
                           Fischer, Caroline Auguste

                                Die Honigmonathe

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                            Caroline Auguste Fischer

                                Die Honigmonathe

                             Von dem Verfasser von

                              Gustavs Verirrungen

                                  Erster Theil

                                  An die Leser

Wie viel Bses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es
gleichwohl dem Menschen unmglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewut
zu werden.
    Wer uns demnach irgend eine dieser wohlthtigen Feindinnen treu darzustellen
versucht; darf sich schmeicheln, nichts berflssiges unternommen zu haben.
    Den Versuch habe ich gewagt; ob er gelungen ist - mgen die Leser
entscheiden.

                                  Erster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Nimm Dich in Acht! Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen. - Hat sich
freylich auf das Beste herausgeputzt, nennt sich Gromuth, Dankbarkeit,
Selbstberwindung, und was der schnklingenden Titel mehr sind. - Aber noch
einmal sage ich: nimm Dich in Acht! - Gewisse Bume sind nur zum Abhauen gut;
und gewisse Schden knnen nicht mit Honig, sondern nur mit Schierling geheilt
werden. -
    Von mir heute kein Wort. Ich wei mich zu bescheiden.

                                 Zweiter Brief



                              Julie an Wilhelmine

So ernst, meine Wilhelmine? Du knntest mich bange machen. - Groer Gott! sollte
ich mich tuschen? - Sollte alles vergeblich seyn? -
    Aber Geliebte! jeder Mensch hat ja das Bedrfni, mit sich selbst einig zu
werden. Dieser unglckliche Mann allein sollte es nicht haben? - Ach glaube mir,
meine Einzige! viele Menschen wrden gut seyn, wenn es ihnen das Schicksal
erlaubte.
    La uns gestehen, dies war bis jetzt Oliviers Fall. Mit dem franzsischen
Leichtsinne gebohren, von seinen ltern verzrtelt, von den Weibern wechselweise
gemibraucht und vergttert, durch seine unersttliche Begierde nach Genu ins
tiefste Elend gestrzt, nun bey dem gnzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle
Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen. - Sage, wie konnte es anders seyn?
-

                                 Dritter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ey! liebes Kind, davon ist ja gar nicht die Rede! Wer sagt Dir denn, da sich
das alles nicht ganz vortreflich erklren lasse? - Es frgt sich nur, ob es der
Mhe lohne einen Mohren zu waschen? - und ob man nachher, schwarz oder wei, mit
ihm vorlieb nehmen wolle? - Das bedenke, mein Tubchen, und la Dich nicht
blenden.
    Ich wei recht gut, die Frau Mutter wird alles dazu beytragen. Aus welchen
Grnden? - ist nicht schwer zu errathen. - Mit einem Worte! man will Dich
verhandeln, und zwar so bald und so theuer wie mglich. Ach da Dein Vater nicht
mehr lebt! es wre nie dahin gekommen! -

                                 Vierter Brief



                              Julie an Wilhelmine

O mein unvergelicher Vater! Wilhelmine! es war hart, mich daran zu erinnern.
Ach wohl war es damals ganz anders! - Meine Mutter war milder und ich war
glcklicher. Ich wei nicht - es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem
Wesen - und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit, suche ihre leisesten
Wnsche zu errathen. - Ach ist es denn meine Schuld, da wir nicht mehr reich
sind? Gott wei es! ich gebrauche ja so wenig, und arbeite vom Morgen bis in die
sinkende Nacht.

                                 Fnfter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ob es Deine Schuld ist? - Du reines unschuldiges Herz! Siehst Du denn nicht, was
ihr fehlt? - Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurck; whrend
Du kstliche Lilie, ohne es zu wissen und zu wollen, alles um Dich her
versammlest. Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern? Dich einem
Mann hingeben, der Dich nicht einmal begreift! Dich nimmt, weil Du ein Weib
bist, und Deinen heiligen Kindersinn, den er jetzt nur duldet, einst auf das
schndlichste verspotten und mibrauchen wird.
    Julie! la Dir rathen! - sorge doch nicht fr die Zukunft! Was mein ist ja
Dein! und wie oft soll ich Dir es wiederholen? ich heurathe nicht, und wenn mein
Herr Vater das ganze Haus umkehrt. -

                                 Sechster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Was denkt meine Wilhelmine von mir? - Ich sollte Schuld seyn, da eins der
reizendsten Mdchen einsam verblhte? - da es einen glcklichen Mann weniger in
der Welt gbe? - Nimmermehr! Auch ist das alles Schwrmerey. Weit Du noch, wie
wir einmal beyde ins Kloster wollten? - Ach sage was Du willst! sind wir mit
einem Mann nicht glcklich, ohne ihn sind wir es noch weniger.
    Bedarfst Du keiner Sttze, keines Schutzes? Bedarfst Du nicht der
Mutterfreuden, und gewi auch der Mutterleiden, um ganz gebildet zu werden?
Bedarfst Du nicht der Hrte, der Ungerechtigkeit eines grber gebildeten Wesens,
um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen, und in ihrem Heiligthume Deinen
Himmel zu bilden? - Ist es nicht deswegen nothwendig, da es an Deiner Seite
stehe, um die Blicke der Menge anzuziehen? Wie knntest Du sonst, von allen
Welthndeln befreit, in der Stille nur Deiner hhern Bildung leben.
    Ach sage! merkst Du denn nicht den Willen der Natur? - Sie hat alle
pltzlichen bergnge, darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die
glcklicheren Wesen der knftigen Welt. Gewi! dahin deuten alle unsere Leiden
und Freuden! Ja sogar das Bedrfni der Mnner. Sie verlangen offenbar etwas
mehr als blos menschliches von den Weibern. Das grndet sich nicht auf
Ungerechtigkeit, sondern auf reinen Instinkt. Wenn wir mit Demuth und kindlichem
Sinne dies glauben, werden es die Mnner wohl dulden.

                                Siebenter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Dulden! Herzchen, darber habe ich bis zum Weinen gelacht. Allerdings werden sie
es dulden! Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer, wenn man ihren Sclaven
die Freuden der knftigen Welt recht anschaulich machte, und ihren elenden
Zustand als ein Mittel zur hhern Bildung darstellte. Fahre nur so fort! und Du
wirst bald eine zweite Elise werden.
    Gott! ist es nicht himmelschreiend? da selbst Weiber unsre Ketten
erschweren! - Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken,
als eben diese Elise wie sie seyn sollte? -
    Trgt ihr Vermgen - was offenbar ihren unmndigen Kindern gehrte, und um
so mehr fr sie erhalten werden mute, da ihr Herr Papa ein ausgemachter
Taugenichts war - trgt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn.
    Zwar bringt dieser Heroismus Fuflle, Anbetungen und Vershnungen hervor,
und ist, in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren, in dem
Romane recht ntzlich. Im wirklichen Leben aber mgte er wohl etwas ganz
anderes, und hchst wahrscheinlich, eine gnzliche Trennung hervorgebracht
haben.
    Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt, auf ihrem Kothurne im
hchstmglichen Pathos einherzuschreiten, und hatte das Glck von ihrer
gutmthigen Schpferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden.
Meinetwegen mag auch wer da will, ihre Stelzenschuhe erben! Nur meine Julie soll
sie nicht tragen.
    Soll nicht? - habe ich ihr denn zu befehlen? - O ja! ich habe ihr zu
befehlen, da sie sich nicht unglcklich machen soll - und wenn ich ihr das
nicht mehr befehlen darf; so mag ich nicht mehr leben.

                                  Achter Brief



                              Julie an Wilhelmine

Du meine treue Einzige! ich drcke Dich in Gedanken an mein Herz, und bedecke
Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Kssen. O mitten unter Deinem Schelten
fhle ich wie sehr Du mich liebst. Mein lieber Schutzengel! sey doch nur ruhig!
Ja, ja! ich will vorsichtig, behutsam seyn, nicht schwrmen, und Deinem Rathe
folgen. Aber sage mir auch, da Du wieder ruhig bist! nicht ngstlich fr mein
Schicksal sorgest. Nein, meine Wilhelmine! ich werde nicht unglcklich! gewi,
ich kann es nicht werden. - Gieb doch dem Boten ein paar Zeilen, damit ich wei,
da Du nicht bse bist.

                                 Neunter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ein paar Zeilen? - Sieh, das ist es ja eben was Dich unglcklich machen wird!
dieses Herz voll unzerstrbarer Liebe! - Was? ich? ich soll nicht bse seyn? -
Hast Du denn gepredigt, gescholten, die Hofmeisterin gespielt? - Sieh! so
verwechselt Dein Kinderherz! Statt empfindlich und zurckhaltend zu werden, wie
ich es wohl verdient htte, kmmst Du und bittest, ich mge nicht bse seyn. -
    Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses
Engelherz schlgt; wie wird es bluten! - Nein! ich dulde es nicht! ich kann es
nicht dulden! -

                                 Zehnter Brief



                        Der Obriste Olivier an Reinhold

Was ich treibe? Nicht viel Gescheutes! - Belagern schon seit Jahr und Tag, mu
endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln, und werde meinen Zweck wohl
nur mit Hlfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen knnen.
    Ja! Ja! exclamire nur! - Die Zeiten ndern sich, man ist nicht immer jung,
und die Siege werden schwerer. - Am Ende mu man doch auch fr einen Heerd
sorgen, und die Dmchen, womit man sich am meisten amsirt, taugen gerade am
wenigsten dabey.
    Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rcksicht verzweifelt
eigen; aber sie wird eine gute Hausfrau. Dafr stehe ich Dir. Etwas hnliches
von Sanftmuth und Geduld! - Nein, ich versichre Dir, es bersteigt allen
Glauben.
    Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu ben? - Nein!
nein! so arg ist es nicht. Aber die Mutter! - das Weib ist offenbar von sieben
Teufeln besessen. Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire, um
meine Wuth gegen diesen Beelzebub zu bekmpfen.
    Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen. Wer wei ob
ich nicht aufs Alter noch ein bischen wunderlicher werde, und wie viel Geduld
ich dann verbrauche. -
    berhaupt wage ich nicht viel bey der Sache. Das gute Schfchen besorgt mein
Hauswesen und ein paar Buben, die meinen Nahmen fortpflanzen. Wartet mich, wenn
ich krank, und zerstreut mich, wenn ich hypochondrisch bin. brigens versteht es
sich von selbst, da wenn es mir frh oder spt einfllt, einen kleinen
Seitengang zu machen, keine Achs und Ohs vorfallen. Das wrde mich wahrhaftig am
wenigsten zurckbringen.
    Aber dafr ist auch gesorgt; der Mund dieses sonderbaren Mdchens scheint
nur zum Lcheln geformt. Wahrhaftig! ich schme mich es zu gestehen - aber wenn
ich dieses Lcheln sehe - nein, ich kann es Dir nicht sagen, wie mir da wird -
und Du glaubst es mir auch nicht. Schreibe doch bald.

                                 Eilfter Brief



                              Olivier an Reinhold

Eine Entdeckung! tausend Element, da mut Du mir dienen! Hre nur! in Br..., und
noch dazu in Deiner Nachbarschaft, wohnt eine Amazone, die mit Julien
correspondirt. Revolutionre Grundstze! Eine frmliche Emprung gegen das ganze
Mnnergeschlecht! - Wie? soll man das dulden? - Es geht nicht! Es bringt Unheil!
- Habe ich auch nichts zu befrchten; so rgerts mich doch.
    Mit einem Worte: Du mut die Juno bekehren; oder bey Gott! mit der
Correspondenz hat es ein Ende! - Knnte mir dem Mdchen Dinge in den Kopf
setzen, die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrchte
    Wollen da raisonniren! - wollen untersuchen, ob wir Recht haben die Herren
zu spielen. Eine schne Geschichte! - Recht oder Unrecht! genug, was wir sind,
das sind wir, und werden wir, so Gott will, schon bleiben.
    So etwas ist unerhrt - und noch dazu in unsern Zeiten! wo das Elisiren
ordentlich Mode wird. - Das kommt von dem vermaledeiten Aufklren. Knntet ihr
dann nur zur rechten Zeit Einhalt thun. Ja! bndigt einmal den Strom; wenn ihr
die Dmme eingerissen habt.
    Aus Grundstzen sollten die Weiber gut seyn? - Zum Henker mit euren
Grundstzen! Der Spinnrocken und die Nhnadel, allenfalls die Bibel und das
Gesangbuch, und statt aller Grundstze ein mnnliches Du sollst! - So hie es in
alten Zeiten, und unsere Vter befanden sich wohl dabey.
    Wahrhaftig! dafr mgte ich noch lieber in Italien geblieben seyn. Man
gewinnt doch an Sinnlichkeit, was man an Herrschaft verliert. Die kleinen
spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen
einen nicht, wie die deutschen Jungfrauen, die Katze im Sacke zu kaufen und ihre
ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen.
    Nun, vergi nicht meinen Auftrag! -

                                 Zwlfter Brief



                              Reinhold an Olivier

Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewut haben was er wollte? - Also noch
immer der Lobredner voriger Zeiten, und alles dessen was er nicht hat? - In
Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern, in Deutschland nach den
Italienerinnen. Dort wurde die Treue, die Reinheit der deutschen Mdchen, das
hohe Jungfruliche in ihrem Wesen gepriesen; hier scheinen diese belobten
Eigenschaften eben so viele Fehler zu seyn.
    Arme Weiber! wann werdet ihr den mnnlichen Egoismus befriedigen? - Seyd ihr
eingeschrnkt an Verstande; so glauben wir uns berechtigt euch als bloe Mittel
zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen. Untersteht ihr euch zu
denken; so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als
Emprer. Behandeln knnt ihr uns mit der hchsten Vernunft, nur wissen drft ihr
nicht, da ihr sie habt. Alles Groe und Erhabene an euch dulden wir nur als
Instinkt, nie als Raisonnement.
    Aber Olivier, liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur? und lge
er darin, mten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsnde bekmpfen? -
Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit, wenn wir anders auf wahre Bildung
Anspruch machen wollen. Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab fr
die Cultur einer Nation.
    Von Deinem Auftrage ein anderes Mal. Nur so viel zur Nachricht: ich kenne
Deine Amazone. Sie ist ein hchst interessantes Mdchen. Eben deswegen habe ich
mich aber sehr vor ihr gehtet. Unsere Angelegenheiten mit dem F...schen Hofe
werden alle Tage ernsthafter, der Gesandte wirft alles auf mich, und da mu ich
schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden. Doch so bald ich wieder Othem hole,
besuche ich den Vater. Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf, der seine Tochter
und ihr ungeheures Vermgen gern in guten Hnden wissen mgte. Aber das Mdchen
hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden, und scheint sich wirklich ber alle
Mnner lustig zu machen. Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser
ergehen.

                               Dreizehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Welch ein verzweifelter Moderomtismus! - Lenke ein; wenn Dir an unsrer
Freundschaft gelegen ist. Wahrlich! das kme mir recht! auch Du auf der Weiber
Seite? - Gott verdamme mich! es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu
werden. Wo will das hinaus? - Und nun sogar Du! bist wohl in alten Zeiten ein
solcher Frauenlob gewesen. Aber jetzt! - Ein Mann, der sich acht Jahr in der
groen Welt herumgetrieben hat! - Was? - Stehe Rede! beichte! Du bist verliebt;
aber in Wen? - In die Amazone! Pfuy! ein solcher Jungfernknecht! Ein Weib das
alle Mnner verachtet, sollte ich lieben? - Ich komme! ich komme! verla Dich
darauf! Mit meinen Augen will ich es sehen und ... Doch davon nachher.

                               Vierzehnter Brief



                              Reinhold an Olivier

Hat es noch immer nicht ausgebraust? Noch immer mit der ganzen Welt, und
vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege! - Komme nur! Dann wirst Du sehen
und hren was Du sicher nicht erwartest. Bis diesen Augenblick war ich noch
immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K... entfernt. Aber das willst Du
ja nicht, und so mge Dein Wille geschehen. Fr den Ausgang kann ich nicht
brgen.

                               Funfzehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Mit der ganzen Welt im Kriege? Ja! so bald sie sich meinem Genusse widersetzt.
Blick um Dich her! ist es anders in der groen, ewigen Natur? - Die
abgeschmackten Friedensgedanken! Nur in Schafskpfen knnen sie entstehen.
Pestartig wrde er wirken! euer belobter Friede. - Nur Strme reinigen die Luft.
Dafr geben wir euch zu, da es sich bey Zephyren sanfter einschlummern lasse.
    Mit mir selbst im Kriege? O nein! vormals wohl, jetzt nicht mehr. Euer
inkonsequentes Moralsystem verrckte mir den Kopf. Jeden Augenblick war es mit
meinen Leidenschaften im Gedrnge, und ich wute mir nicht zu helfen. Jetzt wei
ich was ich will, oder vielmehr, was die Natur durch mich will. Ich Thor wollte
klger seyn als sie, die mich zu ihren Zwecken bildete! -
    Gestern Abend war die moralische Drathpuppe, der Xavier bey mir, und
demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen. Ich langweilte mich am
Fenster, und sah endlich zu meinem Vergngen, am uersten Horizonte, ein
Donnerwetter sich bilden. Whrend er noch im besten Declamiren war, trieb es ein
Sturm herber. Die Menschen flohen, Angst und Schrecken in ihren Gebehrden. Der
Blitz splitterte die groe Eiche auf meinem Hofe, und ein Bauer, der Vater von
zehn Kindern, wurde erschlagen.
    Der arme Schelm dauerte mich, und ich will auch die Kinder versorgen; aber
ich konnte mich doch nicht enthalten dem Schwtzer Xavier zuzurufen: siehe da
den Commentar zu Deiner Abhandlung! Ihr ohnmchtigen Wrmer! was vermget Ihr
gegen diese groe Bildnerin und Zerstrerin?
    Von Eurem Willen, von Eurer Freiheit schwatzt Ihr? - Ein Blitzstrahl, ein
Erdsto! und Ihr seyd alle zertrmmert. Dann findet Eure Freyheit, Euren Willen
in den Millionen Stubchen wieder, die Ihr vormals Euer Ich nanntet. Versucht,
ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewut werden knnt. -
Wahnsinnige! hrt einmal auf zu grbeln! lebt, geniet; weil ihr da seyd! - Das
brige mge die Unergrndliche leiten.
    Und darum Krieg! Krieg gegen alles, was irgend einen Genu mir verkmmert!
Zum Wohlseyn bestimmte mich die Natur. Dafr seh' ich die Ameise streiten; dafr
streite auch ich. Will ein strkeres Wesen mir dieses Wohlseyn rauben; so fliehe
ich. Ein schwcheres; so unterdrcke ich. Hat es Kraft sich zu wehren; gut, so
mgen wir streiten. Dem Sieger ist wohl, darum strebe ich es zu werden. Wer kann
es mir verdenken? Wohlseyn ist meine Bestimmung.
    Und, sagt was ihr wollt! all' euer Realismus, und Idealismus luft doch am
Ende darauf hinaus. Ihr erzeigt euerm gerhmten Popanz, eurem Knecht Ruprecht,
Pflicht genannt, doch nur so viel Ehre; weil ihr hoft, die Christbescheerung
werde darauf folgen.

                               Sechszehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Du schweigst? - glaubst Du ich werde meine Drohung erfllen? Ach nein! diesesmal
kommst Du mit dem Schrecken davon. Ich kann nicht. Das wunderbare Mdchen hlt
mich zu fest - und so unbefangen, als wte sie nichts davon. Auch wei sie es
nicht; sie kennt nicht ihre Gewalt. Noch vor wenigen Monden wre es mir selbst
unglaublich gewesen.
    Sieh, ich denke nicht mehr an die Ntzlichkeit ihrer Sanftmuth und Gte. Ich
sitze still und bewundere. Die Mutter ist seit einigen Wochen krank. - Ach nein,
es lt sich nicht beschreiben! Sehen mtest Du ihn diesen trstenden Engel. -
Selbst das bitter bse Weib - Gott mag wissen, wie sie zu der Ehre kommt diese
Tochter zu haben! - scheint von der himmlischen Gte ergriffen. Auch in ihren
starren, wilden Furienaugen lese ich Bewundrung.
    Sieh, es ist wahr, ich bin stolz, ich kann es nicht leiden, da mich jemand
meistert, und ich habe immer gesagt: was ich bin will ich bleiben. Aber, ja! ja!
ich will es nicht bergen, vor diesem Mdchen knnt' ich mich demthigen, knnte
ihr alle meine Fehler bekennen. Ach, ber ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf,
und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe. Auch wenn ich sie nicht sehe,
versinke ich glcklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen
Liebenswrdigkeit. Ihr groer Verstand, ihre mannichfaltigen Talente, das alles
verschwindet, und man ist sich nur ihrer Gte bewut.
    Spotte nicht! das sage ich Dir, und antworte bald.

                               Siebzehnter Brief



                              Reinhold an Olivier

Spotten? - worber sollte ich spotten? Meinst Du ich heie Olivier? - Ich freue
mich, da ich Recht habe. Er ist besser als sein System. Das sagte ich schon
vor mehreren Jahren, und das wiederhole ich noch jetzt.
    Wie abgeschmackt! mich da hin zu setzen, und Dir vorzudemonstriren, da
Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist. Genug, sie verschiebt sich alle
Augenblicke, und jetzt in Gegenwart dieses Engels, den Du mir schilderst, ist
sie ja ganz abgefallen. Sonderbar genug, weit Du nicht einmal etwas davon, und
ich habe nun vollkommen Zeit, mir die wohlbekannten Zge wieder einzuprgen.
    Gehe nur! nimm sie wieder vor, und spiele die Komdie so lange es Dir
beliebt. Ich lasse mich nicht tuschen.
    Was? der Mann der da schreibt: ich denke nicht mehr an die Ntzlichkeit
ihrer Sanftmuth und Gte, ich sitze still und bewundere, das wre der
schndliche Egoist, der wie ein gieriges Raubthier nach Beute hascht, und alles
zerfleischt was sich ihm widersetzt? -
    Glaube mir! Du verstehst, Du kennst Dich selbst nicht. - O da ein edler
Mensch in Deiner Nhe, Dich wieder an Gre und Gte glauben lehrte! - Aber was
sage ich! Da hast ja alles was Du bedarfst. berglcklicher Mensch! beynahe hast
Du zu viel.

                               Achtzehnter Brief



                              Julie an Wilhelmine

Beste Wilhelmine! meine Mutter ist krank, und Olivier ... ach, Olivier liebt
mich nicht mehr. - Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen, dann
springt er mit einem male auf, tritt vor mich hin, starrt mich an und versinkt
dann wieder in seine vorige Trumerey. Es ist als wre ich ihm fremd geworden.
Sonst war er doch freundlich, jetzt ist er so ernst, mit mich so sonderbar mit
den Augen. - Sollte er denn wirklich glauben, ich mache alles so schlecht, wie
meine Mutter es sagt? - Aber er bedenkt nicht, da sie krank ist, und da man ja
selten einem Kranken etwas recht machen kann. Wenigstens sollte er doch meinem
Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
    Andere loben mich dann wieder so bermig. Aber wie kann mir das Freude
machen! - Es sticht gar zu sehr ab, gegen den immerwhrenden Tadel meiner
Mutter, und ihn, das sehe ich ja, macht es immer tiefsinniger. O meine
Wilhelmine! schreibe mir doch einmal; damit ich wei, da ein menschliches Wesen
mich noch liebt.
    Ich lese den Brief wieder durch - freylich, meine Mutter hat Recht, ich
schreibe jetzt sehr schlecht. Aber Liebste! wie ist es anders mglich? Kaum alle
vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand, und erholt sich meine
Mutter nicht bald; so werde ich das Sprechen eben so verlernen. Selten kann ich
etwas sagen, worber sie sich nicht rgert.
    Ach liebe Wilhelmine! - ich sollte es wohl verschweigen, aber wirklich, ich
leide jetzt sehr viel, und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen.

                               Neunzehnter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Er sollte Dich nicht mehr lieben? - Nimmermehr! Aber Du, Du liebst ihn! das ist
leider bewiesen. So mu ich Dich verlieren? - Dich um dieses Mannes willen
verlieren! - Wie war es mglich! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand
bersehen! - Aber da liegt das Unglck! eigentlich liebst Du nicht ihn; denn das
was Du so nennst ist nicht er. Dein eigenes Geschpf, das Gebilde Deiner
Phantasie ist es; ausgestattet mit allen Eigenschaften, die Dein liebendes Herz
bedurfte. Aber wenn nun der Traum verschwindet, wenn Du nun diesen Menschen, mit
dem ausgebrannten Herzen, als Deinen Herrn ehren, seinen Launen huldigen, und
seinen lasterhaften Wahnsinn den hchsten Verstand nennen sollst? - Wenn Dein
Kindersinn fr Dummheit, Deine Sanftmuth fr sclavische Furcht, und Dein edles
Dahingeben fr schwchliche, weibische Anhnglichkeit gelten mu. - Wer wird
mich dann trsten! -
    Und was schwazte ich vorhin! Er liebe Dich noch? Hat er Dich denn jemals
geliebt? - woher kme ihm der Sinn, woher die Kraft dazu! - Er kann nur
zweierley; Dich sinnlich begehren, oder Dich wie eine fremde Erscheinung
anstaunen. Irre ich nicht; so hast Du ihn gezwungen, sich zu dem letzten zu
erheben, und weiter bringst Du es nicht, verla Dich darauf.

                               Zwanzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Ich habe sie gesehen, Olivier! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und
bekenne, da sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat.
    Denke Dir den Krper der Mediceerin - nur etwas grer. - Wirf ein weies
langes Gewand um diesen reitzenden Krper, den Kopf - doch das mgte Deiner
Phantasie schwerlich gelingen, Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen. Ein
dunkelbraunes, lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne. Zwey lange
geistvolle Braunen ber ein paar schwarzen durchdringenden Augen, voll Unschuld
und jungfrulicher Wrde, voll Muth und anziehender Redlichkeit.
    Sonderbar! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden
Eindruck. Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewut. Dann
aber geht diese Sinnlichkeit nicht, wie bey Andern, in Bewunderung oder in
anspruchlose Zrtlichkeit ber. Nein, man vergit ihr Geschlecht, man vergit,
da diese schne, kraftvolle Seele in einem weiblichen Krper wohnt. Es ist
einem wohl, man wnscht, da es immer so bleibe. Ohne Leidenschaft, ohne se
peinigende Unruhe. Ist man unglcklich; so flchtet man gewi zu ihr. Man wei
es, sie wird einen nicht verlassen, in Noth und Tod wird sie treu bleiben.
    So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte, ohne Anspruch
dahingeworfen. Ach, da ist an keine Koketterie, weder feine noch grobe, weder
erlaubte noch unerlaubte zu denken. So wie sie ist, giebt sie sich, gleichviel
was sie dadurch wirkt. An Liebe denkt sie nicht. Das sieht man. Auch - ich
gestehe es - bringt sie sie nicht hervor. Schne genuvolle Ruhe, kindliches
herzliches Dahingeben, das fhlt man, und damit scheint sie zufrieden. Ohnedem
wre sie es. - Wahrlich ich glaube sie genget sich selbst.

