
                               Schlegel, Dorothea

                                   Florentin

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                               Dorothea Schlegel

                                   Florentin

                                Vom Herausgeber

Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewhle
Der Welt, wo Albernheiten ernsthaft thronen,
Auf zu des Scherzes heitern Regionen,
Verhllt in sich die heiligsten Gefhle:

Umweht ihn einmal ther leicht und khle,
So kann er nimmer wieder unten wohnen;
Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen,
Da er sich neu im eignen Bilde fhle.

Die Wnsche die dich hin zur Dichtung ziehen,
Der frohe Ernst in den du da versankest,
Das sei dein eigen still verborgnes Leben;

Was du gedichtet, um ihr zu entfliehen,
Das mut du, weil du ihr allein es dankest,
Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben.

La edlen Mut den weien Altar grnden,
Hoch Phantasie in Purpurflammen wehen,
Und Liebe wirst du bald im Zentrum sehen,
Wo grn die Feuersulen sich entznden;

Durch braune Locken wird sich Myrte winden,
Der Freund mit goldnen Frchten vor dir stehen,
Die Kinder dann in Blumen zu dir gehen,
Mit Ros' und Lorbeer dich die Schwester binden. -

Es war der alten Maler gute Sitte,
Des Bildes Sinn mit einem Strich zu sagen,
Der den Akkord der Farben drunter schriebe;

So mag auch dieses Bild es khnlich wagen,
Zu deuten auf der Dichtung innre Mitte,
In Farben spielend um die se Liebe.


                                 Erstes Kapitel

Es war an einem der ersten schnen Frhlingsmorgen. Allenthalben, auf Feldern,
auf Wiesen und im Wald, waren noch Spuren des vergangnen Winters sichtbar, und
der Hrte, womit er lange gewtet; noch einmal hatte er mchtig im Sturm seine
Schwingen geschttelt, aber es war zum letztenmal. Die Wolken waren vertrieben
vom Sturm, die Sonne durchgebrochen, und eine laue milde Wrme durchstrmte die
Luft. Junge Grasspitzen drngten sich hervor, Veilchen und se Schlsselblumen
erhoben furchtsam ihre Kpfchen, die Erde war der Fesseln entledigt, und feierte
ihren Vermhlungstag.
    Mutig trabte ein Reisender den Hgel herauf. Vertieft im Genu der ihn
umgebenden Herrlichkeit und in Phantasien, die ihn bald vorbald rckwrts
rissen, hatte er den rechten Weg verfehlt, und nun sah er sich auf einmal vor
einem Walde, den er durchreiten mute, wenn er nicht gerade wieder umkehren und
zurckreiten wollte; ein andrer Weg war nicht zu finden. Er war lange
zweifelhaft.
    Jetzt wieder umkehren wre ein unntzes Stck Arbeit. Wre ich etwa umsonst
hierher geraten? In diesen Wald kam ich ungefhr auf eben die Weise wie ins
Leben... wahrscheinlich habe ich im ganzen auch des Weges verfehlt. Und wie?
wenn mir auch hier wie dort die Rckkehr unmglich wre?... Sei meine Reise wie
mein Leben und wie die ganze Natur, unaufhaltsam vorwrts!... Was mir nur
begegnen wird auf dieser Lebensreise, oder diesem Reiseleben?... Ich rhme mich,
ein freier Mensch zu sein, und dieser Sonnenschein, dieses laue Umfangen, die
jungen Knospen, das Erwarten der Dinge, die mich umgeben, ist schuld, da auch
ich erwarte... und was?... War ich doch mit allem bunten Spielzeug schon lngst
Hoffnung und Erwartung entflohen!... Nrrisch genug wre es, wenn mich dieser
Weg auch endlich an den rechten Ort fhrte, wie alles Leben zum unvermeidlichen
Ziel. -
    Unter diesen Betrachtungen, und Spott ber sich selbst, ritt er rasch
weiter, fhlte aber endlich sein Pferd ermden, auch war er selbst durchnt vom
nchtlichen Regen. Er wnschte jetzt, bald irgendein Obdach zu finden, um einige
Zeit ausruhen zu knnen. - Hab guten Mut, Schimmel! wir mssen beide weiter;
billig ist es aber, da du es jetzt nicht schlimmer habest als ich. - Hiermit
sprang er ab, machte Riemen und Schnallen am Sattelzeuge weiter und fhrte das
Pferd hinter sich am Zaum. Der Schimmel wieherte und stampfte, als wollte er
Zeichen seiner Zufriedenheit geben. Sein Fhrer drehte sich zu ihm herum, stand
still, legte seine beiden Hnde an den Kopf des Pferdes und blickte es ernsthaft
an. - La dich umarmen, Schimmel, sagte er, du bist ein knigliches Tier! ein
Tier fr Knige! Was fehlt uns beiden, um in der Geschichte verewigt zu werden,
du als ein Muster der Treue und Unterwrfigkeit, ich als ein Beispiel von
menschenfreundlicher Herablassung, als da ich einen Thron bese, und du wrest
mein Untertan? Gewi bist du ganz verwundert und froh, und ohne Zweifel fhlst
du dich beraus glcklich, gerade von mir und von niemand anders bis ans Ende
deines treuen Lebens geritten zu werden! Ahndest du etwa, da ich deine Last
blo deswegen etwas leichter machte, damit du mir nicht vllig unterlgst, und
darber zugrunde gingest, ehe ich dich missen kann? Ich wei es freilich, aber
du sollst es nie erfahren, denn du sollst glcklich sein; du sollst, verla dich
auf meine Wachsamkeit, gewi nie in dem klugen Glauben gestrt werden, da du in
deiner Unvernunft und demtigen Gengsamkeit ein glckliches Tier bist. -
    Er lie den Kopf des Schimmels, und stand gedankenvoll eine Weile an ihn
gelehnt. Sein Auge schweifte umher, bald beschaute es die ihn noch umgebenden
Gegenstnde mit dem innigsten Vergngen, bald drang es mit Sehnsucht in die
Ferne. Es gab fr ihn Momente, wo er sich keines drckenden und keines
vergangnen Verhltnisses bewut war. Ihm war, besonders in der Einsamkeit und im
Freien, als htte er alles, was ihm jemals weh getan, zurckgelassen, und ginge
nun einer heitern Aussicht entgegen. Er konnte sich einbilden, vor einem
Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schneres Dasein
bergegangen zu sein. -
    Welche sehnende, ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen?
Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten? Ist es mir denn
nicht bekannt, da ich dessen, was ich bei euch suche, schon lngst berdrssig
bin?... Schn ist's hier im Wald! hier mchte ich bleiben,... O hier, hier
sollte ich bleiben!... allein?... ach, nicht allein!... mit ihr!... noch hat
mein Auge sie nicht gesehn, aber ich kenne sie,... o sie wird alles verlassen,
was sie halten will, und hat sie mich gefunden, mir hierher folgen, und hier mit
mir der Liebe leben. La dich in meine Arme fassen! komm, ruhe hier aus an
diesem Herzen, das harte Schlge des Schicksals erlitten hat wie deines; la
mich deine Trnen trocknen, blick um dich. Was du verlieest, war nicht die
Welt: Fesseln, enge Mauern, nanntest du das die freie schne Welt?... Schwer
hast du getrumt, o erwache, erkenne hier, was du suchtest!...
    Nicht weit von ihm fiel ein Schu, und bald darauf hrte man ein Rufen nach
Hlfe. Im Augenblicke hatte er Sattel und Bgel wieder in Ordnung gebracht,
seine Trume, des Schimmels Mdigkeit, so wie seine eigne vergessen, sich aufs
Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt, von wo er die Stimme vernahm;
er kam auf einen kleinen runden dicht umschlonen Platz im dicksten Teil des
Waldes; hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen, der ein
gesatteltes Handpferd fhrte. Retten Sie meinen gndigen Herrn! rief der
Knabe. Unser Reisender sah nach der Gegend hin, wo der Knabe mit ngstlicher
Gebrde hinzeigte, und erblickte einen ltlichen Mann, der eben im Begriff war,
ein wildes Schwein abzufangen; er sah eben, wie der Mann noch einen Schritt
zurcktrat, um sich mit dem Rcken an einen Baum lehnen zu knnen, sah ihn an
eine Baumwurzel stoen, rcklings niederfallen, und in der grten Gefahr, von
der gereizten Sau zerfleischt zu werden. Im Moment sprang er vom Pferde und
feuerte sein Pistol auf das Tier, wodurch er, ohne es zu treffen, seine ganze
Wut auf sich zog: das war seine Absicht. Das erboste Tier kehrte um und rannte
auf ihn los, er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und
Geistesgegenwart auf. Whrenddessen war der alte Herr aufgestanden, nherte sich
dem Reisenden und ergo sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und
seiner Geschicklichkeit. Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab,
erkundigte sich freundlich, ob der Gefallne keinen Schaden genommen, und da
dieser mit Nein antwortete, wandte er sich nach seinem Schimmel, der noch ruhig
da stand, wo er ihn gelassen. Der Mann wunderte sich ber die Demut eines sonst
so mutig aussehenden Pferdes. - So eiferschtig ich sonst auch bin, nichts von
meinem Gefhrten sagen zu lassen, als was zu seinem Lobe gereicht, erwiderte
der Reisende, so mu ich dennoch gestehen, da er dieses Mal gezwungen ist,
tugendhaft zu sein; das gute Tier ist erschpft von Mdigkeit. Fhrt der Weg,
auf dem ich hier vorbeikam, ganz durch den Wald, und wo fhrt er hin? - Er
hatte sich whrenddem wieder aufgesetzt, begrte den alten Herrn und wollte
zurckreiten. -
    Ich hoffte, Sie wrden mich nicht so schnell wieder verlassen, sagte der
alte Herr. Sie haben sich das grte Recht auf meine Dankbarkeit erworben, es
wrde mich schmerzen, wenn Sie mir alle Gelegenheit rauben wollten, sie Ihnen zu
bezeigen. Fgen Sie zu dem groen Dienst, den Sie mir leisteten, auch noch den
hinzu, sich meiner Familie vorstellen zu lassen. Meine Gemahlin, meine Kinder
wrden untrstlich sein, dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu
knnen. Komm, mein Sohn! rief er einem jungen Manne zu, der auf einem
Seitenwege zu ihnen heransprengte, vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude
auf ihn zueilte; hilf mir diesen Herrn erbitten, da er sich nicht in so groer
Eile von uns trennt, du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines
Vaters. - O mein Vater, rief der junge Mann, da ich mich gerade in diesem
Moment entfernen mute, mein Gott, Sie waren so nahe... mein Herr, indem er
sich zu dem Reisenden wandte, Sie haben ein kostbares Leben gerettet,
verschmhen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen, die durch
Ihre Hlfe einem schrecklichen Unfall entging. - Es wrde unbescheiden von mir
sein, antwortete er, wenn ich mich lnger widersetzte. - Der alte Herr
bezeigte seine Freude ber diesen Entschlu in vielen hflichen und
verbindlichen Worten, der junge Mann reichte ihm die Hand herber und sprach
einiges, das den Ausdruck der hchsten Empfindung bezeichnete. Der Reisende
brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung.
    Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort, auf dem er zuerst gekommen war. -
Aber wie ging es eigentlich zu? fragte der junge Mann, wie kommen Sie zu dem
gefhrlichen Abenteuer, mein Vater? - Ganz zufllig! antwortete dieser. Du
weit, da der Jger schon seit einigen Tagen angewiesen war, das Lager
aufzusuchen, weil die Klagen ber Verwstungen sich tglich mehren; es war aber
bis jetzt noch immer nicht geschehen. Zufllig entdeckte ich es, da ich eben
einen Vogel aufnehmen wollte, den ich heruntergeschossen. Ich bezeichnete den
Ort, um ihn dem Jger anzuzeigen, und ging etwas nher hin zum Lager, weil die
Alte nicht dabei war; in dem Augenblick kam sie aber aus dem Dickicht, wo der
Schu sie aufgeschreckt hatte, und gerade auf mich los. - Und nun erzhlte er
ferner in prchtigen Ausdrcken den ganzen Hergang und was der Fremde so
glcklich ausgefhrt hatte. Der junge Mann suchte sich zu entschuldigen, da er
sich so weit von ihm entfernt; und nun erzhlte auch der Jockei seinen
Schrecken, als er Ihre Gnaden htte fehlschieen sehen; wie er gleich nach Hlfe
gerufen habe, und dem fremden Herrn begegnet sei, und wie auch dieser
fehlgeschossen; wie er dann in groer Angst umhergeritten, um den jungen
gndigen Herrn zu suchen, den er endlich auf dem Berge am Ende des Waldes
gefunden, wo die Aussicht nach dem Schlogarten frei sei.
    Whrend dieser weitlufigen Erzhlungen, die alle nacheinander gehrt
wurden, die niemanden etwas Neues lehrten, und wovon doch keiner ein Wort
verlieren wollte, und die alle mit den grten Lobeserhebungen fr den Fremden
anfingen und endigten, war dieser still und nahm auf keine Weise Anteil daran.
    Man kann doch, dachte er, in der Welt nicht einmal mehr zu seiner Lust, oder
weil es einem gerade in den Weg kommt, ein Tier erlegen, oder man mu dann viel
Langeweile dafr erleben! Zu seinem Glcke ist der gute Mann gerettet worden:
ist es meine Schuld, da sein Leben an meinem Spiele hing? Den weitlufigen Dank
knnten sie einem greren Verdienst aufsparen... Ich htte die grte Lust von
der Welt, ihnen das mit eben dem Pathos vorzutragen, wie sie einander die
wundervolle Begebenheit. Bei Gott! mich machen diese Leute sehr ungeduldig. Der
feierliche, umstndliche, hfliche Alte! der empfindsame exaltierte Knabe!
Reprsentanten ihrer Zeit und ihres Standes,... wenn ich ihre Portrte zu einer
Ahnengallerie zu machen htte, so malte ich den ersten, wie er mit groer
Devotion ein von Pfeilen durchbohrtes Herz darbringt, und den andern in
erhabenen und rhrenden Betrachtungen vertieft ber ein Bschel Vergimeinnicht.
Es ist das Lcherlichste von der Welt, auer ich selbst, der ich mich verleiten
lasse, ihnen zu folgen, und mich in Prozession aufzufhren... Was will ich dort?
Was ich nun schon hier bis zum berdru anhren mute, etwa mir von der ganzen
Familie wiederholen lassen? Oder bilde ich mir nicht schon wieder ein, ein
geheimer Zug im Innern meines Herzens ziehe mich hin?... Ich war mein eigner
Narr von jeher. -
    Der alte Herr unterbrach sein Selbstgesprch. Der Name eines Mannes, fing
er an, kann uns zwar wenig mehr lehren, als wovon uns der erste Anblick und
sein ganzes Benehmen unterrichtet: indessen haben Sie keine Grnde den Ihrigen
verschwiegen zu halten, so mchte ich Sie ersuchen, uns damit bekannt zu machen.
Mir sind die besten Familien unsers Landes auf eine oder die andre Weise
bekannt... so wie ich selbst den meisten nicht unbekannt sein werde; setzte er
mit einer Art von Selbstbewutsein hinzu. Mein Name ist Graf Schwarzenberg, ich
bin General in Diensten des Kaisers. Dieser junge Mann Eduard von Usingen, ein
Sohn meines verstorbenen Freundes, und bald mein geliebter Sohn, Gemahl meiner
Tochter. - Ich heie Florentin. - Der Name war mir bis jetzt nicht bekannt.
- Ich bin ein Fremder. - Ihre Bekanntschaft ist mir beraus wert, ich darf
voraussetzen, da Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden; als Auslnder
drften Sie einmal sich in dem Fall befinden, Gebrauch davon zu machen. - Ihr
Anerbieten, erwiderte Florentin verbindlich, fordert meine ganze Dankbarkeit;
ich wnschte nur dieses Mal schon Gebrauch davon machen zu knnen. - Wieso? -
Ich will meine Reise durch Deutschland abkrzen, und auf dem krzesten Wege zum
nchsten Hafen, wo ich mich nach Amerika einschiffen will, um den englischen
Kolonien dort meine Dienste anzubieten. - Nach Amerika? rief Eduard. - Ihr
Vaterland hlt Sie nicht? fragte der Graf. - Wo ist mein Vaterland? rief
jener in wehmtig bitterm Ton; gleich darauf halb scherzhaft: So weit mich mein
Gedchtnis zurcktrgt, war ich eine Waise und ein Fremdling auf Erden, und so
denke ich das Land mein Vaterland zu benennen, wo ich zuerst mich werde Vater
nennen hren. - Er schwieg, und sein Blick senkte sich trbe und ernst.
    Bescheiden drang der andre nicht weiter in ihn, und unter Gesprchen
verschiednen Inhalts, die bedeutend genug waren, gegenseitig ihre Begierde zu
nherer Bekanntschaft zu reizen, langten sie im Park an, der durch eine bloe
Weidornhecke vom Walde getrennt war; sie berlieen hier ihre Pferde dem
Knaben. Meine Gemahlin, sagte der Graf, hat durch diese Hecke einen Teil des
Waldes als Park erklrt, oder zur Freistatt fr die Hirsche und Rehe, die, vom
Jger verfolgt, sich hierher retten; denn hier darf weder der Huf eines Pferdes,
noch das Anschlagen der Hunde oder ein Schu gehrt werden. Allenfalls lt sie
sich ein frhliches Jgerstckchen gefallen, damit sie mich bei meiner
Zurckkunft von fern hre.
    Sie gingen den Weg gerade durch den Park auf das groe hohe Schlo zu, das
in den Zeiten der alten Ritter erbaut zu sein schien, ber eine Zugbrcke durch
einen groen Vorhof, wo ihnen am Gitter zwei Frauen entgegen kamen: ein Mdchen
von auerordentlicher Schnheit zwischen fnfzehn und sechzehn Jahren, und die
andre eine ebenfalls sehr schne Frau, die ihre Mutter zu sein schien. Florentin
gewann Frhlichkeit und Zutrauen beim Anblick der beiden Schnheiten, die ihm
der Graf als seine Gemahlin und seine lteste Tochter vorstellte.
    Du lssest uns lange warten heute! rief die Grfin ihnen entgegen. -
Dafr meine Liebe, wird dir ein werter Gast zugefhrt. Heie Herrn Florentin
bei dir willkommen. Und unsre Kleinen? sie werden ja wohl nicht weit sein? -
Sie erwarten noch immer im Garten des Vaters Ankunft. Therese war mit einer
langen Kette von Blumenstengeln beschftigt, mit der sie dich festmachen will,
damit du nicht immer von ihr gehest. - Du siehst mich nun wieder, meine Liebe,
unverletzt und am Leben, (es htte leicht anders sein knnen,) und du ahndest
nicht, wem du es verdankest? - Nchst der Gte Gottes, meinem Gebete und
deiner Tapferkeit wte ich nicht - Verdankst du es dem jungen Helden hier;
komm, ich erzhle dir hernach alles umstndlich. - Sein Sie mir noch einmal
und herzlich willkommen! sagte die Grfin, und reichte dem Fremden freudig die
Hand, die er kte. Whrenddem war auch Juliane wieder nher gekommen, die sich
nach der ersten Begrung einige Schritte mit Eduard entfernt hatte, der ihr
lebhaft etwas erzhlte, und dem sie, soviel Florentin wahrnehmen konnte, mit
Teilnahme zuhrte. Jetzt ging sie auf ihn zu: Unser guter Engel fhrte Sie auf
diesen Weg! flsterte sie leise und schchtern errtend.
    Eben kamen die Kinder aus dem Garten herzugesprungen, zwei Knaben und ein
Mdchen; der Lrm, das Getmmel und Schkern ward allgemein. Die Kleinen
umwanden den Vater mit ihren Ketten und zogen ihn mit ihren Hndchen zur Treppe.
Der Alte gab sich dem Mutwillen der Kinder ganz hin, und die andern folgten. Es
kamen noch einige Hausgenossen hinzu, und man ging zur Tafel.
    Florentin fhlte sich leicht und wohl bei der allgemeinen Heiterkeit und der
gutmtigen Laune, die durch nichts unterbrochen ward. Man begegnete ihm wie
einem lngst Bekannten, wie einem Hausgenossen. Die Unbefangenheit der Frauen
bei seinem Empfang, die wenigen bedeutenden Worte, der herzliche Ton, der Blick
von dem sie begleitet waren, hatten ihn leichter zu bleiben bewogen, als die
dankbaren Einladungen der Mnner. Auch mute das offne, zutrauliche, arglose
Benehmen der Eltern, Kinder, Geschwister, Hausgenossen, Domestiken gegeneinander
wohl jeden Zwang und jedes Mitrauen verscheuchen. Nicht leicht konnte man eine
Familie finden, in der so wie in dieser jedes Verhltnis zugleich so rein und so
gebildet sich erhielt, die ganz durch einen gemeinschaftlichen Geist belebt zu
sein schien, indem jeder einzelne zugleich seinem eignen Werte treu blieb. Hier
zum erstenmal bemerkte Florentin die wahre innige Liebe der Kinder zu den
Eltern, und die Achtung der Eltern fr die Rechte ihrer Kinder. Keiner
verleugnete sich selbst, um dem andern zu gefallen, es bestand alles vollkommen
gut nebeneinander. Ebenso stimmte alles uere zusammen. Allenthalben blickte
durch die glnzende etwas antike Pracht die Bequemlichkeit und Eleganz anmutig
durch: gleichsam der ernste Wille des Herrn, durch die geflligere Neigung der
Hausfrau gemildert. Ein allgemeines Wohlsein war ringsum verbreitet, eine
gewisse Reichlichkeit und unbesorgte Ordnung. Nichts von dem Sprlichen neben
der sinnlosen Verschwendung, was man so oft wahrnimmt, wo einseitiges Bestreben
nach einem erzwungenen Glanze das brige armselig erscheinen macht.
    Jetzt betrachtete Florentin auch die Schnheit der beiden Frauen mit groer
Bewunderung. Julianens Gesicht gehrte nicht zu den regelmigen Schnheiten,
die man anstaunt, aber deren Mangel an Lebhaftigkeit kalt lt: das feine Spiel
der sprechenden Zge, die so sichtbar alles abspiegelten, was in ihrer Seele
vorging, war unwiderstehlich anziehend und liebenswrdig. Sie war im
vollkommensten Ebenma gebaut, obgleich nicht sehr gro; ein wahrer Reichtum an
lichtbraunen Haaren umflo in vielen Locken und Flechten das schngeformte
Kpfchen und den weien Nacken; an den aufblhenden Busen schlo sich in weichen
Umrissen der schlanke Hals, der oft mit anmutiger Schalkhaftigkeit sich
seitwrts neigte, und dann sich wieder frei und stolz erhob. Eine blhende
Farbe, ein schngeformter Arm, eine lnglichte Hand, durch deren Weie die Adern
blulich hindurch spielten, zarte Finger, die sich in ein fein getuschtes Rot
endigten; der helle und doch biegsame Ton ihrer Stimme; der kleine Eigensinn in
den nah zusammenstehenden Augenbrauen und in dem etwas aufgeworfnen Munde; die
Anmut im Spiel der leicht entstehenden und verschwindenden Grbchen in Wange und
Kinn; groe dunkelblaue Augen, die bald voll Seele und frohem Leben blitzten,
bald trnenschwer, wie taubenetzte Veilchen sich unter die langen seidnen
Wimpern senkten, bald mit kindlicher Unbefangenheit vertrauend in ein andres
Auge schauten, bald mit groer, beinah zurckschreckender Hoheit um sich her
schauen konnten; besonders das Feine, Zarte und doch Entschiedne und Mutwillige,
gleichsam Durchsichtige, woraus ihr ganzes Wesen geformt zu sein schien: alles
das waren ebenso viele Bezauberungen, von deren vereinigter Macht Florentin
nicht ungerhrt bleiben konnte. Auffallend war es ihm, wie ihr Bau und ihre
Reize bei der beinah noch kindlichen Jugend doch schon so vollkommen aufgeblht
prangten; dieses Wunder glich einem Werk der Liebe, an deren Hauch sich diese
junge Knospe eben zu entfalten schien.
    Auch Eleonore war eine sehr schne Frau. Ihn dnkte, wie er ihre hohe, etwas
reichliche Gestalt erblickte, ber die der Ausdruck der Milde, der innern
frhlichen Ruhe, der mtterlichen Liebe und des Segens verbreitet war, als she
er ein Bild der wohlttigen Ceres: alles an ihr, sogar die runden Hnde trugen
das Geprge dieses Charakters. In ihre schnen blauen Augen sah man wie in einen
wolkenlosen Himmel, die blendend weie Stirn umgaben freundlich blonde Haare in
kleinen Ringeln; man konnte sie nicht ansehen, ohne vergngt zu werden, und
jedes Leiden lchelte sie trstend aus der Menschen Brust.
    Wer sich nach dieser vielleicht etwas zu ausfhrlichen Beschreibung ein
deutliches Bild der beiden schnen Frauen machen kann, wird es nicht unnatrlich
von Florentin finden, da er seine Reise und seinen Plan etwas weiter
hinausschob, und recht gern die Einladung des Grafen annahm, noch einige Zeit
bis nach dem Hochzeitfeste bei ihnen zu verweilen. Es war ihm jetzt
schauderhaft, an seine Einsamkeit zu denken, die ihm vor wenig Stunden noch so
lieb war. Htte er auch seinem ersten Vorsatz treubleiben wollen, der Einladung
der wohlwollenden Eleonore, und dem schmeichelnden Blick Julianens war nicht zu
widerstehen, und so versprach er zu bleiben.
    Nach der Tafel wurden einige schne Pferde vorgeritten, Florentin lobte sie,
und der Graf freute sich, einen Kenner in ihm zu finden. Die Grfin fhrte sie
nun nach dem Park, wo sie ihnen einige neue Anlagen zeigte, die unter ihrer
Aufsicht gemacht wurden. Man ging auf dem Rckwege durch das groe schne Dorf
am Fue des Hgels, worauf das Schlo lag. Auch hier verbreitete Wohlhabenheit
und Reichtum sich wie Segen vom Himmel herab. Voll Ehrerbietung, ohne Furcht und
ohne knechtische Erniedrigung wurden sie von den Landleuten, die ihnen
begegneten, begrt. Gesundheit und Vergnglichkeit leuchtete auf jedem Gesicht,
Ordnung und Reinlichkeit glnzte ihnen aus jedem Hause entgegen. Schne
frhliche Kinder tanzten auf dem Rasenplatze im Schein der untergehenden Sonne;
dem Fremdlinge ward das Herz gro, ihm war, als fnde er hier die goldne Zeit,
die er auf ewig entflohen geglaubt.
    Man kam aufs Schlo zurck, nachdem sie im Vorbeigehen die schnen
weitluftigen Wirtschaftsgebude und einige innere Einrichtungen besehen hatten.
Florentin freute sich kindisch an allem, was er sah, und besonders an der
freundlichen und leichten Ordnung, mit der alles geleitet wurde. Er hatte, was
dahin gehrt, immer in so trauriger und widerwrtiger Gestalt gesehen, da er es
fr erdrckend und Geist erttend halten mute: aber wie ganz anders fand er es
hier! Jetzt erkundigte er sich mit Teilnahme beim Grafen nach mancherlei, was
ihm fremd war. - Wollen Sie sich nicht gleich, sagte dieser, an den groen
Meister selbst wenden, dessen Schler auch ich bin? Alles was Sie gesehen haben,
was Sie hier freut, ist das Werk meiner Eleonore, mich hat sie erst zu dem
Geschft einigermaen gebildet. Eigentlich leben wir wie unsre deutschen Vter:
den Mann beschftigt der Krieg, und in Friedenszeiten die Jagd, der Frau gehrt
das Haus und die innere konomie. - Glauben Sie nur, sagte Eleonore, der
Mann, der jetzt eben so kriegerisch und wild spricht, mu manche husliche Sorge
bernehmen. - Es geziemt dem Manne allerdings, erwiderte der Graf, der
Gehlfe einer Frau zu sein, die im Felde die Gefhrtin ihres Mannes zu sein
wagt. - Wie das? darf ich erfahren? fragte Florentin. - Nichts, nichts,
rief die Grfin, hren Sie nicht auf ihn! Er wird Ihnen bald eine prchtige
Beschreibung meiner Taten und Werke zu machen wissen, die darauf hinaus laufen,
da ich ihn zu sehr liebte, um mich von ihm zu trennen. Wollen Sie mein Schler
in der konomie werden, Florentin? dann setze ich mich zur Ruhe und bergebe
Ihnen das Hauswesen. - Es soll ja den Frauen angehren. - Nun gut, so whlen
Sie unter den Tchtern des Landes und leben hier in Frieden. - Das Recht zu
beidem werde ich erst mhevoll erringen mssen, Grfin Eleonore, jetzt suche ich
die Ferne und den Krieg. - Bravo, rief der Graf; auch bekmmt die Ruhe nicht
eher, bis man ihrer bedarf. - Eduard schien hier in einiger Verlegenheit,
Juliane blickte liebevoll zu ihm hin. Das Gesprch nahm eine andere Wendung, und
man ging in einen Gartensaal, wo sich bald alles wieder versammelte, was sich
von der Gesellschaft nach der Tafel zerstreut hatte.
    Juliane setzte sich zum Fortepiano, Eduard und einige andre griffen nach
andern Instrumenten: ein recht gut besetztes Konzert war bald zustande gebracht.
Juliane spielte vortrefflich, und Eduard war Meister auf dem Violoncell.
Eleonore fragte Florentin, ob er nicht musikalisch sei? - Ich liebe die Musik
als die grte Wohltterin meines Lebens, erwiderte er; wie oft hat die
Himmlische die bsen Geister zur Ruhe gesungen, die mich drohend umgaben! Und so
bin ich, wenn Sie es so nennen wollen, musikalisch, soviel die Natur mich
lehrte, bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht.
    Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre, stimmte sie, machte einige Gnge,
und sang Verse, die er aus dem Stegereif dazu erfand. Er besang den Strom, der
dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeiflo, das Tal, den Wald, das
hohe, entfernte Gebirge, von dem die Gipfel noch von den Strahlen der
untergehenden Sonne beleuchtet waren, da sie selbst schon lange aufgehrt hatte,
sichtbar zu sein. Dann sang er von seiner Sehnsucht, die ihn in die Ferne zog,
von dem Unmut, der ihn rastlos umhertrieb, und endigte sein Lied mit dem Lobe
der Schnheit, unter deren Schutz ihm die Morgenrte des Glcks schimmere, und
bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit
zurcksinke.
    Hier hrte er auf und legte die Gitarre nieder. Seine Worte, die frei und
ungebunden und doch sinnvoll und auserwhlt, bald gro und ruhig wie der Strom,
den sie besangen, dahin flossen, bald khn mit dem Gebirge sich ber die Wolken
erhoben, bald wie Abendschein lieblich flimmerten, dann die Schmerzen und
Freuden seiner Seele so wunders darstellten; seine schne, reine akzentvolle
Tenorstimme, deren Tne bald von ihm gelenkt zu werden, bald ihn zu bermeistern
schienen; die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau
bereinstimmte, und seine tiefsten Gefhle, das, was keine Worte auszusprechen
vermgen, in die Brust der Zuhrer hinberstrmte - mit seinem khnen, halb
nachlssigen Anstande, mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht -, es war so
wunderbar und ergriff die Zuhrer so seltsam, da sie ganz hingerissen von der
Erscheinung, noch immer in Staunen und Horchen verloren waren, wie er schon eine
Weile die Gitarre niedergelegt hatte.
    Juliane unterbrach die augenblickliche Stille. Jetzt ist es an uns,
Eduard, rief sie; Sie haben es vortrefflich gemacht, Florentin, aber nun
sollen Sie auch uns loben mssen. - Sie suchte unter den Musikalien. die Grfin
setzte sich zum Fortepiano, und begleitete Julianen und Eduard. Sie sangen ein
komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier. Julianens
Stimme war beraus s und schmeichelnd, und sie wute sie wie eine gebte
Knstlerin zu gebrauchen; auch Eduard hatte eine schne sonore Bastimme und
sang sehr angenehm. Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den
Gesang, abwechselnd bald wie eine Flte bald wie ein Waldhorn singend, es gefiel
allen, und die Frhlichkeit und das Lachen nahm kein Ende. Es wurden nun
Erfrischungen gereicht, man scherzte und vergngte sich bis tief in die Nacht.
    Gute Nacht, sagte die Grfin; ich hoffe, Ihr Entschlu, einige Zeit bei
uns zu verweilen, wird Sie nicht gereuen, wenn Sie erfahren, da Sie es alle
Tage ungefhr wie heute bei uns finden. Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer
anweisen, und sein Sie morgen frh nicht der Spteste.

                                Zweites Kapitel


Florentin war allein; er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers, aus
dem er die Aussicht ber das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren
Tale hatte, wodurch der Strom sich majesttisch und ruhig in groen Schwingungen
hinwand. In grauer Ferne beschlo das hohe Gebirge den Horizont; das Tal war vom
Monde hell erleuchtet. Er sah nach den Schatten, die das Mondlicht bildete, und
die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten, dann verschwanden.
    So stand er lange wie gedankenvoll, und dachte doch nichts. Er hatte an
diesem Tage so viel neue Eindrcke empfangen, da er, wie berauscht, sich selbst
aus den Augen verloren hatte. Allmhlich verhallte es in seiner Seele, wie Tne
in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen, bis die Bebungen
schwcher werden, und endlich alles ruhig ist. So ward es auch still in ihm, und
das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn. Doch konnte er
lange keinen frhlichen Gedanken fassen. Er war schwermtig, es war ihm traurig,
da er allein hier ein Fremdling sei, wo es ein Gesetz schien, einander
anzugehren, da er allein stehe, da in der weiten Welt kein Wesen mit ihm
verwandt, keines Menschen Existenz an die seinige geknpft sei. Seine
Traurigkeit fhrte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zurck; der
Gesang einer Nachtigall, der aus der Ferne zu ihm herberklang, lste vollends
seine Seele in Wehmut auf, er gab sich ihr hin und bald fhlte er seine Trnen
flieen.
    Es ist sonderbar! hchst sonderbar! sagte er, als er ruhiger ward; wie
ich noch die Gesellschaft suchte, lernte ich sie verachten, und nun ich sie
floh, nun ich sie hate, nun mu sie mir wieder liebenswrdig erscheinen! Und
hier in einem vornehmen Hause, wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller
Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah: gerade hier mu ich mich wieder
mit der Gesellschaft ausshnen!... Es ist doch gut, da mir noch diese schne
Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt! So liegt doch die Zukunft nicht mehr
so bodenlos vor mir, so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt, an
dem die Hoffnung sich erhlt! Und damit sei zufrieden, Florentin! Suche nicht
festzuhalten, was bestimmt ist, dir vorberzugehen. In der Entfernung, als
Hintergrund, als endliches Ziel alles menschlichen Sehnens und Strebens, lchelt
mir die Ruhe s entgegen: so will ich dich fest im Auge behalten, wenn der
Strudel des Lebens mich wild ergreift, und ich in Not zu versinken drohe. Recht,
guter Alter! jetzt wrde sie mir schlecht bekommen; sie ist das Goldne Vlie,
das mit Gefahren erkmpft werden mu.
    Er dachte nun an alle insbesondre, die er an dem Tage so zufllig gefunden,
und suchte ins klare zu kommen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht htten.
Eduard war ihm in den wenigen Worten, die er ihn hatte sprechen hren, doch
lieber geworden; das erkannte er besonders daran, weil er nicht mit dem
Leichtsinn an Julianen denken konnte, der ihm sonst beim Anblick einer Schnen
gewhnlich war. Die Verhltnisse, in denen eine Frau stand, hielten ihn sonst
nicht leicht von Entwrfen ab, wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen
hatte. - Wie ein Frhlingsmorgen erschienst du mir, reizendes Geschpf, und
dein Anblick erfllte meine Brust mit Ahndung und Freude. Nur Barbaren knnen
gefhllos bleiben bei solcher Schnheit! Eure Verabredungen sollten mich nicht
hindern,... auch nicht der unschuldige Brutigam,... und am Ende?... Betrge
dich nicht Florentin! -
    Wnsche und Erinnerungen an den schnen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn
ihm, und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines knftigen Freundes, und
alle ihre Verhltnisse in einer Wrde, die ihn zurckschreckte. Er hatte die
Gitarre mit auf sein Zimmer genommen, und whrend seiner Betrachtungen und
kleinen Monologen einige Griffe darauf getan; jetzt sang er folgende Worte dazu:

Unter Myrtenzweigen
Beim Rieseln der Quelle,
Und der Nachtigall Lied,
Auf sanftem Rasen
Durchwirkt mit Blumen,
Im duftenden Hain,
Gebogen die ste
Von goldener Frucht
Und silberner Blte,
Wo ewig blau der Himmel,
Ewig lau die Lfte
Dich umwehen -

Das Mdchen im leichten Gewand
Tanzet den bunten Reihen,
Bricht die labende Frucht,
Schpfet vom Quell.
Am Felsen ein Httchen
Mit weniger Habe,
Dort ruht es die Glieder
Auf reinlichem Lager.

Du blickst dein Verlangen
Ihr tief in das Herz,
Sie hat dich verstanden,
Und teilet die Glut.
Nichts wehrt dir die Ksse
Auf Lippen und Wangen;
Lilien und Rosen,
Blten und Knospen,
Alles ist dein.

Leicht wie der Westwind,
Scherzend wie er,
Berhrst du die Blumen,
Und fliehest vorber,
Schonend der zarten.

Wer frchtet da Neid?
Wen lockt der Ruhm?
Zrnet die Mutter?
Das Lcheln kann sie
Doch nicht verbergen;
Denn eigne se Schuld
Ruft die Tochter
Zurck ihr ins Herz.

Sei still, mein Sinn! ein andres Land empfngt dich;
Es hebt sich das Gebirge zwischen dir
Und jenen Spielen. -

Ernst umgeben diese Mauern dich,
Gesetze ernst und ernste Sitten;
Gelbde, Priester, Zeugen,
Verein der Wappen,

Zahllose Dinge,
Auf ewig fremd dem Scherz;
Fremd auf ewig dir,
Gehn der Liebe voran,
Legen die Freie
In ernste Bande.

So gefesselt geht sie dir vorber.
Trstend reicht sie dir die Hand,
Blickt mit Sehnsucht in die Ferne.
Hier kann ich niemals dein Gefhrte sein,
Ruft sie dir zu:
Unter jenen Blumen
Hast du gespielt mit mir,
Auf und ab
Wandert' ich im Scherz mit dir.

Du sollst auch ernst
Mich wieder finden,
Ernst und treu;
Und wieder mein sein:
Nur la mich frei!


                                Drittes Kapitel

Die Sonne schien hell und warm herein, als Florentin erwachte. Er schickte sich
sogleich an, zur Gesellschaft zu gehen, die er im Garten vermutete. Vorher ging
er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses, das ihn mit seinen Trmen,
Gngen und hohen gewlbten Slen lebhaft in die Zeiten des Rittertums versetzte,
von denen er schon als Kind am liebsten erzhlen hrte, und die noch jetzt seine
Phantasie hinreien konnten. Hier in diesen Slen malte er sich nun die
mannigfachen Szenen aus, die darin gespielt wurden; wie sich alle die
Mitspielenden fr ihre Rolle interessierten, als sollte sie niemals endigen. -
Und nun, sagte er, wo sind sie hin? Hier beweinte vielleicht eine Schne
ihren Geliebten, oder seine Untreue, oder ein hartes Schicksal, das sich ihrem
Glck entgegenstellte; trnenvoll schlug sie das fromme Auge aufwrts, und die
Engelchen, die Heiligen, die so knstlich in der Stukkatur an der Decke geformt
sind, waren Zeugen ihrer Leiden. Hier, an dieses hohe Fenster gelehnt, drckte
der Jngling, zrtlich und schchtern, die errtende Jungfrau an sein Herz, und
vernahm mit Entzcken das Gestndnis ihrer Gegenliebe. Um diesen gerumigen
Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel, und horchten auf die schauerlichen
Gespenstergeschichten, die der Grovater erzhlte, und auf die weise Lehre. Mit
dem begnstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung fr ihre
Aufmerksamkeit friedfertig geteilt. An diesem knstlich verzierten Tisch saen
Eltern, gedachten mit freudiger Rhrung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie
verletzten Treue; hatten auch wohl manchen Kummer, manche sorgenvolle Stunden um
den entfernten Sohn, der ausgezogen war, voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich
zu versuchen, und die Fehde fr seinen Vater zu fechten. Ob er sich gut halten
wird? ob die Knechte wacker sind? ob kein feindliches Gescho ihn getroffen? Er
whlte sich das grte Schwert; war es seinem Arm nur nicht zu schwer? Zwar ist
er stark und rstig, und Gott wird den Edlen schtzen! Und eh' sie es ausdenken,
ffnet sich jene Tr, der Jngling tritt ein! Er war allein vorangeeilt, um den
Eltern diese berraschung zu bereiten; segnend empfangen sie ihn, er hat
gesiegt, vertilgt ist der Feind, und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm ber das
Haus!... Sonne, Sterne, Luft und Erde, alles was sie umgab, schien ihnen mit
ihrem Leben so innig verwebt; aber Sonne und Sterne gehen auf, gehen unter, die
Jahreszeiten wechseln; doch ihr Glck und ihre Leiden, Schmerz und Frhlichkeit
sind vorbeigezogen, wie Schatten der Wolken, die vor der Sonne vorberfliehen,
keine Spur mehr auf der Erde davon. Was ihnen im Leben heilig war, hat mit dem
Leben geendet; der Ehre allein, unter allem dieser allein, verdanken die Helden
das Andenken ihrer Nachkommen; sie leben in den knftigen Zeitaltern fort, da
Millionen neben ihnen untergehen... Nun so ist es auch billig, da sie dem
selbstgeschaffenen Gtzen vor allen Gttern Opfer bringen; dieser macht sie
unsterblich, da alles, was die Natur in ihre Brust gepflanzt, mit ihnen
untergeht!
    Eduard trat zu ihm. Sie sind schon auf, Florentin! ich wollte Sie eben
abholen, die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal. - Ich habe mich
etwas zu lange in den Zimmern und Gngen verweilt, um sie zu betrachten. Dieses
Schlo ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts; mich freut es, da
es so wohl erhalten ist, und so ganz ohne modernen Zusatz. Es wundert mich um so
mehr, da die brige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr
elegant und zierlich, als nach jenem reich und kostbar ist! - Weil diese mehr
der Grfin berlassen bleibt; und da sie die Eigenheit des Grafen schont, der
gerne, was das Altertum seiner Familie bezeugt, in der ursprnglichen Gestalt zu
erhalten wnscht, auch nichts von der Stelle gerckt, und keiner Sache eine
andere Gestalt gibt, die noch als berrest der alten Zeit sich erhalten hat, so
lt sich der Graf mit eben der Geflligkeit ihre brigen Einrichtungen
gefallen. Sie sehen selbst, wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen wei.
Sie erhlt das Alte mit Achtung, und fgt hinzu, was die neuern Erfindungen
Angenehmes verschaffen.
    Die das Innere hier nicht zu kennen Gelegenheit haben, finden es sonderbar,
und erlauben sich manchen Spott ber das Gemisch von veraltetem und modernem
Geschmack. Auch sieht es befremdend genug aus, wenn an den alten gewirkten
Tapeten eine neue Flten-Uhr, groe Spiegel mit schweren knstlichen
Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter, schwerfllige Sessel und
einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen; ebenso werden Sie es im
Garten, im Park, kurz berall finden. Wer aber die Menschen kennt, die hier
wohnen, der wird bald das bereinstimmende in diesen anscheinenden
Ungleichheiten finden. Die Grfin ist eine vortreffliche Frau; mit wahrer
Religiositt ehrt sie das Gemt ihres Gemahls und alles, was ihm heilig ist.
Darf man ihr wohl keinen Sinn fr das Schne zutrauen, weil sie nicht wie die
Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstrt, immer nach Neuem greift, und das
letzte jedesmal fr das Schnste hlt? - Was ich sie ber Werke der Kunst habe
sprechen hren, verriet gewi keinen gemeinen Sinn, sagte Florentin. - Sie hat
groe Reisen gemacht und viele der vorzglichsten Kunstwerke selbst zu sehen
Gelegenheit gehabt. Doch kommen Sie jetzt, man wird uns erwarten; ich will
vorher zusehen, ob der Graf nicht in seiner Bibliothek ist, ich habe ihn heute
noch nicht gesehen, vielleicht geht er dann mit uns hinunter. - Ich begleite
Sie. -
    Sie traten in das Kabinett des Grafen, er war nicht mehr darin. Ein groes
Gemlde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich. - Einen Augenblick noch,
Eduard! Die heilige Anna, die das Kind Maria unterrichtet. - Wie finden Sie
das Gemlde? - Es scheinen Portrte zu sein; in dem Kinde erkenne ich Julianen
wieder. - Sie ist es auch in der Tat. - Es ist nicht bel gemalt; ganz
vorzglich ist aber das Charakteristische in den Kpfen sowohl, wie in der
ganzen Anordnung des Gemldes. Die horchende Aufmerksamkeit, die Begierde nach
dem Unterricht, und der Glaube in dem Kinde, wie der Hals, der Kopf, mit dem
Blick zugleich, sich vorwrts und in die Hhe richtet, der halbgeffnete Mund,
als frchtete sie etwas zu verhren, und als wollte sie die Lehren durch alle
Sinne in sich auffassen. Dabei die Hingebung, das Vergessen ihrer selbst in der
kleinen Figur, die halb liegend sich dem Scho der Anna anschmiegt; es ist
schn, und zart gefhlt. Und diese Anna, gewi eine Heilige! Diese Hoheit,
dieser milde Ernst in den verklrten Augen! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu
dem Liebling hinneigt, sich ihre Tugend lehrenden Lippen ffnen! Ruhe und Wrde
in der ganzen Gestalt, und wie erhaben diese Hand, die gegen den Himmel zeigt!
Ist auch diese Anna ein Portrt? - Es ist eine Schwester des Grafen, die er
vorzglich liebt; Grfin Clementina; Sie haben uns schon von ihr sprechen hren,
sie wird von uns gewhnlich die Tante genannt. Juliane hat ihre erste Erziehung
bei dieser Tante erhalten; die Mutter hatte sie ihr, da sie ihre Jugendfreundin
ist, und ihres ganzen Zutrauens geniet, bald nach ihrer Geburt berlassen, weil
sie damals ihrem Gemahl nachreisen mute, der gefhrlich verwundet war, und den
sie keiner fremden Pflege berlassen wollte. Sie verlie ihn nun nicht wieder,
begleitete ihn sowohl auf seinen Feldzgen, als auf seinen Reisen, da er an
verschiedenen Hfen als Gesandter stand. Unterdessen erreichte Juliane beinahe
ihr vierzehntes Jahr bei der Tante, und verehrt sie als Mutter. - Doch mu die
Grfin Clementina dem Bilde nach noch sehr jung sein, obgleich der Idee und dem
Kostm zufolge, sie lter sein mte. - Sie haben recht, doch ist sie in der
Tat nicht mehr jung, sie ist lter als die Grfin Eleonora, dieses Bild aber ist
eigentlich die Kopie eines Gemldes, das in ihrer Jugend ist gemacht worden. Sie
ward damals als heilige Ccilia gemalt; sowohl dieses Bild, das sie dem Grafen
auf sein Bitten malen zu lassen erlaubte, um ein Denkmal der Zeit zu stiften, in
der sie Julianens Lehrerin war, als das, welches unter den andern
Familiengemlden in der Galerie hngt, und auch das Miniaturbild, das Juliane an
ihrer Brust trgt, sind Kopien nach dieser Ccilia, welche von einem schon
verstorbenen fremden Knstler gemalt ward; seinen Namen wei ich nicht. Die
Tante war nie dazu zu bewegen noch einmal einem Maler zu sitzen. Merkwrdig ist
es, wie diese Bilder alle noch der Grfin Clementina hnlich sind, obgleich es
schon vielleicht dreiig Jahre her sein mag, da sie gemalt ward, und ein tiefer
Gram in ihren Gesichtszgen gewtet hat. - Gut, da mich Ihre gtige
Ausfhrlichkeit warnte, rief Florentin lachend; war ich doch in Gefahr mich in
diese heilige Anna, und das in meinem Leben zum ersten Male ernstlich zu
verlieben. Bald wre ich ausgezogen, nach echter Rittersitte, das Original zu
meinem Gemlde zu finden, und htte es dann auch wirklich gefunden... in einer
ehrwrdigen Matrone. - Haben Sie wirklich noch nie ernstlich geliebt, so
verdienen Sie ein solches Schicksal. Ich werde Sie bei den Frauen fr diesen
Frevel hart anklagen. - Wagen Sie es nicht. Sie knnten sich selbst eine
Strafe fr Ihre Verrterei zuziehen. - Ich wage nichts, man wird es Ihnen nie
verzeihen, sich von einem Gemlde haben hinreien zu lassen, da Sie die
Gegenwart der schnen Frauen selbst so ruhig lt. - Nun auch dafr mssen Sie
nicht gut sagen; doch im Ernst, das Gemlde hat mich bewegt, und ich stehe mit
wahrer Andacht davor. Guter Eduard! ich hoffe Sie fhlen es, wie glcklich Sie
sind, und wie wenigen es vergnnt wird, eine solche Jugend zu haben! - Eduard
schien bewegt, und sie gingen beide schweigend hinunter zur Gesellschaft.

