
                              Engel, Johann Jakob

                               Herr Lorenz Stark

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                               Johann Jakob Engel

                               Herr Lorenz Stark

                              ein Charaktergemlde

                                       I.

Herr Lorenz Stark galt in ganz H ....., wo er lebte, fr einen sehr
wunderlichen, aber auch sehr vortrefflichen alten Mann. Das usserliche seiner
Kleidung und seines Betragens verkndigte auf den ersten Blick die altdeutsche
Einfalt seines Charakters. Er ging in ein einfarbiges, aber sehr feines Tuch,
grau oder brunlich, gekleidet; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz, oder
wenn's galt, eine wohlgepuderte Troddelpercke; mit seinem kleinen Hute kam er
zweimal ausser die Mode, und zweimal wieder hinein; die Strmpfe waren mit
grosser Zierlichkeit ber das Knie hinaufgewickelt; und die stark besohlten
Schuhe, auf denen ein Paar sehr kleiner, aber sehr hell polirter Schnallen
glnzten, waren vorne stumpf abgeschnitten. Von berflssiger Leinewand vor dem
Busen und ber den Hnden war er kein Freund; sein grsster Staat war eine feine
Halskrause mit Spitzen.
    Die Fehler, deren dieser vortreffliche Mann nicht wenig hatte, und die denen
welche mit ihm leben mussten, oft sehr zur Last fielen, waren so innig mit den
besten seiner Eigenschaften verwebt, dass die einen ohne die andern kaum
bestehen zu knnen schienen. Weil er in der That klger war, als fast Alle mit
denen er zu thun hatte, so war er sehr eigenwillig und rechthaberisch; weil er
fhlte, dass man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen
gegrndeten Vorwurf machen knnte, so war er gegen Andre ein sehr freier, oft
sehr beschwerlicher Sittenrichter; und weil er, bei seiner natrlichen
Gutmthigkeit, ber keinen Fehler sich leicht erhitzen, aber auch keinen
ungeahndet konnte hingehen lassen, so war er sehr ironisch und spttisch.
    In seiner Casse stand es ausserordentlich gut; denn er hatte die langen
lieben Jahre ber, da er gehandelt und gewirthschaftet hatte, den einfltigen
Grundsatz befolgt: dass man, um wohlhabend zu werden, weniger ausgeben als
einnehmen msse. Da sein Anfang nur klein gewesen, und er sein ganzes Glck sich
selbst, seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirthlichkeit schuldig war: so hatte
er in frhern Jahren sich nur sehr karg beholfen; aber auch nachher, da er schon
lngst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte, von denen er zu sagen pflegte,
dass sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichthum geworden, blieb noch
immer der ursprngliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend: und
dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachsthum seines
Vermgens.
    Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben: ein
Sohn, der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte; und
eine Tochter. Letztere war an einen der berhmtesten rzte des Orts, Herrn
Doctor Herbst, verheiratet: einen Mann, der nicht weniger Geschicklichkeit
besass, Leben hervorzubringen, als zu erhalten. Er hatte das ganze Haus voll
Kinder; und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten, der ein grosser
Kinderfreund war. Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte, die Herr
Stark zu besuchen pflegte: so war es ausgemacht, dass er jeden Sonntag bei dem
Schwiegersohn ass; und seine Frmmigkeit htte zuweilen wohl gern die Kirche
versumt, wenn nur seine Grossvaterliebe den Anblick so werther Enkel und
Enkelinnen htte versumen knnen. Es ging ihm immer das Herz auf, wenn ihm der
kleine Schwarm, beim Hereintreten ins Haus, mit Jubelgeschrei entgegensprang,
sich an seine Hnde und Rockschsse hngte, und ihm die kleinen Geschenke
abschmeichelte, die er fr sie in den Taschen hatte. Unter dem Tischgebete
schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher, und er pflegte ihnen dann leise
zuzurufen: Andacht! Andacht!; aber der gerade am wenigsten Andacht hatte, war er
selbst: denn sein ganzes Herz war, wo seine Augen waren, bei seinen Enkeln.
    Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener. Auf der einen
Seite war er ihm zu verschwenderisch, weil er ihm zu viel Geld verkleidete,
verritt, und verfuhr; insbesondere aber, weil er zu viel auf Caffeehuser und in
Spielgesellschaften ging. Auf der andern Seite verdross es Herrn Stark, dass der
Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist, und als Mensch zu wenig von der
Wohlthtigkeit und Grossmuth seines eigenen Charakters hatte. Er hielt ihn fr
ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender: zwei Eigenschaften,
die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute. Er selbst war der wahre Sparsame,
der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowohl das Geld, als vielmehr das
viele Gute im Auge hat, das mit Gelde bewirkt werden kann. Wo er keine Absicht
fand, da gab er sicherlich keinen Heller; aber wo ihm die Absicht des Opfers
werth schien, da gab er mit dem kltesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin.
Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdross, war der Umstand: dass dieser noch
in seinem dreissigsten Jahre unverheiratet geblieben war, und dass es allen
Anschein hatte, als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren wrde. Der
Vater hatte den Sohn zu keiner Heirat bereden, der Sohn keine Heirat ohne des
Vaters Einwilligung schliessen wollen: und beide waren in Geschmack und
Denkungsart allzuverschieden, als dass ihre Wahl oder ihr Wunsch je htte
bereinstimmen knnen.
    Herr Stark hatte seine ganze Handlung der Aufsicht des Sohns bergeben, und
ihm zur Vergeltung fr seine Mhe, einige nicht unwichtige Zweige derselben
vllig abgetreten. Nur die Geldgeschfte, deren er viele und sehr betrchtliche
machte, hatte er sich selbst vorbehalten. Indess unterliess er nie, besonders
weil er in die kaufmnnische Klugheit seines Stellvertreters nicht das meiste
Vertrauen setzte, sich um die brige Handlung, so wie um das ganze Leben des
Sohns, zu bekmmern; und da er ohne Unterlass etwas versumt oder nicht ganz
nach seinen Grundstzen fand, so gab dies zwischen Vater und Sohn zu sehr
unangenehmen Auftritten Anlass, die am Ende von beiden Seiten ein wenig bitter
und beleidigend wurden.
    Man sehe hier zur Probe nur einen der letzten Auftritte, der fr die Ruhe
und Glckseligkeit der Familie die bedeutendsten Folgen hatte.

                                      II.


Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben, im ffentlichen Concert zu
erscheinen, und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit
goldgestickter Weste geworfen. Er hatte sich ber dem Anziehen ein wenig
versumt, und fuhr jetzt mit grosser Eile in das gemeinschaftliche Arbeitzimmer,
wo eben der Alte beim Geldzhlen sass. - Friedrich! Friedrich! rief er, indem er
die kaum zugeworfene Thre mit Gerusch wieder aufriss.
    Gott sei bei uns! sagte der Alte; was giebts? - und nahm die Brille
herunter.
    Der Sohn forderte Licht zum Siegeln, warf sich an seinen Schreibtisch, und
murmelte dem Alten, seitwrts die Worte zu: Ich habe zu arbeiten - Briefe zu
schreiben.
    So eilfertig? sagte der Alte. Ich wiederhol' es dir schon so oft: bedchtig
arbeiten und anhaltend, hilft weiter, als hitzig arbeiten und ruckweis. - Doch
freilich! freilich! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft, desto frher - -
    Kmmt man zum Spieltisch, wollte er sagen; aber weil eben Friedrich mit
Licht hereintrat, so besann er sich, und verschluckte das Wort.
    An wen schreibst du denn da? fing er nach einiger Zeit wieder an.
    An Eberhard Born in S**.
    Den Sohn?
    Der Vater heisst August, nicht Eberhard.
    Gut? Meine Empfehlung an ihn! - Ich denke noch oft an die Reise von vorigem
Sommer, wo ich ihn kennen lernte. Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann.
    O ja! murmelte der Sohn in sich hinein. Wer nur auch so wre!
    Ein ordentlicher, arbeitsamer, gesitteter Mann, wie geboren zum Kaufmann.
Voll Muths, etwas zu unternehmen, aber nie ohne Bedacht; in seinem usserlichen
so anstndig, so einfach: von Sammt und Stickereien kein Freund, und was ich an
ihm ganz vorzglich schtze - kein Spieler. Ich denke, er soll in seinem Leben
noch sein erstes Solo verlieren. - Wenn er ja einmal spielt, so ist es nicht in
der Karte, sondern mit seinen Kindern. Er hat so liebenswrdige Kinder! - Ach,
und der Alte, sein Vater! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater
seyn. Das ist ein glcklicher Mann! - Ich kenne Vter, fuhr er ein wenig leiser
fort, die sich an ihm versndigen, die ihn beneiden knnten.
    Schreib, oder -! sagte der Sohn, indem er eine Feder nach der andern auf den
Tisch stampfte und hinwarf.
    Der Alte sah das eine Weile mit an. - Du bist ja ganz rgerlich, wie es
scheint?
    Wer's nicht wre! murmelte der Sohn wieder in sich.
    Bin etwa ich daran Ursache? Hab' ich deinen Geschmack nicht getroffen? - Er
stand auf, und ging zum Tische des Sohns. - Ich weiss, du bist von Winken und
von Anspielungen eben kein Freund, und ich kann ja auch deutlicher reden.
    O, es braucht dessen nicht, sagte der Sohn, und schrieb fort.
    Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand, sprtzte sie aus, und legte
sie hin. - Sieh! fing er dann an: es wird mir von Tage zu Tage immer
rgerlicher, dass ich einen Menschen von so weitluftigem Kopfe und von so engem
Herzen zum Sohn haben mu. Einen Menschen der fr seinen Putz, sein Vergngen,
der in L'hombre und Whist ein Ductchen nach dem andern, oft auch wohl
dutzendweise, vertndelt; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht
gespielt hat, und der, wenn er eine grossmthige Handlung thun sollte,
vielleicht keines Thalers Herr wre; - einen Menschen, der ewig ledig bleibt,
weil keine Partie ihm reich genug ist, und der doch immer brig hat, zu fahren,
zu reiten, den Cavalier zu machen, Sammt und Stickereien zu tragen. - Ich muss
wohl nicht Unrecht haben, fuhr er nach einigem Stillschweigen fort; denn du
kannst mir nicht antworten.
    O, ich knnte, sagte der Sohn, indem er mit Hitze aufstand; aber - -
    So sprich! Was verhinderte dich?
    Bei Gott! ich bin es mde, so fortzuleben. -
    Dass ich das hoffen drfte!
    Ich bin nun, denk' ich, ein Mann, und kein Kind mehr. Warum wird mir denn
noch immer begegnet, wie einem Kinde?
    Sohn! Sohn! Es giebt alte Kinder.
    Ich bin aufmerksam; ich versume nichts, was zu thun ist: ich setze nie die
Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen -
    Nur den Gehorsam ein wenig.
    Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit und mit Treue: und doch - doch kann
ich keine Stunde in Ruhe leben; doch wird mir durch Vorwrfe ohne Ende jeder
Augenblick meines Daseins verkmmert; doch wird mir jede Zerstreuung, jedes
elende Vergngen gemissgnnt.
    Du sprichst sehr hart, aber sehr wahr. Jedes elende Vergngen!
    Elend - weil es mir nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was hab' ich denn
verloren, wenn ich verlor?
    Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit.
    Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben? Soll ich immer so
fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschrnken, wie Sie? eben
so - -
    Nun, was stockst du? Sprich aus!
    Eben so - bei Thalern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen?
    Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem nichts in der Welt so unertrglich schien,
als dass Kinder ihre Eltern ber den freien Gebrauch eines selbsterworbenen
Vermgens richten sollten. - Dacht' ich es doch, dass der junge Mensch noch
wrde mein Vormund werden! Wegzuwerfen? Was verstehst du darunter? Was heisst
bei dir wegwerfen? Sprich! - Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am
Arme. - Seinen Beutel fr jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand
braucht; etwa das?
    Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme. Wenn sie es alle
wren!
    O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht, ehe
ich gebe. Und was nennst du denn wegwerfen? Sprich!
    Sie borgen Allen - ohne das Geringste davon zu haben.
    Thor! Ohne das Geringste davon zu haben? - Er zog die Hand von seinem Arme,
und gab ihm einen Blick voll Verachtung. - Ich habe das davon, zu sehn, dass es
meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest du das fr nichts? - Und wenn sie mich
einst die lange Strasse hinabtragen, und ich hier Alles dahintenlasse; so hoff'
ich, es soll da Mancher mit Thrnen in seinen Augen sprechen: Schade um den
rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand
zu danken. Ich war in Noth und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte
bei Ehren bleiben. - Bei dir hingegen. - - Doch was stehe ich da und predige in
den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, dass
es eine gescheidtere wre! - Nur immer wieder an deine Arbeit! Schreib! Schreib!

                                      III.


Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch, und achtete wenig darauf,
dass der Sohn eine geraume Zeit mit grossen, heftigen Schritten umherging. Er
hatte den Grundsatz, dass man einem geschlagnen, weinenden Kinde Zeit lassen
msse, um auszuschnucken, und dass es unvernnftig sei, von einer aufgeregten
Leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern. Der Kampf im Herzen des
Sohnes wrde sich auch wahrscheinlich, wie schon so oft, zum Vortheil der
kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden, und Alles wrde seine vorige
Gestalt angenommen haben: wenn nicht unglcklicher Weise ein Mensch
hereingetreten wre, der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache
verhasst war. Es war ein gewisser Herr Specht, einer der kleinen Anfnger, die
auf die Gte des alten Herrn bei jeder Gelegenheit Anspruch machten, und die fr
die Wnsche des Sohns nur allzuoft darin glcklich waren. Dieser hier hatte den
Vorzug vor allen brigen; denn er war Pathe und Gevatter zugleich: Verhltnisse,
die dem Herrn Stark, nach alter Sitte, noch sehr wichtig und ehrwrdig schienen.
Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte, war der aus gewissen
aufgefangenen Reden geschpfte Verdacht, als ob Herr Specht eine junge
liebenswrdige Witwe, Madam Lyk, die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater
sehr wenig galt, bei letzterm angeschwrzt, und ihm Veranlassung zu allen den
bittern Glossen gegeben htte, womit er dann und wann ber sie herzufahren
pflegte.
    Ei! sagte nach seiner gewhnlichen gleissnerischen Art der Herr Specht,
indem er gerade beim Hereintreten zu seinem grossen Verdruss auf den Sohn
stiess, der noch immer umherging: - Ei mein werthster Herr Stark! Gleich hier an
der Schwelle bin ich so glcklich - -?
    Seine tiefen Verbeugungen und seine sssen Mienen hatten dem Sohne noch nie
so fade und unausstehlich geschienen, als jetzt. - Was giebts? Was solls? fuhr
er den ganz erstaunten und erschrocknen Besuch ein wenig unartig an.
    Himmel! sagte Herr Specht, und griff wieder nach dem Drcker der Thre; ich
hoffe doch nicht, dass ich ungelegen komme? dass ich Strung verursache?
    Es wre mglich. Die Zeit ist edel, mein Herr. -.
    Ja wohl! ja wohl! Schon bei unser einem; und erst vollends bei Ihnen! bei
einem Manne, der solche Geschfte macht, solch ein Werk fhrt! - Wahrlich, ich
begreife oft nicht - -
    Was es giebt? Was Sie wollen? Hab' ich gefragt. - Borgen etwa? noch ehe die
alte Schuld ganz getilgt ist? - Oder wieder Nachrichten von der Witwe, Ihrer
Nachbarinn, bringen? - Da! Wenden Sie Sich an meinen Vater, und nicht an mich! -
    Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war, und nicht wusste,
ob er gehen oder bleiben, ob er schweigen oder antworten sollte, drehte der alte
Herr Stark, dem nachgerade das Gehr ein wenig schwach ward, und der nicht
wusste, ob er etwas und was er hrte, sich auf seinem Stuhle herum, und half ihm
durch ein freundliches Willkommen! von seiner Herzensangst. - Der Sohn warf sich
wieder an seinen Tisch, um weiter zu schreiben.
    Nun? Und was steht denn zu Diensten? sagte Herr Stark, nach mehrern
unbedeutenden Fragen; - denn umsonst pflegt Er nicht zu kommen, mein lieber
Pathe.
    Ich - ich wollte so frei seyn, stotterte dieser, indem er schielende,
misstrauische Blicke nach dem Sohn zurckwarf - ich habe, diese Tage ber,
Gelegenheiten gefunden - so allerhand kleine Gelegenheiten - -
    Das versteh' ich ja nicht. Was fr Gelegenheiten?
    Ich meine: einen vortheilhaften Handel zu schliessen, mir einen kleinen
Gewinn zu verschaffen -
    Ja so! - das ist mir lieb; das ist schn. - Immer zugegriffen, mein lieber
Specht!
    Aber - wie's denn bei Anfngern geht - die Beutel sind so eng und so flach.
So wie man hineingreift, hat man auch auf den Boden gegriffen. - Dies war,
beilufig zu sagen, einer der eigenen Einflle des Herrn Stark, die Herr Specht
sich sorgfltig zu merken und gelegentlich bei ihm selbst, mit immer gutem
Erfolg, wieder anzubringen pflegte. - Und da wollt' ich denn also - wenn's ohne
Beschwerde geschehen knnte - -
    Frischen Vorrath holen. Nicht wahr? - Nur heraus mit der Sprache!
    Herr Specht lchelte, und schlug den Alten mehrmalen hinter einander, mit
den ussersten Fingerspitzen, sanft und schmeichlerisch auf die Schulter. - Sie
sind doch ein vortrefflicher Mann, liebster Herr Pathe - Ja, ja! Weil ich ein so
guter Prophet bin. - Aber was war's denn, das Er vorhin mit meinem Sohne
absprach? Hat Er Sich dem schon entdeckt?
    Ich wollte. - Ich hatte die Absicht; aber - der junge Herr -
    Wird vermuthlich bedauert haben? wird sich ausser Stande gesehen haben, zu
dienen?
    So schien's beinahe. -
    Es kann Ernst damit seyn. - Die Zeiten sind sich nicht immer gleich, und ich
denke, es mag ihm jetzt selber fehlen.
    Hehehe! - liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch manchmal zu spassen
wissen!
    Zu spassen? sagte der Alte, und wies nach dem andern Tisch auf die
reichgestickte Weste hinber. - Sieht Er denn nicht, dass mein Sohn sein Gold
hat verarbeiten lassen? - Ein jeder freilich nach seinem Geschmack! Der Eine
hlt's mit einer vollen, der Andre mit einer flimmernden Tasche.
    Dieses Wort, in keiner ganz blen Laune und mit einem ziemlich gutmthigen
Tone gesagt - denn Herr Stark war wohl Sptter, aber kein hmischer; und wenn er
im Verdrusse erst wieder witzig ward, so war das immer ein Zeichen seiner schon
wiederkehrenden Ruhe - dieses Wort folgte auf zu bittre, zu ernstliche Vorwrfe,
und ward in Gegenwart eines zu gehassten, zu verachteten Menschen gesprochen,
als dass es auf das Herz des Sohns nicht eine sehr unglckliche Wirkung htte
thun sollen. Er sprang mit Ungestm auf, murmelte heftige unverstndliche Worte
zwischen den Zhnen, und warf die Thre.

                                      IV.


Mein Gott! sagte Herr Specht, dem vor Schrecken beide Arme am Leibe
niedersanken: der junge Herr war ganz erhitzt, ganz ergrimmt. Ich will doch
nicht hoffen, dass meine Gegenwart -
    Nicht doch! trstete ihn der Alte, den seine bereilung schon innerlich zu
gereuen anfing: es ist nur seine Art so; er machts nicht anders. - Dann gab er
Herrn Specht die benthigte Summe, mit hinzugefgter Warnung, dass er sein Geld
nicht verstecken, sich nicht in mehr oder in grssere Geschfte verwickeln
sollte, als die er verstnde, und bersehen knnte. - brigens, sagte er,
wnschte ich, um Lebens- und Sterbenswillen, eine kleine Verschreibung. Er kann
sie mir diesen Nachmittag bringen.
    Gewiss! gewiss! sagte Herr Specht; und klopfte ihm wieder, wie zuvor, mit
leichter schmeichelnder Hand, auf die Schulter. - Ich dacht' es doch gleich,
liebster Herr Pathe, dass mir von Ihnen wrde geholfen werden. Auch meine Frau
sagte: Geh immer! So ein Mann, sagte sie, wie der Herr Stark ist, lebt auf der
Welt nicht weiter. - Nun, guten Morgen! guten Morgen!
    Er htte ein Vieles darum gegeben, wenn er das unglckliche Wort von der
Frau htte zurckholen knnen: aber es war heraus, und mit dem Forteilen wollt'
es nicht glcken. Herr Stark winkte ihm wieder umzukehren, und drohte ihm, nicht
ohne Ernst, mit dem Finger. - Weil Er doch Selbst von ihr anfngt, mein lieber
Specht, und weil ich's bisher immer vergessen habe; - sag' Er mir einmal recht
aufrichtig: wr' Er nicht ein wenig verliebt in die Frau?
    Je nun, stotterte dieser - ein junger Ehemann - freilich -
    Der selige Lyk, denk' ich, war's auch. Und nun, die Witwe - die ihm das
Seinige vertndelte, verputzte, vertanzte, verschmaus'te - Er weiss ja wohl
besser, als ich's Ihm sagen kann, was dort fr Umstnde sind. Gar nicht mehr so
glnzende, als vordem. - Nehm' Er Sich also in Acht, lieber Specht! Sei Er auf
Seiner Hut!
    Aber wie so, bester Herr Pathe? wie so? - Meine Frau - -
    Ist mir gar sehr nach der Mode. Alles was nur aufkmmt, das macht sie mit.
Und darum stell' ich mir vor - weil Er doch nur ein Anfnger ist, und weil ich
Ihn doch sonst als guten Haushlter kenne - ich stelle mir vor: Er hat so eine
gewisse schwache Seite, und die junge Frau hat die ausgekundschaftet. - Hab'
ich's getroffen?
    Liebster, bester Herr Pathe - -
    Man gesteht das nicht gern. Schon gut! - Aber ich bitt' Ihn, als Freund,
lieber Specht! nehm' Er Sich in Acht! Sei Er ein Mann! - Bei einer schlechten
Wirthinn, geht der beste Wirth von der Welt zu Grunde; da ist kein Haltens. Er
fllt da in ein lcheriges Sieb: und wenn Er Sich auch zu Schanden fllte; Er
bringt in Ewigkeit nichts hinein. - Ich weiss zwar wohl, fuhr er nach einem
Weilchen mit Schmunzeln fort, wie's die Weiber zu machen pflegen -
    Ja freilich, freilich, seufzte hier Specht, und fuhr sich mit dem Finger
hinter die Ohren. Da steckt's!
    Wie sie den jungen Mann in die Enge treiben; Launen haben, Zuflle haben,
Beklemmungen und Ohnmachten haben - Gott weiss, was Alles? -, und wie dann auf
einmal wieder das Wetterglas steigt und heitre Sommerluft wird; wie sie da
schmeicheln, liebkosen, tndeln, und dann so unversehens, als wenn ihnen nichts
drum wre, damit herausrcken: die da, die trgt dies und trgt das; die geht
hier hin und dort hin; die macht dies mit und das mit: - die Nrrinn! - Unser
eine ist doch eben, was sie ist. -
    Nun wahrhaftig! rief Specht, dem ber die gute Laune des Alten das Herz
wieder ganz leicht ward: Es ist, als ob Sie htten dabei gestanden.
    Und wenn sie dann den guten Tropf in der Schlinge haben: wie sie da kssen,
liebugeln, herzen - Ganz, wie sie's zu machen pflegen! - indem er die grsste
Verwunderung vorgab - ganz nach der Natur! Zug vor Zug!
    Ei, ich weiss das. Ich bin ja alle die Schulen durchgegangen. - Aber zum
Henker, Pathe! Der Mann muss Mann seyn; er muss ein Herz von Stahl und von Eisen
haben. - Immer, liebreich, nie verliebt: ist die Regel. - Und was verliert man
denn nun, wenn man sich darnach hlt? Man gewinnt! Denn wer der Frau nachgiebt,
der hat nur dann und wann gute Tage; wer sein Ansehen behauptet, der hat sie
immer. - Oder meint Er etwa, dass die junge Frau des Mannes nicht eben so
bedrftig ist, als der junge Mann ihrer? - Possen, Possen, mein lieber Specht!
Eben so bedrftig; und unter uns: oft wohl mehr!
    Nun wart! - sagte dieser, indem er hinter sich sah, und die strengste Miene
zog, die in sein flaches Gesicht nur hineinwollte - an das Gesprch will ich
denken. Ich will dich mir knftig anders ziehen.
    Aber mit Art, versteht sich. Mit Art!
    Ei freilich! die Art ist die Hauptsache. Die muss nicht vergessen werden. -
Und nun wandt' er Geschfte vor, die ihn eiligst nach Hause riefen, und ging.
Des festen Vorsatzes vermuthlich, nichts zu wagen was ihn vielleicht gereuen,
und nichts anzufangen was er vielleicht nicht durchsetzen mgte.

                                       V.


Whrend Herr Stark ber seinen Streifzug gegen das schne Geschlecht aller
Sorgen vergass, ging der Sohn, voll der ussersten Erbitterung, auf seinem
Zimmer umher. - So mich zu misshandeln, rief er: seinen einzigen leiblichen
Sohn; und das in Gegenwart eines so verchtlichen, eines so nichtswrdigen
Menschen!
    Eines so unbedeutenden, armen Wichts! htte er sagen knnen: der sich mit
Bcklingen und Schmeicheleien durch's Leben windet, und der brigens noch eine
ganz gute, ehrliche Haut ist. -
    Mich der Verachtung, dem Spott, dem bittersten Hohngelchter Preis zu geben;
und das auf eine so hmische, so gesuchte, so recht ausgeknstelte Art!
    Auf eine freilich rgerliche, aber dem Alten nun einmal gewhnliche, und
hier von selbst sich darbietende Art, wobei doch, wie sonst immer, der Ehre und
des guten Namens geschont ward. -
    Mir in dem Augenblicke, wo ich mich hinsetze und fr ihn arbeite, so
grundlose, so aus der Luft gegriffne, so abscheuliche Vorwrfe zu machen!
    Grundlos nun in der That, wenigstens was Spiel und was Nachtschwrmen
betraf; aber darum nicht aus der Luft gegriffen: denn unmglich konnte der Vater
von den jetzigen geheimen Gngen des Sohns anders, als nach hnlichkeit der
ehemaligen, urtheilen; und so waren sie, in seinen Gedanken, noch immer auf die
Caffeehuser und zum Spieltisch gerichtet. - Dass jetzt wirklich die mssigen
Augenblicke des Sohns, und mitunter auch halbe Nchte; zu sehr lobenswrdigen,
sehr edlen Handlungen verwandt wurden: das war niemanden weniger, als dem Vater,
bekannt; und diese lobenswrdigen, edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses
Aber, dass sie der Sohn fr keinen Preis dem Alten htte wollen bekannt werden
lassen. -
    Doch zu Bemerkungen, die den Vater htten entschuldigen oder gar
rechtfertigen knnen, war fritzt der Sohn nicht gestimmt: er sprach vielmehr
sich selbst durch die heftigsten, berspanntesten Ausdrcke immer tiefer in den
Verdruss hinein; und endigte zuletzt mit dem Entschluss, seine Lage auf einmal
und so ganz zu verndern, dass er schlechterdings ausser aller Verbindung mit
dem Vater hinaustrte, nicht bloss das vterliche Haus, sondern auch die
vterliche Stadt verliesse, und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen, was
er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst,
glaubte er, billigte nicht nur, sondern befhle diesen Entschluss; denn seine
vollen dreissig Jahre hatt' er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem
Kummer, in so tdtenden rgernissen und Sorgen, dass die zweiten dreissig zu
hoffen Thorheit war: und warum er, eines wunderlichen, grillenhaften,
unverbesserlichen Vaters wegen, mehr als die erste, schnste Hlfte seines
Lebens aufopfern sollte, das konnt' er nicht einsehn. Sein Herz sprach dagegen
zu laut, und im Gesetz fand er's nirgend geschrieben.
    In der That war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft
gehegter, und selbst bis zum vollstndigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei
welchem das Wie? und Wohin? und durch was fr Mittel? schon lngst beantwortet,
und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indess dieser
Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genhrt
hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem hchsterbitterten Gemthe
des jungen Mannes fester setzte als je, und im kurzen zum entschiednen,
unwiederruflichen Vorsatze ward; so hatte das einen noch ganz andern Grund, als
die Launen des Vaters: aber einen Grund, womit Herr Stark sich so usserst
geheim hielt, dass er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es
sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glnzendsten
Partieen der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den
muthwilligen, hmischen Streich, dass sie ihn mit allen seinen Neigungen zu
einer Person hinriss, die von den Vorzgen, welche sonst Liebe entschuldigen,
auch nicht einen befass. Weder war sie von besonderer Schnheit des Gesichts
oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Blthe der Jugend, noch zeichnete
sie sich durch grosse, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin, an
Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer mgten gefunden haben. Gter hatte
diese Person vollends nur wenig, ausser solchen, die es eigentlich bloss fr den
ersten Besitzer sind, und die auf Andre als Gter nie so recht bergehen knnen:
ein Paar liebenswrdige Kinder. Kurz, es war eben die Madam Lyk, wegen deren
Herr Specht so verhasst war, und ber die wir den Vater so strenge haben
kunstrichtern hren.
    Es ist bekannt, dass man in lebhaften Trumen zuweilen sich selbst fragt: ob
man denn wache oder nur trume? und dass die Antwort immer das Gegentheil des
wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmalen,
wenn er der Madam Lyk in sehr zrtlichen Empfindungen gegenber sass, sich ganz
ernstlich befragt: ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die
Antwort gefallen: frei. Gleichwohl war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz
wohl zu Muthe; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht
unmglichen, und nur zum Scherz, so angenommenen Fall, dass er irre, konnte er
alle die bittrern Hhnereien vorausdenken, womit ihn zu Hause der Vater, und
ausser dem Hause die vielen Familien verfolgen wrden, die mit der
beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Tchter auf einen so reichen Erben und
zugleich so schnen, blhenden Mann, als Herr Stark, trotz allen vom Vater
erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben mgten. Das Beste
wre auf diesen Fall gewesen, Madam Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging,
solange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Grnden nicht an: und so
ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste
dahin nher bestimmt, dass man sich von diesem Orte, je eher je lieber, msste
loszureissen suchen. - Doch, wie gesagt, mit diesem strkern, eigentlich
entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewusstseyn; Herr Stark
htte Leib und Leben darauf verschworen, dass es bloss der wunderliche,
unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen, einzigen Sohn, welcher so
lange Jahre fr ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte.
Wie gut sein Herz seyn msse, erkannt' er hiebei aus dem Kummer, womit er an den
blen Ruf und an die ausserordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte
unausbleiblich gerathen msste; aber einmal wollt' es dieser nicht anders haben,
und der Sohn konnte nicht helfen.

                                      VI.


Der Einzige in der Familie, der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark
zwar nicht vllige Kenntniss, aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte,
war der Schwager, Herr Doctor Herbst. Er hatte dem seligen Lyk, als Hausarzt, in
seiner letzten Krankheit gedient; er wusste, dass wegen
Handlungsverdriesslichkeiten grosse Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem
Sohne geherrscht hatte, und er selbst war Vermittler bei der sehr rhrenden
Ausshnung gewesen, die vor dem Tode des erstern vorhergegangen war. Bei dieser
Ausshnung, hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen, dass er,
auf den Fall seines Hintritts, die Witwe mit Rath und That untersttzen, und
besonders die Handlungsangelegenheiten, von denen Herr Lyk gestand dass sie in
nicht geringer Unordnung wren, mglichst aufs Reine bringen wollte. Dieses
edelmthige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grssten Eifer erfllt: er
hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick, den er eigenen Arbeiten hatte
absparen knnen, den Angelegenheiten der Witwe gewidmet; und schon mehrmalen
hatte der Doctor, wenn er der sehr krnklich gewordenen Frau noch spt Abends
einen Besuch gab, ihn in voller, eifriger Arbeit ber ihren Bchern getroffen.
Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass die wirklich grossen und
liebenswrdigen Tugenden, welche Madam Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so
viel Anlsse zu entwickeln fand, und welchen er selbst volle Gerechtigkeit
wiederfahren liess, das Herz des Schwagers nicht ungerhrt mgten gelassen
haben. Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen,
womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige, mehr im Scherz so hingeworfene
Warnung, sich nicht zu verlieben, aufgenommen hatte; auch hatte er viel Licht
aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschpft, dass er doch, um's
Himmels willen, von dem ganzen Umgange mit Madam Lyk, in den er ja selbst ihn
hineingezogen, der Familie, und besonders dem Vater, kein Wort verrathen mgte.
    Indessen, so gewiss, nach der Semiotik des Doctors, dieses Zusammentreffen
von Diensteifer, Bldigkeit, und Geheimthun auf Liebe hindeutete; so glaubte
er's mit dieser Liebe doch keinesweges so weit gediehen, dass er sie in irgend
einiger Verbindung mit dem Entschluss htte denken sollen, den ihm jetzt der
junge Mann zu seinem grssten Missfallen kund that. Herr Stark verlangte auch
ber diesen Entschluss das Geheimniss; aber dieses schlug der Doctor ihm
frmlich ab: er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes
der Frau mit der Schwiegermutter, um den jungen Mann von einem so raschen und
fr die ganze Familie so hchst nachtheiligen Schritte zurckzuhalten. Dass es
mit diesem Schritte voller Ernst sei: daran konnt' er nach Allem was er sah und
hrte, und besonders nach den Briefen, die man ihm vorgezeigt hatte, nicht
zweifeln.
    Alle Mhe, die man nunmehro vereinigt anwandte, um Herrn Stark zu
besnftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen, war rein verloren. Den
Grnden des Schwagers setzte er andere Grnde, den Bitten und Thrnen der Mutter
die feurigsten Betheurungen der Liebe und des Gehorsams, mit Ausnahme dieses
einzigen Puncts, und den abwechselnden Liebkosungen und Spttereien der
Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen. Man bemerkte, dass, je mehr man
ihn zu beugen und zu erweichen suchte, desto steifer und hartnckiger er auf
seiner Meinung bestand; und so ward denn, in einer geheimen Familiensitzung
zwischen Mutter Schwiegersohn und Tochter beschlossen, dass man einen ganz
andern Weg einschlagen, und da mit dem Sohne nichts auszurichten sei, sein Heil
mit dem Vater versuchen wolle. Man hielt sich versichert, dass auf das erste
freundliche Zureden des Vaters, der Sohn mit Freuden einen Entschluss wrde
fahren lassen, wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren msste; auch
war man ganz darin einig, dass der hofmeisternde Ton und die spttelnde Laune
des Alten zuweilen ins Unertrgliche fielen; dass ein Sohn in mnnlichen Jahren
anders, als im Knaben- und Jnglingsalter msste behandelt werden; und dass
jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe, die man wohl in gewissen
zuflligen usserungen leiten, aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen
knne. Der Alte selbst, hoffte man, wrde, nach seiner sonstigen Billigkeit und
Vernunft, sich hievon leicht berzeugen lassen.
    Doch, was die Leichtigkeit des berzeugens betraf, so gerieth man bald
wieder in Zweifel. Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit
des Charakters zu viele gegeben; und man ward daher einig, den Angriff auf ihn
ja nicht bereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen.
Die Beobachtungen, nach welchen man den Plan verabredete, waren folgende. Der
Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurtheilung des Doctors sehr
vortheilhafte Begriffe; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen, ihm die
Entschliessung des Sohns erffnen, und ihn von der Nothwendigkeit sowohl als
Billigkeit, sein Betragen zu ndern, mit Ehrerbietung, aber auch mit Nachdruck,
belehren. - Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von
grsstem Gewicht gewesen, und schon oft, obzwar nie in einem so kitzlichen
Falle, war ihren dringenden Vorstellungen, wenn auch mit einigem Kopfschtteln,
nachgegeben worden; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten, und
wenn die Vernunft des Alten schon wankte, den Widerstand seines Herzens durch
Bitten, und allenfalls auch durch Thrnen, zu brechen suchen. - Von der Tochter
wusste man, dass sie mit ihren Schmeicheleien und Einfllen eine wunderbare
Gewalt ber den Vater hatte, und dass sie, wegen grosser Ubereinstimmung ihrer
eigenen Gemthsart mit der seinigen, sich in allen Krmmungen und Wendungen
seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen, und ihn fast immer zu ihrer Absicht
herumzuholen wusste; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen, und dem durch
Mann und Mutter schon ganz erschpften und abgematteten Eigensinne des Alten den
letzten Gnadenstreich geben.
    Bei diesem ganzen schnen Entwurfe, usserte bloss die Mutter noch etwas
Furcht; der Doctor hielt sich, unter gttlichem Beistande, guten Erfolgs
versichert; und die Tochter vollends vermass sich mit grosser Freudigkeit, dass
keine - wenn nur erlaubte und ehrliche - Sache in der Welt seyn msste, wozu sie
ihren lieben, alten, seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten
wollte. Doch sumen, meinte sie, msse man nicht mit dem Angriff: denn der
Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten, die auf eine nahe Abreise
zielten; auch sei nur eben der jhrliche Abschluss der Handlungsbcher geendigt,
und dieser Zeitpunct msse dem Sohn zur Trennung vom Vater nothwendig der
schicklichste dnken. Das Scharfsinnige dieser Bemerkung, die den beiden andern
entwischt war, wurde erkannt und gelobt: ihr zufolge ward nun einmthig
festgesetzt, dass man gleich den andern Morgen sich frisch an das Werk machen
wollte.

                                      VII.


