngen der Religion und Irreligion, die unsichtbare Welt der sichtbaren
entgegen gestellt. In bacchischer Trunkenheit wetten die Dichter aus
Enthusiasmus um den Tod. Wissenschaften werden poetisirt, auch die Mathematik
streitet mit. Indianische Pflanzen werden besungen: Indische Mythologie in neuer
Verklrung.
    Dieses ist der lezte Akt Heinrichs auf Erden, der bergang zu seiner eignen
Verklrung. Dieses ist die Auflsung des ganzen Werks, die Erfllung des
Mhrchens, welches den ersten Theil beschliet. Auf die bernatrlichste und
zugleich natrlichste Weise wird alles erklrt und vollendet, die Scheidewand
zwischen Fabel und Wahrheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist
eingefallen: Glauben, Fantasie, Poesie schlieen die innerste Welt auf.
    Heinrich kommt in Sophieens Land, in eine Natur, wie sie seyn knnte, in
eine allegorische, nachdem er mit Klingsohr ber einige sonderbare Zeichen und
Ahndungen gesprochen hat. Diese erwachen hauptschlich bei einem alten Liede,
welches er zufllig singen hrt, in welchem ein tiefes Wasser an einer
verborgenen Stelle beschrieben wird. Durch diesen Gesang erwachen
lngstvergessene Erinnerungen, er geht nach dem Wasser und findet einen kleinen
goldenen Schlssel, welchen ihm vor Zeiten ein Rabe geraubt hatte, und den er
niemals hatte wiederfinden knnen. Diesen Schlssel hatte ihm bald nach
Mathildens Tode ein alter Mann gegeben, mit dem Bedeuten, er solle ihn zum
Kaiser bringen, der wrde ihm sagen, was damit zu thun sei. Heinrich geht zum
Kaiser, welcher hocherfreut ist, und ihm eine alte Urkunde giebt, in welcher
geschrieben steht, da der Kaiser sie einem Manne zum lesen geben sollte,
welcher ihm einst einen goldenen Schlssel zufllig bringen wrde, dieser Mann
wrde an einem verborgenen Orte ein altes talismanisches Kleinod, einen
Karfunkel zur Krone finden, zu welchem die Stelle noch leer gelassen sei. Der
Ort selbst ist auch im Pergament beschrieben. - Nach dieser Beschreibung macht
sich Heinrich auf den Weg nach einem Berge, er trifft unterwegs den Fremden, der
ihm und seinen Eltern zuerst von der blauen Blume erzhlt hatte, er spricht mit
ihm ber die Offenbarung. Er geht in den Berg hinein und Cyane folgt ihm
treulich nach.
    Bald kommt er in jenes wunderbare Land, in welchem Luft und Wasser, Blumen
und Thiere von ganz verschiedener Art sind, als in unsrer irdischen Natur.
Zugleich verwandelt sich das Gedicht stellenweise in ein Schauspiel. Menschen,
Thiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Elemente, Tne, Farben, kommen zusammen
wie Eine Familie, handeln und sprechen wie Ein Geschlecht. - Blumen und Thiere
sprechen ber den Menschen. - Die Mhrchenwelt wird ganz sichtbar, die
wirkliche Welt selbst wird wie ein Mhrchen angesehn. Er findet die blaue
Blume, es ist Mathilde, die schlft und den Karfunkel hat, ein kleines Mdchen,
sein und Mathildens Kind, sitzt bei einem Sarge, und verjngt ihn. - Dieses
Kind ist die Urwelt, die goldne Zeit am Ende. - Hier ist die christliche
Religion mit der heidnischen ausgeshnt, die Geschichte des Orpheus, der Psyche,
und andere werden besungen. -
    Heinrich pflckt die blaue Blume, und erlst Mathilden von ihrem Zauber,
aber sie geht ihm wieder verlohren, er erstarrt im Schmerz und wird ein Stein.
Edda (die blaue Blume, die Morgenlnderinn, Mathilde) opfert sich an dem
Steine, er verwandelt sich in einen klingenden Baum. Cyane haut den Baum um, und
verbrennt sich mit ihm, er wird ein goldner Widder. Edda, Mathilde mu ihn
opfern, er wird wieder ein Mensch. Whrend dieser Verwandlungen hat er allerlei
wunderliche Gesprche.
    Er ist glcklich mit Mathilden, die zugleich die Morgenlnderinn und Cyane
ist. Das froheste Fest des Gemths wird gefeyert. Alles vorhergehende war Tod.
Letzter Traum und Erwachen. Klingsohr kmmt wieder als Knig von Atlantis.
Heinrichs Mutter ist Fantasie, der Vater ist der Sinn, Schwaning ist der Mond,
der Bergmann ist der Antiquar, auch zugleich das Eisen. Kaiser Friedrich ist
Arktur. Auch der Graf von Hohenzollern und die Kaufleute kommen wieder. Alles
fliet in eine Allegorie zusammen. Cyane bringt dem Kaiser den Stein, aber
Heinrich ist nun selbst der Dichter aus jenem Mhrchen, welches ihm vordem die
Kaufleute erzhlten.
    Das selige Land leidet nur noch von einer Bezauberung, indem es dem Wechsel
der Jahreszeiten unterworfen ist, Heinrich zerstrt das Sonnenreich. Mit einem
groen Gedicht, wovon nur der Anfang aufgeschrieben ist, sollte das ganze Werk
beschlossen werden.