                                Viertes Kapitel


So verstrich ein Tag nach dem andern. Man kann sich keine angenehmere
Lebensweise denken, als die auf dem Schlosse gefhrt ward. Ein Vergngen reihte
sich an das andere; Tanz, Musik, Jagd und Spiel wechselte lustig ab, und in der
Einsamkeit suchte jeder nur die Ruhe, um sich zu neuen Ergtzlichkeiten zu
bereiten.
    Die Liebenden erwarteten beide den Tag ihrer Vermhlung sorglos und
frhlich, es stellte sich ja nichts ihren Wnschen entgegen; doch mit ganz
verschiedenen Empfindungen. Eduard hatte eine peinigende Ungeduld Julianen ganz
die Seinige zu nennen; er liebte sie mit der ungestmen Heftigkeit des
Jnglings; er dachte, er trumte nichts als den Augenblick, sich im ungeteilten
ungestrten Besitz der schnen Geliebten zu sehen; seine Phantasie lebte nur in
jenem so hei ersehnten Moment, alles Leben bis dahin wrdigte er nur als
Annherung zu jener Zeit, wie der Gefangne, der der bestimmten Befreiung
entgegensieht. Von dieser Ungeduld begriff Juliane nichts. Mit aller Innigkeit
ihres reinen Herzens liebte sie ihn; niemand war ihr jemals liebenswrdiger
erschienen; sie gab sich ihm gern, sie war von jeher schon mit der Idee
vertraut, und hatte es als ihr Schicksal ansehen gelernt ihm anzugehren. Aber
den Tag erwartete sie mit groer Ruhe; klopfte auch ihr Herz strker bei dem
Gedanken, so war es mehr eine bngliche Ahndung, die furchtsame Scheu des
sittsamen Mdchens, als die Erwartung eines grern Glcks; sie ahndete kein
greres Glck, als da es immer so bliebe, wie es war, es fehlte ihr so gar
nichts. Sie nahm an allem den gewhnlichen Anteil, hatte die immer gleiche,
besonnene Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft, Eduard mochte zugegen sein, oder
nicht.
    Sie war also nicht so beschftigt, da sie nicht htte wahrnehmen sollen,
welchen Eindruck ihre Schnheit auf Florentin gemacht hatte. Er hatte die
allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es schmeichelte der Eitelkeit des Mdchens,
die seinige auf sich zu ziehen; es interessierte sie kindisch, den stolzen Mann
zu beherrschen. Ohne es sich bewut zu sein, und sich ganz der frhlichen
Stimmung hingebend, zog sie ihn mit einer feinen, ihr natrlichen Koketterie an.
    Florentin fand sie immer schn, reizend, liebenswrdig, es ergtzte ihn, sie
so eifrig bemht und beschftigt um ihn zu sehen, und die kleinen Schelmereien
des jungen Herzens zu belauschen! Da er aber gleich am ersten Abend so mit sich
zu Rate gegangen war, schtzte ihn gegen jeden tiefern Eindruck. Auch war es ihm
nicht entgangen, da sie willens war, ihn zum Spiel ihrer Eitelkeit zu machen,
und nichts konnte so seine Phantasie zgeln, als wenn er irgendeine Absicht
merkte. Er war leicht kindlich vertrauend: dann konnte er aber auch bis zur
Ungerechtigkeit argwhnend sein. Doch interessierte ihn Juliane sehr, die Tiefe
ihres Gemts war ihm nicht entgangen, trotz der Anlage zur Koketterie, und dem
etwas knstlichen Wesen, welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte,
und das ihn immer etwas entfernte, obgleich er es hier in so schner Gestalt
erblickte. Lange konnte er es doch nicht aushalten, sie unzufrieden zu sehen; so
oft er sie durch ein zu khnes Wort, oder eine Anspielung, die ihre Eitelkeit
strafte, erzrnt hatte, so wute er sie gleich wieder durch irgendeine
berraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu vershnen. Er
stimmte nie mit ein, wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden
Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes, oder ihrer Schnheit erhoben ward;
vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz, eine Art von
Vernachlssigung zu demtigen. Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten
empfindlichen Herzens berlie, oder in ihrer natrlichen Anmut, kunstlos, ohne
Anmaung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte; dann wute er ihr
etwas Angenehmes zu sagen, oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu
versichern. Dann lie er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen, und
ertrug gutmtig ihre mutwilligen Neckereien. Nach und nach war die Zufriedenheit
ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend fr Julianen; der laute Beifall der
Menge ward ihr gleichgltiger, zuletzt beinah verhat.
    Eduard bemerkte mit Freude diese Vernderung. Er scherzte eines Tages
darber, da Florentin mehr Einflu auf ihre Bildung habe als er. - Sie haben
mir es niemals merken lassen, sagte Juliane, da ich zu eitel sei. - Ich
liebte Sie Juliane, so wie Sie sind. - Und jetzt merken Sie erst, da ich
besser sein knnte! ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen. -
Die Liebe wei nur zu lieben; wie sollte sie erziehen? - Sie erzieht
freilich, sagte Florentin, aber nicht den andern. - Machen Sie meiner Liebe
einen Vorwurf, unartiger Florentin? erwiderte Juliane. Nein, vielmehr spreche
ich sie dadurch rein von einem Vorwurf, den man ihr allerdings machen knnte. -
Nun? - Nun, da Sie Eduard nicht besser erzogen haben. Denn er wird es doch
nicht leugnen, da er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit grerer und
strflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen. Es ist in der Tat eine
schwierige Untersuchung, wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe
hat. - Trauen Sie sich zu, uns in beiden zu bertreffen? -
    Ich, ihr Guten, kann weder mein Leben, noch meine Liebe mit dem Kunstwerk
der Erziehung vergleichen! - -
    Man kann nicht anders als sich fr ihn interessieren, sagte Juliane, aber
er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde, es ist ihm auf keine Weise
beizukommen. - Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fhigkeit, Freund
zu sein, sagte Eduard. Wissen wir doch nicht, wie oft er schon ist
hintergangen worden; reizbar wie er ist, mu jede ble Behandlung ihn wohl auf
lange verstimmen.
    Florentin vermied anfangs Eduards Annherung mit eigensinnigem Stolz, ob er
ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte. Eduard lie sich aber nicht dadurch
abschrecken, er gewann immer mehr Anhnglichkeit fr ihn, nherte sich ihm mit
freundlicher, bescheidener Aufmerksamkeit, und suchte seinem etwas wilden, nach
Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen, gebildeten Geist, der ihm eigen war, zu
begegnen; es mute ihm gelingen. Florentin fhlte endlich, da er am unrechten
Ort mitrauend gewesen war. Mit der berzeugung seines Unrechts erweichte sich
auch sein absichtlich verhrtetes Gemt gegen Eduard, er wurde bald offner und
geselliger gegen ihn. Auf einem Morgenspaziergang ffneten sich ihre Seelen
gegeneinander; sie nannten sich seitdem Freunde. Florentin gewann Eduard so
lieb, da er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen; doch
mute und sollte es geschehen!
    So waren Wochen verflossen; mit einer jeden nahm er sich's fest vor, in der
nchsten zu reisen; immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und
seine eigne Neigung fest. Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung;
bis dahin hatte er alles, was er jemals verlie, gleichgltig verlassen.

                                Fnftes Kapitel


Grfin Clementina hatte eine junge Anverwandte bei sich. Diese kam, und machte
Julianen einen Besuch, indem sie zugleich einen mndlichen Auftrag der Grfin
Clementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte, die Vermhlung noch
einige Wochen aufzuschieben, weil sie in diesen nchsten Tagen abgehalten wrde,
zugegen zu sein, wie sie es doch sehr wnschte. Sollte der Tag aber schon
unwiderruflich festgesetzt sein, und es bei der ersten Verabredung bleiben
mssen, so wre sie gentigt diesen Wunsch aufzugeben. Doch ersuchte sie ihren
Bruder und Eleonoren, wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten; sie htte
ihnen noch einiges zu sagen, wre aber durchaus in diesem Augenblicke nicht
imstande zu schreiben; doch sollte es in den nchsten Tagen geschehen.
    Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen, seine Ungeduld, die schne
Juliane ganz die Seinige zu nennen, wuchs mit jedem Tage, und seitdem er
Florentin kannte, schien sie den hchsten Punkt erreicht zu haben. Doch mute er
es sich aus Achtung fr die Grfin Clementina gefallen lassen. Betty eilte
zurck, sobald sie sich ihres Auftrags entledigt hatte.
    Ein Brief, den Juliane folgenden Tag an ihre Tante schrieb, ist ein Beweis,
wie interessant Florentin der ganzen Familie schon geworden war.


                             Juliane an Clementina

Jetzt verdient Betty nicht mehr von Ihnen bestraft zu werden, wegen ihrer zu
groen Leidenschaft fr das Tanzen; sie ist vielmehr zu unser aller Verwunderung
bis zum Kaltsinn mig darin geworden. Alles unsers Bittens und Zuredens
ungeachtet, wollte sie durchaus nicht lnger bei uns verweilen, als sie es Ihnen
zugesagt hatte, ob wir gleich noch denselben Abend einen recht brillanten Ball
hatten. Der Vater erbot sich, Ihnen einen Boten zu Pferde zu schicken, um Sie
nicht in Unruhe ihrentwegen zu lassen; aber sie war nicht zurckzuhalten. Alle
Ihre Auftrge waren ausgerichtet, sie sah mit groer Gemtsruhe die glnzende
Gesellschaft sich versammeln, ja, sie wagte es sogar den Anfang des Balls
abzuwarten; und indem sie mit Eduard den Saal einmal auf und nieder walzt, winkt
sie uns allen im Vorbeifliegen zu, und sofort aus der Tr in den Wagen, so
hastig, da Eduard mit noch einigen Herrn ihr kaum folgen konnten. Kaum da wir
ihr noch einen Gru fr die Tante nachriefen.
    So geht es uns allen, teure Clementina! wenn wir zu Ihnen sollen, was knnte
uns zurckhalten? Keiner fhlt das wohl mehr als Ihre Juliane, ich habe Betty
mehr beneidet als bewundert. - Das war nun alles recht hbsch von dem Mdchen;
aber die Arge, was hat sie Ihnen fr loses Zeug erzhlt! was meinte sie mit
ihren Eroberungen? und dem sonderbaren Fremden, der den Meister ber uns macht,
dem wir alle auf eine so lcherliche Weise ergeben sind, weil wir uns einbilden
ihm Dankbarkeit schuldig zu sein! Und ich, die ich diesen Vorwand so gern nehmen
soll, um ihm ganz unbefangen mit Auszeichnung begegnen zu drfen! - Alles dieses
hat sie Ihnen wirklich erzhlt? - Gut, da Sie ihren boshaften Erzhlungen nicht
so unbedingt Glauben beimessen, da Sie sich selbst an Ihr Kind wenden, um die
Wahrheit zu erfahren. Liebe Tante, sehen Sie doch einmal dem bsen
leichtfertigen Mdchen scharf in die Augen, wenn sie wieder dergleichen
vorbringt. Allerdings sind wir dem Fremden Dank schuldig! Ist meine Clementina
nicht auch der Meinung? Wenn es ihm selbst wohl geziemt, den wichtigen Dienst,
den er uns geleistet, dem Zufall zuzuschreiben, so wrde es sich von uns nicht
ziemen, es ebenso anzusehen, und seinen Mut, mit dem er das Leben unsers Vaters
gerettet hat, zu vergessen.
    Und warum gesteht Ihnen denn Betty nicht, da der Fremde sich recht
geschftig um sie gezeigt, und da sie seine Aufmerksamkeiten recht wohlgefllig
und artig annahm? - Ich hielt sogar die Festigkeit, mit der sie sich losri und
forteilte fr ein Opfer, das sie ihrem eiferschtigen brausekpfigen Walter
brchte, und habe ihr im Herzen deswegen wohlgewollt. - Belohnt sie so meine
gute Meinung? bse Betty! Wenn sie Ihnen nicht abbittet, liebe Tante, und Ihnen
gesteht, da sie ihre Freude daran hat, Unfug zu treiben, so werde ich sie bei
Herrn von Walter verklagen; er traut mir! -
    Von dem Fremden, von diesem Florentin sollte ich Ihnen also erzhlen? Es ist
wahr, liebe Tante, da er uns allen wert geworden ist. Er macht jetzt das Leben
und die Seele der Gesellschaft aus. Mit dem sonderbarsten, oft zurckstoenden
Wesen wei er es doch jedem recht zu machen, und zieht jedes Herz an sich, ohne
sich viel darum zu bekmmern. Es hilft nichts, wenn man auch seinen ganzen Stolz
dagegen setzt, man wird auf irgendeine Weise doch sein eigen. Oft ist es recht
rgerlich, da man nicht widerstehen kann, da er selber nicht festzuhalten ist.
Einmal scheint es, als verbnde er mit den Worten noch einen andern Sinn, als
den sie haben sollen; ein andermal macht er zu den schmeichelhaftesten Dingen,
die ihm gesagt werden, ein gleichgltiges Gesicht, als mte es eben nicht
anders sein; dann freut ihn ganz wider Vermuten einmal ein absichtsloses Wort,
das von ungefhr gesprochen wird; da wei er immer einen ganz eignen Sinn, ich
wei nicht, ob hineinzulegen, oder herauszubringen. Uns ist dieses sonderbare
Spiel sehr erfreulich, da wir ihn nher kennen, und besser verstehen. Sie knnen
aber denken, wie er oft in Gesellschaft Ansto damit gibt; doch versteht er sich
recht gut darauf, ein solches rgernis nicht zu gro werden zu lassen; er macht
bald alles wieder gut. Wir begreifen eigentlich nicht, wie es ihm mglich ist,
diese Frhlichkeit und gute Laune immer um uns zu erhalten, da er selbst doch
nicht froh ist. Ich und Eduard, wir sind oft allein mit ihm, und da haben wir es
deutlich genug merken knnen, da ihn irgendein Kummer drckt. Der Vater machte
ihm neulich den Vorwurf, er wre zu wenig ernst, und nhme oft die Dinge zu
scherzhaft. Florentin lie es ber sich hingehn. Eduard meinte aber, und sagte
es mir allein: der Ernst in ihm wre vielmehr zu ernst und zu tief, als da er
ihn in der Gesellschaft anwenden knnte; und da er nie sich so gegen den Scherz
versndigte, da er ihn ernsthaft nhme, so kme es ihm zu, auch wohl einmal den
Ernst scherzhaft zu finden. Am besten findet sich Eduard in ihn, sie sind
Freunde geworden, und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern. So
interessant er auch ist, so glauben Sie mir nur, liebe Tante, Eduard verliert
gar nicht gegen ihn, er kmmt mir vielmehr neben seinem Freunde noch
liebenswrdiger vor. Ich wei gewi, ich knnte diesen nicht so lieben, wie ich
Eduard liebe. Er gefllt auch dem Vater sehr wohl, der ihn soviel als mglich um
sich zu haben sucht. Er mag seine Einflle und seine seltsamen Wendungen gern,
so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende, Neue oder Sonderbare spricht. An
Florentin liebt er es, und verteidigt ihn gegen jede Anklage. Sogar das
Geheimnisvolle, das ber seinem Namen und seiner Herkunft schwebt, achtet er, zu
unserm Erstaunen. Noch heute war die Rede davon, ihn einem Manne vorzustellen,
den er zu sprechen wnschte. Von Florentin? fragte der Vater. Wir erwarteten
alle seine Antwort. Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist,
sagte er, so setzen Sie Baron hinzu, das bezeichnet wenigstens ursprnglich,
was ich zu sein wnschte, nmlich ein Mann. Der Vater lie es sich wirklich so
gefallen. -
    Sogar Thereschen hat er ganz fr sich gewonnen. Sie wei nichts Bessers, als
sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen, oder ihn zeichnen zu sehen, sie
vergit Spiel und alles, wenn sie nur bei ihm sein darf. Sie kennen ihre heftige
Art sich an etwas zu hngen. - Mit den Knaben reitet er viel, und kann sich mit
ihnen balgen und lrmen und Festungen erobern, die sie zusammen bauen, bis sie
ganz auer sich geraten, und er mit ihnen. - Dem Mtterchen bleibt aber der Kopf
ruhig, wenn er uns auch allen verdreht wird; nicht ein einziges Mal ist es ihm
doch gelungen sie irrezumachen, wiewohl er es oft darauf anlegte; sie lchelt,
und ist freundlich und liebreich gegen ihn, aber Gewalt hat er gar nicht ber
sie, er fhlt es: Mutter ist auch die einzige, vor der er gehrigen Respekt hat.
Mit uns andern schaltet er nach Belieben; wenn ich recht aufgebracht bin, und
ihm stolz begegne, so ist er imstande, gar nicht einmal darauf zu merken. -
    So schn hat ihn Betty gefunden? So schn als Eduard ist er auf keinen Fall,
das meint auch die Mutter, er ist auch nicht so gro und herrlich als Eduard;
aber sein Bau ist fein, schlank, und dennoch krftig. Er hat eine edle
Physiognomie, und berhaupt etwas Interessantes; sein Anstand ist frei und
kunstlos, manchmal sogar trotzig. Was ihn auszeichnet, ist ein gewisses, beinah
verachtendes Lcheln, das ihm um den Mund schwebt; aber der Mund ist doch
hbsch, sowie auch sein Auge, das gewhnlich fast ganz ohne Bedeutung, still und
farblos, vor sich hinschaut, das aber helle Funken sprht bei einem Gesprch,
das ihn interessiert, es wird dann sichtbar grer und dunkler. Er hat eine
schne helle Stirn, und es kleidet ihn gut, wenn er, wie er oft tut, sich die
dunkelbraunen Locken, die tief darberher fallen, mit der Hand zurckstreicht,
oder wenn sie vom Wind gehoben werden. Die Mutter findet, er htte etwas
Altritterliches, besonders wenn er ernsthaft aussieht, oder unvermutet in ein
Zimmer tritt, sie mte sich ihn immer mit einer blanken Rstung und einem Helm
denken. Therese hat viel mit Auffinden von entfernten hnlichkeiten und mit den
alten Bildern zu schaffen, und behauptet, er she dem Gemlde vom Pilgrim
hnlich, das in der Mutter Zimmer hngt. Sie ruhte nicht eher, bis ich es mir
von ihr zeigen lie, und sie hat wirklich recht: es ist eine entfernte
hnlichkeit.
    Ich frchte, Sie werden, trotz meiner umstndlichen Beschreibung, doch kein
richtiges Bild von ihm haben.
    Sie sehen aber, liebe Tante, wie gern ich Ihnen alles lieber mit der grten
Umstndlichkeit berichte, damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten
Glauben beimessen drfen, und dann mit vorgefaten Meinungen, die uns nachteilig
sind, herkommen. Sie haben noch keinen Tag festgesetzt, an dem wir Sie sehen
sollen. Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie, meine verehrte, liebe Freundin!
    Ich htte Ihnen gern erzhlt, welches frhliche Leben wir leben, und welche
Dinge wir unter Florentins Anleitung ausfhren. Aber heute, und in den nchsten
Tagen kann ich nicht daran denken. Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben
gelassen. Kommen Sie bald, und nehmen Sie Teil, und erhhen Sie unsre
Frhlichkeit durch Ihre Gegenwart. Ich hoffe heute noch, oder doch morgen einen
Brief von meiner gtigen Freundin zu erhalten, mit der bestimmten Nachricht
Ihrer Abreise. Leben Sie wohl, lieben Sie Ihre Juliane.

                                Sechstes Kapitel


Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der
umliegenden Gegend gemacht. In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die
benachbarten Stdtchen und Drfer durchzogen, auf Kirmsen, Hochzeiten,
Jahrmrkten, bald als Krmer oder als Spielleute. Manches lustige Abenteuer kam
ihnen entgegen, sie wiesen keines von sich. Wenn sie dann von ihren Wanderungen
zurckkamen, hatten sie viel zu erzhlen und von den Eroberungen zu sprechen,
die sie wollten gemacht haben. Juliane bekam den Einfall sie einmal zu
begleiten; und das nchste Mal, da sich die beiden jungen Mnner wieder zu
einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten, teilte sie Eduard ihren Wunsch
sie zu begleiten mit. Er war voller Freude ber diesen Entschlu, der ihm die
Hoffnung gab, Julianen auf ein paar Stunden der Frmlichkeit zu entziehen, die
jetzt bei der vergrerten Gesellschaft immer mehr berhand nahm, und ihrer in
der Einsamkeit froh zu werden; auch seinem Freunde war es lieb, er hatte einen
solchen Wunsch bei Julianen gar nicht vermutet. Der Graf und seine Gemahlin
hatten aber viel dawider, und wollten es anfangs unter keiner Bedingung zugeben.
Der Wohlstand ward beleidigt, Julianens Gesundheit ausgesetzt, der brigen
Gefahren und ihrer eignen ngstlichkeit nicht zu gedenken. Florentin, der seinen
Kopf auf diesen Plan gesetzt hatte, und Eduard, der ein Recht zu haben glaubte,
eine solche Erlaubnis zu fordern, hrten mit Bitten und Vorstellungen nicht eher
auf, bis sie ihnen zugeteilt ward, nur unter der Bedingung, da sie nicht zu
Pferde sondern zu Fu gingen, und da sie nicht die Nacht ausbleiben wollten.
Und nun wurden noch so viele Anstalten gemacht, so viel Regeln und Warnungen
gegeben, da Juliane, ganz ngstlich gemacht, sich im Herzen vornahm, gewi
nichts zu bertreten, und gewi zum letztenmal eine solche Erlaubnis zu
begehren. Eduard aber ward der ganze Einfall beinah zuwider wegen der groen
Umstndlichkeit, und er war eben nicht gesonnen, sich gar zu streng an die
Vorschriften zu halten.
    Nachdem sie endlich alles zustande gebracht, und Juliane den Abend mit
schwerem Herzen von ihren Eltern Abschied genommen hatte, machten sie sich
morgens frh auf den Weg, nur von ein paar Jagdhunden begleitet. Sie waren alle
drei als Jger gekleidet. Eduard und Florentin trugen Bchsen, Juliane hatte nur
ein Jagdmesser und Tasche, statt der Bchse trug sie die Gitarre, von der sich
Florentin selten trennte. Da Juliane gut zu Pferde sa, und oft in Mnnertracht
ausritt, so war sie ihrer nicht ungewohnt, sie ging so leicht und ungezwungen
daher, als htte sie nie eine andere Kleidung getragen, und auch so als Knabe
sah sie wunderschn aus; auch die beiden Freunde nahmen sich gut aus, als ltere
Brder des lieblichen Kindes. Sie gingen dem Morgen entgegen, der in voller
Pracht heraufstieg, der Frhling in seiner ganzen Herrlichkeit umfing sie, die
Vgel sangen munter, Blten dufteten und die Bume glnzten im Schein der Sonne.
    Sie gingen durch den Wald nach dem Gebirge zu, frhlich und unbekmmert wie
die Kinder. Sie genossen sich selbst in reiner Unbefangenheit; Vergangenheit und
Zukunft war ihren Gedanken fern, der Wille des Augenblicks war ihnen Gesetz.
    Ach, rief Eduard auf einmal aus; so leben, wenn auch nur eine kurze Zeit,
und sterben, eh wir den Tod zu wnschen haben! Schlafen gehen und nicht wieder
aufstehen! - Ihr denkt an den Tod, sagte Florentin, um zu bedenken wie Ihr
so gern nicht an ihn denken wollt! - Torheit! rief Juliane, wer will jetzt
vom Tode sprechen? - Florentin nahm ihr die Gitarre ab, und spielte einen
raschen Tanz, sie drehte sich mit Eduard in schnellen Kreisen. Er hatte sich
unter einem Baume niedergesetzt. Nachdem sie zu tanzen aufgehrt hatten, setzten
sich beide neben ihn. - Es tanzt sich gut auf dem kurzen Grase. - Besser und
erfreulicher als auf dem getfelten Fuboden eurer Sle, das ist gewi. - Wenn
man nun hier im Walde an eine Assemblee denkt! - Davon kein Wort, Juliane, ich
mag ebensowenig von Assembleen hren als Sie vom Tode. - Hiemit nahm er die
Gitarre wieder auf, und sang:

Sie ist mir fern, wie soll ich Freude finden!
Ich kann dem Kummer nur mein Leben weihn.
Wie um den Baum sich ppig Ranken winden,
Die Nahrung raubend seiner Krone drun,

So, fern von dir, mich Sorg' und Unmut binden,
Da keine Erdenlust mich kann erfreun.
Fragt nicht, warum mein Sinn so rastlos eilt;
Fr mich ist nirgends Ruh', als wo sie weilt.

Juliane, erhitzt vom raschen Tanz, lehnte sich an Eduard, ein sanfter Wind, der
hoch in den Wipfeln der jungen Birken rauschte, khlte ihr das glhende Gesicht,
und wehte die Locken zurck, die in der Bewegung durch ihre eigne Schwere sich
von der Nadel losgemacht hatten, und nun bis tief auf die Hften herabfielen.
Eduard verlor sich ganz im Anschaun ihrer Schnheit, und die Tne der Gitarre,
die dazu gesungenen Worte drangen in sein Innerstes. Er drckte Julianen mit
Heftigkeit an seine Brust; die Gegenwart des Freundes vergessend hielt er sich
nicht lnger, seine Lippen waren fest auf die ihrigen gepret, seine Umarmung
wurde khner, er war auer sich. - Juliane erschrak, wand sich geschickt aus
seinen Armen, und stand auf, ihm einen zrnenden Blick zuwerfend. Eduard war
betroffen, sie reichte ihm beruhigend die Hand, die er mit Kssen bedeckte.
Nunmehr sang Florentin, mit raschen Griffen sich begleitend, gleichsam als
beruhigendes Echo jener ersten sehnsuchtsvollen Anklnge:

Ich bin dir nah, wie soll die Wonn' ich fassen,
Die mir aus deinen lieben Augen winkt!
Als sollt' ich nimmermehr dich wieder lassen.
Wann voll Verlangen Herz an Herz nun sinkt,
So soll mein Arm den holden Leib umfassen,
Indes mein Mund der Liebe Trnen trinkt.
O Glck der Liebe, seliges Entzcken!
Geschenk der Gtter, Menschen zu beglcken!

Wie schn, rief Juliane, als das Lied geendigt war, wie schn wei er die
Seligkeit und die Schmerzen eines liebenden Herzens auszusprechen! Florentin,
Sie lieben! gewi Sie lieben! Sie sollten uns die Geschichte Ihres Glcks
mitteilen! oder, wenn Sie nicht glcklich lieben... armer Florentin! - Sie nahm
seine Hand in ihre beiden Hnde. Er seufzte und lehnte seine Stirn auf ihre
Hand.
    So ffnen Sie uns Ihr Herz, fuhr sie mit bewegter Stimme fort, wir sind
es beide wert. - Florentin richtete sich auf. - Wie mich eure Teilnahme rhrt,
ihr Guten. Es ist das erste Von-Herzen-zu-Herzen-Gehende, dem ich begegnet bin!
Wohl trage ich Liebe in meiner Brust, Juliane, aber ein Weib, dem sie eigen
gehrte, die sie mit mir teilte... die fand ich noch nie! - O das ist
unglaublich. Sie entziehen sich uns. - Nein, bei Gott, nein!
    Sie werden es weder glckliche noch unglckliche Liebe nennen wollen, wenn
Sie hren, da ich von meinem sechzehnten Jahre an der Erziehung der
berhmtesten schnen Frauen in Venedig berlassen war. Ich lernte jeden
Sinnenrausch kennen, frher als ich das geheime Feuer im innersten meines
Herzens kannte und verstand, und keine Verderbnis der verderbtesten Welt hat es
daraus vertilgen knnen. Die Schnheit betete ich an, wo sie sich mir darbot,
ein glckliches Naturell untersttzte mich... kurz, ich ward nirgend grausam
behandelt. Nachher lebte ich eine Zeitlang von aller schnen feinen Welt
entfernt bei armen Hirten in den Gebirgen; dieser schnen Tage werde ich immer
mit Freude gedenken. Ich lebte mit lieben holden Kindern zusammen, wahren
Kindern der Natur, und der ersten Unschuld; bei ihnen heilte meine Phantasie
wenigstens wieder... Einen Gegenstand der Liebe aber, die bis jetzt mir nur
unbelohnt, aber tief im Herzen lebt, wo wrde ich den wohl finden? Er existiert
irgendwo, das wei ich, von dieser frohen Ahndung werde ich im Leben
festgehalten; aber wo er existiert? wo ich ihn finde? - Aber welche
Forderungen werden Sie auch machen? sagte Juliane. Was wird der Herr verlangen
von einer Frau, die ihm die rechte sei! - Unwiderstehlich reizend sind Sie,
Juliane, wenn Sie die kleine Lippe so trotzig aufwerfen, und das Nschen
hhnisch rmpfen! - Welche Anmaung! - O keinen Zorn, wenn ich meinen Kopf
behalten soll, er kleidet Sie viel zu schn! Was hilft es denn, da ich in einer
alles vereinigt fand, was meine Wnsche fassen? Sie ist ja die liebende Braut
des Glcklichen dort! - Sie sind ausgelassen, Florentin! -
    Nun seht, ihr Lieben, ich fordre wenig, ihr werdet es vielleicht nicht
glauben, recht sehr wenig; doch scheint es eine groe Forderung zu sein, denn
ich fand sie nie erfllt. Nichts als ein liebenswrdiges Weib, die mich liebt,
liebt wie ich sie, die an mich glaubt, die ohne alle Absicht, blo um der Liebe
willen, die meinige sei, die meinem Glck und meinen Wnschen kein Vorurteil und
keine bse Gewohnheit entgegensetzt, die mich trgt wie ich bin, und nicht
erliegt unter der Last; die mutig mit mir durch das Leben, und, wenn es sein
mte, mit mir in den Tod schreiten knnte... Sehen Sie Juliane, das ist
alles!... und ich habe es nicht gefunden, obgleich schne Frauen jedes Standes
mir berall und ohne Bedenken, die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe, wie sie
es nannten, gaben. - Mit welchen Frauen haben Sie gelebt, Florentin! - In
der besten, der feinsten Gesellschaft mitunter, sein Sie versichert, gute
Juliane. - Sie sollten uns doch bald mit Ihren Schicksalen und Abenteuern
bekannt machen, sagte Eduard. - O tun Sie es, sagte Juliane, Ihr Lebenslauf
mu sehr interessant sein! - Interessant! rief er aus; ich bitte euch, was
nennt ihr denn interessant? Ich wei wahrhaftig nicht, ob er das sein wird. Ich
wollte, mein Lebenslauf gehrte irgendeinem andern zu, vielleicht wrde ich ihn
dann auch ergtzlich finden: als mein eigner Lebenslauf aber gefllt er mir eben
nicht. Euch will ich auch einmal die Lust verschaffen, nur jetzt nicht, denn
mich dnkt, es ist Zeit, da wir uns nach einer Mahlzeit umsehen. - Wenn Sie
es zufrieden sind, sagte Juliane, so gehen wir, whrend die Mittagssonne
brennt, nicht von diesem Platz; er ist schattig und khl. Geben Sie her, was von
kalter Kche da ist, unser grnes Lager mag zugleich unsre Tafel sein. - Sehen
Sie, auch fr ein sauberes Tuch hat man gesorgt, um es aufzudecken. - Sogar
Wein findet sich hier, sagte Florentin, indem er die Flasche hervorzog. -
Stellen Sie ihn dort an den Bach hin, damit er abkhle. - So reichlich fanden
wir uns noch nie auf unsern Zgen versorgt. - So hat die Umstndlichkeit, die
meine Begleitung verursachte, doch wieder etwas Angenehmes erzeugt. - Wie oft
mute ich nicht schon die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren!
konnte ich mir aber nur eine grere Unabhngigkeit damit erkaufen, so geschah
es mit tausend Freuden. - Doch wohl auch oft dem Liebchen zu gefallen? -
sagte Eduard. - Auch das genug, sagte Florentin, ich hatte dann auch sen
Lohn.
    Sie lagerten sich um das Tuch und verzehrten ihren Vorrat unter frhlichen
Scherzen, Gesngen und Lachen. Florentin pflegte durch den Wein lebhafter und
noch heiterer zu werden als gewhnlich, Eduard aber fhlte seine Lebensgeister
leicht durch ihn erhitzt, reizbarer und zugleich schwerer; Juliane ward von
ihnen mit Bitten bestrmt, diesesmal doch ihren Wein ohne die gewhnliche
Mischung von Wasser zu trinken, sie war aber nicht dazu zu bewegen. Die
Ausgelassenheit und der steigende Mutwille der beiden fing an sie zu ngstigen,
sie fand jetzt ihr Unternehmen unbesonnen und riesenhaft khn; die beiden Mnner
kamen ihr in ihrer Angst ganz fremd vor, sie erschrak davor, so ganz ihnen
berlassen zu sein; sie konnte sich einen Augenblick lang gar nicht des
Verhltnisses erinnern, in dem sie mit ihnen stand, sie bebte, ward bla. -
Eduard bemerkte ihre Angst. Was frchtest du holder Engel! Du bist bei mir,
bist mein, er umarmte sie mit einigem Ungestm. - Lassen Sie mich, Eduard!
rief sie, sich aus seinen Armen windend; nicht diese Sprache... Sprechen Sie
jetzt gar nicht zu mir, Ihre Worte vergrern meine Furcht... ich bin so
erschreckt... ich wei nicht warum? - Sie verbarg ihr Gesicht in ihre beiden
Hnde. - Beruhigen Sie sich Juliane! - Stille, ich beschwre Sie, nicht ein
Wort weiter, wenn Sie mich lieben! - Florentin hatte sich, als er ihre Unruhe
bemerkte, zurckgezogen, die Gitarre genommen, und allerlei Melodien
phantasiert; die beiden Hunde hatten sich zu ihm gelagert, und drckten aufwrts
ihre Kpfe an seine Knie. Gesammelt fing Juliane endlich an: Die Sonne steht
noch zu hoch, wir knnen in der drckenden Hitze diese Schatten nicht verlassen.
Sie, Florentin, knnten jetzt Ihr Versprechen erfllen, und uns einiges aus
Ihrem Leben erzhlen!
    Er schwieg ein Weilchen, dann sang er folgende Worte:

Drauen so heller Sonnenschein,
Alter Mann, la mich hinaus!
Ich kann jetzt nicht geduldig sein,
Lernen und bleiben zu Haus.

Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort,
Mir ist im Zimmer hier so bang,
Alter Mann, la mich doch fort!

Er bleibt ungerhrt,
Er hrt mich nicht:
Erlaubt wird, was dir gebhrt,
Tust du erst deine Pflicht!

Pflicht ist des Alten streng Gebot;
Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,
Du fhlst nur ungerechte Not,
Und Trnen netzen dein Gesicht.

Wenn es dann lngst vorber ist,
Wonach du trugst Verlangen,
Dann gnnt man dir zu spt die Frist,
Wenn Klang und Schein vergangen!

Was du gewhnt,
Wonach dich gesehnt,
Das findest du nicht:
Doch bleibt betrnt
Noch lang dein Gesicht.

Was soll uns jetzt das Lied, Florentin? fiel Juliane ungeduldig ein; ich
dringe auf die Erfllung Ihres Versprechens! - Sie knnten auch mein Lied als
Einleitung nehmen zu dem, was ich Ihnen zu erzhlen habe. Aus meiner Kindheit
wei ich mir nichts so bestimmt zu erinnern, als den Zwang und das Unrecht, das
mir geschehen ist, und das ich schon damals sehr klar fhlte. Gewi ist jedem
Kinde so zumute, dem man nach einer vorher bestimmten eigenmchtigen Absicht
eine streng eingerichtete Erziehung gibt.