Es war ein Capital zahlbar, und Herr Stark sass vor einem Tische voll
Schsischer, Brandenburgischer, Hannverischer und Braunschweigischer Neuer
Zweidrittelstcke. Er zhlte, da der Doctor hereintrat, das angefangene Hufchen
von funfzehn Stck geschwind zu Ende, und hiess ihn dann mit frohem Herzen
willkommen. Seine erste Frage war nach ihm selbst, und gleich die zweite war
nach den Kleinen.
    Die sitzen zu Hause ber den Bchern, sagte der Doctor.
    Bravo! bravo! die fangen frh an; die werden schon vorwrts kommen. - Und
ist denn wirklich Trieb da? ist Kopf da?
    So viel ich jetzt noch beurtheilen kann: beides. Ich bin zufrieden mit
meinen Kindern.
    Ich auch. Ich auch. - Ha, wenn ich die guten Kleinen nicht htte! Wr' ich
nicht da ein armer Mann mit alle dem Bettel? - indem er die Hand verchtlich
gegen den Tisch warf. - Fr wen in der Welt htt' ich gesammelt? gearbeitet?
Denn mein Sohn da, der Freigeist - -
    Eben von dem, bester Vater, mgt' ich mit Ihnen reden.
    Sehr gerne. Nun?
    Nur mssen Sie auch Geduld haben, mich anzuhren.
    Ich habe. - Zeit und Geduld; alles beides.
    Sie sind so eingenommen gegen den Sohn. Sie werfen die Schuld seiner Fehler
immer auf ihn allein. - Sollt' es nicht vielleicht einen Andern geben, der mit
ihm theilte?
    Einen Andern? Der mgte mir schwer zu errathen werden. Der ist -?
    Ein sonst guter, billiger, vortrefflicher Mann. - Denn um nur Eins zu
erwhnen, und eben das was Sie doch am meisten auf ihn verdreusst: Ist's so ganz
seine eigene Schuld, wenn er noch ledig blieb?
    Nun? ist es denn meine?
    Ein wenig, dcht' ich.
    O ja! Oder wenn's um und um kmmt, wohl ganz. - Freilich, so ein Weib, wie
man sie jetzt tglich zu seinem rger herumflattern sieht; - ein Weib mit
Tausenden, das ihm Tausende durchgebracht htte, das keinen Ball, keine Redoute
versumt, Triset und Liebesintriguen gespielt, weder Mann noch Kinder geachtet
htte; kurz, Herr Sohn - so ein Weib, wie sie die neueste Modeerziehung
ausbrtet, und womit er am Ende wohl gar - mir wird bel und wehe - zu Schimpf
und Spott der ganzen Familie, vor's Geistliche Gericht htte laufen mssen: so
eins htt' er wohl gerne gehabt, von Herzen gerne! Und konnt' ich das zugeben?
konnt' ichs recht sprechen, dass er mit sichtlichen Augen in sein Verderben
rennte? - Wenn ich zu ihm sagte: Sieh, Sohn! da ist ein hbsches, stilles,
sittsames Mdchen, braver, ehrlicher Eltern Kind; - das wird zwar nur wenig
haben, wird vielleicht nichts haben; aber es ist in Gottesfurcht und in Einfalt
erzogen: - nimm's! und es wird dankbar gegen dich seyn; es wird dich lieben,
wird deine Kinder lieben, wird sie erziehen, dass Gott und Menschen an ihnen
Freude haben; wird dir mehr Tausende ersparen, als dir jenes zubringt: konnt'
ich da durchdringen? - Stand er da nicht vor mir- mit einem Gesichte, mit einer
Unterlippe - so hangend! so albern!
    Sie haben freilich Recht - vllig Recht -
    Nun dann!
    Aber wenn Sie's auch sonst in Allem, wenn Sie's in jeder erdenklichen
Absicht htten: - in einer einzigen, weiss ich doch nicht, ob Sie's haben? - Er
sagte dies mit einem sehr bescheidnen, beinahe furchtsamen Tone.
    Die mgt' ich doch nher kennen. Die ist -?
    Ihre ganze Art, wie Sie Sich mit ihm nehmen. Ihr Ton, worin Sie von frh bis
in die Nacht mit ihm reden.
    Hm! Aber ich bin nicht unbedeutsam; ich nehme Lehre an. - Wie soll er
gestimmt seyn, mein Ton?
    Liebreicher, freundlicher, - vterlicher, wenn ich das sagen darf.
    Und ist er denn rauh? Ist er strmisch?
    Wenn er das lieber wre! - Dann und wann ein wenig Jhzorn,
Unfreundlichkeit, Eigenwillen: wer verzeiht das nicht gern einem Vater, und
einem so guten Vater?
    Verzeiht das! - Drollicht!
    Nur dann wieder Gte, Offenheit, Liebe, Vertrauen! - Aber Ihr schneidender,
Ihr empfindlicher Ton - - Hier rckte der Alte am Stutz; und der Doctor fand fr
gut, etwas lindernde Mittel hinzuzusetzen - - Sie mssen mir das nicht ungtig
nehmen; es geziemt mir freilich nicht, so zu reden; ich sag' es nur im Vertrauen
auf Ihre Nachsicht - - Ihre ewig fortgesetzten Spttereien und Anspielungen,
die, gleich kleinen Schlgen, jeder an sich nur sanft sind, aber, zu schnell
hinter einander und immer denselben Fleck treffend, zuletzt unertrglich werden;
- kurz, Ihr Necken; Ihre witzigen Ausflle - -
    Genug! sagte der Alte: genug! Dagegen lsst sich nichts aufbringen. Sie
haben Recht.
    Und drft' ich denn also hoffen -?
    Was? - was? - indem er ihn mit ein Paar grossen und stieren Augen ansah, die
den Doctor ganz irre machten: dass ich in meinen Jahren mich ndern; dass ein
alter, verwachsener, knotiger Stamm sich nun noch biegen und ziehen sollte? -
Das ist unmglich, Herr Doctor, unmglich!
    Nun ward der Doctor, der es so gut gemeint hatte, auch an seiner Seite
verdriesslich. - Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton. - Schon wieder? Und
das mit Ihnen, mit dem ich doch sonst eben nicht witzle? - Er sagte das
Wrtchen: witzeln, mit einem ganz eigenen Nachdruck. - Nun, Sie sehn dann wohl
Selbst: es ist unmglich, unmglich! - Gleichwohl - habe ich Mitleiden mit
meinem Sohn; und ich komme da eben auf einen Gedanken - auf einen, glaub' ich,
guten Gedanken - den aber nur Sie wrden ausfhren knnen.
    Nur ich? -
    Sie haben mir so eben Ihre grosse Gabe dazu bewiesen.
    Wie versteh' ich das? Welche Gabe?
    Je, die glckliche Gabe, Fehler zu sehn und zu sagen. Wie, wenn Sie nun
gingen, und meinem Sohn auch die seinigen sagten? - denn dass er ihrer hat,
dafr steh' ich. Recht derbe Fehler! - Wenn Sie zu ihm sprchen: Sie mssen mir
das nicht ungtig nehmen; es geziemt mir freilich nicht so zu reden; ich sag' es
nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht - oder wie Sie es sonst herumbringen; wie
Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten: - Sie werden ja das wissen, Herr Doctor
-
    Gut! gut! sagte dieser, und biss voll Unmuths die Lippen.
    Kurz, wenn Sie sprchen: Die bewusste Unterredung mit unserm Alten hab' ich
gehabt. Es ist doch ein wunderlicher, eigenwilliger, hartnckiger, alter Mann.
Steif ist sein Rcken, und steif ist sein Kopf. Beide wrden eher brechen, als
biegen. - Wie, wenn lieber Sie, der jngere Mann, die Fehler ablegten, die den
grmlichen Alten auf Sie verdriessen? wenn Sie, zum Beispiel, ein gesetzterer
Mensch, ein sparsamerer Wirth, ein aufmerksamerer Kaufmann wrden? Ich stnde
Ihnen dann mit meiner Ehre dafr - und hier meine Hand, dass Sie Ihr Wort nicht
bereuen sollten! - ich stnd Ihnen mit meiner Ehre dafr: der Alte sollte uns
anders werden; er sollte seinen Sohn lieber haben, als seinen Witz; er sollte
keine grssere Sorge auf dem Herzen tragen, als wie er den einzigen Erben seines
Hauses und seines Namens glcklich machte. - Hier drehte sich Herr Stark wieder
gegen den Tisch, und griff nach den Beuteln - Denken Sie der Sache gelegentlich
nach! Es ist ein Vorschlag zur Gte.
    Ich sehe wohl, sagte der Doctor, der seinen Verdruss kaum mehr bergen konnte
- es ist nichts mit Ihnen zu machen.
    Finden Sie das? - Das hat schon Mancher gefunden. Das ist fast immer so mit
Leuten, die nach Grundstzen handeln.
    Und so muss ich's Ihnen denn nur gerade heraussagen. Sie werden erschrecken;
aber - - Ihr Sohn - -
    Mein Sohn?
    Er will von Ihnen - will fort!
    Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstck in die Hnde gefallen, das ihm
nicht so recht echt schien. Er besah es von vorn und von hinten, warf es auf den
Tisch, um den Klang zu hren, und musterte es endlich aus. - Dreizehn, vierzehn,
funfzehn - Will von mir? Wohin?
    So gelassen dabei? - Aber Sie denken vielleicht: es sei nur Vorwand, nur
Kunstgriff. - Ich schwr' es Ihnen dann auf Ehre: er will fort, will nach Br
..., auf nimmer Wiedersehen.
    Will er? - Hahahaha!
    Sie lachen?
    ber etwas sehr Lcherliches.
    Nun beim Himmel! So finde ichs nicht.
    Aber ich! - Lieber, lieber Herr Sohn! So etwas fr Ernst zu nehmen!
    Und wofr sonst?
    Fr nichtigen, leidigen, elenden Trotz.
    Ich frchte, Sie werden bald anders denken. - Ja, wenn es das erste mal
wre, dass er den Einfall htte! Aber er hatt' ihn schon fter. - Und so leicht
es mir Anfangs ward ihn zurckzuhalten, so schwer ward mir's nachher.
    Natrlich! Weil Sie Sich gleich Anfangs zu viele Mhe gaben.
    Er geht aber. Denken Sie an mich, lieber Vater! Er geht! - Und nun - was
wird die Welt davon urtheilen? Ihr Sohn ist fr keinen blen Mann bekannt, und
Sie Selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen. - Ihre Handlung werden Sie
fremden Hnden vertrauen mssen. Sie sind zu alt und mit andern Geschften zu
berhuft, um diese Hnde genug zu beobachten. - Ihre Frau wird ihren einzigen
Sohn - denken Sie Selbst, wie ungern! verlieren; wir Alle -
    Ach Thorheit! Thorheit! sagte der Alte, und zhlte fort.
    Wenn Sie's so ansehen - -
    Wie anders?
    Ich habe dann das Meinige gethan, und muss schweigen.
    Lieber, lieber Herr Sohn! - und er drehte sich zu einem ernsthaften Gesprch
herum, mit bei Seite gelegter Brille. - Ihre Grnde sind gut, sind vortrefflich;
aber fr wen? Fr meinen Sohn, oder fr mich? - Wenn ihn die Welt als keinen
blen Mann kennt; so hoff' ich sagen zu drfen: mich kennt sie als einen guten.
Auf wen wird also der meiste Vorwurf, der meiste Tadel fallen? - Wenn die
Handlung zu Grunde geht; wer ist's, der den Schaden trgt? der verliert? Ich,
der Greis, der sein Gutes genossen hat und nun auf die Grube geht? oder Er, der
Jngling, der erst geniessen soll, und - so gerne geniessen mag? - Mit dieser
einzigen, ihm ganz zufllig entfahrenen Sptterei, war der Alte auf einmal
wieder in voller Laune, - Was? was? fuhr er mit einer Art von komischem Unwillen
fort: ein Mensch, der nicht das Herz hat, bei einer Frau zu schlafen; der htte
Herz, dass er davon ginge? dass er sich auf seine eigene Hand setzte? dass er
hier Alles im Stiche liesse? - Ach Thorheit! Thorheit!

                                     VIII.


Madam Stark, die schon einige Zeit auf ihrem Posten gestanden hatte, glaubte
jetzt eine unglckliche Wendung des Gesprchs zu bemerken, und kam herein. Das
Mutterherz war ihr bergetreten, und sie hielt das Tuch vor die Augen.
    Bist du da, lieber Vater?
    Auch die? sagte der Alte in sich, und sah nun im Geist, mit voller
berzeugung auch schon die Tochter kommen. - Ja, wie du siehst, liebe Mutter. -
Er stand auf, und ging ihr freundlich entgegen.
    Diese Freundlichkeit beunruhigte Madam Stark; sie htte, nach dem Antrage
des Doctors, ihn weit lieber mrrisch und verdriesslich gefunden. - O ich sehe
schon, sagte sie, ich werde wieder einmal vergeblich bitten.
    Warum? Weil ich freundlich bin, meinst du? - Ich frcht' es beinahe auch,
weil du weinst. - So ein vierzig Jahre mit einander leben, macht doch sehr mit
einander bekannt. - Wenn du dein Recht fhlst, weiss ich, da kmmst du so
zuversichtlich, so freudig, und ich bleibe dann in meiner gleichmthigen Ruhe;
aber wenn du dein Unrecht fhlst, da beweinst du den schlechten Erfolg den du
voraussiehst, und ich bin dann fein freundlich, um dich zu trsten. - Nur gleich
die Probe zu machen: Was giebts?
    Dein Sohn will von dir - fuhr sie mit grosser Wehmuth heraus.
    Wenn er will; - - du weisst, er ist kein Jngling mehr; er ist Mann.
    Freilich! Freilich! Und eben darum - -
    Richtig! - Eben darum muss er wissen, was er zu thun hat.
    Aber ihn verlieren zu sollen! -
    Das ist nicht anders. Shne gehn in die Welt.
    Wenn du nur mit ihm reden, nur ein einziges mal mit ihm freundlich seyn, ihm
dein Wort geben wolltest - -
    Wie? - wie? - Nun da sieh einmal, Mutter! Sieh, wie Recht du hast, dass du
weinst! - Ich mein Wort geben? ihm? Und worber? - Der junge Mensch, seh' ich,
wird mir fein aufstzig, fein trotzig; es verdreusst ihn, einen so wachsamen
Beobachter, einen so beschwerlichen Erinn'rer zu haben; er mgte gar zu gern den
Mund gestopft wissen, aus dem er so unangenehme Wahrheiten hrt; er macht da
Plnchen, mich in Furcht zu setzen, in Respect zu erhalten; er mgte mir - wie
heisst doch die Redensart? - er mgte mir Brillen verkaufen. Eben jetzt hat er
da eine fertig, wovon er glaubt, dass sie mir unvergleichlich stehen msste; und
da kmmst du nun, und bittest mit heissen Thrnen, dass ich die Nase hinhalten
soll, um sie mir aufsetzen zu lassen. - Sage: ist das recht, Mutter? Ist das
vernnftig?
    Sie hren! sagte die Alte, und streckte die Hand mit dem Tuche gegen den
Doctor. - So hat er es immer mit mir getrieben! Das gelt ich bei ihm! Das bin
ich ihm werth! - So hab' ich mich von jeher mssen verchtlich machen und
misshandeln lassen.
    Herr Stark bat, dass sie schweigen mgte: denn das Jammern sei ihm in der
Seele zuwider, und Unvernunft hr' er nicht gerne; aber er bat umsonst, und er
htte selbst knnen schweigen. Endlich besann er sich, dass er ja auf dem einen
Ohre taub sei, und dass er ber das andre nur den Stutz ziehen drfe: was er
denn unverzglich that, und sich gemchlich wieder an seine Arbeit setzte.

                                      IX.


Wo sind sie denn? rief die Doctorinn, indem sie den Kopf zwischen die Thrflgel
steckte. - Ei sieh! Alle hier bei dem Vater? - Guten Morgen! guten Morgen!
    Schon so frhe? sagte der Alte. Vor Tische?
    Ich hatte einzukaufen, musste vorbei. Husch flog ich herein, um meinem
Vterchen einen guten Morgen zu sagen. Denn ich weiss, er sieht mich so gerne.
Nicht wahr?
    Als ob das noch Fragens brauchte!
    Wenn ich nicht so ganz zufllig kme, so htte mich eins von den Kleinen
begleitet; das, was am artigsten oder am fleissigsten gewesen wre. - Ich ksse
Ihnen in Aller Namen die Hand.
    Danke. Danke. - Er sah sie bedenklich, aber nicht ungtig an. - Du thust ja
heut ausserordentlich freundlich?
    Ich thte nur so? Ich bin's.
    Und hast hier noch niemand gesehen? - Deinen Mann nicht?
    Den wohl. Am Theetisch.
    Deine Mutter noch nicht? - Sie log mit einem Kopfschtteln, um nicht mit
einem ausdrcklichen Nein zu lgen. - Dann ist's aber nicht artig, ihr nicht die
Hand zu kssen.
    Ach verzeihn Sie! sagte die Tochter, und ksste ihr, seitwrts lachend, die
Hand.
    Deinen Bruder wohl noch vielweniger? -
    Gesehn; aber kein Wrtchen mit ihm gesprochen. Er lief mir da mit einem
Gesichte vorbei, mit einem Gesichte! - Huy, dacht' ich, was kmmern mich deine
Gesichter? Lauf immer! - Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch. Denn
Sie wissen wohl: ich bin ganz Ihre Tochter.
    Bist du? sagte der Alte, und lachte mit innigem Wohlbehagen.
    Immer munter, immer frhlich und guter Dinge. Wer's nicht mit mir ist, mag
seine Launen fr sich behalten. Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe, so
geschieht es nur, um ihn auszulachen. Da, der Herr - indem sie mit dem Finger
auf den Doctor wies - hat die Erfahrung.
    Nrrisches Weib! sagte dieser. Hab' ich denn Launen?
    O, du hast! hast! du bist Mann. - Aber doch wirklich, mein lieber Vater;
nahe geht's mir, dass ich den Bruder immer so unlustig sehe. Ich wollte von
ganzem Herzen, er wre glcklich. - Ich meiner Seits, wenn ich dazu helfen
knnte - ich thte Alles.
    Doch? Thtest du Alles? - Jaja! - Er war aufgestanden, und packte die Beutel
zusammen.
    Wollen Sie denn fort, lieber Vater?
    Ich bin fertig. -
    Aber Sie knnten doch noch immer ein wenig bleiben.
    Wozu? - Er gab ihr einen scharfen, bedeutenden Seitenblick, und drohte ihr
mit dem Finger. - Weib! Weib! du hast mit deinem Mann gesprochen, hast mit
deiner Mutter gesprochen, hast mit deinem Bruder gesprochen.
    Sie meinen: heut? hier im Hause? - Nein wahrlich! Mit Mann und mit Bruder
kein Wort.
    Also doch mit der Mutter!
    Nun? Wre denn das nicht recht?
    Gar sehr. - Aber da kmmst du nun mit eben der Bitte, wie sie; nur anders
eingekleidet, versteht sich. Was sie tragisch gesagt hat, das willst du komisch
sagen. - - Geh! geh! Mit denen da ward ich fertig; aber mit dir - -
    Da getraun Sie Sich nicht?
    Aus Ursache. - Denn sieh! wenn du bittest, da bitten gleich alle deine
Kinderchen mit; und das mgte mir denn zu viel werden. - Geh!
    O, nun - nun kommen Sie mir gewiss nicht von dannen. Oder wenn Sie gehn,
lauf ich nach. - Gutes, liebes, bestes Vterchen - -
    Schmeichlerinn!
    Schmeichlerinn? - Das bin ich nur dann, wenn Sie Sich nicht erbitten lassen.
    Nun, was willst du? Nimm Alles! - Er hielt ihr beide Geldbeutel hin.
    Nicht doch! Geben sollen Sie nichts. Keinen Heller.
    Aber eine Thorheit begehn, fr die ich hinterdrein, um sie nicht begangen zu
haben, das Zwiefache, Dreifache gbe.
    Thorheit, sagen Sie? Lieber Gott! - Als ob's Thorheit wre, einmal recht
gtig, recht liebreich zu seyn! - Sie sind das gegen mich; sind's so sehr: seyn
Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder! - Um meinetwillen! Denn Sie helfen
mir da von der unangenehmsten Empfindung, die ich nur kenne. - Er beneidet mich
- ich habe das mehrmalen bemerkt; - er hat allerhand kleinen Argwohn, dass ich
Ihrer wohlthtigen Zrtlichkeit missbrauche: und fast - wenn man bloss nach dem
Scheine geht - hat er Ursache dazu. Denn sagt er nicht eben so gut Vater, als
ich, und geniesst doch so viel weniger Liebe?
    Er von der Mutter, und du vom Vater. So ist's in der Ordnung.
    Nein, ich bitte; bitte, so sehr ich kann: Machen Sie, dass er bleibt! dass
er nicht fortgeht!
    Kann ich ihn halten?
    Mit einem einzigen guten Worte.
    Hm! - Das, meinst du, soll der Vater dem Kinde geben!
    Gut heisst freundlich, nicht bittend. - Wahrlich, er hat Gefhl, er ist
dankbar. Er wartet nur auf die erste Erffnung des vterlichen Herzens, und Sie
haben den besten Sohn von der Welt. - Wenn er nun glauben msste, dass ich seine
Entfernung zu seinem Schaden nutzte? dass ich Ihnen fr mich und meine Kleinen
abschmeichelte, worauf wir zwar Alle kein Recht haben, was aber doch ihm eben so
gut zukommen wrde, als mir? - Sie wissen, dass das nicht ist, und dass ich dazu
ganz unfhig bin; aber er wrd' es doch glauben: er wrd' es ganz sicher
glauben; und meine Empfindung dabei - - Sie hatte Thrnen im Auge.
    Diese Beweise von Zartgefhl, Schwesterliebe, und Uneigenntzigkeit, deren
Wahrheit ausser Verdacht war, freuten den Alten innigst, und er sah sie mit
grosser Zrtlichkeit an. Er glaubte, nicht bloss sein Fleisch und sein Blut,
sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden.
    Liebes, gutes, bestes Vterchen, fuhr sie fort, und nahm Alles zusammen, was
sie im Tone Ssses und in der Miene Liebkosendes hatte - alle meine Kinderchen
bitten mit. Knnten Sie's abschlagen?
    Je nun, sagte der Alte, und fuhr sich mit den Fingern ein paar mal ber die
grauen, etwas nass gewordenen Augenwimper - dran werd' ich schon mssen. Ich
will mit ihm reden.
    Gewiss? gewiss?
    Ja doch! - So freundlich, wie noch jemal in meinem Leben.
    Und bald?
    So bald sich's thun lsst. In diesen Tagen.
    Ein Mann, ein Wort? Schlagen wir ein?
    Da! - so freundlich, wie noch jemal in meinem Leben.
    Sie lcheln aber so in Sich. Worber?
    Ach - ber mich selbst. - Lass das gut seyn! - Er hatte schon ungefhr die
Art, wie er sich nehmen msste, im Kopfe, und lchelte fort bis zur Thre.
    Armer Mann! sagte er noch, im Vorbeigehen, zum Doctor: Sie sind gewaltig
betrogen. Sie forderten von mir eine Frau, und ich habe Ihnen eine Schlange
gegeben.

                                       X.


Nun? triumphirte die Doctorinn, als der Vater hinaus war: hatt' ich nicht Recht,
liebe Mutter? War's des Schreckens und des Aufhebens werth? - So ein kleiner
Zwist in einer Familie gemahnt mich, wie ein Feuer in einer Brandmauer. Das
brennt schon aus, ohne Lrmschlagen.
    Und du glaubst dich am Ende? sagte der Doctor.
    Vllig. Vllig. Der Vater hlt Wort.
    Er msste erst mehr versprochen haben. - Aber gesetzt auch, dass du zu
deinem Zweck kmmst, und dass der Bruder fr diesmal bleibt - -
    Fr diesmal? Warum denn nicht immer?
    Wird er von seinen Schwachheiten lassen? Wird der Vater von seinem Eigensinn
lassen?
    Niemal! niemal! seufzte die Mutter.
    Schwerlich! stimmte die Tochter mit ein.
    Und also! Was sind wir weiter gekommen? - Wir wollten die inneren Ursachen
der Uneinigkeit heben, wollten die Quellen des bels verstopfen; und da uns nun
das nicht gelang - da stellen wir uns hin, und pinseln und pflastern an einem
Geschwrchen, das, wenn wir es heute heilen, morgen wieder aufbrechen wird. -
Das ist falsche Heilart, fuhr er mit Kopfschtteln fort, wovon ich bei Zeiten
zurcktrete, und sie dir allein berlasse.
    Klug! klug und gelehrt! sagte die Frau. - Aber auch Pfuscherarbeit wird
manchmal gute Arbeit. Lass mich nur machen! Wie aber, wenn du ein Meisterstck
machen knntest?
    Ein Meisterstck? - Nun?
    Er ging mit einem Blick voll Missmuths umher, und rieb sich die Stirne. -
Ach, es ist nicht zu machen. Es ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. -
Heiraten, heiraten msste der Bruder. Ein kluges, sittsames, zrtliches Weib
msst' er nehmen.
    So eins, wie du hast. Nicht wahr? - Sie sah ihm freundlichlchelnd unter die
Augen.
    Nun ja! Und wenn auch nur so eins - -
    Boshafter! -
    Er bot ihr liebreich die Hand, und zog sie in seine Arme. - So ein Weib
wrd' ihn zu Hause bei seinen Geschften halten: denn zu Hause wre ja sie; es
wrd' ihm alle die Vergngungen, denen er jetzt nachluft, verleiden: denn bei
ihr fnd' er ja bessre; es wrd' ihn von den kleinen Thorheiten des Putzes und
der Modesucht abziehn: denn man putzt sich ja nicht fr die Seinigen, nur fr
die Welt. -
    Er fand den grssten Beifall mit dieser Rede. Die Frau liebkoste ihm, und
die Schwiegermutter ertheilte ihm Lobsprche.
    Alle Quellen des Missvergngens wren dann auf einmal verstopft. Der Vater
und wir alle wren zufrieden. - Ja, wenn es mglich wre, fuhr er mit einer Art
von Begeisterung fort, indem er lebhafter umherging - wenn es mglich wre, dass
er die Witwe - die gute Witwe - -
    Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan, und brachten ihm ihre Gesichter
so nahe, dass er erschrack und zurcktrat. - Was ist denn? Was hab' ich gesagt?
fing er an.
    Die Witwe! riefen sie beide aus Einem Munde. - Sprachen Sie nicht von einer
Witwe, Herr Sohn? - Erwhntest du nicht einer Witwe, mein Bester? - -
    Der Doctor war unzufrieden, dass er sich mit seinem Geheimniss so bloss
gegeben, und versuchte sein Mglichstes, um es noch festzuhalten. Er war
durchaus nicht zu bewegen, dass er es im Ganzen htte herausgeben sollen.
Indessen riss, durch das ewige Fragen, bald die Frau, und bald die
Schwiegermutter, ein Stck davon ab; und so bekamen sie endlich so viel davon in
die Hnde, dass er nicht absah, warum er den unbedeutenden Rest nicht noch
freiwillig dazu geben sollte. berdies hatte man ihm das heiligste
Stillschweigen gelobt, und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht
instndig darum gebeten. -
    Jetzt, da die Frauenzimmer ihr Geheimniss zu besichtigen anfingen, fand
sich, dass sie sehr wenig daran erbeutet hatten. - Die Witwe hatte Kinder - war
ohne Vermgen - war nicht mehr jung: - ihr vier oder fnf und zwanzigstes Jahr
mogte sie immer schon zurckgelegt haben; - der Liebhaber schien noch gar nicht
entschieden; - der Vater hatte Vorurtheile gegen die Frau; - ihn von
Vorurtheilen zurckzubringen, war immer sehr schwer, fast unmglich: - alle
diese Umstnde liessen von der Liebe des Sohns, wie aufrichtig und zrtlich sie
brigens seyn mogte, keine Heirat, und noch weniger von so einer Heirat eine
feste Grundlage fr die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen. Man war also
wieder in gleicher Verlegenheit, als zuvor.
    Indessen trstete sich die Doctorinn mit dem Gemeinspruche: dass der Mensch
nicht zu weit vorausdenken, und wenn nur seine nchste Aussicht nicht trbe und
gewitterhaft sei, sich beruhigen msse. Voller Friede, meinte sie, sei wohl
freilich das Beste; aber auch Waffenstillstand - und diesen wenigstens glaubte
sie fr die Familie bewirkt zu haben - sei schon nicht zu verachten.

                                      XI.


Abends bei Tisch erlitt der Muth der Frau Doctorinn, durch einen einzigen Blick
des Alten, einen gar unsanften Stoss. Es war Donnerstag, wo, nach der Regel, das
ganze Herbstische Haus, bis auf das kleinste Enkelchen herunter, bei dem Alten
versammelt, und dieser dann gemeiniglich sehr vergngt und beredt war. Eins der
ersten Gesprche pflegte von denjenigen Kranken des Doctors zu seyn, die der
Alte, wenn auch nur von Ansehen, kannte, und an denen er, theils dieser
Bekanntschaft wegen, theils weil sie Kunden seines Schwiegersohnes waren, viel
Theil nahm.
    Diesmal fragte er besonders nach einem gewissen Herrn Heil, einem Manne von
mittlern Jahren, der eine starke Familie hatte.
    Ach, der! sagte der Doctor: der ist schon vllig ausser Gefahr.
    Doch? Das ist mir eine sehr liebe Nachricht! - Der Mann hat viel Unglck
gehabt, und es kann nur sehr wenig Vermgen da seyn: was wr' aus den vielen
lieben Kindern geworden? - Es ist brigens ein so rechtlicher, ein so
stattlicher Mann: er hat mir Tag und Nacht in Gedanken gelegen. - Aber - wenn
ich nicht irre, so sagten Sie ja nur noch vorgestern: er sei der Schlimmste von
Ihren Kranken; es sei Ihnen ganz bange um ihn?
    Da stand's auch mit ihm soso. Er lag da eben in einer Krisis.
    Was heisst das? - Krisis! - Das Wort, deucht mir, hab' ich schon fter
gehrt.
    Das Wort ist griechisch, mein lieber Vater.
    Ei meinetwegen arabisch! Ich mgte den Sinn davon wissen. - Ihr Herrn nennt
immer Alles mit fremden Namen; wozu das? - Eine deutsche Krankheit wird doch
keine griechischen Zuflle haben?
    Aber Zuflle, die sich zu deutsch nicht so kurz wollen sagen lassen. -
Krisis nennt man bei hitzigen Fiebern die letzte, strkste Anstrengung der
Natur, der Krankheit durch irgend eine hinreichende Ausleerung gekochter
Krankheitsmaterie ein Ende zu machen.
    Gekochter Krankheitsmaterie! wiederholte der Alte langsam, und wiegte mit
dem Kopf vor sich hin. - Das ist nun deutsch: in der That!
    Deutsch, wie Griechisch. Nicht wahr?
    Beinahe. -
    Ich will mich nher erklren. Gekocht nennen wir eine Krankheitsmaterie,
wenn sie sich von den gesunden Sften, denen sie beigemischt war, schon so
abgesondert hat, dass der Krper sich ihrer entschtten, oder wo nicht vllig
entschtten, sie doch nach aussen hin absetzen kann. - Hat die Natur zu dieser
Wirkung noch Kraft, so genest der Kranke; hat sie keine, so stirbt er. - So
lange nun dieses glckliche oder unglckliche Bestreben der Natur fortdauert,
sagt man von einem Kranken: er sei in der Krisis.
    Ja nun - nun wird's helle, Herr Sohn; nun versteh' ich. - Und so kann man
denn auch in einer Krisis, wo es sich mit der Krankheit bessert, so herzlich
krank seyn?
    Nicht anders. - Whrend der ganzen Zeit, da die Materie gekocht, und dadurch
die Krisis vorbereitet wird - Sie verstehn mich nun schon - -
    Vollkommen.
    Whrend dieser ganzen Zeit ist die Krankheit im Wachsen, im Zunehmen; und
kurz vor der Krisis, oder vor dem glcklichen Auswurf der Unreinigkeiten,
pflegen heftige, drohende Bewegungen zu entstehen, die das bel auf seinen
hchsten Grad treiben, und die man fglich einen kritischen Tumult nennen kann.
    Bewahre Gott! rief der Alte, der einst einen Tumult erlebt hatte, und vor
dem Worte erschrack.
    Nicht doch! - Helfe Gott! muss man sprechen.
    Was? Helfe Gott! zu einem Tumulte? - Doch freilich; wenn's mit dem Bewahren
zu spt ist, da hat man schon Recht, dass man um's Helfen bittet. - Und die
Hlfe kmmt denn wohl durch den Doctor; nicht wahr?
    Der kann dabei wenig, sehr wenig. Das Meiste und das Beste muss die Natur
thun.
    So! - Aber der Doctor nimmt doch sein Geld; und da, dcht ich, wr's denn
auch Pflicht, dass er zur Hand wre, und mit Allem, was er von Pulvern und
Mixturen nur auftreiben knnte, wacker in den Tumult hineinwrfe, um desto eher
Frieden zu stiften.
    Die Anwesenden lachten - bis auf den Sohn, der in Gedanken vertieft sass -
und am meisten lachte der Doctor. - Sie wren mir ein trefflicher Arzt, lieber
Vater! Wissen Sie, dass Sie durch Ihre zu grosse Thtigkeit, die Krisis stren
und dadurch den Kranken in's Grab bringen knnten?
    Ei wie so? Das mgt' ich doch ungern. Der arme Heil!
    Eine gestrte Krisis zieht immer entweder schleunigen Tod, oder doch
gefhrliche, in der Folge tdtliche Versetzungen nach sich, die wir abermals mit
einem griechischen Worte Metastasen nennen.
    Genug! genug! sagte der Alte; kein Griechisch weiter! - Ich merke wohl, Ihr
Herrn macht's Euch bequem, deckt euren Kranken fein warm zu, und gebt mit
untergeschlagenen Armen Achtung, wo die Natur hinaus will.
    Viel besser ist's wirklich nicht. Ich gesteh' es Ihnen.
    Je nun - Wenn's so am sichersten oder am heilsamsten ist, ist's am besten. -
Er sass hier einen Augenblick nachdenkend, und spielte mit seinem Teller. - Lieb
ist mir's denn doch, dass ich bei der Gelegenhei dahinter gekommen, wie ein
kritischer Tumult muss behandelt werden. Ich htte da einen erzeinfltigen
Streich knnen machen.
    Wie so? fragte der Doctor.
    Ich htte mich knnen verfhren lassen, mitten in einer Krisis die Cur zu
versuchen.
    Sie? fragte der Doctor noch einmal.
    Der Alte schwieg; aber ein bedeutender, lchelnder Blick den er nicht sowohl
auf den Sohn, als nach der Seite hinwarf wo dieser sass, liess den drei
Verbndeten keinen Zweifel, dass er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes
ziele: nur, wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke, das blieb ein
Rthsel. Nach Tische rieth man und rieth; aber mit allem Rathen ward die Neugier
mehr gespannt als befriedigt. Endlich that die Doctorinn, die gewissermassen das
Orakel der Familie war, und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen
gewonnen hatte, den wirklich nicht blen Vorschlag, dass man sich fritzt den
Kopf nicht weiter zerbrechen, sondern die eigne Erklrung, die der Vater durch
sein Betragen geben wrde, ruhig abwarten solle: ein Vorschlag, den Mutter und
Mann hchlich billigten; denn dass diese Erklrung vllig befriedigend und
vllig zuverlssig seyn msste, sprang in die Augen.

                                      XII.