                           Ein und zwanzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Ich habe geirrt, Olivier! Nein, sie genget sich nicht. Eine groe Leidenschaft
herrscht dennoch in dieser groen Seele. Es ist die Liebe zu ihrer Freundin.
    Gestern war ich bey ihren ltern. Von ohngefhr kam die Rede auf Julie von
S. Pltzlich berzog ein hohes Roth das schne Gesicht, und eine Thrne
verdunkelte das herrliche Auge.
    Sie sind mit einander aufgewachsen - sagte die Mutter, eine herzensgute
Frau - und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgtterey mit ihr - 
Vor ihr, willst Du sagen - unterbrach sie der Vater - deutsch heraus! sie ist
ein wenig vernarrt. Ich glaube, der Weg knnte ber Vater und Mutter gehen, wenn
er nur zu der angebeteten Julie fhrte.
    Whrend dieser vterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine. Aber da war
keine Spur von rger, von Empfindlichkeit zu bemerken. Es schien als sey gar
nicht die Rede von ihr gewesen. Mit ihrem kniglichen Anstande - in der That,
ich kann ihn nicht anders nennen - nherte sie sich dem Fenster, bereitete der
Mutter ein Glas Selterwasser, und reichte es ihr weder mit Demuth noch mit
Stolz; nein, mit einem gutmthigen, beschtzenden Lcheln, als wollte sie sagen:
sey ruhig, du weit, da ich dich liebe. Habe ich auch gehrt was er sagte; es
bleibt darum alles wie es war.
    Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf, und der Vater rckte ihr mit einer
wahren Kammerdienerphysionomie, in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht.
Wollte sich dann ermannen, und bekam nun, da er vor sie hintrat, das Ansehn
eines gezchtigten Schulknabens. Gewi wider ihren Willen; denn sie litt unter
seiner Verwirrung, und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den
Garten vor.
    Hier leitete ich unvermerkt das Gesprch auf Julie, und nun fnete sie ohne
Rckhalt ihr liebendes Herz.
    Ja ich gestehe es - sagte sie im schnen Enthusiasmus - alle meine Wnsche
beziehen sich nur auf sie, sie ist die Hofnung meines Lebens. Ich wei es wohl,
man glaubt nicht an Weiberfreundschaften. Aber wten Sie, wie wir von Kindheit
auf mit einander gelebt haben - Sie wrden es begreifen. - Sehen Sie! ich hatte
einen wilden eigenschtigen Charakter. Kein Wunder! Ich war das einzige Kind.
Man hatte alles, und leider nichts umsonst gethan, mich zu verderben. Gewi, es
wrde ein sehr bses Geschpf aus mir geworden seyn; htte dieser Engel mir
nicht zur Seite gestanden.
    Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bndigen; so schickte sie
zu Julien. Bey ihr verga ich meinen Eigensinn und alle meine Launen. Wie ein
Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen.
    Alles was ich gelernt habe, wei ich durch sie. Kein Lehrer konnte bey mir
aushalten. Da gerieth man auf den Einfall, Julie mit mir unterrichten zu lassen,
und dieser Einfall that Wunder; eine Thrne, ein Lcheln von ihr beherrschte
mich, mich, die alles um sich her unterdrckte.
    Aber auch das vernderte sich gar bald. Zu ihrer himmlischen Liebe, womit
sie Gute und Bse umfate, konnte sie mich freilich nicht erheben; aber
Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt. Gelehrt, sage ich? - Ach in ihrer
stillen Demuth wute sie nichts davon. Tausende wrden es nicht geahnet haben.
Nur allein meine heftige, ungestme Liebe zu ihr wurde sichtbar.
    Fr Julie! - sagte ich bey der ersten Blume, bey dem schnsten Apfel, bey
der geschmackvollsten Kleidung. - Stot sie nicht an! das rathe ich Euch - rief
ich, wenn man im Gedrnge ihr zu nahe kam. - Ein Bedienter der das Unglck hatte
ein wenig heie Brhe auf ihre Hand zu schtten, mute seinen Abschied fodern;
weil ich jedesmal laut aufschrie, wenn ich ihn erblickte. Mit einem Worte! sie
ist mein Alles und wenn ich sie verliere, wenn sie unglcklich wird, mag ich das
ekelhafte Leben nicht mehr tragen.
    Jetzt hielt sie pltzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte.
Theuerstes Frulein! - sagte ich - mich dnkt, Sie frchten zu sehr fr ihre
Julie. - Nein! nein! rief sie - ach, Sie wissen nicht! - Ich wei alles -
fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr.
Sie hatte - aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.

                           Zwey und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Es wre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. - Verndert
bin ich, das ist gewi. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften
sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
    Was ist das nun? Ist es Schwrmerey oder Natur? - Denn sage was Du willst!
Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schn ist und ich gesund bin; so mu
ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl - Dank meiner Enthaltsamkeit - bin ich
gesnder als jemals, und doch scheint mir jede Berhrung Entheiligung.
    Vormals lie es sich erklren, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich
nhere. - Wirklich! ich bin mir ein Rthsel. - Wenn die Engelgestalt mich
umschwebt, beugen sich unwillkhrlich meine Knie, und htte ich den verdammten
Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wte was ich thte.
    Sonderbar! schon seit ihrem zwlften Jahre hat die Mutter sie gewhnt, mich
als ihren knftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie
ein Kind behandelt! und wei mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen
war, sie - trotz der Mutter Heyrathsprojecten - als ein bloes Amsement zu
gebrauchen.
    Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mdchen gekommen? Von ihrer
Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. - Sollte
es denn wirklich hhere Naturen geben, die unabhngig von Beispiel und
Erziehung, sich schwebend ber allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin
das Bekenntni, ich bin uneins mit mir selbst - ich wei nicht mehr was ich
glaube.

                           Drey und zwanzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Ob es Schwrmerey oder Natur ist? - Warum soll Schwrmerey der Natur
entgegengesetzt werden; da sie in der Natur gegrndet ist? - Man denkt sich
darunter ein Losreien von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in hhern
Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreien verdanken wir das
Edelste was wir haben. Ohne Schwrmerey htten wir keine Philosophen und keine
Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdeckung
Amerika's war Kolumbus ein Schwrmer, und den ersten Schiffer hat man vielleicht
einen Wahnwitzigen genannt. Gewi kann man ber einen Menschen keinen
schrecklichern Fluch aussprechen als den: erhebe dich nie ber die Erfahrung. -
    Ich wei nicht mehr was ich glaube - sagst Du - aber Du fhlst es; und das
ist genug, Gott, das Schicksal, die Natur, oder wie Du es nach Deiner
Vorstellungsart nennen willst - liebt Dich und fhrt Dich weise. Dieses
himmlische Mdchen allein konnte Dein Herz retten. Mgte es auf lange Zeit,
mgte es fr immer seyn! -
    Freilich, ich gestehe es, kann man sich bey aller Freundschaft einer Art
Unwillens nicht erwehren, da dieses herrliche Geschpf Dir aufgeopfert werden
soll. Aber ich bin nun einmal Dein Freund; wie kann ich aufhren es zu seyn? -
Mag es das Schicksal verantworten! - Ich darf nichts als Dir treu bleiben.

                           Vier und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Was war das? - Du darfst nichts als mir treu bleiben - Darfst nicht? - Also wenn
Du nun drftest? - - Mein Herr! das gilt einen Gang! - Von hier bis ... sind nur
dreiig Meilen.

                           Fnf und zwanzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Gnge so viel Du willst. Ich habe zwar mit dem berhmten Sieger bey M... zu
thun; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden, und fr eine
solche Sache kmpft es sich vortreflich.

                          Sechs und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

So trotzig? - Du weit, da ich Dich liebe; aber baue nicht zu viel darauf.
Mgtest Dich irren. - Nun Du hast sie nicht gesehen! das ist mein Trost. Am Ende
kommt auch wohl alles von der Amazone. Sie mag schne Gemhlde von mir
entwerfen. - So gar arg ist es nicht, Mademoiselle! Machen Sie immer den
Pferdefu etwas kleiner! - Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre
bsen Augenblicke! so wie unser Einer seine guten, und htten Sie meine Julie
nicht gehabt, wer wte. -
    Wahrlich! wenn ich es recht bedenke, bin ich nicht ein Thor, diese
Korrespondenz noch zu dulden? - Als Juliens Vormund, wie leicht konnte ich sie
verbieten. -
    Darum warne die Donna. - Ich fasse mir sonst ein Herz. Mag es mich dann auch
schmerzen.

                          Sieben und zwanzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Sey ruhig! Du wirst nichts thun, was Dich schmerzt. Im Nothfalle verhindere ich
Dich daran; so wie ich es vormals gethan habe. - Du bist Juliens Vormund; nicht
ihr Tyrann. Mige Dich! es giebt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen,

                           Acht und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Tod und Teufel! was untersteht Ihr Euch! Mich zwingen! das wre das erste Mal in
meinem Leben! - Und wenn sie nun meine Verlobte, wenn sie nun meine Frau ist?
Was wollt Ihr dann? - Ah ha! daran habt Ihr nicht gedacht! - Wartet! ich werde
Euch lehren, mir Regeln vorzuschreiben. Noch in dieser Woche ist die Verlobung,
und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten.

                           Neun und zwanzigster Brief



                           Wilhelmine an ihre Mutter

Es war die hchste Zeit, beste Mutter! Einen Tag spter, und meine Julie war
verloren. Ich fand die Alte noch im Bette, und Julie schner und duldender als
jemals. Man sah es, sie hatte geweint, gewacht, unbeschreiblich gelitten; aber
es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs. Noch etwas grer ist sie geworden,
und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune. Ihre Haut ist blendender,
und der Blick ihres groen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele.
    Der schreckliche Mensch war auch da, und zitterte vor Wuth, da ich mich
Julien nherte. Die Mutter knne sie nicht entbehren, es sey vor dem Winter
unmglich, und was dergleichen Ausflchte mehr waren. - Aber jetzt bergab ich
Ihren Brief. Herr Olivier fand nun fr gut die Maske abzuziehen, erklrte gerade
heraus, er werde es nicht dulden, und erhitzte sich whrend seiner Protestation
so sehr, da er wirklich schumte, als der Arzt - Juliens zweiter Vormund -
herein trat.
    Ich wandte mich sogleich an ihn, und bat um seine Entscheidung. Er war ganz
fr die Reise und behauptete, Julie werde ohne diese Zerstreuung einer
ernsthaften Krankheit nicht entgehen. Um den Herrn Obristen vllig zu schlagen,
bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an, und so konnte man denn
vernnftiger Weise nichts mehr einwenden.
    Noch ehe der Obriste sich von seiner Betubung erholte, war der Reiseplan
fertig, und Julie fiel mir, wie eine erlste Gefangne, mit einem Thrnenstrome
um den Hals.
    Der Obriste, und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschttert. Juliens
Lcheln hatte die Peiniger getuscht, und jetzt erst schien das ganze Bewutseyn
ihrer Schuld zu erwachen.
    Die Mutter sah starr auf den Boden, und der Obriste, nachdem er wie ein
Rasender umhergelaufen war, strzte mit einem Male vor Julien nieder, und rief
mit seiner frchterlichen Stimme, halb bittend, halb drohend: Julie! Sie wollen
mich verlassen!
    Das unterdrckte Mdchen schlo sich jetzt noch ngstlicher an meine Brust.
Auch bekenne ich, wie ich da den Mann, durch dessen Hand so viele Menschen
starben, wie ich den Kolo da vor uns liegen sah, fhlte ich selbst eine Art
Schauder.
    Doch ermannte ich mich wieder. Lieben Sie Julie, Herr Obrister - sagte ich,
indem ich das zitternde Mdchen zu einem Stuhle fhrte - so knnen Sie sich
dieser Reise nicht widersetzen. - Er antwortete mir nur mit einem wthenden
Blicke, rafte sich auf, und verfinsterte, indem er mit seinen klirrenden Sporen
an das Fenster trat, das ganze unter seinem Futritte bebende Zimmer.
    Wann werden Sie reisen? - fragte die Mutter. Morgen - antwortete ich -
die Wege mchten sich verschlimmern. - Morgen! - rief der Obriste - das geht
nicht! Morgen ist die Verlobung. - Und davon sagtest Du mir nichts? - redete
ich Julien an.- Weil ich es nicht wute - antwortete sie mit ihrer
Fltenstimme. - Du wtest es nicht! - rief ich - und so wird es Dir
angekndigt! - Julie! - fuhr ich fort, indem ich ihre beiden Hnde ergriff und
sie fest gegen meine Brust drckte - Julie? wirst Du Dich morgen verloben?
    Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte. - Nein -
antwortete sie - ich werde reisen. - In diesem Augenblicke schrie die Mutter
laut auf: dem Obristen wird nicht wohl! - Wir sahen uns um und er hieng bleich
wie eine Leiche ber der Lehne des Sopha's. Julie wollte sich zu ihm hinneigen;
aber noch ehe sie sich losmachen konnte, rief ich unsern Bedienten: Friedrich!
dem Herrn Obristen ist nicht wohl! geschwinde seine Leute!
    Er wird krank werden - sagte Julie wehmthig, als wir in ihre Kammer
traten. Und Du - antwortete ich - wrdest auf Dein ganzes Leben elend werden.
Was ist schlimmer?
    O meine Wilhelmine - rief sie, indem sie das Engelgesicht an meine Brust
legte - Gott wei es wie sehr ich Dich liebe, und wie gern ich Dir folge! aber
htten wir ihn nicht etwas mehr schonen knnen? - Sein Kummer ist mir
frchterlich. - Ich bin nicht daran gewhnt. -
    Liebst Du ihn - sagte ich, indem ich sie von meiner Brust zurckdrngte
und ihr starr in die Augen sah. - Wilhelmine! - antwortete sie - Ach Gott! ich
kenne die Liebe nicht! Aber wenn ich ihn liebe; so ist die Liebe kein ses
Gefhl. -
    O es ist gut! es ist alles gut! - rief ich, und drckte sie wieder fest an
mein Herz - Du frchtest ihn nur, bist an ihn gewhnt, kannst ihn nicht leiden
sehen - das ist es, und weiter nichts. Fort! fort von hier! damit Du begreifst,
wer Du bist, und von wem Du Dich trennest.
    Aber morgen schon? - sagte sie - Heute, wenn es mglich ist - wollte ich
antworten; aber ich besann mich geschwinde, und als htte ich nichts gehrt,
fing mit ihr an, Kleider und Wsche zum Einpacken hervorzusuchen.
    Spute Dich - rief ich - Du hast so lange keine Bewegung in freyer Luft
gehabt. Wir mssen bey dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine
Spazierfahrt machen. Meine Leute holen Vormittags den Koffer, und so ist auf
morgen alles besorgt.
    Die Schlssel fielen ihr aus den zitternden Hnden; aber ich hob sie wieder
auf, schlo zu, und steckte sie zu mir. Nun giengen wir zur Mutter, die wir
glcklicher Weise allein fanden. Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich
davon gegangen; freilich aber mit der Drohung, gleich nach Tische
wiederzukommen. Die sogenannte Spazierfahrt mute also beschleunigt werden.
    Friedrich wute Bescheid und noch vor drey Uhr trabte er neben unserm Wagen
auf dem Wege nach P...
    Hier wird uns der Obriste nicht suchen, - sagte ich, als wir in das
Wldchen kamen - Aber fahren wir auch zu weit? - fragte Julie. Nicht weiter
als nthig ist - antwortete ich - diesen Abend sind wir in P...
    O mein Gott! - rief sie - ohne Abschied von meiner Mutter!
    Mit dem Abschiede wrest Du nie davon gekommen.
    Was wird der Obriste sagen?
    Alles was ihm beliebt, - die Hauptsache ist, da er uns nicht findet.
    Wilhelmine! Du bist zu rasch gewesen. Man wird es tadeln.
    Immerhin! bist Du doch frey. - Auch habe ich einen Brief an Deine Mutter
hinterlassen. Der Doctor will das brige auf sich nehmen.
    Und so gieng es nun rasch nach P.... Gestern kamen wir an, und heute sind
wir schon eingerichtet. Die Zahl der Brunnengste ist ansehnlicher als jemals,
und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vortheilhaft wirken.
    Lassen Sie bald etwas von sich hren, beste Mutter, und schonen Sie Ihre
Augen, aber nicht Ihren Secretair. In der That, ich glaube Reinhold hat das Amt
gerne bernommen, und Sie knnen sich ganz auf ihn verlassen.
    Julie umarmt Sie tausendmal und Ihre Wilhelmine kt die liebe mtterliche
Hand.

                               Dreiigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Ihre Frau Mutter ist wohl, und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren
Augen versprt. Demohngeachtet wird meine theure Freundin - ich habe ja die
Erlaubni, Ihnen diesen Nahmen geben zu drfen - mit einer Secretairsnachricht
vorlieb nehmen mssen.
    Der Herr Vater kann sich, wie gewhnlich, zu keinem Briefe entschlieen, und
ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben. Kaum war es ihm mglich, mir
einen Gru fr seine Julie zurufen zu knnen.
    Olivier ist seit drey Tagen bey mir. Fast mgte ich sagen, er dauert mich.
Ich finde ihn nicht sowohl uerlich als innerlich bis zum Unkenntlichen
verndert, und gestehe, unter allen Zaubereyen der Liebe ist mir diese eine der
merkwrdigsten.
    Gleichwohl droht sein oft mit Wrde verhaltener, oft wie ein reiender Strom
hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu berwinden. Anfangs wollte er mich
zwingen, ihm Juliens Aufenthalt zu entdecken, und nur lange nach einer sehr
ernsthaften Scene, war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen. Nun will
er fort, Sie aufzusuchen. Ich werde ihn reisen lassen, und hoffe auf diese Weise
seine Genesung am sichersten zu bewirken.
    Empfehlen Sie mich Ihrer theuern Freundin, und bitten Sie ihre Frau Mutter,
mich meines Amtes nicht zu entsetzen.

                           Ein und dreiigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Warum bin ich abgereist? warum habe ich Dich nicht gezwungen, mir ihren
Aufenthalt zu entdecken? - Und htte ich Dir den Degen auf die Brust setzen
sollen - nicht wahr? endlich mutest Du nachgeben? - Gestehe es! Du wanktest
schon? - O ich knirsche vor Wuth, da ich Dich so entwischen lie!
    Wie ich hier ankam, wie ich das alles berlegte, wollte ich gleich wieder
umkehren. Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten. Der
Eine wollte dies, der Andere das gehrt haben. Am Ende bist Du auch wohl so
tckisch, Julien eine Vernderung des Aufenthalts vorzuschlagen, um Dich nachher
mit Deiner Unwissenheit brsten, und mich dann vllig rasend machen zu knnen.
    Siehe! ich schwre es! Wo ich es Dir, wo ich es Euch allen vergebe; so mge
Gott mir keine meiner Snden vergeben. Mich diesem entsetzlichen Schmerze,
diesen Hllenquaalen Preis zu geben! - Und was wird nun die Frucht Eurer
Weisheit seyn? - Unglck! schreckliches Unglck! denn wenn ich sie nicht finde -
o ich mag es nicht ausdenken, was ich dann thue.
    Dummkpfe! Ihr grausamen Dummkpfe! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches
Joch spannen; nur mit Ihrer Hlfe war es mglich. Ach! ich fhlte wie es Tag
ward in meiner Seele, wie mein beres Selbst anfieng zu erwachen, wie Glaube und
Hofnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten. Das habt Ihr nun alles
zerstrt. Es ist wieder Nacht, tiefe Nacht um mich her, und ein
lebenzersthrender Schmerz nagt in meinem Innern. - Was soll ich nun thun? -
Thun? - Hier ist nicht von einem Thun, von einem Leiden ist die Rede. Olivier
leiden? - Nimmermehr! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz.
    Muth! Muth! ich werde sie finden! und dann sollt Ihr alle dafr ben.

                           Zwey und dreiigster Brief



                           Wilhelmine an ihre Mutter

Ich werde also meine theure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen
wieder finden? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn. - Ach wie hat
sie mich geliebt und getragen! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner
Julie, wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden.
    Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer
wei wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte ich irgend eine kleine
boshafte Anmerkung, konnte ich mich eines bittern Urtheils ber die Mnner und
was dahin gehrt, nicht enthalten; so erwartete ich wenigstens eine
mibilligende Miene von Julien; aber ich sah nichts als das Lcheln, was unser
Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte.
    Zrtliches Mitleiden, holde Schaam, da ihr reines Herz sie ber den Andern
erhebt, Angst, Vorgefhl der Reue, die es sich bereitet - das alles liegt in
diesem wunderbaren Lcheln. Wahrscheinlich hlt sie jeden Fehler, jedes Laster
fr eine Krankheit. Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklren.
Gerade zu den boshaftesten Menschen fhlt sie sich am meisten hingezogen. So wie
die rzte sich bey den gefhrlichsten Kranken am lngsten verweilen.
    Seit acht Tagen ist hier ein Weib, dessen Zunge nur aus Gift und Galle
zusammengesetzt scheint. Nur, sobald ich Julie vermisse, finde ich sie gewi an
der Seite dieses Weibes. Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie fr einen
Ausbruch des Schmerzes und sich fr berufen zu halten, ihn zu lindern. Ein Kind,
eine schne Blume, eine heitere Aussicht, mssen ihr wechselsweise dienen, die
scheuliche Phantasie des Weibes zu beschftigen. Oft wenn die blauen Lippen
sich zu einer neuen Lsterung fnen, schlieen sie sich wieder bey Juliens
Lcheln und das Gift bleibt in dem Drachen zurck.
    Donnerstags Abends. Ich hatte Recht, beste Mutter! Wahrhaftig! sie hlt das
scheuliche Weib fr krank. Heute war mein Sinn darauf gesetzt, sie zu einem
ordentlichen Widerspruche zu zwingen.
    Aber, sage mir - redete ich sie an - wie kannst Du es nur zwey Minuten bey
dem Weibe aushalten?
    Ach sie leidet sehr viel!
    Worber klagt sie denn?
    Sie klagt nicht; aber ihr Betragen klagt fr sie.
    Gegen sie! willst Du sagen. Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle
zusammengesetzt.
    Beste Wilhelmine! wenn das ist, was kann sie denn fr ihr Betragen?
    Nun! was jeder dafr kann, der einen freien Willen hat.
    Ach Gott! Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben?
    Wie? Du hltst sie fr wahnsinnig?
    Nicht in dem gewhnlichen Sinne. Aber glaube mir, jeder lasterhafte Mensch
ist es minder oder mehr. Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart
lasterhaften Wahnsinn?
    Ja, wenn ich ihn nicht sehe, wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit
leide. Aber in dem Augenblicke, wo ich beleidigt werde, mu ich die Beleidigung
instinktartig zurckwerfen, mu voraussetzen, der Beleidiger sey ein freier
Mensch, fhig, sich nach vernnftigen Grnden zu bestimmen. Hat er es bis dahin
nicht gekonnt; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwrfe dazu. Er begreift, da
er anders handeln mu, um mir nicht hassenswrdig zu werden.
    Liebste Wilhelmine! dies glauben viele Menschen, und doch - was bringt
dieser Glaube hervor? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegentheil von
dem, was man hoft: da ich in dem Beleidiger - schuldiger oder unschuldiger
Weise - eine unangenehme Empfindung erregt habe, ist ja schon durch die
Beleidigung erwiesen. Sie selbst, obgleich sie ihm eine tuschende Erleichterung
verschaft, bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor. Nun fge ich - um
das Unglck vollkommen zu machen - eine drey doppelt so unangenehme hinzu. Wie
natrlich, da er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftuerung diese Menge
unangenehmer Empfindungen auf mich, den widrigen Gegenstand zurckwirft. Und so
ist denn der Anfang zu einer, wer wei wie viele Jahre dauernden Feindschaft
gemacht.
    Also mu man alles dulden, alles ber sich ergehen lassen?
    Was die Mnner sollen, das wei ich ich nicht. Sie haben ihren Degen und
mit dem lt sich vielerley ausmachen. Aber Gte und Sanftmuth sind ja unsere
einzigen Waffen? Mir wenigstens, kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise
zu rchen sucht, wie eine ekelhafte Migeburt vor.
    Aber Madame R.... ist nicht ekelhaft - -
    Liebste! viele Kranke sind ekelhaft; mu man sie darum verlassen?
    Wenigstens folgt Jedermann, der Madame R.... kennt, dieser sehr natrlichen
Empfindung.
    Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert.
    So? mich dnkt sie knnte sich aber auch dadurch bewogen fhlen etwas
weniger giftig zu werden. Denn, sage was Du willst, man mu sich doch, wegen
ihrer Bosheit, an sie selbst halten.
    O ja! wenn man abgerechnet hat, was Erziehung, Umstnde und Temperament
dazu beigetragen haben. Wenn man versucht hat, was die uerste Liebe ber sie
vermag.
    Und dazu bist nun gerade Du berufen? Mut Dich um dieses Weibes willen von
einer Freundin trennen? Ich will es noch erleben! in das Polterkmmerchen wird
man mich stecken.
    Meine Wilhelmine! - rief sie - schlo mich in ihre Arme, und erstickte
alle brige Vorwrfe mit ihren Kssen.
    Da kommt sie! Ich mu schlieen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben,
was ich eigentlich schreiben wollte. Nun, das nchste mal. Viele Gre an meinen
lieben Vater und an Reinhold.

                           Drey und dreiigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen. Freilich! wohin kannst Du mir
schreiben! - Ich irre herum wie ein Verbannter, suche Ruhe und finde sie nicht.
    Reinhold! sey menschlich! entdecke mir ihren Aufenthalt. Sieh! ich gebe Dir
mein Ehrenwort: ich will sie nicht zwingen. Nein! sie soll frey bleiben. Mag sie
dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachtheil gebrauchen.
    Wenn ich sie nur sehe, wenn ich nur in ihrer Nhe wieder athme.
    O Reinhold! gieb mir sie wieder! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in
meiner Brust nicht mehr fhle. Ach wie ist alles so wste seitdem ich sie nicht
mehr habe! - Nur die Hofnung sie zu finden, konnte mir das Leben erhalten.
    In G.... haben sie das uerste versucht mich zu erheitern. Vergebens!
Weiber, Wein, Vergngungen, alles ist mir zum Ekel. Sprechen sie nun gar von
meinen stachlichten Lorbeeren; so mchte ich davon laufen. Ach was sind meine
Metzeleyen gegen ihre stille, himmlische Gre? - Was sind die gepriesensten
Weiber gegen diese Unvergleichliche! - Wahre Zieraffen! die nicht einmal die
Hlfte von dem, was sie ist, scheinen knnen.
    Sieh! ich bin unglcklich! auf mein ganzes Leben bin ich unglcklich, wenn
ich sie nicht finde. Ich lie mir aus Verzweiflung den Zgel wieder schieen,
wollte mich betuben. - Aber es geht nicht! es geht nicht! - Ach ich fhle mich
dann noch trostloser, noch weiter von ihr entfernt.
    Aber kann ich ihr nicht schreiben? Reinhold! ich will ihr schreiben. Dir
selbst schicke ich den Brief. Du mut, ja Du wirst ihn besorgen! - Nein, das
kannst Du nicht! nein, Du behltst ihn nicht zurck. - Du liebst mich noch, Du
willst nicht, da ich verzweifle. O Reinhold! Du schickst ihr den Brief. - Ich
schreibe! ich schreibe.

                           Vier und dreiigster Brief



                                Olivier an Julie

Julie! haben Sie mich vergessen? O Julie! hassen Sie mich? - Ich bin
unglcklich, unbeschreiblich unglcklich. Ich sehe, ich hre Sie nicht mehr. -
Nein, aus Sich selbst haben Sie das nicht gethan. Man hat Sie gezwungen, Sie
gewaltsam mir entrissen.
    Aber dieser Brief wird in Ihre Hnde kommen. Sie werden ihn lesen. Julie!
wollen Sie nicht wiederkehren? wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreien?
- Es ist alles verndert. Gewi Sie sollen frey bleiben. Aber lassen Sie mich
Ihre Stimme wieder hren! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele!
- O Julie! sagen Sie mir, da Sie mich nicht hassen. Julie! meine einzige Julie!
kehren Sie wieder! Ich nenne, ich schreibe Ihren Namen so oft. Ach es liegt
etwas trstendes in diesem Namen. -
    Aber Sie knnen diesen Brief nicht lesen. Meine Hand zitterte so heftig. Ich
mu ihn abschreiben. Wird meine Julie mir antworten? Gewi! woher nhme sie die
Hrte zu schweigen.
    Ich habe den Brief wieder abgeschrieben, und kann mich noch immer nicht von
dem Blatte trennen. So lange es in meinen Hnden ist, fhle ich nicht den
entsetzlichen Schmerz in meiner Brust. Mich dnkt, Sie htten es schon berhrt,
htten es gelesen. Ihre Antwort stnde darauf. O meine Julie! werden Sie mir
antworten? -

                           Fnf und dreiigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Ein Brief an Dich, darin einer an Julie, ist gestern abgegangen, und nun erst
fllt mir ein, da ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe. Ach, seitdem
sie mich verlassen hat, verwirren sich meine Gedanken. Das Nothwendigste
vergesse ich, Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lcherlichen Wichtigkeit,
schwatze oft Stundenlang, und wei am Ende kein Wort davon.
    Nun, wegen der Addresse. - Du schickst Deinen Brief nach P.... Der Knig
kommt dorthin, und will mich sprechen. Ich zittre, da vom nchsten Feldzuge,
da von einem Auftrage die Rede seyn wird. -
    Zwar habe ich meine Ruhe theuer genug erkauft; aber werde ich nein sagen
knnen? Werde ich es drfen? - Auf keinen Fall reise ich, ohne sie gesehen, ohne
ihr Wort zu haben.
    Alles hat sich wider mich verschworen! - Treibe mich nun nicht aufs
uerste.

