
                                   Jean Paul

                                     Titan

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                   Jean Paul

                                     Titan

                                  Erster Band

                           Den vier schnen und edeln

                            SCHWESTERN auf dem Thron

                             Der Traum der Wahrheit

Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel
hernieder und, mde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich
herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr
leidet, und wo sie trber, aber wrmer ist. Sie hrten die heiligen Tne
heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde
durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, da ihr
Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hlflosen.
    Da beschlossen sie, den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in
unsere Gestalt. Sie gingen von dem Olympos herab; Amor und Amorinen und kleine
Genien flogen ihnen spielend nach, und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus
dem Mai entgegen.
    - Aber als sie die ersten Blumen der Erde berhrten und nur Strahlen und
keine Schatten warfen: so hob die ernste Knigin der Gtter und Menschen, das
Schicksal, den ewigen Zepter auf und sagte: der Unsterbliche wird sterblich auf
der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch ! -
    Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise, Charlotte,
Therese, Friederike; die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder
und flogen ihnen in die Mutterarme, und die mtterlichen und schwesterlichen
Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer groen Umarmung. Und als die weie
Fahne des blhenden Frhlings flatterte - und menschlichere Thronen vor ihnen
standen - und als sie, von der Liebe, der Harmonika des Lebens, selig-erweicht,
sich und die glcklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb' und
Seligkeit: so schwebte unsichtbar Polyhymnia vorber und erkannte sie und gab
ihnen Tne, womit das Herz Lieb' und Freude sagt und gibt....
    - Und der Traum war geendigt und erfllt; er hatte, wie immer, nach der
Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet. Darum sei er den vier schnen und
edlen Schwestern geweiht, und alles, was ihm im Titan hnlich ist, sei es auch!

                                                          Jean Paul Fr. Richter.

                               Erste Jobelperiode


    Fahrt nach Isola bella - der erste Freudentag im Titan - der Pasquinos-
  Gtzendiener - Lob der Reichsintegritt - das Moussieren der Jugend - ses
  Blutvergieen - die Erkennung eines Vaters - groteskes Testament - deutsche
   Vorliebe fr Gedichte und Knste - der Vater des Todes - Geister-Akt - der
                   blutige Traum - die Schaukel der Phantasie


                                    1. Zykel

An einem schnen Frhlingsabend kam der junge spanische Graf von Csara mit
seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto, um den andern Morgen nach der
borromischen Insel Isola bella im Lago maggiore berzufahren. Der
stolz-aufblhende Jngling glhte von der Reise und von dem Gedanken an den
knftigen Morgen, wo er die Insel, diesen geschmckten Thron des Frhlings, und
auf ihr einen Menschen sehen sollte, der ihm zwanzig Jahre lang versprochen
worden. Diese zweifache Glut hob den malerischen Heros zur Gestalt eines
zrnenden Musengottes empor. In die welschen Augen zog seine Schnheit mit einem
grern Triumphe ein als in die engen nrdlichen, wovon er herkam; in Mailand
hatten viele gewnscht, er wre von Marmor und stnde mit ltern versteinerten
Gttern entweder im farnesischen Palast oder im klementinischen Museum oder in
der Villa Albani; ja hatte nicht der Bischof von Novara mit seinem Degen an der
Seite vor wenigen Stunden bei Schoppen, der zuletzt ritt, nachgefragt, wer es
sei? Und hatte nicht dieser mit einer nrrischen Quadratur seines
Runzeln-Zirkels um die Lippen weitlufig versetzt (um dem geistlichen Herrn
Licht zu geben): Mein Telemach ists, und ich mache den Mentor dabei - ich bin
die Rndelmaschine und der Prgstock, der ihn mnzt - der Glttzahn und die
Plattmhle, die ihn bohnt - der Mann, der ihn regelt?
    Die jugendlich warme Gestalt Cesaras wurde durch den Ernst eines nur in die
Zukunft vertieften Auges und eines mnnlichfestgeschlossenen Mundes und durch
die trotzige Entschlossenheit junger frischer Krfte noch mehr veredelt; er
schien noch ein Brennspiegel im Mondlicht, oder ein dunkler Edelstein von zu
vieler Farbe zu sein, den die Welt, wie andere Juwelen, erst durch Hohlschleifen
lichtet und bessert. -
    In dieser Nhe zog ihn die Insel, wie eine Welt die andere, immer heftiger
an. Seine innere Unruhe stieg durch die uere Ruhe. Noch dazu stellte Dian, ein
Grieche von Geburt und ein Knstler, welcher Isola bella und Isola madre fters
umschifft und nachgezeichnet hatte, ihm diese Prachtkegel der Natur in feurigen
Gemlden nher vor die Seele; und Schoppe gedachte des wichtigen Menschen
fters, den der Jngling morgen zum ersten Male sehen sollte. Als man unten auf
der Gasse einen festschlafenden Greis vorbertrug, dem die untergehende Sonne
Feuer und Leben in das markige starkgegliederte Angesicht warf und der eine nach
italienischer Sitte aufgedeckt getragne - Leiche war: so fragt' er erschrocken
und schnell die Freunde: Sieht mein Vater so aus?
    Was ihn nmlich mit so heftigen Bewegungen der Insel zutreibt, ist
folgendes: Auf Isola bella hatt' er die drei ersten irdischen Jahre mit seiner
Schwester, die nach Spanien, und neben seiner Mutter, die unter die Erde ging,
mitten in den hohen Blumen der Natur liegend s vertndelt und vertrumt - die
Insel war fr den Morgenschlummer des Lebens, fr seine Kindheit, Raffaels
bermaltes Schlafgemach gewesen. Aber er hatte nichts davon im Kopfe und Herzen
behalten als in diesem ein schmerzlich ses tiefes Aufwallen bei dem Namen, und
in jenem das Einhorn, das als Familienwappen der Borromer auf der obersten
Terrasse der Insel steht.
    Nach dem Tode der Mutter versetzte ihn sein Vater aus der welschen
Blumenerde - einige blieb an den Pfahlwurzeln hngen - in den deutschen
Reichsforst, nmlich nach Blumenbhl - im Frstentum Hohenflie , das den
Deutschen so gut wie unbekannt ist -; hier lie er ihn im Hause eines biedern
Edelmannes so lange erziehen, oder deutlicher und allegorischer, er lie hier
die pdagogischen Kunstgrtner so lange mit Giekannen, Inokuliermessern und
Gartenscheren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll
Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen
konnten.
    Jetzt soll er nach der Rckreise von der Insel aus dem Feldbeete des Landes
in den Loh- und Treibkbel der Stadt und auf das Gestelle des Hofgartens kommen,
mit einem Worte nach Pestitz, der Universitt und Residenzstadt von Hohenflie,
deren Anblick sogar bisher sein Vater ihm hart verboten hatte.
    Und morgen sieht er diesen Vater zum - erstenmal! - Er mute brennen vor
Verlangen, da sein ganzes Leben eine Anstalt zu dieser gemeinschaftlichen
Landung war, und seine Pflegeeltern und Lehrer eine chalkographische
Gesellschaft waren, die den Autor seines Lebensbuches so herrlich vor das
Titelblatt in Kupfer stach. Sein Vater, Gaspard de Cesara, Ritter des goldnen
Vlieses (ob spanischer oder sterreichischer, wnscht' ich selber genauer zu
wissen), ein vom Schicksal dreischneidig und glnzend geschliffner Geist, hatte
in der Jugend wilde Krfte, zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Knigreich
gerumig gewesen wre und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten
als ein Seekraken im Hafen - er stillte sie durch Gastrollen in allen Stnden
und Lust- und Trauerspielen, durch das Treiben aller Wissenschaften und durch
eine ewige Reise - er wurde mit groen und kleinen Menschen und Hfen vertraut
und oft verflochten, zog aber immer als ein Strom mit eignen Wellen durchs
Weltmeer. - Und jetzt, nachdem er die Land- und Seereise um das Leben, um dessen
Freuden und Krfte und Systeme gemacht, fhrt er (besonders da ihm der Affe der
Vergangenheit, die Gegenwart, immer nachluft) in seinem Studieren und im
geographischen Reisen fort, aber stets fr wissenschaftliche Zwecke, wie er denn
eben die europischen Schlachtfelder bereiset. brigens ist er gar nicht
betrbt, noch weniger froh, sondern gesetzt; auch hasset und liebt, oder tadelt
und lobt er die Menschen so wenig wie sich, sondern schtzet jeden in seiner
Art, die Taube in ihrer und den Tiger in seiner. Was oft Rache scheint, ist blo
das harte kriegerische Durchschreiten, womit ein Mann Lercheneier und hren
ertritt, der nie fliehen und frchten kann, sondern nur anrcken und stehen. - -
    Ich denke, die Ecke ist breit genug, die ich hier aus der Whistonschen
Kometenkarte von diesem Schwanzsterne fr die Menschen abgeschnitten.
Ausbedingen will ich, eh' ich weiterrede, mir dieses, da ich Don Gaspard auch
zuweilen den Ritter heien drfe, ohne das goldne Vlies anzuhngen; - und da
ich, zweitens, nicht von meiner Hflichkeit gegen die kurze Leser-Memorie
gentigt werde, seinem Sohne Cesara (unter diesem Namen soll der Alte nie
auftreten) den Taufnamen abzuzwicken, der doch Albano heiet. -
    Da jetzt Don Gaspard aus Italien nach Spanien ging: so hatt' er durch
Schoppe unsern Albano oder Cesara aus Blumenbhl hierher fhren lassen; ohne da
man wei, warum so spt. Wollt' er in den vollen Frhling der jungen Zweige
schauen? - Wollt' er dem Jngling einige Bauernregel im hundertjhrigen Kalender
des Hoflebens aufschlagen? - Wollt' ers den alten Galliern oder den jetzigen
Kapbewohnern nachmachen, die ihre Shne nur waffenfhig und erwachsen vor sich
lieen? - Wollt' er nichts weniger als das? - Nur so viel begreif' ich, da ich
ein gut williger Narr wre, wenn ich mir im Vorhofe des Werks die Last aufbrden
liee, von einem so sonderbaren Manne mit einer um so viele Grade deklinierenden
Magnetnadel schon aus so wenigen Datis eine Wilkesche magnetische Neigungskarte
zu zeichnen und zu stechen; - er, aber nicht ich bin ja der Vater seines Sohns,
und er soll wissen, warum er ihn erst brtig vorbeschieden.
    Als es 23 Uhr (die Stunde vor Sonnenuntergang) schlug und Albano die
langweiligen Schlge addieren wollte: war er so aufgeregt, da er nicht imstande
war, die lange Tonleiter zu ersteigen; er mute hinaus ans Ufer des Lago, in
welchem die aufgetrmten Inseln wie Meergtter aufstehen und herrschen. Hier
stand der edle Jngling, das beseelte Angesicht voll Abendrot, mit edeln
Bewegungen des Herzens und seufzte nach dem verhllten Vater, der ihm bisher mit
Sonnenkraft, wie hinter einer Nebelbank, den Tag des Lebens warm und licht
gemacht. Dieses Sehnen war nicht kindliche Liebe - diese gehrte seinen
Pflegeeltern an, weil kindliche nur gegen ein Herz entsteht, woran wir lange
lagen, und das uns gleichsam mit den ersten Herzblttern gegen kalte Nchte und
heie Tage beschirmte -; seine Liebe war hher oder seltener. ber seine Seele
war der Riesenschatten des vterlichen Bildes geworfen, der durch Gaspards Klte
nichts verlor; Dian verglich sie mit der Ruhe auf dem erhabenen Angesichte der
Juno Ludovici; und der warme Sohn verglich sie mit einer andern schnellen Klte,
die im Herzen oft neben zu groer fremder Wrme einfllt, wie Brennspiegel
gerade in den heiern Tagen matter brennen. Ja er hoffte sogar, er vermge
vielleicht dieses so qulend ans Eisfeld des Lebens angefrorne Vaterherz durch
seine Liebe abzulsen; der Jngling begriff nicht, wie einem treuen warmen
Herzen zu widerstehen sei, wenigstens seinem.
    Dieser Heros, in der lndlichen Kartause und mehr unter der Vorwelt als
Mitwelt aufgewachsen, legte an alles antediluvianische Riesenellen; die
Unsichtbarkeit des Ritters machte einen Teil von dessen Gre aus, und die
Mosisdecke verdoppelte den Glanz, indem sie ihn verhing. - berhaupt zog unsern
Jngling ein sonderbarer Hang zu bermigen Menschen hin, wovor sich andere
entsetzen. Er las die Lobreden auf jeden groen Menschen mit Wollust, als wren
sie auf ihn; und wenn das Volk ungewhnliche Geister eben darum fr schlimme
hlt - wie es alle seltene Petrefakta fr Teufelsglieder nimmt -, so wohnte
umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an, und seine Brust wurde
immer zugleich weit und warm. Freilich hlt jeder Jngling und jeder groe
Mensch, der einen andern fr gro ansieht, ihn eben darum fr zu gro. - Aber in
jedem edeln so Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schnen nach
einem schnern; es will sein Ideal auer sich in krperlicher Gegenwart, mit
verklrtem oder angenommenem Leibe erblicken, um es leichter zu erstreben, weil
der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten
glnzend macht. - Will hingegen ein Literator, ein Kleinstdter, ein
Zeitungstrger oder Zeitungsschreiber einen groen Kopf zu Gesicht bekommen und
ist er auf einen groen Kopf ebenso ersessen wie auf eine Migeburt mit drei
Kpfen - oder auf einen Papst mit ebensoviel Mtzen - oder auf einen
ausgestopften Haifisch - oder auf eine Sprach- und Buttermaschine: so tut ers
nicht, weil ein warmes, seinen innern Menschen beseelendes Ideal von einem
groen Manne, Papste, Haifische, Dreikopfe und Buttermodelle ihn drngt und
treibt, sondern weil er frhmorgens denkt: Es soll mich doch wundern, wie der
Kauz aussieht, und weil ers abends bei einem Glase Bier berichten will. -
    Albano blickte am Ufer mit steigender Unruhe ber das glnzende Wasser nach
dem heiligen Wohnplatze der vergangnen Kindheit, der vergangnen Mutter, der
weggezognen Schwester hin - die Freudenlieder schwammen auf den fernen Barken
her und berauschten ihn - jede laufende Welle, die schumende Brandung trieb
eine hhere in seinem Busen auf - die Riesenstatue des heiligen Borromus1, die
ber die Stdte wegsah, verkrperte den Erhabnen (seinen Vater), der sich in
seinem Herzen aufrichtete, und die blhende Pyramide, die Insel, wurde der
vterliche Thron - die funkelnde Berg- und Gletscherkette wand sich fest um
seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken. - -
    Die erste Reise, zumal wenn die Natur nichts als weien Glanz und
Orangeblten und Kastanienschatten auf die lange Strae wirft, beschert dem
Jngling das, was oft die letzte dem Mann entfhrt - ein trumendes Herz, Flgel
ber die Eisspalten des Lebens und weit offne Arme fr jede Menschenbrust.
    Er ging zurck und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge, noch diesen
Abend abzuschiffen, wiewohl Don Gaspard erst morgen auf die Insel kam. Was er
oft nach einer Woche tun wollte, nahm er sich auf den nchsten Tag vor, und
endlich tat ers - sogleich. Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den
Kopf und sagte: Ungeduldiges Wesen! Du hast hier die Flgel vom Gtterboten,
und da unten auch! (auf die Fe zeigend) Aber glhe dich nur ab! In der
schnen Nachmitternacht steigen wir ein, und wenn die Morgenrte am Himmel
leuchtet, landen wir an. - Dian hatte nicht blo eine artistische
Aufmerksamkeit fr den wohlgestalteten Liebling, sondern auch eine zrtliche,
weil er in Blumenbhl, wo er als Landbaumeister zu tun hatte, oft sein bildender
Kinder- und Jugendfreund gewesen war, und weil er jetzt auf der Insel fr einige
Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich. Da der Landbaumeister dasselbe
berstrmen im Jngling fr keines hielt, das er im Greise schalt, eine
berschwemmung fr keine in gypten, obwohl fr eine in Holland; und da er fr
jedes Individuum, Alter und Volk eine andere gleichschwebende Temperatur annahm
und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden, sondern nur zu
stimmen fand: so mute wohl Cesara am heitern duldenden Lehrer, auf dessen
beiden Gesetztafeln nur stand: Freude und Ma!, recht innig hngen, noch inniger
als an den - Tafeln selber.
    Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die
Brust des Grafen so sehr mit Gre und Unsterblichkeit gefllt, da er gar nicht
begriff, wie jemand sich knne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben,
und da er den Wirt, sooft er etwas brachte, - zumal da er immer sang und wie
Neapolitaner und Russen in Molltnen - bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde,
geschweige unsterblich. Das letztere ist Irrtum; denn hier bekommt er seine
Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte
Filippo). Als sie endlich gingen und bezahlten, und Pippo einen Kremnitzer
Dukaten kte mit den Worten: Gelobt sei die heilige Jungfrau mit dem Kinde auf
dem rechten Arm: so erfreuete sich Albano, da der Vater dem frommen
Tchterlein nachschlage, das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und ftterte.
Freilich merkte Schoppe an: auf dem linken Arme trage sie das Kindlein leichter2
; aber der Irrtum des guten Jnglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit.
    Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke und glitten ber die
leuchtenden Wellen dahin. Schoppe schiffte einige Weine mit ein, weniger,
sagt' er, weil auf der Insel nichts zu haben sei, als weil er, wenn das
Fahrzeug leck wrde, dann nichts auszupumpen brauchte als die Flaschen3; dann
hb' es sich wieder.
    Cesara sank schweigend immer tiefer in die dmmernden Schnheiten des Ufers
und der Nacht. Die Nachtigallen schlugen begeistert auf dem Triumphtore des
Frhlings. Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke, und er
hob sie immer hher ber der schwellenden Frucht. Auf einmal bedacht' er, da er
so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Krnze der Insel nur wie eine
italienische Seidenblume Staubfaden fr Staubfaden, Blatt fr Blatt
zusammenlegen sehe; - da befiel ihn sein alter Durst nach einem einzigen
erschtternden Gu aus dem Fllhorn der Natur; er verschlo die Augen, um sie
nicht eher zu ffnen als oben auf der hchsten Terrasse der Insel vor der
Morgensonne. Schoppe dachte, er schlafe; aber der Grieche erriet lchelnd die
Schwelgerei dieser knstlichen Blindheit und band selber vor die groen
unersttlichen Augen das breite schwarze Taftband, das als eine weibliche Binde
und Spitzenmaske sonderbar und lieblich gegen das blhende, aber mnnliche
Gesicht abstach.
    Nun neckten ihn beide freundlich mit mndlichen Nachtstcken von den
herrlichen Ufer-Ornamenten, zwischen denen sie zogen. Wie stolz (sagte Dian zu
Schoppen) richtet sich dort das Schlo Lizanza und sein Berg, gleich einem
Herkules, mit zwlffachen Grteln aus Weinlaub in die Hhe! - Den Grafen
(sagte Schoppe leiser zu Dian) bringt der Augen-Schmachtriemen um viel. Seht
Ihr nicht, Baumeister, poetisch zu reden, den Glimmer von Aronens Stadt? Wie
schn legt sie Lunens blanc d'Espagne auf und scheint sich im umgeworfnen
Pudermantel des Mondscheins fr morgen aufzusetzen und zu putzen! - Doch ist das
wenig, sieht man dort den heiligen Borromus, der den Mond als eine
frischgewaschene Nachtmtze aufhat, besser an: steht der Gigant nicht wie der
Mikromegas des deutschen Staatskrpers dort, ebenso hoch, ebenso starr und so
steif? -
    Der Glckliche schwieg und gab statt der Antwort einen Handdruck der Liebe -
er trumte nur die Gegenwart und zeigte, er knne warten und entbehren. Wie ein
Kinderherz, dem die Vorhnge und die Nachmitternacht das nahe Weihnachtsgeschenk
verdecken, zog er auf dem Lustschiffe mit fester Binde dem nahen Himmelreiche
entgegen. Dian trug, soweit es das Doppellicht des Mondscheins und der
nachhelfenden Aurora zulie, eine Zeichnung von dem verhllten Trumer in sein
Studienbuch. - - Ich wollt', ich htte sie da und sh' es, wie mein Liebling mit
dem unterbundenen Sehnerven auf ihr zugleich das gegen die innere Welt
gerichtete Auge des Traumes und das gegen die uere Welt gespitzte Ohr der
Aufmerksamkeit anstrengt. Wie schn ist so etwas, gemalt - wieviel schner,
erlebt!
    Der Mantel der Nacht wurde dnner und khler - die Morgenluft wehte lebendig
an die Brust - die Lerchen mengten sich unter die Nachtigallen und unter die
singenden Ruderleute - und er hrte hinter seiner lichtern Binde die frhen
Entdeckungen der Freunde, die in den offnen Stdten der Ufer das Menschengewhl
aufleben und an den Wasserfllen der Berge bald Himmelsrot, bald Nebel wechseln
sahen. - Endlich hing die zerlegte Morgenrte als eine Fruchtschnur von
Hesperidenpfeln um die fernen Kastaniengipfel; und jetzt stiegen sie auf Isola
bella aus.
    Der verhangne Trumer hrte, als sie mit ihm die zehen Terrassen des Gartens
hinaufgingen, neben sich den einatmenden Seufzer des Freudenschauders und alle
schnelle Gebete des Staunens; aber er behielt standhaft die Binde und stieg
blind von Terrasse zu Terrasse, von Orangendften durchzogen, von hhern freiern
Winden erfrischt, von Lorbeerzweigen umflattert - und als sie endlich die
hchste Terrasse erstiegen hatten, unter der der See 60 Ellen tief seine grnen
Wellen schlgt, so sagte Schoppe: Jetzt! jetzt! - Aber Cesara sagte: Nein!
Erst die Sonne! Und der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs dunkle
Gezweig empor, und sie flammte frei auf den Gipfeln - und Dian zerri krftig
die Binde und sagte: Schau umher! - O Gott! rief er selig erschrocken, als
alle Tren des neuen Himmels aufsprangen und der Olymp der Natur mit seinen
tausend ruhenden Gttern um ihn stand. Welch eine Welt! Die Alpen standen wie
verbrderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und
hielten hoch der Sonne die glnzenden Schilde der Eisberge entgegen - die Riesen
trugen blaue Grtel aus Wldern - und zu ihren Fen lagen Hgel und Weinberge -
und zwischen den Gewlben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie
mit wassertaftnen Bndern - und an den Bndern hing der berfllte Wasserspiegel
des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein
Laubwerk aus Kastanienwldern fate ihn ein Albano drehte sich langsam im Kreise
um und blickte in die Hhe, in die Tiefe, in die Sonne, in die Blten; und auf
allen Hhen brannten Lrmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr
Widerschein - ein schpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und
trieb Gebirge und Meere hervor. - - O als er dann neben der unendlichen Mutter
die kleinen wimmelnden Kinder sah, die unter der Welle und unter der Wolke
flogen - und als der Morgenwind ferne Schiffe zwischen die Alpen hineinjagte -
und als Isola madre gegenber sieben Grten auftrmte und ihn von seinem Gipfel
zu ihrem im waagrechten wiegenden Fluge hinberlockte - und als sich Fasanen von
der Madre-Insel in die Wellen warfen: so stand er wie ein Sturmvogel mit
aufgeblttertem Gefieder auf dem blhenden Horst, seine Arme hob der Morgenwind
wie Flgel auf, und er sehnte sich, ber die Terrasse sich den Fasanen
nachzustrzen und im Strome der Natur das Herz zu khlen.
    Er nahm, ohne sich umzusehen, verschmt die Hnde der Freunde und drckte
sie ihnen, damit er nicht sprechen msse. Das stolze Weltall hatte seine groe
Brust schmerzlich ausgedehnt und dann selig berfllt; und da er jetzt die Augen
wie ein Adler weit und fest in die Sonne ffnete; und da die Erblindung und der
Glanz die Erde verdeckte und er einsam wurde; und die Erde zum Rauch und die
Sonne zu einer weien sanften Welt, die nur am Rande blitzte: so tat sich sein
ganzer voller Geist wie eine Gewitterwolke auseinander und brannte und weinte,
und aus der reinen blassen Sonne sah ihn seine Mutter an, und im Feuer und Rauch
der Erde stand sein Vater und sein Leben eingehllt.
    Still ging er die Terrassen herunter und fuhr oft ber die nassen Augen, um
den feurigen Schatten wegzuwischen, der auf alle Gipfel und alle Stufen hpfte.
-
    Hohe Natur! wenn wir dich sehen und lieben, so lieben wir unsere Menschen
wrmer, und wenn wir sie betrauern oder vergessen mssen, so bleibst du bei uns
und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grnendes abendrotes Gebirge. Ach vor der
Seele, vor welcher der Morgentau der Ideale sich zum grauen kalten Landregen
entfrbet hat - und vor dem Herzen, dem auf den unterirdischen Gngen dieses
Lebens die Menschen nur noch wie drre gekrmmte Mumien auf Stben in Katakomben
begegnen - und vor dem Auge, das verarmt und verlassen ist und das kein Mensch
mehr erfreuen will - und vor dem stolzen Gttersohne, den sein Unglaube und
seine einsame, menschenleere Brust an einen ewigen unverrckten Schmerz
anschmieden - - vor allen diesen bleibst du, erquickende Natur, mit deinen
Blumen und Gebirgen und Katarakten treu und trstend stehen, und der blutende
Gttersohn wirft stumm und kalt den Tropfen der Pein aus den Augen, damit sie
hell und weit auf deinen Vulkanen und auf deinen Frhlingen und auf deinen
Sonnen liegen! - -

                                    2. Zykel


Ich wte einem Menschen, den ich lieb habe, nichts Schneres zu wnschen als
eine Mutter - eine Schwester - drei Jahre Beisammenleben auf Isola bella - und
dann im zwanzigsten eine Morgenstunde, wo er auf dem Eden-Eiland aussteigt und
alles dieses mit dem Auge und der Erinnerung auf einmal genieend umfngt und in
die offne Seele drckt - - O du allzuglcklicher Albano auf dem Rosenparterre
der Kindheit - unter Italiens tiefblauem Himmel - in den schwelgerischen
Zitronenlauben voll Blten - auf dem Schoe der schnen Natur, die dich wie eine
Mutter liebkoset und hlt, und vor dem Angesichte der erhabnen, die wie ein
Vater in der Ferne steht - und mit einem Herzen, das heute den seinigen
erwartet! -
    Die drei Menschen durchirrten jetzt langsam und wankend das schwimmende
Paradies. Obgleich die beiden andern es fters betreten hatten: so wurde doch
aus ihrem silbernen Zeitalter durch die Sympathie mit Albanos Taumel wieder ein
goldenes; der Anblick einer fremden Entzckung weckt den alten Eindruck der
unsrigen auf Wie Leute, die an Brandungen und Wasserfllen wohnen, lauter
sprechen: so gab das herrliche Brausen des aufgeregten Lebens-Meeres ihnen
allen, sogar Schoppen, eine strkere Sprache; nur konnte dieser nie so
feierliche Worte, wenigstens Gebrden treffen wie ein anderer Mensch.
    Schoppe, der dem guten Italien den Abschiedsku zuwerfen mute, wollte gern
noch die letzten nur zerstreuet um den Freudenbecher hngenden Tropfen
konservieren, die so s wie italienische Weine waren, voll deutschem Feuerstoff
ohne deutschen Sauerstoff. Unter Sauerstoff meint' er Abschiednehmen und
Rhrung: Tut das Schicksal, sagt' er, irgendeinen Retraiteschu, beim Himmel!
so wend' ich gelassen den Gaul um und reite pfeifend zurck. Der Henker mte
darin (oder darauf) sitzen, wenn ein geschickter Bereiter nicht sein Trauerro
so zureiten wollte, da es sich recht gut zu einem Handgaul des Freudenpferdes
anstellte; ich schule sowohl mein Sonnenro als mein Bagagero viel anders.
    Vor allen Dingen nahmen sie jetzt die Otaheiti-Insel durch Mrsche ein, und
jede Provinz derselben mute ihnen, wie eine persische dem Kaiser, ein anderes
Vergngen entrichten. - Die untern Terrassen (sagte Schoppe)mssen uns
Majoratsherren den Obst- und Sackzehent in Zitronen- und Orangendften abliefern
- die oberste trgt die Reichssteuer in Aussichten ab - die Grotte drunten
zahlet, hoff' ich, Judenschutz in Wellen-Gemurmel und der Zypressenwald drben
seine Prinzessinsteuer in Khle - die Schiffe werden ihren Rhein- und Neckarzoll
nicht defraudieren, sondern ihn dadurch erlegen, da sie sich von weitem
zeigen.- -
    Es wird mir nicht schwer, zu merken, da Schoppe durch diese scherzhaften
Vexierzge die heftigen Bewegungen in Cesarens Kopf und Herzen brechen wollte;
denn noch immer ging der Glanz der Morgenentzckung, wiewohl der Jngling ber
kleinere Dinge unbefangen sprach, nicht von dessen Gesicht. In ihm zitterte jede
Erschtterung lange - und eine am Morgen den ganzen Tag - und zwar darum nach,
weswegen eine Sturmglocke lnger nachsummt als eine Schafglocke; gleichwohl
konnte ein solcher Nachklang weder seine Aufmerksamkeit noch seine Werke und
Gesprche stren.

Mittags wollte der Ritter kommen. Bis dahin schwrmten und sumseten sie
stiller-genieend mit Bienenflgeln und Bienenrsseln durch die honigreiche
Flora der Insel; und sie hatten jene heitere Unbefangenheit der Kinder, der
Knstler und der sdlichen Vlker, die nur den Honigbehlter der Minute
ausnascht; und daher fanden sie an jeder anfallenden Welle, an jedem
Zitronenspalier, an jeder Statue unter Blten, an jedem rckenden Widerschein,
an jedem fliehenden Schilfe mehr als eine Blume, die den gefllten Kelch weiter
unter dem warmen Himmel aufmachte, anstatt da es uns unter unserm kalten wie
den Bienen geht, vor denen Maifrste die Blumen verschlieen. - O die Insulaner
tun recht. Unser grter und lngster Irrtum ist, da wir das Leben, d.h. seinen
Genu, wie die Materialisten das Ich, in seiner Zusammensetzung suchen, als
knnte das Ganze oder das Verhltnis der Bestandteile uns etwas geben, das nicht
jeder einzelne Teil schon htte. Besteht denn der Himmel unsers Daseins, wie der
blaue ber uns, aus der matter Luft, die in der Nhe und im Kleinen nur ein
durchsichtiges Nichts ist und die erst in der Ferne und im Groen blauer ther
wird? Das Jahrhundert wirft den Blumensamen deiner Freude nur aus der porsen
Semaschine von Minuten; oder vielmehr an der seligen Ewigkeit selber ist keine
andere Handhabe als der Augenblick. Das Leben besteht nicht aus 70 Jahren,
sondern die 70 Jahre bestehen aus einem fortwehenden Leben, und man hat allemal
gelebt und genug gelebt, man sterbe, wenn man will.

                                    3. Zykel


Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre
Speis- und Trankopfer, die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte,
niedersetzen wollten: ging durch die Zweige ein feiner, elegant und einfrbig
gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende
Tischgesellschaft zu und wandte sich, ohne zu fragen, sofort an Cesara mit der
deutschen, langsam, leise und bestimmt prononcierten Anrede: Ich habe dem Herrn
Grafen Cesara eine Entschuldigung zu bringen. - Von meinem Vater? fragt' er
schnell. - Um Verzeihung, von meinem Prinzen; (versetzte der Fremde) er
verhinderte Ihren Herrn Vater, der krnklich aufstand, in der Morgenkhle zu
reisen, aber gegen Abend wird er eintreffen. - Indes bring' ich (setzte er mit
einem wohlwollenden Lcheln und mit einer leichten Verbeugung hinzu) dem Herrn
Ritter ein Opfer, da ich den Anfang des Glcks, knftig lnger bei Ihnen zu
sein, Herr Graf, mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache. - - Schoppe, der
fein erriet, ohne fein zu sprechen, fuhr sofort heraus - weil er sich von keinem
Menschen imponieren lie -: Sonach sind wir pdagogische Maskopisten und
Unioten. Willkommen, lieber Grau-Bndner! - Es freuet mich, sagte kalt der
Fremde, der grau angezogen war.
    Aber erraten hatt' es Schoppe; der Fremde sollte knftig das
Oberhofmeistertum bei Cesara bekleiden, und Schoppe war Kollaborator. Mir kommt
es vernnftig vor; der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell, der
Fuchsschwanz, die Glasscheibe sein, die unsern aus Leiter und Nichtleiter
gebaueten Jngling vollud, der Oberhofmeister konnte als Leiter der Funkenzieher
sein, der ihn mit feinen Franklinschen Spitzen auslud.
    Der Mann hie von Augusti, war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der
groen Welt gelebt; er schien, wie dieser ganze Hof-Schlag, zehen Jahre lter zu
sein, denn er war wirklich erst 37 Jahre.
    Man htt' es auszubaden unter dem umgekehrten Dintentopf rezensierender
Xanthippen, wenn man die Rezensenten oder Xanthippen in der Unwissenheit liee,
wer der Prinz eigentlich war, dessen wir alle oben erwhnten. Es war der
Erbprinz von Hohenflie, in dessen Dorfe Blumenbhl der Graf erzogen war und in
dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte. Der hohenflieische Infant jagte aus
Italien, worin er viele Notmnzen und Territorialmandate nachgelassen hatte,
stubend und keuchend nach Deutschland zurck, um da auf sich Huldigungsmnzen
auszuprgen, weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegrbnis
hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte.
    Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack ber die
liebliche Gegend, aber mit wenig Sturm und Drang, und zog sie einigen Tempestas4
im borromischen Palaste bei weitem vor. Dann ging er - um des Ritters fter zu
gedenken - zu den Personalien des Hofes ber und gestand, da der deutsche Herr,
Mr. de Bouverot, in besonderer Gnade stehe - denn bei Hofleuten und Heiligen tut
die Gnade alles - und da der Prinz ungemein an Nerven leide u.s.w. Die
Hofleute, die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschneiden, fassen doch fr einen,
der nicht am Hofe lebt, ihre ministeriellen Bltter darber so ausfhrlich und
ernsthaft ab, da ihr Zeitungsleser dabei entweder lacht oder einschlft; ein
Hofmann und das Buch des erreurs et de la verit nennen den Jesuitergeneral
Gott - die Jesuiten Menschen und die Nichtjesuiten Tiere. - Schoppe horchte mit
einem fatalen Krusel- und Schnrkelwerke auf dem Gesichte zu; er hassete Hfe
bitter. Der Jngling Albano dachte nicht viel besser; ja da er gern wagte,
lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete
und anpackte und vor den Schneepflug und die Egge- und Semaschine des Lebens
gern Streit- und Donnerrosse vorspannte, anstatt eines Zugs tchtiger Filial-
und Ackerpferde: so konnt' er Leute, die vorsichtig und bedchtig zu Werke
gingen und die lieber lackierte Arbeit und leichte Frauenzimmerarbeit machten
als Herkulesarbeiten, nicht sonderlich leiden. Gleichwohl mut' er fr die auf
einer schnen Selbststndigkeit ruhende Bescheidenheit Augustis, der kein Wort
von sich selber sprach, so wie fr seine Reisekenntnisse, Achtung tragen.
    Cesara - beilufig, in diesem Zykel will ich ihn noch mit C, der spanischen
Orthographie zu Gefallen, schreiben; aber vom vierten an wird er, weil ich in
meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann,
mit einem Z geschrieben - Cesara konnte den Lektor nicht genug ber seinen Vater
abhren. Er erzhlte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom, aber mit einer
irreligisen Klte, die im Jngling eine andere wurde. Don Gaspard wettete
nmlich mit einem deutschen Nuntius Gemlde gegen Gemlde, da er einen gewissen
Deutschen (Augusti wollt' ihn nicht nennen), dessen Leben nur ein lngerer
moralischer Kotmonat in Epikurs Marstalle war, in zwei Tagen, ohne ihn zu sehen,
auf so lange bekehren wollte, als der Nuntius verlangen wrde. Dieser wettete,
lie aber den Deutschen heimlich umstellen. Nach zwei Tagen sperrte sich der
Deutsche ein, wurde andchtig, bleich, still, bettlgerig und kam im Handeln
einem wahren Christen nahe. Der Nuntius sah dem bel eine Woche lang zu, dann
verlangt' er schleunige Verwandlung oder den Circes- der die tierische Gestalt
wieder herstellte. Der Ritter berhrte den Deutschen mit dem Stabe, und das
epikureische Schwein stand genesen da. Ich wei nicht, was unerklrlicher ist,
das Wunderwerk oder die Hrte. Aber der Lektor konnte nicht sagen, mit welchen
Menstruis Gaspard diese schnellen Auflsungen und Wolken und Przipitationen
erzwang. - -
    Nun kam der Lektor, den schon lange die Vokation und das Kollaborat des
sonderbaren Schoppe frappiert hatte, auf verbindlichen Umwegen endlich auf die
Frage, wie ihn der Ritter kennen lernen. Durch den Pasquino! (versetzt' er)
Er trat eben um die Ecke des Palazzo degli Ursini, als er einige Rmer und
unsern Erbprinzen um einen Menschen stehen sah, der zu den Statuen des Pasquino
und Marforio folgendes Gebet auf den Knien - es waren meine - tat: Lieber Kastor
und Pollux, warum skularisieret ihr euch nicht aus dem Kirchenstaat und
bereiset mein Deutschland als Bischfe in partibus infidelium, oder als zwei
arbeitsame Vikarien? - Knntet ihr denn nicht als Gesandtschaftsprediger und
Referendarien in den Reichsstdten herumgehen, oder euch als Chevaliers
d'honneur und Wappenhalter auf beide Seiten eines Throns postieren? - Wollte
Gott, man knnte wenigstens dich, Pasquino, als Oberhofprediger und
Konduitenmeister in Hofkapellen vozieren oder doch darein als Taufengel zum
Namengeben an einem Strick herunterlassen! Sprecht, knnt ihr Zwillinge denn
nicht einmal als Landrequetenmeister in Landtagsslen auftreten und sprechen,
oder als magistri sententiarum in Universittsgebuden einander unter dem
Promovieren opponieren? - Pasquino, bist du durch keinen Della Porta5 nur so
weit herzustellen, da du bei Kongressen und Vertrgen des diplomatischen corps
wenigstens als Ofenaufsatz den Silhouetteur machen knntest, sondern taugt ihr
hchstens nur in Universittsbibliotheken zu Brustbildern kritischer Redakteurs?
- - Ach, munteres Paar, mchte nur Chigi, der da neben mir steht, dich
modellieren zu einer tragbaren Taschenausgabe fr Damen: ich steckte dich bei
und zge dich erst in Deutschland aus der Tasche. - - Ich kanns aber auch hier
auf der Insel tun! - Und hier bracht' er das spttische Kunstwerk heraus; denn
der berhmte Architekt und Modellierer Chigi, der ihm zuhrte, hatt' es wirklich
nachgebacken.- Schoppe erzhlte weiter, da Don Gaspard alsdann ernsthaft an ihn
trat und ihn spanisch fragte, wer er sei. Ich bin, versetzt' er, auch
spanisch, wirklicher Titularbibliothekar des Gromeisters zu Malta - und ein
Abkmmling des sogenannten grammatikalischen Hundes, des gezhnten Humanisten
Scioppius (deutsch Schoppe) - mein Taufname ist Pero, Piero, Pitro (Peter).
Aber hier nennen mich viele aus Versehen Sciupio oder Sciopio (Vergeudung).
    Gaspard hatte ein parteiloses tiefreichendes Auge fr jede, sogar die
fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild. Er zog daher den
Bibliothekar in sein Haus. Da nun dieser nur vom Portrtmalen zu leben schien
und jetzt ohnehin nach Deutschland zurckwollte: so trug er, hoffend, diesem
reichen, vielugigen, strengen Geiste Albanos Gesellschaft an, die blo der
gegenwrtige Mitarbeiter Augusti mit ihm teilen sollte. Aber der Bibliothekar
verlangte vorher vier Dinge voraus, die Schilderung des Grafen, die Silhouette
desselben und - als beides gegeben war - noch das dritte und vierte so: Soll
ich von den drei Stnden kalandert6 werden und mich glatt und poliert drcken
lassen von Glanzpressen? - Ich will nicht; berallhin, in den Himmel und in die
Hlle will ich Ihren Sohn begleiten, aber nicht in die Poch-, Wasch-, Rst-,
Schmelz- und Treibwerke vornehmer Huser. Das wurd' am leichtesten zugestanden;
dazu war ohnehin der zweite Reichsvikarius des vterlichen Oberhaupts, Augusti,
bestimmt. Aber ber den vierten Punkt zerfielen sie fast. Schoppe, der lieber
vogelfrei als nicht-frei oder freigelassen sein wollte, und dessen ebenso
reichsunmittelbarer als fruchtbarer Boden keine Zune litt, konnte sich nur zu
zuflligen unbestimmten Diensten bequemen und mute das Fixum eines Lohns
ablehnen: Ich will ihm, sagt' er, Kasualpredigten halten, aber keine
Wochenpredigten; ja es kann sein, da ich oft ein halbes Jahr gar nicht auf die
Kanzel steige. Der Ritter fand es unter sich, Verbindlichkeiten schuldig zu
sein, und zog zurck; bis Schoppe den Diagonalweg ausmittelte, er gebe seine
Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher, auch vom Ritter von Zeit zu Zeit
ein don gratuit von Belang. brigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb
wie der erste beste Hoftrke, der ihm auf den Wagenfutritt geholfen; seine
Prfung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau, und nach dem Prfen liebt'
er nicht strker und hat' er nicht strker; fr ihn waren im Spektakelstck des
polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und
die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die
Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern es waren verschiedene Akteurs in
verschiedenen Rollen. - - O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht
auch auf dem Theater? Und siehest du nicht, wie Hamlet, im groen Schauspiele
einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Bhne am Ende ein doppeltes Leben
voraus, ein kopierendes und ein kopiertes? -
    Entweder die wenigen paar Glser Wein oder auch sein verdrlicher Abstand
vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemhle mit allen Rdern in
Gang - so wenig dieser Humor auf der glnzenden Insel eine vorteilhafte Stelle
fand -; und als Augusti wnschte, Schoppe mchte froher als andere Maler nach
Deutschland gehen: so zog dieser ein Pckchen vergoldeter Heiligenbilder
deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Karten-mischend: Mancher wrde hier
ein ppstliches Miserere aufs Pult legen und absingen, zumal wenn er mitten im
Frhling das Winterquartier, die deutsche Eis- und Nebelbank, beziehen mu wie
ich; - und ungern, das sag' ich frei, lass' ich den Arlechino und den Pulcinella
und den Scapin und die ganze Comedia dell' Arte dahinten. - Aber die heiligen
Herren, die ich hier tailliere, haben ihre Patronatslnder aufs Trockne
gebracht; und man passiert sie gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im
ganzen zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirmvgte fr deutsche
Kreise stndlich unternehmen. Baumeister, sucht mir berhaupt ein Land, worin so
viele Prgel, Programmen, Professoren, Allongepercken, gelehrte Anzeigen,
Reichsanzeigen, Klein- und Vorstdter, Zeremonien, Krnungen und Heidelberger
Fsser, aber ohne innewohnende Diogenesse, aufzutreiben sind als im gedachten!
Oder suchen Sie es, mein Herr v. Augusti! - Weiset mir doch nur berhaupt ein
Territorium auf, dem ein ebenso langes Parlament, nmlich ein lngster Reichstag
bescheret ist, gleichsam eine auerordentlich heilsame pillula perpetua7, die
der Patient unaufhrlich einnimmt und die ihn unaufhrlich ausreinigt; und wem
fllt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und berhaupt das
Reichs-corpus als perpetuum immobile aus Grnden ein? - (Hier trank Schoppe.)
Dabei ist der Reichskrper wie das erste Prinzip der Moral oder wie
Jungfernerde sehr unauflslich; ja gesetzt, einer von uns nhme ein Kurschwert
und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so wrde sich die gezhnte
Hlfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein
aufspeisen - und dann wre ja der gesamte verknpfte Ohrwurm wieder da und satt
dazu. Es ist keine schdliche Folge dieses festen Reichsnexus, da das corpus
seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne
wahren Schaden, so da einer das corpus wie einen homerischen Gott nur
verwunden, aber nicht ertten kann: reibe, sag' ich oft, diesen
Federbuschpolypenstamm mit Rsel zu Brei - stlp ihn um wie einen Handschuh -
schneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzwei - stecke
wie Trembley mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe, wie andere
Naturforscher, Reichsstdte, Abteien, kleine Lnder grern ein oder umgekehrt-
- und schaue nach einigen Tagen darnach: wahrhaftig herrlich und ganz und
genesen sitzt dein Polype wieder dort, oder ich will nicht Schoppe heien.
    Der Graf hrte ihn schon lnger und konnte also leichter und besser lcheln;
der Lektor mut' es erst lernen, da sogar der komische Akteur fr seinen neuen
Zuhrer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in
Albanos Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der
kommenden Zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der
Lorbeerzweige nach den glnzenden Hgeln drauen, da Dian in seiner Malersprache
sagte: Ist es nicht, als wenn alle Gtter mit tausend Fruchthrnern auf den
Bergen um den Lago maggiore stnden und Wein und Kaskaden niedergssen, damit
nur der See wie ein Freudenpokal ppig berlaufe und herunterschume? - Schoppe
versetzte: Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme,
da sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen. - Ich glaube, sagte
Augusti, man mu ber die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren, so wie
ber die Schnheiten eines guten Gedichts, man genieet beide besser, ohne sie
zu zhlen oder zu zergliedern. - Und ich, sagte Cesara, wrde zhlen und
zergliedern schon aus Stolz; was herauskme, ertrg' ich, und ich wrde mich
schmen, unglcklich zu sein. Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht,
so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das seste l. -
Hier stand er auf, um bis abends in der Insel allein zu bleiben; er bat um
Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfhig,
sich zur kleinsten Lge niederzubcken; nicht einmal gegen - Vieh. Er lockte in
Blumenbhl Flugtauben tglich durch Futter nher, und seine Pflegeschwester bat
ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein, weil er sogar ein
tierisches Vertrauen nicht belgen wollte.
    Als sie ihm nachsahen, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit
den an ihm herabschlpfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbume ging und wie
in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Hnden sanft auseinanderbog: so
brach Dian aus: Welche Jupiters-Statue! - Und die Alten, fiel Schoppe ein,
glaubten noch dazu, da jeder Gott in seiner Statue hause. - Eine herrliche
dreifache Breite der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust! (fuhr Dian fort)
Ein Herkules, der auf dem Olympus lbume pflanzt! - Es frappierte mich
sehr, (sagte der Lektor) da ich durch langes Anschauen auf seinem Gesichte
lesen konnte, was ich wollte und was sich widersprach, Klte - Wrme - Unschuld
und Sanftmut - am leichtesten Trotz und Kraft. - Schoppe setzte dazu: Ihm
selber mag es noch schwerer werden, einen solchen Kongre kriegfhrender Mchte
in sich zu einem Friedenskongre zusammenzuzwingen. - Wie schn (sagte der
menschlich-fhlende Dian) mu einer so krftigen Gestalt die Liebe anstehen und
wie erhaben der Zorn! - Das sind zwei malerische Schnheiten, (versetzte
Schoppe) woraus sich zwei Pdagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem
Cyrus machen in ihrer Cyropdie.

                                    4. Zykel


Zesara hatte blo drei Glser Wein gekostet; aber der Most seines heien dichten
Blutes gor davon strker. Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischen und
delphischen Hain, in dessen flsterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer
verlor - die Sonne hing wie eine weie blitzende Schneekugel im Blau - die
Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grn herein - aus fernen Wolken
donnerte es zuweilen8, als rolle der Frhling in seinem Triumphwagen daher und
weiter zu uns - die Lebenswrme des Klimas und der Tagszeit, das heilige Feuer
zweier Entzckungen (der erinnerten und der gehofften) brteten alle seine
Krfte an. Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm
allemal war, als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herz - die Lunge und das
Herz von Blute schwer und voll - der Atem ist hei wie ein Harmattanwind - und
das Auge trbe in seiner eignen Lohe - und die Glieder sind mde vor Kraft. In
dieser berfllung der elektrischen Wolke hatt' er einen besonderen Trieb nach
Zertrmmern. Er half sich jnger oft, da er Felsenstcke an den Gipfel wlzte
und niederrollen lie; oder da er im Galopp so lange lief, bis der Atem -
lnger wurde, oder am gewissesten dadurch, da er sich (wie er von Kardan gehrt
hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. -
Selten gewinnen gewhnliche, und noch seltener ungewhnliche Menschen die volle,
mit allen Zweigen blhende Jugend des Leibes und Geistes; aber desto prangender
trgt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten. -
    Mit diesen Wallungen stand Albano jetzt hinter dem Palast einsam gegen
Sden, als ihm ein Spiel seiner Knabenjahre einfiel.
    Er war nmlich oft im Mai auf einen sulendicken Apfelbaum, der ein ganzes
hngendes grnes Kabinett erhob, bei heftigem Wind gestiegen und hatte sich in
die Arme seines Gezweigs gelegt. Wenn ihn nun so die schwankende Lusthecke
zwischen dem Gaukeln der Lilienschmetterlinge und dem Summen der Bienen und
Mcken und dem Nebeln der Blten schaukelte und wenn ihn der aufgeblhte Wipfel
bald unter fettes Grn versenkte, bald vor tiefes Blau und bald vor Sonnenblitze
drehte: dann zog seine Phantasie den Baum riesenhaft empor, er wuchs allein im
Universum, gleichsam als sei er der Baum des unendlichen Lebens, seine Wurzeln
stiegen in den Abgrund, die weien und roten Wolken hingen als Blten in ihm,
der Mond als eine Frucht, die kleinen Sterne blitzten wie Tau, und Albano ruhte
in seinem unendlichen Gipfel, und ein Sturm bog den Gipfel aus dem Tag in die
Nacht, und aus der Nacht in den Tag. -
    Er sah jetzt zu einer hohen Zypresse empor. In Rom war aus dem
Mittags-Schlaf ein Sdostwehen aufgestanden und hatte sich unterwegs fliegend in
Limoniengipfeln und in tausend Bchen und Schatten gekhlt und lag nun gewiegt
auf Zypressenarmen. Da erkletterte er den Baum, um sich wenigstens zu ermden.
Aber wie dehnte sich die Welt vor ihm aus mit Bergen, mit Inseln und Wldern, da
er das donnernde Gewlke ber Roms sieben Hgeln liegen sah, gleichsam als rede
aus dem Dunkel noch der alte Geist, der in den Hgeln wie in sieben Vesuven
gearbeitet hatte, welche vor der Erde so viele Jahrhunderte lang mit feurigen
Sulen, mit aufgerichteten Gewittern standen und sie mit glhenden Strmen, mit
Aschenwolken und mit Fruchtbarkeit bergossen, bis sie sich selber zersprengten!
Die Spiegelwand der Gletscher stand wie sein Vater unzerrttet vor der Wrme des
Himmels und wurde nur glnzend und nicht warm und nicht weich - aus dem weiten
See schienen berall die warmen Hgel wie aus ihrem Bade auszusteigen, und die
kleinen Schiffe der Menschen schienen in der Ferne strandend zu stocken - und im
weiten Wehen um ihn gingen die groen Geister der Vergangenheit vorber, und
unter ihren unsichtbaren Tritten bogen sich nur die Wlder nieder, aber die
Blumenbeete wenig. - Da wurde in Albano die fremde Vergangenheit zur eignen
Zukunft - keine Wehmut, sondern ein Durst nach allem Groen, was den Geist
bewohnt und hebt, und ein Schauder vor den schmutzigen Kdern der Zukunft zogen
sein Auge recht schmerzlich zusammen, und schwere Tropfen fielen daraus. - Er
stieg herab, weil das innere Schwindeln zuletzt ueres wurde. Die lndliche
Erziehung und Dian, welcher den gehaltenen Gang der Natur verehrte, hatte den
Knospengarten seiner Krfte vor frhzeitiger Morgensonne und schnellem
Aufspringen bewahret; aber durch die Erwartung des Abends und durch die Reise
wurde der Tag seines Lebens jetzt zu warm und zu treibend.
    Zufllig und trumend verlor er sich unter Orangeblten; pltzlich war ihm,
als mache ein ses Whlen im innersten Herzen dieses beklemmend weit und leer
und wieder voll. Ach er wute nicht, da es die Dfte waren, die er hier in
seiner Kindheit so oft in die Brust gesogen, und welche nun jede Phantasie und
Erinnerung der Vergangenheit dunkel, aber gewaltsam zurckriefen, eben weil
Dfte, ungleich den abgentzten Merkmalen des Auges und des Ohres, seltener
kommen und also leichter und heftiger die verblichene Empfindung erneuern. Aber
als er in eine Arkade des Palastes, welche bunte Steine und Muscheln stickend
frbten, geriet, und als er die Wogen spielend auf die Schwelle der Grotte
hpfen sah: so deckte sich ihm auf einmal eine bemoosete Vergangenheit auf - er
durchsuchte seine Erinnerungen - die Farbensteine der Grotte lagen gleichsam
voll Inschriften der vorigen Zeit vor seinem Gedchtnis. - - Ach hier war er ja
tausendmal mit seiner Mutter gewesen, sie hatte ihm die Muscheln gezeigt und die
Nhe der Wellen verboten, und einmal, da die Sonne aufging und da der durchwehte
See und alle Steinchen glnzten, war er auf ihrem Schoe mitten unter den
Lichtern aufgewacht. -
    O war denn nun die Stelle nicht geheiligt und auf ihr seine berwltigende
Sehnsucht nicht entschuldigt, die er heute so lange gehabt, die schne Armwunde
dem tobenden und qulenden Blute aufzumachen?
    Er ritzte sich, aber zufllig zu tief; und mit einem schnen khlen Heben
seines leichter atmenden Wesens sah er der roten Quelle seines Armes in der
Abendsonne zu und wurde wie nach abgefallnen Brden leichter - nchtern - still
- und weich. Er dachte an die verschwundne Mutter, deren Liebe nun ewig
unvergolten blieb - ach er htte dieses Blut gern fr sie vergossen -; und nun
quoll heier als je in seiner Brust die Liebe fr den krnklichen Vater auf: o
komme bald, sagte sein Herz, ich will dich so unaussprechlich lieben, du lieber
Vater!
    Die Sonne erkaltete an der feuchten Erde - nur noch die zackige Mauerkrone
aus den Goldstufen der Gletscherspitzen glhte ber ausgelschten Wolken - und
die Zauberlaterne der Natur warf ihre Bilder nur noch gezogner und matter: da
ging eine lange Gestalt in einem offnen roten Mantel langsam um die Zedratobume
auf ihn zu, rieb mit der Rechten an der Stelle des Herzens, woran kleine Funken
verglommen, und zerdrckte mit der halb erhobnen Linken eine Wachslarve zum
Klumpen und blickte in die eigne Brust. Pltzlich erstarrete sie an der Wand des
Palastes in versteinerter Stellung. Albano drckte die Hand auf die kleine Wunde
und ging nahe zu dem Versteinerten - Welche Gestalt! - Aus einem vertrockneten
hagern Angesicht erhob sich zwischen Augen, die halb unter den Augenknochen
fortbrannten, eine verachtende Nase mit stolzem Wurf- ein Cherub mit dem Keime
des Abfalls, ein verschmhender gebietender Geist stand da, der nichts lieben
konnte, nicht sein eignes Herz, kaum ein hheres, einer von jenen
Frchterlichen, die sich ber die Menschen, ber das Unglck, ber die Erde und
ber das - Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschenblut sie
hingieen, ob fremdes oder ihres. -

                              Es war Don Gaspard.

Die Funken-werfende Ordenskette aus Stahl und Edelsteinen verriet ihn. Die
Starrsucht, seine alte Krankheit, hatt' ihn ergriffen. O Vater! sagte Albano
erschrocken und umfate die unbewegliche Gestalt, aber er drckte gleichsam den
kalten Tod ans Herz. Er schmeckte die Bitterkeit einer Hlle - er kte die
starre Lippe und rief lauter - endlich trat er vor ihm mit fallenden Armen
zurck, und die aufgedeckte Wunde blutete ungefhlt nieder - und er blickte,
zhneknirschend vor wilder junger Liebe und vor Schmerz, und mit groen
Eistropfen in den Augen, den Stummen an und ri ihm die Hand vom Herzen. - -
Hier schlug erwachend Gaspard die Augen auf und sagte: Willkommen, mein lieber
Sohn! - Da sank ihm mit unberschwenglicher Seligkeit und Liebe das Kind ans
Vaterherz und weinte und schwieg. Du blutest, Albano, sagte Gaspard, ihn sanft
zurckstemmend, verbinde dich!- La mich bluten, ich will mit dir sterben,
wenn du stirbst - o wie hab' ich so lange nach dir geschmachtet, mein guter
Vater! sagte Albano, noch tiefer erschttert von dem kranken vterlichen
Herzen, das er jetzt an seinem heftiger schlagen fhlte.
    Recht gut, verbinde dich aber! sagt' er; und als der Sohn es tat und
whrend des schnellsten Umwickelns mit unersttlicher Liebe in das vterliche
Auge schauete, und als das Auge nur kalte Blitze warf wie sein Ring-Juwel - so
schlug auf den Kastaniengipfeln, dem heutigen Throne der Morgensonne, der leise
Mond sein frommes Auge stillend auf, und dem entflammten Albano war es an diesem
kindlichen und mtterlichen Wohnplatze, als schaue der Geist seiner Mutter vom
Himmel und rufe: Ich werde weinen, wenn ihr euch nicht liebt. Sein wallendes
Herz zerflo, und er sagte sanft zu dem im Mondlicht bleichern Vater: Liebst du
mich denn nicht? - Lieber Alban, versetzte der Vater, man kann dir nicht
genug antworten - du bist recht gut - es ist recht gut. Aber mit dem Stolze der
Liebe, die sich khn mit der vterlichen ma, ergriff er fest die Hand mit der
Larve und sah den Ritter mit feurigen Trnen an. Mein Sohn, versetzte der
Mde, ich habe dir heute noch viel zu sagen und wenig Zeit, weil ich morgen
reise - und ich wei nicht, wie lange mein Herzklopfen mich sprechen lsset. -
Ach also war das vorige Zeichen einer gerhrten Seele nur ein Zeichen eines
nervenkranken Pulses gewesen.... Du armer Sohn, wie mute vor dieser scharfen
Luft dein bewegtes Meer erstarren - ach wie an einem eiskalten Metall mute
deine warme Hand ankleben und davon sich wundgeschlt abziehen!
    Aber guter Jngling! Wer von uns knnte dich tadeln, da Wunden dich
gleichsam mit Blut an deinen wahren oder falschen Halbgott binden - wiewohl ein
Halbgott sich fter mit einem Halbtier als mit einem Halbmenschen schlieet -
und da du so schmerzlich liebst? Ach welche warme Seele sprach nicht einmal die
Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelhmt vom erkaltenden Gifte,
gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr
bewegen? - Aber liebe fort, du warme Seele; gleich Frhlingsblumen, gleich
Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe zuletzt doch den hartgefrornen
Boden, und jedes Herz, das nichts anderes verlangt als ein Herz, findet endlich
seine Brust! -

                                    5. Zykel


Der Ritter nahm ihn auf eine ber steinerne Sulen gefhrte Galerie hinauf, die
berall Limonienbume mit Dften und kleinen, regen, vom Monde silbern
gernderten Schatten vollstreueten. Er zog zwei Medaillons aus seiner
Brieftasche; das eine bildete ein sonderbar-jugendlich aussehendes weibliches
Gesichtchen vor, mit der Umschrift: Nous ne nous verrons jamais, mon fils.9
Hier ist deine Mutter (sagte Gaspard und gab es ihm) -und hier deine
Schwester, und reichte ihm das zweite, dessen Zge zu einer unkenntlichen
veralteten Gestalt einliefen, mit der Umschrift: Nous nous verrons un jour, mon
frre.10 Er fing nun seine Rede an, die er in so vielen zwanglosen Heften (das
eine Komma oft am einen Ende der Galerie, das andere am andern) und so leise und
in einem solchen Wechsel von schnellem und trgem Gehen lieferte, da in das Ohr
eines unter der Galerie mitlaufenden Visitators fremder Gesprche, wenn einer
drunten stand, nicht drei zusammengehrende Laute tropfen konnten. Deine
Aufmerksamkeit, lieber Alban, fuhr er fort, nicht deine Phantasie sollte jetzt
gespannt sein; du bist leider heute zu romantisch bei dem Romantischen, was du
hren sollst. Die Grfin von Zesara liebte das Feierliche von jeher; du wirst es
aus dem Auftrage sehen, den sie mir wenige Tage vor ihrem Tode gab, und den ich
gerade an diesem Karfreitage auszurichten versprechen mute.
    Er sagte noch, bevor er anfing, da er, da seine Katalepsie und sein
Herzklopfen bedenklich stiegen, nach Spanien eilen msse, seine Sachen und noch
mehr die seiner Mndel - der Grfin von Romeiro - zu ordnen. Alban tat noch eine
Bruderfrage ber seine liebe, so lang' entrckte Schwester; der Vater lie ihn
hoffen, da er sie bald sehen werde, da sie mit der Grfin die Schweiz besuchen
wolle.
    Da ich nicht absehe, was die Menschen davon haben, wenn ich die mir
beschwerlichen Gnsefe samt dem ewigen er sagte hersetze: so will ich den
Auftrag in Person erzhlen. Es werden einmal - (sagte der Ritter) - drei
Unbekannte, einer am Morgen, einer mittags und einer abends, zu ihm kommen, und
jeder wird ihm ein eingesiegeltes Kartenblatt zustellen, worauf blo der Name
der Stadt und des Hauses steht, worin das Bilderkabinett, das Albano noch
dieselbe Nacht besuchen mu, zu finden ist. Im Kabinett soll er alle Ngel der
Bilder durchtasten und drcken, bis er auf einen kommt, hinter welchem der Druck
eine in die Wand eingebaute Repetieruhr zwlf zu schlagen ntigt. Hier findet er
unter dem Bilde eine geheime Tapetentr, hinter welcher eine weibliche Gestalt
mit einem offnen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken und mit einem Crayon
in der Rechten sitzt. Drckt er den Ring des Mittelfingers, so richtet sich die
Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes auf, tritt in das Zimmer, und das
auslaufende Gehwerk stockt mit ihr an einer Wand, woran sie mit dem Crayon ein
verstecktes Fach bezeichnet, in welchem ein Taschenperspektiv und der wchserne
Abdruck eines Sargschlssels liegen. Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch
einoptische Anamorphose den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen
Medallion der Schwester zu einer holden jungen Gestalt, und das Objektivglas
gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des lngern reifern Lebens
zurck. - Dann drcket er den Ringfinger, und sogleich fngt die stumme kalte
Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit
einigen Worten den Ort des Sarges, von dessen Schlssel er den wchsernen
Abdruck hat. Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe, in Gestalt einer
schwarzen Bibel; und wenn er sie zerschlagen hat, trifft er einen Kern darin,
aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll. - Ist die Stufe nicht
im Sarge, so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck - was aber
dann dieses hlzerne Guerikes-Wettermnnchen seines Schicksals beginne, wute
der Ritter selber nicht vorauszusagen. - -
    Ich bin vllig der Meinung, da man dem bizarren Testamente leicht das
Repetier- und das halbe Rderwerk- so wie man jetzt in London Uhren blo aus
zwei Rdern bauet - ausbrechen knnte, ohne das Vorlege- oder Zeigerwerk zu
beschdigen.
    Auf Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Geblse wider meine
Erwartung - fast nichts; ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter,
welche so sorgend, da sie unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom
niederfallenden Habicht des Todes erblickte, nur den Sohn bedachte. Seinem Vater
schauete er unter dem Berichte, mit zrtlichem Danke fr diese Mhe des
Gedchtnisses und der Erzhlung, fast auf Kosten seiner Aufmerksamkeit, in das
befestigte eiserne Angesicht; und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs
der Ritter zu einem rhodischen, die halbe Gegenwart verdeckenden Kolossus auf,
fr welchen ihm dieses testamentarische Memorienwerk fast zu kleinlich schien.
    Bisher hatte Don Gaspard blo als echter Weltmann gesprochen, der von seinem
Gesprche (ohne besondere nhere Verhltnisse) stets jede Erwhnung oder
Schmeichelei eines Ichs, des fremden so gut wie des eignen, ausschlieet und
sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenkt - so da zwei
solche Nicht-Ichs mit ihrer grimmigen Klte nur zwei sprechende Logiken oder
Wissenschaften zu sein scheinen, aber keine Wesen mit schlagenden Herzen: o! wie
sanft flo es, wie eine weiche Tonart, in Albanos liebewundes Herz - das der
hellere und lauere Mond und der insularische dmmernde Kindergarten seiner
ersten Vorzeit und die in seiner Seele laut fort- und nachklingende Stimme
seiner Mutter gewaltsam auflseten -, als nun der Vater sagte: Das hab' ich von
der Grfin zu sagen. Von mir hab' ich dir nichts zu sagen als meine bisherige
Zufriedenheit mit deinem bisherigen Leben. - O geben Sie, teuerster Vater,
meinem knftigen Gebote, Lehre und Rat, sagte der begeisterte Mensch, und
Gaspards rechter Hand, die nach dem schnellern Herzen zuckte, folgt' er mit
seiner Linken an die sieche Stelle und drckte heftig das hysterische Herz, als
knn' er diesem bergab umkreisenden Lebensrade in die Speiche greifen. - Der
Ritter versetzte: Ich habe dir weiter nichts zu sagen. Die Lindenstadt
(Pestitz) ist dir nun geffnet; deine Mutter hatte sie dir verschlossen. Der
Erbprinz, der bald Frst sein wird, und der Minister von Froulay, der mein
Freund ist, werden die deinigen sein; ich glaub' es wird dir ntzen, ihre
Bekanntschaft zu kultivieren.
    Der scharfblickende Gaspard sah hier pltzlich ber des Jnglings reine
offne Gestalt wunderbare Bewegungen und heie Rosen fliegen, die aus der
Gegenwart mit nichts zu erklren waren und die sogleich wie gettet vergingen,
als er so fortfuhr: Fr einen Mann von Stande sind gelehrte und schne
Wissenschaften, die fr andre Endzweck sind, nur Mittel und Erholung; und so
gro deine Neigung dafr sein mag: so wirst du doch am Ende Handlungen den
Vorzug vor Genssen geben; du wirst dich nicht geboren fhlen, die Menschen blo
zu belehren oder zu belustigen, sondern zu behandeln und zu beherrschen.
    Es wre gut, wenn du den Minister gewnnest und dadurch die Kenntnisse des
Regierungs- und Kammerwesens, die er dir geben kann; denn in dem Abrisse eines
Landes, so wie eines Hofes, besitzest du die Grundzge eines jeden grern, wozu
du auch gelangen und dich bilden sollst. Es ist mein Wunsch, da du sogar dem
Frsten und dem Hofe lieb wirst, weniger weil du Konnexionen als weil du
Erfahrungen brauchst. Nur durch Menschen besiegt und bersteigt man Menschen,
nicht durch Bcher und Vorzge. Man mu nicht seinen Wert auslegen, um die
Menschen zu gewinnen, sondern man mu sie gewinnen, und dann erst jenen zeigen.
Unglck ist nichts wie Unverstand, und nicht sowohl durch Tugend als durch
Verstand wird man furchtbar und glcklich. - Du hast hchstens die Menschen zu
fliehen, die dir zu hnlich sind, besonders die deln. - Das tzende Sublimat
seines Spottes bestand hier nicht darin, da er del mit einem akzentuierten
ironischen Tone sagte, sondern da ers wider Erwarten kalt ohne einen sagte.
Albanos Hand war in seiner schon lngst vom Herzen an der sthlernen eckigen
Ordenskette herabgeglitten auf das goldene metallisch-kalte Lamm daran. Der
Jngling hatte, wie alle Jnglinge und Einsiedler, zu harte Begriffe von Hof-
und Weltleuten, er hielt sie fr ausgemachte Basilisken und Drachen - wiewohl
ich das noch entschuldigen will, wenn er nur mit den Naturforschern unter den
Basilisken nichts versteht als ungeflgelte Eidechsen, und unter den Drachen
nichts als geflgelte, so da er sie fr nichts als fr kalte, fast so fatale
Amphibien, wie Linn solche definiert, ansieht -; ferner hegt' er (so leicht
wird Plutarch der Verfhrer von Jnglingen, deren Biograph er htte sein knnen
wie ich) mehr Grimm als Achtung gegen die Artolatrie (den Brotdienst) unsers
Zeitalters, das aber umgekehrt immer den Gott ins Brot verwandeln will, gegen
die besten Brotstudien oder Brotwagen, gegen das Machen einer Carrire, gegen
jeden, der kein Waghals war und der statt der Sturmbalken und Kriegsmaschinen
etwa unsichtbare Magnetstbe, Saugwerke und Schrpfkpfe ansetzte und damit
etwas zog. Jeder Jngling hat ein schnes Zeitalter, wo er kein Amt, und jede
Jungfrau eines, wo sie keinen Mann annehmen will; dann ndern sich beide und
nehmen oft sich einander noch dazu.
    Als der Ritter die obigen, gewi keinem Weltmanne anstigen Stze
vorbrachte: so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz
empor - es war diesem, als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar
sein Krper, wie der eines betenden Heiligen, gehoben ber die Laufbahnen einer
gierigen kriechenden Zeit - die groen Menschen einer grern traten unter ihre
Triumphbogen und winkten ihm, nher zu ihnen zu kommen - in Osten lag Rom und
der Mond und vor ihm der Alpen-Zirkus, eine groe Vergangenheit neben einer
groen Gegenwart - er ergriff mit dem liebend-stolzen Gefhl, da es noch etwas
Gttlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand, den Vater und sagte: Der
ganze heutige Tag, lieber Vater, war eine zunehmende Erschtterung meines
Herzens - kann vor Bewegung nicht sprechen und nichts recht bedenken - Vater,
ich besuche alle - ich werde mich ber die Menschen hinausreien aber ich
verschmhe den schmutzigen Weg des Ziels - ich will im Weltmeer wie ein
Lebendiger durch Schwimmen aufsteigen, aber nicht wie ein Ertrunkner durch
Verwesen - Ja, Vater, das Schicksal werfe einen Grabstein auf diese Brust und
zermalme sie, wenn sie die Tugend und die Gottheit und ihr Herz verloren hat.
    Albano sprach darum so warm, weil er einer unaussprechlichen Verehrung fr
die kraftvolle Seele des Ritters nicht entsagen konnte; er stellte sich immer
die Qualen und das lange Sterben eines so starken Lebens, den scharfen Rauch
eines so groen, kalt ausgegossenen Feuers vor und schlo aus den Regungen
seiner eignen lebendigen Seele auf die der vterlichen, die nach seiner Meinung
nur langsam auf einer breiten Unterlage schwarzer kalter Menschen so zerfallen
war, wie man Diamanten nicht anders verflchtigt als auf einer Unterlage von
ausgebrannten toten Schmiedekohlen. - -
    Don Gaspard, der die Menschen selten und nur gelinde tadelte - nicht aus
Liebe, sondern aus Gleichgltigkeit -, antwortete dem Jngling geduldig: Deine
Wrme ist zu loben. Mit der Zeit wird sich alles geben. - Jetzt la uns essen.

                                    6. Zykel


Der Speisesaal unserer Eilnder war im reichen Palaste der abwesenden
borromischen Familie. Man gab der schnen Insel den Parisapfel und
Lorbeerkranz. Augusti und Gaspard schrieben ihr das Belobungsschreiben in einem
leichten klaren Stil, nur Gaspard mit mehr Antithesen. Albanos Brust war mit
einer neuen Welt gefllt, sein Auge mit einem Schimmer, seine Wangen mit
freudigem Blut. Der Baumeister erhob sowohl den Geschmack als den Kammerbeutel
des Erbprinzen, der durch beide zwar nicht artistische Meister, aber doch
Meisterstcke in sein Land mitbrachte und auf dessen Veranlassung eben dieser
Dian nach Italien ging, um fr ihn Abgsse von den Antiken da zu nehmen. Schoppe
versetzte: Ich hoffe, der Deutsche ist so gut mit Malerakademien und mit
Malerkoliken versehen als irgendein Volk; unsere Ballenbilder - unsere
Thesesbilder in Augsburg - unsere Leisten ber Zeitungsblttern und unsere
Buchdruckerstcke in jedem dramatischen Werke, durch die wir eine frhere
Shakespeare-Gallery besaen als London - unsere Effigie-Gehangnen am Galgen sind
jedem bekannt und zeigen am ersten, wie weit wirs treiben. - Aber ich will auch
zulassen, da Griechen und Welsche so malen wie wir: so ragen wir doch dadurch
ber sie hinweg, da wir, gleich der Natur und den adeligen Sponsierern, nie die
Schnheit isoliert ohne angebognen Vorteil suchen. Eine Schnheit, die wir nicht
nebenher braten, verauktionieren, anziehen oder heiraten knnen, gilt bei uns
nur das, was sie wert ist; Schnheit ist bei uns (hoff' ich) nie etwas anders
als Anschrot und Beiwerk des Vorteils, so wie auch auf dem Reichstage nicht die
angestoenen Konfekttischchen, sondern die Sessionstafeln die eigentlichen
Arbeitstische des Reichs-corpus sind. Echte Schnheit und Kunst wird daher bei
uns nur auf Sachen gesetzt, gemalt, geprgt, welche dabei ntzen und abwerfen:
z.B. gute Madonnen nur ins Modejournal - radierte Bltter nur auf Briefe voll
Tabaksbltter - Kameen auf Tabakskpfe - Gemmen auf Petschafte und Holzschnitte
auf Kerbhlzer - Blumenstcke werden gesucht, aber auf Schachteln - treue
Wouwermanne, aber zwischen Pferdestnden neben Beschlern11 - erhobenes Bildwerk
von Prinzenkpfen, entweder auf Talern oder auf baierschen Bierkrug-Deckeln,
beide nicht ohne reines Zinn - Rosen-und Lilienstcke, aber an ttowierten
Weibern. - Auf hnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schne
Gemlde und das lateinische Vokabulum verknpft, weil das Philanthropin dieses
leichter unter jenem behielt. - So malte Van der Kabel nie einen Hasen auf
Bestellung, ohne ein frisch geschossenes Modell nach dem andern sich zum Essen
und Kopieren auszubitten. So malte der Maler Calkar schne Strmpfe, aber
unmittelbar an seine eignen Beine. -
    Der Ritter hrte so etwas mit Vergngen an, ob ers gleich weder belchelte
noch nachahmte; ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich. Nur fr
den Baumeister wars nicht genug im griechischen Geschmack, und fr den Lektor
nicht genug im hflichen. Letzterer kehrte sich, whrend Schoppe neuen Atem zu
unserer Verkleinerung holte, wie schmeichelnd zum abreisenden Dian und sagte:
Frher nahm Rom andern Lndern nur die Kunstwerke hinweg, aber jetzt die -
Knstler. Schoppe verfolgte: Ebenso sind unsere Statuen keine migen
Staatsbrger auf der Brenhaut, sondern sie treiben alle ein Handwerk; was
Karyatiden sind, tragen Huser, was Engel sind, halten Taufschsseln, und
heidnische Wassergtter arbeiten in Springbrunnen und gieen den Mgden das
Wasser in die Scheffel zu. -
    Der Graf sprach warm fr uns, der Lektor hell; der Ritter bemerkte, da der
deutsche Geschmack und das deutsche Talent fr dichterische Schnheiten den
Mangel an beiden fr andere Schnheiten vergte und erklre (aus Klima,
Regierungsform, Armut etc.). Der Ritter glich den Himmelssehrhren, hinter denen
die Erden grer erscheinen und die Sonnen kleiner, er nahm wie jene den Sonnen
den geborgten Schimmer ab, ohne ihnen den wahren grern zurckzugeben; er
schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei, aber einem Christuskopfe go er den
Heiligenschein aus und suchte berhaupt eine Paritt und Gleichheit der Schwrze
und des Lichts zu erknsteln.
    Schoppe verstummte nie; ich sorge, in seinem Toleranzmandat fr Europa waren
die deutschen Kreise ausgelassen; er hob wieder an: Das wenige, was ich eben
zum Lobe der ntzenden Deutschen vorbrachte, hat mir, wie es scheint,
Widerspruch zugezogen. Aber die kleine Lorbeerkrone, die ich dem heiligen
Reichskrper aufsetze, soll mich nie abhalten, die Stellen gewahr zu werden, wo
er kahl ist. Ich lobt' es oft an Sokrates und Christus, da sie nicht in
Hamburg, in Wien, oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozierten und mit
ihren Philanthropisten gassatim gingen; von Magistrats wegen wrde man sie haben
befragen lassen, ob sie nicht arbeiten knnten; und wren beide mit Familie in
Wetzlar gewesen, so htte man dieser die Neglektengelder12 abgezogen. -
Anlangend die Dichtkunst, Herr Ritter, so kannt' ich manchen Reichsbrger, der
aus einem Karmen - wenn es nicht auf ihn selber war - wenig machte; er glaubte
die Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfreiheit zu kennen; ihn, der
gewi berall ordentlich, gesetzt, bedchtig, in schsischen Fristen zu Werke
schritt, qulten und strten poetische Schwingen sehr. - Und ists denn so
unerklrlich und so schlimm? - der gute Reichsstdter bindet eine Serviette vor,
wenn er weinen will, damit er die Atlasweste nicht betropft, und die Trnen, die
ihm aufs Kondolenzschreiben entfallen, stippte er wie jede dunklere
Interpunktion: was Wunder, wenn er gleich dem Wildmeister keine schnere Blume
kennt als die hinten am Hirsche, und wenn ihn die poetischen Veilchen gleich den
botanischen13 mit gelinden Brechkrften angreifen.... Das wre meines Bednkens
wenigstens eine Art, den Tadel abzulehnen, womit man uns Deutsche anschmitzt.

                                    7. Zykel


Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! - Alle gingen, vom
Reisen schlfrig, der Ruhe zu; blo Albano, in welchem der heie volle Tag
nachbrannte, sagte dem Ritter, da er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends
Khlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blten des
welschen Frhlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue
neben einem blhenden Dockengelnder aus Zitronen an, um die Augen unter dem
Sternenhimmel schn zu schlieen, und noch schner zu ffnen. Schon in seiner
frhern Jugend hatt' er sich, so gut wie ich, auf die welschen Dcher warmer
Lnder gewnscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schlfer darauf
zu erwachen.
    Wie herrlich fllt das aufgehende Auge in den erleuchteten hngenden Garten
voll ewiger Blten ber dir, anstatt da du in deinem deutschen schwlen
Federpfuhl nichts vor dir hast, wenn du aufblickst, als den Bettzopf!
    Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte
und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse
zusammenschwammen, und er wehmtig an seine bleiche Mutter und an seine
Schwester und an die verkndigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter
ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der
Brust mhsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf. Gedenke des Todes!
(sagte sie) Du bist Albano de Zesara? - Ja! (sagte Zesara) wer bist du? -
Ich bin (sagte sie) ein Vater des Todes14. Ich zittere nicht aus Furcht,
sondern aus Gewohnheit so.
    Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen
Erbeben, das man zu hren glaubte. Zesara hatte oft seiner migen Khnheit ein
Abenteuer gewnscht; jetzt hatt' ers vor sich; indes wachte er doch behutsam mit
dem Auge, und da der Mnch sagte: Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir,
wenn er untergeht, denn mein Gesicht ist schwach, so warf er nur einen eilenden
Blick dahin: Noch drei Sterne (sagt' er) sind zwischen ihm und der Alpe. -
Wenn er untergeht, (fuhr der Vater fort) so gibt deine Schwester in Spanien
den Geist auf, und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an. - Zesara wurde
kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders berhrt, blo weil er in
keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre
Berge und Sterne als Hter stellt, oder auch, weil die weite dichte Krperwelt
so nahe vor uns die Geisterwelt verdrngt und verbauet; er fragte mit
Entrstung: Wer bist du? was weit du? was willst du? und griff nach den
zusammengefalteten Hnden des Mnchs und hielt beide mit einer gefangen. Du
kennst mich nicht, mein Sohn! (sagte ruhig der Vater des Todes) Ich bin ein
Zahuri15 und komme aus Spanien von deiner Schwester; ich sehe die Toten unten in
der Erde und wei es voraus, wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr
Erscheinen ber der Erde nicht und hr' ihr Reden nicht.
    Hier blickte er den Jngling scharf an, dessen Zge pltzlich so starrer und
lnger wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing ber seinem
Haupte langsam an: Nimm die Krone, nimm die Krone - ich helfe dir. Der Mnch
fragte: Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir? - Zesara
blickte in die Hhe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach
wieder und dasselbe. Der Mnch erriet es und sagte: So hat dein Vater deine
Mutter aus der Hhe gehret, als er in Deutschland war; aber er lie mich lange
in Fesseln legen, weil er dachte, ich tusche ihn. - Beim Worte Vater, dessen
Geisterunglauben Zesara kannte, ri er den Mnch an den beiden Hnden mit der
festhaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu hren, wo jetzt die Stimme
stehe. Der Alte lchelte sanft, die Stimme sprach wieder ber ihm, aber so:
Liebe die Schne, liebe die Schne - ich helfe dir. - Am Ufer hing ein
Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mnch, der ihm vermutlich den
Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und
winkte ihm nachzufolgen. Der Jngling, im Vertrauen auf seine krperliche und
geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mnche khn
von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht
nur die Stimme ber ihm wieder rief:
    Liebe die Schne, die ich dir zeige, ich helfe dir, sondern da er auch
gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den
tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit
einem glnzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas,
wie eine hhere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Gttin
wieder in die Wogen zurck, und die Geisterstimme lispelte oben fort: Liebe die
Schne, die ich dir zeigte. - - Der Mnch betete kalt und schweigend unter der
Szene und sah und hrte nichts; endlich sagte er: Am knftigen Himmelfahrtstage
in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust
ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut
verkndigen.
    Wenn vor uns flssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen
das Licht eines hhern Elementes nur fhlen und suchen, aber nicht sehen, in der
Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlgt, der
vor unsere hhere Sonne gehangen ist16: so zerschneidet der Strahl den
Sehnerven, der nur Gestatten, nicht Licht vertrgt; - kein heies Erschrecken
beflgelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern
Gedanken und vor einer neuen unfalichen Welt sperrt den warmen Strom, und das
Leben wird Eis. -
    Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein
Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den
Mut als den Verstand; er ruderte ungestm, beinahe bewutlos ans Ufer - er
konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbndige,
alles auseinanderreiende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu grlichen
umwlzte und ausdehnte - er hrt' es kaum, als der Mnch zum Abschiede sagte:
Vielleicht komm' ich am nchsten Karfreitage wieder. - Der Mnch bestieg einen
Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser
umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel
(Isola peschiere).
    Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und
der Himmel und alles eine weichende aufgelsete Nebelbank, als geb' es nichts,
als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der
erstickenden Brust der Atem des Bibliothekar Schoppe, der lustig zum
Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam
zurck, und das Dasein war. Schoppe, der vor Wrme nicht schlafen konnte, stieg
herunter, um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein
heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewhnt und forschte nicht.

                                    8. Zykel


Nicht von Vernnfteleien, sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in
unserem stockenden Rderwerke. Nach einer gesprchigen Stunde war dem Jnglinge
nicht viel mehr davon brig als eine rgerliche Empfindung und eine frohe; jene
darber, da er den Mnch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter
vorgefhrt; und die frohe ber die hohe weibliche Gestalt und selber ber die
Aussicht in ein Leben voll Abenteuer. Gleichwohl fuhren, wenn er die Augen
schlo, Ungeheuer voll Flgel, Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos
um seine Seele.
    Endlich gingen in der Khle der Nachmitternacht seine mden Sinnen nher
fortgezogen und auseinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu; - aber
welcher Traum kam ihm auf diesem stillen Berge nach! Er lag (so trumte ihm)
auf dem Krater des Hekla. Eine aufdringende Wassersule hob ihn mit sich empor
und hielt ihn auf heien Wellen mitten im Himmel fest. Hoch in der thernacht
ber ihm streckte sich ein finsteres Gewitter, wie ein langer Drache, von
verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen, aus; nahe darunter hing ein helles
Wlkchen, vom Gewitter gezogen - durch den lichten Nebel des Wlkchens quoll ein
dunkles Rot entweder von zwei Rosenknospen oder von zwei Lippen und ein grner
Streif von einem Schleier oder von einem lzweige und ein Ring von milchblauen
Perlen oder von Vergimeinnicht - endlich zerflo ein wenig Duft ber dem Rot,
und blo ein offnes blaues Auge blickte unendlich mild und flehend auf Albano
nieder; und er streckte die Hnde aus nach der umwlkten Gestalt, aber die
Wassersule war zu niedrig. Da warf das schwarze Gewitter Hagelkrner, aber sie
wurden im Fallen Schnee und dann Tautropfen und endlich im Wlkchen silbernes
Licht, und der grne Schleier wallte erleuchtet im Dunst. Da rief Albano: Ich
will alle meine Trnen vergieen und die Sule aufschwellen, damit ich dich
erreiche, schnes Auge! Und das blaue Auge wurde feucht von Sehnen und sank vors
Liebe zu. Die Sule wuchs brausend, das Gewitter senkte sich und drckte das
Wlkchen voraus, aber er konnt' es nicht berhren. Da ri er seine Adern auf und
rief: Ich habe keine Trnen mehr, Geliebte, aber all' mein Blut will ich fr
dich vergieen, damit ich dein Herz erreiche. Unter dem Bluten drang die Sule
hher und schneller auf - der weite blaue ther wehte und das Gewitter
verstubte und alle verschlungnen Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus -
das flatternde freie Wlkchen schwebte blitzend zur Sule nieder - das blaue
Auge tat sich in der Nhe langsam auf und schneller zu und hllte sich tiefer in
sein Licht; aber ein leiser Seufzer sagte in der Wolke: Zieh mich in dein Herz!
- O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den Nebel weg und ri
eine weie Gestalt, wie aus Mondlicht gebildet, an die Brust voll Glut - Aber
ach der zerrinnende Lichtschnee entwich den heien Armen - die Geliebte verging
und wurde eine Trne und die warme Trne drang durch seine Brust und sank in
sein Herz und brannte darin und es rann auseinander und wollte vergehen.... Da
schlug er die Augen auf.
    Aber - welches berirdische Erwachen! - Das weie ausgeleerte Wlkchen, mit
Gewittertropfen befleckt, hing, auf ihn hereingebckt, noch am Himmel - - - es
war der helle, liebendnahe ber ihn hereingesunkne Mond. Er hatte sich im
Schlafe verblutet, weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das
heftige Bewegen desselben verschoben hatte. Die Entzckungen hatten den
Nachtfrost des Geisterschreckens zerschmolzen. In einem verklrenden Ersterben
flatterte aufgebunden sein so festes Dasein umher wie ein beweglicher Traum in
den gestirnten Himmel war er wiegend aufgeschwemmt wie an eine Mutterbrust, und
alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer aus - sein
Herz, in eine warme Trne geworfen, ging sanft darin auseinander - auer ihm
schattete es nur, in ihm strahlte es blendend - der Flug der Erde wehte vor der
aufgerichteten Flamme seines Ichs vorbei und bog sie nicht um. - Ach seine
Psyche glitt mit scharfen ungeregten ungehrten Falkenschwingen entzckt und
still durch das dnne Leben....
    Ihm kam es vor, als sterbe er, denn spt war er die steigende Erwrmung des
linken verblutenden Armes innen geworden, der ihn ins lange Elysium, das aus dem
Traume ins Wachen reichte, gehoben hatte. Er legte ihm die Binde fester um.
    Auf einmal hrt' er unter dem Verbinden ein lauteres Pltschern unter sich,
als bloe Wellen machen konnten. Er schauete ber das Gelnder - und sah seinen
Vater mit Dian ohne Abschied - der fr Gaspard nur die giftige Herbstblume in
der Herbstminute einer Abreise war - wie ausgefallne Bltenbltter aus der
Blumenkrone seines Lebens ber die Wellen fliehen unter dem Schwanenliede der
Nachtigallen! ... Guter Mensch, wie oft hat dich diese Nacht betret und
beraubt! - Er breitete die Arme ihnen nach - der Schmerz des Traums fuhr fort
und begeisterte ihn - der fliehende Vater schien ihm wieder liebender -
schmerzlich rief er hinab: Vater, sieh dich um nach mir! - Ach wie kannst du
mich so stumm verlassen? - Und du auch, Dian! - O trstet mich, wenn ihr mich
hrt! - Dian warf ihm Ksse zu, und Gaspard legte die Hand auf das sieche Herz.
Albano dachte an die Kopistin des Todes, an die Starrsucht, und htte gern den
verletzten Arm ber die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libation
fr den Vater vergossen; und rief nach: Lebt wohl, lebt wohl! - Schmachtend
drckt' er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine
brennenden Adern an, und Trnen der vergeblichen Sehnsucht berquollen sein
schnes Angesicht, whrend die warmen Tne der welschen Nachtigallen, die von
dem Ufer und der Insel gegeneinanderschlugen, mit linden Vampyrenzungen das Herz
wundsogen. -
    - Ach wenn du einmal geliebt wirst, glhender Jngling, wie wirst du lieben!
- Er weckte, im Durste nach einer warmen sprechenden Seele, seinen Schoppe auf
und zeigte ihm die Flucht. Aber indem dieser irgend etwas Trstendes sagte,
schauete Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und hrte
nichts. -

                                    9. Zykel


Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten
Insel; und sie wurden durch den Anblick, wie das erhobene Bildwerk des Tages
farbig-gleiend aus den erlschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts
heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die
halbstndige Fahrt nach Isola madre vor. Albano flehte beide herzlich an, allein
hinzufahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergngen zu lassen. Der
Lektor fate jetzt die Spuren der nchtlichen Angriffe schrfer ins Auge - wie
schn hatte der Traum, der Mnch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die
tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt
nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht. Augusti nahm es fr Eigensinn
und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, da man nur
mit den wenigsten Menschen (mit keiner Visiten-Armee), eigentlich nur mit
zweien, mit dem innigsten und hnlichsten Freunde und mit der Geliebten,
spazieren gehen knne. Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am
Geburtstage der Frstin zu einer Liebeserklrung ffentlich niederknien als -
denn man zeige mir doch den Unterschied - zwischen einem langen Vor- und
Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte, heften.
    Wie glcklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll
Trnen standen, die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen
Urteile so rechtfertigten und erhoben! - Er trug sich nmlich mit dem
sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jnglinge, er habe kein weiches Herz,
zu wenig Gefhl und sei schwer zu rhren. Aber jetzt gab ihm die Entkrftung
einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles
weinend umarmen wollte, was er je geliebt - seine guten fernen Pflegeeltern in
Blumenbhl - seinen kranken Vater, ders gerade im Frhling war, wo immer der Tod
sein blumiggeschmcktes Opfertor aufbauet - und seine in die Vergangenheit
gehllte Schwester, deren Bild er bekommen, deren After-Stimme er diese Nacht
gehrt und deren letzte Stunde ihm der nchtliche Lgner nher gemalt. - Sogar
das nchtliche, noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn
durch die Unerklrlichkeit - da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben
wute - und durch die Weissagung beklommen, da er an seiner Geburtsstunde - und
diese stand so nahe, am Himmelfahrtstage - den Namen seiner Braut vernehmen
wrde. Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe, gab aber der
Krone und der Wassergttin frischen Glanz.
    Er durchschwankte alle heilige Sttten in diesem gelobten Lande - Er ging in
die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden
hatte, und nahm mit einem bangen Gefhle die auf den Boden entfallne
zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein
besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im
weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. -
Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde, die sich in 20 Abstze
wie er in 20 Jahre zerteilte, und er fhlte auf den heien Wangen ihren dnnen
Regen nicht.
    Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurck, um seinen Freunden
entgegenzusehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der
uern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern! - Die Natur, die gestern
ein flammender Sonnenball gewesen, war heute ein Abendstern voll Dmmerlicht -
die Welt und die Zukunft lagen so gro um ihn und doch so nahe und berhrend,
wie vor dem Regen Eisberge nher scheinen im tiefern Blau - er stellte sich auf
das Gelnder und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte
hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und
unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und
alle Bltter auf - weie Trme blinkten aus dem Ufer-Grn, und Glocken und Vgel
klangen im Winde durcheinander. - Ein schmerzliches Sehnen fate ihn, da er nach
der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem wrmern Spanien voll schwelgerischer
Frhlinge, voll lauer Orange-Nchte, voll umhergeworfener Glieder zerstckter
Riesengebrge, da wre er gern durch den schnen Himmel hingeflogen! - Endlich
lste sich das Freuen und das Trumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut
auf, worein das berma der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet, weil ja
unsere Brust leichter zu berfllen als zu fllen ist. - -
    Auf einmal wurde Albano gerhrt und ergriffen, als wenn die Gottheit der
Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn fr ihre knftige
Erscheinung einzuweihen, da er an einem indischen Bumchen neben sich den Zettel
mit dessen Namen Liane las. Er sah es zrtlich an und sagte immer: Liebe
Liane! Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, da dann
Wasser aus ihm rinne, so sagte er: Nein, Liane, durch mich sollst du nicht
weinen und unterlie es, weil in seiner Erinnerung das Gewchs auf irgendeine
Art mit einem unbekannten teuern Wesen in Verwandtschaft stand. Sich
unaussprechlich-hinbersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren
Deutschlands, nach den Alpen - in einem Frhlingswlkchen schien sich der
schneeweie Engel seines Traums tief einzuhllen und nur stumm darin
dahinzuschweben - und es war ihm, als hr' er von fernen Harmonikatne. - Er
zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, worauf seine
Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt: Gedenke unserer; er fhlte sich
allein und war nun erfreuet ber die Freunde, welche heiter von Isola madre
zurckruderten.
    Ach Albano, welch ein Morgen wre dieser fr einen Geist wie deinen zehn
Jahre spter gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter
und weicher und loser auseinander geblttert htte! Vor einer Seele wie deiner
wren dann, da die Gegenwart in ihr bla wurde, zwei Welten zugleich - die zwei
Ringe um den Saturn der Zeit - die der Vergangenheit und die der Zukunft
miteinander aufgegangen; du httest nicht blo ber die kurze rckstndige
Laufbahn an das helle weie Ziel geblickt, sondern dich umgewandt und die krumme
lange durchlaufene berschauet. Du httest die tausend Fehlgriffe des Willens,
die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung
des Herzens und des Gehirns. Wrdest du auf den Boden haben sehen knnen, ohne
dich zu fragen: Ach haben die 1004 Erschtterungen17, die durch mich wie durch
das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? - O da
alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder
unsere Krfte oder unsere - Irrtmer: o warum mu der Mensch an jedem Morgen vor
der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet ber die
tausend vergeblich vertrockneten Trnen errten, die er schon vergossen und
gekostet hat? - Aus Frhlingen zieht diese Allmchtige Sommer auf, aus Wintern
Frhlinge, aus Vulkanen Wlder und Berge, aus der Hlle einen Himmel, aus diesem
einen grern - - und wir trichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit
eine Zukunft zu bereiten, die uns stillt - wir hacken wie die Steindohle nach
jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstck beiseite und znden damit
Huser an - ach mehr als eine groe schne Welt geht unter in der Brust und lt
nichts zurck, und gerade der Strom der hhern Menschen verspringt, und
befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserflle zersplittern und schon weit ber
der Erde verflattern. -
    Albano empfing die Freunde mit vergtender Zrtlichkeit; aber dem Jnglinge
wurde mit der Zunahme des Tages so de und bange wie einem, der seine Stube im
Gasthofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige
Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde
kommen. Wie fallende Krper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlsse
in jeder neuen Sekunde schneller und strker; er bat mit uerer Milde, aber
innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. - Und so ging
er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die
Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bhne seines Lebens und an die
Falltre zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rtsel ffnet.
-

                          Antrittsprogramm des Titans

Eh' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst,
Herrn von Hafenreffer, dedizierte: so fragt' ich bei ihm erst so um die
Erlaubnis an:

Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an
Voltairens Schpfungsgeschichte des groen Peters: so knnen Sie meinem
dankbegierigen Herzen nichts Schneres geben als die Erlaubnis, Ihnen wie einem
Judengotte das zu opfern und zu dedizieren, was Sie geschaffen haben.
    Aber er schrieb mir auf der Stelle zurck:
    Aus derselben Raison knnten Sie, wie es Sonnenfels getan, das Werk noch
besser sich selber dedizieren und, in einem richtigern Sinne als andere, den
Verfasser und Gnner desselben zugleich vereinen. - Lassen Sie mich (auch schon
des Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; und schrnken Sie
sich blo auf die notwendigsten Notizen ein, die Sie dem Publikum von dem sehr
maschinenmigen Anteil, den ich an Ihrem schnen Werke habe, etwa gnnen
wollen, aber um der Gtter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac
hoc.
                                                                 v. Hafenreffer.

Die rmische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben. -
    Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat, sind vier
Namenerklrungen und eine Sacherklrung.
    Die erste Namenerklrung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon
bei dem Stifter der Periode, dem Superintendent Franke, an, der sie fr eine von
ihm erfundne ra oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklrt, deren jeder seine guten
49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hlt. Das Wort Jobel setzt der
Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem
siebenmal 7ten oder 49sten ein groes Jobel-, Schalt-, Erla-, Sabbats-oder
Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Sen und Arbeiten und ohne
Knechtschaft lebte. Glcklich genug wend' ich, wie es scheint, diesen Jobelnamen
auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschftsmann und die
Geschftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbats-, Erla-, Hall- und
Jobelstunden herumfhren, worin beide nicht zu sen und zu bezahlen, sondern nur
zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als
krummgeschlossener pflgender Frner an dem Schreibtische steht und welcher
Semaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. - Die
siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre, die eine
Frankesche Jobelperiode enthlt, sind auch in meiner vorhanden, aber nur
dramatisch, weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen - und diese
sind ja das Lngen- und Kubikma der Zeit - vortreiben werde, bis ihm die kurze
Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte.
    Ein Zykel - welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklrung ist -
braucht nun gar keine.
    Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Bltter zu beschreiben, die
ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe. Die obligaten Bltter
nehmen durchaus nur reine gleichzeitige, mit meinem Helden weniger
zusammenhngende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm desto mehr
zusammenhngen; auch in den obligaten Blttern ist nicht das kleinste, nur einer
Brandblase groe satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern
der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und
gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen
langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren - auf allen Seiten von
fliegenden Corps, von ttigen Knapp- und Judenschaften, anrckenden
Marschsulen, reitenden Horden und spielenden Theatertruppen umzingelt - und er
kann sich gar nicht satt sehen.
    Ist aber der Tomus aus: so fngt - das ist die letzte Nominaldefinition -
sich ein kleiner an, worin ich mache, was ich will (nur keine Erzhlung), und
worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf- und
abfliege von einer Blten-Nektarie und Honigzelle zur andern, da ich das blo
zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbndchen recht schicklich
meine Honigmonate benenne, weil ich darin Honig weniger mache als esse,
geschftig nicht als eintragende Arbeitsbiene, sondern als zeidelnder
Bienenvater. - Bisher hatt' ich freilich geglaubt, das Durchfahren meiner
satirischen Schwanzkometen wrde jeder Leser von dem ungestrten Gange meines
historischen Planetensystems auf der Stelle absondern, und ich hatte mich
gefragt: Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch
das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes
beschdigt; und haben sich denn die Leser darber beschweret, wenn z.B. in den
Horen-Jahrgngen zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer
Aufsatz eingehoben wurde? - Aber was geschah?
    Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brssel den contract
social unter sich machte, da jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte, der in
der Session einen andern Laut von sich gbe als einen medizinischen: so ist
bekanntlich ein hnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen, da
wir stets bei der Sache - welches die Historie ist - bleiben sollten, weil man
sonst mit uns reden wrde. Der Sinn des Mandats ist der, da, wenn ein Biograph
in allgemeinen Welthistorien von 20 Bnden, ja in noch lngern - wie z.B. in
dieser - ein- oder zweimal denkt oder lacht, d.h. abschweift, Inkulpat auf der
kritischen Pillory als sein eigner Pasquino und Marforio ausstehen soll -
welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte.
    Jetzt aber geb' ich den Sachen eine andere Gestalt, indem ich erstlich
Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte - wenig
Dispensationsflle ausgenommen -, zweitens indem ich die Freiheiten, die ich mir
in meinen vorigen Werken nahm, im jetzigen zu einem Rechte, zu einer Servitut
verjhre und verstrke; der Leser ergibt sich, wenn er wei, nach einem Bande
voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll
Honigmonate. Ich schme mich, wenn ich mich erinnere, wie ich sonst in frhern
Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat, indes
ich doch - wie ich hier tue - mir das Anleihen htte erzwingen knnen, wie man
von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen, sondern auch das don
gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat. So macht es nicht blo der
kultivierte Regent auf dem Landtage, sondern schon der rohe Araber, der dem
Passagier auer der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abntigt.
    Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer, welcher der
Gegenstand meiner versprochnen Sacherklrung ist.
    Aus dem 45sten Hundsposttage sollt' es einmal bekannt sein, wer
Flachsenfingen beherrscht - nmlich mein Herr Vater. Im Grunde war meine so
frappante Standeserhhung mehr ein Schritt als ein Sprung; denn ich war vorher
schon Jurist, mithin schon die Knospe oder das Bltenktzchen eines noch
eingewickelten Doktors utriusque, und folglich ein Edelmann, da im Doktor der
ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt; daher er auch so gut wie dieser, wenn
gerade etwas vorbeigeht, vom Sattel oder Stegreif lebt, wiewohl weniger in einem
Raubschlosse als Raubzimmer. Ich habe also seit dem Avancement weniger mich
gendert als mein Residenzschlo - das vterliche in Flachsenfingen ist
gegenwrtig mein eignes.
    Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Snden essen - wiewohl
man gemchlicher Zucker- und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot -, sondern ich
stelle, um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde, das ganze flachsenfingische
Departement der auswrtigen Angelegenheiten zu Hause im Schlosse vor samt der
erforderlichen Entzifferungskanzlei. Das will aber getan sein: wir haben einen
Prokurator in Wien - zwei Residenten in fnf Reichsstdten - einen
Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank - drei Kreis-Kanzlisten und
einen bevollmchtigten Envoy an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit
Hohenflie, welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist.
Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollstndiges Silberservice
vorgestreckt, das wir ihm lassen, bis er den Rappell erhlt, weil es unser
eigner Vorteil ist, wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem
flachsenfingischen Frstenhute oder Krnlein auswrts durch Aufwand mehr Ehre
macht als gewhnliche.
    Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spae da; die
ganze Legations-Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich,
die chiffre banal und die chiffre dchiffrant ist in meinen Hnden, und wie es
scheint, versteh' ich den Rummel. Unsglich ists, was ich erfahre - es wre
nicht zu lesen von Menschen, noch zu ziehen von Pferden, wollt' ich allen den
Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbrten, grofttern und abhaspeln,
den mir das Gesandten-Corpo posttglich in festen Dten schickt. Ja (in einer
andern Metapher) das biographische Bauholz, das meine Flinspektion fr mich
bald in die Elbe, bald in die Saale, bald in die Donau oben herabwirft, steht
schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze, da ichs nicht verbauen knnte,
gesetzt da ich die sthetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe,
Redoutensle und Zauberschlsser forttriebe Tag und Nacht, jahraus, jahrein und
weder mehr tanzte noch ritte noch sprche noch niesete....
    Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen
fremden Rogen abwge: so frag' ich ordentlich mit einem gewissen Unmut, warum
ein Mann einen so groen zu tragen bekommen, der ihn aus Mangel an Zeit und
Platz nicht von sich geben kann, indes ein andrer kaum ein Windei legt und
herausbringt. - Wenn ich ein Pikett aus meiner Legations-Division den
Ritterbchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken knnte: wrden
sie nicht gern Ruinen gegen Schlsser und unterirdische Klostergnge gegen
Korridore und Geister gegen Krper vertauschen, anstatt da ihnen jetzt aus
Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen, die Feimer
die Justizminister vertreten mssen, so wie die Schalken die Pagen, die
Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs? -
    Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurck. Am obgedachten
ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir - seiner
Nebenarbeiten unbeschadet - von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem
hohenflieischen Helden zu, als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder
Clairvoyants erwischen kann - die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug
fr eine Depesche. Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer
Gesandten, die nur fr Ereignisse, die nachher in die Universalhistorie
einrcken, Platz in ihren Berichten machen! - Hafenreffer hat in jeder
Sackgasse, Bedientenstube und Mansarde, in jedem Schornstein und
Wirtschaftsgebude seinen Operngucker von Spion, der oft, um eine Tugend meines
Helden auszumitteln, sich zehn Snden unterziehet. Freilich bei solchen Hand-
und Spanndiensten des Glcks mu es keinen von uns wundernehmen, ich meine
nmlich bei einem solchen Schpfrade, das mir Fortuna selber umdreht - bei
solchen Diebsdaumen, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet - bei
solchen Silhouetteurs eines Helden, die alles machen auer der Farbe - kurz bei
einer so auerordentlichen Vereinigung von Umstnden oder Montgolfieren kann es
freilich nichts, als was man erwartet, sein, wenn der Mann, den sie heben,
droben auf seiner Berghhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt,
das man (denn es verdients) nach dem Jngsten Tage auf der Sonne, auf dem Uranus
und Sirius frei bersetzt, und auf welches sogar der glckliche Posenschraper,
der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr
einbilden wollen als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense
noch der trge Zehn der Zeit - besonders da man dieses Gebi nach Erfordern mit
der Zahnsge der kritischen Feile entzweibringen kann - einzuschneiden vermgend
sind. Fgt der Verfasser solchen Vorzgen noch gar den der Demut bei: so ist ihm
niemand weiter zu vergleichen; aber leider hlt jede Natur sich, wie Doktor
Crusius die Welt, zwar nicht fr die beste, aber doch fr sehr gut.
    Der gegenwrtige Titan benutzt noch den andern Vorteil, da ich gerade den
vterlichen Hof bewohne und schmcke und mithin als Zeichner gewisse Snden
recht glcklicherweise nher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon
mir wenigstens der Egoismus, die Libertinage und das Miggehen gewi bleiben
und sitzen; denn diese Schwmme und Moose sete das Schicksal so weit, als es
konnte, in die hhern Stnde hinauf, weil sie in den niedern und breitern zu
sehr ausgegriffen und sie ausgesogen htten - welches das Muster derselben
Vorsicht gewesen Zu sein scheint, aus der die Schiffe den Teufelsdreck, den sie
aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hngen, damit sein Gestank nicht
die Fracht des Schiffraums besudle. - - Ferner hab' ich hier oben am Hofe jede
neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur
gelstert, geschweige gepriesen worden. Z.B. die schne Pariser Mode, da die
Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen - welches sie in
Paris tun, um sehen zu lassen, da sie nicht unter die Herren gehren, die
bekanntlich auf Steckenbeinen gehen -, diese wird (denn auf eine einzige Dame
kommt es an) morgen oder bermorgen gewilich eingefhrt. Doch ahmen die
Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach - denn uns Herren
fehlet nichts -, weil sie zu beweisen wnschen, da sie Menschen und keine Affen
(geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden
anhat. - Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend, nur mit hhern Grnden
gefhrt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt
als durch den Besitz eines Steies: so suchten damals die weiblichen
Kronbeamten, die Putzjungfern, an ihren Gebieterinnen diesen
Geschlechtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst - durch den sogenannten
cul de Paris - so sehr als mglich zu vergrern, und bei einer solchen
Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spa und ein
Spiel, eine Weltdame von ihrer ffin abzutrennen, welches jetzt viele, die ihren
Buffon auswendig knnen, in keiner grern Nhe sich getrauen wollen als in
einer zu groen. -
    hnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt' ich in mehrern
deutschen Stdten - mein Herr Vater bezahlts -, in den meisten einen, aber in
Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien ebensoviel in jedem
Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen,
womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse
vorfllt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintenfasse in
dunkle verbauete Haushaltungen - in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse
gefhrt - hell hinunterzusehen. Daher kann mir jede Woche der nrrische Fall
begegnen, da ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier und
dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist - dem aber heimlich einer meiner
Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des
Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreiig Meilen abliegende
Studierstube hineinspiegelt -, es kann mir der Fall aufstoen, sag' ich, da ein
solcher entlegner Mann zufllig vor den Ladentisch des Buchhndlers tritt und in
meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren,
Knpfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet,
als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrcke indischer Pflanzen antrifft.
Es tut aber nichts.
    Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Hfer
taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.
    Aber eben dieser Vorzug, da ich meine Geschichten nicht aus der Luft
greife, sondern aus Depeschen, ntigt mich, mehr Mhe anzuwenden, sie zu
verziffern, als andere htten, sie aufzuschmcken oder auszusinnen. Kein
kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare
Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die
Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem
solchen Glcke, da von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten,
mit Mutmaungen gefllten Brieffelleisen keines Muse merkte. (Und recht zum
Vorteil der Welt; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei
verzognen Namen der ersten Bnde des Titans auseinanderringelt, so sto' ich das
Dintenfa um und gebe nichts mehr heraus.)
    Aus den Namen ist bei mir nichts zu schlieen, weil ich die Paten zu meinen
Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z.B. nicht oft abends?
whrend dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzge
nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der
Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen,
die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie
fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen
Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine
stieg zum tafel- und turnierfhigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern,
und Rotmntel zu patribus purpuratis? - Und krhte je ein Hahn im ganzen Heere
nach diesem herumschleichenden, auf zwei Fen mobil gemachten
Observationskorps? -
    Fr Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzhlen und vermummen wollen,
bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flgelmann. Ich habe lnger als
andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine
Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen knnen, studiert und
imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von
Majesttsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen msse; keine
strkere Zge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder
Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein
lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurck.
    Voltaire verlangte mehr als einmal - wie bei allen Sachen; denn er gab der
Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte
sich und alles unverdrossen -, da der Historiker seine Geschichte nach den
Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt.
Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles
und griechische Muster geben, da der Schauspieldichter jeder historischen
Begebenheit, die er behandelt, alles leihen msse, was der poetischen Tuschung
zuschlgt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und da er Schnheit nie der
Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die
leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser groe Theaterdichter
des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und
Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewi sein konnte, er gelange eher
zur Tuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane
entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere - nmlich der
Lehnpropst und die Legationssekretre - knnen entscheiden, inwiefern ich eine
wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglck ists, da schwerlich je
die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst drfte mir
vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, da Kenner meine dichterischen
Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach
leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein
auf diesen Lohn tun alle knigliche Historiographen, skandalse Chroniker nolens
volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. -
    Aber unter dem Komponieren der Geschichte mu ein Autor auch darauf
auslaufen, da sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern
auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. fr einen schlimmen Frsten
einen Namen whle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und
regierten Hupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer fhrt; so
werden in Otaheiti sogar die Wrter, die dem Namen des Knigs hnlich klingen,
nach seiner Krnung ausgerottet und durch andere vergtet. Da ich sonst gar
keine jetzt lebende Hfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und
Nachtstcken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage
biographischer Hfe malte, es so zu treffen, da hnlichkeiten mit wirklichen
geschickt vermieden wurden; ja fr einen solchen Idioten wie mich war es sogar
ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung
der franzsischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen
wenigstens auf Lnder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den
Einflu gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie
Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse migestaltete Vlker aus
Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, da die meisten
hnlichkeiten mit Affen, der zurckgehende Schdel der Kalmucken, die
abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen Hnde in Karolina, gerade in Lndern
erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unhnlichkeiten
wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine
Legations-Flottille schifft, mir bekannt und also vor hnlichkeiten gedeckt,
besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenflieische
etc. Die Theatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des
griechischen Komdianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums
gebosselt war18, sondern die Maske des Nero, die, wenn er eine Gttin auf dem
Theater machte, seiner Geliebten hnlich sah19, oder wenn er einen Gott spielte,
ihm selber.
    Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die
Jobelperiode wars auch; je lnger der Johannistag eines Landes, desto lnger
seine Thomasnacht. - - Und nun lasset uns smtlich ins Buch hineintanzen, in
diesen Freiball der Welt - ich als Vortnzer voraus und dann die Leser als
Nachhopstnzer -, so da wir unter den lutenden Tauf-und Totenglckchen am
sinesischen Hause des Weltgebudes - angesungen von der Singschule der Musen -
angespielt von der Gitarre des Phbus oben - munter tanzen von Tomus zu Tomus -
von Zykel zu Zykel - von einer Digression zur andern - von einem Gedankenstrich
zum andern - bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder!

                              Zweite Jobelperiode


      Die beiden biographischen Hfe - die Sennenhtte - das Fliegen - der
 Haar-Verschlei - die gefhrliche Vogelstange - das in eine Kutsche gesperrte
Gewitter - leise Bergmusik - das Kind voll Liebe - Herr von Falterle aus Wien -
Tortursouper - das zersplitterte Herz - Werther ohne Bart - mit einem Schusse -
                                 die Vershnung


                                   10. Zykel

Mit jugendlichen Krften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern
durch das helle volle Mailand zurck, wo die hre und die Traube und die Olive
oft auf einer Erdscholle zusammen grnen. Schon der Name Mailand schlo ihm
einen Frhling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen,
Maikfern, sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an
der Kindheit selber. Dazu kam, da er ritt; der Sattel war fr ihn ein
Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank, und
jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und
krperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in helldunkle Schferwelten
als in heie staubige Kriegs-und Fechtschulen begeben will, die Aussicht in die
nahen Rtsel und Kmpfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen
voll Reise- und Frhlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem
Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege.
    Je weiter die Insel zurcktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die
nchtliche Erscheinung zu Boden und hinterlie ihm blo einen unerklrlichen
Gaukler aufgedeckt. Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen
Gefhrten. Schoppe und Augusti schttelten Kpfe voll Gedanken, aber jeder ber
etwas anders; der Bibliothekar suchte eine physikalische Auflsung des
akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte
gar nicht fassen, was der Schauspieldirektor dieser Totengrberszene eigentlich
mit allem haben wollen.
    Den einzigen Trost behielt der Bibliothekar, da Alban an seinem Geburtstage
dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe, die er nur - bleiben lassen
drfe, um aus dem Seher einen Myopen und Lgner zu fertigen: Wollte Gott,
(sagt' er) mir verkndigte einmal ein Ezechiel, da ich ihn an den Galgen
bringen wrde - ich tt' es um keinen Preis, sondern brchte ihn ohne Gnade
statt um den Hals um Kredit und Kopf. - Auch seinem unglubigen Vater schrieb
Albano noch unterwegs mit einigem Errten die unglaubliche Historie; denn er
hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zurckhaltung an sich oder
andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen
sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen Kopfe hngt gern ein
offnes Herz.
    Endlich kamen sie, da helle Berge und schattige Wlder genug, wie durchlebte
Tage und Nchte, hinter sie zurckgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit
Lndern gefllten Reitbahn, und das Frstentum Hohenflie lag nur noch ein
Frstentum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Tr- und Wandnachbar des
erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebude ausgebrochen werden
konnte, hie, wie geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzhlte dem
Bibliothekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen, da beide Hfe sich fast
als Blutfeinde anshen, nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wren - da
unter Frsten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen
Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter - als weil sie wirkliche
wren und einander beerbten. Es wrde mir zu viel Platz wegnehmen, wenn ich die
Sippschaftsbume beider Hfe - die ihre Gift- und Drachenbume wurden - mit
allen ihren heraldischen Blttern, Wasserschlingen und Flechtmoosen fr den
Leser hereinsetzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, da dem
haarhaarschen Frstentume hohenflieische Land und Leute zustrben, falls der
Erbprinz Luigi, der letzte hohlrhrige Schu und Fechser des Hohenflieer
Mannsstammes, verdorrte. Welche Herden von venezianischen Lwenkpfen Haarhaar
ins knftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte
Anzeigen und Wundzettel - und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern
es da wie in eine Botany-Bay aussetzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an
Zeit. Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav, da es nichts so
herzlich wnscht als den hchsten Flor des Hohenflieer Finanz-Etats, Handels,
Acker- und Seidenbaues und Gesttes und da es im hchsten Grade jede
ffentliche Verschwendung - diese Entnervung des groen Interkostal-Nervens (des
Geldes) - als das strkste kanonische Impediment aller Bevlkerung hasset und
verflucht: Der Regent (sagt der echt menschenfreundliche Frst von Haarhaar)
ist der Ober-Hirt, nicht der Schchter des Staats, sogar die Wollenschere nehm'
er nicht so oft als die Hirtenflte in die Hand; nicht ber fremde Krfte und
Ehen ist unser Vetter (Luigi) Herr, sondern ber seine, diese soll er
ruinieren! -
    Als sie ins Hohenflieische einritten, htten sie einen Abstecher nach
Blumenbhl20, das seitwrts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube
Albanos (Isola bella ist die Wiege) machen knnen, wenn dieser nicht
fortgeritten wre aus Heihunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem
zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die
Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nhe der Akademie
hatten an unserm Vogel Rok die Flgelfedern - die in seinem Alter zu lang sind,
wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz - so aufgespreizet, da sie im
enggehusigen Blumenbhl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja
etwas werden im Staate oder auf der Erde, weil ihn so tdlich jene narkotische
Wste des vornehmen Lebens anekelte, durch dessen Lilienopium der Lust man
schlfrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lhmungen umfllt.
    Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben - weils in
einer Note stand -, da Alban niemals nach Pestitz durfte, und zwar aus sehr
guten Grnden, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange
Torschlu der Stadt schrfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr. - Sie
standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhhe, wo sie die Pestitzer
Kirchtrme in Westen vor sich sahen und - wenn sie sich umkehrten - unten den
Blumenbhler Turm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes
Mittagsgelute her; Albano hrte seine Zukunft und seine Vergangenheit
zusammentnen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Huschen
auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne lngst ausgewischter
Tage nachglnzte; er seufzete; er blickte ber die weite Baustelle seines
knftigen Lebens und sprengte nun mit verhngtem Zgel nach den Lindenstdter
Trmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu. -
    Aber das nette Huschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus. Ach
hatt' er denn nicht in dieser Sennenhtte einmal einen trumenden Tag voll
Zuflle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der
Regenbogenbrcke der Phantasie trocknes Fues ber die Lachen und Mauern der
untern Erde wegschreitet? - Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche
Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zurckgehen und die frhern Stunden kennen
lernen, die ihm so schn mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhtte
nachklingen. -

                                   11. Zykel


Es war nmlich an einem herrlichen Jakobustage - und zugleich am Geburtstage des
Landschaftsdirektors Wehrfritz, der aber damals noch keiner war -, als dieser am
Morgen den Wagen herausschieben lie, um darin nach Pestitz zum Minister zu
fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhndler der Landschaft
versuchsweise in eine Semaschine umzustellen. Er war ein rstiger Mann, dem ein
Ferientag lnger wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile
machte als Kurzweile: Aber abends (dacht' er) mach' ich mir einen guten Tag,
denn es ist einmal mein Geburtstag. - Sein Angebinde sollte darin bestehen, da
er eines - machte; er wollte nmlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen
sterleinschen Flgel aus seinem eignen Beutel - so wenig darin war - und
obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen.
    Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste
auseinandersetzen?
    Don Gaspard hatte nmlich in der Revision des Erziehungswesens fr Albano
gewollt, da auf dessen krperliche Gesundheit mehr als auf die geistige
Superftation gesehen wrde; der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume
ablaktieret werden. Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens die
Weisheit auch mitgeopfert; und nur angeborne, nicht erworbne Krnklichkeit ist
Kopf und Herzen dienlich. Daher hatte Albano in seinem Bcherriemen nicht die
vielbndige Enzyklopdie aller Wissenschaften gebckt zu schleppen, sondern blo
Sprachlehren. Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nmlich der Rektor des
Orts - namens Wehmeier, bekannter unter dem Titel: Schachtelmagister - seine
schnsten Struveschen Nebenstunden, seine Otia und Noctes hagianae darin, da er
ihn unterwies und in die von innern Strmen angefate Mhlwelle des ewig regen
Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug. Freilich aber wollte
Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur; so wurde z.B. die
Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze; denn stundenlang versucht' er
auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts (er kannte
keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstcke auf dem fortbrausenden
Pedale fest) sich in den entsetzlichsten Mitnen, wogegen die Enharmonika aller
Piccinisten verstummen mu, senkte sich aber desto lnger und tiefer in den
zuflligen Treffer eines Wohllauts ein. - Ebenso arbeitete sich die saftvolle
Seele gleichsam in Laubknpfen, Holztrieben und Ranken aus und machte Gemlde,
Tongebilde, Sonnenuhren und Plane aller Art, und sogar in den juristischen
Felsen des Pflegevaters, z.B. in Fabris Staatskanzlei, trieb sie, wie oft
Kruter in Herbarien, ihre durstigen Wurzeln herum und ber die drren Bltter
hinaus. O wie schmachtete er (so wie in der Kindheit von Oktav- zu
Quart-Bchern, von Quart zu Folio, von Folio bis zu einem Buche so gro wie die
Welt - welches eben die Welt ist) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern! -
Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet, nur die Liebe befruchtet, nur der
Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aura seminalis fr das Orpheus-Ei der
Wissenschaften. Das bedenket ihr nicht, ihr Fluglehrer, die ihr Kindern den
Trank frher gebt als den Durst, die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen
Stengel der Blumen fertige Lackfarben, und in ihren Kelchfremden Bisam legt,
anstatt ihnen blo Morgensonne und Blumenerde zu geben - und die ihr jungen
Seelen keine stille Stunden gnnt, sondern um sie unter dem Stuben ihres
blhenden Weins gegen alle Winzer-Regeln mit Behacken, Bedngen, Beschneiden
hantiert. - O knnt ihr ihnen jemals, wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen
Organen in das groe Reich der Wahrheiten und Schnheiten hineintreibt, gerade
so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schne Natur einkriechen und
uns gegen sie abstumpfen, knnt ihr ihnen mit irgend etwas das groe Jahr
vergten, das sie erlebet htten, wenn sie ausgewachsen, wie der erschaffne
Adam, mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich
htten umherdrehen knnen? - Daher gleichen auch euere Eleven den Fupfaden so
sehr, die im Frhling vor allem grnen, spter aber sich gelb und eingetreten
durch die blhenden Wiesen ziehen. -
    Wehrfritz erneuerte, da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen
kehrte, wieder den Befehl der Aufsicht ber den jungen Grafen und machte die
Signatur, womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen, recht dick
auf diesem: er liebte das feurige Kind wie seines (er hatte nur eins, aber
keinen Sohn); - der Ritter hatte Vertrauen auf ihn, und um dieses zu
rechtfertigen, wrd' er, da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse
aller seiner Bewegungen war, sich ohne Bedenken, wenn der Knabe z.B. den Hals
gebrochen htte, seinen abgeschnitten haben; - auch sollte Albano abends vor dem
neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen.
    Albine von Wehrfritz, die Gemahlin, versprach alles hoch und teuer; sie
konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen, weil ihr heftiger
Mann die Gesellschafts-Tiere beider, die Tierknige Lwe und Adler, fters
reprsentierte, so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung
mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Matthus21. Sie hatte ohnehin
auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefrbter Ephemeren der
Freude ausgeschrieben; und zum grten Glck war schon vor einigen Tagen das
Diplom eingelaufen, das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte,
und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob.
    Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schlogarten, so trat Alban mit seinem
Projekte hervor und berichtete, er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen
Schiehuslein versitzen; denn er spielte gern allein, und ein elterlicher Gast
war ihm lieber als ein Spielknabe. Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli, der
(nach Lambergs Tagebuche) nichts so mied als das Wrtchen Ja; wenigstens sagen
sie es erst nach dem Nein. Die Pflegemutter (ich will aber knftig bei ihr und
der Pflegeschwester Rabette das verdrieliche Pflege wegstreichen) sagte ohne
Bedenken Nein, ob sie gleich wute, da sie noch keines gegen den Trotzkopf
durchgesetzt. - Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des
Landschaftsdirektors und hie ihn bedenken - dann schlug sich die rotbackige
gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit, ohne zu wissen warum - dann
beteuerte Albine, wenigstens das Essen soll' er nur nicht auf den Berg
nachgeliefert erwarten - dann marschierte er zum Hofe hinaus So stand ich schon
fters dabei und sah zu, wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem
Wegstemmen allmhlich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen. Nur in
Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein.

                                   12. Zykel


Unser Held war aus den kindischen Jahren, wo Herkules die Schlangen erdrckte,
in die gottestischfhigen getreten, wo er sie erwrmte unter der Weste, um sie
in sptern wieder zu kpfen. Jubelnd schlugen drauen - sie flogen nebeneinander
- sein neuer und sein alter Adam die Flgel auf unter einem blauen Himmel, der
gar keinen Ankergrund hatte. Was kmmerte ihn die Mahlzeit? Alle Kinder tragen
vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flgeln, wie auch den
Schmetterlingen jener einschrumpft, wenn ihnen diese aufgehen. Die oftgedachte
Sennenhtte oder das Schiehuslein war nichts Geringers als ein Schiehaus mit
einer Wachtstube fr eine abgedankte Soldatenfrau, mit einem Schiestand im
untern Stock und mit einem Sommerstbchen im obern, worin der alte Wehrfritz in
jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschieen haben wollte, es aber nie
hatte, weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube, wie andere im Tafelzimmer,
entmastete und abtakelte. Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum
zehntenmal wieder herlockt, um sie blo zum eilften wieder abzuprgeln; und ob
Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschfte und Verdienste verschwur
- weil ein redlicher Mann wie er am Staatskrper berall so viel wie an denen
antiken Statuen zu ergnzen findet, wovon nur noch die steinerne Draperie
geblieben -: so kannt' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen
als eine noch hhere Ruderbank, und er strebte jetzt vor allen Dingen,
Landschaftsdirektor zu werden.
    Die deutschen Hfe werden das Ihrige dabei denken, da ich ihnen die
folgende Knaben-Idylle anbiete. Mein schwarzugiger Schfer lief gegen die
Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlssel
zum weigrnen Sommerkabinett. Beim Himmel! als alle stliche und westliche
Fensterladen und Fenster aufgestoen waren und der Wind von Osten bltternd
durch die Akten und khlend durch den Stuben- Schwaden strich - und als auen
Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahen - als Albano
unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden
Bache beschauete, auf welchem alle Glimmerscheiben, die die Sonne wie Steinchen
schief anwarf, auf der Bergseite hinausfuhren - als er vor dem westlichen
Fenster hinter Hgeln und Wldchen den Schwibbogen des Himmels, den Berg vor der
Lindenstadt sah, der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schlief - als er
sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte: Das ist sehr prchtig!: so
wurden seine Lustbarkeiten im Stbchen am Ende so glnzend, da er hinausging,
um sie drauen noch hher zu treiben.
    Die Gttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchsthle zu
haben. - Die rstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Grtlein
Frherbsen und warf zuweilen einen Erdenklo in den Kirschbaum unter die
geflgelten Obstdiebe, und bego wieder unverdrossen die neue Leinwand und den
verpflanzten Salat, und lief doch willig zum kleinen zehnjhrigen Mdchen, das,
von Blattern erblindet, auf der Trschwelle strickte und nur bei gefallnen
Maschen sie als Maschinengttin berief. Albano stellte sich an den uersten
Balkon des sich lieblich-aufschlieenden Tals, und jeder Windsto blies in
seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an, da er mchte fliegen knnen.
Ach, welche Wonne, so sich aufzureien von dem zurckziehenden Erdenfublock und
sich frei und getragen in den weiten ther zu werfen - und so im khlen
durchwehenden Luftbade auf- und niederpltschernd, mitten am Tage in die
dmmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche, die unter ihr
schmettert, zu schweben - oder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Stdte
nur wie figurierte Stufensammlungen, und lange Strme nur wie graue, zwischen
ein Paar Lnder gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hgel nur in kleine
Farbenkrner und gefrbte Schatten eingekrochen zu sehen - und endlich auf eine
Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenberzustellen
und dann aufzufliegen, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der
Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich,
wenn sich der Erdball darberwirft, trunken in den Waldbrand aller roten Wolken
hineinzuflattern! ...
    Woher kommt es, da diese krperlichen Flgel uns wie geistige heben? Woher
hatte unser Albano diese unbezwingliche Sehnsucht nach Hhen, nach dem
Weberschiffe des Schieferdeckers, nach Bergspitzen, nach dem Luftschiffe,
gleichsam als wren diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager? Ach du lieber
Betrogener! Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den
Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die uere Erhebung mit der
innern und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach! - Denn dieselbe
Kraft, die vor groen Gedanken unser Haupt und unsern Krper erhebt und die
Brusthhle erweitert, richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Gre
den Krper auf, und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche, ja an
demselben Bande, woran die Seele den Leib aufzieht, mu ja auch dieser jene
heben knnen.
    Wenigstens flog Albano zu Fu den Berg hinab, um mit dem Bache fortzuwaten,
der in die weigrne Birken-Holzung, sich abzukhlen, flo. Schon fters hatt'
ihn seine Robinsonaden-Sucht nach allen Strichen und Blttern der Windrose
fortgeweht; und er ging gern mit einer unbekannten Strae ein hbsches Stck
Weg, um zu sehen, welchen sie selber einschlage. Er lief am silbernen
Ariadnens-Faden des Baches tief ins grne Labyrinth und wollte durchaus unter
die Hintertre des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen - er
gelangte nicht darunter - die Birken wurden bald lichter, bald dsterer, der
Bach breiter - die Lerchen schienen drauen in hoher Ferne ber ihm zu singen -
aber er bestand auf seinem Kopf. Die Extreme hatten fr ihn von jeher
magnetische Polaritt - wie die Mitte nur Indifferenzpunkte -; so war ihm z.B.
auer dem hchsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste, und der
krzeste Tag so willkommen als der lngste, aber die Tage nach beiden fatal.
    Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hrt' er
hinter den lichtern Birken und hinter einem strkern Rauschen als des Baches
seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen fters leise und lobend nennen. Jetzt
galoppierte er, gleichgltig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens, keuchend
wieder zurck - sein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt, aber
schreiend - seine heimliche Schutzheilige, die Kastellanin der Senne, tat
seinetwegen diese Notschsse unten am Berge.
    Er kam hinauf, und die runde Tafel der Erde lag hell und
sonderbar-erweichend um sein durstiges Auge. Wahrhaftig die weite Ferne samt der
Mdigkeit mute den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen
Lnder und Zeiten erinnern und ihn damit wehmtig machen, als so die mit roten
Dchern buntgefleckte Landschaft vor ihm ihre weien leuchtenden Steine und
Teiche wie Licht-Magnete und Sonnensplitter auslegte - als der lange graue
Straendamm nach Lindenstadt, deren Prospekte im Sommerstbchen hingen und wovon
zwei Turmspitzen oben aus dem Gebirge keimten, vor ihm die fernen Wanderer
hinauftrug in die fr ihn geschlossene Stadt - und als ja alles nach Westen
flog, die vorbeizischenden Tauben, die ber die Saaten wogten, und die
Wolkenschatten, die leicht ber hohe Grten wegliefen Ach das jngste Herz hat
die Wogen des ltesten, nur ohne das Senkblei, das ihre Tiefe misset! - - Das
gelehrte Deutschland macht sich, merk' ich, seit mehrern Zykeln auf groe Fata
und Fatalitten gefat, die diesem Sennentage meines Helden die ntige Wrde
geben; ich, der sie am ersten wissen mte, wei gegenwrtig noch von keinen.
Aus der Kindheit - ach aus jedem Alter - bleiben unserm Herzen oft Tage
unvergnglich, die jedes andere vergessen htte; so ging dieser nie aus Albanos
seinem. Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres
Aufblicken des Bewutseins verewigt; in Kindern, zumal solchen, wie Zesara ist,
dreht sich das geistige Auge weit frher und schrfer nach der Welt innerhalb
der Brust, als sie zeigen und wir denken.
    Jetzt schlugs ein Uhr im Schloturme. Der geliebte nahe Ton, der ihn an
seine nahe Pflegemutter - und an das versagte Essen erinnerte - und der Anblick
der kleinen Blinden, die schon ihren Holzzweig vom Brotbaum oder ihr drres
Renntiermoos in Hnden hatte - und der Gedanke, da doch heute der Geburtstag
des Pflegevaters sei - und die unsgliche Liebe fr seine gekrnkte Mutter, der
er oft pltzlich einsam an den Hals fiel - und sein von der Natur betauetes Herz
machten, da er zu weinen anfing. Aber der Trotzkopf ging darum nicht nach
Hause; nur die lplerin war ungeheien fortgelaufen, um der suchenden Mutter den
Flchtling zu verraten.
    Er wollte in dieser Mittagsstille der kleinen blinden Lea, auf deren Gesicht
ein sanftes weiches Zugwerk durch die Punktation der Blattern leserlich
durchlief, einige Worte oder doch den langen Stecken, womit sie die Tauben von
den Erbsen und die Spatzen von den Kirschen treiben mute, mitarbeitend
abgewinnen; aber sie drckte schweigend den Arm fest auf die Augen, blde vor
dem vornehmen jungen Herrn. Endlich brachte die Frau das Gericht fr den
verlornen Sohn und von Rabetten noch dazu ein Riechflschchen voll Dessert-Wein.
    Albine von Wehrfritz gehrte unter die Weiber, die, ungleich den Staaten,
nur ihr Versprechen halten, aber keine Drohung die den nrnbergischen
Forstmtern gleichen, welche auf den kleinsten Waldfrevel eine Strafe von 100
Fl. setzen und in derselben Stunde sie auf 100 Kreuzer moderieren22 - die aber
ihre Gesetze, wie Solon seine auf 100 Jahre, nach Verhltnis ihres kleinern
Staats doch auf 100 Sekunden hinaus geben.

                                   13. Zykel


Ich wrde mehr aus Albanos Gedchtnismahl machen, das er wie ein Erwachsener im
Stbchen tranchieren und mit seiner Hausgenossenschaft teilen und wozu er sich
selber einschenken konnte, ging' ich nicht wichtigern Begebnissen entgegen, die
whrend dem Zurcktragen des Tafelgeschirres vorfielen. Albano ging hinaus,
indem das ganze Meer seines Innern vom Wein und vom Vormittage phosphoreszierend
leuchtete, und der blaue Himmel flatterte heftiger wehend um ihn - er hatte das
Gefhl, als sei der Morgen schon seit langem vorber, und er erinnerte sich
desselben mit weicher Regung, wie wir uns alle in der Jugend der Kindheit, im
Alter der Jugend, sogar abends des Morgens -, und die Bilder der Natur rckten
nher heran und bewegten ihre Augen wie katholische. So bringt uns die Gegenwart
nur Bilder zu optischen Anamorphosen, und erst unser Geist ist der erhabne
Spiegel, der sie in schne Menschen-Formen umstellet. Mit welchem sen
Untertauchen in Trume tat er, wenn er dem stlichen Wehen entgegenging, die
Augen zu und zog das Getse der Landschaft, das Schreien der Hhne und Vgel und
eine Hirtenflte gleichsam tiefer in die verschattete Seele hinein! Und wenn er
dann am Gestade des Berges die Augen wieder ffnete, so lagen friedlich drunten
im Tale die geweideten weien Lmmer neben dem Fltenisten, und oben am Himmel
lagerten sich die glnzenden Lmmerwolken ber sie hin!
    Inzwischen mocht' ers einmal versehen und blind zu weit in das Grtchen -
die Blinde sah ohnehin nicht - tappen, die Arme offen voraushaltend, um sich
nichts auszustoen; - als an seiner Brust eine zweite anlag, und er aufsehend
das bebende Mdchen so nahe an sich fand, das seitwrts abgebogen stammelte:
Ach nein, ach nein! - Ich bins nur, (sagte der Unschuldige, sie fassend)
ich tue dir ja nichts - Und er hielt sie, als sie demtigfurchtsam vertrauete,
noch ein wenig fest und schauete auf den gebckten Kopf mit ser Regung nieder.
    Herzlich gern htt' er der Erschreckten Schmerzengelder und Benefiziate in
dieser Komdie fr die Armen gegeben; er hatt' aber nichts bei sich, bis ihm zum
Glck seine Schwester Rabette - von welcher Bandagistin er irrig schlo, da
mehrere Mdchen des Teufels auf Bnder sind und sie wie Taschenspieler
verschlingen, aber nicht wiedergeben - und sein neues Zopfband einfiel. Er
spulte freudig das lange seidne Wickelband von seinem Kopf an ihren. Aber die
liebliche Nachbarschaft, das Flechtwerk eines feinern innern Bandes, und die
Sigkeit zu geben und das Vivace seines angebornen bermaes machten, da er
ihr gern das Dresdner grne Gewlbe in die Schrze gegossen htte; als ein
Schnurrjude mit seinem kleinern seidnen auf dem Magen und mit einem Sack voll
eingekaufter Haare auf dem Rcken die Pestitzer Strae hinzog. Der Jude lie
sich wohl herrufen, aber nichts ableihen, trotz allen ausgestellten Wechseln auf
Eltern und Taschengelder. Ach ein herrliches rotes Haubenband htte Leas blinden
Augen so gut wie eine rote Aderlabinde der Wunde getan! Denn eine blinde Frau
putzet sich so gern als eine sehende, sie mte denn eitel sein und mehr sich im
Spiegel gefallen wollen als andern auer demselben. Der Handelsmann lie gern
das Band von ihr befhlen und sagte, er handle auf den Drfern Haare ein, und
gestern htten ihm die Wirtskinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen
Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrmelt, und wenn ihm die junge Herrschaft
ihr braunes Haar bis an das Genicke ablassen wolle, so solle sie das Band und
einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der wrzburgischen Fabrik auf der
Stelle dazu haben. - Was war zu tun? Das Band war sehr rot - Lea wars vor
Hoffnungen - der Jude sagte, er packe ein - der Haarzopf lief ohnehin bisher wie
ein zweites Rckgrat ber das ganze erste hinab und wurde fr Alban durch das
langweilige Einwindeln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines
Feuers - - Kurz der arme Rupfhase trat dem Juden die kniglich-frnkische
Insignie ab und schnallte die wrzburgische Scheide an.
    Und nun schttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem
ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht: Das Band ist dir
wohl recht lieb, du armes blindes Ding! Jetzt bestieg der unaufhrliche Mzen
gar den Kirschbaum, um droben fr Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die
Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster- und
Fruchtschnre von letztern herunterzuwerfen.
    Beim Himmel! droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche
Wolfskirschen auf den Kopf des Knaben zu wirken; wie die Erde ihre finstern
Mittelalter hatte, so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter
Kapuzinaden und Gickse. Auf den hohen sten schimmerten ihn die wachsende
Landschaft und die auf die Berge niederfallende Sonne und besonders die
Pestitzer Turmspitzen so himmlisch an, da er sich jetzt nicht Hheres denken
konnte als die - Vogelstange neben ihm und keinen glcklicher-thronenden
Kron-Adler als einen auf der Stange....
    Aber nun bitt' ich smtliche Leserinnen, entweder in das Schiehaus
einzutreten oder sich mit der Soldatenfrau daraus die fortluft und den Frevel
der gndigen Frau anzeigt - mit wegzumachen, weil wenige von ihnen es neben mir
aushalten, da unser Held, der Stammhalter des Titans, von einigen
Pachters-Knechten - denen noch dazu Albine das Remarsch-Reglement seines
eiligern Kommens mitgegeben - auf ein Querholz, das unterhalb des Hakens der
Vogelstange eingefuget ist, festgesetzet und, mit dem Unterleibe an diese
angebunden und so in der Luft waagrecht liegend, allmhlich durch den weiten
Bogen aufgehoben und mitten im luftigen Himmel aufgestellet wird. Es ist arg;
aber die Knechte konnten den Bitten seiner mchtigen Augen, seinem malerischen
Willen und Mute und den angebotnen Rekompensen und Krnungsmnzen unmglich
widerstehen, und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel.
    Ich bin dir doch gut, Kleiner, trotz deinem starren, zwischen Kopf und Herz
gebauten Wagehals! Deine monstrsen Barock-Perlen von Krften wird die Zeit, wie
im grnen Gewlbe Knstler physische Perlen, schon noch zum Bau einer schnen
Figur verbrauchen!
    Die Reichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ, die sich
zugleich ber die Ereignisse ausbreitet, welche auf dem Berge vorfielen, als der
Schachtelmagister und der Landschaftsdirektor zufllig zur besetzten Vogelstange
kamen, soll ungesumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben.

                                   14. Zykel


Der Magister Wehmeier, der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des
Vogels nicht erklren konnte, hatte sich heraufgemacht und sah nun zur
Kreuzeserhhung des Zglings hinauf. Er strzte anfangs ins Plongierbad des
Eis-Schauders ber die Khnheit, aber er stieg bald aus ihm heraus unter das
Tropfbad des Angstschweies, den an ihm der Gedanke ansetzte, in jeder Minute
falle der Eleve herab und zerschelle in 26 Trmmer, wie Osiris, oder in 30, wie
die mediceische Venus: Und das jetzt, (dacht' er hinzu) da ich den jungen
Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre an ihm erlebte. Daher filzte
er nur die Hebemaschinisten, aber nicht den Hochwchter aus, weil zu besorgen
war, unter dem Verantworten rutsch' er droben aus. Den optischen Wagen, mit
welchen der Teufel den im Angstkreise befestigten Magister zu berrennen drohte,
kam endlich ein wahrer nachgefahren, worin der knftige - Landschaftsdirektor
sa. Ach lieber Gott! - Der Direktor schpfte ohnehin allezeit beim Minister die
ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein, blo weil er dort artigere und
stillere Kinder vorfand, ohne doch zu bedenken - wie hundert Vter, die hier mit
angefahren werden mssen -, da Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser
prsentieren, als sie sind, und da ihnen berhaupt das Stadtleben statt der
hckerigen dicken Borke des Dorflebens die glatte weie Birken-Folie berlege,
indes sie am Ende, wie ihre Eltern und Hofleute, nur gleich Kastanien an der
Auenschale abgeschliffen, innen aber verdammt borstig anzufhlen sind. So gewi
werden den feinsten Mann vom Lande immer wenigstens Prinzen und Minister
berlisten, die zehn Jahr alt sind, - gesetzt auch, er nehm' es leichter mit
ihren Vtern auf.
    Als Wehrfritz seinen Pflegesohn auf dem Schreckhorne horsten sah und den
Schachtelmagister unten, der hinaufschauete: so bildete er sich ein, der
Instruktor hab' es veranstaltet, und fing laut an, ihm aus dem zugesperrten
Wagen einen kleinen Himmel voll Donnerwetter und Donnerschlge auf den Hals zu
fluchen. Der verfolgte Wehmeier fing auf dem Berge auch an, laut zum
Schreckhorne hinaufzuzanken, um dem Direktor darzutun, da er seines Amtes warte
und mit dem Hammer des Gesetzes als mit einem bildenden Tiefhammer so gut wie
einer am Zgling schmiede. Die Soldatenfrau rang die Hnde - die Knechte
stellten sich zur Kreuzesabnehmung an - der arme glhende Kleine zog sein Messer
und rief herab: er schneide sich gleich los und werfe sich hinab, sobald einer
jetzt die Stange niederlasse. Er htt' es auch getan - und sein Leben und
meinen Titan frhzeitig ausgemacht -, blo weil er die Schande der vterlichen
Real- und Verbal-Injurien vor so vielen Leuten - ja im Wagen sa gar ein fremder
Herr - rger noch als Selbstmord und Hlle floh. Allein der Direktor, selber
voll Tollkhnheit und doch voll Ha derselben am Kinde, lie es darauf ankommen
und rief entsetzlich nach dem Bedienten, der den Schlssel zur Wagentre hatte;
er wollte heraus und hinauf. Er war unbeschreiblich erboset, erstlich, weil er
hinten dem Wagen einen sterleinschen Flgel als Angebinde des heutigen
Freudentages aufgebunden - ach Albano, warum hren deine Freuden wie die
Schleifer eines Bierfiedlers mit einem Mitone auf? -, und zweitens, weil er
drinnen einen Sing-, Tanz-, Musik-und Fecht-Meister aus dem polierten glnzenden
Ministers-Hause fr Albano neben sich auf dem Polster als Zuschauer der
Debutrolle sitzen hatte. Gottlieb sprang vom Bocke vor die Wagentre, fuhr
fluchend durch alle Taschen, der Wagenschlssel war in keiner. Der inkarzerierte
Direktor arbeitete im Tierkasten wie ein wedelnder Leopard, und sein Grimm
sprang, wie ein Lwe, den ein Jger nach dem andern anschieet, gegen den
dritten an. Alban sgte auf allen Fall im Stricke hin und her. Der
Schachtelmagister war am besten dran; denn er war halbtot und vernahm hinter
seinem in saurem Angstschweie geronnenen kalten Krper wenig mehr von der
Auenwelt, sein Ich war fest und gut wie Schnupftabak in khles Blei verpackt. -
    Ach mit dem gengstigten Knaben leid' ich strker, als s' ich mit auf der
Stange; seinem rhrend-edlen Angesichte mit der feingebogenen Nase wirft die
westliche Aurora und die Scham den Purpur ber, und die tiefe Sonne hngt sich
kssend an seine Wangen, gleichsam an die letzten und hchsten Rosen der dunkeln
Erde; und er mu die trotzig-blickenden Augen von der geliebten Sonne und von
dem Tage, der noch auf ihr wohnt, und von den beiden Lindenstdter Turmknpfen,
die zu ihren Seiten glimmen, wegziehen und die krftig-gezeichneten und
scharfwinklichten Augenlider, welche Dian mit den zu heroischen und
durchgreifenden am Christus-Kinde der aufsteigenden Madonna von Raffael
verglich, bange auf den schwlen Zank des tiefen Bodens niederschlagen.
    Gottlieb trieb mit aller Mhe den Wagenschlssel nicht auf, denn er hatt'
ihn in der Tasche und in der Hand und wollt' ihn aus Schonung fr den jungen
Herrn, den die ganze Dienerschaft so frelieb hatte wie den Kegelplatz, nicht
gern herausgeben. Er votierte auf das Herholen des Schlossers, aber der Kutscher
berstimmte ihn mit dem Rate, lieber gleich vor die Werkstatt hinzufahren - und
schnauzte die Pferde an- und fuhr den inhaftierten Kontroversprediger in seiner
Kanzel mit dem aufgepackten sterleinschen Flgel im Trabe davon. Das wenige,
was der Bombardeur unter Gottliebs Aufsitzen noch aus dem Wagen werfen konnte,
bestand darin, da er ein Fenster einstie und aus der Schie-Scharte noch
einige der ntigsten nachbrennenden Schsse zum Unglcks-Vogel auf der Stange
hinauftat.
    Jetzt bekam der Magister seinen Mut und rger wieder, und er gebot khn das
Herunternehmen des Absaloms. Indem das Kind mit der Sitzstange vor ihm
vorbersank, legte er die fnf Schneidezhne der Finger wie ein Rostral in die
Kopfhaut und rastrierte damit am Hinterkopfe herab, in der Absicht, die krumme
Linie des Haars spielend dadurch zu rektifizieren, da ers mit seiner Hand wie
mit dem Frosch eines Fiedelbogens mig anzog, als er zu seinem Erstarren meinem
Helden den wrzburgischen Zopf wie eine Schwanzfeder ausri.
    Wehmeier besah staunend die cauda prendensilis (den Wickelschwanz), und
durch seine auf den kleinern Fehler gelenkte Aufmerksamkeit gewann Albano dabei
soviel wie Alcibiades bei dem abgehackten Schweife seines - Robespierre. Der
Magister dankte Gott, da er heute nicht mit dem alten Wehrfritz soupieren
durfte, und schickte verblfft ihn mit dem Vexierzopfe nach Haus.

                                   15. Zykel


Die gutherzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehegemahl allen brennenden
Stoff (da die Vitriolnaphtha seines Nervengeistes schon von weitem Zornfeuer
fing) weggerumt, damit nichts ihre Lustschlsser in Brandsttten der Freude
umkehrte ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Rabette
ein vorbeiziehendes Orchester aus Bergknappen ins Kabinett der Tafelstube
versteckt - und fr Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht
ausgesonnen, worin er ihm die Vokation der Landschaft berreichen sollte - ach
was hatte aber die Frau davon als Flammen, die der eintretende Wehrfritz
auswarf, indes er wie ein Kamel in seinem Magen noch einen kalten langen
Wasserstrahl fr das Anspritzen des Magisters aufhob! -
    Albine, die, wie die meisten Weiber, das mnnliche Steinigen mit
Gallensteinen fr die 50 Pfd. Passiersteine nahm, die einem Passagier auf der
Ehepost frei passieren, gab ihm anfangs, wie immer, heiter recht und verbarg
jede Zhre des Unmuts, weil kaltes Besprengen Mnner und Salat verhrtet - dann
nahm sie das Recht stufenweise zurck - macht' aber den Tadel erst auf ihrer
Zunge mild, wie die Wrterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen -
und sagte zuletzt, er solle das Kind nur ihr berlassen.
    Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrfritz zu einem
apokalyptischen Drachen, zu einem Tiere von Gevaudan und Wtriche auf; - und er
ist doch nur ein Lamm mit zwei Hrnchen. - Hatt' er nicht an seinem Geburtsfeste
im Karrenjahre seines frnenden Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten
Abend, wenigstens bei einem Kinde, das er strker liebt als seines und fr das
er einen Flgel und Lehrer aufgeladen? Und hatt' er ihm - ob er gleich selber
zuviel wagte und ausdauerte - es nicht hundertmal verboten, ihm nachzuahmen und
sich auf Pferde oder in Sturmwinde, in Platzregen und Schneegestber zu setzen?
- Und kam er nicht vom pdagogischen Knutenmeister, dem Minister, her, dessen
Erziehungsanstalt nur eine lngere Realterrition und krzere Verdammnis war? Und
macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger, der Anblick milder hingegen
nicht milder? -
    Albano begegnete zuerst Rabetten, mit seiner ledernen Hinterachse in der
Hand, auf seinem trotzigen Wege zum Studierzimmer des Vaters und also zur
Regimentsstrafe vom rechten Revolutionstribunale. Aber sie fing ihn von hinten
mit dem englischen Grue: Bist du da, Absalom? und setzte ihn gewaltsam nieder
- und band ihm, nach dem ntigen Erstaunen und Erfragen, die Hohl-Ader der Haare
knapp und unsanft an - und zeigte ihm den Stowind des vterlichen Zorns im
furchtbaren Lichte - und die Windstille des musikalischen Bergdepartements
wieder im lcherlichen, das neben der Tafelstube, dieser Renn- und Wildbahn des
hin- und herlaufenden Direktors, pausierend Friedenszeiten abwarte - und entlie
ihn mit einem Kusse, sagend: Du dauerst mich, Schelm!
    Er marschierte mit einem Trotze, den das spannende Haar verstrkte, ins
Tafelzimmer. Aus den Augen! sagte der funkelnde Sturmlufer. Alban trat sofort
aus der Tre zurck, zornig ber den ungerechten Zorn und eben darum weniger
betrbt ber den ungesunden, da sein Wohltter heftig an dem fr den Geburtstag
gedeckten Tische auf- und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte
Kalkgrube seines Zorns mit Wein ablschte.
    Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft
mimutig und in brummende Kontrabassisten verwandelt, gegangen. Es war ihnen im
trocknen Kabinett die Zeit lang geworden, daher hatten der Bassonist und der
Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen. Der Direktor, der
nicht begreifen konnte, was ihn immer fr ein verlornes Getne umfliege, nahms
lange fr melodisches Ohrenbrausen, als pltzlich der Hammermeister des
Hackbretts seinen musikalischen Fustel auf die besaitete Tenne fallen lie.
Wehrfritz ri den Augenblick die Tre auf und sah das ganze musikalische Nest
und Komplott bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen; - er fragte sie
hastig: was sie im Kabinett zu suchen htten und befahl sogleich nach einer
flchtigen Gabe der ganzen Besatzung, ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen
Tndelschrzen und culs de Paris abzuziehen.
    Albine winkte mit einem sanften Gesicht den gechteten Liebling ins
Nhzimmer, wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte, weil sie wute,
er lge nie. Nach der Berichtserstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler
(wiewohl sie dem gegenwrtigen Kinde ebenso gegen den abwesenden Mann unrecht
gab, wie vorhin dem gegenwrtigen Manne gegen das abwesende Kind) und mehr die
Folgen vor - sie zeigte (dabei machte sie ihm das Halstuch auf und um und einige
Westenknpfe zu), wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachten zweiten Schulkonsul
mit 24 Faszibus, dem Musik- und Tanz-Meister Herrn v. Falterle, der sich droben
umkleide, in Albanos Seele schme - wie der Tanzmeister es wohl gar an Don
Gaspard schreiben werde - und wie ihrem guten Manne der ganze se bemalte
Gelee-Apfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden, und er sich gerade an
einem solchen feierlichen Tage einsam hrme und vielleicht den Tod hole vom
Trunke auf den Zorn. Die Weiber stimmen gewhnlich, wie Harfenisten, mit
geringen Futritten die ganzen Tne der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um.
- Nachdem sie ihm noch die vterlichen Abendgewitter vorgerechnet, die er immer
durch sein Reiten und durch seine Robinsonschen Entdeckungsreisen ber sich
hergezogen und deren Schlge nur immer den Wetterableiter (sie selber)
zerschmolzen htten: so setzte sie mit jener rhrenden, nicht aus der knchernen
Kehle, sondern aus dem wallenden Herzen flieenden Stimme dazu: Ach Alban, du
wirst einst an deine Pflegemutter denken, aber zu spt und weinte recht sanft.
    Bisher waren in ihm die strengflssigen Schlacken und der geschmolzene Teil
seines Herzens nebeneinander aufgewallet, und der warme Gu war hher und heier
im Busen emporgedrungen, nur das Gesicht war kalt und hart geblieben - denn
gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zerflieung den Anschein und die
Anlage der Verhrtung am meisten, wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen
gefriert -; aber jetzt ri er sich durch das Ziehen am zu dicht angegrteten
Zopfe, welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war, das wrzburgische
Anhngsel im Krampfe der Ergrimmung ber sich heraus. Eh' Albine es sah, hatte
sie ihm die Direktorats-Bestallung mit den Worten gereicht: Kaum sollt' ich;
aber brings ihm nur und sage, es wre mein Angebinde, und du wolltest knftig
ganz anders sein. - Allein da sie seine Hand bewaffnet sah, fragte sie
erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit:
Alban? und kehrte sich sofort vom armen Kinde, dessen Schmerz sie miverstand,
mit zu bittern Trnen weg und sagte: Was ist denn das wieder? - O wie qult ihr
heute alle mein Herz! - Geh fort! - O komm her (rief sie ihm nach) und
erzhl die Umstnde! Und als ers unschuldig und wahr getan hatte, so konnte
ihre von Trnen berwltigte Stimme nicht mehr tadeln, sondern nur milde sagen:
Trage denn das Angebinde hin! Dennoch hatte sie vor, beim Manne die
Abbreviatur des Haars fr einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode
der vornehmen Stadtkinder auszugeben.
    Alban ging, aber auf dem harten Wege zersprangen die gefllten Trnendrsen
und das angehaltene Herz, und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen
Pflegevater, der den mden und sinnenden Kopf aufsttzte, und reichte ihm weit
voraus das grogesiegelte Schreiben hin und konnte nur sagen: Das Angebinde
und weiter nichts und Funken sprangen mit den Gewittertropfen aus den heien
Augen. Lege dich, Unschuldiger, leise an des Vaters aufgeknpfte Brust und lasse
dich von seiner Linken, indem er den Zauberkelch der Ehre mit der Rechten hlt
und sich aus ihm betrinkt, durchaus nicht wegstemmen! Die abtreibende Hand wird
endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feuerwangen und warmen
Augen voll Bue zu pulsieren kommen - dann wird der Alte das Dekret noch
langsamer wieder berlesen, fast um den ersten Laut zu verschieben - dann wird
er, wenn du unbeschreiblich-ungestm seine Hand in dein kssendes Angesicht
eindrckest, sich stellen, als wach' er eben auf, und wird salpeter-kalt sagen
mit Schimmern der Augen: Rufe die Mutter! - und dann wird er, wenn du dein
glhendes, von Liebe zuckendes Gesicht unter den herbergefallnen Haaren gegen
ihn aufhebst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwangen zurckschlagen,
seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschauen und aus seinen Augen
etwas wegstreifen, damit er die Adresse des Diploms so berlaufen knne, wie er
will.....
    Sag, Albano, hab' ich recht geraten?