                               Siebentes Kapitel


Die Gesellschaft lagerte sich bequem, und Florentin erzhlte:
    Wie ein Traum schwebt mir die frhe Erinnerung vor, da ich in meiner
ersten Kindheit in einem einsamen Hause auf einer kleinen Insel lebte. In dem
Hause wohnte niemand, als eine gute freundliche Frau, die Sorge fr mich trug
und mich keinen Augenblick verlie, und ein etwas ltlicher Mann, der die
schweren Haus- und Gartenarbeiten verrichtete, und jeden Tag mit einer kleinen
Barke fortruderte, und die ntigen Vorrte einholte. Es befanden sich gewi noch
mehrere Huser auf der Insel; von diesen erinnere ich mich aber nichts, so wenig
als von ihren Bewohnern. Ein paarmal kam eine schne sehr prchtig gekleidete
Dame, von zwei Herren begleitet, mit der zurckkehrenden Barke. Diese Dame
liebkoste mich zrtlich, gab mir Spielzeug und Konfekt, und ich mute sie Mutter
nennen. Einer von den Herren, der auch schn und glnzend gekleidet war,
bezeigte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit, und war sehr freundlich gegen sie,
so wie sie auch gegen ihn. Dem andern Herrn, der, wie ich nachmals erfahren
habe, ein Geistlicher war, begegneten beide mit Ehrfurcht. Gegen mich waren
beide unfreundlich; sie schalten mich, wenn ich mich zu nah an meine Mutter
drngte oder nicht von ihrem Scho fort wollte. Sie waren mir beide verhat,
besonders der geistliche Herr, dessen Recht mich zu schelten ich immer im Herzen
bezweifelte. Der Stolz und die Unfreundlichkeit der beiden Mnner hatte einen so
verhaten Eindruck auf mein kindliches Gemt gemacht, da ich sie frchtete, und
sie niemals begren und anreden mochte, so sehr meine Mutter darauf bestand.
Empfindlichen Kindern ist Hrte und Unfreundlichkeit unertrglicher als jede
Entbehrung, die man ihnen mit Gte und Sanftmut auferlegt.
    Eines Tages kam unser alter Mann mit der Barke zurck. Er war ganz bestrzt
und sprach heftig mit der Frau; diese weinte, kte mich und stieg mit mir in
die Barke. Der Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer, wo der Anblick der vielen
Menschen und Huser mich in Erstaunen setzte. Ich ward durch viele Straen in
ein sehr groes Haus gefhrt, dann durch eine Menge Zimmer, in denen sich viele
Menschen hin-und herdrngten. Die meisten waren schwarz und wunderlich
gekleidet, und obgleich es so viele waren, und alle besorgt und beschftigt
schienen, so ging es doch still und feierlich zu. Mein Herz ward kalt bei dem
geistermigen Anblick, den ich mir so gar nicht erklren konnte. Endlich
gelangte ich in ein sehr groes Zimmer, dessen Wnde und Fuboden schwarz
behngt waren; kein Tageslicht drang herein, ein paar Wachskerzen mit schwarz
umwundenen hohen Leuchtern brannten dster. Ganz am entgegensetzten Ende stand
ein schwarzbehangenes Ruhebett, auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete
Dame sa, die einen langen schwarzen Schleier ber das Gesicht hatte.
    Indem ich hineintrat, stand die Dame auf, und ich erkannte die Stimme meiner
Mutter; der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein, und ging mir entgegen, um
mich zu ihr zu fhren, ich war vor Angst und Schrecken wie im Fieber, und ich
verbarg mich zitternd im Gewand meiner Wrterin. Meine Mutter mochte die Ursache
meines Schreckens erraten, sie kam auf mich zu, und legte ihren Schleier zurck,
so da ich ihr Gesicht erkannte; aber ich vermite schmerzlich den glnzenden
Schmuck, den ich sonst mit solchem Ergtzen in ihren Haaren, an Hals und Ohren
hatte schimmern sehen. Ich blieb lange furchtsam und ngstlich; man gab mir
glnzendes Spielzeug, ich konnte mich aber nicht beruhigen. Endlich ward mir ein
kleines Mdchen zugefhrt, die mir freundlich zuredete, und den Gebrauch des
schnen Spielzeugs kannte; man sagte mir, sie sei meine Schwester; ich spielte
mit ihr, und meine Furcht verschwand beinah ganz. Dies war das erstemal, da ich
ein anderes Kind sah, und meine Freude war sehr gro ber diese neue
Bekanntschaft. Nun war ich glcklich genug, nur konnte ich mich durchaus nicht
an die finstern Zimmer gewhnen, ich sehnte mich nach der frischen Luft, nach
dem Himmel und den Bumen; meine Mutter begegnete mir mit der grten
Zrtlichkeit, ich liebte sie, aber ich ging doch noch lieber mit meiner Wrterin
ins Freie. Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhaten Zimmern, sie weinte
fast immer, wenn ich sie sah, und ich hrte sie oft wiederholen: mein Vater sei
gestorben; aber ich konnte es nicht fassen, ich wute nicht, wer mein Vater
gewesen sei, ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt. Meine
Mutter sagte mir mit Trnen: der schne Herr, der mich in ihrer Gesellschaft auf
der Insel besucht htte, wre mein Vater gewesen. Ich weinte nun auch, und war
nicht wieder zu beruhigen; die Wrterin fragte mich: warum ich denn so sehr
weinte? Ich wollte es nicht sagen, man drang in mich. O da der Prior nicht mein
Vater war, schrie ich, so wre der tot, und der andre Herr lebte noch! - Ich
erinnere mich jetzt nicht mehr, was auf diesen Ausruf erfolgte, auch nicht, ob
der Prior zugegen war.
    Von den Hausleuten hrte ich manchmal mit Bedauern sagen: es wre doch sonst
viel anders im Hause gewesen! Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner
Schwester, wie es eigentlich gewesen wre? Ihre Erzhlungen gaben mir ein
wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden, die jetzt ganz aus dem
Hause verbannt, und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsbungen
getreten waren. Meine Schwester wute nicht viel zu erzhlen, auer da die
Mutter damals sehr reiche glnzende Kleider angehabt htte.
    Einigemal hrte ich den Prior meine Mutter erinnern, da es jetzt die
hchste Zeit sei, mir die Erziehung meiner knftigen Bestimmung zu geben, und
mich in die notwendige Lebensart einzufhren. Meine Mutter bat ihn aber, ihr die
Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen, sie wrde alles Versumte wieder
nachholen. Ohne da ich den Sinn dieser Worte verstand, ngstigten sie mich mit
trauriger Ahndung, die auch sehr bald erfllt ward. Meine Mutter ward immer
ernster und trber, und bald auch strenger gegen uns. Anstatt unsrer
gewhnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns hliche Kleider von
grobem Zeuge, mit klsterlichem Schnitt, und das whrend derselben Tage, da ich
die Freude hatte, da man die schwarzen Vorhnge aus dem Zimmer meiner Mutter
nahm. Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein, die prchtig vergoldeten
Zieraten glnzten mir entgegen, ich war voller Freude ber diese Herrlichkeiten;
und nun mute ich diese Kleidung anlegen, die mir schon an den Mnchen, die ich
gesehen hatte, so widerlich war. Ich war auer mir, ich wollte es durchaus nicht
leiden, keine Drohung konnte mich bewegen. Endlich zog meine Schwester mit
stillen sanften Trnen an, was man von ihr verlangte, da lie ich mir's auch
gefallen. Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglcklichen Tage.
    Wir wurden zur Mutter hereingerufen; sie war im Gesprch mit dem Prior und
noch einem Mann in geistlicher Kleidung, den ich nicht kannte, der mir aber
einen so fatalen Eindruck machte, da ich gewi den Augenblick, wo ich ihn
zuerst gesehen, nie vergessen werde. Er hatte ein finstres kaltes Gesicht wie
der Prior, nur da dieser, ein vollkommen schner Mann, mit feierlichem stolzen
Anstand sich sehr gut zu prsentieren wute, auch ber meine Mutter eine
Superioritt hatte, die allen Ehrfurcht einflen mute. Der neue Ankmmling war
lang und mager, von gelber Gesichtsfarbe, und hatte so durchaus etwas
Jmmerliches und Demtiges. Er bckte sich bei jedem Wort, das meine Mutter mit
einer Protektionsmiene zu ihm sprach, so furchtsam und ungeschickt. Mir entging
nichts von dem allen, meinen Widerwillen wute ich aber erst spter zu erklren.
Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht, und zu gleicher Zeit sagte
meine Mutter zu meiner guten Wrterin, sie wre von nun an die Hofmeisterin
meiner Schwester, die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte. Ich
beneidete meine Schwester, ich wre so gern bei meiner Wrterin geblieben. Es
erfolgte jetzt ein frmliches Abschiednehmen; meine Mutter kte mich, und
fhrte mich zum Prior, der mir seinen Segen gab, meine Schwester ward weinend
von mir getrennt, der Hofmeister empfing mich aus den Hnden des Priors, der ihm
Wachsamkeit und Flei empfahl. Er fhrte mich fort, ich folgte ihm halb tot vor
Entsetzen und bangem Erwarten. Es war der Anfang einer unglcklichen Reihe von
Jahren, der ich entgegenging.
    Er fhrte mich in das fr uns bestimmte Zimmer, es war ganz entlegen, und
vom geruschvollen Teile des Hauses entfernt. Eine groe schwere Tre, am Ende
eines finstern Ganges ward aufgetan. Wir traten hinein, eine kalte Luft umfing
mich, ich schauderte, und derselbe Schauder berfiel mich jedesmal, wenn ich
hineinkam. Das Zimmer war gro und hoch, gotisch gewlbt, die Fenster ganz oben,
und zum berflu noch vergittert, die nackten grauen Wnde nur von finstern
Heiligenbildern verziert. Am einen Ende bedeckte ein groes Kruzifix einen Teil
der Wand; drunter ein Tisch, worauf eine Decke und zwei groe Kerzen sich
befanden, gegenber unsre Betten, zwei Tische mit Schreibzubehr, ein
Repositorium mit Bchern und einige Sthle: das war alles, was diese Gruft
enthielt, in der ich vier lange, bange Jahre mit meinem gespensterhaften
Aufseher, unter unaufhrlichem Zwang verleben mute. Ich mochte ungefhr zehn
Jahre alt gewesen sein, als ich hineingelassen ward. Seltne sprliche
Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter, und diese vermehrten nur immer
mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel, wenn sie die
gegenberstehende Wand erhellten. Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das
Kruzifix in die Augen, auf das oft ein solcher blasser Strahl schrg hinfiel und
es so schauderhaft erleuchtete, da ich davor zurckbebte. Ich habe mich in
diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewhnen knnen; ich war froh,
wenn der Himmel umwlkt war, damit ich die Strahlen nicht mehr she, die sonst
meine grte Freude gemacht hatten. Seitdem war ich noch oft sehr unglcklich,
ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt; aber gegen die
Bitterkeit jenes Zustandes, in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit
vertrauren mute... daran reichte seitdem nichts wieder! Wie grenzenlos
unglcklich ein Kind sein kann, dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist, das
nichts hat, nichts kennt als den gegenwrtigen Moment, an dem es mit allen
Sinnen, mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hngt; wenn es
abhngig von fremder Laune, fremder Absicht, seine frohen Wnsche, die
natrlichen Gefhrten seines Alters unterdrcken mu, so da selbst diese ihm
fremd werden... gewi hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren: aber die meisten
vergessen diesen peinvollen Zustand wieder, sobald sie darber hinaus sind. Ja
oft rchen sie sich fr das ausgestandne bel wiederum an ihren Kindern, so wie
diejenigen gegen ihre Untergebenen am hrtesten verfahren, die selbst aus dem
Stand der Dienstbarkeit sind. Kinder werden von einer Generation auf die andre
als angebornes Eigentum angesehen, das man zu seinem eigenen Vorteil, oder nach
Laune, bearbeitet und benutzt. Nun, wenn es unabnderlich so bleiben mu, so ist
es nur eine Inkonsequenz, da die Eltern nicht auch ber Leben und Tod ihrer
Kinder zu richten haben!
    Es hielt schwer, eh ich mich bewegen lie, bei meinem Hofmeister zu bleiben,
der im Hause allgemein der Pater genannt ward. Ich strubte mich aus allen
Krften dagegen. Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert, da ich
mich durchaus fgen mte, sonst sollte ich sogleich ins Kloster der
Benediktiner, wohin ich durch besondere Vergnstigung des Priors nun erst in
vier Jahren zu gehen brauchte. Er htte aus Gewogenheit fr mich und meine
Mutter es erlaubt, da der grte Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause
unter der Aufsicht des Paters vergehen drfte, und fr diese Gunst sollte ich
doppelt gehorsam und dankbar sein.
    Mein Schrecken war bermig, als ich erfuhr, da ich zu den Benediktinern
sollte. Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgefhrt, mir die Ordnung,
Einrichtung und Gesetze erklrt, und trotz dem, da er mir alles auf schnste
und unter vielen Schmeicheleien vortrug, konnte doch nichts den Abscheu
berwinden, den ich mit der grten Heftigkeit gegen Kloster und Mnche fate.
    Er war sonderbar, dieser Ha, denn ich kannte ja die Welt noch nicht, und
wute nichts von ihren Freuden. Aber es war mir immer, als sprche etwas in
meinem Innern zu mir: es gibt noch viel schne Dinge, aber weit von hier! Doch
alles, was ich einwenden mochte, half nichts, wollte ich diese vier Jahre noch
im Hause meiner Mutter bleiben drfen, so mute ich mir alles gefallen lassen;
und nun war es beschlossen, da sowohl ich, als meine Schwester zum Kloster
bestimmt wren, und da wir, dieser Absicht gem, schon jetzt unsre Lebensart
daran gewhnen sollten.
    Anfangs wurde ich und meine Schwester tglich zu meiner Mutter gefhrt, nach
und nach wurden aber diese Besuche immer seltner, meine Schwester blieb meiner
alten Wrterin ganz berlassen, und ich war allein mit dem Pater. Nur an seltnen
Festtagen durften wir zur Mutter kommen; auch fanden wir immer weniger Trost bei
ihr, sie bezeigte uns zwar viel Liebe, besonders mir; aber sie selbst ward
tglich trber, und den Andachtsbungen immer mehr hingegeben. Mein einziger
Trost war meine Schwester, die ich aber nie sprechen konnte als im Garten, wohin
mich der Pater regelmig jeden Abend fhrte, wo sie sich dann auch mit ihrer
Hofmeisterin einfand; dies war die einzige frohe Stunde, die ich den ganzen Tag
hatte; und auch diese war beschrnkt, denn der Pater verlie mich keinen
Augenblick, und gelang es uns auch, uns allein zu unterhalten, so verging sie
unter gegenseitigen Klagen. Das arme kleine Mdchen jammerte besonders sehr ber
die hliche Kleidung, die ihr nicht stehen wollte, ich trstete sie oft, wenn
ich weniger belgelaunt war, und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine
Prophezeiung, ich wrde es, wenn ich erst lter wre, gewi ndern, und ich
wollte sie freimachen, sobald ich frei wre. Darauf wute sie aber niemals etwas
zu sagen, sie sah mich mit groen Augen an, und es schien als glaubte sie mir
nicht, was mich denn nicht wenig verdro.
    Meine Tage fllten trostlose Studien, die alle darauf abzweckten, mich zu
meinem knftigen Stande geschickt zu machen; das kanonische Recht, geistliche
Gebruche, Kirchengeschichte, kurz alles was in dieses Fach gehrt: mein armes
Gedchtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstrung gemartert. Das Beste,
was ich davontrug, war die Kenntnis einiger alten, und der deutschen Sprache;
der Pater war ein Deutscher von Geburt, und liebte seine Sprache. Der Prior, der
als ein gelehrter Mann bekannt war, hatte es ber sich genommen, meine Studien
zu dirigieren. Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte, es
war daher leicht zu begreifen, da der Pater sein Bestes an mir versuchte. Mit
der grten Strenge hielt er mich an, mir Sachen einzuprgen, die ich, Gott sei
Dank, in krzerer Zeit verga, als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte; zur
Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die Geschichte der Heiligen und
Mrtyrer zu lesen, deren Gemlde an den Wnden hingen. Auch versuchte ich es
oft, mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen, welches mir immer gut
gelang; mit einiger Anleitung htte ich vielleicht ein Knstler werden knnen.
Gewi ist es aber, da Kinder von lebhaftem Geiste gegen die Dinge, wozu man
ihnen durch frhe Gewhnung eine Neigung zu geben sucht, grade dadurch einen
Widerwillen bekommen; nur auf schwache, furchtsame Gemter vermag die Gewohnheit
etwas. Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu,
da alles, was mich umgab, mich bis zur Ermdung darauf hinwies. Freiwillig und
lebensmde htte ich sie vielleicht einst selbst gewhlt.
    Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein mrrisch und hart,
sondern ganz unverstndig und blind, ihre Befehle und Verbote sinnlos und
abgeschmackt. Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre
meines widrigen Lebens bestrkt. Ich war nmlich einmal mit meiner Schwester im
Zimmer meiner Mutter, sie wollte unsre Fhigkeit im Lesen prfen. Zufllig war
kein andres Buch in der Nhe, als ein Gedicht, das meine Mutter eben gelesen
hatte. Ich las einige Verse, in denen das Glck der Kindheit gepriesen ward;
meine Mutter war mit der Fertigkeit, womit sie gelesen wurden, zufrieden, und
rhmte, indem sie sich zum Pater wandte, die Schnheit der Verse, und die
rhrende Wahrheit des Inhalts; der Pater stimmte laut mit ein. Schwache
Geschpfe, die in solcher Abhngigkeit leben mssen, glcklich zu preisen, zu
beneiden, das war zu toll! Ich ward ganz wtend, weinte, und war durch nichts zu
bewegen, noch weiter zu lesen, und mute die Strafe fr meinen Eigensinn, wie
sie es nannten, erleiden, deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr emprte, und
meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch
vergrerte. Wie seufzte ich nach dem Moment, mich von den hartherzigen,
unverstndigen Tyrannen loszumachen, sie nicht mehr frchten zu drfen! Ich
suchte in den Augen meiner Schwester eine bereinstimmung mit diesem Gefhle,
ohne sie zu finden; das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt, und las
gedankenlos, was man ihr aufgab, mit allem Eifer, blo um den Beifall der Mutter
zu erhalten; ich hatte Mitleid mit ihr, aber mein Zutrauen zu dem schwachen
Kinde war verschwunden.
    Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unauslschlich in meinem Gemt; ich
war seitdem berzeugt, mehr Verstand zu haben, als die mich beherrschten, und
sie betrgen zu drfen. Weil sie strker waren und ihre Strke gegen mich
anwandten, so glaubte ich meinen Verstand, als die einzige Waffe, wodurch ich
ihnen berlegen wre, gebrauchen zu mssen. Ich suchte auf jede Weise meine
Unabhngigkeit in meinem Innern zu erhalten, je mehr ich meine Handlungen und
mein ueres Leben nach ihrem Willen ordnen mute. In jeder Meinung ging ich
geflissentlich von der ihrigen ab, es war mir genug, da jene etwas fest
glaubten, um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen, und gerade das
Entgegengesetzte anzunehmen. Da ich nun meine Freidenkerei sorgfltig verbergen
mute, so hielt ich mich heimlich fr den Zwang schadlos; jeder Akt von
Unabhngigkeit, auch der allerunbedeutendste, erfllte meine Seele mit einem
geheimen Triumph, und da ich nicht gleich auf der Stelle fr meine Unwahrheit
von Gott bestraft wurde, befestigte mich in meiner berzeugung. So lebte ich, in
anscheinendem Frieden, innerlich in bestndigem Krieg mit meinen Vorgesetzten,
dachte auch, sie verachteten mich ebenso, wie ich sie, und suchten mich nur zu
berlisten.
    Wie ward ich nun berrascht und erschttert, als ich bei einer Krankheit,
die ich aus Stolz einige Tage verbarg, der ich aber endlich unterliegen mute,
die Zrtlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters fr meine
Genesung gewahr ward! Es waren die Blattern, die mit gefhrlichen Symptomen
herausbrachen. Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewutsein; in dem
Augenblick, als ich endlich zu mir kam, und noch ganz entkrftet die Augen
aufschlug, war das erste, was ich unterscheiden konnte, der Anblick meiner
Mutter, die auf ihren Knien lag, und mit heien Trnen und gengstigtem Herzen
Gebete fr ihr Kind zum Himmel schickte. Ich machte eine Bewegung, sie kam zu
mir, ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der
gewhnlichen Ordnung; ich erkundigte mich nach der Ursache, da hrte ich: sie
wre in den Nchten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen, und
htte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen, um gehrig auf ihrem
Bette zu ruhn, oder sich umzukleiden. Ihre Freude, als sie gewahr ward, da ich
meine Besinnung wiedererlangt htte, und sie mich wieder ruhig und
zusammenhngend sprechen hrte, auch der Arzt versicherte, ich sei jetzt auer
aller Gefahr, war unbeschreiblich, und bewegte mich tief. Mein Zustand schien
mir selbst hchst abschreckend und ekelhaft; doch hielt er weder meine Mutter
noch meinen Hofmeister ab, mir alle mglichen Dienste selbst zu leisten, und
Erleichterungen zu verschaffen. Sie verlieen mich fast keinen Augenblick,
begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit, und suchten mir sogar durch
kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkrzen. Trotz meiner krperlichen
Schmerzen war ich zum erstenmal vergngt; mein Herz erweichte sich gegen
diejenigen, die ich fr meine Feinde gehalten hatte, und die mich jetzt so
freundlich und zrtlich behandelten. Mein Vergehen, sie als Feinde betrogen zu
haben, fiel schwer auf mein Gewissen; es drngte mich, mich ihnen zu entdecken,
und sie selbst um die Auflsung meiner Zweifel zu bitten. In dieser Aufwallung
von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollstndige Beichte in Gegenwart
meiner Mutter und des Paters ab; heie Trnen entfielen meinen Augen bei dem
Bekenntnis meiner Snden! Der Moment war entscheidend, denn jetzt hing es von
ihnen ab, mich auf immer fr sich zu gewinnen. Die Idee vom Kloster ausgenommen,
war ich zu allem bereit, was von mir gefordert wrde; ja auch zu diesem htte
ich mich vielleicht verleiten lassen, wenn sie mich mit weniger sichtbarer
Absicht behandelt htten; aber sie verstanden mich nicht, dies rettete mich.
    Whrend meiner Beichte waren beide sehr erschreckt, wegen der Tiefe meiner
Ruchlosigkeit, wie mein Hofmeister sich ausdrckte, meine Mutter aber wegen
meines weltlichen Hanges zur Unabhngigkeit, der durch keine geistliche bung
und Anstrengung zu unterdrcken sei. Whrend meiner Genesung ward ich mit
Schonung behandelt, nur mute ich mehr noch als vorher, Gebete hersagen, und
sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen. Mit unbeschreiblicher Geduld
verrichtete ich alles, blo aus Geflligkeit fr die Menschen, die mich liebten,
und die ich beleidigt hatte. Da sie mir mein Unrecht nicht fhlen lieen, hatte
ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen.
    Ihr Betragen vernderte sich aber, je mehr ich wieder an Krften zunahm. Mit
der mglichsten Strenge ward ich beobachtet; zu unaufhrlichen, mir
verabscheuungswrdigen bungen angetrieben; nicht die allergeringste Freiheit
ward mir verstattet; im Hause der Mutter mute ich vollkommen so leben, als im
Kloster; dabei zeigte man mir unaufhrlich das grte Mitrauen. Ich fhlte mich
hier so rein, war es mir bewut, da ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr
Zutrauen htte erwerben sollen; ich fand jene so klein, so unedel in ihrem
Mitrauen, und mich so unwrdig behandelt, da mein Entschlu wieder aufs neue
fest ward, mich zu befreien. Wie? und wann? das sah ich, unerfahren und kindisch
wie ich war, durchaus nicht ein. Der Zufall kam mir zu Hlfe.
    Wir machten unsern gewhnlichen Spaziergang im Garten; der Prior kam dazu
und nahm unsre Aufseher auf die Seite, um etwas mit ihnen zu berlegen; ich
blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten Gang allein. Auf einmal hrten wir
auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel; neugierig, wie jeder
Eingekerkerte, guckten wir durch eine ziemlich groe ffnung der Planke, die
unsern Garten von jenem Hofe trennte. Ich erblickte einen Jngling, der sich in
muntrer militrischer Tracht eben auf ein schnes Pferd schwang, und vom Hofe
herunterritt. Er war nicht mehr zu sehen, und alles still um uns. Ich
betrachtete bald mich, bald meine Schwester. Das Bild des leichten schlanken
Jnglings, wie er sich auf das rasche Pferd schwang, einen reichgekleideten
Knaben hinter sich, schwebte mir noch immer vor Augen; mein Zustand kam mir ganz
unleidlich vor; ich weinte heftig, ich war auer mir, und in einem Zustande von
Verzweiflung. Meine arme Schwester versuchte mich zu trsten; es gelang ihr aber
nicht eher, bis sie mir versprach, sie wollte ihr mglichstes tun, mich mit dem
Jngling bekannt zu machen.
    Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf, ihn durch die Planke zu sprechen,
und ihn zu bitten, den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein,
zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde, ihn zu sprechen. Sie gewann ihre
Hofmeisterin fr mich, die mir noch immer sehr gewogen war, ffentlich aber
nichts fr mich tun konnte.
    Den andern Tag, als wir im Garten waren, entfernte sie sich um die bestimmte
Zeit mit dem Pater und meiner Schwester, die nur unter der Bedingung nicht dabei
zu sein, sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen knnen. Ich blieb
allein am bestimmten Ort, der Jngling erschien bald darauf, nicht wenig
neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft. Mit wenigen Worten, und ohne
Zeitverlust, sagte ich ihm kurz die Ursache, warum ich seine nhere
Bekanntschaft wnschte, bei welcher Gelegenheit ich ihn zuerst gesehen, und
welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefat habe; zugleich
machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt. Er nahm auf der Stelle den
wrmsten Anteil an meiner Not, beklagte mich, versprach mir seine Hlfe und
seinen Rat in allem, was ich unternehmen wollte, und gewann mein ganzes Herz
durch sein edles Wesen. Er bestrkte mich in meinem Vorsatz, mich mutig zu
widersetzen, vorher aber sollte ich zu erlangen suchen, da wir freundschaftlich
zusammen umgehen knnten. Wir trennten uns, da ich die Stimmen der brigen
vernahm, mit dem gegenseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen.
    Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen; und die erste
Wirkung war die, mich nicht ferner zu verstellen; jetzt verachtete ich meine
Unterdrcker mehr, als ich sie frchtete.
    Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede: Ich
dankte ihm fr seine bisherige Bemhung, der er aber von nun an berhoben sein
sollte, weil es mit meinen Studien vollkommen aus wre! Wollte er mich aber etwa
zum Studieren zwingen, so wrde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr
selber sagen, da ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen, noch auch die
geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle; ich sei fest entschlossen und ganz
bereit, mich jeder Begegnung auszusetzen, um mich freizumachen. Der Pater war
wie aus den Wolken gefallen, als er mich diese Sprache fhren hrte, und wollte
einiges versuchen, mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen; da er mich aber
unwandelbar entschlossen sah, nahm er pltzlich eine ganz andre Miene an. Der
arme Teufel mochte wohl frchten, seine gute eintrgliche Stelle, und die
knftige Versorgung, die ihm der Prior zugesagt hatte, zu verlieren, wenn ich
mich meiner Mutter entdeckte; er wute, diese wrde den Fall sogleich dem Prior
mitteilen, der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister fr den
rebellischen Knaben herbeischaffen wrde; eine Veranstaltung, die zuerst den
Pater zu seinem eignen Nachteil htte betreffen mssen. Nach einigem Bedenken
fragte er mich nach meinem Plan, sagte viel zu seiner Verteidigung: wie ich ihn
verkennte, wie er mich im Herzen immer bedauert htte, und mir aufrichtig
zugetan sei; da es ihm aber aufgetragen wre, mich so zu behandeln, so htte er
seine Pflicht doch tun mssen. Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall,
und hier wrde Gott es ihm verzeihen, wenn er, im Zweifel ber seine Pflicht,
seinem Herzen folgte; und was der Worte mehr waren. Sobald ich nur merkte, da
es sein Vorteil sei, mir nichts in den Weg zu legen, hrte ich nicht weiter
darauf. Alles was er fr mich tun knnte, sagte ich ihm, wre, mir die Erlaubnis
zu geben, da ich den Sohn unsers Nachbars, des Marchese, besuchen drfte, mir
auch unverzglich und insgeheim ein Pferd und eine anstndige Kleidung fr mich
anzuschaffen, dies alles dann dem jungen Manfredi zu berbringen, und soviel
mglich mir zum Ausgehen zu verhelfen.
    Er versprach alles, nur sollte ich Sorge tragen, da er mich nicht verlassen
drfte; ich gab ihm mein Wort, und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben
zu sein. - Ich traute ihm viel zu leicht: wahrscheinlich htte er mich bei der
nchsten Gelegenheit verraten, wenn er Zeit dazu gefunden htte, aber es nahm
schneller eine gute Wendung, als ich selber hoffen durfte. Ich ging sogleich zu
meinem jungen Freunde, der Pater begleitete mich, damit es im Hause keinen
Verdacht erregte, wenn man mich ohne ihn ausgehen she. Zu meinem Freunde lie
er mich aber allein, nachdem wir einen Ort verabredet hatten, wo wir uns
jedesmal wieder antreffen wollten. Die Freude, die wahrhaft kindische Lust, als
ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war, und in Freiheit mich mit ihm
unterhalten konnte, beschreibe ich euch nicht. - Ich machte ihm bekannt, wie
weit ich in der Insurrektion gekommen wre, und da er nun das Pferd, das mir
der Pater verschaffen wrde, versorgen, und meine Kleider bei sich verbergen
mchte, die ich dann immer bei ihm anlegen wollte, sooft wir zusammen ausritten;
denn da ich gleich zuerst wollte reiten lernen, versteht sich von selbst, mein
guter Manfredi wollte mein Meister sein. In unsern heien Kpfen fand dieser
ganze Plan nicht die geringste Schwierigkeit, mein Freund versprach mir alles,
was ich verlangte; was am Ende daraus werden sollte, das wollten wir ein
andermal berlegen, in diesem Augenblick hatten wir vor aller Herrlichkeit keine
Zeit dazu. Ich war bei meines Freundes Fechtbungen zugegen, und sogleich ward
beschlossen, auch ich sollte heimlich teil daran nehmen. Jetzt wute ich
bestimmt, da ich Soldat werden wollte, und Manfredi bestrkte mich in diesem
Vorsatz. Ich lief ganz voll von allem, was ich gesehen, und betubt von tausend
Empfindungen zu meinem ehrwrdigen Hofmeister, den ich antrieb mir das Ntige
herbeizuschaffen.
    Als ich das nchste Mal zu Manfredi kam, fand ich seinen Vater bei ihm, und
er stellte mich diesem so vor, da ich merken konnte, er htte ihm von mir etwas
gesagt. Ich war ngstlich, ich hatte noch immer eine gewisse Furcht vor allen
erwachsenen, lteren Leuten, als den Feinden der jungen. Der Marchese flte mir
aber bald Zutrauen ein, er begegnete mir freundlich und mit Schonung. Als ich
einigen Mut gefat hatte, fragte er mich nach den genauern Umstnden meiner
Geschichte, Manfredi hatte ihm nur das Allgemeine davon mitgeteilt. Ich erzhlte
nun meine Lebensart, klagte ber den Zwang zu Studien, die mir Langeweile
machten; da ich zum Kloster bestimmt, aber entschlossen wre, mich bis in den
Tod zu widersetzen; da an dieser Hrte und diesem Zwang niemand schuld wre,
als der mir fatale Prior, der Beichtvater meiner Mutter, dem sie nicht allein
das Heil ihrer Seele, sondern auch die Fhrung aller weltlichen Dinge anvertraut
htte. Ja, rief ich mit dem grten Affekt, ich will lieber den Tod als das
Kloster! ich will die abscheulichen Mnchskleider nicht lnger tragen! ich will
nicht aussehen wie diese Mnche, und nicht werden wie sie; dazu hat man mich
schon seit der zarten Kindheit gewhnen wollen. Ich klagte sogar mit der grten
Bitterkeit, da mir schon angekndigt wre, mir in den nchsten Tagen die Haare
abzuscheren, die ich, eitler trichter Weise, zu sehr liebte. Bis jetzt hatte
sie meine Mutter trotz der Vorstellungen des schrecklichen Priors immer noch
erhalten, weil sie selbst sie liebte; nun sollten sie aber herunter, weil sie
befrchtete, ihr Herz zu sehr an diesen weltlichen Schmuck zu hngen. -
    Sie lcheln, Juliane, ber die Wrme, mit der ich dieser kindischen
Eitelkeit erwhne! Sie knnen aber wohl schwerlich denken, wie entsetzlich mir
die Idee war, ebenso auszusehen wie die Mnche mit ihren geschornen Kpfen:
meine Haare hielt ich noch fr das einzige, was mich von dieser verhaten Klasse
unterschied, das Seil, das mich noch in gewissem Sinn an die Welt knpfte, die
ich durchaus nicht verlassen wollte, die ich erst wollte kennenlernen; diese
Haare sollte ich nun lassen! - Nun, lieber Florentin, rief Juliane, halten
Sie sich nicht auf, was sagte der Marchese zu Ihrer tragischen Erzhlung? -
Dem Marchese schien sie Vergngen zu machen, er lchelte einigemal mit
Bitterkeit, als ich vom Einflu des Priors auf meine Mutter sprach. In der Folge
erfuhr ich, da er durch die Einmischung der Geistlichen in
Familienangelegenheiten schon eine schreckliche Zerrttung bei einem seiner
Freunde erfahren, und seitdem allem, was zum Mnchstume gehrte, den
unvershnlichsten Ha geschworen habe. Er ist sowohl durch seine Herkunft als
durch sein Vermgen von groem Einflu, und gebraucht diesen soviel er vermag,
und mit der grten Vorsicht und Klugheit, um allen Orden zu schaden, wenigstens
ihrem zu groen Einflu entgegenzuarbeiten.
    Er fragte mich, wozu ich entschlossen wre, und was ich zunchst tun wollte?
Ich entdeckte ihm mein Verstndnis mit dem Pater, und wie ich, sobald mich
Manfredi in den notwendigsten Stcken wrde unterrichtet haben, gesonnen sei,
davonzugehen, und im Auslande Soldat zu werden. Mit dem letzten war der Marchese
zufrieden, aber die Heimlichkeit wollte er nicht billigen. Er drang darauf, mich
meiner Mutter zu entdecken. Ich erinnerte ihn, wie meine Mutter so ganz von
ihrem Beichtvater abhinge, und da ich von diesem ja auf keine Weise etwas
hoffen drfte. Gegen jeden Mann von Ehre, setzte ich keck hinzu, und der mit
gleichen Waffen gegen mich ficht, werde ich offen und ohne Rckhalt handeln und
sprechen, aber gegen diese Menschen halte ich die List fr erlaubt, sie ist mein
einziger Vorteil gegen sie. Den Marchese belustigte wahrscheinlich mein
kindischer Eifer, denn er lie mich eine gute Weile deklamieren. Endlich sagte
er: Nun gut, mein junger Freund! beruhigen Sie sich nur. Sie haben recht, Sie
drfen sich nicht aussetzen, ich werde Ihre Sache fhren, hoffentlich soll es
mir gelingen Sie freizumachen, nur versprechen Sie mir, nichts ohne mein
Vorwissen zu unternehmen. Ich versprach alles, was er wollte, in der Freude
einen Beschtzer an dem Vater meines Freundes gefunden zu haben. Jetzt gedachte
ich auch meiner armen Schwester, die, wie ich mir einbildete, in derselben
angstvollen Lage seufzte. Der Marchese erkundigte sich nher nach ihr; da nahm
Manfredi das Wort, und beschrieb ihre rhrende Schnheit, ihre Sanftmut und
Geduld mit einiger Wrme. Der Marchese hrte ihn ernsthaft an, und sagte dann:
Es tut mir leid, fr Ihre Schwester kann ich nichts tun; Familienverhltnisse
machen es fr die Tchter oft zur Notwendigkeit den Schleier zu nehmen, und nach
allem, was mir Manfredi sagt, scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu
fgen. Ich wollte ihn vom Gegenteil berzeugen: - Nein, nein, fuhr er fort, es
geht nicht an, fr Ihre Schwester lt sich nichts tun, und es wre sehr gut,
wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet, und sie von dem Wege ablenktet,
den sie gehen mu. Was aber Sie betrifft, verhalten Sie sich ganz ruhig, Sie
sollen bald frei sein. Ein Jngling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden,
solange man noch Kpfe und Arme in der Welt braucht, und solange es Armeen gibt.
    Ich folgte dem Marchese, und blieb ruhig auf meinem Zimmer, beim Pater
wurden meine Auftrge widerrufen, und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf
das zu haben, was bei meiner Mutter vorginge, und es mir zu hinterbringen.
Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir, und erzhlte: er wre zu meiner Mutter
gerufen worden, wo er den Prior gefunden htte; beide htten mit Heftigkeit
geredet, indem er hineingetreten sei, und ihn scharf befragt: wo ich den
Marchese gesprochen htte? und bei welcher Gelegenheit? Er, der Pater, hatte
sich dann vllig entschuldigt, und versichert, er wte von nichts, er wollte
mich aber darnach fragen. Dies wre ihm gestattet worden, und nun wollte er sich
bei mir erkundigen, was er berichten sollte? Es ward nun geschwind etwas
ersonnen, das ziemlich glaubwrdig klang, und wobei der Pater zugleich von jedem
Verdacht freiblieb, und alles allein auf mich fiel. Er gab mir zugleich
Nachricht von einigen ernsthaften Unterredungen, die meine Mutter mit dem Prior
gehabt, endlich ward ich vorgerufen; der ehrwrdige Pater empfahl mir noch
einmal sein Heil, und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in
meiner Mutter Zimmer.
    Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu berstehen. Ich ward genau aber
ohne Strenge vernommen; dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede
berredung, jede Schmeichelei an, mich zu bewegen, da ich mich freiwillig zum
Kloster entschlieen sollte. Meine Mutter weinte, bat, rief mir jede Erinnerung
ihrer mtterlichen Zrtlichkeit ins Gedchtnis zurck, beschwor mich mit
aufgehobenen Hnden, mit den rhrendsten Gebrden, ihr alles was sie je fr mich
geduldet htte durch diesen einzigen Entschlu, der das ewige Heil meiner Seele
und ihrer eigenen sicherte, zu belohnen. Ich war wie gepeinigt, konnte nicht
sprechen, nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen; im Schmerz,
die Frau, die ich ehrte, so leiden zu sehen, und um meinetwillen aus Sorge fr
meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen, konnte ich durchaus meinen Widerwillen
nicht wiederfinden; halb war ich erweicht, und wirklich in Gefahr nachzugeben;
in dem Augenblick fing aber der Prior an, mit seiner fetten Stimme, die mir in
den Tod zuwider war, mir die groen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser
verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzhlen, und mir mit allen
Hllenstrafen fr meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen. Da fiel
mir mein guter Manfredi ein, und sein vortrefflicher Vater, und da ich, wenn
ich standhaft bliebe, ein Pferd haben und Soldat werden sollte; dies brachte
mich zu mir selbst, und ich war gerettet. Dem Prior antwortete ich nicht, aber
meiner Mutter mit einer fr mein Alter seltnen Entschlossenheit und Festigkeit.
    Wie es der Marchese angefangen hatte, begreife ich noch jetzt nicht; denn
ich wei gewi, er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen: kurz,
ich ward befreit, und das Resultat aller berlegungen und Unterredungen war, da
ich nach einer nicht sehr entfernten groen Stadt, in die adelige Militrschule
daselbst geschickt ward, um mich dort in den ntigen bungen geschickt zu
machen, eh ich in Dienste treten konnte. Mein Hofmeister, auf den nicht der
geringste Verdacht fiel, bekam die Versorgung nun noch frher, als er gehofft
hatte, er trstete sich also fr meinen Verlust, und mir war es auch nichts
Geringes, ihn so auf gute Art loszuwerden. Der Abschied ward mir leicht; meine
arme Schwester grmte sich aber recht herzlich, da ich mich von ihr trennen
mute. Das arme Kind war nun ganz den Menschen berlassen, die sich der Schwche
ihres Charakters bedienten, um sie nach ihrer Willkr zu lenken. Sie fhlte ihre
Abhngigkeit, aber diese drckte sie nicht so wie mich; doch ich konnte es mir
gar nicht denken, da sie nicht ebenso unzufrieden sein mte. Beim Abschied
steckte ich ihr einen Zettel zu, ich riet ihr darin mir zu schreiben, wenn ich
ihr helfen sollte, ihre Hofmeisterin wrde mir zuliebe gewi ihre Briefe
bestellen.
    Jetzt erwartete mich aber noch eine groe Freude: Manfredi kam, und kndigte
mir an, da er mit mir reise. Er war zwar lter als ich, und hatte seine bungen
schon vollendet, da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken
wollte, so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt, in meiner Gesellschaft
sich noch in manchen Dingen vollkommner zu machen, und mich auch, da ich so
vllig ohne Welt war, und man mich auf eine so unverzeihlich nachlssige Weise
ganz allein reisen lie, dort einzufhren, und meine Studien zu dirigieren.
Auffallend war es in der Tat, wie man mich nach der strengsten Aufsicht
pltzlich mir selbst berlie, ohne Fhrer, ohne Ratgeber, als ob ich von nun an
fr vogelfrei erklrt wre. Man hielt mich von dem Augenblick an wahrscheinlich
fr einen Raub des Satans und jede Sorgfalt fr ganz unntig.
    Der Marchese billigte gleich den Vorsatz seines Sohnes, und befestigte ihn
noch darin. Meine Erziehung schien ihn zu interessieren. In der Folge glaubte
ich zu bemerken, da es ihm auch darum zu tun war, Manfredi von meiner Schwester
zu entfernen; damals fiel es uns aber beiden gar nicht ein, wir freuten uns
herzlich beisammen zu sein, und waren dem gtigen Marchese dankbar fr seine
Wohltaten. Ich war damals etwa vierzehn oder fnfzehn Jahr, Manfredi einige
Jahre lter. Es war in derselben Jahreszeit, in der wir jetzt sind, da ich
zuerst die schne Welt frei betrat, an der Hand meines guten Manfredi. - Ach,
rief Juliane, ich schpfe endlich freien Odem! Ich fand keinen Ausweg fr Sie,
und ngstete mich gewaltig, Sie endlich dennoch unter den Mnchen zu sehen; es
wollte mir gar nicht deutlich werden, da Sie nun hier sind, und kein Mnch
haben werden mssen. - Florentin, fiel Eduard ein, hat so gut erzhlt, man
mute es ganz aus den Augen verlieren, da es eigentlich seine Geschichte sei!
- In der Tat, sagte Juliane, ich htte nie geglaubt, da er so
zusammenhngend und in einem Strome fort reden knnte. - Ich kann nicht
finden, da ich so gut erzhlt htte, denn anstatt die einfache Geschichte
geradeweg zu erzhlen, bin ich in den Konfessionston hineingeraten. Es ist die
Erinnerung meiner Kindheit, die einzige Epoche meines Lebens, die mich
interessiert, die mich so schwatzhaft gemacht hat. Zum Glck ist es hier nun
aus, denn ich bin es selbst mde. - Wie? Aus? - Ja, aus! denn was mir nun
noch zu erzhlen bleibt, ist des Erzhlens kaum wert, und lt sich in ein
Dutzend Worten ungefhr fassen: nmlich die eine, bis zur Ermdung wiederholte
Erfahrung: da ich eigens dazu erkoren zu sein scheine, mich in jeder
Lcherlichkeit bis ber die Ohren zu tauchen, immer nur von einem Schaden zum
andern etwas klger zu werden, mich immer weniger in das Leben zu schicken, je
lnger ich lebe, und zuletzt der Narr aller der Menschen zu sein, die schlechter
sind als ich. - Nicht so gar bitter, lieber Florentin, sagte Eduard
freundlich; vergessen Sie nicht, da dieses mehr oder weniger das Schicksal
aller Jnglinge ist, nur wirkt diese Allgemeinheit verschieden auf die
verschiedenen Gemter. - Jawohl, aber eben das ist es, sagte Florentin, da
es gerade auf mich so und nicht anders wirken mute! Ist denn diese
Verschiedenheit nicht eigentlicher das Schicksal zu nennen, als die uern
Begebenheiten? - Juliane unterbrach ihn: O lieber Florentin, nur einige von
Ihren Erfahrungen, wie Sie sie nennen, erzhlen Sie noch, ich bin sehr begierig
zu hren, wie man Sie so oft hat zum besten haben knnen, man mu es doch eigen
angefangen haben. - Auf die einfachste Weise von der Welt, das sollen Sie
hren.
    Manfredi und ich waren unzertrennlich whrend unsers Aufenthalts auf der
Akademie; noch liebe ich ihn immer herzlich, und ich wnschte wohl, wir trfen
noch einmal im Leben zusammen, wir waren uns gewi echte Freunde, obgleich wir,
dem uern nach, eben nicht freinander paten: ich war immer wild, ausgelassen,
einigermaen tollkhn und roh; er hingegen sanft, liebend, von schner Gestalt,
und edlem Gesicht, feinem Anstand, tadellosen, wahrhaft altadeligen Sitten,
strengen Grundstzen ber die Ehre; und doch zog uns diese Verschiedenheit
vielmehr gegenseitig an. Er konnte am ersten mich von irgendeiner
Ausgelassenheit zurckfhren, dagegen konnte ich sicher auf ihn rechnen, wenn es
darauf ankam, irgend etwas Rechtes auszufhren, oder wenn meine Ehre zu retten
war. Hatte ich zu irgend etwas mein Wort gegeben, so half er es lsen, wenn auch
mit Lebensgefahr. War es aber vollbracht, so mute ich oft die ernsthaftesten
Verweise wegen meiner Unbesonnenheit von ihm hren. Von niemand htte ich sie
ertragen, als von dem, der den Mut und die Liebe hatte, alles fr mich zu wagen.
O du mein guter Genius, der du meine Jugend, mein schnstes Dasein schtztest,
warum haben wir uns trennen mssen? Seitdem, mein Manfredi, wandre ich einsam
und in der Irre. - Florentin sagte diese letzten Worte mit einer vor Rhrung
erstickten Stimme, er hob sein Auge mit Wehmut empor, dann schwieg er, in
Gedanken verloren. Eduard nahm seine Hand; Florentin blickte ihn an und sah
Trnen in seinen Augen glnzen, er warf sich in seine Arme: - Ich verstehe den
Vorwurf dieses Hndedrucks, mein guter Eduard! Nein, ich bin jetzt nicht mehr
allein, nicht mehr in der Irre! ich habe wieder ein Herz gefunden, das verdient
neben dem Andenken an meinen Manfredi zu stehen! Ich bin dein, Eduard, auf
immer! - Ewig dein, mein Florentin!  - Sie hielten sich in fester Umarmung
umschlossen. - Schliet mich nicht aus, aus eurem Bunde, sagte Juliane, auch
ich bin euer - Eduard umarmte sie zrtlich; sie beugte sich gegen Florentin, er
berhrte freundlich lchelnd ihre Stirn mit seinen Lippen.

                                 Achtes Kapitel


Nach einer Pause fing Florentin wieder an:
    Wir waren ungefhr zwei Jahre auf der Akademie, unsre bungen waren
vollendet, wir sprachen schon von unsrer Rckreise und meinem weitern
Fortkommen, als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam, er war von meiner
Schwester. Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt, schrieb sie mir, und sehr
nah, sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen, und
mich meines Versprechens, ihr zu helfen, entlassen, denn sie drfe jetzt nicht
mehr auf die Ausfhrung desselben hoffen. Sie sei nun entschlossen, sich drein
zu ergeben; auch hoffe sie, es wrde ihr gewi am Ende gut gehen, denn seit dem
Jahre, da sie nun im Kloster gelebt, habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von
den Nonnen erfahren; sie habe auch schon einige gute Freundinnen, die sie sehr
liebe, die sie wieder zrtlich lieben, und mit denen sie immer zusammen sei, das
sei doch eine Freude, die sie bei der Mutter entbehre, wo sie ebenso streng
eingezogen leben msse, als im Kloster, und dabei ganz allein, ohne eine
Gespielin ihres Alters zu haben. Sie wnsche sehr von mir und Manfredi mndlich
Abschied zu nehmen, wir sollten es doch mglich zu machen suchen,
zurckzukommen, um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein, und sie in
ihrem Schmuck zu sehen, denn sie wrde ganz herrlich geschmckt sein, die Mutter
htte ihr fr ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben, und so
viel Geld zu guten Werken, als sie nur immer verlangte. Ihre vorige Hofmeisterin
habe diesen Brief zu bestellen bernommen, aus alter Liebe fr ihre
Pflegekinder, und wolle ihr auch meine Antwort berbringen, wenn ich ihr eine
schreiben wollte.
    Dies war ungefhr der Inhalt ihres Briefes. Die Unschuld aber, das
Unbewute, Einfltige, das aus jedem Wort hervorblickte, kann ich nicht
ausdrcken. Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschrnktheit
gerhrt, und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zrtlichkeit der sen
Gestalt und der frommen kleinen Miene. Ich beschlo auf der Stelle, sie zu
retten, wenn Manfredi mir zur Ausfhrung helfen wollte. Dieser war nicht so bald
zu bewegen, aber ich hatte ihm das Gestndnis abgedrungen, da ihr rhrendes
Bild, so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte, jetzt aufs neue
mit groen Ansprchen auf seine Hlfe vor ihn trte, da er es eigentlich noch
nie aus seiner Seele verloren habe, kurz da er sie liebe, und gewi glcklich
sein wrde, wenn er sich mit ihr verbinden drfte. berdem hatte ich ihr Hlfe
versprochen, und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben; er ward endlich
berredet, da unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei, und versprach mir
seine Hlfe. Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet, der so toll war,
da es uns alle drei, wenn er gelungen wre, ins tiefste Elend gezogen htte.
Uns kam aber damals nichts leichter, nichts natrlicher vor.
    Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten: Ich wolle mein Versprechen
mit Manfredis Hlfe erfllen. Sie solle alles tun, was man von ihr verlangte,
nur Sorge tragen, da sie nicht die erste sei, die an dem Tage das Gelbde
ablegte. Sie werde mich in dem Augenblick sehen, wenn sie zum Altar gehen msse,
dann solle sie sich gefat halten, mir auf meinen Wink zu folgen. Mit Manfredi
hatte ich verabredet, gleich zurckzureisen, ohne es jemand wissen zu lassen,
ohne uns zu zeigen, und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor
dem Tor zu erwarten. Dann wollte ich ganz eingehllt ins Kloster gehen, und mich
unter das Gedrnge mischen; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung
aller Angehrigen durch die Menge drngte, um zum Altar zu gelangen, und alles
aufmerksam auf die Himmelsbrute wre, die vor ihr eingekleidet wrden, dann
sollte ich den Moment wahrnehmen, sie von den brigen ab, und zur Tr
zurckfhren, sie dann schnell in einen Mantel verhllen, den ich ber meinen
eigenen hngen wollte, und mit ihr durch den nchsten Gang in den Garten eilen.
Da bei einer ffentlichen Feierlichkeit die Tren offen sind, oder doch
nachlssig bewacht werden, so war von dieser Seite kein Hindernis zu befrchten.
Manfredi mute unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben, und
uns drauen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten; auch mte er eine
Mnnerkleidung in Bereitschaft halten, die meine Schwester sogleich anlegen
knnte, wenn wir uns auer der Stadt shen, dann wollten wir, ohne zu rasten,
nach Venedig reisen, dort wrden sie sogleich getraut. Fr die Einwilligung
meiner Schwester war ich Brge, ich war berzeugt, sie wrde sich in ihrem neuen
Lose besser und glcklicher finden, als in dem traurigen, wozu sie sich schon so
geduldig gefgt hatte. Manfredi bleibt mit ihr in Venedig, ich reise zurck,
vershne den Marchese mit ihnen, der zu edel ist, um sie seinen Zorn lange
empfinden zu lassen, besonders da diese Handlung seinen wahren Grundstzen gar
nicht entgegen sein kann; was er uns damals darber gesagt, war gewi nur, um
uns von allen weiteren Plnen abzuhalten, sein Ernst konnte es aber nicht sein.
Ist nur erst der Marchese vershnt, so mu es ihm leicht werden, auch unsre
Mutter zu beruhigen, besonders da es doch nun einmal geschehen, und nicht zu
ndern sein wird. Dann hole ich sie wieder von Venedig ab, sie werden beide
glcklich sein, und werden mir ihr Glck danken; ich habe dann redlich meine
groe Schuld gegen Manfredi abgetragen. Wir haben unser Leben gewagt fr die
gute Sache, wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Hnden gewunden!
Das Bewutsein dieser groen Handlung wird uns auf ewig strken und erheben, und
unser Trost im Tode sein, wenn wir dem Versuche unterliegen sollten! -
    Mit diesen hohen Worten, die wir wechselsweise einander zuriefen, und uns
die Kpfe immer mehr erhitzten, eilten wir an die Ausfhrung des groen Werks.
Von den unzhligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein. Anfangs ging alles dem
Plane gem. Wir reisten ab, kamen an, wohnten im strengsten Inkognito vor dem
Tore in einem unbekannten Hause. Den Morgen nach unsrer Ankunft erzhlte uns
unsre Wirtin: es werde heute in dem Nonnenkloster ein groes Fest gefeiert, wo
die ganze Stadt gewi hinstrmen wrde, um es anzusehen, sie selbst wolle auch
nicht zurckbleiben; sie bat uns daher, mit unsrer Abreise zu eilen, wenn wir
nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten. Es wrden drei vornehme Frulein
heute ihr Gelbde ablegen, die alle drei schn und fromm wie die heiligen Engel
wren, und es wohl verdienten, glckselige Brute des Himmels zu werden. Das
wre ein sehr schnes und erbauliches Schauspiel, auch freute man sich schon,
die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu hren und seinen Segen zu
erhalten. Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors, und mein ganzer Eifer
entbrannte aufs neue. Manfredi eilte, seine Auftrge zu besorgen, ich in die
Kirche des Klosters.
    Es war noch sehr frh, das Volk versammelte sich allmhlich, mir ward die
Zeit lang. Ich ging wieder hinaus, um mir den nchsten Gang nach dem Garten, und
durch denselben nach der Mauer, recht zu merken. In der Tr begegnete mir meine
alte Wrterin; ich wandte mich von ihr, um mich zu verbergen, sie hatte mich
aber schon erkannt und guckte mich scharf an. Mein Jesus! sind Sie wahrhaftig
hier; kommen Sie nur gleich mit mir zum Frulein, sie erwartet Sie schon, folgen
Sie mir nur. Ei, ei, Sie sind wirklich gekommen!Ihre Anrede befremdete mich, ich
suchte sie so vorsichtig als mglich auszuforschen, sie wute aber nichts
weiter, konnte mir auf keine Frage antworten, als da sie mich zu meiner
Schwester fhren sollte, die mich sprechen mte, ich folgte ihr also. Sie
ffnete eine Tr, ich trat hinein, und sah meine Schwester in prchtigem
Brautschmuck in den Armen meiner Mutter, die sie mit Schmeicheleien und Kssen
bedeckte. Meine Schwester schrie laut auf, als sie mich gewahr ward, ihr Gesicht
in beiden Hnden bergend; dann kam sie auf mich zu:
    Vergib mir! rief sie, und fiel mir um den Hals, vergib mir, Guter, und lebe
wohl! Sie wollte noch sprechen, meine Mutter verhinderte sie aber daran. Geh,
meine fromme Tochter! sagte sie, la mich mit ihm allein. Meine Schwester ging
hinaus, ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen. Meine Mutter fing wieder
an: Ich habe nur wenig Zeit, Florentin, mich mit dir zu unterhalten. Dein
entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt! Sei ewig gepriesen von mir,
gebenedeite Jungfrau, da du das Herz meines Kindes gerhrt hast, eh' es
unwiderruflich verloren war! In dieser Nacht, die das arme Kind in der Angst
ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte, ward es ihr in einer wundervollen
Erscheinung offenbar, da sie auf schlimmem Wege sei, und im Begriff ihre Seele
ewiger Verdammnis zu bergeben, und mit ihr zwei andre Seelen noch, die leider,
ach! vielleicht nicht mehr zu retten sind. Ein Strahl der ewigen Gnade hat das
geliebte Kind des Himmels erleuchtet, und sie fest im Entschlu zum Guten
gemacht. Diesen Morgen, als ich ihr den Brautschmuck anlegen half, und mich
ihrer Schnheit im Herzen erfreute, hat sie mir euer Vorhaben entdeckt, und
deinen Brief gezeigt. Florentin, ich will jetzt nichts davon erwhnen, wie sehr
es mich beugte, noch steht es bei dir, mich in hoher Himmelsfreude wieder
aufzurichten. Auf mein Gehei hat das fromme Kind gebeichtet, und ihre Seele von
aller Angst lsen lassen. Der Prior, dem sie die Beichte abgelegt, wei nun
alles; auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt. Du hast
dich schwer vergangen, er kann und darf es nicht verhindern, da du schwer dafr
best. Ein einziges Mittel gibt es noch, dich mit dem Himmel zu vershnen.
Entsage der Welt, leb in Ruhe im Scho der Kirche! - Nimmer, nimmermehr, Mutter!
rief ich in hchster Bewegung. - Nein? durchaus nicht? Nun so fliehe, eile von
hier weg, es ist das einzige, was ich fr dich tun kann, wenn ich dich aufs
schnellste entfliehen heie, denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in
Sicherheit, mein Herz blutet fr dich, glaub mir das! Hier, nimm diesen Beutel!
Was er enthlt, ist alles, was du jemals von mir zu erwarten hast. Dein weiteres
Fortkommen bleibt dir selbst berlassen; du hast dir ein mh- und sorgenvolles
Leben erwhlt, nun mut du es tragen. Du wirst kmmerlich darben mssen in der
Welt; in der heiligen Zurckgezogenheit httest du weltliche Not nie gekannt. -
Davon nichts mehr, Mutter! ich will gehen, gleich gehen! Nur ein Wort noch! Ist
es mglich, da Sie selbst meiner schwachen Schwester zureden konnten, mich dem
Prior zu verraten? - Lsterliche Worte! nennst du die Beichte Verrat? deine
fromme Schwester schwach? Es galt ihre Ruhe auf dieser, ihre Seligkeit auf jener
Welt. Sie ist mein Kind! - Und ich nicht, Mutter? bin ich nicht Ihr Sohn? -
    Ich erzhle euch hier so zusammenhngend als mglich, was mit der uersten
Verwirrung gesprochen ward, indem eins dem andern immer in die Rede fiel, ich
war besonders wegen dieser unerwarteten Wendung in groer Verwirrung. Zuletzt
ward ich heftig, meine Worte fallen mir jetzt nicht wieder ein, aber sie mochten
wohl eben nicht sanft sein; ich strmte ber von Vorwrfen, da sie ihren Sohn,
ihren einzigen Sohn, im blinden Aberglauben den Pfaffen aufgeopfert hatte, und
schonte sie vielleicht zu wenig. Sie ward aufgebracht und rief endlich in groer
Hitze: Trotze nicht lnger, Florentin, und hre etwas, wozu ich nicht wieder
einen schicklichen Augenblick finden werde, denn wir werden uns nie wiedersehen!
Ich bin nicht deine Mutter, und meine Tochter ist nicht deine Schwester! - Das
war freilich etwas Neues, ich war wie betubt. Wo? wer? wer denn? rief ich. -
Dazu ist jetzt nicht Zeit, auch ntzt es dir nicht, es zu wissen, deine Eltern
leben nicht mehr; sie waren mir teuer, darum warest auch du es mir. Es wird
gelutet, ich mu jetzt fort. Halte dich nicht lnger auf, Florentin, wenn man
dich hier erblickt, so vermag ich dich nicht zu retten. Es ist der letzte
Liebesdienst, den ich dir erweise: la dich umarmen, mein Sohn! Ich bin zwar
nicht deine Mutter, aber ich habe mtterliche Sorge fr dich getragen, vergi es
niemals! Lebe wohl, Gott segne dich! Flieh! ich hre Stimmen im Nebenzimmer!
Oder kehrst du noch um? wirfst du dich reuig in die Arme der heiligen Kirche? -
Leben Sie wohl! rief ich ihr nach, als sie mich standhaft verneinen sah und sich
mit einem Ausdruck von Schmerz und Unwillen ins Nebenzimmer wandte. Jetzt hrte
ich viele Stimmen, unter allen hervor die mir so verhate Stimme des Priors.
Betubt eilte ich fort, im allgemeinen Getmmel kam ich unbemerkt wieder hinaus.
    Manfredi erwartete mich, der Abrede gem, an der Gartenmauer; ich setzte
mich in den Wagen, und ohne ihm weiter etwas zu sagen, mute er wieder
hinfahren, wo wir hergekommen waren.
    Dies war das tragische Ende unsrer Heldenunternehmung! Begreifen Sie jetzt
wohl, Juliane, wie leicht es ist, einen Narren aus mir zu machen? Manfredi sahe
mich mit groen Augen an, und wartete mit Gelassenheit, bis der Strom von
Ausrufungen und Schimpfreden, der sich reichlich von meinen Lippen ergo,
gemigter wurde. Endlich war ich ruhig genug geworden, ihm den Verlauf meiner
Unternehmung zu erzhlen. Er war nicht wenig erstaunt ber die Vernderungen,
Erklrungen und Verwicklungen, die diese hervorgebracht hatte. Die Schwche
meiner Schwester fiel ihm wenig auf, er gestand mir, er htte gleich anfangs
Hindernis von ihrer Seite befrchtet, und ihre Einwilligung wrde ihn weit mehr
gewundert haben. Er war mit mir berzeugt, da sie einst ihr Gelbde bereuen,
und dann diesen verlornen Moment gern mit ihrem Leben zurckrufen wrde. Mein
guter Manfredi trauerte ber ihr Schicksal, und suchte sie gegen meine heftige
Anklage in Schutz zu nehmen.
    Von seiner Liebe zu ihr war nicht wieder die Rede zwischen uns. Entweder sie
war in ihm ebenso schnell erloschen als aufgelodert, oder er drngte sie
gewaltsam in sein Innres zurck, um den gemeinschaftlichen Angelegenheiten, die
uns jetzt so nahe lagen, Raum zu lassen. Es ward beschlossen, da Manfredi
wieder zurck auf die Akademie gehen mte; von dort sollte er an seinen Vater
schreiben, ihm alles entdecken, und ihn um Rat fragen, ob er es wagen drfte, in
seine Vaterstadt zurckzureisen, oder wenn der Anteil, den er an meinem
Unternehmen genommen, bekannt geworden, und es gefhrlich fr ihn wre, so
sollte er ihn um die Erlaubnis bitten, mir folgen zu drfen, ich hatte
beschlossen, nach Venedig zu reisen. Drfte er aber zu seinem Vater reisen, so
sollte ich in Venedig Nachricht von ihm erwarten, er wrde alsdann dort alles
anwenden, die bsen Folgen unsers Unternehmens zu unterdrcken, dann wollten wir
uns auf irgendeine Weise wieder zusammen treffen. Manfredi versprach mir auch
vor allen Dingen keine Mhe und keine Nachforschung zu sparen, um etwas ber
meine Geburt und meine Eltern zu erfahren: wir hofften, der Marchese selbst
wrde sich dafr interessieren, und uns eine Aufklrung dieser seltsamen
Begebenheit verschaffen. Wie die Kinder beschftigte uns die Dunkelheit ber
mein vergangnes Schicksal mehr, als die Sorge fr die Zukunft; ein sonderbares
Rtsel war es allerdings, da fremde Menschen sich eine solche Gewalt ber mich
hatten anmaen wollen, und dann mich wieder mit so vieler Sorgfalt behandelt
hatten. Die Nacht hindurch reisten wir, dann trennten uns unsre verschiedenen
Wege. Den Morgen schieden wir unbekmmert und mit der Zuversicht, uns bald
wiederzusehen, um uns dann gewi nie wieder zu trennen.