Herr Stark, der Sohn, war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf's Einpacken
fertig; er war nur noch unschlssig, wie er Abschied nehmen solle. Heimlich sich
aus dem vterlichen Hause wegzuschleichen, in welchem er kein anderes Andenken,
als an geleistete gute Dienste, zurckzulassen sich bewusst war, fiel ihm nicht
ein; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf, eh' er ginge, seinem
Vater fr die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zrtlich zu
danken. Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht, die dem Alten gleich sehr
die Festigkeit und Unabnderlichkeit seines Entschlusses, als die
rechtschaffnen, kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte, den er so
hartherzig aus seinem Hause stiesse. Die Ausdrcke, womit er besonders den
letzten Zweck zu erreichen hoffte, waren die gewhltesten, die er hatte finden
knnen; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Thrnen entflossen,
die insoferne wahre Freudenthrnen waren, als sie ihm fr unverkennbare Beweise
des vortrefflichsten Herzens galten. Indessen ward, schon bei dieser
Vorbereitung, dem jungen Manne immer bnger und ngstlicher, je lebhafter in
seiner Einbildung die Zge des ehrwrdigen vterlichen Gesichts hervortraten;
und als er sich endlich zusammennahm, um wirklich sein Wort an den Mann zu
bringen, so gerieth dies so usserst bel, dass der Alte keinen geringen Schreck
davon hatte.
    Die ersten Worte der Anrede: Mein lieber - kamen so ziemlich heraus, und
ein Mann von etwas schrferm Gehr, als Herr Stark, mgte sie haben verstehen
knnen; dann aber gerieth der Redner pltzlich in so ein Stottern, Zittern und
Erblassen, dass der Alte, der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen
Verdacht hatte, mit grosser Bengstigung auffuhr, dem Sohne krftigst unter die
Arme griff, und durch sein Rufen um Hlfe das ganze Haus auf die Beine brachte.
Das eigne Zittern, das bei dieser Gelegenheit den Alten befiel, die Eile und
Sorgfalt, womit er selbst einige dienliche Arzeneien, mit Allem was zum
Einnehmen nthig war, herbeischaffte, und die unablssigen liebreichen Fragen:
wie dem Sohne jetzt sei? und wie der Zufall ihn angewandelt? machten es diesem,
der nicht wenig dadurch gerhrt ward, unmglich, von dem eigentlichen Grunde der
Sache nur Ein Wort zu erwhnen. Lieber besttigte er den Alten in der
Voraussetzung, dass eine Lieblingsspeise, wovon des Mittags zu reichlich
genossen worden, an dem ganzen, brigens unbedeutenden, Zufalle Schuld sei, und
liess sich eine lange, nachdrckliche Ermahnungsrede gefallen, deren Inhalt das
Lob der Mssigkeit war.
    Da er wohl sah, dass es mit dem mndlichen Vortrage durchaus nicht gehen
wrde, so entschloss er sich nun zu schreiben, und eh' er in den Wagen stiege,
den Brief an Monsieur Schlicht, einen alten invaliden Handlungsdiener, zu geben;
der, nach geschwchtem Gesicht und Gedchtniss, in dem Hause des Herrn Stark
eine Art von Haushofmeister vorstellte, sich zu allerhand kleinen Geschften
willigst gebrauchen liess, und, trotz seines wunderlichen Wesens, das Vertrauen
der Eltern, aber noch mehr der Kinder, in hohem Grade besass. -
    Ein andrer peinlicher Abschied, den Herr Stark unmglich anders als
persnlich nehmen konnte, weil ein schriftlicher nach dem bisherigen engen
Verhltniss, allzukalt wrde geschienen haben, war der von der Witwe.
    Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage. Ein
harter, ungestmer Glubiger, der an das Lykische Haus eine zwar nur
unbetrchtliche Forderung hatte, bestand durchaus auf Befriedigung; aber die
Casse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet, um auch noch diese leisten
zu knnen. Die Witwe wusste, dass, wenn alle aussenstehenden sichern Schulden
eingegangen und dadurch die fremden Forderungen vllig getilgt wren, ihr nur
wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen brig bliebe; sie wusste,
dass auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen, und zu dem Elende der
Armuth noch die Schande eines ffentlichen Bruchs hinzukommen wrde, wenn das
Beispiel von nur Einem Glubiger alle brigen ermunterte, ohne Zeitverlust auf
sie einzubrechen. Der natrlichste Weg, aus dieser Verlegenheit herauszukommen,
war der, sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein
Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden; auch konnt' es kein Hinderniss
fr sie seyn, dass die Entdeckung ihrer Noth in der That nur eine versteckte
Bitte um thtigen Beistand war: denn niemand wusste so gut als Herr Stark, dass
bei den Vorschssen, die er ihr etwa machen knne, nichts zu verlieren stehe.
Sie setzte sich also nieder, ihn um seinen, freundschaftlichen Rath zu ersuchen;
allein sie brachte kein Wort aufs Papier: ein noch nie gefhlter,
unberwindlicher Widerwille zwang sie, von ihrem Schreibtische wieder
aufzustehen. So ging es ein, so ging es mehrere Male.
    Endlich fiel natrlicher Weise die Aufmerksamkeit der Witwe von ihrer
ussern auf ihre innere Lage; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines
Widerwillens, den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet
haben konnte, da er immer die Gte und die Geflligkeit selbst gewesen. Sollte
sie die Schuld etwa bloss in ihrer Bescheidenheit, in dem Gefhle suchen, dass
es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heisse, wenn man so
leichtsinnig bereit sei immer neue zu fordern? Ihr innres bess'res Bewusstseyn
berzeugte sie, nicht zwar von der Falschheit, aber doch von der
Unzulnglichkeit dieser Erklrung. Sie ward endlich zu einem Gestndniss
genthigt, welches ihr, so einsam sie war, vor Scham das Blut in die Wangen
jagte; zu dem leisen, unwillkommnen Gestndniss: dass sie ihren Freund mit etwas
zrtlichem, als bloss freundschaftlichen Augen betrachte, und dass sie nur
darum, weil sie ihn liebe, ihm so ungern in ihrer Blsse erscheine. Ihre nach
Entschuldigung umhersphende Selbstliebe fand indess den Grund dieser
Leidenschaft - die sie zwar aufs usserste bekmpfen zu mssen einsah - nicht
allein verzeihlich, sondern selbst lobenswrdig: dankbare Empfindungen, und mehr
noch fr die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung, als fr alle ihr
selbst erzeigte grosse, nie zu vergeltende Geflligkeiten, hatten ein Herz
verstrickt, das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Rckhalt
hingegeben hatte.
    Diese nur eben geendigte Selbstprfung gab der Miene der Witwe, als Herr
Stark hereintrat, eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit, ihrem Tone eine
Sanftheit und Weichheit, wo durch sie einem Manne, der ihr ohnehin schon so sehr
ergeben war, usserst reizend erscheinen musste. Er forschte nach der Ursache
ihres krnklichen Aussehens und ihrer Blsse; sie schlug voll Verwirrung die
Augen nieder: - Er bat, wenn sie irgend einen geheimen Kummer nhre, sich ihm
mitzutheilen, und seine Dienste, falls er ihr ntzlich seyn knne, nicht zu
verschmhen; sie dankte ihm mit inniger Rhrung, aber ohne den Muth zu haben,
mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen: - Er gestand ihr die
Absicht worin er komme, und dass er nichr lange mehr so glcklich seyn werde,
ihr seine Dienste persnlich anzutragen; sie war sichtbar erschrocken, forschte
nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses, bat ihn, wenn es irgend
mglich sei, davon abzustehen, und klagte, da ihr Bitten vergeblich war, mit
nassen Augen ihr Schicksal an, das sie, nach so mancherlei harten Prfungen, nun
auch ihres besten, ihres einzigen Freundes beraube. - Ohne Zweifel hatte das
unglckliche Verhltniss mit ihrem Glubiger, aus welchem sie nun durch Herrn
Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte, oder doch, bei seinen jetzt
eintretenden eignen Bedrfnissen, auch nur von fern darauf anzutragen nicht die
Dreistigkeit hatte, den grssten Antheil an ihrer Wehmuth; Herr Stark indessen,
der von jenem Verhltniss nicht im mindesten unterrichtet war, konnte unmglich
anders, als ihre Rhrung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit, ihrer
zrtlichen Freundschaft setzen: und durch diesen Irrthum stieg seine eigene
Rhrung zu einem so hohen Grade, dass er, nach mehrern fruchtlosen Versuchen ein
Lebewohl hervorzustammeln, und nach nur Einem, aber desto heissern, Kusse auf
ihre Hand, sich eiligst von ihr losreissen musste.
    Er segnete, indem er auf die Strasse hinaustrat, die schon eingebrochne
Dunkelheit, die es ihm erlaubte, unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen. Dann
erlauschte er vor dem vterlichen Hause den Augenblick, wo er ungesehen in sein
Schlafzimmer entschlpfen konnte, warf sich, nur halb entkleidet, aufs Bette,
und erleichterte sein gepresstes Herz durch Seufzer und Thrnen. Er ward von
mancherlei zrtlichen Wnschen, von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen
bestrmt; aber endlich gelang es ihm, durch die Rckerinnerung an seine
ausgestandenen Leiden, sie alle von sich zurckzuweisen, und dadurch eine
Seelenstrke und Entschlossenheit an den Tag zu legen, wie er sie, nach der
sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters, in sich selbst kaum gesucht
hatte. Er sprang auf, zog noch diesen Abend den Reisecoffer aus seiner Kammer,
ffnete Kasten und Schrnke, und belegte alle Sthle mit Wsche und
Kleidungsstcken, um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu
haben.
    Nein! sagte er, whrend dieser Arbeit, zu sich selbst: wer nicht die Kraft
hat, sich fest und unwandelbar zu entschliessen, der bleibt, was er zu bleiben
werth ist: ein Sklave. - Ich habe angefangen; ich muss hindurch. - Mag es doch
mein Vater nun mit Andern versuchen! Mag er es doch erfahren, was fr ein
Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist! Mag er es doch erfahren,
und mich zurcksehnen so viel er will! Ich werd' ihm nicht kommen. - Hab' ich
denn sonst keine Pflichten zu erfllen, als nur gegen ihn? keine gegen mich
selbst? -

                                     XIII.


Lass Er's doch gut seyn! sagte der Alte zu Monsieur Schlicht, als ihm dieser in
voller Bestrzung die auf dem Zimmer des Sohns gemachte Entdeckung mittheilte,
und nicht fertig werden konnte, das Haus seines guten alten Wohlthters zu
bejammern, wenn es mit dem jungen Herrn seine erste und festeste Sttze
verlieren sollte. Er sah es in Gedanken schon von allen Seiten baufllig werden
und in Trmmer zerfallen.
    Hat nichts zu sagen! meinte der Alte, der sich hinsetzte, um fr seinen Sohn
einen offnen Wechsel zu schreiben.
    Nichts zu sagen! erwiederte Schlicht, und war unschlssig, ob er ber die
Gleichgltigkeit des Alten mehr erstaunen oder sich rgern sollte. - Nichts zu
sagen, Herr Stark? So erwgen Sie doch - -
    Dass dich! rief hier der Alte: - da muss ich nun den Wechsel, der beinahe
schon fertig war, wieder zerreissen, und einen andern anfangen. - Kann Er denn
keinen Augenblick schweigen? Ist Ihm denn das Plaudern so zur andern Natur
geworden? -
    Monsieur Schlicht hatte das Eigne, dass er die Wrter: Plaudern und
Schweigen, wenn sie mit Beziehung auf ihn selbst gesagt wurden, gar nicht hren
konnte, ohne misslaunig und stckisch zu werden. Er hatte, in jngern Jahren,
sich lange und viel in der Welt umhergetrieben; hatte, wie er immer zu rhmen
pflegte, seine Augen nie in die Tasche gesteckt: und wenn andre Leute sich
Einsichten und Erfahrungen gesammelt hatten, so hatt' er's wohl auch. Ein
solcher Mann, meinte er, msste Freiheit zu reden haben, oder es htte sie
niemand, und alle Welt msste schweigen.
    Er kehrte kurz um und wollte fort, als Herr Stark ihm ernstlich befahl, zu
warten, und ihn dann zu seinem Sohne zu begleiten, wenn sich etwa noch dieses
oder jenes zu veranstalten fnde. -
    Die brige Familie, die Monsieur Schlicht schon etwas frher, als den Vater,
von seiner Entdeckung benachrichtiget hatte, war eben in vollem fruchtlosen
Kampf mit dem Sohne, als Herr Stark, in Begleitung des alten Handlungsdieners,
hereintrat. Seine Erscheinung auf einem so abgelegenen Zimmer, das er gewiss
seit der Blatternkrankheit der Kinder mit keinem Fusse mehr betreten hatte,
setzte Alle in die grsste Erwartung, und den Sohn in eine sichtbare Verwirrung.
So gut es indessen in der Geschwindigkeit mglich war, raffte sich dieser
zusammen, um den Vorwrfen oder Vorstellungen des Vaters, und wenn er die
letztern auch noch so krftig mit dem vollen Beutel in seiner linken Hand
untersttzen sollte, nachdrcklich entgegenzuarbeiten. -
    Das sind viel Sachen, Monsieur Schlicht, sagte der Alte, indem er die Augen
auf die vollen Sthle umherwarf: und ich sehe hier nichts, als den einzigen
kleinen Coffer. Da gehn sie ja unmglich alle hinein.
    So bleiben sie heraus, murmelte Schlicht, ohne dass es der Alte hrte; warum
ist er nicht grsser?
    Wre denn sonst keiner da? Denn in diesen hier bringt Er ja kaum das Drittel
von allen den Kleidungsstcken. Das knnt Er, dcht' ich, mit halben Augen
sehen.
    Ach, ich - mit meinen Augen, Herr Stark - ich sehe nur mein Leiden an der
Geschichte.
    Warum denn aber? - Sei Er nicht wunderlich, Freund! Geb' er mir Auskunft!
    Der alte Mantelsack mag noch da seyn, den Sie vor etwa dreissig oder vierzig
Jahren auf Ihren Reisen brauchten. Er war ja schon damal in lauter Fetzen.
    Der Alte konnte sich kaum enthalten zu lachen. - Ich weiss nicht, wie Er mir
manchmal vorkmmt, Monsieur Schlicht. Solche feine und kostbare Kleidungsstcke
- denn Er sieht ja wohl, dass das eine Garderobe ist die fr keine tausend
Thaler geschafft worden - die will Er in den schmutzigen alten Mantelsack
schnren?
    Ich nicht. Ich will hier weder packen noch schnren.
    Noch einmal: Sei Er nicht wunderlich, Freund! Steck' Er Geld ein, und geh'
Er zu dem Manne gegen der Brse ber! Der hat Coffers, den ganzen Laden voll,
von allerhand Grsse und allerhand Art: da such' Er sich einen aus! - Zu hoch
und zu breit, denk' ich, wird Er ihn wohl nicht nehmen knnen; aber mit der
Lnge wird Er sich vorzusehn haben. - Am besten, Er geht vorher in den Schuppen,
und nimmt an meiner Chaise das Maass.
    An welcher Chaise? -
    Der Alte sah ihn einen Augenblick an, und schttelte mit dem Kopfe. - An der
zerbrochenen nun doch wohl nicht? denn von der ist ja nichts als der Kasten
brig.
    Nun, ich hre ja wohl! An der neuen, die Sie zur Reise von vorigem Sommer
kauften.
    Richtig! - Ich mache sie meinem Sohn zum Geschenk; denn mir steht sie da nur
im Wege: mit meinen Reisen ist's aus. Und, Monsieur Schlicht - dass Er mir das
ja nicht vergisst! - lass Er vorher erst recht nachsehen, ob auch noch Alles in
haltbarem Stande ist: Riemen und Eisenwerk, Rder und Achse. Nichts rgerlicher,
als wenn man unterwegs mit seinem Fuhrwerk in Krppeleien gerth! - Die Chaise,
fuhr er mit unwilligem, verweisenden Tone fort, hat mir da, den ganzen Sommer
hindurch, in der Trockniss gestanden. - Woran ich selbst nicht - denke, denkt
niemand.
    Ich wollte, sie wr' in tausend Trmmern, brummte Schlicht vor sich hin, und
verliess das Zimmer in einer noch weit blern Stimmung, als worin er's betreten
hatte. Sich Mangel an Aufmerksamkeit auf das Haus oder irgend etwas zum Hause
Gehriges, oder sonst unter seiner Aufsicht Befindliches, Schuld geben zu
lassen, war ihm ganz unertrglich. Ein getreuerer Aufseher, und ein besserer
konom, als Er, sollte auf Erden noch erst gefunden werden. - brigens liess er
es bleiben, zur Abreise des lieben jungen Herrn auf irgend einige Art zu helfen;
den Coffer fr ihn mogte ein Anderer schaffen.
    Der Alte sah mit einem trben, mitleidigen Lcheln hinter ihm her. - Wie
schwach einen doch manchmal das Alter macht! sagte er dann, mit einer Wendung
gegen den Doctor. Der gute, ehrliche Schlicht ist meinem Sohne so herzlich, so
herzlich ergeben, dass er ihn, vor lauter Ergebenheit, lieber hier wrde
umkommen, als auswrts sein grsstes Glck machen sehen. - Nein, Gottlob! da bin
ich festrer Natur. - Es ist freilich wohl angenehm, die lieben Seinigen immer um
sich zu haben; aber, wenn das einmal nicht seyn kann - -
    Und warum nicht? Warum kann das nicht seyn? fragte die Alte, die ihre
Bewegung nicht lnger bergen konnte. -
    Aus mehr als einer Ursache nicht, gute Mutter.
    Darf ich die hren? - Nur eine einzige, bitt' ich.
    Alle! - Es sind ja keine Geheimnisse.
    Nun? -
    Zuerst schon deswegen nicht: weil ich und er, wenn wir hier lnger
zusammenblieben, uns einander das bischen Leben nur schwer machen wrden.
    Das sei Gott geklagt! Und die Schuld? -
    Die ist mein. Das versteht sich. - Ferner deswegen nicht; weil ich so oft
ihm vorgeworfen, dass es ihm an Entschluss und Unternehmungsgeist fehle, und
weil es seltsam herauskommen wrde, wenn ich gerade beim ersten Beweise vom
Gegentheil - wie nun dieser auch immer seyn mag - ihm durch den Sinn fahren
wollte. Endlich und hauptschlich deswegen nicht: weil die Errichtung eines
neuen Handlungshauses und der dazu nthige Vorschuss ihn zu einer Thtigkeit
zwingen, ihn zu einer Sparsamkeit und Ordnung gewhnen werden, wie ich sie ihm
hier, mit allen meinem Predigen, nicht habe beibringen knnen. Ich hoffe, er
soll mir jetzt eine ganz andere Denkungsart annehmen; soll mir jetzt ganz so
werden, wie ich ihn immer wnschte.
    Und deine Handlung? fuhr die Alte mit etwas gesunkenem Tone fort: deine
Geschfte? -
    Die, Mutter, sind meine, nicht deine Sache. Wer sie so lange gut zu fhren
gewusst hat, wirds auch jetzt wohl noch wissen. - Denke du lieber an das, was
dir noch wird zu besorgen bleiben.
    Mir? - Und das ist?
    Du wirst ihn doch nicht so trocken abfertigen wollen? wirst ihm doch zu
guterletzt noch einen Abschiedsschmaus geben? - Ich hoffe, Sie kommen dazu auch,
lieber Doctor. Und du - indem er die Tochter ansah - und euer ganzer kleiner
Anhang, versteht sich. - Er lchelte mit seiner gewhnlichen Freundlichkeit
gegen sie hin. - Da wollen wir noch einmal recht von Herzen mit einander
vergngt seyn.
    Vergngt? Recht von Herzen? seufzte die Mutter. - Wirst du das knnen?
    Warum nicht? Was in der Welt soll mich hindern? - Der Ort, wohin er zieht,
liegt ja so nahe. Wir drfen nur auf die Post schicken und anspannen lassen,
wenn uns knftig einmal das Herz zu gross wird; wir drfen nur zu ihm fahren. -
Ja, wenn es zur See nach America, oder gar bis nach China ginge! oder gar bis
nach der Botanybay!
    Behte Gott! rief die Alte.
    Amen! Amen! Und nun keine Seufzer weiter! Es ist genug. - - Du hrst, fuhr
er dann fort, indem er sich mit gtigem Ernst gegen den Sohn herumwandte, dass
ich von deinen Absichten weiss, und dass ich sie, nach Lage der Umstnde, wie
diese nun einmal sind, eben nicht tadle. - Geh mit Gott, mein Sohn! Meinen Segen
zu deiner Reise! - An deine Stelle hier kann der erste Buchhalter treten,
Monsieur Burg; den kennst du selbst als einen gewandten, thtigen,
rechtschaffnen Mann: und ich, so alt ich bin, habe doch auch noch Krfte, um
arbeiten, und Augen, um nachsehen zu knnen. Fr meine Handlung also sorge nur
nicht; aber wie es mit deiner gehn wird? - Aller Anfang, sagt man, ist schwer;
und was du dir selbst, bei so mancherlei Nebenausgaben, erbriget haben kannst,
mag dich eben nicht drcken. - Da! indem er den ziemlich schweren Beutel, den er
bisher gegen die linke Hfte gesttzt hatte, auf den Tragkasten unter den
Spiegel setzte - eine kleine Erkenntlichkeit fr geleistete Dienste! Ich hob sie
dir immer auf, um eine Zeit damit abzuwarten, wo sie dir eben gelegen kme; und
diese, denk' ich, ist jetzt. - Aber, da es dir doch noch fehlen, und Dieser oder
Jener, wegen unsrer unvermutheten Trennung, bedenklich werden und dir sein
Zutrauen versagen mgte; so ist hier noch ein offner Wechsel, der hoffentlich
allen Bedrfnissen abhelfen und alles Misstrauen entfernen wird.
    Der Alte schwieg, und schien einen Augenblick auf die schuldige Danksagung
des Sohns zu warten; aber es erfolgte nichts, als eine steife, ungeschickte
Verbeugung. - Ich sehe wohl, sagte er dann, dass ich dir in einer Arbeit
gekommen bin, worin man sich eben darum so ungern stren lsst, weil man sie so
ungern anfngt. - Ich will dich jetzt lnger nicht aufhalten. Wenn du hier
fertig bist, sprechen wir einander schon weiter. -

                                      XIV.


Die Verbndeten sahen dem Alten, als er das Zimmer verliess, mit sehr
verschiednen Empfindungen nach. Die Mutter war voll rgers und Jammers, dass er
dem Sohne, den er sollte zu halten suchen, selbst das Fortgehen erleichterte;
die Tochter, voll Empfindlichkeit und Beschmung, dass sie mit dem guten Worte,
welches ihr versprochen und in gewisser Absicht freilich gehalten worden, so
schlau hinter das Licht gefhrt war; und der Doctor, voll stiller Bewunderung
des scharfen, richtigen Blicks, womit der Vater den Charakter seines Sohns
musste gewrdiget haben. So wie man diesen nur ansah, entdeckte man sogleich
sein ganzes Inners in seinem ussern. Das Licht der Augen, die bedeutunglos vor
sich hinstarrten, schien bis auf den letzten Funken verlscht; aus den
Gesichtsmuskeln war alle Festigkeit, alle Spannung verschwunden, und die Arme
hingen an beiden Seiten so schlaff und welk herunter wie die Zweige einer
Zitterespe.
    Erst, als Mutter und Schwester zu ihm hinantraten, um ihre Theilnahme an
seiner Entlassung zu bezeugen, kam auf einmal in die todte, seelenlose Gestalt
wieder Leben; er bat sie, mit abwrts gekehrtem Blick und hinter sich
ausgestreckter verwandter Hand, dass sie, wenn sie noch einige Zrtlichkeit fr
ihn hegten, ihn auf der Stelle verlassen mgten. Diese Bitte ward von dem
Doctor, der selbst voranging, mit Wink und Blick untersttzt; er urtheilte, dass
der Schwager noch ein wenig mehr beschmt als gekrnkt sei: und Scham, glaubte
er, sei eine Empfindung, bei der man berhaupt keine Zeugen, und am wenigsten
die mitleidigen, liebe. -
    Wirklich war die Art, wie sich der Alte benommen hatte, eben weil sie so
usserst nachgebend und sanft schien, fr die Eitelkeit des Sohns sehr
verwirrend. So wenig auch dieser die Absicht gehegt hatte, seinem Vater wehe zu
thun - denn dazu war er, wie wir aus der besten Quelle, nehmlich von ihm selbst,
wissen, viel zu gut und zu fromm -: so lag es doch leider! in der Natur der
Sache, dass der Alte fr so manche Krnkungen, die er erwiesen, jetzt an seinem
Theil eine empfinden musste; und da htt' es der Anstand nun wohl erfordert,
dass er sich diese Krnkung auch ein wenig htte merken lassen. So ohne die
mindeste Einwendung, und ohne eine Spur von Missmuth und Kummer, in den Abgang
des Sohnes einwilligen: das hiess von den Verdiensten desselben um die Handlung
sehr herabwrdigend denken, und gegen seine Unentbehrlichkeit, die doch so
vollgltig durch die Unruhe der Familie und durch das Schrecken des alten
Schlicht besttiget war, sehr beleidigende Zweifel ussern.
    Noch mehr musste es schmerzen, dass der Alte, durch sein Betragen, eine
heimlichgenhrte sichre Hoffnung des Sohns, die zwar dieser sich selbst noch
nicht bekannt hatte, geradehin fr eitel und thricht erklrte. Die
Unentbehrlichkeit des Sohnes einmal festgesetzt, liess es sich nehmlich
voraussehn, dass der Vater sich alle ersinnliche Mhe geben wrde, ihn zurck zu
halten: und da htte dann jener, nach seinem so vorzglich guten Charakter, sich
gewiss am Ende bewegen lassen, ber alles Vergangne einen Schleier zu werfen,
und auf gute vorteilhafte Bedingungen wieder an seinen alten Platz zu treten.
Jetzt, da sich einmal der Vater so ganz anders erklrt hatte, war bei seiner
strrischen Sinnesart nichts gewisser, als dass er sich in Ewigkeit nicht zum
Ziele legen, sondern, wenn Noth an Mann ginge, lieber seine Geschfte usserst
zusammenziehen, als das geringste gute Wort gegen den Sohn verlieren wrde. Und
so stand denn dieser mit seiner Wahl zwischen den zwei gleich unangenehmen
Entschlssen mitten inne: entweder Reue zu zeigen, und das Joch, das er hatte
abschtteln wollen, ganz geduldig wieder auf seinen Nacken zu nehmen; oder den
unglcklichen Vorsatz zur Abreise ins Werk zu setzen, ohne dass er davon die
beabsichtigten Vortheile htte. Er bereute es jetzt zu spt, dass er sich das
prophetische Herzklopfen bei dem versuchten Abschiede vom Vater nicht ein wenig
mehr hatte warnen lassen.
    Was ihm diese Unannehmlichkeiten noch weit peinlicher machte, war der
Umstand: dass seine Gesinnungen in Betreff der Witwe nicht mehr vllig die alten
waren. Von den Schwierigkeiten, die einer Verbindung mit ihr entgegenstanden,
hatten die meisten, durch das lngere und ftere Betrachten, wie das so oft zu
geschehen pflegt, an ihrer Wichtigkeit schon verloren; und vollends seit
gestern, wo sich die Witwe so usserst liebenswrdig gezeigt hatte, waren sie
fast gnzlich verschwunden. ber den Mangel an Vermgen konnte ein Mann, der
dessen selbst genug hatte, hinwegsehn; die Kinder, da sie Ebenbilder einer so
liebreizenden Mutter waren, schienen eher eine angenehme, als eine beschwerliche
Zugabe; und das Gerede einer albernen Menge, das ohnehin nie lange Dauer hat,
lsst kein Kluger sich irren. Es blieb also von allen Steinen des Anstosses nur
der grsste, der zu frchtende Widerspruch des Vaters, brig; und diesen
wegzurumen, war wohl schwerlich ein bessres Mittel, als dass man die Verbindung
mit Madam Lyk zum ersten und wesentlichsten Vergleichspuncte bei der gehofften
triumphirenden Wiederkehr machte. Statt also, wie es der anfngliche Wunsch des
Herrn Stark gewesen war, seiner Liebe aus dem Wege zu gehen, wollt' er jetzt
dieser Liebe vielmehr entgegeneilen; es war nichts als eine der
Selbsttuschungen, denen der junge Mann so sehr unterworfen war, wenn er sich am
vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft ber seine
Schwachheit Glck wnschte: denn gar nicht die Vernunft, sondern die
Schwachheit, hatte gesiegt, und in dem Entschluss zur Trennung hatte die
Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen. Seine vielen Thrnen hatte inm
weniger der Schmerz des Abschieds, als der heimliche Gedanke entlockt, dass sein
Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert seyn mgte; wenigstens,
wie es jetzt leider! am Tage lag, wre so ein Gedanke ganz nicht unvernnftig
gewesen. - -
    Der Doctor, der die Gemthslage des Herrn Stark, bis auf den Punct von der
Witwe, durch und durch sah, kam jetzt in der Absicht zurck, ihm mit seinem
guten Rathe zu dienen. - Es wandelte ihn einige Verachtung an, als er den
Schwager, in armselig zusammengekrmmter Gestalt, auf dem zugeworfnen Coffer
sitzend fand, wie er mit der einen Hand auf das Knie griff, und mit der andern
das schwere, sorgenvolle Haupt untersttzte. Er sah wohl, dass so einem Manne
sich der Rath unmglich geben liesse, den er sich selbst, unter hnlichen
Umstnden, in die er aber nie htte gerathen knnen, ganz gewiss gegeben htte;
nehmlich: einen Entwurf, mit dem es einmal so weit gediehen, trotz aller
Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen, als schimpflicher Weise davon
zurckzutreten. Fr den Schwager, glaubte er, sei nichts anders zu thun, als
dass er irgend eine ertrgliche Wendung ausspre, womit jener sich dem Vater,
ohne zu grosse Beschmung, wieder anbieten knnte; und diese Wendung schien ihm
durch die grossmthigen Geschenke des Vaters, gleichsam absichtlich,
vorbereitet. Es war natrlich, dass das Herz des Sohnes davon gerhrt werden
musste, und eben so natrlich, dass diese Rhrung das Verlangen erzeugte, einen
so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu drfen. Wenn man dann dem Alten
noch in dem Hauptpuncte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirat erklrte; so
liess sich erwarten, dass dieser mit Freuden einschlagen, and dass er dem Sohne
wohl gar seine Handlung, mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschfte, vllig
abtreten wrde.
    Herr Stark hrte diesen Entwurf, den ihm der Doctor mit aller mglichen
Feinheit und Schonung vortrug, zwar nicht ohne Scham, aber doch mit Gelassenheit
an; nur bei dem Worte Heirat Stiess er auf einmal einen so mchtigen, so tief
aus dem Herzen geschpften Seufzer aus, dass der Doctor sogleich einen neuen
Sorgenstein argwhnte, der hrter als alle brigen, drcken msse. Er liess
jetzt, im Fortgange der Rede, ein Wrtchen von Madam Lyk und ihrer
Liebenswrdigkeit fliessen; - die Wirkung davon bertraf alle Erwartung: Herr
Stark riss sich vom Coffer auf, floh in ein Fenster und entdeckte durch laute
Thrnen, wie weit es mit seinem Herzen schon msse gediehen seyn. Jetzt ward nun
guter Rath etwas theurer, und der Knoten verwickelte sich allzusehr, als dass
der Doctor ihn auf der Stelle zu lsen gewusst htte. - Um Zeit zu gewinnen,
fiel er auf das Mittel: dass er sich, als Bruder und Arzt, fr die Gesundheit
des Schwagers besorgt stellte, ihn um seine Hand bat, und in seinem Pulse
fieberhafte Bewegungen entdeckte. Herr Stark, als ob er schon sehnlich auf einen
Vorwand, seine Reise aufzuschieben, gewartet htte, ergriff dieses Wort des
Doctors mit vielem Eifer; er liess sogleich einen kleinen freiwilligen Frost
ber sich hinschaudern, setzte sich, wie ermattet, nieder, und versicherte, dass
er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspre. Der Doctor
verschrieb ihm nun Arzeneien, die weder helfen noch schaden konnten; und Herr
Stark fing an, eines Flussfieberchens wegen, worber die Familie sich nicht
sonderlich beunruhigen durfte, das Zimmer zu hten.

                                      XV.


Was giebst du mir, wenn ich dir eine Entdeckung mache? - sagte der Doctor, als
er zu seiner Frau zurckkam.
    Lass hren! - Vielleicht eine Gegenentdeckung.
    Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk. -
    Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder. -
    Ist's mglich? - Und nun erfolgte von beiden Seiten eine
Herzenserleichterung, die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit
gewrzt war. -
    Sie ist krank, sagte die Doctorinn, herzlich krank; ich habe die Freundinn
von ihr, die eben da war um dich zu ihr zu bitten, ber alle Umstnde befragt;
sie hat gestern Abend - und merke dir's wohl: weil eben der Bruder von ihr
gegangen - -
    Der Bruder? Da hat er Abschied genommen!
    Natrlich! - Sie hat, sagt mir die gute Freundinn, gar nicht aufhren knnen
zu weinen; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen; alle
Munterkeit, alle Esslust ist bei ihr fort; - dazu hat sie Krmpfe - die
schrecklichsten! -
    Krmpfe? Hm!
    Kurz: das arme Weib steckt in Liebe bis ber die Ohren. - Und nun bitt' ich
dich, Herzensmann: lass Essen und Alles seyn, und mach dass du hinkmmst, damit
wir das Nhere erfahren!
    Sie ist ohnehin nicht die strkste, sagte der Doctor, der ein wenig
unglubig schien; - sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig; -
sie hat ein dankbares Herz -
    Eben deswegen! Solche Herzen sind dir die brennbarsten; die fangen Feuer,
wie Zunder. - Der Bruder ist ein ganz artiger Mann. -
    Das wohl.
    Und ich kenne dir eine, die Anfangs auch nur dankbar war, weil ein Gewisser
- ein noch artigerer Mann - ihr von einem bsen Fieber geholfen hatte, und die
nachher - -
    Das verdiente einen Kuss, der gegeben ward, und der Doctor flog fort.
    Er fand die Witwe freilich nicht wohl; aber so krank denn doch nicht, als
die gute Freundinn, und dann weiter die Frau Doctorinn, es gemacht hatten. Sie
gestand, nach einigem Kampf mit sich selbst, dass der Hauptgrund ihres
belbefindens in einer Unruhe des Herzens liege. Der Doctor horchte mit beiden
Ohren: denn er glaubte schon den ausserordentlichen Fall vor sich zu haben, dass
ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudre; aber als
das Geheimniss an den Tag kam, war es weiter nichts, als ihr Verhltniss mit dem
gedachten Glubiger. Der Doctor war Hausarzt dieses Mannes, und hatte ihm und
seiner Familie grosse Dienste geleistet: die Witwe grndete hierauf die
Hoffnung, dass ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige
Wochen bewirken knnte; und sie beschwur ihn um dieses Wort, als um eine
Freundschaft, die ihre Genesung mehr, als alle Arzeneimittel, befrdern wrde.
Ihre Lage, sagte sie, sei die dringendste von der Welt, aber nichts weniger als
verzweifelt: sie sei im Stande, wenn man ihr Zeit lasse, alle ihre Schulden bis
auf den letzten Heller zu tilgen; und sie berufe sich deswegen auf das Zeugniss
seines Schwagers, des Herrn Stark - wenn er anders noch hier sei. -
    Das Eigne in der Modulation der Stimme, womit sie diese letzten Worte
aussprach, zusammengenommen mit einem kleinen belverhehlten Seufzer, und mit
dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen, schien dem
Doctor eine Indication zu geben, die er sich nicht drfe entschlpfen lassen.
    Ich bin zu Ihrem Befehl, sagte er, liebe Freundinn; aber ich bitte Sie zu
erwgen; dass die Summe die Sie mir angeben, von keinem Belang, und dass der
Mann mit dem wir zu thun haben, von rauher, unfreundlicher Art ist. So wenig ich
zweifle, meinen Antrag bei ihm durchzusetzen; so knnte er doch leicht sich
herausnehmen, bei dieser Gelegenheit Dinge zu sagen, die mir wehe thun wrden. -
Warum denn auch einen rauhen, beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen, wenn ein
gerader, gebahnter Weg offen da liegt?
    Welcher? seufzte die Witwe.
    Sie nannten vorhin einen Freund, dem jede Gelegenheit, Ihnen gefllig zu
werden, das grsste Vergngen erweckt. Ich brge Ihnen fr seine Gesinnungen
gegen Sie.
    Dieser Freund - -
    Gnnen Sie ihm doch das Glck, Madam, Ihnen dienen zu knnen!
    Das Glck? - Aber wenn's denn ein Glck ist; so gestehn Sie: er hat es nur
zu reichlich genossen. - Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten.
Ich kann sie ewig nicht tilgen. - Und will er jetzt nicht fort, dieser Freund?
Will er uns nicht verlassen? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung
haben? - Ihre Stimme schwankte, und sie schien in ausserordentlicher Bewegung.
    Es mangelt ihm nicht, Madam; ganz gewiss nicht! - Geben Sie ihm die Freude
mit auf den Weg, Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben! Lassen Sie mich hin, ihm es
vorzutragen! Es ist in wenig Augenblicken geschehen. - Er stand auf, und machte
Miene sich zu entfernen.
    Nein! Nein! - war Alles, was die Witwe hervorbringen konnte. Sie hatte die
Hand des Doctors, um ihn zurckzuhalten, mit einer ihr ungewhnlichen Hitze
ergriffen. Er fhlte das Brennen und Zittern der ihrigen, und bat sie, ihrer
schwachen Gesundheit zu schonen. - Ich rede dann, weil Sie's so wollen, mit
Ihrem Glubiger, und ich halte die Sache mit ihm fr so gut als berichtigt.
Werden Sie ruhiger, liebe Freundinn! - -
    Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug, um bei seiner Zuhausekunft
seiner Frau zu sagen, dass sie wohl schwerlich geirrt haben mgte. - Aber,
setzte er hinzu, wie in aller Welt soll das werden? Wo soll das hinaus?
    Du fragst? - Wenn sie wirklich so liebenswrdig und sanft und gut ist, wie
du sie mir immer gerhmt hast - -
    Das ist sie wahrlich! wahrlich!
    Nun so lsst man den dritten Mann kommen, den Priester. Der weiss Mittel fr
solche bel.
    Mir wr's recht; in der That! Ich nennte die gute Frau mit Vergngen
Schwester. - Aber ich gestehe dir: dass ich zittre, wenn ich an deinen Vater
denke.
    O, der wunderliche, alte - liebe, bse Mann der, der Vater! - Ich bin so
erbittert auf ihn; ich mgt' ihn gleich - - ja, was mgt' ich, ich Nrrinn? - -
Aber je lieber ich ihn habe, desto abscheulicher war's, mich so herumzufhren,
so zum Besten zu haben. - Ich vergess' ihm das nicht; nimmermehr! Ich spiel' ihm
irgend einen Gegenstreich, und einen recht argen. - Wart! Eben mit der Lyk muss
ich ihm einen spielen. - Wie? Soll denn darum, weil er sich gegen die arme Frau
eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat - -
    Und eine falsche. Denn nicht sie hatte Hang zur Verschwendung, sondern der
Mann.
    Nun ja! - Und soll denn darum die arme Frau ein so schnes Glck nicht
machen, das sich ihr anbeut? Soll darum der Bruder eine Leidenschaft aufgeben
mssen, die den schnsten, edelsten Grund von der Welt hat? - Da sitzt er nun in
seinem Kfig, der arme Narre! und hngt das Kpfchen. - - Hahahaha! Es ist doch
ein nrrisches Ding um's Verliebtseyn. - Aber Geduld nur! Geduld! Er soll mir
heraus, und soll mir ins Ehebette zur Lyk, oder ich will nicht das Leben haben.
    Du unternimmst da viel, sagte der Doctor. Wie willst du deinen Vater
gewinnen? - Was Zureden bei ihm vermag, hast du erfahren; und dass du mit List
ihn fangen solltest? - ich frchte, er geht dir in keine Falle.
    Gesteh nur: es ist doch ein kluger, ein ausserordentlich kluger Mann, mein
Vater.
    Der klgste, den ich in meinem Leben gekannt habe.
    Sieh in mir seine Tochter! - - Sie setzte ihren Zeigefinger auf die Brust,
und streckte ihre kleine Figur in die Hhe.
    Ah! - sagte der Doctor, der sich verbeugte, und ber ihr komisches Pathos
von Herzen lachte: alle Verehrung, Madam! Aber darf man denn dieses oder jenes
von Ihrem Plane voraus wissen?
    Sobald er da seyn wird: ja! - Weisst du indessen, was vor allen Dingen zu
thun ist, und was von Niemanden so gut gethan werden kann, als von dir? - Bring
dem Vater bessere Begriffe bei von dem Bruder! Erzhl' ihm sein Betragen gegen
den seligen Lyk! Ich bin versichert, das wird ihm gefallen, recht sehr gefallen.
- Auch das erzhl' ihm, wie edelmthig er sein Versprechen erfllt, und wie treu
er, ganze Monate lang, fr die Witwe gearbeitet hat. Solche Zge, weiss ich,
freuen den alten Mann in die Seele, und ein wildfremder Mensch, von dem er so
etwas hrt, wird auf der Stelle sein Blutsfreund. - Gewiss, er htte das schon
frher erfahren sollen.
    Und wrd' auch, so wie Ihr alle, wenn ich nicht dem Bruder htte mein Wort
geben mssen, zu schweigen. - Jetzt, sobald ich Gelegenheit dazu finde - -
    Willst du thun, was dein braves Weib dir aufgiebt. Nicht wahr?
    Schuldigermassen.
    Schn! - Und ich will Bekanntschaft mit unsrer Witwe machen; ehester Tage!
Ich hab' es mit der Freundinn von ihr schon eingeleitet. Ich bin ganz neugierig
auf sie. - Da sind auch die beiden Kleinen von ihr, die hier tglich vorbei in
die Schule mssen: ein paar Engel von Kindern! Morgen ruf' ich sie mir herein,
und da will ich sie herzen und lieb haben, als ob's meine eigenen wren.

                                      XVI.


