
                               Brentano, Clemens

                    Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter

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                                Clemens Brentano

                                     Godwi

                                      oder

                         Das steinerne Bild der Mutter

                        Ein verwilderter Roman von Maria

                               Den schnen Launen
                             der lieblichen Minna,
                                      dem
                              guten Geiste Juliens
                                      und
                           dem stillen heitern Sinne
                                  Henriettens
                        weihe ich dies Buch ohne Tendenz


                                  Erster Band

Ihr schnsten Launen, du guter Geist, und du heiterer Sinn, ihr seid mein ganzes
Publikum, oder wenigstens, was es bedarf, aus mir einst einen leidlichen Dichter
zu machen. Neckerei, freundliche Strenge und Duldung knnen mich von allen
moralischen und knstlerischen Fehlern heilen. Enthusiasmus ist in mir, ihr
kennt und liebt seine schne Quelle. Ich sagte euch ohnlngst, da ich euch dies
Buch geweiht, die Dedikazion aber vernichtet htte, weil ich fhlte, wie sehr
wenig mein Buch es verdiene. Aber seit ich einen schnen Abend in einer schnen
Umgebung zubrachte, fhle ich, da ihr alles hren drft, was ich wei und
wute, ja da es mir sehr heilsam wre, wenn ihr alles hrtet, denn ich wrde
mir dann Mhe geben, alles so gut zu sagen, als ich kann. Du holde Dreieinigkeit
stehst also nicht hier, meinem nachlssigen Buche einen schnen Vorredner zu
geben, auch steht mein Buch ebenso wenig wie eine ble Nachrede hinter deinem
guten und lieben Namen, noch weniger soll mit den wenigen guten Gedanken darin
dir eine sprliche Ehre erwiesen werden. Nein, wie drei gute Feen stelle ich
euch hierher an die Wiege meiner jngsten Torheiten (denn das Buch ist schon ein
Jahr alt), damit ich in eurer Miene das Schicksal meines Buchs in der schnsten
Welt ergrnden mge. Am meisten aber verfhrte mich meine groe Sehnsucht dazu,
eine von euch dreien Du zu nennen, was ich ffentlich nur unter dem Verluste
meiner ewigen Freiheit erlangen knnte, und hier in meiner poetischen Freiheit
mit Recht nach Herzenslust darf. Welche es ist, die kann es sicher fhlen, doch
wird keine je erraten knnen, ob es die andre ist.

So wende ich mich denn zu dir, liebliche Minna, und rede deine schnsten Launen,
nicht ohne einige Begeisterung, folgendermaen an:
    Ihr Leichtbeflgelten, die ihr ihr schnes Bild im ewig neuen Wechsel von
tausend glhenden Farbenschimmern in dem bunten Staub eurer Psychen-Flgel
zerstreut, sammelt euch freundlich in ihrem Herzen, wenn sie mein Buch in die
Hand nimmt.
    Warum ich sie alle gern in dein Herz herein htte, will ich dir gleich
sagen. Es ist, weil ich sie dann frmlich drinne belagern mchte, denn ich
empfinde, da sie im freien Felde nicht zu bezwingen sind und mir manche bange
Stunde machen. Etwas wrde ich in jedem Falle gewinnen, entweder wrden deine
Launen sich ergeben, und du wrdest mich in dein Herz hereinlassen, auf das ich
so unendlich begierig bin, oder sie wrden siegreich sterben, und dann brauchte
ich nicht mehr herein, denn dein Herz wrde sich deutlich auf deiner Oberflche
aussprechen. Du kannst nicht begreifen, wie ich es wage, gar nicht von der
Gewalt deiner schnen Augen zu sprechen, die deine Lieblinge, wie du meinst,
wohl bald entsetzen wrden. So will ich denn von ihnen sprechen. Deine Augen!
auf die verlasse dich nimmer. Du hast keine Macht als deine Launen, deine Augen
sind gerade, was den Feind zu dir hinziehen wird. Es liegt fr mich eine dunkle
Tiefe darin, wie in den Augen der Ossianschen Mdchen, in die man leise
hinabgezogen wird. Auch schlgst du sie selbst zu oft nieder, und sind sie zu
weiblich schn, als da sie je streitbar werden sollten.
    Du selbst weit nicht, was du mit diesem Buche anfangen sollst; das ist ja
eben die Klage, da du nicht weit, was du mit mir anfangen sollst. Du sollst es
lesen und auf den zweiten Teil hoffen, der mehr fr dich allein sein wird. Aber
wirst du das je knnen, wenn deine Launen nicht eingesperrt sind, die dich
zwingen werden, in meinem Buche hin und her zu blttern, bald den Anfang, bald
das Ende vorzunehmen, Druck- und Schreibfehler drinne zu zeigen, und es wieder
von dir zu werfen, was zwar dies Buch, ich aber nie verdiene.
    So nimm sie dann zusammen in dein Herz, die launigten Kinder, nimm ihnen das
gefhrliche Spielzeug, deine Waffen, aus den Hnden, und la sie lieber mit sich
selbsten als mit deinem Besten spielen. Sei nicht unwillig, da ich wie ein
Pdagoge auf die wilde Natur deiner Lieblinge schmle, die in holder Verwirrung
ber dir herumirren, und sich in deine einzelnen Reize mutwillig vermummt haben.
Sieh, es tut mir nur leid, da du dir selbst zur Beute wirst; es ist mir oft,
als wre dein Schmuck nicht an seiner rechten Stelle, wenn Kinder mit ihm
spielen, auch mchte ich dich einmal selbst sehen. Aber du fragst: Was sollen
meine mutwilligen Launen in meinem Herzen anfangen? Sie werden mein ruhiges Herz
auslachen. Wenn du mich je hineinlassen wolltest, so wre dem geholfen, ich
wrde ihnen Mrchen erzhlen, bis sie einschliefen.
    Willst du aber das alles nie zugeben, so verzeihe mir wenigstens, wenn ich
mich unter deine Launen mische, Blindekuh mit ihnen spiele, und wenn ich
gehascht werde, nicht etwa die Binde mit ihnen wechsle; nein, ich will mich
betragen, als wre ich Meister geworden, will der Laune etwas Mutwilliges ins
Ohr flstern, und wohl auch ein solches Kind in der Eile kssen. Oder gar wie
der Popanz in den italienischen Kindermrchen eine solche Knigstochter
aufessen, mein Herr, sagst du. - Fliehet nicht, fliehet nicht, ihr
Leichtbeflgelten, bin ich denn der Schreckliche, vor dem die Spiele des
ppigsten Frhlings, die Blumen, sterben?

Du guter Geist! mein guter Geist hat mich mehr verlassen, da ich dies Buch
schrieb, als da ich es dir weihte; nicht als verdiene es, vor dir zu erscheinen,
nein, es ist fast lauter Eigennutz. Es war weniges in dem Buche, was ich leiden
mochte, aber seitdem dein Name davorsteht, habe ich selbst Freude an ihm, so wie
ich manche Freude an mir habe, seitdem ich fter, doch oft sehr unerkannt, vor
dir stehe. Das einzige, was dir bei dieser Dedikazion, du guter Geist, gehrt,
ist, da ich dir mit diesem Buche wie mit meiner Bekanntschaft die Freude mache,
deine Lieblingsbeschftigung zu ben, dein Herz auf Unkosten deines Geistes
sprechen zu lassen; denn dein Geist hat die Oberhand dein Herz aber die Vorhand.
    Ich htte euch alle drei zugleich angeredet, wenn du guter Geist nicht so
allein stehen mtest, denn du bist sehr schn wenn du allein stehst, sonst
wrst du nie schn. Denn nach meiner Meinung stehst du in der Welt
mutterseeligallein, und kannst es, weil, knntest du je aus dir heraustreten und
dich selbst betrachten, wrst du weniger unteilbar und konsequent, du vor
Selbstliebe verschwinden, du so zu dir selbst hingerissen werden wrdest, da du
nach auen alle Ttigkeit verlieren und verschwinden mtest. Du wrdest nach
dir selbst streben, du wrdest sehen, da du den Umri und das Kolorit, das
Vorzutragende und den Vortrag der Weiblichkeit erschpft hast. Du hast mir oft
meine bisarre uerung vorgeworfen, denn du warst zu bescheiden, um zu gestehen,
da ich meistens so vor dir stehe, wie ich sage, da du selbst vor dir stehen
wrdest, in dich selbst verloren. Meine Erscheinung ist vor dir zertrmmert,
unharmonisch und halb von dir aufgehoben, denn ich bin eins von den Wesen, die
nur bei einer scharfgezogenen kalten Trennungslinie oder in der schnsten
Auswechslung rein ttig erscheinen, und dies ist, Gott sei Dank und leider! hier
nicht der Fall.
    Sei meinem Buche freundlich, doch lasse an ihm alles aus, was du mir
verzeihst, denn dies Buch hat wenige meiner Tugenden, und alle meine Fehler. Da
ich es schrieb, kannte ich dich noch nicht. Es hat dir daher so wenig, als ich
vieles, zu danken, wovon du guter Geist wohl gar keine Ahndung hast, und was,
sagte ich es hier, du nicht verstehen wrdest. So lebe wohl, und denke, da mein
Buch diesen Zeilen, wie ich dir, gegenberstehe. -

Was habe ich dir endlich zu sagen, mit dem stillen heitern Sinne, und warum
stehst du hier? Ich bedarf das unbefangenste Urteil, und das ist das deinige,
denn du bist unbefangen, duldend und gerecht. Wenn ich es recht betrachte, so
mtest du eigentlich im Buche selbst stehen, oder in mir, damit das Buch oder
ich dir nur einen Augenblick gefallen knne, denn beiden fehlt stiller heitrer
Sinn, Duldung, Gerechtigkeit und Frhlichkeit. Glaube nicht, ich wolle den
Lesern verraten, wer du bist, damit sie dich anhren und ansehen knnen, um
ihnen zu ersetzen, was mein Buch vermit, denn wenige werden vermissen, was
darin fehlt, und diese wenigen sind die Vorzglichern, denen du so hnlich bist,
und denen ich hier vor dir als einem Reprsentanten des ruhigen, gesunden
Verstandes und der Lesefhigkeit in der Vorrede ein Selbstbekenntnis ablege.
Fahre fort, mit mir freundlich zu sein, damit ich lerne, das Tiefste auf die
Oberflche zu fhren, und mich bestrebe, einstens wie die Natur selbst das dem
Menschen zum frohen erlaubten Genusse hinzugeben, wovor das Vorurteil, wie man
sagt, zurckbebt. Aber man sagt nur so, der Inhalt der ganzen Welt ist immer der
schnste, heiligste, oder freudigste, nur der Vortrag, die Unbeholfenheit des
Vortrags, ist verboten.

                                    Vorrede


Dies Buch hat keine Tendenz, ist nicht ganz gehalten, fllt hie und da in eine
falsche Sentimentalitt. Ich fhlte es itzt. Da ich es schrieb, kannte ich alles
das noch nicht, ich wollte damals ein Buch machen, und itzt erscheint es nur
noch, weil ich mir in ihm die erste Stufe, die freilich sehr niedrig ist, gelegt
habe. Ich vollendete es zu Anfang des Jahres 99, hatte mich damals der Kunst
noch nicht geweiht, und war unschuldig in ihrem Dienste. Ich werde sie an diesem
Buche rchen, oder untergehen. Diese Bltter gebe ich nicht wie ein Opfer hin,
nein, sie sollen die Flamme nhren, in der ich ihr einst mein reines Opfer
bringen will. Du wirst mir darum wohlwollen, lieber Leser, da ich mich mit
diesem Buche, das nur zu sehr mehr von mir als sich selbst durchdrungen ist,
gleichsam selbst vernichte, um schneller zur Macht der Objektivitt zu gelangen,
und von meinem Punkte aus zu tun, was ich vermag. Es ist mir schon itzt ein
inniger Genu, alle Mngel, die ich vor zwei Jahren hatte, zu bersehen; sie
alle zu verbessern, dazu mte ich auf der letzten Hhe stehen, die ewig vor uns
flieht. Doch will ich schneller, kunstreicher und begeisterter immer vorwrts
schreiten, damit der Raum, der mich vom Ziele trennt, stets kleiner wird, und
endlich nur dem Seher sichtbar bleibt.

1800. Juni.
                                                                           Maria


                                  Erster Brief

                                 Godwi an Rmer

                                                              Schlo Eichenwehen

Hu! es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der
Sturm eine Pause macht. Es ist khl, mein Licht flackert auf einem Leuchter, der
aus einem in Silber gefaten Hirschhorne besteht. In dem Gemache, in dem ich
sitze, herrscht eine eigene altfrnkische Natur; es ist, als sei ein Stck des
funfzehnten Jahrhunderts bei Erbauung des Schlosses Eichenwehen eingemauert
worden, und die Welt sei drauen einstweilen weitergegangen. Alles, was mich
umgiebt, mihandelt mich, und greift so derb zu wie ein Fehde-Handschuh. Die
Fenster klirren und rasseln, und der Wind macht ein so sonderbares Geheule durch
die Winkel des Hofes, da ich schon einigemal hinaussah und glaubte, es fhren
ein halb Dutzend Rstwagen im Galopp das Burgtor herein.
    Diesem uern Sturme hast du meinen Brief zu danken, er strzt sich zwischen
mir und meiner Umgebung wie ein brausender Waldstrom hin, und alle Betrachtungen
liegen am jenseitigen Ufer. So mu ich dann meine Zuflucht in mich zurck, in
mein Herz nehmen, wo du noch immer in der Stellung der Abschiedsstunde gegen mir
ber in unserm Garten sitzest und mir gute Lehren giebst.
    Es ist oft so, wie in diesem Augenblicke, und ich glaube, da der Sturm in
der Natur und dem Glcke, ja da alles Harte und Rauhe da ist, um unsern
unsteten Sinn, der ewig nach der Fremde strebt, zur Rckkehr in die Heimat zu
bewegen. Wenn drauen der wilde Sturm in vollen Wogen braust, dann habe ich nie
meinen so oft beklagten Drang nach Reisen empfunden. Mein Ideal - kennst du es
noch? - verschwindet in der Nacht. Ich wnsche nicht, zwischen hohen
schwarzbewachsnen Bergwnden, ein liebliches leichtsinniges Weib an meiner
Seite, auf weier mondbeglnzter Bahn, im leichten Wagen hinzurollen; da mir
die schnste Heimat in dem Arme ruht, die mich nie mit trgen Fesseln bindet,
wo, Ring an Ring gereiht, hchstens ein bewegliches Einerlei entsteht; da vor
mir laut das muntre Horn des Schwagers die lockenden Tne nach der Fremde
glnzend durch die Bsche ruft, und Echo von allen Felsen niederspringt, und
alles frei und froh die verbotenen Worte durch die Nacht ruft:

So weit als die Welt,
So mchtig der Sinn,
So viel Fremde er umfangen hlt,
So viel Heimat ist ihm Gewinn.

Nein, alles dieses nicht; ich empfinde dann fast die Zulnglichkeit von guten
Familiengemlden, wo es ohne Zugluft hergeht, und keiner in die Hitze trinkt,
und jeder Husten oder Schnupfen von gutem Adel ist und viele Ahnen zhlt.
    Wenn die Katzen vor den Tren Minnelieder singen, und ein Kuzchen vor dem
Fenster das Sterbelied von ehrlichen Brgern singt, die ohne die Anlage des
Schwans, das letzte Leben in Melodien auszuhauchen, doch ohne Singen nicht
sterben mgen, dann drngt sich wohl das Weib zu dem Manne furchtsam hin, es
wird die Furcht zur Liebe, in der sich alles lst, und alles bindet sich in
dieser schnen Minute; die Sinne, die in Trumen wie in fremden Feenlndern
schwebten, sie kehren in sich selbst in die eigentlichste Heimat zurck, und in
dem Traum, der das hchste Wachen unter sich sieht, ersteht nun hier das Denkmal
jener schnen Mythe, wo Gott sich mit dem ersten Menschen im Schlafe dicht
verband, und sich seinem Herzen das Schne, die Poesie, das Weib entwand. Wie
hier Furcht zwischen der Ehe und ihrer Pflicht stand, so steht sie hier zwischen
der Freundschaft und diesem Briefe.
    Das Blatt Postpapier vor mir und ich, wir sind wohl die leichtesten Wesen in
dem ganzen Umkreise, den ich berschielen kann, denn um mich sehen knnte ich um
alles in der Welt nicht; von allen Seiten bin ich eingeschlossen, die Ahnherren
schlieen ein Bataillon carr um mich. Vor mir vereinigt sich die Linie mit
Anfang und Ende. Rechts hngt der brtige Herr Kunz von Eichenwehen, vom Kopfe
bis zum Fue in Eisen gehllt, er hat im eisernen Zeitalter dieses Schlo
erbaut, zur Linken kommt Frau von Eichenwehen mit bloer Brustman scho in ihrem
Zeitalter nicht mehr mit eisernen Pfeilen; dann kommt ein Hirschkopf, der in die
Wand eingemauert ist, und ach! wer kommt nun? - das liebe schne Mdchen, das
mich hier verlie, sie hat eine Rose in der Hand, neben mir auf meinem Tische
liegt auch eine - wenn ich der Maler gewesen wre, so htte ich der Mutter eine
Spindel in die Hand gegeben, und der Tochter ein Buch, um anzuzeigen, wie Flachs
Leinewand, Leinewand Lumpen, und Lumpen Bcher werden.
    Sie hat ein weies Kleid an - das war der letzte freundliche Lichtstrahl,
den ich heute erblickte. Mein Blick stand auf der rucherigen Wand, als sie
verschwunden war, und das chzen der ungeheuren Tre verschlang ihre freundliche
gute Nacht und meinen Seufzer. Die Rose vor mir sieht mich so freundlich an, - o
du verfluchtes Tischbein! Der Tisch hat Beine, die sich mit meinen leichten
Fen gar nicht vertragen. - Sonderbar, kaum spreche ich dieses Wort mit Schmerz
und Unwillen aus, so bin ich auch schon wieder mit ihm vershnt. Unter dem
Gemlde des freundlichen Mdchens steht: Tischbein pinxit. Doch was soll das!
    Ich bin in der Burg irgend eines Landedelmannes, das merkst du wohl, und
fhle nur zu sehr, wie viel langweiliger es hier ohne ein gewisses Etwas wre
als bei den himmlischen Einfllen in den geschmackvollen Gemchern der einzigen
Molly in B.: aber das gewisse Etwas wird in der unangenehmen Atmosphre, wie die
Rose vor mir in diesem ungeheuren Saale, wie ein einziger kleiner Stern in der
dunkelsten Gewitternacht, so reizend, so freundlich, da ich es lieber anschaue
als die Sonne im Glanze des Mittags. Die Rose, der Stern trstet mich, indes die
Sonne mich nur blendete. Pfui! keine Ungerechtigkeit, sie erwrmte mich.
    Dir zulieb, kalter Freund, steig ich wieder von den Stelzen herab, auf denen
ich das gewisse Etwas anredete, das du am Ende dieses langen langweiligen
Briefes kennen lernen sollst. Geduld!
    Dein letzter Brief machte mir Vorwrfe, da ein Weib wie Molly (du kennst
sie aber gar nicht) meinen Aufenthalt in B. vierzehn Tage verlngern konnte,
machte mir Vorwrfe, da ich ein Weib bis zu den Sternen erhbe, die frei und
ohne Fesseln des Geistes, oder irgend eines Verhltnisses mit andern, die
verlassene Bahn der Menschlichkeit wieder betritt; die allein da steht, wo alle
stehen sollten, und wo auch ich bei ihr gestanden habe. Sich selbst genug, und
den meisten zuviel, lebt sie glcklich und wahr, obschon ihre
Geschlechtsgenossen sie einseitig beurteilen, weil ihrem kurzsichtigen Blicke
die bersicht einer so groen, so ganzen, so harmonischen Oberflche zu
unermelich ist. Du sprachst als ein Freund mit mir, du wolltest retten, aus
Gefahren retten, die es nur dem Schwachen werden knnen. Du glaubtest, ich htte
mich in die Arme der zgelloseren Liebe gestrzt - o dann htte ich bei Molly
nicht um alles bitten mssen, die nur giebt, wo sie liebt, und nur liebt, wo
ihre Liebe im vollen Verstande Belohnung ist. Molly befriedigt nie
Leidenschaften, wo ihre Befriedigung Menschen schaden kann. Godwi! sagte sie
an einem Abende, an dem ich, durch ihre Freundlichkeit, durch die trauliche
Anschmiegung ihrer Ideen an die meinigen und meiner Sinnlichkeit an die ihrige
khner, sehr verwegne Hoffnungen wagte: Sie sind hier um meinetwillen, Sie sind
hier ohne Zweck, erwarten Sie mehr? Ich kann Ihnen nicht mehr geben, als ich
Ihnen gab, ich gab Ihnen mein Herz - nur dem, der es fassen kann, der es ganz
kennt, bin ich alles, bin ich ein Weib; Sie sind weit, sehr weit davon
entfernt. Hier ward sie ruhig, und reichte mir ihre Hand, die in der meinigen
bebte, in ihrem Auge glhte eine reine Flamme, die in der Trne, ach! in der
Trne des Abschieds erlosch. Sie reisen morgen, ich befehl es Ihnen, sprach
sie ernst, und stand vor mir wie mein Herr. - Ich bitte Sie um meinet- und
Ihrentwillen, folgen Sie meinen Befehlen, fuhr sie mit einer unwiderstehlichen
Anmut fort; sie hatte sich, wie die Liebe, sanft ber mich herabgebogen, und nun
konnte ich ohne Khnheit die Trne des Abschieds von ihrer Wange kssen -
seltsam ser Widerspruch von Gefhlen, ihr Befehl macht mich zum Sklaven, ich
mu gehen, ihre Bitte umarmt mich, hlt mich fest an sie gefesselt, und indem
sie mich zum Gehen bittet, wird es so s, ihren Willen zu tun, und ich mchte
doch nicht gehen.
    Der Ku des Abschieds, er war so inhaltreich, es lag das Bleiben so deutlich
darin, er hatte ja die Scheidetrne weggekt, denn was ist Scheiden anders als
eine Trne, und Wiedersehen anders als ein Ku. Ach htte ein Ku kein Ende,
Molly htte mich gerne behalten, und vertrocknete eine Trne nicht, so knnte
ich sie nicht vergessen. Es lag viel Wahrheit in dem Kusse, und da er offenbar
ganz anderer Meinung als Molly war, so mute wohl ein anderer Umstand sie
zwingen, vielleicht gar die Furcht, bald durch die sinnliche Wahrheit der Ksse
im Rausche der Leidenschaft die geistreiche Heuchelei ihrer Enthaltsamkeit im
Rausche der Eitelkeit enthllt zu sehen. - S waren ihre Lippen, es schwamm ein
stilles liebendes Hingeben auf ihnen, und im Gefhle des bergehens eines andern
Wesens und seines Genusses in mich und den meinigen lag der entzckende Traum
einer Ewigkeit der Wollust des Kusses. - Doch auf dem Gipfel des Rausches
entsinkt uns der Becher, kalt strmt die Wirklichkeit zwischen unserer glhenden
Lippe und seinem Freuden-Rande durch, reit den letzten Tropfen los, und wir
erwachen. So lste sich die Raserei des ersten und letzten Kusses. Stumm stand
Molly, um sie her die Trmmer ihres stolzen Befehls, Scham frbte ihre Wange,
Blsse folgte. Der Ku hatte die Scheidetrne und nicht die Scheidestunde
weggenommen. Sie richtete sich auf, und so wie etwa Ludwig der Achtzehnte
aussieht, wenn er in Reval ber Frankreich regiert, erschien sie mir in ihrer
Armut, in diesem kleinen Schiffbruche ihres Plans, der mir nicht entging bei
folgenden Worten: Godwi! Sie gehen morgen, ich bin dem Jnglinge gut, aber ihm
darf nie werden, was Belohnung des handelnden Mannes ist, gekrnte Liebe. Es ist
Verdienst, im Arme des Weibes ruhen zu drfen; es ist Elend, vom Arme des Weibes
ruhen zu mssen. Mssen Sie nie um zu drfen.
    Ach wie klangen diese Sentenzen so kalt und gezwungen nach einem Kusse, der
ihr Verrter war. Mir war dabei zu Mute wie dem Gaste eines geizigen Wirts, der
seinen Gast berauscht glaubt, und die sptere Weinflasche, die also nach ihrer
Herkunft aus dem Keller die jngere ist, auch immer die jngere nach ihrer
Herkunft aus dem Weinberge, das heit, ein bichen saurer sein lt; er denkt,
der Rausch der lteren mag die jngere betten; sehr weislich - der Chirurg
betubt uns erst die Ohrlppchen, ehe er uns die Ohrlcher sticht; wer gern
Ohrringe trgt, wer gern zu Gaste geht, und wer gern kt, mu sich das alles
gefallen lassen.
    Ich teile gern mit dir, sehr gern, aber nur meine Freuden. La mich deswegen
von der Nacht schweigen, die ich gepeinigt durchwachte. Du kennst mein Talent,
alles von allen Seiten anzusehen, die lachenden und weinenden Seiten jedes
Gefhls und jeder Geschichte hervorzuziehen, so da ich nie ganz glcklich und
nie ganz unglcklich werden kann. Auch diese Nacht zerri mich ein steter
Gefhlswechsel. Den freundlichen Traum, der meinen Morgenschlummer umgaukelte,
kann ich nicht beschreiben; wer kann das se Licht der ersten Sonnenstrahlen
nach dem Gewitter, wer den lchelnden Frieden und die holde Vershnung malen?
Ich selbst fhle nur noch unbestimmt und verwischt die rosigten Futapfen dieses
Traums in meiner Erinnerung.
    Ich sa auf meinem Pferde, die Regentropfen schlugen mir um die Nase, und
der wache Donner weckte mich aus dem Seelenschlummer, in den ich versunken war.
Wir knnen uns durch innen von auen verhllen; eine vollfhlende Seele bedeckt
den Krper mit Gefhllosigkeit. Ich kenne kalte Gesichter, ruhige Oberflchen,
unter denen ein warmes Herz pocht. Stille Wasser grnden tief. Wohl dem, der
kalt von auen ist, weil alle seine Flammen im Innern brennen; er ist Feuer
unter der Asche, und wird keinen entznden, sicher ruht er auf dem huslichen
Herde des Lebens. Weh dem, dessen Oberflche kalt ist, weil Jammer und Elend
eine Eisrinde um ihn gezogen haben. Scheint die Sonne, so wird leicht die
Eisbahn zum Grab, und wird der Winter klter, so stirbt das Leben auf dem Grunde
des Stroms.
    Mein Tiefsinn hatte mich dichter umhllt als mein Mantel. Dieser hing ber
meine Schulter und ich ward ber und ber na. Was weckst du mich nicht,
Conrad! rief ich meinem Purschen zu; da es so strmt, und da es dir doch
selbst lieb sein mu, bald in eine Herberge zu kommen.
    Nun, Herr Junker, unsereiner tut selten, was ihm selbst lieb ist, ich habe
nun einmal meinen Willen vermietet, und der Unterschied zwischen Herrn und
Diener besteht darin, da der eine seinen Willen aus Armut versetzt, und der
andere ihm auf dieses Pfand geliehen hat; darber dachte ich nun so nach und
lobte Gott den Herrn, da Sie nicht immer so groe Intressen von dem Pfande
nehmen als jetzt.
    Und deswegen wecktest du mich nicht?
    Nichts vor ungut, Junker, ich dachte, wen dies liebe Wetter nicht wecken
kann, der schlft nicht zum Wecken; wer von der schnsten Frau von der Welt
wegreitet, der reitet nicht schnell; wer dabei einen Ku von einer so charmanten
Dame auf den Weg hat, ach! der ist so beladen, da sein Pferd den Schritt kaum
aushlt.
    Von einem Kusse wei ich nichts.
    Wenn Sie was davon wten, so htten Sie ihn nicht gekriegt, so wte ich
nichts davon, und htte auch nichts gekriegt.
    Conrad, sprich deutlich, oder ich werde Intressen von meinem Pfande
nehmen.
    Sie drohen ein Geheimnis heraus, das Sie heraus locken sollten. So will ich
denn sprechen, um auch einmal gromtig gewesen zu sein. Ich war heute nacht
immer um Sie her und packte ein, und konnte nicht recht begreifen, wie Sie nun
so auf einmal fortwollten. Sie wlzten sich im Bette und konnten nicht schlafen,
und ich dachte, wohl eben deswegen, weil Sie reisen mten. Heute morgen
berfiel Sie endlich der Schlummer, und Sie waren so freundlich dabei, da ich
mich mitfreute ber den verliebten Traum, den Sie wohl haben mochten.
    Du vergit die Intressen; keine Bemerkung. Ja, ich trumte.
    Nu, Herr, ich trumte fast dasselbe, nur mit halb offnen Augen. Die Tre
geht leise auf, und, nun kmmts, es kommt Milady auf den Fuspitzen
hereingetrippelt, in der Hand hatte sie einen Brief, den steckte sie in Ihre
Brieftasche, die auf dem Nachttische lag, und, ach! nun -
    Du kannst dir denken, lieber Rmer, mit welcher Eile ich den Brief aus der
Tasche zog. Welche sonderbare Adresse! Ich beschwre meinen lieben Godwi,
diesen Brief nicht eher zu ffnen, als bis ichs ihm selbst erlaube. Schwer,
sehr schwer ward meinem Gehorsam der Sieg. Nur ihrem Befehle kann man bei dem
Reize, den sie selbst gegeben, gehorchen. Nun weiter!
    Nun schlief ich fest, bis alles vorbei war, dann wacht ich auf, weil ich
eben nicht dumm bin; und weil die Zeit zu kurz war, als da die reifen pfel
htten von selbst fallen sollen, so fing ich an zu schtteln.
    La dich weg aus der Geschichte, oder die Geduld geht mir aus. Was tat sie,
der Engel?
    Nun ich habe keinen gesehen, und wollte bei Gott mit Milady zufrieden sein,
und alle Engel entbehren, denn sie machte mir sehr warm, als sie Sie so umarmte
und kte. Herr, wenn Sie gewacht htten, htten Sie ihn, den Ku, so nicht
gekriegt, das Glck kam Ihnen im Schlafe. Hier tat ich, was ich vorhin das
Schtteln nannte, das heit, ich dachte, nun ist es Zeit zu wachen und ein
Lebenszeichen von sich zu geben. Ich ghnte und Milady seufzte, beide sehr laut;
ich streckte mich und Milady beugte sich ber Sie hin; ich wischte mir den
Schlaf und Milady sich eine Trne aus den Augen. Ei, schon auf, gndge Frau?
Gott! schweig Er, Conrad! sie drckte mir ein Goldstck in die Hnde; schweig Er
wenigstens bis Sein Herr weg ist. Die pfel waren gefallen, und nun schlpfte
sie wie ein Lftchen davon.
    Nie mehr ein Wort hiervon. Das Geld wirst du dem Weibe wohl wiedergeben
mssen, und wenn du noch einmal schttelst, so sollen dir Stockschlge fallen.
    Ich gab meinem Pferde die Sporen, und so schnell bin ich lange nicht
geritten, auer mir flogen die Gegenstnde wie Augenblicke vorbei, in mir
drehten sich langsam die Begriffe, Coquetterie, Betrug, Liebe, geheimnisvoller
Brief. - Ach glckliche Stunde, wenn ich ihn erbrechen darf, wann wirst du
erscheinen? war der einzige Zusammenhang, dessen ich mich erinnere, und ich
jagte, als knnte ich die Stunde im Raume ereilen. - Ganz verschiedene Dinge
treten sich in den Weg - ein Flu, der durch den Regen so angeschwollen war, da
wir nicht durchreiten konnten, hob meine ganze Liebesqual einstweilen auf; ich
ritt also links einen andern Weg, und meine Sorge schien mir wie die Strae
durch den Flu zerschnitten, und blieb rechts liegen. Reite ich nicht in die
Welt, lebe ich nicht in der Welt? Soll ich etwa am Flusse harren, bis die letzte
Welle vorbereilt, und soll ich etwa auf die Stunde passen, bis sie der Strom
der Zeit vorberwlzt? ber unerklrbare Dinge will ich mich nicht qulen. Ich
und mein Leichtsinn wurden stark genug, die ganze Geschichte einem Ausschusse,
wie die Herren zu Paris, zu bergeben. Der Ausschu bist du. - Lieber Freund,
sage deine Meinung.
    Der Flu zwang uns nach einem Dorfe, das an einem Berg lag, zu reiten. ber
dem Dorfe lag ein altes gotisches Schlo, das bewohnt zu sein schien, und ich
trumte gar nicht mehr, weil mich die Hoffnung, bald unter ein Dach zu kommen,
von aller Empfindsamkeit heilte.
    Wir waren kaum einige Minuten weiter geritten, als wir einen Trupp Jger aus
dem Walde, der an der Seite der Landstrae lag, hervorspringen sahen, die ebenso
sehr als wir eilten. Die Hauptperson war ein etwas bejahrter Mann, er hatte
einen grnen Tressenrock, hnlichen Jagdhut und Haarbeutel an. Er ritt immer mit
einer gewissen Grandezza in kurzem Galopp an der Spitze, und wenn einer mit ihm
sprechen wollte, mute er auf die Seite reiten, nach welcher der gndge Herr
seinen Kopf drehte. Hinter ihm ritt noch ein Grnrock, der dem alten im
verjngten Mastabe alles nachmachte, er schien mir der Herr Sohn zu sein, ein
derber gesunder Landjunker mit ungeheuren Stiefeln, einem preuischen Zopfe und
Tressenhut; den Zug beschlossen mehrere reitende Jger und eine Kuppel Hunde.
Die Herren ritten schnell, und wir ritten schnell, und waren kurz hinter
einander, als aus der Tasche der Hauptperson eine Brieftasche fiel. Ich rief,
allein das Gepltscher des hufig herabfallenden Regens und das Gerusch der
Reitenden machten es ihm unhrbar. Mein Pursche hob die Brieftasche auf, und da
wir mit unsern mden Pferden den Besitzer nicht mehr einholen konnten, und uns
eine Schenke am Wege ein Obdach anbot, so warteten wir den Sturm ab. Der Wirt
sagte mir, da der Jger der Besitzer des nahe liegenden Schlosses und Dorfes
sei. Ich eilte nun, die Brieftasche zu berbringen und zugleich um Herberge fr
eine Nacht zu bitten.
    Es war Abend, der Himmel hatte sich erheitert, und die Natur um uns her
atmete mit vollen Zgen die Ruhe, die alles Leben nach einem heftigen Sturme so
leise und so liebend umweht. Auch dein Freund war ruhig, dachte an dich, wie dir
diese Stunde auch Ruhe giebt, nach deinen vielen Arbeiten des Tages, und war in
der Erinnerung froh bei dir.
    Unsere mden Rosse arbeiteten sich mit Mhe den steilen Burgweg hinan; ein
offnes Tor empfing uns, ein halb Dutzend hungrige Hofhunde bleckten uns die
Zhne, und der Herr Kastellan, Kammerdiener, Minister der auswrtigen Geschfte
und Torschlieer brachte diese Strer meiner Gefhle von der Ruhe in der groen
Natur zur Ruhe, indem er sein Phlegma und seine tnernen Pfeifen ihnen zuwarf.
Nachdem er ein bichen geflucht hatte, und mit den Fen auf der Erde
herumgestampft, kam er auf einmal in die dritte Position, und sprach: Herr Jost
Freiherr von Eichenwehen, und Herr Jost, Stammherr von Eichenwehen, zu welchen
Sie vermutlich hinzugelassen zu werden wnschten, sind soeben wieder
weggeritten, weil seine Exzellenz, der Herr Freiherr, seine Brieftasche
verloren, die das ganze Glck der Hochadelichen Familie, seiner Exzellenz
Stammbaum, enthlt, seine Exzellenz - Die Brieftasche habe ich gefunden,
schicken Sie Herrn von Eichenwehen nach, bringen Sie die Pferde in den Stall,
und zeigen Sie mir eine Stube, in der ich mich ein bichen umkleiden kann. Das
Umkleiden mute der Herr Kastellan nicht fr ntig halten. Er fhrte mich
etliche Wendeltreppen hinauf - unmutig und trge tappte ich seinen
schwerflligen Futritten nach - ach! so dreht sich die Wendeltreppe meiner
Laune aus dem traulichen wollustdstern Boudoir meines Herzens hinauf zu dem
wsten toten Leben in meinem Kopfe, dachte ich, und kaum hatte ich es gedacht,
so entstand eine sonderbare Generation in mir. Ich sah mich im Durchschnitt wie
den Ri eines Gebudes, in meinem Kopfe war ein groer Redoutensaal, aber alles
war vorbei, den letzten Ton des Kehraus sah ich dicht bei der Orchesterbhne
meiner Ohren mit sterbendem verschossenen Gewande ghnend zur Tre
hinausschleichen. Eine Menge meiner jugendlichen Plane standen verstrt und
mimutig da, der Tanz war vorbei, sie hatten die Masken in den Hnden, weinten
aus den trben erhitzten Augen Abspannungstrnen, und guckten sich an, und
gebrdeten sich wie Phbe, Diane und Proserpina in Wielands Gttergesprchen,
sie konnten nicht glauben, da sie alle dieselben seien. Unten in meinem Herzen,
da war das dstere Kabinett, Molly stand da wie eine Zauberin, sie kam von dem
Maskenballe herab, meine Zufriedenheit sa bei ihr, sie suchten ihre krausen
Gewnder auseinander zu wickeln, die sich auf der Wendeltreppe verwickelt
hatten, und zeigten beide ziemlich unziemliche Blen. Gut, da vor die Fenster
Gardinen, aus rosenroten Trumen gewebt, gezogen waren, und der Luxus der
Sinnlichkeit in dicken wohlriechenden Rauchwolken den kleinen Raum mit Nebel
erfllt hatte, man konnte sich nicht recht erkennen. Ja ruchert nur, dachte
ich, Goethe sagt doch, der Herr vom Hause wei wohl, wo es stinkt. Nun ward es
ganz dunkel, das letzte Lichtstmpfchen auf dem Kronleuchter im Ballsaale war
erloschen, es schimmerte kein Fnkchen mehr die Treppe herunter. - Nun, nun,
Herr Baron, wo bleiben Sie denn? donnerte mich eine Stimme von oben herunter
an, ich war aus der Wendeltreppe des Schlosses auf die meiner Laune geraten, und
hatte vergessen, auf der ersten weiterzugehen, nun schlich ich vorwrts. Die
breite schne Treppe in Mollys Landhaus, wo fhrte die mich hin, ach! in das
Amphitheater ihrer Arme, das schne Schauspiel ihres Geistes in ihren Augen zu
sehen, und diese verdammte Wendeltreppe, wo fhrt sie mich wohl hin? Ich
brauche Sie nicht zu melden, sagte der Kastellan, als wir an eine kleine
gotische Tre kamen, das Frulein hlt nicht viel davon. Das Wort Frulein
lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schnell trstete ich mich, da ein Frulein,
welches dem Unangemeldeten verzeiht, wohl auch dem im Reisehabit durch die
Finger sieht. Ich klopfe. Herein! Ein niedliches Mdchen von achtzehn Jahren
hpft mir entgegen, sie entschuldigt die Abwesenheit ihres Vaters, ich meinen
Anzug. Sie setzt sich in den Erker, ich mich ihr gegenber, auf kleine steinerne
Bnke, die in der Mauer angebracht waren.
    Sie: Wollen Sie Licht, es ist schon Abend.
    Ich: Es ist nicht Abend in uns, wenn es Abend auer uns ist.
    Sie: Was meinen Sie damit - doch Ihr Name?
    Ich: Godwi.
    Sie: Godwi? Dies ist ein schner Name, ach! das ist ein schnerer Name als
Eichenwehen, ich mchte wohl auch so heien. Doch ich will Licht holen.
    Ich: Nein, Frulein, lassen Sie es, es wre eine Snde gegen die Natur und
die Stunde, die ich bei dem Untergang der Sonne mit Ihnen durchleben kann.
    Sie: Nun, so lassen Sie uns denn so sitzen bleiben.
    Ich: Und uns unserer Freunde erinnern, die vielleicht jetzt ebenso glcklich
sind als ich und Sie - Sie verzeihen, ich meine nur durch diese schne
Naturszene. Sie haben doch auch Freunde?
    Sie: O ja, aber doch nicht viele - Otilien, Sophien, und nein, das sind sie
alle. - Es ist mir recht lieb, da Sie kein Licht wollen, denn Sie htten mir
sonst meine Lieblingsstunde verdorben. Sehn Sie, so sitze ich alle Abende hier,
und sehe wie ein Nnnchen in der Klause nach der untergehenden Sonne, manchmal
werde ich ganz traurig; da drben, wo Sie sitzen, da sa sonst meine gute
Mutter, die war so freundlich, und wir spannen dann immer in die Wette; jetzt
bin ich immer allein, und wenn die Langeweile, ach! die Langeweile - der Vater
ist gut, aber er ist immer auf der Jagd, und Jost, mein Bruder - nu, der ist gar
nicht freundlich. Doch Sie werden bald sehen, da hier nur ein Jger froh sein
kann - Doch was plaudere ich - verzeihen Sie, Ihre Ankunft hat mich so
berrascht, da ich ganz verwirrt spreche.
    Ich: Nein, gndiges Frulein, Sie sprechen nicht verwirrt. Sie sprechen eine
schne seltene Sprache, die Sprache der Wahrheit, der Unschuld und der Natur.
Ich habe lange keinen Menschen, am wenigsten ein Weib, so sprechen hren, und
zwar in einer Minute, wo fast alles heuchelt, in der Minute des ersten
Zusammentreffens.
    Sie: Es ist sonderbar - in einer andern Stunde wrde ich nicht so gesprochen
haben - aber hier darf ich nicht mit Fremden sitzen, und nicht in dieser Stunde,
da ich nicht so sprechen sollte, denn hier habe ich immer alles gesagt, was ich
fhlte, hier hrte mir immer die Mutter zu. - Wir waren aufgestanden, ich hatte
ihre Hand gefat, Joduno weinte ihrer Mutter eine stille Trne, sie sah in die
letzten Strahlen der sinkenden Sonne, wie wir dem fliegenden Gewande eines
scheidenden Freundes, der nun unserm Nachsehen verschwindet, mit nassem Blicke
folgen, und drckte mir dennoch die Hand, wie einem Freunde beim Wiedersehn.
Mein Herz, Rmer, war verloren. Die Sonne ging unter, und Herr von Eichenwehen,
Vater und Sohn, kamen herauf. Joduno machte geschwind Licht, wir setzten uns in
eine ehrerbietige Entfernung, indes unsere Blicke und unsere Herzen ganz dicht
beisammen steckten, so dicht, da sie seufzten. Alles dieses geschah ohne die
mindeste Verabredung, wir verstanden uns, und obschon es dich wundern mag, so
wunderte es mich doch nicht. Unser Zusammentreffen war ein Wiederfinden. Die
Sonne war unter, und als der Vater mich bewillkommte, und der Sohn mit offnem
Munde vor mir stand, waren wir schon so vertraut, da ich mit ihr lachte,
schkerte oder seufzte, wenn der Vater den Rcken wandte. Man dankte mir beim
Abendessen fr meinen Fund, und bat mich mit vielen Worten, einige Tage zu
bleiben; ich entschuldigte mich mit vielen Worten, da ich morgen wieder reisen
mte. Joduno sah mich an, und ich sprach: Recht gerne will ich bleiben, wenn
ich Ihnen nicht beschwerlich falle. Von dem Tischgesprche wei ich nichts
mehr, als da ich mehr von meinen Ahnen erzhlte, als wahr ist, da mir der Herr
Sohn nochmals fr meinen Fund danken sollte, aber schon schlief, und da sich
meine Schuhspitzen mit den Fuspitzen Jodunos unterhielten.
    Joduno war etwas frher vom Tische aufgestanden als ich, sie kam wieder.
Leuchte den Herrn Baron in seine Stube, Joduno - Sonderbare Sitte - Unbefangen
und ohne ein Wort zu sagen, geht sie vor mir her, eine groe ungeheure Tre
erffnet sich, das Licht steht auf dem Tische, eine se freundliche Stimme
sagt: Gute Nacht! - das brige weit du. Ich hatte bei Tische gesagt, da ich
noch schreiben wollte, Joduno hatte einstweilen alles dazu auf den Tisch gelegt,
selbst den Stuhl hingerckt. Neben das Papier hatte sie die schne Rose
hingelegt - hat sie den Tisch wohl auch vor ihr Bild hingerckt?
    Ach die Wendeltreppe fhrte mich doch auch zu einer schnen Aussicht. Molly,
deine Worte Gekrnte Liebe gehrt nur dem Manne haben einen sonderbaren
Doppelsinn fr mich erhalten, seit ich den Hirschkopf gegen mir ber habe - das
Bild der lieben Joduno sieht mich so freundlich an, da ich jetzt fast schon vor
der Dunkelheit erschrecke, wenn ich das Licht auslschen werde. Gute Nacht, ich
steige ins ungeheure Riesenbette, in dem vielleicht alle Herrn von Eichenwehen,
und wohl auch die liebe Joduno, geboren sind, um heute abend zu sterben, und
morgen frh wieder neu geboren zu sein.
                                                                      Dein Godwi

                                 Rmer an Godwi


Wo die Herren im Nationalkonvent zu Paris zuviel Arbeit sehen, bei Arbeiten,
deren Erfolg kritisch ist, bei denen sie sich in ihren oder in des Publikums
Augen durch den Erfolg beschmt finden knnten, mu ein Ausschu dran. Bei der
Verwirrung, bei der Abenteuerlichkeit seiner Streiche stt mein lieber Karl auf
einen Punkt, der ihm nicht so ganz hell in die Augen leuchtet, und er ernennt
mich zum untersuchenden Ausschu. O lieber Karl, wann wirst du die gerade
Menschenstrae whlen und nicht mehr aus dem Hundertsten ins Tausendste denken,
handeln und plaudern; ich kann mir ihn ganz denken, den incroyablen Karl,
vis--vis, oder in den Armen - denn ich wei, du bist kein Freund von Entfernung
- einer andern Merveilleuse. Es ist ein Unglck, da du auch immer in die Hnde
der Extreme fallen mut. Wo wohnt das gute brgerliche Mdchen, das tugendhaft
und huslich dir einst den verwirrten Kopf aufrumen und deine Hnde zu
ntzlicher und zweckmiger Arbeit geschickt machen wird? War es nicht der
Aufgang der nmlichen Sonne, der dir das Bild weniger Tage vorher neben der
rtselhaften Molly so rosenfarben malte, nicht der Untergang der nmlichen
Sonne, die mit den letzten Strahlen gleich darauf dein wchsernes Herz in eine
andere Form go? Du nanntest Molly ein gttliches Weib, das heit: du bedientest
dich zur Bezeichnung ihres Wertes des Namens der hchsten dir denkbaren
Vollkommenheit und schon haben diese Gttin ein paar Hirschgeweihe und ein
lustiges sonderbares Geschpf gestrzt. Du hast ein Geschpf kennengelernt, das
du noch hher stellen knntest. Wie heit denn die Stufe ber deinem Gtzen?
Oder, lieber Karl, willst du wohl eingestehen, da der die Menschen und all ihr
Streben und Ringen nach irgend einem Zwecke fr die Caprice Gottes halten mu,
der ein Weib gttlich nennt, das mit den Herzen, Gefhlen und Worten ihrer armen
Anbeter spielt? Sie hat nicht genug, dich zu ihren Fen zu sehen, sie berauscht
sich in den Gefhlen ihres Stolzes, und stt deine Begierden zurck; sich htte
sie ganz befriedigt, sie will nur ihrem Betragen noch das Gewand der schnen
Tugend, Enthaltsamkeit und Abenteuerlichkeit umhngen; ernst und streng weiset
sie deine feurige Liebe in die Schranken des Wohlstandes zurck, vergit nicht,
dir mit der feinsten Coquetterie die Mhe zu zeigen, die ihr es kostet, lt
sich einen Ku von dir rauben, wo du ihn rauben solltest, um ihr den Schwur der
Ehrerbietung gegen ihre strengen Grundstze zu besiegeln, und fordert durch das
Feuer eben dieses Kusses dich auf, das Gebude ihrer ganzen Weisheit zu
zertrmmern.
    Es mag der feinste sinnliche Genu, das bezauberndste Spiel der Gefhle
sein, allein es ist nichtsdestoweniger das gefhrlichste und gewagteste, denn
wer es verliert, hat sich selbst verloren. Molly wei auf die geschmackvollste
Weise die uersten letzten Fden der Sinnlichkeit durch affektierte
Menschlichkeit in die Grenzen einer edlen, empfindungsvollen Sittlichkeit
hinberzuweben, so da ihr Betragen zwar ihren Geist, ihren Geschmack, und durch
augenblickliche, liebenswrdige Geistesgegenwart ihre Erfahrung, aber nichts
weniger als ihr Herz, ihre Tugend vor der Verdammnis der Moralitt retten kann.
    Danke Gott, mein Lieber, da du so glcklich aus den Schlingen dieser
liebenswrdigen Verderberin entkommen bist; aber entgehe zugleich dem Gefhle
der Eitelkeit dieses Entgehens. Du selbst warst nicht stark genug, sie hat dich
in den Plan ihres Siegs zurckgestoen, und in der Beendigung der Geschichte mit
dem Morgenbesuche und dem Kusse sehe ich wohl, da du ihren Waffen nur ein
Spiel, kein Kampf warst. Die Geschichte am Morgen scheint mir das, was den
Mozart ausgezeichnet htte, der aus Laune, oder auf Bitte eines mchtgen
Geschmacklosen, ein elendes Lied auf seiner Violine hinzauberte. Es war in
Rcksicht auf den moralischen Wert der ganzen Sache das Selbstgefhl eines
Bierfiedlers, der, hat er in seinem Gassenhauer die Beine seines Pbels genug
zum Tanzen gezwungen, an das Ende des letzten Takts noch einen Ohrenzwang gratis
anhngt. In jedem geflligen Landschaftsgemlde ist Ferne, und die abgestufte
Verkleinerung und Verundeutlichung reizender Natur im letzten Grade, in eine
Morgenrte berschwebend, giebt uns in gleich nahen Gegenstnden das Tuschende
der Perspektive. Hier hat der Knstler den Raum behandelt; Molly, die
Knstlerin, endigte ihre Szene durch eine versprechende Anspielung in die
Zukunft, sie behandelte die Zeit.
    Ich halte sie fr bewunderungswert in ihrer Art. Es ist der feinste
Egoismus, den Sieg, der wegen der Schwachheit des Gefesselten ohne Lorbeer war,
seinem Selbstgefhle durch die Kraft und Zierlichkeit, mit der man das
Schlachtfeld verlt, zur Schmeichelei zu erschaffen.
    ber dein zweites Abenteuer zu urteilen, habe ich keinen Beruf erhalten, und
berhaupt liebe ich nicht, dir, lieber Freund, Lehren zu geben, denn du willst
durch die Zeit und ihren Inhalt geheilet sein.
    Dein Vater ist seit deiner Abreise trauriger und sonderbarer als je
geworden. Er will nicht wissen, was du mir schreibst; denn, sagt er, es ist
unedel, wenn ein Mensch durch die Benutzung zuflliger Rechte im mindesten die
Heiligkeit der Herzensergieung zweier Freunde strt. Ist ihm wohl, liebt er
mich? fragt er nur ngstlich, und als er mir diese Fragen bei deinem letzten
Briefe tat, ging er weinend in seine Stube zurck, noch eher als ich ihm
antwortete. Es ist mir unbegreiflich, Karl, da er dich so unntze Reisen tun
lt, da er dich so liebt, und deiner frhlichen Laune so sehr bedarf. Ich
stellte ihm dieses neulich abends vor, da er sehr heiter war, und mir sagte: In
diesem Augenblicke, Rmer, knnten Sie mich fragen, was Sie wollten; ich wrde
nichts bel nehmen. Er ward sehr betroffen und sprach: Sie htten diese Saite
dennoch nicht berhren sollen, Rmer; doch Sie sind unschuldig, ich halte Wort,
es liegt ein Geheimnis ber Karls Kindheit, das mich tten wrde, wenn ich ihn
noch lange um mich gesehen htte. Dann entfernte er sich und schlo sich ein.
Ich werde nie mehr hiervon mit ihm sprechen, aber dir mute ich es sagen, damit
du deinen guten Vater nie falsch beurteilen mgest.
    An dem Abende, lieber Freund, an dem unvergelichen Abende, der uns zum
erstenmal trennte, und uns dennoch durch den erneuerten Bund unserer
Freundschaft um vieles nher brachte, habe ich dir versprochen, aufrichtig und
redlich an dir zu handeln; ich beschwre dich, Karl, werde ein Mann, der
unvernderlich nach Recht und Billigkeit handelt, denn mir ahndet, du wirst
unglcklich genug werden, ein schweres Urteil ber Menschen fllen zu mssen,
denen du unendlich viel, denen du alles verdankst. Die Geschfte deines Vaters
werden mich bald ntigen, eine Reise machen zu mssen. Ich habe diesen
Augenblick so lange als mglich verschoben, denn es ist mir ein ngstlicher
Gedanke, ihn sich ganz selbst berlassen zu mssen; zwar kann ich seinen
geheimen Kummer nicht heben, allein ich kann ihn doch zerstreuen.
    Vielleicht komme ich nach B., vielleicht hre ich bei Molly ein Kollegium
ihrer praktischen Kriegskunst, das du hoffentlich wie diesen langweiligen Brief
in der Hoffnung eines baldigen Vergessens absolviert hast. Lebe wohl, in F.
werde ich die Messe zubringen. Adressiere deine Briefe an die Herren Gebrder
Buttlar, bei denen ich wohl absteigen werde.

                     Joduno von Eichenwehen an Otilie Senne


Meine Otilie, ich schicke dir hier eine alte Flasche Wein fr deinen lieben
Vater, dessen Geburtstag heute ist. Gieb ihm alle meine guten Wnsche und die
Versicherung meiner Achtung mit der deinen hin, und suche, wenn du kannst, ihm
einen recht frhlichen Tag zu verschaffen. Es ist recht schn, da ich dir
zugleich schreiben kann, obschon ich lieber etwas anders tun mchte. Ich mchte
lieber mit dem jungen Manne sprechen von dem ich dir schreiben will.
    Du wrdest die eine Lgnerin nennen, die dir sagte, Frulein Joduno von
Eichenwehen sitzt, seit drei Tagen, alle Morgen um fnf Uhr mit einem schnen
Manne unter der groen Eiche, streicht seit drei Tagen mit einem
zweiundzwanzigjhrigen schlanken Manne durch alle Schlupfwinkel und Wildbahnen
im Holze, und sie tun vertrauter als Bruder und Schwester. Es ist nun nicht
anders, man mag treiben, was man will, man wird verleumdet, aber immer gut ist
es doch, da alles dies wahr ist, und da dazu noch viel, viel mehr knnte
gesagt werden. Denn wenn einer unter dem Tische stke, wo wir uns einander auf
die Fe treten, und wenn einer das blaue Mal sehen knnte, das ich ihm in den
Arm gekneipt habe, als er mir die Locke ber dem Auge wegschnitt, die dein
Vater, ich wei nicht warum, immer die Locke der Erinnerung nannte, so wrde er
wunder was fr eine alte Bekanntschaft vermuten.
    Ich kann nun nicht anders, ich glaube nicht, da ich ihn liebe, ich wrde
mich schmen, in einer Stunde mein Herz verloren zu haben. Ich vermute, da
vieles von dem Eindrucke, den er auf mich machte, dem Moment gehrt, in dem er
mich sah. Wenn man so wie ich von der Welt abgeschnitten lebt, und von Gestalten
umringt ist, die uns nur durch angeborne Rechte beherrschen, so ist es sehr
verfhrerisch, aus freier Wahl einem edlen Menschen gut zu sein. Ja man legt
selbst Vorzge in jeden Bessern, die ihn zum Besten erheben knnen. Doch
verzeihe, ich spreche ber einen Zustand, ohne dich erst mit seinem Entstehen
bekannt gemacht zu haben, und beweise grade so, indem ich eine vermutliche
Leidenschaft entschuldigen will, da ich ganz von ihr beherrscht werde. Ach, ist
es denn wahr, da es nur die Liebe ist, die uns ganz und gar verndert, gbe ich
dir wirklich einen Beweis von meiner Schwachheit, indem ich dir einen lngern
Brief schreibe als je? Und wenn ich aufrichtig sein soll, so mu ich noch mehr
sagen, sagen, da ich nicht einmal wegen dir schreibe. Ich schreibe wegen ihm;
der Vater ist auf der Jagd, und er hat ihm, um ihm zu gefallen, folgen mssen.
Er ging mit mir im Garten, wir waren so freundlich mit einander gewesen, er
hatte mir von seinem Freunde erzhlt, den er ber alles liebt, und ich erzhlte
ihm von dir, wie ich dich liebe, von meiner Mutter; ich hatte ihm gesagt, da
wir nicht so schnell bekannt geworden wren, wenn er nicht auf dem Sitze meiner
Mutter gesessen und meine Erinnerung an sie so teilnehmend angehret htte; ich
hatte ihm noch vieles, vieles zu sagen, da kam der Vater, und er ging mit ihm
weg. Ich sah ihm bis zur Gartentre nach, und glaubte, er wrde gewi noch
einmal nach mir umsehen, aber er tat es nicht, das machte mich sehr traurig,
warum? das wei ich nicht. Nun ist er auf der Jagd, und ich schreibe an dich von
ihm, weil ich mich nicht anders mit ihm unterhalten kann, als wenn ich von ihm
spreche. An ihn denken, so ganz allein an ihn denken, das kann ich nicht, es
wird mir dann ganz bange. Wenn ich allein an ihn denke, so sehe ich lauter
Dinge, die man nicht beschreiben und die ich nicht verstehen kann, und da wird
mir so ngstlich, als guckten mich eine Menge weltfremder Menschen an und
flsterten sich in die Ohren. Aber mit dir will ich ber ihn sprechen, da mu
ich alles wieder erzhlen, wie er kam, und wie es mir zu Mute wurde; das wird
mir sehr wohltun.
    Doch nun auch kein Wort mehr, bis du weit, wer der Glckliche ist, und wie
sich denn endlich einmal eine heitere Seele auer mir in die prachtvolle
Residenz meiner Ahnen und vieler Uhus und Eulen hat verschlagen lassen.
    Du weit, Otilie, vor drei Tagen war ein schreckliches Gewitter, und der
Vater war mit Josten auf die Jagd geritten. Er kam zurck und hatte seine
Brieftasche verloren, in der unser Stammbaum ist; er kehrte also mit Josten
schnell wieder um, um dies Kleinod zu suchen. Ich bedauerte ihn sehr, da er in
dem Wetter reiten wollte, und sagte ihm, er mchte den Kastellan wegschicken,
und wenn der ihn nicht fnde, so knne er sich ja vom Amtmann, der doch nicht
wisse, was er vor Langeweile treiben soll, einen andern machen lassen. Ich
glaubte nun wunder, was ich Gescheites gesagt htte, und der Vater machte groe
Augen, hob die Hand in die Hh, und ich glaubte, nun wrde er mich in die Wangen
kneipen, und da wollte ich meine Bitte, dich zu besuchen, vorbringen. Aber,
denke nur, er gab mir eine Ohrfeige. Gnschen, einen andern machen; nein, dich
und deine Mutter ausstreichen lassen. Jost sagte: Und so ists recht, Frulein
Claudia. Und nun gings mit ihnen zur Tre hinaus. Ich setzte mich auf das
Pltzchen im Erker, wo sonst meine Mutter sa, wie sie noch lebte und weinte.
Ich dachte an sie und weinte auch. Nun ging die Sonne unter, und das Wetter zog
vorber, und ich konnte auch nicht mehr weinen. Danke doch deinem Vater, der
mich die Natur lieben lehrte, der mir sagte, so wie die Sonne jeden Abend
untergeht und jeden Morgen wiederkmmt, so kmmt und geht auch jeder Mensch. Man
sieht ihm entgegen, man sieht ihm nach, und freut sich, wenn er gut war. Ich
sehe ihr nach, der lieben Mutter; o knnte ich werden wie sie, und mge man mir
nachsehen wie der Sonne, die einen schnen glcklichen Tag erleuchtet hat. So
stand die Szene, und ich armes beohrfeigtes Mdchen sa mitten drinne.
    Der Vorhang ging auf, es pochte an und es trat ein junger Mann herein,
neigte sich schnell mit dem Kopfe, nicht etwa, um eine Verbeugung zu machen,
nein, um mir die Hand zu kssen. Er behielt meine Hand in der seinigen, fhrte
mich in den Erker, setzte sich mir gegenber, nun antwortete er mir erst auf
alle meine Entschuldigungen, da der Vater nicht dasei, und nun sollte ich kein
Licht holen, er wollte die Sonne untergehen sehen, bis der Vater kme. Ich armes
Mdchen tat alles, was er wollte, und wenn ich dachte, es ist doch ganz
sonderbar, wie dieser Mensch sich betrgt, und sah ihn an, so mute ich doch
heimlich wnschen, ach wenn doch der Vater, wenn doch Jost, der Amtmann, ach
wenn doch alle Menschen so sonderbar wren. Kaum hatte er schweigend ein paar
Minuten die Gegend durchsehen und ich kein Aug von dem seinigen verwandt, so kam
er mir gar nicht mehr sonderbar, er kam mir sanft, heiter und schn vor. Er
entschuldigte die Eigenheit seiner Ankunft und seines Benehmens auf eine uerst
feine Weise, und ich schmte mich, als er mich hierdurch erinnerte, da ich
eigentlich htte ungehalten sein mssen. Ach! nie ist mir eine Stunde so schnell
verschwunden als die zwischen seiner Ankunft und der Rckkunft des Vaters;
selbst wenn ich bei dir bin, Otilie, du mut aber nicht bse werden, selbst bei
dir flieht die Zeit nicht so. Der Vater hatte vor Freude ber seinen
wiedergefundenen Stammbaum ganz vergessen, was ich fr nasenweise Reden gefhrt
hatte, und sagte zu Godwi: er bedaure sehr, da er sich so lange mit mir habe
unterhalten mssen, und er msse ihn entschuldigen, denn er knne wegen seiner
Standesgeschfte sich wenig mit meiner Erziehung abgeben. Godwi entschuldigte
mich auf eine uerst verbindliche Art; dies gehrte meinem Vater, aber ich
beneidete ihn nicht, denn der Blick, den er mir zuschickte, wollte mir doch
nichts anders sagen, als da er sich lieber mit mir in Kamschatka unterhalten
als mit meinem Vater in Italien langweilen mchte. Bei Tische unterhielt er
meinen Vater von seinen Ahnen, und sagte wohl mehr davon, als er wute. Jost
stichelte auf des Fremden Kleidung und leichtes Betragen, doch du weit ja, wie
mein Bruder ist; aber dem Vater gefllt er sehr, denn er stammt von einer alten
Familie her und hat sehr viel edle Mnner unter seinen Voreltern. Er wollte den
andern Morgen schon wieder weg, aber sein Pferd wurde krank, und wir haben ihm
schon zugestanden, da wohl nie ein Pferd zu gelegnerer Zeit krank wurde.
    Der junge Mensch ist aber bei aller seiner Leichtfertigkeit uerst gut, und
oft, wenn er neben mir geht, leicht wie ein Schmetterling, spricht aus ihm der
Ernst und die Erfahrung eines Greises, so da man glauben sollte, er heuchelte;
aber dazu sind nun seine Augen wieder zu aufrichtig. Nun sieh nur, da habe ich
mir es doch wieder merken lassen, da ich ihm nicht allein hineingesehen,
sondern da ich auch darinne gelesen habe. Auch kannst du dir nicht denken, wie
leutselig er ist; unsere Bauern, die ihn kaum einigemal gesehen haben, gren
ihn schon viel lieber als Josten, der immer so grob durch sie durchreitet, als
seien sie eine Herde Vieh.
    Gestern abend, als ich mit ihm unter der groen Eiche sa, erzhlte er mir
von seinen Reisen manche rhrende Begebenheit, und manchen lustigen Scherz. Und
da ich ihn fragte, warum er denn immer so die Kreuz und Quer herumreite, sagte
er mir mit einer Wrme, die bis in mich herberdrang denn meine Hand lag in der
seinigen, so ruhig, so aufmerksam da ich jeden seiner Pulsschlge fhlte: Ich
liebe den Zufall berlasse mich ihm mit Sorglosigkeit; habe ich ihm nicht vieles
zu danken, hat er mich nicht unter die Eiche, neben Sie, schnes Frulein,
gesetzt? Sorgenlose Freude soll mich immer begleiten, kein einfrmiges Lied,
nein, wie der Gesang der Vgel ber uns, in den Schlupfwinkeln der Eiche, frei
und ohne Fessel natrlich und gengsam. Soll ich grbeln, sinnen, kalkulieren
spekulieren, solang ich froh und gut bin, solange Freude in jedem meiner
Blutstropfen pocht und jede meiner Handlungen ihr Geprge trgt? Und gut bin
ich, wahrlich gut; Sie glauben mir doch, Frulein? Er sagte dies so rasch, und
sein Blick war so sonderbar, begehrend und doch so sanft, da ich htte schwren
sollen, er sei der nmliche, der mir meine Locke der Erinnerung raubte. Ob ich
aus Angst oder aus Freude und Zutrauen zu ihm sagte: ich wrde nimmer froh
werden, wenn ichs nicht glauben knnte, wei ich nicht. Meine Hand konnte ich
nicht mehr in der seinigen lassen. Ich glaube, ich sprach aus Zutrauen, und zog
meine Hand aus Bangigkeit zurck. Wir sahen beide ein paar Minuten auf ein
Fleckchen, er wurde ernst und sagte feierlich: Frulein! lassen Sie uns jetzt
nach Hause gehen und dem Zufalle berlassen, was wir uns morgen sagen sollen;
der Mensch, der vorgreift, tut vergebliche Arbeit, solange die Welt noch von
selbst geht. Wie edel war es von ihm, da er abbrach, denn ich glaube doch, ich
hatte zuviel gesagt; was meinst du, Otilie?
    Mit Josten hat ers verdorben, deswegen will er fort, er soll aber erst mit
deinem Vater und dir bekannt werden; dir ist er wohl nicht gefhrlich, denn er
ist viel zu kindisch lustig. Lebe wohl und freue dich, bald wirst du mich sehen.
                                                                          Joduno

                     Godwis Antwort auf Rmers ersten Brief


Ihr Menschen hinter euren Pulten nennt doch alles, was auer der Poststrae
liegt, Abenteuer. Ich kam in das Schlo eines Landedelmanns; bin ich deswegen
ein Abenteurer? Ich finde seine Tochter, ein gutes natrliches Mdchen,
liebenswrdig, ich fand Molly, ein schnes, kluges und freies Weib, bezaubernd:
was tue ich denn mehr als meinen Gefhlen, meinen gerechten Gefhlen,
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Ich liebe das Schne um meinet- und
seinetwillen, bin froh und heiter; soll, mu das nicht jeder gute Mensch ganz
sein? Du bist ein listiger Feind, du weit meine Stimmung zu benutzen, und
forderst mich zu einem Kampfe auf, indem du meine Gnstlinge angreifst, und
weit, da ich in diesem Augenblicke nur mit den Waffen der Liebe streiten kann.
Ich bin mit Rosen gefesselt, meine Arme knnen sich noch sanft zur Umarmung
ausbreiten, und meine Seele sucht, im Blicke ber die sanften Gesichtsbeugungen
Jodunos hingleitend, den Umri ihrer Seele, und tndelt schchtern um die Falten
ihres Gewandes, die noch ppigere Formen verraten.
    O Rmer! in welchem Auserwhlten wohnt die Seele, die das Sinnliche in eben
dem schnen Geiste vergit; es tut mir weh, es vernichtet mich, wenn ich fhle,
da ich die Majestt, den Schatten und die Khlung der Eiche nicht genieen
kann, ohne ihren Stamm, ihre ste und ihre Bltter zu denken; ich fhle mich
trotz meiner sogenannten Bildung so wenig mehr als die Tiere, und alles, was ich
tue, so wenig wert, so wenig davon gehrt nur mir allein. O mein Stolz, mein
armer Stolz! Nun sieh doch, Rmer, sieh, welchen Kampf, ich zeige dir alle meine
Blen, entdecke dir mein Mitrauen in mich selbst, und wage es dennoch, dir
manches meiner sogenannten Philosophie hinzustellen, die freilich nicht fest,
aber rasch, glnzend und lockend ist. Mit allen den schnen Sachen pfleg ich
mich zu trsten, wenn der Gedanke an dich mir in den Weg kmmt - mein Stolz wird
rege, du lchelst so unertrglich, alles, was ich sage, nennst du Phantasien,
Brausen des grenden Mostes.
    Bleibe nur immer auf deiner geehrten Mittelstrae, schneckenfrmig und
schneckenlangsam windet sie sich, wie die Langeweile durch eure Freundschaft, um
die Berge und Tler eurer Laufbahn. Menschen, die sie wanderten, haben nie die
Adern erzhaltiger Gebirge, nie das heilsame Kraut der Tler gefunden. Sie hren
das Geschrei der Krhen am Rabenstein, der an diesem Weg seiner Genossen steht,
den Gesang der brgerlichen Gerechtigkeit. Philomele nistet nicht an den
Heerstraen, sie hren das Gewimmer des Posthorns, Warnung dem Beschrnkten im
Hohlwege. Sehr bequem. Hast du je auf der Mittelstrae die Vortrefflichen
gefunden, die nur Revolutionen und Originalitt aufstellten? - Groes Schauspiel
des Vesuvs, der glhende Felsen auswirft, um die fruchtbaren Felder seines Fues
zu erleuchten; er vernichtet Stdte und Drfer, die Jahrhunderte ngstlich
zusammengestoppelt haben, aber erweckt in Momenten eine Welt von schlafender
Gre in unserm Busen in unserer Seele erwacht im Widerscheine seiner Glut das
Erhabene, emsig regen sich unsere Hnde zur ttigen Sorge der Erhaltung, und
durch das Gefhl des Ungeheuren und seinen Begriff sinken eine groe Menge von
Schrecken fr uns zur Kleinigkeit herab, die Wichtigkeiten auer uns sterben,
und so wird der Mut geboren und so flieht der Schlaf, der Tod im Leben, das ihr
andern Menschen schlaft. La mir, lieber Junge, das, was mir vielleicht gerade
angemessen ist, weil du es weder auf den Rheinischen Fu noch auf Toisen, weder
auf den vierundzwanzig noch auf den zweiundzwanzig Gulden-Fu reduzieren kannst.
Du kennst mich schon lange, und wenn du mich messen willst, so siehst du nach
dem an den Trpfosten unserer Familienstube eingeschnittenen Mae. Jetzt siehst
du mich nicht mehr, und kannst nur meinen Schatten messen; tusche dich nicht,
mein Schatten wird noch oft wechseln, weil noch oft die Sonne des Lebens in
einer andern Richtung ber mir stehen wird. Ich bin noch immer ein sehr
vorzglicher Mensch und mchte des Wortspiels halber sagen, da ich ebenso wenig
reduziert bin, als du mich reduzieren kannst.
    Du glaubst mich wohl so recht in meiner Sphre, in wohlttiger Ruhe und
Trgheit versunken, die du bedauerst, weil du zu gut bist, mir sie zu beneiden,
und zu mutwillig, mir sie zu gnnen. Nein, schlfrig war ich nie, ich will fort
ber die Alpen des Lebens glimmen, wo grenzenlose Aussichten die gebundene
Allgemeinheit in meinem Busen lsen, wo mir euer Sonnenadler zur Schwalbe wird,
die mit ihrer silbernen Brust an der Erde streift - spter sehe ich die Sonne am
Abend und frher am Morgen, ich kann dann euren brgerlichen Kalendertag weit
mit dem Tage meines Geistes berreichen, und wenn ihr glaubt, ich lebe aus dem
Stegreif, so werde ich euer metrisches Leben, ohne da ihr es merkt, und noch
viel mehr gelebt haben. Ich will durch die Tler des Lebens wandeln, wo die
Schnheit in der Spiegelflche meiner Phantasie scherzt, wo die Wollust von mir
errungen wird, wo ich ihr Meister bin und sie mir mehr als sich selbst, mir auch
die Ruhe und den Genu des Genusses giebt. La mich immer die Blumen meines
Weges pflcken, Braut- und Trauer- und Dichter-Kronen draus winden, meinen
Becher mit ihnen krnzen, sie ber das Lager der Liebe streuen, und endlich sie
mit dem Salze der Erfahrung zu einem Potpourri umschaffen, um sie, wenn die
Kunst eintritt und ich auf Rollwagen meine mangelhafte Natur als Greis in der
Familienstube herumbewege, in der Urne meiner begrabenen Jugend auf den Schrank
zu stellen, in dem die Sparbchsen meiner Kinder stehen - La mich sie pflcken,
die Blumen meines Wegs, wer wei, ob ich sie nicht einst auch zu Heuhaufen mhen
und wie die heutigen konomen zur huslichen Stallftterung anwenden mu. Ich
lebe nun einmal in einer Traumwelt, und tue ich nicht recht, wenn ich darin
lebe, wie man es kann? Du hast mir so oft geklagt, da doch alles, was wir
wissen, alles, was wir tun, Schatten sei; nun sieh, ich lebe dein Schattenleben,
drum bin ich so glcklich an Jodunos Seite im Schatten der Eichen, drum lernte
ich sie kennen in der Sterbestunde des Tages, in der Abendrte, in der die
Schatten alle geboren werden. Knnen wir das Glck nicht doppelt genieen, bei
dessen Geburt wir zugegen sind und das wir uns selbst erziehen? Zweck ist doch
ein Donnerwort in deinem Munde; Zweck des Daseins, des Ntzlichseins, den
versume ich? Mit deinem Zwecke hat es wenig auf sich, durchlaufe dein System,
du kmmst nicht weiter, du stehst im Zirkel, und zwar in dem kleinsten - Arbeit
um Geld, Geld um Brot, Brot um Nahrung, Nahrung um Strke zur Arbeit; hier ist
Arbeit Mittel und Zweck, indes du der Zweck und nie das Mittel sein mtest, und
dein Donnerwort ist ein bloer Schreckenberger gewesen. So lebt, so raisonniert
ihr Herrn Brger, und wer ein Kaufmann obendrein ist, der geht ab von der Wiege
unter Gottes Geleite wie ein Frachtballn, gut oder schlecht conditioniert, wird
unter Gottes Geleite von den Spediteurs gemihandelt, von den Fuhrleuten
bestohlen oder verflscht, und kmmt unter Gottes Geleite an dem Grabe an. Eure
Ttigkeit gleicht der eines bigotten Schmiedes, der sich tglich einen goldnen
Nagel zu seinem goldnen Sarge erarbeitet, um sich einstens in diesen Kasten zu
legen und sich in die Schatzkammer einer reichen Abtei beisetzen zu lassen.
Glck und Genu ist der Zweck unsers Lebens und mu in uns selbst liegen, indem
wir die Umstnde so auffassen, so behandeln und so in uns tragen, da sie in uns
Glck und Genu erschaffen knnen, und dann geben wir uns selbst wieder hin und
werden zum Zwecke alles Lebens. Du fhlst das auch wie ich, aber du findest nur
Genu in deinem stoischen Stolze. Ich kann nichts als gut, froh und vorsichtig
sein, um ein Mensch zu sein; das Rtsel der hhern Moralitt kann mir nur der
auflsen, der selbst das grte Rtsel ist, also so gut als niemand. Ich kann
nur Ahndungen folgen; ihr folgt auch Ahndungen, aber ihr nennt sie nicht so, ihr
glaubt an sie und nennt sie Pflicht. Ich nehme kein Rtsel zum Richter an. Wer
will, da ich ihm trauen oder meine Handlungen auf seine Waagschale legen soll,
der lehre mich im Dunkeln sehen, oder ist er das Licht, so nehme er seine Maske
ab.
    Ich will gerne helfen, wo ich kann; aber Leben ist eine Freikunst, ich
treibe sie, wo und wie ich will. Bleibe du bei deinem Handwerke, das du von
deinem Vater ererbt hast, bleibe in deiner Zunft, du sollst meinen Namen nie in
einer Sklavenliste lesen, solange jede Gemeinntzlings-Stelle mit Supernumerairs
versehen ist, die dem noch lebenden Besitzer einen Fluch mit den Augen und einen
Segen mit dem Munde bringen.
    Ich will der Welt ntzen, ich will besser werden in ihr, indes ihr, in eine
brgerliche Ordnung zusammengezwngt, nichts kennt, als euch selbst und einer
des andern Ehrgeiz zu Tode rgern. Kommt ihr weiter mit all eurem Ringen nach
dem Mittel, Geld, da ihr nicht den Zweck, Genu, habt? Werdet ihr besser mit
eurem Verbessern eurer Umstnde, wenn ihr nicht eure verbesserten Umstnde in
euch selbst zurckbringt, um euch selbst zu verbessern? Ihr sorgt fr eure
Kinder und lehrt eure Kinder fr ihre Kinder sorgen; und wer geniet, wer
verschlingt endlich alle die Frchte? Ein allgemeines Phantom, eine
Nebelgestalt, die aus den Grbern der aufgeopferten Wirklichkeit eurer
Einzelnheit verpestend emporwallt und oft zur gewitterschwangern Wolke
zusammengetrmt euch eure Freuden in der Verheerung des Blitzes und dem Brllen
des Donners zurcksendet - Ein Bauch in der Monarchie, mehrere Buche im
Freistaat, und diese Buche heien das allgemeine Beste.
    Ich lebe in der Welt, und die Ordnung der Welt geht nach ewigen
unabnderlichen Gesetzen, sie ist die weiteste Schranke und ich der
ausdehnbarste Tropfen in diesem Meere. Ich leihe mein Ohr gerne den Harmonien
der andern, gebe ihnen gerne meine Tne hin; ob sie ihnen nun behagen oder
nicht, der groe Einklang kmmt doch heraus. Wenn meinesgleichen nicht da wre,
wrde dieser Einklang ein Einerleiklang werden; und wer giebt das Konzert, der,
der das Solo spielt, oder die, welche akkompagnieren? Das Allgemeine wrde ohne
meinesgleichen ber dem alten Adagio, das ihr von Ewigkeit zu Ewigkeit zum
allgemeinen Besten aufspielet, vor Langeweile einschlafen, und berhaupt mt
ihr mir erst das allgemein hnliche vorzeigen, wenn ich an ein allgemein Bestes
glauben soll, von dem ich eben die Vortrefflichen nicht soviel Lrmens machen
hrte.
    Soll ich mein Leben vielleicht auf einen Karren packen lassen und es auf
Rdern, die sich immer um sich selbst drehen und keiner Pftze ausweichen,
hinleiern? Nein, auf einem unbndigen Rosse ein mchtiger Reuter, will ich meine
Bahn durch eilen, um auf vielen Umwegen mit euch Langsamen zugleich anzukommen
und doch von manchem goldnen Rande einen Tropfen, von mancher Purpurlippe einen
Ku gesaugt zu haben. Leben heit nicht hundert Jahre alt werden, Leben heit
Fhlen und Fhlenmachen, da man dasei, durch Genu, den man nimmt und mit sich
wiedergiebt.
    Fr zwei Pfennige Gift ttet mehr Fliegen in einer Stunde, als ihr Herrn
Praktiker mit all euren Pantoffeln in einer Woche wegklatscht, und ein Ankertau
von einer halben Elle derb gefat, rettet einen braven Purschen eher im Sturme
als ein ganzes Knaul Bindfaden.
    Die Folgen! hre ich dich sagen. Die Folgen verfolgen nur den Unmigen. Die
Leidenschaften des weisen Menschen nach meinem Systeme knnen ihn zwar in die
Arme der Wollust, aber nie in die des Lasters fhren; sein gebter, sein
geschmeidiger Geist leitet ihn, nie fhrt er ihn zu Ausschweifungen. Denn wie
mag sich der Tropfen einfallen lassen, im Meere auszuschweifen. Betrachte alle
die Unglcklichen, gegen die die Gerechtigkeit Rache erheben mu; du wirst
Feuergeister oder begrenzte Menschen, aber nur Dummkpfe und Aberglubische
finden.
    Ich hoffe, ich frchte nichts nach meinem Tode. Ich habe kaum Krfte genug,
mich und meine Sphre auszufllen; soll ich mir meinen Raum erweitern, da dieser
schon unermelich ist? Wer sich ins Unendliche verdnnt, dessen Umfang mu man
mit Mikroskopen suchen, dessen Inhalt mu man mit Suren finden, und ich mag
gerade nicht allein fr einen Optiker oder Chemiker leben. Kleinigkeitsgeister,
verkrppelte Menschen, Versteinerungen und die liquidesten Solutionen hoffen auf
ein Jenseits, weil sie sich hier in einem Puppenschranke whnen, oder an einer
Krcke, oder der Stein des allgemeinen Anstoes sind, oder als unschuldig
leidende, verkannte junge Herren herumseufzen. Der erste hofft, Bebe beim
heiligen Christophel zu werden; der andere erwartet ein Hospital, in dem seine
kranke Seele die Hauptrolle spielen wird; der dritte erwartet, da der Patron
des Steinschleifer Meyer aus Carlsruhe im Himmel sitze und aus ihm eine Garnitur
Knpfe fr den Sonntagsrock des lieben Herrgotts schleifen werde; und der vierte
endlich glnzt schon in seiner Idee als Tauperle an der Keuschheits-Lilie des
heiligen Aloysius, trufelt schon als Jupiters goldner Regen in den Scho der
Danae oder wird gar aus Landwein zum heiligen Blute. - Doch ich wre bald bitter
geworden.
    Ich hoffe nichts nach meinem Tode; dies ist mir eine Ursache mehr, gut zu
sein. Ich befestige, ich ermuntere mich so in der Maxime, die mich handeln
macht, weil sie dadurch ganz menschlich, ganz natrlich, ganz mein Eigentum
wird. Sie heit Genugtuung, die ich empfinde, mit mir selbst zufrieden zu sein.
Nie will ich ber meine Menschlichkeit errten, ich will meine Leidenschaften,
statt sie zu unterdrcken, benutzen; sie verbinden die Menschen unter einander,
und diese Verbindung ist mir alles.
    Geistreiche Freundschaft, geistreiche Liebe, geistreicher Wein und ein Lied
an die Freude von Schiller, an deiner Hand, in Jodunos Arm, in meinem Glase, von
Molly gesungen, schne Natur um mich her, und der Eichbaum ber uns. Wo ist euer
Jenseits? Dein Hndedruck hrt auf, du mut Geld zhlen; Jodunos Ku fllt von
meinen Lippen, sie mu husten; das Glas entsinkt mir, ich habe zuviel; Molly
schweigt, sie hat zu hoch angefangen; der Winter legt die Natur zur Ruhe und den
Eichbaum, und ich schlafe mein Ruschchen aus; das ist mein Jenseits.
    Du stellst Molly und Joduno zusammen; zwei sehr vollkommene, aber sehr
verschiedene Wesen. Du wirst vielleicht Molly sehen, und dann wird auch gewi
dein Herz fr deine Zunge ben; sie geht ihren Weg nach Grundstzen wie der
Mond, den weder das Anseufzen der Hasenfe noch das Anbellen der Hunde irre
macht. Deine Auseinandersetzung ihrer Coquetterie ist recht gut geraten. Aber du
hast gar nicht auf den rechten Fleck getroffen. Der Brief, den ich in der Tasche
trage, wird die Sache wohl ausmachen. brigens habe innigen Dank fr deine
Freundschaft. Unter das Geheimnisvolle in Mollys Betragen gehrt noch, da ich
nie erfahren konnte, wohin sie sonnabends fuhr, sie wollte immer allein sein.
Der Wagen hielt in einem Holze, und sie stieg ab, um in einer Stunde
wiederzukommen. Der Ort, wo der Wagen anhlt, ist drei Meilen von B. hieher zu.
Sie soll einigemal Bcher, Knabenkleidung und Musik mitgenommen haben. Alles
dieses hat mir ihr Kutscher erzhlt. Sollte sie etwa ein Kind der Liebe im
Verborgenen erziehen lassen? Ich mu auf meiner weitern Reise in dem Walde mich
ein bichen umsehen, vielleicht da ich das Geheimnis erfahre.
    Die Traurigkeit meines Vaters ist wohl nur durch Entwickelung zu heben, die
die Zeit und nicht wir durch unsern Trost herbeibringen knnen. Ich liebe ihn
und er liebt mich, und doch war ihm meine Gegenwart Qual, und nun bin ich weg
und er ist noch nicht getrstet. Ein Geheimnis liegt ber meiner Geburt - ber
meinem Leben soll keines liegen. Ach! es liegen Geheimnisse ber dem Menschen,
die keiner aufdecken mge. Kein Sturmwind in dem Aschenhaufen des huslichen
Herdes damit die zerstubte Glut nicht die Sulen des Hauses verzehre. Stre nie
die Geheimnisse der Wiegen, damit Reue nicht durch Verzweiflung zur Schande
werde. Stre nicht in den Geheimnissen der Grfte, und decke den Inhalt
verlebter Stunden, die wie Srge in dem Gewlbe der Vergangenheit ruhen, nicht
auf, da Verwesung dir den Glauben an die Freuden des Daseins nicht raube. Ich
werde nie ein Urteil ber Handlungen fllen die auer meiner Erinnerung und
auer meinem Stolze liegen.
    In einigen Tagen reise ich ab von dem Sohne und dem Vater aber Joduno wird
noch zuvor mich zu einem Greise bringen, der mit seiner Tochter in dieser Gegend
als Einsiedler lebt. Lebe wohl, sage dem Vater, da ich ihn liebe, und da es
mir wohl ist, und sei nicht bse auf diesen Brief, denn ich liebe dich sehr.

                     Otilie Senne an Joduno von Eichenwehen


Herzlichen Dank, meine Liebe, fr deinen Brief, in dem du wieder meine liebe
heitere Freundin warst. Deine Worte sehen ganz aus wie du, du glaubst nicht, wie
sie mir wohltun. Wenn meine Worte so ausshen wie ich, so wrdest du gewi bald
herberkommen, denn ich fhle mich seit einiger Zeit einsamer als je, und nie
war mir das Leiden meines Vaters und sein geheimnisvolles Benehmen trauriger.
Ich wei nicht, wer von uns beiden sich verndert hat, er oder ich! Bin ich
anders geworden, und bemerke ich jetzt erst, da unerklrbare Dinge, die immer
um uns her wandeln, unsere Neugierde und unsere Teilnahme nie ganz einschlfern
knnen, wenn wir denken und selbst fhlen? Oder ist mein Vater so anders
geworden, so viel trauriger, da durch ihn mir sein Kummer jetzt so sehr
auffllt? Ich wnschte es nicht, sonst wre er unglcklicher geworden, und dann
mte mich die Sorge plagen, da er durch irgend etwas in mir leide, denn er
sieht ja keinen andern Menschen. Du glaubst nicht, wie sorgfltig ich mich und
mein ganzes Betragen beobachte, wie ich meine augenblickliche Freude erdrcke,
um ihm nherzustehen, und wie sehr ich mich bemhe, mein ganzes Dasein, das ihn
so sehr liebt, an ihn zu schmiegen, ihn ganz zu umfassen, damit ich die Wunde
bedecken mu, die in ihm blutet. Aber auch dies hilft ihm nicht; es scheint mir,
als verdopple sich ihm sein Schmerz, wenn er fhlt, da er in zwei Herzen wohnt.
Ich bitte dich deswegen umso mehr, bald herberzukommen, denn ber dir ruht
jener freundliche und milde Schimmer der Freude, der auch weinenden Augen wohl
tut. Bringe ein paar freundliche Lieder mit, wir wollen sie zur Zither spielen.
Mein Vater, dessen Freund und Trster immer seine Harfe war, und dessen traurige
Lieder so gern auf den Wogen der Musik hinwegschweben, ist vielleicht fhig, auf
demselben Wege die Ruhe wieder in seinen Busen aufzunehmen. Ich liebe dich
herzlich, und will auch deinem sonderbaren Freunde gut sein, wenn er so gut ist,
wie du ihn malst. Du hast eine ganz eigne Empfindung fr ihn, die ich gar nicht
kenne, und wenn ich in deinem Briefe lese, wie du an ihn denkst und von ihm
sprichst, so ist mir immer, als mte er ein Weib sein, und mte dich schon
einmal gekannt oder mit dir gespielt haben, und dies sonderbare Gefhl, da er
ein Mann ist und du doch so von ihm sprichst, macht mich sehr neugierig auf ihn.
Vielleicht wird er meinem Vater gefallen und ihn zerstreuen. Er dankt dir fr
den Wein. Froh ist uns nicht dabei geworden; er ist so des Kummers gewohnt, da
selbst seine festlichen Tage durch ihn gefeiert werden. Den Abend vor seinem
Geburtstage war er ganz sonderbar heiter, er erzhlte mir viel von meiner
Mutter, von seiner Liebe zu ihr, von seinem glcklichen, eintrachtsvollen Leben;
und da er mir erzhlte, da sie bei meiner Geburt starb, und mich weinen sah, so
kniete er vor mir nieder und sprach, indem er seine gefaltenen Hnde auf meine
Knie sttzte, in der heftigsten Bewegung: Liebes, gutes Mdchen, ich habe viel
mit dir verloren, und du hast mir viel gegeben, du bist ein sehr gutes Kind, und
doch mu ich ewig beweinen, was ich ewig vermisse, und was ich nicht lange
besessen habe. Es tut mir weh, sehr weh, da ich dich immer mit mir leiden sehe
aber es ist gut, denn so werde ich frher sterben, so werde ich eher Ruhe
finden. Wenn ich auch tot bin, so wird es dir nicht fehlen, denn ich habe
manches Gute getan, damit du von meiner Ernte, die ich kaum mehr reif sehen
werde, glcklich leben knnest. Verzeihe mir, es ist nicht recht, da ich dir in
deine Jugend traurige Gestalten sende, vielleicht wirst du dich spter, aber
wahrer freuen als die andern Menschen. Ich kann nicht heiter sein, mein Leben
war Verlust, mein Tod wird mein erster Gewinn sein, ihn werden meine Freuden
begleiten, sie gehren ganz dir, und ich werde nur die mit dir teilen, da ich
dir ein solches Erbteil erschaffen habe. Heute sind es - Jahre, da der
Schauspieler zu einer groen traurigen Rolle der Schicksale geboren wurde. Ich
habe mehr getan als sie gespielet, ich habe sie gefhlt, sie hat mich
vernichtet, der Vorhang ist gefallen, und ich weine hinter der Szene. Du bist zu
frh geboren, du mutest ohne Schuld noch mit aus dem Trnenbecher trinken, den
ich gern, sehr gern allein in der Lebenslinie, die der Funke der Allmacht, der
in mir wohnt, zu durchlaufen hat, ausgeleert htte, damit dir die reine
ungestrte Freude brig bleibe. Ich werde bald deine Mutter, mein treues, edles
Weib, wiedersehen, ich werde auch Jene wiedersehen, die mein Wiedersehn ttete.
Ach! wenn ich es nicht glaubte, so wre ich ganz elend, so htte ich keinen
Wunsch mehr und nicht einmal den Wunsch zu sterben. Hier verbarg er sich in
meinen Scho, ich umklammerte ihn fest, sein Schmerz wtete in mir, und ich rief
aus: So sterben, ach! so sterben! Ich wei nicht, was nachher geschehen ist;
ich wei nicht, wie er aus meinen Armen gekommen ist. Als ich erwachte, fhlte
ich kalte Tropfen auf meiner Stirne, und eine tiefe schwarze Nacht hatte mich
bedeckt. Pltzlich go sich das Licht des Mondes durch die Halle, zu meinen
Fen sa Werdo, ich sah in seine Augen, die mich lange nicht so himmlisch, so
voll Vaterliebe angeblickt hatten. Kaum blickte das Auge, das freundliche Auge
der Nacht so wehmtig und so vertraut in unsere Wohnung, als mein Vater die
Harfe zu spielen und zu singen anfing. Es war mir, als habe er sein Lied an dem
Monde angezndet, es war so rein, so hell, und doch so mild, was er sang, da
ich nie von ihm so etwas gehrt habe; er sang mit einer festern Stimme als je,
und der Inhalt des Liedes brachte in mir die nmliche Empfindung hervor,
erfllte mich ebenso mit Ahndungen, wie es der Mond tut, wenn ich allein oder
mit Eusebio am Abende am Turme sitze. Es ist dann alles so klar um mich, und
doch kann ich die Ferne hinter mir und die vor mir nicht beschreiben, es verwebt
sich der Himmel mit der Erde; Wolken und Berge, Hhe und Tiefe fliet in ein
Meer von unergrndlich tiefem stillen Leben zusammen, das auf seinem Scheiden
und Kommen ruhig meinen Blick fortbewegt und ihn dem freundlichen Monde
entgegentrgt. Ich nenne den Mond, wenn ich ihn denke, immer, wie Eusebio, la
luna, denn es ist mir lieber, und ich kann mir ihn besser wie ein Weib denken.
Da mein Vater so sang und es wieder dunkel ward, steckte ich unser Lmpchen an,
und hrte ihm wieder zu; sein Lied ward immer trstender und ging dann in eine
sanfte Freude ber. Er stand auf, kte mich und sagte: Nun ist uns beiden
wieder wohl; nicht wahr, meine Liebe, so mute ich endigen, damit du ruhig von
mir gehen kannst, und damit ich heute nacht denken kann, da du nicht um mich
weinst und sanft schlfst? Er gab mir die Hand, und ich ging auf meine Stube.
Ich setzte mich hin, um deinen Brief nochmals zu lesen, und da ich ihn
auseinanderlegte, fand ich einen Ring an meinem Finger, den ich nie gesehen
habe. Ich wute nicht, wie er an meine Hand gekommen war, zog ihn ngstlich ab,
betrachtete ihn von allen Seiten, und konnte mir es gar nicht erklren. Er ist
aus zwei Armen gebildet, die einen schnen Diamant halten, und in dem Reif war
der Name Marie *** eingeschnitten. Der Ring machte mir ganz bange; meinen Vater
konnte ich doch nicht mehr wecken, um ihn zu fragen. Ich legte ihn sorgfltig
eingewickelt in meinen Schrank, sahe einigemal wieder nach ihm, denn es war mir,
als knnte er wieder verschwinden, da er so sonderbar angekommen war. Nun las
ich deinen Brief, dachte an dich auf alle Weise, wie du ihn schriebst, wie du
dabei ausgesehen, gesessen, und angekleidest warst; ach! es ist so lange, da
ich nichts von dir gehrt habe, ich sehnte mich so nach dir, es war so leer in
meinen Armen, du warst nicht drinne, um die viele Liebe lesen zu knnen, die in
meinem Herzen erwachte. Ich verschrnkte die Arme und umarmte dich in meinem
eignen Herzen. Es ward mir so ruhig; ernsthaft war ich nicht, denn vor meinen
Augen tanzten leichte Gestalten, die alle aussahen wie du, auf einer groen
Blumenflche, sie schwebten hher und hher, und wiegten sich wie Sonnenstrahlen
auf den Blten der Bume, ich sa unten allein, sie grten mich freundlich und
winkten mir, aber ich konnte nicht kommen, die Schwermut liegt auf mir und
drckt meine heie Wange an die khle Erde; ach! ich mochte nicht kommen, denn
ich war so glcklich, und fhlte mich so gut, so frei, so wohl, ich konnte nie
ein beres Mdchen sein; ich glaubte die Freundin, dich, verdienen zu knnen,
ich glaubte die Wunde im Herzen meines Vaters ganz auszufllen und liebte mich
selber recht sehr. Es wird mir lange nicht mehr traurig sein, ich habe heute
abend Stoff gefunden, mich lange Zeit zu freuen, und dann bin ich beneidenswert.
    Wenn du zu mir kmmst, so will ich eine Stunde mit dir scherzen, die andere
wollen wir miteinander darber nachdenken, was doch die sonderbaren Bilder, die
ich immer um mich sehe, bedeuten, und die dritte wollen wir uns neben deinen
Freund setzen, er soll uns von seinen Reisen erzhlen, und da will ich immer
raten, was dies oder jenes bedeute, wenn er mir von der Welt erzhlt. Meine
Kinder sind alle recht freundlich, und du wirst dich an ihren schnen Augen
recht erfreuen, das sind meine vielen Blumen, so und meine Geschwister nennt sie
Eusebio. Unsere Liebe, dein sonderbarer Freund und unsere Lieder werden uns die
Zeit beflgeln; beflgle deine Schritte gegen Werdos Halle.
                                                                    Deine Otilie