                                Neuntes Kapitel


In wenigen Tagen war meine Reise glcklich und ohne Abenteuer zurckgelegt; da
war ich nun, ohne Aufsicht, ohne Zweck, ohne Plan, als den zu leben, in meinem
siebzehnten Jahr, mit aller meiner eigentmlichen Ausgelassenheit, die noch
ausgelaner war, seitdem ich niemand angehrte, mit einem Vermgen von ungefhr
tausend Dukaten (ein unerschpflicher Reichtum fr meine Unbesorglichkeit und
Unerfahrenheit), sprudelnd vor Gesundheit und Mutwillen und allen erwachenden
Sinnen - in Venedig! - Erwartet hier von mir, ihr lieben Freunde, keine
detaillierte Fortsetzung meiner Lebensgeschichte, es knnte mich leicht zu weit
fhren; auch gehren meine tollen Begebenheiten in der majesttischen Republik,
diesem Sammelplatz aller Torheiten in ernsthafter zeremoniser Hlle sowie der
greulichsten Anhufung aller Grausamkeiten unter die frhliche Maske gesteckt,
sie gehren nicht in den eigentlichen Lauf meines Lebens: vielmehr ward dieser
durch jene gehemmt; aber sie machen zusammen ein artiges Kapitel in meinen
Konfessionen aus, die ich gewi noch einmal schreiben, und Ihnen zueignen werde,
Juliane. - Gut, ich werde Sie bei Ihrem Wort halten. - Und dieses deswegen,
weil sie sich mit einem Bekenntnis endigen sollen, das, aller Wahrscheinlichkeit
nach, das letzte sein wird, das ich abzulegen haben werde, und das Julianen am
nchsten betrifft. - O jetzt keine von Ihren niedlichen Possen, Florentin!
Bringen Sie Ihre Geschichte zu Ende, ich bin hchst neugierig. - Und ich
hchst ermdet von den Erinnerungen meiner unntz vertaumelten Jahre! Doch ich
gehorche.
    In kurzer Zeit war ich nun in Venedig der Polarstern des guten Tons, die
Seele aller Intrigen, der Freund aller lustigen Kpfe, der Anfhrer aller tollen
Streiche, der Tyrann aller zrtlichen, und der Ehrgeiz aller koketten Frauen
geworden. Es gab kein gutes Haus, in das ich nicht freien Zutritt hatte. Da ich
mit meinen tausend Dukaten zu leben angefangen, als wren es ebenso viele Tonnen
Goldes, so nahmen sie ein rasches Ende. Die Brsen meiner Anhnger benutzte ich
nicht, wiewohl sie mir offen standen, weil ich sie nicht brauchte: ich war sehr
glcklich im Spiel, und spielte viel. Einigen klglichen dummen Teufeln, die
weder das Spiel, noch sich selbst verstanden (denn sie hatten in wahrer blinder
Wut ihr ganzes Vermgen gegen mich gesetzt und verloren), deren Frauen ich
kannte und bedauerte, hatte ich ihren Verlust zurckgegeben, wodurch ich bald in
den Ruf der Gromut geriet.
    In dieser brillanten Epoche bekam ich einen Brief von Manfredi. Sein Vater
war gleich nach Empfang seines Briefes zu ihm auf die Akademie gekommen. Durch
unsre Geschichte war der Prior zu sehr in Vorteil gegen den Marchese gesetzt,
als da er ihn nicht htte zu benutzen suchen sollen. Manfredi durfte es so
wenig als ich wagen, sich in seiner Vaterstadt sehen zu lassen, aber auch nach
Venedig durfte er nicht kommen, sondern er mute nach Frankreich zu dem
Regiment, worin sein Vater ihm eine Kompanie gekauft hatte. Der Marchese war
sehr aufgebracht wegen des unberlegten Streichs, besonders weil er es uns
eigentlich untersagt hatte, irgend etwas fr Felicita (so heit sie) zu
unternehmen. Doch lie er mir durch Manfredi wissen, er wrde jemand den Auftrag
geben, auf mein Betragen in Venedig achtzugeben, und weiter Sorge fr mein
Fortkommen tragen, wenn der Bericht ber mich gut ausfiele. Noch habe er nichts
Nheres ber meine Geburt und meine Eltern erfahren knnen, er wrde aber keine
Mhe sparen und mir, sobald er etwas Sicheres wisse, Nachricht darber erteilen.
Unterdessen sollte ich der wrdigsten Eltern mich wrdig machen.
    Ich hatte eine groe Freude ber den Brief meines Manfredi, denn auer
diesen Nachrichten fand ich die schnsten Beweise von der Fortdauer seiner Liebe
und einige freundliche Vorschlge, uns wiederzusehen. Auch der vterliche Ton
des Marchese freute und beruhigte mich; doch war es, als ob irgendein Geist mich
abhielt, mich, wie ich gekonnt htte, ganz seiner Sorge zu berlassen, und
seinem gutgemeinten Rat zu folgen. Es widerstrebte etwas in mir der
Notwendigkeit, einen regelmigen Stand und ein Amt zu bekleiden, es war mir
nicht bestimmt, auch fhlte ich selbst mich nicht dazu gestimmt. Zwar nahm ich
mir vor, Manfredi aufzusuchen, um bei demselben Regimente, wobei er stand,
womglich Dienste zu nehmen, und ich schrieb es ihm, aber die Ausfhrung dieses
vernnftigen Plans schob ich immer weiter hinaus. Bald wollte ich dies nur noch
abwarten, bald jenes ausfhren; kurz es ward nichts daraus.
    Unter vielen Reisenden und Fremden, die ich kennenlernte, waren ein paar
Englnder, die sich sehr an mich hingen: reiche Lords, die ihr Geld um sich her
warfen, um ihre Langeweile loszuwerden, und das, was sie fr ihr Geld
eintauschten, machte ihnen nur noch grere. Ihr sonderbares humoristisches
Wesen zog mich an, ihre Langeweile machte mir die grte Kurzweile. Was ihnen an
mir gefallen haben mochte, wei Gott; sie waren bestndig bei mir und sagten
oft, in ihrer rauhen Mundart, ich wre der einzige Italiener, der ihnen nicht
unleidlich wre. Das war freilich sehr schmeichelhaft fr mich, wenn ich nur
nicht Venedig mit seinen Herrlichkeiten und meines Lebens dort herzlich
berdrssig geworden wre! Ich sehnte mich fort. -
    Ich hatte meine Lords zu allen Kunstwerken, die Venedig enthlt, gefhrt,
hatte viele Stdte Italiens, wo es etwas Sehenswrdiges gab, mit ihnen
durchreist. Dies und der Umgang mit einigen jungen deutschen Malern, die ich in
der Zeit kennenlernte, brachten mich auf den Gedanken, die Kunst zu studieren
und dann nach Rom zu gehen, um seine Wunder der Kunst zu sehen und zu verstehen.
Diesen Gedanken ergriff ich nun aus ganzer Seele und schob das Soldatwerden
weit, weit zurck. Ich sann und tat und trumte nichts anders, als Zeichnen, die
Werke des Altertums studieren, und mit meinen Malern Kunstgesprche fhren. Mit
diesen war ich auch entschlossen, nach Rom zu reisen, und mit ihnen dort zu
leben: durch einen sonderbaren Vorfall sah ich mich aber gentigt, frher noch,
als diese es bewerkstelligen konnten, Venedig zu verlassen.
    In einem groen Hause ward eines Abends whrend dem Karneval ein Ball
gegeben; ich ward von den Englndern beredet, mit ihnen hinzugehen. Man spielte,
der eine von meinen Lords spielte hoch, und verlor ansehnlich gegen eine Maske,
die durch ihr anhaltendes Glck wohl Verdacht gegen sich erregen mochte. Mein
ehrlicher Grobritannier verstand das Ding unrecht, und schimpfte etwas zu laut,
und in der gewohnten krftigen Manier. Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel
warf der Lord seine Karte der Maske an den Kopf. Ich befand mich an einem andern
Ende des Saals in einer Unterhaltung mit ein paar mir unbekannten Masken, die
mich neugierig machten, weil sie mich zu kennen schienen, wenigstens wuten sie
viel von mir; pltzlich hrte ich Tumult, sah Stilette blinken, die Maske sank
nieder; in demselben Moment kam der andre Lord hastig auf mich zu, nannte hchst
unvorsichtig meinen Namen laut, und rief mich seinem Landsmann zu Hlfe. Ich,
noch unvorsichtiger, folgte ihm hin. Man hatte dem Niedergesunkenen die Maske
abgenommen, man erkannte den Sohn eines Nobile, er war tot. Der Lrm nahm zu;
der Lord hatte ganz den Kopf verloren, bewegte sich nicht von der Stelle, und
lie das Gedrnge um sich her anwachsen. Ich ri ihm das blutige Stilett, das
zum Glck noch kein andrer bemerkt hatte, aus der schlaffen herunterhngenden
Hand, lie es fallen, indem ich mich zu gleicher Zeit danach bckte, und es
wieder aufnahm. Dem Mrder nach! rief ich aus, dort nach jener Tr! er hat hier
neben mir das noch blutige Stilett fallen lassen, soeben drngt er sich dort
hinaus! Alles folgte mir nach der Tr, die ich bezeichnet hatte. Der Lord ward
verlassen. Seinem Landsmann gab ich einen Wink, und im Vorbeigehen sagte ich
ihm: zu mir! Alsdann mischte ich mich in den dichten Haufen, der nach der Tr
strmte; ich trieb und drngte mit der Menge und kam glcklich hinaus. Ich
mietete sogleich selbst eine Gondel, die ich an einem bestimmten Ort warten
lie, und eilte nach meiner Wohnung, wo ich die beiden Lords schon fand. Ich
kndigte ihnen an, da sie unverzglich fort mten, bezeichnete ihnen den Ort,
wo sie die Gondel in Bereitschaft finden wrden, und riet ihnen, gleich nach Rom
zu reisen. Sie waren wegen Geld in Verlegenheit; was sie bei sich gehabt, war im
Spiel verloren und nach ihrem Hause durften sie sich nicht wagen, weil man dort
gewi schon auf sie wartete. Ich gab ihnen alles, was ich an barem Gelde hatte.
Sie versprachen mir mein Darlehn gleich wieder auszahlen zu lassen, denn auf ihr
zurckgelanes Vermgen in Venedig war nicht mehr zu rechnen. Sie gingen fort,
und kamen glcklich nach Rom. Ich hatte alles so schnell und vorsichtig
getrieben, da es selbst vor meinem Bedienten ein Geheimnis geblieben war.
    Ich hatte mir eine Erkltung zugezogen, und mute einige Tage zu Hause
bleiben. Als ich zum erstenmal den Abend wieder in Gesellschaft ging, kam mir
die Dame vom Hause, die meine Freundin war, entgegen, und fhrte mich, sobald
sie unbemerkt war, in ein Kabinett, Sein Sie auf Ihrer Hut, sagte sie, es ist
bekannt, da Sie dem Mrder des jungen Nobile durchgeholfen haben, und da er
Ihr Freund ist. Sie erinnern sich, da zwei Masken mit Ihnen sprachen, als einer
von den Englndern Sie bei Ihrem Namen zu Hlfe rief. Der Ermordete ist ein
Anverwandter und Freund der einen von den beiden Masken: er erfuhr erst, wer der
Ermordete sei, nachdem Sie sich schon hinausgedrngt hatten. Der Mrder war
gleich nicht zu finden, Sie haben ihm fortgeholfen, und der Freund des Nobile
hat beschlossen, Sie fr Ihre unzeitige Hlfe ben zu lassen. Sie sind
angeklagt, und man wird einen Verhaftsbefehl auswirken. Was diese Maregel gegen
Sie erleichtert, und jeden Verdacht bestrkt, ist: da man aus Ihrem Geburtsort
einigen Leuten von Bedeutung aufgetragen hat, ber Ihre Auffhrung genau zu
wachen. Einer von denen, welchen es aufgetragen worden, ist eben der Ermordete,
und dieser hatte es wieder seinem Freunde aufgetragen. Ihre Bekanntschaft zu
machen, um Sie besser zu beobachten; dieser nimmt nun diesen Umstand als einen
Beweis, da Sie Anteil an der Ermordung gehabt, um sich von seiner Aufsicht zu
befreien.
    Ich beklagte mich gegen meine Freundin ber diese sinnlose Beschuldigung.
Sinnlos oder nicht, fiel sie mir ein, Sie wissen, es ist genug, da man den
leisesten Verdacht erregt, um Sie zu verderben. Sie haben dem Mrder
fortgeholfen, dies ist genug, und mehr als genug gegen Sie. Ihr Feind hat sich
auf das Zeugnis der andern Maske berufen, da Sie zu Hlfe gerufen worden, und
wirklich hingeeilt sind. Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund, der es
wei, da ich Ihnen gewogen bin, er hat mich also, kurz vorher, ehe Sie kamen,
von allem unterrichtet. Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen;
aber wenigstens sind Sie gewarnt. Eilen Sie nach Hause, sorgen Sie, da man
keine Papiere bei Ihnen findet! -
    Ich mute sogleich fort; auf der Treppe, wie ich hinuntergehe, kommt der
eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen. Gottlob, da ich Sie finde!
rief er mir zu, Sie mssen fort, gleich auf der Stelle. Ich begleite Sie bis
hinaus, und erzhle Ihnen unterwegens. Ich war ohne Geld, von dem jungen
Knstler war nichts berflssiges zu erwarten. Er mute einen Augenblick auf
mich warten, ich ging wieder zur Gesellschaft zurck; meine Freundin mochte mir
meine Bestrzung ansehen, sie kam mir entgegen, ich vertraute ihr meine
Verlegenheit, sie half mir auf der Stelle heraus, nach einem kurzen zrtlichen
Abschied verlie ich sie und Venedig.
    Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gchen, und wir
kamen glcklich hinaus. Er erzhlte mir nun, da er und sein Freund mich htten
in meiner Wohnung besuchen wollen, zu ihrem Schrecken htten sie aber
Gerichtspersonen bei mir gefunden, die alles durchsucht, und meine Briefe und
Papiere durchgelesen htten. Aus den verwirrten Reden, die ihnen entfallen
wren, htten sie ungefhr vernehmen knnen, wessen man mich beschuldigte. Sie
wren darauf fortgeeilt mich aufzusuchen, und mir zu helfen, da ich fortkme.
Glcklicherweise wre ihnen nicht weit von meiner Wohnung mein Bedienter
begegnet, von diesem htten sie erfahren, wo ich hingegangen sei.
    Ich mute fort, das sahe ich ein. Meine Papiere waren allein schon
hinreichend mir den Proze zu machen. Auer einigen launenhaften possenmigen
Sachen, die ich zu meiner Lust aufgesetzt, in denen ich das wrdige Venedig
nicht geschont hatte, waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von
Frauen, welche die Richter etwas nahe angingen, und die ich unvorsichtigerweise
nicht vernichtet hatte. Gnade war also nicht zu hoffen. Ich machte mich sogleich
auf den Weg, und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen.
Sie versprachen es mir. Der Aufenthalt in Venedig war ihnen durch diese
Begebenheit verleidet, auch hatten sie in der Tat viel Anhnglichkeit fr
mich.Sie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden, ich htte es ihnen gern
und mit Vergngen geglaubt, htten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet,
ich habe viel von einem Englnder an mir.

                                Zehntes Kapitel


Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken. Mir war, als htte
mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhltnissen gerissen.
War es aber das Pltzliche des ganzen Ereignisses, oder war es, da mein Leben
in Venedig mich beschftigt hatte, ohne mich zu interessieren, kurz mir schwebte
das Ganze wie lngst vergangen nur entfernt im Gedchtnis, ich konnte meine
Wnsche und meine Gedanken alle vorwrts richten, nichts zog mich zurck. Dies
machte mich aufmerksam auf mich selbst, und auf die Leere meiner gefhrten
Lebensart.
    Ich dachte an Manfredi, ich wnschte bei ihm zu sein; zu gleicher Zeit
fhlte ich eine gewisse Abneigung, mich jetzt schon dem Soldatenstand zu
ergeben. Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige
Sklaverei, nicht viel besser als Lakaiendienst, und nur durch herrschendes
Vorurteil darber hinausgesetzt. Soldat wollte ich zwar sein, dabei blieb es,
dies war der Hintergrund meines Lebensplanes, aber nicht in einer Garnison,
nicht bei einer stehenden Armee. Ich wollte nie fr den Despotismus, nie fr
eine unbekannte, oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten. Wie
die Helden des Altertums, wollte ich nur fr die Freiheit streiten, und in
erkmpftem Frieden, ruhig, frei, mein eigen sein. Bei dem Gedanken an die Helden
des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege, die Kunst der
Alten in Rom zu studieren. Jetzt fhlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs
neue in mir erwachen, und ich beschlo meine ganze Zeit und mein Leben in Rom
dazu anzuwenden. Sobald ich dort ankam, machte ich auch gleich alle Anstalten,
einsam und fleiig meinen Plan auszufhren. Er schien mir so gut und so wrdig,
da ich davon an Manfredi schrieb, und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit
mitgeteilt, wendete ich meine ganze Beredsamkeit an, ihn zu bewegen, da er
sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte, um
mir nachzuahmen.
    Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten
Manfredi. Zu mir knnte er aber nicht kommen, der Marchese halte es nicht fr
ratsam, da er seine Laufbahn unterbreche, und habe es ihm untersagt. Meine
Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren, der beraus
aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei. Man hatte es ihm nmlich
aus Venedig mit allen mglichen Verkehrtheiten und Verflschungen berichtet. Vom
Anteil an der Mordtat sprach er mich brigens zwar frei, aber ich htte mich
niemals, meinte er, in solche gefhrliche Gesellschaften mischen sollen. Da ich
aber doch die Ehre nicht verletzt htte, so habe er noch nicht aufgehrt, sich
fr mich zu interessieren, und es sei ihm erfreulich gewesen, aus meinem Briefe
an Manfredi zu erfahren, da ich in Rom sei. Auch habe er gar nichts dagegen,
da ich mich dort einem ruhigen Leben und den Studien berlasse, nur sollte ich
meine Zeit zweckmig benutzen. Zuletzt kam wieder dasselbe Versprechen, er
wolle auch in Rom auf meine Auffhrung wachen lassen, und nach den Berichten,
die darber einliefen, wrde er mich behandeln.
    Ich rgerte mich entsetzlich ber diese Aussicht, die so unsichtbar wie die
Allwissenheit ber mir schwebte, ohne da sie mit der Allweisheit verbunden
gewesen wre, wie diese; denn sie hatte mir in Venedig auf die verkehrteste
Weise von der Welt den grten Schaden zugefgt. Ich fand kein Mittel, mich von
ihr zu befreien, ohne den Marchese zu erzrnen; er war mir zu wert, niemand als
er hatte noch so viel fr mich getan. Ich glaubte aber, man wrde es bald mde
werden, mich zu beobachten, da ich uerst eingezogen, und blo mit meiner
Absicht beschftigt lebte. Mit den beiden Lords, die ich noch in Rom fand, und
die mir sehr lstig wurden, mute ich noch viel umherstreifen und ihnen helfen
die Beweise ihres Kunstverstandes zusammentreiben, die sie fr ihre baren
Guineen einhandelten. Sie hatten mir meinen Geldbeutel zurckgegeben, ich fand
die geliehene Summe dreifach verdoppelt darin; was mir gehrte, nahm ich davon,
das brige gab ich ihnen zurck; nicht etwa, als ob ich es unter meiner Wrde
gehalten htte, Geld anzunehmen: unter den Umstnden, in denen ich lebte, wre
dies lcherlich und zwecklos gewesen. Mein kleines Vermgen war aufgezehrt, dem
Marchese Geld abzufordern, dazu hielt ich mich nicht berechtigt, ob er es mir
gleich durch Manfredi hatte anbieten lassen, mich im Fall der Not an ihn zu
wenden. Diese Not schien mir aber noch nicht eingetreten. Ich machte den
Cicerone, sobald es mir an Geld fehlte, und lebte wieder bei meinen Studien,
solange es vorhielt. Von den Fremden, die meiner bedurften, nahm ich unbefangen
meinen Lohn an, es war kein andres Verhltnis zwischen mir und ihnen, als da
ich ihnen meine Dienste, sie mir ihr Geld gaben: Mit den Lords stand ich aber
nicht auf demselben Fu; der Dienst, den ich ihnen geleistet, den konnten sie
mir mit Geld nicht bezahlen. Diese Herren aber fhlten meinen Unterschied nicht,
sie waren, beleidigt, und taten aufgebracht, da ich ihre vollwichtige
Dankbarkeit verschmhte; ich konnte sie nur mit dem Versprechen beruhigen, sie
in England zu besuchen, wenn ich einst Italien verlassen mchte, und in jeder
Geldverlegenheit von ihrer Freundschaft Gebrauch zu machen. Sie reisten endlich
nach England zurck.
    Unterdessen waren meine guten deutschen Knstler aus Venedig angelangt, und
nun hob eine Zeit fr mich an, die wohl immer zu den glcklichsten Epochen
meines Lebens gehren wird. Ich ging mit niemand um, als mit Knstlern,
besonders mit den auslndischen, und unter diesen zeichnete ich besonders wieder
die deutschen aus. Unter ihnen fand ich jederzeit den hellsten Sinn, das
treulichste Bestreben, und am meisten innere Freiheit. Mein angestrengtester
Flei brachte mich in kurzem so weit, da ich mit meinen Gefhrten wetteifern
konnte. Sobald meine Gemlde verkuflich waren, legte ich das Gewerbe eines
Cicerone vllig nieder, zeichnete und malte ununterbrochen. Um den Verkauf
meiner Bilder, meistens Landschaften, bekmmerte ich mich ebensowenig, als um
die Anwendung des gelsten Geldes. Das erste besorgten meine Freunde, und die
Summen, die zu meiner wenig kostbaren Lebensart vollkommen ausreichten,
hndigten sie meiner Frau ein. - Ihrer Frau? rief Juliane erstaunt; doch
wahrscheinlich blo Ihrer Haushlterin? - Nein, meiner Frau! - Wie? Sie sind
verheiratet? - Wirklich getraut? fragte Eduard. - Wahrscheinlich traute sie
mir, und ich habe ihr nur zuviel getraut. Es war ein sehr schnes Mdchen, eine
Rmerin, die uns lange zum Modell gesessen hatte. Sie hielt sich klug und
bescheiden, so da sie von uns allen hochgehalten, und wegen ihrer groen
Schnheit sehr bewundert ward. Einige Tage fanden wir sie niedergeschlagener als
gewhnlich, ich bat sie, uns etwas vorzusingen, um sich selbst damit zu
erheitern. Sie sang uns nun ein Lied, dessen Inhalt ungefhr war: wenn sie einen
Mann htte, der sie liebte, und fr sie sorgen wollte, so mchte sie einzig fr
ihn und seine Wnsche leben, das wrde dann ihr grtes Glck sein. Sie sang das
Lied mit einer solchen sen Unschuld, so schchterner Innigkeit, und sah dabei
so entzckend schn aus, da ich, da sie whrend des Gesanges ihre Blicke am
meisten auf mich geheftet hatte, ihren Wunsch erfllen mute. Sie blieb gleich
bei mir. - Ich hatte meine groe Freude an dem Kinde, wie gut sie sich nahm, und
mit welchem Anstande sie dem Hauswesen vorstehen konnte. Ich mu aber gestehen,
sie htte es weit schlechter machen knnen, sie wrde mir doch nicht weniger
gefallen haben, denn ihr kleidete alles, was sie unternahm; man kann sich nichts
Reizenderes erdenken, als dieses kleine anmutige Wesen. Meine grte Lust war
es, sie zu schmcken, und sie jeden Tag in unsern Zirkel in immer neuem Kostme
und unerwarteten Abnderungen aufs kostbarste zu kleiden, darauf verwandte ich
nicht eben den kleinsten Teil meiner Einknfte. Ich malte sie unter jeder
Gestalt, und in allen ersinnlichen Stellungen, als Gttin, als Heilige, als
Priesterin, als Nymphe: diese Bilder sollen mir sehr gut gelungen sein. Wir
fhrten das einfachste und doch tollste Leben, das sich erdenken lt. Ich war
der beste Ehemann von der Welt, und lie mich von ihr beherrschen, soviel sie
wute und vermochte; sie lernte es immer besser. Je mehr sie ihre Gewalt ber
mich kennenlernte, desto impertinenter und launenhafter ward sie; da es mir aber
damals auch gar nicht daran fehlte und ich, wenn es darauf ankam, zehnmal
launenhafter und tollkpfiger war als sie, so entstand nicht selten ein gar
artiges Gepolter und Lrmen zwischen uns.
    In unsern gewhnlichen Abendzusammenknften, die bei mir gehalten wurden,
ward entweder ber das Werk eines groen Meisters, das wir denselben Tag gesehen
hatten, gesprochen, oder es stellte einer unter uns, der eine Arbeit vollendet
hatte, sie zur Beurteilung auf, oder man las auch wohl einen alten Dichter laut
vor. Mitten in den ernsthaftesten Beschftigungen entstand dann nicht selten,
zur groen Verwunderung aller Anwesenden, ein pltzlicher lauter Lrm und Zank
zwischen mir und meiner Frau, wovon niemand den Grund erraten konnte. Gewhnlich
war es aber nichts anders, als da sie mir, von den andern unbemerkt, ein
Gesicht geschnitten, das mir, wie sie wohl wute, verhat an ihr war; dies
beantwortete ich ihr dann mit einer impertinenten Gebrde, die sie nicht leiden
konnte, so ging es eine Zeitlang hin und her, ohne da es die andern bemerkten,
bis wir dann laut aufeinander losfuhren. Natrlich endigte der Krieg ebenso
lustig, als er entstanden war. Unsre Haushaltung bestand aber herrlich, zur
Erbauung und Belustigung aller Angehrigen.
    Ich htte fglich eine lange Reihe Jahre in denselben Beschftigungen und
denselben Freuden hinbringen knnen, aber eine geheime Unruhe im innersten
Gemt, ein Treiben nach einem unbekannten Gut lie es mich selten rein genieen,
da es mir doch eigentlich recht wohl ging. Ich wnschte mir einen grern
Wirkungskreis, es kam mir oft ganz verkehrt vor, da ich Kraft und Jugend einer
einseitigen Ausbildung hingegeben; es dnkte mir lcherlich, da ich soviel
angewendet htte, um mich frei zu machen, und nun diese errungne Freiheit doch
nicht in ihrem ganzen Umfang benutzte. Mein Bestreben schien mir kindisch und
zwecklos, weil ich immer mehr inne ward, da ich eigentlich gar kein Talent zur
Malerei hatte; dennoch war es mir wieder gar nicht mglich, mich loszumachen, so
wenig von meiner Lebensweise, als vom Anblick und dem Studium der groen Wunder
der Kunst. In manchen Stunden beunruhigte es mich wieder, nichts ber meine
Geburt und meine Eltern zu erfahren, ich mute bei jedem Schritt, den ich
unternehmen wollte, befrchten, da ich meiner eigentlichen Bestimmung
entgegenarbeite. Oft fhlte ich mich zu diesen unruhigen Betrachtungen gefhrt,
doch konnte ich mich nicht lange einer trben Stimmung berlassen, meine Freunde
sowohl als alle meine bungen fhrten bald wieder Vergessenheit alles Grams
herbei.
    Endlich ward mir von meiner Kleinen die nahe Aussicht zur Vaterwrde
verkndet. Wie soll ich euch beschreiben, wie mir ward bei dieser Nachricht! Es
geschah eine pltzliche Revolution in mir. Alles, was ich bis dahin geglaubt,
gedacht, gefrchtet, gehofft, geliebt und gehat hatte, nahm eine andre,
gleichsam glnzendere Gestalt in mir an. Jetzt wute ich, was ich wollte; ich
dachte nicht mehr an ein entferntes Glck, ich hatte meine Bestimmung gefunden.
Doch mich selbst verlor ich vllig dabei aus den Augen, auf das Kind bezog ich
alles: ich dachte unaufhrlich an die Art, wie ich es erziehen, wie ich fr sein
Glck sorgen, und wie ich in diesem Kinde erst meine Kindheit genieen wollte,
die mir selbst so getrbt worden war. Was ich von Kenntnissen besa, suchte ich
zu ordnen und festzuhalten, um es dann ntzen zu knnen, dabei strengte ich mich
mehr als gewhnlich an, immer neue zu sammeln. Meine Einknfte, um die ich mich
sonst nie bekmmert hatte, berechnete ich jetzt mit groer Genauigkeit; jedes
Goldstck, das ich beiseitelegen konnte, erhielt im voraus seine Bestimmung zum
Besten des Ankmmlings. Lange Reden hielt ich an die Mutter, als sie mit einigen
Einschrnkungen unzufrieden war, die ich einfhren wollte, in denen ich ihr Sinn
fr ihre neue groe Wrde zu geben versuchte. Ich merkte es nicht in meinem
Eifer, da sie sie mit groem Leichtsinn aufnahm. Einigemal war ich gegen meine
Freunde, die sich eines Lchelns und leichten Spottes ber meinen gutmtigen
Enthusiasmus nicht enthalten konnten, ernsthaft aufgebracht: sie schwiegen und
sahen mir gelassen zu. Kein rauhes Lftchen durfte die Mutter anwehen, ich
bekmmerte mich um jede Regel der Dit, ich dachte nur daran, sie in der besten
und ruhigsten Stimmung zu erhalten, und vermehrte durch meine ngstlichkeit ihre
Ungeduld, so da ich unaufhrlich von ihren Launen litt. Was habe ich nicht
angewandt, sie vom Tanze abzuhalten, dem sie mit groer Leidenschaft ergeben
war! Geliebt hatte ich sie wohl eigentlich nie, aber jetzt fhlte ich wahre
Zrtlichkeit fr sie; sie war mir heilig. Wie weit aber war sie von diesen
Gefhlen entfernt, die mich so entzckten!
    Ich war gentigt, eine Reise nach Florenz vorzunehmen, um eine angefangne
Arbeit dort zu vollenden. Ich arbeitete mit solchem Eifer, da ich in zwei
Monaten vollendete, wozu ich sonst noch einmal soviel Zeit gebraucht htte. Ich
erhielt eine ansehnliche Summe, und eilte zurck zu meinen Freunden.
    Ich fand meine Kleine etwas bla bei meiner Zurckkunft, ich erkundigte mich
ngstlich nach ihrem Befinden, ihre Antwort befriedigte mich nicht, indessen
schob ich es in meiner Freude auf ihren Zustand, denn sie war brigens wohl und
frhlicher, mutwilliger, als ich sie verlassen hatte. Wir saen bei Tische, ich
erzhlte, fragte, berlie mein Herz den schnsten Eindrcken der Freude.
Endlich fragte ich sie so schonend als nur mglich, wie es zuging, da ihr Wuchs
noch so unverndert wre, ich htte nicht geglaubt, sie noch so schlank zu
finden? Meine zrtlichen bescheidenen Fragen wurden mit lautem Gelchter
beantwortet; ich lie nicht ab, sie ward bel gelaunt, einige heftig ausgestone
Worte vermehrten meine Besorgnis, ich drang in sie, endlich... sie hatte meine
Abwesenheit benutzt... sie hatte sich durch knstliche Mittel von dem Zustande
befreit. - Die lange Beschwerde,... die ewige Sorgfalt ward dem leichtsinnigen
Geschpfe strflich zur Last... sie frchtete fr ihre Schnheit!... Gott! ich
werde noch jetzt ganz verwirrt, wenn ich mich daran erinnere... Ich verlor alle
Fassung, alle Gewalt ber mich... Atem und Sinne vergingen mir... meiner selbst
nicht mehr mchtig, warf ich mein Messer, das ich in der Hand hatte, mit solcher
Gewalt zu ihr hinber... es htte sie auf der Stelle tten mssen, htte die Wut
mich nicht blind gemacht; es blieb ber ihrem Kopf tief in der Wand stecken. Von
meiner Wildheit erschreckt, schrie sie laut auf, und verlie eilends das Zimmer,
ich war unvermgend, ihr zu folgen. -
    O Florentin, sagte Juliane, wie frchterlich erscheinen Sie mir! Sie
htten eine Mordtat begehen knnen! - Wie! war nicht sie eine hartherzige,
treulose, widernatrliche Mrderin? Mich, mich hatte sie hchst unbarmherzig
gemordet! Still nur davon, und erlaubt, da ich ende. -
    Die Treulose hatte auf der Stelle das Haus verlassen, ich sah sie nicht
wieder. Ein gewisser Kardinal hatte sich ihrer angenommen. Wie ich nun erfuhr,
hatte Se. Eminenz, die brigens ein Muster der Frmmigkeit fr ganz Rom war, ihr
schon lngst nachgestellt, und wahrscheinlich whrend meiner Abwesenheit seine
Absicht erreicht. Ein heftiger Blutsturz, den ich gleich nach jenem Auftritt
bekam, drohte meinem Leben. Ich war zerstrt, konnte meine Kraft, meine
Frhlichkeit und meinen Trieb zur Arbeit nicht wiederfinden. Die Lust zu reisen
kam mir wieder an, ich durfte es aber nicht wagen, wegen meiner angegriffenen
Gesundheit. Ich mute bei jeder etwas heftigen Bewegung Blut auswerfen. An dem
Mdchen rchte ich mich weiter nicht; dem Kardinal konnte ich es aber doch nicht
so hingehen lassen; ich machte einige Verse, in denen ich ihn eben nicht
schonte. Es war Witz und Bitterkeit genug darin, sie kamen bald in Rom herum.
Meine Geschichte war bekanntgeworden, man erriet den Dichter, und zugleich die
Eminenz. Er mochte es wahrscheinlich durch aufmerksame Diener erfahren haben,
und fr seinen Heiligenschein besorgt geworden sein.
    Ich suchte nun diese Begebenheit zu vergessen, und strengte mich an, meine
alte Lebensweise wieder einzufhren, als ganz unerwartet ein Billett von meiner
treulosen Schnen an mich kam. Aus einem Rest von Anhnglichkeit fr mich, riet
sie mir, so geschwind als mglich Rom zu verlassen. Se. Eminenz wren uerst
aufgebracht auf mich, und htten beschlossen, mich auf die Galeeren zu schicken,
ich wre also keinen Tag sicher in Rom. Se. Eminenz htten ihr versichert, ich
htte diese Strafe verdient, nicht allein wegen des boshaften Pasquills, wofr
er sich niemals rchen wrde, das er mir auch schon von Herzen vergeben habe,
sondern sowohl wegen der abscheulichen Absicht sie zu ermorden, nachdem ich sie
gewaltsam verfhrt habe, als auch wegen meiner Irreligiositt, und des gottlosen
Planes, eine heidnische Sekte zu stiften, zu welchem Ende ich geheime
Zusammenknfte mit jungen Knstlern gehalten habe, wobei wir lsterliche Reden
gegen den katholischen Glauben ausgestoen, und verschiedene heidnische
Gebruche eingefhrt htten. berdies wre ich schon lngst verdchtig, und ein
Gegenstand der Aufmerksamkeit fr die Polizei, weil von auswrts her von
gewissen Leuten Nachfrage nach meiner Auffhrung geschehen sei; ich mte mich
also schon lngst verdchtig gemacht haben. -
    Denkt euch! denkt euch diesen Abgrund von Absurditt! Es lag mir nichts
daran, mich zu verteidigen, ich htte es leicht gekonnt. Es war mir
gleichgltig, wo ich lebte, Italien war mir aber verhat. Ich verlie Rom noch
in derselben Stunde. Weil ich die Bewegung des Fahrens nicht ertragen konnte,
ging ich zu Fu nach Civita Vecchia, einige von meinen guten Gefhrten gingen
mit mir bis dahin. Hier schiffte ich mich nach Marseille ein. Dort war die Luft,
und die ruhige Einfrmigkeit meines Lebens meiner Gesundheit so zutrglich, da
ich in einigen Monaten wieder vllig hergestellt war. Auf wiederholte Briefe an
Manfredi bekam ich keine Antwort. In der Folge erfuhr ich, da sein Regiment die
Garnison verndert habe, und meine Briefe wahrscheinlich nicht an ihn gelangt
waren. Damals glaubte ich aber zu meinem tiefsten Schmerz, er habe sich von mir
gewandt. Ich schrieb dies dem Marchese zu, der wahrscheinlich den Nachrichten
aus Rom zufolge eine schlechte Meinung von mir bekommen, und sie seinem Sohn
mitgeteilt htte. An den Marchese selbst schrieb ich also nicht, ich glaubte
seine Antwort vorher wissen zu knnen.
    Nun durchwanderte ich einsam einen groen Teil von Frankreich; die schnen
Trume und Bilder waren von mir gewichen, die sonst auf jeder neuen Reise vor
mir herflogen. Mein Herz hatte sich verschlossen, und so blieb ihm auch alles
verschlossen. Ich lebte vom Portrtmalen. Hatte ich mir an einem Orte einiges
Geld erworben, so reiste ich weiter. Manches zog mich an, aber nirgends wurde
ich festgehalten. Allenthalben fand ich dieselben Gewohnheiten, dieselben
Torheiten wieder, denen ich soeben entgehen wollte. Ein Vorurteil hing am
andern, und an dieser Kette sah ich die Welt gelenkt und regiert. Allenthalben
fand ich Sklaven und Tyrannen; allenthalben Verstand und Mut unterdrckt und
gefrchtet, Dummheit und niedrige Gesinnung beschtzt von denjenigen, denen sie
wieder als Pfeiler diente.
    Ich trieb mich in Paris umher, es war mir nach und nach ein gar schlechter
Spa geworden, Gesichter aller Art fr bare Bezahlung zu konterfeien, und fr
dieses sndlich erworbene Geld ein leeres trichtes Leben weiter
hinauszuspinnen, und die Erfahrung immer zu wiederholen, da ich nirgends
hinpasse.
    An einem ffentlichen Ort kam ich zufllig in ein Gesprch mit einem
englischen Manufakturisten, der auf Frankreich schimpfte, und mir die englische
Freiheit rhmte; mir fiel das Versprechen ein, das ich meinen Lords in Rom
gegeben hatte, - in wenigen Tagen war ich in London. Hier fand ich nur den einen
Lord, der andre, der den Nobile gettet hatte, wohnte auf seinem Landsitz. Eine
Zeitlang lebte ich nun mit jenem im Zirkel der Londoner Eleganz. Ich fand aber
keine Lust an ihren Routs und Punsch und tollen Wetten, worin sie den Ehrgeiz
des guten Tons setzten. Die Gesellschaft ihrer Frauen erfreute mich nicht; ihre
Fabriken, Manufakturen, ihr Geld, ihr Hochmut, ihre Nebel und ihre Steinkohlen
machten mich traurig und schwermtig. Und ihre Freiheit, die mir so oft
gepriesene?... Ich war bei einer Debatte im Unterhause zugegen... und nun war
ich bestimmt entschlossen, und es bleibt unwiderruflich dabei, ich gehe zur
republikanischen Armee nach Amerika. Es mu jenen Menschen gelingen, sich
freizumachen, da sie nicht von falschem Schimmer geblendet sind, den man ihnen
anstatt des echten Goldes aufdringen will. Meine Kraft und meine Ttigkeit sei
ihnen geweiht. Bei diesem Gedanken erwachten Mut und Freudigkeit wieder in mir,
fr die amerikanische Freiheit fechten, dnkte mir ein wrdiger Endzweck.
    Ich setzte einen Tag fest, an dem ich wieder nach Frankreich wollte. Den Tag
vorher hatten meine Londoner Herren ein Pferderennen, zu dem sie mich mitzogen;
ich folgte mit einigen andern den Rennern, mein Pferd strzte, ich ward heftig
heruntergeschleudert; ohne es zu achten, stieg ich wieder auf, fhlte mich aber,
nach einer kurzen Anstrengung ihnen zu folgen, so angegriffen, da ich mich nach
Hause mute bringen lassen. Meine Brust war durch den Fall aufs neue verletzt
worden, ich war krank, allein und verlassen. Mein Geldvorrat war erschpft, was
noch brig war, reichte kaum hin, mich wiederherzustellen. Um dieses zu
beschleunigen, wollte ich einige Zeit auf dem Lande leben; die Luft in London
war mir hchst schdlich. Sobald ich es nur wagen durfte, soweit zu gehen,
machte ich mich auf, um meinen Lord auf seinem Landhause zu besuchen, und mich
bei ihm vllig zu erholen.
    In seinem mit der gewhnlichen Pracht der englischen Landpalste errichteten
Wohnsitz fand ich alles in bunter, lauter Freude und Lustbarkeit. Der Lord hatte
sich vor wenigen Tagen mit einer reichen Erbin vermhlt, und man war noch sehr
mit den Festen beschftigt. Ich kam zu Fu, war matt, bleich und im Kostm eines
Fugngers. Ich mute lange stehen, eh' ich jemanden fand, der mich Sr.
Herrlichkeit melden wollte. Es gab eine Zeit, wo ich es nicht so geduldig
abgewartet htte, aber ich war krank, und mein Geist gebeugt. Des Stehens im
lrmenden Vorsaal endlich mde, schickte ich eine Karte mit meinem Namen hinein,
und setzte dazu, ich wre im Garten. Ich ging wirklich dahin und setzte mich auf
die erste Bank, die ich fand. Bald darauf kam auch der Lord mit einem wahren
Festtagsgesicht, das immer lnger ward, je nher er mir kam, und mein Aussehen
und meinen Aufzug gewahr ward. Seine ganze Haltung schwebte zwischen Erstaunen
und Verlegenheit. In jeder andern Stimmung htte mich Se. Herrlichkeit sehr
belustigt, jetzt war es mir aber ganz gleichgltig; es war ein schner warmer
Herbsttag, der Sonnenschein tat mir wohl, ich legte mich bequem auf den schnen
Sitz und lie den Lord sich wundern und nicht begreifen. Seine Fragen
beantwortete ich ihm zur hchsten Notdrftigkeit; er wute bald, wie es
gegenwrtig mit mir stand, und mein Begehren, einige Zeit lang bei ihm auf dem
Lande zu wohnen. Nach einigem Husten und Ruspern, und einem sehr bedeutenden
Spiel mit Uhrkette und Hemdkrause, erzhlte er mir endlich: whrend seiner
Rckreise nach England sei sein Vater pltzlich gestorben, und habe viel
Schulden und die Gter in Unordnung gelassen. Auch er habe nach gemachter
Rechnung, auf seinen Reisen weit mehr ausgegeben, als ihm eigentlich erlaubt
gewesen. Schon auf dem Punkt, ganz ruiniert zu sein, habe er seine gesammelten
Schtze der Kunst und die grten Seltenheiten alle verkaufen mssen, was doch
nicht zugereicht habe, ihn wieder in Ordnung zu bringen; er sei aber jetzt so
glcklich gewesen, eine sehr reiche Frau zu finden, durch deren Vermgen er sich
wieder in den Stand gesetzt she, seinen alten Glanz anzunehmen. Er finde sich
beraus glcklich; nur auf das Glck, seinen alten Freunden ffentlich viel zu
sein, msse er Verzicht tun; heimlich knne er aber manches fr sie tun. Seine
Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin, die jetzt zu seinem Glck alles
getan habe, msse er durchaus hierin schonen, und ihnen nicht das Zutrauen
nehmen, da er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei, wovon sie immer
noch einen Rckfall befrchten. Da sie nun seinen Aufenthalt in Italien als den
Hauptgrund seines Verderbens anshen, so sei ihnen alles verdchtig, was von
dort herkomme, besonders alle Knstler, und was damit zusammenhnge. Jetzt sei
die ganze Familie noch in seinem Hause zu den Vermhlungsfesten versammelt, und
er sowohl als ich wrden viel von ihrer beln Laune und ihrem Verdacht zu leiden
haben, wenn er mich als Knstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen
einfhren wollte; das, was er mir schuldig sei, was ich fr ihn getan, komme in
keinen Betracht bei ihnen, da er jene Geschichte mit einigen andern Umstnden
erzhlt habe, und sie nur die Summe berechneten, die er an jenem Abend im Spiel
verloren. Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe fr
mich; ich sollte nur erst eine andre Toilette machen, und in einem Wagen oder zu
Pferde bei ihm ankommen, dann wollte er mich unter fremdem Namen, als Graf oder
Marquis vorstellen, unter diesem Titel knnte ich eine Zeitlang, wie zum Besuch,
bei ihm bleiben. Alsdann wollte er mir eine bequeme Gelegenheit, nach Frankreich
zu reisen, verschaffen, und mir einige sehr gute Empfehlungen dorthin mitgeben.
Sollte ich mich aber nicht in diese Maregeln fgen knnen, so mchte ich
wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft
verschmhen, und erlauben, da er sich zum Teil der groen Verbindlichkeiten
entledige, die er mir habe. Wo ich auch wre, sollte ich mich seiner erinnern,
und immer auf seine Freundschaft rechnen. Whrenddessen hatte der gromtige
Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt.
    Als ich merkte, da er nichts mehr zu sagen hatte, und irgendeine Antwort
erwartete, stand ich auf, setzte meinen Hut gelassen auf, wandte mich und ging
hinaus, ohne ein Wort zu sagen. berdies war auch eben die Sonne untergesunken.
Wie lange er mir nachgesehen haben mag, wei ich nicht.
    Mir war leichter, da ich hinausging, als da ich hereintrat. Der Auftritt
hatte meiner Laune ganz wohl getan, mir war so leicht wieder zu Sinn, als seit
lange nicht; es war mir, als htte ich eine groe Rechnung im Leben
abgeschlossen, und knnte nun auf neues Konto wieder anfangen.
    Ich geno im nahen Gasthofe einiger ruhigen Stunden, in denen ich berlegte,
was ich nun tun wolle? Zur Armee konnte ich noch nicht, ich htte bei meiner
angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen, es ging berdies zum
Winter. Ich ging zurck nach London, verkaufte meine berflssigen
Habseligkeiten, und so mit recht frischem heiterm Sinn, der nicht wenig dazu
beitrug, da ich bald wieder Krfte und Gesundheit erlangte, verlie ich England
und schttelte den Staub von meinen Fen, als ich wieder zu Calais anlangte.
    Im sdlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen,
ich beschlo also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel
abzuwarten. Den Fureisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen; es gibt
keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen, wenn es einem eben nicht
darauf ankmmt etwas spter an das Ziel seiner Reise zu gelangen, oder wenn man,
was noch schner ist, seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht.
    Freilich mute ich nun wieder zum Portrtmalen meine Zuflucht nehmen, um
durchzukommen. Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmglich, eine Kunst,
die die Gttin, das Glck und die Gefhrtin meiner schnen und glcklichen Tage
gewesen war, im Unglck als Magd zu gebrauchen. Ich behalf mich oft lieber
uerst kmmerlich, litt manchen Tag lieber wirklich Not, ehe ich mich dazu
entschlo. Ich half mir sinnreich genug, und auf unzhlige Weisen durch; eine
der angenehmsten war mir darunter, als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu
werden.
    Auf meiner Wandrung machte ich zufllig die Bekanntschaft eines Schweizers,
der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte, um sie
wenigstens so lang als mglich zu erhalten, da keine Hoffnung zu ihrer vlligen
Wiederherstellung war. Sie starb whrend des Winters, und er, der ber ihren
Verlust sehr trauerte, bat mich, ihm auf seiner Rckreise nach Basel
Gesellschaft zu leisten. Ich nahm es gern an, ich hatte die Schweiz noch nicht
gesehen. Um sich zu erheitern, reiste er nicht geradezu nach Basel, wo er
wohnte, sondern begleitete mich vorher auf meinen Zgen in den Alpen. Ich machte
einige gutgelungene Zeichnungen, die er behielt. Unter diesen Beschftigungen
verstrich wieder der Sommer; nun ging ich mit ihm nach Basel, wo ich durch ihn
in einigen artigen Husern bekannt ward.
    Die Hrte des Winters hielt mich lang in Basel, whrenddem gab ich
Unterricht im Zeichnen und Malen. Einigen liebenswrdigen Menschen dort habe ich
gar vieles zu verdanken, ohne da sie es vielleicht ahnden. Auf ihren Rat, und
durch ihr Lob aufmerksam gemacht, lernte ich Deutsch und einige eurer guten
Dichter kennen. Sie gaben mir glckliche Stunden, und rechtfertigten meine
Vorliebe fr die Deutschen. Ich ward durch sie bewogen noch erst durch
Deutschland zu reisen, und mich noch lnger den Strmen eines Ungewissen Lebens
hinzugeben, eh' ich zu meiner Bestimmung gelange. Sobald man nur hoffen durfte,
da die Klte nicht mehr zurckkehren wrde, habe ich mich von Basel aufgemacht;
ich habe einige schne Teile von Deutschland durchreist, und fhle mich so
gestrkt an Leib und Seele, da ich nun meinen Entschlu gewi auszufhren
gedenke. Mich treibt etwas Unnennbares vorwrts, was ich mein Schicksal nennen
mu. Es lebt etwas in mir, das mir zuruft, nicht zu verzagen, und nicht blo zu
leben, um zu leben, ich mu meinen Endzweck, ich mu das Glck, das ich ahnde,
wirklich finden. -
    Ihr wolltet es so, meine guten Freunde, da habt ihr also die Erzhlung
meiner wichtigsten Begebenheiten. Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit
in mir rege geworden, bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe,
sie haben sich meiner bemeistert. Lat es geheim zwischen uns bleiben, was ich
euch erzhlt habe. Es gibt Menschen, die das, was man ihnen sagt, selten so
nehmen, wie man es sagt, und wie man es genommen haben will, sondern aus eigner
Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten. Der Himmel gebe,
da euch meine Erzhlung keine Langeweile gemacht, und da ihr jetzt nicht bler
von mir denkt als vorher.
    Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme, und da er
ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei. Sie unterhielten sich noch mit
ihm ber diese und jene Begebenheit, die ihnen aufgefallen war. Juliane
erkundigte sich genauer nach den Namen, Verhltnissen und den Personen, die
darin vorkommen. - Fragen Sie mich nicht um dergleichen Zuflligkeiten, liebe
Juliane, sie gehren nicht auf die entfernteste Weise zu mir, und von mir sollte
ich Ihnen erzhlen! Hinz oder Kunz, es ist einerlei. Wenn es Ihnen so um den
deutlichen Begriff der Persnlichkeit zu tun ist, so knnen Sie sich Personen
nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken, man findet sehr leicht passende Vorbilder.
Und nun, bevor wir uns auf den Rckweg machen, lassen Sie uns noch erst tiefer
ins Gebirge hineingehen, dort von dem Gipfel eines Bergs, den ich kenne, ist
eine Aussicht, die ich, eh' die Sonne untergeht, zeichnen und Ihnen, lieben
Freunde, als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurcklassen will.
Die Sonne steht nicht mehr hoch, es hat sich ein kleiner Wind erhoben, und Sie
knnen ohne Beschwerde gehen, Juliane. -
    Jene waren es wohl zufrieden, man machte sich auf den Weg, und im Gehen
sagte Florentin: Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besondern Grund zum
Abzeichnen ersehen. Man sieht von dort ein Haus, das mich durch seine Bauart und
eine hnlichkeit in der Lage an eine lustige Geschichte erinnert, die ich euch
noch erzhlen will. Ihr mgt euch meiner dabei erinnern, wenn ich fern bin, und
ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen.
    Als ich in Venedig war, lie ich mich in einer der schnen Nchte mit
einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren. Wir machten Musik, und waren voller
Mutwillen und Lust. Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin, die in einem
Landhause nicht weit vom Ufer wohnte, es fiel ihm ein, ihr eine Musik unter
ihrem Fenster zu bringen, und er bat uns ihn zu begleiten: wir willigten ein,
und stiegen ans Land. Die Musik ward gebracht, und so gndig aufgenommen, da
man uns alle einlud ins Haus zu kommen, um Erfrischungen einzunehmen. Der gute
Freund ging sogleich hinein, wir andern entfernten uns bescheiden, nachdem wir
einen Ort bestimmt hatten, an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten. Wir
zerstreuten uns; was die andern anfingen wei ich nicht; ich ging am Ufer des
Golfo entlang, freute mich ber die entzckende Aussicht, die in glnzendem
Mondlicht vor mir lag, und hrte dem Gesang der Gondoliere zu, und der
verschiedenen Musik auf den Gondeln, die hin und her schwammen. So fortwandelnd,
sah ich mich auf einmal vor einem Gitter, das ein anmutiges Blumenparterre
umschlo, von dem die Gerche die Luft um mich her durchwrzten. Am andern Ende
des Parterrs, dem Gitter gegenber, war ein Haus sichtbar mit einem Balkon, der
nur wenig von der Erde erhht war, auf demselben standen die Tren offen, die
nach einem Zimmer zu fhren schienen, aus dem ein helles Licht schimmerte, und
der Gesang einer weiblichen Stimme, von einer Gitarre begleitet, erscholl. Das
Ganze zog mich hinlnglich an, um mich etwas nher umzusehen. In einem
Augenblick sprang ich ber das Gitter, und stand dicht vor dem Balkon, wo ich
das ganze Zimmer hinter demselben bersehen konnte.
    Es war ein niedlich gebauter Salon, der so geschmackvoll und zugleich
prchtig dekoriert war, als ich es selten gesehen habe. Besonders zog meine
Blicke ein schner Futeppich an, mit grnem Grund, auf den zerstreute Rosen
eingewirkt waren, der sich gegen die glnzenden mit Gold verzierten Wnde sehr
schn ausnahm. Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch
beleuchtet. Eine schne junge Frau, im leichtesten zierlichsten Gewande, die
schwarzen Haare oben auf dem Kopfe zusammengeknpft, ging singend auf diesem
Teppich mit leichtem Fu umher, in ihrem Arm ruhte die Gitarre, die sie mit
vieler Anmut spielte. Einige groe Spiegel an der gegen mir berstehenden Wand
vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Vorberschweben. Ich war wie
festgebannt, ich konnte mich nicht satt sehen. Sie legte die Gitarre hin, und
zog eine Schelle, ein Lakai in reicher Livree trat herein und brachte
Erfrischungen, sie setzte sich nun auf den Sofa dicht am offnen Balkon und
verzehrte einige Orangen, die sie erst mit groer Zierlichkeit schlte. Die
unbedeutendste Bewegung gefiel mir an ihr. Ich mute es wagen, sie zu sprechen,
das war gewi. Ohne mich lange zu besinnen, sang ich halb leise einige Verse auf
dieselbe Melodie, die sie soeben gesungen hatte. Ich konnte sie genau dabei
beobachten: erst war sie erschrocken, dann staunte sie, zuletzt ward sie
aufmerksam, ich hrte auf und seufzte tief. Einen Augenblick besann sie sich,
dann trat sie auf den Balkon heraus; sie sprach einige Worte, aus denen ich
merkte, da sie mich fr einen andern nehmen mute. Ich antwortete so, da sie
nicht sogleich aus dem Irrtum gerissen ward. Als ich hoffen durfte, da die
Unterhaltung sie genugsam interessierte, gab ich ihr zu verstehen, da ich ihr
unbekannt sei. Sie war aufgebracht, ging zurck, sprach aber doch immer weiter
durch die offen gebliebene Tre; es whrte nicht gar lange, so hatte ich sie
wieder durch Bitten und Schmeicheleien auf den Balkon gezogen. Sie wollte meinen
Namen wissen, ich sagte ihn ihr, sie schien einiges Zutrauen zu gewinnen als sie
ihn hrte. Sie hatte schon viel zu meinem Vorteil gehrt, sagte sie, und schon
lange gewnscht mich pesnlich zu kennen. Was konnte sie mir Erfreulicheres
sagen? Auch war unsre Bekanntschaft mit diesen wenigen Worten so gut als
befestigt. Meine Rolle war etwas schwierig, ich mute durchaus sie schon
gesehen, gekannt, geliebt haben, sonst wre mein Eindringen ganz unverzeihlich
gewesen, auch sprach sie ganz so, als ob mir alle ihre Verhltnisse bekannt sein
mten, da ich doch nicht das mindeste, nicht einmal ihren Namen wute, und sie
zum erstenmal sah.
    Gewandtheit und Dreistigkeit halfen mir glcklich durch. Nach einigen
kleinen Debatten erhielt ich Erlaubnis, sie den folgenden Abend an demselben Ort
wiederzusehen. Ich mute nun zurck, ich fand meine Gefhrten am bestimmten Ort
wieder, und schiffte mich mit ihnen ein. Auf meine Erkundigung erfuhr ich von
ihnen, wer meine schne Unbekannte sei. Die Nachrichten waren gut und
erfreulich. Aus einem groen Hause, vom Kloster an einen Mann vermhlt, der alt
genug war ihr Grovater zu sein; sie lebte grtenteils auf dem Lande, wo ihr
Gemahl sie dann und wann besuchte. Sie liebte ihn nicht, war keine Feindin der
muntern Gesellschaft,... kurz ich fand keine Ursache zu verzweifeln.
    Die folgende Nacht fand ich mich wieder vor dem allerliebsten Balkon ein.
Dasselbe Licht, derselbe Glanz. Ich stand nicht lange, als sie heraustrat, sie
sprach freundlich mit mir, ich bat um Erlaubnis zu ihr hinaufzukommen, sie
verweigerte es nur schwach, ich ward dringender, sie nachgebender; mit einem
Sprung war ich auf dem Balkon zu ihren Fen. Das Gestndnis ihrer Liebe
entzckte mich. Nun sa ich ihr gegenber, auf demselben Teppich, von demselben
Kronleuchter beleuchtet. Sie sa wieder auf demselben Sofa, schlte Orangen, die
sie mit mir teilte, ich war wie berauscht, meine Sinne waren gefangen. Einige
Stunden waren schnell verscherzt, nun verlangte sie, ich sollte wieder fort;
dieser leichte Anstrich von Sprdigkeit, mich nicht lnger bei sich zu behalten,
konnte mir nicht sehr imponieren, ich bestand darauf nicht fortzugehen, und es
ward mir erlaubt zu bleiben. Doch mute ich wieder hinaus auf den Balkon, um
dort zu warten, bis sie mich wieder rufen wrde, und ihre Frauen erst
fortzuschicken. Die Lichter wurden ausgelscht, ich mute lange drauen stehen,
es fing an zu regnen, ich ward verdrielich, Langeweile war mir von jeher unter
jeden Umstnden unleidlich. Endlich kam eine Gestalt, die mich bei der Hand
nahm, nicht die bekannte, es war eine vertraute alte Kammerfrau, sie fhrte mich
durch einige finstre Zimmer, jeder Umstand fiel mir unangenehm auf. Endlich
ffnete sie eine Tr und ging zurck. Die Gebieterin kam mir entgegen, sie war
im nachlssigen Nachtgewande, sehr schn, das Zimmer uerst prchtig, der
Schein einer Lampe erleuchtete es nur dmmernd, alles war kstlich,
unvergleichlich, aber es war nicht jenes Zimmer, jene Erleuchtung, jene Spiegel,
jener schne Teppich; mich umgab nicht der se Blumenduft, es war nicht
dieselbe Grazie, die umherschwebte. Ich sehnte mich nach dem Schimmer, nach der
Luft jenes kleinen Tempels, der mich zuerst so freundlich begrt, und meine
Phantasie gefangengenommen hatte. Das ganze reizende Bild war mir entrckt,
meine Wnsche mir fremd geworden. Ich setzte mich neben die schne gtige Dame,
und sprach einiges mit ihr, wahrscheinlich waren es hchst gleichgltige
abgeschmackte Phrasen, die die Dame sehr betreten machten, und ebenso
gleichgltig beantwortet wurden. Es gab einen Augenblick der sonderbarsten
verlegensten Stille, ich fhlte das Unschickliche, wollte durchaus wieder in
meine vorige Stimmung kommen, die Anstrengung gelang mir schlecht, ich ward
vllig verdrielich, und... schlief endlich ein! Als ich erwachte, schien der
Tag hell ins Zimmer hinein; ich fand mich allein, noch auf demselben Sofa: es
whrte einige Minuten eh' ich mich entsinnen konnte, wie ich in dieses Zimmer
gekommen, und was mit mir vorgegangen war? Aber mit welcher Beschmung fiel mir
nun mein ganzes Abenteuer und mein unerklrlich albernes Benehmen ein. Die Tren
waren alle offen, kein Mensch kam mir in den Weg, ich schlich mich unbemerkt aus
dem Hause, und eilte aus der Gegend, so schnell als mglich. Ich war berzeugt,
da meine Geschichte so hchst lcherlich, als sie wirklich war, und gewi mit
den unvorteilhaftesten Zustzen, in Venedig herumkommen wrde, und traute mich
gar nicht, mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen. Ich verlie also
Venedig auf einige Monate, und zog aufs Land. Das war die Zeit, von der ich
Ihnen erzhlt, die ich unter Hirten auf dem Lande gelebt habe. -
    Dies ist gegen die Abrede, Florentin, sagte Juliane, diese Geschichte
gehrte noch zu Ihren Konfessionen!