Die Gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfllen, fand sich fr den Doctor gar
bald. - Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nchste mal zu ihm
hineintrat: wie stehts? - Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm
kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen.
    Anstalten, lieber Vater? Wozu?
    Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch
Fieber? - Ein ihn: eigenes flchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen
schien anzudeuten, dass er die Krankheit des Sohns eben nicht fr die
ernsthafteste halte.
    Es steht, wie es steht: sagte der Doctor, der diese Gelegenheit, fr den
Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten
Posttag abgefertiget hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der
Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wusste er, war das Herz des Alten fr
Eindrcke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen: denn die Gegenwart,
die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in
die Vergangenheit pflegte er immer mit grosser Gemthsruhe zurck, so wie in die
Zukunft mit froher Hoffnung vorwrts, zu blicken.
    Sie reden ja ganz bedenklich, erwiederte er dem Doctor. Es wird doch nichts
Schleichendes werden? - Da mgt' es mit der vorhabenden Reise noch langen
Anstand haben. - Er lchelte wieder.
    Bis jetzt ist es Flussfieber, sonst nichts. - Dass sich etwas Schlimmers
dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der
Flle.
    Aber es lsst sich doch vorbauen? Nicht?
    Allerdings. - Auch wsst' ich nicht leicht, fr welchen Kranken, wenn es zum
Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen wrde, als fr den Bruder.
Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm
verkenne, so weiss ich doch, dass er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu
unsern edelsten jungen Brgern gehrt.
    Das klingt gar schn; in der That! Und am schnsten wohl in dem Ohre eines
Vaters.
    Sie haben mich fast abgeschreckt, ber den Bruder mit Ihnen zu reden. - Wie
das? - Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn Sie mir
Beweise davon zu erzhlen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich
will hren! - Leider! wrden solche Dinge fr mich nur zu sehr den Reiz der
Neuheit haben.
    Und woher wollten Sie auch, dass sie Ihnen bekannt seyn sollten? - Ihr Sohn
ist mit dem Guten, das er gethan hat, nie laut geworden.
    Das klingt ja immer noch schner. - Er beugte sich gegen den Doctor vor, und
setzte mit einem kleinen unglubigen Kopfschtteln hinzu: Sie haben mich ganz
neugierig gemacht. Was fr Wunderdinge werd' ich denn hren?
    Der Doctor hatte keine Noth, unter den Beweisen von dem Edelmuthe seines
Schwagers zu whlen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem
Gedchtniss. - Sie erinnern Sich doch, fing er an, des unglcklichen
Verhltnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu
welchen boshaften, verlumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige
Mann durch kaufmnnischen Eigennutz hatte verleiten lassen?
    Ich weiss das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte: wenn's zu Ihrem Zwecke
nicht unumgnglich nthig ist, so lassen Sie's ruhen! - Als der Mann sich
hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran
in sein Grab.
    Edel! - Und wahrlich! will dort' ich sie nicht wieder hervorziehn. - Nur
gestehen Sie: dass es noch edler, als blosses Vergessen ist, wenn man so bittre
Beleidigungen, die fr den Menschen nicht minder krnkend, als fr den Kaufmann
waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, mhsamsten Diensten erwiedert.
    Und wer that das? fragte der Alte begierig.
    Ihr Sohn. - Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber
so heftig und sein Krper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch
eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemths vereitelt. Ich suchte ihr auf den
Grund zu kommen; und es fand sich, dass er die schmerzlichste Sehnsucht fhlte,
sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und dass er nicht ruhig
glaubte sterben zu knnen, wenn er nicht durch die aufrichtigste und
wehmthigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert htte. Ich erbot mich
zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder
nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglcklichen Mann zu
besuchen; so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier
oder an einer natrlichen Herzenshrte, sondern bloss an seinem allgemeinen
Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen
Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen knnte. Als er sich endlich
entschloss mir zu folgen, und nun den Unglcklichen ansichtig ward, der ihm
unter lautem Schluchzen die zitternden Arme entgegenstreckte; da war auf einmal
jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, dass er
mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zustrzte, und ihn mit Inbrunst
umarmte. Das Menschliche, Edle, Grossmthige seines Benehmens rhrte jeden
Gegenwrtigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmthigste bin,
bis zu Thrnen. Wie viel Mhe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen, und
ihn von einem Bekenntniss zurckzuhalten, das fr ihn so beschmend und krnkend
seyn musste! Aus wie vollem Herzen strmte ihm das Wort der Vershnung, als ihm
seine innre Erschtterung es endlich auszusprechen erlaubte! Fordern Sie, sagte
er, fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn
er irgend in meinen Krften steht, so betheur' ich Ihnen vor Gott: ich will ihn
mit Freuden geben. Kann ich Ihnen, kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in
diesem Augenblicke? kann ich's in der Zukunft? Womit? Womit? - Ich erwarte nur
Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer seyn mag - -
    Der Alte sass in seinem Sessel, vor lauter Zuhren, so stille, dass er kein
Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz
gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zurckzustossen, und jetzt auf
einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper.
    Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklrung des Bruders zu
einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheuren Arbeit
kennen lernte, die ihre Erfllung kostete. Er gestand, dass seine
Handlungsgeschfte in Verwirrung, seine Bcher in nicht geringer Unordnung
wren.
    Das will ich glauben, sagte der Alte.
    Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmndigen Kleinen, wenn
ihn Gott von der Welt rufen sollte.
    Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche.
    Der auch wohl sicher erfolgt wre, wenn die unermdbare Geschftigkeit Ihres
Sohnes nicht gethan htte.
    Wie? -
    Das Gestndniss des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein
heiliges Wort gab: dass er auf den Fall Seines Todes nicht ruhen wolle, als bis
er Alles, so gut er es immer mglich finde, in Ordnung gebracht habe.
    Und er hielt's? rief hier der Alte hitzig.
    Mit der pnctlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend,
in jenem Hause der Trauer unter den verdriesslichsten Geschften zu, verglich
Bcher, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein
lieber Vater, ihn auf Bllen, oder in Concertslen, oder an Spieltischen
glaubten. -
    Es wre besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnthigen Zusatz unterdrckt
htte; denn ohne dem Schwager damit zu ntzen, that er sich selbst damit
Schaden. Er brachte sich um ein Fsschen Weins, oder um irgend ein andres
Geschenk, das er sonst fr seine angenehme Erzhlung gewiss erhalten htte.
    Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist, sagte der Alte empfindlich, - Die
Thorheiten meines Sohns, die mich verdriessen mussten, durft' ich erfahren; aber
sein Gutes, das mir htte knnen Freude machen - -
    Der Doctor entschuldigte sich, wegen seines Geheimhaltens, mit dem
abgenthigten Versprechen zu schweigen: einem Versprechen, das er vielleicht zu
gewissenhaft bis auf den Vater ausgedehnt habe. Die kleine Falschheit, die in
dieser Erklrung lag, da vorzglich um des Vaters willen jenes Versprechen war
gefordert worden, glaubte er sich vergeben zu knnen. - Bald darauf erinnerte er
sich einiger Kranken, denen er noch Besuche zu geben hatte, und empfahl sich dem
Alten. -
    Er war schon mehrere Minuten hinaus, als Herr Stark noch in seinem Sessel,
von dem er beide Arme bequem herabhangen liess, mit feuchtem Blick vor sich
hinschmunzelte, und in Gedanken das unbegreifliche Bild seines geputzten und
gepuderten Sohnes anstaunte, wie er vor dem Krankenbett eines Feindes
edelmthige Thrnen vergoss, und ganze Monate lang alles Vergngen aufgab, um in
das Chaos vernachlssigter Handlungsbcher Licht und Ordnung zu bringen. - Er
ward durch den Besuch von ein paar Fremden gestrt, die fr die abgebrannte
Kirche zu L ... und die mit abgebrannten Pfarr- und Schulgebude milde Beitrge
sammelten. Er nahm sie mit vieler Leutseligkeit auf, und statt der dreissig oder
funfzig Reichsthaler, die er sonst vielleicht geschrieben htte, schrieb er
jetzt volle hundert. - Der erste Buchhalter, Monsieur Burg, trat herein, und
suchte mit verlegner Miene einen Brief vorzubereiten, worin ein Verlust von
mehrern Tausenden als hchstwahrscheinlich vorausgesagt ward. - So etwas fllt
in einer Handlung schon vor, sagte der Alte, und gab ihm den Brief, nach nur
flchtiger Durchsicht, mit einer Freundlichkeit wieder, als ob er die
angenehmste Nachricht von der Welt enthielte.
    Den ganzen Abend hindurch war er ber die Entdeckung, die er so unvermuthet
gemacht hatte, ungewhnlich heiter und froh; es war ihm, als ob ihm erst jetzt,
in seinem hohen Alter, ein Sohn wre geboren worden. Als er in seine
Schlafkammer ging, gab er vorher der Alten, die solcher ehelichen Zrtlichkeiten
schon seit lieben langen Jahren entwhnt, und daher nicht wenig, aber auch nicht
unangenehm, erstaunt war, einen recht herzlichen Kuss. Das Einzige, was ihn noch
innerlich rgerte, war der Umstand: dass an einer Waare, die doch tiefer hinein
ein so gutes und feines Gespinnst zeigte, gerade das Schauende so schlecht seyn
musste.

                                     XVII.


Unter so angenehmen Vorstellungen der Alte eingeschlummert war, unter so
unangenehmen wachte er auf. Da er sein Herz von der Erzhlung des Doctors voll
hatte; so versetzte ihn ein Traum in das Lykische Haus, wo er das Vergngen
genoss, seinen Sohn, mit Schweiss und Staub bedeckt, unter einem Haufen ganz
verschiedenartiger, hchst undeutlich durcheinander geworfener Waaren zu sehn,
die er mit grossem Fleiss auseinander suchte. Er wollte so eben zugreifen, um
ihm zu helfen, als in seiner Einbildung die mit dem Namen Lyk verbundenen Bilder
lebendig wurden, und ihn aufs bitterste den Entschluss bereuen liessen, in ein
Haus voll so toller Verschwendung und so rgerlicher Ausschweifung getreten zu
seyn. Indessen hielt er den Anblick der prchtigen Zimmer, die in seinen
Gedanken sich eher fr einen Frsten als einen Kaufmann schickten, der mit
grsstem berflusse besetzten Tafeln, der umherschwrmenden Bedienten, ja sogar
der wilden, lrmenden Trinker, die Champagner wie Wasser hinuntergossen, eine
Zeitlang aus; aber als endlich sein Sohn mit der Hausfrau ssse Blicke zu
wechseln anfing, und beide auf einmal in bebnderten Domino's, mit Masken in den
Hnden und rothen Abstzen unter den Schuhen, vor ihm standen: so strzte er,
voll des ussersten Widerwillens, zur Thre, und dankte dem Himmel, auf die
grosse Hausflur hinauszukommen, die ihm aus frhern Jahren, von den Zeiten des
alten Lyk her, so wohl bekannt war. Er hob hier sorgfltig beide Rockschsse
auf, und drckte sie dicht an den Leib, um unbeschmutzt durch die Packen und
Ballen und Kisten und Fsser zu kommen, zwischen denen ehemal nur ein ganz
schmaler Weg hindurchging; aber pltzlich ward er zu seinem Erstaunen inne, dass
seine Vorsicht unntz, und dass die ganze Flur von Waaren so ausgeleert war, wie
eine Schatzkammer nach einem Kriege von Gelde. Alle Wnde umher hingen voll
angezndeter Lampen, und nicht lange, so ertnte aus dem Hintergrunde des Saals
- denn das war die Flur nun geworden - eine lustige Tanzmusik: Paar an Paar
hpften, wie unsinnig, gegen-und durcheinander; und als er sich leise
niederdrckte, um wo mglich hinter ihnen weg und zum Hause hinauszuschleichen:
tanzte ihm unversehens eine der muntersten und galantesten Frauen der Stadt, von
gar nicht gutem Rufe entgegen, riss ihn, wie sehr er sich strubte, in die Reihe
hinein, und wirbelte dann, in Verbindung mit der ganzen Gesellschaft, den guten
Alten, der nie als in seiner Jugend ein Tnzchen, und auch da nur ein
Ehrentnzchen, gemacht hatte, so unbarmherzig auf und nieder, dass er bei seinem
endlichen Stillstehen kaum wieder Athem gewinnen konnte. Er fand sich hier einem
Spiegel gegenber, der ihm seine ganze gegen die brige Gesellschaft so
abstechende Gestalt, zugleich mit seinen grauen Wimpern und den ehrwrdigen
Runzeln seines Alters zeigte; ein Anblick, worber er augenblicklich wach ward,
und sich vllig so athemlos und so eingefeuchtet fand, als ob die getrumte
heftige Leibesbewegung wirklich Statt gehabt htte.
    Gottlob! rief er, indem er die Augen weit aufthat, und sich des einsamen
Schimmers seiner Nachtlampe von Herzen freute: es war nichts, als ein Traum.
Htt' ichs doch kaum geglaubt, dass man im Traume ein so schweres und
angreifendes Stck Arbeit machen knnte! - Die tollen, rasenden Menschen! - Und
nun fing er an, weil die Wallung in seinem Blute noch fortwhrte, und die
verhassten Bilder noch ihre volle Lebhaftigkeit hatten, sich recht ernstlich
ber den Unsinn zu rgern, womit so Mancher fr die lppischen, armseligen
Vergngungen, denen er nur eben beigewohnt hatte, Vermgen und Gesundheit und
ehrlichen Namen auf's Spiel setze. Er dachte sich mit dem ussersten Abscheu die
Mglichkeit, dass auch sein so sauer erworbenes Gut, eben wie das Lykische, in
wenig Jahren verprasst, und der Name Stark, den er bisher in Ehre und Ansehen
erhalten, mit Schimpf und Schande belegt werden knnte. Hier fielen ihm die
sssen, zrtlichen Blicke auf's Herz, die er seinen Sohn mit Madam Lyk hatte
wechseln sehen. Es fuhr ihm kalt ber den Rcken. Doch trstete ihn wieder die
Betrachtung: dass die Liebe zum Gelde in dem Herzen seines Sohns keine
schwchere Leidenschaft, als die Eitelkeit, sei, und dass es ihm jene gewiss
nicht erlauben werde, sich mit einer Frau von so mittelmssigen Umstnden - denn
was konnte eine so weit getriebne Unordnung und Verschwendung zurckgelassen
haben? - und noch obendrein mit einer Mutter von Kindern, zu belasten. So weit,
sagte er, kann sein Geschmack an Galanterie ihn doch unmglich verleiten. Zwar,
wandt' er sich wieder ein, hat er ja meine Erwartung schon in Einem Stcke
getuscht; und so knnt' er es leicht auch in diesem. - Doch ich trume noch,
glaub' ich; die Flle sind einander zu ungleich. Das Opfer, das er bei so einer
Heirat brchte, wre zu gross; auch hat er hier volle Zeit zur Besinnung - denn
in eine Liebe verstrickt zu werden, die ihn aller Besinnung beraubte, sieht ihm
nicht hnlich -; und welche Wahl er treffen kann, wenn ihm nur die Besinnung
frei bleibt, ist keine Frage. Am Krankenbett des seligen Lyk sah er sich
berrascht; er ist nur ein eitler und schwacher, kein verderbter, kein boshafter
Mensch: es war natrlich, dass der erschtternde, ihm so neue Anblick eines
Sterbenden, und die dringende Aufforderung die so sehr zu rechter Zeit an sein
Herz erging, ihn zu einem Versprechen hinrissen, das er bei kalter berlegung
wohl schwerlich gethan htte, das aber, einmal gethan, nicht unerfllt bleiben
durfte, wenn er nicht geradezu als ein Mann von schlechter Gesinnung erscheinen
wollte. - Und warum sollt' er denn nicht auch freudig gethan haben, was einmal
gethan werden musste? Warum sollt' er nicht, whrend er's that, in dem
Bewusstseyn seiner Rechtschaffenheit, und in der Achtung die er gegen sich
selbst empfinden musste, sich so wohl gefallen haben, dass er immer freudiger
fortfuhr? Ich danke dem Himmel, wenn er bei dieser Gelegenheit in den Geschmack
des Guten gekommen. Vielleicht, dass ihn das edlere Vergngen wohl noch ganz von
den armseligen Eitelkeiten abzieht, zu denen er bisher einen so unglcklichen
Hang hatte; und dann vollends - leben Sie wohl, Madam Lyk, mit aller Ihrer
Feinheit, und Ihrem Weltton, und mit dem ganzen Gefolge von Liebenswrdigkeiten,
das hinter Ihnen drein treten mag! Fr meinen Sohn sind Sie nicht. -
    Wenn diese Gedankenfolge des Herrn Stark, so richtig und bndig sie schien,
dennoch nur wenig zutraf; so lag das an den beiden so gewhnlichen Fehlern: dass
er einen Charakter, der sich bis jetzt nur von gewissen Seiten entwickelt hatte,
und von andern sich selbst, noch ein halbes Rthsel war, als schon vllig
bekannt und ergrndet voraussetzte; und dass er in die Vorstellung der
Verhltnisse, worin er diesen Charakter handeln liess, einige bedeutende
Irrthmer brachte, deren Entstehungsart wir vielleicht knftig erfahren werden.
Genug, dass fr den Augenblick Herr Stark sich beruhigt fhlte, und wieder
einschlief; doch hatten wirklich die aufgestiegenen Dnste seinen Horizont ein
wenig getrbt, und Sonnenaufgang war daher nicht ganz so heiter, als man bei
Sonnenuntergang htte erwarten sollen.

                                     XVIII.


Frau Doctorinn Herbst hatte den Besuch, den sie der Witwe zugedacht hatte, jetzt
wirklich abgelegt; und kam mit Gesinnungen von ihr zurck, die sich aus denen
womit sie hinging, errathen lassen. - Die Frau war gerade nicht schn, aber
reizend: es gab wohl andere Frauen, die, wenn auch nicht jetzt, wenigstens
ehemal, bei der Vergleichung mit ihr gewonnen htten, und die trotz aller
Verwstungen, welche ein zu hufiger Ehesegen anzurichten pflegt, sich noch
immer zum Verwundern erhielten. Allein das Sanfte und Einnehmende in der Miene
und dem Betragen der Lyk, ihre vortreffliche Kinderzucht, ihre Achtung gegen das
Andenken eines Mannes, der durch seine sinnlose Verschwendung sie unglcklich
gemacht, der sie aber gleichwohl geliebt hatte, ihre innige Dankbarkeit gegen
den bewussten Freund, von dem sie nicht ohne Thrnen im Auge reden konnte: alles
das war von hherm Werthe als Schnheit; und die Doctorinn fhlte sich in solche
Begeisterung dadurch gesetzt, dass sie ihrem Manne wiederholt erklrte: sie
wrde ihr Haupt nicht eher sanft legen, als bis sie die Verbindung zwischen
ihrem Bruder und der Witwe zu Stande gebracht htte. - Es ist kein Weib auf
Erden, sagte sie, womit der Bruder glcklicher leben knnte; sie besitzt in
ihrem natrlichguten Verstande, in ihren durch Erfahrung besttigten
Grundstzen, in ihrem zur Ruhe und zur Huslichkeit so ganz sich hinneigenden
Charakter, gerade das was dem Bruder noth thut, und was der Vater selbst an der
Gattinn seines Sohnes nicht besser wnschen knnte.
    Der Doctor nickte hie und da mit dem Kopfe, und murmelte Ja; ging aber
nachdenkend und verdriesslich umher. - Was ist dir? fragte die Doctorinn
endlich.
    Ich komme von dem Glubiger unserer Witwe, dem Horn. Du weisst, er hat fr
gegenwrtigen Augenblick ihr Wohl und ihr Wehe in Hnden.
    Nun? - O der nichtswrdige Mensch!
    Kennst du ihn denn?
    Aus seinem Gesichte nicht, aber aus deinem. - Was gilt's, er will ihr nicht
lnger nachsehen, will sie zu Grunde richten?
    Das nun nicht; dazu ist er zu gottesfrchtig. Er will nur sein Geld.
    Und aus ihr mag werden, was will! Nicht wahr?
    Kmmert das einen Kaufmann?
    Die Doctorinn bat in hohem Tone um Ausnahme fr ihren Vater, die der Doctor
mit Freuden machte; und nun fuhr sie ganz unbarmherzig ber den Glubiger her.
Ohne dass sie diesen Horn je gesehen hatte, ward er vor ihrer Phantasie eins der
hsslichsten, zurckschreckendsten Gesichter der ganzen Stadt. - Ich mgte,
sagte sie, wundershalber den Elenden doch kennen lernen, der ein so braves,
liebenswrdiges Weib, eine Mutter von zwei unmndigen Waisen, so schndlich
verfolgen kann. - Aber nein! nein! Mich schaudert, wenn ich mir das Ungeheuer
nur denke.
    Kind! Es ist ein ganz gemeines, plattes Menschengesicht, aus dem in der Welt
nichts hervorleuchtet, weder Gutes noch Bses. Ein Gesicht, wie es unter den
leeren Geldseelen so viele haben, und wie man sie an Brsentagen zu Dutzenden
kann herumlaufen sehen.
    Aber, fuhr sie fort, dachte denn der Mensch mit keiner Silbe an die
Verbindlichkeiten, die er gegen dich hat? an die Krankheiten seines Weibes und
seiner Kinder, wo du Tag und Nacht, mit Gefahr deiner eignen Gesundheit - -
    Ach schweig doch! Das ist ja Alles bezahlt.
    Bezahlt? - Lsst sich so was bezahlen?
    Und vielleicht, wenn er in seinem Buche mein Folium ausschlgt, bin ich bei
ihm noch tief, tief in der Schuld. Denn: hat er mich nicht zu Tische gebeten?
Hab' ich nicht, in Gesellschaft von Rathsherrn und Matadoren, Fasanen bei ihm
gegessen? Tokaier bei ihm getrunken?
    Der Elende! - Ehre mir Gott meinen Vater!
    Stille! Wer wird in solcher Gesellschaft ihn nennen? - - Aber, mein Kind -
damit wir das Wichstigste nicht vergessen - -
    Ja wohl! Wie wir die arme Witwe aus seinen Klauen reissen -
    Die nicht mehr; aber mich. - Meine Gutherzigkeit hat mir einen sehr blen
Streich gespielt, und ich kann darber leicht in's Gefngniss wandern.
    Um's Himmels willen! du hast dich an dem Menschen doch nicht vergriffen?
    Pfuy! Dazu acht' ich meine Hnde zu hoch. - Ich habe nur aus Verdruss, weil
nichts mit ihm auszurichten war, Feder und Dinte gefordert, habe mir den Betrag
der Schuld auf Mark und Schilling angeben lassen, und habe ein Wechselchen
ausgestellt - auf mich selbst: von etwas ber dreitausend Mark; in acht Tagen
zahlbar.
    Bravo! sagte die Doctorinn, und flog ihrem Mann an den Hals. - Aber ist es
mglich, dass der fhllose Mensch den Wechsel annahm? von dir!
    Warum nicht? Ich habe das schne Haus hier, und habe Dich. Ein drei-,
viertausend Mark, und wenn auch noch etwas mehr, bin ich ihm werth; unbesehens!
    Hast du denn aber Geld zu bezahlen?
    Da steckt der Knoten. - Keine dreihundert Mark.
    Mann! Mann! So lieferst du ja dem Unholde dich selbst in die Hnde.
    Freilich! - Denn was ich seit einiger Zeit gesammelt hatte, ist vorige
Woche, wie du weisst, zu Capital gemacht und ausgethan worden. Neue Einnahme,
wenigstens betrchtliche, seh' ich frs erste nicht ab; und geschrieben ist nun
einmal der Wechsel, und will bezahlt seyn. - Indessen - weisst du, worauf ich
mein volles Vertrauen setze?
    Nun? Auf einen Rest von Scham bei dem Horn?
    Nicht doch! - Auf die kluge Tochter des klugen Herrn Stark, die ich
glcklicher Weise zur Frau habe. - Die, mit ihrem Kopfe, hilft mir sicherlich
durch. -
    Eigentlich hatte der Doctor einen Anschlag auf den vollen runden Beutel
gemacht, den der Vater, beim Besuche des Sohns, unter den Spiegel gestellt
hatte, und der seines Wissens noch unangerhrt dastand. Allein die Doctorinn,
die nach abgestattetem Danke fr das so gtige als gerechte Vertrauen, welches
man in ihren Verstand setzte, ein wenig nachgesonnen hatte, schlug auf einmal in
die Hnde, und rief: Ich hab's!
    Das Geld? fragte der Doctor.
    Nein, aber die Art und Weise, wie wir's bekommen. Die Witwe selbst schafft
es an.
    Die Witwe? -
    Und das von unserm Alten. Von meinem Vater.
    Von deinem Vater? -
    Nun ja! ja! Was giebts denn da zu verwundern? - Einmal ist's doch
nothwendig, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dass der Alte die Witwe kenne;
und eine bessere Gelegenheit dazu, als diese, wird sich nicht finden. - Kurz,
sie macht einen Besuch bei dem Vater, bittet den Vater, gefllt dem Vater,
bezahlt ihre Schulden, heiratet den Bruder.
    Himmel! rief der Doctor, und ich habe noch kein Kleid auf die Hochzeit. -
Die kmmt mir rasch ber den Hals. Ich will nur gleich in den Laden.
    Haha! - Aber spotte nur? spotte! Die Sache ist so gut wie geschehen. Es ist
unmglich, wenn der Vater die Witwe sieht, dass sie ihm nicht gefalle, und auf
dieses Gefallen bauen wir dann weiter fort, bringen ihn von allen seinen
Vorurtheilen zurck, lassen ihn die Heirat nicht bloss genehmigen, sondern
selbst wnschen.
    Wenn er nun aber die Witwe nicht vorlsst; wie da?
    Leere Grille! -
    Oder wenn er wohl gar - was wir doch wirklich zu frchten haben - sie
ungtig aufnimmt?
    Wenn Er -? Sie stand hier einen Augenblick stille, und sah auf den Boden. -
Mann! rief sie dann aus: Du bist mitunter doch allerliebst. Ich mgte dich
kssen fr deinen Einfall.
    Fr welchen?
    Dass er sie ungtig aufnehmen knnte. - O, wenn der Himmel das wollte!
    Versteh' Euch Weiber ein Andrer!
    Komm! Ich erffne dir das Verstndniss. - Nicht wahr? Wenn der Vater sie
ungtig aufnimmt: so begeht er, ganz gegen seine sonstige Art, einen Fehler, den
er durchaus, es koste auch was es wolle, wieder wird gut machen wollen; so setzt
er sich selbst aus der guten Laune heraus, in der es immer so schwer wird ihn zu
fassen und mit ihm fertig zu werden; so sind wir auf einmal, und gleichsam durch
einen Sprung, an dem Ziele, zu dem wir uns sonst - wer weiss wie langsam und
durch wie viel Schwierigkeiten? - hindurchwinden mssten.
    Alles gut! sagte der Doctor. Wenn nur nicht zu besorgen wre - -
    Freilich! - Dass er den Fehler nicht macht.
    Ganz im Gegentheil! - Dass er ihn nicht fr Fehler erkennt.
    Ach, wenn er ihn nur erst macht! Die Erkenntniss wollen dann wir ihm schon
verschaffen. -
    Aber, mein Kind - indem er bedenklich den Kopf schttelte, und eine sehr
ernsthafte Miene annahm - dem eignen Vater eine Falle zu legen - ich weiss nicht
- -
    Eine Falle! - Was nun das wieder ist! Eine Falle! - Ich sinne in der Welt
auf nichts Arges, nur auf Liebes und Gutes; und da kmmt der Mann und erhebt ein
Geschrei, als ob ich ber Tcke und Hinterlist brtete. - Wer hat mir denn das
Basiliskenei in mein Nest geschoben, als eben Er? Wer hat den unglcklichen
Einfall gehabt, als ob der Vater sich bel benehmen knnte? Er wird sich sehr
gut benehmen, sehr gut. Das soll der Herr Doctor nur wissen! - Mit diesen Worten
ergriff sie ihre Enveloppe, und war schon lngst auf der Strasse, als der Doctor
noch immer den Faden suchte, woran er seinen casuistischen Knuel entwirren
knnte.

                                      XIX.


Die Verwunderung, womit Madam Lyk ihre neue Freundinn so schnell zurckkommen
sah, ging in Freude ber, als sie den glcklichen Ausgang der Unterhandlung mit
Horn erfuhr; aber diese Freude wieder in Unruhe, als die Doctorinn fragte, ob
sie ausser diesem Horn, den sie nun freilich frs erste los sei, nicht noch
andere Glubiger habe?
    Ich hoffe, sagte die Witwe, keine so dringende und so ungestme.
    Gesetzt aber, dass ihrer mehrere aufwachten; wie da? - Wr' es nicht fr
Ihre Ruhe sehr wesentlich, meine Freundinn, lieber allen auf einmal den Mund zu
stopfen?
    Wenn mir das mglich wre; wie gerne! - Aber ohne Zeit, die man mir lsst,
und ohne Zutrauen, das man mir schenkt - -
    Kennen Sie meinen Vater? fiel die Doctorinn ein.
    Der Person nach - kaum. Sehr von weitem.
    Aber dem Charakter nach? der Denkungsart nach?
    Da hab' ich die hchste Meinung von ihm. Ich schliesse auf den Vater von
seinen Kindern.
    Die gerathen nicht Immer. Glauben Sie mir: die Kinder des alten Stark
knnten besser seyn, wenn sie dem guten Vater hnlicher wren.
    Sie sagen fr meine Erkenntlichkeit allzuviel.
    Fr mein Herz allzuwenig. - Und nun fing sie an, ein Gemlde zu entwerfen,
das zwar wirklich dem alten Herrn ziemlich hnlich sah, das aber gleichwohl fr
ein Bildniss, wofr es doch gelten sollte, zu wenig Eignes und Unterscheidendes
hatte. Eine zu gerhrte kindliche Dankbarkeit, und eine zu lebhafte
Begeisterung, die immer idealisirt und verschnert, hatten die Farben gemischt
und den Pinsel gefhrt. Indessen war eben durch diesen Fehler das Gemlde um so
geschickter, der Witwe ein unbedingtes Vertrauen einzuflssen, und eine lebhafte
Begierde nach einer so vortrefflichen Bekanntschaft bei ihr zu wecken. Wre
mitten unter den schnen Zgen des verstndigen, menschenfreundlichen,
grossmthigen Mannes, auch die ernste Falte des Sittenrichters und das heimliche
Lcheln des Sptters, die doch so sehr zur Physiognomie des Herrn Stark
gehrten, sichtbar geworden: so wrde freilich jenes Vertrauen sehr geschwcht,
und diese Begierde sehr gedmpft worden seyn.
    Die Witwe bezeugte in den krftigsten Ausdrcken ihre Bewunderung, ihre
Verehrung, und war nicht wenig neugierig, wohin das Alles gemeint sei.
    Kennen Sie - muss ich noch weiter fragen - das Blumische Haus?
    O sehr wohl. Ich bin Schuldnerinn auch von ihm.
    Und wie nimmt es sich? Gut? -
    Mehr als gut; usserst edel. Es hat mir die grossmthigste Nachsicht von
vielen Monaten bewilligt.
    Blosse Pflicht, meine Freundinn! - Es hat sich, wie ich sehe, seiner eignen
Geschichte und der grossen Verbindlichkeiten erinnert, die es ehemal gegen den
guten seligen Lyk, Ihren Schwiegervater, hatte.
    Davon weiss ich nichts, sagte die Witwe.
    Mir schwebt es vor, wie im Traume. - Ich war noch ganz jung, als einst mein
Vater sehr spt von der Brse kam, und den ganzen Tag von nichts als von einem
gewissen Blum sprach - dem Grossvater des jetzigen - der seine Zahlungen
eingestellt hatte, und dessen Fall man fr unvermeidlich ansah. - Mein Vater,
obgleich in keiner Handlungsverbindung mit ihm, nahm den lebhaftesten Antheil an
seinem Schicksal, und zeigte sich hchst erbittert gegen gewisse heimliche
Neider, die den ehrlichen schuldlosen Mann verfolgten, und seinen Fall zu
befrdern suchten. Er fasste den Entschluss, ihn, wo mglich, zu retten; und der
alte Lyk, immer vertrauter Freund unsers Hauses, war von gleicher Gesinnung.
Mein Vater untersuchte hierauf die Bcher von Blum, fand seine Rettung, wenn er
gehrig untersttzt wrde, sehr mglich, so wie ihn selbst an seinem Falle -
oder ich sollte sagen, an seiner Verlegenheit - vllig unschuldig.
    Die Witwe sah bei diesem letzten Zuge nieder, und seufzte.
    Und nun nahm er, in Verbindung mit Lyk, die ganze Schuldenlast auf sich,
bezahlte die Ungeduldigen baar, setzte den Andern Termine, und machte mit einem
Worte der Verlegenheit und der Verfolgung des Mannes ein Ende. - Was mir, als
Kind, diesen Auftritt tief ins Gedchtniss prgte, war mein Erstaunen, einen
alten ehrwrdigen Mann mit schlohweissen Haaren, der meines Vaters Vater htte
seyn knnen, so bitterlich weinen zu sehen. Der gute Mann war ganz aufgelst in
Dankbarkeit und in Rhrung. - Er betrat nachher unser Haus sehr oft, der alte,
freundliche Blum, und befestigte sein Andenken bei mir durch eine Menge kleiner
Spielsachen und Nschereien, die er mir immer zuzustecken pflegte. - - Nun,
meine Freundinn? Darf ich noch erst sagen, wo ich hinaus will? - Mein Vater ist
noch immer der Alte, sein Wille zu helfen der alte, sein Vermgen dazu - aber
nein! das ist nicht mehr das alte; das hat sich indess verdoppelt, vielleicht
verdreifacht: und also - was kann Sie hindern, ihm ohne Umstnde den Antrag zu
thun, dass er an Ihnen, wie ehemal an Blum handeln, und alle Ihre Schulden
bernehmen wolle? - Ihre Kinder sind seines Freundes Enkel; berlegen Sie das!
    Die Witwe war ber diesen Vorschlag nicht bloss erstaunt, sondern
erschrocken. Ihre Dankbarkeit trieb sie an, den Rath einer so wohlmeinenden, so
zrtlich um sie bekmmerten Freundinn nicht zu verachten; und doch zeigte ihre
natrliche Bldigkeit ihr die Befolgung dieses Raths als fr sie unthunlich, als
beinahe unmglich.
    Kann ich - fing sie zu stottern an - kann ich den Muth haben, Frau Doctorinn
- ich eine Fremde - eine ihm vllig Unbekannte - -
    Sie drfen Sich in der That nicht bedenken. Der Dienst, der Ihnen geleistet
wird, ist zwar dankenswerth, aber nicht gross. Ihre Sachen, hr' ich, sind durch
meinen Bruder bereits in Ordnung; eine Durchsicht ihrer Bcher ist nicht mehr
nthig; Gefahr zu verlieren ist bei Ihnen keine: und also - - Ich lasse nicht
ab, liebe Freundinn. Ich bin ein eigensinniges Weib. Sie mssen mir Ihr Wort
darauf geben, dass Sie morgen am Tage zu meinem Vater gehen.
    Der Witwe stand der Schweiss vor der Stirne. Aber die Doctorinn, obgleich
nicht ohne Mitleiden mit ihr, hrte nicht auf, ihr zuzusetzen.
    Freilich, sagte sie, wr' es natrlicher, Sie an meinen Bruder, als an
meinen Vater zu weisen; denn jenen kennen Sie schon, und ohne Zweifel wissen Sie
Selbst, wie viele Hochachtung er gegen Sie hegt, mit welcher Herzlichkeit er
Ihnen ergeben ist; - -
    Eine feurige Rthe, die sogleich wieder in Blsse berging, flog der Witwe
ber die Wangen. Die Doctorinn wollte nicht das Ansehen haben, sie zu bemerken.
- Allein der seltsame Mensch - Gott mag wissen, aus welcher Grille? - will ja
von hier, will sich von seinem Vater trennen, und eine Handlung unter eigner
Firma errichten. - Ausser dass er den Einfluss und das Gewicht nicht hat, wie
mein Vater; so braucht er gegenwrtig sein bischen Armuth fr sich: und so sehen
Sie wohl - -
    Ich sehe Alles, sagte die Witwe. Ich bin Ihnen fr Ihre Theilnahme, fr Ihre
so unverdiente, grnzenlose Gte unaussprechlich verbunden: allein, da doch
gegenwrtig noch keine Noth ist; da Horn, wie Sie Selbst mich versichern, frs
erste schweigt, und da die brigen Glubiger mich nicht drngen - -
    Die Doctorinn, ob sie gleich sehr ungern diesen Schritt that, sah sich
genthigt, mit der vollen Wahrheit herauszugehen, und der Witwe zu sagen, dass,
wenn sie den Gang zu ihrem Vater verweigerte, ihr guter Mann wegen eines fr sie
ausgestellten Wechsels ins Gedrnge kommen, und nicht wissen wrde, wie er den
ungestmen, hartherzigen Horn befriedigen solle. - Dieses einzige, unerwartete
Wort war entscheidend; die Witwe versprach nun heilig, obgleich mit schwerem,
muthlosen Herzen, dass sie morgen im Tage dem alten Herrn Stark ihre
Ehrerbietung bezeugen wolle.

                                      XX.