                                   16. Zykel


Jede Ehrensule erhebt das Herz eines Mannes, den man daraufstellt, ber den
Brodem des Lebens, ber die Hagelwolken der Drangsale, ber den Frostnebel der
Verdrielichkeit und ber die brennbare Luft des - Zorns. Ich will das
Zauberblatt einer gnstigen Rezension einem knirschenden Werwolfe vorhalten; -
sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwnzchen vor mir; und
knnte eine Frau ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches
Trompeterstckchen auf Famas Trompete vorblasen, er wrde einem Engel und sie
jenem Bierfiedler gleich, der im Brenfange den Saul von Petz durch Tanzstcke
besnftigte.
    Wehrfritz kam als ein neugeborner Seraph Albinen entgegen und erzhlte die
Ehre. Ja um die Explosionen seines tna ihr abzubitten, sagte er nicht, wie
sonst: nolo episcopari, er sagte nicht, eine unersteigliche Bergkette von
Arbeiten setze sich jetzt um ihn fest - sondern statt dieses verlegnen
Zurckziehens der Hand vor dem ausschttenden Fruchthorne des Glcks, statt
dieser jungfrulichen Bldigkeit des Entzckens, die Gattinnen gemeiner ist,
legt' er die Herzhaftigkeit einer Witwe an den Tag und sagte Albinen, ihre
Wnsche des heutigen Morgens wren schon zu Gaben geworden - und fragte, wo denn
der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der
Tanzmeister, den jener gar noch nicht gesehen htte, und Rabette und alles
steckte.
    Aber Albine hatte dem Magister schon lngst durch Albano die Einladung und
das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen. Wehmeier
a eigentlich mit dem grten Widerwillen bei einem Edelmanne, blo weil er wie
ein speisender Akteur des Tisches mit Reden, savoir vivre, Aufpassen, Halten
aller Gliedmaen und Spedieren aller Ewaren so viel zu tun hatte, da er aus
Mangel an Mue kleine Dinge - z.B. Essiggurken, Kastanien, Krebsschwnze - blo
im ganzen und ohne Geschmack verschluckte, so da er nachher das Hartfutter wie
einen verschlungnen Jonas oft drei Tage in der Weidtasche seines Magens
herumtragen mute. Allein diesesmal zog er sich gern zum Essen an, weil er auf
seinen pdagogischen Nebenmann neugierig und ungehalten war, und das aus Angst,
der neue Mitpchter gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besetem
Lande fr seine eigne Sommersaat aus. Er schrieb seiner abbrevierten Lehrmethode
alle Wunderkrfte seines Lehrlings, d.h. dem Boden aus Wasser den aromatischen
Geist der Pflanze zu, die darin wuchs.23
    Mit grerer nachsichtiger Liebe kam er, den halbierten Liebling eigenhndig
fhrend, vor Rabettens Kabinett in einem saftgrnen Flaus mit dreiblttrigem
Kragen an. - - Herr von Falterle hier (sagte bei seinem Eintritt Rabette,
nicht aus Neckerei, sondern aus Unbesonnenheit) meinten vorhin, Sie wrens, als
der Hund hereinwollte. - Mein Herr, (versetzte kalt und ernst der Paradeur
von Falterle neben unserm Ackergaule)der Hund kratzte an der Tre - aber sowohl
bei dem Minister als in allen groen Husern in Paris kratzet jedermann mit dem
Fingernagel, wenn er blo in ein Kabinett und in kein groes Zimmer will. - -
    Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbrder! Der
Exerzitienmeister mit der bunten Flughaut oder Rckenschrze eines gelben
Sommerkleidchens, gleichsam mit den gelben Oberflgeln eines Buttervogels,
dessen dunkle Unterflgel das Gilet (wenn ers aufknpft) vorstellen; - Wehmeier
aber im gerumigen saftgrnen Flause hngend, den ein Zeltschneider um ihn
gespannt zu haben scheint, und mit Unterleib und Schenkeln in der
schwarz-samtnen Halbtrauer der Kandidaten pulsierend, die sie anlegen, ehe sie
sich zur ganzen verkohlen - Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern
plattiert um die Beine gegossen, und jede Falte in diesen bricht sich in seinem
Gesichte zu einer, als wre dieses das Unterfutter von jenen; indes an den
Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner Wickel- 24 aufluft -
jener in Brautschuhen, dieser in Pumpenstiefeln - jener schnalzt als eine weiche
schleimige Goldschleie empor mit den Bauchflofedern des Jabots, mit den
Seitenflofedern der Manschetten und mit den Schwanzflofedern des an drei
Hermelin-Schwnzchen hngenden trinomischen Wrzelchens oder Zpfleins; der
Magister sieht in seinem grnen Flause blo wie der grne Schnpel (Weifisch)
oder die Kalquappe aus - herrlicher Abstich, wiederhol' ich! -
    Der Schnpel htte die Schleie gern gefressen, als der Goldfisch mit dem
rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Essen vorausfhrte. Aber
jetzt wurd' es viel rger. Alban hatte mit seiner gewhnlichen Heftigkeit die
Serviette zuerst offen, die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum
von Falterles Lehrart wurde; posment, Monsieur, (sagt' er zum Novizen) il
est messant de dplier la serviette avant que les autres ayent dpli les
leurs.25 Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe - es war eine  la
Britannire mit Locken - kalt zu blasen: Il est messant, Monsieur, (sagte der
Exerzitienmeister) de souffler sa soupe.26. Der Schachtelmagister, der schon
mit dem Geblse seiner Brust zu einem Zugwinde fr einen Lffel voll Locken
angesetzt hatte, schnappte erschrocken mit einer Windstille ab. Als nachher eine
farschierte Weikohlbombe wie eine Zentralsonne auf das Tischtuch niederfiel:
schlang der Magister den brennenden Kalbfleisch-Farsch khn hinein, wie ein
Taschenspieler oder Vogel Strau glimmende Kohlen, und atmete mehr ein- als
auswrts.
    Nach der Bombe kam ein Hecht au four herein, dem bekanntlich der Wegschnitt
des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines
Rehziemers schenken. Als Alban seinen alten Lehrer fragte, was es wre,
versetzte solcher: Ein delikater Rehziemer. - Pardonnez, Monsieur (sagte der
Gegenzngler) - c'est du brochet au four, mon cher comte - mais il est messant
de demander le nom de quelque mets qu'il soit - on feint de le savoir.27
    Es ist leicht zu zeigen, da dieser Kernschu aus einer Doppelbchse dem
Magister durch Mark und Bein durchfuhr; die Passions-Instrumente, die im
weggeschnittenen Kopfe des Hechts au four wie in einer Gewehrkammer lagen,
arbeiteten in seinem weiter. Wie die meisten Schullehrer glaubt' er so lange die
feinste Lebensart zu haben, als er sie dozierte und die grbste bekriegte -
ebensolange schtzt' er sie ungemein, so wie den Putz -; wurd' er aber in beiden
besiegt, so mut' er sie von Herzen verachten. Es bracht' ihn wieder auf die
Beine, da er den Exerzitienmeister im stillen bei sich gegen beide Katos und
die homerischen Heroen hielt, die nicht viel besser aen wie Schweine, und da
er so den Wiener an einen Schandpfahl anband und ihn daran mit der einen Hand
wacker drasch, indes er mit der andern ber ihm die Schandglocke lutete. Ja er
stellte sich, um den Amtsbruder klein zu machen, auf einen fernen Irrstern und
sah herunter auf die Bombe und auf den Hecht au four und mute droben auf seinem
Planeten sehr herablachen, als er den gelbseidnen Ladenhter der Natur mit dem
Wrack von Gehirn nicht grer befand als einen Kleisteraal. Dann dauerte ihn der
verlane Zgling, und er fiel wieder herunter und schwur unterweges, aus ihm
jeden Tag so viel auszujten, als jener einharke.
    Wir werden es noch bald genug erfahren, wie Albans Nerven auf dieser
Drechselbank unter den Schlichthobeln zuckten. Den Direktor labte dieses
pdagogische Schneiden und Brillantieren eines so groen Demants
unbeschreiblich, wiewohl der Schnitt (nach Jefferies) allen Demanten die halbe
Schwere nimmt, und wiewohl er selber noch die ganze hatte und mehrere Karats als
Facetten. Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben - worauf er jetzt
hinarbeitete, weil er dem Kleinen den sterleinschen Flgel mitgebracht -, als
bis er wenigstens mit einem Worte eine kurze Marter angetan; er teilte also -
blind gegen Albanos verhlltes blutiges Ben - den Gsten mit, wie strenge der
Minister seine Kinder erziehe, wie sie z.B. fr unwillkrliches Husten und
Lachen an der Tafel, gleich preuischen Kavalleristen, welche strzen oder im
Winde den Hut verlieren, Strafen bekommen und wie sie freilich so alt wren wie
Albano, aber vllig so gesittet wie Erwachsene. Beim Minister hatt' er heute
umgekehrt mit den Kenntnissen des Pflegesohns geprunkt; aber manche Eltern
erbauen in jedem fremden Zimmer Rauchopferaltre fr dasselbe Kind, das sie im
eignen wie Wein und Bienen schwefeln.
    Der Henker hol' es berhaupt, da sie, wie Landesvter, gerade dann
verdoppelte Forderungen machen, wenn die Kinder unmige befriedigt haben, so
da diese durch opera supererogationis von majorennen Lernstunden die
Spielstunden mehrverwirken als erringen. Hlt man es nicht groen Philosophen,
z.B. Malebranche, und groen Feldherren, z.B. Scipio, zugute, da sie nach den
grten Eroberungen, die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem
geographischen gemacht, sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien
trieben, um den Bogen, womit sie so viele Lgen und Menschen zu Boden gelegt,
sanft zurckzuspannen? Und warum soll dieses Gleichnis, womit der heilige
Johannes sich verteidigte, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen
Rebhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, da sie auch Kinder werden, wenn
sie vorher den noch dnnen Bogen zu krumm angezogen haben?
    Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich,
wie er heute die Pupille des Don Zesara, die herrliche Grfin de Romeiro,
gesehen, wahrhaftig 12 Jahre alt, aber von einer Conduite, wie nur eine Hofdame
habe; und der Herr Ritter erlebe an seiner Mndel mehr Freude als sonst. Diese
harten klirrenden Worte ritzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven
des ehrgeizigen Knaben, da fr ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige
Wunsch und der frre terrible war, womit man ihn bezwang; - aber er sa still
ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz. Wehrfritz kannte dieses
stumme Verbeien; gleichwohl handelte er so, als hab' ihn Albano nicht
verstanden.
    Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischen
Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, blo um seine Tanz- und Musikschler darin und
sich selber gnstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum
zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht
einmal gehret, und schon vierhndige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die
Nachtigall schon in unbelaubten sten, und zwar Opernauszge, die ihre zarte
Nachtigallenbrust aushhlen, daher er fortgemut? - Ja kann der Bruder nicht
noch weit mehr und hat alle Lesebibliotheken ausgelesen, besonders die
Theaterstcke, die er noch dazu auf Liebhaberbhnen auch spielt? Und wird er
nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masqu seine Sache recht gut
machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? -
Wehmeier tat unrecht, da er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenbersa als
eine Ohreule oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen
und zu fressen. Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand
verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich
so tief saen, da er damit gar nicht ber das geschwollene Ich herausschauen
konnte; er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller
Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut,
sondern Honig (d.h. ein kleines Lob).
    Sollte sich wohl, Herr v. Falterle, (sagte Wehrfritz, der alsdann, sobald
er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte, diesen nicht
mehr fliehend und kalt anschielen wollte) der junge Minister zuweilen auf eine
Vogelstange setzen wie unser Albano da? - Das war zu viel fr dich gequltes
Kind! Nein! sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams,
welche Nachsterben bedeutet, und verlie mit einer optischen Wolke schweifender
Farben den unter seinen stummen Zuckungen knackenden Sessel und ging langsam mit
eingeklemmten Fingern hinaus.
    Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines
adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmckten neuen Lehrers, auf
den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glnzendes Gehuse
gerade auf ein Kind imponierend wirkte, die letzte Puppenhaut seines Innern
abgeworfen und sich viel vorgesetzt. Irgendeine Hand ri vor einer Stunde seinen
innern Menschen aus der engen schlfrigen Wiege der Kindheit auf - er sprang auf
einmal aus dem Wrmkorbe - er warf Fallhut und Flgelkleid weit weg - er sah die
weite toga virilis dort hngen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn
nicht auch ein Jngling sein?
    Ach du Lieber, der Mensch, besonders der rosenwangige, hlt betrogen so
leicht Bereuen fr Bessern, Entschlsse fr Taten, Blten fr Frchte, wie am
nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Frchte sprieen, die nur die
fleischigen Hllen der Blten sind!
    Und nun, indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft
blolagen - und bei so schnen frischen Trieben, wurd' er jetzt so oft
beschmend zertreten. In seiner Seele glhte die Ehre - durch die knftigen
Jahre wollte sie wie durch eine weie Kolonnade von Ehrensulen gehen - schon
ein bloer Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm- und wissens-durstigen Seele
ein klassischer Autor - und sollt' ers erdulden, da ihn bei dem Ritter der
Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete? - Harte Trnen wurden wie Funken
aus der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Kometenkern seiner innern
Welt zertrieb die Glut in einen schwlen Nebel. Kurz er beschlo, in der Nacht
nach Pestitz zu rennen - vor seinen Vater zu strzen, ihm alles zu melden - und
dann wieder nach Hause zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs
fand er einen eiligen Nachtboten, den er nach dem Pestitzer Wege befragte und
der sich wunderte ber den kleinen Pilger ohne Hut. -
    Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft. Eben dieser
Bote berbrachte dem Wiener eine bse Neuigkeit, die den so lange gelobten
Ministers-Sohn betraf, der Roquairol hie.
    Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Grfin von Romeiro, war
sehr schn; Kalte hieen sie einen Engel und Warme eine Gttin. Roquairol hatte
keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste
gefrorne Krper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur
geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Grfin bei seiner Schwester war,
versucht' er, mit der Keckheit vornehmer Knaben, sein mit einem Geder von
Zndstricken geflltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben; aber
sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich. Zum Unglck ging sie zufllig
als Werthers Lotte gekleidet in die heutige Redoute, und die Pracht ihrer
despotischen Reize wurde von lauter dunkel-glhenden Augen hinter Larven
verschlungen und umblitzt; er nahm seine innere und uere ab, drang an sie und
forderte mit einiger Eile - weil sie abzureisen drohte - und mit einiger
Zuversicht - auf dem Liebhabertheater errungen - und mit pantomimischer
Heftigkeit - womit er auf diesem immer die schnsten Nachtmusiken der
klatschenden Hnde gewonnen - nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werthers Lotte
kehrte ihm stolz den prangenden Rcken voll Locken, er lief auer sich nach
Hause, nahm Werthers Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem
physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte - das Gewehr
vorzeigend -, er mache sich hier auf dem Saale tot, falls sie ihn verstoe. Sie
sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte, was er wolle. Aber Werther - halb
trunken von Lottens Reizen, von Werthers Leiden und von Punsch - drckte nach
dem fnften oder sechsten Nein (an ffentliches Agieren schon gewhnt) vor der
ganzen Maskerade das Schiegewehr auf sich ab, ldierte aber glcklicherweise
nur das linke Ohrlppchen - - so da nichts mehr hineinzuhngen ist - und
streifte den Seitenkopf. Sie entfloh pltzlich und reisete sogleich ab, und er
fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen. - -
    Diese Geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus - und an
Wehmeiers seiner an -; aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst ber den
ebenso wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube; und
der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in
ihrem gewhnlichen bermae der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius -
der Hofhund Melak - war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des
Flchtlings geworden. Melak wollte nmlich mit; und Alban wollte einen dem
Schlohofe so bedienten und fter als der Nachtwchter darin abrufenden
Schirmvogt und Kstenbewahrer wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen
fest; er verlangte Grnde, nmlich nachgeworfene Prgel und Steine - allein der
weinende Knabe, dessen glhende Hnde die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes
erfrischte, konnte ihm kein bses Wort geben, sondern er drehte blo den
wedelnden Hund um und sagte leise: Fort! - Aber Melaken waren blo laute
Dekrete etwas; er kehrte immer wieder um; und in diesen Inversionen - whrend
welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist, der im
Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Trnen und jedes unverdiente Wort
tiefer einbrannten - fand ihn die unschuldige Mutter.
    Albano, sagte sie freundlich-verstellt, in der kalten Nachtluft bist du?
- Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine
volle, der eine Ergieung, es sei durch Trnen oder Galle, ntig war, so sehr
ergriffen, da er mit einem gichterischen Reien des berspannten Herzens an
ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelst und weinend hing. Er konnte ihren
Fragen seinen harten Entschlu nicht gestehen, sondern drckte sich blo strker
an ihr Herz. - Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, den die
kindliche Stellung umschmolz, und sagte: Nrrischer Teufel, hab' ich es denn so
bse gemeint? und nahm zurckfhrend die kleine Hand. Wahrscheinlich war
Albanos Zrnen durch die ergone Liebe erschpft und durch den vershnten
Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar - was sonderbar scheint - mit grerer
Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zurck und weinte
unterwegs blo aus zarter Bewegung.
    Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklrt, obwohl ein wenig
geschwollen, die Trnen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte
Schnheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die
Himmelsblume, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden
Fden zeigt. Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen
Abend dessen Hand; und Albine geno in der doppelten Liebe ein doppeltes Glck;
und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stcke von dem
dritten Nebenregenbogen des huslichen Friedens, dem Bundeszeichen der
verlaufenen Wassersnot.
    - Wahrlich, ich hab' oft den Wunsch getan - und nachher ein Gemlde daraus
gemacht -, ich mchte dabeistehen knnen bei allen Ausshnungen in der Welt,
weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende. Es mte
Unsterbliche rhren, wenn sie die beladnen, vom Schicksal und von der Schuld oft
so weit auseinandergehaltnen Menschen shen, wie sie, gleich der Valisnerie28,
sich vom sumpfigen Boden abreien und aufsteigen in ein schneres Element und
wie sie nun in der freiern Hhe den Zwischenraum ihrer Herzen berwinden und
zusammenkommen. - Aber es mu auch Unsterbliche schmerzen, wenn sie uns unter
dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der
Feindschaft ausgerckt erblicken, unter doppelten Schlgen und so tdlich
getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte!
-

                              Dritte Jobelperiode


      Methoden der beiden Kunstgrtner in ihrer pdagogischen Pelzschule -
 Schutzschrift fr die Eitelkeit - Morgenrot der Freundschaft - Morgenstern der
                                     Liebe


                                   17. Zykel

Wenn wir beide Schulstuben aufmachen, so sehen wir den Schachtelmagister
vormittags ber den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und brten, und den
Exerzitienmeister nachmittags, so wie der Tauber das Nest in jener Tagszeit, die
Taube in dieser htet. -
    Wehmeier wollte nun so gut wie sein Nebenrenner sich mit ganz neuen Lehren
des Zglings bemeistern; aber neue fr diesen waren neue fr ihn selber. Wie die
meisten ltern Schullehrer wut' er von der Sternkunde auer dem wenigen, was im
Buch Josua stand, und von der Naturkunde auer den wenigen Irrtmern, die in
seinen eher vergessenen als zerrissenen Heften standen, und von der Weltweisheit
auer der Gottschedianischen, fr die aber ein reiferer Eleve gehrte, und von
andern Realien genau gesprochen - nichts, ausgenommen etwas Historie. Kamen ihm
zuweilen in seiner literarischen Sarawste, in welche ihn die qulende
Schulstunden-Schraube ohne Ende und die Bettel- oder Krpelfuhre eines mehr
verschlackten als vererzten Lebens ohne Geld verwiesen hatten, neue Lehrmethoden
oder neue Entdeckungen zu Ohren (zu Augen nie): so merkt' er den Augenblick, da
es seine eignen wren, nur schwach abgendert; und er verhielt niemand das
Plagium. Ich bitte aber alle seidene und gepuderte und lockige
Prinzen-Instruktoren von Herzen: verdenket meinem armen, von den schweren dicken
Erdlagen des Schicksals tief berbaueten Wehmeier seine unterirdische Optik und
sein Krummstehen nicht zu sehr, sondern zhlt seine acht Kinder und seine acht
Schulstunden und seine nahen Funfziger in seiner Lebens-Hhle von Antiparos und
entscheidet dann, ob der Mann damit wieder herauskann ans Licht! Aber von der
Historie wut' er, wie gesagt, doch etwas; und diese ergriff er als
pdagogischen Diebsdaumen und Fortunatus-Wnschhut. Hatt' er nicht schon mit
jener epischen ausmalenden Paraphrase, womit er die kleinste
Marktflecken-Historie so interessant und lgenhaft erzhlte (denn woher will ein
guter Erzhler die 1000 kleinern, aber ntigen Zge nehmen als aus der Luft?),
seinem Albano Hbners biblische uerst rhrend vorgetragen? Und wer weinte
dabei mehr, der Lehrer oder der Schler?
    Nun hatt' er drei historische Wege vor sich offen. Er konnte den
geographischen einschlagen, der mit der elendesten Geschichte von der Welt
anfngt, mit der Landesgeschichte. Aber blo hchstens Briten und Gallier knnen
die Geschichte wie eine epische und eine Erdbeschreibung von hinten anfangen;
hingegen eine haarhaarsche, eine baireuthische, eine Mecklenburger
Landesvter-Patristik gibt hohlen Zhnen hohle Nsse aufzubeien, ohne Kern fr
Kopf und Herz. Und schwellet man nicht dadurch einen Holzzweig der Historie, auf
welchen der Zufall der Geburt den jungen Borkenkfer abgesetzt,
unverhltnismig zu einem Stammbaume derselben an? Und was fragt man z.B. in
Berlin nach einer Markgrafen-, oder in Hof nach der hohenzollerischen
Regentenlinie?
    Die zweite Methode ist die chronologische oder die vornen anspannende; diese
hebt vom Geburtstage der Welt an, die nach Petav und den Rabbinen den 22sten
Oktober29 vormittags auf die Welt kam, schreitet zum 28sten Oktober, dem ersten
Flegel- und Tlpeltage des jungen Adams, dann ber den 29sten, den ersten Sonn-,
Bu- und Karenztag, hinweg und so fort bis zum Karenz- und Butage des neuesten
Adamsshnchens, das eben der Sache zuhorchen mu.
    Diese Milchstrae war unserm Magister zu lang, zu de, zu fremd. Er schiffte
die mittlere Strae zwischen den vorigen, die nach den reichen beiden Indien der
Geschichte fhrt, nach Griechenland und Rom. Die Alten wirken mehr durch ihre
Taten als durch ihre Schriften auf uns, mehr auf das Herz wie auf den Geschmack;
ein gefallenes Jahrhundert um das andere empfngt von ihnen die doppelte
Geschichte als die zwei Sakramente und Gnadenmittel der moralischen Strkung;
und ihre Schriften, an welche ihre steinernen Kunstwerke jede Nachwelt heften,
sind die ewige Bibelanstalt gegen jeden Verfall der Cansteinischen Aber nun
lasset uns an einem schnen Sommermorgen etliche Male vor der Rektoratswohnung
vorbeigehen und es auen mit anhren, mit welcher Stimme der Magister drinnen,
obwohl in altvterischen Wendungen aus dem Plutarch - dem biographischen
Shakespeare der Weltgeschichte -, nicht die Schattenwelt von Staaten, sondern
die darin glnzenden Engel der Gemeine zitiert, die heilige Familie groer
Menschen, und werfet im Vorbeigehen einen Blick auf das funkelnde Auge, womit
der begeisterte Knabe an den moralischen Antiken hngt, die der Lehrer wie in
einem Abgusaale um ihn versammlet. O wenn so die groen Wetterwolken der
heroischen Vergangenheit sich an Zesarens Seele wie an ein Gebirge hingen und
daran mit stillem Blitzen und Tropfen niedergingen: wurde da nicht das ganze
Gebirge mit himmlischem Feuer geladen und alles, was darauf grnte und keimte,
befruchtet, erquickt und herausgetrieben? Und konnt' er dann, so schn bewlkt,
wohl in die tiefe Wirklichkeit schauen? Ja blieb es nicht dem Lehrer wie dem
Schler unter dem Marktgetse des rmischen und des athenischen Forums, wo sie
im Gefolge Katos und Sokrates' mit herumgingen, vllig unbekannt, da die
rstige Magisterin neben ihnen koche, bette, keife und scheuere? Von den acht
lrmenden Kindern vernahmen sie schon der Menge wegen nichts; denn nur eine
sausende Mcke hlt man nicht ohne entsetzliche Anstrengung im Zimmer aus,
leicht aber einen ganzen Schwarm. Ebenso wurde die Schulstube, auf deren Boden
nichts fehlte, was man in Kanarien-Heckkasten zum Nestmachen wirft, Heu, Moos,
Rehhaar, ausgezauseter Flanell und fingerlanges Garn, beiden durch den Fuboden
der alten (geographischen und historischen) Welt zugedeckt, welcher, der
rmischen Paulskirche ihrem gleich, aus Marmortrmmern voll abgebrochener
Inschriften besteht.

                                   18. Zykel


Der Leser ist nun auf den Nachmittag, wo man den Eleven in die Poliermhle des
Wieners schickt, begierig, wie er sich da schleifen lasse. Es mu ihn noch
begieriger machen, wenn ich nachhole, da Wehmeier, der wie andere Gelehrte dem
Elefanten an Verstand und Plumpheit glich, nichts in der alten Geschichte lieber
fand - und also abmalte - als einen groen Mann, der wenig anhatte, wie z.B.
Diogenes, oder der barfu ging, wie Kato, oder unbalbiert, wie die Philosophen;
ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II. Kleider heraus,
womit er soviel gewann als Mr. Pages in Paris, und trug dessen Hemden wie des
edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen auf Stangen zur Schau und
entwarf als ein zweiter Scheiner die beste Karte, die wir von den Sonnenflecken
des Tabaks auf Friedrich haben. Dann nahm er diese nackten rauhen Kolossen und
schlichtete sie smtlich in die eine Waagschale auf, und in die andere warf er
getfelte leichte Figuren wie Falterle und die Nrnberger geleckten
Kindergrtchen von neuern Hfen und ersuchte den Scholaren, achtzugeben, wohin
das wgende Znglein schlage. - -
    Ich bin hier nicht ganz auf deiner Seite, Magister, da kraftvolle Jnglinge
ohnehin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreien und oft die
Folienschlger, die Oberzeremonienmeister, dazu; fr Schwache ist die Methode
gut.
    Kam nun Albano zum Exerzitienmeister: so konnt' er vor dem lauten Nachklange
der vorigen Stunde - weil Kinder von einer gewissen Tiefe, wie Gebude von
einiger Gre, ein Echo geben - das nur schwach vernehmen, was Falterle befahl;
und nur wenn er einige Tage ohne die historische Rhrung blieb, wurd' er fr die
kleinern Lehrstunden weiter offen, wie vergoldete Sachen erst, wenn das Gold
herunter ist, sich versilbern lassen. Das Unglck war noch, da er seine
Frontnze gerade neben der Schreibstube des Direktors, der da in eignen
begriffen war, zu machen hatte. Es traf sich oft, da Wehrfritz, wenn Alban so
zerstreuet wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise aufmerkte, drinnen unter
dem Diktieren schrie: Ins drei Teufels Namen, chassier! Ebenso viele Flle
wrde man aufzhlen knnen, wo der Mann, wenn der Musikmeister wie ein
Trommelba mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio weglief, drinnen mit
dem erdenklichsten Fortissimo rufen mute: Pianissimo, Satan, Pianissimo! -
Einige Male mut' er von seinen Arbeiten aufstehen, wenn in der Fechtstunde
alles Zureden zur Quarte nichts half, und die Tr aufmachen und ergrimmt zum
Wiener sagen: Um Gottes Willen, Herr, sein Sie doch kein Hase und stoen Sie
ihm derb aufs Leder, wenn er nicht aufpat! - worauf der hfliche Fechtmeister
nur leise zu Quartsten anfrischte. -
    Gleichwohl lernt' er viel; in so frhen Jahren setzet man sich weder ber
den Putz noch ber die schnen Knste eines Falterle hinweg, der noch dazu mit
dem zauberischen Vorzuge mchtig war, in der verbotnen Hauptstadt geglnzt und
gelehrt zu haben. Blo der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zglinge
nicht zu nehmen; aber die Achseln waren in kurzem waagrecht und der Kopf
steilrecht gedrckt und die oszillierenden Finger samt dem regen Krper mit
einem Stahlschen Augenhalter festgemacht. berhaupt haben Menschen mit einer
liberalen Seele in einem schngebauten Krper schon ohne Falterles Spalierwand
und Schere einen geflligen Stand und Wuchs. Dabei hatte er den niedlichen
freundlichen Falterle mit jener heiligen ersten Menschenliebe, womit ein
Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert, schon darum
lieb, weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger, ja innen um den Goldring
selber aufwickeln konnte, und weil er vom Ritter des goldnen Vlieses wie von
einem Knige sprach und log, und weil er die geflligste Haut war, die je ber
die Erde lief.
    Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit
gegen alle Charaktere lehren will: so mu ich hier mit meinem Muster der
Toleranz vorangehen, indem ich von Falterle bemerke, da seine arme dnne Seele
sich selber nicht unter den steinernen Gesetztafeln der Etikette und unter dem
hlzernen Joche eines imponierenden Standes aufzubringen vermochte. Wem tat der
arme Teufel etwas an? Nicht einmal Damen, fr welche er zwar, gleich einem
Kupferstecher, immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich, allein nur um mit
diesem Kunstwerke, gleich andern Figuristen, reine Schnheiten darzustellen,
nicht aber solche zu verfhren. Das Seewasser seines Lebens - denn er ist weder
ein Millionr noch eben der grte Gelehrte des Skuls, ob er wohl bei vielen
Bcherverleihern herumgelesen - set er sich durch das Schnheitswasser ab,
worin er sich stndlich badet. Er suft und frisset fast nichts; flucht und
schwrt er, so tut ers in fremden Sprachen, wie der Ppstler darin betet, und
schmeichelt wenigen auer sich.
    Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark, die doch mehr
am Kopfe als am Willen siechen. Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden
Leser berufen, ob er sich je, wenn er eben ungewhnlich eitel einhertrat, tiefe
Gewissensbisse oder Mitne im Ich versprt zu haben entsinnt, welche doch
niemals fehlten, wenn er sehr log oder zu hart war; er nahm vielmehr ein
ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewiege wahr.
Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kuriert. Aber auch noch darum:
die meisten Snden sind Kasualpredigten und Gelegenheitsgedichte und mssen
hufig ausgesetzet werden, vom 3ten bis loten Gebot inclus. - Die Ehe, den
Sabbat, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen - Verleumden
kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber - viele
betrchtliche Laster sind nur an der Ostermesse - oder am Neujahrstage - oder im
Palais royal oder im Vatikan zu verben - manche knigliche, markgrfliche,
frstliche im ganzen Leben nur einmal - manche gar nicht, z.B. die Snde gegen
den heiligen Geist. - - Hingegen sich innerlich preisen und bekrnzen kann einer
Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Katheder, im Prater, im
Generalszelte, hinten auf der Schlittenpritsche, auf dem Frstenstuhle, in ganz
Deutschland, z.B. in Weimar. Wie? und diese perennierende Balsamstaude, die den
innern Menschen immerwhrend anruchert, sollte man sich ausziehen oder
beschneiden lassen? - -

                                   19. Zykel


Alle diese Geschfte und Dornen waren fr Albano recht gute spitze
Erdbeben-Ableiter, da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittermaterie
umherzog, als zum Zersprengen der dnnen Brusthhle eines Menschen ntig ist.
Nun kam er immer tiefer in die wilden Donnermonate des Lebens. Die Sehnsucht,
Don Zesara zu sehen, entflammte sich an der rmischen Geschichte mehr, welche
Csars kolossalisches Bild vor ihm in die Hhe stellte und darunterschrieb:
Zesara. Die verhllte Lindenstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hgeln
getragen und zum Rom erhoben. Ein Posthorn schallte in sein Innerstes wie ein
Schweizer Kuhreigen, der alle Hhen unserer Wnsche in langen Bergketten
glnzend in den ther hinausbauet; und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch,
und alle Stdte der Erde lagen mit offnen Toren und mit breiten Fuhrstraen um
ihn herum. Und wenn er in jener Zeit an einem kalten hellen Sommermorgen neben
einem nach Pestitz gehenden Regimente so lange metrisch mitzog, als die Trommeln
und die Pfeifen lrmten: so feierte seine Seele ein Hndelsches Alexanderfest -
sie hrte die Vergangenheit - das Fahren der Triumphwagen - das Gehen der
spartischen Heere und ihre Flten - und die helle Trompete der Fama - und wie
unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glnzenden Toten aus
der aufgeriegelten Erde und zog mit ihnen weiter. - -
    Wenn die Geschichte einen edlen Jngling in die Ebene von Marathon und auf
das Kapitolium fhrt: so will er an seiner Seite einen Freund, einen
Waffenbruder haben - aber auch weiter nichts, keine Waffenschwester; denn einem
Heros schadet eine Heroine sehr. In den starken Jngling zieht die Freundschaft
eher als die Liebe ein; jene erscheint wie die Lerche im Vorfrhlinge des Lebens
und geht erst im spten Herbste fort; diese kommt und fliehet wie die Wachtel
mit der warmen Zeit. Albano hrte schon diese Lerche unsichtbar in den Lften
ber ihm schmettern; er fand einen Freund, nicht in Blumenbhl, nicht in der
Lindenstadt, an keinem Orte, sondern in seiner - Brust; aber diesen hie er -
Roquairol.
    Die Sache war diese: fr Leute wie ich ist das Landleben der Honig, worin
sie die Pille des Stadtlebens einnehmen; Falterle hingegen brachte das bittre
Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter; wchentlich lief
er dreimal nach Pestitz, entweder in die Logen der Liebhabertheater als
Dramaturg oder auf diese selber als Akteur. Nun nahm er jedesmal sein
Rollenbchlein aufs Dorf hinaus und studierte da - im Vertrauen auf die
Komdienprobe - - seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein; so wie
noch jeder Staatsdiener seine ohne einen Blick in die mitspielenden memoriert;
daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und, wie in der russischen
Jagdmusik, nur einen Ton zu pfeifen wei und seine Strke ins Pausieren setzen
mu. - In diesen von Falterle geliehenen Bruchstcken der Bhne ging nun Albano
mit einem Entzcken herum, das jener bald hher zu treiben suchte durch den
Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren.
    Der Wiener hatt' ihm lngst den selbstmrderischen Wildfang Roquairol als
ein Genie im Lernen - besonders sich als eines im Lehren - vorgelobt; jetzt
fhrt' er den Beweis aus den groen Rollen, die der Wildfang immer gut spiele.
brigens war es nicht seine Schuld, da er den Ministers-Sohn nicht ungemein
heruntersetzte, dem er nicht nur die theatralischen Siege beneidete, sondern
auch die erotischen. Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem
Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und
gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum
Regisseur des ans Liebhabertheater gestoenen Liebhaberinnentheater, indes der
scheue blde Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schne zu einem
andern Schritte brachte als zum Rckpas im Menuett und statt der Setzung seines
Ichs zu nichts als zur Fingersetzung. Aber der Eitle kann andern kein Lob
versagen, das sein eignes wird.
    Wie mute das alles unsern Freund fr einen Jngling gewinnen, den er bald
als Karl Moor - bald als Hamlet - als Clavigo - als Egmont durch seine Seele
gehen sah! - Was den bekannten Redoutenschu in frhern Jobelperioden anlangt,
so mute unser so unerfahrner Herkules, den der blanke Dolch des Kato blendete,
einem so verwandten Herakliden den Schu als eine seiner tragischen 12 Arbeiten
anrechnen. - Der Lehnpropst Hafenreffer erzhlt sogar, Albano habe einmal mit
dem Wiener, der lngst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter
war, ber die schnsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften
Falterle, der sich fr den Schlaftrunk erklrte, auf Roquairols Seite getreten,
sogar mit dem strkern Zusatze: am liebsten stieg' er auf einen Turm und zge
den Wetterstrahl auf seinen Kopf! - Im letztern zeigt er das hohe Gefhl der
Alten, die den Donnertod fr keine Verdammnis, sondern fr eine Vergtterung
hielten; sollt' aber nicht der Krper etwas dabei tun, da seine Ellenbogen und
seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer aussprhen und sein Kopf in der
Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt? Der Lehnpropst ist sehr dafr.
- -
    Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders khlen, als da er
Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab.
Falterle, der die Geflligkeit selber war - und dabei auch die Unwahrheit selber
-, nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit ich
bin beim Minister ja wie zu Hause, sagt' er -, bestellte aber, da er sowohl im
stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt, keinen einzigen und
brachte blo jedesmal eine neue gltige Ursache mit, warum Roquairol nicht
darauf antworten knnen; er war entweder zu sehr in der Arbeit - oder auf dem
Krankenstuhle - oder in Gesellschaft - jedesmal aber entzckt darber gewesen; -
und unser argloser Jngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort. Vom
Legationsrate wr' es brav gewesen, wenn er mich, falls er anders konnte, sich
verbindlich gemacht und mir Albanos Palm-Bltter eines liebenden Herzens
eingeliefert htte; nicht fr das Archiv dieses Buchs, sondern blo fr meine
Manualakten, fr den Blumenbltterkatalog, den ich mir zu eignem Gebrauche von
Albanos Nelkenflor hefte und leime. -

                                   20. Zykel


Pltzlich wurde unser Zesara, der in die Jahre trat, wo der Gesang der Dichter
und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer
Mensch. Er wurde stiller und wilder zugleich, sanfter und aufbrausender, wie er
denn einmal einem unter Prgeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu
Hlfe lief - Himmel und Erde, die bisher in ihm, wie nach dem gyptischen
Systeme, ineinander gelegen, nmlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten
sich voneinander los, und der Himmel stieg rein und hoch und glnzend zurck -
ber die innere Welt ging eine Sonne auf und ber die uere ein Mond, aber
beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde
langsamer, sein helles Auge trumerisch, seine Athleten-Gymnastik seltener - er
mute jetzt alle Menschen wrmer lieben und sie nher fhlen, und er fiel oft
seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm
drauen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heiern
Abschied. -
    Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der
Natur durchsichtig, und eine lebendige Gttin blickte mit seelenvollen Zgen
darunter in sein Herz. Ach als wenn er seine Mutter fnde, so fand er jetzt die
Natur - jetzt erst wut' er, was der Frhling sei und der Mond und das Morgenrot
und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewut, wir wurden alle einmal
von der Morgenrte des Lebens gefrbt!
    .... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur
fr heilig, als Erstlinge fr den gttlichen Altar?
    Es gibt ja nichts Reineres und Wrmeres als unsere erste Freundschaft,
unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefhl
fr die Natur; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie
gypter werden wir frher von Gttern als Menschen regiert; - und das Ideal
eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Bumen die weichen Bluten den breiten
rohen Blttern, vor, damit nicht diese sich vor das Stuben und Befruchten jener
stellen. -
    Wenn oft Albano von seinen innern und uern Irrgngen nach Hause kam,
zugleich trunken und durstig - zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit
geschrften, trumend, aber wie Schlfer, die das Auslschen des Lichts herber
empfinden -: so braucht' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten,
damit die heie, in Flu gebrachte Seele von den fremden kalten Krpern in
Zickzack und Klumpen zerscho, indes eine warme Form den Gu zur lieblichsten
Gestalt gerndet htte. -
    Bei so bewandten Umstnden wird sich freilich keiner wundern ber das, was
ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fecht-Meister, der wenig auf
seine Pas, Griffe und Ste grotat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-)
Literatur - denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und
die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt' er frher in seinen als
einer von uns -, wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen, da er ein wenig
mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener
(um so mehr, da er gar nichts las, nicht einmal politische Zeitungen und Romane,
weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren); - er trat daher nie ins Haus,
ohne zwei Taschen voll Romane und Verse fr Rabette und Albano. Dazu half seine
unendliche Dienstbeflissenheit - und sein kollegialisches Wettrennen mit
Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jnglinge, dem er aus
den sen Trumen, die der Rubin30 des glnzenden jugendlichen Lebens schenkt,
mit den exegetischen Traumbchern, den Dichterwerken, helfen wollte. Die
Umwlzung des Jnglings, der nun ganze romantische Everdingens-Wiesen abmhete
und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflckte, auch nur leidlich zu
schildern, hab' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit
noch Lust; genug, da Albano, so dasitzend - der Himmel der Dichtkunst vor ihm
aufgetan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet -, einem Erdballe
glich, an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen
gemeinschaftlich aufbrennt.
    Allein wie weiter? Der Wiener, das mu ich noch vorher sagen, war ein eitler
Narr (wenigstens in Punkten der Demut, z.B. seiner Zwergfe, seiner Literatur,
seines Glcks bei Weibern) und lie besonders durch vertraute Gemlde von Groen
und Damen gern auf sein Fderativsystem mit den Originalen schlieen. Der arme
Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren, er und diese htten -
ungleich dem Salomo, der Weisheit erbat und Gold erhielt - umgekehrt das Unglck
gehabt, nur erstere zu empfangen, indes sie um letzteres geworben. Kurz aus
solchen Grnden wollt' er - im Vorbeigehen gesagt - gern den Glauben im
Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen, da er sehr gut stehe bei seiner
vorigen Schlerin, der Ministers-Tochter- Liane, glaub' ich, wenn ich anders
Hafenreffer Hand richtig lese -, und da er sie oft genug sehe und spreche bei
ihrer Mutter. Dazu kam noch, da kein wahres Wort daran war; durch den Tempel,
worin Liane war, ging kein Durchgang fr ihn. Allein um so weniger konnt' er den
Direktor vorauslassen, der sie fters sah und zu Hause immer eifriger lobte,
blo um die roh unschuldige, von niemand je erzogne Rabette auszuschelten. Der
Wiener wollte freilich auch noch den Grafen - dem er nur die Kste der
Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte, aber keine Anfurt zur Landung -
durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken (er war unvermgend, ihn
lnger zu belgen und hinzuhalten): denn warum malt' ers ihm so lange aus, wie
giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost ber den Retraiteschu des
Bruders, den sie zu innig liebe, auf diese so zarten weien Herzbltter gefallen
sei?
    fters hing er unter dem Essen breite, von Wehrfritz kontrasignierte
Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf, um
scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschler zu grern anzutreiben. Denn wr'
es nicht scheinbar: warum klebt' er ebenso lange Altarsbltter von Lianens
Reizen bei Rabetten auf, bei dieser Unparteiischen, die, nur mit Pfarrers-,
nicht mit Ministers-Tchtern wettrennend, fast so freudig stdtische Schnheiten
wie wir Homerische preisen hrte und vor der nur ein windiger Tropf, der sich
vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesnge auf fremde erhalten will,
seine auf Lianen anstimmen konnte? Wahrlich, vor einer so resignierten und
neidlosen Seele, als Rabette war - zumal da ihre Gesichtshaut und Hnde und
Haare nicht am weichsten waren, wenigstens hrter als die Falterleschen -, wr'
ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesen - wie ers doch war -, den
glcklichen Erfolg nher zu kolorieren, womit der Minister, um Lianens
ungewhnliche Schnheit der jngern Jahre durch Erziehung in die jetzigen
herberzubringen, das Seinige getan durch zarte und fast magere Kost - durch
Einschnren - durch Zusperren seines Orangeriehauses, dessen Fenster er selten
von dieser Blume eines mildern Klimas abhob - noch weniger htt' ich wie er
malen knnen, da sie dadurch ein zartes, nur aus Pastellstaub zusammengelegtes
Gebilde geworden, das die Windste des Schicksals und die Passatwinde des
Klimas fast zerblasen knnen - und da sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus
waschen knne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht
drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen.
    - Der flache Wiener, der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden Manne von
Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte, ohne leise dabei zu sagen: Ihr
ganz Untertnigster! und der von vornehmen Leuten hchstens nur im vertrauten
oder satirischen Tone (seine Konnexion zu zeigen), aber nie im
ernsthaft-kritischen sprach, war freilich - was doch seine Pflicht war - nicht
imstande, den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heien, unter
welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu,
mit Lianen, sich gebogen und gedrckt ans Licht aufwinden. Herr v. Hafenreffer
macht hier zu seiner Ehre - in Betracht, da er ein Legationsrat und Lehnpropst
ist - die ganz andere, gefhlvollere Bemerkung, da die harten Erdschichten
solcher Verhltnisse, wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern msse,
diese reiner und heller machen, so wie alle harte Schichten Filtriersteine des
Wassers sind - und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen, aber
auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize. - Aber, guter Zesara! wenn du nun
das alles tglich hren mut - und wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu
schildern vergisset, wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer
Zgerung gekrnkt, wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das
Schulgeld oder eine Einladung gebracht - und wie besorgt und mild und hflich
sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man htte denken sollen, ihr Herz,
knne nicht wrmer werden, als schon die Menschenliebe es mache, htte man nicht
ihre noch heiere Tochterliebe gegen die Mutter gesehn - - guter Zesara, sag'
ich, wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der
Schwester deines Roquairols - weil jeder, wenn es nur halb praktikabel ist, sich
gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalide - und noch
berdies von einem Mdchen in der geheiligten Lindenstadt, um welche Don
Gaspard, wie die alten Preuen31 um ihre Gtter-Haine, noch mystische Vorhnge
herumzieht - und was rger als alles ist, gerade nach deinem 16 1/2 Jahre,
Zesara, wo schon die Moussons und Frhlingswinde der Leidenschaften ber die
Blutwellen fahren! Denn frher freilich wars allerdings von dir mitten im
gelehrten Krnzchen von so vielen Linguisten - d.h. von Bchern der Linguisten -
von Eklektikern - Ober-Rabbinern - von 10 Weisen aus Morgen- und aus
Griechenland - und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen, die das
gedachte Weisen-Dezemvirat am Tags-Sterne der Weisen angezndet hatte, da wars
wenig zu vermuten, da dir Amors Turiner Lichtchen, das er noch unaufgebrochen
in der Tasche hatte, sehr ins Auge fallen mchte! - Aber jetzt, mein Lieber,
jetzt, sag' ich! - Wahrlich nirgends war es uns allen weniger belzunehmen, wenn
wir ungemein attent darauf sind, was er im 21sten Zykel macht, als im
zwanzigsten.

                              Vierte Jobelperiode


 Hoher Stil der Liebe - der gothaische Taschenkalender - Trume auf dem Turme -
 das Abendmahl und das Donnerwetter - die Nachtreise ins Elysium - neue Akteurs
                  und Bhnen und das Ultimatum der Schuljahre


                                   21. Zykel

Wie viele selige Adams von 16 1/2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im
Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen knftige
Schojngerin erschaffen sehen! - Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam,
neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die
Ferne des Raums so glnzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet
sich jeder Jngling mit dem Glauben auf die Post, da in den Stdten, wohin er
eingeschrieben ist, ganz andere und gttlichere Madonnen unter der Haustre
stehen als in seiner verdammten; - und die Jnglinge jener Stdte sitzen wieder
ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein.
    Ach das klingt fr alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, und mir
ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die
starre schwere dicke Porzellanrose! - Albano, ich will dein stilles, dicht
verhangenes Herz aufdecken und aufschlieen, damit wir alle darin Lianens
Heiligenbild, die aufschwebende Raffaels-Marie, aber, wie Heiligengestalten in
der Leidenswoche, hinter dem Schleier hngen sehen, den du bebend wegziehest, um
es anzubeten, wenn du die Andachtsbcher - die Romane - aufschlgst und wenn du
darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehren. Sogar mir wird es
schwer, nicht, wie du und die Alten, den Namen deiner Schutzgttin zu
verheimlichen - ber innere Geistererscheinungen (denn uere sind
Krpererscheinungen) schweiget der Seher gern neun Tage lang - und bei deinem
blden Glauben an einen tausendmal hhern Tugendgehalt Lianens, als deiner ist,
und bei deiner heiligen Ehrliebe, die ber die fremde wacht, ist dirs freilich
ein Rtsel, wie andere, z.B. der Wiener oder Wehrfritz, ohne das geringste
Errten so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor
andern viel von ihr zu - trumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! -
Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen ther vererzte lichte Psyche wie
Liane, etwa gleich dem auferstandnen Christus, Karpfen essen und ausgrten knne
- oder mit den langen hlzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen
Napfe umstechen - oder in der Snfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer
Schmetterling - oder wie sie laut lachen knne (das tat sie aber auch nie, mein
Freund!): alles das und berhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten
Erdenlebens war dem geflgelten Jnglinge ein Rtsel und eine wahre
Unmglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung; was soll ichs
verhalten, da er ber ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Futritte von
Engeln schwcher erstaunet wre als ber ein Paar von Lianen in der Erde, und
da er fr irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr - ich nenne nur einen
Zwirnwickler oder eine Tambourblume - nichts Geringeres hingegeben htte als
ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fssern der heiligen Ngel und
mehrere apostolische Kleiderschrnke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu.
    - So hab' ich oft sehnlich gewnscht, nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur
eine Dte voll Sonnenstubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und
anzugreifen. - So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser auer
Landes als hnliche feine therische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen
ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Mrzbier oder ein Paar
Stiefel gebrauchen knnen; es ist, als wenn die Leute zusammenfhren, wenn sie
etwas lesen oder sehen mssen von Lessings Rasiermesser - Shakespeares
englischem Sattel Rousseaus Brenmtze - des Psalmodisten Davids Nabel - Homers
rmel - Gellerts Zopfband - Ramlers Schlafmtze - und der Glatze unter der
meinigen, wiewohl sie wenig mehr bedeutet.
    Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens - da eine Jungfrau
durch nichts so viel bei einem Jnglinge gewinnt als durch Lobreden, die ihr
seine Eltern geben - dadurch ansehnliche Zuschsse, da er die lndlich- und wie
er selber lachende Rabette hufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau
heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann Gelegenheit,
auseinanderzusetzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese
Kontrapunktistin die melodischen Tne Lianens harmonisch ordne und wie sie
besonders Roheit und Gelchter ausmerze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen,
deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweiten Wohnungen unterbringen mu,
indes unsere in Entenstllen sauber bleiben. - Albano zeichnete sich Mutter und
Tochter blo in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben,
nmlich die verstndige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke
steckt, nur mit dem Kopfe sichtbar, und Liane als ein verklrtes Kind, das mit
den zarten Flgeln eine weie Wolke umflattert.
    Nur etwas, und wr's eine verblichene zerfallne Rose aus Seide, wnscht' er
sich herzlich aus Pestitz - und konnte doch verschmt den Wiener um nichts
ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwohl verrterisch-erglhend, um
eine Stunden-Marke; denn er habe noch keine gesehen, sagt' er. - Falterle
hatte noch eine in der Tasche - die Zahl 15, Lianens voriges Alter, stand darauf
- sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben - etwas wars immer. Ach konnt'
er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliothek der
Ministerin angehen, in welchen die Tochter gewi gelesen, ja sogar einige
Lesezeichen vergessen haben wird? - Er tats auch; aber Wehrfritz verwnschte und
verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch verga ers ber
fnfmal, einige zu fordern; und endlich bracht' er ihm einen von Madame Genlis
mit, samt einem gothaischen Taschenkalender. Diese Bcher der Seligen wogegen
meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende
remittenda sind - hatten alle Stempel weiblicher Bcher; denn sie trugen alle
Zieraten weiblicher Kpfe, nmlich einen Fingerhut voll Puder wie diese - seidne
Band-Endchen wie diese, als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektre -
und einen Wohlgeruch wie diese (den Semler auch an alchymischen rhmt), welchen
sie aus den Blten des Paradieses angezogen zu haben schienen. Ach seliger Leser
des schnsten Buchs (ich meine den Grafen), willst du mehr?
    Allerdings; und er fand auch mehr, nmlich hinten im gothaischen
Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblttern die Worte: Armenkonzert
d. 21. Februar und Schauspiel fr die Armen d. 1. Nov. - Ich habe auf meiner
Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blttern die wichtigsten aus dem Busche
geklopft. - Das ist ja meiner Schlerin Hand (sagte Falterle) - sie versumt
mit ihrer Mutter so was selten, weils der Minister nicht leidet, da sie sonst
den Armen viel geben. - - Haltet mich hier nicht mit der Schnheit ihrer
Handschrift auf - da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schner schreibt als
auf Papier und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr
Kalligraphie hat als Ungelehrte -, sondern lasset mich zur Wirkung dieser
Inkunabeln Lianens eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit
lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Bltter an Heiligkeit den
Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen. Erst jetzt
war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher ber die Erde
weglief, die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom
Stande Albanos die Niederfahrt halte. Er lernte den gothaischen Taschenkalender
auswendig.
    Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sie ihm wie
der Hesperus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizitt um
die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, ders mit der grten tut; -
und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte, einmal vor der
moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zurckzustehen: so
wurd' er auf einmal (kein Mensch wute warum) leiser, milder, williger, ber
seine Auenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer - denn Liane wars ja auch
gewesen -, und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebndigt.
    Der Nordamerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als
seinen Schutzgeist an: o wird nicht oft ebenso fr den Jngling ein schner
Traum sein Genius?

                                   22. Zykel


Ein Pfingsten, wie ichs jetzt beschreiben will, Albano, trifft man auer in der
Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner!
    Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines
markigen feuerfesten Jnglings angehrt, als einmal der Direktor es nach Hause
brachte, da die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das
Abendmahl empfangen lasse, weil sie besorge, der Tod halte solche fr eine
Erdbeere, die man pflcken msse, ehe sie die Sonne beschienen. - Ach Albano sah
nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote
Beere tappen und sie ertreten. Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge, weil
sie bisher verstummen mute, ihm wie einer Progne nur die gemalte Geschichte
ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentbltter! - Alle liebenden
Empfindungen gehen, wie Gewchse, bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller
in die Hhe; Albano fhlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine qulende
Fieber-Wrme in seinem vom Tode ausgehhlten Herzen. - Auf eine sonderbare Art
mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem
sterleinschen Flgel die getrumten Tne von Lianens Stimme und das tnende
Weinen, die Harmonika, die sie spielen konnte und die er nie gehrt, gleichsam
als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen. Aber nicht genug: er
schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel (du gute Seele!), worin er alle seine
zartesten und bittersten Gefhle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber
sie frchterlich anfachte, indem er sie ausdrckte. - Jeder kann merken, da er
damit dem Schwtzer und Spione, dem Zufalle, entgehen wollte; aber nicht jeder
merkt - etwas ganz Eigenes: in fremdem Namen drf' er, glaubt' er, dem tiefen
Schmerze eine heftigere Sprache geben, zu welcher er in seinem vor so vielen
stoischen klassischen Helden verschmt den Mut nicht hatte. So aber konnten die
Klassiker nichts anfangen.
    Das stille warme Schwrmen wuchs unter dieser bedeckenden heien Glasglocke
noch viel grer; nmlich dergestalt, da er die Pflegeeltern rhrend bat, ihn
am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen. Die Bauflligkeit der
Dorfkirche, worin man es schwerlich ein Jahr spter nehmen konnte, mute fr ihn
so gut wie die krperliche fr Liane sprechen. - Ewig wird den armen, durch
Leiber und Wsten zerteilten Menschenseelen die Sehnsucht bleiben, miteinander
wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun, zu einer Stunde Blicke an den Mond,
oder Gebete ber ihn hinauf (wie Addison erzhlt); und so ist dein Wunsch,
Albano, ein menschlicher, zarter, mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde
an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der
Krnung des innern Menschen! - Er hatte auf dem stillen Lande den Altar der
Religion in seiner Seele hoch und fest gebauet, wie alle Menschen von hoher
Phantasie; auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen.
    Aber ich werde ihn nie frher in die Pfingstkirche begleiten als auf den
Kirchturm. Gibt es etwas Trunkneres, als wenn er damals an schnen Sonntagen,
sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm, zum
Glockenstuhle des Turms aufstieg und, berdeckt von den brausenden Wellen des
Gelutes, einsam ber die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhgel
der geliebten Stadt? - Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander- und
zusammenwehte; und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager
des hpfenden Frhlings und die roten Schlsser an den weien Straen und die
langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrnen Saaten und der um reiche
Auen gegrtete Strom und die blauen Berge, diese rauchenden Altre der
Morgenopfer, und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dmmernd
berfllte und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien: o dann ging
sein inneres Kolosseum voll stiller Gtterformen der geistigen Antike auf, und
der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes
magisches Leben umher - - und da sah' er unter den Gttern einen Freund und eine
Geliebte ruhen, und er glhte und zitterte.... Dann schwankten die Glocken
bang-verstummend aus - er trat vom hellen Frhlinge in den dunkeln Turm zurck -
er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm, in welche die ferne
Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling, eine
vorbeikreuzende Schwalbe und eine vorberwogende Taube - der blaue Schleier des
thers34. flatterte tausendfach gefaltet ber verhllten Gttern in der Weite -
o dann, dann mute das berckte Herz verlassen ausrufen: ach wo find' ich in den
weiten Rumen, in dem kurzen Leben die Seelen, die ich ewig liebe und so innig?
- Ach du Lieber, was wird denn schmerzlicher und lnger gesucht als ein Herz?
Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und
vor dem Unglcke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der groen
Freundschaft aus. - Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frhling und
die Freudentrnen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. -
Und wer beide nie suchte, ist tausendmal rmer, als wer beide verlor. - -
    Lasset uns jetzt in die Pfingstkirche treten, wo der tiefe Strom seiner
Phantasie zum ersten Male in seinem Leben bertrat und sein Herz weit fortri
und damit in einem neuen Bette brausete; ein physisches Gewitter hatte sich in
diesen Strom ergossen. Schon am Morgen stand der schwarze Pulverturm einer
Gewitterwolke stumm neben der heien Sonne und wurde an ihr glhend, und nur
zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag
auf die Feuertrommel; aber als Albano vor den Altar mit erhobnen verklrten
Gefhlen trat und als er seine Liebe fr Liane nur in ein inniges Beten fr sie
verkleidete und in ein Gemlde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt
im frommen dunkeln Braut-Putze und als er sanft fhlte, jetzt sei seine
gereinigte geheiligte Seele dieser schnen werter: so rckte das Gewitter mit
allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Totenorgeln35 von der Lindenstadt
herber und trat bewaffnet und hei ber die Kirche. - Aber Albano, im
Bewutsein einer heiligen Begeisterung, erschrak nicht, sondern er dachte, schon
als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine hrte, blo an Lianen und an das
Einschlagen in die Kirche zu Lindenstadt - und nun als die Sonne den Pulverturm
der Wetterwolke ber ihm mit ihren heien Blicken entzndete und in tausend
Blitze und Schlge zersprengte: dann jagte ihm seine von den Alten genhrte
Achtung fr den Donnertod die schreckliche Vermutung ins Herz, Liane sei ihm nun
gestorben in der Glorie der verklrten Frmmigkeit. - O dann mut' er ja auch
glauben, da ihn jetzt die Schwinge des Blitzes ber die Wolken schlage. Und als
lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten und als das
zitternde strkere Singen und das Wetterluten der vertrauten Glocken und die
vollstrmende Orgel sich mit dem zusammenbrechenden Donner vermischte und er im
betubenden Getse einen hohen feinen Orgelton vernahm, den er fr den
ungehrten der Harmonika hielt: da stieg er vergttert auf dem Triumph-und
Donnerwagen neben seiner Liane ein der Theatervorhang des Lebens und die Bhne
brannten unter ihnen ab - und sie flogen verbunden und leuchtend in den khlen
reinen ther weiter hinauf....
    Aber die zwlfte Stunde vertrieb diese Geistererscheinungen und das Gewitter
- Albano trat heraus in einen blauern khlern luftigen Himmel - und die
glnzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an, der noch die hellen
Trnen in allen ihren Blumenaugen zitterten. - Da nun Albano nachmittags noch
den friedlichen Durchzug des Donners durch Lianens Stadt vernahm: so wurde durch
den Glauben an ihr neuversichertes Leben - und durch das sanfte Mattgold der
ausruhenden Phantasie - und durch die heilige Stille der bekehrten Brust - und
durch die innigere Liebe aus allen Gegenden seiner Seele ein abendrotes
magisches Arkadien - - und nie betrat ein Mensch ein holderes.- -

                                   23. Zykel


Es kommt nicht blo aus meiner Geflligkeit gegen die Lese-Nachwelt her, mein
lieber Zesara, sondern auch aus einer wirklichen gegen dich, da ich alle Akte
in diesem Schferspiele deines Lebens so treu nachschreibe - in deinen alten
Tagen sollen dir diese melodischen labend aus meinem Buche nachklingen, und du
sollst abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier.
    Die folgende Nacht verdient ihren Zykel. Bald nach Pfingsten wurd' er mit
wchentlichen medizinischen Bedenken ber ein neues Kranksein der armen Liane
geqult, das am Abendmahlstage, gleich als htt' er recht geahnet, begonnen
hatte. Er hrte, da sie in Lilar, dem Lust- und Wohngarten des alten Frsten,
nebst ihrem Bruder lebe oder leide, von dessen Schweigen jetzt der Wiener an
1001 Ursachen aufgebracht hatte. Um Lilar, obwohl nahe an Pestitz, hatte sein
Vater keine Sperrketten gezogen Lianens Nachtlicht konnt' ihm vielleicht
entgegenschimmern, oder gar ihre Harmonika entgegentnen - ja ihr Bruder konnte
wohl noch im Garten herumgehen - die Junius-Nacht war ohnehin hell und herrlich
- - ach kurz er ging.
    Es war spt und still, weit auer dem schlafenden Dorfe ohne Lichter konnt'
er die Fltenstcke der Stubenuhr im Schlosse noch auf dem Pestitzer Berge
vernehmen. Es erquickte ihn, da sein Weg eine Strecke lang auf der
Lindenstdter Chaussee fortlief. Er drckte das Auge an die westlichen Berge
fest, wo die Sterne Ihr wie weie Blten zuzufallen schienen. Oben auf der
weiten Hhe, dem Herkules-Scheidewege, lief der rechte Arm hinunter und wand
sich dem blhenden Lilar durch Haine und Auen zu.
    Schreite nur freudentrunken voll junger lichter Bilder durch die
italienische Nacht, die um dich schimmert und duftet und die wie ber Hesperien
nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten Abendstern36 im blauen Westen
aufhngt, gleichsam ber der Wohnung der geliebten Seele. Dir und deinen jungen
Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen, noch keine Erinnerungen herunter, du
hast einen abgebrochenen starren Apfelzweig voll roter Bltenknospen in der
Hand, die wie Unglckliche zu blassen werden, wenn sie aufblhen, aber du machst
noch nicht solche Anwendungen davon wie wir.
    Jetzt stand er in einer Talrinne vor Lilar glhend und bange, das aber ein
sonderbarer runder Wald aus Laubengngen noch versteckte. Der Wald wuchs in der
Mitte zu einem blhenden Berge auf, den breite Sonnenblumen, Fruchtschnre von
Kirschen und blinkende Silberpappeln und Rosenbume in so knstlicher
Verschrnkung einhllten und umliefen, da er vor den malerischen Irrlichtern
des Mondes ein einziger ungeheurer Kesselbaum voll Frchte und Blten zu sein
schien. Albano wollte seinen Wipfel besteigen, gleichsam die Sternwarte des
unten ausgebreiteten Himmels oder Lilars; er fand endlich am Walde einen offnen
Laubengang.
    Die Lauben drehten ihn in Schraubengngen in eine immer tiefere Nacht
hinein, durch welche nicht der Mond, sondern nur die stummen Blitze brechen
konnten, von denen der warme Himmel ohne Wolken berschwoll. Der Berg hob die
Zauberkreise immer kleiner aus den Blttern in die Blten hinauf - zwei nackte
Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigten Kpfe
gelegt, es waren die Statuen von Amor und Psyche - Rosennachtfalter leckten mit
kurzen Zungen den Honigtau von den Blttern ab, und die Johanniswrmchen,
gleichsam abgesprungene Funken der Abendglut, wehten wie Goldfaden um die
Rosenbsche - er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen
Treppengelnder gen Himmel, aber die kleine, mit ihm herumlaufende Spiralallee
verhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Grten mit
Orangegipfeln - endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter
mit allen Sinnen in einen unbedeckten lebendigen Himmel hinaus; ein lichter
Berggipfel, nur von Blumenkelchen bunt-gesumt, empfing ihn und wiegte ihn unter
den Sternen, und ein weier Altar leuchtete hell neben ihm im Mondenlichte. - -
    Aber schaue hinunter, feuriger Mensch mit deinem frischen Herzen voll
Jugend, auf das herrliche unermeliche Zauber-Lilar! Eine dmmernde zweite Welt,
wie leise Tne sie uns malen, ein offner Morgentraum dehnt sich vor dir mit
hohen Triumphtoren, mit lispelnden Irrgngen, mit glckseligen Inseln aus der
helle Schnee des gesunknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen
und auf dem Silberstaube der Springwasser, und die aus allen Wassern und Tlern
quellende Nacht schwimmt ber die elysischen Felder des himmlischen
Schattenreichs, in welchem dem irdischen Gedchtnisse die unbekannten Gestalten
wie hiesige Otaheiti-Ufer, Hirtenlnder, daphnische Haine und Pappelinseln
erscheinen - seltsame Lichter schweifen durch das dunkle Laub, und alles ist
zauberisch-verworren - was bedeuten jene hohen offnen Tore oder Bogen und die
durchbrochnen Haine und der rtliche Glanz hinter ihnen und ein weies Kind,
unter Orangelilien und Goldblumen schlafend, aus deren Kelchen weiche Flammen
perlen37, gleichsam als wren Engel zu nahe ber sie hingeflogen - die Blitze
erleuchten Schwanen, die unter lichttrunkenen Nebeln auf den Wellen schlafen,
und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen Bumen38, wie Goldfische den
brennenden Rcken aus dem Wasser drehen - und selber um deine Bergspitze,
Albano, schauen dich die groen Augen der Sonnenblumen feurig an, gleichsam von
den Funken der Johanniswrmchen entzndet.
    Und in diesem Reiche des Lichts (dachte zitternd Albano) verbirgt sich
der stille Engel meiner Zukunft und verklrt es, wenn er erscheint. - O wo
wohnest du, gute Liane? In jenem weien Tempel? - Oder in der Laube zwischen den
Rosenfeldern? - Oder drben im grnen arkadischen Huschen? - Wenn die Liebe
schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegel der Erde zum Sternenkegel
aufrichtet, o wie wird sie erst die Entzckung bezaubern! - Albano war in diesem
uern und innern Glanze unvermgend, sich Lianen krank zu denken; er dachte
sich jetzt blo die selige Zukunft und kniete sehnschtig und umfassend an dem
Altare nieder - er blickte nach dem glnzenden Garten und malte es sich, wie es
wre, wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens betrte - wenn die heilige
Natur seine und Ihre Hnde auf diesen Altarstufen ineinanderlegte wenn er Ihr
unterwegs das Hesperien des Lebens, das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete
und ihr frommes Jauchzen und ihr ses Weinen und wenn er sich dann nicht
umsehen knnte nach den Augen des weichsten Herzens, weil er schon wte, da
sie berflieen vor Seligkeit. - Jetzt sah er im Mondscheine ber die
Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen; aber seine brennende
Seele fuhr im Malen fort, und er dachte es sich, wie er vor ihr, wenn die
Nachtigallen in diesem Eden schlagen, wahnsinnig-liebend sagen wrde: O Liane,
ich trug dich frh in meinem Herzen - einstmals droben auf jenem Berge, als du
krank warst. - -
    Hier kam er erschrocken zu sich - er war ja auf dem Berge aber er hatte die
Krankheit vergessen. - Nun legt' er kniend die Arme um den kalten Stein und
betete fr die, die er so liebte, und die gewi auch hier gebetet; und ihm sank
weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar. Er hrte nhere Menschenschritte
unten am Schneckenberge, und furchtsam-freudig dachte er daran, es knne sein
Vater sein; aber er blieb khn auf den Knien. - Endlich trat ber den Blumenrand
ein groer gebckter Greis herein, hnlich dem edlen Bischofe von Spangenberg,
das ruhige Angesicht lchelte voll ewiger Liebe, und keine Schmerzen standen
darauf, und keine schien es zu frchten. Der Alte drckte dem Jnglinge stumm
und erfreut die Hnde zum Fortbeten zusammen, kniete neben ihn hin, und jene
Entzckung, zu welcher fteres Beten verklrt, breitete den Heiligenschein ber
die Gestalt voll Jahre. - Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen.
Die nur noch aus der Erde ragende Trmmer des Mondes brannte dsterer; endlich
sank sie ein; da stand der Alte auf und tat mit der aus Gewohnheit der Andacht
kommenden Leichtigkeit des bergangs Fragen ber Albanos Namen und Ort; - nach
der Antwort sagt' er blo: Bete unterwegs zu Gott dem Allgtigen, lieber Sohn,
- und gehe schlafen, eh' das Gewitter kommt.
    Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albanos Herzen weggehen; die Seele des
alten Mannes ragte, wie die Sonne bei der ringfrmigen Finsternis, ber den
dunkeln Krper, der sie mit seiner Moder-Erde berdecken wollte, mit dem ganzen
Rande leuchtend hinaus. - Tief bis an die Nervenanfnge getroffen, stand Albano
auf, und die breitern Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubergarten
einen zweiten, dstern, verwickelten, schrecklichen, gleichsam den Tartarus des
Elysiums. - Er schied mit seltsamen gegeneinandergehenden Gefhlen - die Zukunft
und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem
durchsichtigen Vorhange schon als Theaterlichter hin- und herzulaufen - und er
sehnte sich nach einer schwerern Tat, als nach der Erquickung dieses entzndeten
Herzens; aber er mute das innere Steppenfeuer auf das Kopfkssen betten; und in
sein Eintrumen mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den
ersten Schlgen.

                                   24. Zykel


Der alte unbekannte Mann blieb viele Tage lang in Albanos Seele o stehen und
wollte nicht weichen. berhaupt war jetzt dem Bette seines Lebens eine Krmmung
ntig, die den Zug des Stromes brach. Menschen wie ihn kann das Schicksal nur
durch den Wechsel der Lagen bilden, so wie Schwache nur durch den Bestand
derselben. Denn ging es lnger so fort und kam der Kronleuchter in seinem Tempel
durch innere Erdste in immer grere Schwankungen: so konnt' am Ende keine
Kerze mehr darauf fortbrennen. Welche Reichstags-Beschwerden fhren nicht schon
Wehrfritz und Hafenreffer verbunden darber, da der Schiffspatron Blanchard in
Blumenbhl mit seinen rostatischen Seifenblasen aufstieg und da Zesara beinahe
durch den ganzen Despotismus des Direktors kaum von dem Einschiffen abzuhalten
war! Und wie gttlich stellt' er sich es nicht vor, nicht nur der Erde ihre
Eisenringe und Haftbefehle herunterzuwerfen und ber alle ihre Markthaufen und
Grenzbume und Herkulessulen steilrecht wegzufliegen und als ein Sternbild um
sie zu ziehen, sondern auch ber dem magischen Lilar und der plombierten
Lindenstadt mit verschlingenden Augen zu schweben und eine ganze schwere volle
Welt an der Handhabe eines Blicks zum durstigen Herzen zu heben!
    Aber das Schicksal brach den Fall dieses schnellen Stroms. Es wollte nmlich
zum Glck schon lange die Blumenbhler Kirche tglich einfallen - und ich
wollte, der Pfingstdonner wre darein gefahren und htte der Baudirektion Ohren
und Beine gemacht-, als zu noch grerem Glck der alte Frst unpa wurde. In
der Kirche war nun das Erbbegrbnis des Frsten, das nicht schicklich wieder das
Erbbegrbnis der Kirche werden konnte.
    Es mute sich treffen, da die alte Frstin mit dem Minister Froulay durch
das Dorf passierte. Beide hatten sich lngst zu Reichsvikarien und Geschfts-
und Zeptertrgern des Staates bevogtet, weil der alte matte Herr gern die Spiele
und die Brden, den Glimmer und das Gewicht der Krone weggegeben und jene beiden
Lehnsvormnder ins Erbamt des Zepters eingelassen hatte.
    - Kurz das Alter der Kirche entschied neben dem Alter des Frstenpaars die
Baute einer neuen Dachung und Kapsel fr die Gruft.
    Der Landschaftsdirektor besichtigte mit; und invitierte die vornehme
Gesellschaft in sein Haus, in welcher aus dem Gefolge besonders der
Landbaumeister Dian und der Kunstrat Fraischdrfer als Kunstverstndige, und die
kleine Prinzessin als Naturverstndige auszuheben sind.
    Der arme Tanzmeister bekam durch ein Sehrohr Wind von dem Zuge, als er die
Fe voll Pas eben in ein warmes Fubad streckte. Es wird niemand vergngen, da
der Wiener das einzige mit dem Magister gemein hatte, was der Teufel mit dem
Pferde, nmlich den Fu, der seine guten anderthalb Pariser Fu ma; und da
daher sein doppelter Wurzelast in den engen Treibscherben von Schuhen zu einem
fruchttragenden Knotenstock voll Okulier -, d.h. Hhneraugen ausschlug. Heute
htt' er diese gordischen Knoten im Fubade zerschnitten; aber so mut' er bei
einer solchen Visite - wie wohl er sie nie ausgezogen- seine engsten
Kinderschuhe anlegen, um Effekt zu tun. So fangen sich die Menschen oft mit zu
leichten, wie die Affen mit zu schweren Schuhen.
    Albano hingegen stand auf Kothurnen. Jeder berhaupt, der nur aus Pestitz
kam, hatte fr ihn geweihte heilige Erde an den Sohlen; und hier sah' er mit der
liebenden Achtung eines Dorfjnglings der bejahrten, aber rotwangigen und
hochstmmigen Frstin auf das von der Zeit aufgebogene Kinn und ins freundliche
Gesicht, das sich in ein ganzes tiefes Haubengebsch - vielleicht zur Decke der
vielen Lebenslinien - vergrub. Sie wiegte diesen Kopf lchelnd-vergleichend, im
Wahne der Verschwisterung, zwischen ihm und Rabetten hin und her, weil Mtter
immer an Mttern zuerst nach den Kindern sehen. Er htt' es noch wissen sollen,
da er eine Freundin Lianens an der kleinen krauskpfigen Prinzessin vor sich
hatte, die, wiewohl schon in seinem Alter, noch mit einer freundlichen
Lebhaftigkeit, die nie vom Hofmarschallamte unterschrieben werden kann, an alle
hinansah und sogar Rabetten bei der Hand nahm und ihr ein
unbeschreiblich-gutmtiges und steifes Anlachen abzwang. Furchtbar kam ihm der
Minister vor, ein Mann voll starker Partien an Leib und Seele, voll reiender,
wrgender, nur an Blumenketten liegender Leidenschaften, und von welchem, obwohl
sein hartes Gesicht erst hflich mit freundlichen 12 himmlischen Zeichen von
Liebe berschrieben war, doch nicht sonderlich einleuchten wollte, wie von der
nerven-weichen Liane ein Mann der Vater und Fhrer sein knne, bei welchem die
Eisenteile, deren der Mensch mehrere im Blute trgt als irgendein Tier, sich
nicht, wie bei Gtze, auf die Hand geworfen hatten, sondern auf die Stirn und
das Herz.
    Ich gehe ber das einzige Glied in der Gesellschaft, das Albanen
unausstehlich war, nur flchtig weg, ber den Kunstrat Fraischdrfer, der sein
Gesicht, wie die Draperie der Alten, in einfache edle groe Falten geworfen
hatte. Vor vielen Jahren wollt' er nmlich unsern verschmten kleinen Helden bis
auf die Herzgrube zum Sitzen haben, um dessen Gesicht und breite, hohe, aus der
Hemdkrause glnzende Platosbrust, ich wei nicht, ob nachzupinseln oder
nachzubossieren. Allein das verschmte Kind schlug mit Hnden und Fen um sich,
und es war ihm nichts nachzumnzen als das nackte Gesicht ohne das Postement,
den Thorax. - Hingegen vor mir, liebe Akademie, mut du nun jahrelang wie ein
Stylit auf dem Modell-Stative aushalten und meiner Reifeder deinen Kopf und
deine Brust samt ihrem Kubikinhalt blostellen, der Gruppierungen gar nicht zu
gedenken! -
    Seiner edlen Gestalt hatt' er es vielleicht zu danken, da der
schngebildete geradnasige und herrlich-schlanke Grieche Dian mit seinem
Rabenhaare und schwarzen Adlerauge, der in jeder gelenken Bewegung eine hhere
Freiheit des Anstandes zeigte, als in Tanz- und Cour-Zimmern gewonnen wird,
feurig zu ihm trat und mit wenigen Blicken dem tiefen, aber reinen Meere des
Jnglings auf den grnenden Boden und auf die Perlenbnke sah. Albano stellte
mit seiner zu lauten heftigen Stimme, mit seinen ehrerbietigen, aber scharf
aufschlagenden Blicken, mit seiner eingewurzelten Stellung eine holde Mischung
von innerer Kultur und bermacht mit uerer lndlicher Errtung und Milde dar,
gleichsam einen noch zu keinem Tulpenbeete verschnittenen Tulpenbaum, eine
lndliche Eremitage und Waldklafter mit goldner Ausmblierung. - Er hatte die
Fehler der einsiedlerischen Jugend; aber Menschen und Winterrettiche mu man
weit sen, damit sie gro werden; engstehende Menschen und Bume haben zwar
einen schlankern Stangenschu, aber keine Wetterfestigkeit, keine so reiche
Krone und stung wie freistehende. Mit der unbefangensten Herzlichkeit entdeckte
der Baumeister dem glhenden Jnglinge: sie wrden sich von nun an jede Woche
sehen, da er tglich, um den Bau der Kirche zu besorgen, komme. - -
    - Das ganze Wehrfritzische Haus guckt jetzt dem hohen Zuge, bis auf das
letzte verschwindende Wagenrad hinterdrein und ist doch begierig, ber das
nachduftende Lavendelwasser der Freude drei Worte zu sagen, das der Zug in alle
Winkel und auf alle Mbeln verspritzet hatte. Vom Exerzitienmeister an, der mit
den Kompressionsmaschinen an den Fen blo bis an die Knorren im Fegefeuer
stand und dann bis an den Wirbel im Himmel, weil die gesprchige Prinzessin sich
seiner fnf Positionen sehr gut entsonnen hatte - bis zur bescheidnen Rabette,
der Lobrednerin ihrer Siegerin - und bis zu Albinen, der an einer Frstin die
warme Mutterliebe gegen die Prinzessin wohltat - und bis zum Direktor, den die
schnbestandne Klingen- und Ankerprobe des Pflegesohns und die allgemeine
Redlichkeit dieses bekehrten Weltteils der groen Welt nachfreuete, weil der
Mann es nie behielt, da Frsten und Minister, so wie sie in ihrer Garderobe
Berghabite zum Einfahren haben, auch Direktoratsanzge, Justiz-Wildschure,
Konsistorial-Schafspelze und Weiber-Opern-Kleider in der Anziehstube fhren -
von allen diesen Menschen bis zum Direktor wuchs der frohe Nachklang, um in
Zesara mit einer - Lrmkanone aufzuhren: sein Ehrgeiz trat unter Waffen sein
Freiheitsbaum fuhr in Blten aus - die Standarten seiner Jugend-Wnsche wurden
eingeweihet und flatterten aufgewickelt im Himmel - und auf den Myrtenkranz
deckt' er einen schweren Helm mit einem glnzenden hoch-aufwallenden
Federbusche.....
    Der folgende Zykel ist blo dazu gemacht, um anzugeben, wie man das zu
nehmen habe.

                                   25. Zykel


Auch meine Meinung ists, da das antiphonierende Doppelchor der beiden
Erziehungs-Kollegien, Wehmeier und Falterle, unsern Normann bisher so gut erzog,
als zwei hnliche Gymnasiarchen, die Gouvernante England und die Hausfranzsin
Frankreich, die Kurrentschlerin Deutschland nach den besten Schulbchern
wirklich erzogen haben, so da wir nun wieder unsers Orts imstande sind,
Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakel aus dem Katheder unserer
Frstenschule herab so viel als ntig zu kantschuen. -
    Aber jetzt war zu viel in Albano aufgewacht. Er fhlte berschwellende
Krfte, die keinen Lehrer fanden - sein in Italien herumstreifender Vater schien
ihn zu versumen- den Musensitz Pestitz (der noch dazu eine Muse mehr hatte)
schien er ihm ungerecht zu versperren - er wute oft nicht zu bleiben -
Phantasie, Herz, Blut und Ehrliebe goren. In solchem Falle ist wie in jedem
grenden Fasse nichts gefhrlicher als ein leerer Raum (es sei an Kenntnis oder
Arbeit).

                            Dian fllte das Fa auf

Er kam in jeder Woche aus der Stadt, als htt' er das Einhmmern der Kirche so
gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufmauern. Ein Jngling, der den ersten
Griechen sieht, kanns anfangs gar nicht recht glauben, er hlt ihn fr
klassisch-verklrt und fr einen gedruckten Bogen aus dem Plutarch. Wenn ihm nun
gar das Herz so brennt wie meinem, und wenn sein Grieche noch dazu ein
spartischer Nachkmmling ist wie Dian, nmlich ein unbesiegter Mainotte, der im
klassischen Doppelchore der sthetischen Singschule, in Atiniah (Athen) und Roma
erzogen worden: so ist es natrlich, da der begeisterte Jngling jeden Tag in
den Staub- und Moder-Wolken des fallenden Kirchengemuers steht und darauf
wartet, ob sein Heerfhrer hinter der Wolkensule vortrete.
    Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergnge - las oft halbe Nchte
mit ihm - und nahm ihn auf die architektonischen Landreisen mit, die er immer zu
machen hatte. Er fhrte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des
Homers und des Sophokles ein; und ging mit ihm unter die hhern, ganz
entwickelten, von einseitiger stndischer Kultur noch unverrenkten,
schngegliederten Menschen dieses Zwillings-Prometheus, die wie Salomo fr alles
Menschliche, fr Lachen, Weinen, Essen, Frchten und Hoffen eine Zeit hatten und
die blo die rohe Grenzenlosigkeit flohen; die auf den Altren aller Gtter
opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst. Und Dian - dessen innerer Mensch ein
ganzer war, dem kein Glied ausgerissen ist, keines aufgeblasen und alle
grogewachsen - ging selber als ein solcher Sophokles-Homerischer Grieche mit
dem Lieblinge um. Er machte ihm - indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm
berall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen, bei jedem heftigen
Unwillen oder Wunsche oder Jubel, den er zeigte - mit schner liberaler Freiheit
Raum, sich breit und hoch zu entwickeln. Er ehrte am Jnglinge das St. Elms -
oder Helenen-Feuer, wie am Greise das Eis; das Herz krftiger Menschen, glaubt'
er, msse wie ein Porzellangef anfangs zu gro und zu weit gedrehet sein, im
Brennofen der Welt laufen beide schon gehrig ein. Ebenso fordr' ich von einem
Jnglinge erst Intoleranz, dann nach einigen Jahren Toleranz, jene als die
steinige saure harte Frucht eines krftigen jungen Herzens, diese als das weiche
Lager-Obst eines ltern Kopfes.
    Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete, mit ihm Abgsse der Antiken und
Kunstwerke anschauete: so machte er am schnsten vor diesen seine Liebe fr das
artistische Zeichen der Waage am Menschen, der sein eignes Kunstwerk sein soll,
und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar, der die uere Schnheit in
Falten bricht wie die innere, und seinen Wunsch, seine Gestalt und sein Herz
nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen.
    Der Baumeister bewahrte, wie oft der Knstler und fter der Schweizer,
europische Kultur und lndliche Naivett und Einfachheit nebeneinander, seiner
geliebten Baukunst gleich, worin mehr als in den andern Knsten Schnheit und
messende Vernunft zusammengrenzen; er lie daher zuerst Albano in den Hrsaal
der Philosophie, aber im Freien auen am Fenster stehend, hineinsehen und
hineinhren. Er fhrte ihn nicht in den Steinbruch, vor die Kalkgrube und auf
den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertig gemachte
schne Bethaus, sonst die natrliche Theologie genannt. Er lie ihn keine
eiserne Schlukette Ring nach Ring schmieden und lten, sondern er zeigte sie
ihm als hinunterreichende Brunnenkette, woran die auf dem Boden sitzende
Wahrheit herauf, oder als eine vom Himmel hngende Kette, woran von den
Untergttern (den Philosophen) Jupiter heruntergezogen werden soll. Kurz das
Skelett und Muskeln-Prparat der Metaphysik versteckt' er in den Gottmensch der
Religion. - - Und so soll es (anfangs) sein; aus der Sprache lernt man die
Grammatik leichter als jene aus dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik,
aus dem Leibe das Gerippe, als umgekehrt, wiewohl man es immer umkehrt.
Unglcklich sind unsere jetzigen Jnglinge, die vom Baume des Erkenntnisses
frher die Tropfen und die Kfer schtteln mssen als die Frchte.
    Und nun macht' er ihm khn alle Stubentren der philosophischen Schulen auf,
d.h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit hlt man noch den Docht jedes
gelehrten Lichtes der Welt fr Asbest, wie Brahminen sich in Asbest kleiden -
und die Eisstcke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der
hiesigen, Stdte und Tempel auf himmelblauen Sulen vor.
    Wenn nun Albano ber irgendeine groe Idee, ber die Unsterblichkeit, ber
die Gottheit, sich in Flammen gelesen: so mut' er darber schreiben, weil der
Baumeister glaubte - und ich auch -, da in der erziehenden Welt nichts ber das
Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und da ein Mensch 30 Jahre mit
weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen
eben wir Autoren uns zu solchen Hhen; - daher werden sogar schlechte, wenn sie
aushalten, am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da
nach Grubstreet hinauf. -
    Allein welche glhende Stunde ging dann fr unsern Liebling an! Was sind
alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe Fest, wo ein entflammter Jngling
alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufstze
hinwirft!
    Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt fr
Schritt und bediente sich blo des Kopfes; aber wenn es weiterkam und das Herz
mit den Flgeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern
groer Wahrheiten vorberfahren mute - konnt' er sich da enthalten, dem
rosenroten Flammantvogel nachzuahmen, der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem
fliegenden Brande anzufrben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint?
- Kam er vollends auf die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die andere
- in jeder formte und besete er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in
drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem
dazu hineingeworfenen Charons-Ponton - in jeder Nutzanwendung waren alle
Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Blten und alle Abende
Frchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber - alle Vlker
stiegen die Mittagshhe lichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie
Menschen auf Bergen, alles Gute nher - ach die ganze sumpfige Gegenwart voll
Sturzeln und Egeln hatt' er mit einem Fue seitwrts weggestoen und war nur von
den grnenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonnenkugel seines Kopfes in
den ther geworfen hatte. - -
    Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die Jahre, worin der
Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht, wo der Geist seine
ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll frischer Morgengedanken die
ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht, tragen einen ewigen Glanz und stehen
ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur
astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen ber die Morgengestirne
reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjngte Lgen! - O damals wurd' er von
der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getrnkt und grogezogen,
spter wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert! - Aber
du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die
Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wrmer geben;
und kehrst du wieder, so geschieht es gewi nicht hier im tiefen niedrigen
Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgenrte in den Goldflmmlein auf dem
Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht - nein, sondern dann kann es
geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den
tiefen blagelben Arbeitern wegreiet, und wir nun wieder, wie erste Menschen,
in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermelichen Himmel!
    In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit
Rousseau und Shakespeare; wovon ihn jener ber das Jahrhundert erhob und dieser
ber das Leben. Ich will es hier nicht sagen, wie Shakespeare in seinem Herzen
gebietend regierte - nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere, sondern -
durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn
man nachts den Kopf unter das Wasser taucht: so ist eine frchterliche Stille um
uns her; in eine hnliche berirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare.
    Was viele Schullehrer an Dian tadeln knnen, ist, da er dem Jnglinge alle
Bcher untereinander gab, ohne genaue Ordnung der Lektre. Aber Alban fragte in
sptern Jahren: Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? - Ist sie
mglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bcher oder Systeme
oder Lehrer oder die uern Begebenheiten oder die Gesprche je so
paragraphenmig, da man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart
abzuschreiben ins Gedchtnis, um die Ordnung obendrein zu haben? - Braucht und
macht nicht jeder Kopf seine eigne? - Und kommt es mehr auf die Rangfolge der
Speisen oder auf ihre Verdauung an?

                                   26. Zykel


Whrend Dian einen schnern Tempel in die Hhe steigen lie als den steinichten
im Dorfe: verstarb die Frstin, deren castrum doloris dieser werden sollte; sie
mute man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche
beisetzen. Das nderte ein paar tausend Sachen. Der Hohenflieer Kronprinz Luigi
sollte und mute nun aus Welschland zum Frstenstuhle zurck, worauf der alte,
von den Jahren zusammengewickelte Frst winzig und sprachlos mehr lag als sa -
wiewohl der hinter der Frstenstuhl-Lehne stehende Minister dessen Figur und
Stimme munter genug nachspielte -; Don Gaspard, der alle bisherige Briefe
Albanos nicht erhret hatte, fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die
Adern durchbrausende Ordre zu: Auf meinem Rckwege aus Italien sehen wir uns in
deinem Geburtsorte Isola bella. Man wird dich abholen. - Auch Leser, die noch
keine Woche lang Briefe eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt
haben, merken leicht, da der Vlies-Ritter gedenkt, seinen Sohn mit dem jungen
Frsten und ihre ersten Pestitzer Verhltnisse zu verknpfen und zu mischen.
    Ich bitte aber die Welt, nun das Paradies eines Menschen auszumessen, der
nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere
hinliegen sieht. War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan? -
Lorbeerkrnze - Efeukrnze - Blumenkrnze - Myrtenkrnze - hrenkrnze - - alle
diese Girlanden berhingen das Pestitzer Haupttor und seine Haustre. Du Bruder,
du Schwester (ich meine Roquairol und Liane), welcher volle schmachtende Mensch
zog euch entgegen! - Und welcher trumende und unschuldige! Homer und Sophokles
und die alte Geschichte und Dian und Rousseau - dieser Magus der Jnglinge - und
Shakespeare und die britischen Wochenschriften (worin eine hhere humanere
Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten), alle diese hatten im
glcklichen Jnglinge ein ewiges Licht, eine Reinheit ohnegleichen, Flgel fr
jeden Tabors-Berg und die schnsten, aber schwierigsten Wnsche zurckgelassen.
Er glich nicht den brgerlichen Franzosen, die wie Teiche die Farbe des nchsten
Ufers, sondern den hhern Menschen, die wie Meere die Farbe des unendlichen
Himmels tragen. -
    berhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt fr seine Vernderung. Durch
Dian und durch dessen Reisen war sogar sein uerer Mensch schner entwickelt in
Gastzimmern. Die Menschen gehen wie Schiekugeln weiter, wenn sie abgeglttet
sind; bei Zesara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen, woran sich das
Mittelgut stet und sticht; und selber ungewhnlicher Wert ist ungewhnlicher
Fehler - wie hohe Trme eben darum bergebogen scheinen. Zesara lernte eben
auerhalb des lndlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte
ein, die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand; denn der Witz, sonst ein
Feind des letztern, war bei ihm blo ein Diener und Kind davon. Er kokettierte
nicht, wie witzige Suglinge, mit allen Ideen, sondern er wurde von ihnen
entweder angepackt oder gar nicht angestreift; daher kam jenes stumme, langsame,
unscheinbare Reifen seiner Kraft, er glich langsam-aufsteigenden Gebirgen, die
stets mehr Ausbeute abwerfen als schnell-aufstehende. Bei groen Bumen ist der
Same kleiner und im Frhlinge die Blte spter als bei dem kleinen Gestruche.
    Die Zeit, eh' Gaspards abholender Bote kam, wurde dem aufgehaltenen
Jnglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker, es schrumpfte zu den
Wirtschaftsgebuden eines Klosters ein. Der bedeckte, aber mit Enkaustik in sein
Gehirn geschriebene Plan des Lebens war (wie bei allen solchen Jnglingen) der,
nichts Greres zu werden und zu tun als - alles, nmlich zugleich sich und ein
Land zu beglcken, zu verherrlichen, zu erleuchten - ein Friedrich II. auf dem
Throne, nmlich eine Gewitterwolke zu sein, welche Bannstrahlen fr den Snder,
elektrisches Licht fr Taube und Blinde und Lahme, Gsse fr die Insekten und
warme Tropfen fr durstige Blumen, Hagel fr Feinde, eine Anziehung fr alles,
fr Bltter und Staub, und einen Regenbogen fr das Ende hat. - - Da er nun
Friedrich II. nicht sukzedieren durfte, so wollt' er knftig wenigstens Minister
werden - zumal da Wehrfritz soviel aus der Lnge dieses Nebenzepters, des
Ablegers und Schnittlings vom Mutterzepter, machte -; und in den Freistunden
nebenbei ein groer Dichter und Weltweiser.
    Es soll mir lieb sein, Graf, wenn du der zweite Friedrich der zweite und
einzige wirst; - mein Buch hier wird davon profitieren, und ich selber poussiere
dadurch mein Glck als ein seltener, aus Xenophon, Curtius und Voltaire
zusammengewachsener Historiograph! -

                                   27. Zykel


Zesara wird nie den Frhlingsabend vergessen, woran er einen Passagier im
berrocke - ein wenig hinkend und mit brauner Reise-Schminke, wogegen die weien
Augpfel glnzend abstachen - den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten
sah, und wie ferner der Passagier einen Wchterspie, den der zeitige
Bettler-Polizei-Leutnant als seinen vikarierenden Mitarbeiter an seine Haustre
angelehnt, mitnahm und solchen unterwegs einem Krppel mit den Worten reichte:
Alter, ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spie. Wenn Ihn jemand fragt,
so sag' Er nur, Er wach' im Dorfe gegen das verhenkerte Bettelvolk, aber Er habe
nicht Augen genug. - Dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem
Rektors-Shnchen, dems ntig war, auf drei Minuten vor.
    Natrlich war es unser alter Titularbibliothekar Schoppe, den Don Gaspard
mit der Einladungskarte fr Isola bella abgesandt. Albanos Entzckung war so
gro, da er erst einige Tage spter sich im humoristischen Sonderlinge
jugendlich irrte, indes dieser sehr bald den leichten, heien, stillen Wildling
richtig auswog. Ging es nicht dem alten Landschaftsdirektor noch schlimmer,
welcher, blo weil er den deutschen Reichskrper so hoch anschlug, als wr' er
die darin eingepfarrte Reichsseele, ber Schoppes Ausflle gegen die
Konstitution in einen patriotischen Harnisch kam? Herr, (sagt' er aufgebracht)
wenns auch wo haperte: so mu ein redlicher Deutscher still dazu schweigen,
wenn er nicht helfen kann, zumal in so verfluchten Zeiten.
    Das Schnste war, da auf Luigis Begehr zugleich der Baumeister abzureisen
hatte, um aus Rom Abgsse der Antiken zu holen.
    - Und nun zieht fort, damit ihr wiederkommt und wir endlich einmal einlaufen
in Pestitz! - Freilich wirst du, gutes Kind (Waldbiene sollt' ich sagen), deinen
Abflug aus dem lndlichen Honigbaume in den stdtischen glsernen Bienenstand
mit tiefern Schmerzen halten, als du vorausgesetzt - reiset nicht sogar der alte
Pflegevater ohne Abschied fort, um nur dem deinigen zu entfliehen - und deiner
guten Mutter ist, als reie eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust, als
lange sein zartes, nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes Liebes-Band
nicht hinein in die weite Zukunft - und deine Schwester sperret sich in die
Mansardenstube ein mit ihrem lndlichen, von Feuerfoltern tobenden Herzen und
kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich
gestickte Brieftasche mit der seidnen Umschrift: Gedenke unserer! - und selber
auf deinen lorbeer-schtigen Kopf wird der Triumph- oder Regenbogen des
Abschiedes, wenn du unter ihm durchschreitest, schwere, schwere Tropfen werfen
(ach an den nachblickenden Augen werden sie lnger hngen bleiben) - dein alter
redlicher Lehrer Wehmeier wird an dir den letzten Strom seiner Worte und Trnen
vergieen und sagen (und dein weiches Herz wird nicht lcheln): er sei ein
alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch (das Grab) -
du hingegen seiest ein frischer blutjunger Mann, voll Sprachen und Altertmer
und herrlicher Talente von Gott - freilich werd' ers nicht erbeben, da aus dir
ein berhmter Mann werde, aber seine Kinder wohl; und dieser Wrmer sollest du
dich einmal annehmen, junger Herr!
    - Du reine Seele, an jedem bekannten Hause, an jedem teuren Garten und Tale
wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein glhendes
zartes Herz leise-quellende Wunden ritzen - wie? sogar von deinen befreundeten
Abend- und Morgen-Hhen (den Sprachgittern deiner heiligsten Hoffnungen) und von
Lianen selber wirst du zu entweichen glauben. -
    Aber wirf deine weinenden Augen in das offne blaue Italien und trockne sie
an Frhlingslften - das Leben hebt an - die Signale zu den Waffenbungen und
Lusttreffen der rstigen Jugend werden gegeben - und mitten in den olympischen
Kampfspielen wirst du herrlich von nahen Konzert- und Tanzslen umschmettert.
    Was phantasier' ich da her? - Wie, ists nicht uns allen mehr als zu wohl
bekannt, da er lngst fort ist schon seit der ersten Jobelperiode, ja sogar
wieder retour, und er hlt schon seit der zweiten - jetzt zhlen wir die vierte
- mit dem Bibliothekar und dem Lektor zu Pferde vor Pestitz und kann nicht
hinein wegen der Torsperre der -

                              Fnften Jobelperiode


    Prunkeinzug - Doktor Sphex - der trommelnde Kadaver - Retrogradation des
Sterbetags - der Brief des Ritters - Julienne - der stille Karfreitag des Alters
  - der gesunde und verschmte Erbprinz - Roquairol - das Erblinden - Sphexens
     Liebhaberei fr Trnen - das fatale Gastgebot - das doloroso der Liebe


                                   28. Zykel

ber den Gabelweg, dessen rechte Zinke nach Lilar geht, spornte Albano sein
Pferd bange hinber und flog den Berg hinauf, bis die helle Stadt wie eine
erleuchtete Peterskuppel lang und breit in der Frhlingsnacht seiner Phantasien
brannte. Sie legte wie ein Riese den Oberleib (die Bergstadt genannt) auf die
Anhhe und streckte die andre Hlfte (die Talstadt) in das Tal. Es war Mittag
und keine Wolke am Himmel; in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller
blanker Scheibe da, indes ein Drfchen erst abends aus dem ersten Viertel ins
Vollicht tritt. Sie war gut fortifiziert, nicht von Rimpler oder Vauban, sondern
von einem wachsenden Pfahlwerke aus Linden. Oben leuchtete unserm Alban die
lange Wand der Palste der Bergstadt entgegen, und die Statuen auf ihren
welschen Dchern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn
- ber alle Palste zog sich das eiserne Geblke der Ableiter als ein
Throngerst des Donners mit goldenen Zepterspitzen - seitwrts hinab lagerte
sich die Talstadt neben den Flu zwischen Alleenschatten, mit den bunten
Fassaden gegen die Gassen und mit dem weien Rcken gegen die Natur gewandt -
die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschlten
Stmmen, und die Kinder klatschten mit den Rinden - die Tuchmacher spannten
grne Tcher wie Vogelwnde gegen die Sonne aus - aus der Ferne zogen
weibedeckte Fuhrmannswagen die Landstrae daher, und an den Seiten des Weges
graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten hellen
Lindenknospen und ber alle diese Massen schwebte das Mittagsgelute aus den
lieben vertrauten Trmen (diesen Resten und Leuchttrmen aus seiner dunklern
Zeit) gleichsam verknpfend und beseelend und rief die Menschen freundlich
zusammen.- -
    Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden, der endlich in die offnen,
aus Sonnentempeln gebaueten Gassen einreitet, wo ja vor jedem langen Fenster,
auf jedem Balkon Liane stehen kann - wo sich die lgnerischen oder prophetischen
Rtsel von Isola bella entwickeln mssen - wo sich alle Hausgtter und
Hausparzen seiner nchsten Zukunft verstecken - wo nun der Montblanc des Hofes
und die Alpen des Parnasses, die er beide zu besteigen hat, dicht mit ihrem Fue
an ihm liegen. - - Mich htt' es in etwas beklommen; aber im Jnglinge, zumal
vor dem Kronleuchter der Sonne, loderte ein Leuchtregen nieder. O wenn der
Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Merkuriussule hoch, gesetzt
auch, das uere Wetter wre nicht das beste.
    Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein
so labendes Getmmel geraten sein wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus
ihren Kanzeln und schwarzen Hhlen herunter, und ein Bauredner auf dem
Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die knftige Feuersbrunst
und dmpfte eine eigne und schleuderte den glsernen Feuereimer weit ber das
Gerste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des
Dach-Sprechers geritten und durch die Armreihen blhender Musenshne, worunter
Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht: so stoen wir doch vor
seiner knftigen Wohnung auf ein neues Geschrei.
    Es machts der Landphysikus Sphex, sein Mietsherr, der ihm den halben Palast
(denn der Doktor ist begtert durch Kuren) absteht, weil das Haus gerade auf der
Bergstadt oder dem Westmnster des Hofes liegt; denn in der Talstadt hausen die
Studenten und die city. Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand, als das
Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der auf einer Steinbank sa und
zwei Klppel ber eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von
Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor
sagte gelassen zu ihm: Strauchdieb! Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die
lauten Reiter umdrehte, so lie er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte:
Range! - mut' aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten: Racker!
    Die Reiter saen ab, der Doktor fhrte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem
er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte
ihnen ihre vier oder zwlf Pfhle auf und sagte kalt: Treten Sie in Ihre drei
Kavitten. Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den khlen purpurnen
Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Trume ein,
gleichsam in die Silberhtte fr das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin
die geffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Futeppichs an bis
zu den Alabasterstatuen der Wand; und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner
Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen
Studienbcher, holde Reflexe aus der stillen, ihm durch die Reise weit
entrckten Jugend, an, in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten,
indes jetzt Feuerfaxe geset werden. Da warf, nicht die Gttin der Nacht den
Mantel, sondern die Gttin der Dmmerung den Schleier ber sein Auge und lie im
Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekrnzt, einen
Trupp aus Parzen und Grazien, an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, Hnde
und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker - - auf drei Minuten:
wahrhaftig ein Jngling, zumal dieser, hat die Seestrme, die den Maler, die
arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen
in der physischen Welt, ebenso lieb in der moralischen.
    Albano, jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt, frchtete sich
fast, da seine trumerischen Entzckungen ihr Ziel verrieten. Sind Briefe da?
fragte der Lektor nach seiner fr Brgerliche abbrevierten kecken Manier. Hol
ihn herauf, van Swieten! sagte Sphex zu einem Shnchen, das mit zwei andern,
Boerhaave und Galenus genannt, bisher eine korrespondierende
Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte.
Unser alter Herr (setzte Sphex auf einmal dazu, als hng' es mit dem Briefe
zusammen) hat auch ausgeherret; seit fnf Tagen ist er maustot, wie ich lngst
vorausgesagt. - Der alte Frst? fragte erstaunt Augusti. Aber warum werd'
ich noch nichts von Trauergelute, schwarz-angelaufnen Schnallen, Trnentpfen
und Jammer in der Stadt gewahr? fragte Schoppe.
    Das erklrte der Physikus. Er hatte nmlich als Leibarzt die Sterbensterzie
des alten Frsten khn genug geweissagt und glcklich getroffen. Allein da
gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen
wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze fr den Sohn eingelte
Illumination ausgegossen htte mit Trnentpfen und die geblmten Ehrenpforten
verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachfahrer empfangen war,
obwohl zum grten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nicht wollen laut
werden lassen, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer
erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob. Sphex beteuerte, schon
vor vielen Jahren hab' er dem Hchstseligen aus den weien Zhnen39 die
Nativitt der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als
dasmal; er lasse aber jeden selber beurteilen, ob ein Arzt, der seine
Prophezeiung berall kundgegeben, viel Seide spinne bei einer solchen
politischen Unterschlagung. - Aber (versetzte Schoppe) wenn man verstorbene
Herren, gleich ihren toten Soldaten, noch als lebendige in der Liste fortfhrt:
so kann man fast nicht anders; denn da es bei Groen berhaupt so verdammt
schwer zu erweisen ist, da sie leben, so ists auch nicht leicht auszumitteln,
wenn sie tot sind; Klte und Unbeweglichkeit und Fulnis beweisen zu wenig. Doch
mag man vielleicht knigliche Sterbebetten, wie die Perser knigliche Grber,
auch darum verstecken, um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum
zwischen dem Tode und der neuen Huldigung mglichst abzukrzen. Ja da nach der
Fiktion ein Knig gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, da wirs
berhaupt erfahren und da es nicht mit dem Tode desselben wie mit dem Tode des
ebenso unsterblichen Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht
melden durften.
    Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen
Brief an - Albano mit Gaspards Siegel; er ri ihn jugendlich-arglos auf ohne
einen Blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte
ihn wie ein Postsekretr, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit
zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schttelte ber die schlechte
Erneuerung des Briefadels, d.h. des Wappens, leise den Kopf. Haben die Jungen
etwas am Siegel verletzt? sagte Sphex. Mein Vater (sagte lesend Albano, um
eine bis nach auen reichende Erschtterung zu berdecken, worein ein Flug
schwerer Gedanken pltzlich alle seine innern Zweige setzte) wei den Tod des
Frsten auch schon. Da schttelte Augusti noch mehr den Kopf; denn da sich
vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das frstliche Sterben versprang, so
setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstern voraus. Der Leser ziehe sich
hiervon die Regel ab, da er ber die Entfernung zweier Tne, zwischen welchen
die Leute vor ihm hpfen, stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden
raten msse, den sie verstecken wollen.
    Fr den Grafen war es jetzt recht gut, da der Doktor den Hofmeistern ihre
Zimmer anwies; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt
so heftig vom Inhalte des Briefes erschttert!

                                   29. Zykel


Als Sphex dem Bibliothekar die Stube auftat, war solche schon besetzt von einer
Kiste (auch aus Italien angelangter) Vipern, von 3/4 Zentner Flachs, einem
bleichen Reifrocke und von drei durchbohrten Seidenschuhen der Doktorin samt
einer Weife und einem Vorrate von Kamillenkraut; das medizinische eheliche Paar
hatte gedacht, das pdagogische niste beisammen. Aber Schoppe versetzte recht
gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer traktierten Augusti: Je
krftiger und geistreicher und grer zwei Menschen sind, desto weniger
vertragen sie sich unter einem Deckenstck, wie groe Insekten, die von Frchten
leben, ungesellig sind (z.B. in jeder Haselnu sitzt nur ein Kfer), indes die
kleinen, die nur von Blttern zehren, z.B. die Blattluse, nesterweise
beisammenkleben. - Zesara htte allerdings an seinem unersttlichen Herzen den
Geliebten, den ihm das Geschick darangelegt htte, unaufhrlich in jeder Lage
und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen; aber Schoppe hat recht.
Freunde, Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben, nur nicht die Stube;
die groben Forderungen und die kleinlichen Zuflle der krperlichen Gegenwart
sammlen sich als Lampenrauch um die reine weie Flamme der Liebe. Wie das Echo
immer vielsilbiger wird, je weiter unser Ruf absteht, so mu die Seele, aus der
wir ein schneres begehren, nicht zu nahe an unsrer sein; und daher nimmt mit
der Ferne der Leiber die Nhe der Seelen zu.
    Der Doktor lie seine lauten Kinder als einen ausrumenden Strom in die
Augiasstube laufen; er aber ging wieder zum Trommler hinunter, mit dem es nach
seiner Erzhlung diese Bewandtnis hatte: Sphex hatte schon vor mehrern Jahren
besondere Vermutungen ber die Fett-Absonderung und den Durchmesser der
Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgeben wollte, bis
er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen, mit denen er auf die
Sektion und Ausspritzung des dasitzenden Trommlers wartete. Diesen kranken,
einfltigen, schlaffen Menschen, Ma: mit Namen, hatt' er vor einem Jahre, als
sich einige Fett-Augen auf ihm ansetzten, unter der Bedingung in die Kost
genommen, da er sich zerlegen liee, wenn er verstorben wre. Zum Unglck
findet Sphex seit geraumer Zeit, da der Kadaver tglich abfllet und eindorret
aus einem Aale zu einer Hornschlange; und es ist ihm unmglich, herauszubringen,
was es macht, da er ihm nichts Aussaugendes zulsset, weder Denken noch Motion
noch Passionen, Empfindsamkeit, Essig noch sonst etwas.
    Die Trommel mu der Kadaver - da er ebenso harthrig als hartsinnig ist und
schon darum keine Vernunft annimmt, weil er keine hrt - immer umgehangen
tragen, weil er unter ihrem Rhren besser vernimmt, was sein Brotherr und
Prosektor an ihm aussetzt40. - Der Doktor filzte ihn nun drunten - Schoppe hrte
zum Fenster hinab - so aus: Ich wollte, der Teufel htte lieber Seinen
verdammten seligen Vater geholet, als da er gestorben wre. Er schieet ja ber
Sein Lamentieren ein wie Soldatentuch und weckt ihn doch nicht auf, und wenn Er
sich die Nase wegweinte. Besser getrommelt, Kahlmuser! - Wei Er denn nicht,
Schuft, da Er mit einem andern einen Kontrakt gemacht, ins Fett zu wachsen, so
gut Er kann, und da man den Brotdieb kostbar ernhrt, bis er brauchbar wird? -
Andere wrden gern fett, wenn sie's htten. - Und Ihr! - Redet, Strick! Malz
lie die Trommelstcke unter die Schenkel niederklappen und sagte: Sie haben
recht Seine Not mit mir - es ist kein rechter Segen bei unserm Schmalz - und
darber mergelt sich unsereiner im stillen ab. - Meinen Vater sel. schlag' ich
mir wahrhaftig aus dem Kopfe, er mag mir einfallen, wenn er will.

                                   30. Zykel


Der vterliche Brief, der Albanos Seele in allen ihren Fugen erschtterte,
lautet bersetzt so:

Lieber Albano, im Kampanertal erhielt ich leider einen Brief ber die immer
heftiger wiederkommenden Asphyxien deiner Schwester, er war am Karfreitage
geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus. Auch bin ich
darauf gefasset. Desto mehr frappierte mich deine Nachricht vom Gaukler der
Insel, der den Propheten spielen wollen. Eine solche Weissagung setzt
irgendeinen Anteil voraus, dem ich in Spanien nher nachspren mu. Ich glaube
den Betrger schon zu kennen. - Sei an deinem Geburtstage vorsichtig, bewaffnet,
kalt und khn und halte womglich den Jongleur fest; gib dir aber kein ridicule
durch Sprechen darber. - Dian ist in Rom und arbeitet recht brav. - Lege
Hoftrauer fr den lieben alten Frsten an aus Geflligkeit. Addio! -
                                                                       G. de C.

Ach teuere Schwester! seufzte er innig und zog ihr Medaillon heraus und sah
weinend die Zge eines ihr versagten Alters an und las weinend die widerlegte
Unterschrift: Wir sehen uns wieder. Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit
aufschlieet, ging es ihm viel nher, da das Schicksal die Schwester so eng
bedeckt; ja der harte Gedanke kam dazu, ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden
habe, da seinetwegen der frchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde
Gaukelei getrieben; sogar der Umstand, da sie seine schwchliche
Zwillingsschwester war, wurde ein Schmerz. - Allein kmpfend standen jetzt die
Gefhle in seinem Geiste wie auf einem Schlachtfelde gegeneinander. Welches
Schicksal zieht mir entgegen! dacht' er. Nimm die Krone! hatte jene Stimme
gesagt; - welche? fragte aufstehend sein ruhmdurstiger Geist und untersuchte
khn, ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe. - Liebe die
Schne! hatte sie gesagt; aber er fragte nicht: welche? - nur hatt' er,
seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwrdigkeit frchterlich
zu bewhren schien, die Furcht, da die angekndigte Stimme in der Himmelfahrts-
und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtesten.
    Abends, nachdem die drei Ankmmlinge ihre huslichen Einrichtungen, die aus
dem wellenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfltigten Zauberglanz
der Lindenstadt wegbrachten, hinter sich hatten, fhrte der Lektor den Grafen
zum Erbprinzen Luigi. Dieser kopierte tglich eine halbe Stunde lang im
Bilderkabinett; und beschied beide dahin zum Warten auf ihn. Sie gingen hinein.
Ein andrer als ich wrde hier der Welt einen rsonnierenden Kchenzettel aller
Schaugerichte des Kabinetts zustellen; aber ich mag sie nicht einmal mit den 17
Gemlden beschenken, ber deren Reizen jene seidnen Tndelschrzen oder Schleier
hingen, die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben wrde, um nur damit
verschmt das Kunstwerk zu bedecken. Man kann leicht denken, da unserm Alban im
Bilderkabinett das mtterliche41 einfiel und da er gern an jedem Nagel gercket
htte, wre niemand dagewesen.
    Aber die Prinzessin Julienne war da, die er (und wir alle) noch recht gut
von Blumenbhl her kannte, wie sie ihn. Sie war zwar voll junger Reize, aber man
fand diese doch nicht eher, als bis man ein paar Tage vorher sehr in sie
verliebt gewesen war - das machte sie darauf jede Minute hbscher, wie denn
berhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Huldgttin ist, und sein Kcher
das beste Schmuckkstchen und die reichste Toilettenschachtel, und seine Binde
das beste mouchoir de Venus und Schminklppchen, das ich kenne.
    Sie zeichnete gerade den Gipsabgu eines schnen alten Kopfs, der dem Grafen
gleichsam aus dem Antikenkabinett seiner Erinnerung geholt zu sein schien und
dem sein wallendes Herz recht liebend entgegenflo; aber er entsann sich des
Urbilds nicht. Endlich sagte Julienne, die Etikette verschmhend, recht gutmtig
und aufblickend: Ach lieber Augusti, mein Vater ist verschieden in Lilar. Das
Wort Lilar kolorierte pltzlich in Albano das bleiche Gedchtnisbild - vllig
wie diese blasse Bste sah im Mondscheine der alte Mann aus, der in jener
dichterischen Sommernacht Zesarens Hnde auf dem Berge zum Gebet zusammenlegte
und sagte: Gehe schlafen, lieber Sohn, eh' das Gewitter kommt. Ein andrer
htte sich nun nach dem Namen der Bste erkundigt und erst dann die nchtliche
Historie entdeckt; aber der Graf tat im Feuer blo das letztere, nach einem
kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprchs. Augusti wollte ihn, als er die
ihm fremde Geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob, sorgend
unterbrechen; aber Julienne gab ihm einen Wink, ihn zu lassen; und der Jngling
teilte treuherzig der teilnehmenden Seele das schne Zusammenkommen gerhrt und
brennend mit und wurde beides noch mehr, als ihre Augen berflossen in ihr
Lcheln. - Es war mein Vater, das ist sein Abgu! sagte Julienne weinend und
freudig; Albano schlug nach seiner Art mit seufzender Brust die Hnde vor der
Bste zusammen und sagte: Du edle, herzlich geliebte Gestalt! und sein groes
Auge schimmerte von Liebe und Trauer.
    Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhfischen Teilnahme
fortgerissen, und sie berlie sich ganz ihrem angebornen Feuer. Das weibliche
und das hfische Leben ist zwar nur die lngere Strafe des Gewehrtragens -
Oberhofmeisterinnen sind, wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinherren gibt,
wahre Neinfrauen - die siebenfarbige Kokarde der heitern tanzenden Freiheit wird
da abgerissen oder luft schwarz an von der Hoftrauer - jeder weibliche Lusthain
ist ein unheiliger - Fataleres kenn' ich nichts - - - aber die kraushaarige
Julienne brach, mir nichts dir nichts, durch das ewige Gefngnis bei sem Brote
und gebranntem Wasser des Tages wohl zwlfmal hinaus und lachte den freien
Himmel an und beleidigte (- sich und andre nie -) die Oberhofmeisterin stets.
Sie erzhlte nun dem Grafen (indem sie aus Nervenschwche und Lebhaftigkeit
immer strker lchelte und schneller sprach), wie ihr lieber schwacher, mehr
kindlicher als kindischer Vater, dessen alten Lippen und entkrfteten Gedanken
nur noch nachgelallte Gebete mglich waren, sich mit einem eisgrauen mystischen
Hofprediger in Lilar ins Betzimmer eingeschlossen (ein graues Haupt verbirgt
sich gern, eh' es verschwindet, und sucht wie Vgel einen dunkeln Ort zum
Entschlafen) - und wie sie und das Frulein von Froulay (Liane) dem halbblinden
Manne abwechselnd Gebete vorgelesen und gleichsam die Abendglocke der Andacht
vor dem mden schlaftrunknen Leben angezogen. Sie malte, wie er in diesem
Vorhofe der Gruft alles Geliebte berlebt oder vergessen habe, wie er immer nach
ihrer Mutter gefragt, deren Sterben ihm stets von neuem entfallen, und wie das
verdunkelte Auge jede Tageszeit fr einen Abend und daher jeden Fortgehenden fr
einen, der schlafen gehen wolle, genommen habe.
    Wir wollen nicht zu lange auf diese spte Zeit des Lebens blicken, wo sich
die Menschen wieder als Kinder fr die lngere Wiege des Grabes verkrzen; und
wo sie gleich den abends schlafenden Blumen unkenntlich sind und einander frher
als im Tode gleich werden.
    Besonders dem Lektor war wie allen Hofleuten schlecht mit diesen Funeralien
gedient; auch wollt' er gern die Hiobskrankheit ihres Klagens durch Versetzung
heilen und fhrte sie nher zu Lianen. Aber eben, indem sie den Anteil und die
Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung
erschien, worin Liane sie und den Schmerz gleichsam fest an sich geschlossen
hatte, so kehrte jeder dunkle schwere Blutstropfe, den die krftigen Pulsadern
fortgetrieben hatten, wieder in das Herz zurck, und sie hrte auf, zu malen,
sowohl diese Geschichte als den Kopf.
    Die beiden Freundinnen waren keine solche, die sich den Ku durch zwei Flre
hinauslangen, oder die einander abzuherzen wissen ohne die kleinste Quetschwunde
der Frisur, oder deren Liebesmahl sich jedes Jahr, wie das Abendmahlbrot jedes
Jahrhundert, leichter und dnner bricht: sondern sie liebten sich innig mit den
Augen, mit den Lippen, mit dem Herzen, wie zwei gute Engel. Und wenn vorher die
Freude ihren Erntekranz nahm und ihn fr sie zum Trauring der Freundschaft
machte: so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgrtel dasselbe. - Ihr
guten Seelen! mir ist es ganz leicht denklich, wie ein so reiner glnzender
Seelenbund das Herz eures Freundes Albano zugleich peinlich ausdehnt und selig
erhebt, wie die rostatische Kugel zugleich zerstrend schwillt und steigt. Fr
Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmckte Ehrenpforten in seinem Innern
in die Hhe!
    Inzwischen htte ein Fremder ohne diese meine Feder, oder auch ich ohne den
Lehnpropst Hafenreffer, nichts am sprechenden Grafen merken knnen als ein irres
Glhen im Gesicht und schnelle Worte.

                                   31. Zykel


Auf einmal tritt in diese Schilderungen und Gensse der Thronfolger, oder
vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein, Luigi. Mit einem flachen
Schnitzwerke des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ausdrckte als der
ewige Mimut der Lebens-Verschwender, und mit einigem reifen Grauwerke auf dem
Kopfe (als Vorlufer der Weisheitszhne) und mit der unfruchtbaren Superftation
eines voluminsen Unterleibes ging er mit der grten Hflichkeit auf Albano zu,
in der ein flacher Frost gegen alle Menschen vorstand. Er stubte sogleich mit
der Kleie von leeren schnellen unhnlichen Fragen um sich und eilte stets; denn
er hatte fast noch mehrere Langweile, als er machte, wie sich berhaupt fr
keinen das Leben so widrig verlngert als fr den, der es verkrzet. Luigi war
durch die Erde so schnell wie durch ein Puderstbchen gelaufen und war wie in
diesem gehrig grau geworden; die Milchgefe seines uern und innern Menschen
hatten sich, weil sie Sahne-oder Rahmgefe sein sollten, eben deswegen in
Giftgefe und Leidensbecher verkehrt. Sooft ich vor einer gemalten
Frsten-Suite in einem Korridor vorbeigehe, so verfall' ich stets auf mein altes
Projekt und sage ganz berzeugt: Vermchten wir nur wie die Sparter und alle
ltere Vlker es durchzusetzen, da wir einmal einen Regenten gesund auf den
Thron hinaufbrchten: so htten wir einen guten obendrein, und alles ginge. Aber
ich wei, es sind die Zeiten nicht dazu. Sndlicherweise assistieren nur bei der
Tortur, nicht bei der Freude Chirurgen und rzte, die auf den Grad der Freude
wie der Folter und auf die unschdlichen Stellen genau hinweisen.
    Albano, fremd vor und in dieser Menschenklasse, sah anfnglich die Kluft
zwischen sich und Luigi flacher gegraben, als sie war; blo unbehaglich und
drckend wurd' es ihm, wie gewissen Leuten, wenn ohne ihr Wissen eine Katze im
Zimmer ist. Die fortgehende moralische Entkrftung und Verfeinerung wird alle
unsere Auenseiten noch so absubern und ausgleichen - und zwar nach demselben
Gesetze, wornach physische Schwchung die Hautausschlge zurckjagt und in die
edlern Teile verweiset -, da wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in
nichts zu unterscheiden sind als im Herzen. - Alban brachte schon von Wehrfritz,
den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Frsten verfechten hrte,
Abneigung gegen den Nachfolger mit; desto leichter entbrannte in ihm ein
moralischer Grimm, da Luigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhnge oder
Bergleder von einigen der indezentesten wegzog, um ihren artistischen Gehalt
nicht ohne Geschmack und Kenntnis auszuwgen. Eine kopierte Venus von Tizian,
auf einem weien Tuche liegend, war nur die Vorluferin. Obgleich der
unschuldige Erbprinz die voyage pittoresque durch diese Galerie mit der
artistischen Klte des Galerieinspektors und Anatomikers machte und mehr seine
Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte: so nahm doch der unerfahrene
Jngling alles mit einer tauben und blinden Entrstung auf, die ich mit nichts,
nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin zu verteidigen wei, um so mehr,
da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gipsbste und deren Kopie
arbeitend teilte und da zweitens in unsern Tagen Damenuhren und Fcher (wenn sie
geschmackvoll sind) Gemlde tragen, gegen die Albano wieder Fcher nehmen wrde.
Die zwei Flammen des Zorns und der Scham berdeckten sein Angesicht mit einem
glhenden Widerscheine; aber sein unbehlflicher Trotz kontrastierte gegen die
Gewandtheit des Lektors, der mit seinem kalten, ebenso bestimmten als leichten
Tone Selbststndigkeit bewahrte und Reinheit schtzte. Sie gefallen mir alle
nicht, (sagt' er barsch) ich gbe sie fr ein einziges Gewitter von Tempesta
weg. Luigi lchelte ber sein schlerhaftes Auge und Gefhl. Als sie in das
zweite Bilder-Zimmer traten, hrte Albano die Prinzessin fortgehen. Da ihm
dieses Gemach mit noch mehrern zerrissenen Vorhngen des Allerunheiligsten
drohte: so nahm er seinen Abschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den
Lektor zurck, der heute vorzulesen hatte.
    Nie fate Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als diesesmal; der
Anblick eines verschmten Jnglings ist fast holder (seltener zumal) als der
einer verschmten Jungfrau: jener erscheint weiblich-sanfter, wie diese
mnnlich-strker durch das zugemischte Zrnen der Tugend. Schoppe, der wie Pope,
Swift, Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache
zusammenzwang, leerte die grten Zornschalen ber jede Libertinage aus und fiel
als eine satirische Bellona die besten freien Leute an; dasmal aber nahm er sie
mehr in Schutz und sagte: Die ganze Gattung liebt fremde Schamrte entschieden
und bekmpfet sie lieber als Schamlosigkeit, so wie (und aus einerlei Grnden)
Blinde die Scharlachfarbe vorziehen. Man kann sie den Krten vergleichen' die
den kostbaren Krtenstein (ihr Herz) auf kein anderes Tuch wie auf ein rotes
setzen.
    Der Lektor, der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken
an der Ode auf das Ges einer Herzogin htte schreiben helfen, wute - als er
die Flucht des Grafen behandeln wollte - gar nicht, wie ihm geschah, als ihn
dieser mit einigem Rosenessig ansprengte und sagte: Der Vater liegt dem
schlechten Menschen auf dem Brette, und ihm liegt eines vor der eisernen Stirn:
o der Schlechte! - Allerdings hatte die physische und moralische Nhe der zwei
schnen weiblichen Herzen und die Liebe dafr den Grafen am meisten gegen Luigis
artistischen Zynismus emprt. Der Lektor versetzte blo: er werde bei dem
Minister und berall dasselbe hren; und seine falsche Delikatesse werde sich
schon noch geben. - Die Heiligen (fragte Schoppe) wohnen nur auf, nicht in
den Palsten? Froulays seiner trug nmlich auf seiner Platteforme einen ganzen
Kordon von steinernen Aposteln; und auf einer Ecke stand eine Marienstatue, die
zwischen lauter Dchern aus Sphexens Hause zu sehen war.
    Junger Zesara! wie jagt dir diese marmorne Madonna Blutwellen durchs
Gesicht, gleichsam die Schwester deiner schnern, oder die Schutz- und
Hausgttin derselben! - Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararium
seiner Seele, die Abgabe des vterlichen Empfehlungsschreibens, mit keinem Laute
aus Scheu des Argwohns: so viele Fehltritte tut der Gute schon im Heidenvorhofe
der Liebe; wie soll er im Weibervorhofe bestehen, oder im finstern
Allerheiligsten fuen?

                                   32. Zykel


Der Hof lie jetzt (er konnte vor Schmerz nicht sprechen) ausschreiben, da der
tote Nestor mit Tode abgegangen. Ich setze hier den Jammer der Stadt samt der
Freude derselben ber die neue Perspektive beiseite. Der Landphysikus Sphex
mute den Regenten - anstatt da man uns Untertanen gleich Schnepfen und
Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewrms
serviert - wie ein groes Tier ausweiden. Abends ruhte der Erblate auf seinem
Paradebette aus - der Frstenhut und der ganze elektrische Apparat des
Throndonners lag ebenso ruhig und kalt neben ihm auf einem Taburett -; er hatte
die gehrigen Kerzen und Leichenwchter um sich. Diese Toten-Schweizer - der
Klang frappiert mich, und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebette der
Alpen liegen und die Schweizer wachen - bestehen bekanntlich aus zwei
Regierungsrten, zwei Kammerrten und so fort. Der eine Kammerrat war der
Hauptmann Roquairol. Es kann hier nur einschaltungsweise berhrt werden, wie
dieser Jngling, der vom Kamerale fast nicht mehr verstand als ein Kammerrat im
**hischen, doch zu einem Rate in Kriegssachen darin aufstieg - nmlich wider
seinen Willen durch den alten Froulay, der (an sich eben kein sentimentalischer
Herr) dem alten Frsten immer die Jugenderinnerungen auffrischte und auffrbte,
weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte, was man wollte. Wie
hlich und niedrig! So kann ein armer Frst kein Lcheln, keine Trne, kein
freudiges Bild haben, woraus nicht irgendein Hofprezist, ders sieht, einen
Trgriff arbeitet, sich etwas zu ffnen, oder einen Degengriff zum Verwunden;
keinen Laut kann er von sich geben, den nicht ein Weidmann und Wildrufdreher zum
Mundstck und Wildruf verbrauche. -
    Julienne besuchte abends um 9 Uhr das einzige Herz, das am Hofe wie ihres
und fr ihres schlug, ihre gute Liane. Diese bot gern ihrer anfangenden Migrne
die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fhlen und zu stillen. Die
Freundinnen, die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander nur einen weichen
schwrmerischen Ernst entfalteten, versanken immer tiefer in diesen vor der
religisen strengen Ministerin, die nie an Juliennen so viel Seele fand als in
dieser sanft nachweinenden Stunde, wie Levkojen zu duften anfangen, wenn sie
begossen werden. Nicht der kmpfende Schmerz, sondern der fliehende verschnert
die Gestalt; daher verklrt der Tote seine, weil die Qualen erkaltet sind. Die
Mdchen standen schwrmerisch miteinander am Fenster, das zunehmende Mondenlicht
ihrer Phantasie wurde durch das uere voll; sie machten den Nonnen-Plan, auf
lebenslang beisammen zu leben und zusammenzuziehen. Es kam ihnen in dieser
stillen Rhrung oft mit Erschrecken vor, als wehe der klingende Flug
abgeschiedener Seelen vorber (blo ein paar Fliegen hatten auf der Harfe der
Ministerin mit Fen und Flgeln die Tne gegriffen) -; und Julienne dachte
recht schmerzlich an ihren toten Vater in Lilar.
    Endlich bat sie die Seelenschwester, mit ihr heute nach Lilar zu fahren und
das letzte und tiefste Weh einer Waise zu teilen und zu mildern. Sie tat es
willig; aber der Ministerin war das Ja mhsam abzuringen. Ich sehe die sanften
Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Trauerzimmer in Lilar treten,
die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe, Liane von
Migrne und Trauer blsser und milder und ber jene durch ihre schon vom
zwlften Jahre geschenkte Lnge42 erhoben.
    Wie berirdische Wesen strahlten beide die an allen Ecken brennende Seele
Roquairols an. Ein einziger Trnentropfe konnte in diesen Kalzinierofen Sieden
und Verwstung bringen. Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit
furchtsamen Schaudern ber das kindische Ende dieses gewichnen Geistes an, der
sonst so feurig gewesen als seiner jetzt; und je lnger er hinsah, desto dickere
Rauchwolken schwammen vom offnen Krater des Grabes in das grnende Leben herein,
und er hrte darin donnern, und er sah darin eine Eisenfaust dunkel glhen, die
nach unserm Herzen greift.
    Unter diesen grimmigen Trumen, die jeden innern Schmutzflecken beleuchteten
und die hart ihm droheten, auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sein
als einst die - Asche, traten die traurigen Mdchen herein, die unterwegs nur
ber die erkaltete Gestalt, und jetzt noch heftiger ber die verschnerte
weinten; denn die Hand des Todes hatt' aus ihr das Linienblatt der letzten
Jahre, das vortretende Kinn, die Feuermler der Leidenschaften und so viele mit
Runzeln unterstrichene Qualen weggelscht und gleichsam auf die Hlle den
Widerschein des frischen stillen Morgenlichts gemalt, das jetzt den entkleideten
Geist umgab. Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster auf dem
Augenknochen, das noch von einem Stoe daraufgeblieben war, dieses Zeichen der
Wunden, einen heftigern Eindruck als alle Zeichen der Heilung; sie bemerkte nur
die Trnen, aber nicht die Worte Lianens: O wie ruht er so schn! - Aber
warum ruht er? (sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden Stimme,
die sie von seiner Liebhaber-Bhne her kannte; und fate ihre Hand erschttert,
weil er und sie einander innig liebten, und seine Lava brach nun durch die dnne
Rinde) - darum, weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist, weil darin das
Feuerrad der Entzckung, das Schpfrad der Trnen nicht mehr geht.
    Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenffnung wirkte frchterlich auf
die kranke Liane, und sie mute die Augen von der zugedeckten Brust abwenden,
weil der Schmerz mit einem Lungenkrampfe den Atem sperrte; und doch fuhr der
wilde, andere wie sich verheerende Mensch, der vorher neben der steifen
Leichengarde geschwiegen hatte, im doppelten Zertrmmern fort: Fhlst du, wie
sich dieser Fangeball des Schicksals, dieses Ixionsrad der Wnsche so
schmerzlich in uns bewegt? - nur die Brust ohne Herz wird ruhig. -
    Auf einmal schauete Liane lnger und starrer auf die Leiche eine eiskalte
Schneide, wie von der Todessichel, drckte sich durch das warme Gehirn - die
Trauerkerzen brannten (schien es ihr) trber und trber - dann sah sie im Winkel
des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachsen - dann fing die Wolke zu
fliegen an und strzte voll herausquellender Nacht ber ihre Augen - dann schlug
die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen, und die erschrockne Seele
konnte nur sagen: Ach Bruder, ich bin blind.
    Nur der harte Mann, aber kein Weib wird es fassen, da in Roguairols
entsetzlichen Schmerz einige sthetische Freude ber das mrderische Trauerspiel
eindrang. Julienne schied vom Toten und von dem alten Schmerze und warf sich mit
dem neuen an ihren Hals und klagte: O meine Liane, meine Liane! siehst du noch
nicht? - Sieh mich doch an! - Der zerrissene und zerreiende Bruder fhrte die
Schwester, der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes Wasser auf die blassen
Wangen schlugen, mit der scharfen Frage fort: Schwirret kein Wrgengel mit
roten Fittichen durch deine Nacht, wirft er keine gelbe Nattern auf dein Herz
und keine Schwertfische in deine Nervengewebe, damit sie sich darin verstricken
und an den Wunden die Sgezhne wetzen? - Mir ist wohl in meiner Pein, solche
Disteln kratzen uns, nach guten Moralisten, auf43 und bereiten uns zu. - - Du
jammervolle Blinde, was sagst du, hab' ich dich wieder recht elend gemacht? -
Wahnsinniger, sagte Julienne, lassen Sie nach, Sie bringen sie um. - O was
kann er dafr; (sagte Liane) die Migrne machte mir es schon vorhin neblicht.
-
    Der Abschied der Freundinnen wurde in mehr als einer Finsternis genommen,
und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen. - Dann bat Liane ihr
Mdchen, es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen, da es sich
vielleicht in der Nacht noch gebe. Aber umsonst; die Ministerin war es gewohnt,
ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schlieen. Nun trat diese
geleitet herein und suchte das Mutterherz irrig seitwrts, und dem sanftern
Weinen konnte sie in dieser geliebten Nhe nicht mehr wehren: da wurde ja alles
verraten und alles gestanden. - Die Mutter lie erst den Doktor rufen, eh' sie
mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der angedrckten Tochter den Bericht
anhrte. Sphex kam, prfte die Augen und den Puls und machte nichts daraus als
ein Nerven-Falliment.
    Der Minister, der berall im Hause Leithunde mit feinen Ohren hatte, kam,
unterrichtet, herein und machte in Sphexens Beisein auer weiten Schritten
nichts als die kleine Note: Voyez Madame, comme votre le Cain joue son rle 
merveille44. -
    Sobald Sphex hinaus war, lie Froulay einige Billionenpfnder und Wachteln
(dreipfndige Handgranaten) auf die Gattin los. Das sind, notierte er, die
Folgen Ihrer visionren Erziehung (freilich schlug seine eigne am Sohne auch
nicht sonderlich an) - Warum lieen Sie die kranke Nrrin gehen? (Er htt' es
selber aus hfischen Rcksichten noch lieber erlaubt; aber Mnner tadeln gern
die Fehltritte, die man ihnen - ersparte; berhaupt setzen sie wie Kchinnen das
Messer lieber an Hhner mit weiem Gefieder als an die mit dunkelm.) - Vous
aimez, ce me semble,  anticiper le sort de cette Rveuse un peu avant qu'il
soit decid du ntre45 (Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer) Oh! ce sied
si bien  votre art cosmtique que de rendre aveugle et de l'tre, le dieu de
l'amour s'y prte de modle46. Von dieser schreienden Hrte ergriffen -
besonders da blo der Minister wider die mtterlichen Wnsche eben diese
kosmetische Erziehung Lianens fr seine politischen gewhlt und befohlen hatte -
mute die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen. Die
Ehemnner - und die neuesten Literatoren halten sich fr Feuersteine, deren
Lichtgeben man nach ihren scharfen Ecken berechnet. Unsere Voreltern schrieben
einem Diamant-Gehenke das Vermgen, Liebe unter Ehegatten anzufachen, zu - auch
find' ich in der Tat noch an Juwelen diese Kraft -; nur lsset dieser zum Kiesel
gehrige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart, als er selber ist.
Wahrscheinlich war Froulays Eheband ein solches edelsteinernes.
    Allein die Frau sagte nur: Lieber Minister, lassen wir das; aber schonen
Sie die Kranke! - Voil prcisement ce qui ft votre afaire47, sagt' er
hohnlachend. Vergeblich redete Liane ihn rhrend-irrig von der falschen
Weltgegend an und sprach fr ihren Bruder - welches ewige, zu viel beweisende
Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war -; vergeblich, denn sein
Mitleiden mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die
Peiniger, und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben:
Schweig, Nrrin! Aber Monsieur le Cain soll mir nicht ins Haus, Madame, bis auf
weitre Ordre! - Ich sage zum alten Ehe-Bramarbas aus Schonung weiter nichts
als: Geh zum Teufel, wenigstens zu Bett! -

                                   33. Zykel


Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen
obligaten Bltter erinnern und mich fragen, wo sie bleiben. Der vorige Zykel war
das erste, bestes Publikum; aber sieh daraus, wie obligate Bltter sind und da
vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel, wie er auch
heie.
    Der Graf hatte noch nichts von Lianens Unglck erfahren, als er mit den
andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie
fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen, die Hnde in die Seiten gesttzt und
die Augen ber zwei Salbennpfchen auf dem Tische gebckt. Er stand auf und war
ganz ernsthaft. In Reils Archiv fr die Physiologie hatt' er nmlich gefunden,
da nach Fourcroy und Vauquelin die Trnen den Veilsaft grn frben und also
Laugensalz enthalten. Um nun den Satz und die Trnen zu prfen, hatt' er sich
hingesetzt und ernsthaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen fr die
Solwaage des Satzes zu gewinnen; er htte sich gern anders erschttert, durch
Rhrung, aber er kannte seine Natur und wute, da nichts dabei herauskme,
nicht ein Tropfe.
    Er lie die Gste ein wenig allein - die Frau war auch noch nicht zu sehen -
Malz sa in einer Ottomane - die Kinder hatten satirische Mienen - kurz die
Unverschmtheit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel. - Auf den Alten
wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern mifiel.
    Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die
rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder
Federstutzen - mit einer scheckigen Hals-Schrze - in einem roten Ballkleide,
dem die Walzer die Farbe ausgezogen, die sie ihr aufgelegt - und mit einem
durchbrochnen Putzfcher. Wenn ich wollte, knnt' ich mich ihrer annehmen; denn
anlangend die Esprits (da oft der Esprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich
auf die Gehirnschale heraussetzt und da sonnet), so dachte sie, Weiber und
Rebhhner wrden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel serviert -
anlangend den Fcher, so gab sie vor, sie komme von einem Morgenbesuche (wobei
sie recht deutlich voraussetzte, da Damen so wenig ohne Fcherstbe als
Tischler ohne Mastab durch die Gasse drfen) - anlangend den Rest, so wute
sie, der Gast sei ein Graf. Sonach scheint es, da sie unter die Honoratiorinnen
gehre, die (der grern Anzahl nach) gleich den Klapperschlangen nie besser zu
genieen sind, als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt; aber das haben wir noch
immer Zeit zu glauben, wenn wir besser hinter sie kommen.
    Der schne Zesara war fr sie blind, taub, stumm, geruch-, geschmack-,
gefhllos; aber manchen Weibern kann man mit der grten Mhe und Langweile kaum
- mifallen; Schoppe vermocht' es leichter. Sphex machte sich fr seine Person
aus einer Fett-Zelle Malzens mehr als aus dem ganzen Zell- und Florgewebe einer
oder seiner Frau; gleich allen Geschftsleuten hielt er die Weiber fr wahre
Engel, die Gott zum Dienste der Frommen (der Geschftsmnner) ausgesandt.
    Der Zug des Essens hob an - Augusti, ein feiner Esser, freuete sich auf viel
und hielt sich nicht nur ans feine Service, sondern auch an die zerrissenen
Servietten, dergleichen er oft an Hfen auf dem Magen gehabt, weil man da in der
Moral und im Weizeuge Wunden lieber hat als Pflaster. - Es traten sogar schon
wie gewhnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf, die
gewhnlichen Propheten und Vorlufer des besten Kerns, wiewohl ich an hundert
Tafeln es verwnschte, da sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stcke
zuerst und die magersten zuletzt geben. - Der Physikus hatte schon zu den drei
Knaben gesagt: Galenus! Boerhaave! Van Swieten! wie sitzet man artig? - und
die drei rzte hatten schon drei rechte Hnde zwischen die Westenknpfe und drei
linke in die Westentaschen geschoben und passeten steilrecht - als guter
Schabzieger anlangte zum Nachtisch. Sphex gab teils Lust zum Kse, teils Abscheu
davor, wie ers gerade offizinell fand. Er merkte auf der einen Seite an, wie die
Tischler in ihrem Leimtopfe keinen bessern Leim htten, als was da vor ihnen
stehe - er binde ebenso im Menschen - doch wrd' er fr seine Person ihn lieber
mit Doktor Junker wie Arsenik uerlich berschlagen; - aber er gestand auch auf
der andern Seite, da der Schabzieger fr den Lektor Gift sei. Ich wollte mich
dafr verpfnden, (sagt' er) da Sie, wenn man Sie untersuchen knnte,
hektisch wren; die langen Finger und der lange Hals sprechen fr mich, und
besonders sind die weien schnen Zhne nach Camper ein bses Zeichen. Personen
hingegen, die ein Gebi haben wie meine Frau da, drfen sicher sein.
    Augusti lchelte und fragte blo die Doktorin, zu welcher Zeit man am besten
zum Minister komme.
    Solche vergiftende Reflexionen so wie den Mittags-Katzentisch gab er nicht
aus satirischer Bosheit, sondern aus bloer Gleichgltigkeit gegen andre, auf
die er, gleich einem Rechtschaffnen, nie unter seinem Handeln Rcksicht nahm.
Mit der Freiheitsmtze des Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner
medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten, da er zwischen
seinen vier Pfhlen nicht freier a und agierte als zwischen dem bunten spitzen
Pfahlwerke des Hofes. Bracht' er da jemals - das frag' ich - einen Tropfen sen
Wein ber die Lippen, ohne vorher einen Ephraimiten, der selber die
Probationstage nicht berlebte, herauszuziehen und ins Glas zu hngen, blo um
vor dem Hofe zu untersuchen, ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde? Und
wenns das Silber tat, war da nicht das berschwefeln des Weins so gut als
demonstriert, und htte der Physikus nicht den Hof, die Sigkeit, das
Schwrzen, Vergiften und berschwefeln recht artig applizieren knnen, wenn er
der Mann dazu gewesen wre? -
    Dem Zufalle, da der Lektor ber die Einlazeit bei dem Minister fr heute
nachforschte, hatt' es Albano zu danken, da er den schmerzlichen Unfall nicht
im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr. Sie knnen
(antwortete Sara, die Doktorin) auch den Bedienten hinschicken; der
unterschreibt sich fr Sie alle; mich aber dauert niemand wie die Tochter. Nun
brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfalle los. Es ist so, fing
der Physikus mrrisch an, legte sich aber bald, weil er in einigen Augen Wasser
fr seine Mhle sah - und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den
Hauptmann Roquairol zu wlzen suchte -, so gut er konnte, auf pathetisches
Detail und log fast sentimental. Er schob mit einem unbemerkten Winke der
gerhrten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium, damit nichts umkme.
Aus den verfinsterten Augen des vergeblich-kmpfenden Jnglings ri der erste
Lebensschmerz einige groe Tropfen. Ist wohl eine Herstellung mglich? fragte
Augusti sehr bekmmert, wegen seiner Verbindungen mit der Familie.
    Wahrlich ein bloer Nervenzufall ists (versetzte Schoppe keck) und weiter
nichts; Whytt erzhlt, da eine Frau, die zu viel Suere im Magen hatte (im
Herzen wr's noch rger), alles umnebelt erblickte, wie Mdchen vor naher
Migrne. - Sphex, der nur des Pathos und Laugensalzes wegen gelogen hatte und
den es rgerte, da der Bibliothekar seiner heimlichen Meinung gewesen,
antwortete so, als htte dieser gar nicht geredet: Der hchste Grad der
Schwindsucht, Herr Lektor, schlieet sich oft mit Erblinden; und zu beiden wre
hier wohl Rat. Inzwischen kenn' ich eine gewisse nervse periodische Blindheit -
ich hatte den Fall an einer Frau48, die ich blo durch Aderlassen, Dampf von
gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddnste des Wassers aufbrachte - das wird
nun an der Nervenpatientin wieder versucht. Ein pflichtmiger Arzt wird aber
immer wnschen, da der Teufel Mutter und Bruder hole.
    Nmlich der Wiederstrich von Lianens Zugkrankheit setzte ihn auer sich.
Beleidigungen der Ehre, der Liebe, des Mitleidens machten den Physikus nie warm,
und er behielt seinen berzug aus Glatteis an; aber Strungen seiner Kuren
erhitzten ihn bis zum Zerspringen; und so sind wir alle Springglser, die den
Hammer vertragen und nicht eher in tausend Splitter zerfahren, als bis man die
kleine Spitze abbricht; bei Achilles wars die Ferse, bei Sphexen der
Arznei-Doktor-Ringfinger, bei mir der Schreibfinger. Der Doktor schttete nun
sein Herz aus, wie einige ihre Gallenblase nennen; er schwur bei allen Teufeln,
er habe mehr fr sie getan als jeder Arzt - er hab' es aber schon vorausgewut,
da eine so dumme Erziehung blo fr das Schnaussehen und Beten und Lesen und
Singen eine verdammte Wirtschaft wre er htte gern oft die Harmonikaglocken und
Tambournadel49 zerbrochen - er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianens
sogenannte Reize und auf die Empfindsamkeit, helle Wangenrte und sammet-weiche
Haut aufmerksam genug gemacht, hab' aber damit fast mehr zu erfreuen als zu
betrben geschienen - was ihn allein belustige, sei, da das Mdchen vor einigen
Jahren todkrank geworden vom ersten heiligen Abendmahle, wovon er sie abzuhalten
versucht, weil er schon an der vierten Patientin die betrbtesten Folgen dieses
heiligen Aktus kennen lernen. - -
    Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols
Partei. Ach deine ersten Frhlingsstrme zogen jetzt gefangen in deiner Brust
umher ohne eine freundschaftliche Hand, die ihnen einen Ausweg gab, und du
wolltest deinen blutigen Gram bedecken! - Und suchtest du nicht einen Geist voll
Flammen, ein Auge voll Flammen fr deine, und httest du dich nicht lieber mit
einem donnernden Hllengotte verbrdert als mit einem pietistischen matten,
gleich einer Schabe unterhhlenden Himmelsbrger? - Barsch fragt' er den Doktor:
Wo haben Sie das Herz des Frsten? - Ich hab' es nicht, sagte Sphex
betroffen, im Tartarus50 liegts - wiewohls der Wissenschaft profitabler gewesen
wre, htte man es unter seine Prparate stellen drfen; gro wars und sehr
singulr. Er dachte daran, da er oft - wo er konnte - wie ein Augur unter dem
Sezieren ein oder das andre bedeutende Glied als ein Prinzen- und Junkern-Ruber
 la minuta heimlich beiseite geschafft - fr sein Studium, ein Honig, den er
sich gern mit seinem Anatomier- und Zeidelmesser ausschnitt.
    Hat sonach das Frulein eine unglckliche Liebschaft oder dergleichen?
fragte Schoppe. Mehr als eine! (sagte Sphex) Krppel - Prehafte -
Waisenjungen - blinde Methusalems; alle diese Liebschaften hat sie. Spe und
junge Herren, sag' ich oft zur Alten, bekmen ihr gesnder.
    Aber darin, in der Forderung der Heiterkeit, geb' ich ihm nach - Freude ist
die einzige Universaltinktur, die ich prparieren wrde - sie wirkt (und stets)
als antispasmoticum, als glutinans und adstringens - das Freudenl dient zur
Brand- und Frost-Salbe zugleich. - Der Frhling z.B. ist eine Frhlingskur, eine
Landpartie eine Austernkur, eine Brunnenbelustigung eine Ma Bitterwasser, ein
Ball eine Motion, ein Fasching ein medizinischer Kursus - und daher ist der Sitz
der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen. - -
    Ja er habe, beschlo der Doktor, weils Leute von Stande wren, zuletzt
zum Hochmut geraten, der alle offizinellen Heilkrfte der Freude zeige; sehr
starker wirke vllig wie diese, belebe den Puls, sthle die Fibern, sperre die
Poren auf und jage das Blut durchs lange Aderngewinde51. - Seiner schwchlichen
Frau, wie man sie da sehe, hab' er frher durch Kleider und Doktors-Rang dieses
Medikament beigebracht und ihr damit auf die Beine geholfen. - Aber er wolle
lieber 60 gemeine Weiber als eine vornehme kurieren - und er bedauere als
Hausarzt blo seine Rezepte und medizinischen Bedenken, falls einmal, wie er
gewi glaube, die schne Liane von hinnen fahre.
    Die erste Frage, die der nie etwas berhrende Albano auf dem Rckwege vom
Doktor an Augusti tat, war, was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten
haben wollen. Er erklrte es. Es ist nmlich in Pestitz wie in Leipzig die
Observanz, da, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verunglckt, dessen Familie
einen leeren Bogen Papier samt Dinte und Feder in den Vorsaal legt, damit
Personen, die nhern Anteil nehmen und zeigen, einen Lakaien dahin schicken
knnen, der ihren Namen auf den Bogen setzt, so gut er wei; - dieses
kaufmnnische Indossement des nhern Anteils, dieses niedersteigende
reprsentative System durch Bediente, die berhaupt jetzt die Telegraphen unsers
Herzens sind, macht beiden Stdten groen Schmerz und Anteil s und leicht
durch Dinte und Feder.
    Ach das, Gott? - (sagte Alban und erzrnte sich ungewhnlich, als dringe
man ihm Bedienten zu Chrysographen und Geschftstrgern seiner Gefhle auf) - o
ihr egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien gieet ihr euch
aus? - Lektor, dem Satan selber wrd' ich wrmer kondolieren als so! -
    Warum ist dieser verhllte Geist so rege und laut? - Ach alles hat ihn
bewegt. Nicht blo der Jammer ber die von allen nchtlichen Pfeilen des
Verhngnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das
Erstaunen ber das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; -
Roquairols wiederkommender Ausdruck Brust ohne Herz klang ihm, als wenn er ihm
bekannt sein sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der
insularischen Sphinx: Herz ohne Brust - - Also sogar dieses Rtsel war gelset
und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten
hren sollte - aber wie unbegreiflich, unbegreiflich!
    O Liane heiet sie, und kein Gott soll den Namen ndern, sagte seine
innerste Seele. - Denn in frhern Jahren hat eben der krftigste Jngling an
Mdchen reizende Krnklichkeit und weiche Vollgefhle und nasse Augen lieber -
so wie man berhaupt in Albanos Jahren die Flut (spter die Ebbe) der Augen zu
hoch anschlgt, ob sie gleich oft wie zu reiches Begieen die Samenkrner der
besten Entschlsse wegschwemmen -; indes er spter (weil er den Ehestand und die
Wirtschaft antreten will) sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach
feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt.
    Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladeketten der
Klaviersaiten niedergehen lie - seltener in die Hippokrene der Poesie -: so
macht' er aus seinem innern Charivari unbewut einen Klavierauszug. Ich
transponiere seine Fantaisie folgendermaen in meine Phantasie. Auf den
weichsten Molltnen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen vorber, und
im Sprachgewlbe der Tonkunst hrt' er alle leisen Seufzer Lianens laut. - Dann
fhrten ihn hrtere Molltne in den Tartarus an das Grab und Herz des alten
freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der
Geisterstunde leise wie ein Tau der Laut vom Himmel: Liane! - Mit einem
Donnerschlage des Entzckens fiel er in den Majore-Ton, und er fragte sich:
Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen
versprechen? Und da er sich antwortete, da sie ihn vielleicht lieben werde,
weil sie ihn nicht sehen knne - denn die erste Liebe ist nicht eitel -, und da
er sie von ihrem gigantischen Bruder fhren sah und da er an die hohe
Freundschaft dachte, die er ihm geben und abverlangen wollte: so gingen seine
Finger in einer erhebenden Kriegsmusik ber die Tasten, und es klangen die
himmlischen Stunden vor ihm, die er genieen werde, wenn seine zwei ewigen
Trume lebendig aus der Nacht in den Tag herbergingen und wenn ein
verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die
Freundin gbe. - Hier verklang leise sein inneres und sein ueres Strmen - und
die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers....
    Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom
Glcke. Als wre die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblich-hold
und berirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern; denn die
Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten
Wunde ist Wangenrot am innern Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten,
wird leicht zu viel geliebt. - Die zarte Liane schien ihm schon fr die Flora
der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen, wie die weichen Glieder
der Bienennymphe durchsichtig ber der kleinen Brust gefaltet liegen - die weie
Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war,
ffnete das helle Wlkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und
sagte: Albano, ich werde sterben, eh' ich dich gesehen habe. - Und wenn du
mich auch, sagte das sterbende Herz in seiner Brust, niemals siehst: so will
ich dich doch lieben. - Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so erwhl' ich
gern den Schmerz und gehe treu mit dir, bis du im Himmel bist..... Der Himmel
und die Hlle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhnge aufgezogen - nur wenige und
dieselben Tne und hchste und unterbrochene konnt' er noch leise bestreifen -
und endlich sanken die Hnde unter- und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte
Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner aufgelset hat, nur
noch mit einem leisen weiten Regen ber der Erde steht. -

                              Sechste Jobelperiode


 Die zehn Verfolgungen des Lesers - Lianens Morgenzimmer - Disputation ber die
                          Geduld - die malerische Kur


                                   34. Zykel

Heischestze - Apophthegmen - Philosopheme - Erasmische Adagia - Bemerkungen von
Rochefoucauld, von La Bruyere, von Lavater ersinn' ich in einer Woche unzhlige
und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in
meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin. So luft der
Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte tglich hher auf, je mehr
ich dem Leser Auszge und Gewinste gedruckter daraus gnne. Auf diese Weise
schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich
hierin vernnftiger, er lsset das ganze mit Schtzen gefllte Lottorad unter
dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der
Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten
laufen.
    Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar
Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen? - Auf zehn
Verfolgungen des Lesers - blo so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir
die Leser als Mrtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie
mit Gewalt bekehrt - schrnk' ich mich ein. Der folgende Aphorismus ist wenn man
den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlgt -, hoff' ich,

                                  die zweite.

Nichts fegt und siebt unsere Vorzge und Liebhabereien besser durch als eine
fremde Nachahmung derselben. Fr ein Genie sind keine schrfere Poliermaschinen
und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. - Wenn ferner jeder von uns neben
sich noch ein Doppel-Ich, einen vollstndigen Archimimus52 und Repetenten im
Komplimentieren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen etc. herlaufen
she: beim Himmel! ein solches genaues Repetierwerk; unsrer Mitne wrde ganz
andre Leute aus mir und andern Leuten machen, als wir gegenwrtig sind. Der
erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend tten, wre
schon der, da wir unsre krperliche Methodologie, z.B. unsern Gang, Anzug,
Dialekt, unsre Schwre, Mienen, Leibgerichte etc., nicht besser, sondern gerade
so befnden als alle fremde. Frsten haben das Glck, da sich alle Hofleute um
sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs
zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen. Aber sie
erreichen selten die gute Absicht, weil der Frst - und das wre von mir und dem
Leser auch zu befrchten - wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an
keine wahre Menchmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral wie in der
Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt.

                                     Dritte

Es ist dem Menschen leichter und gelufiger, zu schmeicheln als zu loben.

                                     Vierte

In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen, in
denen nach uns abzuwelken, in unserm herrlich blhend aufzuplatzen: so scheinen
uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns
steigen vom Horizonte herauf, die andern hinter uns ziehen gekrmmt hinab.

                                     Fnfte

Das Alter ist nicht trbe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre
Hoffnungen aufhren.

                                    Sechste

Das Alter der Weiber ist trber und einsamer als das der Mnner: darum schont in
jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! - berhaupt gleicht das Leben
oft dem Fang-Baume mit aufwrtsgerichteten Stacheln, an welchem der Br leicht
hinauf zum Honig-Kder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder
zurckrutschet.

                                    Siebente

Habt Mitleiden mit der Armut, aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung! Nur
jene, nicht diese macht Vlker und Individuen besser.

                                     Achte

Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstrkt die mnnliche.

                                     Neunte

Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Kpfen zusammenstoen: so
entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt, nur der andre habe den Schmerz und
nur er selber die Schuld. (Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen, eben weil ich
aus meinen Verfolgungen wei, wie der andre denkt.) Wollte Gott, wir kehrtens
bei moralischen Sten nicht um!

                          Letzte Verfolgung des Lesers

Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende
Mensch glaubt, es gebe kein bel weiter als das, was er zu besiegen hat; und
vergisset, da nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht - wie
vor schnellen Schiffen ein Hgel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende
Wellengrube hinter ihm zuschlgt - immer vor uns her ein Berg, den wir zu
bersteigen hoffen, und hinter uns nach eine Tiefe, aus der wir zu kommen
glauben.
    So verhofft der Leser jetzt nach berstandnen zehn Verfolgungen in den
historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu fhren vom unruhigen
meines Personale; aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn decken gegen
einzelne Gleichnisse - gegen halbseitige Kopfschmerzen - Waldraupen -
Rezensionen - Gardinenpredigten - Regenmonate - oder gar Honigmonate, die nach
dem Ende jedes Bandes einfallen? - -

    Nun zur Historie! Abends fuhren Albano und Augusti mit dem vterlichen
Kreditbriefe zum Minister. Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor
unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu berfirnissen. Mit
Herzklopfen fate der Graf den Trklopfer am Himmels- oder Hllentore seiner
Zukunft an. In der Antichambre - diesem hhern Bedientenzimmer und Limbus
infantum et patrum - standen noch Leute genug, weil Froulay ein Vorzimmer fr
eine Bhne hielt, die nie leer sein darf und auf der es, wie im jdischen Tempel
nach den Rabbinen, denen, die knien und beten, nie zu enge wird. Die Ministerin
war als eine Patientin abwesend, blo weil sie eine hten wollte. Der Minister
war auch nicht da - weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel
forderte -, sondern in seinem Arbeitskabinett; er hatte bisher den Kopf unter
dem warmen Thronhimmel gehabt und tief in den verbotnen Reichsapfel gebissen,
daher opferte er willig auf (nicht andern, sondern andre) und lie sich als eine
Heiligenstatue mit Votivgliedern behngen, ohne seine zu regen, und wie der
heilige Franziskus zu Oporto mit Dank- und Bittschriften, die er niemals
erbricht.
    Froulay kam und war - wie immer auer den Geschften so hflich wie ein
Perser. Denn Augusti war sein Hausfreund d.h. die Ministerin war dessen
Hausfreundin -, -, und Albano war nicht gut vor den Kopf zu stoen, weil man
dessen Pflegevater in Landschafts-Votis brauchte und weil Don Gaspard viel bei
dem Frsten galt und weil der Jngling durch einen ihm eignen anstndigen Stolz
gebot. - Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch
Bescheidenheit Verdienste heller glnzen. Froulay hatte fr die Zukunft nicht
die bequemste Rolle; denn der haarhaarsche Hof war dem Vlies-Ritter so ungewogen
wie dieser jenem53; Haarhaar wurd' aber ohne Zweifel (allen welschen
chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gem)
der Erbe von dessen Erbschaft oder Throne. - Nun war das Schlimme dabei, da der
Minister, der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah, sich zwischen dem
deutschen Herrn von Bouverot, der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war, und
zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte.
    Er nahm, sagt' ich, den Grafen ungemein verbindlich auf, so wie den Lektor;
und entdeckte beiden, er msse ihnen seine Frau vorstellen, die ihre
Bekanntschaft wnsche. Er lie es ihr sagen; fhrte beide aber, ohne Erwarten
der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Jnglinge war nun, als drehe sich die schwere
Tr eines heiligen stillen Tempels auf. - Sogar ich bin jetzt, whrend ihres
Ziehens durch die Zimmer, mit so nrrisch, da ich in eine ebenso groe Angst
gerate, als ging' ich mit hintennach. Als wir ins Morgenzimmer, welches
Papiertapeten zu einer gegitterten Jelngerjelieber-Laube ausfrbten, eintraten:
sa blo die Ministerin da, die uns gefllig aufnahm, mit fester und kalter
Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossenen und wenig bezeichneten
Lippen taten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine
Stille kund, die der Schmuck der Schnheit ist - wie manche Flgel nur, wenn sie
zugefaltet sind, Pfauenspiegel gieen -, und das Auge glnzte im Wohlwollen der
Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und krnklich ber
die milden Blicke hereingezogen. Ach wie zwischen Neuvermhlten oft ein Schwert
trennend lag, so schliff Froulay tglich am dreischneidigen, das ihn und sie
absonderte. Sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte
das unreine Gewhl auf seinem ab, wiewohl er vor Zeugen, wie es schien, seiner
Hflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Ha, wie andre die Liebe, nur
fr die Einsamkeit aufhob.
    Zum Glck verpflanzte sich dieser Nubaum, der einen ungesunden frostigen
Nubaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf,
bald unter hnlichere Gste zurck. Die Ministerin richtete sich nach den ersten
Gaben der Geflligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte brgerliche Mensur zu
ihrer religisen ganz stimmte; besonders da nur er ber Liane fragen und
kondolieren konnte. Sie versetzte, dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen,
wie es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schne
Erinnerung fr sie bleibe, oder eine traurige fr andre, wenn sie nicht genese.
- O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklrt, wie mu es erst eine mit so
vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, auer einer Geliebten kenn' ich
nichts Schneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.
    Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der
aufgeschlagenen Messiade - ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grnen
Spazierfcher mit eingeschriebenen Wnschen von Freundinnen - einige
aufgeschnittene Couverts - der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters - eine
ganze lackierte Schferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen
Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollen - ein aus dem verfliegenden
Stammbchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten
Blumenrabatte gerndert und dann mit holden Wnschen vollgepflanzet hatte, die
das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. - - Ach schnes Herz, wie gern
wollt' ich ber alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches
entwerfen und verteilen, htte sich der Lehnpropst nher darauf eingelassen! -
Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte
Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem dstern Tage
eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die
Dornen - - o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhngnis nur zu weit hervor
und prete sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz!
    In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in
dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Glck blickte die Ministerin immer
durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rhrung nicht wahr. Zuletzt
zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll
und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine
gehrt, und trat davor. Ach er wollte etwas berhren, worauf so oft ihre Finger
gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglocken, die so oft
unter der ihrigen fr fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine
Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller
Knste, das Ntigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll
Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser
Muttersprache der lechzenden Brust - ach dieser Stummenglocken, die der innere
Mensch in der Hand schttelt, weil er keine Zunge hat -; und seine Adern
schlugen wild als Flgel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine hhere
Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken
Menschen werden groe Schmerzen und Freuden zu berschauenden Anhhen des ganzen
Lebensweges. - -
    Ich wei nicht, ob viele Leser den Fehler mglich finden werden, den er
jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im Gesprche sehr natrlich - durch
Liane und Roquairol - auf den Satz geraten, da Kindern keine Schule ntiger sei
als die der Geduld, weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder
im Alter das Herz. Ach sie und ihre Tochter knieten ja selber voll Geduld vor
dem beladenden Schicksale oder auch vor dem bewaffneten; wiewohl die Mutter mit
einer frommen, die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah, Liane mit einer
liebenden, die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt, wie eine
Knigin am Krnungstage in die Schmerzen und Friktionen des schweren
Juwelenputzes und wie ein Kind, das die Wundenmale s verschlft und ser
vertrumt. - Aber Zesara, der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh
und gegen jede, von den leichten Panster- und Ritterketten an bis zu den
schweren Hafenketten, die den Jnglingen die Fahrt ins arbeitende Meer
verhngen, erbittert ansprengte, konnte sich nicht halten, zumal mit diesem
Herzen voll Bewegungen, in zu groer zu sagen: Der Mensch soll sich wehren -
lieber will ich auf dem regen Schlachtfelde freiarbeitend alle Adern ausgieen
als einen Tropfen daraus ber die Folterleiter angebunden. - Die Geduld
(sagte die Ministerin voll davon) streitet und siegt auch, aber im Herzen. -
Lieber Graf, (sagte Augusti, nicht blo auf die Arria anspielend) die Weiber
mssen noch immer zu den Mnnern sagen: es schmerzet nicht!
    Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit, den Fehler Albans bekannt zu
machen, da er seine Meinung niemals freier und strker sagte als da, wo er mit
ihr gerade einen oder ein paar Himmel seines Lebens zu verspielen frchten
konnte: bei geringerer Gefahr konnt' er nachgiebiger sein. Ob er also gleich
merkte, da die Ministerin dabei an die muskulse, aber auch hartgreifende Hand
ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke - oder vielmehr, eben
weil ers merkte und weil er fr diesen knftigen Freund gern der Waffenschmied
und Waffentrger werden wollte -: so blieb er dabei, warf alles Brechzeug des
jungen mnnlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gasse und sagte in seiner
abstechenden Sprache: Die Goten schickten ihre Knaben lieber in keine Schule,
damit sie Lwen blieben. Wenn man auch Mdchen einen Tag vor dem Pflanzen in die
brgerliche Welt in Milch einweichen mu: so soll man doch Knaben wie Aprikosen
mit der steinernen Schale in die Erde stecken, weil sie den Stein durch ihr
Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen. - Der Lektor mit seiner
feinen Offenheit - ein kristallenes Gef mit goldnem Schnitt - bemerkte mit
leiser Rge von Albans Heftigkeit: wenigstens habe selber die Art, womit beide
ihre Beweise gefhrt, zu den Beweisen gehrt; und die Weiber bedrften und
bewiesen mehr Geduld bei Personen, und wir mehr bei Sachen.
    Die Ministerin, die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu hren glaubte,
schwieg und trat nher ans Fenster. Unter den Kriegstroublen hatte der Abend
seinen licht-vollen Mond auf die Morgenberge gewlzt, und die Gsse seines
Lichts flossen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem
Morgenzimmer ausgespannten Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in
seinen Blumenzirkeln stehen: als auf einmal ein rundes Huschen durch
aufschieende, vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzndete Wasserstrahlen bis an sein
welsches umgittertes Dach umlodert wurde. Stillgerhrt sagte die Ministerin:
Auf jenem Wasserhuschen steht meine Liane; sie gebraucht die Ausdnstung der
Fontnen; der Arzt verspricht sich viel davon. Und die Vorsicht geb' es! -
    Allein der erschtterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch
mitten im Blendwerke des waagrechten Mondenscheins und hinter dem zitternden
Nonnengitter aus verschrnkten Silber- oder Wasseradern jetzt nichts aus dem
dmmernden Eden absondern als eine unkenntliche stille weie Gestalt. Aber es
war genug fr ein Herz, das weint und glht. Du Engel meiner Jugendtrume,
dacht' er, wirst du es sein? Sei du mir gegret mit tausend Schmerzen und
Freuden. - Ach knnen denn Leiden in dir sein, du Himmelsseele? - Und es
ergriff ihn, da sie mit ihrer gequlten und entzckenden Gestalt, wenn sie hier
im Zimmer wre, sein ganzes Wesen zerknirschen wrde durch Mitleid, und er htte
jetzt die Umarmung des Bruders verworfen, mit dessen Hand das Verhngnis die
sanften Augen zum langen Traume zugedrckt.
    Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn, wegzusehen und sich
umzuwenden und in den aufgeschlagenen Messias die Augen zu heften, deren Tropfen
er nicht zeigen wollte; aber sie wurden durch die Erinnerung, da er ihre letzte
Lese-Freude wiederhole, nur heier und dichter. Pltzlich richtete etwas
Verfinsterndes, das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe niederflatterte,
seinen Blick wieder auf Lianen, ber welcher ein vollgestrahltes Wlkchen stand,
gleichsam ein aufgezogener oder niederkommender Heiligenschein - Unsterbliche
schienen darauf wie auf Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten -
und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasserhuschen untersank,
schien es da nicht, als gehe ihre Hlle in die Erde und ihr stiller Geist in die
Wolke? -
    Hier gab ihm Augusti, da die Mutter der zurckkommenden Kranken ins
Krankenzimmer folgen mute, den Wink zum Abschiede, den er willig nahm; seine
Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des
Wiedersehens: Junge Liebe und junge Vgel haben anfangs nur Wrme durch Bedecken
ntig, erst spter Nahrung. -
    Aber ein Paraklet oder Trster sagte unter dem Weggehen dem Jnglinge leis'
ins Herzohr: morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten! - Und das
ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddmmerung, wenn die
Abendwandlerin die Augenkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den
Blttern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze
Glckseligkeitslehre in einem Paragraphen, in einem Zuge, Atem, Momente
verschlingen - - aber welche Aussicht!
    Der Graf bat den Lektor, nicht lange bei dem beschftigten Minister zu
sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wut' er hinter einem Aktenstocke kaum nach
einigem (vielleicht maskierten) Besinnen, da sie dagewesen, und bedauert' es
innig, da sie fortgingen. - Ach der Trster lispelt den ganzen Abend und die
ganze Nacht: Morgen, Albano! -

                                   35. Zykel


Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Trumerei auf die andre
warf- denn nicht die nahe Vergangenheit' sondern die nahe Zukunft mattet uns mit
Probekomdien unsrer wachen Akte, mit Trumen, ab -, wie war er am Morgen so
froh, da die schnste Zukunft noch nicht vorber war. Im Menschen hausen oft
zwei sehr eulenspiegelsche Wnsche: ich tue oft den von ganzem Herzen, da eine
wahre Freude fr mich, z.B. ein Meisterwerk, eine Lustfahrt etc., doch mg'
endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, da eine und die andre Lust
noch ein wenig auenbleibe.
    Der Abend kam mit der grten, wo Zesara - wie Le Gentil nach Ostindien -
nach dem stlichen Park des Ministers abreisete, um den Durchgang des Hesperus
und Venussternes, aber nur durch den Mond, zu observieren. Vor den erleuchteten
Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse,
so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, wr' er umgekehrt, das drstende
Herz htte ihn zurck durch einen ganzen davor postierten Klerus und
diplomatischen Kongre hindurch getrieben. Khn schritt er durch den lauten
Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei, drehte das eiserne Gattertor auf
und trat hastig in den nchsten Laubengang. Hier ging er, von einem Fackeltanze
leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein Seh- und
sein Ohr ein Hr-Rohr. Die Lauben-Allee wuchs oben quer ber den Garten in eine
andre, dem Wasserhuschen nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder
vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen.
    Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond - wie doch zu fordern
war - um eine halbe Stunde spter gekommen, sondern gar um eine frher. Der
Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, lie
endlich breite lange Silberbltter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer
niederfallen - die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und
Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet - die Ministerin stand schon am
Fenster - die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer
tiefern Tnen - als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres, blo aus
Klngen gemachtes, das aus dem Wasserhuschen, dem Lustsitze aller seiner
Wnsche, kam, und das sterbend mit dem Frhlingstage vertnen wollte. Aber er
konnte nicht erraten, wer es spiele; man htt' es herausbringen knnen, da es
Roquairol war, blo weil er nachher, wie ich erzhlen werde, nach der
April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianissimo in ein zu wildes
Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im
Wasserhuschen die teuere Schwester sehen und trsten und ihr seine Liebe und
seine Reue zeigen; wiewohl seine strmische Reue eine zweite ntig macht und am
Ende nur eine frmmere Wiederholung seines Fehlers war.
    Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war, worauf jede
Welt sich scharf abmalte, und sein Herz der Sangboden jeder Sphrenmusik, worin
eine umlief: so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren
Strahlen und Klngen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowohl die
Erwartung als die Sorge (beide verdunkeln die Natur und die Kunst) aufwarf. Das
Ufer der Fontnen umflocht ein grner Ring von Orangen, deren Blte im
Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach
der andern wurde flchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein
vielleicht leeres Warten. Die Fontnen sprangen noch nicht - er rupfte wie ein
Vorherbst immer mehr breite Fcherbltter aus seiner grnenden spanischen Wand
und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht ber den Kiesweg herkommen
(welches schon darum unmglich war, weil sie lngst im Wasserhuschen bei ihrem
Bruder stand) und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser pltzlich ins
gedachte Fortissimo strmte und als alle Fontnen vor dem Monde rauschende
Krnze aus Flittersilber aufwarfen. Albano blickte hinaus....
    Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche
Erscheinung! - Er ri die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und
schauete unbedeckt und atemlos an die heilig-schne Gestalt! Wie griechische
Gtter berirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glnzte Liane vor dem
Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet,
und der selige Jngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf
der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen - und die dnne,
zarte, kaum gebogene Augenbraunen-Linie - und das Angesicht, gleich einer
vollendeten Perle oval und wei - und die losgeringelte Locke, auf den
Maienblmchen an ihrem Herzen liegend - und den feinen Grazienwuchs, der wie die
weie Bekleidung die Gestalt zu erhhen schien - und die idealische Stille ihres
Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Gelnder legte,
gleichsam als schwebe die Psyche nur ber der Lilienglocke des Krpers und
erschttere und beuge sie nie - und die groen blauen Augen, die sich, indes das
Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schn aufschlugen und sich in Trume und
in ferne, unter Abendrten widerglnzende Ebenen zu verlieren schienen.
    - Du berglcklicher Mensch! - Dir erscheint die einzige sichtbare Gttin,
die Schnheit, so pltzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln
begleitet, und die Gttin gibt dir den Wahnsinn - die Gegenwart mit ihren
Gestalten wird dir unbekannt - die Vergangenheit vergeht - die nahen Tne ziehen
aus tiefer Ferne her - die berirdische Erscheinung berfllt und berwltigt
mit Glanz die sterbliche Brust!
    Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke
ziehen? - Ach warum fandest du die Himmlische nicht frher oder spter? - Und
warum mute sie selber dich an ihren Schmerz erinnern?
    Denn Liane - in deren berflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern
konnte - suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhing, mit dem
wiegenden Kopfe irrend auf, weil sie dachte, ein Lindengipfel verdecke ihn; -
und dieses Wanken malte ihm ihr Unglck so pltzlich mit tausend Farben! Ein
schneller Schmerz zertrat seine Augen, da Trnen daraus sprtzten und Funken,
und das Mitleiden schrie in ihm: O du unschuldiges Auge, warum wirst du
verhllt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die
ganze Schpfung? - Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter
und auf die Freundin und - o Gott! - sie wei nicht, wo sie stehen.
    Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwrts, und sie lchelte den
Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne
oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben.
    Eine Nachtigall, die bisher, zwischen weiten Blumen einem leuchtenden
Wrmchen nachhpfend, den Tnen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und
Nachschlgen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen nher, und die geflgelte
Zwergorgel ri auf einmal alle Fltenregister heraus, da Liane im Vergessen
ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurcktrat, als sehe sie
auf ihn. Da wurde unter den Tnen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses,
gleich der weien Federnelke auf den Wangen leicht gertetes Angesicht zart vom
matten Bltenrot der Rhrung berdeckt - die Augenlider zuckten fter ber die
glnzenden Augen hin - und endlich wurde der Glanz eine ruhige Trne - es war
keine des Schmerzes noch der Freude, sondern jene sanfte, worein die Sehnsucht
des Herzens berquillt, wie im Frhling berfllte Zweige unverwundet weinen. -
    - Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern
Strmen zu reden anfngt und uns Zertrmmerung anrt; furchtbar regte sich jetzt
in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf
Kuntursfittichen vor Abgrnde schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm:
Strze hinaus - knie vor sie - sag ihr dein ganzes Herz - was ists, wenn du
dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen - und
dann khle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Fen. - Wahrlich er
drstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontnen zurcksprangen - - Aber
ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequlten und Frommen! - Nein, sagte der
gute Geist in ihm, verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder - o schone,
schweige, ehre; dann liebst du sie.
    Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in einen Himmelssaal und
nahm den offnen Sonnenweg, aber leise, vor den Fontnen vorber. Als er vor ihr
vorbeiging, brach auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert
hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof im
tiefen Himmelsblau; eine glnzende Lilie55 aus der zweiten Welt, die sich selber
das Zeichen ist, da sie bald in diese fliehe. - - O sein Herz voll Tugend
empfand erschttert die Nhe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten
Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorber, das sie nicht bemerken konnte.

Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen
mehr hatte als den ber sich: wurd' er ganz sanft und freuete sich, da er nicht
khner gewesen. - Wie glnzt ihm jetzt die Erde, wie nhert sich ihm der
Sonnenhimmel, wie liebt sein Herz! - O noch nach vielen Jahren einst, wenn
dieser glhende Rosengarten der Entzckung schon weit hinter deinem Rcken
liegt, wie wird er dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und
magisch als ein weies Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern! -

                             Siebente Jobelperiode


     Albanos Eigenheit - das Nestelknpfen der Politik - der Herostrat der
Spieltische - vterliches mandatum sine clausula - gute Gesellschaft - Herr von
              Bouverot - Lianens Gegenwart des Geistes und Krpers


                                   36. Zykel

- - Wre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so
wrd' ich gewi in meiner Historie fort fahren und der Welt als wahr berichten
(und das ganze romantische Schreibgelag liee sich darauf totschlagen), Albano
sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des
Bandagisten Amor dortgesessen - er habe nicht mehr ber fnf zhlen knnen,
auer abends an der Glocke, um nachher das Froulaysche Wasserhuschen magisch zu
umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nach schlngelt
- aus den beiden Blaselchern, womit sentimentale Walfische sich ffentlich
ausweinen in Buchlden, hab' er betrchtliche Strme aufgespritzt - brigens
hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur)
und keinen Menschen mehr (einen blinden ausgenommen) - - und unter diesen
meinen Wundzettel erotischer Wundfieber (wrd' ich am Schlusse meiner Lge
sagen) setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel.
    Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; - nichts wie verdammte Lgen sinds; die
Sache ist vielmehr so:
    Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze
Schamrte berflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das
erstemal einem mitrauischen oder fragenden Auge aufgestoen wre.
    Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhllt wie
ihr der Mai; und er qulte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit
Zweifeln an ihrer Kur. Er schmte sich der Freude whrend ihrer Trauerzeit und
verbot sich den Genu des Frhlings und den Besuch von Lilar; ach er wute ja
auch, es wrde durch den liebenden Frhling und durch das Lilar, wo sie so viele
Freuden und die letzte Wunde empfangen, sein Herz zu unbndig werden und zu
voll.
    Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und
seinen beiden Freunden in einem rhmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn
in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich ber die
Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hrsaale und
dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentmlicher Trieb nach
Komplettierung; alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Greuel; ihn
schmerzten defekte Sammlungen abgebrochene Monatsschriften - eingeschlafne
Prozesse - Bibliotheken, weil er sie nie auslesen konnte - Leute, die als
Akzessisten starben, oder in Bau-Planen, oder ohne ein abgerndetes Denksystem,
oder als Gesellen, Tuchknappen und Schuhknechte - und sogar Augustis
Fltenblasen, ders nur so beiher mittrieb. Es war dieselbe Strke, womit er
Psyches Flgelpferde den Zgel straff hielt und womit er ihm das Spornrad
einstie; schon als Kind hatte er diese Strke an der Zurckhaltung des Atems,
oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht - und beim Himmel!
figrlich tat er ja nun beides wieder. In ihm wohnte ein mchtiger Wille, der
blo zur Dienerschaft der Triebe sagte: es werde! Ein solcher ist nicht der
Stoizismus, welcher blo ber innere Missetter oder Hmlinge oder
Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern es ist jener genialisch-energische
Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bndigt, und der
kniglicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der Knig!
    - Ach freilich - wie konnte seine warme Seele anders? - stand er oft in der
Nachmitternacht am luftigen Fenster und schauete voll Trnen auf die weie
Madonna des ministerialischen Palastes, die der reine Mond versilberte. Ja am
Tage zeichnete er oft in sein Souvenir (zufllig wars ein Springbrunnen und eine
Gestalt dahinter, weiter nichts) - oder er las im Messias (natrlich fuhr er in
dem Gesange fort, den er schon bei der Ministerin angefangen) - oder er belehrte
sich ber Nervenkrankheiten (war er bei seinem Studieren dagegen gedeckt?) -
oder er lie das Feuer seiner Finger ber die Saiten laufen - ja er htte nichts
als Rosen gepflckt, obwohl mit Dornen, wre ihre Bltezeit gewesen.
    Und diese seufzende schwle Seele mute sich verschlieen! O er war schon in
Sorge, jede Taste werde eine Schriftpunze, das Klavier ein Letternkasten und
alle Handlungen verrterisch-leserliche Worte. Denn er mute schweigen. Die
erste junge Liebe hat wie die der Geschftsleute (die kurschsischen
ausgenommen) keine Sprachwerkzeuge, hchstens eine tragbare Schreibfeder mit
Dinte. Nur die Weltleute, die ihre Liebeserklrungen ebenso wiederholen wie
Schauspieler, sind imstande - und aus gleichen Grnden -, sie ebenso zu
publizieren wie diese. Aber in der heiligern Zeit des Lebens wird das Bild der
geliebtesten Seele nicht im Sprach- und Vorzimmer, sondern im dunkeln stillen
Oratorium aufgehangen; nur mit Geliebten spricht man von Geliebten. Ach er hrte
ber seine Himmelsbrgerin ungern sogar andre reden; und er entwich oft (mit dem
innern Rauchopferaltar in sich) aus dem Zimmer, worin man fr sie eine
Rauchpfanne mehr voll Kohlendampf als Wohlgeruch herumtrug. -

                                   37. Zykel


Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurckkunft des deutschen Herrn, Mr. de
Bouverot, der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermhlung zwischen Luigi und
einer haarhaarschen Prinzessin, Isabella, die letzte retuschierende Hand gelegt.
Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Bouverot habe keine honntet56; und
erzhlte folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes.
    Vor einigen Jahren wurde Bouverot in Kapitel-Streitigkeiten vom
haarhaarschen Hofe57 nach Rom an den Papst versandt; gerade zur Zeit, wo auch
Luigi den gewhnlichen Rmerzug der Frsten tat mit seinen Rmer-Zinszahlen. Nun
wollte Haarhaar - das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenflieer
Frstenhute und das alle mgliche offizinelle Aussicht hat, ihn aufzusetzen -
eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erlschen des
Hohenflieer Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter
Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervser Bedeutung war. Ja dem
Haarhaarer Hofe mute daran liegen, da der gute dnne Stamm-Herbstflor
womglich anders wiederkme, als er ausgezogen war; und eben aus solchen Grnden
war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt ber alle seine
Freuden und Leiden als maitre de plaisirs-zumal bei maitresses des plaisirs - zu
walten und zu wachen, da man damit zufrieden wre. War inzwischen Abiturient
schon als Ftus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum saliens
ausgeschliffen zurckgefahren, besonders da er durch mehrere Bocksund andre
Sprnge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge. Es kann
mglich sein, da der Deutsch-Herr der Verjngung des Frsten zu sehr
entgegenging; ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis d'Aymar58
nachgetan haben, welche eine alte unschuldige Dame, die vom Elixier mehr
versalbte, als gegen ihre Jahre ntig war, durch das bermige Verjngen zum
kleinen Kinde einzog. - - Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn
Bouverot wird einmal - wie fters durch Kreuzzge - der Hohenflieer
Frstensessel offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf -
    Ich gestehe ungern, da Albano anfangs - weil bei aller seiner Scharfsicht
seine Reinheit ebenso gro war - das Faktum nur verworren fate; als ers aber
begriff, wars fr ihn pharmazeutisches Manna, wie fr Schoppe israelitisches.
Der Kreuzherr (sagte dieser)trgt sein Kreuz nicht umsonst - es tut ihm
ebensoviel Dienst wie den Husern in Italien ein darangeschmiertes, es darf
beide keine Seele anpissen, ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag.
    Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen
lrmend zum Tee und Spiele rollen, auf der Gasse, als man vor ihnen eine Snfte
mit dem Sitze rckwrts, worin gleichwohl jemand sa, vorbertrug. Du heiliger
Vater! (rief Schoppe) da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom, der mich
irgendeinmal durchprgeln mu. - Leise, leise! (sagte Augusti) das ist der
deutsche Herr; Zefisio ist sein arkadischer Name59. - Nun, so freu' ich mich
desto mehr, da ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang, sagt' er
und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Snfte fast zehn
Schritte weit, um den Vogel des Bauers besser zu beschauen, bis dieser die
Vorhnge vorri. Albano ertappte darin im Vorbereilen nur einen scharfen,
gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf. -
    Schoppe kam wieder und erzhlte die Hndel in Rom. Nmlich gegen alle
Todsnder, Blutschuldner und Sndenblge trug er keinen so bittern Ingrimm als
gegen Professions-Bankhalter, Croupiers und Grecs; er sagte, htt' er ein
Raupeneisen, womit er dieses Gewrm von der Erde wegschaben, oder eine
Kochenille-Mhle, worin er es zerknicken knnte, er tt' es ganz lustig; O
Himmel, (rief er dann aus) hielt' ich vollends ber den ringelnden
verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fu (und wre auch das
Podagra daran), freudig stie' ich ihn darein und trte den Bettel aus. - Was
er aber konnte, tat er. Da er sein eigner Reisediener und eine in ganz Europa
hin- und herfahrende Lauferspinne war: so hatt' er recht oft die Freude, diese
Pharao-Blattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen - ihr
Schein-Genosse zu werden - ihre Kriegslisten einzulernen - und dann irgendein
Feuerrad in ihre zischende Schlangenhhle zu rollen. Ich bin nicht nher
unterrichtet, ob man es in Leipzig wei, wer der Rdelsfhrer war, der vor
kurzem in der Messe eine Vexier-Polizei mit Schein-Stadtknechten spielte und
eine Bank aufhob; - wenigstens waren die Bankiers darber irrig, weil sie den
andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und
Un-Rechtswohltaten anbettelten; aber ich bin hier imstande, den Diebsfnger zu
nennen: Schoppe wars gewesen. - - Die Beute legt' er meistens zu neuen
Fladderminen unter Pharao-Tischen an.
    Mit Zefisio hatt' ers anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah
einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es
gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis. Bouverot
wollte diese Rolle nicht bezahlen; er habe (sagt' er) nichts gesehen. -
Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort? sagte Schoppe und erklrte sie fr
Betrger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um grern Schaden zu
vermeiden, den Gewinst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die
Pointeurs: Meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrgern; aber
blo weil ich sie kenne, haben sie mich bezahlt. Unter dem Steif-und Blawerden
der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur
und mit seinem Knotenprgel unversehrt davon. -
    Augusti wnschte von Herzen - der Verfolgung wegen -, da Bouverot den
Bibliothekar nicht mehr kenne. Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister
auf Tee und Souper; die arme Tochter! (sagte Augusti) Dieses Bouverot wegen
mu die Halbblinde morgen an die Tafel. - - Indes sieht sie doch unser Jngling
endlich wieder, und nur ein Frhlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab! -
Hat Augusti recht: so trifft meine Bemerkung hier ein, da ein guter Filou immer
der motivierende Hecht wird, der den frommen Karpfensatz der Stillen im - Teiche
zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattermaterie, die kalte Kinder auf einmal
lebendig macht.

                                   38. Zykel


Lianens Augen heilten, aber nur langsam; die Natur wollte sie nicht auf einmal
aus ihrem dstern Kerker in die Sonne fhren; jetzt konnte sie erst, wie die
Philosophen, mehr Licht als Gestalten erkennen. Gleichwohl gab der Minister den
Kabinettsbefehl, sie msse bermorgen die Harmonika spielen, bei dem Souper
erscheinen und sogar den Salat machen und dabei ihre Blindheit maskieren. Er
befahl zuweilen unmgliche Dinge, um so viel Ungehorsam zu finden, als sein Zorn
zum Bestrafen brauchte; gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im voraus voll
rger fr irgendeine Zukunft, gleich dem Urinphosphor, der immer unter dem
Mikroskope kocht, oder den Eisenhtten, worin jeden Tag Feuer auskommt.
    - Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein. ber die Harmonika,
sagte sie, habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt, der es streng' verboten,
und das brige sei eine Unmglichkeit. Hier konnt' er schon, so gut wurd' es
ihm, ber mehrere Dinge ungehalten werden, besonders ber das Fragen des
Doktors, das aber gar noch - nicht geschehen war; er wurde toll genug und
schwur, er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden.
    Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr. Die obige Anekdote nmlich -
Bouverots Frsorge fr den reisenden Erbprinzen - oder die Absicht dabei war an
beiden Hfen assemblee- und tafelfhig, und nur dem Frsten Luigi verdeckt; denn
an Thronen gibt es fast fr niemand Geheimnisse (kaum fr seine Frau) als fr
den, der darauf sitzt, wie in Schallgewlben die Leute in fernen Winkeln alles
laut vernehmen, nur der nicht, der in der Mitte steht. Der deutsche Herr war
also im Hohenflieer Systeme die wichtige Pfortader und Lungenpulsader, womit
auch Froulay sich wssern wollte. Dieser mute durchaus der Gegenwart und der
Zukunft oder zweien Herren dienen, von denen der Haarhaarer sehr bald seiner
werden konnte.
    Bouverot war nicht blo an Froulay den Minister, sondern auch den Vater
geknpft; ein Mann wie er, der sich aus Italien ein ganzes Kunstkabinett
nachfahren lsset und dessen Kunst-Kenntnisse eben ihn und den Frsten so lange
verknpfen, mute eine Madonna von solcher Karnation wie Liane und aus der
rmischen Schule und die noch dazu, von der Leinwand abgelset, sich als eine
volle atmende Rose bewegte, ein solcher mute dergleichen zu schtzen wissen.
Heiraten konnt' er die Rose nicht wollen, da er deutscher Herr war.
    Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen - der Graf auch nicht
- beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlperle von besonderer Weie
und Figur. Froulay hatte - was berhaupt fter ist, als man denkt - gleich viel
Eitelkeit und Stolz; diesen gegen den Tadel, jene fr das Lob. Aber ich mte
nun ein Turnierbuch schreiben, um sein Toben, Rennen, Lanzenstoen in einem
Gefechte, wo er unter den Fahnen der Feindschaft, der Eitelkeit und Habsucht
diente, nur zum Teil auf die Nachwelt zu bringen. Er war so wenig totzujagen als
ein Wolf. Alle Waffen waren ihm gleich, und er nahm immer schrfere und
giftigere. In den alten gerichtlichen Zweikmpfen zwischen Mann und Frau stand
gewhnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche, um seine Strke zur
weiblichen herabzubringen, und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier
gewickelten Stein; in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen
und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein.
    - In diesem Gefechte stellte sich ein glnzender Friedensengel zwischen
beide und fing die Wunden auf, nmlich Liane. Die Tochter, die eine
schwrmerische Liebe fr die Mutter und die weibliche Achtung des strkern
Geschlechts fr den Vater hatte, und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt,
fiel der Mutter um den Hals und bat sie, ihr das zu erlauben, was der Vater
fordere - sie wolle alles gewi so machen, da man nichts merke, sie wolle sich
recht anstrengen und vorher besonders ben - ach er werde sonst ihrem armen
Bruder nur noch ungewogner - diese Uneinigkeit blo ihrentwegen sei ihr so
schmerzlich und vielleicht schdlicher als das Harmonika-Spiel.
    Mein Kind, du weit, (sagte die Mutter, denn jetzt hatte sie gefragt) was
gestern der Arzt gegen die Harmonika gesagt hat; das andre kannst du wagen!
Liane kte sie freudig. Man mute sie zum Vater fhren, damit sie vor ihm die
Freude ihres Gehorsams lautmachte. Ich dank' euchs mit dem Henker, (sagt' er
sanft) es ist eure verfluchte Schuldigkeit. - Sie ging mit zerstobener Freude,
aber ohne groe Schmerzen; sie war es schon gewohnt.

                                   39. Zykel


Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister, das Feuer seiner
Behauptungen und seiner Pantomime zu migen. Er machte ihm vom Hauskriege nur
so viel bekannt, als ntig war, damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung
in Verlegenheit setze. Als sie ins Spielzimmer traten, war schon alles im Feuer.
    Da ihm jetzt niemand prsentiert wird: so mu ich es tun; es sind Jnger
(wenigsten zwlfte) des Ministers.
    Zuerst stelle ich dir den Herrn Justizprsidenten von Landrock vor, eine
gute Apothekerwaage der Themis, die Skrupel auswgt und worin keine falsche
Gewichte liegen, aber, was ebensoschlimm ist, viel Schmutz, Reste und Rost. Die
am L'hombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vey, Fll und Kob,
glatte feine Seelen, die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schauseite
abpoliert sind, nur aber auf der verborgnen Basis noch eckig und kratzend.
    Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers; hier hab' ich dir zu
prsentieren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen innern
Menschen mit einem dicken warmen uern zu bekleiden und auszuschlagen, jhrlich
nicht mehr Bauern abzurinden braucht, als der Russe Lindenstmme fr seine
Bastschuhe abschindet, nmlich 150.
    Das Zimmer, worein du siehst, prsentier' ich dir als ein Fliegenglas voll
Hofbediente, die, um ins Himmelreich zu kommen, nicht blo Kinder, sondern gar
Embryonen von vier Wochen wurden, die bekanntlich aussehen wie Fliegen; sie
wollen, wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der
Tren, nichts von ihrem Brotherrn als das Offenlassen derselben.
    Ich habe die Ehre, dir dort - es ist der, der nicht spielt - den Herrn
Kirchenrat Schpe, der Oberhofprediger werden will, vorzustellen, einen weichen
Halunken, der die Samenkrner des gttlichen und menschlichen Worts wie
Melonenkerne (sie sollen dadurch frher in den Herzen aufgehen) so lange in
gezuckertem Weine einweicht, bis sie in jenen verfaulen; ein geistlicher Herr,
der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden, die er stets abschlgt,
die vierte und die fnfte. -
    - Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt, leise
und ohne Pantomime nennen. Jetzt fhrt dich der Minister selber einem spielenden
Herrn mit einem Kreuze zu, der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den drren
Mund beleckt; es ist Bouverot- jetzt steht er vor dir auf, betrachte das kalte,
aber kecke und schneidend-geschliffne Auge, dessen Winkel eine offne Blechschere
oder aufgestellte Falle scheinen - die rote Nase und den harten lippenlosen
Mund, dessen rtliche Krebsschere sich abgewetzt zusammenzwickt - das
aufgestlpte Kinn und die ganze stmmige feste Figur. Albano berraschet ihn
nicht, er hat alle Menschen schon gesehen, und er fragt nach keinem.
    Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jngling mit der Verheiung,
bei dem Souper werd' er ihm seine Tochter vorstellen. Er bot ihm ein Spiel an;
aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent: er spiele nie.
    Er konnte nun die Spieltischgassen durchstreichen und alles besehen, was er
wollte. In einem solchen Falle postiert man sich, wenn man niemand in der
Gesellschaft ausstehen kann, gerade vor oder neben das Gesicht, das man am
meisten anfeindet, um sich ber jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich
zu errgern. Albano htte viele Gesichter gehabt, die wenigstens in einem
kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich htte stellen knnen; -
ja es wren keine hinlngliche Grnde anzugeben, warum er nicht einen gewissen
ausgespelzten eingetrockneten Kleisteraal, einen Schwchling voll Impertinenz in
einem fort angesehen htte, da dieser mit einer Flgelbrille die aufgehenden
Kartengestirne observierte, indes Albano die Fhlhrner seiner Sehnerven bis zu
den Kartenfarben des zweiten Zimmers ausstrecken konnte - es wren keine Grnde
dagewesen, wre nicht der deutsche Herr dagewesen; vor diesen mut' er sich
stellen; von diesem wut' er das Meiste und Schlimmste; dieser stand ja mit
Schoppe in weiter Verbindung, sogar mit Lianen - - Verdammt! neben gewissen
Gesichtern krmmen und mausern sich die Seelenschwingen, wie neben Adlerkielen
Schwanen-und Taubenfedern zerfallen; allen schuldlosen Gefhlen in der so
gerumigen Brust Albanos wurd' es so unruhig und eng wie einem Taubenfluge, in
dessen Schlag man einen Iltisschwanz geworfen.
    Ich darf es nicht verhehlen, er murrte und grollte innerlich ber alles, was
der Mann tat und hatte - dieser mochte nun Finger tragen, deren Spitzen
feingeschabet waren fr das Pharaospiel und deren Ngel von einem ganz noch
schlimmern Hasardspiele sich etwas abgeblttert hatten - oder er mochte zuweilen
durch die Haare der Augenbraunen blicken - oder (nur einmal) eine Mcke durch
ein schnelles Schnappen der Lippen erquetschen wie die Fliegenfalle - oder bald
eine deutsche, bald eine gallische Zeile sagen, was ich doch von guten Zirkeln
erwarte, indes nur schlechte kein deutsches Wort vorbringen, wenige solche wie
Lansquenet, canif (Kneif), birambrot (Bier am Brot) ausgenommen - - - genug er
dachte immer an Schoppes schnen Ausspruch: Es gibt Menschen und Zeiten, wo
einen rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken knnte als - Prgel, die er
gbe. Duellieren ist ebensogut, meinte der Graf.
    Indes mu er hier entschuldigt werden durch eine Autoritt. Nmlich selber
Schreiber dieses - sonst ein so weiches warmes Schwanenfell - wurde immer zu
einem vlligen Kampfhahne hinter Spiel-Sesseln und spreizte den kratzenden
struppigen Flgel weiter auf, je lnger er mig zusah; der Grund ist der, weil
man berhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet, mit denen man
einerlei treibt und will.
    Albano wnschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her; er ging zwar
oft zu Augusti, sich auszuschtten; aber dieser linderte stets; ja er schnitt
ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchenrate die Gelegenheit ab, seine
jugendliche unerfahrne Seele Horchern zu verraten. Auch whlte der Lektor
nachher auf eine halbe Stunde - was Hausfreunde oft tun in Abwesenheit der
Hausfreundinnen - letztere (die Abwesenheit).
    Der Graf stand einige Zeit hinter Bouverots Sessel und sah in einen innen
mit grotesken Bildern lackierten sinesischen Spiegel und vernderte seine
Stellung so lange, bis er darin Zefisios Gesicht hart neben einem gemalten
Drachen stehen hatte zur bloen Vergleichung; - das alles fiel vor, aber mit
immer strkern Herzschlgen fr Lianen unterbrochen; - - als die Bedienten die
Tren ffneten zu dem Speisesaale; und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte
und seine ohnehin so jugendlich-blhende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und
verschmten Rte hing.

                                   40. Zykel


Schnellatmend und glhend machte er sich in die bunte Wandel-Reihe mit
irgendeiner alten Dame hinein, die ihn eitel miverstand und auf einmal als eine
Armschnalle mit Ressort an seinem Arme hing und die nichts von ihm erhielt als -
Antworten. Mit durchfliegenden Blicken trat er in den hellen, wie aus Licht
kristallisierten Saal voll Kpfe. Er antwortete eben, als er im Tumulte hinter
sich das leise Wort vernahm: Ich hre ja den Bruder - und sogleich die leisere
Widerlegung: Es ist mein Graf. - Er drehte sich um - zwischen dem Lektor und
der Mutter stand die liebe Liane, der verschmte, erschrockne, blarote Engel,
im schwarzen Seidenkleide, das nur der blinkende Frhlingsreif einer silbernen
Kette berlief, und mit einem leichten Band im blonden Haar. Die Mutter stellte
sie ihm vor, und die zarte Wange blhte rter auf- denn sie hatte ja die
gleichen Stimmen des Gastes und des Bruders vermengt-, und sie schlug die
schnen Augen nieder, die nichts sehen konnten. Ach Albano, wie zittert dein
Herz so sehr, da die Vergangenheit zur Gegenwart, die Mondnacht zum
Frhlingsmorgen wird und da diese stille Gestalt in der Nhe noch allmchtiger
wirkt als in jedem Traum! - Sie war ihm zu heilig, als da er vor ihr ber die
scheinbare Heilung htte lgen knnen; er schwieg lieber; - und so kam der
wrmste Freund ihres Lebens zum ersten Male nur verhllt und stumm zu ihr.
    Der Lektor fhrte sie bald weg an ihren Sitz unter dem zweiten Lster - ihr
gegenber sa die Mutter (wahrscheinlich darum, damit die gute unwissende
Tochter, die doch nicht immer die Augenlider senken konnte, diese freundlich und
mit Anstand gegen ein geliebtes Wesen heben durfte) - der deutsche Herr, als
Bekannter, setzte sich ohne weiteres zu ihrer Rechten, Augusti, zur Linken -
Zesara als Graf kam oben weit hinauf neben die hchste Dame. - -
    Der Henker hol's! - das ist leider so oft mein eigner Fall! Ich behaupte
oben den Ehrenplatz - und bemerke unten eine Meile von mir die Tochter, aber als
Myop nur halb und kann den ganzen Abend nichts machen. - Rangiert mich doch
ungescheuet hinunter zu ihr - ihr habt mit nichts weniger als einem
aufgeblasenen Manne zu tun - warum sollen denn auf der Erde, wie im Himmel,
gerade die grten Wandelsterne am weitesten von ihrer Sonne absitzen?
    Ich ziehe jetzt die Leser an des Ministers Tafel, nicht um ihnen die
ministerialische, auf Habsucht eingeimpfte Pracht oder seinen zwischen das
Parallellineal der Etikette eingesperrten Ehrentanz oder auch dessen
Familienwappen zu zeigen, das auf jedem Wrmteller und Salzfa und mit dem Eise
und Senfe herumgegeben wurde - uns sei die Allgegenwart des Wappenwerks auf
seinen Blumentpfen, Hemden, Bettschirmen, Hunds-Krawatten und Gedanken genug -,
sondern der Leser soll jetzt nur auf meinen Helden sehn.
    Sehr sticht er hervor. ber einen solchen Ankmmling hat man in einer
Residenzstadt noch frher, als er dem Schwager das Trinkgeld gegeben, schon
alles mgliche Licht der Natur und der Offenbarung; 19 Anwesende waren als seine
moralischen Schrittzhler an ihm festgemacht. Die Khnheit seines Wesens und
sein Rang ersetzten bei ihm die Welt; und diese vermite man nirgends als darin,
da er keinen andern Anteil nahm als den strksten und da er sich immer in
allgemeine und weltbrgerliche Betrachtungen verlief. Aber seht doch - o ich
wollte, Liane knnt' es sehen -, wie die Rosenglut und das frische Grn seiner
Gesundheit unter den gelben Maroden des Jahrhunderts glnzt denen wie Schiffen
an der afrikanischen Kste der Jugend alles zusammenhaltende Pech abgeflossen
war - und wie ihn das Wangenrot der geistigen Gesundheit, ein zartes, immer
wiederkommendes Errten (aus Sorge um Lianen), schmckt, indes mehrere Weltleute
am Tische gleich der Baumwolle alle Farben leichter anzunehmen scheinen als die
rote!
    Er schauete und horchte, wider die Ordnung des Visiten-Heils, zu sehr Lianen
zu. Sie a, unter dem hhern Rote der Furcht, fehlzugreifen, nur wenig, aber
unbefangen; der Lektor sperrte ihr mit leichter Hand den kleinsten Irrweg zu.
Was ihn wunderte, war, da sie ein so empfindliches und so leicht weinendes Herz
mit einer so unbefangnen Heiterkeit des Angesichts und des Gesprchs bedeckte -
- junger Mann, das ist bei den weichsten Mdchen ohne Schmerzen der Liebe kein
Bedecken und Verstellen, sondern Genu des Augenblicks und gewohnte
Geflligkeit! Sie behielt so besonnen die (wahrscheinlich vorher gelernte)
Rangordnung der bekannten Stimmen, da sie ihre Antwort nie gegen eine falsche
Stelle richtete. Sie blickte aber oft zu ihrer Mutter mit vollen Augen auf und
lchelte dann noch heiterer, aber nicht um zu tuschen, sondern aus rechter
herzlicher Liebe. - Anlangend ihren Salat, so wrde die beste und tafelfhigste
Leserin, die ihn mischen sehen, mehrere Gabeln davon nehmen. Ungemein gut lie
es, da sie ernster und rter vor der blauen Himmels-Halbkugel aus Glas die
Handschuhe abzog - mit weien Hnden und mit geschmeidigen Armen ohne eine
seidne Falte zwischen dem glsernen Blau und seidenem Schwarz im Grnen
arbeitete - bedchtlich nach dem Essig- und lgestelle fassete und so viel
zugo, als ihre bung (und der verzifferte Rat des Lektors; wenigstens scheint
mirs so) gebot. - - Beim Himmel! das Machen ist hier der Salat; und der eitle
Minister, der sich nicht auf Gemlde verstand, hatte viel Einsichten in Dingen,
die zu Gemlden taugten.
    Die Mutter schien kaum auf die Bltter-Mengerei hinzusehen.
    - - Dem Grafen schien heute die Ministerin nur Welt und keine fromme Strenge
zu haben; aber er kannte noch nicht genug jene hellen Weiber, die Feinheit ohne
Witz, Empfindung ohne Feuer, Klarheit ohne Klte haben; die von den Schnecken
die Fhlhrner, die Weichheit, die Klte und den stummen Gang entlehnen und die
mehr Vertrauen verdienen und fordern als erhalten.
    Nun trat Zefisio als ein Engel unter drei Menschen im feurigen Ofen ein,
aber als ein schwarzer. Dem Grafen war dessen Nahesitzen und jedes Wort zu ihr
ohnehin eine Kreuzigung - nur von ihr zu ihm mit dem Blicke zu gehen war schon
ein Jammer, wenig verschieden von dem, den ich haben wrde, wenn ich in Dresden
einen Tag im Antiken-Olymp der alten Gtter zubrchte und dann bei dem
Herausgehen in ein Refektorium voll geschwollner Mnche oder in ein
Naturalienkabinett voll ausgestopfter Malefikanten-Blge und einmarinierter
Ftus-Kanker geriete. - Indes wurde er doch dadurch beruhigt - nach meiner
Meinung nur getuscht -, da der deutsche Herr nicht neben ihr lyrisch loderte,
noch im Himmel oder auer sich war, sondern bei sich und ganz gesetzt und sehr
artig. Auf keine Tauben, Graf, - frage die Landwirte - schieen die Habichte
fter nieder als auf glnzend-weie! -
    Der deutsche Herr brachte jetzt eine Tabatiere hervor mit einem niedlichen
Gemlde von Lilar und fragte Lianen, wie es ihr gefalle; ihm gefalle daran das
Sentimentalische vorzglich.
    Der Lektor erschrak, bog sich dem Dosenstcke entgegen und jagte einige
Urteile voraus, die die Halbblinde in den ihrigen fhren sollten; aber nachdem
sie damit ein paarmal schief gegen die Lichter und nahe vor ihren Augen
vorbeigefahren war, konnte sie selber das eigne fllen, da das von der
halbuntergesunkenen Sonne angestrahlte Kind, das unter dem Triumphbogen eine
Blumenkette in die Hhe zieht, nach ihrem Gefhle so gar lieblich sei. Hier
kam - und ich habe denselben Fall an einer halbblinden Frau von mchtiger
Phantasie und offnem Kunstsinne bemerkt - die Anstrengung und der Kunstsinn oder
das geistige Auge dem leiblichen auf halbem Wege entgegen. Die Dose wurde wie
ihr Tabak weiterprsentiert und stieg hinab zum Kunstrat Fraischdrfer - dem
jetzt die Kunstliebe des neuen Frsten und die Kunstgelehrsamkeit des Gnstlings
neue Kronen aufsetzten -; er rgte nichts als das Bltenwei: Der Frhling
(sagt' er) ist wegen seines verdrlichen Weies ein leeres Monochroma; ich
habe Lilar nur im Herbste besucht. - Wir knnen ja den Nachtigallengesang auch
nicht malen, und hren ihn doch, sagte Liane heiter; er war ihr Lehrer und
jetzt in der malerischen Technologie sogar ihres Vaters seiner. ber allen ihren
Kenntnissen und innern Frchten und Blten war die Rose des Schweigens gemalt;
daran hatte sie der gebieterische Vater berhaupt gewhnt, und vor Mnnern
besonders; in welchen sie immer kopierte Vter furchtsam ehrte. -
    Als die Landschaft zu Albano kam und er jene Frhlingsnacht verkleinert vor
sich hielt, wo ihm Lilar und der edle Greis so zaubernd erschienen - und da er
berhrte, was die liebe Seele angerhrt - und da in der seinigen alle Wohllaute
zitterten: so griff wieder der Teufel einen dissonierenden Septimenakkord:
    Der Frst, gndiger Herr, (sagte der Minister zum deutschen Herrn) wurde
gestern heimlich beigesetzt; schon in acht Tagen haben wir das ffentliche
Begrbnis. Wir mssen eilen, weil die Suspension der Hoftrauer so lange dauert,
bis die Huldigung am Himmelfahrtstage vorber ist. Ich bin zu feurig, mich ber
den ewigen Zeremonienmeister Froulay auszulassen, der auf der Sonne
Laternensteuer eingetrieben htte und Brckenzoll vor Parks- und Eselsbrcken;
aber Albano, von so vielen innern Seiten- und Streiflichtern geblendet -
erinnert an Lianens Trauer ber den alten Mann, an seinen Geburtstag, an das
Herz ohne Brust und an den Wahnsinn der Welt -, war nicht imstande, so sehr er
sich vorgesetzt, in Sanftmut und Lammskleidern vor Froulay zu erscheinen,
letztere anzubehalten: sondern er mute (und lauter, als er meinte) gegen seinen
Gegennachbar, den Kirchenrat Schpe, mit zu groer Jugend-Ergrimmung (die durch
das nach der Bruderstimme sehnschtige Zuhren Lianens nicht kleiner wurde) sich
erklren gegen viel - gegen das ewige tote Vexierleben der Menschen - gegen den
zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt - gegen dieses Darben an Liebe blo
aus Vorspiegeln derselben - - ach sein ganzes Herz brannt' auf seiner Lippe....
    Der redliche Schpe, den ich oben einen Halunken genannt, trat ihm mit
mehreren Mienen bei. - Aber ich gar nicht; Freund Albano! du mut erst noch
lernen, da die Menschen in Rcksicht der Zeremonien, Moden und Gesetze, gleich
einem Zug Schafe, insgesamt, wofern man nur den Leithammel ber einen Stecken
setzen lassen, an der Stelle des Stabes, den man nicht mehr hinhlt, noch aus
Vorsicht aufspringen; - und die meisten und hchsten Sprnge im Staate tun wir
ohne den Stecken. Aber ein Jngling wre mittelmig, der das brgerliche Leben
sehr zeitig lieb htte; so gewi auch er und wir alle ber die Fehler eines
jeden Amtes zu bitter richten, das wir nicht selber bekleiden.
    Die Gesellschaft hrte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur
innerlich; auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst.
    Man stand auf- die Enge verschwand - sein Eifer auch; aber ich wei nicht,
kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens, oder von
einem jugendlichen berspringen der Visiten-Zune - (von Mangel an Lebensart
kams aber nicht her), genug das Faktum ist nicht zu leugnen (und ich tu' auch am
besten, es geradezu zu geben), da der Graf die arme alte, von ihm hergefhrte
Dame - Hafenreffer wei selber nicht, wie sie heiet - stehen lie und, ich
glaube unbewut, zum Fhren Lianen nahm. - Ach diese! Was soll ich sagen von der
magischen Nhe der getrumten Seele - vom leichten Aufliegen ihrer Hand, das nur
der Arm des innern Menschen, nicht des uern sprte - von der Krze des
Himmelsweges, der wenigstens so lang htte sein sollen als die
Friedrichs-Strae? - Wahrhaftig er selber sagte nichts - er dachte blo ans
abscheuliche Inhibitorial-Zimmer, wo ihre Scheidung vorfallen mute er zitterte
unter dem Suchen eines Lauts. Sie haben wohl (sagte Liane leicht und offen,
die gern die befreundete Stimme, zumal nach der warmen Rede hrte) unser Lilar
schon besucht? Wahrhaftig nicht, aber Sie? sagt' er zu verwirrt. - Ich und
meine Mutter wohnten gern in jedem Frhlinge da.
    Nun waren sie im Scheide-Zimmer. Leider stand er so mit ihr, die nichts sah,
einige Sekunden fest und sah geradeaus, willens, etwas zu sagen, bis die Mutter
ihn aufweckte, die fr ihre von dem ganzen Abend so genhrte Liebe eifrig eine
abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte. - Und so war alles vorbei; denn
beide schwanden wie Erscheinungen weg.
    Aber Alban war wie ein Mensch, den ein herrlicher Traum verlsset und der
den ganzen Morgen so innig-selig ist, aber ihn nicht mehr wei. - Und wie, steht
ihm nicht Lilar offen, und sieht ers nicht gewi, sobald nur Liane es auch sehen
kann?
    Nie war er sanfter. Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen
fruchtbaren Sezeit einigen guten Samen ein. Er sagte, als sie miteinander noch
in die Mondnacht heraussahen, Albano habe heute fast blo stachlichte und
sperrige Wahrheiten vorgebracht; die nur erbittern, nicht erleuchten. - Zu einer
andern Zeit htt' ihn der Graf befragt, ob ers wie Froulay und Bouverot htte
machen sollen, die einander ganz tolerant Theses und Antitheses vortrugen wie
ein akademischer Respondent und Opponent, die vorher bei einander logische
Wunden und Pflaster von gleicher Lnge bestellen; - aber heute war er ihm sehr
gut. Augusti hatte so delikat und liebreich fr Mutter und Tochter gesorgt - er
hatte ohne Schwrzen und Schminken viel Gutes, aber nicht hastig gesagt, und man
hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehrt - er hatte weder geschmeichelt
noch beleidigt. Albano versetzte also sanft: Aber erbittern ist doch besser,
lieber Augusti, als einwiegen. - Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als
denen, die sie nicht haben und nicht glauben? Doch nicht den andern? - Man
kann jede sagen, sagt' er, aber man kann nicht jede Art und Stimmung, womit
man sie sagt, zur Wahrheit rechnen.
    Ach! sagte Albano und blickte hinauf; unter dem Sternenhimmel stand wie
eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Palastes sanft beglnzt - und er
dachte an ihre Schwester - und an Lilar - und an den Frhling - und an viele
Trume - und da sein Herz so voll ewiger Liebe sei und da er doch noch keinen
Freund und keine Freundin habe. -

                               Achte Jobelperiode


Le petit lever des Doktor Sphex - Steig nach Lilar - Waldbrcke - der Morgen in
  Arkadien - Chariton - Lianens Brief und Dankpsalm - empfindsame Reisen durch
          einen Garten - das Fltental - ber die Realitt des Ideals


                                   41. Zykel

Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessen - denn ich kann keinen
fremden Dechiffreur darberlassen -, um die Jobelperiode bis zum letzten Worte
zu entziffern, so fest hielt mich ihr Reiz; ich hoffe aber, da schon das dnne
Bltterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat, so soll jetzt das Blatt, wenn
ich seine Adern mit Saftfarben und gleiendem Grne durchziehe, vollends Wunder
tun.
    Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrbt. Denn die duldende
bescheidne Gestalt, die er gesehen, glnzte, wie der Vorsatz einer groen Tat,
allen Bildern seiner Seele vor, und in seinen Trumen und vor dem Einschlafen
ward ihre holde Stimme die Philomele einer Frhlingsnacht. - Dabei hrt' er noch
immer von ihr sprechen, besonders den Physikus, der jeden Tag weitere
Fortschritte der Augenkur verkndigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar
immer nher stellte - (Von einer Geliebten aber hren ist, sei es immer etwas
Gleichgltiges, weit mchtiger als an sie denken) - Er hrte ferner, da ihr
Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen, in welcher
er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Freudenpferde bei der
Frstenleiche - Und um dieses Eden, oder vielmehr um die Schpferin desselben,
war eine so hohe Gartenmauer gezogen, und er ging um die Mauer und fand kein
Tor.
    Verhateres kenn' ich nichts als das; aber in welcher Residenzstadt ists
anders? Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das
beteur' ich ffentlich, vor nichts wrd' ich mich so hten als vor einer
Residenzstadt und vor einer stiftsfhigen Heldin darin. Denn die Konjunktion der
obern Planeten trgt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort
mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie, so steht der
Hof, die Teegesellschaft, die Familie dabei; will Er Ihr im Park aufstoen, so
reiset Sie, wie die sinesischen Kuriere, doppelt, weil man den Mdchen gern das
Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine
doppelten Boden; - will Er Ihr zufllig wenigstens auf der Gasse begegnen, so
schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hinterdrein als ihr
Pestessig, Seelensorger, curator sexus, chevalier d'honneur, Sokrates-Genius,
Kontradiktor und Pestilenziarius - - Hingegen auf dem Lande luft (das ist
alles) die Pfarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Pfarrfelder
spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel
anzuziehen. - Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der
(erotischen) Liebe anfangs ein Doktor Fausts-Mantel zu sein, der alles zu
berfliegen schwrt, indes er blo alles berdeckt; allein am Ende steht einem
das Schreckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase.
    Seliger Held! Am Freitage kam der Lektor und referierte, am Montage werde
der Hchstselige - nmlich dessen leere Srge beigesetzt, und Roquairol reite
das Freudenpferd - und Liane sei fast genesen, denn sie gehe mit der Ministerin
morgen nach Lilar, hchstvermutlich um einigen trben, mit einem Trauerrande
umfaten Gedenkzetteln und Leichen-Erinnerungen zu entrinnen- und am
Himmelfahrtstage darauf sei Huldigung und Redoute....
    Seliger Held! wiederhol' ich. Denn bisher, was besaest du vom blhenden
Tempe-Tal als die drre Anhhe, worauf du standest und in den Zauber
hinuntersahest? -

                                   42. Zykel


Am Mai-Sonnabend schwand um 7 Uhr jeder Dunst aus dem Himmel, und die
hell-entweichende Sonne zog einem herrlichen Sonntage entgegen. Albano, der dann
endlich das ungesehene Lilar besuchen wollte, war abends vorher so heilig-froh,
als feiere er den Beichtabend vor dem ersten Abendmahle; - sein Schlaf war ein
stetes Entzcken und Erwachen, und in jedem Traume ging ein betrender
Sonntagsmorgen auf, und die Zukunft wurde das dunkle Vorspiel der Gegenwart.
    Sonntags frh wollt' er fort, als er vor der halben Glastre des Physikus
vorbermute: Herr Graf, auf einen Augenblick! rief dieser. Da er eintrat,
sagte der Doktor: Gleich, lieber Herr Graf! und fuhr fort. - - Den Zeichnern,
die in knftigen Jahrhunderten so aus mir schpfen wollen wie bisher aus dem
Homer, geb' ich folgende Gruppe des Doktors als einen Schatz: er lag auf der
linken Seite; Galenus bgelte mit einer kleinen Kratzbrste den Rcken des
Vaters, indes neben ihm Boerhaave mit einem weiten Kamme stand und solchen
unaufhrlich steilrecht (nicht schief) durch die Haare fhrte. Er sagte stets,
er wte nichts, was ihn so aufheiterte und ffnete als Brste und Kamm. Vor dem
Bette stand van Swieten in einem dicken Pelze, den der Zchtling bei warmem
Wetter und schlimmer Auffhrung tragen mute, um darin sowohl ausgelacht als
halb gekocht zu werden.
    Zwei Mdchen warteten in voller Sonntagsgala da und gedachten aufs Land zu
einer Pfarrtochter und in die Dorfkirche; diese klopfte er erst von Glied zu
Glied mit dem Hammer des Gesetzes ab. Er stellte seine Kinder, als Gegenfler
rmischer Beklagter in Lumpen, gern in Manschetten und Quasten und galoniert auf
die Pillory, besonders vor Fremden. Der Graf hatte sich schon lngst der roten
Kinder wegen gegen das offne Fenster gekehrt; konnte sich aber doch nicht
enthalten, lateinisch zu sagen: wr' er sein Kind, er htte sich lngst
umgebracht; er kenne nichts mehr Beschmendes, als im Putze gescholten zu
werden. - Desto tiefer (sagte Sphex deutsch) greift es eben ein und holte
bei den Mdchen nur noch dieses nach: Ihr seid ein Paar Gnse und werdet in der
Kirche nur von eurem Lumpenkrame schnattern - warum gebt ihr nicht auf den
Pfarrer acht? Er ist ein Esel, aber fr euch Eselinnen predigt er gut genug;
abends sagt ihr mir die Predigt ganz her.
    Hier ist ein Laxiertrank, Herr Graf, den ich Sie, da Sie nach Lilar gehen,
der Landbaumeisterin zu geben bitte fr ihre kleinen Krten; aber nehmen Sie es
nicht bel! - Beim Henker! das sagen gerade die Leute am hufigsten, die sich
nichts belnehmen. Der Graf- der ihm zu andrer Zeit verachtend den Rcken
zugekehrt htte - steckt' es errtend und schweigend vor dem Retter seiner Liane
zu sich, auch weil es fr die Kinder seines geliebten Dians war, an dessen
Gattin er Gre und Nachrichten bringen wollte.

                                   43. Zykel


Lilar ist nicht, wie so viele Frstengrten, ein herausgerissenes Blatt aus
Hirschfeld - ein toter Landschafts-Figurant und Vexier- und Miniaturpark - ein
schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugericht von Ruinen,
Wildnissen und Waldhusern: sondern Lilar ist das Naturspiel und bukolische
Gedicht der romantischen und zuweilen gaukelhaften Phantasie des alten Frsten.
Wir kommen bald insgesamt hinter dem Helden hinein, aber nur ins Elysium; der
Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Teil. Die Absonderung der
Kontraste lob' ich noch mehr wie alles; ich wollte schon lngst in einen bessern
Garten gehen, als die gewhnlichen chamleontischen sind, wo man Sina und
Italien, Lust- und Gebeinhaus, Einsiedelei und Palast, Armut und Reichtum (wie
in den Stdten und Herzen der Inhaber) auf einem Teller reicht und wo man den
Tag und die Nacht ohne Aurora, ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt. Lilar
hingegen, wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknpfte Lustlager und
Lusthaine rechtfertigt, wie der Tartarus seinen dstern durch einsame berhllte
Schrecken, das ist mir recht aus der Brust gehoben.
    Aber wo geht jetzt unser Jngling mit seinen Trumen? - - Noch auf der
romantischen einleitenden Strae nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege
desselben. Er wanderte auf einer belaubten Strae, die sanft auf Hgel mit
offnen Baumgrten und in gelbblhende Grnde stieg und die wie der Rhein sich
bald durch grnende Felsen voll Efeu drngte, bald fliehende lachende Ufer
hinter den Zweigen auftat. Jetzt wurden die weien Bnke unter Jesminstauden und
die weien Landhuser vielfltiger, er kam nher, und die Nachtigallen und
Kanarienvgel60 Lilars streiften schon hieher, wie Land ansagende Vgel. Der
Morgen wehte frisch durch den Frhling, und das zackige Laub hielt noch seine
leichten therischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem
Leiterwagen, den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten
Wege zogen. Albano hrte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der
drngenden Arbeit, sondern die Ruhe-Glocken der Trme; im Morgengelute spricht
die zuknftige, wie im Abendgelute die vergangene Zeit; und an diesem goldnen
Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust.
    Jetzt zuckten gabelschwnzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust ber das
Himmelblau des wilden Gamanders und kndigten mit ihren Wohnungen unsre an: als
seine Strae durch ein zerstrtes altes offnes, von fetten dicken Blttern wie
Schuppen behangnes Schlo durchwollte, an dessen Ein- oder Ausgange ein
wegweisender roter Arm sich mit der weien Aufschrift: Weg aus dem Tartarus ins
Elysium gegen eine nahe Waldung ausstreckte.
    Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nhe so verschiedener Tage. Mit
weiten Schritten drang er gegen den Elysiums-Wald, den ein breiter Graben
abzuschneiden schien. Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grne Brcke,
die sich in den Bogen der Riesenschlange ber den Graben, aber nicht auf die
Erde, sondern in die Gipfel schwang. Sie trug ihn durch die hereinblhende
Wildnis von Eichen-, Tannen-, Silberpappeln-, Frucht- und Linden-Wipfeln. Dann
hob sie ihn hinaus in die freie Gegend, und Lilar warf ihm schon von Osten ber
die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen. Die
Brcke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dmmernde Geniste, und unter und
neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvgel, Singdrosseln, Finken und
Nachtigallen, und die getzte Brut schlief gedeckt unter der Brcke. Endlich
stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Licht - er sah schon die grnende
Bergkuppe mit dem weien Altar, woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet
hatte; und mehr sdlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus,
einen hochaufgebumten Wald - und wie er weitertrat, deckte sich ihm das Elysium
weiter auf - eine Gasse kleiner Huser mit welschen Dchern voll Bumchen lachte
den Blick freudig und einheimisch aus der grnen Weltkarte von Tiefen, Hainen,
Bahnen, Seen an - und in Morgen schlossen fnf Triumphtore dem Auge die Wege in
eine weitausgespannte, wie ein grnendes Meer fortwogende Ebene auf, und in
Abend standen ihnen fnf andre mit geffneten Lndern und Bergen entgegen. -
    So wie Albano die langsam-niederschwebende Brcke herabging, so kamen bald
brennende Springbrunnen, bald rote Beete, bald neue Grten im groen entwickelt
hervor, und jeder Tritt schuf das Eden um. Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen
geheiligten Boden heraus, auf die geweihte Erde des alten Frsten und des
frommen Vaters61 und Dians und Lianens; sein wilder Gang wurde wie von einem
Erdbeben umwickelnd gehalten; das reine Paradies schien blo fr Lianens reine
Seele gemacht; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage ber die
Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht, zum ersten
Male ihrem genesenen Auge zu begegnen, den frohen Busen enge.
    Aber wie festlich, wie lebendig ist alles um ihn her! Auf den Wassern, die
durch die Haine glnzen, ziehen Schwanen, in die Bsche schreitet der Fasan,
Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde, ber den er gegangen war, und
weie und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren, und an den Abendhgeln
hngen rufende Schafe neben liegenden Lmmern; sogar der Turteltaube zittert in
irgendeinem verhllten Tale die Brust vom Languido der Liebe. Er schritt durch
ein langes hochstaudiges Rosenfeld, das die Niederlassung und Pflanzstadt von
Grasmcken und Nachtigallen schien, die aus den Bschen auf die wachsenden
Grasbnke hpften und vergeblich ausliefen nach Wrmchen; und die Lerche zog
oben ber diese zweite Welt fr die frmmern Tiere und fiel hinter den Toren in
die Saaten nieder.
    Berausche dich immer, guter Jngling, und kette deine Blumen so ineinander
wie der Knabe, dem du zueilst! - Nmlich oben auf dem welschen Dache, vor dessen
Brustgelnder Silberpappeln von breiten Rebenblttern umgrtet spielen, und das
er in der Frhlingsnacht fr eine Laube in Rosen angesehen, stand einkerniger
herbergebckter Knabe, der eine Dotterblumenkette niederlie und dem zu kurzen
grnen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte. Pollux hei' ich, (versetzt' er
frisch auf Albans sanfte Frage) aber meine Schwester heiet Helena62, aber das
Brderchen heit Echion. - Und dein Vater? - Er ist gar nicht da, er ist
weit drauen in Rom; gehe nur hinein zur Mutter Chariton, ich komme gleich. -
An welchem schnern Tage und Orte, mit welchem schnern Herzen konnt' er in des
geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser
Brust?
    Er ging ins helle lachende Haus, das voll Fenster und grner Jalousieladen
war. Als er in die Frhlingsstube eintrat: so fand er Chariton, ein junges,
schmchtiges, fast noch jungfrulichaussehendes Weib von 17 Jahren, mit dem
kleinen Echion an der sugenden Brust, sich wehrend gegen die krnklich-lebhafte
Helena, die, auf einem Stuhle stehend, immer aus dem Fenster eine vielblttrige
Rebenschlinge hereinzog und die Hlle um die Augen der Mutter grten wollte. Mit
zauberischer Verwirrung, da sie zugleich aufstehen, mit der Linken die belaubten
Fessel ohne Zerreien abnehmen und den Sugling tiefer verhllen wollte, trat
sie dem schnen Jnglinge gebckt entgegen, kindlichfreundlich und feurig, aber
unendlich schchtern, nicht seiner standesmigen Kleidung wegen, sondern weil
er ein Mann war und so edel aussah, sogar ihrem Griechen hnlich. Er sagte ihr!
mit einer zauberischen Liebe auf dem krftigen Angesichte, die sie vielleicht
nie so herrlich gesehen, seinen Namen und den! Dank, den sein Herz ihrem Gatten
aufbewahre, und Nachrichten und Gre von diesem. Wie loderte an der furchtsamen
Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen! War denn mein Herr (so
nannte sie ihren Mann) sehr gesund und froh? Und so fing sie jetzt, unbefangen
wie ein Kind, ein langes Verhr blo ber ihren Gatten an.
    Pollux sprang mit seiner langen Kette herein - Alban nahm den Trank vom
Doktor scherzend aus der Tasche und sagte: Das sollst du einnehmen. - Soll
ichs gleich aussaufen, Mutter? sagte der Heros. Hier erkundigte sie sich ebenso
unbefangen nach dem ausfhrlichen Rezepte des Doktors und so lange, bis der
kleine Sugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer ber die Wiege
trieb. Sie entschuldigte sich und sagte, der Kleine msse schlafen, weil sie mit
Lianen spazieren gehe, auf die sie jede Minute aufsehe.
    Kinder lieben krftige Gesichter; Alban wurde zugleich von Kindern und von
Hunden geschtzt; nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der
kleinen springenden Truppe agieren, wenn erwachsene Logen dabei waren.
    Ich kann sehr viel, sagte Pollux; - ich kann auch lesen, Herr! versetzte
dem Bruder Helena. Aber doch nur deutsch; ich aber kann lateinische Briefe
prchtig herlesen, du! erwiderte ihr das junge Mnnlein und lief in der Stube
nach Lektre und Leseproben umher, aber umsonst. Mann! warte ein wenig! sagte
er und lief die Treppe hinauf in - Lianens Zimmer und holte einen Brief von
Lianen. - -

                                   43. Zykel


Albano wute nicht, da Liane ordentlich das obere, so blhend beschattete
Zimmer fr sich innenhabe, worin sie hufig - zumal wenn die Mutter in der Stadt
zurckblieb - zeichnete, schrieb und las. Die kindliche Chariton, vom
Liebestranke der Freundschaft begeistert, wute gar nicht, wie sie nur der
schnen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte; ach was war ein
Zimmer! - In dieses immer offne kamen nun die Kinder, die Liane zuweilen lesen
lie; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen, den sie an
diesem Morgen geschrieben.
    Als Albano whrend des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen
Jugendfreundes neben dessen stiller, blasser Tochter sa, die bald auf ihn, bald
auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte Spiel-Schferei hinsah - als
das Morgenwehen durchs khle Fenster das herrliche Getmmel hereintrieb -
besonders als im lichten Ausschnitte des Fubodens die sinesischen Schatten des
Wein- und Pappellaubes sich ineinander kruselten - und als endlich Chariton den
Sugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang, das ihm tnte wie ihr
nachhallender Seufzer nach dem schnen Jugendlande: so wurd' ihm das volle, vom
ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und - besonders durch das wankende
Schattengefecht - fast bis zum Weinen bewegt; und das Kind blickt' ihm immer
bedeutender ins Gesicht.
    Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblttern zurck und setzte sich nun
selber auf seine Leseprobe. Schon die erste Seite komponierte zu Albans innern
Liedern die Melodie; aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des
Briefes, auer spter durch ein hin- und herspringendes Lesen. Die Bltter
gehrten zu vorigen - nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt (denn
Liane war zu hflich, einen zu brauchen) - ferner waren alle Namen anders;
nmlich Julienne, an die sie gerichtet waren, hatte leider, in d'Argensons
bureau dcachetage, d.h. am Hofe wohnhaft, verzifferte verlangt, und sie hie
mithin Elisa, Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda. Linda ist bekanntlich
der Taufname der jungen Grfin von Romeiro, mit welcher die Prinzessin am Tage
jener fr Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzens-und
Korrespondenz-Bndnis aufgerichtet hatte; - Liane, vor deren reinen
dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und
Heroine, der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und
reinigte, liebte die hohe Grfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und
ihrer Freundin zugleich, und die sanfte Seele nannte sich, ihres Wertes
unbewut, nur die kleine Linda ihrer Elisa.
    Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht; Julienne liebte
die gallische Sprache bis zu den Lettern, aber Lianens ihre glichen nicht den
gallischen Sudel-Protokollen, sondern der reinlichen gerndeten Handschrift der
Briten.
    Hier ist endlich ihr Blatt - - O du holdes Wesen! wie lange hab' ich nach
den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedrstet! -
                                                                 Sonntags-Morgen

- Aber heute, Elisa, bin ich so innig-froh, und der Abendnebel liegt als eine
Aurora am Himmel. Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben. Ich war zu
bekmmert. Konnt' aber nicht meine liebe Mutter, die doch blo meinetwegen
hierher gegangen war, dadurch noch krnker werden, so leidlich sie auch eben
deswegen sich gegen mich anstellte? - Und dann kam ja deine Gestalt, Geliebte,
und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier,
o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz! - Sieh, als wir vor dem
Hause der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen
Trnen kte: so war ich so schwach, da ich auch abgewandte vergo, aber andre
und ber die Frohlockende selber, die ja nicht wissen konnte, ob nicht in dieser
Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe. -
    Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda
ganz verweht, und alle Blten des Lebens glnzen in ihren reinen hohen Farben
vor ihr. - - Nach Mitternacht wich die Migrne meiner Mutter fast ganz, und sie
schlummerte so s noch an diesem Morgen. O wie war mir da! - Nach 5 Uhr schon
ging ich in den Garten hinunter und fuhr ber den Glanz zusammen, der im Taue
und zwischen den Blttern brannte - die Sonne sah erst unter den Triumphtoren
herein - alle Seen sprhten in einem breiten Feuer - ein glnzender Dampf umflo
wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berhrte - und ein hohes
Wehen und Singen strmte durch die Morgenpracht - - -
    Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurck und so froh; ich
wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und euch, ihr
lieblichen Blumen, und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verndert, und ihr
grnet wieder wie ich, ihr duftenden Bume! - - In einer unendlichen Seligkeit
schwebt' ich wie verklrt, Elisa, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die
drckende Hlle - so war es mir - unter die Erde gelegt und nur das pochende
Herz behalten, und im entzckten Busen flossen warme Trnenquellen gleichsam
ber Blumen ber und bedeckten sie hell. - -
    Ach Gott, sagt' ich in der groen Freude schreckhaft, war es denn ein bloer
Schlaf, das unbewegliche Ruhen der Mutter? und ich mute - lchle immer -, eh'
ich weiterging, wieder zu ihr hinauf. Ich schlich atemlos vor das Bette, bog
mich horchend ber sie, und die gute Mutter schlo die immer leise schlummernden
Augen langsam auf, sah mich mde, aber liebreich an und tat sie, ohne sich zu
regen, wieder zu und gab mir nur die liebe Hand.
    Nun durft' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen; ich brachte aber
der immer heitern Chariton den Morgengru und sagt' ihr, da ich auf dem breiten
Wege zum Altare64 bliebe, sollt' ich etwan gesucht werden. - Ach Elisa, wie war
mir dann! Und warum hatt' ich dich nicht an meiner Hand, und warum sah mein
bekmmerter Karl nicht, da seine Schwester so glcklich war! - Wie nach einem
warmen Regen das Abendrot und das flssige Sonnenlicht von allen goldgrnen
Hgeln rinnt: so stand ein zitternder Glanz ber meinem ganzen Innern und ber
meiner Vergangenheit, und berall lagen helle Freudenzhren. Ein ses Nagen
nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben, und alles war mir so nahe und so
lieb! Ich htte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frhlingslften
danken mgen, die so khlend das heie Auge umwehten! Die Sonne hatte sich
mtterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle, die kalte Blume, den
jungen nackten Vogel, den starren Schmetterling und jedes Wesen; ach so soll der
Mensch auch sein, dacht' ich. Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des
armen Grschens und der liebugelnden Blume, die ja hauchen und erwachen wie wir
- ich vertrieb die weien durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht, die sich
nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bckten - o ich htte die
Wellen streicheln mgen- - diese Schpfung ist ja so kostbar und aus Gottes
Hand, und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine
Sehnsucht, und in das Augen-Pnktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze
Sonne und ein kleiner Frhling ein. -
    Ich lehnte mich, ein wenig ermattet, unter den ersten Triumphbogen, eh' ich
zum Altare aufstieg; und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Drfer und
Baumgrten und Hgel; und der flimmernde Tau und das Luten der Drfer und das
Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vgel ber allem fllte mich mit
Ruh' und Licht. Ja, so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes
Leben fhren, dacht' ich: redet mir nicht der Trauermantel zu, der vor mir mit
seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert;
und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab, der erkltet an der harten
Statue klebt und sich nicht zu den Blten des Tages aufschwingen kann? - Darum
will ich nie von meiner Mutter weichen - bleibe nur die teure Elisa auch so
lange bei uns, als ihre kleine Linda lebt, und rufe sie ihre hohe Freundin bald
65, damit ich sie sehe und herzlich liebe!
    Ich stieg den grn-schattigen Berg hinan, aber mit Mhe; die Freude
entkrftet mich so sehr; - denk an mich, Elisa, ich werde einmal an einer groen
sterben, oder an einem groen, allzugroen Weh. Der Schneckenweg zum Altare war
von den Farben des Bltenstaubes gemalt, und droben wanden sich nicht gefrbte
feste, sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges. Warum
stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst?66 Und als die Morgenluft mich
wie ein Flgel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel
tauchte, so sagt' ich: nun bist du in Elysium. - Da war mir, als sage eine
Stimme: das ist das irdische, und du bist noch nicht geheiligt fr das andre. O
feurig fat' ich wieder den Entschlu, mich von so manchen Mngeln loszuwickeln
und besonders dem zu schnellen Wahne der Krnkung abzusagen, den ich andern zwar
verhehle, womit ich sie aber doch verletze. Und da betete ich am Altare und
sagte der ewigen Gte Dank und weinte unbewut vielleicht zu sehr, aber doch
ohne Augenschmerzen.
    Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht, das ich in Verse
bringe, wenn es der fromme Vater gutheiet.

                                  Dankgedicht

So schau' ich wieder mit seligen Augen in deine blhende Welt, du Alliebender,
und weine wieder, weil ich glcklich bin? Warum hab' ich denn gezagt? Da ich
unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die
Geliebten und den Frhling ber mir vernahm: warum war das schwache Herz in
Furcht, es gebe keine ffnung mehr zum Leben und zum Lichte? - Denn du warst in
der Finsternis bei mir und fhrtest mich aus der Gruft in deinen Frhling
herauf; und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle
meine lchelnden Geliebten! - - O ich will nun fester hoffen; brich immer der
siechen Pflanze ppige Blumen ab, damit die andern voller reifen! Du fhrest ja
deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir, und sie gehen
durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet, nicht getroffen
hindurch, und nur unser Auge wird na. - - Aber, wenn ich zu dir komme, wenn der
Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in
die tiefere Hhle zieht und du mich, Allgtiger, noch einmal freimachst und in
deinen Frhling trgst, in den noch schnern als diesen herrlichen: wird dann
mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute,
und wird die Menschenbrust in deinem therischen Frhlinge atmen drfen? O mache
mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben, als wenn ich schon in
deinem Himmel ginge! - -

                                       *

Wenn schon euch, ihr Freunde, die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und
rhrend wird, die sich ergeben freuen kann, da doch die Wetterwolke nur
Platz-Tropfen und keine Schloen auf sie warf: wie mute sie erst das bewegte
Herz ihres Freundes erschttern! - Er fhlte eine Heiligung seines ganzen
Wesens; gleichsam als komme die Tugend, in diese Gestalt verkrpert, vom Himmel
nieder, um ihn heiligend anzulcheln, und fliege dann leuchtend zurck und er
folg' ihr begeistert und gehoben nach.
    Er drang eifrig dem Knaben das Zurcktragen der Bltter ab, um ihr und sich,
da sie jede Minute erscheinen konnte, die peinlichste berraschung zu ersparen;
doch beschlo er fest - was es auch koste -, wahr zu sein und ihr noch heute
sein Lesen zu beichten.
    Der Kleine lief die Treppe hinauf, wieder herab, blieb lange vor der Tre
und kam herein mit - Lianen an der Hand, die wei gekleidet und schwarz
verschleiert war. Sie sah ein wenig betroffen umher, als sie mit beiden Hnden
den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zurckhob, hrte aber Charitons
Wiegenlied. Sie kannt' ihn nicht, bis er sprach; und hier errtete ihr ganzes
schnes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; sie habe die
Freude, sagte sie, seinen Vater zu kennen. Wahrscheinlich kannte sie den Sohn
durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten;
auch bewegte sich gewi ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme; denn
der Reiz und sogar Vorzug der hnlichkeit und Kopie ist so gro, da sogar
einer, der einem gleichgltigen Wesen hnlich sieht, uns lieber wird, wie das
Echo eines leeren Rufs, blo weil hier wie in der nachahmenden Kunst die
Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart
wird.
    Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des
Suglings an, und endlich verstummte das Diminuendo, und Chariton lief mit
blitzenden Augen der Hand Lianens zu. Eine heitere offne Freundschaft blhte
zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen
Pappeln. Chariton erzhlte ihr Albanos Erzhlung mit der Voraussetzung der
innigsten Teilnahme; Liane hrte gespannt-aufmerkend der Freundin zu; aber das
war ja so viel, als blicke sie die nahe historische Quelle selber an.

                                   44. Zykel


Endlich reisete man in den Garten aus; Pollux blieb ungern und nur auf Lianens
Verheiung, ihm heute wieder ein Pferdstck zu zeichnen, als Schutzheiliger der
Wiege zurck. Alban sagte zur hchsten Freude der Baumeisterin, die nun alles
dem schnen Manne zeigen konnte, er habe noch wenig von Lilar gesehen. Wie
reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander! Chariton,
wiewohl eine Frau, doch griechisch-schlank, flatterte als die kleinere Schwester
neben der Lilientaille seiner ein wenig lngern Liane fort; jene schien, nach
der Einteilung der Landschaftsmaler, die Natur in Bewegung zu sein, Liane die
Natur in Ruhe. Als er wieder neben Liane trat, an deren linken Hand Helena lief
- zur rechten die Mutter -, so fand er ihr weich-niedergehendes Profil
unbeschreiblich-rhrend und um den Mund Zge, die der Schmerz zeichnet, die
Narben wiederkehrender Tage; indes das schne Mdchen in der Sonnenseite des
Vollgesichts wie in ihrem leichten Gesprche eine unbefangene beglckende
Heiterkeit entfaltete, die Albano, der noch an keiner Schultre eines weiblichen
Philanthropins angeklopft, mhsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ausglich. O
wenn die weibliche Trne leicht flieht, so entflattert ja noch leichter das
weibliche Lcheln, und dieses ist ja noch fter als jene nur Schein!
    Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Hndchen der Kleinen zu
fassen, allein sie hing sich mit beiden auf Lianens Linke; entlief aber gleich
und holte drei Irisblumen - wie sie, den Schmetterlingen hnlich - und teilte
der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei: Gib dem auch eine! Und
Liane reichte sie ihm freundlich-anschauend mit jenem heiligen Mdchenblicke,
der hell und aufmerksam, aber nicht forschend, kindlich-teilnehmend ohne Geben
und Fordern ist. Gleichwohl senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals
nieder; aber - das zwang sie dazu - auf Zesaras felsigem, obwohl von der Liebe
erweichtem Gesichte ruhte ein physiognomisches Recht des Strkern, er schien
eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen, und seine beiden wahren loderten
so warm, obwohl ebenso rein, wie das Sonnenauge im ther.
    Die Irisblumen haben das Sonderbare, da der eine sie riecht, der andre aber
nicht; nur diesen dreieinigen Menschen taten sich die Kelche gleich weit auf,
und sie erfreueten sich lange ber die Gemeinschaft desselben Genusses. Helena
lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebsche; sie erwartete auf
einer Kinderbank neben einem Kindertische lchelnd die Erwachsenen. Der gute
alte Frst hatte berall fr Kinder niedrige Moosbnke, kleine Gartensthle,
Tischchen und Scherben-Orangerien und dergleichen um die Ruhepltze ihrer Eltern
gestellt; denn er trug diese erquickenden offnen Blumen der Menschheit so nah'
an seinem Herzen! - Man wnscht so oft, (sagte Liane) in der
patriarchalischen Zeit, oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben; die Kinder
sind ja - glauben Sie es nicht? - berall dieselben, und man hat eben an ihnen
das, was die fernste Zeit und die fernste Gegend nur gewhren mag. - Er glaubt'
es wohl und gern; aber er fragte sich immer: wie wird aus dem toten Meere des
Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren, wie aus dem salzigen Seewasser
reiner Tau und Regen steigt? - Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein
holdes - wie soll ichs beziffern - Hm nach, das, wiewohl ein
Cour-Donatschnitzer, eine unsgliche Gutmtigkeit verriet; ich schreibe es aber
nicht dazu her, damit den nchsten Sonntag alle Leserinnen diesen
Interpunktionsreiz hren lassen.
    Das nmliche (versetzte Albano, aber gutmeinend) gilt von den Tieren; der
Schwan dort ist wie der im Paradiese. Sie nahm es ebenso auf, wie ers meinte;
aber die Ursache war der fromme Vater, Spener, ihr Lehrer; denn auf Albans Frage
ber Lilars Flle an schnen sanften Tieren antwortete sie: Der alte Herr
liebte diese Wesen ordentlich zrtlich, und sie konnten ihn oft bis zu Trnen
bringen. Der fromme Vater denkt auch so; er sagt, da sie alles auf Gottes Gehei
tun durch den Instinkt, so sei ihm, wenn er die elterliche Sorge fr ihre Jungen
sehe, so, als tue der Allgtige alles selber. Sie stiegen jetzt eine
halbbelaubte Brcke ber einen langen, von Pappeln umflatterten Wasserspiegel
hinauf, worin Lianens Ebenbild, nmlich ein Schwan, auf den Wasserringen
schlief, den gebognen Hals schn auf den Rcken geschlungen, den Kopf auf dem
Flgel, und leise mehr von den Lften gedreht als von den Wellen. So ruht die
unschuldige Seele! sagte Albano und dachte wohl an Liane, aber ohne Mut zum
Bekenntnis. Und so erwacht sie! setzte bewegt Liane dazu, als diese weie
vergrerte Taube den Kopf langsam von dem Flgel aufhob; denn sie dachte an das
heutige Erwachen ihrer Mutter.
    Chariton wandte sich, wie ganz aus hpfenden Punkten zusammengesetzt, immer
fragend an Liane: Wollen wir dahin? Oder dorthinein? oder hier hinaus? - Wre
nur mein Herr da! der kennt alles! - Sie htte ihn gern um jede Quelle und
Blume herumgefhrt; und blickte dem Jnglinge so liebend wie der Freundin ins
Gesicht. - Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brcke: sie glaube, das
Fltental dort mit der leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schnsten,
besonders fr einen Freund der Musik; auch werde man sie da suchen, wenn man
ihrer Mutter die Harfe bringe. Sie hatte ihr mit dieser zurckzukommen
versprochen. Sie mied alle Steige nach Sden, wo der Tartarus hinter seinem
hohen Vorhange drohte.
    Liane sprach jetzt ber den Wettstreit der Malerei und Musik und ber
Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite; sie, wiewohl eine
Zeichnerin, ergab sich, dem weiblichen und lyrischen Herzen gem, ganz den
Tnen, und Albano, obwohl ein guter Klavierist, mehr den Farben. Diese
herrliche Landschaft (sagte Albano) ist ja ein Gemlde und jede menschliche
schne Gestalt. - Wr' ich blind, (sagte Chariton naiv) so sh' ich ja meine
schne Liane nicht. - Sie versetzte: Mein Lehrer, der Kunstrat Fraischdrfer,
setzte auch die Malerei ber die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, als hrt'
ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft. Die Musik hat etwas
Heiliges, sie kann nichts als das Gute67 malen, verschieden von andern Knsten.
- Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik, die Engelstimme in der
Orgel; der reine Albano fhlte neben ihr die Notwendigkeit und das Dasein einer
noch zrtern Reinheit; und ihm schien, als knne ein Mann diese Seele, deren
Verstand fast nur ein feineres Fhlen war, verletzen, ohne es selber zu wissen,
wie Fensterglser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstoen werden, weil sie
unsichtbar erscheinen. Er drehte sich, weil er immer um einen Schritt voraus
war, mechanisch um, und nicht nur das blhende Lilar, sondern auch Lianens volle
Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele. - - Nicht sie an
sein Herz zu drcken, war jetzt sein Sehnen, sondern dieses Wesen, das so oft
gelitten, aus jeder Flamme zu reien, fr sie mit dem Schwerte auf ihren Feind
zu strzen, sie durch die tiefen kalten Hllenflsse des Lebens mchtig zu
tragen - - das htte sein Leben erleuchtet.

                                   45. Zykel


Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen, oben hereinspringenden Fontnen
des Fltentals hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen
unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat - sie sah ihn so vergngt und offenherzig
dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, miverstanden zu werden! Im dstern
Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: Dem Freunde Zesara. Die
vorige Frstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen. -
Ergriffen, erschttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und
lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drckte den Arm an den scharfen
Stein hinauf und rief innigst bewegt: O du guter Vater! - Seine ganze Jugend -
und Isola bella - und die Zukunft berfielen auf einmal das vom ganzen Morgen
bestrmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Trnen nicht lnger
erwehren. Chariton wurde ernsthaft, Liane lchelte weich fort, aber wie ein
Engel im Gebet. - Wie oft, ihr schnen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein
ergriffenes Herz bezwingen mssen, das euch anreden und stren wollte! aber ich
will es wieder bezwingen.
    Sie traten schweigend in den Tag zurck. Aber Albanos Wogen fielen nie
schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken,
als er in das himmlische Tal kam, in diesen Ruheplatz der Wnsche, wo Trume
frei, ohne Schlaf, herumgehen konnten. Chariton - durch den Ernst viel
geschftiger - war nach einer Augenfrage an Liane, ob sie es solle - nmlich das
Spielenlassen gewisser Maschinen -, voraus hineingeeilt. Sie gingen durch den
weichenden blhenden Schleier; - und Albano erblickte nun vor sich den
jugendlichen Traum von einem bezauberten, mit Dften und Schatten umstrickenden
Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt. An den Bergen
blhten Orangengnge, den Untersatz in die hhere Terrasse versteckt - alles,
was groe Blten auf seinen Zweigen trgt, von der Linde bis zur Rebe und zum
Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekrnzte die zwei langen
Berge, die sich mit ihren Blten um die Blumen der Tiefe wanden und sich
miteinander bogen, um ein unendliches Tal zu versprechen - schiefgestellte
Fontnen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen ber die Bume
in den Bach - in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne, der letzte
Spiegel ihres sterbenden Abendblicks. - Habe Dank, du edler Greis! wiederholte
Albano immer.
    Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer berblhten Bank unter
dem herberflatternden Bogen, wo man die erste und zweite Krmmung des Tals und
oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine
Aurikeln-Wiese berschauen kann, indes Chariton auf dem stlichen gegenber
hinter einer Musen-Statue - denn die neun Musen glnzten aus dem grnen Tempe -
an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drcken schien. Mein Bruder
(brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort, die sie der
Freundin abgenommen) wnscht recht sehr, Sie zu sehen. Die nun mit allen
heiligen Krften aufgewachte Seele Albanos fhlte sich ihr ganz gleich und ohne
Verlegenheit, und er sagte: Schon in meiner Kindheit hab' ich Ihren Karl wie
einen Bruder geliebt; ich habe noch keinen Freund. Die bewegten Seelen merkten
nicht, da der Name Karl aus dem Briefe sei.
    Auf einmal flogen einzelne Fltentne oben auf den Bergen und aus den Lauben
auf- immer mehrere flogen dazu - sie flatterten schn-verworren durcheinander -
endlich stiegen mchtig auf allen Seiten Fltenchre wie Engel auf und zogen gen
Himmel - sie riefen es aus, wie s der Frhling ist und wie die Freude weint
und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Frhlinge - und die
Nachtigallen flogen aus den khlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien
freudig in die Triumphlieder des Maies - und das Morgenwehen wiegte die hohen
schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein. - -
    Lianen entsank die Arbeit in den Scho, und sie schlug nach einer ihr eignen
Weise, indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte, den Blick empor, ihn in eine
trumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose
ther in der lauen Sommernacht blitzend berquillt; - aber des Jnglings Geist
brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen
Schleier - gewi nicht allein gegen Sonne und Luft - herab; und Albano, mit
einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte - erhaben mit sich selber
kontrastierend - an den Lckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit groen
Trnen in das blde kleine Gesicht, das ihn nicht verstand.
    Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herber und fragte recht freundlich,
wie es ihm gefiele. Seine andern Entzckungen lseten sich in ein Lob der Tne
auf; und die liebe Griechin erhob das, was sie so oft gehrt, selber immer
strker, als wr' es ihr neu, und horchte sehr mit zu.
    - Ein Mdchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgestruch des Tales
herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und
scheiden wollte: so fiel dem groherzigen Jnglinge sein Bekenntnis ein: Ich
habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott, das mu ich jetzo sagen, sagt' er.
Sie rckte den Schleier nicht hher und sagte mit zitternder Stimme: Sie haben
ihn gewi nicht gelesen, Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer und sah Chariton
an. Er versetzte, ganz hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzhlte mit
drei Worten eine mildere Geschichte, als Liane ahnen konnte. Der bse Pollux!
sagte immer Chariton. - O Gott, vergeben Sie mir diese Snde der Unwissenheit!
sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurck und sagte
hochrot, mit niedergesenktem Blicke - vielleicht durch die Freude ber die
Widerlegung der schlimmern Erwartung vershnt -: Er gehrte blo an eine
Freundin - und Sie werden wohl, wenn ich Sie bitte, nichts wieder lesen - und
unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie
schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.
    O du heilige Seele, liebe meinen Jngling! - Bist du nicht die erste Liebe
dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dmmernden Frhe seines Lebens, du,
diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter
den Frhlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart
vom Schicksale behandelt und immer gettet und begraben; aber wenn nun einmal
zwei gute Seelen im bltenweien Lebens-Mai - die sen Frhlingstrnen im Busen
tragend - mit den glnzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit
der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des
Jahres, mit dem Vergimeinnicht der Liebe im Herzen - wenn solche verwandte
Wesen sich begegnen drften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf
alle Wintermonate der Erdenzeit beschwren und wenn jedes Herz zum andern sagen
knnte: Heil mir, da ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh' ich
geirret hatte; und da ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! -
O Liane, o Zesara, so glcklich mssen euere schnen Seelen werden!
    Der Jngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden
Zauberwelt, deren Tne und Fontnen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen
Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttnen
und Schimmern des Tals, worin er so allein zurckgelassen war. Hastig schritt er
auf dem nhern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und
trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie
verndert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die uere mit vollen
Strmen ein. Er selber war verndert; er konnte nicht in die Eichennacht an das
felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er ber die in Zweigen stehende Brcke
war, sah er auf dem breiten silberweien Gartenwege die sanfte Gesellschaft
langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das
mtterliche drcken konnte. - Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn
vielleicht, aber niemand wandte sich zurck. Durch die nachgetragne Harfe ri
sich der Morgenwind und fhrte von den erregten Saiten Tne wie von olsharfen
mit sich weiter; und der Jngling hrte wehmtig dem zurckklingenden Fliehen
wie von Schwanen zu, die ber die Lnder eilen, indes hinter ihm das leere Tal
einsam in den fltenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende
nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des
Altars zurck; und da er ber die helle Gegend schauete und noch die fernen
weien Gestalten gehen sah, lie er seine ganze schne Seele weinen - Und hier
schliee sich der reichste Tag seines jungen Lebens!
    - Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder
die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht
alle diese Gemlde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsrgen
euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor
euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die euere Seele begrub? Und du,
jngerer oder rmerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine
Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich htte dir manche selige
Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du wrdest sie
anbeten, und wirst du nicht dazusetzen, du httest ohne diese Phnix-Bildnisse
leichtere Wnsche genhrt und manche erreicht? - Und wie wehe hab' ich dann euch
allen getan! - Aber mir auch; denn wie konnt' es mir besser ergehen als euch
allen?
    Euer Schlu wre demnach dieser: Da ihr schne Tage nie so schn erleben
knnt, als sie nachher in der Erinnerung glnzen oder vorher in der Hoffnung: so
verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des
elliptischen Gewlbes der Zeit die leisen Sphrenlaute der Musik vernimmt, und
in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren
und aufhorchen, Vergangenheit und Zukunft aber - die beide kein Mensch erleben
kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind, eine
Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergefundnes Miltons-Paradies - wollt
ihr gar nicht anhren und heranlassen, um nur taubblind in einer tierischen
Gegenwart zu nisten.
    Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste strkste Gift der Ideale ein, damit
ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern vertrume und dann daran
versterbe! - Aber eben das Versterben wre mein Fehler; denn wer die poetischen
Trume ins Wachen68 tragen will, ist toller als der Nordamerikaner, der die
nchtlichen realisiert; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum
Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren, ber Regenwasser
gefhrten Schwibbogen verbrauchen.
    - Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die
unsre hiesigen Ideale verkrpert und verdoppelt und befriedigt - wie du es uns
ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo
das Innere das uere wird und das Ideal die Wirklichkeit - aber dann - nein,
ber das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn
hienieden, sag' ich, das Dichten Leben wrde und unsre Schferwelt eine
Schferei und jeder Traum ein Tag: o so wrde das unsere Wnsche nur erhhen,
nicht erfllen, die hhere Wirklichkeit wrde nur eine hhere Dichtkunst gebren
und hhere Erinnerungen und Hoffnungen - in Arkadien wrden wir nach Utopien
schmachten, und auf jeder Sonne wrden wir einen tiefen Sternenhimmel sich
entfernen sehen, und wir wrden - seufzen wie hier! -

                              Neunte Jobelperiode


   Lust der Hoftrauer - das Begrbnis - Roquairol - Brief an ihn - die sieben
letzten Worte im Wasser - die Huldigung - Redoute - Puppenredoute - der Kopf in
  der Luft, der Tartarus, die Geisterstimme, der Freund, die Katakombe und die
                              vereinigten Menschen


                                   46. Zykel

Die werdende Liebe ist die stillste; die schattigen Blumen in diesem Frhlinge
meiden, wie die im andern, das Sonnenlicht. Albano spann sich tief in seine
Sonntagstrume ein und zog, so gut er konnte, das grne Wohn-Blatt der
Wirklichkeit in sein Gespinste; nmlich den Montag, der ihm bei dem
Paradebegrbnisse des Frsten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte.
    Dieses Trauerfest, wo der dritte, aber grte frstliche Sarg sollte zur
Ruhe bestattet werden, brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig
gemacht, wo man die zwei ersten Srge samt dem Greise beigesetzt, wie man etwa
Tugenden schon im Anfange eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben
ihre leeren Namen, Gehuse und Franzbnde. Am Probe- und Vorbildsbegrbnisse des
Hchstseligen war noch dazu der alte fromme Vater, Spener, sein letzter Freund,
mit in die Gruft hinabgegangen, um sich das hlzerne und zinnerne Gehuse des
ausgelaufenen Gehwerks ffnen zu lassen und auf die stille Brust des lieben
Schlfers noch dessen Jugend-Portrt und sein eignes mit der umgestrzten
Farbenseite zu decken, ohne zu reden und zu weinen; und der Hof machte viel aus
dieser Morgen- und Abendgabe der Freundschaft.
    Alles schwillt fr die Menschen ungeheuer an, wovon sie lange reden mssen -
alle Pestitzer Gesellschaften waren Sterbebeitragsgesellschaften und voll
Leichenmarschalle - jedes Gerste der benachbarten Zukunft war ein Trauergerste
und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann
Sphex als Leibmedikus freuete sich auf seinen Anteil am Leidtragen und Mitziehen
- der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an-
und approbiert - der Hofmarschall hatte keine Minute Rast, und der Jngste Tag,
der die Grber auf-, aber nicht zumacht, wr' ihm heute schief gekommen - der
Minister von Froulay, den der kalte Luigi willig alles machen lie, war als
Liebhaber alles altfrstlichen Pompes und als Kreisausschreibender Direktor des
gegenwrtigen so gut im Himmel als der Hchstselige - die Weiber waren als
Hochselige aus den Betten gestiegen, weil fr diese fleiigen Gewndermalerinnen
eine lange Wesenkette von Rcken und von deren Trgern wohl so schwer wiegt als
fr ihre Mnner eine gekuppelte Sippschaft von Pferden.
    Albano harrte ungeduldig am Fenster auf Lianens Bruder und liebte den
Unsichtbaren immer heier; wie zwei Flgel hoben und regten Freundschaft und
Liebe in ihm einander verbunden auf. Die Trauerspule - nmlich der leere Sarg -
war im Tartarus angelegt und wurde allmhlich abgespulet, und man konnte das
dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen. Schon anderthalb
Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den
Mauern und Fenstern angeschossen. Sara, die Frau des Doktors, kam mit den
Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf, dessen zweite Tre in
Albanos seines offen stand, und sagte liebugelnd zum Grafen hinein: hier oben
wre alles besser zu bersehen, und Seine Gnaden wrden verzeihen. - Bleibt
nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht, sagte sie
zurckgewandt zu den Kindern und wollte ins grfliche Zimmer, auf dessen
Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt.
    Sara war nmlich eine jener gemeinen Frauen, die von ihren Reizen mehr
selber hingerissen werden als damit andre hinreien - sie setzte blo ihr
Gesicht auf den Sessel und lie es znden und sengen und brennen, indes sie
ihres Orts (im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts) ruhig und kalt
andre Dinge machte, entweder einfltiges Zeug oder bsen Leumund; und dann, wenn
sie eine Kleidergeiel der Weiber gewesen war, wie Attila eine Gttergeiel der
Vlker, so schauete sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den
mnnlichen Tabaksschwmmen umher. Besonders auf den reichen schnen Grafen hatte
sie ein Auge - unter der Amors-Binde. Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer
Fragmente; und Lavaters Vorwurf, da die meisten Physiognomisten leider am
ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht, konnte ihren reinen
physiognomischen Sinn niemals treffen.
    Schoppe, leicht erratend, da bei der Seelen-kuferin der Gang ein Pregang,
das Weizeug Jagdzeug, der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein
Schwanenhals fr einen nahen Fuchs, fate sie auf der Schwelle beider Stuben an
der Hand und fragte sie: Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen
Landesfreude und erwnschten Hoftrauer wie ich? Ihre Augen lassen dergleichen
lesen, Frau Landphysikussin. - Was fr einen Anteil? sagte die Physika, ganz
dumm gemacht. - An der Lust der Hofleute, die sich ohnehin wie die Urangutangs
dadurch von den Affen unterscheiden, da sie selten Freudensprnge tun;
wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre
lustigsten Stckchen ungerhrt hintereinander weg. Wenn nur dem Hofstaate nichts
Herbes die Trauer versalzt! -
    Wnschen Sie, da die Lieben die schwarzen Freudenkleider, worin sie, wie
die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen, dem Jubel eines neuen
Frsten entgegengehen' umsonst angezogen haben? Wie? - Unglcklicherweise
versetzte sie spttisch: Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe, Herr Schoppe. -
Schwarz, Frau Doktorin? (prallt' er staunend zurck) Schwarz? - Schwarz ist
Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Frstenkinderfarbe, und in
Spanien ists ein Reichsgesetz, da die Hofleute wie in Marokko die Juden70
schwarz erscheinen.
    Pestalozzi, Madame - aber Malz, versteht Er mich denn? fuhr Schoppe herum
und munterte den Menschen, der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem
Zuge rhren wollte, um etwas vom gedmpften Leichentrommeln zu vernehmen, zum
Schlegel auf, damit er vom Diskurse profitierte. - Malz, sagt' er lauter,
Pestalozzi bemerkt ganz gut, da die Groen unsrer Zeit sich in Gesicht,
Kleidung, Stellung, Bilderdienst, Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den
Asiaten tglich nhern; - es spricht fr Pestalozzi, da sie den Sinesern, die
sich fr die Freude schwarz und fr die Trauer wei anziehen, nicht blo Tempel
und Grten und Fratzenbilder, sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen.
    Unter den Kindern - wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren -
hoben sich Boerhaave, Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit
und Handzeichnungen, die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr
Butterbrot gravierten, und Galenus wies seine satirische Projektion von der
Mama, sagend: Schau't, was Mama'n fr 'ne lange Nas' an'setzt hab'.
    Der Bibliothekar, der etwas hnliches drehte, hielt sie, als sie
hineinwollte, indem er versicherte, er lasse sie nicht, bis sie sich ergebe; die
Trauermarschsule knne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und
geb' ihm Zeit genug. Er fuhr fort:
    Echte Trauer hingegen, Liebe, macht immer wie der Zorn bunt oder wie der
Schrecken wei; z.B. die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett, der
franzsische Knig auch, seine Frau kastanienbraun, der venezianische Senat um
den Doge rot. - Allein Trauer knnen Sie so gut wie ich keinem Regenten
verstatten; dem Hohenpriester und einem Judenknige71 war sie ganz verboten;
warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn? - Und mte ein
Landesherr, Beste, der die kostbare Landtrauer zuliee, nicht offenbar die
abgestellte Privattrauer aufwecken? Und knnt' er, indem er durch sein Exilium,
wie Cicero durch seines72, 20 000 Leute in Trauerhabit steckte, es verantworten,
da sein letzter Akt ein droit d'Aubaine, eine Beraubung wre und da das
Sterbebette, worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht, ihnen welche
auszge? Nein, Madame, das sieht wenigstens Regenten nicht hnlich, die sogar
durch ihr Sterben oft, wie Marcion73 von Christi Hllenfahrt behauptete, einen
Kain, Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Hlle bringen in
den Himmel der neuen Regierung.
    Sie ergeben sich noch nicht, und der Kadaver sieht mich an wie ein Vieh;
aber bedenken Sie das: Percken- und Zeugmacher haben hufig gekrnte Hupter
angefleht, ihre Produkte zu tragen, damit sie abgingen; - ein Erb- und Kronprinz
zieht sich gleich am ersten frohen Huldigungs- und Regierungstage, wo er den
Vorfahrer absetzt, d.h. begrbt, kohlenschwarz an, weil die schwarze Wolle wenig
taugt und wenig abgeht, und ein solches Exempel beschlgt auf einmal den ganzen
Hofstaat, sogar Vieh, Pauken, Kanzeln schwarz. - Nur noch ein Wort, Liebe;
wahrlich es kommt noch nichts als die Chorschlerschaft. Eben deswegen wird der
frstliche Leichnam, der leicht die ganze Freude des Leichenbegngnisses stren
knnte, vorher beseitigt und nur ein vakanter Kasten mitgefhrt, damit der Zug
keine andere penses habe als anglaises74 ... - O Traute, das letzte Wort; was
sehen Sie denn am Stall- und Pagenkorps? - Meinetwegen! auch ich freue mich, auf
einmal so viele Menschen und Frsten mitten unter seinen Kindern so froh zu
sehen. -
    Aber je lnger er die Prozession, dieses schlaffe Gauklerseil, woran man den
leeren, aber figurierten Cypselus-Kasten in die Familiengruft einlie, werden
sah, desto zorniger wurde sein Spott. - Er passete die Hypothese jedem beflorten
Gliede der schwarzen Kette an. - Er lobte es, da man den Bal masqu der neuen
Regierung mit diesen langsamen Menuettpas erffne und sich auf den Walzer der
Vermhlung und den Grovatertanz der Huldigung anschicke. - Er sagte, da man
sich und Tieren an Freudentagen gern alles leicht mache, wie daher die Juden am
Schabbes sich und ihr Vieh nichts, nicht einmal die Hhner die angehangnen
Lppchen tragen lassen, so seh' ers gern, da in den Zeremonienwgen und im
Paradekasten und auf den Klagepferden nichts se, ja da sogar die Schleppen
der Trauermntel von Pagen und die vier Leichentuchzipfel von vier handfesten
Herren fortgebracht wrden. - Nur tadelte er es, da die Soldateska in der Lust
das Gewehr verkehrt ergriffen und da gerade die Personen vom hchsten Range,
Luigi, Froulay, Bouverot, da sie vom schnellen Leichentrunke auf einmal ins
Freie kmen, sich wankend mten auf beiden Seiten fhren lassen. - -

                                   47. Zykel


In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe, aber beide begegneten sich
bald. Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor, die stillen Trauerfahnen,
der Totenmarsch, der schleichende Krankengang, das Glockengetse die Totenhuser
der Erde weit auf, zumal da vor seine blhenden Augen zum ersten Male diese
Totenspiele kamen; aber lauter als alles rief vor ihm etwas - das man kaum
erraten wird - die Scheidungen des Lebens aus, der vom Leichentuche erstickte
Trommelschlag; eine gedmpfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben
gebrochener Widerhall. Er hrte die stummen erwrgten Klagen unsrer Herzen; er
sah hhere Wesen oben herunterschauen auf das dreistndige weinerliche Lustspiel
unsers Lebens, worin das rote Kind des ersten Akts im fnften zum Jubelgreis
ermattet und dann erwachsen und gebckt vor dem herablaufenden Vorhange
verschwindet.
    Wie wir im Frhlinge mehr an Tod, Herbst und Winter denken als im Sommer, so
malet sich auch der feurigste krftigste Jngling fter und heller in seiner
Jahreszeit die dunkle entbltterte vor als der Mann in seiner nhern; denn in
beiden Frhlingen schlagen sich die Flgel des Ideals weit auf und haben nur in
einer Zukunft Raum. Aber vor den Jngling tritt der Tod in blhender
griechischer Gestalt, vor den mden ltern Menschen in gotischer.
    Mit komischem Humor fing Schoppe gewhnlich an und endigte mit tragischem;
so fhrte auch jetzt der leere Trauerkasten, die Flre der Pferde, die
Wappen-Schabaracken derselben, des Frsten Verachtung des schwerflligen
deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei, alles das fhrte ihn auf
eine Anhhe, wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und
wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung, Ergrimmung und lachenden Kmmernis
ansah den ewigen, zwingenden, kleinlichen, von Zwecken und Freuden verirrten,
betubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts; - und seinen dazu.
    Pltzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glnzender Ritter,
Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde, und erschtterte unsre zwei
Menschen, und keinen weiter. Ein blasses eingestrztes Angesicht, vom langen
innern Feuer verglaset, von allen Jugendrosen entblet, aus den Demantgruben
der Augen unter dem schwarzen Augenbraunen-berhange blitzend, ritt in einer
tragischen Lustigkeit daher, deren Linien-Geder sich unter den frhen Runzeln
der Leidenschaft verdoppelte. Welch ein Mensch voll verlebten Lebens! - Nur
Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer
schmeichlerischen Freude ber die neue Regierung herabsetzen; aber Albano nahm
ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte:
Ja, er ists! - O guter Schoppe, er wird gewi unser Freund, dieser zerrissene
Jngling. - Wie schmerzlich lacht der Edle ber diesen Ernst und ber Kronen und
Grber und alles! Ach er starb ja auch einmal. - Daran tut der Reiter recht,
(sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann
an seinen eignen Kopf) mir kommt schon der Schdel da als ein enger bonsoir,
als ein Lichttter vor, den mir der Tod aufgesetzt - wir sind artige, mit Silber
berzogne Figuren, in einem elektrischen Tanze begriffen, und vom Funken
springen wir auf, ich bewege mich zum Glcke doch noch.... und dort schleicht
unser guter Lektor auch daher und zieht seinen langen Flor - - wobei freilich
Augustis brgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des
Bibliothekars abstach.
    Auf einmal sagte Schoppe verdrlich ber die Rhrung: Welche Maskerade
wegen einer Maske! Lumperei wegen Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in
sein Loch und rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo man keine
Sturmglocken lutet und die Nachbarschaft rege macht, wenn der Undertaker einen
Eingeschlafnen zu Bette bringt. - Nein, nein, (sagte Zesara, voll Kraft zum
Schmerz) ich lob' es nicht - wem die heiligen Toten gleichgltig sind, dem
werden es die Lebendigen auch - nein, ich lasse gern mein Herz in eine Trne
nach der andern zerreien, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken.
    O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne,
wovor der Sarg des Sarges vorberging, stand der abgebildete Greis auf einem
Pferde in Bronze und sah unter sich vorbergehen die abgesattelten Trauerpferde
und das berittne Freuden-Ro - ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den
Tren ein bettelndes Gelute, das er wie der Begrabne nicht vernahm - und war
nicht der vergessene Frst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als
irgendeiner seiner Untertanen? - O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der
Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramide - und wie man
unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler fr abwesend ansieht, sobald es
nur in der Kulisse steht und nicht auf der Bhne unter den Spielern poltert. - -
    Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tiefern Einsiedler eine
doppelte Jugend auf die gesunkne Brust? O zhlet nicht in dieser frostigen
Stunde des Geprnges die treue Julienne alle Tne des Leichengelutes an ihren
Trnen ab, diese arme, durch Krankheit nur vom Zeremoniell, nicht vom Schmerze
befreiete Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten
verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? - Und wird Liane in ihrem Elysium nicht
das Nachspiel des Schmerzes erraten, das so nahe vor ihr hinter den hohen Bumen
im Tartarus gegeben wird? Und wenn sie etwas vermutet, o wie wird sie nicht so
innig trauern!
    - Dieses alles hrte der edle Jngling in seiner Seele an, und er drstete
hei nach der Freundschaft des Herzens; - ihm war, als wehe ihre Berg- und
Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige
und er sehe droben den Genius die umgestrzte Fackel auf den kalten Busen
stellen, nicht um das unsterbliche Leben auszulschen, sondern um die
unsterbliche Liebe anzuznden.
    Er konnte nun nicht anders, sondern mute ins Freie gehen und unter dem
fliegenden Getne des Frhlings und unter dem dumpf-zurckmurmelnden
Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm
jugendlich sagte: sei mein Freund!

                                    An Karl

Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Trnen die
Siegessulen und Thronen der Menschen und ihre Brckenpfeiler gebrochen
erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz - und deines antwort' ihm treu und
gern!
    Wurde dir das lngste Gebet des Menschen erhrt, Fremder, und hast du deinen
Freund? Wachsen deine Wnsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die
vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei
Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kmpfenden
Welt? - Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen
Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schpfung zeigen
knntest, und der Himmel wlbt sich weit von dir und Klfte unter dir? Wenn dein
Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schttelt und dir ins Auge
sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? -
    Fremder, wenn du keinen Freund httest, hast du einen verdient? - Wenn der
Frhling glhte und alle seine Honigkelche ffnete und seinen reinen Himmel und
alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie
ich und Gott um ein Herz gebeten fr deines? - O wenn abends die Sonne einsank
wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch
hinanzog an den silbernen Sternen: sahest du aus der Vorwelt die verbrderten
Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines
Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen
ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unvergnglich liebten, und du warst
allein wie ich? - Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie
in heien Lndern, arbeitet und reiset, ihre kalten Sonnen verkettet und
aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des thers kein geliebtes
teures ist und die Unermelichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem
kalten Erdboden fhlest, da dein Herz an keine Brust anschlgt als nur an
deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig?
    - Karl, oft zhlt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im
breiten Flgel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt'
ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin
wir geboren werden, stehen bliebe' wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am
Ufer vorberlaufen mit Blumen und Blttern und Frchten und wenn auf dem langen
Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Srgen hinunterschieet.
    Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorber, sondern der Mensch und sein Strom;
ewig blhen die Jahreszeiten in den Grten des Gestades hinauf und hinab, aber
nur wir rauschen einmal vor den Grten vorbei und kehren nicht um.
    Aber der Freund geht mit. O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des
Todes den bleichen Frsten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an
den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein
Herz zerflieen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise
sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmchtiger, zeige
mir die Seele, die sich sehnet wie ich!
    Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, Fasse meine Hand
und behalte sie, bis sie welkt Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr
die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten.
Ich habe dich schon frh gesucht und geliebt. Wie zwei Strme wollen wir uns
vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im
Schmelzofen rinnen wir mit glhendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen
ausgestoen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, da
die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im
regnenden Sturme der Zeit. - Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns
wie heute, und es ist wieder im Frhlinge.
                                                              Albano de Cesara.

                                   48. Zykel


Wie herrlich - eh' dem innern Menschen, wie dem uern im Alter, alle Pulsadern
zu Knorpeln erstarren und alle Gefe unbiegsam und erdig werden und das
moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schlge in der Minute tut und eh' der
alte scheue Narr sich bei jeder Rhrung ein Stck seines Wesens aufhebt, das er
kalt und trocken erhlt und das aufpassen soll, wie benetzte Himbeerbltter
stets auf der rauhen Seite trocken bleiben - wie herrlich, sag' ich, tritt
dagegen vor dieser Spionen-Periode ein Jngling, zumal ein Albano, seine Bahn
daher, wie frei, keck und froh! Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind
und tritt dicht an ihn, um zu kmpfen entweder fr ihn oder wider ihn! -
    Damit entschuldige man Albanos feurigen Brief! Den andern Tag erhielt er von
Roquairol diese Antwort:

Ich bin wie du. Am Himmelfahrtsabende will ich dich suchen unter den Larven.
                                                                          Karl.

Dem Grafen stieg die Rte der Krnkung ber dieses gesuchte Verschieben der
Bekanntschaft ins Gesicht; er wre - fhlt' er nach einem solchen Laute des
Herzens, ohne ein totes Interim von fnf Tagen und ohne eine Huldigungsredoute
im doppelten Sinne, sofort zum Freunde gegangen und seiner geworden. Jetzt aber
schwor er, ihm nicht weiter entgegenzulaufen, sondern ihn nur zu erwarten. -
Gleichwohl verflatterte bald das gerhrte Zrnen, und er bewilligte dem ersten
Blttchen des so lange gesuchten Lieblings immer schnere Milderungen; - Karl
konnte ja z.B. in dieses huldigende Getse nicht gern die heilige Zeit des
ersten Erkennens mengen wollen - oder die erste selbst-mrderische Redoute
machte ihm jede zur begeisternden ra eines neuen zweiten Lebens - oder er wute
wohl gar um Albanos Geburtstag - oder endlich dieser glhende Mensch ging oder
flog seinen eignen Pfad. - -
    Indes machte dessen Blatt, da sich der Graf sein eignes vorrckte als eine
Snde gegen seinen - Schoppe; er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der
Freundschaft fr Snde; aber du irrest, schne Seele! Die Freundschaft hat
Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen bis zum
unendlichen; nur die Liebe ist ersttlich und immer dieselbe und wie die
Wahrheit ohne drei Vergleichungsgrade, und ein einziges Wesen fllet ihr Herz.
Auch hatten sich Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seelenwanderung
ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit
lieber, als sie sich zeigten. - Denn da Schoppe berhaupt nichts zeigte, so
konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe, aber vielleicht desto
strker lieben. Albano war ein heibrennender Hohlspiegel, der seinen Gegenstand
nahe hat und ihn aufgerichtet hinter sich darstellt, Schoppe einer, der ihn
ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft.
    Abends vor seinem Geburts- und dem Huldigungstage stand Albano einsam am
Fenster und wog seine Vergangenheit - denn ein letzter Tag ist feierlicher als
ein erster; am 31sten Dezember berrechn' ich 365, Tage und deren Fata, am 1sten
Jenner denk' ich an nichts, weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in
fnf Minuten aus sein kann -; er ma, whrend ber sein zu Ende gehendes
zwanzigstes Jahr die Vesperglocke lutete und die Vesperhora in ihm anging, die
Apsidenlinie75 seines moralischen Wesens und sah an den aufgetrmten morgenden
Tag hinauf, der vollhing entweder von Frhlingsregen oder von Hagelkrnern. Noch
nie hatt' er so weich den Kreis geliebter Menschen berschauet oder durch die
offnen Tore der Zukunft geblickt als dasmal.
    Aber die schne Stunde strte Malz, der mit der Nachricht hereinbrach, der
hinkende Herr sei ins Wasser gesprungen. Aus dem Dachfenster sah man einen
zurckkehrenden Dorf-Leichenzug um die Ufer- gehuft, wo sich Schoppe
hineingestrzt. Mit frchterlicher Wildheit - denn Zorn war in Albano der
Nachbar des Schreckens und Schmerzes - ri er den trgen Landphysikus zur Hlfe
mit fort und sogar durch harte drohende Worte; denn Sphex wollte auf einen Wagen
passen, auch mgliche Flle von zu spten Rettungsanstalten auseinandersetzen
und hatte berhaupt vielleicht die Hoffnung gern, den Bibliothekar auf den
Anatomiertisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen.
    Der Jngling rannte mit ihm hinaus - durch Kornfelder unter Trnen - unter
Flchen - mit geballter, mit ausgespreizter Faust, und immer mehr schwindelte
sein Auge und brannte sein Herz, je nher sie dem dunkeln Zirkel zuliefen.
Endlich konnten sie den Bibliothekar nicht nur sehen, sondern auch - hren;
wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohre entgegen
und hob zuweilen, weil er das Trauerkondukt haranguierte, feurig den behaarten
Arm ber die Wasserpflanzen.
    Freilich wars so:
    Sein Sorites war, solang' er lebte, dieser: er sei keine Stei-, sondern
eine Gesichtsgeburt und trage mithin Kopf und Nase hoch und empor76, weil er
msse - nun kenn' er keine echtere Freiheit als Gesundheit - jede Krankheit
schliee die Seele krumm, und die Erde sei blo darum ein allgemeines Stockhaus
und eine la Salpetrire, weil sie ein Quetschhaus77 sei - wer eine Austern-,
Schnecken-, Vipern-Kur gebrauche, sei selber eine schleimige geschlngelte
klebende Viper, Auster, Schnecke, und daher tteten die semperfreien Wilden die
Siechlinge, und die krftigen Sparter gaben keinem Patienten ein Amt, geschweige
die Krone - besonders sei Strke vonnten, um in unsern niedrigen Zeiten
qualifizierte Subjekte auszuprgeln, weil seines Wissens die Faust mit einigem
Inhalte die beste Injurienklage und actio ex lege diffamari sei, die ein Brger
anstellen knne.
    Darum badete er Sommer und Winter eiskalt, so wie er eben darum in allem
enthaltsam blieb.
    Nun war er bei dem hlichen Wonnemonatswetter blo in seinem grauen
Husarenmantel - daheim sein Schlafrock - und mit niedergetretenen Schuhen ans
Wasser gegangen; zu Hause hatt' er sich vorher ordentlich ausgezogen, um am
Gestade sogleich fertig zu sein. Die Trauerkompagnie, die ihn mit seinem
schnellen Schritte am Wasser gehen und endlich alles zurckwerfen und
hineinspringen sah, mute glauben, der Mensch wolle sich ertrnken, und rannte
vereinigt seinem Badeorte zu, um ihn nicht zu lassen. Ersuf' Er sich nicht!
schrie die Trauer-Negerei von weitem. Er lie sie erst heran, um mit ihr nher
aus der Sache zu reden: Ich nehme noch Vernunft an, ob ich gleich schon im
Wasser stehe; aber lasset euch auch bedeuten, lieben Kerstene insgemein, denn so
hie man zu Karls Zeiten die Christen! Ich bin ein armer Sakramenter und
erinnere mich kaum, wovon ich bisher lebte, so blutwenig wars. Was ich in der
Welt nur anfing, dabei war kein Segen, sondern Krebsgang hinten und vorn. Ich
legte in Wien ein hbsches Magazin von Schnepfendreck an, aber ich setzte nichts
ab, aus Mangel an Schnepfen. Ich griffs am andern Ende an und hausierte in
Karlsbad fr groe Herren, die sonst auf jeden Bettel und Sessel ein Gemlde
setzen, mit hbschen Kupferstichen fr den Abtritt, damit sie da statt des
bloen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles htten zum Verbrauche; behielt
aber die ganze Suite auf dem Halse, weil die Manier zu hart war und nicht
idealisch genug. - In London macht' ich Reden voraus (denn ich bin ein
Gelehrter) fr Menschen, die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen;
ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von
Buchhndlern an, htte aber die Reden beinah selber gebraucht. - Ich htte mich
gern vom Vomieren genhrt78, aber dazu gehrt Fond. - Ich suchte einmal bei
einem grflichen Regimente als Notenpult unterzukommen, weils bei der
Wachtparade dumm aussieht, da jeder einen musikalischen Lappen auf der Schulter
hngen hat, den der andre vom Blatte spielt; ich wollte fr ein weniges alle
Musikalien an mir tragen und mit den Noten vor ihnen stehen, aber der
Premier-Leutnant (er sitzt zugleich in der Regierung und Kammer) glaubte, die
Pfeifer wrden lachen, wenn sie bliesen. So ging mirs von jeher, teuere
Kerstene; aber trabt nicht auf meinem teuern Mantel herum! Zum Unglck schritt
ich gar in die Ehe mit einer mit eingeschmolzenen Siegeln79 ausgestatteten
Wienerin, namens Praenumerantia Elementaria Philanthropia80- ihr wisset nicht,
was es zu deutsch heit -, einem wahren Hllenbesen, der mich wie einen
Parforcehirschen hier ins Schilfrohr hereingehetzt. Kerstene, ich blamiere mich
im Wasser, wenn ich mit unserm Wehestande ganz herausgehe; kurz meine
Philanthropia war vor der Ehe wie die Stacheln eines neugebornen Igels weich,
aber in der Ehe, als das Laub herunter war, sah ich wie auf Bumen im Winter ein
Raben-und Teufels-Nest nach dem andern. Sie zog sich stets so lange an, bis sie
sich wieder ausziehen mute - wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben
war, zankte sie noch ein wenig fort, wie man sich noch fort erbricht, wenn das
emeticum und alles schon heraus ist- sie gnnte mir wenig, und htt' ich ein
Fontanell gehabt, sie htte mir die frische Erbse vorgerckt, die ich jeden Tag
htte hineinlegen mssen - kurz wir wollten beide verschieden hinaus, der
Rungnagel der Liebe war ausgezogen, und ich fuhr mit den Vorderrdern ins Wasser
herein, und meine Praenumerantia hlt mit den Hinterrdern zu Hause. - Seht,
meine Weiber, darum tu' ich mir mein Leid an - der Atzmann81 htte mich ohnehin
bei der Kehle gegriffen -; spiegelt euch aber! Denn wenn ein Mann, der ein
Gelehrter ist und darum, wie ihr von Fichten noch wisset, als angestellter
Aufseher, Lehrherr und Mentor des Menschengeschlechts herumgeht, vor seiner Frau
ins Wasser springt und seine Ephorie und Hofmeisterstelle fahren lsset: so
knnt ihr schlieen, wozu eure Mnner, die sich mit mir gar nicht messen drfen
in der Gelehrsamkeit, kapabel sind, falls ihr solche Prnumerantien,
Elementarien und Philanthropien seid, wie ihr leider das Ansehen habt. - - Aber
(beschlo er pltzlich, da er Albano und den Doktor sah) schert euch fort, ich
will ersaufen! -
    Ach lieber Schoppe! sagte Albano - Schoppe errtete ber die Lage - Es
will ein Hanswurst sein, sagte das weichende Leichen-Kondukt - Was ist denn
das fr eine Kinderei? fragte Sphex, nachzrnend ber Albanos vorige Heftigkeit
und ber den anatomischen Fehlschu, und nahm sich Genugtuung durch die
Erzhlung von dessen Toben. Schoppe erkannte, wie herzlich ihn der edle Jngling
liebe, und er wollte nichts sagen, weil er sich schmte, aber er schwur sich,
ihn nchstens (nach seinem auch im stummen Denken bizarren Ausdrucke) in seine
Brusthhle einzulassen und ihm darin ein ganzes wildes Herz voll Liebe hngend
zu weisen.

                                   49. Zykel


Der blaue Tag, wo eine Himmelfahrt, eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert
wurde, stand schon ber Pestitz nach abgelegter Morgenrte - zwei Pferde waren
schon die Vorlufer von vieren, der niedrige Kutschbock vom hchsten - der
Landadel ging schon unbequem-frisiert in die Wirtsstuben herab und krnkte sich
ber das gestohlne schnste Wetter zur Birkhahn-Falz, und der Stadtadel sprach
noch ungepudert ber den Tag, aber ohne wahren Ernst - der Hof-Mikrometer82, der
Hofmarschall, war von allen seinen Furiers umgeben - die Hof-Passage-instrumente
83, die Hofleute, hatten statt ihres halben Feiertages, wo sie nur nachmittags
fronen, einen ganzen Werkeltag und standen schon am Waschtische - der
Huldigungsprediger Schpe glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sie zu oft
gelesen, und die Nhe der Publikation flte ihm Rhrung ein - kein Domino fr
den Abend war mehr zu haben, auer bei den Juden - - als ein Mann vor der
Haustre des Doktors abstieg, ders unter allen mit der Huldigung am redlichsten
und wrmsten meinte, der Direktor Wehrfritz. Es war ein Sohn und ein Vater
einander in den Armen, ein feuriger Jngling und ein feuriger Mann. Albano
schien ihm nicht mehr der Alte zu sein, sondern noch - wrmer als sonst. Er
brachte von seinen Weibern, wie er sie nannte, glckwnschende Briefe und
Angebinde fr den Geburtstag mit; er selber machte nicht viel aus dem Tage oder
verga ihn, und Albano hatt' ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert. Diese
Feste gehren mehr weiblichen Wesen an, die gern mit Zeiten liebend und gebend
tndeln.
    Der Titularbibliothekar marschierte auf ein Dorf, namens Klosterdorf,
hinaus, wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Frsten mit
der seinigen nachmachen und so als Kommissionr die Huldigung des benachbarten
Umkreises eintreiben mute; diese, sagte Schoppe, lass' er sich noch gefallen,
aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide. Der vom heutigen Tage
geblendete und mit einer Amtsrede vorn an die Ritterschaft postierte Direktor
bi sich mit Schoppe herum: Die Kammer und der Hof, sagt' er, sind freilich
von jeher, wie sie sind; aber die Frsten, lieber Herr, sind gut, sie werden
selber ausgesogen, und dann scheinen sie auszusaugen. - Wie etwan, versetzte
Schoppe, die Leichen-Vampyren nur Blut von sich geben, indes sie es zu nehmen
scheinen; aber das bring' ich dadurch wieder ein, da ich den Regenten auer den
fremden Snden auch fremde Verdienste, Siege und Opfer ganz beimesse; hier sind
sie die Pelikane, die ein Blut fr ihre Kinder vergieen, das wirklich ihr
eignes zu sein scheint von weitem.
    Alle gingen; Schoppe aufs Land; Wehrfritz in die Kirche mit der Prozession;
Albano in eine Zuschauer-Loge am Huldigungssaale; denn er wollte auf keine Weise
in die Schleppe des Frsten eingestickt sein, nicht einmal als Besatz. Das
Prunk-Getmmel rauschte bald in den Saal zurck. - Die Ritterschaft, die
Geistlichkeit und die Stdte bestiegen die Schwurbhne. - Im Schlohofe stand
ein Fu auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein
Mensch, um sie aufzuheben; jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte frher,
als er schwur. Der Frst blieb auch nicht weg - der Thron, dieser graduierte und
paraphrasierte Frstenstuhl, stand offen, und Fraischdrfer hatt' ihn mit
schnen mythologischen und heraldischen Verkrpfungen und Auenwerken dekoriert.
    Dem Grafen gegenber blhten die Hofdamen und darunter eine Rose und eine
Lilie, Julienne und Liane. - - Wie man das Auge von der frostigen starren
Wintergegend zum blauen wehenden Himmel aufhebt, der unsre Frhlingsabende ansah
und worin die leichten Sommerwolken gingen und der Regenbogen stand: so blickte
er ber das glnzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes
hin, um welche Erinnerungen wie Blumen hingen, und die nun so fern stand, so
abgetrennt, so eingekerkert in den schweren Putz des Hofes! Nur durch die nahe
Freundin wurde sie leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und vershnt. -
    Nun fingen schne Amtsreden an, die lngste hielt der alte Minister, die
krzeste Wehrfritz; der Frst lie an seinem Dezember-Gesicht, ohne aufzutauen,
die warmen Lobreden vorberstreichen; eine fehlerhafte Gleichgltigkeit! Denn
das Lob vom Minister wie von andern Hof-Bedienten kann ihm noch bei der Nachwelt
helfen, da nach Bako keines gltiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja
den Herrn am besten kennen.
    Dann las der Obersekretr Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete
den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blagrnen
stchen; - mit gesunknen Augen hrte Julienne dieses unter dem Vivat des Volks
an, und Albano, nie von einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und
konnte, so hart auch der Regent zuhrte, sich des Leichengemldes nicht
erwehren, wie einmal, d.h. sehr bald, dieser erloschne Mensch den Namen seines
ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde; er sah das Wappen verkehrt
einhauen und den Schild verkehrt aufhngen und hrte die Schaufeln, die den Helm
zerstieen und dem Sarge nachwarfen. - - Dstre Idee! die weiche Schwester htte
gewi geweint, wre sie nur allein gewesen!
    Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie
gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen;
Heiderscheid trat auf den Balkon und lie die wimmelnde laute Menge die
Vorderfinger und den Daum ausstrecken und den Eid nachsagen. Diese immer
bezauberte jauchzete Vivat - in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht
einer bessern Regierung und die Liebe fr einen Ungekannten. - Der Graf, den
ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trbe machte, glhte begeistert von
Bruderliebe und Tatendurst; er sah die Frsten wie Allmchtige auf ihren Hhen
walten und sah die blhenden Landschaften und die heitern Stdte eines weise
regierten Landes aufgedeckt - er stellte es sich vor, wie er, wr' er ein Frst,
mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknpfter Herzen
auf einmal belebend und erschtternd strahlen knnte, indes er jetzt so mhsam
einige nchste entznde - er sah seinen Thron als einen Berg in Morgenlicht, der
schiffbare Strme statt der Lava in die Lnder herabgieet und die Strme bricht
und um dessen Fu Ernten und Feste rauschen - er dachte sichs, wie weit er von
einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen knnte, gleichsam ein Mond, der
nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht aus seiner Hhe der
Nacht zuwirft - und wie er die Freiheit, statt sie nur zu verteidigen,
erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte, um Selbstregenten84 zu
bilden; aber warum bin ich keiner? sagt' er traurig.
    Edler Jngling! geben denn dir deine Rittergter keine Untertanen? - Aber
ebenso glaubt der kleinere Frst, ein Herzogtum wollt' er ganz anders regieren,
und der hhere glaubt es von einem Knigreiche und der hchste von der
Universalmonarchie.
    Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde
Jnglings-Perspektiven vor ihm hin und her, und die alte Geisterstimme, der er
heute entgegenging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: Nimm die Krone! -
Wehrfritz kam abends mit rotem Gesichte vom feurigen Huldigungsmahle zurck, und
Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied, gleichsam von der Ebbe und
Windstille des Lebens, von der kindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in
die Wellen desselben. Schoppe kam zurck und wollte ihn vor das Loch seines
Guckkastens haben, worin er die Vikariats-Huldigung in Klosterdorf in komischen
Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit hhern ab und machten wenig
Glck.
    Nachts legte Albano seine schne ernste Charaktermaske an, die eines
Tempelherrn - zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu
gro -; die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen
ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gnge des
Tartarus und die Begrbnissttte des Frstenherzens wegen des nchtlichen
Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer
hochschlagenden Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft
und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten.

                                   50. Zykel


Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie
in ein tanzendes Totenreich. Die schwarzen Gestalten - die aufgeschlitzten
Larven - die darhinter wie aus der Nacht blickenden fremden Augen, die wie an
jenem zerstubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben - die Vermischung und
Nachffung aller Stnde - das Fliehen und Ringrennen des klingenden Tanzes und
seine eigne Einsiedelei unter der Larve, das versetzte ihn mit seiner
shakespeareschen Stimmung in eine Zauber- und Geister-Insel voll Gaukeleien,
Schattenbilder und Verwandlung. Ach das ist das Blutgerste, dacht' er zuerst,
wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerri; und er
sah bange umher, als frcht' er, Roquairol versuche wieder den Tod.
    Unter den Masken fand er keine, worunter er ihn vermuten konnte; - diese
geistlose Vetterschaft von stehenden Rollen, die Lufer, die Fleischer, die
Mohren, die Altvordern etc., diese konnten keinen Geliebten Albanos verbergen.
Einsam und umherblickend schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab;
und mehr als zehn Augen, die gegenber in der ringfrmigen Finsternis der
Spitzenmaske blitzten - denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken
nicht, sondern zeigen sich gern -, folgten der krftig und geschmeidig gebaueten
Gestalt, die mit dem khnen Helme und Federbusche, mit dem bekreuzten weien
Mantel und dem Panzerglanze auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit
zu bringen schien.
    Endlich ging eine verlarvte Dame, die zwischen unverlarvten plauderte, mit
groen Schritten und Fen auf ihn zu und fate keck wie zum Tanze seine Hand.
Er war uerst verlegen ber die Khnheit der Aufforderung und ber die Wahl der
Antwort; gerade die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermhlt, wie die
Damaszener Waffe auer der Hrte noch einen ewigen parfmierten Geruch besitzt;
- aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen - v. C.? - in die Hand;
und nach dem Ja sagte die reizende leise: Kennen Sie mich nicht mehr? - den
Exerzitienmeister von Falterle? Albano bezeugte, ungeachtet seines Widerwillens
gegen die Rolle, eine wahre Freude ber den Fund eines Jugend-Genossen. Er
fragte, welche Maske der Oberst Roquairol sei; Falterle versicherte, er sei noch
nicht da.
    Nun gingen - da die Lufer, die Fleischer, Falterle u.s.w. nur die
Schneeglckchen dieses Redoutenfrhlings waren - schon bessere Blumen, Veilchen,
Vergimeinnicht und Primeln, auf oder herein. Fr ein solches Vergimeinnicht
seh' ich einen hereinkommenden, hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein
Brennglas konvexen Kerl an, der bald das Hintergebude ffnete und Konfekt aus
dem Buckel ausschttete, und dann das Vordergebude und Bratwrste gebar.
Hafenreffer aber schreibt, die Invention sei schon einmal auf einer Wiener
Redoute gewesen. Dann kam eine Gesellschaft deutscher - Spielkarten, die sich
selber mischten und ausspielten und stachen; ein schnes Sinnbild des Atheismus,
das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt, womit man ihn so gern beschmitzte! -
Herr von Augusti erschien auch, aber im einfachen Kleide und Domino; er wurde
(dem Grafen unbegreiflich) sehr bald der Polarstern der Tnzer und der
regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule.
    Mit welchem elenden schwarzen Kommi- und Bettelbrote von Freude - dachte
Albano, dem den ganzen Tag seine Trume, diese Tauben Jupiters, Gtterbrot
zutrugen - kommen diese Menschen aus - Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer, ihre
Phantasie und Sprache (dacht' er dazu), ein wahres Leben unten in einer finstern
Gletscherspalte! Denn er glaubte, jeder msse so angespannt und glhend sprechen
und fhlen wie er.
    Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem groen Glaskasten auf dem Bauche; -
freilich war der Bibliothekar leicht zu kennen; er hatte - entweder weil er zu
spt nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wollte - vom
Leichenmntel-Verleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das
Schienbein mit greulichen Masken besetzt, die er mit vielen Fingerzeigen
meistens den Leuten antrug, die hinter entgegengesetzten agierten, z.B.
langnasigen kurznasige. Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise, deren
Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen; dann fing er auch an; er
hatte darin eine treffliche, von Bestelmaier gehobelte Puppen-Redoute und lie
nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den groen. Es war ihm um
vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun, und der Parallelismus war
betrbt. Dabei hatt' ers noch mit Beiwerken aufgeputzt - kleine Stummen
schwenkten im Kasten ihr Glcklein - ein ziemlich erwachsenes Kind schttelte
die Wiege eines unbelebten Pppchens, womit das Nrrchen noch spielte - ein
Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine, durch welche er der Welt zeigen
wollte, wie weit bloer Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen knne - eine
lebendige weie Maus85 sprang an einem Kettchen und htte viele vom Klub
umgeworfen, falls sie es zerrissen htte - ein lebendiger eingesargter Star,
eine wahre erste griechische Komdie und Lsterschule im kleinen, verbte an der
Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nicht - eine
Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens tuschend nach, so da jeder
die Bilder fr wahre Puppen nahm. - -
    Auf Albano traf die Schneide dieses kosmisch-tragischen Dolches senkrecht
genug, da ihm ohnehin das hpfende Wachs- figurenkabinett der groen Redoute die
Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu
trennen schien; aber Schoppe ging weiter.
    In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Mnnchen, das
den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt, aber dem deutschen Herrn
hnlich; diese Schilderei trug er ins Spielzimmer, wo eine bankhaltende Maske -
ganz gewi Zefisio - ihn hren und sehen mute. Der Bankier sah ihn einigemal
fragend an. Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden
Larve, die das hippokratische Gesicht vorstellte86. Albano sah feurig nach ihr,
weil ihm vorkam, es knne Roquairol sein, denn sie hatte dessen Wuchs und
Fackelauge. Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust;
dabei trank sie aus einem Federkiele unmig Champagner-Wein. Der Lektor kam
dazu; Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter; die bleiche Larve sah
unverrckt und strenge den Grafen an. Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne
herab - aber eine Unterzieh-Maske sa darunter - er zog diese aus - eine
Unterzieh-Maske der Unterzieh-Maske erschien - er triebs fort bis zur fnften
Potenz - endlich fuhr sein eignes hckeriges Gesicht hervor, aber mit
Goldschlgergold bronziert und sich gegen Bouverot fast frchterlich-gleiend
und lchelnd verziehend.
    Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten
weg in den Tanzsaal; sie warf sich wild in den wildesten Tanz. Auch das bewhrte
Albanos Vermutung, so wie ihr groer trotzender Hut, der ihm eine Krone schien,
weil er an dem mnnlichen Anzuge nichts hher schtzte als Pelz, Mantel und Hut.
    Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. C. in seine Hand, und er nickte
unbekmmert. Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas, und berall stand er
zwischen Theater-Vorhngen. Als er mit dem unruhigen Kopfe und Herzen ins
Bogenfenster trat, um zu sehen, ob er bald Mondschein fr seinen Nachtgang habe:
so sah er ber den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen,
der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr; und der ungestrte
Nachtwchter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister- und einer uns
teuren Geburtsstunde nach. Mute nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen, wie
der harte, feste, unauflsbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die
warmen Szenen des Lebens rckt und alles, worber er wegweht, hinter sich starr
lsset und schneewei? Mut' er nicht an die erkaltete junge Schwester denken,
deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete? - Und als Schoppe mit seiner
Puppen-Travestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte:
Bon! der Freund Hein sitzt auf seinem Prschwagen und guckt ruhig herauf, als
wolle der Freund sagen: bon! tanzt nur zu, ich fahre retour und bring' euch auch
an Ort und Stelle - wie mut' es ihm so enge werden unter dem schwlen Visier!
- In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster - er ffnete
das glhende Gesicht der Khlung - ein schneller Weintrunk und noch mehr seine
Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflchen - die Larve beschauete
ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut, die er am Ende nicht lnger
vertrug, weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezndet sein konnte,
so wie Sonnenflecken bald Gruben, bald Gebrgen hnlich schienen.
    Eilf Uhr war vorbei, er entwich pltzlich den heien Blicken und dem
kreischenden Gedrnge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust.

                                   51. Zykel


Indes er am Tore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken
(meistens Reprsentanten der Leblosigkeit, z.B. ein Stiefel, ein Perckenstock
u.s.w.) in die Stadt, und sie guckten verwundert den fremden weien langen
Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. brigens lie ihm
sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen dstern
Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn strzen konnte,
doch keine andre Wahl als die getroffne; nein, er htte sich lieber morden
lassen als vor seinem Vater geschmt.
    Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwrts gegen den
Himmel hineinschlgt, als die groe Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen
aufgerichtet vor dir war! - Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der
Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium, den am Sonntage
Tautropfen und Schmetterlinge frbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus
der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen
Strae. Als er an den Scheideweg kam, der durch die Schloruinen in den Tartarus
fhrt: sah er sich nach dem Zauberhaine um, auf dessen gewundner Brcke ihm
Leben und Freudenlieder begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein
langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierner Drache) drehte sich
darber hin und her.
    Er kam durch das alte Schlo in einen abgesgten Baumgarten, gleichsam ein
Baumkirchhof; dann in einen bleichen Wald voll abgeschlter Maienbume, die alle
mit verblhten Bndern und erblaten Fahnen gegen das Elysium sahen; - ein
verdorrter Lusthain so vieler Freudentage. Einige Windmhlen griffen mit langen
Schattenarmen dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden.
    Ungestm lief Albano eine von berhngen verfinsterte Treppe hinab und kam
auf ein altes Schlachtfeld - eine dunkle Wste mit einer schwarzen Mauer, nur
von weien Gipskpfen durchbrochen, die in der Erde standen, als wollten sie
versinken oder auferstehen - ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster
stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte
mit der hin- und hergefhrten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende
Welle der Zeit auseinanderteilen - sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr, und tief
im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den
entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne
Pforte die Gottesackermauer; Alban mute, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr
suchen, wo es unter ihm brausete und schwankte.
    Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein, da fiel ein Ausschnitt
der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stmme sich in
Buschwerk einwickelten, war vor jeden Strahl des Mondes gewlzt. Als er unter
der Pforte sich umsah, hing ber der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich
einer Bste des Mordfeldes und ging ohne Krper herab, und die verbluteten Toten
schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Hllenstein des Schauders
zog sein Herz zusammen; er stand; - der Leichenkopf schwebte unbeweglich ber
der letzten Staffel.
    Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den
unfrmlichen Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten
Tode vorbeitrug. Er folgte in der Finsternis der grnenden Trme dem Getse des
unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Unglck sah er sich wieder
um, und der Leichenkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Lften auf dem
Rumpfe eines Riesen. - - Der hchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrckten
Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: Wer
ist da? Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen
schien; so klebte seine Hand an dem eiskalten Schlosse der Pforte der Totenwelt
gefroren an, und er ri sie blutig ab.
    Er floh und strzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen
freien Garten und in den Glanz des Mondes; - hier, ach hier als er den heiligen
unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die
nie auf- und untergehen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Bren und den
Drachen und den Wagen und Kassiopeja, die ihn mild wie mit den hellen winkenden
Augen ewiger Geister anblickten; da fragte der Geist sich selber: Wer kann mich
ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern; und der Mut der Unsterblichkeit
schlug wieder in der warmen Brust. - -
    Aber welcher sonderbare Garten! Groe und kleine blumenlose Beete voll
Rosmarin, Raute und Taxus zerstckten ihn - ein Kreis von Trauerbirken umgab wie
ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz - unter dem Garten murmelte der
begrabne Bach - und in der Mitte stand ein weier Altar, neben welchem ein
Mensch lag.
    Albano wurde gestrkt durch die gemeine Kleidung und durch den
Handwerksbndel, worauf der Schlfer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las
die goldne Inschrift des Altars: Nimm mein letztes Opfer, Allgtiger! - Das
Herz des Frsten sollte hier zur Asche werden im Altare.
    Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Trnen, hier
Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott;
aber als er gerhrt dem Schlfer zusah, sagte ihm pltzlich die Schwesterstimme,
die er auf Isola bella gehrt, leise ins Ohr: Linda de Romeiro geb' ich dir. -
Ach guter Gott! rief er und fuhr herum - und nichts war um ihn - und er hielt
sich an die Altarecke - Linda de Romeiro geb' ich dir, sagte es wieder -
frchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Leichenkopf rede neben ihm -
und er ri am festen Schlfer, der nicht erwachte - und ri und rief noch
gewaltsamer, als die Stimme zum dritten Male sprach.
    Wie? - (sagte der Schlaftrunkene) Gleich! - Was will Er? - Sie? und
richtete sich unwillig und ghnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des
nackten Degens wieder auf die Knie und sagte: Barmherzigkeit! ich will ja alles
hergeben!
    Zesara! rief es im Walde, Zesara, wo bist du? und er hrte seine eigne
Stimme; aber khn rief er nun zurck: Am Altare! - Eine schwarze Gestalt drang
heraus mit einer weien Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der
bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange
gelechzet - er schleuderte den Degen zurck und lief ihm entgegen - Roquairol
stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm -
Albano blieb nahe stehen und sagte gerhrt: Hast du mich gesucht, Karl? -
Roquairol nickte stumm und hatte Trnen in den Augen und ffnete die Arme. - Ach
da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Trnen der Liebe an die
langgeliebte Seele strzen, und er sagte unaufhrlich: Nun haben wir uns, nun
haben wir uns! Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner
Zukunft und strmte in Trnen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer
Jahre und so viele zugedrckte Quellen des armen Herzens auf einmal flieen
durften. - Roquairol drckte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme;
und sagte, aber ohne Heftigkeit: Ich bin ein Sterbender, und das ist mein
Gesicht, (indem er die gelbe Totenmaske emporhielt) aber ich habe meinen
Albano, und ich sterbe an ihm.
    Sie verstrickten sich wild - das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie
schpferisch - der Boden ber dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger - und
der Sternenhimmel zog mit dem weien Zauberrauche seiner zitternden Sterne um
die magische Glut - -
    Ach ihr Glcklichen!

                                   52. Zykel


Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites,
und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu,
sondern auch eine Vergangenheit; - die letztere forderten einander die
Glcklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hieher
komme, mit Feuer: er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt - er habe ihn am
Fenster unter dem Leichengeprnge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe
umarmen mssen - er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine
Frage: wer da? sogleich die Maske abgetan. - - Jetzt griff wieder Albanos
gefallner Arm straff durch das dnne Schattenspiel der Geisterfurcht, da er nun
erfuhr, der zweikpfige Riese sei blo vom optisch-vergrernden Wahne der Ferne
einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen
Rumpf nur eingebt durch die finstern berhnge und durch die schwarze
Bekleidung; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt
bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe.
    Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher
auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem
Degen abgeschickt. Albano wars unbekannt, da hier Herrnhuter ruhen; und ebenso
hatt' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verbten Diebstahl des
Degens nicht bemerkt. Er antwortete: Meine tote Schwester wollte am Altare mit
mir reden; und sie hat geredet; aber er frchtete sich, mehr davon zu sprechen.
Da nderte sich pltzlich Roquairols Gesicht - er starrte ihn an und forderte
Beteuerung und Erklrung - unter dieser schauete er in die Luft, als wollt' er
aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen, und sagte, indem er doch Albano ansah,
eintnig: Tote, Tote, rede wieder! - Aber nur der Totenflu redete unter ihnen
fort und nichts weiter. Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte
vermessen und doch mit bebenden Lippen: Spring auf, Geisterpforte, und zeige
deine durchsichtige Welt - ich frcht' euch Durchsichtige nicht, ich werde einer
von euch, wenn ihr erscheint, und gehe mit und erscheine auch. - O mein Guter,
lasse nach, bat Albano, nicht nur aus Gottesfurcht, auch aus Liebe; denn ein
Zufall, ein vorberschieender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen
tten; - auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen; denn auf der
erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majesttische weie alte Gestalt
heraus. Aber da Roquairol, durch Wein und Phantasie wahnsinnig, die sterbende
Larve in die Lfte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte: Nimm dieses
Gesicht, wenn du keines hast, alter Mann, und blicke mich an hinter ihr! so ri
ihn Albano auf die weie Gestalt trat mit gebcktem Kopfe und gefalteten Hnden
in die Zweige zurck - der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde
aus, und die trumende Gegend schlug sie murmelnd nach.
    Komm an mein warmes Herz, du heftige Seele - o da ich dich gerade an
meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte! - Dieser Laut
schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen, und er hing sich mit nassen
Freudenaugen an ihn und sagte: - und bis in unsre Sterbestunden hinein! O sieh
mich nicht an, du Unvernderlicher, weil ich so schwankend und gebrochen
erscheine - in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch, wie
der Stab im Wasser flattert, aber das Ich steht doch fest wie der Stab. - Ich
will dir folgen in andre Orte des Tartarus; aber erzhle auch die Geschichte.
    Diese Geschichte geben, hie ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen
Sarg dem Tageslichte ffnen; aber glaubt ihr, da Albano sich eine Minute
bedachte? Oder ihr selber? - Wir sind alle bessere, offnere, wrmere Freunde,
als wir wissen und zeigen; es begegne euch nur der rechte Geist, wie ihn die
drstende Liebe ewig fordert, rein, gro, hell und zart und warm, dann gebt ihr
ihm alles und liebt ihn ohne Ma, weil er ohne Fehler ist. Albano fand in diesem
Fremdlinge den ersten Menschen, der sein ganzes Herz mit gleichen Tnen
erwiderte, das erste Auge, das seine schchternen Gefhle nicht flohen, eine
Seele, vor deren erster Trne aus seinem ganzen knftigen Leben Blumen auffuhren
wie aus den trocknen Wsten heier Lnder unter der Regenzeit; - daher gab die
Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres, indes
der obwohl ltere und lnger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfllen war.
    Karl fhrte ihn in die sogenannte Katakombe, indes er der Geistergeschichte
von Isola bella zuhrte, aber, von der vorigen erschpft, mit fallender Furcht.
Ein des verkohltes Tal voll offner verfallner Schachte sonnte sich grau im
Mondscheine; aus dem Walde kroch unter ihren Fen der Totenflu hervor und
sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein; beide folgten ihm auf
einer darneben. Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt, wovon
einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen: Eins? (sagte Alban)
Sonderbar! Gerade unsre knftige Stunde?
    Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort! Der lange Totenflu murmelt
verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe, den das
Mondlicht durch die Schachtlcher hereintreibt - feste Tiere, Pferde, Hunde,
Vgel, stehen saufend am finstern Ufer, nmlich ihre ausgepolsterten Hute -
schmale, von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern
sind das Pflaster - an einer hellern Nische lieset man, da hier eine Nonne
eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines
verschtteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln - an zerstreueten
Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumenstruer
armer Snder gesammlet, die Rute, die einen Begnadigten durch Bestreifen
gettet, eine glserne Bste mit einem Phosphorpunkte im Wasser, Westerhemdchen
und andre Kinder-Kleider und Spielwaren und ein Zwergskelett - -
    Als ihm Roquairols erklrende Worte, dessen Lebensweg immer in Grfte hinab-
und auf Grber hinauflief, das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter
schlugen; so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschttelnd, die Brust
vorhebend, in den Sand einstampfend und fluchend (was er leicht im Erschrecken
und in groer Rhrung tat) mit den Worten auf: Beim Teufel! - Du zerdrckst mir
und dir die Brust. Es ist ja nicht so! Sind wir nicht beisammen? Hab' ich nicht
deine warme lebendige Hand? Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit?
Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts; und das himmlische
Feuer, das sie zerlegte, hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort.
- O, (setzt' er wie getrstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die
Schacht-ffnung zum reichen Monde empor, der vom Himmel herunterstrmte, und
seine groen Augen standen voll Glanz) o, es ist ein Himmel und eine
Unsterblichkeit - wir bleiben nicht in der dunkeln Hhle des Lebens - wir ziehen
auch durch den ther wie du, du glnzende Welt!
    Ach du Herrlicher! (sagte Karl, dessen Seele aus Seelen bestand) ich will
dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen. Sie waren kaum acht Schritte
weg, als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen
aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr. O du hllischer Teufel
droben! rief der ergrimmte Roquairol; aber Alban wurde weich ber die eiserne
Jungfrau der Sterbensstunde, die so nahe an ihm die scharfen Arme
zusammengeschlagen hatte. Sie faten sich wrmer und gingen still und bange
einem leisen Getne und einem Grabhgel entgegen. Sie setzten sich auf ihn,
gegenber einem mit der qulenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang,
den grnes Moos auslaubte und dessen Lnge die zerbrckelten Funken von faulem
Holze bezeichneten. Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins -
Elysium, von welchem nur die weien Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen
waren, und in der Ferne sah man das Frhlingsrot der Mitternacht am Himmel
blhen, und zwei Sterne blitzten darber. Doch wurde die Pforte vergittert und
bewacht durch ein Skelett mit einer olsharfe in der Hand, das auf ihr die
dnnen Molltne zu greifen schien, mit denen jetzt der Zugwind in die Hhle
flo.
    Erzhle hier (sagte Karl an der schnen Stelle und neugieriger durch den
Mrderwurf von Albans Degen) das Heutige aus! Albano berichtete ihm redlich
das Wort der Schwesterstimme: Linda de Romeiro geb' ich dir. Er dachte im
Gerusche seines Innern nicht an die Anekdote, da ja Karl fr eben diese als
Knabe sterben wollen. Die Romeiro? (fuhr dieser auf) Sei still! - O diese? -
Spielender Scharfrichter, du Schicksal! Warum sie und heute? Ach Albano, fr
diese ging ich frh dem Tode entgegen, (fuhr er weinend fort und sank ihm an
die Brust) und darauf ist mein Herz so schlecht geworden, weil ich sie verloren
habe - Nimm sie nur hin, denn du bist ein reiner Geist - die herrliche Gestalt,
die dir auf dem Meere erschien, so sieht sie aus, oder jetzt noch schner. - -
Ach Albano! - Dieser edle Mensch erschrak ber die Verwickelung und ber das
Schicksal und sagte: Nein, nein, du lieber Karl, du denkst ber alles ganz
falsch.
    Pltzlich war es, als tnten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor
drnge unsichtbar durch die Pforte herein; Albano war betroffen. Nichts, la
es! (sagte Karl) Es ist das Skelett nicht; der fromme Vater geht im Fltentale
und zieht jetzt seine Flten, weil er betet - - Aber wie sagst du, ich dchte
ber alles falsch? - - Wie? wiederholte Albano und konnte im zauberischen
Kreise dieser Nachklnge, die den Sonntagsmorgen allmchtig wiederbrachten,
nicht denken und reden. Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin
und her, und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel, und das ganze Elysium zog
offen vorber mit den Lauten, die es durchschwebet, mit den Trnen, die es
benetzet hatten, und mit den Trumen, die kein Herz vergisset, und mit der
heiligen Gestalt, die ewig in seinem bleibt? - Die Hand ihres Bruders hielt er
jetzt so fest; der Liebe und der Freundschaft, diesen zwei Brennpunkten in der
Ellipse der Lebensbahn, war er so nahe; - ungestm umfassete er den Bruder mit
den Worten: Bei Gott, sag' ich dir, die, so du genannt, geht mich nichts an -
und sie wird es nie.
    Aber, Albano, du kennst sie ja nicht? sagte Karl, viel zu hart
fortfragend; denn der edle Jngling neben ihm war zu blde und zu fest' dem
Verwandten der Geliebten - einem Fremden viel leichter - das Heiligtum seiner
Wnsche aufzuschlieen. O martere du mich nicht! (antwortete er empfindlich;
aber er setzte sanfter hinzu) glaube mir doch das erstemal, mein guter
Bruder!- Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte, obwohl den Fragton
verschluckend und recht liebend, doch dieses: Bei meiner Seligkeit, ich tu' es;
und mit Freude - ein Herz mu herrlichgeliebt und gttlich-glcklich sein, das
ein solches entbehren kann. Ach wei denn das Albano? - Nur schweigend lehnt'
er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder, verschmt das
Erforschen scheuend; blo als die schwindenden Rufe des Fltentals sich wie
Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten, wie der
Sonntagsmorgen schlo, wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken
vom Altare nachsah: so brach sein Auge, obwohl nicht sein Herz, und er weinte
heftig, aber schweigend an seinem ersten Freunde.
    Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den
langen schwindenden Wegen der Zukunft nach; und als sie schieden, fhlten sie
wohl, da sie sich recht von Herzen liebten, nmlich recht schmerzlich. -
    Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschtterung darnieder, die
mehr selig als traurig war; denn er sagte, er habe in der Nacht seinen Freund,
den verstorbenen Frsten, weigekleidet im Tartarus gehen sehen. -

                             Ende des ersten Bandes


                                  Zweiter Band

                              Zehnte Jobelperiode

          Roquairols advocatus diaboli - der Feiertag der Freundschaft


                                   53. Zykel

Nicht nach den Kinderjahren, sondern nach der Jnglingszeit wrden wir uns am
sehnschtigsten umkehren, wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen
herkmen. Sie ist unser Lebensfesttag, wo alle Gassen voll Klang und Putz sind
und um alle Huser goldne Tapeten hngen, und wo Dasein, Kunst und Tugend uns
noch als sanfte Gttinnen mit Liebkosungen locken, die uns im Alter als strenge
Gtter mit Geboten rufen! - Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im
heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie spter in einer engen gotischen
Kapelle.
    Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und
Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und
durfte die drngende Kraft der Liebe, die auf Isola bella an einer Statue, am
Vater, zurckprallte, nun ungebndigt und frhlich auf einen Menschen strmen
lassen, der ihm vllig so erschien, wie ihn der Jnglingstraum entwirft. Er
konnte keinen Tag von Karl lassen - - er deckte ihm seine Seele auf und sein
ganzes Leben (nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zurck) - alle
Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt' er nachbilden und erneuern und
alles tun und leiden fr seinen Geliebten - sein Dasein war jetzt ein
Doppelchor, er trank jedes Glck mit zwei Herzen, sein Leben schlo ein
doppelter Himmel in lauter ther ein.
    Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm aus dem
nchtlichen Spektakelstck der Geisterwelt brig geblieben war, wie ein blasser
Mond aus den weggelschten Sternen der Nacht; und als er sie so kahlkpfig und
bleich fand - wie die feurige tnas-Rauchsule am Tage grau aufsteigt -: so sah
er gleichsam den vorigen Selbstmrder vor sich stehen; freier, aber desto wrmer
reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge ber das Leben nur noch auf
seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinber. Andere ziehen
sie eben darum weg; der gestrte Selbstmrder, der das schne feste Leben
durchrissen, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist
zurck, dem wir nicht mehr trauen knnen, weil er in seiner Ungebundenheit jede
Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.
    Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines
Wesens, das einpackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommerstube
trat, so hatt' er freilich darin eine Bedienten-, eine theatralische Anziehstube
und ein Offizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene
Vlkerschaften von Bchern, wie auf einem Schlachtfeld, und auf Schillers
Tragdien das hippokratische Gesicht von der Redoute, und auf dem Hofkalender
eine Pistole - das Bcherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel
aus Kreide, ein Schokoladequerl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebchse,
Fidibus, das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtasse - das Glashaus der
ausgelaufenen Standuhr und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, auf
welchem letztern ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche -
der Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zurck, und ein langes Halstuch ritt
auf dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhte aufs
rechte und linke Ohr geschoben - Briefe und Visitenkarten waren wie
Schmetterlinge an die Fenstervorhnge gespieet. Ich wre nicht fhig, darin ein
Billet zu schreiben, geschweige einen Zykel.
    Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter, wo man alles
gerne sieht, was reisefertige Unruhe, Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit
verkndigt, und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin
schriebe und schliefe? Und hlt man nicht in diesen Jahren gerade eine solche
Studentenstube fr geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos fr ein
infusorisches voll Leben? Man gnne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt
ihn doch etwas Edles in seiner Natur zurck, aus einem Lobredner ein Nachahmer
zu werden.
    Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grne Erdendecke in
Blumen und Blten hoch aufflattert, so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft
und Phantasie auf einmal Albanos Wesen ppig blhend und grnend aus. Karl hatte
und kannte alle Zustnde des Herzens, er erschuf sie spielend in sich und
andern, er war ein zweites Sanenland, das alle Klimate von Frankreich bis Nova
Sembla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war fr andere
alles, wiewohl fr sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen,
wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam, blo den bequemsten durchzusetzen. Die
Gurt-, Brust-, Schwanz-und Sattelriemen des hfischen, kleinstdtischen und
brgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus lngst abgesprengt; und wenn sich der
Graf jeden Tag ber den Sprach-Laufzaum des Lektors rgerte, der alles richtig
sagte, Kanaster statt Knaster, Juften statt Juchten, funfzig statt fufzig, und
barbieren (welches R ich selber fr eine dumme Hrte halte): so war Roquairol
ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen
Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, von der Leber und vom Maule weg. Dem
Grafen klebte zu seinem Verdru eine gewisse epische, von Bchern anerzogene
Sprach-Wrde an. Sie berdachten und verwnschten oft miteinander das
erbrmliche Glatzen-Leben, das man htte, wenn man, wie der Lektor, als ein
wohlgewachsener Staatsbrger von Extraktion dahinlebte, Konduite und einen
saubern Anzug htte und hbsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fchern
und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler- und andern
Meistern, und wenn man zu hhern Posten avancierte, blo um von da aus zu noch
hhern aufzusteigen, und man so nach allem diesen sich frisiert und gewaschen in
den Sarg streckte, damit doch die gigantische Krperwelt ihren Pestitzer auch
der erhabenen Geisterwelt einhndige. - - Nein, sagte Albano, lieber wirf eine
schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben, damit nur eine Aussicht
dasteht und etwas Groes. -
    Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien; - die Freundschaft hat ihre
Tuschungen wie die Liebe - und oft wenn er diesen liebestrunknen hochherzigen
Jngling mit keuschen Mdchenwangen und stolzer Mnnerstirn, der ein solches
Vertrauen auf seine wankende Seele setzte, und dessen Herz so weit offen stand,
und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete, lang anblickte: so
rhrte ihn die Tuschung des Edeln bis zum Schmerz, und sein Herz drngte sich
vor und wollte ihm mit Trnen sagen: Albano, ich bin deiner nicht wert. Aber
dann verlier' ich ihn, setzt' er allemal hinzu; denn er scheuete die moralische
Orthodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes, der nicht wie ein Mdchen
spielend zu erzrnen und wieder zu gewinnen war.
    Und doch kam der wichtige Tag fr beide, wo ers tat. Wie htt' er je der
Phantasie widerstanden, da er nur durch Phantasie widerstand! - Ich tu' ihm halb
unrecht; hret den bessern Engel, der seinen Mund aufschlo.
    Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts. Wie die vornehmen
Jnglinge unserer Zeit so frh und so reich mit den Rosen der Freude berlaubt
werden, da sie wie die Gewrzinsulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen
zum Sybariten-Polster unterbetten, Rosensirup trinken und in Rosenl sich baden,
bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen: so werden die
meisten - und oft dieselben - von ihren philanthropischen Lehrern anfangs mit
den Frchten der Erkenntnis vollgefttert, da sie bald nur die honigdicken
Extrakte begehren, dann den Apfel-Wein und Birnmost davon, bis sie sich endlich
mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen. Haben sie noch dazu wie Roquairol
eine Phantasie, die ihr Leben zu einem Naphthaboden macht, aus welchem jeder
Futritt Feuer zieht: so wird die Flamme, worein die Wissenschaften geworfen
werden, und die Verzehrung noch grer. Fr diese Abgebrannten des Lebens gibt
es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr, und sie haben keine alte
ganz und frisch; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut, Lebensekel, Unglauben
und Widerspruch liegt um sie her. Nur noch der Flgel der Phantasie zuckt an
ihrer Leiche.
    Armer Karl! - Du tatest noch mehr! Nicht blo die Wahrheiten, auch die
Empfindungen antizipierte er. Alle herrliche Zustnde der Menschheit, alle
Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz
erheben, alle diese durchging er frher in Gedichten als im Leben, frher als
Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch, frher in der Sonnenseite der
Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich
lebendig in seiner Brust erschienen, konnt' er besonnen sie ergreifen, regieren,
ertten und gut ausstopfen fr die Eisgrube der knftigen Erinnerung. Die
unglckliche Liebe fr Linda de Romeiro, die ihn spter vielleicht gesthlet
htte, ffnete so frh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen
Blute; er strzte sich in gute und bse Zerstreuungen und Liebeshndel und
stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bereuete
oder segnete; und jede Darstellung hhlte ihn tiefer aus, wie der Sonne von
ausgeworfenen Welten die Gruben blieben. Sein Herz konnte die heiligen
Empfindungen nicht lassen, aber sie waren eine neue Schwelgerei, hchstens ein
Strkungsmittel (ein tonicum); und gerade von ihrer Hhe lief der Weg zu den
Smpfen der unheiligsten abschssiger. Wie im dramatischen Dichter engelreine
und schmutzige Zustnde nebeneinander stehen und folgen, so in seinem Leben; er
ftterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas; gleich den ltern Giganten
hatt'er hebende Flgel und kriechende Schlangenfe.
    Unglcklich ist die weibliche Seele, die sich in ein so groes, mitten im
Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt; und glcklich ist sie, wenn sie sich
unvergiftet durchreiet und blo die Bienenflgel beschmutzt. Aber diese
allmchtige Phantasie, diese strmende Liebe, diese Weichheit und Strke, diese
erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten berziehen,
sobald sie nicht die ersten Fden wegschlgt. - Knnt' ich euch warnen, arme
Mdchen, vor solchen Kunturs, die mit euch in ihren Krallen auffliegen! Der
Himmel unserer Tage hngt voll dieser Adler. Sie lieben euch nicht, aber sie
glauben es; weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlornen
Liebes-Arme nur Fittiche der Phantasie haben. Sie sind gleich groen Strmen nur
am Ufer warm und in der Mitte kalt.
    Bald Schwrmer, bald Libertin in der Liebe, durchlief er den Wechsel
zwischen ther und Schlamm immer schneller, bis er beide vermischte. Seine
Blten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf, der aber farbenlos
im Boden verfaulte. Erschreckt, aber glaubt es: er strzte sich zuweilen
absichtlich in die Snde und Marter hinab, um sich drunten durch die Wunden der
Reue und Demut den Schwur der Rckkehr tiefer einzuschneiden; wie etwan die
rzte (Darwin und Sydenham) behaupten, da strkende Mittel (China, Stahl,
Opium) krftiger wirken, wenn vorher schwchende (Aderla, Brechmittel etc. )
verschrieben worden.
    uere Verhltnisse htten ihm vielleicht etwas helfen knnen, und das
Gelbde der Armut htt' ihm die beiden andern erleichtert; htte man ihn als
Neger verkauft, sein Geist wre ein freier Weier und ein Arbeitshaus ihm ein
Purgatorium geworden. Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer
Geschfte, z.B. Kirchenausfegen87 u.s.w. Aber das mige Offiziersleben
arbeitete ihn blo noch eitler und kecker aus.
    So stand es in seiner Brust, als er an Albanos seine kam - Liebe
schwelgerisch aufjagend, aber blo um mit ihr zu spielen - mit einem unwahren
Herzen, dessen Gefhl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist -
unfhig, wahr, ja kaum falsch zu sein, weil jede Wahrheit zur poetischen
Darstellung artete und diese wieder zu jener - leichter vermgend, auf der Bhne
und auf dem tragischen Schreibpult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen
als im Leben, wie Boileau nur Tnzer nachmachen konnte, aber keinen Tanz -
gleichgltig, verschmhend und keck gegen das ausgeschpfte stofflose Leben,
worin alles Feste und Unentbehrliche, Herzen und Freuden und Wahrheiten,
zerschmolzen herumschwammen - mit ruchloser Kraft vermgend, alles zu wagen und
zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete, und immer nach seinem
eisernen Schutzheiligen umblickend, nach dem Tode - an seinen Entschlssen
verzagend und sogar in seinen Irrtmern schwankend - aber doch nur des
Stimmhammers, und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralitt beraubt und mitten
im Brausen der Leidenschaft stehend im hellen Lichte der Besonnenheit, wie der
Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt. - -
    Nur ein guter Engel war nicht mit den andern entflohen, die Freundschaft.
Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblhtes und zusammengefallenes Herz
schwer aufheben; aber die Freundschaft hatt' er noch nicht verschwendet. Seine
Schwester hatt' er bisher befreundet geliebt, so brderlich, so ungehemmt, so
wachsend! Und jetzt tritt ihm Albano glnzend-gewaffnet entgegen! -
    Anfangs spielt' er auch mit ihm lgend wie mit sich, in der Redoute und im
Tartarus. Er merkte bald, da ihn der lndliche Jngling vor eignen Strahlen
falsch und geblendet sehe; aber er wollte lieber den Irrtum wahrmachen als
benehmen. Die Menschen - und er - gleichen der Quelle der Sonne neben dem Tempel
des Jupiter Ammon, die am Morgen nur kalt war, mittags lau, abends warm,
mitternachts hei; von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab - wie der rstige
gesunde Albano so wenig, der sich daher vorstellte, ein groer Mann sei den
ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Niederlegen gro, wie die Heraldiker dem Adler
immer die Schwingen ausspreizen -, da er selten am Morgen und meistens abends
zu Albano ging, wenn die ganze Girandole seiner Krfte und Gefhle brannte in
dem Weingeist, den er vorher aus Flaschen zugegossen. - -
    Aber kennt ihr die Arzenei des Beispiels, die Heilkraft der Bewunderung und
der seelenstrkenden Achtung? Es ist schndlich von mir; (sagte Roquairol)
ist er nicht so glubig und offen und bieder? - Nein, die ganze Welt will ich
belgen, nur seine Seele nicht! - Solche Naturen wollen die Verheerung der
Menschheit durch Treue gegen einen vergten. Die Menschheit ist ein Sternbild,
in welchem ein Stern oft die Hlfte des Bildes malet.
    Von dieser Stunde an stand sein Entschlu der herzlichsten Beichte und Bue
fest; und Alban, vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung
zerlief, sondern sich fest und scharf und organisch zergliederte und der nicht
wie Karl klagte, da ihn nichts recht erpacke und alles nur luftig umsple,
dieser sollte dessen kranken Wnschen Jugend wiederbringen, und mit dem
unwandelbaren Sinn des reinen Jnglings und mit der Gefahr der Freundschaft
wollte Roquairol sich zwingen, diesem das Wort der fruchttragenden Bereuung zu
halten, das er sich selber zu oft gebrochen.
    Lasset uns ihm folgen in den Tag, wo er alles sagt.