                          Sechs und dreiigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier, nebst dem
Einschlusse an Ihre Julie. Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Bothen,
der mir versprochen hat, sich und sein Pferd nicht zu schonen. Noch hoffe ich,
er werde frher kommen, als der Obriste, und ihnen Zeit verschaffen, Ihre
Maaregeln zu nehmen.
    Dem Himmel sey Dank! da es meines Rathes nicht bedarf. Ich gestehe Ihnen,
bey Oliviers Zustande ist mir die Unpartheilichkeit nicht mglich. -
Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen. - Ach unter diesen
heftigen Erschtterungen verwirren sich meine Geschfte. Oliviers Leidenschaft
ist unmerklich in mich bergegangen. Oft verwechsele ich mich mit ihm, und mich
dnkt, ich sey es, der Julie verliere. Dann reit meine Phantasie mich wieder zu
Ihnen hin, und ich zittre Olivier mchte Julie entdecken. Wie wird das enden? -
Sagen Sie mir, beste Freundin! haben Sie keine Ahnung davon? -

                          Sieben und dreiigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Alle Ahnungen sind berflssig. Ihr Bothe kam nur zwey Stunden spter als er
sollte; aber wir sind entdeckt. Der Knig war schon seit geraumer Zeit hier und
suchte Julie eben so geflissentlich auf, als sie ihn vermied. Welch Wunder! da
er bey seiner auerordentlichen Reitzbarkeit, sich angezogen fhlt, wo die
kltesten Mnner gerhrt werden. - Julie in ihrer Kinderunschuld meinte, es sey
Wohlgefallen an unserm Geschwtz und frchtete nur das Aufsehen. Aber seine
Augen haben ihn verrathen, und jetzt, nach der Ankunft des Obristen ist kein
Zweifel mehr brig.
    Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unplichkeit
allen Spaziergngen entsagt. Endlich lockte uns das schne Wetter aus unserm
Zimmer hervor. Wir glaubten berdem, der Knig sey ausgeritten, und athmeten
sorgenlos die reine erquickende Luft, als wir pltzlich seine Stimme dicht neben
uns hrten. Lat ihn hierher kommen, - sagte er zu seinen Leuten, und stand
vor uns, ehe wir nur versuchen konnten, ihm auszuweichen.
    Ein paar Minuten, und wir sind, trotz unserer Einsylbigkeit, wieder
meisterhaft ins Gesprch verwickelt. Aber mit einem Male ruft der Knig: Ah da
ist er! Nicht wahr? Sie verzeihen mir, wenn ich einen alten Freund in Ihrer
Gegenwart bewillkomme? -
    Wir verneigten uns und schwiegen. Was konnten wir auf diese bertriebene
Hflichkeit antworten? -
    Jetzt erscheint ein groer entsetzlicher Mann in p... Uniform am Ende der
Allee. Der Knig verdoppelt die Schritte. Wir mssen folgen. Auch der Mann
nhert sich schneller. Julie! - rufe ich mit einem Male - wer ist das? - Der
Obriste Olivier! - sagt der Knig, starrt mich an, und wendet sich dann zu
Julie mit der Frage: kennen Sie ihn? - Es ist mein Vormund - antwortet sie
gefat; aber bleich wie eine Leiche. Der Knig steht still, und seine Augen
ruhen unverwandt auf Julien. So findet uns der Obriste.
    Es war unmglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und berwltigender
Empfindung bey ihm zu verkennen. - Wahrscheinlich eine ganz unvermuthete
Zusammenkunft? - sagt der Knig in einem empfindlich hflichen Tone. - Meine
Braut - antwortet der Obriste, und seine Augen sprhen Flammen - mute sich ohne
Abschied von mir trennen. - Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem
allgemeinen Stillschweigen hinzu: ich habe nicht sumen wollen Ew. Majestt
Befehlen zu gehorchen.
    Verbunden! sehr verbunden! - ruft der Knig im lustig seyn sollenden Tone
- Aber jetzt wre es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu
fallen. Kommen Sie Frulein! - indem er sich zu mir wendet - Sie mssen Ihr
Versprechen erfllen, und mir die neue Anlage zeigen.
    Ich wute von keinem Versprechen und von keiner Anlage. Aber in ein dummes
Hinbrten versunken, lasse ich mich halb bewutlos mit fortreien.
    Mein Frulein - sagt der Knig - lsen Sie mir das Rthsel! Eine Braut, die
vor ihrem Geliebten erblat? -
    Ihro Majestt! Frulein S... ist nicht Braut.
    Sie ist es nicht? - ruft er, und weckt mich erst jetzt aus meiner
Betubung. Ich will mir helfen - Vergebens! er lt nicht nach mit Fragen,
treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern, und verwickelt mich endlich so
sehr in meine Antworten, da mir bald nichts mehr zu gestehen brig bleibt.
    Mit tdtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hnde in unbndiger Freude
ergreifen und sie mit Kssen bedecken. Hre ihn mich beschwren, seine Freundin
zu seyn, Julie zu bewegen, seinen Schutz anzunehmen, zu glauben, da er mein
Vertrauen auf keine Weise mibrauchen werde. - O Gott! ich wei nicht mehr, was
er mir alles sagte. - Mir war, es habe der Donner vor mir eingeschlagen. Stumm,
zitternd und taumelnd lie ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten.
    Julie fand mich im Fieber. Noch jetzt bin ich nicht davon befreit. Das
Reisen hat uns der Arzt verboten. Haben sie die Gte meine Mutter zu
benachrichtigen. Fort mssen wir, das ist gewi. Aber wann? wohin? kann ich noch
nicht entscheiden.
    Juliens Gesundheit scheint unverwstbar. Sie spricht mir Muth ein, und
versichert, es werde noch alles gut gehen. Ach woher nehme ich die Kraft, ihr
meine Unbesonnenheit zu gestehen? Ich suche die Gelegenheit und zittre davor.
Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise.

                           Acht und dreiigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Wre ich nur in dem Gewhle des Krieges geblieben. Htte irgend ein feindlicher
Sbel, eine wohlthtige Kugel sich meiner erbarmt; dann wre ich jetzt im
Frieden. - Doch wer wei - Wahrhaftig! man knnte versucht werden schon hier an
eine Vergeltung zu glauben. Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amsirt -
und jetzt! - Der Knig hat sie gesehen - und in meinem Herzen ist die Hlle mit
allen ihren Quaalen.
    Ob ich fr sie frchte? O denke es nicht! Es ist Lsterung. Nein sie ist und
wird ewig bleiben was sie war. Aber er sieht sie, er untersteht sich ihre Hand
zu berhren. Begreifst Du, was ich leide? - Ob ich ihrer denn wrdiger bin? Das
sage ich nicht! Keiner ist ihrer wrdig. Aber er - er mag es wagen einen seiner
Gedanken laut werden zu lassen.
    Sonderbar mssen wir uns neben einander ausnehmen. Er schmeichelt mir, und
ich, natrlicher Weise, bin gezwungen ihn zu schonen. Aber unsre Blicke mgen
einen schnen Kommentar abgeben. - Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht
hervorrckt? ist mir unbegreiflich. Ich warte darauf, um das Entscheidende zu
wagen.
    Sieh! was hat nun all Eure Vorsicht geholfen? - Das Schicksal fhrt uns
trotz Euch wieder zusammen. Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern
verschlimmert. Wahrlich! Ihr mgtet was darum geben, da alles im vorigen Gleise
noch fortschlenderte. Dann wte ich noch nicht, was es heit, ohne sie zu
leben. Dann wre vielleicht eine sanfte allmhlige Trennung noch mglich. Jetzt
ist es Raserey daran zu denken. Sie oder den Tod. Darauf knnt Ihr Euch
verlassen.

                           Neun und dreiigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Bestes Frulein! ich beschwre Sie, nichts zu bereilen. Oft wirkt das, was wir
Zufall nennen, mehr, als wir bey dem besten Willen vermocht htten.
    Versuchen Sie einmal, sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten. Besonders
handeln Sie nicht gegen den Obristen. Es ist gefhrlich. - Meine theure
Freundin! Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht seyn. Wahrlich! er leidet sehr
viel; gewi mehr, als wir begreifen.
    Aber Julie? - Julie, bestes Frulein! ist sicher. Und wre sie es nicht -
in der That, dann zweifle ich, da wir ihr Sicherheit verschaffen knnen. - Nur
Zeit gewonnen! dann ist alles gewonnen. Wenigstens, alles was uns zu gewinnen
brig bleibt.

                               Vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Ganz richtig! ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank fhren; weil es dem
Herrn, weil es seiner allmchtigen Dame so beliebt. Meine braven Kerle lassen
sich in Stcken hauen, ich strze ihnen nach, wie ein Verrckter, und das alles
wird, gegen eine Nation die fr Eigenthum und Freiheit kmpft, zu nichts dienen,
als ein paar Lcken in den Zeitungen auszufllen.
    Sollte nicht eine Zeit kommen, wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden,
ihren an der Verdauung laborirenden Gebiethern die Waffen zu Fen legen, und in
Demuth anhalten wrden: Hchstdieselben mgten, wenn irgend etwas zwischen Ihnen
und Dero Herren Vettern auszumachen seyn sollte, die Gnade haben, solches mit
eignen hohen Hnden zu bestreiten. Besagte Helden wren indessen gesonnen das
Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Thronverzierungen das Ihrige
beizutragen; wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebiether nichts
dawider einzuwenden htten. - - Ja ich glaube, sie wird kommen diese Zeit. Die
Herren Gebiether werden sie selbst herbeifhren und auf diese Weise fr die
Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen.
    Welche Antwort ich aber gegeben habe? - Da ich bereit sey den Augenblick zu
gehen; sobald Frulein S... mir ihre Hand zur Belohnung reichen wolle.
    Sonderbarer Einfall! - riefen Ihro Majestt und beliebten dabey mit
entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen. - Ich glaube wahrhaftig, Sie
haben mich zum Brautwerber ausersehen.
    Ich gestehe, da unter allen Belohnungen
    Mit welchen Sie mich bis jetzt immer zurckwiesen.
    Ich wnschte Ew. Majestt von meiner uneigenntzigen Anhnglichkeit zu
berzeugen -
    Und jetzt? -
    Hat das Leben durch Julie von S... einen Werth fr mich bekommen.
    So! so! nun ich habe nichts dawider.
    Was knnten Ew. Majestt dawider haben?
    Wahrhaftig, Herr Obrister! Sie spielen heute eine sehr komische Rolle.
    Ew. Majestt sind heute vielleicht sehr komisch gestimmt; und daher mag ich
Ihnen wohl so erscheinen. Sonst war das Komische eben nicht meine Sache.
    Nun! so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt. Denn, gestehen Sie!
es war doch sehr komisch, schon bey unsrer ersten Zusammenkunft Frulein S...
Ihre Braut zu nennen; und jetzt noch einer Vorsprache zu bedrfen.
    Dieser Vorsprache wrde ich nie bedurft haben, wenn Frulein S... ihrem
Herzen htte folgen knnen.
    Ach mein lieber Obrister! es ist eine gar eigene Sache um ein
Frauenzimmerherz. - In unsern Jahren thut man sehr wohl, keine zu groen
Ansprche daran zu machen. -
    Ich hatte etwas sehr Bitteres auf der Zunge; aber glcklicher oder
unglcklicher Weise trat der Gnstling herein.
    Adieu, lieber Olivier! - rief der Knig - In vier Wochen hoffe ich den
Herrn General zu empfangen.
    Was ich nun thun will? - Zu Julie will ich gehen, und sie soll entscheiden.

                           Ein und vierzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Bester Olivier! wenn Du noch nicht gegangen bist; so hre mich. Ach da es Dir
mglich wre Dich zu fassen! die Folgen einer bereilung zu begreifen. - Hast Du
alles vergessen? - Sie sollte frey bleiben, Du wolltest sie nicht zwingen. - Nun
soll sie sich aufopfern, soll ihr ganzes Leben hindurch weinen. Was hat die
Reine, Unschuldige gethan, so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu
werden? Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht whlen drfen? - Deine Liebe
selbst mte sie schtzen. Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen! -
Knnte ihr rgster Feind schlimmer gegen sie handeln? -
    Olivier rei Dich einmal los von Dir selbst! Du kannst es, wenn Du es
willst. Schreite muthig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft. Jetzt bist Du ein
Dritter, bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn
verblendete Olivier. Olivier! was fhlt nun Dein menschliches Herz? - Ach sieh!
es kehret nie wieder das Bltenalter der Liebe. - Soll sie es niemals
durchleben? Wenn sie nun einst, wie Du es glaubst, mit uns zerstrt wird, wenn
kein Bewutseyn ihres vorigen Zustandes mglich ist, wenn vielleicht kein
besserer ihrer wartet; dann willst Du es seyn, der ihr die einzigen Augenblicke
raubt, die den Menschen fr sein Daseyn trsten knnen!
    Nicht wahr? Dein innigstes Mitleiden erwacht. Nein, Du willst nicht zum
strafbarsten Mrder an ihr werden!

                           Zwey und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Du hast sie nicht gesehen; das macht Dein Philosophiren begreiflich. Auch
bewahre Dich Gott dafr! Du wrest noch unglcklicher als ich, Du wrdest leiden
, wo ich handle.
    Wer zweifelt, da ich mein Verfahren an einem Dritten mibilligen wrde?
Aber ich, ich kann nicht anders. Schreite muhig aus dem Zauberkreis der
Leidenschaft. Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Glckseligkeit
gebannt. Auer ihm ist eine scheuliche, grausenvolle de. Ich kenne sie schon
diese Hlle. Nein, nein! da ich mich vor den Quaalen der Verdammten schtze,
das will ich verantworten.
    Ach wenn das Treiben und Drngen der unglcklichen Erdenwrmer mich
anekelte, wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind, wenn ich mich
nach allen Seiten wendete und trostlos fragte; warum? warum wozu? - Dann
erschien sie mir wie ein hheres Wesen, die grbelnde Vernunft war gefangen, und
ich glaubte.
    Nein, Du irrst! nein sie kann nie aufhren zu seyn, und sollten wir alle
verschwinden. Sie ist mit sich einig, ist ein unzerstrbares Ganze. In ihr lebt
wahrhaft ein unsterblicher Geist. Darum will ich mich an sie schlieen, will
fest an ihr halten, da sie mich hinber ziehe in das unbegreifliche Leben.
    Noch habe ich sie nicht gefragt. Ein sonderbares, linkisches, muthloses
Wesen befllt mich in ihrer Gegenwart. Aber sie sieht was ich leide, sie
begreift, wie unmglich es ist, da ich sie einem andern Manne berlasse. Auch
vermeidet sie jede mnnliche Gesellschaft. Es ist gut, ich wei ihr Dank dafr;
aber es kann, es darf auch nicht anders seyn - ich wrde rasen.
    Freilich! manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken, sie knne ganz die
Meinige werden. - Aber dann habe ich sie ja, dann wird die Gewohnheit, sie zu
sehen und zu besitzen, diese quaalvolle Empfindung mildern. Dann werde ich nicht
mehr die Gewnder, die sie umschlieen, die Lfte, die sie umwehen, beneiden.
    Letzt kamen wir von einem Spaziergange. Sie klagte ber Durst, und foderte
ein Glas Wasser. Wie sie es so mit Begierde ergriff, es an den Mund brachte, und
nun in hastigen Zgen es leerte - ja, da hatte ich mit mir zu kmpfen. Zweimal
streckte ich die Hand aus nach dem Glase, und lie sie dann beschmt wieder
sinken. - Wer htte mich begriffen? wer htte geahnet was ich litt, sie etwas so
mit Begierde verlangen, es krperlich mit sich vereinigen zu sehen. - Endlich
bekam ich das Glas und - freilich stieg mir das Blut dabey ins Gesicht - ja ich
konnte es nicht lassen, heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein.
    Ach bedaure mich! Ich wei wohl, es ist weit mit mir gekommen.

                           Drey und vierzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Ich soll mich leidend verhalten? - Nun Sie werden sehen, wohin das fhrt. Sicher
wre sie? - Mein guter Freund! was nennen Sie sicher? - Da fr ihre Unschuld
nichts zu frchten ist; wer kann davon mehr berzeugt seyn als ich? Aber ihre
Ruhe! - Sie sollten nur hier seyn! -
    Wahrlich! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht, und Ihre
Gerechtigkeit nur fr sich in Beschlag genommen zu haben. Er kommt mir vor wie
jener Wolf, der sich beklagte, da er ein schnes Lamm in der Nachbarschaft,
wozu er doch so groen Appetit habe, nicht zerreien knne. Darnach mgen Sie
ohngefhr schlieen, welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen, und wie sehr
ich gesonnen bin, mich duldend dabey zu verhalten.
    Die unglckliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen. Jeden
Tag peinigt sie sich, irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu
entdecken.
    Es ist doch ein schner, groer Charakter! voll Kraft und ausdauernden
Muth. So weich kann er nun freilich nicht seyn, wie ein Weiberherz ihn verlangt.
Aber gewi! er ist empfnglich fr alles Gute und Schne. - Da er unser
Geschlecht vormals nicht schtzte? ach das mogte vielleicht seine Schuld nicht
seyn. - Da er ein wenig viel gelebt hat? Es ist eine Schimre, Reinigkeit der
Sitten von einem Manne zu verlangen. - Seine Hnde triefen zwar von Blut; aber
er stritt ja fr sein Vaterland - Wenn ich das Wort hre, bei ich mir in die
Lippen - und die Welt nennt ihn einen Helden.
    Fr den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt; nur in dem
meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften. - Trotz des Schafpelzes,
steht mir leider der Wolf immer vor Augen, und ich kann die Zeit nicht
vergessen, wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu knnen. Frh oder
spt wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen, und wehe dann einem
Jeden, der nicht auf seiner Hut ist!
    Immerhin wollte ich alles gelten lassen; wenn sie ihn nur liebte. - Es wre
doch eine befriedigte Leidenschaft, die in dem genuleeren Menschenleben wohl
einige Rcksicht verdient. - Aber, sie fhlt nichts als Mitleiden. Davon bin ich
jetzt lebhafter als jemals berzeugt.
    Da der Knig, bey aller sogenannten Liebenswrdigkeit sie nicht gerhrt
hat, bedarf wohl keiner Versicherung. - Aber seit einiger Zeit ist hier ein
junger Sicilianer, der, wenn der Obriste fr einen Herkules gelten kann, sich
dreist fr einen Apoll ausgeben darf. Er spricht das Deutsche nur gebrochen;
aber es klingt wie Musik in seinem Munde. Er kann nur halb dadurch andeuten, was
er wnscht; aber seine Bewegungen voll sdlichen Feuers und sdlicher Anmuth
sagen mehr als die vollkommenste Sprache. Der Obriste ist sein Held und Julie
sein Abgott. Wohl bemerkt! da dieser Abgott sehr menschlich fr ihn empfindet.
    Aber glauben Sie, man berliee sich dieser sehr natrlichen Empfindung?
behte! So wie der junge Mann erscheint, luft man davon und mgte lieber die
Fenster zumauern, um nicht den vierten Theil eines sichtbaren Ermels auf seinem
Gewissen zu haben. Nichts desto weniger gerathen der Herr Obriste sehr hufig in
groe Verlegenheit. - Jetzt mu ich abbrechen; aber nchstens sage ich Ihnen
vielleicht ein Wrtchen darber.
    Unsere Abreise? - Nun, sie gehrt in das Kapitel der guten Vorstze, und ist
demnach vor jeder bereilung gesichert.

                           Vier und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Heute stehe ich mit dem berlegten Vorsatze auf, sie um eine entscheidende
Antwort zu bitten. Ich trete in die Allee, und halte noch einmal jedes Wider und
Fr in meinem Kopfe zusammen; als ein wunderschner junger Mann mich anredet.
Ich sehe ihn an, und schreye laut auf: Antonelli! - Sein Sohn, - antwortet
er, und liegt in meinen Armen.
    Als ich ihn so an meine Brust drcke, und mich nicht satt an ihm sehen und
kssen kann; zieht er ein Schreiben hervor. Es war von der Mutter. Wie weich ich
jetzt bin! - ich konnt' es nicht auslesen. - Du weit, der Vater fiel an meiner
Seite. - Das Mutterherz hatte gesprochen, und - wie gesagt - ich konnt' es nicht
auslesen.
    Ich gab ihm die Hand, und nannte ihn meinen Sohn. Das Wort war heraus.
Einige Minuten darauf htte ich es nicht sagen knnen. Julie trat in die Allee
und ein Gewhl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele. -
    Der junge Mensch blieb staunend und sprachlos vor ihr stehen. Ich mute ihn
an seinen Hut erinnern. - Ach es wird mir zu viel, ich unterliege.

                           Fnf und vierzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Heldenseele erwache! Auf mein Olivier! es gilt! Zum Kampfe gegen das tckische,
grausame Schicksal! Sieh! es will Dich unterjochen! - Meinen Olivier
unterjochen! - O der Schande! Nein, nein! Noch kann er die entehrende
Leidenschaft berwinden. Triumphiret nicht! pltzlich wird er erwachen, und sich
bewut werden was er ist, Trieb nach einer unendlichen Thtigkeit hat ihn in
dieses Labyrinth gefhrt; aber eine hhere Liebe als die, welche er darin
suchte, wird ihn aus der Finsterni leiten.
    Nein, er soll nicht Verzicht thun auf Glckseligkeit. Im hhern Maae, als
er es jemals geahnet hat, wird sie ihm zu Theil werden. Nur Muth! nur einige
Schritte! wie viel Anstrengung sie auch kosten! Sie fhren zum Lichte, zum
hheren, genuvolleren Leben.
    Mein Olivier, ich umarme Dich, und bitte Deinen Schutzgeist Dich nicht zu
verlassen.

                          Sechs und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Guter Mensch! was rufst Du mir zu? Es ist vergebens. Olivier ist an keine
Aufopferung gewhnt. Mag es das Schicksal verantworten. -
    Ich bedurfte Ruhm; mein Kopf und mein Arm muten ihn erwerben. Mein Krper
foderte sinnlichen Genu; fr und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte.
Mein Geist drstete nach Wahrheit; und ich war glcklich genug, das was ich
gefunden hatte, dafr zu halten.
    Jetzt war mein Lebensplan fertig. Ich wollte genieen; und es fehlte mir
nicht an den Mitteln. Wer htte mich nicht glcklich gepriesen? - Aber mein Herz
war vergessen, und rchte sich schrecklich an mir.
    Was bleibt nun brig? - Aufgeben? Verzicht thun? - Da steht die
Unmglichkeit! berwinde sie wenn Du kannst. - Ja, wre die Rede nur von
sinnlichem Wohlgefallen; ich wrde den Gegenstand wechseln, mich betuben, und
vergessen. Aber Sie! - O Gott! -
    Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen, in der grlichen ewig
verschlingenden Natur? In ihr, die ihre Kinder nur zum Tode gebiert, und was sie
schaffen, mrderisch im ewigen Kreislaufe zerstrt. Konnte ich glauben, sie
wollte etwas anderes; als vorberfliegenden sinnlichen Genu fr ihre Geschpfe?
- Sah ich nicht die Unglcklichen nur darum sich zerfleischen? Fand ich nicht
Dummheit oder Heucheley, wenn sie vorgaben fr etwas Edleres zu kmpfen? Hatte
ich selbst jemals fr etwas Erhabeners gestritten? Oft wollten die Andern mich
es glauben machen und wrden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben,
wre er zu meiner Ruhe nothwendig gewesen. Aber bey meinem System konnte ich gar
wohl seiner entbehren.
    Uns aufgerichteten Thieren schien mir ganz recht zu geschehen, wenn wir beym
Fluge nach den Sternen durch die mtterliche Erde, etwas unsanft an unsere
Abkunft erinnert wrden. Diese Luftschifferey, nach so vielen milungenen
Versuchen, ferner noch zu treiben, schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn, und
der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu
knnen.
    Jedesmal, wenn mir nun das Leben nicht gengte, mir ekelhaft vorkam, suchte
ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Krpers, und war glcklich
oder unglcklich genug, mir durch eine Reise, durch irgend eine andere
Zerstreuung wieder aufzuhelfen.
    Aber da sich dieses Engelherz mir fnete, war es um mein System, und mit ihm
um meine Ruhe geschehen. Dieser himmlische Sinn, kein Werk des Beispiels, der
Erziehung, war rein und vollendet aus den Hnden der Natur hervorgegangen; hatte
alles was ihn entheiligen konnte, mit eigner Kraft zurckgestoen.
    So war es denn gewi! die Unergrndliche wollte mehr als das thierische
Wohlseyn - bildete Wesen zu hheren als irdischen Freuden. -
    Denke, wie diese nicht nachgebetete, oder einsam ergrbelte, sondern durch
lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken mute! - Mir war, als
trte ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht, als fne sich
mir eine Unendlichkeit voll Wnsche und Hofnungen. - Begreifst Du nun, da ich
nicht blo sie, da ich mich, mein beres Selbst in ihr liebe? -
    Sie kann trotz allem - wirst Du sagen - meine Freundin bleiben. Nein,
nein! das ist ein leerer Schall! Mu ich sie, die mein eigentliches Leben in
sich schliet, Stunden, Tage lang, ohne die Hofnung, da sie mir einst ganz
angehren wird, entbehren, kann ich diesen himmlischen Krper nicht innig mit
mir vereinen, ein Wesen mit ihm ausmachen; so ist es um mich geschehen. Ein
Anderer sollte das alles besitzen? - O dann halte nur die Kette fr mich bereit!
-
    Muth? - Nun man sagt, ich habe ihn gezeigt. - Von einem andern Muthe
sprichst Du? Wohlan! auch gegen das Bse habe ich jetzt Muth. Aber sich von dem
ewig Guten zu trennen, das thut nur ein Wahnwitziger.

                          Sieben und vierzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war
freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen; aber
leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernsthafte Bewandni,
und das Komische giebt sich von selbst.
    Geschlagene Leute sind wir! - Ein schreckliches, unerhrtes Verbrechen
lastet auf unserer Seele. - Mit einem Worte! - fassen Sie sich - wir haben ...
getanzt. - Ob die Erde nicht bebte? ob sich die Sonne nicht verfinsterte? - Ach
nein! Aber der Obriste hat, vor Schrecken und rger, einen Schwindel davon
getragen.
    Gott wei es! Dies hat auch mich frchterlich erschreckt; aber .... Doch sie
mgen selbst urtheilen.
    Nach, wer wei wie vielen abschlgigen Antworten, bittet uns der Knig heute
zu dem letzten Balle. Wie gewhnlich sucht man Entschuldigungen hervor. Aber er
lt sich nicht irre machen, und besteht darauf, uns wenigstens als
Zuschauerinnen daran Theil nehmen zu sehen. Julie frgt mich unentschlossen mit
den Augen. Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen, da ja nichts dabey zu wagen
ist, und ... wir versprechen zu kommen.
    Hoch erfreut eilt der Knig davon; aber Angst, Reue und Schrecken ziehen nun
augenblicklich bey uns ein. Was wird der Obriste denken! - Man htte ihn um
Rath fragen, man htte schlechterdings nicht zusagen sollen.
    Ich gestehe, diese bertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich. Um so
mehr, da der Knig, trotz meiner kindischen Furcht, sich bis diesen Augenblick
mit musterhafter Anstndigkeit betragen hat. Wie gesagt, die Bedenklichkeiten
erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt ber Freiheit, Selbstschtzung
u.s.w. die sich vor Meister und Gesellen konnte hren lassen.
    Julie schwieg. Es scheint ihr unmglich, einem heftigen Menschen zu
widersprechen. Freilich, wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte
nicht zur Besinnung kommt, mgte wohl schwerlich dazu gelangen. Ich aber suchte
mich jetzt absichtlich dagegen zu verhrten, verliebte mich immer mehr in meine
Tiraden, und wrde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben,
htte mich der Durst nicht in einer der schnsten berfallen.
    Hastig ergrif ich ein Glas Wasser; aber eben so schnell fiel mir Julie in
den Arm: Trink nicht - sagte sie mit einer Stimme, die sich zu der meinigen wie
eine Flte zu einem kleinen Brummba verhielt - das Wasser ist eiskalt, und Du
bist schrecklich erhitzt.
    Noch wollte ich trotzen; aber da sah ich in das Himmelauge, aus dem die
Liebe nicht weicht, alle meine Tiraden waren vergessen und ich mute froh seyn
mich an ihrer Schulter verbergen zu knnen.
    Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich rhrendes fr mich,
da ich meine Erzhlung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben mu. Ich
will Sie durchaus weder feierlich, weder rhrend noch gerhrt machen. Denn,
wahrhaftig! wrde hier die ganze Welt gerhrt; so mgte es schlimm um uns
aussehen.
    Nur so viel zur Nachricht: Der Obriste ist auer Gefahr, und wie gewhnlich
von fnf Uhr an gestiefelt, gespornt und vollkommen marschfertig. Zum
Niederlegen bey Tage haben ihn weder die Bitten des Knigs noch des Arztes
vermgen knnen. Sein Kammerdiener - der ihn, wohlbemerkt, niemals anrhren darf
- versichert, er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen.
Dagegen aber mssen eine wohlgereinigte Uniform mit Wsche und allem Zubehr auf
den andern Tag bereit liegen, um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die
Hnde zu fallen
    Sonderbar! Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzhlen! Was will ich damit? -
Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege. Meine Feinde wrden sagen; es
verdrt mich.