Es war um Theezeit; und die Doctorinn, die sich den Mund ganz trocken
gesprochen, aber bei der Witwe den Thee verbeten hatte, kam auf den Einfall, ihn
bei der Mutter zu trinken. Sie fand hier zugleich den Vater, der dann und wann
bei der Alten ein Schlchen nahm; und zuflliger Weise auch Monsieur Burg, den
Madam Stark so eben wegen eines Gerchtes ausfragte, das ihr zu Ohren gekommen
war. Es hiess: ein ziemlich bemittelter Oheim von Burg, den dieser zu beerben
gehofft hatte, sei noch in seinen alten Tagen schlssig geworden, sich zu
verheiraten. - Ist das wahr? fragte die Alte.
    Leider wahr! sagte Monsieur Burg.
    Aber wie in aller Welt kmmt er auf den Gedanken? Ich htt' ihn fr
vernnftiger angesehen.
    Wie? sagte der Alte, den die Lust, sie ein wenig zu necken, ankam. Ist
Heiraten Unvernunft, Mutter?
    Behte! Es wre Lsterung, das zu sagen. Ehe ist ja eine Einsetzung von
Gott.
    Das mein' ich! Und eben deswegen, Mutter - weil der alte Oheim, nach langer
Verblendung, das endlich einsieht; so bereut er sein bisher gefhrtes sndliches
Hagestolzenleben, und kriecht zu Kreuze.
    Jaja! rief hier Monsieur Burg, dem der wahrscheinliche Verlust der Erbschaft
schwer auf dem Herzen lag -: Kreuz soll er schon finden, denk' ich, das soll er
finden!
    Lieber Monsieur Burg! sagte die Alte, und nahm einen andchtigen Ton an: auf
Erden hat wohl jeder sein Kreuz; und was der Himmel dem Oheim auferlegt, muss er
tragen, und muss darber nicht murren. Das ist Pflicht eines Christen.
    Die Doctorinn hatte Noth, nicht zu lachen. - Aber, sagte der Alte, du hrst
ja, dass er der Trbsal willig entgegengeht, und dass er sich ganz demthig in
die Schule der Geduld begiebt. Was verlangst du denn mehr? - - Alberne Menschen
brigens sind diese Hagestolzen: das ist gewiss. In der Jugend, hten sie sich
sorgfltig vor einer Thorheit; und im Alter, begehn sie dafr eine Narrheit.
    Ei, ei! rief die Doctorinn aus. Lieber Vater!
    Was ist? -
    Sie waren ja sonst ein so grosser Freund, ein so eifriger Vertheidiger des
Ehestandes.
    War ich? - Nun, so will ich's auch bleiben, und will die Thorheit geschwind
zurcknehmen. Doch die Narrheit, Kind, musst du mir lassen.
    Drollicht! - Aber ich bin's zufrieden. Es gilt. -
    Und ist's denn wahr, fuhr die Alte zu untersuchen fort, dass die Person, in
welche sich der Oheim verliebt hat - -
    Verliebt, Mutter? Hat er sich denn wirklich verliebt? - Ich dachte, er
heiratete bloss aus Zerknirschung.
    Wenigstens, sagte Monsieur Burg, kann die Zerknirschung noch kommen. Das
Weib soll hsslich seyn, wie die Nacht. - Und Kinder bringt sie ihm obendrein in
das Haus. Ganzer zwei.
    Wirklich? - Nun, das war's, sagte die Alte, was ich im Sinne hatte, und
wornach ich vorhin Ihn fragen wollte. - Also eine Witwe nimmt er zur Frau? und
eine Mutter von Kindern? Hm! -
    Von zwei lebendigen Kindern.
    Hmhm! -
    Scheint dir das sonderbar, Mutter? Mir nicht. Mir scheint es das
Vernnftigste bei der Sache. - Wenn Kinder da sind, so wird denn doch der Alte
mit Ehren Vater. - Eine Witwe zu heiraten, ist immer die beste Art, zu fremden
Kindern Vater zu werden.
    Und was giebt's denn fr eine andre? fragte die Alte ganz ehrbar. - Ach ja!
- indem die Tochter, die sich nicht lnger halten konnte, von Herzen zu lachen
anfing, und der Vater mit einstimmte. - Das treuherzige Ach ja! war nicht
gemacht, dieses Lachen zu dmpfen; und die Mutter, so sehr sie sich Anfangs
dagegen strubte, lachte am Ende mit. - Herr Stark, wie man sieht, war in seiner
Feiertagslaune; aber sicher htt' er ihr nicht den Zgel schiessen lassen, und
htte sich kein's seiner Spsschen erlaubt, wenn nicht Herr Wraker, der alte
Oheim von Burg, ein bekannter Ausschweifling gewesen wre, der die Hochachtung
von keinem Menschen, und also auch nicht von dem Neffen, hatte. - Indessen, als
in der Folge des Gesprchs sich der gekrnkte Eigennutz des jungen Mannes immer
strker verrieth, und er sich endlich zu bittre, zu unanstndige Glossen
erlaubte, wies ihn Herr Stark, zwar liebreich, doch alles Ernstes, zurechte. -
Er berhrte zuerst den Hauptpunct der wahrscheinlich verlornen Erbschaft, und
erklrte diesen Verlust fr nichts weniger als ein Unglck: denn, meinte er,
Monsieur Burg sei ja Manns genug, um durch eigene Krfte sein Glck zu machen;
und so ein Glck habe immer mehr Werth, als ein anderes, das durch Erben oder
durch Heiraten erlangt werde. - Wenn man, sagte er, die hiesigen grossen Huser
der Reihe nach durchgeht; so findet man, dass sie alle entweder vom lebenden
Stifter selbst, oder hchstens vom Vater her sind: die vom Grossvater her sind
schon alle wieder im Abnehmen, im Sinken. Selbst ist der Mann! sagt ein
Sprichwort, das fr alle Stnde, und besonders auch fr den unsrigen, wahr ist.
- Dann kam Herr Stark auf die Liebesgeschichte des Herrn Wraker, und fand auch
an ihr eine Seite, von der sie ihm gar nicht mehr so thricht und lcherlich
vorkam. - Der Brutigam, sagte er, ist freilich ein altes morsches Geripp von
Manne, das eher fr den Sarg als fr's Ehebett taugt, und die Braut eine
ziemlich missgeschaffne, klapperdrre Schne, deren hervorstehender Zahn und
blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht; aber, Monsieur Burg!
seh' Er einmal - ich bitt' Ihn - von diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die
Nebenpersonen, die kleinen hlflosen Kinder! Wie, wenn die Mutter bei sich
selbst berlegt htte, dass sie nur herzlich arm, und dass Armuth eine rauhe
Witterung ist, worin solche zarte junge Pflnzchen leicht ersterben oder
verkrppeln? wenn sie die ihrigen an die sanftere mildere Luft der Wohlhabenheit
htte bringen wollen, um ihnen ein froheres Wachsthum, ein schnelleres Gedeihen,
zu sichern? Dann wre, von ihrer Seite, die Heirat schon nichts so gar
Thrichtes mehr, eher etwas sehr Mtterliches und Kluges. - Und von Seiten des
alten Wraker? Wie, wenn auch der sich durch Grnde htte bestimmen lassen, die
weit mehr unsre Billigung, als unsern Tadel, verdienten? wenn er, nach einem
Leben voll Ausschweifungen, noch zu guter letzt etwas Verdienstliches htte
thun, und das Glck von ein paar unschuldigen Wesen htte grnden wollen, die es
vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten? - Freilich krnkt er
darber den guten Neffen, der sonst sein nchster Erbe gewesen wre; aber - mag
er gedacht haben - ein Mann wie der, der so reiche Hlfsquellen in sich selbst
hat, und der zu so einem Verluste nur lacht - -
    O, das thu' ich auch; das thu' ich recht von Herzen! sagte Monsieur Burg,
indem er mit grinsender Miene, die ein verachtendes Lachen ausdrcken sollte,
sein Oberschlchen umwandte, und sich empfahl. -
    Die Tochter ergriff die Hand des Vaters, um sie zu kssen. - Das thu' ich im
Namen der Kleinen, sagte sie: fr die Sie Sich so nachdrcklich erklrt haben. -
Ach, was solche arme kleine Waisen mich jammern! - So oft mir dergleichen
vorkommen, mgt' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben, den
ich ihnen wieder zum Vater gbe. -
    Und der Witwe zum Manne; nicht wahr? Denn warum er sonst eben jung seyn
sollte - -
    Wie? Das sehen Sie nicht? - Damit er mir nicht zu frh wieder wegstrbe; und
ich dann neue Noth mit den Kindern htte.
    Sieh, sieh! sagte der Alte. Kmmt's so herum? Fein genug!
    Aber Sie wollen vielleicht, dass Witwen nur lauter schwache, gebrechliche
Mnner heiraten sollen; Krckenstsser, wie den Wraker, die zu nichts weiter
taugen, als fremder Leute Kindern Brot zu verschaffen? - Die armen Witwen! -
    Ei nicht doch! nicht doch! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind - - denn
das gesteh ich dir: eine Heirat zwischen einem jungen Manne und einem alten
Weibe ist mir zuwider. -
    Das ist sie wohl jedem. - Nein; meine Witwen sind so im Anfang der zwanzig,
sind berdies noch brav, gefllig, haushlterisch, fromm - -
    Aber hsslich; nicht wahr?
    Behte Gott! Eher schn.
    Nun, was fragst du denn lange? - Gieb sie, an wen du willst, an die jngsten
und die wackersten Mnner! Ich bin es herzlich zufrieden. - Brav, Vterchen!
Herrlich, Vterchen! dachte die Tochter; wir wollen dir dieses Wort zu seiner
Zeit wieder vorhalten. Es geht dich nher an, als du wohl denkst. - Und nun
machte sie sich auf leichten Fssen davon, um nach Art braver Eheweiber, die fr
den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben, dem ihrigen alles Vorgefallene
zu berichten.

                                      XXI.


Ist wohl nicht mglich! - sagte Herr Stark, als Monsieur Schlicht mit der
Nachricht hineintrat, dass Madam Lyk ihn zu sprechen wnsche. - Er wird sich
verhrt haben, mein lieber Schlicht. Meinen Sohn wird sie sprechen wollen.
    Nein, Sie! Sie! Ich hab' ausdrcklich gefragt.
    Hm! Also mich? In der That? - Nun, so fhr' Er sie gegenber in das
Besuchzimmer. Ich werd' erscheinen. - Was in aller Welt kann das seyn? Wie komm'
ich zu einer so galanten Visite? - Es ist ja wohl kaum halb zehn - indem er nach
seiner Uhr sah; - und die Frau ist schon auf? ist schon angezogen? hat schon
ihre Chocolade getrunken? Das ist ja ganz ausser der Regel! - Er trat, seiner
Gewohnheit nach, vor den Spiegel, um sich den Stutz, gerade zu rcken. - Wirst
schon wieder schief zu stehen kommen, sagte er lchelnd; aber, mein guter Stutz
- - Glck werden wir ohnehin nicht mehr machen. Wir sind zu alt, sind so sehr
ausser der Mode. - -
    Ich sollte errthen, sagte die Witwe, die durch das Studium einer ganzen
langen Nacht keinen bessern Eingang hatte ersinnen knnen; ich sollte, wegen der
Strung und des Zeitverlustes, die ich verursache - -
    Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre Stimme so sehr
gedmpft, dass der Alte, der nach Art der Schwerhrigen ihr scharf ins Gesicht
sah, und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte, nur aus der Bewegung ihrer
Lippen abnahm: sie msse reden. Auch das Zurckstossen des Stutzes liess ihn nur
ein leises, undeutliches Murmeln, keine eigentlichen Tne vernehmen. - Ich muss
Sie bitten, fing er jetzt an, mir eine Schwachheit des Alters zu Gute zu halten;
ich habe, wenn die Witterung kalt wird, einen Fluss auf dem rechten Ohre, der
aber Gottlob! so arg nicht ist, dass ich, wie mein Nachbar, ein Hrnchen mit mir
herumtragen drfte. Haben Sie nur die Geflligkeit, ein wenig lauter zu reden,
und ich werde Sie hren.
    Diese Aufforderung zum Lautreden vermehrte das Herzklopfen der Witwe, die
schon so des Athems wenig genug, und dabei ein Anliegen hatte, das seiner Natur
nach nicht wollte geschrieen werden. Es kam ihr usserst gelegen, dass eben
jetzt Herr Stark sie zum Niedersitzen auf das altmodische rohrgeflochtene Canape
einlud; denn kaum erhielt sie, bei ihrer heftigen innern Bewegung, sich auf den
Fssen. Es gelang ihr jetzt, dem alten Herrn zu bedeuten: dass ihre grosse
Verpflichtung gegen seinen wrdigen Sohn, der durch lange mhsame Arbeit sie aus
einer hchst unangenehmen Verwirrung gezogen, ihr ein gerechtes Vertrauen auch
gegen den Vater einflsse, und dass sie hoffe - - Hier sank ihr die Stimme
wieder; und Herr Stark brachte nicht heraus was sie denn hoffe: dass er nehmlich
gleiche Grossmuth beweisen, und wenn sie von diesem oder jenem ihrer Glubiger
gedrngt werden sollte, ihr seinen einsichtvollen Rath und selbst seine thtige
Untersttzung nicht versagen werde. Er bezog die paar Wrter, die er verstand:
Grossmuth, Rath, Untersttzung, noch immer auf seinen Sohn; und deutete, weil
sie jetzt auch von Dank sprach, ihre Hoffnung bloss dahin: dass er ihren Besuch
gtig aufnehmen, und sich ihren Dank fr die ihr erwiesene Hlfe werde gefallen
lassen. Dem gemss erwiederte er, zu nicht geringem Erstaunen der Witwe: dass
sie sich in ihm ganz an den Unrechten wende, indem er Alles was sein Sohn fr
sie gethan, erst spt hinterher erfahren, und dass er also ihren Dank unmglich
annehmen knne. - Unsre jungen Herren, sagte er, pflegen die Vter nicht zu
ihren Vertrauten zu nehmen; sie frchten, dass man jede Art von Erffnung als
schuldige Rechenschaft von ihrem Thun und Lassen ansehen werde; und sich einem
solchen Zwange zu unterwerfen, sind sie ganz und gar nicht gemeint. - Die Witwe
rang, in einer ziemlich langen, ngstlichen Pause, mit sich selbst, wie sie das
nehmen, und ob sie im Gesprche fortfahren oder es abbrechen solle. Sie konnte
kaum anders, als das trockne Hinweggehen ber den Hauptpunct in ihrer Anrede fr
ein geflissentliches Ausbeugen und Ablehnen nehmen; und was der Vater vom Sohne
sagte, schien sogar das Betragen desselben zu missbilligen. Indessen war es
mglich, dass Herr Stark nur bel gehrt hatte; und so raffte sie sich zusammen,
um auf einem andern Wege das Gesprch wieder einzuleiten. - Die Doctorinn, sagte
sie, habe ihr die Freundschaft gerhmt, die ehemal zwischen Herrn Stark und
ihrem verstorbenen Schwiegervater, dem alten Lyk, geherrscht habe; und sie lebe
der Hoffnung - - Auf dieses Wort, welches Herr Stark vollkommen verstand, gab er
die passende Antwort: dass er den alten seligen Lyk von seiner Kindheit an
gekannt, und schon in den ersten Schuljahren sein Freund gewesen; dass sie
nachher, ihr ganzes Leben hindurch, in sehr enger Verbindung gestanden, und dass
sie gewiss, in vorkommendem Falle, ihre gegenseitige herzliche Freundschaft sich
aufs thtigste wrden bewiesen haben. - Aber, sagte er, so ein Fall kann,
Gottlob! nicht vor; wir hielten beide unsre Geschfte in guter Ordnung, und
verschlemmten und verschleuderten nicht: und wo das ist, da ereignen sich die
Umstnde nicht leicht, in welchen der Freund dem Freunde einen ausgezeichneten
Dienst leisten oder wohl gar eine Aufopferung fr ihn machen knnte. - Wenn
gleich diese Anmerkung nichts weniger als Schmeichelei seyn sollte; so hatte sie
doch bei weitem den Sinn nicht, den die Witwe ihr gab, und den sie nach dem
obigen Missverstande - oder itzt kaum mehr Missverstande - fast gezwungen war
ihr zu geben. Sie glaubte, einen bittern Vorwurf ber die Unordnung zu hren,
die ihr verstorbener Mann in seine Geschfte hatte einreissen lassen, glaubte
sich zum zweitenmale empfindlich zurckgewiesen, und erblasste und errthete, im
Gefhl ihrer peinlichen Lage, eins um das andre. Herr Stark, der ohne Brille
nicht scharf mehr sah, ward von ihrem Zustande nichts inne.
    Sie haben, fing er nach einigen Secundem wieder an, den guten alten
Schwiegervater wohl nicht mehr gekannt?
    Nie - sagte ihm ein stilles, schwaches Kopfschtteln der Witwe.
    Und seine Frau, die alte redliche Mutter Lyk, wohl eben; so wenig?
    Eben so wenig - sagte ihm ein abermaliges Kopfschtteln; denn die Witwe, der
das Herz immer voller und schwerer ward, war nicht im Stande zu reden. -
    Htte Herr Stark von der jetzigen wirklich bedrngten Lage der Witwe, und
besonders von ihrer Absicht auf ihn, nur die mindeste Ahnung gehabt: so wrde
er, bei seiner wahrhaft grossmthigen Denkungsart, und seiner Achtung fr
Unglckliche, ihrer sorgfltig geschont, und jedes seiner Worte genau bewacht
haben; aber so hielt er, in seiner Unwissenheit ber beides, es gar nicht fr
bel gethan, wenn er ihr von seinen Gedanken ber echten weiblichen Werth eine
kleine Erffnung machte. -
    Sie haben, sagte er, viel verloren, Madam; Sie hatten eine sehr
vortreffliche Schwiegermutter. - Freilich war sie im Grunde nur Hausfrau; aber
mehr zu seyn, kam ihr auch nie in den Sinn: der Mann, glaubte sie, gehre der
Welt; die Frau, dem Mann und den Kindern. Das war so der ehemalige alte Glaube,
worin man die Tchter erzog, und wobei nun freilich die Mdchen nicht so fein
und niedlich wie jetzt, aber dafr desto braver und wirthschaftlicher, und einem
Manne der an sein Fortkommen dachte, desto lieber und werther wurden. Der alte
Lyk sagte mir oft, dass er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott
betrachte, und dass er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umstnden seyn
wrde, als er es wre. Er liebte und achtete sie ungemein; auch wohl mit
deswegen, weil sie ihm viele Ehre machte: denn sie galt in der ganzen Stadt fr
die beste und erfahrenste Wirthinn, und war fr unsre Weiber, in jeder
huslichen Angelegenheit, das allgemeine Orakel. - Dabei war sie nichts weniger,
als peinlich, oder gar mrrisch: Sie htten sehen sollen, Madam, mit wie
einnehmender Freundlichkeit sie den Gsten entgegen kam, die der alte Lyk fast
jedesmal von der Brse mit sich brachte; wie sie sich freuen konnte, wenn bei
der Bewirthung, die immer nur brgerlich, aber reichlich und anstndig war, ihre
Gerichte schmeckten, und wenn, die kleine Gesellschaft whrend dem Essen recht
gesprchig, recht laut ward. Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann, der alle
ihre Blicke verstand; und sobald er gewinkt hatte, war sie in zwei, drei
Sprngen zum Keller hinunter, und holte selbst von dem besten alten Rheinwein
herauf, der uns dann noch beredter, noch frhlicher machte. - Sehn Sie, Madam!
Mit so einer liebreichen, frohen, wirthschaftlichen, Hausfrau waren wir
damaligen Mnner ber und ber zufrieden, und nannten sie, wie sie's auch
wirklich war, unsern Schatz und unser Herz; heut zu Tage, wo sich der
brgerliche Ton immer mehr in den adlichen, auch wohl hie und da in den
frstlichen hinaufzieht, wren das gemeine, abgeschmackte Ausdrcke: da nennt
man, glaub' ich, die Frau mein Kind; aber ich weiss doch kaum, wen ich
glcklicher preisen soll, ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze, oder den
jetzigen mit dem Kinde. - Doch Sie verzeihen, Madam; ich plaudre da ein Langes,
ein Breites, und weiss selbst nicht, wozu? Denn dass andre Zeiten andre Sitten
bringen, ist ja natrlich. -
    In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich
wieder so manches Empfindliche, dass die Witwe den Zweck ihres Besuchs nun
vllig aufgab, und sich Herrn Stark auf der Stelle wrde empfohlen haben, wenn
nicht ein jher Schwindel, in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu
tanzen anfing, ihr das Aufstehen verboten htte. Gleichwohl musste sie dieses
Aufstehen versuchen, als sie sich pltzlich von zwei weiblichen Stimmen
begrssen hrte, worunter sie die der Doctorinn sogleich unterschied. Die liebe
Neugier hatte diese und die Mutter herbeigefhrt: die eine, um zu erfahren wie
es stnde, und um nthigenfalls die Witwe zu untersttzen; die andre, um eine
Person nher kennen zu lernen, die ihrem Sohne so verpflichtet, und wie man ihr
nicht verborgen hatte, zugleich ihm so werth war.
    Mein Gott! was ist Ihnen? rief die Doctorinn aus, die den Zustand der Witwe
auf den ersten Blick erkannte, und ihr rasch entgegensprang, um sie zu halten. -
Wohl gar in Ohnmacht? fragte erschrocken Madam Stark; und: Nimmermehr! rief
verwundert der Alte; whrend die Kranke aus den Armen der Doctorinn auf das
Canapee glitt, und pltzlich ohne Athem und Farbe, wie eine Leiche, dalag. Die
Doctorinn rief nun laut um Hirschhorngeist; die Mutter eilte in die Kche nach
frischem Wasser; Herr Stark holte Hofmannischen Liquor; und in kurzem war auch
Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung. - Endlich war Madam Lyk in so
weit wieder hergestellt, dass sie sich getraute, zu Fuss und ohne Begleitung
nach Hause zu kommen. Aber das gab niemand zu, und am wenigsten der alte Herr
Stark, der sich berhaupt so gtig und herzlich benahm, dass die Witwe an seiner
Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward. Er liess einen Wagen holen, in
welchen, nach seiner Anordnung, die Doctorinn zuerst hineinstieg, um, whrend
man der Witwe von aussen nachhlfe, ihr von innen die Hand zu reichen. Auch
Monsieur Schlicht, der trotz seines Alters noch sehr berhrig und kraftvoll war,
musste hinein, mit der Anweisung: sobald der Wagen hielte, herauszusteigen, um
Madam Lyk den Arm zu bieten, aber ja, wenn sie wieder schwcher wrde, erst
Hlfe aus dem Hause zu rufen, und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu
verlassen. -
    Nun? fragte der Alte, sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah:
kannst du mir sagen, was das hiess? was das vorstellen sollte? Ich fr mein
Theil verstehe kein Wort. - Die Frau kmmt am frhen Morgen gegangen, und reisst
mich aus meinen Geschften: ich denke nicht anders, als sie will Wechsel auf
England oder auf Holland kaufen; aber am Ende - was hat sie bei mir zu thun? -
In der Welt Gottes nichts, als in Ohnmacht zu fallen. - Ist das etwa jetzt neuer
Ton? Macht man zu London und zu Paris solche Morgenvisiten?
    Wie du nun bist! sagte die Alte. Ein Frauenzimmer wandelt ja leicht etwas
an.
    Ein Frauenzimmer! - Warum denn aber dich und die Doctorinn nicht?
    Je nun - eine ist ja nicht, wie die andre.
    Mutter! - Wenn alle die Weiber, die den ganzen Tag, mit Roman und Komdie in
der Hand, auf dem Sopha liegen, oder die auch den Morgen am Putz-und den Abend
am Spieltisch vergeuden; wenn sie hbsch, wie du und die Doctorinn, von frh bis
spt auf den Beinen wren, um sich in ihrer Wirthschaft herumzutummeln: ich
wette, wir wrden von keinen Krmpfen und Schwindeln und Ohnmachten, und wie das
Zeug alles heisst, weiter hren. - Zwar einmal - er drohte ihr erst mit dem
Finger, und nahm dann ihre drre, welke Hand, um sie zu liebkosen - einmal
spieltest du mir auch einen Streich; da war ich in rechtschaffner Angst. - Doch
das war auf dem Bette der Ehren, bei der Niederkunft mit der Tochter; und fr so
eine Ohnmacht alle mgliche Hochachtung! Die hat denn doch Hand und Fuss.
    Bser Mann! sagte die Alte, mit einer Miene die halb schmunzelte und halb
schmollte: lass doch solche Dinge nun aus dem Kopf! Das sind ja alte
Geschichten.

                                     XXII.


Bald nach dem Mittagessen erschien der Doctor: theils, um sich nach der
Gesundheit, theils - oder wohl eigentlich und hauptschlich - um sich nach der
Gesinnung des alten Herrn zu erkundigen. Er fragte fast in einem Athem: Wie
befinden Sie Sich? und: Wie gefiel Ihnen die Witwe?
    Auf das Erste, lautete die Antwort: Wohl! und auf das Zweite: Nicht bel!
    Sie werden gefunden haben, dass es eine sehr feine Frau ist. Nicht wahr?
    Fein? Je nun ja! Wie Sie wollen. Figur und Gesichtchen sind ganz ertrglich.
- Es lsst sich schon denken, wie so eine Frau einen schwachen, thrichten Mann
hat so weit bringen knnen, sich um ihretwillen zu Grunde zu richten. -
    Der Doctor, der sich einer gnstigern Antwort versehen hatte, war ein wenig
betreten. Indessen hielt er es nicht fr gut, in gerader Richtung ber den Strom
zu schwimmen. - Sie ist zugleich von sehr sanfter Art; meinen Sie nicht?
    Sie scheint es. Die Weiberchen scheinen Manches, Herr Sohn.
    Aber sind doch Manches auch wirklich?
    Wie man das nimmt. - Was sie jedesmal sind, sind sie wirklich. Heute dies,
morgen das.
    Mein Gott! Sie sind doch auch sehr gegen die Weiber.
    Fr sie, fr sie, Herr Sohn! - Ich schtze, an dem lieben Geschlechte nicht
bloss die Tugenden, sondern auch die Schwachheiten; aber wohl gemerkt! diese mit
jenen verbunden. Die Welt- und die Modeweiber, die nur die Schwachheiten, aber
nicht die Tugenden, und eben darum jene im hchsten Grade haben; die, Herr Sohn
- wie Sie schon lngst gemerkt haben knnen - sind mir zuwider.
    Und zu diesen, glauben Sie, gehre die Lyk?
    Ob noch jetzt? kann ich nicht sagen.
    Ich bin Arzt in dem Hause. -
    Da wissen Sie Bescheid um ihre Gesundheit.
    Ja. Aber auch wahrlich um ihre Denkungsart, ihre Sitten, ihren Charakter. -
Ein Arzt hat manchen geheimen, vertraulichen Augenblick mit den Weibern.
    So? - Und das sagen Sie mir so frei ins Gesicht?
    Warum nicht? -
    Mir, dem Vater von Ihrer Frau? - Wenn ich nun der es wieder sage?
    Gerne! gerne! In Gottes Namen!
    Der muntre, freudige Ton des Doctors rhrte den Alten, und er ergriff seine
Hand. - Lieber, guter Doctor, sagte er, Sie und meine Tochter machen zusammen
ein braves, ein herrliches Paar. - Gott erhalte euch so! Ich habe ja ausser euch
keine Freude. - Er hatte grosse Lust auf den Sohn zu kommen, dessen noch
fortdaurendes Flussfieber ihm sehr zu missfallen anfing; allein der Doctor liess
ihn nicht los von der Witwe.
    Nehmen Sie einmal an, sagte er, dass die Frau wirklich ist, was sie scheint:
sanft, liebreich, nachgebend, gefllig; - wre da der unsinnige Aufwand im
Lykischen Hause nicht auch ohne sie zu erklren? Liesse sich's nicht denken,
dass eine so geartete Frau ihre eigene Neigung dem eitlen, auf lauter Pracht und
Vergngen erpichten Manne htte aufopfern knnen; dass sie sich bloss durch ihn,
ohne den mindesten innern Trieb, von einer Gesellschaft zur andern, einem Balle
zum andern, htte fortreissen lassen?
    Die Wirthschaft aber ging nach der Heirat erst an. -
    Natrlich! Denn da wird das Haus erst ein Haus. Die Frau erst macht es dazu.
    Und der ganze Aufzug - der Staat - die glnzende Equipage - das Alles
scheint mir mehr auf weibliche, als auf mnnliche Neigung zu deuten -
    Kam aber doch lediglich von dem Manne.
    Hm! - Zwar sind manche Mnner Weiber, und rger als Weiber. -
    Das mein' ich! Und dann, liebster Vater: was htte die Tochter eines armen
Landpredigers - denn das ist die Lyk - was htte ein Mdchen, das weder Vermgen
noch Aussteuer in's Haus brachte, fr grosse Ansprche machen knnen?
    Ungeheure! Das verstehn Sie nur nicht. - Die Waare der eitlen Weiber hat
keinen bestimmten Preis, aber in ihren eigenen Augen einen unermesslichen Werth.
Wenn fr so ein Figrchen oder ein Lrvchen - und oft fr noch weniger, fr ein
bischen Geschwtz oder Geziere - ein Baron seine Baronie, oder ein Graf seine
Grafschaft vertndelt; so haben sie dabei noch immer verloren, sich noch immer
zu wohlfeil weggegeben: denn mit eben diesen - Herrlichkeiten oder
Armseligkeiten - htten sie ja ein ganzes grosses Frstenthum unter kaiserlichen
Sequester bringen knnen.
    Wir reden hier aber von keiner Buhlerinn, sondern von einer Frau -
    Alle Achtung!
    Und deren Glck oder Unglck, Ehre oder Schande, hngt ja so innig mit Glck
oder Unglck, Ehre oder Schande des Mannes zusammen.
    Wird denn das berlegt? -
    Hier wahrlich, hier ward es sehr berlegt. - Dass sich Anfangs das junge,
unerfahrne, in der Welt noch ganz neue Landmdchen in den Strom von Vergngen
kopfber hineinstrzte, und nur an den jetzigen sssen Genuss, nicht an die
knftigen herben Folgen dachte: das hoff' ich, wird ein Menschenkenner, wie Sie,
eben so leicht verzeihn, als begreifen. -
    Aber das Ding whrte fort - immer fort - ohne Ende.
    Bloss durch Schuld des Mannes, mein lieber Vater. - Die Frau ward schwanger
und krnklich, und ich war nun fast tglich im Hause. Wie oft bezeugte sie mir
ihre Sttigung, ihren berdruss, ihren Ekel! Wie herzlich wnschte sie sich das
geruschlose, husliche, thtige Leben zurck, woran sie von jeher gewhnt war!
Aber dazu ihren Mann zu bereden, war keine Hoffnung; denn gleich ihr erster
Versuch, ihn umzustimmen, erregte seinen heftigsten Zorn. Sie liebte den Mann;
sie war schwach; sie war der Armuth wegen, worin sie zu ihm gekommen war, scheu
und blde: Er dagegen - war stolz, gebieterisch, auffahrend, gegen die
Liebkosungen und die Thrnen der Frau wenig empfindlich. Ich sah das nur zu
sehr, als er von ihrer Mutterliebe das Opfer forderte, den knftigen Sugling
nicht mit eigener Brust zu ernhren.
    Und auch das liess sie gut seyn? gab nach?
    Was sollte sie machen? -
    Der Alte schttelte missbilligend mit dem Kopfe.
    Die Wirthschaft ging indess ihren Gang immer fort, immer dem Abgrunde zu;
und es musste doch wahrlich grosses Vermgen da seyn, dass der Mann seine
Verschwendung ganze Jahre lang durchsetzen konnte.
    Das war auch; das war! rief der Alte. Ungemeines Vermgen!
    Indess ward die Frau durch manche Beispiele gewarnt; sie ahnte traurige
Folgen: allein da das Gesicht des Mannes heiter blieb, so verschloss sie, mit
ihrer gewohnten Furchtsamkeit, alle Besorgnisse in ihr Herz. - Endlich, als
wirkliche Verlegenheiten eintraten, denen nur der usserst vorteilhafte Verkauf
des Gartens ein Ende machte, wirkte sie, durch die nachdrcklichsten,
zrtlichsten, wehmthigsten Vorstellungen, wenigstens einige kleine
Einschrnkungen aus, und fr die Zukunft Versprechungen, die aber nur zu bald
wieder vergessen wurden. Wre nicht noch zu rechter Zeit der Tod in's Mittel
getreten; so htte sie wahrscheinlich den vollen Bruch des Hauses, und tiefe,
bittre Armuth erlebt.
    Nur wahrscheinlich? Sagen Sie: gewiss und unfehlbar! - Aber, dass die Schuld
so ganz nur des Mannes gewesen wre, nicht ihre eigne - - ich gestehe Ihnen,
Herr Sohn, das will mir gar nicht recht in den Kopf. Ich habe Nachrichten, die
anders lauten, ganz anders.
    Von wem? - Ich bitte Sie, lieber Vater -
    Von - -
    Von dem Wolf in der Fabel, htte er sagen knnen; denn eben, als schon der
Name ihm auf den Lippen schwebte - -

                                     XXIII.


Trat Herr Specht in das Zimmer, und ward von dem Doctor sogleich als derjenige
Mann, an den er sich halten msste, auf's Korn genommen. Es sei nun, dass die
ssse Miene und die schmeichlerischen Demthigungen des Herrn Specht, oder dass
gewisse usserungen des Schwagers, die ihm noch dunkel im Gedchtniss schwebten,
diesen Verdacht bei ihm, rege machten.
    Herr Specht setzte mit wichtiger Miene einen grossen Beutel Geld auf den
Tisch: usserst froh, wie es schien, dem liebwerthesten Herrn Pathen seine
bisherige Schuld bei Heller und Pfennig abtragen zu knnen. - Er hatte bei einer
kleinen Speculation mit Waaren, die gerade damal gesucht wurden, ein
ansehnliches Smmchen gewonnen; er eilte also, sich durch Abbezahlung die
Geldquelle zu reinigen, die er bei lngerer Vernachlssigung leicht einmal htte
verstopft finden knnen. -
    Ei potz, potztausend! sagte der Alte, indem Herr Specht den Beutel
ausschttete: das ist ja gewaltig viel Geld! Das ist ja ein Reichthum, wie des
Mannes im Evangelium! Wo hat Er das Alles her?
    Hehehe! Liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch immer so gerne spassen! -
Reichthum? Daran fehlt viel. - Lieber Gott! - Aber man thut denn das Seinige;
und wenn ein Krnchen zum andern kmmt, sagte einmal der Herr Pathe, und immer
neue Krnchen dazu - -
    Ja, sieht Er? Da wird am Ende ein Haufen. Das ist ganz richtig. - Indessen
zhlte Herr Specht munter fort, und sah sich dann und wann nach dem Sohne um,
den er diesmal eben so gern, als sonst ungern, htte kommen sehen, um sich
einmal in seinem Glanze vor ihm zu zeigen. - Die Summen wurden richtig befunden,
das Geld wieder eingesackt, und die eingerissnen Papiere zurckgegeben.
    Nun! sagte der Doctor - weil ich sehe, dass Sie mit Ihrem Geschfte fertig
sind, mein Herr Specht - wie geht's Ihnen? wie befinden Sie Sich?
    Specht, unter tiefer Verbeugung, wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie
beschrieb, dankte tausendmal fr gtige Nachfrage, und versicherte: er sei wohl.
    Und zu Hause - die Frau Liebste? die Kinder?
    Alles, alles wohl, mein verehrtester Herr Doctor.
    Nun, das ist schn; das erfreut mich. - Wie sieht's denn jetzt in Ihrer
Nachbarschaft ans? Was macht Madam Lyk?
    Hehehe! Die lebt denn immer so fort, ganz im Stillen. - Wie's einer Witwe
denn auch nicht anders ziemt. Ganz im Stillen.
    Vormal war es dort nicht so stille. Da war gewaltiger Lrm.
    Ach, das sagen nur der Herr Doctor noch einmal! Lrm bei Nacht, wie bei
Tage. Keinen Augenblick hatte man Ruhe. - Das war ein Geschrei, Gefahre,
Gelaufe, Getmmel; und wenn Ball oder Maskerade war, ein Gefiedel, Geflte,
Geblase, Gepauke - man htte mgen von Sinnen kommen. Meine Frau hat dabei in
dem einen Wochenbette was Rechts gelitten. Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr
bel, als der Madam, dass man so gar keine Rcksicht hatte, und so schnell nach
ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing. - Sie konnte seitdem die Frau
nicht mehr ansehn. - Es war auch wirklich recht gottlos.
    Freilich! Die kurzen sechs Wochen ber htte man sich schon ein wenig still
halten knnen. - Aber ob denn die Wirthschaft nicht bald wieder angehen wird?
    Damit hat's denn wohl so seinen Haken. - Er kniff das eine Auge ein wenig,
und glaubte Wunder, wie verschlagen er ausshe.
    Wie so? - Der Mann ist doch lange genug unter der Erde. Die grosse Trauer
ist aus.
    Das wohl; aber - - Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar mal ber
den Zeigefinger, und zuckte dabei die Achseln. - Wo einmal das fehlt, mein
lieber Herr Doctor - -
    Ja, das ist wahr; da fehlt Alles. - Und aufgerumt mag die Frau unter den
Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben; das will ich glauben.
    Ein wenig? Hehehehe! -
    Aber wenn nur noch etwas, auch nur noch ganz wenig da ist; ein kleines,
unbedeutendes Restchen: - solche Menschen, die einmal in der Jugend nicht
rechnen gelernt haben, sind wie vom Bsen besessen. Sie haben nicht eher Ruhe
noch Rast, als bis sie Alles, schlechterdings Alles, auch den letzten Pfennig
durchgebracht haben. Erst mssen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben;
eher ist kein Aufhren bei ihnen.
    Ja, das kann auch hier noch so kommen. Ich widerspreche keinen Augenblick,
mein Herr Doctor. -
    Der Alte, der sehr wohl merkte, wo der Doctor hin wollte, hatte sich im
Rcken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt, und hielt sich ganz
ruhig. -
    Eins wsst' ich nur fr mein Leben gerne, hob der Doctor wieder an: nicht,
wer von beiden Theilen allein und ausschliessend; - denn dass beide nicht viel
getaugt haben, ist mir gewiss - aber wer wohl so am meisten und vorzglich, an
dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem Hause Schuld gewesen ist: ob
die Frau, oder der Mann?
    Die Frau! die Frau, mein lieber Herr Doctor!
    Doch? - Sie sind freilich der nchste Nachbar; Sie knnen das wissen.
    So wie die Frau nur den Fuss ins Haus setzte, ging's los.
    Ja, das sagt man. - Aber ich habe neulich ein paar recht wackre Mnner ber
die Frage streiten hren, und da meinte der eine: dieser Umstand beweise wenig,
beweise nichts; es sei ganz und gar nicht die Frau, sondern - was ich nun
freilich fr bertrieben halte - einzig und allein der Mann gewesen, der allen
den Unfug getrieben.
    Ach, wer das auch mag gesagt haben, mein liebwerthester Herr Doctor - mit
aller Hochachtung von ihm gesprochen -
    Nehm' Er Sich in Acht, sagte der Alte aus seinem Hinterhalte. Red' Er nicht
allzuviel!
    Wie so? wie so, mein bester Herr Pathe? Ich hatte nichts Bses im Sinne. -
Die Frau ist von Ansehn recht artig, und ich mgte fast sagen, schn - was ich
mich zwar zu Hause bei Leibe nicht drfte merken lassen, hehehe! - und da,
meint' ich, knnte einer der jungen Herren, die immer um sie herum waren - -
    Sich in sie vergafft haben? rief der Alte mit Lachen; jaja! - Und so einer
will denn nichts auf sie kommen lassen. Das ist begreiflich. - Ich selbst kenne
einen sonst braven Mann, der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit
allerlei Damen rhmt; und eben der - -
    Der wird's seyn, sagte Herr Specht: der wird's seyn; ganz gewiss!
    Der Alte und der Doctor lachten von Herzen, und Herr Specht blieb ihnen sein
Hehehe! auch nicht schuldig. - Er trocknete sich die thrnenden Augen, und
versicherte, dass er nirgend in der Welt so froh sei, als bei dem liebwerthesten
Herrn Pathen.
    Aber, nahm der Doctor wieder das Wort: nun einmal im Ernst, lieber Herr
Specht! - Dass Sie keinen Grund zu Ihrer Behauptung haben sollten, lsst sich
von einem so vernnftigen Manne wie Sie, nicht wohl denken. Vermuthlich hat
einmal, in einem vertraulichen Abendstndchen, der selige Lyk Ihnen geklagt,
dass er mit dem Wildfang von Frau gar nicht fertig zu werden, sie gar nicht zu
bndigen wisse.
    Geklagt, mein Herr Doctor? Mir? In einem vertraulichen Abendstndchen?
    So vor der Thre, mein' ich. - Bei einem Pfeifchen. - Da schwatzen ja
Nachbarn wohl eins zusammen.
    Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Wo denken Sie hin? - So ein vollwichtiger
Mann bei der Brse, so ein angesehener Kaufherr; der sollte sich gegen mich
kleinen Anfnger so herabgelassen, so erniedriget haben? - Nein, da ist nur
unser einziger Herr Stark, der gegen jedes Kind freundlich ist, und der auch den
kleinsten Brger etwas gelten lsst; den Ruhm hat er ganz allgemein. -
    Sehr verbunden! sagte der Alte.
    Die andern Herrn - es scheint ihnen schon zu viel, unser Einen nur ansehen
zu sollen. Der hflichste, unterthnigste gute Morgen wird mit einem Wesen
erwiedert, mit einer Miene - - Er qulte sich, eine recht stolze, recht
verachtende anzunehmen; aber einmal ging in sein Gesicht, ausser der
Spechtischen Original-Miene, keine andre hinein.
    Nun, dann merke ich schon - dann haben, gewi die Handlungsdiener, oder
Andre im Hause, die um die Sache Bescheid wussten, ein wenig geplaudert.
    Die Handlungsdiener? - Ja mein Gott! das sind nun vollends die rechten. Die
sind, wo mglich, noch ausgeblas'ner, als ihre Herrn, oder wenigstens
unertrglicher; denn mit allen ihren hohen Salairs - was sind sie? - Diener,
sagt meine Frau, weiter nichts. Unser Einer, sagt sie, wenn er auch nur schmale
Bissen isst, schneidet sie doch von seinem eigenen Brote; aber ein solcher
Miethling - - keinem zu nah gesprochen! setzte er furchtsam hinzu -
    Alles wahr! Alles schn, mein Herr Specht! Aber ich habe damit immer noch
keine Antwort. - Sie wissen die Gesinnung der Frau und ihren Hang zum
Verschwenden nicht durch den Mann, nicht durch Vertraute des Hauses; und woher
denn sonst? - muss ich Sie fragen.
    Durch Ohrenbeichte, sagte der Alte ein wenig bitter, weil er schon merkte,
dass ihn Specht hintergangen habe. - Die Lyk ist heimlich katholisch, und dieser
Specht ist ihr Pater.
    Ach um Gottes willen! rief Specht, indem er mit wahrhaft protestantischem
Schrecken zurcktrat: wenn das der Herr Hauptpastor hrte! oder gar meine Frau!
- Ich ein Pater?
    Das Lachen der beiden Herrn, das zwar bei dem Alten ein wenig verstimmt
klang, brachte ihn bald wieder zu sich. - Nein! sagte er: mein Herr Doctor: was
ich weiss, das weiss ich aus sehr erlaubter und sehr zuverlssiger Quelle.
    Nun? - Darf man denn nicht erfahren - - Kaum, dass ich Herrn Stark von der
tollen Wirthschaft im Lykischen Hause die erste Nachricht brachte; so rief der
Herr Pathe sogleich: das kmmt von der Frau her! Das ist die neue
Modewirthschaft der Weiber! Da geht nun wieder einmal, unter Tanzen und
Frohlocken, ein Haus, und ein so herrliches Haus zu Grunde. - Und als ich das
bei Tische wieder erzhlte, sagte meine Frau augenblicklich: Er hat Recht, der
Herr Pathe! Er hat ganz Recht!
    Ja so - allerliebst! - Und da schoben Sie denn nachher jede hnliche
Ausschweifung ganz getrost der Frau auf den, Hals?
    Lieber Gott! Wie denn anders? - Meinem Herrn Pathen muss ich doch glauben;
denn der hat Erfahrung - o, der kennt die Welt; der weiss Alles.
    Ist Er toll? fragte der Alte, indem er, zu grossem Schrecken des armen
Specht, sich voll Unmuths aus seinem Sessel aufhobt.
    Liebster, bester Herr Pathe - -
    Wahrlich! das wird lustig, sagte der Doctor. Sie, mein lieber Vater, haben
die Sache von Herrn Specht, und Herr Specht hat die Sache von Ihnen.
    Der Doctor bekam einen sehr unfreundlichen, und der Pathe, der wie
versteinert dastand, einen ganz vernichtenden Blick. - Er ist - murmelte der
Alte zwischen den Zhnen - mit allen seinen Hflichkeiten und Reverenzen - -
Hier begriff er sich noch, riss den Geldbeutel mit Heftigkeit zu sich, und ging
davon.