                                   54. Zykel


Einst kam Albano schon vormittags zum Hauptmann, wo dieser sonst nach seiner
Sprache noch ein von gestern herabgebranntes Lichtstmpfchen auf Stacheln war;
aber heute stand er brausend-arbeitend wechselnd am Pianoforte und am
Schreibepult und war wie ein verdorrtes Infusionstierchen schon so frh der Rege
und Alte, weil Wein genug aufgegossen war, nmlich viel. Voll Entzckung lief er
dem willkommnen Freunde zu. Albano bracht' ihm von Falterle die kindischen
Bltter der Liebe (- denn der Exerzitienmeister hatte nicht den Mut gehabt, sie
ins Feuer zu werfen), die er aus Blumenbhl an das unbekannte Herz geschrieben.
Karl wre darber bis zu Trnen gerhrt geworden, wr' ers - nicht schon vor der
Ankunft gewesen. Der Graf mute dableiben - den ganzen Tag - und alles versumen
- es war sein erster unordentlicher Tag - komisch wars, wie sich der sonst so
unbndige, aber einer langen Gewohnheit tglicher Anstrengungen dienstbare
Jngling gegen die kurze Meerstille, worin er keine Schiffe trieb, wie gegen
eine Snde strubte.
    Indessen wars himmlisch; der tiefliegende Kindertag, der ihn sonst
beflgelte, wenn das Haus voll Gste war und er - wo er nur wollte, kam wieder
herauf; die Gesprche spielten und beschenkten mit allem, was uns hebt und
bereichert; alle Krfte waren ohne Ketten und im trunknen Tanz. Genialische
Menschen haben so viele Festtage als andere Werkeltage, und daher ertragen jene
so schwer einen Trivial- und Schlendrians-Schalttag und vollends an solchen
Jnglingstagen! - Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken aus Shakespeare,
Goethe, Klinger, Schiller vorfhrte und sich das Leben kolossalisch im
dichterischen Vergrerungsspiegel beschauete: so standen alle schlafenden
Riesen seines Innern auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund
stand neu wie aus jener glnzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da,
wo er sich ihn in diesen Rollen vorgetrumt, und in den innern Heldenzug wurde
sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die ber den Markt
wegmarschierende Wach-Truppe eingeschichtet. Zu gro erschien ihm der Freund,
weil er wie alle Jnglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, da sie
wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten.
Wie oft sagten beide in der Jnglings-Metapher: Das Leben ist ein Traum und
wurden blo froher und wacher dadurch! Der Greis sagt es anders. Und die
schwarze Todespforte, an welche Karl so gern hinfhrte, wurde vor dem
Jnglingsauge eine Glastr, hinter welcher das helle goldne Zeitalter des
verspteten Herzens in unermelichen Auen lag.
    Mdchen, bekenn' ich, - da ihre Gesprche zerstckter, faktischer und
weniger berauschend sind - erstehen statt eines solchen Eden-Parks einen
hbschen hollndischen Garten, gut zugeschnitten von Krebs- und Damesscheren und
(nachmit-)tglich dargereicht von der schwarzen Stunde, die ihnen auf dem
Kaffee- oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger beln Nachreden, ein
paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem
Testamente oder Trauschein vorbeigeht, und letztlich die Hoffnung des huslichen
Referats serviert. - Kommt zu den Jnglingen zurck!
    Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet. Es ist ganz gut! sagt'
er zur berbringerin und nickte. Wird nichts daraus, Madame! (sagt' er, sich
gegen Albano kehrend) - Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber! Schnappe einmal
zum Spae nach einem roten Schminklppchen von ihnen: flugs schieben sie dir die
Angelhaken in die Rckenhaut88. Der Haken sieben sind in meiner allein, wie du
sie da siehst, sehaft. Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es fr etwas
moralisch-Groes, die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu
behaupten, und wre froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht
finden, da die Freundinnen, wie die Rmer, der Viktoria (nmlich uns) gern die
Flgel abschneiden, damit die Gottheit nicht weiterfliege. -
    An einem schnen Tag ist nichts so schn als sein Sonnenuntergang; der Graf
schlug vor, ins Abendrot hinauszureiten und auf der Hhe nach der Sonne zu
schauen. Sie trabten durch die Straen; Karl zog bald vor einer schnen Nase,
bald vor einem groen Augenpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlocken den groen
schiefsitzenden Hut ab. Sie flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten
Lambris von Spazier-sitzerinnen festlich putzte. Ein groes, feurig
durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das
weibliche Blumenbeet, hoch wie die Blumengttin; es war die Konzipientin des
roten Blattes; sie war aber aufmerksamer auf den schnen Grafen als auf ihren
Freund. An allen Wnden und Bumen blhte das Rosenspalier des Abendrots. Sie
brauseten die weie Strae nach Blumenbhl hinauf - an beiden Seiten schlug das
goldgrne Meer des Frhlings die lebendigen Wellen - eine geflgelte Welt
ruderte darin, und die Vgel tauchten sich tief in die Blumen unter - hinter den
Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbhler Hhe ganz
rosenrot. Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln
und Rauchsulen der stolz-brennenden Stadt in fernen hellen Grten ruhte.
Nahegerckt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weien
Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blhenden Gewlk errten sehen. Er
drngte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drcken; und
so sahen sie schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone
ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heie Stirn ins Meer
hinunterzog. Und als es dmmerte auf der Erde und glhte am Himmel und Albano
sich hinberneigte und seinen Freund ans brennende Herz herberzog: so stieg das
Abendgelute in Blumenbhl herauf - Und dort drunten, sagte Karl mit sanfter
Stimme und kehrte sich hin, liegt dein friedlich Blumenbhl wie ein stiller
Kirchhof deiner Kindertage. - Wie sind die Kinder glcklich, Albano, ach, wie
sind die Kinder glcklich! - Sind wirs nicht? (antwortete er mit freudigen
Trnen) Karl, wie oft stand ich auf den Hhen an Abenden wie dieser und
streckte inbrnstig meine kindischen Hnde aus nach dir und nach der Welt. - Nun
hab' ichs ja alles. Wahrlich du hast nicht recht. - Aber er, am brausenden
Ohrenklingen vergangner weiter Zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und
sagte:,Nur die Wiegenlieder, nur die zurcktnenden Wiegenlieder schlfern die
Seele ein, wenn sie hei geweinet hat.
    Stiller und langsamer ritten sie zurck. Albano trug eine neue Welt der
Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jngling - noch nicht ein Schuldner
der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart - sank, vom langen Jubel des
Tags s abgespannt, in helldunkle Trume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel,
still auf entzckt-offnen Schwingen hngend.
    Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben, sagte Karl in der Stadt.

                                   55. Zykel


Sie stiegen in Rattos italienischen Keller hinunter. Das Haus kam anfangs nach
dem Anblicke der weiten Natur dem Grafen wie ein Felsenstck darbergewlzt vor
- wiewohl ja jedes Stockwerk unter architektonischen Lasten liegt -; aber das
schwere Gefhl des unterirdischen Zwingers verga sich bald, und sonderbar klang
in die welsche Grube das hohe Rasseln der Wagen herein. Der Hauptmann bestellte
einen Punch royal - - Wenn er so fortfhrt in seiner guten Feuerordnung und
immer ein volles Gef im Hause hat als Lschanstalt und die Schlangenspritzen
probiert: so kann mein Buch nie der Vorwurf treffen, da man darin wie im
Grandison zuviel Tee konsumiere; eher zuviel starkes Getrnk geht auf.
    Schoppe sa im welschen Souterrain. Er liebte den Hauptmann nicht, weil sein
unvershnliches Auge an ihm zwei ihm herzlich unleidliche Fehler auswitterte,
das chronische Geschwr der Eitelkeit und ein unheiliges Schlemmen und Prassen
in Gefhlen. Karl gab die Abneigung zurck; die heiesten Wellen seines
Enthusiasmus setzten sogleich vor des Titularbibliothekars Gesichte Eisspiee
an. Nur heute nicht! - Er trank so hinlnglich vom Knigspunsch - wovon ein paar
Glser durch alle Kpfe des Briareus oder der lernischen Schlange durchbrennen
konnten -, da er dann alles sagte, sogar das Fromme. Bei Gott! (sagt' er,
sich im Bethesda-Teich durch -Herausschpfen heilend) da es doch Lumperei mit
dem Besserwerden ist, so sollte man sich etwas vor die Stirn drcken, damit der
gehetzte Geist nur einmal loskme von seinen Wunden und Snden. Von Snden? -
(sagte Schoppe) Luse und Bandwrmer der bessern Art werden allerdings aus
meinem Gebiet auswandern, wenn ich mich kalt mache; aber die schlimmen trgt
mein innerer Mensch gewi mit hinauf. Beim Henker! wer sagt Euch denn, da dort
der ganze hiesige Armesnders-Kirchhof auf einmal als eine unsichtbare Kirche
voll Mrtyrer und Sokratesse einziehen werde und jedes Bedlam als eine Loge zum
hohen Licht? - Ich dachte heute ans andere Leben, als ich eine Frau auf dem
Markte mit fnf Schweinchen sah, die sie, jedes mit einem Strick am Bein, vor
sich hertreiben wollte, die ihr aber wie elektrische Strahlenbschel
auseinanderfuhren; jetzt schon, sagt' ich, mit unsern wenigen Krften und
Wnschen, die das kultivierende Skulum im quintuplo stellte, geht es uns schon
so erbrmlich wie der Frau mit ihrer Kuppel; wenn wir nun vollends zehn und mehr
neue Ferkel (da die zweite Welt wie ein Amerika doch neue Objekte und Wnsche
bringen mu) an den Strick bekommen, wie will da der Ephorus amtieren? - Auf
grere unbeschreibliche Nten, Lehnsfrevel und Oppositionen mach' ich mich da
gefat. Aber Roquairol war in seiner roten Lohe; er setzte sich ber Schoppe
und sich hinweg und leugnete die Unsterblichkeit geradezu, um Schoppen zu
parodieren: Ein einziger Mensch (sagt' er) glaubte seinetwegen allein
schwerlich die Unsterblichkeit; aber da er mehrere sieht, hat er Mitleiden und
hlt es der Mhe wert und glaubt, die zweite Welt ist ein Monte testaccio aus
Menschen-Scherben. Der Mensch kann Gott und dem Teufel knftig nicht nher
kommen, als ers hier schon tat; wie ein Wirtshausschild ist sein Revers so
bemalt wie sein Avers - Aber wir brauchen die knstliche Zukunft zur Gegenwart;
wenn wir noch so still schweben ber unserem Schlamm, so zappeln wir noch immer
wie stilliegende Karpfen mit den poetischen Flossen und Flgeln. Daher mssen
wir den knftigen Paradiesesgarten so herrlich anlegen, da nur Gtter
hineinpassen, aber, so wie in Frstengrten, keine Hunde. Lumperei ists! Wir
schneiden uns verklrte Leiber zu, die den Soldatenrcken gleichen: Taschen und
Knopflcher fehlen; welche Freuden knnen sie denn fassen? - Alban sah ihn
staunend an. Weit du, Albano, was ich meine? - Just das Gegenteil. So leicht
wird der Phantasie alles, auch Laune.
    Jetzt wurd' er hinausgerufen. Er kam zurck mit einem roten Billet. Er warf
die Halsbinde um -  la Hamlet war er dagesessen - und sagte zu Albano, in einer
Stunde flieg' er zurck. Unter der Schwelle stockt' er noch sinnend, ob er weg
solle; dann lief er rasch die Treppe hinan.
    In Albano flo der Freudenbecher, worein der ganze Tag zugeschttet hatte,
mit dem glnzenden Schaume einer schalkhaften Laune ber. Beim Himmel! Die
Scherzhaftigkeit stand ihm so lieblich wie eine Rhrung, und er ging oft lange,
ohne Sprechen, schalkhaft-lchelnd umher, wie schlummernde Kinder lcheln, wenn,
wie man sagt, mit ihnen Engel spielen.
    Roquairol kam wieder mit sonderbar emprten Augen; er hatte wild in sein
Herz hineingestrmt; er war schlecht gewesen, um zu verzweifeln und unten auf
dem Abgrund kniend dem Freunde sein Leben zu bekennen. Dieser so willkrliche
Mensch lag unwillkrlich auf den Windmhlen-Flgel seiner Phantasie geflochten
und wurde bald von der Windstille gefesselt, bald vom Sturme umgeschleudert, den
er zu durchschneiden glaubte. Er wurde, nach dem Beispiele der Feuerfresser,
jetzt ein Feuersufer, in der unruhigen Erwartung, da Schoppe weiche. Dieser
wich endlich trotz Albanos Bitte mit der Antwort: Kaufet die Zeit, sagte der
Apostel, das heiet aber: fristet euer Leben lnger; das ist die Zeit. Dazu
fodern nun die besten Kaufbuden der Zeit, die Apotheken, da der Mensch nach dem
Punch royal zu Bette gehe und unmig schwitze. -
    Wie wurd' es jetzt anders! - Da ihm Zesara freudig um den Hals fiel - da der
Jugend-Rausch zu Liebesmelodien wurde, wie der Regen in der Hhle zu Derbyshire
von ferne zu Harmonien da dem Grafen s, wie man sich schlummernd verblutet,
das ganze Innere, sein ganzes voriges Leben von der Lippe flo und alle Plane
des knftigen, sogar die stolzesten (nur der zrteste nicht) - und da er sich,
wie (nach der Bourignon) Adam im Unschulds-Stand, so kristallen-durchsichtig vor
das befreundete Auge stellte, nicht aus Schwche, sondern aus altem Drang und im
Glauben, so msse der Freund sein: so traten dem unglcklichen Roquairol helle
Trnen der liebevollsten Bewunderung ber die ungeschminkte Reinheit und ber
die energische, glubige, noch in nichts schwankende Natur und ber den fast zum
Lcheln reizenden naiven hohen Ernst des rotwangigen Jnglings in die Augen. Er
schluchzete an dieser freudetrunknen Brust, und Albano wurde weich, weil er
dachte, er sei es zu wenig und sein Freund so sehr.
    Hinaus, hinaus! sagte Karl; und das war lange Albanos Wunsch. Es schlug
ein Uhr, als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Frhlingshimmels oben
an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen. Wie frisch quoll die eingeatmete
Nacht ber die heien Lippen! - Wie fest bauete sich ber die flchtigen
Zeltgassen der Stadt die Welt-Rotunda mit ihren festen Sternenreihen dahin! Wie
erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albanos an den Riesenmassen des
dmmernden Frhlings, an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht
schlummernden Tag! Zephyre, die Schmetterlinge des Tags, flatterten schon um
ihre lieben Blumen und sogen aus den Blten und trugen Weihrauch fr den Morgen
ein, eine schlaftrunkne Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinauf mit
dem lauten Tage in der Kehle, ber die dunkeln Auen und Stauden war schon der
Tau gegossen, dessen Juwelenmeer vor der Sonne entbrennen sollte, und in Norden
wehten die Purpur-Wimpel der Aurora, die gen Morgen schiffte. - - Erhebend fate
der Gedanke den Jngling an, da nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange
Leben messe und den Gang der Minierraupe und den Flug der Sonne und da jetzt
dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott, von Welten zu Welten -
berall. - O Gott, rief er,wie herrlich ists, da man ist!
    Karl klebte blo mit dem hngenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den
heitern Gestirnen um ihn: Wohl dir, sagt' er, da du so sein kannst und da
die Sphinx in deiner Brust noch schlft. Du weit nicht, was ich will. Ich
kannte einen Elenden, der sie recht gut schildern konnte. In der Brusthhle des
Menschen, sagt' er, liegt das Ungeheuer mit aufgehobenem Madonnengesicht auf
seinen vier Tatzen und lchelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit. -
Pltzlich springt es auf, grbt die Krallen in die Brust, zerschlgt sie mit dem
Lwenschweif und den harten Flgeln und whlt, drngt und tobt, und berall
rinnt Blut an der zerritzten Brusthhle. - Auf einmal legt es sich blutig wieder
hin und lchelt wieder fort mit dem schnen Madonnenangesicht. O er sah ganz
blutlos aus, der Elende, weil das Tier so von ihm zehrte und durstig an seinem
Herzen leckte.
    Greulich! (sagte Albano) und doch versteh' ich dich nicht ganz. - - Der
Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte Wolken-Herde
empor und zog einen Sturmwind nach, der sie unter die Sterne jagte. Karl fuhr
wilder fort: Anfangs hatt' es der Elende noch gut, er hatte noch derbe
Schmerzen und Freuden, rechte Snden und Tugenden; aber als das Untier immer
schneller lchelte und zerri und er immer schneller Lust und Pein, Gutes und
Bses wechselte; und als Gotteslsterungen und Kotbilder in seine Gebete krochen
und er sich weder bekehren noch verstocken konnte: da lag er in der Verblutung
in der lauen, grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so durch das
Leben fort. -
    Warum weinest du? Kennst du den Elenden? Nein, sagte Albano mild. -,Ich
bins! - Du? - schrecklicher Gott, du nicht! - O, ich bins; und wenn du mich
auch verachtest, du wirst, was ich Nein, mein Unschuldiger, ich sag' es nicht.
Sieh, jetzt steht die Sphinx wieder auf. O bete mit mir, hilf mir, da ich nicht
sndigen mu, nur nicht mu. Ich mu saufen, ich mu verfhren, ich mu heucheln
- ich heuchle jetzt - Zesara sah das starre Auge, das bleiche zerrissene
Gesicht und schttelte liebend-entrstet ihn mit beiden Armen und stammelte
gerhrt: Das ist beim Allmchtigen nicht wahr; du bist ja so sanft und bla und
unglcklich und unschuldig. -
    Rosenangesicht, (sagte Karl)ich scheine dir rein und hell wie der dort
droben89, aber er wirft wie ich den langen Schatten gegen den Himmel hinauf -
Zesara lie ihn los, sah lange nach dem erhabnen dunklen, wie ein Leichenzug um
das Elysium haltenden Tartarus und drckte bittere Trnen weg, die ber die
Erinnerung flossen, da er darin seinen ersten Freund gefunden, der sich jetzt
neben ihm auflse. Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupe gettete Tanne
daraus ab, und Albano zeigte stumm auf die Niederbrechende; Karl rief
erschrocken:Ja, das bin ich! -Ach Karl, hab' ich dich denn heute verloren?
sagte der schuldlose Freund mit unendlichem Schmerz, und die schnen Sterne des
Frhlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde.
    Vor diesem Worte lsete sich Karls gespanntes Herz in treue gute Trnen, ein
heiliger Geist kam ber ihn und gebot ihm, die reine Seele nicht zu qulen mit
seiner, ihr nicht den Glauben zu nehmen, ihr das wilde Ich und jede Eigensucht
stumm zu opfern. Sanft legt' er sich an des Freundes Herz, und mit
zauberischleisen Worten und voll Demut und ohne Feuerbilder sagt' er ihm sein
ganzes Herz - und da es nicht bse sei, sondern nur unglcklich und schwach -
und da er nur so herzlich-aufrichtig gegen ihn, der zu gut von ihm denke, habe
sein mssen wie gegen Gott - und da er schwre bei der Stunde des Todes, zu
werden wie er, ihm ewig alles zu bekennen, sich zu heiligen an ihm -,Ach ich
wurde nur noch so wenig geliebt! beschlo er. - Und Albano, der liebestrunkne,
glhende Mensch, der gute Mensch, der an sich die heiligen bertreibungen der
Reue kannte und der diese Bekenntnisse fr jene hielt, kehrte begeistert in den
alten Bund zurck mit Liebe ohne Ma. Du bist ein warmer Mensch! (sagte Karl)
Warum liegen denn die Menschen immer wie die Toten auf dem Bernhardus-Berg90
einander erfroren an der Brust, mit steifem Aug', mit starren Armen? - O warum
kamest du so spt zu mir? Ich wre anders geworden. Warum kam jene91 so frh? -
Dort im Dorfe drunten an der engen niedrigen Kirchtre, da sah ich sie zuerst,
durch die mein Leben zur Mumie ward. Wahrlich ich spreche jetzt gefasset. Man
trug vor mir her, als ich heraus spazieren ging, einen leichen-weien Jngling
auf einer Bahre in den Tartarus; es war nur eine Statue, aber sie war das
Ebenbild meiner Zukunft. Ein bser Genius sagte zu mir: liebe die Schne, die
ich dir zeige. Sie stand an der Kirchtre, von Kirchleuten umzingelt, die sich
ber die Khnheit wunderten, womit sie mit beiden Hnden eine silbergraue
zngelnde Schlange annahm und wog. Wie eine khne Gttin senkte sie die feste
ebene Stirn, das schwarze Auge, die Rosenblten ihres Angesichts auf den von der
Natur platt getretnen Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen.
Kleopatra! sagt' ich, obwohl ein Knabe. Auch sie verstand es schon, blickte
ruhig und kalt von der Schlange auf und gab sie zurck und wandte sich um, an
meine junge Brust warf sie die erkltende Leben-fressende Viper. - Aber wahrlich
jetzt ists vorbei, und ich spreche ruhig. Nur in den Stunden, Albano, wo mir aus
jener Nacht meine blutigen Kleider, die meine gute Schwester aufgehoben, zu
Gesichte kommen, da leid' ich mehr und frage: armer gutmeinender Knabe, warum
wurdest du denn lter? Aber wie gesagt, es ist ganz vorbei. Zu dir, nur zu dir
spreche ein besserer Genius: liebe die Schne, die ich dir zeige! -
    Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu! Er martert
sich (dacht' er) mit dem alten Argwohne ber Romeiro fort - ich will Herz
gegen Herz ffnen und es dem guten Bruder sagen, da ich ja seine Schwester ewig
liebe. - Seine Wangen glhten, sein Herz flammte, er stand priesterlich vor dem
Altare der Freundschaft mit der schnsten Gabe, mit der Aufrichtigkeit.
    O jetzt, Karl, sagt' er, wre sie wohl anders gegen dich - mein Vater
reiset mit ihr, und du wirst sie sehen. - Er ging Hand in Hand schneller mit
ihm einer dunklen Baumgruppe zu, um im Schatten die zart-errtende Seele zu
ffnen. Nimm mein teuerstes Geheimnis hin (fing er an) - aber sprich nicht
davon - und nicht mit mir - errtst du es nicht, mein erster Bruder? die Seele
nicht, die ich so lange liebte wie dich? - Leise, leise setzte er dazu: Deine
Schwester? und sank ihm auf den Mund, um die ersten Laute wegzukssen.
    Aber Karl, im Aufruhr des Entzckens und der Liebe wie eine Erde bei dem
Aufgange des Frhlings, bndigte sich nicht; er prete ihn an sich; er lie ihn
los; er umfate ihn wieder, er weinte selig, er drckte Albanos Augen zu und
sagte neu-verschwistert: Bruder! Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede
andere Silbe auf seinen Lippen erdrcken. Er fing vor dem betroffenen Jngling -
der unter der einsamen und poetischen Bcherwelt eine hhere Zartheit gewonnen,
als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt - Lianen abzumalen an, wie sie dulde und
handle, wie sie fr ihn sorge und rede und sogar verarme, um seine Schulden zu
tilgen; wie sie ihn nie hart tadle, sondern nur mild bitte, und alles das nicht
aus knstlicher Duldung, sondern aus heier echter Liebe, und wie doch das noch
kaum das Beiwerk ihres Bildes sei. Er war in seiner reinern Begeisterung, als
ihm dieser Abend zugelassen, darum so selig, weil er seine Schwester unter allen
Menschen am meisten und uneigenntzigsten und am freiesten von poetischer
Schwelgerei und Willkr lieben konnte - ordentlich dadurch gestrkt, da er
einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen drfe, zog er die Hnde wieder frei
gemacht heraus, die bisher wie Milos seine im Baum des Glcks und Lebens, den er
zerreien wollte, eingeklemmt gefangen waren; er atmete frische Lebensluft und
Mut, und der Plan seiner innern Vollendung war jetzt durch neues Glck und
schnes Bewutsein hold gerndet. -
    Der Mond stand hoch, die Wolken waren vertrieben, und nie ging der
Morgenstern zwei Menschen heller auf.

                               Elfte Jobelperiode


       Stickrahmen - Anglaise - cereus serpens - musikalische Phantasien.


                                   56. Zykel

Freudig trug Roquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wute, zum
Freunde die Bitte, zur Mutter mitzugehen. Albano errtete zauberisch ber jene
feurige Nacht zum ersten Male, die ihm das lteste Geheimnis abgedrungen; denn
bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht
wieder berhrt. Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von
jedem Verluste sprechen.
    Liane erblickte ihren Bruder - den regierenden Schpfer ihrer weichsten
Stunden - allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben
wollte, wenn er kam; vor Freude trug sie ihm das Buch, woraus sie der stickenden
Mutter vorgelesen, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter hatten den ganzen
Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablsen in Sticken und Lesen verlebt;
sooft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und
Visiten-Charivari frei. Wie gerhrt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder, aus
dem er das erstemal das teuere Mdchen nur als Blinde in der Ferne zwischen
Wasserbogen stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er es
durch Karls Einweihung in seine Wnsche bleiben konnte. Welche paradiesische
Mischung von unberechneter Scheu und berflieender Freundlichkeit, Stille und
Feuer, von Bldigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Gte, von
schweigendem Wissen! Dafr gebhrt ihr der herrliche Beiname Virgils: die
Jungfruliche. In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen
Kraftfrauen, der Hopstnze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der
virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14ten an gezhlt)
kann ich ihn einem Mdchen geben; spter wird es manirierter. Dreizehn und
siebzehn Jahre zugleich ist gewhnlich ein solches holdes Wesen alt.
    Warum warest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die
Bourignon nicht einmal wutest, was zu fliehen war, und weil deine heilige
Schuldlosigkeit noch das verdchtige Aussphen der entlegensten Absichten, das
an die Erde gebckte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste
und Ausrstungen ausschlo? - Die Mnner waren dir noch gebietende Vter und
Brder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz sondern so freundlich
das treue Augenpaar!
    Und mit diesem gtigen Blick und mit ihrem Lcheln dessen Fortdauer oft auf
mnnlichen Gesichtern, aber nicht auf jungfrulichen die Titelvignette der
Falschheit ist - nahm sie unsern edeln Jngling an, aber ihn nicht allein.
    Sie setzte sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald
in das khle Weltmeer allgemeiner Gesprche ein, in das nur zuweilen der Sohn
eine grne warme Insel herauftrieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen
Blumenstcke wachsen lie; wie die kleine weie Hand auf dem schwarzen
Atlasgrunde (Froulays Thorax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen)
lag, und wie ihre reine Stirn, von gekruselten Haaren durchsichtig berwebt,
sich vorbckte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sie sprach oder wenn sie neue
seidene Farben suchte, mit dem hhern Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange
beseelet aufrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sie
reichte ihre willig hinber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie
um, sah in die inwendige, drckte sie mit beiden, und die Geschwister lchelten
einander liebreich an. Und da lchelte Albano allemal treuherzig aus den
Gesprchen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! - Schon an sich ists
herkulische Arbeit, neben einer feinen mig zu sitzen, neben Sticken,
Miniaturmalen u.s.w. ; aber vollends mit deinem Geiste, der so viele Segel nebst
einem Paar Strmen hinterdrein hat, unttig neben dem Stickrahmen zu ankern und
nicht etwan ein Herkules zu sein (das wre leicht), welcher spinnt, sondern
einer, der nur spinnen sieht - und das vor dem groen Frhling und
Sonnenuntergange drauen - und noch dazu neben der wortkargen Mutter (berhaupt
ists schon neben jeder eine Unmglichkeit, ein erhebliches Gesprch mit der
Tochter einzuleiten) - - das sind schwere Sachen.
    Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder: Mich schmerzt nichts so
sehr, - sagte er, weil er berall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche
auf der Erde peinlich beklemmte - als da so viele tausend knstliche Zieraten
auf der Welt umsonst geschaffen werden, ohne da sie je ein Auge trifft und
genieet. Mir kann es ordentlich nahe gehen, wenn das grne Blttchen hier nicht
besonders angesehen wird. Mit derselben Trauer ber fruchtlose ungenossene
Pflanzungen der Mhe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapeten-Baumschlag, an
geblmte Zeuge, an architektonische Verzierungen.
    Liane konnt' es fr einen malerischen Tadel des berladenen Nh-Gartens
nehmen, den sie blo ihrem Vater zu Liebe so voll sete - denn Froulay, aus den
Zeiten gebrtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knpfte gern
ein kleines Seidenherbarium an den Leib -; aber sie sagte nichts als lchelnd
das: Nun das Blttchen ist dem bsen Schicksal ja entgangen, es ist
angeschaut.
    Was tut Vergehen und Vergeblichkeit? (nahm Roquairol voll Gleichgltigkeit
gegen den Lektor, der eben hereintrat, das Wort und voll Gleichgltigkeit gegen
die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester
zuweilen unterwarfen) Genug, wenn etwas ist. ber der Wste singen die Vgel
und ziehen die Sterne, und kein Mensch sieht die Pracht. Wahrlich berall geht
in und auer dem Menschen mehr ungesehen vorber als gesehen. Die Natur schpft
aus ewigen Meeren und erschpft sich nicht; wir sind auch eine Natur und sollen
schpfen und ausgieen und nicht immer bekmmert dem wssernden Nutzen jedes
Strichregens und Regenbogens nachrechnen. - Sticke nur fort, Schwester!
beschlo er ironisch.
    Die Prinzessin kommt heute! sagte der Lektor, und entzckt ber die
Hoffnung, kte Liane der Mutter die Hand. Sie sah oft und vertraulich von der
Stickerei zu dem Hofmann auf, der sehr einheimisch zu sein schien, aber, als ein
feiner Mann, ebenso geehrt und ehrend war, als steh' er zum ersten Male da.
    Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke
Freude; eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so ntig wie den Franzosen
zur Oper, und eine Frau, die da war, untersttzte ihn so sehr im Dozieren, wie
Kant ein Knopf, der fehlte92. Er nahm, um seine Schwester von den Blumen
abzufhren, einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn,
wie ein kleines Morgenrot, den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin ber; - da
gingen die Tren auf und Julienne herein - Liane verwickelte sich in die kleine
Morgenrte unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen. - Albano reichte ihr
mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers - und sie gab ihm diesen und
einen weiten lieben Blick dazu - - o wie glnzte seiner trunken!
    Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein
Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstrkte sie mit
seinen; und seine Schwester sete gleichsam die Blumen, mit welchen die
Zephyretten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum
Nein Ja. Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig, ein Zeichen, da
auf ihrer Disputier-Arena unter den Sandkrnern noch die Goldkrner lagen, indes
fr Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-,
Mrz- und elysische Feld. Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so khn, als
nur Frstinnen drfen und pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge
blitzte, schlug sie es nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten
Besuch in Blumenbhl und fragte nach den Seinigen. Er machte jetzt gern etwas,
das so feurig war wie sein Inneres - Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten
Ton, Personen - Sachen darf man - mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln. Indem
er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so
ernst und tief in sein Auge, da sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der
Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgetanzt. Als er sein Bestes getan im
Nachschildern: sagte sie, sie habe kein Wort verstanden, man mss' es lieber
exekutieren.
    Und hiemit werden pltzlich smtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball
von zwei Paaren gefhrt. Sehet die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei
Flgel an einer Taube harmonisch auf- und niederfliegen! Albano hatte erwartet,
Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen
Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walleten gleich Wellen leicht
neben- und ineinander, und keine Regung war zu viel und keine zu schnell.
    Daher wnscht' ich so oft, die Mdchen tanzten vllig und immer wie die
Grazien und die Horen - nmlich blo miteinander, nicht mit uns Herren. Der
jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem mnnlichen Schwalbenzickzack
sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschnert den Tanz nicht
betrchtlich.
    Liane nahm eine neue therische Gestalt an, wie etwan ein Engel unter dem
Zurckfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt. Fr die weibliche
Schnheit ist der Tanzboden,was fr unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet
sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tnzerin ein.
Glcklicher Albano! der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die
Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen! du bekommst genug. Und siehe nur
dieses freundliche Mdchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend fr
den Tanz erheitert, und das doch wieder so rhrend erscheinet, weil es ein wenig
erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern,
die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte,
hopsen, abfallen und schleifen. Julienne flieht freudig hin und her, und es ist
schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor Lianens oder
Albanos. -
    Als es vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vornen anfangen - Liane sah
ihre Mutter an - und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkhlung. Es ist
Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor
andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen
Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis
sie mit ihrer Nebenseele, ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Mai-und
Abendgarten hatte pflcken knnen. Sie kamen verndert zurck, voll weichen
Ernstes. Die schnen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so
hnlich wie im Tanze und mehr, als es schien.
    Und so ging vor dem Jngling ein schn-gestirnter Abend vorbei! Haltet ihm
aber zugute, da er diesen Bltenstrau so fest drckte und fassete, bis er
einige Stacheln darin herausfhlte Sein Herz, dessen Liebe neben dem fremden
schmerzlich wuchs, mute dieses, ohne ein Zeichen der Antwort, zugleich hher
und ferner finden. Ihre Liebe war Menschenliebe - ihr Lcheln galt jedem guten
Auge - sie war so heiter - in Lilar kam sie leicht in Rhrung und in allgemeine
Betrachtungen; hier aber nicht - freilich sah sie recht teilnehmend auf den
wild-liebenden Bruder hin, der seit jener Beicht-Nacht gleichsam mit
Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte; aber ihre halbblinde Liebe fr den
Bruder konnte ja im Trug des Widerscheins auf dessen Freund nachglnzen - - Das
alles sagte sich der Bescheidne. Aber was er im vollen Mae der Entzckung
genossen hatte, war die so steigende, helle, zarte, stete Liebe seines
Seelenbruders. - -

                                   57. Zykel


ber Lianens stille Gesinnung und Zesarens Zukunft werd' ich nie Mutmaungen
anstellen, ob ich sie gleich vor ihrem Abdruck wieder wegstreichen knnte. Ich
erinnere mich, was wir herausbrachten, wenn ich und andere auf Hafenreffers
offizielle Berichte ber Sachen von Belang vorher die Hnde deckten und nun mit
bloer Phantasie entwickeln wollten, wie es mchte gegangen sein - - es war
nicht brauchbar. Und natrlich! Schon an und fr sich haben die Weiber und
spanischen Huser viele Tren und wenige Fenster, und es ist in ihr Herz
leichter zu kommen als zu schauen. Vollends Mdchen! Ich meine, da die Frauen
sowohl physiognomisch als moralisch bestimmter, kecker entwickelt und gezeichnet
sind: so will ich lieber zehn Mtter als zwei Tchter erraten und mithin
abkopieren. Die krperlichen Portrtmaler klagen ebenso.
    Wer die Nacht beobachtet, findet, da sie die Zweifel und Sorgen, die er den
Abend vorher ber die Heldin seines Lebens aufgefangen, meistens bis gegen den
Morgen hin totgemacht. - Albano schlug am Frhlingsmorgen die Augen im Leben wie
in einem Siegeswagen auf, und die frischen Rosse stampften davor, und er durfte
ihnen nur den Zgel lassen.
    Er stieg mit seinem Freund bei Lianen aus nach wenigen Jahren, d.h. Tagen;
der Minister war noch nicht zurck. Himmel! wie neu und blten-jung war ihre
Gestalt und doch wechsellos ihr Betragen! Warum kann ich, dacht' er, nur ihre
Bewegungen, nicht alle ihre Zge auswendig, warum kann ich dieses Antlitz nicht
bis auf das kleinste Lcheln wie eine heilige Antike rein und tief in mein
Gehirn abdrcken, damit sie in ewiger Gegenwart vor mir schwebe? - Darum,
Lieber: schne und junge Gestalten sind eben dem Gedchtnis wie dem Pinsel
schwer und alte, schroffe, mnnliche beiden leichter. - Wieder mit Freuden und
Seufzern fllete er sich durch ihr Schauen - und sie wurden grer durch den
nahen Garten, worein sich der Junius mit seiner Abendpracht lagerte - o wenn ihm
nur eine Minute kme, wo seine ganze Seele begeistert reden drfte! Drauen lag
der junge feurige Frhling wie ein Antinous im Garten und sonnete sich, und der
Mond stand, ungeduldig auf die schne Juniusnacht, schon unter dem Morgentor und
traf noch den lebendigen Tag und die zgernde Sonne an. - - Aber die Mutter
schlug dem fragenden Blicke Lianens den Sonnenuntergang ab - - des ungesunden
Serein wegen93. Albano mit dem Herzen voll Mnnerblut fand diesen mtterlichen
Verhack um die kindliche Gesundheit sehr klein.
    Der Torschlu seines heutigen Edens htte sich nun in der nchsten Minute
eingelutet, wre - der Hauptmann und der cereus serpens nicht gewesen.
    Jener kam vom welschen Dache herabgelaufen und verkndigte, der cereus blhe
diesen Abend um zehn Uhr auf, sage der Grtner, und er bleibe da, und du mit,
sagt' er zu Albano. Alles, was nur die doppelten Grenzen der schonenden Zartheit
gegen Schwester und Freund zuflieen, setzt' er liebend ins Spiel, um diesen zu
erfreuen. Liane bat ihn selber, das Blhen abzuwarten; sie war so entzckt ber
das nahe! - Ihre Seele hing, wie Bienen und Tau, an Blumen. Schon ihr Freund,
der fromme Spener, der ein trunknes Auge auf diese lebendigen Arabesken an
Gottes Throne heftete, hatte sie mit diesen stummen, immer schlafenden Kindern
des Unendlichen befreundet; aber noch mehr ihr jungfruliches Herz und ihr
leidendes. Sind euch nie zarte weibliche Seelen begegnet, in deren Bltezeit das
Schicksal kalte Wolken geworfen und die nun gleich Rousseau andere Blumen als
die der Freude suchten, und die in Tlern und auf Felsen sich ermdeten und
bckten, um zu sammeln und zu vergessen und von der gestorbnen Pomona zu
flchten zur jungen Flora? - Der Generalba und das Latein, womit Hermes Mdchen
zerstreuen will, weichen hier der weiten bunten Bilderschrift der Natur, der
reichen Botanik.
    Eine namenlose Zrtlichkeit fr Liane kam in Albanos Seele am kleinen
viersitzigen Etisch - ihm war, als sei er ihr jetzt nher und ihr Verwandter -
und doch fate er die Verwandte nicht, wenn sie die Mutter aus jedem Ernst,
worein diese versank, mit Scherzen zurcklockte. - Drauen riefen die
Nachtigallen die Menschen in die schne Nacht; und keiner schmachtete mehr als
er hinaus.
    Fr Seelenaugen ist das Himmelblau, was fr krperliche das Erdengrn,
nmlich eine innige Strkung. Als Zesara endlich aus den Ketten des Zimmers, aus
diesem geistigen Hausarrest, los und ledig hinaustrat unter das freie Reich des
Himmels und aller Sterne und auf den magischen Statuen-Olymp, nach welchem er so
oft sehnschtig aufgeblickt: so schlug die gewaltsam zusammengezogne Brust
elastisch auseinander; wie rckten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen
zusammen, wie waltete der Frhling und die Nacht! -
    Der alte Grtner, der blo aus dankbarer Anhnglichkeit ans seelengute
leutselige Frulein mit seltener Mhe dem cereus serpens solche Frh-Blten
abgentigt hatte, stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen, in der Tat
aber aufs grte Lob aufsehend, mit einem braunen, gezackten, punktierten und
ernsten Gesichte droben, das mit keinem Lcheln zum Lobe ausfoderte.
    Liane dankte dem Grtner, ehe sie an den Blten war; dann lobte sie diese
und seine Mhe. Der alte Mann wartete blo, bis jeder andere von der
Gesellschaft auch erstaunet war, darauf ging er schlfrig mit dem festen Glauben
fort zu Bette, Liane werd' ihn morgen schon so bedenken, da er zufrieden sein
msse.
    Der auslndische Nektarduft, der in fnf weien, gleichsam mit braunem
Bltterwerk bekrnzten Kelchen perlte, ergriff die Phantasie. Die Wohlgerche
aus dem Frhling eines heiern Weltteils zogen sie in entlegne Trume hin. Liane
strich mit leisem Finger, wie man ber Augenlider gleitet, nur ber die kleinen
Duft-Vasen, ohne das volle Grtchen von zarten Staubfden, das sich im Kelche
drngte, raubend anzustreifen: Wie lieblich, wie so gar zart! (sagte sie
kindlich-froh) - Wie fnf kleine Abendsterne! - Warum kommen sie nur nachts,
die lieben scheuen Blumen? - Karl schien eine brechen zu wollen. O la sie
leben (bat sie) - morgen sind sie ohnehin tot. - Karl! so welkt so viel,
setzte sie leiser dazu. Alles! sagt' er barsch. -Aber die Mutter hatt' es
wider Lianens Willen gehrt: Solche Sterbe-Gedanken (sagte sie) lieb' ich an
der Jugend nicht, sie lhmen ihr die Flgel. - Und dann (versetzte Liane, es
mdchenhaft-umkehrend) bleibt sie eben; wie der Kranich in Kleists Fabel, dem
man die Flgel brach, damit er nicht fortzog mit den brigen ins warme Land.
    Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht
durchsichtig genug. Aber spter hatte das gute Mdchen Mhe, so auszusehen, wie
die sorgsame Mutter es wollte. Die betubende Vorstecklilie der Erde, der Mond -
und das ganze blendende Pantheon des Sternenhimmels - und die mit Nacht-Lichtern
durchbrochne Stadt - und die majesttischen hohen schwarzen Alleen - und auf
Fluren und Bchen das milchblasse Lunens-Silber, womit sich die Erde in einen
Abendstern einspann - und die Nachtigallen aus fernen Grten - rhrte denn das
nicht jedes Herz allmchtig an, da es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte?
Und das weichste, das jetzt unter den Sternen schlug, htte vermocht, den
Schleier ganz ber sich zu ziehen? - Beinahe! Sie hatt' es vor der Mutter
gewohnt, die Trne, eh' sie wuchs, sozusagen mit dem Auge abzutrocknen.
    Sonderbar erschien sie in der nchsten Minute dem Grafen. Die Mutter sprach
mit dem Sohn. Liane stand, fern von jenem, mit halbverwandtem, vom Monde ein
wenig entfrbtem Gesicht neben einer weien Statue der heiligen Jungfrau und
blickte in die Nacht. Auf einmal schauete und lchelte sie an, gleichsam als
erschien' ihr ein lebendiges Wesen im ther-Abgrund, und die Lippe wollte reden.
Erhabner und rhrender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet; das Gelnder,
in das er griff, ging hin und her (aber er selber regte es), und seine ganze
Seele rief: heute, jetzt lieb' ich die Himmlische am hchsten, am innigsten. So
sagt' er neulich auch, und so wird er fter sagen; kann der Mensch mit den
unzhligen Wogen der Liebe Hhenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen,
die am meisten stieg? - So glaubt der Mensch stets, wo er auch stehe, in der
Mitte des Himmels zu stehen.
    Ach in dieser Minute wurd' er wieder berrascht, aber eben mit einem Ach.
Liane ging zur Mutter, und als sie an der Hand der Geflligen ein kleines
Schaudern fhlte, drang sie in sie, aus der Nachtluft zu gehen, und gab nicht
eher nach, als bis sie mit ihr die Zaubersttte verlie.
    Die Freunde blieben zurck. Nach Albanos Rechnung wr' es freilich nicht zu
viel gewesen, htte man sich in dieser offenherzigen Zeit, worin unsere
heiligern, vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren, bis
gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten. Beide gingen eine Zeitlang schweigend
auf und ab. Endlich hielt sie der Rauchaltar der fnf Blumen fest. Albano fate
zufllig die nahe Statue mit beiden Hnden und sagte: An hohen Orten will man
gern etwas hinabstrzen - sogar sich oft. - Und hinein in die Welt, in weite
ferne Lnder mcht' ich mich auch strzen, sooft ich in das Nachtrot dort schaue
- und sooft ich unter Orangerie-Blten komme, wie unter diese. Bruder, wie ist
dir? - Der Himmel und die Erde breiten sich so aus: warum soll denn der Geist so
zusammenkriechen. ? - Mir ist ebenso, (sagt' er) und im Kopf hat der Geist
berhaupt mehr Gela als im Herzen. Aber hier ging er zart-erratend auf schnen
Umwegen zur zuflligen Erffnung ber, warum seine Schwester so bald
hinuntergeeilet.
    Bis zum Eigensinn (sagt' er) treibe sie die Aufmerksamkeit fr die Mutter
- das letztemal merkte sie, da die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe,
sofort hrte sie auf - nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen
und alle unschuldigen Trnen darin - besonders glaube sie etwas von der Zukunft,
was sie der Mutter sorgsam verdecke. - - Sie lchelte vorhin fr sich, (sagte
Albano und legte auf seine Augen Karls Hand) als she sie ein Wesen aus der
Schleier-Welt droben. - Hast du das (versetzte Karl) auch gesehen? Und dann
regte sie die Lippe? - O Freund, Gott wei, was sie betrt; aber das ist gewi,
sie glaubt fest, sie sterbe knftiges Jahr. - Albano lie ihn nicht
weitersprechen, zu heftig aufgeregt drckte er sich an des Freundes Brust, sein
Herz schlug wild, und er sagte: O Bruder, bleibe stets mein Freund!
    Sie gingen hinab. Im Zimmer, das an Lianens ihres stie, fanden sie ihr
Pianoforte offen. Wahrlich das wars, was dem Grafen fehlte. In der Leidenschaft
(sogar im bloen Feuer des Kopfes) greift man weniger nach der Feder als nach
der Saite; und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das
poetische. Albano setzte sich - indem er der Tonmuse dankte, da es
vierundvierzig Ausweichungen gebe - mit dem Vorhaben an die Tasten, nun eine
musikalische Feuertrommel zu rhren und wie ein Sturm in die stille Asche zu
brausen und ein helles Funkenheer von Tnen aufzujagen. - Er tats auch, und gut
genug und immer besser; aber das Instrument strubte sich. Es war fr eine
weibliche Hand gebauet und wollte nur in weiblichen Tnen, mit Lauten-Klagen
reden, als eine Freundin mit einer Freundin.
    Karl hatt' ihn nie so spielen gehrt und erstaunte ber die Flle. Aber die
Ursache war, der Lektor war nicht da; vor gewissen Menschen - und darunter
gehrte dieser - gefriert die spielende Hand, so da man nur in einem Paar
Blechhandschuhen hin- und herarbeitet; und zweitens, vor einer Menge spielt
sichs leichter als vor einem, weil dieser bestimmt vor der Seele haftet, jene
aber zerflossen. Und noch dazu, beglckter Albano! du weit, wer dich hrt. -
Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tnen - das wilde Jugendleben
schreitet mit rstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab - das
Mondlicht, von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt, heiligt das tnende
Zimmer. - Lianens letzte Gesnge liegen vor dir aufgeschlagen, und der
anrckende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen - und die Nachtigall in
der Mutter nahem Zimmer kmpfet, wie von der Tuba ins Feld gerufen, mit deinen
Tnen. - -
    Liane trat mit ihrer Mutter erst spt herein, weil das heftige Ton-Getmmel
fr beide etwas Hartes und Peinigendes hatte.
    Er konnte beide seitwrts am untern Fenster sitzen sehen, und wie Liane die
Hand der Mutter hielt. Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und
ab und stand zuweilen an ihm still. Albano trat in dieser Nhe der stillen Seele
bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus, wo nur
wenige Tne sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen. Der
knstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorlufer der
melodischen Charitinnen; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren
Seelen an. Ihm war bis zur Tuschung, als sprech' er laut mit Lianen; und wenn
die Tne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust: meinte
er nicht Lianen und sagte ihr: wie lieb' ich dich, o wie lieb' ich dich? Fragt'
er sie nicht: was klagest du, was weinest du? - Und sagt' er nicht zu ihr: blick
in dies stumme Herz und flieh es nicht, o Reine, Fromme, Meine?
    Wie errtet der Gute, als pltzlich der liebkosende Freund ihm die Hnde um
die Augen legte, die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe bergeflossen waren! -
Karl trat heftig zur Schwester, und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte
der Liebe. Dann flchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange, bis die
Augen getrocknet waren fr den beleuchteten Abschied - langsam lie er die Wiege
unsers Herzens ausschwanken und schlo so mild' und leise und verstummte ein
wenig und stand langsam auf. - - O in dieser jungen stummen Brust lebte alles,
womit die herrlichste Liebe segnen kann!
    Sie schieden ernst. - Niemand sprach ber die Tne - Liane schien verklrt -
Albano wagt' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht, mit einem Auge, das
sich so kurz vorher gestillet hatte, lang' auf ihren milden blauen zu ruhen. -
Ihre gerhrte Seele drckte sie, wie Mdchen pflegen, blo am Bruder durch eine
heiere Umarmung aus. - Und dem heiligen Jngling konnte sie scheidend den Ton
und den Blick nicht verhehlen, den er nie vergisset. -
    Er erwachte oft in dieser Nacht und wute nicht, was sein Wesen so selig
wiege - ach der Ton war es, der durch den Schlummer nachklang, und das liebe
Auge, das ihn noch in Trumen anblickte.

                              Zwlfte Jobelperiode


  Froulays Geburtstag und Projekte - Extrablatt - Rabette - die Harmonika die
         Nacht - der fromme Vater - die Wundertreppe - die Erscheinung


                                   58. Zykel

Glcklicher Albano! du wrest es nicht geblieben, httest du am Geburtstage des
Ministers das gehret, was er da vorbrachte!
    Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter
Zeichen, und jede Minute konnte - mute man frchten - der Donnerschlag aus ihm
fahren; er war nmlich munter und mild. So drohet auch bei phlegmatischen
Kindern groe Munterkeit Ausbruch der Pocken. Da er Hausvater war und Despot -
die Griechen hatten fr beides nur das Wort Despot-: so erwartete man von ihm
als ehelichem Wettermacher94, er werde die gewhnlichen Strme und Ungewitter
fr die Familie besorgen. - Eheliche Gewittermaterie zum bloen Trben der Ehe
kann nie fehlen, wenn man bedenkt, wie wenig sogar zum Scheiden derselben
gehret, z.B. bei den Juden blo, da die Frau zu laut schreie, das Essen
anbrenne, ihre Schuhe am Platze der mnnlichen lasse u.s.w. Noch dazu war
manches da, worber gut zu donnern war; z.B. Liane, an welcher man die Missetat
des - Bruders heimsuchen konnte, weil dieser hartnckig wegblieb und um keine
Gnade bat. Man ist immer gern auf Frau, Tochter und Sohn zugleich ungehalten und
lieber ein Land- als Strichregen; ein Kind kann leichter eine ganze Familie
versalzen als versen.
    Aber Froulay verblieb der lchelnde Johannes. Ja trieb ers nicht die Beweise
hab' ich - so weit damit, da er, da die Tochter der Prinzessin einmal beim
Abschiede um den Hals fiel, anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten, wie
man Vertraulichkeiten bei Hhern nur annehmen, nicht erwidern und sich eben da
nicht vergessen msse, wo sie sich vergessen - und anstatt ernst zu fragen, ob
sie ihn je in seiner wrmsten Liebe gegen den Frsten wider die dhors habe
verstoen sehen - da er, sag' ich, anstatt dieses hagelnd und strmend zu tun,
diesesmal blo in die schnen Worte ausbrach: Kind, du meinst es zu gut mit
deiner vornehmen Freundin; frage deine Mutter, sie wei auch, was
freundschaftliche liaisons sind.
    Blo Liane - obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen - war voll
unsglicher Hoffnung und Freude ber den huslichen Frieden und glaubte Bestand,
zumal in der Nhe des vterlichen Geburtstages, dieser Olympiade und Normalzeit,
wornach das Haus vieles rechnete. Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen
Tag, um am Morgen, wenn die Wnsche kamen, das sichtbare Vergessen desselben
nicht zu vergessen, sondern darber zu erstaunen - die Geschfte machens, sagt'
er - und um abends, wenn die Gste kamen - der Geschfte wegen dinier' er nie,
sagt' er -, erstaunen zu lassen. Er war wechselnd der Anbeter und der
Bilderstrmer der Etikette, ihre Ministerial- und Oppositionspartei, wie es
gerade sein Schimmer gebot.
    Liane drang so lange in den Bruder, bis er den Vater mit etwas zu erfreuen
versprach: er machte dazu ein Familienstckchen, worein er die ganze
Beicht-Nacht zwischen sich und Albano einschob, nur da er Albano in eine
Schwester verkehrte. Gern lernte Liane noch diese Rolle fr den Geburtstag ein,
ob sie gleich die blhende Weste lieferte.
    Der Minister nahm die Weste, den Hauptmann und dessen Komdienzettel des
abendlichen Spiels wider Vermuten - gtig auf; da er sonst wie einige Vter
desto lauter knurrte, je fter ihn die Kinder streichelten. Er tanzte wie ein
Polacke95 ganz aufgerumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche
fest unter den Pelz. Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als blo
die Frage, wo das Liebhabertheater am besten, ob im Salon de lecture oder ob im
Salon der bains domestiques aufzuschlagen; denn beide Sle waren ganz von
einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden.
    Der Tag kam. Albano, dessen Einladung Karl ertrotzen mssen, weil der
Minister seinen Stolz hassete aus Stolz, brachte leider den Ton in seiner Seele
mit, den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben. Seine Hoffnung hatte bisher
von diesem Tone gelebt. O verdenkts ihm nicht! Das luftige Nichts eines Seufzers
trgt oft eine Schferwelt oder einen Orkus auf dem Ephemeren-Flgel. Alles
Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen, wo es ein Kinderfinger
drehen kann.
    Aber der Ton war verklungen. Liane wut' es gar nicht anders, als da man
unter der Visitengemeinde - deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal
ganz kannte - vor jede betende Empfindung den Kirchenfcher halten msse.
    Logen, Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewhnliche
Schauspielszeit mit stiftsfhigen Gratulanten verziert und ausgefllt. Der
deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhltnisse. Von
der Visitenkompagniegasse kann im Durchgehen nur angemerkt werden, da in ihr
und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte, welchen
aber weniger die Lunge abschied als das Herz. -
    Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und
Entzckung noch feuriger wieder vorbeifhrte, als sie gewesen war; als diese
trumerische Nachffung erst die rechte Wirklichkeit schien: wie glhend und
tief brannt' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein! (Guter Albano! Diese
Kunst, sein eigner rvenant, sein Vexier- und After-Ich zu werden und die
Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken, htte dir kleinere Hoffnungen
verstatten sollen!) - Der Graf mute in der ernsthaftesten Soziett, die je um
ihn sa, ausbrechen in ein unschickliches - Weinen. Und warum legte Karl Albanos
Worte in jener Nacht der zauberisch-gerhrten Liane in den Mund und machte die
Liebe durch so viele Reize gro bis zum Schmerz? -
    Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weien Schwan, der errtend
durch das Abendrot des Phbus schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrliche
Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptschlich froh, da das alles zu
seiner Ehre vor falle und da die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz
besondern epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen msse.
    Er berkam den Kranz. - Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger
Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr gnstig rezensiert und mit
Kronen berdeckt, mit edlen Mrtyrerkronen. - Der deutsche Herr hatte und
brauchte das laute Recht, die Krnung und den Kronwagen anzufhren. Niedriger
Mensch! warum drfen deine Kfer-Augen ber die heiligen Rosen, welche die
Rhrung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt, nagend kriechen? -
Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr - so da er mit den ltesten
Damen badinierte -, als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht
phantastisch oder sentimentalisch, sondern durch stilles stetes Nhern und
verstndige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und
endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah! - Der deutsche
Herr zog nmlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt
daraus zurck.
    Die einsame, ins eigne Herz versenkte Liane flchtete vom Giftbaum des
Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den strmischen
Mhlengngen tglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten,
und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen.
    Die schne Seele erriet selten etwas - eine schne Seele ausgenommen -; so
leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gegenbild. Bouverots Annherungen schienen
ihr die gewhnlichen Vorund Seitenpas der mnnlichen Hflichkeit; und sein
Ritter-Zlibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen; - prangen nicht die
Lilien der Unschuld frher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs
nur bleich frbt und erst spter rot anglht, wenn sie vor der Sonne liegt? -
Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen
ungewhnlichen Ernst wahrnahm. -
    Als Froulay das Geburtstags-Krnzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als
Blumen steckten, oder das Dornenkrnchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte
und in der Nachtmtze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das
Geschft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. Tubchen (sagt' er zur
Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97) - Tubchen,
lasse mich und Guillemette allein. - Er entblte jetzt das Ober-Gebi durch
ein eignes Grinsen und sagte, er hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu
hinterbringen. Sie wissen, (fuhr er fort) was ich dem deutschen Herrn
schuldig bin - Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rcksicht.
    - - Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98, da sie nie Gold
besessen; ich fhre - ohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen
dasselbe zu beschwren ist - nur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie
Spieglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie
auch wollten; - wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil (auf
etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfllen) gern Gewissen
und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu groen Ausgaben und
groen Projekten, blo weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern
nur als Mittel des Ehrgeizes und der Ttigkeit sucht. Sogar fr einige Gemlde,
die Bouverot fr den Frsten in Italien gekauft, war er jenem noch den
Kaufschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe
stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er htte gern
seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin
wenigstens die innigste Gemeinschaft - der Gter gehabt - denn unter den
jetzigen Umstnden grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander -; aber
wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen - wie der Adler des
rmischen Knigs99 - nichts darin. -
    Er fuhr fort: Jetzt hret diese Gne vielleicht auf. Haben Sie bisher
Beobachtungen ber ihn gemacht? - Sie schttelte. Ich (versetzt' er) schon
lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; - j'avois le nez bon quant 
cela - er hat reelle Neigung fr meine Liane.
    Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem
Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der
freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen mssen; er
versetzte: Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernsthaft. Er will sich
jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und
ihr Glck ist gemacht. Vous tes je l'espre pour cette fois un peu sur mes
interts, ils sont les vtres. -
    Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum
verhllet werden. Herr von Froulay! (sagte sie nach einiger Fassung) ich
verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahren - in den
Neigungen - in der Religion100 - -
    Das ist des Ritters Sache, nicht unsere, versetzt' er, erquickt von ihrer
entrsteten Verwirrung, und warf wie das Wetter in seiner Klte nur feinen
spitzen Schnee, keinen Hagel. - Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sie
eben zu sondieren. -O dieses fromme Herz? - Sie persiflieren! - Posito!
desto lieber wird das fromme Herz sich fgen, um das Glck des Vaters zu machen,
wenn sie nicht die grte Egoistin ist. Ich mchte die gehorsame Tochter nicht
gern zwingen. - N'puisez pas ce chapitre; mon coeur est en presse. - Es wird
ihr das Leben kosten, das ohnehin an so schwachen Fden hngt. - - Diese
Erwhnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel: Tant mieux, (sagt' er)
so bleibt es bei der Verlobung! htt' ich bald gesagt - sacre - -! Und wer ist
daran schuld? So gehts mir mit dem Hauptmann auch; anfangs versprechen meine
Kinder alles, dann werden sie nichts. - Aber, Madame, (indem er sich schnell
und giftig zusammenfate und statt seiner Lippen und Zhne blo die
Gehrwerkzeuge eines schlafenden Schohundes mig drckte) Sie allein wissen
ja alles durch Ihren Einflu auf Liane zu dressieren und zu redressieren. Sie
gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir. Ich werde dann nicht bei dem Ritter
kompromittiert. - Die Vorteile detaillier' ich nicht weiter. Seine Brust wurde
hier schn erwrmt unter dem Geierfell der Entrstung.
    Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte: Herr von Froulay!
Bis jetzt sprach ich nicht von mir - Nie werd' ich es raten, oder billigen, oder
zulassen; ich werde das Gegenteil tun. - Herr von Bouverot ist meiner Liane
nicht wrdig. -
    Der Minister hatte whrend der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not
ber den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze gekpft; die fixe
Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen (wie die chemische die
botanischen) blau an. - Bon! - (versetzt' er) - Ich verreise; Sie knnen
darber reflechieren - aber ich gebe mein Ehrenwort, da ich nie in irgendeine
andere Partie konsentiere, und wre sie (wobei er die Frau ironisch ansah)
noch ansehnlicher101 als die eben projektierte - entweder das Mdchen gehorcht,
oder sie leidet - decidez! - - Mais je me fie  l'amour que vous portez au pere,
et  la fille; vous nous rendrez tous assez contents. Und dann zog er fort,
nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein
verfertigte, aus der schwarzen, und zwar mit den Augenbraunen.
    Nach einigen mit der Mutter und - Tochter zrnenden Tagen reiste er als
Luigis Geschftstrger nach Haarhaar zur frstlichen Braut. Die bedrngte Mutter
vertrauete ihrem ltesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trbe Geheimnis.
Beide hatten jetzt ein reines Verhltnis der Freundschaft gegeneinander, das in
Frankreich durch die hhere Achtung fr die Weiber hufiger ist. In den ersten
Jahren der ministerialischen Zwangsehe, die nicht mit Morgentau, sondern mit
Morgenreif anbrach, flatterte vielleicht der Dmmerungsvogel, Amor, ihnen nach;
aber spter vertrieben die Kinder diese Sphinx. ber die Mutter wird oft die
Gattin verschmerzt. Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Strke
alles Schwankende in ihrem Verhltnis gegen Augusti auf immer weg; und er machte
ihr die Festigkeit durch die seinige leichter, weil er bei mehr Ehr- als
Weiber-Liebe ber kein Flechtwerk rter wurde als ber das eines Korbes und
irrig glaubte, ein Empfnger habe sich so zu schmen wie eine Empfngerin.
    Der Lektor konnte voraussehen, da sie auch nach ihrer Ehescheidung - die
sie nur Lianens wegen verschob - schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer
Tochter ein Allodialgut, Klosterdorf, fr dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre
lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers
blogestanden, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der
in nichts von ihr abwich als in der Weltklte gegen positive Religion, nicht
ihre teuere Liane selber schweigend zudenke, ist eine andere und schnere Frage.
Eine solche Wechselgabe wre einer solchen Mutter und Freundin wrdig, die aus
ihrem Herzen wute, da Zart- und Ehrgefhl zusammen einer geliebten Seele ein
festeres Glck bereiten als die Genieliebe, dieser Wechsel von fliegender Hitze
und fliegender Klte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal
zertrmmert, bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf
jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher
wr' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei
einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo, wie in Kursachsen, ein so
wohlttiges Gesetz (fr die Eltern) sogar eine vieljhrige Ehe, die kein
elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellen kann! -
    Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken, die wieder
ber sie und ihre Liane heraufstiegen. Sie konnte auf sein feines Auge fr die
Welt, auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand fr Geschfte bauen. Er
sagte - wie immer -, das hab' er alles vorausgesehen; bewies ihr aber, da
Bouverot sein Ritterkreuz - schon aus Habsucht - nie gegen den Ehering
vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nhre. Er lie sie,
soweit es die Schonung fr ihre wunden Verhltnisse vertrug, es erraten, bis zu
welchem Grade von Bereitwilligkeit fr Bouverots Wnsche gerade Lianens
zerbrechliches Leben den Minister locken knne, um es abzuernten, bevor es
abblhe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab
als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken
als Flssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart,
als Leser aus den mittlern Stnden denken mchten; ich berufe mich auf die
vernnftigern aus den hhern.
    Augusti und die Ministerin sahen, man mte in der Abwesenheit des Ministers
doch etwas fr Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. -
Liane mu aufs Land in dieser schnen Zeit - sie mu ihre Gesundheit rsten fr
die Kriege der Zukunft - sie mu den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun
der Geburtstag vervielfltigen wird - der Minister mu sogar gegen den Ort
nichts einzuwenden haben. - - Und wo kann dieser liegen? - Blo unter dem Dache
des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er
sein vergiftendes Verhltnis zum Frsten wei. Aber freilich sind vorher noch
andere Berge zu bersteigen als der nach Blumenbhl.
    Selber der Leser mu jetzt ber einen niedrigen hinber; und der ist ein
kurzes komi-tragisches Extrablatt

                       ber den grnen Markt mit Tchtern

Folgendes ist gewi: jeder Inhaber einer sehr schnen oder sehr reichen Tochter
verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und
den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen mu. Genau und
merkantilisch gesprochen sind Tchter eigentlich kein Handelsartikel - denn die
elterlichen Groavanturhndler kann niemand mit jenen Trdlerinnen und Stndel-
oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt -,
sondern eine Aktie, mit der man in einer Sdsee gewinnt, oder eine Scholle,
womit man das Grundstck symbolisch (scotatione) bergibt. Je ne vends que mes
paysages et donne les figures par dessus le march103, sagte Claude Lorraine,
wie ein Vater - und konnt' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine
Landschaften malen lie -; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder
Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso
hher hinauf ist eine Prinzessin blo ein blhender Zweig, den ein frstlicher
Sponsus nicht der Frchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land
und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause trgt.
    Hat ein Vater - wie unser Minister - nicht viel, so kann er die Kinder, wie
die gypter die Eltern (nmlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfnder
oder Reichspfandschaften, die man nicht einlset, einsetzen.
    Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb,
auch dieses Handelszweigs bemchtigt; mich dnkt aber, er htte in seinem untern
Kaufgewlbe Spielraum genug, eigenntzig und verdammt zu werden, ohne die Treppe
hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist
ihm fast aller Handel, auer dem kleinen mit den Tchtern und den brigen
wenigen Dingen, die auf den eignen Gtern wachsen, abgeschnitten und verwehrt;
daher hlt er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier
eine fr diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so da man
gewissermaen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn
vergleichen mag, den in Rom verkufliche Leute besteigen muten104, um besehen
zu werden.
    Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefhlvoller junger Herzen, da
dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr
wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel
geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt
ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nmlich
die schne Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und
allmhlich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein
weibliches Herz frei unter der Mnner-Schar erwhlen kann; ihr Staat wird dann,
wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl
selber unterbricht das kurze Handlungsgeschft so wenig nach-als vorher in
seiner Liebe; nur tritt jetzt - wie in Nrnberg dem Juden eine alte Frau -
unserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber
Neigung fr das heimgefhrte Subjekt - welches ein ungemeines Glck-, und wie
Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bndel unter dem Arm seine Briefe ber
die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Mnner unter dem Handel
Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau - wie Kaufleute in
Messina105 mit der heiligen - - in Compagnie; aber freilich solche profitable
Verbindungen der Liebe mit Geschften bleiben seltene Vgel und sind wenig zu
prtendieren. - -
    - Das Vorige schrieb ich fr Eltern, die gern scherzen mit - kindlichem
Glck; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch
erstlich ber euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den
Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machthandlung den giftigen
Bleizepter ber ein ganzes freies Leben auszustrecken. Eure zehn Lehrjahre des
Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als
Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Tchtern nicht ebensogut
Freundschaft auf Lebenslang? Warum bt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe
Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen
Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu whlen. Oder fodert ihr fr die Erziehung
zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? - Ihr tut, als
httet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr blo eine schwere
geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen knnt, an eure Kinder
abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Glubiger, den ersten
Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schtzet ihr
euch noch mit dem barbarischen unmoralischen rmischen Vorurteil, das Kinder als
weie Neger der Eltern feilbietet, weil die frhere erlaubte Gewalt ber das
nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmhlichkeit seiner Entwicklung
unbemerkt als eine ber das moralische herberschleicht?
    Drft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glck, so drfen sie spter ebensogut
aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glck, wofr sie
ihr ganzes Herz mit allen seinen Trumen wegwerfen sollen? - Meistens eures;
eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit
dem Opfer des Innersten ben und kaufen. Drft ihr eure stillen Voraussetzungen
zum Glck einer Zwangsehe laut bekennen, z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in
der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl
gegen den ehelichen Kufer als gegen den auer-ehelichen Geliebten? Ihr msset
Snderinnen106 voraussetzen, um nicht Ruber zu sein.
    Tut mir nicht dar, da Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut
genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen.
Nennt mir sonst lieber alle barbarische Vlker und Zeiten her, worin, weil beide
ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glckliche Ehe nichts bedeutet als
einen glcklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer
zu hren und zu zhlen; der ungehrte Schmerz wird endlich sprachlos; neue
Wunden schwchen das Bluten der ltesten. Ferner: am Migeschick der
Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten
schuld. - Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hlfte eine Neigungs-Ehe.
Endlich: die besten Ehen sind im mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die
schlechtesten in den hhern, wo die Rcksicht bindet; und sooft in diesen ein
Frst blo mit seinem Herzen whlte, so erhielt er eines, und er verlor und
betrog es nie. - -
    Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schnste, feinste,
reichste, aber widerstrubende presset? Gewhnlich eine schwarze, alte, welke,
gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis,
Sttigung und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten;
die minder vollkommnen fallen blo Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein
Mann, der, verlassen vom eignen Wert, blo vom fremden Machtgebot beschtzt,
sein Glck bezahlend mit einem gestohlnen, nun die unbeschirmte Seele von einer
geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine
Arme wie in frostige Schwerter drcken und sie darin so nahe an seinem Auge
blutend erbleichen und zucken sehen kann! - Der Mann von Ehre gibt schon
errtend, aber er nimmt nicht errtend; und der bessere Lwe, der tierische,
schonet das Weib107; aber diese Seeleneinkufer erpressen vom bezwungnen Wesen
noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit.
    Mutter des armen Herzens, das du durch Unglck beglcken willst, hre du
mich! Gesetzt, deine Tochter hrte sich ab gegen das aufgedrungene Elend: hast
du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr
daraus die glckseligen Inseln der Liebe genommen und alles, was auf ihnen
blht, die schnen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach
ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blhenden Gipfeln liegen?
Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und
war sie dir grausam entzogen, so denk an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn
nicht fort.
    Gesetzt ferner, sie macht den Entfhrer ihrer Seele glcklich, rechne nun,
was sie fr den Liebling derselben gewesen wre und ob sie dann nichts verdiene,
als den zu ihr von einer Gefngnistre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister
zu ergtzen! Aber so gut ists selten; - du wirst ein doppeltes Migeschick auf
deine Seele hufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der
spter die Weigerungen fhlt und rgt. - Du hast die Zeit verschattet, wo der
Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere
Tageszeiten des Lebens trbe - sie sind sich alle hnlich, das dritte und das
vierte und fnfte Jahrzehend -, nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben
regnen; nur diese einzige, nie umkehrende, unersetzliche Zeit verfinstert nicht.
    Aber wie, wenn du nicht blo Freuden, Verhltnisse, eine glckliche Ehe,
Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft fr deine Plane und Befehle opfertest,
sondern das Wesen selber108, das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder
deine Trnen trocknen, wenn die beste Tochter - denn gerade diese wird
gehorchen, schweigen und sterben, wie den Mnchen von La Trappe ihr Kloster
niederbrennt, ohne da einer das Gelbde des Schweigens bricht109 - wenn sie,
sag' ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne, halb im Schatten, nach auen hin
blht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen
nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern jahrelang die
Blsse und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens
herumtrgt - und wenn du sie nicht trsten darfst, weil du sie zerstret hast
und dein Gewissen den Namen Kindermrderin nicht verschweigt - und wenn nun
endlich das ermdete Opfer vor deinen Trnen daliegt und das ringende Wesen so
bang und frh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit
brechenden und sehnschtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den
bodenlosen Todesflu mit den blhenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter
am Ufer, die du sie hineingestoen, wer will dich trsten? - Aber eine
schuldlose wrde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen:
soll dein Kind auch so untergehen? -

                                   59. Zykel


Es war ein romantischer Tag fr Zesara, sogar von auen; Sonnenfunken und
Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem
Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich
das schwarze Siegel der Gewiheit drckte und worin nichts Angenehmes war als
die Nachricht, da Don Gaspard mit der Grfin de Romeiro, deren Vormundschaft er
nun schliee, in dem Herbste (dem italienischen Frhling) nach Italien gehe.
Zwei Tne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man
einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit
der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wnsche
seines Herzens emprte seinen Geist, und er fhlte zornig, wie ohnmchtig eine
ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurcken suche; und fhlte wieder
schmerzlich, da eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. -
    So fand ihn eine unerwartete Einladung von der - Ministerin selber - -
Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. - Er flog; im
Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach -
Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt'
ihn frher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht!
Mit Trnen hrt' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! - -
    Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei
der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter zur
Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Vernderung - ihr Haus geffnet, um
knftig an seines fr ihre klopfen zu drfen. Er sagte, er spedier' ihr den
weiblichen Wildfang mit Freuden. Und da ihm in Blumenbhl Rabette Nein, dann
Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht
eine Reichskammergerichts-Revision, einen Mnzprobations-Tag ber alles gehalten
hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort
auf und hier - ab.
    Ach ich frchte mich drinnen, (sagte sie zu Albano) sie sind alle zu
gescheut, und ich bin nun so dumm! - Er fand auer dem Familienkleeblatt noch
die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schne Medaillon eines
schnen Tages fr sein gerhrtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens
weibliche Annherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit
Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der
verlegnen Gespielin zu Hlfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und
beredte Natur jetzt sonderbar gegen den knstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl
war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand, sie zu umstricken als
loszuwickeln; blo Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen
freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und
Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrenthand.
    Sie gab - das Gesicht gegen das brderliche gewandt, um Mut davon zu holen -
von dem gefhrlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte
dabei, nach der Sitte des Volks, wenn es sein Unglck erzhlt. Der Bruder war
ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm
allein strmte ihre Wrme und Rede hin. Sie sagte: sie knn' ihn aus ihrer Stube
klavieren sehen. Liane fhrte beide sofort darein. Wie reich und erhaben ber
Rabettens Ansprche ans Stadtleben war das jungfruliche Hospitium ausgestattet,
von der Tulpe an - keiner blhenden, sondern einem Arbeitskrbchen von Liane,
wiewohl jede Tulpe eines fr den Frhling ist - bis zum Klavier, von dem sie
gegenwrtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten fr
einen halben Walzer! Fnf mige Kleiderksten - denn damit glaubte sie
auszukommen und der Stadt zu zeigen, da auch das Land sich kleiden knne -
stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstcken und Blechbndern gleichsam die
alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn
jede Spur der alten Liebes-Zeit. Sie lie ihn seine Fenster suchen, aus deren
einem der Bibliothekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn
immer zu treffen mit Anspucken.
    Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der
Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und
wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religisen
schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, da
diese schne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile fr alle
Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrngt in eine Sonne, wie nach den
Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne
sammlen? - Sie war berall Auge fr jedes Herz; wie eine Mutter verga sie nicht
einmal die Kleine ber Groe; - und sie go - keiner streiche mir dieses kleine
Beispiel weg - der kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb
voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.
    Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet,
durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensulen flogen - bis endlich aus dem
verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die
erfreueten jungen Leute in den Garten zum Ansto der Ministerin entfhren
konnte, die ungern Lianen dem Serein, fnf oder sechs Abendwind-Sten und dem
Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb
zurck. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die
Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Tne auf und schmetterten nahe ber
dem Garten - in allen Blttern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse
Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Blten in die Blumen herab und trieb
se Dfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frhling, teilte sein
holdes Schferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner
Schwester, aber er hrte mhsam auf ihre Berichte vom Hause. Liane ging mit der
Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.
    Pltzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen
heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten
von der Grfin Romeiro. Er teilte mit erglhendem Gesicht den Inhalt des
heutigen mit. In Juliennens Physiognomie lchelte fast Neckerei. Auf die
Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: Daran erkenn' ich sie; alles will sie
lernen - alles bereisen. - Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den
Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide. Wie freundlich hrte diese
zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! Sie kennen sie nicht? fragte sie den
Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; Passez, Monsieur sagte
sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. La
voici! sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen
Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen lie. - - Guter Jngling! es war
ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg,
dir von den Geistern zugeschickt! - Sie ist getroffen, sagte sie zu dem
erschtterten Menschen. Sehr! sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses
widersprechende Sehr nicht; aber Liane sah ihn an; Sehr schn und khn!
(fuhr er fort) aber ich liebe Khnheit an Weibern nicht. - O, das glaubt man
den Mnnern gern, versetzte Julienne; keine feindliche Macht liebt sie an der
andern.
    Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Sttte vorbei, wo
Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen
hatte glnzen und leiden sehen. O er htte hier mit dieser vom
Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhltnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem
nahen stillen Engel niederknien mgen! - Die zarte Julienne merkte, sie habe ein
bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in
ernstem Ton: Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhuschen. - Liane wurde da
geheilt, Graf! Die Fontnen mssen auch springen. -  die Fontnen! sagte
Albano und sah unbeschreiblich-gerhrt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die
im Fltental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Hndchen
voll gepflckter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von
ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; auch die
Kleine denkt noch an den schnen Sonntag in Lilar, sagte Liane. Sie gab der
Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie
wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; - noch mehr! rief sie,
als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie mehr! - wie Kinder
in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.
    Man ging ber eine grne Brcke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des
vorigen Pianofortes stand ein glsernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine
Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentrchen, und
sogleich fuhren drauen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flgeln
gen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Hhe
traten!
    Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glcklich? -
Warum stechen denn durch alle unsre Bndnisse Schmerzen, und warum blutet das
Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwrmt wird? - ber ihnen lag der
stille verwundete Himmel im Verband eines langen weien Gewlkes - die
Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben
wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten ber den Himmel hin - und
wenn man sich umkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumenbhl, so liefen grne
Lebens-Flammen hinauf, und wie goldne Vgel hpften die Irrlichter durch die
feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontnen warfen noch ihr
weies Silber in das Gold. - -
    Da schwamm die Sonne mit roter heier Brust, goldne Kreise in den Wolken
ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell.... Julienne sah
Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als
ob es ihr Bruder wre, und Karl sagte zu Liane: Schwester, dein Abendlied! -
Von Herzen gern, sagte sie; denn sie war recht froh ber die Gelegenheit, sich
mit dem wehmtigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen
Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzckung und die
Augen verschweigen.
    Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg herauf - der Zephyr
des Klanges, die Harmonika, flog wehend ber die Garten-Blten - und die Tne
wiegten sich auf den dnnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die
Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blten - und drben
ruhte die Mutter Sonne lchelnd in einer Aue und sah gro und zrtlich ihre
Menschen an. - Hltst du denn dein Herz, Albano, da es mit seinen Freuden und
Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Tne
wandeln hrst? O wenn der Ton, der im ther vertropft, ihr das frhe Verrinnen
ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenl
vieler zerdrckter Tage entflieen: denkst du daran nicht, Albano? - Wie der
Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden
Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jngling Zesara bckt
sich weit ber das Gelnder und lsset an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf
ein heies Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu khlen und zu
verhllen. - Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt;
Rabette gehrte unter die Menschen, welche dieses tnende Beben sogar physisch
zernagt - so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am
wenigsten gerhrt war, wenn es andere am meisten waren -; die Unschuldige war
mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit sen; die bitterse Wehmut,
worein sie in der migen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere
blo fr Verdrielichkeit gescholten. Jetzt fhlte sie auf einmal mit Errten
ihr rstiges Herz wie von heien Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt.
Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der
Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten
Blumenbhler Berg hin und her bewegt. Umsonst kmpften die frischen braunen
Augen und die berreife volle Lippe gegen den aufwhlenden Schmerz, die heien
Quellen rissen sich durch, und das blhende Angesicht mit dem krftigen Kinn
stand errtend voll Trnen. Schmerzlich-verschmt und bange, fr ein Kind
gehalten zu werden, zumal da alle Rhrungen der andern unsichtbar geblieben
waren, drckte sie das Schnupftuch ber das brennende Gesicht und sagte zum
Bruder: Ich mu fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken - und lief
hinab zur sanften Liane.
    Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell
und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabette es sah,
sagte sie mutig: Ich kanns ja nicht hren - ich mu heulen - ich schme mich
wohl recht. - O du liebes Herz, (rief Liane, freudig ihr um den Hals fallend)
schme dich nicht und blick in mein Auge - Schwester, komme zu mir, sooft du
bekmmert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch
eher abtrocknen als meines. - Ein berwltigender Zauber war in diesen
Liebestnen, in diesen Liebesblicken, weil Liane whnte, sie trauere ber
irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens. - Und nie hat die furchtsame
Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette
Lianen.
    Da kam Albano. Vom Austnen des Wiegenliedes erwachend, war er ihr
nachgeeilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu
wischen; wie ist dir, Schwester? fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung
und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: Sie haben eine gute Schwester,
ich will sie lieben wie ihr Bruder. Die sen Worte, die so innig gerhrten
Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin, und er umschlo die
Umarmenden und drckte die verschwisterten Herzen aneinander und kte die
Schwester; als er ber Lianens bestrztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und
blutrot aufflammte. - -
    Er mute entfliehen. Mit diesen wilden Erschtterungen konnt' er nicht vor
Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht
sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie
zornige aussahen, aus der Stadt zur Titanide, zur Natur, die uns zugleich
stillet und erhebet. Er ging vor aufgedeckten Mhlenrdern vorbei, um welche
sich der Strom schumend wand. - Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende
Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas - und der Sturm fuhr unter
sie, und die feurigen Zentimanen standen auf - die Nacht bauete den Triumphbogen
der Milchstrae, und die Riesen zogen finster hindurch. - Und in jedem Elemente
schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flgel.
    Albano lag, ohne es kaum zu wissen, auf der Wald-Brcke Lilars, worunter die
Windstrme durchrauschten. Er glhte, gleich den Wolken, von seiner Sonne nach -
seine innern Flgel waren, wie die des Straues, voll Stacheln und verwundeten
ihn im Erheben - - der romantische Geistertag, der Brief des Vaters, Lianens
Auge voll Trnen, seine Khnheit und seine Wonne und Reue darber und jetzt die
erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschtternd im jungen
Herzen hin und her er berhrte mit der Feuer-Wange die beregneten Gipfel und
khlte sich nicht und war dem tnenden fliegenden Herzen, der Nachtigall, nahe
und hrte sie kaum. - - Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken
und lschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus. - - Auf der Erde und
an dem Himmel, in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine
Gestalt;Liane sagte sein Herz, Liane sagte die ganze Natur.
    Er ging die Brcke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf, das
dmmernde Lilar ruhte vor ihm. - Siehe da sah er den alten frommen Vater auf
dem Gelnder des Bogens eingeschlummert. Aber wie anders war die verehrte
Gestalt, als er sie sich nach der des verstorbnen Frsten vorgemalt! Die unter
dem Qukerhute reichvorwallenden weien Locken, die weiblich und poetisch runde
Stirn, die gebogne Nase und die jugendliche Lippe, die noch nicht im spten
Leben einwelkte, und das Kindliche des sanften Gesichts verkndigten ein Herz,
das in der Dmmerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt. Wie einsam ist
der heilige Schlaf! Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die
finster berbauete Einsiedelei gefhrt, seine Freunde stehen drauen neben der
Klause; drinnen redet der Einsiedler mit sich, und sein Dunkel wird immer
heller, und Edelsteine und Auen und ganze Frhlingstage entglimmen endlich - und
alles ist hell und weit! - Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele,
die das Leben und seine Rtsel anschauet - - nicht nur der Ein- und Ausgang des
Lebens ist vielfach berschleiert, auch die kurze Bahn selber; wie um gyptische
Tempel, so liegen Sphinxe um den grten Tempel, und anders als bei der Sphinx
lset das Rtsel nur der, welcher stirbt. -
    Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten, die mit
ihm ber die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren, und redete mit schwerer Lippe
den toten Frsten und seine Gattin an. Wie erhaben hing der mit einem langen
Leben bermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden
Schferwelt der Jugend nieder, und wie rhrend wandelte die graue Gestalt mit
dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn fr
Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne! - Nur die Locke des Greises rhrte
der Jngling liebend-schonend an; er wollte ihn - um ihn nicht mit einer fremden
Gestalt zu erschrecken - verlassen, ehe der aufgehende Mond seine Augenlider
weckend berhrte. Nur wollt' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den
Zweigen eines nahen Lorbeerbumchens bekrnzen. Als er davon zurckkam: drang
schon der Mond mit seinem Glanze durch die groen Augenlider; und der Greis
schlug sie auf vor dem erhabnen Jngling, der mit dem glhenden Rosenmond seines
Angesichts, vom Monde verklret, vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand.
Justus! (rief der Alte)bist du es? Er hielt ihn fr den alten Frsten, der
eben mit blhenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm
gegangen war.
    Aber er kam bald aus dem trumerischen Elysium ins botanische zurck und
wute sogar Albanos Namen. Der Graf fate mit offner Miene seine Hnde und sagte
ihm, wie lange und innig er ihn achte. Spener erwiderte wenig und ruhig, wie
Greise tun, die alles auf der Erde so oft gesehen. Der Glanz des Mondlichts flo
jetzt an der langen Gestalt herab, und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet,
das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lsset. Die fast kalte Stille
der Zge, der junge Gang der langen Gestalt, die ihre Jahre aufrecht trug als
einen Kranz auf dem Haupte, nicht als Brde auf dem Rcken, mehr als Blumen denn
als Frchte, die sonderbare Mischung von vorigem mnnlichen Feuereifer und
weiblicher Zartheit, alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten
des Morgenlandes auf. Dieser breite Strom, der durch die Alpen der Jugend
niederbrausete, zieht jetzt still und eben durch seine Auen; aber werft ihm
Felsen vor, so steht er wieder brausend auf.
    Der Greis sah den jugendlichen Jngling je fter je wrmer an; in unsern
Tagen ist Jugend an Jnglingen eine krperliche und geistige Schnheit zugleich.
Er lud ihn ein, ihn in dieser schnen Nacht in sein stilles Huschen zu
begleiten, welches droben neben der Turmspitze steht, die oben ins Fltental
hereinschauet. Auf den sonderbaren Irrsteigen, die sie jetzt wandelten,
verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt, wie nchtliche fliegende
Silber-Wolken baueten sich die dmmernden Schnheiten in immer andere Reihen
durcheinander, und zuweilen drangen beide durch auslndische Gewchse mit
grellfrbigen Blten und wunderlichen Dften. Der fromme Vater fragt' ihm
teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab.
    Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde. Spener fate freundlich
Albanos rechte Hand und sagte, dieser fhre zu seiner Bergwohnung hinauf. Aber
bald schien es hinabzugehen. Der Strom des Tales, die Rosana, klang noch herein,
aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete, mit
Zweigen bersponnene Bergffnungen durch. Die Hhlung sank weiter nieder - noch
ferner rauschte das Wasser im Tale. - Und doch sang eine Nachtigall immer nhere
Lieder - Albano schwieg gefasset. berall gingen sie vor engen Pforten des
Glanzes vorbei, den blo ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien. - Sie
stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab, aus hellroten und
giftigen dunkeln Blumen, aus kleinen Zackenblttern und groem breiten Laube
zugleich gewlbt, und ein verwirrendes weies Licht, halb von hereinschumenden
Strahlen lebendig verspritzt und halb aus Lilien nur als weier Staub
angeflogen, zog das Auge in einen trunknen Schwindel - Zesara trat geblendet
hinein, und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah, fand er Speners
Auge scharf links geheftet - er blickte hin und sah im Vorbereilen einen alten
Mann, ganz dem verstorbnen Frsten hnlich, in eine Nebenhhle schreiten - seine
Hand zuckte erschrocken, Speners seine auch - dieser drang eilig weiter hinab -
und endlich glnzte eine blaue gestirnte ffnung - sie traten hinaus.....
    Himmel! ein neues Sternengewlbe - eine blasse Sonne zieht durch die Sterne,
und sie schwimmen ihr spielend nach - unten ruht eine entzckte Erde voll
Schimmer und Blumen, ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und
beugen sich herber nach dem Sirius - und durch das unbekannte Land wandeln
Entzckungen wie Trume, worber der Mensch vor Freude weint.
    Was ist das? Bin ich in oder ber der Erde? (sagte Albano erstaunt und
flchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen) - ich
sah einen Toten. - - Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis: Das ist
Lilar, hinter uns ist mein Huschen. Er erklrte den mechanischen Schein110 des
Hinabsteigens. Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und ergtzte mich
herzinniglich an den Werken Gottes. - Wie sah die Gestalt aus, mein Sohn? -
Wie der tote Frst, sagte Alban. Betroffen, aber fast gebietend sagte Spener
leise: Schweig wie ich bis zu seiner Zeit - er wars nicht - dein Heil und
vieler Heil hngen daran - gehe heute nicht mehr durch den Gang.
    Albano, durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrstet, sagte: Gut, so
geh' ich durch den Tartarus zurck. Aber was bedeutet das Geister-Wesen, was
mich berall verfolgt? - Du hast (sagte der Alte, ihm liebend und erquickend
auf die Stirn die Finger legend) lauter unsichtbare Freunde um dich - und
verlasse dich berall auf Gott. Es sagen so viele Christen, Gott sei nahe oder
ferne, seine Weisheit und seine Gte erscheine ganz absonderlich in einem
Saeculo oder in einem andern - das ist ja eitel Trug - ist er nicht die
unvernderliche ewige Liebe, und er liebt und segnet uns in der einen Stunde
nicht anders als in der andern? Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine
Erdfinsternis nennen sollten, so wird nur der Mensch verfinstert, nie der
Unendliche; aber wir gleichen dem Volke, das der Verfinsterung der Sonne im
Wasser zusieht und dann, wenn dieses zittert, ausruft: seht, wie die liebe Sonne
kmpft!
    Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten
Mannes nur beklommen, weil in der heien Asche seines Vulkans alles ppiger
trieb und grnte. Spener zeigte von seinem Bergrcken hinber auf das sogenannte
Donnerhuschen 111 und riet ihm, es diesen Sommer zu bewohnen. Albano schied
endlich, aber sein bewegtes Herz war ein Meer, in welchem die Morgensonne
glhend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter
taucht und das glnzend schwillt unter dem Sturm. Er sah aus der Tiefe nach dem
nachblickenden Greise hinauf; aber er htte sich heut kaum gewundert, wenn
dieser versunken oder aufgestiegen wre. In zornig-mutigen Entschlssen, fr
seine Liebe, wornach kalte Hnde griffen, mit seinem Leben zu brgen und zu
opfern, schritt er durch den vom Vergrerungsspiegel der Nacht zum schwarzen
Riesen-Tro aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht; so ist die Geisterwelt nur
ein Weltteil unserer innern, und das Ich frchtet nur das Ich. Da er vor dem
Altare des Herzens in der stummen Nacht, wo nichts laut war als der Gedanke,
stand, so riet ihm der khne Geist einige Male, den alten Toten zu rufen und
laut zu schwren bei seinem Herzen voll Staub; - aber als er zum schnen Himmel
aufsah, wurde sein. Herz geheiligt, und es betete nur: O guter Gott, gib mir
Liane! -
    Es wurde finster, die Wolken, die er fr glnzende, in den Himmel
herbergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen, hatten den Mond erreicht und
dster berzogen.

                            Dreizehnte Jobelperiode


Roquairols Liebe - Philippica gegen die Liebhaber - die Gemlde - Albano Albani
             - das harmonische tte--tte - die Blumenbhler Reise


                                   60. Zykel

Aus den Tropfen, welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte,
bereitet der alte Zauberer, das Schicksal, wie andere Zauberer aus Blut,
vielleicht finstere Gestalten; denn Roquairol hatte es gesehen und sich ber das
Gefhl eines Herzens verwundert, das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung
gesetzt hatten. Nun trat er ihr mit Anteil nher. Er hatte seit der Nacht des
Schwurs sein Herz aus allen unwrdigen Ketten gezogen. In dieser Freiheit des
Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnschtiger
nach edler Liebe aus. Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhrlich; aber er
hielt noch an sich. Rabette war ihm nicht schn genug neben der zarten
Schwester, eine Bandrose neben einer von van der Ruysch; sie sagte selber naiv,
sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weien Linon wie brauner Tee in weien Tassen
aus. Aber in ihren gesunden, noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten
Augen und auf den frischen Lippen glhte Leben, ihr krftiges Kinn und ihre
gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft, und ihr aufrichtiges Herz
ergriff und verstie entschieden und heftig. Er beschlo, sie zu - prfen. Der
Talmud112 verbietet, nach dem Preis einer Sache zu fragen, wenn man sie nicht
kaufen will; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter. Sie reien
eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei, um aus ihr den Honig zu essen, den sie
sammlen will. Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit, zu entschlpfen,
sondern auch die Kraft, den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen.
    Er lie nun vor ihr alle blendenden Krfte seines vielgestaltigen Wesens
spielen - das Gefhl seiner berlegenheit lie ihn sich frei und schn bewegen,
und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen - er kettete den Ernst an
den Scherz, die Glut an den Glanz, das Grte ans Kleinste so frei und die Kraft
an die Milde. - Unglckliche! nun bist du sein; und er trgt dich von deinem
festen Boden mit Raubschwingen in die Lfte, und dann wirft er dich herab. Wie
ein Gewchs am Gewitterableiter wirst du deine Krfte reich an ihm entfalten und
hinaufgrnen; aber er wird den Blitz auf sich und deine Blten ziehen und dich
entblttern und zerschlagen.
    Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht, geschweige gesehen; er
drang gewaltsam in ihr gesundes Herz, und eine neue Welt folgte ihm nach. Durch
Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch hher auf; und beide konnten
von ihren Brdern in freundlichem Wechsel sprechen. Die gute Liane suchte der
Freundin mancherlei beizubringen, was sich schwer festsetzen wollte, besonders
die Mythologie, welche ihr durch die franzsische Aussprache der Gtter noch
unbrauchbarer wurde. Sogar mit Bchern suchte Liane sie zusammenzubringen, so
da Lektre ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde, dem sie mit wahrer
Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergtzte. Durch alle diese
Schpfrder der Erkenntnis strmte Roquairols Liebe hindurch und half treiben
und schpfen. - Wie viele Errtungen flogen jetzt ohne allen Anla ber ihr
ganzes Gesicht! Das Lachen, womit sie sonst heiter war, kam jetzt zu oft und
bedeutete nur ein unbeholfnes Herz, das seufzen will.
    So stand ihr Verhltnis, als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr
die Augen mit einer Hand verdeckte, um ihr unter der Maske der brderlichen
Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben. Sie verwechselte die hnliche
Stimme, sie drckte inbrnstig die Hand, aber ihr Auge war hei und na. Da fand
sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenrte ihres Angesichts
aus dem Zimmer. Jetzt schaute er Lianen, die ihn darber tadelte, nher ins
Auge, und auch ihres hatte geweint. Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der
verschwisterten Rhrung verhehlen; aber das fremde Nein war fr ihn von jeher
ein Hlfswort, ein Rckenwind, der ihn in den Hafen brachte. Liane wurde immer
bewegter, endlich erzhlte sie, da Rabettens Berichte von Albanos
Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und da sie ihr die
Sterbe-Nacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe.
Und da weinte sie (sagte Liane) mit mir so herzlich, als wenn sie deine
Schwester wre. - O es ist ein liebes Herz! Karl sah beide wie zwei Auen
miteinander verbunden, nmlich durch den Regenbogen, der auf beiden mit Tropfen
aufsteht; er zog sie mit dankender Liebe an die Brust. Bist du denn glcklich?
fragte Liane mit einem Ton, der etwas Trbes weissagt.
    Sie mute ihr volles Herz aufschlieen und ihm alles sagen staunend hret
er, da ihr die ganze Tartarus-Nacht, worin die unbekannte Stimme Linda de
Romeiro seinem Freunde zugesprochen, bekannt geworden. Durch wen? - Sie schwieg
unerbittlich; er beruhigte sich, weil es doch nur Augusti sein konnte, der
allein es wute. Und nun glaubst du, du Herz vom Himmel, (sagt' er) ich und
mein Seelenbruder knnten uns je raubend entzweien? O, es ist all' anders, all'
anders! - Er verflucht die Aftergeister und den Zweck der fferei - o er liebt
mich; und mein Herz wird am Tage glcklich sein, wo es seines wird. Der
vielfache rhrende Sinn dieser letzten Worte lste ihn in eine heilige Wehmut
auf.
    Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergieung wie aus Frmmigkeit
der Geister an und sagte: Sprich nicht so von Geister-Erscheinungen! Sie sind,
das wei ich. - Nur nicht zu frchten braucht man sie. - Sie hielt aber hier
mit fester Hand den Schleier ber ihren Erfahrungen fest; auch wut' er lngst,
da sie, ungeachtet ihres fast zuckend-weichen Gefhls, das sogar den Anblick
der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine Wunde scheuete, doch vor Toten und
in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien.
    Hinter den Wellen so verschiedener Art, die jetzt sein Herz aufund
abtrieben, war Rabette verdunkelt. Er brannte nun blo nach der Stunde, wo er
seinem Albano die sonderbare Verrterei des Lektors sagen konnte.

                                   61. Zykel


Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verrterei
entdeckte: war Albano fast ganz mit dem Lehrerpaar in Zwist. In einem Kreise
voll Jnglingsherzen, die fr einander schlagen und noch lieber fechten, fassen
immer zwei unzerreilich ineinander und werden eins auf fremde Kosten.
    Albano schied sich keck von jedem, dem Karl mifiel. Schoppe wurde ohnehin
von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die
Blumenketten halten besser, denken sie, wenn Galeerenketten durch sie laufen. Er
litt es daher nicht, wenn einer mit zu enger Liebe sich so fest um ihn
klammerte, da er die Arme so wenig freibehielte, als trag' er sie in Bandagen
von 80 Kpfen. Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkltete durch
den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene
Gesicht des Lektors, der eben darum alles schrfer ins stille Auge fate.
    Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; nmlich seine
Intoleranz gegen die weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase, wie er sagte,
gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen bertreibungen, durch
welche der Mensch ins kurze Leben eine noch krzere Freude einwebt. Einst ging
Karl wie auf einer Bhne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf
und ab und sagte zufllig, da es der Titular-Bibliothekar vernahm: ich wurde
noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend. Weiter sagt' er
nichts; aber man schtte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine
Kanne voll Waldameisen auf einmal ber die bibliothekarische Haut und beobachte
flchtig die Wirkungen des Stechens, Kneipens, Beiens: so kann man sich doch
einigermaen vorstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die
obige Phrasis vernahm. Herr Hauptmann, (fing er tief-einatmend an) ich halte
viel auf dieser rostigen Tlpel-Erde aus, Hungersnot - Pestilenz - Hfe - den
Stein - und die Narren von Pol zu Pol - aber Ihre Phrasis bersteigt meine
Schultern.
    O Herr Hauptmann, Sie drfen - ganz gewi - die Redensart mit Fug
gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o
Teufel! ich hre ja 30 000 Jnglinge und Mdchen von Leihbibliothek zu
Leihbibliothek alle mit aufgeblhter Brust rings umher sagen und klagen, es
fasse sie niemand, weder der Grovater noch die Paten noch der Konrektor, da
doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint
damit blo ein Mdchen und das Mdchen einen Jungen; diese knnen einander
fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte
zubereiten; man scher' ihr, wie dem Bren in Gttingen, das tierische Haar ab,
kein Blumenbach kennt sie mehr.
    Herr v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen blo aus
Niedrigkeit wohl fters mit den englischen Pferdeschwnzen verglichen, die auch
immer gen Himmel stehen, blo weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man
nicht toll werden, wenn man alle Tage hret und alle Tage lieset, wie die
gemeinsten Seelen, die Leberreime und Trompeterstckchen der Natur, sich durch
die Liebe ber alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angeschnallten
Schweinsblasen fliegen; - wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der
Liebe, in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg, und wie sie auf
diesem Finkenherd in dieser theatralischen Anziehstube - die dann das Gegenteil
wird - ihr Wesen treiben, bis sie kopuliert sind? Dann ists vorbei, Phantasien
und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich wren, sind geholt! Sie laufen
von ihnen weg wie Luse von Toten, ob diesen gleich die Haare dazu fortsprieen.
Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sie Witwer und Witwen, so machen
sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und
die spanische Wand der zweiten Welt. - So etwas, Herr Hauptmann, bringt nun auf,
und dann mu in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie
leider hren. - -
    Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem
Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Liebe mit satirischer
Galle auslschte.
    In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem
andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist, der ihm widriger
war als jeder bse; - die Eleganz des guten Hofmanus - sein Anstand, selber in
der Einsamkeit - seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als
die groen - seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben -
sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt -
und seine Klte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von
ihm aufgespannt, so aus, da es einrunzelte und rissig wurde. Solche
Unhnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus;
aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Waffenstck nach dem andern an,
bis er hartgepanzert dasteht und losschlgt.
    Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der
Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete
und weil er ihm den Jngling zu verdrehen schien. Die sonst gerade aufsteigende
Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten
gebogen und glhte wie Ltfeuer schrfer; aber diese Schrfe schrieb Augusti dem
Freunde zu. Albano erschien, denen, die er liebte, wrmer, denen, die er ertrug,
klter, als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt;
aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl.
    Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimtigkeit, dem Grafen eine gute
Karte von den Flecken zuzuspielen, die im Himmelskrper dieses Jupiter ausgeset
waren. Aber er zerri jede Karte - Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener
Nacht lschten alle fremde Nachtrge aus - und Albanos herrlicher Glaube, man
msse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einflu ab. O
es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch fr den Altar der Freundschaft und
Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und - erblickt; und es ist eine
zu harte, worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im
Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt! -
    Da der Lektor berall sah, da Alban ber manche seiner Rgen an Karl, z.B.
dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem
Tadel gemeinet zu sein glauben konnte, wie die Franzosen (nach Thickne) das Lob
eines Fremden an Einheimische richten: so griff er statt der hnlichkeit eine
vollendete Unhnlichkeit des Hauptmanns an, seinen Leichtsinn gegen das
Geschlecht. - Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl
der hhere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers
schwrzt. Augusti nhrte ber die Liebe ziemlich die Grundstze der groen Welt,
die er blo aus Ehre nie in Taten ausprgte, und gab nur den Erde-nahen
Wolkenhimmel der Liebe zu; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder
Freudenhimmel derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Augusti sprach nach
der Sitte der groen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen,
als speis' er in einem - Brunnensaal; Karl sprach mdchenhaft. Das jungfruliche
Ohr Albanos - das leicht in guten Visitenzimmern abfllt, und das in
Studierstuben festsitzt - vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, da sich
eine zynische Zunge oft bei den enthaltsamsten Menschen, z.B. bei unsern
possenreienden Vorfahren, und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte
- beides mute den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln.
    So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvgel auf. Beide standen oft nahe an
vlliger Trennung und Ausforderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich
vor irgend etwas zu frchten, und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit
heiem.
    Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwohl mit aller Zartheit
der Freundschaft, Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. - Der sonst
verschwiegene Lektor mu nhere Vorteile durch sein Plaudern suchen, schlo
Albano, und nun sog sich die Krte der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt
und wchst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang, in seinem warmen Herzen fest.
Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eiferschtigste. Gott wei, ob er nicht
der Maschinendirektor der mit so vielen Rdern ineinander gehenden Geisterszenen
ist. Alles das sind Albanos verhllte Schlsse; offne Anklagen waren seinem
Ehrgefhl versagt. Aber sein warmes, sich immer aussprechendes Herz forderte
eine wrmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte
und nach Lilar ins Donnerhuschen zog - mitten unter die Blumen und Gipfel, um,
nher am Herzen der Natur gelagert, schner zu trumen und zu genesen.
    Nur eine warme sonnen-helle Stelle war fr ihn in Karls historischem
Gemlde: es war die Hoffnung nmlich, da vielleicht blo die Irrtmer ber sein
Verhltnis zur Grfin, aus denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige
immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben. Auf diese sonnige
Stelle warf Rabette ein Billet, worin sie ihm schrieb, sie reise Sonnabends zu
ihren Eltern zurck, weil der Minister komme. Jene Hoffnung - diese Nachricht -
die knftig ungnstigern Umgebungen - sein Ziehen nach Lilar, das alles
entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reien und darin
vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer.

                                   62. Zykel


Sonderbar durchschnitten sich die Zuflle an dem Tage, wo Albano ins
ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten - und von Lianen, sagte in
ihm eine zitternde Stimme - kam. Rabette winkt' ihn aus dem Fenster in ihr
Zimmer. Sie hatte die Ikarusflgel ihres Anzugs in die Ksten zusammengelegt.
ber ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her; Karl hatte das
Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wrme aufgehoben und es durch kein Wort
der Belohnung wieder hergestellt. Gleich den Tauben flattert sie um das hohe
Schadenfeuer; o mge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und
wiederkommen und endlich darin zerfallen! - Sie sagte, sie sehne sich zu den
Ihrigen, seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen. Sie
begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter, um der Einweihung der Kirche und
der Beisetzung des Frstenpaares beizuwohnen. Er bat sie so schnell und hastig,
ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten, da er
ihre schne Nachricht von Lianens Zurckbleiben und Aufenthalt bei ihr gar nicht
hrte.
    Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemlde, der wie
die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes, sondern auch das Ende seines
Herbstes mit Giftblumen113 machte, Herrn v. Bouverot. Dian hatt' ihm vier
himmlische Kopien aus Rom gesandt; diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf.
Liane empfing den Grafen wieder wie immer. War etwan Raffaels Madonna della
Sedia, in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt,
die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses? Der alles vergessende
Knstlereifer lie ihr so hold! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen
gleichsam weiche Fhlfden geworden, die sich eng um schne Formen schlossen.
Gewisse weibliche Bilder - wie dieses - regten ihre ganze Seele auf. Sie hatte
nmlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und berall von
ungesehenen Weibern glnzende Sternbilder in ihren innern Himmel hingezeichnet,
groe Ideen von ihrem Mute, ihrem himmlischen Wandel, ihrer Erhabenheit ber
alles, was sie je gesehen, und sie hatte gleichviel Scheu und Sehnsucht
empfunden, einer zu begegnen. Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphum
ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-Achtung
reinen Freundinnen und der Grfin Romeiro entgegen. Gewisse Gemlde fhrten nun
diese Altarbltter wie Kopien zurck. Die Gute dachte nicht daran, aber wohl ihr
Freund, da man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen blo lebendig zu
regen und diese Lippen blo mit Lauten zu erwrmen brauche - dann hatte man
Liane.
    Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph, der den Brdern
einen Traum erzhlt, und den ltern Joseph, der dem Knig einen erklrt,
nebeneinander und fing an, die drei Raffaele in Worte zu bersetzen, und das mit
so vielem Glck und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und
Genialische, sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes
menschlichen und moralischen Zugs, da - Alban ihn fr einen Heuchler hielt und
Liane fr einen sehr guten Menschen. Sie ergriff jedes Wort mit einem weit
offnen Herzen. Als Bouverot den weissagenden Joseph malte, zugleich als
kindlich, unbefangen, still und felsenfest und glhend und drohend: so stand das
Urbild an ihrer Seite.
    Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes ber da Vincis
Christus-Knaben im Tempel, ber die herrlich vollfhrte Verbrderung und
Einkindschaft des Knaben und Jnglings in einem Gesicht. - - Liane hatte die
Kopie auch kopiert, allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden. -
    Aber endlich strte Franziskus Albani mit seiner Ruhe auf der Flucht die
bisherige Ruhe. Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Trume machte und
Rabette scharf auf dem mit dem offnen Buche neben Marie sitzenden heiligen
Joseph dieses Bildes haftete, sagte Liane unglcklicherweise: Ein schner
Albani! -,Ich dchte nicht, (sagte Rabette leise) der Bruder ist viel
schner als dieser betende Joseph! - Sie hatte Albani mit Albano vermengt, ihre
ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch, dessen Lieder sie mit goldnen
roten Heiligen auseinandersperrte. Die andern verstanden nichts - sie kannten
ihn nur als Grafen von Zesara -, aber Liane warf auf Rabette serrtend einen
zrtlich strafenden Blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemlde nher
an. Nie hatte in Albano in welchem sich die strksten und die zrtesten Gefhle
paarten, wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser macht-die
bitterse Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamrte wrmer gearbeitet, und
er htte vor dem Mdchen zugleich knien und doch schweigen mgen.
    Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Mnnern mit einer Miene voll
Sieg,er habe doch noch etwas in der Tasche, was es mit den Raffaels aufnehme;
und er bitte sie, ins Nebenzimmer zu folgen. Unterwegs merkt' er an, wenige
Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgefhrt. Im
Zimmer packt' er einen erzenen kleinen Satyr aus, gegen den sich eine eingeholte
Nymphe wehrt. Gttlich, (sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden,
um den Rost nicht abzugreifen) gttlich! Ich setze den Satyr an den Christus!
Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen migen Begriff, als dieser
auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne
Rangstreitigkeiten setzen sah.
    Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt' er sich ab und wunderte sich, da
der Lektor blieb. Ihm scheint unbekannt zu sein, da die Malerei wie die
Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Gtter und Gottesdienst bezogen, da
sie aber spter, als sie hher heranwuchsen, aus diesem engen Kirchhof
herausschreiten muten, wie eine Kapelle ursprnglich eine Kirche mit
Kirchenmusik war, bis man beides weg lie und die reine Musik behielt. Bouverot
hatte die Achtung fr reine Form in so hohem Grade, da ihm nicht nur der
schmutzigste, unsittlichste Stoff, sondern sogar auch der frmmste, andchtigste
nicht den Genu verunreinigte; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben,
zu glhen und zu gefrieren, ohne sich zu ndern.
    Albano hatte die Mdchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte
zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem. Er kam mit
vollern Rosen auf den Wangen, als um ihn glhten, zu einer Grasbank, wo Liane
neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern
und seitwrts geneigtem Haupte ruhte - sanft in die Ernte des Abends versunken -
sonnenrot bergossen vom Schirme - im weien Kleide - mit einem dnnen schwarzen
Kreuzchen auf der zarten Brust - und mit einer vollen Rose; sie blickte unsern
Geliebten so unbefangen an, ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine
sorglose Liebe! Sie sagte ihm, wie sie sich freue auf seinen Jugend-Ort und auf
das Landleben und wie Rabette sie berall hinfhren werde - und besonders auf
die Einweihungsrede, die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spener halte. Sie sprach
sich ins Feuer durch das Gemlde, wie die groe Brust des Greises der Klage- und
der Siegsgesang ber dem Aschengehuse des frstlichen Freundes gro bewegen
werde.
    Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute, die sie dem Bruder mit
ihr geben wollte. Sie bat sie aufgeweckt, ihr noch einmal auf der Harmonika
vorzuspielen. Albano pflckte sich bei diesem Antrage einen migen Strau von -
Baumlaub. Liane sah sie warnend an, gleichsam als wolle sie sagen: ich verderbe
dir wieder deine Munterkeit. Aber sie blieb dabei. Albano berflog bei dem
Eintritte ins Wasserhuschen ein leichtes Errten ber die letzte Vergangenheit
und nchste Zukunft.
    Liane machte eilig die Harmonika auf, aber das Wasser, das Kolophonium der
Glocken, fehlte. Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen fllen, um -
beide allein zu lassen; aber der Graf kam ihr aus mnnlicher Unbehlflichkeit,
in eine List schnell einzugreifen, hflich zuvor und holte es selber. Kaum hatte
endlich das liebliche gefllige Wesen seufzend die zarten Hnde auf die braunen
Glocken gelegt: als Rabette ihr sagte, sie wolle in die Allee hinunter, um zu
hren, wie es sich von weitem anhre. Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich
einer zu schnellen und groen Lust fuhr sein Herz auf, er hrte den Siegeswagen
der Liebe von ferne rollen, und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins
Leben. Die glubige Liane hielt das Entfernen fr einen Schleier, den Rabette
ber das in den Tnen s brechende Auge werfen wolle, und zog sogleich die
Hnde von den Glocken; aber Rabette kte sie bittend, drckte ihr die Hnde
selber darauf und lief hinab. Das treue Herz! sagte Liane, aber das arglose
helle Vertrauen auf die Freundin rhrte ihn, und er konnte nicht Ja sagen.
    Wenn in den Fluren Persiens ein Glcklicher, der auf der ppigen Aue tief
unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief, vor dem ersten Abendrufe der
Nachtigall selig die Augen aufschlgt in die laue stille Welt und in die bunte
Dmmerung, durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glhend flieen: so
gleicht der Selige dem Jngling Albano im magischen Zimmer - die Jalousiefenster
streueten gebrochne Lichter, grne zitternde Schatten aus, und es dmmerte
heilig wie in Hainen um Tempel nur tnende Bienchen flogen aus der lauten fernen
Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getse - einige scharfe
Sonnenstreife, gleichsam Blitze vor Schlafenden, wurden romantisch neben der
Rose hin- und hergeweht - und in dieser trumerischen Grotte mitten im
rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das
Schattenwesen eines Spiegels gestrt. -
    In diesen Zauber lie sie die Tne wie Nachtigallen aus ihren Hnden fliegen
- die Tne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller, bald matter
zugetrieben - er stand vor ihr mit gefalteten Hnden wie betend und ruhte mit
tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt. - Einmal hob sie das
heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf, aber sie schlug es schnell vor dem
Sonnenblick des seinigen nieder.
    Nun deckten die groen Augenlider unbeweglich die sen Blicke zu und gaben
ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit - sie schien eine weie Maiblume
auf winterlichem Boden, die das Bltenglckchen senkt - sie war eine sterbende
Heilige in der Andacht der Harmonie, die sie mehr hrte als machte - nur die
rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens, als eine letzte
Rose mit, die den eilenden Engel schmckt o konnt'er dieses Beten der Tonkunst
stren mit seinem Wort? -
    Mit immer engern Kreisen faten ihn die magnetischen Wirbel der Tne und der
Liebe an. - Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der
stechenden Sonne sein Herz aufleckte - und da die Blitze der Leidenschaft ber
sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Hhlen der
Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick
zusammenfate: so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen, und
sie blickte heiter auf, um sie fallen zu lassen - da ri Albano die Hand aus den
Tnen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht:  Gott, Liane!
-
    Sie zitterte, sie errtete, sie sah ihn an und wute nicht, da sie
fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte. - Nein, Albano, nein! sagte
sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhllte sich - erschrak ber den
Stillstand der Tne - und ermannte sich und lie sie wieder langsam strmen und
sagte mit zitternder Stimme:,Sie sind ein edler Mensch - Sie sind wie mein
Karl, aber ebenso heftig. - Nur eine Bitte! - Ich verlasse die Stadt eine
Zeitlang.....
    Sein Erschrecken darber wurde Entzckung, als sie den Ort bestimmte, sein
Blumenbhl. Sie fuhr mhsam fort vor dem Erfreueten - ihre Hand lag oft lange
auf der Dissonanz im Vergessen der Auflsung - - ihre Augen schimmerten
feuchter, ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende: Sein Sie meinem
Bruder, der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen, o sein Sie ihm alles!
Meine Mutter erkennt Ihren Einflu - Ziehen Sie ihn - ich sag' es heraus -
besonders vom hohen Spiele ab!
    Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern, als Rabette mit der fast
unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte, da die Mutter komme.
Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen. Albano trennte sich mit
abgebrochnen Reise-Wnschen von dem Paare und verga im Sturm, Rabettens Bitte
um Besuche zu bejahen. Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brderlichen
Scheiden zu.
    Indem er durch die Flle der Jahrs-Zeit eilte, dacht' er an die reiche
Zukunft, an Lianens Stammeln und Verhllen: brauchen nicht schne weibliche
Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flgel zum Erheben, aber vier
zum Verhllen? - Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen, aber berall
leuchtete es auf seiner weiten Flche, und Funken tropften vom Ruder.

                                   63. Zykel


Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein
trbes Gewlke. Denn Liane ging dem Jngling in so langen dichten Schleiern
dahin. Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen
Herzen auf- das ist offenbar. Bis hieher bogen mancherlei Zuflle einige Blumen,
die Liane verhllend ber das Herz gezogen, wie die Erdstockwerke in Stdten
durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren, von der dunkelsten
Ecke des Hintergrundes weg, in der etwan die Rckseite eines Brustbildes hing,
das umgedreht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hngt das Bild mit dem
Gesichte gegen die Wand. - Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor: der
geschickte Steinmetz tut tausend Schlge, ohne da der parische Block nur in die
Linie eines Sprunges reie; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die
Form, die der geschickte Steinmetz so lange hmmernd verfolgte.
    Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbhl
abreisen wollten, um das Begraben und Einweihen anzusehen, kam der Hauptmann
nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten fr Lianen zwar
nicht die Flgel , aber doch die Flgeldecken machen und aus dreifachem
Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen-, sondern auch voll Angst
zum Grafen.... Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die
Begebnisse selten so vielfach motiviert als hufig in der wirklichen? ...
    Seine Angst war blo die, da sein Vater frher anfahre als seine Mutter ab
- denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags,
Dienstags (sptestens am Sonnabend) anlangen; allein dies konnte - da Froulay
gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen lie - noch
gewisser drohen, da er - weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu frh
blo in der Hoffnung ausschlug und kam, seine Leute ber irgend etwas recht
Hlichem zu ertappen - in jeder Minute zum Hoftore hereinjage. Kam er angejagt,
an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in den
Wagen hob und die Mutter schon darin sa: so war so viel durch tausend Schlsse
aus der Observanz gewi, da beide wieder hinauf muten in die Zimmer - da er
alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hie und da er die
Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren l0000 Bitten - wiewohl ihr schon die
zweite auf der Lippe erfrre - freundlich mit ganz spahafter Gleichmut als
einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause wrde ziehen lassen.
Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus - wissen sich kein seres
Labsal, als den Ihrigen die Gartentre irgendeines Arkadiens, wozu sie ihnen
nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schlo zu
werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen
ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so
war ihm das so viel, als komm' er von einer rot und munter nach Hause. -
    Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schnsten Himmel
spazieren - alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgehen, Albano erst
nach der allgemeinen Rckreise, am Montag (seine zarten Rcksichten und fremde
harte entschieden) - und es zog durch das ganze gewlbte Blau kein Nebel als
Karls Besorgnis, die zweite Lokation der Frstenleichen ziehe seinen Vater noch
heute her - - als er pltzlich herausfluchte: dort fahr' er. Er kannt' ihn an
dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden. Eine
Fegfeuer-Lebens-Minute! - Der Wagen fuhr rasch die Strae herab - die
Vorderpferde zogen noch lnger ganz unfrmlich voraus - man wunderte sich -
endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang - das schien ganz unmglich - als
Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar
entdeckte, da blo ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufllig vor dem Wagen
herreite. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der
weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbhler Hhe hinaufziehen, und das
vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurck.

                            Vierzehnte Jobelperiode


                                Albano und Liane


                                   64. Zykel

In unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum,
die wie Engel nie den Leib einer uern Tat annehmen knnen; so viele reiche
gefllte Blumen stehen darin, die keinen Samen tragen, da es ein Glck ist, da
man die Dichtkunst erfunden, die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft
leicht in ihrem limbus aufbewahret. Mit dieser fass' ich, lieber Albano, deinen
herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest fr
die Schneidersche Haut der Welt!
    Am Sonntage bezog er das Donnerhuschen in Lilar. Der Lektor hielt sich mit
der Hoffnung aufrecht, der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses
schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg. Es war ein
schner Morgen vom Tau ganz beregnet - ein frischer Wind wehte von Lilar ber
das blhende Korn - und die Sonne brannte allein in einem khlen Himmel. Auf der
Blumenbhler Strae zog ein Menschengewimmel hinan, und niemand ging lange
allein; auf der Morgenhhe sah' er seinen Freund Karl mit dem gebognen
Federbusch der Sonne entgegensprengen.
    Lilars Lfte flogen Orangenduft-ausatmend entgegen und wehten die Asche weg,
die auf den glhenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand. Er
ging die Brcke hinab, und der frh geputzte Pollux trieb ihm einen
aufgebltterten Truthahn entgegen. Eine Soeur servante des alten Speners kochte
schon eine Stunde lang bei der Chariton, blo um ihn vorbeigehen zu sehen. Diese
lief festlich-geschmckt aus dem Huschen, das sich heiter mit allen Fenstern
dem ganzen Himmel ffnete, ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude
mit der Hauptsache zuerst heraus, es sei nmlich droben im Huschen alles schn
parat, und ob er das Essen hinaufhaben wollte. Sie wollte mitten im Gesprch
Polluxen aus des Grafen - Fingern ziehen, aber er lie ihn zum Kusse aufschweben
und erntete damit jedes Herz, auch das alte hinter der Kchenflamme.
    Indem er nach seinem Huschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging,
fhlt' er unbeschreiblich stark und s, da die holde Jugendzeit unser Welsch-
und Griechenland ist voll Gtter, Tempel und Lust - ach und welches so oft Goten
mit Tatzen durchstreifen und ausleeren. -
    Seine blhende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Hohentreppe, die er mit
Spener bestiegen - einzelne Tages-Streifen brannten sich dem nassen Boden ein
und frbten zerstreuete Zweige feurig und golden. - An der mystischen Laube, wo
vor ihm der tote Frst in der Seitenhhle geschritten war, fand er diese nicht,
sondern nur eine leere Nische. Er trat oben heraus wie aus der Hfte der Erde.
Sein Huschen lag auf dem herumgebognen Bergrcken. Drunten ruhten um ihn die
Elefanten der Erde, die Hgel, und das sich in Blten herrlich blhende Lilar,
und er schauete aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur.
    Inzwischen konnt' er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben, oder neben
der begeisternden olsharfe, oder im Augenkerker, den Bchern; durch Strme und
Wlder und ber Berge zu schweifen verlangte die frische Natur. Das tat er.
    Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebens - wo der Regenbogen der Natur
uns nur zerbrochen und als ein unfrmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint
- zuweilen einige Schpfungstage, wo sie sich in eine schne Gestalt rndet und
zusammenzieht, ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht. Heute
hatte Albano diesen Tag zum erstenmal. Ach es gehen Jahre dahin, und sie bringen
keinen. Indem er so auf dem Bergrcken auf beiden Seiten dahinwandelte, flutete
der Nordost ihm immer voller entgegen - ohne Wind war ihm eine Landschaft eine
steife festgenagelte Wandtapete - und whlte das feste Land zum flssigen um.
Die nahen Bume schttelten sich wie Tauben s-schauernd in seinem Bade, aber
in der Ferne standen die Wlder wie gerstete Heere fest und ihre Gipfel wie
Lanzen. - Majesttisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln, die
Wolken, und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft ber Strme und ber
Berge - im Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain. - Er trat ins
warme Tal hinab, die Weiden schumten, und ihr Same spielte in seiner
Wolken-Flocke, eh' ihn die Erde befestigte - der Schwan dehnte wollstig den
langen Flgel, gepaarte Tauben tzten sich vor Liebe, und berall lagen die
Beete und Zweige voll heier Mutterbrste und Eier. - Wie ein herrlicher blauer
Blumenstrau schillerte in hohen Grsern der Hals des ruhenden Pfaues. - Er trat
unter die Eichen, die mit knotigen Armen den Himmel anfaten und mit knotigen
Wurzeln die Erde. - Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und fra
schumend an Felsenstcken und am morschen Ufer - Nacht und Abend und Tag
verfolgten einander im mystischen Hain. - Er trat in den Flu und ging mit ihm
hinaus vor eine rege warme Ebene voll Drfer und aus ihnen klang der Sonntag und
aus den hrenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Menschen-Steige
hinauf, die Bume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen
festzuwurzeln und wurden nur Schlinge an der tiefen Rinde des ungeheuern
Lebensbaumes. - -
    Die Seele des Jnglings wurde in das heilige Feuer geworfen, wie
Asbestpapier zog er sie ausgelscht und unbeschrieben heraus, ihm war, als wiss'
er nichts, als sei er ein Gedanke, und hier trat ihn auf eine wunderbar neue
Weise das Gefhl an: das ist die Welt, du bist auf der Welt - er war ein Wesen
mit ihr - alles war ein Leben, Wolken und Menschen und Bume. - Er fhlte sich
von unzhligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und
doch fortrinnend im unendlichen Herz.
    Trunken kam er vor seine Wohnung, von welcher sich ihm der kleine Pollux den
Berg herab entgegenrollte, um ihn zum Essen zu rufen. Im Huschen wurde das, was
er meinte, ausgesprochen von der olsharfe am offnen Fenster. Indes das Kind mit
den Fustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vgel aus den Bumen freudig
dareinschrien: so fuhr der Weltgeist durch die ols-Saiten jauchzend und
seufzend, regellos und regelmig, spielend mit den Strmen und sie mit ihm; und
Albano hrte, wie die Strme des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Lnder
- und durch die Blumen- und Eichenadern - und durch die Herzen - um die Erde,
Wolken tragend - und den Strom, der durch die Ewigkeit donnert, go ein Gott aus
unter dem Schleier - -
    Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlchelnden
Mutter. Sogar hier zwischen den vier Wnden zogen ihn noch die Segel fort, die
der groe Morgen aufgeblht. Nichts fiel ihm auf, nichts schien ihm gemein,
nichts fern, die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen
unteilbar mit den Strmen und Strudeln, welche darin gingen. Vor Chariton stand
er wie ein glnzender Gott, und sie htte gern entweder ihn verschleiert oder
sich. Nie war die Menschheit in reinere Formen, die kein Wulst irgendeines
Geburtslandes verkrppelte, gesondert als in diesem Freudenkreise, worin die
Kindheit, die Weiblichkeit und die Mnnlichkeit, von Blumen durchwunden, sich
begegneten und sanft anfaten.
    Chariton sprach immer von Liane, nicht blo aus Liebe zur Fernen, sondern
auch zum Nahen; denn ob sie gleich mit jenen offnen Augen schaute, die mehr
still abzuspiegeln als anzublicken, mehr einzulassen als einzuziehen scheinen,
so war sie doch wie Kinder, Jungfrauen, Landleute und Wilde zugleich
offenherzigwahr und schlau. Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht, weil
berall den Weibern alles leichter zu verdecken ist, sogar der Ha, als sein
Gegenteil. Sie lobte Lianen unendlich, besonders die unvergleichliche Gte, und
ihr Herr habe gesagt, wenige Mnner htten so viel Herz als sie, denn sie sei
oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen. Allerdings war das
auch dem Grafen nicht erklrlich. Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines
geliebten Hauptes; eine Sonne, zum Menschenantlitz besnftigt ergreift weniger
als ein geliebtes, zum Sonnenbild verklrt.
    Sie, immer heier erfreuet durch seine Freude, bot ihm an, ihn in Lianens
Zimmer zu fhren. Ein einfaches Zimmerchen - vom Weinlaube grndmmernd - einige
Bcher von Fenelon und Herder-alte Blumen noch in ihren Wasserglsern - kleine
sinesische Tassen - Juliennens Portrt und ein anderes von einer verstorbenen
Jugendfreundin, welche Karoline hie - ein unbeflecktes Schreibzeug mit
englischem gepreten Papier - - das fand er. Die heiligen Frhlingsstunden der
Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewlke tauend vorber.
    Zufllig berhrte er ein Federmesser, als ihm Chariton Kiele zum Schneiden
brachte, weil man (sagte sie) so viel Not damit htte, seit ihr Herr weg
sei. Denn eine Frau kann leichter jede Feder fhren - sogar die epische und
kantische - als eine schneiden; und hier mu wie in mehr Fllen das strkere
Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen.
    Albano wnschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen; aber dieses
schlug sie - ob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger
geworden - doch entschieden ab, weil es ihr Herr verboten habe. Er bat noch
einmal; aber sie lchelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen
Nein.
    Er vertrumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, auf dessen
Wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte. Wie treten
aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Lnder
heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altare, wo er sie unten
einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiern ther, das
Nachmittagsgelute von Blumenbhl an; und sein Kindheitsleben und die jetzigen
Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er berschauete mit
dunklern Augen das verklrte Land.
    Abends kamen frohe Kirchgnger aus Blumenbhl und priesen das Einweihen und
Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater drben auf dem Bergrcken
stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles
sagen konnte, berzog sein Leben mit einem ihn in prchtigen Regenbogenkreisen
umschimmernden Morgentau. Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der
Ruderleute auf dem Lago maggiore - die Sternbilder ber Blumenbhl glnzten in
das offne Fenster seines Alpenhuschens herber an das zusinkende Auge. - Als
ihn der helle Mond und Fltentne aus dem Tal wieder weckten: glhte das stille
Entzcken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das grere drckte die
Augen wieder zu.

                                   65. Zykel


Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in
weie Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal
(im 23sten Zykel) nachts herwrts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu
sehen. Der ganze blhende Steig war ihm eine rmische Erde, woraus er
schnbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je nher dem Dorfe, desto
breiter wurden die geheiligten Pltze. Er wunderte sich, da die Lmmer und
Hirtenknaben nicht, wie das Gras, lnger aufgeschossen whrend seiner
Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel
seiner Erfahrungen selber verlngert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem
Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge
Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und
selber der Schlohof, sogar die vier Wnde und das Deckengemlde des huslichen
Glcks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel
hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man
vom Klavichord des Lebens mit einem Futritt den Deckel hochlftet, damit das
harmonische Brausen berall vorwalle.
    Wie verschwenderisch wurde im Schlosse sein Herz mit Herzen bedeckt und die
jngste Liebe durch alte bertubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis
zu den hndegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder
behender bewegten! - Er fand alle seine Lieben - Liane ausgenommen - in
Wehrfritzens Museum, weil dieser junges Volk und Diskurse lieb hatte und
allzeit darauf bestand, da man das Frhstck auf seinem Aktentisch aufsetzte,
der, wie er sagte, so gut sei als ein Frhstck-Tisch mit lackierten Fratzen,
die niemand ansehe. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die
Kirchenruberin einer Gttin selber geworden und habe gestern Liane
zurckgefhrt - bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklrte. Die gute
Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migrne ben
mssen. Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stille - die
Augen, die nicht mehr ber die Erde weinten, auf das befreundete Frstenpaar
gesenkt - mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das
wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sah - ruhig und mit
apostolisch ineinander gelegten Hnden allmchtig redend ber den Schmerz und
das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Rhrung
drngend, und doch sie mit erhabener Besnftigung zurckziehend vom hchsten
Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Auge - und nun die Einsegnung der
gepaarten Srge und der Kirche - o in der weichen Liane muten diese Rhrungen
ja zu Leiden arten, und alles, was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr
ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewhnliche Kur, sich still zu
halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter ttige Freude versteckt, um der
fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwohl sich viel zu groe.
    In diese Erzhlung trat sie selber freundlich herein im weien Morgenkleid
mit einem Strau von sinesischen Rschen - ein wenig bla und mde -
trumerisch-weich aufblickend - die Stimme leiser - die Wangenrosen zu Knospen
geschlossen - und wie ein Kind jedes Herz anlchelnd - - du Engel des Himmels,
wer darf dich lieben und belohnen? Sie erblickte den hohen Jngling - - alle
Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches
Morgenrot der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen.
    Sie fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und
entdeckte angelegentlich, da sie alle heute den frommen Vater, fr welchen ihre
Zwerg-Rosen gebunden waren, besuchen wrden. Er nahm gern die vierte Stimme im
Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hngende Garten mit seinen liebsten
Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet! Wie viel Glckliche
bedeckt ein einziges Dach!
    Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschftiger, war
unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Lwen-Wrterin und die maitresse de
plaisirs, welche jeden mtterlichen Grundri einer Lust noch um die Hlfte
breiter machte, und das ganze Wesen war so glcklich! Ach ihr armes reines Herz
wurde ja noch von keinem geliebt, und darum glht es mit den frischen Krften
der ersten Liebe so hell und treu vor einem mchtigen, das zu ihm segnend wie
ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht! -
Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres
Eigentums und ihrer Geschfte das schwer niederhngende Laub verschiebe, das im
Visitenzimmer sich finster ber ihren Wert herzog; sie wurde sogar schner durch
das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weie Draperie
ihrer brnetten Gestalt in den Kleiderschrank zurckgeschickt. Sie gehorchte der
Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er hatte sie gestern
dahingebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an
sich herumzutragen mit heiem Errten ber den ungewohnten Schmuck. Indes
wollt'er mit ihr gleichsam einen recht geschlngelten Blumenweg zum Altare
seines lauten Ja's der Liebe nehmen - das stumme sagt' er hinlnglich -; er
wute, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Muschelwagen der Venus
vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehngt.
    Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flgeldecken und auf
durchsichtigen Flgeln! Der geliebte Albano wurde in alle Vernderungen des
Hauses eingefhrt; die schnste war in seiner Studierstube, welche Rabette in
ihre Putz-, Nh - und Studierstube umgekleidet hatte, die seit gestern wieder
zum Gast- und Lesestbchen Lianens geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach
Abend, wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren
Vater und die Geliebte berirdisch erscheinen lassen! In die Scheiben waren von
seiner Knabenhand viele L und R gezogen. Liane fragte, was die R bedeuteten;
Roquairol, sagte er, denn sie fragte nicht nach dem L. Unendlich s flo die
Betrachtung um sein Herz, da doch seine Geliebte in der trumerischen Klause
seines ersten grnen Lebens einige blhende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit
kindlicher Freude, wie sie alles, nmlich das Zimmer, redlich mit Rabetten teile
in ihrer Doppelwirtschaft und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirtin
selber zu ihrem Gaste gemacht.
    Ich habe oft das schne leichte Nomaden-Leben der Mdchen in ihren
arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese
Flugtauben in eine fremde Familie und nhen und lachen und besuchen da mit der
Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man hlt das Kopulierreis fr
einen Familienzweig; - hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und
einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurck. Da wir als
sprdere Materie schwerer mit dem Familien-Gu verschmelzen; da wir unsere
Arbeiten nicht so leicht - weil uns Wagen voll Arbeitsgerte nachfahren mssen -
wie Mdchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen und - anstiften: so
ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil.
    Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidung - da in der Nhe der Geliebten
eine Stunde der Abwesenheit lnger dauert als ein Monat in ihrer Ferne - traten
die reisefertigen Mdchen im schwarzen Schmucke der Brute herein. Wie reizend
stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzen-Saum auf dem
weien Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden
Errtungen! - Und Liane - ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute
alte Direktor mute, als ihn das fromme Angesicht unter dem blo einfach und
nonnenhaft herbergelegten weien Kopfschleier von indischer, mit Goldlahn
besprengter Mousseline kindlich anblickte, seinem Wohlgefallen die Worte geben:
Wie eine Nonne, wie ein Engel! - Sie antwortete: Ich wollte auch einmal eine
werden mit einer Freundin; aber nun nehm' ich den Schleier spter als sie,
setzte sie mit wunderbarem Ton dazu.
    Sie hing heute mit zrtlicher Schwrmerei an Rabette, vielleicht aus siecher
Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil
Rabette durch die Liebe so gut und schn war und weil sie selber nichts war als
Herz. Sie hatte den heiligen Fehler zu schwrmerischer Vorstellungen von ihren
Freundinnen - in welchen die edlern Mdchen leicht fallen und womit blo
Ehefrauen wenig behaftet sind - sonst noch hher getrieben: so konnte sie z.B.
ihre Freundin Karoline, die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen
Spielraum der Freundschaft und der schnen Natur begegnet war, sich anfangs gar
nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Hnden denken, welche die
Nhnadel und Pltte und anderes Gerte des weiblichen Ackers fhrten.
    Wer die zrteste Mitfreude fhlen will, der sehe nicht frohe Kinder an,
sondern die Eltern, die sich ber frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und
rundugige Albine - in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstne dreimal
gestrichen hatte, worunter aber kein stief - und schwiegermtterlicher Miton
vorkam - fter hin und her und segnender als unter diesen - Paaren; denn das
wurden sie nach der mtterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und
Pertubationen dieser Doppelsterne. - Der Vater, der die Kopf-und Ohrenhngerei
des jetzigen jungen Volks gegen die Ehrensprnge seiner Kameraden hielt, wurde
an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines innern Theaters heute
die Rolle eines frohen Jnglings zugeteilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die
derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losbltterte; denn da jedes
Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben mu: so hatt' er -
andere haben den Teufel, den Henker - den genialischen Handwerksgru Lump samt
den Derivativis Lumperei u.s.w. Aber wie noch hinreiender nahm Albano alle
weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine
Frchte fallen lie. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben
zu, als wre nicht Karl lnger in diese Malerschule gegangen. Nein, die Liebe
ist die italienische Schule des Mannes; und der krftigere und hhere ist eben
der hhern Zartheit fhig, wie auf hohen Bumen sich das Obst milder und ser
rndet als auf niedrigen. Nicht an unmnnlichen Charaktern entzckt die Milde,
sondern an mnnlichen; wie nicht an unweiblichen die Kraft, sondern an
weiblichen.
    Der gute Jngling! - So unschuldig lodert dir - indes Karl es allzeit leider
deutlich wute, wenn sein Blick brannte und blitzte - aus den Augen ein
glhendes Herz, das es nicht wei! Mge dein Abend das Samenkorn einer
bltenvollen Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewi, ob er ein Elias-
oder Phaetons-Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm
fllst!

                                   66. Zykel


Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen wie tut unserm Jngling
die Weite des Himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war
mit Blumen und Lichtern behangen. Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange
vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadiens, vor der Wiege, wo er
kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm - und
durch das ihm jetzt nur zu Gebsch gesunkne Birkenwldchen, das er an jenem
goldnen Morgen so breit und lang gefunden - und vorbei vor den stlichen offnen
Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen
lie - und hinter der Bergmauer des Fltentals schickten sie den Wagen zurck.
    Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und
wei schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut - Fluren und Drfer
drngten sich dichter an die fernen niedrigen Gebrge - ein sanfter Wind trieb
die grnen hren-Wogen auf der Ebene umher - an den Hgeln ruhten Schatten unter
den Schwingen weier Wlkchen fest - und hinter den Gipfeln der Anhhe zogen die
Mastbume der Rheinschiffe majesttisch weg.
    Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden
brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zurck; voll Unruhe und Hoffnung
warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden
Hesperus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Frhlingsther schimmerte. Die Gute
schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sie durch ein berall
offnes Laubwldchen am Hgelrcken, der das Fltental umzog, hingingen: sagte
Liane pltzlich zum Grafen, sie hre Flten. Kaum konnt' er sagen, er hre nur
ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete -
ihr Auge in den Himmel heftete - lchelte - und pltzlich sich nach Albano umsah
und rot wurde. Sie redete ihn an: Ich will aufrichtig sein, ich hre jetzt in
mir Musik114 - sehen Sie mir heute meine Schwche und Weichheit nach; es kommt
von gestern. - Ich - Ihnen? sagt' er heftig; denn er, um welchen in
Krankheiten nur brennende Bilder strmten, wurde zur Verehrung eines Wesens
begeistert, zu welchem gleichsam aus einer hhern Welt in seinen Schmerzen wie
goldne Sonnenstrahlen leise Tne reichen, die verhllt durch die rauhe Tiefe
gehen.
    Aber Liane, wie um sein Feuer abzuwenden, kam auf ihre Freundin Karoline und
sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer
vorschwebe. Anfangs sucht' ich sie auf, (sagte Liane) weil sie meiner Linda
glich. Sie war meine Lehrerin, ob sie gleich nur einige Wochen lter war als
ich. Ihr frommer, strenger, unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit, sich
freudig und stumm aufzuopfern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in
den Augen ihrer Mutter verehrungswrdig. Man sah sie niemals weinen, so weich
sie auch war, blo um ihre Mutter immer heiter zu machen. Wir wollten
miteinander den Schleier nehmen, um beisammen zu bleiben; ich wrde nicht alt
werden, sagte sie, und ich mte mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen, aber
auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sie ging selber voran! Die
Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz ber den Tod nahmen sie
dahin. Sie empfing das heilige Nachtmahl, auf das wir uns miteinander
zubereiteten, im Sterben allein. - Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin
ich ihr einst folgen soll. - O, gute, gute Karoline! - Sie weinte unverhohlen
und drckte bewegt Albanos Hand. O ich htte nicht davon anfangen sollen!
    - Dort kommt schon unser Freund; wir wollen recht heiter sein. -
    Sie waren jetzt durch ein hohes Gebsche, das neckend die umherschweifenden
Landschaften auf- und zudeckte, nahe an die ber das Fltental hereinschauende
Turmspitze gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Speners Wohnung lag
und unten in der Ebene das offne Dorf. Spener ging seiner Schlerin - nach
Greisen-Sitte um andere unbekmmert - entgegen, und ein junges Reh lief ihm
nach. Eine schne Stelle! Kleine weie Pfauen - freie Turteltauben - eine
Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora - alles sagte den ruhigen Alten an, dem
nun die ehrende Erde dient und der, gleichgltig gegen sie, nur in Gott lebt. Er
kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz ber
die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine
Enkelin zu sein schien, gleichsam eine zweite Baum-Blte im Sptherbst des
Lebens. Sie steckte ihm tchterlich den Strau der Zwerg-Rschen an die Brust
und gab sehr acht, ob es ihn besonders freue. Sie lchelte ganz heiter, und alle
ihre Trnen schienen verweht; aber sie glich dem beregneten Baum unter der
wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschtterung wirft den alten Regen vom
stillen Laub.
    Der alte Mann erfreuete sich ber die Teilnahme der jungen Leute und blieb
mit ihnen auf der blhenden und lrmenden Anhhe, welche zwischen einer weiten
Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrcken
thronte. Sie lieen ihn, da zu ihm wie zu einem, der im Luftschiff aufsteigt,
die Tne der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten, mehr reden als
hren, wie man Alte schonet.
    Er sprach bald von dem, worin sein Herz atmete und lebte; aber in einer
sonderbaren, halb theologischen, halb franzsischen, Wolffianischen und
poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwrmers Poesie und Philosophie
statt der VerbalRealbersetzungen geben, damit man she, wie die gold-reine
Wahrheit unter allen Hllen glhe. Spener sagt in meiner bersetzung: er habe
sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft und
Liebe gemartert. Er habe, wenn er inbrnstig geliebt wurde, zu sich gesagt, da
er sich selber ja nie so ansehen oder lieben knne; und ebenso knne ja das
geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und wr' es noch so
vollkommen oder so eigenliebig. She jeder den andern an wie er sich: so gb' es
keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an
jedem unauflslichen, deutlich erkannten Fehl; sie hebe ihren Gegenstand aus
allen heraus und ber alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze, ohne allen
Eigennutz, ohne Teilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Das sei ja das gttliche
Wesen, aber nicht der flchtige, sndige, wechselnde Mensch. Daher msse sich
das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Flle
alles Guten und Schnen, in die uneigenntzige, unbegrenzte All-Liebe senken und
darin zergehen und aufleben, selig im Wechsel des Zusammenziehens und
Ausdehnens. Dann sieht es zurck auf die Welt und findet berall Gott und seinen
Widerschein - die Welten sind seine Taten - jeder fromme Mensch ist ein Wort,
ein Blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Gttliche, und ihn
meint das Herz in jedem Herz. - -
    Aber - (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben aller mystischen
Vernichtung widerstrubte) - wie liebt uns denn Gott? - Wie ein Vater sein
Kind, nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht. 115 - Und
woher (fragt' er weiter) kommt denn das Bse im Menschen und der Schmerz? -
Vom Teufel, sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklrter Freude den
Himmel seines Herzens aus, wie es immer umgeben sei vom all-geliebten
All-Liebenden, wie es gar kein Glck und keine Gaben von ihm begehre (die man
nicht einmal in der irdischen Liebe wnsche), sondern nur immer hhere Liebe
gegen ihn selber, und wie es, indem der Abendnebel des Alters immer dichter um
seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen
umschlungen fhle. Ich bin bald bei Gott! sagt' er mit einem Glanze der Liebe
auf dem vom Leben erklteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht. Man
htt' es ausgehalten, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem
aufgehenden Mond; die Nacht verhllt seinen Fu und seine Brust, aber der lichte
Gipfel hngt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen.
    Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen
und jeden Laut schmachtend eingesogen; ihr Bruder hatt' ihn mit mehr Freude als
Alban gehrt, aber blo um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Athos
seiner Nachbildung reiner abzuformen; und Rabette hatt' ihn wie in einer Kirche
unter glubigen - Nebengedanken angeschauet.
    Er entfernte sich jetzt ohne Umstnde, um fr seine Tiere zu sorgen, die er
wie alles Unwillkrliche, z.B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes
kommend liebte; alles sei gttlich, sagt' er, und nichts irdisch als das
Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben-Kfig
verdursten lassen, kein abgetriebnes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer
Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorber.
    Wollen wir (sagte der Freund Karl) den herrlichen Abend auf der
prchtigen Bergstrae einnehmen und dein Donnerhuschen besehen und jeden
Leidens-Kelch herunterwerfen in die Tler hinein? - Welche magische
Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhuschen!
Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient - vor
ihnen das prangende Lilar in der Abendfeerei - der glnzenden Rosana in den
Armen liegend - hrengold hinter Pappelsilber - und darber den Himmel, gefllt
mit lebenstrunknen lrmenden Wesen - und der Sonnengott schreitet ber seinen
Abend weg und bckt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne
Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. O wie ist alles
so schn! (sagt' er) Wie rauschet die aufgebltterte Weltkarte mit langen
Flssen und Wldern - wie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhe - wie
steigen die Haine mit glhenden Stmmen die Hgel hinauf man mchte sich in die
rauchenden Tler strzen und in die kalten glnzenden Wellen - ach Liane, wie
ist alles so schn! - Und Gott ist auf der Welt, sagte sie - und in dir!
sagte er und dachte an das Wort des Greisen, da die Liebe Gott meine und er im
Herzen wohne, das wir ehren.
    Jetzt rollten ihm schon die groen Wogen entgegen, welche die olsharfe im
Donnerhuschen schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag
ihr darin dein ganzes Herz.
    Vor der kleinen Htte der gestrigen Trume ging sein strmendes Herz
auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Trnen. Da er
hineintrat mit ihr in den fllenden Rosenglanz der Abendsonne und in das
Geistergetmmel der einsam miteinander redenden Tne: so fate er Lianens Hnde
und drckte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet
nieder - Flammen und Trnen flogen ber Augen und Wangen - der Wirbelwind der
Tne wehte in seine lodernde Seele - der milde Engel der Unschuld bckte sich
weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott - und es schlngelte sich ein
Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts - und
Albano stammelte: Liane, ich liebe dich -....
    Da kehrte die Schlange um und fate und bedeckte die se Rosen-Gestalt. O
guter Mensch, du bist unglcklich, aber ich bin unschuldig. Sie trat erhaben
zurck und zog schnell den weien Schleier ber ihr Gesicht herab und sagte
auer sich: Liebst du die Toten? Das ist mein Leichenschleier; im knftigen
Jahre liegt er auf diesem Gesicht. - Das ist nicht wahr, sagte Albano.
Karoline, antworte ihm! sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie
nach einer hhern Erscheinung. Frchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das
Meer wogt und die Luft frchterlich still ruht- so war seine Lippe neben der
Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm - auf den Saiten wandelte eine
seufzende Geisterwelt vorber, und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei
- die Schnheit der Erde verzerrte sich vor ihm, und in das Abendgewlk waren
breite Feuerfahnen gepflanzt, und das Sonnenauge schlo sich blutend zu. - -
    Auf einmal faltete Liane wie betend die Hnde und lchelte und errtete; da
hob sie den Schleier von den gttlichen Augen, und die Verklrte, vom
Rosen-Widerschein angestrahlt, sah ihn zrtlich an - und schlug das Auge nieder
- und hob es wieder auf - und senkt' es nieder - und der Schleier fiel wieder
vor, und sie sagte leise: Ich will dich lieben, guter Albano, wenn ich dich
nicht elend mache. - Ich sterbe mit dir, sagt' er, was ists? - Und nun
verhlle die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne
zieht! - -
    Seine Einsamkeit und Lianens Auflsung so vieler Wunder wurden durch den
Eintritt Rabettens und Karls verschoben, welche beide mehr gerhrt als beglckt
schienen, sie durch die trstende Nhe des Geliebten, er durch die sonderbare
Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach,
und sie mssen die Schritte, die sie tun, wider Willen schneller machen.
    Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens, mit der Geliebten,
die mitten im Rauschen der Gefhle doch die Stimme ihrer Freundin hrte, allein
vorausging auf den Felsendamm zwischen duftenden Tempetlern in der dmmernden
Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke
durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flgeln weiter und der
ganze Sternenhimmel brenne hell ber seinem Haupt. Liane, jungfrulich-edel und
fest, gab ihm, eh' er eine Frage getan, die Antwort: Ihnen mu ich nun ein
Geheimnis sagen, was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie
beunruhigt htte. Ich erzhlte vorhin von meiner unvergelichen Karoline. Am
Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr empfangen wollen, ging ich nachts von
meinem Lehrer zur Mutter zurck, und zwar durch die sonderbare lange Hhle,
worin man niederzusteigen glaubt, wenn man aufwrts steigt. Mein Mdchen ging
mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht,
kehr' ich mich gegen den hereinstrmenden Vollmond, aus Furcht vor dem wilden
Spiegel, der den Menschen zu grausam verzieht. Pltzlich hr' ich ein
himmlisches Konzert, wie nachher fters wieder in Krankheiten - ich denke an
meine selige Freundin - und schaue voll Sehnsucht in den Mond. - - Da sah' ich
sie mir gegenber, mit unzhligen Strahlen - in ihren schnen Augen war ein
zrtlicher Blick, aber doch etwas Auflsendes; der zarte, fast allein lebendige
Mund glich einer roten, aber durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben
schienen nur Licht zu sein. Doch nur im blauen Auge und roten Munde schien der
Engel Karolinen hnlich. Ich knnt' ihn zeichnen, wenn man mit Licht malen
knnte. Ich wurde gefhrlich krank; da erschien sie mir fter und erquickte mich
mit unsglich-sen Lauten - es waren keine rechte Worte -, worauf ich immer in
einen sanften Schlaf wie in einen sen Tod versank. Einmal fragt' ich sie -
mehr mit innern Worten -, ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts.
Sie antwortete, ich strbe jetzt nicht, sondern etwas spter, und sie nannte
recht deutlich das knftige Jahr und sogar den Tag, den ich aber vergessen.... O
lieber Albano! vergeben Sie mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte
ber die lange schleppende Zeit
    Nein - (unterbrach Albano sie, dessen Gefhle wie Schwerter
gegeneinanderschlugen) - ich ehre, aber hasse Ihr gefhrliches Schreckbild.
Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Wrgengels, der wie ein
taubes Wetterleuchten sengend ber alle Blten der Jugend fliegt.
    Sie antwortete gerhrt: O du guter, frommer Geist! du hast mich nie
betrbt, du hast mich stets getrstet, geleitet, froh und fromm gemacht. - Ein
Schreckbild ist er, Albano? - Eben gegen alle Schreckbilder, gegen alle
Geisterfurcht bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn er nur ein
Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen Trumen?116 Warum kommt er nicht,
wenn ich will? Sondern blo in wichtigen Fllen; dann frag' ich ihn und gehorche
sehr gern. Er ist mir heute, Albano, (setzte sie leiser und blder hinzu)
schon zweimal erschienen, unterwegs, als ich die innere Musik hrte, und vorhin
im Donnerhuschen, als die Sonne unterging, und hat mir liebreich geantwortet.
    Und was sagt' er, Himmlische? fragte Albano unschuldig. - Ich sah ihn
unterwegs nur an und fragte nichts, versetzte die Kindliche errtend; und hier
stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sie hatte
im Donnerhuschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen,
weil jene ihr Geschpf war und dieses ihre - Eingebung. Jawohl, Himmlische! du
stehst vor dem Spiegel mit dem jungfrulichen Schleier ber deiner Gestalt, und
wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhllt! -
    Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das
verklrte Wesen so helle trumte - dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des
Todes, wie irdische auf Gottesckern, nur hher wuchsen - das zugleich mit ihm
unsichtbare Hnde in zwei hnliche Trume117 gezogen - dem man sich schmte,
gemeine Wahrheiten zu geben fr seine heiligen Irrtmer. - - Du bist vom
Himmel - (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene
Perle, die den Durst des Menschenherzens lscht) darum willst du wieder dahin!
- O ich weihe dir, mein Freund, (sagte sie lchelnd-weinend und drckte seine
Hand an ihr frommes Herz) das ganze kleine Leben, das ich habe, jede Stunde bis
zur letzten, und vorher will ich dich auf alles zubereiten, was Gott schickt.
    Eh sie in des frommen Vaters Htte traten, griff Albano nach des Freundes
Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang
stumm voraus; Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf
seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das berfllte Herz an das
schwesterliche drckte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark,
und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und lie
ihn stumm alles erraten aus den Trnen der Seligkeit. O er htt' es doch erraten
aus dem brutlichen Blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde
seltener wegzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabetten - gleichsam als
wrden beide bald einander verwandt, als wrde selber der Bruder bald schner
sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hie - an ihrem Herzen
einweihte fr das brderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der
entzckte Blick wenig, den Albano, gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit
stehend, in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war
still, sanft, und in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe eines rein und
warm, so liebst du alle nach, und das Herz in seinem Himmel sieht wie die
wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel, die es wrmt und
fllt.
    Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Glck so nahe sah,
der aufrhrerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder
des innern Menschen blutig - die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden
Frieden qulten ihn wieder, seine Fehltritte und Irrtmer und sogar die Stunden,
wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgerechnet und da sprach er (und
rhrte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabette, das er, sich zu
erwrmen, an sich prete, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie
nicht zerreiet) - da sprach er edel von der Wstenei des Lebens und vom
Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder
khle Auen darein se und ihn wieder mit Feuer flle - und vom einzigen Glck
des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit
seinen Winden eine Blume118 reibend hin- und herbewege und dadurch die grne
Rinde an der Erde durchschneide. - -
    Aber indem er so sprach, sah er die glhende Rabette an und wollte durch
diese Erwrmungen gleichsam die feste Blumenknospe seiner Liebe gewaltsam
sprengen und die Bltter unter die Sonne breiten - o ganz glcklich war doch der
Verworrene und Sehnschtige auch heute nicht, und er wollte weniger andere
rhren als sich.
    Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche
lchelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine
stille, dmmernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an
den Fen, und im weiten Elysium flattert nur der warme ther, weil ihn
unsichtbare Psychen mit ihren Flgeln schlagen? Und aus dem Fltentale sendet
ihnen der Greis seine Tne als se Liebespfeile nach, damit das schwellende
Herz an ihren Wunden selig blute. - Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo
die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von blhenden Mohnfeldern und
mit dunkeln Drfern an die sanften Gebirge hinanstieg, wo der Mond aufwachte und
der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte
- hier blieben sie, auf die Luna wartend, stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle
Gebirge seines Lebens standen im glhenden Morgenrot. Liane, (sagt' er) so
unzhlige Frhlinge sind jetzt droben auf den Welten, die herunterhngen; aber
dieser ist der schnste. - Ach das Leben ist lieblich, und heute wird es mir
zu lieb. - Albano, (setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine
erhabne trnenlose Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid)
wenn mich Gott fodert, so lass' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline;
o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trsten und
warnen knnte, ich wnschte gern keinen andern Himmel.
    Aber als er die Flle seiner Liebe und den zrnenden Schmerz ber den
Todeswahn aussprechen wollte, so kam sein wilder Freund, der, wie ein Vesuv
Lava- und Regenstrme zugleich ber die glubige Rabette ausgieend, ihr und
sich das Herz nur voller, nicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten
Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen
den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf, und blickte wieder in den Glanz
der heiligen Liebe. - Da konnt'er sich nicht lnger halten, sein qualvolles Herz
stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschlu, und er umfate Albano und
Rabette und sagte: Geliebter! - Geliebte! - behaltet mein unglckliches Herz!
-
    Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm
hei-weinend ihre ganze Seele hin. - Albano umschlo staunend den Liebesbund. -
Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. - Ungehrt
riefen die Flten fort, ungesehen wehten die weien Fahnen der Sterne darber. -
Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wnsche des Freuden-Todes. -
Albano berhrte bebend Lianens Blumenlippe, wie Johannes Christum kte, und die
schwere Milchstrae bog sich wie eine Wnschelrute hernieder zu seinem goldnen
Glck. - Liane seufzete: O Mutter, wie sind deine Kinder glcklich. - Der Mond
war schon wie ein weier Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklrte
die groe Umarmung; aber die Seligen merkten es nicht. Wie ein Wasserfall
berdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wuten es nicht, da die
Flten schwiegen und alle Hgel glnzten.

                            Ende des zweiten Bandes


                                  Dritter Band

                            Funfzehnte Jobelperiode

                             Der Mann und das Weib


                                   67. Zykel

Vor der Bhne hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, da ich an den Schmerzen,
die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen, nur geringen
Anteil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer
eignen, den grten nahm; der Mensch will mehr, da die Klage, als da die
Entzckung sich motiviere und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen
dritten Band mit Seligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar berflssig
vorbereitete.
    Jetzt in dieser Minute mu unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges
Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schnern darauf nachspiegelten,
irgendeiner gewesen sein, der den grten hatte, ein Allerseligster. - Ach
freilich mu auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer
Lauf zur Ebene macht, eines das unglcklichste gewesen sein, und mge der Arme
schon im Schlafe liegen unter, nicht auf seinem steinigen Wege! - Ob ichs gleich
wnschte, da Albano nicht jener Allerglcklichste gewesen wre - damit es noch
einen hheren Himmel ber seinem gbe -, so ist doch wahrscheinlich, da er am
Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief
in den dreifachen Blten der Jugend, der Natur und der Zukunft stehend, den
weitesten Himmel in sich trug, den die enge Menschenbrust umspannen kann.
    Er sah aus seinem Donnerhuschen, diesem kleinen Tempel, an dessen Wnden
noch der Schimmer der Gttin stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die
neugestalteten Berge und Grten Lilars hinaus, und es war ihm, als sh' er
hinein in seine wei und rot blhende, mit Berg- und Fruchtgipfeln
aufgeschmckte Zukunft, ein volles Paradies, in die nackte Erde gebauet. Er sah
sich in seiner Zukunft nach Freuden-Rubern um, die seinen Triumphwagen anfallen
knnten; - er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen. Er
stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft
arbeitende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin; - in seinen
Muskeln glhte berflssige Kraft, sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in
sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt. Ja, (sagt' er) ich bin ganz
glcklich und brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!
Albano, mge dein bser Genius diesen gefhrlichen Gedanken nicht gehret haben,
damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wildverwachsenen Leben ist
kein Schritt, sogar in den blhenden Lustgngen, ganz sicher, und mitten in der
Flle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und
hauchet kalte Gifte in das Leben! - Daher war es sonst besser, da die Menschen
noch demtig waren und zu Gott beteten in der groen Entzckung; denn neben dem
Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet, aber nur aus Dankbarkeit.
    Kein kleinliches Kalenderma werde an die schne Ewigkeit gelegt, die er nun
lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Drfchen sah. Als
Abendstern ging sie vor seinen Trumen, als Morgenstern vor seinem Tage her. Den
Zwischenraum fllten beide mit Briefen aus, die sie einander selber brachten.
Wenn sie abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten
am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen, die unter dem Menschenschlafe
schnell nach Osten hinwuchsen, um mit tausend aufgeblhten Rosen vom Himmel
herabzuhngen, eh' die Sonne wiederkam und die Liebe - und wenn sein Freund Karl
nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob
vom Morgen oder vom Mond - und wenn er aufbrach, da noch Mond und Morgen in den
tauenden Lustwldern zusammenschienen, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden
zurckgelegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange (weil Amors Pfeil
halb ein Sekundenzeiger ist, der den Monatstag, und halb ein Monatszeiger, der
die Sekunde weiset, und weil in der Nhe der Geliebten die kleinste Abwesenheit
lnger dauert als in ihrer Ferne die groe) - und wenn er sie wiederfand: so war
die Erde ein Sonnenkrper, aus welchem Strahlen fuhren, sein Herz stand in
lauter Licht, und wie ein Mensch, der an einem Frhlingsmorgen von dem
Frhlingsmorgen trumt, ihn noch heller um sich findet, wenn er erwacht, so
schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr
und verlangte den schnsten Traum nicht mehr.
    Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, auf
entfernten Bergen, wo sie der Abrede gem der Ernte zusahen; zuweilen kam
Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lianen hrte. Wenn
Liane ein Buch gelesen: las ers nach; oft las ers zuerst und sie zuletzt. Was
die schnsten, unschuldigsten Seelen einander Gttliches zeigen knnen, wenn sie
sich auftun, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein glhendes, das noch
glhender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und
der Glanz einer hhern Schnheit und Jugend fllte sein Angesicht. Die schnen
Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmckt, nicht
diese durch jene; er war von dem blassen, leisen Mondwagen der Hoffnung auf den
rauschenden, glnzenden Sonnenwagen der lebendigen Entzckung gestiegen. Sogar
auf den Ruderschiffen hlzerner Wissenschaften schlugen jetzt, wie von Bacchus'
Wunderhand belebt, Maste und Taue zu Weinstcken und Trauben aus. - Ging er ins
Froulaysche Haus: so kam er, weil er voll Toleranz hineinging, ohne Kosten
derselben daraus zurck; der Minister, der mit einem Flore von heitern,
blhenden Ideen auf dem Gesichte von Haarhaar zurckgekehrt, gab ihm reizende
Aussichten auf den Jubel mit, womit Stadt und Land das nahe Vermhlungsfest des
Frsten und den Gewinn der schnsten Braut begehen werde.
    Und hatt' er nicht zu allem noch seinen Freund dazu? Wenn man so nahe vor
der Flamme der Freude steht, so flieht man zwar Menschen - weil sie leicht
zwischen uns und die schne Wrme treten -, aber man sucht sie auch; ein
herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glck, welcher den frohen Traum, worin
wir schlafen und sprechen, leise weiterleitet, ohne ihn fortzujagen. Karl
spielte sanft in des Freundes Traum; er htt' es aber auch schon aus inniger
Liebe gegen die Schwester getan.
    In der Tat mit so viel Jugend - Sommerwetter - Unschuld - Freiheit - schner
Gegend - und hoher Liebe und Freundschaft lsset sich wohl schon unten auf der
Erde etwas dem hnliches zusammensetzen, was man oben im Himmel einen Himmel
nennt; und eine Himmelskarte, ein Elysiums-Atlas, den man davon mappierte, wrde
wohl nicht anders aussehen als so: vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten
Lustschlssern und Sommerhusern - ein Philanthropistenwldchen in der Mitte -
die Taborsberge oben mit Sennen - lange Kampanertler - darauf der weite
Archipelagus mit Peters-Inseln - drben die Ufer eines neuen festen
Hirtenlandes, ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und Alkinous-Grten - dahinter
wieder das weit hineinlaufende Arkadien u.s.w.
    Alles, was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte - denn er
hielt das, was ihm der Arm aus den Wolken gab, fr Ausbeute des eignen -, wandte
er an, um durch sie seiner Entzckung das Ma, das sie geben, zu nehmen.
Migen, sagt' er, sei nur fr Patienten und Zwerge; und alle jene bekmmerten,
gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser htten, es sei in der
Ausbildung einer Freude oder eines Talents, mehr sich als der Welt gentzt,
hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich.119
    Er brachte sich sehr gute Grundstze vor das Auge: der Mensch, sagt' er, ist
frei und ohne Grenze nicht in dem, was er machen oder genieen, sondern in dem,
was er entbehren will; alles kann er, wenn er will, entbehren wollen. berhaupt,
fuhr er fort, hat man blo die Wahl, entweder immer oder nie zu frchten; denn
dein Lebenszelt steht auf einer geladenen Mine, und rings umher halten die
Stunden offne Geschosse auf dich. - Nur das tausendste120 trifft; und in jedem
Fall fall' ich doch lieber stehend als feig gebckt. Allein - beschlo er, um
sogar sich darber zu entschuldigen - ist denn die Standhaftigkeit zu nichts
Besserm gemacht als zu einer Wundrztin und Magd, und nicht vielmehr zu unserer
Muse und Gttin? denn sie ist ja nicht ein Gut, weil sie ein verlornes entbehren
hilft, sondern sie ist selber eines, und ein greres als das ersetzte; auch der
Seligste mu sie erwerben, sogar ohne Gelegenheit und Gabe von auen; ja es ist
desto besser, wenn sie frher besessen wird als angewandt.
    Zum Teil waren diese Tuschungen oder Rechtfertigungen Not und Schutzwehr
gegen den tragischen Roquairol, der jede Freude und auch die seines Freundes mit
dstern Kontrasten heben wollte; zum Teil mu auf jene ein edler Mann, der
bisher sich in den Schmerz warf, ohne dessen Tiefe zu messen, und der immer
seine Kraft, durch das Leben zu schwimmen, fhlen wollte, notwendig geraten,
wenn er innen wird, da sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Hlle
verrckt und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe. O wenn sie strbe?
fragt' er sich. Er hatt' es nicht gewohnt, vor irgendeinem Tode so zu
erschrecken wie vor diesem. Daher fate er diese Disteln der Phantasie recht
scharf in die Hand, um sie zu zerdrcken. Am Ende, da die reine Landluft der
Liebe und der Schfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen
brachten, so hrten seine Disteln zu wachsen auf.
    Allen brigen Ottern des Lebens - sobald sie nur keinen Durchgang durch
Lianens Herz sich machen konnten - war er unzugnglich. Um jeden Preis - und
sollte er alles verlassen, entbehren, erzrnen, unternehmen - wollt' er Lianen
erkaufen Die Schreckgespenster, die ihm aus zwei Husern, Froulays und Gaspards,
drohend entgegenliefen, lie er heran und lsete sie auf: steht der Feind einmal
da, dacht' er, so bin ich seiner auch.
    Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stilleben des Todes von erhobner
Arbeit Seelenstille. Die Gegenwart nimmt schneller unsern Widerschein als wir
ihren an; auch hier gewann er sanfte, weite, das Leben lichtende Hoffnungen und
se Trnen, die ihm ber Lianens Sterbe-Glauben entflossen, nicht weil er die
Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich
dachte, die durch Liebe und Freude und Genesung tglich grer wurde.
    Nur ein Unglck gabs fr ihn, woran jede Waffe zersprang, dessen Mglichkeit
er aber fr einen sndigen Gedanken hielt, da nmlich er und Liane durch
Schuld, Zeit oder Menschen aufhren knnten, einander zu lieben; hier, auf zwei
Herzen vertrauend, trotzt' er khn der Zukunft; - O, wer sagte nicht, wenn er im
Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzckung ausdrckte: die Parze kann
unser Leben zerschneiden, aber sie komme und ffne die Schere gegen das Band
unserer Liebe! Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drckte die Schere zu.