                           Acht und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Sie ist mein! Ach das war zu viel gesagt! - Nein! noch ist sie nicht ganz mein;
aber sie wird nie eines Andern. Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr,
als wenn Andre schwren.
    Hre wie es kam! Geschfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks
beraubt gewesen. Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr
fliegen. Sie war nicht zu Hause. Mir unbegreiflich; denn ich hatte sie ja immer
gefunden. Ich fhlte die Unbescheidenheit; konnte mich aber nicht enthalten zu
fragen: wo ist sie denn? - Auf dem Balle. Ich mu sehr bla geworden seyn;
denn ich sah das Mdchen erschrecken. Aber ohne mich weiter einzulassen, eilte
ich davon.
    Wie ich in den Saal trete, finde ich alles in einer Ecke zusammengedrngt.
Was giebts? - frage ich den Lieutenant D... - Der Knig tanzt mit Frulein
S.... - antwortet er - Aber mein Gott! was fehlt Ihnen, Herr Obrister? -
Nichts! nichts! - sage ich, und drnge mich vor.
    Sie! sie selbst! mit ihm, an seiner Hand, tanzte - Nein! nein! das ist nicht
wahr! schwebte leise, unhrbar. Nur von fern berhrte er sie, bckte sich
jedesmal, wenn sie sich nherte. Jetzt sollte gewalzt werden, und ich grif
krampfhaft an den Degen. Ob ich es gleich wute, nicht zweifelte. - O ich hatte
Recht! Er wagte es nicht, und sie konnte es nicht dulden, oder sie wre nicht
sie selbst gewesen. - Mit schchterner Achtung - ja wahrhaftig mit
Schchternheit - fhrte er sie hinauf, whrend die Andern ras'ten. O, er ist
noch nicht ganz verwahrlost! Er fhlt noch ihren Werth. - Ich war wieder zu mir
selbst gekommen, ich hatte mich gefat. Aber jetzt trat Antonelli hervor, und
ehe er noch um ihre Hand bitten konnte, war ich aus dem Saale, ri meinen
Braunen in den Garten, und strmte mit ihm durch die Felder.
    Mit einem Male - so viel wei ich noch - ward alles schwarz um mich her,
mein Pferd strzte und ich verlor das Bewutseyn.
    So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bey mir
stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner
Seite.
    Julie! Julie! - rief er und strzte zur Thr hinaus. Noch ehe ich recht
zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte mich, kte meine Kleider und alles
was ihm vorkam.
    Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswrdiger Junge! Mit tiefem Schmerz mu
ich es mir gestehen. - - Ich glaubte er wrde vor Freuden die Decke zersprengen;
als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.
    Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend nrrischen Vorschlgen plagte er
nun den armen Mann. Ich msse in die freie Luft. Knne ich nicht gehen; so wolle
er und der Kammerdiener mich tragen. Der groe Lehnstuhl msse dazu eingerichtet
werden - u.s.w.
    Alles Kopfschtteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten.
Stricke, Betten, allerley Gerthschaften muten herbeygeholt werden, und ehe wir
es uns versahen, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.
    Nun erklrte freilich der Doctor, fr diesmal knne nichts daraus werden,
und nthigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer
kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.
    Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen.
Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, whrend er auf der Flte spielen und
dazu tanzen wollte.
    Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lchelns nicht enthalten und
fragte nun, wer denn diese Julie wre? - Antonelli hchst erstaunt, hier jemand
zu finden, der noch nichts von Julie gehrt hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf
Einwendungen zu hren, mit Gewalt aus der Thre.
    Was konnte ich von dem groen Kinde anders erwarten, als da er das theure
Mdchen mit oder wider ihren Willen herschleppen wrde. Darum sprang ich, ohne
meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform,
und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen
    Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten hrte ich schon den
Lebendigsten aller Lebendigen - so nennt ihn Wilhelmine - jauchzend und tobend
die Treppe strmen. Aufgerissen ward die Thr, und wie ein Pfeil scho er, ohne
mich zu bemerken, in die Kammer.
    In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder
heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und wrde mich ohnfehlbar
erstickt haben, wre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er msse sogleich
die frhliche Bothschaft verkndigen.
    Kaum hatte ich mich also von seinen krftigen Umarmungen erholt, so sah ich
das himmlische Mdchen, von dem Arzte gefhrt, zu mir eintreten. Mein Zimmer
verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches
behalten.
    Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte
nicht; sie mute sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit;
aber ach Gott! ihre Nhe that mir so wohl. - Doch Antonelli war es noch alles
nicht recht. Ansehen! - rief er - die Hand geben! Sprechen! viel Gutes
sprechen! Ich die Flte holen! Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte
den Arzt mit sich fortgerissen.
    Wir blieben allein. Ich fhlte es, und sie fhlte es noch tiefer. - Da sie
zuerst sprechen wrde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden
geheftet, und ein hohes Roth hatte das Engelgesicht berzogen.
    Julie! - sagte ich endlich - wollen Sie mir auch nicht die Hand geben;
ansehen knnen Sie mich wenigstens. Ich habe sehr viel gelitten.
    Ich glaubte, sie knne nicht schner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem
Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Muthe der Verzweiflung ergriff ich
nun ihre Hand, drckte sie fest an mein Herz, und rief: Julie! Wenn Sie einen
Andern lieben, wenn Sie mich nicht lieben knnen; so sagen Sie es! Machen Sie
mich mit einem Male so unglcklich, als ich werden kann.
    Sie schwieg. Mein Urtheil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr.
Mein Herz hrte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr
hin. Da sah ich, da sie die Lippen fnete, und mein Blut begann wieder den
Lauf.
    Julie! - rief ich - was wollten sie sagen? - Sagen Sie es! sagen Sie es!
was es auch sey! - Lieben Sie einen Andern? knnen Sie mich nicht lieben? -
    Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehren.
    Ja! ja! das sagte sie; und ich strzte vor ihr nieder und rief: nun will ich
gehen! will gehen in den Tod! Wann auch das Schicksal gebietet!

                           Neun und vierzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Julie sagte mir, der Obriste htte gestern ein groes Paquet an Sie abgehen
lassen. Was kann ich nun weiter erzhlen? Sie wissen ja alles. - Sie ist
gebunden; und ich werde mich losmachen. Was soll ich hier? - Sie hat meines
Rathes nicht bedurft, und wird dessen knftig eben so wenig bedrfen. Ich mag
diese Unnatrlichkeiten nicht lnger mit ansehen. Ich bin ihrer mde.
Meinetwegen mag bewundern wer da will; ich kann mir nicht helfen! - Mein
gesunder Menschenverstand sagt mir: es taugt nichts, und wird nie etwas taugen.
- Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen berspannung denke, so weine ich
vor Gram und Verdru.
    Es ist Selbstmord! ja, sagen Sie was Sie wollen! es ist der grausamste,
frchterlichste Selbstmord. Mute sie sich nicht einem Manne erhalten, der sie
liebte, den sie lieben konnte? - Darf sie sich muthwillig elend machen? -
    Sie ist gut, ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden;
aber einen Fehler hat sie doch: sie ist zu weich, und ohne Hrte giebt es keine
Tugend.
    Was wird nun diese bermenschliche Aufopferung hervorbringen? - O Gott, ich
darf nicht daran denken! - Leben Sie wohl.

                               Funfzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Bestes Frulein! Das war nicht Ihr Ernst. Wie knnten Sie sich von Ihrer Julie
trennen; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf? - Ich will sie nicht
rechtfertigen; aber das Mitleiden, die innigste Theilnahme ihrer Freundin darf
ich fr sie auffodern. Wie viel mag sie leiden! - sich selbst hat sie verloren,
nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren. -
    Doch welch ein Geschwtz! In der That ich verdiene eine Strafe, da ich von
einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache. Wilhelminen kennen und glauben,
sie werde sich jemals von Julien lossagen! Diese Lcherlichkeit springt in die
Augen. - Kein Wort mehr davon! Es wre das was die Franzosen nennen: die
Heiligen bekehren.
    Noch einmal! ich wollte Julie nicht rechtfertigen; aber mir selbst das alles
begreiflich machen, der Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Wenn sie nun -
dachte ich - ihre Freiheit bewahrt htte? was wrde die wahrscheinliche Folge
gewesen seyn? -
    Sie htte einem Andern ihre Hand gegeben und ... wre glcklicher geworden?
- Schwerlich! gewi nicht. Welcher Mann knnte dieser reinen Seele das seyn, was
sie ihm seyn wird? - In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern mssen.
Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen
mit Wohlgefallen vertiefen knnen. Nicht einmal ein hnliches wird sie finden.
Mit einem Worte! hienieden ist kein eigentliches Glck fr sie zu erwarten.
Sicher hat sie auch lngst Verzicht darauf gethan. Findet sie nur einen Mann,
der sie begreift; mehr darf sie nicht hoffen. Und, mein Frulein, mgen wir es
gestehen wollen oder nicht, diesen Mann hat sie gefunden.
    Hier, lesen Sie diese Briefe, und wenn Sie dann nicht berzeugt werden; so
gebe ich mich gefangen.

                           Ein und funfzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Das habe ich nicht gewut und - aufrichtig gesagt - das wrde ich auf keinen
Fall geglaubt haben. Sie selbst fodre ich auf; wenn Sie diese Briefe nicht
empfangen htten; wrden sie geglaubt haben, der Obriste knne sie schreiben? -
    Aber was beweisen sie denn nun, diese Briefe? Da er Julie begreift?
Immerhin! aber denken Sie an mich! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend
machen.
    Sich ganz zu ihr erheben; das vermag er nicht. Die Fieberhitze giebt ihm
jetzt Kraft; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden.
    Knnte Julie immer so unabhngig, so entfernt von ihm bleiben; ich wrde
mich selbst zur Tuschung geneigt fhlen. Aber, geben sie Acht! Sie ist in
seiner Gewalt, und bey dem besten Willen wird jede Tuschung unmglich. Der
Obriste mu in seinen eigentlichen Charakter zurckfallen. Dann wird er seine
Frau fr eine Schwrmerin erklren, und diese Schwrmerey entweder verspotten,
oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen.
    Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich ertrglich. Aber wie?
wenn er sich rcht fr die berlegenheit seiner Frau? - Haben sie auch daran
gedacht? -

                           Zwey und funfzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Wahrlich, mein Frulein! Sie sehen weit in die Zukunft; aber wer kann Sie darum
beneiden? - In der That! ich halte Sie jetzt fr die Unglcklichste von uns
Allen.
    Warum nun der Hofnung so gnzlich entsagen? warum nun das Schlimmste
ergreifen? - Der Obriste soll sich rchen fr die berlegenheit seiner Frau? -
Nein, mein Frulein! das liegt nicht in der mnnlichen Natur; oder diese
berlegenheit mu sich auf eine sehr unliebenswrdige Weise ankndigen.
    Nur ein Pfaffe knnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten.
Knnte sich rchen, wenn sie mehr wre, als er sich vorgenommen htte zu
scheinen. Der wahre Mann ist gewhnlich zu sinnlich, zu sehr durch die Gegenwart
gefesselt, zu sehr von ihr begnstigt, um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu
wollen. Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt, und wenn es ihm in
diesem Reiche nicht gar zu bel ergehet; so denkt er nur spt an das Andre.
    berdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen fr seine
irdischen Wnsche. Wo er hervortreten will, da zieht sie sich zurck, wo er
erndten will, da hat sie niemals geset. Mit einem Worte! hier ist kein
Wetteifer mglich. Weswegen soll er sich rchen.
    Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen. Und freilich, hier gestehe ich
Ihnen, wird mir bange. Doch was kann diese Bangigkeit helfen! Julie hat
entschieden, und wir vermgen nichts, als ihr Schicksal zu mildern.

                           Drey und funfzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Morgen reiset der Knig, und in acht Tagen mu ich ihm folgen. Um mich vllig zu
bestimmen, hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt. Sie bestehen darauf,
ich soll sie anfhren und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen. Was konnte ich
thun? - ich habe Ja gesagt, und so geht es denn wieder in die feindlichen Sbel.
    Wenn einer mich trfe! - Wenn ich die Einzige nicht wiedershe! Wenn ich
nach dem Tode fortdauern mte, ohne sie zu besitzen! - Nein! nein! das ist
nicht mglich! Allenthalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr
hin.
    Der Knig wei, da sie nicht reich ist, und hat ihr eine Pension angeboten,
mit der Erlaubni sie verzehren zu knnen, wo es ihr gut dnkt. Natrlich hat
sie sie ausgeschlagen. Man mu ihm verzeihen. Er ist an seine bettelnden
Schranzen gewhnt. Auch hat er nicht den Muth gehabt, selbst von der Sache zu
sprechen.
    Die Mutter ist wieder hergestellt, und Julie geht mit Wilhelminen nach W...
Antonelli wird unter mir dienen. Es ist ein Trost fr mich, den herrlichen
Jungen an meiner Seite zu haben. Wre er bey Julien geblieben - der Gram htte
mich getdtet.
    Er liebt sie und mich bis zur uersten Schwrmerey. Mit seiner kindlichen
Unschuld schlgt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder, wo er sie reizt,
und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln.
    Er hat sich bey mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite. Oft
erschttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele.
    Eins seiner liebsten ist, wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in
das uerste laufen kann. Dann mu ich rufen: wo bist Du mein Sohn? und nun
strzt er in meine Arme, und weint und lacht, und bedeckt mein Gesicht mit
unzhligen Kssen.
    Letzt war Julie dabey, und da ruhte er nicht, sie mute die Worte in ein
Rezitativ bringen. Nun hat er eine Antwort komponirt, die er nach den Umstnden
verndert.
    Bald hat der Sohn den Vater verloren, und kann ihn, trostlos, nicht finden.
Dann schildert er die Sicherheit des vterlichen Hauses, und die Liebe des
Vaters. Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren berwunden. Bis
ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen. In den Tod will er gehen, um den
Vater zu retten u.s.w.
    Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin. Von Lichtglanz umflossen,
schwebt sie nur ber der Erde und trstet die leidenden Menschen. Wenn er gut
ist, wird sie ihn lieben ... Ach! und was wei ich, was die kindische, liebliche
Phantasie sonst noch erdichtet.
    So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und hre ich
dann einmal wieder von andern Leuten ein vernnftiges prosaisches Wort, ohne
Musik, so wird mir ganz unheimlich zu Muthe.
    In dieser Zauberwelt verstrken sich alle meine Gefhle. An den Abschied mag
ich nicht denken.

                           Vier und funfzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Diesen Morgen ist der Obriste abgereist. Von ihm und Julien hrte ich kein Wort;
aber Antonelli drckte wechselweise ihre Gefhle aus. Dieser wunderbare Mensch
scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen.
Mit bewundernswrdiger Leichtigkeit wei er sich in jeden Zustand zu versetzen
und spricht andere Gefhle mit einer Kraft und Wahrheit aus, die zur Bewunderung
hinreit. Wo er sich naht, da werden alle Gegenstnde verwandelt. Man befindet
sich nicht mehr auf der kleinen alltglichen Erde. Alles ist gro, alles
verkndigt ein reicheres, hheres Leben. Selbst der Schmerz wird in seiner Nhe
zum Genu; denn er mu sich veredlen und verschnern.
    Wahrlich! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des
Schicksals. Welcher Mensch kann sich zweyer Wesen wie Julie und Antonelli
rhmen? - Wenn jetzt etwas aus ihm wird, so kann er sich nicht damit brsten.
    Sonnabend gehe ich mit Julien nach ***. Ich habe einen zweyten Bedienten
angenommen, damit Friedrich unser ordentlicher Fhrer werden kann. Sein Alter,
seine Welt- und Menschenkenntni und sein uerst gebildeter Ton macht ihn mir
in dieser Rcksicht unschtzbar.
    In *** kommt er nun recht in seine Sphre. Er freut sich wie ein Kind auf
die Gemhlde-Sammlung und hat mir schon wer wei was fr Wunder davon erzhlt.
    Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleiig. Da aber diese Briefe
nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner huslicher Scenen
enthalten; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mittheilen wollen.
    Julie lt Sie gren. Leben Sie wohl, aus *** ein Mehreres.

                           Fnf und funfzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Welch ein frchterliches Wetter. Ist es nicht, als ob der ganze Himmel in Regen
herabstrzen wollte. Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die
Kanonen sind kaum mehr fortzubringen. Schon den vierten Theil der Mannschaft
haben wir durch Krankheit eingebt. Es ist schrecklich! Jeder leidet fr sich,
aber ich leide fr sie alle. Ich lasse Wein, Brandwein und alles was strken und
erquicken kann, unter sie austheilen; aber wenn ich des Morgens den bleichen
Gesichtern das Marsch! zurufen soll; so mu ich mich wohl zehnmal ruspern.
    Wren wir nur wo wir seyn sollen! Gienge es nur gegen den Feind; dann mte
alles schon werden. Aber dieses Kmpfen mit den Elementen zerstrt die Kraft der
Seele und des Krpers.
    Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden. Er ist der
Barde unsers kleinen Heeres, und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine
Gesnge. Wre er nur allenthalben. Da, wo die Leute ihn sehen, lcheln sie
mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig tuschen durch sein
liebliches, trstendes Geschwtz. Allmhlig kommen sie dann auch ins Erzhlen.
Besonders den Alten ist er uerst willkommen. Er frgt, ergnzt und eh' sie es
sich versehen, ist er der Beschreiber. Jetzt erstaunen sie selbst ber das was
sie thaten, und schwren mit funkelnden Augen: sie wollen alles wahr machen, was
er von ihnen prophezeiht.
    Unser erstes Augenmerk ist nun auf B... gerichtet. Es wird Menschen kosten;
aber wir mssen es haben.
    Was macht die Einzige. Ich will ihr nicht schreiben, um in diesem
allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken.
    Lebe wohl! Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu knnen.

                          Sechs und funfzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Ein Kind von fnf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment, das der
feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender htte
ersinnen knnen.
    Nachdem wir die Gemhlde in der uern Gallerie besehen hatten, wollten wir
eben in die innere treten; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit groem
Angstgeschrey zu seiner Mutter lief, und sich so tief er nur konnte, in ihre
Kleider zu verhllen suchte.
    Was fehlt Dir, mein Kind? - sagte die Mutter - Ach Mama! die groe Frau!
Sie ist herunter gestiegen, sie kann gehen! - und so suchte er sich immer
tiefer zu verbergen. Die Mutter, ein sanftes, vernnftiges Weibchen, lie den
kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren, in ihren Kleidern, und fragte
erst, nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt
hatte: Wo ist denn die groe Frau? - Da! da! - rief der Knabe und zeigte auf
Julie - Sie hat ein hbsches Kleid angezogen. Aber Mama: wo ist der kleine
Junge?  - Ach! - sagte die Mutter - er meint die groe Madonna!
    Nun ward Julie wie mit Blut bergossen, und peinigte mich, sogleich mit ihr
fortzugehen. Natrlich ward ich ein wenig bse. In der That, sie hat mir durch
diese bertriebene Schchternheit schon so manches Vergngen geraubt. berdem
ehrte Jedermann ihre Verlegenheit. Nur ein junger Knstler umarmte den Knaben
und lobte ihn gegen die Mutter.
    Demohngeachtet mute ich mich entschlieen, wollte ich sie nicht allein
gehen lassen, fr diesen Morgen alles aufzugeben, und mit den anhaltendsten
Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen knnen.
    Nun ist sie bestndig zu Hause und lt sich kaum zu einem Spaziergange
bereden. Der Knabe - sagte sie letzt mit Thrnen in den Augen - hat eine
Lcherlichkeit auf mich geworfen. Man wird mich die herumwandelnde Madonna
nennen. -
    Nun, und wenn man Dich so nennt? Ein gewaltiges Unglck!!
    Ein Frauenzimmer mit einem Beynamen! - sagte sie und eilte nun, ohne
weiter auf meine Ausrufungen zu hren, mit sehr betrbtem Gesicht in ihr Zimmer.
    Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen *** weit frher als ich
gewollt htte zu verlassen. Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch
einmal schreiben.

                          Sieben und funfzigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen. Es ist viel von Julien darin
und dies wird Dir angenehmer seyn als vielerley, was ich Dir schreiben knnte.
    Eure Lage ist schrecklich; aber Du hast ja wohl schrecklichere berwunden.
Ich sage mit Dir: mgte es nur gegen den Feind gehen! - Doch bitte ich Dich,
suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals. Du selbst hast mir gestanden,
es sey oft ganz ohne Nutzen, und blos um des Ruhms willen geschehen. Ich liebe
Dich und kann den Gedanken nicht ertragen, Dich fern von mir sterben zu lassen.
    Lebe wohl! lebe wohl! mache, da ich Dich wiedersehe.

                           Acht und funfzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Wuth, Reue und Verzweiflung zerreien wechselweise mein Herz. Nichts, nichts
kann ich thun. Ich mu die unglcklichen Menschen vor Hunger und Ermdung zu
meinen Fen hinstrzen sehen und kann, kann ihnen nicht helfen.
    O, da ich mein Wort gegeben! da ich mich an das schreckliche Leben
gebunden habe! - Liebe und Freundschaft, die Erinnerung alles Sanften und
Schnen ist rein aus meinem Herzen verschwunden. Nur Wuth ber die Buben, die
uns in dieses Elend gefhrt haben, beweist mir, da ich empfinde, Spott und
Schande werden sie erndten, die heillosen Betrger! - Aber ich, ich schwre es!
und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen, ich werde mich retten vor
dieser Schande. -
    Leb wohl, und rechne nicht auf die Zukunft.

                           Neun und funfzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Wir giengen heute in die Oper, und waren durch das was wir von dem ersten Snger
gehrt hatten, berechtigt, unsre Erwartung aufs hchste zu spannen.
    Er sollte uns Csar auf Farmakusa darstellen. Ehe wir hinkamen, hatte ich
meinen Csar schon fertig. Es war ein langer stattlicher Mann, mit groem
brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne. Sein Gang war fest, seine
Bewegungen waren kraftvoll und edel. Er sprach einen schnen Tenor und, wenn er
es nicht ndern konnte, mute er ihn freilich auch singen. Der singende Csar! -
Ey nun ich war ja in der Oper, und war ja nur um des singenden Csars willen
hingegangen.
    Der Vorhang flog auf, und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann,
der sich alle Mhe gab, sich noch ein wenig dicker zu machen. Recht gern wrde
ich ihn fr einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schfer gehalten haben; wre
ich nicht durch eine wei taffetne mit ponceau Bande eingefate Toga belehrt
worden, da ich es mit dem unberwindlichen Csar selbst zu thun habe.
    Welch ein langer Periode! Meinen Helden wrde er in Verlegenheit gesetzt
haben. Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Athem. Wir waren
ziemlich weit vom Theater entfernt, und konnten ihn sehr deutlich schnaufen
hren.
    Ich schlo die Augen, um nicht an meinen verlornen Csar erinnert zu werden.
Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so
lieblich getuscht, da ich sie pltzlich wieder fnete.
    Da stand nun freilich der kleine Schfer; aber er war jetzt zu Athem
gekommen, hatte seine Toga in einige recht groe Falten geworfen, und stimmte
eine Bravourarie an, mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte
hren lassen.
    Ich horchte. - Wie viel Kraft, wie viel Rndung und Biegsamkeit! aber o mein
Gott! wie viel Schnirkel und Verzierungen. Der Komponist hatte schon
allenthalben verbrmt; aber unserm Csar war es noch viel zu simpel. Triller,
Vorschlge u. s w. nichts ward gespart; aber nichts gieng auch verloren. Das
dankbare Publikum nahm alles auf, und uerte seine Zufriedenheit durch den
lautesten Beifall.
    Wirklich! es heit bey uns Deutschen noch immer: je mehr, je lieber. Unsre
berhmtesten Snger mgen in Italien ausgepfiffen werden, glaubwrdige Leute
mgen uns versichern, da wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann, und
da unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke lngst nicht
mehr anerkannt werden. - Es hilft nichts. Wir mssen bewundern. Dies ist uns
eben so sehr Bedrfni, wie andern Nationen das Tadeln.
    Julie nach ihrer lblichen Methode, nahm wieder alles von der besten Seite.
Whrend ich mich rgerte, sah ich sie ruhig genieen. Hin und wieder ein kleines
beinah unmerkliches Lcheln abgerechnet, sonst war nichts Tadelndes an ihr zu
bemerken.
    Liebste Wilhelmine! - sagte sie, als ich mich darber auslie - der
Freuden sind so wenige! will man sich nur an dem Vollkommnen ergtzen; so wird
es bald gar keine mehr geben.
    Was macht der Obriste? Hat er noch nicht geschrieben?

                               Sechszigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Das ist sie, das ist sie! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche. Ja
wohl hatte der Knabe Recht; sollte ein Erlser der Menschen von einer
Sterblichen gebohren werden; so mute sie diese himmlischen Zge haben.
    O dieses Zurckziehen vor allem Glnzenden wird sie mir ewig
verehrungswrdig und unvergelich machen. Wie mit dieser Erinnerung meine ganze
unzerstrbare Liebe wieder erwachte! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig
erscheint. Nein! nein! das Leben hat noch einen Werth; denn sie athmet darin.
    Leb wohl! Morgen geht es nach G... Trage diesen Ring zu meinem Andenken. Wie
ich auch endige; mit Schande wird es nicht seyn.

                           Ein und sechszigster Brief



                                Olivier an Julie

Meine Julie! ich mu Ihnen schreiben. Ich gehe morgen gegen den Feind. Ich wei
nicht, ob ich Sie wieder sehe. -
    O meine Julie! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst, habe ich den
Adel der Menschheit begreifen lernen. Haben Sie Dank! Einzige! Geliebte!
Unvergeliche! Welch ein herrliches, unaussprechliches Gefhl durchstrmt meine
Seele bey Ihrem Andenken! Wie sind alle meine Krfte verdoppelt! ja, ja! ich bin
etwas werth! denn ich kann Sie lieben und begreifen.
    Nichts mehr! keine Klagen! berlebe ich den morgenden Tag; so schliee ich
selbst diesen Brief. Wo nicht; so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant.
    Kein Lebewohl meine Julie! -

                          Zwey und sechszigster Brief



            Harrison, Adjutant des General Olivier an Julie von S..

                               Gndiges Frulein!

Ich habe die Ehre: Ihnen die Einnahme von G.... durch die p.... Truppen zu
melden.
    }Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten. Gleichwohl
hat er zwey schwere Wunden davon getragen, ber deren Folgen sich die rzte bis
jetzt noch zweifelhaft erklren.
    Vielleicht wre es mglich diesen groen und seinem Vaterlande unschtzbaren
Mann zu erhalten; wenn Sie, mein Frulein, sich entschlieen knnten, durch Ihre
Gegenwart seine Leiden zu mildern.
    Mu ich Ihnen beschreiben, wie innig er es wnscht, und wie sehr er dennoch
frchtet, Sie durch eine Bitte zu beleidigen? -
    Aber meine Kamaraden und ich, wir, mein Frulein, knnen und drfen nicht
frchten, das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern.
    Verzeihen Sie der Freimthigkeit eines Soldaten, und genehmigen Sie die
Versicherung seiner hchsten Achtung, und seiner unwandelbaren Ergebenheit.