                                 Rmer an Godwi


Zwanzig Meilen bin ich gereiset, und nichts als meine Geldbrse hat gelebt,
recht in den Tag hinein gelebt. Der Anfang meines Traums war ein groes Konzert
und die allmchtige Stimme eines allmchtigen Weibes, und mein Erwachen ist die
se Stimme eines liebenswrdigen Mdchens, die mit ihren kleinen niedlichen
Fingerchen auf einer Pariser Guitarre spielt. Sie ist einzig wie ihr Auge, in
dem die Macht von zweien wohnt, denn sie hat nur ein Auge, aber ein Herz und
einen Geist. - Du wirst sagen, mit dem Rmer mu sonderbar gespielt worden sein,
da er so launig geworden ist; sieh noch einmal nach der Unterschrift, berzeuge
dich. Ja, ich bin es; und wie das alles? Dein Vater hat mich vor vierzehn Tagen
meiner Arbeit entlassen, und mir erlaubt, meine Geschftsreise anzutreten. Meine
Stelle ersetzt ein Fremder, ein Freund deines Vaters, den er die Woche vor
meiner Abreise ins Haus brachte. Er hat, wie er mir sagt, schon einen Monat auf
unserm Landhause gelebt, und ich kenne ihn nur als einen fleiigen, sanften
Mann, der in seinem Alter von zweiunddreiig Jahren viel mu erfahren haben.
Seine Zge sind durch Leiden verwischt; wenn er lchelt, so rhrt er, und wenn
er blickt, so sucht er. In Handlungsgeschften hat er sehr viel Kenntnisse, was
den Geist und den ganzen Umfang betrifft; doch mu er oft bei Kleinigkeiten sich
sehr anstrengen und besinnen, um das Resultat zu finden. Er ist berhaupt eine
von den zarten groen Seelen, die sehr viel verzeihen, und doch von sehr wenigen
gekrnkt werden knnen. Ich htte ihn gern nher kennen gelernt, wenn es nicht
schwer wre, ihm in kurzer Zeit nherzukommen, weil seine Oberflche, mit der
man sich zuerst berhren mu, um sie ans Herz zu drcken, zerrttet ist. Es ist
mir, als habe ihm das Schicksal die Hand gelhmt und so den Freundschaftsdruck
ermordet. Er mu den Menschen, den er lieben soll, gleich umarmen knnen, sonst
kommt er ihm nimmer nahe. Dein Vater ist innig mit ihm verbunden, denn er ist
oft allein mit ihm in seinem Kabinette, in das noch keiner auer ihm gekommen
ist, und dennoch zeigt er auch im Umgange mit deinem Vater, da er nur noch die
Tiefe des Lebens besitzt und das Nchste verlor. Er geht mit ihm um wie ein
schchterner Anbeter mit einem coquetten Weibe, wie der bigotte Katholik mit
seiner Religion, er ist der unermdliche, stumme, ngstliche Befolger aller
Winke, die dein Vater giebt, oder die er sich von deinem Vater einbildet. Wenn
er ruhig vor sich hinsieht, und ich wollte dir ihn schildern, so mte ich dich
auf die Anlage des Kolorits eines Bildes des tiefsten Schmerzes, den das
Bewutsein verlt und die Ahndung des Wahnsinns bewohnt, verweisen.
    Froh, deinen Vater in den Armen eines Freundes zurckzulassen, der ihn sehr
beschftigt, weil er bedarf, stieg ich in unsern freundlichen englischen Wagen,
und dein Vater war so ungewhnlich munter, da er mir zurief: Nehmen Sie sich
in acht, mein lieber Rmer! Sie sitzen mitten in der Caprise einer Huldin meiner
Vorzeit, einer Furie meiner Gegenwart. Ich grte ihn, fand ihn sonderbar und
rollte in der Caprise recht bequem weiter. Plne, dein Bild und das Bild einer
Caprise meines zuknftgen Weibchens setzten sich zu meiner Seite und wurden
meine unterhaltenden Gesellschafter. Die Epochen meiner Reise mit offnen Augen
waren mein Wohlbehagen, als ich durch die reizenden Fassaden von D. fuhr, hinter
denen schlechte Huser stecken. Chodowiekis und Jurys Titelkupfer zu den Romanen
des Feldpredigers, den spasmodischen Produkten des, Gott sei Dank! im Herrn
selig entschlafenen Vaters der zwlf schlafenden Jungfrauen, fielen mir dabei
ein; - weiter meine Langeweile bei der schlechten Geburtshlfe, die in H. den
Musen geleistet wird, denn ihre Shne sehn an diesem Orte frchterlich aus;
weiter die unermdliche Polizei in -, die den Baum vor dem Walde nicht sieht,
das heit: den Sparren im Kopf, den Balken im Auge, vor dem Splitterwalde in den
Augen der andern, und gern jeden zum Spitzbuben machte, um allen ihren Hschern
und Polizeiknechten Beschftigung zu geben. Durch diese Stadt geht der Transito
der gesunden Vernunft, von wackern Marktknechten zu Ballen geschnrt und den
Beschauern der Landesaccise durchwhlt.
    Ich konnte nirgends unterkommen als im Goldnen X. Nicht einmal eine Stube
fr mich allein konnte ich haben, und mute, da ich zu Bette ging, das Gesprch
zweier mit mir einquartierten Studenten hren. Der eine von H. kam sehr zerstrt
und traurig nach Hause, und schrieb seinen Kummer in das Freudendebet eines
unglcklichen Frauenzimmers, deren Bilanz er heute gezogen und ein groes
Deficit gefunden habe. Der andere, ein ziemlich trockner Geselle von J., wollte
den Kummer gar in keine Rechnung gebracht wissen, und rgerte den ersten durch
seinen Trost, F. behaupte, alles lge im Capital-Conto des Ichs, fast bis zu
Trnen. Ich reiste vor Tages-Anbruch ab, und konnte dennoch den hebrischen
Morgengebeten der polnischen Juden nicht entgehen, sie verdarben mir den Gesang
der Nachtigalllieder, die mir durch die Stadt nachhallten. Weiter schlief ich
bis nach B., wo - nun, du kennst den Wert des Ortes schon - nach einem
zweideutigen Aufenthalt der getrumte Teil meiner Reise anfing. Ich rollte durch
die schnen breiten Straen, ein kalter, toter Wind strich mir um jede Ecke
entgegen, alles, was ich sah, waren Leute, die durch Gehorsam grade, und Leute,
die durch Stolz krumm gehen gelernt hatten, Soldaten und Hflinge. Einige Flche
und das Schallen der Stockschlge der Kinder des Landes, die die Kreide aus
ihren Hosen, den einzigen berflu in ihrer Existenz, zur Parade ihrer Arbeit
und die Gastfreunde aus ihren Bettdecken, die ebenso sehr zu den zehrenden
Capitalien als der frstliche Stall gehren, zur Parade ihrer Ruhe ausklopften,
unterbrachen mich in meiner Angst, die mich jeden Augenblick vor dem
Zauberpalast deiner Calypso vorbeifhrte. Jeder zierliche Nachttopf vor einem
groen breiten Fenster machte mich vor ihrer Schlafstube zittern, jeder
rotseidne Vorhang schien mir das erste Prinzip der Morgenrte ihres heutigen
Tages, jedes Kammerzfchen, das mit weiem Arme ein silbernes Waschbecken vom
Fenster herausgo, schien mir ihren Schlaf und ihre sen Trume von dir zu
vergieen. Ich stieg in einem Wirtshause ab, das am militairischen bungsplatze
liegt, und sah, wie sich einige Landes-Junker ihres Lebens freuten, da sie ein
Landeskind mit Spitzruten berzeugen konnten, da es ihm ein leichtes sei, das
verbotne Volkslied Freut euch des Lebens ebenso wenig zu singen und zu denken
als sein Herz Anteil an dem Sinne des Herr Gott, dich loben wir bei der Geburt
eines neuen Rutenpflanzers nehmen zu lassen.
    Morgen werden alle Wasser in dem Lustgarten seiner Durchlaucht springen,
weil sich ein neuer Segensstrom in der Geburt des zuknftigen Volksvaters ber
das Land ergossen hat, das Wasser in seinem Kopfe und die Trnen seiner
Untertanen abgerechnet, welche sich in ihrer wechselseitigen Austrocknung wie
die Pontinischen Smpfe zum Schweie der rmischen Pbste verhalten. Doch sein
Kopf und seine Untertanen gehren nicht zu jenen Fontainen1, die wie eine
gewisse Fontaine Wasser und immer Wasser in tausend lang- und kurzwhrenden und
-weiligen Strahlen zur Freude groer Damen und ihrer Kinderstuben und einer
Menge litterarischen Pbels und seiner Spinnstuben ausspeiet. Sie haben ihre
Stelle im Jammertal.
    Den 22ten. Ich sitze mitten in einer wollenen Schferei, die gewirkten
Tapeten meiner Stube sind voll von Schafen und Schferinnen, aus den Zeiten der
arkadischen Schafzucht unsers Geschmacks, aus den Zeiten Geners. Hinter meinem
Bette ist eine hingewebt, die immer recht mit mir harmoniert, wenn ich
einschlummernd das Ritardando, Decrescendo und Diminuendo meines heutigen Lebens
ertnen lasse. Ihre lange langweilige Taille vertrgt sich gar nicht mit unserm
jetzigen kurzgebundnen Geschmack - la pointe de sa taille est encore au bas
ventre et celle d' prsent se finit au coeur. - Da ich, wie du weit, gewohnt
bin, seit mehrern Jahren vor dem Schlafengehen Geners Idyllen zu lesen, so sind
mir diese Surrogate sehr willkommen, weil ich, obschon ich sehr auf pag. 5 der
kleinen Taschenausgabe gespannt bin, sie vergessen habe, mitzunehmen. Doch so
wie die Kriegskunst von jeher ein Feind und Zerstrer der hirtlichen Ruhe war,
so verhindert seit zwei Abenden auch die lrmende Taille eines in der
angrenzenden Stube an dem Pharotische eines Brgers aus F., der seine Bierbank;
zu einer Goldbank exaltiert hat, spielenden Kriegers, den Einflu der langen
Taille der Schferin. Dieser Krieger gbe sein Herz gern zum Karten-Sinnbild
hin, htte seine ganze Kompagnie je an einem andern Flecke Herz gehabt als unter
dem Ellnbogen, das heit herzfrmige Tuchflecken, damit sie ihre Montur und die
Ellnbogen derselben drei Jahre lang durchbringen knne, denn diese Pursche sind
alle wie Simson und haben die Eselskinnbacke stets in den Hnden.
    Es ist Zeit, da ich in die Caprise steige und mich nach dem Lustschlosse
fahren lasse, wohin heut alles lustwandelt, und ich mir die Leute ansehen will.
Ich bin bei meiner jetzigen Freiheit ein ganz anderer Mensch geworden, und freue
mich ber die neuen Seiten, die ich an mir entdecke. Ich glaube fast, knnte ich
mich nur so wenig ber meine Sphre erheben, da ich die dummen Streiche von
Individuen alle bemerkte, ich wre fhig, einen satyrischen Almanach wie F. zu
schreiben.
    Hat der, welcher, in einfrmigen Arbeiten eingeschlossen, aus langer Weile
gerne moralisiert und guten Freunden gern mit gutem Rate an die Hand geht, wohl
Anlage, in der Freiheit hie und da Bemerkungen zu machen, die unter die launigen
und satyrischen gehren? Knnen die Umstnde aus dem Kothurn eines
vortrefflichen Iflandischen Hofrats wohl den Stiefel eines bissigen Katers
erschaffen - mir geht es fast so, ich habe mir durch den einfrmigen Gang meiner
Geschfte einen einfrmigen, systematischen Gang meiner Ideen und Grundstze
erschaffen, die mich selbst am Ende mehr langweilten als Hermann Lange, wenn der
seltene Zufall mir schneller die Bilder vor den Augen vorberjagte, weil ich
viel gesehen und so wenig bemerkt hatte, als Nikolai in seiner zwlfbndigen
Reisebeschreibung; wenn man umgekehrt gergert wird, so hat man wenig gesehen
und so viel bemerkt, wie der Verfasser des Romans Godwi, und da kommen nun deine
Briefe hinterdrein und sprechen von Kaufleuten und praktischen Menschen etc. -
Doch die Caprise will fort, sie gefllt allen Leuten wohl, sie ist gewaschen und
geputzt, und erregt allgemeinen Neid. Bis aufs Wiedersehn. Es geht mir bei
dieser Fahrt wie einem Menschen, der immer witzelt, und deswegen manchmal
treffen mu. Er ist zu Menschen von Stande zu Tische gebeten, und will nun recht
witzig sein, wei aber noch gar nicht, ob er bemerkt werden wird, und es bangt
ihm vor dem Ausfalle der Schlacht, da noch alles im tiefen Frieden liegt. Da bin
ich wieder, und wie bla, zerstrt, ngstlich. Haben deine Bemerkungen nicht
getroffen, armer Rmer? O! ich wollte gern nicht bemerken, wenn die verdammte
Caprise nicht wre bemerkt worden. Ich kann dir nicht sagen, Karl, wie mir zu
Mute ist, verliebt bin ich wahrlich nicht, hundert Menschen habe ich umgerennt,
hundert Flegels habe ich erhalten, Xenien habe ich gemacht, Straen bin ich
durchlaufen, wer wei, wie viele stille Liebende gestrt, wie viele argwhnische
Alte erweckt, wie vielen Podagristen auf die Zehen getreten, und wie vielen
Laufern zwischen die Beine gekommen. Da ich, um nach Hause zu kommen, ber die
Fulda setzen mute, bekam ich fast Hndel mit dem Schiffer, dem bersetzer der
kleinen italienischen Gondel, der gerade auch ein paar Damen mit schwarz und
weien Federn bersetzte. Merkur soll diesen Charon etwas verdorben haben.
    Gott sei Dank, da alles dies vorbei ist, ich habe dies alles von B. bis
nach F. ausgeschlafen; aber doch ist es mir sonderbarer und wilder dabei zu
Mute, als es dir sein mochte, als du mir deine sanftern Abenteuer an eben diesem
Orte erzhltest. Ich sa also in der Caprise, und fuhr durch die Leute durch,
die alle geputzt nach W. fuhren, ritten und gingen. Man zog vor meinem Wagen
alle Augenblicke den Hut ab, und ich mute diesem Gru unaufhrlich antworten;
man ist nun einmal hier gewhnt, sich vor Caprisen zu beugen. Die Leute, die um
meinen Wagen herum spazierten, hatten alle ihre fette Seite zu Tage gelegt, und
suchten sich gegenseitig in der Beurteilung ihrer Glcksumstnde zu bertlpeln.
So sind nun die Menschen, statt ihre Tage der Ruhe und Erholung, wie Beckers
Erholungen, zur Mitteilung ihrer Armut und langen Weile anzuwenden, so wenden
sie sie an, um zu heucheln, und erliegen der Arbeit an ihrer Ruhe. Wie wenig
brauchen doch diese Menschen, um glcklich zu scheinen, und der Schein in
fremden Augen ist ihnen alles, weil sie zu ermdet und zu geistlos sind, sich
selbst zu genieen; sie kennen nur den Genu im Neide des Nachbars, umgekehrt
wie ermdende und geistlose deutsche Produkte allein im Lobe des Nachbars leben.
- Sonderbar, da die Englnder uns die guten Arbeiten ihrer Hnde so teuer
bezahlen lassen und die schlechten Arbeiten unserer Geister so teuer bezahlen -
Wer ist der angefhrte Teil?
    Der ganze Schwarm mit seiner Stimmung war mir unerklrbar; so ist der Pbel
ber die Krone auf dem Haupte und die Krone auf dem Castrum doloris gleich
verwundert; so it man Brezeln beim Leichen-und beim Hochzeitsschmaus; so lacht
und tanzt der Dummkopf mit dem lustigen Bruder und dem Patienten an der Chorea
sancti Viti; so geht der Marseillaner Marsch vor den Scharen der bekannten
Halsabschneider her, und ist in Deutschen gesellschaftlichen Zirkeln ein sehr
beliebtes Gesellschaftslied. - Ich sitze in der Caprise, und kann nicht
mitlcheln mit dem Lcheln des Schlafenden, dem ein Vampir Khlung und Ruhe
zufchelt, whrend er ihm das Blut aussaugt. Viel hbsche Gesichter hab ich
gesehen, aber fast alle gehaltlos, am gehaltlosesten waren immer die, die im
frstlichen Gehalt standen, und am ausgezeichnetsten und schrfsten waren die
gezeichnet, die pfennigweise ihren Unterhalt bettelten, und sie hatten doch ein
Eigentum, das ihnen der Staat nicht nehmen konnte oder wollte, ihre Armut.
berhaupt ist jeder Sonntag und jeder Tag der Freude eine wahre
Seelen-Masquerade; mit dem Sonntagsrocke zieht der Brger auch seinen
Sonntags-Charakter an, und nur der Arme wird nicht oder wenig verndert, weil er
entweder kein Sonntagswams oder ein zerrissenes hat, so da sein
Werkeltags-Charakter entweder ganz erscheint oder durchsieht. Ich glaube, da
der Frst daher ebenso wenig vom Glck des Volks aus seinem Jubeln auf Tanzbden
und eine vernnftige Hostie, die im Hochamt emporgehalten wird, ebenso wenig von
der Andacht der Christen berzeugt werden kann, als das Volk von der Huld und
Gte seines Frsten aus seinem Gren im Schauspiel-Haus, und seinem huldreichen
Lcheln bei der offnen Tafel, und die betende Kirche von der Hhe und Heiligkeit
ihres Gottes aus der Lnge und Krze der Arme des emporhebenden Priesters. Auf
den Tanzbden wird durch Glsergeklirre und Geigengequieke der Verdru, der sich
nur in der Ruhe ber den Niveau unsers Inhalts verbreitet, niedergeschlagen, so
wie in der Kirche die reine Ttigkeit, die nur in der Ruhe aus unsrer Tiefe
emporwallet, exaltiert wird, so wie der Frst, wie der Gtzendienst nie bei
einer ffentlichen Ausstellung beurteilt werden knnen, wo alle Sedative der
Sklaven- und Herrscherkunst in voller Arbeit sind.
    Ich war angekommen und lief durch die Menge durch, und es ward mir nicht
schwer, mich allein zu denken; denn wir sind nie mehr allein als bei einer Menge
von Umstnden, die ganz und gar verschieden von uns sind. In den Eindrcken der
Anlagen liegt Pracht, Reiz, Rhrung und Beruhigung abwechselnd, und der Fehler
nach meiner Meinung liegt in der zu groen hnlichkeit dieser Eindrcke mit dem
Augenblicke und seinen Freuden, die nur einen Augenblick brauchen, es nicht mehr
zu sein. Jedes Einzelne ist nur Einzelnes, indem es das vergangene Einzelne
verschluckt. Man kann hier nichts als dem Tode der Vergangenheit nachweinen,
durch die Geburt der Gegenwart berrascht werden, und kommt man zu sich selbst,
so ist ihr Leben hchstens noch das Nachundnach des Verschwindens. So ist auch
hier durch die Zusammenstellung aller dieser Verschiedenheiten keine Gegenwart,
man sieht nicht, man sieht nur nach und entgegen. Den schweigenden Geist der
Musik, den mir ein marmorner Faun, der in der grten Vollkommenheit auf einem
hohen Felsen zwischen Gebschen ausgehauen ist, zu ahnden giebt, zerstrt der
Krper der Musik, der mir aus den Glckchen am chinesischen Hause sinnlich
entgegengaukelt. Der Reiz einer mediceischen Venus, dessen Zauberlicht durch die
Schatten kosender Zweige hervorbricht erfllt mich mit den Schauern der Kunst
und der Natur. Die Lge der Kunst ist so unausstehlich wahrscheinlich, da die
reizendste, seltenste Mglichkeit durch die Verfhrung der Unmglichkeit mich in
Begierden durchzittert; ich mchte mich in diese steinerne Flut strzen, da die
Wogen des Genusses ber mir zusammenschlgen, und kann doch nichts fhlen,
nichts sehen als den Satyr meiner getuschten Sinnlichkeit, der allmchtig meine
Vernunft wie eine weinende zarte Nymphe davonschleppt. Lstern folgen meine
Blicke meiner Begierde, die trunken ber die Wellenlinie der Grazie hintaumelt
und an der gefhrlichsten Stelle hinter dem Aste einer Zypresse entweicht: so
hngt die Angst der Nachwehen um die Schlfe des Genusses - O warum mu der
Trank der Freude ein heller Trank sein, da man bei dem kleinen Mae, das uns
gereicht ist, immer den Boden sieht? Sollte man nicht, wie Diogenes, den Becher
wegwerfen, und lieber aus seiner Hand trinken, die selbst vom Rausche zittert;
nicht lieber den Rausch aus dem Becher trinken, der selbst berauscht ist, da wir
nicht schwimmen knnen, um uns in der allgemeinen Masse zu erfreuen, deren Tiefe
uns keinen Boden sehn lt? Weg mit dir, Freudenstrer! schrie ich den
Zypressenast an, und dies ist wahrlich das Zweckmigste, was ich in meinem
Leben gesagt habe, sowie das Zweckmigste, wo nicht das Migste, was ich in
meinem Leben gelesen habe, die Worte sind: Weg mit dem dummen Halstuch, was soll
das dumme Halstuch! Weg mit dir, Freudenstrer! Wer ber dem Zhlen der Falten
auf der Stirne der Zukunft die Ksse der Gegenwart unzhlig zu machen vergit,
der wird alt und blind, ehe er die Flle seiner Jugend erblickte. Wer nicht
nehmen will, weil er befrchtet, eine Lcke zu machen, der wird auch nie
hingeben, um eine Wunde auszufllen. Wohl dem, der in dem Leben durch seinen
Genu eine so tiefe Spur zurcklt, als die Lcke ist, die er im Grabe
ausfllen mu. Der Zweig ist weg, eine Htte steht vor mir, ich schreite
trumend zu, trete hinein, und stehe unter einem halben Dutzend alter Mnner,
die sich sehr ernsthaft ansehen; ich entschuldige mich, ziehe den Hut ab, sie
sperren die Muler auf und sprechen nicht - Husch, fliegt dem einen ein Vogel
aus dem Munde; ich schaue auf und finde mich unter einem halben Dutzend
hlzerner Philosophen der Vorzeit, die zur Dauer mit lfarbe angestrichen sind.
Platon, der den Mnnern mit Bastimmen die Gefhle der lebendigen Orgelpfeifen
in Rom unterschieben wollte, hatte sich ein Sperling mit allen Freuden seines
Ehebetts in den offnen Mund einquartiert. Nie habe ich einen stummern Lehrer
gesehen, nie ist einem Lehrer Stoff der Selbstverleugnung und die Wahrheit so in
den Mund gelegt worden. Meine verfolgte Begierde war mit dem Sperling
davongeflogen, und ich nahm mir vor, mich hier keiner Laune mehr zu berlassen,
weil das Ganze fr Menschen erschaffen ist, die weder froh noch traurig, sondern
amsiert und zerstreut werden sollen. Ich setzte mich auf eine Bank an einer
Einsiedelei, und sah die ungeheure Menge von Menschen um mich her wandeln, die
mich in die deste Einsamkeit versetzten, weil sie mich alle nichts angingen.
Pltzlich geschahen einige Schsse. Es lebe der Frst! es lebe Casimir, der
Frst! hallte die ganze Wste wieder, und strmte dem andern Ende des Gartens
zu. Es war mir wie einem ehrlichen Muselmann zu Mute, der die Wste Arabiens
hinter sich hat, und der Moschee des groen Propheten schon entgegensieht. Ich
ging ruhig den Pfad gegen die Moschee hinauf. Chinesische Brcken trugen mich
ber tosende Katarakte. Das ewige Strzen, Wogen und Schumen flieht und kmmt
wie die unendliche Zeit. Ich hnge mitten darin, auf das schwache Gelnder der
Treppe gesttzt, Tropfen spritzen mir in das Gesicht, und erwecken mich aus
meinem dumpfen Dahinbrten, ach! nur so wenige Tropfen, nur Tropfen mir! - Ich
wei nicht, was ich gefhlt habe, bis (mich) eine Gestalt, die durch die
Sulengnge der prchtigen Moschee, wie die se Trunkenheit der Andacht und der
allmchtige Zauber des Traums einer Religion, hinwallte, mich durch ihre fast
handgreifliche Wahrscheinlichkeit aus meinen sonderbaren Reflexionen ber die
schreckliche Zeit erweckte. Ich war bis unter die langen Arkaden gekommen, da
ein leiser Futritt an dem gegenberstehenden Gange neben mir vorberhallte. Nie
habe ich so viel Stolz aus Selbstgefhl, so viel Demut aus Mitgefhl in der
gebildetsten Hoheit eines weiblichen Umrisses, in der heiligsten Tiefe einer
weiblichen Flle vereint gesehen. Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier
versetzten mich in die Feerei des Auslands, schchtern eilte ich ihr durch alle
die zierlichen Irrgnge nach, oft sah ich eine reizende Falte ihres wallenden
Gewandes um eine Sule herumschweben. Mitleidig bedauerte ich jede Falte ihres
Gewandes, die an den Sulen des Tempels der Religion anstreifte, um einer
Schwester Platz zu machen, die nun innig die Sulen des Tempels der Liebe
umschlo. Ich scheute mich, meine Schritte zu verdoppeln, und sie schien mich zu
vermeiden. Ich ging einen entgegengesetzten Weg, trat in die Moschee, und die
Gottheit stand mitten in dem erhabenen einfachen Betehaus. Nie war ich
verwirrter, ich habe nie mitten im Gebet eine Gottheit vor mir niederschweben
sehen. Eine junge Nonne, deren heilige Jungfrulichkeit sich mit ihrer
menschlichen Jungfrulichkeit verwirrt hat, die die Pfeile im Busen des heiligen
Sebastians nicht mehr von denen der Liebe trennen kann, kann nicht verlegner
sein - ich dachte an dich und wnschte mir deine Khnheit; htte ich diese nicht
entbehrt, so wrde ich gar nicht an dich gedacht haben.
    Ich grte das Weib aus sittlicher Lge, und sah sie nicht an aus dem
menschlichen Gefhl des Wagstcks der innigsten natrlichsten Vertraulichkeit
mit ihr. Ich glhte und war frei, hingestoen, mich in ihre Arme zu werfen; ich
zitterte und war gefesselt, mit Gewalt zurckgehalten, an ihren Hals zu fallen.
Wir drehten uns den Rcken. Ich sah an die Decke des Gewlbes, weil ich gen
Himmel blickte, und las unter vielen Sprchen, die mit goldnen Buchstaben an die
Wnde geschrieben waren: Hier sei keine Furcht als die Furcht des Herrn. Dies
erfllte mich mit einem unerwarteten Mut, ich drehte mich um, um die Dame
anzureden, aber sie kam mir zuvor und bat mich mit vieler Anmut um mein
Augenglas, um eine weiter entfernte Sentenz zu lesen. Ich gab es ihr zitternd,
indem ich die uerst gemeine Bemerkung machte: So schne Augen, und ein
Augenglas! Sie sah mich lchelnd an und sprach mit einer wehmtigen Stimme:
Die Trnen. Ich schmte mich und hrte sie die Worte laut lesen: Lege hier
nicht dein Leiden, lege dein Handeln in die Waagschale. Hier gab sie mir das
Augenglas zurck, sah tiefgerhrt zur Erde, und schien ganz von dem hohen Sinn
der Wahrheit getroffen zu sein. Die Hnde nachlssig zur Erde herabsenkend sah
sie nieder, als suche sie ihre Handlungen und fnde verlorne Freuden. Ach! ich
wre gern vor ihr niedergesunken, htte ich nur die mindeste Hoffnung gehabt, zu
ihren verlornen Freuden zu gehren. Ich seufzte etwas laut, das hohle Gewlbe
ertnte und weckte sie auf. Sie scheinen ein Fremder zu sein, mein Herr!
redete mich die Dame an. Ich bejahte die Frage. Nun so knnen wir, fuhr sie
fort, miteinander nach der Stelle gehen, wo die Wagen die Spaziergnger
erwarten, ohne da der eine in Gefahr ist, morgen zu hren, was der andere Bses
von ihm gesprochen hat. Ich konnte sie nicht begreifen und ihr nicht antworten;
ich bot ihr meinen Arm, und wir verlieen die Moschee schweigend. Ich wagte es,
sie zu fragen, wie sie zu so einsamen Spaziergngen verfhrt wrde; auch hierauf
erhielt ich eine eigne sonderbare Antwort. Ich habe diese Frage schon so oft
beantworten mssen, erwiderte sie lchelnd, da es mir schwer wird, zu
antworten, ohne mir den Vorwurf machen zu mssen, ich htte die Antwort
auswendig gelernt. Doch ich will es versuchen, mich mit der Vielseitigkeit
meiner Sprachgewalt selbst zu bertreffen: es ist, weil ich nichts an der Welt
zu fodern und ihr nichts zu geben habe. Man hat mir so viel genommen, da man
bei der Harmonie meines Daseins das zerstmmelt hat, was mir noch zugehrt; mehr
kann ich nicht sagen, und Sie werden so gtig sein, Ihre Neugierde zu
unterdrcken und mir die Freude zu lassen, Ihre Frage befriedigend beantwortet
und dennoch mich Ihnen nicht anvertraut zu haben. Madam! erwiderte ich, ein
Mann, der an Ihrer Seite geht, mte der undankbarste Mensch sein, wenn er noch
einen andern Wunsch in seinem Busen hegen knnte als den, zu wissen, ob er Ihnen
nicht mifllt. Lassen Sie das, mein Herr! erwiderte sie, das sind
Zierereien, die Sie nicht hierherbringen mssen, wohin ich den Zierereien des
brgerlichen Lebens entfloh. Wundern Sie sich nicht ber alles, was ich von
Ihnen fodern will; wenn Sie knnen, so freuen Sie sich darber. Wir werden uns
wohl nicht mehr sehen; lassen Sie uns das Stckchen Weg, das wir miteinander zu
gehen haben, einstens zu den wenigen Minuten zhlen knnen, die wir Menschen
waren. Wie heit du? - Karl; und du? - Molly. Unsere Arme verschlangen
sich. Wo bist du her? - Aus B. - Aus B., sagte sie mit gedmpfter Stimme
und lie ihren Arm aus dem meinigen sinken. Der Ton ihres letzten Worts und das
ganze sonderbare, allein dastehende Impromptu in meinem Leben benahm mir den
Mut, weiterzusprechen. Schweigend, wie auf den Wink eines Geistes, der mich
Schtze zu heben fhrt, ging ich mit ihr. Der Mond hatte sein Licht ber die
Gegend gegossen. Ich glaubte den Schritten Glyzerens auf den Pfaden des Lohns
ins Elysium zu folgen. Fern hrte ich das Gerusch des Volks vor den Toren der
Unterwelt. Bald huschte wie ein Geist der Schatten eines wankenden Wipfels durch
die milde Verklrung der Gestalten, bald sahen kalt und wei Marmorbilder durch
den regellosen zitternden Umri der Bume, kleine Vgel schwirrten wie der
Flgelschlag meines ahndenen Genius um mich her. Anspruchslos wankte die kleine
Gondel im Spiegel des Teichs, und das Glckchen der Eremitage ertnte wehmtig
in dem Wehen des Abendwindes, als wolle es meiner scheidenden Freiheit Lebewohl
sagen. Neben mir schwebte stumm die Zauberin mit leisen Tritten, ihre Locken
wallten glnzend und zgellos durch die himmlischen Lichter. Hieroglyphisch
sprachen flatternd die Wellen ihres Graziengewandes zu meiner Seele, sie
schwebte in den Schatten und Lichtern der Mondnacht, als habe jemand die
Allmacht der Liebe unter die Sternbilder versetzt - und ich, ich war im Zustand
eines hungrigen Dichters, der der Phantasie eines Genies nachluft.
    Die Abendlieder der Nachtigall verhallten mehr und mehr unter dem sich
nhernden Gerusch der Menschen, und das freundliche Mondlicht ermattete bei dem
Glanze des erleuchteten Schlosses und der mit Fackeln um die Wagen herlaufenden
Bedienten; das Rufen der Kutscher, das Rollen der Wagen, das Pfeifen und Singen
und Plappern der Menge weckte mich unsanft aus meinem Himmel. Umgekehrt, wie ich
oft nach dem Gerusche eines Balls in meiner einsamen Stube weinte, ergriff mich
hier ein Unmut, dessen ich mich jetzt freilich schme. Alle die Leute, die
frhlich und munter durcheinanderstrmten, hielt ich fr gefhllose und
tierische Menschen, und ich wre gewi aus mitleidiger Neugierde keine Salzsule
geworden, wenn Sodoms Feuerregen ber sie herabgefallen wre. Die Dame wurde von
einem jungen Sansfaon empfangen, der sie nach ihrem Wagen bringen wollte. Sie
drckte mir die Hand und bat mich, wenn ich noch einige Tage in B. bliebe, sie
doch zu besuchen. Ich beteuerte es, und stieg in meinen Wagen. Er war durch die
herumgezogenen Vorhnge verdunkelt, ich setzte mich in die Ecke und fhlte
nichts als den Hndedruck der Dame; sehr beschftigt, auch die kleinste ihrer
Handlungen zu meinem Vorteil auszulegen, kam ich mehr tot als lebend in die Nhe
von B. Das Trommeln in der Stadt erweckte mich, und eine Stimme erschallte in
meinem Wagen: Madam, lassen Sie mich doch bei meiner Mutter aussteigen. Ich
wurde wie vom Donner gerhrt. Wer sind Sie? Herr Jesus! ein Mann! ein Mann!
schrie die andere Stimme; Kutscher, halt! Die Kutsche hielt, und die Sache kam
zur Auflsung. Vor allen bat ich Mademoisell zu schweigen, damit der Lrm nicht
eine Menge Menschen herbeilockte, und mir dann zu sagen, wie ich zu der
sonderbaren Ehre ihrer Gesellschaft kme. Aber sie fing nur desto strker an zu
lrmen: Was? wie ich hierherkomme? Wie kmmt Er hierher? Wo ist die Lady, wo
ist sie? Dieb! Ruber! - So schweigen Sie doch! sagte ich, ich kenne keine
Lady, und wie ich in meinen Wagen komme, brauche ich keinem Menschen zu sagen.
- Aber, mein Herr, das ist ja Ihr Wagen nicht, erwiderte sie, als sie bei dem
Anblick meiner Person, beim Schein einer vorbergetragenen Fackel, etwas
hflicher wurde; es ist der Wagen der Lady Hodefield, die so gut war, mich in
die Stadt mitnehmen zu wollen. - Meinen eignen Wagen mu ich besser kennen,
als Sie der Lady ihren. Lrmen Sie nur nicht so, ich will Sie ebenso gern nach
Hause bringen als die Lady. Es kann ja wohl sein, da unsere Wagen einander sehr
hnlich sehen; damit Sie sich berzeugen, so lassen Sie uns den Kutscher
fragen. Der Kutscher war eben derselbe, der mich herausgebracht hatte, und
besttigte meine Behauptung. Meine Gesellschafterin aber war nicht zu beruhigen
und stieg aus, weil sie mir nicht zu trauen schien. Sie weinte. Das arme Mdchen
dauerte mich recht herzlich, ich bot ihr an, sie zu Fue zu begleiten; sie
sagte: Nein, mein Herr! gute Nacht, und weinte immer dabei, das geht auch
nicht, denn ich bin mehr, als Sie von mir zu denken scheinen, ich bin ein
ehrliches Mdchen, und verlor sich unter der Menge. Ich mochte nicht mehr
einsteigen, und da wir nicht mehr weit von einem Gasthofe in der Vorstadt waren,
hielt ich still, um ein kleines Abendbrot zu mir zu nehmen. Ich lie meinen
Wagen beleuchten, um mich vllig zu berzeugen, da ich meinem Gaste nicht
unrecht getan. Aber Himmel, das ist ja die Caprise nicht, auf der Tr steht ja
kein M.H., sonst ganz dieselbe Gestalt. Der Wirt sagte mir, dies sei der Wagen
der Lady Hodefield, die gleich hier in der Gegend ein Gartenhaus bewohne. Ich
entschlo mich also, zu Fue nach Hause zu gehen, und befahl dem Kutscher, nach
dem Gartenhause hinzufahren und meinen Wagen wieder zurckzubringen.
    Verdrlich, den Tag, an dem ich so transparent war, an dem ich zum
erstenmal, da ich in meinen Busen schaute, so fremde und warme Bilder sich
bewegen sah, auf eine so prosaische Weise zu endigen, entschlo ich mich, in ein
Konzert zu gehen, um zu sehen, ob die Harmonie meine sen Schwrmereien wieder
ins Leben rufen knnte. Dies Konzert, mein Lieber! war der Anfang meines Traums
und des schlafenden Teils meiner Reise. Es sollte meine durch die Szene in dem
Wagen erstarrten Gefhle wieder erwecken, und machte sie so wach, da ich der
Anstrengung unterlag, und nun wirklich geistig matt einschlief.
    Ich erffne die Tre; st! st! st! lispelte man mir entgegen; ich schleiche
mich durch die Menge durch, allein ich konnte die Sngerin nicht sehen, die den
Saal und die schlechte Begleitung der Instrumente mit dem Himmel ihrer Stimme
durchgo. Ich steckte mich in eine Ecke und trstete mich mit dem Unglck der
katholischen Kinder, die vor der Taufe sterben und die Last der Erbsnde noch
nicht abgewaschen haben; sie mssen daher linkerhand neben der Vorhlle eine
kleine Kinderstube beziehen, wo sie die Freuden der getauften Kinder zwar hren,
aber nicht mit ansehen und genieen knnen. Ich hatte so ziemlich meinen
Endzweck erreicht, meine Gefhle kamen wieder, so zart als sie uns an der Hand
der Erinnerung zugefhrt werden; sie haben dann das berraschende, das Ungestme
nicht, das uns immer ihre ersten Ksse raubt, man kmpft nicht mit ihnen, sie
kommen uns sanft und schchtern entgegen, wie die Umarmungen eines zchtigen
Mdchens, die uns die brgerliche Ehe ihren von den Sitten aufgedrungenen
Zierereien entrissen hat.
    Die volle gediegene Stimme des Weibes entlief durch unendliche Wendungen
meinem geizenden Ohre, wie meinem suchenden Blicke die hohe Gestalt der Trkin
durch die Irrgnge der Moschee, dann tnte pltzlich ihre Stimme ernst und doch
voll liebender Wrme durch den Saal; alles schwieg; auf der heitern Stirne
manchen Greises las ich die Weisheit und in manchem nassen Blicke eines sanften
Mdchens die warme trstende Wahrheit der Sprche im Tempel. Die Gttin stand in
ihrem Werke, in ihrem Lied noch einmal vor mir. Hagestolze und Witzlinge fhlten
ein Herz und konnten es nicht finden, hier fand ich beschmt mich wieder. Mein
Augenglas ist hundertfach in den Hnden der umhergaffenden Stutzer, sie drehen
es verwirrt zwischen den Fingern und flstern mit halboffnem Munde: Quelle
volubilit de gosier! und ich machte in der Moschee die schlechte Bemerkung:
So schne Augen, und ein Augenglas!
    Ihre Stimme eilte noch einige Minuten mit leichtem Wechsel durch wehmtig
belebte und sanft ersterbende Akkorde, und verschwand dann in dem allgemeinen
Einstrmen einer unertrglichen Menge Instrumente; ich hrte noch einmal das
Kutschengerassel, eine leichtfertige Pleyelsche Sinfonie beschlo das Konzert,
ich sah in ihr den jungen Sansfaon noch einmal, wir wurden noch einmal
geschieden.
    Meine Erwartung, die Sngerin zu sehen, war uerst gespannt, ich dachte mir
eine Gestalt wie die Trkin, als ich pltzlich den nmlichen Windbeutel neben
mich hintreten sah, der die Dame in W. in den Wagen gehoben hatte. Ich htte ihn
gerne gefragt, wer die Sngerin sei, wenn ich diese Klasse Menschen nicht ebenso
sehr hate, als ich erschrecke, wenn ich eine Grazie schnell und viel essen,
sich jucken oder kratzen sehe. Madame vient, flsterte ihm ein anderer
seinesgleichen zu, und er empfing ein Weib aus der Menge, die keine andere als
meine Trkin war. Sie sah bla und zerstrt aus, und da sie an mir vorbeiging,
durchfuhr sie wie ein Blitz jenes Nichtbemerken, das bei Weibern in
Augenblicken, wenn sie sich ganz mit sich selbst schon beschftigen und dieses
Zurcktreten in sich selbst dennoch sehr merklich wird, ebenso sehr der Beweis
des schrfsten Bemerkens als eine doppelte Verneinung eine Bejahung wird. Ich
beneidete den jungen Herrn, der mit ihr sprach gar nicht, denn er erhielt auf
seine Bitte, sie begleiten zu drfen, die einfachste Verneinung, eine kaltes
Nein. Ich konnte nicht mehr bleiben, und das Ausrufungszeichen, das der Stutzer
an seinen verzweifelnden Abschied aus der Orthographie seines Tanzmeisters mit
seinen Fen sehr khn anhngte, konnte mich nicht aufhalten, obschon es sich in
meine Schritte, die, so wie die langen Gedankenstriche in den Ruinen des
Schwarzwaldes den guten Einfllen des Verfassers und seiner Tendenz nachlaufen,
die Dame verfolgten, verwickelt hatte. Auf der Treppe erreichte ich sie und
ihren Namen. Sie sagte mir ihn freundlich, damit ich sie besuchen knne, und
htte sie mir einen andern als Hodefield genannt, so wrde ich ihn gewi verhrt
haben, denn ihr Vortrag war so lieblich, da er auf den Genu des Inhalts gar
nicht gierig machte. Madam! so sind Sie wohl die Dame, deren Wagen ich aus
Versehen genommen habe? Ich mu Sie wegen einer groen hnlichkeit um Vergebung
bitten. - Sie sind aus B., der Wagen, in dem ich fuhr, ist der Ihrige? fragte
sie bestrzt. Nein, es ist der Wagen des Banquier Godwi, in dessen Geschfte
ich reise. - Es stieg ihr eine Rte in die Wangen, sie wurde verlegen und
drckte mir die Hand. O da ich dies gestern nicht wute! sagte sie; Sie
knnen mich nicht sehen, bemhen Sie mich nicht umsonst, und wenn Sie einige
Achtung fr mich haben, so entfernen Sie sich, und trsten Sie sich mit dem
Schwur, da ich Ihnen ein groes Opfer gebracht habe, ein Opfer, das die Natur
nur selten ohne Unnatur bringt. Sie beschleunigte ihre Schritte, ich stand, auf
die Treppe hingebannt, bis mich der Schwall der Menschen heruntertrug. Da ich
auf die Strae kam, sah ich ihren Wagen wegrollen, in dem ich kurz vorher noch
so ruhig sa und mich erkhnte, ihren Eindruck auf mich aus ihrer Coquetterie
herzuleiten. Ich streckte die Arme in die Luft dem Wagen nach; ach! welchem sind
alle seine Grundstze auf vier Rdern so weggerollt. So streckt der Alchymist
seine Arme dem Vermgen nach, das ihm durch den Rauchfang entwischt, und dennoch
sieht er nach seinem Stein der Weisen zurck, und hofft, aber auch dieser ist
zum Caput mortuum geworden. Ich rannte durch die Straen und glaubte mich in
einer Wste, denn Lady Hodefield schien mir die ganze menschliche Gesellschaft.
Ich spazierte durch die groe Promenade, strte manche hchste
Verindividualisierung, schaute nicht auf bei dem Aufgeschaut! der
Snftentrger, um die Unsanftheit ihrer Rippenste zu fhlen, die der
Etymologie des Namens dieser Affenkasten gar nicht parallel liefen, rannte wie
der Jalousieladen, erweckte die Eifersucht, strte manches langerwartete stille
Rendezvous in der Abendstunde und kam so nach Haus, wie ich dir geschrieben
habe. Ich kann nicht mehr bleiben, die wollenen Szenen aus Geners Idyllen
schienen mir unausstehlich langweilige Tapeten, ich nahm Abschied von ihnen wie
der zrtlichste, durch die Langeweile der Liebe unglcklichste Schfer. Man
bringt mir ein Billet, es enthlt folgende Zeilen: Wenn Sie an den jungen Godwi
schreiben, so melden Sie ihm folgende Worte: Seine Standhaftigkeit wrde bald
durch die Erlaubnis, den bewuten Brief zu erbrechen, belohnt werden. Molly.
    Nun - du hast gesiegt, deine Molly und meine Englnderin, sind sie nicht
beide, wie Phbe und Proserpina, Hekate? Hier hast du das Billet, mich brennt es
zwischen den Fingern und dir ist es ein Kleinod. Ich stieg in meinen Wagen und
war also auch ein Trumer in B. geworden. Verbrenne meinen ersten Brief, ohne
den dieser nicht eine Snde gegen meinen so sehr angepriesenen Charakter wre.
Ich kann die Handlung nicht aufheben, um jene Predigt zu erretten, und knnte
ich es, so wrde ich es doch nicht tun, denn die Snde, durch die ich zur
Selbsterkenntnis gekommen bin, ist mir lieb.
    Dieser ganze Brief besteht aus einzelnen Bruchstcken, die ich nach und
whrend der Geschichte in B. fr dich niedergeschrieben habe. Die liebliche
Stimme, die mich aus dem Traume weckte, die mich wie ein Sirenengesang aus
meinem trben Leben in mir selbst in das fremde Element des hiesigen leichten
Lebens rief, ist die Stimme der geistreichen, witzigen Mademoiselle Budlar. Ich
hnge mich an die bunte Reihe ihrer Anbeter, wie oft ein kleines beinernes
Totenkpfchen das Ende der Aves und Paternoster im Rosenkranze macht. Ave und
Vale.

                         Werdo Senne an Lady Hodefield


Madam! ich schreibe Ihnen im Namen Eusebios, der krank geworden ist und mit
Sehnsucht nach Ihnen verlangt. Er sitzt auf seinem Sthlchen, das er sich aus
Weiden selbst geflochten hat, und weint sehr heftig; er bat mich, Ihnen zu
schreiben, und an das Ende des Briefs will er einige Zeilen von sich anhngen,
die er mir in die Feder sagen will. Jetzt ist er ruhig und denkt nach, was er
Ihnen alles zu sagen hat. Ich bin froh, da dies ein Mittel ist, ihn etwas zu
zerstreuen; ich werde es noch oft anwenden, er lernt dadurch seine Gedanken
ordnen, und trstet sich, wenn es anders mglich ist, da bei der Schnelligkeit
des Wechsels in allen seinen Freuden und Beschftigungen dies ihm lange
unterhaltend sein knnte. Ich kann ihm wenig Hlfe geben. Meine Otilie allein
hat durch Erzhlung von Mrchen, die sich in ihrer zarten Phantasie entwickeln,
und durch ihre Lieder das Mittel gefunden, seine mit auerordentlicher Wrme
auflebende Einbildungskraft zu beschftigen. Der Arme dauert mich sehr, er
scheint ein mchtiger Beweis fr die Glut der Empfindung der Unseligen zu
werden, die ihr Dasein der Glut der Empfindung ihrer Eltern verdanken.
    berhaupt, Madam! haben Sie mir keinen Dank fr die Bildung Ihres Lieblings.
Nur meiner Otilie gehrt er. Und sollte ich ein Verdienst um ihn haben, so ist
es mittelbar, so ist es dadurch, da Otilie so gut durch mich und die Natur ist.
Ich liebe dieses Mdchen unendlich, sie ist eine holde Blume, die sich aus den
Trmmern meines Lebens emporwindet. Sie ist eine liebliche Sprache der
Vershnung, die aus meinem Grabe zu den Menschen, die mich erdrckt haben,
spricht: Ich verzeihe und liebe euch. O! ich freue mich dieses freundlichen
Nachhalls meines Lebens. Ich habe zuviel gelitten, und hnge noch viel zu innig
an meinen Trnen, den einzigen, die mir treu blieben, als da ich mehr als
selten zum Bildner taugte. Unter meinen Hnden knnen sich nur in jammervollen
Zgen die still und traurig wandelnden Gestalten meines Lebens entfalten. Ich
wage nichts mehr. - Einen einzigen Weg habe ich Eusebion gefhrt, den Weg meines
Trostes und meiner Dankbarkeit, den Weg zur Natur und zu Ihnen, edles Weib. Ich
habe ihn schweigend beten gelehrt, aber sein Dank ist laut, wie der meinige
schweigend, weil fr das Gefhl meines Dankes die Worte eines Greises zu leise
sind. - Eusebio ist gut und wird ttig werden, ich habe manche Stunde seiner
horchenden Seele meine Wahrheiten hingereicht, die nur, welche ihm so nahe
lagen, wie die Natur den Greis an das Kind gestellt hat. Einigemal sprang er
heftig auf, strzte in meine Arme und weinte zitternd. Otilie fragte ihn neulich
bei einem hnlichen Falle, was ihn so bewege. Er erwiderte: Bei euch kann ich
nicht bleiben; du Vater bist gut, und du Otilie, ach wie gut bist du! bringst du
den Armen das Brot nicht entgegen, und batst du nicht fr meinen Freund das Reh,
als es der bse Jost totschieen wollte? Euch beiden kann ich nichts helfen, ich
will zu den andern armen Menschen, von denen der Vater mir sagt, da sie nicht
gut seien, die will ich lieben, so lieben, so freundlich mit ihnen sprechen, da
sie alle werden mssen, wie ihr seid. Ach! und meine Mutter, meine Mutter, die
groe freundliche Frau, will ich sehen - wie sie meiner denken wird, und wenn
sie mich sieht, dann wird sie erst meiner gedenken.
    Madam, ich hoffe Sie bald zu sehen, denn ich werde nicht lange mehr hier
wandeln; was soll ein Toter hier im Leben? Meine Augen knnen das Licht der
Sonne nicht mehr ertragen. Der West erstarret meine Glieder, und das Lied meiner
Harfe hallt nicht mehr so laut aus den Gewlben meiner Wohnung, und ich leide zu
viel, um Otilien mitleiden zu sehen. Meine Hlle vermag die Glut meines Herzens
nicht mehr zu umfassen, ich werde bald ein Aschenhaufen in mich selbst
zusammensinken.

Weste suseln; silbern wallen
Locken um den Scheitel mir.
Meiner Harfe Tne hallen
Sanfter durch die Felsen hier.
Aus der ewgen Ferne winken
Trstend mir die Sterne zu.
Meine mden Augen sinken
Hin zur Erde, suchen Ruh.

Bald, ach bald wird beres Leben
Dieses mde Herz erfreun,
Und der Seele banges Streben
Ewig dann gestillet sein.
Schwarzer Grabesschatten dringet
Um den Trnenblick empor,
Aus des Todes Asche ringet
Schnre Hoffnung sich hervor.

Meines Kindes Klage hallet
Durchs Gewlbe dumpf und hohl,
Idolmios Zunge lallet
Jammernd mir das Lebewohl
Zu der lang ersehnten Reise.
Senkt mich in der Toten Reihn.
Klaget nicht, denn sanft und leise
Wird des Mden Schlummer sein.

Und du Gute nimmst die Beiden
Mtterlich in deinen Arm,
Linderst meiner Tochter Leiden,
Lchelst weg des Knaben Harm.
Aus des thers lichter Ferne
Blickt dann Trost der Geist euch zu.
Es umarmen sich zwei Sterne
Und ihr Ku giebt allen Ruh.

Schwermut glnzt des Mondes Helle
In mein trnenloses Aug,
Schatten schweben durch die Zelle,
Seufzer lispeln, Geisterhauch
Rauschet bang durch meine Saiten,
Horchend heb ich nun die Hand,
Und es pochen, Trost im Leiden,
Totenuhren in der Wand.

Sie werden meine Tochter lieben, und werden bald ein glckliches Weib sein. Es
ahndet mir eine groe, groe Freude. Drfte ich ihn whlen, den sen Tropfen,
in dessen Rausche ich das groe Ma meines Kummers vergessen mchte, so wre es
das Bild der Vershnung durch Reue und der Erkenntnis gegenseitigen Werts, so
wre es meine Seligkeit, das Kind meiner Marie in einem edlen Manne zu sehen.
Der ist kein edler Mensch, der sich nicht freut der Liebe im Arme seines
Nebenbuhlers, und der ist ein niedriger Mensch, der sich nicht freut des Werts
der Kinder, deren Vater er htte sein knnen. Wir beide waren die Betrognen, wir
beide werden verzeihen knnen, und ich werde frhlich sterben, vor Freude werde
ich sterben; der einzige Plan meines Lebens, der mir gelingen sollte, sollte der
meines Todes sein. Sonderbar steht dieser ungeheure Gedanke vor mir. Ach! alle
meine Trnen sind geweint. Wo soll ich Trnen der Freude hernehmen? Ich werde in
die Nacht meines Grabes sinken ber dem Tage, der an seinem Rande aufgehen wird.
    Sonderbar ist das Gewebe meines Lebens gewesen, ein Geheimnis liegt ber
ihm, keine Staaten-Verhltnisse, keine sogenannten Wichtigkeiten, Menschenliebe
und Duldung haben ihm das Siegel eiserner Verschwiegenheit aufgedrckt. Und das
alles wird sich um uns drehen, diese Freudensphre wird auf meinem Grabe stehen
wie der Fu des Regenbogens, unter dem in meinem Vaterlande ein freundlicher
Aberglaube Schtze whnt. Trsten Sie sich, edles Weib, Sie werden hier und ich
dort belohnt sein. Ich breche ab, ein Fremder tritt herein, es ist mir leid um
die Zeilen, die Eusebio Ihnen schreiben wollte.
                                                                     Werdo Senne

                                 Godwi an Rmer


Wenn du bei mir wrest, mein Lieber! und ich knnte die Lampe auslschen, und
beim groen freundlichen Sternenlicht und dem ehrlichen Monde traulich Hand in
Hand mit dir sitzen und plaudern, ich wrde dir dann wahrer und wrmer alle die
Freuden und Empfindungen ans Herz legen knnen, die mich seit unserer letzten
Unterredung umarmen. Ich wandle nicht mehr in den finstern Gngen und dstern
Gemchern ehemaliger Verdienste um das Vorurteil. Verdamme mich nicht mehr, da
ich vom uersten aufs uerste falle; du kannst sehen, da ich den Weg der Zeit
gegangen bin. Aus einem freundlichen Landhause in eine alte Burg und von da gar
auf eine Ruine, an die der Einsiedler seine Wohnung gebaut hat. Ist dies nicht
der Weg der Zeit? -
    Ich lebe und liebe - denn was bleibt dem Leben ohne Liebe? - der Tod - in
der Wohnung des Einsiedlers, von dem ich dir schrieb. Er hat sie in die Trmmer
des Reinhardsteins, eines alten Schlosses, gebaut, um dort, wie er sagt, die
Menschen seine Klagen nicht hren zu lassen, und ihre Lgen nicht zu hren. Die
Groen in der Materie, die Ritterschaft, drngte sich in die Stdte, um die
Kleinen, die in der Zeit des Geistes mchtiger wurden, in den Schatten zu
stellen; Raubvgel, die das Licht der hellern Sonne nicht mehr ertragen konnten,
drangen sich der brtenden Henne als Gehlfen auf, und so wurde manches
brgerliche Kchelchen verbrtet, und so entstand das Motto: Sub umbra alarum
tuarum. Faulenzer und Bldsichtige lieben sub umbra. Das war ein groer Mann,
der nicht sub umbra alarum Alexanders ruhen wollte, und ihn bat, er mge ihm aus
der Sonne gehen. Werdos Glck haben sie auch verbrtet, und, da sie ihm nicht
aus der Sonne gehen wollten, so hat er sich auf diesen hohen Berg geflchtet,
und sieht sie so aus der ersten Hand. Er sagte mir neulich: Hierhin in die
Trmmer des Faustrechts habe ich die Trmmer der Freiheit meines Geistes
gerettet, denn, mein Herr, der Kuckuck jagt die Nachtigall aus ihrem Neste; die
Menschen finden es grausam, weil sie es nicht taten, fangen sie sehr naiv in
Schlingen, sperren sie in einen Kfig, schreiben die Geschichte der Stubenvgel
und nennen sie Naturgeschichte, da sie doch gewi eine Kunstgeschichte ist,
blenden der Nachtigall die Augen, damit sie immer singt, schreiben ihren Gesang
in Worten nieder, fttern sie mit gestohlnen Ameiseneiern, und lassen ihre
Kinder etwa auch mit hlzernen Kuckucken aus Nrnberg dazwischenschreien. - In
dieser ganzen Rede lag eine seltsame Darstellung seiner Leiden.
    Es ist mir sonderbar zu Mute hier, ich habe nie so gesellig eine Nacht so
einsam zugebracht, es regt sich alles in mir nach Mitteilung, und doch ist mir
die mittelbare des Schreibens etwas unangenehm.
    Die Lampe verdirbt mir den Mond, er sieht ber die Erde herab, wie der Trost
ber den Jammer, wie das platonsche Auge eines zwanzigjhrigen Mdchens ber
ihren wallenden Busen. Er steht ber dem Harem des Grosultans von Goldblech,
wie der Orden Pour le mrite ber dem Herzen der - und heit doch ein Brotdieb
der auerordentlichen Liebe und Diebe im Kleinen. So macht der Stern kein Herz,
und der Mond ber dem schlechten Wirtshause in J. hat noch keinem Ermdeten eine
freundliche Nacht gewhrt. - Sieh, so strt mich die Lampe, da ich den Mond
lstere. Unten im Tale mchte ich auch etwas hemmen, das mir in meine Ruhe
hineinlrmt. Eine Pulvermhle klappt durch die sanfte liebliche Nacht, wie der
Puls der Kunst durch die Natur, wie der taktstampfende Fu eines Musikers durch
seine Melodien, wie der Pantoffel der Ehe durch die Liebe.
    Senne heit der Bewohner dieser sonderbaren Wohnung, deren Ganzes mich in
eine schauerliche gerhrte Stimmung versetzt. Ich mchte auch hier wohnen, wenn
ich alles verloren htte, um das ganz genieen zu knnen, was jedem Edlen brig
bleibt, Natur, Ruhe, Erinnerung und innerer Friede.
    Oben auf der Spitze eines groen Bergs liegt in einem Amphitheater, das ein
dichter Eichenwald bildet, die Burg Reinhardstein, und in einem hohen groen
Gewlbe, das in der Mitte des Gebudes unter einer verfallnen Terrasse steht,
hat sich Werdo Senne einige niedliche Gemcher anlegen lassen, die alle einer
vollkommen reinen Luft und einer sehr schnen Aussicht genieen. ber sich auf
der Terrasse hat er einen kleinen Gemsgarten angelegt und einzelne Hgel um
seine Wohnung her mit Weinreben bepflanzt. Vor dem Eingange des Gewlbes, der
mit Epheu und Geisblatt umzogen ist, steht eine ewige Eiche; an sie hat er sich
die Rasenbank hingebaut, auf der er seinen Schwrmereien nachhngt. Hier sitzt
er oft halbe Tage lang, und singt Lieder zu seiner Harfe, die er meistens selbst
dichtet. Er hat es auf diesem Instrument zu einer seltnen Fertigkeit und einem
seltsamen Vortrage gebracht, denn seine eigne, durch gewisse Zuflle bestimmte
Ansicht der Dinge und seine heftige Sehnsucht nach etwas, das er allein kennt,
giebt seinem Spiel eine ganz eigene Modulation, die alles um ihn her zur
Teilnahme bewegt. Ich habe mir eins seiner Lieder gemerkt, er singt es sehr oft,
und es scheint mir, als lge viel Aufschlu ber seinen Kummer darin.

Die Seufzer des Abendwinds wehen
So jammernd und bittend im Turm;
Wohl hr ich um Rettung dich flehen,
Du ringst mit den Wogen, versinkest im Sturm.

Ich seh dich am Ufer; es wallet
Ein traurendes Irrlicht einher.
Mein liebendes Rufen erschallet,
Du hrest, du liebest, du strzest ins Meer.

Ich lieb und ich strze verwegen
Dir nach in die Wogen hinab,
Ich komme dir sterbend entgegen,
Ich ringe, du sinkest, ich teile dein Grab.

Doch strzt man den Strmen des Lebens
Von neuem mich Armen nun zu.
Ich sinke; ich ringe vergebens,
Ach nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh.

Da schwinden die ewigen Fernen,
Da endet kein Leben mit dir.
Ich kenn deinen Blick in den Sternen,
Ach sieh nicht so traurig, hab Mitleid mit mir.

Bis jetzt hab ich wenig mit ihm gesprochen, denn er spricht nicht gerne, und
ohne zurckzuschrecken hat er durch sein Betragen die Macht, alle Lippen zu
verschlieen. Die Ruhe um ihn her gleicht jener Ruhe, die jeden Gefhlvollen
nach den Arbeiten eines reichlich verlebten Tages am stillen Feierabende
ergreift. hnliches Schweigen ergriff mich, als ich die Opfer ihrer Meinungen,
alte aus Frankreich vertriebene Priester, in unsern Promenaden mit Trnen im
Auge ihr trocknes Brot essen sah, als ich den Greis Broglio, als ich den
silberlockigen Cond, den Hut in der Hand, mit zur Erde gesenktem Kopfe auf
Zeitungen warten sah. hnliche Ruhe wird mich ergreifen, wenn ich ber die Berge
von kalter fester Lava um den Vesuv herum wallen werde. - Er ruht und trumt
nach dem Rausche, den wir uns zu trinken noch beschftigt sind, und bang sehe
ich nach seiner Ruhe und belausche seine lauteren Trume und passe sie meinem
Rausche an. Sprlich spielen einige Silberlocken um seine Schlfe, wie ein paar
freundliche Augenblicke seines Lebens um sein Gedenken, seine schwarzen Augen
haben eine schauerliche Mischung von Liebe, Verleugnung und Strke im Blick,
sein Mund ist selten in einen freundlichen Ernst, oft in ein wehmtiges Lcheln
gezogen. Wenn er steht oder sitzt, so vermit man etwas in seiner Lage, und wei
nicht was fehlt, bis er die Harfe an seine Brust und seine Stirn an die Harfe
lehnt. An diese Stellung scheint er so gewohnt zu sein, da, wenn er die Harfe
nicht im Arme hat, man ihn sonderbar findet. Mit der Harfe aber ist er mir ganz
das Sinnbild der wechselseitigen Freundschaft und des Zutrauens. Er lehnt seine
Stirn an sie, wie auf den Arm eines trstenden Freundes, und klagt ihr seine
Leiden. Sie ruht wie die Teilnahme und das Mitleid an seinem Herzen, und scheint
unter seinen leisen Griffen freiwillig ihm zuzuhren, und dann und wann in
traulichen Worten ihm Trost zuzuflstern. Er hngt schwrmerisch an ihr, wie die
verwelkten Blumenkrnze um ihre Saiten, und wenn durch eine rasche Erbebung des
Instruments ein Blttchen von den Krnzen herabfllt, so schweigt er, und letzt,
da ich ihn belauschte, rollte eine Trne ber seine bleichen Wangen, und er
sagte: Wenn alle diese welken Blumen herabgefallen sind, so will ich nicht mehr
weinen und nicht mehr singen, so will ich sterben. Dann sang er:

Um die Harfe sind Krnze geschlungen,
Schwebte Lieb in der Saiten Klang:
Oft wohl hab ich mir einsam gesungen,
Und wenn einsam und still ich sang,
Rauschten die Saiten im tnenden Spiel,
Bis aus dem Kranze, vom Klange durchschttert,
Und von der Klage der Liebe durchzittert,
Sinkend die Blume herniederfiel.

Weinend sah ich zur Erde dann nieder,
Liegt die Blte so still und tot;
Seh die Krnz an der Harfe nun wieder, -
Auch verschwunden des Lebens Not,
Winken mir traurig wie schattiges Grab,
Wehen so kalt in den tnenden Saiten,
Wehen so bang und so traurig: es gleiten
Brennende Trnen die Wang herab.

Nie ertnt meine Stimme nun wieder,
Wenn nicht freundlich die Blte winkt;
Ewig sterben und schweigen die Lieder,
Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt.
Schon sind die meisten der holden entflohn;
Ach! wenn die Krnze die Harfe verlassen,
Dann will ich sterben; die Wangen erblassen,
Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton.

Aber Wonn, es entsprosset zum Leben
Meiner Asche, so hell und schn,
Eine Blume. - Mit freudigem Beben
Seh ich Tilie so freundlich stehn.
Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid.
Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen -
Schner und lieblicher seh ich sie stehen,
Wie meinen Feinden sie mild verzeiht.

Der Gram, unzulnglicher Trost und Tuschungen in seinen Erwartungen von der
Wirklichkeit und ihrer Zeit haben den Kampf und die Niederlage seiner Seele in
seine Gesichtszge hingezeichnet. Er hat sich mit all seinen Krften des
Selbstglcks und der Beglckung zur Aschenurne seiner Freuden erschaffen
gesehen, und die Inschrift auf dem Male, das auf seinen Trmmern steht, liest
man in seinem irren Blick, dessen Sprache durch den Jammer, wie die Sprache der
Grber durch den Zahn der Zeit, verwittert ist. Sein Verlust mu unendlich sein,
denn er sucht noch immer ber der Erde mit seinen Augen hin, als habe er noch
Kraft, diesseits eine Blume zu pflcken. Ach Rmer! wie werde ich verglhen, da
ich die Flamme noch nicht kenne, die mich durchlodert; o! es ist mehr als
Lebenswrme, was mich ergreift, wenn ich begehre, was mir fehlt. Ich sehe die
Natur um mich her ewig und unermelich, und wenn ich sie ganz verschlinge, wie
sehr ich es kann, so bleibt es doch de in meiner Brust, und mein Herz pocht so
eintnig, so allein in meinem Busen. Alles ist Harmonie und Melodie, und
verschwistert sieht sich alles in den Armen eines andern zum zweitenmal gelebt,
zum zweitenmal beseelt; kein Spiegel meinem Bilde, kein Echo dem lauten
verlanen Rufe aus meinem Herzen, kein Strahl aus der Seele eines Geschpfs, der
nur mir gehre, kein Sinn fr mich durch das Geprge der Einzigkeit nur fr mich
belebt. Die Natur hat mich nicht gestimmt, da jeder Knstler meine Tne mit dem
groen allgemeinen Klang in Akkorde vereinigen kann. Freilich sprach ich anders
in meinem vorigen Briefe, da war mir das Leben noch leicht, - jetzt ist es
anders. Nur einer wird mehr als leichtfertige, tanzende Tne aus mir in das
groe Meer von Gesang hinberweben.
    Sonderbar ist es, lieber Rmer, wenn ich alles dieses fhle, da es mich
ganz vernichtet, zu sehen, da ich nur mich beglcken, nur mich befriedigen
will, da dieser Drang nach Liebe ein Bedrfnis ist, da auch mit dem
Bedrfnisse Liebe und Freundschaft schwindet und wchst. Ist der Wunsch, seiner
Liebe alles aufzuopfern, nur zur Selbsttuschung in unsere Verbindungen gelegt?
Ist mir denn das Gefhl, mich dem Ideale meiner khnen Hoffnung uneigenntzig,
ohne Selbstliebe, nur ganz ihm hinzugeben, nur zur augenblicklichen Schmeichelei
erschaffen, und sucht man uns den Egoismus nur wegzuraisonnieren, damit wir ihn
uns zur Qual sich wieder in unsere lieblichsten Bilder von Menschenglck als
einzig feststehenden Beweggrund eindrngen sehen?
    Ich habe gesndigt. Die Natur spricht aus, was ich beklagt habe. Der Mond
tritt hinter eine Wolke. Es ist dunkel und schwarz in der Nacht, und meine Lampe
schimmert etwas heller durch das Stbchen. Da ist nun die Auenwelt, die
Hoffnung und die Sehnsucht, die Tiefe des Himmels und die kleinen Sterne von
meiner innern getrennt. Heller leuchtet das Lmpchen, aber nie hell. In meiner
Brust ist eine weite Welt gewlbet, mein Egoism kann sie nicht erleuchten. O die
Nacht! Ist der Mond fr die Welt da und nur diese Lampe fr mich? Im Dunkel
herrschet Ruhe und Vollendung. Die Dmmerung erzeugt das Handeln und verdirbt
den Raum, ich will ihr Licht nicht. Der Mond schwimmt leise auf dem ewig tiefen
Meere der ewig hohen Welt ber die Wolkenburg, wie die Natur ber den Worten und
Werken von mir Kind hervor. Stirb, Erdenlichtchen. Gute Nacht! Die Lampe
verlischt.
    Es ist schon wieder Tag geworden. Knnte ich dir das Erwachen eines Seligen
im Elysium malen, den kein Freund, keine Liebe, den nur die Mhe im Leben
begleitete, dem ein einsamer Tod die Augen zudrckte, dessen letzter Blick voll
des sterbenden Lebewohls sich in keiner Trne eines Trauernden brach, und in ihn
selbst zurck einen Trost sich senkte, dessen letzter Kampf mit der Liebe zum
Leben wie Fesselgerusche von kalten Kerkerwnden wiederhallt. Knnte ich dir
ihn malen, wie er ausruft: Ich war zu spt geboren! wenn er in den Garten
tritt, in dem alle seine Erdenfreuden als himmlische Blumen blhn, so htte ich
dir meine Empfindung, da ich an diesem Morgen in die Welt sah, in einem Bild
zusammengedrngt, hingereicht. Mir selbst zu wenig, und der Welt zu viel, und
umgekehrt, legte ich mich gestern abend nieder; mein Lager war ein mit Moos
ausgestopftes Ruhebett; und die Gastfreundschaft hatte durch ein liebliches
Mdchen wohlriechende Kruter drber hingestreut. Die Handlung beschftigte
freundlich meine Sinne, und die Wirkung berauschte sie zum Schlafe. Guter,
freundlicher Wirt, wutest du, da hier ein Schwrmer ruhen sollte, der deine
Htte entweihen konnte, weil du Kruter und Blumen wie Hieroglyphen der Liebe
und Unschuld um ihn streutest? Indem ich mit den Bildern spielte, spielten sie
wieder mit mir, und ich schlief. Ein sonderbarer Ton weckte mich auf. Es war mir
leid, da es die Sonnenstrahlen nicht taten. Ich htte mich dann eines hheren,
einigeren Lebens freuen knnen. Die Morgenrte kmpfte spielend mit dem Grn der
Weinbltter, die an dem kleinen Fenster, vom Morgenwinde bewegt, mir um die
Wangen schmeichelten, als wollten sie mich mit meinen Wnschen vershnen. Die
Liebe hatte den Schmetterling geweckt. Die Sonne stieg leise hinter dem
Gesichtskreise empor, und kte die Scheidetrnen der Nacht von den Blumen. Sie
drang aus sich selbst empor, wie die Glut der Leidenschaft, und das Leben
erwachte in steigendem Glanze, whrend die unbestimmte Trauer im Schleier des
Nebels feierlich und verheiend in die Erde stieg. So werden die Seufzer der
trauernden Witwe Seufzer der Liebe, und der Kranz schwebender Lichter blhet in
Irrlichtern und Feuerwrmchen ber Grbern und Blumen. Die Trnen der Sehnsucht
und der Hoffnung haben die Erinnerung umfat. Den Schleier des Kummers hebt die
trstende Liebe. Ihr Blick dringt in Mitleid in das Herz. Die zitternde Hand
ordnet die vernachlssigte Locke. Man erkennt das Leben im Spiegel. Das Grab ist
hinabgesunken, der Trost ist hingewandelt. Die Freude dreht sich wie
Liebesneckerei um uns, und der Hochzeitstanz, der seine jubelnden Kreise durch
unsere Sinne zieht, ertrinkt mit uns in Lebensallegorien, um die die
Brgerlichkeit mystische Vorhnge gezogen hat.
    Unter meinem Fenster entwickelte sich ein freundliches Schauspiel. Ein
junges Reh hpfte durch den kleinen Garten bis an das Fenster unter dem
meinigen, und raschelte blkend im Weinlaube, als erwarte es etwas. Dann eilte
es gegen die Tre, durch die ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat. Der Knabe
ging an einen verschlonen Behlter, holte einen Bndel Kruter hervor, womit er
das Reh ftterte. Alles das tat er mit einer heftigen Eile, und doch schien
zwischen ihm und seiner Handlung eine traurige Ruhe zu liegen. Seine schwarzen
Augen und die Zge seines bleichen Gesichts bewegten sich schnell, wie Takt ohne
Ton, indes seine Haare kraus in dem Winde wehten. Er pflckte eine groe
Sonnenblume ab, und einige Buchszweige, steckte Taxus dazu, ging langsam nach
einer alten Mauer an dem Turme dicht neben meinem Fenster, schwang sich mit
einer unglaublichen Behendigkeit hinauf, setzte sich nieder, sang mit
durchdringender Stimme ein Lied, das mit wenig Melodie in schnelle kurze Takte
gedrngt war. Das Reh war zu ihm hinaufgesprungen, und legte ihm vertraut den
Kopf in den Scho. Dann und wann sah er mit Sehnsucht in die Ferne, indem er in
einer khnen Stellung auf der Fuspitze auf dem engen Rande der Mauer stand. Er
schaute gespannt in die Weite, indem er die Hand gegen die Sonnenstrahlen vor
seine Augen hielt; dann winkte er, sprang herab, und sein Begleiter ihm nach.
Die Gartentre ging auf, und so trat der Engel, von Gott zum erstenmale auf die
Erde gesandt, durch die Tre des Paradieses. Ich stand mit meiner
Unzufriedenheit hinter den Weinblttern meines Fensters so schamhaft wie der
erste Mensch hinter seinem ersten Kleide. Ein Mdchen, wei wie der Schnee, mit
schwarzen Augen und Locken, wurde von dem Knaben heftig umarmt. Ich verschlang
die schne Gruppe. Das Reh hatte den Blumenstrau im Maule, und drngte sich an
das Mdchen, um ihr denselben zu reichen. Es schien mir, als htten sich die
Geschpfe Gottes noch nicht veruneinigt und die Snde die Gewalt noch nicht
hervorgerufen. Das Ganze war so unwillkrlich, war so durch sich selbst
entstanden, da es so schn werden konnte. Meine Seele war in meinen Augen. Eine
flchtige Erinnerung meines Unmuts beschmte mich. Die ganze Szene lebte in mir,
und doch sah ich nur das Mdchen. Der Knabe hing an ihrem Halse, wie ein kleiner
Reiz der Schnheit, den wir nur bemerken, weil er unserm Auge ertrglicher ist.
In diesem einzigen Geschpfe, in dieser Gestalt und der augenblicklichen
Zusammenstellung ihrer Umgebung ward ich mit der ganzen Ordnung der Dinge
vershnt. Die ganze Welt wird uns lieb, wenn sie uns mit dem Blick der Liebe
ansieht; und wer die Sonne fr das Auge der Welt ansehen kann, der mu glcklich
sein, wenn sie scheint. Ich habe hier gesehen, da Schnheit in der Welt wohnt,
und da diese Welt auch in meiner Brust eine Heimat hat. Das Ganze war zu
berraschend, und meine Seele zum Empfangen solcher Bilder zu wenig vorbereitet,
als da ich sie ruhig in mir htte bewirten knnen. In meiner Seele wechselten
alle Gefhle in der kommenden und fliehenden Eile der Leidenschaft. Scham und
Strke, Liebe und Demut, khne Hoffnung und kleinmtige Furcht eilten mit
schmerzlichen Tritten durch mein Herz. Sehnsucht lste sie alle. Die Stimme des
Mdchens zndete sie in mir an; ich sahe nicht mehr, ich hrte nur; oder ich
sah, was ich hrte, denn ihre Tne waren freundliche helle Gestalten, sie trugen
ein fremdes Gewand; es war eine fremde Sprache - ich konnte sie nicht verstehen.
Wenn ich in Molly und Joduno etwas geliebt habe, und nicht alles, so finde ich
in diesem Bilde gewi beides. Es ist keine Khnheit, da ich dir sage, wie dies
Mdchen ist, da ich sie nur sahe; aber ihre Erscheinung ist ein reines Wort fr
ihren Inhalt. Sie knnte nur schlechter sein, als sie scheint, und dann wre sie
schlechter als alle Schnheit. Molly, durch Erfahrung gewarnt, durch Umstnde
gezwungen, zwar kein Produkt der Kunst, aus eigenem Bewutsein, ist dennoch
durch fremde Einflsse bestimmt worden. Sie ist gewi vieles nie geworden, was
sie htte werden knnen, wenn die Natur an ihrer Wiege gestanden und sie als
Jungfrau begleitet htte. Sie ist kein Wesen, das die Mitgabe der Schpfung
ruhig zu einer eigenen schnen Wohnung erbaut hat. Sie lief nicht glcklich auf
dem Meere des Lebens aus. Sie ist zurckgekehrt, und hat sich aus den Trmmern
ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet,
das ihr gerade deswegen angemessen ist, weil es allen andern auffllt. Sie hat
nicht, was das Weib allein bezeichnen soll, das Schne allein; sie hat nur das
Groe, das Erhabene, das uns aus dem Kampfe zurckbegleitet. Huldigung und
Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem, der vor sie hintritt, aber keiner
wird es wagen, das Schne in ihr zu suchen, das wir in dem Weibe suchen sollen,
insofern es edel ist und uns angehrt. Sie wird jeden erschttern, ihn richtig
beurteilen und lieben, insofern es ihm gut sei. Ein Starker kann sie nicht
lieben, denn er findet seine Gre nur in sich und wollte seine Schnheit in ihr
suchen, wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhhung seines Wesens.
Eigenliebe kann zu ihr hinreien; man staunt und freut sich, wenn man
geschmacklos ist, sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen. Man
liebt aber nicht, weil man sich nicht verschnert wiederfindet. Sie hat es durch
die Kunst weit gebracht. Alle ihre Handlungen sind mit uerer Anmut angetan,
und tragen das Geprge einer freien, vorurteillosen Moralitt. Dieses ist auch
der stete Ausdruck ihres Gesichts, in der Ruhe und Erregung. Aber jeder
natrliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit, durch diese ffentliche
Entblung von allen Vorurteilen zurckgeschreckt. Er ist gewohnt, da die Natur
in ihm leise und verschmt die Wahrheit entwickele, zu der er dann wieder das
durchsichtige Gewand wird; - er erschrickt, wenn die Form von dem Geiste
pltzlich wie der Schleier von der Nacktheit herabgerissen wird. Es giebt eine
Ansicht der nackten Schnheit, die uns zur Demut niederzwingt. Das brgerliche
Leben ist zu sehr Kerkerdunkel, als da wir es wagen knnten, pltzliches Licht
hereinbrechen zu lassen - was uns demtiget, knnen wir nicht lieben. - Joduno,
das gute, muntere Mdchen, konnte mich nur reizen, weil ich von jener kam. Die
Welt spielte damals mit mir, und es war in mir eine unwillkrliche Erwiderung
dieses Spiels, da ich mit Joduno auch spielte. Sie war die erste, in der die
Welt vor mich trat, und so kindisch, so zum Spielen geneigt. Mein Umgang mit ihr
verschwindet in seinen Ursprung, in ein undeutliches Gefhl, das ber meinem
Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag. Die seltsamen Zauberspiele Mollys und
alle ihre Rtsel schliefen einen knstlichen Schlaf in mir, und meine ganze
Aussicht war in einen dsteren, undurchdringlichen magischen Mantel gehllt.

                         Lady Hodefield an Werdo Senne


Friede und Ruhe mit Ihnen, treuer, einziger Freund. Ihr Brief hat mich in einer
der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft berrascht; er ist wie ein sanfter
Schlaf lsend ber meinen Rausch, wie ein winkender bedeutender Traum ber den
Zweifel meiner Handlung herabgesunken. Ich habe zweimal der eisernen
Notwendigkeit den sesten Genu geopfert. Die Versuchung, der Zeit einen Possen
zu spielen, und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken, was sie in ihrer
stillen, folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird, war fr ein tollkhnes Weib
wie ich nicht klein; so nannten Sie mich einst, aber ich darf es ja nicht mehr
sein. Nur die Blte darf ppig wagen, darf der Frucht wie ein jauchzender Bote
vorausgehen, und ich darf nichts, gar nichts mehr, das ist alles vorbei, die
Zeit bereitet mir nun meine Freuden, damit ich hbsch gengsam sei. Ich habe
sonst zuviel genossen, nun ist die Zeit da, da ich den Genu andrer genug ehre,
um ihn nicht zu stren. Und diese Macht danke ich Ihnen allein; Sie lehrten
mich, da die meisten Unflle Folgen unserer Voreiligkeit sind, mit der wir der
Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen. Ich war in dem Kampfe gegen meine
schimmerndsten Gelsten ermdet; auf meinem Sopha hingestreckt, blickte ich
nicht ohne Neid nach dem Besiegten. Das Bild der Freude, die ich von mir in die
Ferne gewiesen hatte, stand flehend und drohend vor mir, ich war so allein, so
empfnglich, die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen; ich komme
nicht wieder, sprach sie, und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der
verwegensten Reue zubereiten zu wollen, falscher Stolz, falsche Scham, waren
ihre Vorwrfe. Doppelt einsam, indem ich die Gesellschaft des einzigen, der
auer Ihnen Ansprche auf meine Liebe hat, von mir gewiesen hatte, war ich, als
ich Ihren Brief erhielt. Sie sind ganz gegenwrtig in ihm fr mich, obschon Sie
schon leise dem Leben drinne entschweben, denn ich kann Ihnen nachsehen. Alle
meine Leidenschaften, alle meine Wnsche haben sie nun wieder zu jenem
anspruchslosen Frieden gebracht, in den Sie sich Ihren Gram und so freundlich
mir meine Schuld zu verschleiern wissen. -
    Ich habe Karln gesehen - ich wute nicht, da er es war, und doch bewies die
Natur ihre geheime Macht, unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin,
obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten. Ich fhlte, da er mir angehrt,
der geistvolle schne Sohn, auch er war im Innersten seines Herzens gerhrt, und
neigte sich gewaltsam zu mir hin, ohne es erklren zu knnen. Ich erkannte ihn
durch die Erzhlung seines Aufenthalts bei Godwi und seines Geschfts. Ich
erkannte ihn in der Trennung, und es war die hchste Wonne und der bitterste
Schmerz in die nmliche Minute gelegt. Nur die berraschung und die Menge der
Menschen um uns machten mir es mglich, den sanft von meinen Blicken
zurckzuweisen, den ich in meinem Herzen trage, und den ich umso fester in meine
Arme schlieen mochte, da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen
wiedersah. Ach ich war nicht standhaft, die Entdeckung zu verhindern, es war
bloer Zufall, da ich mich und sie nicht verriet!
    Alles was Sie mir berhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner
Krankheit schrieben, scheint mir ebenso richtig, als Ihre Bescheidenheit falsch.
Sie wollen gar nichts von dem wenigen, womit ich Ihnen Ihre Existenz
erleichtere, verdient haben, und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben.
    Die Trauer Eusebios ist mir sehr verstndlich. Wre er unter dem glcklichen
Himmel seines Vaterlandes, wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte
der Glut stnden, so wrde er froh sein. Er erwacht vor der Zeit, weil seine
Umgebung auf seine Anlage einen zu groen Reiz ausbt. Obschon er keinen Druck
und keine Geschichte zu bedenken hat, so kann er dennoch nicht mehr Kind sein.
Das Miverhltnis seines Temperaments zu seinem Leben, und zum Lande, in dem er
lebt, zwingt ihn zu reflektieren; da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben
kann, so entsteht aus seiner Reflexion ber das bloe Bedrfnis die Sehnsucht in
ihm. Er schmerzt mich; wehe dem, der kein Kind sein konnte, er kann nicht
Jngling, nicht Mann werden - die Jahreszeiten flieen ihm in eines zusammen in
seinem Verlangen - und bedarf in jedem Genusse jeden andern. Eusebio htte noch
lange Knospe sein mssen, an der der Tautropfen und die Trne hinabrollt, nun
hat sich sein Busen erschlossen, und die Trne liegt still in seiner Kindheit,
ein Bote innerer Trauer fr sein ganzes Leben. Die Auenwelt hat ihn nicht auf
der Stufe, die er einnimmt, gefesselt, es spielte kein Kind mit ihm, und so
treibt ihn seine innere Glut aufwrts, die ihn htte ausbreiten sollen. Ich
fhle deutlich seine Zukunft, er wird nie die Formen kennen lernen, in denen er
lebt, nur in den zusammengesetztern, reichern lnger verweilen, jedem halben
Tone wird er entgehen, und leicht viele Stufen des Lebens bereilen. Das
Verlangen ist frher und begehrender in ihm ausgebildet, als er sich die Welt
gewrdiget hat, er ffnet die Arme mit Sehnsucht, und nimmer kann er mehr
umarmen als sich selbst; so entsteht bei immer neuen Versuchen und einem steten
Zurckkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer in ihm.
    Sein heftiges Begehren nach mir erklrt sich leicht hieraus. Wenn er mit
seiner mchtigen frhreifen Phantasie den kleinen sprlichen Kreis seiner
Erfahrungen durchluft, so ist ihm sein Aufenthalt bei mir der reichhaltigste
Punkt. Das Einfache reizt ihn nicht mehr, weil es zu innig und zu schmerzlich
mit ihm verwebt ist. Schmerzlich sage ich, weil er an ihm ermdet ist. Je
einfacher das Leben eines phantastischen Gemts ist, je drckender wird ihm
seine Umgebung; seine Anlage zu erfinden wird vielfltiger gereizt, und weil die
Sache, an der er bildet, ihm nie entgegenkmmt, sondern er ewig an seinem
Zusatze zusetzen mu, um weiterzukommen, ermdet er eher. Um eine grade Linie
knnen mehrere Wellenlinien gezogen werden als um die Wellenlinie. Eusebio hat
sich sein Dasein schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen,
da er die einfache Linie nicht mehr kennt, und gleichsam in den
selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt.
    Ich wrde schon zu Ihnen und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen
sein, wenn ich Godwi, Ihren Gast, nicht vermeiden mte, denn wir sind uns beide
gleich gefhrlich.
    Sie haben mich gelehrt, meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der
Ruhe und Gesetze willen zu beschrnken, ohne deswegen meine Art zu fhlen,
welche die Eigentmlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt, zu
erdrcken - und auch ohne dies ist es mir nie mglich gewesen, mich wie eine
Brgerin in die freie Welt hinein zu heucheln, das Geprge meiner Seele ist zu
tief, es konnte nicht erlschen, und ich bin schon insoweit vor der Verfolgung
der Brgertugend geschtzt, als man von mir, als einer reichen Englnderin,
sonderbare Streiche prtendiert. Doch dies hat mich nicht bestimmt, Godwin zu
lieben, nicht, ihn von mir zu weisen. Ich habe das erste gemut und das zweite
gewollt. Er ist einer der wenigen, die, bei groer Macht in sich, dennoch nichts
von ihrer Kraft entbehren knnen, weil ihnen ein ebenso groes Leben
entgegenliegt. Das Leben liegt vor solchen Menschen wie ein erzhaltiges Gebirg,
sie mssen hindurch, und alles gewinnen, aber die Kunst des Bergmanns und des
Scheideknstlers ist ihnen versagt, sie mssen die Strahlen des Lebens in dem
Brennpunkte ihres Herzens vereinigen, um, eine einzige Glut vor sich herwerfend,
sich eine Bahn durch die Goldadern zu glhen, wo andre mit tausend
Hammerschlgen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen
emporgeworfenem Schutte, der Pyramide ihrer Endlichkeit. Hier im Lande klettern
die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Hhe, um sich in der Kunst des
Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu ben.
    Ich habe ihn von mir gedrngt aus Liebe zu ihm. Er ist zu sehr fr das
Ganze, und mit zuviel Kraft ausgerstet, als da ich ihn htte untersttzen
drfen, sich im Einzelnsten, in mir zu verlieren. Er ist nicht fr mich gewesen;
wo htte ihn sein Engel besser hinfhren knnen als in Ihre Arme, wo alle meine
Unruhen entschlummert sind?
    Lieben sie Ihren Gast, wie Abraham den Engel liebte, der ihm verkndigte,
da ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe.
    O ich bin sehr stark geworden, ich werde der Zeit nicht vorgreifen, auch
nicht fr Sie. Es wre zuviel, wenn ich vor Ihnen entwickelte, was ich ahnde,
beinah versichert bin. Die lose entwurzelte Eiche wrde mit allen den einsamen
Reben, die sich innig an ihr hinaufschlingen, hinabstrzen ber den Berg
Gethsemane ihres Lebens, und von neuem in den Grbern ihrer Freude wurzeln. Ich
glaube fast ganz, da die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden, aber dann
werden Sie nicht vor Freuden sterben, Sie werden leben und Jahre mit unendlich
tiefen Stunden.
    Gro und reichlich ist der Tisch des Herrn, und jeglicher hat seinen
freudigen Wein neben sich stehen, und wie er trinkt, so geniet er. Spter,
frher und zu frh ergreifen die Gste den Becher. Viele nippen sparsam vom
Rande, und wahrlich ihre Hflichkeit ist dem Wirte und seinem Reichtum ein
Schimpf, scheinen sie doch aus der Provinz, aus irgend einer Marktflecken-Welt
des Universums hier zu Tische, und wollen fast gentigt sein. Dies sind die
determiniertesten Herren, in jedem Augenblicke bereit und geschickt, nach einer
kurzen krftigen Rede fr die Tugend auf der Henkerbhne zu sterben, und trfe
jeden seine Geschichte nach seiner Anlage, so wren diese Leutchen ein
ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern, und an ihnen allein wrden alle Exempel
statuiert. Sie treten mit beiden Fen auf dem Laster herum, und tragen auch die
haltbarste Moral so ab, da man die Fden zhlen kann. Ohne allen Begriff fr
eine edle Natur, kmpfen sie sich an der Tugend zu Tode. Ihre Herzensgte sieht
ihnen zu den Augen heraus, wie ein fauler Hausherr, der immer in der Schlafmtze
am Fenster liegt. Andere Gste fassen zu derb zu, sie leeren den Kelch zu
schnell, und trinken sich krank in Gesundheiten, bersttigt sitzen sie am
Mahle, wie ein nchternes belbefinden nach einem tollkhnen Rausche; es sind
genialische Renommisten, Sklaven der Freigeisterei, und meistens Parvenus im
Leben. Sie wollten das Mahl begeistern, und fressen die Begeisterung, und viele
unter ihnen, die sich Philosophen nennen, haben keinen andern Wunsch, als ihren
eignen Magen zu verschlingen; sie gehen stolz in so weiten Schuhen, da sie in
den Schuhen gehen, mit denen sie gehen; zu gar nichts knnen sie gelangen, weil
sie alles sind, ohne irgend etwas zu haben, und sollten nur sich selbst umarmen
lernen. Viele sitzen noch mit zu Tische, auch wohl welche, die den Spargel
verkehrt essen, oder witzige Devisen zum Munde fhren, und so alle Arten. Doch
unten am Tische, wer hat die stillen Kinder vergessen, die Lieblinge des Wirtes,
die ruhig harren, und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht stren
wollen, und seine Freude? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen, und den
sen freundlichen Wein des Nachtisches, da sie frhlich von dannen gehen. Die
Gste verlassen den Tisch, sie gehen nach Hause, oder werden nach Hause gefhrt,
so wie jeglicher getrunken hat. Wenige und auch Sie, freundlicher Greis, stehen
am Ausgange, sie haben das Ihrige nicht genossen, und teilen es frhlich dem
bermigen und Unmigen mit, da jener nicht hungernd von dannen gehe, und
dieser nicht leer. - O! Ihre Freuden, Werdo, haben Sie sich selbst gepflanzt,
wie die Reben um Ihre Htte. Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt, den Sie
selbst erst urbar machten, Sie haben sie erzogen. Dankbar werden sie sich um
Ihre wankenden Kniee schmiegen, Sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr
fhlen, wenn Sie durch diesen Frhling wandeln. Grne blhende Lorbeern
schlingen sich durch die silbernen Locken des grten Helden des Friedens, sanft
umschatten sie Ihren nackten Scheitel, und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres
Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab.
    Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen: wie gefllt er Ihnen, hat er Sie nicht
erheitert? Sprechen Sie mit ihm ber mich; doch nicht eher, als Sie merken, da
sein Umgang mit Tilien bedeutender wird, denn ich bin versichert, da er sie
schon liebt, oder doch lieben wird. Sie werden ihn dann sehr berraschen, und
gewi eine Seite ganz an ihm kennen lernen. Es ist schwer, diesen jungen
Menschen ganz zu beurteilen, denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrcke
beherrscht, und der, welcher vor ihm steht, mu nur zu oft falsch ber ihn
denken, wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt. Nur das reinste und
einfachste Wesen, nur ein Weib ohne Trne und ohne Flitter wird ihn begreifen,
und lieben. Er ist der Spiegel der trbbarsten und beweglichsten Flut, und
nichts als ein Spiegel. Wie die Welt vor ihm liegt, so sieht sie ihm aus den
Augen, das grne Blatt, das auf ihm schwimmt, ruht auf seinem eigenen Abbilde,
und der unendlich hohe Himmel, der auf ihn herniederblickt, sinkt seinem Bilde
entgegen, das aus seiner Tiefe heraufschwebt. Stehen Sie ruhig vor ihm, und Sie
werden sich selbst verschnert sehen, und fllt eine Trne in den Spiegel, so
werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Flche zerrissen sehen. Er kann nur durch
Liebe, die heftigste, ruhigste Liebe, in der ihm die schnste Menschlichkeit
gttlich dnkt, ruhig und unendlich viel werden. -
    Ich bin whrend vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen, und habe nicht mehr
getan als ihn geliebt und mich von ihm lieben lassen. Seine Schmeicheleien habe
ich sanft zurckgewiesen, seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne
Neugierde freundlich angehrt, und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen
gefchelt, wenn die Glut seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte. -
    Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen, und meine weibliche Eitelkeit glaubte
ihm noch ein groes Geschenk gemacht zu haben.
    Als ich einstens, unruhig ber sein langes Auenbleiben, abends nach Tische
mich an meinen Schreibtisch setzte, und in meinen lteren Papieren herumsuchte,
fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Torheit
zurckgezogen, aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausfhrten.
Sie hatten damals alle meine Papiere in Pcktchen zusammen gebunden, und ich die
berschrift gemacht. Ich habe heute aber erst bemerkt, da auch Sie die
Pcktchen damals berschrieben haben. Nun fing ich an, meine und Ihre
berschrift zu lesen:
    Briefe voll wahrer Liebe, voll Uneigenntzigkeit des Lords Wallmuth, der
meine Gesinnungen und mein Herz schtzte. Ihre berschrift - dessen
Bekanntschaft also itzt von Ihnen erst gesucht werden sollte, weil Sie itzt erst
den Entschlu fassen, ein Herz und Gesinnungen zu haben.
    Ich schmte mich, und las weiter:
    Bemerkungen ber einzelne Tage in einem Umgange mit Lord Derby und
Chevalier Rosier, Beweise meiner innigen Freude ber die untadelhafte Reinheit
und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Mnnern. - Freude
eines phantastischen Kindes ber Schneeflocken, Seifenblasen und Tagtierchen,
denen man keine Minute stehlen darf, weil es ihre Jahrzehnde sind. Wehe mir,
mein Freund bleibt lange aus! Se Stunden des Trostes in meiner mhsamen
Arbeit, keine eitle Trin mehr zu sein, Resultate meines Umgangs mit Karl von
Felsen. - Sonnenfleckchen, Minutenlichter, die ich, mit dem Spiegel meiner
Toilette, einer Sonne und der Welt, die sie erwrmen sollte, gestohlen habe, um
sie durch die langweilige Nacht meiner Moralitt hpfen zu lassen. -
    O! das war zuviel, lieber Werdo, mssen Sie mich noch einmal mit Ihrem
kalten Ernste beschmen - so tief hat die Torheit in mir gewurzelt, da ihre
Narbe noch zeichnen mu. Karl von Felsen und Godwi, steht ihr nach Jahren noch
in der Parallele? Ich erwachte aus meinem Traum, tief rhrte mich die
Entheiligung Ihres Angedenkens, ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre
Lehren vergessen. - Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich
betrogen hatte, und so sehr beschmend mir es war, ihn mit solcher Sehnsucht
erwartet zu haben, so s war mir es jetzt, die Minuten zu zhlen, bis ich
seinen leisen Tritt vernehmen wrde.
    Es ist eine sonderbare Empfindung, in der nmlichen Handlung rckwrts Reue
und vorwrts Freude zu empfinden.
    Ich gab mir alle Mhe, mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich
verlie meine Stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend
blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher sen
Annherung, trat in die Bibliothek, verhllte meinen Busen, damit mein Herz
nicht zutage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte
Pcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich
sah auf die Bildsule der Pallas, der ernste sprde Umri der Hohen stach
schwarz von der letzten Dmmrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so
ziemlich mit der Idee beruhigt, da ich auch so eine Pallas wre. Der leise
Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches
Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen groen Sprung muten
meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? - O der
Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine
liebenswrdige Gestalt, sein ses Geschwtze gedacht, und recht mitleidig
berlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.
    Ich hatte alles vergessen, Sie und mich - der Ku, den er mir raubte, hatte
den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestrzt. Der Kontrast war so
gro, da er mich strkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn,
gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun mute
ich befehlen, und er reiste.
    Ich wei nicht, wie ich es anfing, da er mich nicht verstand. O er htte
ohne vielen Scharfsinn bemerken knnen, da mir mein Befehl soviel Mhe kostete
als einem jungen Frsten sein erstes Todesurteil. Ich bemerkte sehr deutlich an
seinem stummen Erstaunen, da er von mir so etwas gar nicht erwartet htte. Er
konnte mich nicht begreifen und meine Klte an diesem Abende noch weniger zu
seiner grern Khnheit passen. Mit einem rhrenden Ernste fragte er mich: Habe
ich Ihre Liebe verscherzt? und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die
mich zur Lgnerin und Heldin machte: Nein, ich habe sie Ihnen genommen. Er
verlie die Stube.
    - Er wohnte in meinem Hause, das htte ich frher schreiben sollen, und
warum ich es so spt als mglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer
Stirne frchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bei Ihnen, Sie
werden den Reiz und die Empfnglichkeit, die Migkeit und die Entsagung gerecht
zusammenstellen.
    
    Er war nach seiner Stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, da
ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch
mein Glck? Htte ich ihn gesehen, htte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte,
mchtiges Bitten gewesen, o ich htte ihm nicht widerstanden.
    Wer ist der groe Mensch? der auftreten kann und sagen: Ich habe eine
Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Mhe und berwindung kostete. Ich
habe alle meine Leidenschaften bekmpft, und habe mir den sesten Genu
geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begnstigt, der Zufall, die
Umstnde waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich
habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand.
    O du groer Mensch, ich bin nicht im uersten Grade mit dir verwandt. Und
du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehn, denn du
kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und
unntz. Unglcklich kannst du nicht sein; was soll dir denn deine Macht? Aber
gro kannst du allein sein. Wenn du Gutes tust, so tust du es frei und
unabhngig, selbst gegen deinen Genu - Wo ist denn nun hier wieder das
Verdienst; ist es dir nicht leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo
ist irgend ein Verdienst? Keine Gre ohne Selbstberwindung - auch du kannst
nicht fortdaurend gro sein, du bist es nur bis zur Tat, und diese ttet deinen
ganzen Ruhm - Wo soll ich sie denn finden, die Gre? sie ist ja nie da.
    Ich sa so verlassen, so trostlos auf meiner Stube, ich wollte ihn bitten
lassen, wiederzukommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf
dem Tische stand, und ergreife das Pcktchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir
unter den Fingern, und ich htte fast einen Schrei getan, wie der Geizhals, dem
ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine
glhende Mnze in die Hand drckt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich
setzte mich nieder, an meinen unglcklichen Liebhaber zu schreiben.
    Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstck von
berwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft,
rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung,
schilderte ihm meine Grnde nochmals so dringend, als ich konnte, und sah am
Ende des Briefs wohl ein, da ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern
Plan, meine Geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht
haben wrde. Aber der schne durchdachte Brief voll Selbstberwindung sollte
umsonst geschrieben sein? - Nein - ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man
uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.
    Die Liebe sagte mir: Giebst du ihm den Brief, so mut du ihn nochmals
sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es Notwendigkeit; aber die
kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! - ich wollte einen
andern schreiben, da schlug es drei Uhr des Morgens, um sechs Uhr reist er ab,
es ist zu spt - ich sann, und eine alte etwas vernachlssigte Freundin benutzte
meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abenteuerlichkeit
mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschlo mich, in seine Stube zu
schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde
abgendert in: Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu
erffnen, bis ich es ihm melde. Molly.
    Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bei der Sache, spannte meine
Neugierde bis zur Angst. Es war alles so stille, ich hrte mein Herz doppelt
schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und auer mir
wollte es gar nicht vier Uhr werden.
    Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe ber den Hof nach dem
Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener
mich bemerkten - wie die Hhne schon krhen - die Rosse stampfen - es ist frh
und duftig - der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur
Wachsamkeit macht - so, nun bin ich vorber. Seine Vorhnge sind noch
vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe
hinaufgetragen, alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und
widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die
Tre der Stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm
umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt
htte, aber dabei blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schmte
mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Trne fiel auf seine
Wange, und mein leiser Ku schwebte ber den sanft geffneten Lippen. Es war die
schwchste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Sto
geben, da ich hinab in die tollkhnste und seste Umarmung gesunken wre. O
ich htte weinen knnen vor Unwillen, da die Schwche so schwach ist, da sie
mich nicht in seine Arme werfen konnte, und nicht zurck von der Stelle bewegen.
Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe, der nimmer fllt und nimmer
zurckweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der
Bediente sa auf dem Stuhle, er erwachte, rieb sich die Augen, ffnete sie etwas
unmig, und grte mich etwas berlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu
schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sei. Ich wei nicht, was ich nachher
dachte und tat, als ich wieder glcklich unten war; um zehn Uhr fand ich mich in
meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach Hause zu
fahren.
    Ich habe gesiegt, und da ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein
Wert, es ist das Gefhl der Gre meines Kampfs. Er ist weg, nicht ohne Trnen,
ich bin zurckgeblieben mit dem Bedrfnisse nach einem Menschen wie er. Der
Abschied war in der Dmmerung, und das ist mir Strke gewesen. Htte ich lesen
knnen, was in seinen Zgen geschrieben stand, ich htte nicht widersprechen
knnen. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in
der Dmmrung des Abends, und so ist ihm ein bergang gewesen von meinem
deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dmmerung des Morgens, und
nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so
erregt bin ich, ich trume auf meinem Sopha, das ich so sprde abends verlassen
hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rcht. Auf das eine
Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich
mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine
Nachlssigkeit ber mich, und meine Umstnde scheinen mir wie Grenzen, die ihren
Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein
Genu aus mir heraus ber diese Welt verbreiten, das gewhnliche Leben ist mir
wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstrt den Raum dazu.
Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der
unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung. -
    Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn
die Kunst kann mich nicht trsten. Allgemeine Trumereien ber die Kunst sind
mir am zulnglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe,
aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm und sind der Weg
meiner Pflicht zu meiner Snde. Wer mit einer solchen Ttigkeit in dem Herzen
der Natur liegen kann wie ich, dem gengen ihre einzelnen Sinne nicht, die in
das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind. Und was ist das Herz der Natur
anders als die Minute, wo sich die Arme umschlingen und alle Trennung ein
Einziges wird, und was ist die Umarmung der Liebe anders als der geistigste und
krperlichste Gedanke des Lebens, wo alles nur die Kraft wird, zu bilden, ohne
zu reflektieren, das Objektivste ohne Bewutsein, das Kunstwerk der Genialitt?
Wenn wir die Kunst nur kennen, so werden wir auch Knstler werden knnen -! Ja
es giebt auch gesunde Kinder der Ehe, aber die Kinder der Liebe sind
genialischer, und schner, und fhiger.
    Ich will umarmt sein, indem ich mich selbst umarme. Ewig kehre ich an den
hnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines
Umgangs mit einem Hheren, wie an dem Anblick schner Zerstrung in verflone
Zeit der Jugend und Flle des Werks, zurck. Dort scheint mir der Sinn des
Wortes zu liegen, das nur noch silbenweise um mich tnt, als wre nur noch eine
Silbe der Zeit da, die es ausspricht. Das Element ist in dem ganzen Raume
verbreitet, aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge, in einsamen
Klften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende. O ihr
werdet sie nimmer zwingen, in den huslichen Brunnen zu dringen, ihr werdet sie
nicht durch die Fontainen eures Marktes knstlich dem Himmel entgegentreiben,
hchstens zum Schauspiele knntet ihr sie gebrauchen, wenn ihr sie leiten
knntet, denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank, um das Reine zu ertragen.
    Mir steht die Musik, die Malerei und Bildnerei und die Poesie itzt da wie
eine Relique des Ganzen, das die Liebe ist, und das mir auch die meinige immer
war. Ich habe das alles umfat in Einem, der das alles im Einzelnen nicht war.
    Der Tempel ist ber mir zusammengestrzt, und mein Gebet, das so frei und
unwillkrlich an dem Gewlbe der Kuppel sich in Worte rndete, durch die Rume
der erhabenen Sulenordnung in Takte zerklang und in ihren Kronen liebliche
Tonspiele umarmte, ist mit dem Echo zertrmmert. Am freien Himmel hallt es nicht
wider, und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zurckesinnend an
den schnen Trmmern, die alle zu Altren geworden sind. Soll ich Opfer bringen?
Ein Opfer ist keine Liebe, es mte sich sonst selbst entznden. O dieses
Nachsehen, und dieses Nachhallen!
    Wenn ich Musik mache, so ist mir jeder einzelne Teil so traurig wie ein
Brief an eine ferne vertraute Welt, die mich miversteht, weil sie den Takt
meines Herzens, meinen Blick, das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie,
die Schwche der Maschine und die Tyrannei des Hebels nicht sieht, den mein
Krper so ungeschickt zwischen mich und meine uerung hinlegt; und doch ist
dieses Stammeln, dieser Kampf zwischen Wollen und Knnen ein Mu, dem der Vorzug
einzelner Tne vor einer weiten stillen de wenig Reiz giebt, denn der Starke
ist lieber tot, als er tndelt.
    Doch spiele ich, ich spielte anfangs fremde Erfindung. Das dauerte nicht
lange, es war mir, als schriebe ich an die ferne Welt, um an der
Unzulnglichkeit schuldlos zu sein, aus einem Briefbuche ab, und schmte mich.
Als mich mein Freund begleitete, fand ich in dem Einstimmen seiner Flte in
meine Akkorde wenigstens das scheinbare freie Schaffen der Liebe zu hnlichen
Gegengenssen, wie das Schachspiel ein geistreiches Gesprch scheinen kann. Wer
seine Fltenuhr akkompagniert, oder mit sich selbst Schach spielen mag, der mu
mehr Kraft als Stoff haben, und das habe ich nicht. - Ich phantasierte, und
sprach mich ganz aus, aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung, ich wrde
selbst ein wildes gestaltloses Lied, das ewig aus sich selbst ringt, und nie
wieder in sich zurckkehrt: dies war mir schrecklich, ich erschien mir wie eine
kalte Bildsule, die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht, ohne Ruhe
zu sein, und auch dies war frchterlich. - Habe ich denn nichts, wenn man mir
nichts giebt, und bin ich denn nichts, wenn ich nicht durch die Augen eines
andern gesehen werde? Kein Genu ohne Auswechselung; ich hatte gesungen, und
niemand hatte mich gehrt. Der Ton, der nicht gehrt wird, ist nicht da, ich
hrte mich nicht mehr, denn ich sang mich.
    Ich sang dann in ffentlichen Konzerten und berauschte mich in der
allgemeinen Stille. Es war keine Eitelkeit, es war das Gefhl, als breite ich
mich ber alle aus, mit weiten tausendfachen Armen, indem ich mich aus mir
selbst in eine groe Hhe verfolgte, und wenn ich mich in diesem Zustande in
einem Bilde aussprechen sollte, so war ich der Strahl eines Springbrunnens, der
aus der Mitte eines Bassins emporsteigt, sich in den Sonnenstrahlen spiegelt,
und wieder zurckfllt. Es freute mich, da ich Reize genug besitze, mir selbst
alles geben zu wollen, und doch noch die Menge zu rhren. Da aber ihr Beifall im
Hndeklatschen ber mich herfiel, war der schne Traum geweckt. Sie schienen mit
Gewalt aus sich herauspochen zu wollen, was ich in sie hineingesungen hatte. Die
Mnner hatten allein geklatscht, ich verachte die Galanterie wie gemachte
Blumen, und will keinem mehr gefallen. Der scheinbare Umri der Musik, sein
ewiger Wechsel, und dabei doch die Sklaverei gewisser Verwandtschaften, Fesseln,
denen man nie entgeht, und die, wegen ihres Spielraums, doch solchen Reiz der
Freiheit hinbieten, ihre bildlose Flle, die ich zu tausend Bildern schaffen
kann, diese unerschpfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen Teil sie
nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfate, ngstigte mich
zuletzt, als htte ich ein Spiel in Hnden, das sich khn ber den Meister
erhebt und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst wrde.
    Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu sein, da mir
nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genu werden kann. In
seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerei meiner Welt
deutlich aus. Wenn er an meinem Arme im Garten auf und ab ging, waren mir die
Tne der Natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Tne der Kunst. Er war
mir der Mittler; indem ich mich mit ihm verbunden fhlte, war in ihm alle Kunst,
ohne die Hrte des Alleinstehens, leise aus der Natur weggeleitet, und so leise,
da keine Verwunderung, keine Unerklrbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich
war zum Selbstbewutsein gekommen, da ich vom uern und das uere von mir
unzertrennlich sei, und da wir in einer freundlichen lebendigen Abhngigkeit
voneinander leben.
    Es ist mir nur immer, als htten die Menschen, da die Liebe die Erde verlie
und mit dem sesten, ttigsten Nichtstun, mit dem Bestehen durch aus sich
selbst wrkende unendliche Kraft die schreckliche Mhe und die Maschinerie ohne
Perpetuum mobile abwechselte, als htten damals die Menschen in schneller Eile
das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stckweise
errettet und in knstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die
einzelnen Knste, deren Zusammenhang sie ngstlich zusammensuchen, und sie mit
den Resten des allmchtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen.
Mir stehen sie itzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksulen
verlorner Gttlichkeit, die uns ewig winken; wir sollen hin zu jener Welt, die
vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher Sehnsucht erwarten.
    Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen gttlichen Aposteln, die in alle
Welt versandt sind, und werden von den gttlichen Trmmern eines Ganzen gerhrt,
das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unsrer eignen Schnheit in
weinender Rhrung - und die beste Theorie der Kunst scheint mir immer
antiquarisch und unzuverlssig. Obschon es ein schnes Beginnen ist, die
gttlichen Trmmer mit Mhe zu ergnzen und zu erlutern, so bleibt mir doch der
Gedanke traurig, da wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen mssen,
um in unserm Einzelnen die wenigen Strahlen, die das Verlorne zurckgelassen
hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten
Gliedmaen herzustellen, die den Torso ergnzen sollen.
    Wenige Schne sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos
fhlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die
freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken
sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem
eignen Bilde die Welt in sich zurck. Sie durchstrmt das Leben, das sie selbst
durchstrmen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen,
schafft unwillkrlich wieder in ihnen. Wie alle mit der sen Gewalt der
Geschlechtsliebe im Innern auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit
der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im
Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der
Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und hnlichkeit des Liebenden tritt, so
spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gottheit, in schnen
Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer hnlichkeit trgt
und dieser Form ein Leben im Einzelnen giebt. Durch eben diese Vereinzlung
werden wir sonderbar gerhrt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit
in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und
wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und
wodurch wir leben. - ber ein schnes Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als
ber ein schnes Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhngen und
ich zu der ersten eine grere Fhigkeit habe. Je mehr der einzelne Teil der
Gttlichkeit in dem Werke in sich selbst gerndet ist, je weniger schmerzhaft
dem Blicke der bergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle
Verbindung des Lebens ist, je schner ist das Werk, je reiner, je vollkommner
ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu
mahnen.
    Die meisten Verbindungen der Knste zu einem Einzelnen werden mir daher
grlich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und
Wachsfiguren knnen mir nie schn werden. Unsre Stmperei erscheint hier
verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten
Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst
nicht angehrt, sondern dem Lichte. - Deswegen sind Augpfel an der Bildsule so
unertrglich. Denn eine Bildsule soll nur die Oberflche aussprechen, sie
erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenuerung
von auen nach innen geht. -
    Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem
Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja htte ich das reizende
Bild in mir, das mich in ser Bewunderung auflsen kann, bestimmt mit allen
seinen feinsten Umrissen, wie es in meinen Glauben, meine Liebe, in mich selbst
hinberschwebt, ohne Grenze ewig und vollkommen, und knnte ich es fest, wie es
nur die Allmacht kann, auf eine Stelle hinbannen, ohne ngstlich die Linie an
die Linie, den Punkt an den Punkt zu reihen - o des Mechanismus im Lebendigsten!
- so wrde ich malen. Wo ist der Knstler, der sich erreichte, und wer kann im
Staube nachbilden, was seine Seele ahndet? Die groen angestaunten Bildner geben
mir nichts als das Gefhl ihres bergewichts. Wir stehen in Staunen hingerissen
vor Bildern, die wir nicht begreifen knnen, wir schreiben dicke Bnde ber
Gefhle bei einzelnen Kunstwerken, die uns unerklrbar sind. Sein Gemlde, das
er in der Seele trug, hat der Knstler nur hingestmpert, und das Gemlde unsrer
Seele bei weitem bertroffen; ihm selbst wird kein reiner Genu, denn es ist
unedel, im Gefhle des Schwcheren den Strahl seiner Strke brechen zu lassen.
Darum mu man weit ber mich erhaben sein, um in seinem stets milungenen Werke
mein gelungenstes Ideal hinzustellen, und ich selbst kann mich also nicht damit
trsten. Ja es ist mir mehr Genu, mich, durch den leisen schwimmenden Nebel der
Ahndung von meinem Geiste getragen, bescheiden dem grten Bilde meiner
Phantasie zu nhern, als es schndend zum Spotte meiner Augen in
Handgreiflichkeit vor mein Errten herabzuzerren. brigens ist in meinen Idealen
der bergang, der Wechsel, die Beweglichkeit zu reiend, um sie je in den
stillen bildenden Knsten zu suchen; nicht der Blick, nein der Augenblick des
Blicks, ist meine Sehnsucht, nicht die Bildung der Glieder, nein der Tanz, reit
mich fort.
    Wenn ich vortreffliche Kupferstiche oder Gemlde betrachte, berfllt mich
eine Bangigkeit, eine Unruhe, die oft in Schwermut bergeht, wenn gleich diese
Gemlde diese Empfindung nicht schildern. Ich glaube diesen Eindruck durch das
Gesagte hergeleitet zu haben.
    So ergeht es mir, lieber Freund, in den einzelnen Knsten; wie sollte es mir
besser gelingen in der Seele aller, in der Poesie? Bin ich doch selbst ein
Gedicht, und meine ganze Poesie. Aber ich lebe in einer Zeit, wo die schne Form
verloren ging, und so fhle ich mich gengstet, und unglcklich, weil ich nicht
in meiner eigentlichen Gestalt lebe. Nimmer werde ich der Welt ein Lied
hingeben, denn sie giebt mir nichts hin. Die Gedichte der Natur, sie gehen
stille vor mir auf und nieder, und ich traure, wenn ich in das Morgenrot sehe,
und in das Abendrot, in den heien treibenden Tag, und die tiefe volle Nacht.
Sie rhren mich, als trten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gieb uns
eine Seele und ein Leben, da wir deinesgleichen seien, da wir mit dir sein
knnen und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in
mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht
befestigen. Im Leben mu ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann
ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem
Geliebten mu die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich
umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich
habe gedichtet.
    So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so
ist wohl durch die Stummheit mancher Snger verstummt, so wie der grte Maler
blind, und der grte Tonknstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letztern
bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden,
und sie sind Maler, Snger oder Tonknstler geworden durch die grere Macht
eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemlden des Blinden eine
Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemlde. - Nur
der Grte und Gesundeste und Freudigste kann ein groer Dichter werden, der
alles dichtet, denn wem die Macht der Ausbung und des Stoffs, das Leben und der
Genu im vollen blhenden Gleichgewichte stehen, der wird und mu ein Dichter
werden.
    Menschen mit voller Lebensfhigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe
mit dem geregelten Leben. Sie sind blo fr das Dasein, und nicht fr den Staat
gebildet. Schmerzhaft schlgt sie die brgerliche Gesellschaft in das eiserne
Silbenma der Tagesordnung, und sie kmpfen, und verderben, weil die Liebe in
ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingeznftet ist. Husliches Glck
und gesellige Freude trgt man ihnen auf, die nur weltliches Glck und Freude
des Universums erkennen. Viele, die frhe schon in diesem Kerker eingefangen
sind, ja die in ihm die Augen erffnen, siechen mit ihrer grern oder geringern
Anlage fort, oder brechen durch bergroen Reiz einseitig hervor, und der
geringste mu wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich
im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind
Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit. -
    Nimmer werde ich das wunderbare Mdchen vergessen, die ein junges Opfer des
Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glcklich, da ich noch
unfhiger meine Glut in unbestimmte Sehnsucht ergo, und doch wendete ich mich
schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war
eine Schottlnderin, und ihren Eltern entflohen. Sie ward dem Prediger, der mich
erzog, zugefhrt, man hatte sie bettelnd in den Straen aufgefangen und meinem
Pflegevater berbracht. Sie sagte ihren Namen nie, so sehr man sich darum
bemhte, denn sie frchtete sich, zurckgebracht zu werden. Nach dem Tode meines
Pflegevaters, der bald darauf erfolgte, blieb sie bei mir, und war enge mit mir
verbunden. Sie arbeitete nie, ja sie hatte einen seltsamen Abscheu vor der
Arbeit, was sie auch bewogen hatte, ihre Eltern zu verlassen, fr die sie nicht
ohne Zrtlichkeit war; aber auch diese Liebe war ihren Eltern nicht begreiflich
gewesen, wie ihr Abscheu vor der Arbeit, wegen dem sie von ihnen fters hart
behandelt worden war. Ich fand sie einstens abends im Garten auf dem Angesichte
liegen, und erschrak, weil ich glaubte, es msse ihr etwas zugestoen sein. Ich
rief sie, da sprang sie auf, nahm mich bei der Hand, und lief mit mir den Garten
hinaus, nach unsrer Wohnstube. Ich war heftig erschrocken, und da ich sie
dringend bat, mir die Ursache ihres Zustandes zu erklren, sagte sie mir: Sieh,
ich sa im Garten, und sah die Abendsonne, ich war froh und glcklich, denn es
war alles schn; aber pltzlich zerri sich der Himmel, und es war alles noch
herrlicher, und immer anders, und wieder und wieder, da konnte ich es nicht
allein ansehen, es war zu viel und zu schnell. Mir fiel ein, da meine Mutter
einstens sagte, wie der Abend so schn sei, und mir die Trnen dabei in die
Augen traten, weil ich nicht drauen am Walde sein knnte; da nahm mich meine
Mutter hinaus in den Wald, setzte sich zu mir, und ich liebte sie unendlich,
aber sie lief wieder zurck an die Arbeit, und war traurig, da sie nicht
dableiben durfte. Wie ich nun itzt im Garten sa, und den schnen Wechsel der
Farben ansah, fhlte ich, da meine Mutter itzt an der Arbeit sitze, und dies
nicht sehe, und dies nicht; so warf ich mich denn auf das Angesicht, um es auch
nicht zu sehen, denn es zerri mir das Herz, da die Farben so schnelle
verschwanden, und nicht warteten, bis wohl die Arbeit meiner Mutter vorber
sei.
    So war ihre Liebe, die Vorstellung des Todes war ihr nur frchterlich,
insofern sie frchtete, die Sonne nicht wieder zu finden, und den Mond; ob ein
andrer strbe oder lebte, das rhrte sie wenig. Nie waren wohl verschiednere
Menschen verbunden als wir beide. Zwischen ihr und der toten Natur war kein
Mittler ntig, so wie ich kein Interesse fr die tote Natur habe, wenn sie sich
mir nicht im Auge eines andern reflektiert. Der Abend- oder Morgenschimmer an
den Bergen bestimmte ihre ganze Glckseligkeit. Jeder schne Morgen war ihr ein
freudiges Geburtsfest, jeder Tag ein glcklicher oder unglcklicher Freund, und
jeder Abend ein Tod. Sie stiftete einzelnen Tagen, die ihr besonders lieb
gewesen waren, Denkmler, indem sie einzelne Blumen pflanzte, oder mehrere in
eine bestimmte Ordnung stellte. An einem hnlichen Tage erinnerte sie sich immer
des verflossenen, und lebte mit der Zeit und ihren Gliedern in einer wunderbaren
Verwandtschaft. Bei mondhellen Nchten war sie voll freudiger Wehmut, und sie
sa dann oft in einer wunderbaren Begeisterung im Garten. Sie nannte die Nacht
die enthllte Zukunft und Vorzeit, jeder Stern war ihr das Bild eines Tages in
weiter Entfernung, der vorbei sei oder komme, es ergriff sie dann eine heftige
Sehnsucht, und sie schien sich selbst nicht gegenwrtig; ich eile nach und eile
entgegen, so drckte sie ihren Zustand aus. Sie liebte am Tage, und betete in
der Nacht, dies war ihr Leben. Ich lehrte sie mit vieler Mhe schreiben, und sie
schrieb dann die Geschichte ihrer verstorbenen Freunde, der Tage, auf, schrieb
Briefe an sie, und dichtete im Winter elegisch. Sie entwickelte meine Anlage zur
Schwrmerei, aber meine Schwrmerei war die der Sinnlichkeit. Wenn sie in den
weiten Himmel sah, so berhrte ich ngstlich, mit wunderbarem Entzcken, die
Bltter und Blumen der Pflanzen, ich sa oder lag immer in mich selbst
verschlungen im Garten, wenn wir solche Nchte zubrachten, und sie stand
aufrecht und frei, mit gehobenem Gesichte. So trennten wir uns im Innern schon
bestimmt, wie wir uns nachher ganz trennten. So wie ich geschlone heimliche
Gegenden liebte, so war es ihr hchstes Entzcken, von Bergen oder Trmen weit
hinaus zu sehen. Auch hatte sie das Bedrfnis nicht, sich mir zu nhern, wenn
sie mit mir sprechen wollte; jede Entfernung, die die Stimme bequem erfllen
konnte, war ihr schon hinlnglich und lieber als Annherung, und jede Umarmung
war ihr unertrglich. Sie erschrak leicht, wenn sie von ungefhr meine Hand oder
irgend etwas Lebendes berhrte, und war, bei einem hohen Grade von Schnheit,
mit wunderbar durchsichtigen Bewegungen und Mienen, das keuscheste Weib durch
Anlage. -
    Sie liebte mich, weil ich sie duldete, sonst empfand sie keine Neigung zu
mir, noch zu irgend einem andern Menschen. Als Godwi mich kennen lernte, als er
mir immer nher kam, und endlich am nchsten, war sie in ein kleines
Gartenhuschen gezogen, und in der Nacht, in der ich Karln gebar, verschwand
sie. Vier Jahre nachher fand ich zufllig eine Sammlung von Gedichten in London,
die ich fr die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der
Herausgeberin, da die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die
Herausgeberin war.
    Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte,
mehr gedichtet als gewhnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar
gerhrt. Es ist mit dem Namen des Tags nach der Geburt Karls berschrieben, da
sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem Monde, der
Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu Tode singt, weil
sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder
allegorisch fort, und nhern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich
selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So
klagt sie, da der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch
ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dmmerung, die schon mehrere Wochen
daure; dann ein Ruf an die fliehende Natur, die Bitte, nicht so schnell zu
fliehen, damit das Mdchen mitknne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in
dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie
beschreibt in ihm, wie sie in die tote Natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle
wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie
bis itzt der toten Natur getan habe. -
    Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, da ich immer auf
den Verfasser zurckkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen,
gleich berrasche ich mich auf dem Gedanken: Welche Seele! die so dichtet, und
nie habe ich die Schnheit des Werks, immer nur die Kraft und die Flle des
Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist mchtiger als Malerei; wie mir jene
Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflgelung desselben oder doch
wenigstens vlliges Erreichen. In der Poesie bergebe ich das Werk sich selbst,
und die Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die
ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erflle
mit einer ebenso groen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhlt sich in
ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben,
die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrngtesten Gestalt
empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das
Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern
aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen bergeben, da ich in der Malerei das ganze
weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschrnken mu, ich mu einen
Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die
Sprache erreichen wollen. - - Die Besinger sind den Malern so unhnlich als die
Snger den Bemalern - der Dichter ist grer als der Maler, denn der erste hat
mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er
dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied wrde das werden?
    Alles dies hatte ich gedacht; und gefhlt, da die Kunst mir nimmer die
Liebe ersetzen kann. Diese knstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn
fand - o knnte jeder, der einen Miton in der Liebe griff, sich auf diesen
Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht,
nicht der berdru. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und
wenn ich noch so viele Grundstze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie
wegrsonniert werden.
    Oft ist mirs sehr wunderbar zu Mute mit den Grundstzen, ich kann sie dann
gar nicht begreifen, und mchte dann so ein halb Dutzend Grundstze auf den Kopf
stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundstze,
nein - aus lauter Langeweile. Grundstze? - das ist mir so gar schwerfllig, als
sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von Grundstzen in mir erbauen, um
die Gelsten darinne einzusperren; ich sage die Gelsten, denn wer kann die Tat
erwischen, wenn sie geboren ist? Erklrt sie vogelfrei, sie ist unendlich
geschwind, und fllt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver;
nimmer werdet ihr sie bndigen, denn sie ist das Leben.
    Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so
unangenehm strte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem
Landtage ist, berlassen, und von diesem Bedienten wei ich, da er bei Ihnen
ist.
    Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt
einen Platz in meiner Loge nahm, erzhlte mir viel von einem seltsamen Herrn
Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, da
er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so da es diesem
wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld
ausdrckte.
    Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Mchtigen,
deren Leichtsinn Universalitt, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile
Tiefe, deren Schwrmerei Hhe ist? -
    Kssen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr fr ihre Mhe an Eusebio.
    Sollte Godwi nicht auf diesen Kleinen wirken, und wie wird er es tun?
                                                                           Molly

                 Jost von Eichenwehen an seine Schwester Joduno


Der Papa, liebe Klaudia, hat viel zu viele Geschfte, darum hat er mir befohlen,
zu schreiben, und siehst du, unter uns gesagt, es wre auch ohne Geschfte nicht
so recht seine Sache mit dem Schreiben.
    Man kann es ihm auch nicht verblen, denn zu seiner Zeit gings noch nicht so
rasch mit der Kultur und der Aufklrung, wie es jetzt geht; da denn der Sohn den
Vater immer berschreiten mu. Es geht dir auch jetzt so hllisch geschwind, da
man ordentlich recht auf seiner Hut sein mu, um seinen Vormann nicht bern
Haufen zu werfen. Mir brummt der Kopf vor lauter Bildung, und wenn ich mich
nicht fast allein auf die Taktik und Heraldik legte, so wrde ich sicher vor
Eilen in der Aufklrung den Atem verlieren.
    Mit dem vierten Band vom Akazienbaum bin ich kaum fertig und habe noch viel
von der Pockennot, und besonders vom Runkelrben-Zucker vor mir. Ich mchte des
Teufels werden, wenn ich denke, da unsre Khe so viel Zucker gefressen haben,
den wir htten zu unserm Kaffee brauchen knnen, und so viele Blattern gehabt
haben, die wir htten den Menschen inokulieren knnen. So geht es aber, wenn man
in seiner Kindheit fortlebt. Wenn ich nur wieder zurckkomme, da soll eine ganz
andere Bildung losgehen.
    Das Leben in der Residenz ist freilich ein ganz andres Savoir-vivre, da
herrscht dir ein Ton, der sich darf hren lassen, und du mut mirs verzeihen,
wenn ich manchmal in diesem Brief hie und da so etwas durchblitzen lasse, das
dir Kopfbrechens kostet; aber wenn man einmal in dem Strom der Aufklrung drinne
sitzt, so mu man immer weiter mit fort, und ich mchte mir noch so viel ennui
geben, ich kann mich nimmer auf meinen alten Stil und Schreibart besinnen.
    Ich habe aber auch die Ohren gespitzt, um alles recht zu erwischen, gieb
Achtung.
    Morgens um - - zehn Uhr stehen wir auf, dann wirft man sich in eine
Negligence und hat, man sagt aber nur so, nicht gut geschlafen. Dann geht man in
der Stube auf und ab, bis der Friseur kmmt. Da geht es dann gleich mit der
Bildung an, die schnen Wissenschaften nmlich, und zwar das Theater. Der
Friseur macht alle Percken fr die Schauspieler, und wickelt einen mit lauter
Komdienzetteln auf. Gestern hat er mich mit lauter Familienstcken gebrennt,
und itzt habe ich den Gustav Wasa und Bayart von Kotzebue hinter den Ohren.
    Der Friseur sagt einem auch, was am strksten gelesen wird, denn er sieht
das immer, wenn er die Leute frisiert, wo er recht schne Stellen den Leuten
ber die Schulter weg aus dem Buche liest und auswendig lernt. So hat er mir
auch gesagt, da im Wallenstein recht schne Stellen wren. So komme ich denn so
nebenbei zu den schnen Wissenschaften. Aber ich lese, wenn er mich frisiert,
gewi so kein Buch mit schnen Stellen, weil ich bemerkt habe, da einen der
Mensch dann rauft, und manchmal gar ber den schnen Stellen dieser groen Kpfe
an meinem kleinen eine Stelle sehr hlich macht.
    Im Anfange wollte mir das lange Liegenbleiben des Morgens gar nicht recht
vonstatten gehen; ich hatte schon eine halbe Stunde lang die indianischen Blumen
auf meiner Bettdecke betrachtet, und alle die seltsamen Figuren auf der Tapete,
als ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich machte mich also auf, und wollte mir
die Stadt ein bichen besehn. Die Hunde nahm ich mit, und nun ging es hinaus.
    Keine Menschenseele war zu sehen, nur einigemal kam eine Hetze Soldaten,
guckten mich an, oder fragten mich aus. Auch bin ich in zwei groe
Verlegenheiten gekommen. Du kennst meine Wibegierde zu der Taktik, ich stellte
mich also an ein Schilderhaus und erzhlte einem schnen groen Grenadier, der
drinne stand, da ich hier sei, um auch Soldat zu werden, und noch vieles
dergleichen. Der Kerl antwortete nicht, und da er, als ich ihm einen guten
Morgen bot, mit dem Kopfe nickte, so glaubte ich, da er auf seinem Posten nicht
sprechen drfe, und erzhlte ihm immer wacker zu. Er stand im Huschen drinne,
und ich hatte mich auch so halb hineingedrckt, weil es frisch war in der
Morgenluft. Gerade in meinem besten Erzhlen da ruft es drauen: Rund! ich wei
nicht, was das bedeutet, und ein paar Augenblicke darauf prgelt es derb in das
Huschen herein. Das war dir eine schne Geschichte, rhren konnte ich mich
nicht, und der Soldat war wie verrckt, er wute gar nicht, wer ich war, und ich
hatte ihm doch alles erzhlt. Endlich ging es an ein Examinieren, wie ich
hierherkomme, was ich mit der Schildwache vorhtte. Ich erzhlte alles, aber da
war der Grenadier so undankbar, und schwur, da ich ihn mit meinen Diskursen
eingeschlfert htte. Wir konnten gar nicht auseinanderkommen, bis ein
Branntweinschenke seinen Laden aufmachte, und das Schild, das er eben
heraushngen wollte, unter dem Arme haltend, zu uns hintrat. Da nahm das Ding
gleich eine andre Wendung; der Unteroffizier schlug vor, die Sache bei dem Manne
auszumachen, und die ganze Gesellschaft trank meine Gesundheit bei dem
Branntweinschenken. Ich bezahlte die Zeche, und machte die Bemerkung, wie
uerst wohlttig es im Staate ist, da der Wehrstand und der Nhrstand sich
einander unter die Arme greifen.
    Die zweite Verlegenheit war den andern Tag auch morgens ganz frh. Der Vater
hatte mir abends im Bette, wo er mir denn immer viele gute Lehren aus seinen
Erfahrungen ber den Umgang mit Menschen giebt, vieles von Gefahr mit
Seelenverkufern erzhlt, die einen in groen Stdten wegnehmen, und einen zu
Matrosen machen. Das nahm ich mir besonders zu Herzen, denn ihrer Schlingen,
eine arme Seele zu fangen, sind unzhlige.
    Ich ging wieder so frh hinaus, denn ein Mensch, der Soldat werden soll,
darf sich von nichts abschrecken lassen. Es war auf dem groen Platz, wo die
vielen Bume stehn, da ging ich auf und ab, und denke dir, was das fr ein Wesen
mit den Frauenzimmern in dieser Stadt ist, eine ging schon da auf und ab
spazieren. Sie mute wohl melancholisch sein, denn sie sah gar verwirrt aus, und
tat mir leid. Endlich kam sie auf mich zu, und sagte gar freundlich, sie wnsche
bei mir zu deschnieren, sie sei gar wunderbar gestimmt, und ein wenig hungrig,
auch knne ich zu ihr kommen, neben ihr wohne ein Kaffeewirt, da knne ich die
Schokolade holen lassen. Ich verwunderte mich ein bichen, und meine Hunde
beschniffelten sie. Sie hngte sich mir in den Arm und sagte, es sei ihr gar
hei auf dem Herzen, deswegen ffnete sie das Halstuch ein wenig; dann sagte
sie: Was das doch eine seltsame Krankheit ist, mein Herr, sehn Sie, die Hnde
sind mir eiskalt; da reichte sie mir die Hand, und drckte mir sie sehr heftig.
Ich konnte gar nicht begreifen, was das fr Manieren seien, und fragte sie, wie
sie heie? Ich heie Aurora, erwiderte sie, und erwarte meine Schwester am
Himmel. Ich verstand, da ihre Schwester gestorben und im Himmel sei, da sie
es gar nicht mehr erwarten knne, zu ihr zu kommen, und darum fing ich an, sie
zu trsten. Aber sie guckte mich gro an, und meinte, ihre Schwester werde alle
Morgen geboren. Das machte mich nun ganz verwirrt, es ward mir angst und bange,
denn die mute keinen Vater noch Mutter mehr haben, und nrrisch obendrein sein.
    Sind Sie denn die ganze Nacht hier so spazieren gegangen, fragte ich. -
    Ach nein, sagte sie, ich komme soeben da aus dem groen Hause, da war ich
heute nacht bei Freunden. Gehen Sie doch mit mir, kommen Sie geschwind, ich hre
Futritte, die Wache - Da nahm das Mdchen pltzlich den Reiaus, und hinter
mir kamen Kerls mit langen Stangen, ich lief deswegen auch, so gut ich konnte,
denn es waren sicher Matrosenpresser mit Mastbumen gewesen, und das Mdchen
vielleicht gar eine Schlinge von ihnen. Da ich nach Hause kam, lag der Papa noch
im Bette, und sagte mir ganz ruhig, es wrden wohl ein Fill de Schoa und einige
Karson de Poli gewesen sein, aber das macht nichts aus, ich wei ja ebenso
wenig als vorher, was die im Sinne hatten.
    In die Komdie gehen wir alle Tage, und sind lustig oder traurig drinne, wie
es seiner Durchlaucht gefllig ist, was man leicht an Dero Schnupftuch oder
lautem Lachen merken kann. Manchmal ist man recht in Verlegenheit, wann Ihro
Durchlaucht der Frst lacht und die Frstin weint, was letzthin der Fall war, da
mu man sich denn, so gut man kann, herausziehen. Mit der Komdie ging es noch
an, aber mit der Oper mag ich nichts mehr zu schaffen haben. Ich werde mein
Lebetag nicht vergessen, wie es mir da erging. Der Papa bekam ein Billet gratis
vom Hof, und sagte mir, ich mge nur der Schildwache ein paar Groschen geben,
die wrde mich schon hereinwischen lassen; ja mit dem Hereinwischen, da kam dir
ohne Billet keine Katze herein.
    Der ersten Wache vorn auf dem Platze gab ich zwei Groschen, denn der Kerl
hatte doch Ehre im Leibe und begehrte nichts; dem an der ersten Tre gab ich
wieder etwas oder mute wohl, denn er begehrte recht derb, und je nher ich der
Musik kam, je grber forderten die Kerls. Ich hatte mich schon einmal mit dem
Geben verstiegen, und mute immer weiter, endlich war die Musik ganz nah, da
zeigte mir der letzte ein Treppchen, da sollte ich hinabgehen und mich unten nur
immer rechts halten. Aber, ach Gott! was war das ein Elend da unten, es war, als
wrde hier die ganze Welt erschaffen im Geigen und Donnern und Singen um mich,
dabei ganz stichdunkel, alle Augenblicke stie ich mich an. Neben mir kam einer
mitsamt einem Stuhle niedergefahren, ich wute ber den unvermuteten Besuch mir
gar keinen Rat, und steuerte ruhig vorwrts der Musik nach, bis ich einen matten
Schimmer von oben herunter bemerkte. Da griff ich dann nochmals um mich, und
ergriff etwas, das sich wie ein paar Beine anfhlte, und bald war ich fest davon
berzeugt, denn sie fhlten sich auch so, indem sie mir ein paar Tritte in die
Rippen gaben, und eine Stimme, die herunterflsterte: Verdammte kleine Katze,
hat Sie denn nimmer Ruhe, Sie wird machen, da ich falsch souffliere; warte Sie
nur, bis der Vorhang fllt, da wollen wir scherzen, verstand ich auch nicht;
doch war er freundlich, langte mit der Hand herunter, und kneipte mir in die
Wangen. Ich steuerte endlich weiter und tappte immer mit den Hnden voraus, bis
ich endlich den Ausweg fand. Ich war wieder auf einem Gange, die Musik ganz
nahe, sie spielten einen Marsch; ich mache die letzte Tre auf, und denke dir,
ich stand auf der Strae, der Zapfenstreich zog vorber, ich htte fast
geglaubt, es wre im Stcke, und blo so natrlich vorgestellt, wenn nicht die
Kutschen vorbergerasselt wren. Da hatten die Schurken mich unterm Theater
weggeschickt, ich bi mir vor Bosheit die Lippen, und zog mit den Trommeln durch
die Stadt, bei denen geht es doch offenherzig zu.
    Du wrdest mich gar nicht mehr kennen, wenn du mich shest, so bin ich dir
zugestutzt, ein leibhaftiger Englnder und Franzose habe ich werden mssen, dem
Allart und dem Packan wird es heute auch so gehen, denen haue ich heute Schwanz
und Ohren ab. Alle dergleichen Tiere werden hier gestutzt, das kmmt vom
Kronprinzen, und der hiesige Sterngucker ist schon in einer groen Verlegenheit,
wie er den Kometen, der sich jetzt sehen lt, englisieren soll.
    Du hast dem Vater geschrieben, da du nach B. willst. Ja, das ist nun so
eine Sache, die Verfhrung soll dort gro sein, ich habe es in der Kasette de
Kolong gelesen. Was mich hier oft rgert, ist, da fast alles franzsisch
spricht, und man dann kein Pipswrtchen versteht.
    Der Vater meint, da es wohl nichts schaden knne, wenn du nach F. gingst,
weil du so allein zu Hause bist und leicht das Heimweh kriegen knntest; aber
ich meine, weil es dir nichts nutzt, da der Musje Godwi nicht weit von unserm
Schlosse ist, und zu dir schleichen und dich mir nichts dir nichts verfhren
knnte. Denn sieh, ein guter Freund von mir hier in der Stadt England, der
Kellner, sagt mir, in jetziger Zeit sei jedes Mdchen zu verfhren, tten es die
Mnner nicht, so tten es die Bcher. Mit dem Bcherlesen hast du nun schon
einen guten Grund gelegt, wenn nun der Fantast dazukme, der ohnedies alle
Bcher von Anfang bis zu Ende gelesen hat, da knnten wir leicht einen
Schandfleck in die Familie kriegen.
    Nein! zu Hause kannst du platterdings nicht bleiben, du mut nach F. - Ich
kann dich nicht hinbringen, ich habe viel zu viel zu tun, teils mit meiner
Bildung, teils mit dem Militairwesen; dreimal ist Wachtparade in der Woche, und
die brigen Tage wird geprgelt und Gassen gelaufen, da kann ich gar nicht
abkommen. Du kannst nur einen von deiner guten Freundin Brdern verschreiben,
und ihn dem Amtmann vorstellen, der wird mir schon schreiben, wenn du mit ihm
fort bist, was es fr ein Mensch war, und ob du mit ihm ohne Gefahr reisen
kannst.
    Der Godwi ist doch bekannt wie ein Pudelhund. - Letzthin setzte ich mich zu
einer Dame in ihre Loge, und da mir die Komdie Mackbeth nicht gefiel, fing ich
mit ihr an zu sprechen; der Teufel wei, was das fr eine Dame war, die mute
auch von einer schnen Bildung sein, alle die Hexen und Gespenster gefielen ihr,
und ich war schon zu Haus darber hinaus, als ich mit dem Amtmanne das Buch
gegen den Aberglauben gelesen hatte. Ich fragte sie, wie sie nur an den
Vorurteilen Freude haben knne? Sie lchelte hhnisch, und sagte, es wren
tragische Motive, Gott wei aber, was das fr Dinger sein sollen; dann sah sie
immer wieder nach dem Theater, wo einer den Leuten mit schrecklichem Gebrlle
weismachen wollte, es marschiere ein Dolch vor seinen Augen in der Luft.
    Als ich ihr den Namen Godwi genannt hatte, ja da war ihr freilich alle das
Zeug nicht phantastisch genug, der Name allein war ihr viel toller. Sie lie gar
nicht mehr nach mit Fragen, was ich von ihm wisse; sie sagte auch, er wre ein
sehr reizender Mensch, und da hatte sie freilich sehr recht; denn, bei meiner
Ehre, du weit, alle Menschen sind mir lieb, aber wenn mich je einer reizte, so
war es dieser. Da ich ihr anvertraute, da du in ihn verliebt seist, ward sie
ganz bla vor Unwillen und ganz still. Siehst du, liebe Klaudia, alle Leute
sagen es ja, da er ein Abenteurer ist, es ist nicht meine Meinung allein. Ich
wollte recht gern, da du einen braven gesunden Mann kriegtest, denn es ist ein
altes Sprchelchen, und ein Sprichwort ein Wahrwort: Was macht die Frauen gesund
und aufgerumt? Alle Jahre ein Kind und eine tchtige Wirtschaft; dabei bleiben
sie gesund und ehrlich.
    Es ist kein Einfall von mir, liebe Klaudia, viele brave solide Leute denken
so. Du bist schon so mager und sehnschtig, um Gotteswillen, la von diesem Wege
ab, sonst bist du ein armes verlornes Kind!
    Hier giebt es viele schne Leute, besonders bei den Soldaten; da sind Kerls
bei, wie die Kerzen gerad, und fest wie Brandmauern; auch sind die Straen sehr
hbsch gepflastert, und stehn gewaltig groe Huser in der Stadt, und viele
Industrie ist da, das sgt Holz auf den Straen und klopft Rcke aus, man mu
fast die Ohren verstopfen.
    Gestern waren wir im groen Irrgarten, wo mir besonders der groe
Christoffel gefallen hat, der steht auf einem hohen Berge und guckt in die Welt
hinein, und aus seinen Augen gucken wieder Leute hinaus, denn sein Kopf ist hohl
und seine Augen sind ungeheure Schalusieladen. Er ist von eitel Kupfer, und wenn
man lauter Pfennige davon schlge, knnte fast jeder Bettler einen im Lande
bekommen; das will was sagen! Da sind auch viele Statuen, aber sie sind alle in
steinerne Bettcher gehllt, oder unverschmt nackigt, und haben keine Augpfel,
was gegen alle Moralitt und Natur ist. Wasser springt von allen Seiten, und man
kann gar nicht evitieren, etwas na zu werden. Tabak darf darinne nicht geraucht
werden, auch darf man keine Stecken schneiden.
    Der Papa lt dich gren - es trommelt schon, mein Lebetag habe ich keinen
so langen Brief gesehen, du kannst daraus abnehmen, wie sehr ich dich liebe, und
da ich es gut meine. Adieu, gre die alte Margarethe, sage ihr, ich wrde ihr
etwas mitbringen, und fttre den Star - der ich verbleibe bis ins Grab dein
                                                            Jost von Eichenwehen


                                  Postskriptum

Es ist hier auch ein groer Lrm, weil der Knig hierher kmmt. Den ganzen Tag
werden die Straen gefegt und Lampen geschmiedet zur Illumination vom groen
Christoffel, es ist ein Gepimper in der Stadt, da man die Uhren gar nicht hrt;
wenn ich nur die Post nicht verhre. Soeben werden Vivat von hlzernen Stangen
zur Illumination vorbeigetragen und allerlei poetische Sachen in l getrnkt,
was sich sehr vortrefflich ausnehmen wird, wenn man die Lichter dahintersteckt.
    Auf die groe Rew freue ich mich recht, die Soldaten bekommen andre
Kamaschen dazu, und an jeder Seite einen Knopf weniger, damit die Kamaschen
nicht gar zu hoch kommen; auch sollen ihre Rcke verkrzt werden und ihre Gage
erhht. Bei der Rew da wird dir es einen rechten Staub geben, wenn sie die
entsetzlich vielen Beine bewegen, und das geht alles auf einen Wink, Links um!
da siehst du zwanzigtausend Haarzpfe, einen wie den andern - Rechts um! da
siehst du zwanzigtausend Schnurrbrte, das geht alles, als kehrte sich die Welt
um. Ist das nicht schn? Und dabei der rasende Lrm mit Trommeln und Pfeifen.
Dann die Kavalerie, da ist der Mensch wie das Pferd, und das Pferd wie der
Mensch, alles wie es der Herr Kommandant will. Auch werden kleine Attacken
gemacht werden, Einhauen und dergleichen, aber alles zum Vergngen, denn die
Potentaten stehen alle recht bequem zum Zusehen, und wenn ein gemeiner Soldat
vor Strapaz umfllt oder berritten wird, so schafft man ihn beiseite, damit es
nicht ekelhaft aussieht. Gott sei Dank, liebe Klaudia, da ich in diesem Skulo
geboren bin, wo solche erhabene Wissenschaften getrieben werden. Adieu.