                                   68. Zykel


Einst kam Roquairol ganz spt, um Albano mitzunehmen zur Abendstern-Partie auf
der Sennenhtte, die jener mit Rabetten verabredet hatte. Der Hauptmann fhrte
um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz
auserlesener Tage und Umstnde; konnt' ers machen, so erklrte er z.B. seine
Liebe etwan an einem Geburtstage - unter einer totalen Sonnenfinsternis - an
einem Schalttag - in einem blhenden Treibhaus im Winter - hinter dem
Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus; ebenso zerfiel er mit
andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhle - in Frhlings-
oder Wintersanfang - in der Kulisse des Liebhabertheaters - auf einer
Brandsttte - unweit des Tartarus oder im Fltental.
    Albano aber war zu jung - wie andere zu alt -, um seine frischen Gefhle
erst mit knstlichen Stunden und Stellen zu wrzen; er machte lieber durch jene
diese schner.
    Mit ungestmer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude. Der
gestrige Abend war so reich gewesen - die vier Paradiesesflsse waren in einer
Katarakte vom Himmel in sein Herz gestrzt - am heutigen wollt' er in die
stubenden Wirbel desselben springen. - Schon der Abendhimmel war so schn und
rein, und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldmmernde Bahn hinab.
    Rabette wartete unten am Berge der Sennenhtte (des Schiehuschens), um ihn
unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu fhren, die im Fenster mit dem
glnzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glhenden Herbstblumen
dachte, welche nun in ihrem Leben so spt und so nahe neben der lngsten Nacht
aufgingen. Sie war heute ber manches trbe. Sie hatte berhaupt bisher ihre
Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu genieen und zu vergrern,
und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglcken gesucht. Wie sehnte
sie sich unbeschreiblich nach Taten fr Ihn - nur Opfer waren ihr Taten - und
beneidete ordentlich ihre Freundin, die fr Karl jedesmal doch ein - Getrnk zu
bereiten hatte! Da sie nichts weiter wute, so drckte sie ihren Diensteifer
durch grere tchterliche Liebe und Annherung gegen Albanos Eltern und
Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere
Ministers-Tchter, die nichts machen als Salat und Tee, mit Nachsicht und mit
dem Gedanken verzeihen mssen, da sie in Lianens Falle auch nichts anders
machen wrden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette fr
tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Lnge ttiger sein konnte;
Rabette hielt wieder Lianen fr besser, weil sie lieber betete; den hnlichen
Irrtum verdoppelten sie ber die Brder: Rabetten kam Karl sanfter vor und
Lianen Albano, beiden nach Schlssen aus ihren gegenseitigen Berichten.
    Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort - ein Mann hat dazwischen zu
tun -; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen; dieser Berg,
dieses Stbchen, diese fr ihn einmal gefhrliche Vogelstange wurden die
Pastellstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zurck, da er etwas
Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist Demut; der Trauring prangt mit
keinem Juwel. Es rhrte sie, da ihn ihr frher Tod betrbe. Da sah sie noch das
von Blattern erblindete Mdchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrckt
121; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden hnlich,
nicht blo in der gleichen, obwohl krzern Nacht, die einmal der Schmerz ber
ihre Augen geworfen.
    So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des
Lebens eintauchend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem
Herzen heraus in die berraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der
Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen
Brust. Selten findet berhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem
letzten Bilde hnlich, das ihm der Abschied mitgegeben; eine weibliche Seele
soll - das begehrt der Mann vllig mit den Flgeln, Strmen, Himmeln der letzten
Minute wieder in die nchste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund
scheu und sanft und anders, als sie geschieden war; und zuweilen kam dem
Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlids fast wie
ein Umkehren in die alte Klte vor.
    Heute ergriff es den wrmern Grafen strker als sonst. Wie ein Paar fremde
Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlcheln und anrhren,
standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzhlte, da sie von
seiner Schwester sich sein Kindeswagstck auf diesem Berge erzhlen lassen. Eine
Geliebte kennt keine schnere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes.
O da schon (sagt' er bewegt) blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist
wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast du
mich wohl geliebt wie ich dich, als du mich noch nicht gesehen?
    Gewi nicht, Albano, (antwortete sie) viel spter! Sie meinte aber ihre
Blindheit und sagte, er sei ihr in dieser Augendmmerung an jenem Abend, wo er
bei ihrem Vater a, wie ein alter nordischer Knigssohn, etwan wie Olo122
vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefrchtet. Ihre
hohe Achtung fr die Mnner waren die wenigsten kaum zu erraten wert, geschweige
zu veranlassen. Und als du sehen konntest? sagte Albano. Das sagt' ich eben,
versetzte sie naiv. Aber da du meinen Bruder so liebtest (fuhr sie fort) und
so gut warst gegen deine Schwester: so wurd' ich freilich ganz beherzt und bin
und bleibe nun deine zweite Schwester - du hast ohnehin eine verloren - Albano,
glaube mir, ich wei es, ich bin gewi zu wenig, zumal fr dich, - aber ich habe
einen Trost.
    Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Klte, konnte er sie nur
heftig kssen und mute, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: Welchen
Trost? - Da du einmal ganz glcklich wirst, sagte sie leise. Liane,
deutlicher! sagt' er. Denn er verstand nicht, da sie ihren Tod und Lindas
Verkndigung durch Geister meinte. Ich meine, nach einem Jahre, (versetzte
sie) nach den Prophezeiungen. Er sah sie stumm, wild, ratend und bnglich an.
Sie fiel ihm weinend ans Herz und lsete pltzlich das Gedrnge innerer Seufzer:
Bin ich denn dann nicht (sagte sie heftig) gestorben und seh' aus der
Seligkeit zu, da du belohnet wirst fr deine Liebe gegen Liane? Und das gewi
recht sehr!
    Weine, zrne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jngling!
Aber du fassest diese demtige Seele doch nicht! - Heilige Demut! einzige
Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist hher
als alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie
das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne
eine im Himmel! Niemand entheilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind
deine kleinen weien Blten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine
Frchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub.
    Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprche, gleichsam in
seines und in Lianens Herz. Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut, und
ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Gtterbilder von weiem Marmor
den bunten nur als Zierat haben; man konnte nichts tun als sie anbeten, sogar
auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen
Gefhlen so feste Meinungen und Irrtmer, seine Bescheidenheit bekriegte so
vergeblich ihre Demut, und sein Ansehn ihren Geisterwahn. Das feindselige
Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich ber alle Freuden ihres
Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, da sie ihn liebe, blo
weil sie nichts hasse, und da sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin
sei, drang wieder gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier alles gegeneinander,
Wunsch, Pflicht, Glck und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe;
aber Liane erriet so wenig als er. O wie zwei Menschen, hnliche Wesen, einander
fremd und ungleich werden, blo weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und
beide anglnzt!
    Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelset; er fhlt' es so sehr, da
die Sommernacht fr hhere Entzckungen schimmerte, als er hatte - da der tief
im ther zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang,
worunter sie begraben war - da die hrenfluren dufteten und nicht rauschten, und
die zugeschlossenen Auen grnten und nicht glhten - und da die Welt und jede
Nachtigall schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und
nur oben die Sternbilder als silberne therharfen vor Frhlingswinden ferner
Erden zu zittern und zu tnen schienen.
    Er mute Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam
unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von
Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb alles, sogar den Scherz,
bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in
ein Treib- und Stammhaus lustiger Einflle und Anspielungen umgebauet. Anfangs
wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' ers zu, da Rabette
versicherte, sie errate den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch sie nur
sorgen lassen.
    Als die Morgenrte aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartentre
am Herrschaftsgarten war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein
Akten-Heft (so schien es) lag auf ihrem Scho und ihre gefalteten Hnde daneben,
sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor; doch empfing sie ihren
Albano so mild- und fremdlchelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet
hereintretenden Gast grend anlchelt und dann weiterbetet. Der Graf hatte sich
bisher immer auf eine Zurckgezogenheit des Empfangs rsten mssen. Ein
Miverstand, der schnell wiederkommt, wirkt, sooft er auch gehoben sei, immer
wieder so irrend und neu wie zum ersten Male. Er fhlte recht stark, da ihn
etwas Festeres als die erste jungfruliche Bldigkeit, womit ein Mdchen fr die
blendende Sonne der Liebe immer auer der Morgenrte noch eine Dmmerung und fr
diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen stre.
    Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender
Gedanke schien ihr Herz zu ffnen; sie gab ihm das Buch und sagte, es sei ein
franzsisches Manuskript, nmlich geschriebene Gebete - von ihrer Mutter vor
mehreren Jahren aufgesetzt -, welche sie mehr rhrten als eigne Gedanken; aber
noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke, der ihr
Herz zu verlassen suchte. - Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin
vorwerfen, wer kann einer Sngerin Antwort geben? - Eine Betende steht wie eine
Unglckliche auf einer hohen, heiligen Sttte, die unsere Arme nicht erreichen.
- - Aber wie schlecht mssen die meisten Gebete sein, da sie - obwohl frher als
Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Hlzern gemacht
wird - spter, im Alter, nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf
hnlich wirken, womit eben der Rosenkranz aufhrt!
    Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter
ihrem Gebete gestret habe; nmlich die Stelle in diesem: O mon dieu, fais que
je sois toujours vraie et sincre etc., da sie doch ihrer lieben Mutter bisher
ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald, und dann
werde ihr das verschlossene Herz aufgetan. Nein, (sagt' er fast zornig) du
darfst nicht, dein Geheimnis ist auch meines. - Mnner verhrtet oft das in der
Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z.B. weibliche Frmmigkeit und
Offenherzigkeit.
    Nun hate niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- und
Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknpfte Hnde; nicht da er etwan vom
Minister Kriege oder Nebenwerber befrchtete - er setzte eher offne Arme und
Freudenfeste voraus -, sondern weil seinem befreieten und befreienden,
gromtigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwgung, was
nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern fr schmutzigen
Torf zur Feuerung nachlegen oder fr Tpfe zum Kochen ansetzen knnten - wie
leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in
prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins
Kammerkollegium - wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur
der poetische Himmels-ther frei - und welche Perturbationen seinem Hesperus von
dem anziehenden Weltkrper, vom alten Minister bevorstnden, der bei der Liebe
nichts unntzer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen fr
Standesehen so brauchbar schienen wie fr Predigtmter das Hebrische, nmlich
mehr im Examen als im Dienste. - So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater,
denn er kannte das Schlimmere nicht.
    Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel hher als ein Fremder,
und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren
hereintretenden Bruder. Aber dieser war ganz Albanos Meinung: Die Weiber
(setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) mgen lieber von als in der Liebe
sprechen, die Mnner umgekehrt.  - Nein, (sagte Liane entschieden) wenn mich
meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sein. Gott! (rief Albano
erschrocken aus), wer knnte auch das wnschen? Denn auch ihm war freie
Wahrheit der offne Helm des Seelenadels; nur sagte er sie blo aus
Selbstachtung, und Liane sie aus Menschenliebe.
    Rabette kam mit dem Tee-Zeug und einer Flasche, worin fr den Hauptmann
Tee-Mark und Elementarfeuer oder Nerventher war, Arrak. Er ging ungern am
Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Rabette hatte
gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. - Wie kann das freie Ich
(sagte der gesunde Albano oft zu ihm) sich zum Knechte der Sinnen und
Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die
Krper-Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen? - Roquairol
hatte darauf immer dieselbe Antwort: Umgekehrt! Durch Krper befreie ich mich
eben von Krpern, z.B. durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft
der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewutsein und dein Denken
nur durch krperliche Dienstbarkeit, die auf dem Grundstck der Erde haftet, bei
ihrem Adel bleiben: so seh' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und
Despoten recht zu deinen Dienern brauchst. Warum soll ich den Krper nur schlimm
auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft? - Albano blieb dabei,
das stille Licht der Gesundheit sei wrdiger als die Mohnl-Flamme eines
Opiums-Sklaven; und die krperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit
der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der
persnlich-krummschlieende Arrest.
    Indes heute konnte nicht einmal das spirituse geschwefelte Teewasser eine
gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher,
wie den Grafen feuriger gefrbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, da
der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags
eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus-,
als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine
andere Aussicht gewhrte als die eigne Ansicht; ebensowenig erhielt der
Lustgarten dadurch seinen Beifall, da die Rasenbnke in der Laube, wo sie
saen, noch nicht gemht waren - da auf allen Beeten nur Einfassungsgewchse
des Kochfleisches wehten - da noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwrfe
in ihren Hngsterbebetten - da an einer Kugelbahn, worauf man in ein
klingelndes Mittelloch kegelt, die schrge Retour-Rinne die Kugeln leichter
wieder einwandern lie, als sie ber das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht
warf) wegzubringen waren, und da nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen
einmal, da zum Glcke die Gartentre offen stand, als eben auf einem
Schiebekarren ein blhender Orangeriekasten nach Lilar vorberfuhr.
    Der Hauptmann brauchte diese Zge blo satirisch vorzutragen und damit die
uerlich lachende Rabette innerlich zu verwunden - weil keine den Tadel ihrer
krperlichen Absenker vertrgt, es seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Mbeln
124 -: so konnten sich seine Berghhen allmhlich wieder entwlken, und Rabette
konnte noch ungemeiner frhlich sein.
    Albano war in dieser Tags-, gleichsam Kindheits-Frhe und in diesem
Paradiesgrtlein seiner Kinderjahre heimlich-froh denn in der ersten Liebe
kommt, wie in Shakespeares Stcken, nichts auf die bretterne Bhne ihres Spieles
an -; aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkltung wollte doch nicht
schmelzen. Die Morgenblue wurde mit immer hellern Gold-Flocken gefllt - er
machte, da der Garten wie kleine Stdte nur zwei Tore hatte, das obere und
untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf - der Glanz quoll ber das
dampfende Grn herein die unten ziehende Rosana fate Blitze auf und warf sie
herber - Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit.
    Aber die Liebe war grer als die Seligkeit.

                                   69. Zykel


Fliegender Frhling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen
fliegenden Sommer nennt) du eilest selber ber uns pfeilschnell dahin, warum
eilen Autoren wieder ber dich? - Du gleichst der deutschen Bltenzeit - die nie
einen Bltenmond lang ist -; wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und
Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hngt sie dick
an den schwarzen sten sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigssen,
reienden Wonnemondsstrmen und unter dem Stummsitzen aller halb-erfrornen
Nachtigallen - und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon
der Fusteig bltenwei und der Baum hchstens voll Grn; dann ists vorbei, bis
wir wieder im Winter den Anfang eines Mrchens herzerhoben hren: Es war eben
in der schnen Bltezeit. - Ebenso seh' ich wenig Autoren am langen
romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links fr das Lesepult
arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie
ein Krieg erklret ist, sofort schlssen; - und wirklich gibts zur Liebe mehr
Stufen als in ihr; alles Werden, z.B. der Frhling, die Jugend, der Morgen, das
Lernen, geht vielfrbiger und gerumiger auseinander als das feste Sein; aber
ist dieses nicht wieder ein Werden, nur ein hheres, und jenes ein Sein, nur ein
schnelleres? -
    Albano wollte die fliegende, gttliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist,
schner lenken, sie sollte mehr empor- als hinwegfliegen. Er zrnte den andern
Tag mit niemand als mit sich. Er ri sich durch solche kleine und doch
eng-umschnrende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo
ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fu hlt; ich will mich lieber
auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Tlern. Menschen von Phantasie
shnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus.
    Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbhl, kurz vor Sonnenuntergang.
Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm
von den dareinhpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine
beleuchtete Gegenwart tief in eine knftige, schattige Vergangenheit hinein. O,
nach Jahren, dacht' er, wenn du wiederkommst, wenn alles vergangen ist und
verndert - die Bume gewachsen - die Menschen entwichen - und nur die Berge und
der Bach geblieben - da wirst du dich selig preisen, da du einmal in diesen
Gngen so oft zum schnsten Herzen reisen durftest und da auf beiden Seiten die
klingende und glnzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem Kinde
der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. - Eine ungewhnliche Entzckung
warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten
Blumen seiner Phantasie taten sich auf, alle Tne gingen durch einen hellern
ther und nher heran. Auch die Blumen auer ihm dufteten strker, und der
Glockenschlag tnte nher; und beides sagt Ungewitter an.
    So innigfroh erschien er - und zwar ohne Roquairol, der berhaupt immer
seltner kam - vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum, ihrem
Gastzimmer, das jetzt der gewhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem
weien Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schner Halbtrauer, sa sie am
Zeichentisch, mit schrfern Augen in ein Bild vertieft. Sie flog ihm ans Herz,
aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu fhren, an welcher ihres wie in
Mutterarmen hing. Sie erzhlte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter
dagewesen, und diese habe so viele Freude ber ihre genesende Farbe gehabt, so
unendliche Gte gegen die glckliche Tochter. Sie mute sich (fuhr sie fort)
von mir ein wenig zeichnen lassen, damit ich sie nur lnger ansehen und etwas
von ihr dabehalten konnte. Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist aber
gar zu schlecht geraten. Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch
weniger vom Urbilde loswickeln. Freilich kann auf einem tchterlichen Herzen -
oder gar in ihm kein schneres Medaillon hngen als das mtterliche; aber Albano
glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein.
    Sie sprach blo von ihrer Mutter: Ich sndige gewi߫ (sagte sie) - sie
fragte mich so freundlich, ob du oft kmst, aber ich sagte nur Ja und weiter
nichts. O, guter Albano, wie gern htt' ich ihr die ganze Seele offen
hingegeben!
    Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu sein, sie wte
vielleicht schon alles durch den Lektor, und den reinen Trank der Liebe wrden
nun lauter fremde Krper trben. Gegen Augusti erklrt' er sich sehr stark, aber
Liane beschtzte ihn ebenso stark. Durch beides gewann der Falschmnzer der
Wahrheit, nmlich der Argwohn - der, da sie ihn wohl liebe, wie sie alles
liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos
Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr
Prgstempel und Umlauf.
    Sie ahnete nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: Warum tut mirs
aber weh, (sagte sie) wenn es recht ist? Meine Karoline, Geliebter, erscheint
mir auch nicht mehr, und das ist wahrhaftig nicht gut. - Dieses Geisterwesen
zog immer fr ihn so schwl und grau herauf wie eben drauen das
Gewittergewlke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch
Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Lianens optischen
Selbstbetrug ber. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sie sich
anfangs so erhaben eingekleidet fr das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor fr
die zweite Welt, war diesem Herkules lngst ein brennendes, mit Nessus'
Giftblute getrnktes Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen
drfen. Der Schlu, da der Wahn des Todes die Wahrheit desselben se, und da
in der herbergerckten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes
leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde
Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phantasie (im
Roman), aber nicht im Leben erwnscht, auer einmal auf phantastischen Hhen;
aber dann mssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem
Himmel zurckziehen.
    Er sprach jetzt sehr ernst - von selbstmrderischen Phantasien - von
Lebenspflichten - von eigensinniger Verblendung gegen die schnsten Zeichen
ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut
rechnete wie das Blhen ihrer Farbe. - Sie hrte ihn geduldig an; aber durch die
Prinzessin, die, ihrer Liebe ungeachtet, ihm selten erfreuliche Spuren
nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit
vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei. Sie stand blo vor Lindas Bild, von der
ihr Julienne diesen Nachmittag schrfere Umrisse, als sonst Mdchen von Mdchen
geben - es ist ein sehr gutes Mdchen, sagt jedes von jedem -, anvertrauet
hatte; Lindas mnnlicher Mut, ihre warme Anhnglichkeit an Gaspard bei ihrer
Verachtung des Mnnerhaufens, ihre Unvernderlichkeit, ihr khnes Fortschreiten
in mnnlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr krnigen als blumigen
Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz
gewaltig ein. Mein Albano mu sie haben, dachte immer dieses uneigenntzige
Gemt und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht demtigender Vergleichungen
gehabt, sie nicht, sondern erfllte sie. Dabei fand die Gute so viel hhere
Schickung, - da z.B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten
und seines Freundes sein - da sie selber ihren krftigen Albano vormalen knne
der stolzen Romeiro, und da ja, trotz alles Widerstandes, doch alle
Geister-Weissagungen einander eingreifend faten und hielten. - - Das alles
sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem
Grafen gar ins Gesicht.
    Welchen knirschenden Bi in sein weichstes Leben tat jetzt ein bser Genius!
- Diese glhende, ungeteilte, nicht teilende Liebe hatt' er, nicht sie, -
glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf
einmal in die Hhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weie
Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlich-helle Aufblick des
reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem
musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen
krnklich durch das klopfende Herz errtet, und sein verschmter Ha der
Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum
Erschrecken des zarteren mibrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeister ein,
und er sagte blo in jenem edeln Zorne, der wie eine Rhrung klang: O Liane, du
bist heute hart!
    Und ich bin ja so weich! sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am
Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewitter gestanden. Sie
kehrte sich schnell um - denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle
Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen -, und Albanos
hohe Gestalt mit dem ganzen glhend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen
stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er
frei lie, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten,
strich die gedrngte Augenbrahme glatter und sagte, als sein Blick wie eine
Sonne stach und sein Mund sich ernst schlo: O freudig, freudig soll knftig
einmal dies schne Angesicht lcheln! Er lchelte, aber schmerzlich. Und dann
will ich noch seliger sein als heute! sagte sie und erschrak, denn ein Blitz
fuhr ber sein ernstes Gesicht wie ber ein zackiges Gebrge und zeigte es wie
das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet.
    Er schied schnell; lie sich nicht halten; sprach von Wetterkhlen, ging ins
Wetter hinaus und lie Lianen in der Freude zurck, da sie doch heute recht aus
bloer reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm
Rabette entgegen; ber sein Gesicht fielen die Wetterbche der verhaltnen Trnen
herab; was fehlt dir, was weinst du? rief sie. Du trumest, rief er und
eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich pltzlich wie ein
Mantelfisch erstickend ber den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich
unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, da Liane
heilige Reize, gttlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine
Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe - nur aber nicht die
glhende Einzigen-Liebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur - er schlieet
immer fort - von der Gegenwart so gnzlich gefasset und gefllt, von meiner so
gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde
verdeckt. - Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines
Sternchens und alle Scheidungen dabei. - Darum stand ich so lange mit einer
leidenden Brust voll Liebe neben ihr, und sie sah nicht in meine, weil sie keine
in der ihrigen fand. - Und so ists so bitter, wenn der Mensch, unter den
gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum
letztenmal unglcklich.
    Der Regen zischte durch die Bltter, das Feuer schlug durch den Wald, und
der wilde Jger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als
eine khlende Hand, woran ein Freund ihn fhrte. Da er nicht durch die Hhle,
sondern auen am Bergrcken zu seinem hohen Donnerhuschen hinaufstieg: so sah
er eine dicke, graue Regennacht das grne Lilar belasten, und auf dem gebognen
Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem
Eintritt in sein Huschen vor einem Schrei, den seine olsharfe unter den
Griffen des Windes tat; denn sie hatte einst, von der Abendsonne beglnzt, seine
junge Liebe therisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tnen
nachgefolgt, da sie hinausging ber das leidende Leben.

                                   70. Zykel


Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelset in ein stilles Gewlke. - Und
aus den greren Schmerzen wurden nur Irrtmer. Wir Schwache! wenn das Schicksal
uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute berhrt, nicht mit dem Schwerte:
so sinken wie ohnmchtig vom Stuhle und fhlen das Sterben noch weit ins Leben
hinein! - Alle Fieber, so auch die geistigen, khlt der neue, frische Morgen, so
wie sie alle der bange Abend glhend schrt. Welcher von uns wickelte sich nicht
an Abenden - dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und
Poltergeister in den Faden, den er selber spann, den er aber fr fremdes
Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen
seinen Schlieer vor sich sah, nmlich sich!
    Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als
eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen
Mdchenaugen umherblickte, und wornach er doch ewig hinbersah, wenn sie auch
mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fhlte jetzt freilich
mehr, wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er
die hchsten an getrumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form
seines Herzens go, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand
schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flgel nach seinen eignen
ausdehnen wolle, weil er keine Eigenheit dulde auer der kopierten.
    Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren, wie
Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der geistige wie der physische wird
ohne Widerstand der uern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und
ohne Widerstand der innern von der uern zusammengequetscht; nur das
Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und uerem Druck hlt einen schnen
Spielraum fr das Leben und sein Bilden frei. - Mnner dulden ohnehin - da nur
die besten an den besten Mnnern feste, starke berzeugung achten - diese an
Weibern schwer und wollen letztere nicht blo zu ihrem Widerschein, sondern auch
zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht blo die Miene, auch das
Wort bejahend.
    Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die
unreinen Wolken aus ihm weggezogen wren, die den Sonnenzeiger seines Innern
verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu
ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton
einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen, so
schwillt er immer feindlicher an und bertubt den Grundton und endigt alles.
Der Scheideton war hier die Strke der mnnlichen Tonart neben der Strke der
weiblichen. Aber die hchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten
Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich
ndern. Nur im schnsten, unverletzten Enthusiasmus setzt er sich es vor; aber
eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fhig wre, soll er sich zur
Erfllung desselben heben und kann es schwer.
    Der Graf ging am Morgen wie gewhnlich in seine Hrsle und Sprachzimmer der
Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften
seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren, da er auf einem
solchen Meere voll Bewegung ging. In den letztern fand er den Lektor klter als
sonst, den Bibliothekar wrmer, die Hauswirtsleute aufgeblasener. Er ging zu
Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der
beleidigten Schwester genugzutun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen
schnellen Aufreien des Vorhangs der Zukunft: es sei alles entdeckt - - hchst
wahrscheinlich! Sooft Liebende sehen, da die seefahrende Welt ihre
Kalypsos-Insel - die doch frei auf der offnen See daliegt - endlich in die Augen
bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat
denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen - so da jeder
Vorbeigehende hineinsehen kann - als ihres?
    Schon lngst hatten, erzhlt' er, die Doktors-Kinder immer etwas bei der
Baumeisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneiglser u.s.w.; gewi als Seh- und
Hrrhre Augustis - dieser sei wieder der Operngucker seiner Mutter - kurz sein
Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Glck nur
ein leeres Paket125 von Rabette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den
Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. Warum zum Glck?
(sagte Albano) Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren. -
Ich bezog es auf mich, (versetzt' er) denn nie war mein Vater freundlicher
gegen mich, als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen
Nachmittag in Blumenbhl, und wohl mehr meinet- als der Schwester wegen.
    Albano frchtete nicht, da die Stadt Minengnge unter sein Kindheitsland
hintreiben knne, um etwa durch eine Flamme die glckselige Insel zu zersprengen
- durft' er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen? - aber es
schmerzte ihn jetzt, da er so unntz der kindlichen Liane die Freude und das
Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach
dem abbenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem
nchsten Morgen!
    Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zurck, als
die Abendrte in den Regenwolken umherflo. - Als er kam, fand er von Lianen
schon einen Brief von heute:

    O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatt' ich dir zu sagen! Wie
hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wtende Wolke dich mit ihrem
Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwhnt, so fremd und schwer
wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untrstlich, endlich fiel mir nachts
noch dazu ein, da du wie von Ahnungen beklommen gewesen und da es gern ins
Donnerhuschen schlage. Warum bist du doch da? Ich strzte heraus und kniete
neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter lngst verzogen war,
da er dich mge erhalten haben. Lchle ber mein sptes Gebet; aber ich sagte
zu ihm: du wutest es ja, Allgtiger, da ich beten wrde. Ich wurde auch
getrstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte
in mir.
    Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege
weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt'
es daher kommen - denn sie sagts -, da ich dich mit meinen Sterbegedanken zu
sehr betrbe? Nie mehr sollst du sie hren, auch der Schleier ist
eingeschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber
sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddmmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher
werden. - Wahrlich, ich bin ganz selig - denn du sogar bist es, und hast doch so
wenig an mir, nur eine kleine Blume fr dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir
mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O
wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fllt und verraucht und
wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem
wegflieenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfllen mit Rhrung auf den
zerspringenden, reienden Fluten einen Regenbogen unverrckt und unverndert
schweben sah! - O, ich wollte, die Nachtigallen sngen noch, jetzt knnt' ich
mit ihnen singen; deine olsharfe, meine Harmonika wnscht' ich in meiner Hand.
Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh!
sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewi kein Gewitter in unser Rosenfest.
Ich tat ihm daher leicht den Gefallen - vergib es -, ihm zu versprechen, da ich
keine fremde Besuche in einem fremden Hause - weil es unschicklich sei, sagt' er
- annehmen wrde Ich mu auf einige Tage nach Hause wegen der frstlichen
Vermhlung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so
kann meine Seele unmglich Nein sagen. - Lebe wohl, mein Herrlicher!
                                                                              L.

N. S. Bald fliegt wieder ein Blttchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger
Freude! O Gott! warum bin ich nicht mchtiger? Welche Menschen solltest du dann
an deinem Herzen haben! Du Lieber!

                                       *

Wie beschmt' ihn diese vollblhende Liebe, die es gar nie recht wei, wenn sie
verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! - Wie tat ihm
die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! - Er konnte sie nun
lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen
gebenden in ihm! - Aber schwer ists einem Manne, fhlte der Jngling, im
weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefhlen
rein zu sondern und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zhlen und
zu reihen. - Jede Hrte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf;
und ihr Wert breitete sich wie der Frhling stckweise aus; indes gewhnlich von
andern Mdchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede
abends eine kleine vollstndige Blumenlese aller ihrer Reize und Knste
fortnimmt, wie ein Brocken- im Wirtshause einen niedlichen Strau berkommt, aus
den Moosarten gebunden, welche der Berg trgt.
    Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender
Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach. Im Garten
herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein
Krieg den Kriegsschauplatz verdirb.
    Das verheiene Blttchen erschien: Sei nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr
bald, und dann recht selig. Vergib mir! - ach, ich sehne mich am meisten. -
                                                                             L.

Jetzt empfand ers, welche Tage es waren, die sonst - d.h. blo vor einigen Tagen
- vor ihm wie gttliche Erscheinungen vorbergezogen waren und die nun wieder
heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne! - Warum schneidet sich
erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum mssen wir
erst etwas beweinet haben, eh' wir es hei bis zum Schmerze lieben? -
    Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der
Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden.

                                   71. Zykel


Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich
geschmckt mit Perlen und Zweigen, klopfte an Albanos Tre ein leiser Finger,
der einer weiblichen Hand gehren mute. Liane trat so frh schon herein;
Rabette und Karl riefen drauen einen lauten Gru. An seiner jauchzenden Brust
lag das schne, vom Gehen blhende Mdchen mit seligen, hellen Augen, eine
frisch-betauete Rosenknospe. Es war sein schnster Morgen, er fhlte rein, da
Liane liebe. Als die olsharfe einklang, sah sie hin, erinnerte sich errtend an
den schnsten Bundes-Abend und hrte still zu und trocknete das Auge, da sie es
wieder auf Albano wandte. - Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht
eintreten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit ber seine
neulichen Irrtmer. Welcher se Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane
liebend erschrak und bekannte, da sie ihn neulich nicht erraten - da nur sie
die Schuldige sei und da sie jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich
ber die verdeckten Schmerzen, die sie ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden
geben. Wie Mahagoni-Gerte in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt
und kein Polieren bedarf: so ist dieses Herz, fhlte Albano; der sich nun
schwur, berall, auch wo er sie nicht errate, zu sich zu sagen: sie hat recht.
    Sie lsete ihm das Rtsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen
Mienen, welche ein guter Mensch verdoppelt, wenn er etwas zu versen hat: sie
gehe nmlich heute nach Pestitz zurck - aber spt, erst abends, erst um die
Teezeit komme der Wagen, und ihnen bleibe ein ganzer Tag; und sie hoffe nicht,
da ihr Vater diesen Umweg ber Lilar fr einen Bruch ihres Versprechens nehmen
werde. Ein liebendes Mdchen wird unbewut khner. - Darauf suchte sie ihn ber
die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen und stellte ihm
seine Strenge, womit er sich und andere der Konvenienz unterwarf, als die
Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zurckberufung zum Vermhlungsfeste vor.
Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sie hat recht.
    Der Hauptmann trat mit der rotwangigen Rabette herein, in deren Augen die
Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust
nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vesuve hnlich, der in den ersten
Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er
setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von
Haydn - diesem rechten Stundenrufer jauchzender Stunden - in die laute Gegenwart
und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, da
er mehr hinein- als herausspielte und vieles (z.B. den Ba) immer selber setzte,
indes Albano mit fast komischer Treue in der Musik ebensosehr die Wahrheit
wiedergab als in jeder Geschichte, die immer in Karls Munde wieder eine erlebte.
Der Morgen legte allen Seelen die Flgel an, die der Mittag den Menschen immer
bindet - daher die Aurora mit geflgelten Rossen fhrt und der Tagsgott mit
flgellosen. - Aber wie sind nun unsere sieben Freudenstationen zu machen?
(fragte Karl) denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lustgngen nach
allen Seiten vor uns offen. - Karl, ist es denn nicht einerlei, wo ein Mensch
liebt? sagte Albano. - Seliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber
keinen Park dazu, keine opera seria, keinen Mozart, keinen Raffael, keine
Mondsfinsternis, nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelesenen oder
nachgespielten Roman!
    Zuerst mu ich meine Chariton sehen, sagte Liane. - Die kann uns ja
(nahm ihr Bruder sogleich auf) unser Essen in den gotischen Tempel nachtragen.
- Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert essen und bei einem
bnglichen, bunten Scheibenlicht und auf eckigem, schwerem, dickem Gert und
gleichsam dunkel unter der Erde der oben grnenden Gegenwart mit blhenden
Gesichtern sitzen; denn so berlud er die vollsten Gensse noch mit uern
Kontrasten und geno jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung
und Abspieglung der geschliffnen Sichel, die sie abmhte126. Gott bewahre und
behte, Freund! sagte Rabette. Auch Albano fand die freundliche Griechin, ihre
lachenden Kinder und die nahen Rosenfelder besser dazu; und siegte mit Lianen.
Vor dem belaubten Huschen liefen ihnen die Kinder entgegen, Helene mit dem
Schrzchen voll aufgelesener Orangenblten, weil ihr das Brechen verboten war,
und Pollux im letzten, leichten Verbande des gebrochnen Arms, dessen Hand jetzt
mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenbltter hatte
arbeiten mssen. Beide berichteten ein: die Mutter sei noch nicht fertig und
habe sie zuerst angezogen. - Aber schon nett und einfach wie zum
Priesterin-Tanze um den Altar froher Gtter sprang Chariton ihrer Liane entgegen
und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rcken
und Zucken gar an. Das ist (sagte Roquairol, nachdem er von Rabetten das
nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sie seine franzsische Bitte um
dasselbe nicht verstanden) meine Gemahlin seit gestern -, und er geno ohne
Umstnde das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zuspruche des Ministers mit
jungfrulichen Ahnungen lieber annahm.
    Da Liane freundlich vier Gste des Mittags bei Chariton anmeldete: so
standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudenblitze, und das kleine
Gesicht mit italienischen groen Augenbraunenbogen wurde ein feststehendes
Lcheln, das nicht Kchenverlegenheit, sondern nur zungenlose Freudigkeit war,
welche ihren weien Zahnhalbzirkel noch weiter glnzen lie, da Karl vollends
sagte: Du kannst ihr ja helfen, Frau! - Das versteht sich! sagte Rabette
ganz entzckt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden
Hnde, fr welche es so viel war, als wenn sie von der geliebten gedrckt
wrden, wenn sie fr sie harte Arbeit angreifen durften. Verwnschte sie nicht
so oft ihre unberedte, stockende Kehle, wenn Roquairol vor ihr seine feurigen
Strme brausen lie? - Jetzt, da er wieder die Nhe mit knstlichen,
schattierenden Scheidungen ausgeschmckt hatte, drang er freilich darauf, da
Chariton die expedierende Sekretrin bliebe und Rabette nur unterzeichnete. Auch
Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas fr ihren Liebling schaffen; aber
da sie als ein Mdchen von Stande nichts kochen konnte, sondern nur etwas
backen, so wurd' ihr - aber ungern von ihrem Freunde, der die se Gestalt
nirgendswo gern sah als, wie andere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihm -
zugestanden, ganz spt und zehn Minuten lang mit den Augen und in seltenen
Fllen mit den drei Schreibfingern an den Schneebllen mitzuarbeiten, welche das
Dessert beschlieen sollten.
    Einen breitern Baldachin oder einen schner geschnitzten Zepter und Apfel
hatte noch keine Kchen-Ballknigin, oder gar schnere dames d'atour, als
Chariton; und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt.
    Nun gingen die glcklichen Paare - und die Kinder mit - hinaus in den
freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monden
einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft
zu stehen auf der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne. Wir wollen auf
geratewohl (sagte Karl im Hafen) ausschiffen und zusehen, ob wir uns nicht
treffen. - Albano ging mit Lianen den Kindern nach, die schon an den kleinen
Husern durch die Rosengnge hpften, auf die Brcke ber den singenden Wald.
Wem das Herz so ruhig-selig schlgt, der sucht in der unsichtbaren Kirche keine
sichtbare - der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe, und berall
stehen Altre und Kanzeln. Auf dem glattniedergehenden Lebensstrome steht der
Mensch ohne Ruderselig in seinem Kahn und regiert ihn nicht.
    Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mtterlichen Auswanderungsverbote,
auf der Brckenhhe rechts hinber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene
lief blo als ziehende Fhrerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht
unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lotsmnnchen und Leithndchen
so gern. Himmel! wenn sie sich so auf der herrlichen Hhe umsahen und in den
reich ausgebreiteten Tag und in ihre Augen darauf: wie wlbten sich die Bogen
der Lebensbrcke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen
Segeln und stolzen Masten hindurch! - Rosenbume kletterten an den Triumphbogen
herauf, die Kinder langten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten,
den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend, ber vier Tore hinweg, um von
dem fnften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den
Zauberwald hinabzusteigen, wo die Kunst wie die Kinder spielte.
    Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus, um zu Chariton
ber die Bogen zurckzugehen, jener zum Flaschenkeller - er hatte etwas Leeres
daraus in der Hand -, diese ein wenig in die Kche. Er ging selig wie auf
Flgeln und sagte: Das Leben fhrt heute auf dem Wagengestirn im Blauen dahin.
Er kehrte aber um, um vor ihnen die Plejaden aufgehen zu lassen, nmlich den
sogenannten verkehrten Regen, der blo fnf Minuten lang und eigentlich nur
bei Illumination steigt. Er fhrte alle in den Wunderwald durch ein im
Mittagsschlummer liegendes Licht, das unter freien Bumen glhte, deren
weit-auseinanderstehende Stmme sich nur die langen Zweige boten. Auf dem
Brennpunkt der malerischen Bahnen lie er sie das Spiel des Regens erwarten. Die
Kinder sprangen mit ihren Hoffnungen nach und setzten sich, vom Mute der
Erwachsenen gedeckt, mit diesen auf bezeichnete Gtter- oder Kindersitze,
zwischen zwei kleinen runden Seen.
    Whrend Karl schnell im Zickzack, der hydraulischen und mechanischen
Maschinerie wegen, hin- und herlief - ohngefhr nach den Punkten des Irrgartens
in Versailles -: so konnten sie den berall aufgehenden Zauberwald durchfliegen
- ein allmchtiger Arm der auen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen
herein und trug eine schwere, reiche Welt - bald war das Wasser ein fester
Spiegel, bald eine gewundne, wellenschlagende Ader, bald eine Quelle, bald ein
Blitz hinter Blumen, oder ein schwarzes Auge hinter Bltter-Schleiern - schmale
Ufer, kurze Beete, Kindergrten, runde Inseln, kleine Hgel und Landznglein
wohnten dazwischen, sie hielten ihre bunten, blhenden Kinder auf dem Arm und
Scho, und die blauen Augen der Vergimeinnicht und die vollen Tulpenwangen und
die blawangigen Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden,
beisammen, aber Rosen liefen durch alle. Jetzt hrten die Menschen murmeln und
rauschen, die Seen neben ihnen walleten; an einem abgerindeten, auf eine Insel
eingepfhlten Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an - von
den Hngebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder - aus den
beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel -
Jetzt quoll es berall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kindern, spielten
mit den Blumenkindern - Wie Vgel flatterten Strahlen mit breiten Flgeln aus
den Lorbeerhecken und fielen in die Rosengruppen nieder - an einem Hgel voll
Eichen kroch eine Wasserschlange hinauf - kriegend schossen aus allen
Ufer-Mndungen belagernde Bogen an die Gipfel - Pltzlich fanden sich die
berlisteten Zuschauer mit Regenbogen berwlbt, denn die Seen warfen ihre
Wasser hoch ber sie hinber, da durch das Tropfengegitter die wankende Sonne
brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt. - Die Kinder schrien
erschrocken. - Die aufgejagten Vgel kreuzten durch den Regen
Nachtschmetterlinge wurden niedergeworfen - die Turteltauben schttelten sich,
an die Erde gedrckt, in den Gssen - die Ufer und die Beete hielten ihre
blhenden Kleinen dem Himmel unter. -
    Nach fnf Minuten war alles vorbei, und nur in allen Blumen und Augen
zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort. Die Kinder liefen
dem Wundertter Karl nach. Vorbei drauen, (sagte Albano) aber nicht in uns.
Ich bin heute recht still-froh, denn du liebst mich, und auch die ganze Welt ist
freundlich. - Bist du auch glcklich, Liane? - Sie antwortete: Noch froher,
und ich mte vor Freude weinen, wenn ich es sagte. - Aber sie weinte schon.
Sieh! die Tropfen! sagte sie naiv, als er sie anblickte, und nahm seine vom
Regenbogen angesprtzte sanft von seinen Wangen weg. Sein Mund berhrte ihr
heiliges, zrtliches Auge, aber das andere stand offen, und ihr Herz und ihre
Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm nher.
    Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorber.
Sie gingen mitten ber den freien Garten den Morgen-Partien und - Toren zu. Wie
lagen in der offnen Welt die Ksten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem,
hohem Grn, und Nachtigallen flogen um die Ufer! - Die Entzckung macht das
mnnliche Herz weiblicher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu
Lianen, auf deren seitwrts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles,
frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der
schnen Welt, und er ging ohne hastiges berschreiten um die kleinste
Landspitze. Die junge Nachtigall wetzte den abgeftterten Schnabel am Zweige und
schttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hpfte mit Tnen
nach neuer Kost und berall flogen und schrien die Kinder des Frhlings und ihre
Eltern durcheinander - Kleine, weie Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder
im Grase - Selig flo der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weien Bogen
ber den untergetauchten Augen, und selig schwebte die glnzende Tonmcke wie
ein fester Stern unverrckt in den Lften ber einer fernen, blumigen Glocke. -
Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete
Schmetterlinge, suchten und berdeckten einander und legten ihre bunten Flgel
an Flgel - Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Blten, und die Rose, die
keine Dornen fr sie hat, nur gegen die Linde. Liane, (sagte Alban) wie lieb'
ich heute durch dich die ganze Welt, ich mchte den Blumen einen Ku geben und
in die vollen Bume mich drcken; ich knnte nicht dem langen Kfer da unten in
den Weg treten. - Sollte man (versetzte sie) je anders fhlen? Wie kann ein
Mensch, dacht' ich oft, der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer
Tiermutter so krnken und zerreien? Aber wir vergeben den Tieren, sagt Spener,
auch nicht einmal ihre Tugenden. - La uns zu ihm, sagt' er.
    Sie kamen auerhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Fltental oben
an dem mittagshellen Huschen des alten Speners an; aber da sie ihn laut lesen
und beten hrten, gingen sie lieber in groer Ferne vorber, um in seinen
heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen.
    Sie schaueten ins schne, stille Fltental und wollten eben hinein; endlich
sprach es zu ihnen mit einer Flte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu
sein. Die Flte klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwestern und
keine Fontnen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flte eine scheue,
zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gestruchen
Rabette. Sie rhrte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten
ihrer unbehlflichen Stimme dem Geliebten das demtige Opfer des Gehorsams
brachte. O, mein Albano, (sagte Liane, sich entzckt an ihn schlingend)
welche Sigkeit, da mein Bruder glcklich ist und Seelenfrieden hat und durch
deine Schwester! - Er verdient meinen, (sagt' er bewegt) aber wir wollen sie
beide nicht stren, sondern den alten Weg zurckgehen. Denn Rabettens Tne
wurden oft zerschnitten, aber es war ungewi, ob von Furcht - oder von Kssen
oder von Rhrung.
    Als sie wieder durchs Morgentor hereintraten: kam die Sngerin und Karl
ihnen aus der grnenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam ber
lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit
seinen und sagte: Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie
eine Nacht aussieht - Bruder, aber wenn man so innig selig ist und Sphren
vernimmt, so sinds solche Tne, wie man einmal zum Zeichen hrte, da vom Markus
Antonius sein Schutzgott Herkules weiche. - So werden die Freuden, wie andere
Edelsteine, mechanische Gifte, welche blo in der Ferne glnzen, aber berhrt
und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lchelnd: Da du dich
jetzt frchtest, Lieber, so hast du nichts zu frchten; denn du bist nicht rein
glcklich. Ich aber frchte leider nichts. - Bravo! (sagte Karl) Nun geht in
eure Kche, Mdchen! Er ging in den sogenannten Tempel des Traums, drang aber
bald in die verbotene Kche nach.
    Albano besuchte Lianens Frhlingsstbchen. Hier malt' er sich jenen
Glanz-Sonntag zurck, wo ihn Liane durch Lilar gefhret, und er lie die
Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese berstrahlte sie.
Drauen im Garten standen und glnzten, so schien es ihm, die reinen Sulen
seines Himmels, die Trger seines Tempels, die Bume; und alles, was er hier
neben sich sah, gehrte wieder zu seinem Glck, Lianens Bcher und Bilder und
Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand.
    Endlich trat die Heilige der Rotunda selber - jungfrulich errtend ber
diese Nhe und ber sein Errten - herein, um ihn ins khle Ezimmer
hinabzuholen. Es war klein und dmmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel
nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe
aufgegangen. Zu den Tischreden - wodurch erst ein Essen ein menschliches wird -
und zu den Scherzen - den feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des
Gesprchs - lieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfhig, vom
verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrote
Chariton machte Auszge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus
den Wundzetteln von Pollux' Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schtzen,
hrte schalkhaft-glubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Du gegen
Rabette zu fnf Akten verspann, und lchelte gern da, wo es verlangt wurde. Am
meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, frhlich um; dieser Jupiter, den
immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen groen,
heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. Sooft Albano wie vorhin nicht in
sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten
Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das letztere
erwiderte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an
eine Seele geknpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein
seliges Lcheln; einen Hymnus htte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein
Tischgebet leichter als eine Tischrede.
    Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergngt und ermunternd schauete
das se Mdchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprchige, neckende Wirtin
machend, da ein Mann, der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte, von
diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger gerhret
wurde, wenn er auch merkte - oder vielmehr eben darum -, da sie hier mit dem
Scherze selber Scherz treibe, blo um - nach ihrer neuen moralischen
Trauerordnung - ihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versen, sowohl die
nchste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen
jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trbe, auch das frohe.
    Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich
selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlgt, wie zwischen
zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender
Vervielfltigung hin und her und wird unabsehlich.

                                   72. Zykel


Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnellern Rdern heran, mehrere Sternbilder
der Freude gingen unter, als heraufkamen. So grnen die blhenden Weingrten des
Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die
zwei Liebenden brauchten jetzt Stille, keine Gnge. Sie machten den nchsten,
den ins Donnerhuschen. Sie traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues
Land; mitten im Tage wird der Mensch aus einem Traum nach dem andern wach und
hat immer vergessen und sieht immer verneuet. In Albano stand der goldne
Saitenglanz der Freude noch unter der wegrckenden Sonne; er sagte ihr froh, wie
oft er sie besuchen wrde bei ihren Eltern und wie er diese gewi befreundet zu
finden hoffte. Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende
mit ihren aus. Aber jetzt lie sie ihr vorhin leichtes Herz, das auf den Blumen
des Scherzes sich wiegte, auf dem festern Ernst ausruhen.
    Wenn im Menschen Friede und Flle ist, so will er nichts mehr genieen als
sich, jede Bewegung, sogar die krperliche, verschttet den vollen Nektarkelch.
- Sie eilten aus dem lauten, regen Garten ins stille, dunkle Donnerhuschen.
Aber da sie, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglnzend und
sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dmmerung einsam nebeneinander standen
und sich ansahen - und da Albanos Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am
Abend, licht, warm, fest und schn, und Lianens Seele wie die aufdringende
Quelle am Gebirge, die hellrein und khl und verborgen dahinrinnt, und nur vom
Abendstrahl berhrt, rosenrot glht - und da diese einzigen Seelen gerade sich
fanden in der weiten uneinigen Erde: so durchschauerte sie eine gewaltsame
Freude wie ein Gebet, und sie strzten sich ans Herz und glhten weinend und
schaueten sich gro an in der Umarmung; - und an der olsharfe taten sich
schnell die Flgeltren eines begeisterten Konzertsaales auf, und
herausschlagende Harmonien wehten vorbei, und schnell gingen die Pforten wieder
zu.
    Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster, vor welchem die Blumenbhler
Berge und Lilars Hgel und Pfade im Sonnenglanze lagen. Um sie war der
Abendschatten und alles still, und die therharfe atmete leise. Sie sahen sich
nur an und freueten sich ins Innerste hinein, da sie einander liebten und
bewahrten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die
rauschende, bewegliche Welt; unten blies der Wind die Mohn und Tulpen-Lohe
breiter und in die schwere, gelbe Ernte - die Silberpappeln, ewigen Mai-Schnee
tragend, flatterten mit aufgewhltem Glanz - ein Taubenflug rauschte eintauchend
ins Blau hinein - und drben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel
Gottes, die Berge, nebeneinander in Reihen und trugen bald Nchte, bald Tage -
und der fromme Vater stand allein auf seiner Hhe und reichte seinem Rehe weiche
ste.
    So bleiben wir! sagte Albano und drckte ihre liebe Hand mit seinen beiden
an sein Herz. Hier und dort! (sagte sie) Albano, wie oft hab' ich gewnscht,
du wrest zugleich meine Freundin, damit ich mit dir von dir reden knnte. Wer
wei es auf der Erde, wie ich dich achte, als ich allein! - Hier und dort? -
Liane, ich bin glcklicher als du, denn ich allein glaube an unser langes Leben
hier, sagte er auf einmal verndert.
    Welche Ursache es nun sei - entweder die, da der Mensch gar nicht gewohnt
ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelseten reinen Gegenwart
glcklich zu sein, weil sein innerer Himmel wie der physische immer gerade und
nahe ber ihm finsterblau aussieht, und erst um den fernen Horizont herum
glnzend - oder da es ein so zartes berirdisches Glck gibt, was wie der
Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird, indes rohes wie das Tageslicht die
breiteste vertrgt - oder da Albano zu sehr den Mnnern glich, die immer in der
Freude ihre Krfte so stark fhlen, da sie lieber den Gttertisch umstoen als
ein Gericht und Himmelsbrot weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglcklich
sein als nicht ganz glcklich -: genug er konnte und wollte der Furcht und dem
Verhllen nichts mehr schuldig sein.
    Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie
den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Festtapeten schner
Tage mit keinem Trauertuche auszuschlagen: so sagte er, wie von einem fremden
Geiste fortgestoen, geradezu: Du beantwortest nichts? - Nur Freuden, nicht
Leiden soll ich teilen? - Du hast deinen Schleier nicht? Mich willst du schonen
wie einen Schwachen? Und dich allein drckt dein Todes-Glaube fort? - Liane, ich
will auch Schmerzen haben und alle deine, sag alles!
    Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' ich halten (sagte sie) und mehr
nicht. Aber was soll ich denn zu dir sagen, Lieber? - Du stirbst also gewi
nach einem Jahre, glaubst du, Aberglubige? - Himmlische! sagte er.
    Wofern es Gottes Wille so ist, gewi! (sagte sie) O mein guter Albano,
was kann ich denn fr meinen Glauben, der dich auch so schmerzt? Und hier
konnte sie ihre Trnen nicht mehr hindern, und alle Kruzifixe der Erinnerung
regten sich in der schnen Seele lebendig und bluteten heftig.
    Gottes Wille? (fragt' er) - Ebensogut knnt' er jetzt einen Winter wie
einen Eisberg in diesen frohen Sommer strzen - Gott? wiederholt' er, sah auf,
kniete hin und betete: O, du alliebender Gott...
    Und du stirbst mir nicht! kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum
Weiterbeten unfhig vor dem Geschrei seines Herzens und mit beiden Hnden hastig
ber sein nasses Gesicht wegstreifend - Nun betete er sanfter-zitternd fort:
Nein, du Alliebender! tte nicht dieses schne, junge Leben! La uns beisammen,
lang und fromm!
    Sie kniete unwillkrlich neben ihn - heute matter von Freuden und
unbekannten innern Siegen, sogar vom langen Gehen - desto heftiger angefallen
von einer rhrenden Wirklichkeit, da sie von rhrenden Phantasien verwhnt und
erweicht war - und unsglich leidend bei Albanos Schmerz - sie konnte nicht
reden - wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bckte sich ihr Haupt und Hals
- und so blickte sie, wie vom ganzen Leben schwer umwlkt, auf den Boden hin -
der umfangende Todesflu rauschte mit einem Arm um sie - da sah sie, ohne
aufzublicken, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weien,
gold-punktierten Schleier ziehen, der sich lang ber das Leben wegschleppte, und
sie sah es deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin-
und herschttelte.
    Hr auf zu betenl (rief sie trostlos) Du harte Erscheinung, erhre aber
mich und mache nur Ihn glcklich! betete sie, aber sie sah nichts mehr; und sie
verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner
Brust.
    Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sei da. Sie warf ein schnelles,
dnnes Ja hinab. Trennen wir uns? fragte Albano; der Feuerregen der Entzckung
war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offne Seele zurckgefallen - und
darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: So haben wir uns zum
letztenmal gesehen? und unter dem geschlossenen Augenlide weinte sein gutes
Auge.
    Nein, bei dem Allgtigen, nein! sagte sie und stand auf, um zu gehen.
Bleibe! sagt' er, und sie blieb und umarmte ihn wieder. Aber begleite mich
nicht! bat sie. Nicht! sagt' er und hielt die Wegziehende lang' an den
Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da er die auf diese stille Gestalt
getriebnen Leiden ansah, da diese weien Schwingen der Unschuld sich an seinen
Klippen und Berghrnern voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich, eh' er
sie und sein Heil entlie. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen
Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinunterschlich und gesenkt lauter
heitere, blhende Wege des Vormittags ging. Er schauete aber nicht nach, da ihr
Wagen ber den frhlichen Wald wegrollte; er stand am Morgenfenster und sah
seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen verga.

                            Sechzehnte Jobelperiode


                            Die Leiden einer Tochter


                                   73. Zykel

Wolken wie die letzten bestanden fr Albano weniger aus niederfallenden Tropfen
als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher
nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift fr die ferne
schne Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er
auch einen Ablabrief ihres Schweigens mit; spter wurden Anstandsbriefe
(Moratorien) daraus; endlich als sie immer gar nichts von sich hren und lesen
lie: so fing er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und
manches darin auszustreichen.
    Ebensowenig fand er fr sich oder fr ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar
der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit mden Hnden
hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten
wiegt. - Die wilden Hypothesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch
sich traben lsset - wie in diesem z.B. die von Lianens Krankheit, Erkltung
Gefngnis, Abreise -, sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen
als mit der ebenso groen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und
abdankt, z.B. den der Entfhrung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung.
    Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er
stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Trumen; ohne da er beider
Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren
smtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die
Balken zum herrlichsten Throngerste zusammentragen und - nageln wollte, auf
welchen sich die frstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am
weitesten umsehen konnte; aber er hrte nichts darin von der seinigen, als da
sie fters mit dem Minister die Bildergalerie besuche.
    Dadurch schienen zwei ngstlichen Hypothesen, die ihrer Krankheit und ihres
Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu
den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schnste Aussicht zu haben. Er
besuchte den Vesuvius. In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grner; er
fragte nach allem und lie sich ber vieles heraus, was das Vermhlungsfest
unmittelbar anging; auch sucht' er seine Hoffnungen und Wnsche nicht zu
verbergen, da der Graf die bewundernswrdige Braut bewillkommen helfen werde.
    Am Ende mute dieser auch die seinigen ber die Weiber zu erffnen wagen.
Der Minister versetzte ungemein heiter, da beide das brave Frulein von
Wehrfritz eben nach Blumenbhl zurckbrchten; und lie sich sofort aufs Lob
dieser unverdorbnen Natur ein. Albano ging bald, aber viel froher. Auf seinem
Wege brannten doch einige Gassenlaternen.
    Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgchen, wo keine einzige war; nmlich
Rabette, das Renntierchen, kam nach Lilar gelaufen, wie gestern nach Pestitz -
denn was ist fr ein Landfrulein ein Meilenlauf anders als eine gerade
Allemande? - und schttete und schttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren
aus, woraus nichts herausfiel als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollstndiger
Hochzeittag, ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmnnin. Die Ministers waren
gegen mich so hflich gewesen, aber - nachher noch mehr gegen meine Eltern die
Mutter - und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt kurz, sie wissen
freilich alles, mein herrlicher, herzlieber Bruder! sagte sie, - aber von
Lianen wute sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen, auer ihren
Gesundheitspa; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend
gewandt. Wir waren keine Minute allein, das machts, setzte sie dazu und kam
wieder auf ihren Huptmann, den der Minister als Marschkommissarius der
einrckenden Frstin auf die Haarhaarer Strae versendet habe; doch verwies sie
ihn auf die Illuminations-Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige
Eltern dabei zu sein ausgemacht htten. Du gutes Geschpf! wer gnnt dir nicht
den blitzenden Ring der Freude, den du an deiner braun und hart gesottenen Hand
ansiehst, und wer wnschet nicht gern, da seine Steine nie ausfallen!
    Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das
Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen, obwohl nicht ihre
Entzckung; er sagte - aber ohne sonderliche Rhrung -, da der Vater wirklich
ihm den Bruderku mit einer Kuhand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz
besonders aus- und anzeichne und zu Geschften freundlich verbrauche - und das
alles blo, seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunicken
der Eltern gekommen sei; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht,
aber doch von Rabettens Weiberlehn, zumal da man ihm bei der romantischen
Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen knne, ob er nicht sonst einmal die
rmste bringe.
    Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgebracht
htte, erzhlte Karl blo, da er Lianen gesund und still, aber keine Minute
allein gefunden. Die Zusammenhaltung der fremden Drftigkeit mit dem eignen
offnen, reichen Glck war - so glaubte Albano - die schne, zarte Ursache, warum
Karl mit so flchtiger, khler Freude ber die elterliche Einsegnung seines
Seelenbundes weglief. O, wie liebt' er ihn jetzt! Knnt' er ihn je mehr lieben,
so tt' ers, wenn Liane gar seinem Glck verloren wre, blo um sich und ihm zu
zeigen, da die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites
zu lieben.
    Dieses Gewlke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer
um seine schnsten Hhen fest, und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im
Kreise von Widersprchen umher. Wie mute dieser Jngling sich abarbeiten, wenn
er bald dachte, da die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen,
da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu mssen glaubte, und da sie zwei
Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern knnten - oder wenn er auf die
fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen lie,
der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt, da sie ihn
wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flgeln umhalset als mit Armen und da
sie berhaupt, an so lange Ergebungen gewhnt, Opfer und Neigungen kaum
absondern und jene fr diese halten knne - oder wenn er bald und am ftersten
alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte, warum
er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so
wankendes: Dann fhrte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten ber jeden vorigen,
den er der guten Seele gemacht, blo um sie nach der Proselytenmacherei und
Reformiersucht, welche die Mnner mehr an ihren Weibern als Freunden ben, fr
seine eigne Guform einzuschmelzen Letzteres konnt' er rgen, wie Holberg127
bemerkt, da die Mnner Landgter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil
jene mehr als diese sie reformieren wollen: aus demselben Grunde verderben die
Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene.
    Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil
zu holen oder ein schneres Blatt, ging er wieder ins ministerielle Haus. Er
wurde vom Minister wieder lchelnd und von der Mutter ernst empfangen, und - auf
seine Frage war Liane nicht wohl auf. - Er legte dem alten, sich jetzt wrmer
andrngenden Schoppe, der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors
weiter kein Herz studierte, als was auszuspritzen und zu prparieren war, eine
kurze Frage ber des Doktors Besuche beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er
vernahm, da niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache, da Liane ganz
blhend in alle Zirkel fahre, als blo der Lektor hufigere!
    Er begriff wohl, da nur die Medusenkpfe der Eltern das weichste Herz gegen
ihn versteinern knnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, da
er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; nicht aus Egoismus, (sagt' er zu
sich) nicht meinet-, sondern ihrentwegen. Der Liebende will eine groe,
unbeschreibliche Liebe - von der er sich immer nur als den zuflligen und
unwerten Gegenstand glaubt -, blo um selber die hchste zu geben.
    Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter
Licht- und Ofenschirme stellte, teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu,
Liane werde bei der kommenden Frstin - etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter
eiferschtiger Argwohn ber Augustis Wnsche oder Verhltnisse erlaubte ihm
keine Antwort darauf.
    Jetzt ermannte sich sein Geist, und er schrieb geradezu an die Seele, die
ihm gehrte; und schickte dem Bruder das Blatt zur bergabe. - Dieser kam den
Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit
dem ersten Gru gegeben htte. Karl fhrte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er
neulich gewesen - sagte, jeder Nerve da htte Steifstiefeln an und jedes Herz
einen Reifrock - kam weiter preisend auf die jngste, aber angefeindetste
Prinzessin, Idoine - erklrte, sie besitze nach allen Vorzgen, z.B. der
Heiligkeit, der Gte, des entschiednen Charakters, der sich sogar auf dem Throne
sein eignes Los und Leben aussucht, ferner der Liebenswrdigkeit, da sogar die
niemand liebende Frstin-Braut an ihrem Herzen hnge, noch den Vorzug der
tuschenden hnlichkeit mit Lianen.
    Hat diese nun mein Blatt? fragte Albano. Karl hndigt' es ihm wieder ein:
Bei Gott! (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) ich konnt' es ihr jetzt
nicht beibringen - Aber Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sie
bleibe nicht ewig die Deinigste? - Ich glaube gar nichts (sagte Albano
beleidigt und zerri sein Blatt in Blttchen von der Gre der Buchstaben
darauf) - Wollen nur wir (fuhr er mit gerhrter Stimme fort) bleiben, wir wie
sind, fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut! Der gerhrte Freund suchte
folgenden Trost hervor: Erwarte doch nur den Illuminations-Abend128 - da
spricht sie mit dir - sie mu durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern,
in welcher Rolle und fr wen. Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht
aus ihrer hnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen;
aber was half es seinem Glck?
    Mit der Umkehr seines Blttchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt,
kam dieser verstrkt zurck. Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heies
Siegel gedrckt; er hatte nun nichts fr und vor sich als die Zeit, die jetzt
sein Gift wurde, und erst spter, wie er hoffte, seine Arzenei. ber sein
aufgerufenes Ehrgefhl wurde berhaupt nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu
einer Richtsttte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger
schauen, wo unter gift-schwerer, ttender Pein eigner und fremder Verachtung ein
niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sndige Brust hing.
    Karl nherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nchtlichen
Rtsel; aber Albano, so sehr er sie wnschte, machte ihn irre durch
Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhren, geschweige auszufragen.
So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen-knospen, die eine einzige
Stunde zu weichen Rosen aufschlieen kann. Siege geben Siege - - wie Niederlagen
Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn
nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in
einer - Sternwarte. Mit ganzer, festzusammengefater Seele warf er sich auf die
theoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die ttige, um nicht die
Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der
Stadt und Blumenbhl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf
Sternbilder, nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus
den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig htten saugen knnen. So ging er
unter den Fest-Zurstungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart
der schnsten Seele entweder segnen oder zerstren sollte, bewahrt entgegen,
vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals
aufblickend, der sich immer bewegte, ungewi, ob friedlich oder kriegerisch.

                                   74. Zykel


Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht
abnehmen - oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreien - oder
so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken - oder endlich die ganze Sache - -
das sind lauter Metaphern - und die unhnlichsten dazu -, welche zu nichts
dienen knnen, als die lang' erwartete Auflsung, welche sie beschreiben wollen,
nur noch lnger und verdrlicher aufzuhalten; vielmehr, glaub' ich, wird besser
der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei
entblet wie folgt:
    Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und
mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als
ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau
offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, - die knftige
Frstin, die fr ihn mehr als gewhnliche Neigung gefasset habe. Er warf ein
volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand - weiter lobt' er an
Frauen nichts129 -, so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen
ihren; und schtzte sich glcklich mit der Eroberung einer Person, deren feine,
fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen knne,
und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwidere, aber
nur auf halbem, da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte: um die Liebe von
Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten
Manne schieet sonach, wie wir sehen, ganz spt - nicht ungleich den frischen
Zhnen, die oft Greise erst als Neunziger trieben - ein Liebhaberherz unter dem
Stern an; allein es ist mehr zu wnschen als zu hoffen, er werde dabei
sonderlich den Lcherlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder
des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der
Schnitzbank hlt, um es fr den Frsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er
Sonnabends so mde, da ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden knnte - und
htt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Fe oder Moses Gebote
-, eine Dido aus dem Sturm in die nchste Hhle zu begleiten. Er tuts nicht.
Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und
weinerlicher, zumal da er besorgt, da diese ihn am Ende in jene verflechte,
weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rckwrts- als
hinaufwrtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern
Weltleuten jede Vermhlung - auch die der Seelen - am Ende so sauer als den
Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft fr die Frstin nur eine
kalte, politische, kokette, hfliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie
er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen
Frsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung fr
diesen in Froulays Neigung fr jene finden; denn sobald nur einmal der
Hofprediger die kopulierende Hand auf die Frstin gelegt, so hat dieser
Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan, und sie kann
dann unangerhrt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.
    Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, da
der Minister, wenn er (in diesem) wiederkme und Liane nicht zu Hause fnde,
keifen wrde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads
schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er
sagte der Mutter, es sei ihm nicht mifllig, da sie sich jetzt gar ausheile,
da die neue Frstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort.
Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen
sehen, ohne dessen Polaritt fr sich zu probieren und damit etwas entweder zu
ziehen oder zu stoen. Wie der berhmte Gottesgelehrte Spener - ein Vorfahr des
unsrigen - so schn tglich zu Gott dreimal fr seine Freunde bat: so findet man
mit hnlicher Freude, da der Hofmann bei seinem Gotte, dem Frsten, tglich ein
wenig fr seine Freunde bittet und etwas haben will.
    Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst
im Ausfhren kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er
wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden
Gemeinschaft zu stehen schien.
    Eines Abends landete leider der fatale, ngstliche Lektor - der das kleinste
Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte - vor ihr mit seinem
Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden
Kindern unter beiden Armen - unter jedem hatt' er eines - ans Land; und doch
warum fahr' ich ber den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien
gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher?
    Ihr Erstaunen kann nur mit dem greren ihres Gemahls verglichen werden, der
zufllig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr - von Schropp aus Magdeburg -, um
auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches
vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne,
lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines
Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr
in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den
Berichten ab. Er hielt es unter seiner Wrde, je seinen Argwohn - der sich auch
in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und - Augen nicht
zumachen lie - oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamrte zu
verkleistern oder zu decken; die schnen Lilien der ungefrbtesten
Unverschmtheit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin
ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen - zur Hlfte;
nmlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annherungen zum
Wehrfritzischen Hause, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend
dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz
den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit
gesehen, um sich nicht nach dem vortnenden Wort Zesara, das sein zarthriger
Blech-Sucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die
Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden
nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und
Engel zu bringen; und umging seine Frage.
    Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fhrte weiter; er bekam Darmgicht - so
wurde dem Doktor Sphex gesagt -, foderte von diesem schnelle Hlfe und auch
einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren
ohnedies dem aufgeblasenen Jngling so gram - durch ihre ausgeschickten vier
Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehrknochen jeder
Stadt-Sage, war viel von Blumenbhl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. - -
Kurz die Gehrknochen griffen in fremde so gut ein, da Froulay in einigen Tagen
imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an
seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.
    Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos
oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen
Rabettens auf jenes Paar, welche fr den Minister so viel waren, als htt' er
mit seinen scharfen Mautners-Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf
das konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels
setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.
    Wir knnen ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner
Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem

       Schutz- und Stichblatt fr das zweite Briefsiegel in Staatssachen.

Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als
Vater zustehe - wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und
seinen eignen dazu voraussetzt -, das will ich nicht entscheiden, auer durch
die eben hergesetzte Parenthese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe
spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind
machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um
zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer
ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht ber
alles Licht berhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert;
alles, was durch seine Tore reitet und fhrt, soll nur, sei es auch in ein
Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was fr Name und fr
Geschfte. -
    Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen mu -
der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mnch seine dem Prior - der
amerikanische Kolonist seine dem Hollnder132 (damit er sie verbrenne, wenn sie
ber ihn klagen) -: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat fr eine
Kaserne - oder fr eine Engelsburg - oder fr ein monasterium duplex - oder fr
eine europische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich
alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adelskauf- und Apostelbriefe es
sind. Der einzige Fehler ist blo, da er die Briefe nicht eher vorbekommt als
zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es ntigt die
Regierung, auf- und zuzumachen - den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie
zu stecken, wie der Koch mhsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann,
sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurckgeschoben aufsetzt.
    Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzufhren hat. Denn so
allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, da die Regierung aus
demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen ffnet, auch jeden vorvorletzten
und endlich den ersten msse frher entsiegeln knnen als der Erbe desselben -
und da ein Frst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe
Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) msse ziehen
knnen, worin Frsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel -: so ist
doch das Korkziehen der Briefe - das Koppelsiegel - das Vikariatsiegel - das
mhsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrliches und
beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht mu daher ein Recht gemacht werden durch
gesetzliche Wiederholung.
    Etwas davon wrde, hoff' ich, sein, wenn befohlen wrde, die Briefe nur auf
Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelmtchen lse
dann vorher alles durch.
    Oder man knnte die Pitschafte, als Mnzstempel fr Privatmnzen, nicht mehr
zulassen. Es schlge sich dann eine Siegel-Kammer mit groen Rechten ins Mittel
und verpetschierte, wie jetzt den Nachla der Verstorbnen, alsdann der
Lebendigen ihren.
    Oder - was vielleicht vorzuziehen - eine Brief-Zensur mte anfangen.
Ungedruckte Zeitungen, nouvelles  la main, nmlich Briefe, knnen, weil sie
noch grere Geheimnisse austragen, nie eine grere Zensurfreiheit fodern, als
gedruckte Zeitungen genieen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein
umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index
expurgandarum) wre dann fr den Korrespondenten immer ein Wort.
    Oder man vereide die Postmeister, da sie treue Referendarien alles dessen
werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie
vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder
zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden
Siegels weiterzuschicken.
    Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schlieen, neu und
hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.

                                       *

Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm
gar nichts Neues - ihren gegenwrtigen Plan, blo um dem Herrnv. Bouverot und
ihm entgegenzuarbeiten, versteh' er ganz wohl - daherhabe Rabetteherein-, die
Tochter hinausgemut inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und
wer es sei, zeigen, da sie nicht blo eine Mutter habe, sondern auch einen
Vater. - Sie mu sogleich herein; je la ferai damer133, mais sans vous et sans
Mr. le Comte, beschlo er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.
    Aber die Ministerin fing - gem ihrer harten Verachtung gegen seine
Projekte und Krfte - mit jener Klte, die jeden Warmen mehr erbittert htte als
diesen Kalten, an, ihm zu sagen, da sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr
mibilligen und bekriegen msse als er - da sie blo im zu weit getriebenen und
sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich
geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbhl
gelassen - da sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den
Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und da sie, so wie sie Lianen
kenne, des schnsten leichten Erfolges fast versichert sei.
    Allerdings war ihm das unerwartet und - unglaublich, zumal nach dem vorigen
Verschweigen; nur die feinste Mnnerseele sondert in der weiblichen die
zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttuschung und der willkrlichen Tuschung
ab, der Schwche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin
ohnehin gehrte unter die Weiber, die man erst lieben mu, um sie zu kennen, was
sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der
Beistimmung und Mitwirkung - blo um es knftig als Waffe gegen sie zu wenden -;
konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, da sie also wieder (so sprach
er stets) nach eignem Gestndnis ber ihre Kinder aus Mangel an Argwohn
fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele,
die ihm ihre Lcken zeigte, durch diese Lcken, als hab' er sie selber
gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung
kniete, drckt' er tiefer nieder und zog statt des Lseschlssels den Hammer des
Gesetzes hervor.
    Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten bersetzungen
kennen lernen, und der sterreichischen goldnen Vliesritterschaft, die
vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen
anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste - statt Hoftrauer -
ansagen lie bei dieser Annherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Groen,
der oft einen deutschen Frstenzepter als Elle an sich legt. - Denn jeder
Spanier mu sich bisher darber gewundert haben.
    Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich
nichts als die - Gewiheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die
Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine
Weise eine Brcke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schlagen
lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine
viel ltere, weisere, die er fr den deutschen Herrn und dessen Gelder und
Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens
hatte die Ministerin auer denselben Grnden - und auer einigen fr den Lektor
vielleicht - noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen
nicht ausstehen; nicht blo allein darum, weil sie eine harte hnlichkeit
zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen,
in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiser Demut und
Glubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzglich deshalb nicht gut ausstehen, weil
sie ihn nicht - leiden konnte. Wie das System der Prdestination einige Menschen
zur Hlle verurteilt, sie mgen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so
nimmt eine Frau den Ha, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder
zurck, es mgen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen
sagen, was sie wollen.
    Im Friedensschlusse des gewhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den
Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf mu des Vaters und des
Direktors wegen mit hflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden
- und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelset - die ganze
Scheidung des Verlbnisses mu ohne elterliche Einmischung blo durch die
abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen - und alles ein Geheimnis
bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens frherem Verlobten, dem deutschen Herrn,
den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den
Spieltischen der Bder als zu Hause war.
    So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Geklft zog die freundliche
Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar
verlie. Gelutert und geheiligt von der Freude - denn jeder Himmel wurde ihr
ein reinigendes Fegefeuer -, kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden
Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Gestndnis der
Gartengesellschaft ffnete die harte Szene - fast in der Kulisse. Wenn die
Mutter, die anders anfangen wollte, mute sogleich auf den Donnerwagen steigen,
um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen
und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um
Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der
heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten
auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die
Se und Bltezeit dieser Liebe eigenmchtig schon in die Tage vor der Reise aufs
Land. Wie erschrak die warme Seele ber die Mglichkeit einer solchen
Lieblosigkeit! Sie fhrte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen,
lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir
wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache auslie;
denn aus Schonung gegen die Mutter mute sie die erscheinende Karoline, die
anfangs die Bilderstrmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und
Brautfhrerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der
Erzhlung unsichtbar bleiben lassen.
    Sie hielt mit inbrnstigem Druck die mtterliche Hand unter immer frohern
Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend,
sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten,
dein warmes, dein ganzes und lebendiges! - Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter
Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre
Unschicklichkeit, Unmglichkeit, Tollheit. O, gute Mutter, (sagte Liane blo
immer sanft unter dem harten Abmalen des knftigen Albano) o, so ist er nicht,
gewi nicht! - Ebenso sanft sah sie ber das mit schwarzen Strichen
vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil fr ihren Glauben die Erde nur ein im
ther hngender, blhender Grabeshgel war: Ach, (sagte sie, ihre Erden-Eile
meinend) unsere Liebe ist so wichtig nicht. Die Mutter nahm dieses Wort und
den ganzen sanften Widerstand fr Vorspiele des leichten Siegs.
    Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke Sturmglocke,
Feuertrommel und Klapperschlange im Grtel, um sich damit vernehmlich zu machen.
Zuerst fragt' er - er hatte vergeblich gehorcht - ganz erboset die Ministerin,
wohin sie sein Ohr versteckt habe - (es war das blecherne Koppelohr, worin sich,
wie in einem venezianischen Lwenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen
Dienerschaft und Familie sammleten) - jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit
den neuesten Avanturen der frommen Tochter da! - Die Siamer rzte fangen die
Heilung eines Patienten damit an, da sie ihn mit Fen treten, welches sie
Erweichen nennen. Auf hnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen
Vor-Kur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Grtel,
deutlich zu erklren ber umschlagende Kinder - ber deren Rnke und Schliche -
und ber Liebschaften hinter Vterrcken - (so da kein Vater einen Band
Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) - versah vieles mit
den strksten politischen Grnden, die sich alle auf ihn selber und seinen
Nutzen bezogen - und schlo mit einigen Verfluchen.
    Liane hrte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher tglich wiederkehrende
Gewittergsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, auer da sie oft das
niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zrtlichem Mitleiden mit dem
vterlichen Mivergngen. In der Stille wurd' er am lautesten: Sie sorgen
dafr, Madame, (sagt' er) da sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von
ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte
Entschuldigung notifiziert - du wirst Hofdame bei der regierenden Frstin - ob
du gleich es nicht wert warest, da ich fr dich arbeitete.
    Das ist hart, rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend.
Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und
fragte zornig: warum? - Vater, ich will so gern (sagte sie und wandte nur ihr
Angesicht aus der Umarmung) bei meiner Mutter sterben! Er lachte, aber die
Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen,
die Hllenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewi ihren
Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafr Brge sein. Der Gesetzprediger
stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stogebet um eine bessere
Brgschaft und unter dem Zurckrufen herab, sein Ohr msse morgen her, und soll'
ers in allen Schrnken selber suchen.
    Die Mutter schwieg nun und lie die Tochter sanft an ihrem Halse weinen;
beiden war nach dieser Seelen-Drre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei.
Sie lieen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden
Hoffnungen.

                                   75. Zykel


Ein harter, schwarzer Morgen! - Nur der atmosphrische drauen war dunkelblau,
nichts war strmisch und laut als etwan die Bienenflge im Lindendickicht, der
Himmelsther schien ber die steinernen Gassen hoch wegzuflattern, um im hellen,
offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie
Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern.
    Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet, in Groquart gebrochen, worin
der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frhen Morgen, eh' er fr die
einzelnen Regierungs- und Kammerrte die zur Fruchtbarkeit ntigen
Strichgewitter aus den Akten aufgezogen, auf die schauernde Tochter mit einem
kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte. Im gedachten Dekretalbriefchen
setzt' ers auf anderthalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint -
Scheidung auf der Stelle -, und bog sechs Scheidungsgrnde an, - erstlich sein
verstimmtes Verhltnis mit dem Vliesritter - zweitens ihre und des Grafen Jugend
- drittens die nahe Hofdamenstelle - viertens sei sie seine Tochter und dieses
das erste Opfer, auf welches ihr Vater fr alle seine bisherigen Anspruch mache
- fnftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen
anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte, da er nur fr das Glck
seiner Kinder lebe und sorge - sechstens send' er sie in die Festung *** zu
seinem Bruder, dem Kommendanten, falls sie widerspenstig sei, um sie zu
entfernen, zu bestrafen und zurechte zu bringen, und weder Weinen noch
Fufallen, noch Mutter noch Hlle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei
Tage Zeit zur Vernunft.
    Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trsterin das schwere Blatt.
Aber aus dieser wurde eine Richterin: Was willst du tun? sagte die Ministerin.
- Ich will leiden, (sagte Liane) damit Er nicht leide; wie knnt' ich so sehr
gegen Ihn sndigen? - Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer
leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er fr den Vater und fragte: Mich
nennst du nicht? Liane errtete ber die Vertauschung und sagte: Ach, ich
Arme, ich will ja nicht glcklich sein, nur treu. - Wie hatte sie nicht in
dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und
geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete
Liebe - eine vom frhen Tode so sehr abgekrzte Treue - ein so fester, mit
hohem, fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jngling, den nicht einmal
Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken
oder locken konnten - der ewige Unwille und Gram, den er ber die erste, grte
Lge gegen sein Herz empfinden wrde - ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs
Leben und die nahe Wegscheide, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die
andern Pilger zurckwerfen wollte - alle diese Gestalten nahmen sie an der einen
Hand, um sie von der Mutter wegzuziehen, die ihr mit den Worten nachrief: sieh,
wie du undankbar von mir gehst, und ich habe so lange fr dich ertragen und
getan. Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die
trockne, platte Erdflche eines Lebens zurck, worin sich nichts hebt als ihr
letzter Hgel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen auf, ob sie sich nicht
als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten, wie sie sich opfern sollte,
ob fr den Geliebten oder fr die Eltern; allein die Sterne standen freundlich,
kalt und still am festen Himmel.
    Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte, schlug es hoffend und
von neuem gestrkt vom Entschlu, fr Albano heute recht viele Leiden zu
erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sie, eine Liebe
bejahen, der ich untreu sein mte? -
    Kaum war sie mit dem Morgengru von den Lippen der Mutter weg, so suchte
diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem
fremden Boden zu rcken durch den lngern Gebrauch der gestrigen Blumenheber.
Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der
gleichen Stimme an bis zur hnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit
dem Mdchenwitz auf einmal fragte: Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten
lieben? - Quelle comparaison! (sagte die Mutter) Bist du nichts Bessers als
sie? - Sie tut eigentlich viel mehr als ich, sagte sie ganz aufrichtig. -
Strittest du nie mit dem wilden Zesara? fragte die Mutter. Nie, auer wenn
ich unrecht hatte, sagte sie unschuldig.
    Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr, da sie tiefere und strkere
Wurzeln, als leichte Blumen schlagen, auszuziehen habe; sie sammlete alle ihre
mtterlichen Anziehungskrfte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der
stillen, grnen Myrte; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan
mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer
darber, ihren bisher zurckdrngenden Widerstand und die neueste vterliche
Kriegslist, sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch
wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer. -
    Fr einige Leser und Relikten aus dem schwerflligen goldnen Zeitalter der
Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: da eine besondere kalte,
nichts schonende, oft grausame und emprende Offenherzigkeit ber die nchsten
Verwandten und ber die zartesten Verhltnisse in den hhern Stnden so sehr zu
Hause ist, da auch die schnern Seelen - worunter doch diese Mutter gehrt - es
gar nicht anders wissen und machen.
    O, du beste Mutter! rief Liane erschttert, aber nicht vom Gedanken an die
Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem
Herzen - sie dachte so kaltbltig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein
Sterben auf einem Blutgerste -, sondern vom Gedanken an das lange berbauen der
mtterlichen Trnen, der mtterlichen Liebesquellen, welche bisher nhrend tief
unter ihren Blumen geflossen waren; sie warf sich dankend zwischen diese
helfenden Arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine
Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszusplen war.
    In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein. So! sagt' er schnell.
Mein Ohr, Madame, (fuhr er fort) findet sich unter den Domestiken durchaus
nicht wieder vor; das hab' ich Ihnen zu sagen. Denn er hatte sich heute auf
einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fu versammelten Dienerschaft in
die Ohren gedonnert, um seines zu erfragen, weil ich glauben mu, (hatt' er
ihr gesagt) da ihr mirs aus sehr guten Grnden gestohlen habt. Dann war er
als Hagelschauer, wie ein Kchendampf bei windigem Wetter, durch die einzelnen
Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen. - Und du? sagt' er
halbfreundlich zu Liane. Sie kte seine Faust, die er, wie der Papst den Fu,
allezeit als den Lehn- und Lippentrger, Agenten und de latere-Nuntius des
Mundes den Kssen schickte.
    Sie bleibt ungehorsam, sagte die strenge Frau. So gleicht sie Ihnen ein
wenig, sagt' er, weil der Mitrauische die Umarmung fr eine Verschwrung gegen
ihn und seinen Bouverot ansah. Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und flo -
bald auf Tochter, bald auf Frau - erstere sei gar erbrmlich, sagt' er, und nur
der Hauptmann etwas wert, den er glcklicherweise allein gebildet - er errat'
alles, hr' alles, wenn man auch sein Ohrblech verborgen - es werde demnach, wie
er sehe (er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm), zwischen beiden
Kollegien kommuniziert - aber Gott soll' ihn strafen, wenn er nicht
Tchterchen, antwort doch endlich! bat er.
    Mein Vater - (sagte Liane, seit der Bouverotischen Verbrderung und der
Mihandlung der Mutter ihr Herz mehr fhlend, das aber nur verachten und nie
hassen konnte) - meine Mutter hat mir heute und gestern alles gesagt; aber ich
habe doch Pflichten gegen den Grafen! Eine khnere Lebhaftigkeit, als die
Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten, strahlte unter dem
aufgehobenen Auge. Ach, ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben, als ich
lebe, sagte sie. C'est bien peu, versetzte der Minister, ber die Keckheit
erstaunend.
    Liane hrte jetzt erst ihr entflognes Wort nach; da ergriff sie, um die
Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen, den schnen und lcherlichen
Entschlu, den alten Herrn zu rhren und zu bekehren durch ihre Geister- oder
Traumseherei. Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher - als sie
schwer vergnnet war - darin um sein heiliges Versprechen, gegen die Mutter zu
schweigen, weil sie frchtete, dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe
rasselnden Uhrrder ihrer Sterbeglocke zu zeigen. Der alte Herr konnte nur mit
einer komischen Miene wobei er aussah wie einer, der in grimmiger Klte lachen
will hinlngliches Worthalten geloben, weil nie, so viel er sich entsinnen
konnte, das Wort von ihm, sondern blo oft er vom Wort gehalten wurde. In
solchen Menschen sind Wort und Tat dem theatralischen Donner und Blitze hnlich,
welche beide, sonst im Himmel gleichzeitig verbunden, auf der Bhne aus
getrennten Ecken und durch verschiedne Arbeiter hervorbrechen. Aber Liane ruhte
nicht eher, als bis er ein wortfestes, offnes Gesicht - ein gemaltes Fenster -
aufgetragen. Darauf fing sie nach einem Faustku ihre Geistergeschichte an.
    Mit fortgesetztem Ernst, fest zusammengehaltenen Muskeln hrte er dem
Unerhrten zu; dann nahm er sie, ohne ein Wort zu sagen, an der Hand und fhrte
sie vor die Mutter zurck, der er sie mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf
ihre glckliche Tchterschule berreichte; - seine Knabenschule mit Karl sei
ihm wenigstens nicht in diesem Grade geglckt, setzt' er hinzu. Zum Beweise
teilt' er ihr offenherzig - und alle Schmerzen Lianens kaltbltig verarbeitend,
wie der Fabinder Zypressenzweige zu Tonnenreifen - das wenige mit, was er zu
verschweigen verheien, weil er immer entweder sich wegwarf oder den andern,
meistens beide. Liane sa hochrot, heiwerdend, mit gesenkten Augen da und bat
Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater.
    Kein teilnehmendes Auge werde ferner mit dem Erffnen einer neuen Zeit
geqult, wo das Eis seiner Ironie brach und ein wtender Strom wurde, in welchen
noch dazu mtterliche Trnen des Zorns flossen ber ein teueres Wesen und dessen
verderbliches, fieberhaftes Hineintrumen in den letzten Schlaf. Das Ziel und
die Gefahr kopulierte fast die Eheleute zum zweitenmal; wenn es glatteiset,
gehen die Menschen sehr Arm in Arm. Du hast nichts nach Lilar geschickt?
fragte der Vater. Ohne Ihre Erlaubnis wrd' ichs gewi nicht tun, sagte sie,
meinte aber ihre Briefe, nicht Albanos seine. - Er benutzte den Miverstand und
sagte: Du hast sie ja aber. - Ich will alles gern tun und lassen, (sagte
sie) aber nur wenn der Graf einwilligt, damit ich ihm nicht unredlich
erscheine; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue. An diese milde
Festigkeit, an diesen mit weichen Blumen berzognen Petri-Fels stie sich der
Vater am hrtesten. Dazu war der bertritt eines stolzen Liebhabers von eignen
Wnschen zu den feindlichen, gesetzt man htte Lianen die Frage an den Grafen
erlaubt, so unmglich auf der einen Seite, und das Gesuch um diese
Vernderlichkeit, es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden, berhaupt so
heruntersetzend auf der andern, da die betroffne Ministerin stolz aufstand,
wieder fragte: Ist das dein letztes Wort an uns, Liane? - und als Liane
weinend antwortete: Ich kann nicht anders, Gott sei mir gndig!, sich zornig
wegwandte an den Minister und sagte: Tun Sie nun, was Sie fr convnable
halten, ich bin unschuldig. - Nicht so ganz, ma chere; aber gut! (sagt' er:)
Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer, bis du dich korrigierst und unsers
Anblicks wrdiger bist, kndigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie
geworfenen Augen-Salven an, worin meines Ermessens weit mehr
Reverberierfeuer-Plagegeister - tzende, fressende Medikamente - Gehirn- und
Herzensbohrer versprochen wurden, als sonst ein Mensch gebend halten oder
empfangend tragen kann.
    Armes Mdchen! dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! -
Du siehst in die Zeit hinaus, wo dein kleiner Sarg steht, an welchem ein
grausamer Engel die schnen, um ihn herumlaufenden, noch frischen Blumenstcke
der Liebe wegwischt, damit er ganz wei, so rosenwei wie deine Seele oder deine
letzte Gestalt, herbergetragen werde!
    Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einde ihres Klosterzimmers war ihr
ebenso frchterlich, nur nicht frchterlicher als das Zrnen derselben, das sie
heute erst zum drittenmal erlebte, obwohl nicht verdiente. Es war ihr, als wenn
nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont
gesunken wre, und es wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen
noch eingerumten Tag bei der Mutter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich
an, tat alles gern und behend und hatte - da sie jeden zusammenrinnenden
Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug, als sei es
Staub, weil sie dachte: nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen; und das
alles, um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein. Aber diese, wie
Mtter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der
Verstockung; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens
Bild aus Lilar wollte bringen lassen, galt auch diese Unschuld fr Verhrtung
und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert; nmlich mit der
Erlaubnis, zu schicken. Nur forderte die Ministerin die franzsischen Gebete von
ihr zurck, als sei sie nicht wert, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen.
Nie ist der Mensch kleiner, als wenn er strafen und plagen will, ohne zu wissen
wie.
    Da jeder, der regiert, er sitze auf einem Lehr- oder Frstenstuhl, oder wie
Eltern auf beiden, dem Fubewohner desselben den vorigen Gehorsam, sobald er ihn
einmal aussetzt, nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt, sondern als
Vergrerung: so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames
Kind. Sie hate ihre reine Liebe, die wie ther ohne Asche, Rauch und Kohle
brannte, um desto mehr und hielt sie fr Schadenfeuer oder Feuerschaden,
besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstck
gewesen.
    Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammengepresset, da jenseits der Wandtapete
der heitere Tag, der schnste Himmel blhte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah,
wie die Menschen vergngt von kleinen Lustrtern, weil die Erde ein groer war,
zurckfuhren und - ritten; auf Lilars Stauden-Pfad wandelten die Spaziergnger
selig-langsam heim - auf den Gassen wurde laut an den Fest-Gersten und
Himmelswagen fr die Frstenbraut gezimmert, und die fertigen Rder wurden
prfend gerollt - und berall hrte man die bungen der jungen Musik, die
erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr
Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah - drben das leere Haus des Geliebten
- hier das ihrige, das auch leer fr sie geworden - diese Stelle, die noch an
eine schnere, seltnere Abblte als des cereus serpens erinnerte - und o! diese
kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte; denn
ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Freudengesanges, war verschickt und
Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar - nein, sie konnte die
schne Sonne, die so hell und wei mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer
wiegte, nicht niedergehen sehen - oder das frohe Abendchor des langen Tages
anhren, sondern verlie die glnzende Hhe. O, die fremde Freude stirbt im
unbewohnten dunkeln Busen, wo sie keine Schwester antrifft, und wird zum
Gespenst darin! So deutet das schne Grn, diese Frhlingsfarbe, sobald es eine
Wolke malt, nichts als an lange Nsse.
    Da sie bald in die Freistatt des Tags, das Schlafzimmer, trat,
wetterleuchtete drauen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? - Aber
hier, vor dem Stilleben der Nacht, wenn das Leben, von ihrem Flor bezogen,
leiser tnt - hier drfen alle ihre Trnen flieen, die ein schwerer Tag
gekeltert hat. Auf dem Kopfkissen, als trg' es den lngsten Schlaf, ruhet
dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Trnen zankend
nachzhlt; und es weinet sanft nicht ber, nur um Geliebte.
    Wie gewhnlich wollte sie ihre mtterlichen Gebete aufschlagen; als sie
erschrocken daran dachte, da man sie ihr genommen. Da blickte sie heiweinend
auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet, und
nur Engel haben die Worte und die Trnen gezhlt.

                                   76. Zykel


Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins
gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein, indem sie freiwillig
im Zimmer blieb und dem Morgenku der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht
oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt, aber kein
Urbild, kein Fieberbild war ihr erschienen: kann ich lnger zweifeln, schlo sie
daraus, da die gttliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen,
etwas Hheres als mein Geschpf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenber
mte wieder bilden knnen?
    Sie hatte Albanos blhende Briefe in ihrem Pulte und schlo es auf, um
hinberzusehen aus ihrer Insel in das entrckte Morgenland der wrmern Zeit;
aber sie schlo es wieder zu; sie schmte sich, heimlich froh zu sein, da ihre
Mutter traurig war, die in die trben Tage nicht einmal wie sie aus schnen kam.
    Froulay lie sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sie
zu verhren oder loszusprechen, sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte
Stirne und Backe gehrten, deren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem
trkischen Rot der Scham zu frben war - zu seiner Malersprachmeisterin zu
vozieren und sie in die frstliche Galerie mitzunehmen, um von ihr die Erklrung
dieser Titelkupfer (fr ihn) in diesem Privatstummeninstitut so gut
nachzulernen, da er imstande wre sobald die Frstin sie besieht - etwas
Bessers als einen Stummen bei den Schnheiten der Bilder und der
bilderdienerischen Regentin vorzustellen. Liane mute ihm jedes gemalte Glied
mit dem dazu gehrigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprgen, samt
dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollstndig gab sie diese Kallipdie
ihrem brummenden Malerkornuten, der nicht eine einzige dankbare Miene als
Schulgeld entrichtete!
    Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten
sehr ernst und traurig; sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu kssen und
schlug das liebestrmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf. Das Diner schien
eine Leichenessen. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine
Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert htte, war wohlgemut und
bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewhnlich en famille
und holte sich unter beienden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in
der Teuerung, schrfere Elust. Zanken strkt und befeuert schon an sich, wie
Physiker sich blo dadurch elektrisieren knnen, da sie etwas peitschen134.
    Lcherlich und doch schmerzlich war es, da die arme Liane, die den ganzen
Tag einen Kerker hten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; das mal
wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lchelnde Gesicht vor lauter
hellen Palsten absetzen sollte. Sie mute mit den Eltern zur Prinzessin gehen
und so glcklich aussehen, wie die waren, die sie auf dem trben Wege zu
beneiden fanden. So blutet das Herz, das nicht weit vom Thron geboren worden,
immer nur hinter dem Vorhang und lacht blo, wenn er aufgeht; so wie eben diese
Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden. Der ber seine Vermhlung
lcherlich-laute Frst - der von den Spieltischen oder Kaperbrettern
zurckgekehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur
schaudernd litt - und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung von
ihr mit den zerstreuenden Zurstungen zum Feste entschuldigte, und die ganz
fremd auf einmal ber Liebe und Mnner spottete - alle diese Menschen und
Zuflle konnten nur einer Liane, die so wenig erriet, so viel litt und so gern
ertrug, nicht die unertrglichsten scheinen.
    Ach, was war unertrglich als die eiserne Unvernderlichkeit dieser
Verhltnisse, die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees? Nicht die Gre,
sondern die Unbestimmtheit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Labyrinths,
der Kellerfrost, die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust
zusammen, sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs. Sogar unter den
Krper-Krankheiten kommen uns daher ungewohnte neue, deren letzter Augenblick
ber unsere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als
wiederkehrende, die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der
Rstung finden.
    So stand die stumme Liane im Gewlk, als die frohlockende Rabette mit der
Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des
heiligen, weggerissenen Menschen, die Bundesgenossin so glnzender Tage. Sie
wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin,
begleitet, weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine
Wahlherrin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit
Lianen durch das khne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbhl zu erhaschen;
die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan. Liane
fuhr den Weg nach Blumenbhl, ber den noch blhenden Gottesacker eingesenkter
Tage. Welcher Trnenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf, da sie von der noch
glcklichen Rabette schied!
    Diese hatte unschuldigerweise dem Hause einen der grten Zankpfel fr das
Abendessen dagelassen, den je der Minister fr die Fruchtschale mit seinem
Apfelpflcker sich geholet hatte; daher soupiert' er wieder en famille. Rabetten
war nmlich ein dummes Wort ber das sonntgige Beisammensein in Lilar
entfahren; davon (sagte Froulay ganz freundlich) hast du uns ja kein Wort
merken lassen, Tochter. - Der Mutter sogleich! versetzte sie zu schnell. Ich
nhme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten, sagt' er, Grimm versparend.
Ganz aufgerumt setzte sich dieser Flknecht so vieler Trnen und abgehauener
Bltenzweige, die er darauf hinabschwimmen lie, an die Abendtafel. Nach seinem
Verstrkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf ging er ins
Franzsische ber - wiewohl die Tellerwechsler eine grobe bersetzung davon fr
sich, eine versio interlinearis, auf seinem Gesichte fanden -, um zu berichten,
der vornehme Graf sei dagewesen und habe nach Mutter und Tochter gefragt. Mit
Recht verlangt' er euch beide (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das
warme Essen khlte) - ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder hrte,
gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich euch denn noch trauen? Er
hate jede Lge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich fr
moralisch, uneigenntzig und sanft blo darum, weil er auf das alles bei dem
andern unerbittlich drang. Mit den reichlichen Brennesseln der Persiflage - auch
botanische kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fort - berdeckte er
alle seine auf- und zugehenden Hummerscheren, wie wir Bachkrebse in Nesseln
fassen, und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheren. Das sanfte,
ergebene Lcheln desselben nahm er fr Verachtug und Bosheit - - Wie kommt diese
Sanfte erklrlicherweise zu seinem Vaternamen, wenn man nicht die alte Hypothese
annimmt, da Kinder gewhnlich dem am hnlichsten werden, wornach sich die
schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? - Dann
griff er, aber heftiger, die Mutter an, um bei seinem Mitrauen sie mit der
Tochter zu entzweien, ja um vielleicht diese durch die mtterlichen Leiden zu
kindlichen Opfern und Entschlssen zu peinigen. Ganz frei erklrt' er sich -
denn der Egoist trifft die meisten Egoisten an, wie die Liebe und Liane nur
Liebe und keine Selbstliebe - gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg
es nicht, wie sehr er beide immer Egoistinnen (wie die alten Heiden die Christen
Atheisten) innerlich schelte.
    Die Ministerin, gewohnt, mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als
in der der Seelen - wie Voltaire die Freundschaft definiert -, sagte blo zu
Lianen: Fr wen leid' ich so? - Ach ich wei es, antwortete sie demtig. Und
so entlie er beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschfte.
    Dieser allseitige Jammer wurde durch etwas grer, was ihn htte kleiner
machen sollen. Der Minister rgerte sich, da er tglich den Geschmack der
Weiber mitten im Zorne zu Rate ziehen mute ber sein - ueres. Er wollte am
Vermhlungsfeste - seiner Geliebten wegen - ein wahrer Paradiesvogel, ein
Paradeur, eine Venus  belles Fesses sein. Von jeher macht' er gern die
Doppelrolle des Staats und Hofmanns und wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen
zu kaufen, zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. - Aber etwas davon war nicht
Eitelkeit, sondern der mnnliche Plagegeist der Ordnungs- und Rechtshaberei
wollte nicht aus ihm fahren. Er war imstande, die Kleidergeiel, womit der
Bediente wenige Stubchen im Staatsrocke sitzen lassen, gegen die Livree selber
in Schwung zu setzen; noch gefhrlicher wars - weil er zwischen zwei Spiegeln
sa, dem Friseur- und dem groen Spiegel im Ofenschirm -, auf seine eigne Wolle
den Staub recht aufzutragen; und am schwersten wurd' er vom Putze seiner Kinder
befriedigt. Liane als Zeichnerin mute ihm nun jetzt die rechte Farbe eines
neuen berbalgs vorschlagen - Sachets oder Riechscke lie er fllen und mit
diesen die Schubscke - und einen Moschuspflanzen-Topf in sein Fenster stellen,
nicht weil er die Bltter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern),
sondern weil er sie zum Einlen fr diese durch Reiben brauchen wollte -
Patentpomade fr Fuste und englisches gepretes Zierpapier auch fr diese (wenn
sie eine Billetdoux-Feder ansetzen wollten) und andere Nippes erregten weniger
Aufmerksamkeit als der Schnupftabak, den er sich anschaffte, aber nicht fr die
Nase, sondern fr die Lippen, um solche rot zu reiben. - In der Tat, vor mancher
lustigen Haut htt' er sich ganz lcherlich gemacht, wenn sie ingeheim ihn aus
seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da, wo der
Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar wei gedrckt hatte, letzteres
htte ausziehen sehen; und nur der Minister selber konnte ernsthaft dabei
aussehen, wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lcheln durchlchelte -
die beste hielt er fest oder wenn er die leichtern Wrfe anprobierte, womit man
sich aufs Kanapee bringt - wie oft mut' er sich werfen! - und wenn er berhaupt
an sich arbeitete.
    Zum Glck fr die Mutter kam der gute Lektor; aus der Hand dieses alten
Freundes hatte sie so oft, wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine
Grubenleiter, um darauf aus dem Abgrund zu steigen, genommen; hoffend brachte
sie jetzt alle ihre Not vor ihn. Er versprach einige Hlfe unter der Bedingung,
mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er ging zu ihr und erklrte zart
seine Wissenschaft um ihre Lage.
    Wie errtete das kindliche Mdchen ber die scharfen Tagsstrahlen, welche
die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kindheitsfreund sprach
sanft an dieses geschlagne Herz - und von seiner gleichen Liebe gegen sie und
ihren Freund - von dem Temperamente des Vaters - und von der Notwendigkeit
bedachtsamer Maregeln - und sagte, die beste sei es, wenn sie ihm heilig
gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grafen strenge zu meiden, nur so lange
nachzugeben, bis er von dessen Vater, den er als Begleiter des Sohnes lngst
ber das neue Verhltnis benachrichtigen und fragen mssen, das Ja oder Nein
dazu erhalten; sei es ein Nein - was er aber nicht verbrge -, so msse Albano
das Rtsel lsen; sei es ein Ja, so steh' er selber fr das zweite ihrer Eltern;
zugleich mss' er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese ber sein
Anfragen, wodurch sie sich vielleicht kompromittiert finden knnten, Anspruch
machen. Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein.
    Sie fragte zitternd, wie lange die Antwort verziehe. Sechs, acht, eilf Tage
nach der Vermhlung hchstens! sagt' er rechnend. - Ja, guter Augusti! - Ach,
wir leiden ja alle, sagte sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust
hinzu: es geht Ihm aber wohl? - Er ist fleiig, versetzt' er.
    So brachte er sie, mit zwei Geheimnissen beladen und fr jetzt eine
Interims-Absonderung bejahend, zur Mutter zurck; aber diese zahlte nur dem
Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus. Er verlangte indes - nach seiner
Kartuser-Manier - keinen andern als das gtigste Schweigen gegen den Minister
ber seine Einmischung, da dieser sein Verdienst dabei etwan fr grer halten
knnte, als es wre.
    Dem Minister wurde die achttgige Besserung und Enthaltung angesagt. Er
glaubte - sich Mitrauen in die Frau vorbehaltend - doch weiter in Feindes Land
einzudringen mit seinen Waffen; auch lie er sich die neue Frist und Lianens
Entkerkerung mit darum gefallen, um seine Tochter bei dem Vermhlungsfest
blhend und gesund als eine glnzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich
her zu treiben.
    Roquairol kam jetzt von dieser zurck; und strahlte ein paar Wolken im Hause
mit schnem, hellem Morgenrote voll. Er berbrachte dem Vater Nachrichten und
Gre von der Frstin. Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit,
die einmal zu ihrem Himmel gesagt hatte: er werde! - ach die letzte Melodie
unter den Mitnen der uneinigen Zeit. Er erriet leicht - denn er erfuhr wenig
von der ihn vernachlssigenden Mutter und nichts von der Tochter -, wie alles
stehe. Als er vollends Albanos Blatt an diese ihr am dmmernden Abend in den
Arbeitsbeutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte:
    Nein, es ist wider mein Wort - aber knftig etwan, Karl! -: so sah er mit
brausendem Ingrimm seine Schwester im offnen Charons-Kahn zum Tartarus aller
Leiden schiffen, wie er sagte. An den Freund dacht' er weniger als an die
Schwester. Der freundliche, schmeichelnde Minister - er schenkte zum Beweis dem
Hauptmann einen Sattel von Wert - berichtete ihm den Besuch Rabettens und gab
Winke ber Verlobung und dergleichen; Karl sagte keck: er schiebe all sein Glck
hinaus, solange seine liebe Schwester keines voraussehe. Um den alten Herrn
wieder mehr fr Lianen einzunehmen, fhrt' er ihn fr das Vermhlungsfest auf
eine romantische Invention, die Froulay nicht ahnete, als er schon ganz dicht an
ihr stand: nmlich Idoine (die Schwester der Braut) war Lianen auffallend
hnlich. Die Frstin liebte sie unaussprechlich, sahe sie aber nur selten, weil
sie ihres starken, einmal zu einer Thron-Ehe neinsagenden Charakters wegen auf
einem von ihr selber gebaueten und regierten Dorfe wohnte, hflich vom Hofe
verbannt. Er legte nun dem Vater die poetische Frage vor, ob Liane nicht in der
Illuminationsnacht einige Minuten lang im Traum-Tempel, der ganz zu diesem
schnen Truge passe, die Frstin mit dem Widerschein ihrer geliebten Schwester
erfreuen knne.
    Entweder machte den Minister die Liebe gegen die Frstin khner, oder der
Wunsch trunkner, Liane als Hofdame glnzend einzufhren: genug er fand in der
Idee Verstand. Wenn etwas fr den Separatfrieden, den er mit dem Sohne gemacht,
den Tabak in die Friedenspfeife hergab: so war es dieses Rollenblatt. Er eilte
sogleich zum Frsten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubnis und um
ihre Teilnahme; - darauf, als er beides hatte, zu seinem Orest Bouverot und
sagte: Il m'est venu une ide trs singulire qui peut-tre l'est trop;
cependant le prince l'a approuve etc. - und endlich zu Lianen, um doch auch
diese nicht zu vergessen.
    Der Hauptmann hatte schon frher sie zu bereden gesucht. Die Mutter war
gegen diese Nachspielerei aus Selbstbewutsein und Liane aus Demut; eine solche
Reprsentation kam dieser als eine zu groe Anmaung vor. Aber zuletzt gab sie
nach, blo weil die schwesterliche Liebe der Frstin ihr so gro und
unerreichbar geschienen, gleich als pflegte sie nicht eine hnliche in ihrem
Herzen; so fand sie immer nur das Spiegelbild, nie sich schn, wie der Astronom
denselben Abend mit seinem roten Glanze und Nachtschatten zauberischer und
erhabener findet, wenn er ihn im Monde antrifft, als wenn er auf der Erde mitten
darin steht. Vielleicht lag noch eine ganz dunkle Sigkeit, nmlich eine
schwiegertchterliche, in Lianens Liebe fr die Frstenbraut; weil diese einmal
des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen. Die Weiber achten Verwandtschaft
mehr als wir, daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen lter wird als
unserer.
    So bereitete sie denn das geprete Herz zu den leichten Spielen des
glnzenden Festes vor, das die knftigen Zykel gleichsam am Neujahrsfest einer
neuen Jobelperiode geben.

                            Siebzehnte Jobelperiode


                       Frstliche Vermhlungs-Territion -
                              Lilars Illumination


                                   77. Zykel

Welche allgemeine Landfreude konnte jetzt von einem Grenzwappen zum andern acht
Tage lang jauchzen! Denn so lange war die Landtrauer suspendiert - die Glocken
luteten zu etwas Besserem als zum Grabe - es war wieder Musik erlaubt allen
Spieluhren und Spielleuten - alle Theater wren geffnet worden, wre eines
dagewesen, oder der Hof verschlossen, der bestndig spielte - und man konnte
hhern Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dekretieren - - Nachher nach
dem erfrischenden Zwischenakt, wo man das Orchester, Punsch und Kuchen geno,
sollte wieder aufgerumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden.
    Der Frst ritt am Morgen der langweiligen Einholungs-Wagenfahrt ber die
Grenze voraus mit Bouverot und Albano; alle drei als die einzigen im Lande
unabhngigen, bei dem Feste nicht interessierten Leute. Der arme Luigi! Ich hab'
es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, da der frstliche
Brutigam, der heute die Decke beschlgt, blo ein Landes-Vater sein kann,
keiner fr das Haus; unter seinem Frsten-Himmel ist wie auf der ersten
Schachfelder-Gasse alles zu machen und zu regenerieren, Offiziere, selber die
Schachknigin, aber der Schach nicht. Es wre zu wnschen - da der Umstand das
Fest ins Lcherliche schattiert -, der Brutigam knnte manchen ihn auslachenden
alten Familien - die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne
zugleich sind - zur Beschmung nur einige Dutzend von den Prinzen um den
Traualtar gestellet zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der
Dauphine ganz Europa war ihm eine - sitzen lassen, kurz in so vielen aktiven
Erblndern, d.h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prinzen; - knnt' er
das, so wrd' er vergngter in die heutigen Glckwnsche dreinschauen, weil
schon einige Dutzende Erfllungen darneben stnden und zuhorchten. Aber wie das
Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in
einen Thron verwandeln kann: so mu das die Frstin auch tun, ohne es wie diese
rckwrts verwandeln zu knnen.
    Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als
Brutigam, sondern immer - so wie man Krone sagt ohne gekrntes Haupt - blo als
Brutigamsrock aufstellen und vorfhren, um ihn nicht lcherlich zu machen. -
Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem
Opfertiere der schwarzen Staatskunst her und begriff blo nicht, wie Luigi nicht
den deutschen Herrn, diese gemietete Axt und diesen Wurzelheber seines
Stammbumleins, mit einem Fersenstoe weit von sich wegschlage. Guter Jngling!
ein Frst macht sich leichter von Menschen los, die er liebt, als von solchen,
die er recht lange hasset; denn seine Furcht ist strker als seine Liebe.
    Der groherzige, nie eng-, immer weitbrstige Jngling fand heute in seiner
feierlichen, schmerzlichen Stimmung alles Tragische, Edle und Unendle grer,
als es war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er
zu jung und schamhaft war, persnlichen Schmerz prunkend auszulegen; aber unter
dem Auge, das sich nach der hohen Wetterscheide richtete, an der heute sein
dunkles Gewlke auseinandergehen oder zu ihm herunterkommen sollte, brannte der
Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hineingesehen als in eine Hlle, und
ebensooft als in einen Himmel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von
beiden so nahe, und doch hart an ihm! - Ein Gewimmel verwandter Gefhle
begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglcklichen) Braut seines - Vaters
und dieses Frsten.
    Eine Viertels-Meile jenseits Hohenflie fuhr schon ihr - Gibbon voraus,
bekannt bei allen Naturforschern - nicht bei den Politikern - durch die langen
Arme, welche bekanntlich dieser Molucken-Besitzer und Affe trgt. Wo ist mein
Gibbon? fragte die Frstin gewhnlich (gesetzt, da sie auch den englischen
Namensvetter, den Geschichtsschreiber mit langen Ngeln und kurzen Stzen gegen
die Christen, in der Hand hatte), denn sie verlangte ihren Langarm.
    Endlich kam sie dahergesprengt - im Federbusch - im Reitrock - auf dem
schnsten Englnder - eine groe majesttische Gestalt, die, unbekmmert um ihr,
obwohl mit Verwandten befrachtetes Cour-Gefolge, lieber der blauen Morgensonne
hinter einem aufsteigenden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegenschauen wollen.
Sie gab dem Brutigamsrock anstndig Gru und Ku, aber weder gerhrt noch
verstellt noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit ber die
Lcherlichkeit ihres genealogischen Miverhltnisses erhaben, ja sogar ber
jedes notdrftige oder gebotene. In ihrem sonst schn gebauten - mehr als schn
gezeichneten - Gesichte war blo ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten
und der regierenden Wochentglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend.
Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z.B. mit tiefem
Wurzel-Einschnitt oder mit konkaven oder konvexen Biegungen oder mit Facetten am
Knopfe u.s.w., weit mehr fr das Talent als bei den Mnnern; und - wenige
ausgenommen, die ich selber gesehen - mute immer die Schnheit etwas dem Genie
aufopfern, obwohl nicht so viel als nachher das fremde ihrer, wie wir Mnner
smtlich wohl leider getan.
    Der Graf wurd' ihr vom Frsten vorgestellt; aber sie hatt' ihn - ob sie
gleich von ihm gehret und seinen Vater so lange gesehen hatte - nicht gekannt,
sondern eher dem Brutigamsrock hnlich gefunden. Dem Rocke konnte - oder sollte
- diese blhende hnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die hnlichkeit
erklrt den schnen Anteil ganz, den sie jetzt an beiden nehmen mute, weil zu
einer hnlichkeit immer ein Paar Menschen gehren.
    Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit ber den von ihr und ihrem
Hofe mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vlies-Ritter und rhmte dessen
Kenntnisse der Kunst. Die Kunst (sagte sie) macht am Ende alle Lnder gleich
und angenehm. Sobald sie nur da ist, denkt man an weiter nichts. In Dresden in
der innern Galerie glaubt' ich recht eigentlich, ich wre im frhlichen Italien.
Ja, wenn man dahin kme, wrde man sogar Italien vergessen ber alles, was man
da hat. - Albano antwortete: Ich wei, ich werde mich auch einmal im Most der
Kunst berauschen und durch sie glhen, aber fr jetzt ist sie blo ein schner,
blhender Weinberg fr mich, dessen Krfte ich gewi voraus wei, ohne sie noch
zu fhlen. - Die Frstin gewann so sehr seine Achtung, da er ihr, als der
Frst einige Schritte ferner am Fenster die heranschwellende Flut des Pestitzer
Gefolges besah, die Frage tat, wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien
ihres Standes zumute werde; sagen Sie mir, (sagte sie leicht) welcher Stand
unter uns nicht ebenso viele hat, und wo nicht berall Priester und Advokaten
mitspielen! Sehen Sie einmal die Hochzeiten der Reichsstdter an. Die Deutschen
sind hier nicht besser und schlimmer als jede Nation, alte und neue, wilde und
polierte. Denken Sie an Ludwig XIV. Der Mensch ist einmal so; aber ich acht' ihn
freilich nicht darum.
    Der Frst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs; und die Frstin rief zu
ihrem Anzuge fr den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkstchen zusammen, als
Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln - die geistige
Flgelknochen schienen - htten erwarten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr
mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wertes; und einige, die
zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen, hatten niedergeschlagene Gesichter.
    Endlich erschien sie wieder, aber viel schner. Es mu doch dem mnnlichsten
Weib mehr reizende Weiblichkeit, als wir denken, zugehren, da dieses durch den
weiblichen Putz gewinnet, wodurch der weiblichste Mann nur verlre. Der Stand
(sagte sie zu Albano, eine groe Offenherzigkeit in Meinungen zeigend, die
leicht mit einer ebenso groen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht) drckt
und beschrnkt eine groe Seele oft weniger als das Geschlecht. - Da sie sich
eine groe Seele nannte, mute den Grafen frappieren, weil er jetzt das erste
Beispiel - ein anderer Mann kennt unzhlige Beispiele - vor sich sah, da
ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als
ausgezeichnete Mnner.
    Man brach auf; an einer Grenz-Brcke, zugleich wie der Buchdrucker-Hyphen
das Trennungs- und Verbindungszeichen beider Frstentmer, hielt schon das halbe
Hohenflie zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter herankonnte, bevor eine
umgelehnte Krpel-Fuhre mit Dorf-Komdianten wieder aufs vierte Rad gehoben war
und der mythologische Hausrat, den sie in Hnden hatten, aufgepackt. Als aber
die Frstin mit Gewalt auf die Brcke fuhr, verkehrten sich pltzlich die
Passagiere und Auflader in Musen, Musengtter, Liebesgtter und einen hbschen
Hymen und setzten, im theatralischen Ornat und Apparat, die umrungene Braut
unter poetisches Wasser, den Krieg der andern Gtter gegen den Jungfernruber
Hymen vortragend. Der Musensohn, der die Sache versifiziert hatte, agierte
selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, da diese eigne Erfindung des
Ministers recht gut aufgenommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenflie.
    Froulay trat geschmckt und gepudert, als streckte er sich auf dem
Paradebette zwischen Trauergueridons aus, vor sie als Sprecher des Landes hin,
das seinen frohen Teil an ihrer Vermhlung mit dem Brutigamsrocke zu bezeugen
wnschte. Die Frstin krzte und schnitt alles Festlgen mit einer feinen
Damens-Schere ab.
    Froulay hatt' unter andern Wagen auch einen mit mehrern berallher
verschriebnen Trompetern und Paukern mitgebracht, auf welchem scherzeshalber
Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus groen Aufzgen der Menschen
wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lcherlicher ausshen, als wenn
sie etwas in Massa und Menge tten. Um Salz in die Feier zu bringen, stellt' er
auf seinem Wagen die Hypothese auf, das alles tue man blo, um die Braut aus der
besten Meinung wieder dahin zu treiben, wo sie hergekommen, teils um ihr die
Vexier- und Bhnenehe zu ersparen, teils um dem Lande den neuen Hofstaat. Ihr
Ohr soll nur - nahm er an, als die auf die umstehenden Hgel aufgefahrnen
Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen vereinigten und drei
Postmeister mit funfzehn Postillonen dazu und dareinstieen, welche nicht
umsonst mit ihren besten Hrnern und Lungenflgeln aufgesessen waren - ihr Ohr
soll sehr gehnselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwan
zurckgezogen werden, daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln,
so wie im Ansbachischen der Landmann die Hirsche blo durch frchterliches
Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat vertrieb.135 Wie Schiffe in
Nebeln durch Laternen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und
Schieen auseinanderhalten.
    Sie fhrt doch, wie ich sehe, weiter - sagt' er unterwegs, wo er zuweilen
selber den Doppellauter der Pauke in die Hnde nahm mit Nutzen - und wir mssen
alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon tot, und ihr ist nur noch am
Auge beizukommen. Sehr erfreueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen
Uniformen smtlicher Beamten und die Federlappen der Hoflivreen - jetzt kommt
noch, weissagt' er freudig, gar der goldflitterne Ehrenbogen mit Vasen und
Pfeifern, durch den sie gerade durch mu, und scheucht man denn nicht Spatzen
mit Goldblechen und Selzerkrgen aus Kirschenbumen?
    O, (dacht' er, als sie durch war), wenn jener gotische Wterich sich
durch den entgegenkommenden Bittzug des Papstes von dem plndernden Einmarsch
ins heilige Rom rckwrts lenken lassen: so schlgts gewi durch, da ihr in der
Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten - dann
die Schulmeister mit ihren Pagerien - dann Gymnasium und Universitt - was doch
nur erst Gefechte mit Vorposten sind - - denn das Tor ist mit Infanterie
besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Brgerschaft - die Hauptkirche wird
von der Geistlichkeit, das Rathaus vom Magistrat bewacht - alle bereit, wenn sie
nicht umkehrt, ihr in gewisser Entfernung als Scharwachen und Observationschre
nachzuziehen - und halten sich nicht am Schlotore 7 Brautpaare als 7 Bitten und
Bupsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales
Pereat-Karmen136 von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juni entgegen, des
Effekts ganz ungewi?
    Recht! sagt' er, als der ganze Zug zu einer leichtern bersicht fr die in
den Schlofenstern liegende Herrschaft zum zweiten Male den Schlohof
durchreisete, - die verdoppelte Dosis soll durchgreifen. Schoppens Hoffnungen
nahmen am wenigsten ab, als gar oben - weil Gala war - man sich lange verborgen
und verschwiegen hielt und endlich der Frst als Sieger, aber mde von
Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle, um ffentlich fr den Zurckzug
der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang,
aber von Kammerherren an den Armen zurckgehalten, sogar an der Schleppe von
ihren Hofdamen zurckgezogen: so konnte der Bibliothekar leicht ohne Sorgen
bleiben.
    Albanos bewegte, wallende Seele spiegelte die verworrene Hof-Welt noch
wilder und unfrmlicher zurck, als sie war. Er hrte es, wie die frstlichen
Vettern, sogar der knftige Thron- und Stuhlfolger, dem Vetter Luigi Glck zur
Gesundheit, Vermhlung und nchsten Zukunft wnschten, ob sie gleich durch ihren
Freund Bouverot - ein lebendiges Sukzessionspulver - ihm von diesen drei Dingen
hatten so viel nehmen lassen, da sie ihm eben ihre kaltbltige Verwandtin als
die Kronwache ihrer nahen Thronfolge zugeben konnten. Er hrte dieselben
Hochzeitgesnge von allen Hof-Pestitzern, die, wie ein Muskel, ein besonderes
Bestreben uerten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Frst - obwohl mit dem
Gefhle, bald in seiner Fett- oder Wassersucht zu ersaufen - alle Lgen leicht
und kalt und schadenfroh dahinnahm - - O, mssen nicht die Frsten, dacht' er,
selber lgen, weil sie ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sie immer
geschmeichelt werden? - Er selber konnte sichs nicht abgewinnen, nur den
kleinsten Scherf eines lgenden Glckwunsches in den allgemeinen Lgen-Fiskus zu
werfen.
    Die Frstin warf dem Grafen - sooft es ging und fast fter zwei Blicke oder
Worte zu; denn dieser Blhende erinnerte unter den Thron-Kstenbewohnern, von
denen man leichter ein Echo als eine Antwort hrt, allein an seinen krftigen
Vater. Der Hauptmann brachte einigemal - weil er gleich allen Schwrmern wie die
Schaben und Grillen die Wrme liebte und das Licht floh und weil ihn alle
Menschen von bloem Verstande drckten - den Tadel zu Albano, da die Frstin
ihm mit ihrem kalten witzigen Verstande mifalle; aber der Graf konnte - aus
Achtung fr die vterliche Geliebte und aus Ha gegen ihre Opferpriester und
Schchter - ein Wesen nur bedauern, das vielleicht jetzt hassen mu, weil seine
grte Liebe unterging. Wie viele edle Weiber, die es sonst fr hher hielten zu
bewundern als bewundert zu werden, wurden krftig, kenntnisreich, beinahe gro,
aber unglcklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar Arme fanden, aber
kein Herz dazu, und weil ihre heie hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit
eine Frau gerade ein unhnliches meint, nmlich ein hheres Bild! Der Baum mit
den erfrornen Blten steht dann im Herbste hoch, breit, grn und frisch und
dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Frchte.
    Endlich kam man aus den schwlen Speiseslen in den frischen Lilars-Abend
ins Freie und zur Freiheit. Halb zrnend, halb liebestrunken ging Albano einer
verhangnen Stunde entgegen, in welcher so manches Rtsel und sein teuerstes sich
lsen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Faden in
der Hand aus der Irrhhle heraustritt? Nichts als die offnen Eingnge in andere
Labyrinthe, und blo die Wahl darunter ist sein Wunsch.

                                   78. Zykel


Am schnsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig
war, lie der Frst die mde Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen
beiden Unsichtbarkeiten, mit der Illumination und mit Lianens Rolle, zu trgen.
Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter
dem Herabrollen von der Waldbrcke ins wartende Volksgetmmel sich dachte: Sie
ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein
ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen dessen eine Hlfte vor der Sonn glnzend
zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' es ohne
Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen blo in den Tempel des Treums
herberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu sein.
    Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grne Vertiefung nach
seinem Engel des Lichts. Sogar der Frst selber, der die pltzliche
Peterskuppel-Entzndung noch mit seinen Winken zurckhielt, sah dem an Hfen so
seltenen Vergngen entgegen, zweifach zu berraschen. Die Frstin hatte dem
Minister die Verlegenheit der Lge oder Antwort erspart, denn sie hatte gar
nicht nach der knftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken
Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgltig, aber desto fester an einer
Auserwhlten hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getmmel
seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele
konnt' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten,
hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in
Jugendjahren hngt kein schwarzer, nur ein bunter herab, und an allen ihren
Schmerzen sind noch Hoffnungen!
    Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik. Der Frst fhrte endlich
seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht fr
seine Rabette, nahm den brennenden Grafen mit. Am uern Tempel lie sich nichts
erraten, was seinem magischen Namen entsprach; blo die Fenster gingen vom Dache
dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren, statt von Rahmen und
Fenstersteinen, in Zweige und Bltter gefasset. Aber als die Frstin durch eine
Glas-Tre eingetreten war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand,
schien es, auf einem einsamen, von einigen Baumstmmen bewachten freien Platz,
welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten. Wunderbar, wie von
spielenden Trumen, waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die
entgegengesetzten zusammengerckt - neben dem Berg mit dem Donnerhuschen stand
der mit dem Altare, und hart neben dem Zauberwald bumte sich der hohe, schwarze
Tartarus auf - Ferne und Nhe verschlangen sich ineinander - ein frischer
Regenbogen von Gartenfarben und ein entfrbter Nebenregenbogen liefen
nebeneinander fort, wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar
vor der blitzenden Gegenwart entluft. Indes die Frstin noch in das
trumerische Blendwerk versank137: so trat wie aus der Luft Liane durch eine
glserne Seiten-Tre in Idoinens Lieblingsanzug, im weien Kleide mit
Silberblumen und in ungeschmcktem Haar mit einem Schleier, der nur angesteckt
an der linken Seite lang niederflo, wankend hervor und lispelte, als die
Frstin getuscht Idoine! ausrief, zitternd und kaum hrbar: Je ne suis qu'un
songe.138 - Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen; aber als die bewegte
Frstin fortrief: Soeur cherie! und sie heftig in die Arme schlo, so verga
sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das
fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rhrend war. - Albano
stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wurd' ihm
abgerissen, und ihr Blut flo warm aus allen nieder. O, nie war sie oder
irgendeine Gestalt so therisch-schn, so himmlisch-blhend und so demtig
gewesen!
    Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob, fielen sie auf Albanos bleiches
Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit, sondern vor Bewegung. Sie fuhr
zuckend zurck, umarmte die Frstin wieder; der bleiche Mensch hatte ihr
bewegtes Herz in eine Trne nach der andern zerrissen; aber beide grten sich
nicht und so fing ihr Abend an.
    Whrend der Tuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Frsten alle
Zweige und Tore des Gartens in einen glnzenden Brand gesteckt - alle
Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flgeln aufgeschreckt hoch
empor - im umgekehrten Regen spielte eine weie, grne, goldne und finstere
Welt, und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen
mutwillig gegeneinander an. - Und der Glanz des brennenden Edens umfing den
Tempel des Traums, und der Widerschein legte sich in sein inneres grnes
Laubwerk vergoldend.
    Liane trat an der Hand der ehrenden Frstin mit niedergeschlagnen,
verschmten Augen in die helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Getmmel der Musik
und der frohen Zuschauer. Auf Albano scho die strmische Gegenwart wie ein
Strom; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen -
der Freudenglanz des Abends - und die nchtliche Verwirrung in seiner Brust
machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer.
    Die Frstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen lie sie nicht von
sich. Der Minister frbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen
Sklaven auf; aber jedem schien er, da die Frstin den Kredit nach dem Tode des
Frsten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom
Vater und Dauphin - filioque - zugleich ausgeht, um sich nicht zwischen, sondern
auf zwei Frsten-Sthle zu setzen. Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit
Lianen ihn stolzer aufzunehmen. Hinlnglich beglckte ihn das Glck der Tochter,
wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nhe derselben genug, und das
Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend. Albano erriet weiter nichts,
als da sogar ein kalter Drache, ein Seelenurangutang die Reize dieses Engels
dunkel spre.
    Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung
Lianens vor jedem Worte - Albanos. Die Frstin lie sich durch die funkelnden
Lustgnge, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das
Donnerhuschen fhren, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr
malerisches Auge zu nehmen; Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gnge
ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrmmerten Herzen stumm und
fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen wrmern
Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kltern; denn ihre Seele wollte ja
nicht qulen, sondern nur leiden und gehorchen. Er machte glaubt' er - alle
Blicke und Laute sanft; auch rchte sich der edle Mensch durch keinen Schein der
Klte oder gar einer untreuen Befreundung mit der frstlichen Kron- und
Herzenswerberin.
    Die Frstin fing an, ihm unverstndlich zu werden. Man kam vom Romantischen
auf Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht male; weil er (versetzte
sie) ohne den Amor nicht sein kann. - Und die Ehe? fragte unhflich Albano.
- Nicht ohne einen Freund; (sagte sie) aber Amor ist ein Gott, nec deus
intersit nisi dignus vindice nodus inciderit139 - - , setzte sie dazu, weil sie
Latein der Dichter wegen gelernt hatte.
    Bouverot sagte den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen:

                    - nec quarta loqui persona laboret.140

Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Frstin.
    Warum sind an jenem Hause (fragte sie) keine Lampen, wer wohnt da? Sie
meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das letztere und schlo das warme
Bild mit den Worten: Er lebt fr die Unsterblichkeit. - Was schreibt er?
fragte die miverstehende Frstin; und Liane mute eine christliche Erklrung
geben, worber die Unglubige lchelte. Es erhob sich sogar fr und gegen den
ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm, als sie
brauchten, um das Donnerhuschen zu umkreisen. Die Frstin fing an: Wir wrden
gegen unsern tglichen Schlaf ebensoviel, wenn er nicht da wre, einzuwenden
wissen wie gegen den ewigen. - Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus,
griff Albano ein und krzte die Religionsunruhen ab.
    Die Frstin kam auf den ihr durch die lange Trauer ber ihren verstorbnen
Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurck; und Liane, des
mtterlichen Beifalls gewi, ergo sich in einen Strom der Rede und Rhrung -
ihren Augen war einer verboten -, der ein erhabenes Bild ihres Lehrers
vorbertrug. Wie erschtterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele
ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abendsterne hhere
Gebrge als auf der grern Erde auf! - Sie war auch einmal fr dich
begeistert, aber nun nicht mehr, sagte Albano zu sich und blieb hinter allen
zurck, weil seine Seele schon lngst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die
Frstin zu mifallen anfing.
    Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffentanze der
Freude zu. Die Kinder liefen beglnzt durch den Lrm und im hellgrnen Laub. Die
Tne schwebten, zu einem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem ther ber
den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir,
sagt' er sich, wlzen die Tne und die Lichter den Schmerz hin und her, in
niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat fr alle das alte erfreuende
Liebesherz mitgebracht, fr mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blht
genesen. Er bedachte aber nicht, da ja auch seine Kmpfe keinen Tropfen Wasser
in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen
Kmpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weien Rosen zu roten frben.
    Aber er nahm sich vor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die
Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wechselte daher mit seinen
Pflege-Verwandten aus Blumenbhl mehrere verstndige Worte; - er sagte zu
Rabetten: Nicht wahr, es gefllt dir? - er schreckte ohne Willen den um einige
neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage
auf: Warum lssest du meine Schwester so allein?
    Aber sooft er hinbersah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als
die einzige ohne schwere dicke Gala-Hlse, gleichsam als eine junge, atmende,
weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging, so
verschmt-beschmend, wie eine Zitternadel glnzend und bebend, so oft wlzten
sich Flammenklumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie
oft ihre Elenden, gerade an gefhrliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klfte
hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum, ein wenig gebckt; da kam Karl aus seinen
Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzrne; denn das
Niederbcken hatte auf sein straffes, markiges Gesicht dstere, wilde Schatten
geworfen; nichts, sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da ers emporhob.
Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und
sagte: Dir fehlt was! - Du, versetzt' er und sah sie sehr zornig an.
    Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen! (rief sein Herz) dein
Vater beugte sich nie; sei sein Sohn! Er schritt durch die Glanz-Welt darauf
hin; aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die
Tne neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele
geliebet htte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas in ihm: Jetzt hast du
deinen ersten Schmerz: auf der Welt!
    Wie bei dem Erdbeben Tren springen und Glocken schlagen: so ri bei dem
Gedanken erster Schmerz seine Seele auseinander, und harte Trnen schlugen
nieder. Aber er wunderte sich, da er sich weinen hrte, und trocknete erzrnt
das Gesicht am kalten Moose ab.
    Schwcher, nicht hrter trat er in das zauberische, mit glimmenden
Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhpfenden
Tne, die die Seele wegreien und aufheben und auf Hhen stellen wollten, damit
sie in weite Frhlinge des Lebens hinunterschauete! Hier auf diesem sonst
seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner knftigen
Tage liegen. O, wie wir an diesem Abende htten selig sein knnen! dacht' er
und sah ins helle Laubhttenfest, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerk -
in den grnen umherirrenden Widerschein, vom Nachtwinde gewiegt - und in das
Lauffeuer brennender Gebsche in den flieenden Wassern - auf den bogigen
Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen - und hinter ihm die
schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne
Lichtchen zeigte - und drben die stillen, schlafenden Berge in der Nacht und
hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen
spielend!
    So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch hher
jagt. Neben ihm liefen die Tne und sagten ihm jeden Gedanken, den er tten
wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hrt er sich selber oft vor dem
Tone.
    Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti Ich will mit
ihr reden, so ists aus, sagt' er zu sich. Als er neben ihr kmpfend und ringend
ging: merkt' er wohl, da sie wieder unter fremde Zuhrer zurckwollte. Liane,
was hab' ich dir denn getan? sagte er mit dem Seelentone eines zrtlichen
Herzens, bitter des Lektors Gegenwart und Krfte verachtend. Verlangen Sie nur
heute keine Antwort, lieber Graf, sagte sie zurckkehrend und nahm eilig
Augustis Arm; aber er merkte nicht, da sie es tat, um nicht zu sinken. Hier
warf er auf diesen einen Flammenblick, hoffend, beleidigt und dann gercht zu
werden verlie sie hastig und stumm - den sesten Liebes-Wein hatte ein heier
Strahl zu Essig geschrft - und er verlief sich, ohn' es zu wissen, in den
Traum-Tempel.
    Er ging darin auf und ab, murmelte: Je ne suis qu'un songe; wurde aber
bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und
von dem nachfliegenden ewigen Frhling der Tne, der ihm jetzt neben dem
umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unertrglich war.
    Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und
lcherlich. Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette
entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch, und Rabetten ihres kehrte sich
rckwrts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und, durch die Erinnerung
gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glhenden
Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: Bist du ein Freund? - Bist du kein
Teufel? - - Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red ein Wort mehr
von ihm! - Beide zitterten bestrzt und entfrbt; Albano schrieb das Erbleichen
und Abwenden, ohne weiter nachzudenken, ihrem Anteile an seiner Marter zu.
Welche verwirrende, feindselige Nacht!
    Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der
Tne unsglich - lgende entgegenflatternde Tropikvgel der schnern wrmern
Zone waren sie ihm - Ich will ja blo in mein Bette, sobald es nur still wird
drinnen! - Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarsche Tnen ihm noch immer
nachzog; er drckte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort -
da merkte er, da er nur sich hre. Aber immer war ihm, als mte sich das
lustige Geklingle wie im Don Juan auflsen in das Zetergetne von Geistern.
    Frchterlich spitz lief ihm die Allee der knftigen Tage zu, da er nun aus
ihnen den Mond seines Himmels, der schon ber sein kindisches Herz und ber die
Blumenbhler Pfade geleuchtet, herausri. Der blhende, hpfende Genius seiner
Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz blo in der Hand, hinter ihm
weg, indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kmpfte, der
ihn nachschleppte durch brausende Waldungen - durch schlfrige Drfer - durch
nasse, triefende Tler. - Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen,
unzhligen Sterne, zu dem hngenden Blten-Garten Gottes: Ich schme mich vor
euch nicht, sagt' er, weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor
eurer Unermelichkeit - droben steht ihr alle weit auseinander - und auf allen
groen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen
Fen, wo er glcklich oder elend wird. - Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins
Bette: morgen bin ich gewi ein Mann und fest!
    Pltzlich hrt' er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei. Endlich
erblickt' er neben einem Flusse ausgestreckte weie rmel oder Arme; er ging an
die weibliche Gestalt. Ich bin leider Gottes blind, sagte sie; ich war auch
mit bei der Illumination und bin irre gelaufen - ich kenne sonst Weg und Steg,
drben liegt unser Dorf, ich hre den Hirtenhund - aber ich kann den Steg bers
Wasser nicht finden. Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhtte. Gehts
noch lustig da zu? fragt' er unter dem Fhren. Alles aus, sagte sie. Am
Rosanastege lie sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen.
    Er kehrte durch die schnen, schon vom Morgen tauenden Gebsche auf eine
Hhe vor Lilar - alles war still drunten - wenige zerstreuete Lampen flackerten
im Fltental, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen - er ging in
das leere Land hinunter ber das stumme, platte Grab hinweg - seinen finstern,
sinkend-steigenden Hhlengang hinauf - und in sein Bette hinein. Morgen! sagt'
er krftig und meinte seine Standhaftigkeit.

                            Achtzehnte Jobelperiode


                   Gaspards Brief - die Blumenbhler Kirche -
                        die Sonnen- und Seelenfinsternis


                                   79. Zykel

Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter
Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen
darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen
berblickte, fast gelchelt haben ber alle die Freuden und Ernten, die rings um
ihn darniederliegen.
    In Blumenbhl drckt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hnde mit
zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Trnen-Rte
wegzuwaschen - Aus Lilar kommt dster Albano, blickt die Erde statt der Menschen
an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund -
Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich auer Lands einen
lustigen, trunknen Abend - Augusti schttelt den Kopf ber Briefe aus Spanien
und sinnt verdrlich, aber tief nach - Liane lehnt in einem Schlafsessel,
zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf nichts
mehrblht als die Unschuld - der Vater schreitet rotbraun auf und ab, sie
antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten Hnde von Zeit zu Zeit ein wenig
hebt - - Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein
dahinfliegendes Flgelpaar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne
Woche neben sich, wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht, da in der
Blumenbhler Kirche ein Altarlicht brennt, da Liane darin mit aufgehobnen
Hnden kniet und da ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glnzende
Stirn auflegt, die sich mit trnenlosen Augen gen Himmel richtet.
    Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich
und grinset ber alle umliegenden Wohn- und Lustrter der Menschen; oft lacht er
um alle seine offnen Hllenzhne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt
unter dem Lippenfleisch...
    Seht weg - denn auch das sieht und will es - und tretet herab von dem
winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit,
wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und
wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint.
    Albanos Wunde, die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt, knnt ihr am
besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und
Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten. Am Morgen lie er die Schmerzen
durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann
stand er auf und sagte so zu sich: Nur eines von beiden ist mglich: entweder
sie ist mir noch getreu, und nur die Eltern zwingen sie jetzt - dann mu man
diese wieder bezwingen, und da ist gar nichts zu jammern -; oder sie ist mir aus
irgendeiner Schwche etwan gegen die wtigen und geliebten Eltern nicht mehr
treu, oder aus Klte gegen mich, oder aus Religiositt, Irrtum und so weiter -
dann seh' ich (fuhr er fort und suchte die beiden Fe tiefer und fester in den
Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhalt zu haben) weiter nichts zu tun als
nichts, nicht ein plrrender Sugling, ein chzender Siechling, sondern ein
eiserner Mann zu sein - nicht blutig zu weinen ber ein vergangnes Herz, ber
die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und ber
meinen ungeheuern Schmerz. So betrt' er sich und hielt das Bedrfnis des
Trostes fr die Gegenwart desselben.
    Jeden Abend besuchte er die Sternwarte auer der Stadt auf der Blumenbhler
Hhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden, weib- und
kinderlosen Sternwrtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts
fragend nach Kriegszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends fr sein
Vergngen Geld ausgebend auer auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd
blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel, und
poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der hchsten irdischen
Stelle, dem lichten Himmel ber der schwarzen, tiefen Erde, sprach - von dem
unbersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich
berfliegen will, ermdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe
unten an seinem Throne - und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem
Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide, sondern der sich um
sich selber ohne Anfang und Ende wlbe.
    Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so
mu, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf
ihr noch mehr errten. Albano schmte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in
die ungeheuere aufsteigende Nacht ber ihm, worin Tage und Morgenrten stehen
und ziehen. - Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt
droben in der Unermelichkeit Frhlinge und Paradiese junger Welten und
donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen, und wir
stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan, und der brausende
Gewittergu zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weier
Regenbogen auf der Nacht.
    Sooft Albanos groes Auge vom Himmel kam, fand es die Erde heller und
leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange
erlebt. Es war schon sehr spt und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken
drangen sich als hhere Marktflecken nher heran, der Himmel schien mehr wei
als blau, Albano dachte an die verborgne Geliebte, die neben ihm den Himmel und
ihn noch mehr heiligen wrde durch ihr Herz voll unaufhrlicher Gebete: als er
pltzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbhler Kirche Licht
erblickte - die Frstengruft offen - Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen
Hnden - und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend - -
Frchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der
Tiefe umgestrzt, weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen lie.
    Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die
Erscheinungen, ihm aber namenlose. Es sind wohl Leute in der Kirche, sagt' er
gleichgltig. Aber Albano strzte hinab - kaum konnt' ihm der verwunderte
Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen -
und rannte auf Blumenbhl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten
in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitete, das bleibt
verhllt, weil es sich ihm selber verhllte unter seinem Sturm. Endlich sah er
die weie Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er
klopfte hart an die eiserne Kirch-Tre und rief: Aufgemacht! Er hrte nur den
Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter.
    So ging er mit der strmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die
schlafende Nacht zurck - die Erde war ihm eine Geisterinsel, die Geisterinseln
waren ihm Erden - sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fhlt' er.
    Sie lag am Morgen noch in vlliger Glut, als der Lektor zu ihm kam und ihm
die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, da sie ihn gegen die Mittagszeit
allein in Lilar zu sprechen wnsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den
verdchtigen Boten erzrnt und sagte voll Verwunderung Ja. Mit welchen khnen,
abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewlke den Himmel hinan, eh' es
verschwindet!

                                   80. Zykel


Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Rtsel wohnen! - Am Morgen nach der
erleuchteten Nacht fhlte sie erst die grausame Anspannung nach, womit sie ihren
Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgelseten Krften sank
sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. Womit (sagte sie sich
immerfort) hatt' es denn dieser edle Mensch verdient, da ich ihm seinen ganzen
Abend voll Schmerzen machte? - Wie oft sah er mich bittend und richtend an! - O,
htt' ich dein schnes Haupt halten drfen, da du es schwer an die rauhe
Fichten-Rinde lehntest! - Was sie in der schweren Mitternacht am wehmtigsten
gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem
auen mit Lampen erleuchteten Donnerhuschen hinaufgesehen, wo innen nur
Finsternis am Fenster lag! Jetzt fhlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und
sie weinte den ganzen Morgen ber die Nacht, und der Strahl der Liebe stach sie
immer heier, so wie Brennspiegel die Sonne strker vor uns legen, wenn sie
gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurd' ihr heute fr das opfernde
worthaltende Gestern durch zurckkommende, vertrauende Liebe dankbar - obwohl
der Vater mit nichts, da man bei ihm so wenig wie bei den ltern Lutheranern
durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt -;
aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der
Entsagung geschpfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln.
    Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! - Ist er ein abgedrckter Pfeil, der
mit der Wunde an der Gift-Spitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach
Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das
erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht?
    Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten,
allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu bergeben. Hier ist er:
    Ich mu Ihre ngstlichkeit sehr schtzen, ohne sie anzunehmen. Albanos
Liebe fr das F. v. Fr., an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse
Virtuositt in der Tugend recht gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den
Einflu der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher, die
fr seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wren. Nur mu man
dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange berlassen. Hlt er an ihr zu fest:
so mag er zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese
Freude noch verkrzen, da Sie mir ohnehin leider die Krnklichkeit des schnen
Wesens klagen? Im Sptherbste seh' ich ihn. Seine krftige, brave Natur wird
wohl zu entraten wissen. Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten
Gesinnungen.
                                                                       G. d. C.

Der Lektor htte gern dieses Papier in die Papiermhle geworfen, da so wenig
daran ostensible war. Zwar Gaspards mrderisch geschliffne Ironie ber Lianens
Krnklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, fr diese arglose
Friedensfrstin in der Scheide; - auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt
durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch fr Albanos frohe Lebensfahrt
ein gnstiger Seitenwind war, nicht gefhlt oder geachtet; - aber eben darum;
denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein fr ein Ja ansehen und sich gerade in
das Seil tdlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund
ziehen wollen.
    Indes der Brief mute bergeben werden - aber er tats mit langen, scheuen
Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen
sollten. Sie las ihn furchtsam, lchelte weinend bei der mrderischen Ironie und
sagte sanft: ja wohl! - Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge.
Wenn der Ritter (sagte sie) so denkt, darf ichs denn weniger? Nein, guter
Albano, nun bleib' ich dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so
lange erfreulich und gewidmet, als ich vermag.
    Sie dankte dem Lektor so warm und froh fr den Pfeil aus Spanien, da dieser
unfhig war, hart genug zu sein, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das
schne Herz zu stoen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen
Erklrung gegen ihren Vater zu sein, lieber hchstens zu ihrer und der
mtterlichen die ihrige gegen die Mutter zu bernehmen. Er willigte blo in -
beides, statt in eines.
    Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem
Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklrung zu Ende, da sie ihre
gemibilligte Liebe hart bereue, da sie alle Strafen tragen und alles opfern,
alles hier und bei der Frstin tun und lassen wolle, wie cher pre fodern
wrde, da sie aber lnger nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen
drfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte
der Minister - der sich durch das bisherige folgsame Enthalten sehr von labenden
Erwartungen hatte heben lassen -, unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem
tarpejischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als
diesen; Imbcile! du heiratest den Herrn v. Bouverot - er malt dich morgen - du
sitzest ihm. Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten
zur Ministerin: Sie bleibt (sagt' er) in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf
zu ihr auer mein Schwiegersohn - er will die Imbcile malen en miniature. -
Geh, Imbcile! sagte er auer sich. Ihr gnzlicher Mangel an weiblicher
Verschlagenheit hatte wirklich fr den Staatsmann eine Decke ber ihr tiefes,
scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden
Allee, die nur halb so gro erscheint als eine auf krummen Wegen laufende.
    Der Lektor, der nie fr einen besondern Liebhaber ehelicher Lusttreffen
wollte angesehen sein, hatte sich schon fortgemacht. Der dreiigjhrige Krieg
der Gatten - nur wenige Jahre fehlten daran - gewann Leben und Zufuhr. Der alte
Ehemann verbreitete ber sein Gesicht jenes zuckende Lcheln, das bei einigen
Menschen der Zuckung des Korkholzes hnlicht, welche das Anbeien des Fisches
ansagt. Er fragte, ob er nun wohl unrecht gehabt, weder der Tochter noch der
Mutter - die er beide eines parteigngerischen Einverstndnisses gegen ihn
beschuldigte zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wren ihm weder
strengere Maregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel, und mit
dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, hb' er an. Die
Ministerin schwieg zu Lianens Strafe ber ein so bergroes Geschenk an
Bouverot, wie ein Miniaturbild ist.
    Die zarte Tochter, gedrngt und zerquetscht zwischen steinernen,
zuschreitenden Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmglich imstande, ein
so langes mnnliches Anblicken auszuhalten, und am wenigsten von Herrn v.
Bouverot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele fhren. Hierauf antwortete
und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch, da er einen Sessel an
den Sekretr hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum
Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser
weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog.
    Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen; und
es fehlte blo an jemand, der diktierte, als die Ministerin aufstand und sagte:
Sie sollen mich mehr achten lernen.
    Sie lie anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener. Sie kannte Lianens
Achtung fr ihn und seine Allmacht ber ihr frommes Gemt. Sogar ihr selber
imponiert' er noch. Aus jener frhern theologischen Zeit, wo noch der
lutherische Beichtvater nher an dem katholischen regierte, hatt' er durch die
Kraft und Gromut seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich
blo im bessern Holze unterschied, herbergebracht. Sie mut' ihm Lianens
Verhltnisse zweimal erzhlen; der feurige, erzrnte Greis konnte eine Liebe gar
nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte
fortgesponnen haben ohne sein Wissen. Ihro Exzellenz (antwortete er endlich)
haben freilich gefehlet, da Sie mir diese importante Begebenheit erst heute
mitteilen. Wie leicht wrd' ich alles durch Gottes Hlfe zu einem gesegneten
Ausgang geleitet haben! Es ist aber nichts verloren. Senden Ihro Exzellenz das
Frulein noch diese Nacht zu mir, aber allein, ohne Sie; das mu geschehen; dann
steh' ich fr das brige!
    Einwendungen und Bedenklichkeiten wrden blo den Ehrgeiz und Zorn des
Greises - welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten - entzndet
haben; sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch
auf Lianen vererbet hatte.
    Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater
auf. Sie fuhr blo mit ihrem ergebenen Mdchen ab. Mit tiefbewegter Seele
erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie erffnete sich ihm wie einem Gott; er
entschied ebenso. Welch ein Anblick fr ein anderes, weniger stolzes Auge als
das Spenersche wre diese demtige, aber gefate Heilige gewesen, deren Herz
immer wie der Sonnenstrahl am schnsten in der Zerspaltung erschien!
    Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mdchen
zurckzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbhl hinber. Er schlo
ihr die Kirche auf, zndete noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wste
Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht
konnten.
    Wie er es erzwang, da sie auf ewig ihrem Albano entsagte, wird von der
groen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. - Nur der
ferne Mensch, der die schne Seele verlor, hatte auf der Sternwarte von den
Sonnen auf die hellen Kirchenfenster geblickt und hinter ihnen zerrttende
Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen, da sie wahr wren und sein Leben
entschieden.
    Sie ging kalt ber die Auen und Berge der alten Tage, die geleuchtet hatten,
wieder in die Wohnung des Greises zurck, der sie mit grerer Ehrerbietung
entlie, als er sie aufgenommen. Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich
gesenkt gegen ihr Mdchen. Die Eltern erwarteten sie noch, die Mutter blickte
bang' in die Nacht und in die Zukunft. Endlich rollte der lebendige Wagen in den
Hof. Gro und mchtig, wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem
Zergliederer auflebt und, ihn fr den hhern Richter achtend, entfesselt und
freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer
Gttergestalt stand sie bleich, trnenlos, kalt und ruhig da. Sie wute und
wollt' es nicht, aber sie ging hoch ber das Leben, sogar ber die kindliche
Liebe - sie konnte die Mutter nicht so inbrnstig kssen wie sonst - sie stellte
sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Trne, ohne
Bewegung, ohne Rte und mit sanfter Stimme: Ich habe heute vor Gott meiner
Liebe entsagt. Der fromme Vater hat mich berzeugt. - Und hatte der Mann
bessere Grnde dazu in petto als ich? sagte Froulay. - Ja, (sagte sie) aber
ich habe im Tempel geschworen, zu schweigen, bis alles die Zeit entdeckt. - Nun
bitt' ich Sie nur bei dem Allgerechten, mir es zu erlauben, da ich Ihm seine
Briefe persnlich wiedergebe und ihm es sage, da ich aufhre, die Seinige zu
sein, aber nicht aus Wankelmut, sondern aus Pflicht; - das bitt' ich, liebe
Eltern. - Dann walte Gott weiter, und ich werde Ihnen in nichts mehr ungehorsam
sein.
    Der elende Vater, durch diesen Sieg aufgeblhter, wollte ihr noch die letzte
Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und lie sogar Argwohn ber die
Absicht der Zusammenkunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schnen Seele von
der schnsten ergriffen, trat eitrig und verachtend dazwischen und bejahte es
eigenmchtig. Auch schien Liane das Vater-Nein wenig zu bemerken. Als er fort
war, ri die Mutter die stille Gestalt seligweinend an sich; aber Liane weinte
doch nicht so leicht an ihr wie sonst aus Liebe, es sei, da ihr Herz zu erhaben
stand, oder da es ebenso langsam in die alte Lage wiederkam, als es aus ihr
wich. Habe Dank, Tochter, (sagte die Mutter) ich werde dir nun das Leben
froher machen. - Es war froh genug. Ich sollte sterben; darum mut' ich
lieben, sagte sie. - So ging sie lchelnd in die Arme des Schlafes mit
hartklopfendem Herzen. Aber im Traume kam es ihr vor, sie sinke ohnmchtig
dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder
auf und weine dann froh, da sie wieder lebe. Darber erwachte sie, und die
frohen, durch den Traum sanft abgelseten Tropfen flossen aus den offnen Augen
fort und erweichten wie Tauwind das starre Leben.
    Ihr groen oder seligen Geister ber uns! Wenn der Mensch hier unter den
armen Wolken des Lebens sein Glck wegwirft, weil er es kleiner achtet als sein
Herz: dann ist er so selig und so gro wie ihr. Und wir sind alle einer
heiligern Erde wert, weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht
niederdrckt und weil wir glhende Trnen vergieen, nicht aus Mitleiden,
sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude.

                                   81. Zykel


Warm und glnzend trat die Sonne, die heute wie die Unglckliche verfinstert
werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Begrbnis-Tage ihrer Liebe
nicht mit der gestrigen Strke, sondern weich und matt, aber heiterer durch die
Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwohl selber
krnklich, drckte sie schon frhe an ihr Herz, um den Puls des teuersten zu
prfen. - Liane blickt' ihr liebreich und sehnschtig recht lange mit nassem
Auge ins nasse und schwieg. Was willst du? fragte die Mutter. - Mutter, liebe
mich jetzt mehr, da ich allein bin, sagte sie. Dann band sie vor der Mutter
alle Briefe Albanos zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren
Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mutter, wie das Schicksal
es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte, die ihnen anfangs helle,
bunte Gewnder angben, weil diese leichter in dunkle umzufrben wren.
    Die Mutter suchte allmhlich ihre Geisterphantasien, gleichsam das
Todes-Moos, das an ihrem jungen, grnen Leben sauge, von ihr abzunehmen: Du
siehst, (sagte sie) wie dein Engel irren kann, da er deine Liebe billigte, die
du nun mibilligst. Aber sie hatte eine Antwort: Nein, der fromme Vater sagte,
sie sei recht gewesen, bis da er mir das Geheimnis sagte, und die Bibel sage,
man msse alles verlassen der Liebe wegen. So steigt denn dieses arme Geschpf,
wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es tot
herunterfllt.
    Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein
am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, da sie nun mit
ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schnen Tagen frei reden drfe - sie malte
ihr Albanos glhendes, groes Herz, und wie er die Opfer verdiene und die
Perlenstunden, die sie zusammen gelebt. Im Grunde ist (sagte sie heiter,
aber so, da dem Zuhrer Trnen ankamen) ja nichts davon vorbei, Erinnerungen
dauern lnger als Gegenwart, wie ich Blten viele Jahre konservieret habe, aber
keine Frchte. Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Blten
des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des
Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, da Albano sie in Lilar
erwarte.
    Jetzt, da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrckte, wurd' ihr immer
banger. Wenn ich ihn nur berreden kann, (sagte sie) da ich als ein
rechtschaffenes Mdchen gehandelt habe. Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den
Trauerwagen vertauschte, legte sie darin alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie
wiederkme; sie habe, sagte sie, einen sehr bsen Traum gehabt, aber sie hoffe,
er treffe nicht ein.
    Sie stieg mit ihrem Arbeitskrbchen, worin die Briefe lagen, am Arme in den
Wagen, den man aufmachen mute, weil seine schwle Luft sie drckte. Aber die
Schwle atmete ihr Geist, und alles Schne, was ihr begegnete, wurd' ihr heute
zur betubenden Giftblume. Sie fate und drckte furchtsam immer die Hand der
Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vorberlaufende Gestalt wie ein
Sturmvogel rauschend berflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in
ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein
Diener mit dem Krankenkelch fr den Abendtrank der mden Menschen vorbergingen.
O, der schne Weg wurd' ihr lang! Sie mute das zerfallende Herz, das recht fest
und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Krften
zusammenhalten.
    Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, da es ohne Wolken
anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand.
Als sie ber die Waldbrcke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen
die alten Brautkleider einer geschmckten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit
Heftigkeit zur Mutter: Um Gottes Willen nicht ins alte Toten-Schlo!141 -
Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt sagte die Mutter. - berall hin - in
den Traumtempel - Er sieht uns schon, dort geht er auf den Toren, sagte sie.
Gott der Allmchtige sei mit dir, und sprich nicht lange, sagte die weinende
Mutter, als sie von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung
der unschuldigen Menschen zuschauen konnte.
    Albano kam langsam oben in den Gngen daher, er hatte sein Auge von Trnen
rein gemacht und sein Herz von Strmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang
umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen, um zwischen
ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grnen Landes auszufinden! da er
heute so viel, nmlich alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten
Schlsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, da er oben den kleinen
nachtanzenden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zurckschaffte.
    Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schnen Gestalt, die
kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskrbchen bewachend, ihn ein wenig
anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kmpfte. Da schmolz sein
Herz; die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurck. Liane,
(sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) bist du noch meine
Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verndert? - Aber
sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten, und
Trnen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme
standen wieder so nahe an ihr, und seine Hand hielt ihre wieder, und doch war
alles vorbei, ein heier Sonnenblick streifte ber ihr voriges, blumiges
Gartenleben und zeigt' es wehmtig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. La
uns (fuhr er fort) jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen - sage
mir recht kurz alles, warum du bisher so schwiegest und so tatest - ich habe
nichts zu sagen - dann sei alles vergessen. - Er hatte unbewut ihre Hand
erhoben, aber die Hand drckte sich nieder und zitterte dabei. Zitterst du oder
ich? sagt' er. - Ich, Albano, (sagte sie) aber nicht aus Schuld; ich bin
treu, o Gott, ich bin treu bis in den Tod. - Er sah sie irrend an. Ihnen,
Ihnen bin ichs, aber alles ist vorbei, rief sie verwirrt und verwirrend.
Nein- (setzte sie gebietend dazu, als er zufllig mit ihr aus der Perspektive
des Traum-Tempels gehen wollte) - nein, meine Mutter will uns sehen, dort aus
dem Traumtempel.
    Er wurde rot ber die mtterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider
das Ihnen, und die heien Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das
aufhaltende Rtsel ziehen. Die Not gebot Kraft; sie fing an.
    Hier - (stammelte sie und konnte zitternd das Krbchen kaum aufbringen) -
Ihre Briefe an mich! Er nahm sie sanft. Ich hab' Ihnen entsagt, (fuhr sie
fort) meine Eltern sind nicht schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht
wollten - ein Geheimnis betrifft blo Sie und Ihr Glck - das hat mich
bezwungen, da ich von Ihnen schied und von jeder Freude. - - Ihre Briefe
wollen Sie auch - - sagt' er. Meine Eltern - -  sagte sie. Das Geheimnis
ber mich - - sagt' er. - Ein Schwur bindet mich - sagte sie. - Heute nachts
in der Kirche zu Blumenbhl vor dem Priester - fragt' er. Sie deckte ihre Hand
auf die Augen und nickte langsam.
    O Gott! (rief er laut weinend) - Das ists mit dem Leben und der Freude
und aller Treue? - so? - Wie habt ihr gelogen (er sah seine Briefe an) von
ewiger Treue und Liebe. - Wen habt ihr denn gemeint, ihr hllischen Lgner? Er
warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die
Erschrockene bitter an; - nun geriet er in Sturm und go, wie ein Schpfrad
unter dem Gieen schpfend, seine brausende, leidende Brust aus und hrte
grausam gar nicht auf mit den Gemlden seiner Liebe, ihrer Schwche, ihrer
Klte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen ber
sein geheimnisvolles Glck, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn
wilder um. Ihr schnelles heftiges Atmen hrt' er nicht.
    Qule dich nicht. Es ist nun alles unmglich, antwortete sie bittend. O,
(sagt' er zornig) die nderung will ich nicht wieder ndern; denn der Lektor
und der Pfaffe wrden wieder das ndern! Er geriet nun in die mnnliche
Verstockung und Herzensstarrsucht; der Strom der Liebe hing als ein gefrorner
zackiger Wasserfall ber den Felsen.
    Ich dachte nicht, da du so hart wrest, sagte sie und lchelte fremd.
Noch hrter bin ich (sagt' er) - ich rede, wie du handelst. - Hr auf, hr
auf, Albano - es wird mir so finster - o, zu meiner Mutter will ich gleich,
rief sie pltzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal
herabgelassen, standen wieder ber ihren schnen Augen und berzogen sie,
emsig-spinnend, immer dichter; und ber die goldnen Streifen des Lebens wuchs
schon grauer Schimmel her.
    Es ist die Sonnenfinsternis, sagt' er, das Erblinden der matt glnzenden
Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den
Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen - nicht einmal
recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte
- die Vgel flatterten scheu umher - kalte Schauder spielten wie Geister der
Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war.
Dunkel, dunkel lag dem Jngling das Leben vor, im langen schwarzmarmornen
Sulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden
hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit.
    Das passet ja recht fr heute, (fuhr er fort) eine solche schnelle Nacht
ohne Abendrte - Lilar mu heute zugedeckt werden - blick hinauf zum Mond, wie
er sich schwarz ber die Sonne gewlzt hat, sonst war er auch unser Freund - O,
mach es noch finsterer, ganz Nacht!
    Albano, schone, ich bin unschuldig, und ich bin blind - wo ist der Tempel
und die Mutter? rief sie jammernd: die Spinnen hatten die nassen Augen voll
Trnen zugewebt.
    Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinsternis, sagt' er und schauete in das
blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles; aber er konnte nicht weinen,
er konnte nicht trsten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an
seine Brust geklammert, und er trug ihn fort. Nein, nein, (sagte Liane) ich
bin blind und bin auch unschuldig.
    Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgefhrt, der
mit der lutenden Stummenglocke folgte: Der stumme Mann kann nur nichts sagen,
sagte Pollux. - Liane rief: Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das
Totenglcklein lutet.
    Die Ministerin strzte heraus. Ihre Tochter (sagte Albano) ist wieder
blind, und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am
Elend. - Was gibt es? rief der schnell heraustretende Spener, der vorhin das
Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. Eine Unglckliche, Euer
Werk auch! versetzte Albano.
    Lebe wohl, unglckliche Liane! sagt' er und wollte scheiden; stand aber,
und nachdem er das gefolterte schne Gesicht, das mit den blinden Augen weinte,
starr angeblickt, rief er: Entsetzlich! und ging. Lange lag er oben im
Donnerhuschen auf den Armen mit den Augen, und als er sich endlich spt, ohne
zu wissen, wo er sei, wie aus einem Traume aufrichtete: sah er die ganze
Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet, die Sonne glnzte unverhllt und
warm im reinen Blau, und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell
ber die Brcke des Waldes. Da sank Albano wieder auf die Arme darnieder.