                                Eilftes Kapitel


Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt, als die Sonne sich auf einmal hinter
eine dicke Wolke verbarg, die ein pltzlicher Wind von Abend her am Horizont
herauftrieb; es donnerte in der Entfernung. Unsere Wanderer rafften sich auf, um
vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen, von dem sie nicht weit
entfernt waren. Das Wetter zog sich aber schneller zusammen, als sie dahin
gelangen konnten. Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke ber
ihnen empor, der Donner kam nher, die Blitze wurden strker, einzelne groe
Regentropfen fielen. Juliane ward ngstlich, sie lief aus allen Krften, bald
versetzte der Sturm ihr den Atem, der Staub verdunkelte, und verletzte ihre
Augen. Sie frchtete ebensosehr auf freiem Felde zu bleiben, als Schutz unten
einem Baume zu suchen. Ihre Fe waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund
geworden, und sie stie allenthalben an.
    Ein starker Blitz, dem der Donner gleich nachfolgte, fiel vor ihnen nieder,
Julianes Knie wankten, sie fiel halb ohnmchtig zu Boden. Die beiden Freunde
nahmen sie abwechselnd in ihre Arme, und trugen sie fort. Das Gewitter war nun
ganz nahe, Blitz und Donner wechselten unaufhrlich, der Regen strmte in Gssen
herab.
    In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum Dorfe, sie irrten, fr
Julianes Gesundheit besorgt, ngstlich umher; endlich erblickten sie, indem sie
an einem Bache hinaufgingen, am jenseitigen Ufer eine Mhle, die einsam im Tale
lag, von Bergen umschlossen. Eine Brcke ging nicht hinber, sie riefen laut;
aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen. Endlich
gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden; einige
Mllerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen herber, nahmen die beiden Freunde
und die von Angst und Mdigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne
Mhe ber den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Mhle.
    Sie waren vom Mller und von seiner Frau nicht gekannt, wurden aber gastfrei
aufgenommen. Eduards erste Sorge war trockne Wsche und Kleider fr Julianen zu
verschaffen. Eine neue Verlegenheit entstand. Sie muten Julianens Geschlecht
der Mllerin entdecken, diese war erstaunt und getraute sich nicht, ihnen zu
glauben. Nach vielen Bitten und Beteurungen lie sie sich endlich bewegen,
Wsche und Kleider fr Julianen herzugeben, und ihr bei der Umkleidung hlfreich
zu sein, denn die Arme war so erschpft, da sie kaum zu stehen vermochte.
Whrend sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward, war in der daranstoenden
Stube ein Kaminfeuer gemacht worden; Eduard und Florentin waren dabei
beschftigt, ihre Kleider zu trocknen. Die Mllerin trat aus der Kammer, und
berichtete ihnen, die Jungfer wre eingeschlafen! Sie sah die jungen Leute mit
mitrauenden neugierigen Blicken an. Sie konnte sich das Verhltnis auf keine
rechtliche Weise erklren, in dem diese junge schne Person, von deren
Geschlecht sie nun vllig berzeugt war, mit den beiden Mnnern stehen msse.
Sie hatte allerlei Vermutungen, schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang, den
sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab. Zuletzt sagte
sie etwas ngstlich: sie habe zwar ihre Hlfe nicht versagen drfen, aber weder
sie noch ihr Mann wrden gern Leute beherbergen, die sich zu verbergen Ursache
htten; und mehr solcher Redensarten, die eben keine gnstige Meinung von ihren
Gsten verrieten.
    Die beiden belustigte ihre Besorgnis, und sie vermehrten sie mutwillig durch
geheimnisvolle Bitten, sie nicht zu verraten. Florentin trieb tausend kleine
Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz
freundlich zu erhalten. Sie schien dafr auch gegen ihn besonders gefllig, und
Eduard zog sie deshalb auf. Bald war sie so dreist gemacht, da sie sich einige
zweideutige Spe ber Julianen erlaubte, deren Stand sie weit entfernt war zu
ahnden. Sie drang immer mehr mit Fragen in sie, die aber nicht ernsthaft
beantwortet wurden. Der Mller war unterdessen seinen Geschften nachgegangen,
und hatte seiner Frau die Sorge fr die Wanderer berlassen.
    Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und hrte zu ihrer nicht
geringen Beschmung die Zweifel und den Argwohn der Mllerin. Sie gab ein
Zeichen, da sie erwacht sei, Eduard eilte zu ihr ans Bett, um sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen; sie bat ihn, diesen fr sie sehr verdrlichen Auftritt
zu endigen, und die Frau ber ihren Irrtum ernsthaft aufzuklren; sie hatte zwar
anfangs gewnscht, unbekannt zu bleiben, lieber wollte sie aber diesen Vorsatz
aufgeben und ihren Namen entdecken, um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten
der Frau ein Ende zu machen. Eduard ging sogleich wieder hinaus, und verkndigte
ihr nun, wen sie unter ihrem Dache bewirte. Juliane rief sie zu sich, und
besttigte, was Eduard gesagt hatte; aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht
glauben. Alles was sie zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten, schien eben dem
Argwohn der guten, etwas einfltigen Frau nur neue Nahrung zu geben; das machen
Sie mir nicht weis, rief sie, da meine gndige Herrschaft zu Fu, ohne
Bedienten und verkleidet ausgehen wird! Florentin lachte ausgelassen ber diese
tolle Begebenheit, Juliane mute trotz der Verwirrung auch lachen. Die Mllerin
lief hinaus und holte ihren Mann. Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an, als
er sie gleich erkannte: er hatte sie oft gesehen, wenn er in seinen Geschften
aufs Schlo gekommen war, in der Mnnertracht aber, bla und ohnmchtig, mit
nassen herunterhngenden Haaren, beim Eintritt nicht wiedererkannt; er bat sie
sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung, suchte diese, so gut als er
vermochte, zu entschuldigen, und verlie sogleich das Zimmer wieder.
    Die Mllerin war beschmt und verwirrt, sie erbot sich zu allen Diensten mit
der grten Bereitwilligkeit, und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen
Grfin. Vor allen Dingen bat Juliane, ihr einen Boten zu verschaffen, den sie
aufs Schlo schicken knnte, um ihren Wagen herauszuholen, weil sie gleich nach
Hause fahren wolle. Die Nacht war aber unterdessen vllig hereingebrochen, das
Gewitter hatte zwar aufgehrt, aber der Sturm war noch stark und der Regen
strmte gewaltig herab, dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt
vor sich sehen. Der Mller entschuldigte sich, da er jetzt niemand ber den
Bach knne fahren lassen, es wre beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei, da
er vom Regen sehr angeschwollen sei, und der Sturm den Kahn gegen die Pfhle
schleudern mchte. Bis zu Tagesanbruch mte sie also geduldig warten. Man
erkundigte sich, ob nicht noch ein andrer Weg als der ber den Bach nach dem
Schlo fhrte? Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge, dieser fhrte
aber so weit herum, da der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen
wrde.
    Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst, wegen der Angst ihrer
Eltern. Sie zitterte und weinte, ihre Phantasie fllten die schreckhaftesten
Vorstellungen. Eduard war bereit, sich selbst ber den Bach zu wagen, nur um sie
desto eher zu beruhigen; hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein. - Wollen
Sie mich hier allein lassen, rief sie, und sich selbst in Gefahr geben? Das
wrde ja meine Angst noch vermehren? Sie versprach endlich, geduldig den Tag
abzuwarten. Nun wollte sie versuchen aufzustehen, sie fhlte aber eine solche
Mattigkeit und so groe Schmerzen an ihren Fen, da sie sich entschlieen
mute, im Bette zu bleiben.
    Die Mllerin hatte ein Abendessen bereitet. Eduard und Florentin setzten
sich vor das Bett; auf eine solche Ermdung fehlte es unsern jungen Wanderern
nicht an Elust, und wren die Speisen auch noch so niedlich und sorgfltig
zubereitet gewesen, es wrde ihnen dennoch gewi trefflich geschmeckt haben; an
diesen hatte aber die Mllerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet, um ihre
Gste nach Wrden zu bewirten, die sie anfangs zu ihrer groen Beschmung so
verkannt hatte.
    Es gelang den beiden Freunden, Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe
vergessen zu machen, und sie etwas zu erheitern. Sie fanden aufs neue
Gelegenheit ber ihre Schnheit zu erstaunen. Die Blsse und die Mattigkeit in
Blick und Stimme verlieh ihr neue Reize, und kontrastierte auf eine interessante
Weise mit der Kleidung, die die Mllerin ihr geliehen hatte, die tchtig und fr
das Bedrfnis gemacht, ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte. Florentin
wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen, damit sie sich knftig in ihrem
hchsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern mge. Denn,
setzte er hinzu, wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste
und abenteuerlichste sein, die Sie in Ihrem ganzen knftigen Leben erfahren
werden. -
    In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zrtlichkeit
hervor. - Darf er so khn unser knftiges Leben verspotten? schien Juliane mit
ihrem beseelten Blick zu fragen; und in Eduards Augen las sie die Versicherung
der ewigen Liebe, des unvergnglichen Glcks. Er hatte seinen Arm um sie
geschlungen, sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern; die Seligkeit der
Liebe hielt ihre Lippen verschlossen, sie sprachen nicht, und sagten sich doch
alles.
    Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Haustre gelehnt. Er
hrte auf die Wogen des Bachs, der sich reiend fortwlzte, und sprudelnd und
schumend ber die Rder der Mhle hinstrzte; auf das Brausen des Windes im
Walde, und das friedliche Klappern innerhalb der Mhle. Es klang ihm wie
vernehmliche Tne. Wie ein Wettgesang des ttigen zufriedenen Landmanns und des
mutigen, ehrschtig drohenden Kriegers tnten Mhle und Waldsturm; der Bach
rauschte in immer gleichen Gesngen ununterbrochen dazwischen, wie die ewige
Zeit, allem Vergnglichen, allem Irdischen trotzend, und seine Bemhungen
verhhnend.
    Er hrte im Wohnzimmer des Mllers laut reden, er schlich sich aus einem
Anfall von Neugierde unter das offene Fenster, und hrte ein Gesprch zwischen
dem Mller und seiner Frau an, das sie ber ihre Gste fhrten; diese
Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen. - Der Mller konnte, wie es
schien, die Sitte nicht billigen, die die vornehmen Leute einfhren, inkognito
zu reisen. Man kennt sie nicht, rief er, am Ende werde ich noch in jedem
wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen, oder eine Prinzessin vermuten
mssen, und mich in acht nehmen, da ich ihm nicht zu nahe trete. - Die
Mllerin war ganz besnftigt, und wollte ihn mit dieser Sitte ausshnen: Sie
hren und sehen doch, sagte sie, wenn sie so reisen, manches, was sie sonst
nimmermehr erfahren wrden, und da die yielen Umstnde und Weitluftigkeiten
wegfallen, ist bequemer fr sie, und auch fr unsereinen. - Nun, sagte der
Mller wieder, manches brauchen sie auch nicht zu erfahren, und dafr, da wir
keine Umstnde mit ihnen machen drfen, machen sie auch wieder mit uns keine. -
Nun Vater, du wirst dich noch einmal um den Kopf reden, ich dchte doch, wir
htten nicht zu klagen. - Wer spricht davon? Ich meinte nur. - Ja dir macht
man's nimmermehr recht! Mit deinem hlichen Mitrauen machst du einen auch mit
so argwhnisch; htte ich mich nicht beinahe ganz erschrecklich gegen die junge
gndige Herrschaft vergangen? Und wer war schuld als du? - Ich will alles
verantworten, was ich spreche, aber das knnen nicht alle, und darum mssen sie
sich wohl in acht nehmen! - Ach und es ist doch gewi eine liebe allerliebste
Herrschaft! Ich wrde mich in meinem Leben nicht zufrieden geben, wenn ich sie
beleidigt htte. - Beleidigt hast du sie doch, aber sie hat es dir wieder
verziehen! - Ja so gtig ist sie, und so herablassend, wie eine Heilige, und
dabei so zart und so schn! Vater, wenn du das so gesehen httest, wie ein
Wachsbild, man kann sie doch gar nicht genug ansehen! - Und die beiden jungen
Herren sind wohl auch so gtig wie die Heiligen? Ja ihr Frauen! - - Nun, was
fllt dir wieder ein? Du hast immer ganz besondere Gedanken. - Ja vorzglich
der eine, der ist nun vollends lauter Gte! Nicht wahr? - Welchen meinst du
denn, Vterchen? - Nun den, du weit wohl, du hast ihn mir ja so schlau
gezeichnet. - Ich versteh' dich nicht, mein Schatz! - Sieh doch nur seine
grne Jacke an, der linke rmel ist ja ganz wei! Wo sollte er denn das wohl
herhaben? - Wei? der linke rmel? Wie soll ich's denn wissen? In der Mhle
macht man sich leichthin wei. - Ja besonders, wenn die Mllerin so leicht rot
wird! - Es mu auch alles zusammentreffen, um dich argwhnisch zu machen. -
Behte, lieber Schatz, sagte der Mller laut lachend, und kte sie, ich bin
nicht im geringsten argwhnisch, wenn ich deutlich alles sehe und hre, wo man
mich nicht vermutet. - Nun, wenn du alles gesehen hast, so wirst du auch wohl
gesehen haben - - Da du dich wacker gestrubt hast, als er einen Ku von dir
verlangte. Ja mein Kind, siehst du, daher ist er wei am rmel! -
    Florentin gefiel die leichte gutmtige Art, womit der Mller ber die kleine
Begebenheit scherzte. Er selbst war gemeint; er hatte sich mit der jungen
artigen Mllerin einige Schkereien erlaubt, um sie bei guter Laune zu erhalten,
als ihre Gste ihr noch unbekannt waren, und er ihr mit immer neuen Forderungen
fr Julianen viel Mhe machen mute.
    Er trat vom Fenster zurck und pfiff und rief den beiden Hunden, um sich vom
Mller bemerken zu lassen. Dieser kam ans Fenster und ntigte ihn, noch ein
wenig in die Stube zu kommen. Florentin ging hinein und unterhielt sich mit ihm;
der heitre, grade Sinn des Mannes und sein guter Verstand gefielen ihm immer
besser. Florentin nahm, whrend er sprach, mit der grten Unbefangenheit die
Brste vom Nagel, die unter dem Spiegel hing, und brstete sich ruhig das Mehl
vom rmel; die Mllerin lief ganz beschmt aus der Stube, aber der Mller
lchelte und lie sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen. Er sprach
viel von seinem Stande und seinem Geschft. Seine sparsamen, ruhigen Worte, und
die berzeugung der Wichtigkeit, mit denen er die Sorgen und Freuden davon
schilderte, ohne irgendeinen andern Stand im Leben unntig und mit affektierter
Verachtung mit dem seinigen zu vergleichen, gab ihm eine Wrde, der Florentin
mit Ehrerbietung begegnen mute. Er gedachte dabei mit einem Gefhl von
Beschmung an die Unruhe, mit der er selbst sich umtrieb, um einen Zweck zu
finden, der seinem Leben Wert und Bestimmung gbe.
    Der Mller bemerkte endlich, es wre nun wohl Zeit fr ihn, sich zu Bett zu
legen; Florentin bot ihm eine gute Nacht, und war im Begriff hinauszugehen, als
Eduard hereintrat, und in Julianens Namen den Mller und seine Frau ersuchte,
die Nacht mit den beiden Herren durchzuwachen, sie selbst wollte versuchen zu
schlafen, sie wre aber so ngstlich, da sie gewi nicht wrde schlafen knnen,
wenn nicht alles im Hause wachte. Sie lie die Frau bitten, bei ihr im Zimmer zu
bleiben, und den Mller, ja sobald der Tag anbrche, jemand aufs Schlo zu
schicken. Die Mllerin ging sogleich zu ihr, und der brave Mann war ebenso
willig, den Befehlen der jungen Grfin zu gehorchen.
    Florentin bemerkte etwas ungewhnlich Heftiges und Leidenschaftliches an
seinem Freunde. Er lie sich in kein Gesprch mit hineinziehen, gab zerstreute
oder gar keine Antwort, und ging hastig, und mit ungleichen Schritten in der
Stube auf und ab. Florentin glaubte sogar in seinen Augen Spuren von vergonen
Trnen wahrzunehmen. Diese uerungen waren bei dem sonst sanften stillen Eduard
etwas befremdend, doch beunruhigten sie seinen Freund nicht weiter; er hielt es
hchstens fr Zeichen eines kleinen Zwistes zwischen ihm und Julianen, von
denen, welche die Liebe ebenso schnell zernichtet, als sie sie erzeugte. Er
redete ihn an und uerte fein spottend seine Vermutung; Eduard blieb aber ernst
und trbe, und bat ihn kurz darauf, mit ihm hinaus ins Freie zu gehen. Die Nacht
war kalt und strmisch, er bestand aber darauf dennoch hinauszugehen, und
Florentin begleitete ihn.
    Sie saen schweigend nebeneinander auf der Bank vor dem Hause. Florentin
unterbrach die Stille zuerst:  - Immer hre ich doch wieder diese Tne des
Waldes, des Stroms und der Mhle mit derselben angenehmen, gleichsam anregenden
Empfindung. Beinah' mcht' ich glauben, da ich eigentlich fr das beschrnkte
husliche Leben bestimmt bin, weil alles dafr in mir anspricht, nur da ein
feindseliges Geschick wie ein bser Dmon mich immer weit vom Ziele
wegschleudert! - Glaub mir, sagte Eduard, es wei selten einer, was er
soll. - Jawohl, fiel Florentin ein, und es dauert lange, bis er wei, was er
will! - Es ist auch beinahe alles einerlei, und alles Tun ist das rechte. Nur
da man etwas tue! - Jawohl! Und darum will ich eilen. Ich will fort! Vielleicht
habe ich schon zu lange verweilt. -
    Eduard antwortete nicht, Florentin hrte ihn seufzen. Was ist dir, Eduard?
fragte er ihn mit herzlicher Liebe, du hast Schmerz, warum verhehlst du ihn
mir? - Nein, ich will ihn dir nicht verhehlen, rief Eduard aus. Sieh,
Florentin! Eine Seele, wie die deinige, einen Freund, wie du bist, suchte ich,
seitdem Freundschaft mir ein Bedrfnis ist, und das ist sie, seit ich mich
meiner selbst bewut bin. Unverhofft fand ich dich; ich vermutete gleich in den
ersten Stunden, du seist der, den ich suchte, und diese Vermutung fand ich in
der Erzhlung deiner Schicksale mehr als einmal besttigt. Und nun soll ich
dich, kaum gefunden, wieder verlieren! Halte es nicht eines Mannes unwrdig,
wenn ich dir mein Leid darber gestehe. Ich kann dich nicht wieder lassen, es
ist mir in manchen Augenblicken ganz unmglich zu denken, da ich dich wieder
lassen soll! Ich bin sehr reich, ich wei es, vielleicht ist es Unrecht, mehr zu
verlangen, als ich besitze: aber ich bin in der Freundschaft unersttlich, und
an dich fhle ich mich mit unnennbaren Banden geknpft! - Ich begreife dein
Gefhl, mein Freund! Dies sei dir Brge, da ich dessen wert bin; du bist mir
teurer, als ich es sagen kann. Da du bei allen Gtern, die dir nie fehlten,
selbst in dem Besitz der Geliebten noch Raum fr Freundschaft hast, und dir den
Sinn dafr erhieltest, macht dich mir verwandt und ewig wert. Wie kann dich aber
eine Trennung so wehmtig ergreifen, die doch eben durch keine besonders
unglcklichen Umstnde bezeichnet ist? Wie selten drfen Freunde ihren Lauf
beieinander beginnen und vollenden? Ist das Band, das Freunde verknpft, durch
die Trennung gelst? Mu nicht, in der Welt zerstreut, von ihnen ausgefhrt
werden, was sie vereint beschlossen? O, da ich Armer, Einsamer, dich
Reichbegleiteten trsten soll! Verzeih meinem Zweifel, ich kann nicht glauben,
da meine Trennung von dir dieses Mal allein die Ursach' deiner Traurigkeit
ist. - Es kann sein; aber wie es auch sei, Florentin, ich mag, ich werde dich
nicht lassen! Hre, ich gehe mit dir; ich teile deine Unternehmungen, ich will
die Stelle deines Manfredi ersetzen, ich verschmhe jedes andre Schicksal, als
das deinige. Was mir fehlt, besitzest du so gro und frei! Du wirst auch in mir
manche gute Gabe finden. Vereint, ungetrennt, wollen wir ersinnen und ausfhren,
fechten, leben und sterben, sterben fr die Freiheit! Ich gehe mit dir nach
Amerika! - Wie ist dir? Wie ist dir? Du schwrmst! - Nein, ich lasse dich
nicht wieder, ich gehe mit dir! - Was kann ich dir anders zurufen, als Juliane
! O Eduard, mir ist dieser ganze Auftritt wie ein Traum. Welches Rtsel! Du bist
durch irgendeinen Vorfall aufgebracht, ja gereizt bis zum Wahnsinn. Mit Fragen
will ich dich nicht qulen. Aber ich beschwre dich, sei gefat, sei ruhig, und
wenn du es vermagst, so entdecke mir, was dich so erschttern konnte. Erinnere
dich, was du so rasch verlassen willst! Mich la aber ziehen, mir ein Glck zu
erringen, fr das und mit dem du geboren wardst, erfreue dich dessen, und bleibe
in Frieden. - So bleibe du bei mir, Florentin! Nur noch ein Jahr bleibe bei
mir, dann ziehe ich mit dir, wohin du willst! - Ach, Eduard! Du solltest mich
nicht halten wollen! - Was du nicht sagen kannst, fiel Eduard ein, wei ich
lngst, mein Freund! Du liebst Julianen, ich wei es, aber - - Wer? wer darf
das sagen? - Bleib ruhig, Florentin, es blieb mir nicht unbemerkt. - Du hast
dennoch falsch gesehen - Kannst du so dein eignes Gefhl verleugnen, und was
hast du zu frchten? - Ich frchte nichts von dir, sei berzeugt! Ich kenne
dich, dir ist die Freundschaft heilig. Du wirst dich fr den Freund aus aller
Kraft deiner Seele zu bekmpfen wissen. Auch wird deine Leidenschaft sich bald
in das reinste Freundschaftsgefhl auflsen. Und dann, von beiden Freunden
geleitet, soll Juliane des schnsten Daseins sich zu erfreuen haben. Keine Lcke
bleibe in ihrem Herzen, ihre Liebe bedrfende Seele sei ganz glcklich im
Genu.... Gemach, mein guter Eduard! gemach! So gelassen wolltest du wirklich
dreinsehen, wie der Freund seine Tage unter Prfungen der Selbstberwindung
hinschleichen liee, sein wrmstes Leben, sein lebendigstes Gefhl erttete, und
mit halb verschlonem mitrauendem Herzen keinen frhlichen Augenblick verlebte?
Ich gestehe dir aufrichtig, diese heroische Tugend darf ich nicht zu der
meinigen zhlen. Wre der Fall so, wie du ihn whnst, so wre, aufs schnellste
entfliehen, fr mich das ratsamste, und das, was ich gewi zuerst tun wrde.
Aber es ist nichts von dem allen. Wahr ist es, Julianens Schnheit berraschte
mich: sie ist ein anmutiges Wesen, mit immer neuen, immer lieblichen Bildern
erfllt ihre holde Gestalt die Phantasie, aber - - Ach, wenn du ihre Seele
kenntest, so weich! zugleich so voller Kraft und Liebe, ihren Charakter, die
herrlichen Anlagen! - Ich verkenne Julianen nicht. Wre sie aber auch fr mich
bestimmt, ich zweifle, da ich ganz glcklich sein wrde. - Freund, wer mit
diesem Engel nicht leben knnte, der - - Der verdient gar nicht zu leben,
willst du sagen. Leicht wahr! Ich spre selbst so etwas! Indessen... versteh
mich, mein lieber Freund! Grfin Juliane, Erbin eines groen Namens, eines
groen Reichtums, aus den Hnden der hchsten Kultur kommend, im Zirkel der
feinen Welt schimmernd, der Anbetung von allen, die sie umgeben, gewohnt, und
Florentin, der Arme, Einsame, Ausgestone, das Kind des Zufalls. - Wilder,
seltsamer Mensch! Warum nennst du dich so? und warum dnkst du dich noch immer
allein? in unserer Mitte allein? - Habe Geduld mit mir, ich darf mich nicht
entwhnen, allein zu sein; mu ich nicht fort? - Was treibt dich, ich
beschwre dich? Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Glck, bleibe bei
mir! - Ich will's versuchen, lieber Freund, aber ich stehe nicht dafr, ich
mu, ich mu doch endlich dahin, wo meine Bestimmung mich ruft. -
    Eduard wollte noch etwas sagen, als die Mllerin zu ihnen herauskam. Juliane
lie ihnen sagen, sie mchten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten,
sie knnte unmglich schlafen.
    Alle, auch der Mller, den sie drum hatte bitten lassen, versammelten sich
nun bei ihr; sie war vom Bett aufgestanden, und sa in einem bequemen Stuhl beim
Kaminfeuer; die Kleider der Mllerin hatte sie noch an.
    In der erhellten Stube sah Florentin nun deutlich die Zerstrung auf Eduards
Gesicht, und in seinem Wesen; kaum da diese sich etwas legte, da Julianens
zrtlich beredter Blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu
flehen schien. Sie rief ihn zu sich, und sprach leise und beruhigend mit ihm.
Florentin war gewi, da etwas Ernsthaftes zwischen ihnen vorgegangen sein
mute, whrend er sie allein gelassen hatte. Es war ihm klar, da es Eifersucht
sei, was das schne reine Verhltnis der Liebenden zerstre. Eine ngstigende
Unruh' drckte sein Herz, da es ihm einfiel, da er selbst vielleicht,
unglcklicher-oder unvorsichtigerweise, Ursach' dazu gegeben habe. Er berdachte
noch einmal jedes Wort, das ihm Eduard vor der Tr gesagt hatte, er mute ihn
bewundern, da er, bei einer Leidenschaft, die ihm selbst so frchterlich und so
zerreiend schien, mit soviel Feinheit und Aufopferung fhlte und sich uerte.
Sein Glaube an Eduards schne edle Seele erhielt eine neue Besttigung, die ihn
mehr als jemals anzog; auf diese Weise fhlte er sich von widersprechenden
Gefhlen durchstrmt, und alles, was er in sich beschlieen konnte war: bald,
sehr bald fortzugehen.
    Whrend da er in sich gekehrt, und in seine Gedanken verloren dasa, waren
die brigen in einem allgemeinen Gesprch begriffen. Juliane erzhlte: das
Brausen des Waldes und des Wassers htten sie entsetzlich zu frchten gemacht,
es wre ihr nicht mglich gewesen einzuschlafen, obgleich sie die Augen fest
verschlossen und sich die Decke ber den Kopf gezogen habe, um nichts zu hren.
Als sprche des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir herber, sagte sie
noch schaudernd, so war mir; jeden Augenblick frchtete ich, sie wrden mir in
sichtbaren Gestalten erscheinen; alle alten Romanzen und Balladen, die ich
jemals gelesen habe, sind mir zu meinem Unglck grausend dabei eingefallen. Sie
htten es nur hren sollen, Florentin! - O ich habe auch die Geister zusammen
sprechen hren, aber mich nicht vor ihnen gefrchtet, mir klang es freundlich
und vertraulich; es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei
eingefallen. - Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzhlen? fragte sie
den Mller, in Gesellschaft mag ich sie gar gerne hren; der Kreis wird gleich
eng und vertraulich dabei. - O wir wissen genug, sagte die Mllerin, da es
der Mann ablehnte zu erzhlen, aber sie sind alle gar zu frchterlich und
erschrecklich, so da ich es nicht wagen mchte, sie der gndigen Grfin jetzt
zu erzhlen. - Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin, fiel Eduard ein;
es mchte Sie zu sehr beunruhigen, da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind.
- Gut, sagte Juliane, wenigstens mssen Sie mir aber erlauben, Ihnen etwas zu
erzhlen; es fllt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein, die weder
schreckhaft noch frchterlich und doch merkwrdig ist. Sie setzten sich
insgesamt um sie her, und versprachen ihr Aufmerksamkeit. Sie erzhlte nun
folgende Geschichte.

                                Zwlftes Kapitel


Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin, von der sie sich
oft monatelang nicht trennte. Diese Freundin war verheiratet, ihren Namen habe
ich nicht erfahren, die Tante nannte sie nur immer Marquise. Sie lebte glcklich
mit ihrem Gemahl, den sie sehr liebte, und von dem sie ebenso wieder geliebt
ward. Sie waren schon fnf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen,
wie sie beide es sehnlichst wnschten. Dem Marquis war es sehr wichtig einen
Erben zu haben, weil der Besitz groer Gter an diese Bedingung geknpft war.
Die gute Dame frchtete fr die Liebe ihres Gemahls, und sparte weder Gelbde
noch Gebete, um sich das ersehnte Glck von allen Heiligen zu erflehen. Sie
wallfahrtete nach allen wunderttigen Bildern, und nach den gerhmten Bdern.
Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete, war Zeuge ihres Grams,
der endlich so tief wurzelte, da man und nicht ohne Grund, anfing, fr ihre
Gesundheit besorgt zu werden: denn nicht allein, da der Schmerz vergeblicher
Erwartung sie nagte, sie ward auch grtenteils dadurch untergraben, da sie
unzhlige Gebruche des Aberglaubens anwandte, und von jeder guten Gevatterin
oder jedem gewinnschtigen Betrger sich Verordnungen und Arzneien geben lie.
    Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich. Um
diesen endlich zu entgehen, brauchte sie meistens die Mittel heimlich, oder
unter mancherlei Vorwand. Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche, um sie
aufzuheitern, meine Tante verlie sie in dieser Zeit fast gar nicht.
    In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche, die Marquise
betete lnger und eifriger als jemals und konnte sich, der hufigen Erinnerungen
und Bitten ihrer Freundin ungeachtet, gar nicht losreien. Sie gab vor, da diese
sich ber den vermehrten Eifer verwunderte, sie htte viele Dankgebete zum
Himmel zu schicken fr die glckliche Errettung ihres Gemahls, der tags vorher
von einer Reise zurckgekommen, auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt
gewesen war.
    Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stren, da sie sie an den
Stufen des Altars und zu den Fen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt, weinen
und laut schluchzen hrte, denn sie wute aus Erfahrung, da sie durch eine
Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde. Sie erwartete also, teils mit
Geduld, teils mit ihrer eignen Andacht beschftigt, bis die ihrer Freundin
geendigt wre. Da diese ihr doch endlich zu lang dnkte, rief sie ihr zu; da sie
aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb, so beugte sie sich
zu ihr hinunter, hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne
Bewutsein, kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken.
    Mit Hlfe einiger zunchststehenden Menschen fhrte meine Tante sie aus der
Kirche, und half sie in den Wagen heben, der vor der Kirchtr hielt. Sie hatten
einen ziemlich groen Weg nach ihrem Hause zu fahren, whrenddem gelang es ihr,
sie durch alle Hlfe, die in dem Augenblick mglich war, wieder zu sich selbst
zu bringen. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie die Tante um die Ursache
ihrer sonderbaren Heftigkeit, und bat sie so dringend und unter so zrtlichen
Liebkosungen, ihr Herz gegen sie zu ffnen, da sie nicht lnger widerstehen
konnte. Sie vergo in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Trnen, und
nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten, erzhlte sie ihr: sie htte
soeben einen Vorsatz ausgefhrt, den sie schon seit lnger als einem Jahre in
ihrem Herzen gehegt habe, zu dessen wirklicher Ausfhrung sie noch niemals
Krfte genug in ihrer Seele gefhlt htte; aber heute nacht htte sie diese in
ihrem heiem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen. Sie htte es glcklich
vollbracht, doch sich so angestrengt, da sie gleich darauf ihre Besinnung
verloren habe. Dieselbe, an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen
Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen, mge es ihr vergeben, da gleich
darauf ihren Krper diese Schwche befallen, und da sie auch jetzt noch sich
der Trnen nicht enthalten knne. - Meine Tante erwartete mit ungeduldiger
Unruhe das Ende dieser Vorrede und das, wohin sie fhren sollte. Endlich
sammelte sich ihre Freundin und erzhlte ihr: sie habe das Gelbde abgelegt, und
wrde es unverbrchlich halten, sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu
trennen, wenn sie lnger als das nchste Jahr ohne Kinder bliebe; ihr Gemahl
sollte sich alsdann eine andere Gattin whlen, mit der er glcklicher wre, sie
selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten fr sein Wohl in einem
Kloster beschlieen. - Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an, und wurden
aus dem Wagen gehoben, noch ehe meine Tante ein Wort ber dieses traurige
Gelbde hatte vorbringen knnen. Der Marquis kam ihnen entgegen, voll Besorgnis
wegen ihres ungewhnlich langen Ausbleibens. Die beiden Frauen sprachen kein
Wort, er sah sie verwundert an, und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner
Gemahlin und der bekmmerten Miene meiner Tante gleich wahr, da ihnen etwas
Auerordentliches msse zugestoen sein. Er fhrte sie ins nchste Zimmer, und
lie nicht eher ab, bis er die Ursache ihrer Bestrzung erfahren. Sie erlaubte
es endlich meiner Tante, dem Marquis ihr Gelbde zu entdecken. Dieser suchte
sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen, und bat sie, sich zu
beruhigen; sie lie aber nicht eher mit Trnen und Bitten nach, bis er ihr
versprach, sie durch keine Gegenvorstellung, und keine heimliche Veranstaltung
an der Ausfhrung ihres Gelbdes zu verhindern. Nun erfolgte eine Szene von
zrtlichen Vorwrfen, von Liebe, Gromut und Aufopferung, die man sich wohl
leicht vorstellen kann.
    Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen, die Marquise fhlte sich sehr
ermdet, und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten, weil sie trotz
ihrer Mdigkeit nicht wrde schlafen knnen, und sie ihr noch einiges sagen
wollte. Ihr Gemahl fhrte sie die Treppe hinauf, ein Gitter verschlo einen
ziemlich langen Gang, an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag. Der Marquis
zog an der Klingel, die Kammerfrau trat aus dem Zimmer, um zu ffnen, er wollte
eben wieder die Treppe hinuntergehen, als die Marquise ausrief: Ach seht! seht
hin! was kmmt da fr ein englisch schnes Kind. Man sah hin durch das Gitter,
wo sie hinzeigte, sah aber nichts als die Kammerfrau, die mit einem Licht in der
Hand den Gang herunterkam, und die Gittertr aufschlo. - Was hast du da fr ein
schnes Kind? fragte sie sie hastig. Die Kammerfrau sah sie an, ohne zu
antworten. O seht doch das Engelskind! rief die Marquise wieder, tat einige
Schritte vorwrts, und beugte sich freundlich, wie zu einem Kinde herab.
Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden, denn sie sahen kein
Kind. Die Marquise ging mit offnen Armen noch einige Schritte, als wollte sie
etwas umfassen, wankte, und sank mit einem lauten Schrei nieder.
    Sie ward zu Bette gebracht. Als sie wieder zu sich selbst kam, fragte sie,
ngstlich die Antwort erwartend, ob denn die andern nicht das Kind am Fue des
Bettes stehen shen? Da man nun an der Stelle, die sie bezeichnete, nicht das
geringste wahrnahm, und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der
andern merkte, da man sie fr krank hielt, und als ob ihr nicht geglaubt wrde,
da sie wirklich das she, was sie zu sehen vorgab, beschrieb sie mit der
grten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes, das sie zu ihren
Fen an das Bett gelehnt stehen sah. Es schien ihr in einem Alter von drei
Jahren, trug ein leichtes weies Gewand, Arme und Fe waren nackt, um den Leib
hatte es einen blauen Grtel von hellglnzendem Zeuge, dessen Enden hinter ihm
niederflatterten. Das Kpfchen sei mit himmlischen blonden Locken, wie mit den
zartesten Strahlen umgeben, das mit den kindlichen Wangen, dem frischen Munde
und den lachenden blauen Augen wie ein wunderses Engelskpfchen aussehe. Das
ganze Figrchen umschwebe hinreiende Anmut; kurz, sie beschrieb es so
umstndlich, da man gar nicht mehr zweifeln durfte, sie she es in der Tat vor
sich; da sie es aber anfangs htte umarmen wollen, wre es zurckgewichen, daher
sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen, denn es htte sie berzeugt, da sie
eine Erscheinung sehe.
    Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen, aus Besorgnis sie
aufzubringen, und man geriet in groe Verlegenheit. Der Arzt wurde herbeigeholt,
er fand sie in heftiger Wallung, sonst aber keine Spur von irgendeiner
Krankheit. Er verordnete vorzglich Ruhe. Sie wollte versuchen zu schlafen, rief
aber in dem Augenblick: O seht doch, wie es sich freundlich gegen mich neigt,
und nun geht es, das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet, zurck. Seht, dort
setzt es sich im Winkel nieder, es winkt mir mit den Hndchen, ich solle
schlafen! - Man bat sie, die Augen zu verschlieen, damit sie Ruhe fnde. Die
Bettvorhnge wurden niedergelassen, und nachdem sie etwas Khlendes getrunken
hatte, schlief sie ein.
    Bei ihrem Erwachen, nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es
unterdessen vllig Tag geworden war, hoffte man, ihre Erscheinung wrde
verschwunden sein; aber zum Erstaunen blieb diese, wie in der Nacht. Kaum
erwachte sie, so zog sie die Vorhnge zurck und sah auch sogleich das Kind mit
muntern freundlichen Gebrden auf sich zukommen. Sie unterhielt sich nun auf die
vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm, und versicherte, es gbe ihr
durch sehr ausdrucksvolle Mienen verstndliche Antwort. Sie gebot ihm, sich vom
Bett zu entfernen; es ging zurck; drauf winkte sie ihm wieder, und es kam
nher; dann gebot sie ihm, ihr etwas zu reichen, da machte es, wie sie
versicherte, eine Gebrde mit Kopf und Schultern, als wollte es ihr zu verstehen
geben, dies sei ber seine Macht.
    Sie stand auf, ging im Zimmer herum, das Kind lief bestndig vor ihr her,
immer rckwrts, das Gesicht zu ihr gewendet. Man war in der schrecklichsten
Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung; man hielt es fr eine vllige
Zerrttung der Sinne und der Gesundheit; und man drang einigemal in sie, sich
den Hnden eines Arztes zu bergeben. Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu
nehmen, weil sie sich so wohl fhlte, als sie seit lange nicht gewohnt war. In
der Tat blhte sie zum Erstaunen aller Bekannten, in kurzer Zeit, ordentlich neu
auf. Sie ward wieder munter, sie konnte wieder gehrig Speisen zu sich nehmen
und ruhig schlafen, sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil, und
schien sogar ihres traurigen Gelbdes nicht mehr zu gedenken. Ein paarmal sprach
sie nur mit ihrem Gemahl davon, aber mit der grten Geistesruhe; sie
versicherte ihn, sie verlasse sich vllig auf sein Versprechen, ihr in der
Erfllung nicht entgegen zu sein. Die Erscheinung des Kindes verlie sie keinen
Augenblick. Es begleitete sie bis an die Gittertre, so oft sie ausging; sobald
die Tr zugemacht war, sah sie es den Gang wieder zurck nach ihrem Zimmer
schweben; wenn sie wiederkam, fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen.
Dabei war es, wie sie vorgab, immer traurig, wenn sie es verlie, und vergngt,
wenn sie es wiedersah. Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand, und am Tage
einen Blumenkranz. Auer jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt. Man beredete
sie ein anderes Zimmer zu beziehen, dazu war sie aber auch nicht zu bewegen. Sie
weinte, wenn sie nur daran dachte, es von sich zu stoen, und der Marquis lie
es sich endlich gefallen, weil er hoffte, sie wrde doch nun ihrer Vision zu
Gefallen nicht ins Kloster gehen. Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer
mtterlicher Leidenschaft; sie ward oft in Gesellschaften unruhig, und sehnte
sich nach dem Kinde hin, wenn sie es einige Stunden verlassen hatte. Man hrte
sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen. Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen
gegenber stellen lassen, darein legte es sich, wenn sie es ihm sagte, auch sah
sie es des Nachts, wenn sie von ungefhr aufwachte, drin liegen, aber es
erwachte in demselben Moment mit ihr. Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des
Zimmers eine Spielanstalt, mit einem kleinen Tisch und Sthlchen, sie sah es
sich dazu niedersetzen; die Spielsachen berhrte es aber nicht, es spielte nur
mit den Blumen, die es in der Hand hielt, oder es sa still ihr gegenber und
lchelte sie mit groen Augen an. Nur wenn Sie es fassen wollte, dann ward sie
erinnert, da es eine bloe Tuschung sei, dann wich das Luftbild von ihren
Hnden zurck, und lie sich ebensowenig ergreifen, als die farbige Gestalt des
Regenbogens.
    Nach einiger Zeit ereignete sich etwas, welches das Wunderbare dieser
Erscheinung zugleich erklrte und vergrerte. Die Marquise fhlte nmlich
deutliche Zeichen, da sie guter Hoffnung sei. Die Freude des Ehepaars war ohne
Grenzen, als sie dessen endlich gewi waren. Im Taumel der Freude, ihr Gebet
erhrt, und sich des trostlosen Gelbdes entbunden zu sehen, eilte sie nach
demselben Altare, vor welchem sie es damals abgelegt hatte, und gelobte nun an
der Stelle ihr Kind, statt ihrer, dem Kloster zu weihen! Der Marquis war mit
diesem Gelbde beinahe so unzufrieden, als mit dem vorigen, doch mute er es
geschehen lassen. Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen.
    Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glcklich von
einer Tochter entbunden. Whrend ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an
ihrem Lager unbeweglich stehen, in dem Augenblick aber, da ihr Kind zur Welt
kam, war jene verschwunden, und sie hat sie niemals wiedergesehen.
    Juliane endigte hier ihre Erzhlung, und ihre Zuhrer dankten ihr einstimmig
fr das Vergngen, das diese ihnen gemacht hatte. - Wenn ich mir jemals
wnschen knnte, eine Erscheinung zu sehen, sagte der Mller, so wre es eine
solche! - Behte mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern! rief seine
Frau, indem sie andchtig ein Kreuz machte; sie mgen auch sein, oder Gestalt
haben, was und wie sie wollen! sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes. - Eine
sehr niedliche Geschichte! sagte Eduard; besonders gefllt mir's, da sie so
wunderbar, und doch so einfach, so wahrscheinlich ist; man versteht sie
vollkommen, ohne durch eine besondere prosaische Auflsung gestrt zu werden,
wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewhnlich der Fall ist. - Und Sie
sagen gar nichts dazu, Florentin? fragte Juliane; Sie sehen so gedankenvoll
aus, haben Sie etwa gar nicht zugehrt? - Ich habe wohl zuhren mssen, sagte
dieser, die Geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit. Mir war, als
wren mir sowohl die Begebenheiten, als die Menschen darin nicht fremd;
unwillkrlich schob sich mir bei jedem eine bekannte Person unter; so wie man,
wenn man ein Schauspiel liest, sich die Schauspieler denken mu, von denen man
es einst hat spielen sehen. Und was ich sonst nicht leicht fhle, mich hat ein
leises Grauen dabei berfahren. - Grauen? fragte Juliane, diese Wirkung
hatte sie doch auf mich gar nicht, da mich sonst schon bei dem bloen Gedanken
an eine Geistergeschichte schaudert; man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt
sein, da die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken, als auf andere ehrliche
Leute. - Doch sehen Sie, der Tag bricht an, fuhr sie fort, nun dchte ich,
whrend unser guter Herr Wirt Anstalten trifft, da der Bote aufs Schlo geht,
und die Frau Mllerin uns noch ein Frhstck bereitet, so singen Sie etwas,
Florentin! Ich kann nicht verhehlen, ich bin voller Unruhe und Ungeduld, Musik
wird am ersten fhig sein, diese zu tuschen.
    Der Mller und seine Frau gingen hinaus, um zu tun, was sie verlangt hatte.
Nun fangen Sie an, sagte Juliane, die Gitarre werden Sie nicht brauchen
knnen, sie hat wahrscheinlich sehr von der Nsse gelitten. - Es tut nicht
viel, sagte Florentin, sie wird noch immer gut genug sein, Takt und Tonart
ungefhr drauf zu bemerken, mehr braucht es nicht. Doch was verlangen Sie fr
ein Lied? - Singen Sie, was Sie wollen, nur etwas Neues und Kluges! - Nach
einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen:

Mein Lied, was kann es Neues euch verknden?
Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr?
Der Hohen meine Jugend zu verbnden,
Dies, wie ihr wit, gelang noch niemals mir.
Noch Neu, noch Alt wut' ich je zu ergrnden;
Das Schicksal gnn' im Alter Weisheit mir.
Wir irren alle, denn wir mssen irren,
Gelassen mag die Zeit den Knul entwirren.

Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund,
Gar schroffe Klippen fhren drber hin,
Die furchtbar hngen ber'm finstern Schlund;
Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn!
Ein Mder wankt an Geist und Gliedern wund
Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn:
Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemhet
Ein Blmchen pflckend, das am Abgrund blhet.

Oft mhten sinnreich Dichter sich und Weise,
Das Leben mit dem Leben zu vergleichen.
Am glcklichsten geschah's im Bild der Reise!
Ein Tor erffnet Armen sich, wie Reichen;
Frh ausgewandert auf gewohntem Gleise
Sieht er die Dmmrung kaum dem Licht entweichen,
So treibt der Wahn, ihm drf's allein gelingen,
Rastlos in nie erreichte Fern' zu dringen.

Es trmen Felsen sich in seinen Wegen,
Des Mittags Strahlen glhn auf seinem Haupt,
In Wsten Sands mu sich der Fu bewegen,
Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt,
Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen?
Es seufzt nach Ruh', wem stolzer Mut geraubt;
In spter Nacht, doch tausendflt'ger Not
Kmmt er ans Ziel - und dieses ist - der Tod!

Der Jngling tritt, von Ahndung fortgezogen,
Zur Schwelle hin, die in das Leben fhrt.
An seiner Schulter tnt der goldne Bogen
Der Gttin, so die Welt ihm hold verziert,
Der Phantasie, die ihn auf khnen Wogen
Sanft fortreit, ihn mit bunten Bildern rhrt.
Wenn er dann so nach schnen Trumen hascht,
Wird unbewut vom Glck er berrascht.

Gebt acht, gebt acht, Gelegenheit ist flchtig,
Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen.
Obgleich zu ntzen sie ein jeder tchtig,
Dem's klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen,
So ist dem Wrdigen sie nie so wichtig,
Da er von ihr sich mag bestimmen lassen.
Doch was hilft Mut, was mchtiges Bestreben
Dem Schiff, das tollen Strmen preisgegeben?

So mancher hat gefunden, was zu suchen
Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen
Vergebens er, und mhvoll wird versuchen;
Milingen droht dem treulichsten Beginnen.
Wie viele hrt man dann ihr Los verfluchen
Und klagen: Glck! o mutest du zerrinnen?
Was traut ihr mig auf des Glckes Gunst?
Natur sei Vorbild, Leben eine Kunst!

Wer hebt des Knstlers Mut in Kampf und Leiden
Als ferne Ahndung hoher heil'ger Liebe?
Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden
Als eignes Glck der sen zarten Liebe?
Wo ist ein Port fr Hohn und bses Neiden,
Als in den Armen frommer, treuer Liebe?
Und wird des Helden Stirn in Myrtenkrnzen
Der Nachwelt schner nicht, als Lorbeer glnzen?

Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert, da ihm
Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen, und die beiden wren es nicht
mde geworden, zuzuhren, wenn er auch noch lnger fortgesungen htte. Die
Mllerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit, indem sie das
Frhstck hereinbrachte. Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht
zurck, der Wagen und die Bediente der Grfin wrden in weniger als einer Stunde
anlangen. Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schlo zu Pferde
angetroffen, der ihn bei seiner berfahrt erwartete. Dieser hatte ihn gefragt,
ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen htte, denen zwei Hunde
gehrten, die er vor der Tr der Mhle liegen she? Da er nun gleich gesagt, da
sie alle drei in der Mhle eingekehret seien, und dort bernachtet htten, und
da er eben abgeschickt sei, um den Wagen vom Schlo zu holen, so habe ihm der
Reitknecht befohlen, nur wieder zurckzugehen, und der Herrschaft zu sagen, da
er sogleich den Wagen, der im Dorfe warte, nach der Mhle schicken wrde.
    Juliane hatte wieder ihre Krfte gesammelt; die Nachricht, da sie in kurzer
Zeit abgeholt wrde, machte sie vllig heiter und gut gelaunt. Um Eduards Stirn
schwebte eine Wolke, die Julianens ganze Heiterkeit nicht vllig zerstreuen
konnte. So oft sie ihre Ungeduld, nach Hause zu ihren Eltern zu kommen, uerte,
stieg sein Unmut beinah bis zur Bitterkeit. - Mein geliebter Freund, sagte
Juliane, es hilft Ihnen zu nichts, da Sie Ihre Vorwrfe nicht aussprechen, sie
sind sichtbar auf Ihre Stirn geschrieben; aber wie sie auch erscheinen, sind sie
sehr ungerecht; Sie sollten die angenehmen Stunden nicht mit Mimut endigen! -
    Das Frhstck war kaum verzehrt, als der Wagen mit der Kammerfrau der Grfin
Eleonore kam, die ihr Wsche und Kleider mitbrachte. Juliane erkundigte sich
nach ihren Eltern. Sie hatten die Nacht in erschrecklicher Angst zugebracht,
erzhlte die Kammerfrau: der Graf wollte sich trotz dem Ungewitter selbst
aufmachen, um sie aufzusuchen, durfte aber die Grfin nicht verlassen, die sich
sehr bel befunden, und bei jedem starken Blitz ohnmchtig ward. Im ganzen
Schlo blieb alles die Nacht ber auf, und sobald das Gewitter nur etwas
nachgelassen, mute die Kammerfrau mit dem Wagen nach dem Dorfe fahren, weil sie
vermuteten, da die jungen Leute nach dieser Seite gewandert wren, der
Reitknecht mute indessen zu Pferde das Gebirg und die Gegend durchsuchen. Er
war auch gleich, nachdem er dem Kutscher die Mhle bezeichnet, aufs Schlo
zurckgeritten, um es zu melden, da sie glcklich gefunden wren.
    Juliane war gerhrt ber die Angst, die sie ihren Eltern gemacht hatte, und
eilte sich umzukleiden, um so schnell als mglich wieder zu ihnen zu kommen.
Florentin und Eduard beschlossen, zu Fu zurckzugehen, sie konnten auf dem weit
nhern Fuweg doch noch frher als der Wagen auf dem Schlosse ankommen. Sie
nahmen freundlich Abschied von ihren guten Wirten, die es als eine Beleidigung
ansahen, als man davon sprach, ihnen ihre gehabte Mhe und Unkosten zu bezahlen.
Juliane zog einen kleinen Ring vom Finger und gab ihn der Mllerin zum Andenken,
um ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen.
    Der Graf und Eleonore kamen ihrer Tochter eine groe Strecke entgegen, die
beiden Freunde ergtzten sich die Freude zu sehen, mit der sie empfangen ward,
und mit der sie aus dem Wagen in die Arme ihrer Eltern strzte, als ob sie
jahrelang getrennt gewesen wren. Juliane wurde mit Fragen bestrmt und mute es
feierlich ihrem Vater versprechen, niemals wieder seine Einwilligung zu einer
hnlichen Unternehmung zu fordern.
    So endigte die abenteuerliche Wanderung. Obgleich ihnen keine andere als
gewhnliche Begebenheiten zugestoen waren, so war sie ihnen doch wichtig
geworden. Sie hatten auf diesem kurzen Wege, den sie miteinander gewandert,
tiefere Blicke in ihr Inneres zu tun Gelegenheit gefunden, als sie in einem
jahrelangen Nebeneinandergehen in der groen Welt vermocht htten. Juliane hatte
die Erfahrung ihrer Abhngigkeit gemacht, und mute es sich gestehen, da sie es
nicht so unbedingt wagen drfe, auer ihren Grenzen, und ohne ihre Bande und
ihre erknstelten Bequemlichkeiten fertig zu werden.

                              Dreizehntes Kapitel


Die Zeit des Aufschubs war verstrichen, es waren nur noch drei Tage bis zu dem
fr die Vermhlung festgesetzten, und man erwartete jede Stunde die Ankunft der
Grfin Clementina.
    Unter verschiedenen Anverwandten und Freunden, die sich nun allmhlich auf
dem grflichen Schlosse einfanden, kam auch einer ihrer Nachbarn, auf den sich
schon alle lngst gefreut hatten, weil er ihnen durch seine Eigenheiten viel zu
lachen gab. Er war vormals Oberstwachtmeister, hatte aber bei seinem
herannahenden Alter den Abschied genommen, und lebte nun auf seinen Gtern, wo
er konomie trieb, seine Besitztmer verbessern, und seine Bauern aufklren
wollte: zu dem Ende las er alles, was in diesem Fache geschrieben ward, und
versuchte alle Menschenfreundlichkeit lehrende Theorien zu realisieren. Da er
nun den grten Teil seines Lebens sich mit Ideen ganz anderer Art beschftigt
hatte, so konnte es nicht fehlen, da er alles falsch anfing, seine oft gute
Absicht verfehlte, und sich nur selten ntzlich, desto hufiger hingegen
lcherlich machte. Da seine Verbesserungen gewhnlich mehr darauf hinausgingen,
ihn zu bereichern, als wie er vorgab das Gute wirklich gemeinntzig zu machen,
und er bei allen Vorkehrungen, die er traf, seine Bauern zu bilden, sich doch
niemals vorstellte, da sie klug genug wren, seine eigentliche Absicht
einzusehen, und aus eben dem Grunde nicht allein sie nicht befrderten, sondern
ihr auch noch auf alle ersinnliche Weise entgegenarbeiteten, so lebte er in
ewigen Verdrlichkeiten und Znkereien. brigens war er, was man einen recht
guten ttigen Mann nennt. Niemals hat wohl jemand, bei so vielem Anspruch auf
Gravitt und Wrde, mehr Anla zum Lachen und Bedauern gegeben, als der gute
Oberstwachtmeister. Er brachte bisweilen seine Lcherlichkeiten mit einer
solchen Naivitt vor, da man geneigt war, zu glauben, er wolle sich selbst
parodieren: so geschah es denn oft, da seine Hrer ohne alle krnkende Absicht
laut auflachten, wo er eigentlich die ernsthafteste Aufmerksamkeit hatte erregen
wollen.
    Bei seinem jetzigen Besuche brachte er das Gesprch auf die konomischen
Einrichtungen des Grafen, und konnte seine Verwunderung nicht genug darber
bezeigen, da diesem alles so wohl, so leicht und ohne alle Widerwrtigkeiten
gelinge, whrend er mit aller Arbeit es nur bis zum Streit und zur Verwirrung zu
bringen wisse. Er hatte auf seinem Wege nach dem Schlo sich mit einem alten
Landmann aus dem Schwarzenbergischen Dorfe in eine Unterredung eingelassen, der
die eingefhrten Neuerungen und Verbesserungen seiner Herrschaft nicht genug
loben und segnen konnte. Dieses unverdchtige Lob hatte ihn ganz wild gemacht;
er polterte und sprudelte nun eine Anrede an den Grafen heraus, wo neben recht
krftigen derben militrischen Ausdrcken die Worte Bildung und Verfeinerung
uerst drollig hervorstachen, und endigte mit dem Anliegen: der Graf solle ihm
Unterricht in der neuesten Verbesserungsmethode geben.
    Um ihn etwas zu besnftigen, und ihn von seiner Mutlosigkeit zu heilen,
erinnerte ihn der Graf an seine Verschnerungen des Parks, des Gartens und des
Wohnhauses. -
    Ja, ja, sagte er mit Selbstzufriedenheit, das ist freilich etwas! Es hat
mir doch auch, mu ich sagen, viel Arbeit und Kopfzerbrechen und viel schweres
Geld gekostet. Nun freilich! so etwas wie mein Ermenonville, meinen
otaheitischen Pavillon, meine chinesischen Brcken, dergleichen haben Sie noch
nicht ausgefhrt, das ist wahr! Apropos, ich mu Ihnen doch erzhlen: ich habe
von meinem Neffen, der vorigen Sommer von seiner Reise um die Welt
zurckgekommen, eine ganz vortreffliche und genaue Zeichnung von den gyptischen
Pyramiden erhalten, die ich, sobald ich mit meinem Vesuv zustande bin, ebenso
nachzuahmen gedenke; unter uns, ich hoffe, es soll gewi ein Meisterwerk und ein
seltnes Glck werden. Dabei habe ich den Gedanken, in diesen Pyramiden ein
Monument fr mein seliges Lottchen zu stiften. Ich habe auch schon den Platz mit
Trauerweiden und wilden Rosen bepflanzen lassen, und der Neveu will die alten
Inschriften, die er mitgebracht hat, hinein besorgen. Dahin will ich mich dann
in melancholischen Stunden in die Einsamkeit begeben, mich meinen Gedanken
berlassen, und das Andenken meines lieben seligen Lottchens feiern.
    Jetzt meinte ich aber nur die konomie, Ihre Verbesserung des Ackerbaues,
und das ehrbare folgsame Betragen Ihrer Bauern. Sehen Sie, das war's, dahin
bringe ich's mit aller Arbeit nicht. Wie ich es mir sauer werden lasse, das
werden Sie wohl nicht glauben; wie ich mich Tag und Nacht damit beschftige die
Bestien auszubilden; und wie sollt' es einen nicht dreifach rgern, wenn man
dahinter kommt, da sie ihrem Wohltter Gutes mit Bsem vergelten, und lgen und
betrgen, wo sie nur immer knnen. Blutsauer habe ich's mir werden lassen! Ja
sollten Sie sich vorstellen, ich bin so weit gegangen: als ich neulich etwas von
ihnen verlangte, wobei ich, wenn es mir gelungen wre, auf ein paar tausend
Tlerchen jhrlich mehr htte rechnen knnen, muten nicht allein meine Tchter,
bei einem Fest, das ich veranstaltete, mit ihnen tanzen, ja ich ging so weit,
da ich sie selbst in ihren eignen Husern berraschte, mich mit ihnen zu Tische
setzte, und von ihrer miserablen (Gott verzeih mir die Snde) Kocherei aus einer
Schssel mit ihnen verzehrte! Ich tat nicht anders, als ob es mir ganz
vortrefflich schmeckte, dankte ihnen und unterhielt mich mit ihnen, als ob sie
meine Kameraden wren. Ich sage das eben nicht darum, als ob es so besonders
tugendhaft von mir wre, ich wei recht wohl, da es gegen die Aufklrung und
gegen die reine Menschlichkeit liefe, wenn ich anders handelte, aber ich
vermutete, die Halunken wrden von meiner Herablassung gerhrt sein, und in
alles einwilligen, was ich von ihnen verlangte, es wre denn doch ein Beweis
ihrer verfeinerten Sitten und ihrer edlen Herzen gewesen. Aber mir nichts, dir
nichts! sie blieben bei ihrem starren Eigensinn, es fehlte nicht viel, so htten
sie sich gegen mich zusammengerottet, blo aus Egoismus, weil mir, wie sie
sagten, allein der Vorteil zufliee, und sie freilich wohl ein wenig mehr Arbeit
und einen kleinen Zeitverlust dabei gehabt htten. Anfangs wollte ich's nun doch
mit Gewalt durchsetzen, aber sie waren so undankbar, mir mit einem Proze zu
drohen! Ich lie es gut sein und war zufrieden; aber gergert hat es mich, da
ich aus der Haut htte fahren mgen! Nun, Herr Graf, sagen Sie mir nur, Sie
richten ja aus, was Ihnen beliebt! Tun Sie denn noch mehr? - Bei weitem nicht
so viel, als Sie, Herr Obristwachtmeister, sagte der Graf beruhigend. Aber Sie
haben selbst sehr richtig bemerkt, ich bin so glcklich, einen Schlag sehr guter
Leute auf meinen Gtern zu besitzen, die mir allenthalben krftig die Hand
bieten. Ich suche nur zu verhten, da sie nicht durch zuflliges Unglck bis zu
dem schauderhaften Elend gebeugt werden, wo sie Hlfe in der Niedertrchtigkeit
und Vergessenheit ihres Elends in der Vllerei zu suchen haben. Sie werden
erfahren haben, wie meine Schwester fr die Kranken sorgt. Auf eine hnliche
Weise werden sie jedesmal untersttzt, wenn es ntig ist. Da sie nun fr die
ersten Bedrfnisse nicht so hart und unablssig zu sorgen brauchen, so kommen
sie von selbst und ganz ohne Zwang darauf, ihren Zustand immer mehr und mehr zu
verbessern. Sie tun mir also zuviel Ehre an, Herr Obristwachtmeister, wenn Sie
mir allein alle Verbesserungen und manches ungewhnlich Gute zuschreiben, das
Sie auf meinen Gtern bemerken wollen. Sehr viele, ja die meisten Ideen dazu,
kommen von meinen Landleuten selbst; sie kennen den Boden, den sie bearbeiten
mssen, durch ihre Erfahrung am besten, daher sind sie am ersten imstande und
berechtigt, sich die vorteilhafteste Behandlungsart zu ersinnen; ich reiche
ihnen nur hlfreich die Hand, wenn etwa die Ausfhrung ihre Mittel bersteigt.
Der Vorteil des Gelingens gehrt ihnen unbezweifelt, sowie auch billig der
Schaden des Irrtums oder des Verfehlens, der jedoch ihre ganze Bestrafung
ausmacht. - Das Wichtigste, fing Eleonore an, hat mein Gemahl Ihnen noch
nicht erwhnt, Herr Obristwachtmeister: ich meine den abgeschafften Frondienst.
Die Leute haben nun, was ihnen so wichtig ist, Mue, ihre eignen Geschfte desto
besser zu besorgen. - Der Obristwachtmeister hatte, whrend der Graf
gesprochen, mit komischer angestrengter Aufmerksamkeit zugehorcht, um etwas zu
lernen, auch einigemal Beifall genickt, indem er die Umstehenden nach der Reihe
anguckte. Als aber Eleonore vom Abschaffen des Frondienstes anfing, sprang er
ungeduldig auf. Gut, da Sie davon anfangen, Frau Grfin! Ich hatte es mir
schon lngst vorgenommen, Ihnen meine Meinung darber zu sagen. Sie haben Ihren
Bauern den Frondienst erlassen, der jedem Gutsbesitzer von Gott und Rechts wegen
zukmmt, dadurch haben Sie aber allen Ihren Nachbarn vielen Schaden zugefgt.
Herr Graf! Es ist nicht ein jeder gesonnen, seinen gerechten Vorteil so
mutwillig zu verschleudern, und nun wird uns alles erschwert. Nein, erlauben Sie
mir, da ich's Ihnen sage, daran taten sie sehr unrecht! Eine alte Gerechtigkeit
mu man nicht aufheben. Unsere Vorfahren haben den Frondienst eingerichtet, und
das waren auch keine Narren; die Nachkommenschaft sollte nur mehr Respekt vor
ihren Einrichtungen haben! Einzelne Verbesserungen, ja einzelne lasse ich mir
gefallen, aber das Ganze darf nicht niedergerissen werden! Alle Teufel! Bei der
Ordnung mu es bleiben. Und nehmen Sie mir's nur nicht bel, Herr Graf, auf
diese Weise geht es Ihren Bauern freilich herrlich und in Freuden, da Sie sich
das Ihrige entziehen! Aber damit wre mir noch gar nicht gedient, meine Bauern
sollen sich nicht aus Eigennutz vervollkommnen, und meinen Willen ihres eignen
Vorteils wegen vollziehen, sondern aus reiner Liebe und Dankbarkeit sollen Sie
mir meinen Willen tun. Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben,
sondern Moralitt, feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens! Lieben sollen
mich die Halunken! - In diesem Ton fuhr der gute Obristwachtmeister noch ein
Weilchen fort, zur groen Belustigung der Gesellschaft, die ber diesen Freund
der Kultur sich nur mit Mhe das laute Lachen enthielt. Eleonore mute einigemal
das Gesicht wegwenden; der Graf versuchte es, ihn zu unterbrechen, und ein
anderes Gesprch auf die Bahn zu bringen, aber das ging nicht so leicht. Er
kramte mit groem Eifer alles durcheinander aus, und schwieg nicht eher, bis man
zu Tische ging, wo er sich dann wieder beruhigte. Beim Anblick der
mannigfaltigen Flaschen ward er vollends wieder friedlich und freundlich
gesinnt, verga Kultur, konomie und Moralitt, lie es sich trefflich
schmecken, und prfte so lange die einheimischen und fremden Weine
gegeneinander, bis man ihn nach einem andern Zimmer fhrte, wo er den Rest des
Tages ruhig verschlief.
    Wie gefllt dir die herrliche Karikatur? fragte Eduard. - Dieses ist
einer der umfassendsten Geister, die es gibt, erwiderte Florentin; er
vereinigt in sich alle die Narrheiten, die man sonst in der ganzen Welt
ausgebreitet findet; jedes Rtsel, das uns in ihr verwirrend und ngstigend
entgegenfhrt, ist aufs belehrendste in ihm allein aufgelst. - Juliane
bedauerte spottend die armen Frulein, die aus
konomisch-politisch-menschenfreundlicher Absicht mit den unwilligen,
aufgebrachten Bauern tanzen muten, und stellte die Not, sich nach ihrer Weise
fgen zu mssen, sehr komisch und lebhaft vor. Sogar Therese und die Knaben
bten ihren Mutwillen an dem ehrlichen Obristwachtmeister, bis der Graf ihnen
endlich Einhalt tat, der sich bei diesen Gesprchen erinnert hatte, da seinen
Bauern am Vermhlungstage ein Gastmahl auf dem Schlo bereitet werden msse, und
war verwundert noch keine Anstalten dazu machen zu sehen. - Eleonore gestand
ihm: Sie htte es zwar nicht vergessen, knnte sich aber immer nicht
entschlieen etwas anzuordnen, was noch jedesmal ihr Mifallen erregt, so oft
sie dabei gewesen. - Der Graf erwiderte: Es lasse sich schwerlich etwas
Gegrndetes gegen eine so ehrwrdige Sitte einwenden, die von jeher in seinem
Hause stattgefunden, und die er nicht gern ohne Grund abschaffen wrde. -
Verzeih mir, mein Bester! sagte Eleonore, aber ich konnte mir nie weder Gutes
noch Erfreuliches dabei denken, wenn ich diese Leute an einer langen Tafel,
schnurgerade gereiht sitzen sah, Zwang und staunende Langeweile auf allen
Gesichtern, die Mnner an der einen, die Frauen auf der andern Seite; zufllig
Feinde sich nah, Freunde und Liebende getrennt, fremd, ngstlich, unbehaglich!
Von der Dienerschaft, wo nicht gar von der herrschaftlichen Familie selbst
bedient, fhlen sie sich in nicht geringer Verlegenheit, so oft ihnen etwas
gereicht ward, und nahmen sich dann natrlich so ungeschickt und link dabei, da
die bermtigen Lakaien sich berechtigt glauben, sie hohnlachend zu verspotten.
Irgendein Lcheln, oder das Ansehn von Superioritt, das man doch nicht
unterdrcken kann, und das nur auffallender wird, je mehr man's unterdrcken
will, macht ihnen vollends diesen ostensibeln Akt von Herablassung zur Pein. Es
kann nicht fehlen, da das demtigende und zugleich erniedrigende Bewutsein
sich nicht in ihre Herzen schleiche: sie seien unter dem Vorwand eines Gastmahls
blo zur Dekoration fr die Vornehmen bestimmt, die sich an einer lndlichen
Szene erlustigen wollten. Drften diese ehrlichen Leute freimtig ihre Meinung
sagen, so wrden sicherlich die meisten, wie Sancho Pansa bei den Ziegenhirten,
ihrem Herrn fr die unbequeme Ehre danken, in seiner Gesellschaft zu speisen;
von denen, die es nicht ausschlgen, htte ich auch nicht die beste Meinung. -
Eleonore wandte ihre ganze Beredsamkeit an, den Grafen zu bewegen, da er diesen
alten Gebrauch abstellen, und den Bauern auf eine andere Art ein Andenken des
frhlichen Tages vergnnen mchte, aber der Graf wollte nichts davon hren. Es
sind noch Leute darunter, sagte er, die sowohl am Tage unserer Vermhlung, als
bei Julianens Geburt sind bewirtet worden, was wrden diese glauben und glauben
machen, wenn wir es bei dieser Gelegenheit unterlieen? Entweder, da unsere
Freude nicht von Herzen gehe, oder da wir die Gebruche unserer Vorfahren nicht
mehr ehren. Es darf nicht unterbleiben! Doch bleibt dir, Liebe, die ganze
Anordnung unumschrnkt berlassen. Die Mibruche, die du ganz richtig angemerkt
hast, werden sich vielleicht vermeiden lassen.
    Das Gesprch ward durch Briefe von der Grfin Clementina an den Grafen und
an Julianen unterbrochen. Beide entfernten sich. Eleonore beratschlagte
whrenddem mit Eduard und Florentin wegen des Auftrags, den ihr der Graf
gegeben. Es ward endlich unter ihnen etwas verabredet, und Florentin eilte
sogleich die ntigen Anstalten dazu zu treffen, die Kinder begleiteten ihn.
    Der Graf kam zurck, und als er Eleonoren mit Eduard allein antraf, sagte er
ihnen: sie drften nun nicht mehr auf Clementinens Gegenwart bei der Vermhlung
rechnen, sie htte es vllig abgeschrieben. Eleonore bat ihn, ihr etwas Nheres
aus dem Briefe mitzuteilen, weil sie auf des Grafen Gesicht einige Sorge
wahrnahm, die sie beunruhigte.
    Ich befrchte, sagte er, da Clementina von einem ernsthaftern Grund zu
kommen abgehalten wird, als der ist, den sie vorschtzt. Wenn sie nur nicht
wieder krank ist, und es uns verbirgt! - Eleonore suchte ihn zu beruhigen; sie
erinnerte, da ihre fast niemals weichende Krnklichkeit ein ganz ruhiges
Verhalten oft notwendig mache, gefhrlich schien es doch nicht zu sein, da sie
beide Briefe eigenhndig geschrieben htte. Sie schlug dem Grafen einen
verlngerten Aufschub vor, er unterbrach sie aber mit einiger Ungeduld:  - Es
scheint auch Clementinens Wunsch zu sein, sagte er; aber, meine Liebe, ich
kann weder dir, noch jener hierin nachgeben. Ich werde es nicht lnger
aufschieben, ein so heilig gegebenes Versprechen zu erfllen, und ich selbst
sehne mich zu lebhaft, dich, Eduard, als meinen Sohn zu umarmen. Es bleibt bei
dem bestimmten Tage, gleich nachher wollen wir zusammen Clementinen besuchen,
mich verlangt recht danach, sie zu sehen. - Er ging mit Eleonoren in den
Garten, wo er ihr noch einiges aus dem Briefe mitteilen wollte.
    Juliane war traurig, ihre geliebte Tante nun nicht erwarten zu drfen. Sie
berlas ihren Brief immer wieder aufs neue. Eduard suchte sie bei sich in ihrem
Zimmer auf, und wollte sie durch seine zrtlichen Liebkosungen erheitern. Sie
fhlte seine Liebe, konnte sich aber dennoch nicht aus ihrer trben Stimmung
reien, und bat ihn endlich, sie allein zu lassen. Er ging fort und suchte
Florentin auf; er wollte nicht mit seinem Unmut allein sein. Juliane schrieb
folgenden Brief an Clementinen.


                             Juliane an Clementina

Ihr letzter Brief hat mich nicht so froh gemacht, wie sonst alles, was von Ihnen
kommt. Sie selbst erwartete ich, liebe Tante, wie soll ich mir nun an einem
Briefe von derselben Hand gengen lassen, die ich selbst so gern mit Kssen
berdeckt htte, auf deren Segen ich hoffte!
    Ich habe jetzt Sorgen, meine Tante! Wie soll ich sie aber aussprechen? Wenn
ehedem eine kindische Sorge mein Gemt traf, dann wuten Sie es zu erraten, ich
war durch Ihre Hlfe davon befreit, ehe ich sie zu nennen wute. Aber jetzt wird
es bedeutender, ich frchte mich vor den ernsthaften Anstalten. Man kmmt und
geht; Einrichtungen werden gemacht, andere zerstrt; Vater und Mutter haben
lange geheime Unterredungen, dann wird oft Eduard dazugerufen. - O htte ich es
gedacht, da es soviel Mhe, und mir soviel Angst machen wrde! - Und alles ist
weit schlimmer geworden, seit Ihren Briefen, Tante! Nachdem sie gelesen waren,
fielen lange Unterredungen vor; der Vater war sehr bewegt, meine Mutter weinte.
Ich sa unbemerkt an meinem Fenster, da konnte ich sie sehen, sie gingen auf der
Terrasse auf und ab. Ich durfte um nichts fragen, denn es schien, als machten
sie mir absichtlich aus dem Inhalt des Briefs und des Gesprchs ein Geheimnis,
aber es beunruhigte mich. Was kann vorgehen? Ich habe Ihren Brief unzhligemal
durchgelesen, um vielleicht in ihm selbst einen Aufschlu zu finden, aber
umsonst! - Meine teure Clementina schreibt von Pflichten, die mir nun aufgelegt
werden, denen ich vielleicht nicht gewachsen sei. Was sind das fr Pflichten?
Gibt es noch andere, als die ich kenne: da ich Eduard einzig und bis in den Tod
lieben soll? Und wenn es nur diese sind, wie sollten sie mir zu schwer sein?
Kann man zu lieben aufhren? Gibt es eine andere Glckseligkeit, als treu zu
lieben bis in den Tod? - Einst sagten Sie mir: das schnste Glck auf Erden fr
eine Frau wre, wenn der Gatte zugleich ihr Freund sei. Sie sprachen mir aus der
Seele, meine geliebte Clementina; und wenn dem so ist, so drfen Sie sich mit
Ihrem Kinde freuen; Eduard ist gewi der Freund seiner Juliane; er liebt mich
ja, und kann man lieben, ohne der Freund der Geliebten zu sein?
    Aber, was ihm nur fehlen mag? Er ist nicht allein besorgt und nachdenklich,
wie ich es bin; er ist traurig, voll Mimut bis zur ungerechten Klage: ich liebe
ihn nicht so, wie er hoffte, von mir geliebt zu sein. Ich wei seine Zweifel
nicht zu beruhigen, und meine eigne Unruhe wird immer grer. Vielleicht
zerstreut sich dieser Nebel um uns, wenn wir erst in Ruhe uns selber werden
leben, wenn erst der Lrm, die Wichtigkeit, die Feierlichkeiten vorber sind.
    Ich htte vielleicht greres Recht zu klagen, als Eduard, da ihm nicht so
ganz gengt an seiner Freundin, da er noch eines Freundes zu seinem Glcke
bedarf. Jetzt wnschte ich aber selbst so sehr als er, da Florentin bei uns
bleiben mchte. In diesen Stunden der Miverstndnisse ist er unser guter Engel;
die bsen Geister weichen vor seiner Gegenwart. Es ist ein ganz herrlicher
Mensch, liebe Clementina! Eduard hngt mit der brderlichsten Freundschaft an
ihm und ich liebe ihn wie einen ltern Bruder. Ich fhle es wohl, was ich ihm
schon jetzt verdanke, und was er uns beiden werden knnte! Aber alles unser
Bitten vermag nicht, ihn zurckzuhalten. Eduard hat eine Vermutung, die ich
Ihnen einmal mndlich mitteilen werde; ich halte sie aber nicht fr gegrndet,
und auf keinen Fall ist es so ernsthaft, als er glaubt.
    Diesen Morgen war ich lang allein mit Florentin. Wir berraschten uns beide
mit der gegenseitigen Frage: Was fehlt Eduard? Jeder von uns glaubte den
andern im Verstndnis. Er wute aber so wenig und ist so unruhig ber diese
Erscheinung, als ich selbst. Zum ersten Male habe ich ihm mit vollem Zutrauen
begegnet; ich gestand ihm meine kleine Eifersucht, und da ich fr Eduards Liebe
besorgt bin; aber er gab mir Unrecht, er warnte mich, nicht in die gewhnliche
Schwche der Frauen zu verfallen und Achtung fr die Freundschaft der Mnner zu
haben. Es waren Ihre Worte, Clementina. Ich mute voll staunender Achtung vor
ihm stehen, denn so tiefe Blicke in mein Inneres hat niemand noch, auer Ihnen,
getan; solche Dinge hat mir noch kein Mensch sonst gesagt. Er hat mich aus den
tiefsten Winkeln meines Herzens, da wo ich selbst nicht hinzudringen wagte,
herausgefunden. Es war beinah so hart, mein Stolz emprte sich endlich gegen
seine Beschuldigungen. Sie kennen freilich meine Schwchen, sagte ich ihm,
aber Sie wissen doch nicht, was ich zu tun imstande bin. - Das glaube ich,
sagte er; wenn Sie das nur in der Tat tun wollten, was Sie zu tun imstande
sind; wenn Sie nur nicht das, was Sie sind, verleugnen, um wie die andern zu
scheinen. - Drauf sprach er noch viel ber Eduard und mich; so s trstete er
mich nun, sprach mir so beredt, als ob er fr sich selbst sprche, von Eduards
inniger Liebe, wute mir so fein alle seine Feinheiten herzuzhlen. - Ich konnte
nicht lnger sorgen, alle meine Bangigkeit war fast verschwunden bei seinem
freundlichen Trost. Nur vergessen Sie nicht, sagte er, was ich Ihnen gesagt;
wenn Sie es auch jetzt nicht verstehen, einst werden Sie es doch verstehen
lernen. - Ich fhlte eine Trne ber mein Gesicht rollen, als ich ihm die
Versicherung gab; seine Worte, seine Stimme, die wie eine scheidende
Prophezeiung klang, hatten mich tief bewegt. Er kte sanft mir die Trne vom
Gesicht; ich konnte es nicht wehren, er war selbst zu sehr gerhrt. - Auch ich
werde diesen Augenblick nicht vergessen, sagte er, so sehe ich Sie niemals
wieder. - Darauf verlie er mich.
    Aber Clementina, warum sind Sie nicht bei mir? Wo soll ich Mut hernehmen die
ernste Stunde zu berstehen? Muten Sie gerade jetzt Ihr Mdchen verlassen?
    Ich vergesse alles, wovon ich Ihnen sonst schreiben knnte. Mein Herz ist so
voll! von mir selbst voll! Mu es, wird es nicht bald besser werden? Leben Sie
wohl, Clementina, teure geliebte Freundin! Segnen Sie Ihre Juliane.

                              Vierzehntes Kapitel


Es war ein heiterer herrlicher Morgen; ein groer, von hohen schattigen Bumen
umgebener Platz im Park, den man aus dem Kabinett der Grfin bersehen konnte,
und der von der andern Seite die Aussicht ins freie Feld lie, war zur
festlichen Bewirtung der Landleute eingerichtet. Unter den Bumen rings um den
Platz standen Tische von verschiedener Gre; jeder Familie war einer
angewiesen, dessen Gre der Anzahl der Personen angemessen war. Es durfte
keiner aus Mangel an Raum zurckgelassen werden. Jede Hausmutter sah sich im
Kreise der Ihrigen, und sorgte nach ihrer gewohnten Weise fr ihre
Bequemlichkeit. Sthle standen umher, gerumige Lehnsessel fr die Alten.
Glnzend weie Tcher waren ber die Tische gedeckt. Frauen und Tchter stellten
geschftig das ntige Gert umher, kein Lakai, keine Livree war zu erblicken.
Gelassen sorgte jede fr die Ihrigen, brachte sorgsam das ererbte, lang geehrte
Glas, das gewohnte Messer des Hausvaters, damit er keine husliche
Bequemlichkeit vermisse. Mit Braten, Wein und Kuchen waren die Tische reichlich
besetzt, mit Blumen anmutig verziert. Die Mitte des Platzes, ein frischer
dichter Rasen, war zum Tanz fr die jungen Leute bestimmt; da konnten die Alten
ruhig an ihren Tischen sitzend dem Tanze zusehen.
    Frh war Eleonore hinausgegangen, um selbst noch einmal nachzusehen, ob
alles nach ihren Befehlen eingerichtet sei, und ob nichts mangle? Nach und nach
kamen alle zusammen in festlichem Anzuge. Junge Mdchen mit Bndern und Blumen
geschmckt, versammelten sich, Therese an ihrer Spitze, um Julianen einen
blhenden Myrtenkranz zu berreichen. Jetzt kamen auch einige Abgeordnete aus
Eduards und des Grafen nah liegenden Gtern. Jeder Tisch war fr einige Gste
mitberechnet, sie fanden also leicht einen Platz. Sie suchten sich sogleich ihre
Verwandte oder Bekannte heraus, und wer keine zu finden hatte, wurde von allen
eingeladen, er whlte selbst seinen Wirt; die freundliche Hausfrau, das
netteste, sittsamste Tchterchen zhlten die meisten Gste, und entschieden die
Wahl auf den ersten Blick. Der Graf hatte einige Shne aus dem Dorfe unter
seinem Regimente, diesen hatte er heimlich Urlaub gesandt, nach ihrer Heimat
zurckzukehren und sich mit ihren Mdchen zu verbinden, die schon lngst auf
diese Erlaubnis geharrt hatten. Jetzt kamen sie muntern Soldaten unvermutet
zwischen den Bumen hervor, und begrten die freudig erschreckten Eltern und
die errtenden Brute, die sich unter den versammelten Mdchen befanden, und
welche heute ihre Aussteuer von Eleonorens Hnden erwarteten. Herzlich froher
lauter Willkommen schallte von allen Seiten; Umarmungen, Glckwnsche und
Hndeschtteln gingen im kunstlosen Reihentanz durcheinander, bei dem der
freiere militrische Anstand und die hellen Farben der Uniformen lustig
abstachen gegen das einfltige friedliche Betragen der Einwohner.
    Der Graf und Florentin kamen dazu; er bezeigte Eleonoren seine
Zufriedenheit, und lchelte vergngt bei dem schnen Anblick. - Sehen Sie,
Florentin, sagte Eleonore, wie das alles lacht und lebt. - Mir ist, sagte
Florentin, als she ich eine Szene von Teniers lebendig werden! Es wre noch
der Mhe wert zu leben, wenn es immer so auf der Welt aussehen knnte! -
Mutter, rief Therese, wo bleibt denn Juliane? Ich werde ungeduldig. - Es
ist wahr, sagte Eleonore, sie mte schon hier sein, und wo bleibt Eduard? -
Sie waren schon diesen Morgen mit ihm aus, Florentin, sagte der Graf, ich sah
Sie beide zurckkommen, was hatten Sie schon so frh vor? - Die Gesellschaft
trennte sich gestern sehr frh, wir blieben noch zusammen, ein Buch, das wir vor
einigen Tagen zu lesen angefangen hatten, zog uns so fort, da wir nicht eher
aufhren konnten, bis es geendigt war; es war nun nicht mehr Zeit sich
niederzulegen, wir gingen hinaus, und erwarteten den Morgen. - Seit einigen
Tagen, fing der Graf wieder an, habe ich ein nachdenklicheres, trberes Wesen
an Eduard bemerkt, als ihm gewhnlich ist. Hat er Ihnen etwa die Ursache
vertraut, Florentin? Oder haben Sie sonst Gelegenheit gehabt zu bemerken, was
ihn drckt? Sie mssen uns kein Geheimnis daraus machen, es ist vielleicht nicht
unmglich seinem Verdru abzuhelfen, oder irgendeinen geheimen Wunsch zu
erfllen. Warum verbirgt er sich uns? - Mir ist nichts bekannt, Herr Graf, als
was Sie selbst bemerkt haben, nmlich da er nicht so heiter als gewhnlich
ist. - Haben Sie sonst keine Vermutung? - Die steigende Ungeduld, vielleicht
die Erwartung! - Unmglich! Sein Glck ist so nah, so sicher. - Vielleicht
ist es etwas... mir hat er... wirklich... ich wei nicht... Wenn Sie mir
erlauben, so will ich jetzt die Grfin Juliane aufsuchen. - Er ging zurck auf
das Schlo. Die Fragen des Grafen hatten ihn verwirrt. Entdeckt hatte Eduard
sich ihm nicht, aber er war fest berzeugt, eine geheime Eifersucht, die er
gerne unterdrcken mchte, marterte ihn, er war bis zur Peinlichkeit reizbar
geworden; Juliane heiterte ihn freilich oft wieder auf, aber nur auf kurze Zeit,
dann war irgendeine Kleinigkeit wieder imstande, ihn zu beunruhigen. Wie ein
Gespenst trat es Florentin vor die Seele, er sei die Ursache dieser Zerstrung.
Auch das, was in jener Nacht in der Mhle vorgegangen war, konnte er sich auf
keine andere Weise sonst erklren.
    Auf dem Korridor nach Julianens Zimmer sah er eine Tr geffnet, die er bis
jetzt immer verschlossen gefunden hatte; er trat hinein, es war das neu
eingerichtete Schlafzimmer fr Julianen, in dem die Kammerfrauen eben noch
einiges ordneten. Ein Basrelief mit Figuren in Lebensgre ber dem Kamine zog
sogleich seine Augen auf sich. Es war eine Psyche, welche die Lampe in der Hand,
den schlummernden Gott der Liebe mit staunendem Entzcken beschaute. Es war in
edlem Stil gearbeitet, und von vollendeter Ausfhrung, Florentin betrachtete es
mit innigem Vergngen, und glaubte die Hand des Meisters darin zu erkennen; er
freute sich es so unverhofft erblickt zu haben. Das ganze Zimmer war brigens
mit glnzender Pracht eingerichtet. Als er es eben verlassen wollte, und noch
einen Blick umher warf, fiel ihm das groe Prachtbette auf, das dem
vortrefflichen Kunstwerk gegenberstand. Am Oberteil des Lagers sowohl, als
zwischen den stolzen Federbschen, die auf den reich mit goldnen Quasten
verzierten schweren seidnen Vorhngen prangten, breiteten sich mit groer Wrde
die Wappen, gleichsam der schwebenden, beinahe entkrperten Psyche erdrckend
entgegen. - Wir wagen es nicht zu bestimmen, was dem Florentin fr Bemerkungen
eingefallen sein mgen, aber er lachte laut auf.
    Juliane und Eduard begegneten ihm, als er zur Tre heraustrat. - Ich war im
Begriff Sie beide aufzusuchen, Sie werden im Park erwartet. - Von wem? Sind
meine Eltern dort? - Sie wnschen im Park zu frhstcken, eh' die Gesellschaft
zu gro wird, auch werden Sie eines erfreulichen Anblicks genieen. - Sie
eilten hinunter.
    Eine jubelnde Symphonie von vielen Instrumenten, die zwischen den Bumen
versteckt waren, empfing sie. Juliane trug ein weies Kleid von der feinsten
Gaze, das in leichten Falten bis zu den Fen herabfiel, unter der Brust war es
von einer Reihe Smaragden zusammengehalten, ihre Haare in eigner Pracht, ohne
allen Schmuck aufgesteckt; feine goldne Kettchen zierten Hals und Arme, auf dem
schnen Busen wiegte sich ein Stein von Diamanten. So schwebte sie aus dem
Schatten der Bume hervor, herrlich geschmckt, doch leicht und kunstlos. Augen
und Herzen flogen ihr entgegen. Eine selige Heiterkeit verklrte ihr Gesicht
beim Anblick der frohen Menge. Ihre Eltern an der andern Seite des Platzes
erblickend, wollte sie sogleich zu ihnen herberfliegen; ihre eiligen Schritte
aber wurden von Kindern gehemmt, welche sie mit Blumenketten umgaben und
festhielten; zugleich nherte sich ihr mit Gesang der Trupp junger Mdchen. Sie
hob Theresen zu sich hinauf, kte sie, und lie sich den blhenden Kranz von
ihr auf die Locken drcken. Mit nassen Augen lchelte sie beim Gesang der
Mdchen, die einen Korb mit den schnsten Blumen zu ihren Fen niedersetzten.
Kaum hatte sie sich in den Armen ihrer Eltern von der freudigen Rhrung erholt,
als die beiden Knaben, Julianens Brder, einen kleinen Wagen ganz von Rosen
durchflochten herbeizogen, die Kinder zwangen sie scherzend hinauf, sie setzte
sich unter eine Art von Rosenthron. Therese stand ihr auf dem Scho, der
Blumenkorb zu ihren Fen, so ward sie im Thriumph und Freudengeschrei
fortgezogen; das Ganze sah so reizend und zauberisch aus, da man einen
Feenaufzug zu sehen glaubte.
    So ging es fort nach einem stillen entfernten Teil des Parks, wo das
Frhstck bereitet war. Zwischen den Bschen standen blhende Orangenbume, die
einen balsamischen Duft verbreiteten. Wo man hinsah, erblickte man Julianens und
Eduards Namen aus Blumengehngen. Die Bume waren durch ebensolche Blumengehnge
verbunden, und das Ganze bildete einen vollen bedeutenden Bltenkranz. Von
verschiedenen Seiten in kleiner Entfernung lieen sich Oboen und Waldhrner bald
wechselnd, bald zusammenstimmend hren, und wenn sie schwiegen, erschallte ganz
von ferne die frhliche Musik bei den Landleuten herber. Jedes Gerusch war
entfernt, alle saen schweigend und horchend, jedes schien beschftigt, die
Freuden mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Florentin verglich im stillen den
Eindruck dieses kleinen Tempels mit dem des prangenden Schlafgemachs, das er
gesehen, und es ist leicht zu erraten, welches er sich von beiden am liebsten
zum Allerheiligsten im Heiligtum der Liebe ausersehen htte.
    Von tausend sen Gefhlen durchstrmt, das Herz pochend von liebevoller
Ahndung, lehnte Juliane das glhende Gesicht an den Busen ihrer Mutter, Eduards
Lippen ruhten auf ihrer Hand, die er mit den seinigen umschlossen hielt. -
Meine Juliane, mein angebetetes Mdchen! sprach er im Entzcken der Liebe,
werde ich dich jemals so glcklich machen knnen, als du in den Armen der
Mutter bist? - Sie bleibt in den Armen ihrer Mutter, sagte Eleonore, sie
sanft an sich drckend, auch wenn sie die Ihrige sein wird! Sie rauben sie uns
nicht, lieber Eduard! - Mgt Ihr beiden das hchste Glck jedes das seine im
andern finden, sagte der Graf, indem er sie umarmte, Ihr seid mein kostbarstes
Kleinod. Gott verleihe euch seinen reichsten Segen in dem meinigen! - Die Rede
des Grafen schien erst bestimmt zu sein, noch mehreres zu enthalten, er brach
aber mitten darin ab, und sah nach seiner Uhr mit einiger Bedenklichkeit. Ich
htte sehr gewnscht, fing er wieder an, noch einige Zeit in diesem
vertraulichen Kreise zu verweilen, aber ich sehe soeben, da wir keine Zeit mehr
zu versumen haben: Juliane, du mut an deine Toilette denken, wir mssen uns ja
noch alle umkleiden. - Bleibt die Grfin Juliane nicht so, wie sie da ist?
fragte Florentin; das werden wir bedauern mssen; sie ist so schn in diesem
Anzuge, da keine Vernderung vorteilhaft fr sie sein kann. - Es ist wahr,
sagte der Graf, aber hier darf nicht die Rede von der Schnheit der Kleidung
sein, sondern von der Schicklichkeit. In dieser kann sie nicht ffentlich
getraut werden, heute mssen wir notwendig in Gala sein. Wenn uns nur die
Fremden nicht berraschen, wir haben zu lange verweilt. - Nun lat uns
zurckgehen, sagte Eleonore, wir finden wahrscheinlich schon einige
versammelt. Auch unser wunderlicher Obristwachtmeister wird wohl schon
aufgestanden sein; es wird mich belustigen zu sehen, was er zu unserm Volksfeste
sagen wird; ich wette, er findet etwas gegen die Humanitt darin zu tadeln. -
Man trennte sich. Jeder ging auf sein eignes Zimmer. Eleonore fand, da sie noch
eine Stunde brig hatte, sie verschlo sich in ihr Kabinett und schrieb
folgenden Brief an Clementinen, die in der allgemeinen Freude von allen
schmerzlich vermit ward.