                         Die Vermhlung der Jahrszeiten

Tief in Gedanken stand der neue Monarch. Er gedachte
Jezt des nchtlichen Traums, und der Erzhlungen auch,
Als er zu erst von der himmlischen Blume gehrt und getroffen
Still von der Weiagung, mchtige Liebe gefhlt.
Noch dnkt ihm, er hre die tiefeindringende Stimme,
Eben verliee der Gast erst den geselligen Kreis
Flchtige Schimmer des Mondes erhellten die klappernden Fenster
Und in des Jnglings Brust tobe verzehrende Glut.
Edda, sagte der Knig, was ist des liebenden Herzens
Innigster Wunsch? was ist ihm der unsglichste Schmerz?
Sag es, wir wollen ihm helfen, die Macht ist unser, und herrlich
Werde die Zeit, nun du wieder den Himmel beglckst.
Wren die Zeiten nicht so ungesellig, verbnde
Zukunft mit Gegenwart und mit Vergangenheit sich,
Schlsse Frhling sich an den Herbst, und Sommer an Winter,
Wre zu spielenden Ernst Jugend mit Alter gepaart:
Dann mein ser Gemahl versiegte die Quelle der Schmerzen,
Aller Empfindungen Wunsch wre dem Herzen gewhrt.
Also die Kniginn; freudig umschlang sie der schne Geliebte:
Ausgesprochen hast du warlich ein himmlisches Wort,
Was schon lngst auf den Lippen der tiefer fhlenden schwebte
Aber den deinigen erst rein und gedeyhlich entklang.
Fhre man schnell den Wagen herbey, wir holen sie selber
Erstlich die Zeiten des Jahrs, dann auch des Menschengeschlechts.

Sie fahren zur Sonne, und hohlen zuerst den Tag, dann zur Nacht, dann nach
Norden, um den Winter, alsdann nach Sden, um den Sommer zu finden, von Osten
bringen sie den Frhling, von Westen den Herbst. Dann eilen sie zur Jugend, dann
zum Alter, zur Vergangenheit, wie zur Zukunft. -
    Dieses ist, was ich dem Leser aus meinen Erinnerungen, und aus einzelnen
Worten und Winken in den Papieren meines Freundes habe geben knnen. Die
Ausarbeitung dieser groen Aufgabe wrde ein bleibendes Denkmal einer neuen
Poesie gewesen seyn. Ich habe in dieser Anzeige lieber trocken und kurz seyn
wollen, als in die Gefahr geraten, von meiner Fantasie etwas hinzuzusetzen.
Vielleicht rhrt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie
mich, der nicht mit einer andchtigern Wehmuth ein Stckchen von einem
zertrmmerten Bilde des Raphael oder Correggio betrachten wrde.
                                                                           L. T.