                                 Godwi an Rmer


Werden wir uns wiederkennen, Rmer, da der Wechsel die Dinge nun ergriff und in
der Werksttte des Lebens wir, andere Bilder, dastehen? Werden wir unsre Herzen
herausfinden aus diesen Falten augenblicklicher Stimmungen? und wann werden wir
ewig unvernderlich, nackt und vollkommen die schnste Vollendung unsrer
Eigentmlichkeit sein? wo kein ueres Zeichen mehr unsre Ordnung bestimmt,
sondern wir selbst ein einziges, unteilbares Zeichen fr unser hchstes Dasein
sind.
    Ich fand dich wieder in deinem zweiten Briefe, in dem dich das Leben so bunt
vermummt hatte. Ich kann dich auch so und vielleicht so noch mehr lieben,
obschon du die Narben vieler Abenteuer der uern und innern romantischern Zeit
deiner Jugend trgst, und mir kein Einzelner mehr erscheinst.
    Wie ist dir? du Armer! Soll ich den aufrichten, der mich nicht aufrichten
konnte?
    Dein Urteil war in deinem ersten Briefe weiter als dein Leben, und dein
Geist richtete an der Wiege deiner Handlungen ber die Snden deiner
Mnnlichkeit. - Ich erkhne mich nicht, ber diese Zuflle auszusprechen, denn
ich achte nicht die Gefahr, nein! nur die Sigkeit des Lebens.
    Man soll mich nie eines Eingriffs zeihen in das stille feierliche Weben der
Liebe durch die Natur, womit sie uns dicht nebeneinander in die bunten
Farbenmelodieen des Lebens verschlingt.
    Nie habe ich den lchelnden Ernst und die kindische Feier dieses heiligen
Gewerkes mehr empfunden als jetzt. Auch mich hat die Liebe mit unendlich zarten
Armen umfangen, und an das warme lebendige Herz der Natur sanft herangezogen.
Ich stehe nicht mehr allein, trotzig und khn die Welt zu beschauen, und ihren
tausendfachen Schritt, und das Begehren und Hingeben ihrer glhenden
Pulsschlge. Ich bin im Leben, o Freund, und wo? In seinen unschuldigsten
Blicken, in den freundlichsten Grbchen seiner Wangen, in der teilbarsten Flle
seiner Lockenflut, und in seinen zartesten Trumen.
    Alle meine Plne, alle meine Hoffnungen sind freiwillig losgetrennt von mir,
ich sah sie ruhig, mit wehmtigem Entzcken leise ber mir hinwegschweben, wie
mchtige, leichte Luftblle, als habe sie die in uns so traurig gefangene
Allgemeinheit des Lebens als ein Bild ihrer schnen verlornen Freiheit
erschaffen, das sich ungetreu von dem Knstler losreit, um sein Urbild zu
suchen, als habe die sehnende Einsamkeit meiner Seele einen herrlichen Boten
ihres Verlangens in den unentdeckten Himmel gesandt. Aber Freund! es ist nur ein
freudiges herzerhebendes Schauspiel geworden fr meine Liebe und mich; da ich
mit ihr den fliehenden Kugeln nachsah, drckte sie mich sanft in die Arme, und
mein Herz ward grer, je kleiner die entwichenen aufwrtsschwebten. Sie waren
schon unkenntliche Punkte ber mir, und die Welt unermelich gro unter mir
geworden, als die Liebe zu mir sagte. O hebe dein Haupt, Jngling, sieh, wie
weit sind die Sterne und wie leuchtend, deine Plne sind noch viel nher, und
wir sehen sie nicht mehr.
    Alles ist mir entschwunden, dem ich sonst ein Spiel war. Die Welt ist von
mir gesprungen, wie eine Form, die nun ein reines Bild gebar, ach! ich werde es
nun nicht mehr beklagen, da ich nun so lieblich begrenzt bin. Das Leben ist hier
oben so mild widerstrebend, und ich fhle, da ich am Busen der Natur in einer
elastischen Ruhe des Genieens liege. Mein ganzes verflossenes Leben liegt in
ungestalten, farbenlosen Massen hinter mir. Das alles sollte ein ungeheurer
Tempel werden, und sank vor dem Himmelsbogen erbebend in den Willen eines Kindes
zusammen. Ich stehe an meinem vorigen Leben wie an einem Hgel unordentlich
gesammelter Steine, die eher zur Ruine wurden als zum Gebude, und bin
zufrieden, wenn nur eine wilde einsame Blume an ihm aufblht. Vor mir wird alles
so deutlich, so gro im kleinsten, und ein ewiger Spiegel. Kein Geist tritt auf,
den das Wort nicht reichlich, geschmeidig und durchsichtig bekleidet, kein
Vorsatz schreitet ruhmschtig mit eitlem Klange vor der bescheidenen Tat her,
ich finde mich in allem, und der Liebe.
    Ach wie braucht es doch so wenig, um zu vergessen, so wenig, unser Dasein
wenige Schritte vorher selbst zu bersehen. Gleichen die Menschen nicht Kindern,
die jedes Spielzeug mit Begierde umfassen, sich mit ihrem ganzen Verstande
darber hinwerfen und heftig weinen, wenn es ihnen genommen wird? Doch schnell
erholen sie sich, und das neue, das man ihnen hingiebt, ist das wahre, nun haben
sie's endlich gefunden, was sie wnschten. So wechseln sie immer, und endlich
lst sich das ganze Spiel von ihnen. Wir wissen nicht, was der liebe Bruder nun
vornimmt, wir kennen den Ort nicht, an den er gefhrt wird, und was er nun
erhalten wird, um die ure Natur von sich zurckzudrngen, damit er nicht in
sie zerrinnt. Wir werfen das Spielzeug aus den Hnden, und knieen um das Kleid
herum, das er trug, als er bei uns war, wohin bist du? da dies schne Kleid
nicht der Mhe wert war, und khle Erde umfat den engen Schrein, der seine
Hlle versteckt. Wir glauben, um den Toten zu weinen, aber wir weinen um den
Tod, wir empfinden den Schmerz, weil unsre Seele aufwrtsblickt, der Linie nach,
die unser Freund nach dem Ziele unsrer Bestimmung gezogen hat, und weil das
Leben uns gewaltsam zurckzieht. - Aber nimmer lernen sie, zu fhlen, da selbst
der Tod nur eine solche Trauer des Kindes ber das genommene Spiel ist. - Wir
sterben auch im Leben, nur sind die bergnge sichtbarer, oder ganz unsichtbar,
und immer gebrt uns die Liebe wieder. Ich fhle, da ich in einer andern Welt
bin, und ein Kind; wenige werden ja mehr als Kinder in der Liebe, und Kinder in
der Kunst; es sind die, welche fr die Zurckgebliebenen schon Meister in beiden
scheinen.
    Sieh, Rmer! ich habe alles vergessen, und wenn ich dich auch einmal
vergesse, so weine nicht, denke, da dann noch ein Leben zwischen uns liegt.
Willst du mich aber bereilen, so will ich dir dasselbe tun; wohl uns, wenn wir
gleiche Schritte gehen, und ewig jeder neben dem Freunde.
    Fern liegt mir die vergangene Zeit, nur was mir damals in Dunkelheit gehllt
bang vor den Augen schwankte, was mit der wundersen fremden milden Sprache der
Sehnsucht in tiefen Stunden neben mir erklang, was mit unendlicher Gewalt mich
in schwindelnde augenblickliche Hhe warf, steht itzt hell, verstndlich und mit
gleicher Strke neben mir. Es waren damals khne Minuten meiner Zukunft, die
sich in meine Gegenwart wagten, und itzt wie bekannte Freunde neben mir stehen.
    Ich denke nie zurck, auch wenn ich etwas von dorther sehe, so ist es
Nordschein, oder Blitz, der die Jugend erleuchtet, und wahrlich, ich kann solche
Erinnerungen wehmtig anblicken, die wie versptete Worte verstorbener Sprachen
um mich wandeln, und nur in den tiefern Narben meiner Wunden eine Heimat finden.
    Nur dann sind wir glcklich, wenn wir nicht wissen, wie wir es sind, wenn
wir geboren sind und Kinder. Wenn wir jeden Mechanismus eines Lebens ergrnden
wollen, so sind wir zum Tode reif, und kennen wir ihn, so sind wir vorber; denn
dann ist das Leben mit uns selbst zusammengeflossen, und ist nicht mehr, und
jedes heftige unwillkrliche Begehren in uns ist Sehnsucht nach dem Tode, wie
jede willkrliche Begierde die Meditation des Selbstmordes ist.
    Vollkommenes Gleichgewicht der Natur in uns und auer uns, soviel Streben
als Erlangen, soviel Geben als Umfangen ist die Minute des Entzckens der Liebe,
und die ttigste, wo nicht vollendetste des Daseins. Wer je einen solchen Moment
in sich fhlt, der winde ihn sanft und rasch, mit Begeisterung, aus dem Gewirre
seiner Wnsche; denn dies ist sein Glck, seine Bestimmung und all sein Talent.
    So ist es mir geworden!
    Die Dmmerung lag zwischen dem Streben und der Vollendung, der glhende Tag,
im Feuer des Lichtes zu seiner eignen Gestalt geschmiedet, verglimmte in die
dunkle Nacht, in der unendlichen Zahl seiner Brder unsichtbar untergehend. Ich
sa am Turme zu den Fen Otiliens. Ihre Hand lag dicht neben der meinigen, und
ich schien mit dem Rande des Gewandes, das sie bedeckte, zu spielen, es war ein
solches Spiel des Lebens. Eusebio stand hinter ihr, und legte ihr die Haare in
Flechten. Ich empfand eine Khnheit in mir, die schnell in eine groe Ruhe
zerflo, als habe mein erhhtes Dasein meine Khnheit wieder eingeholt. - Meine
Sehnsucht war durch die ihrige umarmt, und meine Hand lag in der ihrigen. - So
war ich aufgelst in der Natur, die mich umgab, und in der ich nun alles umgab.
    Leise, wie ein Lied des Danks, zndete sich Eusebios Stimme am Monde an, der
seinen Blick ber den Bergen ffnete, ich sah ihr Auge nicht glnzen, denn sie
blickte zu mir herab, ich fhlte den Puls in ihrer Hand, und die sanft
schimmernde Nacht wandelte um uns her. - Eusebio sang:

Sieh, dort kmmt der sanfte Freund gegangen,
Leise, um die Menschen nicht zu wecken;
Kleine Wlkchen kssen ihm die Wangen,
Und die schwarze Nacht mu sich verstecken.
Nur allein
Wer mit Pein
Liebt, den khlet sein lieblicher Schein.

Freundlich ksset er die stillen Trnen
Von der Liebe schwermutsvollen Blicken,
Stillt im Busen alles bange Sehnen,
Alles Leiden wei er zu erquicken.
Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund.

Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne,
Kmmst mit deinen Strahlen recht geschwinde,
Mir zu leuchten aus der blauen Ferne,
Wenn ich Tiliens seidne Locken winde.
Zuzusehn,
Bis wir gehn,
Wenn die khleren Nachtwinde wehn.

Als Eusebio die Worte sang:

Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund, -

fhlte ich, da sich unsre Hnde dichter verschlangen, und da mein Dasein in
dieser Minute alle Wichtigkeiten meines Lebens aufwog.
    O Rmer! es wohnt soviel Freude um uns und schmachtet unerkannt, aber wir
gehen stolz vorber, und unser ungebrdiges Wesen macht die zarte Tochter des
Himmels so menschenscheu. In dem einklingenden Akkorde unsres uern und innern
Lebens kmmt sie uns zu umarmen. Wenige Auserwhlte nur erreichen das Rckkehren
einer selbstgeschaffenen schnen Welt der Kunst in sich, in die liebende lebende
Natur, und alle Klagenden konnten die Oktave hher nicht erreichen, und sind zu
stolz, aus den paar errungenen Tnen in das Echo des reinen Grundtons
zurckzukehren.
    Itzt sehe ich, da mir der Stoff des Glckes fehlte, der stille einfache
Friede, in dem sich alle Sehnsucht beantwortet, wie die Welle im Teich. Alles
dieses hat mir die Liebe gegeben. Es ist mir ein reines kunstloses Weib
begegnet, und sie hat alle Hindernisse in mir gehoben, die sie nicht kannte, und
sie hat alle Krankheiten einer Welt in mir geheilt, die sie nicht kannte. Ist
der Tod nicht eine Genesung, und Liebe nicht der Tod? Es gibt eine allgemein
treffende Antwort, eine milde wahre Auflsung aller Rtsel der Kunst, in der
reinen Natur, und die Natur hat sie in die Liebe des reinsten Weibes gelegt. -
Wenn mich Tilie liebt, so habe ich keinen Wunsch, kein Begehren, keine
Geschichte mehr, ich bin aus dem Leben in die Natur getreten, und, guter Rmer!
knie dann neben mein Andenken hin, stille deine Trnen, und sprich die wahren,
heiligen Worte: Er ruht sanft, ihm ist es besser als uns, wir mssen alle diesen
Weg, wohl uns! wohl dir!

                                 Godwi an Rmer


Werdo, der Vater Tiliens, ist heiterer, seitdem ich hier bin. Tilie dankt es
mir, und nennt mich darum den Freund. Da ich sie zum erstenmal sprach, es war in
der Gesellschaft des Alten, waltete fr mich eine seltsame Zauberei ber ihrer
Rede. Sie sprach in weiten geisterischen Umrissen von der Welt, und ich fhlte,
indem sie mit einer hohen Teilnahme und vielem Geiste die Leiden und das bel
der Gesellschaft vermutete, da alles in der Welt recht sei, und wie es sein
knne.
    Unsre Wirklichkeiten wurden unter der zarten Bestimmung ihrer Phantasie zu
einer fremden freundlichen Poesie, so wie ihre Wirklichkeit unsre Poesie sein
knnte. Es ist mir, als sei der Genius der hchsten Kultur auch derselbe der
einfachsten Natur, und habe seinem Kinde die Sitten der Kinder der Gesellschaft
anvertraut, um sie durch die Darstellung jener Unzulnglichkeit fr ihr eignes
Leben empfnglicher zu machen.
    Werdo, der mein Erstaunen ber sein weissagendes Kind bemerkte, ergriff in
einer seiner traulicheren Stunden meine Hand, und sprach: Mein Freund! du bist
mein Hausgenosse geworden, und freuen soll es mich, noch lange in stiller Liebe
so mit dir zu teilen. Ich schwieg bis itzt, ich glaubte, da auch dich das
Mitleid ekelhaft durchdringe, und alles mte ich vor dir und deines Herzens
Vorwitz bang verhllen. Doch freudig habe ich des Herzens stille Teilnahme
gefunden, vor der ich ohne Scheu, da du in lautes Seufzen, in Verwundern, wie
kein Mensch es darf, verfielest, die lang entwohnte Offenheit ergiee. Mein
Schmerz ist still, du hast ihn nie mit Klang und lauten Worten angeredet, so
liebt er dich und mag dich wohl in seiner Ruhe leiden. Das Leben, das ich sonst
um gar nichts fragte, es wollte mir auf alles Antwort geben, und tat es rauh mit
scharfen lauten Worten, so da es mich hinausgedrngt. Itzt frag ich nichts, und
nichts mehr spricht mit mir; so lebe ich in tiefer Einigkeit mit allem, was hier
um und um mich lebet.

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhllen,
Beut sich kmpfend seinem Willen
Die allmchtge Braut und ringet,

Ksset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein mu zerschellen.

Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde
Und dein liebstes Lieb begehrte,
Mu dein Liebstes sich entfernen.

Denn der Tod kmmt still gegangen,
Ksset sie mit Geisterkssen,
Ihre Augen dir sich schlieen,
Sind im Himmel aufgegangen.

Rufe, da die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zhren,
Ach, sie wird dich nie erhren,
Nimmermehr dir Antwort geben.

Frhling darf nur leise hauchen,
Stille Trnen niedertauen,
Komme, willst dein Lieb du schauen,
Blumen ffnen dir die Augen.

In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entznden.

In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schlo und Riegel mu zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.

In der Nchte Finsternissen
Mu der junge Tag ertrinken,
Abend mu herniedersinken,
Soll der Morgen dich begren.

Wer rufet in die stumme Nacht?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nchten ruft.

An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du mchtest jenseits landen;
Doch fasse Mut, verzage nicht,
Du mut erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Scho
Blht jedes Ziel, fllt dir dein Los.

So breche dann, du tote Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblhe meiner Hand,
Den Frieden zu verknden.
Ich will kein Einzelner mehr sein,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.

Vergangen sei vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen,
Verweilt die Liebe gern,

Und reicht nach allen Seiten
Die ewgen Arme hin,
Mein Dasein zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.

So tausendfach gestaltet,
Erblh ich berall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Hh, im Tal.

Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.

Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendrot
Den Abschiedsku gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.

Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittichen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lchelnd Angesicht.

Mu ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.

Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blhe stets gesunder
Aus Liebes-Scho herauf.

Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm und Licht
Hat Gott sich selbst entzndet
In der Natur Gedicht.

Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reiet mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glh ich zur Glut empor.

So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Mt Gott selbst untergehn.

Die Harfe lag, whrend er sprach, schon an seiner Brust, wie ein Teil seines
Gemts und seiner uerung.
    Ich empfand erst in der Mitte seines Liedes, da er sie spielte, so leise
hatte er angefangen. Alles das hatte sich verschlungen und durchdrungen, ohne
da ich irgend einen bergang sah.
    Morgen schreibe ich dir weiter; ich habe den Greis verlassen, sitze hier auf
meiner Kammer, weine und bete; der Abend kmmt schon, von ihm den Abschiedsku
zu fordern. O lebe wohl!

                                 Godwi an Rmer


Ich will dir nun weiter erzhlen, was Werdo sprach. Als er sein Lied geendigt
hatte, sagte er: Sieh, keiner konnte mich mit Trost erquicken, drum habe ich in
mir das Wort getilget, und lebe wie Natur, in freien und ungebundenen Tnen.
    Du bist ein Mensch wie wenige gebildet, denn aus dir spricht, was andre trg
verstecken, und was mir nur die leblose Natur gezeigt.
    Die Sitte ist in dir Gesetz geworden, nach dem die Sonne auf und nieder
gehet, und alles kann ich gleich erwarten, denn nirgends willst du berraschen,
und nimmer folgst du ihr, die dich begleitet.
    Doch das soll dich nicht eitel machen, denn ein Gedicht der ewigen Natur ist
Demut. Auch kannst du es nicht bilden, oder weiter in dieser hohen Gabe
vorwrtsschreiten, denn alles Wissen ist der Tod der Schnheit, die in uns
wohnet und dieselbe wre, wr gleich die Wissenschaft noch nicht erfunden.
    Mein Lieber, vieles mu ich dir verbergen, und in den ersten Augenblicken
warst du schrecklich. Die Vorzeit, die ich mir mit Mhe und vielen tiefen
Schmerzen abgewhnte, sie trat aus dir mir drckend bang entgegen, und Zukunft
rann so hell aus den Augen, da ich mit Sehnsucht schon hinbersah.
    Es war kein Bleiben sonst auf Erden, darum habe ich am Felsen dort den Quell
zum Teich gehemmt, der immer mich auf seinen wilden Wellen in ferne Zeit mit
Sehnsucht hingezogen.
    Itzt steht er still, kein Schwinden und kein Kommen, und jede Welle, die
sich regt, umarmt die andre, die ihr froh entgegenwallt. Und mir ward wohl!
    Als du nun vor mich tratst, so wars, als wollte Vergangenheit mir schnell
zum toten Bilde und Zukunft in der Gegenwart gerinnen. - Das alles ruhet schon,
ich liebe dich.
    Auch Tilie, die holde, will dir wohl, und freue dich. Sie kennet keine Welt,
von Menschenhnden trgerisch erbaut, und du bist wie Natur natrlich, liebt sie
dich.
    Sprich nie von ihr, denn auch der Wahrste lgt, will er mit Worten, was er
fhlet, sagen, und nur die uerung ist wahr, die unvermutet und unverschuldet
aus der Tiefe steiget.
    Es leitet unwillkrlich die Natur die Sprache aus der Tiefe unsers Herzens
durch die Oberflche in sich selbst zurck, und enger, enger ziehen sich die
Kreise und gehen endlich in den Tropfen ber, die Ttigkeit so in sich selbst
beschlieend, die in der Ruhe stillen Spiegel fiel.
    Ich wei nicht, wo mein Kind nach meinem Tode ein Bndnis mit dem Leben
schlieen sollte, drum habe ich sie der Natur verbunden, und so mu sich in ihr
schon alles finden, und nirgends braucht sie Rat zu suchen.
    Es findet selbst ein blindes Kind die Brust der Mutter, deren Scho es barg.
    O str sie nicht, und liebe still, und stille Liebe wird dir danken - doch
hre, hte dich vor ihr, und bleib dir ewig gleich, denn zarte Ordnung bildet
ihr Gemt; zerreit du sie, so wird sie dir zur Marter.
    Dem stillen heilgen Leben blieb sie treu, und fasset ohnbewut vom Ganzen
doch den Geist.
    Nur wenige sind so, von der Natur in tiefen Schpfungsstunden so geprgt,
und hast du Zeit, noch mehr als Mensch zu sein, fllt dir des Lebens Ernst nicht
alle Ttigkeit, bist du ein Brger - o so fliehe schnell!
    Denn solchen Reiz bestehet keine Pflicht, sei sie auch noch so fest
gehmmert, Natur ruft dich mit aller Weibes-Allmacht hier, sie reicht die Arme
dir so frei und schn entgegen, und ihres Busens Wellen dich verschlingen. Du
kehrest nimmermehr zurck.
    So mu es die Natur, sie meint es gut.
    Die Mutter sehnt sich ewig nach dem Sohne, den sie aus ihrem Schoe
hervorgerufen, da er sich ihr an ihrem Busen angesaugt verbinde.
    Er stehet oft frs Ganze drauen im Kampfe, und sieht den Frieden nicht, der
nur im Innern blht.
    Sie kennt den Ruhm, die Ehre nimmermehr, der Lorbeer grnt in ihr, und auch
die Myrthe, und beide liebt sie nur als frohes heitres Grn, das wir zur
Hoffnung uns erwhlten.

Hier sah mir der Alte mit Begeisterung ins Auge, ich wute nichts von seiner
Rede. Das Ganze schwebte wie ein unbekanntes Element um mich her. - Nur einige
seiner uerungen ber Tilien traten mir aus seiner sichtbaren unsichtbaren Rede
entgegen. Sie wurden mir Gesetze, ich kannte keine Pflichten mehr, aller voriger
Glauben sank wie ein gestrzter Gtze.

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den heiligen Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es strzen bald des alten Glaubens Gtzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O ser Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.

Ich sank ihm in die Arme, und rief ihn mit dem Namen: Vater! und alles zerrann
um mich.
    Er staunte mich an und sprach wild:
    Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem
Kinde hin.
                                                                      Lebe wohl!

                                 Godwi an Rmer


Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde
hin. Wunderbare Worte; o Rmer, wie sie mich ergriffen!
    Der Greis, der rhrend vor mir sa, und mit dem Blicke in das Tal hinab und
ber die Berge hin, als sei er berall gegenwrtig, mir allen Druck vom Herzen
nahm, dessen begeisterte Rede, ein sanfter leuchtender Engel, meine Wnsche wie
abgeschiedene Seelen in einen freudigen Himmelsfrieden brachte, der nmliche,
der sich in seinem Liede, in seinen Worten der ganzen Welt so schn verbrderte,
- stie mich wild zurck da ich mit allen Mchten zu ihm hingezogen, an seinem
Halse den Namen: Vater, nannte. -
    Ach, soll ich keinen denn aus vollem Herzen so nennen knnen? Mu der es
bleiben, der ein peinlich Leben mir, ohne da ich leben wollte, gab? Die Worte
dieses Mannes knnten mich befriedigen, knnten das Silber mir im Herzen bis zum
Blicke glhen, wenn mir nicht jener durch eine unselige Mischung ein seltsames
unerfllbares Sehnen mitgegeben htte.
    So kann ich nur das Hohe unendlich lieben, so kann ich nur den Sinn
verstehen, und nimmer den Leib, die herrliche Gestalt umfassen. Alles zerbricht
mir unter den Hnden, und ewig hoffe ich und will; doch feindlich tritt ein
bser Geist zwischen Willen und Handlung hin, und reit mich in mich selbst
zurck, das Ziel stets weiterrckend.
    Wo mich die Weisheit schon im Arme zu halten scheint, und ich ihr wie ein
Schwur versichert in die Augen sehe, reit mich der Wahnsinn wild zurck. Was
kann ich nur ergreifen wie ein Schwert, um jedes Leben, jede Rede zu zerlegen,
damit mir nur das werde, was mir dient, denn keiner ist wohl in der Welt, dem
ich so ganz angehre, in den ich sorglos und khn mit allen Zweigen verwachsen
darf; und werde ich je das Leben selbst erschaffen, das alle diese Zwecke mir
erfllt, oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so, da keiner mir erreichbar
ist?
    Es ist mir, als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdos Geist, und
siegend fat ihn diese oder jener. Der Wahnsinn ist mir wie der unglckliche
Bruder der Poesie, er ist im Leben verstoen. Siegt er, dann fhrt er treu den
schwer erkmpften Preis bis zu den Gttern, der Schwester aber tritt die ekle
Wirklichkeit oft breit in den Weg, und oft mu sie fr die Duldung, die man ihr
gewhrt, die harte Schmach erdulden, da ihre Beute der Welt anheimfllt.
    Ich verlie Werdon sehr zerrttet, er hatte meine Ansicht der Dinge
wunderbar verndert, mich fest mit seinem Glauben verwebt, da alles, was mir
entgegentrat, mir fremd und neu erschien. Seine letzten Worte hatten meine
Hingebung wieder erschttert, und ich stand wie ein unentschloner,
ungeschickter Gott da, der nicht wei, wie er die Welt erschaffen soll, weil sie
schon da ist.
    Ich nherte mich den Gebschen, die von einer Seite seine Wohnung einfassen,
und hrte Tilien mit Eusebion sprechen. Der Ton ihrer Stimme rhrte mich wie ein
Zauber, es war der Ton, den ich verloren hatte, und alle meine Gedanken reihten
sich, und alles war mir wieder wahr und gut, unbezweifelt - Liebe.
    Eusebio sa zu ihren Fen, versteckte sich bald, bald sah er traurig in die
Hhe, doch sprach er nicht. Sie redete ihn an: Eusebio, wie bist nur so still,
versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf; des Knaben Herz mu froh
und heiter sein.
    Hier sprang er schnell auf und sagte:
    Tilie, ich will singen, fange an, ich will singen, da ich froh werde wie
ein Lied.

Tilie sang:

Frei, frei
Von Trauer sei
Des Knaben Herz.

Hier fiel Eusebio ein:

Von Trauer frei
Ist nicht sein Herz;
Schmerz, Schmerz
Ganz tiefer Schmerz
Ist selbst sein Scherz.

Will nach der Buche,
Will nach der Buche gehn,
Wird sie dort freundlich stehn?
Will sie dort wiedersehn,
Die ich nur suche.

Sehnsucht!

Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei mir sein.
Frchte mich nicht,
Ihr Gesicht
Ist Tageslicht.

Hier trat ich auf die Stelle, wo sie beide standen, Tilie kam mir freundlich
entgegen und kte mich; ich wei nicht, wie mich gerade in dieser Minute eine
wunderbare Verlegenheit ergriff, da ich sie in den Armen hielt. Der Knabe schien
an Tiliens Klage ber seine Trauer sich schalkhaft rchen zu wollen.
    Er drngte sich an mich, fate meine Hand, dann wendete er sich zu Tilien
und sang:

Mild, mild
Von Liebe, schwillt
Des Mannes Brust;
Von Liebe schwillt
Auch Tiliens Brust.
Lust, Lust,
Ganz stille Lust,
Ihr unbewut.

Sonst war der Liebe
Stille im Herzen bang,
Bis sie zum Auge drang
Und von der Lippe klang,
Ihr Spiel sie triebe.

Liebestrieb!

Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei ihm sein.
Frchtet euch nicht,
Mondeslicht
So freundlich spricht.

Hier lie er mich los und eilte in den Wald. Tilie rief ihm nach:
    Eusebio! Eusebio! verspte dich nicht -
    Aber der Knabe war verschwunden, und das Echo rief aus dem Walde zurck:
    - Verspte dich nicht!
    Tilie wendete sich zu mir und sprach:

Ich wei nicht, was in diesem Knaben webet,
Je mehr er fat, je mehr verschliet er sich,
Und sollte doch stets reicher auch mehr geben,
So wie Natur, die immer mehr uns bietet,
Je mehr sie Reichtum im dem Schoe fat.

Wie rhrt mich nicht des Frhlings Kindergabe,
Der, kaum des Winters hartem Geiz entflohen,
Schon freundlich grne Sprossen bringt und Blumen.
Er trgt ein Kleid von dnnem Glanz gewebet,
Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an,
Und weckt mit sen Liedern alle Wesen.

Steht ihm auch gleich die Trne noch im Auge,
Die ihm des harten Winters Frost entlocket,
Und zittert gleich sein zarter Leib von Klte,
Weil ihn so dnn der strenge Vater kleidet,
So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit
Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder.

Er schrzet sich, blickt in den festen Spiegel,
Der aller Flsse wandelnd Leben decket,
Und unter seinem heien Blicke springet
Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel;
Sie fassen dankbar seiner Jugend Schne
Und eilen, sie in alle Welt zu tragen,

Und tragen sie hinab durch alle Tler.
Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend,
Entznden sie zu seinem Dienst die Ufer,
Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen;
Die Blumen all, die an dem Rande stehen,
Sie winken still hinab, ihr zitternd Bild begrend.

Er schwebet liebend ber tote Wlder,
Die bang mit kalten Armen aufwrtslangen,
Da zndet er den Wald mit grnen Flammen,
Und alle Bltter kssen sich so lieb zusammen,
Und blicken still, das Gtterkind zu fangen.

So sprach Tilie noch lange vom Leben und Geben, und wahrlich, sie giebt alles,
knnte ich nur alles nehmen; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in
mir, die man immer in eurer rmlichen Haushaltung von Leben davontrgt.
    Dann stand sie auf und sprach:

Der Name Reichtum kommt allein von reichen;
Hinreichen sollen wir das Eigen; allen,
Die arm sind, sollen froh wir geben,
Weil sie die Arme so gar traurig heben.

Wir wollen mit einander nach dem Walde,
Den Knaben, der allein ist, aufzusuchen;
Er sagte ja, er wollte nach den Buchen.

Hier nahm mich Tilie an der Hand und fhrte mich durch kleine schmale Wege in
den dunkeln Wald; es war mir recht heilig zu Mute.
    Wir schwiegen lange, und horchten auf das Abendlied der Nachtigall, das mit
glnzenden einzelnen Tnen durch die lebenden Gewlbe zog. Der Mond sprach
wehmtig mit einzeln zndenden Silben durch das Flstern der Bume, Ahndung
wehte mit ihren dmmernden Flgeln durch die Bsche, und alle heimlichsten
Gedanken wagten sich aus jeder Seele, wo sie sich vor dem geschftigen
vorwitzigen Tage versteckt hatten.
    Morgen, Rmer! hrst du weiter; ich mu nun schlafen. Tilie sagte heute,
meine Augen seien so verwacht, da bist du schuld dran.
    Dies Mdchen besitzt einen so, da man, um nur wenige Augenblicke nach einem
Freunde zu sehen, fast vor Anstrengung erblinden mu. Schlafe wohl.
                                                                           Godwi

                                 Godwi an Rmer


Hat sich die Zeit in ihrem Gange verndert? - Kein Tag schleicht mehr mit seinen
ghnenden Stunden, und keiner strzt mit seinen Augenblicken hinab. -
    O welche stille Wechsel in mir, im gemessenen Takte schreiten die
Augenblicke wie Tne zu einer schnen Melodie des Lebens hin, und irret mein
Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend, so
gelangt er nicht selten, der schnen Folge zur wunderbaren Erquickung, auf einen
Gipfel, wo aller Takt weicht, und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen
Blick in die Ewigkeit tut, und neuerdings kehrt die Melodie zurck, wie das
Atmen unsers Busens, das ein sanfter Seufzer unterbrach.
    Hier eilt das Leben nicht, ich sehe ihm nimmer nach, auch weilt es nicht
trg, und ich brauche es nie zu treiben.
    Ich gehe ruhig mit den Stunden, und jede bietet mir das volle Leben an;
solange ich hier oben bin, habe ich noch nicht an die Zeit gedacht.
    Der Morgen ist schon wieder da, und alle Farben, alle Tne und Gestalten
singen ihm ein Lied, das noch nie gesungen ward, so oft er auch die Welt
begrte, die ihm jedesmal mit schnen Worten geantwortet.
    
    So ist und bleibt der Stoff, der des Dichtens wert ist, ewig derselbe und
einfachste, der eben darum unerschpflich ist. Denn nach dem einzigen Punkt, der
in der Mitte der Welt liegt, kannst du die meisten Linien ziehen, und nur von
ihm aus zu allem gelangen.
    Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs.
    So war der Wald, und wir - Tilie unterbrach unser Schweigen:

Du hast mit meinem Vater lang geredet,
Wie war er, war er freundlich, warst du es?

Ich:

Ich sah ihn niemals so, Otilie, niemals
War seine Rede so voll ser Worte,
Die alle zwischen Ernst und Wehmut schwankten;
Sein Aug war feurig und ein mildes Lcheln
Umschwebte seinen Mund, und um die Wangen
Schwamm eine zarte Rte, wie ein Heilger
Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde.
Er sprach von dir, von mir und von der Liebe,
Und hingerissen sank ich vor ihm nieder,
Umfate ihn und konnte ihn nicht lassen.
Von meinen Lippen drang der Name: Vater!
Da ri er sich von meiner Brust und zrnte,
Sprach wild zu mir: Ich bin sein Vater nimmer,
Bin keines Menschen Vater; geh! o gehe
Zu meinem Kinde hin; so komm ich zu dir.

Tilie:

Es tut mir weh, o Freund! denn du wirst glauben,
Da du den Vater so mit deiner Rede
Gekrnkt hast, und das knnte dich verfhren,
Was nimmer gut ist, dich in acht zu nehmen.

Ich:

Was nimmer gut ist?

Tilie:

Nein, denn die Natur,
Sie nimmt sich nie in acht, drum handelt sie
So mchtig und so rein, stets zur Genge.
Willst du gleich alles schon zum voraus sein,
So kannst du in der Handlung nie gengen.

Ich:

Ich konnte nicht, denn alle meine Sinne
Und alles, was geheim in mir verborgen,
Hat er erweckt mit wunderbarem Leben.
Die tiefsten Wnsche khn in mir bewaffnet,
Ihr Ziel, sonst unerreichlich, zu erreichen.
Ich fhlte mich wie neu geboren, dankend
Nannt ich ihn Vater!

Tilie:

Vater, und er zrnte -
Er liebt den Namen Vater nicht, und nimmer
Darf ich ihn anders als nur Werdo rufen;
Und er hat recht, denn es ist sonderbar,
Den Einzelnen im Leben so zu nennen,
Da wir ja nur ein einzig Leben kennen.
Beruhigtest du ihn?

Ich:

Nein, ich vermied es,
Weil es nach ihm nur eine Ruhe giebt,
Die in der Nacht, wo alle Farben sterben,
Die in der Ferne, wo der Ton verklingt,
Und Grabesruh, die die Gestalt verschlingt.

Als wir an einen kleinen runden Platz kamen, in dessen Mitte zwei junge Pappeln
standen, sagte Tilie, auf die Pappeln zeigend:

Dies ist Joduno, und dies hier Otilie.
Als wir vor zehen Jahren in dem Walde
Still miteinander wandelnd uns verloren,
Verteilten wir uns, um den Weg zu suchen,
Da eine doch nach Haus zu Werdo komme,
Den Abendtrunk in dem kristallnen Glase
Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen.
Mich traf das Los, den Rckweg bald zu finden,
Joduno irrte lang im Walde hin,
Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle
Am Boden ruhig sitzend fand, sie lauschte,
Wie eine Nachtigall die sen Tne sang.
Ich setzte mich zu ihr, und wir verbanden
Mit kindschen Schwren unsre kleinen Herzen.
Als sie mich drauf verlie, pflanzt ich und sie
Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken.
Und wie die Bume wachsen, sieh, so sind wir
Uns lange gleich an Mut und Freud geblieben.
Doch sie, Joduno, neigt die schlanken ste,
Sie trauert; sprich, wie hast du sie gelassen?

Ich:

Sie wollte bald zu dir herberkommen.

Tilie:

Ich kann es kaum erwarten, bis sie kommt,
Und doch, ich wei nicht, wie mir bangt,
Da sie mich berraschen wird, die Gute;
Sonst freute sie mich, wie im Frhling
Die erste Blume, die sich regt, mich freut.

Ich:

Und jetzt - wird sie dich jetzt nicht freuen?

Tilie:

Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte
Sie zu mir her. Wir waren beide Kinder;
Die Kinder teilen sich so gern ins Leben,
Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint,
Doch meistens bildet sich die grre Jungfrau
Das Leben schon zur eignen Wohnung aus,
Und formt sich alles, wie's bequem und schicklich
Sich zu dem inneren Geschmacke fget.
So ist es wohl Jodunen auch ergangen. -

Ich blieb stets Kind, ich kenne keinen Zeitpunkt
In meinem Leben; wenn ich rckwrts schaue,
Ergiet sich alles still in tiefe Ferne,
Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt.

Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen,
Und sich nicht - Ach, mich wird es schmerzen!
Wenn ich sie sonsten sah, dacht ich zurcke
Ans letztemal, es ward ein Wiedersehen.
Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln,
Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend
Erleuchtete die Liebliche mein Leben.

Wenn sie verndert mich nun hier umarmt -
Wie war sie, als du sie verlassen? sage -

Ich:

Sie sehnte sich nach dir, und war begierig,
Wie du und ich sich wohl vertragen mchten.

Tilie:

Vertragen mchten? - wir? Das ist nicht gut,
Hieraus wird mir kein Wiedersehen - ach,
Sie ist gewi verndert, und ich finde
In ihr das treue Gegenbild nicht wieder.

Sie gab als Kind mir alles, was mir fehlte,
Jetzt fehlt mir nichts; wird sie auch alles haben?
Ich glaube nicht, weil sie sich nach uns sehnt.
Sie mchte wissen, wie du mich vernderst,
Da sie durch dich sich selbst verndert fand.

Ich:

Verndert? ach! und hat vielleicht verloren,
Was sie, die Einsame, zu deiner Freundin
Gemacht? Es tut mir weh! Durch mich verloren?

Tilie:

Es tut dir weh? - So wolltest du's; ich bitte,
Ach! wolle, was dich einstens schmerzt, nicht wieder,
Was wird Joduno fhlen? wenn sie sieht,
Da du nun nicht mehr willst, was du gewollt hast.

Ich:

O! Tilie, ich wei nicht, ob ichs wollte.
Ich kam auf ihres Vaters Schlo, und trbe,
So trbe Stunden lagen hinter mir,
Schnell wie ein Blitz war eine groe Freude
Mit vieler Liebe mir hinabgestrzet.
Mein Leben war so dunkel, und ihr Auge
Erweckte freundlich blickend mir im Busen
Zuerst des Friedens holdes Weben wieder.

Es war am Abend, ruhig sank die Sonne
Und mit ihr ging mein mdes Leben unter.
Sie sprach mit mir von allem, was sie liebte,
Von ihrer Mutter, dir und deinem Vater -
Ich liebte nichts, mut ich sie so nicht lieben?
Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich?
Der Wille? Tilie, der so leise war -

Tilie:

Ich fhle wohl, wie dies in dir und andern
So ist; mir selbst ist es schon so ergangen.
Wenn du die Fremde, die du Heimat nennst,
Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst,
Von deinen Reisen so beweglich sprichst:
So liebe ich dich nicht; und wenn ich wieder
Fr mich allein dran denke, reut es mich -
So ist es umgekehrt, was du getan.
Doch, trbe Stunden lagen hinter dir,
Und eine groe Freude war verloren;
Du Armer, sprich, wie war das alles?

Ich:

Eins nur
Von allem, was du mir gesagt, betrbt mich,
Sonst wollt' ich gerne alles dir erzhlen.

Tilie:

Niemals sollst du durch Tilien verlieren -

Ich:

Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren,
Denn alle das Vergangne ist verloren,
Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr kommen,

Seit ich zum erstenmal das holde Leben
So gegenwrtig und geliebt empfinde,
Und das, Otilie, hast du mir gegeben,
Du wolltest, da die Liebe mich entznde.
Aus deinen Augen helle Lichter schweben,
Da alles Dunkel rck- und vorwrts schwinde,
Doch sagtest du, du konntest mich nicht lieben.
Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben.

So lasse mich vergessend hier gesunden,
La mich von meinem alten Leben schweigen,
Da du das neue schon mit grnen Zweigen
Und deiner Ksse Liebesblt umwunden.
Du ffnest mir die kaum vernarbten Wunden,
Und in die Wunden wie in Grber steigen,
Sollt deine holde Liebe von mir weichen,
Die ewge Freude und das Licht der Stunden.

Vertreibst du mich aus diesem Heiligtume,
So mu das junge Leben frh verstummen,
Das du mit Liebesseligkeit gewrzet.

Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer,
Ists weniger als Freude, die auf immer
So unerreichlich tief hinab mir strzet?

Tilie:

Es sei dir Nacht, und nchtliches Entzcken,
Das mild der Sterne Blumenglut ergiet,
Erblhe dir aus meinen stillen Blicken.
Und wenn du mir nicht in die Augen siehst,
So will ich deinen Arm gelinde drcken.
Damit sich nie das Leben dir verschliet,
Sollst du an meinem Arme hngend fhlen,
Wie warm mein Herz, will deines gleich erkhlen.

So sprich mir dann von deinem jngsten Leben,
Von deiner Freud und Schmerzen Heiligkeit,
Denn ber dieser wunderbaren Zeit
Kann nur der Schmerz, kann nur die Freude schweben.

Dem ltern sind die Stunden hingegeben,
Er fhret sie zu Frieden oder Streit,
Er herrschet ber sie. So Freud wie Leid
Mu er allein sich selbst bestimmend weben.

Um Vater, Mutter und das Vaterland
Weint oft Eusebio so stille Trnen
Und hat verloren, was er nie gekannt.

Auch mich hlt fest ein tief unendlich Sehnen,
Der frhverlornen Mutter zugewandt;
Denn uns besitzt, was wir verloren whnen.

Besinne dich ein wenig, was du sagest,
Denn selten, lieber Freund, sagst du das Rechte.

So sollte ich mich besinnen, Rmer, und wute doch von nichts, kannte niemand
mehr als sie. O, wie hat mich dies Weib gefangen genommen, und wie werde ich
durch sie leiden mssen, Schmerzen, die sie nimmer verstehen kann. Sie heilt,
wie die Natur, alle Wunden, ohne sich zu einzelnen hinzuwenden; sie heilt mit
einer eigentmlichen heilenden Kraft, mit einem Balsam, der wie ihre eigne
Gesundheit in ihr lebt.
    So bin ich denn einem Wesen hingegeben, das in seiner eigentmlichsten Macht
dasteht; ich liege in der Wiege der Natur, ihr Futritt bringt mein Leiden mit
leichten Schwingungen in die Trume der goldnen Zeit; mge ich erwachend an
ihrem Busen von einem Geiste beseelt sein, fr den meine jetzige Sprache ein
Stammlen des Kindes ist. Oder werde ich sterben, wenn ich an ihrem Busen
erwache, und die Form aller Formen mir vor den Augen und der Quell aller Nahrung
und Wollust zwischen meinen Lippen schwillt? O wie werde ich dich dann nennen,
Freund! mit aller Macht des Worts, allem Zauber der Poesie nennen knnen.
                                                                           Godwi

                                 Godwi an Rmer


Ich habe dir gestern geschrieben, Rmer, wie wir sprachen, und will gerne
fortfahren, aber ich habe hier in jeder Minute stets so viel geliebt und gelebt,
da ein ganzes Leben der Erinnerung immer hinabsinken mu, um die Gegenwart zu
umfangen.
    Wer in der reinen Natur und unter den Menschen Gottes lebt, o! der ist so
von der unendlichen Kraft durchdrungen, da er keine Augen fr die Handlung hat.
Ich bin so gezwungen zu leben, da alle Reflexion mir Mhe kostet, und wre ich
nicht so ungeschickt, und so verschroben, da in jeder Minute des Alleinseins
mir alles Genossene als Bedrfnis erscheint, weil ich noch nicht in mir selbst
fortdauernd empfinde, da diese Welt ewig in mir entzndet, so knnte ich dir
nichts schreiben als abgebrochene Stze und Ausrufungen, wie der, der, in dem
tiefsten Schoe der Wollust versunken, sich selbst mit aller uerung in ihm
auflst, und keine Beschreibung als in der Anschauung des Genusses selbst geben
kann. -
                                                                           Godwi

                          Fortsetzung meines Tagebuchs


Es ist eine Torheit, Rmer, da ich dir diese Szene zu schildern anfing, da es
keine war - - Es ist, als wollte ein Maler ein wunderbar heiliges, lebendiges
Leben im Mondschein, wo alle Gestalt leise zerrinnt, vor dir in bestimmten
Formen hinzeichnen, wo der Mensch und alles Einzelne in das Ganze zerrinnt, wo
nichts von dem Hintergrunde sich trennt, und alles in ein leises Gefhl des
ewigen Gleichheit verschwimmt, und unser bestimmtester Begriff nur der des
allgemeinen seligen Daseins des Lebens sein kann.
    Es war kein Umri da und keine Flle, und kein Selbstgefhl, es war alles
eins, und ich fhlte Tiliens warmen Busen an meiner Brust, wir wandelten leise,
als wollten wir den Schlaf des Waldes nicht erwecken. Mein Herz drngte sich in
meiner Brust schchtern hinber zu dem ihrigen, dessen vollen Schlag ich fhlte,
sie drngte sich im Gehen dicht an mich, und alle Fibern zitterten in mir.
    Ich wute nicht, ob die Eichen oder unsre Locken so sanft ber uns
rauschten, ob Tiliens Blicke den Mond oder der Mond ihre Blicke anzndete. Ich
war nie mehr - und doch nichts als ein Lebender. Das ure fhlte ich in meiner
Seele in einem stillen Weben, und mich das ure bildend und von ihm gebildet.
Es war, als habe ich ein Element um mich erschaffen, das seinen Schpfer mit
Wellen dankend umschlingt, und ihn von sich selbst trennend zur Einzelheit
erhebt. - - Es war die letzte Empfindung des Geschaffenen, und die erste des
Schpfers.
    Mit dunkeln Wnschen ist die Ordnung in unserm Herzen angeknpft, ihr
stiller Strom fliet zu der Liebe hin, und kehrt mit allem Leben ewig in unser
Herz zurck.
    Ich habe bis jetzt noch keinen Genu im Leben gehabt, den mir die Reue ber
den Mibrauch meiner Fhigkeit, mich zu freuen, nicht begleiten wrde, wenn es
nicht nichtswrdig und eine schnde Verachtung der Gegenwart wre, etwas zu
bereuen.

Schnell nieder mit der alten Welt,
Die neue zu erbauen.
Der, dem die Liebe sich gesellt,
Darf nicht nach Trmmern schauen.
Aus Kraft und nicht aus Reue dringt,
Was die Vergangenheit verschlingt.

Nie darf die Erinnerung mit Neid nach der Gegenwart blicken, auf den Grbern
wollen wir tanzen, wenn wir Leben kennen und sterben knnen.
    Ich stehe wieder wie ein Kind im Leben wie ein mchtigeres Kind eines
mchtigeren Lebens. Und jetzt soll ich mich auf das Ehemals besinnen, da mir die
Gegenwart meine ganze Mglichkeit so s vereinzelt hinbietet?
    Es ist mir, als ob alle dunkle sehnschtige Stunden meiner Jugend voreilige
mutige Boten der Zukunft gewesen wren, die ich jetzt verstehe.
    Meine Liebe zu der Englnderin war voll Kenntnis, voller bung aller
selbstischen Bemhung des Herzens in der Leidenschaft. Es war eine Liebe, wie
die des Naturforschers zur Natur, die er in Kabinetten mit seinem Leitfaden in
der Hand berrascht, und in seinem Laboratorium chemisch in einem Schmelztiegel
kt.
    Jetzt hat mich die allgemeine Verbindung einer Schweiz umarmt. Das Leben
wiegt sich wie ein Blumenkranz in meinen Locken, den Tilie hineingelegt. Ich
fhle ihn nicht, und meine Phantasien wohnen in seinen Kelchen. Nie wird ihn
mein Geist entblttern, denn mein Gemt hat sich wie Dank und Rausch an Frhling
und Liebe entzndet. Die Stimme meines stillen innern Danks spricht wie die
Liebe im Liede der Nachtigall, aus Liebe, ohne Liebe zu dichten.
    Ich liebte die Englnderin, weil sie meinen Sinnen schmeichelte, weil sie
meinem Bedrfnisse und meinem Geschmacke das Bild der Natur hinzureichen schien.
- Aber sie kam nur von der miverstandenen Kunst zurck - dies Bild war nicht
rein, der Zwang hatte hie und da einen schmerzhaften Zug zurckgelassen - es war
Genesung, die nimmer Gesundheit wird.
    Tilien liebe ich, weil sie so ist, denn die Gesundheit allein ist
liebenswrdig. Sie war nie anders, sie ist nie so geworden, und wird nie anders
werden. Sie ist so, und ewig so.
    Sie schafft sich ewig selbst, und wei es nicht. Jede Minute ihrer Schnheit
wird durch sie, und sie ist das Kind jeder Minute ihrer Schnheit. Wie die Liebe
ihren Busen hebt, so ist ihr Busen das gttliche Gef ihres liebenden Herzens.
    uere Dinge bestimmen sie nur, insofern sie in die unwandelbare treue Folge
der Lebensaussprache tritt, in deren sittewechselnden Bildungen sie eine
wunderbar ehrwrdige Urgebrde geblieben ist.
    Sie selbst steht da wie die Natur im schnen Menschen; ihre Gedanken, ihre
Worte, Gebrden und Mienen, ihre ganze Erscheinung ist der heiligsten Anschauung
fhig. Man knnte jede Folge ihrer uerung mit schnen abwechselnden Bildern
allegorisieren.
    Wenn ich mir sie denke, wie sie sich bewegt, wie sie spricht oder singt, so
sehe ich eine Reihe schner weiblicher Gestalten in harmonischen Wellen vor mir
hinschweben, die sich bald mit ihren zarten Armen, bald mit einzelnen Blumen
oder Tnen, mit ganzen Blumen- und Tonfolgen, bald mit sen durchsichtigen
Liedern aus beiden gewebt berhren.
    Diese Gestalten bilden mir dann keinen Zirkel, sondern kommen unmittelbar
aus der Natur, die sie umgiebt, und schweben wieder so aus ihr hinber.
    So fhlte ich, als sie mir befohlen hatte, mich zu besinnen, und besann mich
also nicht -

Tilie:

Hast du denn bald genug gedacht? Ich frchte,
Du suchst so lange, bis du mehr als findest.
Denn suchst du bers Finden, so erfindst du.

Ich:

Verzeih, ans Suchen dachte ich noch gar nicht.

Tilie:

Was dachtest du?

Ich:

Ich wei nicht, was ich dachte,
Ich sprach mit dir, und diese ganze Welt,
Der Wald, der Mond, sie lagen mir am Busen.
Ich fhlte, da sie mit mir sprachen, da ich,
Mit allem Leben innig tief verbunden,
Doch keinem Einzelnen erffnen knnte
Und keinem das erwidern, was sie mir vertraut,
Als dir, du liebe Tilie, dir allein.

Tilie:

So sprich mir nun von deinen Kinderjahren,
Du hast dich schon besonnen; was du fhltest,
War Wahrheit, Leben; wo sie einig sind,
Kann sicher nur das Rechte einzig sein.
La dies Gefhl um deine Worte whren,
Und reine Dinge wird Otilie hren.

                         Szene aus meinen Kinderjahren


Oft war mir schon als Knaben alles Leben
Ein trbes trges Einerlei. Die Bilder,
Die auf dem Saal und in den Stuben hingen,
Kannt ich genau; ja selbst der Bchersaal,
Mit Sandrat, Merian, den Bilderbchern,
Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.

So da ich mich hin auf die Erde legte
Und in des Himmels tausendfrmgen Wolken,
Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
Den Wechsel eines flchtgen Lebens suchte.
Kein lieber Spielwerk hatt ich als ein Glas,
Im dem mir alles umgekehrt erschien.

Ich sa oft stundenlang vor ihm, mich freuend,
Wie ich die Wolkenschfchen an die Erde
Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer
Und all mein bel an den Himmel bannte.
Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Hhen
Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.

Ich wollte damals alles umgestalten,
Und wute nicht, da nderung unmglich,
Wenn wir das ure, nicht das Innre wenden,
Weil alles Leben in der Waage schwebet,
Da ewig das Verhltnis wiederkehret
Und jeder, der zerstrt, sich selbst zerstret.

Dann lernt ich unsern Garten lieben, freute
Der Blten mich, der Frucht, des goldnen Laubes
Und ehrte gern des Winters Silberlocken.
An einem Abend stand ich in der Laube,
Von der die Aussicht sich ins Tal ergiet,
Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kmpften.

Die Wolken drngten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere;
Es rollte leiser Donner in der Weite,
Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre
Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;
Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drckt die Nacht den schwarzen Schild hernieder.

Da fhlte ich in mir ein tiefes Sehnen
Nach jenem Wechsel der Natur, es glhte
Das Blut mir in den Adern, und ich wnschte
In einem Tage so den Frhling, Sommer,
Herbst, Winter in mir selbst, und spann
So weite, weite Plne aus, und drngte
Sie enge, enger nur in mir zusammen.

Der Tag war hinter Berge still versunken,
Ich wnschte jenseits auch mit ihm zu sein,
Weil er mir diesseits, mit dem kalten Lehrer
Und seinen Lehren, stets so leer erschien.
Der Ekel und die Mhe drckte mich,
Ich blickte rckwrts, sah ein schweres Leben,
Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.
Dann wnscht ich mich mit allem, was ich Freude
Und wnschenswertes Glck genannt, zusammen
Vergehend in des Abendrotes Flammen.

Der Grtner ging nun still an mir vorber
Und grte mich, ein friedlich Liedchen sang er,
Von Ruhe nach der Arbeit und dem Weibe,
Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte.
Die Vglein sangen in den dunkeln Zweigen,
Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,
Und es begann sich in den hellen Teichen
Ein friedlich monotones Lied zu regen.
Die Hhner sah ich still zur Ruhe steigen,
Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.
Und leise wehte durch die ruh'ge Weite
Der Abendglocke betendes Gelute.

Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,
Und trumte mancherlei von Einfachheit,
Von sehr bescheidnen brgerlichen Wnschen.
Ich wute nicht, da es das Ganze war,
Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.

Des Abends Glut zerflo in weite Rte,
So lst der Mhe Glut auf unsern Wangen
Der Schlaf in heilig sanfte Rte auf.
Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wieder,
Es lie ein Leben ohne Kunst sich nieder,
Die hingegebne Welt lst' sich in Kssen,
Und alle Sinne starben in Genssen.

Da flocht ich trunken meine Ideale,
Durch Wolkendunkel webt ich Mondesglanz.
Der Abendstern erleuchtet, die ich male,
Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,
Die Gttin schwebt im hohen Himmelssaale
Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.
Bald fat mein Aug nicht mehr die hellen Gluten,
Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.

Und nie konnt ich die Phantasie bezwingen,
Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;
So glaubte ich auf einem kleinen Kahne
In ser Stummheit durch das Abendmeer
Mit fremden schnen Bildern hinzusegeln.
Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,
Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,
Dem du so hnlich bist, zogs still hinab.

Ich ruht in mich ganz aufgelst im Busche,
Die Schatten spannen Schleier um mein Aug,

Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten
Rund um mich her, ich wiegte in der Dmmrung
Der Bsche dunkle Ahndungen, und flocht
Aus schwankender Gestruche Schatten Lauben
Fr jene Fremde, die das Meer verschlang.
Und neben mir, in toter Ungestalt,
Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.

Und es schien das tiefbetrbte
Frauenbild von Marmorstein,
Das ich immer heftig liebte,
An dem See im Mondenschein,
Sich mit Schmerzen auszudehnen,
Nach dem Leben sich zu sehnen.

Traurig blickt es in die Wellen,
Schaut hinab mit totem Harm,
Ihre kalten Brste schwellen,
Hlt das Kindlein fest im Arm.
Ach, in ihren Marmorarmen
Kanns zum Leben nie erwarmen!

Sieht im Teich ihr Abbild winken,
Das sich in dem Spiegel regt,
Mchte gern hinuntersinken,
Weil sichs unten mehr bewegt,
Aber kann die kalten, engen
Marmorfesseln nicht zersprengen.

Kann nicht weinen, denn die Augen
Und die Trnen sind von Stein.
Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen,
Und erklinget fast vor Pein.
Ach, vor schmerzlichen Gewalten
Mcht das ganze Bild zerspalten!

Es ri mich fort, als zgen mich Gespenster
Zum Teiche hin, und meine Augen starrten
Aufs weie Bild, es schien mich zu erwarten,
Da ich mit heiem Arme es umschlinge,
Und Leben durch den kalten Busen dringe.

Da ward es pltzlich dunkel, und der Mond
Verhllte sich mit dichten schwarzen Wolken.
Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden
In finstrer Nacht. In Bsche eingewunden,
Konnt ich mit Mhe von der Stelle schreiten.
Ich tappe fort, und meine Fe gleiten,
Ich strze in den Teich. Ein Freund von mir,
Der mich im Garten suchte, hrt den Fall,
Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen
War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,
Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,
Ich wei nicht wo, voll tiefer Seligkeit,
Befriedigung und ruhigen Genssen,
Die alle Wnsche, alle Sehnsucht lste.

Als ich am Turm zu deinen Fen sa,
Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,
In dem von allen Schmerzen ich genas.
O teile froh mit mir, was du gegeben,
Denn was ich dort in deinem Auge las,
Wird sich allein hoch ber alles heben.
Und kannst du mir auf jenen Hhen trauen,
So werd ich bald das Tiefste berschauen.

Ich glaube, da es mir in jener Nacht,
Von der ich nichts mehr wei, so wohl erging;
Als ich erwachte, warf sich mir die Welt
Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.
Es war der ttende Moment im Leben,
Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.

Mein Vater sa an meinem Bette, lesend
Bemerkte er nicht gleich, da ich erwachte.
Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zgen
Mit solchem Forschen, solcher Neugierd, da
Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.
Dann neigte er sich freundlich zu mir hin
Und sprach mit tiefer Rhrung: Karl, wie ist dir?
Ich hatte ihn noch nie so sprechen hren,
Und rief mit lauten Trnen aus - O Vater!
Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau -
Wer ist sie? - Wessen Bild? - Wer tat ihr weh?
Da sie so tief betrbt aufs holde Kind
Und in den stillen See herniederweint?

Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,
Und lie sie starr zur Erde niedersinken,
Sprach keine Silbe und verlie die Stube.
In diesem Augenblicke fiel mein Los.
Ein ewger Streit von Wehmut und von Khnheit,
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
Ein innerliches, wunderbares Treiben
Lie mich an keiner Stelle lange bleiben.

Es war mir alles Schranke, nur wenn ich
An jenem weien Bilde in dem Garten sa,
War mirs, als ob es alles, was mir fehlte,
In sich umfate, und vor jeder Handlung,
Ja fast, eh ich etwas zu denken wagte,
Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche.
Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel
Und folgte still, wie die bescheidne Ferne,
Der weien Marmorfrau, die auf dem Spiegel
Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Flche
In Kreisen rhrte, wechselte des stillen
Und heilgen Bildes Wille, und so tat ich.

Meine Stimme war nach und nach gesunken, und mein Gefhl konnte ich nicht mehr
erreichen.
    Wir wendeten uns denn, es war spt in der Nacht und khl, der Mond go den
kalten Tag der Geister durch die Nacht; in sonderbar wilde fremde Formen zerri
sich das einsame traute Leben der Dmmerung, Schauer wehte aus den Gebschen,
und in den Gewlben der Eichen herrschte bange Geisterfeier.
                                                                           Godwi

                                 Godwi an Rmer


Ich bin krank, und diese Krankheit ist mir nicht schmerzlich, denn ich hoffte
viel fr meine Genesung, ich hoffte Genesung fr meine Krankheit, und mein
voriges Leben von ihr.
    Ich bin nicht in dem Zeitraume zwischen diesem und meinem letzten Briefe
krank geworden; ich bin es, seit ich dir von meinem Spaziergange mit Tilien in
den Wald schreibe, nur in dieser Minute fhle ich es, da ich es bin.
    Ich bitte dich, habe hier keine voreiligen brgerlichen Gedanken, und denke
nicht, da ich mich sicher verkltet htte. Es wre mir fatal, wenn ich glauben
mte, da in solchen Momenten man sich verklten kann, in denen man glht, und
doch ist es leider so; aber ich will es nicht haben, da ich es glaube, und du
sollst es mir zum Gefallen tun, und es nicht glauben.
    Meine Spannung, meine berspannung, meine Abspannung und ein Schrecken,
dessen Ursache nur in dem natrlichsten und knstlichsten Zustande uns eine
ruhige Ansicht sein kann, hat mich krank gemacht.
    Tilie verpflegt mich und der Knabe. Der einzige Arzt in der Gegend ist der,
der Tiliens Mutter, wie Werdo glaubt, umgebracht hat, und der Alte kann ihn
daher nicht leiden; doch hat sie ihn einigemal heimlich zu mir gebracht, nur um
ihn zu fragen, ob meine Krankheit gefhrlich sei; aber er versteht nichts davon.
Er sagt, es kme ganz allein von meinem Leben mit den seltsamen Menschen hier
oben, die alle nicht klug seien, das habe mich angesteckt, und der Geist wirke
auf den Krper, und - er wre ein Schafskopf, dachte ich.
    Seine Arzneien glaubte ich lange genommen zu haben, und war meiner Genesung
schon nah, da sagte mir der Knabe, da die Trnke alle von Tilien seien; er
suche die Kruter und sie koche sie.
    Ich habe nur einen Tag zu Bette gelegen, und lnger konnte ich auch nicht;
denn knntest du wohl ruhig liegen bleiben wenn sich dir von jeder Seite deines
Lagers eine weite, herrliche Aussicht ffnet, die mit allen Punkten ihres
Eingangs dich ergreift, und mit Gewalt, den Eindruck und sich selbst immer mehr
vereinzelnd, dich in den einzigen Punkt der Perspektive ihres Ausgangs hinreit?
    Ich habe mancherlei gedacht, indem ich so hinaussah, ber Aussichten, ihre
Ansicht und ihren Genu, aber ich habe dennoch keine Ideen ber Landschaften
gehabt. Es ist wunderbar und macht mich immer fr meine Nebenmenschen in der
Gegenwart unntz, da ich nie eine Sache an sich selbst betrachte, sondern immer
im Bezuge auf etwas Unbekanntes, Ewiges; und berhaupt kann ich gar nichts
betrachten, sondern ich mu drinnen herumgehen, denn auf jedem Punkte mchte ich
leben und sterben, der mir lieb ist, und so komme ich dann nimmer zur Ruhe, weil
mit jedem Schritte, den ich vorwrtstue, der Endpunkt der Perspektive einen
Schritt vorwrtstut.
    Nur der Mensch kann glcklich und ruhig werden, der etwas ansehen kann, und
der nicht den Drang in sich hat, da ihm alle Ferne Nhe sei.
    Aus eben derselben Art zu fhlen kann ich auch nie spielen, weil ich
platterdings mich nie entschlieen kann, den anerkannten Zweck des Spiels fr
mich als Zweck und den Gewinst fr mich als Gewinst gelten zu lassen. So stelle
ich mir immer unter den Figuren des Schachbretts eine Menge Charaktere vor, die
ich durch mein Spiel, gegen den gegenarbeitenden Mitspieler, der mir das
Schicksal vorstellt, in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche, und
so wei mein Gegner nie, wie ich nur so dumm spielen kann, gerade wenn ich am
zufriedensten bin, und mein Held recht herrlich dasteht. Es wird dann meistens
ein Trauerspiel, und ich stehe recht gerhrt und mit tiefen Betrachtungen ber
das Geschick auf, whrend mein Gegner mir vorwirft, da ich geizig sei, und
unzufrieden, wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet htte. So wie
mancher Dichter allein seine Werke versteht, und tief gerhrt von seinen
Geburten, dem Publikum die gutmtige uerung abgewinnt, wenn er nur etwas
Lesbareres schrieb, da wrde er nicht vor Armut Trnen weinen.
    Auch mit dem Billardspielen geht mir es so; ich mchte immer gerne mit den
schnen weien Bllen irgend eine Gestirnstellung auf der grnen Flche
hervorbringen, und der andere stt mir alles in die Lcher.
    Ich schrieb dir meine Krankheit mit Flei nicht eher, bis ich wute, da ich
leben bleiben mute, und wre ich gestorben, so httest du nichts davon
erfahren, denn nur im Vergessen wird man glcklich.
    Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs, und - lebe wohl!
                                                                           Godwi

                          Fortsetzung meines Tagebuchs


Ich fhlte pltzlich, da ich mich in meiner Erzhlung verloren hatte, und aus
der Folge meiner innern Erneuerung getreten war.
    Ich hatte mich auf meiner Erzhlung in mein wirres Leben zurckgetragen, ich
hatte meinen Talisman abgelegt. Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd
an. Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden, und schauerte, in
alle Farben der wilden Welt gehllt, vor dem Umri meiner Lage, die mich so
farbenlos wie ein Geist anredete - die Natur kommt uns armen unnatrlichen
Menschen leider oft so bernatrlich vor.
    Tilie, die an meinem Arme hing, schwieg. Ihr Anblick berraschte mich, und
ihre Berhrung machte mir bang; die ganze Reihe von Bergen um uns her, deren
Hupter unsre Nachbarn waren, verschwammen im Mondenglanz in die Wolken, und
trmten sich regellos wie Dampfsulen wechselnd in den Himmel.
    Eine unergrndliche Tiefe zwischen Jetzt und Ehedem, wie die Tler zu meinen
Fen, ohne eine einzige Gestalt, wie siedende Kessel voll weier Nebel und
Dnste, ein ganzes Klima zu erschaffen.
    Alles um mich her, ohne eine einzige Stelle, etwas hinzustellen, alles so
voll und so wogend wie ein Meer, und in mir die drckende Last und der Drang,
mich ewig von den Erinnerungen zu trennen, die, ohne Frucht ppig in Bltter und
geruchlose Blten schieend, jedem Bessern die Nahrung stehlen.
    Alles das hatte mich zugleich umfat, meine ganze Vergangenheit, die ich
durch meine lebhafte Erzhlung erweckt hatte, ergo sich migestaltend in meine
Gegenwart, ich war ganz verloren, und wachte in dem abenteuerlichsten Traum.
    Ohne irgend etwas zu denken, meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter
tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd, blickte ich in den Wald,
whrend ich mit vollem Bewutsein neben Tilien in der herrlichen Nacht htte
gehen sollen.
    Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze, der,
zwischen den Bumen hin und her schwankend, in der Ferne zwischen die Bltter
leuchtete, und das Grn der Bume entzndend, schimmernde Zweige in der tiefen
Nacht des Waldes erblhen lie. Meine Zerstreuung suchte dies nicht nher zu
erforschen, sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefhle, das mir so oft
die erleuchteten Httenfenster auf meiner Reise einflten.
    Unwillkrlich malte ich mir eine kleine Bauernstube, und fhlte das
Behagliche der Ruhe nach der Ermdung; ich sah die Kinder rund um den Ofen, die
Spinnrder und die Lampe nach der Reihe einschlafen, und dachte gar nicht dran,
da hier auf eine Meile Wegs keine Bauernhtte sein knne.
    Ich wollte schon anfangen, Tilien meine Gefhle ber die Httenfenster
mitzuteilen, als es mir auffiel, da sie so lange geschwiegen habe.
    Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht; unsre
Seele wird vom brgerlichen Leben, wie von einem Tanzmeister, in eine wunderbare
steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt, die,
sobald wir in die Natur treten, zu hchstverderblicher Ungeschmeidigkeit und
Einseitigkeit fhren.
    Mit meiner Rckkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und
nach alle seine Schwchen, so wie ein Weltmann nicht leicht einen franzsischen
Pas und einen natrlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann.
    Ich war zu verwirrt, ich mchte sagen, zu erniedrigt, um Tiliens hohes,
reines Leben voraussetzen zu knnen, und meine Frage, warum sie so lange
geschwiegen habe, schien nur eine gewhnliche Dame zu berhren. Ich vermutete,
sie sei ngstlich geworden, meine Erzhlung von der weien Marmorfrau, die Nacht
und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt, die uns
Mnnern so hinreiend wird, weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist, in denen
sich das eigne innere Verhltnis noch uert.
    
    Es ist so selten, da die bloe Liebe von beiden Seiten gleichttig die
Geschlechter nher verbindet, da uns bis jetzt die raschere, bestimmtere
Annherung zugeteilt wurde; ebendeswegen tut es uns uerst wohl, wenn wir
einmal der feststehende und nicht der bewegte Teil sind, wenn eine Bewegung der
Luft, oder das Gewicht der Reife, die Rosen oder die Frchte, die wir pflcken
wollen, uns entgegen bewegt.
    Tilie hatte im Gehen dann und wann ihre Hand fester auf die meinige gelegt.

Ich:

Wie ist dir, Tilie, sag, warum so stille?

Tilie:

Da ich nicht spreche, ist dein eigner Wille,
Wie konntest du das alles so erzhlen,
Nur diesen hohlen bangen Ton erwhlen,
Der wie durch einen dunkeln, tiefen Gang
In deiner seltsamen Erzhlung klang.

Im Anfang folgt ich dir, verlie die helle,
Die sterngezierte Nacht, die ernste Schwelle
Neugierig berschreitend, drang ich vor,
Bis ich mich ganz in Dunkelheit verlor.

Du warst so weit, so tief hinein gegangen,
Und Tilie konnte dich nicht mehr erlangen.
Ich eilte rckwrts, hrte dich nicht mehr,
Nur deine Stimme klang noch zu mir her.

Ich setzte mich still an der Hhle nieder
Und liebte dich nicht, denn du kamst nicht wieder.
Ich schaute einsam durch die dunklen Rume,
Aus Waldestiefen kamen zarte Trume
Und spielten mit des Mondes Geisterbildern,
Um meines Freundes Abschied mir zu mildern.

Nur eins von allen blieb bei mir zurcke,
Die weie Marmorfrau, und meine Blicke
Lie ich durch Schatten und durch Lichter sphen,
Und hoffte fest, die Arme zu ersehen;
Aus den Gebschen, glaubt ich, mu sie schauen
Und knne mir allein ihr Leid vertrauen.

Mich ergriffen ihre Worte heftig, wohl war ich Armer in einem langen dstern
Gang, und konnte nicht wieder heraus.
    Ich konnte Tilien nicht antworten; ich wute nichts, gar nichts, und htte
fast vom Wetter gesprochen, htten mir die Httenfenster nicht eine freundliche
Unterhaltung angeboten.

Tilie:

Hier oben - Httenfenster, sag, wie ist dir?
Hier oben sind ja keine Htten -

Die Auflsung meines Irrtums, der sich nun schon eine ganze halbe Stunde lang in
meine Gedankenreihe verflochten hatte, vollendete meine Zerstrung. Mit einem
sehr hlichen Unwillen fuhr ich fort:

Was denn sonst
Solls sein, was dorten leuchtet?

Sie:

Nun, es wird wohl
Ein stilles Licht sein, kennst du diese nicht?

Ich:

Ein stilles Licht? - Das ist ein Aberglaube.

Tilie:

Ein Aberglaube? - Sag, was nennst du so?

Ich:

Ein Aberglaube? Nun, ein falscher Glaube.

Tilie:

Wie sprichst du Mann, wie hast du dich verndert;
Die Worte, falsch und schief, versteh ich nicht.
Woher sind sie gekommen, hast du sie
Aus deiner falschen Welt heraufgebracht?

Ich:

Ich meine, liebe Tilie, da die Lichter
Aus der Natur entspringen, und da jeder
Verschiedne Glaube ihres Ursprungs falsch sei.

Tilie:

Von allem diesem wei ich nichts. Natrlich
Ist alles. Von den stillen Lichtern schweige,
Ich ehre sie, sie sind mir lieb. Sehr selten
Ists, da sich eines zeigt; es gehet dann
In meinem Leben sicher etwas Seltnes
Und Wunderbares vor, sie schimmern
Wie Winke meines Schutzgeists in der Nacht,
Und wandeln ferne in der Gegenwart
Wie khnere Minuten meiner Zukunft vor mir.
Eusebion lieben sie, er sprach schon oft
Mit ihnen, und sie tanzen freundlich um ihn.
Willst du mir meine zarten Freunde stren,
So gieb mir erst, was sie mir still gewhren.

So weit fr heut, ich bin so mde.
                                                                           Godwi

                                 Godwi an Rmer


Ich bin schon wieder genesen. Ich gehe schon wieder durch Wald und Flur, und
ohne Mhe, ohne Kampf mit dem vorigen. Auch mein Krper ist sanfter gestimmt.
Alles ist einfacher in mir. Ich kann lange an einer Stelle stehen, ohne jene
innere Angst, die mich immer weitertreibt.
    O wie ist die Natur so gro, und wie ist der Mensch grer! Wie kann er sie
bndigen in sich; wie kann er weit hinaus sehen, und so unendlich viel in sein
Auge fassen, und es mit seinem Geiste ruhig anfhlen und betrachten.
    Es ist mir nun alles erklrbar, alles verstehe ich; es hngen mir nicht mehr
um jede Aussicht alle Erinnerungen, und reien mich von der Gegenwart gewaltsam
zurck.
    Sonst mute ich immer durch eine dstere Wolke von Reflexionen durchbrechen,
um zu genieen. Es ist, als sei nach dieser Krankheit mein Bedrfnis kleiner und
mein Begehren heftiger geworden.
    Der Alte ist nun immer freundlicher mit mir, und ich bringe heilige Stunden
mit ihm und Tilien zu.
    Eins nur kann ich noch nicht lsen; wer war sie, die mit dem Knaben auf dem
Arm am Ende der Wiese stand? -
                                                                           Godwi

                           Fortsetzung des Tagebuchs


Die Worte Tiliens beschmten mich. Ich schwieg. Ich wollte Tilien ihre Gtter
rauben, und sie blieb mir freundlich. Ich sah in mich zurck und um mich her, da
blieb es kalt und leer. Kein Bild sprach mit mir von einem heiligen
Zusammenhange mit einem hhern Leben. O, wer giebt mir diese Religion?
    Wenn ich Tilien und mit ihr den schnen Zusammenhang mit ihren stillen
Lichtern erhalten knnte! Wie ehre ich nun diese stillen Lichter - Sind sie
Tilien, was sie mir ist? - Sollte mich nicht eine schne Eifersucht bewegen, an
ihre Stelle zu treten, meine Stelle mit ihnen zu vertauschen? - Wie - wie kann
die wilde verzehrende Flamme in mir zum stillen Lichte werden? -
    So war es in mir. Tilie ging ruhig an meiner Seite und sang:

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht
Und die Krnze stilleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:
Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Trnen
Lsen der Nchte verborgenes Weh,
Dann wehet Friede. In goldenen Khnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.
Glnzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wlder hinschleicht
Und die Bsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:
Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich trstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nchte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.
Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

So sang Tilie durch die Bsche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte
ber ihr, und ihre Tne, die in die dunkeln Bsche klangen, schienen sie mit
goldnen, singenden Blten zu berziehen.
    Ich selbst war wunderbar gerhrt und weinte fast, da ich an der Seite
dieses hellen freundlichen Bildes so trb und verschoben dastehe.
    Hier wendete sich Tilie zu mir und sprach:

Dir ist nicht wohl, du magst den Wald nicht leiden,
Weil Dunkelheit schon in dir selbst regiert;
So will ich dich den andern Weg geleiten,
Der ber eine helle Wiese fhrt,
Wo Licht und Schatten nicht so bange streiten
Und sich der Pfad in hellen Glanz verliert.
Durch jene Flur, in sanften grnen Wogen,
Wird sie von leisem Wehen hingezogen.

Tilie trat mit mir aus dem Walde auf die glnzende Wiese heraus, und ich
erschrak fast vor ihrer Schnheit.

Ist des Lebens Band mit Schmerz gelset,
Liegt der Krper ohne Blick, ohn Leben,
Fremde Liebe weint, und er geneset.
Seine Liebe mu zum Himmel schweben,
Von dem trgen Leibe keusch entblet,
Kann zu Gott der Engel sie erheben.
Und er hlt sie mit dem Arm umfasset,
Schwebet hher, bis das Grab erblasset.

Ist er durchs Vergngliche gedrungen,
Kehrt die Seele in die Ewigkeit,
O, so ist dem Tod genug gelungen,
Und er strzet rckwrts in die Zeit.
Um die Seele bleibet Wonn geschlungen,
Alles giebt sich ihr, die alles beut,
Wird zum ewgen Geben und Empfangen,
Kann des Wechsels Ende nie erlangen.

So war mir, als ich auf die Wiese trat und Tilie neben mir; es war, als strze
alles Licht auf sie herab, sie zu verschlingen, oder zu erschaffen, oder sie
erschaffe alles Licht; es war, als entstehe sie aus den Wellen der Grashalmen
und Blumen, ber die sie schwebend hinging, wie Venus aus dem Schaume des
Meeres.

Ich:

Wie diese stille Flche sah der See
In meines Vaters Garten aus; Otilie,
Dort, wo die Bsche sich verengen, stand
Das weie Bild, o Gott -

Tilie:

Was ist dir?

Ich:

Dort steht die Frau.

Tilie:

Wo? La uns zu ihr hin;
Da steht sie, ja ich sehe sie, die Arme!

Ich war in die Erde gewurzelt, die weie Marmorfrau stand am andern Ende der
Wiese, und hatte den Knaben im Arm.
    Tilie sa neben mir, rief mich dann und wann und rttelte mich leise, ich
war sinnlos niedergesunken.

Tilie:

Wie ist dir, sprich, du machst mir bange,
Liebst du das weie Frauenbild nicht mehr?
Hast du ihm wehgetan, da du es frchtest?
Mir war es lieb, da sie sich vor uns stellte.

Ich:

Sahst du sie denn?

Tilie:

Gewi, bis sie verschwand.
Doch komme, wunderbarer Mann, komm schnell,
La uns nach Haus zu meinem Vater eilen,
Mit dir ist es nicht gut allein zu weilen.

Das stille Licht sahen wir schnell durch den Wald hinfliehen, und trennten uns
an der Tre. Ich bin krank -
                                                                           Godwi

                    Joduno von Eichenwehen an Sophie Butler


Du hast mich mit dem freundlichen Briefe recht in Versuchung gefhrt, und ich
war nie so reich in meiner Einsamkeit. Unter zwei Freuden soll ich whlen - ich
armes Mdchen bin an Freuden gar nicht gewhnt.
    Wenn du wtest, was auf der andern Waagschale liegt, und das ist etwas, was
dich schier aufwiegen knnte. Ich soll auf einige Tage nach Reinhardstein zu
meiner Otilie, ihrem Vater und dem kleinen Eusebio. Auch Godwi ist dort, und ich
htte ihn immer zuerst nennen drfen.
    Auf deiner Seite liegt eine groe Stadt mit Spazierfahrten, Schauspielen,
Bllen, neuen Moden, und du, liebes Mdchen, dich htte ich wohl auch zuerst
nennen knnen. Der Vater und mein Bruder sind nach B. auf den Landtag gereist,
und ich warte nur auf seine Antwort, ob ich zu dir kommen darf. Es ist mir sehr
lieb, da mein Bruder mit nach B. ist, er wrde sonst mich sicher nach
Reinhardstein oder zu dir begleitet haben. Nach Reinhardstein bringe ich ihn
nicht gerne, weil er meine Otilie mit seiner Liebe qult, und bei dir, sieh, da
mchte ich doch ein wenig brillieren; mein Herr Bruder aber hat gar keine Anlage
zum Chevalier d'honneur. Nun wei ich noch nicht, wer mich begleiten wird.
Knntest du mir nicht einen deiner Brder schicken? Ich will sehen, ob es der
Vater erlaubt.
    Ich freue mich recht sehr auf dich; wir wollen dann die kindische Zeit
wieder aufwecken, die wir zusammen im Kloster verlebten. Ob diese Erinnerungen
fr dich noch reizend sein knnen, wei ich nicht, denn du hast mit einem
glnzenden, bunten Leben das alles vertauscht; aber ich, ich kann nimmer das
zarte Leben vergessen, in dem wir so verschwistert nebeneinander einhergingen;
die groe, stille Laube, am steilen Abhange des Klostergartens, ist nirgends
mehr in der Welt. Wie die Mhlen klappten, die Bume rauschten, und sich unten
alles in den dunklen Wellen eines lebenden grnen Meeres bewegte. Immer steht
mir noch ein Abend im Sinn: der Bruder der Priorin und ein freundlicher
geistlicher Herr waren angekommen, und es war ein groes Fest im Kloster. Nach
Tische muten wir beide das Ave singen, um den Fremden eine Freude zu machen,
und es war uns so gut gelungen, da uns erlaubt wurde, eine Bitte zu tun; wir
besannen uns lange, damit wir die rechte tun mchten, und standen beide am
Fenster, miteinander zu berlegen. Es war Abend und ganz dunkel draus, da ging
auf einmal der Mond auf, und der Garten war so schn, die kleinen Springbrunnen
rauschten so freundlich, da du um die Erlaubnis batst, eine Stunde in den
Garten gehen zu drfen.
    Als wir unten durch die dunklen Gnge gingen, da wurde uns sehr wohl; wir
setzten uns in die Laube und sahen in das glnzende Tal hinab. Nachher merkten
wir, da der alte Grtner noch wachte, wir klopften an sein Fensterchen, da kam
er dann heraus, setzte sich zu uns in die Laube und erzhlte uns, wie er sich
als kleiner Knabe bei seinem seligen Vater erinnere, da hier in der Laube sich
einmal ein wunderschner junger Prinz in eine Nonne verliebt und sie nachher
entfhrt habe. Wie der Grtner fort war, sprachen wir noch lange von der Liebe,
und whlten uns jede einen Ritter, und schufen an ihnen allerlei kleine
Liebenswrdigkeiten, die wir teils an den Freunden unsrer Eltern, teils an
unsern Gespielen bemerkt hatten, zum Heldencharakter um. Ich wollte einen
lustigen, offenherzigen Ritter mit braunen Locken; er brauchte gar nicht alle zu
besiegen, nur meine Lieblingsfarbe Himmelblau mute er tragen, auch tanzen,
singen, und nun, auch sehr zrtlich sein konnte er. Dein Auserwhlter war schon
viel preziser und zusammengesetzter. Er hatte schon den Zug ins heilige Land
vollbracht, du wolltest ihn zum Lohne seiner Arbeiten mit deinem groen
schwarzen Auge freundlich anblicken, und ihn die Rtsel und Charaden deines
Witzes auflsen lassen. Er war ein ernster, erfahrner Mann, voll Wahrheit und
milder Majestt. Sein Auge mute schwarz sein, und nicht einen sen Blick
wolltest du ihm verzeihen. Treue und Achtung war das eigentliche Band. Sein
Gewand war grau, braun oder schwarz. Perlen durfte er tragen, und die feinsten
Kanten zur Halskrause, aber alles echt und einfach; auch sollte er die Zither
spielen, und du wolltest ihm verzeihen, wenn er Lieder der Liebe snge. Aber die
Erinnerung, die Zeit, die Zukunft mte sein Vorspiel sein, er sollte sie zur
Ehre der Damen singen, mit denen er in Frankreich getanzt, die er in Italien
gekt, unter deren Fenstern er in Spanien die seste Langeweile empfunden
hatte, und am Ende sollte er dich kssen, einen ernsten Ku der berzeugung;
dann griff er wieder in die Saiten und sang ein Lied von dir, in dem sich alles,
seine bunte Welt und sein wilder, strebender Sinn, ruhig gelst hatte. -
    Wenn das Glckchen zur Mette lutete, und wir traulich wie zwei verwnschte
Prinzessinnen die langen Gnge an den vielen alten Bildern hinab ins Chor
schlichen, machten wir bei einem von den Bildern immer die Augen zu, es war eine
Martergeschichte, und muten deswegen Gesichterschneidens halber stehend essen.
Wir waren damals die ltesten, und freuten uns, wenn es in das Chor ging, immer
ber die vielen frhlichen kleinen Mdchen, die um uns her wallten, ber die
neugierigen Nonnen, die die Kpfe zu ihren Tren herausstreckten, oder wie
Gespenster um die Ecken herumschwebten. Wir konnten den eintnigen Gesang von
den vielen Mdchen-Stimmen gar nicht mehr leiden, drehten an dem Rosenkranze und
steckten die Kpfe zusammen, und ich sagte einmal recht offenherzig: Ach! wenn
doch unsre Ritter mitsngen. Wir waren immer einig, nur ein einzigesmal haben
wir ein paar Stunden geschmollt; es war, als dein Bruder deine jngere Schwester
gebracht hatte. Ich vergesse den Abend nie, die Nonnen huschten wie Geister um
ihn her, und keine wollte ihn vor der andern angesehen oder gesprochen haben,
und er scherzte mit allen. Du wurdest aufgebracht und weintest, weil ich in
meiner Einfalt die Schwester Rosalie gegen dich auslachte. Sie wanderte so
sonderbar bewegt mit deinem Bruder im Garten herum, und konnte gar nicht von ihm
loskommen. Die Arme war deiner Trnen wohl wert, sie ist nun tot. - Wenn ich
sprde, dummzierige Mdchen sehe, so wnsche ich sie immer ein paar Jahre ins
Kloster, damit sie fhlen lernen, was die arme Rosalie fhlte. - Seitdem ich
Godwi kenne, fhle ich, da ich die Mnner liebe, und da nur sehr elende Weiber
sie nicht lieben knnen. Ich freue mich auch sehr, viele gescheite und schne
Mnner bei dir zu sehen. Es ist so totenstill hier im Schlosse, seit der Vater,
Jost und Godwi fort sind, da ich mich nicht getraue, aus meinem Winkelchen
herauszugehen; das Fleckchen von unserm Garten, das ich aus meiner Stube
bersehe, habe ich fast auswendig gelernt. Der Himmel allein ist es, der mich
unterhlt, die Wolken mit ihren tausendfaltigen Gestalten sind meine einzige
Lektre; bald suche ich Umrisse von Gesichtern, bald Schlsser, bald kmpfende
Drachen und Schlangen in ihnen, und indem sie selbst immer leise zerrinnen, wird
aus meinen einzelnen Arten ein allgemeines Dichten, ohne eigentlichen Stoff;
doch lange dauert es nie, so steht Godwi mitten drinne. Oft sehe ich ihn in
allen Ecken. Stundenlang sitze ich in dem Armstuhl auf seiner ehemaligen Stube;
alles, was von ihm brig ist, habe ich durchsucht, und ein Stckchen Papier,
worauf er, indem er die Feder probierte, meinen Namen und seinen schrieb, liegt
unter den heiligsten Blttchen meiner Brieftasche. Der Morgen, an dem er
wegging, ist sehr traurig fr mich gewesen, ich wute gar nicht, wo ich bleiben
sollte; ich ging in meiner Stube an die Kommode, in der meiner verstorbenen
lieben Mutter ihre Kleider liegen, nahm sie heraus und betrachtete die schnen
Kanten und schwarzen Paladine, las in dem Kalender, in den sie geschrieben
hatte, wann ich geboren war, und setzte mich dann an ihr knstliches Spinnrad,
das mein Vater ihr zur Hochzeit schenkte, und spann, indem ich heftig weinte, um
Godwi und die Mutter. Es ist so allein, es hallte alles wieder, ich klettere an
jedem Schranke in die Hhe, um zu sehen, ob nicht etwas Vergessenes oben liege,
das mich zerstreuen knnte. Die alte Margarethe hat alle ihre
Gespenstergeschichtchen wiederholt, die Legende und hundert kniglichen
Jagdgeschichten habe ich durchgelesen und mchte fast, da mir ein kleiner
Schlozwerg erschiene, und mir irgend einen geheimen Schrein voll der
seltsamsten Sachen entdeckte. Aber ich glaube, fast alle meine Gro- und
Urgroherrn waren viel zu trockene Leute, als da so ein poetisches Mnnlein bei
ihnen htte sehaft werden knnen. Es ist mir wie einem Indianer, an dem eine
herrliche Musik mit allen ihren blitzenden Tnen vorberrauschte, die gttlichen
Flammen schlingen sich um seinen unschuldigen Sinn, und er kann nimmermehr
ruhen, weil er die glnzenden Tne vermit, die in einem Augenblicke einen
Himmel aufschlossen, den er nimmer wiedersieht. Godwi ist nun fort, ich finde
ihn nirgends, aber er hat eine Begierde in mir entzndet, die er selbst nicht
ausfllen kann, eine Begierde nach Dingen, die ich nie kannte. Ich liebe Godwi
nicht, denn er ist viel weiter als ich in allem Leben. Vieles, was ihn ganze
Stunden beschftigt, fllt mir gar nicht auf. Seine ganze Stimmung kann durch
einen kleinen Miton, durch eine auf andre gar nicht wirkende Wendung der
Unterhaltung zerstrt werden, und oft ergreift ihn wieder die grte Heiterkeit
bei Dingen, die mich gar nicht rhren. Ich scheine mir viel zu arm fr ihn. Er
selbst liebt sich wenig, und oft hat er mir geklagt, er sei sich viel zu wenig
gegen andre Menschen, die er kenne. Und nun sieh das Verhltnis: fr mich waren
die Empfindungen, die er in mir hervorbrachte, die unbegreiflichsten, hchsten,
die ich je gehabt habe; er selbst, um den er sich so wenig bekmmert, war mein
einziges Dichten und Trachten. Wenn er scherzend sprach, mute er mir oft vieles
erklren, und wenn er ernst sprach, war er mir oft unverstndlich, und doch
hrte ich ihm dann gerne zu, ich hatte die Empfindung der italienischen Musik
dabei, wo ich den Text nicht verstehe, oder sah ihm in die Augen, die ihm oft
abtrnnig mit vielen Dingen umher ein ganz eignes Gesprch fhrten. Er verband
immer die grte Delikatesse mit einer hohen Vertraulichkeit, und nie hat er mir
von Liebe gesprochen. Wenn ich an ihn denke, wie er hier war, so zerfllt mir
diese Zeit in eine Menge von Zusammenstellungen und Gruppen, unter denen
einzelne mir besonders hervorspringen. Ich sa einstens in einer kleinen
Gitterlaube mit ihm abends im Garten, ich sah ins Tal hinab, und er sa auf der
Erde zu meinen Fen, der Mond schien herein, und der Schatten der Gitterlaube
fiel ber seine Gestalt; wenn ich ihn ansah, so war mir es, als wre er
gefangen, aber nicht von mir, als wre er gefangen von einer andern Welt. Da
legte er seine Hnde auf meine Knie, und bald auch seinen Kopf, und wir sprachen
nur wenig mehr. Da ich sagte: Ich will schlafen, und den Kopf auf den Arm
legte, und da er sagte: Wir fangen an ganz stumm zu werden, ist wahr, aber
von beiden Teilen eine kindische Entschuldigung gewesen. Wir gingen sehr still
zurck, er nur sagte etwas schchtern: Frulein! wrden Sie auch einem andern
erlaubt haben, seine Arme und seinen Kopf auf Ihre Knie zu sttzen, oder wollen
Sie mir besonders wohl, und warum tat ich es? Hier ging er auf seine Stube, und
diese Fragen stehen beide ganz verlassen und nackt in unserm Leben; diese
Fragen, an die sich eine Folge von schnen Rtseln und Auflsungen htte knpfen
lassen. Den Abend vor seiner Abreise schnitt er meinen Namen in die Eiche, er
ging dann auf seine Stube, um einiges in Ordnung zu bringen; ich blieb allein
zurck und mute seinen Namen unter den meinigen setzen, es kostete mir viele
Mhe, und ich habe mir zweimal die Hand dabei verletzt.
    Als ich gestern hinkam, um mich nach den Stunden umzusehen, die hier so
schn gewesen waren, als er noch da war, sah ich das Wort Freunde unter die
Namen geschnitten. Eine schmerzhafte Empfindung durchdrang mich, als ich diese
Hinzusetzung las. Hatte ich mehr erwartet als Freundschaft, und bin ich wert,
da er mir mehr gebe? Ach! ich trichtes Mdchen weinte, als habe er mir unrecht
getan, und itzt sehe ich das Wort schon so gerne, da ich es unterstrichen habe.
    Diesen Mann nun soll ich sehen, ungestrt, in der schnsten Gegend, bei der
Einsamkeit und Einfachheit. Fhlst du wohl, wie schwer dies Gegengewicht ist?
Und doch ist es besser, wenn ich ihn nicht sehe, da er mir nie mehr als
Freundschaft geben kann, und die Forderungen meines Herzens noch so vorlaut
sind. O, wenn du doch da wrst, liebes Mdchen, und mich zu dir fortreien
knntest; ich glaube doch, wenn du vor mir stndest, ich knnte Godwi vergessen.
    Welche Vernderung in mir, wenn ich lese, was ich sonst schrieb - das war
alles so leicht und so deutlich, wie ich es dachte, und itzt kann ich nicht
einmal alles schreiben, was ich denke, die Worte fehlen, und doch finde ich
viele Worte in diesem Briefe, die mir fremd vorkommen, die ich nie gehrt habe
als von Godwi. Auch denke ich vieles, was ich sonst nicht dachte und wieder von
ihm ist. - Doch, was ntzt das alles. Hier ist auch von ihm, und vielzuviel.
    Wenn du mir schreibst, so sage mir, welcher von deinen Brdern mich abholen
soll, ob es der sonderbare undeutliche, ungezwungene, der sonderbare ernsthafte,
zierliche oder der sonderbare trockne, spahafte ist. Jeder dieser sonderbaren
drei Herren erfordert ein eignes Benehmen, bei jedem mte ich anders in den
Wagen steigen. Dem ersten mu man Zutrauen ohne Vertrauen geben, seine Schwche
nicht zeigen und ihm nicht sagen, da er nicht gut sei. Der zweite duldet keine
Schachtel im Wagen, er erfordert lauter Eleganz, und man wei gar nicht, wie man
ihn eigentlich ansehen soll, weil man noch keine englischen Patentblicke hat.
Der dritte endlich fordert Duldung fr Tabak, Widerspruch, Bisarrerie und Spa.
Darum zeige mir meinen Schutzgeist vorher an, damit ich in der berraschung
meine Rolle nicht fallen lasse. Lebe wohl!
                                                                          Joduno

                        Antonio Firmenti an Godwis Vater


Segen ber Sie und das Ihrige! Sie haben mir die frhlichste Nachricht erteilt,
die ich seit zwlf Jahren erwartete. Mein Bruder, mein geliebter Franzesco lebt
und ist in den Armen eines Freundes. Meine Nachfragen sind ganz Europa
durchlaufen, fnf Jahre lang habe ich selbst alle groe Stdte durchreist, ohne
eine Spur von ihm zu finden. Schon wollte ich auf die Freude Verzicht tun, ihn
je wieder zu umarmen, schon lschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen, als er
mir pltzlich und unerwartet wiedergefunden ist. Die wenigen Blicke, die er Sie
in sein Schicksal tun lie, will ich Ihnen, soviel als mglich, erlutern. Seine
Geisteszerrttung, die mich so sehr schmerzt, wrde es ihm ohnedies zu
gefhrlich machen, in der Darstellung in seine Leiden zurckzukehren. Wenden Sie
alles an, ihn so viel als mglich zu zerstreuen und wieder herzustellen. Ich
sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling; geben Sie mir
von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und wenn Sie mir endlich den glcklichen
Punkt melden, wenn er fhig ist, die Erschtterung des Wiedersehens zu ertragen,
so komme ich selbst, umarme ihn und fhre ihn dem sanften Himmel seines
Vaterlandes zu. Doch itzt zur Erzhlung seiner Geschichte, die die Geschichte
meiner ganzen Familie werden wird, die Sie ganz kennen mssen, da der Himmel Sie
zu ihrem grten Wohltter gemacht hat. Ich werde ganz aufrichtig sein, und
Ihnen meine innersten Meinungen ber diese Familie aufschlieen.
    Unser Vater war ein redlicher, kluger und reicher Mann, doch alles dieses
aus kaufmnnischen Gesichtspunkten betrachtet. Redlich, ohne doch die
sogenannten Handlungsvorteile zu verwerfen, klug in Spekulationen und
brgerlichen Verhltnissen; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel,
Verhltnisse mit der Menschheit hatte er wenige, und hier waren Mnchskpfe
seine Maschinen, reich an Gtern des Lebens - Gott segne seine Asche!
    Wir beide waren seine einzigen Kinder; das Taufbuch bezeugte es, sonst
htten wir es wenig erfahren, denn er war rauh und hart. Ein Glck fr uns war
es, da er auch stolz war, so da er wenig mit uns sprach, und nur seine Mienen
uns weh taten. Wir standen in keinem Umgange mit ihm, und sahen ihn oft
wochenlang nicht, bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns pltzlich in eine
engere Verbindung mit ihm brachte, die um so drckender war, da die freundliche
Mittlerin nun fehlte. Sie war die Tochter eines vornehmen Rmers, der wegen
einiger gewagter Ausflle auf den Nepotismus Rom verlassen und seine Gter
bezogen hatte. Ihr Vater hatte sie zum geistvollen, vorurteillosen Weibe
gebildet, und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zartheit der
Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet, die sie fhig machten, den Flug
ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung
zu begrenzen, auf dem Weiber, um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit
nicht zu bersteigen, verweilen mssen, und der in sie jenen unergrndlich
reizenden Hintergrund legt, der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen
Augen der wenigen entgegen sieht, die ihn besitzen. Mein Vater, der bei
Bergwerken mehr Sinn fr den Inhalt der Tiefe als bei Menschen besa, berhrte
mit all seinem Geize diese Flle nie, die sie in Liebe und inniger Teilnahme
ber uns ausgo. Ihre Handlungen gingen immer mit ihren uerungen in gleichem
Schritte; wo ihr Geist viel weiter als ihre uerung war, verbreitete er ber
diese eine helle, deutliche Allgemeinheit, so da, indem sie das Ganze im
Einzelnen uerte, sie weder der Welt durch ihre Gre drckend, noch sich
selbst ungetreu werden konnte; und wahrlich, nur der Blick nach innen, nur ihr
hohes Selbstbewutsein konnte sie fr den Druck einer rauhen Umgebung, fr die
harte Behandlung meines Vaters und seine ungestme Liebe zu ihr entschdigen.
Ich habe sie nie gegen ihn murren hren, und zu uns, die wir ihre Freunde waren,
sprach sie nie von ihm als mit allgemeinen Worten der Achtung und Pflicht.
    Unsrer Mutter ging es sehr kmmerlich, sie teilte ihr kleines Taschengeld
mit uns und den Armen. Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen, mein Vater hate
ihn, indem er durch seinen allgemeinern Sinn und seinen Knstlerglauben keinen
Berhrungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte. So umfate die Mutter
den Sohn mit doppelter Liebe, da sie ihn lieben und schtzen mute, und legte in
seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines
Gemts, die die Wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich
machte. Er verlie sie selten, sa halbe Tage zu den Fen dieser Mrtyrerin,
und suchte ihren stillen Kummer, den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu
zerstreuen wagte, mit Singen, Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer
Bilder zu zerstreuen. Seine Liebe ward immer heftiger in ihm, sie brannte
eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst; sein ganzes Dasein war
umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung, so da er ewig in sich selbst
zurckkehrte, und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem
bestimmen mute, ward er der unbestimmteste, undeutlichste Mensch. Meine Mutter
gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin, und er verwuchs mit
seinem eignen Ursprung, aus dem er sich doch htte entfernen und sich seinen
eignen, freien Raum htte erfllen mssen. Bald lag keine einzige Folge mehr in
seinen Gedanken noch seinen Handlungen, und wer nicht sein Bruder oder seine
Mutter war, mute ber den zerstckten, seltsamen Menschen trauren. Bald
bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst, und
fhlte nur zu sehr, da sie ihn ganz vernichten msse, um sich ihm zu entwinden;
umso lieber ergriff sie die Gelegenheit, die sich ihr darbot, seiner
Leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben. Sie nahm die Tochter einer
Freundin zu sich, die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der Natur verloren
hatte. Die Mutter des Kindes verlor sich, und die Anverwandten hrten, da sie
gestorben sei. Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bei meiner Muhme in Ancona
erzogen, dann nahm sie unsre Mutter zu sich, voll Freude, ein weibliches Wesen
um sich zu haben, die Jugend, diese verlorne einzige glckliche Zeit ihres
Lebens, noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen, und sich gleichsam in
diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln. - Mein Vater fragte
fters bitter, wo denn das Kind herkomme? und da meine Mutter antwortete: Von
der Unschuld und Armut so fragte er: Was soll aus ihr werden? - Meine
Tochter, antwortete die Mutter. So! sagte er bitter, ich werde nie Ihre
Kinder anerkennen, die nicht die meinigen sind, und verlie uns.
    Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter, die
mit Freude bemerkte, wie diese beiden sich immer nher und nher kamen, und
endlich sich ganz durchdrangen.
    Ich brachte den grten Teil des Tages in kaufmnnischen Geschften zu, und
machte nebenher kleine Spekulationen zum besten Ceciliens, der ich fr den Fall
der Not einen heimlichen Schatz sammelte, denn ich liebte sie herzlich, und
wute, da der Vater ihr nichts geben wrde, die Mutter nicht knne und mein
Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte, um nur den Gedanken an
Ernhren mglich werden zu lassen. Meine Mutter begnstigte Franzescos
Leidenschaft auf alle Weise, um sich mit ihm selbst wieder in das Verhltnis
kindlicher und mtterlicher Liebe gesetzt zu sehen, denn sie hatte sicher
erfahren, da Franzesco von dem freisten, allgemeinsten Geiste der Liebe beseelt
war, und keine gefesselte Unterabteilung ihn zu beschrnken vermochte.
    Ich sah Cecilien selten, ja es gab eine Epoche, in der ich sie sorgfltig
vermied, denn ich liebte sie; und warum soll ich es nicht gestehen, da alle
diese Lieben nicht mehr sind? Ich fand einen groen Genu darin, meinem Bruder
ein stilles Opfer mit dieser Leidenschaft zu bringen. Franzesco hatte sich der
Malerkunst gewidmet, und wrde es weit gebracht haben, htte seine Schwrmerei,
sein nicht ganz heitrer Blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den
zwei einzigen Weibern tief, aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie
khnere Bilder gereicht. Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel.
Er konnte nur stille, zarte und leidende Gestalten bilden, und das Hchste war
so ewig ber seiner Grenze; er fhlte das innerlich, doch wute er es nicht, und
siechte, wie jede volle Seele leise hinwelkt, die von der Vollendung
zurckgehalten ist. Es lag in allen seinen Bildern eine geheime Sehnsucht nach
irgend einem andern Gegenstande, und es war mir oft vor ihnen, als sagten sie
mit dunkeln unverstndlichen Worten: Wir sind die wahren nicht; sie schienen
ewig zu entfliehen, um hhern Wesen die Stelle zu rumen, oder standen ngstlich
da, als stnden sie nicht an der rechten Stelle. In Blumen, Stilleben hatte er
es weit gebracht, und in seinen Arabesken lag sehr viel Harmonie und Musik.
Cecilie, welche eine sehr geschickte Stickerin war, hatte ihn zu diesem Teile
der Kunst besonders gestimmt. So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten
Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel, der heilige
Stunden umfate, Stunden, die mir mit seiner Zerstrung nimmer wiederkehrten.
    Der traurige Zeitpunkt trat ein, in dem der innere Harm meiner Mutter ihren
Krper besiegte. Sie bekam heftige Krmpfe auf der Brust. Cecilie und Franzesco
verlieen ihr Lager nicht, sie teilten den kostbaren Schatz ihrer letzten
Augenblicke, und wenn ich einige Minuten von den Geschften loskommen konnte, so
trat ich zu ihnen, und wir alle hrten die Lehren und den Trost unsers
sterbenden Glcks. Die frchterliche Stunde kam heran, der Vater wagte es nicht,
sich dem Krankenbette zu nahen, er reiste weg, ohne jemand zu hinterlassen,
wohin. Vor ihrem Tode hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit
ihr. Ich war der letzte, sie starb in meinen Armen, mit den Worten: Antonio! du
bist der strkste, nimm dich Ceciliens und deines unglcklichen Bruders an. Die
Zerrttung war frchterlich unter uns; von dem Sterbebette mute ich auf die
Schreibestube, der Vater war weg, Franzesco war in Wahnsinn verfallen, und
Cecilie stumm und ohne Bewegung, nur dann und wann lste sich die Wut ihres
Schmerzes in einem heftigen Schrei, der das ganze Haus durchschallte, und unter
allem diesen Jammer arbeitete ich des Tags und wachte die Nacht bei den zwei
Leidenden. Da Cecilie wieder etwas besser war, lie ich sie in ein Kloster
bringen, in dem eine Freundin unsrer Mutter btissin war, weil sie ihren Kummer
dort ruhiger zerstreuen konnte, bis ich mit meinem Vater weitere Maregeln mit
ihr ergreifen konnte. In Franzesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe
zurck, und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung ber Ceciliens Abwesenheit
beruhigen, da ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse htte entziehen wollen.
    Der Vater kehrte zurck und mit ihm seine Strenge. Er billigte mein
Verfahren mit Cecilien, doch wohl nicht aus der Ursache, die mich bewogen hatte.
Franzesco und ich besuchten sie fters, und unsre Zuneigung zu diesem lieben
Wesen ward um so heftiger, als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und
unentbehrlicher geworden war. Mein Vater war einst nach Tische vorzglich guter
Laune, und einige Mnche, die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten, nicht
minder. Er uerte sich, er werde Cecilien eine Nonne werden lassen, und verbot
uns daher fr die Zukunft, sie zu besuchen, weil wir beide zu weltlich gesinnt
wren. Meine Bitten rhrten ihn nicht, und den schrecklichen Blick Franzescos,
der in seiner Gegenwart immer stumm war, verstand er nicht. Sie ward hierauf in
ein anderes Kloster gebracht, und wir konnten sie nicht mehr sehen.
    Franzesco hatte nun alles verloren, was ihn ans Leben fesselte, er brachte
den ganzen Tag auf einsamen Spaziergngen zu, und ngstigte mich mit seinem
heimlichen, stillen Betragen sehr.
    Eines Abends kam er in die Stube meines Vaters, seine Erscheinung war mir
ungewhnlich krftig, er ging auf mich zu, umarmte mich heftig und trat dann vor
den Vater mit den Worten:
    Vater? wo ist Cecilie?
    Sie ist im Kloster, erwiderte dieser unwillig, und wird die knftige
Woche eingekleidet werden.
    Sie wird nicht eingekleidet, erwiderte Franzesco, denn sie liebt mich und
ich sie; sie ist meine Braut, und ich werde ihr Gatte sein.
    Sie ist die Braut des Himmels, Bube! brach mein Vater im Zorne aus:
denke, wie du leben kannst; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Almosen,
Ketzer! An ein Weib denke nicht, denke an Brot.
    Franzesco erbebte im Innersten, frchterlich stand er da, wie ein Mensch,
der sich von der Natur losreit, die Bande des Blutes rissen tief in seiner
Seele; ich fate ihn in meine Arme, damit er seinem Vater nicht lstern mge,
und er rief mit Wut folgende Worte: Gerechter Himmel! Gott und meine Mutter
seien meine Zeugen, ich will mich nhren und sie, und kein Bissen mehr von
deinem Tische! Groe ungeheure Schuld ber mir, ich mu dir alles wiedergeben,
was du mir gabst, und habe gegen meinen Vater mich emprt. Ich fhrte ihn nach
seiner Stube, er stand starr und stumm, sein Blick wurzelte in den Boden, da
flo ein Strom von bittern Trnen ber seine Wangen, er umklammerte mich fest -
ach! ich wute nicht, da dies der letzte Rest meiner Freude war, die ich zum
letztenmale umarmte. - Er bat mich, ihn allein zu lassen; ich hrte ihn noch
lange ber mir mit schnellen Schritten auf und abgehen, bis ich einschlummerte.
    Der folgende Tag erschien, ich eilte auf seine Stube und fand ihn nicht
mehr. Ein Brief lag auf dem Tische:
    Antonio! o knnte ich neben dir stehen und dich trsten! Lebe wohl! ich
gehe zu sterben, oder fliehe mit ihr; zeige meine Flucht nicht an, bis sie sich
selbst kundtut, denn wahrlich, ich tte mich und sie, wenn man uns ergreift. Die
Gewalt ist schrecklich in mir erstanden, ich habe zwei Wesen dem Schicksal
entrissen, und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel. Lebe wohl! du Teurer, in
einigen Monaten sollst du wissen, wo ich bin. Die Trne, die auf dies Blatt
fllt, gehrt dir und dem Grabe meiner Mutter. Lebe wohl!
    O Franzesco, sie war hei die Trne, die du mir weintest, denn alle meine
Freuden, mein ganzes Leben ist in ihr versiegt. Mein Vater erfuhr die Flucht
meines Bruders, und die Entfhrung Ceciliens. Die Sache machte ein ungeheures
Aufsehen, denn eine Nonne zu entfhren, heit ein Ehebruch im Bette des Himmels.
Man setzte ihnen von allen Seiten nach, doch vergebens. Mein Vater enterbte ihn,
und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan. Einige Monate lang zeigte man
mit Fingern auf mich, als den Bruder des Verbrechers; von allen Kanzeln hrte
ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen
ablesen, und wenn ich in die Kirche ging, um am Grabe meiner Mutter fr ihre
Kinder zu beten, so mute ich erst den Bannfluch ber sie an der Tre
angeschlagen sehen. So sehr mir auch von jeher diese Machtsprche der Kirche in
weltlichen Dingen, und berhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des
tiefsten Gefhls, erbrmlich schienen, so machte es doch mechanisch den
frchterlichsten Eindruck auf mich; so wie uns immer schaudert, wenn wir etwas
Ungewhnliches sehen, ohne da wir deswegen an Geister zu glauben brauchen. Ich
hatte nun keinen Menschen mehr, dem ich mich offenbaren konnte, und mute dabei
den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenber die trockensten und
langweiligsten Arbeiten verrichten. Allein das Ma war noch nicht gefllt: ich
erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort, er war ein Bild des
Wahnsinns, der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die
einzigen lichten Stellen. Mein Schmerz war grenzenlos, alle Hoffnung war
gebrochen, ich unterlag, eine Sinnenermattung warf mich nieder, ich konnte nicht
auer dem Bette sein. Bei allem dem mute ich arbeiten, mein Vater brachte mir
die Briefe ans Bette, die ich beantworten mute. Ihn selbst schien in dieser
Zeit etwas ganz eignes zu rhren. Eines Tages war ich matter als je, einige
Arbeiten hatten meine letzten Krfte erschpft, die Gegenstnde verschwanden um
mich, und ich starrte trumend vor mich hin, bis ich einschlief. Da ich wieder
erwachte, war es Nacht, der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue
der heiligen Marie, die zu den Fen meines Bettes in einem Glasschranke stand.
Der goldne Mantel des Bildes glnzte schn, und die Glorie leuchtete wunderbar
heilig um das liebliche se Angesicht der Mutter. Ich glaubte, Cecilie stehe
vor mir, ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen, und fhlte
sie in und auer mir; so schlummerte ich wieder ein, und auf einem seligen
Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinber, und bewegte sich lebendig mit
himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen. Es war mir, als brche sich des
Bildes Schein in drei groen Spiegeln in mir, und Franzesco, Cecilie und die
Mutter lebten in mir; dann hrte ich eine rauhe Stimme, Pietro, mein Vater,
stand vor meinem Bette, mit einem Lichte in der Hand, er sprach: Antonio, ich
verreise, in vierzehn Tagen kehre ich zurck, dann sollst du angenehmere Tage
haben, jetzt arbeite fleiig.
    Ich stellte ihm vor, er mge bis zu meiner Genesung bleiben. Allein dazu war
er nicht zu bereden. Er befahl und reiste. Nach einigen Tagen konnte ich wieder
auf sein. Der vierzehnte Tag erschien, es kamen einige Neapolitanische Offiziere
zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti. Die ist schon lngst tot,
erwiderte ich. Nein, nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir; sollte
er noch nicht angekommen sein? - Ich kenne sie nicht, erwiderte ich
stammelnd, und bat die Herren, mich zu verlassen. Also eine neue Mutter
erwartete ich. Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden, denn so wurde mein
Vater doch beschftiget; und mute nicht jedes Weib besser sein als er, schon
weil sie ein Weib war? Der Gedanke, an ihr ein Organ zu finden, durch das ich zu
ihm sprechen knnte, trstete mich. Den Mangel des Zutrauens zu mir, der in der
Verheimlichung der Sache lag, war ich gewohnt, und harrte mit einiger Neugierde
auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin.
    Der Abend kam, mein Vater stieg aus dem Wagen, aber es war kein Weib bei
ihm. Ich wagte ihn nicht zu fragen. Er ging auf seine Stube und schrieb, dann
verlie er das Haus um die zehnte Stunde. Ich hllte mich in meinen Mantel und
folgte ihm. In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus, dessen
Fenster festlich erleuchtet waren, und aus dem mir das Getmmel muntrer Gste
und der Klang frhlicher Musik entgegenschallte. Ich stellte mich dem Hause
gegenber an eine Gartenmauer, und lauschte ngstlich auf jede weibliche Stimme,
um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken. Ich war pltzlich von einer tiefen
Teilnahme fr sie ergriffen, ohne sie zu kennen. Ihr Schicksal rhrte mich. Als
ich so stand und lauschte, ertnte die Betglocke der Nonnen hinter mir, die mich
tief erschtterte; ich hatte so oft dies Glckchen in schlaflosen Nchten mit
zrtlichen Wnschen fr Cecilien gehrt, es war mir eine Sprache aus
untergegangenen Zeiten, die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte. Gleich
neben mir flsterte die Laube, aus der sie sich in Franzescos Arme herabgelassen
hatte, flsterte die grne Halle lebendig, aus der sie in ihr Grab gestiegen
war. Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes. Ich hrte die Pappeln
von dem Kirchhofe der Mutter herberrauschen, und vor mir den hellen Jubel einer
unsinnigen Verbindung. Der nchtliche Wind spielte in meinem Mantel, ich verbarg
das Gesicht und weinte. Die Musik verstummte und die Gste verlieen das Haus,
meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen. Die Braut ffnete ein
Fenster, und ich bemerkte an dem Schnupftuche, das sie vor die Augen hielt, und
den Worten meines Vaters: O liebe Julie, Sie weinen an dem freudigsten Tage
meines Lebens! da sie ebenso gestimmt war wie ich. Sie sprach wenig, aber ihre
Stimme war sanft und lieblich, und ihre Worte voll tiefen Gefhls. Die Reden
meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Miton, und in ihren
Antworten lag fr mich ein Stolz, der sich aus berzeugung opfert. Sie sagte
viel ber das Kloster, und bat dann meinen Vater zu schweigen, damit sie dem
Gesange der Nonnen zuhren knne. Dann beurlaubte sie meinen Vater, der sie mit
Zrtlichkeiten berhufte, und ich trat in einen Winkel, um ihn vorberzulassen.
    Ich wollte schon eilen, um auf einem anderen Wege vor Pietro nach Hause zu
kommen, als mich die Tne einer Laute zurckhielten, an die sich eine se
Stimme schlo. Es war mir, als hrte ich Cecilien singen, es war ganz ihre
Stimme. Ich kehrte zurck, und es war Julie, die sang:

So bricht das Herz, so mu ich ewig weinen,
So tret ich wankend auf die neue Bahn,
Und in dem ersten Schritte schon erscheinen
Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.
Mit Pflichten soll ich Liebe binden,
Die Liebe von der Pflicht getrennt;
Und frohe Krnze soll ich winden,
Die keine Blume kennt.