                             Eleonore an Clementina


Mitten aus dem festlichen Getmmel, und in unruhiger Besorgnis, jeden Augenblick
abgerufen zu werden, schleiche ich mich in meine Kammer, um Dir einige Worte
zuzurufen: Ich will meinem Herzen diese Freude nicht versagen, ich will zu Dir
reden, will mir einbilden, Du sest neben mir, und ich she es dem lieben
Gesicht an, wie Dein Herz die Freuden des meinigen teilt.
    Aber auch schelten mu ich mit Dir, Du Unvernnftige! Wie? Juliane wird zum
Altare gefhrt, und Du bist nicht bei ihr? Wie magst Du es nur verantworten? Du
weit wohl, wie ich Dein Tun und Deinen Wandel verehre; dennoch glaube ich
nicht, da Du die Art und Weise von uns Weltkindern so sichtbar verachten
darfst: Es ist wohl ebenso verdienstlich von mir, da ich mich aus dem Getmmel
losreie, um an Dich zu schreiben, als da Du das Haus der Frhlichkeit nicht
besuchen willst, um den armen kleinen Geschpfen Deiner Pflege unter Deinen
Augen Hlfe und Nahrung reichen zu lassen. Denkst du nicht daran, wie notwendig
Du auch hier bist? Wer unter uns soll wohl Julianen das Beispiel der Sammlung
und Frmmigkeit geben, das sie von ihrer Tante erhalten wrde! Es werden viele
gedankenlos um sie stehen, und sie wird umsonst die Augen suchen, an deren
frommer Andacht sie sonst gewohnt war, die ihrigen zum Himmel zu erheben! Wird
nun nicht die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens fast leichtsinnig vollendet
werden?
    Die bse Nachricht, da wir Dich nicht erwarten drfen, betrbte uns alle,
und wie sehr Juliane anfangs darber trauerte, kannst Du wohl denken; bald wute
sie sich aber zu beruhigen, da wir ihr von Deiner eigentlichen Besorgnis nichts
mitteilten, und sie so gewohnt ist, alles gut und recht zu finden, was von der
Tante kmmt. Jetzt atmet ihre Brust wieder in ihrer natrlichen leichten
Unbefangenheit. Du nennst es gewi nicht blinde mtterliche Eitelkeit, wenn ich
mich im Herzen freue, die Holdseligkeit des lieben Mdchens zu sehen, diese
stolze zarte Schnheit, die aus ihrem Innern strahlend sie umgibt. Ja Du Teure!
Du wrdest, wenn Du sie so vor Dir shest, leuchtend und glhend im vollen
Ausdruck ihres Glcks, Du wrdest nicht lnger unzufrieden sein, da ihr Vater
eilt, sie mit dem Geliebten zu vereinigen, da sie trotz aller Deiner Grnde so
frh vermhlt wird. - Juliane ist beinah noch ein Kind, sagst Du, vieles liegt
unentwickelt und tief verborgen in ihr, das nicht geahndet wird, am wenigsten
von ihr selbst, sie fngt kaum an, sich selbst zu erkennen, sie wird aus einem
Kinde zur Gattin, und wird gewi einst auf die bersprungene Stufe ihres Lebens
mit Wehmut zurcksehen. - Das ist sehr wahr, Liebe; nicht weniger aber ist es
wahr, da Juliane vielleicht ihre Bestimmung ganz verfehlen mchte, wenn sie den
ersten vernehmlich ausgesprochenen Wunsch ihres Herzens unterdrcken mte. Du
weit, wie sehr Juliane mir in vielen Stcken hnlich ist, da mein Gemt von
jeher in schwesterlicher Liebe vor Dir aufgeschlossen lag, so wie auch das
ihrige von der zartesten Kindheit an. Du wirst es nicht vergessen haben, da
auch die Mutter, wie jetzt die Tochter, sich nur spt und langsam erkannte; wie
nur ihre frhe glckliche Bestimmung verhinderte, da nicht das lang verborgne
Feuer heftiger Leidenschaftlichkeit verderblich um sich gegriffen. Was anders
bewahrte sie vor jeder Gefahr, die ihr aus ihrem Innern drohte, als die
Zufriedenheit mit ihrem Lose, die sie an den Pforten der Selbsterkenntnis
empfing; als die ruhige Liebe in ihrem Herzen; als der Gatte, die Schwester, die
Kinder! Ihr kostbaren Reichtmer! Meinem Glck verdanke ich meine Tugend!
    Auch das ist wahr, da Eduard uns von Jugend auf mehr Beweise eines
liebenden Gemts und der feinen Ausbildung, als eines selbstndigen Sinns
gegeben; aber eben dies sein liebendes Gemt, dchte ich, mte uns Brge sein.
Wie hngt er doch mit inniger Liebe an der Geliebten seiner Jugend! Wie ist er
ihr durch alle Wandelbarkeit seines Lebens so wahrhaft treugeblieben! Seine
Liebe war gleichsam der dauernde Grund, auf welchem die bunten Farben des Lebens
wie lose Fden hin und her gewebt waren. Es fehlt ihm vielleicht nichts weiter,
als die bestimmende Vereinigung mit der Geliebten, um ihn ganz festzuhalten. Ich
habe Sinn fr husliche Freuden an ihm wahrgenommen; ich kann an niemand
verzweifeln, dem dieser Sinn nicht fehlt. La uns nur nicht weiter mit unserer
Vorsorge dringen wollen! Unsre Hoffnung ist, sie dauernd glcklich zu sehen.
Doch wer enthllt uns die Zukunft? Drfen wir uns erlauben. Bses zu verben, um
ein knftiges Gut zu sichern? Das wre ja sogar gegen Deinen eignen Grundsatz.
    Du weit doch, da Eduard seinen Plan, gleich nach der Vermhlung mit
Julianen auf Reisen zu gehen, aufgegeben hat, zu unsrer groen Freude. Die
Kleine konnte sich nicht entschlieen, uns zu verlassen, er hat sich auf ihr
unablssiges Bitten entschlossen, noch einige Jahre bei uns zu leben, eh' er
seine weiteren Plne ausfhrt. Sie bleibt also immer noch in unserer Mitte, er
raubt sie unserm Kreise noch nicht, er selbst ist ein teures Mitglied desselben
geworden. Wir wollen nun alles aufbieten, um ihn seinen neuen Entschlu nicht
bereuen zu lassen. Fest soll sich an Fest ketten, und eine Lust die andere
verdrngen. Wrst Du nur hier, die bange Sorge wrde bald von Dir weichen! Dein
Bruder ist in der besten Laune von der Welt;
    Du weit, wie liebenswrdig er in seiner Heiterkeit sein kann; und berhaupt
sind wir so frhlich und ausgelassen wie die Kinder, haben alle Sorgen weit
abgeworfen.
    Nun ernstlich an meine Toilette, Juliane ist sicher schon fertig; der Lrm
wird immer lauter, ich darf doch nicht zuletzt erscheinen. Bald siehst Du uns
bei Dir, ich habe Dir viel zu erzhlen von den lieblichen Festen, die hier
begangen werden, vorzglich von einem hier im Park, meinem Fenster gegenber.
Dies wird Dir gefallen, es ist ganz in Deinem Sinn; das kmmt daher, weil ich
nichts anordne, ohne in meinem Sinn den Deinigen zu Rate zu ziehen.
                                                                       Eleonore.

                              Fnfzehntes Kapitel


Florentin war allein geblieben. Er ging auf den Platz im Park: er war leer, die
Leute waren hinausgegangen auf den Weg zur Kirche, dort wollten sie, in zwo
Reihen geordnet, die herrschaftlichen Wagen durchfahren lassen. Er ging
verdrlich ins Schlo zurck. Auf Gngen und Treppen war alles voller Tumult
und Gedrnge von wichtig tuenden, mit nichts lrmend beschftigten Menschen.
Allenthalben begegneten ihm fremde Gesichter. Unmutig floh er auf sein Zimmer.
Das Gerassel der Wagen zog ihn ans Fenster. Eine lange Reihe von vier- bis
sechsspnnigen Equipagen, mit goldbedeckten Lakaien behangen, leerte sich, eine
nach der andern. Unertrgliche Figuren wurden maschinenmig aus dem glnzenden
Kasten gehoben, und ins Schlo gefrdert. Florentin schauderte bei dem Anblick.
Endlich ward er von den prchtigen Kleidungen erinnert, da er sich wohl auch
noch anders anziehen msse, und nun fiel es ihm erst ein, da ihm die
wesentlichen Stcke zum gehrigen Anzug mangelten. Halb verlegen, halb lustig,
war er noch unschlssig, was er zu tun habe, als ihn ein Bedienter zu Julianen
rief. Er fand sie in ihrem Zimmer vllig angekleidet.
    Kommen Sie her, Florentin, rief sie ihm entgegen, ich will nicht allein
bleiben. Haben Sie die Mutter nicht gesehen? Ist Eduard nicht bei Ihnen? Es
kmmt auch kein Mensch zu mir. Aber wie Sie mich anstaunen! Nicht wahr, es
kleidet mich nicht? - Sie war mit frstlicher Pracht gekleidet. Sie blitzte und
funkelte vom kstlichen Geschmeide und reicher Stickerei. An der Stelle des
frischen Morgenkranzes war eine kleine Krone von Juwelen gesetzt, die Arme und
der freie Hals waren mit den auserlesensten Perlenschnren geschmckt, und
diesen angemessen schimmerte der brige dazugehrige Schmuck.
    Wundert Sie mein Erstaunen? fragte Florentin, Sie sind blendend,
Juliane! - Aber ich gefalle Ihnen nicht, nicht wahr? - Ich suche vergebens
den leichtfigen schalkhaften Knaben im Walde; wo ist die gedemtigte
bermtige hin, im geliehenen Wams und kurzen Rock? Wo sind die Umrisse der
gewohnten Gestalt vom heutigen schnen Morgen? - Ich glaube es Ihnen gern,
sagte Juliane. Der Himmel behte mich auch vor einer Existenz, wo ich oft so
gekleidet sein mte; ich glaube, am Ende knnte man das Lachen dabei
verlernen. - Ja, es mag wohl ernsthaft machen, aber was zwingt Sie dazu? -
Wir haben herzlich gewnscht, diesen Tag mit Festen ganz anderer Art zu
begehen; aber Sie wissen, der Vater lt nicht leicht eine alte Sitte abndern;
um ihm nun seine Freude auf keine Weise zu stren... wren nur erst diese Tage
vorber! - Sie werden durch sie auf alle knftige glcklich! - O ber alles
glcklich werde ich sein! Ohne diese Hoffnung mte ich der glnzenden Last
erliegen. Es ist schn von Ihnen, da Sie meine augenblickliche schlechte Laune
durch diese Erinnerung verscheuchten. Wie man doch oft so undankbar sein kann!
- ble Laune ist freilich am ersten dazu aufgelegt. - Lieber Florentin, Sie
mssen ein Andenken von mir nehmen, um sich dieser Stunde und meines Glcks zu
erinnern. - Sie suchte einen Augenblick unschlssig in einigen Schubladen. -
Nehmen Sie diese Brieftasche, die Stickerei darauf ist von mir, dies mag ihr
einigen Wert in Ihren Augen verleihen. - Er kniete nieder vor ihr und kte
ihre Hand: - So empfange ich den Dank aus Euren Hnden, schne Jungfrau; wre
mir doch der erste Dank bestimmt, so drfte ich ihn von den holden Lippen
einsammeln! - Die Tr ward geffnet, Eduard trat herein, Florentin stand auf. -
Was hast du vor, Florentin? - Anbetung, mein Freund! - Tolle Possen! und
noch nicht anders gekleidet? Fort, fort, es kmmt Gesellschaft. -
    Florentin ging hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm der Jockei, der ihn noch
vom ersten Augenblick an, da er ihn im Walde gesehen, zugetan war. - Sattle mir
gleich den Schimmel, mein guter Heinrich, sagte er ihm leise, reite ihn durch
das Hintertor hinaus vor das Dorf, und erwarte mich dort, da dich aber niemand
sieht; sage es auch niemanden! Hrst du? - Verlassen Sie sich auf mich. - Er
sprang fort; Florentin ging wieder auf sein Zimmer. - Du hltst es nicht aus,
rief er unmutig; was soll dir das widersinnige Wesen? Immer wieder die alte
Weise: wieder einige bessere Menschen, die vom Haufen der Gewhnlichen bestimmt
werden! Halte es nicht aus!... aber die wenigen Stunden noch; es ist kindische
Ungeduld,... nicht einen Augenblick will ich mir selbst zur Last sein... Was
werden sie aber dabei denken?... Gut gefragt, wer steht mir in irgendeinem Falle
fr die Gedanken der Menschen?... Es ist aber ungesittet, wenn ich gehe... es
ist aber unwrdig, wenn ich bleibe. Eduard! wirst du mich verstehen? wirst du
dein schwankendes, zweifelndes Gemt bald beruhigen knnen?... Wie hat sich aber
auch die Szene verndert! Wie sind die lieblichen Farben der Morgenrte
hingeschwunden, und haben dem lrmenden Tage Platz gemacht! Wie werden vom
schweren Geschtz der Konventionen deine zarten Freuden zertrmmert, gttliche
Liebe! Alles ist zerstrt! Julianens holde Gestalt durch ein Gewicht
angefesselt, verzerrt; das eigne, schne, bewegliche Leben von versteinertem
Kristall umstarrt. Eduard! was will der blasse Mondschimmer der heimlichen
Krnkung auf deinem Gesicht, worauf der Sonnenschein der glcklichen Liebe sonst
glnzte? O es ist wahr, da Friede und Freude bald entfliehen, wo ich verweile.
Fort will ich, fort mu ich! Alles wird bald gut werden fr dich, Eduard. Nur
der Verbannte wird oft seine Arme umsonst nach einem Freunde ausstrecken, und
sie ohne Trost wieder sinken lassen. Aber fort, fort; allein will ich den Fluch
tragen, der ber mich verhngt ist! -
    Whrend diesen bald hastigen, bald zgernden Worten war er, indem er sich zu
gleicher Zeit zur Reise anschickte, im Zimmer unruhig auf und ab gegangen. Jetzt
war er ganz reisefertig und stand in der geffneten Tr, den Hut in der Hand; er
besann sich, es war ihm, als mte er Abschied nehmen. Zu Eleonoren will ich
noch einmal gehen, dachte er, ich finde sie vielleicht noch allein. -
    Eleonore war mit ihrem Putze ganz fertig, und siegelte eben den Brief an
Clementinen, um ihn noch fortzuschicken. - Mich dnkt, es ist jemand im kleinen
Korridor, sagte sie zur Kammerfrau, sieh zu. - Florentin ward ihr gemeldet,
und trat gleich darauf selbst hinein. - Was ist das? rief die Grfin;
Stiefel? Sporen? Was wollen Sie in diesem Aufzuge? - Geben Sie mir Ihren
Segen, teuerste Grfin, ich will fort!  - Trumen Sie? oder trume ich? Ich
verstehe Sie nicht.Gtige Eleonore, fragen Sie nicht, Ihre segnende Hand
lassen Sie mich zum Abschied kssen. - Was ist Ihnen, um Himmels willen, was
ist Ihnen widerfahren? Wo wollen Sie hin? - Die Kammerfrau kam wieder hinein:
Gndige Grfin werden erwartet, es ist geschickt worden. - Den Augenblick!
Florentin, Sie drfen nicht so rtselhaft sein, was wird mein Gemahl sagen? -
Ihnen berlasse ich meine Verteidigung, Eleonore, und deswegen komme ich
eigentlich zu Ihnen, leben Sie wohl, ich darf Sie nicht lnger aufhalten. -
Aber wo wollen Sie hin? Wir sehen Sie doch wieder? - Soll ich einst noch so
glcklich sein? Der Ort, wohin ich gleich zuerst komme, ist Ihnen bekannt. -
Mein Gott! freilich, Sie reisen zu Clementinen. Wollen Sie uns dort erwarten?
Sobald es hier wieder ruhig ist, werden wir zu ihr reisen. - Florentin
verbeugte sich: Geben Sie mir irgendein Zeichen fr die Grfin Clementina mit,
das mich ihr empfiehlt. - Hier nehmen Sie diesen Brief, ich htte nicht
gedacht, da er durch Sie wrde bestellt werden, Ihrer ist nicht darin erwhnt,
aber Sie sind ihr sonst schon bekannt. Sie drfen nur Ihren Namen nennen. -
Gndige Grfin! rief die Kammerfrau wieder. - Leben Sie denn wohl, Florentin,
auf Wiedersehen! - Leben Sie wohl, Eleonore, Ihnen trage ich es auf, Eduard zu
beruhigen, und mein Andenken bei Julianen zu erhalten! - Wie, diese wissen
nicht? - Florentin war wieder zur kleinen Tr hinaus, ohne weiter zu hren,
oder zu antworten. Die Kammerfrau schlo hinter ihm zu; in dem Augenblick fhrte
von der andern Seite der Graf einige Damen herein.
    Florentin ging durch den Park, wo er hoffen durfte, niemandem zu begegnen,
und sofort zum Dorfe hin, wo er Heinrich, mit dem Schimmel ihn erwartend, fand.
Er nahm Abschied von dem Knaben, drckte ihm eine Belohnung fr seinen
Diensteifer in die Hand, setzte sich auf den getreuen Schimmel, und fort
sprengte er im Galopp, ohne sich umzusehen. Heinrich sah ihm noch nach, als er
ihn pltzlich stillhalten und das Pferd herumwenden sah; er kam wieder zurck. -
Warte noch einen Augenblick, rief er ihm zu. Heinrich trat hinzu und hielt das
Pferd; Florentin zog seine Schreibtafel heraus, und schrieb mit Bleistift auf
ein Blatt: Des Schicksals Schlge sthlen und geben Kraft sich aufzurichten,
indem sie niederbeugen; aber der Menschen kleinliche Miverhltnisse und
Miverstndnisse zerstren grausam das Gemt. Ich segne meinen Eintritt in Euren
Kreis, aber ich gehe, damit ihn niemand verwnsche! Lebe wohl, Eduard, gedenke
meiner. - Juliane, wer Sie sieht, wird Sie kennen; wer Sie kennt, mu Sie
lieben; wer Sie liebt, kann nie aufhren. Bleiben Sie glcklich!
                                                                     Florentin.

Gib es an Eduard von Usingen, guter Heinrich, aber gib es ihm allein. Und nun
Adieu. - Er ritt langsam fort. Er hatte beschlossen, die Nacht in der bekannten
Mhle zu bleiben, und mit Tagesanbruch vollends zur Stadt zu reiten.

                              Sechzehntes Kapitel


Florentin war nach einer verdrlichen Reise in die Stadt angekommen. Nie war er
mehr mit sich selbst uneins gewesen. Zwar gefiel ihm die Hast, mit der er das
Schlo und alle seine Reizungen, sobald es ihm Zeit zu sein gednkt, verlassen,
da es ihm nicht unbemerkt geblieben war, da er die Empfindsamkeit des schnen
Mdchens so hoch htte hinaufspielen knnen, als er nur immer gewollt; dennoch
konnte er sich nicht des heimlichen Verdachts gegen sich selbst erwehren, der
Mangel an den blichen Staatskleidungsstcken htte ihn so pltzlich auf und
davon getrieben. Vollends lcherlich erschien es ihm, wenn er berlegte, da die
grfliche Familie vielleicht diesen Grund als ausgemacht, und sogar als den
einzig mglichen annehmen wrde. Er beschlo, wenigstens in der Zukunft, sich
die beschmende Ungewiheit seiner eigenen Motive zu ersparen. Sobald er daher
im Gasthof eingekehrt war, trug er sogleich Sorge, eine Art von Uniform fr sich
zu bestellen, die man ihm des andern Tags mit allem Dazugehrigen zu liefern
versprechen mute.
    Soviel er von der groen Stadt im Hineinreiten gesehen, hatte sie wenig
Anziehendes fr ihn. Roher Lrm, nichtstuende Geschftigkeit, prahlschtige
Armseligkeit, leere unteilnehmende Neugierde auf den geruschvollen Gassen, fiel
ihm dieses Mal mehr als jemals widerlich auf. Wahrscheinlich wre er, ohne sich
aufzuhalten, gerade zum andern Tor wieder hinausgeritten, aber es lag ihm daran,
Eleonorens Brief an Clementinen selber zu bestellen.
    Bald nach seiner Ankunft ging er hin. Das Haus war leicht zu finden, denn es
ragte durch seine schne Bauart von allen benachbarten hervor. Am Eingang des
Vorhofs lagen auf einer Erhhung zwei Sphinxe. Die Ungeheuer sahen den
Eintretenden so klug und prfend an, als wollten sie seine Absicht erforschen.
Florentin berfiel eine Art Grauen, als er zwischen ihnen durch, ber den
stillen Platz nach dem Hauptgebude schritt.
    Whrend er gemeldet ward, fhrte ihn ein Bedienter die breite steinerne
Treppe hinan, durch einige Vorzimmer in einen vortrefflich dekorierten Saal, wo
er ihn einige Augenblicke zu verweilen ersuchte. Florentin betrachtete einige
chinesische Vasen von seltener Gre, welche an den Pfeilern zwischen den groen
Flgeltren sich befanden, die statt der Fenster auf einen Altan fhrten; hier
standen Orangen- und Zitronenbume in schn verzierten Gefen umher, deren
ser Duft sich im Saal verbreitete. Florentin trat durch eine der offnen Tren
hinaus, und fand sich sehr angenehm berrascht, als er in einen weiten
vortrefflichen Garten hinuntersah. Dieser grenzte in der Ferne an einen See,
dessen lachende Ufer mit weinbepflanzten Hgeln, Kornfeldern, Gebschen und
netten einzelnen Husern umgeben waren. Im Garten gingen eine Menge Leute, oder
saen im Schatten der hohen Bume, so da er ungewi wurde, ob es ein
ffentlicher Garten sei, oder ob er zum Hause gehre.
    Ein herrlicher Springbrunnen trug seinen hellen Wasserstrahl beinah bis zur
Hhe des Hauses, wo er dann in vielfarbigen glnzenden Kristalltropfen wieder
hinunterfiel und sich in ein weites Marmorbecken sammelte; Weiden und Akazien
spiegelten mit vermischtem Grn ihr Laub im klaren Wasserspiegel. Anmutiger
grnte der Rasen um ihn her, und die Luft ward durch sein Spiel erfrischt und
erquickend. Florentin dachte an das grfliche Schlo zurck; ein und derselbe
Geist schien dieses sowohl als Clementinens Haus, nur in einem verschiedenen
Sinn, zu bewohnen. So wie dort der alte mit dem modernen Geschmack nebeneinander
bestand, so kontrastierte hier der steinerne Ernst des Eingangs mit der
freundlichen Schnheit des Innern. Er ahndete Clementinens Geist, und ein
Ehrfurchtsschauer durchbebte ihn bei dem Gedanken, sie selbst nun bald zu sehen.
    Indem rauschte ein weiblicher Futritt in dem Nebenzimmer, Florentin ging
vom Altan zurck. - Es kann nicht Clementina sein, dachte er, der Schritt ist zu
rasch. - Betty war es. Er hatte es vergessen, da er diese hier finden mte;
jetzt freute er sich, das muntere zierliche Mdchen unverhofft erscheinen zu
sehen. Er lief auf sie zu. - Nicht so ausgelassen! rief sie mit komischer
Gravitt, begren Sie fein ehrerbietig in mir die Grfin Clementina. Ich komme
in ihrer Person, als bevollmchtigter Minister, und mir haben Sie Ihr Kreditiv
zu berreichen. Nun so halten Sie nur Ihre ehrfurchtsvolle Anrede! Denn Sie
sehen doch ganz so aus, als htten Sie sich eine ersonnen, und wollten sie
soeben wieder hinunterschlucken! - Betty ist ja eben das Redenhalten nicht an
mir gewohnt worden, sagte Florentin. - Nein, antwortete sie, Ihre Impromptus
sind mir bekannter; aber ebendarum bin ich neugierig auf Ihre Rede! Mein Auftrag
ist aber, Sie in der Grfin Clementina Namen hier willkommen zu heien, und Sie
um Nachrichten vom Schlo zu bitten. Heute kann die Grfin Sie nicht sehen; sie
erholt sich erst jetzt langsam von einem sehr heftigen Anfall ihrer gewhnlichen
Krankheit. - So hatte der Graf doch richtig geahndet! Die Briefe aber waren
von ihrer Hand. - Sie schrieb sie mit der grten Anstrengung. Auerdem will
sie sich heute ruhig verhalten, um morgen imstande zu sein, eine Musik auffhren
zu hren, die sie nie versumt. Sie, Florentin, werden nun durch mich von ihr
ersucht, morgen nach dieser Musik sich bei uns einzufinden. - - Ich werde
erscheinen; doch wnschte ich auch wohl diese Musik zu hren; wo wird sie
aufgefhrt? - Gut, da Sie fragen! Ich htte es beinah vergessen; die Tante
lt Ihnen zugleich sagen, wenn Sie etwa die Musik zu hren wnschten, so soll
Sie jemand zur rechten Zeit abholen und einfhren. Sie lt es Ihnen eigentlich
wissen; das ist eine Auszeichnung, merken Sie sich dies fein. Und nun geschwind,
was macht man auf dem Schlo? - Gestern, als ich fort ritt, war man eben
dabei, sich den priesterlichen Segen geben zu lassen. - Wie? Gestern? Und wir
haben keinen Brief? Und Sie ritten fort? - Hier ist ein Brief fr die Grfin
Clementina, von Eleonoren. - Geben Sie her, o geschwind! Warum gaben Sie den
nicht gleich zuerst? Wie wird die Tante sich freuen! Nun so geben Sie doch! -
    Er zog den Brief hervor, wollte ihn aber nicht ohne einen Ku von Betty
herausgeben. Mit einer schalkhaft verdrlichen Miene, als ob sie ihn nur recht
bald loszuwerden wnschte, hielt sie ihm die Wange hin. In demselben Moment ging
die Tr auf, und ein junger Offizier trat herein. Betty fuhr zusammen und
vernderte die Farbe. Der Offizier begrte sie mit einem finstern Blick, und
sah nun stumm und strrisch vor sich hin. Halb nur gefat, mit unsichrer Miene,
stellte sie beide einander vor, den Offizier nannte sie Rittmeister von Walter.
Sie gab sich Mhe, ein haltbares Gesprch auf die Bahn zu bringen, es gelang ihr
aber schlecht. - Sie mssen mir erlauben, fing sie endlich an, da ich der
Tante nicht lnger den ersehnten Brief vorenthalte; auf morgen also, Florentin.
- Ich mchte Sie bitten, mir einen Augenblick zu schenken, sagte der
Rittmeister, mehr fordernd, als bittend. - Jetzt nicht, lieber Walter, sagte
sie so freundlich als mglich; aber darf ich nicht hoffen, Sie diesen Abend im
Garten zu sehen? - Gut dann, antwortete er, diesen Abend! - Betty verneigte
sich gegen beide und eilte aus dem Saal.
    Florentin erinnerte sich, von Julianen gehrt zu haben, da Betty nchstens
die Braut eines gewissen Walters wrde. - Also der Brutigam! dachte er im
Hinuntergehen, und wie es scheint, wenig geliebt, und noch weit weniger
liebenswrdig. Arme Kleine! Wahrscheinlich wirst du diesen einzigen mutwilligen
Augenblick durch eine Reihe von unangenehmen zu ben haben! La sehen,
vielleicht gelingt es mir, sie dir zu ersparen, es gelingt mir vielleicht,
diesen Drachen zu zhmen. -
    Er ging denselben Weg mit ihm und redete ihn einigemal freundlich an, wurde
aber mit kurzen Worten abgefertigt, bis er es wie absichtslos fallen lie, da
er hchstens noch einen Tag in der Stadt zu bleiben gedchte. Sogleich nahm der
Rittmeister mehr Anteil an ihm, und erbot sich, ihm noch vor dem Mittagessen
einige Merkwrdigkeiten der Stadt zu zeigen: unser Florentin nahm es an. Diese
Merkwrdigkeiten bestanden nun in allerlei Dingen, die (was sich der Rittmeister
nicht trumen lie) fr Florentin weder merkwrdig noch erfreulich waren;
zuletzt wurde dann mit einigen andern jungen Leuten, die zu ihnen kamen, eine
sogenannte Partie fine zum Abend verabredet, und Florentin dazu eingeladen.
Dieser, dem es beinah leid war, sich mit Walter eingelassen zu haben, versuchte
es, von ihren gemeinschaftlichen Bekannten mit ihm zu sprechen; seine rohen
Ansichten traten aber bei dieser Gelegenheit in ein so helles Licht, da er
Florentin je lnger, je mehr unertrglich ward. Er schwieg unmutig still, und
war froh, als er wieder in seinen Gasthof gelangte, wo er den lstigen Begleiter
loszuwerden gedachte; zu seinem Verdru ging dieser aber mit hinein und setzte
sich nebst noch einigen Hinzugekommenen mit zu Tische.
    Hier fhrte er sehr laut das Wort. Durch einige zweideutige Spe,
lcherliches Gesichterschneiden, und die Dreistigkeit, durch platte Persiflage,
andere in beschmende Verlegenheit zu setzen, war er bei den bekannten
Tischgenossen in den Ruf eines witzigen Kopfs, und eines angenehmen
Gesellschafters geraten. Man belachte und beklatschte alles, was er vorbrachte;
Florentin, der Langeweile hatte, lachte nicht, und gab sich auch die Mhe nicht
aus Geflligkeit zu lachen. Waltern schien diese Gleichgltigkeit gegen sein
anerkanntes Verdienst eine beleidigende Anmaung, und um sich zu rchen, kehrte
er die Spitze seines Witzes, mit nicht zu feinen Anspielungen gegen Florentin,
die zur Absicht hatten, den Anwesenden einen Wink zu geben: er htte sich diesen
heute ganz eigentlich zur Tischbelustigung ausersehen. Der Plan war gut, nur
nicht genau genug berechnet; Florentin, der nicht mehr in der Stimmung war, sich
etwas gefallen zu lassen, hatte gar bald durch ein paar beiende Antworten das
Lachen auf seiner Seite. Dieser Sieg wirkte auf Walters Witz, wie ein Platzregen
auf ein Feuerwerk. Pikiert darf ein solcher Spamacher nicht sein, oder es ist
um ihn geschehen. Von nun an glckte ihm nichts mehr. In seiner Angst ward er
ziemlich grob, ohne allen Witz.
    Whrenddem hatte ein Mann, der nicht weit von Florentin sa, diesen mit
Aufmerksamkeit zu beobachten geschienen: er ward von den andern Doktor genannt.
Zu diesem wandte Florentin sich jetzt, um der Unterredung mit Waltern
auszuweichen. Das Gesprch kam bald auf die Musik, die den andern Tag bei der
Grfin Clementina aufgefhrt werden sollte. - Es ist eine geistliche Musik?
fragte Florentin. - Ja, antwortete der Doktor, es ist ein Requiem von ihrer
eignen Komposition, das jhrlich auf den bestimmten Tag aufgefhrt wird. -
Walter trllerte einen Gassenhauer; bei den Worten geistliche Musik sagte er
einem neben ihm sitzenden Offizier etwas ins Ohr, und beide lachten berlaut.
Der Doktor hatte diesen Ausbruch von Lustigkeit mit Gelassenheit abgewartet, eh'
er weitersprach. - Sie werden, fuhr er dann gegen Florentin fort, ein stark
besetztes Chor von meistens vortrefflichen Stimmen hren. Es ist eine der
liebsten Beschftigungen der Grfin, sich dieses Chor auszubilden, von dem sie
sich nicht allein ihre eignen Kompositionen vortragen lt, sondern auch die
herrlichsten alten Sachen, die man sonst nirgends mehr hrt als bei ihr. - Fr
die alte Dame, fing der Rittmeister an, ist diese melancholische Musik
erstaunlich passend, sonst aber hat sich noch jeder honette Mensch dabei
ennuyiert. - Hier mischten sich noch andere ins Gesprch, teils fr, teils
gegen diese Behauptung, der Streit ward allgemein, whrenddem fragte Florentin
zum Doktor: Wenn Sie eben jetzt nichts Besseres zu tun haben, so wrde ich Sie
bitten, einen Spaziergang mit mir zu machen. - Ich war im Begriff dieselbe
Bitte an Sie zu tun, erwiderte jener. - Es entstand eine kleine Stille, als man
die beiden aufstehen sah. Im Hinausgehen hrte Florentin ganz deutlich, da
Walter Glcksritter sagte.
    Ich hatte unrecht, sagte der Doktor, als sie drauen waren, in Gegenwart
dieser unmusikalischen Seelen von einer zu sprechen, die ganz Musik ist. -
    Sie gingen in einen der nah gelegenen ffentlichen Grten auerhalb der
Stadt, wo sie sich Erfrischungen geben lieen. Florentin konnte sich nicht
enthalten, einiges ber die schlechte Tischgesellschaft zu uern. Er fragte
seinen Begleiter, ob er diesen Walter genauer kenne? - Ich kenne ihn, sagte
dieser. Ich habe das Glck, zu den Freunden der Grfin Clementina zu gehren,
und fast immer in ihrem Hause zu sein, dort sehe ich ihn nur zu oft! Gewhnlich
speise ich nicht an der ffentlichen Wirtstafel; darf ich sagen, da ich mich
heute dort einfand, blo um Ihre persnliche Bekanntschaft etwas frher zu
machen? Ich bin durch Frulein Bettys Erzhlung zu begierig geworden. - Ich
freue mich Ihrer Bekanntschaft, versetzte Florentin. -
    Nach einigen Fragen und Erluterungen, ihr beiderseitiges Verhltnis mit der
grflichen Familie betreffend, rckte Florentin endlich mit der Frage heraus:
wie es komme, da Clementina, die ihm als der Schutzgeist der Angehrigen sei
bekannt gemacht worden, da diese die Verbindung zwischen Walter und Betty
wnschen, ja nur zugeben knne? Wie! Leuchtet es ihr nicht in die Augen, sagte
er, da Betty mit diesem Menschen hchst unglcklich werden, oder ganz zugrunde
gehen mu? Wie ist es so schade um diese liebenswrdige Natur! - Ja wohl
schade! rief der andere, mit einem halb unterdrckten Seufzer. Ich kenne Betty
seit ihrem zwlften Jahre, ich liebe sie, seit ich sie kenne. Das sanft
ernsthafte Gesicht des Mannes errtete etwas bei diesen Worten. - Betty hat
einen wrdigen Freund, wie ich sehe, sagte Florentin nach einem kleinen
Schweigen; wie kann es zugehen, da sie einem schrecklichen Schicksal sichtbar
entgegengehen darf? - Bettys unglckliche Neigung. - Wr' es mglich? Was
kann dieses liebenswrdige Kind, im Scho der Liebe mit aller Sorgfalt
ausgebildet, was kann sie bewegen, sich diesen rohen Gefhrten zu whlen? Gehrt
sie etwa auch zu jenen Zarten, die sich blo an die uere Erscheinung der
Energie halten? - Nicht ganz so hart! fiel ihm jener ein; es ist ihm
gelungen sie zu fesseln, oder vielmehr sie in einem Moment der Hingebung sich
eigen zu machen. Es ist nicht gewi, ob sie ihn noch liebt, ja ob sie ihn jemals
liebte. Ist es die schne wachsende Treue eines unverdorbenen weiblichen
Herzens? Ist es Reue, oder Stolz? Genug sie hlt sich fr unauflslich gebunden,
obgleich die Grfin, der sie sich ohne Rckhalt anvertraute, ihre Vermhlung
immer weiter hinauszuschieben sucht. Walter wei sehr wohl, wie bel er bei der
Grfin angesehen ist, daher sein Ha gegen diese unvergleichliche Frau. Es ist
sehr wahrscheinlich, da alles von ihm aus Liebe zu ihrem ansehnlichen Vermgen
angelegt ward; und nur zu wohl ist ihm sein Plan gelungen! - So mu denn die
Arme aus Schwachheit um Schwachheit ewig verloren sein? und die Freunde knnten
sie retten und sehen mig zu, wie sie untergeht! - Woher wissen Sie das? -
Warum wendet Clementina nicht hier ihre ganze Autoritt an? Hier ist es an der
Zeit, sich dem Vorurteile mit Macht entgegenzusetzen! - Sie mten die
Vortreffliche freilich kennenlernen, um sie zu verstehen. Clementina gehrt zu
den seltnen Seelen, die wahre Ehrfurcht, die zarteste Scheu fr die
Sinnesfreiheit andrer Personen hegen. Diese, in sich und in den sie Umgebenden,
nie zu verletzen und auf das hchste auszubilden, ist ihr grtes Bestreben. Nie
hat sie aber jemand durch Autoritt zum Bessern zu zwingen versucht. Sie hat
nicht versumt, Betty das Elend vorzustellen, dem sie entgegengeht; da diese
aber fest ist in ihrem Glauben: Walter liebe sie, die Liebe wrde ihn ausbilden,
und einer liebenden geliebten Frau sei alles mglich; so erlaubt sie sich weiter
keinen Schritt dagegen zu tun, weder offen noch heimlich; auer da sie die
Vermhlung noch lange aufgeschoben hat, damit Betty Zeit habe, ihren Irrtum
gewahr zu werden. Auch dann noch, wenn sie vielleicht zu spt zurckkommt, darf
sie gewi sein, Hlfe und Schutz bei ihr zu finden, sobald sie ihn bedarf und
sucht; denn nie legt sie dem Irrtum eine hrtere Strafe auf, als die er selbst
mit sich fhrt, und auch diese bemht sie sich, auf jede Weise zu lindern. Sie
htte es wohl gewnscht, mich mit Bettys Hand beglcken zu knnen, da es aber
meiner innigen treuen Liebe nicht gelang, so hlt sie mit Recht jedes andre
Mittel, sie dazu zu bewegen, fr unerlaubt und unwrdig. Sie, deren groe Seele
jeden Schmerz mit geprfter Standhaftigkeit trgt, vermag nie andern irgendeine
unangenehme Empfindung zu verursachen; sie findet es bei ihrer Reizbarkeit immer
noch leichter selbst zu dulden, als andre dulden zu sehen; auch findet sie in
ihrem Geist, und ihrer Religion, Kraft und Trost, wo andre verzweifeln wrden.
Doch verzeihen Sie, mein Herr, ich sage Ihnen mehr als Sie vielleicht zu wissen
verlangen. Ich wei in der Tat nicht schicklich aufzuhren, wenn ich von dieser
erhabenen Frau sprechen darf. - Ich bitte Sie, fahren Sie fort. Zum Teil bin
ich schon vorbereitet; Eleonorens Freundin, Julianens zweite Mutter, kann nicht
anders als ganz vorzglich sein. Ich war allerdings begierig mehr von ihr zu
erfahren, und ich wte nicht, wen ich lieber ber sie sprechen hrte, als einen
wrdigen Vertrauten und Hausgenossen. -
    Florentin sprach diese Worte mit so sichtbarem Anteil, da der andre
sogleich fortfuhr: Sie ist immerwhrend krank, bald mehr, bald weniger. Sie
erhlt ihr Leben nur durch die strengste Dit, die geringste Abweichung bringt
sie dem Tode nahe; so wie sie die Luft zu leben und eine gleichmtige heitre
Laune durch immerwhrende Ttigkeit erhlt.
    In ihren schnsten heitersten Stunden beschftigt sie sich mit Musik; und
nicht blo zum eitlen Zeitvertreib, wie die meisten Frauen, sondern als ernstes
Studium. In ihren Kompositionen atmet die Begeisterung inniger Andacht einer
hohen frommen Seele; wer reines Herzens ist, wer Sinn fr Harmonie hat, mu mit
Entzcken von diesen Tnen sich ber alles Irdische hinweggehoben fhlen; nur
ein fhlloser Barbar, nur Walter konnte so sich uern, da von dieser Musik die
Rede war.
    Viel Zeit und Aufmerksamkeit nimmt ihr der Umgang mit Kindern. Sie ist fast
immer von Kindern umgeben, mit denen sie sich stundenlang zu beschftigen wei.
Sie wird von ihnen wie eine Mutter geliebt, und sie hat auch die Zrtlichkeit
einer Mutter. Oft habe ich Trnen in ihren Augen glnzen sehen, wenn ein
Sugling in seiner Hlflosigkeit die kleinen rmchen nach ihr ausstreckt, oder
auf ihrem Scho einschlft, und im Schlafe lchelt.
    Clementina ist aber nicht allein die gute Fee aller schnen lieblichen
Kinder; sie schenkt den unglcklichen, mitleidswrdigen noch eine besondere
ttige Aufmerksamkeit. Es war ihr nmlich nicht entgangen, da die geringere
Klasse der Eltern nur wenig Sorgfalt auf ihre kranken Kinder zu wenden vermag;
da aus Mangel an der notwendigen Wartung eine groe Menge davon sterben, oft
als Krppel ein hchst elendes Leben fortschleppen mssen, den Eltern eine Last,
und von diesen dafr verachtet und schlecht behandelt werden. Das Elend selbst
mu ihnen ein Nahrungszweig werden, indem sie es vorzeigen, um das Mitleid
andrer zu erregen, und sich selbst immer mehr dagegen abstumpfen. Denken Sie
sich, wie diese Vorstellungen eine Seele wie die ihrige erschttern muten! Ich
sah sie in der gewaltsamsten Anstrengung, bis es ihr gelang, zu helfen, soweit
menschliche Hlfe reicht.
    Den Garten der Grfin begrenzt ein See. - Ich sah ihn diesen Morgen.
Kleine Huser, Felder und Grten umgeben ihn. - Ganz recht! Diese Huser,
diese Grten, Felder und Hgel sind die Zufluchtsrter der armen kleinen Wesen.
O, mein Herr, wenn Sie hier das Tun und die Art zu handeln der Grfin je
beobachtet htten, wie ich es tglich tun darf, Sie wrden meinen Enthusiasmus
fr diese Frau verstehen. Ich darf sie in diesem ehrwrdigen Geschft als Arzt
untersttzen, und fhle mich unendlich geehrt in diesem Auftrag. Eins der
kleinen Huser bewohne ich selber, um soviel als mglich gegenwrtig zu sein.
Oft haben wir schon die Freude gehabt, Kinder gesund und blhend in die
mtterlichen Arme zurckzufhren, aus denen sie uns im tiefsten Elende und ohne
Hoffnung des Wiedersehens berliefert waren.
    Doch, eine ausgefhrte Beschreibung kann ich Ihnen hier unmglich geben; sie
drfte nur weitluftig werden, ohne Ihnen weiter etwas zu lehren. Der Geist und
die Liebe, in Plan und Ausfhrung, lt sich mit Worten nicht beschreiben, diese
knnen nur durch eigne Anschauung wahrgenommen werden. Sind Sie es zufrieden, so
fhre ich Sie hin. - Ihre Erzhlung ist vollkommen befriedigend; ich habe
berhmte Anstalten der Art gesehen, ich kenne das. - Nein, rief der Arzt,
eine hnliche haben Sie wahrlich nie gesehen. - berdies, fuhr Florentin
fort, mchte es der Grfin nicht angenehm sein, mich dort zu sehen, da sie
ausdrcklich verlangte, heute allein zu sein. - Ich wrde Sie nicht hinfhren,
wenn sie selbst dort wre; bei diesem Geschft ist sie fr niemand sichtbar,
denn sie hat jede Art von Ostentation. Auch ist es niemand auer mir erlaubt,
Fremde dort hinzufhren, weil die Aufmerksamkeit fr diese die notwendige
Sorgfalt abzieht und zerstreut. Jetzt ist ohnedies die Zeit, in der ich dort
sein mu; kommen Sie doch nur mit! -
    Florentin lie es sich endlich gefallen. Der Mann gefiel ihm in seinem
schnen Eifer fr das Gute, trotz der etwas starken Neigung zur Redseligkeit.
Sie ist doch meistens, dachte er, Zeichen eines offnen, absichtslosen Gemts;
wenige Menschen sind mit ihren Worten zum Vorteil andrer so freigebig. - In
wenig Tagen, fing der Doktor, indem sie gingen, wieder an, sehen wir sie
wieder in andrer Sorgfalt beschftigt. Sie werden vielleicht schon von einer
Badeanstalt gehrt haben fr arme Kranke, diese ist ihr Werk und entstand wie
von selbst. Es ist wenige Meilen von hier entfernt, sie selbst braucht dieses
Bad zu ihrer Erhaltung seit mehreren Jahren. Ihrem mitleidenden, fr jeden
fremden Schmerz empfindlichen Herzen war es eine hchst peinvolle Empfindung,
eine Klasse Menschen an allem Mangel leiden zu sehen, die wegen wirklicher, sehr
harter Gebrechen sich am Bade einfanden, unterdessen andre im grten berflu
lebten, die nur Vergngungen und Zeitverkrzung dort suchten. Auf eigne Kosten
hat sie also jede Bequemlichkeit fr die kranken Armen einrichten lassen, und
zwar alles so gut, so sauber und bequem, da sie fr ihre eigne Person sich
derselben jedesmal bedient. So drfen nun die Armen, Geplagten nicht mehr den
Abhub der Reichen kmmerlich erbetteln, und die Hlfe fr ihre Schmerzen nicht
erst dann erwarten, wenn jene, oft weniger Leidende befriedigt sind. Es wird
alles fr sie auf das pnktlichste und geflligste besorgt, so da sie auf jede
Weise gegen den Einflu des bermuts geschtzt bleiben. Zu diesen gehren dann
auch die sonst blichen Kollekten, die oft ganz unzweckmig verteilt werden;
und das Schauspiel der allgemeinen Abftterungen, die auf den Kranken, bei ihrer
gewhnlichen Not und der tglichen schlechten Nahrung von sehr beln Folgen
sind. - O, rief Florentin, oft war ich Zeuge, mit welchem berdru, mit
welcher Verachtung man seinen Beitrag zollte! - Freilich, antwortete jener,
doch vergesse man nicht, da dergleichen auch fr viele, die sich nicht
ausschlieen drfen, oft ein lstiger Tribut sein kann. Freiwillige Beitrge,
von einzelnen, weiset die Grfin nie zurck; um, wie sie sagt, den Segen des
Wohltuns niemand zu entziehen. Die Gabe wird augenblicklich von der Grfin
selbst, in der Gegenwart des Gebers, den Armen zum freien Gebrauch eingehndigt.
Bekannt wird aber nichts davon gemacht, weder mit noch ohne Namen. - So werden
auch wohl diese milden Beitrge selten genug sein. - Das doch nicht; es gibt
viele gute Menschen; und zeigt man ihnen den rechten Weg, so gehen sie ihn auch
wohl. - In welcher Weise, dachte Florentin, habe denn ich gelebt? -
    Sie waren am Ufer des Sees angelangt, und hatten ein Haus, ein Zimmer nach
dem andern in der kleinen Kolonie besucht. Florentin war dem Arzt gefolgt, teils
aus Geflligkeit, teils auch um dem Rittmeister desto sichrer auszuweichen,
dessen Gesellschaft er mehr als jedes andre bel verabscheute. Diese Roheit bei
soviel Anmaung, die Verachtung der feinen Welt im Besitz aller mit ihr
verknpften Verkehrtheiten, sie waren ihm in der Seele zuwider. Er war sich
keiner Menschenfurcht bewut, doch berfiel ihn etwas hnliches von bser
Vorbedeutung bei diesem Walter. Er zog es also vor, mit dem guten Doktor die
wohlttigen Anstalten der Grfin zu besuchen, obgleich er denselben unangenehmen
Eindruck befrchtete, den er schon oft bei Besuchen der fr Elende erbauten
Palste gefhlt hatte, wo es der einzige wirklich ausgefhrte Endzweck war, den
Namen und Reichtum des Stifters bis an das Ende aller Dinge bekanntzumachen.
Freudig ward er aber berrascht beim Anblick dieser Stiftung, wo ohne allen
Prunk und irdische Verherrlichung der Geist der Liebe allein, still und heilig
wirkte. - Hat Clementina nie geliebt? fragte Florentin. - Ich wei nichts
Eigentliches von ihrer Geschichte, auch wei diese wohl niemand als Eleonore;
jetzt spricht sie nie darber.
    Was knnte es aber anders sein, das eine so fromme Seele beugt und erhebt,
als Leiden der Liebe? So wie es nur durch die Liebe allein mglich ist, die
zweckmigste Wohlttigkeit im schnsten Sinn zu verbreiten. - Nur von
liebenden Frauen, sagte Florentin, mte alle Wohlttigkeit kommen. Die Frauen
verstehen auch am besten die Bedrfnisse einer schwachen Natur; der Mann wrde
die Schwachheit lieber vertilgen von der Erde, als sie im Leiden untersttzen.
- Ei, Sie sagen das einem Arzt! - Jawohl; eben darum denke ich, knnen die
Frauen vortreffliche Wrterinnen und Verpflegerinnen, weniger aber Arzt sein.
Dieser mu auch die hrtesten Mittel nicht scheuen, um das bel zu verderben;
jene wrden aus Mitgefhl des uern Leidens nichts Entscheidendes tun knnen.
- Darin liegt etwas Wahres. Doch sind fromme Stiftungen von unglcklichen
Mnnern errichtet worden. - Immer werden diese doch mehr das Geprge des
wilden, herben Schmerzes tragen, werden eigentlich mehr fr Bende als fr
Leidende taugen. Erinnern Sie sich des Mannes, der den strengsten aller Orden
gestiftet! Auf dem Gipfel der Hoffnung seiner glhenden Liebe von einem
vernichtenden Schlage getroffen, indem er die Geliebte tot unter den Hnden der
Wundrzte antraf, die ihren von einer entsetzlichen Krankheit entstellten Krper
ffneten, als er eben von einer Reise zurckkommend, sich durch eine geheime Tr
mit Vorsicht und Ungeduld einschlich, um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung
freudig zu berraschen, verbannt er sich auf immer aus der menschlichen
Gesellschaft, und bildet eine um sich her, wo aus keinem Munde je ein andres
Wort erschallt, als die bestndige Erinnerung des Todes. Eine Frau an seiner
Stelle wrde eine milde Stiftung errichtet haben. - Ich habe nicht geglaubt,
einen so beredten Kenner der weiblichen Natur in dem Manne zu finden, den mir
Betty als einen Verchter der Frauen geschildert hat. - Diese Ironie ist
stark! rief Florentin lachend. Die Frauen haben freilich im Ernst weder Glck
noch Unglck meines Lebens bestimmt. Hat Betty mir das abgemerkt, so werde ich
auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen, das ist natrlich. Ist es
aber meine Schuld, wenn es so ist? Wren die Frauen alle wohlttige Engel, wie
Eleonore und Clementina, sie wrden der Menschheit jedes Leiden vergten, das
ihr dummes Vorurteil und selbstschtige Eitelkeit zufgen. - Sie verlangen
etwas Unmgliches, diese groen Mittel. - Verstehen Sie mich: es ist ja nicht
das, was geschieht, sondern der Sinn, in dem es geschieht. Die freudige,
glckliche Eleonore macht um sich her alles glcklich. Sie sammelt die Freuden
des Lebens, um sie wieder zu spenden. Die erhabene, unglckliche Clementina
haucht ihren eignen Schmerz in gttliche Harmonien aus, und fhlt die Schmerzen
der andern tiefer, um Trost und Hlfe zu verleihen. Die Liebe ist es und nichts
als diese, die hier trstet, wie sie dort vergngt. Es scheint die Tugend der
weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bsen Prinzips
unschdlich zu machen; sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die
unsrige. Ist unser Bestreben auch grer, so ist ihr Gelingen desto sicherer!
    Der Doktor hatte Florentin mit groem Vergngen eigentlich mehr sprechen
sehen, als zugehrt; denn so wenig auffallend Florentin gewhnlich erschien, so
wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schnheit, wenn er im Feuer der Rede
sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien. - Sie sollten uns nicht
sobald wieder verlassen, sagte er; Sie wrden vielleicht in unsrer Mitte eine
Laufbahn finden, die Ihnen gengte, und Ihrer wrdig wre! - Das doch noch
nicht, antwortete er gelassen; das darf ich noch nicht. Zuerst will ich, um es
zu drfen, damit beginnen, da ich wirklich trotz jeder Lockung das ausfhre,
was ich mir vorgenommen, und an dessen Ausfhrung ich schon soviel Zeit gesetzt.
Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein. Sie folgen Ihrem Beruf
unter den Augen der erhabenen Clementina, und werden vielleicht doch noch einst
dauerndes Glck und Lohn aus ihren bildenden Hnden empfangen. Mir aber ist es
notwendig, das in groer Masse arbeiten zu sehen, was ich, seitdem ich denken
kann, in mir trage. Allenthalben, wo man sich befindet, kann man den Krieg fr
die Freiheit untersttzen und verfechten. Allenthalben steht man auf dem
Schlachtfelde, wo Habsucht und Barbarei herrscht, und so hinge man freilich,
wenn auch unsichtbar, mit jener groen Masse zusammen; wre es mir nur nicht so
notwendig, andre Menschen, einen andern Weltteil zu sehen, als den, der sich
jetzt der kultivierte nennt. Das Schauspiel eines neuen, sich selbst schaffenden
Staats ist mir interessant. Es hufen sich berdies immer mehr innere und uere
Grnde, warum ich in einer bertubenden Ttigkeit mich selbst zu vergessen
suchen mu. -
    Nach diesen Worten ward er wieder still, und in sich gekehrt. Bald darauf
gingen sie nach dem Haus des Doktors, das wohleingerichtet, zierlich und bequem,
am Ufer des Sees, mitten in der Kolonie lag. Hier zeigte er ihm seine
vortreffliche Naturaliensammlung, seine reiche auserlesene Bibliothek, die
zugleich einen Schatz an seltnen Karten und Reisebeschreibungen enthielt.
Florentin sprach ber diese Dinge mit einer Sachkenntnis, worber der Arzt
erstaunte, da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte; auch nahm er
seitdem sichtbar an Achtung fr ihn zu. Er selbst erschien hier bei seinen
Heiligtmern im vorteilhaftesten Lichte. Florentin hatte niemals weniger den
Mangel an Witz und berraschenden Einfllen in der Unterhaltung vermit, als bei
diesem wahrhaft verdienstvollen Mann. Er ward nicht mde ihn reden zu hren;
auch sprach er immer besser, je mehr er Gelegenheit fand, seine tiefe
Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen grndlichen Kenntnisse anzuwenden. Seine
sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhht, besonders
bei gewissen, ihm heiligen Dingen. So sprach er das Wort Natur immer mit einer
Art von Ehrfurcht aus, so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhchsten
beugt.
    Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gesprch. Nie hatte er sich
mehr belehrt gefhlt, nie hatte er grere Achtung fr einen Menschen empfunden.
Nur zu schnell verging ihm der Abend; es graute ihm, als er daran dachte, in die
Stadt zu dem lrmenden Gasthof zurckzukehren. Es konnte ihm also nichts
Erwnschteres begegnen, als da der Doktor ihm anbot, da er die Nacht in seinem
Hause bleiben mchte. Er nahm das Anerbieten ebenso freimtig an, als jener es
getan.