                          Drey und sechszigster Brief



                       Der Adjutant Harrison an Reinhold

Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme
der Vestung G.... zu melden:
    Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstraen. Hatte
sehr gute Werke und etwa zwlftausend Mann Besatzung.
    Ein Officier der Garnison war zu uns bergegangen. Auch kannten mehrere der
Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau. Hierauf grndete sich unsre
Hofnung. Die brigen, freilich ansehnlichen Schwierigkeiten, machten uns weiter
nicht bange.
    In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von
sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl, sich bey N... zu
versammlen.
    Alles gieng so gut, da die Bestimmung dieses Korps der Armee gnzlich
unbekannt blieb. Nur aus den mitgenommenen Beilen, xten und Brecheisen konnte
man vielleicht, doch nur unvollkommen, etwas ahnen.
    Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwhlte Schaar in Bewegung.
Jeder hatte eine weie Binde um den Arm, und war brigens mit allem Nthigen
versehen.
    So gieng es schweigend durch die kalte Herbstnacht. Nur einige Wolken
schwebten am Himmel. Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille
Hufchen drngte sich dichter an einander.
    Jetzt waren wir bey N... Man nahm Abschied von den Kamaraden, das kleine
Heer ward in zwey Kolonnen, diese in zehn Attacken vertheilt, und nun gieng es
rasch gegen die Vestung.
    Whrend der General den Hauptangriff dirigirte, sollte Graf Antonelli sich
der L.... Strae bemeistern, durch den gewlbten Gang bey des Commandanten
Wohnung hervorbrechen, und sich wieder, nachdem die Thore gesprengt seyn wrden,
zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen.
    Jetzt schlug es Zwey, noch einige hundert Schritte, wir hatten die Vestung
umgangen und waren glcklich bey dem Fue des Glacis angekommen.
    Die erste Schildwache pfiff sich ein Stckchen um munter zu bleiben, dann
und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten, sonst war kein Laut zu
vernehmen.
    Jetzt hrten wir das dumpfe Hinan! und ehe wir selbst es nur glaubten, war
der Berg schon erstiegen. Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der
Schildwache entdeckt. Kein andrer Rath! unsre Bajonette muten sie zum Schweigen
bringen. Ihren Kamaraden gieng es nicht besser, und so waren wir nach kurzem
ber die Palisaden hinweg.
    Aber hier nderte sich pltzlich die Scene. Zwey feindliche Posten gaben
Feuer, man hrte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung.
    Zu den Waffen! zu den Waffen! die Feinde! Hier Kamaraden! So erscholl es
von allen Seiten. Jetzt schmetterte die Lrmtrommel dazwischen, und das Getse
stieg bis zur schrecklichsten Betubung.
    Indessen war der Angrif auf die Stadt glcklich ausgefhrt, und wir
erstiegen nun muthig die Wlle. Balken, Steine, Handgranaten strzten uns
entgegen und zerschmetterten die Brder vor unsern Augen.
    Der General sahe es, hrte das Rcheln dicht um sich her, und sein Schmerz
schien sich in Wuth zu verwandeln.
    Hinan Brder! hinan! - rief er - da Menschenblut nicht umsonst vergossen
werde!
    Es half; noch einige Minuten, und wir waren oben.
    Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefhrten entdeckt.
Mit frchterlichem Getse drang er jetzt durch den unterirdischen Gang, und nun
begann ein wthendes Gemetzel. Zwey Thore hatten wir inne; aber er und der Platz
waren verlohren htte die Verzweiflung unsre Krfte nicht verdoppelt.
    Wie ein junger Lwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor, und befand sich
beinah immer allein unter den Feinden. Unbegreiflich ist es, da sie ihn nicht
zum Gefangnen machten. Der Gang war so enge, da nur drey Mann neben einander
stehen konnten. Natrlich wurden diese sogleich getdtet, oder verwundet,
versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg, und machten so die
Grundlage von einem Haufen Leichen. Dichte davor fanden wir Antonelli allein,
unverwundet, aber durch Blut und Staub beynahe unkenntlich.
    Jetzt hrte er die Stimme unsers Generals, und ein sechsfaches Leben schien
ihn zu begeistern. Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hrten vor
Erstaunen nicht ihre Fhrer. Rechts links schlug er die Feinde. Er stand bey
uns, und wir starrten ihn an.
    Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betubung geweckt.
    Der General ist verwundet! - durchlief es die Reihen. - Nicht wahr! nicht
wahr! - rief Antonelli - und so gieng es wieder in den dichtesten Haufen der
Feinde.
    Nun keine Rast! wir muten hindurch, und kamen nur bey dem Worte Sieg zur
Besinnung.
    Die Vestung war unser, der Commandant getdtet, die Garnison gefangen; aber
unser Hufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter
General an zwey Stellen verwundet.
    Ich habe Frulein S... geschrieben und bersende Ihnen hierbey eine
Abschrift dieses Briefes. Ohne meine Bitte werden Sie alles beytragen, unsern
Wunsch zu erfllen. Ist es mglich, Frulein Julie zu berreden, so haben wir
Hofnung.

                           Vier und Sechzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Frulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten
erhalten, oder schon erhalten haben. Sie verstehen mich - ja bestes Frulein!
ich wage es fr ihn zu bitten. Knnen Sie mich tadeln? seit meinem achtzehnten
Jahre ist es mein Freund. Gewi Sie fhlen, was das heit - fhlen es um so
mehr; wenn Sie bedenken, da es mir meine Geschfte unmglich machen, zu ihm zu
eilen, und seine Pflege zu bernehmen.
    Es sind doch nur Fremde, die ihn umgeben. Wie knnten sie, bey dem besten
Willen, die Theilnahme eines Freundes ersetzen! Dies kann nur ein Wesen - seine
Julie. - O mein Frulein, rauben Sie ihm, rauben Sie mir nicht diesen Trost.
    Gewi Sie begreifen eine Mnnerfreundschaft. Wenn Sie Ihre Empfindung zum
Maasstabe nehmen; so habe ich sicher keine Fehlbitte gethan.

                           Fnf und sechzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Wie fein Sie mich zu bestechen suchen. Nein! nein! ich darf meine Empfindung
nicht mehr zum Maasstabe nehmen. Sie ist verndert, durchaus verndert! Sonst
wrde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern.
    Wer kann gegen das Schicksal! - Mag nun kommen was da will! Es mte
sonderbar zugehen; wenn es schlimmer wre als ich es mir vorstelle.
    Leben Sie wohl. Wir packen ein. Der Oberste - nicht doch! Der General,
wollte ich sagen, ist nach dem Schlosse R... gebracht, und fr uns eine
prchtigere Wohnung, als wir bedrfen, eingerichtet.
    Ich habe einige Soubertten- und Marketenderkleider mitgenommen. So etwas
hnliches werde ich ja wohl vorstellen mssen. Schade nur, da es mir an der
dazu gehrigen guten Laune zu fehlen scheint.
    Von unserm Residenzschlosse R... ein Mehreres.

                          Sechs und sechszigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden. Aber ich sehe es: alles hat sich
verschworen. Man will sie aufopfern. Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser
Mann aller Herzen nach seinem Willen? - Antonelli, der Adjutant, mehrere
angesehene junge Mnner verrathen alle Augenblicke: wie tief sie von Juliens
Schnheit gerhrt werden; und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu
haben, alles zu thun, um sie ihm nher zu bringen.
    Das ist ein Lobpreisen! ein Wehklagen! - Sogar den Arzt haben sie bestochen.
Frulein Julie soll ihm die Medizin reichen. Frulein Julie soll dies, soll
jenes thun. Und dabey treibt Antonelli ein Wesen, da ich nicht wei wie sie es
aushalten kann.
    So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe.
Glcklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschftigt, um es
zu bemerken. Aber ich sehe besttigt, was ich schon vor lngrer Zeit ahnete. Sie
liebt ihn, - knnen Sie es begreifen - das Mitleiden wird sie hinreien, sie
wird sich aufopfern.
    Das alles mu ich nun so mit ansehen - Soll ich sie aufklren ber ihre
Empfindung? - soll ich es nicht? Gott mag es wissen! ich wei nicht mehr was
hier gut ist.

                          Sieben und sechzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Alle Zweifel sind gehoben. Was ich vorher sah ist geschehen. Er hat ihr sein
ganzes Vermgen hinterlassen wollen; sie hat es ausgeschlagen. Er hat es gewagt
- der Grausame - um ihre Hand zu bitten; und sie hat sie gegeben.
    Was helfen Klagen? - Das Leben wird darum nicht krzer.
    Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Thal in der
Schweitz aussuchen.


                                 Zweyter Theil

                                  Erster Brief

                              Olivier an Reinhold

Wilhelmine hat Dir geschrieben, Du weit alles. Ach! ich halte nicht mehr die
Menschen, welche Gtter zu seyn glaubten, fr wahnsinnig. Ja! lache nur! ich,
ich selbst, dnke mich ein Gott. Meine Wunden? - o die sind geheilt! vergessen!
Ich lebe, lebe ein Leben, was nur ein Gott leben und begreifen kann.
    Siehe! ich darf sie halten, halten in meinen Armen! - darf mich berauschen
in den himmlischen Zgen - darf sie mein nennen! - O Gott! wer htte geglaubt,
des Menschen Herz knne so viel Seeligkeit fassen! und darum sage ich Dir: ich
bin ein Gott; ich kann alles was ich will.
    Nein, es sind mehr als menschliche Krfte, die mich beleben. Du hast es
gehrt, wir haben gesiegt; allenthalben gesiegt. Die Einnahme von B... war nur
ein Vorspiel. Ich hatte ihr Wort, wute, da Sieg mich wieder zu ihr fhrte. -
Wer konnte mich nun berwinden? -
    Ach! bevor die Himmlische uns ergreift, taumeln wir mit gefesselten Sinnen
auf der herrlichen Erde; verstehen kein Rauschen des Waldes, kein Flten der
Nachtigall, sehen die Sonne steigen und sinken, und begreifen uns selbst nicht.
Aber sie naht, und der Gtterfunke hat gezndet. Lichtglanz ergiet sich ber
alles was uns umgiebt. Kein Stillstand, kein Tod mehr fr uns. Wir knnen nur
Leben begreifen, geben, und empfangen.
    Gott sey gelobt! der Feldzug ist geendigt. Wir haben keine Feinde mehr; aber
mgte die ganze Welt sie auch haben, ich kenne nur Freunde.
    Verlange nicht, da ich Dir beschreibe, aus einander setze. - Knnte ich es;
so wre ich minder seelig. Wer kann das Unbeschreibliche beschreiben! -
    Errthst Du es nicht, nun, so lies es denn: Sie trgt schon meinen Nahmen.
Er klingt anders seitdem; das behaupte ich, und Du selbst wrdest es finden. Ich
verfhre die Leute, ihn so oft als mglich auszusprechen, und dann horche ich,
und habe mein innigstes Wohlgefallen daran.
    Ach sag was Du willst! lache wie Du willst! ich kehre mich nicht daran. Ich
bin glcklich und seelig, und wenn Du mich shest, wrdest Du es auch seyn.

                                 Zweyter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Wie geht es Dir? Ich sollte wohl nicht darnach fragen; aber - rechne es unter
meine Gewohnheitssnden. Ich? - Nun, abermalige Kmpfe. - Mein Herr Vater hielt
nicht weniger als drey Heyrathsprojecte fr mich bereit, und wute sich vor
lauter Bewunderung nicht zu lassen.
    Was er denn so sehr bewundert? Dich! Dich! Deine Klugheit, Weisheit,
Nachgiebigkeit. Meine Mutter wollte einige Zweifel dagegen erheben; aber er fuhr
sie so wahrhaft ehemnnisch an, da ich zu seinen Ermahnungen weiter keines
Kommentars bedurfte.
    Gottlob! ich bin mndig. Das Vermgen meines Oheims mu mir ausgezahlt
werden, und dann sume ich keinen Augenblick. Das Guth ist verpachtet. Mgen sie
zerstren, was ich angelegt habe. Was kmmert's mich! Meine Hoffnungen sind auch
zerstrt.
    Hin will ich noch einmal, Deine Zimmer will ich noch sehen. Das eine ist
recht hbsch. Es ist gerade so, wie Du mir auf unserer Reise ein Zimmer
beschriebest. Sie sollen es zuschlieen. Niemand soll es bewohnen bis .... Nein!
nein! nichts mehr! es ist alles vergeblich!
    Schreib mir noch einmal, dann will ich reisen.

                                 Dritter Brief



                              Julie an Wilhelmine

Vormals schien mir meines Oliviers Schmerz der tiefste, jetzt scheint mir der
Deinige noch tiefer. O meine Wilhelmine! was sprichst Du von zerstrten
Hoffnungen? - Glaubst Du, diese Hoffnungen wrden jemals erfllt worden seyn? -
Glaubst Du, die Natur wrde sich nicht rchen? - Hat sie zwey Weiber geschaffen
sich alles zu werden, und ihre unwandelbaren Gesetze zu verspotten? -
    Gewi! Du wrdest noch frher als ich, Dich elend gefhlt haben. Denn siehe,
Dir kann ich es wohl vertrauen; ich habe niemals etwas von dem Erdenleben
gehofft. Wie soll ich es Dir beschreiben? - Mir ist, als schweben nur
Schattengestalten mir vorber, als sey nichts wirklich von dem was mich umgiebt.
    Tne, Farben, ja die grberen Sinne des Geschmacks, des Geruchs, scheinen
mir auf etwas Vollkommneres zu deuten. Wenn ich eine Rose, eine Hyacinthe
rieche, erwachen Ahnungen in mir, fr die ich keinen Nahmen habe. Sehe ich
schne Gestalten, hre ich harmonisch verbundene Tne; dann verklren sich diese
Ahnungen zur Gewiheit, und mir ist, als sollte ich pltzlich der Erde
entfliehn.
    Was mich dann noch hlt, was mir dann hier noch wirklich erscheint, ist: ein
stiller, heiliger Sinn, der sich stets zu dem Vollkommnen neiget; aber darum die
Schattenfreude nicht stret.
    O mgte ich ihn haben diesen Sinn! mgte ich ihn erhalten, wenn er mir einst
zu Theil wird! leider! jetzt bin ich noch weit davon entfernt. Wie knnte sonst
Andrer Schmerz so schrecklich auf mich wirken? - Ist mir die Freude ein
Schatten, warum ist er es nicht auch? warum reit er mich hin zu Irrthmern?
warum will ich dem Schicksale vorgreifen? -
    Doch was schwatze ich! beste Wilhelmine! versuche keinen Sinn da hinein zu
bringen. Es ist keiner darin. Gewi keiner.

                                 Vierter Brief



                              Wilhelmine an Julie

Wer bedarf des Lichts, wo es Tag ist? - Ich habe mir keine Mhe gegeben, Sinn in
Deine Worte zu bringen. Fr mich sind sie nicht dunkel. Auch begreife ich sehr
wohl, da Dir die Freude wie ein Schatten; aber nicht der Schmerz so erscheint.
    Wollte der Himmel! ich begriffe eben so leicht, wie man sich berufen glauben
kann, der ganzen Welt Schmerzen zu lindern, und gegen seine eigenen die
unmenschlichste Gleichgltigkeit zu behaupten.
    Mag die Natur es verantworten, wenn sie ein Geschpf dem Andern zum Opfer
bestimmt. Aber das Opferthier darf sich wehren, es darf dem Verderben entfliehn.
Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens, mahnet es zum Genu und zur
Erhaltung des Wohlseyns. Wer verspottet nun die Gesetze der Natur? wer wird
dafr ben? - -
    Zwey Weiber knnen sich nicht alles seyn? - Schlimm genug? schlimm genug,
da die Geschpfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles seyn sollen, dieses
Alles so elend reprsentiren.
    Im ausschlieenden Besitze dessen, was den Geist erheben, ihn zur
Selbstberwindung, zur Tugend entflammen kann, glauben sie sich zu den
ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt. Nenne mir ein Laster, was sie nicht
an uns abscheulich, und an sich ertrglich fnden? Nenne mir eine Tugend, die
sie nicht von uns foderten, um sie nach Wohlgefallen zu zerstren.
    Und die Natur sollte mich strafen; wenn ich mich nicht vor einem dieser
Sultane niederwrfe, berglcklich, da er mir die Gnade erzeigte, seinen Fu
auf meinen Nacken zu setzen? -
    Nein! nein! noch haben wir unsre fnf Sinne! und was die Natur auch
versuchen mag sie zu empren, sie sind der Fesseln gewohnt, und ohnehin, unter
allen Umstnden, zu einer ewigen Sclaverey verdammt.
    Ich habe nichts zu gewinnen; aber ein unschtzbares Guth zu verlieren. Meine
Freyheit. Welch ein groes, seelenerhebendes Wort! Wo gbe es ein Glck ohne
sie! wo gbe es einen Schmerz, den sie nicht linderte. Wenn mich alles verlt,
dann wird mein Herz mir die Welt.

                                 Fnfter Brief



                              Reinhold an Olivier

Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst? Lachen sollte ich? Was gbe
es da zu lachen? - Es sey denn, da Du etwas lcherliches ahnetest. Wre das; so
mte ich Dich bedauern, mte glauben: Du shest schon jetzt die Zeit im
Geiste, wo Dir das Hchste, was dem Menschen gegeben ist, wie ein Kinderspiel
erscheinen wird.
    Mge der Himmel Dich vor dieser thrichten Weisheit bewahren. Einen Freund
httest Du dann weniger.

                                 Sechster Brief



                              Olivier an Reinhold

Warum nun gleich so kurz und so bitter? Wahrlich Du irrst! Ach wenn ich ein
Spiel ahne; so ist es ein sehr ernsthaftes Spiel, und wobey ich leider der
verlierende Theil seyn werde. -
    Mein Glck hat mich berauscht, die Vergangenheit und die Zukunft habe ich
vergessen. Nur so ist es mglich glcklich zu seyn. - Aber der Rausch ist
verschwunden, und dafr die Zweifelsucht mit allen Quaalen erwacht.
    Wie? ist das Liebe, was sie mir zeigt? - Ist es Mitleid? Ist es Ergebung? -
Zwar verzeihen wir den Weibern keine Ausbrche der Sinnlichkeit; aber sollte sie
sich darum niemals verrathen? Ist es bey wahrer Liebe mglich, jede Aufwallung
zu unterdrcken? Und wenn auch eine ganze Reihe menschlicher Empfindungen diesem
schwrmerischen Herzen vormals unbekannt war; muten sie nun nicht erwachen? Ach
was soll ich glauben? - Ihre Auffhrung ist untadelhaft. Selbst Antonelli wird
mit einer Art Klte empfangen. Aber ... ich wei nichts hinzuzusetzen. Ich fhle
es, ich bin ungerecht, und doch ruft eine Stimme in meinem Innern: es ist nicht
so wie es seyn sollte.
    Auch Antonelli ist verndert. Alle seine Munterkeit ist verschwunden. Was
fehlt ihm? - Ich vermeide die Antwort auf diese Frage.

                                Siebenter Brief



                              Reinhold an Olivier

Und, setze ich hinzu, Du wirst wohl thun, sie zu vermeiden. - Doch nein! lieber
gleich das Messer an den Schaden! er knnte unheilbar werden.
    Also - denn warum soll ich nicht schreiben, was Du denkst? - Antonelli hat
seine Munterkeit verlohren, heit mit andern Worten; er ist sich seiner
Empfindung bewut, seine Unschuld ist dahin, er wnscht Julie zu besitzen, das
ist nicht mglich, und er fhlt sich elend.
    Julie? ob sie Dich liebt? - Aber hat sie Dir Liebe versprochen? Ich achte
Sie, und werde nie einem Andern gehren. Das waren ihre Worte. Hast Du sie
vergessen? Woher kommen nun mit einemmale die Trume von Liebe?
    Fasse Dich! was hilft der Zorn? was hilft die Reue? - Ich kenne Dich, und
will Dich vor Dir selbst zu retten suchen.
    Siehe, was vermagst Du ber die Vergangenheit? nicht einen Gedanken, viel
weniger eine Handlung kannst Du zurcknehmen. Aber die ganze Zukunft, in so fern
Dein Wille auf sie wirken kann, hngt von Dir ab. Darum nun fasse sie
unerschrocken ins Auge! Was lt sich von ihr erwarten?
    Entweder Du erhebst Dich zur Gerechtigkeit, Du foderst nicht mehr, als sie
versprach, und suchst zu verdienen, was Du wnschest. Mag immerhin ihre
Sinnlichkeit fr einen Andern sprechen, mag es ihr unmglich seyn, lebhafter fr
Dich zu empfinden; ihre Pflicht wird die Oberhand behalten. Es ist nicht
gedenkbar, es ist schlechterdings unmglich, da sie sich jemals zu etwas
Unedlem herablasse. Worauf soll nun ein anderer Mann seine Hoffnung grnden? Und
was wird aus einer mnnlichen Liebe ohne Hoffnung? - Sie erstirbt, sie mu
ersterben, und alles kehrt wieder in die ruhige Ordnung zurck.
    Vielleicht bist Du so glcklich Vater zu werden. Dann ist sie mit tausend
Banden an Dich gefesselt. Die ganze Kraft ihres Herzens wird sich in der
Mutterliebe erschpfen. Ihre Welt ist in Deiner Nhe, Du bist der Gott in dieser
Welt, und was auerhalb ist wird ihr fremd.
    So empfindet eine Julie; oder alles mte mich tuschen.
    Aber wie wird sie bey aller Reinheit und Vortrefflichkeit empfinden, wenn Du
der Leidenschaft folgst?
    Du ahnest Mangel an Liebe, und fhlst Dich unglcklich. Aber wird Mitrauen,
Hrte und mrrische Klte, das gewhnliche Gefolge der Eifersucht, diesen Mangel
ersetzen? - Wirst Du glcklicher seyn, wenn Du Furcht, dann Mifallen und
zuletzt Abscheu erregst? - O fort, fort mit den Greueln die ich jetzt ahne!
Nein! nein! Du wirst, Du mut das Beste erwhlen.

                                  Achter Brief



                              Olivier an Reinhold

Es ist alles gut was Du sagst; aber es pat nicht. Sie ist nicht so rein, wie Du
glaubst. Grade diese Klte verrth sie. Wenn sie mich, wenn sie ihr eignes Herz
nicht frchtete, warum blieb sie nicht wie vormals? Nur seit dieser
abschreckenden Klte ist Antonelli traurig, leidenschaftlich geworden.
    Ach! ihre Sinnlichkeit ist erwacht! sie hat sich auf ihn gewendet, und seine
Unschuld ist ihr lstig. Er soll wnschen, kmpfen, ein Roman soll es werden!
und das unter meinen Augen! Tod und Teufel! Ich mte nicht ich selbst seyn,
wenn ich es duldete!
    Empfindungen kann ich nicht gebieten, das wei ich; aber die Ehre kann ich
retten, und bey meinem Leben! das werde ich nicht unterlassen.

                                 Neunter Brief



                              Olivier an Reinhold

Du antwortest nicht? - ich verstehe Dein Schweigen. Aber hre! hre und
erstaune.
    Ich wollte mit ihr auf meine Gther. Alles war zur Abreise bereit. Ich hatte
sie gebeten, sich wegen der lstigen Besuche, fr krank auszugeben.
    Gestern wnscht sie in den Garten zu gehen. Auf meinen Befehl war er
verschlossen. Aber der Grtner glaubt, weil sie es ist, den Augenblick ffnen zu
mssen, und, der Dummkopf schliet nicht wieder zu.
    Antonelli kommt, frgt nach mir, der Bediente sieht den Garten offen,
glaubt, ich sey darin, und lt ihn hinein gehen.
    Jetzt kehre ich von einem Besuche zurck, und hre das Alles. Seit einer
Stunde war Antonelli in dem Garten. Seit einer Stunde! - Ich fasse mich, ich
gehe hinein.
    Es war seine Stimme. Laut rief er ihren Nahmen. Mein Blut wollte erstarren.
Ich nhere mich der Laube, worinnen sie waren. Ja! ja! sie beide! allein -
    Er hlt sie bey ihren Kleidern. Sie will entfliehn, sieht mich, und strzt,
laut schreyend, mir in die Arme.
    Ich dachte, die gegen einander kmpfenden Empfindungen wrden mich tdten.
Sie bittet, fleht, ich mge sie auf ihr Zimmer bringen. Sie konnte nicht gehen,
ich mute sie tragen. Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen,
klagt sich laut an, spricht von einer unberwindlichen Leidenschaft, sagt: er
knne nicht leben, ohne sie zu sehen. -
    Die Wuth verschliet mir den Mund; aber ich winke dem Kammerdiener. Er
versteht mich. Der Wagen fhrt vor, ich bringe sie hinein und wir rollen davon.
    Also, keine Palliative! Ich bin bey meiner empfindlichsten Seite
angegriffen, und thue was ich mu.

                                 Zehnter Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Helfen Sie! helfen Sie schnell! Er hat sie auf seinen Gthern, sie ist
eingesperrt, kein Mensch darf zu ihr. Alles, alles ist gekommen wie ich dachte!
schlimmer als ich dachte. Antonelli, der Unglckliche! ist bey mir. Er liebt sie
mit einer frchterlichen Leidenschaft. Wahrscheinlich hat sie sich durch Klte
zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs uerste gebracht.
    Mit aller Unbesonnenheit, und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens, hat er
ihr seine Liebe gestanden, und Olivier, der ihn in dem Augenblick entdeckte, bis
zur schrecklichsten Wuth aufgebracht.
    Wenden Sie alles an, da sie nicht leide, da sie nicht hart behandelt
werde. Oder ich kenne mich selbst nicht mehr, ich wei nicht, zu welchen Mitteln
ich greife.

                                 Eilfter Brief



                              Reinhold an Olivier

Ist es wahr? ist es mglich! was ich lese, was ich hre? So pltzlich ist es
dahin gekommen? - Du hast nicht einmal den Willen, Dich zu beherrschen! klagst
sie selbst an! Sie in der Du vormals die hchste Reinheit und Gte erkanntest. -
Eine Buhlerin, eine gemeine Buhlerin, der die Unschuld eines junger Mannes
lstig ist, soll sie geworden seyn? -
    Wer htte es wagen drfen, Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas hnliches
zu sagen? - wer drfte es jetzt noch wagen, ohne mit seinem Leben dafr zu
ben?
    Wie krank mut Du seyn! da Dir das Scheulichste, das Unsinnigste als wahr
erscheint.
    Ich habe um Urlaub angesucht. Erhalte ich ihn; so eile ich zu Dir.

                                 Zwlfter Brief



                              Olivier an Reinhold

Komm' nicht! das bel wrde nur rger. Ich dulde keinen Mann in ihrer Nhe. Kein
Klgeln mehr! Ist die Ehre verlohren, dann kann ich vom Morgen bis zum Abend
philosophiren, ich bekomme sie darum nicht wieder.
    Ja, ich will es glauben, sie war rein, bis ich ihre Sinnlichkeit weckte.
Aber jetzt - das verstehst Du nicht! Ein Weib ist ein Weib, und Natur ist
strker, als Vernunft.
    Warum strzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die Arme? Woher diese
Thrnen, diese Todesblsse, und jetzt, dieser unberwindliche Trbsinn. Ich sehe
es, sie will sich darber erheben; aber sie vermag es nicht.
    Ist ihr Wille noch so rein wie vormals, was kann ihr dann fehlen? - Sie mu
mir danken, da ich sie gerettet habe, und scheinbar thut sie das auch. Aber im
Innersten ihres Herzens wthet das Gift - und in dem meinigen? - O es war
Schicksal! wer konnte entrinnen? -

                               Dreyzehnter Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Antonelli ist fort. Gestern hrte er, Olivier habe R.... zu seinem Aufenthalte
gewhlt. An Zurckhalten, berlegen, war gar nicht zu denken.
    Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt. Wo er seinen Bedienten gelassen hat?
mag Gott wissen. Ich habe vergessen darnach zu fragen. Aber ihn nun wieder
allein gehen zu lassen war mir unmglich. Nicht wahr? ich habe Recht gethan?
    Man sagt, sie drfe nicht einmal schreiben. Es ist abscheulich. Meine Mutter
weint, und mein Vater scheint alle Heyrathsantrge vergessen zu haben.
    Ich kann nicht aus der Stelle. Alle meine Koffer sind gepackt. Aber was
wrde bey einer noch grern Entfernung aus mir werden. - She ich nur eine
einzige Zeile von ihrer Hand, wte ich nur, was sie jetzt denkt und empfindet -
ich wollte mich fassen. Aber diese schreckliche Ungewiheit! - O! lange darf sie
nicht dauern.

                               Vierzehnter Brief



                              Reinhold an Olivier

Ob Deine Drohung mich abgehalten haben wrde? wei ich nicht; aber leider ist
mir der Urlaub versagt.
    Ich hoffe, es war nur bereilung. Du wirst Dich nicht ganz der Leidenschaft
hingegeben, Du wirst Dir gestanden haben, da alles, was Du von Ehre
vorbrachtest, nur aus dem Bedrfni entstand, Dich wenigstens scheinbar zu
rechtfertigen.
    Aber gut, ich nehme an: Du habest das Alles wirklich geglaubt; aber jetzt? -
Ich bitte Dich! erspare die Reue und kehre zurck, weil es noch Zeit ist.
    Gewi ich kann von meinem Leben nicht berzeugter, als Du von der
Nichtigkeit Deiner Besorgnisse seyn. Doch gesetzt, sie htten irgend einen
Grund; offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst, zeigst Du nicht, da Du
nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst?
    Welch eine geringe Meinung Deines Werthes! welch eine berwltigende Furcht:
Du mgtest das Schlimmste verdient haben! - In der That, ich zweifle, ob Dich
irgend jemand wegen eines auf diese Weise erhaltenen Gutes beneiden, und den
Mann ohne Furcht in Dir erkennen wird.
    Ich bitte Dich! nichts Kleinliches! nichts mehr was Deiner unwrdig ist. -


                                  Nachschrift

Ich kann mich der Frage nicht erwehren: wie mchte es wohl gegangen seyn, wenn
Du Julien nicht befohlen httest krank zu werden? - Vielleicht wre das
Bekenntni der Liebe noch jetzt, noch in vielen Jahren, wahrscheinlich niemals
ber Antonelli's Lippen gekommen.
    Willst Du; so wird es, trotz allem was geschehen ist, auch jetzt noch
unwirksam. - Ich bitte Dich! wolle es! Du mgtest sonst mehr zu bereuen haben,
als Du glaubst.