Der erste Blick mu schon in Trnen schwimmen,
Mir gegenber steht das stille Haus,
Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,
Die blassen Kerzen lschen einsam aus.
Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,
In Gottes Hand erlosch ihr Licht,
Und aus der schlanken Pappeln Rauschen
Die stumme Freundin spricht.

Eine Menge Lichter, die sich die Strae herauf bewegten, und einzelne Tne, wie
von getragenen Saiten-Instrumenten, unterbrachen dies Lied, das mich durch seine
dunkeln Andeutungen tief gerhrt hatte. Die Musikanten nherten sich, und ich
bemerkte Pietro unter ihnen, zweifelte also nicht, da es eine Galanterie meines
Vaters gegen seine Braut sei. Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens,
die, als sie es bemerkte, das Licht ausgelscht und die Fenster zugemacht hatte.
Ich war begierig, wie mein Vater in der Musik gewhlt habe, die er seiner
Geliebten brachte; aber wirklich, er bertraf alle meine Erwartung, als er nach
einer rhrenden Symphonie selbst eine Arie sang, und zwar:

I miei pensieri,
Corrieri fedeli -
Ihr, meine Gedanken,
Lauft eiligst, geschwind,
Correte, volate
E passion portate -
Verehret die Dame,
Die mich hat entzndt etc.

Ich konnte nicht lnger bleiben, ein tiefer Unmut bemeisterte sich meiner bei
dem Gesange Pietros, und ich ging mit dem Gedanken nach Hause, da der
Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne.
    Den folgenden Mittag war bei Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter
wieder besetzt, und mit einem, wo nicht so feinen, doch ebenso freundlichen
Wesen. Mein Vater war heftig frhlich und zrtlich, Julie in einer wehmtigen
Verlegenheit, und da ich einmal ihren Blick berraschte, der lange auf mir
verweilt zu haben schien, berflog eine sanfte Rte ihr Gesicht und drang eine
Trne in ihr Auge. Ich dankte dem Himmel, da sie in die Familie getreten war,
die seit dem Verluste Ceciliens und Franzescos einer Einde glich. So wandelte
doch wieder ein sanftes, weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille
Haus, das sonst einen ganzen Himmel umfat hatte; so konnte sich mein innerer
Kummer doch wieder in der schnen Entsagung einer Mitleidenden erheben. Ich ging
fters durch alle Gnge des Hauses, nur um sie zu finden, und so oft sie mir
begegnete, berraschte sie mich mit einem sen Schrecken, Cecilie oder die
Mutter schien mir entgegenzukommen; durch ihre Schritte ber die gewohnten Wege
dieser Verlornen, indem sie die huslichen Verrichtungen besorgte, erhielt sie
ber mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung. Wenn wir uns begegneten,
schienen wir beide verlegen, und dennoch schienen wir uns zu suchen.
    Ich sa nachmittags in meiner Stube, und in dem Augenblicke, da ich die
Worte in mein Tagebuch schrieb: Meine Stiefmutter ist ein gutes, sanftes Weib,
das Leben hat mir durch ihre Nhe einen neuen Reiz erhalten, sie erweckt die
schnste Zeit meines Lebens, indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht,
die einst Cecilie und die Mutter gingen, pochte es leise an der Tre, und Julie
trat zu mir herein. Sie bat mich, ihren Besuch zu entschuldigen, und er schien
ihr eine kleine berwindung gekostet zu haben; sie setzte sich zu mir auf das
Sopha und redete mich mit schchterner Stimme an:
    Signor Antonio, wir wohnen unter einem Dache und, ich glaube, uns nher,
als es scheint. Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft, der uns bewegen
knnte, uns diese Nhe zu erklren; ich habe nicht lnger darauf warten knnen,
umso mehr, da ich bemerkte, da Sie mir wohlwollen, und da es nur der Zufall
ist, der uns bis jetzt von einander entfernt hielt. - Signora, erwiderte ich,
Sie sind gtig, und es tut mir wohl, da Sie den Schritt tun, den ich allein
verzgerte, weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte. - Hier schwieg
sie, ihr Blick verweilte mit Rhrung auf dem Gemlde meiner Mutter. Es war
allein in meiner Stube, denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus
allen Gemchern, in die er treten konnte, verbannt. Es schien ein tiefer Schmerz
in ihr zu erwachen, und helle Trnen traten in ihre glnzenden Augen.
    Kannten Sie dies Weib? sprach ich ernst.
    O, ich kannte sie, ich liebte sie, sie war meine Freundin, meine
Wohltterin, erwiderte sie in einer schnen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes.
Ich staunte, und sah gespannt einer Auflsung von vielen Rtseln und Ahndungen
entgegen.
    Sie sind ihr Sohn, fuhr sie fort, und mein Freund in dem Grade, als wir
uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen. Hier reichte sie mir
ihre Hand mit unendlicher Anmut, und ich erkannte in ihrer Wrde die Freundin
meiner Mutter.
    Signora! erwiderte ich, Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen, Sie
haben die Stelle gekannt, auf der jene untergegangen ist, und konnten die
nmliche Stelle betreten; wissen Sie, was Sie taten?
    Es war mein Wille, sprach sie stark, aber ihre Stimme sank bei den Worten,
da zu leben, da unterzugehen, wo meine Cecilie, meine Tochter -
    Cecilie Ihre Tochter - rief ich aus, und lag in ihren Armen - so sind Sie
dann auch meine Mutter! Sie zog sich zurck und sprach ruhig: Fassen Sie sich;
ja, ich bin Ceciliens Mutter, ich will Ihnen alles erklren. -
    Verzeihen Sie, wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle, um
Sie um Ihre Verzeihung zu bitten, da mich die Freude meines wiedergefundenen
Bruders so gesprchig macht. Es ist eine innerliche Gewalt, die mich zwingt,
Ihnen alles zu erzhlen; es ist mir, als htten Sie mich gefragt, als wren Sie
ein Glied meiner Familie, das, ganz von ihr getrennt, jetzt erst von ihrer
Geschichte unterrichtet werden mte. Sie mssen es auch dem Nationalcharakter
des Italieners zugute halten, den die Freude allein aufschlieen kann. - Sie
werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen Begebenheiten
hinreichen, um ihn zu der groen berraschung vorzubereiten, die ihn erwartet.
Ich kehre nun zu meiner Geschichte zurck. Julie sprach mit ruhiger, gelassener
Stimme:
    Ja, Cecilie ist meine Tochter, ihr Vater war mein Gatte nicht, sie hatte
einen khnen Schritt getan, auf die Welt zu treten, auf der sie nur das
beleidigte Gesetz erwartete. Meine Eltern lebten nicht mehr; der Mann, der mich
zur Mutter gemacht hatte, wurde von meinen Verwandten ermordet; ich, eine arme
Waise, ward einer Waise Mutter. Ich hatte nichts als meine Schande, und wre
gewi dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden, wie sie
auch noch bis jetzt glauben, htte Ihre Mutter, die meine Milchschwester und
lange Zeit meine Gespielin war, nicht mich und mein armes Kind gerettet.
    Den tglichen Krnkungen meiner Verwandten ausgesetzt, konnte ich es nicht
lnger ertragen, mein Kind, das Einzige, was ich auf Erden hatte, mit Verachtung
behandeln zu sehen, und ich entschlo mich daher, eher mit ihm zu verhungern, ja
lieber zu betteln, als lnger in dem Hause einer alten Muhme zu bleiben, bei der
ich lebte, und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott
verdiente. Eine alte Frau, die meine Amme gewesen war, die mich sehr liebte und
mir bei der Geburt der unglcklichen Cecilie beigestanden hatte, machte mir den
Vorschlag, zu ihr in ihre kleine Htte zu ziehen, das Leben wollten wir schon
gewinnen, meinte sie. Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen, ich gab der
Alten mein weniges Eigentum einzeln hin, und sie schaffte es nach und nach weg,
und endlich verlie ich nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst, in dem
ich alles verloren hatte. Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht, in der ich
wie eine Gechtete durch die breiten Straen Roms, wie das Gespenst meiner
gestorbenen Ehre hinschlich. Die Welt war um mich verwandelt, die Huser, an
denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorbergegangen war, rckten wie
schwarze Kerkerwnde gegen mich; die Bildsulen standen kalt und streng vor mir,
und sahen beleidigt auf mich herab, mein Herz bebte, Cecilie schlief in meinem
Arme. Als ich an die Peterskirche kam, ri es mich unwillkrlich auf die Knie
nieder, ich kniete auf den Stufen des Eingangs und betete fr mein Kind. ber
diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Mdchen, mit
Blumen gekrnt, zum erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen, und nun, wie
kniete ich hier, es war, als wollte die hohe Kirche ber mich hinstrzen und
mich begraben. Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau, pltzlich hrte
ich ein Gerusch innerhalb der Kirche, ich zitterte, die ungeheure Tre ffnete
sich mit einem donnernden, traurigen Tone, und ich zuckte tief auf. Es war ein
Mesner, er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort. Cecilie war durch das
Gerusch erwacht, sie weinte, ihre Stimme drang jammernd durch die Nacht, und
kehrte in vielfachem Echo von den Sulen der Kirche mit tausendfach schneidenden
Dolchen in mein Herz. Ich setzte mich nieder, lehnte den Kopf an die kalten
Steine, und reichte meinem armen Kinde die Brust. Ich bemerkte eine Laterne, die
sich gegen mich bewegte. Die Alte mute befrchtet haben, es sei mir etwas
zugestoen, weil ich so lange ausblieb; sie suchte mich daher, und Ceciliens
Stimme brachte sie zu mir. Nachdem sie mich ausgeschmht hatte, so in der Nacht
dazusitzen und zrtliche Gedanken zu haben, wie sie sich ausdrckte, brachte sie
mich zu sich, wo ich hierauf noch einige Monate lebte. Die Alte nhrte sich von
einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen, auch
machte sie von Wachs alle Gliedmaen des menschlichen Krpers, welche fromme
Leute kauften, um sie den wunderttigen Bildern zu opfern, wenn sie an irgend
einem Gliede ein Gebrechen oder bses hartnckiges bel hatten. Ich arbeitete
fleiig mit, aber wir konnten uns doch nur kmmerlich ernhren. Mein Kummer
stieg tglich und meine Gesundheit sank immer mehr, die Einsamkeit machte mich
mit den frchterlichsten Gedanken vertraut. Mein altes Mtterchen kam erst spt
abends nach Hause, und ich sa den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen
dunkeln Stube, Cecilie lag krnklich in meinem Schoe, und das Bild ihres Vaters
hing ber meinem Herzen wie ein ewiger Vorwurf. So sa ich an einem von den
vielen langen, langen Tagen abends ohne Licht, und wartete auf die Alte, die mir
manchmal etwas aus der Stadt erzhlte, wenn sie zurckkam. Heute blieb sie
lnger als gewhnlich, der Mond blickte schon herein, und ich hatte Cecilien
schon zum Schlafen hingelegt. Ich sa und brtete ber meinem Elende, das mit
helleren Farben als je vor mich trat: wenn nun die Alte strbe, wenn sie
ausbliebe, was wrdest du anfangen, dachte ich, du mtest mit deinem Kinde
betteln. Dieses Gefhl durchdrang mich mit all seiner Schmach, es war mir schon,
als wrde die Alte nicht wiederkommen, mein Gram lie sich nicht mehr denken,
ich sank in die dunkelste, tiefste Bewutlosigkeit meines ganzen Zustands, und
es war mir, als wrde mir es wohler, als mischte sich ein banger, heiliger
Leichtsinn in meine Geschichte, starr und kalt standen einzelne Gedanken in
meinem Kopfe, und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und
lachend mit einer frchterlich sen Trunkenheit vor meinen Augen. Ich ri mein
Kind aus der Wiege, entkleidete es und bedeckte es mit heien Trnen und Kssen,
und alles das mit einem bangen Gefhl von Unrecht und Verbrechen. Das Kind
weinte nicht, es lchelte und bewegte sich freundlich, als spielte ich mit ihm,
ich zitterte dabei am ganzen Krper, und mein Zustand war dem Wahnsinn nah. Ich
hrte die Tre gehen und erwartete die Alte, aber es nherte sich ein fremder
Schritt meiner Stube, und eine Person, in einen Mantel gehllt, trat herein. Ich
hielt sie anfangs fr einen Mann und erschrak vor der Idee, es mge ein junger
Wollstling sein, der mir Hlfe um das hchste Elend bringen wollte. Ich hatte
diese Erniedrigung schon einigemal ertragen. Aber ihre Stimme flte mir Mut und
Vertrauen ein, ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten, die mir und
Cecilien helfen wollte. Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die Arme,
ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen gerhrt, und als die Alte mit einem
Lichte hereintrat, sanken wir uns in die Arme; es war Ihre Mutter und ich,
Antonio! die sich erkannten. Sie verlie mich bald darauf, um mich vllig
abzuholen. Als sie weg war, erzhlte mir die Alte, warum sie so lange
ausgeblieben, und wie sie die Dame gefunden habe. Sie hatte weniger als je
verkauft, sa ngstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern, Rosenkrnzen
und Reliquien, es war schon dunkel, die Leute verlieen die Vesper, und kein
Mensch wollte ein Lichtchen kaufen; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche,
und als sie sie sehr dringend bat, sie mge ihr doch etwas zu verdienen geben,
weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Tchterchen, die ins Elend gekommen, zu
ernhren habe, so htte sich die fromme Frau erbarmt, htte sie mit nach Hause
genommen und wre dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen.
    Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen, mich aus der Wohnung
der Alten abzuholen, die ich nicht ohne Trnen verlie. Emilie bezahlte sie
reichlich fr das Gute, das sie an mir und meinem Kinde getan hatte, und
verschaffte ihr die Stelle einer Pfrtnerin in einem Kloster, dem eine Freundin
von ihr als btissin vorstand.
    Ihre edle Mutter berhrte mein Unglck mit keinem Worte mehr, und begehrte
keine Bedingung, als die Befolgung ihres Willens; denn, sagte sie, liebe Julie,
du kannst in deiner Lage keinen Entschlu fassen, du bist zu sehr durch Reue
zerstrt, und knntest leicht eine Menschenfeindin werden, weil die andern dich
fr geringer halten als sich selbst, und du dich fr mihandelt.
    Sie versorgte mich mit allem Ntigen, und brachte mich in die Gesellschaft
zweier Menschen, deren Gesellschaft mir eine immerwhrende Darstellung der
Gesetze war, die ich bertreten hatte. Vassi, ein Maler, und Bettina, eine
Jdin, liebten sich von der frhsten Jugend an, und da sie die groe Trennung
ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte, so lebten sie schon
zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung. Diesen beiden vortrefflichen
Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben, und sie nahmen sich meiner und
Ceciliens wie Eltern an. Als Cecilie sechs Jahre alt war, kam sie nach Ancona zu
Ihrer Tante, und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre,
und jetzt - jetzt bin ich an der Stelle, wo mein Kind aufblhte, wo meine Emilie
starb an der Seite ihres Sohnes, meines Freundes. - - Da mein Vater nach dem
Tode meiner Mutter, um sich zu zerstreuen, nach Rom gereist war, hatte er sie
kennen gelernt, und sie gefiel ihm. Sie wute wohl, da sie ihm nicht sagen
durfte, da sie Ceciliens Mutter sei. Er sprach oft von dem Tode seiner Gemahlin
mit ihr, und da er nicht wute, da sie dann um ihre grte Freundin weinte,
hielt er diese Trnen blo fr eine Folge ihrer Neigung zu ihm. Dies fesselte
ihn immer mehr an sie; er hatte wenig Grnde gegen den Vorschlag, ein junges
Weib zu nehmen, und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort.
Julien lag in dieser Verbindung, selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters
und Charakters, ein schwrmerischer Reiz der Entsagung. Sie wute, da er gesagt
hatte, da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte, da er ihr Vater
nicht werden werde; nun konnte sie ihn zwingen, ihres Kindes Vater zu werden.
    Der Gedanke, sagte sie zu mir, auf die Stelle zu treten, wo meine
Freundin stand, alles das zu leiden, was sie erduldet hatte, hatte einen
sonderbaren Reiz fr mich. Es war mir, als knnte ich mich in die Form und
Gestalt eines bessern Wesens, als ich selbst war, einschleichen, um auf mich
zurckschauen und meiner Gebrechen lachen zu knnen. Ich habe Cecilien nicht
mehr gefunden, ich trete in eine aufgelste Familie, Sie sind der einzige,
letzte Zweig, der Rechte auf mich hat, so nehmen Sie denn meine heilige
Versicherung, da mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat, als Ihnen ein
Herz voll Dank, voll Freundschaft nherzubringen, als in diesen toten verdeten
Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zrtlichen vertrauten Umgange zu
entznden. O, wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks
verbunden, alle unsre Lieben haben wir verloren, unsre Vergangenheit ist ein
Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden. Die Gegenwart,
Antonio, sie ist zu enge, wir mssen sie zersprengen, wir mssen ineinander alle
Zeit zerstren, wir mssen uns lieben. Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter
und Ceciliens, und ziehet unser Leben in leiser Sehnsucht hinber zu sich. - -
Sie weinte, meine Arme umschlangen das edle Weib, ich glaubte meine verlornen
Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drcken - O, so habe ich alles
gefunden! - rief ich aus, und mein Vater trat herein. Julie blieb ohnmchtig in
meinen Armen. Der Schrecken benahm mir die Sprache, mein Vater drckte nur eine
Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem glhenden Blicke aus,
und strzte zu Boden. Wir kamen ihm zu Hlfe, aber es war zu spt, der Schlag
hatte ihn gerhrt. Er mute geglaubt haben, ich sei der Verfhrer seines Weibes
gewesen, seine Eifersucht kannte keine Grenze. Sein alter schwacher Krper
konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der berzeugung des
unvermutetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen, und unterlag.
    Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht, sich gegenseitig zu nhern,
sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen, und hatte uns gewaltsam
auseinander geschleudert. So unschuldig wir auch waren, so schreckte uns doch
der Gedanke auseinander, da er die Welt mit dem Verdacht der schndlichsten
Verrterei von uns verlie.
    Wir nherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme
Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen.
In dieses Dunkel, das kaum zur Dmmerung bergegangen war, warfen Sie, lieber
Freund! durch Ihre Nachricht von Franzescos Leben ein frhliches, helles Licht.
Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmtheit, die diesen Brief begleiten
knnte. Es ist so lange her, da ich der Freude entbehrte, da mir wohl ihre
Sprache etwas ungelufig ward. Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines
Weibes mit offnen Armen entgegenkommen. Sein Vermgen blieb ihm unversehrt, mein
Vater ist ohne Testament gestorben. Er soll kommen und mit mir teilen, was auch
ihm gehrt, und in Ruhe seine Tage beschlieen. Ich kann kaum die Zeit erwarten,
ihn an mein Herz zu schlieen. Ob ich ihn wohl noch kennen werde? - Lassen Sie
ihn doch malen, und schicken Sie mir sein Bild, bis ich ihn selbst mit seinem
Bilde vergleichen kann, das fest, unauslschlich in meinem Herzen steht.
    Wenn Sie knnen, ohne ihm weh zu tun, so suchen Sie doch einiges von dem
wahren Schicksale seines Weibes zu erfahren, damit ich Julien etwas ber ihre
Tochter sagen kann.
    Leben Sie wohl, antworten Sie bald, denken Sie, da Sie das Glck zweier
Menschen dadurch vermehren, die so lange unglcklich waren, und deren besseres
Geschick Ihr erster Brief begrndete.

                                 Rmer an Godwi


Ich habe eine ganze Reihe von Briefen von dir, und wenn ich sie beantworten
wollte, was knnte ich sagen? Knnen wir beide uns etwas sagen? da keiner
feststeht, da ein jeder getrieben wird.
    Wir knnen hchstens einer dem andern das Eigne zeigen und vertauschen; aber
uns erfllen knnen wir nicht, ich kann dir nicht geben, was dir fehlt, und du
mir nicht, denn der Streit ist mit einem jeden losgebrochen, und jeder hat nur
mit dem Seinigen zu tun.
    Unsre Seelen treibt eine seltsame Laune des Geschicks; wohl uns, da ein
Punkt in unsern Herzen ist, wo wir uns beide ewig wiederfinden, die
Freundschaft, denn im uern sind wir fr einander verloren.
    Unsre Briefe knnen sich nicht mehr beantworten, denn wo du glhst, starre
ich, und bin ich nur erwrmt, so schmilzst du schon. Dies war gerade der Fall
bei deinem ersten Briefe von Reinhardstein, in dem du gar nicht aus dir selbst
kmmst; du tappst in deinem Herzen herum, da es mir oft ein Jammer ist, und
zertrittst eine Blume nach der andern.
    Ich habe nie einen Brief gesehen, in dem ein solcher Gefhlswechsel des
Schreibers hervorleuchtete, und dies ist mir um so sonderbarer, da du meistens
vergangene Dinge erzhlst, die dich hinrissen, als sie geschahen, denn sie
geschahen alle nur, insofern sie dich hinrissen, die dich aber nicht mehr
hinreien muten, wenn du sie nochmals vor den Augen eines Freundes erschaffst;
oder ist es die Illusion der Darstellung, die mir manchmal fr deine Nerven ein
wenig bange macht.
    Doch la das gut sein; ich wei nicht warum, aber ich hoffe das Beste fr
dich. Die Folge deiner Bekanntschaften und deiner Briefe machen mir eine
vollkommene Krise wahrscheinlich.
    Von dem Landhause einer Englnderin in die Burg eines Landedelmanns, von da
zu einer Ruine, zu einem Einsiedler; ist das nicht der Lauf der Zeit?
    So auch deine Briefe: der erste tatendrstend, Molly; der zweite
kssedrstend, Joduno; der dritte trnendrstend, Otilie; und alle die folgenden
ruhedrstend und voller Heimgehenwollen in die Natur.
    Du schlfst, lieber Godwi, einen ruhelosen Schlaf des Lebens, schwere Trume
ngstigen dich, bei deinem Erwachen wird dir es leer und mde sein; aber nicht
wieder einschlafen, um Gottes willen nicht!
    Tilie ist ein Mdchen, ber die ich nicht urteilen mag oder auch kann. Es
ist berhaupt eine krittliche Sache, ber deine Weiber zu urteilen, und mein
Urteil ber Molly ist mir bel bekommen; aber du kannst das Wesen nicht mit der
Ofengabel aus mir heraustreiben, es ist meine Natur, immer etwas ber die Leute
zu denken, und zwar laut.
    Tilie nun scheint mir sehr natrlich, und zwar so natrlich, da sie nach
meinen armen Begriffen schon ein wenig ins bernatrliche geht. Aber dennoch ist
sie dir ohnstreitig die beste Gesellschaft und bringt dich sicher in die
Wirklichkeit zurck.
    Es war einmal ein seltsamer Englnder, der ber den Verlust seines
gewhnlichen Verstandes, seiner Freuden an der Industrie, der konomie, dem
Pferderennen und Hahnengefechte, und seines Geschmacks an Kotzebues Stcken und
zuckerbunten Kupferstichen, uerst melancholisch ward. Er las mit tiefen
Schmerzen den phantastischen Shakespeare, und verzweifelte fast darber, da er
ihm so wohlgefiel; deswegen verfiel er, wie schicklich, in den Spleen, und war
immer in einem dunkeln Zimmer, obschon das Tageslicht und die Mittagssonne zu
seinen Fen schien; er aber klagte immer ber die Dunkelheit, Tag und Nacht war
ihm ganz einerlei, er hielt immer den tollen Lear in den Hnden, und las Tag und
Nacht in ihm, weil er sagte, die Buchstaben glhten. Aus Kotzebues smtlichen
Werken hatte er sich aus Bosheit einen patent-papiermachnen Fuboden,
Spuckkasten und Leibstuhl machen lassen, und weinte bittre Trnen ber diese
verkehrte berspanntheit.
    Seine Freunde konnten ihm nicht helfen, bis endlich einer den Einfall bekam,
ihm das Haus ber dem Kopf anzustecken, und das geschah. Kaum war die Flamme bis
zu seiner Stube gekommen, so sagte er, es werde nun Licht, und da alles um ihn
her brannte, und ihm die Hitze sehr zu Leibe ging, deklarierte er, da es Tag
sei, und ward wieder gescheit. Das erste, was er tat, war, da er ein halb
Schock Pferde zu Tode ritt, fnfhundert Hahnen tot hetzte, immer in
Kotzebueschen Wortspielen sprach, und diesem so lang verkannten Dichter zu Ehren
einen Patent-Esel, der vor Apollo tanzt, aus kararischem Patent-Marmor in seinem
Park aufrichten lie, welches Monument der Dichter aus Erkenntlichkeit vor sein
bestes Werk in Kupfer stechen lie.
    Sieh, so wird es dir auch gehen; Tilien hltst du fr Tageslicht, und sie
ist schon Flamme.
    Wenn sie dich nicht heilt, so bist du unheilbar, denn ihr seid euch vllig
entgegengesetzt, und das in den Extremen. Da du nun natrlich einen ewigen Drang
fhlen wirst, ihr hnlich zu werden, ihr aber nie hnlich werden kannst, so
wirst du, um nherzukommen, gerade so weit gehen, als du kannst, bis zum
gesunden Menschenverstand.
    Da du ihr nicht hnlich werden kannst, verstehe ich so: sie ist mehr als
natrlich, denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet, und ich mchte
sagen, sie sei eine weise Frau in einem frheren Leben, und sei in die Jugend
dieses Lebens herbergewachsen. Sie ist gleichsam fr mich ungeboren. Da nun
meine Stufenreihe folgendermaen geht: Natur - Bildung - berbildung oder Tod -
und alles immer vorwrtsschreitet, so kannst du ihr nicht hnlich werden, weil
du mit dem Tode aufhren mtest; du wirst es also bei der Bildung stehen
lassen, weil du von der berbildung nicht vorwrts, und nur bis zur Bildung
zurck kannst; zur Natur kannst du schon nicht mehr, weil die Bildung die Natur
aufhob, du mut platterdings auf der Bildung stehen bleiben, oder sterben, was
du mit deiner Lebensfhigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst. Ich wnsche dir
also viel Glck zur Bildung.
    Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausfhren du sagtest ja von
ihr: So trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies -
    Du im hchsten Grade zusammengesetzt, sie von Grund aus einfach - du
strmend und glhend wie Sirocko, sie sanft und warm wie West - du schmelzend
und glhend wie Lava, sie biegsam und zart wie Wachs - du aus der Welt in ihr
Leben hineintrumend, sie aus ihrem Dasein in deine Welt hineinstaunend -
    Gleich, lieber Junge, wird sie dich nicht lieben, aber vielleicht noch
einstens, und das sehr innig. Du bist ihr jetzt eine Masque, die sie blendet und
reizt, und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu
ihren Fen gelegt hast, wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem
andern von dir gelset hat -?
    Dann wird sie dich lieben, weil wir alles lieben, was wir bildeten; und wenn
es unser erstes Werk ist, und noch dazu ein gutes, o so wird es die erste Liebe
und die letzte.
    Ich fhle, da Tilie voll von dem Triebe ist, etwas zu bilden, denn ihre
Grundstze sind hiervon schon ein Beweis; sie sind eine seltsame Moral, die sie
sich selbst erschaffen hat, und die bei ihrem einzelnen Leben so trostreich und
passend ist, als eine allgemeine fr unsre Gesellschaft so selten hinreicht und
alle Lcken mit gutem Ton, Freigeisterei und Galanterie verstopfen mu. -
    Das Haus, in dem ich lebe, ist hiervon ein auffallender Beweis, und du
sollst die Leute auch kennen lernen, wenn ich sie ganz kenne.
    Lebe wohl, man ruft mich irgend wohin, wo es allerliebst und wenig mehr ist;
sei versichert, da ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke, und
halte daher meine Versicherung recht lieb und warm, da ich ewig bin dein
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Mein voriger Brief und mein vorletzter scheinen dir wohl nicht recht innig zu
sein. Du wirst glauben, ich sei schon wieder ganz klug geworden, und doch ist es
nicht so.
    Die sogenannte Trkin ist noch immer der Gedanke, der mich beherrscht, wenn
ich Zeit habe, von irgend einem beherrscht zu werden. Aber dies ist hier im
Hause schwer, man kann und darf hier fast nichts, als auf seiner Hut sein und
seinen Kopf auf dem rechten Fleck haben.
    Soeben bekomme ich einen Brief von deinem Vater. Ich bin meiner sogenannten
Geschftsreise entledigt, und darf noch ein paar Monate ausbleiben und so
frhlich sein, als mein Aufenthalt mich machen kann.
    Du wirst dich aus meinem zweiten Briefe des Fremden erinnern, der zu deinem
Vater kam; er versieht alle meine Geschfte und ist vllig genesen.
    Ich schrieb dir, da er immer in deines Vaters heimlichen Kabinette ist; nun
bin ich noch begieriger, was dies Zimmerchen wohl verbirgt, denn dein Vater
schreibt vermutlich in der Vergessenheit, da ich nichts davon wei:
    Ja, es ist mir lieb, einige Zeit mit dem Manne allein zu sein, der mich
durch seine Arbeit in meinem Kabinette so glcklich gemacht; er hat mein
Innerstes aufgedeckt, und zarter verhllt, als ich es je konnte.
    Auch nach dir fragt er:
    Wo ist mein Sohn, wissen Sie von ihm? Ich suche - seine Freundschaft, o da
ich -
    Hier brach er ab, Gott wei, was der Gedankenstrich und das Kabinett
verstecken.
    Du solltest ihm doch schreiben, er glaubt dich beinahe schon auf dem Kapitol
in Rom, und erwartet wohl Antiken von dir, und du sitzest fest fr die Ewigkeit
auf dem Reinhardstein, und knntest ihm zur Not einen Eichen- oder Epheukranz
schicken.
    Dein Vater kennt dich nicht, gar nicht, und wenn du so fort in dir
revolutionierst, so wirst du vielleicht um den Zirkel der Bildung herumgereist
auf seinem Punkte stehn, wenn er unter der Erde ist.
    Hre, da fllt mir etwas ein, womit ich dich rgern will:
    Gestern abend las man hier im Hause den Brief des einen abwesenden Bruders
vor, der dir sehr hnlich zu sein scheint; den Brief httest du auch schreiben
knnen.
    Die Frage an den Bruder war: Was willst du denn endlich werden?
    Die Antwort: Ein Mensch.
    Weiter: Du bist extravagant -
    Die Antwort: O du armer Bruder, du weit nicht, was du sprichst; einstens
wnschtest du, ich mge selbststndig sein, und da haben wir es, ihr Leute knnt
nie etwas ganz sein, ihr knnt in nichts die Vollendung; da ich nun
selbststndig bin, versteht ihr mich nicht mehr, weil ihr mit eurer
Selbststndigkeit nicht die Selbstverstndigkeit verbindet. - Du hast damals
gemeint, ich sollte standselbstig sein, und auch das bin ich so, wie ich bin,
denn ich bin mein Stand selbst, weil das Ich selbst allein mein Stand ist, und
ich nicht im Stande bin, in irgend einem andern Stande zu sein. Ihr aber seid
nicht in eurem Stande, noch auf eurem Standpunkte, sondern euer Stand ist in
euch, und euer Standpunkt auf euch, so da ihr bel steht, und euer Stand gut,
denn er lt euch keinen Platz in Herz und Kopf, und hat euch unter den Fen.
Was die Extravaganz angeht, hast du dich auch verschrieben, - o wre ich ein
wenig extravagant, so wre ich nicht allein intravagant, so ging ich nicht in
mir selbst herum und rumte ngstlich auf. Ihr seid extravagant, denn ihr seid
aus euch heraus, in die Kaufmannschaft geschweift, und eure Seelen klettern wie
Affen auf Kaffeebumen herum. etc.
    Nun, bist du bse? Nicht wahr, der Mensch hat recht? -
    Lebe wohl, ich mu ins Bureau d'Esprit der Mademoisell Buttlar. Je, was ist
das fr ein Bureau? Nicht viel Kluges, mehr Witziges, keine zwei jungen Pappeln,
keine Tilie. Nchstens lernst du die Menschen kennen.
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Ich habe dir versprochen, die Leute zu malen, mit denen ich umgehe; ich will es,
aber es ist schwer. Sie sind alle uerst verschieden, haben alle einen einzigen
auffallenden Zug von hnlichkeit, sind alle sehr originell, und doch alle
abgeschliffen.
    Ich mchte die Familie einem Bilde in Mosaik vergleichen, lauter verschiedne
Steine, alle glatt auf einer Seite geschliffen, mit vielem Lapislazuli drinne,
bringen ein kunstreiches, kurises, doch nicht ganz geschmackvolles Ganze
heraus. -
    Vor allem gehe mit mir zu den Weibern. Sie sprechen immer in Rtseln; du
hast es nicht erraten, oder so knstlich erraten, da du wieder ein Rtsel
gemacht hast. Dich ein wenig brstend, bringst du die Auflsung vor, mehrere
fallen ber den neuen Knoten her, die Brnette sieht dich dabei an, als wre es
deine Schuldigkeit, einem so geistreichen Mdchen die Sache ein wenig leichter
zu machen; die Blonde lst und lst, und fllt darber in eine italienische
Arie, die sie auch sogleich am Klaviere singt; die Brnette singt mit, und dein
Rtsel? - du wendest dich gegen eine Ernste hin, die in einem Winkel sitzt und
strickt, sie sieht dich mit einem strafenden Blicke an, als htte sie einen
unrechten Gedanken in deiner Seele gelesen. - -
    Du senkst aus hflichem Bewutsein deiner Schuld (die du eigentlich gar
nicht kennst), deinen Blick von ihrem Auge herab, und verlierst dich in ihren
gar nicht ernsten, sehr naiven Busen.
    Du fhlst nun, da der strafende, ernste Blick prophetisch und a priori war,
auf ihrem sanften lchelnden Munde aber vergaest du das Beste, es hing ein
Ablazettel auf ihren Lippen, den solltest du mitnehmen, die Snde am Busen
hineinwickeln, und so das Fleisch am Fasttage verschlucken - Nun, wo ist dein
Rtsel? Nun - unterstehe dich nicht, es wieder aufzuwrmen, das wre ungezogen;
und hast du nicht genug dafr erhalten?
    So geht es hier mit allem, man fngt alles an, aber jedes Bild verliert sich
in Schnrkel, und wahrlich, diese Weiber haben alle etwas vom Sirenenwesen, das
sich in einen Fischschwanz auflst.
    Il faut dorer la pillule, sagt ein witziger Kopf von dem Goldnen Kopf, der
das Schild des Hauses ist.
    Jede Mnze gilt hier, auf der ein Kopf steht, und heller (Kopf) ist hier
soviel wert als alle Pfennige des Rmischen Reichs.
    Unter allem diesem Leben und bunten Durcheinanderwhlen wandelt ein
schlankes, sanftes, weies Bild herum, dessen Geist richtig und ruhig, aber
wenig sieht; dessen Herz wahr, tief, aber kalt fhlt. Sie erscheint unter den
andern, und es ist, als sage sie: Ich bin euch allen gut. -
    Sie geht, und es ist, als sage sie: Mit euch ist es nicht auszuhalten. -
    Sie kmmt mit dem Herzen, ihr Geist, der richtig und ruhig sieht, sieht, da
man es nicht aushalten kann; aber, weil er wenig sieht, sieht er nicht, da man
es wohl aushalten kann, wenn man sie einhalten kann.
    Von den Strmen der andern verschlagen, lege ich mich oft vor dieser
friedlichen, ruhigen Insel vor Anker, und der kleine Anker von Jaspis, der an
ihrem Halse hngt, mit seinen sanft wogenden, tiefen, stillen Grnden, hat sich
oft so mit meinen Tauen verstrickt, da ich kappen mute, um wegzukommen.
    In solchen Verlegenheiten kam mir oft unvermutet ein Gedanke so originell,
einsam und wunderbar frei, wie ein Robinson aus der stillen Insel, entgegen, und
half mir gromtig selbst fortkommen.
    Ein Hauptzug in ihrem Charakter ist, da sie sich nie mit andern Weibern
geheime Bagatellen in die Ohren flstert; sie ist offen und geheim im Ganzen, so
da man nur eins von beiden von ihr sagen knnte. -
    Es lt sich gut von ihr und mit ihr sprechen, sie ttet keinen Begriff,
fat jeden mit Liebe, und giebt ihm einen zarten Gesellschafter, sie macht das
Gesprch glcklich.
    Die Brnette, die ich schon in meinem zweiten Briefe anfhrte, ist mir
gefhrlich. Sie lt fast jede Unterhaltung eines erhabenen Todes sterben, und
spielt das Schicksal dabei; doch blht auf ihren wohlttigen Wink gleich ein
ganzer Frhling von Blumen um den Rosmarin eines solchen Grabes, und jeder
solcher Hgel wird durch sie ein Berg, von dem du eine frhliche Weinlese und
Ernte bersiehst.
    Die ganze gegenwrtige Gesellschaft fllt dann ber die Krnze her, und das
Gesprch winkt in einzelnen Blumen von Busen, Locken, Lippen und Blumenkrgen
dir entgegen; sie selbst aber nahm einen kleinen Rosmarinzweig und hlt ihn
aufmerksam vor ihr einziges groes Auge, und zieht eine Linie in die Ewigkeit. -
    Die Blonde mchte es auch gerne so machen, aber sie kmmt nicht dazu; es
liegt in ihr zu viel Begierde und Gebrde, so da fast jede Begierde eine
Gebrde, und jede Gebrde eine Begierde wird. Sie ist zu mimisch, um mehr als
sich und andere nachzumachen, und verliert in jeder Heftigkeit des Vorsatzes die
Kraft zur Handlung. Wenn sie witzig sein will, so ist schon in dem Pfeil, den
sie abschiet, mehr Drang, als in der Senne des Bogens; ist der Pfeil
angekommen, so kann er nicht mehr verwunden, weil die Spitze sich gierig in sich
selbst umgebogen hat. - Sie kann keinen langen Ton singen, ohne da er in einen
Triller fllt, und will sie einen Gedanken geradeaus in die Hhe oder Tiefe
schicken, so wird das Ende kraus, und kehrt in sich selbst zurck; sie wird nie
etwas erhalten, wenn nicht einer in die selbstttigen Schlingen fllt, oder sie
sich nicht selbst umarmt.
    Aber da sitzt noch so eine Rabenschwarze in dem Winkelchen, es dmmert schon
in der Stube, und ich htte sie bersehen, mit ihren Locken der Nacht, wenn ihre
schnen Augen nicht leuchteten und milde, schne Blicke aus ihnen stiegen, wie
Strahlen zweier einsamen Sterne am Himmel. Kannst du dir ein Mdchen denken, mit
allen Zeichen der Glut, die sanft und stille ist, ein schner Busen so sittlich
verhllt, da sich jeder umsonst bemhen wird, irgend den Zwiespalt - - in ihrer
Brust zu erkennen?
    O du freundliche begehrende Zufriedenheit, du wohlttige getrennte
Einigkeit, du Streit im Frieden, warum sprichst du nicht? -
    - Ich hre.
    Nein, du bist zum Sehen gemacht.
    - Sehen Sie mich so gerne?
    Nein, du bist zum Sehen und nicht zum Hren gemacht, meinte ich -
    - Ich hre und sehe - doch, warum sagen Sie das, das versteht sich von
selbst.
    Du bist zum Sehen gemacht, weil du so viel mit deinen groen Augen sprichst,
und nicht zum Hren, weil du so wenig mit deinen kleinen Lippen sprichst; du
bist zum Sehen gemacht, weil du so groe Augen hast, und nicht zum Hren, weil
du so kleine Ohren hast; ei, wie klein sind deine Ohren -
    - Drum sollten Sie ihnen nicht zumuten, so gro Lob zu hren. -
    Ich schweige, denn, lieber Freund, ihr Busen ist leicht zu erregendes Meer,
und es wrde sie schamrot machen, wenn sie bemerkte, da man in solchen Strmen
so leicht den Zwiespalt - - in ihrer Brust sieht.
    O weh, es ist Abend, ganz dunkel, es ist eine Fledermaus in der Stube. Ach
je, es ist mir eine Fledermaus was Schreckliches; keine Maus, kein Vogel, gar
nichts, o ich bitte, verschonen Sie mich, das ist mir verhat bis in den Tod;
von nichts als von der Unsterblichkeit der Seele sprechen Sie, und alles wird
unsterblich, und so langweilig, da man die Unsterblichkeit zum Guckguck
wnscht, wenn Sie immer whrend der langen Zeit einem die Zeit lang machen, und
die Fledermaus fliegt mir immer um den Kopf, sehen Sie, gerade wie die
Fledermaus ist Ihre Unsterblichkeit, sie kriecht nicht, wie andre honette Muse,
sie fliegt nicht, wie andre honette Vgel. Gott sei Dank, nun ist sie fort, die
Fledermaus; nun die Unsterblichkeit? - sie ist auch fort.
    Alle Lichter sind abgelaufen in der Stube von dem Flattern der Fledermaus. -
    Die Brnette: Wie sind Sie doch so menschenfeindlich.
    Ich: O, ich halte alles, was ich hasse, nicht fr Menschen. Zum Beispiel,
solche Leute halte ich fr Fledermuse. Weiter ist mir in Tod verhat Zwieback,
wie Sie ihn gewhnlich hier beim Teetrinken essen; er gleicht gewissen Leuten,
deren Witz nie reif wird, obschon er zweimal gebacken ist, und die immer beide
Backen voll nehmen, nichts zu sagen.
    Die Blonde: Und weiter -
    Ich: Und weiter ist mir verhat eine Art von Zeug, Damis genannt; er hat
einen verdammten Glanz, schreit alles an, ist uerst sprde, reit leicht, und
am Ende ist gar nichts dahinter.
    Die Ernste: Und weiter -
    Ich: Und weiter ist mir verhat: Wandle auf - (Rosen) und (Vergimeinnicht);
das ist eine dumme Sentimentalitt, die einen an allen vier Ecken der Welt
einholt, ein Gedanke, ja, fast so abgeschmackt, wie die Anekdote der Herren von
Viereck, die hinter einander ins Tor ritten; wenn mir die jemand erzhlt, mchte
ich ihm immer sagen: Wandle, wo du willst, und denke nach Belieben an mich. -
    Das Schlanke Bild: Und weiter -
    Ich: Und weiter seien weit von mir alle tote Vivat auf Torten und
Illuminationen, Gott wei warum, es giebt eine Art hfliche Leute, die nichts
als wnschen, und die man verwnschen sollte.
    Das war ein Stckchen der Unterhaltung dieses Abends. Gute Nacht, lieber
Godwi, morgen weiter - ich komme morgen an die Mnner.
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Mein letzter Brief war ein wenig toll, lieber Godwi, aber ich kann es gar nicht
anders einrichten; ich verliere mich so in das Wesen hier, da ich fast Ma und
Ziel vergesse, und htte ich nur Zeit, mich ein wenig mit einer einzigen von
allen den Weibern zu beschftigen, so wrde mich vielleicht eine einzige
fesseln, aber so bin ich immer in eine ganze Tapete mit eingewebet, alle
Augenblick fliegt eine andre wie ein Weberschiff an mir vorber, und reit mich
hin, an ihrem Punkte mein Kolorit herzugeben; bald mu ich ein Stckchen Blume,
bald einen Punkt im Auge, bald einen Funken, bald eine Perle vorstellen helfen.
    Es wird dir, glaube ich, wohltun, oben auf deinem Berge, wo du halb im
Himmel steckst, solche Menschenbilder zu sehen, und du kannst Tilien meine
Portraits vorlesen, die ohnedies keine Weiber als Joduno und deine Molly kennt,
und keine Mnner als dich und den Landjunker.
    Es sind drei Shne im Hause; die brigen, zu denen der gehrt, der einen
Brief geschrieben hat, den du auch geschrieben haben knntest, sind in der
Fremde. Ich will dir die drei ein wenig einteilen, in den Allzudeutlichen, den
Deutlichen und den Undeutlichen.

                               Der Allzudeutliche


Er ist der juristische Codex des Familienarchivs, und lt in seinen Urteilen
das Ur und Ur Ur noch stark hren. Er steht wie eine Eule geneckt unter den
vielen leichten Vgeln.
    Er trgt die Jurisprudenz wie Atlas die Welt auf seinem Nacken, und hat das
Schne und Wahre in das Chaos versinken lassen, als er diese Welt auf seinen
Nacken packte.
    Sein Kopf ist gedrckt, sein Leben gebckt, doch schlgt sein Herz edel und
frei, denn da liegt ein liebevolles Naturrecht drinne, das dem Ballen positiven
Rechts, in dem sein Kopf wie ein Trk im Turban (meine Trkin auszunehmen) bis
ber die Augen steckt, die Spitze bietet.
    brigens ist es ihm gar nicht trkisch zu Mute, denn er liebt den Wein, wie
jene die Weiber, das heit ffentlich, und die Weiber, wie jene den Wein, das
heit heimlich.
    Er ist ein sonderbares Wesen, ganz fr sich und in sich, und selten in den
andern, die er doch alle liebt, die ihm alle nichts geben, und denen er gerne
giebt, wenn er hat. -
    Jetzt komme ich an den

                                  Deutlichen.


Ich wage ihn kaum zu beschreiben, vor ihm neigt sich die ganze Erscheinung, er
ist die Wahrheit, die Gte, die Liebe, die ruhige Sorge, der Friede und der
entsagende Flei, der von allen verstanden, geliebt und geachtet wird; in ihm
und der Brnette, die ein inniges Bndnis mit ihm schlo, findet sich alles
wieder, sie halten alles zusammen, sie durch Geist und Sinn, er durch Herz und
Tat, und es ist wirklich viel, so viele zu vereinigen. Es ist ein Knstler in
ihm verdorben, er hat viel Sinn fr Gemlde und Zeichnung, und es ist rhrend zu
sehen, wie bei dem groen Mangel solcher Gegenstnde um ihn sein Blick oft mit
Aufmerksamkeit auf dem Basrelief seines Ofens oder auf der Arabeske seiner
Papiertapete verweilt. Er hat unendlich viel Sinn fr Poesie, und ist es nicht
viel, wenn ein Mann von sechsunddreiig Jahren, mit ungeheuren Geschften und
Familiensorgen beladen, ber Tiecks Genoveva weinen kann, und wenn sein gutes
Weib Tage nach der verflossenen Lektre sagt: Lieber, es ist kalt in der
Stube, da er ihr antwortete: Gute Frau, Genoveva hatte mit ihrem Bambino noch
viel klter im Walde, und jener schrie und war schon auf der Welt, deiner wrmt
sich noch an deinem Herzen. Es ist mir nicht sowohl fr seinen Kunstsinn als
fr sein Herz bestimmend, da unter so vielen gelesenen Gedichten gerade dies
einzige wunderheilige ihn so ergriff - ich schicke dir es hier, du sollst es mit
Tilien lesen im Walde.
    Der Deutliche ist ein Kaufmann, ich habe viel von ihm gelernt; ich ende so,
da ich sage, jeder sollte in seiner Art sein, wie er, Liebe und Ernst zu dem
Seinigen.
    Sein Herz liegt seit kurzem an den tiefen, stillen Grnden des sanften,
schlanken, weien Bildes vor Anker - der kleine jaspisne Anker ist von ihm
ausgeworfen worden, er hngt am Halse seines Weibes.
    Jetzt wende ich mich zu dem

                                 Undeutlichen.


Dieser Mensch ist in einzelnen Minuten eine wahre Erscheinung doch kmpft
meistens Mode und Genialitt mit seiner Oberflche. Auer diesen Minuten knnte
man ihn fr einen Dichter und nicht fr einen Kaufmann halten.
    Er ist selten unter uns, und wenn er es ist, so fhrt ihn Liebe und
Geflligkeit her; aber weil er ewig seines Ehrgeizes wegen sich mu gefangen
halten, um seine Nichtanlage zu seinem Stande zu verbergen, so erscheint diese
Liebe fast nie anders als eine notgedrungene Klte, indem er die Zeit oder die
Gewandtheit nicht hat, nur das Einzelne zurckzuhalten.
    Er ist durch diese ewig in ihm gespannte Feder verschlossen, ohne es zu
wissen, und freundlich mit ngstlichkeit.
    Oft schweigt er wochenlang, und bald ist er die Macht der Unterhaltung; die
Weiber schtzen ihn, und wagen es nicht, ihn zu lieben, weil er sie liebt, und
es nicht wagt, sie zu schtzen.
    Alles auer seinen Gesichtspunkten nennt er Schwrmerei, und ihm sieht sie
aus den Augen, denn sein Stand hlt ihn nur gefangen, weil er in ihm aus
Schwrmerei seine Freiheit hingegeben hat.
    Ein innrer Kummer ber alles das drckt sein Herz, und ure Umstnde, denen
er huldigt, fesseln seinen Geist. Er ist ein trauriger Beweis, wie der Stand
einen Menschen verbildet, und der Mensch in seinem Stande unterjocht ist.
    Aus einer freigebigen, schnen, edeln, freien, herrschschtigen Seele ist -
ein Kaufmann geworden - ist das einzige, was ihn ganz charakterisiert.
    Er bekmmert sich wenig um mich, weil er dadurch um sich selbst bekmmert
werden knnte, und sucht nur Menschen, die ihn in seiner Sphre erhalten knnen,
die er als Brger mit Ehre erfllt, und es ist traurig zu sehen, wie er aus
Ehrgeiz mit Menschen umgeht, die seiner nicht wert sind, die ihn, indem er sie
nur als Mittel gebraucht, wieder als Mittel gebrauchen, freilich nicht zum
Mittel einer edlen Entsagung, wozu er sie gebraucht, sondern zum Gegenteil. - Du
wrdest ihm ein Schrecken sein. - Er schmt sich fast jeder Rhrung aus dem
miverstandnen Worte: Sei ein Mann, er, der zu nichts Anlage hat als zu dem
sen Namen, in dem Schoe eines schnen, liebenden Weibes: O du lieber,
schner Junge. Er schmt sich fast jeder Rhrung, und wenn er fr sich allein
in seiner Stube Guitarre spielt, so hebt ihn sein eigner Gesang eines einfachen
Liedes in die Hhe, er wendet die Blicke phantastisch zum Himmel, und hebet den
Kopf zrtlich, und schwrmt sich auf seiner runden, vollen Stimme, Gott wei, in
welche Umarmung eines andern hhern Lebens, einer Liebe, oder einer Kunst.
    Er liebt seine Pflicht zu sehr, und seine gerechte Forderung zu wenig, und
wird einstens sehr unglcklich sein, wenn er nicht ein Weib bekmmt, in deren
Genu, in deren Genialitt selbst das Band der Ehe lftig, leicht und schn
wird. -

Das wre so ziemlich das Hufchen, das mich umzingelt, und schon so gefesselt
hat, da ich nicht wei, wie ich wieder nach Hause kommen soll.
    Auer allen diesen Menschen existieren noch zwei auswrtige Mitglieder des
Bureau d'esprit, die sehr aktiv sind, und die ich gelegentlich schildern werde,
wenn sie mich ein wenig gergert haben, weil er schwer ist, sie gern zu
schildern, wie sie sind, ohne da man etwas bse auf sie sei.
    Zu dieser Gelegenheit komme ich sicher leicht, denn ich darf den einen nur
einmal recht betrachten und erkennen, und den andern einmal recht obenhin
ansehen, so habe ich mich gewi ber beide gergert.
    Lebe wohl. Ist heute abend keine Sitzung, so gehe ich ins Theater, die
herrliche Sngerin zu hren. Der Undeutliche ist so von ihr entzckt, da sie
durch alle seine Vorurteile ber Schauspieler eine Lcke, eine Ausnahme gesungen
hat. Ich gehe allein hin, um zu hren, ob sie besser, rhrender singt als die -
Trkin in B. - Dein
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Trste dich, mein Lieber, du wirst nicht in die Verlegenheit kommen, das Herz
eines treuen, zarten Mdchens zu krnken.
    Joduno von Eichenwehen wird nicht zu Tilien kommen. Sie kmmt hierher zu der
Brnette, zu Sophien. Es hat mich ihr Brief, den ich lesen durfte, weil man
nicht wei, da ich dich und sie durch dich kenne, tief gerhrt.
    Das arme Mdchen, ja sie liebt dich, und schwankt in ihrem Briefe schchtern
hin und her, ob sie zu ihrer Freundin oder dir soll; am Ende besiegt sie die
schwere Wahl, und will scheinen, nur ihre Freundin geneckt zu haben mit dem
Nichtkommen.
    Ihr Entscheiden, hierher zu kommen, hat mich erfreut fr dich, und mir ist
es wunderbar bang darum geworden, ihr Brief schon hat mich seltsam berhrt.
    Es ist seltsam, wie mir das Schicksal deine verlassenen Schmetterlingshllen
in den Weg fhrt.
    Vielleicht werde ich bei ihr die Englnderin vergessen, wie du, die
Englnderin vergessen, die mich oft zum Trumer macht. Sie bt eine wunderbare
geheime Gewalt ber mich aus, die mich drckt, und von der ich mich um keinen
Preis loskaufen mchte. Ich frchte mich daher vor Joduno.
    Du weit, da ich mit meiner planen, ehrbaren Erziehung, in meinem uerst
verstndlichen Kaufmannsstande, gar nichts Geheimnisvolles habe, als da ich
nicht wei, wessen Kind ich bin, und da ich nichts verberge als den
Einkaufspreis. Nun qult mich das Mystische in der Englnderin Betragen
unendlich, die sich wie ein unbekannter ttiger Genius in unsre beiderseitige
Existenz hineingefunden hat.
    Das Wunderbarste ist, da sie zu uns beiden eine Art von Liebe hinzog, und
sie pltzlich abbrach, als habe sie nur so lange geliebt, bis sie ein Zeichen in
uns erkannte, da sie es nicht darf. Doch ich hoffe auf den Brief, den du von
ihr erhieltst, er mu alles erklren. Verliere ihn nur nicht, mache um
Gotteswillen keinen Papierdrachen fr Eusebio, noch einen Haarwickel fr jemand
anders draus. -
    Joduno also kmmt hierher - und wie das?
    Die Brnette war mit ihr in einem Kloster, wo sie miteinander erzogen
wurden, sie ist ihre innige Freundin, und dies verspricht viel fr Joduno.
    Denn wer dieses Mdchens Freundin ist, mag wohl die Achtung der Welt
verdienen; aber wenige sind es ganz, das heit, wenige knnen ihr geben, was ihr
fehlt - Sie selbst - und nur der kann es, der ihr Freund nicht so ist, wie es
alle diese sind, die sie nur lieben, weil sie so viel giebt; nur der kann es,
der wie ein Spiegel vor sie tritt, der nur alles nimmt, um es ihr zu geben.
    Ihr Leben war bestimmt, zum Himmel, zu der Kunst, zur unendlichen Liebe
hinzustrmen, aber sie ward aufgefangen zum Strome, sie ward von drftigen Ufern
eingefat, und ergo sich aus Mitleid freundlich rauschend, nhrend und
spiegelnd durch das arme Leben andrer; viele taugliche, schiffbare Flsse,
einige fischreiche Bchlein, und viele Waldstrme und wilde Schneegewsser
rannen gierig in sie hinein, um sich vergrert und auf der Landkarte in ihr
geehrt zu fhlen. Schweigend nimmt sie alle auf, die sich ihre Freunde nennen,
und fhrt sie weiter; durch diesen Zuflu ist sie aufgehalten zu vergehen, sie
mu langsam die trben Wellen abwrtswlzen, und ihre Freunde merken es nicht,
da sie sie aufreiben - ber ihr steht die Sonne und saugt sie gierig hinauf,
schon an der Quelle dort strahlt sie dankend der Sonne Bild zurck, und sie wird
wohl bald versiegt sein und im Gedanken leben, wenn das zusammengeflossene
Gewsser ihrer Freunde den Strom allein ausmacht, den man Sophie nennt. - Sie
ward umfat, und sollte alles gelinde umfassen, und wenn ich sie ansehe, ist
mir, als sei sie nur noch die Form ihres Lebens, und zerbricht diese, so werden
die, die sie so fest zusammenpackten, mit den Kpfen zusammenstoen, und weinen,
da sie nun auf ihren eignen Fen stehen mssen.
    Weil ich doch dabei bin, so will ich ber die Brnette in einer Fabel
weissagen. -
    Eine kraftvolle, herrliche Eiche wchst in der Mitte von vielen andern
gewhnlichen Bumen. Die Menschen kommen und wollen sich Htten bauen, sie hauen
die gewhnlichen Bume nieder, und keiner mchte gern die Eiche verlieren, so
bauen sie denn rund um die Eiche schlechte, baufllige Htten. Die Eiche, die
sich durch inneres Leben weit und mchtig ausbreitet, wute gar nichts von den
Htten und wchst ruhig fort; die Menschen aber glauben, es wre recht schn,
wenn sie die herumstrebenden ste der Eiche in ihre Huser hinein verbauten,
damit sie doch in ihrem toten Holze einen grnen Zweig htten; und so mu nun
die arme Eiche in dunkle Stuben, feuchte Gewlbe etc. hineinwachsen - sie
vertrauert leise, ohne es zu wissen, sie folgt dem angewiesnen Wege. Ihre Krone
nur spielt noch in der freien Luft, die einzelnen ste verdorren, und die
Menschen bauen immer nher heran, sie lehnen berhnge und Altanen auf die
Zweige. Da wchst sie unter dem herrlichen Lobe: O die gute, herrliche Eiche!
gegen alles ihr Streben; endlich drngt sich gewaltsam ihre Kraft empor, sie
strebt mit allem ihrem Leben zwischen den engen Htten hinauf, die Sonne blickt
auf sie, sie blht heftig im Winter, treibt Frucht und Blte und Samen mit
Gewalt nebeneinander in die Hhe; dies ist die einzige Minute ihres eignen
Lebens, und die letzte. Alles bricht an ihr herunter, alle die leichten Werke,
auf sie gesttzt, zertrmmern, und die Htten senken sich traurig gegen die
Mitte, wo sie war.
    Lieber, ich habe nicht geglaubt, da ich das schreiben wrde, was ich
schrieb, es hat ein Wort das andre gegeben, und nun, ach! nun ist mir wunderbar
still zu Mute; von der Strae steigt ein sthnender, gebrochener Ton herauf, es
ist ein armes Weib, das geistliche Lieder singt, um zu leben. Ihr Gesang hat
mich erweckt, und es ist mir ein wehmtiger Nachklang geblieben. Ich will ihr
ein brennendes Papierchen mit Geld hinabwerfen. Ach! ist das der Stern, der sich
deiner erbarmt, du armes Weib? Es ist schrecklich, da in der Brgerschaft das
Beten zum Betteln werden mu. Ach, wie ist es traurig, da der Mensch aus Armut
singen mu, und da alle Tne, die Seufzer und Klagen werden mchten, gezwungen
werden, den Gang frhlicher Tne und des Jauchzens anzunehmen, wodurch der
rhrende Anstrich solcher Lieder entstehet.
    Das Weib hrt pltzlich auf, ich lausche am Fenster, es ist ein Frauenzimmer
aus dem Hause gewesen, die mit ihr sprach. Ich erkenne die Stimme nicht, und da
ich doch gerne wissen mochte, wer es war, so gehe ich hinab, zu sehen, wer in
der Versammlung der brigen fehlt. Du sollst es gleich erfahren, lieber Godwi -
    Es war die Brnette, sie tritt herein, und als ich ihr sage, weil ihr ein
Geldbeutel aus der Hand fllt: Sind Sie noch so spt wohlttig? antwortet sie:
Ich bin noch so spt wohl ttig, und manchmal wohl noch spter, denn ich tue
wohl oft in der Nacht lesen; jetzt habe ich meine Kammerfrau bezahlt.
    Verzeihe, Lieber, ich habe mich verirrt.
    Man will nun debattieren, welcher der Brder deine Freundin holen soll, und
das wird im Bureau d'esprit geschehen. - Lebe wohl.
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Ich schreibe dir heute das Resultat der gestrigen Konsultation.
    Es fand sich gleich, da die mglichen Gesandten nach Eichenwehen nur zwei
seien, entweder der Zudeutliche, oder der Undeutliche.
    Der erste war leichter zu haben als zu wollen, und der zweite war leichter
zu wollen als zu haben.
    Man zieht ihn zur Seite, man lobt ihn, man schmeichelt ihm, man verspricht
ihm, seine feinen Hemden aufs zierlichste zu sticken, alle Hnde erbieten sich,
ihm eine elegante Satteldecke fr sein Pferd zu machen, alle Finger wollen ihm
Stiefelstrmpfe aus englischer Baumwolle stricken, man nennt ihn das schnste,
edelste, geschmackvollste Mitglied der Familie - wenn er Joduno holen will.
    Er nimmt alles an, um nicht stolz zu scheinen, er geht, um fr das
Angenommene nicht verbindlich zu sein, und wahrlich, wer ihn kennt wie ich, wird
gerne gestehen, da es ihm sehr uninteressant sein mu, ein Mdchen, das er
nicht kennt, wie er glaubt, aus dem Hhnerhof ihres Lebens in den Elstern- und
Pfauenhof seiner Familie einzufhren, und eigentlich geht er frank und frei aus
Liebe und Geflligkeit, und die Klte, welche diese zwei Motive verhllt, ist
durch die miverstandnen Pflichten seines Standes in ihn gekommen.
    Soeben steigt er beklatscht in den Wagen, Gre und Kuhndchen von allen
Seiten. - Bald werde ich nun deine Joduno sehen und beurteilen.
    Ich will dir heute abend schreiben, ob ich mich gergert habe ber die zwei
auerordentlichen Mitglieder, wenn ich aus dem Kabinette der Brnette komme.

Guten Abend! Noch konnte ich mich nicht rgern, kann also den zwei Leutchen
nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Gesprch war heute zu allgemein, und
ich zu geneckt, als da ich die zwei Menschen, die gegenwrtig, so obenhin und
durch und durch htte betrachten knnen.
    Die ganze Gesellschaft war beschftigt, sich ber einige Charmants riens,
die Titus, Karakallas, Charles douze, Gustav Adolph, Iglou, Vergettes,
Terroristes, Incroyables und Merveilleux Kpfe zu zermartern - Das sind lauter
Arten von Verstand, Denkungsarten, die in verschiednen Gattungen von
unordentlichen Frisuren bestehen, und oft kmmt man in der Gesellschaft durch
unwilliges Whlen in den Haaren in eine hnliche Verstandeslage.
    Damit man nun nicht merkt, da ich am ftersten in diese Verlegenheit komme,
und damit mein Verstand dann nicht so parven drein sieht, habe ich mir heute
einen Haarkrusler bestellt, der mir die eklatanteste Frisur machen soll, damit
ich wei, zu welcher Art von Verstand ich mich mit der grten Anlage bekennen
soll. - Da ist er; gleich, wenn ich gescheiter bin, sollst du die groe
Begebenheit hren.
    Ich: Wie heien Sie?
    - Christ - ich soll Ihnen die Haare schneiden. -
    Ich: Christ? - Schneiden Sie nur keinen Mnchskopf - hchstens etwas aus dem
Dreiigjhrigen Krieg - etwa einen Gustav Adolph -
    Es klopft an der Tre - Herein - ein zweiter Haarkrusler; der Bediente
hat zwei bestellt. -
    Wie heien Sie?
    - Heidenblut (mit einem wilden Blick auf Christ), und komme, Ihnen den Kopf
aufzurumen.
    O wehe! da haben wirs, es wird einen Religionskrieg geben. Nun werden Sie
einen Karakalla aus mir schneiden wollen -
    Christ: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Gustav Adolph -
    Heidenblut: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Karakalla -
    Ich: Was wird das nun? Ich schwanke von einem zum andern. -
    Christ: Herr Heidenblut wird Sie unchristlich raufen.
    Heidenblut: Herr Christ, ich wei, da Sie immer mein Blut, mein Leben, mein
Unglck verlangen; Sie nehmen mir alle Kunden.
    Christ: Nein, wenn ich Ihr Blut verlangte, mte ich Sie selbst verlangen,
und ich brauche Sie gar nicht.
    Heidenblut: Er wird Sie ganz gegen die Aufklrung schneiden; er wird Ihnen
eine fromme Frisur schneiden.
    Ich: Nun, so will ich unglubig geschnitten werden. Herr Christ, wickeln Sie
mich auf, brennen Sie mich, und Sie, Herr Heidenblut, schneiden mir dann die
Haare.
    Beide: Ja - ja, Ihre Haare haben alle Direktion zu einem trs incroyable.
    Ach, wie warm wird mir um die Ohren; Herr Christ, nur keinen Mrtyrer, nur
keinen Mrtyrer - so - ich sehe drollicht aus mit den papiernen Locken - nun
schneiden Sie, Herr Heidenblut. Meine langen Haare fallen mir bndelweise vom
Kopfe - schneiden Sie nur nicht alles weg. -
    Er: Um die Ohren mu alles weg - damit sie besser wachsen knnen.
    O wehe! die Ohren sollen wachsen -
    Er: Nein, die Haare. -
    Ich fhlte eine sonderbare Khlung ber dem ganzen Gehirne, es ward mir viel
leichter zu Mute; so zugestutzt kam ich in das Kabinett, wo man mich mit groem
Erstaunen aufnahm. Die Brnette fhrte mich im Zirkel herum, die Blonde hielt
mir einen Spiegel vor, und alles begann mich zu necken. -
    Morgen fahre ich fort zu erzhlen, und dann wird Joduno ankommen und eine
groe Lcke in der Korrespondenz entstehen.
                                                                      Dein Rmer

                                 Rmer an Godwi


Heute bin ich dazu gekommen, die zwei auerordentlichen Mitglieder des Bureau
d'esprit zu beschreiben, ich habe mich gergert.
    Ich trete in die Stube, und will wie gewhnlich gleich nach dem Heiligtume,
dem Kabinette zu - aber eine Menge Hnde fahren mir entgegen, halten mich auf -
pst - pst - still - sie ist krank - sie hat ein Nervenfieber. -
    Das ganze Vorzimmer rauscht von Teilnahme seufzende neue Stiefeln und
rauschende seidne Kleider bezeugen ihre Teilnahme, und eigentlich nehmen diese
Leute nur auf zwei Arten teil, erstens, indem sie noch teil an dem bichen
gesunder Luft der Kranken nehmen, und zweitens, indem in ihnen alle ihr Teil
genommen wird, denn seitdem die erste erregende Potenz, die Brnette, krank ist,
und zwar (wie der Arzt sagt) asthenisch, hat sie alle die hchste Sthenie
berfallen, sie sind alle fade, man hrt keinen guten Gedanken, alle ihre
wunderlichen Frisuren sind nur wunderliche Frisuren, und hren auf, Arten von
Verstand zu sein.
    Ich rgerte mich ber die zwei auerordentlichen Mitglieder, weil der eine
mit einer ungeheuren Prtension von Teilnahme der armen Sophie dicht vor das
Lager gerckt ist, und ihr mit Gewalt jedes gesunde Wort, das sich ihr
entwindet, dicht vor den Lippen wegfngt, es mit Ungeschicklichkeit in seiner
zerstreuen wollenden Unterredung auffngt und ihr verwickelt wie ein Rtsel
zurckgiebt. Er wei nicht, da dies Mdchen auch in der Krankheit ber seine
kranke Gesundheit Meister ist, und mit einer geteilten Mhe ihm halb aus
Gutherzigkeit seine Arbeit an ihrer Zerstreuung mhselig zu erleichtern sucht,
und aus der frohen, natrlichen Wildheit ihres Geistes, die in diesem
Augenblicke etwas mit berreiz kmpft, wieder hingerissen wird, ihn zu
verwirren. So versetzt er das arme Geschpf in die schdlichste Arbeit und kann,
indem er mit dem Unglauben an die Lage der Sache durch seine Eigenliebe und
seine Hflichkeit zu kmpfen veranlat wird, nicht einsehen, da er ihr
schdlich ist, so wie sie aus dem ewig fatalen, und auf dem Krankenbette fatalen
Motive, das die Franzosen Egard nennen, verhindert wird, ihn fortzuschicken.
    Ich setze mich in der Vorstube schweigend auf den Futeppich, hre
unwillkrlich diese erbrmliche Konversation, denn ein Gesprch war es nicht,
an, und lasse meine Blicke in der Stube herumschweifen.
    Auf diese Weise ttig, erlitt ich, ohne zu wissen wie, die Handlung des
zweiten auerordentlichen Mitglieds, durch die ich auch gergert wurde.
    Der Mann sa da und schnitt meine Silhouette mit der grten
Gleichgltigkeit aus, und trifft meine Seele so wenig, da er die
herunterhngende Schlafmtze, die er dran geschnitten hat, ganz allein schnitt,
weil er behauptet, ich htte geschlafen; ja, denke dir, ich bin versichert, da
er meinen Schattenri allein schnitt um der Schlafmtze willen, da er mich an
eine Schlafmtze hngen wollte.
    ber die belverstandne Schlafmtze bs, weil ich in demselben Augenblicke
sehr traurig ber die Konversation des ersten Mitglieds war und drauf studierte,
wie ich ihn hinausspedieren wollte, beschwerte ich mich; er wollte sich
entschuldigen und sagte:
    Ihr Profil ist so schn.
    Deswegen sollten Sie es nicht in den Schatten stellen, erwiderte ich.
    O schneiden Sie mir darum kein Gesicht, fuhr er fort.
    O htten Sie darum mein Gesicht nur ungeschnitten gelassen - setzte ich
hinzu. -
    Meine Antwort erregte Lachen, die Kranke ward aufmerksam und wollte das
Ganze hren, und den Schattenri sehen, und ich zog mich traurig zurck, da
ich, indem ich mehr Ruhe um sie zu bringen suchte, die Unruhe selbst veranlate.
    So bin ich nun auf meiner Stube ber beide gergert, und kann sie dir beide
beschreiben. -
    Diese zwei Mnner, die sich weder von auen noch innen gleichen, die weder
in ihren Gesinnungen noch in ihrer uerung die mindeste hnlichkeit haben,
knnen von einem Gesichtspunkte angesehen werden, da sie das Produkt der
nmlichen Ursache auf umgekehrten Wegen sind.
    Zusammengeschoben machen sie ein verschobenes Viereck, und einzeln sind sie
gleiche Dreiecke mit zwei spitzen und einem stumpfen Winkel, sie stehen, wie
Figura zeigt:

Der erste hat den stumpfen Winkel nach oben, der andre nach unten gewandt, und
keiner einen rechten in sich.
    Des ersten Erscheinung wird sich leicht in dich drcken, ohne einzudringen
noch zu bleiben, und des zweiten Erscheinung sich scharf, bleibend und
schmerzlich eindrngen.
    An keinen von beiden kannst du etwas erbauen, da es zugleich fest und
gerade stehe. Gegen den ersten kann sich dein Wesen hchstens schlafend
anlehnen, und an den zweiten kannst du hchstens etwas hngen.
    Der erste, der die gerade Linie zur Basis hat, steht fest, und der zweite,
der den stumpfen Winkel zur Basis hat, schwankt entweder von einer Seite zur
andern, indem er das Gleichgewicht sucht, oder steht auf dem stumpfen Winkel
fest, indem er etwas unterschiebt, oder lehnt sich auf die linke oder rechte
Seite, doch mu er dir ewig den spitzen Winkel entgegenhalten.
    Das wre das Allgemeinste, was man von ihnen sagen kann; nun will ich etwas
in das Einzelne gehen.
    Es giebt Menschen, die so geschftig oder trge im Leben waren, da sie
nichts Eigentliches getan haben, noch irgend tun knnen, indem immer eine
Handlung die andre durchkreuzte, oder jedes Aufnehmen in sich das andere
verlschte. Das ist mit beiden der Fall.
    Ich will den mit dem stumpfen Winkel oben B nennen, und den
entgegengesetzten A.
    B ist, der in der Trgheit lebte, ein Mensch der nie etwas getan hat, nie um
etwas gekmpft, er sitzt auf seiner breiten Basis recht kommode, oder er ward
vielmehr von Jugend an drauf gesetzt; so bequem, wie er dalag, hatte er weiter
keinen Drang, als sich gelinde zu erheben, und hat es bis zum stumpfen Winkel in
die Hhe gebracht. Er hat so viel genossen, da er nicht mehr viel genieen
kann, und schon so viele Genossen gehabt, da er keinen Freund mehr haben kann.
Da ihn nun alles langweilt, fngt er an, seinen Verstand zu gebrauchen, aber
untersteht sich, nach seiner Aisance, die nun anfngt wirkliche Mattigkeit zu
werden, nichts zu tun, als nach den Zipfeln der schnen Wissenschaften,
geistreichen Umgangs und der Wohlttigkeit zu greifen, die ins gemeine Leben
herabhngen. Er fat nie mehr als einen Zipfel, und nie begreift er den Gipfel.
    (Hrst du, ich werde poetisch, ich habe  contre-coeur einen Reim gemacht.)
    Seine einzige Erhebung ist also nichts als folgendes -
    Er legte sich zu Bette aus Wollust, wlzte sich drin herum aus Vernderung,
blieb liegen aus Mattigkeit, und kann nun nicht wieder aufstehen, - aber ber
dem Bette des brgerlichen Lebens hngt der Himmel der Kunst, und in jedem guten
Himmelbette hngt ein Bettzopf herunter, an dem man sich in die Hhe ziehen kann
- nun fat er also diesen Bettzopf, diesen Zipfel des knstlichen Himmels, um
sich in die Hhe zu bringen, und fllt wieder in die Kissen hinein. Wenn er so
ein wenig in die Hhe ist, regen sich alle erdrckte Mglichkeiten in ihm, und
er hat, solange er sich oben erhalten kann, einige gute Gedanken, Wnsche und
eilfertige Taten, aber pumps fllt er wieder nieder.
    Die Menschen sind zum Aufrechtstehen, zum Herumgehen gemacht, und so auch
liegt ihnen das Herz im Leibe; wenn sie sich aber ins Bette legen, um immer
drinnen zu liegen, kann nichts in ihnen handeln, sondern alles wird zur
Verdauung, es werden keine Weltmenschen, sondern Bettmenschen draus.
    Sein Inneres ist auf vielfache Weise verschoben, und sein ueres gelinde
aufgeschwemmt.
    Knnte dieser Mann nicht durch die Liebe geheilt werden? Ja, wenn er die
Liebe nicht meistens mit in sein Bett nhme; er mte sich in Bettzpfen
ruiniert haben, so viele heruntergerissen haben, da er sich keinen mehr kaufen
knnte; dann mte man ihm eine Liebe recht hoch von einem andern Himmel
herabhngen, und weit von seinem Lager, weil, wre sie ihm bei seiner
Gewandtheit erreichlich nah, so wrde er sich mit Gewalt herauslehnen, den
Bettzopf ergreifen und durch sein bergewicht abreien. Ist das Band, an dem er
sich hinaufziehen kann, aber weit von ihm, und recht hoch, so wird er sich
entschlieen, herauszusteigen, wird sich wieder ans Gehen gewhnen, und endlich,
um die Geliebte zu erreichen, sogar springen lernen.
    Alles das knnte als eine Allegorie seiner Lage in einem Feenmrchen recht
schn erzhlt werden, am Ende wrde dann die Fee, die ihn beschtzt, aus dem
Bettzopf eine herrliche Prinzessin machen, das Bett wrde zu Asche zerfallen,
der Betthimmel mit seinen seidnen Wolken zum Himmel werden, der ber ihm
strahlte, und er wrde sicher bei seinem Geiste, seiner Leichtigkeit und seiner
bung ein achtungswerter, liebenswrdiger Mann sein.
    Du weit, da ich in meinen Erzhlungen immer den Menschen und den Brger
trenne; ich sprach hier nur vom Menschen, insofern er sich von der Basis erhebt:
als Basis ist er Brger und, feststehend, solid und durch seine groe Flche
ttig, ist er als solcher ein rechter Quaderstein seines Standes, ein
achtungswerter, geschickter, fleiiger Brger -
    Wenn er wte, lieber Godwi, da ich dir dies schrieb, und knnte es wahr
fhlen, und knnte begreifen, wie ich ihn bei allem dem mehr als irgend einen
seines Standes liebe, die meistens ganz auf dem Ohr liegen; wenn er begreifen
knnte, wie ich ihn mit Rhrung und herzlichen Wnschen den Bettzopf mit seiner
Sehnsucht in die Hhe ergreifen sehe; wenn er wte, wie sehr ich den Menschen
und den Talern bse bin, da sie ihn so zurichteten, und knnte darber traurig
werden und keinen Groll hegen: so wre noch Hoffnung fr ihn, und ich wollte dem
Himmel danken.

A war so ttig, so geschftig, da er nie was getan hat; bei seinem bergroen
Drang aber ist er mit der ganzen Flche nach auen auf sein Schicksal
losgegangen, und sein Schicksal war tausendschneidig und tausendfach, das siehst
du an seiner Flche, die er nach auen kehrt.
    Er ist nicht leise von der Seite und offensiv seinem Leben entgegengegangen,
sondern die Augen zu, durch einen Hagel von Widerwrtigkeiten, tappte er
blindlings nach dem, was er erreichen wollte, und hatte es nur in sich; denn
indem sein Hchstes in ihm pochte und rief: Ergreife mich, bilde mich, stelle
mich ins Leben, und seine Aufmerksamkeit durch das ewige Balancieren, indem er,
auf seinem stumpfen Winkel stehend, nie Ruhe hat, sondern von einer Seite zur
andern fllt, geteilt, diese Stimme nicht verstand: so fhlte er sein Innres
nicht als Ruf, sondern blo als Sto, Reiz, Sehnsucht, und tappte nimmer findend
vorwrts.
    Er hat daher alle Spuren des Lebensstreites auf seinem uern, sein Krper
ist ein vernarbter derber Krieger, aber seine Muskeln sind durch dasselbe
abgehrtet. Er ist kein zerstrter, nur ein markierter Mensch; er ist nicht
gebildet, nur gebt; er ist kein geschickter, nur ein abgehrteter Mensch.
    Stoe einen Menschen, der ein Dichter oder ein Philosoph werden sollte, in
das Brausen einer Staatenumwlzung, und mache, da er, seine Oberflche nach
auen, alle Zerstrungen derselben auffangen mu, gieb ihm dabei keinen festen
Punkt, weil er das in sich nicht entwickelt und zur Sttze gemacht hat, was ihn
halten kann; gieb ihm dabei Glut, Liebe, Feuer, gieb ihm Ehrgeiz, sich aufrecht
zu halten, la das Ganze los, da die innre Wildheit ihn treibe und die Wellen
der kmpfenden Auenwelt ber ihm zusammenschlagen - und du wirst in der
Erscheinung sein Leben sehen.
    Alles das, durch Dauer und Dauerhaftigkeit zur Gewohnheit, zur Natur
geworden - hier ist A. Es ist angenehm, mit ihm zu leben, er ist treuherzig,
wenn es sein Witz erlaubt, vergngt, immer voll Hoffnung, und ewig derselbe;
wird nicht aufgerieben werden, er wird einstens zerbrechen, das ist die Art
seines Untergangs.
    Nun bin ich ruhig, und will, da du dir nun alle Glieder des Bureau d'esprit
denken kannst, den Ort der Versammlung, insofern er ein Produkt der Brnette
ist, beschreiben.
    Die uerst einfache, doch krause, harmonische, doch bunte Meublierung der
Stube zeigt gleich, da hier ein Weib haust, das die Welt und ihren Inhalt in
sich hlt, und das nichts in seine liebenswrdige Caprice, sondern seine
liebenswrdige Caprice in alles trgt.
    Sie herrscht hier, ohne es scheinen zu wollen, aber alles, was man hier mit
geistigen Fhlhrnern und den Hnden berhren kann, ist so von ihrem Sinne
bergossen, so von ihr ausgegangen, da man an keinem Orte der Welt auf eine
angenehmere Weise seinen Willen nicht hat.
    Sie ist ein vollkommnes Wesen, das in allen Saiten, die ber die Tonweite
ihres resonannten Daseins gespannt sind, ewig erklingt, und wo sie ist, ist sie
auch so in das ganze Irgendwosein verwebt, da sie in allen Punkten des
Irgendwos wiedertnt.
    Was sie beherrscht, und was sie umgiebt, ist die Variation ihres eignen
Themas, doch leider schon mehr Gesellschaftslied als gttliches Gedicht.
    Und wenn ich sie auf ihre Mglichkeit, die unmglich geworden ist, nicht
zurckgefhrt, gerade wie sie ist, auf Noten setzen knnte, so mte sie selbst
mit ihrer sehr knstlichen Resignation das ganze Bild, auf ihrem kleinen
Klaviere, mit ihren kleinen Fingern spielen, mit ihrer feinen Stimme singen,
damit es nicht allerliebst langweilig klnge.
    Denn wre in dieser kleinen irdischen Htte nicht ein einziges, schn
gewlbtes Fenster (sie hat nur ein Auge), auf das von auen die Sonne der Welt
blitzte, und durch das von innen die andchtigste, zarteste Seele einer
Sakontala die Augen gegen den Himmel hbe, so knnte man bei den vielen Manieren
und der Eleganz die ganze Erscheinung leicht fr so leicht als eine erhabene
Gartenverzierungsidee halten.
    Lebe wohl! morgen kmmt Joduno.
                                                                           Rmer

                                 Rmer an Godwi


Ich eile, wir gehen alle in die Kirche, ich auch, in die katholische Kirche.
    Es ist Allerseelentag, dieses Fest ist das Fest aller Seelen; auf jeder
Gruft brennen so viele Wachsfackeln, als sie geliebter Freunde Krper umfat.
Die Lichter brannten so heilig, als wollten sie die Seelen vorstellen.
    Alle die Kinder des Hauses gehen nach dem Grabe der Mutter, heute gleichen
sie sich alle, sind alle stille Trauer und Nachdenken, und guter Vorsatz.
    Die Brnette kniete so heilig, so gerhrt am Grabe ihrer Mutter, sie betete
und ward ohnmchtig, man brachte sie nach Hause, hier finden wir Joduno und den
undeutlichen Bruder. Alles ist voll Freude. Die Brnette sagt, es sei ihr
gewesen, als wenn es sie leise in die Gruft hinabzge.
    O Godwi, wo ist deine Mutter! die Schmerzen des steinernen Bildes fielen mir
ein; wo ist meine Mutter!
                                                                           Rmer

In dem Bureau d'esprit hngt das Bild der Mutter Sophiens, in einer gelinden,
zarten Zeichnung, die Geschwister gleichen ihr alle, jedes hat seinen schnen
Zug, und den findest du gewi in dem Bilde ihrer Mutter wieder.

                             Ende des ersten Teils


                                  Zweiter Band

  Herausgegeben von den Freunden des Verstorbenen, mit Nachrichten, von seinem
                     Leben, seinen Arbeiten und seinem Tode

                                     An B.
                             unabhngige Dedikazion

Es ist unstreitig ein reiner Enthusiasmus in mir, denn jeder heller froher
Anklang von auen ffnet alle Schleusen meiner Seele, das Leben dringt dann von
allen Seiten wohltuend in raschen Strmen auf mich ein, und meine uerung
ergiet sich ihm in gleicher Freude. Ich fhle dann keinen Druck, keine Gewalt,
weder eine Erniedrigung, noch eine berlegenheit. Ach! in solchen Momenten habe
ich nur eine Reflexion, sie ist Segen, den ich ber mein Dasein ausspreche, und
ich fhle dann Egmonts Gebet durch alle meine Adern strmen, ich lebe dann die
Worte:
    So ist es mir, wenn sich ein frohes Gemt, dem die ausbende Kunst das
Hchste zur lebendigen Kraft, zum bewutlosen Innewohnen geschaffen hat, rein
und mit klopfenden warmen Pulsen um mich bewegt, und in leichten Spielen ohne
Studium ein Leben vor mir entfaltet, dem das Abstrakte durch eine glckliche
Beugung der Formen zum lebendigen Elemente ward. Die Minuten, in denen ich mich
in ihr verloren fhle, unter den Strahlen seiner gesunden Freude leichter atme,
die Minuten, in denen ich vergesse, da seine Schnheit auch der Mhe errungenes
Kind ist, sind die einzigen, die ich vertraulich mit dem Leben umgehe und nicht
ein unwillkrlicher Kummer auf meiner Seele liegt. Ich verzweifle dann nicht an
meiner Fhigkeit, die groen Werke der Knstler erschttern mich nicht, und in
meiner Brust ist hell und deutlich geschrieben: Dahin magst du auch noch
gelangen; die Werke der groen Meister erscheinen mir dann wie ferne Stdte,
nach denen sich mein wanderndes Leben hinsehnt, und die ich in warmen
Frhlingstagen wohl auch noch erreichen mge.
    Wenn dein holdes Bild vor mich tritt, meine Liebe, so ist mir, als harrtest
du meiner dort, als wohntest du in jenen glnzenden Stdten, sie wren deine
Heimat, du sehntest dich nicht heraus: wie eine schne wunderbare Blume bewachte
dich der Genius der heiligen Fremde und verehrte dich in geheimnisreichem
Gottesdienste.

Als hohe in sich selbst verwandte Mchte
In heilger Ordnung bildend sich gereiht,
Entzndete im wechslenden Geschlechte
Die Liebe lebende Beweglichkeit
Und ward im Beten tiefgeheimer Nchte
Dem Menschen jene Fremde eingeweiht;
Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren,
Hast du gleich frh den Wanderstab verloren.

Die Tne ziehn dich hin, in sanften Wellen
Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall,
Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen,
Aus Bergestiefen grt sie das Metall,
Der Donner betet, ihre Segel schwellen,
Aus Ferne ruft der ernste Widerhall;
Die Wimpeln wehn in bunten Melodieen,
O wolltest du mit in die Fremde ziehen.

Die Farben spannen Netze aus und winken
Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick,
In ihren Strahlen Brderschaft zu trinken.
Am Berge weilen sie und sehn zurck -
Willst du nicht auch zur Heimat niedersinken?
Denn von den Sternen dmmert dein Geschick;
Die fremde Heimat, spricht es, zu ergrnden,
Sollst du des Lichtes Shnen dich verbnden.

Auch magst du leicht das Vaterland erringen,
Hast du der Felsen hartes Herz besiegt,
Der Marmor wird in sem Schmerz erklingen,
Der tot und stumm in deinem Wege liegt:
Wenn deine Arme glhend ihn umschlingen,
Da er sich deinem Bilde liebend schmiegt,
Dann fhrt dich gern zu jenen fremden Landen
Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.

Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemhen,
Du sehnest dich in alle Liebe hin,
Des Marmors kalte Lippe will nicht glhen,
Die Farbe spottet deiner Hnde Sinn,
Die Tne singen Liebe dir und fliehen;
Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn,
Entwickle dich in Form, und Licht, und Tnen,
So wird der Heimat Brgerkranz dich krnen.

O freier Geist, du unerfalich Leben,
Gesang der Farbe, Formen-Harmonie,
Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben
In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie,
In meines Busens Saiten tonlos Beben,
Ersteh in meiner Seele Poesie:
La mich in ihrer Gttin Wort sie gren,
Da sich der Heimat Tore mir erschlieen.

Ein guter Brger will ich Freiheit singen,
Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang,
Will in der Schnheit Grenzen Krnze schlingen
Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang
Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen,
Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang,
Gelst in Lust und Schmerz das Widerstreben,
Und eigner Schpfung Leben niederschweben.

Du sollst dies Buch nicht lesen, denn ich liebe dich, und was ich in dir liebe,
ist dieses Buch Unwert, und der Wert des Lebens, die Poesie - da ich hier zu
dir spreche, ist meines Herzens innrer Drang, du hast mich gefangen, und bist
mir die hchste Lehre. O ich mchte dichten, wie du da stehst, wie du wandelst
und blickst, ich mchte denken, wie du gedacht bist, und bilden, wie du
geschaffen bist.
    Wie freundlich wrde dann mein Werk mir in die Augen sehn, wie wrdig sich
dem Gedanken des Gebildeten in seiner Unschuld gesellen, denn Wrde ist Unschuld
der freien Hoheit; wie wrde ich mein innres Leben gleich der Mutter meines
Werkes verehren, und es rein erhalten von dem bermute einzelner Krfte, die roh
und gewaltig wie ewiger Sturm die schne Ttigkeit der Ruhe in mir vernichten.
Ich wrde mich selbst schtzen, um des Schatzes willen, der in dem Menschen und
der Natur verborgen liegt, aus dem ich glnzende Edelsteine zu Tage gefrdert,
sie geschliffen und zu knstlichen Geschmeiden meiner Liebe, meines Lebens,
aller Liebe und alles Lebens gebildet htte.
    Dir wrde ich den herrlichen Schmuck anlegen, und du wrest eins mit diesem
Schmucke. In deinem Auge und dem Diamant bricht sich der leuchtende Strahl, aber
mein Diamant wrde blicken wie dein Aug, mein Werk wrde schweben wie dein Gang,
wie deine Lippe wrde es singen, den Sinn wrde es hinabziehen wie die Woge
deines Busens, es wrde umfassen wie dein Arm, und lieben wie dein Ku; rein
wre mein Werk, gro, von sich selbst durchdrungen, und vom ganzen Leben ttig
begrenzt, wie die Seele des Menschen.
    Ich fhle tief in meinem Herzen, wie die Jnglinge jetzt dastehen, da sich
die Zeiten trennen und die Philosophie mit der Reflexion alle Tpfe des
Prometheus zerschlgt; traurig sehn sie ihr kindisches Bilden zertrmmert, und
vergehen in weinerlichem Enthusiasmus. Gerne mchten sie das Feuer vom Himmel
stehlen, und frchten, da der schreckliche Gott sie an den Felsen schmiede, des
Geiers ewige Nahrung. -
    O ihr hngt schon an dem Felsen, unbeweglich seht ihr den Wechsel des Tages
und des Jahres: weder der leichte Flug des Vogels ber eurem Haupte, noch das
Rauschen des Stroms, der des Himmels Spiegel zu euern Fen wlzt, lst eures
Todes Band. Ihr vermgt nicht die Blume des Tales zu ergreifen, denn eure Hand
erreicht kaum den blhenden Dorn neben eurem Lager. Ihr blicket nieder in das
Getmmel der Schlacht mit Sehnsucht nach gekrnter Tat, und die Trommeten des
Kampfes zerreien euch das Herz. Ihr blicket nieder in die Gebsche, wo Hirten
in Liebe spielen, und die Flte des Hirten zerreit euer Herz.
    Hoch seid ihr erhaben ber die Aussicht, aber ihr seid an den Felsen
geschmiedet, die Welt habt ihr erschaffen, die euch erschaffen sollte, und sie
zielet mit Pfeilen des Todes auf euch, der Geier der Reflexion zernagt euer ewig
wiederkehrendes Herz.
    Wohl mir, meine Liebe, da ich keiner von diesen bin, da ich noch lieben
kann, und fhlen im Ganzen, ein volles Leben mit vollem Herzen umarmen, und da
jedes Einzelne getrennt vom schnen Krper, und zergliedert, mich wie tot
zurckschreckt. - Erschafft mich die Welt, oder ich sie? - Die Frage sei die
lteste und verliere sich in die dunklen Zeiten meines Lebens, wo keine Liebe
war, und die Kunst von dem Bedrfnisse hervorgerufen ward. - Du bist meine Welt,
und du sollst mich erschaffen; o bewege dich, ffne mir die Augen, oder sieh
nach deinen Lieblingen den Blumen. -


                                    Hyazinth

Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Da ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gtig verteilt.

Schone nicht meiner,
Wende dich zu mir,
Da ich im Strahle
Liebend erblinde,
Nicht mehr betrachte,
Wie sich das trichte
Leben bewegt.

Scheint dann die Sonne,
Duftet der Frhling,
Wehet die Khle,
O so erfind ich
Heimlich im Herzen
Glhende Rosen,
Blten und Bltter,
Dir zu dem Kranz.

Wie sie der Frhling,
Den du entzndet,
Freundlich mir bietet,
Wie sie mir frbet
Glnzend, bescheiden,
Glhend und hoffend
Die Phantasie,
Wie sie mir ordnet,
Festliche Andacht.

Keiner mag wissen,
Was ich im Herzen
Dir nur bewahre,
Keiner verstehen,
Was ich den glhenden
Rosen, den Blten,
Was ich den khlenden
Blttern vertraut.

Keiner begleite
Fhrend den Blinden,
Einsam und ruhend
Will ich verweilen,
Wo du die Augen
Liebend mir schlossest,
Wo du das Leben
Mir in dem Busen
Liebend erschlossest.

Still wie die Blumen
Einsam nur leben,
Freundlichen Kindern
Liebe Gesellen,
Zrtlicher Mdchen
Holde Vertraute,
Und des Vergehens
Schnste Bedeutung
Will ich vergehn.

Schone nicht meiner,
Wende dich von mir,
Da ich im Dunkel
Berge die Trnen,
Da ich umschattet
Betend erwarte,
Wie mir geschehe!

Wer mir erglnzet,
Erblhet das Leben,
Blumen erffnen
Die duftenden Augen.
Glhende Rosen,
Blten und Bltter,
Zeigst du mir freundlich
Von mir gewandt.

Alle sie pfleg ich,
Verwandle Und bild ich,
Dichtend die eine
Der andren in Liebe
Gattend, und webe
Aus deinen Lieblingen
Zart dir ein Lied.

Und in dem Liede
Werde ich singen,
Wie sich die Gttin
Von mir gewendet,
Wie ich im Dunkeln
Einsam nun stehe,
Wie sie nur glhenden
Rosen, nur Blten,
Wie sie nur khlenden
Blttern vertraut.

Werde dir singen,
Wie du mit Liebe
Unter den Blumen
Deinen Getreuen
Einst noch erblickest
Und mit den hellen,
Strahlenden Augen
Auf ihm verweilst.

Zephirus liebt mich:
Als mit den Blumen
Scherzend er spielte,
Hat er mich kindisch,
Scherzend geksset,
Weil ich so emsig
Blumen verwebte
In deinen Kranz.

Aber Apollo,
Der wohl die mutigen,
Singenden, ringenden,
Freundlichen Knaben
Liebend umarmet,
Spielt auch mit mir,
Lehrt mich die Pfeile
Schieen, den Diskus
Werfen zum Ziel.

Zephirus eifert,
Da ich dem ernsten,
Herrlichen Gotte
Mich nur geselle,
Und in den Blumen
Nicht mehr ihn ksse,
Nicht mehr des Lebens
Freuden hinwehe,
Da sie erwogen,
Ein lustiges Meer.

Und mit Apollo
Werf ich den Diskus,
Und in dem Herzen
Fhl ich dich nher,
Fhle mit sen
Ahnenden Schmerzen,
Wie ich dir nah. -

Sieh, wie schon kreiset
Hher der Diskus.
Zephirus eifert,
Wirft mir die Scheibe
Tdlich umnachtend
Auf die erhobene,
Blickende Stirn.

Und in dem Busen
Brechen die Saiten,
Die mir Apollo
Liebend verliehen,
Nieder am Boden
Lieg ich erkaltet,
Und mir zur Seite
Trauert der Gott.

Will mich dem ernsten,
Finsteren Tode
Nicht berlassen,
Wandelt mich liebend
Zur Hyazinthe;
Zephirus kt mich,
Nun mit den andern.

Unter den Blumen,
Die du nur liebest,
Weile ich stille -
Trink' mit den glhenden
Rosen, den Blten,
Und mit den khlenden
Blttern dein Licht.

Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Da ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gtig verteilt.


                                    Vorrede

Wo will es am Ende hinaus! Die Begebenheit steht zuletzt wie ein schwankendes
Gerste da, das die Behandlung nicht mehr ertragen kann, und jagt den Lesern
Todesangst fr sich und sein Intresse ein. Das traurigste aber bleibt es doch
immer, wenn dem Buche der Kopf zu schwer wird, durch Gold, oder mehr noch durch
Blei. Werden beide Arten nicht Holundermnnchen? die sich auf den Kopf stellen,
und ist dieses nicht uerst gefhrlich? wenn zarte weibliche Figuren darin
leben sollen.
    Ich habe leider diese Briefe mit dem Meinigen vermischt, und hoffe einige
Entschuldigung, wenn ich erzhle, wie ich zu diesen Briefen gekommen bin.
    Einen Teil meines Lebens brachte ich damit zu, mich zu besinnen, als was ich
eigentlich mein Leben zubringen sollte, einen andern damit, da mich die Theorie
langweilte und meinen Vorgesetzten Faulheit schien, alle Stnde wie die Rcke
einer Trdelbude anzuprobieren, und ich stak wahrlich recht unschuldig mit einem
von den besten Willen in allen Arten von Propylen, aber ebenso willig, ebenso
unschuldig verlie ich sie wieder nach der Reihe.
    So kam ich endlich in meinen vielen nicht ausgehaltenen Lehrjahren zu Herrn
Rmer, den die Leser aus meinem Buche kennen; er ist ein reicher Kaufmann in B.,
und ich sollte mich seinem Stande widmen. Ich ward in seiner Familie freundlich
aufgenommen, seine Gemahlin kannte meine Eltern, die ich nicht kenne, und nahm
sich meiner wie eine Mutter an. Ich habe ein leicht bewegliches Gemt, und Herr
Rmer hatte eine sehr schne Tochter, in die ich mich etwas verliebte. Obschon
mein Herz an einer frheren Leidenschaft litt, die ich nie zur Ruhe bringen
konnte, so ergab ich mich hier dennoch neuen und leichtern Fesseln.
    Herr Rmer bemerkte bald, da diese Leidenschaft weder mir noch seiner
Tochter zutrglich sei, und berhaupt fand er, da der Stand, den ich unter
seiner Leitung ergriffen hatte, mich nie ergreifen wrde.
    Er stellte mir beides mit vieler Freundlichkeit vor, und da er meinen
Schmerz ber meine ewige Unbestimmtheit bemerkte, gab er mir ein Pcktchen
Briefe mit folgenden Worten:
    Mein lieber Maria, dies ist ein Briefwechsel zwischen sehr edlen und
intressanten Menschen, er enthlt auch einen Teil meiner Lebensgeschichte; lesen
Sie ihn durch, ich glaube, die Geschichte dieser Menschen wird Sie ber Ihre, im
Verhltnisse mit jener noch sehr einfache, Geschichte trsten. Zu gleicher Zeit
bitte ich Sie, den Versuch zu machen, diese Briefe nach dem Faden, den ich Ihnen
geben will, zu reihen, und hie und da zu ndern, damit mehr Einheit hineinkmmt.
Ich denke das Ganze herauszugeben, und habe die Erlaubnis der vorkommenden
Personen dazu. Und weiter erffnete er mir, da er von unbekannter Hand
reichliche Anweisungen erhalten habe, mich zu untersttzen, und zwar unter der
Bedingung, da ich auf der naheliegenden hohen Schule studieren solle.
    So sehr mich auch mein Glck erfreute, war es mir doch schmerzlich, meine
Leidenschaft zu der Tochter des Herrn Rmers aufzugeben, und da ich diesen
Schmerz recht von Herzen uerte, sagte er mir:
    Wenn Sie sich mehr bilden, werden Sie leicht einsehen, was zwischen Ihnen
und meiner Tochter liegt, und es leichter berwinden knnen. -
    Wie ich mit den Briefen umging, wei man; wie ich mich bildete, wird die
Zukunft vielleicht auch wissen, denn bis jetzt habe ich noch nichts gesehen, was
zwischen mir und meiner Liebe liegen konnte.
    Herr Rmer erhielt den ersten Band, und ber meine ungeschickte Behandlung
aufgebracht, versagte er mir seine Tochter auf immer, und noch trauriger - er
zeigte mir an, da ich durch meine unbeholfne Buchverderberei einer spanischen
und englischen Bchersammlung sei verlustig geworden, die mir von einem anonymen
Intressenten an der Herausgabe des Buchs sei versprochen gewesen, wenn ich es
gut bearbeiten wrde.
    Unmutig ber mein Unglck, und ohne alle Quellen zu der weitern Fortsetzung
des Buchs, zu der ich mich doch durch den ersten Band verbindlich fhlte, -
unternahm ich es, Herrn Godwi, von dem ich wute, da er sich auf seinem Gute
aufhielt, aufzusuchen, wo mglich seine Freundschaft zu gewinnen, und meinen
zweiten Teil mit seiner Hlfe auszuschreiben; und der zweite Teil ist die treue
Geschichte, wie ich ihn fand, und was mir mit ihm begegnete.
    Der Leser wird hieraus sehen, wie mhsam mir dieser zweite Teil wird, und
mit mir bedauren, da Herr Rmer mir eigentlich nicht mehr und nicht weniger
gentzt hat, als da er mich in neue Lehrjahre hineingestoen. - Denn zu der
gtigen Untersttzung, die mir von unbekannten Hnden zufliet, ist er doch nur
das kaufmnnische Werkzeug - und was wird endlich mein Los sein? Ich habe mich
auf einem schwachen Bote auf das unabsehbare Meer gewagt, und treibe den Wellen
berlassen hin. O ihr wenigen Herzen, die ihr liebevoll an mir hngt, ihr seht
mich ohne Mast und Steuer auf gutes Glck hinaustreiben, und ich werde euch
nimmer danken knnen; schon regen sich die Lfte von allen Seiten, die Wellen
bewegen sich, und ich werde in meinem kleinen Kahne wohl zu Grunde gehen!