                                     XXIV.


Sie sehen den Lohn der Welt! - sagte der Doctor, indem das Schweisstchlein des
Herrn Specht in voller Bewegung war; - das ist nun der Dank fr alle Ihre
mhsamen Gnge und Ihre gegebenen Nachrichten!
    Mein Herr Doctor! rief Specht, und drehte dabei die Augen gen Himmel: - Wenn
ich nicht so unschuldig bin, wie ein neugeborenes Kind - -
    O das sind Sie! Das will ich Ihnen bezeugen.
    Wenn nicht der Herr Pathe Alles, Wort vor Wort, so gesagt hat, wie ich's da
wieder sagte - Er legte zu einer feierlichen Betheurung die Hand auf die Brust.
-
    Keine Schwre, Herr Specht! Ich glaube Ihnen, eben um Ihrer Unschuld willen.
- Mein Schwiegervater hat Alles gesagt, was Sie ihn sagen liessen; vielleicht
noch mehr: aber wissen Sie auch, warum? - Weil eben damal zwei nicht
unansehnliche Huser gebrochen waren, und zwar, wie die ganze Stadt wusste,
durch Eitelkeit und Verschwendung von Weibern, die aber der Lyk so hnlich
sahen, als die Snde der Tugend. Das eine war eine verlaufene Englnderinn, das
andre eine Tnzerinn aus der Oper. Narren von Mnnern hatten solche Weiber
geheiratet. - Diese Vorflle lagen dem alten Mann auf dem Herzen; und auch die
Lyk war eine aus der Fremde hieher Gekommene, eine ihm vllig Unbekannte. - Was
er zu Ihnen sprach, war nur als Frage zu nehmen, die Sie nicht so leichtsinnig
und so beharrlich zum Nachtheil einer wrdigen Frau - denn das konnte sie
wenigstens seyn, und das ist sie - Htten beantworten sollen.
    Aber ich wusste ja nicht, mein Herr Doctor - ich wusste so wenig, als der
Herr Stark - -
    So wussten Sie doch dies, dass Sie nicht wussten. - Und eben dies, mein Herr
Specht, war die Wahrheit, die Sie als ehrlicher Mann htten bekennen mssen.
    Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Da htt' ich ja doch widersprochen.
    Nun? Und wenn Sie nun widersprachen?
    So einem Manne? so einem Herrn? In alle Ewigkeit nicht.
    Wahrheit, Herr Specht - merken Sie Sich das fr die Zukunft! - Wahrheit nach
Ihrer besten Erkenntniss sind Sie nicht bloss Ihrer Ehre, sondern auch Ihrer
Glckseligkeit schuldig. Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten. - Die Art,
wie man die Wahrheit sagt, macht den Unterschied; sonst sagt man sie dem Knige,
wie dem Bettler.
    Ach mein Herr Doctor! Wenn Sie doch nur wren, wie ich!
    Sie sind sehr gtig. -
    Da sitzt man und sorgt und grbelt, und hat Frau und Kind auf dem Halse, und
weiss oft vor Angst nicht, wo aus wo ein; und wenn man denn da in so ein Haus
kmmt, und alle die grossen Kisten sieht, und die ungeheuren Ballen mit Waaren,
und das Gerenne und Getreibe der Leute, und die Frachtwagen, die ab- und die
aufgeladen werden, und das ganze volle Dutzend Pferde davor: - ach Herr Doctor!
es wandelt einen eine Ehrfurcht an, ein Respect! - Wo um Gotteswillen! nhme man
da den Muth her, auch nur zu muchsen?
    Der Doctor fasste jetzt seinen Mann ein wenig scharf ins Gesicht, und wollte
kein Wort weiter an ihn verlieren. Er versprach ihm auf sein ngstliches Bitten,
bei dem alten Herrn Alles wieder in's Gleis zu bringen, schrieb ihm ein Recipe
zu einem niederschlagenden Pulver, das er sich in der nchsten Apotheke sollte
machen lassen, und wnschte ihm wohl zu leben.

                                      XXV.


Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurtheil, als durch den
armen Tropf von Pathen hintergangen war: so war doch der blosse Schein von dem
letztern ihm rgerlich; und noch rgerlicher, dass er bei dieser Gelegenheit die
Fassung verloren, und dadurch jenen Schein besttiget hatte. Er fhlte recht
gut, dass er die Sache nach seiner gewhnlichen Art, mit lachendem Munde, htte
abmachen knnen. Indessen gereichte dieser Fehler, wenn es ja einer war, ihm zur
Ehre: denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekrnkten Eigenliebe, als
in der Rechtschaffenheit seines Herzens, das ihm alle gegen die Witwe begangenen
Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf, und ihm denjenigen der dazu
mitgewirkt hatte, in einem nicht mehr lcherlichen, sondern gehssigen Lichte
zeigte.
    Die Tochter, die theils durch Madam Lyk, theils durch ihren Mann, von allem
Vorgefallenen genau unterrichtet war, glaubte die Herzensstimmung worin sie den
Alten vermuthete, zu ihrem Zweck benutzen zu mssen. Sie machte ihm einen nur
ganz kurzen, flchtigen Besuch, bei dem sie sich nicht einmal setzte, aber
gleichwohl mit sichrer Hand alle die Saiten anschlug, die sie in dem Herzen des
Vaters als die empfindlichsten kannte. Den Vorwand zu diesem Besuche musste die
Bitte geben, die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie gethan
hatte, ihm von dem Befinden der Witwe Nachricht zu bringen.
    Entschuldigen Sie mich, sagte sie, lieber Vater, dass ich Ihren Befehl erst
so spt erflle. Aber am Vormittage machten es mir Geschfte, die ich nicht
aufschieben konnte, unmglich; auch hielt ich mich da bei der Witwe nicht lange
auf: diesen Nachmittag habe ich mich etwas lnger verweilt, und komme so eben -
aber ich muss sagen, mit recht schwerem recht bekmmertem Herzen - von ihr.
    Wie so? fragte der Alte nicht ohne Theilnahme. Hat der Zufall sich
wiedergefunden?
    Das nicht. Sie leidet nicht sowohl am Krper, als am Gemthe. - Das arme
Weib frchtet zu Grunde gerichtet zu werden, weil ein gewisser Horn, der ihr
Glubiger ist, entweder bezahlt seyn, oder gegen sie losbrechen will.
    Horn? - Wenn sie mit dem zu thun hat - - Leider!
    Da beklag' ich das gute Weib. Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen. - Aber
ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit, in Verwirrung? Ich glaubte, dein
Bruder htte Alles in Ordnung gebracht.
    Das glaubt' ich auch; aber - er mag Termine gesetzt haben, die nun nicht
ganz knnen gehalten werden.
    Das sollte mir leid um ihn thun.
    Oder er mag - - Ja, wenn ich Handlungskenntnisse htte; da riethe ich
weiter, mein lieber Vater.
    Lass gut seyn! Es ist da Mehreres mglich. -
    So viel weiss ich denn jetzt, warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen
gewesen ist.
    Nun? -
    Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn. - Den Bruder zu sich bitten zu
lassen, ging seiner Unpsslichkeit wegen nicht an; ihn zu besuchen, da er noch
ledig ist, schien gegen den Anstand zu seyn: und doch war die Sache dringend,
und die Witwe - ich wiederhole ihre eigenen Worte - die Witwe fhlte durch das
edle Benehmen des Bruders, wovon sie nie anders als mit inniger Rhrung spricht,
ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt. Sie wollte also diesmal
bei dem Vater suchen, was die Umstnde von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen:
Rath, Hlfe, Vermittelung, Untersttzung.
    Und hat geschwiegen? Weswegen?
    Sie hat gesprochen, wie sie mir sagt.
    Nein! -
    Sie hat wohl sicher gesprochen; aber - - Nein! - wiederholte der Alte mit
einem Nachdruck, der seine noch fortdaurende rgerliche Stimmung verrieth.
    Ich denke, mein, guter, lieber Vater hat sie nur nicht gehrt, nicht
verstanden.
    Dann hat sie auch nicht gesprochen, sondern gemurmelt. Die verwnschte
Gewohnheit des Murmelns wird von Tage au Tage rger. In meiner Jugend sprach man
zum Maule heraus. - Am Ende, wahrhaftig! fordern die Menschen noch, man soll
ihre Gedanken hren.
    Sie ist furchtsam, das arme Weib. Verzeihen Sie ihr! Sie Selbst haben sie
dann noch furchtsamer gemacht.
    Ich? - Weisst du, was du da sprichst? - Ich mache niemand furchtsam, der
etwas zu bitten hat, sondern ich muntre ihn auf und hre ihn an; und wenn sich's
ohne meinen eignen zu grossen Nachtheil thun lsst, helf' ich ihm ohne Umstnde
und gerne. Die elende, nichtswrdige Kunst, durch Achselzucken und Sauersehen
und langes Bedenken seinen Geflligkeiten Werth zu geben, hab' ich niemal
verstanden. - Das htte die Frau Tochter wissen und der Witwe schon sagen
knnen.
    Hab' ichs denn nicht? - Werden Sie doch nicht unwillig, mein lieber Vater!
    Unwillig! Nun werd' ich gar unwillig! - Wie kmmst du mir heute vor?
    Ach, ich kann wohl Unrecht haben; ich glaub' es selbst. - Htt' ich mich
recht bedacht, so wr' ich lieber gar nicht gekommen. Ich bin so missmthig
gestimmt.
    ber die Witwe? -
    Ja. - Und dann - wie die kleinsten Umstnde das Herz oft am meisten rhren -
Nun? -
    Ich sah, eh' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat, ein paar Augenblicke durch
das Spiegelglas in der Thre. - Da sass die gute Frau, in die eine Ecke des
Sopha gedrckt, den Arm auf ein Kissen gesttzt, und ein Tuch in der Hand, um
sich die Thrnen zu trocknen. Ihr zur Seite sassen, jedes auf seinem
Schemelchen, die zwei unschuldigen Kleinen, die sonst immer so froh um sie
herumschwrmten, aber jetzt, wie es schien, an das Spiel gar nicht dachten: sie
sahen so still in den Schooss nieder, als ob sie den Herzenskummer der guten
Mutter theilten; und blickten dann endlich, weil diese vielleicht eben einen
tiefen Seufzer ausstie, von der Seite zu ihr hinauf, mit einem Ausdruck in
ihren Augen! in ihren grossen, blauen, himmelreinen Augen! mit einer
Bnglichkeit, einer Zrtlichkeit, einem Ernst! - ich dachte an meine eigenen
Kleinen, und dachte an Sie. Wenn Sie das gesehen htten, mein lieber Vater! -
Sie riss das Tuch heraus, und fuhr sich damit an die Augen.
    Sind's denn so artige Kinder? - fragte der Alte mit einem Tone, der auf
einmal wieder ganz weich war.
    Ach so wohlgezogen und artig! - Freilich hat die Frau nur diese beiden zu
bersehen, und ich ihrer mehrere: aber dennoch erkenn' ich sie in der Kunst der
Erziehung fr meine Meisterinn; sie regiert die Kleinen mit Einem Blicke, mit
Einem Winke, und das niemal im Bsen, immer in Liebe. - Doch ich stehe und
plaudre, und vergesse, dass meine Kleinen zu Nacht essen wollen. - Ich muss
fort, lieber Vater. Leben Sie wohl! Verzeihen Sie, wenn ich mit meiner blen
Laune Sie heute angesteckt habe! Es soll nicht wieder geschehen. - Sie ksste
seine Hand, und verschwand. - -
    Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten
kleinen Erschtterungen so trefflich aufgelockerter Boden, dass es gar nicht
anders seyn konnte, als der hineingestreute Same des Mitleids musste reichliche
Frchte tragen. - Herr Stark konnte zu Abend nicht essen, und die Nacht ber
nicht schlafen. Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor, die ihm die Tochter
geschildert hatte, und immer war's ihm, als ob er hin msste, um der Witwe das
Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen.
    Ausser diesem Bilde, waren es noch Gedanken anderer Art, die ihn
beunruhigten, und von einer Seite zur andern warfen. - Die Witwe fhlte ihr
Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt. - Das schien ihm gleichsam ein
Schuldbrief zu seyn, ein Wechsel, den der Glaube an Tugend auf seine Ehre
gezogen hatte, und den er unmglich anders als honoriren konnte. - Sie hatte
bei dem Vater suchen wollen, was die Umstnde von dem Sohne zu fordern nicht
zuliessen. - Wie konnte er sich's nur denken, dass der Vater in Beweisen von
Edelmuth hinter einem Sohne zurckbleiben sollte, den er seiner Engherzigkeit
wegen so oft getadelt hatte? - Dann noch der Name der Frau, der ihn an seinen
ehemaligen vertrautesten Freund, den guten, redlichen Lyk, erinnerte; ihre
grosse, bis zur Ohnmacht gehende Schchternheit, fremde Hlfe zu suchen, die er
als einen sichern Beweis edler Denkungsart ansah; ihre Thrnen, die er zum Theil
wohl selbst durch gewisse Zge in der Unterredung mit ihr mogte hervorgelockt
haben; das mannichfaltige Unrecht, das er ihr, von Vorurtheil geblendet, durch
Spttereien gethan, die sie so ganz nicht verdiente, und fr die nun sein eignes
Herz, ob sie gleich das Ohr der Unschuldigen nie erreicht hatten, Genugthuung
forderte; die Gelegenheit, die sich eben im Hause der Lyk gefunden, das
verborgene Gute in dem Charakter seines Sohnes, das ihm so grosse Freude gemacht
hatte, an's Licht zu bringen: - alle diese und hnliche Betrachtungen hielten
den Alten bis nach Mitternacht wach, und liessen ihn auch dann noch keinen
festen Schlaf, nur einen unruhigen Schlummer finden.

                                     XXVI.


Hier herein, Monsieur Schlicht! - sagte am folgenden Morgen Herr Stark, dessen
Gesicht noch alle Falten und Runzeln vom vorigen Abende hatte. Ich hab' ein
Wrtchen mit Ihm zu reden; und in diesem Zimmer - es war das Schlafzimmer, das
er ihm ffnete - sind wir noch am ersten allein.
    Dem alten Handlungsdiener, der nicht das beste Gewissen hatte, war bei
dieser Anrede nicht wohl. Er war dem Schlafzimmer von alten Zeiten her gram:
denn er hatte hier schon manchen schweren Kampf mit Herrn Stark zu bestehen
gehabt; und eben jetzt war ihm wieder vor einem Examen bange, worin die
Falschheit seines Vorgebens, dass der junge Herr noch immer unpsslich sei, an's
Licht kommen konnte. Er warf sich in den Trotz Kain's, der bekanntlich nichts
als verkappte jmmerliche Furcht war, und fragte auf beide Beine gesteift: Was
soll ich? -
    Monsieur Schlicht, muss man wissen, war treu wie Gold; und wenn das
Interesse seines lieben alten Wohlthters mit irgend einem fremden in Streit
gerieth, so war er im Stande, fr jenes Leib und Leben zu lassen. Aber, wenn im
Innern des Hauses ein solcher Streit entstand: so war er sicher von der Partei
der Kinder gegen den Vater; und wrd' es auch gegen die Mutter gewesen seyn,
wenn nicht diese eben so treu, als er, es mit den Kindern gehalten htte. Er
hatte die letztern ungeboren gedacht, und sie oft auf seinen Armen getragen,
hatte ihnen tausend kleine Dienste und Geflligkeiten erwiesen, und tausend
kleine Schmeicheleien und Liebkosungen dafr wieder erhalten. Noch jetzt, da sie
schon lngst erwachsen waren, nannten sie ihn immer Du, und lieber alter Vater;
was dem fast siebzigjhrigen Junggesellen, der es, bei allem guten Willen, nie
bis zum Heiraten und bis zum eignen Kinderzeugen hatte bringen knnen, jedesmal
in der Seele wohlthat. Auch vergassen die Kinder nie, was er selbst immer
richtig vergass: seinen Geburtstag; wenigstens erinnerte die Doctorinn daran
ihren vergesslichern Bruder: und das ward dann ein Tag froher Feier, wo der alte
Schlicht bei den Geschenken, die ihm reichlich dargebracht wurden, und die fr
seine Bedrfnisse sorgfltig ausgewhlt waren, nicht selten Freudenthrnen
vergoss, und von der Doctorinn, wenn er dieser zum Dank die Hand kssen wollte,
wohl gar ein Mulchen davontrug. Durch solche Bande, die weit zarter, aber eben
darum auch fester, als die der Ehrerbietung waren, die ihn an seinen Brotherrn
knpften, hing er unauflslich an beiden Kindern; auch hatte er eine Schrift auf
das Rathhaus getragen, worin er sie zu alleinigen Erben des nicht ganz kleinen
Capitals einsetzte, das er sich in seinen vieljhrigen Diensten gesammelt hatte.
-
    Vermge dieser Anhnglichkeit, vertuschte Monsieur Schlicht, ehe der Sohn
mit zunehmenden Jahren dreister ward, manche geheime Ausflge desselben, und
hatte darber, wenn es herauskam, in dem oberwhnten Schlafzimmer manchen harten
Stand mit dem Vater. Jetzt war er abermal Vertrauter des Sohnes, und hatte
selbst die Chaise anspannen lassen, worin vor ein paar Tagen der junge Herr zu
einem Freunde aufs Land gefahren war, weil es ihm gleich Anfangs unertrglich
geworden, ohne Frost und Hitze ein Fieber zu haben, und wie ein belthter
zwischen vier Mauren zu sitzen. Monsieur Schlicht lebte diese Zeit ber in
grosser Unruhe, dass der Alte dahinter kommen, und es dann wegen seiner falschen
Nachrichten vom Sohne sehr derbe Vorwrfe absetzen mgte.
    Indess kam er dieses mal mit dem Schrecken davon. - Ich habe etwas vor,
sagte Herr Stark, wozu ich einen Mann brauche, auf den ich mich verlassen kann,
und der zugleich um sich weiss, und in Handlungsgeschften gewiegt ist.
    Dieses herzerhebende Wort war Trost und Balsam fr Monsieur Schlicht. Seine
Kenntnisse und Einsichten geehrt zu wissen, war ihm nie gleichgltig, und im
gegenwrtigen Augenblick hchst erfreulich. - Befehlen Sie, befehlen Sie, sagte
er, mein lieber Herr Stark! indem er ganz nahe zu ihm hintrat, um gleichsam
jedes Wort ihm von den Lippen zu horchen. - Er erfuhr nunmehr, was Madam Lyk am
gestrigen Tage bei dem Alten gewollt habe; erfuhr ihre unangenehme Lage mit
Horn, und vielleicht mit noch andern Glubigern, die Herr Stark nur nher zu
kennen wnschte; erfuhr die grossen Dienste, die der junge Herr der Lykisohen
Handlung geleistet hatte, nebst der Neigung des alten Herrn, das vom Sohne
angefangene gute Werk zu vollenden, und der Verlegenheit der Witwe, durch
Verwendung seines Credits fr sie, ein Ende zu machen.
    Die Herzensfreude des guten Schlicht ber Alles was ihm vertraut ward, am
allermeisten aber ber die Ehre dieses Vertrauens selbst, war so gross, dass
Herr Stark den Strom der Beredtsamkeit, womit sich der alte Mann ber jeden
einzelnen Punct dieser Erzhlung auszubreiten im Begriff war, durch ein stets
wiederholtes und immer strkeres: Hr' Er doch! Wir werden ja vor Abend nicht
fertig! kaum zu hemmen vermogte. - Aber wie pltzlich stand und gefror dieser
Strom, als Herr Stark hinzu setzte: dass er nicht gesonnen sei blindlings zu
verfahren, sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle, ob die
Activa der Witwe ihre Passiva wenigstens balancirten, und in wie kurzer oder wie
langer Zeit etwa Hoffnung sei, dass sie vllig aufs Reine kommen und mit allen
ihren Glubigern auseinander seyn werde. Da mein Sohn, sagte er, die Lykischen
Bcher durchgearbeitet, und also von der ganzen Lage der Handlung die
vollstndigste Kenntniss hat: so ist dies von ihm ohne Zweifel besser, als von
der Witwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren, der wohl ohnehin nicht
der thtigste und geschickteste seyn mag. Geh' Er also gleich zu meinem Sohne
hinauf, Monsieur Schlicht, und lass' Er Sich ber die angegebenen Puncte - er
wiederholte ihm diese Puncte langsam und deutlich - eine recht bestimmte,
ausfhrliche Nachricht - hrt Er? recht bestimmt und recht ausfhrlich - geben.
Ich muss jetzt fort; aber in einer Stunde lngstens bin ich zurck, und erwarte
alsdann Seine Antwort. Nachdem die lauten wird, will ich Ihm dann schon weiter
sagen, was Er zu thun hat. - Es wre unmglich gewesen, dass Herr Stark die
pltzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht
htte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen, wenn nicht eben
jetzt, zu grossem Glck fr Monsieur Schlicht, die alte Wanduhr geschlagen, und
mit ihrem ersten lrmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn
pltzlich eine andere Richtung gegeben htte. Es war die hchste Zeit geworden,
auf die Brse zu gehn, wo Herr Stark gerade heute ein Geschft von so grosser
Wichtigkeit hatte, dass er nicht schnell genug glaubte hineilen zu knnen. Mit
einem kurz abgebrochenen: Adieu! Mach' Er Seine Sachen gut! griff er hastig nach
Hut und Stock; und verliess den armen rath- und hlflosen Monsieur Schlicht, der
unbeweglich wie eine Salzsule dastand, und das einzige Wrtchen Ja! - bis zu
welchem seine ganze Beredtsamkeit jetzt versiegt war - mit immer lngeren
Pausen, und immer schwcherem Tone, hinter Alten her sprach.

                                     XXVII.


In seiner Seelenangst, da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so
gern erhalten htte, und doch auch nicht wusste wie er es anfangen sollte, irrte
Monsieur Schlicht, wie ein Unkluger, im ganzen Hause umher; und kam zuletzt auch
vor das Zimmer des jungen Herrn, ohne selbst zu wissen was er da wollte. - Man
denke sich sein Erstaunen, als er das Zimmer geffnet, und den Gegenstand seiner
Sehnsucht mit aufgesttztem Arme am Tische dasitzend fand. Er kreuzte und
segnete sich, eh' er ihm nher trat, und ihn mit zitternder Stimme fragte: ob
er's denn wirklich wre?
    Da glaubst doch nicht an Gespenster? sagte der junge Herr Stark.
    Ach mein Gott! Wenn's nicht heller lichter Tag wre; man mgt's beinahe. -
Wie, um's Himmels willen! kommen Sie hier herein?
    Von hinten, mein lieber Schlicht. Durch den Thorweg.
    Ha! - Stand der offen?
    Sperrweit. -
    Nun, so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen! Er
hat Holz gefahren, der Schlingel! und hat mir den Thorweg offen gelassen.
    Monsieur Schlicht, in seiner konomischen Wuth, wollte augenblicklich
hinunter, um den Knecht rechtschaffen auszufenstern. - Aber, sagte Herr Stark,
ist's dir denn nicht lieb, alter Vater, dass ich mich auf diese Art habe in's
Haus schleichen knnen?
    Ach ja! ja! erwiederte Monsieur Schlicht: gar zu lieb! und ich will ja auch
dem Kerl noch ein Trinkgeld, ein gutes Trinkgeld geben; mit tausend Freuden! -
Aber ausschimpfen muss ich ihn erst, und muss erst sehen ob Alles zu ist. Wir
haben Diebsbanden hier in der Stadt. - -
    Das Geheimniss von der frhen Zurckkunft des Herrn Stark war kein andres,
als seine zur vollen Leidenschaft gediehene Liebe zur Witwe. Diese machte ihn
fr jede Gesellschaft, so wie jede Gesellschaft fr ihn, ungeniessbar. Sein
Freund, der die unglckliche Stimmung seines Gemths bald genug inne ward,
suchte ihn auf alle mgliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern: er brachte
Gesprche auf die Bahn, in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwickeln
konnte; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie fr ihn an; er schlug
gesellschaftliche, muntere Spiele vor, bei denen sonst Lachen und Scherz nie
fehlen: aber Alles vergebens. Im Gesprch gab Herr Stark, wenn von Java die Rede
war, ber Jamaica Antwort; auf der Jagd liess er die Hasen, die man ihm fast vor
die Fsse trieb, ungesehen davon laufen; und zu den Spielen war er so unlustig
oder nahm sich dabei so linkisch, dass sie fast eben so schnell wieder
abgebrochen, als angefangen wurden. Endlich, wie leicht zu erachten, ward man
der undankbaren Mhe, ihm Vergngen zu machen, berdrssig; und Herr Stark htte
noch ein wenig zerstreuter seyn mssen als er es war, um nicht zu merken, dass
er seinem Freunde zur Last, und was noch mehr ihn krnkte, seinen Mitgsten
lcherlich ward. Er packte also schnell wieder zusammen, und nahm schon am
dritten Tage von seinem gtigen Wirthe Abschied, der zwar Ehrenhalber seine zu
frhe Rckreise tadelte, aber im Grunde des Herzens froh war ihn wieder
loszuwerden. -
    Herr Stark hatte nunmehr die vlligste berzeugung, dass er mit seiner
Leidenschaft nur vergebens kmpfe, und dass er ohne den Besitz der Witwe
unmglich leben knne. Es waren drei Flle, die bei der Bewerbung um sie Statt
finden konnten; und fr jeden war sein Entschluss schon gefasst. Wenn der Vater
seine Einwilligung abschlug, aber die Witwe sie gab; so setzte er sich mit den
Vormndern der Lykischen Kinder, und zog zu der Witwe in's Haus, um ihre
Handlung, die er genugsam hatte kennen lernen, zu bernehmen und fortzufhren.
Wenn der Vater, wie er zwar innig wnschte, aber zu hoffen sich nicht getraute,
seiner Wahl aus vollem Herzen beistimmte - denn ein nur gezwungner oder gar
erbettelter Beifall gengte ihm nicht -; so schlug er die Lykische, ohnehin
gesunkene, Handlung so vortheilhaft los als mglich, und fhrte die Geliebte
seines Herzens in das vterliche Haus ein, wo er dann mit verdoppeltem Eifer
sich seinen Geschften widmen, nur ihnen und seiner Liebe leben, und den Vater
berzeugen wollte, dass es ihm so wenig an Talenten als an Tugenden fehle. Wenn
unglcklicher Weise die Witwe selbst - sie, fr die er so viel gethan hatte, und
die er so innig liebte - seinen Wnschen abhold war; so blieb er keinen
Augenblick lnger in einer Stadt, wo er das Weib seines Herzens ohne Hoffnung
des Besitzes vor Augen haben, oder wohl gar einen Dritten - er knirschte bei
dieser Vorstellung - in ihren Armen glcklich sehen msste. Er begab sich
alsdann, wie er bisher gewollt hatte, nach Br ..., wo schon Alles zu seiner
Aufnahme bereit war, und wohin er den Briefwechsel mit seinem Geschftstrger
eben in dieser Hinsicht noch fortsetzte.
    So weit stand der Entschluss des Herrn Stark, ohne zu wanken, fest: und
schon dies beruhigte gewissermassen sein Herz; aber noch erhielt ihn die
Ungewiheit, welche von den aufgezhlten Mglichkeiten zur Wirklichkeit kommen
wrde, in jenem finstern, schwermthigen Staunen, worin ihn der alte Schlicht
berrascht hatte. Um auch dieser Ungewissheit los zu werden, beschloss er jetzt,
sobald der Vater zu Tische ssse, in das Haus des Schwagers zu eilen, der um das
Geheimniss seines Herzens nun einmal wusste, und der ihm seines vollen,
unbedingten Zutrauens werth schien. Mit ihm wollte er sich ber die Art und
Weise besprechen, wie er am besten die Gesinnung der Witwe, und dann auch die
des Vaters, erforschen knnte.

                                    XXVIII.


Alles gut! Alles sicher! sagte Monsieur Schlicht, indem er mit geriebenen Hnden
und frohem Angesichte wieder hereintrat. - Der Knecht hat seinen Ausputzer, und
hat sein Trinkgeld weg; der verwnschte, nachlssige Kerl!
    Den Ausputzer, sagte Herr Stark, httest du sparen knnen.
    Nein, nein! Das Trinkgeld eher; denn das hatte der Zufall verdient, aber den
Ausputzer er selbst. - - Ach, was ich mich freue, mein lieber, lieber Herr
Stark, dass Sie wieder zurck sind! Ich war in gewaltiger Noth.
    Um mich? - Mir fehlte nichts, lieber Vater.
    Aber mir desto mehr. - Denken Sie Sich nur um's Himmels willen! was fr
einen Auftrag mir da der alte Herr giebt.
    Nun? -
    Ich soll zu Ihnen heraufgehn - zu Ihnen, den ich nicht hier wusste! Wie ward
mir dabei? - und soll Sie recht genau und recht umstndlich befragen, wie es mit
der Handlung der Madam Lyk steht, um derentwillen ich so oft habe wachen mssen.
    Was? rief Herr Stark, und fuhr mit grosser Bewegung vom Stuhle.
    Jaja! - Ob die Activa die Passiva wenigstens balanciren, und in wie kurzer
oder wie langer Zeit sie etwa realisirt haben werde?
    Schlicht! - Er fasste den alten Handlungsdiener bei beiden Armen. - Mich,
mich sollst du darum befragen? Mich?
    Wen denn sonst? - Ihr Vater weiss alle Ihre Gnge zur Witwe. Sie selbst
scheint ihm davon gesprochen zu haben.
    Sie selbst? - Ich glaube bei Gott, Alter! es ist nicht richtig mit dir; du
bist von Sinnen. - Wie kmmt mein Vater zur Witwe? -
    Hren Sie, junger Herr! sagte Monsieur Schlicht, und schttelte rgerlich
mit dem Kopfe; das von Sinnen seyn lassen Sie weg! Das bitt' ich mir aus. Ich
habe Gottlob! so alt ich bin, meine fnf Sinne so gut, wie ein Andrer.
    Aber noch einmal, Schlicht! - Antworte, und sei dann bse so viel du willst!
Wie kmmt mein Vater zur Witwe?
    Hab' ich denn schon gesagt, dass Er zu ihr kam? Sie kam zu ihm.
    Sie zu ihm? -
    Gestern Vormittag. Hieher in's Haus. - Und kam hier schlimm genug wieder
weg.
    Ha! rief Herr Stark, und errthete ber und ber.
    Oder eigentlich stattlich genug. Denn die Frau Doctorinn und ich brachten
sie in einer Kutsche nach Hause.
    In einer Kutsche! Warum? - Er fing an, zu erblassen.
    Je, sie lag ja in einer Ohnmacht, die arme Frau! dass man geschworen htte,
sie wachte vor dem jngsten Tage nicht wieder auf.
    Grosser Gott! - Vielleicht der Vorbote von einer Krankheit, von einer
tdtlichen Krankheit!
    Ach, hat sich etwas! - Er warf den Kopf in den Nacken. - Sie denkt Ihnen an
keine Krankheit. Sie war kaum wieder zu Hause; so war sie flink, wie ein Vogel.
    Ist das wahr? Ist das sicher?
    Wird denn Schlicht Sie belgen? - Aber sagen muss ich Ihnen noch, mein
lieber, lieber junger Herr, was ich fr eine grosse, fr eine ausnehmende Freude
gehabt habe.
    Du? -
    Ihr Vater hat in Ausdrcken von Ihnen gesprochen; in Ausdrcken! - Er nahm
hier einen pathetischen Ton an. - Mein Sohn hat so rechtschaffen gehandelt -
mein Sohn hat sich so brav bewiesen - mein Sohn hat die Grossmuth gehabt. - -
Sehn Sie, mein lieber, lieber junger Herr! So hatt' ich noch in meinem Leben von
Ihnen nicht reden hren.
    Herr Stark htte sich gern ein wenig geschmt, wenn er vor Vergngen dazu
htte kommen knnen. Er sah den Nebel, der ber seiner Zukunft lag, sich schon
ziemlich erheitern, sah den liebsten seiner Wnsche zur Hoffnung werden, und
bestrmte nun den alten Schlicht mit einer Menge von Fragen, die aber
grsstentheils ohne Antwort blieben. - Wenn ich doch nur wsste, sagte er
endlich, was in aller Welt die Witwe hieher gebracht, was sie gewollt hat?
    O, was das betrifft; damit kann ich aus dem Munde des alten Herrn Ihnen
dienen. Sie ist in Verlegenheit wegen eines gewissen Horn, der ihr zusetzt.
    Horn? rief Herr Stark, und trat mit Heftigkeit gegen den Boden. - Ha! der
elende, nichtswrdige Geizhals! So hat er mir doch das Wort nicht gehalten, das
ich so mhsam, mit so vielem Zureden, von ihm erpresste! - Ich Thor! Warum
bezahlt' ich auch den Bettel nicht gleich? - Und was beschliesst denn mein
Vater? Was will er thun?
    Er reisst die Witwe heraus; ganz gewiss! - Ich werde schon hren, sobald er
von der Brse zurckkmmt.
    Bleibt er dort lange? Was meinst du?
    Ich denke. Er schien ein Geschft von Wichtigkeit vorzuhaben. Er eilte sehr.
    So will ich zu meiner Mutter hinunter. Vielleicht weiss sie mehr, lieber
Alter, als du. Oder, wenn auch sie nichts weiss - dann zum Schwager, zur
Schwester, zur Witwe selbst!
    Halt! halt! rief Monsieur Schlicht, indem er ihn noch glcklich bei dem
einen Rockschoss erwischte: so haben wir nicht gewettet, junger Herr; so kommen
Sie mir nicht fort! - Erst Nachricht, ob die Activa der Witwe ihre Passiva - -
    Nur decken, meinst du? - Es bleibt noch Capital-Conto. Nicht wenig.
    Schn! - Und die Zeit, wann sie realisirt haben wird?
    Drei, vier Monate lngstens.
    Vortrefflich! - Aber nun mgt' ich noch einige Umstnde wissen; als erstens
- -
    Fort war Herr Stark.
    Fort ist er! brummte Monsieur Schlicht, und sah mit Kopsschtteln hinter ihm
her. - Das ist mir denn doch wahrlich zu bunt. Dahinter liegt mehr verborgen. -
Junger Herr! junger Herr! Sie haben der Witwe zu tief in die Augen gesehen. Sie
sind verliebt. - - Je nun - wenn er's denn einmal ist - was fr ein Unglck? -
Eine hbsche, wackere Frau ist die Witwe; das ist gewiss: und wenn sie ihm
ansteht - - Sie hat viel Lebensart, muss ich sagen; sie dankte mir gestern gar
hflich; sie nannte mich einen lieben Herrn Schlicht ber den andern: - Also -
wenn sie ihm ansteht - warum soll er sie nicht zur Frau nehmen? Wer wird's ihm
wehren? - Immer zu, mein Herr Stark! Immer zum Werk geschritten! Das
Junggesellenleben ist ein langweiliges Leben. - Haha! - Da kann ich alter
Kindernarre noch in meinen siebziger Jahren etwas zu tragen und zu htscheln
bekommen. - In Gottes Namen! - Ich wollte, sie wren schon da, die kleinen
niedlichen Pppchen, und knnten schon laufen.

                                     XXIX.