                            Neunzehnte Jobelperiode


            Schoppes Trostamt - Arkadien - Bouverots Portrtmalerei


                                   82. Zykel

Da Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte - da er den Angelstern seines Lebens
als eine Sternschnuppe in seine totenstille Wste hatte fallen sehen - da jede
seiner Handlungen jetzt einen Skorpionenstachel ausstreckte und jede Erinnerung,
und er Lianens Briefe zurcksandte, Lilar verlie, das Haus des Doktors, den
Lektor, Lianens Verwandte und den frommen Vater da er sein allmhlich bleich
werdendes Gesicht nur auf Bcher und nach Sternen richtete: so muten Menschen,
die keinen hhern Schmerz kennen als den eigenntzigen, glauben, seine Brust
werde von nichts gedrckt als vom Schutte der zertrmmerten Luftschlsser seiner
Hoffnung und Jugendliebe. Aber er war edler unglcklich und trostlos, er wars,
weil er zum erstenmal einen Menschen und den besten elend gemacht - seine
Geliebte blind; - in diese Vertiefung seines Herzens flossen alle benachbarten
Quellen des Leidens zusammen. Die kleinsten bunten Scherben seines Glckstopfes
wurden gleichsam von neuem zerschlagen, wenn er von Tag zu Tag vernahm, da die
Arme, obwohl tglich auf das Wasserhuschen vor die heilenden Fontnen gestellt,
doch immer ohne Lichtschein zurckgebracht werde und da sie jetzt auf dieser
Raub-Erde nichts weiter frchte und bejammere, als da der Tod vielleicht die
Augen schliee, ehe sie noch einmal die Mutter angesehen.
    O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe, und die Zeit khlt sie nicht mit
ihrem Flgel, sondern hlt sie blo offen mit ihrer Sense. Albano rief sich
Lianens bitteres Flehen um Schonung zurck, und da trstete es ihn nicht, da er
unter jener Sonnenfinsternis nicht ihre Augen aufopfern wollen, sondern nur ihr
Herz. Im Brenn- und Vergrerungsspiegel des Erfolges zeigt uns das Schicksal
das leichte, spielende Gewrme unseres Innern als erwachsene und bewaffnete
Erinnyen und Schlangen. Wie viele Snden gehen wie nchtliche Ruber ungesehen
und mit sanften Mienen durch uns, weil sie, wie ihre Schwestern in Trumen, sich
nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallen und zu
wrgen bekommen! - Die schne Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld; nur
jene harten Himmels- und Erd-Strmer, vor deren Siegeswagen vorher eine
Wagenburg voll Wunden und Leichen auffhrt, nmlich die Vter des Krieges -
welches in der ganzen Geschichte fter die Minister waren als die Frsten -, nur
diese knnen ruhig alle Vulkane der Erde anznden und alle ihre Lavastrme
kommen lassen, blo um - Aussichten zu haben. Sie dngen elysische Felder zum
Schlachtfeld, um darin einen Rosenstock fr eine Geliebte rter zu ziehen.
    Das erste, was Albano tat, als er in des Doktors Hause ankam, war, da er
darauszog in die ferne Talstadt hinab, um weder den verdchtigen Lektor zu
sehen, noch weniger den boshaften Doktor Sphex ber das Rezidiv der Blindheit
tglich zu hren. Nur der treue Schoppe zog mit, zumal da er durch ein
zweckmiges Betragen sich unter der Sphexischen Familie selber hatte eine
Oppositionspartei zu bilden gewut, die ihn nicht mehr im Hause litt. Die
bibliothekarische Wrme hatte mit des Lektors Klte sehr gegen den Grafen
zugenommen - und aus gleichen Grnden; das kecke Ausziehen nach Lilar und die
leidenschaftliche Wildheit hatten ihn nher an Albanos Seite geschlossen: Ich
dachte anfangs, (sagte Schoppe) der junge Mann lasse sich zu nichts an als zu
einem ltlichen, als ich ihn so in die Schule schreiten sah. Ich hielt oft den
Mann im Mond, wo es bekanntlich aus Mangel an Durst und Dunstkreis nichts
einzuschenken gibt, fr einen grern Trinker als ihn. Aber endlich greift er
aus. Ein Jngling mu nicht, wie der alte Spener, alles in der Vogelperspektive,
von oben herab darstellen. Er mu anfangs wie Inzipienten in Schreib- und
Malerstuben alle Zge ein wenig zu gro machen, weil sich die kleinen geben. Es
gibt Donnerpferde, aber keine Donneresel und Donnerschafe, wie doch die
Hofmeister und Lektores gern htten und gern vor sich hertrieben, die wie die
Billard-Markrs kein offnes Feuer in der Pfeife leiden, sondern nur eines unter
dem Deckel.
    Jetzt lebte Albano einsam unter den Bchern. Der Bruder Lianens kam selten
und eiskalt zu ihm; und schwieg ber die Leidende, ob er gleich immer um diese
blieb. Da er selber das erste Gewebe zu dieser Blindheit einmal gesponnen: so
mut' er, zumal bei seiner ungeschminkten Feuerliebe fr seine Schwester, den
ordentlich hassen, der es wieder ber sie hereingezogen glaubte Albano und
ertrug es gern zur Strafe. Desto fter lie sich der Hauptmann zum deutschen
Herrn hinziehen, bei dem er jetzt wider Erwarten gewann. Es ist die Frage -
nmlich keine -, ob nicht seine Fhigkeit und Neigung, sich mit den
unhnlichsten Menschen zu verflechten, bloe Klte gegen alle Herzen ist, die er
alle nur bereiset, weil er keines bewohnt.
    Auch Rabette schrieb dem Grafen mehrere Klage-Zettel ber den weichenden
Hauptmann; in einem sagt sie sogar: Knnt' ich dich nur sehen, um einmal jemand
zu haben, der mich weinen liee, denn das Lachen kenn' ich schon seit geraumer
Zeit nicht mehr. Der gute Albano zeichnete auch dieses Entweichen in sein
Sndenregister ein, gleichsam als Enkel seiner Teufelskinder.
    Die Frstin vermocht' ihn zuweilen aus der Einsamkeit zu locken, wenn sie
ihre leise Lockpfeife an die schnen Lippen legte. Sie schien des Vaters wegen
wahren Anteil am trben Sohn zu nehmen, der zwar keine Schmerzen, aber auch
keine Freuden zeigte. Auch das Mann-Weib, das mehr gehelmte als gehaubte, rckt
gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmchtige als Lehne
den Arm; und trstet gern und zart, oft zrter als das zu weibliche. Fast
tglich besuchte sie ihre knftige Hofdame und Gesichts-Schwester bei dem
Minister und konnte daher dem Geliebten alles sagen. Indem sie tat, als wisse
sie nichts von Albanos Verhltnissen zur Blinden - schon das Verstellen verrt
zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal, sagte Albano -: so konnte sie ihm
frei alle Krankenzettel der schnen Dulderin geben, so wie die Gutachten ber
sie berhaupt. Nach der Sitte der Kraftweiber lie sie ihr alle lobende
Gerechtigkeit ohne weibisch-kleinlichen Abzug angedeihen und wnschte nichts so
sehr als ihre Herstellung und knftige Gegenwart.
    Ich bin fhig, fr ein ungemeines Weib alles zu tun, so wie alles gegen ein
gemeines, sagte sie und fragte ihn, ob ihm schon sein Vater ber ihren Plan mit
Lianen geschrieben. Er verneint' es; und bat sie darum; aber sie verwies ihn auf
den vterlichen Brief, der bald kommen msse. Sie tadelte blo Lianens Neigung,
immer Fantaisie-Blumen in ihr Leben zu sticken, und nannte sie eine reine
Barockperle.
    Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehrte Albano nur betubter zu Schoppe
zurck; er hrte nur Wort-Trost und das Todes-Urteil, da die geduldige Seele,
der er die Schpfung gestohlen, noch immer eingemauert sei in die tiefste Hhle
des Lebens, neben welcher blo die tiefere des Grabes hell und offen liegt.
Jedes sanfte, lindernde, ihm von den Wissenschaften oder Menschen geschenkte
warme Lftchen ging ber jene kalte Hhle und wurde fr ihn ein scharfer Nord.
O, htt' er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen mssen unter schne Tage,
in ein langes, ewiges Paradies, und sie htte ihn trunken vergessen: das htt'
er auch vergessen knnen; aber da er sie hineingestoen in ein kaltes
Schattenreich und da sie sich seiner erinnern mu aus Schmerz - - nur das mut'
er sich immer erinnern.
    Schoppe wute gegen alle diese Not kein Pflaster als (nach seinem schnen
Wortspiel) das Steinpflaster, nmlich eine Flugreise. Wenigstens, schlo er,
hren auer Landes die Fragen ber das Befinden und die giftigen Sorgen ber das
Antworten auf; und bei der Retour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen
gehoben.
    Albano gehorchte seinem letzten Freund; und sie reiseten ins Frstentum
Haarhaar ab.

                                   83. Zykel


Wer denkt, da Schoppe unterwegs fr Albano ein fliegendes Feldlazarett des
Trostes - ein antispasmoticum - eine Struvische Not- und Hlfstafel - eine
geplverte Fuchslunge gegen die Hektik des Herzens u.s.w. gewesen und da er auf
jedem Meilenstein eine Trostpredigt gehalten, wer das denkt, den lacht er aus.
    Was tut es denn, (sagt' er) wenn das Unglck den jungen Menschen derb
durchknetet? - Das nchste mal wird er den Schmerz, der ihn jetzt in der Gewalt
hat, in der seinigen haben. Wer nichts getragen, lernt nichts ertragen. Was das
Weinen anlangt, so war er als ein Stoiker wohl am wenigsten davon ein Feind;
Epiktet, Antonin, Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete
Mnner, sagt' er so oft, htten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte lungen
des Schmerzes eingerumt, falls nur der Geist darhinter sich trocken erhalten
htte. Es ist echte Trostlosigkeit, sagt' er, Trost zu wnschen und anzunehmen;
warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdauern ohne alle Arzenei?
    Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen ber den Grafen
mchtig, den alles Groe nur vergrerte, wie es andere verkleinert. Schoppe sa
als ein Kato auf Ruinen, aber freilich auf den grten; wenn der Weise die
Barometerrhre am quator sein mu, in der selber der Tornado wenig verschiebt,
so war er dergleichen. Zufllig ri er in einem Wirtshause dem Grafen durch den
Hamburgischen unparteiischen Korrespondenten, den er da vorfand, die verklebten
Flgel auf. Schoppe las zwei weite Schlachten daraus vor, worin wie durch einen
Erdfall Lnder statt der Huser versanken und deren Wunden und Trnen nur der
bse Genius der Erde konnte wissen wollen; darauf verlas er - nach den
Totenmrschen ganzer Generationen und nach den aufgerissenen Kratern der
Menschheit mit fortgesetztem Ernste die Intelligenz-Anzeigen, wo einer allein
auf ein unbekanntes Grblein steigt und der Welt, die ihm sonst kondoliert,
ansagt und beteuert: Frchterlich war der Schlag, der unser Kind von 5 Wochen
- oder: Im bittersten Schmerz, den je - oder: Bestrzt ber den Verlust
unsers einundachtzigjhrigen Vaters etc.
    Schoppe sagte, das sprech' er fr recht, denn jede Not, selber die
allgemeine, hause doch nur in einer Brust; und lg' er selber auf einem roten
Schlachtfelde voll gefllter Garben, so wrd' er sich darunter aufsetzen, falls
er knnte, und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede ber seine Schuwunde
halten; so habe Galvani bemerkt, da ein Frosch, der in elektrischen
Verbindungen stehe, so oft zucke, als der Donner ber der Erde nachrolle.
    Bei diesem Satze blieb er auch im Freien. Er fhrt' es tadelnd an, da
Matthison es als eine reisebeschreibende Notiz annotiere, wie man im jetzigen
Avenches in der Schweiz an den Stellen der von den Rmern zermalmten
helvetischen Hauptstadt Aventicum in den dnnern Streifen des Grases den Abri
der Straen und Mauern finden knne; indes ja offenbar dieselben
stereographischen Projektionen der Vergangenheit berall lgen auf jeder Wiese -
jeder Berg sei das Ufer einer verschwemmten Vorzeit - jede Stelle hienieden sei
ja 6000 Jahre alt und Reliquie alles sei Gottesacker und Ruine auf der Erde -
besonders die Erde selber; Himmel, (fuhr er fort) was ist berhaupt nicht
schon vergangen, Vlker - Fixsterne - weibliche Tugend - die besten Paradiese -
viele Gerechtsame - alle Rezensionen - die Ewigkeit a parte ante - und jetzt
eben meine schwache Beschreibung davon! - Wenn nun das Leben ein solches
Nichtigkeitsspiel ist, so mu man lieber der Kartenmaler als der Kartenknig
sein wollen.
    Ein krftiger, stolzer Mensch - wie Albano - wird dann schwerlich mitten
unter dreiigjhrigen Kriegen - Jngsten Tagen wandernden Vlkern -
verstubenden Sonnen sein Kleid ausziehen und sich oder dem Universum die
zerrissene Ader vorzeigen, die auf seiner Brust ausblutet.
    So stand es, als beide abends eine halboffne Waldhhe erstiegen, von der sie
ein wunderbares Glorien-Land unter sich sahen, so freundlich und auslndisch,
als sei es brig geblieben aus einer Zeit, da noch die ganze Erde warm war und
ein immer grnes Morgenland - es schien, so weit sie vor den Bumen und vor der
Abendsonne sehen konnten, ein aus der zusammentretenden Berg-Ecke unabsehlich
nach Westen auseinanderlaufendes Tal zu sein - eine vor der Sonne mit den
breiten Flgeln umschlagende buntgemalte Windmhle verwirrte das Auge, das das
Gedrnge von Abend-Lichtern, Grten, Schafen und Kindern sondern wollte - an
beiden Abhngen hteten weigekleidete Kinder mit lang nachflatternden grnen
Hutbndern - eine gefleckte Schweizerei ging im Wiesengrn am dunkeln Bach - auf
einem hochgewlbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Buerin,
und nebenher gingen Landleute im Sonntagsputz - die Sonne trat hinter eine
Sulen-Reihe von runden Laubeichen, diesen deutschen Freiheits-Bumen und
Tempelpfeilern - und sie schwebten verklrt und vergrert hoch im goldnen Blaue
aufgezogen. - Jetzt sahen die betroffnen Wanderer das nahe beschattete
hollndische Dorf unten - wie aus zierlichen, bemalten Gartenhusern
zusammengerckt, mit einem Lindenzirkel in der Mitte und einem jungen, blhenden
Jger nicht weit davon, oder eine Amazone, die mit der einen Hand ihren Hut voll
Zweige abnahm und mit der andern den Balken-Arm mit dem Eimer ber den Born hoch
aufsteigen lie.
    Mein Freund, (fragte Schoppe einen ihnen mit Botenblech und Ranzen
nachkommenden Amtsboten) wie nennt Er das Dorf? - Arkadien, versetzt' er. -
Aber ohne alles dichterische Weiglhen und Kulminieren gesprochen, mein
poetischer Freund, wie schreibt sich eigentlich die Ortschaft unten? fragte
Schoppe wieder. Verdrlich antwortete der Amtsbote: Arkadien, sag' ich, wenn
Ers nicht behalten kann - es ist ein altes Kammergut, unsere Prinzessin Idone
(Idoine) hlt sich da auf, jahraus, jahrein, fr bestndig - und macht da alles
nach eignem Plsier, was will man mehr? - - Ist Er auch in Arkadien? Nein,
in Saubgel, antwortete der Bote sehr laut, schon fnf Schritte weiter vorn,
zurck.
    Der Bibliothekar, der seinen Freund bei der Botenrede in groer Bewegung
sah, tat ihm freudig die Frage, ob sie ein besseres Nachtquartier htten treffen
knnen als dieses, ausgenommen dieses selber im Maimond. Aber wie erstaunt' er
vor Albanos Zurcksturz in die Vorhlle, die das Gewissen und seine Liebe
anzndeten! Idoinens tuschende hnlichkeit mit Lianen war pltzlich vor ihn
gezogen: Weit du, (sagt' er, in der Erschtterung durch den Abendzauber
heftiger fortbebend) worin Idoine Ihr unhnlich ist? - Sie kann sehen, setzt'
er selber dazu, denn sie hat mich noch nicht gesehen. O vergib, vergib, fester
Mann, ich bin wahrlich nicht immer so - Sie stirbt jetzt, oder irgendein Unglck
zieht ihr nahe; wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigts dster und in langen
Wolken in meiner Seele auf ich mu durchaus zurck.
    Glauben Sie mir, (sagte Schoppe) ich werde Ihnen einmal alles sagen, was
ich jetzt denke - gegenwrtig aber will ich Sie schonen. Auch das verfing
nichts, er kehrte um; aber am ganzen andern Reisetag blieb sein Leidenskelch,
den Schoppe so glnzend gescheuert hatte, na und schwarz angelaufen. Sie
konnten erst abends ankommen, da ein Zauberrauch von Zwielicht, Mondlicht,
Dampf, Dunst und Wolkenrot die Stadt fremder machte. Albanos Adlerauge teilte
den Rauch entzwei, und er entlief. Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen
welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin. Wild ohn' einen
Laut rannt' er durch die tiefern Gassen - verlor den verbaueten Palast und lief
grimmiger - er glaubte, er finde sie auf dem Steinpflaster zertrmmert - er
sieht die weien Statuen wieder, sie hlt eine umschlungen, und der alte Grtner
des cereus serpens steht mit dem Hute auf dem Kopfe vor ihr. - Als er endlich
ganz unten am Palaste ankam, stand oben ein fremdes Mdchen bei ihr, und unten
sahen zusammengelaufne Weiber hinauf, einander fragend: Gott, was gibt es
denn? - Liane blickte (wie es schien) an den Himmel, worin nur einige Sterne
brannten, und dann lange in den Mond, und darauf herunter auf die Menschen; aber
sogleich trat sie von den Statuen zurck. Der Grtner kam aus dem Hofe und sagte
vorbergehend seiner fragenden Frau: Sie sieht. - O, guter Mann, (sagte
Albano) was sagt Er? - Gehen Sie nur hinauf! versetzt' er und schritt emsig
weiter. Jetzt kam Bouverot zu Fue - Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen
und Grue in den Weg - Bouverot sah ihn ein wenig an: Ich habe nicht die Ehre,
Sie zu kennen, sagt' er wild und eilte davon.

                                   84. Zykel


Schauet nun die blinde Liane nher an!
    Von dem Tage an, wo sie zerstret heimgefhret wurde von der Mutter, fing
sich unter ihrer Sonnenfinsternis mit Verweilen ein khleres, ruhendes Leben fr
sie an. Die Erde hatte sich verndert, ihre Pflichten gegen diese schienen ihr
abgetan - der Silberblick der Jugend wie ein Menschenblick nun erblindet, ihre
kurzen Freuden, diese kleinen Maienblmchen, schon unter dem Morgenstern
abgepflckt - ihr erster Geliebter leider, wie die Mutter es weissagte, nicht so
fromm und zart, als sie gedacht, sondern sehr mnnlich, rauh und wild wie ihr
Vater - die Zeit und Zukunft vertilgt und die knftigen Tage daraus fr sie nur
eine blind gemalte Jubelpforte, die Menschenhnde nicht ffnen, und durch welche
sie nicht mehr dringen kann, auer mit der entbundnen Seele, wenn diese den
trgen Schlepp-Mantel des Krpers auf die Erde zurckgeworfen.
    Ihr Herz klammerte sich jetzt - wie Albano dem mnnlichen noch mehr dem
weiblichen an, das zrter und ohne die Fieber der Leidenschaften schlug; so wie
die Kompanadel sich als eine gewundne Lilie zeigt, so die Tugend sich ihr als
weibliche Schnheit.
    Ihre Mutter wich nicht von ihrem Blinden-Stuhl, sie las ihr vor, sogar die
franzsischen Gebete, und hielt sie trstend aufrecht; und sie wurde leicht
getrstet, denn sie sah nicht das bekmmerte Gesicht der Mutter und hrte nur
die ruhige Stimme. Julienne warf seit dem Begrbnis der ersten Liebe eine alte
Kruste ab, und ein frisches Feuer fr die Freundin ging aus dem Herzen auf: Ich
habe nicht redlich an dir gehandelt, sagte sie einmal; da erklrten sie sich
verborgen einander, und dann reiheten sich ihre Seelen wie Blumen-Bltter zu
einem sen Kelche zusammen. Die Frstin sprach ernst ber Wissenschaften und
gewann sogar die Mutter, der sie in mnnlicher Gesellschaft weniger gefallen.
Abends vor dem Einschlafen flog noch wie aus dem Freudenhimmel Karoline in ihr
Schattenreich herab und wuchs tglich an Glanz und Farbe, sprach aber nicht
mehr; und Liane entschlummerte sanft, indem sie einander anblickten.
    Zuweilen fuhr der Schmerz an sie herber, da sie vielleicht ihre teuern
Gestalten, zumal ihre Mutter, nie mehr sehe; dann war ihr, als sei sie selber
unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln, tiefen Gange zur zweiten Welt und
hre die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr nachrufen - Da liebte
sie zrtlich wie aus dem Tode herber und freuete sich auf das groe
Wiedersehen. Spener besuchte seine Schlerin tglich; seine mnnliche Stimme
voll Strkung und Trost war in ihrem Dunkel die Abendgebetglocke, die den
Wanderer aus der dstern Waldung wieder zu froheren Lichtern fhrt. So wurde ihr
heiliges Herz noch heiliger emporgezogen, und die dunkeln Passionsblumen der
Schmerzen schlossen sich in der lauen Augen-Nacht schlafend zu. Wie anders sind
die Leiden des Snders als die des Frommen! Jene sind eine Mondsfinsternis,
durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwrzer wird; diese sind eine
Sonnenfinsternis, die den heien Tag abkhlt und romantisch beschattet und worin
die Nachtigallen zu schlagen anfangen.
    Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im
Gewitter um sie her eine ruhige, genesende Brust; so zieht oft das zarte, weie
Gewlke anfangs zerrissen und gejagt, aber zuletzt gerndet und langsam durch
den Himmel, wenn unten der Sturm noch ber die Erde schweift und alles bewegt
und zerreiet. Aber, gute Liane, alle 32 Winde, sie mgen schne Tage zu- oder
wegwehen, halten lnger an als die Windstille der Ruhe!

                                   85. Zykel


Der Minister hatte, als sie aus Lilar mit getteten Augen heimgekommen, in sein
rechtes eine Hlle, ins linke ein Fegefeuer gelegt; - denn so sehr belogen hatt'
ihn noch kein Geschick; nmlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und
Prospekte, um das Hofdamenamt der Tochter, diesen Vorsteckring am Finger der
Frstin, und endlich um jeden Fang seines doppelt gewebten Gespinstes.
    Unsglich wehrte sich der Mann vor dem Lffel, worin ihm das Schicksal das
Pulver vorhielt, auf welches er die verschluckten Demante seiner Plane sollte
fahren lassen; er hielt die strksten Sermone - so hie er, wie Horaz, seine
Satiren - gegen seine Weiber; er war ein Kriegsgott, ein Hllengott, ein Tier,
ein Untier, ein Satan, alles - er war imstande, jetzt alles zu unternehmen -
aber was halfs?
    Viel, als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung
betraf. Solcher trug kein Bedenken, das vterliche Versprechen der Tochter fr
die Miniatur-Malerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen; er war
brigens allwissend und schien unwissend. Fr die Sitz-Szene einer Blinden hatt'
er eigne romantische Verwicklungen nach den Notizen zugeschnitten, die er aus
dem Hauptmann gelockt. Seine Kunst-Liebe gegen Lianens Gestalt hatte bisher
wenig gelitten, und sein langsames An- und Umschleichen war seiner Vipern-Klte
und seiner weltmnnischen Kraft gem. Der alte Vater - der im Leben wie in
einem Reichsanzeiger immer einen Kompagnon mit 60, Tausend Taler zu seiner
Handlung suchte - bezeugte sich nichts weniger als abgeneigt. Diese zwei Falken
auf einer Stange, von einem Falkenmeister, dem Teufel, abgerichtet, verstanden
und vertrugen sich gut. Der deutsche Herr gab zu erkennen, ihr Miniaturbild sei
bei ihrer frappanten hnlichkeit mit Idoine, die wie sie niemals sitzen wollen,
zu manchem Scherze bei der Frstin behlflich, aber noch mehr seiner Flamme
fr Liane unentbehrlich, und jetzt in ihrer Blindheit knne man sie ja zeichnen
ohne ihr Wissen - und er werde unter das Bild schreiben: la belle aveugle oder
so etwas. Der alte Minister goutierte, wie gesagt den Gedanken ganz. Wie die
welschen Sngerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ihren Reisen
fhren, so hielt er sich fr einen solchen sogenannten Vater; er dachte: mit dem
Mdchen wirds ohnehin wenig mehr, es liegt als totes Kapital da und verzinset
sich schlecht; ich kann den angehrten Patenpfennig, den der deutsche Herr bei
seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbietet wie dem Kinde den Namen, in die
Tasche stecken.
    Das Schelmen-Duplikat wurde in seinem Schusse und Flusse blo durch einen
Florechen aufgehalten, der ihnen den Raub aus den Hechtzhnen zu ziehen drohte:
eine alte, keifende, aber seelentreue Kammerjungfer aus Nrnberg war der Rechen;
diese wre nicht von Lianen und nicht zum Schweigen zu bringen gewesen. Bouverot
freilich, ein Robespierre und Wrgengel seiner Dienerschaft, htte an Froulays
Stelle die Nrnbergerin ein paar Tage vorher von einem Diener mit einigen
komplizierten Frakturen versehen und dann auf die Gasse werfen lassen; aber der
Minister - sein Herz war weich - konnte das nicht; alles, was ihm mglich war,
das war: er berief sie auf sein Zimmer - hielt ihr es vor, da sie ihm sein Ohr
aus Magdeburg gestohlen - blieb mit dem anwesenden Gehr taub gegen jede
Einwendung, aber nicht gegen jede Unhflichkeit - und fand sich endlich gar
gentigt, die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen. Bei
jeder Nachfolgerin hatte, als einer neuen, Geld Gewicht, wut' er.
    Er wollte darauf die Frstin um eine Einladung fr sich und die Ministerin
zu Tee und Souper bitten - den Miniaturmaler bestellen - das neue Kammermdchen
belehren - und alles recht anlegen.
    Zwei Tiger hhlten, nach der Legende, dem Apostel Paulus das Grab; so
scharret hier unser Paar an einem fr eine Heilige, um so mehr, da ich sonst
nicht absehe, wozu - wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild - so viele
Umstnde. Aber den Vater knnt' ich fast entschuldigen; erstlich sagte er
ausdrcklich zum deutschen Herrn, die Zofe knne seiner Meinung nach im Zimmer
oder im anstoenden passen, falls etwan die Patientin etwas haben wolle -
zweitens hatte der sonst weiche Mann von seinem ministerialischen Verkehr mit
der Justiz einen gewissen Kies angesetzt, eine gewisse Grausamkeit angenommen,
welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen
urteilnden Themis um so natrlicher ist, da schon Diderot142 behauptet, da
Blinde grausamer wren - und drittens war wohl niemand mehr bereit, sein Kind,
das er, wie sonst angeblich Juden und Hexen Christenkinder, kreuzigte, um wie
jene mit dem Blute etwas zu tun, tiefer zu betrauern, falls es strbe, als er,
da ohnehin die Eltern und berhaupt die Menschen zwar leicht das Unglck derer,
die ihnen nahe liegen, aber schwer deren Verlust verschmerzen, so wie wir bei
dem noch nher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden, aber schmerzlich
das Ausreien desselben verspren - und viertens hatte Froulay immer das
Unglck' da Gedanken, die in seinem Kopfe eine leidliche, unschuldige Farbe
hatten, gleich dem Hornsilber oder der guten Dinte auf der Stelle schwarz
wurden, wenn sie ans Licht traten.
    Sonst - und von diesen Milderungen abgesehen - steckt wohl manches in seiner
Handlung, was ich nicht verteidige.
    Der Abend erschien. Die Ministerin ging am ehelichen Arme an den Hof. - Die
neue Kammerjungfer hatte als Brautfhrerin Bouverots schon vor drei Tagen die
ntigsten Anstalten gemacht, oder Spitzbbereien - sie hatte ihm Lianens Briefe
an Albano sehr leicht, da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwrtiges Auge fr
ein sehendes hielt, vorleihen und er sich daraus die historischen Zge oder
Farben-Tusche abholen knnen, womit er sich bei einer Erkennung auf dem Theater
vor der Blinden den Anstrich ihres Helden, nmlich Albanos, geben konnte - mit
Roquairol hatt' er oft genug gespielt, um dessen Stimme, mithin Albanos seine,
in der Gewalt zu haben.
    Mich dnkt, seine Rsttage vor dem Festabend waren zweckmig hingebracht.
    Er konnte, da kleine Residenzen frher Tee trinken, schon so frh
erscheinen, als ein Miniaturmaler im September durchaus mu. Als er die stille
Gestalt im Sorgenstuhl erblickte, mit den entfrbten Blumenkelchen der Wangen,
aber fester gewurzelt in jedem Entschlu, eine klter gebietende Heilige: so
stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesogne Erbitterung und Entzndung
miteinander hher - nur in solchen Brusthhlen, zugleich mit Metall- und mit
Darmsaiten, mit Hrte und Wollust, bespannt, ist ein solcher Bund von Lust und
Galle denklich. Bouverots ganze Vergangenheit und Lebens-Geschichtbcher mten
- wie die von Herodot den neun Musen - so den drei Parzen, jeder eines,
zugeeignet werden.
    Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein Farben-Kstchen hin und fing
hastig zu punktieren an. Unterdessen lie sich Liane von ihrem sehr gebildeten,
belesenen Kammermdchen aus dem zweiten Bande der Oeuvres spirituelles von
Fenelon vorlesen. Zefision rhrte der Erzbischof gar nicht - was er etwa von
reiner Liebe (sur le pur amour de Dieu) vernahm, setzt' er zu unreiner durch
Anwendungen um und lie sich teuflisch entznden durch das Gttliche - was
brigens rhrend war in Lianens Bezug, lie er an seinen Ort gestellt, da er
jetzt zu malen hatte. Hlich leckten seine vielfrbigen Panther-Augen gleich
roten, scharfen Tigerzungen ber das se, weiche Antlitz! - Liebe Justa, hr
auf, das Lesen wird dir sauer, du atmest so kurz! sagte sie endlich, weil sie
den Portrtmaler atmen hrte. Es war fr ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genu,
ein ser Imbi, den Ku dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze
Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen, bis er ihren Abri mit
den Gift-Tinten auf das weie Elfenbein durch die schnelle Dupfmaschine seiner
Hand abpunktieret sah.
    Endlich hatt' er sie Bunt auf Wei. Gut, liebe Justa, (sagte sie) die
Gebetglocke lutet, du kannst nichts mehr sehen. Fhre mich lieber zum
Instrument - nmlich zur Harmonika. Sie tats. Bouverot gab Justen einen
Scheide-Wink - sie tats wieder. Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte,
weie Blume zu. - Der Kanker hrte ihren Abend-Choral nicht ohne Vergngen, und
das betende Aufschlagen ihrer zerstrten Augen schien ihm eine recht malerische
Idee, die der true Painter143 dem Elfenbein-Stck einzuverleiben beschlo, wenns
gehen wrde.
    Schne Gttin! rief er pltzlich mit Albanos gestohlner Stimme unter jene
heiligen Tne, die einmal Albano in einer frohern Stunde, aber edler
unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken auf, aber unglubig an ihr Ohr in
dieser Nacht. Das Staunen mifiel dem Prospektmaler - denn ihr Gesicht war sein
Prospekt - ganz und gar nicht; erinnere dich an diese Harmonika im
Donnerhuschen. Er verwechselte es mit dem Wasserhuschen. - Sie hier, Graf? -
Justa! wo bist du? rief sie ngstlich. - Justa, kommen Sie her! rief er dazu
nach. Das Mdchen folgte seiner Stimme und seinem - Auge. Gndiges Frulein?
fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Mut, sie um die Pforte und das
Einlabillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber franzsisch zu sprechen,
ging nicht, da es die Jungfer verstand; daher verbot man auch in Wien in den
Revolutionsjahren einsichtig diese Sprache, weil sie so zuverlssig eine gewisse
Gleichheit - die Freiheit folgt - zwischen dem Adel und der Dienerschaft
pestartig ausbreitet.
    Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie jetzt ber den Grafen ein
brauchbares Mitrauen zu verraten schien, das seiner Charaktermaske einen
freiern Spielraum anwies, die Sinnende an ihre Befehle fr Justa; sie mute sie
nun Licht holen lassen.
    Infidele, (fing er darauf an) ich habe alle Hindernisse berwunden, um
mich Ihnen zu Fen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen. Je m'en flatte 
tort peut-tre, mais je l'ose (fuhr er fort, heftiger durch sie gemacht) - O
cruelle! de grce, pourquoi ces regards, ces mouvements? - Je suis ton Alban, et
il t'aime encore - Pense  Blumenbhl, ce sjour charmant - Ingrate, j'esprois
de te trouver um peu plus reconnaissante. - Souviens-toi de ce que tu m'a
promis (sagt' er, um sie auszufragen) quand tu me pressas contre ton sein
divin.....
    Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken, die unreine ab und fhlt
unwissend die qulende Nhe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewsser
baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvgel zu sehen. Der kurze Atem,
der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklrliches Etwas trieben das
schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, es sei Albano nicht. Sie
fuhr auf Wer sind Sie? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa! - - Wer
wr' es sonst, (versetzt' er kalt) der sich meinen Namen geben drfte? Oh, je
voudrais que je ne le fusse pas. Vous m'avez crit que l'esprance est la lune
de la vie - Ah, ma lune s'est couche; mais j'adore encore le soleil qui
l'claire.
    Hier fate er die Hand dieser verfinsterten, mit einem Drachen kmpfenden
Sonne. - Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingerngel und die drren Finger
und ein vorbeistreifendes Berhren seines Ordenskreuzes den wahren Namen. Sie
ri sich schreiend los und lief weg, ohne zu sehen wohin, und geriet wieder an
seine Hand. Er ri ihre heftig an die magern heien Lefzen hinauf: Ja, ich bin
es (sagt' er) und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner tourderie.
    Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blindes Mdchen - was wollen Sie? -
Justa! hilft mir denn niemand? - Ach, du guter Gott, gib mir meine Augen! (rief
sie fliehend, unwissend wohin und eingeholt) Bouverot! du bser Geist! rief
sie, abwehrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schiepulver, khlend auf
der Zunge und sengend und zerschmetternd, wenn ihn die Gier zndete, stellte
sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Maler-Auge auf das reizende
Wallen und Beugen ihres aufgestrmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener
Milde, die der tzenden und fressenden Milch der Schwmme hnlich ist: Nur
ruhig, Schnste! Ich bin es noch; und was hlf' Ihnen alles, Kind?
    Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst, fing die irre Natur zu singen an,
aber lauter Anfnge. Freude, schner Gtterfunken - Ich bin ein deutsches
Mdchen - sie lief herum und sang wieder: Kennst du das Land - Du bser
Geist!
    Jetzt bumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten
Ringen mit zckender Zunge in die Hhe, um hinzuschieen und zu umflechten: Mon
coeur (sagte die Schlange, die immer in der Leidenschaft franzsisch sprach)
vole sur cette bouche qui enchante tous les sens. - Mutter! (rief sie) -
Karoline! - O Gott, lasse mich sehen! O Gott, meine Augen! Da gab der
Alliebende sie ihr wieder; die Qual der Natur, die lauten Anstalten des
Begrbnisses ffneten der Scheinleiche wieder las Auge.
    Wie behend entflog sie aus der Marterkammer! Das getuschte Raubtier
rechnete auf Blindheit und Verirrung fort. Aber da Bouverot sah, da sie leicht
die Treppe zum welschen Dache hinaufstrze: so schickte er blo das
herbeilaufende Mdchen ihr nach, damit sie keinen Schaden nehme; und hielt jetzt
wieder die bisherige Blindheit fr Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer
den Miniatur-Ri ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer
verdrlich und langsam aus dem Hause hinaus.

                            Zwanzigste Jobelperiode


                           Gaspards Brief-Trennungen


                                   86. Zykel

Sie sieht wieder, rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu,
ohne sich um alle kalte Verhltnisse der letzten Zeit zu bekmmern; und war ganz
der Alte. Seine Feindschaft war hinflliger als seine Liebe, denn jene wohnte
bei ihm auf dem Eise, das bald zerflo, diese auf dem Flssigen, worauf er immer
schiffte. Errtend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. Gutgemeinter
Schreck (sagt' er) - der deutsche Herr tat, als wollt' er sie malen, als meine
Eltern auf Verabredung nicht da waren - oder malt' er sie wirklich - ich wei
jetzt alles nur verwirrt - auf einmal hrte sie eine fremde Mannsstimme, und
Schreck und Furcht wirkten natrlich wie elektrische Schlge. Obgleich der
Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes
Meer hinunterhrte: so hatt' er doch diesmal richtig gehrt; denn Liane hatte
von ihrer Mutter das Zuhllen der Martergeschichte errungen, um ihrem Bruder den
Anla zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher
zu beweisen.
    Albano behielt viele Fragen ber die dunkle Geschichte in seiner Brust; und
brach das Gesprch durch seine Reisebeschreibung ab.
    Nach einigen Tagen hrt' er, da Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse
und ein ber Blumenbhl liegendes Bergschlo einer alten einsamen Edelwitwe
beziehe. Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen, und
die mtterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu bermalen. Der
Minister, der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu kruseln und zu
formen war, wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos
angetroffen, so da er Lianen, die auch darin gefangen war, nicht auffra,
sondern sie ziehen lie. Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die
Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblmt. Nur der Lektor wute sie ganz, aber
er konnte schweigen. Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das
Miniaturbild zurck; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lgen; doch konnte
Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfoderung,
womit er fr alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern.
    Unsern Freund traf jetzt, seitdem sein Gewissen ber den Zufall des Erfolgs
besnftigt war, der Schmerz ber seine leere Gegenwart neu und unvermischt; die
teuerste Seele ging ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr
harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen, sondern
einfrmig von der Turmuhr der Alltglichkeit. Daher flchtete er sich zu Mnnern
und zur Freundschaft, gleichsam unter die neben dem Schutthaufen des Brandes
noch grnenden Bume; Weiber floh er, weil sie ihn, wie fremde Kinder eine
Mutter, die ihres verloren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dagegen
ein Simultanliebhaber, der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert,
ordentlich neugeboren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen
glcklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht
eingelster Gter berzhlen kann! Schon das Gefhl dieser Freiheit kann ihn
ermuntern, sich fter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als
Gefangnen zu berliefern.
    Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Hnden in wilde Mnnerfeste
- die das Sphren-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen -; es waren
nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste. So gibt es ein Verzweifeln, das sich
mit Schwelgen hilft; wie z.B. in der Pest zu Athen - oder in der Erwartung des
Jngsten Tages - oder in der Erwartung des Robespierrischen Schlacht-Messers.
Der Hauptmann ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildnis zurck und
zog, so weit er konnte, den unschuldigen Jngling in seine Volksfeste mit
sogenannten Musenshnen, in seine immerwhrende Weinlese und auf seine
Freuden-Werbpltze nach, gleichsam als hab' er seinetwegen ntig, den Freund ein
wenig zu sich herabzubringen.
    Albano bildete sich ein, mit diesen Dithyramben sei seine weinende Seele
ganz eingesungen, und er wiegte sie nur noch ein wenig fort. Indes wurden,
wiewohl ers nicht eingestehen wollte, seine jungen Rosenwangen so bleich wie
eine Stirn, und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite
ein. Es war rhrend und hart zugleich, wenn er lachend unter seinen Freunden und
deren Freunden sa mit einem entfrbten Gesicht - mit hhern, schrfern Knochen
der Augen und der Nase - mit einem wildern Auge, das aus einer dunklern
Knochentiefe loderte. Vor Musik, zumal Roquairols seiner, worin das
leidenschaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonknstlerischen
abgentzten Wechsel des Dmpfers und Donners zu lebendig arbeitete, entfloh sein
Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene. Der abgebrochne Lanzensplitter
der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum. O, wie in den Kinderjahren,
wenn ihm die Rosen-Wolke am Himmel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so
leicht zu ergreifen schien, das herrliche Gewlk weit in den Himmel zurckfuhr,
sobald er den Berg erstiegen hatte: so stand jetzt die Aurora des Lebens und
Geistes, die er nahe fassen wollen, so hoch und ferne droben ber seiner Hand im
Blau. Mhsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe, noch mhsamer
und gefhrlicher ist - wie von andern Alpen - das Herabsteigen von ihr.
    Eines Tages kam Chariton in die Stadt, blo um ihm endlich einen Brief ihres
Mannes - denn Dian machte wie alle Knstler leichter und lieber ein Kunstwerk
als einen Brief - zu berbringen, worin er sich freuete, da er Albano so bald
sehen wrde. Er kommt also wieder? fragte der Graf. Sie rief betrbt aus: Bei
Leibe! - Ja das! - Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr. -
So versteh' ich ihn nicht, sagte Albano.
    Er wurde an demselben Abend auf herkulanische Bilderbcher - die mit
Charitons Brief eine Post genommen hatten - von der Frstin eingeladen. Sie trat
ihm mit jener erheiterten Liebesmiene entgegen, welche man vor einem aufspannt,
der vor uns sogleich, wie wir hoffen, seinen grenzenlosen Dank aus dem Herzen
ziehen wird. Aber er hatte nichts daraus zu ziehen. Sie fragte endlich
betroffen, ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten. Sie verga, da die
Post gegen kein Haus hflich und eilig ist als gegen das Frstenhaus. Da aber
sein Brief schon gewi in seinem Zimmer lag: so erlaubte sie sich, die Rolle der
Zeit zu nehmen, welche alles an den Tag bringt, und sagte, was im Briefe stehe,
da sie nmlich im Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom unternehme, auf der
sie sein Vater begleiten werde und er diesen, wenn er wolle; das sei das ganze
Geheimnis. - Es war das halbe; denn sie setzte bald darauf hinzu, da sie der
besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende,
sobald diese nur genese - Lianen.
    Wie pltzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird, wenn nach einem langen
finstern Regentage endlich abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein
goldnes, offnes Abendtor wlbt, darin rein-glnzend wie in einer Rosenlaube vor
der widerscheinenden Erde steht, ihr einen schnern Tag ansagt und dann mit
warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaube: so war es unserem Albano.
    Der schne Tag war noch nicht da, aber der schne Abend. Er lie die
herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte, so schnell als es die
Dankbarkeit vergnnte, zum Blatte des Vaters zurck, der so selten eines gab.
    Es war dieses da:
    Liebster Albano! Meine Geschfte und meine Gesundheit sind endlich in
solcher Ordnung, da ich meinen Plan bequem ausfhren kann, den ich mit der
Frstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu
der ich dich einlade und im Oktober selber abhole. Die brige Reisegesellschaft
wird dir nicht mifallen, da sie aus lauter tchtigen Kunstkennern besteht,
Herrn v. Bouverot, Herrn Kunstrat Fraischdrfer, Herrn Bibliothekar Schoppe
(wenn er will). Leider mu Herr v. Augusti als Lektor zurckbleiben. Dein Lehrer
in Rom (Dian) erwartet dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, da
du die neue Hofdame der guten Frstin, Frulein v. Fr., deren ich mich als einer
sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begnstigest. Es wird dich daher
interessieren, da die Frstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich hre,
eine Gesundheitsreise so ntig ist wie mir. - Im Frhling, der ohnehin nicht die
schnste Jahreszeit in Italien ist, kehrest du wieder zu deinen Studien nach
Deutschland zurck. - Noch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner
Mndel, der Grfin von Romeiro, deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen
mitgeteilt. Da sie nun den Herbst und den Winter whrend meiner Abwesenheit bei
ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als
ich: so lasse dich es nicht frappieren, da sie deiner Bekanntschaft ausweicht,
weil sich ihr weiblicher und ihr persnlicher Stolz durch den gauklerischen
Gebrauch ihres Namens gekrnkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht
aufgefodert findet. In der Tat konnte man - wenn die Spielerei anders einen
ernsthaftern Zweck hat - wohl kein schlechteres Mittel dazu erwhlen. - Du wirst
tun, was die Ehre gebietet, und ob sie gleich meine Mndel ist, sie nicht
zudringlich aufsuchen. Alles bleibt unter uns. Addio!
                                                                       G. v. C.

Diese Aussichten - die erhebende, neben dem Vater so lange zu sein - die
heilende, aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres, leichteres Land
- die schmeichelnde, da das kranke, geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in
Zitronen- und Lorbeerwldern Freude und Genesung wieder finde, auch wohl wieder
gebe - diese Aussichten waren, was die Freuden der Menschen sind, sehr schne
Spaziergnge im Hofe des Gefngnisses.
    Auf diesem frohen Spaziergange strte ihn bald das Bild der kommenden Linda
- aber nicht seinet-, sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen.
Wie feindselig mu dieses fremde Irrlicht, dacht' er, in den nchtlichen Kampf
aller gegeneinander rennenden Verhltnisse hpfen! Roquairol schien ohnehin die
zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wnschen allein zu lassen; sie
schickte wchentlich ihre durch einen Einschlu an Albano - sonst wars umgekehrt
-, briefliche Seufzer und Trnen, die er alle kalt einsteckte, ohne von ihnen
oder der Verlassenen zu sprechen.
    Albano - im stillen Lianen und Rabetten abwgend - beklagte selber das
ungleiche Los seines bereilten Freundes, ber dessen Sonnenpferde nur eine
Amazone und Titanide, aber nicht ein gutes Landmdchen den Zgel werfen konnte
und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem bloen ehelichen
Post- oder Kinderwagen. Erwrgend wird sich alles durcheinanderschlingen, dacht'
er, wenn er, am Traualtar mit Rabetten kniend, zufllig aufsieht und unter den
Zuschauerinnen die unvergeliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut
das entsagende Ja ausstammeln mu!
    Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken drfe,
aber doch nicht lange; soll ich dem Freund (sagt' er) verhehlen und
vorgaukeln? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der
Verhltnisse scheuen, die doch mit Ihr kommen?
    Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte
um dessen Mitreise; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes. Der
Hauptmann - dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte -
war auf der Stelle nicht vermgend, betrchtliche Empfindungen ber den Abschied
zu haben und zu malen. Da gab ihm Albano - ber die Lippe konnt' ers nicht
bringen - den ganzen Brief.
    Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht hlich, sogar in des
Freundes Auge. - Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano,
da dieser es erwiderte unwillkrlich und unwissend. O, wahrlich, ich versteh'
alles (sagte Karl) - So mut' es sich lsen. Warte nur bis morgen! Alle
Muskeln an ihm waren rege, alle Zge irre, alles bewegt, so wie im heftigen
Gewitter kleine Wlkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und
halten. Morgen, morgen! rief er und strmte davon.

                                   87. Zykel


Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol, zu dessen
Verstndnis einige Nachrichten von seinem Verhltnis mit Rabetten vorausstehen
mssen.
    Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen
Schwester kaum anzusehen. Nichts ist leichter - nur das Umgekehrte ausgenommen -
als nach der Entzauberung durch, Stadtherzen die Bezauberung durch Landherzen.
Nichts ist einem Simultanliebhaber, der alle liebt, natrlicher als die Liebe
gegen eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, da der Hauptmann in
allen drei Fllen auf einmal gewesen, da er zum ersten Male zu Rabetten sagte,
sie habe sein sogenanntes Herz. Sie htte freilich die Hamadryade in einem
solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden,
nicht so nahe anbeten sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von
den mnnlichen Vorzgen gegen den mnnlichen Mibrauch davon verblendet.
    Anfangs ging manches gut; die reine Unschuld seiner Schwester und seines
Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatrlichen Bund. Das
Vorzglichste war, da er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von
Rabetten bedurfte als die - Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen, und Handlungen
sah er blo fr die Zeichnung unserer Seele, Worte aber fr die Farben an. Es
gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. - Jene
ist mehr die mnnliche, sie will den Genu ihres eignen Daseins, der fremde
Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Trger,
worauf sie ihr Ich vergrert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstnde
wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden,
hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich
sind, genieet sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und
mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes genieet und begehret nichts als das
Glck desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur
Handlungen und Opfer tun ihr Genge und wohl; sie liebt, um zu beglcken, wenn
jene nur beglckt, um zu lieben.
    Roquairol hatte sich lngst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher mut'
er so viel Worte machen. berhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport ber
die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rheinfall wr' er nicht von
der besten, nmlich gerhrtesten Laune gewesen, blo weil er zum Lobe desselben
- da der Flu alles berdonnert - nichts htte vorbringen knnen vor erhabenem
Lrm.
    Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklrung war in verschiedene
Kapitel abgeteilt.
    Das erste Kapitel bei ihr verste er sich dadurch, da sie ihm neu war und
zuhrte und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin groe Stcke von der
schnen Natur ab, mischte einige nhere Rhrungen dazu und kte sie darauf; so
da sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten geno, in der redenden und in
der handelnden; von ihr wollt' er, wie gesagt, nur ein Paar offne Ohren. In
diesem Kapitel nahm er noch einige Mglichkeit ihrer - Heirat an; die Mnner
vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer
derselben.
    Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den
Trnen, aus denen er es zu schreiben suchte. In der Tat gewhrte ihm diese
Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel. Wenn er so neben ihr
sa und trank - denn wie ein totes Frsten-Herz begrub er gern sein lebendes in
Kelche - und nun anfing zu malen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine
Leiden und Irrtmer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und
seine weggestoene Liebe fr Linda: wer war da mehr zu Trnen bewegt als er
selber? - Niemand als Rabette, deren Augen - durch ihren Vater und Bruder so
wenig mit Mnnertrnen bekannt geworden als mit Elefanten-, Hirsch- und
Krokodilstrnen - desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so s als
bitter berstrmten. Das go wieder neues in seine Flamme und Lampe, bis er am
Ende wie jener Schler des Hexenmeisters von Goethe die Besen, welche Wasser
zutrugen, nicht mehr regieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige;
gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt, der die
gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet, ja sogar vorher die Stellen der
Quetschungen reguliert.
    Der Mann sollte nie seinetwegen, ausgenommen vor Entzckung, weinen. Aber
Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche - gerade als
Widerspiele der verbrannten Zauberinnen - leichter weinen, obwohl mehr vor
Bildern als vor dem rohen, wunden Unglck selber, um die armen Zauberinnen auf
die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machinellen-Giftbaum
werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blttern rollen.
    Indes mu es nie verschwiegen werden, da der Hauptmann in diesem zweiten
Kapitel seinen Entschlu bestrkte, die gute und so weiche Rabette wirklich zu -
ehelichen; du weit, (sagt' er zu sich) was im ganzen an den Weibern ist, ein
paar Mngel auf oder ab tun wenig; deine mnnliche Narrheit, sie wie die Zins-
und Deputattiere ohne Fehl zu fodern, ist doch wohl vorber, Freund. -
    Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem dritten Kapitel einzutunken, worin er
spate. Seine Lippen-Allmacht ber das zuhorchende Herz erquickt' ihn dermaen,
da er hufige Versuche machte, ob sie sich nicht halb tot lachen knnte. Weiber
nehmen in der Liebe aus Schwche und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sie
halten den komischen Heldendichter noch mehr fr ihren Helden - und beweisen
damit die Unschuld ihres Auslachens. Aber Roquairol liebte die Lachende weniger.
    In seinem vierten Kapitel - oder Sektor, oder Hundsposttag, oder
Zettelkasten, oder wie ich sonst (lcherlich genug) statt der Zykel abteile - in
seiner vierten Jobelperiode, sag' ich, hielt es sozusagen hrter mit ihm.
Rabette wurd' es endlich gewohnt und satt, da er immer abstieg und den zwischen
den Rdern hngenden Teertopf der Trnendrse aufmachte, um den Trauerwagen zu
teeren. Tiefes Rhren und Bewegen wurd' ihm tglich sauerer gemacht und
vergllet, er mute immer lngere und grellere Trauerspiele geben. Da fing er an
zu merken, da die Zunge des Landmdchens nicht eben die grte
Landschaftsmalerin, Seelenmalerin und Silhouettrice sei und da sie zu ihm wenig
mehr zu sagen wisse als: du mein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel
seltnere Besuche; das half wieder viel, aber kurz. Glcklicherweise gehrte die
halbe Meile von Pestitz nach Blumenbhl zu Rabettens Schnheitslinien und
Strahlen; in der Stadt, in einer Strae oder gar unter einem Dache wr' er zu
kalt geblieben vor Nhe.
    Die natrlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fnfte oder das
Wechselkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von
Vorwrfen und Vershnungen aufblset, so da beide sich, wie elektrische Krper
kleine, wechselnd anziehen und abstoen. Zuweilen trank er nichts und fuhr sie
blo an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: Ich bin der Teufel, du
der Engel. Den grten Sto gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, den
er ihr wider Verhoffen schenkte. Dem Hauptmann war gnzlich so, als begeh' er
die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne feiere. Im Dienste der
Liebesgttin wird man leichter kahl als grau; er war schon gegen die Silberbraut
moralisch-kahl. Zum Glcke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle
Vernachlssigungen und Snden so weit, da er am Sonntag imstande war, sie zu
verfluchen; nur nach Zrnen und Sndigen konnt' er leichter lieben und beten,
wie der kriechende Springkfer sich nur aufschnellt, auf den Rcken gekehrt. Es
ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen, da
Roquairol morgens mit Rabetten im Fltentale gesessen - da Rabette da beklommen
und einsam gesungen - und da er aufgelset seinem von der Liebe verherrlichten
Freunde aufgestoen. Die Tal-Sache ist natrlich: nach so langem Khl-(nicht
Kalt-) Sinn - an diesem luftigen, freien Otaheiti-Tage - bei so vielem, was er
in den Hnden hatte (eine fremde - und eine Flasche) - neben ihrem Herzen, so
warm und doch so ruhig wie die Sonne droben - neben der einsamen Waisen-Flte,
die er rufen lie - und bei seinem herzlichsten Wunsche, von einem solchen Tage
und Himmel etwas zu profitieren - - da sah er sich ordentlich gentigt, wahre
Rhrung vorzuholen, ber seine Vergangenheit sich auszulassen (er glich den
alten Sprachen, die nach Herder viele Prterita und kein Prsens haben) - ja
ber seinen Tod (auch ein Bruchstck der Vergangenheit) - und dann wie auf einem
Himmelswege weiterzugehen. Freilich ging er nicht weit; er lie wieder sein
heil. Januars-Blut flssig werden, nmlich seine Augen, und also vorher sein
eignes und foderte dann der entzckten, im schnsten Himmel umhergeschleuderten
Seele nichts Geringeres ab als - da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch
verstummte wie der Kanarienvogel unter dem bergeworfnen - ein schwaches Singen.
Rabette konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich;
aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein
wildes, nasses Gesicht.
    Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wohl
das sechste, das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb. Anfangs
hatt' er die stumme, glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter
dem Venuswagen voll fremder Gttinnen nachlief und aufsprang. Allmhlich kroch
eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbi, dem ein krankes
Toben folgte. Da Migkeit eine wahre strkende Arzenei des Lebens ist: so nahm
er zu dieser krftigen Arzenei, um sie nicht in immer strkern Dosen brauchen zu
mssen, ungemein selten die Zuflucht und gewhnte sich durchaus nicht an sie.
Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch
Fllen; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr, gegen
sie weich oder gut zu sein, da ers blo gegen alle war.
    Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entfhren, um bei ihr den Ku
zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie
weigerte sich, weil da, wo das Auge aufhrt, der Verdacht anfngt, als er zum
Unglck die Blinde aus Blumenbhl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache
Rabettens rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die
Versuchung in die Wste zu fhren. Sie ungestm-liebend an sich drckend wie nie
- da die arme, diesen Abend so verlassene Seele ber die Wiederkehr aller ihrer
Freuden weinte - und zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt,
gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war,
unwillkrlich an.
    Rabette hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie in den Katakombengang
eingingen, der nur zwei Personen fasset, wenn nicht die dritte im Wasser
schleichen will, wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt, um so mehr da
er sich nicht gern von einer berflssigen Zuhrerin wollte hemmen lassen. Und
was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen?
    Drinnen sprach er ber die berall ausgestreckten Zeigefinger des Todes,
und da sie hinwiesen, das Leben, so dumm es auch sei, nicht noch dmmer zu
machen, sondern lustig. Er setzte sich mit ihr liebkosend - wie der Wrgengel
unsichtbar neben dem blhenden Kinde sitzt, das im alten Gemuer spielt und dem
er den schwarzen Skorpion in die zarten Hndchen drckt -; es war die Stelle, wo
er mit Albano, gegenber dem Gerippe mit der olsharfe, in der ersten
Bundesnacht gesessen, als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor. Seine
Zunge strmte wie sein Auge - Er war weich, wie nach dem Volksglauben Leichen
weich sind, denen Traurende nachsterben - Er warf Feuer-Krnze in Rabettens
Herz, aber sie hatte nicht wie er Wortstrme zum Lschen - sie konnte nur
seufzen, nur umarmen; und die Mnner versndigen sich am leichtesten aus
Langerweile an guten, aber langweiligen Herzen - Schneller sprangen Lachen und
Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinander ber; das moralische Gift
macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer - Die Arme! die
jungfruliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist,
leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Ksse brachen die ersten Bltter
aus - Dann sanken andere - Umsonst wehet der gute Genius fromme Tne aus der
Harfe des Todes und rauschet zrnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf -
Umsonst! - Der schwrzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als
Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als
Mordbrand in die Hhle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Grtchen,
worin nur wenig wchst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquairols
ausgedehnten Lustlagern wegluft; und der schwrzeste Engel hat die Minen-Lunte
schon angesteckt - Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr
Grtchen voll Sonnenschein, und seine Blumen wiegen sich - der Funke nagt ein
wenig am schwarzen Pulver, pltzlich reiet er einen ungeheuern Flammen-Rachen
auf und das grne Grtchen taumelt, zersprengt, zerstubt, in schwarzen Schollen
aus der Luft herab an ganz fernen Stellen - Und das Leben der Armen ist Dampf
und Gruft. -
    Aber Roquairols ausgebreiteten, weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks
widerstanden dem Erdstoe viel krftiger. Beide traten dann betrbt - denn dem
Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert - aus dem Miniergange heraus,
trafen aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern
stieen nur dem umherirrenden Albano auf, der sehr trauerte und tobte, ob er
gleich diesen Abend nichts verloren hatte als - Freuden.
    Lasset uns die Betrogne und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen
milden Richter fhren! - Nicht das allein wird dieser Richter wiegen, da sie,
vom Bltenstaube eines rauchenden Freuden-Frhlings betubt, stumm-erstickt mit
dem jungfrulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasie - da Weiber um so
leichter vor der fremden und poetischen fallen, je seltner ihre eigne weht und
ihnen das Feststehen angewhnt -, den Lohn eines ganzen jungfrulichen Lebens
sterben lie: sondern das mildert am strksten das Urteil, da sie Liebe im
Herzen trug. Warum erkennt es denn das Mnner-Geschlecht nicht, da die Liebende
in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles fr den Geliebten,
da die Frau fr die Liebe alle Krfte, gegen sie so kleine hat und da sie mit
derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingbe als ihre
Tugend? - und da nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei, besonnen und
selbstschtig?
    Das letzte oder siebente Kapitel seines Ruberromans ist sehr kurz und
widersprechend. Den dritten Tag besucht' er sie in ihrem Garten, war zrtlich,
vernnftig, nchtern, zurckhaltend, als wr' er ein Ehemann. Da er sie voll
Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst fr ihre
Gesundheit mehrmals wieder; und als diese nicht im geringsten gelitten, blieb er
- weg. Gegen Albano war er whrend besagter Angst demtig; und nach derselben
wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter
allen Menschen am reinsten liebte, durch Albanos Wildheit erblindete: warf er,
eben wegen der hnlichkeit der Schuld, auf diesen einen wahren Ha und etwas
hnliches auf alle dessen Verwandte. Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm
als Briefe und Entschuldigungen, kurze Gemlde seiner wilden Natur, die freien
Spiel-Raum haben msse und die, einer fremden angeheftet, diese blo ebensosehr
mit der Kette zerschlagen und drcken msse als sich selber. Alle Einwrfe
Rabettens wut' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Mienen
und Trnen bestanden, da er am Ende selber einsah, er habe recht; und der von
diesem strzenden, glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts
brig als das rechte letzte Wort, nmlich die stumme Lippe, die es dem Mrder
nicht erst meldet, da er das Herz getroffen und zerstret habe.

                                   88. Zykel


Hier ist Roquairols Brief an Albano:
    Einmal mu es geschehen, wir mssen uns sehen, wie wir sind, und dann
hassen, wenn es sein mu. Ich mache deine Schwester unglcklich, du meine und
mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel
immer heftiger zu meinem Wrgengel. Wrge mich denn, aber ich packe dich auch.
    Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische
Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift berstanden! Ich habe
mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei
heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal
recht tapfer. Ausgehhlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn
so zuweilen die Eingeweidewrmer des Ichs, Erbosung, Entzckung, Liebe und
dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so
seh' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich
sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins
Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen
Glaubens-Idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der
alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht,
ist so. Wozu dients? - Wenn du jetzt strbest, sag' ich mir oft, so wre ja
alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks
zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als wr' ich nichts
gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flsse und den Boden um mich an, und mir
ist, als knnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich
mit. Das knftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, was
daranhngt, gehrt unter die Entzckungen, denen man zusieht; zumal unter einer,
in der Liebe.
    Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir fr Entkrftung hltst: so sag'
ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur
den Kopf aus den heien Wogen der Gefhle hher, dann wirst du dich nicht mehr
in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten,
kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn
er whlt sie erst, und er ist ihr Schpfer, nicht ihr Geschpf. Ich erlebte
einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wtend und zackig und
schumend aufri und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah;- so
werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.
    Glaubst du, da die Romanen- und Tragdienschreiber, nmlich die Genies
darunter, die alles, Gottheit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgefft
haben, anders sind als ich? Was sie - und die Weltleute - noch reell erhlt, ist
der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische
Leim, der hpfende Punkt in der weichen Flu-Welt und Flie-Welt. - Die Affen
sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind - nicht blo vor hhern Wesen,
wie Pope von Newton sagt - sondern auch hier unten Affen, im sthetischen
Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust und -
Lustigkeit.
    Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im
Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen,
an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen ber das
hckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser
unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrngt, eh' man
sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts.
    So bin ich; so war ich; da sah ich dich und wollte dein Du werden - aber es
geht nicht, denn ich kann nicht zurck, aber du vorwrts, du wirst mein Ich
einmal - und da wollt' ich deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier
trinke reinen Wein! Ich wei am besten, wie weit es mit den Weibern geht - wie
ihre Liebe beglckt und beraubt - wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an
viel besserem Holze entzndet als ernhrt - und wie berall der Teufel alles
holt, was er bringt. -
    O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man
haben will? Gar keine? - Meinetwegen; berall wollen schlaffe Prediger uns von
jeder vergnglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die
Unlust nicht auch vergnglich? - Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben
Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber wei es denn
jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das
voll ist, ohne zu fllen, und dessen Liebe man am Ende hasset - vor welchem,
aber nicht mit welchem man weint und nie ber Gleiches und dem man sich jede
Rhrung zu enthllen scheuet, aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu
sehen - aus dessen Zorn man den grern Zorn und aus dessen Liebe man den
kleinern saugt? - Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern
Verhltnisse eingeschraubt, die uns sonst ber die peinlichen emporhalten sollen
- auf immer das lang gewnschte Gtter-Glck des Lebens in einen platten Schein
und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larve - das Mark des Daseins
in spitze Knochen - Und doch bei allen Vorwrfen der Klte nur ans Schweigen
gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebunden - und das eben ohne Ende!
-
    Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie
der Eumeniden holt! Lieber recht unglcklich entbrannt, ohne Hoffnung, ohne
Laut, bis zur Bleichheit und Wut, als so geliebt - nicht liebend! - Wer einmal
in dieser Hlle brannte, Albano, der - fhrt immerfort in sie; das ist das neue
Unglck. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln
vorher und bin gewi nicht schwach? Doch bin ich nicht imstande, einer
empfindsamen Rede - oder Klavierphantasie - oder Vorlesung oder Vorsingung
Einhalt zu tun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Gttern
unterschriebne Drohung vorhielte, da eine Zuhrerin, die ich nicht leiden kann,
sogleich darauf meine Liebhaberin wrde und daraus meine Geliebte und Hlle.
    Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schnheit und
Fackel; fr mich ists eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den
Amor. Lngst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche
einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz.
    Hre weiter! Rabette hat eine schne Natur und folgt ihr, aber meine ist fr
sie eine Wolke mit leerer, vergnglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich
nicht. Knnte sie es, so vergbe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl
mihandelt, als wre ich ein Schicksal und sie ich. Zrne, aber hre. In der
Illuminationsnacht fhrte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der
Freude uns wrmer aneinander - unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen
Hofgesichtern blhte ihr aufrichtiges so schn und so lebendig wie ein frisches
Kind auf der Bhne und am Hofe - Wir gerieten in den Tartarus - Wir saen an der
Stelle, wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen - In meinen Sinnen glhte
der Wein, in ihren das Herz - O, warum hat sie, wenn man spricht und strmt,
keine andere Worte als Ksse und macht einen sinnlich aus Langeweile - und
zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? - Meine wahnsinnige Khnheit, die mir die
Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte,
ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler. - Aber immer ist etwas in
mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, ber mich
wirft und mich verhllt darin fhrt. - So sieh mich in jener Nacht mit dem
brennenden Netz um das Haupt, der Totenbach murmelt zu mir, das Skelett greift
durch die Harfe - Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom
Feuer-Geflechte der Lust, acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und
jenen Abend, sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte - Und so
sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab, und ich stand aufrecht auf dem
Knigssarg und ging mit hinunter.
    Ich verlor nichts - in mir ist keine Unschuld -, ich gewann nichts - ich
hasse die Sinnenlust -; der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit
hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das
Schwarze weniger optisch als das Bunte?
    Verdamme deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglcklicher als ich,
denn sie war glcklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag
ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale; der
Kern selber zersprengte in der nhrenden, warmen Erde seinen Panzer und drngte
sich grnend ans Licht.
    Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich ber; zu
allen Taten und Opfern fr sie fhlt' ich mich leicht; aber zu keinen
Empfindungen. Macht, was ihr wollt, du und mein Vater, ich werde mich in diesem
dummen Stoppelleben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in
das enge dreiigjhrige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! fr den erbrmlichen
erpreten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden,
als er wert ist.
    Nicht das, was ich gestern bei dir gelesen, gibt mir diesen Entschlu - das
frage Rabetten ber ihn -, und meine Freimtigkeit gegen dich ist ein
willkrliches Opfer, da die Mysterie unter zweien htte ohne mich eine bleiben
knnen: sondern ich will nicht von dir verkannt sein, gerade von dir, der du,
bei so wenigen Reflexen deines Innern, so leicht nachteilig vergleichst und
nicht merkst, da du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigern
Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle dich
nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die
Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du
hieltest mich doch nicht fr zu gut, ich bin alles, wofr du mich nahmest, nur
aber noch mehr dazu; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber.
    O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich wei, da Sie146 kommt! Das
Schicksal, das so oft Gewicht und Rder spielt und den Perpendikel des Lebens
mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus, und alle Rder rollen der
seligen Stunde unbndig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor
ihr ri ich alle meine blhenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg
als Blumen; fr Sie opfer' ich, wag' ich, tu' ich alles, wenn Sie kommt. O, wer
in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts frchtet, was sollte der in der
rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? - Du Engel, du Wrgengel,
du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald
hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange, bis
ich vor deinen Fen mir mein Grab aufgewhlet habe, whrend du zu mir
heruntersahest!
    Albano, ich schaue die Zukunft und greif' ihr vor; ich sehe recht deutlich
das lange, ber den ganzen Strom gespannte Netz, das dich fassen, schnren und
wrgen soll; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu,
Gott wei warum.
    Darum kommt Sie jetzt, und dein Reisen ist nur Schein. - Meine arme
Schwester ist bald besiegt, nmlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem
Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene krperlose, die ber dem
alten Frstenherzen dem deinigen die Grenze anwies!
    Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhltnissen und
Gebschen, in Mord-Winkeln brennen! - Wie es sei, ich trete in die Hhlen
hinein; ich danke Gott, da das ohnmchtige, kaltschwitzende Leben wieder einen
Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt tue gegen mich, der
ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was du magst. Schlage
dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den lngsten
Schlaf auf den Rcken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs
lebhaft, dann schlfrig, o so schlfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn
ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb aber
wohl!
                                  Dein Freund
                               oder dein Feind.

                                   89. Zykel


Mein Feind! rief Albano. Der zweite heie Schmerz schlug vom Himmel in sein
Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser
Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Fe geworfen; und er
fhlte den ersten Ha. Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger
Schwelgerei, dieser Grbottich von Sinnen-Hefe und Herzens-Schaum - dieser
Vertrag von Liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz - dieser
geistige Selbstmord des Gemts, der nur ein lustiges, umherschweifendes, sich
wechselnd verkrperndes Gespenst brig lie, auf das kein Verla mehr bleibt und
das ein tapferer Mann schon zu hassen anfngt, weil er diesen weichen Gift-Nebel
nicht packen und bekmpfen kann - das alles erschien dem Grafen, der ohne die
bergnge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte
der Freundschaft in diese Abenddmmerung gefhre wurde, noch schwrzer, als es
war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemihandelten
Schwester empfing, kam die tiefe giftige, da Roquairol ihn mit sich und Lianens
Zerstrung mit Rabettens ihrer verglich. Bsewicht! knirschte er; auch die
kleinste hnlichkeit schien ihm eine Verleumdung.

    Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische
Selbst-Verdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs
aufgesetzt. Wie man im Gerusche unwissend lauter spricht, so wute er, wenn die
Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste, nicht recht, was er rief und wie
stark. Da er oft doch weniger Schwrze an sich fand, als er schilderte: so
setzt' er voraus, der andere finde dann sogar noch weniger als er selber. Auch
hatt' er im poetischen und sndigen Taumel sich am Ende das moralische
Zifferblatt selber beweglich gemacht, da es mit dem Zeiger ging; in dieser
Verwirrung wurd' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war.
    Htt' er vorausgesehen, da seine brieflichen Beichten in feindlichern
Winkeln an- und abprallen wrden als einstmals seine mndlichen: er htte sie
anders gerichtet.
    Vor Erschtterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebrief -
keinen Fehdebrief - an den Verlornen schreiben, sondern zgerte in der
Gewiheit, da der Hauptmann nicht selber komme - als er kam. Denn Zgern
vertrug er nicht; krperliche und geistige Wunden nahm er als theatralische auf;
zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand ers zu leicht, Menschen zu
verlieren. - Eine schreckliche Erscheinung fr Albano; nur der aufgestellte
lange Sarg des getteten Lieblings! Da nun ber dieses krftig-knochige
Gesicht, sonst die Feste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krmmten,
da dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pestkrebs,
eine deckende Rose des Zungenskorpions fr die trauendannahende gute Rabette
gewesen, das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz.
    Kaum hrbar war Gru und Dank; stumm gingen sie auf und ab, nicht neben-,
sondern widereinander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um
nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich deiner vergessen. Er
wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesser derselben gescholten;
ungerechte Vorwrfe erhalten uns in der nchsten Zukunft besser, weil wir sie zu
keinen gerechten wollen werden lassen. - Offen bin ich, siehst du - (fing
Roquairol gemigt an, weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben
waren) sei es auch und antworte dem Brief. - Ich war dein Freund nun nicht
mehr, sagte Albano erstickt. -  Dir hab' ich doch nichts getan, versetzte
jener.
    Himmel! La mich nicht viel reden - (sagte Albano) Meine elende Schwester
- Meine Unschuld an der Grfin Kommen Meine elende, verworfne Schwester - - O
Gott! empr mich nicht - Ich achte dich nicht mehr, und da geh!
    So schlage dich! sagte der Hauptmann, halb seelen-, halb wein-trunken.
Nein! (sagte Albano, laut-einatmend wie zum Seufzer des Zorns) dir ist nichts
heilig, nicht einmal ein Leben! Dieser Zgling des Todes warf den eignen
Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das
meinte Albano und dachte nur an die kranke, so leicht an fremden Wunden
sterbende Liane, die Liebe war (statt der Freundschaft) wie ein milderndes Weib
vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch.
    Du mut, (spottete wild der Hauptmann) deines soll mir teuer sein!
    Himmel und Hlle! ich meinte ein besseres (sagt' er) - Verleumder, gegen
deine Schwester hab' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine - ich habe sie
nicht elend machen wollen, ich bin nicht wie du! - Und ich schlage mich nicht;
ich schone sie, nicht dich. - Aber der Hllenflu des Zorns, den er durch Liane
in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen, schwoll davon wie unter
Zauberhand auf, weil Roquairols Lge ihres Hinopferns dabei so nahe lag.
    Du frchtest dich, sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen
von der Wand. Ich achte dich nicht - und schlage mich nicht, sagte Albano, ihn
und sich mehr reizend, da er doch sich bezwingen wollte.
    Da trat Schoppe herein; er frchtet sich, wiederholte jener gewaffnet.
Albano gab errtend mit drei brennenden Worten die Geschichte. Ein wenig msset
ihr euch vor mir schlagen! rief der Bibliothekar voll alten Ha gegen
Roquairols poetisches Blend-und Gaukel-Herz. Albano, lechzend nach kaltem Stahl,
griff unwillkrlich darnach. Der Kampf begann. Albano fiel nicht an, aber immer
wtender wehrt' er sich; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes
mit dem Dolch in der Hand sah, der aus den blhenden Beeten der schnsten Tage
ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der
Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einblitzte: so sah er auf dem
grimmigen Gesicht den dunkeln Hllenschatten wieder stehen, der darauf gestanden
und gespielet, als er unter sich die strubende Rabette erwrgte; - die
Aufziehbrcke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamen, stand
hoch, auseinandergerissen in die Luft. Glhender blickte Albano, zorntrunkner
griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an - pltzlich hieb er ihm
wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe, vom ungleichen Schonen und Fechten
entflammt, mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie: Die
Schwester, Albano!
    Aber Albano verstand darunter Karls Schwester - und schleuderte das eine
Schwert dem andern nach, und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen
unfrmlich das feindliche Gesicht vor ihm. Albano! sagte zorn-erschpft
Roquairol, auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend; Albano? fragt' er
und gab ihm die Hand. Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh!
versetzte Albano, der hart das Gewitter des ersten Zorns ber sich fhlte, das,
zwischen seine Gebrge eingesenkt, fortschlug. Ins Teufels Namen geht! Am Ende
werd' ich auch angesteckt, fuhr Schoppe dazwischen. In solchem Namen geht man
gern! sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln
erfroren, und ging schweigend; aber Albano sah ihn lngst nicht mehr an, weil er
keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern, wie jede starke Seele, mit der
gebckten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand, so wie groe
Thronen keine Knechts-Abzeichen in ihrer Nhe dulden.147
    Schoppe fing nun an, ihn an seine frhesten Weissagungen ber Roquairol zu
erinnern und sich das groe Propheten-Quartett zu nennen - dessen unheilbare
Mund- und Herzensfule zu rgen - dessen theatralische Festigkeit mit dem
rmischen Marmor und Porphyr zu vergleichen, der auen eine Stein-Rinde habe,
innen aber nur Holz148 - anzumerken, dessen innere Besitzung heie, wie die des
deutschen Ordens, nur eine Zunge und berhaupt so heftig gegen alle
Selbst-Zersetzung durch Phantasie, gegen alle poetische Weltverachtung sich zu
erklren, da ein anderer als Albano wohl eben den Eifer fr einen Schutz gegen
das leise Gefhl einer hnlichkeit nehmen konnte. -
    Schoppe hoffte sehr, Albano hr' ihm glaubend zu und werde zrnen, lachen
und antworten; aber er wurde ernster und stiller; - er sah den rechtschaffenen
Bibliothekar an - und fiel ihm heftig und stumm an den Hals - und trocknete
schnell das schwere Auge. O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begrbnistag
der Freundschaft, wo das ausgesetzte, verwaisete Herz allein heimgeht, und es
sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend ber die ganze Schpfung
fliegen.
    Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbhl gehen und seine verlassene
Schwester auf das Trauer-Gerste der Wahrheit fhren wollen; aber jetzt war sein
Herz nicht stark genug dazu, seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen
oder ihre Trnen ohne Ma und ohne Trster.

                         Einundzwanzigste Jobelperiode


 Die Leseprobe der Liebe - Froulays Furcht vor Glck - der betrogne Betrger -
                              Ehre der Sternwarte


                                   90. Zykel

Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der
schnsten Ruine der Zeit-wenn man die Erde selber ausnimmt -, nach Italien
gerichtet, und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens
fest, das ihn vor das Schnste und Grte, was Natur und Menschen schaffen
knnen, fhren sollte. Wie taten ihm die Feuer-Berge und Romas-Ruinen und ihr
warmer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor
sie fhrte und die frommen Augen erquickt die Hhen maen! - Ein Mensch, der mit
der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er eines von beiden
entbehren knnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle
Zeugnisse, die ihm ber Lianens Genesung begegneten, diese versprachen. Den
Doktor Sphex - der einzige, der fr sie eine Grube ffnete und darin die
Totenglocke go und jedem schwur, mit den Blttern falle sie sah er nicht mehr.
Er wollte indes - sagt' er sich - bei der ganzen Mitreise nur ihr Glck, gar
nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, nmlich nur
verschleiert; so hielt er sich oft fr zu hart, wiewohl er es so wenig war; so
hielt er sich fr den Sieger ber sein Herz, als sein schnes Angesicht schon
kranke, blasse Farben trug.
    Die Gegenwart stand noch dunkel ber ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die
Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte,
ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwrdigkeiten sind,
zu welchen andere erst ziehen! -
    Die Frstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit
der Hoffnung einer lngern und nhern Gegenwart berwltigte sie alles Gewlke
um sich her immer glcklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel
anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am Hofe schien den barschen Jngling,
dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen
den offnen des Frsten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien -
da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schne Empfindsamkeit,
zumal von hfischen, zumal die mnnliche - sanft die seinige auszusphen und
teilend fortzuwrmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden
Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen knnen, weil sie immer
nur Liebe und Leidenschaft ntig haben, um - recht zu geben, unfhig, anders als
bei Kometenlicht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu
lesen. Alles, was er war, setzte sie bei ihm blo voraus; seine Vorzge waren
nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualitt
weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein, beide waren Maler, keine
Gemlde. Er hrte zwar oft, da sie mnnlich-strenge sei, zumal als
Befehlshaberin, aber doch nicht, da sie weiblich-grausam werde. Fr das
gewhnliche Hflings-Gewrme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen
Hhen gibt, war sie abstoend und marternd; ob sie gleich als Neu-Gekommene
htte ein neugebornes Kind sein sollen, das den ltern Kindern Rosinen
mitbringt. Am Sonntage, wo an Hfen, wie in Berlin auf der Bhne, immer geistige
Volksstcke aufgefhrt werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr
Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wnscht, der
- sei er immer nicht geadelt - doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden
wei sowohl am eigenen Ich als im - Bilderkabinett. Deswegen dankten viele
Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als:
Gott befohlen!
    Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters tglich werter. Wie in
einen warmen Sonnenschein des Frhlings trat er zum erstenmal in den
schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe
zwei Schwingen go und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs; es war
aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flgel nach
Italien geben konnte. Er fhlte, da bald eine Stunde der berflieenden Achtung
schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe
vertrauend ffnen knnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu sein, als
es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verratende hohe Lage
desselben vergnnen wollten. Aber etwas strte, bewachte, bekriegte beide, eine,
wie es schien, nebenbuhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die
immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Bhne der Frstin trat und das
Spiel verwirrte. Hufig kam sie ihm nach; einige Male hatt' er von ihr
Einladungen bekommen, wenn gerade die der Frstin nachfolgten, denen also jene,
wie es schien, hatten zuvorkommen sollen. Was wollte sie? - Wollte sie von einem
Jngling, den sie so oft durch ihre Mnner-Verachtung und durch ihr zorniges,
blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht blo weil er
ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure -
Freundin seiner Geliebten? - Oder wollte sie von ihm nur Ha gegen die geehrte
Frstin, und zwar aus Neid und gewhnlicher Weiberhnlichkeit mit dem Elfenbein,
dessen weie Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwrmen
wieder die schne bekommt?
    Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er
und Julienne bei der Frstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso
die Gemlde-Ausstellung geben. Schne Kunst und nichts als Kunst war fr die
Frstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und berhaupt war ihr
das Weltgebude nur ein vollstndiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und
Antikenkabinett. - Die Leserollen wurden von der Direktrice, der Frstin, so
verteilt, da sie selber die Frstin bekam - Julienne die vertraute Leonore
Albano den Dichter Tasso - ein jungwangiger Kammerherr den Herzog - und Froulay
Antonio. Dieser letztere - der Kunststcke Kunstwerken vorzuziehen wute und die
frstliche Kammer jeder Kunstkammer - stand wider sein Herz zum Einfahren in den
Musenberg fertig da, von der Frstin mit dem Berghabit dazu angetan. So tglich
mehr in die poetische Mode eingezwngt sah er freilich aus wie sonst eine
Migeburt, die absichtlich mit angebornen Pluderhosen, Kopfputzen und
dergleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein
kasselscher Gassenkehrer.
    Albano las mit uerer und innerer Glut - nicht gegen die lesende, sondern
gegen die vorgelesene Frstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben
fortglhenden Herzens -, und die Frstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr
gut. Ihr artistisches Gefhl sagte ihr es - auch ohne Einblasen des zrtlichen
-, da in Goethes Tasso - der sich meistens zum italienischen Tasso verhlt wie
das himmlische Jerusalem zum befreiten - die Frstin fast die der Frstinnen
ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schner durch das Sternbild der Jungfrau
als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glnzender entschleiert.
    Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker
Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem
rmel; in der Tat, er fand den Mann ganz verstndig.
    Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefhr einige
Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben, als sie pltzlich den
schnen Band von Goethes Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit
ihrem Ungestm sagte: Eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht! Alle Welt schwieg;
die Frstin sah sie bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging
hinaus, ohne wiederzukommen. Eine Hofdame las gelassen fort.
    Fr die meisten Anwesenden war dieses Zwischen- eigentlich das
interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter
nach. Die Frstin, welche lngst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich
ber die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Auge
von jeher aufgefallen war, erklrte sich das Entweichen aus dem Unmut ber die
Subordination ihrer Lese-Rolle und berhaupt aus der Unvertrglichkeit beider
Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Frstin vernachlssigte und ihre
Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Frstin unwillkrlich; sobald
eine Person ihren Ha entblet, so kann die zweite schwer den ihren verstecken
vor der dritten.
    Als Albano nach Hause kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch:
    Die F- lockt dich. Sie liebt dich. Mit clat sendet sie nchstens den M-
zurck, um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren. Fliehe sie! - Ich
liebe dich, aber anders und ewig.
                                                               Nous nous verrons
                                                            un jour, mon frre.

                                       *

Wer schriebs? - Nicht einmal ber das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte
der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? - Julienne; dahin liefen wenigstens
alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder.
Bedeutend war die franzsische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner
Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben, ebenfalls stand; aber
Zufall war mglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen-
und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter und
Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen;
beide waren ungewhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein
Vater der Freund. Die Mglichkeit eines verhllten Fehltritts seines Vaters war
da. Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein.
Dann wrde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen
Wendelgang fallen: ihr liebender Anteil an Albano, ihr warmer Blick, ihr
Liebes-Wettrennen mit der Frstin - ihr Briefwechsel mit seinem Vater - ihr
Anwerben des Grafen fr die Romeiro, das sie ebenso, wie es schien, erhitzte
gegen die Frstin als erkltete gegen Lianen - am meisten die Sonderbarkeit
ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, alles dieses
gab Anschein, da es nur ein verwandtes Schwesterblut sei, was so oft auf ihren
runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewut angeschauet. Er machte
nach diesem Schritt sogleich den Sprung: er vermutete nun auch, da sie allein
ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden
gesucht.
    Was das Verhltnis der Frstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes
Wort darber eine Lge. Er lie sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern
nehmen als eine schlimme. Gewhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und
halten die schlimme fest; weichere werden leicht vershnt und schwer entzweiet.
Er war beiden ungleich. Bisher hatt' er sich der Frstin Freundschaft mit dem
Minister, ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus
ihrer mnnlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet, welche ber das knftige
Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschlu haben wollte; und bei
dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines
Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch.
    Die Woche darauf fhrte eine Begebenheit herbei, welche ein greres Licht
in das dunkle Billet zu werfen schien.

                                   91. Zykel


Die versprochene Begebenheit hat wieder in ltern Begebenheiten ihre Wurzel, die
sich zwischen der Frstin und dem Minister zugetragen; diese schick' ich hier
voraus.
    Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner
klebrigen Spechts-Zunge das Gewrm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mrben
Thron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichnis alles dessen, was die Frstin von
Phnixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt,
da sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstck nie selber, sondern nur
andere schmelzen wolle; da sie zu den seltnern Koketten gehre, welche wie die
sen Weine durch Wrme sauer werden, und nur durch Klte ser; und da sie
daher eine der schlimmsten Angewohnheiten - die jedem die rgsten Hndel mache -
an sich habe. Es war nmlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie
ein totes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und
umlaufen - Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und
heitrer, dann von Stund zu Stund - Er wute alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgnge
und krzere Fusteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die
Schfer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen, wo er anlangen wrde
in der Laube - Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute,
da er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Hndeku, dann zum
Mundku gelangte, worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und
Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneu, wo aber die Schlinge auch die
Beere war, dermaen verstrickte, verhaftete und krummschlo, da er wute,
wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr - Aber dann gerade, wenn
alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen
Korb von ihr - Das war der schlimme Punkt. - In der Tat, deutsche Prinzen aus
den ltesten Husern, die sonst alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch,
ja lcherlich gemacht und wuten gar nicht, was sie dabei denken sollten - Denn
die Frstin wunderte sich ffentlich ber solche Scheusale, gab aller Welt eine
Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Rte und Hhe ihres
Truthennen-Halses - und lie einen solchen altfrstlichen Versucher, oder wers
war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht.
    Da Prinzen (in solchen Fllen) wissen, was sie wollen: so breiteten sie
freilich aus, sie wisse nicht, was sie wolle; und oft erst lange nach einem
Erb-Prinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes, und spter der
legitimierte. Gleichwohl blieb dasselbe; nmlich sie blieb dem sphrischen
Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, gro und aufgerichtet
hinter sich malt, es aber, sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar
macht und dann darber hinaus ganz verkleinert und umgestrzt in die Lfte
hngt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwche, bei welchem Darwin, Weikard und
andere Brownianer durch Reizmittel, z.B. Wein, einen langsamern Puls erschaffen
und eben daraus die Kur verheien. Soweit Bouverot an den Minister!
    Aber dem Minister geschah dadurch ein unsglicher Gefallen. Denn
Prinzen-Snden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein. Als sie sich daher
fr die Nhe seines Verstandes und seiner krftigen Physiognomie entschieden und
ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so
wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, niemals, sie mochte immer die
Gte selber sein, ihr Ehrenruber zu werden aus ihrem Strohwitwer. Anfangs kam
er wie alle Vorgnger leicht mit bloen, reinen Gefhlen und Diskursen davon; es
wurde noch nichts von ihm begehrt, als da er zuweilen unversehends einen
geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschiee; auch mut' er sich
sehnen. Jenen scho er hin; Sehnen trieb er auch auf; - und so stand er sich fr
ein solches Liebes-Glck noch glcklich genug.
    Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der
Stachelgrtel und das Hrenhemd des reinen Ministers unverhltnismig rauher
und stechender gemacht und die strksten Foderungen, nmlich Gaben verdoppelt,
damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen
Untergang rennte, der des Grafen Kder werden sollte. Jetzt war er schon so weit
herabgebracht, da er in ihrem Flughaar (fr ihn giftiges Raupenhaar) webte und
knppelte - er mute Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben - er mute
fter auer sich sein, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen
Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich werden, obwohl noch dezent genug.
Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn
er nur daran dachte, grausend, da der kleinste Fehltritt ihn von seinem
Ministers-Posten werfen knne: so lie er sich ebensogut pfhlen und vierteilen
als bezaubern. Fr einen Dritten, nicht fr beide - diese litten wr's
vielleicht ein Fest gewesen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges
Gleichnis brauchen darf) einem Paar bereinandergezogner seidner Strmpfe
glichen, welche fr- und durcheinander, wenn man sie ausgezogen150 in gewisser
Ferne hlt, sich therisch aufblasen und fllen, sogleich aber platt und matt
zusammenfallen, wenn sie einander berhren.
    
    In die Lnge fiels freilich dem alten Staatsmann lstig, der tanzenden
Pagerie der Liebesgtter als ihr Oberltester vorzuspringen, in Cypripors
Triumphwagen eingespannt - einen Blumenkranz auf der Staatspercke - in den
Augen zwei Vauklusens-Quellen - die Brusthhle eine verschttete Didos-Hhle im
Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend - und auf das
Kapitol fahrend, um da nach rmischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert
zu werden. - - Es fchelte nichts als die Blech-Ksten, die ihm zu Hause die
Regierungs- und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann wieder frisch und
khl, der ein schachmatter werden wollte.
    Er las mit ihr den Katull, sie mit ihm die bessern Gemlde aus des Frsten
Kabinett; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinitt fr ihre artistischen
Gaben zu belohnen - aber er blieb doch, wie er war.
    Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse
immer wiederkehren, am Ende blind und wild und wagen alles. Die Reise nach
Italien rckte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung fr die
Geliebte nicht fahren lassen - wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise,
mit deren Nhe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte -;
ihre Heftigkeit fr den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Klte starke
Liebe strkt, so wie physische Klte Starke krftiger, und Schwache krnker
macht; - Froulay, als ein alter Mann, war, wie es schien, fhig, ein ganzes
Skulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen
unentbehrlichen Sprung zu tun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je
lnger sie gingen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von
Unrat, Muscheln und dergleichen schwerflliger geworden - - Kurz die Frstin
fragte am Ende nach nichts, sondern es ging so:
    Der Frst war verreiset, die Frstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der
Schlovogt auf einem ihrer Landschlsser, der schon im Jahre vorher den Minister
gebeten, hatte sich nicht entbldet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem
Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Throne
ihr, der Frstin selber, sein Landeskindlein in die Arme zu legen. Gern lassen
sich Frsten herunter - an dnnen Raupenfaden - wie (hinauf); sie schtzen das
gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen - denn sie wissen
wohl, wie wenig daran ist - dadurch etwas heben und sozusagen stngeln und
stiefeln durch das Frstenstuhl-Bein. Der Minister war als sogenannter
Altgevatter ohnedies invitiert. Der Herbsttag war heller, lauterer Frhling,
und die Herbstnacht stand unter einem glnzenden Vollmond. Hfe wnschen sich so
sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und
blkender Schweizereien und Pchter hinein; - Hfe - d.h. Hofleute, Hofdamen und
dienende Kammerherrnstbe und andere - sehnen sich so sehr unter Menschen; wie
Tiere der Dezember-Hunger, so treibt sie ein edler vom Throngebirge in die
platten Ebenen herab; nicht da sie die Langweile flhen, sondern sie begehren
nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkrzung und Abwechslung ihrer
Langweile besteht.
    Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine
halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fu lebte, gestillt: so kam
er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den frstlichen Garten, um die
Sehnsucht nach der Natur in nicht krzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der
Taufzeugin versprach an der Frstin und des Kindes Statt Christentum. Diese
selber knpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah
in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne wrde
herumtragen mssen. Zum Genu des Abends war Konzert, und zum Genusse des
Konzerts Spiel arrangiert; und zum Genusse des letztern hatte sich die Frstin
mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und
Karten ungehrt mit ihm zu reden. Pltzlich wurden die zwei Pfunde, die in
seiner Brust aufgehangen waren - denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz -,
um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und
fr sie wagen knne. Er schwur, schon als Frstin drfe sie jede Aufopferung und
Verehrung von seinem Doppeltpfnder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute
wichtige Dinge ber sich und den Frsten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die
Foule fort wre, mit ihm allein sprechen; er brauche blo von der Gartenseite
die kleine Treppe herauf an die Tr des Bibliothekzimmers zu gehen; diese sei
aufgeschlossen; am poetischen Bcherschrank sei links in der Wand eine
Springfeder, deren Druck ihm die Tapetentre des Zimmers ffne, wo er sie
erwarten sollte.
    Sogleich stand sie auf, das Ja voraussetzend. Wie es jetzt in den beiden
Pfunden seines 64ltigen Herzens herging, kann blo seinen Todfeinden ein
Vergngen, es zu erfahren, sein. So viel lag mit langen, dicken, steinernen
Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, da nach wenig Stunden,
wenn die andern Herren, sonst noch grere Snder als er, ruhig in den schnen,
den Schlohof formierenden Dienerhusern schnarchen drften, da dann fr ihn
schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, nmlich die Schferstunde schlagen werde, wo
er auf der blumigsten Aue unter das Schchter-Messer knien msse. Aber er tat
sich - zornig, da sein Glaube an weibliche und frstliche Frechheit wahr rede -
stille Schwre aller Art, da er, setze man ihm auch zu wie den grten Heiligen
und Weltweisen, doch wirtschaften wolle wie beide, z.B. wie der alte Zeno und
Franz.
    Die Frstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl
er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter
Seiden-Matratzen, sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er rckte auch,
seiner gewi, auf der Treppe an - machte das Bibliothekzimmer auf - fand die
Springfeder - lie sie springen und trat durch die Tapetentre in das frstliche
- Schlafgemach. Es ist also gewi߫ - sagt' er und fluchte in seinem Innern
herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrckt
hinliegend. Im Seitenzimmer linker Hand hrt' er sie schon und eine Kammerfrau,
die auskleidete. Rechts klaffte die Tre eines zweiten, aber erleuchteten
Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem
Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht.
    Whrend seines Passens und ihres Hutens hielt er Leseprobe oder
Probekomdie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich berein, im Notfalle - und
falls man ihn zu sehr poussierte - um so mehr, da der Ort mehr gegen sie sprche
als gegen ihn selber, indem jeder fragen mte, ob er wohl sonst wrde
hergekommen sein in einem solchen Notfalle, wo nur die Wahl zwischen Satire und
Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen - Faun.
    Schnell schritt die Frstin herein, aber gegen das helle Zimmer hin: Ich
brauche dich nicht mehr, rief sie der Kammerfrau zurck. Diable! (schrie sie
im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) wer steht da? - Hanne, Licht! -
Ciel! (fuhr sie, ihn erkennend, fort, aber franzsisch, weil Hanne keines
verstand) Mais Monsieur! - Me voil donc compromise! - Quelle mprise! - Vous
vous tes tromp de chambres! - Pardonnez, Monsieur, que je sauve les dehors de
mon sexe et de mon rang. Comment avez-vous pu - -  Sie sagte alles, vielleicht
um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter - der
sich nach allen bisherigen Genssen so fhlte wie ein Hahn, der viele lebendige
Kfer verschluckte und dem sie nun im gengstigten Kropfe Lebensgefahr drohen -
schwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapetentre aufmachte, er
habe eben, wie sie befohlen, die Bcher aus der Bibliothek in das helle Zimmer
gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete
hindurch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, lie am Morgen den
Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurck. Froulay - so sehr er ihre Romane
den spanischen hnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die
Gauner-Romane sind - wute zuletzt selber nicht, woran er war.
    Die Kammerfrau mute mit dem Gelbde des Schweigens Profe tun, das sie
hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor
ihren eignen Haustren ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit
auszuschiffen samt dem Verbote der Frstin, die Sache clatant zu machen, weils
sonst der Frst erfhre.
    War je das vornehme Pestitz in Massa glcklich: so wars an diesem Morgen.
Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel
Franzsisch verstanden htte wie ein Jagdhund.

                                   92. Zykel


Albano vernahm das Gercht, der Minister war ihm lngst als eine kalte
Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt hat' er ihn noch mehr als
qulenden, blutsaugenden Toten. Fr die Frstin stand ihm bisher sein Herz. Sie
war ihm ein blauer Taghimmel, worin andern nur eine heie Sonne blitzt, woran er
aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder
gefunden. Allein jetzt seit dem Gerchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Ru
in ihren Himmel warf, stand sie fr ihn unter neuen Lichtern glnzend. Der Ha,
den er schon von Natur, d.h. aus Stolz, gegen jedes Gercht hatte, weil es
beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er
entschlo sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres
Liebhabers und weil die Frstin deren Nebenbuhlerin sein soll, auf sein Herz und
das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Frstin seine Bitte um
Vermittelung fr Lianens Mitreise, d.h. fr seinen Himmel, offen zu vertrauen.
    Am Morgen darauf kam der Frst zurck - die Prinzessin lie sogleich
anspannen - gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gercht
durchlief alle Spieltische, die spanische Grfin Romeiro sei im Schlosse
angelangt. Gerchte sind wie Polypen: das Verwunden und Zerstren vervielfacht
sie; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien; - das Gercht von Lindas
Ankunft schlang das Gercht von Froulays Ehrenraub in sich.
    Aber Albano! - Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte
um. Linda, dieser auslndische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der
wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg - Der Boden, wo er so viel
Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rcken mit allen Schtzen
und Tagen ein. Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend
mu er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewhnlichen Zauberknste des
Herzens war von Lindas Nhe eine unberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm
wach geworden.
    Er war nun entschieden, die Frstin an ihr frheres Versprechen, den
Lebensbalsam einer sdlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu gieen, zu
mahnen und durch sie noch frh genug, eh' die Verwirrung des drngenden
Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen,
welche wie alle Hofmenschen gewi schwer einem frstlichen Wunsche und einer
Glcks-Perspektive widerstehen werde.
    Blieb aber Liane zurck aus eigner oder fremder Schuld: so war es sein
Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der vterlichen nicht, aus dem
Vaterland der ewigen Braut zu weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem
Kranken-Kloster, bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne
Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Nonnen-Chor der Toten
verbirgt. O, wiederzukommen, sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen,
und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft - diesen
Gedanken hielt sein Herz nicht aus.
    Die Frstin fhrte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu: sie schickte
ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre
treue Hofdame Haltermann. Ich soll Ihnen blo folgendes wrtlich schreiben
(schreibt diese:) Kommen Sie heute auch aufs Observatorium, ich und meine gute
Haltermann gehen dahin. Diese Haltermann, ein Frulein von wenigen Reizen und
Geistesschwungfedern, aber vielen Glaubenslehren und frhzeitigen Runzeln, hing
der Frstin schon seit Jahren unauflslich an, alles verschweigend und alle ihre
Stelldicheine (Rendez-vous) begnstigend, blo weil sie sagte: meine Frstin
ist rein wie Gold, und nur wenige kennen sie wie ich.
    Gnstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am frhesten
auf der schnen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht. Es war einige Tage
nach dem Vollmond; seine glnzende Welt verschlo sich noch hinter die Erde,
aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Anstzen herauf.
Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne
Morgen berirdischer Welten auf sie. Durch die Tler streckte sich noch das
lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und bumte sich auf gegen die
Berge. Das Bergschlo Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur
ein Licht. Pltzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schlo vom
Monde silbern betauet, und es regnete leuchtend an den weien Wnden und in die
weien Gnge des Gartens nieder - endlich lag ein fremder blasser Morgen, durch
alle Lauben dmmernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines hohen, ganz
reinen Geistes, der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und
da nichts sucht als die reine, stille Liane.
    Als Albano blickte und trumte und sich sehnte, kam die Frstin mit ihrer
Haltermann herauf.
    Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und lie den
Fix-Sonnen keinen astrologischen Einflu auf sein gerades Stehen zu. - Albano
und die Frstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Wrme wieder. Aber
die erste Frage der Frstin war: ob er die spanische Grfin gesehen.
Gleichgltig sagt' er, von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen
worden, sei aber nicht gekommen. Ma belle-soeur bewundert sie am meisten,
(fuhr die Frstin fort) aber sie ists ein wenig wert. Sie ist majesttisch
gebauet, lnger als ich, und schn, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch ist
sie mehr plastisch als malerisch schn, eher einer Juno oder Minerva hnlich als
einer Madonna. Aber sie hat Eigenheiten. Sie vertrgt sich mit keinen Frauen,
auer den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen fr sie leben und
sterben. Die Mnner hlt sie fr schlecht und sagt, sie wrde sich verachten,
wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes wrde; aber sie sucht sie der
Kenntnisse wegen. Dem Frsten hat sie ohne Not, wenn sie auch recht hatte,
Bitterkeiten gesagt. Er lacht darber und sagt, sie liebe ohnehin nichts, nicht
einmal Kinder und Schohunde. Sie mssen sie sehen. Sie lieset viel, sie lebt
blo mit der Prinzessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schlieen,
wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen.
    Albano sagte, manche dieser Zge wren ja herrlich, und brach kurz ab.
Whrend des Gesprchs hatte der Professor fleiig alles recht gestellt und
festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewrtig. Er bemerkte die helle
sommerlaue Nacht - ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus, um die
sechs Augen auf die betrchtlichsten Mondsflecken zu lenken - schattete
vorlufig einige Schatten droben ab - fhrte an den Krater Bernoulli (ich
bediene mich Schrterscher Namen, sagt' er) - das hchste Gebirge Drfel (es
besteht freilich aus drei Hhen, sagt' er) den Landgrafen von Hessen-Kassel
(den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel, sagt' er) - den Montblanc - die
Ringgebrge berhaupt und schlo mit der listigen Versicherung, es gebreche
freilich der Warte noch sehr an Instrumenten.
    Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von
Hessen-Kassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. Es ist nur ein Flecken im
Planeten, mein Kind! sagte die Frstin. - Und so ists wohl mit dem Montblanc
droben auch nichts? fragte sie getuscht. Die Frstin nickte und schauete ins
Sternrohr; der magische Mond hing als ein Stck Tag-Welt dicht am Glase: Wie
vergeht sein schnes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nhe! Als wenn
Zukunft Gegenwart wird! sagte sie zum Erstaunen des Professors, der aus dem
Weltkrper gerade erst in der Nhe etwas machte. Sie ersucht' ihn um den Ring
des Saturns. Es sind eigentlich zwei, Ihro Durchlaucht; aber der Sternwarte
fehlet zur Zeit noch ein Instrument, es zu sehen, sagt' er und zielte wieder
nach Vorschu.
    Albano sah rund umher seine Lebensgrten glnzen vom warmen Schimmer eines
Nachfrhlings; und sein Inneres erbebte s und schmerzlich. Er nahm einen
Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumenbhl, in die Stadt,
auf die Berge, nur nicht auf das weie Schlo mit dem erleuchteten Eckzimmer und
dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tr des
Paradieses.
    Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher
voraus hinab, um der Frstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden.
Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glnzend, seine Zge
gerhrt; sie fate seine Hand und sagte: Wir miverstehen einander gewi nicht,
Graf! Er drckte die ihrige, und seine Augen quollen voll. Nein, Frstin!
(sagt' er sanft) Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sie nicht, wenn
ich ihr nicht ganz vertraue. Ich geb' Ihnen jetzt die Probe meines offnen
Vertrauens. Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glcks und meines
Verlusts; Sie kennen den Minister. - Leider, leider! (sagte sie) auch Ihre
harte Geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt.
    Nein, (versetzt' er heftig) ich war hrter als mein Schicksal, ich qulte
ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind.
- Aber ich habe sie verloren (fuhr er mit steigender Rhrung fort und kehrte
sich seitwrts, um Lianens schimmernde Wohn-Hhe nicht zu sehen) und ertrag'
es, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz - Nur das Opfer darf
dort drben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. - O, die
Honigtropfen der Freuden, Sie und Italiens Himmel knnten sie wohl heilen - Sie
stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehen - Freundin! o, wie gro
ist meine Bitte!
    Sie sei Ihnen gern gewhrt! bermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und
bestimme diese gewi fr die Reise, insofern es von mir abhngt. Aber ich tu' es
- um auch offen zu sein - blo aus echter Freundschaft fr Sie; denn das
Frulein gefllt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewi nicht wie
Sie; sie tut alles fr die Menschen blo aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich
nicht.
    Ach, so dacht' ich sonst auch; aber wen soll die Gttliche sonst lieben als
Gott? sagt' er, in sich und die Nacht versunken und fr die Frstin zu
hyperbolisch - sein schimmerndes Auge hing fest am weien Bergschlo, und
Frhlinge wehten vom Monde herab auf dem beglnzten Wege seiner Augen hin und
her; und der schne Jngling weinte und drckte heftig der Frstin Hand, aber er
wute beides nicht. Sie ehrte sein Herz und strt' es nicht.
    Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig
erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre Anhnglichkeit
und Achtung fr die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere.
    bermorgen gewi! mit diesen Worten schied die Frstin, um dem sinnenden,
vollen Jngling Trost und Trume mitzugeben.

                         Zweiundzwanzigste Jobelperiode


              Schoppes Herz - gefhrliche Geister-Bekanntschaften


                                   93. Zykel

Jetzt war Albano wieder auf die Ixions-Rder der Uhr geflochten. Die Fahrt und
Antwort der Frstin sollte pltzlich Lichter in der dunkeln weiten Hhle
aufstecken, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie
frchterliche Bildungen und giftige Tiere verschliee oder ob sie mit glnzenden
Bogen und unterirdischen Sulenhallen sich wlbe und flle. ber Lianens Zustand
hatten bisher zwei Hnde, Augustis und der Ministerin, den Schleier
festgehalten; beides waren Menschen, die ungern auf die Frage antworteten: wie
befinden Sie sich? Aber auf der Frstin lie er nun seine ganze Seele ruhen,
seit dem astronomischen Abende; von welchem er jetzt kaum begriff, wie er da
gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen knnen als je
gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine
Empfindung aus und gern vor einem Weibe, ein Weib aber am liebsten vor einem
Weibe. Indes hielt ihn die Frstin durch die feinste Schmeichelei, die es gibt,
durch entschiednes stilles Achten, in Banden; dem wrtlichen Lobe war er ebenso
gram und gewachsen, als dem ttigen gewogen und zinsbar.
    Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein
Mensch, der in der Nacht reiset, hrt' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer
feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. - Rabette lag krank
und verblutet am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden
Dolch, nmlich Karls Liebe, herausgezogen, sondern dieser selber war ihm
zuvorgekommen mit bitter-sen Trnen ber die bittersten.
    Letzterer war ihm einmal begegnet, mit hereingedrcktem Hut und
grimmig-stechendem Blick ohne Gru. - berall hrt' er, da jener umsonst Lindas
und Juliennens Doppeltor belagere und berenne; dieses und Lianens Kranksein
machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem
Wald. Auch in der jetzigen Absonderung - auf der Walstatt des Freundes - hielt
es Albano fr eine Wunde des Menschen, da Karl nicht von ihm voraussetzte -
denn diesem Mangel schrieb er den Gassen-Grimm zu -, er werde die Grfin nicht
zu sehen suchen.
    Sogar im Bibliothekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern;
dieser aber ging, seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er
hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und
liebevollen Mund, sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn
auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar
abtrnnigen Freundes Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jngling
krnkte, der es innerlich billigte.
    Seit einigen Tagen war nmlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und
sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fing damit an, da er an einem
elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies; den brigen
halben versang er daran mndlich. Statt zu lesen und zu schreiben, ging er in
der Stadt und Stube auf und ab. Alles, was er sonst schnell abmachte, Laufen,
Verschlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Befehlen, Auffahren, das ging jetzt
mit Klppeln zwischen den Fen und stand fast. Sein langsames Auffahren und
sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lcherlich vorkommen.
Seinen groen, herrlichen Wolf-Hund, von dem er sich tglich zehnmal mit den
Vorder-Pfoten umhalsen lie und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf
seine drckte, wenn er mit ihm ein Langisches und Konsistorial-Kolloquium hielt,
vernachlssigte er in dem Grade, da der Hund attent wurde und nicht wute, was
er denken sollte. Wie wenig konnt' er sonst das Geschrei eines geprgelten
Hundes ertragen, ohne zur Haustre als Schutzherr hinauszufahren, weil er
glaubte, man knne wohl Menschen wie Hunde traktieren, aber Hunde nicht! - Jetzt
konnt' er das Schreien hren, blo weil er es, wie es schien, nicht hrte.
    Wie er sonst oft zu Albano ging, um blo auf- und ab- und fortzugehen ohne
ein lautes Wort - weil er sagte: Daran erkenn' ich eben den Freund, da er mich
oder sich nicht unterhalten, sondern blo dasitzen will -, so kam er jetzt noch
stummer, berhrte oft wie ein spielendes Kind zrtlich des lesenden Albanos
Achsel und sagte, wenn dieser sich umsah: Nichts! Albano fragte indes der
Vernderung nicht nach; denn er wute, er entschleiere sie ihm doch zur rechten
Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander.
    So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander- und tief ins
Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner
Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseliger oder
als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte. Endlich kam aus dem
finstern Wald ein Genius, aber der dunkle, und gab ihm dieses Blatt von der
Frstin:

Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke Frulein v.
F. ist nicht mehr imstande, eine Reise zu machen oder davon zu profitieren. Ich
nehme innigen Anteil daran. Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen
wnschte: so hoff' ich doch nicht, nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu
haben.
                                                                 Ihre Freundin.

Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot! So war also die
geheime Freude, die er bisher nhrte, der Vorbote des entsetzlichen Schlags
gewesen, das sanfte Tnen vor dem Wasserfall.151 Da gerade seine Liebe das
glhende Schwert werden mute, das durch Ihr Leben drang, o das betrachtete er
immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde na; der Wermut des
Gewissens verbittert sogar den Schmerz.
    Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so geht er zu seinem
Bruder, der es noch ist, damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele; -
Albano ging zu seinem Schoppe.
    Er fand ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe fhrte nmlich ein Tagebuch
ber sich und die Welt, worin sein Freund lesen durfte, was und wenn er
wollte; nur mut' ers vergeben, wenn er darin - da es durchaus so geschrieben
wurde, als sh' es niemand weiter - zornige Fcherschlge und noch dazu mit dem
harten Ende wegtrug. Warum soll ich dich mehr schonen als mich? sagte Schoppe.
Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sagen zu knnen wann, so sehr sie sonst
mit dieser Herzens-Kurialie, mit diesem heiligsten Seelen-Dualis gegen andere
geizten; denn ich danke Gott, (sagte Schoppe) da ich in einer Sprache lebe,
wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme darnach
sind, zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren.
    Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses:
    Amanlus-Tag. Ein dummer und uerst merkwrdiger Tag fr den bekannten
Hesus oder Hanus152! Ich kann mich schwer bereden, da es der arme Donnergott
verdiente, hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins
Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein
solcher Gott nun auf dem Platze geblieben wre! - Als Pastor fido stand er zum
Glck wieder auf und ging davon. O Hllengttin, Hesi Himmelsstrmerin, du hast
dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen?
    Nachmittags. Der Pastor wird sein eignes Hatzhaus, er wei nicht zu bleiben;
er wohnt nun in allen Gassen, um seine Jeanne d'Arc-en-Ciel154 zu erblicken, und
leidet genug. Aber Hesus, sind nicht Leiden die Dornen, womit die Schnalle der
Liebe verknpft? - Heute ging Freitag155 mit der Frstin auf die Sternwarte. -
Der Wind ist Sdostost - 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen - Spener sieht
das Leben im glnzenden Vergrerungsspiegel Gott verklrt und poetisch so gut
als einer.
    Sabinenstag. Mit dem Pastor wirds rger, wenn ich recht sehe. Er ist auf dem
Wege, sich einen Billetdoux-Beschwerer anzuschaffen, sich nachts im Bette zu
pudern, und der Schelm wirft in der Hitze, wie Milch, die warm steht, schon
poetische Sahne auf.
    Lasse nur der Himmel niemals zu, da er mit seiner Hllengttin je in einen
vernnftigen Diskurs gerate, Gesicht vor Gesicht, Atem gegen Atem, und die zwei
Seelen untereinander gemengt! - Wahrlich, der Flins156 raffte ihn weg, Hesus
verschlnge ein tausendjhriges Reich auf einmal; ich sorge, er wrde vom
Gttertrank zu wild und wre zu schwer zu bndigen von mir.
    Abends. Ists nicht schon so weit mit dem Pastor, da er sich einen Autor aus
dem Wimmer-Jahrzehnt des Skuls (er schmt sich, ihn zu nennen) geborgt hat und
sich vom dummen Zeuge rhren lassen will, indem er ber den Effekt nachsinnt,
den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht? Freilich stet er ihm im jetzigen
wie ein Nachtwchter am Tage auf; aber er ruft sich doch das Rufen zurck und
hat neue Rhrung ber die alte. So lchelt mich die Deklination cornu in der
Grammatik noch bis auf diese Stunde an, weil ich mich entsinne, wie leicht und
behend ich in den goldnen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt.
    Simon Jud. Verdammt! Ein schnes Gesicht und ein falscher Maxd'or machen im
Kurs von einem Jahre ein paar hundert Schelme, die sich blo im Wunsche zu
behalten und wegzuschaffen unterscheiden. Hesus feindet und ficht schon
Millionen Nebenbuhler an; wie Knopfmacher und Posamentierer, oder wie Gelb- und
Rotgieer, so lassen so nahe Handwerker einander nicht aufkommen. Recht,
Hllengttin! da du alle Mnner hassest; das ist doch etwas fr den Pastor,
eine Wundsalbe. - Scioppius, die beiden Scaliger und die krftigen Schlegel
u.s.w. -
    Hier kommt das Tagebuch auf andere Dinge. Ein altes Portrt, zu welchem
Schoppe sich selber gesessen, hatt' er retouchieret; eine Beilage als Inserat
fr das Pestitzer Wochenblatt kndigte dessen Bestimmung an:
    Endes Unterschriebner, ein Portrtmaler aus der niederlndischen Schule,
macht bekannt, wie er sich in Pestitz gesetzt, und da er bereit ist, alles von
jedem Stand und Geschlecht zu malen, was ihm sitzt. Als Probe, was er leiste,
kann man bei ihm ein Selbstportrt besehen, das ihn vorstellt, wie er nieset,
und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten. - Ich schneide auch aus.
                                                                  Peter Schoppe.
                                                                      No. 1778.

Vermutlich sollte das die Hllengttin bewegen, einmal dem niesenden Maler zu
sitzen. Albano mute mitten im tiefen Schmerze erstaunen. Anfangs hatt' er nach
seiner einfachen Natur geglaubt, er selber sei unter dem Hanus verstanden.
    Jetzt kam Schoppe. Sanft sagte Albano zuerst: Ich habe auch dein Tagebuch
gelesen. Der Bibliothekar fuhr mit einem Exklamations-Fluche zurck und sah
glhend zum Fenster hinaus. Was ist, Schoppe? fragte sein Freund. Er drehte
sich um, sah ihn starr an und sagte, die Gesichtshaut auseinander ringelnd, wie
einer, der sich die Zhne putzt, und die Oberlippe aufziehend, wie ein Knabe,
der in ein Butterbrot beiet: Ich liebe und lief im Feuer die Stube auf und
ab, klagend dabei, da er noch so etwas an sich erleben msse in seinen ltesten
Tagen. - Lies mein Tagebuch nicht mehr- (fuhr er fort) Frage nach keinem
Namen, Bruder; kein Teufel, kein Engel, nicht die Hllengttin darf ihn wissen -
Einst vielleicht, wenn ich und Sie in Abrahams Scho sitzen und ich auf ihrem -
- Du bist so betrbt, Bruder!
    Fliege froh in der Sonnenatmosphre der Liebe! (sagte sein Freund in der
Gewissenstrauer, die den Menschen einfach, still und demtig macht)Ich werde
dich nie fragen oder stren! Lies das! Er gab ihm das Blatt der Frstin und
sagte noch, whrend jener las, zu ihm:Verflucht sei jede Freude, wo Sie keine
hat. Ich bleibe hier, bis sie lebt oder nicht! - Auch ich bleibe hier,
versetzte Schoppe unwillkrlich-komisch. Sei ernsthaft! sagte Albano. Sonst
konnt' ichs, (sagte er weinerlich) seit ehegestern nicht mehr!
    Albano hie indes Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut; beide
erhielten einander auch in der Freundschaft die kstlichste Freiheit. Von
Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede. Schoppe lachte oft
Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebensarten aus, wenn sie annahmen, er
erziehe aus oder an Albano etwas. Das Skulum erzge, (sagt' er) nicht ein
Tropf - Millionen Menschen, nicht einer eigentlich hchstens ein pdagogisches
Siebengestirn leuchte nach, nmlich die sieben Alter des Menschen, jedes Alter
ins nchste hinein - das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit, deren
Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer
Schikanedrischen Zauberflte durch einen Vulpius wren; indes schwebe doch um
das tolle, dissonierende Stck ein Mozartischer Wohllaut, worber man den Vater
und den Sprachmeister verwinde.
    Wozu schleichen und brummen wir Snder hier herum? La uns zu Ratto! sagte
Schoppe. uerst ungern bequemte sich Albano dazu; er sagte, der Keller habe
etwas Unheimliches fr ihn, und eine schwle Ahnung drcke seine Brust. Schoppe
erklrte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestrzten Lustschlosses,
die auf seiner Brust noch lgen, und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund
fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in
Lilar gebeichtet habe. Albano folgte endlich, erinnerte ihn aber an das
Eintreffen einer andern Ahnung, die er auf der Hhe vor Arkadien gehabt.
    Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren, indes ziehen wir in
den Keller, sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz
ungewhnlich-hart auf die Folterleiter seines Spaes; sonst, als er nicht selber
liebte, war er eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens darber so fhig,
jetzt aber nicht mehr.

                                   94. Zykel


Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano
und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Hhen der Musenberge, wo wie auf
physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der ther nher an
die krzere Luftsule reicht. Auf ihrem Ararat trsten sich die Mnner leichter
als die Weiber in ihren Tempetlern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte
Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den Blitz-Funken seines
Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebude schieen lassen:
so trat pltzlich ein Unbekannter, wie ein Totenkopf gnzlich kahl und sogar
ohne Augenbraunen, aber welk-und rosenwangig, an ihren Tisch und sagte mit
eiserner Miene zu Schoppe: Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig
geworden, Spavogel!
    Oho! fuhr Schoppe uerlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde
bla. Jener fate sich wieder, starrete die widerwrtige Gestalt, die die welke,
aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte,
scharf und mutig an und sagte: Wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen-
und Spavogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich imstande, darzutun,
da man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit. Hierauf bewies
er - aber doch abgekhlt, abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer -:
Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er
sei nur ein frherer Tod, ein lngerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandelung -
meistens geb' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht knne, eine
fortdauernde angenehme Idee157 - auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche
schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle krperlichen Leiden des
Menschen - er habe daher nie fr sich den Wahnsinn gefrchtet, so wenig als den
Traum, knn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon
ertragen. Uns schaudert (sagte Albano) ein Mensch, der schlafend zu uns
spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und
hr' ich mich selber allein, so ist es dasselbe.
    Ich bin kein Philosoph, sagte gleichgltig der Kahlkopf, dessen vollendete
glnzende Kahlheit mehr frchterlich als hlich war. Schoppe fragte erbittert,
wer er denn sei, quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo
und quando158 - Quando? - Nach 15 Monaten komm' ich wieder Quis? - Nichts;
Gott braucht mich blo, wenn er jemand unglcklich machen mu߫, sagte der Kahle
und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus. Albano sagte, es gern
erlaubend, im Frageton: er sei wohl erst angekommen? Eben vom groen Bernhard,
sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein
Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so da immer ein Mensch nach dem
andern dazustehen schien. Er ging ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz auer
sich: Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches, hpfendes
Fieberbild. Um Gottes Willen la uns fort. - Es ist mir immer hinter mir, als
stoe mich eine bse Faust auf ihn zu, damit ich ihn abwrge. Auch wird er mir
immer bekannter, wie ein vermooseter Todfeind.
    Albano versetzte sanft: Sieh, meine Ahnung! - Aber nun ich ihr nicht
gehorcht, mu ich auch sehen, wo hinaus es geht. Seine mutige Natur, seine
romantische Geschichte und Lage lieen ihn nicht wegrcken von einer so
abenteuerlichen Perspektive.
    Aber warum (fragte Schoppe den Kahlen, da er wiederkam) schneidet Ihr so
viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen? - Sie kommen
(sagt' er) von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben - Habt Ihr
gesehen, wie aqua toffana, in Menge genommen, verzieht? - In Neapel zwang ichs
einem sechzehnjhrigen schnen Mdchen hinein, das schon einige Jahre damit
gehandelt hatte, und lie es vor mir sterben. Es gibt wohl nichts Gottloseres
als Giftmischerei. - Abscheulich! rief Albano, ergriffen von einem innersten
Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt.
    Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Likr zu holen, herein, welche
die Augen vor Scham und Schwche nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete
sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wute, da sie nachts gewaltsam aus
dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichenzuge, der dann durch
dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor
ihr zuzuschauen. Kaum hatte sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht
bedeckte: Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns (sagt' er, ganz bleich
und unruhig) - der Jngling hier, indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte
oben ein Wagen mit sechs Pferden vorber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal
schnell den sinnenden Albano: Gehst du mit?, kehrte sich zornig von dessen
Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wtend: Hund! - und kehrte sich
um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen
Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nhe ein Stilett zum
Griff; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mdchen in Neapel
starb.
    Albano ergrimmte ber den Blick und sagte: Mein Herr, dieser Mann ist ein
durchaus redlicher, treuer, krftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen
sich erbittert und mssen ihn freisprechen. - Mit sanfter, schmeichelnder
Stimme versetzte er: Ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich
auch. Albano fragte, ob er vorhin mit dem groen Bernhard den Schweizerberg
gemeint. Wohl! (versetzt, er) Ich reise jhrlich hin, um eine Nacht mit
meiner Schwester zuzubringen. -
    Meines Wissens sind nur Mnche da, sagte Albano. - Sie steht unter den
Erfrornen in der Klosterkapelle159, (versetzt' er) ich bleibe die ganze Nacht
vor ihr und sehe sie an und singe Horen.
    Sonderbar fhlte sich Albano whrend des Zuhrens verndert - was er nur dem
Punsch zuschreiben konnte - es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe
brausete ber seine innere Welt, und der rote Schein irrte an ihren fernsten
Grenzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden
und knne mit diesem bsen Genius ringen. - Ich hatt' auch eine (sagte Albano)
- kann man Tote zitieren? Nein, aber Sterbende, sagte der Kahle. - Huh!
sagte Albano bebend. - Wen wollt Ihr sehen? fragte der Kahle. - Eine lebende
Schwester, die ich noch nicht gesehen, sagte glhend Albano. Es kommt (sagte
der Kahle) auf ein wenig Schlaf an, und da Ihr noch wisset, wo die Schwester
an ihrem letzten Geburtstag war. - Zum Glck war Julienne, die er fr seine
Schwester nahm, an dem ihrigen im Schlosse zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm.
So kommt mit mir! sagte der Kahle.
    In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und
folgendes Blatt:

Bruder, Bruder, trau ihm nicht - Hier hast du eine Waffe, denn du bist gar zu
tollkhn - Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene - Allerlei unbekannte
Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt - Mir ist, als sei mir
vor der Bestie gar kein Leben gesichert, deines, Ihres - Hte dich und komme!
                                                                        Schoppe.
                       Erstich ihn aber, ich bitte dich.

                                       *

Frchtet Ihr Euch etwa? fragte der Kahle. - Das wird sich zeigen, sagte
Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging - mit ihm. Als beide durch das
kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen
eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. - Sie kamen aus der Stadt ins Freie.
Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war, als hr' er
die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schpfung brausen. Kaum
erkannt' er drauen den Weg nach Blumenbhl. Pltzlich lief der Kahle links
feldein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbhler Strae ganz starr und
sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorberging, und hrte die ferne
Glocke, die der Stumme trgt, der Tod. So schien es.
    Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht ttet die
Menschenfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es,
als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu sein, fest und langsam in
den Lften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhrlich die weie Haut, und eine
unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und
zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160
vorber.
    Pltzlich hrte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen
eines Gewimmels; nichts war um ihn. Hrt Ihr nichts? fragte er. Es ist alles
still, sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und
hei fort, als knne es nicht fertig und einig werden; - der khne Jngling
schauderte, die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Trume
und Schatten schwrmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben.
    Beide traten ans Laubgehlze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem
unfrmlich-groen Kopfe auf zwei Krcken heraus und hatte eine Rose, die er dem
Jngling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhrlich,
als woll' er sagen, er mge doch daran riechen. Albano tats - und pltzlich zog
ihn die Theaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle
Tiefe.
    Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe in einem alten
bestubten gotischen Zimmer - ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher -
er sah durch das Fenster - Lilar schien es zu sein, aber auf die ganze
Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel wei bewlkt, und doch stachen
sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Trume?
fragt' er sich.
    Da ging eine Tapete auf - eine verhangne weibliche Gestalt mit unzhligen
Schleiern auf dem Angesicht trat herein - stand ein wenig - und flog ihm an sein
Herz. Wer ists? fragte er. Sie drckte ihn heftiger an sich und weinte durch
die Schleier hindurch. Kennst du mich? fragt' er. Sie nickte. Bist du meine
unbekannte Schwester? fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen
Schwesterarmen, mit heien Liebestrnen, mit ungestmen Kssen an sich fest.
Rede, wo lebst du? Sie schttelte. Bist du gestorben oder ein Traum? - Sie
schttelte. - Heiest du Julienne? - Sie schttelte. Gib mir ein Zeichen
deiner Wahrhaftigkeit! - Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem
nahen Tisch. Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube! - Sie zog ihn vom
Fenster weg. Schwester, bei Gott, wenn du nicht lgst, so hebe die Schleier! -
Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm.
Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drckte ihn von
sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwrts - Da sah er in einem Spiegel,
wie sie schnell die Schleier aufri und wie darunter die veraltete Gestalt
erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift
gegeben. Aber als er sich umkehrte, fhlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand
und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter.
    Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle,
wo er zum ersten Male eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten
Bilder schimmerten - die Erde war grn und der Schnee verwischt - den halben
Ring hatt' er nicht mehr in der Hand - um ihn war kein Laut und kein Mensch. War
alles der verwehte Wolkenzug der Trume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in
ihrem Zauberrauch?
    Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt;
und die Schwestertrnen lagen noch auf seinem Auge. Oder wren es nur meine
Brudertrnen? sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen
Nacht nach Hause ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch fort - er
hrte sich und frchtete, es zu wecken - er schauete seinen gehenden Krper an:
ja, dacht' er, dieses dichte, um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen
und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter herberfallenden Bergen zu
ersticken glauben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen berschlgt, oder
ber klebendes Glut-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Fe
drckt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich khlend verschiebt: so
wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjhrigen Schlaf des Unsterblichen
Lichter und Klnge und Klte, und er bildet sich daraus die vergrerte
Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig
wahr gewesen!
    Gott, warum kommst du so spt - und so bla? fragte Schoppe, der in
Albanos Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. O, frag mich heute nicht! sagte
Albano.

                         Dreiundzwanzigste Jobelperiode


                                     Liane


                                   95. Zykel

Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flchen an als am Morgen unter Albanos Erzhlung,
und zwar darber, da er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so
vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er
flehte instndig den Grafen an, doch bei der nchsten Erscheinung - zumal in
Italien - dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureien, und bliebe das Leben
darin hngen. Den Jngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er
ungern und flchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und
bermchtiger regten als in Roquairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an
ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf,
das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; - welcher treffende Widerschein des
nchtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester mute, blo um
damit ihre hnlichkeit zu berdecken, durch Kunst geset sein. Die Vermutung auf
Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der
Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die
Hhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hlfe
seines so nahen Vaters hinaus.
    Ach ber allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhrlich eine ferne
dunkle Gestalt, der Wrgengel, der auf die hlflose Liane hungrig niederfliegen
wollte! Das Starren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbhler Weg - zumal nach
dem trben Blatte der Frstin - gaukelte jetzt in den dunkeln,
durcheinanderkreuzenden Laubgngen, worein sein Lebensweg getrieben war, als ein
flatterndes Schreckbild fort.
    Ein neuer, einziger Entschlu stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer
Arm am Wege fest, der immer nach einer Richtung zeigte, auf die Blumenbhler
Strae: Du mut zu ihr - sagte der Entschlu - sie darf nicht in dem Wahne
deines Zrnens und deiner alten Hrte sterben - du mut sie wiedersehen, um ihr
abzubitten, und dann weinest du, bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt. - O,
wie werd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Sterbethrone dieses Engels mein
hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles, womit ich die sanfte
Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurcknehmen, damit sie nicht zu sehr
verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit
einer kleinen letzten Freude von mir! - Und das, o Gott, bescheide uns!
    Vergeblich trug Schoppe darauf an, da er mit ihm die Expeditionsstube der
Nacht-Wunder, die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein mute,
suchen sollte; noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen.
Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen
zuletzt, voreilig befehlend; - aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein
verpanzert. Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Trnentpfen kochen,
sagte Schoppe und fuhr hinaus.
    Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von Gaspard, worin
dieser auf heute Relais-Pferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschlag
von sich selber, dem Vater entgegenzugehen. Wie erfrischend wehte die vterliche
Nhe ber Albanos schwle Wste! - Gleichwohl sagte er das zweite Nein: das
lange Wollen und Streiten und jede Stunde hllte ihm Lianen immer finsterer in
ihre Wolke, und er dachte bange an seinen Traum ber sie auf Isola bella161; -
und am Ende stutzte er argwhnisch ber das bedenkliche Zurckzerren.
    Und darin irrt' er nicht; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten,
als er noch erfahren hatte. Der Lektor nmlich, der mit alter kluger Redlichkeit
ber den abtrnnigen, aber von ihm berall gelobten Jngling von fernen Wache
hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den aufgetrmten
bleischweren Wolkenbruch gezeigt, der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen
Jnglings herbewegte; nmlich Lianens ganz nahen Tod.
    Frher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Hrte fr
Lianens Nerven, noch Eisenwein gewesen, die nachher im weichen Wasser der
Entsagung, Herbstruhe und Andacht schmolzen. Es gibt eine warme Windstille,
welche Menschen wie Schiffe zerlsset; eine Wrme, worin das Wachsbild des
Geistes zerrinnt. Tglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre
Schwingen aus, lsete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und
fhrte sie in den Glanz des gttlichen Thrones. - Die schnen Frhlingslfte
ihrer geendigten Liebe lie sie wieder wehen, aber in hherer Stelle, es waren
dnne, milde ther-Zephyre, Blumen-Hauche. - Sie wute jetzt zugleich, sie
sterbe und liebe Gott. Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem
Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter
zu gehen und wrmte sie sanft. - Ihre Trnen entflossen so s wie Seufzer, wie
Abendtau aus Abendrot - Wie man selig-wogend sinkt in heitern Trumen, so flo
sie mit schwimmendem Krper-Gewand auf dem Todesflusse, lange getragen, langsam
angezogen.
    Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den sen Fall gebrochen
- die heie Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten
Freundin ihrer Freundin Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre
Phantasie zu sehr; denn gerade die Flgel der Phantasie waren an diesem sanften,
steten Schwane162 zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glnzende
Gttin herunter! Wie fand sie sich unwrdig der vorigen Liebe fr Albano! - So
wenig hatte Spener, der nur vor Gott demtig war, sie hindern knnen, zwei
Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklrtes heraufzunehmen, die
alte Demut vor Menschen und das alte bekmmerte Sorgen fr Geliebte.
    Julienne mocht' ihr noch so oft abgeraten haben, sie schlang sich doch an
einem Abende - wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen - um Lindas Herz
und sagte ihr mit gewhnlicher berwallung, nur Albano verdiene sie. Linda
antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in
Ihrem Falle wrde sie sterben. Und tu' ichs denn nicht? sagte Liane.
    Julienne bat gleich darauf Lianen, die verlegne edle Grfin darber zu
schonen. Liane schwieg unbeleidigt; aber der neue Wunsch ergriff sie nun, ihren
verlornen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen
Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues groes zu vermachen.
Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wnschen ihrer heiligen Seele.
Solange die Mutter und Augusti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sie sich
eine so giftige schwarze Blume, als die Freude eines solchen Wiedersehens sein
mte, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was
knn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im knftigen - nach
Karolinens Weissagung - von hinnen gehe. - Indes suchte man ihr das letzte Ziel
immer hinauszurcken, in der Hoffnung, da Gaspard den Grafen wegfhre, und mit
dem Vorsatz, nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tdliche zu
stillen.
    Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser, halb aus
erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von
der kltern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht
u.s.w. Wie entrstete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit
weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und
eine Wiederkehr der Neigung fr die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon
lngst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war
seit ihrem Falle, seit dem Begrbnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und
Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem
niedergeworfnen Snder-Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmglich,
seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe
ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am
hereingezognen Leichenschleier erstickte. Bruder, Bruder, (sagte Liane
begeistert) bedenke, was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erflle
ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird unser Vater zrnen!
setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es fr recht, die
Wahrheit (ber Rabettens Hinab- und Wegstoen), welche diesesmal die Gestalt
einer bewaffneten Parze haben wrde, von ihr zu entfernen, und setzte an die
Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige
Gelegenheit, mit der Grfin zu sprechen, entbehrt - Lianens Krankenstuhl. Du
mut sterben, (sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr) es ist gut, da dein
Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen
entzweireiet - Was httest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden knnen unter
Menschen und Mnnern! Auch er glaubte - aus eigner Erfahrung -, da es mehr
Weiber- als Mnnerschmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als
Sonnenfinsternisse gibt.
    So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der
Finsternisse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite
nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verndert, und am frhen
Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand. Der Lektor bekam
diese trbe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens. Darum sucht' er mit
solchem Eifer durch Schoppe den Jngling vom Anblick einer verscheidenden Braut
zu verdrngen.
    Spter kam Gaspards Billett, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn zum
Entgegenfahren zu locken und - durch eine Nachricht an den Vater - diesen zu
bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren,
damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten.
    Aber auch das, wie schon erzhlt worden, schlug fehl; Albano bekannte
Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit. Dieser
wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen
keuchenden Boten aus Blumenbhl, der an Albano folgendes Blatt von Spener
berbrachte:
        P.P.
Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, da das todkranke Frulein von
Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um
so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage hchst wahrscheinlich
(und um so mehr, als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig
vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich berleben, sondern aus
dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich fr meine
Person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen, da
wohl ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser
herrlichen Braut Christi, von deren Tod jeder wnschen wird: Herr, mein Tod sei
wie dieser Gerechten!, nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebhre und
gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre

                             Ew. Hochgeboren Gnaden
                                  Untertniger
                                 Joachim Spener
                                  Hofprediger
P.S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige
Zeilen Antwort.

                                       *
Albano sagte kein Wort - gab das Blatt seinem Freunde drckte leise dessen Hand
- nahm den Hut - und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus,
auf den Weg nach dem Bergschlo.

                                   96. Zykel


Schaudernd lief er drauen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die
Leichen-Seherin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten
Trume langsam von der Bergstrae herunterziehen zu sehen. - Es war ein stiller,
warmer, blauer Nachsommer-Nachmittag - das Abendrot des Jahres, das rotglhende
Laub, zog von Berg zu Berg - auf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen
unverletzt beisammen - auf den bersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am
fliegenden Sommer und richteten einige Fden als die Taue und Segel auf, womit
er entfloh - der weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlos
- und die Seele des Menschen schwer bewlkt.
    Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Enthauptungsblock - -
Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts,
nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hlle.
    Er zuckte, da ihm pltzlich auf der Blumenbhler Hhe das weie Bergschlo
entgegenglnzte. Er rannte hinab - wild vor dem verhaten entstellten Blumenbhl
vorbei - und drauen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bergschlo fhret. Da
aber dieser sich in zwei aufsteigende Tler spaltet: so verirrte sich der vom
Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wnden immer
heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Hhe heraustrat und das schimmernde
Trauerschlo hinter sich erblickte. Da war ihm, als rhre sich die weite
hinabliegende Landschaft wie ein strmendes Meer durcheinander mit wogenden
Feldern und schwimmenden Bergen; und der Himmel schauete still und hell auf das
Bewegen nieder. Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle
Wolke.
    Er strmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten
des Trauerhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den
Schlofenstern mehrere Menschenrcken; wenn sie sich umkehren (sagt' er), so
wird sogleich die Sage umlaufen: der Mrder kommt. Jetzt trat die Ministerin an
ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer
die Treppe hinauf, der Lektor kam ihm gerhrt entgegen, sagte zu ihm: Fassung
fr Sie und Schonung fr andere! Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als
Ihr Gewissen und machte dem stummen Jngling das stille Krankenzimmer auf.
    Vom Schmerz belastet und gebckt, trat er leise hinein. In einem
Krankenstuhl ruhte eine weigekleidete Gestalt mit weien, tiefen Wangen und
ineinandergelegten Hnden und lehnte den Kopf, den ein bunter Grasblumenkranz
umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. Sei mir willkommen,
Albano! sagte sie mit schwacher Stimme, aber mit dem alten, aufgehenden
Sonnen-Lcheln und reicht' ihm die mhsam gehobne Hand entgegen; das schwere
Haupt konnte sie nicht erheben. Er trat hin, sank auf die Knie und hielt die
teuere Hand, und die Lippe zitterte stumm. Sei mir recht willkommen, mein guter
Albano! wiederholte sie noch zrtlicher in der Meinung, er hab' es das erstemal
wohl nicht gehrt; und alle Trnen seines Herzens ri die bekannte
wiederkommende Stimme in einem Regen nieder. Auch du, Liane! stammelte er noch
leiser. Mhsam lie sie ihr Haupt auf die andere, ihm nhere Lehne
herberfallen; da schaueten ihre lebensmden blauen Augen recht nahe seine
feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz
entfrbt und veredelt! Rotwangig und vollblhend und Schmerzen tragend war Liane
in das kalte fremde Totenreich der schweren Prfung fr die hhere Welt
gegangen, und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit
himmlischer Schnheit auf dem irdisch-verblhten Gesicht - Albano stand vor ihr,
auch bleich und edel, aber er brachte auf dem jungen kranken, eingefallnen
Angesicht die Kmpfe und die Schmerzen zurck und im Auge die Lebens-Glut.
    Gott, du hast dich verndert, Albano - fing sie nach einem langen Blicke
an - Du siehst ganz eingefallen aus - Bist du so krank, Lieber? - fragte sie
mit der alten Liebes-Bekmmernis, die ihr weder der fromme Vater noch der letzte
Genius, der den Menschen erkltet gegen das Leben und Lieben, eh' er es
entrckt, aus dem Herzen nehmen konnten. - O, wollte Gott! - Nein, ich bins
nicht, sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm; denn er htte so
gern seinen Jammer, seine Liebe, seinen Todes-Wunsch ausgerufen vor ihr mit
einem tdlichen Schrei, wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom
Zweige strzt.
    Ihr erkltetes Auge ruhte, sich erwrmend, lange auf seinem Angesicht voll
unaussprechlicher Liebe, und sie sagte endlich mit schwerem Lcheln: So liebst
du mich also wieder, Albano! - Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt. Erst
nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren, warum ich von ihm gewichen bin,
nur zu seinem Wohl. Heute, heute an meinem Sterbetage sag' ich dir, da mein
Herz dir treu geblieben. - Glaub es mir! - Mein Herz ist bei Gott, meine Worte
sind wahr - Sieh! darum bat ich dich heute zu mir - denn du sollst sanft, ohne
Reue, ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herbersehen in deinem knftigen
langen Leben. - Heute wirst du nicht bse ber die kleine Linda, da sie vom
Sterben spricht - Siehst du wohl, da ich damals recht hatte? - Hole mir das
Blatt dort!
    Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umri von ihr, der
Lindas edeln Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. Nimm es zu dir,
sagte sie; er tat es. Wie bist du so willig und gut! (sagte sie) Du verdienst
Sie - ich nenne sie dir nicht - als den Lohn deiner Treue gegen mich. Sie ist
deiner wrdiger als ich, sie blht wie du, siecht nicht wie ich; aber tu ihr nie
unrecht - Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrben,
festes Gemt, durch ein heftiges Nein? -
    Himmels-Seele! - (rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das
Totenopfer des erstickten Neins) ich antworte dir nicht - Ach vergib, vergib
der frhern Zeit! - Denn nun sah er erst, wie demtig, leise und doch innig die
zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Krper ganz wie
an Lilars schnen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im
brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tnt.
    So lebe nun wohl, Geliebter! (sagte sie ruhig und ohne Trne, und ihre
matte Hand wollte seine drcken) Reise glcklich in das schne Land! - Habe
ewigen Dank fr deine Lieb' und Treue, fr die tausend frohen Stunden, die ich
dort erst verdienen will163, fr Lilars schne Blumen ... Die Kinder meiner
Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu'un songe - - Was wollt'
ich dir sagen, Albano? Mein Lebewohl! Verlasse meinen Bruder nicht! - O, wie du
weinst! Ich will noch fr dich beten! -
    Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit
kalter Luft. Sie wissen es nicht, wie ihre lallende Zunge einschneide in die
weit aufgerissenen Herzen. Die sanfteste Seele wut' es nicht, wie sie ein
Schwert nach dem andern durch ihren Albano stie, der es nun fhlte, da er der
Heiligen, der schon die Frhlingswinde, die Frhlingsdfte des ewigen Ufers
entgegenzogen, nichts mehr sein, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die
Demut nehmen.
    Als sie es gesagt, richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert
auf, sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst: Erhre mein
Gebet, o Gott! und lasse Ihn glcklich sein, bis er eingeht in deine
Herrlichkeit. Und wenn er irret und wankt, so schon ihn, o Gott! und lasse mich
ihm erscheinen und ihm zureden. - Dir aber allein, du Allgtiger, sei Preis und
Dank gesagt fr mein frohes, stilles Leben auf der Erde, du wirst mir nach der
Ruhe droben schenken den schnen Morgen, wo ich arbeiten kann.... Wecke mich
frh aus dem Todesschlafe.... Wecket mich, wecket! ... Mutter, das Morgenrot165
liegt schon auf den Bumen. -
    Da strzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todesschlaftrunkne
Blick und das Irrereden sagten an, da nun der kalte Schlaf mit offnen Augen
komme. Erscheine mir, du bist ja bei Gott! rief Albano sinnlos. Umsonst wollt'
ihn Augusti wegfhren; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest.
Liane wurde immer blasser, der Tod schmckte sie mit dem weien Brautkleid des
Himmels an; da hrte sein weinendes Auge auf, die Qual gefror, und das weite,
schwere Eis der Pein fllte die Brust.
    Unverrckt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen
Abendhimmels, wie forschend und erwartend, da der Himmel aufgehe und die Sonne
gebe. Gleichgltig gegen alle strmte ihr Bruder jammernd herein: Geh nicht zu
Gott, ich seh' dich sonst nie mehr - sieh mich an, segne, heilige mich, gib mir
deinen Frieden, Schwester! - Sie war still in die lichter aufbrechende
Sonnenwolke vertieft. Sie hlt dich fr mich (sagte Albano zu Karl wegen ihrer
hnlichen Stimmen) und gibt dir keinen Frieden! - Stiehl meine Stimme nicht,
sagte Karl zornig. - O, lasset Sie in Ruhe, sagte die Mutter, aus deren
gebckten Augen nur kleine, sparsame Trnen auf den Kranz der Tochter zitterten,
deren mattes, nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit
beiden Hnden hielt.
    Auf einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell
herunterblickte, erschtterte sich die stille Gestalt; Sterbende sehen doppelt,
sie sah zwei Sonnenkugeln und rief, an die Mutter geschmiegt: Ach Mutter, wie
gro und feurig sind seine Augen! - Sie sah den Tod am Himmel stehen. Bedecket
mich mit dem Leichenschleier (flehte sie ngstlich) meinen Schleier! Ihr
Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken
zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewlke ber sich.
    Denk an den allmchtigen Gott! rief ihr der fromme Vater zu. Ich denke an
ihn, antwortete leise die Verhllte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz
vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergriffen und drckten
einander die Hand, dieser aus Ha, Albano aus Qual, wie man in Metall knirscht.
Das Zimmer war voll unhnlicher, befeindeter Menschen, die der Tod gleich
machte. Seitwrts sah Albano eine fremde hereingeschlichene, ihm widrige
Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen groe, dstere Augen scharf und
hart auf dem Sohne hafteten. - Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange
verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und
niemand ihres.
    Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die
Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag. Denke an den allmchtigen
Gott! rief Spener. - Sie antwortete nicht - er sprach weiter: An unsere Quelle
und an unser Meer, er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei, wo dir die Erde und
die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens. Pltzlich fing
sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der
Mensch im Schlafe spricht, und immer entzckter und schneller: Karoline - hier,
hier, Karoline - das ist meine Hand - wie bist du so schn! - Der unsichtbare
Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schimmerte
wieder wie ein aufgegangener Mond ber das ganze dunkle Sterben, und der Glanz
verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem groen Frhlingsmorgen der andern
Welt.
    Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter- Der
Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern - Mit groen Flgeln
hing die Todes-Eule der Angst sich ber die Menschen-Augen und hackte mit
schwarzem Schnabel in die Brust herab, und man hrte nichts in der Stille als
die Eule Dster wlzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen
Hhlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her; und Gaspard
und der Wrgengel schaueten einander finster an.
    Da klang aus Lianans Harfe ein heller, hoher Ton lang in die Stille; die
Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen und stand auf,
und die Schwester mit der Schere kam. Lianens Finger hrten auf zu spielen, und
unter dem Schleier wurd' es still und unbeweglich.
    Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Tochter, sagte die trostlose Mutter.
Reit den Schleier weg, rief der Bruder; und als er ihn herunterzog, ruhte
Liane zufrieden und lchelnd darunter, aber gestorben - die blauen Augen offen
nach dem Himmel - der verklrte Mund noch Liebe atmend - die jungfruliche
Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden - und bleich und
verklrt vom Mondschein der hhern Welt die fremde Gestalt, die gro aus den
kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat.
    Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Trnen hindurch und
bergo mit dem blhenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-l ihrer
Abendwolken die entfrbte Himmelsschwester, und das verklrte Antlitz blhte
wieder jung. Am Himmel schlugen alle Wolken, berhrt von ihren Flgeln, als sie
durch sie zog, in lange rote Blten aus - und durch den hohen, ber die Erde
geblhten Nebelflor glhten die tausend Rosen hindurch, die gestreuet und
gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau ber die Erde zu dem
Ewigen ging.
    Aber Albano, der verlassene Albano stand ohne Trnen und Augen und Worte
unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des
heiligen Verklrungszimmers, unter dem irdischen Getmmel neben der stillen
Gestalt; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt, und er
sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war, und er hrte immer
das finstere Haupt die Worte murmeln: Wie bitter hatte die Tote in Lilar ber
den harten Albano geweint! - Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame
Worte zu ihm; er vernahm sie nicht, weil er dem grausamern Gorgonenhaupt
zuhrte.
    Sohn! (rief Gaspard Cesara ernst) Sohn, kennst du mich nicht? Durch das
schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebensstimme; er blickt umher, und auf den
Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und strzt auf seine Brust und ruft
nur Vater! und immer wieder Vater! - Er rief fort, ihn heftig wie ein Feind
umflechtend, und sagte: Vater, das ist Liane! - Noch heftiger wurde die
Umarmung, nicht aus Liebe, nur aus Qual. Komme zu dir, und zu mir, lieber
Albano! sagte der Ritter. O ich will es tun, Sie ist nun gestorben, Vater!
sagt' er erstickt, und nun zerri sein Schmerz am Vater, wie ein Gewlke am
Gebrge, in eine unaufhrliche Trne - sie strmte fort, als wollte sich die
innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern - aber das Weinen whlte nur die
Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld, er wurde trostloser und
ungestmer und wiederholte dumpf das alte Wort.
    Albano! (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit strkerer Stimme) willst du
mich begleiten? - Gern, mein Vater! sagte er und folgte ihm, wie der Mutter
ein blutendes Kind mit seiner Wunde. - Morgen will ich schon sprechen, sagte
Albano im Wagen und nahm die vterliche Hand. Die weit offnen Augen hingen
geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Gebrge
ruhte - er blieb lchelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen - und
er merkt' es nicht, da die Sonne unterging und er in der Stadt ankam.
    Morgen, mein Vater! sagt' er kraftlos und bittend zum Ritter; und schlo
sich ein. Man hrte nichts mehr von ihm.

                         Vierundzwanzigste Jobelperiode


                              Das Fieber - die Kur


                                   97. Zykel

Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater berlie ihn der heilenden
Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn trstend anzusehen und
anzuhren. Endlich hrten sie ihn darin heftig beten: Liane, erscheine mir und
gib mir den Frieden! Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter
Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht - mit Blitzen in den Augen
- mit hastigem Schritt. Schoppe, (sagt' er) komm mit auf die Sternwarte, es
hngt am Himmel ein heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich mu das
wissen, Schoppe!
    Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm
hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr anschaute. Erstarre nur
nicht wieder, mein Vater! sagt' er, umarmte ihn nur leise und verga, was er
gewollt.
    Schoppe holte den Doktor Sphex. Albano ging wieder in sein Zimmer und
langsam darin mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Hnden auf und ab und redete
sich trstend zu: Warte doch nur, bis es wieder ausschlgt. - Sphex kam und
sah und - sagte, es sei ein einfaches entzndliches Fieber. Aber keine Gewalt
brachte ihn dahin, sich fr das Bette oder nur fr eine Ader-Wunde zu
entkleiden. Wie? (sagt' er schamhaft) Sie kann mir ja zu jeder Stunde
erscheinen und den Frieden geben - nein, nein! Der Arzt verschrieb einen ganzen
khlenden Schneehimmel, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen
Khlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der
Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der
das immerwhrende, aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet: Albano,
nimm! - Da besann und fgte sich der Kranke und sagte: O, mein Vater, ich
liebe dich ja!
    Durch die ganze Nacht, deren Wchter und Arzt der treue Schoppe blieb,
spielte der wahnsinnige Krper seine glhende Rolle fort, indem er den Jngling
auf- und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend niederzuknien
zwang: Liane, erscheine doch und gib mir den Frieden! Wie oft hielt ihn der
sonst Zeichen-arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest, um nur dem
Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen. Unbegreiflich waren am Morgen dem
Arzte die Krfte dieser eisernen und weiglhenden Natur, die Fieber, Pein und
Gehen noch nicht gebogen hatten, und auf welcher alle verordnete Eisfelder
trocken verzischten; - und frchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano
noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage auf den
Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte.
    Aber sein Vater berlie ihn wie eine Menschheit den eignen Krften; er
sagte, er sehe mit Vergngen eine solche seltne ungeschwchte Jugendkraft und
sei gar nicht in Furcht; auch lie er ungestrt alles fr die Reise nach Italien
packen. Er besuchte den Hof, d.h. alles. Wer es wute, was er den Menschen
abzufodern und abzuleugnen pflegte, dem gab diese allgemeine Geflligkeit gegen
alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefhls, wenn ihn Gaspard auch
anredete. Er besuchte zuerst den Frsten, welcher an ihm, ob ihn gleich der
Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch
hatte empfangen lassen, immer mit Angewhnung hing. Der Ritter besichtigte mit
ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide glichen scharf und frei ihre Urteile
darber gegeneinander aus und gaben einander Auftrge fr die Abwesenheit.
    Darauf ging er zur Reisegefhrtin, zur Frstin, gegen welche zwar sein
aufreibender Stolz nicht ein Bltenstubchen der vorigen Liebe brig gelassen,
die aber im glatten, kalten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle
Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten, vermge ihrer krftigen
Individualitt als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte. Da er Freiheit,
Einheit, sogar Frechheit des Geistes weit ber sieches Frmmeln, Nachheucheln
fremder Krfte und bufertigen Zwiespalt mit sich selber setzte: so war die
Frstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm in ihrer Art lieb und wert. Sie
erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise; er gab
ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen.
    Die Prinzessin Julienne war unzugnglich. Da sie es hatte sehen mssen, wie
die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen
Ufer in den Todesflu hineingezogen und wie die Arme ermattet
hinuntergeschwommen, das warf sie hart darnieder, und sie wre gern dem Opfer
nachgestrzt. Sie war gestern nicht imstande, mit den zwei Verschleierten
hinzugehen.
    Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, zur Grfin Romeiro, wo er auch die
andere fand - die Prinzessin Idoine. Diese hatte unmglich so viel von ihrer
Gesichts- und Seelen-Schwester in allen Briefen lesen knnen, ohne selber aus
ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schne Verwandtschaft zu prfen; aber
als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause, hatte schon ihre Verwandte den
ihrigen ber das brechende Auge gezogen; und als er aufging, sah sie sich selber
verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in
sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt.
    Die hnlichkeit war so auffallend, da Julienne sie bat, nie der gebeugten
Mutter zu erscheinen. Idoine war zwar lnger, schrfer gezeichnet und weniger
rosenfarb als Liane in ihrer Bltenzeit; aber die letzte blasse Stunde, worin
diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt lnger und das Angesicht
edler und zog die blumige jungfruliche Verhllung vom scharfen Umri weg.
    Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda
ordentlich in kindlicher Liebe berflo gegen seine fast vterliche. Beide
Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden, warmen und zarten Moralitt,
welche einem Auge (z.B. dem des Frsten) wunderbar erscheinen mute, das oft
Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbrchige
Herzen - halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle -,
scheue, weiche, empfindsame Snder, innerlich-bodenlose Phantasten, z.B.
Roquairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und
froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Frst
dachte dann: Er denkt gerade wie ich; aber Gaspard macht' es mit ihm ebenso.
    Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen.
Man umging, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber
sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der
Ritter - welcher fr die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch
des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte, dergleichen waren: es
geht, so gut es kann oder man mu es erwarten oder es wird sich wohl geben
- bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: Es wird sich wohl geben.
    Als er nach Hause kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Flut
des bels gestiegen. Der Jngling lag nieder angekleidet auf dem Bette -
unvermgend mehr zu gehen - brennend - irre redend - und doch bei jedem
Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis
hieher hatte sein krftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens fr alles,
was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewut; aber allmhlich ging die ganze
Masse in die Grung des Fiebers ber. Vergeblich waffnete sich sein Vater
einmal, da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat, mit dem ganzen Sturm
und Donner seiner Persnlichkeit; gib mir den Frieden, betete Albano sanft
weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht.
    Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater
allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine
Neugierde. Die Prinzessin Idoine (sagt' er) mu nach erbrmlichen Kindereien
gar nichts fragen, sondern keck, wenn es eben schlgt und er kniet, ihm als der
selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schlieen. - Wider alles
Vermuten sagte der Ritter unmutig: Es ist unschicklich. Umsonst sucht' ihn der
predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rcken - blo in der Winterseite zog er
weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Wrme konnt' ihn
niemand bringen als nur er sich selber. - Zuletzt lie Gaspard nach seiner Sitte
ber dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter
Phrasen schwimmen, da Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die
Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater willens, den Sohn brennend aus dem
Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reien.
Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe
nichts dagegen.
    Nun fhlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord
dieses von ihm sonst beschtzten Charakters; traue keinem langen, schlanken
Spanier, sagte Kardanus mit Recht166, sagte er.
    Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schpfte aus der Lethe des
Wahnsinns die dunkle Betubung gegen die Gegenwart; nur wenn er kniete,
spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel. - Er
hrte nichts davon, wie die Drftigen ihren Namen nannten, um dankend um die
ruhende Wohltterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel
ihrer Mienen taub und stumm lag - Er hrte nichts von dem Toben ihres Bruders,
noch vom lauten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Vaters, oder von der
starren, in dumpfe Qual gewickelten Mutter - Er wut' es nicht voraus, da die
bleiche Charis in ihrem Krnungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum
letztenmal der Erde erscheinen werde, bekrnzt, geschmckt und schlummernd - Ihm
starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch
eine neue. - -
    Armer Bruder, (sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn) ich schwre
dirs, du bekommst heute deinen Frieden. Der blasse Kranke sah ihn bittend an.
Bei Gott! schwur Schoppe und weinte beinahe.