                               Funfzehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Du hast immer Deinen Willen gehabt; wenn es Dir gelungen ist, mich im Voraus mit
mir selbst zu vershnen. Aber jetzt zweifle ich daran.
    Du kennst sie nicht; sonst wrdest Du manches nicht geschrieben haben.
    Ja, ich gebe zu, die Leidenschaft hat mich verblendet. Es ist wohl manches
von dem was ich glaubte, nicht mglich. Aber ich, ich selbst wei ja, wie man
sie liebt, wie man kein Verbrechen scheut, wenn es auf ihren Besitz ankommt.
    Sieh, bey andern Weibern bleibt noch immer die Hoffnung, man knne etwas
hnliches, vielleicht gar etwas Besseres wieder finden. Aber bey ihr ist das
schlechterdings unmglich.
    Diese Engelgestalt kehrt nicht zum zweytenmale wieder. Dieser stillsiegende
Geist kann nur diesen Krper bewohnen.
    Du solltest sie erwachen, Du solltest sie einschlummern sehen. - Es ist
einzig. Letzt habe ich sie eine halbe Nacht beobachtet. Der Mond schien ihr
gerade in das Engelgesicht und - nun ja, ich nannte mich einen Verrckten, da
ich je etwas Unedles von ihr geglaubt hatte.
    Aber hoffe darum nicht, da ich sie fremden Augen wieder Preis gebe. Mein
Glck ist zu gro, und das Schicksal um so tckischer.
    Den groben Tagelhnern fllt, wenn sie in ihre Nhe kommt, das Arbeitszeug
aus den Hnden. Den Sohn meines Grtners habe ich wegschaffen mssen. Er stahl
Schuhe, Bnder, und alles was er von ihrer Kleidung habhaft werden konnte, um
das alles nachher wie Heiligthmer zu verehren. Brachte ganze Nchte im Garten,
vor unserm Schlafzimmer, auf der feuchten Erde zu.
    Wir wuten nichts davon. Der Bube hatte sich, seitdem ihn der Vater aus der
Fremde kommen lie, immer vor mir verborgen. Kaum sah ich ihn ein paar Mal im
Vorberlaufen.
    Gestern Morgen ffnet Julie die Thr, und fliegt heftig erschrocken wieder
zurck. Was ist? - frag ich nicht minder erschrocken, da ich die Todesblsse
auf ihrem Gesicht bemerke. Es lag ein Mann - antwortet sie, und taumelt mir
zitternd entgegen - es lag ein Mann auf der Erde. Beynah wre ich ber ihn
gefallen. - Wer untersteht sich! - ruf ich, und reie die Thr auf - da sehe
ich den Buben in die Wohnung seines Vaters fliehen.
    Nun erzhlt mir der Alte, wie oft er ihn gewarnt habe, wie aber alles
fruchtlos gewesen sey. Er irre jetzt ganze Tage in dem benachbarten Walde umher,
und kehre nur des Abends wieder zurck.
    Es versteht sich, da ich nun auf die Abreise drang. Seitdem habe ich den
Tollkopf nicht wieder gesehen.
    Jetzt lugne, da ich zu strengen Maaregeln gezwungen bin.

                               Sechzehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Wer war der Grtnerbursche? - O mein weiser Freund! das mgtest Du bey Deinem
Sicherheits-System wohl schwerlich errathen. Der Herr Graf Antonelli.
    Nun, was sagst Du dazu? - Auch ich, von Dir eingeschlfert, war dumm genug,
nicht sogleich darauf zu verfallen. War dumm genug, nicht einzusehen, da nur in
einem sdlichen, brennenden Gehirn der Gedanke entstehen konnte, der Geliebten
auf diese Weise zu nahen.
    Ich wei, wie das in diesem Kopfe lodert, kenne die Wnsche dieses
kindischen, brennenden Herzens. ber ihn wegschreiten sollte sie. Von ihren
Fen wollte er berhrt werden. - cht italienisch! - Ein deutscher Mann hat von
dieser Selbstvernichtung, von diesem mit Leib und Seele zu eigen geben, keinen
Begriff. Aber die deutschen Weiber knnen das alles gar treflich begreifen.
    Wie ich es entdeckt habe? Wie man das meiste entdeckt; durch Zufall.
    Gestern da ich an der Bleiche vorber gehe, treibt mir ein feines gesticktes
Tuch entgegen. Ich halte es fest, und bemerke ein A. darinne. Noch denke ich
nichts bestimmtes; aber in dem Augenblicke sehe ich des Grtners Frau sich
ngstlich zwischen der brigen Wsche umhertreiben, und dem Winde ein Stck nach
dem andern abjagen.
    Wem gehrt denn das alles? - frage ich - Meinem Sohne - antwortet sie
bluthroth, stotternd, und zitternd.
    Ist er noch nicht abgereist? - Ach Gott, nein! Er hat ein hitziges
Fieber, und da war es doch nicht mglich.
    Versteht sich! - Aber was fr einen Arzt habt Ihr denn?
    Einen Arzt? - Du lieber Gott!
    Nun! Ihr werdet doch nicht wahnsinnig genug seyn den Menschen so liegen zu
lassen? Euer einziges Kind so aufzugeben! -
    Lat mir den Alten kommen! oder - setze ich hinzu, indem ich rasch, ohne
weiter auf sie zu hren, fortschreite - besser, ist besser! Mit diesen Worten
stehe ich an der Thr des Httchens; aber da fllt mir das A. wieder in die
Augen, und ich trete einige Schritte zurck.
    Indem kommt mir der Alte entgegen, und ich strze nun mit einer Art von Wuth
hinein zu dem Bette.
    Da lag er, von Fieberhitze glhend. Nannte laut ihren Namen, klagte sich an,
klagte mich an, und wute nicht, da ich vor ihm stand.
    Das, das ist Euer Sohn! - sage ich zu dem Alten, um mir durch einen
Vorwurf Luft zu verschaffen.
    Ach gndiger Herr! machen Sie mich armen Mann nicht unglcklich! Ich htte
kein Mensch seyn mssen -
    Schweig! - sage ich - ich will nichts mehr hren. Geh' zum Haushofmeister.
Er soll Leute herschicken und im rechten Flgel ein Zimmer bereit halten.
    Der Anblick hatte mich erschttert. Das Herz hatte den Kopf berwltigt.
Jetzt wollte ich den Alten zurckrufen; aber gewaltsam fhlte ich mich wieder
zum Bette hingezogen, und als ich abermals zur Thr gieng, war es zu spt.
    Da stand ich nun, und mein bser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter
wieder vor Augen. Mit Todesangst bergebe ich Ihnen mein Alles. Ich strich und
strich an meiner Stirne, und die Zeile wollte nicht fort.
    Die Leute waren schon gekommen, er war schon in meinem, meinem eigenen
Hause, eh ich das schreckliche Gewhl meiner Empfindungen entwickeln konnte.
    La mich Athem schpfen! Ein ander Mal.

                              Siebenzehnter Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Wissen Sie es schon? Antonelli ist krank, ist entdeckt. Der General selbst hat
ihn in sein Haus genommen. O er ist mein Freund! und wird es ewiglich bleiben.
    Sagen Sie! wie ist es mglich, einen Mann zu hassen, bey dem das Herz immer
die Oberhand behlt? -
    Allerdings! auch wir htten unter hnlichen Umstnden dasselbe gethan. Aber
er! mit seiner frchterlichen Heftigkeit! mit seiner glhenden Eifersucht! -
Nein! nein! es war schn! es war wirklich sehr edel.
    Aber, welche Folgen wird es haben? - Ich zittre fr Antonelli, fr Julie, am
meisten fr ihn selbst. Wahrlich! das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule.
Er, der seines Herzens so oft spottete, wie frchterlich mu er dadurch ben.
Welch ein Labyrinth! Ich wrde nicht hineingekommen seyn, da darf ich wohl
behaupten; aber ob, und wie ich mich wieder heraus finden wrde? - In der That
darauf wei ich keine Antwort.

                               Achtzehnter Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Wenn Sie, mein theurer Freund! am Rande eines Abgrundes lustwandeln, sich noch
dazu auf dem Wege berauschen, und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten, so
bedarf es keiner Inspiration, um zu wissen, wie es Ihnen gehen wird.
    Wenn Ihnen aber die Abgrnde, wie die starken Getrnke von Natur zuwider
sind, so braucht niemand zu antworten, denn niemand wird fragen.
    Der Herr General mu erndten, was er geset hat. Unser allgemeines
Schicksal. - Wer sich darber wundert, gehrt in das Land der gebratenen Tauben.
    Geben Sie mich auf! Sie sehen, das Bewundern wird mir eben so unmglich, wie
das Beklagen. Zu dem Ersten gehrt immer eine angemene Entfernung von dem
Gegenstande, zu dem Zweyten ein gewisser Grad von Hoffnung. Leider fehlt es mir
an beyden, und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen.
    Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstrt. Mich nun
unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen, wrde in der That zu den
bermenschlichkeiten gehren, die ich, grade um sie recht bewundern zu knnen,
so viel als mglich von mir entfernt halte.
    Htte das Jedermann gethan; so stnden die Sachen vielleicht etwas besser.
Wie sie nach einigen Jahren, vielleicht schon nach einigen Monaten stehen
werden, ist bey mir keinem Zweifel unterworfen. -

                               Neunzehnter Brief



                              Olivier an Reinhold

Ob sie es wei? Ob sie ihn erkannt hat? - Das frage ich mich des Abends, wenn
ich die Augen schliee, und des Morgens, wenn ich sie wieder ffne.
    Meine Leute haben den strengsten Befehl, seinen Namen nicht zu nennen. Auch
wissen nur drey um die Sache. Doch wre es mglich. -
    Sie verrth eine Angst, eine Beklommenheit. - Ihr offner, heiterer Sinn ist
gnzlich verschwunden. Oft, wenn ich unvermuthet hereintrete, finde ich sie tief
in Gedanken versunken, und nur meine Stimme weckt sie aus ihren Trumereyen.
    Diese Schwermuth hat sie unbeschreiblich verschnert. Kein Band, keine Blume
kommt in ihr Haar. Ach wer sie so she, um dessen Verstand wre es geschehen.
    Auf meinen Befehl trgt sie bestndig einen Schleyer. Oft, wenn endlich die
mnnlichen Bedienten entfernt sind, ich mir stundenlang den Genu versagt habe,
sie unverhllt zu sehen, treibt mich mein Wahnsinn den Schleyer wegzureien. Wie
vom Blitze getroffen, stehe ich dann vor ihr.
    Es ist eine neue Erscheinung. Ohne es zu wissen, habe ich diesen Engelzgen
andre, gemeine Zge untergeschoben, habe zur Lindrung meiner Schmerzen, mir ein
andres, minder schnes Bild zusammengesetzt. Jetzt werden sie durch diesen
einzigen Blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhht.
    Mit Wuth, mit Todesangst fasse ich sie dann in meine Arme, strze mit ihr
fort in das entlegenste Zimmer, starre sie an, laufe auf und ab wie ein
Rasender, presse ihre Hnde gegen meine Brust, frage sie: ob sie mich liebt? ob
sie mein ist? ob sie mein seyn will auf ewig?
    Schwere Thrnen rollen dann ber das Engelgesicht. Ihr groes, zartes Herz
fhlt dann alle meine Leiden. Sie sagt mir: da sie fr mich leben und sterben,
da sie zur Erhaltung meiner Ruhe jeden menschlichen Anblick vermeiden will.
    O! wie wird mir dann! Abermals fasse ich sie in meine Arme, hebe sie hoch
gen Himmel, falle vor ihr nieder, verstumme, versinke mit namenloser Wonne in
ihrem Anblick.
    Aber pltzlich, dnkt mich, ich hre ein Gerusch. Den Schleyer! - ruf ich
mit gepreter Stimme. Reie die Vorhnge zusammen, strze durch drey, vier
Thren, schliee sie alle hinter mir zu, komme endlich hinaus - Niemand ist da,
und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen. -

                               Zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Er fngt an sich zu bessern, und der Arzt giebt Hoffnung. Was habe ich bey
seinen Phantasien gelitten! - Er glaubte mit ihr vereinigt zu seyn, und
schilderte seine Liebe unter glhenden Bildern. Aber dann war es, als ob er mich
pltzlich erkannte, und eine grliche Vorstellung jagte die andre.
    Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume, erkannte mich; aber nicht
wie vormals, mit Schrecken. Er hielt meine Hand, nannte mich wieder seinen
Vater, erzhlte mir von seiner unglcklichen Liebe, beschwor mich, Mitleiden mit
ihm zu haben, ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergnnen. Er wolle dann
alles, alles thun, was ich von ihm verlange.
    Und ich? - O frag mich nicht? ich bin ein unglcklicher Mann.

                           Ein und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Was? bin ich ein Weib geworden? Soll dieser Knabe mich beherrschen? Er darf sie
nicht sehen, er mu fort. Zwey knnen sie nicht besitzen. Meine Rechte sind die
ltern, und ich habe mehr Nachsicht gehabt, als ich sollte.
    Was irre ich herum bey Nacht und bey Tage? Was zweifle ich? was frage ich?
Nur Eins thut hier Noth, und die Eine mu geschehen.
    Will ich Verzicht thun? Will ich es? - Rasender Gedanke! Will ich leben,
ohne zu athmen? - und, liebt er sie wie ich? Wie viel Weiber kennt er, um die
Einzige zu wrdigen.
    Aber sie? - Wenn sie ihn erkannt htte, wenn sie sich hingerissen fhlte von
Jugend, von Schnheit, berwunden von diesem gnzlichen Dahingeben? - O! fort!
fort! Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug.

                           Zwey und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Jetzt wollte ich Du wrest hier, Du knntest mir rathen. Begreife meine Angst!
ihr ist nicht wohl. Ich habe mir den Fall niemals gedacht. Ihre blhende
Gesundheit machte mich sicher.
    Sie klagt nicht, lugnet wenn ich frage; aber der Augenschein straft sie
Lgen.
    Ach ist es ein Wunder! Seit vier Wochen hat sie keinen Athemzug frische Luft
geschpft. O, ich Grausamer! Wie war es mglich! - Wenn es zu spt wre, wenn
sie krank wrde. - Nein! nein! dahin kommt es nicht. Aber schnell mu man
helfen. Helfen? - Wie, o mein Gott! - Soll ich sie ihm in die Arme fhren? -
Nichts! nichts! Keine weibische Schwche! Er mu fort. Jetzt gleich, jetzt
augenblicklich soll Anstalt gemacht werden.

                           Drey und zwanzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben. Vergieb mir beste Wilhelmine! Ich war
es meinem theuern Manne schuldig. Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt,
und wie viel er leidet durch diese Liebe. Wie sehr wre ich ihrer unwrdig,
suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachtheilig werden
knnte.
    Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus
meinem Zimmer gekommen, und wre bald krank darber geworden. Da httest Du ihn
sehen sollen! - O gewi! ich mu um vieles besser werden, diese Liebe ganz zu
verdienen.
    Solltest Du glauben, ich wrde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht?
- Vor einigen Wochen ffne ich des Morgens die Thr unsers Schlafzimmers, und
sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen. Er hatte das Gesicht unter dem
Arme verborgen; aber seine Gestalt blieb mir unvergelich.
    Was ist das nun anders als Eitelkeit! - kann es nicht ein wahnsinniger
Mensch gewesen seyn? knnen ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen, zu dem
sonderbaren Entschlusse gebracht haben, sein Nachtlager vor unsrer Thr zu
whlen? Aber nein! die Eitelkeit - oder sollte es wirklich mein Herz seyn? -
besteht darauf, um meinetwillen war er da, um meinetwillen ist er wohl oft schon
da gewesen.
    Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer, durch eine gewisse hnlichkeit
getuscht, mit Antonelli. Mit Antonelli, der mich lange vergessen hat.
    Ach wie sehr tuscht sich ein junger Mann in diesem Alter. Antonelli glaubte
eine unberwindliche Leidenschaft fr mich zu fhlen, und nach einigen Wochen
bin ich rein aus seinem Gedchtni verschwunden.
    Wenn ich nun meinem thrichten Herzen gefolgt, und jetzt allen Quaalen der
Selbstverachtung Preis gegeben wre! - Aber Gott sey gelobet! ich bin gerettet.
    Seit ich die milde herrliche Luft unter den Blthenbumen wieder athme, ist
himmlischer Friede in mein Herz zurck gekehrt und alle meine Gefhle sind
wieder dem Manne geweiht, der mich so einzig, der mich mehr liebt, als ich bis
jetzt noch verdiene.
    Wie sein herrlicher, groer Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt! So
wie ein Mensch leidet, hrt er auf sein Feind zu seyn und wre er es auch Jahre
lang gewesen. Wer htte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hlle gesucht!
- Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen, so viel als mglich davon zu
verbergen und sogar zu vertilgen.
    Gewi erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann. Aber
ich, der er sich so ganz hingiebt, ich blicke in sein schnes Herz und bewundre
ihn im Stillen.
    O wie freue ich mich, da dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwchen,
in meine Hnde gefallen ist. Ich will es schonen und ehren. Seine Leidenschaft
soll mir heilig seyn, und wenn sie mir auch jemals als Ha erscheint; immer will
ich denken: es war doch nur Liebe.
    Jetzt eben gieng er von mir. An wen schreibest Du? - fragte er, und sah
mich forschend dabey an. An Wilhelminen - sagte ich lchelnd. Klagst Du
auch? - fragte er weiter und eine rhrende Trauer verbreitete sich ber sein
Gesicht. Weswegen sollte ich klagen? - antwortete ich heiter - Etwa deswegen
- setzte ich hinzu, indem ich seine Hand kte - da ich unbeschreiblich
geliebt, weit mehr geliebt werde; als ich verdiene? -
    Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen. Sie schienen mir so einfach,
und so wahr. Gleichwohl erschtterten sie ihn auf eine sonderbare Weise.
    Der theure liebe Mann! wann wird er einmal zur Ruhe kommen? -

                           Vier und zwanzigster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Gieb Dir keine Mhe! Ich bin zu gut unterrichtet um mich tuschen zu lassen. Aus
freyen Willen wrest Du auf Deinem Zimmer geblieben? - Ja, ja! eine ganz gute
Erfindung fr Deine Bedienten. Aber bey mir - wie gesagt, Du kannst die Mhe
ersparen.
    Liee mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freye Luft schpfen, und so
viele Briefe schreiben als mir beliebte; ich wrde dumm genug seyn mir
einzubilden: dergleichen verstnde sich von selbst.
    Eben so klglich schicke ich mich zum Bewundern. Freund Reinhold kann Dir
ein Lied davon singen.
    Welche Disharmonie! In der That, nehme sich Dein Herz nicht manchmal die
Freyheit, Dir ein Wrtchen zuzuflstern, unsre Freundschaft wrde zum Rthsel.
Aber bey diesen Einschiebseln, die Dir wahrscheinlich als Unregelmigkeiten
erscheinen, fliegt Dir das Meinige wieder zu. Ich triumphire, da Dir die
hochbelobte Kunst unsrer franzsischen Gouvernante de corriger la nature noch
nicht gelungen ist.
    Doch wer wei! mit der Zeit kann alles noch werden. Hast Du doch schon mit
Hlfe dieser Kunst herausgebracht: Antonelli habe Dich vergessen, habe Dich
vielleicht niemals geliebt.
    Ja! ja! die Vielleichts machen einem viel zu schaffen. Wollte der Himmel,
ich wre mit denen, die mir noch auf dieser kleinen schwerflligen Erde brig
bleiben, schon fertig, dann knnte ich Dir bey den Deinigen helfen.
    Ob ich jetzt immer so lustig bin? O ganz erschrecklich! Du siehst die Spuren
der Freude hier auf dem Papiere.

                           Fnf und zwanzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Die Spuren waren von Thrnen. O meine Wilhelmine! noch immer grmst Du Dich;
bestehst darauf: ich sey unglcklich. Warum hltst Du diese Vorstellung so fest?
Das Gegentheil ist ja doch mglich, und wird sogar immer wahrscheinlicher.
    Auch ich, Geliebte, habe manches ber mein knftiges Leben nachgedacht.
Htte ich hoffen knnen, mit einem Manne, den ich leidenschaftlich liebte,
glcklich zu werden; wer wte was ich gethan haben wrde. -
    Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben. Alles belehrte mich,
da es auch dem besten Manne unmglich wird, leidenschaftliche Liebe an einem
Weibe zu ertragen, da Leidenschaft und Weib, ihm eben so widrig klingt, wie
Hlichkeit und Weib, und da, wo diese traurige Disharmonie sich findet, an
kein Glck zu denken ist.
    Wie wre es auch mglich? Haben wir uns einmal dem mnnlichen - fr uns
wahnsinnigen Gedanken - berlassen: genieen zu wollen; so achten wir keine
Schranken. Von einer feinern Organisation, weit mehr als die Mnner, zum Streben
nach dem Unendlichen getrieben, wollen wir nun eine Verbindung, die unter zwey
unvollkommnen Wesen, nicht einmal in der Idee bestehen kann.
    Alle Tuschungen des Wissens, der Ruhmsucht und der thierischen
Sinnlichkeit, mit welchen sich die Mnner, oft bis an ihr Ende, so glcklich
betuben, sind bey uns nicht wohl mglich.
    Wir fhlen nun mit allen Krften unsers Wesens: da die Verbindung Zweyer,
oder Aller zu Eins, der Zweck aller Schpfung seyn mu. Die Zeit, wo wir den
trben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden,
ist fr uns schon verflossen.
    Eins! eins wollen wir seyn mit dem Geliebten. Kein Gedanke, keine Ahnung
soll uns entgehen. Ein ewiger seeliger Tausch, Zusammenklang alles Wissens und
Begehrens. Ach! schon mitten in diesem hchsten Wunsche werden wir pltzlich
durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen, und sinken zurck - - - unter
die Herrschaft eines Mannes.
    Whrend wir uns so in, ja ber den Wolken umhertrieben, wie frchterlich hat
sich diese Herrschaft ausgedehnt! Gleichwohl macht sie den, der sie ausbt,
nicht glcklich.
    Mit ganz andern Wnschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen. Selbst von
den Leidenschaften irre gefhrt, suchte er ein Wesen, das ber alle Leidenschaft
erhaben, ihm himmlischen Frieden entgegen brchte. In dieser seeligen Stille
wird sein Wille sich lutern, sein Verstand von nun an das Beste erwhlen.
    Schon der Anblick dieses Wesens, das rein und vollendet aus den Hnden der
Natur hervorgieng, hebt ihn ber sich selbst. Alles was er mhsam erlernte, ward
diesem Wesen angebohren. An Verstand und Willen weit ber ihn erhaben, ist es
dennoch mit dem beseeligenden Irrthume begabt: es werde in beyden von ihm
bertroffen. Was hat er zu frchten? Es ist die liebende Einfalt, der er sich
bergiebt.
    Aber wie schrecklich wird er selbst nun aus diesem Traume erweckt. Statt
heiterer, seeliger Stille, findet er leidenschaftliche Unruhe. Hrt Foderungen,
Klagen. - Ach! Rechenschaft soll er geben von seinen Empfindungen. Man will sie
wgen und prfen. O Gott! statt ertragen zu werden, soll er tragen. Er kann es
nicht, sein ganzes Gefhl emprt sich dagegen.
    Um seine Leiden aufs hchste zu bringen sieht er nun noch die Schnheit
entfliehen. Die Schnheit, ohne die er die Weiblichkeit nicht denken kann, mit
der er die ganze Weiblichkeit ausspricht.
    Es ist zu viel! er mu sich rchen! - Ach, er hat sich schon gercht, er ist
schon ein Tyrann, eh er es selbst nur ahnet. Die unglcklichen Weiber! Htten
sie gestrebt liebenswrdig - der Liebe wrdig - zu seyn, statt Liebe zu fodern;
sie htten das, was sie wnschten, und vielleicht weit mehr noch erhalten.

                          Sechs und zwanzigster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Liebenswrdig? - Hm! nicht bel. Nun ja, mit dieser Kleinigkeit sind die Mnner
so ganz leidlich zufrieden. Freilich gehrt dazu eine andre Kleinigkeit: die
unverwelkliche Schnheit und Jugend. Unglcklicher Weise, hat es meiner theuern
Freundin nicht beliebt, anzuzeigen, wie man sich diese Kleinigkeit erhalten,
oder, wenn man sie nicht hat, die Gtter zwingen kann, sie zu verleihen.
    Ja! ja! wer kann an alles denken? - Ihr unglcklichen Geschpfe, die ihr
weder das Eine noch das Andre habt, verzweifelt nur. Mag eure Zahl Legion
heien, ihr seyd zum Elende gebohren.
    Vormals standet ihr noch in dem trstlichen Wahne, ihr knntet den Mnnern
durch Tugend ersetzen, was die Natur euch an Schnheit versagt hatte; aber
jetzt! - euer Urtheil ist gesprochen! So wie eure Schnheit verwelkt, hrt ihr
auf Weiber zu seyn. Dann sterben die Blumen; aber euch zwingt die Natur zum
martervollen Leben. Leitet nur den herabfahrenden Blitz zu euren Herzen. Oder,
wenn er mit der Natur im tckischen Bunde, euch nicht treffen will, suchet nur
in den Fluthen euer Grab. Die beste Welt bleibt dennoch die beste.
    Leb wohl! Du hast mich erbittert. Ich glaube gar, ich kann aufhren Dich zu
lieben. Du bist zu unsern Feinden, zu den Mnnern bergegangen, und fngst an,
eben so methodisch zu .... pfuy! das war hlich.
    Ach! da kommt mir ein glcklicher Gedanke! Knftig werde ich statt hlich,
immer mnnlich setzen. Nicht wahr? es ist eben so gleichbedeutend, wie schn und
weiblich. Komisch wre es, wenn das Hlichste immer das Mnnlichste wre. -
    Was meinst Du dazu?

                          Sieben und zwanzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Ich meine, Wilhelmine, die da glaubt erbittert zu seyn, und die nie aufhren
wird mich zu lieben, knne wohl, ein wenig ab- und zugerechnet, nicht so ganz
Unrecht haben. Unter dieses Wenige gehrt vorzglich, alles was man den Windeln,
Schnrbrsten und Ausschweifungen zuschreiben mu. In der That, es wre
ungerecht, dieses sowohl, als mehreres, was Verzrtlung und Verwahrlosung der
weiblichen Schnheit geraubt haben, auf die Natur zu werfen.
    Nimm die weg, Geliebte, und - so bertrieben es auch klingen mag - ich wage
es, zu behaupten: da es Dir schwer, ja vielleicht unmglich werden soll, ein
wirklich hliches Mdchen zu finden.
    Reise nach H...., gehe in das Haus der liebenswrdigen R...., siehe hier
zwanzig Mdchen, die unter ihrer Aufsicht doch nur seit ihrem siebenten, achten
Jahre erzogen werden, und widersprich mir, wenn Du kannst.
    Wie schnell die Natur ersetzt und verbessert, wenn man ihr nur nicht zu
anhaltend widerstrebt, geht beynahe in das Unglaubliche.
    Aber das alles rechtfertigt mich nicht in Deinen Augen. Dein liebevolles
Herz emprt sich gegen die Grausamkeit eines doppelten Todes. Du vergiebst mir
nicht, da ich die Weiblichkeit mit der Schnheit verschwinden lasse. Gleichwohl
besttigst Du, kurz darauf, die, und weit mehr.
    Ja es ist schrecklich; aber es ist wahr: die Sinnlichkeit kann uns auch
nicht einmal Augenblicke befriedigen. In dem gegenwrtigen mssen wir vor dem
knftigen zittern. Welcher Gott wird uns helfen? - In uns ist der Gott. Erflle
deine Bestimmung spricht er - aber suche dich ber alles Sinnliche zu erheben.
Dann bist du frey und seelig.

                           Acht und zwanzigster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ach Du bist besser als ich! das wei ich wohl und habe es immer gewut, so wie
ich alles, was Du mir sagst, lange gefhlt habe. Darum wollte ich mich an Dich
schlieen, in Dir alles wiederfinden, htte es gefunden.
    Geh! geh! Du hast doch nicht recht an mir gehandelt. Mein Verstand mag Dich
rechtfertigen, mein Herz wird Dich ewig verklagen.
    Morgen will ich reisen.