Von der Mutter war wenig oder nichts zu erfahren; und so eilte Herr Stark durch
den Thorweg, den ihm Monsieur Schlicht ffnen musste - denn wenn er von vorne
ging, konnt' er dem Vater in den Wurf kommen - zur Schwester.
    Diese, die von seiner Reise gewusst hatte, schien ber seine Rckkunst
verwundert. Sie konnte sich's nicht versagen, den ungeduldigen Liebhaber mit
seiner Leidenschaft ein wenig zu necken, sich eben so brennend-neugierig zu
stellen, als er selbst brennend-verliebt war, und ihm auf seine Fragen ber die
Witwe lauter Gegenfragen ber die Reise zurckzugeben. Doch am Ende brach ihr
das mitleidige Schwesterherz; und sie machte ihn durch die Entdeckung, dass,
nach ihrem und ihres Mannes Dafrhalten, die Witwe wohl eben so verliebt sei als
Er, ber alle Beschreibung glcklich. Sie selbst war es in hohem Grade durch das
stolze Gefhl, das immer ihrem Geschlechte so wohl thut, einen Mann in den
Fesseln eines Weibes sich krmmen und winden zu sehn; doch fhlte sie zugleich,
wie alle wohldenkenden Damen, einen lebhaften Trieb, den Leiden des armen
Schmachtenden, so schn und so lieblich anzuschaun sie auch waren, ein baldiges
Ende zu machen. Sie versprach ihm mit Hand und Mund, dass sie nichts was in
ihren Krften stehe, unversucht lassen wolle, um das Schifflein seiner Liebe,
wenn nur nicht Wind und Wetter allzusehr entgegen wren, glcklich in den Hafen
zu steuren.
    Bei der Zuhausekunft des Doctors, kamen die drei Entwrfe zur Sprache, die
Herr Stark auf die oberwhnten drei Flle bei sich festgesetzt hatte. Der Doctor
wollte durchaus, dass er sich vor allen Dingen mit dem Vater verstndigen, und
seine Geschfte wieder antreten sollte, wo denn die Einwilligung zur Heirat mit
der Witwe gewiss nicht fehlen wrde. Herr Stark hingegen wollte vor allen Dingen
der Gesinnung der Witwe versichert seyn, um zu wissen, ob er den Ort seines
Aufenthalts nicht verndern msse, und wie er sich gegen den Vater zu nehmen und
zu erklren habe. In sein altes Verhltnis, sagte er, trete er fr keinen Preis
wieder zurck, was auch immer sein Schicksal seyn mge; und die Billigung seiner
Liebe betreffend, kenne er die unberwindliche Beharrlichkeit des Vaters in
seinen einmal gefassten Vorurtheilen.
    Der Doctor erzhlte ihm jetzt, wie sehr das Vorurtheil gegen die Witwe bei
dem Alten bereits erschttert worden, und bestand noch einmal darauf, dass sein
erster Schritt die Ausshnung mit einem Vater seyn msse, der von nun an gewiss
auf einen ganz andern Fuss mit ihm leben werde. Die Rckkehr des alten
Verhltnisses, meinte er, sei durchaus nicht zu frchten, sobald nur nicht der
Sohn selbst daran arbeite es wieder herzustellen. Ob der Vater ihn liebe? sei
nicht die Frage; nur habe dieser Liebe bisher ein nothwendiger Zusatz gemangelt,
und dieser Mangel sei die Ursache alles Verdrusses und aller Erbitterung
geworden. - Herr Stark bestand darauf, dass der Doctor sich nher erklren
sollte; und dieser versprach es, wenn er zuvor das feierliche Wort erhielte,
dass ihm seine Freimthigkeit nicht sollte belgedeutet werden. Dieses Wort ward
gegeben. -
    Nun dann! sagte der Doctor: der Liebe Ihres Vaters mangelte, was jetzt schon
in hohem Grade da ist, und was Sie noch tglich zu vermehren in Ihrer Gewalt
haben werden: Hochachtung fr Sie.
    Wahr! Mehr als zu wahr! Er hat mich von jeher verachtet.
    Er hat von jeher gewnscht, Sie innigst hochachten zu knnen. - Fragen Sie
jetzt Sich Selbst, in welchem Maasse Sie ihm das mglich machten!
    Hab' ich ihm Schande gemacht? rief Herr Stark, indem er mit grosser Bewegung
aufstand. Hab' ich Lasterthaten begangen?
    Ist von Schande die Rede? Werden Sie den schon hochachten, der sich mit
keinen Lasterthaten befleckt hat? Gehrt zur Hochachtung nicht mehr?
    Herr Stark erinnerte sich der Freude des alten Schlicht ber den Ton worin,
sein Vater von ihm gesprochen hatte, ward besnftigt, und setzte sich wieder. -
    Ich habe Ihr Wort, dass Sie meine Freimthigkeit mir verzeihen wollen; und
so lassen Sie mich ein fr allemal, um Ihrer und Ihres Vaters Zufriedenheit
willen, ber diesen Punct meine geheimsten Gedanken sagen! - Ihr Vater hielt Sie
fr keinen bsen, aber fr einen schwachen, fr einen auf sich selbst
beschrnkten, zur Sinnlichkeit, Weichlichkeit, Eitelkeit ganz sich hinneigenden
Charakter. Nach dem, was er von Ihnen sah, von Ihnen hrte - denn Ihr Gutes
verbargen Sie ja vor ihm - konnt' er kaum anders, sondern musste Sie dafr
halten. Er dachte Sie im vollen Gegensatz mit sich selbst; und sich selbst
konnt' er doch wahrlich! auch bei der strengsten Unparteilichkeit, mit keinen
andern Augen ansehn, als womit alle Welt ihn ansieht: mit Augen der Billigung
und der Achtung. Daher sein Ton gegen Sie: ein wirklich empfindlicher,
rgerlicher, krnkender Ton, der mir von jeher missfiel, den ich gegen meinen
Sohn, wie ich auch immer von ihm urtheilen mgte, ewig nicht brauchen wrde,
auch freilich, weil mir Witz und Laune dazu versagt sind, nicht brauchen knnte;
der aber aus dem ganzen Geiste und Herzen des Alten zu natrlich hervorging, als
dass die Abnderung desselben, solange er Sie in dem alten Lichte betrachtete,
je gehofft werden durfte. - Ihm diesen Ton zu nehmen, war kein anderer Weg als
ihm sein Urtheil von Ihnen au nehmen; und dieses - er ergriff hier die Hand des
Schwagers, und drckte sie ihm mit Wrme - dieses ist ihm genommen.
    Herr Stark hatte mit Ruhe gehrt, und schwieg auch noch jetzt. Der Doctor
bekannte ihm, dass er die ganze Geschichte der Ausshnung mit Lyk, nebst Allem
was darauf gefolgt sei, dem Alten erzhlt habe, und schilderte ihm die grosse
Rhrung desselben nicht ohne eigene Rhrung. - Treten Sie ihm jetzt unter die
Augen, und Sie werden einen ganz andern Blick von ihm sehen. Reden Sie jetzt mit
ihm, und Sie werden einen ganz, andern Ton von ihm hren. - Wahrlich, Herr
Bruder! wenn Sie auch alle die kleinen - Schwachheiten will ich nur sagen -
beibehielten, die er sonst an Ihnen bespttelte: er wrde sie nicht mehr
besptteln; er wrde sie immer noch weg wnschen, aber sie dem uneigenntzigen,
grossmthigen, edelthtigen Manne, den er jetzt in Ihnen erkennt, mit Freuden,
zu Gute halten. Nur Annherung, Ausshnung, Vertrauen! - und ich schwre Ihnen,
Sie gelten ihm knftig mehr, als wir Alle; Sie fhren ihm jede Gattinn, die Sie
wollen, als seine Tochter zu; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen, solange Sie
in dem Geiste, wie seit Lyks Tode, handeln; Sie haben an ihm keinen Tadler und
Sittenrichter mehr; nur einen liebenden Freund, einen zrtlichen Vater.
    So gern Herr Stark dieses Alles nicht bloss als Liebhaber, sondern auch als
Sohn hrte, dessen Gefhle der Natur und der Pflicht nie vllig erstorben waren,
so nahm er es doch mehr fr angenehme Vorspiegelung, als fr wirkliche Hoffnung.
Er beharrte darauf, dass sein erster Schritt seyn msse, von der Gesinnung der
Witwe gewiss zu werden, um bei dem Versuche der Ausshnung mit dem Vater
sogleich seine Liebe erklren zu knnen: weil diese Ausshnung, wenn man
hinterher seine Liebe verwrfe, von keiner Dauer, und wenn die Witwe selbst ihm
ihre Hand verweigerte, von keinem Nutzen seyn wrde. Er sei in dem letztern
Falle nun einmal entschlossen, seinen Aufenthalt zu verndern. - Man stritt noch
eine Weile hin und her; aber jeder blieb, wie gewhnlich, bei seiner eigenen
Ansicht: bis die Doctorinn, die sich ihrer Wirthschaft wegen hatte entfernen
mssen, wieder hereintrat, und Mann und Bruder zu Tische abrief. Sie sagte
ihnen, dass sie den Kindern besonders habe decken lassen, und dass sie drei
allein seyn wrden, um mit voller Freiheit zusammen zu rathschlagen.
    Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur
Beurtheilung vorgelegt, und sie entschied, nach kurzem Besinnen, fr beide und
wider beide. - Ihr knnt euch nur darum nicht vereinigen, sagte sie, weil Ihr
Mnner, das heisst, weil Ihr Starrkpfe seid, die, wie sie einmal ein Ding
gesehen und gefasst haben, es immer sehen und immer fassen. - Mein Gott! so
werft doch Euer beider Meinungen in Eine zusammen, und Ihr seid ja fertig.
    Wie zusammen? fragten hier beide. Wie geht das an?
    Ja, wenn wir Weiber nicht wren! -
    Ihr holden Friedensstifterinnen! sagte der Doctor, und lachte.
    Das sind wir, mein Herr; das sind wir. Davon sollen Sie gleich die Probe
sehen. - Du, Bruder, willst vorher der Liebe deiner Witwe gewiss seyn, ehe du
mit dem Vater sprichst. Nicht?
    Allerdings.
    Und du, Herr Gemahl, willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden
wissen, eh' er mit der Witwe Richtigkeit macht?
    Nicht anders.
    Nun, was zankt Ihr Euch denn? Da giebt's ja gar keine Schwierigkeiten. Das
geht ja ganz vortrefflich zusammen. - Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste
Gewissheit von dem Ja der Witwe, ohne gleichwohl dieses Ja ausdrcklich zu
fordern; und der Bruder, wenn er diese Gewissheit hat, gnnt dem Vater vorher
das Wort, eh' er der Witwe seine Antrge macht. Dann wird er ja hren, und
nachdem er hrt, kann er handeln. Der Vater darf nicht klagen, dass der Sohn ihn
vernachlssiget habe, und der Sohn darf nicht frchten, dass er von einer oder
der andern Seite in Verlegenheit komme. - Lsst sich etwas Leichters, etwas
Einfacheres denken?
    Aber ich sehe nicht ab, sagte der Doctor, wie du, ohne frmlichen Antrag,
des Ja der Witwe gewiss werden kannst.
    Armer Mann! Das siehst du wirklich nicht ab? - Sage mir doch: wie nanntest
du jngst ein Gesicht, woran du gewiss vorher weisst, dass dein Kranker dir
sterben werde?
    Ein hippokratisches etwa?
    So ungefhr. Ja, so klangs. - Nun, die Freiheit der armen Mdchen und
Witwen, wenn sie im Abfahren begriffen ist, hat eben ein solches hip - hip - wie
heisst es?
    Hippokratisches Gesicht.
    Richtig! - Und darauf verstehn nun wir Weiber - wir klugen, mein' ich - uns
eben so gut, als Ihr Euch, Ihr gelehrten Herrn Doctoren, auf jenes. - Heute
Abend, Bruder, hast du von der Witwe volle Gewissheit, ohne dass ich gleichwohl
das Mindeste mit ihr richtig mache.
    Aber, Schwester, sagte Herr Stark, wenn du deine Gute gegen mich vollenden
wolltest - ich wnschte von dir noch Eines.
    Und was?
    Dass du, ehe ich mit dem Vater sprche, auch seine Gesinnung in Absicht
dieser Heirat - nicht eben geradezu, nur von weitem, ganz von weitem -
erforschtest. Ach, das wrde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich
erleichtern.
    Kann geschehn! sagte die Schwester.
    Er soll ja sein Vorurtheil gegen die Witwe schon halb verloren haben?
    Das hat er. Schon mehr als halb. - Aber, lieber Mann, wie ist's denn mit
dir? Du wirst doch auch etwas thun.
    Was in meinen Krften steht - gerne. Ich bin des Unfriedens in der Familie
schon so berdrssig! -
    Morgen, weisst du, ist Sonntag, und der Vater isst hier zu Mittage. - Wie,
wenn du ihn da in dein Zimmer nhmst, und ihn zur vterlichen, freudigen
Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest? wenn du ihm den Bruder von seinem
letzten Geschenke so gerhrt schildertest, so dankbar, so gut -
    Dass er ihn selbst wieder zurcksehnte?
    Nun ja!
    Mit Vergngen. - Aber dann wird er sogleich, wenn er den Bruder gesund
glaubt, ihn rufen lassen, oder wenn er ihn noch fr krank hlt, zu ihm,
hinaufgehn und ihn umarmen.
    Er umarmt nicht so leicht. -
    Nein, nein! sagte Herr Stark. Verschone mich, Schwester! - Auch hast du mir
ja versprochen - -
    Wahr! Ihn der Heirat wegen erst auszuholen. Und dazu will Zeit seyn. So
Schlag auf Schlag geht das nicht. - Und doch mgt' ich so ungern, dass der
Sonntag, wo wir ihn hier allein haben, und wo er gemeiniglich so vergngt ist,
fr die Hauptunterredung verloren ginge. - Halt! Du warst ja auf dem Lande,
Bruder? Bei einem Freunde?
    Nun freilich.
    Besinne dich! Du warst nicht, sondern du bist auf dem Lande. Mein Mann hat
dir zu der Reise gerathen, und heute oder gestern - mag es doch heute seyn,
heute nach Mittage! - bist du von hier gefahren. Indessen bleibst du bei deiner
Schwester, und kannst wieder zur Stadt kommen, sobald du willst. Schlicht soll
Bescheid darum wissen.
    Ich glcklicher Mann! sagte der Doctor. Was fr eine Frau ich doch habe!
    Nicht wahr? -
    Eine kluge, eine herrliche Frau! - Von einer Erfindungskraft! einer
Geistesgewandtheit!
    Bosheit! Bosheit! rief sie. Nichts weiter! - Da will er mich nun verfhren,
dass ich ihm einmal sagen soll, was eine Frau doch so ungerne sagt: Mann! du
hast Recht.
    Die ssse Miene, womit sie jetzt aufstand, versprach einen Kuss, und der
Doctor fuhr sich schon mit der Serviette ber die Lippen; aber pltzlich wandte
sie sich gegen die Thre, befahl den Pudding zu bringen, und setzte sich ganz
ehrbar wieder an ihre Stelle.

                                      XXX.


Komm' ich nicht ein wenig zu oft? sagte die Doctorinn, indem sie einen
Augenblick an der Zimmerthre der Witwe stillstand. Werden Sie Sich nicht bald
meine Besuche verbitten?
    O meine Freundiun! mir Ihre Besuche verbitten! Ich, die ich mich lieber
niemal von Ihnen trennte! - Sie thun mir da eine Frage - -
    Die bler klingt, als gemeint ist. Weiss ich's nicht schon, dass Sie mich
recht gerne ertragen?
    Ertragen! - Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen.
    Ich Arme! Da wr' ich ja schrecklich gestraft. - -
    Man nahm jetzt Platz, und die Doctorinn wollte so eben auf ihr Hauptthema
einlenken; als ein Lehrling aus der Lykischen Handlung hereintrat, und den alten
Mann von gestern ansagte, der Madam Lyk aus dem Wagen gehoben habe.
    Der Doctorinn schoss auf der Stelle das Blatt. Schlicht? rief sie aus. Der
kmmt nicht anders, als wenn er geschickt wird. Was kann der wollen?
    Er will, sagte der Lehrling, und schielte seitwrts die Doctorinn an, Madam
Lyk unter vier Augen sprechen.
    Nicht unter sechsen? Ei mein Gott! da muss ich ja fort. Das ist bel. - Doch
wenn Sie erlauben, Freundinn; so schleich' ich mich hier in dies Seitenzimmer,
und wahrlich! wahrlich! ich will dort recht fromm seyn. Ich will an's Fenster
und nicht an die Thre treten.
    Wie Sie mich qulen! sagte die Witwe. Bleiben Sie doch! Was fr Geheimnisse
kann er denn haben?
    Wer weiss? Er mag wohl einmal auch nicht geschickt seyn. Er ist noch
Junggeselle.
    Leichtfertige Freundinn! - Sie trat jetzt mit vieler Hflichkeit in die
Thre, und nthigte den Alten herein, der sogleich durch die Heiterkeit seines
Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankndigte, und die Doctorinn
in ihrer Ahnung bestrkte.
    Sieh da, sagte diese: lieber, guter alter Vater! Bist du's denn wirklich? -
Ach mein Himmel! Und geputzt wie ein Brutigam, oder wie ein Brautwerber. Was
stellt das vor?
    Der alte Schlicht lachte herzlich. -
    Wirklich, so galant hab' ich dich in meinem Leben nicht gesehen.
    Man hat gut galant seyn, liebe Frau Doctorinn, wenn man Gnner hat, die auf
einen was halten. - Er sah hier, wie verstohlen, auf seine neue atlassne Weste,
und von der Weste wieder auf seine Wohlthterinn; mit einem Ausdruck von Dank
und Liebe, der ein noch lteres Gesicht, als das seinige, htte verjngen
knnen. - Die Weste war ein Angebinde der Doctorinn an seinem letzten
Geburtstage gewesen, und er trug sie, um seiner Sendung Ehre zu machen, heute
zum ersten male.
    Die Doctorinn, von seiner Pantomime gerhrt, schlug ihm sanft auf die
Schulter. - Aber ist es denn wahr, lieber Alter, dass du mit Madam Lyk ganz
allein seyn willst? dass ich hier fort muss?
    Wie so? Wie so?
    Der Handlungsbursche, der dich hier anmeldete, sagte - - Ach, der
Handlungsbursche ist - - Bei einem Haare htt' er ein Kraftwort herausgestossen;
aber zum Glck besann er sich noch, bersetzte den Narren, den er im Sinne
hatte, in: nicht recht klug, und versicherte, dass die Frau Doctorinn sein
ganzes Anbringen hren drfe; sie komme selbst darin vor. -
    Mit grosser Ernsthaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag. - Sein Principal,
sagte er, der Herr Stark, bedaure ganz ungemein, dass er gestern, wegen
zunehmender Gehrschwche, die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegnnten
angenehmen Besuchs nicht verstanden, sondern diesen Besuch fr eine blosse
berflssige Hflichkeit genommen habe. Er sei nachher durch seine Frau Tochter,
die hier anwesende Frau Doctorinn Herbst - die bei dieser Gelegenheit einen sehr
herzlichen Blick erhielt - ber jene Absicht nher belehrt worden; und da er nun
ihn, den Monsieur Schlicht, theils als einen Handlungskundigen, theils als einen
treuen und verschwiegnen Diener, aus vieljhriger Erfahrung kenne: so habe der
Herr Principal eben ihm den Auftrag gegeben, der Madame die Versicherung seiner
vollkommenen Bereitwilligkeit au ihren Diensten zu berbringen, auch demnchst
sich in das Comtoir des Herrn Horn zu verfgen, um sofort die etwanige Schuld
bei diesem ungestmen, dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon
wohlbekannten Manne durch Wechsel oder baar, wie er selbst es wollen wrde, zu
tilgen. brigens bitte sein Herr Principal, wenn hnliche Flle mit noch andern
Glubigern eintreten sollten, dass Madame sich nur gleich an Ihn wenden, und ihn
berhaupt wie ihren Curator betrachten wolle, als wozu er sich mit Vergngen
erbiete. Zugleich wnsche er, mit allem Dank verschont zu bleiben, weil er durch
den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei, dass er in keinem Falle bei der
Untersttzung von Madame etwas wage, und sich also bei dieser kleinen
Geflligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen knne. - Er,
Monsieur Schlicht, ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen
Hornischen Forderung, damit er dem noch brigen Theile seines Auftrages gengen,
und dem Herrn Principal die ganze Sache als vllig abgemacht berichten knne. -
-
    Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt:
so ergriff die Doctorinn die Hand der Witwe, und fragte, nicht ohne
tchterlichen Stolz im Herzen: Hatt' ich nun Unrecht?
    O meine Freundinn! - Eine solche Grossmuth an einer Fremden, an einer fast
gnzlich Unbekannten! - Aber ich weiss ja, wem ich diese Hlfe zu danken habe.
    Wem? Wem? - indem sie sich vor ihrer Umarmung zurckbeugte. - Meinem Vater;
sonst keinem!
    Er hat die edelste Tochter. -
    Kennen Sie die? - Eine Schwtzerinn ist's, die nichts auf dem Herzen
behalten kann; die dem Alten Alles vorplaudern muss was sie weiss, und die ihm
denn auch gesagt hat, was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundinn und von
der Absicht des gestrigen verunglckten Besuches wusste. - Das ist Alles
gewesen; ich versichere Sie. Kein Wort von Frsprache, von Aufmunterung Ihnen zu
helfen; kein Gedanke daran! Das htte die Freundinn herabgesetzt, und den Vater
beleidigt. Der handelt nicht, wie es ihm Andre eingeben; der handelt nach seinem
eigenen Herzen.
    Ich hre Sie mit einer Bewunderung - einer Empfindung - -
    Lassen wir das! - Und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer, herzlicher
Freundschaft. - Mein guter Schlicht, der nie viel Zeit hat, wartet auf Antwort;
und ich denke doch, Sie werden ihn durch keine abschlgige krnken?
    Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht, seinem Herrn Principal ihre innige
Verehrung, ihre tiefe Rhrung ber den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu
versichern; aber zugleich ihm zu sagen, dass der Gehorsam gegen den einen Theil
seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmglich mache. - Ich werde
Sie Selbst, lieber Herr Schlicht, mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren,
die Sie ihm zu berreichen die Gte haben werden. Den persnlichen Dank behalt'
ich mir vor. - Sie erlauben doch, beste Freundinn? - mit einer Wendung gegen das
Seitenzimmer.
    Gehen Sie, gehen Sie nur! Sie thun etwas sehr berflssiges; aber ich weiss,
Sie wrden es doch nicht lassen. -
    Die Doctorinn nutzte die Augenblicke, da sie mit Schlicht allein war, um ihn
von Allerlei zu unterrichten, was ihm zu wissen Noth that: von dem Wechsel, den
ihr Mann an Horn ausgestellt hatte, um die Witwe ausser Gefahr zu setzen; von
ihrem Wunsche, dass der Vater davon nichts merke, und also nicht ihr Mann
quitirt werde, sondern die Witwe; von ihrer Absicht, den Bruder noch einige Tage
vorgeblich auf's Land zu schicken, bis ein gewisser Entwurf gereift sei, der ihn
von seiner Grille, nach Br ... zu gehen, unfehlbar zurckbringen werde; endlich
von der aufhrenden Nothwendigkeit, das Wohlbefinden des Bruders und seine
Abfahrt auf's Land, die aber erst diesen Nachmittag msste geschehen seyn, vor
dem Vater geheim zu halten. - Monsieur Schlicht, mit seiner gewhnlichen
Geflligkeit, versprach, sich das Alles zu merken, und fand die Anschlge seiner
lieben Frau Doctorinn ganz vortrefflich.
    Madam Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand, auf
welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war, wieder herein, und gleich
nach ihr erschien ein Mdchen mit einer Flasche sssen Weins und mit Glsern.
Die Doctorinn verbat, indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getrnke;
Monsieur Schlicht, indem er seine Geschfte zu Hause vorschtzte, wo er noch so
Manches zu thun habe, dass die Stelle ihm unter den Fssen brenne. Die Witwe,
die sich ihm fr seine Mhe so gern erkenntlich bewiesen htte, bot alle ihre
Beredtsamkeit gegen ihn auf, und schon gerieth er mit der seinigen sehr in's
Stocken; aber die Doctorinn, um mit der Witwe allein zu seyn, schlug sich auf
seine Seite, und half ihm durch. - Ich kenne, sagte sie, meinen lieben, guten
Schlicht: er thut Alles was ihm obliegt, mit grosser Treue, mit grossem Eifer;
und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht bergeben ist, so hngt er daran
nicht anders, als ob er, wie die Schnecke, damit verwachsen wre. Er trgt es
zwar nicht auf dem Rcken, aber er trgt es dafr auf dem Herzen. Ihm ist nicht
anders wohl, als wenn er darin steckt.
    Das war einmal ein Lob, ganz nach, dem Sinne von Monsieur Schlicht, und er
dankte dafr, indem er es ehrlich annahm, mit vieler Freude. Auch Madam Lyk
sagte ihm noch beim Abschiede viel Schnes; sie erinnerte sich alles des Guten,
was sie aus dem Munde des Herrn Stark von ihm gehrt hatte, und freute sich die
Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu haben, der einer so hochachtungswrdigen
Familie, als die Starkische, so vorzglich werth sei. - Kein Madera, noch Cyper,
noch Syrakuser, noch was sonst die Flasche der Witwe enthalten mogte, htte das
Herz des alten Schlicht mehr erquicken, oder ihm den Kopf mehr benebeln knnen,
als diese lieblichen Worte; denn wirklich schien er, als er auf die Strasse
hinaustrat, ein wenig berauscht. Er sprach in einem fort mit sich selbst, und
gesticulirte dabei so lebhaft, dass Mehrere der Vorbergehenden stillstanden,
und mit Lachen ihm nachsahn. Der Inhalt seines Selbstgesprches war: dass von
allen Frauen der Stadt die Frau Doctorinn ohne Widerrede die beste, aber gleich
nach ihr Madame Lyk die liebenswrdigste und vortrefflichste sei. - Indem, er
sich dachte, dass irgend jemand so frech seyn knne ihm das zu lugnen, stiess
er mit dem Stock so heftig gegen das Pflaster, und schnitt so wilde Gesichter,
dass ein paar spielende Kinder vor Schrecken zusammenfuhren, und mit Geschrei in
die Huser liefen.

                                     XXXI.


Es war der Doctorinn peinlich, dass die Witwe kein Ende finden konnte, die
Grossmuth ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu rhmen; aber wie viel sie
auch bat und ablenkte, immer kam die Rede darauf zurck. - Ich htte, sagte die
Doctorinn endlich, so gern ber meinen Bruder mit Ihnen gesprochen; aber wie ich
wohl sehe - -
    In dem Augenblick schloss sich der Mund der Witwe, und desto offner stand
nun ihr Ohr. -
    Sie glauben wohl nicht, dass hinter der scheinbaren Heiterkeit, womit ich zu
Ihnen kam, sich ein sehr bittrer Verdruss versteckte? Gleichwohl ist es nicht
anders. Ich habe ber meinen Bruder zu klagen, recht sehr zu klagen.
    Unmglich! ber so einen Bruder?
    Jaja! ber so einen! - Eben dass er so einer ist - -
    Liebe Frau Doctorinn! - Sie war ganz sichtbar gekrnkt.
    Ich kann mir nicht helfen; ich trage mein Herz auf der Zunge. - Sehen Sie,
Freundinn! Nichts in der Welt thut mir weher, als wenn man mir meine guten
Gesinnungen nicht erwiedert, wenn man mich fr meine Offenheit mit
Verschlossenheit, fr mein herzliches Zutrauen mit kaltem Misstrauen belohnt. -
Sagen Sie, was Sie wollen; so etwas ist rgerlich, ist abscheulich.
    Will ich es denn vertheidigen? Aber dass Ihr wrdiger Bruder. - -
    O, ich sehe schon: Sie werden auf ihn nichts kommen lassen; Sie sind zu sehr
seine Freundinn.
    Wenn ich's nicht wre! - Sie hatte Thrnen im Auge.
    Indessen sind Sie doch auch Freundinn von mir, und Sie werden gerecht seyn.
- Ich will das rgste setzen, was doch sicher nicht ist: dass mein Bruder eine
Sache auf dem Herzen trge, die ihm eben nicht Ehre machte; kennt er denn nicht
seine Schwester, seine liebreiche Schwester, die Alles in der Welt eher thun
wrde, als ihn verrathen? Kennt er nicht seinen redlichen Schwager, der von
jeher so innig Theil an ihm nahm, und der ihn auch jetzt mit Rath und That so
gern untersttzen wrde? Muss er auf tausend Fragen, auf tausend Bitten, dass er
sich ffnen wolle, noch immer verschlossen bleiben?
    Aber darf ich denn hren -?
    Da ist sehr wenig zu hren. Leider weiss ich, oder errath' ich, nur das ganz
Allgemeine: Er liebt!
    Er - liebt? - fragte die Witwe, nicht ohne Stocken; denn in dem Augenblick
sah sie ihn vor sich, den biedern, den edlen Freund, wie er beim Abschiede die
Hand ihr so glhend ksste, dass auch sie sich im Herzen sagte: Er liebt!
    Alle Anzeichen sind wenigstens da: ein unablssiges Seufzen; ein stieres
Hinblicken auf einerlei Fleck; eine weiche, krnkliche Sprache; ein feuchtes,
schmachtendes Auge. - Aber wen er liebt, wen? - mit keinem Bitten, keinem
Zureden ist das herauszubringen. - Es wird doch wohl in Ewigkeit keine Person
seyn, die nicht mehr frei wre? die ihr Herz schon verschenkt htte?
    O gewiss nicht! gewiss nicht! sagte die Witwe - und gerieth ber dieses
rasche, ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit - eine Verwirrung -
    Also Sie wissen? indem sie ihr nher ruckte.
    Nichts, liebe Freundinn. Ich weiss davon nichts; aber - - ich schliesse aus
seiner Denkungsart, seinem Charakter, dass - wenn er so etwas merkte - -
    Nun, dann rath' ich nicht lnger. Denn dass er eine Person lieben sollte,
die er zu nennen mit Recht Bedenken trge; die seiner unwrdig wre: - nein, das
will und das mag ich nicht rathen.
    Ich bitte Sie. Keinen solchen Gedanken! - Sie enthielt sich kaum einer
Thrne; denn so mglich es blieb, dass nicht sie diese Person war, so konnte sie
doch nicht umhin, sich an deren Stelle zu setzen.
    Lassen Sie mich ganz freimthig herausgehn! Ich wende mich nicht ohne
Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit ber, da er Ihre Bcher
berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. -
Natrlich ward er mit Ihnen vertraut.
    Die Witwe zitterte vor dem, was nun folgen wrde. Sie errthete und
erblasste.
    Sollte da in so manchem Gesprche, in so manchem ungezwungenen,
unbelauschten Gesprche - denn Sie waren ja wohl meistens mit ihm allein? - -
    Das freilich; aber - -
    Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verrathen haben? Sollte nicht
irgend ein Wrtchen gefallen seyn, das uns Licht geben knnte?
    Ich wute nicht. Ich msste zurckdenken, sgte die Witwe. Doch berhaupt -
- Was berhaupt, liebe Freundinn?
    Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig
gesprochen.
    Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem - der Anfang
seiner Leidenschaft fllt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis
dahin war er noch heiter und munter. Gewiss hat er, neben den Zahlen und
Brchen, noch an etwas Anders gedacht. - Knnen Sie Sich nicht erinnern, ob Sie
einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren?
    Ich hatte - niemal Gesellschaft. - Sie wusste sich keinen Rath mehr. Sie
pflckte und zupfte an ihren Kleidern.
    Nun, so werd' ich wohl auch hier nichts erfahren. Ich werde so klug wieder
gehn, als ich kam. - Mein, Trost muss seyn, dass die Zeit endlich Alles an's
Licht bringt, und dass auch diese Liebe nicht ewig Geheimniss seyn wird. -
Indessen glauben Sie nur nicht, dass mich blosse Neugier zu Ihnen gefhrt hat;
es war eben so sehr zrtliche Besorgniss um einen Bruder, den ich Thrinn noch
immer liebe, so wenig er es auch werth ist.
    Sie sind hart. - O mein Gott!
    Ich sehe ihn blsser, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen
Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da
ruhig bleiben?
    Hinwelken! - Liebe Frau Doctorinn!
    Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das
thut auf die Lnge nicht gut; der Bruder muss sich nothwendig erklren.
    Die Witwe gerieth hier in eine Wehmuth, die sie kaum mehr bezwang. Auf
Erklrung freilich kam's an: und dass er diese zurckhielt; dass er sich lieber
in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus
schliessen? - Missbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes
Vermgen; standen ihm ihre Kinder im Wege? -
    Eigennuz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht lugnen. -
Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein
Geschpf, liebe Freundinn! - von einer Sanftheit, einer Geflligkeit, einer
Seelengte! - Wie gerne htte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich
immer, dass mein Bruder sie mir zufhren sollte! Wie wrd' ich sie, und um
ihrentwillen auch meinen Bruder, geliebt haben!
    Auch ich - sagte die Witwe - hatte - Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und
weinte es so ber und ber voll, dass sie es wegwerfen und sich ein frisches
nehmen musste.
    Gewiss war Madam Lyk, das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst
jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerinn; und ihre
Thrnen flossen also ohne Zwang, aus der Flle des Herzens: aber gewundert wrde
sich, wenn sie hier htte zugegen seyn knnen, die kleine Amalie ein wenig
haben, dass, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr
erwhnt, sie noch jetzt ein so reichliches Thrnenopfer erhielt.
    Auch die Doctorinn zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht;
sie verbarg ein Lcheln dahinter. - Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem
Gesprche abbrechen; denn wozu einander wehmthig machen? Wir wollen denken; was
hin ist, ist hin, und was im Grabe liegt, kmmt nicht wieder.
    Das kmmt freilich nicht wieder, schluchzte die Witwe.
    Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. - Mein Bruder ist wohl auch
nicht so hinfllig, als meine Besorgniss ihn macht; wenigstens, wie ich diesen
Mittag sah, hat er noch gute Esslust: und die, denk' ich, ist eben kein Zeichen
zum Tode. Sie lchelte. - brigens wird er jetzt schwerlich nach Br ... gehen;
er wird, denk' ich, hier bleiben: und da - -
    Er wird hier bleiben? fragte die Witwe, und schien durch dieses Wort ein
wenig getrstet.
    Ich denk' es, sagt' ich. - Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche
Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder
zu Krften helfen. Vernnftig wird er ja auch wohl am Ende werden, und wird sich
erklren. Meinen Sie nicht? - Sie. lchelte wieder.
    Die Witwe gerieth ber die pltzliche Vernderung des Tons und der Gebehrde
der Doctorinn in nicht geringe Verwirrung. Fast musste sie glauben, dass nicht
des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und dass jener
seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklrt haben msse. Diese Vermuthung
besttigte sich, als die Doctorinn mit voller Heiterkeit fortfuhr: Ich bekomme
denn, doch noch wohl eine Schwester; o! ich bekomme sie ganz gewiss; eine eben
so gute, sanfte, liebreiche Schwester, als die ich verloren habe. Mich dnkt,
ich sehe die holde Seele schon vor mir. - Sie hatte die Hand der Witwe genommen,
der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab; und die Witwe,
unbewusst was sie that, und zu spt darber erschreckend, erwiederte nicht
allein diesen Druck, sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein
sanftes Lcheln. Sie war bse ber die Hinterlist ihrer Freundinn, und war's
doch auch nicht; sie rgerte sich ber die heitre Miene derselben, und war doch
auch froh darber; sie wusste selbst nicht recht, wie sie gesinnt war. Aber
allein wre sie gerne gewesen, um alles Gesprochne noch einmal zu berdenken,
und bei sich auszumachen, wie viel oder wie wenig sie wohl von ihrem Herzen
verrathen habe.
    Die Doctorinn, als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen htte,
stand auf, um Abschied zu nehmen. Es wird spt, sagte sie; ich muss fort. Leben
Sie wohl, meine gute, sanfte, liebe - - ach mein Gott! ich hrte bei einem Haare
gesagt: Schwester! Sie sehen, wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit
meines Bruders habe. - Was meinen Sie? Soll ich ihm ganz wieder gut seyn?
    Ach liebe Freundinn! Sie waren ihm noch keinen Augenblick bse.
    Nicht? Wirklich nicht? - und nun erfolgte eine wrmere, lngere Umarmung,
als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte.
    Auf der Flur fand die weggehende Doctorinn den ltesten Sohn der Lyk, den
sie aufhob und ksste. Der jngere lag an einer kleinen Unpsslichkeit nieder.
Sie hatte den schnellen Einfall, die Mutter zu bitten: dass es ihr morgen frh
erlaubt seyn mgte, den Kleinen holen zu lassen, um ihn einem der grssten
Kinderfreunde, ihrem guten alten Vater, zu zeigen, der an der schnen Gestalt
und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergtzen wrde. - Er kann, sagte
sie, mit meinen eigenen Kleinen spielen, und kann bei uns essen. - Die Mutter
bewilligte das, und der Knabe hpfte und sprang vor Freuden. - -
    Zu Hause machte die Doctorinn ihren Mann, aber noch mehr ihren Bruder, durch
die mitgebrachten Nachrichten sehr glcklich. Besonders rhrte den Letztern die
Untersttzung, die sein Vater der Witwe hatte angedeihen lassen; er empfand
darber eine Freude und eine Dankbarkeit, wie er sie ber die grsste, ihm
selbst erwiesene Wohlthat nicht wrde empfunden haben. Aber unzufrieden war er,
dass die Schwester mit dem Inhalte des Gesprchs, welches zwischen ihr und der
Witwe vorgefallen war, so sehr zurckhielt, und dass er mit allem Forschen
nichts weiter herausbrachte, als bloss: er werde geliebt; er werde ganz sicher
geliebt; und sie, die Schwester, stehe ihm fr ein freudiges Ja, sobald er es
fordern wrde, mit ihrem Leben. Was die Witwe Alles gesagt, und durch was fr
Zge sie ihr Herz verrathen habe: das verhllte auch ihm, ob er gleich Bruder
und Liebhaber war, der Schleier des weiblichen Zartgefhls; nur dem Ehemanne
ward, im vertraulichen Schlafkmmerlein, dieser Schleier ein wenig gelpftet.

                                     XXXII.