                                   98. Zykel


Schoppe hatte sich vorgesetzt, um den Ritter - der den Abend halb an den
Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbhl verteilte - sich gar nicht zu
bekmmern, sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der groen Bitte zu
treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Trhter oder Billeteur
der versperrten Hoftren und als Brgen seiner Worte. - Aber Augusti erschrak
unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmglich an eine Prinzessin und ein
kranker Jngling - und gar eine ridikle Geister-Rolle u.s.w., und der eigne
Vater seh' es ja schon ein. Schoppe wurde darber ein aufspringendes Sturmfa
und lie wenig Flche und Bilder liegen, die er nicht gebrauchte ber den
menschenmrderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenz - sagte, diese sei so
schn gebildet und so blutig qulend wie eine griechische Furie - sie binde an
Menschen wie Kchinnen an Gnsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit
sich die Federn nicht befleckten - und er sei so gut ein Courtisan, schlo er
zweideutig, als Augusti und kenne Dezenz; auch der Frstin, die ihn doch so
gern hat, darf ichs nicht vortragen? Augusti sagte: Der Fall ist nicht
verschieden. - Juliennen auch nicht? - Auch nicht, sagt' er. - Auch dem so
satanischen Satan nicht? - Ein guter Engel ist doch dazwischen, (versetzte
Augusti) den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen knnen, weil er
dem Vliesritter von Cesara Verbindlichkeiten schuldig ist - die Grfin von
Romeiro. - O, warum nicht gar? sagte Schoppe betroffen.
    Der Lektor - unter die niemals eigenhndigen Menschen gehrig, die alles
gern durch die dritte, sechste, fernste Hand nach einer der Fingersetzung
hnlichen Hnde-Setzung tun - legte seine Bereitwilligkeit, ihn bei Linda
einzufhren, und ihr Vermgen, in dieser epinsen Affre zu wirken, dem
Nachdenker nher vor.
    Schoppe fuhr ungemein hin und her - schttelte oftmals heftig den Kopf und
stockte doch pltzlich - flog und schttelte noch heftiger - sah mit scharfer
Frage den Lektor an - endlich stand er fest - schlug mit beiden Armen nieder und
sagte: Der Donner und das Wetter hole die Welt! Nun gut, es sei! Ich will vor
sie - - Himmel, warum bin ich denn Ihnen sozusagen so lcherlich, jetzt gerade,
mein' ich? - Gleichwohl hatte der hfliche Lektor das Lcheln der Lippen nur in
das Lcheln der Augen versetzt. Auf Schoppes Gesicht stand die Wrme und Eile
des Selbst-Siegers. Wie Menschen zugleich harthrig unter dem gemeinen
Lebens-Getse sein knnen und doch den feinsten musikalischen Lauten offen167:
so waren Schoppens innere Ohren verhrtet gegen das Volks-Gepolter des
allgemeinen Treibens, aber durstig zogen sie alle weiche, leise Melodien der
heiligern Seelen ein.
    Der Lektor - den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn - nahm
strmisch den Bibliothekar sogleich mit fort ins Schlo, in weil eben jetzt die
recht-erlesene Hof-Ferien-Stunde sei, von 4 1/2 bis 5 1/2 Schoppe sagte, er sei
dabei. Im Schlo befahl Augusti einem Diener, der ihn verstand, Schoppen ins
Spiegelzimmer zu fhren. Er tats; brachte Lichter nach; und Schoppe ging langsam
mit seinem verdrlichen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urang-utangs auf und
nieder, seiner Rolle und Zukunft nach rechnend. Seltsam fhlt' er sich jetzt
betroffen von seinem jungen, frischen Gefhl der bisherigen Freiheit, die er
eben suspendierte; er erkannte sie an, hielt sie fest, sah sie an, sprach ihr
zu: gehe nur ein wenig fort, rette ihn und dann komme wieder!
    Seine eigne Vervielfltigung ekelte ihn: Msset ihr mich stren, ihr Ichs?
sagt' er, und er legte sichs nun vor, wie er stehe vor der reichsten, hellesten
Minute und feinsten Goldwaage seines Daseins, wie ein Grab und ein groes Leben
liege auf dieser Waage, und wie sein Ich ihm schwinden msse wie die
nachgemachten glsernen Ichs umher. - - - Pltzlich flog ihn eine Freude an,
nicht ber den Wert seines Entschlusses, sondern ber die Gelegenheit dazu.
    Endlich gingen nahe Tren auf und dann die nchste. - Da trat mit noch halb
zurckgewandtem Kopfe eine groe Gestalt herein, ganz in lange schwarze Seide
eingehllt. Wie ein entzckter Mond auf hohen Laubgipfeln, stand auf der seidnen
dunkeln Wolke ein ppig-blhender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm, mit
schwarzen Augen voll Blitze, mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und
mit einer thronenden Schnee-Stirn unter dem braunen Locken-berhang. - Schoppen
war, da sie ihn ansah, als liege sein Leben im vollen Sonnenschein, und er
fhlte ngstlich, da er sehr nahe an der Knigin der Seelen stehe. Herr v.
Augusti (fing sie ernst an) hat mir gesagt, da Sie eine Bitte fr Ihren
kranken Freund in meine Hnde geben wollen. Sagen Sie mir solche klar und frei,
ich werde Ihnen gern und bestimmt und offen antworten.
    Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelst; aber
der groe Schutzgeist, der unsichtbar neben seinem Leben flog, strzte sich mit
feurigen Flgeln in sein Herz, und begeistert antwortete er: Auch ich! - Mein
Albano ist tdlich krank - er ist im Fieber seit gestern abends - er liebte das
verstorbene Frulein Liane - er ist auf die Greifgeier-Schwinge des Fiebers
gebunden und wird hin-und hergerissen - er strzt bei jedem Glocken-Ausklang auf
die Knie und betet, dicht an der Glutseite der Phantasie liegend, immer heier;
erscheine mir und gib mir Frieden - er steht aufrecht und angekleidet auf dem
hohen Scheiterhaufen der phantastischen Kreis-Flammen und lechzet und brt und
dorret sehr aus und krmmt sich nieder, wie ich wohl sehe.....
    O, finissez donc! (sagte die Grfin, welche den Venus-Kopf schaudernd
zurckgebogen und langsam geschttelt hatte) Frchterlich! - Ihre Bitte!
    Nur die Prinzessin Idoine (sprach er, zu sich kommend) kann sie erfllen
und ihn erretten, wenn sie ihm erscheint und ihm Frieden zusagt, da sie eine so
nahe Ass- Kos-168, Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sein soll. - Ist
das Ihre Bitte? sagte die Grfin. Meine grte, sagte Schoppe. Hat Sie sein
Vater hergeschickt? sagte sie. Nein, ich - (sagt' er) der Vater, damit ich
klar und frei und bestimmt sei, will es nicht.
    Sind Sie nicht der Maler des niesenden Selbst-Portrts? fragte sie. Er
verbeugte sich und sagte: Ganz gewi! Als sie ihm geantwortet, in einer Stunde
hr' er die Entscheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung
- und die einfache, edle Gestalt verlie ihn mitten in seinem trunknen
Nachschauen; und er war unwillig, da die kindischen Spiegel umher der einzigen
Gttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten.
    Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der
Wirklichkeit fortlebten, wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage;
aber seine Hoffnung blhte jetzt unter einem warmen Himmel. - Nach einer Stunde
erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene: es gehe recht gut, er
hole einen Ausspruch des Arztes ber die Krankheit, und dann entscheid' es sich
darnach.
    Herr v. Augusti gab ihm mit hofmnnischer Ausfhrlichkeit den bestimmtern
Bericht: die Grfin flog zur Frstin, deren Achtung fr den knftigen
Reisegefhrten sie kannte, und sagte ihr, sie wrd' es in Idoinens Falle ohne
Bedenken tun. - Die Frstin bedachte sich ziemlich und sagte, hierber knne nur
ihre Schwester entscheiden - Beide eilten zu ihr, malten ihr alles vor, und
Idoine fragte erschrocken, was sie fr ihre hnlichkeit und ihre wohlwollende
Reise knne, da man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen
wolle. - In dieser Sekunde trat Julienne bla herzu und sagte, sie habe schon
seit dem Morgen Nachricht davon, das Erscheinen sei einer so guten Seele
Pflicht. - Da antwortete Idoine, sich und alles bedenkend und mit Wrde: es sei
gar nicht das Ungewhnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das
Unwahre und Unwrdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele
und mit einer flachen hnlichkeit einen Kranken belgen solle. - Die Grfin
sagte, sie wisse darauf keine Antwort, und doch sei ihr Gefhl nicht dagegen -
Alle schwiegen verlegen. - - Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen
bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung ber ein Leben
zitternd erlag. - Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: Es wird aber doch
eigentlich kein moralischer Mensch getuscht, sondern ein Schlafender, ein
Trumer, und Einbildung und Lge soll ja an ihm nicht bestrkt, sondern besiegt
werden. - Julienne nahm Idoinen mit sich, um ihr den Jngling, den sie so wenig
wie Linda gesehen, wahrscheinlich nher zu malen. - Bald darauf kam Idoine mit
dem Ausspruche zurck:
    Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt, da ein Menschen-Leben daran hnge: so mu
ich mein Gefhl besiegen. Gott wei es, (setzte sie bewegt dazu) da ich es
ebenso willig tue als unterlasse, wenn ich nur erst wei, was recht ist. Es ist
meine erste Unwahrheit.
    Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen
gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen.
    Schoppe wartete lange und ngstlich - nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti:
Halten Sie sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die bewute Person! - Sogleich lie
er, um die Fieberaugen zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die
magische Hnge-Lampe aus Beinglas brennen.
    Den kranken Jngling zndete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch
strker an und riet ihm, mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu
knien, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufreie und ihn auf der
Schwelle heilend berhre.
    Kurz vor acht Uhr kamen in Snften die Frstin und ihre Schwester. Schoppe
wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen. Mit funkelndem
Auge und versperrtem Munde fhrt' er die schnen Schwestern in die Kulisse, auf
deren Bhne drauen sie schon den Jngling beten hrten. Aber Idoinens zarte
Glieder zitterten vor der ungebten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich
verleugnen sollte; sie weinte darber, und der fromme schne Mund war voll
stummer Seufzer; oft mute die Schwester sie umarmen, um ihr Mut zu machen.
    Die Glocke schlug - frchterlich-hei flehte der Wahnsinnige drinnen um
Frieden - die Zunge der Stunde gebot - Idoine schickte einen Blick als Gebet zu
Gott. - Schoppe ffnete langsam die Tre. -
    Drinnen kniete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schner, in der
magischen Dunkelheit blhender Gttersohn im eisernen Zauberkreise des finstern
Wahnsinus und rief nur noch: O Frieden, Frieden! - Da trat die Jungfrau
begeistert wie von Gott gesandt hinein; weigekleidet wie die Verstorbne im
Traumtempel und auf der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber hher
gestaltet, weniger rosenfarb und mit einem schrfern, hellern Sternenlicht im
blauen ther des Auges und hnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben,
als komme sie als ein verjngter Frhling von den Sternen wieder, so trat sie
vor ihn - sein greifender Flammenblick erschreckte sie - leise und wankend
stammelte sie: Albano, habe Frieden! - Liane? sthnte seine ganze Brust, und
seine weinenden Augen bedeckte er darniedersinkend. Frieden! rief sie strker
und mutiger, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte; und sie entwich, wie
ein berirdischer Geist die Menschen wieder verlsset.
    Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart.
Schoppe fand ihn noch kniend, aber entzckt dahinblickend, hnlich einem im
Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an
einem stillen rosenroten Abend die Augen aufschlgt vor dem brennenden Untergang
der Sonne - und die schlagende Wellen-Bahn wallet als ein Rosen- und Flammenbeet
in die Sonne, und das sprhende Gewlk zerspringt in stumme Feuerkugeln - und
die fernen Schiffe schweben hoch im Abendrot und schwimmen fern ber den Wogen.
- So war es dem Jngling.
    Ich habe nun meinen Frieden, guter Schoppe, (sagt' er sanft) und nun will
ich in Ruhe schlafen. Verklrt, aber bla stand er auf, legte sich auf das
Bette, und in wenig Minuten sank das matte, so lange im heien Fieber-Sande
watende Gemt auf die frische, grne Rasenbank des Schlummers nieder.

                         Fnfundzwanzigste Jobelperiode


                             Der Traum - die Reise


                                   99. Zykel

Spt fuhr der Vlies-Ritter an. Schoppe zeigte ihm erfreuet das schlafende
Gesicht, dessen Rosenknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrechen schienen.
Der Ritter zeigte sich sehr erheitert darber und noch mehr der spt
nachschauende Doktor Sphex. Dieser fand den Puls nicht nur voll, auch langsam
und auf dem Wege zu noch mehr Ruhe; er fhrte zugleich Chaudeson und mehrere
offizielle Beispiele an, da groe Geistes-Leiden sich durch das Opium von
innen, die Schlafsucht, sehr glcklich gehoben htten.
    Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Idoinens ganzer Kurmethode bekannt.
Stolz versetzte Gaspard: Sie wuten aber meine Meinung noch, Herr
Bibliothekar? - Gewi, aber auch meine, sagte erbittert der betroffne
Schoppe. Der Ritter lie sich indes in nichts weiter ein - ganz nach seiner
Weise, ber sein Ich, knnt' es auch noch so viel dabei gewinnen, nie nur das
kleinste Licht zu geben -, sondern erteilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen
zum Zurckzug.
    Den Morgen darauf fand Schoppe seinen Geliebten noch in der Seelen-Wiege des
Schlafes. Wie er sprote und blhte! - Wie der Atem der entketteten Brust sich
nun gleich einem freien Menschen nur langsam, aber stark bewegte! - Indes hielt
Gaspards gepackter Wagen, der den Jngling nach Italien rollen sollte, schon am
Morgen mit schnaubenden, scharrenden Pferden vor der Tr, und der Ritter
erwartete jede Minute das Aufwachen und - Einsitzen.
    Der Arzt kam auch - pries Krisis und Puls - fgte bei, der Weinsteinrahm
(den er mit verschrieben) sei der Lebens-Rahm - und sagte dem Vater geradezu ins
Gesicht, als dieser den Jngling wecken wollte zur Abfahrt, er habe in seiner
Praxis noch niemand gekannt, der so wenig von kritischen Punkten gewut wie er;
jeder Wecker sei hier ein Mrder, und er verbiete es recht ausdrcklich als
Arzt.
    Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger; er dankte -
wenn er des Ritters absplendes Ein- und Anstrmen an dieses fruchttragende
Eiland bedachte - jetzt Gott, da Albano nicht nur die Hitze, sondern auch die
Hrte eines Felsen hatte.
    Der Ehre- und Kunst-liebende Sphex bewachte wie eine drohende
skulaps-Schlange das Kopfkissen und wurde heiterer Schoppe verblieb da,
gefasset gegen jede Hrte. - Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem
Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause; denn die Pflegemutter Albine und
andere durften den Schlafenden nicht einmal sehen - weil ihm Trnen ein
verdrlicher kalter Staubregen waren. - Die Frstin und ihr Gefolge fuhr schon
mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem glnzenden Italien.
    Der Abend wurde nun unwiderruflich zur Abfahrt angesetzt, zumal da in der
Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgemach gefhret werden sollte, das
die Menschen nicht wieder ffnen.
    Den blhenden Endymion berdeckte schon Lcheln und Freuden-Glanz als ein
vorlaufender Morgenstern seines wachen Tags. Seine Seele ging lchelnd in der
funkelnden Hhle der unterirdischen Schtze umher, die der Geist des Traums
aufsperrt; indes das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen, von Schlaf
ummauerten Geister-Eldorado stand. Endlich ffnete ein unbekanntes Wonne-berma
Albanos Auge - der Jngling erstand sogleich mit Kraft - warf sich mit der
Entzckung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust - und schien im ersten,
trumerischen Rausche sich des vorbeigezognen Gewitters hinter seinem Rcken
nicht zu erinnern, sondern nur des seligen Traums - und erzhlte trunken diesen:
    Ich fuhr in einem weien Kahn auf einem finstern Strom, der zwischen
glatten, hohen Marmorwnden scho. An meine einsame Welle gekettet, flog ich
bange im Felsen-Gewinde, in das zuweilen tief ein Donnerkeil einfuhr. Pltzlich
drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und
hinab. - Da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnen-Sichel
mit einem eklen, erdfahlen Licht bego. Weit von mir stand ein untereinander
gekrmmter Lethe-Flu und kroch um sich selber herum. - Auf einem
unbersehlichen Stoppelfelde schossen unzhlige Walkren169 auf Spinnenfden
pfeilschnell hin und her und sangen: Des Lebens Schlacht, die weben wir; dann
lieen sie einen fliegenden Sommer nach dem andern unsichtbar gen Himmel wallen.
    Oben zogen groe Weltkugeln; auf jeder wohnte ein einziger Mensch, er
streckte bittend die Arme nach einem andern aus, der auch auf einer stand und
hinberblickte; aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel,
und die Gebete waren umsonst. - Auch ich sehnte mich. Unendlich weit vor mir
ruhte ein ausgestrecktes Gebrge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Rcken
golden und blumig schimmerte. Qulend watete der Kahn in der flachen, trgen
Wste des abgeplatteten Stroms. - Da kam Sandland, und der Strom drckte sich
durch eine enge Rinne mit meinem zusammengequetschten Kahne durch. Und so neben
mir ackerte ein Pflug etwas Langes aus, aber als es aufstieg, verdeckt' es ein
Bahrtuch - - und das dunkle Tuch zerflo wieder in eine schwarze See.
    Das Gebrge stand viel nher, aber lnger und hher vor mir und durchschnitt
die hohen Sterne mit seinen Purpurblumen, ber welche ein grnes Lauffeuer hin-
und herflog. Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen ber das Gebrge
hinber und kamen nicht wieder; und das Herz sehnte sich hinauf und hinber. Ich
mu, ich will, rief ich rudernd. Mir schritt ein zorniger Riese nach, der die
Wellen mit einer scharfen Mondsichel abmhte; ber mir lief ein kleines festes
Gewitter, aus der zusammengepreten Dunstkugel der Erde gemacht, es hie die
Giftkugel des Himmels und schmetterte unaufhrlich nieder.
    Auf dem hohen Gebrge rief eine Blume mich freundlich hinauf; das Gebrge
watete der See dmmernd entgegen; aber es rhrte nun beinahe an die
herberfliegenden Welten, und seine groen Feuerblumen waren nur als rote
Knospen in den tiefen ther geset. Das Wasser kochte - der Riese und die
Giftkugel wurden grimmiger - zwei lange Wolken standen wie aufgezogne
Fallbrcken nieder, und auf ihnen rauschte der Regen in Wellensprngen herab -
das Wasser und mein Schiffchen stieg, aber nicht genug. Es geht hier (sagte der
Riese lachend) kein Wasserfall herauf!
    Da dacht' ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen. - -
Pltzlich schwamm hoch im Himmel eine weie Welt unter einem Schleier her, eine
einzige glnzende Trne sank vom Himmel in das Meer, und es brauste hoch auf -
alle Wellen flatterten mit Flofedern, meinem Schifflein wuchsen breite Flgel,
die weie Welt ging ber mich, und der lange Strom ri sich donnernd mit dem
Schiffe auf dem Haupte aus seinem trocknen Bette auf und stand auf der Quelle
und im Himmel und das blumige Gebrge neben ihm - und wehend glitt mein
Flgel-Schiff durch grnen Rosen-Schein und durch weiches Tnen eines langen
Blumen-Duftes in ein glnzendes, unabsehliches Morgenland.
    Welch ein entzcktes, leichtes, weites Eden! Eine helle, freudige
Morgensonne ohne Trnen der Nacht sah, von einem Rosenkranz umschwollen, mir
entgegen und stieg nicht hher. Hinauf und hinab glnzten die Auen hell von
Morgentau: Die Freudentrnen der Liebe liegen drunten, (sangen oben die
Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten) und wir werden sie auch vergieen.
Ich flog an das Ufer, wo der Honig blhte, am andern blhte der Wein; und wie
ich ging, folgte mir auf den Wellen hpfend mein geschmcktes Schiffchen mit
breiten, als Segel aufgeblhten Blumen nach - ich ging in hohe Bltenwlder, wo
der Mittag und die Nacht nebeneinander wohnten, und in grne Tler voll
Blumen-Dmmerungen und auf helle Hhen, wo blaue Tage wohnten, und flog wieder
herab ins blhende Schiff, und es flo tief in Wellen-Blitzen ber Edelsteine
weiter in den Frhling hinein, der Rosensonne zu. Alles zog nach Osten, die
Lfte und die Wellen und die Schmetterlinge und die Blumen, welche Flgel
hatten, und die Welten oben; und ihre Riesen sangen herab: Wir schauen hinunter,
wir ziehen hinunter, ins Land der Liebe, ins goldne Land.
    Da erblickt' ich in den Wellen mein Angesicht, und es war ein jungfruliches
voll hoher Entzckung und Liebe. Und der Bach flo mit mir bald durch
Weizen-Wlder - bald durch eine kleine duftige Nacht, wodurch man die Sonne
hinter leuchtenden Johanniswrmchen sah - bald durch eine Dmmerung, worin eine
goldne Nachtigall schlug - bald wlbte die Sonne die Freudentrnen als
Regenbogen auf, und ich schiffte durch, und hinter mir legten sie sich wieder
als Tau brennend nieder. Ich kam der Sonne nher, und sie stand schon im
hren-Kranz; es ist schon Mittag, sangen die Einsiedler ber mir.
    Trge, wie Bienen ber Honigfluren, schwammen im finstern Blau die Welten
gedrngt ber dem gttlichen Lande - vom Gebrge bog sich eine Milchstrae
herber, die sich in die Sonne senkte - helle Lnder rollten sich auf -
Lichtharfen, mit Strahlen bezogen, klangen im Feuer - Ein Dreiklang aus drei
Donnern erschtterte das Land, ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Tau
fllte dmmernd das weite Eden - Er vertropfte wie eine weinende Entzckung -
Hirtenlieder flogen durch die reine, blaue Luft, und noch einige Rosenwlkchen
aus dem Gewitter tanzten nach den Tnen. - Da blickte weich die nahe Morgensonne
aus einem blassen Lilienkranze, und die Einsiedler sangen oben: O Seligkeit, o
Seligkeit, der Abend blht. Es wurde still und dmmernd. An der Sonne hielten
die Welten umher still und umrangen sie mit ihren schnen Riesen, der
menschlichen Gestalt hnlich, aber hher und heiliger; wie auf der Erde die edle
Menschengestalt in der finstern Spiegel-Kette der Tiere hinabkriecht: so flog
sie droben hinauf an reinen, hellen, freien Gttern, von Gott gesandt - Die
Welten berhrten die Sonne und zerflossen auf ihr - auch die Sonne zerging, um
in das Land der Liebe herabzuflieen, und wurde ein wehender Glanz - Da
streckten die schnen Gtter und die schnen Gttinnen gegeneinander die Arme
aus und berhrten sich, vor Liebe bebend; aber wie wogende Saiten vergingen sie
Freude-zitternd dem Auge, und ihr Dasein wurde nur eine unsichtbare Melodie, und
es sangen sich die Tne: Ich bin bei dir und bin bei Gott - Und andere sangen:
Die Sonne war Gott!
    Da schimmerte das goldne Gefilde von unzhligen Freudentrnen, die unter der
unsichtbaren Umarmung niedergefallen waren; die Ewigkeit wurde still, und die
Lfte ruhten, und nur das fortwehende Rosenlicht der aufgelsten Sonne bewegte
sanft die nassen Blumen.
    Ich war allein, blickte umher, und das einsame Herz sehnte sich sterbend
nach einem Sterben. Da zog an der Milchstrae die weie Welt mit dem Schleier
langsam herauf - wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein wenig, dann lie
sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerrann am Boden hin; nur
der hohe Schleier blieb - Dann zog sich der Schleier in den ther zurck, und
eine erhabene, gttliche Jungfrau, gro wie die andern Gttinnen, stand auf der
Erde und im Himmel; aller Rosenglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr,
und sie brannte, in Abendrot gekleidet. Alle unsichtbaren Stimmen redeten sie an
und fragten: Wer ist der Vater der Menschen und ihre Mutter und ihr Bruder und
ihre Schwester und ihr Geliebter und ihre Geliebte und ihr Freund? Die Jungfrau
hob fest das blaue Auge auf und sagte: Gott ists! - Und darauf blickte sie mich
aus dem hohen Glanze zrtlich an und sagte: Du kennst mich nicht, Albano, denn
du lebst noch. - Unbekannte Jungfrau, (sagt' ich) ich schaue mit den Schmerzen
einer Liebe ohne Ma in dein erhabenes Angesicht, ich habe dich gewi gekannt -
nenne deinen Namen. - Wenn ich ihn nenne, so erwachst du, sagte sie. Nenn ihn,
rief ich. - Sie antwortete, und ich erwachte.

                                   100. Zykel


Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren? - mit dieser Frage fhrte ihn der
Vater eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit
den eingewiegten Erinnerungen zu entfhren und um besonders der bleichen Braut
vorzufahren, die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des
Menschen ziehen sollte. Im Wagen sollst du alles hren, versetzte Gaspard auf
des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrunken vom glnzenden Lande
der Trume, gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen in hoher
Gttergestalt auf dem abendroten, von Freuden bertaueten Sonnenboden stehen,
und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden-Keller auf die
abgeworfne enge Puppenhlse der befreieten, fliegenden Psyche.
    Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wagen, aber verschwiegen, um nicht sein
Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken; er drckte dem geliebten
schnen Jngling feurig die wiederdrckende Hand und sagte nichts als: Wir
sehen uns wieder, Bruder! Darauf trat er, keines abschiednehmenden Blickes vom
herrischen Vater gewrdigt, bewegt von seinem warm nachgrenden Freunde zurck;
und fliegend rollte der Wagen mit zurckwehenden Fackeln in die helle, hohe
Sternennacht hinaus.
    Neu und ernst breitete sich vor dem Genesenen die dmmernde Schpfung aus.
Der Saturn ging eben auf, und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter
blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergrtel des Himmels. Mit zugebundnen
Augen wurde der unwissende Jngling von der Senne seiner Jugend herabgefhrt und
aus dem Hirtentale seiner ersten Liebe hinweg und den groen, ewigen
Sternbildern der Kunst entgegen und in das gttliche Land, wo der dunkle ther
des Himmels golden und die hohen Ruinen der Erde anmutig und die Nchte Tage
sind. Kein Auge schauete auf die Blumenbhler Hhe hinber, von der eben jetzt
ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrecht-brennenden Trauerfackeln wie ein
ziehendes Schattenreich herunterging, um das stille gute Herz, worin Albano und
Gott gelebt, mit seinen toten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu fhren.
Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstrae nach Italien hinan.
    Trnenlos und weit ruhte Albanos Auge am schimmernden, unaufhrlich gehenden
Schpfrad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschpfte und in Westen
ausgo; und seine kindliche Hand fate leise die vterliche.

                            Ende des dritten Bandes


                                  Vierter Band

                        Sechsundzwanzigste Jobelperiode

                    Die Reise - die Quelle - Rom - das Forum


                                   101. Zykel

Solange die Nacht dauerte, schimmerten Albanos Traumbilder mit den Sternbildern
fort, und erst vor dem hellen Morgen erloschen sie alle. Gaspard sagte ihm
lchelnd, er sei auf dem Wege nach Italien. Unerwartet gefasset empfing er die
Nachricht seiner Auswanderung; er fragte blo, wo sein Schoppe sei. Als er
hrte, er habe nicht mitgewollt: rckte ihm die Lindenstadt pltzlich ber die
Berge und Tler nach, und sein letzter Freund stand mitten auf dem Markte, ganz
allein, mit sich selber im Mokierspiele begriffen, um ein treues starkes Herz zu
stillen, das verschmerzen will und lieben. An diesem Freunde, den Albano nicht
aus seiner Seele lie, zog er sich wie an einer Jupiters-Kette die ganze Bhne
und Welt seiner Vergangenheit nach, und jeder traurige Ort kam dicht an ihn.
Ungesehen rollten die Stdte, die Lnder vor ihm vorbei. Die Wellen, die der
Schmerz um uns auftreibt, stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser
Schiff einsam mitten im Hafen voll Schiffe. Schaudernd kehrt' er sich von jeder
schnen Jungfrau weg; sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblate; ewig
aufgedeckt zog Lianens bleiches Angesicht wie eine Leiche in Italien170 - auf
dem unendlichen Weg zum Grabe, und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen
hinter ihr lebendig. So ist der Mensch und sein Schmerz; zum Widerspiele des
Schiffziehens, wo die Lebendigen den Toten mitschleppen, nimmt der Tote die
Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich.
    Durch die Zeit wurde allmhlich sein Schmerz entwickelt, nicht entkrftet.
Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er
glaubte nicht daran, da Luna allmhlich mit einem wachsenden Licht-Bogen
wiederkehre. Keine Freuden, nur Taten - diese entfernten Sterne der Nacht waren
jetzt sein Ziel. Er hielt es fr unrecht, die Trnen, die oft mitten im fremden
Gesprche aus ihm drangen, darum vor dem Vater zurckzuhalten, weil dieser
keinen Teil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner Gesprche
und Entschlsse noch den starken Jngling. Nur der Vorwurf, den er sich ber
seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden aufgelset, den
ihm Idoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur fr einen wachen
Fiebertraum von Lianen hielt.
    Sein Vater schwieg ganz ber Idoinens Auftritt so wie ber alle unangenehme
Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den
Albano da erbeuten werde, zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der
Frstin, des Kunstrates und des deutschen Herrn, die man bald einholen knne.
Der Sohn wandte sich endlich mit der khnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich
noch eine Schwester habe, und erzhlte die Geschichte mit dem Kahlkopf. Es
knnte wohl sein, (sagte Gaspard unangenehm spahaft) da du noch mehr Brder
und Schwestern httest, als ich wte. Aber was ich wei, ist, da deine
Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist.
Wofr hltst denn du die Nacht-Geschichte? - Beinah fr einen Traum,
versetzt' er. Zufllig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem
Erstaunen auf den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare
trat dicht unter seine Sinne, und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch
seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings, an
deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhrte. Es gibt aber nichts
Wunderbares, sagte der Ritter. Woher wissen wir alsdann, da es etwas
Natrliches gibt? sagte Albano. Das Wunder (versetzte Gaspard) oder die
Geisterwelt wohnt nur im Geiste. - Wir mssen uns (fuhr jener fort) auch bei
den gemeinsten optischen Kunststcken auf etwas anderes als auf die Auflsung
des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der
Auflsung das Zauberwerk mehr gefallen mte als vorher. Das sind die Stellen
und Pole der menschlichen Natur, worber die ewigen Polarwolken hngen. Unsere
Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche
Ruinen und Drfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch hnlich. Der Geist,
ewig unter Krper gebannt, will Geister. - Ungefhr so meint' ich auch, sagte
Gaspard.
    Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil ber den Kahlkopf und die
Schwester. Von etwas anderem! (sagte der Ritter ganz verdrlich) fr mich
ists ein sehr unangenehmes Gesprch. Nimm die Welt nach deiner Weise und sei
ruhig! - Lieber Vater, fragte Albano betroffen, klren Sie mich irgend
einmal bestimmt darber auf? - Sobald ich kann, sagte kurz der Ritter, mit so
scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, da dieser, ihnen wie Pfeilen
ausweichend, den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte: als er erst merkte, da
ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen
Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen.
    Gaspards Wort ber das Inwohnen der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und
der Gedanke an sein Erstarren gaben fr Albano der Stunde und der Stille
romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne
Menschen, und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen. Ein ferner
Knabe warf sich auf einem Hgel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um
ihren rollenden Wagen etwan recht zu hren. Im Dorfe, wo sie Mittag hielten,
lutete es unaufhrlich. Ihr Wirt war zugleich ein Mller; das Toben der Wellen
und Rder fllte das ganze Haus; und Kanarienvgel lrmten noch durch den Lrm
hindurch.
    Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige,
nahe aneinander vorberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in
Dmmerungen berhren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken ber die
Blten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft berall der Himmel auf die
gemeine Flche der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine. So
fand es jetzt Albano. Der Ring und das schwrmerische Wort seines kalten Vaters
hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Haustre fand er ein Mdchen, das
ein Warenlager von Zitronen vor sich trug. Pltzlich und unangenehm brach das
Gelute ab; er blickte zum Glockenturm, und ein weier Geier sa auf der Fahne.
Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem
und doch nicht bel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei
Wochen luten lasse und dem er blo wnsche, da solcher, wie er selber im
vorigen Jahre, nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter
nachluten mte. Er ermahnte den Mller, von den Zitronen zu kaufen, weils
gute wren, saftig, von dnner Rinde - und er und der Pfarrbube171 kennten sie
von dem Begrbnis des gndigen Fruleins her - und in 14 Tagen brauch' er doch
fr die gesamte Geistlichkeit welche, als Brautvater! - Wie sind hier die
Sitten? fragte Albano.
    Wenn nmlich jemand stirbt, (sagte der Kster sehr ehrerbietig und
freundlich) so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch
die Leiche. - Wird aber jemand getrauet, so bekommt die Geistlichkeit und so
auch die Braut dergleichen. Das ist aber bei uns so Sitte, mein gndigster
Herr!
    Albano ging in den nahen Garten am Haus, in welchen die aufgedeckten
Mhlenrder ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getse des
offnen Wassers wie verschlungen ward. Indem er in die schimmernden fliegenden
Wirbel sah: schwebten die Zitronen, welche die Leiche sowohl als die Braut
bekommt, vor dem bewegten Geist. Die Rhrung ist voll Gleichnisse; Liane sollte
einst, dacht' er, in das Zitronenland und in die niedrigen Wlder, wo der Schnee
der Blten und das Gold der Frchte zwischen Grn und Blau zusammenspielen,
ziehen und erquickt genesen; nun hlt sie die Zitrone in der erkalteten Hand,
und sie wurde nicht erquickt.
    Er blickte umher und glaubte in einer fremden Welt zu stehen; im Himmelsblau
rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken - lange Hgel-Reihen
funkelten bewegt mit roten Frchten und roten Blttern, aus den bunten Bumen
wurden glhende pfel geworfen, und der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel und
herunter auf die Erde und rauschte durch den langen aufgewhlten Strom hinab.
Wie wenn Geister um die Erde spielten oder auf ihr erscheinen wollten, so
seltsam schien die helle Gegend bewegt und beleuchtet. Da war Albano unbewut in
eine dunkle Baum-Wildnis gekommen; darin hpfte ungesehen, ungehrt eine reine
lichte Quelle aus der Erde auf die Erde - der Sturm drauen war still, nur die
Quelle hrte man. - Die Heilige ist mir nahe, (sagte sein Herz) ist die
Quelle nicht ihr Bild, nicht ihrer ewigen Trnen Ebenbild, dringt sie nicht aus
der Erde herauf, wo sie wohnt? Auf einmal sah er in seiner Hand - als hab' es
ihm eine fremde dareingelegt - die Zeichnung von Lindas Kopf, welche Liane mit
sterbenden Hnden gemacht und gegeben hatte; aber seine Phantasie drckte
gewaltsam dem Bilde die hnlichkeit mit der Zeichnerin auf, er sah Lianens
sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt.
    Er ging wieder hinaus in die glnzende Welt. Wie arm bin ich! (rief er)
Ich sehe Sie auf der goldnen Wolke, die von der Abendsonne nach dem Morgen
zieht, ich sehe Sie in der kalten Quelle im Tal und auf dem Mond und auf der
Blume - ich sehe Sie berall; und Sie ruht nur an einem Ort. O wie arm! - Und
er blickte zum Himmel, und eine einzige lange Wolke zog darin eilig weiter.

                                   102. Zykel


So flogen die Tage mit ihren Stdten und Landschaften vorber, und in Albanos
Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt. Eine Kraft nach der andern,
die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmhlich wieder auf und grnte
tropfend; aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes. Whrend
sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kenntnis erfllte: so
wohnte das bse Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor, wenn das Herz
allein war, und ergriff es.
    Er berhrte Wien, wo er sich gefallen lassen mute, einigen vornehmen
Freunden Gaspards vorgestellt zu werden, der ihm erst hier entdeckte, da er
nicht zu den Cavalleros del Tuzone gehre, sondern ein sterreichischer
Vliesritter sei. Mir ist es hier (sagte Albano) so sonderbar bekannt; woher
kommt das? Von irgendeiner hnlichen Stadt (sagte Gaspard)- wer viel reiset,
kommt aus hnlichen Stdten in hnliche. Tglich wurd' ihm der Vater lieber und
verstndlicher; und doch nicht vertrauter und nher; nach einem warmen Tage und
vertrauten Gesprche mit Gaspard stand man in der nchsten Zusammenkunft darauf
wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft; wie bei strengen Mdchen fing nach
jedem Wonnemondstag der geschmolzene Maifrost wieder von neuem einzufallen an.
Das Alter achtet die Liebe, aber - ungleich der Jugend - wenig die Zeichen der
Liebe. Indes behielt Albano den Stolz, da er sich dem Vater ganz und mit allen
Verschiedenheiten sehen lie, ohne den Sommer vor dem Winter zu verstecken.
    Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich auf den Posten, besonders von
Pestitz, wie Albano auen an den Post-Lettern ersah; denn es wurden ihm keine
gegeben. Er wnschte immer mehr, der Frstin nachzukommen, die nur noch eine
Tagereise vor ihnen voraushatte. Sie sahen schon die Riesen des Winters, die
Schweizer- und Tiroler Alpen, im Lager; die Gttershne standen, mit Lauwinen
und Katarakten und Wintern bewaffnet, Wache um das gttliche Land, wo Gtter und
Menschen einander wechselseitig nachahmten. Wie oft blickte Albano, wenn abends
die Sonne sich glhend mit den beschneieten Alpenhhen vermischte, schmerzlich
ergriffen nach diesen Thronen hin, die er einmal ganz anders, viel goldner, so
hoffend und so glaubend, von Isola bella angeschauet. - Die Hhen deiner
Vergangenheit, sagt' er sich, sind auch wei, und keine Alphrner tnen mehr
droben unter sonnenhellen Tagen, und du bist tief im Tal!
    Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspteten Weinlese vorber. Der
Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wibegierde eines Weinhndlers und mit
der Kenntnis eines Winzers. So botanisierte er berall auf der Erde nach jedem
Grschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich darber, da er bisher
geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und
Hesperiden-pfeln der Kunst, weil er alle andre Frchte und ihr Fleisch und
ihren Kern in seinem Stande weder zum Genieen noch zum Sen brauchen konnte.
    Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebrge. Die Hhen standen schon ins
feste weie Leichentuch des Winters gehllt, und durch die Tler ging nur der
kalte Sturm lebendig hin und her. Albanos Sehnen nach dem milden Lande der
Jugend wuchs zwischen den Strmen und Alpen immer hher; und Roms Bild breitete
sich kolossalisch aus, je lnger es sich ihm nherte. Gaspard lie die Reise auf
Flgeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen.
    In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebrge
hindurch, gleich ihrem Gefhrten, dem Adigo-Strom, der einen Riesen-Felsen
aufreiet und in die milde Ebene strzt und darin sanft weitertaumelt. Die Sonne
erschien und Italien.
    Es hatte geregnet, eine laue Luft flatterte von den Zypressenhgeln durch
das Tal und durch die Wein-Gehenke der Maulbeerbume her und hatte sich zwischen
Blten und den Frchten der Pomeranzen durchgedrngt - der Adigo schien wie eine
geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhusern und
Olivenwldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen. - Das Leben spielte im
ther- nur Sommervgel schweiften in dem leichten Blau - nur der Venuswagen der
Freude rollte ber die sanften Hgel.
    Albanos volle Seele ergo sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von
der milden Ebene zu der prchtigen Roma fhrte! - Wenn wir rckwrts reisen,
(sagte Gaspard) so erinnere dich an deinen Eintritt. - Sie hielten in einem
Dorfe mit groen steinernen Husern. Albano sah das warme auerhusliche Leben
um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der
Mnner - das groe Schaf mit Seidenwolle - das schwarze kleine muntre Schwein
und den schwarzen Truthahn als er pltzlich vom Balkon herab einen deutschen
Gru und seinen Namen hrte.
    Es war die Frstin, ihre Wagen standen seitwrts, Bouverot und Fraischdrfer
bei ihr. Wie dringt es balsamisch durchs Herz, im fremden Lande, und sei es das
schnste, den Bruder, die Schwester des rauhern wiederzufinden, gleichsam in der
zweiten Welt den verwandten Erdensohn! - Auch der Adigo, der vorher ihn im
wilden Gebrge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem
schnern in die Ebene nach. Die Frstin schien ihm, er wute nicht warum,
milder, jungfrulicher geworden in Gestalt und Blick, und er warf sich seinen
frhern Irrtum vor. Aber er beging einen sptern: ber ihre stark gezeichnete
Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schrfern empor, und die
schreienden Farben, worein sie sich gern kleidete, wurden von den italienischen
berschrien. Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal, wo nur
menschliche Verhltnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man
sich am wenigsten Fremdling - alles berhrte sich freundlich, wie fremde Hnde
sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano
die Frstin an! Denn er dachte: Sie wollte die Erblate mitnehmen in das
heilende Eden. - O die Heilige wrde ja an diesem Morgen glcklich sein und
weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit. - Dann tat es seines, aber nicht vor
Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und
auf Wasser gebauet. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schnen
Totenhaupte Lianens abgelegt: Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein! -
Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wrmsten und besten; ber unsern
Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brtend mit Taubenflgeln - nur
spter liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft eingeweiht als
in die mnnliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und fr
diese fand er, wie fr die mnnliche, weit mehr Opfer-Krfte in seiner warmen
Seele aufbewahrt als fr die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der
Liebe die Frau - und umgekehrt -; nmlich mehr den Gegenstand suchend als die
Empfindung fr ihn.
    Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln - in geschmckten singenden Schiffen -
mit gnstigen Seitenwinden - flog die muntere Fahrt durch Stdte und Auen.
    Nichts hngt ber einen langen Reise-Korso eine schnere Frucht- und
Blumenschnur hin - fr einen Wagen, der vorausgeht - als ein paar Wagen, die
nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches
Besprechen der Marschroute! Welche Freude ber die nach- und vorfahrenden
Avanturen, nmlich ber die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern!
    Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Klte; aber der Ritter war
freundlich. Albano, mehr unter Bchern als unter Menschen aufgewachsen, wunderte
sich oft, da ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht
vorberging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal
sein Vater: Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts
erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit
weniger. - Weil es mein Gesetz ist, (antwortete er) die ewige Unwahrheit der
Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen. Aus bloer Humanitt
sich Ungleichen gleichstellen, einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches
Gesicht machen, so sein gegen jemand, da man es ihm nicht auf der Stelle
heraussagen darf, das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten. -
Wer nichts lieben will als sein Ebenbild, (versetzte Gaspard) hat auer sich
nichts zu lieben. Von Bouverot (setzt' er lachend hinzu) ist doch ein braver
Wirt und Reise-Kompagnon. - Albano, der sogar Menschen widerstehen konnte, die
er verehrte, fragte nichts nach seinem Vater, sondern fand den deutschen Herrn
nur desto verchtlicher.
    Dieser, ganz zu Hader und Handel geboren, hatte sich nmlich tiefe
Fustapfen im Schnee des Ritters und der Frstin welche beide, wie alle lange
Reisende, ungemein geizig waren dadurch gebahnt, da er alle Wirte und Welsche,
das Patto berichtigend, bersah und berlistete, und da er sogar die Kunst
verstand, zur rechten Zeit tief-grob zu sein, indes er, vom Wirte sich
umkehrend, gegen die Frstin wieder ein Mann von Welt war wie Fontenelle oder
irgendein Franzose, der in solchen Fllen lnger rechnet und flucht als zehrt.
Der Vliesritter, der, wie er gestand, nie so wohlfeil gereiset, bedeckte ihn
daher mit dem Lorbeer, der hier berall wuchs, und sah so heiter aus wie
niemals. Nur dem Sohne war der kalte, zornige, grobe Mensch ein Vulkan, der
Schlamm und Wasser auswirft. Reitet einem gekrnten Haupte oder einem
klassischen Autor, der auch eines ist, eine Meile vor und berhaupt Leuten, die
Geld haben und nicht schonen, und erkargt ihnen nur tglich einige Goldstcke:
nie werdet ihr beide Hupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem
Fall!
    berall wollte Albano aussteigen und in groe Ruinen und in den Glanz der
entfallnen Kleinodien treten, welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von
den Triumphwagen verloren gegangen. Aber der Ritter riet ihm an, seine Augen und
Begeisterung zu sparen und aufzuheben fr Rom. Wie schlug sein Herz, als sie
endlich in der wsten Campagna, die voll Lava-Wrfe um den Horst der rmischen
Adler, dieser ber die Welt getriebnen Sturmvgel, lag, auf der Flaminischen
Strae rollten! - Aber er und Gaspard fhlten sich wunderbar beklommen - den
stehenden See einer schwlen Schwefelluft glaubt' man zu durchwaten, die sein
Vater den Schwefelhtten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf
den fernen Bergen - der Himmel war schwarzblau und still - einzelne hohe Wolken
flogen pfeilschnell durch die stille Wste - ein Mann in der Ferne setzte eine
ausgegrabene Urne wieder hin und betete, ngstlich gen Himmel blickend, seinen
Rosenkranz - Albano wandte sich nach den Gebrgen, denen die Abendsonne, wie
aufgelset in stechendem Glanz, zusank. - Auf einmal lie der Ritter den
Postillon halten, der heftig die Arme, da es unter dem Wagen noch fortrollte,
gen Himmel warf und rief: Heilige Mutter Gottes, ein Erdbeben! Aber Gaspard
berhrte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend: Ecco Roma! - Albano
blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz.
Die Sonne ging unter, die Erde bebte noch einmal, aber in seinem Geiste war
nichts als Rom.

                                   103. Zykel


Eine halbe Stunde nach dem Erdstoe wickelte sich der Himmel in Meere ein und
warf sie stck- und stromweise herunter. Die nackte Campagna und Heide verdeckte
der Regenmantel - Gaspard war still - der Himmel schwarz - der groe Gedanke
stand einsam in Albano, da er dem Blut- und Throngerst der Menschheit, dem
Herzen einer erkalteten Helden-Welt, der ewigen Roma zueile; und als er auf dem
Ponte molle hrte, da er jetzt ber die Tiber gehe: so war ihm, als sei die
Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurcklaufenden
Strome der Zeit; unter den Strmen des Himmels hrt' er die alten sieben
Bergstrme rauschen, die einst von Roms Hgeln kamen und mit sieben Armen die
Welt aus dem Boden aufhoben.
    Endlich rckte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nchte
auseinander, Stdte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab, und die
Glocken (fr ihn Sturmglocken) schlugen vier Uhr172, als der Wagen durch das
Triumphtor der Stadt, die Porta del Popolo, rollte: so ri der Mond seinen
schwarzen Himmel auf und go aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels
hernieder; da stand der gyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht,
und drei Straen liefen glnzend auseinander. So bist du (sagte sich Albano, als
sie im langen Corso nach der zehnten Region fuhren) wirklich im Lager des
Kriegsgottes; hier, wo er das Heft des ungeheuern Kriegsschwertes fate und mit
der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte. - Gu und Glanz durchflogen
die weiten, breiten Straen - zuweilen kam er pltzlich vor Grten vorbei und in
breite Stadtwsten und Marktpltze der Vergangenheit. - Das Rollen der Wagen
unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner, dessen Tage dieser Heldenstadt
sonst heilig waren, gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde -
eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Straen
- oft stand ein langer Palast mit Sulen-Reihen im Feuer des Mondes, oft eine
graue einsame Sule, oft eine einzelne hohe Fichte, oder eine Statue hinter
Zypressen. Einmal, da weder Regen noch Mondlicht war, ging der Wagen um die Ecke
eines groen Hauses, auf dessen Dache eine blhende lange Jungfrau, mit einem
aufblickenden Kinde an der Hand, eine kleine Handleuchte bald gegen eine weie
Statue, bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe
beleuchtete. Mitten in das erhobene Gemt drang die freundliche Gesellschaft und
brachte ihm manche Erinnerungen mit; besonders war ihm ein rmisches Kind eine
ganz neue und mchtige Idee.
    Sie stiegen endlich aus bei dem Frsten di Lauria, Gaspards Schwiegervater
und altem Freund. Nah' an seinem Palast lag der Campo vaccino (das alte Forum),
und auf die breiten Treppen und die drei Wunder-Gebude des Kapitols schien der
helle Mond; in der Ferne stand das Coliseo. Zgernd ging Albano in das
erleuchtete Haus, wovor der Wagen der Frstin stand, und wandte schwer das Auge
von diesen Hhen der Welt, wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke
lange rollte und ewig wuchs, bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdrckte
mit der Schlaglauwine.
    Die Frstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreuet die neue kommen. Der alte
Frst Lauria empfing hflich und zurckhaltend seinen Enkel. Seine unzhligen
Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander. Albano fragte
sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian, diesem auf den Rmer geimpften
Griechen; aber gerade an das Menschlichste hatte, wie immer die Groen, Gaspard
nicht gedacht. Man schickte in dessen nahe Wohnung; er war nicht zu Hause.
    Man speisete. Der Frst bewirtete sogleich mit seinem
Lieblings-Schaugericht, mit dem politischen Weltlauf, und gab das Neueste von
der franzsischen Revolution. Zeitungen waren ihm Ewigkeiten, Nouvellen Antiken;
er hielt alle Bltter Europas und daher zu jedem den deutschen, den russischen,
den englischen, den polnischen Bedienten, der es ihm bersetzte. Bei seiner
satirischen Klte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und
welsche Eifer strker, womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte, der
sie gelassen verachtete und, sich nach seiner Weise sogar in schlechten
Wortspielen auslassend, den alten Rmern das Forum und den neuern das Campo
vaccino, und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neuern ein Mrzfeld
eingab.
    Albano glaubte, so nah' am Forum geb' es keinen Scherz und jedes Wort msse
gro sein in dieser Stadt. Der kalte Lauria sprach warm fr Gallien, wie ein
Minister nur Vlker, nicht Individuen achtend, und seine Meinung gefiel dem
Jngling.
    Da lenkte die Frstin den Strom auf Roms hohe Kunst. Fraischdrfer zerlegte
den Kolo in Glieder und wog sie auf der engsten Waage. Bouverot stach den
Riesen in historisches Kupfer. Die Frstin sprach mit vieler Wrme, aber ohne
Bedeutung. Gaspard schmolz alle ein, gleichsam zu einem korinthischen Erz, und
umfate alle, ohne gefasset zu werden. Auf seiner kalt, aber stark aufdringenden
Lebensquelle lie er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben.
    Albano bewahrte, mit allen unzufrieden, seine Begeisterung, den
unterirdischen Gttern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd,
nmlich mit Schweigen. Wohl htt' er reden wollen und knnen, aber anders, in
Oden, mit dem ganzen Menschen, mit Strmen, die aufwrts stiegen und wchsen.
Immer sehnschtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und
nach einzelnen Sulen des Forums; drauen glnzte ihm die grte Welt. - Endlich
stand er zrnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dmmernde
Herrlichkeit und trat vor das Forum; aber die Mondnacht, die Dekorationsmalerin,
die mit unfrmlichen Strichen arbeitet, macht' ihm fast die Bhne unkenntlich.
    Welch' eine de, weite Ebene, hoch von Ruinen, Grten, Tempeln umgeben, mit
gestrzten Sulen-Huptern und mit aufrechten einsamen Sulen und mit Bumen und
einer stummen Wste bedeckt! Der aufgewhlte Schutt aus dem ausgegossenen
Aschenkrug der Zeit - und die Scherben einer groen Welt umhergeworfen! Er ging
vor drei Tempel-Sulen173, die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte,
vorbei und durch den breiten Triumph-Bogen des Septimius Severus hindurch;
rechts standen verbundne Sulen ohne ihren Tempel, links an einer
Christen-Kirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Sulenreihe eines
alten Heidentempels, am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der den
waldigen Mitte ein Springwasser, in ein Granitbecken sich gieend.
    Er ging dieser Quelle zu, um die Ebene zu berschauen, aus welcher sonst die
Donnermonate der Erde aufzogen; aber wie ber eine ausgebrannte Sonne ging er
darber, welche finstere tote Erden umhngen. O der Mensch, der Mensch-Traum!
riefs unaufhrlich um ihn. Er stand an der Granitschale, gegen das Coliseo
gekehrt, dessen Gebrgsrcken hoch in Mondlicht stand, mit den tiefen Klften,
die ihm die Sense der Zeit eingehauen scharf standen die zerrissenen Bogen von
Neros goldnem Hause wie mrderische Hauer darneben. - Der palatinische Berg
grnte voll Grten, und auf zerbrochnen Tempel-Dchern nagte der blhende
Totenkranz aus Efeu, und noch glhten lebendige Ranunkeln um eingesenkte
Kapitler. - Die Quelle murmelte geschwtzig und ewig, und die Sterne schaueten
fest herunter mit unvergnglichen Strahlen auf die stille Walstatt, worber der
Winter der Zeit gegangen, ohne einen Frhling nachzufhren die feurige Weltseele
war aufgeflogen, und der kalte zerstckte Riese lag umher, auseinandergerissen
waren die Riesen-Speichen des Schwungrads, das einmal der Strom der Zeiten
selber trieb. Und noch dazu go der Mond sein Licht wie tzendes Silberwasser
auf die nackten Sulen und wollte das Coliseo und die Tempel und alles auflsen
in ihre eignen Schatten!
    Da streckte Albano die Arme in die Lfte, als knnt' er damit umfassen und
zerflieen wie mit Armen eines Stroms, und rief aus: O ihr groen Schatten, die
ihr einst hier strittet und lebtet, ihr blickt herab vom Himmel, aber
verachtend, nicht trauernd, denn euer groes Vaterland ist euch nachgestorben!
Ach, htt' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit, die ihr gro gemacht,
nur eine Tat eurer wert getan! Dann wr' es mir s und erlaubt, mein Herz zu
ffnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten
Boden und aus der Grber-Welt wegzueilen zu euch Ewigen und Unvergnglichen!
Aber ich bin es nicht wert!
    Hier kam pltzlich auf der via sacra ein langer, tief in den Mantel
gewickelter Mann daher an die Fontne, warf, ohne umzublicken, den Hut hin und
hielt den pechschwarzen, lockigen, fast steilrechten Hinterkopf unter den
Wasserstrahl. Aber kaum erblickte er, sich aufwrts kehrend, das Profil des in
seine Bilder versunknen Albano: so fuhr er tropfend auf- starrte den Grafen an
staunte - warf die Arme hoch in die Luft - sagte: Amico? - Albano sah ihn an.
- Der Fremde sagte: Albano! - Mein Dian! rief Albano; sie nahmen sich heftig
und weinten vor Liebe.
    Dian begriff es gar nicht; er sagte italienisch: Ihr seid es aber ja nicht,
Ihr sehet alt aus. - Er glaubte so lange deutsch zu sprechen, bis er hrte, da
Albano italienisch antwortete. Beide taten und bekamen nur Fragen. Albano fand
den Baumeister blo bruner, aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten
Glanz. Mit drei Worten erzhlt' er ihm die Reise und die Begleitung. Wie
bekommt Euch Rom? fragte Dian heiter. Wie das Leben, (versetzte sehr
ernsthaft Albano) es macht zu weich und zu hart. - Ich erkenne hier gar nichts
wieder, (fuhr er fort) gehren jene Sulen dem herrlichen Friedenstempel? -
Nein, (sagte Dian) dem Konkordientempel, von jenem steht dort nichts als das
Gewlbe. - Wo ist Saturnus' Tempel? fragte Albano. In der St. Adrians-Kirche
begraben, sagte Dian und setzte eilend hinzu: Nebenan stehen die zehn Sulen
von Antonins Tempel - drben Titus' Thermen - hinter uns der palatinische Berg
und so weiter. Nun erzhlt mir!
    Sie gingen das Forum auf und ab, zwischen den Bogen des Titus und Severus.
Albano war - zumal neben dem Lehrer, der ihn in der Kinderzeit so oft hieher
gefhrt - noch voll vom Strome, der ber die Welt gezogen war, und das alles
bedeckende Wasser sank nur langsam. Er fuhr fort und sagte: heute, als er den
Obeliskus erblickt, sei ihm der leise, zarte Schein des Mondes ordentlich
unpassend fr die Riesenstadt erschienen; eine Sonne htt' er lieber auf ihrer
weiten Fahne blitzen sehen; aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel
neben dem Alexander, der zusammenfllt, nur angerhrt. - Mit dergleichen
Gefhlen kommt der Knstler nicht weit, (sagte Dian) auf ewige Schnheiten
schau' er, rechts und links. - Wo ist (fragte Albano fort) der alte
Curtius-See - die Rednerbhne - die pila horatia - der Tempel der Vesta - der
Venus und aller jener einsamen Sulen? - Und wo ist das marmorne Forum
selber? (sagte Dian) Dreiig Spannen tief liegts unter dem Fu. - Wo ist das
groe freie Volk, der Senat aus Knigen, die Stimme der Redner, der Zug auf das
Kapitolium? Begraben unter den Scherbenberg. O Dian, wie kann ein Mensch, der in
Rom einen Vater, eine Geliebte verliert, eine einzige Trne vergieen und
bestrzt um sich sehen, wenn er hierhertritt, vor dieses Schlachtfeld der Zeit,
und hineinschauet ins Gebeinhaus der Vlker? - Dian, hier wnschte man ein
eisernes Herz, denn das Schicksal hat eine eiserne Hand!
    Dian, der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen, gleichsam ins
Meer der Ewigkeit hineinhngenden Klippen aufhielt, sprang immer mit einem
Scherze davon; wie die Griechen mischte er Tnze ins Trauerspiel: Manches
konserviert sich, Freund! (sagt' er) dort in der Adrians-Kirche werden Euch
noch von drei Mnnern die Knochen gewiesen, die im Feuer gewesen. - Das ist
eben (versetzte Albano) das frchterliche Spiel des Schicksals, da es mit den
zu Sklaven geschornen Mnchen die Hhen der alten Groen besetzt.
    Neue Rder treibt der Strom der Zeit, (sagte Dian) dort liegt Raffael
zweimal begraben.174 Was macht Chariton und die Kinder? - Sie blhen fort,
sagte Albano, aber in traurigem Ton. Himmel! (rief Dian mit allem
Vater-Schrecken) es ist doch so? - Wahrhaftig, Dian! sagte Albano sanft.
Kommt noch (sagte Dian) Liane oft zu Chariton? Und was macht denn die Holde?
- Leise versetzte Albano: Sie ist tot. - Was, tot? - Unmglich! Froulays
Tochter, Albano? Die Gold-Rose? O sprecht! rief er. Albano nickte bejahend. -
Nun du gutes Mdchen, (klagt' er mit Trnen in den schwarzen Augen) so
freundlich, so liebreizend, so feine Zeichnerin! Wie gings aber zu? Habt Ihr
denn das holde Kind gar nicht gekannt? - Einen Frhling lang (sagte schnell
Albano) - Mein guter Dian, ich will jetzt zum Vater zurck und antworte nicht
mehr. - O meinetwegen! - Ich mu aber mehr erfahren, beschlo Dian. Und so
stiegen sie schweigend und eilend ber Schutt und Sulentorsos, und keiner gab
auf die groe Rhrung des andern acht.

                        Siebenundzwanzigste Jobelperiode


Peterskirche - Rotonda - Coliseo - Brief an Schoppe - der Krieg - Gaspard - der
     Korse - Verwicklung mit der Frstin - die Krankheit - Gaspards Bruder-
                           Peterskuppel und Abschied


                                   104. Zykel

Rom ist wie die Schpfung ein ganzes Wunder, das sich allmhlich in neue Wunder
zergliedert, in das Coliseo, in das Pantheon, die Peterskirche, in Raffael
u.s.w.
    Mit dem Durchgang durch die Peterskirche fing der Ritter den schnen Lauf
durch die Unsterblichkeit an. Die Frstin lie sich von der Kunst mit dem
Mnner-Kreise verbinden. Da Albano mehr von Gebuden als von jedem andern
Kunstwerk ergriffen wurde: so sah er mit heiligem Herzen von weiten das lange
Kunst-Gebrg, das wieder Hgel trug - so trat er vor die Ebene, um welche zwei
ungeheuere Kolonnaden wie Korsos laufen, ein Volk von Statuen tragend; in der
Mitte steigt der Obeliskus und zu seiner Rechten und Linken ein ewiges Wasser
auf, und von den hohen Stufen schauet die stolze Kirche der Welt, innen mit
Kirchen besetzt, auf sich einen Tempel gen Himmel reichend, auf die Erde
herunter. - Aber wie waren in der Nhe ihre Sulen und ihre Felsenwand ungeheuer
aufgestiegen und flohen den Blick!
    Er trat in die Zauberkirche, die der Welt Segen, Fluch, Knige und Ppste
gab, - mit dem Bewutsein, da sie wie das Weltgebude sich immer mehr erweitere
und entferne, je lnger man in ihr ist. Auf zwei Kinder von weiem Marmor, die
eine Weih-Muschel von gelbem hielten, gingen sie hin; die Kinder wuchsen durch
das Nahen, bis sie Riesen waren. Endlich standen sie am Hauptaltar und dessen
hundert ewigen Lampen - welch eine Stelle! - ber sich das Himmelsgewlbe der
Kuppel, auf vier innern Trmen ruhend, um sich eine berwlbte Stadt von vier
Straen, worin Kirchen standen. - Am gresten wurde der Tempel durch Gehen; und
wenn sie um eine Sule traten, so lag ein neuer vor ihnen, und heilige Riesen
schaueten ernst herab. Hier wurde dem Jngling nach langer Zeit das groe Herz
gefllt: In keiner Kunst (sagt' er zu seinem Vater) wird die Seele so
gewaltig vom Erhabnen angefasset als in der Baukunst; in jeder andern steht der
Riese in ihr und in den Tiefen der Seele, aber hier steht er auer und dicht vor
ihr. - Dian, dem alle Bilder deutlicher waren als abstrakte Ideen, sagte: Er
hat vollkommen recht. - Fraischdrfer versetzte: das Erhabene stecke auch hier
nur im Kopfe, denn die ganze Kirche stehe doch in etwas Grerem, nmlich in Rom
und unter dem Himmel, wobei wir ja nichts empfnden. Auch klagt' er, da dem
Erhabnen der Platz in seinem Kopfe sehr verengt werde durch die unzhligen
Schnrkel und Monumente, die der Tempel zugleich mit sich in ihn hineintreibe
Gaspard sagte, alles mit einem groen Sinne nehmend: Steht nur einmal das
Erhabne wirklich da, so verschlingt und vertilgt es eben seiner Natur nach alle
kleinen Zierden um sich her. Er fhrte zum Beweise den Mnsterturm und die
Natur selber an, die durch ihre Grser und Drfer nicht kleiner werde.
    Die Frstin geno unter so vielen Kunstverstndigen schweigend.
    Das Ersteigen der Kuppel riet Gaspard einem regen- und wolkenlosen Tage
aufzuheben, um die Welt-Knigin Roma auf und von dem rechten Throne zu schauen;
er schlug dafr sehr eifrig den Besuch des Pantheons vor, weil er es gern
schnell hinter den Eindrcken der Peterskirche wollte folgen lassen. Sie gingen
dahin. Wie einfach und gro tut sich die Halle auf! Acht gelbe Sulen tragen
ihre Stirn, und majesttisch wie das Haupt des Homerischen Jupiters wlbt sich
sein Tempel! Es ist die Rotonda oder das Pantheon. - O der Niedrigen, (rief
Albano) die uns neue Tempel geben wollen! Hebt die alten aus dem Schutte hher,
so habt ihr genug gebauet.175 - Sie traten hinein; da wlbte sich ein heiliges,
einfaches, freies Weltgebude mit seinen hinaufstrebenden Himmelsbogen um sie,
ein Odeum der Sphrentne, eine Welt in der Welt! - Und oben176 leuchtete die
Augenhhle des Lichts und des Himmels herab, und das ferne Flug-Gewlk schien
die hohe Wlbung zu berhren, ber die es wegscho! Und um sie her standen
nichts als die Tempel-Trger, die Sulen! Der Tempel aller Gtter vertrug und
verbarg die kleinlichen Altre der sptern.
    Gaspard befragte Albano ber sein Gefhl. Dieser zog die grere
Peterskirche vor. Der Ritter billigte es und sagte, da berall der Jngling
gleich den Vlkern das Erhabene besser empfinde und leichter finde als das
Schne, und da der Geist des Jnglings vom Starken zum Schnen reife, wie der
Krper desselben vom Schnen zum Starken; indes zieh' er selber das Pantheon
vor. - Wie knnten auch Neuere (sagte der Kunstrat Fraischdrfer) etwas
bauen, auer einige Berninische Trmlein? - Dafr (sagte der verletzte
Land-Baumeister Dian, der den Kunstrat verachtete, weil dieser niemals eine gute
Figur machte als in der sthetischen Richterstube als Richter, nie in dem
Ausstellungssaal als Maler) sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik
strker, wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind. Bouverot
merkte an: Die korinthischen Sulen knnten hher sein. Der Kunstrat sagte:
er wisse doch nichts dieser schnen Halbkugel hnlicheres als eine viel
kleinere, die er im Herkulanum in Asche ausgedrckt gefunden - vom Busen einer
schnen Flchtlingin. Der Ritter lachte, und Albano trat unwillig zur Frstin.
    Sie fragte er um ihre Stimme ber beide Tempel. Hier Sophokles, dort
Shakespeare; aber den Sophokles fass' ich leichter, versetzte sie und blickt'
ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht. Denn die berirdische Erleuchtung
durch das Zenith des Himmels - nicht durch einen dunstigen Horizont - verklrte
ihr das schne bewegte Gesicht des Jnglings; und sie setzte voraus, der
Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt. Da er ihr antwortete: Sehr
gut! Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles, aber in Sophokles nicht
Shakespeare - und auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda! so ging pltzlich
das hohe Gewlk, wie durch den Schlag einer Hand aus dem ther, entzwei, und die
entrckte Sonne schauete, wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden
Venus, die sonst auch hier stand, aus hoher Tiefe mild herein - da fllte ein
heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens, und Albano sah
betroffen und entzckt umher und sagte mit leiser Stimme: Wie ist jetzt alles
so verklrt an dieser heiligen Stelle! Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde
aus seinem Grabe, und alles, was sein Widerschein berhrt, erglnzt gttlich!
Die Frstin sah ihn zrtlich an, und er legte leicht seine Hand auf ihre und
sagte wie berwltigt: Sophokles!
    Am nchsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard Fackeln, damit das
Coliseo mit seinem Riesen-Kreis zuerst im Feuer vor ihnen stnde. Dem Ritter,
der nur allein mit dem Sohne dster im dstern Werke, wie zwei Geister der alten
Zeit, umhergehen wollte, drang sich noch die Frstin auf, aus zu lebhaftem
Wunsch, mit dem edlen Jngling groe Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu
teilen. Die Weiber begreifen nicht genug, da die Idee, wenn sie den mnnlichen
Geist erfllt und erhebt, ihn dann vor der Liebe verschliee und die Personen
verdrnge, indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden.
    Sie gingen ber das Forum auf der via sacra zum Coliseo, dessen hohe
zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete. Sie standen vor
den grauen Felsenwnden, die sich auf vier Sulenreihen bereinander
hinaufbaueten, und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden, hoch
oben das grne Gestruch vergldend; und tief in die Erde hatte sich das schne
Ungeheuer schon mit seinen Fen eingegraben. Sie traten hinein und stiegen am
Gebrge voll Felsenstcke von einem Sitze der Zuschauer zum andern; Gaspard
wagte sich nicht zum sechsten oder hchsten, wo sonst die Mnner standen, aber
Albano und die Frstin. Da schauete dieser ber die Klippen auf den runden
grnenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter, der einst auf einmal
neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut lschte - der
Flammenschein fuhr in das Geklft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und
unter die groen Schatten des Mondes, die wie Abgeschiedne sich in den Hhlen
aufhielten - in Sden, wo die Strme der Jahrhunderte und der Barbaren
hereingedrungen waren, standen einzelne Sulen und geschleifte Arkaden - Tempel
und drei Palste hatte der Riese mit seinen Gliedern genhrt und gefttert, und
noch schauete er lebendig mit seinen Wunden in die Welt.
    Welch ein Volk! (sagte Albano) Hier ringelte sich die Riesenschlange
fnfmal um das Christentum - Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der
grnen Arena, wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand - Der Stern des
Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster, und der Drache und die Bren
bcken sich. Welch eine Welt ist vorber! - Die Frstin antwortete, da
zwlftausend Gefangne dieses Theater baueten und da noch weit mehrere darauf
bluteten. - O die Bau-Gefangnen haben wir auch, (sagt' er) aber fr
Festungen; und das Blut flieet auch noch, aber mit dem Schwei! Nein, wir haben
keine Gegenwart, die Vergangenheit mu ohne sie die Zukunft gebren.
    Die Frstin ging weg, um einen Lorbeerzweig und blhenden Gldenlack zu
brechen. Albano versank ins Sinnen - der Herbstwind der Vergangenheit ging ber
die Stoppeln - auf dieser heiligen Hhe sah er die Sternbilder, Roms grne
Berge, die schimmernde Stadt, die Cestius-Pyramide, aber alles wurde zur
Vergangenheit, und auf den zwlf Hgeln wohnten, wie auf Grbern, die alten
hohen Geister und sahen streng in die Zeit, als wren sie noch ihre Knige und
Richter.
    Zum Andenken der Stelle und der Zeit! sagte die kommende Frstin, ihm den
Lorbeer und die Blumen gebend. - Du Gewaltige, ein Coliseo ist dein Blumentopf,
dir ist ja nichts zu gro und nichts zu klein! sagte er und brachte die Frstin
in einige Verwirrung, bis sie merkte, da er die Natur meine. Sein ganzes Wesen
schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entrckt - er sah nach dem Vater
hinab und suchte ihn auf - er blickte ihn scharf an und drckte heftig seine
Hand und sprach diesen Abend ber nichts mehr.

                                   105. Zykel


Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verndert. Nachdem er so mehrere
Wochen zwischen Romas Ruinen und Schpfungen gelagert war - nachdem er aus
Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken, dessen erste Zge nur khlen, wenn
die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern fhren - nachdem er den
Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte, bald als therspiegel gesehen -
nachdem er sich vor den letzten grten Nachkommen Griechenlands gebeugt und
geheiligt hatte, vor dessen Gttern, die mit ruhigem heitern Antlitz in die
unharmonische Welt hereinblicken, und vor dem vatikanischen Sonnengott, welcher
zrnt ber die Prosa der Zeit, ber diese niedrige Pythonische Schlange, die
sich immer wieder verjngt-nachdem er lange so vor dem Vollmond der
Vergangenheit im Glanze gestanden: so berzog sich auf einmal seine ganze innere
Welt und wurde ein einziges Gewlk. Er suchte Einsamkeit - er hrte auf zu
zeichnen und Musik zu treiben - er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit -
nachts, wo der tgliche Regen aufhrte, besucht' er allein die groen Trmmer
der Erde, das Forum, das Coliseo, das Kapitolium - er wurde heftiger,
ungeselliger, schrfer - ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen
Stirn, und durch das Auge brannte ein dsterer Geist.
    Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des
Jnglings nach. Ein bloer Nachschmerz ber Liane schien sein Zustand nicht zu
sein. Im nordischen Winter wre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt;
aber hier, im Tempel der Welt, wo Gtter begraben liegen, strkte sich ein edles
Herz und schlug fr ltere Grber. Die Frstin, die unter dem Deckmantel des
Vaters dem Sohne nachjagte, suchte er weniger als den alten kalten Lauria und
den feurigen Dian.
    In derselben Zeit sehnt' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe; an dieser
Brust, dacht' er, htte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost
gefunden. Es war ihm, als hab' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm
zusammengelebt und sich fester verbrdert. So wohnen und schmelzen die Geister
im unsichtbaren Lande zusammen; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder
begegnen, finden die Herzen sich bekannter wieder. Leider hrt' er, so viel auch
sein Vater Briefe aus Pestitz bekam, keinen Laut von dem Freunde ber die Berge
herber, den er in den dunkeln Verhltnissen einer wunderbaren verwirrenden
Leidenschaft zurckgelassen. Er rechnete Schoppen, dessen Ha und Zank gegen
alles Briefschreiben er kannte, das Schweigen nicht an; aber sein eignes Herz
konnt' es nicht verlngern, und er schrieb so an ihn:

    Wir wurden schlafend voneinander gerissen, Schoppe! Jene Zeit hat sich
bedeckt und bleibt es. Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken. Von dir wei
ich nichts; wenn mir Rabette nicht schreibt, mu ich die brennende Ungeduld bis
zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden. Was ist von mir zu
schreiben? Ich bin verndert bis ins Innerste hinab und von einer
hineingreifenden Riesenhand. Wenn die Sonne ber den Scheitelpunkt der Lnder
zieht, so hllen sie sich alle in ein tiefes Gewlk; so bin ich jetzt unter der
hchsten Sonne und bin eingehllt. Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur
genieen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen knne, anstatt sich
schamrot aufzumachen und nach Krften und Taten zu ringen, das begreif' ich
nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Mue schwelgen; aber im
wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen
unaufhrlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen
Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drngt
und hebt, o wer kann sich unwrdig und zusehend hinlegen vor die herrliche
Bewegung der Welt? - Die Geister der Heiligen, der Helden, der Knstler gehen
dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? - Ganz anders gehst
du aus dem Vatikan des Raffaels und ber das Kapitolium herunter, als du aus
irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst.
Dort siehst du auf allen Hgeln alte ewige Herrlichkeit, jede Rmerin ist mit
Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt, der Transteveriner ist der Sparter,
und du findest so wenig einen Rmer als einen Juden stumpf; indes du in Pestitz
fast unduldsam werden mut schon gegen den Kontrast der bloen Gestalt. Sogar
der ruhige Dian behauptet, die hlichen Masken der Alten shen wie die
deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergtter wie edlere
Hof-Gesichter aus; ihre Kopierbilder Alexanders, der Philosophen, der rmischen
Tyrannen wren, so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen
Statuen der Gtter abschnitten, den jetzigen Idealen der Maler gleich.
    Tut es da genug, mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Hnden um die
Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Fen zu verschmachten?
Freund, wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Knstler und Dichter
glcklich, die ihre Sehnsucht doch stillen drfen durch frohe leichte
Schpfungen, und welche durch schne Spiele die groen Toten feiern, Archimimen
der Heldenzeit. - Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das
Glockenspiel am Blitzableiter; es gibt etwas Hheres, Tun ist Leben, darin regt
sich der ganze Mensch und blht mit allen Zweigen. - Es ist nicht von den bangen
engen Kleintaten auf der Ruder- und auf der Ruhebank der Zeit die Rede. Noch
stehet an der Krnungsstadt des Geistes ein Tor offen, das Opfertor, das
Janustor. Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld,
wo alle Krfte, alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens, in eine Stunde
gedrngt, in gttlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend Schwester-Krften
und Opfern? Wo sind denn allen Krften, von dem schnellsten Scharfblick an bis
zu allen krperlichen Fertigkeiten und Abhrtungen, von der hchsten Gromut und
Ehre an bis auf die weichste Trne herab, von jeder Verachtung des Krpers an
bis zur tdlichen Wunde hinauf, so alle Schranken aufgetan fr einen
wetteifernden Bund? Wiewohl eben darum der Spielraum aller Gtter auch dem
Larventanz aller Furien freisteht. Nimm nur den Krieg hher, wo die Geister,
ohne Verhltnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des
Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, da es unter ihren Krpern die Leichen
auslese und das Los des Sieges aus den Grbern ziehe. - Zwei Vlker gehen auf
die Schlacht-Ebene, die tragische Bhne eines hhern Geistes, um ohne
persnlichen Ha die Todesrollen gegeneinander zu spielen - still und schwarz
liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld - die Vlker ziehen hinein in die
Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und dster und allein brennt die
Todesfackel ber ihr - es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen
aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und
ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Krnzen. - Und wenn es vorber
ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben
nicht geachtet hatten. - Wenn aber der groe Tag noch grer werden, wenn dem
Geiste das Kstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott
einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer - und
die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme - o selig, wer dann lebt oder
stirbt fr den Kriegs-Gott und fr die Friedens-Gttin zugleich. -
    Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen. Nimm aber hier mein leises
festes Wort und leg es in deine Brust zurck, da ich mir, sobald Galliens
wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt, meine Rolle durchaus nehme in ihm, fr
ihn. Abhalten kann mich nichts, auch nicht mein Vater. Dieser Entschlu gehrt
zu meiner Ruhe und Existenz. Aus Ehrgeiz ergreif' ich ihn nicht; obwohl aus
Ehrliebe gegen mich selber. Schon in meinen frhern Jahren konnt' ich nie das
platte Lob einer ewigen huslichen Glckseligkeit genieen, was gewi eher
Weibern als Mnnern geziemt. Freilich deine Strke oder Gemtsweise, alles Groe
ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen, hat
wohl niemand. Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstrae und
sagst kalt: Gewlk! Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefhl, in diese
kalte Gruft hinunter? Zwar will das Gift dieses Gefhls einen berall und gerade
in Rom, diesem Kirchhof so ferner Vlker, so entgegengesetzter Jahrhunderte,
ser als irgendwo verzehren; aber wtest du vom Vergnglichen ohne den
Nebenstand des Unvergnglichen, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse
verstieben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten - wiewohl du die
erste, die berirdische, nicht glaubst -: die unterirdische (denn das All kann
verstuben, aber nicht sein Staub) und die ewigwirkende darin, die, da jede Tat
viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund
mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut, in ihrer
Flug-Minute das Bltenstubchen weiterzutragen und auszusen, das im nchsten
Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht.
    Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich es
noch darber bin, ob ich seine bisherigen uerungen gegen die Neufranken fr
scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur fr die scherzhafte Klte, womit er sonst
gerade seine Gottheiten - Homer, Raffael, Csar, Shakespeare - aus Ekel gegen
den nachsprecherischen Gtzendienst, den der Pbel der wahren Hoheit wie der
falschen erweiset, im Munde fhret. - Gre meinen braven mannhaften Wehrfritz
und erinner' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen
Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir!
                                                                        Albano.

An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Conversazione im
Palazzo Colonna - hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und
Gemlde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt,
alle Arme und Zungen der Rmer waren in Bewegung und Kampf ber die neuesten
Entwicklungen der gallischen Revolution, und die meisten fr sie. Es war damals,
wo fast ganz Europa einige Tage lang verga, was es aus der politischen und
poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte, da dasselbe
leichter eine vergrerte als eine groe Nation werden knnte. Der Ritter allein
gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft
hin; endlich aber hrt' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen
Jnglingen, der Himmels-Knigin , der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den
ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da
trat er nher und merkte nach seiner Weise an: die Revolution sei etwas sehr
Groes; er finde indes an groen Werken, z.B. an einem Coliseo, Obeliskus, an
dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Hhe der Astronomie, der
Physik weniger als andere zu bewundern, denn blo die Menge in der Zeit oder im
Raume schaff' es, eine betrchtliche Vielheit kleiner Krfte. Aber nur groe
achte man178. In der Revolution seh' er mehr jene als diese - Freiheit werde an
einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche
gerade ihr Gegenteil wren, so geb' es auch wohl einen Rausch der Menge durch
die Menge.
    Bouverot versetzte darauf: Das ist ganz meine Meinung auch. Albano
antwortete recht sichtbar nur seinem Vater - weil er den deutschen Herrn tief
verachtete und ihn ganz unwrdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofr er
vornehmen Geschmack mitgebracht, obwohl keinen Sinn - und sagte: Lieber Vater,
die 12000 Juden entwarfen nicht das Coliseo, das sie baueten, aber die Idee war
doch irgendeinmal ganz in einem Menschen, im Vespasian; und so mu berall den
konzentrischen Richtungen kleiner Krfte irgendeine groe vorstehen, und wr' es
Gott selber. - - Dahin (sagte Gaspard) wo alles Gttliche verlegt wird,
magst du es denn auch versetzen. - Bouverot lchelte. - Der gallische Rausch
(versetzte Albano heftig) ist doch wahrlich kein zuflliger, sondern ein
Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegrndet; woher denn sonst
der allgemeine Anteil?
    - Sie knnen vielleicht sinken, aber um hher zu fliegen. Durch ein rotes
Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und
ihre Wste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Hnden klimmt sie
wie die Gemsenjger empor. - Die Gemsenjger selber (sagte der Ritter) tun
das mehr, wenn sie von der Alpe herabwollen; indes sind solche Hoffnungen
reizend, und wir wollen gern ihre Erfllung wnschen. - Signor Conte (setzte
Bouverot dazu) nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch. Man schlft ihn aus;
aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen. Rausch? (sagte Albano)
Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen, und welches Schlechteste
nicht in der Klte? Welches, Herr von Bouverot? Ja es gibt einen grlichen,
grimmigen Seelen-Frost, so wie einen hnlichen physischen, der wie die grte
Hitze schwarz und blind und wund macht179; so etwas wie die franzsische
Tragdie, kalt und doch grausam.
    Du nherst dich dem Tragischen, Sohn (unterbrach ihn Gaspard und schtzte
den deutschen Herrn)- Wir drfen von den Franzosen recht viel politische
Sagazitt erwarten, zumal in der Not; das ist ihre Strke. Darin kommen sie den
Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich und
human, wenn sie gut sind, oder wie diese ebenso grausam und roh, wenn sie auer
sich kommen. - Es lsset sich weissagen, da sie in einem Freiheitskriege, wenn
er ausbrche, an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden. Das wird sehr
blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die
Kriegstapferkeit gemigt schtzen, wenn man sieht, da die rmischen Legionen,
gerade als sie feil, schlecht, sklavisch und zur Hlfte Freigelassene waren,
nmlich unter dem Triumvirat, mutiger stritten als vorher. Fr den unbedeutenden
Mordbrenner Katilina stritten und starben die Brger bis auf den letzten Mann,
und nur Sklaven wurden gefangen.
    Diese Rede drckte ein heies Siegel auf Albanos Mund; es schien ordentlich,
als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen
Enthusiasmus zu erklten und Erwartungen Lgen zu strafen, sogar trbe. Der
beleidigte, sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und
Bouverot zugedeckt.
    Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wute, wie dieser mit
dem Arme eines Knstlers und Jnglings zugleich die Freiheitsfahne trug und
schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen
Trbsinns auf. Er gestand dem geliebtesten Lehrer den grogewachsenen Vorsatz,
sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine
Pechkrnze in allen Straen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die
Seite der Freiheit zu treten und frher zu fallen als sie. Wahrlich, Ihr seid
ein wackerer Mensch (sagte Dian) - Htte ich mir nicht Kind und Kegel
aufgehalset, bei Gott! ich zge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sieht
viel und hrt schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello
auch nicht. Den Kunstrat Fraischdrfer meint' er, den er mit Knstler-Eigensinn
ewig verabscheuete, weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte
als er. Dian, Euer Wort ist schn gesagt, ja wohl macht das Alter physisch und
moralisch weitsichtig fr sich und taub gegen den andern, sagte Albano. Hab'
ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich so ist die Sache, sagt' er, sehr
erfreuet, bei seinem Mitrauen in seine Sprache, ber das Lob ihrer Schnheit.
    Nach einiger Zeit sagte der Ritter, gleich als sehe er durch das Siegel
hindurch, einige Worte, die den Jngling auf allen Seiten griffen: Es gibt
(sagt' er) einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des
Talentes stehen, halb zum ttigen, halb zum idealischen Streben ausgerstet -
dabei von brennendem Ehrgeize. - Sie fhlen alles Schne und Groe gewaltig und
wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie
haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen
selber im Schwerpunkte, so da die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie
Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sie in der Jugend
krperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am krzesten und leichtesten
durch den Arm ausspricht. Daher macht sie frher alles Groe, was sie sehen,
entzckt, weil sie es nachzuschaffen denken, spter aber ganz verdrlich, weil
sie es doch nicht vermgen. Sie sollten aber einsehen, da gerade sie, wenn sie
ihren Ehrgeiz frh einzulenken wissen, das schnste Los vielartiger und
harmonischer Krfte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schnen als zur
moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht
bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwan ein Frst sein mu, weil dieser
fr seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben mu.
    Sie standen gerade, als er dies sagte, auf dem Aventinischen Berge, vor sich
die Cestius-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so
mancher unausgebildete Knstler und Jngling schlft, und nahe dabei der hohe
Scherben-Berg180 (monte testaccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen
Gefhl schaler dheit vorbeiging. Der Sto der vterlichen Ideen gegen seine und
die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem Fremden-Kirchhof machten, da
Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen Eisen-Tropfen
des Unwillens im Auge: Ein solcher namenloser Tpfer-Berg ist im ganzen auch
die Geschichte der Vlker. - Aber man mchte sich doch lieber auf der Stelle
tten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge
eingraben.
    Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd' er glcklicher; mit Eifer tat er
sich schon jetzt zum Werk, seiner Natur gem, die wie im Samenkorn Stamm und
Wurzel aus einer Samenspitze trieb, Gedanken und Taten.
    Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst,
wozu ihm Dian die Bcher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser
Entzckung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der rmischen
Geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonnenkrper selber, und oft, wenn er
ihre Entzndungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie
aufgegangen waren.
    Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu
krperlichen bungen her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels
Kunsthimmel hinaufgezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen ther gehen; denn
bei Dian war Leib und Seele ein Gu, der weichste Augennerve und hrteste
Armmuskel ein Band. Zuletzt fhrt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als
eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen
rednerischen Kriegs-Genossen zu, einen korsischen Jngling, lebendig wie aus
lauter Mark des Lebens geformt.
    Beide Jnglinge liebten und bten sich eine Zeitlang in romantischer
Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen.
Der Korse vergtterte fast Albanos Gestalt, Kraft, Kopf und Mut und go sein
ganzes Herz in eines, das er nicht ganz fate; wie viele Mdchen nirgends als in
der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albanos
helles Gold spiegelte gefllig die fremde Gestalt zurck, ohne wie Glas dabei
die eigne zu vernichten.
    Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem
Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst, nmlich den nach
Franzosen-Blut, den er (sagt' er) im kommenden Kriege zu lschen hoffe. Wr'
ihm Albano hnlich gewesen, so htten sie sich wie kmpfende Hirsche in die
Geweihe tdlich verwickelt; denn die strrische, unbiegsame Tapferkeit des
Korsen - mehr eine sinnliche, so wie Albanos seine mehr eine geistige - litt
kein Gegenwort. Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht
starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: Das ist eben das Groe im Kriege,
da man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne persnliche Feindschaft alles
kann und wagt, was der Schwchling nur durch sie vermag; wahrlich es wre edler,
in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehaten zu tten. - Tolle
Chimren! (sagte der Korse zornig wie? du willst die Franzosen tten und sie
doch lieben? - Albanos Grosinn warf jede bange Larve ab und sagte: Mit einem
Wort, ich streite einst fr die Gallier mit. -Du, Falscher? (sagte der Korse
Unmglich! - Gegen mich? -Nein, (versetzte Albano) ich bitte Gott, da wir
uns in jener Stunde nie begegnen. - Und ich will ihn recht anflehen, (sagte
der Korse) da wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett. Addio!
So schied er entrstet von ihm und kam nicht wieder.

                                   106. Zykel


Unhnlich andern Vtern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege ber den
Krieg noch wie sonst, ja fast besser; mit seiner alten Achtung fr jede starke
Individualitt nahm er es heiter auf, da so merklich des Jnglings Sonne in die
Zeichen des Sommers trat und ber die Erde sowohl hher stieg als wrmer.
    Er gab ihm den nchsten Beweis dadurch, da er unter den allmhlichen
Anstalten zur Rckreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der -
Trennung bejahte. Nmlich Albano, der jetzt wie Efeu mit allen Blten und
Zweigen immer fester um und in alle Denkmler der heroischen Vergangenheit ging,
wollte nicht von Rom scheiden, ohne Neapel gesehen zu haben. Zu seiner Sehnsucht
kam noch Dians Begeisterung fr dies Tochterland seines Vaterlandes, fr dessen
Glanz des Himmels und der Erde, fr dessen griechische Trmmer, die der
Baumeister den rmischen vorzog. In Rom (hatte Dian gesagt) habt Ihr nur
Vergangenheit, hingegen in Neapel tapfere Gegenwart - ich begleit' Euch hin und
her, und wir gehen zusammen nach Haus. Denn eigentlich versteht Ihr Euch doch
nicht recht auf das Schne, sondern auf die Natur, auf das Heroische und den
Effekt. Da ist Neapel der Ort. Der Ritter willigte - obgleich durch Albanos
Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war - ohne Zgern in den
Zusatz einer zweiten unter der Bedingung, da er nicht lnger als einen Monat
nachbleibe.
    Aber dieser Zeit, wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte,
kamen feindliche Mitne immer nher, die er in der Ferne noch fr Wohllaut
hielt. Aus seinem unbestimmten Verhltnis mit der Frstin entwickelte sich
langsam der Milaut; weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart
entscheidet, seltener zu Liebe als zu Ha.
    Die Frstin tat und litt bisher alles, um ihm noch frher gefhrlich zu
werden als verstndlich. Sie spielte Lianen, so gut sie wute, nach und nahm den
Nonnenschleier einer religisen Jungfrulichkeit aus ihrer Bhnen-Garderobe
hervor, obgleich genialische Weiber meistens unglubig sind, wie genialische
Mnner glubig. Sie machte ihn zum Vertrauten ihrer - Vergangenheit und gab die
Geschichte derer, die fr sie gestorben waren, oder doch verschmachtet, nach
weiblicher Art mehr froh als reuig; nur das Verhltnis mit seinem Vater lie sie
schonend hinter einem rhrenden Leichenschleier auferstehen und ahmte berhaupt
dem Sohne in der Achtung fr den Ritter nach, den sie innerlich bitter hate.
Wenn Albano stundenlang die Gegenwart verga und starr ins Opferfeuer der
Vergangenheit und Kunst blickte und ihr auf den Bergen seiner Welt Flammen
zeigte, die nicht auf ihrem Altar brannten, so begleitete sie ihn geduldig auf
diesem Kunst-Wege und hielt nur, wo sie konnte, vor Stellen an, wo man einige
Aussicht in die - Gegenwart hatte.
    Er wurde tglich ihr wrmerer Freund, ohne sie nur zu erraten. Nur ein Mann
- keine Frau - kann eine fremde Liebe gnzlich bersehen; die lang bersehene
wird dann selten oder nie eine erwiderte. Albano war zu zart, um in der
Geliebten seines Vaters und in der Frau eines andern und in einer Freundin
seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit vorauszusetzen.
Auch setzt' er auf seinen Wert immer ein ebenso kleines Vertrauen als auf sein
Recht ein groes.
    Sie zweifelte, aber verzweifelte nicht an einer wrmern Gesinnung. Ein Weib
hofft so lange, als ein zweites nicht mit hofft. Albanos nchtliche Besuche des
Kapitols und Coliseos wurden von nachgeschickten Augen immer seines edlen
Charakters wrdig befunden. Tglich lieber wurd' ihr der feste Jngling durch
sein neues Aufblhen und durch seine mnnliche Entwickelung. Zuweilen hoffte sie
stark, von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen
Schwermut bestochen, die ihr sonst aus keiner Ferne und Nhe zu erklren war.
Dieses ihr ungewohnte Auf- und Niedersteigen auf ihren Wellen erschtterte ihre
Gesundheit und ihren Charakter, und sie wurde wider Willen der Liane hnlicher,
mit deren Taubengefieder sie sich anfangs nur wei schmcken wollen - der
glnzende Sonnenregenbogen wurde ein Mondregenbogen - sie warf mit ihren starken
Krften die Hlfte ihres vorigen Selbstes weg, die Putz-, Kunst- und Gefallsucht
und sie wurde heftig getroffen, wenn eine Rmerin mit sdlicher Lebhaftigkeit
oft hinter dem vorbeigehenden Grafen ausrief: Wie schn er ist! - Schwer wurde
sie fr ihr frheres mutwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden
gezchtigt durch das eigne; aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe
mehr, wie man Bume am besten an wolkigen impft.
    Albano merkte ihre Vernderung; die reizende Schwermut ihres sonst krftigen
Gesichts, dieser Widerschein ihres stillen Nebels, bewegte ihn zur teilnehmenden
Frage ber ihr Glck. Sie antwortete immer so verworren und verwirrend -
zuweilen sogar bei Albanos Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und
Bosheit -, da sie ihn in den sonderbarsten Irrtum fhrte.
    Nmlich bei so groer Gewiheit, da ein Erdschatte durch ihr ganzes
jetziges Leben gehe und nicht rcke, mut' er den Weltkrper dazu suchen; -
dieser ward ihm Gaspard, den sie, wie er glaubte, noch liebe. Er fhrte diese
Vermutung leicht durch alle ihre frhern Gesprche und Blicke hindurch; - es war
so natrlich, da die frher durch einen Thron Getrennten sich jetzt im schnen
Lande der freien Verhltnisse wieder zusammensehnten; - noch dazu hatte der
Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein, ihn zu suchen, auch mit
Schein, nmlich mit Ernst aufgenommen und sich daher immer zu ihrem Genusse des
Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Frhling verlegt; - diesen
doppelten Schein rief Albano zurck als doppelte Wahrheit. -
    Da trat das Schicksal pltzlich unter seine neuen Schlsse - sein Vater
wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frhlingsfieber unter dem Scirocco
-Wind. Nimm keinen besondern Teil (sagte Gaspard zu ihm) weder an meinen
Leiden noch uerungen; ich habe in solchem Zustande eine Erweichung, deren ich
mich nachher schme und doch nicht erwehre. Albano wurde von manchen
unerwarteten Herzens-Ausbrchen des kranken Mannes bis zur wrmsten Liebe
bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmtig begeistern, dacht' er, warum
sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer groen Seele? Es gibt Menschen
voll kolossalischer berreste, gleich der Erde selber; in ihrem tiefen, schon
erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schnern Zeit; sie
gleichen nordischen Steinen, auf welchen Abdrcke indischer Blumen stehen.
    Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber;
nur seine Geschfte, nicht sein Ende bekmmerten ihn. Mit seinem Schwiegervater
Lauria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze
Gerichtssiegel schlieend zu drcken. Ein Eilbote mute fertig stehen, um nach
seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte
einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Frstin bergeben. Sehr
hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte,
sogleich nach seinem Tode nach Pestitz abzureisen. Denn da Albano, der so gern
Neapel sah und dem alle diese den vterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen
schwer ankamen, zgernd weigerte, so sagte Gaspard: das sei so recht menschlich
und blich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufhlen, sie
aber ohne Anstand zu schrfen, sobald das Geringste getan werden solle. Albano
gab das Wort und den Eid; und zeigt' es ihm nie mehr, wenn er weinte aus
Kindesliebe.
    Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nchster und frhester
Anverwandter, sein Bruder. Albano stand dabei, als das seltsame Wesen ankam und
den Todkranken ansprach und zwei starre glserne Augen, als wren sie
eingesetzte, weit von dem wegdrehte, womit es redete - so phantastisch und doch
voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder - mit hngender Gesichtshaut auf
bedeutenden Gesichtsknochen - ein aufgerichteter falber Werwolf, erst aus der
tierischen Haut in die menschliche getrieben - gleich dem Wrgengel, ein
Wrgmensch und doch ohne Leidenschaft. - Es streckte nach Albano die lange Hand
aus, aber dieser, von etwas Unnennbarem abgestoen, konnte sie nicht anfassen.
Dieser Bruder sagte, er komme von Pestitz - bergab zwei Briefe daraus, einen an
Gaspard, einen fr die Frstin - und fing an, einiges ber seine Reisen zu
sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich und oft
recht unverstndig schien. Einmal sagte Albano Das ist geradezu unmglich. Er
fing die Erzhlung wieder an, machte sie noch unglaublicher und beteuerte, es
sei so in der Tat. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland, und
nahm vom sterbenden Bruder den khlsten Abschied.
    Gaspard sagte jetzt zu Albano: er mge nach seinem Tod diesen Sonderling,
wenn er ihm nahe komme, recht wgen oder lieber meiden, da er nie ein wahres
Wort sage, blo aus reiner Freude an reiner Lge ohne Eigennutz; noch mehr
(fuhr er fort) weiche dem tiefen tdlichen Skorpionstachel Bouverots aus, so
wie seinem betrgerischen Spiel. Albano wunderte sich ber die Ansicht dieser
Anrede (freudig ber die moralische Schrfe), da er bisher ganz andere
Gesinnungen fr Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt.
    Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft.
Der Eilbote wurde abgedankt - alle Briefe zurckgefodert - der Frst Lauria
stand heiter da -: Blo eine fremde Krankheit hat meine geheilt, sagte der
Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht, hatte die Nachricht
enthalten, da sein alter Freund, der dasige Frst, der letzten Stunde schnell
zueile, weil man seine Wassersucht blo fr Embonpoint gehalten und ihn
versumet habe. - Ich hoffe, (sagte Gaspard) durch meinen Anteil so heilsam
erschttert zu sein, da ich noch frh genug die Reise zur letzten Stunde der
Freundschaft zu machen vermag. Er setzte dazu, da dann diese Reise wieder Bahn
zu Albanos seiner nach Neapel mache.
    Da kam die Frstin in der Bestrzung ber den Brief, der ihres Gemahls
Gefahr und ihre Abreise ansagte. - Gaspard antwortete mit einem verlangenden
Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich
kam die Frstin verndert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sie in die
Opera seria zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Augen schimmernd,
ihre Zge begeistert; - auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestrkt.
    Hier scho ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald,
nmlich die besttigte Vermutung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die
annahende Lsung der Ehekette der Frstin und in der krnklichen Erweichung
strker ausgebrochen sei; daher Gaspards Brief an die Frstin, daher ihr
Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin u.s.w.
    Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer
zrtern Gesinnung; und gegen die Frstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde
auf einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den fnf Treffern der menschlichen
Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester
und kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzckt ber den Gewinn einer Mutter.
Was die Achtung tun, die Wrme sprechen und die Hoffnung verraten durfte, das
lie er zu.
    Es war eine Nacht, wo in Rom schon wieder der Frhling Blumen durch die
Wolken des Winters warf. Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den
Menschen auf fremdem Boden das vaterlndische Lied dahin, das ihm nachgezogen!
Die Lerche, die ber rmischen Ruinen gerade so singt wie ber deutschen
Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den lzweig aus dem
Vaterland bringt. - Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege ber Ruinen das
Auge straff nur durch die knftige Kriegs-Laufhahn blicken lassen und es selten
gen Himmel gehoben, wo die verklrte Liane war, und hatte gewaltsam jede Trne
darin zerstubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des
unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hlle schlief. Nun drang auf einmal
der helle Strom der Tne, der durch seine Jugendlnder, in seinen Paradiesen
gegangen war, ber die Gebrge herber und rauschte mit den alten Wellen herab
so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne
Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Tne, die Liane selber einst
vor ihm gespielet und gesungen hatte, ber die Bahre der Gebrge herberkamen
und sich herunterhingen als glnzende Teppiche der goldnen Tage; als er daran
dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden htten, aber nicht fanden: da
lief der schwarze Gram wie ein bser ausplndernder Genius die Tonleiter hinauf,
und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen. Da kehrt' er
das Auge nicht gegen die Frstin, aber in der Weihe der Tne drckt' er die
Hand, an der einst die Verklrte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spt
sagte er: Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen
Freundin und den Glcklichen beneiden, der sie begleiten darf. Sie kam in groe
Bewegung ber diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch
grere ber seine leidenschaftliche Vernderung, die sie mit der reichsten
Aussteuer fr ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres
Gemahls bevorstehender herzuleiten wute. Aber sie verbarg die grere Bewegung
hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtmern
auseinander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Frstin
wurd' es durch den wrmern Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein
fliegendes Friedensschiff ber. So kamen beide immer dichter an den Vorhang,
dessen Gemlde sie fr die Bhne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn
er aufging.

                                   107. Zykel


Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen
durch die Erschtterungen seines Herzens; - eben weil er in gesunden Tagen sich
gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt, so stellte in kranken, schien
es, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er
rstete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Krper auf- und
nachbauete. Die Frstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, blo in der festen,
feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schnste Endwort ihres ganzen Lebens
mitgeben auf den Weg. In Albano war die Sehnsucht nach - Spanien aufgewacht im
blhenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Frhling dmmerte
schon in Rom und ging auf in Neapel - die Nchte durchsang die Nachtigall und
der Mensch und die Mandelbume blhten berall. Aber es schien, als ob die drei
Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten. Konnte die Frstin von dem Herzen
eilen, auf welchem ihr Dasein blhte und wurzelte, gleich einem abgerissenen
Rosmarinzweige, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns
doppelt in die Erde greifen? - Auch Albano wollte nicht die Stunde
beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne
Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfrhling; -
gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschlu zum Kriege
befriedigt und vershnt mit sich, sein Portici war glnzend aufgebauet auf dem
verschtteten Herkulanum seiner Vergangenheit.
    Ein Brief von Pestitz entschied - der todkranke Frst schrieb an die Frstin
und bat um das Wiedersehen - der Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen
Boden, und wer darauf stand, auseinandersprengte - die drei Verbndeten faten
den Schlu, an einem Tage abzureisen, an einem Morgen, so da eine Morgenrte
ihr Gold zugleich in drei Reisewagen wrfe.
    Noch etwas begehrte die Frstin am Abend vor der Abreise: am Morgen Albanos
Begleitung auf die Peterskuppel; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende
Seele fassen, wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte
gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich zu einem ewigen Wein fr
das ganze Leben aufhellt; denn er wute nicht, da die lebhafte Frstin - noch
lebhafter durch Italien -, nach langem Harren auf das schnste Wort von ihm,
endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der es ihm entfahren
sollte.
    Frh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen,
holte er sie ab; nur ihre treue Haltermann begleitete sie. Von der durchwachten
Nacht glhte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen
begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschlieen wollten.
Der Himmel stand khl und blau ber dem dmmernden Morgen, dem frischen Sohn der
schnen Nacht.
    Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen
auf den Sulen; die Fontnen sprachen; noch ein Sternbild erlosch ber dem
Obeliskus. - Sie gingen die Wendeltreppe von anderthalb hundert Stufen auf das
Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Husern, Sulen, kleinen Kuppeln
und Trmen durch vier Tren in die ungeheuere Kuppel in eine gewlbte Nacht -
unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit
Husern und Bumen, ein heiliger Abgrund, und sie gingen nahe vor den
musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei.
Whrend sie in der hohen Wlbung stiegen, blinkte immer rter Aurorens
Goldschaum an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gewlb' ineinander.
    Sie eilten hher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstrahl wie
aus einem Auge hinter dem Gebrg in die Welt zckte - um den alten Albaner
rauchten hundert glhende Wolken, als gebre sein kalter Krater wieder einen
Flammentag, und die Adler flogen mit goldnen, in die Sonne getauchten Flgeln
langsam ber die Wolken. - Pltzlich stand der Sonnengott auf dem schnen
Gebrg, er richtete sich auf im Himmel und ri das Netz der Nacht von der
bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliseum und Rom von Hgel
zu Hgel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die
gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber - alle Wolken zerliefen in die Tiefen
des Himmels, und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von
Rebenhgeln in die vielfarbige Ebene, an die zerstreueten Villen und Htten, in
die Zitronen- und Eichenwlder - im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am
Abend, wenn es der heie Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzndet und
sein ewiger Tau.
    In der Morgenwelt lag unten das groe stille Rom ausgebreitet, keine
lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgnen
Heldengeister, auf zwlf Hgel gelegt. - Der menschenlose Lustgarten der Geister
sagte sich durch die grnen Wiesen und Zypressen zwischen den Palsten an und
durch die breiten offnen Treppen und Sulen und Brcken, durch die Ruinen und
hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grnen Berge und Gtter-Tempel;
die breiten Gnge waren ausgestorben; die Fenster waren vergittert; auf den
Dchern blickten sich die steinernen Toten fest an - nur die glnzenden
Springwasser waren rege, und eine einzige Nachtigall seufzete, als sterbe sie
zuletzt.
    Das ist gro, (sagte endlich Albano da unten alles einsam ist und man
keine Gegenwart sieht. Die alten Heldengeister knnen in der Leere ihr Wesen
treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Sulen mit
dem Efeu spielen.
    Nichts (versetzte die Frstin) mangelt der Pracht als diese Kuppel, die
wir auf dem Kapitolium gar dazu shen. Aber nie werd' ich diese Stelle
vergessen.
    Was wr' es sonst mit allem! (sagt' er) Ohnehin gehen die flachen
Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorber, aus mancher langen Vergangenheit
schlgt kein Echo zurck, weil kein Berg die breite Flche strt! - Aber Rom und
diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns.
    Albano, (sagte sie) warum mu man sich so spt finden, und so frh
trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein
verschlingendes Meer!
    Und dort geht Ihrer ber die hellen Berge, sagt' er. Sie nahm seine Hand,
denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Gttlich leuchtete die Welt von den
dunkeln Frhlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor, und die Horen-Glocken
tnten herauf - die Freudenfeuer des Tags loderten auf allen Hhen - das Leben
wurde weit und hoch wie die Aussicht - sein Auge stand unter der Trne, aber
keiner trben, sondern unter jener, wo es wie das Weltauge unter dem Wasser
sonnig glnzt und hhere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. - Er
drckte ihre Hand, sie seine. - Frstin, Freundin, (sagt' er) wie acht' ich
Sie! - Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns - ich mchte ihr ein
unvergngliches Zeichen geben und meinem Vater ein khnes Wort sagen, das mich
und meine Achtung aussprche und das wohl manche Rtsel lsete.
    Sie schlug das Auge nieder und sagte blo: Drfen Sie wagen? - O
verbieten Sie es nicht! (sagte er) So manches Gtterglck ging durch eine
zaghafte Stunde verloren. Wenn soll denn der Mensch ungewhnlich handeln als in
ungewhnlichen Lagen? Sie schwieg, den Morgenlaut seiner Liebe erwartend, und
beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen
war eine bebende Flamme. Die Frstin begriff nicht, warum er noch diesen
Frhlingston verschiebe; er erriet sie ebensowenig, ungebt, die Weiber und
deren halbe abgeteilte Wrter zu lesen, diese Bildergedichte, halb Gestalt und
nur halb Wort. - Gleichsam als wre ein Adler aus seinem Morgenglanz
herabgeflogen und htte als ein Raub-Genius die Flgel ber seine Augen
geschlagen: so hatt' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, da er wagen
wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Frstin der
Mittler durch ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer
Liebe wegzge. Vieles wandt' ihm seine Zartheit dagegen ein, aber gegenber
einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und
Wagen hielt er fr einen Mann so viel wert als Gewinnen.
    Die Frstin, miverstehend, doch nicht mitrauend, folgte ihm in des Vaters
Haus, mit einer Erwartung - khner als seine -, er bekenne vielleicht gar dem
Ritter die Liebe gegen sie. Sie fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano
fiel ihm, wiewohl er dessen Abneigung gegen krperliche Herzenszeichen kannte,
um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: Vater! Eine Mutter! -
Zu diesem kindlichen Verhltnis hatte sich sein bisheriges gehoben und
gereinigt. Gott, Graf! rief die Frstin, ber Albano bestrzt und entrstet. -
Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte:
Unglckliches -, aber ehe man nur wute, auf wen von drei Menschen er sie
abdrcken wolle, fate ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende
Schlange ihn in der mrderischen Lage gefangen. Graf, verstand ich Euch? sagte
die Frstin wegwerfend gegen ihn, gleichgltig gegen den versteinerten Feind. -
O Gott, (sagte Albano, von der vterlichen Gestalt bewegt) ich verstand wohl
niemand. - Das konnte (sagte sie) nur ein Unwrdiger. Lebt wohl. Mg' ich
niemals Euch mehr begegnen! - Dann ging sie.
    Albano blieb, unbekmmert, ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei,
bei dem Kranken, der einer vornehmen Mnner-Leiche gegenber entgegenstarrte,
die man eben zu schminken beschftigt war. Allmhlich rang sich das Leben wieder
aus dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrschtige mssen, die mit dem
Worte unglckliches angefangne Anrede so fort: Weib, von wem bist du Mutter?
- Er kam zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns
durch seinen Schnee: Unglcklicher, wovon war die Rede? Albano entdeckte ihm
mit gerader unschuldiger Seele, da er bei dem wahrscheinlichen Tode des Frsten
auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glck, eine Mutter zu erhalten,
sich die Hoffnung gemacht.
    Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man knne keine echte Liebe haben,
ohne sie nach auen zu treiben und auf jemand zu richten, versetzte Gaspard und
fing an, hart zu lachen und das sentimentalische Miverstndnis sehr komisch
zu finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des
seinigen. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatt' er bei der
ersten Nachricht von des Frsten naher Abblte einen erbitterten Kampf mit der
Frstin, welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft - oder Vormundschaft -
begehrte, schon wegen der Mglichkeit eines Frstenhut-Erben. Der Ritter sagt'
ihr geradezu, diese Mglichkeit sei eine Unmglichkeit und er werde mit neuen,
ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen. Er gab ihr geradezu zu
verstehen, da er sogar gegen den Fall gerstet sei, wo ein augenscheinlicher
Beweis des Gegenteils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet wrde. Die Frstin
versetzte erbittert, sie errate nicht, warum er fr die haarhaarsche Linie und
Erbfolge sich im geringsten mehr bekmmere und sorge als fr die Hohenflieer.
Er brachte sie bis zu Trnen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten
Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete
Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein groer Raubvogel das Opfertier,
das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den
Flgeln hinunterschlgt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie
es fortrckt, gleich den fortrckenden Gletschern, alte Leichen aufdeckt! So wie
der Glckliche seine Liebe eines Individuums wrmend ber die Menschheit
ausbreitet, so hlt der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt
seiner weiten Klte gegen die Menschheit auf einen groen Feind allein, indes
vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gesamten
Menschheit angeschrieben wurde.
    Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano fr schnere
Bewegungen genommen hatte als des Hasses. Als du nun (sagte der Ritter jetzt
geradeheraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefhl zu strafen) die
kurz- und dunkelgefate Anrede: Eine Mutter! hieltest, mut' ich dich fr den
Vater nehmen, und daraus magst du leicht das brige erklrn. - Vater, (sagt'
er) das war schreiend unrecht gegen jeden; und schied mit drei heien Wunden,
vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein
Wort der monatlichen Zurckkunft zu halten, und fgte noch scherzend bei: Der
Alte, den man drben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wohl den
Spa getrieben, ihn eilig zu bekehren.181
    Noch in dieser Stunde reisete Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten
Rom. Auf den Hhen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue
Himmel, und lange Schatten schliefen noch, mit Tauperlen umkrnzt, auf den
Blumen; aber der selige Morgen war weit zurckgeflohen aus dem harten Tage.
Beide begegneten vor dem Tore einer Kreis-Menge, die um einen schnen Ermordeten
stand und, statt unwillig ber den Mrder, freudig ber die Gestalt wiederholte
Quanto  bello!182 - und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt:
Quanto e bello!

                         Achtundzwanzigste Jobelperiode


Brief aus Pestitz - Mola - die Himmelfahrt eines Mnchs - Neapel - Ischia - die
                                neue Gttergabe


                                   108. Zykel

Ein kleines Licht in unserm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen
himmelbreiten Blitzes schirmen; so braucht es in uns eine einzige fortleuchtende
Idee und Tendenz, damit uns der schnelle Flammen-und Licht-Wechsel von auen
nicht betube. Htte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel, einen Obeliskus in
seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten: wie lange wrde ihn die letzte Szene
mit ihren durcheinandergreifenden Schmerzen verwirret haben! - Jetzt glich er
den angezndeten l- und Lorbeerblttern um ihn, deren Flammen so gut grnen wie
sie selber.
    Dian, der fremde Schmerzen wegtrieb, weil er leicht beweglich bald aus einem
Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde, machte Albano und sich durch seine
feurige Teilnahme an jeder schnen Gestalt, an jeder Ruine, an jeder kleinen
Freude heiter. Er hatte die schne seltene Gabe, auf Reisen froh zu sein, jede
Blume zu brechen, aber keine Distel; indes der grere Teil mit der Schlafmtze
unter dem Hute, von Station zu Station unter dem Fahren ghnend und im murrenden
Kriege mit jedem Gesichte, ganze Paradiese wie Vorhllen durchziehet.
    In den leeren pontinischen Smpfen, worin nur Bffel gedeihen und die
Menschen erbleichen, suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor, um
ber das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus Petrus-Nachfischern zu kommen,
ohne tdlich einzuschlafen. Da stie er mit einem neu-griechischen Fluch auf
einen Brief an Albano, der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den
er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen; aber er lachte bald
darber und fand es gut, da man in diesem Teufelstal etwas gegen den Schlaf
zu lesen habe.
    Es war folgender von Rabette:
    Herzlieber Bruder, man mchte wohl wissen, ob du noch ein bichen an deine
Blumenbhler denkst, da du in dem prchtigen Italien gewi ganz in deinem Essee
bist, da du in unser aller Herzen lebst, das weit du lngst, und du solltest
nur wissen, wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben,
sowohl die Mutter als ich, und ein Gewisser183 denkt jetzunder ganz anders von
dir als vordem. In diesem Winter fiel viel vor. Die Ministerin hat sich von
ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute, zuweilen in Arkadien bei der
Prinzesse Idoine, unser Frst ist an der Wassersucht gefhrlich krank, und kann
der Vater ein Stck Arbeit von der Landschaft dabei kriegen, wie er sagt. Dein
Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurcklassung eines Briefs an
dich, den er dem Vater anvertrauet. Er hielt sich letztlich bei uns auf in
deiner Stube und besuchte fleiig die Grfin Romeiro. Es ist schade fr ihn,
denn er meints gut, aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind
berzeugt, da er in kurzen toll wird, und er glaubts auch und sagt, er bestelle
deshalb schon sein Haus. Was die Grfin Romeiro anlangt, so ist sie mit der
Prinze184 abgereiset, kein Mensch wei aber wohin, man sagt, der Frst hab' ihr
zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien. Andere
reden von Griechenland, aber mich versichert der Gewisse, sie sei nach Rom zu
ihrem Vormund, das wirst du nun besser wissen als ich. Der Gewisse unternahm
alles Menschmgliche, sie zu gewinnen, teils durch Briefe, teils selber,
umsonst, keinen guten Blick konnt' er erlangen, sooft er sie auch bei cour
anredete. Das alles hab' ich (wirst du es glauben?) aus seinem Munde, denn er
ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz. Meines aber halt' ich
fest zusammen, da nur kein Blutstrpfchen daraus quillt, und Gott allein sieht,
wie es darin hergeht und weint. Ach Albano, ein armes Mdchen, das gesund ist,
mu viel ausstehen, eh' es sterben kann. Oft kann mein Auge nicht lnger trocken
bleiben, und ich sage dann, sein Reden tu' es, was doch teils auch wahr ist, dir
aber zeig' ich das dessous des cartes. - Nie, nimmer kann ich mehr die Seinige
werden, denn er hat nicht redlich an mir gehandelt, sondern ganz ruchlos, und er
wei es auch. Es wird ihm auch kein Ku gestattet, und ich sag' ihm, er mge das
nur nicht um Gottes Willen fr eine kokette Manier halten, ihn an mich zu
ziehen. Die guten Eltern wissen nicht recht, was sie aus unserem Umgang machen
sollen, und ich frchte, der Vater bricht los, dann hab' ich sehr bittere Tage.
Aber soll ich das arme kranke blasse Gemt auch von mir verstoen, soll die
glhende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren? Wem
will nicht das Herz zerspringen, wenn er bei einem Festin ist und sie
seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurckfhrt, wie neulich geschah und
er mir im vollen Toben sagte: Gut, gut, Linda, einmal wird dir doch um mich dein
Auge na. Da wei ich ja, da er nichts Gutes meint, und ich schone ihn aus
Angst davor; sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blte untergehen? Er wre
ihr lngst nachgereiset, wenn er nicht tglich hoffte, sie komme wieder. Ach
knnt' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreien und in ihre einsetzen
statt des andern, damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe, Albano,
ich wollt' es gerne tun. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende, und die
Mutter will auf die andere einen Gru schreiben. Lebe wohl, das wnscht
                             deine treue Schwester
                                    Rabette.
Wie geht es meinem teuersten Sohn? Ist er glcklich, noch fromm, und gesund?
Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch? Das fragt und wnscht im Namen des
Vaters und in ihrem eignen
                               seine treue Mutter
                                  Albine v. W.
P.S. Auch der alte Lehrer Wehmeier gret seinen Liebling in fernen Landen; und
wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A.
    P.S. Bruder, ich mu auch ein P.S. machen, Schoppe hat die Bewute gemalt,
und auch daraus entstanden Szenen. Aber ein Mehres mndlich. Die Prinzesse
Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer.

                                                                             R.

Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sie geboren, als nach dem, wo sie
abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und
mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blten als trockner Same; und
jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten, der schreibenden und
der lesenden. So wurde jetzt Albano unter diesem hellern Himmel, auf diesem
Boden einer grern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger
von Rabettens Brief, durch welchen die nordischen Winternebel zogen, erreicht
und verfinstert. Die redliche Rabette, die linde Albine kamen ihm nur sanft ber
die fremden Berge und Lfte nach und legten an seine heie Stirn die khlende
Hand; sein alter Schoppe stand in alter Wrde vor ihm, und Liane schwebte wieder
durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fhlt' er nicht einmal
Mitleid, sondern eine harte Geringschtzung; und Lindas standhafter Sinn war
recht nach seinem, wie der stolze Blick und Gang der Rmerinnen. Jetzt dacht' er
ber manches heiterer als sonst und wnschte sogar, einmal jener Heroine ins
Zauber-Gesicht zu schauen.
    In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an, und sie fuhren auf dem Wege
nach Mola in immer dichtere Blten und Blumen. In fliegenden Blttern -
vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe - sprach
sich sein Glck und seine Seele aus; sie bewahrten gleichsam einige entfallne
Orangenblten des schnell durchflognen Edens auf. Hier sind sie:

    Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an, der
eingeborne Dian war ebenso berwunden von der grnenden Herrlichkeit, die er
lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaub' ihm noch nicht, da es um Neapel
schner blhe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denn die Sonne hing
schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwldern und
Jesmin- und Narzissen-Auen - zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine
Quellen von Berg zu Berg, und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die
gewaltige Erde an, und die Erde streckt den festen Arm aus und hlt eine
glnzende Stadt185, mit Grten behangen, weit ins Wogen-Gewimmel hinein - und
ins unergrndliche Meer sind hohe Inseln als unergrndliche Berge186
hineingeworfen - tief in Sden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland, die
Kste von Sorrento, wie ein gekrmmter Jupiters-Arm um das Meer, und hinter dem
fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond. Fall
auf deine Knie, Glckseliger, (sagte Dian) vor der kostbaren Weite! O Gott,
warum nicht ernstlich es tun? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere
Wellen-Reich anschauen, wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur
glnzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt, und wie hier die
Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Lndern in einen rosigen
festen Erdschatten einschlieet, wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens,
den webenden Zauberkreis aller Krfte im Wasser, im Himmel, auf der Erde
erblicken, ohne niederzuknien vor dem unendlichen Natur-Geiste und zu sagen: wie
bist du mir so nahe, Unaussprechlicher! - O hier ist er in der Nhe und Ferne,
die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der Nebel-Kste her, und auch aus
den nahen Quellen, die das Gebrge in das Meer heruntergieet, und in der weien
Blte ber meinem Haupt. O rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen
umflattert, und das Blau droben und drben und die erglhenden Menschen-Lnder,
die Welten in der Welt, rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen
Wnsche heraus? Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine
Lebensblte vom hchsten Gipfel des Himmels reien? Wenn es aber sich umsieht
auf seinen Boden, auch da wieder ist der Grtel der Venus um den blhenden
Umkreis geworfen, hell grnt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln
Myrte, die Orange schimmert im hohen kalten Grase, und oben duftet ihre Blte,
der Weizen weht mit breiten Blttern zwischen dem Mandel- und
Narzissen-Schmelze, und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz; alles ist
Blume und Frucht, Frhling und Herbst. Soll ich hin, soll ich her, das fragt das
Herz in seinem Glck.
    So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab - die roten Ksten flohen unter
ihre Nebel - die Welt erlosch von Land zu Land, von einer Insel zur andern - der
letzte Goldstaub auf den Hhen wurde verweht - und die Gebetglocken der Klster
fhrten das Herz ber die Sterne hinauf. -
    O wie war meines so froh und so sehnend, zugleich ein Wunsch und ein Feuer,
und in meinem Innersten sprach ein Dankgebet fort, dafr, da ich war und bin
auf dieser Erde.
    Nie vergess' ich das! Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere
Wnsche: gehren nicht diese zu jenem und kamen von ihm? Wenn die bekrnzte Erde
solche Blten-Ufer, solche Sonnen-Gebrge um uns zieht, will sie damit
Unglckliche einschlieen? Warum ist unser Herz enger als unser Auge, warum
erdrckt uns eine kaum meilenlange Wolke, die doch selber unter unermelichen
Sternen steht? Ist nicht jeder Morgen ein Frhlingsanfang und jede Hoffnung? Was
sind die dichtesten Lebensschranken anders als ein Rebengelnder, zum Reifen der
Weinglut aufgebauet? - Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt, warum
sollen es lauter letzte sein, nicht ebensoofterste, auf welche ein
vollstrahlender Mond nachfolgt? - O Gott, sagt' ich, als ich durch die grnende
Welt zurckging, die am nchsten Morgen eine glhende wird, nie lasse mich deine
Ewigkeit irgendeiner Zeit leihen, ausgenommen der seligsten; die Freude ist
ewig, aber nicht der Schmerz, denn du hast ihn nicht geschaffen.
    Freund, sagte Dian unterwegs zu mir, da ich ihm meine innigste Bewegung
nicht recht verhllen konnte, wie kann Euch erst sein, wenn Ihr nach Neapel
zurckschauet etwan auf der berfahrt nach Ischia! - denn man merkts sehr, da
Ihr in Nordland geboren seid. - Lieber, sagt' ich, jeder wird mit seinem Norden
oder Sden gleich geboren, ob in einem uern dazu das macht wenig.

                                       *

So weit sein Blatt ber Mola. Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn ber
die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen. Im Hofe
des Gasthauses sammelten sich viele Schiffer und andere, alle stritten heftig
ber eine Meinung, und die meisten sagten immer: Es ist doch heute Himmelfahrt,
und Wunder hat er auch getan. - Himmelfahrt? dachte Albano und erinnerte sich
seines Geburtstages, der an diesem Feste oft fiel. Dian kam herauf und erzhlte
lachend, das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Mnchs, der sie in
dieser Nacht versprochen, und viele glaubten ihm darum, weil er schon ein
Wunderwerk getan, nmlich einem Toten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor
ganz Mola. Beide wurden eins, das Werk mit anzusehen. Die Menge schwoll an - der
versprochene Mensch kam nicht, der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte -
alles wurde zornig mehr als unglubig - endlich spt in der Nacht erschien eine
Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen, ihr zu folgen. Alles strmte
nach, auch Albano und sein Freund. Der reine Mond schien frisch aus blauen
Lften, der weite Garten der Gegend schlief in seinen Blten, aber alles
duftete, die schlummernden und die wachen Blumen.
    Die Maske fhrte die Menge an die Ruinen von Ciceros Haus oder Turm und
zeigte aufwrts. Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch. Albano fand
sein Gesicht immer bekannter. Endlich sprach der Mensch: Ich bin ein Vater des
Todes - der Vater des Lebens sei mir gndig. - Wie es mit mir geht, wei ich
nicht - Unter euch (setzt' er auf einmal in fremder, nmlich in spanischer
Sprache dazu) steht einer, dem ich auf Isola bella am Karfreitage erschien und
den Tod einer Schwester kundtat; er reise fort nach Ischia, dort trifft er seine
Schwester an.
    Ergriffen und ergrimmend mute Albano diese Worte hren, die Gestalt des
Vaters des Todes auf jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine; und
dessen Versprechen, ihm an einem Karfreitage zu erscheinen, fiel ihm wieder ein.
Er suchte sich jetzt an der Ruine hinaufzuarbeiten, um den Mnch zu packen. Ein
Molaner rief, da er die fremde Sprache hrte: Der Mnch spricht mit dem
Teufel.- Der Himmelfahrer sagte nichts darwider - er zitterte heftiger - aber
das Volk suchte den, der es gesagt, und schrie: der mit der Maske sei es, denn
der sei nicht mehr zu finden. Endlich bat der Mnch bebend, sie mchten still
sein, wenn er verschwinde, und fr ihn beten und nie seinen Krper suchen.
Albano war ihm jetzt, von Dian ungesehen, nahe hinter dem Rcken. Da kam hoch im
dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen. Der Mnch hob sich schnell und
wankend auf zerstreuete die Vgel - rief in dunkler Ferne: Betet - und schwand
in die weiten Lfte dahin.
    Das Volk rief und jauchzete und betete zum Teil, viele glaubten jetzt, der
Teufel sei im Spiel. Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesicht auf der
Erde und rief immer: Gott sei mir gndig! Aber niemand brachte ihn zu einer
Erklrung. Dian, heimlich ein wenig berglubig, sagte: hier steh' ihm der
Verstand still. Aber Albano erklrte, schon lange zucke und ziehe ein
Geister-Komplott an seinem Lebensvorhang, allein irgendeinmal greif' er gewi
glcklich durch den Vorhang durch, und er sei fest entschlossen, sogleich von
Neapel nach Ischia berzugehen, um seine Schwester zu suchen. Wahrlich,
(setzt' er dazu) in diesem Mutterlande der Wunderphantasie und jeder Gre
glaubt man so leicht schne gebende Wunder des Schicksals, wie in Norden
entsetzliche raubende Wunder der Geister.
    Dian war auch fr den frhsten Besuch der Insel Ischia, weil sonst,
(setzt' er dazu) wenn Albano in Neapel seine Briefe bergeben htte und in die
Ricevimenti hinein- oder auf den Posilippo und den Vesuv hinaufgeraten wre,
dann kein Wegkommen sein wrde.
    Am Tage darauf gingen sie von Mola ab. - Das schne Meer deckte sich an
ihrem Wege auf und zu, und nur der goldne Himmel verhllte sich nie. Neapels
Freudenbecher berauschte schon von fernen mit seinem Dufte und Geiste. Albano
warf trunkne Blicke auf die campania felice, auf das Coliseo in Kapua und auf
den weiten Garten voll Grten und sogar auf die rauhe appische Strae, die ihr
alter Name sanfter machte.
    Aber er seufzete nach der Insel Ischia, diesem Arkadien des Meers und dieser
Wunderstelle, wo er eine Schwester finden sollte. Sie konnten nicht eher als
Sonnabends in der Vornacht wenn anders Wachen und glnzendes Leben eine ist,
besonders eine welsche Sonnabends-Nacht - in Aversa ankommen. Albano bestand
darauf, in der Nacht fortzureisen nach Neapel. Dian wollte noch ungern. Zufllig
stand ein schnes, etwan vierzehnjhriges Mdchen im Posthause, sehr betrbt
ber die verfehlte Post und entschlossen, noch diese Nacht nach Neapel zu gehen,
um am heiligen Sonntag noch frh genug nach Ischia zu kommen, wo ihre Eltern
waren. Aus Santa Agata (sagte sie) komme sie her, heie aber nur Agata, und
nicht Santa. - Wahrscheinlich ihr alter Spa߫, sagte Dian, war aber nun - bei
seinem Umschweben jeder schnen Form - selber recht zur Nachtreise aufgelegt,
damit man die Schwarzugige, die freudig und hell in fremdes Augenfeuer blickte,
fortbringen knnte. Sie nahm es lustig an und schwatzte vertraut wie ein
Naturforscher viel vom Epomeo und Vesuv und weissagte ihnen unzhlige Freuden
auf der Insel und zeigte berall eine verstndige Besonnenheit weit ber ihr
Alter. Endlich flogen sie alle unter die hellen Sterne in die schne Nacht
hinaus.

                                   109. Zykel


Albano fhrt in der Beschreibung seiner Reise so fort:

Eine helle Nacht ohnegleichen! Die Sterne allein erhellten schon die Erde, und
die Milchstrae war silbern. Eine einzige, mit Weinblten durchflochtene Allee
fhrte der Prachtstadt zu. berall hrte man Menschen, bald nahes Reden, bald
fernes Singen. Aus schwarzen Kastanienwldern auf mondhellen Hgeln riefen die
Nachtigallen einander zu. Ein armes schlafendes Mdchen, das wir mitgenommen,
hrte das Tnen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte, wenn es sich
damit geweckt, verwirrt und slchelnd umher, mit dem ganzen Ton und Traum noch
in der Brust. Singend rollte auf einem dnnen leichten Wagen mit zwei Rdern ein
Fuhrmann, auf der Deichsel stehend, lustig vorber. - Weiber trugen in der Khle
schon groe Krbe voll Blumen nach der Stadt; - in den Fernen neben uns dufteten
ganze Paradiese aus Blumenkelchen; und das Herz und die Brust sogen zugleich den
Liebestrank der sen Luft. Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel
heraufgezogen, und der Horizont wurde von Sternen vergoldet - und am ganzen
wolkenlosen Himmel stand die dstere Wolkensule des Vesuvs in Osten allein.
    Tief in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange
Prachtstadt, worin noch der lebendige Tag fortblhte. Heitere Menschen fllten
die Straen - die Balkons warfen sich Gesnge zu - auf den Dchern blhten
Blumen und Bume zwischen Lampen, und die Horen-Glckchen vermehrten den Tag,
und der Mond schien zu wrmen. Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den
Sulengngen gleichsam an seinem Mittagsschlafe. - Dian, aller Verhltnisse
kundig, lie an einem Hause auf der Sd- und Meerseite halten und ging tief in
die Stadt, um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen,
damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere herber die herrliche Stadt mit
ihrem Golf und ihren langen Ksten am reichsten auffassete. Die Ischianerin
wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mcken und entschlief am
schwarzsandigen Ufer.
    Ich ging allein auf und ab, fr mich gabs keine Nacht und kein Haus. Das
Meer schlief, die Erde schien wach. Ich sah in dem eiligen Schimmer (der Mond
sank schon dem Posilippo zu) an dieser gttlichen Grenzstadt der Wasserwelt, an
diesem aufsteigenden Gebrg von Palsten hinauf, bis wo das hohe Sant
Elmo-Schlo wei aus dem grnen Straue blickt. Mit zwei Armen umfassete die
Erde das schne Meer, auf ihrem rechten, auf dem Posilippo, trug sie blhende
Weinberge weit in die Wellen, und auf dem linken hielt sie Stdte und umspannte
seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinx
lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des
Golfs. Hinter der Stadt rauchte im ther der Vulkan, und zuweilen spielten
Funken zwischen den Sternen.
    Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilipps hinab, die Stadt
verfinsterte sich, das Getse der Nacht verklang, Fischer stiegen aus, lschten
ihre Fackeln und legten sich ans Ufer, die Erde schien einzuschlafen, aber das
Meer aufzuwachen. Ein Wind von der sorrentinischen Kste trieb die stillen
Wellen auf - heller schimmerte Sorrentos Sichel vom Monde zurck und vom Morgen
zugleich wie silberne Fluren - Vesuvs Rauchsule wurde abgeweht, und vom
Feuerberg zog sich eine lange reine Morgenrte ber die Kste hinauf wie ber
eine fremde Welt.
    O es war der dmmernde Morgen, voll von jugendlichen Ahnungen! Spricht nicht
die Landschaft, der Berg, die Kste gleich einem Echo desto mehr Silben zur
Seele, je ferner sie sind? Wie jung fhlt' ich die Welt und mich, und der ganze
Morgen meines Lebens war in diesen gedrngt!
    Mein Freund kam - alles war berichtigt - die Schiffer angekommen - Agata
wurde zur Freude geweckt - - und wir stiegen ein, als die Morgenrte die Gebrge
entzndete, und aufgeblht von Morgenlften, flog das Schiffchen ins Meer
hinaus.
    Ehe wir noch um das Vorgebrg des Posilippo herumschifften, warf der Krater
des Vesuvs den glhenden Sohn, die Sonne, langsam in den Himmel, und Meer und
Erde entbrannten. Neapels halber Erdgrtel mit morgenroten Palsten, sein
Marktplatz von flatternden Schiffen, das Gewimmel seiner Landhuser an den
Bergen und am Ufer hinauf und sein grnender Thron von S. Elmo standen stolz
zwischen zwei Bergen, vor dem Meere.
    Da wir um den Posilippo kamen, stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers
in der Ferne, mit einem Wald umgrtet und mit kahlem weien Haupt. Allmhlich
erschienen auf der unermelichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete
Drfer, und wild drangen und wateten die Vorgebrge in das Meer. Jetzt tat sich,
gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land, das
Wasserreich auf, dessen Krfte alle, von den Strmen und Wellen an bis zum
Tropfen, zusammengreifen und sich zugleich bewegen. - Allmchtiges und doch
sanftes Element! Grimmig schieest du auf die Lnder und verschlingst sie, und
mit deinen aushhlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel. Aber du
bndigst die wilden Strme und zerschmilzest sie zu Wellen, sanft spielest du
mit deinen kleinen Kindern, den Inseln, und spielest an der Hand, die aus der
leichten Gondel hngt, und schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spielen,
dann uns tragen, und dann hinter uns spielen.
    Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen, wo einst Brutus und Kato nach
Csars Tod Schutzwehr suchten - als wir vor dem zauberischen Baja und dem
Zauberschlosse, wo einst drei Rmer die Teilung der Welt beschlossen, und vor
dem ganzen Vorgebrge vorbergingen, wo die Landhuser der groen Rmer standen,
und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahen, hinter welchem Scipio Afrikanus
in seinem Linternum lebte und starb: so ergriff mich das hohe Leben der alten
Groen, und ich sagte zu meinem Freunde: Welche Menschen waren das! Kaum
erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero, da einer von ihnen dort
ein Landhaus hat, oder da es ein schnes Neapel gibt - mitten aus dem
Freudenmeer der Natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem
Eismeere Deutschlands und Englands, oder aus Arabiens Sand - in Wsten und in
Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort, und fr diese Weltseelen
gab es keine Wohnung, auer die Welt. Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen
fast mehr wert als Taten, ein Rmer konnte hier gro vor Freude weinen! Dian,
sage, was kann der neuere Mensch dafr, da er so spt lebt hinter ihren Ruinen?
    Jugend und Ruinen, einstrzende Vergangenheit und ewige Lebensflle
bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Kste - an die
zerbrochnen Aschenkrge toter Gtter, an die zerstckten Tempel Merkurs, Dianens
spielte die frhliche leichte Welle und die ewige Sonne - alte einsame
Brckenpfeiler im Meer, einsame Tempelsulen und Bogen sprachen im ppigen
Lebensglanze das ernste Wort - die alten heiligen Namen der elysischen Felder,
des Avernus, des toten Meers wohnten noch auf der Kste - Felsen- und
Tempeltrmmer lagen untereinander auf der bunten Lava - alles blhte und lebte,
das Mdchen und die Schiffer sangen - die Berge und die Inseln standen gro im
jungen feurigen Tage - Delphine zogen spielend neben uns - singende Lerchen
wirbelten sich im ther ber ihre engen Inseln heraus - und aus allen Enden des
Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin. Es war die
gttliche berflle und Vermischung der Welt vor mir, brausende Saiten des
Lebens waren ber den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps herber bis an den
Epomeo gespannt.
    Pltzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel ber das Meer her. Das
Mdchen fragte mich: Warum werdet Ihr bleich? es ist nur der Vesuv. Da war ein
Gott mir nahe, ja Himmel, Erde und Meer traten als drei Gottheiten vor mich -
von einem gttlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend
aufgeblttert, und berall las ich unsere Trume und ihre Auslegungen.
    Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes, den Norden verschlingendes Land,
gleichsam der Fu eines einzigen Berges, es war schon das holde Ischia, und ich
stieg selig-trunken aus, und da erst dacht' ich an das Versprechen, da ich da
eine Schwester finden sollte.

                                   110. Zykel


Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das khle Eiland, es war ihm, als
wehten ihm die Lfte immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide,
bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am Ufer, nicht weit vom Vorstdtchen187,
liege. Als sie ber die Brcke gingen, die den grnen, mit Husern umwundenen
Fels mit dem Ufer und dem Stdtchen zusammenhngt: so zeigte sie freudig im
Osten das einzelne Haus. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde
Felsen und die Huserreihe im Wasser abspiegelte - und wie auf den flachen
Dchern die schnen Weiber, welche die Feier-Lampen fr den Abend ordneten,
zueinander emsig herbersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grten
und fragten - und wie alle Gesichter so heiter waren, alle Gestalten so zierlich
und selber die rmste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine
Kastaniengipfel niederzogen - und wie der alte Vater der Insel, der hohe Epomeo,
vor ihnen ganz in Weinlaub und Frhlingsblumen gekleidet stand, aus deren sem
Grn nur zerstreuete weie Lusthuser beglckter Berganwohner schaueten: so war
es Albano, als sei ihm das lstige Gepcke des Lebens in die Wellen entfallen
und die aufrechte Brust sauge weit den khlen, von Elysium her wehenden ther
ein; - ber dem Meere drben lag die vorige strmische Welt mit ihren heien
Ksten.
    Agata fhrte beide ins elterliche Haus am stlichen Abhang des Epomeo und
rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut: Das sind zwei brave
Herren, die ins Haus wollen. Der Vater sagte sofort: Willkommen, Exzellenzen!
Ihr sollt gern die Zimmer behalten, wenn auch nachher viele Badegste kommen.
Ihr findet nirgends besseres Quartier. Ich war sonst nur ein Dreher in der
Fayence-Fabrik; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben.
Wenn war denn irgendein Dezember und Mrz188 besser als diesmal? Befehlt,
Exzellenzen! - Pltzlich weinte Agata; die Mutter hatt' ihr das Begrbnis der
jngsten Schwester berichtet, zu dessen Feier, nach der Sitte der Insel, heute
ein Freuden-Abend angeordnet war, weil man einander zur ewigen seligmachenden
Besttigung einer Kindes-Unschuld durch den Tod Glck zu wnschen pflegte. Der
Alte wollte erst recht ins Erzhlen eingehen, als Dian seinen Albano bat, nach
so langer Seelen- und Krperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang, wo
er ihn wecke. Agata wies ihm sein khles Zimmer an, und er ging hinauf.
    Hier vor dem khlenden See-Zephyr war das Einschlummern schon der Schlummer,
und das nachklingende Trumen schon der Schlaf. Sein Traum war ein
unaufhrliches Lied, das sich selber sang: der Morgen ist eine Rose, der Tag
eine Tulpe, die Nacht ist eine Lilie, und der Abend ist wieder ein Morgen.
    Er trumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab.- Spt, im Dunkeln,
schlug er verjngt wie ein Adam im Paradies das Auge auf, aber er wute nicht,
wo er war. - Er hrte fernes ses Tnen - unbekannte Bltendfte durchschwammen
die Luft - er sah hinaus - der dunkle Himmel war mit goldnen Sternen wie mit
feurigen Blten bestreuet - an der Erde, auf dem Meere schwebten Lichter-Heere,
und in tiefer Ferne hing eine helle Flamme mitten im Himmel fest. Ein
unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Bhne mit einer verschwundenen,
und Albano ging durch das stille menschenleere Haus forttrumend heraus ins
Freie wie in eine Geisterinsel.
    Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tnen in die Welt herein. Er fand den
Namen Ischia wieder und sah nun, da das Schlo auf dem Felsen und die lange
Dcher-Gasse der Ufer-Stadt voll brennender Lampen stand. - Er ging auf die
erleuchtete, von Menschen umlagerte Stelle der Tne zu und fand eine ganz in
Freudenfeuern stehende Kapelle. Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische
wurde unter dem geschwtzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik
vorgespielt. Hier fand er seine Wirtsleute wieder, die ihn alle im Jubel ganz
vergessen hatten, und Dian sagte: Ich htt' Euch schon geweckt, die Nacht und
die Lust whrt noch lange.
    Hrt und seht doch dort den gttlichen Vesuvio, der das Fest so recht gut
mitfeiert, rief Dian, der sich so tief in die Wellen der Freude eintauchte als
irgendein Ischianer. Albano sah hinber nach der hoch im Sternenhimmel webenden
Flamme, die wie ein Gott den groen Donner unter sich hatte, und die Nacht hatte
das misenische Vorgebrg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgerichtet. Neben
ihnen brannten tausend Lampen auf dem kniglichen Palaste der nahen Insel
Procita.
    Indem er ber das Meer hinblickte, dessen Ksten in die Nacht versunken
waren und das unermelich und finster als eine zweite Nacht dahinlag: so sah er
zuweilen einen zerflieenden Glanz darberschweifen, der immer breiter und
heller flo. Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft, deren Lodern lange
Feuer-Furchen durch die flimmernden Wellen zog. Es kam eine Barke nher mit
eingezognem Segel, weil der Wind vom Lande ging. Weibliche Gestalten erschienen
auf ihr, worunter eine nach dem Vesuv gewandte von kniglichem Wuchs, an deren
rotem Seidenkleide der Fackelschein lang herunterflo, das Auge festhielt. Wie
sie nher schifften und das helle Meer unter den schlagenden Rudern auf beiden
Seiten aufbrannte: so schien eine Gttin zu kommen, um welche das Meer mit
entzckten Flammen schwimmt und die es nicht wei. Alle stiegen in einiger Ferne
ans Land, wo bestellte Diener, wie es schien, dazu gewartet hatten, um alles zu
erleichtern. Von der langen Gestalt nahm eine kleine, mit einer Doppellorgnette
versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort.
Die rotgekleidete zog einen weien Schleier ber das Gesicht und ging, von zwei
Jungfrauen begleitet, ernst und einer Frstin hnlich, der Stelle zu, wo Albano
und die Tne waren.
    Albano stand nahe an ihr, zwei groe schwarze Augen, mit Feuer gefllt und
mit innigem Ernst auf dem Leben ruhend, strahlten durch den Schleier, der die
stolze gerade Stirn und Nase verriet. In der ganzen Erscheinung war fr ihn
etwas Bekanntes und doch Groes, sie kam ihm als eine Feenknigin vor, die
vorlngst sich mit einem himmlischen Angesicht ber seine Wiege lchelnd und
begabend hereingebckt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt. Er
dachte wohl an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien
hier nicht mglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf
das Spiel zweier Jungfrauen, welche, niedlich in Seide gekleidet, mit
Gold-besetzten seidnen Schrzen, zur Tamburine einer dritten anmutig mit
verschmt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern, von
der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber
Stimme s zur holden Lust. Es geschieht alles (sagte ein alter Mann zur
Fremden) in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola.
Sie nickte langsam ein ernstes Ja.
    Da stand pltzlich Luna, vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet, drben am
Himmel, als die stolze Gttin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig,
gleichsam eine Donnergttin ber dem Donner des Bergs - und Albano rief
unwillkrlich: Gott, der groe Mond! - Schnell hob die Fremde den Schleier
zurck und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um; als
sie den fremden Jngling lange angeblickt, wandte sie sich nach dem Monde ber
dem Vesuv.
    Aber Albano war von einem Gott erschttert und von einem Wunder geblendet:
er sah hier Linda de Romeiro. Als sie den Schleier hob, strmte Schnheit und
Glanz aus einer aufgehenden Sonne; zarte jungfruliche Farben, liebliche Linien
und se Flle der Jugend spielten, wie ein Blumenkranz um eine Gtterstirn, mit
weichen Blten um den heiligen Ernst und mchtigen Willen auf Stirn und Lippe
und um die dunkle Glut des groen Auges. Wie hatten die Bilder ber sie gelogen
und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen!
    Als wollte die Zeit die glnzende Erscheinung wrdig umgeben, so schn
spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinander -
liebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer - der Mond war
ber die ungestme Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem
zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Ufer - der Epomeo schwebte mit
seinen versilberten Wldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im
Nacht-Blau - darneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten
und ihren Fest-Raketen, die sie in die Hhe warfen. - - Da Linda lange ber das
Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu
antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen, selber
an: Ich komme vom Vesuv, (sagte sie) aber er ist ebenso erhaben in der Nhe
als in der Ferne, was so selten ist. - Ganz fremd und geistermig klang es
ihm, da er diese Stimme wirklich hrte. Mit sehr bewegter versetzt' er: Aber
in diesem Lande ist ja alles gro, sogar das Kleine durch das Groe - diese
kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem
brennenden - alles ist eins und darum recht und so gttlich. Zugleich an- und
weggezogen, ihn nicht kennend, obwohl vorhin von seiner Stimmen-hnlichkeit mit
Roquairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkend, blickte sie
lnger, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Jnglings
an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen
zu.
    Dian, der schon lange die schne Fremde angesehen, fand endlich in seinem
Gedchtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegnen Miene
der Knstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. Der Grieche Dian,
(sagte Albano) edle Grfin! - Verwundert ber des Grafen Erkennung sagte sie
zu diesem: Ich kenne Sie nicht. - Meinen Vater kennen Sie, (sagte Albano)
den Ritter von Cesara. - O dio! rief die Spanierin erschrocken, wurde eine
Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: Wie sonderbar!
Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier.
    Das Gesprch flo jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drckte als
Mndel ihre Dankbarkeit aus: Es ist eine mchtige Natur, die sich vor allem
Gemeinen bewahrt, sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon
teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn beglckte das Lob auf einen Vater,
er erhhte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Klte nehme.
    Klte? - (sagte sie lebhaft) das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein
seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft
beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heiet er
kalt. Ist die Sonne in der Nhe nicht auch kalt? - Der Tod ist kalt, (rief
Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte)
aber eine erhabene Klte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit
Adlersklaue das Herz in die Hhe entfhrt, aber es zerreiet mitten im Himmel
und vor der Sonne.
    Sie sah ihn gro an: Ihr sprecht ja wie ein Weib, (sagte sie) das allein
hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig. -
Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tchtig,
unterbrach sie mit Fragen ber einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr
offen ihre eigentmliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte
zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; bei meiner
Abreise (sagte sie) war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was
ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und
nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund. - Was macht (fragte Dian halb scherzend)
mein alter Gnner, der Lektor Augusti? - Sie antwortete kurz und fast ber
dessen vertrauliches Fragen empfindlich: Es geht ihm gut am Hofe. - Wenigen
Naturen (wandte sie sich, ber Augusti fortfahrend, an Albano) geschieht so
viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, khlen, konsequenten wie der
seinigen. Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung
fr die fremdeste Eigentmlichkeit froh die Schlerin seines Vaters, der ein
Gewchs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blte
schtzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schrfer als in seiner
Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die
feingebildeten Weibern so oft abgeht als krftigen Mnnern Feinheit und Hlle,
ergriff den Jngling am strkesten, und er glaubte zu sndigen, wenn er nicht
seine groe natrliche gegen sie verdoppelte.
    Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. Diese sind mir
ntiger, (sagte sie zu Albano) als sie es scheinen. Sie habe nmlich,
erzhlte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts
unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu drfen, und es geschah;
er wollte sie fhren ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.
    Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schnen Flamme des Vesuvs
zu blicken. Er steht (sagte Albano) in diesem Hirtengedicht der Natur als
eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit. - Glauben Sie
das vom Krieg? sagte sie. - Entweder groe Menschen (versetzte er) oder
groe Zwecke mu ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Krfte, wie dem
Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt
gelegen. - Wie wahr! (sagte sie) - Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?
- Er bekannte seinen Wunsch fr dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran.
Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als
offenherzig. Selig seid ihr Mnner, (sagte sie) ihr grabt euch durch den
Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grne Saat darunter an. Das kann
keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar
Hupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau,
ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann.
    Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden
Gespielinnen ihrer frhern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre fr so viele
gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schnen Jungfrau ging und
zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schner
wurde, zugleich Blume, Blte und Frucht, statt da sonst umgekehrt der Kopf
durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge ber sein bisheriges Betragen
gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zartheit ber das bisherige
Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie ber das Wunder des heutigen Begegnens
schwieg. Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie
auf einer Hhe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in
Bergen aufgehufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels,
der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen ther - die Riesenschlange der Erde,
das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette - die Ksten und
Vorgebrge dmmerten nur wie Mitternachtstrume - Klfte voll Baumblten flossen
ber von therischem Tau aus Licht, und unten in Tlern standen finstere
Rauchsulen auf heien Quellen und verwallten oben in Glanz - hoch lagen berall
erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Stdte die Winde standen still,
die Rosendfte und die Myrtendfte zogen allein - weich und lau umflo die blaue
Nacht die entzckte Erde, um den warmen Mond wich der ther aus, und er sank
liebestrunken mitten aus dem Himmel immer grer auf den sen Erdenfrhling
herein - der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, wei von Sand oder
Schnee, in Morgen - im dunklern Blau waren die Goldkrner der feurigen Sterne
weit auseinandergeset. -
    Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine berirdische
Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke
lseten sich wieder sanft auseinander; sie schaueten in die Welt und in das Herz
und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.
    Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwtzigen Mdchen aus: Es
kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fhl' es recht, gute Nacht! - Es war Agata.
Gott geb' eines, sagte Albano. O warum? sagte Linda eifrig, aber leise. -
Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlich-lieb,
sogar der Tod - gehren wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit? sagt' er. -
Ja, das darf in der Freude der Mensch fhlen und glauben, nur im Schmerze
sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer
nicht wrdig.
    Albanos Geist stand hier von der Frstenbank auf, um die hohe Verwandte zu
gren, und sagte: Unsterbliche! und wr' es sonst niemand! Sie lchelte still
und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt, ins Feuer geworfen,
brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glnzte
feurig und rein fr Lindas Hand.
    Als sie die letzte Anhhe erreichten, worunter Lindas und Juliennens Wohnung
lag, und sie nebeneinander zur Trennung standen, da rief pltzlich unten das
Mdchen: Ein Erdbeben! Aus der Hlle heran rollte ein Donnerwagen in den
unterirdischen Wegen - ein breiter Blitz schlug die Flgel am reinen Himmel
unter den Sternen auf und zu - die Erde und die Sterne zitterten, und
aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. Albano hatte die Hnde der
wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen
Gtter-Statue aus Marmor verblht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der
Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer, und wunderbare Wolken zogen
unten ringsherum auf. Bin ich nicht recht furchtsam? sagte sie weich. Albano
schauete ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht
und drckte ihre Hnde. Sie wollte sie heftig wegziehen. Gib sie mir ewig!
sagte er heftig. -Khner Mensch, (sagte sie verwirrt) wer bist du? - Kennst
du mich? - Wenn du bist wie ich, so schwre und sage, ob du immer wahr gewesen!
- Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm, er
antwortete sanft und fest Linda, immer! - Ich auch! sagte sie und neigte
schamhaft das schne Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit
den groen feuchten Augen und sagte schnell: Gehen Sie jetzt! Frh morgens
kommen Sie, Albano! Addio, addio! -
    Die Mdchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefllt mit
Lebenswrme, mit Lebensglanz - die Natur wehte mit frischern Dften aus den
Grtern her - das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine
Amors-Fackel, ein Freudenfeuer - - durch den Nacht-Himmel zogen noch einige
Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne - und an das Himmels-Gewlbe war die
Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt.
    Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, aufgelset in die Wonne der
Liebe, in den Duft der Tler, in den Glanz der Hhen, trumend, schwebend: so
sah er Zugvgel ber das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo
Liane gelebt. Heilige droben, (rief sein Herz) du wolltest dies Glck,
erscheine und segne es! Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin
die heilige Jungfrau stand. Der Mond verklrte die blasse Statue die Jungfrau
belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen hnlicher - er kniete hin, und
hei gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Trnen. Als er aufstand, girrten
in Trumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heien Quellen dampften
schimmernd, und er hrte das frohe Singen der fernen Menschen herauf.

                         Neunundzwanzigste Jobelperiode


Julienne - die Insel - Sonnenuntergang - Neapel - Vesuv - Lindas Brief - Streit
                                   - Abreise


                                   111. Zykel

Nach einer langen Nacht wehte der frische Morgen, wo Albano die Schtze des
seligsten Traums, die vom Monde geffneten Blumen des Glcks, vor der Sonne
wiederfinden sollte. Ihm jauchzete das Leben, da er die gestrigen Hhen, die vom
Firni des Lichtes berzogen glnzten, wieder bestieg; nicht zu einem Rosenfest,
sondern zu allen Blumen- und Erntefesten auf einmal, zu Myrten- und
Lilienfesten, zu hrenlesen und Bltenlesen ging die Sonne ber den glcklichen
Boden hervor, und wie ein Pfau mit seinem schleppenden Regenbogen in einen
Bltenbaum hineinfliegt, so hob sich der junge Tag farbenschwer und mit Grten
beladen und voll Widerscheine auf die blauen Hhen und lachte kindlich in die
Welt. - Albano sah jetzt von seiner Hhe unten das Zauberschlo, worein sich
gestern die mchtige Zauberin verloren.
    Er kam unten an. Ein singendes Mdchen auf dem blumenvollen Dache, das auf
ihn gewartet zu haben schien, zeigte, unter dem Fortsingen sich herberbeugend,
ihm das nahe Zimmer unter ihr, in das er gehen sollte. Er trat hinein; es war
einsam - durch die Fenster aus geltem Papier quoll ein wunderliches Morgenlicht
- auf die hlzerne Stubendecke waren Figuren aus dem Herkulanum gemalt - in
einer kampanischen Vase standen gelbe Schmetterlingsblumen und Myrtenblten und
zogen einen sen Duftkreis um sich her. Die sonderbare Umgebung umschlo ihn
immer enger, da er gar einige Bilder und Gerte fand, die ihm bekannt vorkamen.
Endlich erblickte er bestrzt auf dem Tische einen halben Ring. - Er nahm seinen
halben hervor, den er im gotischen Zimmer in jener Geisternacht von der
angeblichen Schwester bekommen und den er fr den Zufall der Vergleichung immer
bei sich trug. Er drckte die Halbzirkel ineinander - pltzlich schlossen sie
einfassend sich zu einem festen Ringe zu - Gott! dacht' er, was greift wieder
ins Leben! -
    Da wurde hastig die Tr geffnet, und die Prinzessin Julienne eilte lchelnd
und weinend herein und rief, ihm zufliegend: O mein Bruder! mein Bruder! -
Julienne, (sagt' er ernst und innig) bist du endlich meine Schwester
wirklich? - O lange genug ist sie es, versetzte sie und sah ihn zrtlich und
selig an und lchelte ins Weinen. Dann umarmte sie ihn wieder und sah ihn wieder
an und sagte: Du schner Albano-Bruder! - So lange bin ich wie ein Mond um dich
herumgezogen und mute klter und weiter bleiben wie er; und will ich dich auch
ausnehmend liebhaben, so recht zurcklieben und vorwrts dazu! -
Allmchtiger! (brach Albano weinend aus, da er sich so pltzlich von einem
gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand) das alles gibst du mir auf einmal
jetzt? - Ach, (rief Julienne lebhaft) weint' ich nur auch vor lauter Freude!
Aber ich esse mein bitteres Stck Schmerz mit dazu! Lieber Bruder, Luigi
schreibt mir gestern aus Pestitz, ich sollte zurckeilen, sonst erleb' er
schwerlich meine Wiederkunft. Dacht' ich das bei der Abreise? So soll ich, was
ich mit der einen Hand einnehme, mit der andern ausgeben. Albano schwieg dazu,
weil er am Frsten keinen Anteil nehmen konnte. Desto mehr erquickt' er sich mit
frischer klarer Freude am offnen wehenden Orient der frhesten Lebenstage, an
dem Blicke auf diese junge reine Blume, die gleichsam in und aus der hellen
frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte.
    Aber Himmel! erklre mir, (fing Albano an) wie alles zuging. - Jetzt,
wei ich, hebt das Fragen an (versetzte sie) - Die ostensible Hauptsumme
sollst du kurz haben - fragst du nach mehr, willst du ins Geheimbuch gucken, so
schlag' ichs zu und sage dir einige Lgen vor. Im nchsten Oktober, wohl eher,
kommt alles ans Licht. Zu allererst! Meine Mutter war und bleib wahrlich rein
und heilig bei dieser Verwandtschaft, bei dem allmchtigen Gott!
    Welch ein Rtsel! (sagt' er) Bist du die Tochter meines Vaters? Ist Luigi
mein Bruder? Ist meine tote Schwester Severina deine Schwester? fragt' er.
    Julienne. Frage den Oktober!
    Albano. Ach Schwester!
    Julienne. O Bruder! Traue der Tochter Melchisedeks. Ferner: ich war wohl die
erscheinende Schwester, die der Mensch mit dem kahlen Kopfe dir in Lilar
zufhrte; ich konnte nicht, ich mute dich haben, eh' du ins Ausland entflogst.
Das Alter, das ich damals im Spiegel hatte, war, wie du siehst, nur vom
Kunstspiegel191 gemacht.
    Albano. Wahrlich, ich dachte damals an niemand als an dich. Nur wie kommt
ein Mensch wie der Kahlkopf und wie der Vater des Todes - der mir so
unbegreiflich in Mola vorausgesagt, da ich dich finden wrde - -
    Julienne. Das ist unmglich - Meinen Namen nannt' er?
    Albano. Blo dieser fehlte. Der Pater ist brigens nach aller
Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkopf ein Mensch. Er fuhr dabei gen Himmel.
    Julienne. Da bleib' er ja und der andere mit. Geht und ficht mich oder dich
dieser dunkle Zauber-Bund etwas an, der in seinen falschen Wundern bisher immer
durch seltsame wahre unterbrochen wurde? Ich kam damals in Lilar unschuldig dazu
und verhtete vielleicht etwas Frchterliches.
    Albano. Bei Gott, ich mu fragen. Was ist denn sein Zweck, wer sein Leiter,
sein Oberer?
    Julienne. Vermutlich der Vater der Grfin, denn der lebt noch unbekannt und
ungesehen, hr' ich, obgleich dein Vater Vormund ist. Erstaune, wenn du zu Hause
bist, und lasse die Rtsel, die sich ja fr uns beide schon so freudig
entwickeln, und erwarte die Oktobertage.
    Albano. Aber eins, geliebte Schwester, versage mir doch nicht, ein klares
Wort ber mein und dein wunderbares Verhltnis zur edlen Grfin! Nur das!
    Julienne. Hat dirs denn schon mein Herz versagt? - Die Herrliche! - Wohl ihr
und mir und dir! Dein erstes Wort der Liebe - die Gtter setzten dies nun so
fest - sollte das Merkwort zu dem meinigen an dich werden, erst von der
Geliebten durftest du die Schwester empfangen. Was Gaukler und Geister dazu und
davon taten, das wei niemand besser als der - Oktober; was soll ich erst lange
zwischen Lge und Meineid auslesen? Ich tat blo alles, euch beide nur
voreinander hinzustellen; das brige wut' ich voraus. Nichts gelang - lauter
erwrgender Wirrwarr alles ging bergan - ich sah teuere Menschen192 in einem
unseligen Frhling entsetzliche Schmerzen sen und dabei so voll Hoffnungen
lcheln und konnte ihre unglcklichen Hnde nicht halten - ich, die so gewi
allen Jammer vorauswute. - O du fromme reine Seele droben! sagte sie auf
einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf - die Geschwister umfaten sich
sanft und weinten still ber das unschuldige Opfer.
    Nein, (sagte Albano sehr warm) kein Hllenbund konnte uns scheiden, wre
sie nur bei mir geblieben oder doch auf der Erde. - Sieh, Albano, (sagte
Julienne, ihre frohern Lebensgeister wieder zusammenrufend, und ffnete alle
dunkele Fenster) wie der Morgen-Hgel auf und ab prangt und wallet! Lasse mich
ausreden! Recht zum grten Glck erfuhr ich im Winter, da du nach Neapel
gedchtest. Linda war schon einmal dagewesen, und ihre Mutter in den hiesigen
Bdern. Mir, (sagt' ich zu ihr) tten Ischias Bder so wohl als einer, reise
mit, den tristen Vormund in Rom wollen wir gar nicht berhren und besuchen. Sie
willigte leicht ein. Deiner wurde natrlich nicht gedacht, vorher aber oft genug
in Briefen und sonst, wo ich dich immer unmig lobte. - Und nun nous voici
donc! - Gestern erhielt ich in Neapel den traurigen Brief meines Bruders. Von
deiner Ankunft wut' ich noch nichts. Ich lie die Grfin allein zu deinem
Ton-Fest gehen und eilte mit dem schweren Herzen heim. Da sie freudig kam, tat
sie ihres auf und sagte mir alles und dann ich ihr alles. - Ach, gottlob,
(setzte sie, ihm an den Hals fallend, dazu) da wir nun endlich im Elysium
ausgestiegen sind und da uns der morsche Charons-Kahn nicht hat ersaufen
lassen. - Aber fr ganz Europa, auch fr deinen Dian, bleibet auf unserer
Verwandtschaft das Sekretsinsiegel daran, merke! Er mute noch einige Fragen
tun; sie antwortete immer aufgeweckt: Der Oktober, der Oktober! bis sie auf
einmal, wie erwachend, ausrief: O wie kann ich das so lustig sagen? aber ohne
sich darber zu erklren.
    Jetzt will ich dich, wie ichs bisher machte, zur Grfin bringen, aber ber
einen krzern Weg! sagte sie, nahm seine Hand, fhrte ihn hinaus, ffnete das
Zimmer gegenber, wo Linda wohnte, und sagte: Ich stelle dir meinen Bruder
vor. Hoch errtend ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein
Wort die liebe Freundin. Als ihr Auge Albano wiederfand, wurde sie so betroffen,
da sie die Hand zurckzuziehen suchte, die er kte; denn sie hatte gestern
kaum nur dmmernd sein schnes Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe
gesehen; und dieser blhende Mensch stand, von doppelter Rhrung beseelt, so
hell und still und ernst vor ihr, voll edler, rechter Liebe. Ihr Herz wre gern
an seines gefallen; wenigstens ihre Hand gab sie ihm in seine wieder und
wnschte ihm Glck zu diesem Morgen. Die nahe Antwort: Und zum gestrigen Abend
konnt' er nicht ber die Lippe bringen, aus eigner verschmter Scheu, Lob zu
geben wie zu nehmen. Endlich ist der dritte Mann zum Reise-Kollegium gefunden
(sagte Julienne) - Denn du mut in einigen Tagen gleich fort, nach Pestitz mut
du mit, Albano. - Ich mit, Schwester? (sagt' er) ich wollte einen Monat
bleiben, in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs, Herkulanums und Neapels
zusammengedrngt. - Er wunderte sich nachher selber ber den sen Gehorsam
unter die schnen Befehle der Liebe, da er sonst zu sagen pflegte: Befiehl mir,
zu befehlen: so gehorch' ich nicht. - Ich begleite meine Freundin, (sagte
Linda) so gern ich nach Griechenland gegangen wre, dem ich schon zweimal so
nahe bin.
    Noch in dieser Nacht flieg' ich fort, (sagt' er) ich will nur wachen,
sehen, leben, lieben. Julienne fing schon mit Schwester-Sorgen fr seine
Gesundheit und seine Zwecke an - geteilt zwischen zwei Brder, htte sie sich
gern, wr' es nur mglich, beiden zugleich geopfert. - Ischia hat der gute
Mensch auch noch nicht genossen, (sagte sie) das mu er heute haben.
    Albano fhlte bei dieser neuen weiblichen Liebe, das Weib sei das Herz in
der schnsten Gestalt. In ihm klang ein Freudenlied: welch ein Tag liegt vor
dir, und welche Jahre! - Vom berhang der doppelten Liebes-Blten s
umschlungen und eingesponnen, sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht
- ber den Morgentau der Jugend war nun eine Sonne heraufgefhrt, und die
dunkeln Tropfen strahlten durch alle Grten hinauf und hinab.
    Er warf endlich einen Blick auf den Ort, der ihn umgab; Niobes Gruppe, der
Genius von Turin, Amor und Psyche standen abgegossen da, aus dem Kabinette eines
Knstlers in Neapel entlehnt - die Wnde waren mit seltenen Gemlden geschmckt,
worunter der - niesende Schoppe war. Dieser allein drang mit der nordischen
Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz, und er sagte der Geliebten sein
Gefhl. Sie ziehen (sagte sie) der Kunst die Freundschaft vor, denn das
Portrt ist das Schlechteste in meiner Sammlung; aber das Original verdient wohl
alle Achtung.
    Sie ging ins Kabinett und holte ein Miniaturbild von sich selber, das sie
nach trkischer Sitte darstellt, eingeschleiert und nur ein Auge aufgedeckt. Wie
neben der Schleier-Dmmerung das offne Seelen-Auge lebendig blickte und traf!
Wie die Flamme ihrer Macht die Hlle der Milde durchbrannte! - Linda nannte den
Meister des herrlichen Bildes, eben diesen Schoppe, und setzte dazu: er habe
gesagt, hier msse der Meister aus Gegengeflligkeit selber ein Werk loben, das
ihn so parteiisch und krftig lobe wie noch kein anderes Werk von ihm. Sie
erklrte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr
selber fast wrtlich gesagt: er habe nmlich in seiner frhesten Jugend ihre
Mutter so lange geliebt, als er sie gesehen, und hernach niemand weiter, und
darum hab' er, da sie ihr hnlich sei, sie con amore gemalt und wirklich etwas
zu leisten gesucht.
    O redlicher alter Mensch! sagte Albano und konnte sich kaum der Trnen aus
Augen, die so oft glcklich waren, erwehren; aber nur aus heiligem
Freundschafts-Schmerz. Denn es fuhr nun durch ihn - wie ein Wetterstrahl durch
den hellsten Himmel - die durch alles, durch Schoppens Tagebuch und Lindas Worte
und Rabettens Brief gewisse Vermutung, da Linda die Seele sei, die der
sonderbare Mensch verborgen geliebt. Ein scharfer Schmerz schnitt eilig, aber
tief durch seine Stirn; und er berwand sich blo durch seine jetzige jngere
Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien
Gedanken, da ein Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte, aber nicht
die Liebende geben und opfern knne oder drfe.
    Julienne sagte: Ein Wunder ists nur, da der Bruder zwischen zwei solchen
Phantasten - wie dieser Schoppe und Roquairol - nicht selber einer geworden.
Ein flchtiger Krieg brach aus. Linda sagte: Schoppe ist nur eine sdliche
Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima. - Eigentlich mit dem Leben selber,
sagte Albano. Julienne blieb dabei: Ich liebe berall Regel im Leben; bei
beiden ist man nie ruhig und a son aise, sondern nur a leur aise. Sie fragte
ihn geradezu ber Roquairol. Er war einmal mein Freund, und ich spreche nicht
mehr von ihm, sagt' Albano, dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe
gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band. Linda
ging mit dem bloen Urteile eines berspannten Schwchlings leicht und ohne
besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abscheues vor ihm darber
hin; sie verga in der Ferne ebenso kalt jeden, der ihrem Innern widrig war, als
sie in der Nhe ihn heftig davonstie.
    Julienne entfernte sich, um die Anstalten zur kleinen Tag- und Inselreise zu
treffen. Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel; Linda
sagte ber Julienne: Ein tief- und festgegrndetes Gemt! - Das Stamm und
Zweige nur in lauter kleine duftende Blten einhllt, setzt' er hinzu. - Und
gerade, was sie in Bchern und Gesprchen hasset, die Poesie, die treibt sie
recht in Taten. Individualitt ist berall zu schonen und zu ehren als Wurzel
jedes Guten. - Sie sind auch sehr gut, setzte sie mit sanfter Stimme dazu.
Wahrlich, jetzt bin ichs, (sagt' er) denn ich liebe recht; und nur ein
vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigenntzig!
    