                                 Erstes Kapitel


Als ich in der Stadt nahe bei Godwis Gut angekommen war, erkundigte ich mich im
Gasthofe auf eine unbefangene Weise nach Godwi, und hrte mancherlei von den
Brgern, die mit an dem Abendessen teilnahmen, was ihn betraf. Sie erzhlten mit
jener gemtlichen Geschwtzigkeit, in der sich gewhnliche Menschen so gern ber
jeden Ausgezeichneten ergieen, der in ihrer Mitte lebt oder lebte. Ein jeder
hatte eine eigne Ansicht von ihm; ich meine hier den Vater, denn von dem Sohne
erfuhr ich nichts Bestimmtes, als da er ganz allein auf seinem Gute lebte. Ich
habe das Bestimmteste dieser Urteile gesammelt, und kann mit einiger Gewiheit
folgendes von seiner Erscheinung erzhlen.
    Godwis Vater ging mit wenigen um, und wenige liebten ihn; dennoch lagen in
seinem Leben viele schne Beweise seiner Menschenliebe, aber keines dieser
Bilder zeigte freundlich auf den Meister zurck, keines seiner Werke wollte ihn
als Vater anerkennen. Alle Urteile ber ihn waren dunkel, und man sprach immer
von ihm wie von einem Gespenste, das keinen krnkt, abwechselnd mit Ergebenheit,
mit kaltem Absprechen, oder einer Art Frechheit, die am Glauben ermdet ist.
    Dieses alles berechtigt mich, ihn fr einen Mann zu halten, der seine
Umgebung nicht sowohl durch Vorzge als durch Verschlossenheit beherrschte. Er
lag wie ein Geheimnis zwischen Neugierigen, und alles, was er tat, erhhte
dieses Geheimnis; denn seine Handlungen waren oft wirklich bedeutend, und wurden
auffallend, indem sie aus innern Grnden auszugehen schienen, die mit seinem
brgerlichen Standpunkte in keiner Verbindung standen.
    Er war in die Stadt gekommen, hatte sich das Brgerrecht erkauft, und ein
greres Handlungshaus errichtet, als je in diesem Orte gewesen war; aber keiner
seines Standes konnte Nachricht geben, woher er kam, warum er es tat, und wie
die Wege gewesen, die ihn so schnell zu allem diesem gefhrt hatten.
    Man wute nur, da er abends angekommen war und im Wochenblatte gelesen
hatte, da ein groes Gut bei der Stadt zu verkaufen sei, welches er auch gleich
den folgenden Morgen kaufte. Dann war er einigemal auf die Brse gekommen, hatte
groe Hndel abgeschlossen, und ein Comptoir in der Stadt errichtet. Er selbst
arbeitete wenig in diesen Geschften, sondern berlie sie seinen Factoren, die
er sehr begnstigte; und besonders zeichnete er einen jungen Menschen unter
ihnen aus, der ihm als elternlos aus England geschickt worden war; und endlich
zog er sich ganz auf sein Gut zurck.
    Von diesem Gute selbst erzhlte man vielerlei, von seiner ganz eignen innern
Einrichtung; doch kannte es eigentlich niemand genau, seit er es bewohnte, denn
die wenigen Diener, die er um sich hatte, waren fr jede Erklrung verloren. Er
hatte seinen Sohn dort bei sich, der, nach der Aussage der vielen Erzieher, die
ihn verlassen hatten, ein wunderlicher Mensch sein sollte.
    Das Gut gehrte ehemals einem mennonitischen Edelmann, und die Pchter waren
alle von dieser Glaubenslehre. Da der Besitzer gestorben war, fiel es der
Regierung anheim, und von dieser kam es in Godwis Besitz.
    Seine Gesellschaft auf diesem Gute war stets wechselnd, denn sie bestand aus
durchreisenden Knstlern, die er einige Zeit beschftigte, und die ihm stets
beteuern muten, was sie bei ihm gebildet hatten, zu verschweigen. Viele Maler,
Bildhauer und Dichter kannten seine Freigebigkeit, und hatten einige Zeit bei
ihm zugebracht.
    Ein Teil seiner Wohnung soll nach der allgemeinen Sage sogar seinem Sohne
und allen seinen Hausgenossen verschlossen geblieben sein, und hier war es, wo
er die Arbeiten der Knstler, die bei ihm gewesen waren, aufbewahrte. Ehemals
war es eine kleine Kirche, der sich die verstorbenen Besitzer des Gutes zu den
religisen Versammlungen ihrer Glaubensbrder bedient hatten; von auen war es
auch Kirche geblieben, im Innern aber nach dem Plane des Englnders verndert
worden.
    Das Wohnhaus des Gutes hatte er in seinem vernachlssigten Zustande
gelassen; so nicht die Grten, deren Verunstaltung er zu einer zierlichen
Verwilderung erhob.
    Der gesuchten Nachlssigkeit in der Erhaltung dieses Gutes war sein Haus in
der Stadt vllig entgegengesetzt, wie seine eigene finstre Unttigkeit seinem
kaufmnnischen Wohlstande. Dieses Haus war das geschmackvollste und
geruschvollste; seine Zahlstube wimmelte von zierlichen Arbeitern, seine
Gewlbe waren in voller Ttigkeit, die Treppen und Eingnge waren mit Bedienten
und Trstehern besetzt, und die Einrichtung der Gemcher schimmerte in dem
gediegensten Luxus.
    Seine Factoren gaben Gesellschaften, Gastereien, Konzerte und Blle, an
denen der ganze gebildete Teil der Stadt und die vielen, an seine Handlung
empfohlenen Reisenden teilnahmen.
    Er allein erschien nur das erstemal bei der Erffnung eines solchen Zirkels,
und bemhte sich dann mehr ernstlich als teilnehmend, die ganze Gesellschaft zu
einer frhlichen Anmalichkeit auf diese Vergngungen seines Hauses zu bewegen,
und erschien gleich einem Lehnsherrn, der sie mit herkmmlichen Besitzen
belehnt.
    Das Gute, was er tat, wagte er nicht sich anzumaen; dennoch wendete er
ebensowenig Flei darauf, es zu verbergen als es bekannt zu machen, und niemand
ehrte seine Wohltaten, wenn gleich jeder Bedrftige sie wnschte. Seine
Wohltaten sahen aus wie Bue.
    Wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden; schon einige Jahre
waren hin, da er mit einer Gesellschaft, deren Zusammenhang mit ihm man nicht
nher kannte, pltzlich nach Italien gezogen war. Das Gut aber blieb dem Sohne,
der es jetzt bewohnte, und von dem mancherlei Gerchte gingen.
    Besonders schwatzte man viel von einem prchtigen Grabmale, das er einem
Mdchen habe errichten lassen, welches nicht den besten Ruf habe und mit ihm von
seinen Reisen gekommen sei. Man sprach davon, da sie verrckt geworden sei, und
da das Grabmal darauf anspiele; sie habe Violette geheien, und einige
Offiziere, die den letzten Feldzug am Rheine mitgemacht hatten, wollten sie sehr
gut gekannt haben.
    Dem sei nun, wie ihm wolle, aber alle stimmten darin berein, da man nichts
Schneres sehen knne als dieses Grabmal, denn es war in der Stadt ffentlich
gezeigt worden.
    Dies waren ungefhr die Nachrichten, die ich abends in dem Gasthofe sammelte
und in dieser Ordnung niederschrieb.
    Ich entschlo mich, den andern Morgen vor Sonnenaufgang meinen Weg nach dem
Gute anzutreten, das einige Stunden von der Stadt entfernt im Gebrge lag.

                                Zweites Kapitel


Der Morgen dmmerte kaum, als ich meinen Weg antrat; meine wenigen Gerte hatte
ich im Gasthofe zurckgelassen, und mir vorgenommen, ehe ich mich Godwi als
seinen unberufenen Geschichtschreiber zu erkennen gbe, ihn unter einem andern
Vorwande zu berhren, um seinen guten Willen zu gewinnen. Ich wollte mich fr
einen reisenden Knstler ausgeben, der Violettens Grabmal sehen wolle.
    Ich ging unter diesen Gedanken den Berg hinauf, und hatte auch wirklich eine
groe Begierde, Violettens Grab zu sehen, denn der Gedanke des Bildes konnte
unstreitig sehr schn ausgefhrt sein, und ich liebe besonders bedeutungsvolle
Werke, die zugleich schn sind, wenn sie auch nichts als sich selbst bedeuteten.
Durch die Bedeutung erhlt ein gutes Bild immer ein hheres Leben, denn es liegt
so eine Geschichte in seiner Erscheinung, indem es, um schn zu sein, seine
Bedeutung besiegt.
    Als ich auf dem Berge angelangt war, ergo sich eine herrliche Aussicht um
mich, die Sonne ging schn auf, und es war mir sehr wohl. Ein schner Wald
drngte sich von der entgegengesetzten Seite, und rauschte freudig mit seinen
Zweigen des Friedens in der frischen Morgenluft.
    Ich fhle in einem Walde, bei den groen lebendigen Sulen der khlen
zusammenrauschenden Gewlbe, immer eine tiefe Berhrung im Innern.
    Friede, Vershnung, freudigen Ernst und schaffende Ruhe knnte ich nur
singen in Wldern, bei den allmchtigen Stmmen, die nicht streitbar sind, in
der Ruhe freudig verwachsen, sich umarmen und ausweichen, still und ernst,
leises Wehen ihrer Ksse, und leichtes Sinken sterbender Bltter. Fest auf sich
selbst und aus sich selbst, im Sturme mchtiges Brausen, krftige, schwingende
Bewegung, oder groer strzender Tod, da die Erde erbebt und die nahen Freunde
mit hinab mssen zu der Ruhe; und wenn die Sonne aufsteigt und weggeht, wie die
Gipfel sie golden begren, und es niedersteigt an den Stmmen leise und
feierlich, wie einer des andern Licht teilt und Dunkel, wie jeder seinen
Schatten dann an den Boden streckt, das Ma seiner Gre, das endlich in
allgemeiner Herrlichkeit zerrinnt, wenn der Mittag herabstrahlt und ihre Hupter
in Pracht und Leben verglhen, whrend die Fe noch im khlen Grabe der
Schatten weilen, wie dann die Schatten wieder auferstehen, wenn die Sonne
untergeht; wie endlich der letzte Ku der Sonne noch an den Wipfeln hngt, bis
alle gleich werden in der tiefen Nacht, wie sie es in der Pracht des Mittags
waren, oder der sanfte Mond nach denselben Gesetzen den milden Tag der Liebe und
des innern stillen Treibens im Herzen ber sie ausgiet. Friede, Vershnung,
freudigen Ernst und schaffende Ruhe mchte ich nur singen in Wldern.
    An dem Ausgange des Waldes, der das ganze Tal erfllte und auf der andern
Seite wieder in die Hhe zog, wo er sich endigte, bemerkte ich einen hohen
Rauchfang, auf dem ein Storch sein Nest erbaut hatte, und vermutete, da dieses
Gebude zu dem Landgute gehre. Der Storch war noch nicht wieder da, denn er hat
eine weitere Reise zu machen als der Frhling.
    Die Seite des Bergs, an der ich hinabstieg, war meistens Felsenwand, und hin
und wieder mit reinlichen steinernen Treppen unterbrochen. Es zog sich so
freundlich hinab, um und um rauschte der Wald, die Sonnenstrahlen fielen schrg
das Tal herein, und mein Schatten hpfte und ging mir gesellig in allerlei
gebrochenen Gestalten zur Seite. Ich war recht munter, blieb manchmal stehn,
wenn mir mein Schatten gar zu wunderlich aussah, bewegte mich auf verschiedene
Weisen, um ihn zu verndern, und freute mich ber meine langen groen
Schattenbeine; dann dachte ich, wenn du nur so auf den Schattenbeinen
hinuntergehen knntest, und hob einen Fu auf, beinahe zwanzig Stufen wre ich
unten; da ich aber nicht lange den Fu so halten konnte, setzte ich ihn wieder
nieder, und war auf dem alten Flecke.
    ber dem engen Tale voll Wald stieg ein zarter Nebel auf, und lste sich um
mich herum in den Sonnenstrahlen, die hchsten Bume schimmerten schon in der
Sonne, und bald war der ganze Wald unter mir erleuchtet; auch wurden die Vgel
immer lustiger, und ich wnschte nur, auf der andern Seite bald wieder oben zu
sein, damit ich bald an dem Schlosse wre; denn ich vermutete, da unten in der
Wildnis mchte irgend eine allerliebste Anlage, ein Tempelchen oder dergleichen
stecken, in das ich mich hineinsetzen, ausruhen und weiter gar nicht ans
Weitergehen denken knnte. Ich vermutete so etwas, weil ich wei, da die
Englnder immer viele Anlagen zu solchen Anlagen haben, und weil ich durch mein
munteres, unregelmiges Gehen und besonders durch meine Schattenspiele etwas
mde geworden war.
    Ich schritt darum wacker zu, der Rauchfang mit dem Storchneste war mir wie
ein Magnet: es liegt etwas Heimliches, Getreues und Heimatliches in so einem
Storchneste; denn ein gastfreies Dach bedeckt gastfreie Menschen. So
reflektierte ich, denn ich war hungrig, und um mir diese Reflexion zu bemnteln,
machte ich geschwinde noch folgende ber das Schreiten auf Schattenbeinen, und
hob, um der Anschauung willen, die Beine noch einigemal, den Schritt des
Schattens beobachtend.

                                Drittes Kapitel


Es giebt allerdings Leute, die so mit den Schattenbeinen zu gehen glauben und
groe Beschreibungen von solchen Reisen zu erzhlen wissen. Ich meine eine
gewisse Gattung junger Philosophen, denen die Sonne noch nicht grade ber dem
Kopfe steht, sondern hinter dem Rcken.
    Das Licht, das die Sonne vor ihnen hergiet, nennen sie ihr eignes Produkt,
ihr ganzer Gesichtskreis ist ihnen ihr Objekt, und ihren Schatten nehmen sie als
ihr Subjekt, ihr Ich, an, das ihnen durch Anschauung zum Objekt geworden ist.
Erst stehen sie sehr ernsthaft still, schtteln in tiefen Gedanken den Kopf,
schneiden Gesichter, und betrachten das im Schatten, und nennen es zum
Selbstbewutsein kommen; dann heben sie wechselsweis Arme und Beine - so viel
als mglich zierlich, der sthetik halber - und haben sie dies im Schatten
beobachtet, so sind sie zum Bewutsein der reinen Akte gekommen. Haben sie
dieses alles einige Zeit getrieben, so bedenken sie, da es ntzlich sei, die
uere Welt an sich zu reien, ihre physische Kraft zu befestigen. Dies
geschieht nun, indem sie ihren Gesichtskreis, ihr Objekt auf alle Weise in sich
herein bringen, das heit, indem sie durch Hin- und Wiederspringen bald dieses,
bald jenes Stck Wegs mit ihrem Schatten bedecken. Am Ende werden sie dann mde,
sie setzen die Fe nieder, ihr Schatten wird immer kleiner, denn die Sonne
steigt, und steht ihnen bald grade ber dem Kopfe. Es ist voller Mittag, und
sehr hei, sie haben nichts getan, nicht einmal Optik studiert. Um sich
abzuspannen, trinken sie eiskaltes Wasser in der Hitze, und werden krank, das
heit, verlieren die Bewutlosigkeit ihrer Organisation, und sterben. An ihr
Grab stellen sich einige Freunde, und berhren es so lange mit ihrem Schatten,
oder vielmehr, stellen so lang reine Freundschaftsakte an, bis andre Freunde es
ihnen ebenso machen.
    Ich erinnerte mich dabei mehrerer Jnglinge, die ich gekannt hatte, auch
eines Dichters, der zwar nicht zu den Schattenbeinichten gehrte, aber doch gute
Freunde unter ihnen hatte, und mir nicht recht gut war, denn ich hate stets
allen Schatten-Bombast.
    Whrend diesen wunderlichen Gedanken war ich weiter hinabgegangen, und
erschrak nicht wenig, als ich pltzlich neben mir an der Bergwand folgende Worte
ngstlich sprechen hrte:
    Nun kmmt es, nun kmmt es, ach es ist sicher ein wildes Tier, wenn ich nur
erst geschossen htte, - ein Tier, ein Tier!
    Ich war von jeher auch nicht sehr mutig, besonders frchtete ich mich vor
Feuergewehr in ungeschickten Hnden, und sprang deswegen schnell beiseite, indem
ich mit furchtsamem Pathos ausrief:
    Wer Sie auch sind, der sich hier zu schieen frchtet, so frchte ich mich,
geschossen zu werden, und bin kein Tier, sondern ein Mensch. -
    Hierdurch hatte ich meine und seine Furcht vor dem Schieen aufgehoben, und
ging nach der Stelle hin. Hinter dem Gebsche fand ich eine kleine Nische in den
Felsen eingehauen, und wer war darin? -
    Niemand anders als der Dichter Haber, dessen ich soeben bei den
Schattenphilosophen gedacht hatte -
    Er sah mich so gro an, als er klein war, und sprach dabei mit Verwunderung:
Ei, Maria, wo kommen Sie her? -
    Ei, Haber, wie finde ich Sie hier, erwiderte ich, Sie htten mich ja
beinahe totgeschossen -
    Er: Ich bitte sehr, - ehe ich schiee, spreche ich immer das Wesen an, damit
es, wenn es ein vernnftiger Mensch ist, antworten kann.
    Ich: Sie knnen auf diese Weise noch die Tauben und Stummen totschieen. Das
Beste wre das Ansehen.
    Er: Ich bin von Herrn Godwi zur Jagd beredet worden, der gleich hier im
Gebsche auf dem Anstande steht. Eigentlich wollte ich blo hier einige Verse
machen, konnte aber ber dem Gerusche, da Sie durch die drren Bltter
machten, meine Gedanken nicht sammeln, und noch etwas sehr Seltsames strte
mich: vor einigen Minuten, als ich anfing zu schreiben, flog mir einigemal ein
ungeheurer Schatten ber das Papier, gestaltet wie ein ungeheurer Fu.
    Ich: Der groe Fu ist etwas wunderbar, besonders da Sie grade mit den Fen
der Verse beschftigt waren, und ebensosehr wundert es mich, da ich in dem
Augenblicke, in dem Sie mich beinahe erschossen htten, sehr lebhaft an Sie
dachte.
    Er: Gott wei, es ist hier in dem ganzen Tale sehr schauerlich, und Ihre
Gesellschaft ist mir recht angenehm.
    Hier wendete ich mich gegen die kleine Flinte, die er zwischen den Ast eines
Baumes gezwngt hatte, und noch immer auf mich zielte, um sie wegzunehmen. Er
hatte vermittelst seines Strumpfbandes und Schnupftuches, die aneinander und den
Drcker der Flinte geknpft waren, sich eine knstliche Maschine verfertigt, um
bei dem Schusse weit vom Feuer zu sein; ich nahm die Flinte weg, und scho sie
in die Luft, worber er etwas erschrak.
    Auf den Schu kam Godwi herbei; er glaubte, Haber habe etwas geschossen, und
wollte ihm Glck wnschen.
    Haber erzhlte den ganzen Hergang, Godwi lchelte, und fragte, wer ich sei.
Der Dichter stellte mich vor, und ich bat ihn um die Erlaubnis, Violettens
Denkmal zu sehen.
    Er ward etwas ernster bei meiner Bitte, und sagte mir, nachdem er mich mit
den Augen gemessen hatte:
    Sie knnen es sehen, aber nicht eher als morgen frh, denn es ist niemand
zu Hause, wir sind alle auf der Jagd. Harren Sie also, bis wir heute abend
heimziehen, Sie knnen die Nacht bei mir zubringen. Bedrfen Sie irgend einer
Erquickung, so lassen Sie sie sich im Jgerhause reichen, und wenn Sie gerne
schieen, so lassen Sie sich eine Flinte geben.
    Ich dankte ihm, und nahm alles gerne an.
    Hier wendete er sich zu Haber, bat diesen, mich hinab ins Jgerhaus zu
fhren, und verlie uns. Haber hngte seine Flinte mit einem lustigen Stolze und
etwas lcherlichen Vorsicht um, da sie abgeschossen war, und trabte
stillschweigend an meiner Seite tiefer ins Tal hinab.
    Dies war also der Godwi, von dem ich so viel geschrieben habe - es ist eine
eigne Aufklrung, wenn so pltzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt.
    Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt.
    Ich frchtete mich etwas vor ihm, denn es gehrt eine groe Seelenruhe dazu,
einen Autor vor sich zu sehen, der einen so unscheniert herausgiebt, und die
Menschen noch im Wahne lt, als habe er alles das erfunden. Gut, da er nichts
davon zu wissen schien, und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war,
hoffte ich, der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen, ich wendete mich
daher mit der Frage an ihn -
    Sind Sie schon lange hier?
    Sechs Wochen sind es, erwiderte er, da ich Herrn Godwi hier im Walde
fand, und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward wie Sie. Ich arbeitete grade
auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte, und machte, um dem Dinge mehr
Leben zu geben, einen Spaziergang hierher, wo ich ihn jagend traf, mit ihm ging,
und bis jetzt bei ihm blieb.
    Ich bat ihn, mir Godwi etwas zu schildern.
    Es ist ein ganz eignes Wesen um diesen Mann, fuhr er fort, Sie werden
schwerlich mit ihm auskommen, denn er ist sehr einfach, ruhig und verschlossen;
innerlich mu er einen groen Kummer haben, und ich fhle mich sehr von ihm
angezogen. Er ist ein schner, krftiger Mann, voll Seele, ganz zur sesten
Freundschaft gemacht. ber seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von
reiner Wollust ergossen, und dennoch hat er gar keinen Sinn fr innige,
dringende, brennende Freundschaft. Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit,
und fhlt gar kein Bedrfnis des Umschlingens mit andern Menschen; ich werde
daher nicht lange mehr hiersein, denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte
ich es nicht mehr lange aus.
    Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, fuhr ich fort, werde ich mich besser
zu Herrn Godwi schicken als Sie; denn wenn er keinen Sinn fr die verliebte
Freundschaft hat, so ist mir das recht lieb, ich mag sie auch nicht recht
leiden. Der Liebe bin ich gern so nahe als mglich, denn in ihr liegt
Notwendigkeit, man mu sich in ihr wechselsweise recht innig beistehen, sonst
kmmt nimmer nichts heraus, der eine oder der andere Teil wird krank, vor Hunger
und Durst nach dem andern, und es giebt eine elende erbrmliche Ziererei, der
die Sentimentalitt zu einer lindernden Salbe werden mu.
    Das nchterne Lieben ist nur ein Cursus, in dem sich das Wesen der beiden
vor beider Augen entwickelt, damit sie sich erkennen und einsehen, ob sie sich
einander zutrauen knnen, das krperliche und geistige Dasein ihrer selbst
freudig auseinander zu entwickeln, zu verwickeln und einem Dritten, ihrem Kinde,
zu vertrauen, damit ein lebendiges Produkt, des bloen Liebens und Lebens, des
reinsten, sesten Geheimnisses unschuldige Verkndigung, hervorgehe, mit
denselben Rechten als sie.
    So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein
Heiligtum aller Erkenntnis. Die allgemeine Liebesziererei ist brigens das
Geschft eines Complimenteurs, wie es Philander von Sittewald bersetzt: eines
compli menteur, eines vollkommnen Lgners.
    Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbrmliche,
sliche Schwche, vllige Unmnnlichkeit des einen Teils, oder Tuschung. Ich
bin versichert, da der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder
ohnmchtig, sterbenskrank, verwundet und dergleichen ist, oder mich gar nicht
meint, sondern irgend ein hbsches Mdchen, oder eine heimliche, unerreichliche
Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestrt und frei liegen
mchte.
    Wenn ich es daher ja dulde, da mein Freund so etwas tue, so tue ich es aus
Mitleid, ich la ihn an sein Mdchen denken, und denke wo mglich auch an irgend
eine.
    Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestrt, denn es
besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in
bloer Geselligkeit.
    Hier unterbrach mich Haber, - bloe Geselligkeit ist nach meinen Gefhlen
noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner
eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kmmt, fhig sind,
die den Drang, sich an Freundesbrust zu schlieen, Herz an Herz, Aug an Aug,
Lippe an Lippe, Pulsschlag, Blick, Hauch und Wort zu teilen, nicht in sich
haben, - oder gar eine Art von Handschuh ber den ganzen frierenden guten
Freund werden mgen, fuhr ich lchelnd fort; ich zum Beispiel kann schon
keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem
Hauche nicht fr sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich
Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit. -
    Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung
entstanden, die in einem ewigen Krieg miteinander stehen, und ist daher nichts
als stillschweigendes Bndnis durch gleiches Bedrfnis.
    Aber, versetzte Herr Haber, die reinste Freundschaft dringt ber alle
Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurteil des Standes kann sie
hemmen, sie schliet sich blo an den geliebten Menschen, an das bloe Nackte
ohne alle Bekleidung von Sitte, Stand und anderm dergleichen Unsinn.
    Was Herr Haber sagte, langweilte mich, dennoch wollte ich es der
Freundschaft nicht entgelten lassen, da ich hier unter den hohen Eichen so recht
gestimmt war, ihr eine Rede zu halten.

                                Viertes Kapitel


Ich lehnte mich daher an einen Baum, und hielt folgende Rede an Herrn Haber -
    Was nennen Sie Freundschaft, jenes Weinen aneinander, jenes Lachen
aneinander, jene Wrdigung unserer eignen Armut in den Augen des Freundes, das
gegenseitige Erseufzen ber die Beschrnktheit und Grenzenlosigkeit, das
Hingeben und Annehmen von Dingen, die keiner brauchen kann, und die den, der sie
giebt oder nimmt, zu unserm Freunde machen, weil grade kein andrer die Sache
genommen htte, das Aufessen einer einzigen Person, da man endlich, an einem
einzigen bersttigt, allen Sinn fr das andre verliert, die gegenseitige
Nothlfe der sich Nchsten, weil sie Not haben und faul sind - nennt ihr das
Freundschaft - o dies kann nur in rmlichen, stolzen und einseitigen Menschen
Raum haben, die einen groen Nutzen in der Welt zu schaffen glauben mit ihren
Empfindungen, und ihre eigne Armut zu beherbergen, einen Freund brauchen, der
ihr in seinem Herzen ein Obdach verschaffe. -
    Alles dieses ist entweder gleichseitige Erbrmlichkeit oder
Niedertrchtigkeit und Barmherzigkeit, Dummheit und mitleidiger Stolz von der
einen oder andern Seite.
    Freundschaft ist nur unter den Vortrefflichen mglich, deren ganzes Leben
ein ewiger Fortgang nach dem Hchsten ist. Sie streben nicht darnach, denn alles
Streben geht von Armut, Bewutsein der Armut, Begierde und Vorsatz aus, wird
dadurch absichtlich, und hrt auf, eine freie schne Handlung zu sein.
    Hier fiel Herr Haber wieder ein:
    Streben wre nicht frei, nicht schn, es drfe keine Absicht sein. -
    Lieber Herr Haber, sagte ich, stren Sie mich nicht. - Streben ist
freilich erlaubt, auch Absicht, aber nur dem Knstler, der Genie war, und
Knstler geworden ist, an diesem bin ich aber noch nicht - also -
    Sie streben nicht, sie sind ausgesandt von Gott, und wissen es nicht; ihr
Leben ist nichts als das fortgehende Bilden eines Kunstwerks alles Schnen, wozu
sie gleichsam die Zeichen, die Buchstaben sind; sie berhren sich wie Akkorde,
und ihr Zweck ist der schne Ausdruck des Liedes. So reihen sich Glieder an
Glieder in schn geschwungenen Wellen, und bilden das herrliche Bild, so
wechselt der Schritt der Silben, um des Liedes Tanz hervorzubringen, so giet
sich Farbe an Farbe und bildet des Gemldes Zauberei. Diese Berhrung ist die
Freundschaft.
    Durch ihre eigne innere Bildung knnen zwei nebeneinander stehen, aber nur
um der groen Harmonie ihrer Aufgabe willen.
    Die Eigentmlichkeit eines jeden bleibt unangetastet, und bleibt sie es
nicht, so entsteht bei Farbe eine gebrochene schmutzige Halbtinte, wie bei Form
Verwachsenheit.
    Die Stufen der Bildung, der Rang der einzelnen Freunde, verhlt sich wie
Buchstabe, Wort, Periode, Ton, Akkord, Satz, und im Innern sind sie als Zeichen
gleich verwandt und wrdig. Ja ich trage das Ideal eines Menschenkenners im
Kopfe, der die Menschenarten in die einzelnen Redeteile oder Tonarten zerteilen
und wirklich eine Grammatik und einen Generalba des Zusammenlebens hervorfhren
knnte. Man knnte nach seiner Wortfgung den Staat oder die Menschenfgung
allein verbessern, und durch seinen Generalba allein die wahre Freundschaft
finden, die in ebenso geheimnisvollen Gesetzen begrndet bleibt als die
Verwandtschaft der Tne. Man knnte dann ganze Vlkergeschichten auf dem
Klaviere spielen und in einzelnen Versen absingen, und es wre das Leben zur
Kunst geworden.
    brigens gehren zwei mnnliche Tne, die sich etwas herausnehmen und nur
sich allein bilden wollen, in keine Melodie, und ihr Durchdringen kann ihnen nie
gelingen, denn dieses liegt nur in der Liebe. Nur die Liebe kann erzeugen aus
sich, die Freundschaft aber kann es durch sich.
    Die Liebe giebt den Ton und die Musik, die Freundschaft ist nur das
Nebeneinanderstehen der Tne zur Melodie, die wieder ein Produkt der Liebe ist.
Die Freundschaft wohnt in der Liebe, aber in ihr selbst ist keine Liebe, sondern
nur Harmonie, Tonverhltnis.
    Die Eichen ber uns, der ganze Wald um und um gedrngt, alle einig einem
einzigen Zwecke, sie stehen grad und aufrecht nebeneinander. Jeder einzelne
trgt die Liebe in seiner eignen Blte, trgt die Liebe in sich - nur aus der
Liebe konnten die Bume erstehen, nur aus den Bumen erstehet der Wald. Freunde
sind sie alle, welche den Wald bilden; einzelne stehen sich nher, diese werden
Freunde genannt. Aber alle, die sich so aneinander drngen, stren sich. Sie
mgen noch so malerische Gruppen bilden, noch so schne Lauben wlben, so ist
dieses doch nur fr andere.
    Zwei dringen selten zugleich hervor, denn einer opfert sich immer dem
andern, seinem eignen Leben zum Trotze, das zum Himmel in die Hhe sollte, zu
atmen und zu duften.
    Nebeneinander stehen, vereint grnen oder welken, alles das gehrt zum
Walde; sterben frher oder spter, sich erkennen und zur selben Gattung gehren,
das alles gehrt zur Freundschaft.
    Wer den grten heiligsten Zweck hat, der hat die gebildetsten und treuesten
Freunde, denn an dem Hchsten arbeitet nur die Wahrheit. Ob sich nun die Freunde
kennen oder nicht, das ist gleichviel; ja sich nicht zu kennen und in
allgemeiner Menschenliebe fortbrennen, ist bei gehrigem Ma und Ziel wohl das
Schnste, denn das allzu innige und angepriesene Freundschaftswesen wird
meistens nichts anders als ein abgekartetes Spiel, einander freundschaftlich zu
hudeln, und ist mir immer wie ein Produkt der langen Weile oder des Kurzweils
erschienen.
    Das letztere wre wohl das Beste, wenn doch eins von beiden sein sollte,
denn es liegt etwas uerst Komisches darin, mit groen, herrlichen Empfindungen
vereinigt zu sein, um kleine lustige Empfindungen zu gewinnen, und dieses
scheint mir die einzige Art von Freundschaft, die unsern groatmichten
Jnglingen zu erlauben wre, denn sie lernten dadurch die Wrde des kleinen und
blo scherzhaften, des reinen Spieles oder Spaes kennen, da sie doch zu glauben
scheinen, die Freundschaft gehe allein und schnurstracks zum Tragischen hinauf.
Auch kann man allerdings in einer solchen kurzweiligen Freundschaft vieles
lernen, man bt sich hier an einem tausendfachen Stoffe, dem die
Ungeschicklichkeit der Behandlung nicht schadet.
    Ein junger Stmper voll Drang und Eifer, und dadurch um so tlpischer, soll
sich [nicht] an einem kararischen Marmorblocke ben, um den Stoff eines
Meisterwerks zu zerstren; er mag die ersten Schlge seines Meiels an einem
Sandsteine mildern, und ein frhliches Bild hauen, dem es auf einen Buckel nicht
ankmmt, und an dem er seiner Ungeschicklichkeit lachend geniet. Dieses
letztere ist der erste Schritt zu jeder Kunst und auch der des Lebens. Wir
sollen Freunde werden lernen durch Geselligkeit, denn die Freundschaft ist
nichts als Geselligkeit unter ernstern Umstnden.
    Die andere Gattung aber oder die innige Freundschaft aus langer Weile will
nie etwas von ihrer Mutter wissen, und kann auch nicht wohl, denn sie mte
sonst von sich selbst wissen. Sie ist nmlich die lange Weile selbst, und zwar
eine der gediegensten Arten, jene langwierige erbliche, die sich ewig erklren
will und wie blinde, stumme und taube Seuche herumkriecht.
    Zwei Menschen, die nichts zu tun haben, was knnen sie Schlechteres oder
Besseres anfangen als Freundschaft, und solche nun sind es, denen ich jene
innige brennende Freundschaft vorschlagen mchte; da sie selbst so leer sind,
mgen sie es in der Form wieder einbringen, mgen sich den ganzen Tag umarmen.
    Zu dieser Art Menschen gehret eine gewisse Gattung, die Sie sehr gut
kennen, mein lieber Haber, ich meine den jugendlichen philosophischen Anflug der
letzten fnf Jahre. Diese Menschen sind in ihrer ganzen Jugend in einem
geruschvollen Veranstalten ihrer Jugend begriffen, und zernichten sich einer in
dem andern. Ewiges Umklammern ist der Charakter ihrer Freundschaft, und wenn sie
aufhren sich zu umfassen, so hat sicher ihre Verirrung gesiegt, denn dieses
Umfassen ist ein Streich, den ihnen die Natur noch spielte, die sich immer an
die Gestalt hlt. Da ihr inneres Wollen und Treiben aber ganz gestaltlos und
daher langweilig ist, so mssen sie sich in solcher Freundschaft entschdigen.
    So wie bei den Griechen, die das gestaltvollste Volk waren, es wirklich eine
bloe Gestaltenliebe gab, die Knabenliebe, eine knstlerische bildende
Verirrung, ebenso liegt in diesen Menschen, welche die gestaltlosesten sind,
eine Gestaltenfreundschaft, die ewig Verderbtheit bleiben wird, indem sie eine
krankhafte Metastase der Liebe in die Freundschaft, ein unglckliches Vermischen
der heiligen ersten Ursache mit dem geselligen Zwecke ist.
    Erlauben Sie mir, Ihnen die Geschichte jenes jungen philosophischen Anflugs
in einer Parabel zu erzhlen:
    Ein frommer und tapferer Held, im Herzen fr den Glauben brennend, forderte
seine Brder auf, das heilige Grab des Erlsers aus der schndenden Gewalt der
Unglubigen zu befreien. Mchtig war seine Rede und hinreiend, von allen Seiten
strmten ihm an Andacht, Gesundheit und Kraft gleiche Seelen wie Wogen entgegen.
Alle zogen seinen Weg, ein strmendes Meer, das sich gegen Orient wlzte.
    Unter dem versammleten Volke, das des Helden Rede verschlang, befand sich
auch eine Schar junger Schler und unerfahrner Neubekehrten. Leicht, wie
jugendliche Gemter hingerissen werden, machte auf diese Jnger die glnzende,
ergreifende Rede des frommen Helden einen heftigen Eindruck. Sie standen tief
erschttert, gerhrt oder erregt, wie jedes einzelne Gemt es werden konnte,
unter den streitbaren Mnnern. Vorwrts strmte bald die Flut des frommen
Krieges; aber man hatte vergessen, die Jnglinge zu ermahnen, wie sie sich
zuerst durch tieferes Eindringen in die Geheimnisse des Glaubens weihen mten,
bevor sie an dem heiligen Werke teilnehmen knnten.
    Sie sahen das Bild des Kreuzes in den wehenden Fahnen, sie sahen die
heiligen Zeichen der Erlsung von allen Waffen und Werkzeugen des frommen Bundes
strahlen, und lngst war der heilige Zug schon ber Berge und Meere, als sich in
hitziger Ungeduld die phantastischeren unter ihnen erhoben mit dem Aufrufe, -
    Auf! auf! lat uns im schnen Bunde der Freundschaft, dicht von Jugend
umblht, das heilige Grab erlsen, nach! dem heiligen Kreuzzuge.
    Aus allen Studierwinkeln rannten die jungen Toren heran und schlossen sich
an die Freunde. Sie bezeichneten ihre Schlermntel mit dem Kreuzeszeichen und
bestachen ihre kleinen Liebschaften, ihnen aus abgedankten seidenen Rckchen
zierliche Fahnen zu verfertigen. In einem lustigen Taumel voll kindischer
Andacht und Prahlerei zogen sie auf demselben Wege, den die andern genommen und
deren tiefe, ernste Futapfen ihnen als Fhrer dienten. Durch lustige Wiesen
zogen sie hin, die Blumen zertretend oder als Futter ihren Eseln opfernd, deren
sie viele bei sich hatten. Wahrlich die Besten im Zuge, denn sie waren doch
bescheiden und fhrten des Haufens Nahrung mit sich. Da aber der Weg in der
Folge schwerer zu erkennen war, ja wohl hie und da die Spuren vom Winde verwehet
oder auf hartem Boden nicht sichtbar waren, blieben sie stehen, und stritten -
wohin nun?
    Frher schon hob sich der Unmut unter den Jngsten, sie wollten nicht
begreifen, was das heilige Grab ihnen ntzen wrde. Von den Mutigern verlacht,
kehrten sie um, und kamen in die Heimat zurck, doch nicht ohne den Ihrigen
lange ein Spott zu bleiben, denn sie hatten sich in die Sprache und Zeichen der
Kreuzfahrer so eingewhnt, da sie alle Augenblicke irgend einen dummen Streich
mit Kreuz und Fahne begleiteten, oder etwas ganz Gewhnliches mit Sehnsucht nach
dem Grabe Christi und tiefer Andacht vollbrachten.
    Unter den brigen, die weitergezogen waren, entstanden mehrere Sekten. Sie
waren in der Nacht an einen groen Teich gekommen, den sie meistens fr das
Weltmeer hielten, denn es war dunkel, und ein schwerer Nebel lag auf dem
entgegengesetzten Ufer. Die Strksten unter ihnen hielten nun einen Rat, was zu
tun sei, da sie keine Schiffe bei sich htten, und der brige Haufen stellte
sich auch zusammen und hatte seine Redner.
    So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick -

                                Fnftes Kapitel


Hier trat Godwi aus dem Gebsche und sagte: Lassen Sie die Kreuzfahrer so
stehen und uns nach dem Jgerhause gehen, um etwas zu essen.
    Haber lchelte und ging mit. Er hatte mir gegenber gestanden, an einen
anderen Baum gelehnt in gebckter Stellung, und viel an seinem Stockbande
gespielt.
    Von Herzen gern, sagte ich, denn eigentlich fhle ich mehr Anlage zum
Hunger als zur Allegorie.
    Godwi erwiderte: Sie sollen uns dennoch Ihre Allegorie nicht schuldig
bleiben, ich bin begierig, die Reden der einzelnen Haufen und das fernere
Geschick der jungen Kreuzfahrer zu hren, unter denen Sie so artig die letzte
akademische Generation verstecken. Ihre Ideen ber Freundschaft gefallen mir,
und es liee sich darber noch manches zwischen uns wechseln.
    Sie haben das alles gehrt? versetzte ich beschmt, das war etwas
boshaft, ich glaubte nur vor meinem alten Bekannten so frei sprechen zu drfen,
und hatte die Nebenabsicht bei der Rede, einen Freund zu gewinnen.
    Hier versetzte er: Wenn es diese war, so kann es sich bald entwickeln, ob
Sie Ihre Absicht erreichten, und Sie sagten ja mit so vielem Nachdrucke - ob Sie
sich kennen, ob Sie sich sehen oder nicht, das ist gleichviel - verzeihen Sie
daher, da ich mich versteckt hatte.
    Dabei war sein Blick fest, es war einer von den seltenen Blicken, die nur
frhe Erfahrung geben kann. Der Blick eines Auges, das Blicke der Lust und des
Rausches gegeben und genommen hatte, und nicht mehr begehrt, sondern bildet und
begrndet, der Blick eines Freundes. Wir erreichten bald den tiefsten Teil des
waldigten Tales, und da wir noch einige Schritte links in das Gebsche getan
hatten, ertnten mehrere Jagdhrner auf eine sehr muntere Art. Es war eine
rufende Melodie, und ich unterschied bald drei Hrner, die von verschiedenen
Punkten aus sich in einem Wechselliede antworteten. Das Echo verdoppelte die
Tne, und brachte in die gedrngte Melodie eine angenehme tonschimmernde
Verwirrung. Bald schien sich auch das Echo zu verdoppeln und aus allen Tiefen
des Waldes tnte es der Melodie nach, als ziehe ein geheimnisvolles
musikalisches Leben durch die Wipfel der Bume.
    Das Echo verdoppelt sich, sagte Haber, haben Sie es bemerkt?
    O ja, sagte Godwi, ich habe das leider so oft bemerkt, da mir durch die
Gewohnheit die Rhrung entgeht, welche alles Fremde, Geheimnisartige begleitet.
    Auch ich war durch den tnenden Wald wunderbar berrascht, und fhlte, was
die Alten in ihren Wldern empfinden mochten, die noch mit Gttern belebt waren,
welche in wunderbaren Waldstimmen um den Wanderer ertnten.
    Ich mache hier noch die Bemerkung, da in den Reden Godwis etwas Trocknes,
Ernstes und Bewunderungsloses lag. Er zeigte jene Art von Ruhe, von der die
Erfahrung begleitet wird, und welche die muntere offene Jugend mit dem Stolze
auf ihre wenigen errungenen Begriffe nicht reimen kann, und die ihr daher
drckend wird. Die Jugend sieht solche Wesen wie den traurigen Vorwurf der Menge
an, die sie noch zu erringen hat. Ein solches Wesen wird ihr geheimnisvoll und
erdrckt durch seine anspruchlose Strenge ihre Wibegierde. Wenn ich mit meinem
muntern, schnellen Sinne eine Zeitlang gelehrte und vortreffliche Freunde
erfreut habe, die sich vertraulich zu mir herablassen, und ich in ihrem Umgange
vergessen habe, wie weit mehr sie umfassen als ich, so befinde ich mich wohl
auch oft in solcher Jugendlichkeit, denn ich darf nur irgend ein Werk solcher
Freunde in die Hand nehmen, um jene Bangigkeit zu empfinden, oder habe ich gar
das Unglck, mit einer solchen leichtsinnigen Frhlichkeit in eine groe
Bibliothek zu treten, so werde ich ganz zertrmmert und empfinde einen recht
panischen Schrecken.
    Als wir in einen Winkel gekommen waren, wo sich die Wildnis immer mehr
drngte und der Weg sich verlor, sprach Haber:
    Nun haben wir uns verirrt, die geheimnisreiche Musik hat uns irregefhrt,
denn dies ist nimmermehr der Weg nach dem Jgerhause.
    Godwi lchelte und sagte:
    Hier haben wir keine Hlfe als die Hlfe aller Menschenkinder, wir mssen
zurckkehren oder, sind wir fromm, die Unsterblichen anrufen, dies nun ist die
Sache der Dichter. Lassen Sie uns daher unter die groe Eiche treten, die hier
neben dem Gebsche steht.
    Da wir einige Schritte durch das Gebsch getan hatten, waren wir unter der
groen Eiche; ich erinnere mich, nie eine solche Sule des Himmels gesehen zu
haben, sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde, und zerstreuete ihre
grnen Flammen in den Himmel.
    Haber fragte, in welchem Silbenmae er beten sollte, in Stanzen oder
Sonetten?
    Godwi lchelte, und ich sagte: berlassen Sie mir das Gebet, mein Hunger
wird mich ein krftiges lehren, und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht, so
soll es doch sicher reimlos sein. Dann sprach ich:

Unter des lebenden
Grnenden Tempels
Flsternde Hallen
Komme ich irrend.

Wie sich die Eiche
Himmelwrts trmet,
Wie in dem Gipfel
Ruhet des mchtigen
Jupiters Fu.

Und in dem Herzen
Fhl ich die Nhe
Heiliger Wesen,
Die durch die Zweige
Zu dem Olympos
Wandeln empor.

Fhrt mich, ihr friedlichen
Geister des Haines,
Die mich umschweben
Lachend und rufend,
Fhrt mich zurck.

Irrende, flchtige,
Tnende Geister,
Die ihr mit schkernden
Lispelnden Worten
Irr mich gefhrt.

Hier wo in mondlichen
Nchten ihr rauschet
Und um die wohnsame
Herrliche Eiche
Tanzend euch schwingt;

Wo ich im Taue
Freudigen Grases
Von euren flchtigen
Goldenen Sohlen
Ehre die Spur, -

Hrt mich ihr freundlichen,
Die ihr verlorene
Gtter gepfleget,
Die ihr die fliehende
Daphne umarmt.

Frohe, geheime,
Lindernde Geister,
Die in des Waldes
Rhrigen Schauer
Weben den Trost.

Mchtige, lebende,
Strkende Geister,
Die in der Stmme
Alter und Jugend
Bilden die Kraft.

Wenn ich je frevlend
Eure geheiligten
Stmme verletzet,
O! so verdorre
Welkend die Hand.

Nimmer auch hhnt ich
Echo die Jungfrau,
Die mit euch wohnet,
Teilt ihr vertraulich
Liebe und Schmerz.

Fhret mich heimwrts!
Bin nur ein Wandrer,
Bin kein Unsterblicher,
Der mit ambrosischen
Bissen sich nhrt.

Wisset, mich hungert,
Fhret mich heimwrts,
Da ich dem Freunde
Von der Dryaden
Hlfreicher Gte
Bringe die Mr.

Whrend meinem Gebete hrten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche.
    Der betet, glaube ich, sagte eine Stimme, wer mag das wohl sein?
    Ein Narr - erwiderte die andere.
    Gott gebe, da er ihn erhrt, sagte die erste Stimme.
    Da wer ihn erhrt? fragte die zweite.
    Ei nun, Gott -
    Das ist ja dumm, Gott soll geben, da Gott ihn erhrt; es wre wohl besser,
Gott erhrte ihn, damit er ihm gleich was gebe.
    Flametta, Flametta, du spaltest die Worte wieder. -
    Das Spalten macht mir vielen Spa, wenn ich deinen Verstand
dazwischenklemmen kann, und sollte ich es allein tun, um dich empfinden zu
lassen, wie es den Tieren zu Mute ist, die du lieber in Fallen fngst, als sie,
wie ich, rechtlich totzuschieen. Glaubst du mich auch so zu fangen? Das lasse
dir nur vergehen.

                                Sechstes Kapitel


Hier ging pltzlich eine Tr auf, die in der groen Eiche versteckt war. Godwi
hatte mit uns gescherzt. Es war diese Eiche der Eingang eines Parkes, der an die
hintere Seite des Jgerhauses angrenzte und Habern noch nicht bekannt war.
    Mich bekmmst du nimmer so, sagte das Mdchen Flametta, das hinter der
Eiche stand und lief davon, als sie uns durch die Tre eintretend bemerkte.
    Ein Jgerbursche, der uns nicht so frh gesehen hatte, rief: Freilich, du
bist schneller als ein Reh, und wenn du lufst, kriege ich dich nimmer - nun
bemerkte er uns und lief auch davon.
    Godwi rief ihnen beiden nach, aber sie hrten nicht. Es ist eigen, sagte
er, wie man nimmer den geringeren Stnden die Scheue nehmen kann; es liegt
ihnen mehr Genu in der Freiheit, davonlaufen zu knnen, als in der, sich nhern
zu drfen. In jedem Menschen liegt eine ewige Rache gegen die Bestimmung seiner
Geburt, und aus dieser Rache lt sich mehr Kraft und Vollkommenheit erweisen
als aus jeder Art der Toleranz.
    Haber meinte, es sei Mangel an Bildung der Menschen.
    Ich meinte, es sei Mangel an Bildung der Stnde, die zu sehr durch bloe
menschliche Bedrfnisse und zu wenig durch ihre innern Standesbedrfnisse
verbunden seien, so da die Stnde die Menschen trennten und die Bedrfnisse
allein sie vereinigten.
    Der Park, in dem wir waren, war nichts anders als der krftigste Teil des
Waldes, ein kleiner Eichenhain. Alle Stmme waren voll gesunden Lebens, wie eine
Versammlung der Brger einer groen Republik standen sie da, alle voll
Selbstgefhls und eignen Sinnes, doch nur eine Absicht.
    Godwi sagte zu Haber: Sehen Sie, diese sind Freunde, wie man es sein soll.
    Ich fragte ihn, wie diese brave, wackere Gesellschaft zusammengekommen sei.
    Es sind lauter Antiken, erwiderte er, bis auf einige neue, die mein Vater
gepflanzt hat, und dann noch eine junge Zucht von Flametten.
    Wir waren wenige Schritte gegangen, als durch die grne Nacht eine glnzende
weie Fassade hervorbrach.
    Wundern Sie sich nicht, sagte Godwi zu Haber, dies ist der hintere Teil
des Jgerhauses, von einem Italiner fr meinen Vater angelegt, der in der
letzten Zeit viel bauete.
    Wir traten durch den gerumigen, luftigen Eingang, an dem keine Tr war, und
links in einen runden gewlbten Saal. Der Tre des Saales gegenber sprudelte
ein Wasserfall ber einen Haufen moosigter Steine nieder. Das Fenster, wodurch
man ihn sah, gab dem Saale allein Licht, auer einigen grnen Scheiben, welche
von oben herab einen anmutigen Schimmer ergossen. Die Wnde ringsherum waren
tuschend mit Gebschen bemalt, die oben an der Kuppel zusammenliefen und das
Ganze einer Laube hnlich machten. An dem Fenster standen zierliche Vasen, und
als ich sie betrachten wollte, bemerkte ich, da dieses kein Fenster war,
sondern ein groer Spiegel, dem das Fenster, durch welches der Wasserfall
erschien, gegenberstand. Es war ber der Tre angebracht und fiel nicht in die
Augen. In der Mitte des Saales stand ein kleiner marmorner Tisch, der schon
gedeckt war.
    Wir legten unsere Mordgewehre ab, und erfrischten uns mit dem Wasser, das an
der einen Wand des Saales in einem Becken von grnem Glase unter einem Haufen
von Frchten hervorquoll, die auch aus grnem Glase von verschiedenen
Lichtstufen sehr knstlich gebildet waren. Die Frchte drangen unmittelbar aus
der Wand hervor, und lagen in schner Unordnung bereinander. Die Mitte nahmen
einige groe Trauben ein, und um sie drngten sich andere Frchte; ber den
Trauben lag ein Lorbeerkranz, auf dem ein Schmetterling sa.
    Als ich das kunstreiche Werk betrachtete, sagte Godwi, das alles wre recht
gut: Wenn nur der Schmetterling nicht der Hahn wre, der den Strahl des Wassers
schliet und ffnet, und der Lorbeerkranz nicht die Wasserrhre verbrge, aus
der die Strme hervorrinnen und ber die Frchte laufen, besonders die Traube
setzt er unter Wasser.
    Ja, sagte ich, er liegt ber der Traube wie ein schlechtes Trinklied, das
uns den Wein verdirbt. Es ist viel Unschuld oder Bosheit in der ganzen Idee.
    Hier nahm Godwi ein kleines silbernes Jagdhorn von der Wand und tat einige
helle Ste hinein, die wie Flammen an der Kuppel durch die grnen Wnde
hinaufliefen.
    Die Tne sind ein wunderbarer lebender Atem der Dunkelheit, sagte ich;
wie alles rauscht und lebt und mit uns spricht in dem heimlichen Saale, den die
Tne wie glhende Pulsschlge durchzuckten.
    Godwi sagte: Die Tne sind das Leben und die Gestalt der Nacht, das Zeichen
alles Unsichtbaren, und die Kinder der Sehnsucht.
    Es traten einige reinlich gekleidete Jger herein, und trugen Speisen und
goldenen Rheinwein auf. Godwi sagte ihnen, sie mchten die Speisen hinstellen,
und uns dann an dem Wasserfalle etwas singen und blasen. Er gab ihnen das
silberne Horn dazu, und sagte ihnen, sie mchten Flametta bitten, ihr Konzert zu
untersttzen.
    Wir machten uns nun herzlich ber die Gerichte her, und besonders hielt
Haber ein schreckliches Gericht ber sie, er sagte:
    Es ist nichts Vortrefflicheres in der Welt als der Geschmack so eines
wilden Schweinkopfs. Man verzehrte ihn so siegreich wie ein Indianer seinen
skalpierten Feind.
    Das Essen berhaupt ist das wahre erste Studium, sagte Godwi; in einer
recht grndlichen Naturlehre mte die erste Einteilung sein - dies kann man
essen, und dies nicht.
    Ich setzte hinzu, da recht vernnftig Essen zum vollkommnen Menschen
gehre, und da, wer nicht mit ernstlicher Freude esse, weder ein guter
Philosoph noch Dichter sein knne.
    Wie die Helden im Homer zugreifen, sagte Haber.
    Rechten Hunger haben, heit viel Anlage haben, und verhungern, heit eine
grere Anlage haben als die gegenwrtige Bildung, sagte Godwi.
    Und der ist der vernnftigste Esser, fgte ich hinzu, der die Bildung
durch seinen Hunger so lange steigert, bis sie ihn sttigt.
    Hier brachte Haber Goethens Gesundheit aus, wir tranken rundum aus voller
Seele und vollen Bechern, und ich sagte: Es ist seltsam, mit dieser Gesundheit
ist mein Mahl geschlossen, ich bin ordentlich satt.

                               Siebentes Kapitel


Nach Tische hrten wir einige Waldhrner, die lustig erklangen. Godwi sagte:
Wir wollen uns gegen den Spiegel wenden, da werden wir unser Orchester besser
sehen knnen, und besonders Flametta, die ein sehr schnes Mdchen ist, und sich
bei solchen Gesngen fters sehr reizend dekoriert.
    Wir warteten auch nicht lange, als wir an dem Wasserfalle einen zahmen
Hirsch trinken sahen. Er hatte ein blankes Halsband mit Schellen an, und sah
sehr zierlich aus. Er drehte sich um und sah zu uns herein. Godwi gab ihm etwas
Brot, und er guckte uns mit seinen hellen freundlichen Augen gro an, dann rief
ihn Flametta und er lief wieder weg.
    Godwi sagte: Das gehrt sicher zu dem Liede, und wir knnen uns nun von
Flametta etwas Dramatisches erwarten.
    Nun begannen die Hrner wieder ein lustiges Jagdlied zu blasen, verloren
sich dann in der Ferne, und ahmten das Echo nach, als ob eine Gesellschaft Jger
auszge, dann verstummten sie ganz, und an dem Wasserfalle erschien eine
liebliche Maske.
    Flametta war es, sie hatte sich in einen jungen Jger verkleidet. Ein grnes
Mntelchen hing schn geschrzt ber ihren Schultern. Die krftigen Hften hatte
sie mit weien Puffen bedeckt. Sie setzte sich, und streckte die schlanken
behenden Beine nachlssig an den Boden. Ihr hoher Hals drang stolz aus dem
strengen Dianenbusen, den sie leider aus Kostm soviel als mglich verbarg. Sie
wute wohl nicht, wie gern solche Fehler bersehen werden. Sie sttzte das
trotzige freie Kpfchen, auf dem sie einen schnen Kranz von frischen Blttern
und Flittergold trug, in die Linke, und warf mit der Rechten Bogen und Pfeil von
sich.
    Indem sie sich ber das Wasser beugte und ihre Worte mit gelinden Bewegungen
begleitete, sang sie mit heller klingender Stimme, und die Hrner tnten leise
nach.

Cyparissus:

Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,
Nicht mehr in Wldern jagen,
Still sitzen hier und klagen,
Weil ich nun mein Hirschlein geschlagen tot.

Wollt eilen hin, wollt eilen her,
Knnt einer mir nur sagen,
Da ich es nicht erschlagen,
Da ich nicht vergossen sein Blut so rot.

O bse Jagd! o bser Pfeil!
Mit liebem Blut gertet,
Mein Freund hab ich gettet,
Der um mich verlassen die Freiheit sein.

Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,
Nicht mehr in Wldern jagen,
Still sitzen hier und fragen,
Wer hat erschlagen das Hirschlein mein?

O Sonnenschein! o heier Schein!
Hier sitz ich an der Quelle,
Wo in dem Wasser helle,
Das Hirschlein sah sein gldin Geweih.

Was rauschet wohl, was blinket fein?
Was brauch ichs dann zu hren,
Mein Hirschlein kann nicht kehren,
Es ist ja tot und blinket nicht meh'.

Welch hoher Schritt, welch gldner Schein!
Zwei Hrner seh ich blinken,
Mein Hirschlein kmmt zu trinken,
O Freude gro! da ich es noch seh.

Hier trat der Jgerbursche mit einer goldenen Leier auf. Flametta hatte ihn als
Phbus maskiert. Flametta, welche den Cyparissus vorstellte, glaubte nach der
Wendung ihres Liedes, als sie die Leier blinken sieht, es sei das Geweih ihres
Hirschleins.

Phbus:

O Cypari! du holder Knab!
Dein Hirschlein ist im Walde,
Mein hoher Tritt so schallte,
Mein gldin Leier gab solchen Glanz.

Seit ich dich nicht gesehen hab
Und hier bei dir gesessen,
Hast du mich schon vergessen,
Und flochte dir doch den grnen Kranz.

Flammetta nahm hier den grnen Kranz und warf ihn in das Wasser, wobei ihr die
schnen langen Haare herabflossen.

Cyparissus:

Den grnen Kranz will ich nicht mehr,
Und bist du nicht mein Hirschelein,
Und gehe und la mich nur allein,
So habe ich es doch geschlagen tot.

Phbus:

Deins Hirschleins Tod verdriet mich sehr,
Will dir ein andres suchen,
In Eich' und grnen Buchen,
Vom Morgen bis zum Abendrot.

In heier Sonn, in khler Nacht,
Will ruhn in keiner Stunden,
Bis ich ein solches funden,
Damit ich trste dein'n bittern Schmerz.

Cyparissus:

In heier Sonn, in khler Nacht,
Kannst keins du je erjagen
Wie meins, das ich erschlagen,
Dem ich durchstochen sein treues Herz.

Verlassen hats sein'n freien Stand,
Von selbst kam es gegangen,
Ich hab es nicht gefangen,
Ein'n treueren Freund giebt es wohl kaum.

Am Halse trugs ein gldin Band,
Mit Schellen auch von Golde,
Und wenn ich reiten wollte,
Legt ich ihm auf ein'n Purpurzaum.

Ihm war vergldt sein hoch Geweih,
Da mit den vielen Enden
Es alles mocht verblenden,
Wann es rannte durch den dunklen Wald.

Es schien, als obs ein Blitzstrahl sei,
In seinen Ohren hinge
Von Perlin ganz ein Ringe,
So war geziert seine hohe Gestalt.

Phbus:

O Cypari! Du holder Freund!
Ich geb dir Pfeil und Bogen,
Mit Gold ganz berzogen,
O hre doch auf betrbt zu sein.

Dein schne Augen sind ganz verweint,
Von deinen sen Wangen
Ist ganz das Rot vergangen,
Und deine Lippen sind so voll Pein.

Komm, geh mit durch den dunklen Wald,
Den wilden Schmerz zu khlen,
Will singen dir und spielen,
Komm und vergesse dein Hirschelein.

Cyparissus:

Dein Pfeil und Bogen nur behalt
Und in den Wald alleine geh,
Denn ich verge es nimmermeh,
Und sterbe hier voll groer Pein.

Will setzen zu dem Hirschlein mich,
Am heien Mittag, wenn alles schweigt,
Will ruhen da,
Will sterben da,

In der Einsamkeit will ich sterben,
Meine Gedanken ganz traurig,
Will sterben bei dem Hirschelein.

Hier verlie Phbus und Cypari die Szene. Die Waldhrner spielten eine traurige
Weise, und mehrere Stimmen sangen, ohne gesehen zu werden, folgendes Chor:

Da sa der Jngling und weinte,
Der Gott konnt ihn nicht trsten,
Und mocht nicht, da er leide.
Da macht er ihn aus Liebe
Zu einer Trauerweide.

Des Baumes Zweig' sich senken
Und scheinen still zu denken
Und leis herabzuweinen,
Cypressus er nun heiet.

Hier war das Fest zu Ende, und alles schwieg still. Die Sonne hatte recht gut
dekoriert. Im Anfange schien sie ganz hei auf den Wasserfall und zog dann mit
dem Gesange davon. Sie ging von der Seite des Phbus, so da Cypari nach und
nach ganz in den Schatten kam und auch der Saal viel dstrer ward.

                                 Achtes Kapitel


Wir waren alle durch Flamettens Lied bewegt. Godwi allein uerte nichts
Bestimmtes. Es schien mir berhaupt, als habe er ein ganz eigenes Instrument im
Busen, und seine Rhrung sei sich stets gleich. Er hat sein Leben einer schnen
Erinnerung hingegeben, und was ihn rhrt, schlgt diese an, dennoch hat er ein
gesundes originelles Urteil. Diese Originalitt aber besteht aus einem einzigen
groen Eindruck in seinem Inneren, von dem er immer seinem Urteil einen Klang
mitgiebt und es so stempelt. Unsere uerungen ber das Lied Flamettens fhrten
uns zu einem allgemeinen Gesprche ber das Romantische, und ich sagte:
    Alles, was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden als
Mittler steht, uns den entfernten Gegenstand nhert, ihm aber zugleich etwas von
dem Seinigen mitgiebt, ist romantisch.
    Was liegt denn zwischen Ossian und seinen Darstellungen? sagte Haber.
    Wenn wir mehr wten, erwiderte ich, als da eine Harfe dazwischenliegt,
und diese Harfe zwischen einem groen Herzen und seiner Schwermut, so wten wir
des Sngers Geschichte und die Geschichte seines Themas.
    Godwi setzte hinzu: Das Romantische ist also ein Perspectiv oder vielmehr
die Farbe des Glases und die Bestimmung des Gegenstandes durch die Form des
Glases.
    So ist nach Ihnen also das Romantische gestaltlos, sagte Haber, ich
meinte eher, es habe mehr Gestalt als das Antike, so, da seine Gestalt allein
schon, auch ohne Inhalt, heftig eindringt.
    Ich wei nicht, fuhr ich fort, was Sie unter Gestalt verstehen. Das
Ungestaltete hat freilich oft mehr Gestalt, als das Gestaltete vertragen kann;
und um dieses Mehr hervorzubringen, drften wir also der Venus nur ein Paar
Hcker anbringen, um sie romantisch zu machen. Gestalt aber nenne ich die
richtige Begrenzung eines Gedachten.
    Ich mchte daher sagen, setzte Godwi hinzu, die Gestalt selbst drfe
keine Gestalt haben, sondern sei nur das bestimmte Aufhren eines aus einem
Punkte nach allen Seiten gleichmig hervordringenden Gedankens. Er sei nun ein
Gedachtes in Stein, Ton, Farbe, Wort oder Gedanken.
    Es fllt mir ein Beispiel ein, versetzte ich, verzeihen Sie, da es die
so sehr gewhnliche Allegorie auf die Eitelkeit der Welt ist. Nehmen Sie eine
Seifenblase an, denken Sie, der innere Raum derselben sei ihr Gedanke, so ist
ihre Ausdehnung dann die Gestalt. Nun aber hat eine Seifenblase ein Moment in
ihrer Ausdehnung, in der ihre Erscheinung und die Ansicht derselben in
vollkommner Harmonie stehen, ihre Form verhlt sich dann zu dem Stoffe, zu ihrem
innern Durchmesser nach allen Seiten und zu dem Lichte so, da sie einen schnen
Blick von sich giebt. Alle Farben der Umgebung in ihr schimmern, und sie selbst
steht nun auf dem letzten Punkte ihrer Vollendung. Nun reit sie sich von dem
Strohhalme los, und schwebt durch die Luft. Sie war das, was ich unter der
Gestalt verstehe, eine Begrenzung, welche nur die Idee festhlt, und von sich
selbst nichts spricht. Alles andere ist Ungestalt, entweder zu viel, oder zu
wenig.
    Hier versetzte Haber: Also ist Tassos Befreites Jerusalem eine Ungestalt -
    Lieber Haber, sagte ich, Sie werden mich rgern, wenn Sie mir nicht
sagen, da Sie mich entweder nicht verstehen, oder mich nicht rgern wollen.
    rgern Sie sich nicht, erwiderte er, denn ich tue weder das eine, noch
will ich das andere, aber mit Ihrer Ungestalt des Romantischen bin ich nicht
zufrieden, und setzte Ihnen grade den Tasso entgegen, da ich ihn kenne, und
leider nur zu sehr empfinde, wie scharf und bestimmt seine Gestalt ist. Das
fhle ich nur zu sehr, da ich damit umgehe, ihn einstens zu bersetzen.
    Da Sie es zu sehr fhlen, ist ein Beweis fr mich, sagte ich; die reine
Gestalt fhlt man nicht zu sehr; und nehmen Sie sich in acht, da Sie es auch
den Leser Ihrer bersetzung nicht zu sehr fhlen lassen, denn nach meiner
Meinung ist jedes reine, schne Kunstwerk, das seinen Gegenstand blo darstellt,
leichter zu bersetzen als ein romantisches, welches seinen Gegenstand nicht
allein bezeichnet, sondern seiner Bezeichnung selbst noch ein Kolorit giebt,
denn dem bersetzer des Romantischen wird die Gestalt der Darstellung selbst ein
Kunstwerk, das er bersetzen soll. Nehmen Sie zum Beispiel eben den Tasso; mit
was hat der neue rhythmische bersetzer zu ringen? Entweder mu er die
Religiositt, den Ernst und die Glut des Tasso selbst besitzen, und dann bitten
wir ihn herzlich, lieber selbst zu erfinden; hat er dieses alles aber nicht,
oder ist er gar mit Leib und Seele ein Protestant, so mu er sich erst ins
Katholische bersetzen, und so mu er sich auch wieder geschichtlich in Tassos
Gemt und Sprache bersetzen, er mu entsetzlich viel bersetzen, ehe er an die
eigentliche bersetzung selbst kmmt, denn die romantischen Dichter haben mehr
als bloe Darstellung, sie haben sich selbst noch stark.
    Bei den reinen Dichtern ist dies der Fall wohl nicht, sagte Haber, da sie
doch noch etwas weiter von uns entfernt sind.
    Nein, erwiderte ich, obschon sie etwas weiter von uns entfernt sind, und
grade deswegen nicht, weil diese groe Ferne jedes Medium zwischen ihnen und uns
aufhebt, welches sie uns unrein reflektieren knnte. Die Bedingnis ihres
bersetzers ist bloe Wissenschaftlichkeit in der Sprache und dem Gegenstande,
er darf blo die Sprache bersetzen, so mu sich seine bersetzung zu dem
Original immer verhalten, wie der Gipsabdruck zu dem Marmor. Wir sind alle
gleichweit von ihnen entfernt, und werden alle dasselbe in ihnen lesen, weil sie
nur darstellen, ihre Darstellung selbst aber keine Farbe hat, weil sie Gestalt
sind.
    Godwi sagte scherzend: Nun also, lieber Haber, fangen Sie nur vorher an,
sich zu bersetzen, schwerere Kontraktionen wollen wir Ihnen erlutern helfen,
und tiefe Stellen, sollten welche vorkommen, mssen Sie erst in Konfessionen
ergieen, um sie ans Licht bringen zu drfen. Denn, bersetzen Sie sich nicht
zuerst, so mchte, fr alle die Religiositt, den Ernst und die Glut Tassos,
liebenswrdiger Atheismus, se Prosa und jene in den Musenalmanachen so hufige
sthetische Glut, ther-Glut, Rosen-Glut oder Johanniswrmchen-Glut
hervorkommen.
    Die Reime allein schon, fuhr ich fort, sind in unserer Sprache nur als
Gereimtes wiederzugeben, und ja, sehen Sie, eben diese Reime schon sind eine
solche Gestalt der Gestalt, und wie wollen Sie das alles hervorbringen? Der
italinische Reim ist der Ton, aus dem das Ganze gespielt wird. Wird Ihr Reim
denselben Ton haben? Ich glaube nicht, da Sie ein solcher Musiker sind, der aus
allen Tonarten und Schlsseln auf ein andres Instrument bersetzen kann, ohne
da das Lied hie und da stillsteht und sich zu verwundern scheint, oder seiner
innern Munterkeit nach aus Neugierde mitgeht und sich selbst in dem luftigen
sthetischen Rock, der hier zu eng und dort zu weit, berhaupt seinem Charakter
nicht angemessen, so ein Rock auf den Kauf ist, wie einen Geniestreich ansieht
oder, wird es blind, wie ein vortrefflicher Adler, dem man eine Papiertute ber
den Kopf gezogen hat, dumm in einer Ecke sitzt.
    Godwi lachte und sagte: Eine Frage fr ein Rezeptbuch - Wie bersetzt man
einen italinischen Adler ins Deutsche? - Antwort - Recipe eine Papiertute,
ziehe sie ihm ber den Kopf, so ist er aus dem Wilden ins Zahme bersetzt, wird
dich nicht beien; ja er ist der nmliche Adler, und zwar recht treu bersetzt.
    Recht getreu, sagte ich, denn er sitzt nun unter den deutschen Hhnern
recht geduldig und getreu, wie ein Haustier.
    Jede Sprache, fuhr ich fort, gleicht einem eigentmlichen Instrumente,
nur jene knnen sich bersetzen, die sich am hnlichsten sind; aber eine Musik
ist die Musik selbst und keine Komposition aus des Spielers Gemt und seines
Instrumentes Art. Sie erschafft sich da, wo das Instrument, der Tonmeister und
die Musik in gleicher Vortrefflichkeit sich berhren. Viele bersetzungen,
besonders die aus dem Italinischen, werden immer Tne der Harmonika oder
blasender Instrumente sein, welche man auf klimpernde oder schmetternde
bersetzt. Man versuche es einmal mit dem Petrarch; wenn mehr herauskmmt als
ein gereimtes Florilegium, an dem man die Botanik seiner Poesie studieren kann,
wenn mehr herauskmmt als eine officinelle bersetzung, wenn nicht jedes Sonett
ein Rezept an ein Wrterbuch wird, wo man des Reimes wegen immer die Surrogate
statt der Sache nehmen mu, statt Zitronensure Weinstein, statt Zucker
Runkelrben, so will ich den Entschlu aufgeben, sollte ich je lieben, eine
Reihe deutscher Sonette zu machen, die keiner ins Italinische bersetzen wird.
    Den Dante halten Sie denn wohl fr ganz unbersetzlich, sagte Haber.
    Grade einen solchen weniger, fuhr ich fort, ebenso wie den Shakespeare.
Diese beiden Dichter stehen ebenso ber ihrer Sprache wie ber ihrer Zeit. Sie
haben mehr Leidenschaft als Worte, und mehr Worte als Tne. Sie stehen
riesenhaft in ihren Sprachen da, und ihre Sprache kann sie nicht fesseln, da
ihrem Geiste kaum die Sprache berhaupt gengt, und man kann sie wohl wieder in
einen anderen wackeren Boden versetzen. Es kann gedeihen, nur mu es ein Simson
getan haben. Transportierte Eichen bleiben sie immer, an denen man die kleinen
Wurzeln wegschneiden mu, um sie in eine neue Grube zu setzen. Die meisten
anderen italinischen Snger aber haben ganz eigentmliche Manieren, die in der
Natur ihres Instrumentes liegen, es sind Tonspiele, wie bei Shakespeare
Wortspiele; Tonspiele knnen nicht bersetzt werden, wohl aber Wortspiele.
    Wie sind wir auf die bersetzungen gekommen? sagte Godwi. - Durch das
romantische Lied Flamettens, sagte ich. Das Romantische selbst ist eine
bersetzung -
    In diesem Augenblick erhellte sich der dunkle Saal, es ergo sich ein milder
grner Schein von dem Wasserbecken, das ich beschrieben habe.
    Sehen Sie, wie romantisch, ganz nach Ihrer Definition. Das grne Glas ist
das Medium der Sonne.

                                Neuntes Kapitel


Es ging wirklich etwas Bezauberndes mit diesem Becken und seinen Frchten vor,
und die Erscheinung war mir uerst berraschend.
    Die Frchte, die halb in der Wand verborgen waren, fingen allmhlich an zu
schimmern. Zuerst erleuchteten sich der Lorbeerkranz mit dem Schmetterlinge und
die Trauben, ein dunkles ernsthaftes Grn, das endlich in verschiedene
Stimmungen ber die umgebenden Frchte zerrann. Dann glhte das ganze Becken in
mildem grnen Feuer, und die schillernden Tropfen, die zwischen den Frchten
hervordrangen, leuchteten und sammelten die verschiedenen Grade des Feuers in
dem Boden des Beckens, das mit grnem Spiegel berzogen die immer gleiche Menge
des Wassers mit einer zurckstrahlenden Seele belebte, und in dieser brannte das
Ganze noch einmal reflektiert.
    Wir standen alle erfreut vor dem groen Smaragde, der zu leben schien, und
ich empfand in mir einen heftigen Eindruck, eine ganz wunderbare Sehnsucht.
    Ich wollte, das Ding schwiege still, erblate und verlre seine Gestalt,
sagte ich, denn eins allein von diesen knnte ich nicht sagen. Hier ist Ton,
Farbe und Form in eine wunderliche Verwirrung gekommen. Man wei gar nicht, was
man fhlen soll. Es lebt nicht und ist nicht tot, und steht auf allen Punkten
auf dem bergange, und kann nicht fort, es liegt etwas Banges, Gefesseltes
darin.
    Aufhren wird es bald, sagte Godwi, wenn sich nur die Sonne wendet. In
der Einrichtung liegt das Schne, da es mit dem himmlischen Lichte in
Verbindung steht. Wenn die Sonne sich wendet, verliert es sein Leben und
stirbt.
    Bald wechselte die ganze Beleuchtung gleichsam stoend, einmal, zweimal, und
alles war vorber.
    Godwi erzhlte uns, da der verborgene Teil des Kunstwerks von auen der
Sonne ausgesetzt sei, die, wenn sie auf einem gewissen Punkte stehe, durch
mehrere geschliffene Spiegel, die im Inneren sehr knstlich angebracht seien,
das Becken so erleuchte. Sein Vater habe eine Zeitlang viele Knstler um sich
gehabt, denen er vieles verdanke, und unter ihren Arbeiten seien auch manche,
die ihm selbst wohltten.
    Ich fragte ihn: Warum nur manche, da doch jedes schne Werk ein allgemeines
Gefallen zur Bedingung hat?
    Mein Vater, erklrte er, wollte nicht das Schne der Kunst, er wollte nur
ihre Macht. Sie sollte ihm dienen, denselben Eindruck, den er wollte, ihm auf
alle Arten zu geben. Sie sollte ihm etwas, was er gern vergessen htte und nie
vergessen konnte, seinem unerreichlichen Wunsche zum Trotze auf allen Seiten
hinstellen. Nehmen Sie an, er habe sich vor Geistern gefrchtet und sie seien
oft neben ihm getreten, so sei er nun aus Verzweiflung ein zweiter Faust
geworden, habe die Geister zu sich gezwungen, um ihm zu dienen, habe sich unter
sie gestrzt, um sie nicht zu frchten. So ist er mit der Kunst umgegangen;
alles, was er arbeiten lie, umfate einzelne Ideen, von denen eine mich in
meiner Jugend schon peinigte, und die mich jetzt, da ich sie kenne, da ich mich
kenne, und meine Bestimmung, nur dann und wann rhrt.
    Hier hielt er ein, und ich durfte ihn nicht fragen, denn mit seiner Rede war
sein Schmerz gestiegen; aber Haber durfte ihn fragen, weil seine Neugierde
grer war als seine Schonung; - und diese Idee? - sagte er.
    Godwi sah ihn an, und sprach lchelnd: - und diese Idee habe ich in meinen
Worten ganz allein verhllt, weil ich sie nicht sagen wollte.
    Dies Becken aber, das uns soeben erfreuete, fragte ich, wie kam er zu
diesem, warum bauete er den wunderbaren Saal, in dem wir sitzen, und das ganze
Jgerhaus?
    Godwi erwiderte: Er tat dieses einer gewissen Kordelia2 wegen, die sich
hier aufhielt, und auch hier gestorben ist, einem sehr merkwrdigen Weibe, durch
seine so einseitige Anhnglichkeit an die tote Natur, da es alle Menschen, und
besonders die Mnner, vermied. Diese Kordelia brachte ihre letzten Jahre hier
zu. Sie war ein Jahr vor meines Vaters Abreise nach Italien in meiner
Abwesenheit hierher gekommen. Mein Vater lie ihr dieses Haus nach ihrer
Phantasie erbauen. Sie starb unter freiem Himmel, und liegt hier im Walde
begraben. Ich erbrach ihren letzten Willen, der nichts enthielt als die Bitte,
den versiegelten Schrank in ihrer Schlafstube nicht eher zu erbrechen, bis ihr
eigentlicher Name bekannt sei, der immer noch verborgen ist. Dies einzelne Werk,
das Becken, kaufte ich von einer emigrierten Familie auf meiner Reise. Es ist
von einem Straburger Knstler aus dem funfzehnten Jahrhundert, der nicht
bekannt geworden ist, weil er mit seltsamen, ganz eigentmlichen Zwecken
arbeitete. Alle seine Werke sind in einem solchen phantastischen romantischen
Stil, und bezeichnen seinen wunderbaren Gemtszustand. Dieses Becken war ihm
eigen geblieben, und seine Erben kannten den Gebrauch durch ihn. Da die Wirkung
mir gefiel, kaufte ich es, und schickte es meinem Vater, der es Kordelien zur
Freude hier anbringen lie. Zu gleicher Zeit habe ich mancherlei Papiere dieses
Knstlers gekauft, die wir einmal miteinander durchlesen wollen3.
    ber diesem war es Abend geworden, und Haber erinnerte an das Heimgehen vor
Nacht.
    Wenn es Zeit ist, sagte Godwi, kmmt mein Jger von selbst, uns zu rufen.
Er kennt unsere gewhnliche Zeit, und berdies ist Flametta so sprde gegen ihn,
da er sicher frh genug aufgebracht sein wird, und dann wird er uns schon
abholen; es wre unfreundlich, ihn jetzt zu stren, da er bei dem Apollo uns
zuliebe schon so viele Zeit versumt hat.
    Erzhlen Sie uns doch etwas nheres von Flametta, sagte ich.
    Er erinnerte aber, ich sei die Rede der Kreuzfahrer noch schuldig, ich
mchte diese nur erst sprechen lassen; denn es wre uerst unartig, solche
entschlossene Jnglinge lnger in der Beratschlagung stehenzulassen.
    Haber sagte: Ihr letzter Satz war -
    So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick.

                                Zehntes Kapitel


Drei Haufen standen die Edeln am Ufer des Weltmeers. Nebel lag um sie her, und
die Treuen sahen sich kaum untereinander, doch erkannten sie sich immer noch,
wenn hie und da ein Wort aller im Enthusiasmus der Redner lauter schallte. Von
dem einen Haufen hrte man unaufhrlich die Worte:
    Kraft, Ideale Natur, Individualitt.
    Von dem andern die Worte:
    Streben in sich zurck, Selbsterkenntnis, Tiefe, Flle.
    Und von dem dritten hrte man:
    Lebensgenu, Zurckreien der Natur in sich, Verindividualisierung.
    Endlich nun erstand ein Redner aus jedem Haufen. Der Redner der Tapfersten
trat hervor, und rief aus:
    Drnget euch aneinander, ihr Freunde, ein einziger Wille, ein Phalanx dem
Nebel, der uns neidisch einander entreien will, ich habe ein Wort der Kraft an
euch zu reden, welches gleich einem Magnete alle reine eisenhaltige Herzen an
sich ziehen und zu einer Individualitt vereinigen wird. Die anderen nherten
sich, ihre Redner an der Spitze, und der erste fuhr fort:
    Stehet fest, fest meine Freunde! lasset euch nicht irren - es gilt jetzt -
    Ihr habt in der Kraft eurer idealen Natur eure Selbsten einer Aufgabe
geweiht; was darf euch berechtigen, sie fallen zu lassen, als die Anschauung
ihrer Nihilitt -
    Ich sprach mit euch, da ihr noch schwach waret; jetzt mt ihr entern - das
nenne ich, mit eigner Kraft eurer Selbst eueren Vorsatz und alle
selbstgefundenen Mittel fassen, halten, durchfhren; nur so seid ihr fr den
heiligen Krieg - oder diesen Gedanken in euren Seelen in den Abgrund der
Vergessenheit senken, und alle Wellen eurer alten Gedanken ber ihm
zusammenschlagen lassen, wie die Wellen des vor uns liegenden Weltmeers ber
unsre streitglhenden Krper hinschlagen werden; denn wer dem Weltmeere die
Brust nicht bieten mag, der ist kein Sohn seiner Mutter, die es tut, der Erde -
    O ihr habt mich so oft angestaunt, da ich in objektiver Ruhe unter euch
wandelte; erschrecken werdet ihr, wenn ihr schwach seid, und ich handelnd
auftrete.
    Ergrndet schnell eure Subjektivitt, und sprechet mit Klarheit, ob ihr
fhig seid, mit mir zu handeln?
    Hier hielt der edle Mann ein, einige riefen bravo! viele murrten, dann
sprach ein anderer Redner. Mit der zrtlichen Undeutlichkeit eines
menschenliebenden, aber ganz in sich allein zurckkehrenden Gemtes redete er
alle an, indem er sich zu dem vorigen Redner wendete:
    In der Tiefe deiner Brust bemerke ich eine apriorische Anschauung unsers
Zustandes, die du mit Recht als ein Produkt von dir selbst giebst, weil sie
falsch sein drfte fr die Intensitt vieler, die hier stehen und erkannt haben
den Ursitz der Welt, und die einzige Strae nach dem Besitze und der Gabe.
    Ich spreche daher zu jenen Glcklichen unter uns, deren Wesen dem
unendlichen tiefen Milchbrunnen gleicht, von dem ein kindlicher Aberglauben
sagt, da die unschuldigen Kindlein aus ihm herauskommen, - zu jenen spreche
ich, welche die Schpfung in der Brust, in dem reinen tiefen Spiegel ihres
Herzens tragen, und welche mit mir die tiefen Worte des begeisterten Helden, der
damals so feierlich zu dem Volke sprach, verstanden haben. - Er selbst hat sich
nicht verstanden, und war nur ein Organ der Religion, wie htte er sonst nach
seinen eignen Worten:
    Glaubet aber nicht, das Grab Christi sei auer euch, und es stehe zu erlsen
im Kriege fanatischer Waffen - in euch selbst ist das Grab des Herrn, von den
Snden des Unglaubens geschndet, nur in euch knnt ihr es befreien, und die
uerliche Tat ist nur gesellschaftlich, in euch ist die Tiefe, die Flle, die
Klarheit, strebet in euch zurck, kommet zur Selbsterkenntnis.
    Wie htte er sonst nach diesen seinen Worten hinziehen knnen in
Unendlichkeit und leerem Streben der Individualitt ins Universum.
    Wohin fliehet ihr, ihr Geister! - in die Unendlichkeit? Diese Kraft, euch
aufzuschwingen, gab euch die Natur - aber sie treibt euch auch in die
Endlichkeit zurck - schon die unfreundlichen Wellen dieses Weltmeers tun es,
und sind, obschon sehr lange, doch wohl lange noch nicht die Natur - o Freunde,
die ihr in euch, wie ich, den Lampenfunken des heiligen Grabes brennen sehet,
bleibt zurck, denn das heilige Grab ist in euch - o! verliert es nicht in den
Wellen, weil ihr es erobern wollt. Flattert nicht ber die Endlichkeit hinaus,
sonst werdet ihr bald, der Unendlichkeit mde, in eure Leerheit zurckkehren -
durch inneres Vergraben erwerbet euch das heilige Grab - und schreitet so in
ewiger Vertieferung in die Unendlichkeit dieses Grabes.
    Wo wollt ihr euch aber finden, als in der Endlichkeit! Wo knnt ihr Kraft
anwenden, als in dieser! - berfliehet ihr sie, so stumpfen sich eure Krfte
mehr und mehr ab, es ist kein Rckhalt da, der euch festhalte, es ist kein
Schiff auf diesem Weltmeere, und euer endloses Streben, eure schwimmenden Arme
werden endlich doch in einen Wallfischmagen verendlicht, oder gar endlich als
Fischtran auf Schuhen und Stiefeln, oder Fischbein in Schnrbrsten
(schreckliche Beschrnkung schner Weiblichkeit!) verindividualisieret werden.
    Greifet ein in die Endlichkeit - suchet in euch das Ideal des heiligen
Grabes, das eurem Wesen harmoniert; dieses fasset ganz, und alle uerungen,
wonach ihr die Unendlichkeit modifiziert, seien euch nach diesem Ideale
bestimmt. So knnt ihr das heilige Grab in euch erlsen, und von seiner Flle,
die sich in der Blte ewiger Herrlichkeit erneuert und fllt, die Wunder auf
alle andere durch euch ausstrmen lassen.
    Bravo, heiliger gttlicher Ausleger! schrieen viele Stimmen mit einem
seufzenden sehnschtigen Tone.
    Der dritte Haufen und seine Redner hatten sich whrenddem ber den
Mundvorrat in den Krben der Esel hergemacht, sie lagen umher und schliefen.
    Pumps, pumps, pumps, tat es drei Schlge ins Weltmeer, die wenigen Anhnger
des mutigen ersten Redners strzten sich hinein.
    Die Anhnger des zweiten traten dicht zusammen und umklammerten, einer dem
andern in den Armen ruhend, die heiligen Grber; unter diesen waren jene
innigen, dringenden, brnstigen Freunde.
    Sie zogen wankend feldein, und man hat weiter nichts von ihnen gehrt, als
in einigen Volksromanzen, welche die Fischer und Schfer dort singen, allerlei
berbleibsel ihres selbstischen Wahnsinnes. Auch sollen durch ihre fernern Taten
fast alle Arten von Aberglauben, fliegende Drachen, Beischlaf des Teufels mit
Hexen und besonders das Alpdrcken bei jungen schlafenden Frauenzimmern
entstanden sein.
    Die Eingeschlafenen aber erwachten den folgenden Morgen, und gingen langsam
nach Haus. Sie leben nun in einer Art von Traum, aus ihren Krisen und aus den
Volksliedern habe ich die Geschichte dieser entscheidenden Gemtsschlacht
zusammengetragen.
    Das Weltmeer aber war nichts als ein sumpfichter Fischteich, die Tapfern
brauchten gar nicht zu schwimmen, und auf der andern Seite stand ein Wirtshaus,
in dem sie sich es recht gut schmecken lieen. Auch fanden sie dort einige
zurckgebliebene Bagagewagen des heiligen Zuges. Sie setzten sich mit auf, und
kamen auch in den Krieg. Doch hat man von ihren Taten bis jetzt noch nichts
gehrt.
    Das wre nun so ziemlich die Geschichte des philosophischen Anflugs der
letzten Jahre. -
    Haber nherte sich mir, und wollte mich umarmen, aber ich trat zurck und
sprach:
    Verbannen Sie diesen fabelhaften Zug von inniger Freundschaft aus Ihrem
Gemte; ich bin Ihr Freund und aller derer, die nach dem Bessern streben, oder
die schon weiter sind als ich.
    Hier kam der Jgerbursche herein und fragte, ob wir nun gehen sollten.
    Was macht Flametta? sagte Godwi.
    Sie hat bis jetzt nichts getan, erwiderte er, als mir gepredigt, da ich
den Apollo so schlecht gemacht habe. Sie behauptete, wenn sie ihren Akton
auffhren wrde, werde ich die Szene, wo mir die Hirschgeweihe wachsen wrden,
besser spielen. Ich sagte, sie solle sich mir nur einmal nackt im Bade zeigen,
fr die Hrner wolle ich schon sorgen; da gab sie mir eine Ohrfeige, die, wre
sie nicht auf das Ohr gefallen, leicht die Grundlage eines Hornes htte werden
knnen - und fr diese Ohrfeige gab sie mir denn wieder einen Ku; weil ich so
geduldig gewesen sei, sagte sie; und sauste mir die Ohrfeige in den Ohren, als
knacke einer die Welt wie eine Nu auf, so schmeckte auch der Ku wie der Kern
jener Nu. Jetzt ist sie in dem Walde mit den Hunden und den kleinen Mdchen des
Frsters, denen sie das Frchten abgewhnen will, und wir mssen wohl auch
gehen, wenn uns der wilde Jger nicht die Haare versengen soll.
    Haber drang auch sehr aufs Gehen, und wir verlieen mit dem Jger das Haus.

                                 Elftes Kapitel


Wir gingen, und die Nacht ging mit uns; um uns her kte sie den Schatten des
Waldes, und lag in dmmernder Liebe in den Gebschen. Auf lichten Stellen
standen noch freundliche Sonnenblicke, als wollten sie uns Lebewohl! sagen.
Durch die Tiefe des Waldes drang der rote glhende Himmel, der leise verstummte.
Er sprach wie die jungfruliche Scham, wenn sie der tiefsten Freude weicht, und
die Natur bebte in leisen Schauer, wie Liebestod.
    Alles verlor seine Gestalt und sank in Einigkeit. Es gab nur einen Himmel
und eine Erde, auf ihr wandelte ich, und mein Fu rauschte im Laube, in des
Himmels mildem Glanze ging mein Auge und trank groe herrliche Ruhe. O! wem
htte ich sagen knnen, wie mein Herz war, wer htte mich verstanden, und das
elende Fragment meiner Sprache entziffert, und wer htte es verdient?
    Ich achtete Godwi, und konnte ihm das nicht sagen, denn ich htte ihm
gesagt, was Freundschaft sich nicht sagen darf. Hier ist sie klein und erblickt
sich nicht. Freunde schweigen in solchen Momenten, wo die Liebe sich vom Himmel
niedersenkt, und gehen bange einher um die Freundschaft, und schmen sich, da
sie nicht Mann sind und Weib, um sich niederzusetzen und sich zu kssen.
    Ich dachte an dich, die mich erwartet; wo bist du, Geliebte? sprach ich,
die so zu mir strebt, die in Waldesschatten atmet, und von dem Himmel mit
goldenen Fden mein Herz umspinnt - wo bist du? die mich kt im khlen
Abendwinde - soll ich nimmer zu dir und mit dir sein? wie der Abend, in dem ich
deiner gedenke, - ach alles sprach mit mir! auch die Brnette drngte sich
leise an mein Herz, und sagte - ich bin nun wie dir ist - da sprach ich
folgende Worte zu ihr:


                                     An. S.

Wie war dein Leben
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lchlen,
Wie haben sich alle
Um dich geliebt,
Wie kam dein Abend
So betend zu dir,
Und alle beteten
An deinem Abend.

Wie bist du verstummt
In freundlichen Worten,
Und wie dein Aug brach
In sehnenden Trnen
Ach da schwiegen alle Worte
Und alle Trnen
Gingen mit ihr.

Wohl ging ich einsam,
Wie ich jetzt gehe,
Und dachte deiner,
Mit Liebe und Treue -
Da warst du noch da
Und sprachst lchlend:
Sehne dich nimmer nach mir,
Da der Lenz noch so freudig ist
Und die Sonne noch scheint -

Am stillen Abend,
Wenn die Rosen nicht mehr glhen
Und die Tne stumm werden,
Will ich bei dir sein
In traulicher Liebe,
Und dir sagen,
Wie mir am Tage war.

Aber mich schmerzte tief,
Da ich so einsam sei,
Und vieles im Herzen.
O warum bist du nicht bei mir!
Sprach ich, und siehst mich
Und liebst mich,
Denn mich haben manche verschmht,
Und ich vergesse nimmer,
Wie sie falsch waren
Und ich so treu und ein Kind.

Da lcheltest du des Kindes
Im einsamen Wege,
Und sprachst: Harre zum Abend,
Da bist du ruhig
Und ich bei dir in Ruhe.

Dein Herz wie war es da,
Da du nicht trautest,
Viel Schmerzen waren in dir,
Aber du warest grer als Schmerzen,
Wie die Liebe, die ser ist
Als all ihr Schmerz.

Und die Armut, der du gabst,
War all dein Trost,
Und die Liebe, die du freundlich
Anderen pflegtest,
War all deine Liebe.

Einsam ging ich nicht mehr,
Du warst mir begegnet
Und blicktest mich an -
Scherzend war dein Aug
Und deine Lippe so trstend -
Dein Herz lag gereift
In der liebenden Brust.

Freundlich sprachst du:
Nun ist bald Abend,
Gehe, vollende,
Da wir dann ruhen
Und sprechen vom Tage.

Wie ich mich wendete -
Ach der Weg war so schwer!
Langsam schritt ich,
Und jeder Schritt wollte wurzeln,
Ich wollte werden wie ein Baum,
All meine Arme,
Blten und Bltter,
Sehnend dir neigen.

Oft blickte ich rckwrts
Hin, wo du warst,
Da lagen noch Strahlen,
Da war noch Sonne
Und die hohen Bume glnzten
Im ernsten Garten,
Wo du gingst.

Ach der Abend wird nicht kommen
Und die Ruhe nicht,
Auf Erden ist keine Ruhe.

Nun ist es Abend,
Aber wo bist du?
Da ich dir sage,
Wie der Tag war.
Warum hrtest du mich nicht,
Als du noch da warst?
Nun bin ich einsam,
Und denke deiner
Liebend und treu.

Die Sonne scheint nicht,
Und die Rosen glhen nicht,
Stumm sind die Tne -
O! warum kmmst du nicht,
Willst du nicht halten,
Was du versprachst?
Willst du nicht hren,
Soll ich nicht hren,
Wie der Tag war?

Wie war dein Leben
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lchlen,
Wie habe ich immer
Um dich mich geliebt,
Wie kmmt dein Abend
So betend zu mir,
Und wie bete ich
An deinem Abend.

Am Tage hrtest du mich nicht,
Denn du warst der Tag,
Du kamst nicht am Abend,
Denn du bist der Abend geworden.

Wie ist der Tag verstummt
In freundlichen Worten,
Wie ist sein Aug gebrochen
In sehnenden Trnen,
Ach da schweigen alle meine Worte,
Und meine Sehnsucht zieht mit dir.

Godwi sagte: Am Abend erschlieen sich alle Tore des Himmels, und die Ferne
besucht uns freundlich.
    Es ist kein schnerer Wunsch, fuhr ich fort, als Guten Abend! Es heit,
mgest du ruhig sein und liebend, in stillem Umgange mit allem, was du vermit.
- Am Abend erschlieen alle Herzen sich selbst, und aus allen Tiefen der Seele
kommen die geliebtesten Gedanken zu uns, und selbst die heftigen Begierden, und
was uns mit Gewalt fesselt, kmmt zu uns und spricht: Lasse dir nicht bange sein
um uns, wir sind nicht so feindlich, als du gedenkst.

                                Zwlftes Kapitel


Haber ging mit dem Jgerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem
dringenden Gesprche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jger
erzhlte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte
er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal ber das andere Mal, das sei
lauter Aberglauben. Im Walde ertnte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte
Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jger an: Hrst du? schon
wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schn.
    Was mag es sein, sagte der Jger, Lumpengesindel; aus so einem Busche
heraus fliegt einem mannichmal ein Knppel an den Kopf, da man gleich ans
Verzeihen denken mu, ehe man sich noch recht gergert hat.
    Wieso?
    Ei nun, was da pfeift, ist meistens niedertrchtiges Volk, und schlgt
einen tot; auf dem Todsbette aber mu man verzeihen - und wenns geschwinde geht,
hat man keine Zeit sich zu rgern.
    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;
    Was sprichst du bser Bube von Lumpengesindel?
    
    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ngstlich und
kindisch. Wir nherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als
unser Schrecken durch die Worte des Jgers im Gebsche aufgehoben wurde:
    Du Waldteufelchen, fr den Schrecken mu ich dich kssen.
    Nun kamen mehrere Mdchen und Knaben aus dem Gebsche und lachten; die
lteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Ruberin sagte:
Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich frchtete, als Sie gegangen kamen,
so mute ich Sie zur Strafe attakieren.
    Hier kam Flametta auch mit dem Jger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht
artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Bue
aufzugeben.
    Du sollst uns ein Stckchen Wegs Geleit geben, sagte Godwi, und etwas
singen.
    Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu
dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.
    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit
ihrem Horne. Das grte Mdchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.
    Die Kleine sagte vorher: Mein Lied ist das Lied einer Jgerin, deren Schatz
ungetreu, und stellen Sie sich vor - ein Peruckenmacher geworden ist.
    Wir lachten, und der Gesang begann:

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum!
Du bist mir ein edler Zweig,
So treu bist du, man glaubt es kaum,
Grnst sommers und winters gleich.

Mdchen:

Wenn andere Bume schneewei sein
Und traurig um sich sehen,
Sieht man den Tannebaum allein
Ganz grn im Walde stehen.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Mein Schtzel ist kein Tannebaum,
Ist auch kein edler Zweig,
Ich war ihm treu, man glaubt es kaum,
Doch blieb er mir nicht gleich.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Er sah die andern schneewei sein
Und schimmernd um sich sehn,
Und mochte nicht mehr grn allein
Bei mir im Walde stehn.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Der andern Bume drres Reis
Schlgt grn im Frhling aus,
Pocht er sein Rckchen, bleibts doch wei,
Schlgt nie das Grn heraus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Oft hab ich bei mir selbst gedacht,
Er kmmt noch einst nach Haus,
Spricht: Hab mir selbst was wei gemacht,
Poch' mir mein Rcklein aus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Und klopft ich ihn auch poch, poch, poch,
So fliegt nur Staub heraus;
Das schne treue Grn kommt doch
Nun nimmermehr heraus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Drum als er mich letzt angelacht,
Ich ihm zur Antwort gab:
Hast dir und mir was wei gemacht,
Dein Rcklein frbet ab.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

O Tannebaum! o Tannebaum!
Wie traurig ist dein Zweig.
Du bist mir wie ein stiller Traum
Und mein Gedanken gleich.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Mdchen:

Du sahst so gar ernsthaftig zu,
Als er mir Treu versprach,
Sprich, sag mir doch, was denkest du,
Da er mir Treue brach.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von
dem Gerusche, strzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in
den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns
Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hrten sie in der Ferne noch singen.
    Wir standen oben und sahen ber das leuchtende grne Meer, in dem der Wald
hin und her flutete. Stille Khle drang mir ans Herz, ich htte hier stehen und
trumen knnen von Seen und Meeren, in denen die Gtter hausten. Wenn die Bume
hin und her ihre Schatten wlzten, brausten und wie in geheimnisvollen,
nchtlichen Festen taumelten, so schwoll es wie Ebbe und Flut an meinem Herzen.
    O! der Mensch ist das Gestade, an das alle Wellen des Lebens schlagen, er
steht ewig am Ufer und sehnt sich hinaus in das, was herberwehet, seine
Gedanken segeln kriegbrtend und goldsuchend wie mchtige Schiffe in die Ferne;
was zu Hause bleibt im Herzen, steht und hoffet und trauert. Soll er
hineinstrzen, oder werden die Wellen rchend zu forschen kommen, was ihnen vom
Gestade herberwehte?
    Mit solchen Gedanken warf ich einen Blick zurck in diesen untergegangenen
Tag. Die Eiche, unter der ich die Dryaden angerufen hatte, ragte wie ein Tempel
unter allen hervor; einige weie Gestalten tanzten um sie herum, und man hrte
ein leises Klingen, das durch das Brausen der Bume manchmal hervortnte, als
schwmme ein goldenes glnzendes Gef in Meereswellen. Ich machte Habern darauf
aufmerksam.
    Sehen Sie die Waldgtter dort tanzen? Er wunderte sich, und Godwi sagte,
es sei ein Tanz, den er Kordelien zum Gedchtnisse gestiftet, Flametta und die
kleinen Mdchen tanzten ihn alle Abend, wenn es schnes Wetter sei, und die
Musik tne von zwei kolossalischen ols-Harfen, welche Kordelia in den Gewlben
des Baumes habe anbringen lassen. Es war gut, da es bei meinem Gebete so
windstille gewesen war, sonst htte ich sehr erschrecken knnen.
    Wir legten noch einen kurzen Weg zurck, als sich eine andere Gegend
erschlo.

                              Dreizehntes Kapitel


Der Weg zog sich noch eine Strecke durch den Wald, aber man konnte unten durch
die Stmme schon das freie Tal sehen. Es schien mir, als gingen wir langsamer,
als zgen uns die Schatten des Waldes zurck.
    Am Ausgange des Waldes trafen wir auf ein kleines Haus, neben dem ein
greres zerstrtes Gebude stand, und ich bemerkte, da auf dem Rauchfange des
letztern das Storchnest war, welches ich den Morgen gesehen hatte. Aus dem
Fenster der Htte schimmerte ein Licht, und ich fragte, wer hier so einsam
wohne. Godwi sagte: In dem Hause wohnt kein Mensch, das Licht, das darinne
brennt, ist eine Lampe, die alle zwei Tage angesteckt wird. Schon seit meiner
frhesten Jugend erinnere ich mich, da ich eine furchtsame Ehrfurcht vor diesem
Hause hatte. Es ist ein Herkommen, da dies Licht hier brennt. Wenn eine
Jungfrau oder ein Jngling unter den Mennoniten stirbt, welche meine Pchter
sind, so wird er hier in diesem Httchen einen Tag und eine Nacht hingesetzt,
und hier neben zwischen den Mauern des verfallenen Gebudes begraben. Warum die
Stube ganz eingerichtet ist, als wohne eine Familie darin, wei ich nicht; aber
es ist eine freundliche Idee. Der lteste meiner Pchter hat den Schlssel dazu;
er steigt alle zwei Tage herauf, und steckt die Lampe an, und wenn er tot ist,
so bekmmt der lteste wieder dies Geschft, so da es zu einem Sprchworte
unter ihnen geworden ist: Er trgt den Schlssel. Die Alten selbst werden unten
im Tale begraben, weil sie sagen: Er habe nicht mehr hinaufgekonnt, drum sei er
unten begraben.
    Ich sah zum kleinen Fenster hinein, die Lampe stand in der Mitte der Stube
auf dem Tische, an der Wand hingen mnnliche und weibliche Kleider, und die
ganze Stube sah bewohnt aus; es lag ein ewiges Warten auf den Vater oder die
Mutter, oder auf den Geliebten und die Geliebte in allem; ich wendete mich, und
sprach: Auch ich habe Ehrfurcht davor.
    Habern suchten wir mit Mhe dazu zu bringen, auch hineinzusehen. Er kehrte
aber schnell um, als der Wind an den losen Fensterscheiben rasselte, und ging
schweigend mit uns den Berg hinab; vor uns tiefer unten ging ein Licht, und der
Jger sagte:
    Das ist der alte Anton, der hat eben die Lampe angesteckt, wenn er sein
Verslein noch nicht gesungen hat, so wird er es bald hren lassen.
    Bald darauf hrten wir auch eine zitternde Stimme singen, doch konnten wir
sie nicht verstehen, weil sie undeutlich aussprach, und zu entfernt war. Wir
gingen deswegen rascher, bis der Alte stillstand, weil ihm das Treppensteigen
beschwerlich war, und wir hrten die zwei letzten Verse seines Gesanges.

Ich hab das Lmplein angesteckt
Zum langen Angedenken,
Und wenn mich khle Erde deckt,
Mag Kind und Enkel denken:
Der Vater ruht im Tale aus,
Und kmmt nicht mehr ins stille Haus.

Lischst du, o Herr, mein stilles Licht,
Das tief herab schon brennet
Und werd vor deinem Angesicht
Ich nur ganz rein erkennet,
So geht mit Freude angetan
Erst recht mein schnstes Leuchten an.

Hier lschte der alte Anton sein Licht aus, und war vor uns zu Haus.
    Das Gut lag zu unsern Fen; von der entgegengesetzten Seite begrenzte es
ein hoher Baumgarten, sonst war es einsam und sah de aus. Die Wildnis ber dem
Berge, wo wir den heutigen Tag zugebracht hatten, schien mir bei weitem
freundlicher. Dies uerte ich Godwi, und Haber sagte, er habe die nmliche
Empfindung.
    Godwi sagte: Ich bin von Jugend auf an diese Gegend gewhnt, dennoch habe
ich die nmliche Empfindung, so oft ich vom Jgerhause komme. Einsam und de
wird berhaupt alles, was der Mensch berhrt, ohne es zu vollenden, nur der
Mensch kann tten. Dieses ganze Tal nun ist das Bild einer Anstalt, die ins
Stecken kam, alles verlangt nach einem Ende, und man knnte sagen, es gleiche
einer interessanten Erzhlung, die mitten durch ein Fragezeichen unterbrochen
ist.
    Es liegt etwas Derbes und Selbststndiges in der wilden Natur, sie ist
voller Leben, und scheint sich den Teufel um den Menschen zu bekmmern; sie geht
ihren Weg, ohne sich viel umzusehen, und treibt ihr Geschft fr sich und mit
Kraft. Hierdurch rhrt sie uns, und das Gefhl der Einsamkeit in ihr begrndet
sich auf die Schwche des Menschen; man wnscht einen Freund neben sich zur
Untersttzung gegen die Wildnis, die einem so frech in die Bildung hereintritt,
das Echo der Felsen giebt uns kalt und spttisch die Ausrufungen zurck, in
denen man umsonst versuchte, dieser Natur etwas abzuschmeicheln; man mchte
einen Freund, um seine Empfindungen genommen zu sehen; man wnscht sich ein
williges liebendes Mdchen auf das Moos, um am Fue der stolzen Eiche in
lebendiger Beweglichkeit das hchste Opfer der Menschen zu feiern, und der
tapfern barschen Natur zu zeigen, da es im Leben nicht auf kolossalische,
unbewegliche Grobheit ankmmt. - Aber hier, fuhr ich fort, was will man hier
machen? Hier ist alles so zahm, da steht Kohl und dort steht Weikraut und
jenseits Korn und dort - wie heien Sie? wendete ich mich zum kleinen Dichter.
    - Haber.
    - Und dort steht Haber, und alles sieht aus, als wisse es schon, da es
nchster Tage werde gefressen werden, vielleicht gar als Futter unvernnftiger
Tiere.
    Ja, sagte Godwi, hren Sie ein paar Hofhunde klaffen, und einen Hahn
krhen, und ein paar Khe brllen, so ist alles in Richtigkeit mit der
genialischen Natur, und man mu sich dann meistens, weil es kotig ist, an dem
Himmel halten.
    Es war ein schner Himmel, und alles, was wir hrten, sahen, war still, mde
und ruhend.
    Hier ist der Abend nicht viel anders, sagte ich, als Ruhe ohne alle
Erinnerung, es ist keine Selbstttigkeit in einem solchen Abend, und er sagt
nichts als: nun ist es recht gut, nun geht es bald ins Bett.
    Sie sind etwas zu unbndig, sagte Godwi, nehmen Sie sich in acht, da Sie
nicht werden wie diese de Landschaft, welche hinlngliche Bildung hat, bei
groer Fruchtbarkeit, um die Fruchtbarkeit zu unterjochen.
    Ich schwieg, und mein Gewissen drckte mich.
    Wir kamen nun an das Gut selbst. Einige kleine Huser bildeten eine Strae,
auf der verschiedene Ackergertschaften standen; es war stille, und Godwi sagte:
Lassen Sie uns ruhig sein, die Leute schlafen schon. Das Tor des Landhauses
stand offen, die Hunde sprangen freundlich an Godwi herauf, und wir traten in
das bescheidene einfache Haus, in eine Stube gleich bei dem Eingange.
    Godwi hie uns willkommen, der Jger brachte Licht, und das Abendessen ward
bestellt. Godwi und Haber saen auf dem Sopha, ich sa am Fenster auf einem
Armstuhle, es herrschte eine allgemeine Stille unter uns, und jeder schien sich
seinen Gedanken ruhig zu berlassen.
    Die Bilder des ganzen Tages gingen mir vor den Augen herum, ich hatte eine
seltsame Empfindung, in dem Hause Godwis zu sein, und mit ihm selbst so bekannt,
von dem ich so vieles geschrieben hatte. Es schien mir unrecht und nicht
redlich, wenn ich ihm nicht bald sagte, wer ich sei. Dann entwickelte ich, was
ich von seiner Jugend aus seiner Erzhlung an Otilien wute, hier an der Stelle,
wo es geschehen war, und indem ich meine Gedanken so ins vergangene
Geschichtliche hinberspann, verlor ich mich immermehr ins Allgemeine, dachte an
meine Jugend und alle Jugend, und an den erdrckenden Schmerz, unter dem die
meisten guten Kinder ihr Bestes und Eigentmliches fr einige
Gesellschaftsregeln hinopfern mssen.
    Die Grillen zirpten in den Mauern und der Perpendicul der Uhr ging ewig
derselbe, nchtliche Fledermuse schwirrten ber den Hof, und das Licht war weit
heruntergebrannt - mir war es tief im Herzen dunkel und traurig.
    Hier trat ein alter Mann in die Stube, er hatte einen schnen gesunden Kopf,
und einen langen weien Bart, und war einfach in weies Tuch gekleidet. Godwi
grte ihn und sagte: Verzeihet, Anton, da ich so spt komme.
    Der Alte lchelte und sagte: Sie sind der Herr und immer willkommen. Dann
deckte er den Tisch, trug einige kalte Speisen und etwas Wein auf, und wnschte
gute Nacht.
    Der Alte mit seiner Ruhe und seinem Barte schickte sich recht zu dem Ganzen
und hatte mich sehr gerhrt. Godwi sagte mir, da seine Pchter aus einer
Mennoniten-Familie bestnden, die so lange auf dem Gute sei, als sie existiere,
und da dies nun der dritte Grovater sei, der hier lebe.
    Wir setzten uns nun zu Tische, Haber war eingeschlafen; ich klimperte mit
den Glsern, um ihn zu erwecken, aber sein Erwachen war nicht hinlnglich, ihn
zum Essen zu bringen, denn er war krperlich und geistig eingeschlafen; er hatte
nmlich in einer Lage auf dem Sopha gelegen, da mehrere Glieder seines Leibes
seinem Hauptschlafe ungetreu auf ihre eigene Hand eingeschlafen waren. Wir aen
und tranken dann munter miteinander.
    Das Mahl war vorber, nur die Glser waren noch ergiebig, und der Wein
bringt in jede Stimmung, in der er mich antrifft, noch eine mutwillige
phantastische Stimmung. Ich mu mich dann uern, und empfinde etwas ganz
wunderbar Frevlendes, Gewagtes in meinem Herzen; alles wird mir unter den Hnden
lebendig; was mein Leben Schmerzliches und Freudiges, Banges und Religises
umfat, reiht sich an meine Worte, und zieht in einem wilden bacchantischen Zuge
von meinen Lippen.
    In solchen Momenten verliere ich mich in meiner Rede, die mit sich selbst zu
witzeln anfngt; eine Grundempfindung, Sehnsucht, unerkannte Liebe oder Druck in
der Kindheit bleiben herrschend, alles andere wird zum frechen Witze, in dem
eben diese Hauptempfindungen, die ich allein in einem bangen Drucke in der Brust
fhle, mutwillig hin und her schwanken.
    Diese Empfindung fhlte ich sich bei mir nahen, eine tiefe Rhrung geht
allezeit vorher. Es ist mir, als sollte ich bald mein ganzes Leben wie eine
Braut umarmen, ich sei nun allem gewachsen, was mich einzeln erdrckte; ich
fordere dann alle die Gestalten auf, stoe sie kalt von mir, oder reie sie mit
einer wilden Buhlerei in mich.

                              Vierzehntes Kapitel


Warum so still, sagte ich hhnisch zu Haber, frchten Sie sich vor
Gespenstern?
    Nein, aber das ganze Leben hatte heute etwas Schauerliches fr mich.
    Hatt' es? - mich rhrt so etwas nur oberflchlich, und als der alte Anton
zu sprechen anfing, rgerte es mich, da er kein Gespenst gewesen war - hren
Sie, wie die Fahnen am Dache wehen - - o! das geht ewig so und nimmt kein Ende -
und wie es dunkel ist - man mchte ersaufen in eigenen dummen Gedanken - in der
Welt geschieht nichts - es ist der Tod drauen, und wir sind gezwungen, unsre
abgetragenen Erinnerungen zu zerzerren, bis sie wie lumpichte Geister vor uns
treten - sehen Sie, dort steht mein Vater, und dort meine Mutter, und dort meine
Schwester - wie sie mit den Fingern auf mich zeigen - wie der Alte den Kopf
schttelt - o und du arme Mutter, du schne Mutter - die Hnde abgerungen -
durch den weien duftigen Busen blutet das warme rote Herz Liebe heraus zu mir -
die Schwester sieht so witzig aus, und so arm mit ihrem liebesuchenden keuschen
Leibe - ha! seid mir willkommen - das Leben ist ein geschwtziges breites Wesen,
von dem man nicht wei, wie es im Herzen aussieht.
    Haber sah starr in den Winkel, Godwi sah mich verwundert an, meine Worte
trugen mich fort, ich fhlte die kalte Glut in meinem Gesichte und sprach mit
Trnen:
    Aber das dauert nicht lange, am Ende wird immer was Beres daraus, das
Vorige war matt - sehen Sie, unter diese war mein Leben geteilt, sie kommen und
rinnen zusammen, so rann auch mein Leben zusammen, und da steht nun das Weib,
dem ich es in die Arme legte, da steht es wie die schne Snde - aber sie hat
mir es vor die Fe geworfen - o Sie knnen es in Ihren Garten pflanzen in den
fettesten Boden, es schlgt nie wieder aus - es ist verbrannt, in der Liebe
verbrannt - ha und noch ein Mensch - sagt nicht, er sei schwach - was ist er
schwach? er ist sein Hallunke und sein Henker zugleich, und henkt sich nicht
selbst, weil er seines Henkers Hallunke bleiben mu, und seines Hallunken Henker
nicht werden will.
    Haber sprang hier wild auf und sagte: Hren Sie auf, ins Teufelsnamen.
    Ha! ha! ha! lachte ich ganz heiter, sind Sie so erschrocken; nun, ich
will Ihnen was erzhlen -
    Godwi bat mich, nicht so heftig zu sein. Obschon ich Sie verstehe, sagte
er, so ist die Wirkung davon doch weder gut fr Sie noch mich.
    Ich will Ihnen ein Lied singen, das hierher gehrt, nur mu ich zuerst
erzhlen, wo ich es zuerst sang.
    Ich ward in meinem sechsten Jahre von Hause entfernt, und von meiner Mutter,
die es gut meinte, zu einer Anverwandten in die Kost getan, wo sich meine
Schwester schon frher befand.
    Bei dieser Frau lebte ich, Gott mge es sich selbst verzeihen, ein recht
elendes Leben. Ihr Mann war ein ausschweifender Mensch, und sie ein
eingebildetes, eigensinniges Geschpf, eine von jenen Weibern, welche
Hochteutsch-Sprechen fr moralisch halten. Wir sahen sie nur morgens, mittags
und abends zu unserm Schrecken. Denn morgens kam sie mit eiskaltem Wasser,
stellte uns nackt vor sich, und lie es uns aus einem Schwamme ber den Rcken
laufen. Ich habe sie nie lachen sehen, als wenn ich ihr die eiskalten
Wasser-Gesichter schnitt; ob es brigens gesund war, wei ich nicht, nur wei
ich, da ich abends immer groen Hunger hatte, und da mein erster Witz war,
Morgenstund hat kalt Wasser im Mund. Mittags aen wir unter den Aufmunterungen:
Halte dich grad, die Hnde auf den Tisch, hnge den Kopf nicht so, wie du wieder
den Lffel nimmst! etc. Nach Tisch mute ich dem Lieblingshunde, der die
Originalitt besa, Nsse zu fressen, zehn Nsse schlen, dafr bekam ich eine,
die ich mit meiner Schwester teilen durfte; nun band man mir und meiner
Schwester, die in eine Schnrbrust gezwngt war, die Ellenbogen hinten zusammen,
und so muten wir Rcken an Rcken gebunden, um unserer Muhme zum Nachtische
einen Spa zu machen, auswrts stehen, bis wir umfielen; dann wurde auch
gelacht. Den brigen Tag waren wir bei dem Gesinde oder einem Lehrmeister, der
uns, whrend er dem Kanarienvogel des Bedienten die Augen mit einem glhenden
Drahte blendete, und seine Stiefel wichste, die Hauptstdte von Europa auswendig
lernen lie und, wenn wir sie ihm zu frh wuten, uns strafte.
    Vor die Haustr kam ich nie, und sah oft meine Schwester neidisch an, wenn
sie die Magd von den Fruleins zurckbrachte, zu denen sie in Gesellschaft ging.
Die Muhme hielt mich so im Respekt, da wenn sie mir abends die Hand nicht zu
kssen gab, ich nachts im Bette weinte, und meiner Schwester keinen Schlaf
gnnte, mit dem Ausrufe, da ich ein Verbrecher sei.
    Hinten am Hause war ein kleiner Garten, an dem ein groer Saal war, der voll
lgemlde hing. Eines, welches das grte war, stellte das Urteil Salomons ber
die zwei Kinder der Buhlerinnen vor, grade wie der Kriegsknecht das lebendige
Kind am Beine hlt, und es entzweihauen will; das andere Kind lag tot und blau
an der Erde; die rechte Mutter reckte ihm die Hnde in die Hhe, die falsche sa
ruhig am Boden und sah zu; der Kriegsknecht hatte einen recht blutroten Mantel
an, und das ganze Bild war in Lebensgre und mit grellen Farben gemalt. In
diesem Saale war ich meistens, wenn ich allein war, und nhrte meine kindische
Phantasie an dem Bilde.
    Da ich einmal von meiner Beherrscherin unschuldig viel bse Worte gelitten
hatte, wurde ich weinend zu Bette geschickt; meine Schwester war noch zu
Besuche; ich konnte nicht im Bette bleiben, und schlich herunter in den
Gartensaal, um dort, wie ich oft tat, vor einem kleinen Jesusbilde zu beten, da
er mich bessern mge, denn ich wute nicht, was ich begangen hatte, und hielt
mich doch fr einen Verbrecher.
    Als ich in den Saal trat, berfiel mich eine groe Angst; es waren keine
Scheiben in den Fenstern, und Weinlaub ber sie gezogen. Der Mond schien herein,
und alle die vielen lgemlde schienen zu leben durch das Licht, das sich durch
das Schwanken des Weinlaubs ber sie bewegte.
    Ich sank in die Knie, es war kalt, und ich war im Hemde; o! wie war ich so
unglcklich, ich betete laut, und frchtete mich vor dem Schall meiner Worte.
    O lieber, lieber Gott, sage mir doch, was habe ich getan -
    Da trat meine Schwester herein; sie war zwei Jahre lter als ich, und ging
schon allein zu Bette; sie hatte mich gehrt, und sagte zu mir:
    Ei du! was machst du da?
    Ich umklammerte sie heftig, aber sie verstand mich nicht, da fhrte ich sie
vor das Salomonsbild, und sagte zitternd:
    Sieh, der auf dem Throne, das ist der liebe Gott; die Frau, die die Hnde
ausreckt, das ist unsre Mutter; die da so sitzt und ruhig ist, das ist die
Muhme, und der Mann, der das Kind zerhaut, ist auch die Muhme, und das Kind bin
ich, und das tote Kind, ach das bist du -
    Sie zog mich mit sich die Treppe hinauf, und brachte mich zu Bette. Sie
erzhlte mir vieles von den Frulein, die sie besucht hatte, um mich zu trsten,
aber ich weinte immerfort. Da stieg die liebe Schwester aus dem Bette auf, und
setzte sich zu mir ins Bett, das am Fenster stand, wir umarmten uns, und sahen
in den hellen Himmel; dann sagte meine Schwester: Wir wollen das Lied singen von
dem Kinde, dessen Gromutter eine Hexe war, und das Kind vergiftete.
    Wir sangen dies Lied immer, wenn es uns recht traurig war; meine Schwester
sang die Worte der Mutter, welche das Kind fragt, und ich sang weinend die Worte
des Kindes; in dem Liede lag uns Trost, wir trsteten uns mit der Liebe der
Mutter und des Kindes Tod.