Die Kirche war aus, und die Strasse fing an sich mit wohlgekleideten Leuten zu
fllen, denen es niemand ansah, wie sehr sie ihrer Snden wegen waren gescholten
worden; als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster, wo er Wache
gestanden hatte, in Eil gegen die Thre rannte, und nun auf einmal der ganze
unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur strzte, um den kommenden Grossvater
und die begleitende Mutter - die aber Sonntags, ihrer Alltglichkeit wegen, nur
wenig galt - mit Freudengeschrei zu bewillkommen. Der Alte empfing die Kleinen
mit den gewhnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebhrlichen Lrmens, aber
zugleich mit einer Freundlichkeit, die den Eindruck jener Verweise
augenblicklich wieder verwischte. Er wollte jetzt anfangen, seine Tasche fr
ihre Leckermuler, und seinen Geldbeutel fr ihre Sparbchsen zu leeren, als er
auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach
traurig dastehen sah, und seine Tochter fragte, wer denn das wre?
    Ach ein lieber, ssser Junge, sagte die Doctorinn: der lteste kleine Lyk;
ein Schul- und Spielgenoss meines Wilhelms.
    Lyk? rief der Alte; o lass den Kleinen doch naher kemmen!
    Er kam auf den Ruf der Doctorinn, und ging nach ihrer Anweisung zum Alten,
dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand ksste, wozu ihn die
Mutter gewhnt hatte.
    Wirklich, wirklich, ein allerliebster Knabe! - Herr Stark theilte ihm jetzt,
wie den brigen, mit; und hob ihn dann auf einen Tisch, der im Vorsaale stand,
um, wie er sich ausdrckte, zu sehn, ob er ihn kenne. - Jaja! rief er, lieber
ssser Kleiner! wir sind schon alte Bekannte. - Sieh her, liebe Tochter, sieh
her! Wie doch das nachartet! - Diese Stirne und dieses Kinn - -
    Ganz des alten Lyk; unverkennbar!
    Spiel der Natur! rief Herr Stark.
    Ordnung der Natur! rief die Tochter; und setzte auf eben den Tisch ein's
ihrer eigenen Kinder, das wirklich in seiner Gesichtsbildung eine auffallende
hnlichkeit mit dem Grossvater hatte. - Der Alte liebkoste jetzt beiden, und war
ausnehmend vergngt.
    Aber, sagte er: wenn der alte gute Lyk den Mund zum Lachen verzog; da hatt'
er so ganz etwas Eignes in seiner Oberlippe. Ob auch wohl der Kleine das hat? -
Lieber Kleiner! thu mir den Gefallen und lache! Hrst du?
    Der Kleine blieb ernsthaft; denn er hatte keinen Anlass zum Lachen, und war
noch nicht fein genug, um in der Aufforderung selbst diesen Anlass zu finden. -
Ich will dich schon dazu bringen, sagte der Alte, und zog aus seiner Brse einen
neuen spiegelhellen Doppelducaten, den er ihm zu geben versprach, wenn er ihm
den Gefallen thte und lachte. - Der Knabe verlugnete hier das mercantilische
Blut nicht, aus dem er entsprossen war, sondern lachte den schnen Ducaten mit
sichtbarer Begierde an, ihn aus der fremden Tasche in die seinige zu spielen;
und nun riss Herr Stark ihn mit vieler Wrme an seine Brust, um ihn zu kssen. -
Sieh! sieh! sagte er zu der Tochter.
    Dem Grossvater wie aus den Augen geschnitten!
    Nicht wahr? - Da nimm hin, lieber Kleiner, und wenn du zu Hause kmmst, so
gieb den schnen Ducaten der Mutter, und bitte sie, ihn in deine Sparbchse zu
stecken. -
    Bei Tisch war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune, sprach und
scherzte mit den Kindern so viel, und machte zu der Nachricht, die man ihm von
dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab, eine so gute
Miene, dass die nachmittgliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter
keinen gnstigern Vorzeichen htte beginnen knnen.
    Der Doctor fing damit an, dass er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen
Behandlung seines kritischen Kranken Glck wnschte, dessen bel er mit dem
richtigsten Blicke gefasst, und wie es nicht anders scheine, aus dem Grunde
gehoben habe.
    Doch? sagte der Alte lchelnd. Hab' ich einige Anlage zur Kunst?
    Was Anlage! Sie sind Meister darin.
    Also Alles glcklich vorber?
    Alles. Die ganze Krisis.
    Der Trotz zum Herzen heraus?
    Vllig, vllig heraus. Und das Herz im frischesten, gesundesten Zustande.
Voll Liebe, Dankbarkeit, Ehrerbietung fr einen Vater, der statt zu zrnen, wie
er gekonnt htte, nur edel wohlthat.
    Aber, Herr Sohn, noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende. Sie haben durch
so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven
gemacht; und da will ich denn, Sicherheits halber, meinem Kranken noch eine
kleine Nachcur verordnen, von der ich hoffe, dass sie ihm gute Dienste thun
soll.
    Fr jetzt wre wohl das Beste, dass Sie ihn strkten.
    Meinen Sie? Und wodurch?
    Durch volles Vergessen, volle zrtliche Vaterliebe.
    Wenn's nur damit nicht noch zu frh ist! - Nein, nein! Ich habe die Sache
nach meinem eigenen Kopfe angefangen, und so will ich sie nun auch durchfhren?
Ich will den Vortheil nicht ungenutzt lassen, dass der junge Herr durch seinen
Trotz sich mir in die Hnde gegeben hat, und dass er nun schon muss, wie ich
will.
    War er denn nicht immer in Ihren Hnden?
    Nicht ganz. Ich musste Rcksichten nehmen. - Gesetzt, dass ich in unsrer
ehemaligen Lage gesagt htte: Sohn! das und das ist mein Wille; darauf besteh'
ich durchaus; so und so sollst du's machen; oder ich jage dich aus dem Hause,
schicke dich an einen Ort, der dir nicht ansteht, vor dem dir graut: - denn
unter uns! dass ihm vor seinem Br ... graut, weiss ich sehr sicher; - sagen Sie
mir: was wrden die Mutter, die Schwester, Sie Selbst, alle Menschen, von mir
gedacht haben? Ein Tyrann, ein Barbar, ein harter, unnatrlicher Vater wr' ich
gewesen. - Vor seinem Trotze so zu handeln, war in der That ohne Hrte nicht
mglich; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln, und ich will den sehn,
der mich tadelt.
    Einer wird es doch, lieber Vater.
    Wer? -
    Ein Mann von dem edelsten Herzen: Sie Selbst.
    Falsch! Mit mir selbst bin ich einig. - Ich werde meinem Sohne gerade
heraussagen: mit unsrer Verbindung ist's aus; auf die rechne nicht lnger; in
mein Haus, in meine Handlung, kmmst du nicht wieder.
    Lieber Vater! sagte der Doctor.
    Das steht fest. Das ist nun einmal entschieden.
    Der Doctor war nicht wenig erschrocken. - Sie werden mich wenigstens
anhren, hoff' ich, und dann weiss ich gewiss: Sie werden ganz anders denken.
    Sie anhren? Das will ich gerne. Hier sitz' ich! - Aber ganz anders denken?
Da mssten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben.
    Nichts sehr Sonderbares, aber sehr Wahres.
    Schn! Ich bin neugierig darauf.
    Sie knnen's nicht sonderbar finden, wenn ich behaupte: dass eine einzige
That, zu welcher glckliche oder unglckliche Umstnde einen Menschen hinrissen,
ihn von Grundaus verndern, ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann.
Bewusstseyn einer ehrlosen, schndlichen Handlung kann den Menschen auf immer
verschlechtern; Bewusstseyn einer guten und grossen, ihn auf immer veredeln.
    Wohin zielt das? fragte der Alte.
    Sie erinnern Sich, was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres Sohns am Sterbebette
und nach dem Tode des seligen Lyk erzhlte.
    Das war schn! Das war edel von, ihm!
    Htten Sie's jemal in ihm gesucht?
    Nie.
    Auch wahrlich! Er in Sich selbst nicht. Ein unerwarteter, ihm ganz neuer
Eindruck, ein unwiderstehliches Gefhl rissen ihn hin. Aber einmal gethan, diese
That; sollte sie ohne Spur, wie ein Blitz, haben verschwinden knnen? sollte sie
kein Andenken an sich zurckgelassen, nicht durch dieses Andenken mchtig auf
ihn eingewirkt haben? - Glauben Sie mir: das Bewusstseyn von Werth, Gte,
Tugend, das Ihr Sohn aus dem Lykischen Hause mit sich nahm, ist fr ihn
unendlich wohlthtig geworden; es hat ihn von seiner ehemaligen Kleinlichkeit,
Eitelkeit, Selbstsucht schon um Vieles geheilt, und noch immer wirkt es zu
seiner Besserung, seiner Veredelung fort. - Was Sie sonst mit so vielem Recht an
ihm aussetzten, ist schon Alles ganz anders: seine ehemaligen Gesellschafter hat
er verlassen; Spiel und Tanz sind ihm gleichgltig, und gegen den Putz ist er
klter geworden: schon seit Monaten kein neues Kleid mehr! seit Monaten kein
Gang mehr, als in den Concertsaal, den unschuldigsten aller Vergngungsrter!
Sein jetziger herrschender Trieb ist: zu wirken, ntzlich zu werden, Hochachtung
und Beifall von Andern, wie von sich selbst, zu verdienen. - Ist nicht in diesem
Allen die Wirkung jenes Augenblicks, wo er sich selbst in einem so neuen Lichte
und die Tugend in ihrer Wrde und Schnheit sah, unverkennbar?
    Der Alte, der mit grosser Aufmerksamkeit zuhrte, winkte dieser Entwickelung
Beifall; und doch war sie, wenn auch nicht falsch, wenigstens sehr einseitig und
unvollstndig. Die Hauptbildnerinn an dem Herzen des Sohns, die Liebe, war aus
guten Grnden vergessen.
    Selbst das, fuhr der Doctor fort, dass er die Thorheit beging Ihnen zu
trotzen, stsst meine Meinung von ihm nicht um, sondern besttigt sie eher. Eben
weil er jetzt edler und also stolzer geworden war, konnt' er die Behandlung, die
er vormal verdient hatte, nicht mehr ertragen; eben weil er Hochachtung gegen
sich selbst zu fhlen anfing, wollt' er auch Hochachtung von Andern, selbst von
seinem Vater, geniessen; und so entstand denn, bei der gewohnten traurigen
Entfernung von Ihnen, und bei dem unseligen Misstrauen, womit er Sie im Irrthum
ber sich gleichsam vorsetzlich erhielt, jener Trotz, jener nicht zu
rechtfertigende, bereilte Entschluss, den Sie durch Ihr weises Benebmen ihn so
sehr haben bereuen lassen. Aber, mein bester Vater - wollten Sie einen Fehltritt
aus solchen Grnden, an einem solchen Sohne, der Ihrer tglich wrdiger wird,
jetzt so grausam bestrafen?
    Was? rief der Alte, indem er mit lebhafter Bewegung aufstand; was reden Sie,
lieber Doctor? Was fllt Ihnen ein?
    Sie sagten: in Ihr Haus, in Ihre Handlung km' er nicht wieder.
    Das soll er auch nicht, muss er auch nicht.
    Sind Sie denn noch immer erbittert? -
    Erbittert? Ich? - Nun, beim Himmel! Wenn alle Vter sich so erbittern
wollten, das wre den jungen Herrn, ihren Shnen, wohl eben recht.
    Wie versteh' ich denn aber -?
    Ich will aus der Verbindung mit ihm heraus, und will mich zur Ruhe setzen.
Mein Haus soll das seinige, meine Handlung die seinige werden. Verstehen Sie
jetzt?
    Ja, mein Gott! rief der Doctor freudig: wenn Sie Sich so erklren! - Der
Text war dunkel; die Auslegung ist sonnenhelle. - Aber Ihr armer Sohn! Was wird
er nicht fr einen Schrecken haben!
    Scherzen Sie nicht zu frh! Die Bedingungen sind zurck.
    O, die wird ein Vater, ein edler, grossmthiger Vater machen. Ich bin sehr
ruhig darber.
    Dass sie auf sein Bestes berechnet sind, knnen Sie denken. - Ich hab' ihn
jetzt, wie gesagt, in meiner Gewalt; und so besteh' ich durchaus darauf: er soll
thtiger werden; er soll die Handlung, wenn sie die seinige wird, mit mehr Ernst
und mit mehr Eifer fhren, als unter mir; er soll dem abgehenden einen
Buchhalter keinen Nachfolger geben, weil er dessen Arbeiten mit den seinigen
zugleich verrichten kann, ohne dass eben der Schreibtisch eine Galeere werde; er
soll dem Umherschweifen in Gesellschaften und an ffentliche rter entsagen; und
sich sein Haus dadurch anziehender machen, dass er ein Weib - aber kein
Modeweib, keine Putz-, auch keine Bchernrrinn - nimmt, sondern ein braves,
husliches, herzliches Weib, das er lieben, das aber auch ich schtzen und ohne
Errthen Tochter nennen kann. - Fgt er sich in diese Bedingungen: - gut! so
bergeb' ich ihm Alles, beziehe meine eigne Wohnung fr mich, und betreibe meine
brigen Geschfte in Ruhe. - Fgt er sich nicht, - nun, so kann ich weiter nicht
helfen; ich arbeite dann mit meinen Buchhaltern fort, und ihn schick' ich -
wohin der junge Herr nicht mag, und wohin er mir doch zu gehen gedroht hat: nach
seinem Br ... In mein Haus, so lang' es das meinige bleibt, kommt er nicht
wieder.
    Das also, das Ihre Nachcur, mein lieber Vater?
    Das! - Wird sie ihm anstndig seyn?
    Er wird darin gleich sehr Ihre Liebe und Ihre Einsicht erkennen. - Bereiten
Sie Sich vor, den dankbarsten, den gerhrtesten Sohn zu umarmen!
    Meinen Sie? - Nun, so bereiten auch Sie Sich vor, einen Mann zu erblicken,
der Haus und Handlung verliert, und der dazu lchelt!
    Wie freu' ich mich dieser Ihrer Laune, mein Vater! -
    Aber ich mich gar nicht Meinung von mir. - Was? Erbittert wr' ich gewesen?
Erbittert gegen einen einzigen Sohn, von dem Sie mir Dinge erzhlt hatten, die
mir Freudenthrnen in's Auge lockten? erbittert gegen ihn, ber den Sie schon
lngst mein Wort hatten, dass, wenn er wrde, wie ich ihn wnschte, es meine
erste, herzlichste Sorge seyn sollte, wie ich ihn glcklich machte? - Ein
solches Wort, meinen Sie, sprche der alte Stark in den Wind? Ein solches Wort
knnt' er brechen? - Gehen Siel - Gehen Sie! - indem er sich selbst zum Gehen
anschickte - Sie haben mein Herz verkannt, meine Ehre gekrnkt; und nun komm'
ich Ihnen - er schien sich einen Augenblick zu besinnen - in vollen acht Tagen
nicht wieder!
    Der Doctor lchelte, und ergriff die Hand des Alten, um sie zu drcken; denn
Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte. Die Herzlichkeit des Gegendrucks,
den er erhielt, berzeugte ihn von der grossen Zufriedenheit, womit sein
vortheilhaftes Zeugniss ber die vernderte Denkungsart des Sohnes war angehrt
worden. Gleich sehr berzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk, das ihm noch
diesen Abend gebracht ward; ein grosser Korb voll des herrlichsten alten
Rheinweins, woran, wie die Trger sagten, sich der Herr Doctor erquicken sollte.

                                    XXXIII.


Je wichtiger, durch die Erklrung des Vaters, der Punct von der Heirat geworden
war; desto begieriger ward der Sohn, die Meinung desselben ber die Witwe zu
wissen, und desto scheuer die Tochter, sie zu erforschen. Gleichwohl wagte sie
am folgenden Nachmittage beim Thee einen Versuch, mit dem es aber nicht zum
glcklichsten ablief.
    Wissen Sie schon, fing sie an, lieber Vater, was sich gestern fr eine
wichtige, fr eine denkwrdige Begebenheit zugetragen hat?
    Nein, sagte der Alte.
    Der edle Liebesritter Wraker hat seine reizende Dulcinea glcklich zum
Altare gefhrt.
    Hat er? - Der alte, armselige Stmper!
    O spotten Sie seiner nur nicht! Er soll sich so glcklich, so
berschwenglich glcklich fhlen - -
    Je nun - er ist dem Himmelreich nahe.
    Dem knftigen, meinen Sie? Ich zweifle, dass er daran noch denkt. - Doch was
geht mich der alte Wraker an zusammt seiner Liebesgeschichte? Ich sehe nur, wie
mich mein guter Vater gelehrt hat, auf die unschuldigen kleinen Waisen, die doch
nun wieder einen Beschtzer haben. - Ach das liebe kleine Waischen von gestern!
Nicht wahr? wenn doch auch das wieder einen Beschtzer htte!
    Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink, und der Vater ward auf
einmal sehr ernsthaft. - Dafr, sagte er, liessest du wohl m besten den Himmel
sorgen. In solche Sachen sich einzumischen - - Aber was will ich? Ich bin wohl
thricht, sehr thricht.
    Lieber Vater! sagte die Tochter verlegen.
    Ich htte beinah' einer Frau, wie dir, eine Klugheitsregel gegeben. Als ob
du deren bedrftest!
    Von wem nhm' ich sie lieber an, als von Ihnen?
    Nein, nein! Das hiesse ja wohl, dem Tage ein Licht anznden. - Auch bist du
fr solche Thorheiten noch viel zu jung. Das Heiratstiften ist nur Sache fr
alte, abgelebte Matronen.
    Die spitzfindige Miene, die er bei diesen Worten zog, und die unwillige,
rgerliche der Mutter, machten der Tochter so bange, dass sie auf der Stelle
verstummte. Es musste etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen seyn,
das sie durch ihr Gesprch wieder aufgeregt hatte; und das war ihr
ausserordentlich traurig. -
    Um's Himmels willen! fing sie an, sobald der Vater hinaus war: was hab' ich
gemacht, liebe Mutter?
    Ja, der wunderliche, grillenhafte Alte, dein Vater! Wird man je aus ihm
klug? - Ich glaube, wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte; ich lernt' ihn dennoch
nicht aus. - Denke dir nur, was ich gestern, der Witwe wegen, fr einen Verdruss
mit ihm hatte!
    Der Witwe wegen? - Das ist das Unangenehmste, was Sie mir sagen knnten!
    Er fand sie hier wartend, als er aus deinem Hause zurckkam. -
    Nicht mglich!
    Sie wollte ihm danken, dass er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen:
aber das verbat er, und hrte kaum danach hin; er kam sogleich auf ihren
ltesten Kleinen, den er bei dir hatte kennen lernen, und sagte von dem Kinde so
viel Liebes und Schnes, dass er der guten Frau das Herz abgewann, und sie recht
munter und zutraulich machte. Er zog sie dann aus einem Gesprch in das andre,
und war so zufrieden mit ihr, so zufrieden -
    O mein Gott, liebe Mutter! Sie machen mich unaussprechlich neugierig. Sagen
Sie mir doch nur dies und jenes, was vorfiel!
    Gerne. Wenn ich's nur wieder zusammenbringe! - Von der Wirthschaft ihres
Vaters, glaub' ich, war gleich zuerst die Rede; jaja!
    Und sie wusste zu antworten? wusste Bescheid?
    Um Alles. Bis ins Kleinste hinein.
    Ah! da begreif' ich. Das wird ihm gefallen haben.
    Gar sehr. - Dann kam er auf den pltzlichen Wechsel, da sie durch ihre
Heirat, von der Arbeit weg, mitten in lauter Vergngen versetzt worden; und
meinte: dieser Wechsel sei ihr doch wohl usserst reizend gewesen? sie htte
wohl fr keinen Preis auf's Land zurckgehen mgen?
    Sieh den Alten! Da legt' er ihr eine Schlinge.
    Ob sie so etwas merkte, oder - Genug, sie ward ganz niedergeschlagen, und
versicherte ihm, dass sie mitten im Wohlleben nie ohne Sehnsucht an das
vterliche Haus zurckgedacht habe. Der Mensch, sagte sie, sei zur Arbeit
geschaffen, und nur Arbeit erhalte ihn glcklich; das Vergngen, wie sie aus
eigner Erfahrung wisse, sei nur Wrze, und wolle nur als Wrze genossen werden:
wer es zur Nahrung missbrauche, zerstre seine Gesundheit, und nehme dem
Vergngen selbst allen Reiz. Jetzt, da sie von sich selbst abhange, sei es ihr
wieder vergnnt ein thtiges Leben zu fhren, und eben jetzt, sobald sie nur von
drckenden Sorgen frei sei, fhre sie auch wieder ein glckliches Leben.
    Schn! herrlich! Das war ihm wie aus der Seele gesprochen.
    Damit fiel denn das Gesprch auf ihre Handlungsgeschfte, in die sie sich
schon so hineingearbeitet hatte, so vollkommen Bescheid darum wusste, dass er
ihr recht grosse Lobsprche ertheilte. Aber die lehnte sie alle ab, und gab sie
ihrem Lehrer, wie sie ihn nannte, deinem Bruder zurck, von dem sie nun anfing,
mit so herzlicher Dankbarkeit, mit so inniger Rhrung zu reden, dass auch ich
und dein Vater nicht wenig davon gerhrt wurden. Sie konnte am Ende vor Wehmuth
nicht weiter, und musste schweigen.
    Aber, liebe Mutter! in dem Allen seh' ich noch nicht den mindesten Anlass zu
einem Streite.
    Der ist auch gar nicht gewesen.
    Nicht? - Aber Sie usserten doch - -
    Hre nur erst zu Ende! - Als die Witwe hinweg war, ging dein Vater hier noch
eine Weile herum, und sprach sehr rhmlich von ihr; und dann auch von deinem
Manne, der sich auf die Menschen sehr gut verstehe, und ihm diese wackere Frau
zuerst in dem rechten Lichte gezeigt habe. - Ewig Schade, setzte er hinzu, dass
sie an einen Menschen, wie diesen Lyk, hat gerathen mssen, der ihrer so wenig
werth war, und der sie sammt ihren Kindern an den Bettelstab htte bringen
knnen. - Da nutzt' ich denn die Gelegenheit, und fing an: Was meinst du, Vater?
das wre so recht fr unsern Sohn eine Frau gewesen. Und da sie jetzt Witwe ist;
so dcht' ich immer, wir machten ihm einen Antrag darber: denn sie ist doch
noch jung, und es gbe gewiss eine recht gute Ehe.
    Ah liebe Mutter! das, frcht' ich, war zu rasch, war zu deutlich.
    Freilich wohl! Aber, du lieber Gott! ich sah das Eisen so herrlich glhen,
dass ich's fr Snde gehalten htte, nicht zum Hammer zu greifen und ein wenig
zu schmieden.
    Ja, wenn nur nicht die Funken umherflgen! Es ist so eine Sache damit. -
Aber was hatt' er denn gegen die Heirat? Was bracht' er denn vor?
    Das! sagte Madam Stark, und fuhr mit der flachen Hand ber den Theetisch.
    Wie? Er antwortete nicht?
    Kein Sterbenswrtchen, Aber da fr sah er mich an - du weisst, wie er einen
ansehen kann! - mit einem paar Augen! - Ich dachte Wunder, was jetzt
herauskommen wrde; aber nichts! nicht ein Laut! Er zog mir nur ein saures,
usserstsaures Gesicht, und ging mit Kopfschtteln davon.
    Das ist doch seltsam, sehr seltsam. Was gb' ich darum, dass er gesprochen
htte!
    Abends bei Tisch kam denn so etwas hervor. Da war er wieder in seiner
gewhnlichen Laune, und schwatzte von der Thorkeit des Heiratstiftens, wobei des
Danks so wenig und des Undanks so viel zu gewinnen stehe, und von alten
Mtterchen, denen ihr eigenes Liebesfeuer ausgegangen wre, und die so gern ein
fremdes anzndeten, um sich daran zu wrmen und an die eignen bessern Tage dabei
zurckzudenken; kurz, so rgerliches und spitzfindiges Zeug, dass ich's machte,
wie er, und ihm auch ein recht saures Gesicht zog, und auch mit Kopfschtteln
davonging.
    Immer gut, liebe Mutter! Immer besser, als wenn Sie gesprochen htten! -
Aber wenn ich doch nur begriffe -!
    Und hiemit fingen die Damen an, sich in scharfsinnigen Muthmassungen ber
die eigentliche Ursache zu erschpfen, warum dem Alten die vorgeschlagene Heirat
mit der Witwe so missfalle - denn dass sie ihm missfalle, setzten sie als
erwiesen voraus. - Waren's etwa die beiden kleinen Kinder der Witwe? Das glaubte
die Doctorinn nicht. War's noch ein Rest des alten Vorurtheils gegen sie? Das
glaubte Madam Stark nicht. Waren's die zu geringen Vermgensumstnde der Frau?
Das glaubten die Damen alle beide nicht. - Kurz, der Alte war ihnen auch
diesmal, wie sonst schon fter, ein Rthsel.
    Als der Doctor hinzukam, wurden diese Muthmassungen um noch eine vermehrt.
Er sah von der Witwe und ihren Umstnden ab, und glaubte, dass dem Vater nicht
sowohl die Heirat missfalle, als das Vorschlagen derselben, das Anmahnen und das
Bereden dazu. Er will gewiss, sagte er, dass der Bruder vllig frei, ohne
fremden Einfluss und Antrieb handeln, und eine Wahl ganz nach seinem eigenen
Herzen treffen soll. - Htte der Doctor noch hinzugesetzt: dass vielleicht das
Kopfschtteln des Alten weniger der Witwe, als dem Sohne, gegolten, und dass
seiner geusserten Unzufriedenheit wohl nicht so sehr Missbilligung jener, als
Misstrauen gegen diesen, zum Grunde gelegen; so htt' er vermuthlich, statt der
halben, die volle Wahrheit getroffen. Der Alte konnt' es fr mglich halten,
dass der Sohn sich zu dieser Heirat bereden liesse, aber zugleich nach seinem
Charakter fr wahrscheinlich, dass er in der Folge diesen Schritt bereute, und
dann seine Ehe unglcklich wrde. -
    Auf dem Heimwege wurden Doctor und Doctorinn einig, dass der Bruder nur das
vortheilhafte Urtheil des Vaters von der Witwe, nicht den kleinen Vorfall mit
der Mutter, erfahren msse. Sein Muth, wie beide sehr richtig urtheilten, war
eher zu strken als niederzuschlagen. brigens, da jetzt Alles erschpft war,
was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte; so
hielten sie es fr nothwendig, dass der Bruder ein Ende machte, und so bald als
mglich dem Vater vor Augen trte.

                                     XXXIV.


Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt, und liess
gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen, ob er so glcklich seyn
knne ihn ohne Zeugen zu sprechen. Er ward augenblicklich angenommen, und fand
das Wort des Doctors besttigt: dass wenn er jetzt dem Vater vor Augen, trte,
er einen ganz andern Blick von ihm sehen, wenn er jetzt mit ihm redete, einen
ganz andern Ton von ihm hren wrde. Der Empfang war bei allem Ernste so gtig,
und die Frage: welche Wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die
Landluft auf ihn gehabt habe, ward mit so vieler Theilnahme vorgebracht, dass
die ngstlichkeit des Sohnes sich um ein Grosses verminderte.
    Um sein Herz noch mehr zu erleichtern, trat er sogleich auf den Vater zu,
und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an, die aber der Vater
grossmthig genug war ihn nicht vollenden zu lassen. - Hast du, fiel er ihm in
die Rede, mit deinem Schwager gesprochen? Hat er dir meine Absichten mit dir
entdeckt?
    Ja, mein Vater.
    Und deine Meinung darber? -
    Ich habe fr meine Erkenntlichkeit keine Worte. - Er ergriff die Hand des
Alten, und ksste sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung, als Rhrung.
    Hast du auch die Bedingungen erfahren, die ich dir mache?
    Ich werde sie heilig erfllen. Nicht bloss als Ihre Befehle, auch als
Wnsche meines eigenen Herzens. Thtig zu werden, ist jetzt mein einziger Trieb.
- Und da mich Ihre Einsicht, Ihr vterlicher Rath, wie ich hoffe, bei jedem
wichtigern Schritte leiten wird; so verspreche ich mir den besten, glcklichsten
Erfolg meiner Bemhungen. Es wird mein eifrigstes Bestreben, mein Stolz, meine
hchste Zufriedenheit seyn, Ihnen Freude zu machen.
    Die werd' ich haben, wenn es dir wohlgeht. - Aber warum erwhnst du einer
der Hauptbedingungen nicht, deiner Heirat? - Hast du noch keine Wahl getroffen?
    Mit der gewhnlichen Schchternheit, womit Fragen dieser Art pflegen
beantwortet zu werden, sagte der Sohn: Ich habe.
    Kenn' ich deine Geliebte?
    Mit noch grerer Schchternheit brachte er die Antwort hervor: Seit Kurzem.
- Aber usserst schnell flossen ihm am einmal die Worte, als er anfing die
Tugenden seiner Geliebten zu preisen, und auf die Bosheit gewisser Elenden zu
schelten, deren tckischen, giftigen Pfeilen auch die reinste unbefleckteste
Tugend nicht entgehe.
    Diese Vorrede, sagte der Alte, knnte mir bange machen. - Ich bitte um den
Namen deiner Geliebten.
    Es half dem Sohne nichts, dass er den Namen der Witwe nur mit ganz leiser,
gedmpfter Stimme aussprach. Er war genthigt, ihn desto lauter zu wiederholen.
    Also die! sagte der Alte ernsthaft, indem er mehrere Schritte umherging: die
Witwe! - Ist das bloss Nachricht, die du mir giebst; oder - -
    Es ist Vortrag meines innigsten, herzlichsten Wunsches, fr den ich um Ihren
gtigen Beifall, um Ihre vterliche Besttigung bitte.
    Unter Euch selbst, hoff' ich, ist doch schon Alles ausgemacht? Ihr seid
einig? -
    Wie freute sich jetzt der Sohn, dem Rathe seines Schwagers gefolgt zu seyn!
und dem Vater mit voller Wahrheit betheuren zu knnen: auch nicht das erste Wort
von Liebe sei zwischen ihm und der Witwe gewechselt worden; auch nicht einmal
vorlufig, unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters.
    Um so besser! sagte der Alte. So braucht nichts erst zurckzugehen.
    Zurckzugehen, mein Vater? - Sollt' es denn das? Msst' es denn das?
    Ich sehe den Gang, den diese Liebe genommen, ganz deutlich. Du hast an der
Witwe mit einer Rechtschaffenheit, einem Edelmuthe gehandelt, wovon dein Herz
dir das Zeugniss giebt, dass sie dir zur Ehre, zur grssten Ehre gereichen. So
ist natrlich ihr Anblick dir werth geworden; denn er erinnert dich an die beste
That deines Lebens: aber eigentliche herzliche Leidenschaft, eigentliche innige
Liebe, die bis in das Alter ausdauren, und dich fr Alles entschdigen knnte,
was du ihrentwegen entbehren und aufopfern msstest - nein, mein Sohn! die kann
ich hier unmglich voraussetzen; unmglich!
    Warum unmglich, mein Vater? - Und was msst' ich denn ihrentwegen
entbehren? Was msst' ich ihr aufopfern? - Ich sehe nichts.
    Ist dir der Reichthum nichts, den so manche Andre dir zubringen wrde? - Die
Witwe an sich selbst ist ohne Vermgen.
    Wahr! aber - -
    Was von den armseligen Trmmern des ehemaligen Lykischen Reichthums auf ihr
Theil kmmt; ist nach unsern Rechten die Hlfte. Wie viele der Fonds, die ich
aus der Handlung herauszuziehen vielleicht gezwungen bin, glaubst du damit
decken zu knnen?
    Ich werde mich einschrnken, mein Vater. Ich werde die Handlung so viel als
nthig, und mein Hauswesen auf's usserste einschrnken. Ich werde im hchsten
Grade sparsam und thtig werden.
    Gut! Aber das Alles, wirst du am Ende fragen, und muss jetzt ich fragen: fr
wen? - Fr eine Frau, die schon jetzt nicht die jngste mehr ist, und von deren
Schnheit vielleicht nach wenig Jahren kaum noch einzelne Spuren da sind.
    Ist's denn ihre Schnheit, auf die ich sehe? - Gott ist mein Zeuge! noch
hab' ich sie mit keiner andern verglichen. Was mich gerhrt und mich ihr auf
ewig gewonnen hat, sind die Tugenden, die sie in so mancher traurigen, prfenden
Lage bewiesen, und von denen ich Monate lang ein naher, glcklicher Zeuge
gewesen.
    Der Alte ging von neuem umher, und schwieg. - Sie hat Kinder, fing er dann
wieder an.
    Die vermehren meine Liebe zu ihr. Es sind ein paar Engel. -
    Aber Engel, die Bedrfnisse haben. - Lass das Wenige, was aus der
Verlassenschaft des Vaters fr sie brig bleibt, durch Zuflle schwinden; so
haben dich diese Kinder Vater genannt, und du wirst verpflichtet seyn als Vater
fr sie zu sorgen.
    Das werd' ich gewiss, und werd' es mit Freuden.
    Mit Freuden? - Was du ihnen zuwendest, werden deine eigenen Kinder
verlieren. An fremdes Blut wirst du thrichter Weise wegwerfen, was deinem
eigenen zu Gute kommen knnte. - Ich bitte dich: wie kannst du einen solchen
Gedanken nur fassen? ihm nur einen Augenblick Raum bei dir geben?
    Der Sohn kannte den Vater zu gut, um nicht usserst betroffen zu werden. -
Sie reden da nicht aus Ihrer eigenen Seele, mein Vater; unmglich! -
    Was heisst das? Aus welcher, als aus seiner eigenen, kann man reden?
    Sie schaffen Sich eine fremde, enge, usserst beschrnkte Seele, die Sie mir
als die meinige leihen. Aus ihr nehmen Sie das, womit Sie mich zu verwirren oder
zu berzeugen glauben. - Ich sehe, loh habe Ihre Achtung ganz, und habe sie auf
immer verloren. Ich werde meinen eigenen Weg gehen mssen. Ich will es. - Mein
einziger Wunsch zu Gott ist - indem er die Hnde mit Kraft in einander faltete -
dass Sie noch lange, lange leben, und noch mit eigenen Augen sehen, wie sehr Sie
Sich in mir irrten, wie sehr Sie mir Unrecht thaten. - Er wandte sich von dem
Vater ab gegen das Fenster mit einem ganz zerrtteten, von den widrigsten
Empfindungen zerrissenen Herzen.
    Mehr, als einen solchen Beweis seiner Gesinnung und der gnzlichen
Umwandlung seines Charakters, konnte der Vater nicht fordern. - Nach einer
tiefen, feierlichen Stille, worin er dem Sohne Zeit liess sich wieder zu
sammeln, rief er ihn sanft bei seinem Vornamen: Karl!
    Durch das Weiche, Zitternde dieses Tones fhlte sich der Sohn gleichsam
unwillkrlich herumgerissen. Wie ward ihm, als er den guten, ehrwrdigen Alten
dastehen sah, die Augen mit Thrnen gefllt, und die Vaterarme weit gegen ihn
offen haltend! Karl!, rief der Alte noch einmal: warum hast da dich mir so lange
verborgen? - Und nun strzte der Sohn, von Empfindung berwltigt, obgleich noch
ungewiss was er zu hoffen habe, auf den Vater zu, ergriff mit beiden Hnden eine
der seinigen, und bedeckte sie ihm mit Kssen.
    Willst du, sagte der Alte, in dieser schnen, uns beiden gewiss
unvergesslichen Stunde, mir schwren, mir heilig schwren, dass du nie anders
denken willst, als du dich jetzt erklrt hast? dass du nie, auch nicht im
Innersten deines Herzens, der guten Lyk ihren, Mangel an Vermgen oder ihre
Kinder vorwerfen willst? dass du Liebe und Tugend ihr fr mehr als alles
Vermgen anrechnen und Ihre Kinder stets so ansehen willst, als ob sie die
deinigen wren? -
    Der Sohn war nicht bloss gerhrt, er war erschttert. - Ich will, ich will!
stammelte er, und vermogte kein Wort weiter hervorzubringen.
    Ich nehme deine Rhrung fr Eidschwur. - Und nun warf er die eine Hand ihm
auf die Schulter, zog ihn an sich, und ksste ihn wiederholt und von Herzen. -
Wegen der Art, wie ich dich setze, verlass dich auf mich; ich bin kein
ungrossmthiger Vater: und so nimm mein Haus und meine Handlung hin, und
obendrein - meinen zrtlichen Vatersegen zu deiner Liebe! - Ein so rascher und
so mannichfaltiger Wechsel der Gefhle war mehr, als das Herz des Sohnes ertrug.
Statt dem Vater zu danken, wankte er rckwrts, um einen Stuhl zu gewinnen, auf
den er sich halb athemlos hinwarf. Ein pltzlich hervorbrechender Strom von
Thrnen erleichterte ihn; whrend der Alte, der sich neben ihm setzte und ihm
selbst seine Thrnen trocknen half, ihm unablssig zuredete: Lass doch! lass!
Sei ein Mann! Trockne ab, lieber Karl! Wir mssen ja wahrlich zu deiner Mutter,
um ihr Theil an unsrer Freude zu geben. - Wer weiss, wie lange und wie
ungeduldig sie unser schon wartet? - Und wenn mich nicht Alles tuscht; so
finden wir dort noch, zwei Andre, die unser beider Erscheinung mit Sehnsucht
entgegenharren.

                                     XXXV.


Wirklich hatten sich bei der Mutter auch der Doctor und die Doctorinn
eingefunden, um von dem Ausgange der Unterredung, von der sie wussten dass sie
vorfallen wrde, desto eher unterrichtet zu seyn. Wie gespannt ihre Erwartung
war, lsst sich aus dem grossen Antheil, den sie bisher an dem Bruder genommen,
und aus der mannichfaltigen Mhe, die sie sich seinetwegen gegeben hatten,
ermessen. Sie glaubten berwiegende Grnde zu haben, den besten Ausgang zu
hoffen; und doch liessen sie, eben wegen der Grsse ihres Interesse, sich ein
wenig in die Furcht und ngstlichkeit der Mutter hineinziehen, die, weil ihr
Interesse das noch grssere, noch lebhaftere war, nichts als traurige Ahnungen
hatte. -
    Desto angenehmer war fr Alle der berraschung, als jetzt der Vater in
Gesellschaft des Sohnes hereintrat, und ihnen, sogleich durch sein Lcheln seine
Zufriedenheit, durch seine feuchten, gertheten Augen seine Rhrung verrieth. Er
hielt den Sohn an der Hand, der sein Gesicht noch mit dem Tuche verdeckte, und
fhrte ihn der Alten mit den Worten zu: Hier, liebe Mutter! hier bring' ich dir
einen guten, einen wrdigen Sohn, der auf dein Alter Bedacht nimmt, und dich von
den Wirthschaftsorgen befreien will, die dir schon lange zu lstig fielen. Er
will sie einer jungen, wackern Frau bertragen, die er dich bittet zur Tochter
anzunehmen, und deinen Muttersegen ber seine Liebe zu sprechen. - Errathen
wirst du wohl seine Wahl nimmermehr; - und du gewiss auch nicht, indem er sich
gegen die Tochter umwandte, und beide zwar anlchelte, aber ihnen zugleich mit
dem Finger drohte.
    Der Sohn konnte unter den Segenswnschen der Mutter, und den
Antheilsbezeugungen der Schwester und des Schwagers seine Augen so bald nicht
trocknen. - Alle vereinigten sich endlich, dem Vater zu danken und ihm zu
liebkosen, der sie der Reihe nach ksste, aber in seine gewhnliche muntre Laune
fr diesen Abend nicht wieder hineinkam. Die Empfindungen, die bei der
Unterredung mit dem Sohne ihn tief durchdrungen hatten, waren von zu ernsthafter
Natur gewesen, als dass er sogleich wieder zu den muthwilligen kleinen Scherzen
htte zurckkehren knnen, womit er sonst seine Gesprche zu wrzen pflegte.
    Er liess es sich nicht nehmen, am folgenden Tage in eigner Person den
Freiwerber seines Sohnes zu machen. - Ob Madam Lyk von diesem Besuche angenehm
oder unangenehm berrascht war; ob sie eine bejahende oder verneinende Antwort
gab? wird wohl niemand erst fragen. - Die Ehe ward eine der glcklichsten in der
Stadt. Die Familie hing, jedes Glied mit jedem, durch die zrtlichste Liebe
zusammen. Herr Stark erfreute sich, bis in's hchste Alter hinauf, des
Wohlstandes und der vollkommenen Eintracht aller der Seinigen, und genoss das
ssse, kaum mehr gehoffte Glck, Enkel an seine Brust zu drcken, die nicht
bloss seines Bluts waren, sondern auch seinen Namen trugen.

                                     ENDE.