                              Siebzehntes Kapitel


Sie waren beim Abendbrot im Garten; von Julianen und Eduard sprachen sie viel.
Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht, wie sehr ihm beide wert waren.
Der Doktor gab ihm einige Aufschlsse ber das Rtselhafte in Eduards Charakter,
das so tief in ihm lag, da man lange Zeit mit ihm umgehen konnte, ohne irgend
etwas anderes zu ahnden, als den ausgebildeten Weltmann, der das gefhlvollste
Herz mit einem hellen Kopf verbindet. Niemand ahndet in ihm, fuhr er fort,
diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefhrlichem Eigensinn; seine Bildung
liegt wie ein Firnis ber diesen scharfen Ecken, die bei weitem noch nicht durch
die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind. Auch diese frhe Vermhlung lag
nicht in Clementinens Absicht, und da sie dennoch geschieht, ist wahrscheinlich
mit ein Grund ihrer letzten verstrkten Krankheit. Sichtbar hat aber der Brief
von der Grfin Eleonore sie beruhigt, denn er sagte ihr, da es geschehen sei;
niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache, die geschehen ist. - Er sprach
ferner von Julianen mit groem Anteil. Sie ist Clementinens geliebtester
Liebling, doch glaubte sie neulich, die kleine Therese wrde vielleicht Julianen
einmal bertreffen. - Nicht mit Unrecht, sagte Florentin, sie ist in der Tat
ein seltnes Kind; ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem Kinde
wahrgenommen als bei diesem. Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswrdig,
so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane, kann man wohl noch nicht bestimmen, und
auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit. - Clementina
sagte einmal, Juliane mte durch das Leben zur Liebe gebildet werden; aber
Therese wrde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden.
    Hier sahen sie Betty, nur von einem Bedienten begleitet, ber den See auf
einem Kahn zu ihnen kommen. Sie brachte dem Arzt die Nachricht, da es mit
Clementinen recht gut ginge, sie schliefe ruhig. Sie wre herbergekommen, teils
ihm das zu verknden, teils auch, da sie gehrt Florentin sei bei ihm, diesen zu
fragen, ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen htte? - Er hat diesen
Abend im Garten zu sein versprochen, sagte sie, die bestimmte Stunde ist aber
lngst vorber und er ist nicht gekommen. - Florentin erinnerte sich, da er,
des Versprechens an Betty uneingedenk, die Partie fine mit den andern jungen
Leuten verabredet hatte, wozu er selbst mit eingeladen war; er schwieg aber
davon, und erwiderte blo, er htte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen. -
Aber Doktor, rief Betty aus; lernen Sie doch von Florentin, Fassung zu
behalten, wenn man Sie auch strt. Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses
Gesicht, als htte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst berrascht.
Gestehen Sie nur, Sie haben von mir geschwatzt! Doch was liegt daran? Florentin
hat doch nicht recht acht darauf gegeben, er ist viel zu sehr mit sich selber
beschftigt. - Halten Sie mich fr so selbstschtig, gute Betty? - Ei es
wre mir gar nicht angenehm, wenn Sie es nicht wren. Sie machten dann eine
Ausnahme, die Ausnahme mt' ich respektieren, das Respektieren macht mir Mhe
und die Mhe Langeweile. - Nun und Clementina? - Stille wer wird einen
solchen Namen unntigerweise aussprechen! Hier, setzen Sie sich nieder, und
erzhlen Sie mir ordentlich und bedchtig, wie es am Hochzeittage auf dem
Schlosse war? War Eduard liebenswrdig? Wie sah Juliane aus? - Florentin machte
ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze, von dem er natrlich nichts
zu bestimmen wute als den Effekt, worber Betty sich dann totlachen wollte, sie
behauptete, ihn durchaus nicht zu verstehen. - Nun so will ich zeichnen, wenn
ich mich mit Worten nicht verstndlich machen kann! -
    Er zeichnete darauf eine Karikatur hin, man lachte, und scherzte frhlich
darber. Betty war noch lustiger als gewhnlich; es schien als wollte sie durch
die gewaltsame Anstrengung eine innere Krnkung betuben und unterdrcken.
Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft; um so mehr hate er aber
den Urheber dieser Krnkung.
    Es ward vorgeschlagen, Florentin sollte ihren Schattenri machen. - Das
nicht, sagte er, dies Stumpfnschen schickt sich schlecht zu einem
Schattenri, aber zeichnen will ich Sie. - Sie stellte sich in einer leichten
angenehmen Stellung vor ihn hin. Mit wenigen Strichen war das Figrchen
entworfen, im schwebenden Tanz mit beiden Hnden ein Tamburin in die Hhe
haltend, Gesicht und Haltung, obgleich nur in flchtigen Umrissen, zum Sprechen
hnlich. Florentin war vergngt mit dem Entwurf, er hatte seiner Hand nicht mehr
diese Sicherheit zugetraut.
    Er war noch nicht ganz fertig, als auf einmal der Rittmeister dazu kam. -
Sie haben Gesellschaft Herr Doktor, rief er im Hereintreten; ich begreife
nun, warum ich Sie Frulein, vergeblich gesucht und Sie mein Herr vergeblich
erwartet habe; doch ich htte es auch wohl erraten knnen. - Sie werden mich
entschuldigen, sagte Florentin, ich hielt es nicht fr ein gegebnes
Versprechen; berdies habe ich den Nachmittag und Abend so angenehm zugebracht.
- O das glaube ich gern, unterbrach ihn Walter; Sie mein Herr Doktor sind
immer die Geflligkeit selbst. - Betty war in der schmerzlichsten Verlegenheit;
Florentin und der Doktor waren es ihrentwegen nicht weniger. - Lassen Sie doch
sehen, fuhr Walter fort, indem er nher zum Tisch trat, wo die Zeichnung lag;
Sie haben hier eine Akademie wie ich sehe; die Knste werden doch immer mehr
getrieben in der Welt! - Florentin kam ihm zuvor, als jener das Blatt in die
Hand nehmen wollte. Er verdeckte es schnell mit einem andern Blatt.
Entschuldigen Sie, sagte er kurz und trocken, es ist nicht fertig. - Mir
knnen Sie es immer halb fertig zeigen, ich bin gar kein Kenner. - Um desto
weniger Herr Rittmeister! - Es ist Frulein Betty ihr Portrt, das habe ich
gesehen. - Allerdings ist es das. - Nun so mu ich Ihnen dann sagen: ich
habe ein Recht dazu es zu fordern. - Das mag sein, aber ich habe kein Recht es
Ihnen zu geben, es gehrt dem Frulein. - Sie werden also entscheiden
Frulein, rief er aufgebracht. - In der Tat lieber Walter... es war ein
Scherz... ich bat darum. - Nun so wird man es doch wenigstens erkaufen knnen;
was ist ihr Preis? fragte er, seine Brse hervorziehend. - Florentin antwortete
nicht, und legte das Blatt mit Gelassenheit in sein Taschenbuch. - Es ist nicht
fr Bezahlung gemacht, lieber Walter, sagte Betty wieder. - Es mu doch auf
irgendeine Weise wieder in Ihre Hnde kommen, denn weder ich, noch Sie selbst
werden zugeben, da Ihr Bild in der Welt mit auf Abenteuer zieht. - Herr
Rittmeister! sagte hier der Doktor mit fester Stimme, Sie scheinen zu
vergessen, da Sie hier in meinem Hause sind! - Ich werde diesem ehrwrdigen
Hause nicht lnger beschwerlich fallen. - Hohnlachend, und aufgedunsen von
wildem Zorn fuhr er zur Tr hinaus. - O Ihr wit nicht, was Ihr mir tut! rief
Betty voller Angst, und ging ihm nach.
    Das ist zuviel! sagte Florentin. - Es ist entsetzlich, sagte der Doktor.
So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich vermute beinah, da er einen Rausch
hatte. Offenbar legt er es aber besonders auf Sie an. Sie werden also wohltun
ihm auszuweichen. - Ich bin ihm ausgewichen, sagte Florentin; doch wenn er
mich geflissentlich sucht, so soll er mich finden! Aber wie dauert mich das gute
Kind, da der schnste Moment, die Blte ihres Daseins unter einem solchen
Einflu verdorren mu! Kann man sie nicht losmachen? Ist es nicht mglich, der
Grfin Clementina Licht ber seine Nichtswrdigkeit zu geben? - Diese ist ja
nichts weniger als im Irrtum ber ihn, aber ich glaube Ihnen schon gesagt zu
haben, wie sie darber denkt. Sie lt jeden auf seine Gefahr nach seiner
berzeugung handeln, und hlt sich durchaus nicht fr berechtigt, vermittelst
ihrer Autoritt andre zu bestimmen, nicht durch Vorstellungen, viel weniger
durch irgendein Zwangsmittel. Betty ist es bekannt, wie die Grfin ber Walter
denkt, da sie sich aber gebunden glaubt, und in der festen Hoffnung lebt, die
Liebe wrde ihn erziehen, so hlt Clementina es fr einen Wink der Vorsehung,
fr ein unabnderliches Verhngnis, dem sie sich nur strflicherweise, und
dennoch ohne Nutzen entgegensetzen wrde. - Glaubt Clementina nur an eine
gttliche Vorsehung, und nicht zugleich auch an die vernichtende Einwirkung des
Teufels, so hat sie doch nur eine halbe Religion, das sollten Sie ihr einmal
sagen. Unbegreiflich bleibt immer die verhate Schwche (denn lassen Sie es uns
ja nicht Liebe nennen) vieler, ja sogar ausgezeichneten Frauen, fr Menschen,
die ihnen in jeder Rcksicht untergeordnet sind; es ist hier nicht das erstemal,
da ich einen liebenswerten, achtungswrdigen Mann gegen einen Wicht habe
zurcksetzen sehen. Sollte nicht etwa die Tuschung dabei zum Grunde liegen, da
die Achtung, die sie fr jenen zu haben sich gezwungen fhlen, ihre
Oberherrschaft zweifelhaft macht? oder da sie die Wrde der Liebe nicht
verstehen, und sich ihrer als einer Schwche vor dem Manne schmen, den sie
einer gleichen Schwche fr unfhig halten? - Nichts davon! Keinen andern
Grund kann es in diesem liebereichen, unbefangnen Herzen geben, als
unbestechliche Treue, die der Hingebung folgt. Der Verfhrer verstand es, ihre
Sinne gefangenzunehmen; sie ahndet nicht die Mglichkeit, wie dieses htte
geschehen knnen, wenn sie ihn nicht liebte. Sie ist unschuldig trotz ihrer
Schuld, und ihre Treue hchst achtungswert! - Lernt sie aber nicht endlich
diesen Irrtum verachten, und erkennt die Liebe; tritt an die Stelle der
blhenden Unbefangenheit nicht die Reife der Achtung vor sich selber, die eine
liebende Frau nur in der Liebe fr einen hochverehrten Mann findet, so waren es
dennoch taube Blten, oder ein giftiger Tau hat die edle gettet. Und darum ist
es Eure Pflicht, sie, wenn auch unter tausend Schmerzen, vom Verderben
zurckzufhren.
    Und nun sagen Sie mir doch, wie kann Clementina, nach allem was ich von ihr
gehrt habe, in der groen Welt leben? - Schon seit mehrern Jahren lebt sie
auch wirklich nicht in der groen Welt. Sie geht nie in Gesellschaften; schon
ihre fortdauernde Krnklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon
auszuschlieen; doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen, auch
Fremde besuchen sie; der feine zwanglose Ton, der in ihrem Hause herrscht,
macht, da es von allen gesucht wird. Die Unterhaltung der Grfin ist leicht,
und geistreich, durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von
auerordentlichen Gaben. So oft sich Gelegenheit zeigt, gibt sie Konzerte und
Blle, wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden, deren Vergngen durch
nichts, was die ernste Stimmung der Wirtin verraten knnte, gestrt wird. Sie
zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurck, aber ohne im
geringsten die Lust zu unterbrechen, so wie sie niemals irgendeine Art von
Aufsehen ihrentwegen erlaubt. - Ich denke mir, wie oft diese Gte mag
gemibraucht worden sein, in der Welt! - Dem ist es auch wohl nur allein
zuzuschreiben, da der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist, obgleich sie auf
keine Weise argwhnender ward durch den wiederholten Betrug. Die Not der
Hlfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprft. Dies Geschft bertrgt
sie niemals irgendeinem andern; kann sie nicht selbst prfen, so hilft sie ohne
Untersuchung. brigens lebt sie immer allein, obgleich fast stets von Menschen
umgeben; auch wte ich nicht, da sie eine Freundin htte, der sie sich
mitteilt, auer Eleonoren. Da der erste Eindruck gewhnlich fr sie entscheidend
auf das ganze Leben bleibt, und sie wohl erfahren haben mu, da kein
Rsonnement und keine Vernunft stark genug ist, diesen jemals bei ihr zu
vertilgen, so macht sie so selten als mglich neue Bekanntschaften, und htet
sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck. Sie knnen es als einen ganz besondern
Vorzug ansehen, da sie Sie zu sprechen wnscht. -
    Sie sprachen nun noch manches ber Eduard und Juliane sowohl als ber Betty.
Was Florentin an diesem Tage ber den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so
unzusammenhngend gehrt und gesehen hatte, ging ihm wild durcheinander im Kopfe
herum. - Dies sind also, rief er aus, die zarten Verwirrungen der feinen
Verhltnisse und der tugendhaften Miverhltnisse der gebildetsten Welt! O alle
ihr Vortrefflichen, Auserkornen, ihr wit doch mit euren angestrengtesten
Krften nichts anders zu tun, als die zahllosen Plagen zu erleichtern, die ihr
euch selbst einander zufgt! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies
knstlich gefgte Gebude, dessen Trme sich prahlend in die Wolken heben,
whrend sein Fu im Treibsande wankt. Mchte es mir nur einst gelingen mir eine
niedre, feste Htte zu erbauen, die Sturm und Wogen trotzt, und auch dem Rtteln
meiner eignen mutwilligen Hand widersteht! - Und wo, fragte der Doktor
lchelnd, suchen Sie Boden zu diesem Wunderhttchen? - Gewi nicht hier,
nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir
zusammenzubetteln. - Ruhig lieber Florentin, wer gedenkt sie Ihnen
aufzudringen? Die feinere Ausbildung lt sich mit jenem geheimnisvollen Berg
vergleichen, von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares
erzhlen. Berauscht von einer stnenden Harmonie, sagen sie, wird man
hineingezogen; wer am Eingange stehenbleibt, ahndet nichts als Schrecknisse in
der Verworrenheit, die sein Blick nicht zu durchdringen vermag; wer aber
unerschrocken vordringt, der findet ewige Freuden; und wer sich voll Ungeduld
wieder hinauszusehnen vermag, findet doch sonst nirgend Ruhe, und unaufhaltsam
zieht der Zauber ihn wieder zurck. - Nun mir scheint dieser Zauber doch in
nichts zu liegen, als im Hochmut sich so gern etwas gar Groes zu dnken. Dies
ist der Rausch, der ihre Sinne gefangenhlt, da sie in die schwindelnde Tiefe
wieder zurck mssen, und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen, wo
jeder gleicher Rechte sich erfreut, und niemand sich ber den andern erheben
darf. - Nun sehen Sie, so ist es doch nur anders maskierter Hochmut, der es
Ihnen so verleidet, unter den Emporstrebenden zu existieren. - O guter Gott,
es mag wohl sein, nichts ist ansteckender als das Bse! Doch soll es mir wohl
noch gelingen, die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen. - Ich sehe, es
ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen, Sie sind bitter. - Das noch nicht!
Wo ist der Tor, der auf ein sicheres, dauerndes Lebensglck rechnet? Aber lassen
Sie es mich Ihnen gestehen: Bettys Schicksal und das Ihrige, das ich so deutlich
vor mir sehe, das von Eduard und Juliane, was ich nur ahnde, es hat mich
verwirrt und betrbt. Aus welchen losen Fden ist der Traum eures Glcks
gesponnen! - Es lebt dafr in unsrer Seele etwas, das, dem ungebildeten
Menschen fremd, uns ber jeden Glckswechsel erhebt! -
    Nein, Siegen oder Untergehen! rief Florentin aus, als er allein war. - Und
doch hatte die freudige Gelassenheit, mit der der Doktor die letzten Worte
gesprochen, etwas in ihm erregt, das ihn nachdenklich machte. Am Ende blieb er
aber freilich dennoch berzeugt: da er seinem jetzigen Plane folgen msse; da
es fr ihn keine andre Ttigkeit gebe, als in einem neuen Leben das zu
vergessen, was ihn im alten geqult hatte. Jene Ahndung war auch noch nicht aus
seinem Herzen geflohen: er msse in der Welt einen Aufschlu ber seine
Bestimmung und seine Geburt aufsuchen.
    Den andern Tag, whrend der Doktor seine Geschfte in der Stadt verrichtete,
war Florentin allein zurckgeblieben, weil er ohne Not nicht gern dort verweilen
mochte. Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine brigen Sachen aus dem
Gasthof, und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus. - Er erzhlte
ihm: Walter habe den Morgen schon einigemal im Gasthofe nach ihm fragen
lassen;... was wird er wollen? - Vielleicht eine Ausfordrung, sagte
Florentin. - Leicht mglich, da er sich von Ihnen beleidigt hlt! - Sie
sehen, sagte Florentin, indem er auf seinen Degen zeigte, ich habe eine
Vorbedeutung gehabt. - Die Uniform ist berhaupt gar nicht bel; gewisse
Menschen haben Respekt vor einer Uniform, weil diese das einzige ist, wodurch
sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen.
    Whrend sie noch am Tisch saen, kam folgendes Billett:
    Florentin wird es nicht vergessen haben, da er zur Musik abgeholt wird.
Die Tante freut sich sehr, ihn diesen Abend zu sehen. Bereiten Sie ihn darauf
vor, lieber Freund, da er Waltern hier finden wird, und bitten Sie ihn in
meinem Namen, des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken. Es war
ein Miverstndnis. Walter hat seinen Irrtum eingesehen, und es wird nur auf
Florentin ankommen, da uns der Abend Friede und Freude bringt.
                                                                         Betty.

Es war also eine Ausshnung! sagte Florentin. - Ich traue dem nicht so ganz,
sagte der Doktor; wegen einer Ausshnung htte er sicherlich nicht so oft nach
Ihnen fragen lassen. - Ich wollte nur, Betty wre nicht dabei zu schonen, mir
ist er im innersten Herzen fatal. - Lassen wir ihn jetzt. Die Grfin ist
heiter und sehr wohl; ich mute ihr viel von Ihnen erzhlen, sie hrte jedes
Wort mit ganz besonderem Interesse an. Es sind auch Briefe vom Schlo diesen
Morgen gekommen. Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben, bis sie
herkommen. - Wollen sie kommen? Wann? - Vielleicht noch heute, in den
nchsten Tagen aber gewi.

                              Achtzehntes Kapitel


Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflgel gewiesen. Er trat
in einen hochgewlbten Gang; zwischen den Sulen gingen mehrere Personen still
hinauf, nach dem Ende des Ganges, wo sich eine groe Flgeltre ffnete. Es war
alles feierlich ernst; die Schritte hallten von dem Boden wider; die Idee eines
Wohnhauses war verschwunden, es war der Eingang zum Tempel. Jetzt ffneten sich
die Flgeltren fr ihn, ein hoher Dom umfing ihn. Er hrte noch die letzten
Worte der Messe, die Versammlung erhob sich von ihren Knien, einige einzelne
verweilten noch in tiefer Andacht.
    Der Orgel gegenber befand sich ein Monument. Florentin ging nher hinzu, um
es zu betrachten. Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes,
die Fackel entsank verlschend seiner Hand; es war nicht gewi, ob er tot oder
schlafend abgebildet war. Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb
erhobener Arbeit die Horen, die traurend, mit verhlltem Angesicht, eine nach
der andern hinschlichen; ber dem Monument befand sich das Gemlde der heiligen
Ccilia, der Beschtzerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel. Florentin
erschrak fast, als er seine Augen zu dem Bilde aufhob; es war die gttliche
Muse, die in lichter, freudenreicher Glorie des groen Gedankens, ber Tod und
Trauer siegend schwebte.
    Das Gemlde jener heiligen Anna, das ihn, als er es zuerst gesehen, so
ergriffen hatte, war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit. Im Anschauen
verloren, verga er es vllig, da es Clementinens Portrt sei, von dem er schon
soviel gehrt hatte. Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert, war
seiner Seele dabei gegenwrtig, nie hatte er die Gttlichkeit der Musik so
verstanden, als vor diesem Angesicht.
    Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen
Fenster, die weien Kerzen schimmerten bla hindurch, alle Gegenstnde
leuchteten auf eine seltsame Weise, und bewegten sich wie Geister. Der Strahl
fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Ccilia; Farben und Zge waren
verschwunden, es war nur ein blendender Glanz; Florentin htte in die Knie
sinken mgen vor dieser Herrlichkeit. -
    Die Betenden standen auf: zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des
Altars die Grfin Clementina. Es war eine edle schlanke Gestalt, etwas ber die
gewhnliche Gre. Ein schwarzes glnzendes Kleid flo in reichen Falten bis zu
ihren Fen herab, und bedeckte die Arme bis zur weien, feinen Hand. Auf der
linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten; ein langer schwarzer Schleier
verhllte Kopf und Haare, so da man nur die erhabene Haltung wahrnehmen konnte,
auch das Gesicht war ganz davon verdeckt; in der einen Hand, die sich auf Betty
sttzte, hielt sie ein weies Tuch, die andre trug herabhngend eine Rolle. So
wankte sie, sichtbar ermattet, vor Florentin vorber, ohne ihn wahrzunehmen,
ihre Augen blieben fest am Boden geheftet. Neben dem Monument war ein halb
vergitterter Sitz, dort setzte sie sich; Betty und einige junge Mdchen, die ihr
gefolgt waren, bemhten sich geschftig um sie her; diese entfernten sich, und
Clementina blieb allein. Sie hatte ihren Schleier aufgeschlagen, und sah die
Bltter durch, die nun aufgerollt vor ihr lagen. Ihr Gesicht zeigte mehr als
Reste ehmaliger erhabener Schnheit; die Zge standen im reinsten, edelsten
Verhltnis, aber eine Marmorblsse bedeckte sie. Waren ihre Augen unter den
schngewlbten Lidern gesenkt, so schien sie mit der leuchtenden Stirn, den
bleichen, mit den Spuren des Grams nur leicht gezeichneten Wangen, und den
feinen, fest geschlonen, farblosen Lippen, nicht mehr dem Leben dieser Erde zu
gehren. Aus diesen Zgen schien das Leben entwichen und ganz nach den groen
Augen entflohen zu sein, die in ihrem schwarzen nchtlichen Glanze, wenn sie sie
langsam erhob, wie einsame Sterne durch den umwlkten Himmel funkelten.
    Florentin konnte die seinigen nicht von ihr abwenden, sie bemerkte ihn aber
nicht, war auch berhaupt blo mit den Blttern beschftigt und sah sich nach
niemand um. Indem er sie aber immer schrfer ansah, dnkten ihm ihre Zge je
lnger je mehr bekannt. Die Szenen seiner Kindheit wurden wieder lebendig vor
ihm; die Erinnerung an Manfredi drngte sich ihm besonders wieder auf, und alle
Begebenheiten jener Zeit.
    Nach einer kurzen feierlichen Stille erschollen wie vom Himmel nieder die
Stimmen der unsichtbaren Snger! Begleitet von den Tnen der allmchtigen Orgel
schwoll der Gesang des heiligen Chorals in tief ausstrmenden Akzenten, wlzte
sich an der hohen Kuppel hinauf, und zog die Andacht des tiefsten Herzens wie in
einer Weihrauchsule mit sich zum Himmel auf. Wie zum ersten Male hrte
Florentin diese himmlische Musik wieder, die er in seiner Jugend so oft gehrt
zu haben sich erinnerte. Niemals hatte er aber sich so davon durchdrungen
gefhlt als jetzt. Er wute nicht, ward sie hier vollkommner noch ausgefhrt,
oder war sein Gemt empfnglicher dafr geworden?
    Der schwebende Nachhall des Chorals erstarb in einen leisen Hauch; da
erscholl die Posaune durch Herz und Gebein rufend, und nun begannen die Chre
bald abwechselnd sich einander antwortend, bald vereinigt vom Aufruf einer
einzelnen Stimme geweckt, zur mchtigen, alles mit sich fortreienden Fuge
anzuwachsen, bis Himmel und Erde in den ewigen, immer lauter werdenden Wirbel
mit einzustimmen schienen, und alles wankte und bebte und zusammenzustrzen
drohte. Die Brust des Knaben auf dem Sarkophag schien sich vom gewaltigen
Gesange zu heben; staunend erwartete Florentin, er wrde sich aufrichten und
seine Stimme mit einmischen in die Stimmen der ganzen Welt fr die Ruhe der
Seelen, und mit der heiligen Ccilia, die ihre Lippen zu ffnen schien, beten
fr die Erlsung der Benden.
    Clementina war wie in Entzckung gehoben; ihre Augen ruhten entweder auf der
Rolle, die sie rasch umbltterte, oder sie wendete sie glnzend freudig in die
Gegend, wo die Stimmen der Snger herabkamen; dann ruhte sie wieder wie verloren
in sich selbst, sanfte Trnen gleiteten langsam ber das heilige Gesicht herab,
die sie weder zu hemmen noch zu verbergen bedacht war.
    Florentin war aus der Menge ihr gegenber getreten, um sie genau mit der
heiligen Ccilia vergleichen zu knnen, zu der sie in ihrer Begeistrung ein
wahrhaftes Urbild war. Die Musik war beinah zu Ende; zu Anfang des herrlichen
sanft aushauchenden Schluchors kam Betty wieder zu Clementinen, die ihr einige
freundliche Worte sagte. Betty sah sich hierauf in der Versammlung umher; da sie
Florentin erblickte, grte sie ihn freundlich. Clementina schien sie etwas zu
fragen, worauf jene eine bezeichnende Bewegung mit der Hand machte, gegen
Florentin. Clementina stand auf und suchte ihn mit den Augen; zufllig wichen
einige vor ihm Stehende zurck, so da er deutlich vor ihr stand. Einige
Augenblicke blieb sie, weit hervor sich beugend, in derselben Stellung, ihre
Augen fest mit sichtbarem Erstaunen auf ihn geheftet; eine schnelle Rte
berflog den Marmor ihres Gesichts, dann erblate sie wieder, ihre Augen
schlossen sich, und sie sank ohnmchtig zurck. Betty fate sie in ihre Arme,
einige andre eilten ihr zur Hlfe, sie wurde hinausgetragen, Betty folgte. Bald
darauf war auch die Musik geendigt, deren Schlu Florentin nicht vernommen
hatte. Betubt eilte er hinaus und in den Garten.
    Der Abend senkte sich dmmernd nieder. Der groe Garten war voller Menschen.
Frhliches Lachen und muntere Gesprche ertnten von allen Seiten. Auf dem Rasen
tummelten sich liebliche Kinder; hier sa eine Gruppe, die zu einer Gitarre
sang; dort waren andre um eine Flasche Wein versammelt. Auf den versteckteren
Pltzen im dichteren Gebsch wandelten liebende Paare in ser Vertraulichkeit;
der ganze Garten war ein frhliches liebliches Bild eines kummerfreien
vergngten Lebens, fr jedes Alter und jedes Gemt.
    In einer andern Stimmung wre Florentin dieser Anblick hchst erquickend
gewesen; jetzt suchte er aber einen einsamen Ort, um sich zu sammeln; er war
unruhig und zerstreut. - Warum, dachte er, warum ist diese Clementina und alles
was sie umgibt, grade mir wie eine Erscheinung, da sie doch unter den brigen
Menschen wie eine lngst bekannte Mitbrgerin wandelt? Warum wird jede ferne
Erinnerung wieder wach in mir? Was tut sich die Vergangenheit, dies lngst
verdeckte Grab, gegen mich auf? Warum kann ich nicht mit den andern des
gegenwrtigen Augenblicks froh werden? - Er suchte endlich dem Eindrucke der
Musik die Unruhe zuzuschreiben, die immer noch in seiner Seele widerhallte.
    Aus dem geffneten Gartensaal kam ihm der Doktor entgegen. - Die Grfin ist
erst jetzt wieder zu sich gekommen, sagte er, und ist noch sehr ermattet. Die
Anstrengung war zu gro fr sie. Da ihr jede Bewegung und auch das Sprechen
untersagt ist, so hat sie mir aufgetragen, sie bei Ihnen zu entschuldigen, da
sie nicht zur Gesellschaft herunterkmmt; sie ist heute nicht imstande, Sie zu
sehen, sie hofft, Sie wrden noch einige Tage lnger hier verweilen. - Hier
kamen Betty, der Rittmeister und noch einige andre zu ihnen. - Der Doktor
entfernte sich, die Grfin hatte ihn zu sprechen verlangt.
    Dem Rittmeister schien sein Versprechen, sich gesitteter gegen Florentin zu
betragen, entweder zu reuen, oder unmglich zu halten, er war widerwrtiger als
jemals gegen ihn. Whrend Betty zu erwarten schien, da es zwischen ihnen zu
einem Gesprch kommen sollte, fing der Rittmeister an in seiner gewhnlichen
Manier Florentin um seine Uniform zu befragen; dieser antwortete kurz ab, mit
sichtbarer Verachtung. Endlich stand Walter auf und ging mit den andern in eine
Ecke des Saals, wo er auf eine beleidigende Weise bald halb laut mit ihnen
flsterte, dann berlaut lachte. Die arme Betty war wie auf Kohlen. - Ich kenne
Sie heute gar nicht, sagte sie leise zu Florentin, wie zeigen Sie sich so
widerspenstig? - Das nicht, sagte er, aber auf der Folter bin ich; dieser
Walter und ich sind notwendig Feinde. Auch wei ich selbst nicht, wie ich
verstimmt bin; erst die Musik - - Sie scheint Ihnen also keinen angenehmen
Eindruck gemacht zu haben? fragte sie, ihn laut unterbrechend. - Sie
miverstehen mich, Betty! - Er suchte die unangenehme, drckende Gegenwart der
brigen zu vergessen, und erzhlte ihr ganz so, wie er es fhlte, und als ob er
allein von ihr gehrt wrde, den Eindruck, den die erhabne Musik auf ihn gemacht
hatte. - Fragen Sie mich um keine einzelne Stelle, fuhr er fort, deren
entsinne ich mich keiner einzigen; aber mein Gemt war gelst von allem Kummer
dieses Lebens. Wie auf Engelschwingen fhlt' ich mich durch die allmchtigen
Tne der Erde entnommen und sah eine neue Welt sich vor meinen Augen auftun. -
Walter kam hier wieder zu ihnen und strte die Unterredung und Florentins
Begeisterung. Man sprach von andern Dingen, und zuletzt vom Monument in der
Kapelle. Florentin erkundigte sich nach der Veranlassung. - Die Tante, sagte
Betty, hat es, soviel ich wei, nach ihrer Angabe fr sich verfertigen lassen,
das ist aber schon sehr lange her, vielleicht noch eh' ich geboren ward. Es ist
ihr heilig, eine nhere Veranlassung hat sie aber keinem von uns mitgeteilt. -
Schade nur, rief der Rittmeister, da die ganze Stadt von dem heiligen
Geheimnis sehr wohl unterrichtet ist. - Ich wei nicht, was Sie damit sagen
wollen? sagte Betty schchtern. - Wie sollten Sie das wissen knnen, Liebe?
erwiderte er; es ist ja auch schon, wie Sie selber bemerkten, eine sehr alte
Geschichte. - Betty schien aufgebracht und verlegen wegen dieser Ausflle. -
Sie ist gerettet, dachte Florentin, wenn sie erst zum deutlichen Gefhl, sich
seiner zu schmen, zu bringen ist! - Er fragte nun absichtlich nach manchen
Dingen, die sie interessieren muten, und lie sich geduldig vom Rittmeister
durch boshafte, witzig sein sollende Anmerkungen, hmische Verdrehungen und
unmiges Lachen unterbrechen. Ihm war es recht, je mehr jener sich selbst
herabsetzte. Betty sprang endlich ungeduldig auf, nahm Florentin am Arm, und
lief nach dem Garten hinaus; die brigen folgten, Walter mit sichtbarem Grimm.
    Es war stiller in dem Garten geworden, nur einzelne Personen wandelten in
der Entfernung in den hohen Gngen, bis auch diese sich allmhlich verloren. Sie
stiegen eine Terrasse hinauf, die mit hohen Bumen besetzt war, und dem Hause
gegenber den Garten am Ufer des Sees begrenzte. In der Mitte der Terrasse stand
ein kleiner runder Tempel auf weien Marmorsulen mit Rosen- und Jasminbschen
umgeben. Von hier hatte man die freie Aussicht ber den jenseits liegenden,
bekannten See, mit seinem Kranz von wohlttigen Pflanzungen. Darber hinaus ging
der Blick in weite Ferne, bis dunkel am Horizont das bluliche Gebirge ihn
begrenzte. Der Mond stieg eben herauf, und schien eine hochrote verzehrende
Flamme durch die fernen Dnste, bis er sich pltzlich vllig hinaufgeschwungen
hatte, und rein und silberhell seine Bahn betrat.
    Tief im Herzen ward nun Florentin die Gegenwart der rohen Gesellen zuwider.
Anfangs war er zwar willens gewesen, sich mit ihnen zu belustigen, aber er war
es nicht imstande. Im Freien, in einer schnen Gegend, dnkten ihm verhate
Personen noch verhater als im Zimmer. -
    Er erkundigte sich bei Betty, ob der Garten immer, so wie heute, fr
jedermann frei wre? - Immer, sagte sie; hier ist der beliebteste,
besuchteste Spaziergang der Einwohner, und der liebe Spielplatz der Kinder. Man
kmmt und geht, wenn man will, und jeder geniet der unumschrnktesten
Freiheit. - Einer von den Begleitern bezeigte seine Verwunderung, da die
Grfin weder Beschdigung noch Unordnung befrchtete bei dieser allgemeinen
Freiheit. - Mibrauch der Freiheit, sagt die Tante, ist bei weitem nicht so
sehr zu befrchten, als Schadloshaltung fr den Zwang! Sei es nun dies oder die
allgemeine Achtung und Liebe fr sie, kurz es ist noch niemals etwas
Verdrliches vorgefallen, soviel ich wei. - Es kmmt darauf an, fuhr Walter
wieder dazwischen, was man so dafr annehmen will oder nicht, gegen gewisse
Dinge dieser Art ist man auch ziemlich nachsichtsvoll. - Ist denn, fing
Florentin wieder an, der Grfin die Menge niemals lstig? Sehnt sie sich
niemals nach einer einsamen Stille? Im Garten, dchte ich, mte man diese gern
suchen. - Nein, sie liebt es, grade hier viel frhliche Menschen zu sehen und
zu begegnen. Recht einsam, sagt sie, bin ich doch nur in meinem Zimmer; die
Huser sind ursprnglich erfunden, sich von den andern abzusondern. Was mich im
Freien umgibt, was ich dort sehe und empfinde, lt mich von selbst nicht einsam
sein. Der Aufenthalt im Freien, sagte sie auch einmal, htte fr sie eine
gewisse Zauberkraft; die Geliebten stehen ihr hier nher und die Beschwerlichen
entfernter. - Das heit, unterbrach sie der Rittmeister: die alte Dame
braucht Gesellschaft. Sie selber hat weder zu verlieren noch zu frchten, wenn
der Garten von Menschen allerlei Art wimmelt, und fr die jungen Damen im Gefolg
ist es sehr erwnscht. - O Walter! Sie wissen nicht was Sie sprechen, rief
Betty aus. - O Betty! rief er, sie parodierend, Sie werden nie die Augen
ffnen! - Betty verbarg ihre hervorstrmenden Trnen in ihrem Tuche; und
schluchzte endlich laut, da er nicht aufhrte, sie zu rgern. Florentin ward
dies zuviel, er verwies ihm mit Migung sein Betragen; Walter aber, der es nur
zu erwarten geschienen, da dieser sich mit einmischen sollte, fragte ihn mit
trotzigem Hohn: ob die irrende Ritterschaft wieder erstanden sei, den
beleidigten Jungfrauen Schutz zu gewhren? - So kam es zu beleidigenden Reden
und Antworten hin und her, denn Florentin hielt sich lnger nicht. Bis zur Wut
gereizt zog Walter den Degen, und rief jenem zu, sich zu verteidigen. Betty
schrie laut auf vor Entsetzen. - Nicht hier, Herr Rittmeister, sagte
Florentin; Sie vergessen, was Sie diesem Orte schuldig sind! Kommen Sie,
Frulein, ich fhre Sie nach dem Hause; Sie, Herr Rittmeister, erwarten morgen
frh Nachricht von mir. - Nicht hier von der Stelle, feiger Schurke! rief der
tolle Walter, nicht von der Stelle! Ich lasse hier mein Leben oder - - Den
andern, die ihn zurckzuhalten suchten, befahl er drohend, sich ruhig zu
verhalten, und so drang er voll Wut auf Florentin ein, dieser mute sich zur
Wehr setzen. Nach einigen Gngen, da Walter trotz seiner berlegenen Strke, im
Nachteil gegen Florentins Gewandtheit kam, der sich geschickt und gelassen blo
verteidigte, fhrte er mit hmischer Wut einen Streich gegen das Gesicht seines
Gegners, der, wenn er ihm gelungen wre, ihn aufs Leben unglcklich gemacht
htte. - Bube! rief Florentin, dem die boshafte Absicht nicht entging; und im
Moment hatte er durch eine khne, geschickte Wendung ihm den Degen aus der Hand
gewunden und in Stcken gebrochen zu seinen Fen geworfen.
    Betty war, sobald der Kampf begann, nach dem Hause zurck mehr geflogen als
gelaufen, unaufhrlich nach Hlfe rufend. Durch den Garten kam sie, ohne jemand
zu begegnen; die Bedienten, die sie unten im Hause fand, liefen sogleich, ohne
zu wissen, was sich zutrge, ihrer Bezeichnung nach, in den Garten.
Unaufgehalten flog sie die Treppe hinauf, und strzte, immer noch nach Hlfe
rufend, bleich, atemlos, mit herunterhngenden Haaren, in Clementinens Zimmer,
die eben eingeschlummert war. Der Doktor sa lesend in einer Ecke des Zimmers.
Clementina fuhr erschrocken auf, der Doktor eilte herzu, Betty sank ohnmchtig
an Clementinens Ruhebett nieder. - Im Tempel ... im Garten ...- rief sie, als
sie wieder zu sich kam, mehr brachte man nicht von ihr heraus, ihre Sinne waren
wie verwirrt vom Entsetzen. - Eilen Sie hin, lieber Freund, sagte Clementina;
sehen Sie selbst nach, was dem unbesonnenen Kinde widerfahren sein mag. -
Walter ... Florentin ... - rief Betty wieder, noch auer Atem. - Um des
Himmels willen, rief Clementina, eilen Sie, eilen Sie! -
    Man hatte in der Verwirrung nicht darauf geachtet, da ein Wagen rasselnd
vorgefahren, und ein blasender Postillion gehrt wurde. Jetzt ffnete sich die
Tre; Juliane und Eduard traten herein. - Was ist hier? um Gottes willen! rief
Juliane, indem sie bei Clementina niederkniete. - Warum haben wir niemand im
Hause gefunden? rief Eduard, was geht hier vor? welche Verwirrung! - Der
Doktor wiederholte ihnen Bettys Ausruf. - Walter haben wir hier nicht weit vom
Hause stehen, und mit einigen andern heftig sprechen hren; ich irre nicht, es
war Walter. - So ist er nicht tot? rief Betty. - Tot? Wie das? - Und
Florentin? fragte Clementina. - Ist Florentin noch hier? rief Eduard wieder.
    Mein Kind! mein gutes Mdchen! sagte Clementina, und kte die sich fest
an sie schmiegende Juliane. Mt ihr, meine Lieben, gerade jetzt erscheinen -
- O, lieber Doktor, unterbrach Betty sie mit Ungeduld, es kmmt noch niemand
zurck, wollen Sie nicht in den Garten gehen? auf der Terrasse. - Er ging, die
andern drangen in Betty, den Vorfall zu erzhlen. - Es gab ein Gefecht zwischen
den beiden, auf das brige mu ich mich erst besinnen, jetzt wei ich nichts,
gar nichts. - Sie kniete neben Juliane vor Clementina nieder, und weinte ber
ihre dargebotene Hand. - Fasse dich nur, du heftiges Kind, sagte Clementina
beruhigend, geh jetzt auf dein Zimmer, und versuche es, etwas ruhiger zu
werden. - O nein, Tante, schicken Sie mich nicht fort, ich kann nicht allein
bleiben, ich frchte mich. - Die Bedienten kamen hier zurck, die zuerst auf
Bettys ngstliches Hlferufen in den Garten geeilt waren. Sie hatten den ganzen
Garten durchsucht und niemand gefunden, es war alles ruhig. - So knnen wir es
ja auch wohl sein frs erste, sagte Clementina, es wird sich alles aufklren.
Und nun, meine teuren Gste, sagt mir, wie kommt ihr so unerwartet und doch so
lngst erwartet? - Wir gedachten Sie eigentlich auf eine ganz andre Art zu
berraschen, als es uns gelungen ist, sagte Juliane. Wir wollten noch zur
Musik hier sein, wollten uns unbemerkt unter die Zuhrer mischen, um zu sehen,
ob Sie uns herausfinden wrden. Es zerbrach aber etwas an unserm Wagen, wir
muten uns einige Stunden aufhalten, die Freude war verdorben, und beim Eintritt
fanden wir uns mehr berrascht, als Sie selbst. Aber, liebe Tante, wir kommen
auch eigentlich mit darum, um die Eltern und die Kinder zu melden, sie werden
gewi in wenigen Stunden hier sein. - So mt ihr mich jetzt verlassen, ihr
Lieben, ich mu nun zu ruhen suchen, um auf die Freude des morgenden Tages
gestrkt zu sein. - Erst Ihren Segen, Tante, eh' wir Sie verlassen! Segen fr
uns! - Gott segne meine lieben Kinder! Mgt ihr nie die Leiden der Liebe
erfahren! Gott segne euch! - Eduard war ber ihre Hand gebeugt, Juliane hob
ihre Augen zum Himmel, um Erfllung des segnenden Wunsches zu erflehen; Betty
weinte, ihr Gesicht mit beiden Hnden verdeckend.
    Eduard ging dem Doktor im Garten nach; da sie nun daselbst alles still
fanden, so gingen sie von der andern Seite der Terrasse am See hinunter, und
suchten an dem bestimmten Ort den Kahn, der zur berfahrt immer bereit war; da
sie ihn aber nicht fanden, vermuteten sie sogleich, da Florentin sich nach dem
Hause des Doktors bergesetzt htte. Sie eilten zurck, lieen anspannen, und
fuhren hinaus. Florentin war nirgends zu finden.