Mutter:

Maria, wo bist du zur Stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Ich bin bei meiner Gromutter gewesen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Was hat sie dir dann zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat es in ihrem Krautgrtlein gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo ist denn das brige vom Fischlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hats ihrem schwarzbraunen Hndlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo ist denn das schwarzbraune Hndlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Es ist in tausend Stcke zersprungen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Du sollst mirs auf den Kirchhof machen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Schrecklich, schrecklich! sagte Haber.
    Ich fing aber lustig an a ira zu singen, weil ich selbst weinte, und mir im
a ira von jeher alle Adern freudig schwollen, denn ich liebe solche heftige
bergnge.
    Haber wurde ganz wtend, und schrie, ich mte der grte Teufel sein.
    Nein, sagte ich, lieber Haber, sehen Sie dort an der Tre die alte
Gromutter stehen, mit der Giftschale in der Hand, wie ihr die Augen aus der
Pelzmtze herausstieren; und dort sehen Sie die Mutter, die weinend im Stuhle
sitzt, und der kleinen Maria, die vor ihr steht, und sie liebkoset mit wehe! ach
wehe! Frau Mutter; wie sie dem einzigen Kinde das weie Totenhemdlein anzieht;
und hier sitze ich mit meiner Schwester - ich setzte mich auf die Erde, und
nahm ein Kssen in die Arme - ach meine liebe Schwester, wie geht es mir so
traurig - hier sprang ich auf, es ri mich wie mit den Haaren in die Hhe - es
war mir als hielt ich sie lebendig in den Armen, und ach! sie ist doch tot.
    Godwi sagte: Sie bertreiben es; ich lachte, und ging munter zu Bette.
    Haber frchtete sich vor mir, er mute mit mir in derselben Stube schlafen
und ich ihm vorher feierlich beteuern, keine Nacht keine solche Streiche mehr zu
machen.
    Aber frhlich war ich doch wohl nicht -

                              Fnfzehntes Kapitel


Haber stellte im Bette noch viele Betrachtungen an, und versicherte mich seiner
Freundschaft; dann sagte er:
    Obschon ich noch nicht ganz von der Idee kommen kann, Sie fr etwas bse zu
halten, so halte ich Sie doch nicht mehr fr platt. Sie haben ohnstreitig eine
gewisse Macht ber die Gemter, doch sollten Sie sich mehr applizieren, und
nicht so vom Beispiele hinreien lassen.
    Ich danke Ihnen, und bin eben im Begriffe, mich zu applizieren, nmlich
abzuschlafen; das Beispiel tut bei mir, wie Sie sagten, leider alles, also
schlafen Sie wohl.
    Ich versuchte hin und her, und Haber schnarchte schon; aber sein Beispiel,
so stark es auch war, ntzte nichts, und er hatte Unrecht; ich kam immer auf den
Gedanken, ich msse mich erst auf die Applikation applizieren, und so kam ich
nicht zum Schlafe. Es war eine helle Nacht, und nicht sehr khl, meine gereizte
Stimmung ward mir nun selbst zur Betrachtung; alles was sie abends so kaudisch
umfate, beschftigte mich nun einzeln. Ich fhlte, da ich auch mehr genossen
als andere, und gab mich zufrieden ber die Leiden. In solchen Gedanken
schlummerte ich ein, und erwachte dann wieder.
    Ich bemerkte Lichtstrahlen, die durch den Fensterladen fielen, und kleidete
mich deswegen an, machte das Fenster auf, aber es war Mondschein und um drei
Uhr.
    Meine Aussicht war sehr reizend, das Fenster ging in den Garten, eine
gebildete Wildnis, und mitten unter den trumenden grnen Bumen stieg eine hohe
weie Marmorgruppe zum Himmel. Ich erkannte bald, es msse Violettens Denkmal
sein, denn ich bemerkte ber dem Ganzen einen gehobenen Arm mit einer Lyra.
    Der Mond stand hinter der Lyra, und es war mir, als strme ein mildes
leuchtendes Lied durch ihre Saiten. Ich stand, und suchte neugierig das Bild in
der Dunkelheit zu entrtseln, aber es war zu unbestimmt, es war mir wie ein
Wort, das man fhlt, und nicht sagen kann.
    Meine durch das Wachen berreizte Augen wurden durch das stete forschende
Blicken auf das mondglnzende Bild noch unbestimmender, und bald schien mir der
ganze Garten durcheinander zu wallen.
    Ich lehnte, am Fenster sitzend, den Kopf auf den Arm, blickte mit sinkenden
Augen hinaus, und der Eindruck der Aussicht verlor bald so sehr die Gewiheit
einer Aussicht, da ich nichts mehr vom Garten, noch von mir wute, und es war
mir, als wre ich das alles zugleich und lge in einem gelinden Traume.
    Da der Mond aber etwas gesunken war, und tief unter der Lyra stand, sah ich
schne runde, glnzende Hften und zierliche Fe und sinkendes Gewand. Ich sah
mit vieler Liebe nach den kernichten Hften, und den netten feinen Fen, und
rgerte mich mit vieler Aufrichtigkeit, da ich den Busen nicht sehen konnte.
Der Arm mit der Lyra lockte mich nicht, denn eine Leiergestalt ist sehr tonlos;
aber solche weibliche, sanft und fest gewundene Formen knnen mir alle Saiten im
Busen erklingen machen.
    Ich rgerte mich ber den gehobenen Arm mit seiner Leier, und sagte im
gierigen Unmute meiner Lust:
    Der kalte Genius, da hngt das gttliche nackte Leben an ihm, und er hebt
die Leier stets gen Himmel; ha, wie wollte ich sie an die Erde werfen - da liege
du alte Leier! - und das Weib wollte ich heraufziehen mit liebender Wut; in die
Arme wollte ich sie nehmen wie ein Kind; der Mond sollte trunken durch die
niederflieenden Locken blicken, als sei er freigegeben; stand er doch hinter
den Saiten der Lyra, wie hinter einem Kerkerfenster; und opfern wollte ich sie
emporgehoben, wie der Priester opfert; die ganze Natur wrde niederknieen und
ans Herz schlagen, wie das Volk, und htte sie gesprochen, wie der Gttliche
sprach - Nimm hin, das ist mein Leib - o wie sollte sie unter meinen glhenden
Kssen in mich selbst zerrinnen, und ich in sie.
    Ich konnte nun nicht mehr lnger auf der Stube bleiben, der ganze Garten
schien mir wie lebendig und in wunderlichen fantastischen Wesen der Nacht
begriffen.
    Es war mir, als she ich auf den Markusplatz in Venedig in der Karneval,
alles strmte durcheinander, und die einzelnen Farben, die unter verschiedenen
Gestalten immer wiederkamen, flossen zusammen; Schatten und Licht rannen in
spielender Beweglichkeit durcheinander, und kaum verfolgte ich eine Gestalt, so
war sie zu hundert andern geworden. Oben ber allem hervorragend, wie die
knstlich gewundenen Strahlen eines ungeheueren Springbrunnens, wie wundersam
spielende Flammen eines weien reinen Feuers zum Himmel, drang das Bild
Violettens zum Himmel ber alle das dunkle Gewirre empor, die Apotheose eines
verlornen Kindes, die wohl auch einstens da unten mit Schmerz im Herzen, und
wilder Lust in den Gliedern, herumwandelte, aus der verwirreten Freude die
Grundlage aller Freude in einem Einzelnen zu entwirren - um zu leben - das ist
schrecklich, und ich mute nun hinunter, den armen Kindern Trost zuzusprechen,
die vielleicht noch da wandelten.
    Ich stieg das Fenster hinab an dem Rebengelnder, welches die Mauer
bekleidete, aber unten verliert sich alle der Reiz, der nur bei der Ansicht von
oben herab mit von oben herabkmmt. Nun stand ich zwischen den Bumen, die sich
bewegt hatten, da ich nur ihre Gipfel sah; sie wurzelten fest im Boden, alles
war wieder von mir getrennt, und ich war allein und einsam.
    Ich setzte mich auf die Stufen des Bildes und war ruhig.

                              Sechzehntes Kapitel


Ich mochte das Bild nicht ansehen - warum? das wei ich nicht, vielleicht des
Inhalts wegen - und dachte:
    Was soll diese liebliche traurige Verirrung auf Erden, was hat so eine arme
Violette getan? Warum sind die Dichter verstoen von der Gesellschaft? bis sie
die Gesellschaft mit ihrem Gesange zwingen, sie zu ernhren - warum sind die
Dichterinnen mit dem Leibe verstoen? bis sie Aspasien werden. - Da singt so ein
armes Vlkchen, weil es nur sein bichen Kehle hat und von allem andern weniger
- da liebt so ein armes Vlkchen, weil sein Leib mchtiger ist als die Moral, -
ist denn keine Welt fr die armen Mdchen da, die lebendiger sind als die
Pflicht, was haben die Kinder getan, und wer will das Fleisch strafen, da es in
ppigem Leben den engen Rock des Staates zersprengt, und hervortritt natrlich
an die Sonne und die Liebe.
    Wo ich so ein armes Kind sehe, treten mir die Trnen in die Augen, und ich
fluche, da nicht Platz genug ist in der Ehre fr das Leben.
    O nennt sie nicht unverschmt, die nicht zugegen waren, als die
Erbrmlichkeit siegte, und den Thron bestieg in Purpur der Scham. Sie sind nicht
grer als die Scham, aber die Scham ist viel zu klein fr sie.
    Ich dachte mit einiger Bosheit an die Ehe, die nur in die Breite geht, und
sich so breitmacht, die Flche des Staates zu begrnden, da alles, was die
Liebe nur in der Eile empfindet, und nicht in der Weile, in die Hhe mu, weil
leider im Staate die Hhe allein noch nicht bevlkert ist.
    Die Ehe kam mir vor wie eine unendliche Flche mit dem tiefsten Ha gegen
alles Streben in die Hhe. Und der Stand der freien Weiber kam mir vor wie eine
senkrechte Linie zum Himmel, die nirgends fest stehen kann, weil die Ehe keine
Hhe duldet.
    Die arme senkrechte Linie mu daher immer tanzen, wie einer, dem der
Fuboden glhend gemacht wird, und kaum richtet sie sich in die Hhe, so mu sie
fallen. Zum rechten Winkel bringt sie es selten - immer findet man sie in
kleinen schiefen Winkeln und immer zum Fallen bereitet.
    Das Elend der Kinder war mir nun deutlich, wie ihre Freude, sie mssen stets
an den brennenden Boden fallen, und ihre kleine Freude liegt in ihrer
Bestimmung, aufrecht in den Himmel zu dringen, und man soll ihnen nicht lnger
Vorwrfe machen, da sie sich untersttzen lassen, in die Hhe zu kommen, die
ihr Element ist, da die Ehe den ganzen Boden gemietet hat, fr ihr monopolisches
Einerlei.
    O wre eine Flche auf der Erde, wo die Liebe nicht znftig wre, und lge
sie hinter der brgerlichen Welt und ihren Gewssern, und wren alle die
verlornen Kinder dort, knnte ich sie dann nicht abbilden in ihren verschiedenen
Graden von Streben nach dem Himmel, wie die Strahlen einer aufgehenden Sonne -
[nach] langer Nacht.
    Und die kalte Zone der Ehe wrde erwrmt werden, und erleuchtet - wir werden
gesund sein, wenn wir unsere Organisation nicht mehr fhlen, wir werden einen
Staat haben, wenn sich die Gesetze selbst aufheben, wir werden eine Liebe haben,
wenn wir keine Ehe mehr kennen. Bis dahin seien die Tiere des Waldes gepriesen,
wegen ihrer Gesundheit, bis dahin seien die Freiheitsschmerzen edler Seelen
geehret, bis dahin dulde man mein Bild der aufgehenden Sonne fr die verlornen
Mdchen.
    Denn ich will ewig glauben, da sich die Liebe in sie geflchtet hat, in
dieser Zeit der Ehe, wie alles Gute sich in die Poesie flchtete zur Zeit der
Barbarei, und sie stehen jetzt noch da, wie einst die romantische Poesie
dastand.
    So hatte ich gedacht, auf den Marmorstufen sitzend, den Kopf mit
geschlossenen Augen in die Hand gelehnt.
    Ich fhlte den khlen Tau auf meinen Hnden, stand auf und ffnete die
Augen. Der Mond zerschmolz in das Licht des Morgens, und es war mir, da ich in
die freudige Welt hineinblickte, als lchelte sie meiner Trume, und ich wre
aufgestanden wie eine Blume, die in dem Bach ihr Bild nur sieht, und tiefer den
Himmel. Als ich auf die andere Seite des Bildes trat, lag die Rte des Morgens
am Himmel.
    Der Erde gehrt dies Rot und nicht der Sonne. Bald drangen die ersten
Strahlen meiner siegenden Kolonie zum Himmel, und kten alle Trnen des Taues
von der Erde; sind doch Trnen ihr einziges eignes Gedeihen!
    Ich wendete mich nun zum Bilde, und es schien zu leben; das rote Licht
strahlte dem Genius um Haupt und Herz, go Leben und Blut durch das Ganze, und
spielte dem nackten Mdchen um den Busen und den geheimnisreichen Scho. Die
Sonne wollte schneller in die Hhe, und jeder Strahl wollte das Denkmal der
Schwester dem schamroten Lichte der Erde entreien.
    Vor mir war das Bild gleichsam geboren. Ich sah es in der Nacht wie in Liebe
und Traum, im Mondlichte wie mit dem Begehren, erschaffen zu werden, in des
Morgens Dmmerung wie in der Ahndung des Knstlers, mehr und mehr in den Begriff
tretend, und ich stand vor ihm und sah, wie es hervordrang mehr und mehr in die
Wirklichkeit, und endlich zum vollendeten Werke ward im Glanz der Sonne,
getrennt von dem Schpfer, der nur ein Gebrer ist, fr sich selbst, mit allen
Rechten seiner Gattung.
    Als es so vor mir stand, wie aus der Finsternis erstiegen, wie erblhet,
gestaltet und frei, drang es heftig auf mich ein, und forderte von mir, was es
war; es begehrte mit Gewalt, da ich es erkenne, und ich fhlte mit Freude in
meiner Brust, da ich es erkannte, und da es und ich in der Dunkelheit sein
Begehren war, und da sein Erlangen mit dem Lichte kam, in mir und in ihm.
    Anfangs hatte ich nur den Totaleindruck seiner Eigentmlichkeit und so rein,
als seine Vortrefflichkeit ihn geben mute - Wollust, Jugend, Freiheit, Liebe
und Poesie im Siege des Wahnsinns den Gttern geopfert. Da ich aber von seinem
Ausdruck durchdrungen war, da ich es in mich aufgenommen hatte mit seinem
Willen, da ich es liebte, forschte ich nun freundlich nach seiner Entstehung -
wie ist dir? hatte ich zuerst gefragt; nun fragte ich: wie war dir, und wie ist
dir so geworden? und es war, als sagte es:
    Begreife die Bilder an den Seiten des schweren Wrfels, von dem ich zum
Himmel schwebe, und du wirst mein Leben erkennen, das ein schwerer Wrfel war -
doch mute ich mit ihm um Glck spielen, bis der Gott das Glck fesselte. Ich
selbst von der obern Seite des Wrfels schwebend bin der Gewinnst. Die Liebe
fhrt den spielenden Wahn zu den Gttern. Die untere Seite des Wrfels ist meine
Geburt; der Wrfel war falsch, diese Seite mute die Eins enthalten, aber sie
enthlt eine falsche Drei, ach! und nur so konnte der Wrfel stehen, da mein
Sieg oben wohne.
    Ich betrachtete die Reliefs der vier Seiten des Piedestals welche
allegorisch Violettens Geschichte enthielten.
    Das erste, wie sich das Kind zum Genusse entscheidet.
    Das zweite, wie sich ihr die Jungfrulichkeit nicht anpassen will.
    Das dritte, wie sie der Genu besiegt, ihr den Grtel lset und von dem
Schoe um die Augen legt.
    Das vierte, wie die Liebe sie besiegt, und sie in der Umarmung ihres Genius
die Poesie nur noch im Wahnsinne erringt.
    Die Gruppe auf dem Wrfel aber, ihre Apotheose selbst, ihr Tod im Wahnsinne.
    ber ihr schwebte der Genius, an seine Brust drngt sich der fliegende
Schwan, in der einen Hand hebt er die Lyra empor, und schauet selbst zu dem
Himmel. Das Mdchen steigt nackt, halb ringend, halb schwebend und mit Schwere
kmpfend, aus dem Gewande, das in schnen groen Falten auf den Wrfel sinkt.
Ihr Kopf ist auf den Busen sinkend und tot; der Genius hat die eine Hand in ihre
Locken geschlungen, um sie heraufzuziehen; das Mdchen umklammert mit der
Rechten seine Hfte mit Liebe und Arbeit, und hebt die Linke matt und welk nach
der Lyra, was man an den willenlos sinkenden Fingern dieser Hand erkennt. Die
beiden Vorderseiten der Figuren sind aneinander gelehnt, so da man von jeder
Seite eine Figur ganz und eine halb sieht. Des Mdchens Brust ruht an dem
Schwane, der die Mitte des Bildes erfllt, und die beiden Figuren verbindet. Von
der Seite des Genius sieht man den Unterleib Violettens, um den sich das Gewand
noch gierig anschmiegt; ihren Busen und den schmerzlich liebenden Zug ihres
Gesichts, den der Tod nicht ganz besiegt und der Wahnsinn wie ein letzter
heftiger Reiz noch einmal ins Leben zu wecken scheint, sieht man von der einen
Seite genug, damit das Bild seinem Sinne genge; denn der ganze schne Leib
Violettens ist durch den einen schwebenden Fu und den Zug der Hand des Genius
in ihren Haaren auf ihrem andern, schwer an die Erde gebannten Fue gewendet.
berhaupt ist es fein von dem Bildhauer gedacht, da er die ganze Seite des
Mdchens, mit deren Arm sie den Genius umklammert, sinkend und schwer gebildet
und sie zum Anlehnen der Verbindung gebraucht hat, so wie er die andere, mit
deren Hand sie nach der Lyra strebt, und deren Fu sie hebt, ganz frei und in
gelindem Schweben hielt. Von dieser Seite ist das Bild anzusehen. In der Mitte
des Bildes, wo sich die Hand in die Locken windet, stirbt seine Wollust und
Liebe, die mit dem Mdchen heraufdrang und lst sich sein Stolz und seine
Hoheit, die vom Haupte des schwebenden Genius niederwallet, und erschliet sich
gleichsam eine Wunde, die dem ganzen Einheit giebt, und in der sich beide schn
durchdringen, und schn ist es, wie der Schwan sich an diese Wunde schmiegt, und
den Schmerz des Anblicks lindert. Wenn ich sagen wollte, wo man das Bild im
Leben fnde, so wrde ich sagen:
    Gehst du in liebeheischenden Frhlingstagen abends durch wunderbare
kunstreiche Grten, und suchst Liebe in der Dmmerung traulicher Lauben, und
trittst du in eine, wo ein Weib so ganz ergeben in Schlaf oder Lust auf weichem
Moose ruht, und trittst du hin, bebend in khnem Rausche und banger
Unerfahrenheit, stehst zitternd vor ihr; sie erwacht nicht; ein dnnes,
formensaugendes Gewand bedeckt sie; der Busen hebt es nicht, und blickt durch
das Gewand, wie deine eigene Lust durch deine bange Unerfahrenheit; du wendest
deine Augen hin zum Haupte, und glaubst das Bild der Wrde selbst zu sehen; dein
Entschlu wankt, du sinkest nieder, kssest die schne Hand, die auf der linken
Brust gelinde zu ruhen scheint, und fhlest im Ku der Hand des Busens
ergebenden Widerstand, und wenn sich dann in allen deinen Gliedern das Leben
regt, und alle Natur ein Bndnis schliet in deines Herzens Mitte gegen die
Tyrannei der Furcht, der Sitte, und der Unerfahrenheit, und wenn du dann mit
khner Hand das Tuch, das dich so von der Liebe trennen will, verachtend,
schchtern, doch gelinde von den Fen aufwrtsziehst, und immer hher in
Seligkeit die lustbetrnten Augen gleiten, und wenn das geschrzte Gewand das
wrdevolle Haupt schon lngst bedeckt, den Busen du befreien willst, um
hinzugehn in aller Freiheit in die Lust, wenn dann die schne holde Brust - - -
- - mit einer offenen Wunde blutgen Lippen zu dir spricht, was dir des Hauptes
Wrde nicht, und nicht des Schoes heimliches Vertrauen sagte, wenn alle deine
Lust in diese Wunde wie in ihr Grab dann sinkt, und hlfesuchend das Gewand du
von dem ganzen schnen Leibe niederziehst, und von der schmerzenvollen Wunde
aufwrtsblickst, hin nach dem Haupte, Gebet zu holen, und nieder ber des sen
Leibes Zaubereien, mit dem Traume der irdischen Wonne deinen Schmerz zu lindern,
wie in der Erinnerung des schnen Lebens die Trauer um den Tod sich mildert, und
wenn du ewig zu der Wunde wieder hin mut, bis endlich alles das in ihr
zusammenrinnt, und Lust und Schmerz und Hoheit aus der Wunde blhen - so hast du
voll des Bildes Eindruck, so stehst du vor dem Denkmal Violettens, und wendest
du dich, und trittst ins enge dunkle Haus zu jenen Menschen, die du die Deinigen
zu nennen pflegst, so fhlst du, was du dich vom Bilde wendend fhlest.

                              Siebzehntes Kapitel



                               Violettens Denkmal

                 Die vier Reliefs des Wrfels und die Apotheose

                                 Erstes Relief

Ein kleines Mdchen sitzet in der Mitte,
Die Arme schalkhaft ber sich gerungen,
Hlt sie ein junger Faun mit Lust umschlungen,
Sie strubt sich ihm, der ihr mit wilder Sitte

Ein Tambourin mit Frchten reicht, die Bitte
Ist in des Mdchens Ku ihm schon gelungen,
Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen,
Da sie von ihm den wilden Ku erlitte.

Denn von ihr abgewandt, die jungen Schmerzen
In Tnen lsend, singt ihr Genius,
Die Rechte in der Lyra, was im Herzen

Die Linke fhlt, es neiget von dem Ku
Sich ihm des Mdchens Aug, voll schlauen Scherzen,
Sie hrt sein Lied, doch sieget der Genu.

                                 Zweites Relief

Die Jungfrau steht, vor ihr ein Weib und zwinget
Die Freie, sich dem Grtel zu bequemen;
Ihr, die sich schmt, der Nacktheit sich zu schmen,
Des Genius Arm die Fe hold umschlinget.

Indes dem Weib die Grtung schon gelinget,
Scheint Neugier nur die Jungfrau zu bezhmen,
Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen,
Und hebt das Tambourin, das dumpf erklinget,

Hoch mit der Rechten, und mit scheuem Beben
Forscht ihre Linke, was im Spielwerk rauschet,
Und fhlet zarte Flgel kleiner Tauben;

Der Faun, der ber ihr auf Felsen lauschet,
Beugt sich herab, die Tauben hinzugeben,
So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben.

                                 Drittes Relief

Im Himmel irrt ihr Blick, und an der Erde
Ringt sie in wilder Ble hingegeben.
In Lust ersterbend, voll von heiem Leben,
bt sie, gereizt, so reizende Gebrde.

Auf da ihm whre, was sie sich gewhrte,
Legt schlau der Faun ihr, der in Lustgeweben
Nun grtellos die freudgen Hften schweben,
Den Grtel um das Aug, wie Lust ihn lehrte.

In sem Schmerz will sie die Arme ringen,
Und schlgt das Tambourin in wilden Lsten,
Die Tauben buhlen auf den holden Brsten,

Es bebt der Schwan in seines Todes Singen,
Es bricht in seines Liedes Lieb und Leiden
Der Genius der Lyra goldne Saiten.

                                 Viertes Relief

Der Genius hlt siegend sie umwunden,
Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen
Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen
Trinkt sie den Tod in lusterschlone Wunden.

Sie stirbt im Licht; die Binde losgebunden,
Mu sie in ewge Blindheit untertauchen,
Da ihre Ksse heilges Leben saugen,
Im Wahnsinn mu der Sinne Wahn gesunden.

Das Haupt verhllt in loser Locken Fluten,
Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,
Die hoch erhebt, der Schwan reckt seine Schwingen,

Das Tambourin, in dem die Tauben ruhten,
Zertritt sein Fu, den Faun sieht man gefangen
In jenem Grtel an der Erde ringen.


                                 Die Apotheose

                                    Canzone

                                     Gebet

Es ruht ein holdes Bild vor meinen Blicken
So khn und mild verschlungen,
Wie Lieb und Lied, wie Ku und Tod verwebet,
In Sehnsucht strebt es auf, weilt mit Entzcken,
Von Wollust ganz durchdrungen,
Des Bildes innres Heiligtum erbebet,
Still zu den Gttern schwebet.
Ich kniee an des Bildes Marmorstufen,
All meine Sinne rufen:
Gieb Liebe mir und Lied in Tod und Leben,
La mich mit dir zum stillen Himmel schweben!

                                   Das Gewand

Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen
Aus des Gewandes Falten,
Die halb in schner Ungestalt herabgelassen,
Halb gierig noch, so buhlerisch ergossen,
Die ppigen Gestalten
Der Hften ihr verrterisch umfassen,
Den holden Leib nicht lassen.
So zarte Hlle kann nur Dmmrung weben,
Will Phoebus sich erheben.
So kt das Meer des Gottes goldne Fe,
Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Ksse.

                                    Violette

Ein schweres Leid strmt durch die holden Glieder,
Die Schwere kmpft mit Schweben,
Die Hften ringen himmelan zu dringen,
Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder;
Um schneller sich zu heben,
Mu sie die Rechte um den Genius schlingen.
Hoch auf des Schwanes Schwingen
Schwebt er, zur Lyra ihre Rechte strebet,
Die seine Linke hebet,
Und mchtig hebt er sie mit seiner Rechten,
Verschlungen in der losen Locken Flechten.

                                   Der Genius

Er, der am Boden freundlich nur geschienen,
Voll Huld und milder Treue,
Schwebt ernst empor in gttlichen Gedanken,
Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen,
Er lt in stiller Weihe
Sich von des armen Kindes Arm den schlanken
Geschwungnen Leib umranken,
Ihn hebt der Schwan, und um sie nicht zu lassen,
Mu er ihr Haupthaar fassen.
Des hohen Werkes heilgen Schmerz entzndet
Die Hand, die er in ihre Locken windet.

                                   Das Ganze

Das ganze Bild, in Einigkeit verbunden,
Gleicht rhrendem Gesange,
Wie heilige Gebete aufwrts dringen.
Im Herzen glhen ihm so tiefe Wunden;
Mit schmerzenvollem Drange
Mu es nach Lieb und sen Tnen ringen,
Zu Ruhe sich zu schwingen.
So hebt es sich, so strebt es nach der Leier,
So schwebt in hoher Feier
Der Gott empor und in des Bildes Herzen
Schmiegt sich der Schwan und reiniget die Schmerzen.

O harre, hebe mich empor!
Wie es in tiefer Andacht ganz erbebt
Und zu dem Himmel strebt. -
O Gtter, lst den Schmerz in sen Trnen,
Umarmt im khlen Flug sein heies Sehnen!


                              Achtzehntes Kapitel

Da ich diese Verse niedergeschrieben hatte, hrte ich Habern die Fensterladen
unserer Schlafstube aufstoen, und ging tiefer in den Garten. Ich sah Godwi in
einer Allee mir entgegenkommen; es freute mich, und ich war entschlossen, ihm
mein ganzes Verhltnis zu ihm zu erklren. Er sprach mit mir von gestern abend,
und warnte mich nochmals ernstlich, mich solchen Stimmungen nicht hinzugeben; er
sagte:
    Solche Stimmungen fhren zu einer frevelhaften Ansicht des Lebens, und
unsere Fhigkeit zu rhren erhlt endlich so sehr das bergewicht gegen jene,
gerhrt zu werden, da wir der Welt hart und grausam vorkommen, wenn uns das
Herz blutet - ich kenne dieselbe Empfindung, und es hat mir viele Mhe gekostet,
ihre Narbe zu verlieren.
    Sie haben Recht, fuhr ich fort, es liegt eine falsche Dramatik in diesem
Zustande, und man zerstrt sowohl sein Talent zu fhlen als darzustellen, wenn
man die bloe unbestimmte Rhrung durch den Witz gewaltsam zum Eindruck erhht,
und die Handlung genug zum Leiden herabstimmt, um dieses Mittelding von Rhrung
und Eindruck fantastisch uern zu knnen. brigens habe ich einen solchen
berwiegenden Drang zur Darstellung, da ich mit groem Genu in solchen
Stimmungen verweile, und ich glaube wirklich, da diese Art von uerung mir oft
ntzlich ist, da ich nichts weniger ertragen kann als das Stumme und Tonlose.
    Godwi wollte mich hierauf zu Violettens Grab fhren. Ich sagte ihm, da ich
seiner Gte zuvorgekommen sei, und zwar indem ich zum Fenster herausgestiegen
wre.
    Er lchelte, und sagte: Ich danke Ihnen beinah dafr, denn dieses Bild ist
mir mit vielen Schmerzen verbunden.
    Auch mir ist es mit Schmerzen und Lust verbunden gewesen, ich habe in mir
vieles an dem Bilde erlebt, und wenn es Sie freuet, so lesen Sie einige Verse,
die mir der schne Morgen in die Schreibtafel schrieb, als er mich und das Bild
so vertraut fand.
    Ich gab ihm hier die Sonette und die Canzone; sie schienen ihn zu rhren,
und ich dachte an die geringen Tne des Alphornes, die dem Schweizer in der
Fremde das Herz brechen knnen.
    Ich danke Ihnen, sagte er, und drckte mir die Hand, es standen ihm Trnen
in den Augen; ich danke Ihnen fr die Sonette, und erlauben Sie, da ich sie
abschreibe.
    Ich danke Ihnen fr Ihre Trnen, erwiderte ich, welche die fehlende
Pointe meiner Sonette so schn ersetzen, und erlauben Sie, da ich diese Trnen
abschreibe.
    
    In einem Sonett? das wre zu gedehnt - in meinem Leben? wenn Sie wollen, ja
- ich bin Ihnen gut.
    Und wenn ich schon manches aus Ihrem Leben abgeschrieben htte, und Sie
shen meine schlechte Schrift, und meinen selbstischen Stil, wrden Sie mir
diese Trnen dennoch vertrauen?
    Auch dann; Sie scheinen mir das Verwirrteste entwirren zu knnen. Sie haben
Violettens Leben so treu in einer bloen Darstellung ihres Grabmals geschildert,
da ich Ihnen zutraue, Sie knnten, wenn Sie lange mit mir umgingen, aus mir,
dem Denksteine meines Lebens, meine Geschichte entwicklen.
    Ich zog hier den ersten Band dieses Romans aus der Tasche, und reichte ihn
ihm mit den Worten hin:
    Ich halte Sie beim Worte.
    Was ist das? sagte er, schlug das Buch auf, las das Lied: Und es schien
das tief betrbte usw., sah mich an, bltterte weiter - Rmer - Godwi - Otilie
- Joduno - und lief mit dem Buche davon.
    Ich reihte schon alle meine Entschuldigungen zusammen, als ich in mir durch
die entschuldigende Ansicht meines Buchs auf die Geschichte seiner Snden kam,
welche aber nichts anders als eine Geschichte meiner Unschuld blieb, und diese
Unschuld selbst hatte fr mich ein so liebenswrdiges Ansehen, da ich nicht
zweifelte, Godwi mit einer naiven Darstellung dieser Unschuld ganz besnftigen
zu knnen.
    Hier bemerkte ich Habern, der langsam die Allee heruntergeschritten kam; er
las in einem Buche, welches ich am Einbande fr Goethens Tasso erkannte, denn
ich hatte es morgens auf seinem Nachttische liegen gesehen. Er ging so langsam
und nachlssig, da ich vermutete, er lese die Worte der Prinzessin:

Schon lange seh ich Tasso kommen. Langsam
Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
Auf einmal still wie unentschlossen, geht
Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
Schon wieder -

Ich zog mich in die Gebsche zurck, um ihm einen Lorbeerkranz zu flechten, den
ich ihm scherzhaft aufsetzen wollte, fand aber bald seinen eignen Hut, den er
auf einen alten Aloetopf gesetzt hatte, und da er mich einholte, und mir guten
Morgen sagte, nahm ich pathetisch ihm das Buch aus den Hnden und las, indem ich
seinen Hut berhrte, der auf dem Aloetopfe hing, die Worte Alphonsens
parodierend:

Hat ihn der Zufall, hat ein Genius
Gefilzt ihn und gebracht? Er zeigt sich hier
Uns nicht umsonst. Den Aloe hr ich sagen:
Was ehret ihr den leeren Topf? Er hatte
Schon seinen Lohn und Freude, da ich blhte - 

Ich setzte ihm den Hut auf, und las, die Worte der Prinzessin parodierend,
weiter:

Du gnnest mir die seltne Freude, Haber,
Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.

Haber machte in seiner Vertrglichkeit ein Meisterstck, er freute sich meiner
Laune, und fgte hinzu, indem er den Hut wieder auf den Kopf setzte:

O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
Nehmt ihn hinweg! er sengt mir meine Locken -

Denn ich habe ihn allein hierher gehngt, weil es mir zu hei war. brigens
sollten Sie mich nicht necken, da ich die Idee habe, den Tasso zu bersetzen,
Sie kennen meine Kunst noch nicht, und wrden sicher mit ihr keinen Kampf
bestehen -

Denn wer sich rsten will, mu eine Kraft
Im Busen fhlen, die ihm nie versagt.

Ich gehe den Kampf zwar nicht ein, sagte ich, aber wir wollen doch zum
Scherze ein italinisches Lied miteinander bersetzen, das ich fr ziemlich
unbersetzlich halte; es kommt mir eigentlich nur darauf an, da das Lied
bersetzt wrde, heute abend wollen wir es beide Godwi vorlegen.
    Haber willigte ein, und ich schrieb ihm das Lied auf, dann ging er weg. Ich
setzte mich nieder, und versuchte meine bersetzung, aber ich ward mutwillig,
und konnte es nur frei bersetzen. Ich brachte einen Teil des Vormittags damit
zu, und da ich so ziemlich damit fertig geworden war, ging ich nach dem
Landhause, eine Flte Douce rief mich in die Familienstube des Pchters.
    In der Stube stand ein Mann von etwa dreiig Jahren, der die Flte blies;
die Kinder waren um ihn versammelt, und hrten zu; ein besser gekleideter Mann
stand vor ihm und sagte ihm: Nun ist es bald genug. Hier trat ich in die
Stube, und er legte die Noten beiseite, putzte seine Flte mit dem Schnupftuche
sorgsam ab, und legte sie weg. Die Kinder in der Stube kamen nacheinander zu
mir, und reichten mir die Hand, wie es die Mennoniten pflegen. Da ich glaubte,
der Mann habe meinethalben aufgehrt, so bat ich ihn fortzublasen; er versetzte
mir: Ja wenn es der Herr Doktor erlaubte! Sie selbst htten mich nicht stren
sollen, denn es ist lange, da ich dies Vergngen entbehre.
    Der Herr Doktor war der besser gekleidete Mann, und sagte mir, dieser
Bediente Godwis, der Georg heie, habe einen bsen Husten, darum habe er ihm das
Fltenblasen untersagt; zugleich flsterte er mir ins Ohr: Schwindsucht,
Schwindsucht, ist nicht herauszureien, machte dann seinen Diener und ging weg.
Da er fort war, war die ganze Stube stille, und ich sah den armen Georg
mitleidig an.
    Blase er immer noch eins, sagte eine junge Frau, die am Spinnrade sa,
wir hren es gerne, und bei dem Doktor ist es ihm doch nicht recht vom Herzen
gegangen.
    Georg schien mich mit seinen Blicken zu fragen, ob ich ihn nicht verraten
wolle, und da ich ihn selbst darum bat, blies er, wie er sagte, sein
Lieblingslied, und dann wolle er lange nichts wieder spielen. Die Trnen liefen
ihm dabei aus den Augen, und mir auch; ich dankte ihm. Man rief mich zu Tische.
    Dort fand ich Godwi, der lchlend meinen ersten Band zur Seite legte, und
mich fragte, warum ich so ernsthaft sei, ich solle sein Urteil nicht frchten,
obschon ihm vieles in dem Buche sehr lustig vorgekommen sei.
    So sehr mich Ihre Verzeihung auch rhren wird, sagte ich, so ist es doch
jetzt Ihr Bedienter Georg, der mich so ernst gemacht hat. Warum mu der arme
Mensch auch grade Flte blasen zu seiner Brustkrankheit, und warum mu er die
Musik so sehr lieben, als seine Krankheit sein Instrument hat; wenn er
unheilbar ist, so soll man ihm immer erlauben, frher an dieser schnen
Leidenschaft zu sterben als an seiner garstigen Krankheit.
    Sie haben recht, sagte Godwi, dieser gute Mann ist durch dieses Verbot
unglcklicher als durch seine Krankheit, die er sehr gut kennt. Ich wollte, ich
knnte ihn ein anderes Instrument lehren lassen, das zugleich tragbar wre, denn
er geht gar zu gern mit seiner Musik spazieren. Es freut mich, da Sie mich
daran erinnern, besinnen Sie sich doch, ob Ihnen nichts einfllt.
    Ich fragte ihn, ob er keine Laute oder Zither in der Gegend wte; ich
wollte Georgen darauf Unterricht geben.
    Gut, sagte Godwi, eine Laute ist im Hause, und zugleich erfahre ich, da
Sie bei mir bleiben, worum ich Sie ohnedies bitten wollte.
    Ich entschuldigte mich, da ich mein Hierbleiben so unvorsichtig
vorausgesetzt htte, versicherte ihn, wie gern ich es tte, und bat ihn, jemand
in die Stadt zu schicken, der meine wenigen Gertschaften herausbringe.
    Georg wartete uns bei Tische auf, und freute sich sehr, da ich ihm sagte,
da ich ihn die Laute lehren wolle. Haber schien etwas unzufrieden zu sein; ich
fragte ihn nach der bersetzung, er klagte ber die vielen italinischen
Wortspiele, brigens gehe er nach Tische wieder daran. Wir setzten als Wette
fest, da der, dem die bersetzung nicht gelnge, die Person in der Absingung
des Wechselliedes bernehmen msse, welche der andere bestimme. Haber entfernte
sich bald wieder, und Godwi sagte:
    Es ist etwas boshaft von Ihnen, und doch sehr ntzlich, da Sie ihn
beschftigen; denn obschon ich ihn recht gern leiden mag, so hat er doch nicht
den Mittelcharakter, dem man sich vertrauen kann; sein Enthusiasmus wird
meistens Hitze, und seine Ruhe Frost.
    Ist es Ihnen heute nach Tische so vertraulich? sagte ich, auf das Buch
hinsehend.
    Ja, erwiderte er, wir wollen den zweiten Band miteinander machen.
    Ich ging mit ihm in den Garten, und er fhrte mich ans uerste Ende in eine
Eremitage. Auf unserm Wege zeigte er mir seitwrts einen Teich.
    Dies ist der Teich, in den ich Seite 146 im ersten Band falle.
    Dann traten wir in die Eremitage, er stie den Laden auf, und das erste, was
mir in die Augen fiel, war das steinerne Bild der Mutter, welches gleich neben
diesem Fenster an dem Teiche stand.
    So ist es nun, sagte er ruhig; brigens haben Sie mich in Ihrem Buche
ziemlich getroffen, weniger Otilien und den Greis, und Sie sind zu
entschuldigen, denn Sie hatten nichts ber sie in Hnden als die Worte eines
glhenden Jnglings, die meinigen. Es mu Ihnen vor dem zweiten Bande sehr
gebangt haben, denn wo sollten Sie mit Otilien, mit dem Alten, mit mir selbst
hinaus.
    Wahrlich ich konnte nur denken, da ich den zweiten nie schreiben wrde,
weil ich den ersten nur schrieb wegen meiner Liebe zu Herrn Rmers Tochter, und
mute ich ihn schreiben, nun so -
    Ich danke, Sie htten mich und die ganze Gesellschaft wohl vom Blitze
erschlagen lassen.
    Ungefhr so etwas, denn Sie muten mir doch nicht zu, da ich Ihnen Otilien
htte zum Weibe geben sollen -
    Nein, soviel nicht - aber ich htte mich wenigstens umbringen mssen, weil
sie mich nicht nehmen wollte oder konnte - einen anderen Ausweg wte ich nicht
- ihr untreu werden? - das ganze Publikum htte auf mich geschimpft - sie
heiraten? - Sie htten in geheimnisreichen, chemisch-poetischen und doch
deutlichen Worten die Ehe hereinfhren mssen, sonst htte das Volk bei seiner
armseligen Liebe immer noch gelacht, mich bei Otilien im Bette zu wissen, bei
dem sternenreinen Mdchen, die so fein ist, da Ahndung und Erinnerung wahre
Telegraphsbalken fr sie sind. Ich kann mir Ihre Otilie kaum wie eine Hostie
denken.
    Sie ist freilich etwas sublime schlecht geraten, und ich htte Sie nicht
mehr lange oben bei ihr allein lassen drfen, denn Ihre Phantasien wollten auch
nicht endigen. Was sollte der Greis weiter vorbringen? von seiner Geschichte
wute ich nichts. Einigemal war ich entschlossen, durch Sie Otiliens Tugend
angreifen zu lassen, nur um ihr etwas Stoff abzugewinnen, weil sie doch auch gar
nichts tat, als unendlich zart sein. Es wrde sicher zu einem solchen
ehrenrhrigen Komplott gekommen sein, htte mir der Buchdrucker nicht so
zugesetzt, da ich nicht Zeit hatte, sie zu verfhren. Ich mute mich daher mit
der Freude begngen, alles, was sie gesagt hatte, mit etwas Bosheit
durchstudiert zu haben, um auf irgend eine Zweideutigkeit zu stoen, auf die ich
den Baum ihres Sndenfalls htte pflanzen knnen, damit ich nachher die
verschiedenen vortrefflichen Partieen ihrer Snde zu verschiedenen Zweigen
verarbeiten knnte, welche wieder pfel des Guten und Bsen getragen htten.
    Und was wollten Sie Seite 153 mit den stillen Lichtern? Sie wollten doch
nicht etwa dem Mdchen eine neue Art Mythologie geben?
    So etwas fr die lange Weile; aber ich fhlte zu sehr, da ich die alte
noch nicht verstehe.
    Eine neue Mythologie ist ohnmglich, so ohnmglich wie eine alte, denn jede
Mythologie ist ewig; wo man sie alt nennt, sind die Menschen gering geworden,
und die, welche von einer sogenannten neuen hervorzufhrenden sprechen,
prophezeien eine Bildung, die wir nicht erleben.
    Sie meinen also, es gbe keine Mythologie, sondern berhaupt nur Anlage zur
Poesie, wirkliche gegenwrtige Poesie, und sinkende Poesie. Mythen sind Ihnen
also nichts anderes als Studien der dichtenden Personalitt berhaupt, und eine
Mythologie wre dann soviel als eine Kunstschule, so wie eine hinreichende
Mythologie eine hinreichende Kunst, und eine letzte endliche Mythologie nichts
als ein goldnes Zeitalter wre, wo alles Streben aufhrt und nichts mehr kann
gewut werden, weil dann das Wissen das Leben selbst ist; nicht einmal das
Wissen kann dann gewut werden, da wir keine Einheit mehr denken knnten, indem
die Mglichkeit zu zhlen in der bloen Einheit, die allein noch brig sein
knnte, aufgehoben wre.
    Godwi sah am Ende meiner Rede zum Fenster hinaus, und als ich schwieg,
kehrte er sich mit folgenden Worten um:
    So ein paar Sachen, die ein jeder verstehen kann, wie er will oder kann,
weil sie undeutlich sind, lassen Sie wohl auch im ersten Bande mit einflieen,
aber im zweiten soll es nicht sein.
    Er nahm mehrere Papiere aus dem Schreibpulte, und sagte: Diese Papiere
enthalten die Geschichte meines Vaters in Bruchstcken, wie auch die meiner
Mutter und das meiste der Jugendgeschichte des Alten und Mollys, von Kordelien
nichts, auch von mir nichts; aus allem diesem nun mssen Sie Ihren zweiten Band
zusammenschreiben und mir vorlesen, von den Nebenpersonen des ersten Bandes
drfen Sie nicht viel sagen, weil sie bald abtraten. Das brige meines Lebens,
bis jetzt, will ich Ihnen dann erzhlen. Sie knnen hier von dieser Zelle Besitz
nehmen, und darin arbeiten. In der Zwischenzeit fhre ich Sie in die
Bildergalerie, welche zu Ihrem Buche hier in dem heiligeren Teile des Hauses
sehr vollstndig ist, denn mein Vater lie beinah alle die Hauptszenen aus
seinem Leben malen, daher waren auch immer so viele Knstler bei ihm. Ich habe
diese Eigenschaft mit wenigen anderen nur insoweit von ihm geerbt, da ich
Violettens Denkmal verfertigen lie, die bestimmendste Szene meines Lebens.
    Ich dankte ihm fr seine Gte, und versprach ihm, es so gut zu machen, als
ich knnte; dann las er mir hintereinander die Aufstze vor, und ich bildete
daraus, was die Leser nun hren werden.

                              Neunzehntes Kapitel



                Geschichte der Mutter Godwis und ihrer Schwester

In einer Handelsstadt an der Ostsee lebte Wellner, ein wohlhabender Kaufmann,
der seine beiden Tchter liebte, und fleiig ber ihren Sitten und ihrer Bildung
wachte. Er hatte seine brave Hausfrau frh verloren, da Marie und Annonciata
noch sehr jung waren, und ihr in der letzten Stunde versprochen, diese mehr zu
hten als sein Geld und Gut, was er auch treu vollbrachte; ja man knnte sagen,
wirklich ber Vermgen, denn er verlor in der Zukunft nicht nur sein Vermgen,
und meistens durch die Liebe zu seinen Kindern, sondern er verlor auch beide
Kinder selbst.
    Er gesellte ihnen einen Jngling zu, welcher elternlos war, und den er in
seinem Hause unterhielt. Dieser, den ich Joseph nennen will, war immer mit den
Mdchen, er hatte gute Schulkenntnisse, und gab ihnen den ersten Unterricht.
    In der Blte des Lebens, wo sich die Gattung in einer schnen Blume
entfaltet, erklrte sich Marie als ein durchaus sanftes und argloses Geschpf
mit einem treuen warmen Herzen und einem hellen Geiste, der aber meistens in der
Wahl das Gute dem Schnen vorzog.
    Annonciatens Blte war schwerer zu bestimmen, ein khneres und doch
harmonisches Gemisch von Farben ist nicht leicht denkbar. Alles liebte sie, und
keiner mochte sie recht leiden. Man wagte seine Liebe selbst in dem Kinde schon
nicht zu wissen, weil man eben dieses Kind nicht verstand. Sie selbst machte
keine Forderungen an die Welt, und war doch nichts als Begierde; das meiste
gengte ihr nicht, aber sie konnte es nicht sagen, weil sie die Armut der
Gebenden schonte.
    Dieser ganze Zustand war nur Zustand in ihr, denn sie konnte noch nicht
berlegen, als sie schon so im Leben stand, und in der Folge meinte sie, es wre
wohl nicht anders, und dieses sei das menschliche Leben. Sie liebte nichts so
sehr als Blumen und sang recht artig.
    Wellner glaubte, ihr stilles und oft heftiges Wesen sei eine Folge eines
geschlechtlichheftigen Temperaments, und er wnschte sie daher frh verheiratet
zu sehen. Freilich hatte er in seiner Meinung nicht ganz unrecht; aber der gute
Mann wute nicht, welcher groe Unterschied zwischen dem sogenannten heftigen
Temperament und der von Grund aus reinen Weiblichkeit ist.
    Marie war des Vaters Augapfel, denn sie war ruhig und bescheiden, und schien
nichts zu wnschen, als was er ihr geben konnte. Er hatte sich daher fest
entschlossen, sie spt oder nie von sich zu lassen. Da er allein fr seine
Kinder lebte, und alle seine Gedanken nur sorgend fr ihr Wohl waren, so
durchdachte er ebenso gern seinen Lebenskreis, sich fr Marien eine Verbindung
zu erfinden, als er viele Stunden berlegte, wie er Annonciaten glcklicher
machen knne, als es die Welt berhaupt konnte.
    Joseph, den er in seine Handlung genommen hatte, und der seine Tchter
fleiig unterrichtete, ward ihm tglich unentbehrlicher, denn er war ebenso sehr
fein und spekulativ als treu und anhnglich, und die Handlung stieg unter seiner
Einwirkung ebenso schnell, als der Vater mit Freuden besonders Mariens Bildung
sich entwickeln sah.
    Mit Annonciaten war es nicht so, denn lebendige Frchte knnen in ihrer
Gesundheit nur durch die Sonne reifen. Sie ermdete leicht an Josephs
Unterricht, und wo ihre Bildung vor sich ging, im inneren Heiligtume ihres
Busens, da konnte Joseph nicht hinsehen. Der junge Mann ward oft durch ihre
auffallenden Fragen gestrt, und als sie ihn in einer solchen Verlegenheit recht
von Herzen, wie sie oft pflegte, guter Joseph! nannte, beleidigte ihn dieses,
und er klagte es Wellnern. Dieser stellte ihr diese Beleidigung recht herzlich
vor, und obschon sie ihre Unschuld tief empfand, so bat sie ihren Vater doch mit
bittern Trnen um Vergebung, und versprach, Josephen dasselbe zu tun.
    Es kostete ihr vielen Schmerz, und Joseph konnte ihrer Rhrung nicht mehr
Einhalt tun, als sie Verzeihung von ihm erflehte, so da er anfing, sie fr
etwas beschrnkt zu halten, da er ihre heftige Ausrufung, wie keine Liebe und
keine Freundlichkeit in der Welt sei, hrte, denn in dieser Opferung ihres
Stolzes lste sich alles in ihrem Herzen, und indem sie um Verzeihung zu bitten
glaubte, beschuldigte sie das ganze Leben.
    Nach dieser Szene wendete Joseph sich immer mehr zu Marien, und auch
Annonciata kehrte mehr in ihr Herz zurck, obschon sie edler als er ihn nichts
davon empfinden lie.
    An einem vertraulichen Abend war Joseph noch spt auf der Stube Wellners,
und sie sprachen vieles ber die Lage der Handlung, und eine Reise, die Joseph
bernehmen msse, um ihr mehr Selbststndigkeit zu geben, und sie den
geldsaugenden Commissionairs zu entziehen. Von dieser Unterredung kehrte Wellner
wie gewhnlich auf das Schicksal seiner Tchter zurck, Joseph aber schwieg, als
habe er etwas auf dem Herzen. Der Vater sagte:
    Es ist wunderbar, wie kein Geschft auf Erden unserm Leben, unserer
Ttigkeit Freiheit giebt, es mag noch so blhend sein, als es Flei und Einsicht
machen knnen. Niemals wird die schne Gewohnheit einer bezweckten Ttigkeit
hinreichen, und wir kehren auf jedem Punkte, der eine Rundung der Ansicht
erlaubt, in unser eignes armes Herz zurck, und bringen hchstens etwas
Zerstreuung oder Stoff zu neuen Plnen mit, wenn wir zur Arbeit zurckkehren.
Wenn ich nun Ihre Reise bedenke, und alle die schnen Vorteile derselben
betrachtet habe, was habe ich am Ende gewonnen, was wird aus meinen Kindern
werden, wenn ich mit ihnen allein bin? was, wenn Sie wiederkommen?
    Joseph hatte eine solche Minute erwartet, und sagte ihm gerhrt:
    Ich ehre diese Empfindung in Ihnen, Ihre Gte hat mich Ihnen so nahe
gebracht als Ihren Kindern; fr Annonicaten wei ich nichts, als da es gut sein
wird, sie bald zu verehlichen, um ihren unbestimmten Empfindungen die allgemeine
Richtung des Weibes zu geben.
    Und fr Marien? fuhr Wellner fort.
    Fr Marien, sagte Joseph, kann ich nicht whlen, denn ich liebe sie.
    Dies Gestndnis hatte ihm viel Mhe gekostet, weil er nur zu sehr fhlte,
wieviel er Wellnern schon zu danken habe. Wellner fand dies nicht, er fhlte die
Schuld, wre je eine da gewesen, lngst getilgt, und versprach ihm Marien mit
Freuden, als Lohn seiner Treue, wenn sie ihn liebe.
    Dies glaubte Joseph beinahe schon, oder wenigstens, da sie ihn heftig
lieben werde. Hierin irrte er sich, denn sie liebte ihn sehr; nur war sie keiner
lebhaften uerung fhig; auch reizte sie nichts zum Gestndnis, da ihr Herz wie
ihr Leben voll stillen Glcks und voll Ruhe war.
    Da nur noch wenige Monate bis zur Abreise Josephs brig waren, so wurde die
Verbindung und seine Aufnahme in die Handelsfirma bis zu seiner Rckreise
festgesetzt; doch entschlossen sie sich, ihm Marien nherzubringen, und zugleich
fr Annonciatens Versorgung zu denken. So hatten die beiden Freunde gesprochen,
und verlieen sich beide zufrieden, voll Hoffnung auf eine schne Zukunft.
    Als Wellner nach seiner Stube ging, und im Begriffe war, zu Bette zu gehen,
hrte er seine Tchter, die ber ihm wohnten, noch wach sein und im Gesprche.
Er war noch ganz von den Worten, die er in Liebe zu ihnen mit Joseph gewechselt
hatte, durchdrungen, und setzte sich an das offne Fenster, um ihnen zuzuhren.
Die Mdchen, von der schnen Nacht ans Fenster gelockt, sprachen vertraulich mit
einander, und von Dingen, die ihn sehr rhrten.
    Wie ist dir? sagte Marie zu Annonciaten, wenn du so in den stillen Himmel
siehst und den Mondschein -
    Liebe Marie, wie mir dann ist, wenn ich dir das so recht beschreiben
knnte, oder irgend einem Menschen, so wre ich recht glcklich; ich denke oft
daran, und ich wrde dich nicht immer bitten, mit mir ans Fenster zu treten,
wenn mir meine Empfindung dann klar und deutlich wre, denn berall kann ich
wohl einsam sein, wo mir etwas deutlich ist - o! dann kann ich immerfort so in
mir allein denken, ja wohl ordentliche Gesprche mit meinen Gedanken halten;
aber wenn der Mond in die Stube scheint, kann ich nicht ruhen, und mu ans
Fenster hin. Es ist mir, als rufe er mich, ich msse ihn wieder ansehen, die
ganze schne Nacht sprche mit mir, und frage mich scharf aus; die Antwort aber
liegt mir tief im Herzen begraben, und es ist mir oft, als msse mir das Herz
brechen, damit ich es nur sagen knnte.
    Das ist seltsam, da bist du wieder ganz anders als ich, in mir ist es nicht
so.
    Wie ist dir dann, was mchtest du tun, was mchtest du haben? Jetzt, da du
siehst, da es drauen ganz anders in der Welt ist, was mchtest du, das auch
dich verndere? damit du wieder ruhig wrdest, und mit der Welt
zusammenstimmtest; denn wenn du schlfst, ist es dir doch nur wohl, weil du
nichts von der Nacht weit.
    Ich verstehe dich nicht, du bist wohl wieder melancholisch, - wenn ich
schlafe, ob ich da nichts wisse; nun das wei ich nicht. Manchmal trume ich
auch, und wenn ich hier bei dir stehe, und du sprichst nicht, oder ich bin
schlfrig, so wnsche ich, Joseph wre bei mir, und sprche vertraulich mit mir,
wie er nun bald abreise und wir Briefe mit einander wechseln wollen. Auf diese
Briefe freue ich mich sehr, denn ich habe noch an niemand geschrieben; es ist
mir wie ein neuer Sinn, der mir aufgehen soll, und ich denke schon oft ganze
Briefe an ihn aus.
    Du bist glcklich, du liebst Josephen wohl.
    Ich denke meistens an ihn, liebe ihn lieber als den Vater, und kann denken,
da ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein mchte: wenn dies Liebe ist, so hast
du recht.
    Ich habe recht, das ist Liebe, das ist deine Liebe.
    Meine Liebe? giebt es denn mehr als eine Liebe.
    Es giebt vielleicht nur eine, aber jeder Mensch hat wohl doch eine andre.
Mir ist nicht so wie dir, wenn ich hier stehe; es ist mir, als msse ich mich
verlieren in ein anderes Wesen, wie die Bume dort sich ineinander verlieren;
ich mchte nicht immer Annonciata sein, und doch wei ich nicht, wie ich das
soll; ich kenne niemand, in den ich mich verwandlen knnte; ich mchte oft
sterben, um nicht mehr alleinzusein, und sterben fr wen? das kann ich auch
nicht sagen, und das ist es, was ich immer empfinde, und abends mehr als sonst;
das ist es, was mich im Herzen drckt, und wenn so der khle Wind weht, wird mir
es besser, ich fhle dann in meinem Herzen, als sei ich gut, als trste ich mich
mit der Ruhe da drauen in der Nacht und dem Glcke der Natur.
    So sprachen die beiden Mdchen noch lange, Wellnern flossen die Trnen ber
die Wangen; er htte noch gerne zugehrt, aber er konnte die khle Luft nicht
vertragen. Er schlo deswegen das Fenster mit Gerusch, damit seine Kinder ihn
hren und auch schlafengehen mchten. Marie zog sich zurck, denn sie hatte
einen stillen verstehenden Gehorsam, Annonciata aber blieb allein wach.
    Einige Stunden nach Mitternacht hrte sie den Vater Josephen klingeln, und
diesen auch zu ihm kommen. Da sie ans Kamin trat, welches ihre Stube mit der des
Vaters verband, hrte sie, wie der Vater am Fenster gesessen, ihre Unterredung
gehrt habe, und da ihm nicht ganz wohl sei. Er erzhlte Josephen von Marien,
wie sie von ihm gesprochen, mit Freuden; auch von ihr hrte sie ihn sprechen,
wie sie seltsame Dinge gesagt, die ihn sehr bekmmerten, und da er sie mit dem
jungen Genueser, der hier sei, bekannt machen wolle; es schien ein reicher
kluger Mann zu sein, und es wrde ihn glcklich machen, wenn sie ihn lieben
knne.
    Annonciata hrte das alles mit Ruhe an, freute sich des Glcks ihrer
Schwester, und da sie glaubte, es wre wohl recht hbsch, wenn Marie auch unten
wre, so nherte sie sich ihr und sagte, um sie zu wecken: Liebe Marie, stehe
auf, und gehe hinab zum Vater; ich glaube, es ist ihm nicht wohl, er hat jetzt
noch Josephen rufen lassen; frage ihn, was ihm fehlt, und pflege ihn; ich wei,
da du es ihm besser tun kannst als ich, und da es ihm viel Freude macht.
    Marie dankte ihr, zog sich schnell an, und ging hinab. - Annonciata aber
weinte -
    Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens, sie sa so
freundlich auf seinem Bette, und Joseph still an der Erde: da konnte er sein
Herz nicht mehr erhalten, und legte ihre Hnde in dieser Nacht fr die Zukunft
versprechend zusammen, und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe, die sie vor ihm
verwechselten.

                              Zwanzigstes Kapitel


So weit hatte ich geschrieben noch diesen Nachmittag, nachdem mich Godwi
verlassen hatte. Da ich fertig war, kam er zu mir, und ich las es ihm vor. Dann
fhrte er mich durch den sehr ausgedehnten Garten nach einer andern Seite, die
ich noch nicht kannte, und sagte, da er mir die Bilder zu meiner heutigen
Arbeit zeigen wolle. Dieses freute mich sehr, und ich versicherte ihm, da es
mich aufmuntern wrde. Bald standen wir vor einem alten Gebude, welches das
Aussehen einer verfallnen Dorfkirche hatte. Da er die groe Tre mit rasselnden
Schlsseln aufschlo, sagte er scherzend: Es ist mir immer, als sei ich das
Gespenst eines alten Ksters, welches die gewohnten Wege schleicht, wenn ich
diese Kirchtre aufmache. Ich mag diese Anstalt nicht leiden, sie hat etwas
Abenteuerliches, und wre sie von meinem Vater nicht in einem Zustande der
grten Verschlossenheit und Verstecktheit gemacht worden, und nur fr ihn
allein, so wrde ich gar nicht bse sein, wenn die Leute ihn einen Narren
nennen. In meinem Knabenalter lag diese Kirche schon wie ein unertrgliches
Geheimnis vor mir, und es schauderte mir immer, wenn mein Vater mit einem der
fremden Knstler hineinging, und wieder allein herauskam, als habe er ihn
ermordet. Die Treppe, welche grade der Tre entgegenkam, fhrte in einen ovalen
Saal, in dessen Mitte eine mit Tuch verkappte Figur stand; hnliche standen an
den Wnden umher.
    Godwi blieb neben mir in dem Saale stehen, und sagte: Kann man sich etwas
Tolleres denken, als sein ganzes Leben in Stein hauen zu lassen, und so in einer
Stube zusammenzustellen?
    Es liegt etwas Frchterliches darin, und eine wunderbare Eitelkeit im
Dunkeln, wo einen niemand sieht; es ist, als prahle einer um Mitternacht so
recht auf seine eigne Hand.
    Sie sind zu streng, sagte Godwi; Eitelkeit war es nicht, und nicht
Prahlerei; toll bleibt es ziemlich, doch hat diese Tollheit eine edle Quelle,
die bitterste Reue mit der Idee, sich alle diese Figuren wie Richter
herzustellen, welche ihn seines Lebens anklagten, das zwar kein Verbrechen, aber
groe Verirrungen umfate, bis auf eine Handlung, die zwar auch ein Kind seiner
Leidenschaft, doch bestimmter bsartig war; diese hatte den Scheiterhaufen
angezndet, auf dem er hier in ewiger Reue brennend lebte. Jetzt ist er ruhig.
    Meines Vaters Bisarrerie war die schne Bisarrerie, das Bse, welches nie
gut gemacht werden kann, schn zu machen; seine Idee war, das Gute sei in der
Zeit, und das Schne im Raum, und die Mglichkeit des Ersatzes einer verderbten
Jugend sei, ihr in reiferen Jahren Gestalt zu geben. Er sagte, jede Handlung
wird zu einem Denkstein, der mich beschuldigt, und den ich nimmer umwlzen kann;
aber ich kann diesen Stein zwingen, zu einem schnen Bilde der Handlung zu
werden, die er bezeichnet.
    Die Idee Ihres Vaters ist gro, und man sollte nie sagen: ich will es
wieder gut machen; denn dies bleibt nur Vorsatz, und ist das Wort der Reue; man
sollte sagen: ich will es schn machen. Auch liegt unstreitig in dem Gedanken,
da Bses und Gutes in der Zeit liege, viel Trstliches; wir drfen dann nur
unsere Handlungen als Folgen denken, so haben wir bloes Leben.
    Jeder Mensch, sagte Godwi, der in sich selbst gro werden will, sollte in
sich den Stoff und den Geist auffinden. Alles, was in ihm blo Geschichte wre,
mte ihm Stoff zu Idealen seiner selbst werden. So bliebe ihm der grte Teil
seiner Jugend unverloren, und ein herrlicher Gewinn. Er htte dann in sich eine
eigne Welt der Kunst und Natur, und bte er auch alle seine Sinne ein, so
knnte er doch in sich fortbilden, denn in ihm lge ein Universum, und er knnte
sich lieben und anbeten.
    Mein Vater tat dieses mit einer groen Anstrengung, auch kam er dadurch
immer mehr und mehr zur Ruhe. Doch fing er zu spt an, und hatte seine
Unbefangenheit schon zu sehr verloren. So erschuf er diese Bilder mehr in
phantastischer Bue als in Liebe zu sich. Endlich ward es ihm zur selbstischen
Gewohnheit, ja zur Bequemlichkeit, und htte sich sein Geschick nicht gelst, so
wrde es ihm zum Laster geworden sein, denn er erhob der Notwendigkeit halber,
eine Form zu erfllen, oft seine kleinsten Fehler zu Verbrechen, und seine ganze
schne Leidenschaft war auf dem krzesten Wege, Pietisterei oder Pedanterei zu
werden. Doch wir wollen uns zu dem Unsrigen wenden.
    Wir traten zur rechten Seite des Saales in eine Stube, an deren Wnden
mehrere verhllte Gemlde hingen. Godwi blieb vor einem stehen, zog den Vorhang
in die Hhe, und sprach:
    Hier ist Annonciata, die Jungfrau, einer Umgebung, dem Spiegel ihrer Seele,
gegenber.
    Das Bild war warm und voll Allegorie, der ganze Ausdruck leise vordringend,
und von allen Punkten gleichmig ausstrmend; es war mir, als walle eine laue
leichte Luft von den Farben auf mein Herz, und ich stand mehrere Minuten voll
leichtatmender Lust; doch stieg meine Empfindung mit der Dauer, und das Gemlde
schien fortschreitend erhht.
    Es wehet wie aus warmen Tlern zu mir herauf, sprach ich, mir ist wohl,
ich werde mild berhrt, und in mir erhebt sich ein krperlicher Reiz, der
unbestimmt und doch allgemein ist. In Stunden, in denen ich liebte und nicht
fhlte, wie ich leise auf wolkichten Trumen hinabzog in ein anderes Wesen, wo
die Strme lieblicher unausgesprochener Rede schneller flossen, und die
gestaltlose Flut der Seele fromm von dem schweigenden Mdchen empfangen wurde -
wo die Liebe schon verstummte, und keinen einzelnen Sinn mehr hatte; wo meine
Brust schon hrte und mein Auge kte, wo mir die stille Woge ihres Busens
begegnete, und ich so trunken war in dem Widerspruche der milden Annherung, da
war es mir so. - Doch nimmer weilt solches Leben - wohin, wohin gleitet die
sehnende Fahrt? o Heimat! fliehe ich dich, eile ich dir entgegen? - wie lst
sich aller Besitz! ist die Welt mein, und bin ich ein Bettler? wo ist mein
Vaterland, wo ist meine Liebe? - ach! bist du nicht fr die Erde? Annonciata!
wer lst dir die Zauberei des Frhlings, wer lst dir dein Herz? das in
Sehnsucht bricht; will keine Sonne kommen? die tiefen dunkeln Augen der Gedanken
zu ffnen, die aus deinem Herzen steigen, und ist dein Busen eine Wiege der
Kinder, die hier nicht leben drfen? Schmerz, Schmerz! brennendes Verlangen, wer
bricht dir das Siegel im Herzen, und welchem bist du gesendet? du dunkler
Edelstein im Diademe der weissagenden Zeit - Wunderkind! -
    Hier lie Godwi den Vorhang niederrollen. - Es war genug, lieber Maria, der
Maler hat seine Schuldigkeit getan, und Sie waren auf dem besten Wege, den
Eindruck des Bildes auf Sie und nicht das Bild zu betrachten.
    Verzeihen Sie, ich dachte bei dem Bilde an ein Mdchen, das ich sehr liebe,
und diesem Bilde gleicht. Lassen sie mich das Bild nur wieder sehen; Gott wei,
wann mich das unselige Selbstbewutsein ohne Geistesgegenwart verlassen wird;
ich komme nimmer dazu, etwas wie ein vernnftiger Mensch zu betrachten.
    Sie wissen wohl von dem Bilde gar nichts mehr, sagte Godwi.
    Nein, das ist ja eben das Unglck, da ich mich mit jeder Erscheinung
begatte, und der Mutter ewig ungetreu eine Menge unehelicher Kinder habe; nimmer
komme ich zu einer honetten Haushaltung in meiner Seele.
    Godwi zog den Vorhang wieder in die Hhe, und ich nahm mich recht zusammen:
    Abend-Dmmerung, rechts sinkt die Sonne, links dunkler Vorgrund, ein
kleiner Hgel mit fetten groblttrichten Gewchsen, auf dem sich eine
Rebenhtte erhebt. Annonciata, ohngefhr vierzehn Jahre alt, sitzt unter dem
Rebendache, wei gekleidet, das schwarze Lockenhaar wallend, ihr Gewand mehr als
malerisch, wirklich brgerlich nachlssig; ihr Blick ruht in der Minute, wo sich
der Himmel und die Abendrte durchdringen; um ihre Stirne schlingt sich
Orangenblte, sie umfat mit beiden Hnden ein Krbchen voll roter Frchte, das
auf ihrem Schoe steht, so da sie die jungen keuschen Brste etwas in die Hhe
drngt, und der Flor sich liebevoll ffnet. Sie sitzt ohne Schamhaftigkeit,
keine Spur von Zucht; sie will nichts, sie wird gewollt; das Leben verlangt sie;
von allen Seiten glht Liebe und Lust zu ihr hin; alle Bltter gieen ihre
hoffenden Flammen ber sie aus; die Blumen geffnet blicken ihr in die Augen,
und die Kruter schmiegen sich um ihre Fe; die Sonne will nicht sinken, und
das schwellende Herz der Nacht sinkt schwerer voll Lust nieder, sie will zu ihr
herab. Die Ferne dringt zu ihr herber, und die Nhe lehnt sich dieser siegreich
und stolz entgegen. Sie selbst atmet nur, sie ist nicht gefangen in diesem
wunderbaren Kampfe der Liebe; in ihrem Herzen ist Andacht, und ihr Antlitz ist
Gebet. Neben ihr steht eine Urne, in welcher Aloe blht; auf dem steinernen
Gelnder einer Treppe und vor der Urne sitzt ein Pfau, der den goldnen glhenden
Hals der Sonne nachrufend ausstreckt, aus seinem sinkenden Schweife blicken
kstliche Augen von Saphir und Gold nach den Sternen, die still am Himmel
heraufblhen.
    Dies Bild, fuhr Godwi fort, ist mit einer wunderbaren Resignation gemalt,
man kann es nicht recht geduldig ansehen; der Maler tat auch gar nichts fr den
Betrachter.
    Ja, versetzte ich, Annonciata nur allein kann es betrachten, und wir nur
Annonciaten, denn alles ist nur fr sie gemalt, oder vielmehr sie malt es in
jedem Augenblicke. Wenn ich bedenke, da diese milde Glut der Sonne, der
schwermtige Himmel und die freundlichen Sterne, da die ganze rhrende Melodie
des Bildes nur die aufgelste Annonciata ist, und Annonciata nichts als die
menschliche Gestalt dieser Umgebung, so erklre ich deutlich in mir ein Gefhl,
das mich in der Natur begleitet; sie beunruhiget mich, es ist mir, als knne ich
sie nicht betrachten, als belausche ich sie nur in einem stillen treibenden
Geschfte der Wandlung, und es giebt wenige Gegenden, die nicht einen andern
Menschen als mich bedrften.
    Nur der allgemeinste Mensch, sagte Godwi, nur ein Mensch, der gro,
glcklich und gesund ist, kann ohne Druck den ganzen Umfang der
Naturanschauungen ertragen. Jeder Einzelne hat seine eigne Natur, vor der er
gleich einem hheren Bilde steht, welches mit Rhrung auf seine Geschichte
zurcksieht. Ich empfinde mit Freuden, wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten
der Aussicht liebe, die mich sonst verwundeten, und dies ist mir eine Erfahrung,
welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert.
    Mir ist noch nicht so, sagte ich, ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt,
und habe noch keine Landschaft gesehen, die mir wohl tat, als diese, und wre
meine Gestalt von meinem Gemte ganz durchdrungen, knnte ich berhaupt jemals
mich selbst vorstellen, so htte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als
die meinige stellen drfen, um nicht aus der Haltung zu fallen.
    Wo ist diese Aussicht? fragte Godwi, wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte
verbergen.
    Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle.
    Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich
Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage.
    Ich sa hher als der hchste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen
Baumes, den eine mutige Hand in die hchsten Trmmern eines zerstrten Turmes
gepflanzt hatte; ber Untiefen von Wald, die wie Katarakte und strmende Heere
unter meinem Blicke auf und nieder strzten, brauste der herrliche Flu des
ppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Stdte und Flecken
hingeset, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer
Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelst in ein unendliches Gefhl des
Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmhter Liebe da hinaufgetragen,
so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten
Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen,
da er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich
weinte, als sich die Aussicht mir erschlo, vor Scham, und fhlte, wie meine
Trnen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer
Blume zum Himmel hob; mein Krper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine
Arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den
Zugvgeln nach, die neben mir vorberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur
Ruhe gekommen sind, und wnschte ihnen glckliche Reise.
    Es ist recht hbsch, da grade welche vorbeiflogen, sagte Godwi; doch
wollen wir jetzt das Bild Mariens betrachten, ehe es dunkel wird.
    Godwi enthllte ein anderes Bild, und sagte scherzhaft:
    Nehmen Sie den Hut hbsch hflich in die Hand, stauben Sie die Schuhe ab,
und sein Sie artig, wir wollen zu einem lieben Mdchen gehen. Welcher Kontrast?
Dies ist Marie, Annonciatens Schwester. Welche Ruhe, welcher Frieden; man
schweigt, sie atmen zu hren, und wnscht, da die Taube in ihrem Scho den
Flgel senke, um sie aufmerksam zu machen. Wehet denn kein Lftchen durch das
enge Fenster? da die Lilie sich bewege und dem Mdchen sage, wir seien da,
damit sie uns mit den lieben Augen erblicke, die sie so fleiig auf den
Stickrahmen niedersenkt; nur die Lilie darf zusehen, wie sie Blumen stickt, sie
senkt den Kelch stille zu ihr, und tut wie die vertraute Freundin. Wie die
Sonnenstrahlen so nachbarlich zu dem kleinen Fenster hereinsehen; wenn die Sonne
sinkt, so sieht sie uns wohl an, indem sie dem Glanze ausweicht; oder wird sie
nach dem Bilde des jungen Mannes schauen, das an der Wand hngt, und so recht
behaglich und mit Ansprchen da zu hngen scheint? Ich beneide ihn, er ist
sicher mit des Mdchens Vater einverstanden, und die Sache geht den einfachen
Weg. Lebe wohl, Marie, wir wollen nicht vor dich treten, da wir deiner begehren
mssen, denn du bist schon einem gegeben, der dir genug ist. Hier lie Godwi
den Vorhang fallen.
    Dies ist ein Mdchen, sagte ich, zu dessen Vater auch der zgelloseste
Mensch sagen knnte: Mein Herr, da ich in den Stand der heiligen Ehe zu treten
gesonnen bin usw. Ich habe noch nirgends ein husliches Gemlde im Ideal
gesehen, dies ist es, Friede. Und dieses ist Ihre Mutter?
    Dies ist sie; ziehen Sie von diesem Bilde bis zum steinernen Bilde eine
Linie, so haben Sie das Unglck meiner Mutter ermessen.
    Hier verlieen wir die Stube, und gleich darauf den Bildersaal, nachdem
Godwi zuvor ein ruhiges Abendlied auf der kleinen Orgel gespielt hatte, die noch
in der Kirche von ihrer ersten Bestimmung her briggeblieben war. Die Tne der
Orgel gingen feierlich wie ein betender Geisterzug um die stummen steinernen
Bewohner des Hauses herum, und schienen sie zu trsten. Ich trat dann an Godwis
Seite gerhrt in den Garten, und es tat mir im Herzen wohl, wieder im Freien zu
sein; es war ein freundlicher Abend, und wir freuten uns, noch den ganzen Park
durchgehen zu mssen, ehe wir in das Landhaus kamen.
    An der Tre kam uns Haber entgegen, den ich sogleich um seine bersetzung
fragte, aber er klagte ber seine Zerstreutheit, und da einer der Pchter unter
seinem Fenster geschlachtet habe, und da das Geschrei des sterbenden Tieres dem
italinischen Ton und Wortspielen sehr entgegen sei -
    Sie haben also die Wette verloren, denn ich habe es bersetzt, und wir
wollen nun bald an die Auffhrung des Liedes gehen, Sie mssen die Laura
vorstellen, und ich den Hiazinth - schreiben Sie sich die Rolle ab, nach Tisch,
wenn die Lmpchen am Himmel angesteckt sind, und Luna uns souffliert, mssen Sie
vom Fenster herunter mir den Korb geben, ich will die Laute erst in Ordnung
bringen, und ein wenig dazu klimpern.
    Haber wollte nicht daran, und entschuldigte sich, besonders mit seiner
schwachen Stimme.
    Desto besser, sagte Godwi, Sie knnen dann noch einen Vers anhngen, in
dem Sie ihn ausschimpfen, da er Ihnen einen Schnupfen zugezogen hat. Doch ich
will sehen, ob die Laute angekommen ist.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Georg, der stille Diener, brachte mir die Laute, er hatte sie selbst aus dem
Jagdhause geholt, wo sie, wie er sagte, noch von Kordelien her in einem Winkel
gestanden habe.
    Es war ein schnes groes Instrument, und die gothischen Schnirkel, welche
die Resonanzffnung verschlossen, waren fein mit Gold und Elfenbein durchzogen.
Eine recht freundliche Idee war, da durch dieses Gitter alle Tne in Gestalt
kleiner Engelskpfe heraussahen, als seien sie wie himmlische Kinder
hineingebannt, und sngen liebliche Lieder durch das Gitter; sie ffneten nach
der Reihe die Lippen recht krftig und immer feiner, wie auch ihre Gesichter die
Hhe und Tiefe des Tons durch das Alter ausdrckten. Der Steg stellte eine
olsharfe vor, hinter der eine lauschende Jungfrau auf den Arm gesttzt in
schlafender Stellung lag.
    Ich brachte die Saiten mit Vergngen in Ordnung, und ergtzte mich an dem
ruhigen vollen Tone des Instruments. Ich war mit ihm in den Garten gegangen,
denn meine ersten Akkorde opferte ich wie eine Libation eurem Angedenken,
schwesterliche Seelen! Ich hatte lange nicht gespielt, und es war mir, als
erwache ein entschlummertes Gtterbild in mir, und breite mit Wollust die Arme
wieder wirkend und schaffend aus. Es war schon dunkel, und die Tne schienen die
Dmmerung zu heben. Ich sang das herrliche katholische Mutter-Gottes-Lied:

Ave maris stella etc.
Meerstern, ich dich gre usw.

Dann ging ich zurck, und wir schickten uns nach Tische an, Habern seine Bue
bestehen zu lassen. Die Sache ward recht lustig, er kam oben ans Fenster in ein
Bettuch gewickelt, als jage ich ihn aus dem Schlafe, und wir sangen
wechselsweise zur Laute folgendes scherzhafte italinische Lied, wie ich es in
der Eile im Deutschen nachgeahmt hatte.

Giacinto:

Dorme la bella, Amor, deh tu con l'ali
Rinfresca tal'hor l'aria, e fagli vento,
Accioch dell' estate alcun tormento
Non risenta la Dea, ch' tra mortali.

Se i miseri occhi miei posar non ponno,
Godi la quiete tua la quiete mia,
E quello ch'io perdei, placido sonno,
Sen venga adormentar l'anima mia.

Se ben che tu mi dai cattivi giorni,
Ecco ti vengo a dar la buona notte,
Lontananza, ne tempo far non puote,
Ch'al lume qual farfalla io non ritorni.

Laura:

Chi  colui, che dormire non potendo
Sen vien a perturbar i sonni altrui,
Che dica quanto volei, io non l'intendo,
Son qual Aspide sorda a canti suoi.

Giacinto:

Canto mia bella, ma ne piange il core,
Io canto come il Cigno in sul morire,
Se ben vorrei tacer convengo dire,
E ridir ci, che va dettand' Amore.

Laura:

Non intendo, Signor, vostre ragioni,
Che fiete, che volete, e cosa fate?
Andate altrove, semplicetto, andate,
Che voglion esser altro, che canzoni.

Giacinto:

Mendico io son, hor eccomi alla porta,
Che chieggio in elemosina del pane.
Deh non mi fate andar d'oggi in dimane,
Doppia  la gratia al fin qua d'ella  corta.

Laura:

Al chieder vostro io sar sempre muta,
Qui non s'apre la porta, a chi non porta,
Presso di noi la Caritade  morta,
Chi non conta non ha la ricevuta.

Giacinto:

Prendetemi, Signora, per soldato,
Sar vostro guerriere senza paga,
Di gi assueffatto all' amorosa piaga
Non temer d'esser per voi piagato.

Laura:

Noi non stimiamo l'amoroso drudo,
Non habbiamo questione, e non ci aggrada
Quell' Amante, che sa portar la spada,
Quando non sappia maneggiar lo SCUDO.

Giacinto:

Soldato no, dunque Poeta almeno
Che v'immortaler ne propri versi.
Famosa vi far tra Sciti e Persi,
Loder il crine, gli occhi, il volto, il seno.

Laura:

Poesia e povert van di concerto,
Che val il saper far un buon Sonetto
E non haver per far un sonno in letto,
Far sempre STANZE, e non haver coperto.

Giacinto:

Vado cercando come Pellegrino
Il pi bello del Mondo in ogni parte,
Ma amico il Cielo a voi sola comparte
Il terrestre non solo, ma il divino.

Laura:

Alloggiar Pellegrini gi mai si suole
Quando che non venisse di Ungaria.
Solo all' UNGHERO aperta  qui la via,
E molto pi s' armato di PISTOLE.

Giacinto:

Signora, son Barone, e sono Conte,
Nacqui di duca, e son d'alto lignaggio,
Sudditi ho molti, che mi fanno omaggio
Della gran nobilt nasco dal fonte.

Laura:

Non si fa qui gran stima d'antenati,
E non vale essere Conte a chi non CONTA,
Ogni lignaggio al fin passa e tramonta,
E tutti Duchi son quei, che han DUCATI.

Giacinto:

Non sprezzate, vi prego, Amante fido,
Ch'adorer in perpetuo il vostro nume,
Che seguir qual Talpa il vostro lume,
Deh non siate ribelle di Cupido.

Laura:

Seguir nudo fanciul, dite, che vale,
Hor che i vestiti son tutti alla moda,
Se voi sete fedel e senza froda
Per voi solo,  fedel quel ch' REALE.

Giacinto:

Dunque sprezzate Amor, perfida e ria
Donna vorace pi che nero Corvo.

Laura:

Non ch'anzi per il Cieco con voi stia,
Cerchia di quei che fanno calar l'ORBO.

Hiacinth:

Liebchen schlft, mit deinen Flgeln fchle,
Amor, da des Sommers heie Schwle
Um des Mdchens Lager bald sich khle
Und sie in dem Schlafe freundlich lchle.

Kann nimmer ich die armen Augen schlieen,
Ist meine Ruhe nur allein die ihre,
So mge, was ich hier am Schlaf verliere,
Wie Ruhe mir ins kranke Herze flieen.

Giebst du mir gleich nur immer bse Tage,
So sieh mich hier, dir gute Nacht zu geben,
Nicht Zeit, nicht Ferne lindert mir die Plage,
Ein Schmetterling ein Lmpchen zu umschweben.

Laura:

Wer ist es, der nicht schlafen kann, und andre
So frevlend in dem sen Schlafe stret,
Ein Felsen bin ich, der sein Lieb nicht hret;
Er sing, doch packe er sich bald und wandre.

Hiacinth:

Die Lippe voll Gesang, das Herz voll Zhren
Sing ich, ein Schwan in seines Todes Ringen,
Und schwieg ich gern, so wrde ohne Singen
Und Wiedersingen Liebe mich verzehren.

Laura:

In Eurer Schlsse Wahrheit einzudringen
Hab ich nicht Zeit: was seid Ihr, wollt Ihr, macht Ihr?
Geht, Simpelchen, steht nicht die ganze Nacht hier;
Die Dinger, die ich brauch, kann man nicht singen.

Hiacinth:

Ein Bettler bittet hier vor Eurer Tre,
Gebt Liebe ihm, und fristet Euch ein Leben:
O da er gleich, o da er bald Euch rhre!
Denn gleich gegeben heit ja doppelt geben.

Laura:

Wer mir nichts bringt, hat nichts von mir zu hoffen,
Dem Mitleid hab ich lngst den Hals gebrochen,
Und ohne Klingen hilft Euch hier kein Pochen,
Nur offnen Hnden steht die Tre offen.

Hiacinth:

Nehmt mich zum Krieger an, hrt auf zu hhnen,
Will streiten fr und mit Euch aller Stunden,
Denn abgehrtet frcht ich keine Wunden,
Die Lhnung sei mir nur, Euch anzulehnen.

Laura:

Bei mir war offner Krieg stets schlecht empfohlen,
Auch fhr ich keinen Krieg, wo ich was kriege;
Und weil ich meist dem Degen unterliege,
So ehr ich das Duell nur auf Pistolen.

Hiacinth:

Zum Streiter nicht? So nehmet mich zum Dichter!
Bin Dichter ich dem Busen, sing in Versen
Ein Lied ich Euch bei Skythen und bei Persen
Zum Lob des Haares und der Augenlichter.

Laura:

Mit Poesie geht Armut nur gesellt,
Macht Ihr Sonette, macht sie noch so nette,
Ihr bleibt ein armer Sohn und so ohn Bette:
Gebt Geld statt Versen oder Fersengeld.

Hiacinth:

Ein Pilger bin ich, suche aller Orten,
Das Gttliche im Irdischen zu finden,
Doch ists umsonst, denn Euch ist nur geworden,
Das Gttliche im Irdschen zu entbinden.

Laura:

Gott helf Euch! geht, ich bitte, geht von hinnen,
Denn wit, allhier beherbergt man nur Ungern,
Nur Kremnitzer, was sonst woher, mu hungern,
Auch fr Zechinen ist die Zeche innen.

Hiacinth:

Ein Graf bin ich, ein Duc, bin mit Souvrainen
Verwandt, und habe mehr als sechzehn Ahnen,
Auch frnen mir gar viele Untertanen,
Und Euer Untertan lat mich Euch frnen.

Laura:

Ein Duka ist mir lieb, doch mit Dukaten,
Souvrainen pflege ich fr Severinen,
Baronen ohne Bares nie zu dienen,
Und kann mit Ahnen keine Hahnen braten.

Hiacinth:

Verachtet nicht die Liebe des Getreuen,
Vor Eurem Sterne will er ewig knieen,
Nach Eurem Lichte wie ein Maulwurf ziehen;
O suchet nicht, Cupiden zu verscheuen.

Laura:

Auch Ihr seid nackt, drum bleibt nur sein Geselle,
Ich brauche Kleider und des wackren Glauben
An Eure Treu will ich Euch nicht berauben,
Doch nur Reale sind bei mir reelle.

Hiacinth:

Mit Spotten siehst du, wie ich hier vergehe,
Du Weib, goldgierig, fleischfressend wie Raben.
Von Ihm ist nichts, Er nur zum Narrn zu haben,
Ich stand Sein Narre hier, Er steh, ich gehe.

Haber zankte noch ein wenig in Prosa ber Husten und Schnupfen; ich aber ging
ins Haus, das Bild Annonciatens und Mariens in zwei Sonetten aufzuschreiben.
    Mich reute der Scherz mit Habern, denn die stillen Sitten der Mennoniten
schienen das mutwillige Lied nicht zu vertragen, und der alte Anton rief whrend
dem Gesange die jungen Burschen und Mdchen weg, welche zuhrten. Die Unschuld
ist sich selbst die grte Freiheit und andern Beschrnkung.

                               Annonciatens Bild


Am Hgel sitzt sie, wo von khlen Reben
Ein Dach sich wlbt durchrankt von bunter Wicke,
Im Abendhimmel ruhen ihre Blicke,
Wo goldne Pfeile durch die Dmmrung schweben.

Orangen sind ihr in den Scho gegeben
Zu zeigen, wie die Glut sie nur entzcke,
Und lnger weilt die Sonne, sieht zurcke
Zum stillen Kinde in das dunkle Leben.

Der freien Stirne schwarze Locken krnzet
Ihr goldner Pomeranzen se Blte,
Zur Seite sitzt ein Pfau; der in den Strahlen

Der Sonne, der er sehnend ruft, erglnzet.
Mit solchen Farben wollte das Gemte
Von Annonciata fromm ein Knstler malen.


                                  Mariens Bild

Im kleinen Stbchen, das von ihrer Seele
An reiner Zierde uns ein Abbild schenket,
Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket,
Da sich ins reine Werk kein Fehler stehle.

Was ihres Busens keuscher Flor verhehle
Und ihre Hand in stillem Fleie lenket,
Die Lilie an ihrer Seite denket,
Das Tubchen dir in ihrem Scho erzhle.

Durchs Fenster sehen linde Sonnenstrahlen,
Die Josephs Bild, das eine Wand bedecket,
Mit ihrem frohen Glanze heller malen,

Und wr der Schein der Taube zu vereinen,
Die sie herabgebckt im Scho verstecket,
Marie wrde Mutter Gottes scheinen.

Ich ging frh nach der Eremitage an meine Arbeit, und als ich zum Fenster
hinausblickte, und die Fische in dem hellen Teiche munter hin und wieder spielen
sah zu den Fen des Marmorbildes, wnschte ich recht herzlich, auch nicht mehr
von ihm zu wissen als so ein Hecht oder Karpfe, denn eine Geschichte aus bloem
Respekt gegen den Leser zu schreiben, ist unangenehm; berhaupt bin ich ein
groer Feind von Arbeiten, wenn die anderen Geschpfe alle zum frohen Miggange
aufstehen. Die Vgel sangen, die Bume suselten, die Fische pltscherten im
Wasser, und ich mute schreiben.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Annonciata hatte dem Glcke ihrer Schwester mit Freuden zugehrt; in ihrem Busen
aber war Schmerz, sie verbarg vieles, und hatte keinen Freund.
    Solche Menschen werden nie glcklich, denn das gewhnliche Leben allein
befriedigt die Bedrfnisse, und ist es gleich so schn, wenn eine Seele in
reinerm, hherm Umgange der Liebe steht, so sind diese Wesen doch nur arme
Kinder, denn vom Himmel kmmt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde,
die auf Erden keine Hlfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im Himmel trgt,
dem verwelket das Herz in der drckenden, niederen Sphre.
    Annonciata hatte vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst nicht war.
Zwar hatte sie eine Freundin an einer Witwe, die von einem kleinen Vermgen in
der nmlichen Stadt lebte; aber auch diese wrde keinen Sinn fr ihren Zustand
gehabt haben, denn sie erschien bei ihr nur als ein lebhaftes gutes Wesen. Ob
sie ihr nicht mehr vertrauete, oder ob diese Freundin sie nicht verstand, wei
ich nicht.
    Annonciata besuchte sie manchmal abends, wenn der Bruder der Frau Helsing
zugegen war, welcher sehr gut vorlas, um ihm zuzuhren. Dieser Bruder war der
Hofmeister eines jungen Edelmanns gewesen, der hier in der Gegend lebte. Er
sprach oft mit Enthusiasmus von seinem ehemaligen Zglinge. Die Weiber hrten
ihm gerne zu, und in Annonciatens Herz wurzelte diese Beschreibung wie in einem
fruchtbaren Boden. Wenn Helsing aufgehrt hatte, vorzulesen, so war sie immer
die erste, die das Gesprch auf den jungen Edelmann lenkte, so da Helsing, der
sich in seiner Erzhlung gefiel, weil er von alle dem Guten immer etwas
einerntete, bald nichts mehr wute, und bis zu seinen pdagogischen
Beobachtungen ber des Jnglings frheste Jugend zurckkehrte, um Annonciaten zu
befriedigen.
    Sie brachte hier meistens die Abende zu, whrend Marie die letzte Zeit,
welche Joseph noch in Deutschland war, mit ihm in Liebe teilte. Annonciata war
gern zu Haus, und da sie jetzt fter als gewhnlich ausging, war, um Marien
nicht zu stren. Dieses erkannte man brigens nicht. Es lag in ihrem Charakter,
Geflligkeiten, Wohltaten und alles, was sie in den Augen anderer erheben
konnte, durch eine oft knstliche, mhsame Vorbereitung unscheinbar zu machen;
denn nichts tat ihr weher als Lob; doch erkrankte ihr Gemt in diesem
selbstbereiteten lieblosen Zustande.
    In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpate, einer in der
Gegend wohnenden Grfin, die sie schon vor einiger Zeit besucht und mit deren
Tochter sie einen freundlichen Umgang angeknpft hatte. Die Grfin bat sie
dringend, sogleich zu ihr kommen, weil ihre Tochter Wallpurgis gefhrlich krank
sei und sehr nach ihr verlange.
    Annonciaten bestrzte diese Nachricht, sie hatte sich, als sie den vorigen
Abend wie gewhnlich am Fenster stand, so lebhaft nach dem Schlosse gesehnt, und
nun rief sie eine so traurige Nachricht hin.
    Sie brachte den Brief ihrem Vater, der es ihr gern erlaubte, und nachdem er
sich bei der Kammerfrau der Grfin, die mit einer Kutsche gekommen war,
Annonciaten abzuholen, ber die Krankheit erkundigt und erfahren hatte, da sie
in einer bloen tiefen Melancholie bestehe, so sprach er mit Annonciaten noch
einmal allein, wie man mit Melancholischen umgehen msse, machte sie aufmerksam
auf ihren eignen Tiefsinn und beurlaubte sie mit den Worten: gehe mit Gott,
mein Kind. Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr gerhrt, die
letzten Worte nmlich, gehe mit Gott, mein Kind, bewirkten ihr eine heftige
Bewegung, denn in diesen selbstgebildeten Ausdrcken des Herzens, die wie die
Wnsche: Guten Morgen! Guten Abend! die Frage: Wie geht es? bei den meisten
Menschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden, lag fr sie eine tiefe
Bedeutung, und ich glaube dieses mit Recht fr den Zug eines kindlichen und
tiefen Gemts halten zu drfen, welches fromm an das Wort glaubt, und dem der
Sinn nie verloren geht.
    Annonciata fiel dem Vater um den Hals, und konnte vor Trnen nicht sprechen.
Wellner verstand dies nicht; er dachte nach, ob er sie gekrnkt habe, und da ihm
nichts einfiel, so legte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurck,
und seine Sorge ward erhht. Zu Marien ging Annonciata auch, wo sie Joseph fand.
Auch hier fhlte sie sich tiefer gerhrt, als der Zufall es erforderte, und sie
erstaunte selbst ber das Wesen ihrer Trauer.
    Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von der Zukunft, aber das
war es grade, was ihr das Herz zerbrach.
    Die Zukunft! rief sie, die Zukunft, o wre sie vorber!
    Dann schnitt sie sich eine Locke ber der Stirne ab, und gab sie Marien, die
dasselbe tat. Joseph und Marie sahen ihrem ganzen Betragen mit banger
Aufmerksamkeit zu, denn sie hatten sie nie so vertraulich und so freundlich
gesehen.
    Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbumchen auf die Stube,
und bat sie, es treu zu pflegen und ihrer oft zu gedenken abends, wenn sie nun
nicht mehr bei ihr am Fenster stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leute
des Hauses noch gegrt hatte, und ihre Trauer verbreitete sich ber alle die
Zurckgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.
    Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs Abreise beschftigt.
Er selbst aber suchte die genauere Bekanntschaft des jungen Genuesers, den sich
Wellner fr Annonciaten ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn jener war
ein offener, lustiger Mann und ihm schon durch mehrere Geschfte bekannt. Er
wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine Art Exekution, da er den
Mann nicht zahlbar gefunden hatte.
    Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann, sondern blo der Erbe einer
groen aufgelsten Handlung, und reiste, um die Schulden dieser Handlung
einzutreiben. Joseph entschuldigte seinen Besuch bei ihm durch den Vorwand, da
er ihn um einige genuesische Kaufleute fragte. Da der Italiner ihm hierber
Auskunft gegeben hatte, begann er, mit vielem Feuer ber sein Vaterland zu
sprechen, und geriet in eine lange Auseinandersetzung der Staatsverfassung von
Genua, bis es Josephen bange ward, er mge seinem Zwecke heute nicht
nherrcken. Der gesprchige Italiner kam endlich auch auf die Weiber zu
sprechen. Er klagte ber die unsittliche Sprdigkeit der Deutschen, und sagte:
    Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld erlassen, wenn er nur
eine weise Tochter mit schwarzen Augen und Haaren htte, die ich ein wenig
lieben knnte; nun aber ist kein Mitleid im ganzen Hause, denn die Tochter hat
rote Haare, und ich mu hier sitzen und unbarmherzig sein. - Ihnen geht es wohl
besser, mein Freund, denn ich habe jngst bei Ihnen so im Fluge ein paar hbsche
Mdchen bemerkt.
    Joseph erzhlte ihm von Marien und Annonciaten, und der Italiner versprach,
ihn nchstens zu besuchen.
    Den folgenden Tag war er schon morgens bei Wellner, und abends a er dort.
Wellnern gefiel er sehr wohl, denn er hatte ein groes Talent, alte Leute zu
unterhalten. Er ward bald der tgliche Besuch, und man freute sich immer recht
auf ihn. Abends kam er meistens whrend dem Essen, setzte sich nieder und
plauderte, erzhlte italinische Komdien, und machte die Touren des Harlekins,
Pantalons und Scaramuz. Marien lehrte er auch ein wenig die Colombine zu machen,
und sie spielten manchmal kleine Szenen aus dem Stegreif, um Josephen zu necken,
dessen Liebe er immer hineinzumischen wute. Marie gewann manche Reize durch
ihn, er lehrte sie tanzen, und all' amore spielen, doch mochte sie ihn nicht
leiden, denn er hatte oft im Spiele zu ernste Bewegungen.
    Wellner glaubte nun, das sei der rechte Mann fr Annonciaten, bei ihm werde
sie den Tiefsinn schon verlieren, und wnschte sehr, sie mge hier sein. Er
hatte soeben mit Joseph davon gesprochen, ob man sie nicht rufen sollte, als
Marie einen Brief von Annonciaten brachte.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


                              Annonciata an Marien

Was machst du, liebe Marie? Mir mu es nicht gut gehen, denn ich frage, was du
machst, und wei es doch. Du bist glcklich und liebst Josephen; o! schreibe mir
doch und frage, wie mir ist, recht mit Liebe frage, vielleicht wende ich mich
dann in mich, und erfahre, wie mir ist.
    Jeder Tag wie der andere, Wallpurgis geht dem Grabe entgegen. Ach sie ist so
liebenswrdig in ihrem Sterben, das Leben will sie nicht lassen, denn sie ist
allem so freundlich. Es ist, als stnde der Frhling zu Fen ihres Lagers, und
wolle sie nicht sterben lassen. Sie ist krank wie ein Weib, und wird auch so
sterben, sie fhlt es und ist ruhig; aber was sie zerreit, ist das Leben, denn
sie liebt ohne Hoffnung.
    Ich erzhlte ihr gestern von dir und Josephen, wie ihr so glcklich seid;
sie bat mich dringend darum, und der Arzt will, da man ihr allen Willen tue.
Als ich fertig war, gab sie mir die goldne Halsnadel fr Josephen, und die
Ohrringe fr dich, die hier beiliegen; sie nahm beides von sich, und weinte dann
sehr. Sie liebt einen jungen Edelmann, der es auch verdienen soll; aber wer
verdient, da die Jugend um ihn sterbe?
    O! es ist ein Jammer, Marie, wie Wallpurgis aussieht, bleich und abgezehrt,
die schnen langen Haare verwirrt, und die herrlichen Augen erloschen. Die
Grfin mchte verrckt werden vor Kummer. Mir tut es nichts, es ist mir nur
fremd zu Mute; wenn ich es selbst wre, wrde ich noch ruhiger sein.
    Das Schrecklichste ist, wenn sie oft pltzlich auflebt, und der Gedanke an
den Tod ihr frchterlich wird. Sonst weilt sie oft halbe Tage in einer ruhigen
Betrachtung des Todes, und spricht mit einer schnen Rhrung von ihm, so da man
gern sterben mchte, wenn es so ist; aber dann fat sie pltzlich der Gedanke,
wie das Leben lchelte, da ihre Liebe noch jung und er mit ihr war. In einer
solchen Minute sagte sie jngst zu mir:
    Ach ich kann doch nicht sterben, so sterben ohne Freude, ohne Liebe; wenn
du wtest, Annonciata! wie ich meine Kinder lieben knnte, wie sie schn sein
wrden und freundlich, und sich die ganze Welt ihrer freuen mte - aber das ist
alles nicht, und ich mu wohl sterben, nicht wahr, Annonciata!
    Was soll ich dann sagen? ich, die unbekannt ist mit Leben und Tod, und mit
Liebe - Alles ist schn in einem solchen Herzen, Wallpurgis, sage ich dann,
nur die Trennung ist Schmerz, und alles Erreichte ist Glckseligkeit und
Schnheit.
    Da erwiderte sie:
    Schweige, Annonciata, ich werde nichts erreichen, auch ber dem Grabe
nichts, ich werde auch dort herumgehen, und so fort immer sterben.
    Jngst sagte sie auch:
    Ich qule dich recht mit meinem Elend, aber wenn du jenen Mann kenntest, du
wrest auch so. Gott gebe, da ich nach dem Tode hier sein knne, so will ich
dir alles vergelten, ich will dich mit sanfter Stille erfllen, und dich strken
gegen die Liebe; denn sieh, wir Mdchen sind recht arm in der Liebe, wenn wir
lieben knnen. Wir sind wie die Blumen, die nimmer sagen knnen, wie es ihnen
ist; wir blicken den Himmel mit schnen Farben an, und sterben.
    Solchen Worten soll ich Trost geben? solchen Worten? die mein Trost sind -
Du hast recht, Wallpurgis, sage ich, auch ich fhle, wie es sich in meinem
Herzen regt, und wie sich meine Gedanken ausbreiten in einer andern Welt, auf
welche die Blume nur hinweist, und dann verwelkt. Doch ist mein Herz stolz auf
dieses Zeugnis eines hhern Zusammenhangs, und ich will mich seiner als eines
edleren Gedankens erfreuen, wenn mich keiner lieben sollte.
    Gestern war sie mit mir im Garten, sie sprach kein Wort, und setzte sich mit
mir mitten unter die Blumen. Es war rhrend zu sehen, wie sie leise mit den
mden Augen ber sie hinblickte, bei einzelnen sinnend verweilte, und keine
Trne in ihr Auge kam.
    Da ich sie fragte, warum sie so nachdenklich sei, sprach sie lange, und
erklrte mir ihre Gedanken; es war ihr schon oft so bei den Blumen gewesen, und
sie gab mir nachher ihr Tagebuch, wo sie folgendes hineingeschrieben hatte:
    Ich wei nicht, woher es kmmt, aber es ist wunderbar, was ich vieles
empfinde, wenn ich so ber die mancherlei Blumen hinsehe. Mein Denken verliert
sich dann, in jedem Kelche ertrinken einige Begriffe von mir, und ich fhle mich
leichter als vorher, und willenloser mde. Manchmal sehe ich meinem Gedanken
ordentlich zu, wie er sich auf dem sanften Rande der Lilie kindisch schaukelt;
aber bald ngstigt ihn die Welt um ihn herum, es ist ihm, als wren alle Bume
und Berge, ja alles, die ganze Erde eine Kette von gebundnen Ewigkeiten, und er
hlt sich bange am samtnen Blumenblatte fest. Dann fhle ich, wie er die Blicke
aufwrtshebt, und sich nicht mehr erhalten kann; es ist ihm, als strze er in
den Abgrund der Hhe, ber ihm schwimmt das de Meer des Rausches, der noch in
keiner Traube war, und der Liebe, die noch in keinem Krper webte, und dieses
Meeres Wogen brausen ohne Ton, und Gestaltenstrudel ohne Umri whlen in ihm.
Aus allen Tiefen streckten glnzende Polypen ihre Arme nach dem Gedanken aus,
und wo sich die wilden Wogen trennten, war es, als strzten blitzende Pfeile
nach ihm herber, die ihm das Innre mit sem Tode impften, und nher, wo das
Meer ihm um die Locken spielte, da trennt es sich, und ffnet sich ihm ein
heller Schacht durch den den whlenden Kampf, in den er gelinde hinabsinkt. Von
allen Seiten drngen blhende Gestalten aus des Schachtes Wnden, und alle
gren ihn wie einen Freund von Ewigkeit, und jede reicht die Arme nach ihm aus,
und er ruht in aller Armen, auch will ihm jede der Gestalten einen ewgen Weg
zeigen; doch weilt er nicht, und sinkt hinabgezogen in dichterischer Wollust
immer tiefer, bis da er in dem Grunde ruht. Er schaut nun aufwrts durch den
Schacht, und alle die Gestalten sieht er wie zwei Sulen emporsteigen, zwei
herrliche Bume, auf deren einem holde Mdchen wie Blten und Frchte
auseinander dringen, und auf dem andern Jnglinge; und wie die beiden
tausendarmichten Leben ineinander rauschen, verschwinden ihm die Blicke, er
fhlt um sich ein wunderbares Weben, das hher ist als alle die Gestalten, die
nun ein einziger Baum vor ihm zu werden scheinen, und er fhlt, wie sich des
Baumes Wurzeln unter ihm regen, und umarmt bange den lebendigen Stamm, damit ihr
geheimnisvolles Treiben ihn nicht verschlinge, und blickt er aufwrts, so betet
er, und blickt er nieder, so schwindet er in dem Gewirre der Wurzeln, die wie
lichte Schlangen um ihn whlen, und schafft, und wo er schuf, dringen goldne
Blitze aufwrts, klingend schieen sie in die Hhe, und leuchten an dem
herrlichen Stamme bis zu dem Gipfel empor, der in der Glut sich wieder in die
beiden ersten Leben lst. Da fhlt er sich nicht mehr, die leuchtenden Schlangen
der Wurzeln umschlingen ihn, und eine freundlicher und dringender schmiegt sich
um seine Brust, flt aus dem wollstig gewundnen Leben, das sie in tausend
Lsten um ihn windet, den sen Tod verwandelnd ihm in die Lippen - da sah ich
ihn nicht mehr, hinab blickte ich in den Kelch der Blume, wo er im stillen Tode
lag, und der Auferstehung harrte, welche goldne Bienen singen werden.
    So sprach sie, und fuhr fort:
    Sieh, Annonciata, und als ich weiter blickte, so war ich immer weniger,
denn an jedem Kelche mute ich ein Kind meiner Seele zurcklassen als ein Opfer
des Todes. Als ich bei einer Blume niederblickte dem traurigsten Gedanken nach,
denn er hatte alle andere berlebt, so war mir, als she ich mich selbst im
Kelch der Blume liegen, eine andere Blume blickte nieder in mein zartes Grab, in
das sie khle Trnen trufelte, und ich empfand Erinnerung ber den Rand der
Blume hinber wie Ahndung in mir weben.
    Da Wallpurgis so gesprochen hatte, war sie sehr schwach, und ich trug sie in
meinen Armen nach ihrer Stube. Ich konnte nicht begreifen, da sie bald nun
nicht mehr sein wrde, jetzt noch in meinen Armen warm liebend und denkend, und
bald alles das vorber, - schon die leuchtende Schlange der Wurzel sich um sie
schlingend, ihre blassen zarten Lippen schon offen dem sen verwandelnden Tode.
    Da ich in der Stube war, legte ich sie nieder, und fhlte mich zu ihren
Lippen gezogen, ich wollte sie kssen, aber sie erschrack heftig dabei und
drngte mich mit den Worten zurck:
    O lebe! lebe! da die Meinige zurckbleibe, denn zwei solche knnen nicht
sterben, nicht leben, la uns die Welten verbinden. Sie war heftig gereizt, ich
rief den Arzt, der nun im Hause wohnt, er war ber ihren Zustand sehr verlegen.
Ich konnte nicht mehr zugegensein, ihre Mutter ging zu ihr, und ich trat in den
Garten. Da ich an die Stelle kam, wo wir gesessen hatten, fiel mir Wallpurgis
Rede ein, und ich betrachtete die Blumen aufmerksam. Da steht ein Rosenstock,
den sie einstens selbst gepflanzt, und seither immer gepflegt hatte, in der
letzten Zeit aber, da sie der Liebe erlag, vernachlssigte sie ihn, und er war
umgekommen bis auf einen Zweig, der eine weie Rose trug, die dem Verwelken nahe
war. In dieser Blume schien sie sich gesehen zu haben, denn neben ihr steht eine
Lilie, die ich pflanzte, als wir uns das erstemal sahen, die Lilie beugt das
Haupt nieder, und leert ihren Kelch ber der Rose aus sie ahndete ihren Tod, und
mir ist es ebenso.
    Mir war eigentlich nur stille zu Mute, traurig nicht, dies Wesen ist nun
schon ganz mein Leben, und man kann in jedem Leben zur ruhigen Erhebung
gelangen. Ich setzte mich in das Gartenhaus, dessen Fenster auf die Landstrae
geht, und schlief allmhlich ein. Ich mchte vergehen, Marie, vor rger,
pltzlich strte mich etwas, ich erwachte: ein Mann hatte mich vertraulich
umschlungen, und kte mich, ich schrie um Hlfe, und er sprang zum offen
stehenden Gartenfenster mit einer lcherlichen Leichtigkeit hinaus. Es war so
nrrisch, da ich mich umsehen mute, da hrte ich ihn in den Bschen singen:

Non gridate per aiuto
O lo far senz' ogn' aiuto.

Ich empfand nie einen lcherlichern Widerwillen, die Bedienten der Grfin liefen
ihm nach, aber sie fanden niemand.
    Ich habe dies gleich nach dem abgeschmackten Vorfalle geschrieben, und jetzt
will ich Wallpurgis noch gute Nacht sagen. Lebe wohl! gre Joseph, und sag dem
Vater, ich wre wieder ruhig. Ich bin gerne hier, denn dieser Aufenthalt strkt
mich fr mein ganzes Leben.
                                                                      Annonciata

Marie ward sehr traurig durch diesen Brief, so auch Joseph und der Vater; dieser
sagte:
    Man sollte nicht denken, was die Umgebung der Mutter auf das Kind fr einen
Eindruck machte. Einige Monate lang vor Annonciatens Geburt war ihre Mutter sehr
traurig ber den Tod ihrer Eltern, und bald darauf des jungen B. wegen, der sich
aus Liebe zu ihr das Leben nahm; so ist das Mdchen in Kummer und ngsten
geworden, und mu nun ewig das Zeugnis davon in ihrem trben Gemte tragen.
    Bald hierauf kam noch ein Brief von der Grfin selbst: sie bat Wellner, ihr
Annonciaten noch zu lassen, weil ihre Tochter gewi frher ohne sie sterben
wrde; sie lobte dabei sehr Annonciatens vortreffliche Seele und versprach, ihr
einstens alles zu vergelten.
    Da einige Tage nachher die Zeit von Josephs Abreise sehr nahe war, und der
Vater sehr gern den Genueser mit Annonciaten bekannt gemacht htte, so nahm er
den Vorwand, da Joseph sie noch einmal sehen msse, und fuhr mit ihm, Marien
und dem Italiner nach dem Gute.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Ich hatte gegen das Ende meiner Beschftigung etwas im Gebsche rauschen hren,
und da ich sah, da es Georg der Diener war, der am Teiche stand und die Fische
ftterte, rief ich ihn herein, um ihm Unterricht auf der Laute zu geben. Als ich
ihn die ersten Tne und einige Akkorde gelehrt hatte, begriff er es gar bald,
und wnschte nur, da er besser singen knnte. Ich bat ihn, leise und gelinde
eine Melodie zu singen; er weigerte sich auch nicht lange, und sang folgendes
Lied mit einem wehmtigen Tone:

Ein Fischer sa im Kahne,
Ihm war das Herz so schwer,
Sein Liebchen war gestorben,
Das glaubt' er nimmermehr.

Und bis die Sternlein blinken,
Und bis zum Mondenschein
Harrt er, sein Lieb zu fahren
Wohl auf dem tiefen Rhein.

Da kmmt sie hergegangen
Und steiget in den Kahn,
Sie schwanket in den Knieen,
Hat nur ein Hemdlein an.

Sie schwimmen auf den Wellen
Hinab in tiefer Ruh,
Da zittert sie und wanket;
O Liebchen, frierest du?

Dein Hemdlein spielt im Winde,
Das Schifflein treibt so schnell;
Hll dich in meinen Mantel,
Die Nacht ist khl und hell.

Sie strecket nach den Bergen
Die weien Arme aus,
Und freut sich, wie der Vollmond
Aus Wolken sieht heraus.

Und grt die alten Trme,
Und will den hellen Schein
Mit ihren zarten Armen
Erfassen in dem Rhein.

O setze dich doch nieder,
Herzallerliebste mein!
Das Wasser treibt so schnelle,
O fall nicht in den Rhein.

Und groe Stdte fliegen
An ihrem Kahn vorbei,
Und in den Stdten klingen
Der Glocken mancherlei.

Da kniet das Mdchen nieder
Und faltet seine Hnd
Und seine hellen Augen
Es zu dem Himmel wendt.

Lieb Mdchen, bete stille,
Schwank' nicht so hin und her,
Der Kahn, er mchte sinken,
Das Wasser treibt so sehr.