                           Neun und zwanzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Dieser Mensch bringt mich noch um, mit seiner glhenden Phantasie. Meinst Du, er
verberge irgend eine Empfindung vor mir? Mit einer Heftigkeit, mit einem
verzehrenden Feuer spricht er sie aus, reit mich hin, berwltigt mich. Oft
habe ich, zu meinem eignen Schrecken, mich selbst, und alles, was ich zu
frchten hatte, vergessen.
    Wenn endlich meine innere Quaal aufs hchste steigt, meine Wuth ber seine
glhenden Schilderungen hervorbrechen will, ergreift er mich pltzlich mit
seiner gewaltigen Liebe.
    Ich, ich selbst bin es nun, den er schildert. Mit allen meinen Leiden, mit
allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln.
    Im hchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen,
Gefhle entwickeln, fr die ich bis jetzt keinen Namen hatte, Begebenheiten
hervorrufen, die ich verworren nur ahnete.
    In dem Augenblicke, wo ich ihn dann mit meinen Hnden zerreien mgte; weil
er sie alle nennt, meine Marter, in dem Augenblicke fllt er ein mit seiner
seelenerschtternden Klage. Mein Grimm lst sich in Wehmuth auf, er strzt in
meine Arme, und, ohne es zu wollen, drcke ich ihn fest an mein Herz.
    Aber ihn hier zu behalten, war mir unmglich. Alle seine Bitten vermogten
nichts, er mute sich ergeben. Gleichwohl bestand er mit einem unerhrten Trotze
darauf, sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen.
    Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise. Thue es - sagte er - und wenn Du
bis an das Ende der Welt gehst; ich folge Dir nach.
    Mir? - wiederholte ich mit Bitterkeit.
    Ja Dir! Meinst Du, ich knne ohne Dich, Du ohne mich leben? - Wer versteht
Dich, wer trstet, wer liebt Dich wie ich?
    Bestechungen!
    Wehe Dir, wenn Du es glaubst! -
    Ich werde schon Mittel finden. -
    Sie helfen Dir nichts.
    Was unterstehst Du dich? -
    Ich unterstehe mich, das Unmgliche unmglich zu nennen. Mache was Du
willst! uns scheidest Du nicht.
    Uns? -
    Ja! uns.
    Sie meinst du.
    Wenn ich sie meinte; wrde ich es sagen.
    Du liebst sie.
    Nein, Dich liebe ich, sie bete ich an.
    Und das soll ich dulden?
    Kannst Du es ndern?
    Nicht in mein Haus!
    Das verspreche ich Dir.
    Nicht in meinen Garten!
    Auch das.
    Noch auf die Anhhe!
    Sie gehrt Dir nicht.
    Ich werde sie kaufen.
    Ich habe sie schon gekauft.
    Das hast Du gethan, um sie zu sehen, um von ihr gesehen zu werden.
    Das Letzte ist nicht wahr, auch ist es unmglich.
    Aber Du willst sie sehen.
    Ja, weil es Dir nicht schadet.
    Es beunruhigt mich.
    Und mich tdtet es, wenn ich sie nicht sehe. Was willst Du lieber? -
    Du trotzest!
    Nein. Das sagst Du nur, Du, glaubst es nicht. Sieh mich an! ist es wahr,
da ich ohne sie nicht leben kann? ist es wahr, da es mir unmglich ist, jemals
etwas Schlechtes zu wollen? ist es wahr, da ich Dich liebe, da ich mein Leben
fr Dich lassen wrde?
    Ach! dann sehe ich in sein groes, schwarzes Auge, und verstumme.

                               Dreyigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Wo bist Du jetzt, meine Geliebte? Zrnst Du noch mit Deiner Julie? Nein! nein!
Du irrst Dich in Dir selbst. Weder Dein Verstand, noch Dein Herz klagt mich an.
Wir lieben uns, und werden uns ewiglich lieben.
    Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise berzeugen. Mich dnkt
sogar, Du wrest in meiner Nhe. Besonders wenn ich in den Garten trete,
berfllt mich ein wunderbar sehnschtiges Wonnegefhl.
    Ach es ist der Duft von den vielen, kstlichen Pflanzen, der geheimnivolle
Schatten dieser hohen unnachahmlich schnen Bume. Wirklich, unser Garten ist
ein Paradies. Ob er gleich beynahe drey Viertelstunden im Umfange hat, wollte
ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhhe vergrern. Aber
sie ist leider schon verkauft, und so werden wir wohl Verzicht darauf thun
mssen.
    Wie sonderbar! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden, htte mich bey einem
einzigen kleinen Blumenbeete berglcklich gefunden. Jetzt, seitdem von der
Anhhe gesprochen ist, denke ich nur immer: wie viel schner unser Garten seyn
mte, wenn er sie mit umschlsse.
    Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe. Letzt dnkte
mich, ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit ber die Mauer unsers Gartens
gehoben, und pltzlich auf der Anhhe niedergelassen.
    Es war eine andre Welt. Himmlische Kinder wandelten darauf. Ihr Gesicht
blhte wie Rosen im Morgenlichte. Ein glnzendes Flgelpaar erhob sich ber ihre
Schultern. Schnell, wie Gedanken, eilten sie hin und her und streiften an meiner
Wange vorber wie Frhlingshauche.
    Jedesmal, wenn sie mich so berhrten durchdrang mich ein unaussprechliches
Wonnegefhl.
    Endlich flogen sie alle auf mich zu, schlossen mich in einen dichten Kreis,
und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her.
    Wir wechseln das Leben! wir wechseln das Leben! - so sangen sie.
    Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht. Kein Tanz
mehr, kein Gesang. Die Kinder standen unbeweglich. Ich eile auf sie zu, da sind
sie pltzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmthig sem
Schauder.
    Unser Fenster stand offen, und der Duft eines groen Rosenstrauchs ward vom
Winde in das Zimmer getrieben. Der kalte Schauder, die Blumen, das alles war
also mehr als begreiflich. Gleichwohl finde ich noch immer wer wei wie viel
Wunderbares in diesem Traume, und eile, sobald ich in den Garten komme, zuerst
nach dem Orte, wo ich die Anhhe sehen kann.
    Hier sitze ich oft ganze Stunden, und denke nichts als den Traum. Dann
ergreift mich eine Bangigkeit, eine Sehnsucht. - Letzt - kannst Du Dir etwas
kindischeres denken! - glaubte ich meinen Nahmen von dort her zu hren. Schnell
springe ich auf, eile mit ausgebreiteten Armen durch das Gebsch, und denke
nicht eher an die Mauer, bis ich dichte davor stehe.
    Mit gefalteten Hnden, als geschehe mir Wunder welch Unglck, kehre ich nun
wieder um, und ein Strom unaufhaltbarer Thrnen strzt ber meine Brust.
    Nicht wahr? das sieht dem Wahnsinne sehr hnlich. Gewi, ich bin krank. Ich
mu mit einem Arzte sprechen.

                           Ein und dreyigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Gestern war T... bey mir. Ich wollte meinen Augen kaum trauen. Seit er zum
Gnstlinge erhoben ist, habe ich ihn nicht gesehen. Seine hmischen Anmerkungen
ber Dich fhrten oft Streit herbey, und so war ich recht wohl damit zufrieden.
    Nun aber gestern berfllt er mich pltzlich mit einem ganzen Heere
Schmeicheleyen und Freundschaftsversicherungen. Ich lchle, mache einen stummen
Bckling ber den andern und vertiefe mich so hartnckig in die Zeremonien, da
ich ihn nach einer Viertelstunde ziemlich in die gehrige Entfernung bringe.
    Gleichwohl erfolgen nun eine Menge Hof-Stadtneuigkeiten, Erkundigungen nach
Dir. - Wie sich der Knig sehne Dich einmal bey sich zu haben. Wie es gar nicht
artig sey, so sprde zu thun. Das alles wrde Dir nichts helfen. Man knne Dich
aufsuchen.
    Ich erschrack, und fieng an zu sondiren. Ja, ich selbst wisse am besten,
wie viel an dem eigentlichen Frieden noch fehle. So still werde es nicht
abgehen. Ein paar Feldzge msse man noch in den Kauf geben. Der Knig werde Dir
das alles schon begreiflich machen und hoffe, Du werdest nicht aufhren, Dein
Vaterland zu lieben.
    Darber ist kein Zweifel; - antwortete ich - aber mich dnkt, man knnte
ihn in Ruhe lassen. Fr ein Menschenleben hat er genug gethan, und die andern
Herren sind ja auch keine Feinde vom Hinaufrcken.
    Ach ja! wenn es nur auf das Rcken ankme. -
    Nun das Andre wird sich auch finden!
    Man hat's gesehen! -
    Olivier ist kein Freund vom Kriege.
    Darber erstaunt man.
    Mich dnkt ohne Grund. Er suchte Lorbeeren; jetzt hat er mehr als er
bedarf.
    Aber das Vaterland! -
    Eben das Vaterland - sagt er - braucht Ruhe.
    Das Wort klingt komisch in seinem Munde! - Mnner, Frauen und Mdchen
nannten ihn vormals den Unruhigen. -
    Die Zeiten ndern sich; warum sollten sich die Menschen immer gleich
bleiben? -
    Er antwortete mit seinem gewhnlichen Faunenlcheln, umarmte mich, zu meinem
groen Leiden, einmal ber das andere, und empfahl sich mit einem Epigramm.
    Ich setze nichts weiter hinzu. Du selbst mut am besten wissen was dabey zu
thun ist. Rathen kann ich Dir nicht mehr; aber nie werde ich aufhren, Dich zu
lieben.

                           Zwey und dreyigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Entweder sie wollen mich los seyn und da sie wissen, da ich die Kugeln nicht
frchte, mich wieder darunter schicken, in der Hoffnung, eine werde doch
treffen. Oder der Knig hat gerade Langeweile, erinnert sich der P...schen
Scenen mit Julien, und will die Komdie auf eine andere Art durchspielen.
Wahrscheinlich trifft beydes zusammen, und da bin ich denn freylich vor einem
Besuche nicht sicher. Hier lassen kann ich sie nicht; aber wem soll ich sie
anvertrauen? -
    Reinhold Du liebst mich, Du hast es, auch wenn ich nicht daran glaubte,
redlich mit mir gemeint. Reinhold! willst Du sie in Schutz nehmen? Dann lasse
ich schnell mein Gthgen bey G... in Stand setzen. Ich wei wohl: Du darfst Dich
nicht entfernen. Aber es liegt nur eine Viertelstunde von der Stadt. Da knntest
Du doch tglich einen Gang hinaus machen. Ganz allein kann ich sie nicht lassen,
noch weniger sie der Mutter bergeben. - Begreife wie ich Dich achte! da ich
Dich allen Andern vorziehe.
    Antworte mir bald. Ich kenne ihn. Bey seinen Grillen ist keine Zeit zu
verlieren.

                           Drey und dreyigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Alles! nur das nicht. Frage nicht weiter. Es geht nicht. Und wenn Du mich auf
die Folter spanntest; ich wrde Dir immer dasselbe antworten. Wie? Warum? kann
ich Dir wahrhaftig nicht auseinander setzen. Genug ich wei, es geht nicht.
Achte mich nun weniger, entziehe mir ganz Deine Freundschaft. Ich mu es
geschehen lassen. Aber ich wiederhole Dir noch einmal: es ist schlechterdings
unmglich.


                                  Nachschrift

Du hast zwey Flle angenommen; aber wie, wenn es einen dritten gbe?
    Wenn sie Dich nicht entbehren knnten? Dich wirklich haben mten? -

                           Vier und dreyigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Htte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt! Schnell mu ich Dir noch melden:
da die Knigin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den Knig
begleitet.
    Sollte es nicht das Sicherste seyn, Julie nun bleiben zu lassen? - Ich bin
geneigt es zu glauben. berlege es, und melde mir Deinen Entschlu.

                           Fnf und dreyigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Das Sicherste! Eine Falle ist es. Einladungen, Lockspeisen! - Ich kenne das. Und
sollte ich sie Antonelli bergeben, ich wollte es lieber; als sie auf dem
glatten Hofpflaster wissen.
    O wie viel leide ich! Ich bin mde es zu denken. Oft will ich die ganze
schreckliche Leidenschaft von mir werfen, die Freyheit, den Tod suchen; aber
dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen.
    In Dich mag ich nun nicht weiter dringen. Gleichwohl mu Rath geschaft
werden. Zwlf Meilen von hier ist ein Fruleinstift. Ich will mit ihr davon
sprechen.
    Aber gern mu sie es thun; sonst ist es doppelt so schrecklich. Ach den
ganzen Tag werde ich sie nicht sehen! Aber die Nacht will ich hin zu ihr
fliegen. - Zwlf Meilen! - O Gott es geht nicht! es ist zu weit!
    Da kommt sie. Ich will sie fragen. Sie selbst soll whlen.

                          Sechs und dreyigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Jetzt habe ich den Muth der Verzweiflung. Ich sehe es, fr mich ist kein Glck
mehr zu hoffen.
    Was whlte sie? - Rathe es! - Du errthst es nimmermehr.
    Liebste! - sagte ich - wenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen mten,
wenn Du hier nicht bleiben knntest; welchen Aufenthalt wrdest Du vorziehen?
    Sie behauptete fr keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben.
Es sey ihr hier so wohl.
    Aber wenn du nun schlechterdings whlen mtest und Dich ganz nach Deinem
Geschmacke bestimmen knntest. -
    Nun - antwortete sie - drfte es in der Nhe seyn; dann wrde ich das
Huschen auf der Anhhe allen Andern vorziehn.
    Auf welcher Anhhe? - fragte ich, denn ich wollte nicht glauben was ich
gehrt hatte.
    Dort - sagte sie, und zeigte auf Antonelli's Wohnung - diese Gegend hat
etwas unbeschreiblich anziehendes fr mich.
    Ich lie sie nicht ausreden, strzte fort, warf alles nieder, was mir in den
Weg kam. Mir war als solle ich mir selbst entfliehn. Zum erstenmal in meinem
Leben fhlte ich eine Art Unwillen gegen sie, der allmhlig in Wuth bergieng.
So stand ich vor Antonelli's Thr ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war.
    Wo ist er - fragte ich - Wo er immer ist - antworteten die Leute, und
zeigten nach dem Walde.
    Schon lange hatte ich vor ihm gestanden, hatte schon eine Menge Flche
zwischen den Zhnen gemurmelt, noch immer hatte er mich nicht bemerkt. Endlich
wurden meine Flche lauter, und ich ri ihm das Fernglas aus der Hand. Da schien
er pltzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Flche.
    Ein schnes Leben - sagte ich - den ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen.
Der Knig kommt. Wo ist das, was ich Dir aufgetragen habe?
    Statt zu antworten, nahm er mich lchelnd bey der Hand, und fhrte mich zu
einem Zelte, das er sich mitten im Walde hat aufschlagen lassen. Hier sah ich
Karten, Risse, alles in der grten Ordnung, und weit mehr vorgearbeitet als ich
gewollt hatte.
    Wann ist denn das alles gemacht? - fragte ich - nachdem ich es mit
Erstaunen untersucht hatte.
    Wenn sie nicht da war.
    Woher weit Du denn, wann sie kommt?
    Ich fhle es.
    Du faselst!
    Ich sage die Wahrheit.
    Du hast ihr Zeichen gegeben, die Flte gespielt. -
    Niemals!
    Nun, woher soll sie denn wissen, da Du hier bist?
    Sie wei da ich hier bin? - fragte er, und sein Gesicht verrieth wirklich
das hchste Erstaunen. -
    O sage mir! - fuhr er fort, und drckte mir die Hnde, und schmeichelte wie
ein Kind - sage mir! woher wei sie es? Hast Du es, hat es irgend jemand anders
verrathen?
    Gleichviel - antwortete ich verdrlich - genug sie scheint es zu wissen.
    Ach! siehst Du! - rief er - sie fhlt es wie ich.
    Nun schrie ich laut auf vor Wuth, ri meine Hand aus der seinigen, strzte
den Berg wieder hinunter, und fand sie in Thrnen.
    Ach, ich wollte ich wre bey Dir. Du bist doch mein Einziges. Hier steh ich
allein, verwaist. Sie haben mich ausgestoen aus ihrem Bunde. Von einer hhern
Macht hingerissen, vergessen sie mich und die Welt.
    O ich leide zu viel! Ein Ende! Ein Ende!

                          Sieben und dreyigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Dein Leiden zerreit mir das Herz. Armer, unglcklicher Mann! Mit allen Deinen
Schtzen, mit allen Deinen Lorbeeren unglcklich. Ach warum mut Du gerade jetzt
diese Sehnsucht nach Liebe empfinden, jetzt, wo sich das Schicksal so grausam
gegen Dich verschwret.
    Solltest Du denn gar nicht zu retten seyn? - - Hast Du niemals versucht, sie
als Deine Kinder zu denken? - in ihnen, durch ihre Liebe glcklich zu seyn? - Du
mut es mehr als einmal in Deinem thatenreichen Leben gefhlt haben: wie schn,
wie berschwnglich die Selbstberwindung lohnet.
    Wenn ein hartnckiger, listiger Feind Dich erbitterte, tausend
Schwierigkeiten sich Deiner brennenden Ruhmsucht entgegen stellten, Du endlich
nahe warst das Ziel zu erreichen, hat Dich da nicht oft Erbarmen mitten im Laufe
zurckgehalten, und sind es nicht gerade diese Augenblicke, bey denen Du, wenn
Dich alles brige anekelte, mit Wohlgefallen verweiltest? -
    Gewi! Dein Schicksal liegt mir schwer am Herzen. Ich habe nur einen Wunsch:
Dich mit Dir selbst einig zu sehen. Ich kenne nur eine Mglichkeit - doch, ich
schweige. Aber das la Dir sagen - denn wer wollte Dich um des augenblicklichen
Schmerzens willen dem tckischen Irrthume preis geben - aufopfern wirst Du
mssen, auf welche Seite Du dich wendest. Auch dann, wenn Du den Tod whlst,
opferst Du auf. Wie viel? - wer kann es bestimmen! -
    Die groe unergrndliche Natur handelt nach unwandelbaren Gesetzen. Erbarmen
ist ihr fremd. Hebst Du gewaltsam ihren Schleyer; welche Macht kann Dich retten?
- So weit das Gedenkbare reicht, findest Du die schreckliche wieder. Darum gieb
Dich duldend in ihre Hand. Dann wird sie sanft Dich erlsen.
    Du sagst: ich bin Dein Einziges. So entschliee Dich dann muthig, und
schnell! Komm an mein Herz! Wir wollen meinen Olivier suchen. Vielleicht finden
wir ihn wieder.

                           Acht und dreyigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Er ist gefunden! - Wohl! ganz Recht! eben weil ich im Tode noch aufopfere, will
ich mir, was das Leben gewhrt, noch erhalten. Ist kein Erbarmen zu hoffen;
warum soll ich mich erbarmen? - Mag ich nun Schmerz hervorbringen; ich selbst
leide den hchsten. Ja ich habe mich schnell und muthig entschlossen. Ich selbst
will sie nicht sehen; aber dann soll auch kein mnnliches Auge sie erblicken.
    Anfangs wollte ich mich einem deutschen Klotze vertrauen; aber ich sah bald,
da nur ein Sdlnder meine Leidenschaft begreifen konnte.
    Ich habe Einen gefunden, der mehr noch begreift als ich empfinde. Er soll
sie bewachen.
    Ein menschenleeres Gtchen ist gekauft, das Haus mit einem Graben umgeben,
und durch eine Zugbrcke geschtzt. Drey fremde Mdchen habe ich zur Aufwartung
kommen lassen, und hoffe der braune Wchter wird sie gehorchen lehren.
    Keine Anmerkungen! ich bitte Dich! Es war das Einzige was mir brig blieb.

                           Neun und dreyigster Brief



                              Reinhold an Olivier

Nein! keine Anmerkungen! aber hier einen Brief von Wilhelminen. Sie glaubt, er
wrde durch mich am richtigsten besorgt werden. Das gute Mdchen wei so vieles
noch nicht. - Mein Schutzgeist verhte nur, da sie nicht nach Juliens
Aufenthalt fragt. Ihre ganze Verachtung wrde mich treffen; wenn ich nicht mit
Feuer und Schwerdt drein schlge. Wre sie hier, ich stnde Dir vor keiner
zweyten Entfhrung.
    Das arme Mdchen hat sich nur immer an den Schein gehalten. Sie glaubte Dich
frey, und Julie gefangen. Dich Du Unglcklicher! Einen Sclaven der wthendsten
Leidenschaft frey! -

                               Vierzigster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ich bin in der Schweitz; aber meine Erwartung ist nicht befriedigt. Blendender
Schnee auf den Bergen, schneidende Luft in den Thlern, die Menschen eben so
kalt und dster wie sie. O das alles ist mir frchterlich zuwider!
    Ewiger Zank unter den Hohen, ewige Klage unter den Niedern. Mangel bey allem
berflu. Sclaverey bey allem Freyheitstrotz. Ach kein Feuer, keine
Lebendigkeit! Einsylbig, langweilig, das prosaischste Volk auf der Erde. (So
weit meine Wenigkeit sie gesehen hat.)
    Ja! donnernde Wasserflle und schaurige Klfte. berhangende Klippen und
strzende Lavinen. Wer Lust hat erschlagen zu werden, der kommt hier schon
recht.
    Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben wrde?
Kann seyn! aber ganz unwahr ist es nicht; darauf kannst Du Dich verlassen.
    Nein! nein! mit dieser grausenden, zgellosen Natur kann ich mich nicht
vertragen, mit diesen Menschen nicht sympathisiren. Was helfen mir die feisten
Khe und die ppigen Wiesen? Was mir fehlt knnen sie mir nicht geben.
    Aber was fehlt mir denn? - Nun, frs erste will ich glauben: ein milderer
Himmel, ein geistvolleres, lebendigeres Volk, Werke der unsterblichen Kunst, an
denen sich mein Geist laben und erheben kann.
    Italien! Italien! da will ich hin. Antonellis Mutter ist da. Auch die will
ich sehen. O was gbe ich darum, da sie arm wre, oder sonst meiner Hlfe
bedrfte! Gewi! sie wird mich lieben; denn ich werde ihr von dem Lieblinge
erzhlen.
    Wre ich die Mutter dieses Sohnes; Knige und Kaiser mten mir weichen.
Ach! htte ich nur ein Kind! nur ein einziges Kind! Ein solches Wesen, das ich
mit Todesquaal mir erkauft, mit Lebensgefahr mir erhalten htte! - Ich wollte
alles! ja Dich selbst wollte ich darber vergessen.
    Nur Geduld! nur Geduld! nur nicht gelchelt! es wird sich alles finden! - In
Italien giebt es noch Menschen, die Liebe verstehen. Bauer, oder Brger,
einerley! Mein Freund - sage ich dann - gefalle ich dir; so mgte ich wohl auf
ein Jahr der fnf deine Frau werden. Sind wir glcklich; so geben wir noch vier
Jahre zu. Dann drey, dann zwey, und zuletzt hast du die Freyheit, dich alle Jahr
von mir zu trennen.
    Aber in der Zeit wo du mir gehrst, gehrst du mir ganz. Kein Laufen, kein
Gaffen! das sage ich dir! - Ich binde mich; aber auch du bist gebunden. Hltst
du nicht Wort; so ziehst du weiter. Aber die Kinder bleiben mir, oder aus der
ganzen Sache wird nichts.
    Du merkst wohl, da ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe. Ist er damit
zufrieden, dann mag er nach den ersten fnf Jahren schon weiter ziehen, und den
grten Theil meiner Reichthmer mitnehmen. Ich bleibe doch reicher als er.
    Ob er aber dabey glcklich seyn wird? - O ja! wenn er vernnftig ist, warum
nicht? - Ich wrde fr ihn braten und kochen, ihn warten und pflegen und alles,
was mir an Freuden bekannt wre in unserm Hause versammlen. Aber, die Kinder
gehren mir! damit wecke ich ihn des Morgens, und die Kinder gehren mir!
wiederhole ich ihm des Abends, und wenn er das nicht vertragen kann; so zieht er
weiter; oder zieht gar nicht, weil er nicht kommt.
    Nichts von Inconsequenz! die gewhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so
sehr wie vormals. Es ist mir unbegreiflich, warum sich die Leute schlechterdings
auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen.
    Was wre denn nun dabey verlohren? wenn sie alle vier, oder fnf Jahre
gesetzmig erinnert wrden; wie viel groe Rnke des Brutigams und viel kleine
der Braut erfoderlich waren, um des heiligen Joches wrdig erachtet zu werden.
    Nein! nein! auf kurze Zeit wenigstens mten sie getrennt, und ohne
feyerliche Erklrung nicht wieder verbunden werden.
    Denke Dir! alle fnf Jahre eine neue Hochzeit! Welch ein Familienfest!
Vter, Mtter, Kinder, Gesinde, alles wrde jauchzen, und jede eheliche Frau
wrde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zhlen.
    Sage nur, warum sind die Menschen nicht lngst auf diesen Einfall gekommen?
Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben? Bewillkommen sich mit
Ghnen Morgens und Abends, und denken auf kein Mittel zur Rettung.
    Leb wohl! Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts; die Zeit
wird schon antworten.

                           Ein und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Sie ist in Sicherheit, und ich fange an ruhiger zu athmen. Ach wie ist hier
alles verwandelt! - Nachtigallen sind erwacht, Blumen entfaltet, kstliche
Frchte zu tausenden gereift! Wohin sie kommt, da blht ein Paradies ihr
entgegen.
    Lchelnd schwebte sie ber die Zugbrcke und die Ketten bewegten sich nicht.
Nur unter mir fiengen sie an zu rasseln. Sie wandte sich um; aber das himmlische
Lcheln blieb auf dem Engelgesichte.
    Nein! nein! ich habe sie nicht unglcklich gemacht! Ach Du hast Recht! unter
Ketten ist sie frey, und ich bin der Gefangene. Aber Geduld! - sagt Wilhelmine.
- Ich fange an mich mit ihr auszushnen. Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges
geleitet. Geduld! aber kein Predigen! kein Vorschreiben! - Was ich thue, mu aus
eigner freyer Entschlieung geschehen; nicht, weil es Andern so beliebt, weil es
Andre fr das Beste erkennen.
    Euer Einreden, Euer Tadeln, Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrinth
gefhrt. Httet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen; es wre jetzt leichter
um mich her. Ich htte frher gewut, was ich sollte.
    
    Habe ich kein menschliches Herz? Bin ich ein Tyrann, ein Barbar? Ich fhle
tiefer, lebhafter wie Ihr, mein Vater war einige hundert Meilen sdlicher
gebohren; daher kommt alles.
    Gebt mir Euer nordisches Blut, und ich werde sie nicht einschlieen, ich
werde nicht wissen, was ein Blick, ein Hndedruck bedeutet, woher er kommt, und
wohin er fhrt. Ihr Eismassen wit ja nur von Hrensagen, was Leidenschaft ist!
Thauet erst auf an einem sdlichen Strahle, und dann richtet ber sdliche
Naturen.
    Ich gehe, ich verlasse sie. Sie, sie! - Nennt Ihr das nichts? Opfre ich
nicht jetzt schon mein Wohlseyn einem hhern Zwecke? - Wer darf mir ein Ziel
stecken? Wer darf sagen: bis hieher und nicht weiter? - Darum zhmet Euch, und
redet mir nicht ein. Der Sclave ist frey, sobald er es seyn will.