In einem Nonnen-Kloster
Da singen Stimmen fein
Und in dem Kirchenfenster
Sieht man den Kerzenschein.

Da singt das Mdchen helle
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei mit Trnen
Den Fischerknaben an.

Der Knabe singt mit Trnen
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei sein Mdchen
Mit stummen Blicken an.

So rot und immer rter
Wird nun die tiefe Flut,
Und wei und immer weier
Das Mdchen werden tut.

Der Mond ist schon zerronnen,
Kein Sternlein mehr zu sehn,
Und auch dem lieben Mdchen
Die Augen schon vergehn.

Lieb Mdchen, guten Morgen!
Lieb Mdchen, gute Nacht!
Warum willst du nun schlafen?
Da schon die Sonn erwacht.

Die Trme blinken helle,
Und froh der grne Wald
Von tausend bunten Stimmen
In lautem Sang erschallt.

Da will er sie erwecken,
Da sie die Freude hr,
Er sieht zu ihr hinber
Und findet sie nicht mehr.

Und legt sich in den Nachen
Und schlummert weinend ein,
Und treibet weiter weiter
Bis in die See hinein.

Die Meereswellen brausen
Und schleudern ab und auf
Den kleinen Fischernachen,
Der Knabe wacht nicht auf.

Doch fahren groe Schiffe
In stiller Nacht einher,
So sehen sie die beiden
Im Kahne auf dem Meer.

Die Trnen standen ihm dabei in den Augen, und als ich ihn fragte, warum er so
traurig sei und das Lied ihn so bewege, sagte er:
    Die Weise ist von des einen Pchters Tochter; sie sang es oft, ich war dem
Mdchen gut, und sie ist nun gestorben; es ist mir nur immer, als trieb ich auch
in die weite See.
    Ich spielte ihm einige naive lustige Lieder, um ihn zu trsten, denn das
Naive ist der Trost einfacher Seelen. Dann gab ich ihm einiges, was er lernen
sollte, und ging nach Godwi.
    Ich fand Flametta bei ihm: es schien uns in ihrer Gegenwart allen
wohlzusein. Das Mdchen ist so fest, so rein und kalt wie Marmor, und dabei doch
so unendlich beweglich und lebendig. Ihre Figur ist vollkommen die der Atalanta,
und ich habe eine groe Liebe fr diese Figur. Es ist mir, als knne man sie
noch erbitten, und als habe sie in dem Charakter ihrer Gestalt einen
berwindlichen Gegensatz.
    Sie kam, um Godwi eine kleine dramatische Arbeit vorzulegen, und um seine
Erlaubnis und Untersttzung bei der Auffhrung zu bitten; auch bat sie uns, an
allen mnnlichen Rollen zu ndern, wo es uns gut dnke, weil sie, so sagte sie
lchelnd, dies Geschlecht tglich weniger begreife.
    Godwi sagte scherzend: Das ist doch schon ein Beweis, da Sie ber dieses
Geschlecht studieren, und Sie werden es vielleicht einstens wohl gar umfassen.
    Wir nahmen uns dann vor, ihr Gedicht zu lesen, und Godwi gab ihr die
Erlaubnis, eine kleine Summe fr die Auffhrung anzuwenden. Sie bat sehr um
unser Mitspielen, wir konnten es ihr nicht versagen, und versprachen, bald zu
kommen, sie mge nur einstweilen die Zubereitungen vollenden. Das Gedicht hie:
Vertumnus und Pomona.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Die Gesellschaft fuhr frhlich nach dem Gute hinaus; der Italiner war vergngt,
sang scherzhafte Lieder, und schnitt den Bauernmdchen Gesichter aus dem Wagen;
als sie aber den Schlohof hineinfuhren, ward Wallpurgens Sarg in den
Leichenwagen geschoben, die schwarzen Mnner bewegten sich, und stille, wie das
Geschft einer andern Welt, ging der Zug an ihnen vorber.
    Sie konnten alle kein Wort sprechen, Joseph und Marie hatten sich angesehen,
da der Wagen vorberging, und dann nicht wieder.
    Nach dieser Pause sprang der Italiner aus der Kutsche mit den Worten: Das
war dumm. - Dann folgten die andern. Joseph erkundigte sich im Hause, und
brachte die Nachricht, da die Grfin mit Annonciaten, gleich nach dem Tode
ihrer Tochter, auf ihr anderes Gut gereist sei. Sie entschlossen sich daher,
sogleich zurckzukehren, nachdem sie einige Erfrischungen eingenommen htten,
fr welche der Hausmeister sorgte.
    Sie waren in den Garten gegangen: Wellner und den Italiner reizten einige
Statuen, einen andern Weg einzuschlagen, und die beiden Liebenden setzten sich
in eine Laube. Anfangs sprachen sie nicht; es war, als seien sie ganz fremd
geworden, und mten sich ihre Liebe von neuem gestehen, so war der Tod der
armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren. Morgen war nun der Tag, an dem
Josephs Abreise festgesetzt war, und wie traurig der Abend vorher. Er war
herausgefahren, um Annonciaten noch manches zu sagen, was ihm das Herz schwer
machte, denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen. Er wollte die
Beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich und einander fester
verbinden, damit sie sich in seiner Abwesenheit gegenseitig untersttzen
knnten, und nun mute er sie in solcher Zerrttung verlassen.
    Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten, welche nur eine Taxuswand
trennte; an den einen setzte sich unsre Gesellschaft, ohne zu wissen, wer den
andern einnehmen werde. Es war schon dunkel, und man a mit brennenden Lichtern;
doch blieben sie nicht lange ungestrt, und Wellner, Joseph und Marie verlieen
den Tisch, als sie die Leichentrger Wallpurgens sich an der andern Tafel
versammeln sahen, ihren herkmmlichen Schmaus zu halten; der Italiner allein
blieb zurck.
    Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem Schmaus war ihm uerst
fatal; er nahm sich daher ganz allein fr sich vor, sich an den schwarzen
Mnnern zu rchen. Um dieses zu bewerkstelligen, ging er nach dem Tore, einen
der Gesellschaft, der noch kommen sollte, zu erwarten und zu seiner Absicht zu
gebrauchen. Er hatte die brigen sehnlichst nach diesem verlangen hren, weil er
der vierzehnte war, und sie nach einem alten Aberglauben, da einer von
dreizehnen, welche miteinander essen, sterben msse, diesen Retter von Tod und
Hunger wie den Messias erwarteten.
    Der Italiner empfing diesen am Tor, und bezahlte ihn so gut fr einen
Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen lie, da er ihm seinen
schwarzen Mantel hingab, und sich sogleich auf den Weg machte. Er aber hllte
sich in den Mantel, und ging zu den brigen hin. Diese machten ihm Vorwrfe ber
sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu uern, und er,
stumm zu sein; dann setzten sie sich nieder, um zu essen. Es war dunkel, sie
hatten nur eine Lampe, welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an
einen tiefen Ast des Baumes gehngt war, der neben dem Tische stand, und der
Italiner sa vllig im Schatten.
    Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam, zu trinken, war er
weggeschlichen, ohne da man ihn bemerkt hatte. Die Leichenmnner stutzen
hierber nicht wenig, denn sie waren nun wieder zu dreizehn, und einer stand
deswegen auf, ihren Kameraden zu suchen und zu prgeln. Die Zurckgebliebenen
aber lieen es sich indessen recht gut schmecken.
    Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italiner wieder hin, und da sie
ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zhlen, indem sie ihre Namen hintereinander
her nannten, und als die Reihe an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die
Lampe vom Baum, und schrie laut: eccomi. - Die Leute erschracken hierber so
sehr, da sie auseinander liefen, um ihren Kameraden zu rufen, er aber nahm die
groe Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um den Hals hngte, den Baum
hinauf, und erwartete den Ausgang.
    Bald kamen die Leute mit groem Lrm zurck, sie hatten einen Fremden in
ihrer Mitte, der sich lebhaft verteidigte. Da sie sich dem Tische genhert
hatten, und einer ausrief, da die Leichenbrezel auch fort sei, fragte der
Fremde, wer gestorben sei, und als er den Namen Wallpurgens hrte, sank er an
die Erde. Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen, auch Wellner, Joseph und
Marie kamen herbei, der Italiner aber stieg bestrzt vom Baume, und ging nach
der Kutsche, welche schon angespannt war, lie die andern rufen, und sie fuhren
weg.
    Joseph erzhlte, da er in der Verwirrung gehrt habe, der junge Mensch sei
der Mann, um dessenwillen Wallpurgis gestorben sei; er habe sie besuchen wollen,
und von ihrem Tode noch nichts gewut, und als er zur Hintertre des Gartens
hereingekommen, sei er auf so eine lrmende Weise von den Leichenmnnern
empfangen und von ihrem Tode unterrichtet worden, da er fast vor Schreck
gestorben sei; doch habe er sich nicht zurckhalten lassen, und sei gleich
weitergeritten. Der Italiner sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig
und polternd geendigt.
    Den folgenden Morgen trennten sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen,
sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen, und da das Schiff schon weit
weg war, und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftcher sehen konnten,
bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.
    Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere
Zeit, und die Munterkeit des Italiners ward ihnen unangenehm. An Annonciaten
und die Grfin schrieben sie mehrmal, um sie zu bewegen, zurckzukommen, aber
die letzte bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und erffnete zugleich ihren
Willen, das Mdchen an Kindesstatt anzunehmen, wenn er seine Einwilligung dazu
geben wolle. Sie schrieb:
    Annonciata soll nichts davon wissen, es wrde ihren gereizten Sinn
vielleicht krnken; aber lassen Sie es uns im Stillen ber sie verhngen.
    Von dem Mdchen lag folgender Brief dabei.

                                 Lieber Vater!

Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen - Wallpurgis ist tot, und
ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen, giebt Ruhe, denn ein solcher Tod ist
gastfrei, und wer zugegen ist, geniet alles mit: ich bin mit ihr ruhig
geworden. Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekmmert sein,
denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr hinbergegangen,
und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zurck; sie war
immer ein freundliches, teilendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht
verndert. Es ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange
meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohlttigen Strom von Ruhe
gelst zurck.
    Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das fr eine Empfindung ist;
mit allem bin ich vershnt, und kann so glcklich hier im Garten herumgehen,
denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit
dir reden, denn ich bin nun so, da ich nichts mehr zu verbergen brauche, da
auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm: ob ich
denke oder spreche, das ist einerlei.
    Ich wei, wie du mich liebst, und wie du immer um mich besorgt bist. Die
Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer wei, und ein Gemt ist etwas, was
er nicht wei; da er aber doch mit der sorgenden schnen Liebe, die ihn treibt,
erziehen mu, so wird er sehr traurig, wenn er niemals das werden sieht, was er
bezweckt. So warst du und Joseph immer traurig um mich, und ihr wrdet noch viel
trauriger geworden sein, wenn ich nicht die Hlfte des Verdrusses in mich
genommen htte, und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar
wirkender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Ttigkeit des
Selbstbildens und Sichbildenlassens, so da dieser Betrug, den ihr in mir
bemerktet, euch wieder krnkte.
    Sei versichert, lieber Vater, da alles aus mir werden wird, was aus mir
werden kann, denn ich bin ernsthaft und unbefangen. Was man erkennen kann,
erwge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand, und alles, was ber den
Menschen schwimmt, wie die Luft ber der Pflanze, giebt mir das Leben: ich bin
fromm und andchtig, es zu empfangen, denn fromm ist der, der das Schne und
Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn er vor der Natur und schnen Werken
steht, und andchtig ist der, welcher ber seinem Denken nicht ein trennendes
Ende fhlt, sondern einen leisen bergang in die unendliche Liebe. Die Andacht
ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten
erffnet, und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem, das wir nie sahen,
noch wuten. So sind die halben Tne in der Musik, und die milden Farben des
bergangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Zge, denn
alle sie stehen an der gttlichen Pforte des berganges. - So auch ist mein
ganzes Herz ein frommes Herz, denn ich stehe zwischen meinem Leben und
Wallpurgis Tod - o! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen.
    Ich fhle auch schon, wie ich mich ins Leben zurckwende, und bald ganz froh
sein werde. Sicher hat dir die Grfin schon geschrieben, wie mein Mut wohl oft
zum Mutwillen wchst - da ich durch den Tod eines lieben Mdchens so geworden
bin, ist nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich erdulden mu
- ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden, und stiftete
Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm, damit er einstens wie mein
Spielgeselle zu mir komme, wenn er kmmt.
    Lasse mich bei der Grfin; die arme Frau hat niemand auf der Welt, und sie
liebt mich.
    Es ist vor einigen Tagen ein italinischer Lautenist hierhergekommen, und
hat vor der Grfin gespielt. Sie wnschte, da ich es lerne, und der Mann bleibt
nun einige Wochen hier, mir Unterricht zu geben. Die Grfin hat mir eine schne
Laute dazu geschenkt, und ich werde dir einmal viel Freude damit machen.
    Ich lese der Grfin viel aus dem Shakespeare vor, und finde es sehr
ntzlich, denn es hrtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab. - Ich frchte mich
ordentlich vor seinen Personen, und vor denen immer am meisten, die ich
besonders liebe. Wenn ich abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell
oder langsam, und mchte beides zugleich, denn irgend ein Wesen aus diesen
Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen einzelnen finde ich
mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in ihnen.
    Knnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen, so wrden
Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber bleibt es immer Empfindung, denn
die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich, und noch strker, jede ihrer
Erscheinungen strmt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch scheinen sie
mir so drckend werden zu knnen. Jede Beleuchtung des Himmels und jede
berhrendere Zusammenstellung von Landschaft erhlt fr mich ein
phantastischeres Leben, indem sie sich mit diesen Mnnern und Frauen
Shakespeares verwebt, und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genu daliegt,
sondern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.
    Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in diesem Briefe sind
Anklnge dieser Hinneigung zu einem bloen allgemeinen Verkehr mit allem, was
lebt, und einer vlligen Unfhigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu
wenden.
    Lieber Vater, ich hoffte nicht, da es dich schmerzen wird, dies so
aufrichtig von mir zu hren, denn es ist mir sehr wohl, indem ich es schreibe,
auch will ich nur immer an dich schreiben, du kannst dann Marien vorlesen, was
dir gut dnkt, da sie es wisse.
    Lebe herzlich wohl.
                                                                      Annonciata

Obschon fr Wellner viel Unverstndliches und Fantastisches in diesem Briefe
war, so rhrte ihn doch das Vertrauen Annonciatens, und er entschlo sich, sie
noch bei der Grfin zu lassen.
    Der Italiner war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das verdro Wellnern,
und es tat ihm nun doppelt wohl, keiner Verbindungen mehr zu bedrfen, da er mit
Mariens Glck auf dem Reinen war, und auch Annonciata glcklich und zufrieden
schien.
    Sein Leben mit Marien whrte so einige Monate fort, in einer einsamen
Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs, die der Vater mit
Marien freundlich teilte. Annonciatens Briefe wurden seltener, krzer, und
hatten weniger Verhltnis zueinander, in einigen war sie helle Glut, in andern
schien sie zu verlschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getrstet.
    Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in dem er seine
berfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war sehr rhrend, und Marie war
lange nicht zu trsten. Sie beschftigte sich nachher meistens mit Bildern aus
diesem Weltteil, sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch
Amerika vor. Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umstnden dieses Landes auf,
und lebte in der Neuen Welt.
    Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes bergewicht ber ihre Ruhe, und
neigte sie zu einem anderen sehnschtigen Dasein hin. Wellner bemerkte mit
Verdru diese Vernderung, die doch blo eine hhere Entfaltung war, denn sie
ward so mannichfacher, und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwrdige
Entdeckungen fr ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, da sie liebe,
berechtigte sich dazu, und beschtzte sich dies Recht.
    Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange her war, da
Annonciata geschrieben hatte, so entschlo sich Wellner, mit ihr nach dem Gute
der Grfin zu reisen.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Als ich so weit geschrieben hatte, fhrte mich Godwi nach dem Bildersaal, wir
traten vor ein groes Gemlde, er zog den Vorhang in die Hhe, und wir sahen es
stille an; es stellte Wallpurgis und die Blumen vor, und war von dem nmlichen
Knstler, der das Bild Annonciatens gemalt hatte, in demselben Stil, doch
mystischer gearbeitet, so wie jenes Allegorie des Lebens, so dieses Hindeuten
auf den Tod. Jenes Bild hatte mich heftig bewegt, und in diesem lste ich mich
auf.
    Vor diesem Bilde, sagte ich zu Godwi, kann ein liebes Mdchen ruhig
sterben. Alles schwindet, es ist, als vergehe es unter meinen Augen. Die Farben
sind beweglich, sie fliehen alle gegen die ferne Glut des Himmels, und scheinen
schon im Nachklang zu wallen. Ich habe nicht gedacht, da der Abend so knne
gefesselt werden, wie er hier aus den dunklen Gewlben der Bume dringt. Seine
geheimnisreichen Seelen schleichen ber den dicht belaubten Boden, flieen mit
leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf, aus deren Kelchen
zarte Geister an der grten holdesten Blume des ganzen Bildes, dem stillen
liebe- und lebenmden Mdchen, hinaufsteigen. Es herrscht um das Mdchen eine
wunderbare Haltung des Lichtes, die Farben werden gleichsam zu verschiedenen
Form-Atomen, und scheinen nur im Lichte zu schwimmen, besonders wo die Blumen
ihr nherstehen, gegen ihren Busen wird es schon einiger, um ihre Wangen und
Lippen verschwimmt es ganz, und aus ihren Augen strmt wieder vllige Einheit
des Lichts, doch ein anderes, unbeschreiblicheres. Ihre Stirn und ihre Locken
aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages, der von oben durch die
geffnete grne Pforte der Bume niederbricht, ringsum die Zweige in grne Glut
setzt, und den groen Frchten, die schwer aus ihnen niederblicken, feurige
Blicke giebt.
    Ich habe vergessen, sagte Godwi, Ihnen zu sagen, da diese Gemlde von
Franzesko Firmenti sind, dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans
Seite 165 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt, der ihn wieder gefunden
hatte; es ist derselbe, von dem Rmer Seite 50 schreibt, da er seine Stelle
ersetze und mit meinem Vater viel allein sei. Ehe er sich in die
Handlungsgeschfte einlie, an denen er seinen Geist wieder systematisieren
wollte, hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt. Es war damals eine
begeisterte Melancholie in seiner Seele, in der sich seine Verrcktheit gelst
hatte. Doch wir werden mehr von ihm hren.
    Alle seine Bilder haben einen eignen Charakter, und zwar den, da sie
eigentlich nicht sind, sondern ewig werden, und dies entsteht durch eine Manier,
in dem er das Licht der Pflanzen, des Himmels und des Fleisches in verschiedene
Haltungen setzt, obschon nur eine Beleuchtung stattfindet. In Bildern dieser Art
macht dieses oft einen glcklichen Effekt.
    Ja, fuhr ich fort, es ist auffallend, denn eben hierdurch entsteht diese
Bewegung, ich mchte sagen, dieses leise Wogen der Farben ber das Ganze, das
Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehr, das die Schwingungen der
einzelnen Tne durch den vollen Akkord hrt, und ich mchte seine Malerei
rhythmisch und deklamatorisch nennen: es ist, als wallen die Wellen sanfter
Jamben durch das Gemlde.
    Es ist wunderbar dargestellt und gemalt, was ich fr unmglich hielt, ein
Bild, das nicht historisch ist, keinen Moment erfllt, sondern die fortdaurende
stille Bewegung eines dichten Gemtes vorstellt. Ich sehe, da das Mdchen
spricht, obschon ihre Lippen nur leise geffnet sind; ich sehe, da sie sich den
Blumen vergleicht, und die Blumen sich, denn nur auf ihren Lippen, in ihren
Augen wird sie Jungfrau; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie
eine Pflanze, ihre Arme gleichen zarten Zweigen, ihre Brste drngenden
sehnenden Knospen, welche gelinde vorstreben, und um die sich die samtenen
Bltter lebendiger regen. ber diesem Throne des milden Herrschens wallt ihr
Antlitz wie Duft; auf den Lippen wird alles ein stiller Ergu; die Augen sind
reflektierendes holdseliges Sinnen, und das Haupt ergiet sich mit den Locken in
das flammende Element des Himmels. Alles, was sie empfindet, steht in dem
Lichtgrade, in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet.
    Aber ich werde nimmer fertig, das Bild wchst unter meinen Augen, und hnge
ich an den Formen des Mdchens, und suche sie zu entrtseln, so rufen mich die
Blumen, als sollte ich sie hinaufheben, an ihr keusches begehrendes Herz; gehe
ich nieder, um die stummen Kinder zu brechen, so werde ich zur Biene, und
schwebe ber ihren Kelchen, deren Sigkeit sie selbst nie leeren, dann zieht
mich wieder der feurige Himmel hinauf, und meine Empfindung verliert alle
Gestalt. Diese Geschichte meines Anschauens aber beruhet allein auf diesen drei
Lichtern, die in dem Bilde herrschen und sich auf allen Punkten auswechseln.
    Es scheint, sagte Godwi, als wren die Blumen in einem Opfer entzndet,
und alles andere sei nur ein Gedicht, das sich in ihren Dampfwolken gebrochen
habe, um zu erscheinen, und als wre das Mdchen nur der Mittler zwischen ihnen
und dem Himmel, denn in diesen Blumen liegt ganz der Charakter von Wallpurgis
Gestalt und des Himmels. Es ist, als seien die Blumen nur die Darstellung ihres
Leidens, das schon stille geworden, und ihre traurigen Blicke ins Leben, so wie
der feurige Himmel ihr brennendes Begehren nach dem Tod. Nach dieser Ansicht
ruht der Mittelpunkt des ganzes Bildes in ihrem Busen, dessen Schmerz und
Andacht ich deutlich in mir fhle; ist es nicht, als she man, wie ihr Herz
bricht? Ihr ganzes Haupt bis auf die Brust wird gierig vom Himmel angesogen, und
von da, wie es schwer niederdringt, als zgen es Bande des Blutes hinab.
    Und dennoch ist auch hier kein Ruhepunkt, sagte ich, denn auch die Glut
des Himmels ist die Mutter des Ganzen: ist diese Rte des Abends nicht reine
Sehnsucht im ther reflektiert, und ist Sehnsucht nicht Abendrot in der
Empfindung, und ist das Bild etwas anders als Sehnsucht im ther, Sehnsucht in
der Pflanze, und Sehnsucht im Mdchen?
    Godwi sagte: Es ist schn, wie die Natur unsere Ansicht begleitet hat, es
ist nach und nach dunkel geworden, das Bild hat sich doppelt bewegt, in seinem
Lichte, und in der Beleuchtung des Tages. - Die stille Fackel des Mdchens ist
verloschen, die Blumen sind gestorben, die Schatten der Bume haben ihre Arme um
den Schmerz gelegt, die glnzende Pforte des grnen Gewlbes schliet sich der
schnen Bahn, auf der die ganze Bescheinung hingezogen ist, nun ruhet das arme
Herz, lebe wohl, Wallpurgis!
    Es war dunkel geworden, und wir hatten es nicht bemerkt. Wir verlieen nun
die Stube, um ein anderes Gemlde zu besehen, das den Geliebten Wallpurgis'
vorstellt, wie er abends unter den Leichenmnnern die Nachricht von ihrem Tode
empfngt. Godwi sagte mir, da dieses Bild sehr gut bei Licht gesehen werden
knne, weil es selbst ein Nachtstck sei, und er steckte zu diesem Zwecke eine
Lampe an, die an der Decke angebracht war.
    Vorher teilte er mir aber noch ein Gedicht mit, welches Franzesko, whrend
er das vorige Gemlde verfertigte, gemacht hatte. Es ist italinisch, und in
dieser Sprache wirklich voll Wrme, doch gleicht es seiner Schwester, dem
Gemlde, bei weitem nicht; ich habe es den folgenden Morgen zu bersetzen
gesucht, aber es war durch die Eigentmlichkeit seines Ausdrucks ebenso schwer,
als das Gemlde zu kopieren sein wrde. Diese bersetzung fge ich hier bei und
bitte, da Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden, whrend Sie sie lesen.
    ber dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa, als Einleitung:
    Es wollte Abend werden, da sa ein alter Harfenspieler an einem ffentlichen
Spaziergange, um ihn her wandelten Jnglinge und Mnner, die sich teils
geschftig bewegten, teils gravittisch schritten und sehr nachdrucksvolle
Bewegungen machten; einige lchelten auch bedeutend, oder sahen gerhrt gegen
den Himmel; keine Jungfrau war zugegen, die Schchternheit hatte sie
zurckgefhrt in ihre Wohnungen, sie saen in dem einsamen Garten des Hauses
oder an dem Fenster ihrer Kammer, und sehnten sich, wie sich die Jungfrau Gottes
sehnte, ehe der Geist ber sie kam. Das wute der Greis, denn es war ihm sein
liebstes Kind gestorben, ach! und er wute ja nichts als das. Sie sagten von
ihm, wenn sie an ihm vorbergingen, er sei ein schwrmerischer Mann, der nur
Ideale im Kopf habe, und dem es an respektablen Gefhlen mangle. Er aber sang
folgendes Lied zu seiner Harfe.


                                   Der Abend

Nach seiner Heimat khlen Lorbeerhainen
Schwebt auf der goldnen Schale
Schon Helios, es glhen rings die Wellen,
Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,
Die wie mit Blitzesstrahle
Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,
Und ber alle Schwellen
Ergiet der Gott die stillen Feuerwogen
Zum ewgen Himmelsbogen,
Da von den Bergen durch das dunkle Leben
Des Tages Flammen wiederhallend beben.

Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,
Den raschen Mann zu fhren,
Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,
Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen,
Wenngleich die Fe gleiten,
Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen.
Nie von der Nacht bezwungen,
Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer
Das ernste Schiff den Steuer
Und wandelt heimwrts durch die dunkeln Fluten,
Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten.

Vom khnen Felsen rinnen Lichter nieder,
Die Tler zu ergrnden,
Und wo des Feuers milde Quelle ziehet,
Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,
Denn alle Tne schwinden,
Bis sie des Abends Flammen rein geglhet -
Und welch ein Lied erblhet -
Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen
Und s gefangen ringen
Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe,
Da Schmerz in Liebe, Lieb in Schmerz sich be4.

So drang der Tne Frhling aus dem Schweigen,
So auch in reinen Seelen
Des Tages wilde Kmpfe bald zerrinnen,
Wenn Lieb und Schmerz sich hold zusammenneigen,
Die Zwietracht zu verhehlen,
Und rhrend doch den ewgen Streit beginnen.
Ach keine mag gewinnen! -
Ein Wundergift fliet beiden von den Pfeilen,
Zu tten und zu heilen -
Denn er mu stets an ihrem Pfeil gesunden,
Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden.

Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben,
Da alle Schmerzen fliehen,
Den heien Kampf die stillen Schatten khlen,
Dann mag der Sehnsucht ungelstes Leben
In heilgen Phantasieen,
In schnen Trumen dichtend sich erwhlen.
Knnt ihr solch Leben fhlen?
So will, mit seinem Rausch euch zu erfllen,
Mein Bild ich gern enthllen,
Mein Bild, wie in des Abends Heiligtumen
Die Jungfrau redet mit den holden Blumen.




                          Die Jungfrau und die Blumen


Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen
Und in den dunklen Zweigen
Die reifen goldnen Frchte heimlich schwellen,
Gleich holden Engeln, die in Wolken lauschen
Und freundlich sich bezeigen,
Seht ihr die weie Jungfrau sich erhellen.
Des Lichtes letzte Wellen
Umflieen sie. Sie sitzt, und ihr zu Fen
Unschuldge Blumen sprieen;
Sie spricht zu ihnen, weckt mit ihren Blicken,
Die schon die Augen schlieen, schlafend nicken.

Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen;
Was ihre Lippen sprechen,
Wallt lngst im Traum um ihre zarten Seelen
Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen -
Die Stummheit zu zerbrechen,
Sind sie zu schwach, und knnens nicht erzhlen;
Doch sie kann nichts verhehlen,
Der stille Abend lst die keuschen Banden,
Die ihren Schmerz umwanden,
Sie klaget leis, und mit den blauen Augen
Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen.

Ihr blinden Kinder, wenn der ewge Schlummer
Von euren Augen weichet,
Wenn eure Lippen seufzend sich erschlieen,
Ein warmes Herz euch bebt und eurem Kummer
Die Gtter Worte reichen,
Erblh ich eine Blume euch zu Fen.
Ihr werdet still mich gren
Und fr der Liebe jungfrauliches Bangen
Der Blume Trost verlangen,
Denn wir sind Schwestern, sind im harten Leben
Der tiefen Liebe frhem Tod gegeben.

Was, Lilie, keusch in deinem Kelche webet,
Was, Rose, rot dich malet
Und eure Augen, stille Veilchen, sagen,
Auch keusch und bang in meinem Busen strebet,
Von meinen Lippen strahlet
Und still und mild die blauen Augen klagen.
Uns fat ein gleich Verzagen,
Ach! nimmer kann des Herzens still Verbrennen
Der keusche Mund bekennen,
Ach! nimmer will die wilde Welt verstehen,
Was unsrer Dfte stumme Lippen flehen.

Wenn linde Sonnenstrahlen niedersehen,
Sich laue Weste regen,
Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen,
Doch nimmer wissen wir, wie uns geschehen.
Was wir im Innern hegen,
Ist ses Trumen und ein kindisch Whnen.
Es flieen alle Trnen
Noch leicht herab, und weilen keine Schmerzen
Im unerschlonen Herzen,
Bis von der ewgen Liebe tiefen Quellen
Das Herz sich dehnt, und leis die Knospen schwellen.

Im Busen keimet heimliches Begehren,
Und mildes Widerstreben,
Und wie sie liebend miteinander walten,
Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren;
Der Blte junges Leben
Will nun die zarten Bltter schon entfalten.
Die freundlichen Gestalten,
Die in verborgner Werkstatt noch gefangen,
Nach Freiheit sehr verlangen,
Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschlieet
Und der geheimen Wunde Trne flieet.

Nun lsen sich die rtselhaften Triebe,
Und zu dem reinen Throne,
Der aus dem Herzen froh heraufgedrungen,
Steigt schchtern und verschleiert unsre Liebe.
Es hat die bunte Krone
Der sanften Knigin das Licht geschlungen.
Sie hat das Reich errungen,
Und blickt in ihres Sieges junger Wonne
So freudig nach der Sonne,
Die freundlich sich in ihrem Scho ergieet
Und sie mit goldnen Strahlen froh begret.

Dir arme Knigin, wie wird dir bange,
So einsam und verlassen,
So arm siehst du hinaus, ins weite Leben,
Die eignen Dfte kssen deine Wange,
Du mut dich selbst umfassen,
Kein Volk, kein schner Freund dir Liebe geben.
Die zarten Sulen beben,
Auf denen sich dein leichter Thron beweget,
Vom Weste selbst erreget.
Die Nacht flieht lieblos dir in dunklen Trumen,
Am Morgen Trnen deine Blicke sumen.

Sind nicht dein Thron des Busens junge Wogen,
Dein Purpur, rote Wangen,
Dein Diadem, der Locken goldne Schlingen?
Ach bald sind all die Wellen weggezogen,
Der Purpur bald vergangen,
Gelst die Flechten, die dein Haupt umfingen.
Der Liebe Pfeile dringen
Vom Himmel, und der Schmerzen glhes Whlen
Im Herzen zu erkhlen,
Lst du in stillen Trnen dein Geschmeide;
Der Trnen Weide wirst du, Augenweide!

Du arme Knigin! so ohne Wehre
Sollst schweren Kampf du fhren,
Will keiner fr die holde Braut denn streiten,
Will keinen, da die Glut sie nicht verzehre,
Solch zarte Schnheit rhren,
Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten?
O stummes bittres Leiden!
Welch Leben, wo die Liebe ungedinget
Dir keine Hlfe bringet,
Und wolltest du den dichten Schleier heben,
So wrde dir des Schatzes Geist entschweben.

Und heier, immer heier dein Begehren,
Und leiser deine Klagen!
Die Farben schon, die deinen Schmerz verknden,
Der Dfte leise Worte sich verzehren,
Um lauter stets zu sagen,
Wie dich die wilden Flammen ganz entznden.
Die Hlfe zu ergrnden,
Willst du vom freien Throne niedersteigen,
Dem Frevel dich zu neigen?
Noch elender ein Handwerk voller Wehe,
Umzunfte dich der schnde Tod, die Ehe. -

Nein! solcher rmlichkeit dich hinzubieten,
Wird Armut dich nicht zwingen;
Die freie Liebe lt sich nicht umarmen;
Wo sie den Ku in Zweck und Absicht schmieden,
Wo Trieb und Freiheit ringen
Und alle Lste an der Not verarmen,
Dem Handwerk zum Erbarmen,
Wo zwei gebte Langeweilen weilen
Und Pflicht und Notdurft teilen,
Darfst du dich nicht ergeben - heilig Leben!
Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben.

O knntest ruhig du dein Sterben leben,
Die Andern nicht erkennen,
Die alles Lebens eine Hlfte fassen,
Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben
Und hin und wieder rennen,
Als wre ohne sie die Welt gelassen.
Ach wohl! sie ist verlassen,
Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden,
Die Liebe zu ermorden,
Und forscht die Schnheit ttend nach Gesetzen,
Die Liebe und die Schnheit zu ersetzen.

Sie whnen gar, die Liebe sei verloren,
Weil sie sich selbst vermissen
Das Leben in Verzeichnisse schon bringen,
Als wrde fernerhin nicht mehr geboren,
Als brch aus Finsternissen
Der Tod herauf, die Mutter zu verschlingen.
Mit solchen Wunderdingen
Vermeinen sie die lngst verlornen Grenzen
Der Liebe zu ergnzen,
Und ordnen uns und stellen nach den Flammen
Dem Tode in Systeme uns zusammen.

Wie schner Sieg! Wir knnen hier nicht sterben,
Denn hier war uns kein Leben,
Ein Frhling nur, wir sind es selbst gewesen,
Erblhen und Verglhen - kein Verderben
Kann unser Bild entweben,
Nur Opfer kann der Liebe Fessel lsen,
O freudiges Genesen!
Erhebe, sanfte Knigin, den Schleier
Dem reinen Himmelsfeuer;
Will liebend nicht das Leben dich erringen,
So la vom stillen Gotte dich umschlingen.

Wie glht der Mittag hei, in tiefem Schweigen
Erffnet sie den Schleier,
Der Liebe Heiligtum mu sie enthllen,
Und zu dem Throne glhe Strahlen steigen,
Des stillen Gottes Freier,
Die wachen Schmerzen ttend ihr zu stillen.
Sie reicht dem mchtgen Willen
Die Liebe hin, und lset ihre Krone
Und breitet auf dem Throne
Die duftenden Gewnder, an den Gluten
Des Brutigams sich opfernd zu verbluten.

Mir ist das schne Opfer bald verglommen,
Es wallt das letzte Dften
Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet,
Er wand sie mir, er hat sie hingenommen,
Und in den reinen Lften
Das bunte Leben mit ihm heimwrts ziehet,
Mein stiller Abend glhet,
Und wo des hohen Glanzes reine Wellen
In heiem Purpur schwellen,
Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen,
Und ist der Streit der Liebe hingezogen.

O Nacht! so voller Liebe,
Ergiee deine dunkle Flut der Bangen,
Umfange ihr Verlangen,
La khlend um die kmpfenden Gestalten
Das stille Meer der ewgen Liebe walten!

Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstckes in die Hhe. Das Bild nahm die eine
Wand der kleinen Stube ganz ein, wir saen gegenber auf einem Sopha. -
    Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung, Mnner mit schwarzen
Mnteln ringsum, immer dunkler gegen den Rand. Mitten unter dem Baume ragt eine
Fackel heraus, welche grelle Lichter ber die hagern plumpen Gesichter der
Leichenmnner wirft; von ihren Hten fallen schwarze Flre, welche schn
durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen. Etwas entfernt
von den Fackeln, doch allein in ganzer Beleuchtung, lehnt der Jngling
ohnmchtig im Arme eines Dieners, sein Kopf sinkt abwrts, so da er von oben
beleuchtet wird; er hat schne blonde Locken, und einen edlen Gesichtsschnitt;
der Bediente zieht ihm das Halstuch ab, und hat ihm die Kleider geffnet, ein
grner Mantel fllt von seinen Schultern, und antwortet dem Grne des Baumes,
der durch die Fackel von unten erleuchtet wird; in dem Baume sieht man den
Italiner dunkel sitzen. Im Ganzen sind keine heftigen Farben, nur starker
Kontrast von Dunkel und Licht.
    Es war, wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen, um die Flamme der
Fackel einige lauten Schreie, um den Jngling stille Bangigkeit, und er selbst
leises Atmen und Seufzen. - Man meinte, es msse sich nun bald ndern, sie
mten bald auseinandergehn.
    Godwi lie den Vorhang wieder fallen, und ich sagte: Gut, es war Zeit,
lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen Stube sein, der Atem
ward mir schwer.
    Wir verlieen den Saal, und ich besuchte Georg, den Diener, der sehr krank
war.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Grfin;
sie waren lange nicht im Freien gewesen, ihre Gemter waren gleich ruhig, sie
hatten sich nichts mitzuteilen, und es war ihnen beiden, als wren sie allein;
doch fhlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander
dies Alleinsein nicht. -
    (Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft sein, das so selten
lebt, ohne wirkliche Vermischung - bloes stilles wohlttiges Gefhl der schnen
Umgebung, das Nebeneinanderstrmen harmonischer Tne. Der Freund kann nichts,
als unser Selbstgefhl aufheben, in dem er das seinige verliert, und sich wohl
befindet. Wo man die Freundschaft selbst fhlt, giebt einer oder der andere zu
viel oder zu wenig, und hat die Sache ihr Ende. Sie ist bloe Verstrkung des
Daseins, und Verminderung des Selbstgefhls im allgemeinen Medium des Lebens;
aus den Einzelnen macht sie eine Summe, stellt sie dem Mchtigen entgegen, und
macht den Begriff Volk allein ehrwrdig, im Gegensatze des Begriffes Herrscher,
Weiser, Dichter. - Sie setzt in der hchsten Unschuld keine Notwendigkeit der
eignen Gattung voraus, der natrliche gesunde Mensch ist ebenso Freund mit dem
Licht und dem Dunkel, den grnen Bumen, seinen Werkzeugen, Werken und Gedanken,
als seinem menschlichen Freunde; ja die Freundschaft mit dem Menschen
insbesondere ist Folge der verlornen Unschuld, es liegt ein Zusammentreten gegen
die Natur, etwas Feindseliges und Boshaftes in der bloen Freundschaft mit
seiner Gattung, und sie folget dem Verluste der Eigentmlichkeit und der Kraft
des Einzelnen, der die Natur nicht mehr zwingen kann und eine Menge gegen die
grte Einheit bilden will, um sich ihr entgegenzustemmen. -
    Zwischen zwei Menschen, von denen einer sich die Welt nimmt, und der andre
sich der Welt giebt, kann sie nie stattfinden, denn in ihr kann sich keiner
geben und kann keiner nehmen, sie ist bloes Dasein ohne Ttigkeit. - Sie ist
daher blo im Frhling und Winter des Lebens, im Spiel und der Ruhe - wo uns der
Zweck beherrscht, kann sie nicht sein.)
    Am Abend kamen sie dem Schlosse nher, und ihre Begierde, Annonciaten zu
sehen, war grer; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des Himmels gesehen,
und sagte zu ihrem Vater, mit Trnen in den Augen:
    Wo mag jetzt Joseph sein? Es ist mir oft, als wre er doch gar zu weit von
uns, als wrde er nicht wiederkommen. - - Annonciaten verstehe ich jetzt viel
mehr, Vater! und es ist mir, als habe sich eine stille hnlichkeit mit ihr in
mir gebildet - ich kann es nur nicht so sagen, ich bin nicht so stark -
    Warte nur, bis Joseph wieder kmmt, sagte Wellner - Du sehnst dich nach
ihm -
    Wohl sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit ihm ist es nicht
all - Wie wohl Annonciata sein wird? Vater, sie hat uns lange nicht gesehen, ihr
Herz, ist so gut, sie wird recht gerhrt sein, uns wiederzusehen.
    Unter solchen Worten fuhren sie den Schlohof hinein. Es machte ihnen ein
alter Diener auf, und sie wunderten sich, da in dem Hause der reichen Grfin so
wenig Gerusch war.
    Der Alte fhrte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen unheimlich zu
Mute. Man brachte sie in das Zimmer der Grfin; - diese sa allein bei einem
Lichte auf dem Sopha, und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie
sie laut auf, - o Gott, o Gott! - und sank ohnmchtig auf die Kissen, - Marie
kam ihr zu Hilfe, ein Kammermdchen trat herein und vereinigte sich mit ihr, und
Wellner stand in einer groen Angst an das Fenster gelehnt -.
    Als sich die Grfin zu erholen anfing, bat das Kammermdchen Wellnern und
Marien, in das Vorzimmer zu treten -
    Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte sich nieder,
und konnte vor Schreck nicht weinen -. Eine kleine Weile drauf brachte man sie
in eine Stube, wo sie die Nacht zubringen mchten; Wellner fragte nach seiner
Tochter, und die Dienerin verlie mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube: Ach
das ist es, da Gott erbarm, das ist es!
    Wellnern war es nun gewi, da sein Kind gestorben sei, Marie war
untrstlich, und wurde sehr krank in der Nacht; eine Wrterin und Wellner
blieben bei ihr, der Arzt wurde aus der Stadt geholt. -
    Die Wrterin erzhlte Wellnern, da Annonciata nun schon zehn Tage verloren
sei; man wisse nicht, wo sie hingekommen sei; sie sei abends in den Garten, wie
gewhnlich, allein gegangen, aber nicht wiedergekommen; und wie man den Teich
abgelassen habe, aus der Vermutung, sie sei hineingefallen; wie alle Leute der
Grfin nun zum zweitenmal abgereist seien, da sie das erstemal keine Nachricht
erhalten htten.
    Die Grfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und beruhigte sich, da er
sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine andre Idee fassen, als Annonciata
sei geraubt, weil sie bei jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost
fr die Zurckbleibenden dagelassen htte.
    So war dieser traurige Abend -
    Alle Nachforschungen wurden verstrkt, ein ganzes Jahr hindurch emsig
fortgesetzt, aber umsonst -
    Wellner grmte sich sehr ber diesen Verlust, und Marie ward immer stiller
und schwermtiger; sie stand oft abends an ihrem Fenster allein, wo sie sonst
mit Annonciaten gestanden, und fhlte nun alles, was ihr jene damals gesagt
hatte.
    Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater wute gar nicht,
was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen fragte. Diesen beiden Menschen
war alles zerstret, was sie mit der Zukunft verband, und sie erschraken vor
jedem Stundenschlag.
    Marie war wohl noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie ihren
Schmerz, und suchte ihn zu erheitern -. Annonciaten wiederzufinden, gaben sie
die Hoffnung beinahe auf - und auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und
trauriger -. Wenn Wellner in den Handlungsbchern bltterte, und sah, wo er
geschrieben hatte, kamen ihm oft die Trnen in die Augen. -
    Es war nun schon beinahe anderthalb Jahre, da Joseph nicht geschrieben
hatte, als Godwi5, ein Englnder, der Sohn einer reichen Handlung, nach dem
Wohnort Wellners kam. Er war ein schner feiner Mann, von seiner Familie mit
einem Kredite empfohlen, der beinah Wellners Vermgen berstieg, und dabei sehr
einfach und erst bei aller seiner Freimtigkeit; er gefiel diesem sehr wohl, und
auch er befand sich gut bei Wellnern und Marien, und brachte seine meiste Zeit
bei ihnen zu. -
    Er wute sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog nach einiger Zeit
ganz ins Haus. Marie war ihm gut, und er liebte sie schon sehr - doch war es
nicht zum Gestndnis gekommen, weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen
Erinnerung an Joseph gewesen war. -
    In Wellnern regte sich oft das Gefhl, da er nicht mehr lange leben wrde,
dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte sich heftiger nach Josephen - aber
dieser blieb aus, und alle Nachricht von ihm.
    Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte, fate er den Mut,
an die Mglichkeit zu glauben, der reiche Englnder nhere sich seinem Kinde mit
ehrlicher Liebe, leichter aber hielt er es fr Freundlichkeit oder Sitte.
    Er ward nun tglich stumpfer, und hatte wenig Freude mehr an seinem
Geschfte. Bald aber erhielt sein Glck den heftigsten Sto, mehrere
fehlgeschlagene Operationen und ein groer Banqueroutt machten ihn unzahlbar, -
er war in der grten Verzweiflung - und beinahe auf dem Wege, sich sein Leben
zu nehmen. Diese Gemtsstimmung empfand Marie schmerzlich: sie hatte schon
einige Tage bemerkt, da er sehr traurig war, ihr auswich, und wenig bei Tische
a. Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war
ihr sehr drckend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst
sei schuld daran, sie msse ihn sehr gekrnkt haben, da er nicht einmal mit ihr
sprechen knne. Wenn sie auch alles berdachte, so konnte sie nichts in ihren
Handlungen finden, bis sie endlich vermutete, ihrem Vater mifalle ihre
unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi, und er denke Bses von ihr.
    Dieses bewog sie zu einer Klte gegen den Englnder, welche er sehr
unverstndlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im Hause -, als es
endlich zu einer Erklrung kam.
    Wellner, Godwi und Marie saen abends zu Tische, alle stumm und traurig.
Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen. Wellner hatte sie sehr
wehmtig angesehen, sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten, die Trnen
stiegen ihr in die Augen, und sie verlie laut weinend die Stube. Wellner folgte
ihr mit den Ausrufungen Gott, Gott! du armes Kind! in die Nebenstube. Godwi
sa nun allein an dem Tische, spielte mit dem Messer, und fhlte jene fatale
Ruhe der Selbstverachtung, um die sich schner Schmerz bewegt -, er sang ohne zu
wissen die Worte: God save the king, und setzte mit einem frchterlichen
Bewutsein die Worte: and damn me, dazu. -
    Er stand auf, ging schnell nach der Tre, und blieb starr vor ihr stehen,
als er Mariens Worte hrte: -
    O lieber, lieber Vater, ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, o denkt
nichts Bses von mir -
    Er hrte erstaunt folgendes Gesprch, und in seinem Herzen waren viele
schmerzliche Anklnge, die wir bald verstehen werden -
    Liebe Marie, das ist es nicht, was mich ngstigt; o wie konnte ich deinem
armen Herzen diesen Schmerz lassen!
    Wir sind sehr unglcklich, lieber Vater, Annonciata ist verloren, Joseph
ist verloren, ach und euer Vertrauen ist verloren, ach mein Vater, gebt mein
Einziges nicht so hin!
    Das ist es nicht, Mdchen, das nicht, (hier hob er hart und kalt die
Stimme) aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du die Tochter eines ehrlosen
Bettlers. - Der Englnder bebte, und ward ruhiger, eine Zeitlang hrte er nicht
mehr sprechen, - dann erhob Marie ruhiger die Stimme -
    Lieber Vater, nur das, o das ist es nicht, ich verstehe es vielleicht
nicht, aber das wird uns nicht unglcklich machen. - Leben, - das bichen Leben
wollen wir gewinnen, und nach uns wird doch niemand kommen, der von uns begehrt;
wir werden allein sein, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach
euch sterben. -
    Godwi verlie die Stube, und ging nach seinem Zimmer, wo er alles empfand,
was ein Mensch leidet, dem das Leben durch innere Flle und ueren berflu
lange so leicht als Tugend und Laster war, und der mit wenigem geretteten
Selbstgefhl in die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von
diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirklich teil an ihnen
hat.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich las diesem vor, was
ich schrieb, und er gab mir einige Bltter seines Vaters, die er in der Zeit
seines Lebens bei Wellner, und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte: sie
knnten eigentlich alle an diesem Abend, geschrieben sein, weil sich an ihm
alles sammelte, was er damals empfand. Diese Bltter sind lauter Bruchstcke von
Erinnerungen aus seinem Leben, die ihm zu Empfindungen wurden, und die sein Sohn
historisch selbst nicht genau kannte. -
    Ich setze davon das Merkwrdigste hieher, um seine Geschichte aus seinen
Empfindungen den Lesern vermutlich zu machen. - Es wird ihnen um so leichter
werden, dieses zu tun, als es sehr viele Menschen giebt, denen alles leicht und
das Bedrfnis dringend war. Ich lasse diese Fragmente ohngefhr so folgen, wie
sie mir in der Zeit gefolgt zu sein scheinen -.

Ich mchte oft lachen und weinen ber meine sogenannte Ungeschicklichkeit im
Leben, die doch nichts als eine wunderbare berzeugung bleibt, da alle
Geschicklichkeit lcherlich ist - ich bleibe immer stehen, komme nicht weiter,
wenn ich irgend eine Geschicklichkeit erlange, denn ist Geschicklichkeit etwas
anders? als: bei einer Sache lnger verweilen zu drfen, als es schicklich ist.
-

Es zieht mich alles an, aber ich stehe immer im Zweifel, ob ich willkommen bin;
nhere ich mich einer Sache, so mchte ich meine Verlegenheit nicht merken
lassen, und mache alle Wissenschaften in mir irren; wenn ich dann sehe, da sie
sich in mir geirrt, so sage ich etwa, kann ich die Wissenschaft betrgen, so
kann sie das Leben auch betrgen, und sie wei wohl nicht, was sie will. Ich
achte ihren guten Willen, aber ihr Wissen kommt mir verdchtig vor.

Mit ist sehr wohl ber alles, was ich nicht wei; was ich wei, finde ich
unntz, weil es wohl kann besser gewut werden; ich wollte, ich lebte nicht,
mein Leben knnte auch besser gewut werden.

Das ganze Leben ist eine Geheimniskrmerei, eine Delicatesse aller Existenzen
gegeneinander, da mir es oft ngstlicher drinne ist als bei tugendhaften
Mdchen, die in jeder Stunde heuraten knnen, wenn nur ein Priester die
Gelegenheit vom Strauche bricht.

Es ist wahrhaftig nicht der Mhe wert, sich Mhe zu geben, die Sache bleibt
ewig dieselbe; bohre ich ein Loch mit meinem Verstande in die Welt, so mu es
sich des allgemeinen Gleichgewichts halber wieder zustopfen, und es ist recht
unhflich, die Natur der Dinge so zu bemhen.

Vor vielen Dingen soll man Ehrfurcht haben, man soll sie ehren, und nirgends
mchte ich so gerne laut sprechen oder pfeifen als in der Kirche, nicht um
gehrt zu werden, sondern um es zu hren, - ich mchte auch wohl gerne in einem
lderlichen Hause beten, und ber eben diese Gelste kann ich sehr traurig
werden. -

Tugendhaft sein, wie man es heit, ist, was ein Brownianer schlecht recipieren
nennt; - ich mchte oft toll werden ber alle die Dinge, die dazu ntig sind,
und die ich oft gar nicht auftreiben kann.

Am Ende sind alle Menschen nur Formeln, um ein Stck Weltgeschichte
herauszubringen; denn warum hielt ich einst nichts auf Tugend, und fange jetzt
wieder an, was drauf zu halten?

Ich habe immer eine groe Anlage gehabt, Weibern, die sich mit ihrer Tugend
breit machten, etwas die Ehre abzuschneiden, und ihre Tugend zu schmlern, damit
die andern sich nicht so ngstlich drcken mten, die ihre Tugend selbst
schmlerten, und das tat ich vielleicht gar des Wortspiels wegen.

Gott wei, da meine Wahrheit mein Unglck war! Ich hrte immer schon dann auf
zu lieben, wenn ich merkte, da meine Geliebte den Engel und den Menschen
getrennt hatte, und habe manchem Menschen seinen Engel genommen, und ihn allein
stehen lassen; das ist bs, aber es war so: ich habe alle Chemie erschpft, die
Unschuld wieder mit dem Mdchen zu vermischen, aber es ging nicht, und die
Unschuld erschien mir endlich nicht schuld an der Schuldlosigkeit.

Eine Zeitlang trieb ich das Leben rckwrts, und tat alles nicht, was ich getan
hatte; ich glaubte, das sei Besserung, aber ich kam mir bald so komisch vor wie
ein Riese, der Alt singt, und ein alter Mann, der die Leute mit seinen
Kinderjahren unterhlt - da machte ich denn das gebesserte Stckchen schnell
wieder schlecht, und alle Besserung kam mir vor, als schttelte ich ewig das
Kissen auf, auf dem ich mit meinem Liebchen ruhe, msse es immer wieder
niederdrcken, und kme nie zur Ruhe selbst, oder man rasiere mich so langsam,
da mir der Bart immer unter dem Messer wachse.

Ich habe nun so mancherlei getan, viele Freunde gehabt, viel Geld ausgegeben,
viele Mdchen geliebt, viele Ewigkeiten verloren, und das alles ist vorbei, es
bleibt nichts als die Narbe, und die schmerzt, wenn sich das Wetter ndert. Was
soll ich mit allen den sen Erinnerungen, die vorbei sind, und was mit aller
der Gegenwart, die vorbeigeht, - so raisoniere ich jetzt; sonst war dieses keine
Empfindung, es war Handlung: ich rgerte mich einmal darber, da Jenny eine so
liebenswrdige Dirne war, weil ich glaubte, das Laster msse hlich sein; ich
gab mir alle Mhe, sie hlich zu machen, aber das Mdchen ward der Tugend zum
Trotz immer artiger. - Ich glaubte nun, wenn sie tugendhaft wrde, wrde sie ein
Engel sein, weil ihre Schnheit grer war als ihr Laster: das Mdchen bot mir
Hnde und Fe zur Tugend, und ich bekehrte sie so grndlich, da sie sich die
Haare und Schleppen abschnitt, damit ihre Tugend wachsen solle; aber sie ward
bald so langweilig und so hlich, da ich riet, die Butrnen in Reuetrnen
ber die verlorne Snde zu verwandlen, und ich brachte sie mit Mhe soweit
zurck, da ihre Haare wieder wuchsen, und ihre Rcke wieder schleppten.

Ich habe auch wohl sechshundert groe Wohltaten getan, viele kleine
abgerechnet, aber empfinde, da Taten nur Taten sind, und da bei den Wohltaten
ich nur durch Danksagungen langweilt ward, mich aber irgend ein dummer Streich
sehr amsierte, weil die Leute so lustig drauf schimpften.

Manchmal ist mirs, als befnde ich mich allein schlecht, weil ich andern Leuten
zu sehr traue: sie machen einen Lrm von der Schnheit der Natur, als wre es
eine Seltenheit, und streichen gewisse Empfindungen so heraus, als wren sie
nicht blo reingebrstete Stellen des Lebens; sie haben eine Aufrichtigkeit in
allem diesem, da ihnen die Knpfe vom Rocke springen, als sei alles dieses
etwas anders als Nacktgehen - und stelle ich mich hin und rste mich und strecke
die Arme wie ein Fechter hinaus, ich warte und warte auf die entsetzliche
Vortrefflichkeit der Dinge, als sollte nun bald ein Felsenstck auf mich
niederrollen, und am Ende ist es immer das Alte, was sich von sich selbst
versteht, ich werde unwillig, und vergnge mich in irgend einem Winkel der Erde,
solange es geht -.

Es wre mir recht angenehm, Weib und Kind zu haben, aber ein Weib vom Vater
oder von sich selbst begehren, langweilt mich, und das Stehlen ist verboten.

Marie Wellner liebe ich, aber es ist mir leid fr sie, ich habe kein Recht auf
sie, und sie alle auf mich: ich will warten, ob sie diese Rechte gebraucht; ich
befinde mich wohl in diesem stillen Leben, ich glaube, es knnte gut werden; ob
ich gut werden kann? Gott wei, wer schlecht ist.

(An dem Abend, als die Szene zwischen Wellner und Marien vorfiel, fand sich
Godwi sehr ergriffen: er verga alles, was vor diesem sein Leben umfate, und
entschlo sich fest, Marien zu besitzen, an ihr und dem guten Alten ein
einfaches ruhiges Leben zu erbauen, und ruhig zu werden -, er schwor sich
selbst, nur von dem Besitze Mariens aus zu leben, und alles anzuwenden, sie zu
erhalten. Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hlfe zu bieten, weil er
reich war und ihn durch ein Darlehn decken konnte; er hoffte auf die Dankbarkeit
der Tochter, und fate die Hoffnung, Joseph werde nicht zurckkommen -, wie ihn
dieser Plan rhrte, wie er jetzt schon wieder auflebte, und eine ganz andre
Ansicht seines Lebens bekam, ist leicht aus folgenden Zeilen zu sehen, die er
schrieb, und die mehr Selbstgefhl als Selbstverachtung atmen.) -
    Ich habe lange auf den gewartet, der mich dem ewigen Zweifel an ein
besseres Leben in mir entrisse, und endlich ist sie erschienen, die mich zur
Einzelnheit erheben kann. Marie hat sorgenvoll mit mir gespielt, und wenn sie
ihren eignen Schmerz an meinen Mngeln wegschneidet, so kann ich immer schner
werden und einst ihr Glck, das sie verlor, ihr in mir, ihrem Werke, zeigen.

(Dieses wenige war mir verstndlich, alles andere zeigte mehr oder weniger
Bitterkeit und Selbstverachtung, mitunter eine Art von Mutfassen, die einer
gewohnten Frivolitt sehr hnlich war, dabei doch guten Willen, aber selbst fr
diesen guten Willen Verachtung.) -
    Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner, bot ihm eine ansehnliche Summe
an, und lie einige Zeilen einflieen, wie er sehr wnsche, mit ihm in eine
nhere Verbindung zu kommen. Wellner nahm die Summe an, und wnschte auch, da
ihn Marie lieben mge -.
    Auch dies fand sich. Godwi war mehr um sie, er hatte ihren Vater gerettet,
sie war ihm dankbar, es kamen Briefe, Joseph sei tot, sie war sehr traurig, und
dem Vater war es die letzte Erfahrung: er ward krank, und wnschte Marien noch
bei seinem Leben mit Godwi verbunden zu sehen, sie reichte ihm die Hand, es war
an derselben Stelle, wo er sie einst Josephen versprochen hatte - bald darauf
starb er. -
    Godwi besa nun die ganze Handlung, und fhrte sie unter Wellners Firma
fort. Marie war nicht glcklich und nicht unglcklich mit ihm, aber sie liebte
ihn nicht - sie liebte immer nur Josephen. -
    Abends ging sie oft, mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm, am Hafen allein
spazieren, und sah noch dahinaus, wo ihr lieber Joseph hingefahren war, und
weinte.
    Als sie auch einmal so da ging, kam ein Schiff gefahren, vorn auf dem
uersten Rand stand ein Mann, der aussah wie Joseph; er hatte ein Fernrohr in
der Hand, und sah nach ihr, und winkte mit einem Tuch, sie bebte, und trat ganz
hervor an das uerste Ende des Ufers, so da der Knabe sie bang um den Hals
fate. -
    Der Mann sprang in ein Boot, und kam nher, ach er sah immer aus wie Joseph!
Er rief laut: Marie, Marie!
    Es war Josephs Stimme, es war Joseph selbst, und er sah, wie Marie die Arme
nach ihm ausstreckte, wie ihr Kind und sie in die See strzte -.
    Joseph wurde gerettet, das Kind wurde gerettet, aber Marie war tot.
    Godwi nahm den Knaben und floh, Joseph blieb krank zurck, er litt sehr an
seinem Verstande. Als er genas, erzhlte man ihm, da Marie verheuratet gewesen.
Dies brachte ihn zu einem frchterlichen Ernste, er fand ein Testament Wellners,
in dem er erffnete, da Godwi das ganze Vermgen gehre, weil er darin seinen
Banqueroutt bekannt machte -.
    Er verlie die Gegend, und lebte herumziehend von dem wenigen, was er in
Amerika erworben hatte -.
    Dieses ist die Geschichte von Godwis Eltern, und die Leser werden nun die
Stellen im ersten Bande, wo Werdo Senne Seite 73 singt, manche Stellen aus
Otiliens Brief an Joduno und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos
gegen Godwi verstehen, denn Werdo Senne ist niemand anders als dieser Joseph. Er
erkennt in Godwi den Sohn Mariens, und dies bewegt ihn so heftig.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Gott sei Dank, sagte ich zu Godwi, nun bin ich mit den Papieren fertig, und
es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzhlen, was Sie wissen -
    Ich spreche von dem meisten nicht gern, erwiderte Godwi, was ich von
meinem Vater wei, und es ist das einzigemal, da mir es Mhe kostet, Ihnen bei
Ihrem Buche zu helfen; Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz
fasse; berhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte; ich
will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe er nach Deutschland
kam, erzhlen, und etwas von Josephs fernern Schicksalen, damit ich nachher frei
bin, und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da, wo
Sie mich im ersten Bande lieen, bis hierhin tat, von dem steinernen Bilde der
Mutter bis hierher an Violettens Grabmal. Der Weg scheint lang von dem Denkmale
einer Mutter bis zu dem eines Freudenmdchens; er ist es nicht, aber er umfat
dennoch mein Gemt. Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau, mit
dem das Buch htte anfangen mssen, htten Sie die Geschichte meines Lebens, das
ist meiner Empfindungen, schreiben wollen, und mit dem, was Sie von Violetten
sangen, muten Sie aufhren. -
    In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen, ich lag wie das Kind in
den kalten Armen des Bildes: was in dem Teiche sich bewegt, das ist dasselbe
immer wieder, nur im beweglichen Leben gesehen; aber was dort ber den grnen
Bschen in die Hhe strebt, das ist meine Freiheit; in Marien lag der Schmerz
und die Liebe gefangen, in Violetten ward das Leben frei. -
    Doch ich will die fatalen Geschichten, die nicht zwischen diesen zwei
schnen Polen, diesem Aufgang und Untergang, liegen, schnell erzhlen, damit
Sie, lieber Freund, mit meiner Geschichte fertig werden, und wir miteinander
eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen knnen.
    Mein Vater war frh elternlos und sein eigner Herr, leidenschaftlich und
voll Enthusiasmus. Aber reich und frei gab er seinem Enthusiasmus keinen Zweck.
Er ergriff alles mit ihm, was ihm in die Hnde kam, die ganze Welt brannte ihm
in einem reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte berhrte, aber nur
seine Leidenschaft berhrte sie. Er liebte frh, und ward bewundert, nie
geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hngen, denn er sprach im Arm der
Liebe vom Universum, wo er es htte sein sollen.
    Die armen Geschpfe, die er fallen lie, wenn sie sich an seine Brust gelegt
hatten und er, des Mdchens vergessend, die Arme nach der Weiblichkeit
ausstreckte, fielen unsanft, und muten schmerzlich empfinden, da er sie nur
dann wieder erheben konnte, wenn er seine Arme eben zufllig nach dem Elend
ausstreckte. -
    So ward ihm nichts, was ihn erquickte, denn der wird sich nie an einem
khlen Bronnen im einsamen schattichten Tale menschlich erfreuen, der immer die
Idee der alten Philosophen im Kopfe hat, da das Wasser das Erste und Hchste
sei, von dem alles komme, zu dem alles kehre. -
    Er war daher sehr unglcklich, denn er sehnte sich nach Liebe und
Freundschaft, aber nicht nach Menschen. - Es blieben ihm wenig Freunde, aber er
hatte immer eine Menge; er war nie ohne eine Geliebte, aber er hatte immer eine
verloren - die armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Hchsten, wenn er
einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und alles, wovon sie lebten, klein
gemacht hatte; sie sehnten sich nach dem Hchsten, aber er zerbrach ihnen alle
tiefere Sprossen der Leiter: da gaben sie sich hin, um mit ihm das Hchste zu
erringen, aber sie gaben ihm ihr Hchstes hin - er machte sich ein Gedicht aus
der Sache, sprach von der Gttlichkeit der Liebe so gttlich, da die Menschen
zu Idealen der Kunst zu werden strebten und die Bildsulen sich begattet htten,
wenn sie es wie jene gehrt htten. -
    Wer ihn nehmen konnte wie ein Element, wie einen Sommer, dem konnte er
wohltun, denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen,
dies oder jenes Wetter zu erschaffen; wer ihn aber nahm wie ein angewandtes
Feuer, oder einen Grtner, und sich von ihm in der Landwirtschaft unterrichten
lie, der konnte mit Weib und Kind verhungern. -
    Er wickelte sich bald mit sehr gromtigen Gefhlen von den Menschen los,
und kam nach Oxford, um zu studieren: dort ergab er sich dem Skeptizismus, und
sein Enthusiasmus, den er doch nun nicht mehr ablegen konnte, ward zu einem
entsetzlichen, viel bsern Ding, zum schwrmenden Spotte. -
    Er zweifelte an allem; doch schien dieses, durch seinen Enthusiasmus
gemildert, lauter Bescheidenheit, und alle Menschen waren so lange von ihm
entzckt, bis sie sich selbst an ihn verloren; dann nahm er ihre von ihm
begeisterten Krper in den Arm, hob sie zum Himmel, opferte sie der ganzen
Natur, schlachtete sie mit seinem Spotte, mit der Trne der Rhrung, da es ihm
verliehen sei, sie in so gttlichem Rausche ohne Schmerzen zu tten, verbrannte
sie dann mit schnen Gebeten im reinen Feuer des Enthusiasmus, streute ihre
Asche in alle vier Elemente, und verspottete sich hintennach selbst.
    Sein Enthusiasmus nahm nun immer mehr ab, und ebenso wuchs sein Spott.
Vorher hatte er die Menschen zernichtet, weil er sie Engel nannte, jetzt
zernichtete er sie, weil sich die schne Tuschung gelst hatte - er, der vorhin
mit so groen herrlichen Wesen ffentlich war gesehen worden - wie konnte er nun
mit den schlechten Menschen umgehen! -
    Er war noch eitel, und geno nun in der Verachtung, und wenn er vernichtete,
war er in seinem Berufe. -
    Und bei allem dem so unglcklich! - Oft hatte er helle Minuten, und das
waren die traurigsten: was hatte er nur verbrochen? da die Welt so schlecht
war, und er so vortrefflich - warum war er nicht wie die andern schlechten
Menschen, unter deren Hand alles aufblhte, warum mute er zerstren? -
    Wenn er solche Momente gehabt hatte, gab er das Gold haufenweise an die
Armen, oder setzte sich zu Pferd und ritt im Lande herum - denn das war ihm
gleichviel.
    Man kannte ihn um ganz Oxford herum, denn er kehrte oft bei den adlichen
Familien auf solchen Fahrten ein, weil er doch nicht lange mit der Natur allein
sein konnte, die ihm die Wahrheit zu sehr sagte. -
    Bei diesen Gesellschaften nahm er manchem guten Frulein die Ruhe, denn er
legte es drauf an, und war ein schner liebenswrdiger Mann. -
    In Oxford ging er mit ausschweifenden Mdchen um, und bekehrte, was andere
verfhrt hatten, um sie auf eine richtigere Art zu verfhren.
    Alle hielten ihn fr einen sehr gefhrlichen Mann, und fielen doch gerne in
seine Schlingen, denn es waren die, in denen es Mode und gleichsam honett war,
einmal gefallen zu sein - und es war auch bequem, denn er war diskret aus
Hochmut.
    Er machte auf einer seiner kleinen Reisen die Bekanntschaft eines sehr
schnen, in der ganzen Gegend als ein Wunder von Verstand bekannten Mdchens:
auch sie war lange auf ihn begierig gewesen, sie war stolz, siegreich, und wute
nicht, wie sinnlich. Sie hatte es lange gewnscht, sich mit ihm zu messen, aber
so hatte sie ihn nicht vermutet.
    Sie sa am Tische neben ihm, und koquettierte mit Todesangst, er aber war
kalt, ohne allen Witz, beiend verstndig, zerlegte ihre Reize und ihre Worte
sehr ruhig vor der ganzen Gesellschaft, und sah dabei aus wie ein Engel der Gte
- diese Gattung war seine Hauptstrke. -
    Das arme Mdchen war in der schrecklichsten Not, ihr ganzer Ruhm stand auf
dem Spiel. Sie war daher fest entschlossen, ihn zu besitzen - und fing an, alle
seine kalten Reflexionen, seinen edlen Spott mit einer scheinbaren Unschuld
aufzunehmen und ihr Verstehen vor der Gesellschaft in sehr gefhlvollen
Auslegungen zu entwickeln.
    Es tat seine Wirkung, die Gesellschaft, besonders die Weiber, welche sich
anfangs gefreuet hatten, da sie endlich doch da gescheitert sei, wo alle
scheiterten, verstanden bald das Gesprch der beiden nicht mehr, und sahen nur
mit Eifersucht die gelogene Zufriedenheit Mollys von Hodefield. -
    Godwi merkte das alles recht gut, und er war zu beschftigt, seinen Ton fort
zu halten und zugleich auf einen letzten vernichtenden Schlag zu sinnen, als da
er htte empfinden knnen, wie liebenswrdig Molly war. -
    Aber ihr blieb heute der Sieg, denn sie stand schnell vom Tische auf, und
sagte, da sie zu einer Freundin msse, die krank sei; zugleich wendete sie
sich, mit einer ziemlichen Vertraulichkeit zu unserm Sptter, und sagte
unbefangen:
    Ich hoffe, lieber Freund, Sie heute abend berzeugt zu haben, wie ich Sie
sehr gut verstehen und wie ich gar nicht begreifen kann, da man Ihren
Grundstzen einen so bsen Ruf gegeben - wahrlich, wenn Sie in Ihrer Gte
fortfahren, mich so wenig zu besuchen, weil Sie glauben, es knne meinem Rufe
schaden, so bertreiben Sie; ich kann nicht begreifen, warum Sie mich nicht
fter besuchen sollten; wir sind immer so ungestrt als das letztemal, denn Sie
wissen, ich bin allein und ganz mein Herr - Sie wackrer Mann, wie kann man Sie
gefhrlich nennen? Es ist umgekehrt, Ihnen ist alles gefhrlich; doch ich
verspte mich, denken Sie an den Weg zu mir. -
    Sie hatte Godwi nie gesehen, trat ihm dabei auf den Fu, den er mit einem
spottenden Nichtverstehn zurckzog; aber das strte sie nicht, sie legte ihm
freundlich die Hand auf die Schulter, und verlie die Stube.
    Ihm war ein solches Weib interessant, er hatte lange keinen so ehrenvollen
Kampf gehabt - und er nahm es stillschweigend an. Ihre Sicherheit schien ihm nur
Sicherheit, aber sie hatte ihn doch um ihre Verlegenheit betrogen. -
    Als sie weg war, war es nun seine Sache, die Anwesenden zu qulen; er sprach
deswegen mit Begeisterung von der Liebenswrdigkeit Mollys, und lie nachher
jede einzelne Liebenswrdigkeit fr sich ber die Klinge springen. -

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Den folgenden Morgen ritt er schon nach Mollys Landhaus. Als er an ihrem Garten
vorbeikam, und sie in einer offnen Laube mit einem andern Frauenzimmer sitzen
sah, rief er ihr zu: Ich komme nun fter - und sprengte dem Tore hinein.
    Molly war sehr berrascht, ihn zu sehen, und wute nicht, ob sie sich freuen
oder bedauern sollte; aber sie fhlte sich schon in den bezauberten Strom, den
jede Liebe unter exzentrischen Umstnden bildet, hingezogen.
    Arme Molly! ist dieser die Ursache deines Schweigens seit gestern, sagte
Kordelia6 zu ihr, und verlie sie.
    Godwi kam nun den Garten herauf, und da er sah, wie Kordelia Molly verlie,
so beugte er um eine Allee herum, um ihr zu begegnen. Dies tat er, um Mollys
Stolz zu mildern, indem er sie sehen lie, da er nahe bei ihr noch einen Umweg
nehmen konnte, um irgend einem andern Weibe zu begegnen. Kordelia grte ihn
nicht, als er an ihr vorberging - er stand einige Minuten still und sah ihr
nach, bis sie ihm aus den Augen kam. Dieser Moment ist ihm ein Stillstand seines
Lebens geworden, er wute nie, warum; aber er hat nie vergessen, wie er
stillstand, und sie an ihm vorberging.
    Verirren Sie sich nicht, hrte er Molly rufen, und seine wunderbare
Rhrung bei Kordeliens Anblick ward schnell ein Mittel, diese zu demtigen; er
trat vor sie mit den Worten:
    Ihre Freundin ist so schn, so stolz, da man leider verloren ist, ohne den
Genu zu haben, sich zu verlieren. -
    Molly fhlte die Spitze, und erwiderte ihm, da sie ihn wieder suchen wolle,
um ihm die Freude zu machen, sich zu verlieren. -
    Es spann sich bald ein Gesprch zwischen ihnen an, wie es zwischen dem
schnen stolzen Sptter und der stolzen sinnlichen Enthusiastin sich weben
konnte. Godwi erkannte ihre Schwche, und ihre Strke, er fand, da er ihren
Kopf entwaffnen msse, um sie zu demtigen, und wie leicht war ihm das - denn
sie antwortete schon auf seine Schnheit, als sein Verstand noch allein mit ihr
koquettierte. -

Seine Besuche wiederholten sich, er schien ihr anhnglich zu werden, denn er
fate schon oft ihre schne Hand bei diesen Unterhaltungen, und zhlte seine
Ursachen an ihren Fingern her.
    Ihr Umgang erhielt auch schon jenen geheimnisvollen verfhrenden Reiz, wo
sich das Geschlecht in die entferntesten Ideen mischt, sie waren schon so
vertraut, da sie hier und da manches sagten, was sie nicht recht ausgesprochen
hatten, ihr Wort fing an Fleisch zu werden. - Molly wehrte sich, und Godwi
ergtzte sich dran, wie sie in dieser Glut stets so heilig, und er immer
witziger ward. -
    Sie liebte ihn nun wirklich: wenn er nicht zugegen war, weinte sie oft heie
Trnen, und hatte in ihrer Liebe den sehnlichen Wunsch, an ihrem Herzen diesen
Mann der Welt wiederzugebren; aber sie wollte ihn eigentlich nehmen, wie er
war.
    Er war der einzige Mann bis jetzt gewesen, der ihr Punkte vorschreiben
konnte, die sie denkend nicht zu berschreiten wagte, und wenn das sinnliche
Mdchen an ihrer Toilette sa und ihre Locken ringelte, so ri sie oft alle die
schnen Schlingen wieder auseinander, faltete die Hnde, drckte sie gegen ihren
entblten Busen, und sagte mit heien Trnen in den groen Augen: Ach sollte
der kalte Sptter hier an diesen beiden Leben nicht wieder zum Enthusiasten
erwarmen knnen?
    Kordelia entfernte sich immer mehr von ihr -.

Ich will Ihnen, unterbrach sich hier Godwi, nicht weiter erzhlen, wie mein
Vater dies Weib verfhrte. -
    Bald lag er an diesen beiden Leben, aber er war nicht wieder zum
Enthusiasten erwarmt, er spielte mit ihnen, wie mit allen Leben, nahm alles, was
die volle Blte ihm entgegendrngte, schwor ihr, er habe mehr genossen, als er
vermutet habe, und verlie ihr Bett; sie fate ihn mit ihren zarten Armen und
verstand ihn nicht.
    Lse deine Bosheit im einzigen Ergeben, lieber Godwi, sagte sie, o zrne
nicht, da du ein Mensch bist, hat dich doch das Leben noch geliebt; ach du
glaubtest nicht, da noch solche Einheit bestehe -
    Sie kniete vor ihm, umschlang ihn, ihre holde Ble bewegte ihn nicht.
    Frulein, sagte er, Sie erniedrigen sich, schonen Sie Ihrer Gesundheit,
Sie werden sich verklten, und eilte aus der Stube. -
    Sie lag noch lange auf den Knien, und konnte am Morgen nicht mehr weinen. -
    Als Godwi durch den Garten ging, stand er in einem Gebsche still, er sah
Kordelien im Mondscheine stehen, ruhig wie eine Bildsule: er war wunderbar
erbittert, und kalt, als er sie sah, er konnte sie nicht erdulden - und konnte
er etwas Schlechteres tun, als zu ihr hingehen und sagen: Guten Abend, Mi,
noch so spt, mit der Natur beschftigt? gehen Sie doch zu Ihrer Freundin, sie
befindet sich nicht ganz wohl - sehen Sie, es war nicht gut anders mglich, ich
konnte nicht anders -.
    Kordelia hatte nie mit ihm gesprochen; aber Molly hatte ihm ihr wunderbar
andchtiges Gemt in ihren Umarmungen verraten.
    Kordelia floh erschrocken vor ihm, und er ritt weiter. Wie es ihm war, wei
Gott - er konnte nicht begreifen, als er so vor sich hin ritt, warum er ein so
schlechter Mensch sei, und warum er sich nicht mit Molly verbunden habe: da fing
er an, schneller zu reiten, und wute nicht, warum er sein Gewissen durch einen
starken Trab berreiten konnte. -

Molly fhlte sich so erniedrigt, als es ein Weib je werden kann, die sich nicht
hinbietet: sie hatte Kordelien alles vertraut, und diese lie die merkwrdigen
Worte fallen:
    Das kenne ich wohl -.
    Kordelia konnte ihre Freundin nicht trsten, denn sie wute, da nichts
trsten kann, wo das Edelste zertrmmert ist - und zu jener Erhebung des
Gemtes, zu der sie selbst sich gerettet hatte, war Molly nie fhig, da sie zu
feste durch die Sinne ans Leben gebunden ward -.
    Molly verlie nun ihre Wohnung nicht mehr, und ihre Trauer bewegte sich in
der einfrmigsten Umgebung; htte sie weniger Leben in sich gehabt, sie wrde
wohl den Verstand verloren haben - aber sie sehnte sich dennoch nach Liebe,
obschon nicht nach der ewigen; sie bildete neue Reize in sich, die weniger
witzelten und herrschten, jenen stummen tiefen Reiz, dem man sich ergiebt wie
dem Schlummer an heien Tagen, und dem man am khlen Abend rstig entgeht -.
    Sie konnte diese Schwermut nicht bewegen, und war selbst leidend, wenn sie
reizte, - dabei ein Bewutsein bei allem diesem, das sie zur Frevlerin machte.
    Ihre Liebe zu meinem Vater war nicht ohne Leben geblieben, sie gebar einen
Sohn, (Sie kennen ihn unter dem Namen Rmer), und liebte ihr Kind -.
    In der Nacht seiner Geburt verschwand Kordelia von dem Landhause, ohne da
irgend eine Nachricht von ihr zu finden war.
    Nun war sie ganz allein, und sehr unglcklich: sie schrieb mehreremal an
meinen Vater, ohne Antwort zu erhalten, er mge sich ihrer erbarmen; aber von
seinem Kinde meldete sie nichts: sie gehe auf bsen Wegen, schrieb sie, ihre
Ehre sei verloren, und sie werde noch tiefer sinken ohne ihn, er mge sie wieder
aufrichten; sie erhielt keine Antwort -.
    Um der Verzweiflung zu entgehen, zog sie in die nahgelegne Stadt, machte
vielen Aufwand, und war eine galante Frau, mit einem armen zerrissenen Herzen.
    Man gewhnt sich an alles, sie gewhnte sich an den freien Umgang mit
Mnnern, an ihren blen Ruf und seine Folge, ihren blen Beruf, sie hrte ihr
Leben auf und fing eine Lebensart an.
    Sie war also keine exemplarische Frau, aber dennoch eine vortreffliche
Mutter: ihr Sohn erhielt die schlichteste reinste Erziehung, von ihr getrennt;
jhrlich sah sie ihn mehrmal, und wer sie in den Minuten gesehen htte, wo sie
ihn in den Armen hielt, er htte ihre Lebensart eine Lgnerin gescholten.
    So lebte sie mehrere Jahre: ihr letzter Gnstling war Carl von Felsen, ein
Deutscher; er brannte so heftig fr sie, und die schnen Trmmer ihres
ehemaligen Gemtes rhrten ihn so tief, da er sie verlie, ohne ihr zu sagen
wie er meinen Vater aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen; - er reiste ihm
lange nach, denn er hatte keinen festen Aufenthalt mehr. -
    Molly konnte das pltzliche Verschwinden ihres Geliebten nicht begreifen,
und es schmerzte sie um so mehr, da sie den Entschlu gefat hatte, sich mit ihm
zu verbinden, und in ihm ihr unruhiges Leben zu lsen. Einige Monate nach seiner
Entfernung besuchte sie ein Mann, den Felsen empfohlen hatte wie seinen einzigen
Freund, dieser war niemand als Joseph, der aus Deutschland nun einige Monate weg
war -.
    In dem Briefe, den er von Felsen mitbrachte, standen folgende Zeilen -
    Geben Sie diesem Menschen Ihr ganzes Vertrauen; ich hoffe, da er vieles in
Ihrem Herzen wieder erbauet, was ich nicht kenne, und doch vermisse, denn ich
liebe Sie: aus seinen Hnden empfange ich Sie gern, er soll unser Mittler
werden.
    Joseph konnte ihr nicht sagen, wo Felsen war, er hatte seinen Brief in
London ohne Anzeige seines Aufenthalts erhalten -.
    Wie Joseph auf sie wirkte, wissen wir aus ihrem Briefe im ersten Bande
dieses Romans, Seite 81 -. Sie ging als ein neues Wesen aus seiner Hand hervor,
und war entschlossen, einstens in Deutschland zu leben, wo er sein werde. -
    Joseph reiste nun nach Amerika. Molly harrte und harrte auf Felsen, aber es
sollte ihr nicht werden, sich ihm als ein ruhiges entschlones Weib zu geben.
    Felsen hatte meinen Vater gefunden, hart mit ihm gerechtet, und es kam zum
Zweikampf: mein Vater wre so gerne totgeschossen worden, aber er sollte seinen
Gegner tten -.
    Molly erhielt diese Nachricht, ohne zu erschrecken; sie sagte nur: Warum
mute dieser sterben, und ich darf leben? - Denn sie hatte nur gehrt, da er
gettet worden sei: da sie aber einen Brief von meinem Vater erhielt: da er
ihren Geliebten erschlagen habe, und nun sehr gestraft sei fr das, was er an
ihr begangen habe, wollte sie verzweifeln -.
    Mein Vater floh nun nach Deutschland: er hatte sich fest entschlossen, alles
in sich zu verschlieen, und ruhig ein neues einfaches Leben zu beginnen.
    Sie wissen, was er tat, aus Mariens Geschichte; Sie mssen aber noch wissen,
warum Joseph ausblieb. Er hatte einen Sturm erlitten, war lange verschlagen
gewesen, und fing dann wieder an zu schreiben. - Diese Briefe hat mein Vater
aufgefangen, und der Totenschein war falsch. - Als Joseph nach England kam,
besuchte er Molly, er fand sie wieder auf ihrem Landhause, mit wenigen Freunden
umgeben, und hrte Carl von Felsens Tod durch Godwis Hand. Mit Molly traf er die
Verabredung, ihr aus Deutschland zu schreiben, ob und wo sie hinkommen solle -.
    Was er dort fand, wissen Sie. -

                              Dreiigstes Kapitel


Joseph war eine Zeitlang umhergeirrt, verband sich endlich mit der Tochter eines
Amtmanns in einem kleinen Stdtchen, arbeitete mit seinem Vater zugleich: da
dieser und bald darauf sein Weib gestorben war, zog er auf den Berg, wo wir ihn
unter dem Namen Werde Senne kennen gelernt haben.
    Godwi wendete sich hier lchelnd mit folgenden Worten zu mir:
    Sie sind wunderbar mit dem guten Joseph im ersten Bande umgesprungen, Sie
haben einen so geheimnisreichen Grabstein aus ihm verfertigt, da kein Mensch
raten sollte, wen er bedeckt, ebenso mit Otilien.
    Ich kann mich nicht entschuldigen, erwiderte ich, aber ich wollte, es
reute mich nicht, und ich htte meine Geschichte ausschreiben drfen, ich wollte
immer an einem Himmelfahrtstage einen sterben und am Allerseelen-Tage seine
Nachkommen beten lassen, und alle htte ich am Allerheiligen-Tage noch einmal im
Himmel schlecht grouppiert - doch, Lieber - erzhlen Sie fort, damit wir das
Volk nach und nach vom Halse bekommen; ich versichere Sie, es schleppt sich noch
wie ein Leichenwagen, und ich glaube, ich werde ruhig sein, wenn die ganze
Geschichte aus ist, fahren Sie fort. -
    Molly zog nun nach Deutschland in die Nhe von Josephs Aufenthalt, ihr Sohn
blieb noch in England in einer Handlung.
    Auf ihrem Wege begegnete ihr folgendes, was wieder einen Knoten in Ihrem
ersten Bande lset.
    In einem Gasthofe hrte sie neben ihrer Stube sehr heftig weinen und klagen,
es war eine Italinerin. Molly ging zu ihr und bat sie, sich ihr zu vertrauen.
Die Italinerin erzhlte ihr nun unter vielen Ausrufungen, da sie von einem
jungen Manne gegen den Willen seiner Eltern aus dem Kloster sei entfhrt worden,
da sie nun hier angekommen und ohne allen Unterhalt seien, sie sei hier in
einem lutherischen Lande getraut worden, und fhle nun den ganzen Fluch ihrer
Kirche: Ach! sagte sie, Madam, htte ich nur mein Kind geboren, ich wollte
gerne sterben. -
    Molly versprach Hlfe, sie hrte, da ihr Mann ein Maler sei, und
verschaffte ihm Arbeit in der Stadt. Sie selbst verlie die junge Frau nie - und
schwor ihr, fr ihr Kind wie eine Mutter zu sorgen.
    Die Italinerin brachte einen Sohn zur Welt, und starb. Der Mann kam in die
Stube, sah sein totes Weib, verlie das Haus und war nicht mehr zu finden. - Das
Kind erhielt den Namen Eusebio - und Molly nahm es als das ihre an. - Nachdem
sie den kleinen Eusebio zwei Jahre erzogen hatte, und er immer sehr krnklich
gewesen war, brachte sie ihn zu Joseph hinauf, damit ihm die freie Luft gedeihen
mge. -
    Auch aus diesem Knaben haben Sie ein recht abenteuerliches Geschpf zu
machen gesucht, mein Freund! sagte Godwi hier zu mir.
    Ich verdiene das alles, erwiderte ich, aber fahren Sie fort, jedes Wort
der Geschichte langweilt mich so, da es mir wirklich mehr Strafe ist, sie
anzuhren, als alle mgliche Vorwrfe. -
    Sie werden einsehen, lieber Maria, fuhr Godwi fort, da dieser Maler
Franzesko Firmenti, und das junge Weib seine Cecilia ist, von denen Antonio
Firmenti an meinen Vater schrieb. Seinen Brief haben Sie allein unverflscht
gelassen.
    Ich wende mich nun wieder etwas zu meinem Vater. Dieser hatte whrend dem,
was ich Ihnen erzhlte, sich hier in der nahgelegenen Stadt etabliert, und
dieses Landhaus gekauft. Mariens Tod, Josephs Elend hatten einen mchtigen Ri
in sein Leben gemacht, er ward sehr melancholisch und berlie sich der Reue in
einem frchterlichen Grade. Er floh mich, und ich verzweifelte in den Hnden der
Lehrer. Einen Freund hatte ich, der einige Jahre lter war; er war als elternlos
meinem Vater aus England geschickt worden, denn er hatte jemand gesucht, um mir
einen Gesellschafter zu geben -. Dieses ist Rmer, Mollys Sohn. Sie wute es
wohl, sie wollte Godwi zwingen, Vater zu sein, und hatte durch Rmer einen Faden
angelegt, sich wieder mit meinem Vater zusammenzuspinnen. -
    Ich fhrte ein trauriges Leben, bis mir endlich mein Vater erlaubte, zu
reisen, er wnschte, ich mchte nach Italien gehn -; aber Sie wissen, wie ich
reiste, die Freiheit war so wunderbar, so s, da ich oft in einem Dorfe einen
halben Tag zubrachte.
    Als ich nach B. kam, ward ich mit Molly bekannt, von deren Zusammenhang mit
mir ich nichts wute.
    Die Frau war noch sehr schn, und es hatte mich vorher noch kein Weib in die
Arme gefat. Sie ffnete mir einen ganz neuen Sinn frs Leben, ich habe von
niemand mehr gelernt als von ihr.
    Sie ward sonderbar durch mich erregt, ihre Schwrmerei besiegte ihre
Erfahrung, und sie beweist in ihrem Briefe an Joseph, den Sie im ersten Bande
Seite 81 mit Ihren undeutlichen Kunststcken verdorben haben, da keine
sogenannte Besserung mglich sei, wenn man das als Snde annimmt, was
unmittelbar aus dem Zentrum unsers Daseins aufflammt. Sie war als ein sinnliches
Weib erschaffen worden, und war so unschuldig geblieben, wie sie Gott erschaffen
hatte, das heit sinnlich; und hatte ihr die Natur nicht einen Fingerzeig
gegeben, sollte sie etwa begehrend und liebenswrdig geblieben sein lnger als
die meisten, um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden, da sie nicht zu Grunde
gegangen war?
    Es klingt paradox, sagte ich, aber es ist doch wahr: wer zur Wollust
geboren ist, und sie nicht bt, fhrt ein recht lasterhaftes Leben. Es ist
nichts Unkeuscheres als ein recht sinnliches Mdchen, das keusch ist, und eine
Violette, die sich bekehrt, verliert ihre Unschuld. Der Staat aber ist nur auf
eine Gattung eingerichtet, und besteht aus sehr schlechten Menschen, weil ein
Teil gut und der andere schlecht werden mu, um tugendhaft zu sein, wie es der
Staat will -.
    Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr, und sie schickte mich
weiter. Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam, wissen Sie.
    Es bleibt mir noch etwas zu lsen, es ist die Erscheinung der weien Frau
mit dem Kinde im Arm, die Sie im ersten Bande Seite 157 so unerklrt erscheinen
lassen; es ist niemand anders gewesen als die Englnderin, die ihren Pflegling
Eusebio besucht hatte, ohne mir doch begegnen zu wollen. Sie trennte sich eben
im Walde von ihm: als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat, hielt sie
ihn in den Armen, und was Sie, mein lieber Maria, zu den stillen Lichtern
gemacht haben, ist nichts anders gewesen als eine kleine Handlaterne, mit der
sie Eusebio zu ihrem Wagen zurckbegleitete -.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Der Mann, welcher sich bei meinem Vater aufhielt, fuhr Godwi fort, und von dem
ich Ihnen schon gesagt habe, da er Annonciatens Bild, wie auch das von Marien
und Wallpurgis, malte, war Franzesko Firmenti, wie Sie wissen.
    Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrcktheit geheilt worden.
Wie er hingekommen sei, wute er nicht, und da er wiederhergestellt war, wollte
er nach Deutschland, um eine gewisse Dame aufzusuchen, die, wie er sich
erinnerte, an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe; - wie sie hie, konnte
er sich nicht entsinnen.
    An meinen Vater war er empfohlen worden, und arbeitete bei ihm, whrend
dieser sich umsonst bemhte, jene Dame auszukundschaften.
    Ein glcklicher Zufall fhrte ihn endlich: er wollte, Franzesko sollte ihm
Molly malen, nach einem kleinen Gemlde das er noch aus jener Zeit besa.
Franzesko erkannte Molly, und da ihm mein Vater ihren Namen sagte, so war er
gewi, da sie seine Wohltterin gewesen war.
    Er war nun nicht mehr zu halten, und reiste zu ihr hin. Sie freute sich
innig, dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu knnen - und freuen Sie
sich, lieber Maria, freuen Sie sich, unterbrach sich Godwi. -
    Ich fragte ihn verwundert, warum?
    O es giebt nun bald einen herrlichen Zug, eine Vlkerwanderung, die uns
Luft machen wird! Sie erzhlten mir, wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf
einem Baume saen, und den Zugvgeln glckliche Reise wnschten, solche Zugvgel
werden gleich an uns vorberziehen.
    Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen. -
    Sie knnen sich denken, wie ich berrascht ward auf meiner alten Burg, da
mein Vater und Molly ankamen, ich kannte alle diese Verbindungen nicht -.
    Mein Vater reichte mir zuerst die Hand, da er hereintrat.
    Ich htte dich nirgend lieber gefunden als hier, sagte er, wo ich alles
wiederfinde, - dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten -
    Joseph, ich bin zu alt, um vor dir niederzuknien, und dich um Verzeihung zu
bitten, reiche mir deine Hand, meine kann nichts Bses mehr tun, und deine kann
noch verzeihen, ich habe schwer gebt. -
    Der alte Joseph stand ruhig auf, weinte, und umarmte ihn: Wenn die Folgen
sterben, sprach er, ist keine Ursache mehr.
    Otilie stand ruhig neben mir, auch ich stand ruhig -.
    Lieben sich unsre Kinder? sagte mein Vater zu Joseph. -
    Ich umarmte Otilien gerhrt, und beide sagten wir ruhig: Nein. -
    Franzesko sa mit seinem Kinde im Arm stumm in einem Winkel.
    Es fehlt noch einer, sagte Molly zu meinem Vater, dein Pflegesohn Rmer,
- wisse, er ist unser Kind! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen; darum
verzeihe ich dir so gern, da du mich nicht mehr liebtest, als ich ihn gebar.

Nun geht es zu Ende, unterbrach sich Godwi freudig, nun sind wir gleich auf
dem hohen Baume am Rhein, und aller Druck strzet hinab, wir werden gleich der
ganzen fatal verwickelten Geschichte los sein, die Zugvgel regen schon ihre
Schwingen -.
    Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag, nach F. zu reisen, Rmern
vorzubereiten, und ihn dann zurck zu seinen Eltern zu bringen. -
    Ich traf ihn aber schon unterweges, und zwar mit Joduno, es war in einem
kleinen Wirtshause, nahe bei Eichenwehen.
    Wir umarmten uns herzlich, Joduno kam mir freundlich entgegen, und kte
mich; sie sah sehr bla aus, und ich fragte, ob sie krank gewesen sei.
    Rmer wird Ihnen alles erzhlen, sagte sie; und ich hrte nicht ohne
Rhrung von Rmer, da er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr
geweissagt hatte, denn er sagte mir:
    Die Brnette ist gestorben, sie hat unsre Liebe gestiftet, meine und
Jodunos Liebe, das war die letzte und schnste Tat ihres Lebens; was sie am
Allerseelen-Tage, da Joduno in F. ankam, gesagt hatte, als sie mit ihren
Geschwistern vom Grabe ihrer Mutter zurckkam, ist wahr geworden. Es hat sie
leise hinabgezogen, sie ist vorige Woche gestorben -.
    Rmer sagte mir noch, da er Joduno nach Hause begleite, um ihrem Vater
seine Liebe darzustellen, und dann hnge es von der Gte meines Vaters ab, ihn
zu untersttzen, damit er sich irgendwo ehrenvoll niederlassen knne. -
    Hier sagte ich ihm nun, da sein Vater und seine Mutter gefunden seien, und
ihn auf der Burg erwarteten. Wir eilten dahin. -
    So wunderbar verbunden waren nie Menschen wie diese, aber ich fhlte, da
ich nicht zu ihnen gehrte.
    Mein Vater ging selbst nach Eichenwehen, um bei dem alten Edelmann die
Tochter fr Rmer zu begehren, und sie ward ihm gegeben -. Rmern aber bergab
er seine Handlung, die dieser nach B. hinzog, damit Joduno nher bei ihrer
Heimat sei -.
    Mir ward dieses Gut und ein betrchtliches Vermgen zuteil, und mit dem
kleinen Eusebio an der Spitze zog nun der Zug nach Italien.
    An der Spitze flog Eusebio, hinter ihm Franzesko und Otilie, und hinter
diesen mein Vater nebst dem alten Joseph, in ihrer Mitte aber Molly von
Hodefield, so piramidalisch, wie die Strche fliegen - adieu -.
    Glckliche Reise, sagte ich, kommt um Gotteswillen nicht wieder -!
    Nein, sagte Godwi, eine gute Partie ist davon gestorben. - Otilie lebt
noch, sie hat sich Franzesko vermhlt.
    Nun sind wir mit dem verzweifelten zweiten Bande fertig - ich kniete mich
vor meinen Freund, und bat ihn herzlich um Verzeihung. Ich will es nicht
wiedertun, sagte ich. -
    Eins noch habe ich vergessen, hob er zu meinem Schrecken wieder an, ich
mu noch einiges erzhlen, was ich auf meinem Gute fand.
    Ich reiste zurck frei und frank, und so gesund an Leib und Seele, wie ich
es nimmer gehofft hatte. Da ich in dem Walde ankam, fand ich das neu angelegte
Jgerhaus, und in ihm Kordelien: wie sie hierhin gekommen war, habe ich nie
erfahren, sie rechtfertigte sich durch ein Legat von meinem Vater, das ihr hier
freien Unterhalt bis zu ihrem Tode versicherte. -
    Auf dem Gute selbst brachte ich noch einige Zeit zu, und beschftigte mich
teils mit den Gemlden und Statuen, die seit meiner Abwesenheit entstanden
waren, teils mit meinem Gemte.
    Nachdem ich dann mit den Wiedertufern meine Rechnungen abgeschlossen und
das Gut vllig bernommen hatte, entschlo ich mich, an den Rhein zur Weinlese
zu reisen.
    Nun sind wir eigentlich fertig. -
    Hier nahm mich Godwi am Arme, wir gingen aus der Eremitage zurck, und
fanden Habern schon beschftigt, seine Rolle in Flamettens Lustspiel auswendig
zu lernen. -

                   Fragmentarische Fortsetzung dieses Romans


 whrend der letzten Krankheit des Verfassers, teils von ihm selbst, teils von
                                 seinem Freunde

Georg, der Bediente Godwis, ist vorgestern gestorben. Als man ihn begrub, wo
seine frher verstorbene Braut ruht, war es mir sehr traurig, ich konnte nur
wnschen, auch da zu schlafen. - Warum man dieses wnschen kann, wei kein
Mensch. Meine Freunde sind wie Engel an meinem Lager, und sprechen mir
freundlich Trost zu.
    Godwi hat mir heute manches von seiner Reise an den Rhein erzhlt, was ich
niedergeschrieben habe, so gut es meine Krankheit erlaubt.

Godwi reiste mit frohem Mute nach dem Rhein, trank mit den frhlichen
Weinlesern, und kte die schnen lustigen Mdchen, wenn er mit ihnen getanzt
hatte. Es war ein herrliches Leben, eine einzelne Liebe war nicht mglich, der
Mensch konnte sich nicht zum einzelnen Menschen neigen, es war alles wie in
einer goldnen Zeit, man liebte alles und ward von allem geliebt. - Die Berge
waren nicht zu hoch, und die Tler nicht zu tief, und der Rhein nicht zu breit,
die Freude und Gesundheit ebnete und einigte alles zu einem mannichfaltigen
Tummelplatze glcklicher Menschen. In einer Abtei, die er besuchte, fand er
recht lustige Mnche, die ihn gern unter sich behalten htten, denn er trank mit
ihnen herzlich, und sang ihnen muntre italinische Arien zur Orgel.
    Bald aber drngte sich ihm alles zusammen. Er ritt auf einem Streifzuge
durch das freudige Land abends durch die Weinberge, rings schallten die Gesnge
der zurckkehrenden Arbeiter, aus den Grten brannten Feuerwerke in die Hhe,
und jauchzende Stimmen tnten von allen Seiten. Alle Herzen waren erschlossen
und hingegeben, aber er entbehrte doch einen Standpunkt, von dem er das alles
htte bersehen knnen. Er wnschte sich einen dunkeln vertraulichen Vorgrund zu
dem freien hellen Gemlde, und eilte aus einem Zirkel in den andern.
    Wie konnte er ein solches Bedrfnis nur auch in andern voraussetzen unter
diesen unbefangnen Menschen, die das Fest des frhlichen Gottes versammelt
hatte, sie lebten ja nur im Herbste, und waren zu dieser Freude aus dem ganzen
Lande zusammen gezogen, und was wollte er dann, warum lachte und scherzte er,
und ging dann finster weg, konnte er nicht genug haben, wo alle berflu fanden?
    Das sind ganz ffentliche Fragen; er aber sehnte sich nach Heimlichkeiten,
er wnschte alle die Freude aus Liebchens Fenster zu sehen, und still vor sich
hinzudenken: mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn nicht
um den eurigen.
    Er htte zwar sehr leicht ein Liebchen finden knnen, aber er wollte kein
sehr leichtes, und htte er sich Mhe gegeben, er wre auch zu gediegneren
Verbindungen gelangt, aber er frchtete die Dauer.
    Genieen wollte er, und wie gern war es ihm zu verzeihen, der so lange in
traurigen Familien-Geschichten verstrickt war. Mit Bequemlichkeit wollte er
genieen, das Leben oben auf dem Berge hatte ihn mit Bedrfnissen bereichert.
    Otilien und den Greis und Kordelien, und Gott wei, wie die verschrobenen
edlen Seelen alle hieen, verga er gleich bei dem zweiten Becher Wein, bei dem
dritten schwor er, nie ihre Gesundheit zu trinken, und dem vierten, sich selbst
zu bewegen, und nun einmal ohne alle Barmherzigkeit zu leben.
    Da er so abends am Rheine hinabritt, gesellte sich noch ein Reiter zu ihm.
Es dmmerte schon, er konnte ihn nicht erkennen; doch bemerkte er an dem Tone,
mit dem er ihn grte, da es ein sehr junger Mensch sein msse.
    Man fragte sich, wo der Weg hingehe, Godwi sagte recht aufrichtig:
    Mein Weg geht schnurstracks irgend wohin, wo ich Vergngen zu finden
denke. -
    Vergngen? Was nennen Sie so, wollen Sie etwa auf dem nchsten Dorfe mit
ein paar Bschen irgend eines Weinhndlers Lotto spielen, oder sich von einem
konservierten Mainzer Offizianten alle Weinjahre herzhlen lassen? - oder -
    Nein, ich bitte Sie, zum Ekel, das habe ich genug! Aber ich reite immerzu,
und kme ich nach Holland, ich suche, was ich eben nicht aussprechen kann, ich
wei nicht, ob es links oder rechts liegt, ich suche ein Verhltnis. -
    Ein Verhltnis?
    Nun ja, ich mchte gern lieben, und geliebt werden, und ohne Not und Angst,
ohne Sorgen und Mhe, denn ich frchte mich vor nichts mehr als der
Zrtlichkeit, einen geschwornern Feind von der sentimentalen Welt knnen Sie
sich nicht denken: ich habe heute abend einige rhrende Gedanken bemerkt, die
mir aus dem Herzen heraufkletterten, wenn die meiner nicht gedenken, so wei ich
nicht, ich habe ihnen gleich eine solche Quantitt Wein entgegengeschickt, da
ihnen Hren und Sehen verging, und sie Kopf ber hinabstrzten. -
    Sie scheinen noch recht begeistert von Ihrem Siege, und verdienen einen
Lorbeerkranz, - reiten Sie mit mir links, ich will Sie in eine Gesellschaft
bringen, wo Sie sicher alles finden werden, was man von Weibern verlangen kann.
-
    Ich reite mit. -
    Nun wendete der Begleiter sein Rlein feldeinwrts, den Berg hinan, und
sang mit einer hbschen Stimme dieses Volkslied. -

Ein Ritter an dem Rheine ritt
In dunkler Nacht dahin,
Ein Ritterlein, das reitet mit
Und fragt: Wohin dein Sinn?

Mein Sinn, der steht nach Minnen,
Ich hab mich rum geschlagen,
Und konnt doch nichts gewinnen,
Und mut das Leben wagen.

Ei, hast du nicht die Ehr davon?
Die Ehr ist hohes Gut -
Ich htt die liebe Zeit davon,
Die Ehr ist mir kein Gut. -

Mein Blut ist hingeflossen
Rot zu der Erde nieder,
So warm ich es vergossen,
Giebt mirs die Ehr nicht wieder.

Da sprach das kleine Ritterlein:
Da Gott sich dein erbarm!
Du mut ein schlechter Ritter sein,
Weil deine Ehr so arm. -

Ich will nun mit dir rechten,
Weil du nicht ehrst die Ehre;
Mein Ehr will ich verfechten,
Setz deine nur zur Wehre.

Des Ritters Unwill war sehr gro,
Drum er vom Rosse sprang,
Auch machet sich der Kleine los
Und sich zur Erde schwang. -

Da fhlt sich der Geselle
Von hinten fest umwinden.
Es ist die Nacht nicht helle,
Sie streiten wie die Blinden.

Und sinken beide in den Klee -
Ei sprich! wer hat gesiegt!
Der Ritter ohne Ach und Weh -
Bei einer Jungfrau liegt.

Ei hast du nicht die Ehr davon?
Die Ehr ist hohes Gut -
Ich htt die liebe Zeit davon,
Die Ehr ist mir kein Gut. -

Godwi erfreute sich an dem muntern Liede seines Gesellschafters, und folgte ihm
recht guten Mutes, und mit dunklen Hoffnungen.
    An dem halben Berge lag ein altes Schlo, das noch bewohnt war, obschon es
nicht ganz so aussah, denn es waren keine Lichter in den Fenstern, die Tore
standen weit auf, und im Hofe regte sich weder Hund noch Mensch.
    Steiget ab, mein Freund, und lat Euer Pferd nur laufen, sagte der kleine
Geselle, herunterspringend.
    Godwi war es manchmal zu Mute, als wre der kleine Mann ein Gespenst aus
alter Zeit, denn er hatte einen Federhut auf, und war in einen Mantel gehllt. -
    Aber wird mein Pferd nicht fortlaufen, wenn es kein Diener anhlt - die
Tore stehen ja sperreweit offen - mein Freund.
    Der kleine Reiter aber machte nicht viel Komplimente fate Godwi beim Arm,
zog ihn die Treppen hinauf, und lachte, wenn er anstie.
    Oben sagte er: Nun legt Euren Mantel ab, nehmt den Hut in die Hand - wir
sind an der Tre, gleich werden wir in der Gesellschaft sein. -
    Godwi tat, wie er ihm sagte, der Kleine machte die Tre auf, stie ihn in
die dunkle Stube, in der er in seinem Leben nicht gewesen war, und schlo die
Tr ab.
    Vor der Tre sang er lautlachend, indem er wegging:

Es ist die Nacht nicht helle -
Sie streiten wie die Blinden -,
Da fhlt sich der Geselle
Von hinten fest umwinden.


                           Zweiunddreiigstes Kapitel

Godwi stand nun in der Mitte der Stube, und wute nicht, wie ihm geschehen, er
sah gar kein Licht, die Fenster schienen verschlossen zu sein. Um sich nur ein
wenig zu orientieren, tappte er an den Wnden herum, und was er fhlte, waren
abenteuerliche Schrnke mit einer Menge Sulen, dazwischen Teller und
Porcellain-Figuren.
    Er verfolgte seine Entdeckungsreise rechts an der Wand herum, und stie auf
eine Gipsstatue; das war ihm nun schon interessanter, seine Hand gleitete leis
auf und nieder, und er verweilte hie und da mit mehr Anteil, er konnte auch kein
Stckchen Gewand entdecken, und fand, da es eine Venus sei.
    Es tat ihm leid, da er sie nicht ganz zugleich auffassen konnte, um den
reinen Kunsteindruck zu haben, aber sie war nur zu fhlen, und es ging ihm wie
gewissen Kunstforschern, die das Gefhl der Antike in den Fingern haben, und um
sich die Vortrefflichkeit der Formen einzuprgen, vom Nacken mit der Hand
niedergleiten, am Hintern aber etwas modern werden, und einige freundliche
Schlge mit Schalkheit drauf fallen lassen. -
    Er versptete sich allerdings etwas bei der Venus, und htte er nicht etwas
leise rauschen hren, so wrde er ber ihr alles vergessen haben, auer was er
vermite, da sie lebendig sei. -
    Unruhig tappte er weiter, und berhrte einen seidnen Bettvorhang: da er den
Stuhl, der vor dem Bette stand untersuchte, fand er weibliche Kleider, ein
gestricktes kurzes Rckchen, und ein gestricktes Jckchen, seidne Strmpfe:
unter das Bett fate er mechanisch, und fate ein paar niedliche Schuhe.
    Als er den Bettvorhang zurckzog, hrte er atmen, das setzte ihn in keine
geringe Verlegenheit, und da er untersuchen wollte, wer es sei, knurrte ein
Hund, und machte groe feurige Augen. Er wollte nun nach dem Fenster hin, um die
Laden aufzustoen, sein Fu berhrte etwas Tnendes, er fate nieder, es war
eine Guitarre, die am Stuhle lehnte, er klimperte darauf, aber das Atmen neben
ihm ward nun doppelt, er schritt etwas vorwrts und fand, da irgend ein Ausgang
sein msse, denn es herrschte ein Luftzug.
    Da er drauflos ging mit den Hnden, wie mit Fhlhrnern durch die dicke
Finsternis, fuhr er heftig zusammen, seine Finger berhrten einen Menschen, er
zog die Finger zurck, und bald waren sie wieder vorwrts; er gleitete ber
khlen festen Armen aufwrts, zu einem sehr schmalen rmel, eilte ber diese
Brcke, und es zitterte unter seinen Fingern, lachte und floh, er wollte nach
dem Luftzug, da schlug eine Tre zu, die ihm dicht an der Nase vorbeiflog.
    Er ging nun unwillig quer durch die Stube, rannte einen Tisch mit Glsern
um, und trat bald in einen erhobenen Erker, ffnete die Fensterladen, und sah
glhend in die khle Nacht hinein. Sein Herz pochte heftig, er war ungeduldig,
und immer fhlte er nur noch seine Fingerspitzen.
    Da stand er nun in einem dunklen Vorgrund zu dem hellen Gemlde, aber war
dies Liebchens Fenster?
    Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne, aus den
Drfern und dem naheliegenden Stdtchen klangen die lustigen Walzermelodien,
unordentlich doch gleich taumelnd und kreisend zusammen. Der se Mostgeruch
drang unter seinem Fenster von dem Weinberge herauf, der nahe Wald suselte, und
in der herrlichen trunknen Landschaft schossen jauchzend Schwrmer und Raketen
in die Hhe, und zerplatzten noch frhlich im Tode - aber Godwi konnte seinen
bsen Mut nicht bezwingen. Es war ihm wie einem alten Popanz aus den
Kindermrchen, der Menschen gewittert hatte.
    Nun wendete er sich von dem Fenster, um zu versuchen, ob er nicht eine
Klingel in der Stube finden knnte, einigen Lrm zu machen; auch erinnerte er
sich der Glser, die er umgeworfen hatte, und endlich war er entschlossen, zu
Bette zu gehen, wenn sich nicht bald jemand sehen liee: als er aber die Stufe
des Erkers herabsteigen wollte, faten ihn zarte Hnde, und zogen ihn auf einen
kleinen Sopha, der an der einen Seite des Erkers angebracht war. -

So weit hat mir heute Godwi erzhlt.
    Es ist mir traurig zu Mute, ich mu die Begebenheiten der berflieenden
Gesundheit in Mensch und Natur beschreiben, und mir lst sich dieser Gegensatz
immer mehr; ich schreibe mechanisch nieder, um meine Begrbniskosten
herauszubringen. -
    Lieber Leser, wenn du wtest, wie traurig das ist, singen, frhliche Lieder
singen, und kaum die Lippe, viel weniger das Herz rhren zu knnen.
    Whrend ich beschreibe, wie Godwi den herrlichen Rheinwein trank, mu ich
groe Arzneiglser leeren, und reicht mir Freund Haber Gerstenschleim.
    Wenn ich schreibe, wie er in der dunklen Stube an der Venus den
Kunsteindruck nur einzeln hatte, habe ich den Eindruck der hlichen
Wirklichkeit an einer alten Wrterin ganz; - wenn er am seidnen Bettvorhang
rauscht, und die freundlichen Kleidungsstcke mustert, sehe ich traurig ber die
Blumen der kattunenen Bettdecke; - fr seine Empfindung, wie ihn der Hund mit
glhenden Augen knurrend ansah, habe ich wohl noch einiges Mitgefhl in schweren
Trumen, wenn mich das Alp drckt; aber ich stoe erwachend nicht an eine
tnende Guitarre, wider den Boden des trgen Bettes stt mein Fu, meine Hnde
klimpern nicht auf den Saiten, sie spielen auf der Bettdecke hin, und Haber
sieht die alte Wrterin bedchtlich an, weil dieses kein gutes Zeichen sein
soll.
    Wo Godwi den sen Schrecken hatte, und seine Finger ber den zitternden
warmen Busen hingleiteten, macht man mir schwerfllige Umschlge auf die Brust -
wenn ich aus dem Bett sprnge, wrde ich nicht volle Weinflaschen mit dem
freundlichen Tischchen umwerfen, leere Arzneiglser auf dem traurigen
Nachttische wrde mein schwankender Tritt erschttern.
    O! ffnet mir die Vorhnge, ffnet mir die Fenster, da ich die grnen Bume
sehe, die khle Luft hereinwehe, da mein Auge sich an dem hohen Himmel ergtze.
- Aber mir wird nicht besser, die Krankheit ziehet mich mit kalten Armen auf die
Kissen nieder.


                            Die lustigen Musikanten

Da sind wir Musikanten wieder,
Die nchtlich durch die Straen ziehn,
Von unsren Pfeifen lustge Lieder
Wie Blitze durch das Dunkel fliehn. -
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Die Fenster gerne sich erhellen,
Und brennend fllt uns mancher Preis,
Wenn wir uns still zusammenstellen
Zum frohen Werke in den Kreis.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

An unsern herzlich frohen Weisen
Hat nimmer Alt und Jung genug,
Wir wissen alle hinzureien
In unsrer Tne Zauberzug.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Schlug zwlfmal schon des Turmes Hammer,
So stehen wir vor Liebchens Haus,
Aus ihrem Bettchen in der Kammer
Schleicht sie, und lauscht zum Fenster raus.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Wenn in des goldnen Bettes Kissen,
Sich kssen Brutigam und Braut
Und glaubens ganz allein zu wissen,
Macht bald es unser Singen laut.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Bei stiller Liebe lautem Feste
Erquicken wir der Menschen Ohr,
Denn holde Mdchen, trunkne Gste
Verehren unser klingend Chor.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Doch sind wir gleich den Nachtigallen,
Sie singen nur bei Nacht ihr Lied,
Bei uns kann es nur lustig schallen,
Wenn uns kein menschlich Auge sieht.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Die Tochter:

Ich habe meinen Freund verloren,
Und meinen Vater scho man tot,
Mein Sang ergtzet eure Ohren,
Und schweigend wein ich auf mein Brot.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Sing und um Sang,
Um Kling und um Klang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Die Mutter:

Ists Nacht? ists Tag? ich kanns nicht sagen,
Am Stabe fhret mich mein Kind,
Die hellen Becken mu ich schlagen
Und ward von vielem Weinen blind.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Sing und um Sang;
Um Kling und um Klang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Die beiden Brder:

Ich mu die lustgen Triller greifen,
Und Fieber bebt durch Mark und Bein,
Euch mu ich frohe Weisen pfeifen,
Und mchte gern begraben sein.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.

Der Knabe:

Ich habe frh das Bein gebrochen,
Die Schwester trgt mich auf dem Arm,
Aufs Tambourin mu rasch ich pochen -
Sind wir nicht froh? da Gott erbarm!
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tnenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.