                           Zwey und vierzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Ihr Brief, meine theure Freundin, ist so richtig besorgt, als er besorgt werden
konnte. Das heit: er ist durch des Generals Hnde gegangen. Ein anderes Mittel
giebt es jetzt nicht. Heimliche Wege, Bestechungen, das mag fr andre Leute gut
seyn; fr uns ist dergleichen nicht gemacht.
    Ihr Brief war offen, und so ist er geblieben. Der General hat ihn gelesen,
und das kann Ihnen sehr gleichgltig seyn. Doch nein! nicht so ganz
gleichgltig. Sie haben ihn - dies sind seine Worte - auf etwas sehr Wichtiges
geleitet. Auf was? - Die Zeit wird es ja lehren.
    Mehr als jemals kmpft er mit sich selbst. Das ist gewi. Aber wie dieser
Kampf endigen wird? - wer kann es bestimmen! - Auf mich - ich gestehe es - wirkt
das alles ganz sonderbar. Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas
Entscheidendes fr mich zu wagen. Ein sorgenloseres, bequemeres Amt - sagen
meine Freunde - Spterhin brauchst Du mehr Ruhe.
    Aber mir ist wie einem Landmanne, ber dessen Saaten ein schweres Gewitter
aufsteigt. Man spricht von der nahen, gesegneten rndte. Verbere dein Haus!
Erweitre die Scheuren! - ruft man ihm zu. - Aber sein Ohr ist verschlossen,
sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke. Trifft sie die Saaten; was
bedarf er der Scheuren? -

                           Drey und vierzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst, meine theure geliebte Freundin;
aber mich dnkt Du bist auf dem Wege dazu. Wohl mir! meine Wilhelmine wird
glcklich seyn! was habe ich dann noch zu wnschen?
    Wie sehr hast Du Recht, mir nichts auf mein Geschwtz zu antworten. Es war
ein Fiebergeschwtz. Gott Lob! jetzt bin ich genesen. Der Knig kommt nach R....
Mein Mann frchtete mit Recht, mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen, und
brachte mich hieher.
    Julianens Ruh, nennt er diese liebliche Einsiedeley. Macht es der Nahme;
oder was ist es sonst? aber in der That, ich bin hier ruhiger. Dort war mir als
fehlte ich mir selbst; hier habe ich mich wieder.
    Zwar ist alles fremd was mich umgiebt. Anna ist fortgeschickt, und ein
andres, sehr junges, aber, wie mich dnkt, unschuldiges Mdchen, hat ihre Stelle
bekommen. Ein offenbarer Gewinnst fr mich. Anna schien mit ein uerst
verderbtes Geschpf, und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand,
konnte ich sie dulden.
    Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie, durch ihre schreckliche
Demuth, beynahe unmglich, in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen. Meine
Bitten scheinen ihr immer Befehle. Zitternd und zagend, als ob das Richtschwerdt
sie verfolgte, lauscht sie auf meine Worte, und hat vor Angst immer die Hlfte
vergessen.
    Auch den andern Mdchen geht es nicht besser. Nur Meister Ubaldo, der
Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen. Im Gegentheil bedarf
er aller seiner Feinheit, und wirklich angenehmen Gesprchigkeit, um selbst
nicht ein wenig schrecklich zu werden.
    Mir schien er es nur ein paar Stunden. Jetzt sind wir die besten Freunde von
der Welt. Ich mu mich noch gar in Acht nehmen; sonst werde ich in der That sein
verzogenes Kind.
    Nichts ist ihm gut genug, wenn es fr Donna Julia seyn soll, und darum macht
er freywillig Koch, Kellermeister und Grtner. Schnere Blumen und Frchte
erinnere ich mich nicht gesehen zu haben. Zu meiner kleinen Tafel knnte ich
Frsten einladen. Nur Schade, da ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es
wnscht.
    Den Teller in der Hand steht er mir gegenber und lauscht mit ngstlichkeit:
ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde. Lobe ich dann die gute
Auswahl, die treffliche Zubereitung; so werden meine Hnde, meine Kleider mit
Kssen bedeckt, und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu
bekommen.
    Noch rger treibt er es, wenn er meinen Flgel, oder meine Stimme hrt. Aber
leider versteht er keine Note; sonst wrde er bey seinem zum Erstaunen richtigen
Gefhle, ein sehr angenehmer Begleiter fr mich werden.
    Sonst lt er sich freylich das Begleiten sehr angelegen seyn. Nur seitdem
ich ihn gebeten habe, kann ich allein in den Garten gehen. Es scheint ihm trotz
seines Mitrauens; oder, wie ich es jetzt lieber nennen mgte - trotz seiner
Anhnglichkeit, unmglich, mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen.
    Und so fhre ich dann hier ein sonderbares, beynahe therisches Leben. Ich
habe angefangen Kruter und Blumen zu sammlen, Ein unaussprechlich belohnendes
Geschft. Ich glaube es knnte Gtter und Menschenfeinde zhmen.
    Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die kstlichen Blumen, nur so
weit ich sie erreichen kann, sammle, die ganze Pracht dann ber mein weies
Kleid verbreite, sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen
Mannigfaltigkeit und Schnheit.
    O nein! ich bin nicht allein, bin nicht verlassen! Allenthalben finde ich
die groe, gtige Mutter. Im Hauche des Frhlings, im Gesange der Nachtigall, im
Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir. Mit Empfindungen, mit Gedanken,
mit Tnen, die sie mir gab, darf ich ihr antworten.
    O ich unaussprechlich Glckliche! in meinem Herzen ist Friede. Wohl habe ich
gefehlt, vielleicht meine Wilhelmine betrbt. - Aber wenn es nicht Selbstsucht,
nicht Leidenschaft, wenn es nur Schwche und Irrthum war, hatte ich dann Strafe
verdient? - Nein! nein! auch meine Wilhelmine wird mir vergeben, und dann bedarf
ich keinen andern Himmel, als den ich schon habe.
    Welche reine kstliche Luft ich hier athme! R.... ist schn; aber es liegt
zu tief. Oft wiederholte ich es mir, meine Schwermuth htte keinen andern Grund.
Aber das Herz berwand die Vernunft. Immer sollte noch etwas anderes,
wunderbares, bersinnliches auf mich wirken. -
    Mein Vater erzhlte von einem Manne, der ein uerst angenehmer
Gesellschafter war, aber oft durch sich selbst, mitten im frhlichsten Scherze
unterbrochen wurde. Bleich, verstrt, beynahe ohnmchtig sank er dann zurck,
verschttete den kstlichen Wein und hrte nicht mehr das Rufen der frhlichen
Brder.
    Er dachte an mich! - war dann seine ganze Entschuldigung.
    Ein Freund von ihm war nmlich in trkische Gefangenschaft gerathen, und
erzhlte wirklich mehrere Jahre nachher: da er durch mannigfaltige Arbeiten am
Tage zerstreut, nur des Abends, aber dann mit unbeschreiblicher Sehnsucht,
seiner gedacht habe.
    So liebste Wilhelmine war mir in R... La ab! la ab! - rief manchmal der
Freund des trkischen Gefangenen. La ab! La ab! meine Wilhelmine! htte auch
ich manchmal rufen mgen. Aber, nicht wahr? jetzt denkst Du ruhiger an mich?
ziehst mich nicht mehr so schmerzhaft zu Dir hinber? - Ja! ich fhle es an
meinem erleichterten Herzen, wir sehen uns wieder meine Wilhelmine! wir sehen
uns wieder!

                           Vier und vierzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Ob der General meinen Brief gelesen hat - ja wohl! mir einerley! Nur Schade, da
er nicht ein wenig mehr fr ihn eingerichtet war. Will es mir merken. Ist er so
sehr fr diese heimlichen Nschereyen; wie viel heilsame Plverchen lassen sich
da beybringen. -
    Ob er aber auch Juliens Antworten liest? Das wre nun freilich eine ganz
eigne Sache. - Hier zum Beyspiel, sehen Sie einmal diese Briefe. Wie mgen ihm
wohl die Trume, wie mag ihm wohl das La ab! la ab! gefallen? - Ob er es auch,
wie Julie, auf mich; oder was ein wenig natrlicher wre, auf gewisse
Bergbewohner1 deutet? - Seit der pltzlichen Abreise mgen ihm diese Leute wohl
ziemlich zu schaffen machen. In der Angst scheint er sie ganz vergessen zu
haben.
    Ja! ja! da herum stehn die Saaten verzweifelt schlecht. Noch ein wenig
schlechter als ich es vor geraumer Zeit verkndigte. Bey andern Orakeln dankt
man dem Himmel, wenn sie nur so halb und halb erfllet werden. Bey den meinigen
giebt es immer ein gertteltes und geschtteltes Maa.
    Finde ich nur erst einen bequemen Ort; der Dreyfu und die Pythia ist
fertig. Dann knnen Sie sich wegen der Huser und Scheuren gerade an mich
wenden. Mit, und ohne Wetterwolken; ich prophezeihe frisch aus dem Stegreife.

                           Fnf und vierzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Die Prophetin scheint, wie alle bermenschliche Wesen, schwchliche Empfindungen
und besonders das Mitleid zu verachten. Aber bermenschlich oder nicht; man ist
nicht immer sicher vor dem was man verachtet. Unsrer Prophetin geht es
vielleicht trotz aller Schadenfreude - wie Uneingeweihte es nennen mgten -
nicht besser. Die Wetterwolken sind ihr sehr wahrscheinlich noch frchterlicher
als mir.
    Ohne Bilder! Meine Freundin scheint sie nicht zu lieben. Hier sind die
Briefe zurck. Wenn ich Ihnen dafr danke; so danke ich fr Schmerz und Freude
zugleich. Beydes habe ich im hohen Grade empfunden. Ich begreife, ich
entschuldige jetzt alles. Ja fr dieses himmlische Herz giebt es freylich keinen
Ersatz. Der Erste, der Einzige darin seyn wollen; ach es ist ein schner, es ist
ein sehr menschlicher Wunsch! Wre ich an Oliviers Stelle, wer wte wozu er
mich bringen knnte. - Wahrscheinlich zu Vielem, was ich tadeln und doch nicht
unterlassen wrde.
    Meister Ubaldo hat mir ein Lcheln abgezwungen. Armer Olivier; wofern Deine
Oberaufseher nicht blind und taub sind; so steht es sehr schlimm mit der
Aufsicht.

                          Sechs und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Der Knig mag bald kommen; sonst mu er sich andre Wirthe suchen. Ob er glaubt,
ich knne mich nicht losreien? Mehr als einmal habe ich ihm den Dienst
aufgekndigt. Immer hat er mich durch allerley Rnke wieder hineingezogen.
    Htte ich nur meine Gther verkauft, noch morgen gienge ich aus dem
verwnschten Lande. Das allein hlt mich zurck. Nicht die abgeschmackte Puppe,
der Ruhm, womit er mich vormals gelockt hat.
    Von ihr verlassen, bin ich nun dem Wahnsinn des unbndigen jungen Menschen
ausgesetzt. An ihm sehe ich, was aus mir werden wrde, wenn ich sie nicht mehr
htte.
    Erklren soll ich ihm: wie diese Trennung mglich war? - entdecken soll ich:
wo sie ist? Er will sie nicht sehen; aber bewachen, beschtzen will er sie. Von
uns entfernt, droht ihr Gefahr. Der Knig, tausend Andre knnen sie rauben. Sie
ist schon geraubt, und ich, ich habe es zu verantworten. -
    Was kmmert mich der Dienst und der Knig! - rief er - Mgt Ihr doch
Standrecht ber mich halten! Ich gehe davon und suche sie auf!
    Kein andrer Rath; ich mute ihn arretiren lassen. Es hat mich berwindung
gekostet; aber bis der Knig da ist, mu es so bleiben.
    Bin ich etwa glcklicher? - Um den leisesten Verdacht zu entfernen, habe ich
seit acht Tagen jeder Nachricht von ihr entsagt. Meine Vertrautesten ahnen nicht
wo sie ist, und sollen es nicht ahnen.
    So wie ich sie nicht sehe, bekomme ich meine Festigkeit wieder, bin hart wo
ich es seyn mu, und gefat mit dem Schicksale in die Schranken zu treten; falle
auf dem Wege Freund, oder Feind.
    Und so mu es auch seyn. Auf welche Weise ich sie erworben haben mgte; sie
ist mein Eigenthum. Wer sich daran wagt, mag es mit mir versuchen.

                          Sieben und vierzigster Brief



                              Wilhelmine an Julie

Ich habe sie gesehen. Das war eine Freude! - Ich dachte sie mir - warum wei ich
selbst nicht - wie ein altes kraftloses Mtterchen, und fand eine angenehme,
lebhafte aber freylich, trotz den Spuren groer Schnheit, nicht auf nordische
Art, roth und wei blhende Frau.
    Im vierzehnten Jahre wurde sie verheyrathet, Antonelli ist drey und zwanzig;
jetzt kannst Du zusammen rechnen.
    Sie hat Dein Gemhlde, und betet alle Tage fr Dich. Eine Deutsche kannst Du
nicht seyn; das ist ihr nicht auszureden. Schon mehr als ein paar Dutzend
Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen. Von der Einen hast Du die Stirn, von
der Andern die Augen, von der Dritten, Vierten, Fnften, die Nase, den Mund, das
Kinn u.s.w. Wohl bemerkt! unter diesen Allen keine Einzige Deutsche. - Ohne
Zweifel aber smmtlich Deine Frau Muhmen, Basen, Urgromtter im hundert und
funfzigsten, sechzigsten Gliede. - Ach Gott! wer sich doch auch einer solchen
Familie rhmen knnte!
    Ja, hat es mich jemals geschmerzt, aus keinem heiligen Blute entsprossen zu
seyn; so ist es gerade jetzt. In allem knnte ich mit dieser liebenswrdigen
Frau sympathisiren; nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen.
    Gott wei wie es zugeht! - Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges. -
Nennt alle Dinge bey ihren Nahmen, liebt und hat so sdlich, so unheilig wie
mglich. Allen Rosenkrnzen und Heiligenbildern unbeschadet.
    Indessen ist doch die Glckseeligkeit dieser Auserwhlten nicht ohne
Wechsel. Auch sie haben ihre Sonnen- und Regentage. Ja manchmal knnten sie den
ersten, besten Unheiligen beneiden.
    Signora Antonelli's Schutzpatron, hat es zwar, im Ganzen genommen, recht
gut. Aber ich wei mich gleichwohl der Zeiten zu erinnern, wo er, statt vier
Wachskerzen nur zwey, ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange
bitten lie, wohl gar keine erhielt.
    Die Schutzpatrone der Kche, Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer.
Ste, Schlge, die rgsten Schimpfnahmen mssen sie sich gefallen lassen, wenn
sie die Bitten ihrer Glubigen vergessen, oder zu saumseelig erfllen.
    Bey dem allen hat aber ein solcher Schutzgott fr den Besitzer sehr viel
Angenehmes. Ich wenigstens lasse mir einen machen, und zwar nach dem Modelle
eines jungen Bauers hier in der Nhe.
    Jeden Abend trgt er seine alte Mutter in die Khle, unter ein Laubdach, was
er gerade meinem Fenster gegenber aufgeschlagen hat. Die Art, wie er ihr Lager
bereitet, die Zweige an einander fgt, Blumen und Frchte herbeyholt, giebt ihm
wirklich etwas Heiliges.
    Letzt, als er sie wieder hinaus trug, hatte er zu gleicher Zeit die Frchte
mitgenommen; aber pltzlich stie er an einen Stein und da lag der Korb und die
Frchte.
    Geschwinde lief ich hinunter, sammelte sie wieder in den Korb und brachte
sie ihm entgegen. Er nahm sie, sah mich an, konnte mir nichts sagen, ich ihm
auch nicht, und so giengen wir langsam von einander.
    Als er nun den folgenden Tag wiederkam, fand er schon ein recht hbsches
Sopha in der Laube und noch schnere Frchte als die seinigen. Er blickte nach
meinem Fenster, legte die Hand aufs Herz und grte mich auf eine Art - ja, die
sich recht gut sehen, aber nicht beschreiben lt.
    Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache. Mir gefllt sie so
wohl, da ich den Augenblick frchte, wo sie sich in Worte verwandeln wird. Auch
suche ich ihn so viel als mglich zu entfernen.
    Aber unterdessen der junge Heilige drauen mit seiner Mutter beschftigt
war, bin ich in ihrer Wohnung gewesen, und habe mir da verschiedenes gemerkt,
was die arme, kranke Frau entbehrte.
    Jedesmal nun, wenn er ins Haus tritt, findet er irgend etwas neues. Da kommt
er dann gelaufen und peinigt meine Leute: Sie sollen ihn vorlassen! Es wird zu
viel - Er kann es nicht tragen u.s.w. - Aber da bin ich nun hart, meine Leute
drfen nicht wanken, und er mu mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zurck.
    Nun, wie gefllt Dir mein Heiliger? - Soll ich Dir eine Kopey machen lassen?
oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben? Er gleicht ihrem Sohne,
wie ein Tropfen Wasser dem andern.

                           Acht und vierzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Der Knig ist hier, und Antonelli ist fort. Kaum war er des Arrests entlassen
und dem Knige vorgestellt; so bat er um seinen Abschied. Bat? sage ich -
trotzte, und zwar so arg; da ihn der Knig in vlligem Unwillen entlie.
    Er findet sie nicht, das ist gewi; und doch bin ich auf der Folter. Durch
einige absichtliche Nachlssigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten
gesucht. Er findet sie nicht, er kann sie nicht finden. Auch ist Ubaldo eben so
behutsam, ja noch behutsamer, als ich.
    Volle acht, ja vielleicht zwlf, vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so
dulden. Mu tglich auf neue Feste und andere Spielereyen denken. Die herrliche
Frau, die Knigin, ist noch das Einzige was mich trstet. Scheinbar glaubt sie
alles, was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzhle; aber fhlt sie,
da es meinem gepreten Herzen Noth thut, verstanden zu werden, - o so versteht,
so theilt sie alles, was ich ihr nimmermehr sagen mgte.
    Die Gewalt dieser Frau ber sich selbst, geht in das Unbegreifliche. Nach
allen Schrecklichkeiten die sie erleben mute, mit welcher Schonung sie ihn
behandelt! Nein! ich war ein roher, verwahrloster Mensch; aber so vieler Liebe,
so vieler Geistesgre knnte ich nicht widerstehn.
    Freylich, es ist wahr, diese auerordentliche Klugheit - ich knnte sie doch
nicht an der Einzigen ertragen. Ach die hohe gttliche Einfalt ihres Herzens!
beynahe glaube ich: sie ist mir noch reizender, als ihre Schnheit. - Sich
selbst kann sie tuschen; Andre nimmermehr. Nein! nein! wenn ich ihr jemals
untreu wrde; mgte sie mich dann verabscheuen, mich verstoen: ich wollte es
lieber, als diese Schonung.
    Auch kann es der Knig nicht bergen, wie klein er sich fhlt, in der Nhe
dieser wahrhaft groen Frau. Denn gro ist sie; mangelt ihr auch die unendliche
Liebenswrdigkeit der Einzigen. Ach meiner Einzigen - Ich berglcklicher! ist
es mglich da ich sie besitze? da sie mein bleiben wird? - Ich darf dem
Gedanken nicht nachhngen! Todesangst berfllt mich. - Nein! nein! er wird, er
kann sie nicht finden!

                           Neun und vierzigster Brief



                             Reinhold an Wilhelmine

Diesen Brief, bestes Frulein! ich kann ihn wahrlich nicht abschicken. Wozu die
Anspielung auf Antonelli? - Glauben Sie, mein unglcklicher Freund leide ohnehin
nicht genug? - Er wrde den Brief zurckbehalten, und wahrscheinlich thte ich
an seiner Stelle dasselbe.
    Wir knnen ja nicht bessern, warum sollen wir verschlimmern? Wenn die
Erbitterung des Generals aufs hchste steigt; wird Ihre Freundin dann
glcklicher? - Ich bitte Sie das zu bedenken, und Juliens Ruhe nicht Ihrem
Unwillen zu opfern. Gerecht, oder ungerecht; darauf kommt es ja nicht mehr an.
Noch einmal! wir knnen nicht bessern, warum wollen wir verschlimmern? -
    Nein, mag Frulein Wilhelmine den langweiligen Prediger auch schelten -
wahrlich sie ist ein wenig zu muthwillig. Die Heiligenbilder gebe ich ihr preis;
aber meine Freunde sollte sie schonen. Ich glaube sogar, es bedrfe dazu keiner
andern Ursach, als da sie meine Freunde sind. Sie versicherte mich einst ihrer
Achtung - mu ich nun glauben, sie habe meiner gespottet.

                               Funfzigster Brief



                             Wilhelmine an Reinhold

Sie schicken meinen Brief zurck? - Gut! ich werde mir schon helfen. - Sie
klagen ber Muthwillen? Der Ernst gefllt Ihnen besser. O wie Sie wollen! ich
kann auch ernsthaft seyn.
    Und so sage ich Ihnen denn: da ich Sie sehr ernsthaft schtze, da ich aber
die Gefangenschaft meiner Freundin - nennen sie es anders, wenn sie knnen - mit
allem Unwillen, dessen ich fhig bin, verabscheue.
    Sind es Ihre Freunde, die mein Liebstes auf der Welt so schndlich
mihandeln; da bedauere ich Sie um dieser Freunde willen. Aber billiger Weise
knnte ich nun auch einmal fragen: warum es Ihnen denn gar nicht einfllt mich
zu bedauern? - Weil ich muthwillig bin? Also haben Sie noch nicht gehrt, da
oft der tiefste Schmerz sich hinter Muthwillen versteckt?
    Doch mein Muthwille und meine Geduld ist zu Ende. Ich werde andre Maaregeln
ergreifen, und glaube Niemandem mehr Rechenschaft geben zu mssen.

                           Ein und funfzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Er ist krank, oder will es scheinen, um mich aufs uerste zu bringen.
    Die Knigin zwingt sich wieder daran zu glauben und erschpft alles, was der
sorgsamsten Liebe nur mglich ist.
    Ich aber kann mich des Gedankens nicht erwehren: es sind Tcke, er will nur
meine Geduld ermden, ich soll Julie wiederkommen lassen, und dann glaubt er,
werden seine und seiner Hofschranzen Rnke das brige thun.
    Wie mich seine slichen Schmeicheleyen anekeln! Welche Quaal! das Geschmei
den ganzen langen Tag so dulden zu mssen. Er htte nichts Besseres ersinnen
knnen, um mein bischen Ruhe ganz zu zerstren, um mich dem Wahnsinne so nahe
als mglich zu bringen.
    Was macht sie die Einzige, unaussprechlich Geliebte! Ein Blick aus ihrem
Himmelauge wrde das unbndige Klopfen dieses zerrissenen Herzens mildern. Kann
ich sie denn nicht einmal, nicht ein einzigesmal sehen! Ach! da berfllt mich
die Todesangst: sie mgte entdeckt werden. -
    Meinen Verstand erhalte mir, o Gott! da ich der Leidenschaft nicht erliege,
da ich dieses kostbare Kleinod, fr das die Welt keinen Ersatz hat, da ich es
nicht preis gebe den tckischen Mrdern, die nach meinem Herzen zielen.
    Nein, ich will entsagen, fr eine kurze Zeit entsagen, und dann will ich
kommen mit aller, aller meiner Liebe, die sie nicht kennt, die ich selbst noch
nicht kannte. Um dieser unendlichen Leidenschaft willen mu sie mich lieben,
kann sie nie einem Andern gehren.

                           Zwey und funfzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

So bin ich denn schon von allem was ich liebte geschieden! - Ubaldo redet nur
durch Blicke, die ich nicht verstehen mag. Die Mdchen zittern und schweigen,
mein Mann schweigt, Du, von der ich Verzeihung, Versicherung Deiner
wiederkehrenden Liebe hoffte, Du schweigst auch. - So schweigt denn alles! ist
alles fr mich todt. - Ach Gott! so schauderhaft mu die Meeresstille seyn vor
einem Sturme.
    Wird man mich diesem Menschen berlassen? Ist er es allein, den ich frchte;
oder was ist es sonst? - Der se Friede ist von mir gewichen. Eine
leidenschaftliche Unruhe, eine Bangigkeit verfolgt mich. - O Gott! was habe ich
gethan? was steht mir bevor?
    Habe Dank, Unglcklicher! du hast meinen Schmerz in Wehmuth aufgelst. Ich
kann weinen. Ach lange habe ich nichts seelenerschtterndes gehrt.
    Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen, eingelassen zu
werden. Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus. Aber nun stimmte er auf seiner
Klarinette ein Adagio an, das alles, was auf dem Hofe war, herbeylockte und
endlich den harten Oberaufseher berwltigte. Ich selbst stand unbeweglich am
Fenster und horchte auf die schn verbundenen Tne.
    Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem uersten Elende. Er war mit
Lumpen bedeckt, und hatte ein groes Pflaster ber dem einen Auge. Seine Sprache
war so unverstndlich, da Ubaldo erst mit vielem Hin- und Herreden, die Bitte
um ein Nachtlager, begreifen konnte. Nach mancherley Schwierigkeiten ward es ihm
endlich zugestanden. Die Musik hatte aller Herzen fr ihn gewonnen.


                              (Am folgenden Tage.)

Der Fremde ist noch hier. Ubaldo, bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt,
hat sich bey ihm in die Lehre gegeben. Es ist wahr, der sonderbare Mensch spielt
zum Entzcken. Mir ist es unbegreiflich, wie er bey so auerordentlicher
Geschicklichkeit, in dieses Elend gerathen konnte.

Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen berstandenen Abentheuern mitgetheilt.
Aber das alles ist so romanhaft und zum Theil so unzusammenhngend, da man, wie
Ubaldo, schon ganz und gar eingenommen seyn mu, um es zu glauben.
    Sollte er von meinem Manne abgeschickt sollte Ubaldo verdchtig geworden
seyn? - Gott gebe es! dann wrde ich von diesem, mir jetzt so widrigen Menschen
befreyt werden.
    Wenn er meine Briefe unterschlge! - Wenn die die Ursache Deines, meines
Mannes Stillschweigens wre. - O warum bin ich denn so ganz ohne Rath und ohne
Schutz! Warum kommt mein Mann nicht? - Schon nach acht Tagen wollte er mich
abholen.
    Sollte er krank seyn? Sollte Ubaldo es verheelen? - O Gott! O Gott! in der
Gewalt dieses Menschen! - Keiner von Euch wei wo ich bin. Ich selbst kenne
nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Guthes. Welche Angst berfllt mich!
- Ach Niemand kann mir helfen! ich selbst mu mich retten.
    Wenn ich dem Fremden diesen Brief bergbe - Wenn ich ihn flehentlich bte -
Er hat ein menschliches Herz; das verrth sein Instrument.
    Ach ich Unglckliche! einem Landstreicher mich anvertrauen! der vielleicht
mit Ubaldo im genauesten Verstndnisse, auf nichts als niedrige Rnke bedacht
ist.
    Es wird dunkel um mich her! Wer rettet mich aus dieser Finsterni! -

                           Drey und funfzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

Da liegt der Brief! Ich habe ihn gesiegelt; aber noch wei ich nicht, wie er in
Deine Hnde kommen soll. -
    Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebe - sollte sich der tckische
Mensch wirklich unterstehn, den Brief zurckzubehalten? - Aber, wenn er, seiner
Schuld sich bewut, ihn erbricht - sieht, da ich ihn anklage, ihn anklagen mu
- O Gott! was soll ich thun? -
    Der unglckliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen. Sollte es eine
Warnung, ein Wink zu meiner Rettung seyn? - Nein, er ist kein bser Mensch! das
sagt mir mein Herz. Er will mir wohl, darauf knnte ich sterben. Ich kann mich
ihm anvertrauen. Ja gewi! ich kann es thun.

Voll Unruhe trat ich an mein Klavier. Alceste lag auf dem Pulte. Ohne an die
Musik zu denken, spielte ich einige Bltter nach einander weg, und kam endlich
an die herrliche Stelle: noch lebt Admet in deinem Herzen. Wahrscheinlich
wrde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben; wre der Fremde nicht in dem
Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen.
    Wie spielte er! Mit einem Thrnenstrome eilte ich zum Fenster. Er mu
gesehen haben, da ich weinte. Ich war auer mir. Nein, es ist unmglich diesem
Instrumente mehr Seele einzuhauchen. Gewi er hat unglcklich geliebt. O da ist
mehr als Kunst! man fhlt es an seinem eignen Herzen.
    Ich bin entschlossen! ich entdecke mich ihm. Nein! ein Mann der liebt, der
unglcklich liebt, ist wenigstens in dieser Zeit kein bser Mensch.

                           Vier und funfzigster Brief



                              Julie an Wilhelmine

O was habe ich gethan, da ich so unglcklich bin! Ich glaubte mich zu retten;
und bin trostloser als jemals. Wre ich bey Dir meine Wilhelmine! wre ich bey
Dir! Ich frchte meinen Mann. Wer rettet mich! Er ist es! er selbst! Antonelli!
Ach das habe ich nicht gewut! Daran habe ich nicht gedacht. Es hat mich
tdtlich erschttert.
    Sehr, sehr hat er mich geliebt! und ich? - o ich entfliehe! Entdeckt ihn
mein Mann; er ist verlohren! - Ich kann Dir nicht erzhlen. Dieser Brief - er
kommt doch nicht in Deine Hnde. Ich mte ihn selbst bringen. Ich schreibe nur
um mich zu fassen, um mir selbst deutlich zu machen, was ich denke.
    Lange war ich so tdtlich betubt, da mir alles nur wie ein dunkler Traum
erschien. Wie er da vor mich hinstrzte, die Kleider von sich ri, schwur: es
solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen, er kenne die Furcht nicht mehr, Allem
sey er bereit zu widerstehen. O Gott! in seinen Armen war ich! an sein Herz hat
er mich gedrckt! mein Mund brennt noch von seinen Kssen! - Ich bin verlohren!
ich bin verlohren!

                           Fnf und funfzigster Brief



                              Olivier an Reinhold

Nein, Mutter-Thrnen, die trage ich nicht! Er ist dahin! Ja! Antonelli! Ich habe
ihn getdtet. Warum wollte er tckisch mein Eigenthum rauben? Ein Herz, fr das
ich tausend Leben gegeben haben wrde. O dieses Herz! nun ist es auch dahin! -
Ich kann das Leben nicht tragen.
    Komm schnell. Schreibe Wilhelminen. Ich gehe mit dem Knige. Ich will Dich
noch sehen. Komm ohne Verzug. Ich reise.

                                     * * *

Er gieng in die Schlacht, und eine Kugel brachte sein unglckliches Herz zur
Ruhe. Julie ward von Wilhelminen und Reinholden schnell aus dem Trauerhause
weggefhrt. Nach einigen Jahren sah sie ihre Freundin mit dem edlen jungen
Landmann verbunden, der schon lange Wilhelminens Herz besessen hatte. Sie selbst
konnte sich zu keiner zweyten Verbindung entschlieen. Jedesmal, wenn ihre
Freunde davon sprachen, suchte Reinhold die Einsamkeit; sie aber blickte
lchelnd gen Himmel.

                                    Funoten


1 Antonelli