                           Dreiunddreiigstes Kapitel

Mit sanften Hnden zog es ihn nieder, und er setzte sich gerne.
    Ich wei es nicht anders zu machen, lieber Freund, sagte das Mdchen, es
war mir angst und bange vor Ihnen. Da Sie so wild ans Fenster strzten, glaubte
ich, Sie wollten hinausspringen.
    Aber um Gottes willen, ich wei ja gar nicht, wo ich bin, wie von einem
Gewitter in ein fremdes Haus, in eine dunkle Stube getragen, und ich glaubte, in
eine groe Gesellschaft zu kommen. -
    Haben Sie eine solche Freude an groer Gesellschaft?
    Nein! aber ich mache gern alle Bekanntschaften bei vielen Lichtern, im
Lichte will ich leben, und in der Nacht sterben. -
    Mit diesen Worten nahm er das Mdchen freundlich bei der Hand, und zog sie
ans offne Fenster.
    Kommen Sie ans Sternenlicht, meine Liebe. -
    Das Mdchen sah schchtern an die Erde, er fate sie unter das Kinn, und hob
ihr das Kpfchen in die Hhe: da sah sie ihn freundlich mit ihren groen dunklen
Augen an, und es rollte eine Trne auf seine Hand - die Trne fiel Godwi aufs
Herz. -
    Es war ihm, als habe er das Mdchen schon gesehen.
    
    Sie weinen, sagte er freundlich zu ihr.
    Ach, mein Herr! es tut mir so manches leid, so leid, das Herz mchte mir
brechen. - Da wendete sie sich schnell von ihm, und setzte sich auf das Sopha
und weinte laut. -
    Godwi stand am Fenster, er war so verlegen, so gerhrt, er machte sich
Vorwrfe, und wute nicht warum, hatte er die Unschuld verfhren wollen? Er
hatte ja an keine Unschuld der ganzen Welt nur gedacht - warum weinte das
Mdchen nur, warum war sie da, warum hatte sie ihn zu sich gezogen?
    Er nherte sich ihr, und sprach mit sanfter gelassener Stimme:
    Meine Liebe, weinen Sie nicht! ich wei ja nicht, warum und wie ich
herkomme. - Auch will ich Ihnen gar nichts tun, - sagen Sie mir, wo bin ich, wer
sind Sie, wer hat mich hierher gebracht?
    Da richtete sie sich in die Hhe und sagte: -
    Ach, mein Herr, ich bin Violette, die Tochter der Grfin von G., und das
ist unser Gut. Sie haben mir auch nichts getan, und das ist es nicht; aber ich
mu doch weinen. -
    Was fehlt Ihnen nur, und wer hat mich nur hierhergebracht?
    Meine Mutter hat Sie hergebracht. -
    Ihre Mutter? es war ja ein Reiter. -
    Meine Mutter reitet immer wie ein Mann gekleidet.
    Aber waren Sie denn in der Stube, als ich hereintrat? -
    Nein, meine Mutter schickte mich erst herein! Sie sagte, ich sollte Sie
unterhalten, bis sie kme: dort neben dem Bette war die Tr offen, da kam ich
herein, Sie rhrten mich an, ich war fast des Todes vor Schrecken, und ich
durfte doch nicht fortlaufen, da schlug ich die Tr zu und lief hierher. -
    Aber ich hrte Sie ja nicht laufen.
    Ach, das ist es eben, ich bin mit bloen Fen. -
    Das Mdchen drngte sich in den Winkel und sagte:
    Ach wie schme ich mich. -
    Godwi wute nun gar nicht, was er mit ihr anfangen sollte. -
    Sind Sie denn nicht gerne hierher gegangen? -
    Gewi nicht, gewi nicht, heute nun gewi nicht - die Mutter jagte mich aus
dem Bette, ich war schon eingeschlafen, sie sagte: junge Mdchen mten immer
lustig sein, und ich sollte mich nicht so kindisch betragen, wenn sie mich nicht
wie ein Kind behandle - sie sei so freundlich gegen mich und wolle mir eine
Freude machen, nun solle ich auch nicht eigensinnig sein; - ach, liebe Mutter,
sagte ich, es macht mir sicher keine Freude; - zier dich nicht, Violette, sagte
sie dann, - tue mir den Gefallen, und gehe hin, und sprich mit dem Manne, sag
ihm, ich kme bald: es ist der artige Mann, der jngst so freundlich mit dir
tanzte, da zog sie mir die Decke weg, und lachte mich aus, ich mute herber,
ich konnte mich nicht einmal ankleiden. -
    Ihre Mutter ist ein seltsames Weib; glaubt sie denn wirklich, da Ihnen so
etwas Spa mache? -
    Wohl mu sie es glauben, und ein andermal wrde es mich auch so nicht
betrben - aber heute -
    Waren Sie denn heute so mde?
    Das nicht, aber ich bin lange nicht so zufrieden zu Bette gegangen, ich
hatte den ganzen Tag berdacht, ja zwei Tage, und es fiel mir gar keine Snde
ein; ich habe am Sonntage erst gebeichtet, und ich verglich mein ganzes Tun mit
dem, was mir der Pater gesagt hatte, und es war auch kein Fleckchen zu finden,
ich betete noch, wie ich es nur machen sollte, der Mutter immer gehorsam zu sein
- da kam sie, da mute ich herber, und nun ist alle meine Freude hin. -
    Meine Liebe, halten Sie es denn fr Snde, bei mir zu sein? -
    Ich wei nicht, aber gut ist es nicht. Die Mutter hat mir es schon einmal
so gemacht, da kte mich der Mann, und war so heftig - mein Herr, ich kann es
nicht vergessen, - ich konnte es lange nicht vergessen, und seit jener Zeit bin
ich nicht mehr ruhig, ich kann an nichts allein denken, es sind immer andre
ngstliche Gedanken dabei, die ich nicht verstehe - als ich es beichtete,
schmlte mich der Pater sehr, und sagte: ich sollte mir solche Gedanken aus dem
Sinne schlagen, - sie fhrten zum Verderben - das wren bse weltliche
Gedanken.
    Und ist Ihnen das gelungen?
    In der Beichte hatte ich gar nicht daran gedacht, da ich nicht wisse, was
das sei: aus dem Sinn schlagen, aber ich war des Paters Worten recht getreu, und
gab mir alle Mhe, - doch ich konnte so gar nicht recht Reu und Leid erwecken
vor den Gedanken, und je mehr ich mich qulte, je grer und wunderlicher wurden
die Bilder in mir, - ich wute mich nicht zu lassen, und gab mir alle Mhe -
meine Mutter bemerkte es, - denn ich schnitt manchmal ordentlich Gesichter, - da
ich ihr sagte, was es sei, lachte sie mich aus und sprach: ich sollte froh sein,
da ich einmal zu denken anfange, der Pater meine das nicht so, wenn er sage:
Schlage dir es aus dem Sinn, so heie das: Lasse dir nicht bang drum sein. -
    Godwi war fest entschlossen, sobald er mit der Mutter zusammenkomme, sie
recht ernstlich darber zu Rede zu stellen, und sie dazu zu bewegen, das Mdchen
lieber von sich zu entfernen. Er wendete sich wieder zu ihr und sprach:
    Liebe Violette, Ihr Unglck tut mir sehr weh, wenn ich Sie irgend
erschreckt habe, so sollen Sie mir es verzeihen; ich will auch mit Ihrer Mutter
sprechen, und mich bemhen, da sie Sie mit allen solchen Anmutungen verschont -
reichen Sie mir die Hand darauf, nicht wahr, wir sind gute Freunde? -
    Violette gab ihm zitternd die Hand, und nherte sich ihm vertraulich. -
    Ich gebe Ihnen gern die Hand, und sind Sie so, wie Sie scheinen? Wie froh
wre ich, wenn Sie mein Freund sein wollten, ich bin recht verlassen hier. -
    Hier ward sie wieder stumm, und lehnte die Stirne an seine Schulter. - Godwi
umfate sie leis, und sagte:
    Gutes Mdchen, wie alt sind Sie? -
    Ich bin funfzehn Jahre alt; wie alt sind Sie denn?
    Diese Frage strte ihn etwas, und er antwortete lieber nicht darauf.
    Ihr Vater lebt wohl nicht mehr, und Sie haben keine Geschwister?
    Mein Vater ist schon einige Jahre tot, ich habe aber noch eine kleine
Schwester, sie ist nun fnf Jahre alt. Ich erinnere mich meines Vaters noch
wohl, er war ein kleiner Mann, und nie recht freundlich; - zweimal erinnere ich
mich recht deutlich, wie er aussah, ich meine, ich she ihn noch. - Er sa hier,
wo wir sitzen, und zankte mit einem Pchter. Der Pchter stand in der Mitte der
Stube, und sagte immer: Ich kann nichts davor, gndiger Herr, - die gndige Frau
hat mir gesagt, sie wrde mich von Haus und Hof peitschen lassen, wenn ich dem
Jungen noch einmal einen Schlag gbe, was soll ich nun machen? - Er soll den
Burschen unter die Soldaten schicken, oder ich schicke ihn hin - da kam meine
Mutter herein, und mein Vater schwieg still, schickte den Pchter weg, und
sagte: Es ist gut. -
    Meine Mutter aber sagte: Was haben Sie wieder mit dem Manne gehabt, wollen
Sie denn mit aller Gewalt einen Gerichtshof aus meiner Schlafstube machen? Ich
mu genug wesentliche Schwchen hier von Ihnen ertragen, sparen Sie Ihre
unwesentlichen. -
    Ich sorge fr meine Ruhe und die Ihrige, Madame, sagte mein Vater. -
    Meine Mutter aber lachte; Sie mssen sehr ruhig sein, sagte sie, da Ihnen
der Sohn dieses Bauren so viel Unruhe macht; aber er soll nun bald immer um Sie
sein, damit Sie sich an den armen Jungen gewhnen, ich habe ihn heute als Jokei
angenommen, - da ging sie auf meinen Vater zu, und kte ihn mit den Worten; -
Sei nicht so kmmerlich, alter Mann, da du ein junges Weib hast, mut du auch
hbsch freundlich sein, - dann ging sie weg, - o ich wei es noch recht gut, und
kann es nicht vergessen! Ich sa hier auf der Stube des Erkers, und spielte mit
dem Joli, der dort auf dem Bette liegt, er war damals noch ganz klein, - aber
ich glaube, ich htte es nicht so behalten, wenn nicht geschehen wre, was
gleich darauf folgte. -
    Mein Vater sa so traurig da, und das tat mir leid: ich nherte mich ihm,
und sagte: Sieh, Vater, der kleine Hund tanzt; da stie er mich mit dem Fue,
da der Hund schrie, und ging zur Tre hinaus. -
    Das anderemal, da ich mir ihn ganz vorstellen kann, ist das letztemal, er
sa auch hier und hatte mich auf dem Schoe; er war still, und ich las in einem
Buche; meine Mutter sa dort auf dem Stuhle am Bette, und zog lederne
Beinkleider an - sie wollte spazieren reiten, - er sah dann und wann traurig
nach ihr hin, und da sie es bemerkte, hielt sie ein, und sagte fragend, Eh bien?
-
    Ich freue mich ber Ihre schnen Beine, Madam. - Das ist sehr freundlich und
gut gemeint, sagte sie. -
    Alle Bauern und Brger freuen sich auch drber, fuhr mein Vater fort, - das
ist ein Beweis von Sinn, erwiderte die Mutter - und der Sckler von Mainz,
versetzte der Vater, hat auch Sinn, denn er erzhlt allen Domherren von Ihren
Beinen, und das ganze Rheingau hat Sinn, denn jeder sechzehnjhrige Bursche, der
Sie reiten sieht, sagt: ich will ein Sckler, ein Hosenschneider werden, wenn
die Grfin sich neue Beinkleider machen lt.
    Ja, sagte sie, das ganze Rheingau hat Sinn; aber Sie sind ein Sonderling,
und streben nach dem Gegenteil, da knallte sie mit der Peitsche, stellte sich
vor den Spiegel, kam zu meinem Vater, und sagte, indem sie ihm die Wange hinbot:
Embrassez votre petit Cavalier - adieu! und war zur Tre hinaus. -
    Mein Vater schwieg still, ich knpfte ihm die Weste auf und zu, - Vater,
sagte ich, warum hast du denn eine so weite Weste an? - Mein Kind, sagte er, das
kommt von Kummer und Sorgen, die Eltern haben immer viel zu sorgen - und davon
wird man mager, und die Kleider werden zu weit; - ich sagte - wenn ich nhen
kann, will ich dir eine Falte hineinlegen, - da ritt meine Mutter lustig zum
Tore hinaus und der Jokei mit ihr. - Sieh, was deine Mutter lustig reitet, sagte
mein Vater, - da setzte meine Mutter mit dem Pferde ber den Schlagbaum, und
Friedrich hinterdrein, und fort waren sie um die Bume herum; - die wird so
lange ber die Schranken setzen, sagte mein Vater, - bis sie den Hals zerbricht
- und ging weg. -
    Das sind lauter traurige Sachen, meine Liebe - sagte Godwi - aber
erzhlen Sie fort.
    Mein Vater starb bald darauf, - und die Mutter war nicht sehr traurig. -
Friedrich lebte auch nicht mehr lang, er war immer nach meines Vaters Tode um
die Mutter herum gewesen. - Da er krank war, kam die Mutter nicht von seinem
Bette, und da er tot war, mute ich einen Kranz von Rosen flechten, den setzte
sie ihm auf; - er ist in unserm Garten begraben, und ber dem Grabe ist ein
Gartenhuschen erbaut, in dem die Mutter oft von fremden Herrn besucht wird. -
Das Leben geht nun immer so fort, ich habe wenig Freude, auch lerne ich nicht
viel: fr mich allein, wenn ich sehr traurig bin, schreibe ich manchmal meine
Gedanken auf und zerrei es dann wieder. Meine kleine Schwester heit Flametta.
Man sagt, sie sei Friedrichs Kind, und meine Mutter liebt sie sehr. - Ich bin
immer allein, und denke ber meine Mutter und mich. -
    Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich?
    Von meiner Mutter? Warum niemand mit ihr umgeht, warum die Leute sagen, sie
habe keinen guten Ruf, warum ich gar keine Mdchen sehe, - und von mir, ach! da
denke ich immer in die Zukunft, und mu manchmal ausrufen: es wird kein gut Ende
nehmen! Und dann weine ich. - Sagen Sie mir, was ist das nur? -
    Hier nahm sie Godwi bei der Hand, trat mit ihr ans Fenster: er hatte sie
umschlungen, und ihre Wange lehnte an der seinigen, es war ihm sehr wohl, und
sehr bang. -
    Der Mond stand ber der ruhigen Gegend, und wute nichts von des Kindes
Schmerz, und seiner Rhrung, - da sang Violette mit ihrer freundlichen Stimme
folgende Verse eines katholischen Liedes.

Was heut noch grn und frisch dasteht,
Wird morgen schon hinweggemht,
Die edlen Narcissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schn Hiazinthen,
Die trkischen Binden.
Hte dich, schns Blmelein!

Viel hunderttausend ungezhlt,
Was nur unter die Sichel fllt,
Ihr Rosen, ihr Lilien!
Euch wird man austilgen,
Auch die Kaiser-Kronen
Wird man nicht verschonen,
Hte dich, schns Blmelein!

Das himmelfarbne Ehrenpreis,
Die Tulipane gelb und wei,
Die silbernen Glocken,
Die goldnen Flocken,
Sinkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hte dich, schns Blmelein!

Ihr hbsch Lavendel, Rosmarin,
Ihr vielfarbige Rselin,
Ihr stolze Schwertlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarte Violen,
Euch wird man bald holen. -
Hte dich, schns Blmelein! -

Godwi hatte dem kindischen Totenliede schweigend zugehrt - - Das ist ein
trauriges Lied, Violette, sagte er. -
    Traurig? es ist ja ein Ernte-Lied - ich kann auch ein Lied vom Semann, das
fngt an -: Es ist ein Semann, der heit Liebe -.
    Godwi kte das Mdchen, sie erwiderte es freundlich, aber es war kein Ku,
der sich getreu blieb, er verweilte so lange, da die Gemter sich wechselten,
da klingelte es -.
    Ich mu nun fort, Lieber, sagte Violette, die Mutter klingelt, ich gehe
jetzt schlafen, - ich werde von Ihnen trumen.
    Godwi fhrte sie an die Tr, und sie umarmten sich innig. -
    Aber die Tr ging auf und die Mutter trat herein. -

Die Tr ging auf, der Arzt trat herein. Ich soll mich ruhiger halten, nicht
soviel schreiben, sonst sei seine Mhe umsonst, - grade das Gegenteil, wenn ich
gar nicht schreibe, wird seine Mhe umsonst sein, denn ich werde ihn nicht
bezahlen knnen.
    Es krnkt mich sehr, da wegen meiner Krankheit Flametten ihre Komdie
verdorben ist, sie ist schon zweimal bei mir gewesen - um zu sehen, ob ich bald
gesund sei - und um mich zu erlustigen, sagte sie mir Stcke aus ihrer Rolle
her. - Das Spiel heit Vertumnus und Pomona, und die Erfindung ist recht
artig, - Flametta gefllt sich sehr als sprde Pomona. - Um ihren Garten, der
mit hohen Zunen umgeben ist, liegen zweihundert Zwerge, zwlf Riesen,
fnfunddreiig Satyren, zwei Dutzend Faunen, dann noch Pan und Priap und
Hanswurst. Alle diese zusammen halten ein groes Geschrei, machen ihr die Kur,
und werben um sie, oder prgeln sich untereinander; Hanswurst ist des Vertumnus
Nebenbuhler, beide knnen sich verwandeln, und knnen allein in den Garten
kommen.
    Das Theater, sagte Flametta, wird mein Garten sein, der ringsum mit hohen
Hecken umgeben ist, und ich habe immer alle Hnde voll zu tun, die Freier
abzuwehren; bald stehe ich mit einem pfelhaken da, und schneide den Riesen die
Nase ab, wenn sie herbergucken, und wenn die Zwerge unten durchkriechen, treten
sie in Fuchsfallen, da nehme ich sie dann, stecke sie in die Erde, inokuliere
ihnen pfel und Birnen, und sie wachsen wie Zwergobst. -
    Sehn Sie, sagte Flametta, so lautet meine erste Szene. -

Und was ich treibe, was ich tue,
Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe,
Meine Schnheit ist so weit bekannt,
Da die ganze Welt in mich entbrannt.
Aus dem Tale und ber die Berge,
Kommen Riesen, Satyren und Zwerge,
Viele hundert Waldteufel und Faunen -
Es ist ordentlich zu erstaunen,
Wo sich die Leute her beschreiben,
Zu Haus knnen sie sich doch nicht gleich auftreiben.
Ich kann kaum den Himmel mehr sehn,
So mu ich tglich den Zaun erhhn -
Da mich die plumpen Riesen
Nicht gar zu Tode niesen,
Wenn sie mit ihren groen Perucken
ber den Zaun herbergucken. -
An der Tre ist ein ewiges Klopfen,
Und ich kann nicht genug Lcher zustopfen,
Da nicht die Zwerge hereinschlpfen,
Die draus wie Frsche herumhpfen. -
Von den vielen Seufzern wird die Luft verderben,
Und meine Bume wollen schon absterben;
Ich mag noch so viel faule pfel hinausschleudern,
Das hilft nichts bei den mancherlei Brnhutern.

Das hatte sie recht lustig deklamiert, und ihr lautes Sprechen hatte einige von
den Mennoniten ans Fenster gelockt.
    Sie sehen, sagte sie, da sind die brtigen Waldmnner wieder, da warf
sie einige pfel auf die Zuschauer, und lief mit den Worten fort:
    Nun werden Sie nur gesund, - ich halte es nicht lnger bei kranken Leuten
aus.

Godwi besuchte mich heute abend, er hatte selbst weiter geschrieben, und las mir
vor, wie folgt. -

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Alles, was Violette gegen mich geuert hatte, war sich so ungleich, und wendete
so schnell zwischen Heftigkeit und Geschmigkeit; was sie von ihren Eltern
erzhlt hatte, war so wenig die Rede eines ganz unschuldigen Mdchens, ihr
ganzes Betragen ergriff mich so schnell, und stie mich so leicht wieder zurck,
da ich in einer wechselnden Bewegung whrend ihren Worten bald Mitleid, bald
Unwillen empfand.
    In jedem Falle mute ihre Mutter ein hchst wunderbares Weib sein, und ohne
allen Charakter, das Mdchen htte sonst nimmer so schwankend sein knnen, und
ich entschlo mich fest, diesen Ort schnell wieder zu verlassen; aber es gelang
mir nicht.
    Ich entschlo mich schon in einzelnen Augenblicken meines Gesprchs mit
Violetten dazu, denn ich befand mich in einem widrigen Streite von Lust und
Schonung. Sie webte ihre Trnen, ihre Naivett und ihre frevelhaften Reden ber
ihre Mutter so verwirrt durcheinander, und in ihrem Betragen dabei erschien die
Lsternheit und Heftigkeit so durch Bldigkeit und Unerfahrenheit gestrt, da
mir es sehr abgeschmackt zu Mute war. Ich konnte sie nicht bedauren, und nicht
liebenswrdig finden, und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine
ganze Lage, da ich wnschte, das Mdchen wre nicht so, und ergbe sich ohne
Prtension ihrer und meiner Freude.
    Ich htte mich gerne bemhet, ihre Verwirrtheit fr sie und mich zu lsen,
aber ich frchtete mich vor irgend einem Hinterhalt, der mir hier gelegt sein
und mich zu einer Verbindung zwingen knnte, die mich ewig zum Sklaven um eine
kurze Freude gekauft htte.
    Ich verhielt mich whrend ihren uerungen ganz leidend, und eben dadurch
schien sie mir einigemal wahr zu werden: die Verse, die sie von dem Totenliede:
Es ist ein Schnitter, der heit Tod, sang, sang sie nicht ohne Rhrung, und
ihr bergang auf das Lied: Es ist ein Smann, der heit Liebe, war er
vielleicht auch nicht ganz ohne Vorsatz, war doch sehr artig. -
    Was sie von ihrem Streit in der Beichte erzhlte, war der Punkt, der mich
eigentlich zuerst aufmerksam machte: ein unschuldiges Mdchen kann nicht von der
Beichte reden, und ein Mdchen von funfzehn Jahren streitet nicht mehr so
kindisch mit ihrem Gemt, oder sie mte in der reinsten Umgebung gelebt haben.
    Alle diese Betrachtungen begleiteten mich, und verdarben mir sogar ihre
Ksse, indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu recht herzlich und mit Bewutsein
kte.
    In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter, die ich mit einigem Unwillen
behandelte, aber sie war nichts weniger als so verwirrt und widersprechend wie
das Mdchen.
    Ich fand in ihr ein leichtsinniges und frhliches Weib, mit einer Freiheit
ohne Grenzen, die doch nicht ins Gemeine fiel. Sie hatte gar keine Absicht als
zu leben, und lachte alle meinen Unmut hinweg, dabei nahm sie in ihrem
Raisonnement so tollkhne Flge, da es eine Lust war, sie anzuhren.
    Das Mdchen hatte sie aus reinem Mutwillen herbergeschickt, und da ich ihr
vorstellte, wie ihr Kind zu Grunde gehen wrde, machte sie die Einwendung, da
das Mdchen so sinnlich sei, da sie sich an der ganzen schnen Welt festhalten
werde; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu Grunde, und wenn
Violette nur einmal aus den Schwrmereien komme, so werde sie recht glcklich
werden.
    Sie uerte dabei ganz wunderbare Ideen ber Religion, und verlor sich in
einen Strom von Phantasien, da sie mich wirklich ergtzte.
    Violette, behauptete sie, sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst,
und was das Mdchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe, sei alles eine
Folge davon, da sie nicht recht beten knne.
    So bisarr mir alles das schien, so behauptete sie es doch mit einer
trotzigen Lustigkeit, und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert.
Ich will ihre uerungen so getreu hierherschreiben, als ich mich ihrer
entsinne, denn mich mit der Grfin selbst redend einzufhren, wage ich nicht
gern, da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht
ausweichen knnte, und doch in die Gefahr kommen drfte, nicht verstanden zu
werden, oder mich der Beschuldigung auszusetzen, als suche ich meine Schwachheit
zu entschuldigen, indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein blo
mutwilliges schwrmendes hinstellte. -
    Es schien allerdings, da sie einstens in einer hnlichen Verwirrung wie
Violette gewesen sei, und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach, wenn sie sich ber
diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte.
    Sie war im strengsten Katholizismus erzogen, und Violetten hatte der
verstorbene Graf ebenso erziehen lassen. Sie fhrte ihre eigne jetzige
Lebensart, ihre Frhlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung, auf ihre
Religion zurck, denn sie sagte, diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem
gegeben, und der einzige Migriff in ihrem Raisonnement war der, da sie sich in
der Religion voraussetzte, da sie doch die Religion in sich annehmen mute, wenn
sie je welche wollte gehabt haben.
    Es ist mir leid, da ich alles das nicht so scherzend und so lustig
ernsthaft sagen kann, denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute,
berraschte mich pltzlich mit einem Kusse, wenn ich Einrede tun wollte, und war
ich darum unwillig, so fuhr sie so pathetisch fort zu predigen, bis ich lachen
mute, und war dabei so beweglich, da sie bald aufsprang, ihre Bilder selbst
vorzustellen, bald sich so schnell wieder niedersetzte, da sie mir einigemal
etwas unsanft begegnete, dann bat sie mich sehr zrtlich und kindisch um
Verzeihung, und das alles war so rasch und bunt hintereinander, da ich ein
freudiges, reizendes, freies Weib sein mte, und mir gegenber ein junger mehr
ungeduldiger, als gesetzter Mann, wenn ich es so hinstellen sollte, wie sie es
tat. -
    Sie behauptete:
    Der sinnliche Mensch werde erbrmlich, wenn er, wie man es nimmt, tugendhaft
wrde, denn er be dann Tugenden, die von seinem ganzen Leben verachtet wrden.
Er msse sich zwingen, und werde eben dadurch lasterhaft, denn er gbe, um zu
leben, endlich die Tugend hin, und schweife, um sich zu trsten, nach Prinzipien
aus.
    Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit, das Gebet ihre uerung.
    Andacht sei es, wenn man nicht mehr als Mensch bete, wenn man als Weib oder
Mann bete; doch knne der Mann es nie zur Andacht bringen, weil das Menschliche
das Mnnliche bei ihm berwiege.
    Der schlechteste Moment im Leben sei, wo weder Jungfrau noch Jngling recht
wisse, woran sie seien, und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen
sich erhebe; in diesem stehe Violette.
    In der Religion sei es ebenso, es komme den Menschen heutzutage eine
boshafte Lust an, sich ihrer selbst zu bemchtigen, um sich zu befreien, aber
nur der sei ein Sklave, der sich selbst besitze, nur im allgemeinen wre
Freiheit, und in der Person die hchste Tyrannei.
    In diesem schlechten Momente hre der Mensch auf zu glauben und meine,
Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres Glauben, das einen erst mit
einer kleinen Reihe von Schlssen hinhalte, ehe es einen glauben lasse, denn
endlich msse man doch glauben, was man wisse.
    Das allererbrmlichste Aberwissen sei, die unbefleckte Empfngnis fr einen
Aberglauben zu halten; wer denn irgend eine Empfngnis wisse? und dieses sei
grade der Punkt, wo der Mensch recht berfhrt werde, da alle Seligkeit nur
Glauben ist, und kein Bewutsein, und nur der sei ein Ketzer und Freigeist, der
bei der Empfngnis noch denke, und sich selbst besitze, denn jeder fhle das
Wissen erbrmlich, der aus solchem Glauben kehre.
    Sie bete oft, weil sie ein Weib sei, und wer nicht sinnlich sei, habe keine
Religion, und eine Religion, die nicht sinnlich sei, habe keine Menschen.
    Sie sei eine Heidin, habe viele Gtter, und auch Heroen, alle jung, krftig,
und in der Liebe menschlich.
    Die Heiligen knnten sie so ziemlich rhren, aber sie htten keine Religion,
wren nichts als angehende Philosophen, welche die Liebe bestritten, die sie
nicht bestreiten knnten, das heit, der sie nicht gewachsen wren.
    Der Gott der Katholiken sei zu geistig, und substanzlos, und ohne die
Menschwerdung gar nicht da; aber es sei keine rechte Menschlichkeit in der
Menschwerdung, es sei nichts als eine Allegorie auf Leben, Gedanken und Wort,
eine Lehre, die zum Lehrer geworden.
    Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfngnis, und jedes Wort eine
Menschwerdung.
    Doch sei die katholische Religion keine Religion des Lebens, sondern eine
Religion der Auferstehung und Erinnerung - der untergegangenen herrlichen Welt
der Gtter und Menschen werde in ihr ein festliches Totenopfer gebracht.
    Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos, aber heillos, denn sie
duldeten keine Heiligen - sie seien keine Religionen, sondern blo bequemliche
Anstalten, keine Religion zu haben, - Konsistorien, wo keine Liebe mehr sei, um
die Ehe zu untersttzen - auf Noten gebrachte Ehescheidungen zum Absingen -
Religionen fr Eunuchen, Amphibien und Hermaphroditen. -
    Die christliche Religion werde vor dem Leben zu Grunde gehen, die heidnische
aber werde lnger sein als das Leben, weil sie Leben und Tod umfasse.
    Einmal rief sie aus:
    Ach, arm ist der, der nur im Tode selig wird - die Erde sei ein Jammertal!
- Ich stehe auf den Bergen und bin glckselig, denn der lebt nicht, dessen Haupt
nicht im Himmel steht, auf dessen Brust nicht die Wolken ruhen, dem die Liebe
nicht im Schoe wohnt, und der Fu nicht in der Erde wurzelt. Mein Haupt steht
ewig im Himmel, und klage ich, so hren es die Gtter allein, da mir keine
Liebe im Schoe wohnt, und wohnt mir die Liebe im Schoe, so sehen nur die
Gtter meines Auges Andacht, weiter wird die Welt, denn mein Busen hebt den
Himmel hher, und die Erde drngt sich bebend unter meinen regen Fen
zusammen.

Sie bekehrte mich, aber ich glaubte nichts, als da sie ein schnes, reizendes
Weib sei, da die Decke des Zimmers sich ffnete, und eine dmmernde
Alabaster-Lampe niedersank, und der Glauben bald das Wissen besiegt hatte. -

                                  An den Leser

Die Krankheit meines Freundes nimmt zu und ist mir um so schmerzlicher, als sie
boshaft ist. - Sie htte keine unglcklichere Stelle erwhlen knnen, um ihn mir
noch bei seinem Leben zu rauben, sie htte keine glcklichere Stelle nehmen
knnen, um die letzten Ergieungen seines liebevollen Herzens gegen mich zu
hemmen. - Es ist eine bsartige Zungenentzndung, an der ihm das Band mit allen
seinen Freunden erlahmt. - Ich versichere seine menschenfreundlichen Leser, da
ich viel Schmerz an seinem Lager ertrage, und oft gerhrt bin, wie sehr er das
Publikum achtet. Er schrieb mir gestern mit Trnen Folgendes an die
Schiefertafel, die neben seinem Bette hngt, damit er sich deutlich machen kann,
und ich kann nicht umhin es Ihnen mitzuteilen, weil ich fhle, wie sehr sich
sein Charakter hier ans Licht stellt, und wie die Worte eines mit Ruhe dem Tode
entgegensehenden jungen Mannes sicher die Verleumder zum Schweigen bringen
werden, die sein reines fhlendes Herz und sein aufrichtiges frohes Gemt hie
und da zu beschmutzen suchen - o diese Zungen sind giftig und entzndeter als
die meines Freundes! O da sie die Krankheit erlhme! die mir das freundliche
Gesprch meines Maria raubt.
    Zugleich bitte ich den Leser, die Darstellung meines Lebens zu
entschuldigen, ich bin nicht gebt, vor das Publikum zu treten, und es
verhindert mich auch der Anteil, den ich an meinem Freunde nehme, an grerer
Aufmerksamkeit auf meinen Stil. -
                                                                           Godwi

Was mich mehr drckt, als meine Krankheit, ist der Rckblick auf ein
fruchtloses Leben; - mit dem vollen frhlichen Mute des Jnglings habe ich
versumt, eine Spur zurckzulassen, da ich da war: - ich wute nicht, da der
Tod meiner Jugend schon folgen werde, ich htte sie sonst geschmckt und Knste
gelehrt, damit ihm eine freudige Braut geworden wre; dann htte Sie der schne
Kranz am Wagen erfreuen sollen, der jetzt ungeschmckt die tiefen Gleisen mit
mir hinschleichen wird, die wir mit Recht die Runzeln unserer alten Mutter Erde
nennen drfen. -
    O! htten mich die Menschen besiegt, wre ich im Kampfe um hohen Preis
berwunden, so wrde man mich mit dem Sieger nennen, und sein Wert wre mein
Grabstein und drckte mich nicht. - Aber das Leben hat mich besiegt, nicht mich,
- nein, nur den Jngling wie viele - denn ich war noch nicht, und warum sollte
ich nicht werden?
    Jetzt, da mein Herz sich ffnen wollte, um alles zu umfassen, was lebt und
liebt, legt sich der Tod ihm in die Arme. -
    Ich habe vieles noch zu tun, so vieles - und soll sterben - die Menschen
wissen nicht, da ich ihr Bruder bin, und da ich es verdiene - o mein Freund!
wenn Sie wten, was ich verlasse; Einer nur wird wissen, was ich verlasse, und
er wird es nicht glauben. -
    Ich soll das Leben aufgeben? der die Liebe noch nicht aufgegeben, die ihn
aufgab - dies ist kein schner Tod - es bricht, es lst sich nicht. -
    O! es ist ein groer Unterschied zwischen dem Traume der Liebe und der Liebe
des Traumes. - Der Traum der Liebe ist in der Liebe, aber die Liebe des Traumes
ist nur im Traume. -
    Wenn die Liebe einschlummert und trumt, trumt sie den Traum der Liebe, und
dieser Traum ist jener stille schne Schmerz, jenes Bangen, ich mchte sagen,
die Seele aller Sehnsucht, und die sentimentale Poesie der Liebenden. -
    Mir ist jede unvollendete Harmonie in den Naturerscheinungen, jenes Streben
des Formlosen und Toten nach Gestalt und Leben, wo Seele und Stoff mit innerm
Drange zueinander streben, und der Stoff von dem Strahle des Geistes nur erglht
und schmerzlich wieder in den Tod zurcksinkt, so ein Traum der Liebe. -
    Verstehen Sie mich? - nein. -
    So ist mein Ausdruck selbst ein Beispiel eines solchen Traumes der Liebe, in
dem der Gedanke und das Zeichen nicht zum Worte wurden. -
    Ich glaube es Ihnen aber deutlicher zu sagen, lieber Godwi, wenn ich
schweige, und Sie bitte, ans Fenster zu treten. - Sie sehen die roten Flammen
des Abends, wie die Berge von ihnen entzndet werden und Feuer zu duften
scheinen, und wie diese Flammen sich mannigfach gestalten, und ganze
Landschaften zu werden scheinen. - Was ist die Flamme anders als die Gestalt des
Feuers, und das Feuer anders als die Gestalt der Wrme, und diese als die
Gestalt des Lichts?
    Sie sehen, wie sich das Licht von dem Stoffe ergriffen zur Flamme zu bilden
scheint, und wie die Flamme den Berg und den Wald entzndet, und sich die ganze
Gegend nach dem Lichte sehnt; es ist, als sei nichts in Ruhe, und das innere
willenlose Treiben kehre sich heraus, und doch ist alles Ruhe, eigentliches
Gefhl der Ruhe, in dem sich die Ruhe aufhebt. - Dies ist ein Traum der Liebe.
Und ist Liebe in Ihnen, so mssen Sie einstimmen in diesen allgemeinen Traum,
auch Sie ergreift die allgemeine Sehnsucht; aber Ihre Sehnsucht ist nur die
Ihrige, - und wer keine Liebe hat, mchte sterben in dieser Minute. -
    Aber es giebt einen Traum des Lebens, der Liebe zu umfassen glaubt; aber
Liebe ist nur Wahrheit - und jene luftigen unbestimmten Seelen, die es nur zum
Reize und nie zur Schnheit bringen, trumen dieses Leben, und ihre Liebe ist
eine solche Liebe des Traumes, - sie ist ohne Bestimmung, mit unendlichem Reize,
ohne Ziel, wo sich alle diese Mittel zu einer Schpfung vereinigten.
    Wer sich ihnen hingiebt mit seiner Liebe, mu mit diesen Blumen verwelken -
lieben darf man sie als Frhling und Poesie, aber nie als einzelne Blumen.
    Nur das starke gesunde Gemt wagt nichts mit ihnen, es blickt auf sie
nieder, wie auf die Blumen, die es seiner Geliebten bricht, die es in den
Triumph seines Lorbeers flicht, damit der Ernst auch lchle, und schtzt sie
sogar wie zarte Kinder, wie lieblose Unschuld, und nimmt sie wie ein reines Bild
der bloen Schnheit.
    Wendet er aber seine Liebe zu diesen hin, die sich nach seiner Liebe wenden
mten, so ist es, als wende sich die Sonne nach der Blume, und die Blume nicht
nach ihr. -
    Ihr Leben ist eine bloe Allegorie, ihre Liebe nur leiser Ergu, nicht der
Schpfung, nur des Todes. -
    Mir, lieber Godwi, sollte ich sterben, sollen Sie einen einfachen Stein
setzen, und darauf die letzte Terzine dieses schlechten Sonetts. -




                                     Sonett


O schwerer heier Tag, ihr leichtes Leben
Schliet mde weinend seine Augenlider,
Schon senkt der Schlaf das tauende Gefieder,
Um solche Schnheit khl ein Dach zu weben. -

Von ihren Lippen leise Worte schweben,
Du Liebe ser Trume, kehre wieder!
Da lt sich ihr der Traum der Liebe nieder,
Um ihres Schlummers kranke Lust zu heben. -

Du Traum! - Ich bin kein Traum, spricht er mit Bangen,
O la uns nicht so holdes Glck versumen!
Da weckt er sie, und wollte sie umfangen. -

Sprecht! Wessen bin ich? Wer hat mich besessen?
Ich lebte nie - war eines Weibes Trumen -
Und nimmer starb ich. - Sie hat mein vergessen.


                           Fnfunddreiigstes Kapitel

Als ich erwachte, blickte ich durch die Stube hin. Nach der Grfin zu sehen,
hatte ich den Mut nicht. Es war eine ganz eigne Empfindung, wie ich mich mit
allem verwandt fhlte, mit den alten Schrnken und dem Gipsbilde, den Sesseln
und mit dem kleinen Sopha im Erker.
    Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder und den slich
ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab, wie auf meinen Verwandten; ich ergtzte
mich ebenso an den Damen, und wunderte mich, wie freundlich ihre Schnrbrste
aus einem Gesichtspunkte waren; ich nahm sie nmlich als cornu copiae und freute
mich der schnen Frchte, die aus ihnen hervordrangen, und hier und da zierlich
mit Blumen zusammengestellt waren.
    Es war mir, als htte ich von allen den Leuten erzhlen hren, und konnte
mich nicht enthalten, dem Bilde des verstorbenen Grafen, der mir gegenber hing,
ein kleines lchelndes Kompliment zu machen, denn ich erinnere mich nicht, da
es mir je so leicht und so lustig zu Mute war. -
    Nachdem ich alle fremde Geschfte besorgt hatte, wendete ich meine Gedanken
auf meine eigne Person, und bekam keine geringe Hochachtung vor ihr. -
    Zuerst in welchem herrlichen, ja herrschaftlichen Bette, vielmehr
Schlafgebude, Schlummerpalast, Ruhetempel befand ich mich, wenn ich heute nacht
sollte geschnarcht haben, - die hochwrdigen Herrn des Klosters, das ich am
Anfange meiner Herreise besuchte, konnten in ihren Chorsthlen so ehrenvoll
nicht gesungen haben, - ein wahrer Krnungssaal schien dieses vortreffliche
Ehebett zu sein.
    Hierauf die wackere Bettdecke, deren Lob ich keineswegs verschweigen darf,
denn ich fand sie den schwebenden Grten der Semiramis zu vergleichen, meine
Augen lustwandelten durch die tausend Irrgnge ihres damastnen Grundes, und
ergtzten sich an dem prchtigen verschlungenen Namen des Grafen und der Grfin,
der in der Mitte allegorisch gestickt war.
    O! und ich selbst - ein blauatlaner Schlafrock, mit roten Aufschlgen, an
dem rmel mit dem kleinen grflichen Wappen gezeichnet, sollte ich nicht stolz
sein, in so ehrenvoller Uniform? Ich drckte die Fe zusammen, um mich zu
berzeugen, da ich keine Stiefel anhabe, denn ich hatte die Empfindung, als
wre ich in Diensten, aber ich sah bald ein, da es Interimsuniform war. -
    Vor dem Bette knieten vier Untertanen, recht zrtlich abwechselnd, ein
Pantoffel von mir, und dann ein Pantffelchen, sie harrten untertnigst, da wir
sie mit Fen treten sollten.
    Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin, und bemerkte, wie witzig das
batistene Bettuch mit Spitzen durchbrochen war, und wie naiv ihre weie Schulter
durchblickte. -
    Ach welche reizende Gemahlin habe ich, wie hinreiend, wie fesselnd, es ist
ordentlich unangenehm, und erschwert einem die Menschenfreundlichkeit, sie ruhig
schlafen zu lassen. - Wie glcklich, und wie unglcklich bin ich! - mu ich
nicht eiferschtig sein?
    Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle, ein schwarzer Frack, lederne
Beinkleider, und dort ungrische Stiefeln, ein runder Hut auf dem Tische, das
sind ja meine Kleider nicht. - Welcher junge Herr hat sich hier ausgekleidet, -
habe ich nicht Ursache, eiferschtig zu sein? - Ich sehe ja meine kaiserliche
Uniform nirgends; sollte ich diese Nacht betrogen worden sein, sollte mein Weib
ihre Untreue hier in meiner Gegenwart - der junge Mann hat in der Dunkelheit
meine Kleider vielleicht ergriffen? -
    Da bewegte sich die Grfin, und meine Einbildung, als sei ich der
verstorbene Graf, verschwand. -
    Ich stellte mich schlafend, und beobachtete durch die Augen blinzend, was
die Grfin fr Betrachtungen den meinigen entgegensetzen wrde.
    Aber sie setzte die Betrachtung meiner Person meinen Betrachtungen entgegen.
    Sie lehnte den Kopf auf ihren weien Arm, und blickte mich freundlich an,
und ich betrog das Glck, das mir im Schlafe zu kommen glaubte, ich nahm ihre
Ksse stille hin.
    Ich bi auf die Zunge, um nicht zu lcheln, ich bi auf die Zunge, um die
Lust zu ertragen, wie andere es tun, um den Schmerz.
    Moralisch freute ich mich, als ich merkte, da sie aufstand, ohne mich zu
wecken, denn es war wirklich ein Beweis eines sehr liebenden Herzens, da sie
mich schlafen lie, da sie wute, da ich nicht zu Leiden erwachen wrde; ja es
lag mir in dem Augenblick viel Unschuld in dieser Handlung, sie konnte noch
denken, da der Schlaf ser sei als die Lust. -
    Wie sie sich leise in die Hhe richtete, als erstehe ein tugendhaftes Weib
zur Seligkeit, wie sie mit Grazie und schchterner Lust auf mich niedersah, da
ihr zarter Fu mich nicht berhre. - Wie die Wurzeln unter der Rose lag ich und
drngte ihr Liebe entgegen, - wie sie ber mich hintrat, stand mein Puls still
und mein Leben hielt ein, als griffe ein schneres Leben in seine Rder. - Ich
ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den Sulen des Tempels der Liebe. -
    Und leiser soll mein Geist einst nicht ber das Grab meiner Geliebten
schweben, als sie ber mich hinschritt. -
    Sie schlpfte in ihre Pantffelchen, und zeigte mir, indem sie sich sorglos
vor mir ankleidete, mehr keusche Ble als eine tugendhafte Jungfrau, die ganz
allein sich auskleidet.
    Da sie ihre mnnliche Kleidung angelegt hatte, schrieb sie mit Bleistift ein
Zettelchen, kam vor das Bett, kniete nieder und steckte es mir mit einer Nadel
auf das grfliche Wappen, das am rmel meines Schlafrocks war, dann verlie sie
in Stiefeln und Sporn die Stube.
    Auf dem Zettelchen standen folgende Worte -:
    Guten Morgen, schner Freund! gut geschlafen? Ich habe ein moralisches
Kunststckchen gemacht, Sie nicht zu erwecken; was kann man von einer Heidin,
gegen die man als Frauenzimmer doch galant sein mu, mehr begehren, wie kann man
seinen Tag besser anfangen? Doch Scherz beiseite - Sie schlafen aber auch, ich
habe Sie herzlich gekt - und nicht zu erwachen - ei, wo will das hinaus? -
Denken Sie nicht, ich sei eine Zauberin, und noch nicht von der Fahrt
zurckgekommen, wenn Sie sich allein finden, - ich habe nie etwas mit dem Kamine
zu tun gehabt, als da es mich wrmte und einmal einen Liebhaber zu mir brachte
- ich reite nur ein wenig spazieren, und zwar auf Ihrem Pferde, um an seinen
Launen den Mann kennen zu lernen. Adieu, heio popeio - ich bin eine Heidin, und
will mein Morgengebet unter freiem Himmel verrichten. -
    Ich ergtzte mich an der muntern Laune der Grfin, und war ich verfhrt,
oder idealisierte ich? ich wei nicht, aber ich fand sie sehr liebenswrdig,
oder sie liebte ein wenig. -
    Ich konnte immer noch nicht aufstehen, obschon ich sonst kein Schlfer bin,
aber ich lag wie an Ketten geschlossen in einer ewgen Betrachtung meines
lustigen Zustandes: ich konnte manchmal gar nicht begreifen, wie ich
hiehergekommen sei, und hatte einen recht deutlichen Begriff, wie es sich so
schn breit auf einem Throne sitzt, und wie unausstehlich es sein mu, Kron und
Zepter hinzureichen. - -
    Wie einem Kinde, das zum erstenmal Komdie gespielt hat, und die bunten
Kleider nicht ausziehen mag, war mir zu Mute - nein, sagte ich, du kannst den
vortrefflichen Schlafrock gar nicht wieder ausziehen, und wnschte wirklich
sehnlich, es mchten ein paar Diebe hereinkommen, und meinen schwarzen Frack und
die ledernen Beinkleider stehlen. -
    Da ging die Tre neben dem Bette leise auf, ich schmte mich ein wenig. -
    Ach, er ist noch nicht auf! sagte eine weibliche Stimme; der Vorhang ber
meinem Kopfe wurde zurckgezogen. Ich machte die Augen zu, wie der verfolgte
Vogel Strau mit dem Glauben den Kopf versteckt, wenn er nicht sehe, werde er
nicht gesehen, und es ergo sich ein Krbchen mit Blumen ber mein Gesicht. -
    Da ich hrte, da die freundliche Geberin forteilte, nachdem sie mir ihren
Liebesdienst erzeigt hatte - sprang ich aus dem Bette und verriegelte die Tr.
    Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel, und freute mich meiner kindischen
Eitelkeit, dann guckte ich etwas zum Fenster hinaus: die Arbeiter waren wieder
rings in den Hgeln und Grten beschftigt, ich war recht froh, und die Natur
viel schner als mein Lebtage - ich sagte recht von Herzen:
    Dies ist Liebchens Fenster, und ich sehe nun in das heitere Gemlde aus
einem traulichen Vorgrund; leset nur eure Weinbeeren, Ksse sind doch ser;
mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn doch nicht um den
eurigen. -
    Dann kleidete ich mich schnell an, und wie ich den seidnen Schlafrock
ablegte, legte ich viel frohen Mut ab, und als ich in meinem schwarzen Fracke
steckte, war ich wieder voller Grundstze -, aber ich rgerte mich drber.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Ich verlie die Stube und ging durch die langen Gnge des Hauses, und
betrachtete die verschiedenen alten Bilder. Da ich neben eine Tr vor ein
solches Bild trat, hrte ich in der Stube sprechen, und erkannte Violettens
Stimme, die mit einem kleinen Mdchen sprach, das Kind sagte: -
    Violette, nun habe ich dir helfen die Blumen suchen, nun lehre mich auch
singen.
    Nun komm her, Flametta, sagte Violette, aber hre auch hbsch zu, und
singe mit.
    Da es das Kind versprochen hatte - sang Violette mit ihm folgendes
Kinderlied: -

Anne Margritchen!
Was willst du, mein Liebchen?
Ich trinke so gerne
Gezuckerten Wein.

Zwei Pfund Zuckerchen,
Ein Pfund Butterchen,
Schtt es ins Kesselchen,
Rhr es mit dem Lffelchen.

Zwei Mae Wein,
So mu es gut sein.
Anne Margritchen,
Was Zipfel ist das?

Eine Weinsupp, eine Weinsupp!

Nun kann ich es, sagte Flametta, nun will ich auch wieder mit in den Garten
gehn, - aber sage mir, warum hast du so ein Holz in deinem Bettchen liegen? -
    Das Kissen ist mir zu niedrig, sagte Violette. -
    Hier trat ich an die Tr, die nur angelehnt war, und fragte: Darf ich mit
in den Garten gehn, Violette?
    Als sie meine Worte hrten, sprangen sie hinter die Tr, die ich leise
erffnete: vor mir stand Violettens Bett, in dem ich ein scharfes eckichtes
Scheit Holz liegen sah. - Violette sprang pltzlich hervor, und ri den Vorhang
des Bettes zu, sie glhte ber und ber vor Scham.
    Fort, fort, aus der Mdchen-Stube! rief sie dann heftig. Jage ihn fort,
Flametta. -
    Flametta nahm einen kleinen Stecken, und ging auf mich los, mit den Worten:
    Fort, fort, aus der Mdchen-Stube!
    Einer solchen bermacht konnte ich nicht widerstehen, und verlie die
Kinder. Vor der Tre rief ich:
    Violette kommen Sie doch zu mir in den Garten.
    Da rief sie heraus: -
    Vielleicht - ja, ja ich komme. -
    Im Hause sah ich wenige Diener, nur zwei hbsche Mdchen in der Kche: sie
lachten, als sie mich sahen, und versteckten sich, ich mute mich
zusammennehmen, und rief der einen zu: -
    Guten Morgen, Mdchen, war heute nacht dein Schatz bei dir?
    Ei gewi! sagte sie. -
    Ich ging ber den gerumigen Hof nach dem Garten, und sah unterwegs mit
einem seltsamen Gefhle zum Tore hinaus, durch das ich gestern abend in diese
neue Welt eingegangen war.
    Da ich durch den Garten an einem Seitengebude des Schlosses hinging, wurden
mir aus einem Fenster einige Krnze von Weinlaub auf den Kopf geworfen, und da
ich hinaufblickte, sah ich Violetten und Flametten, die sich lachend
zurckgezogen. -
    Auf der rechten Seite des Gartens war ein groer Teich, in dessen Mitte ein
hoher alter Turm stand; da ich nher hinging, bemerkte ich noch auf der andern
Seite des Turms eine kleine Insel, auf der ein weies, mit Laub umzogenes
Huschen durch dichte Gebsche hervorsah, aber ich mochte mich nicht in den
gebrechlichen Kahn wagen, um hinberzufahren - ich ging deswegen nach dem groen
Gartenhause, das vor mir auf einer Terrasse stand.
    Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-Mnch, der mit
einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging: wir grten
uns. -
    Ich: Guten Morgen, Ihr Hochwrden!
    Er: Ich wnsche Ihnen, wohl geschlafen zu haben. -
    Ich: Sie genieen den angenehmen Morgen. -
    Er: Ich bin des Grtners Bruder, und trete manchmal hier ab, wenn mich mein
Beruf vorberfhrt: Sie sind wohl der Herr, fr den das gndige Frulein die
Blumen holte. -
    Ich: War es das Frulein, die mir die Blumen brachte? -
    Er: Kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe gestern abend
mit Ihnen gesprochen. -
    Ich: Ich lag noch im Bette.
    Er: So! - Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das Frulein gehrt.
    Ich: Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde.
    Er: Sind Sie anverwandt mit der grflichen Familie? -
    Ich: Nein, ich bin der Freund der Grfin.
    Er: Der Grfin? -
    Ich: Wundert Sie das?
    Er: Sie verzeihen, Sie mssen mich verstehen; ich vermute, da Sie der
Grfin sicher das Bessere raten - und besonders in Hinsicht der Frulein.
    Ich: Die Grfin ist Mutter, und eine kluge Frau. -
    Er: O, sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich gesinnt - und
das Wohl ihrer Kinder knnte ihr mehr am Herzen liegen. -
    Ich: Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gesprochen. -
    Er: Sprechen - sprechen - aber das Kind geht zu Grund! Ich will nicht sagen,
als solle sie den Katechismus auswendig knnen, und alle Heiligen glauben, die
Welt ist weiter gegangen, aber die Moral -
    Ich: Sie scheinen aufgeklrt, das ist selten in Ihrem Rocke.
    Er: Sie sind gtig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn brten? -
    Ich: Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn, Herr Pater? -
das ist neuer Unsinn. -
    Hier trat die Grfin herein.
    Sie ging auf mich zu und kte mich - der Mnch zog sich zurck - und die
Grfin wendete sich zu ihm mit den Worten: -
    Ei, Pater Sebastian! sein Sie nicht bse, da ich Sie nicht auch ksse; ich
htte es wohl getan, aber Sie verdienen es nicht.
    Der Mnch sagte beschmt: -
    Frau Grfin, ich verdiene solche Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand
verbietet, aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht. -
    Die Grfin erwiderte hierauf gelassen: -
    Herr Pater, Sie verderben meine Violette, Sie setzen dem Mdchen Gespenster
in den Kopf, und nehmen ihr den schnen Teil ihrer Religion, der fr Kinder
gemacht ist. - Sie geben ihr fr die goldnen Frchte des Himmels leere
moralische Nuschalen, und verfhren mein Kind. -
    ER: Verfhren! Frau Grfin, das ist ein schndliches Wort. -
    SIE: Kein Wort ist schndlich, die Tat ist schndlich! Sie qulen das
Mdchen, und fragen sie nach allen sieben Sachen, so da sie keine Ruhe mehr vor
sich hat, und sich allerlei unreif einbildet, was sich reif ausbilden sollte -
und so rauben Sie ihr ihre Unschuld - und verfhren sie - ich bitte Sie daher,
dem Seelenheil meiner Violette nicht lnger nachzustellen, denn ihre Seele ist
gesund, hat kein Heil ntig, und Sie stiften hier wahres Seelenunheil - wenn Sie
es gut meinten, so kann ich nichts dafr, da Sie es schlecht machten. - Leben
Sie wohl. -
    Der Mnch ging weg; - die Grfin rief den Grtner und sagte ihm: -
    Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen, und seinem Bruder ein Dutzend
Schnupftcher kaufen; sage Er ihm dabei, ich und Violette htten sie gesumt,
und schickten sie ihm zum Danke fr seine Bemhungen: aber kaufe Er feine weie,
und bitte Er ihn, Er mge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen abgewhnen, es
steht ihm zu seiner feinen Miene und zu seinem hbschen Barte gar nicht gut.
    Der Grtner lchelte und ging weg. -
    Ich war ber die Heftigkeit der schnen leichtfertigen Frau verstummt, aber
ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Grtners tat mir wohl, sie gewann durch
diese Szene sehr in meinen Augen. - Da der Grtner weg war, nahm sie mich bei
der Hand, und sagte, indem sie mich fortzog:
    Sehen Sie, wie ich zanken kann, sollte man sich es vorstellen? Sie sind
wirklich erschrocken, da das, was ich Ihnen gestern von meinen Grundstzen
sagte, mein Ernst zu sein scheint. - Gott wei, woher ich die Grundstze habe,
sie sind, glaube ich, meine Natur; ich glaube, es sind solche, die man nicht fr
Grundstze hlt, und das ist das Beste. -
    Sie hing an meinem Arm, und lief mit mir die Terrasse herab. Violette und
Flametta begegneten uns, und die Grfin fhrte uns alle nach dem Teich.
    Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben kennenlernen,
sagte sie, als wir an den bauflligen Kahn kamen. Sie machte Anstalt
hineinzusteigen. -
    Er wird uns nicht alle tragen. -
    Die Kinder sprangen mit ihr hinein.
    Nun, mein Kind, sagte sie freundlich zu mir, willst du allein draus
bleiben, adieu, so fahr ich fort. -
    Sie sagen das so liebenswrdig - Und wenn wir miteinander untergehen, wr
es ein freundlicher Tod. -
    Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn, die Grfin ruderte, und sagte:
    Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte Sie mit meinem politischen
Glauben bekannt machen, auf der Insel wird sich es aufweisen: - damit Sie sich
aber zuerst etwas abhrten, wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette,
singe ein Liedchen! -
    Violette sang folgendes Lied: -

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schn und feine
Und ri viel Herzen hin.

Und brachte viel zu schanden
Der Mnner rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischof lie sie laden
Vor geistliche Gewalt -
Und mute sie begnaden,
So schn war ihr Gestalt.

Er sprach zu ihr gerhret:
Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verfhret
Zu bser Zauberei?

Herr Bischof, lat mich sterben,
Ich bin des Lebens md,
Weil jeder mu verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab -
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!

Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.

Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schne Lore Lay!
Ich mte dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.

Herr Bischof, mit mir Armen
Treibt nicht so bsen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Fr mich den lieben Gott.

Ich darf nicht lnger leben,
Ich liebe keinen mehr -
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. -

Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.

Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen rot und wei,
Die Worte still und milde,
Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst mu drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Schmerzen mcht ich sterben,
Wenn ich mein Bildnis seh.

Drum lat mein Recht mich finden,
Mich sterben wie ein Christ,
Denn alles mu verschwinden,
Weil er nicht bei mir ist.

Drei Ritter lt er holen:
Bringt sie ins Kloster hin;
Geh, Lore! - Gott befohlen
Sei dein berckter Sinn.

Du sollst ein Nnnchen werden,
Ein Nnnchen schwarz und wei,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis'.

Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schne Lore Lay.

O Ritter, lat mich gehen
Auf diesen Felsen gro,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schlo.

Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau sein.

Der Felsen ist so jhe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Hhe,
Bis da sie oben stand.

Es binden die drei Ritter
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter
Zum Felsen auch hinan.

Die Jungfrau sprach: Da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.

Mein Herz wird mir so munter,
Er mu mein Liebster sein! -
Da lehnt sie sich hinunter
Und strzet in den Rhein.

Die Ritter muten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie muten all verderben,
Ohn Priester und ohn Grab.

Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hats geklungen
Von dem drei Ritterstein:7

Lore Lay, Lore Lay, Lore Lay,
Als wren es meiner drei.

Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Grfin: Der Kahn ist so
schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen andern, ich bin oft recht vergngt
auf ihm gefahren.
    Nun kamen wir an das kleine runde Haus, es war ganz mit Epheu berzogen, auf
dem runden Dache stand ein geflgeltes Pferd, das sich in die Hhe bumt, auf
ihm ein nackter Jngling, und vor ihm zwei Liebesgtter, die das Pferd am Zgel
niederziehen, auf dem Fugestell aber war die Inschrift:

                             Friedrich dem Einzigen

Sehen Sie meinen politischen Abgott, ich freue mich oft ber meinen Witz, ich
wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein Geheimnis sehen lassen, denn
eigentlich mte es heien, Friedrich dem Meinigen.
    Doch Lieber! sei'n Sie nicht bse, weil ich Sie wissen lasse da ich vor
Ihnen schon liebte. -
    Wir gingen in das Huschen, in dem es recht freundlich war aber da ich
wute, da ich ber einem Grabe sa, was mir die Grfin verschwiegen hatte,
konnte ich nicht ganz froh werden, - und das zubereitete Frhstck schmeckte mir
nicht recht. -

                          Siebenunddreiigstes Kapitel


In dieser Umgebung lebte ich zwei Monden, whrend denen ich mehrere Streifzge
an den freudigen Ufern des Flusses und in das Land einwrts machte.
    Ich trat stets mit einer eignen Empfindung solche Wallfahrten an, denn die
bunte Einsamkeit des Lebens bei der Grfin machte mich immer zu einem
weltfremden Menschen wenn ich durch die ruhige groe Natur ging, die gar keine
Gattung von Prinzipien hat, und deren Lust und Leid sich in einen schnen
Wechsel von Jahreszeiten flechten.
    So oft ich zurckkehrte, behauptete die Grfin, ich sei ein ganz neuer
unbekannter Mensch, sie habe aber eine Ahndung oder Erinnerung von einer alten
Bekanntschaft mit mir. -
    Gott, wie werde ich alt, sagte sie einmal, schon wieder jemand, der mir
bekannt scheint, und ich wei gar nicht, wo ich Sie zum erstenmale gesehen
habe.
    Es war am Abend, Madame; war es nicht in der Dmmerung, begegneten wir uns
nicht zu Pferde am Rhein?
    Sie haben ganz recht, seien Sie mir willkommen. -
    Dann kte sie mich freundlich, ich schien wieder so ernsthaft als das
erstemal, und sie bekehrte mich wieder sehr emsig.
    Violette war immer stiller geworden in der letzten Zeit, und schien sich mit
einer schmerzlichen Zuneigung an mich zu hngen. Das Mdchen machte mir bange
und jetzt, da ich meine ganze damalige Lage ruhig bersehe, bemerke ich mit
Scham und Reue, warum ich diese Bangigkeit zu vermeiden suchte. -
    Violette mochte sein, wie sie wollte, war nicht der erste Abend im Schlosse,
und meine Unterhaltung mit ihr, das einzige, auf das ich mit reiner Freude
zurcksehen konnte? - Wie hatte sich die Jungfrau in ihrem Streite mit der Lust
mit ihrem Reinsten in mich gerettet, und was versprach ich ihr, das ich ihr
nicht hielt! - Die Grfin mochte sein, wie sie wollte, aber mit ihrem Kinde
zusammen war sie schlecht. - Das Leben eines genialischen Menschen kann aus sich
selbst hervorgefhrt, mit eigner Kraft verteidigt und durchgesetzt, ein gutes
selbstgedeihliches Leben sein, denn es ist das Leben der Eigentmlichkeit, aber
die Jugend kann sich an ihm nicht entwickeln; sie ist eine Allgemeinheit, und
mu an dem Frhling und nicht am Menschen hervorwachsen; denn das letztere heit
der Psyche die Flgel auseinanderzupfen, oder ihr mit einem knstlichen Lichte
die Sonne ersetzen wollen, ohne die Rcksicht, da sie hineinfliegt und stirbt.
-
    Brachte ich Violetten nicht zur vlligen Uneinigkeit mit sich, indem mein
Verhltnis mit ihrer Mutter immer ihrer unschuldigen Neigung zu mir
entgegentrat? -
    Ich konnte in der letzten Woche gar nicht mehr offen mit ihr reden, denn ich
bemerkte, da sie stets verlegener ward, wenn ihre Mutter in ihrer Gegenwart mit
mir vertraulich war. -
    Diese Empfindung war es, die zu meinen Spazierritten mitwirkte, und ich
wnschte sogar einigemal, wieder zu Hause zu sein.
    Das letztemal, da ich ausritt, nahm ich meinen Weg nach einem der schnsten
Punkte am Rheine, dem Ostein, einem schnen Lustschlosse auf dem Niederwald,
einem hohen Berge, dem Stdtchen Bingen gegenber; dieser Berg macht den Winkel,
um den sich hier der Rhein scharf herumwendet.
    Der Besitzer des Schlosses war nicht gegenwrtig, und obschon ich den Mann
zu kennen wnschte, der eine solche Anlage blo zu seinem Vergngen machen
durfte, war es mir lieb, da er nicht hier war. Ich htte ihn hier meines Dankes
ohne einigen Neid nicht versichern knnen.
    So trstete ich mich und dachte, er habe dieses Werk vollbracht, wie jeder,
wenn er es gleich nicht wei, durch irgend etwas ein hchst wichtiger Mensch
ist, so da ich mir hieraus die Ursache erklre, warum die Worte: Es war ja ein
gemeiner Mensch, keinen Totschlag entschuldigen. Diese Wichtigkeit des
Lebendigen ist mir der einzige Grund irgend eines Rechtes, so wie mir der
einzige Grund der Moral ist, da der Mensch aus den Augen heraussieht, da er
ein Reprsentant des Lebens ist. - Doch ich kehre zurck. -
    Das kleine Lustschlo ist ein wahres Lustschlo, denn es ist voll lustiger
Einrichtungen, voll geheimer Tren, verborgner Treppen und doppelter Wnde; man
kann darin herumirren, wie ein verwnschter Prinz, und ich finde diese luftige,
scherzende Gattung von Bauart hier recht angebracht, denn es wrde in jedem
Falle eine Stmperei geworden sein, htte man hier ein gediegenes Gebude
hersetzen wollen, wo selbst kaum des Menschen Herz sich erhalten kann, gegen die
vollen reichen Ansichten der Natur.
    Wo die Architektur der Natur so erhaben ist, zwischen den Massen der Felsen,
den Ergssen der Aussichten, den brausenden Wldern htte nicht leicht ein
Gebude stehen knnen, ohne plump und mhselig auszusehen, das im mindesten
affektieren konnte, als wolle es etwas bedeuten. Ja ich glaube, es ist ein
uerst trotziger, melancholisch hoffrtiger Gedanke, auf solchen herrlichen
Gesichtspunkten der grten und reichsten Natur, die durch unendliche
mannigfaltige Freiheit harmonische Unordnung der Aussicht mit einer prahlend
wichtigen Bausymmetrie ffen zu wollen, die in solcher Zusammenstellung nur
unverdaute Mathematik an der Stirne trgt.
    Ein leichtes luftiges Freudengezelt mte hier aufgeschlagen werden, ein
ergtzlicher Feenpalast, voll Mutwill und koquetter Mdchenhaftigkeit, doch ohne
Prderie und Sittenpedanterei, - und so ist es hier; man mchte sich umsehen, wo
die frhliche Gesellschaft geblieben ist, die hier in voller frstlicher Freude,
mit Maitressen, Haiducken, Laufern, Opernmdchen und einem witzigen Hofnarren,
gehaust hat. - Wo ist die junge etwas schmachtende Grfin, die hier an den
militairisch schnen Prinzen denkt? - wo ist der muntere Dichter, der hier
Singspiele dichtet, und Elegien schreibt, weil er in die junge Grfin verliebt
ist? - Ich wandelte durch die Stuben mit groen Spiegeln in buntgemalten
Bretterwnden - verirrte mich auf den kleinen Treppen von Boudoir zu Boudoir; in
den Weiberstuben berhrte ich mit Herzklopfen umherliegende Kleinigkeiten,
zerrissene Liebesbriefchen, Locken, und gemachte Blumen, welche die holden
leichten Wesen von Frhling zu Frhling, wie den bunten Staub der
Schmetterlingsflgel, abstreifen. -
    Und verzeihen Sie - aber es ist nicht anders - wenn ich es hin und her
berlegte und, das ganze lustige Haus in einem Zuge zu genieen, mir einen Plan
erdachte, so war es der, mit einem Schock nackter Mdchen, voll Freude, Witz,
Tanz und Sing-Talent, drinne Haschen zu spielen.
    Auf dem hchsten Punkte des Schlosses steht ein Belvedere, und ein gutes
Perspektiv, fr die, welche das ganze Buch nicht verstehen, einzelne Stellen
erklren wollen, und gerne wten, ob auch dieses oder jenes Stdtchen mit hier
notiert wre.
    Dieses Trmchen ist die Spitze des Schlosses, und die Pointe des ganzen
epigrammatischen Gebudes, das wie ein guter freundlicher Einfall hier oben
hingeflogen ist, und mir wie das Lied eines Turmdeckers auf dem Mnster
vorkmmt.
    Das Schlchen scheint sich, wie ein frhliches scherzhaftes Mdchen in den
Mantel von Knigen, hier in die herrlichen Berge zu verstecken, mit den Worten:
Ich bin auch da, liebt mich; am Ende, wenns Nacht wird und nicht grade der Mond
scheint, wenns drauen strmt, kommt ihr doch zu mir. -
    Ich sprach von dem Schlosse zuerst, weil es heier Mittag war, da ich
heraufkam, und ich mich in den khlen Stuben erfreute.
    Als sich der Abend nahte, ging ich in den Wald, der, auf wenigen Punkten von
der Kunst berhrt, doch nichts von seiner Schnheit verlor. Seine Grenze um den
Berg herum ist die unbeschreibliche Aussicht, die alle Worte bersteigt. Man
kann nicht zurck, der dunkle Wald liegt ngstlich hinter einem. Nirgends ward
mir meine Geschichte so erbrmlich und so klein. Ich glaubte, hier zu stehen,
sei der Zweck und das Ende meines Lebens. - Wie ein kleiner Bach sich durch
dunkle Tler, durch Klippen und Felsen stille oder nur brausend hinwindet, weil
seine Ufer ihm weichen, oder ihm widerstreben, wie er endlich sich in eine
unabsehbare See, sich selbst vernichtend, hinstrzet, so stand ich hier.
    Alles, alles freudig hingeben, Freude und Lust, Freundschaft und Liebe, alle
stolze Leiden der Demut, alle Trume und Plne freudig hingeben in dieses Wehn
der Luftstrme, diese Tiefe voll groer Natur, diese freundlich herandringende
Ferne, war meine letzte Reflexion, meine Begierde war Schweben, und ich sah mit
gefhrlichem schwindelnden Neide den wilden Tauben nach, die sich freudig
hinabstrzten, wo der Rhein den Fu der grnen Berge kte, deren Hupter von
seiner rauschenden Umarmung trunken zu drehen schienen, und es war mir, als
walle die Seele des krftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges, wie
warmes lebendiges Blut, und der Boden lebe unter mir, und alles sei ein einziges
Leben, dessen Pulsschlag in meinem Herzen schlage.
    Hier hat alles sein Ende, und alles ist gelst, hier ist alles vergessen,
und ein neues Leben fngt an. - Der Mensch ist das Hchste nicht im Dasein,
sonst wre keine Mhe in ihm, und keine Stufung der Vollkommenheit: der Mensch
ist nicht frei, er knnte sonst nicht wieder zurck ins enge dunkle Haus, er
strzte sich eher hier hinab. - Gefangen sind wir, wie das Weib, das ewig nach
den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum Werke der Lust hinwendet,
gefangen sind wir, wie Leichtsinn und Schwermut, zwischen Schmerz und Lust, und
die Freiheit besteht in der Wahl zwischen zweien, wo uns das eine schon so
ermdet, da wir das andere gern ergreifen - und was ist endlich die heiligste
stolzeste philosophische Ansicht als die Krankheit der Flamme, die zu verlschen
droht, um sich selbst zu sagen: Ich bin das Licht und entznde alles. - Man kann
hchstens so eine traurige Ansicht haben, wenn man nach Hause geht, und sich mit
Hoffart trsten will, oder wenn man kmmt und sich vornimmt, doch etwas Besseres
zu sein; - aber was hilft es endlich, wenn man hier steht, da mu das traurige
Zeug, der konsequente eitle Trost doch zurckbleiben, denn wahrlich, er ist das
verdienstliche Bemhen der schweren Arbeit, und es wre fr jeden, der hier
steht, eine sehr mitleidswrdige moralische Betrachtung, an die Verdienste der
Philosophen und Gelehrten zu denken. -
    Fast mchte ich glauben, da das ruhige volle Genieen des einfachen
unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist, und ich will mich bestreben,
ein Trinker zu werden, und mir meine Weingrtner zu halten.
    Der Punkt, wo ich stand, war ein kleiner runder Tempel auf fnf Sulen, die
voll von den Namen der Menschen standen, die eine solche Minute in ihrem Leben
hatten - und wenn unter den vielen Hunderten nur einem zu Mute war wie mir, so
sind zwei Menschen hier ruhig geworden, und besser. -
    Etwas spter ging ich nach einem andern Punkte, einem alten Turme, der auf
dem Winkel steht, der den Berg macht und den Punkt bestimmt, auf dem sich der
Rhein schnell und heftig wendet.
    Die Aussicht ist hier nicht so ergossen, sie ist nicht ein ruhiges,
willenloses Meer, das wie ein lebendiges unendliches Element ohne Fortschreiten
durch die Gre schon fern und nah ist. Sie ist ttiger, drohender gegen den
Stolzen, umarmender und erwrmender fr den Liebenden.
    Dort wird man vernichtet, man vergit sich, und mu trunken ertrinken; hier
drngen sich die Berge heran, die beiden Ufer wollen sich die Arme reichen oder
die Stirne bieten, die Brust der Berge will zusammendringen, um den reienden
Flu zurckzuhalten, der ihnen hier zu entfliehen scheint.
    Dort ist man hingegeben, hier rckt die Natur heran, und bietet einem die
krftigen Hnde, und man rstet sich im Herzen, die Riesin zu empfangen.
    Der alte Turm ist mit einem bequemen Saale versehen, der ganz in dem derben
Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet ist, und auf einem kleinen Pulte am
Fenster fand ich das Heldenbuch, und in einem Schranke in der Wand eine schne
Sammlung der neuern Werke, welche die Reste der Poesie des deutschen
Mittelalters enthalten. -
    An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben: Was waren das fr
gesunde Menschen, welche solcher Natur gegenber stark warden, die uns
heutzutage nur rhrt und erschttert. -
    Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohlttigen Eindruck auf mich,
ich war mir hier als ein besserer Mensch zurckgegeben. Ich war dort mit
unruhigem Gemte hinausgesegelt, und hier setzte mich das Meer geprft und reich
ans Land. Ich erkannte hier, wie viel Anteil der Mensch an der Natur hat, denn
hier, wo alles nher an mich herantrat, sah ich in den eignen Busen, und fhlte,
wie ich grer geworden war, seit wenigen Stunden. -
    Der Sonnenuntergang, zwischen den Felsen und Wldern, war eine Zwischenrede
der Natur in mein Leben, ich war entzckt, wie ein Heiliger, die Flammen und
Gluten brachen sich so geisterisch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und
beweglich in der heftig und rauh gruppierten Wildnis, und das Rauschen des
Rheins stieg so mchtig in der allgemeinen Stille, als hre ich das Sieden der
flammenden Geister um mich her, die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich
gaukelnd ber die dunkeln Wlder und Schluchten hinschleuderten. -
    Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht nach dem
andern dem Schatten wich, und fhlte, wie sich zugleich im Ebenmae mein Gemt
vernderte.
    Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach, und es schien mir, als
bezeichne ich die Stellen, von denen eine Farbe des Glanzes geschwunden war, mit
Dingen, die mir lieb gewesen oder noch waren.
    Nun war es ganz ruhig, nur glnzte noch die Pforte, durch die alle die
Flammen hingezogen waren, und auch diese schlo sich mit der Aussicht -, ich
dachte an Violetten, und entschlo mich fest, nicht wieder zu der Grfin
zurckzukehren. - Ich nahm mir vor, graden Weges von hier zurckzureisen, denn
ich schmte mich meines Verhltnisses mit der leichtsinnigen Frau, sie schien
mir so weit unter mir, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mich verblendet
hatte.
    Hier rief mich ein Diener aus dem Schlosse zurck, er sagte mir, da jemand
angekommen sei, der mich sprechen wolle. -
    Ich ging mit ihm zurck, und fand Violetten; der Grtner hatte sie auf ihr
dringendes Begehren hierher gefhrt. -
    Sie berraschte mich auf eine unangenehme Art, und der gtige Eindruck der
Natur auf mein Gemt ward durch sie gewaltsam unterbrochen. -
    Als wir allein waren, blieben wir noch lange stumm, bis sie sich mir mit
Trnen nherte, und mich um Verzeihung bat, da sie hierherkomme, um meine
Freude zu stren - sie msse mir Vorwrfe machen, da ich ihr Hlfe versprochen,
und sie noch tiefer verstrickt habe.
    Sie zeigte mir mit geschmiger Umstndlichkeit, wie ich so verderblich fr
sie mich ihrer Mutter ergeben htte, wie sie nun ihre Mutter hassen msse, die
ihr ihren einzigen Freund genommen: - Ach, sagte sie, Sie selbst sind mir ein
peinlicher Gedanke, ich mu immer an Sie denken, und Sie haben mich doch so sehr
gekrnkt! -
    Ich sprach ruhig mit ihr, und sagte, was ich fr wahr hielt, wie ich das
alles empfnde, und wie ich mich herzlich schmte, mich so hingegeben zu haben;
- doch gestand ich ihr auch offen, wie sie selbst einigen Teil dran habe,
obschon in aller Unschuld, denn ihre uerungen gegen mich htten so zwischen
kindischer Naivett, Frmmigkeit und Sinnlichkeit geschwankt, ihre Reden gegen
mich htten am ersten Abende schon eine solche Unbestimmtheit verraten, da ich
oft nicht gezweifelt habe, sie sei eine angehende Koquette, und schon so gut als
verloren. -
    Violette hrte das alles ruhig an. Sie haben recht geglaubt, sagte sie,
htte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in jener ersten Unterhaltung,
so wre ich es wohl geblieben; aber ich erwartete, da Sie mich lieben wrden,
und da ich eben dieser Liebe meine Mutter aus dem Wege rcken wollte, zeigte ich
mich Ihnen in einem unschuldigen Gewande, um Ihnen meine Mutter verhat zu
machen; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen Antworten und Fragen nicht
erhalten, und Sie wurden, was ich nicht wollte, nur gerhrt; ich fhlte selbst,
da ich, als ich von meinem Vater und meiner Mutter sprach, mehr sagte, als ein
Kind sagen kann; dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen, und redete
gradeheraus, wie es mir mein Verdru eingab; ich war in meinem Leben nicht so
wunderbar zerrttet als an diesem Abend, ich fhlte, wie ich so gar nichts
tauge, um zu lgen. - Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt, und
ich stellte mich, als ging ich ungern, um ihr allen Verdacht der Eifersucht zu
nehmen - aber wie ist alles geworden? - Es ist wahr, da jene Angst in mir war,
und ich habe lange gestritten mit der Andacht, aber das ist nicht mehr - meine
Mutter kennt mich nicht, sie glaubt mich teils schlechter, teils besser, als ich
bin. - Sie haben etwas Frchterliches in mir hervorgebracht, - ich fate mich
wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott. - Ich habe die ganze Nacht
gebetet und geweint nach jenem Abend, - und als ich Sie am Morgen sah, mute ich
mich meiner und Ihrer schmen. - Doch ich mu Ihnen noch sagen, Sie sind nicht
zufllig zu uns gekommen, meine Mutter hat Sie aufgesucht, - wir haben Sie auf
einem Balle gesehen, und sie entschlo sich gleich, Sie zu besitzen, und auch
ich fate meine kindischen Anschlge. - Ich habe in der letzten Zeit Ihren
Mimut bemerkt, und so sehr es mich schmerzte, da Sie mir aus dem Wege gingen,
so sehr war es mir lieb, da Sie ber Ihre Lage zu reflektieren schienen. Ich
fhle, da ich zu Grunde gehen werde, - ich fhle, da Sie mir helfen knnen. -

Ich breche hier Violettens Worte ab, die sich immer mehr verwirrten - sie konnte
bald nicht mehr sprechen, und brach in bittre Trnen aus. -
    Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein als die ihrige, ich fhlte, da
sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und einer ernsten Gleichheit reden
wollte, der sie, wie jener naiven, unschuldigen Rolle, nicht gewachsen war; ihr
armes verwirrtes Gemt, das mit Leidenschaft, Selbstverachtung, und Unschuld,
und Vorsatz stritt, - kam endlich zu Tage. -
    Dies arme Geschpf war auf eine traurige Weise in die Hhe getrieben worden
- ich konnte nichts erwidern, denn auch ich stand sehr unwrdig, ja unwrdiger
als sie, da -
    Sie kniete vor mir nieder, und bat mich heftig, sie mitzunehmen, oder sie
umzubringen; sie wolle mir wie eine Magd dienen, ich solle sie mihandeln, aber
zu ihrer Mutter knne sie nicht zurck. -
    Ich fragte sie, ob ihre Mutter wisse, da sie hier sei, und erfuhr, da ihre
Mutter es nicht wisse, da sie verreist und sie gleich nach ihrer Abreise
hierher gegangen war, um mir alles zu sagen, wie es ihr Gott in den Mund legen
wrde. -
    Ich dachte nun nach, wie ich in der Sache handlen sollte, aber ich fand
keinen Ausweg, immer verirrte ich mich in unntze Betrachtungen, oder ertappte
mich auf einer Bequemlichkeit, mich herauszuziehen.
    Whrenddem war es ganz dunkel geworden, Violette hatte sich mir weinend zu
Fen gesetzt, und meine Hand ergriffen, und wir waren beide in jene dumpfe
Sorglosigkeit gefallen, die einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen
Umstnden leicht begleitet.
    Ich fuhr auf, denn ich hrte ein Pferd im Hofe ankommen, ich sah zum Fenster
hinab, und es war die Grfin. -
    Violette! Ihre Mutter, sagte ich bestrzt; wir mssen uns nicht verraten,
Ihr Hiersein wird Sie leicht entschuldigen, sei'n Sie froh und munter, so gut
Sie es knnen, ich will fr Ihr Wohl denken. -
    Violette sprang von der Erde auf. -
    Gott! Gott! sagte sie, und ging mit mir ihrer Mutter entgegen. -
    Diese war, wie immer, leichtfertig und zierlich gemein, sie scherzte mit
Violetten, und freute sich, sie hier zu finden: Dies ist dein erster
Geniestreich, sagte sie, und ich hoffe fr dich. -
    Wir brachten den Abend so gut zu, als ich und Violette heuchlen konnten -
der Schlovogt wies uns einige Stuben zum Schlafen an - und wir trennten uns.
    Dies war die frchterlichste Nacht meines Lebens: ich wute mir nicht anders
zu helfen, als da ich der Mutter einen Brief schrieb, in dem ich ihr alles
sagte, was ich empfand, und sie dringend bat, ihre Tochter von sich zu
entfernen.
    An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten, und ihren
Entschlu zum Guten zu befestigen. Dann ging ich hinab, bezahlte den Schlovogt,
es war drei Uhr des Morgens, und ritt weg. -
    Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen, ich reiste Tag und Nacht nach
Haus und war mehr tot als lebend.

Ich zweifle nicht, da viele meiner Leser unwillig sein werden, da ich
Violetten verlie, jetzt bin ich selbst unwillig darum, aber damals war es nicht
anders mglich, wenn ich nicht selbst zu Grunde gehen wollte, ich hatte mich
zuerst zu retten.
    Man soll hier nicht denken, als habe mich mein Leben mit der Grfin um
seiner selbst willen gereut, nichts weniger, aber ich fhlte, da dies freie
Leben einen Charakter annehmen wollte, und darber erschrak ich.
    Die freie Luft ist wohlttig, aber eine gebundne Unbndigkeit, die mich mit
Zgellosigkeit zgelt, ist das Verderblichste und alles Gute geht dadurch zu
Grunde.

                           Achtunddreiigstes Kapitel


Als ich zu Hause eintraf, fand ich Kordelien sehr krank, und sie starb bald
darauf in der freien Luft, unter der Eiche, am hinteren Eingange des Haines, der
das Jgerhaus umgiebt; sie hatte sich dort hinbringen lassen. -
    Ich war auf dem Gute, als sie starb, denn meine Gegenwart war ihr auf dem
Jgerhause beschwerlich. - Als ich sie einige Tage vorher besuchte hatte,
reichte sie mir, ohne mehr als einige Worte zu sprechen, einen versiegelten
Brief, den ich nach ihrem Tode erbrechen sollte.
    Sie war whrend meiner Abwesenheit mehreremal am steinernen Bilde meiner
Mutter gewesen, und der alte Anton sagte, er habe sie einmal dort heftig weinend
gesehen.
    An der Eiche hatte sie nachts oft gestanden, und sie war berhaupt ihr
liebster Aufenthalt. Sie hatte mehrere groe olsharfen in der Eiche anbringen
lassen, und sich besonders mit Blumenzucht und Gesang unterhalten.
    Der Jger sagte mir, als ich auf die Nachricht ihres Todes hinberging, da
sie ihre Stube versiegelt habe, ehe man sie nach der Eiche gefhrt habe; es sei
gegen Abend gewesen, und um sechs Uhr sei sie dort gestorben.
    Als ich ihren Brief erbrach, las ich nichts, als da sie wnschte, unter der
Eiche begraben zu werden, und mich beschwor, ihre Stube nicht eher zu ffnen,
bis ihr Name entdeckt sei.
    Sie mochte damals ohngefhr vierzig Jahre alt sein; ihre Figur war schlank,
ihr Haar schwarz, und ihr Auge lebhaft. In der letzten Zeit ihres Lebens sprach
sie beinahe gar nicht. Sie ward unter der Eiche begraben. -
    Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien, der mich
aufforderte, ihn zu besuchen, und ich reiste gerne und gleich ab. -
    Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren, die ich in Italien bis zu meines
Vaters Tod zubrachte.

                           Neununddreiigstes Kapitel


Da ich nach Deutschland zurckgekommen war, nahm ich meinen Weg zuerst nach dem
Rheine, ehe ich nach meinem Gute ging. Ich fand eine traurige Vernderung, der
franzsische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet; die
Natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr. -
    Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schlo der Grfin; der Weg war
aufgerissen, und rings die Weinberge zerstrt, das Tor stand offen, wie damals,
aber die Torflgel waren zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket; ich rief
nach jemand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen; ich fragte
nach der Grfin.
    Die ist seit anderthalb Jahren tot, war die Antwort, das Schlo steht
unter der Aufsicht ihrer Schuldner; sie ist mit den Franzosen herumgezogen, hat
alles zu Grunde gerichtet, und am Ende mute sie auch sterben. -
    Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht; ich fragte, ob er mich wohl heute
nacht beherbergen knne; er brachte mich hinauf, nach der nmlichen Stube, in
der ich den ersten Abend mit der Grfin gewesen war.
    Das ist die einzige Stube, an der noch eine Tr ist, sagte er, und in
Ihrem Mantel knnen Sie wohl hier auf dem Armsessel schlafen.
    Er stellte mir das Licht hin, und verlie mich.
    Wie ein Toter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt, ging ich in
der Stube umher, in der eine frchterliche abenteuerliche Verwstung herrschte.
    Das Brustbild der Grfin war mit Degenstichen zerfetzt, und auf eine
militairische Art verunreinigt, die Wnde waren mit allerlei abgeschmackten
Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in
Haarwickel verwandelt, in einem Winkel stand ein Gemlde, das sonst auf der
Hausflur gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um ein Paar
Beinkleider schlugen, alle Mbel waren auf eine mutwillige Art zerschmettert, -
ich rckte den Armstuhl in die Mitte, setzte meine Fe auf mein Felleisen, und
versuchte zu schlafen, aber es war lange umsonst.
    Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrak ich, als ich zwischen
meinen Knien ein halb nacktes Mdchen sitzen sah, das eingeschlafen war. Meine
Hnde, die ich in meinem Scho liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren
zusammengebunden.
    Ich wickelte mich los, stand auf, ohne sie zu wecken, und betrachtete sie
nher, es war Violette, - ich warf meinen Mantel ber sie, sie sa auf dem
Felleisen, und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls. -
    Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts hatte sich
verndert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der Morgen heraufstieg, und
es heller wurde, sah ich wieder nach Violetten, aber sie ffnete ihre groen
Augen, schrie laut, und ich fate sie in meine Arme, sie war ohnmchtig; ich
setzte mich in den Armstuhl, und hielt sie so von Herzen umarmt, heie Trnen
flossen ber meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte um mich, und schlug mich
mit schmerzlichen Schlgen.
    Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: Ach, warum verlieen
Sie mich damals; hatte ich nicht gesagt, ich wrde zu Grunde gehen? -
    Ist es denn so, Violette! -
    Ach, es ist so, es ist nun alles vorber. -
    Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer
Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben; die
Mutter war gestorben, Violette war allein zurckgeblieben, Flametten hatte ein
nahewohnender Frster zu sich genommen. Das Schlo und die Gter waren durch
Krieg und die Erpressungen der Grfin selbst zu Grunde gegangen. Violette hatte
keine Heimat mehr; der letzte Mann, den sie wirklich liebte, - denn er hatte sie
zu sich genommen und wenigstens aus Mangel und Not gerettet, - war ein
franzsischer General, der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein
Vermgen zu verspielen pflegte, um ohne Testament und ohne Erben dem Tode
entgegenzugehen.
    Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner
Waffenbrder - Wenn ich tot bleibe, sagte er, ist sie dein; und komme ich
davon, so gebe ich dir meine zwei Schimmel. - Er blieb tot, - Violette floh und
verbarg sich bei dem Frster, der Flametten erzog. - Die Armee drang siegend
vorwrts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich lt, war auch sie. -
    Der Frster wollte sie nicht lnger um sich haben, das Leben war schwer zu
erwerben, und die Bauren haten alles, was der Grfin angehrte, sie war
deswegen nachts in das Schlo zurckgegangen. -
    Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte ja alle Tore
gesprengt, und die Armut und das Elend konnten aus und eingehen. Sie war nach
der Stube gegangen, in der sie sonst mit Flametten gewohnt und dem Kinde das
Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber es
war kein Boden mehr darinne, auch waren keine Fenster mehr in der Stube und
keine Tr, der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen, und ging
wehklagend durch die wsten Gnge des Hauses; sie setzte sich auf den Boden auf
ein Stck Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es war eine
khle Nacht. - Ach es war das nmliche Holz noch, das sie mit banger Frmmigkeit
sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, um hart zu schlafen, und sich zu
kasteien.
    Sie dachte an Godwi, und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend, und ihr
Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz hatte keine Grenzen mehr,
sie lief wie verrckt nach der Stube ihrer Mutter. - Hier schlief der nmliche
Mensch auf einem Stuhle, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel
und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war es, er - der sie
in alles Elend gestrzt hatte; sie mochte ihn nicht wecken, setzte sich zu
seinen Fen, und bedeckte seine Hnde mit Trnen und Kssen, - es ergriff sie
eine schreckliche Zerrttung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die Hnde;
dann lie sich ein guter Geist auf sie nieder, sie drckte Godwis Hnde an ihr
zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schnen Haaren, dann sanken
ihre Blicke, und sie entschlummerte zu seinen Fen.
    Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen. Liebe Violette,
ich kann dich nicht zweimal ermorden, sagte ich, gehe mit mir nach Hause, und
wohne bei mir, ich will den Frster und Flametten auch mitnehmen.
    Sie begleitete mich zu dem Frster, ich bot ihm meine Dienste an, er zog
gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohnten mehrere Monate ruhig
miteinander. Flametta war so geworden, wie meine Leser sie schon kennen;
Violette aber ward nicht wieder froh, aber sie war wie ein Engel; alles
Vortreffliche, was sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte, gab
der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder. Sie ging nicht von meiner
Seite, und als der Frhling wiederkam, reichte ich ihr meine Hand, und fragte
sie, ob sie ewig mein sein wolle. -
    Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Liebe war es
allein -
    und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht an meiner Seite, ich suchte sie
im ganzen Hause. -
    Im Garten sa sie zwischen den Blumen und sang:

Ihr hbsch Lavendel Rosmarin,
Ihr vielfarbige Rselin,
Ihr stolze Schwertlilgen,
Ihr krause Basilgen,

Ihr zarten Violen,
Und dich Violette,
Euch wird man bald holen,
Hte dich, schns Blmelein! -

Ich glaubte, sie scherze, und sang: Es ist ein Smann, der heit Liebe. -
    Aber sie kannte mich nicht mehr. - Bald starb sie, - wo sie jenen Morgen
sa, steht jetzt ihr Grabmal. -

Maria ist heute morgen gestorben; er wollte einige Minuten vor seinem Tode, da
er sich sehr heiter fhlte, noch auf der Laute spielen, aber seine Krankheit,
die, wie ich erzhlt habe, eine Zungenentzndung war, war in eine Herzentzndung
bergegangen, der Schmerz ergriff ihn pltzlich sehr heftig, er lie die Laute
fallen, und sie zerbrach an der Erde. -
    Er starb in meinen Armen, wir haben viel an ihm verloren. In der letzten
Zeit las er meistens in Tiecks Schriften.

In der zerbrochenen Laute, deren sich einstens Kordelia bedient hatte, wie ich
oben angefhrt hatte, stand der Name: Annonciata Wellner - Kordelia und
Annonciata sind also dieselben, - nun durfte ich die Stube erffnen, denn ihr
Name war entdeckt; ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand, und besonders
viele Gedichte an die Natur.
    Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen,
und erffne nur folgendes:
    Als Annonciata aus dem Schlosse verschwunden war, hatte sie der Geliebte
Wallpurgis' entfhrt, sie liebte ihn grenzenlos, - aber er verlie sie, nachdem
sie ihm das hchste Opfer gebracht hatte, das ein Weib bringen kann. - Meine
Leser glauben zu wissen, was dieses Opfer sei; aber ich schwre ihnen auf meine
Ehre, sie irren sich, das hchste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerk - ich
kenne es allein, und wenn ich aufgehrt habe, zu staunen und zu verehren, will
ich dieses hchste Opfer des Weibes bekannt machen.

       Einige Nachrichten von den Lebensumstnden des verstorbenen Maria


                     Mitgeteilt von einem Zurckgebliebenen

Der Leser, der in den vorhergehenden Blttern bald mehr bald weniger gerhrt und
angesprochen wurde, wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den
verstorbenen Verfasser begegnen. Sein ganzes Leben war so geheimnisvoll, da
ich, statt einer vollstndigen Entwicklung seines Gemts und seiner Jugend, nur
mitteilen kann, wie ich ihn kennen gelernt, wie er mir und unsern Freunden
erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen. Der Kummer findet in jeder
Klage Trost - und an verlorne Hoffnungen denken wir leichter, wenn wir auch
andere dafr interessiert wissen.
    Seine uere Erscheinung bizarr oder angenehm, aber immer anziehend - seine
Unterhaltung schnell, sehr lebhaft, immer witzig - vielen fremd, einigen sehr
lieb - in seinem ganzen Dasein ein gewaltsames Ringen seines Gemts und der
uern Welt - so sah ich Maria zuerst in J. und fhlte mich schnell zu ihm
hingezogen. Keiner, der in J. war, nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne
Dankbarkeit und angenehme Erinnerung! Elise! - Dieser Sommer, in dem ich Maria
kennen lernte, und das Jahr, das wir miteinander verlebten, sind mir
unvergelich. Wie es berhaupt Ton in J. war, mit allen bekannt, mit wenigen
vertraut zu sein, denn eine anstndige Freiheit schuf eine glckliche
Geselligkeit, in der jeder leicht den fand, den er suchte - so fanden auch wir,
Maria und ich, uns bald in einem frhlichen Kreise gleichgesinnter Freunde. Ihr
guten Jnglinge, du vor allen treuer Wr., wo ihr auch seid, entfernt, zerstreut
- Maria hat euch nie vergessen - ihr begegnetet den letzten Blicken, die er
zurckwarf - neben seinem Schatten reicht mir die Hand, nicht wahr? wir lieben
uns noch und vergessen ihn nicht? -
    Darf ich nennen, was uns alle verband? Ein Dichter hatte uns alle geweckt;
der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden, in dem wir uns selbst und
einander wiederfanden; mannigfach voneinander unterschieden waren wir, wie unsre
Zeitgenossen, ohne Religion und Vaterland; wer die Liebe kannte, fhlte sie
zerstrend - ohne diese Dichtungen wre der lebendige Keim des bessern Daseins
in uns zerstrt, wie in so vielen. Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde,
in Erkenntnis seiner Vortrefflichkeit gebildet, mit dem Leben einig, zu allen
Unternehmungen mutig, zu einzelnen Versuchen geschickt. Deutschland htte unser
Studium Goethens kennen gelernt, wenn mehrere von uns Marias poetisches Talent
gehabt. Sein Gemt war frher von einem andern Dichter berhrt und seine dunkle
verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen; aber
bald verdankte er ihm, da sein Schmerz Klage, sein Unglck Kraft, seine Trauer
um Liebe Streben nach Kunst wurde.
    Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz, keine Eltern
zu haben, alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe. Wie
sein Leben bedeckte auch diese Leidenschaft ein Schleier. Da er ein edles Weib,
getrennt durch Verhltnisse, unglcklich liebe, war keinem von uns verborgen,
denn es war der Inhalt seines ganzen Daseins. Das Geheimnis selbst schlft in
deiner Brust, Clemens Brentano! Du hattest Marias ganzes Vertrauen, und weil du
weit, was er litt, darum hast du am tiefsten gefhlt, wie wert ihm die Ruhe!
    Er gestand uns gern, wie er sich erheitre in unserm Umgange; er fing an,
sich und seinen Talenten zu vertrauen - mehrere Aufstze, die noch nicht
gedruckt wurden, sind in dieser Zeit geschrieben - sein Godwi entworfen, hin und
wieder ausgefhrt.
    In keinem glcklichern Momente htte er das angenehmste Verhltnis finden
knnen, das er jemals hatte - deine Bekanntschaft, T., und den Umgang mit dir,
Fr. S., und deiner edlen Freundin. Freundlicher T., fhrt dir ein Zufall diese
Bltter in die Hnde, siehst du sie lchelnd durch, wie du pflegst, darf ich
dich anreden, darf ich dir sagen, wie wir alle dich liebten, wie du uns im Leben
begegnetest wie in der Dichtung, einfach, gtig, der Gottheit und der Vorzeit
empfnglich, reich an treffendem Witz, reicher an Gefhl, Dichter und Knstler,
wie es wenige sind? Von uns allen hatten deine Werke Maria am meisten gerhrt,
er pries sich glcklich, je mehr er dich sahe, er ward fleiig, von dir zu
lernen, noch auf seinem Krankenlager erquickten ihn deine Erfindungen.
    T.'s Umgang war ihm ermunternd - S.'s Nhe bildender. Wenige haben sich dir,
gute fromme Seele, mit diesem Vertrauen genhert - deinen Verstand, deinen
Blick, deine tiefe gefhlte Wrde, F.S., achtete Maria, - deinen verhllten
Enthusiasmus erkannte er. Sein Schicksal war ein ewiger Irrtum - so hat er euch
verloren.
    Da ich unter seinen Freunden noch die auszeichne, die am meisten auf ihn
gewirkt haben. Die Wissenschaft mag R.'s Genie, den erfindsamen Flei, den
tiefen Geist und die heilige Ahndung seiner Untersuchungen dankbar bewundern -
Maria liebte die Heiterkeit, mit der er ein groes Leben begann und den khnen
Witz seiner Unterhaltung. Von einer andern Seite berhrte ihn die seltene
Erhabenheit in Kl.'s Gemte. Trefflicher Spiegel deines Zeitalters! Dich weckte
schon in frher Jugend der Genius, mit verstecken Erfindungen dem Irrtume zu
begegnen - was du geschrieben, ist eine stille Persiflage der herrschenden
Schwche - mit kluger Migung verhllst du dein Vorhaben und deine Originalitt
- viele sind dir begegnet, ohne dich zu erkennen - unbesonnene Kritiker tadeln
deine Werke, die sie dem uern nach beurteilen - die Nachwelt wird dir danken!
    Entzndet von der Nhe jener groen Mnner, erheitert durch den Umgang
dieser und der andern Freunde, ward er gesunder, heitrer wie je vorher. In
wenigen frhlichen Stunden schrieb er das mutwillige Spiel: Gustav Wasa. Wer es
beurteilen wollte, mte den Witz und die Laune kennen, mit der es geschrieben
wurde, und die Erbitterung, mit der er den verderbten nichtswrdigen Geschmack
um so mehr hate, je mehr ihn der Geist der Poesie durchdrang.
    Im Sommer 1800 verlie Maria J. und ging nach D. Hier fand er, unvermutet,
wie ich glaube - die Frau, die er liebte, wieder. Sie kam von einer Reise aus
Italien zurck - er sah sie, um sie nie wieder zu sehen - ihm ward sein Unglck
gewi, uns sein Tod wahrscheinlich. Wie gern vertraut' ich dem teilnehmenden
Leser alle Briefe, die er mir in dieser merkwrdigen Zeit geschrieben - was ich
geben darf, sind nur einige Stellen:
    Mir ist wohl, recht wohl. Es wird dich freuen, da ich das sage, aber es
freut mich noch mehr, da ich es sagen kann. Ich hatte den Frhling nie gesehen,
darum hat er mich so berrascht auf dem Wege hierher. Von meinen Beschftigungen
kann dir K. erzhlen. Auch an Godwi habe ich viel geschrieben.
    Hier ist mir alles lieb, nur nicht einige junge Philosophen, die die Kunst
ben, ohne alle Kunst von der Kunst zu reden. Ach, ich wollte gern die
Philosophie achten, aber solange solche Leute ihre Nichtswrdigkeit in den
philosophischen Mantel verhllen knnen -
    Von meinem Studium der Antiken und der andern Kunstwerke habe ich auch an
K. geschrieben. Ich trete nie ungerhrt, immer mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit in diese Gesellschaft der Gtter, aber nicht lange, so widerstehe
ich mir vergeblich; der Ernst meiner Betrachtungen wird tiefe Wehmut, und wenn
ich hinaufsehe zu der schnen Griechin und der rhrenden Trauer in ihren stillen
Mienen, dann ergreift mich das Gefhl von Vernichtung, mit dem mich die Musik zu
erfllen pflegt, und ich mu hinaus und habe alles vergessen, nur meinen ewigen
Schmerz nicht. -
    - Groer Gott, wie mich das gefat, zerstrt hat! Sie ist wieder in
Deutschland, sie ist hier. Ich werde sie vielleicht heute noch sehen. Denke dir:
ruhig sitz' ich zu Tische, da erzhlt ein Fremder, wie unterhaltend es heut in
der Gallerie war; eine groe schne Frau ging, die Gemlde zu betrachten, und
wie sie ging, sahen alle Maler von ihrer Arbeit und ihr nach. Alle, so schien
es, vergaen ihre Ideale ber den Anblick - Und wer war die Zauberin? - Ach, da
nennt er sie, und von dem Augenblicke wei ich nicht, wo ich bin und wie mir
geschieht. Diese Menschen vergessen ber ihre Erscheinung ihre Ideale, und ich,
der die ganze Gottheit dieses Weibes kennt und fhlt - ich soll sie vergessen,
ber dem, was ihr Ideal der Kunst nennt! -
    Ich habe dir lange nicht geschrieben, ich werde dir auch wohl nicht viel
mehr schreiben. Ich fhle mich sehr schwach. In dieser romantischen Gegend bin
ich sehr gern, diese Verwirrung zerbrochner Felsstcke, einsame Wasserflle,
berall Trmmern und Zerstrung, tut mir sehr wohl. Doch werde ich diese Tler
bald verlassen und wieder nach D. gehen. Ich mu in die Welt, in diesen Einden
bin ich nicht einsam genug, und einsam mu ich doch sein, wenn ich ihr mein Wort
halten und leben und dichten will - darum will ich zurck zu den Menschen.
    Gegen den Herbst verlie er D. und ging an den Rhein. Von hier schrieb er
selten; aber seine ganze Stimmung drckt sich in folgenden Worten eines Briefes
ganz aus, die ich nie vergessen werde: Vorige Nacht sa ich oben bei dem
Schlosse der Gisella und sah unter mir den Rhein und in den dunkeln Fluten den
Mond und die Gestirne abgespiegelt und von den schumenden Wellen gegen die
Felsen geworfen, als wrden sie zertrmmert. Sieh, so steht die Tugend und die
Schnheit ewig unverrckt und nur ihr Abglanz wird von unserm dunkeln tosenden
Leben bewegt -
    Dann lebte er auf einem Landhause v.S. Die romantische Gegend und die
einsamen Verhltnisse dieses Aufenthalts hat mein Freund im zweiten Teile des
Godwi selbst beschrieben. Den guten Geist dieser Wohnungen, der auch Maria
trstete, in dessen Armen er gern starb, an dessen Brust er wieder zu erwachen
wnscht, dich, mein S., hat er nicht beschrieben. Und wer knnte die ruhige
Wrde deiner Erscheinungen, die stille Gte deiner Mienen und die liebende
Konsequenz deines Lebens mit Worten andeuten? Ich mag dich nicht erinnern, was
du fr Maria gewesen bist, aber ich bitte dich, wenn die gestorben sind, fr die
ich lebe, la mich auch in deinen Armen einschlafen.
    Von seiner Krankheit hab ich nichts zu sagen. Seine Liebe war sein Leben,
seine Krankheit und sein Tod. Bis in dem letzten Augenblick war er ttig - wir
muten seiner Begierde zu lesen und zu schreiben auf den Befehl des Arztes
nachgeben. Er wrde nicht sterben, behauptete dieser, wenn er immer
fortschriebe. Die letzten hellen Tage und Stunden verdankt er dir A., deine
Ironie, dein reines Gefhl und dein jugendliches poetisches Dasein heiterten den
Kranken ach, wie sehr! auf. Nun sterbe ich ruhig, sagte Maria einst lchelnd,
ich habe den Humor gesehen. Die Freude, die dir in Tiecks Dichtungen geworden,
mag dir belohnen, was du an ihm getan. Bleibe um Gotteswillen so lustig, wenn du
ein groer Physiker wirst.
    Von den Anlagen, die mit ihm verloren gegangen sind, hat der Freund nicht zu
reden. Nur das darf ich bemerken, da die schnsten lebendigsten Stellen dieses
zweiten Teils wenige Tage vor seinem Ende geschrieben wurden. Der Sinn seiner
Dichtungen spricht sich deutlich genug aus - da in unserm Zeitalter die Liebe
gefangen ist, die Bedingungen des Lebens hher geachtet sind wie das Leben
selbst, und die Nichtswrdigkeit ber die Begeisterung siegen kann, hatte er mit
seiner Jugend und seinem Leben bezahlt. Er wandte seine letzten Krfte auf,
andern dies Opfer zu ersparen. Streit mit der Liebe war sein Schicksal, Streit
fr die Liebe sein Beruf.
    Nahe an S.'s Gute lagen hoch und mit einer reizenden Aussicht die Trmmern
einer Burg - zwischen den Ruinen wohnte in einem kleinen Huschen ein Kastellan,
bei dem wir in frhern Zeiten oft sehr vergngt lebten. Es war ein eigener
Aufenthalt zwischen den alten Trmen und Mauern: aus einem Teile der alten
Burgkapelle war die Kirche des Dorfes geworden. Maria, der immer mehr seinen Tod
sah und wnschte, bat uns, ihn zu dem alten Kastellan zu bringen. Hier lebte er
einige Wochen oben, fleiig, heiter und freier, je nher sein Tod kam. S. und A.
waren bestndig um ihn; die kleine Sophie, des Kastellan Tochter, war seine
Wrterin.
    Von seinem Tode lat mich schweigen. Ich habe ihn nicht sterben gesehen. S.
las ihm Tiecks Herkules am Scheidewege vor.

Und da kmmt noch die Ewigkeit,
Da hat man erst recht viele Zeit.

Maria lachte noch einmal, er drckte S.'s Hand strker und S. hat ihm nicht
weiter vorgelesen.
    Man hatte mich auf das Schlo gerufen. Als ich hinaufkam, sa S. an dem
alten Turme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine
Kirche. Lchelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine
Sophie legte ihm Rosen in die Hnde. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu
umarmen, bat mich das Kind leise: Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so
gut geschlafen, und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen
sieht! -
    Wir teilen dem Leser noch die bei dieser traurigen Gelegenheit erschienenen
traurigen Gedichte traurig mit.

                                       I


                                  An S .... y

Erhebe dich von dem verschlonen Munde,
Komm von dem Lager, wo Maria ruht:
Er schlft so heiter, ruhig, still und gut,
So lchelnd sah er der Befreiung Stunde;
Noch streitend fhlt er schon, da er gesunde,
Frei wird in seiner Brust der hhre Mut,
In Ahndung lst sich die verschwiegne Glut,
Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde.
Maria schlft: verschlossen ist sein Mund,
Er ist die Antwort schuldig mir geblieben,
Ach, wirst denn du sie meiner Liebe geben?
Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht lieben?
Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben?
Wird jeder Schmerz im Tode nur gesund?


                                       II

                                   Nachgefhl
                                    von N.M.

Wenn die Blumen wieder blhen,
Regt es sich im stillen Herzen,
Wenn die Rosen wieder glhen,
Fhl' ich tiefer Ahndung Schmerzen.

Trnen rinnen von den Wangen,
Meine Blicke mu ich senken,
Stiller Sehnsucht zart Verlangen,
Fat des Freundes Angedenken.

Ach und niemand kann mir sagen,
Wo der teure Freund geblieben,
Trauer htt ich gern getragen,
Gern ein Lied auf ihn geschrieben!


                                      III

                                 Als Stammblatt

Bitter tadelst du den Schpfer,
Da er deinen Freund zerstret,
Und da er ihn nur deswegen
In des Lebens Mitte fhrte,
Um dann auf dem letzten Blatte
Der Verwesung ihn zu weihen.
Nicht den Schpfer, nein das Leben,
Trifft, o Freund, dein bittrer Tadel!
Ach, das Leben ist so kurz,
Ach, so kurz und doch so lang!
Ist es denn auch nicht das lngste,
La es uns zum dicksten machen!
Sein Gebein strz in den Abgrund,
Lebt er doch im Grunde ewig.
Sein Geist, der ewig schaffende,
Lebt tnend fort in dir und mir,
Von einer Messe zu der andern
Ertnet sein belebend Werde,
Das ist das Los des Schnen auf der Erde.


                                       IV

Der duftgen Wolken Schleier
Verhllt der Landschaft Moor,
Um fallendes Gemuer
Klagt der Sylphiden Chor.

Was hemmt in goldnen Lften
Der hehren Ahndung Flug,
Was bringt aus dunkeln Grften,
Der stillen Gnomen Zug?

Es ist des Jnglings Leiche,
Sie tragen ihn empor,
Der sich im Geisterreiche
An Lauras Hand verlor.

Erglnzt von Lunas Blicken
Ruht dunkel die Gestalt,
Und durch die Dmmrung zcken
Erinnrungsblitze kalt.


                                       V

Genius, senke die Fackel, hier ruht der erbleichete Jngling,
Ach, der heftige Schmerz schliet uns den klagenden Mund!
Zwischen der Form und der Sache da irren die menschlichen Triebe,
Und ein ewiger Streit trennet das Ich und das Nichts,
Trennet die Pflicht und die Liebe, trennt das Gesetz und die Freiheit,
Bindet zu Formen den Ton, trennt dann den Ton und die Form.


                                       VI

Grausam erffnet schon der alte Tod
Das tiefe Grab, nimmt edle schne Knochen
Heraus, um unserm Freunde Platz zu machen.
Maria duldet still die Arzeneien,
Wie grausam ist des Edlen Schicksal!
Der nichts, der ach! nichts nachzutrinken hat!
So duldet er sein Schicksal, bis
Der Atem (wehe, wehe dem Verrter!)
Heimtckisch, wie ein Seufzer, ihn verlt;
Nun liegt er da, die edle schne Seele,
Wir beben alle, wir verstummen!
Da erscheinest du, der Leichen Muse,
Entwindest dich des Totengrbers Armen,
Hllst den Verstorbenen freundlich
In deinen dichten Schleier,
Und bringst den Schlummernden
Der dunkeln Erde in die Arme -
Da ruht der Jngling, bis dem Mutterschoe
In neuen Formen die Geburt entsteigt,
Lebend in Blten oder Liedern
Den Vater grt!


                                      VII

                                 Von A. W - nn

Du hattest schon, o Freund! den Weg gefunden,
Vertrauend bald der heilgen neuen Lehre!
Du hattest schon die heilge Drei verbunden,
Bis dir die Viere deutlich worden wre,
Lie dich der Blick ins Centrum schon gesunden!
Ein tapfrer Krieger fr der Gottheit Lehre,
Ein Phnix, wirst du dich der Liebe weihen,
Die junge Brust in ewger Lust erfreuen!


                                      VIII

                          (Mel. Der Vogelfnger usw.)

Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mdchen, Hopsasa!
Der Tod ist Schlaf, der Schlaf ist Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot.

Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mdchen, Hopsasa!
Kann der Begriff die Liebe fassen,
Kann der Kaptain das Fluchen lassen.

Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mdchen, Hopsasa!
Wr ich schon tot, ich kehrte mich um,
Ohne das Salz ist die Erde dumm!

Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mdchen, Hopsasa!
Sieht doch der Kaiser den Sonnenbrand!
Kirschen, o Kirschen! lustiger Tand!

Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mdchen, Hopsasa!
Ackerleute des lustigen Weins,
Liebe! du Tausend und immer Eins!


                                       IX

                                    Von K.R.

Heil dir, der du der Dichtung magern Rappen,
Gespornet frisch, wie Ritter Donquixote,
Entrissen khniglich aus Glck und Note
Hast du dich aus dem Streit poetscher Knappen.
Wozu nach Abenteur und Reimen tappen?
Dich traf der Weltlauf mit gar harter Pfote,
Dann kam des Tods entschuldigender Bote
Und nahm dem Leben seine Schellenkappen.
Nun sind zu Ende alle die Geschichten,
Dich hat ein Gott der Littratur entzogen,
Du badest dich allein in blauen Wogen.
Wozu noch lnger reimen, dichten, richten,
Du hast verlassen unsre Katakomben
Und freuest dich der Gtter Hekatomben.


                              An Clemens Brentano

Dir so teuer wie mir war diese freundliche Jugend,
Die sich, in heiliger Glut sterbend, in Liebe gelst!
Weinend wendest du dich - wir scheiden mit ewigen Trnen,
Da diese Liebe verstummt, welche so zart uns vermhlt!
Sieh noch einmal zurck auf die schne heilige Ahndung,
ber der Schlummernden gieb mir zu dem Bunde die Hand.
Ist es uns nicht geworden, zu rchen die Wnsche der Jugend?
Blieb ein Vermchtnis nicht dir, was sie so glhend erstrebt,
Dir, dem die Gtter die reiche Flle der freundlichen Dichtung,
Dem sie die Sprache verliehn und ihre bildende Kraft?
Schon ergreifst du die Leier, zu rchen, zu retten die Liebe,
Und ein neues Geschlecht dankt dir den freien Genu.
Wie du hinunter jetzt steigst in das Dunkel des irrenden Lebens,
In die Tiefe der Brust kehrst du begeistert zurck,
Dort die verlorne Jugend umringt von Schatten zu finden,
Khn bezwingend den Tod fhrst du die Dichtung zurck.
Also zum Orkus hinab stieg einst der thrazische Orpheus,
Suchte, die er geliebt, fand sie dem Tode vertraut,
Aber die gttliche Leier bezwang des Tartarus Mchte,
Seinem Gesange vermhlt kehrt die Geliebte zurck.
Ja, schon lchelt das Licht, doch an der Schwelle des Lebens
Fat ihn des Zweifels Gewalt, raubt ihm den schnen Besitz.
Unglckseliger Mann! sie war dem Vertrauen gegeben,
Was dir der Glaube gewhrt, kann es der Zweifelnde sehn?
Doch was frchtetest du, dir nahe ttend der Zweifel
Und dir milnge dein Werk, khn zu gestalten den Schmerz?
Dir bewahret die Liebe der Guten das schne Vertrauen
Und der kindliche Sinn schtzt dir das kindliche Glck.
Heilige Jugend erscheint in deinen frhlichen Werken
Uns dann auf ewig erneut, dir dann auf ewig vermhlt!


                                    Funoten

1 Soll doch wohl nicht eine Anzglichkeit auf den franzsischen Schriftsteller
La Fontaine sein? Anmerk des irritierten Setzers.

2 Siehe den ersten Band, pag. [siehe hier], wo Molly von dieser Kordelia
schreibt.

3 Ich besitze durch die Gte des Herrn Godwi jetzt diese Papiere, die nichts
anders als das selbstgeschriebene Tagebuch dieses hchst interessanten Menschen
enthalten. Er lebte in dem funfzehnten Jahrhunderte, und ich bin willens, sobald
ich Mue habe, dem Publikum dieses interessante Manuskript mitzuteilen.
                                                                           Maria

4 Ich konnte das schne Tonspiel des Italinischen von amare und amaro nicht
anders geben.

5 Der Vater des unsrigen.

6 Siehe erster Band.

7 Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt; alle vorbeifahrende
Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echos.