    So mu das Sonnenbild vollendet und rund auffallen, um zu brennen. Oder
eines, das man dafr hlt (sagte sie) - Ich bin, was ich bin, und werde
schwerlich anders. Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat, der durch das
Leben geht, nicht von Minute zu Minute, von Mensch zu Menschen wechselt - das
ist die Hauptsache. - Linda, (rief Albano) ich hre meine Seele - es gibt
Wrter, welche Taten sind; Ihre sinds. Wenn sie so ihre Seele aussprach,
verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schne Gestalt, wie die goldne
Saite verschwindet, wenn sie zu tnen anfngt. Von der Vergangenheit verwundet
und bestraft fr seine oft harte Kraft, hauchte er - ob ihn gleich jetzt das
Leben, die Welt und selber das Land khner, heller, fester und heier gemacht -
die unisonen olssaiten dieser vieltnigen Seele nur mit leisem Atem an. Aber
wie mute sie ein Mann bezaubern, zugleich so mchtig und so zart - ein sanftes
Sternbild aus nahen Sonnen - ein schner Kriegsgott mit der Lyra - eine
Sturmwolke voll Aurora - ein mutiger, heier Jngling, der so redlich dachte! -
Aber sie sagte es nicht, sondern liebte blo wie er.
    Er warf einen zuflligen Blick auf ihre kleine Tisch-Bibliothek. Lauter
Franzosen! sagte sie; er fand den Montaigne, das Leben der Guyon, den Contrat
social und zuletzt Madame Stael: Sur l'influence des passions. Er hatte diese
gelesen und sagte, wie ihm die Artikel ber die Liebe, die Parteien und die
Eitelkeit unendlich gefallen und berhaupt ihr deutsches oder spanisches
Feuerherz, aber nicht ihre franzsische kahle Philosophie, am wenigsten ihre
unmoralische Selbstmordsucht. - Lieber Gott, (rief Linda) ist nicht das Leben
selber ein langer Selbstmord? - Albano, alle Mnner sind doch irgendwo Pedanten,
die guten in der sogenannten Moralitt, und Sie besonders - Kantische Maximen,
breite weite Fcher, Prinzipien mssen sie alle haben. - Ihr seid alle geborne
Deutsche, recht deutsche Deutsche, Sie auch, Freund. Hab' ich recht? setzte sie
sanft dazu, als begehre sie ein Ja.
    Nein! (sagte Albano) Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und
ausschlieend treibt und verlangt: so heiet er ein Phantast oder Pedant. -O
die ewigen Leser und Leserinnen! rief Julienne, hereintretend, ber sein Buch
in der Hand aus. Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen,
(sagte Linda) wie ich noch keine weggelassen. - Weiber, die Vorreden und Noten
lesen, sind bedeutende; bei Mnnern wre hchstens das Gegenteil wahr. - Wir
knnen reisen, alles ist fertig, sagte Julienne.

                                   112. Zykel


Wie wehte drauen - als sie in die festliche Welt kamen - das khle Himmelsblau
herab statt der Erdenlfte! Wie glnzte die Welt und der Tag - und die Zukunft!
Wie schumte im Lebenskelche der Liebestrank, fr jeden der drei Menschen aus
zwei berauschenden Mitteln gemacht, glnzend ber! -
    Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo, aber in ausweichender
Freiheit und in einem Wechsel der Natur, der nirgends weiter auf der Erde so
ist. Sie begegneten Tlern mit Lorbeern und Kirschen, mit Rosen und Primeln
zugleich. - Es kamen khle Schluchten, mit reifen Orangen und pfeln ausgefllt,
neben heien Felsen von Aloe und Granaten, und an die Gipfel des Kirsch- und
Apfelbaums rhrten oben die Wein- und Orangenblten. - In den blhenden Klften
schlugen sichere Nachtigallen, und aus den Ritzen schossen giftlose
Schlangenkpfe ans Licht - Zuweilen kam ein Kloster in einem Zitronenwldchen,
zuweilen ein weies Haus am Weingarten, bald eine khle Grotte, bald ein
Kohlgarten neben rotem Klee, bald eine kleine Aue voll weier Rosenblumen und
Narzissen, und berall ein Mensch, der singend, tanzend und anredend
vorberging. - Wechselnd deckten Hhen und Grten das Land und das Wasser auf
und zu, und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine Wolken-Kste wie
ein zweiter Himmel durch die grnen Zweige nach. -
    Sie kamen dem Hause des Einsiedlers auf dem Gipfel immer nher, auf bunten
goldnen Schwungfedern des Lebens sich wiegend. Sie sagten einander zuweilen ein
freudiges Wort, aber nicht um sich mitzuteilen, sondern weil das Herz nicht
anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer. Sie standen
endlich auf dem Erden-Thron und blickten wie von der Sonne herunter. Rings um
sie war das Meer gelagert, ins Blau des Horizonts verschmolzen - von Kapua her
zog in der Tiefe der weie Apennin um den Vesuv und herber auf der langen Kste
Sorrentos fort - und vom Pausilipp an verfolgten die Lnder das Meer bis ber
Mola und Terracina - auf der geffneten Welt-Flche erschien alles, die
Vorgebrge, die gelben Krater-Rnder auf den Ksten und die Inseln rings umher,
die der verhllte frchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Feuerreich an
die Sonne getrieben - und das holde Ischia, mit seinen kleinen Stdten an den
Ufern und mit seinen kleinen Grten und Kratern, stand wie ein grnendes Schiff
im groen Meer und ruhte auf zahllosen Wogen.
    Da verschwanden drunten die Gren der Erde, nur die Erde allein war gro,
und die Sonne mit ihrem Himmel wars. O wie sind wir glcklich! sagte Albano.
Ja, ihr waret glcklich dort, wer wird es nach euch sein? - Sich auf dem Baum
des Lebens wiegend, auf welchen schon sein Kindes-Auge so frh und sehnschtig
geblickt, sagt' er alles, was ihn erhob und ergriff: Daran erkenn' ich die
Allgewaltige, zornig und flammend steigt sie aus dem Meersboden herauf, pflanzt
ein brennendes Land, und dann teilt sie wieder lchelnd an ihre Kinder Blumen
aus; so sei der Mensch, Vulkan - dann Blume. - Was sind dagegen (sagte
Julienne) alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds! Ist das nicht eine
kleinere Schweiz, nur in einem grern Genfersee? - Die Grfin, durch ihr
Spanien einheimischer in solchen Reizen, hielt sich meistens still. Der Mensch
(sagte sie ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gottheit und beseelet
Wald und Tal, und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch.
    Der Einsiedler erschien und sagte, ihr heraufgesandtes Mahl sei lngst
angekommen; er lobte seine Hhe mit: Oft (sagt' er und machte Julienne lachen)
raucht mein Berg wie der Vesuv, und Badgste sehen herauf und frchten etwas,
es ist aber, weil ich mein Brot hier oben backe. - Sie lagerten sich im
schattigen Freien. Man mute immer wieder auf die liebliche verkleinerte Insel
hinabsehen, die mit ihren in Grten geseten Grten, mit ihren mit Herbsten
durchflochtenen Frhlingen so ganz und nahe lag, ein groer Familiengarten, wo
die Menschen alle beisammen wohnen, weil nicht Lnder sich mit Lndern
verwirren, und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit ber den Garten des
Meeres hinaus. Gleich offnen stillen Blumen waren die drei Seelen nebeneinander,
duftend fliegt der Blumenstaub hin und her, neue Blumen zu erzeugen. Linda
versank ganz in ihr groes tiefes Herz; der Liebe ungewohnt, wollte sie sie
darin anschauen und genieen, indes kein Wort Albanos ihr entfloh, denn es
gehrte zur Liebe im Herzen. Von Milde bergossen und sinnend war sie da, mit
dem groen Auge halb unter dem niedergehenden Augenlid - nach ihrer Sitte immer
lange schweigend wie lange sprechend. Wie der Diamant ebenso glnzt wie der
Tautropfe, nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne: war ihr Herz dem
weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und bertraf es nur an
Strke. Entzckt sah Julienne es an, wenn sie etwa - nach einem kindlichen
Vergessen Albanos, weil ihr Rede-Strom sie von einer Welt in die andere gerissen
- pltzlich und mit unbefangener Freude mit ihrer feingeformten Hand zu des
Jnglings seiner zurckkehrte, dem ihr Hndedruck nichts Kleineres war als eine
zrtere Umarmung.
    Sie nahmen den nhern Rckweg gegen Albanos Wohnung herab, die immer in
ihrem Reben-Geniste zu ihnen heraufsah. Man war noch so kurz beieinander - - am
Morgen reisete Albano. Er sollte von Portici aus schreiben, ein Bote den Brief
holen und er bringt mir auch einen, sagt' er; - gewi nicht! sagte Linda.
Albano bat. Sie wird sich schon ndern und schreiben, sagte Julienne. Sie
verneinte. Allmhlich liefen Schattenfurchen neben den schwarzen Lavastrmen den
Berg hinab, und in den Pappeln fingen Nachtigallen schon ihre melodische
Dmmerung an. Sie kamen Albanos Hause nahe; Dian lief entzckt der Prinzessin
entgegen. Albano bat ihn, ohne beide gefragt zu haben, eine Barke zu schaffen,
damit man den Abend geniee. Gerade zu gewaltsamen Antrgen der Freude sagen die
Mdchen am liebsten das Ja. Dian war sogleich mit einer zur Hand; mit seiner
Freude hing er schnell an jeder fremden.
    Sie stiegen alle ein und fuhren unter die Sonnenblumen, die jeder
Sonnenstrahl auf die Wellen-Beete immer dichter pflanzte. Albano verga - im
jetzigen Feuer, gewohnt an die Sitten des warmen Landes, wo der Liebende vor der
Mutter spricht und sie von ihm mit der Tochter, wo die Liebe keinen Schleier
trgt, nur der Ha und das Gesicht, und wo die Myrte in jedem Sinne die
Einfassung der Felder ist - sich einen Augenblick vor Dian und nahm Lindas Hand;
schnell entri sie ihm sie, der Mdchen-Sitte treu, die den Arm verschenkt und
den Finger und Fingerhut verweigert. Aber sie sah ihn sanft an, wenn sie
abgeschlagen.
    
    Sie kamen auf ihrer Fahrt von Osten nach Norden wieder vor dem Felsen mit
den Husern und vor den Gassen der Ufer-Vorstadt vorber. Alles war froh und
freundlich - alles sang, was nicht schwatzte - die Dcher waren mit Websthlen
seidner Bnder besetzt, und die Weberinnen sprachen und sangen zusammen von Dach
zu Dach. Julienne konnte kaum das Auge von diesem sdlichen Vereine ablassen.
Sie zogen weiter ins Meer, und die Sonne ging ihm nher zu. Die Wellen und die
Lfte spielten miteinander, jene wehend, diese wogend - Himmel und Meer wurden
zu einem Blau gewlbt, und in ihrer Mitte schwebte, frei wie ein Geist im All,
das leichte Schiff der Liebe. - Der Umkreis der Welt wurde ein goldner
geschwollner hrenkranz voll glhender Ksten und Inseln - Gondeln flogen
singend ins Weite und hatten schon Fackeln fr die Nacht bereit - zuweilen zog
hinter ihnen ein fliegender Fisch seinen Bogen in der Luft, und Dian sang ihnen
ihre bekannten vorbergleitenden Lieder nach. - Dort segelten stolz und langsam
groe Schiffe her, mit rotem und blauem Helmbusch gleich dem Himmel flatternd,
und als Sieger dem Hafen zu. - berall war Lebens-Most ausgegossen und arbeitete
brausend - So spielte eine gttliche Welt um den Menschen! O hier an dieser
groen Stelle, (sagte Albano) wo alles Platz hat, die Paradiese und die
schwarzen Orkus-Ufer aus Lava - und das weiche Meer - und Vesuvs graues
Gorgonenhaupt - und die spielenden Menschen - und die Blten und alles - hier,
wo man glhen mu wie eine Lava - drfte man da nicht sich gleich der heien
Lava umher in die Wellen begraben in seiner Glut, wenn man wte, es knne etwas
vergehen von dieser Stunde, nur etwas vom Andenken davon, oder ein Pulsschlag
fr ein Herz? - Wre das nicht besser? - Vielleicht, sagte Linda. - Julienne
wurde durch die weiche Freude vor das ferne Krankenbette ihres Bruders gezogen
und sagte lchelnd: Kann man es nicht wie die schne Sonne drben machen und
unter die Wellen gehen und doch wiederkommen? - Schauet doch ihrem Untergange
recht zu, nirgends ist er auf der Erde so.
    Die Sonne stand schon, zu einem groen Goldschild gewachsen, vom Himmel
gehalten, ber den Ponzischen Inseln und vergoldete das Blau derselben - die
weie Krone aus Felsen-Stacheln, Kapri, lag in Glut, und von Sorrentos bis
Gaetas Ksten war den Welt-Mauern dmmerndes Gold angeflogen - die Erde rollte
mit ihrer Achse wie mit einer Spielwelle nahe an der Sonne und schlug aus ihr
Strahlen und Tne - seitwrts lagerte sich versteckt der Riesen-Bote der Nacht
auf das Meer, der unendliche Schatte des Epomeo.
    Jetzt berhrte die Sonne ihr Meer, und ein goldner Blitz zitterte durch den
nassen ther umher - und sie wiegte sich auf tausend feurigen Wellen-Flgeln -
und sie zuckte und hing liebesbrnstig, liebeglhend an dem Meere, und das Meer
sog brennend alle ihre Glut - Da warf es, als sie vergehen wollte, die Decke
eines unendlichen Glanzes ber die erblassende Gttin - - Dann wurd' es still
auf der Welt - eine bewegliche Abendrte berflo mit Rosen-l alle Wogen - die
heiligen Untergangs-Inseln standen verklrt - die fernsten Ksten traten heran
und zeigten ihr Rot der Entzckung - auf allen Hhen hingen Rosenkrnze - der
Epomeo glhte bis zum ther hinauf, und auf dem ewigen Wolkenbaum, der aus dem
hohlen Vesuv aufwchset, verglomm im Gipfel der letzte dnne Glanz.
    Sprachlos wandten sich die Menschen von dem Westen nach dem Ufer um. Die
Schiffer fingen wieder an zu sprechen. Mache, (bat Linda ihre Freundin leise)
da dein Bruder sich immer nach Abend wendet. Sie erfllte die Bitte, ohne
deren Grund sogleich zu erraten. Immer sah Linda in sein schn beglnztes
Angesicht. Bitt ihn wieder, (sagte sie zum zweitenmal) es dmmert zu sehr,
und meine kranken Augen sehen ohne Licht so bel. Es geschah nicht; denn sie
stiegen sogleich ans Ufer. Die Erde zitterte ihnen, da sie sie betraten, als ein
Sangboden der seligen Stunde nach. Albano war in sprachloser Rhrung auf das
geliebte Angesicht geheftet, das er bald wieder verlassen sollte; ich schreibe
Ihnen, sagte sie unaufgefodert mit einem so rhrenden Widerrufe der vorigen
Drohung, da er sich, wr' er nicht unter fremden Augen gewesen, danktrunken auf
ihre Hand, an ihr edles Herz gestrzet htte. Das Scheiden und das Ende eines
harmonischen Tages wurde schwer, worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein
Dreiklang gewesen. Jetzt schied Dian schon. Nicht einmal die Rosen des Abends
(sagte Julienne) sind ohne Dornen. - Abgebrochen, ist berall das beste; wir
wollen nach Hause, sagte Linda. Albano bat, da er begleiten drfe. Wozu?
sagte Linda. - Leise setzte sie ihrer Augen wegen dabei: Ich kann Euch kaum
mehr sehen - indes kommt nur, ich hre doch. - Schne Vernderliche! sagte
Julienne. Ich verndere mich, (sagte sie) aber kein anderer - nur bis zur
Kapelle, Albano, Ihr schiffet morgen frh fort. - Nicht einmal, heute noch
vielleicht, sagte er.
    Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die
Nachtigallen schlugen und die Myrtenblten dufteten und die lauen Lfte
flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die
Silber-Gitter der Sternbilder heilig schauete: so berflo jedes Herz von treuer
Liebe, und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd
einander die Hand.
    Auf einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte:
Hier soll er gehen, Julienne! und zog schnell ihre Hand aus seiner und
streichelte leicht ber seine Locken und seine Wange und dann ber sein Auge und
fragte: Wie? in einen Traum verirrt. Gleich, (sagte Julienne) aber auf den
italienischen Winter mu man doch, um nur heimzukommen, gar warten, auf den
Mond. Da fiel der Bruder der zarten Schwester, welche ihm dadurch die lngere
Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die strkere Beleuchtung
zubereiten wollte, an das Herz und rief mit Trnen aus: O Schwester, wie viel
hast du nicht fr mich getan, eh' ich etwas tun oder dir danken konnte - du
reichst mir ja alles, jedes Glck, die hchste Seligkeit, o wie bist du! - Der
Mond ist da! (rief sie) nun reise glcklich und scheide!
    Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Gebrge heraufgetreten, und die
verklrte Geliebte sah des Geliebten blhendes Angesicht wieder. Er nahm ihre
Hand und sagte: Lebe wohl, Linda! - sie sahen sich lange an, die Augen voll
Seelen, und sie wurden sich fremder und hher - da drckte er, ohne zu wissen
wie, die erhabene Jungfrau, wie ein seliger Geist eine Frhlingssonne, sich an
das Herz - und er berhrte das Heiligtum ihres Angesichts mit dem seinigen, und
wie Morgenrten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schlo die
Augen und kte zagend, und nur ein einziges Leben und Glck rollte und glhte
zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer
und begehrte kein anderes Glck. Darauf schieden alle, ohne wieder zu sprechen
oder sich umzusehen.

                                   113. Zykel


Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte,
schon unter dem khlen Morgenstern von dem glcklichen Boden davon. Er sagte dem
Baumeister Dian sein ganzes Glck, weil er wute, wie sehr der Mann noch ein
Jngling fr die Liebe blieb; bravo! (antwortete Dian) Wer kann ohne Liebe in
Italien auskommen? Unsereiner wenigstens nicht. Hoffentlich ist Euere prchtige
Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mags wohl ein
Gtterleben geben.
    In den Morgenlften, von Sonne und Woge angestrahlt, schwebt' er gleitend
auf dem blauen Spiegel-Meer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn
es nach dem Olymp, Epomeo, zurcksah, und war selig, wenn es wieder auf die
hinauf- und hinabschimmernden Ksten, auf den langen ausgelegten Markt der Erde
blickte.
    Als sie unter den schwimmenden Palsten, den Schiffen, vorbei an die
stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Heiligen-Festes. Er vergrub
gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln - in Bilderslen - in vierten
Stockwerken, wo nach der Sitte einige Groe wohnten, an welche er von seinem
Vater Briefe abgab - und schner in der unterirdischen finstern Gasse, die sich
durch den blhenden Posilippo wlbt.
    Nur der Aussicht, da er in der ersten nchsten Einsamkeit mit dem
entrckten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart
fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schnste Hhe ber Neapel, das
Kamaldolenser Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne
hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah. Er hielt sich nicht lnger,
sondern fing an einer dichter umblhten Stelle, die er sich dazu aussuchte,
diesen Brief an Linda an:
    Endlich, edle Seele, kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen,
wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont. Linda,
Linda, o da ich dich habe und hatte! Dauert denn der zweitgige Gtter-Traum
noch herber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm, und ich hre kein
Ja. Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das
Leben um mich brausend schwoll, wie die Lfte mich umwehten: so war mir, als
mt' ich mich in ein fliegendes Knigsschiff werfen und ein Ufer suchen, das
unter dem tiefsten Sternbild grnt; als mt' ich wie eine Kaskade hinabflattern
durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reien, dringend und
zerstrend und tragend. Und so ist mir jetzt wieder und noch strker; ich mchte
zu dir hinberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine
Ewigkeit, aber ich mu dich verdienen; ich kann nichts fr dich tun, auer fr
mich. - In der alten Zeit waren geliebte Jnglinge gro, Taten waren ihre
Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und
auf die Ruinen hinbersah, wo die Grten und Palste der groen Rmer noch mit
Trmmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah
mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlften, davon erquickt, aber nicht
erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte,
und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in
Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann
der Mann anders sein? Der Lwe geht ber die Erde, der Adler geht durch den
Himmel, und der Knig dieser Knige habe seine Bahn auf der Erde und in dem
Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein
leerer Nebel ist, kannst du ihn bersteigen, oder festgreifen und zerschlagen?
Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurck.
Aber Worte sind an Taten nur Sgespne von der Herkuleskeule, wie Schoppe sagt.
Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstoen, so will ich dich im Sturm
der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe.
    Hier steh' ich auf der gttlichen Hhe des Klostergartens und blicke in ein
grnes Himmelreich ohnegleichen hinab. Die Sonne ist schon ber den Golf hinber
und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe, und ein ganzes Ufer voll Palste
und voll Menschen brennt rot - durch die langen aufgebreiteten Straen unter mir
rollt das Festgetmmel schon herauf, und die Dcher sind voll geschmckter
Menschen und voll Musik, Balkons und Gondeln erwarten die gttliche Nacht zu den
Gesngen. Und hier bin ich allein und bin doch so glcklich und sehne mich ohne
den Schmerz. Aber wr' ich vor vier Tagen, Linda, wo ich dich noch nicht kannte
und noch nicht hatte, hier gestanden und htte angesehen diesen Abend - das
goldne Meer - das heitere Portici, das Sonne und Meer mit Flammen ansplen - den
herrlichen Vesuv mit goldgrnen Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt
voll Sonnenglut - und hinter mir die grne Ebene voll Wolken aus Bltenstaub,
die aus Grten steigen und in Grten regnen - und den ganzen webenden
Zauberkreis freudiger Krfte, diese in Licht und Leben schwimmende Welt; - dann,
Linda, htte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezckt, und
im goldnen Abendlicht wren Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen.
    O Linda, wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert, und ich bin nun
berall glcklich. Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens, der mhsam an
der Ernte arbeitet, in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt, der
umherspielt, bis er eine Gtter-Gestalt erschafft. Sah' ich heute nicht jeden
Tempel und jeden Hgel froher, wie von dir vergoldet, und jede Schnheit, sie
mochte an der Statue, auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den
Gipfeln blhen, prangte und duftete ppiger, und dann flog ich von der kleinen
Blume auf zur blhenden Linda?
    Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke! Versiegelte Befehle gibt
sie uns mit, damit wir sie auf einer spten fremden Stelle erbrechen. Gott, erst
auf Ischias Epomeo mut' ich meinen ffnen, da ging ein Augenblick ber das
Leben und gebar die Ewigkeit, der Schmetterling brachte die Gttin!
    Der Abend geht unter, und ich mu schweigen. Wt' ich nur, wie der deinige
ist! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden, deinen und meinen, und ich kann
nicht mehr mit mir allein leben. - Dieser Tag sei dir doch reich und mild
entwichen und dein Abend wie meiner! Die Sonne rtet nur noch den Vesuv, die
Inseln verglhen langsam im dunkeln Meer, ich schaue nun, ohne mit dir zu
sprechen, den groen Abend an, aber o Gott, so anders als in Rom! Selig werd'
ich mein Auge nur an deine auslschende Insel im Glanz-Getmmel des Abendrots
heften und lange noch hinsehen, wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht
verwittert; und dann werd' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der
Farben unter mir schauen - frohe Gesnge werden durch die Dmmerung ziehen - die
Sterne werden liebreich schimmern - und ich werde sagen: Ich bin allein und
still, aber unaussprechlich selig, denn Linda hat mein Herz, und ich weine nur
aus Liebe, weil ich an ihres denke, und trunken werd' ich durch den Bltenrauch
des Bergs hinuntergehen. -

                                       *

Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurck, alle Fest-Lust, die
ihm begegnete, das ganze Odeum der Wonne, in welchem das klingende Rad der Leier
schwindelnd umrollte, schien ihm blo sein Nachklang zu sein, indes sonst erst
den uern sinnlichen Saiten des Menschen die innern nachklingen. Er wollte nur
immer weiter und noch - wenn es ginge - diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv,
fr ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit. Das wrmere Klima samt der Liebe und dem
Mai schienen alle Frhlingswinde seiner Krfte zu wecken, sie wehten ungestm,
ihm selber sogar bewut; nur vor der Geliebten war er, noch wund von der
Vergangenheit, blo ein Zephyr, der die stubende Blte schont.

Am andern Tage wollt' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen
Dian in Portici erwarten, wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen
sehen.

                                   114. Zykel


Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten:

                                      In der Htte des Einsiedlers auf dem Vesuv

Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an, die Berge,
das Meer, das All? Wie erhebt es den Geist, da er ist und da er die ungeheuere
Welt denkt und sich! - O Linda, ich bin noch voll von dem Morgen; auch wohne ich
noch auf der erhabnen Hlle. Gestern reisete ich am Morgen mit meinem Bartolomeo
durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici, das sich an den
Riesen anschmiegt wie Catana an den tna. Immer dieselbe groe, durch dies
erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem
Heitern, der Natur mit den Menschen, der Ewigkeit mit der Minute. - Landhuser
und eine lachende Ebene gegenber der ewigen Todesfackel - zwischen alten
heiligen Tempelsulen geht ein lustiger Tanz, der gemeine Mnch und der Fischer
- die Glut-Blcke des Bergs trmen sich als Schutzwehr um Weingrten, und unter
dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum - ins Meer sind
Lavaklippen gewachsen, und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen. Das
Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung, der lange Berg wurde der vollen
Wolke ein Ableiter. Spt nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genu der
Abendsonne, durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten muten, hier
beim Einsiedler an; der Mond war noch nicht herauf, deine Insel noch unsichtbar.
Oft donnerte es unter dem Fuboden der Stube. Da wurd' ich auf einmal vom
Einsiedler schn an meinen alten Schoppe erinnert, indem er mir erzhlte, da
einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hierber gesagt: im Vesuv sei
der Stall der unaufhrlich polternden Donnerpferde. Das war nach allem gewi nur
Schoppe.
    In der Mitternacht, meine Linda, als der Mond ber den Apennin herber war
und mit einem entzckten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich
dachte, stand ich auf und ging leise hinaus, um wieder zu sehen, wo du wohnest,
meine Linda. Drauen war es berall still, ich hrte gleichsam die Erde auf
ihrer Bahn im Himmel donnern - die Schatten der Lindenbume um mich schliefen
fest auf dem grnen Rasen - Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft - ber
das dampfende Meer hin glnzte wunderlich der Mond, und mhsam sucht' und fand
ich endlich den einsamen Berg deiner Insel, hoch ins Blau gezogen, silbern
blhend unter den Sternen um ihn her, eine schimmernde Tempelzinne fr mein
Herz. - Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor, eine Verklrte des
Elysiums! sagte ich mir. Um mich war Asche der Jahrhunderte, Stille des Sargs,
und nur zuweilen ein Poltern, als werfe man auf jenen den Grabhgel ich war
weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit - Die Lnder wurden Wolken -
Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich - ein hoher
Nachtwind bog die Rauchsule des Vulkans nieder und fhrte sie
wechselnd-beglnzt in langen Wolken durch den reinen ther fort. - Da sah ich
nach Ischia, und sah gen Himmel, o Linda, ich bin aufrichtig, hr' es, da ich
die fromme Liane, die dich so unendlich liebte, bat, jetzt um dich zu schweben
und dir das Glck zu bereiten, das sie dir sonst so gnnte. - - Auf einmal
wurden die Donner des Berges ganz still, die Sterne blitzten heller; da
schauderte mich die Stille und das Leben, und ich ging in die Htte zurck, aber
lange noch weint' ich vor Entzckung ber den bloen Gedanken, da du glcklich
wrdest.
    Der Morgen ging auf; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die
Reise nach der Feuer-Schlucht und Rauchpforte an. Wie in einer abgebrannten
dampfenden Stadt ging ich neben Hhlen um Hhlen, neben Bergen um Berge vorbei
und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermhle dem Pulverturm
zu. Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands, ein groes glhendes
Dampf-Tal wieder mit einem Berg - eine Landschaft von Kratern, eine Werksttte
des Jngsten Tags - voll zerbrochner Welt-Stcken, gefrorner, geborstener
Hllenflsse - ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit - aber unerschpflich,
unsterblich wie ein bser Geist und unter dem kalten reinen Himmel sich selber
zwlf Donnermonate gebrend. Dunkelrter steigt auf einmal der breite Dampf,
wilder gehen die Donner ineinander, heier raucht die schwere Hllen-Wolke -
pltzlich fhrt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg
hinab - - Da stand die helle gtige Sonne auf dem Apennin, und der Somma und
Ottayano und Vesuv blhten im Friedens-Glanz, und die Welt ging langsam nach der
Sonne auf mit Gebrgen, Inseln und Ksten. Der Ring der Schpfung lag auf dem
Meere vergoldet vor mir, und wie die Zauberstbe der Strahlen die Lnder
berhrten, so fuhren sie lebendig empor.
    - Und der alte Knigs-Bruder des Vesuvs, der tna, sa auf seinem goldnen
Thron und schauete ber sein Land und Meer. Und wie Schnee rollte von den
Gebrgen der lichte Tag in das Meer herunter, in Glanz zerrinnend, und flo ber
das weite glckliche Kampanien und in dunkle Kastanien-Tler. - Und die Erde
wurde unabsehlich, und die Sonne zog im weiten Strahlen-Netz die s-gefangne
Welt im schnsten ther weiter.
    O Linda, da prangte deine Insel ausgebreitet, stolz gelagert im Meer mit
herunterflieendem Morgenrote, ein hochmastiges Kriegsschiff - und ein Adler,
der Vogel des Donnergottes, flog in die selige Weite, als trag' er mein Herz in
seiner Brust zu deinem Epomeo hin. - O ich mchte ihm nach, sagte mein Geist.
Der heie Boden tat Donnerschlge, und der Rauch umhllte mich. - Ich mchte
sterben, damit ich dem Adler nachflge und jetzt in Ischia wre...

                                       *

Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen. Er ging oder glitt den Abhang
nach Portici herab. In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt' er
seinen Freund wiederzufinden. Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief
von Linda. Entkrftet von Gehen, Wachen und Glhen, fiel er im khlen, stillen
Zimmer in einen Traumschlaf. Da er erwachte, stand die Mitternacht des
italienischen Tags um ihn, die Siesta - alles ruhte unter dem heien stillen
Lichte - im Himmel war keine Lerche - die grnen Sonnenschirme neben seinem
Fenster, die Fichten, standen ungeregt in der Erde, und nur die Pappeln wiegten
leise die neugeborne Blte des Weins, die in ihren Armen lag - und der Efeu, der
von Gipfeln hing, schwankte ein wenig. - Solche Schattenzweige spielten einst in
Lilar in Charitons Zimmer, als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte.
- Der groe ebene einfache Garten von Portici nach Neapel, ein von Wellen
umspltes Garten-Gewebe von Drfern, Baumwldchen und Landhusern, fhrte sein
Auge ber Blten nach seinem Paradies im Meer. - Diese einsame stille Zeit voll
Sehnsucht erweichte unendlich sein schnes Herz. Er endigte so den abgebrochnen
Brief:

                                                                      In Portici

O meine Linda! Ich bin dir wieder nher, aber die Ferne zwischen uns wird mir
hier in der Stille so weit! O Linda, ich liebe dich mit Schmerzen, in der Nhe,
in der Ferne - o mit welchen verlr' ich dich erst? - Warum bin ich denn deiner
Liebe so gewi? Oder so ungewi? Leise spricht dein Herz zu mir. Leise Musik und
Liebe ist einer entfernten gleich, - und die ferne auch wieder der leisen. Hat
mich der erhabne Sulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschttert,
oder denk' ich zu lebhaft an das hohle tote Herkulanum unter mir, wo eine Stadt
ein Sarg ist: weinend und beklommen seh' ich ber das Meer an die stille Insel,
worauf du wohnst. - O da es so lange wird, bis wir uns sehen, da du nicht
gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schpfst und ich aus deinem! Warum
stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal grere Schmerzen, ach die
grten vor die Seele? Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf
unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuern
Bauri, den der Weltgeist zieht, unbekmmert, welche Stirnen und Freuden seine
Glckslinie schmerzhaft durchschneide? - Wenn diese Linie einmal durch unsere
Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz; in diesem Leben, dem Wechsel
zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken, ist er wohl erlaubt...

                                       *

Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers, der
einen Brief von Linda brachte, um seinen mitzunehmen. Er las ihn heftig und gab
seinem noch die Worte wie eine Freudentrne mit: bermorgen komm' ich auf die
Insel. Was ist die Erde gegen ein Herz! Du bist mchtig, du hltst mein ganzes
blhendes Dasein empor in den Himmel, und es strzt auf dich, wenn es strzt.
Lebe wohl! Ich frchte wahrlich weder das heie l noch die Flamme der Psyche.
- Hier ist Lindas Brief:

Wir beide leben sehr still, seit der artige Flchtling auf Bergen und in
Palsten umherschwrmt. Wir sprachen fast zu viel von ihm und lieen uns noch
dazu die schwatzende Agata holen, um gar von seiner Reise zu erfahren. Ihre
Julie ist voll Segen und Hlfe fr Linda. Noch nie sah' ich eine so klare,
bestimmte, scharf durchblickende und doch kalte Natur, die nur gebend liebt,
mehr als liebend gibt. Sie wird zwar nie die Schmerzen fhlen, die Venus Urania
ihren Erwhlten schenkt; aber sie ist eine geborne Mutter und eine geborne
Schwester; und ich frage sie zuweilen: warum hast du nicht alle Brder und alle
Waisen?
    Seit dem Erdbeben bin ich etwas krnklich. Ich habe es vielleicht nicht
gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch - denn
Dichter greifen mich jetzt zu heftig an - und glaub' ihm noch zu folgen, wenn
ich schon lngst weggeflogen bin ber das Meer. Ich lese jetzt das Leben der
herrlichen Guyon, diese wei, wie man liebt - dieser gttliche Affekt gegen das
Gttliche, dieses Selbst-Verlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in
einer groen Idee - diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende
Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schliee die Augen, ich
trume und weine und liebe dich. O Albano, komme frher. Was willst du jetzt an
Bergen und Ruinen suchen? Kommen wir nicht wieder? Aber ihr zerstreueten Mnner!
Nur die Weiber lieben, es sei Gott oder euch leider. Die Guyon, die heilige
Therese, die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann (auer der
heilige Fenelon); der Mann geht mit dem hchsten Wesen nicht viel besser als mit
dem schnsten um. Albano, hast du eine andere Sehnsucht als ich, begehrst du
mehr auf der Erde als mich, mehr im Paradies als mich: so sag es, damit ich
aufhre und sterbe. Wahrlich, wenn du deine Schwester umarmest: so bin ich
eiferschtig und mchte deine Schwester sein, und dein Freund Schoppe und dein
Vater und alles, was du liebst, und dein Ich, wenn du es liebtest, und dein
ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich, dein Ich im Du.
    Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzhlen. Still ging ich lange
ber die Erde - ich sah die Hfe, die Nationen und Lnder und fand, da die
meisten Menschen nur Leute sind. Was ging es mich an; Man sage gar von nichts:
das ist bs, sondern nur: das ist dumm - und denke nicht mehr daran. Was ich
nicht liebe, existiert fr mich auch nicht, und anstatt lange zu hassen oder zu
verachten, hab' ichs vergessen. Ich wurde fr stolz und phantastisch gescholten
und konnt' es niemand rechtmachen. Aber ich bewahrte und nhrte mein Inneres,
denn kein Ideal darf aufgegeben werden, sonst erlischt das heilige Feuer des
Lebens, und Gott stirbt ohne Auferstehung. - Ich sah die Mnner und fand immer
blo den Unterschied unter ihnen, da die einen fein, verstndig und zart waren
ohne Enthusiasmus und Gemt, die andern sehr herzlich und enthusiastisch mit
bornierter Rohheit, alle aber selbstschtig; wiewohl sie, wenn ihr Herz voll und
nicht im Abnehmen ist, eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen.
Neben den Lehren meiner groen Mutter, neben Ihrem groen Vater bestand keiner.
Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch frchten,
wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen.
    Es machte viel auch, da ich immer reisete; Reisen erhlt oft klter. Wenn
ich nach der Kste sehe und denke, da ein groer Rmer bald in Baja, bald in
Deutschland, bald in Gallien, bald in Rom war, und da ihm die Erde eine groe
Stadt wurde: so begreif' ich leicht, da ihm die Menschen zu Massen wurden.
Reisen ist Beschftigung, was uns Weibern immer fehlet. Die Mnner haben immer
zu tun und schicken die Seele auswrts, die Weiber mssen den ganzen Tag daheim
bei ihrem Herzen bleiben. In der Schweiz legt' ich mir (so wie die Prinzessin
Idoine) eine kleine konomie an, und ich wei, wie man ber kleine Ziele, die
man tglich erreicht, sich ber das hohe trstet, das wie ein Gottes-Thron in
der Hhe liegt.
    Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in
Montanvert. An pittoresken Bergen, Ebenen, Klften hatt' ich mich in Spanien
satt gesehen, und an Eisbergen in der Schweiz. Aber ein Eismeer in dieser Hhe,
ein einsames uraltes blaugrnes Meer, von roten Felsen umstanden, eine breite
Wste voll reger aufstehender Wellen im Sturm, die ein pltzlicher Tod, ein
Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht! Es schlug ein Gewitter,
mir sonst furchtbar, damals mit Flammen den Berg herauf, ich merkt' es kaum,
meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms, an der Ruhe
des - Eises! Ich erschrak, weinte ungewhnlich den Berg herab, und in derselben
Woche legt' ich das konomische Spielwerk beiseite und reisete fort.
    Ich machte aber keine Wettergebete, sondern wohnte drunten ohne Klage in der
Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins. Da brachte mich das Schicksal auf
den Epomeo, und da wollten die Gtter, da es sich nderte.
    Aber nun mu es so bleiben. Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen
gesagt hat: Du bists!, so sind sie nur durch- und freinander. Die Psyche mit
der Lampe wird es nicht fhlen, wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und
Herz ergreift und verbrennt, whrend sie selig den schlummernden Amor anschauet;
aber wenn der entschlpfende heie ltropfe aus der Lampe den Gott berhrt und
er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig - auf ewig - Ach du arme Psyche! -
Was hilft dir der Tod im aufgelsten Eismeer? - - Hat denn noch kein Mann den
Schmerz der verlornen Liebe empfunden, damit er wisse, wie noch tausendmal
hrter er eine Frau verheere? Welcher hat denn Treue, die rechte, die keine
Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber, das den Kern der
Existenz ewig belebt und erhlt?
    Ich bin krank, Albano, sonst wei ich nicht, wie ich zu diesen tristen Ideen
komme. Ich bin so ruhig im Innersten; ich habe nur die Saiten, nicht die
Stimmung gezeigt. Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen, sondern auf
die nchste Gegenwart. Erschiene je die Zeit - ich habe weder Reue noch Geduld -
je die Zeit, wo du mich nicht mehr und recht liebtest: ach ich wrde stiller,
strker, krzer sein als jetzt, und was gibt es weiter, als entweder fr den
Geliebten sterben oder - durch ihn?
    Komme bald, Holder! Es ist sehr schn um uns, es hat geregnet, alle Welt
jubiliert und sieht die Sonnen-Tropfen und hat sich einen Himmels-Trank
gesammlet; auch ich habe fr dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt.
Komme, ich will dir das lblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt
Rosen und Violen winden. Komme, ich dachte sonst nicht, da ich so oft nach dem
Posilippo sehen wrde. -
                                                                             L.

N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich auf dein
Wiedersehen. Doch bereile nichts. Addio, caro.
                                                                             J.

                                       *

Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfllung aller
Foderungen, die er frher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen
mute; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr, da gerade diesem
Wesen die in seinem Briefe regierende Sehnsucht nach Krieg und Taten nicht
gefallen knne.
    Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker, gleichsam
neben der Cestius-Pyramide des Vulkans. Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein
antiquarisches Lexikon durch, um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum
Mahlen hinauf aufzublttern; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser
mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit, von den stillen Husern und
nchtlichen Gassen und von den hufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung.
Wren denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv? fragt' ihn
Dian heiter im heitern Lande. Ich frag' Euch lieber, (fuhr er fort)ob ein
Baumeister, wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen, in Eurem
Deutschland noch viel Lust haben kann, nach der grten Ruine der Erde die
erbrmlichen winzigen fr Eure Frstengrten anzugeben. - Sie sahen in einem
dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an, die man in Grber stellte, mit Lampen
wie Augen darhinter. Da blickte ihn Albano starr an und sagte: Sind wir nicht
blitzende Larven aus Erde am Grab? - Pfui, die hliche Idee! sagte Dian.
    Noch lange drauen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken
nach, neben dem glnzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der
Todesengel darauf. Er dachte an Hamiltons Weissagung, da das schne Ischia
einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe. Selber Lindas Brief betrbte ihn mit
dem bloen Gemlde ihres mglichen Verlusts.
    In Neapel besah er noch einige Merkwrdigkeiten; dann schifft' er sich am
andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein.

                                   115. Zykel


Und als sie sich wieder sahen und wieder faten: waren sie entzckter und
verbundner, als es jedes glckliche Herz vorausgesehen. Linda sa still und
sanft, sah den schnen Jngling an und lie ihn und die Schwester erzhlen, die
sich oft unterbrach, um beide zu kssen. Er sprach sehr erfreuet ber Lindas
Brief; Mnner machen berall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber.
    Linda sprach gleichgltig: Ach was! Ists geschrieben und gelesen, so sei es
vergessen. In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant. -Die
Grfin (sagte Julienne) lobt niemand ins Gesicht als sich. Linda ertrug mit
eigner Gutmtigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und mifllig, wo ers
nicht wute, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte
Eitelkeit schwerer.
    Zwar doch! (holte Julienne pltzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu
einer ernsten Rede aus) Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein
Faux-brillant. Kannst du denn glauben, da man es dir zulsset? da eine
Prinzessin-Schwester von Hohenflie dem Bruder Psse zu einem demokratischen
Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt! Albano
lchelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. Zeige
mir (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) auf der Landkarte
eine bessere Laufbahn! - Einen bsern Laufgraben? (sagte sie spielend) Wohl
kaum! Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und frstlichen Farben
zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab,
momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte
dazu Lieber ein miger Graf als das! - Er wurde rot. Von jeher war ihm das
weibliche Binden der mnnlichen Kraft, das liebende Krummschlieen zu Blumen
herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so
aufschreckend und verhasset; - in einer Welt, die nur eine Mewoche und ein
Maskenball ist, nicht einmal Me- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark,
hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in
sie kam. Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine
Schwester nicht, (sagt' er) sonst verstnden wir uns leichter. Lindas Hand
zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. -
Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. Albano dachte an
die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdrckte mit einem aus Eisen, und sagte,
heller und klter: Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es
nur fr kein Ja ansiehst. - Er knnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht
hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war;
aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. - Qule nicht! sagte Linda zu
ihr. Jawohl, (sagte Julienne aufspringend) ich darf ja nur an das und an das
denken was wei ich! und sah sehr ernsthaft aus. Noch zwei Tage (setzte sie
dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) knnen wir auf der Insel wie Gtter,
ja wie Gttinnen verleben; wiewohl zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu
keiner Gttin; diese mu lnger sein; ich bin nur die Folie der Grfin aus
unendlicher Gte. Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der
majesttischen Linda.
    Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden
geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv glhende Steine, so
wirft der Mensch seine Vorwrfe so lange in sich empor und erhebt und
verschlingt sie wechselnd, bis endlich eine glcklichere Richtung sie ber den
Rand hinaustreibt.
    In Albano arbeitete wohl die Frage, was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege
ber und wider den groen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der
Unabnderlichkeit seines Entschlusses sich bewut, war er milder gegen die
Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden wrde. So war er
durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein
durch schnelles Erglhen und Abkhlen sich in Arzenei verwandelt.
    Schnell und schn gingen die letzten Freudentage ber die Insel hinber, die
nach dem Regen wie ein deutscher Garten grnte. Die weiche khle Luft - die
Myrten- und die Orangendfte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel - der
Zauberrauch der Ksten - die goldne Sonne am Morgen und am Abend - und die Liebe
und die Jugend schmckten und krnten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der
blhenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei
Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt
und der andere alles dies und auch die Gemlde und den Maler: so ruhten Albano
und Linda voreinander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc
herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel: so
stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem. Sie sagte: er sei ein
Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen;
nur woll' er, wie oft die Mnner, noch mehr lieben, als er liebe, und daher
merk' er seine stille Erbsnde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts
strubt' er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letztern Tadel, und er
vergab ihn niemand als der Grfin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber
ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm
in der nchsten Stunde wieder lebendig entgegen.
    Mit sich wurd' er durch sie nher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie
die Uranide, weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien;
und sie hatte nichts gegen diesen vollen Lorbeerkranz. Es gibt eine himmlische
Unergrndlichkeit, die den Menschen gttlich und die Liebe gegen ihn unendlich
macht; so lieen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus
sein. Wenn Albano so ber den weiten reichen Geist Lindas hinsah - sie, zugleich
ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom
Wissens-Durste trunken - zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau - oft
hart und khn mit der Zunge, fr und gegen Religion und Weiblichkeit und doch
voll der zrtesten kindlichsten Liebe gegen beide - glhend zerschmelzend vor
dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrhren - ohne alle Eitelkeit,
weil sie immer vor dem Throne einer gttlichen Idee stand und der Mensch nie
eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demtig, ohne doch
sich oder andere zu vergleichen voll mnnlicher kecker Aufrichtigkeit und voll
Achtung fr Gewandtheit und listigen Welt-Verstand - so ohne Eigennutz und
kindlich ber Frohe froh, ohne besondere Sorge und Achtung fr Menschen - so
unbestndig und unbiegsam, jenes in Wnschen, dieses im Wollen - aber ewig ihr
Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Wrde
und Liebe gerichtet, gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz: wenn Albano
das alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem
einfachen und doch unabsehlichen, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere,
dessen Grenze blo der klare Himmel ist, der keine hat.
    An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenrte des
Reise-Tages. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, da Albano sie nur bis
Neapel, wo ihre Leute ihrer warteten, begleiten - dann sie in Rom einmal
zufllig - dann auf Isola bella zum letzten Male zufllig finden drfte; eine
sehr unfreundliche Unterwrfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda
so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt
mehr zum Standes-Zwange abgehrtet als ein brgerlicher Jngling von gleicher
Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhltnisse
hergab. Julienne entschied ber alle kleinern Maregeln; sie war auf der ganzen
Reise die Geschftstrgerin der Grfin gewesen, die, wie sie sagte, nicht Kopf
genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvergessen und
trumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber,
alle Fnfunddreiig heie Quellen der Insel htten nicht halb so viel fr ihre
Genesung getan als ebenso viele Freudentrnen, die sie zum Glck vergossen habe.
    Sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen: ein helles warmes Gewlk'
vertropfte silbern - die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein - die
entzckten Eilnder sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder
Tropfen-Lese - indes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem Freuden-Kreise
weggezogen wurden. Agata stand, um sich zu khlen, mit einer Schlange in der
Hand am Ufer, und Albano fhlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu
erklren wute. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander, und
glnzende Wolken-Stcke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin, dem Norden
zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des
Himmels ber die wimmelnden Wellenspitzen.
    Immer (sagte Albano, nach der nach Westen zurckschwimmenden Insel
blickend) bestehe mit deinem Berg; nie reie ein Unglck das schnste Blatt aus
dem Buche der Seligen! - Wie wird es mit uns allen sein, (sagte Linda) wenn
wir einmal wiederkommen und den schnen Boden wieder suchen? - Da erblickten
sie einen hochgewlbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den
Wellen stand, die ihn wie einen gewlbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer
auszuwerfen schienen Wir werden (sagte Julienne entzckt) durch den Bogen des
Friedens eingehen. Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz;
und allein die Sonne glnzte hinter ihnen.
    Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glnzten und
dampften herrlich. Warum ergreifen die Fernen so mchtig die Seele, obgleich
aus denselben Farben wie die Nhe gemalt? sagte Albano. Das ist eben die
Frage, sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Ksten ber
ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen von Wellen auf
und nieder. Albano sagte: Da ich auf dem Vesuv das Gebrg' ansah und das Meer:
so dacht' ich daran, wie klein und falsch teilet der enge Mensch die zwei
Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut, als reiche nicht
dasselbe Meer um die ganze Erde.
    Seine Freundinnen konnten, zu innig und trbe bewegt, nichts antworten, und
vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano
wieder das Schlachtfeld der Zeit, die Ruinen-Kste, nher sah, die den Mann ewig
fassen und heben - die alten Tempel und Thermen, wie alte Schiffe auf dem Lande
sterbend - hier einen niedergedrckten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten
auf dem Meersboden193 - die heiligen Gedchtnissulen und Leuchttrme voriger
Gre leer und ausgelscht neben der ewig jungen Schnheit der alten Natur: so
verga er die Nachbarschaft seiner eignen Vergnglichkeit und sagte zu Linda,
deren Auge er dahin gerichtet: Vielleicht errat' ich, was Sie jetzt denken, da
die Ruinen der zwei grten Zeiten, der griechischen und rmischen, uns nur an
eine fremde Vergangenheit erinnern, indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik
an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht. - Wir denken hier gar
nichts, (sagte Julienne) es ist genug, wenn wir weinen, da wir fort mssen.
- Wahrlich, die Prinzessin hat recht, sagte Linda und setzte wie unmutig ber
Albano und alles dazu: Und was ist das Leben weiter als eine glserne
Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schnste und jedes Glck, aber sie ist doch
nicht offen.
    Durch Zuflle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine
zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine groe
Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschlieen.
    Albano reisete, so schnell sein Sinn es vermochte, ber die erhabne Welt um
ihn her. Als er in Mola ankam, hrt' er die seltsame Nachricht, da man in Gaeta
eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden,
die des aufgefahrnen Mnchs seine gewesen sein msse und bei welcher man nichts
so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib. - In Mola
verduftete endlich die schne Ischias-Insel, die hohe Himmelsburg, und der
steigende Pol bedeckte unter andern sdlichen Sternbildern auch dieses warme,
das mit Glckssonnen so lange ber ihm geschimmert; und der letzte Stern des
kurzen Frhlings ging hinab.
    Das ist das Leben, das ist das Glck. Wie der spielende Mond besteht es aus
ersten und letzten Vierteln, und langsam nimmt es zu und langsam ab - in seiner
Hoffnung, in seiner Furcht -; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten
Entzckung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten de; - und immer
hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an.

                            Dreiigste Jobelperiode


     Tivoli - Streit - Isola bella - die Kinderstube - die Liebe - Abreise


                                   116. Zykel

Albano trat wieder bei dem Frsten Lauria ab, der bisher in einem solchen
Zustrom neuer Begebenheiten geschwommen war, da er die Abwesenheit kaum innen
geworden und sich ber die Wiederkunft wundern wollte. Es war unterdessen der
deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden. Diese Botschaft trug er
seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen, welche groe Szenen ein
solcher Kampf entfalten msse. Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen
Strome gezogen, eh' er daran dachte, da diese Nachricht anders und
niederschlagender auf seine Schwester wirken wrde als auf ihn. Aber das
heroische Feuer, in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach,
spielte ihm einen leichten Sieg ber die schwesterliche Liebe vor.
    Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen, als er vom Frsten vernahm,
da beide, wie er von der Frstin Altieri, bei der sie wohnten, gehrt, schon
nach Tivoli gegangen. - Wie glcklich reisete er, die freundliche Absicht dieser
Zwischenreise erratend, aus dem von Liebe und Frhling strahlenden Rom und sah
ebenso heiter nach der Zukunft, wo sein Leben sich blhend auseinanderschlug,
als nach Tivoli, wo er zwei Herzen an eines zu drcken hoffte.
    Er fand, da er in der Stadt Tivoli ankam, die feurigen Mdchen schon
entwichen nach der Kaskade. Wie ein Mensch im Tempe-Tal oder vor dem Genfersee
nur im unachtsamen Traum am Ufer vor den Wasserbildern des Himmels und der Erde
vorbergeht, weil ihn die blhenden Urbilder rings umher umfangen und entznden:
ebenso glitten die Felsen der bevlkerten Landschaft und der runde Vestas-Tempel
und die ineinanderflieenden Tler vom rmischen Tore an bis zum Tempel, diese
glnzenden Reihen glitten nur als Traum- und Wasserbilder vor dem Herzen
vorber, worin eine Geliebte lebendig blhte und mit der Flle einer Welt eine
Welt verdrngte.
    Er irrte unter dem Gewhle der Aussichten umher, ohne die schnste zu
finden, als ihn ein kurzer blagelber reichgekleideter Mensch mit
eingeschrumpftem Gesichte erblickte und mit dem seidnen Arm auf den Weg zur
Kaskade zeigte, ungefragt sagend: wenn er die Damen suche, so seien sie bei der
groen Kaskade.
    Albano schwieg, ging weiter, sah zwei und erkannte Linda an ihrer hohen
Gestalt. Endlich sahen, fanden, umfaten sich die drei Menschen, und der
herrliche Wassersturm wehte in die Entzckung. Linda sagte zrtliche Worte der
Liebe und glaubte stumm zu sein, denn das schne Gewitter aus Strmen zerri die
zarten Silben wie Schmetterlinge. Sie hatten sich nicht gehrt und standen,
schmachtend nach ihren Lauten, umrungen von fnf Donnern, mit weinenden Augen
voll Liebe und Freude voreinander. Heilige Stelle, wo schon so viele tausend
Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen muten: das Leben ist gro! -
Heiter und fest glnzt in der Sonne oben die Stadt ber dem Wasser-Krater dahin
- stolz schauet Vestas zerrissener Tempel, mit Mandelblte bekrnzt, von seinem
Felsen auf die Strudel nieder, die an ihm graben - und ihm gegenber spielet der
strudelnde Anio alles auf einmal vor, was Himmel und Erde Groes hat, den
Regenbogen, den ewigen Blitz und den Donner, Regen, Nebel und Erdbeben.
    Sie gaben sich Zeichen, zu gehen und das stillere Tal zu suchen. Wie klangen
ihnen darin die Worte Bruder, Schwester, Linda wie neue Menschenlaute im
Paradies! Hier, ehe sie den Hgel voll neuer Wasserstrze, Blitze und Farben
bestiegen, suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zu
erzhlen. Julienne berichtete die frohe, ihr Bruder, der Frst, gebe wieder
Hoffnung der Genesung, seitdem er wachend, wie er beteuere, seinen toten Vater
gesehen, der ihm lngeres Leben versprochen. Die schne Linda blhte im Paradies
wie eine verhllte Gttin, die ihren Geliebten auf der Erde lange suchte und
endlich gefunden hat. Sie nahm oft seine Hand und drckte sie wider ihre Augen
und Lippen und lispelte kaum hrbar, wenn er mit ihr oder Juliennen sprach:
Lieber! - Freundlicher Mensch! - ber die Gegend schwieg sie; denn ber jede
sprach sie erst, wenn sie aus ihr gekommen war.
    Julienne, ber die brderliche Genesung so froh, fing allerlei Scherze an,
sagte, da sie bedauere, aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum
gegen sein bel gesandt zu haben, und fragte endlich Albano: Kennst du nicht
einen Jngling namens Cardito? er will dich kennen. - Er sagte Nein, erzhlte
aber, ein kleiner stmmiger Mensch hab' ihn hier zu kennen geschienen und zur
Kaskade gewiesen. Julienne fuhr auf und sagte, es sei entschieden der
haarhaarische Prinz, der auf Luigis Tod und Thron so boshaft hoffe; er wohne in
Tivoli im Hause des Herzogs von Modena und gehe gewilich als ihrer aller Spion
umher. Um sich selber nach diesem gehaten Milaut wieder auszustimmen, setzte
sie die Frage ber Cardito fort und sagte: Es ist ein sehr schner derber Korse
(der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt), und er kndigt dir ganz ernsthaft
den Krieg an.
    Den soll er wahrlich haben, sagte Albano, der nun alles begriff; und -
alles erzhlte. Cardito war jener Korse, mit dem er frher sich ber den
gallischen Krieg entzweiet hatte. Bruder, das ist noch dein Ernst? sagte
Julienne mit gedehntem Akzent. Jetzt besonders! sagt' er entschieden, um den
Streit sogleich auszuschlieen. Heftig drckte Linda seine Hand in ihre Augen,
als wolle sie sie damit bedecken. Nun, so verhandle deinen Proze mit mir, so
vernnftig du kannst, und lasse deine Rechtsgrnde hren; aber la uns erst auf
den Hgel, damit man dabei auch etwas sieht, sagte die Schwester.
    Auf dem Hgel - vor dem Grn des blitzenden Tals, wo berall der Strom wie
ein verwundeter Adler mit dem Flgel an der Erde schlug - vor den auf die Blumen
herunterblitzenden drei Kaskatellen - fing Albano bewegt und begeistert an: Ich
habe nur einen Grund, liebe Schwester - ich bin noch nichts - ich bin kein
Dichter, kein Knstler, kein Philosoph, sondern nichts, nmlich ein Graf. Ich
habe aber Krfte zu manchem, warum soll ichs nicht sagen? - Wahrlich wenn ein Da
Vinci alles ist, oder ein Crichton, oder wenn ein Richelieu, ob er gleich den
politischen Thron behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll ein
anderer mit kleinern Wnschen nicht entschuldigt sein? Und bei Gott! eigentlich
will ein Mensch doch alles werden, denn er kann nicht anders, er sehnet und
treibt sich dazu hin, und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die
keine Menschenhand abtrocknet, nur die hohen Eisenschranken der Notwendigkeit
halten ihn auf - Schwester, Linda, was hab' ich denn noch getan auf der Erde? -
    Diese Frage; - und diese ist genug vor Gott, sagte Julienne, bewegt von
der wund-stolzen Bescheidenheit des Jnglings und von seiner schnen Stimme,
welche zornig so klang wie gerhrt. Worte! was sind Worte? (sagt' er) O man
schmt sich wohl freilich, da man etwas frher nur denken und sagen mu, eh'
mans tut, obgleich der drftige Mensch nicht anders kann, sondern jede Tat wie
eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modellieren mu. Ach, Linda,
liegen hier nicht berall um uns Taten, statt der Worte und Wnsche? - Hab' ich
nicht auch einen Arm, ein Herz, eine Geliebte und Krfte wie andere und soll mit
einem morschen mrben spanisch- oder deutschen Grafenleben aus der Welt gehen? -
O meine Linda, streite du fr mich!
    Ich bin (sagte sie, scharf nach der groen Kaskatella blickend, die hoch
aus Bumen herniederstrmte) nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe
Sie auch nicht ganz. Ich mu mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten
bersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten, Graf, denk' ich mir
gar nichts. Wem die Liebe nicht allein gengt, der ist von ihr nicht erfllet
worden. Freilich, so mit dem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentriert in
eine Idee des Lebens sind die Mnner nie. Ach und so wenig ist der Mensch dem
Menschen, ein Menschen-Bild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft!
    Auch du, Brutus? sagte Albano betroffen. Wrden Sie (fuhr sich fassend
fort) dem Elysiums-Leben auf Ischia eine Ewigkeit fr einen Mann geben? Wrden
Sie ihn als Jngling ins Kloer der seligsten Ruhe schicken? Gewi nur als Greis.
Jenes hiee den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen.
    Das ist wieder der Deutsche, (sagte sie) nur immer recht Betriebsamkeit.
Die ruhigen Neapolitaner, die Vlker am Apennin, an den Pyrenen, am Ganges, in
Otaheiti, voll Genu und Beschauung, sind diesem Spanier ein Greuel. Ich dchte,
wenn ein Mensch nur fr sich etwas wrde, nicht fr andere, das reichte zu. Was
groe Taten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein groes Leben; denn
jenen hnliches vermag jeder Snder.
    Wahrlich, das ist wahr, (sagt' er) es gibt nichts Erbrmlicheres als
einen Menschen, der sich durch dies oder das zeigen will, was ihm selber gro,
selten und ohne Verhltnis zu seinem Wesen vorkommt und ihm daher gar nicht
angehrt. Jede Natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders; aber ihr
Kind kann ihr niemals gro erscheinen, sondern immer nur klein oder gerecht. -
Ists anders, so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen.
    Albano! wie wahr! Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen, wie
ist's? sagte Linda. Jetzt auch nicht! sagt' er ohne Hrte. Man ist am
sanftesten, wo man am strksten ist mit dem Entschlu. Er suchte nun seine
eignen Worte - das l und den Wind fr sein Feuer - recht zu sparen und zu
meiden; um so mehr, weil Worte doch gegen nichts helfen, sondern vielmehr das
fremde Gefhl anstatt aus- nur anblasen; dabei wurd' er noch der hufigen Flle
eingedenk, wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme
aufgetrieben. Sie standen, und er schauete hin ber das gttliche Land, als
Linda, nach einem stummen Blicken in sein Angesicht, ungeachtet ihres
scheinbar-ruhigen Philosophierens, auf einmal heftig seine Hand anfate und
rief: Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen - bei der
heiligen Jungfrau - bei dem Allmchtigen! - du darfst, du sollst nicht! Einen
Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging'
ihn eine Gttin aus Liebe und bte sie dafr eine Welt von Paradiesen: es ist
der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, da es Liebe ist, aber
despotische, zugleich Freiheit bende und raubende, das erbittert ihn nur noch
mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird spter das Gewitter der Leidenschaft. -
Linda wiederholte: Du darfst nicht. Er sah' ihr bewegtes glnzendes Antlitz
an, dessen sdliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem
Zorn, und sagte fest: O Linda, ich werde wohl drfen und wollen! - Nein, ich
sage Nein! rief sie. -
    Bruder! fing die Schwester an. O Schwester, (rief er) sprich sanft, ich
bin ein Mann und habe heftige Fehler. Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers
mit der Erde und mit Felsen, das Durcheinanderstrmen der blitzenden
Regengestirne umher wie an Flgeln in die Wirbel - die groe Kaskatella warf aus
hohen Bumen ihren Wolkenbruch heraus, und aus dem Himmel ohne Donner stubte
eine schimmernde Welt - und in Osten zeigte sich fern das Meer im dunkeln
Schlaf, und die untergehende Sonne drang glnzend in den Glanz herein.
    Gewi werd' ich sanft reden (sagte die Prinzessin, die, viel empfindlicher
und nachklingender als Linda, einige Mhe hatte, den Sprachton zu ihrem
Versprechen zu stimmen) - Es braucht nichts weiter als die Betrachtung, da
unser Streit zu frh ist; ich tue blo die Bitte, ihn bis zum Oktober
auszusetzen, und das Versprechen, da er dann anders ausgeht. - O es sei!
sagte Albano. Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand
mit beiden an ihr Herz und sah ihn an, aus groen Augen weinend, denen sonst
Feuer gewhnlicher war als Wasser. Ihn zerschmolz der Anblick, da diese
krftige Natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zrnen hatte, und ihn erfrischte
unendlich sein voriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen.
    Die Schwester wurde durch beide erweicht, und eine Minute der zrtesten
Liebe umschlang bald die drei Menschen mit einer Umarmung. Die Hyperbeln des
Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe, jene soll nur der andere
glauben, diese glaubt er selber; alle hatte das Aussprechen ausgeheitert.
    Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden, wie eine kalte Nacht
den Bienen, noch die Blumen zuschlieet, woraus sie den Honig nehmen, so war
hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller, und
die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe. Durch Albano war, obwohl
schnell, die Furie der Furcht gegangen, die ein umgekehrtes Sternrohr hlt und
dadurch den Menschen einen ganz fernen ausgeleerten Himmel ohne Sterne zeigt;
aber nicht so durch Linda: sie hatte immer in Liebe und Hoffnung fortgesprochen,
und fr ihr glhendes Herz gab es keine Stellen mit Eis. Darum war er jetzt so
selig, und so beglckt vom Anschauen der krftigen Natur! Eine hohe lange
Tal-Kette, worin Wein und l in Bltendften flossen, fhrte alle dem groen Rom
entgegen. Eine Zeitlang durfte sie der Jngling begleiten; endlich mut' er zu
einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reien, als ber die
grnen Tler her schon die mchtige Peters-Kuppel herberglnzte und die
Zypressen, stolz nur von Zypressen umgeben, das Gold des Abends auf den Zweigen
trugen, ohne sie zu regen. Alle hatten das Auge am schnen Rom, aber ihr Herz
war nur auf Isola bella, wo sie einander wiederzufinden versprachen.

                                   117. Zykel


Auf dem Wege nach Isola bella dacht' er seiner kriegerischen Stunde mit der
heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kriegsgttin. Er erschrak ber die
steile Hhe, ber welche er sich vor wenigen Tagen so weit herbergebckt, da
Linda so entschieden ist, nichts kennt als Leidenschaft oder Vernichtung. Und
doch fand er jetzt in der Abkhlung ihre gebietende Foderung an seine Freiheit
noch hrter und sagt' es sich stark, das Weib drfe nicht das heilige Gebiet der
mnnlichen Entfaltung einengen oder beherrschen. Von der andern Seite war ja
alles Liebe und deren berma - und je lnger er reisete und verglich, desto
einsamer und dunkler wurd' es auf der Stelle seines Lebens, auf welche nur sie
die groe Flamme warf. Sie rckte ihm durch sein stilles Beschauen ihres Geistes
im Geiste viel heller und nher als durch die Gegenwart vorher, weil jenes sie
auf einmal in Harmonie, diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die
Auflsung gab. Ihre Kraft der allseitigen Unparteilichkeit fr alle Charaktere
war ihm an einem Weibe ebenso selten als gro erschienen; zumal da er selber
diese Kraft mehr in der Achtung fr sie und in dem freudigen freien Auffassen
groer, exzentrischer, poetischer Erscheinungen, aber nicht aller und der
platten und schlechten wirken lie.
    Gleich mchtig und gewachsen standen in ihm nebeneinander Liebe und
Freiheit; nur durch einen neuen Entschlu wurden sie verbunden und vershnt,
sanft zu sein, nicht blo stark, ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende
Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden, das ihr gehrt: bin
ichs nicht, wenn ichs recht will? sagt' er.
    In der hchsten Lebensfreude, in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal,
machte er seine Reise nach Isola bella so schnell, als hab' er da die Geliebte
schon zu finden, nicht erst zu erwarten. Wie manches stand jetzt kleiner an
seinem Wege, an das er das rmische Ma und nicht das deutsche legte und wovor
er nun, wie ihm sein Vater vorausgesagt, flchtiger vorberging!
    Endlich sah er die Kunst-Alpe von Isola bella in den Wellen stehen; und
landete freudig mit seinem Lehrer in dem Kindheits-Garten an, wo er so viel
erwarten und mit neuen welschen Lebens-Blten am Herzen aus dem gelobten Lande
scheiden sollte.
    Er wartete mehrere lange Tage, sich sehnend und bangend nach den
Freundinnen, ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner
Reise vorrechnete. Sein Entschlu, recht sanft zu sein, wurde immer unntiger
und unwillkrlicher. Die Insel selber lsete schon mit ihren Frhlingen aus
Dften und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele auf. Im vorigen Jahre hatt'
er sie mehr in Blttern als in Blten gesehen. Es war ja sein Kindheitsland - an
vielen Pltzen an der See schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen
nachmitternchtlichen Lebens-Frhe herauf - hier hatt' er zuerst seinen Vater
gefunden und zuerst Lindas Gestalt ber den Wellen gesehen - hier findet und
verliert er sie nach der lngsten Trennung wieder fr eine noch lngere und hier
steht er im Tore zwischen Norden und Sden. Das freie duftende Land voll Inseln,
die Himmelsleiter des Lebens, steigt ihm in den ther zurck, und er geht herab
in ein kaltes voll Zwang und voll Augen - seine Liebe wird gerichtet vom Vater,
sie wird angefallen vom untergegangenen Freund. Ihr Tage in Ischia, (seufzte
er) ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli, knnet ihr umkehren? knnet ihr je
wiederkommen und das unersttliche Herz von neuem berstrmen, da es trinken
und sagen kann: es ist genug?
    Zu seinem Dian sprach er, gleichsam um sich und sein grenzenloses Sehnen zu
entschuldigen, hufig von Chariton und ihren Kindern und fragt' ihn, wie es
seinem Herzen dabei gehe; sprecht mir nicht so viel davon, (sagt' er, nach
seiner Weise mehr empfindend als erratend und verratend) wir sind noch so
hlich weit davon - man verdirbt sich die Reise ohne Grund hab' ich sie alle
aber.... nun ei Gott! - - Dann schwieg er, ri sich den Jngling in die Arme
und kt' ihn nicht.
    An einem blauen frischen Morgen stand Albano, noch eh' die Sonne am Himmel
auferstanden war, auf der hohen umblhten Terrassen-Pyramide, wo er einmal im
Erwachen den teuern Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen - und blickte
bewegt in den leeren weiten See hinab - und an die Gipfel der Eisberge umher,
welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora blhten - und
niemand war bei ihm als die Vergangenheit. Er blickte auf sich und in seine
Brust und dachte: welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust
gezogen! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden! Und das Herz schlgt noch
frisch und fest darin! - Auf einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein
Fahrzeug rudern. Langsam, trge watet' es, denn er sah es aus groer Ferne.
Endlich glitt es, flog es, das Segel blhte auf im Morgenbrande, und die grnen
Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff.
-
    Linda war es und die Schwester. Sie sahen hinauf und grten winkend. Er
rief in eiliger Wonne: Dian, Dian! und lief die vielfachen Treppen hinab, ganz
verwundert und entzckt ber den ausgebreiteten Glanz, weil er unter der frohen
Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen, welche vor der Geliebten die
schnen Flammen, die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers
unterstreuete.
    Seid ihrs wieder, ihr Gttlichen? O sprecht, weint vor Freude, da ich
selig werde und euch habe! Kommt ihr denn mit alter, rechter Liebe wieder? so
sprach er fort in beredter Trunkenheit, aus dem langen trumenden Warten
geschpft. Linda sah mit heimlicher Engels-Lust, mit lieblichem Widerschein in
die hoch spielenden Flammen seiner Liebe; und die Schwester geno in ser
Regung die schne Milde auf beider Angesicht, welche an der Kraft so bezaubert
wie Mondlicht an einem Gebrg. Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten
angefangen, aber keine geendigt; Tags- und Insel-Ordnungen vorgelegt, aber keine
gewhlt. Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung, da er abends
weiterziehen msse, ans Herz als eine kleine Khlung gegen das Freudenfeuer
darin; traurig sah' er zur freundlichen hellen Morgensonne auf, als steige sie
nicht hher, sondern schon tiefer.
    Sie gingen nun in schnem Irren durch die Insel, berall blhte neben der
Gegenwart eine stille Vergangenheit, unter der Rose ein Vergimeinnicht. Hier in
dieser Grotte vor den aufhpfenden Wellen hatt' er einst mit seiner Schwester
Severina gespielt, und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkndigt. Aber
Julie, du bist meine Severina und mehr, sagt' er; - ich denke, (sagte sie
sanft) ebensoviel. - Nicht weit von der Arkade hatt' er zum erstenmal in das
Angesicht seines Vaters geschauet: O wenn findest du aber deinen endlich?
Sprich darber, gute Linda! sagt' er. Sie errtete und sagte: Ich werd' ihn
finden, wenn das Schicksal es zulsset. - Wenn aber ist das? - Ich wei
nichts, sagte sie zgernd sanft. Da rhrte ihn Julienne winkend an und sagte in
so vielem franzsischen Latein, als sie zusammentreiben konnte, aber in einem
gleichgltigen Ton, als spreche sie vor sich selber hin: Non eam interroga
amplius, nam pater veniet (ut dicitur) die nuptiarum194. Er blickte sie
verwundert an, sie nickte sehr oft Julie ist (sagte Linda lchelnd) wie die
Weiber, so listig im Handeln als offen im Sprechen. Ich htte mich keinem Bruder
so lange verstecken knnen. - Dafr (versetzte sie) bekamen die Geschwister
einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und knnen sich
leicht liebhaben, wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des
heranwachsenden Bruders zu verwinden haben.
    Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen Limonien-Blten, wo Gaspard seinem
Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hngend hatte sehen lassen; da
sagte Albano mit Unwillen: Hier mut' ich mir viele Rtsel ankndigen lassen -
und dort (er meinte die Stelle im Meer, wo ihm zuerst Lindas Bild auf den
Wellen erschien) wurde sogar diese teuere Gestalt nachgefft.
    Mein Gott, (sagte Linda heftig) warum es noch gar aussprechen? o es war
so schlecht, es zu tun! - Eingebet aber hat doch niemand viel dabei, (sagte
scherzend Julienne) ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymitt!
-Knnten wir beide nicht antworten, Albano? sagte Linda leise und hob die
Augen auf. Bei Gott! sagte er stark, denn ohne jene Vorspiele htten sie sich
frher gesucht und gefunden.
    Unter diesen Blicken in eine seltsame, mit Zukunft durchwebte Vergangenheit
waren sie in den borromischen Palast, der diesen Tag zum Glck ohne die
Besitzer war, getreten; weil Albano beide, auf Lindas Gesuch, in die Zimmer
fhren sollte, wo er mit Severina erzogen worden. Der Schlowrter wollte sie,
glaubend, sie suchten nur Aussicht - denn die Kindheitszimmer lagen im fnften
Stockwerk -, auf das Dach hinausbringen; er beteuerte, es wren staubige
Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt. Mhsam drehte der Mann mit
einem rostigen Schlssel ein eingerostetes Schlo auf. Sie traten ins bestubte
helldunkle leere hohe Zimmer, worin eine leere Wiege, ein Blumentopf mit einem
gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstckchen, eine
Kinder-Zinn-Uhr, eine weibliche Spiel-Kche mit altmodischem Geschirr, eine
gerollte glnzende Klaviersaite, ein deutscher Kalender von 1772, viele schwarze
Siegel mit bloen antiken Kpfen, ein ausgetrockneter Lianenzweig und
dergleichen verloren umherlag. Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit
hinunter, wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief; denn sein
Anfang grenzt nher als die Mitte an sein Ende, und die aus- und einschiffende
Kste unsers Lebens hngt ins dunkle Meer. Albano wurde wehmtig angeregt von
der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen
grnen, noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinaus - und von der Sttte, wo
er mit einer Mutter und Schwester gelebt, die aus der Erde, ja sogar aus seiner
Phantasie entwichen waren. - Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte: Gibt es
fr das Alter, das keine Zeit, sondern eine Ewigkeit hat, eine bessere Uhr als
die mit dem Zeiger ohne Gehwerk?
    berrascht wurde Linda, als sie von einem Glaskstchen einen Vorhang wegzog
und als ein engelschnes Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam.
Es ist die tote Severina, sagte Albano eilig, mit dem rauhen Beiwort tot,
was Linda nicht gern litt. Immer mehr wurd' ihm in der helldunkeln Stube
unheimlich - ein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab -
beseelter auferstandner Staub spielte in ihm - die Geister der Schwester und
Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen - und entfernter
standen die Gebrge drauen im Leben. Er sah die blhende Linda an, da kam sie
ihm auf einmal anders vor, fremd, berirdisch, als erscheine sie unter den
Geistern und gehe wieder von hinnen. Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten:
Hier ists unheimlich, gehen wir! - Weib, sagt' er mit starker Stimme auf
deutsch, einem innerlichen Schrecken antwortend, und fate ihre Hand, wir
wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz, wenn man es zerreien will.
Linda versetzte: Ich bleibe nicht lnger, Julienne! Und man ging.
    Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein, in das Nebenzimmer zu schauen; er
macht' es auf und fuhr zusammen, rief aber: Geht nur voraus! und ging hinein.
Er hatte nmlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt. Drinnen fand er
sich in einer Nische in franzsischer Uniform stehen in Wachs, aber schon als
Jngling, und darneben, was die Tr bedeckt hatte, seinen Vater auch als
Jngling, altmodisch bekleidet, aber schn wie ein griechischer Gott; das warme
volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben berwintert und blhte
noch liebend. Er strzte tief ins Meer der Vergangenheit. Die kolossalischen
Statuen drauen und die beglnzten Gebrge hatten sich aus dunkeln Wellen
aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer. Man rief drauen. Er blickte
wieder in sein Gesicht, aber zornig. Wozu zweimal, sagt' er und zerquetschte
sein Gesicht, aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs. Die
vterliche Gestalt gnnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle, aber
sie war ihm zu heilig zur kleinsten Berhrung.
    Er ging zurck und schwieg ber die Bilder, um nicht an Lindas Phantasie die
groen widerspenstigen Flgel aufzumachen. Der grnende, blhende, glnzende Tag
verschlang bald die kalten Schatten, die von Hhen und Grbern der Vergangenheit
hereingefallen waren Aber jetzt, (sagte Albano zu Linda) da Sie eben aus
meiner Kinderstube gekommen sind, fhren Sie mich einmal in die Ihrige. - Ich
will dich nur erst bekrnzen, da wir am rechten Orte sind, sagte sie und brach
und band aus dem Lorbeerwald, durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln
Wellen sie jetzt gingen, Zweige zum Kranz. Krperliche Geschftigkeit gab dieser
Jungfrau, welche leichter Tne und Farben und Ideen verknpfte, ein besonders
rhrendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung. Sie flocht die
Krone, aber mhsam, verwechselte einmal den hnlichen Erdbeerbaum mit dem
Lorbeerbaum, tat noch einen blhenden Myrtenzweig hinein und schmckte damit
sein lockiges Haar, aber sehr ernst: Der Kranz geziemt dir; die hohen Lorbeern
oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen, sagte sie. Er glaubte,
sie spiele unter dem Ernst; allein sie sah den Bekrnzten freudig und prfend an
und lchelnd, aber wie eine Mutter, und sagte; -So ists recht! Was willst du
noch? Ich bring' es. Albano, ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und
neue Liebe zu dir, ich mchte fr dich viel tun, viel leiden. Mein Herz ist
bewegt von berschwenglicher Liebe. Ksse mich nicht. Ich will dir erzhlen.
Die schne Weiblichkeit, die den Geliebten heier und nher liebt, wenn sie zum
ersten Male sein Eigentum, seine Kindheitsrter, seine Wohnungen betreten,
erfllte unerkannt ihr starkes Herz. Er kte sie nicht - er sah sie an und
weinte in Liebes-Wonne - sie neigte sich herber und sagte, aber heiter: Ich
weine sehr schwer, Lieber! Ich will dir das von meiner Kindheit erzhlen, was du
verlangtest. Von meinen ersten Kindheits-Pltzen ist mir wenig geblieben,
vielleicht weil wir immer reiseten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach
Gegenden sehe - auer mein lngster Aufenthalt in Valencia. - Vom frhen Reisen
hab' ich wohl meine Reise-Sucht. Am Ende liegt sie doch in mir. Aber ihr glaubt
immer, wie die Deutschen, das zu erlernen, was ihr eigentlich ererbt oder
erschafft. Von meiner Mutter wurd ich mehr als von jemand gehasset und geliebt.
Jetzt bin ich klar ber sie. Sie war ganz fr die Kunst oder fr die Knste
geboren, ob ich wohl glaube, da sie von den Gttern eigentlich fr die Bhne
ausersehen war. Sie war alles in dieser Minute, nichts in der andern - Flche
und Gebete, Glaube und Unglaube, Ha und Liebe wechselten ab in dieser epischen
Natur. - Sie htte eine Welt verschenken und eine stehlen knnen. - Sie drckte
mich einmal an ihr Herz und sagte: Wrst du nicht meine Tochter, ich wrde dich
stehlen oder tten aus bloer Liebe; - und das war, als ich gesagt hatte: Ich
liebe die Medea mehr als Kreusa! -
    Indes war sie zu inkonsequent, um ganz geliebt zu werden; meinen
unsichtbaren Vater liebt' ich weit mehr, ich dacht', er sei Gott der Vater. Ich
bildete mir einmal ein, er msse in Porta Celi195 wohnen; stundenlang ging ich
um den Totengarten des Klosters und blickte sehnschtig durch die Palmen ber
die Rosen der Grber. Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz; ein
sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank, und die Totenmesse, glaubt'
ich, werde fr ihn gelesen. Auch an Gott und Geistern hing ich trunken. Im
Feuer, das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug, blitzten sie mir
vorber. Ich habe nie gespielt, sondern frh gelesen. Da ich sehr ernst war und
meine Gestalt sich zeitig entwickelte, so wurd' ich frh als eine Erwachsene
behandelt, und ich begehrt' es auch. Niemand war mir ernst genug, auer der
Vormund, der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte. Vor Bchern und im
Reisewagen da verging mein erstes Leben. Ich beneidete die Mnner um ihr Wissen
und ihre Freiheit, aber sie gefielen mir nicht, die Weiber noch weniger. Ich
galt fr stolz - und frher war ichs auch - und fr phantastisch; ich nahm es
nicht bel und sagte: Ihr habt euere Weise und ich meine. - - Durch Dian und
Julienne wurde die Erzhlung gestrt.

                                   118. Zykel


Die erste einsame Minute, die Albano mit seiner Schwester fand, legte er zur
Nachfrage ber ihre lateinische Nachricht an, da Lindas Vater gerade an ihrem
Hochzeittage erscheinen wrde; aber sie verwies ihn auf seinen eignen, der ihm
alles ber Lindas ihren sagen knne - und bat ihn, Linda zu schonen, nicht nur
in ihrer Zartheit' sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu, die sehr weit gehe.
Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten, (setzte
Julienne dazu) sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit, den
Scheiterhaufen der schnsten freiesten Liebe und sagte, das Heldengedicht der
Liebe werde dann hchstens zum Schfergedicht der Ehe. Freilich wei sie nicht,
wohin solche Grundstze endlich fhren. - Ich hoffe auch, da du ihr
vertrauest, sagte Albano, sich diese Seltsamkeit anders und hher ableitend als
seine strenge Schwester. Sie brach schnell ab, um ihm noch den Rat nach Pestitz
mitzugeben, die Frstin zu fliehen, die ins Innerste hinein kalt, falsch, rach-
und selbstschtig sei. Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor - und ihr Ha
gegen die Grfin kommt jetzt dazu - Linda fasset sie scharf auf, aber doch
lsset sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreien und benutzen, die sie
bersieht und voraussieht. Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil ber
die Frstin - um so mehr, da er Juliennens moralische Hrte gegen jede
genialische schon aus ihrem Miurteil ber Lianen kannte -; aber er gab ihr das
leichte Wort, sie zu fliehen, ohne ihr den Grund, nmlich ihre so hart
entzauberte Liebe fr ihn, zu sagen. Fr sein Zartgefhl gab es keine grere
Roheit als dieses ffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs, als das
mnnliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein
Sprachrohr frs Volk.
    Alle kamen wieder zusammen - lagerten sich auf eine Stelle, die den See und
die Alpen und die Blten-Schatten gab - der Tag glhte sich ab und sank von
Schnheit zu Schnheit zum Abend hinunter. - Auf dieser feinen Insel (sagte
Dian) fngt sich schon das nordische Wesen an, und wir stehen bald zu Hause
unter einem spitzen Dach. Nun ja, (sagte Julienne) aber endlich hat mans
doch auch gern, wenn man wieder einen reinlichen Menschen, eine Blondine und
einen Schatten sieht und ein paar Vgel hrt.196 - An Tivoli und Ischia und
den Posilippo denk' ich hier nicht, (sagte Albano) ich denke an meine Kindheit
und an die Alpen. - Drben am Ufer des Langsees (Lago maggiore) mgen sich
freilich die beiden Insel-Zuckerhte nicht zum besten darstellen; aber dafr
stellet sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar, und
fr den, der auf dieser Seealpe steht, ist sie doch gemacht. - Mir ist alles
gleichgltig, (sagte Linda) denn ich finde mich hier ganz wohl. Das
Rezensieren schner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen, weil man sie da nur
aus Bchern kennen kann; der Italiener, der sie hat, genieet sie wie die
Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewut; deswegen ist er nicht einmal
ein groer Landschaftsmaler.
    Man sollte (sagte Dian) das prchtige Welschland noch auf der Grenze
besingen, wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekme. Er ging und brachte
eine. Nun fing er italienisch zu improvisieren an. Er sang: In Apollo wurde die
alte Liebe nach dem vorigen Schferlande auf der Erde und nach der verlornen
verhllten Daphne wieder wach - er stieg vom Himmel, um beide zu finden - ihm
hatte Jupiter den Momus mitgegeben, der ihm das Hliche zeigen sollte, damit er
zurckfliege - als ein schner lchelnder Jngling ging er ber die Inseln,
durch die Ruinen der Tempel, durch ewige Blten, vor gttlichen Gemlden einer
unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tnen vorber und zog
wie ber die Zauberkreise einer schnern neuen Erde. - Vergeblich zeigte Momus
ihm die Mnche und Seeruber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und
lie ihn spottend Thermensulen fr Tempelsulen nehmen - der Gott sah hinauf
zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land, auf diese groe goldne
Sonne, diese hellblauen Nchte, diese ewigblhenden Dfte, diese Zypressen,
diese Myrten-und Lorbeerwlder und sagte: hier ist Elysium, nicht in der
Unterwelt, nicht auf dem Olymp - da gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils
Grabe197 und sagte: das ist deine Daphne. Jetzt erzrnte sich seine groe
Schwester Diana, sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung, als komme sie aus
den Wldern der Pyrenen herber; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr
in den Olympus zurck. - Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentnen
fliegen lie, so standen hoch drben im Himmel die ewigen Glanz-Gebrge aus Eis,
von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See, und der Abend
bewegte sich entzndet und entzckt. Da ergriff der stille Albano die Saiten,
senkte das Auge in den Blitz der Gebrge ein und fing errtend an: Verweile, o
Snger, bei den hohen Geistern, die auf das Schlachtfeld zogen, ttend, sterbend
- und die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheit - verweile bei den reinen
Demanten, die glnzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben -
verweile bei der alten Zeit, bei dem Meere Roms, das einen Weltteil trug und die
andern untergrub - aber fliehe vor der Zeit, die ihren Gipfel in ihren eignen
Krater senkte. - Verweile, Snger, auf der Hhe und schaue in den Garten der
Welt herunter, der ein spielendes Menschenleben ist - die Ruine wird Fels, und
der Fels Ruine - auf dem hohen Vorgebrge duftet die Blte, unten liegt das Meer
mit offnem Rachen ber die Scylla glnzen schne Huser und Gassen zwischen dem
Lager erschrecklicher Felsen. - Und der Gott fliegt ber das Land und sieht das
Kind auf der Tempelsule am Ufer und die Gttertempel voll Mnche, die Smpfe
voll namenloser Ruinen und die Kste voll Blten und Grotten - und die blhenden
Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inseln - und Ischia....
    Aber ihm entsank die bestrmte Gitarre und die Stimme, das Auge ging tief in
den Himmel und in das Leben des Menschen ein, und er entfernte sich, um das
laute Herz zu stillen. In der khlenden Einsamkeit bemerkte er, wie weit schon
die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflgeln durch einen kltern Himmel; -
er kehrte schnell zurck, in der Abendrte schlug seine Scheidestunde aus.
    Als er wiederkam, war Linda allein - denn Julienne hatte seinen Dian unter
dem Vorwande, das Bilderkabinett zu besehen, von den Liebenden weggezogen, denen
heute ohnehin nur ein krzester Tag des Glcks beschieden war - und die Geliebte
sah ihn bedeutend an: Dian sang eigentlich besser (sagte sie) und epischer,
aber Euer lyrisches Wesen hab' ich doch auch sehr lieb. Sie blickte ihn wieder
an, dann wieder, dann in sein Auge, dann umarmte sie ihn schnell, und kein Laut
erklrte den pltzlichen Ku. Wir wollen auf die Terrasse, sagte sie leise.
Sie bestiegen die schne Hhe der zehn Terrassen, welche mit Lorbeer und
Zitronenbumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht
auf das ferne, von Drfern und Alpen umzogne Ufer das Auge fllt und wo einst
Albano seinen Vater hatt' entfliehen sehen. Du gefllst mir immer mehr,
Albano, (sagte Linda) ich glaube fast, du kannst recht lieben; erzhle mir
deine erste Liebe, ich habe dir auch erzhlt. - O Linda, (sagt' er) wie viel
begehrst du! Aber ich bin wahr und sage dir alles; du wirst Sie lieben, wie Sie
dich liebte. - Sieh hier dein Bild, das Sie sterbend machte und mir gab!
    Er reichte ihr die kleine Zeichnung, und ihr Auge wurde na. Darauf fing er
leise und feierlich das Gemlde seiner ersten Liebe an - wie er Sie so frh noch
ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesucht - und wie
er Sie fand und wie Sie glcklich machte und es nicht wurde - wie sanft Sie war
und er so wild und hart - wie er seinen eignen Ungestm des Herzens Ihr zumutete
- wie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging. Linda
weinte mehr als gewhnlich O ich habe hart gehandelt, gute Linda! sagt' er.
Nein, (sagte sie) ich wein' ber euch beide. - Ich habe groe Mngel,
sagt' er. Alle vergeb' ich dir, (sagte sie) wenn du nur lieben kannst; aber
das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe. - Sie hielt
innen, dann fragte sie leise: Albano, ist Sie noch in deinem Herzen? - Ja,
Linda, sagte er. O du redlicher und treuer Mensch! (rief sie begeistert und
legte ihr Haupt an seine Brust und betete:) heiliger Gott, gib deinen
Unsterblichen alles, nur la mir ewig dieses Menschen Brust, damit er recht
geliebt wird, recht unaussprechlich, und damit ich nicht untergehe! - Willst du,
Lieber, (lispelte sie pltzlich und richtete sich auf, ihn anblickend mit
unendlicher Liebe und Hingebung) da ich in Lilar wohne, so gebiet es nur.
    Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mchtigen Geistes
machte ihn sprachlos - wie ein Adler fate ihn die Liebesflamme und hob ihn
empor - er glhte an ihrem blhenden Angesicht, und die Brautfackel der
untergehenden Sonne schlug mit groen Flammen zwischen beide herein. Linda,
(fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an) wenn wir es wissen
knnten, da wir uns je verlieen oder verlren - O! Linda, (fuhr er mhsam
fort unter seinen Trnen und Kssen) wenn das mglich wre, es sei durch meine
Schuld, oder durch das kalte Schicksal: wr' es dann nicht schner, wenn wir uns
in dieser Minute hinunterstrzten in den See und in unserer Liebe strben? -
Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein, welche Jnglinge und Jungfrauen
zu den Gttern entfhrt; und die Lebens-Dmmerung war zu hellem Morgenrot
entzndet. Wenn du das weit, (sagte Linda) so stirb jetzt mit mir. - -
    Da weckte beide Juliennens ferne Stimme - endlich kam sie selber mit Dian
zum Abschied. Sie sahen erwachend, von der Sonne und Liebe geblendet, umher, und
alles war verndert - die Sonne war versunken, der weite See mit Nebel-Schatten
bezogen und die Welt erkltet, nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins
Blau, wie Gedchtnissulen der flammenden Bundes-Stunde.
    Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal, die kalte
verhllte Felsen-Gestalt, deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt.
Er wollte nun durchreien und sogleich ohne feiges Zgern in den Winter
hinunter. O bis der Hesperus untergegangen, verzieh! lispelte Linda. Er blieb;
aber beide hatten keine Worte mehr, nur die Augen; die festgehaltenen Adler, die
vorhin den himmlischen Venuswagen durch den Himmel gerissen, flatterten daran
wild auf. Der Abendstern ging unter; der halbe Mond in der Himmelsmitte legte
Strahlen als Zauberstbe an die Erde an und verwandelte sie in eine heilige
blasse Welt des Herzens. Nur noch den groen Stern la hinab - sagte sie und
sah ihn sehnschtig an. Er tats. Die Nachtigallen hpften tnend zwischen den
Silberzweigen; nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme.
    Nur noch ein Sternchen! bat sie; er gehorchte, schon vom Worte gerhrt;
aber sie entschied sich selber und sagte: Nein, geh! - Wir wollen, Dian!
sagt' er. Dieser ging Liebe-schonend die Terrassen voraus hinab. Heftig und
lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wnschten sich ein
heiteres unbestrmtes Wiederfinden. Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein
Wort; wie der stille Himmel der Nacht seine heie Sonne bedeckt, so war ihr
flammendes Herz verborgen; und da er ging, schlo sie, ohne nachzublicken, seine
Schwester an die wallende Brust.
    Glanz und Nacht und Duft bestreueten die Himmelsleiter der Terrassen, die er
herunterging. Leise flog sein Schiff durch den Sternen- und Blten-Schnee, der
auf den Wellen wehte - die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen - die
Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zurck - die Orangendfte fhrte der gnstige
Wind dem Schiffchen nach; - aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach
der versinkenden Pyramide gewandt. Die Schwester hatte allein auf der Hhe
nachgesehen, dann war auch diese verschwunden - die Nachtigallen riefen noch
leise nach - endlich war alles verhllt. - Er kehrte sich um nach den
bla-schimmernden Eisgebrgen, wie nach den Leuchttrmen seiner Fahrt, und vom
Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe, wie der
Schiffer dem Magnete folgt, wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und
ihn nicht mehr fhren.

                                   119. Zykel


Albano und Dian flogen ber die deutschen Gefilde freudig so manchem teuern
Herzen entgegen, und nichts wurde getuscht als ihre - Furcht vor dem Abstande
ihrer Reise-Lnder. Statt des schwarzen Lavasandes und des verbrannten Bodens
hinter ihnen deckte jetzt das helle frische Grn die Ebenen und khlte das
geblendete Auge. Die Wellen grner hren-Fluren schlugen sich so lustig als die
Wellen des blaugrnen Meers. In dichtern, lngern, hhern Wldern wehten neue
Schatten, gleichsam schne kleine Abende, die sich vor dem Tag verkrochen. Nach
dem schwarzen Grn der welschen Bume kehrte das helle lachende der deutschen
Grten zurck; und neue Vgel-Chre wiegten sich in Wolken und in Wldern und
grten das Menschen-Herz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude
herab.
    Von Frhling zu Frhling zog der glckliche Albano mit seinen Liebestrumen;
wie hinter ihm eine sdliche Blte fiel, so tat sich vor ihm eine nrdliche auf;
und sein Reisewagen blieb auf dem bunten Wege und unter den Blten-Schatten
eines langen Gartens.
    Endlich stand er vor dem Hause, wozu ihn der Garten fhrte, vor der
Lindenstadt; so stand er auch im vorigen Jahre auf der Hhe vor ihr, zum
Wolkenzuge der Zukunft aufsehend, ohne zu erraten, wozu das Gewlk sich bilde,
ob zur Aurora, oder zum Abendgewitter. Wie viele alte Schmerzen streiften jetzt
gleich Schatten von Wolken ber die alte Gegend, ber die Blumenbhler Hhen und
ber die Huser hinber, als er die bekannten, zuweilen mit Trnen bezeichneten
Wege der Vergangenheit berschauete! Er ging jetzt, das bedacht' er, seinem
Vater mit der Nachricht seines neuen Glcks entgegen - seinem abtrnnigen
Freunde mit der geraubten Geliebten - mit alter und neuer Liebe seinem
wiederkehrenden Schoppe, dessen Herz und Schicksal ihm jetzt zugleich so dunkel
und so wichtig waren - und der sonderbaren Zeit und Stunde, wo die
unterirdischen Wasser, deren Treiben und Rauschen er bisher so oftmals erfahren,
auf einmal aufgedeckt und mit allen Krmmungen und Quellen entble vor dem
Tagslicht liegen sollten - und der heiligen Stelle, wo er die Geliebte, die ihm
jetzt auf dem deutschen Wege und in der Nhe der vorigen Schwierigkeiten noch
grer und unerreichbarer erschien als auf dem Epomeo in der Nachbarschaft alles
Erhabnen am Himmel und auf der Erde, khn ans Herz nehmen und schlieen durfte
auf ewig, ohne wieder zu fragen: wirst du mich lieben? - Da dacht' er an ein
Bild zurck, das er auf dem Vesuv198 gefunden, und sagte zu Dian: Hinter dem
Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom, der glhend ihn verzehrt und
zermalmt, wenn er ihn ergreift; aber der Mensch schreite nur tapfer vorwrts und
schaue oft rckwrts, so entkommt er unbeschdigt. Mein geliebter Lehrer, so
will ichs jetzt in meinen neuen bedenklichen Verhltnissen machen; wende du mich
aber nach der Lava um, wenn ichs in schnen Gegenden zuweilen vergessen sollte!
-
    Sprecht bessere, gnstigere Worte! (sagte Dian) Heil uns, die Gtter sind
schon gewogen! - Dort kommt Euer Vater den Schloberg herauf und sieht so lustig
und glcklich aus, wie ich ihn nie getroffen!

                         Einunddreiigste Jobelperiode


         Pestitz - Schoppe - Ehescheu - Arkadien - Idoine - Verwicklung


                                   120. Zykel

Gaspard hatte gegen seinen Sohn die gewhnliche vornehme Klte der ersten
Stunde, wie Briefe klter anfangen als endigen. Erst als dieser Morgen-Reif
geschmolzen und es wrmer um ihn geworden, entdeckte ihm Albano ohne Furcht und
ohne kleinmtiges Errten mit gereifter Mnnlichkeit den Bund, den er mit Linda
und mit sich auf ewig geschlossen, und bat ihn um das dritte Ja. So hat es
doch (versetzte der Ritter) der alte Zauberer am Ende noch durchgesetzt;
freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin. Da ich dich in dem, was du
mit ganzer Seele und auf immer ergreifest, niemals stre, das weit du noch vom
vorigen Jahre aus einem hnlichen Fall. Albano wurde ber die bittere Erwhnung
seiner ersten Liebe rot, hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen,
da mnnlich zu schweigen, wo er sonst jugendlich sprach. Gaspard, heute froher
und gegen ihn wrmer als sonst, fuhr doch, als er dessen Empfindlichkeit
bemerkte, fort: Ich hei' es gut! Wie der Siegelgrber das Wappen anfangs in
Wachs, und erst dann in den Edelstein sticht, so versucht der Mann das seinige
in mehr als ein Herz zu graben, bis er endlich das festeste hlt. Man mu
bekennen, du hast nicht am schlimmsten ausgewhlt in meiner Mndel, und ich gebe
gern mein Wort dazu.
    Albano drckte die Hand, die den sen Knoten der Liebe noch fester zog, und
sagte im Rausche des Danks: Auch meine Schwester fand ich, die Prinzessin, aber
ich tue an Sie keine Frage wie neulich, sondern rechne auf die Zeit. -
Sptter! (sagte Gaspard und nahm, ihn abzukhlen, wie es schien, den grausamen
Schein an, als denk' er, der reine edle Sohn hab' ihm mit der Erwhnung der
Schwester den Spott der vielfachen Liebe zurckgeben wollen) schweige nur ber
alles im Innersten wie ich selber bisher; und verbirg dein Wissen dem Hofe; gib
mir dein Ehrenwort.
    Albano sagte, auch Juliennen hab' ers schon gegeben; er wurd' aber durch
Gaspards ganzes Betragen auf Schlsse zurckgetrieben, die weder seinem Vater
noch Juliennens Mutter sittliche Krnze aufsetzten.
    Gaspard setzte noch dazu, es sei fr einen Mann ein Unglck, mit
phantastischen Weibern - wie Albano schon seine Mutter kenne - und zwar mit
dreien auf einmal verwickelt zu sein, und riet ihm, seinen Schritt wie bisher
tapfer durch alle Rtsel fort zu tun und sie ihrer eignen Auflsung zu
berlassen; darauf legt' er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage
vor, ob er schon wisse, da die Grfin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren
lebendigen Vater noch habe, der erst an ihrem Hochzeittage erscheinen wolle. Er
bejaht' es. Gaspard fuhr nun fort: schon dieser Grund allein - damit Linda ihren
Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fnden - bestimme ihn fr eine
frhe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener.
    Albano - ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger
Stunden in selige Jahre und ebenso unvermgend, sich seine Titanide als Gattin
zu denken wie als Kind - antwortete bescheiden und mit uneigenntziger Rcksicht
auf Lindas Ehe-Scheu: ber die Zeit seines besiegelten Glcks drfe und knne
niemand entscheiden als Linda selber.
    Gaspard war zufrieden: Nur um einen Aufschub halt' ich bei euch an, (fgt'
er noch bei) mein Freund, der Frst, ist seinem Ende wieder nher - die
wohlttige Wirkung, die auf ihn eine Geister-Erscheinung gemacht, hat allmhlich
nachgelassen, und er frchtet tglich die Wiederkunft des Phantoms, das ihm die
letzten Stunden vorauszusagen versprochen. - In solcher Zeit taugt mir euer Fest
nicht. - Im Vertrauen gesagt, der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die
schne Braut. - Es ist doch billig, ihn mit der grten Gewiheit seines
Verlustes zu verschonen. Seinetwegen verschieb' ich auch meine Abreise.
    Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies trte und alle Vgel auf einmal,
Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvgel und Geier und Lerchen,
umzgen ihn: so verworren fhlte sich Albano durch diese durchkreuzende
Ansichten erregt, und er merkte, hierin geb' es keinen Verla und Vorhalt als
auf sein eignes Herz und Linda ihres.
    Gaspard schien ungeduldig auf das Wiedersehen der Grfin zu sein, die er
seine einzige Freundin nannte. Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht,
(setzt er dazu) da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet sein. - Apropos,
dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen; in Rom behauptete
er, nach Griechenland zu reisen - du siehst, mit welcher poetischen Lust und
Genialitt er das reine Lgen treibt.
    Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten: Albano, ich bin mit dir
zufrieden, ich wr' es unendlich, wenn die Reinheit des Jnglings in den Mann
berginge - noch hab' ichs nie gefunden. - Albano wollte gerhrt beteuern und
beschwren. Darum (fuhr er mit einer leichten, den Eid wegtreibenden
Handbewegung fort) fandest du mich so froh ber dein Glck, denn die Frstin,
Freund, hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkndigt. Nimm dich in acht vor
ihr, denn sie hasset dich ohne Grenzen.
    Hart und schauerlich tritt, wie ein neues wunderbares Raubtier hinter dem
Gitter, zum erstenmal ein rechter, wenn auch waffenloser Ha vor ein gutes Herz.
Albano begehrte keine Bekrftigung und Erklrung dieser traurigen Nachricht,
denn der Frstin Liebe und Irrtum, ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Klte
gegen Linda, ihr stiller Ingrimm gegen diese selber waren ja fr sie Flammen
genug, um daran den strksten Gift zu kochen.
    Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem fr ihn unbedeutend in der
Tiefe liegenden Doktor Sphex; und Gaspard wieder im Schlo nahe am kranken
Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem Hofe vor, der das Reise-Braun, den
schrfern Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner groen Gestalt
schnell bemerkte und bemerken lie. Die Frstin empfing ihn mit der leichtesten
feinsten Klte, gleichsam einer aqua toffana, die nur reines geschmackloses
Wasser scheint. Der Frst sa im Krankenbette aufrecht mit verdrlichem Gesicht
vor herkulanischen Zeichnungen und lie sich darber von Bouverot belehren. Wie
ein Gesicht, auf welchem in den spten grauen Jahren des Lebens noch schne
Freudigkeit sich bilden kann, ein schnes Leben und schnes Herz verkndigt: so
lchelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne
nie hrter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder
seiner Schwester.
    Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hesperien zurck und auf die
Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden
zeigen sollte. Es wird dir recht sein, (hatte Gaspard gesagt) da ich es
unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht, da beide im alten Schlo zu
Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst. Er begegnete dem Minister
Froulay, und ihm kam entgegen der Lektor; - mit beiden ging ein dunkles
vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatt' er den
Hauptmann Roquairol nicht gesehen, jetzt fr ihn der Abendnebel eines
untergegangnen Frhlingstags.
    Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herz - das eine olsharfe in der
Windstille war - nach dem kindlichen Blumenbhl, um die elterlichen Menschen zu
begren und die Bltter seines nchsten Seelen-Nachbars Schoppe zu lesen, nach
dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte.

                                   121. Zykel


Es war ein blauer frischer Sommertag, da Albano nach seinem alten Blumenbhl
ging, ohne zu wissen, da ers gerade an dem Jakobi- oder vterlichen Geburtstag
tue, den er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens
verbracht. In den alten Grten und auf den alten Hhen umher bis nach Lilars
Walde hinber lag berall noch der junge schimmernde Tau der Kindheit
unvertrocknet von der Sonne Hesperiens; auch manche Trnentropfen standen
darunter auf Blumen; aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen
weiches Verschwimmen in die laue Verflossenheit, diese Lethe der Gegenwart. Im
Dorfe wurd' er ber ein Pferd, das man beschlug, betroffen, weil ers am Zeuge
und allem als Roquairols Freudenpferd erkannte.
    Ein Fest trug er in das Fest hinein, als er in die laute Vaters-Stube voll
Geburtstagswhler trat, blhend, entwickelt, gerade, ein befestigter Mann mit
entschiednem Blick und Zug. Rabette schrie auf- Roquairol rief: Aha! - und der
alte Lehrer Wehmeier: Gott und mein Herr! - und seine Kindheits-Engel, die
Eltern, umfaten ihn unverndert, und aus Albinens blauen Augen rannen die
hellen Tropfen.
    Aber verndert stand die fremde Jugend neben seiner. Rabettens Angesicht,
die vorigen vollen Wangen und blhenden Lippen waren niedergefallen und mit dem
aufliegenden weien Schleier berlegt und verwachsen, und sie hatte zwei graue
Trnen statt der Augen; indes lchelte sie sehr. Wie sein eignes Gorgonenhaupt
erschien Roquairols Gesicht bla und hart, gleichsam auf seinen Grabstein
gehauen; nur schroffe Pfeiler standen in der Flut ohne die leichten Bogen der
schnen Brcke. Zu Albanos Blten-Stamme sahen Albine und Rabette unverwandt
hinauf, er schien ein italienisches Gewchs zu sein, ein Neapolitaner, im
tglichen Bade des Golfs genervigt. Roquairol hatte sogleich seine Rolle in der
Gewalt, leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen den, der ihm
den Zauberstab des Lebens entzweigebrochen und als zwei Bettelstbe hingeworfen
hatte, mit der hchsten Hflichkeit, kte ihn auf die Wange, hielt in dem
leichtesten, oft franzsischen Sprachton aus, zog die nchsten Nachrichten ber
Welschland ein und gab wieder die erheblichsten, so gut er sie, sagt' er, fr
einen Mann mit hesperischem Mastab auftreibe, aus dem Lande zum besten. Auch
erzhlte er, da des Ritters Bruder dagewesen, ein Mann voll Talente, zumal
mimischer Art, und von der sonderbar-heftigsten Phantasie bei der hchsten Klte
des Charakters, vielleicht aber nicht immer wahr genug. - Bei meinem
Trauerspiel (setzt' er dazu) wr' er Goldes wert. Lieber Bruder, sei bei
dieser Gelegenheit auch gleich eingeladen dazu; es heiet: der Trauerspieler -
Ich geb' es bald - Rabette kennts. Sie nickte, Albano schwieg unter seiner
Glut. Unter allen Rollen gelang dem Hauptmann die eines Weltmanns am reinsten;
auch ist der Schein der Klte leichter und wahrer als der Schein der Wrme.
Albano blieb in einem stolzen Abstande. Der gekrnkten welken Rabette gegenber
konnte Roquairol durch nichts gewinnen, auch nicht durch die Vorbitte seiner
Gestalt voll zertrmmerten Lebens; etwas auf ewig Verworrenes und die
Wachsflgel zu einem Klumpen gequetscht fand Albano, und ihm war hier enge wie
einem, der von der hellen Welt herab auf einmal in eine niedrige feuchte
Kellerhhle kriecht.
    Der Hauptmann stand auf, erinnerte noch einmal an seine Bitte fr den
Trauerspieler und sprengte auf dem Freudenpferde davon.
    Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen. Die Weiber, von Albanos
glnzender Gegenwart ein wenig scheu, getraueten sich nur schwer mit der alten
einheimischen Vergangenheit hervor, indes der Pflegevater Wehrfritz, in seinen
Meinungen und Sitten fortgewachsen, noch in das alte Geschrei der Kanarienvgel
und Hunde eingefasset, gar keine Zeit kannte, dem Pflegesohne innigen Dank fr
die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte, den Albano
notwendig und vergeblich ausschlug, im vorigen Du und Vaterwesen fortfuhr, sich
ber die Franzosen und ihre knftigen Siege entzckte und jetzt dem ltern
Pflegesohne mehr Prmien des Lobes als jemals dem jngern bewilligte, um ihm
dadurch, hofft' er, ein so groes Vergngen zu machen wie sonst. Der Magister
untersttzte von weitem das Lob, ob er gleich nicht unterlassen konnte, sofort,
als sein Schler Napel, Baja, Cuma ausgesprochen hatte, eine Gelegenheit zu
ergreifen, um Neapel, Baj, Cum auszusprechen. Albano war rein, wahr,
menschlich, offen und herzlich gegen alle; Eitelkeit war nicht in seinem
selbstvergessenen Stolz.
    Rabette fand endlich ein Hebezeug, den glnzenden und doch trauten Bruder
aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges aufzuwinden, um allein zu sein an
seiner Brust. Als sie hineintraten, so fing sie sogleich mit den Worten: Kennst
du die Stube noch, Albano? unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten
Trnen; und Albano zeigt' ihr in den seinigen sein langes bisheriges Mitleiden,
ri aber dadurch die ganze wundenvolle Vergangenheit auf. Sie griff selber zum
Heilmittel, zum Erzhlen - so sehr er auch vorschtzte, er wisse und errate ja
alles -; und berichtete, die Augen trocknend, wie alles stehe - und da Karl
viel bei seiner Mutter in Arkadien sei - da der Minister noch gegen das einzige
Kind den alten Wtrich mache und ihm nicht einen Heller mehr als sonst
zuschiee, ob er gleich immer groe und grere Schulden hufe, zumal seitdem
keine Liane sie mehr im stillen tilge - da er berall borge, nur aber von ihr
nichts annehme - da er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die
Grfin - und da Gott wisse, wohinaus das alles noch wolle. - Allem Fragen
zuvorkommend, setzte sie dazu: Er wei schon jetzt alles, dein ganzes Leben mit
derselbigen Person - er tut dabei still und lustig, aber ich kenn' ihn genugsam.
Ach! seufzete sie in der Jammer-Flle und setzte sogleich mit derselben Stimme
dazu: Du siehst mich an, nicht wahr, du findest mich sehr mager gegen sonst? -
Jawohl, Arme! sagte er. Ich trank viel Essig seinetwegen, weil Karl schlanke
Taillen liebt; und der Gram tut auch viel, sagte sie.
    Albano wollte sie trsten mit der nhern Mglichkeit einer Verbindung Karls
mit ihr, seit der entschiednen Unmglichkeit jeder andern, und bot sich ihr gern
zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an; - er ist vor Gott und uns dein Mann,
sagt' er. Das hat er nie (versetzte sie errtend) sein mgen, nmlich honett;
ich schrieb dir ja, da ich jetzt auch zu stolz bin dazu. Nichts bestach ihn
mehr als sittlicher Stolz: So wirf ihn einmal weg auf immer! sagt' er. -
Ach, (sagte sie bnglich) wei ich denn, da er kein Leid gegen sich selber
vorhat? - Dann wrf' ich mirs ewig vor. Unwillkrlich mute er mit dieser
liebenden heiligen Furcht die Hrte der Frstin vergleichen, die es so froh und
stolz erzhlen konnte, da manches verliebte Leben das Opfer ihres sprden
Herzens und koketten Gesichts geworden. Was willst du nun tun? fragt' er. Ich
weine (sagte sie) - ach Alban, das ist ja genug, da du mir Gehr und Rat
gegeben; ich bin wieder ganz heiter. Aber werde wieder sein Freund.
    Er schwieg, ber die weibliche Unart ein wenig erzrnt, die unter dem
Vorwand, Rat zu suchen, nur Gehr verlangt. Was ist das, (fragt' er, ein Blatt
ihr zeigend) das ist vllig meine Hand, und ich hab' es nie geschrieben? - Sie
sah es an und sagte: Karl probiere oft so in den Hnden bei ihr. Es wunderte
ihn, und er sagte: berall nur Nachspielen und Nachmachen! Aber wie kannst du
denken, da ich ihm vergebe? - Einige Reisebeschreibungen auf ihrem sonst
bcherarmen Nachttisch fielen ihm auf; ich wollte doch wissen, (sagte sie)
wie es dir etwan da und dort mochte ergehen, und las deshalb das lange Zeug.
Du bleibst meine Schwester! sagt' er und kte sie herzlich. Sie fragte ihn
noch viel und zudringlich ber sein neues Verhltnis, aber er eilte wortkarg mit
dem vollen Herzen hinab. -
    Das erste Wort drunten an den Landschaftsdirektor war die Bitte um das
deponierte Schoppische Schreiben. Wehrfritz brachte den im Eisenkstchen der
Schuldscheine aufbewahrten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich, wie er
sagte, richtig ab. Kaum hielt Albano die Trnen zurck, als die krausen, aber
werten Spuren der geliebten Hand, die gewilich nie im Leben gewankt oder sich
befleckt, in der seinigen hielt. Da er nichts erbrach, so fingen sie alle
gutmtig an, ihm seinen Freund Schoppe nach den Mutmaungen und Ansichten, die
sich der Mensch ber jeden hhern Geist so keck und froh erlaubt, mit allen
seinen Taten oder Farben vorzuschildern, als wren Taten oder Farben Striche und
Umri. Wehrfritz und Wehmeier bedauerten, da er toll wrde, wenn ers nicht
schon sei. Der Magister hielt mit seinem Hauptbeweise zurck, bis der
Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbeweise beigebracht.
    Sein Leben unter diesem Schlodache wurde ab-und aufgedeckt, aber im guten.
Er hatte bisher - so gingen die Berichte nichts Reelles oder Solides bezweckt.
Wehrfritz schwur, er habe selber zugesehen, da er die Literaturzeitung so
gelesen, wie sie ineinander Halbbogen-weise steckte, und sagte, da ers freilich
weniger der Tollheit als einer Geistes-Abwesenheit zuschreibe, weil er wisse,
mit welcher Lust er immer den Reichsanzeiger - den solcher selber fr den
Torschlssel der Reichsstadt Deutschland erklret - in die Hand genommen und
verstndig durchgegangen. Mitten in der Gesellschaft hab' der Bibliothekar seine
Hnde angesehen mit den Worten: Da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm,
wer ist aber solcher? - Gearbeitet hab' er sehr wenig, Bcher von Gewicht, wie
Herr Wehmeier wisse, selten angesehen, leichter die allerschlechtesten von
Bauern, z.B. ganze Traumauslegebcher. - Sein liebster Umgang sei ihm sein
Wolfshund gewesen, mit dem er stundenlang ordentlichen Diskurs gefhrt und von
dessen Murren er ernsthaft behauptet, es klinge wie ein sehr ferner Donner. -
Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gesprch mit
sich eingelassen; zuweilen hab' er in die camera obscura gesehen, dann schnell
wie der in die Gegend, um beide zu vergleichen, und habe unoptisch genug
behauptet, die laufenden regen Bilder der camera wrden von der uern Welt
vergrert, aber tuschend nachgefft. Ein schlauer Vogel (setzte der Direktor
dazu) bliebs bei alledem; verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten
Rittersitzen lieen sich von ihm malen, weil ers wohlfeil gab; er wute aber
immer etwas ins Gesicht einzuschieben, da einem die Physiognomie ganz
lcherlich oder einfltig vorkam; und das hie er sein Schmeicheln. Natrlich
sa ihm in die Lnge nichts Honettes mehr.
    Wr' es mir verstattet, (fing Wehmeier an) so wrd' ich jetzt dem Herrn
Grafen ein Faktum vom Herrn Bibliothekar mitteilen, das vielleicht, das ist
wenigstens meine Meinung, so frappant ist als manches andere. Die Schulwohnung
ist, wie Sie gewi noch wohl wissen, dicht an der Kirche. Darauf gab er in
einer langen Erzhlung diese: Einst sei in der tiefen Mitternacht die Orgel
gegangen - Er habe an der Kirchtre gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen
Vers aus einem Hauptlied singen und orgeln hren - Darauf sei dieser laut vom
Chore herab und auf die Kanzel hinaufgestiegen und habe eine Kasualpredigt an
sich selber mit den Worten angefangen: Mein andchtiger Zuhrer und Freund in
Christo - Im Exordium hab' er das stille, leider so schnell vergangne Glck vor
dem Leben berhrt, obwohl nicht nach rechter Homiletik, da der zweite Teil fast
den Eingang repetieret - darauf einen Kanzelvers mit sich gesungen und aus Hiob,
Kap. 3 wo dieser die Freude des Nicht-Seins zeigt, den 26sten Vers verlesen, der
so lautet: War ich nicht glckselig? war ich nicht fein stille? hatt' ich nicht
gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe - Vorgestellt hab' er sich: die Leiden und
Freuden eines Christen; im ersten Teil die Leiden, im zweiten die Freuden -
Hierauf hab' er, aber auf nrrische Art und Sprache, aber doch auch mit
Bibelsprchen, die Not auf der Welt kurz zusammengedrngt, worunter er sehr
unerwartet sonderbare Sachen, lange Predigten, die beiden Pole, hliche
Gesichter, die Komplimente, die Spieler und die Welt-Dummheit, gezhlt Darauf
sei er zum Trost im zweiten Teile vorgeschritten und habe die knftigen Freuden
eines Christen beschrieben, welche, wie er lsterlich gesagt, in einer
Himmelfahrt ins zuknftige Nichts, in dem Tode nach dem Tode bestnden, in einer
ewigen Befreiung vom Ich - Da hab' er, grausend sei es zu hren gewesen, die
benachbarten Toten unten in der Kirche und in der frstlichen Gruft angeredet
und gefragt: ob sie zu klagen htten Ersteht, (sagt' er) setzt euch in die
Sthle und schlagt die Augen auf, falls sie na sind. Aber sie sind trockner als
euer Staub. O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schn gewickelt in
den eignen Schatten, auf das Bette der Selbst-Asche weich gelegt, und hat nicht
ein Traum-Glied mehr, in das eine Wunde geht. Swift, alter Swift, der du sonst
so sehr in der letzten Zeit nicht bei Verstande warst und an jedem Geburtstage
das ganze Kapitel durchlasest, woraus der heilige Text unserer Erntepredigt
genommen ist, Swift, wie bist du nun so zufrieden und gnzlich hergestellt, der
Ha deiner Brust ausgebrannt, die Zahlperle, dein Ich, in der heien Trne des
Lebens endlich zerbeizt und zerlassen, und diese steht allein hell da! - Und du
hattest vor dem Kster gepredigt wie ich. - Hier habe Schoppe geweint und sich
ber die Rhrung, Gott wei vor wem, entschuldigt - Darauf sei er an die
Nutzanwendung gegangen und habe scharf auf Besserung des Zuhrers und Predigers
gedrungen, auf lautere redliche Wahrhaftigkeit, Freundestreue, stolzen Mut,
bittern Ha der Slichkeit, des Schlangengangs und weicher Unzucht Endlich hab'
er mit einer Bitte an Gott, da er ihn, sollt' er einmal Gesundheit oder den
Verstand oder dergleichen verlieren, doch mge sterben lassen wie einen Mann,
die Andacht beschlossen und sei auf einmal aus der Kirchentre herausgefahren.
Er brachte mich (setzte Wehmeier dazu) fast um meinen Verstand durch
Schrecken, da er auf einmal zornig mich anfuhr: Scheinleiche, was schleichst du
ums Grab? und ich machte mich entfrbt und hurtig nach Hause? ohne ihm das
geringste darauf versetzt zu haben. Was sagen aber der Herr Graf?
    Albano schttelte den Kopf mit Heftigkeit, ohne ein belehrendes Wort, mit
Schmerz und Trnen auf dem Gesicht. Er nahm blo schnell von allen Abschied und
bat sie um Vergebung der Eile; - und suchte Abend-Sonne und die Freiheit, um des
edlen Menschen Brief und die Absicht seiner Reise zu lesen. Er schlug den alten
Weg nach Lilar ein, wo er an der frohen sdlichen Brust seines frohen Dians
wieder die sdliche Heiterkeit und Gewohnheit zu finden hoffte; denn sein Herz
war durch ein Erdbeben aufgedrngt und aufgehoben, weil ihm in diesem Schoppe
doch manches wilde Zeichen, gleichsam ein bermiges Leuchten und Blitzen
dieses Gestirns, einen Untergang und Jngsten Tag zu melden schien, den er zu
seinem hchsten Schmerz dem Aufgehen des neuen Sterns der Liebe, der diese Welt
anzndete, zuzuschreiben gezwungen war.

                                   122. Zykel


Er las folgenden Brief von Schoppe:

Dein Schreiben, mein lieber Jngling, kam mir richtig zu. Ich preise deine
Trnen und Flammen, die einander wechselnd unterhalten und nicht lschen. Werde
nur etwas, auch viel, nur nicht alles, damit du es in einer so uerst leeren
Sache, wie das Leben ist - ich mchte wissen, wers erfunden hat -, ausdauern
kannst vor Wstenei. Ein Homer, ein Alexander, die nun die ganze Welt erobert
und unter sich haben, mssen sich oft mit den verdrlichsten Stunden plagen,
weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden. So sehr ich mich dagegen
verpalisadierte und mich festmachte, um nicht ber jedermann zu steigen und als
das Faktotum der Welt oben zu sitzen: so kam ich doch am Ende unvermerkt und
stehend in die Hhe, blo weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis
voll Schaumberge und Nebel-Riesen immer tiefer auftauete und zusammenkroch; und
schaue nun allein und trocken von meinem Berghorn herunter, ganz besetzt mit
Blutigeln des Welt-Ekels.
    Bruder, es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott. Deswegen wird dir
hier im Februar ein langer, mir ganz verdrlicher Brief geschrieben, der dir
ber meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt, wo und wie; denn bin ich einmal
eine glnzende Chrysalide, so kann ich mich nur schwach mehr regen und zeigen.
    Ich will mich deutlicher erklren, setzen die Deutschen hinzu, wenn sie sich
deutlich erklrt haben. Es schickt und trifft sich besonders glcklich - was ich
schtze wie einer -, da gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen
vterlichen Vermgens ist und folglich, wenn Amsterdam aufhrt zu zahlen, ich
auch falle und nichts mehr in Hnden habe als schwache chiromantische
Wahrsagungen und nichts im Leibe habe auer dem Magen. Ich wollte, ich knnte
noch von meinem Nabel leben wie in meinen frhern Zeiten und mich so weich
betten.
    Was soll ich dann machen? Mich von den Herren Menschen jahraus, jahrein
beschenken zu lassen, dazu acht' ich sie nicht genug; und die wenigen, die man
etwa bei Gelegenheit achtet, sollen wieder mich zu hoch achten, es anzubieten.
Was, ein Floh soll ich sein am dnnsten goldnen Kettlein, und ein Herr, der mich
darangelegt, damit ich ihm springe, aber nicht davon, zieht mich fters auf den
Arm und sagt: saug nur zu, mein Tierchen!? - Teufel! Frei will ich bleiben auf
einer so verchtlichen Erde - keinen Lohn, keinen Befehl in diesem groen
Bedientenzimmer erhaltend - kerngesund, um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu
erwecken - ja wollte man mir das Herz der Grfin Romeiro unter der Bedingung
zuschlagen, es zu erknien, so wrd' ich das Herz zwar annehmen und es kssen,
aber gleich darauf aufstehen und davonlaufen (entweder in die zweite oder in die
neue Welt), ehe sie Zeit htte, sich die Sache zu rekapitulieren und mir
vorzurcken.
    Werden freilich etwas - und dadurch ebensoviel verdienen -, das knnt' ich
(schlgt man mir vor) doch versuchen, ohne sonderliche Einbue von Freiheit und
Ungleichheit. In der Tat seh' ich hier aus meinem Zentrum an 360 Weg-Radien
laufen und wei kaum zu whlen, so da man lieber das Zentrum zum Umkreis
auszupltten oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen mchte, um nur
fortzustehen. Dienen, wie die Regimentsstbe sagen, wre freilich das nchste am
Herrschen. Du willst selber, wie du schreibst, ins Feld. (Deinen Brief hab' ich
richtig erhalten und darin deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und dich
ganz.) Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion,
eine legio fulminatrix von einigen schwachen Septuagintas gegen das gemeine
Wesen der Welt, kndigte er den Riesenkrieg dem Pbelsaufgebote an, um vier oder
fnf Weltteile durch ein sechstes Weltteilchen (auf einer Insel htt' es vielen
Platz) aus der Welt zu treiben oder in die Kerker und um alle geistige Knechte
zu leiblichen zu machen: sei versichert, in diesem glcklichen Fall stellte ich
mich am ersten hinter die Spitze und fhrte die Kanonen mit der kurzen
flchtigen Bemerkung:
    wie Hndel zuerst Kanonen in die Musik, so brchte man hier umgewandt zuerst
Musik in die Kanonen. Kmen wir nun smtlich zurck, wehte der heilige Landsturm
wieder herwrts: so stnde Gottes Thron auf der Erde, und heilige Mnner gingen
mit hohen Feuern in Hnden hinauf, viel weniger um droben den Weltkrper zu
regieren als dem Weltgeiste zu opfern.
    Mit der Franzmannschaft demnach stehst du fr deine Person, wie du
schreibst, knftig fr einen Mann. Freilich fllt mirs schwer, sonderlich von 25
Millionen zu denken, wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs, aber Stamm
und Gezweig doch jahrhundertelang am Sklaven-Gitter trocknete und dorrte. Wer
nicht vor der Revolution ein stiller Revolutionr war - wie etwan Chamfort, mit
dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schnes Feuer schlug,
oder wie Montesquieu und J.J. Rousseau -, der spreize sich mit seiner
Tropfenhaftigkeit nicht breit unter seine Haustr aus. Freiheit wird wie alles
Gttliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren. Freilich sitzen im
Frank- und Deutschreich berall junge Autoren und Musenshne, die sich ber
ihren schnellen Selbst-Gehalt verwundern und erklren, nur verflucht erstaunt,
da sie nicht frher ihr Freiheitsgefhl gefhlt, weiche Schelme, die sich als
ganze blasende Walfische ansehen, weil sie einiges Fischbein davon um die Rippen
zu schnren fanden - Immer wrd' ich in einem Kriege, wie ihn die tote Zeit
geben kann, glauben, zwar gegen Toren zu kmpfen, aber auch fr Toren.
    Die jetzigen zynischen, naiven, freien Naturmenschen - Franzen und Deutsche
- gleichen fast den nackten Honoratioren, die ich in der Pleie, Spree und Saale
sich baden sah: sie waren, wie gesagt, sehr nackt, wei und natrlich und Wilde,
aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weien Rcken.
Einige groe lange Menschen und Vter der Zeit, wie Rousseau, Diderot, Sidney,
Ferguson, Plato, haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt, und diese tragen ihre
Jungen nach und nennen sich, weil sie ihnen so weit, lang und offen sitzen,
deswegen Ohne-Hosen.
    Zwar statt des Degens knnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und
als schreibender Csar aufstehen, um die Welt zu bessern und ihr und sie zu
nutzen. Es wird mir denkwrdig bleiben, das Gesprch, das ich darber mit einem
berlinischen allgemeinen deutschen Bibliothekar aushielt, als wir still im
Tiergarten auf- und abgingen. Jeder wuchere doch seinem Vaterland mit seinen
Kenntnissen, die sonst vergraben liegen, sagte der deutsche Bibliothekar. Zu
einem Vaterland gehrt zuvrderst einiges Land, sagt' ich, der Malteser
Bibliothekar aber, der hier spricht, erblickte das Licht der Welt zur See unter
einem pechfinstern Sturm. Kenntnisse besitz' ich freilich genug und wei, da
man sie wie ein Glas voll Kuhpocken, vernnftig genommen, nur dazu hat, um sie
einzuimpfen - der Schler seinerseits schlingt sie wieder nur ein, um sie von
sich zu geben, und so gibt sich das Weitere. So fhrt das Licht, wie im Spiel
"stirbt der Fuchs, so gilts den Balg" der glimmende Span, von Hand zu Hand, bis
aber doch der Span in einer - meiner verlscht und verbleibt.
    Launig genug! (sagte der allgemeine Bibliothekar) Mit einer solchen Laune
verbinden Sie nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster, so bilden
Sie uns einen zweiten Rabener, der die Narren geielt. - Herr! (versetzt' ich
ergrimmt) ich wrde die Weisen vorziehen und Euch den ersten Schlag versetzen.
Weise lassen sich berichten und waschen, haben berall ihr Einsehen und sind
gute Narren und meine Leute; ein Mann wie ein allgemeiner deutscher Kurschmied,
der dem Musenpferd an den Puls greift, halte mir seinen vor, und ich befhl' ihn
gern. Aber der Welt-Rest, Sir? Wer kann das Weltmeer abschumen, wenn er ihm
nicht die Ufer wegbricht? Ists nicht ein Jammer und Schade, da alle genialische
Menschen, von Plato bis zu Herder, laut und gedruckt worden und hufig gelesen
und studiert vom gelehrten Pack und Packhof, ohne da dieser sich im geringsten
ndern knnen? Bibliothekar, ruft und pfeift doch alles, was in den kritischen
Hundshtten neben jenen Tempeln Wache liegt, heraus und fragt smtliche
Windspiele, Doggen und Packer, ob in ihren Seelen sich etwas anders bewege als
ein potenzierter Magen, statt eines poetischen und heiligen Herzens! Im
Bergkessel sehen sie den Wurst- und Braukessel, im Laub die Schelle der Karte,
und der Donner hat fr sie - als ein grerer elektrischer Funke - einen sehr
suerlichen Geschmack, den er nachher dem Mrz-Biere einflet.
    Spielen Sie an? fragt' er. Sicher! (sagt' ich) - Aber weiter, Bibliothekar,
gesetzt wir beide wren so glcklich, uns auf dem Absatze herumzudrehen und mit
einem Umherhauchen alle Toren wie mit einem Httenrauche ganz verpestet
umzuwehen und maustot hinzuwerfen: so kann ich doch nicht absehen, wo der Segen
herauskommen will, weil ich, auerdem da wir noch selber nebeneinander stehen
und auch uns anzuhauchen haben, in allen Ecken umher Weiber sitzen sehe, welche
die erlegte Welt von neuem hecken. -
    Bester Psterich199 voll Feuer, (fuhr ich fort) kann aber das sehr zum
satirischen Handwerke rufen und prgen? - O nein!
    Echte Laune ist bei mir da, vielleicht fremde Tollheit gleichfalls,
vielleicht - aber ach wird nicht der seltsame Scherzmacher, sogar in ihrer
ungemeinen Bibliothek, dem Stachelschweinmanne in London (dem Sohne) gleichen,
der bei dem Tierhndler Brook den Dienst hatte, den Fremden im wilden Viehstand
und auslndischen Tiergarten herumzufhren, und der auf der Schwelle dabei
anfing, da er sich selber zeigte als Mensch betrachtet? Bedenken Sie es kalt
und vorher! Noch schwing' ich meinen Satyr-Schweif ungebunden und lustig und
etwan gegen eine gelegentliche Bremse; wird mir aber ein Buch darangebunden, wie
in Polen an den Kuh-Schwanz eine Wiege, so rttelt das Tier die Wiege der Leser
und gibt Lust, der Schwanz aber wird ein Knecht.
    Zu solchen Bildern (sagte der Bibliothekar) wre allerdings die gebildete
Welt durch keinen Rabener oder Voltaire gewhnt, und ich erkenne nun selber die
Satire nicht fr Ihr Fach. - O so wahr! versetzt' ich, und wir schieden gtlich.
    - Aber ernsthaft genommen, Bruder, was hat nun ein Mensch brig (sowohl an
Aussichten als an Wnschen), dem das Skulum so versalzen ist wie mir und das
Leben durch die Lebendigen den die allgemeine matte Heuchelei und die glnzende
Politur des giftigsten Holzes verdrieet - und die entsetzliche Gemeinheit des
deutschen Lebenstheaters - und die noch grere des deutschen Theater-Lebens -
und die pontinischen Smpfe Kotzebuischer ehr- und zuchtloser Weichlichkeit, die
kein heiliger Vater austrocknen und festmachen kann - und der ermordete Stolz
neben der lebendigen Eitelkeit umher, so da ich mich, um nur Luft zu schpfen,
stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstellen kann, weil ich
doch dabei versichert bin, da beide nicht mit mir kokettieren, sondern nichts
im Sinne und liebhaben als ihr Werk - was hat, fragt' ich auf der letzten Zeile
des vorigen Blattes, einer nun brig, den, wie gesagt, so vielerlei anstinkt und
vorzglich noch der Punkt, da Besserung schwer ist, aber Verschlimmerung ganz
und gar nicht, weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas weismachen und
dadurch sich auch und weil sie bei ihrer verborgnen Verwnschung und Snften-
und Achseltrgerei der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich
dafr gern vom festern Pbel brauchen lassen, als Weinfsser zu Fleischfssern -
was hat ein Mann, sag' ich, Freund, in Zeiten, wo man, wie jetzt im Druck, aus
Schwarz zwar nicht Wei macht, aber doch Grau und wo man, wie Katecheten sollen,
gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet, noch brig auer seinem Hasse der
Tyrannen und Sklaven zugleich und auer dem Zorne ber die Mihandlung sowohl
als ber die Gemihandelten? Und wozu soll sich ein Mann, dem der Panzer des
Lebens an solchen Stellen dnn gearbeitet oder dnn gerieben ist, ernsthaft
entschlieen?
    Ich meines Orts, falls von mir die Rede ist, entschlo mich im halben
Scherze zu einer dnnen hellen Anfrage fr den Reichsanzeiger, die du vielleicht
schon in Rom gelesen, ohne mich eben zu erraten:

                                   Allerhand.

Wohl zuverlssig steht gesunder Verstand und Vernunft (mens sana in c.s.) unter
den zu wrdigenden Gtern des Lebens zunchst nach einem reinen Gewissen obenan.
Ein Satz, den ich bei den Lesern dieses Blattes vorauszusetzen wage. Was sonst
hierber noch gesagt werden kann (sowohl von als gegen Kantner [so schreibt
Campe statt Kantianer viel richtiger]), gehrt gewi nicht hieher in ein ganz
populres Volksblatt. Unterzeichneter dieses ist nun in dem betrbten Falle, da
er hier gentigt die rzte Aus-und Deutschlands befragt - Mitleiden mit Leiden
gebe, schicke die Antworten ein -, wenn er (gerade heraus vor Deutschland!!)
ganz toll werden werde, indem der Anfang davon schon einen genommen.
    Das Wenn, aber nicht das Ob liegt edeln Menschenfreunden zu beantworten ob.
Hier meine Grnde, Deutsche! Abgesehen, da mancher schon aus der Anfrage
folgern knnte - was doch wenig entscheidet -, so sind folgende Stcke
bedenklich und gewi: 1) des Verfassers bunter Stil selber, der weniger aus
diesem Inserat (in den berlegtesten Intervallen gemacht) als aus der hnlichen
Schreibart eines sehr beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen
ist, wie denn ein buntes berma ganz wildfremder Bilder so gut am Kopfe wie
buntes Farbenspiel am Glase nahe Auflsung bedeuten - 2) die Weissagung eines
Spitzbuben200, an die er immerfort denkt, was schlimme Folgen haben mu - 3)
seine Liebe und sein Treiben Swifts, dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist -
4) seine gnzliche Vergelichkeit - 5) seine hufige schlimme Verwirrung
getrumter Sachen mit erlebten und vice versa - 6) sein Unglck, da er nicht
wei, was er schreibt, bis ers nachgelesen, weil er gegen seinen Zweck bald
etwas auslsset oder bald etwas hinsetzt, wie das durchstrichne Manuskript
leider am besten bezeugt - 7) sein ganzes bisheriges Leben, Denken und Spaen,
was hier zu weitluftig wre, und 8) seine so unvernnftigen Trume. Nun ist die
Frage, wenn in solchen Verhltnissen (schlagen nmlich keine Fieber, keine
Liebschaften dazu) vollstndige Verrckung (Idea fixa, mania, raptus) eintritt.
Bei Swift fiels sehr spt, im Alter, wo er ohnehin schon an und fr sich halb
nrrisch sein mochte und nachher alles nur mehr zeigte. Wenn man betrachtet, da
einmal der Professor Bsch ausrechnete, da seine Augen-Schwche sehr gut ohne
seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen knnte, weil die Periode seiner
gnzlichen Erblindung ber sein ganzes langes Leben hinausfiele blo auf sein
Grab, so sollt' ich annehmen, da meine Schwche so stufenweise aufschwellen
knnte, da ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber; so da ich
vorher dabei heiraten und amtieren mchte wie jeder andere rechtschaffene Mann.
    Was ich hiermit bezwecke, ist blo, mich hierber mit irgendeinem
Menschenfreunde (er sei aber philosophischer Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen.
Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers. Nher bekannt mach' ich
mich vielleicht krperlich und brgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte,
wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den Februar.
                                                        S-s, L-d, L-r, G-l, S-e.

Albano, du weit, unter welchem Gebsch mein Ernst liegt. Der Reichs- und
Schoppens-Anzeiger hat acht Grnde fr die Sache, die nicht nur mein Ernst sind,
sondern auch mein Spa. Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Aufgang
meines tollen Hundssterns ansagte, sah ich immer die Aurora dieses Fix-Gestirns
vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige; ich mu es heraussagen. O
ich hatte im Januar, Bruder, acht furchtbare Trume hintereinander - nach der
Zahl der Grnde im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehrig -, Trume,
worin ein wilder Jger des Gehirns durch den Geist jagte und ein reiender Strom
voll Welten, voll Gesichter und Berge und Hnde wallete - ich will dich nicht
damit ngstigen - Dante und sein Kopf sind Himmel dagegen.
    Da wurd' ich verdrlich ber die Feigheit und sagte zu mir: Hast bisher so
lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins Wasser geworfen, sogar diese
und die zweite Welt, und dich von allem, und von Ruhm und von Bchern und Herzen
so rein entkleidet und hast nichts behalten als dich selber, um damit frei und
nackt und kalt auf der Kugel zu stehen vor der Sonne: auf einmal krmmst du dich
unversehends vor dem bloen tollen fixen Gedanken an eine tolle fixe Idee, die
dir jeder Fieber-Pulsschlag, jeder Faust-Schlag, jedes Giftkorn in den Kopf
graben kann, und verschenkst auf einmal deine alte gttliche Freiheit Schoppe,
ich wei gar nicht, was ich von dir halten soll; wer irgend etwas noch frchtet
im Universum, und wr' es die Hlle, der ist noch ein Sklave.
    Da ermannte sich der Mann und sagte: ich will das haben, was ich frchtete;
und Schoppe trat nher an den breiten hohen Nebel, und siehe! es war (man htte
sich gern auf der Stelle hineingebettet) nur der lngste Traum vor dem lngsten
Schlaf, mehr nicht, was sie Wahnsinn nennen. Geht man nun auf einige Zeit z.B.
in ein Irrhaus zum Scherz: so kann man den Traum haben, lsset es sich sonst
alles so dazu an wie bei manchem. Und dahinein will ich nun allgemach sinken, in
den Traum, wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist und an der
Vergangenheit der Rost abgewischt - wo der Mensch ohne Strung in dem
Schattenreich und dem Barataria-Eiland seiner Ideen das regierende Haus allein
ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht, was er denkt
- wo er auch seinen Krper aus den Wellen und Brandungen der Auenwelt zieht und
Klte, Hitze, Hunger, Nervenschwche und Schwindsucht und Wassersucht und Armut
ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht, keine Snde, kein Irrtum im
Irrhaus - wo die 365 Trume jhrlicher Nchte sich in einen einzigen, die
flchtigen Wolken in ein groes Glut-Abendrot zusammengewebt -
    Da sitzt etwas Bses! Der Mensch mu imstande sein, sich seinen Traum, seine
gute fixe Idee - denn ein hoher Ameishaufen der grimmigsten und der
liebreizendsten wimmelt vor ihm - mit Verstand auszuklauben und zuzueignen,
sonst kann er so schlimm fahren, als wr' er noch bei Verstand. Ich mu nun
besonders meine Anstalten treffen, da ich einen liebreichen favorablen Fix-Wahn
finde und anerkenne, der gut mit mir umgeht. Kann ichs dahin bringen, etwan der
erste Mensch zu sein im irrigen Hause - oder der zweite Momus - oder der dritte
Schlegel - oder die vierte Grazie - oder der fnfte Kartenknig - oder die
sechste kluge Jungfrau - oder die siebente weltliche Kur - oder der achte Weise
in Griechenland - oder die neunte Seele in der Arche oder die zehnte Muse - oder
der 41ste Akademiker - oder der 71ste Dolmetscher - oder gar das Universum -
oder gar der Weltgeist selber: so ist allerdings mein Glck gemacht und dem
Lebens-Skorpion der ganze Stachel weggeschlagen. Aber was steht nicht noch fr
goldnes edelsteinernes Glck offen! Kann ich nicht ein sehr begnstigter
Liebhaber sein, der den Sonnenkrper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel
ziehen sieht und hinaufschauet und ruft: ich sehe nur dein Sonnen-Auge, aber es
gengt? - Kann ich nicht ein Verstorbner sein, der voll Unglauben an die zweite
Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht wei, wo er hinaus soll vor
Lust? - O kann ich nicht denn der krzere Traum und das Alter verkindern ja
schon wieder ein unschuldiges Kind sein, das spielt und nichts wei, das die
Menschen fr Eltern hlt und das nun einen aus der bunten Blase des Lebens
zusammengefallenen Trnentropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit
der Pfeife geschickt zum flimmernden Farben-Weltkgelchen aufblset? Es ist eben
Mitternacht; ich mu jetzt in die Kirche gehen, meine Vesper-Andacht zu halten.

                                                              Drei Wochen spter
                                   Nota bene!

Gewissermaen war ich seit deiner Reise verdammt unglcklich bis diesen Morgen
gegen 1 Uhr; - um 2 Uhr fat' ich meinen Entschlu, jetzt um 5 die Feder, um 6,
wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben, den Reisestab, dessen Stachel nach 2
Monaten in den Pyrenen steht. O Himmel! mute etwas Gestacheltes lngst neben
mir stehen, was ich so lange fr einen Herisson nahm, indes es die beste
Spielwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sie vor
einigen Stunden) haben kann als das beste Fltengedackt - unverflschte Sphren-
und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Mnner im Feuer einen ganzen
lebendigen Vaucansons-Fltenspieler von Holz und unerhrte Sachen, womit die
Maschine nicht sich einen Bruch blset, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich
vorzglich den Kahlkopf nenne?
    O hre, Jngling! Es geht dich an. Ich will deinetwegen, was die Welt
offenherzig nennt, jetzt sein, nmlich unverschmt, denn wahrlich ich decke
lieber meinen Stei als mein Herz auf und bin weniger rot.
    Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo
der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war - wo der alerte, anschlgige
Vogel leicht heraushatte, wo der Hase liegt und die Hsin - wo der Mann sich
noch mit den bekannten vier Weltteilen in Gte setzte, oder auch ebenso leicht
wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stie - wo er, jetzt ein
Silberfasan khler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf-
und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses sa, bald auf dem
Coliseo, bald auf dem tna, bald auf der Peterskuppel und vor Lust krhete, die
Flgel schlug und gen Himmel stieg.
    Es war nmlich dieselbe Zeit, wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in
Tivoli sich durch die Wasserflle hin- und herschwang, kostbar selig war und da
gelegentlich - pltzlich - oben - in Vestas Tempel - zum ersten Male - weiter
nichts erblickte als - die Prinzessin di Lauria, nachher, mutma' ich, von einem
Vliesritter weggeholt als sein gldnes Vlies. Solche sehen - sich aus einem
Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln - von Gespann und Zgel
sich abreien - vor jene Gttin fliegen - sie in immer engern Kreisen umziehen,
das alles war nicht eins, sondern dreierlei. Ich mute erst zu einem
Paradiesvogel wachsen und mich frben, um in ein Paradies zu fliegen; ich mute
nmlich Malerei erlernen, um vor Sie zu drfen.
    Als ich endlich den Portrt-Pinsel und die Silhouetten-Schere in der Gewalt
hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Frsten
erschien, mut' ich ihn selber malen und schneiden; seine Tochter war schon
vermhlet und heimlich abgereiset; denn dein Grovater weissagt (anstatt wie
andere ihr Treiben voraus) seines nur hintennach und ffnet den Mund blo zum -
Hren.
    Ich schnitt ihn schnell aus, den Mann - packte ein - ging in alle Welt -
nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz
unerwartet vor der Grfin Cesara Himmel und Hlle! welch ein Weib war deine
Mutter! Sie warf jeden in beide auf einmal, ich wei nicht ob deinen Vater auch.
Schreiber dieses stand in seiner letzten ornithologischen Verwandlung vor ihr,
als stiller Perlhahn (Trnen mssen die Perlen sein), und konterfeiete sie ab,
nach wenigen Wochen.
    Sie hatte zwei Kinder, dich - deiner schon damals geschrften Bildung
entsinn' ich mich klar - und deine Schwester, die sogenannte Severina. Dein
Vater war nicht da, aber sein Wachsbild, wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre
spter in Rom wieder erkannte. Auch deine Schwester war noch wchsern
wiederholt, nur du nicht. Eine dir von weitem hnliche Wachsfigur, die dich als
einen Mann vorgaukelte, stellte der Bruder deines Vaters, der mit da war, dir
immer als einen Flgelmann deiner Zukunft vor, sagte, du seiest hier im voraus
kubiert und schon ins Groe getrieben, von der Flasche auf das Fa gefllt, um
dich anzufeuern, damit du erwchsest. Man mute dir eine hnliche Uniform, wie
der Wachsmann trug, anziehen - ich wei nicht welche - Du fordertest dann keck,
um deinen eignen Mikromegas schreitend, ihn heraus, aus der Zukunft in die
Gegenwart. Jetzt weit du, was du geworden, und magst wohl wieder und mit mehr
Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Groen
hinauf. Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit
gutheien; dabei hab' ich vor allen Wachs-Marionetten einen so hassenden
Schauder!
    Mein einziger Zweck auf der schnen Insel war die Abreise von ihr und von
der schnen Insulanerin, sobald ich diese abgemalt htte. Dummes Jahrhundert,
sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sie sa mir gern - wie auf einem Thron -
ich ri, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab und mut' ihr
natrlich das Bild lassen unkopiert. Aber, Jngling, einige Buchstaben, die
meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des
Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte, knnen fr dich ein
Tetragrammaton, elf Sonntagsbuchstaben und Lesemtter (matres lectionis) deines
Daseins werden, falls ich glcklich nach Spanien komme und in Valencia am
Bildnis die Frberei von meinen Buchstaben weg wischen und nun in dessen Herzen
lesen kann: Lwenskiold. So dnisch hie ich damals.
    Dann ist die Grfin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina.
Gott schenke nur, da du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und
geheiratet; sie soll, wie ich gestern hrte, nach Italien abgereiset sein.
    Denn als ich die Grfin Linda hier zum ersten Male sah, war mir auf dem
Pestitzer Markt-Viereck, als stnd' ich oben auf der Terrasse der Isola bella
und schauete die Alpen, deine Mutter, meine Jugend kaum drei Schritte vor mir!
Bei Gott, wie als wre aus der tiefen Ferne im Pfeilerspiegel der Zeit auf
einmal das weie Rosenbild deiner verhllten Mutter heraufgerissen worden dicht
ans Glas heran und hinge davor nun rotblhend, so stand Linda vor mir! Denn die
gttliche hnlichkeit beider ist so gro! Gar kein Arianisches Homoiusion,
sondern ein ganzes orthodoxes Homousion ist hier zu glauben, wrd' ich dir gerne
schreiben, httest du sonst die ntige Kirchengeschichte dazu auf dem Lager.
    Ich malte auch Linda in diesem Winter. Was sie mir vom Charakter ihrer
Mutter erzhlte, war ganz dasselbe, was ich ihr htte vom Charakter der
Prinzessin di Lauria berichten knnen -
    Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen, und doch ist er
noch nicht verschwunden, wie ich hre -
    Lindas Mutter hie sich eine Rmerin und eine Verwandte des Frsten di
Lauria -
    In Spanien, wo ich zweimal war und fragte, wollte nirgends der Name einer
Cesara wohnen -
    Trillionen Spinnenfden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum
Ariadnens-Strick im Labyrinth -
    Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und
in Spiegeln vorgefhrt -
    Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf - dem fast mehr zum Christuskopf fehlt
als die Locken, und den ich im Herbste einen Hund geheien - dirs vorgespiegelt
aus wirklichen Spiegeln -
    Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun (der Himmel und der Teufel wissen
am besten warum, aber ich glaub' es) als Vater des Todes auf Isola bella, lag
als Handwerkspursch am Frstengrabe und in jedem Hinterhalt, um dir deine
Schwester zur Frau zu geben - - falls ichs litte; aber sobald ich jetzt
zugesiegelt, brech' ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein, suche
nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter, dessen Stelle und Zimmer ich mir
deutlich angeben lassen - und ist es das Bild von mir: so ist alles richtig, und
der Donner kann in alles schlagen -
    Der Kahlkopf ist schon ein Fnfviertelsbeweis - er gehrt unter die wenigen
Menschen, die schon, kaum Spinnen-dick, in ihrer Mutter Leib aus Bosheit piten
-
    Vielleicht treff' ich deinen Oheim, der mich hier, wie er sagte,
wiedererkannte und der wirklich nach Valencia abgereiset ist201 -
    O Himmel, wenn mirs gelnge (aber warum nicht, da meine Zunge von Eisen
bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt, beim redlichen Wehrfritz, dessen Herz
ein alter Deutscher ist, und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland
das Herz vor), ich schreibe, wenn mirs gelnge, da ich anbrennte an einem
verfluchten Geheimnis eine Strohtr, risse alles auf, ein und weg, blinde Tore
und Opfertore, und ein starkes Licht fiele herein auf die tapfere Linda und den
tapfern Jngling, anleuchtend den nahen Kahlkopf (vielleicht noch jemand), der
eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulier- und Schlachtmessern in
die Geschwister schief herunterstechen will - -
    Wenn mir das einmal gelnge, nmlich im Erntemonat - denn da km' ich in
Pestitz wieder an und htte das Bildnis in der Tasche -, und ich htte mich und
zwei Unschuldige tapfer gercht an Schuldigen: dann wrd' ich mirs fr sehr
erlaubt halten, an meinen Kopf zu greifen und zu sagen: a bas, gare, Kopf weg!
Wozu gewi - da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein
Werther-Pulver die Rede ist, sondern nur vom Vorsatze, das, was Sachverstndige
meinen Verstand nennen, gelegentlich zu verlieren - meine Freunde stimmen
mten, weil sie mich noch htten (der Krper wird dabei anbehalten), obwohl als
das Nachtstck eines Menschen, weil ich dann einen vernnftigen Diskurs so gut
ber alles (nur den Fix-Wahn greife keiner an) fhren wollte als einer und dabei
einen gesitteten guten Spa (wahrlich die wahre Wrze) einzustreuen gewi nicht
verge und weil der Staat mich Tag und Nacht gerstet und gesattelt finden
sollte, ihm nach dem Beispiele der Berliner Irrhusler, die einmal beim Feuer im
Haus am besten lschten und retteten, zu dienen und zu Hlfe und zupasse zu
kommen, wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders
auszufllen wren als mit unsern hellen.
    Lebe wohl! Ich brech' auf. Die Welt lacht mich heiter an. In Spanien find
ich ein Stck Jugend wieder - wie in diesem Schreiben.
                                                                        Schoppe.

Apropos! Stie dir der Kahlkopf nirgends auf? - Ich kann dir nicht sagen, wie
ich tglich jetzt arbeite, um mir vor dem Wunsche, ihn knftig in der Tollheit
niederzustoen, wahren Abscheu und Greuel im voraus einzuprgen und eigen zu
machen, damit nachher die etwanige Tat mir nicht als eine Sptfrucht des vorigen
vernnftigen moralischen Zustandes knne herber zugerechnet werden in den
andern.

Vernichte diesen Brief!

                                       *

Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob, stand er vor Lilar unter
einem hochgewlbten Triumphbogen, und die Sonne ging in Pracht hinter dem
Elysium unter. Kennst du mich nicht? fragte leise neben ihm Linda in
Reisekleidern, weinend in heller Liebe und Wonne - und Julienne drngte sich,
beiden Vorsicht zuwinkend, aus dem Eingangsgebsch des Fltentals hervor und
rief zum listigen Scheine: Linda, Linda, hrst du denn die Flten nicht? - Und
Albano hatte den schweren Brief vergessen.

                                   123. Zykel


Wie ein schnell mit hundert Flgeln aufrauschendes Konzert, so schlug die
schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude ber den verlassenen, um den Freund
bekmmerten Jngling in schnen Fluten zusammen; und von der Entzckung
getroffen, sah er Linda wieder wie auf Ischia; aber diese sah ihn wieder wie in
einem andern Elysium, sie war weicher, zrter, heier, eingedenk seiner
Vergangenheit in diesem Garten. Sie wollte gar nichts von ihrer eignen
Reise-Geschichte erzhlen oder hren. Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe
mit mchtiger, aber zitternder Brust; nur seinem Vater brannt' er sie aufzutun.
Unaufhrlich hielt er sich die Unmglichkeit einer Verwandtschaft vor und die
Leichtigkeit, da Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren, mit
Juliennen, verwechsle; noch diesen Abend wollt' er den Vater fragen.
    Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit groer Freude, aber nicht mit
der grten, weil Schoppes Brief nachtnte. Julienne nahm es wahr, da nur eine
Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme, und sucht' ihn lustig-listig
auszuholen, indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und
ihrer Bekanntschaft durchantworten lie. Sie hatte einige Neigung, am
Theatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu
stechen. Sie fing die Fragen von Idoine an - welche kurz nach seiner Ankunft
ihren Rckweg aus der Stadt genommen - und hrte mit ihnen bei Schoppen auf -
nach dessen Reise-Ziele sie forschte -; aber Albano hatte jene nicht gesehen,
dieser, sagt' er, hab' es ihm allein vertraut. Eine schne, unbiegsame
Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen. Lindas schwarzes Auge war ein
offnes treues deutsches und sah ihn nur an, um ihn zu lieben.
    Aus dem Fltental kam der Rest der Gesellschaft, der Lektor u.a.; Julienne
ntigte die Liebenden zur Scheidung und sagte: Hier ist kein Ischia; ohne mich
knnt ihr euch hier im Schlo gar nicht sehen; ich werde dirs durch deinen Vater
allzeit sagen lassen, wenn ich da bin.
    Als er allein stand in Lilar, mit dem schweren Gedanken an Schoppe und
Linda, und er die anmutigen Gegenden und Stellen schner Stunden bersah: so kam
ihm auf einmal vor, als verziehe sich in der Dmmerung das Elysium wie ein
reizendes Gesicht zu einem Hohn ber ihn und ber das Leben - kleine boshafte
Feen sitzen an den kleinen Kinder-Tischchen, als wren sie sanfte Kinder und
shen sehr gern Menschen und Menschenlust - sie fahren auf als wilde Jgerinnen
und rennen durch die Blten - tausend Hnde wenden den Garten mit Bltenbumen
um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dickicht wie Gipfel im Himmel
auf aus den Zweigen blicken Gorgonenhupter, und oben im Donnerhuschen weint
und lacht es unaufhrlich - nichts ist schn und sanft als der tapfere groe
Tartarus.
    Indes ging Albano, da es der krzere Weg zu seinem Vater war, hart und
zornig durch den Garten, ber die Schwanenbrcke, vor dem Traum-Tempel, vor
Charitons Huschen, vor den Rosenlauben vorbei und ber die Wald-Brcke; und kam
bald im Frstenschlosse bei seinem Vater an, der eben vom kranken Luigi
zurckgekommen. Mit ironischer Miene erzhlte ihm dieser, wie der Patient von
neuem schwelle, blo weil er frchte, der tote Vater, der ihm zum zweitenmal als
Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen, gebe das Zeichen und hole ihn
darauf. Nun erzhlte Albano, ohne allen Eingang und ohne Erwhnung von Schoppen
und von dessen Verhltnissen, die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft, ohne
etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle: Ist Linda
meine Schwester? zu tun aus Achtung fr den Vater. Dieser hrte ihn ruhig aus:
Jeder Mensch (sagt' er erzrnt) hat eine Regen-Ecke seines Lebens, aus des
ihm das schlimme Wetter nachzieht; die meinige ist die Geheimnistrgerei. Von
wem hast du die neueste? - Darber mu ich schweigen aus Pflicht, versetzt'
er In diesem Falle (sagte Gaspard) httest du besser ganz geschwiegen; wer
den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt, hat den andern nicht mehr in der
Gewalt. Wie viel glaubst du, da ich von der Sache wei? - Ach was kann ich
glauben? sagte Albano. Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit
der Grfin? sagte zorniger Gaspard. Sollt' ich denn schweigen, und entwickelte
sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne? - Hier sah
ihn Gaspard scharf an und fragte: Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes
vertrauen, ohne zu wanken, zu irren, wie auch der Schein dagegen rede? - Ich
kanns, sagte Albano. Die Grfin ist deine Schwester nicht; vertraue mir!
sagte Gaspard. - Vater, ich tu' es! (sagte Albano ganz freudig) und nun kein
Wort weiter darber.
    Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte, dieser neue Irrtum veranlasse
ihn, jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen,
weil der Vater derselben, vielleicht der geheime bisherige Wundertter, seine
Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden. Noch einmal lie er den Sohn
seinen Wunsch nach dem Wege merken, auf welchem er zu jener Hypothese gekommen;
aber umsonst, die heilige Freundschaft konnte nicht entheiligt oder verlassen
werden, und seine Brust schlo, wie der dunkle Fels um den hellen Kristall, sich
mchtig um sein offnes Herz.
    So schied er warm und glcklich vom schweigenden Vater. In der harten Stunde
des Briefs hatt' er nur eine knstliche Felsenpartie des Lebens berstiegen, und
die bunten Grten lagen wieder da bis an den Horizont; - doch der vergebliche
mhvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter
Geist, der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien, und die Zukunft
eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengelute in seiner schnen Gegend
klagend, und das glckliche Herz wurde voll und still.

                                   124. Zykel


Bald darauf lie die gtige Schwester Albanos an der Spieluhr seines Glcks,
deren Wchterin sie war, wieder eine hesperische Stunde schlagen und spielen, wo
das ganze Leben hinauf und hinab mittnte und sich aushellte und wo nun wie in
der Schweiz, wenn eine Wolke sich ffnet, auf einmal Hhen, Eisberge, Berghrner
aus dem Himmel blicken. Er sah seine Linda wieder, aber in neuem Licht, glhend,
aber wie eine Rose vor dem glhenden Abendrot; ihr Lieben war ein weiches
stilles Flammen, nicht ein Hpfen irrer stechender Funken. Er schlo, da sein
wortfester Vater die Bitte um eine priesterliche Verbindung ihr schon getan und
sogar ihre Bejahung bekommen. Julienne sagt' ihm, sie woll' ihn den nchsten
Abend um 6 Uhr auf dem vterlichen Zimmer sprechen; das macht' ihn noch gewisser
und froher. Mit neuen, noch zrter anbetenden Gefhlen schied er von Linda; die
Gttin war eine Heilige geworden.
    Als er den andern Tag ins vterliche Zimmer kam: fand er niemand darin als
Julienne. Sie kte ihn kurz und kaum, um schnell mit ihren Nachrichten fertig
zu werden, da ihre Abwesenheit auf so viele Minuten eingeschlossen war, als die
Frstin brauchte, um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu
kommen. Sie heiratet dich nicht, (fing sie leise an) so sehr und so fein auch
dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude ber das neue
Glck seines Sohnes ausdrckte, fr das er nun blo nichts mehr zu wnschen
brauchte, sagt' er, als das Siegel der Fortdauer - Es war noch feiner versilbert
und vergoldet, ich wei es nicht mehr. - Darauf erwiderte sie in ihrer Sprache,
die ich nie behalte, ihr und dein Wille wren das rechte Siegel, jedes andere
politische drcke Ketten und Sklaven auf dem schnsten Leben aus.
    Hart wurd' Albano von einer offnen Weigerung verletzt, die ihn bisher als
eine stille und als Philosophie auftretende nur wie wesenloser Schatte unberhrt
umflossen hatte. Das war nicht recht; spt konnte sie sagen, aber nicht nie,
sagt' er empfindlich. - Gemigt, Freund, (sagte Julienne) darauf erinnerte
sie dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen, indem er
sagte, da er sehr wnschen msse, ihr Glck aus seinen Hnden in nhere zu
bergeben. Keine knstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten,
sagte sie. Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu, er habe den schnsten
Lebensplan fr euch beide in diesem Falle entworfen; im andern aber stehe seine
Einwilligung in die Liebe nur so lange offen als sein Hiersein, das mit dem Tode
seines Freundes endige. Dann ging er gelassen fort, wie die Mnner pflegen, wenn
sie uns recht entrstet haben.
    Hesperien, Hesperien! (rief Albano zornig) Linda verdoppelte doch ihr
Nein? - O leider! Aber Bruder? fragte staunend Julienne. Lasse mich,
(versetzt' er) ist es denn nicht ungerecht dieses elterliche Antasten der
schnsten zartesten Saiten, deren Klang und Schwung sie auf einmal tten, um
einen neuen aus ihnen zu rupfen? Ists denn nicht sndlich, Gttergeschenke zu
Staats-Zllen und Partie-Geldern, jawohl Partie-Geldern herabzuziehen? - Gute
Linda, nun stehen wir wieder auf dem Boden, wo man die Blumen der Liebe zu Heu
anschlgt - und wo es im Paradies keine andere Bume gibt als Grenzbume. -
Nein, freies Wesen, durch mich sollst du nie aufhren, es zu sein!
    Julienne trat einige Schritte zurck, sagte: Ich will dich nur auslachen,
tat es und setzte ernst dazu: Sie also, willst du, soll dir den Tag anberaumen,
wo der alte Vater sichtbar werden soll? - Das folge gar nicht, sagte' er. Sie
bemerkte ruhig, da immer ein hitziger Mann ber die Hitze des andern klage und
da Albano schon in der Ruhe zu strenge auf fremdes und eignes Recht dringe; da
solche Leute dann in der Leidenschaft etwas ber das Recht hinaus verlangten,
wie ein Stift, der in der Uhr zu genau passet, erwrmt sie durch seine Gre
anhlt. Jetzt bat sie ihn liebreich, das Auseinanderzupfen des ganzen
Wirrwarrs blo ihren Fingern zu berlassen und sanft und still zu bleiben,
damit nicht noch mehr Leute, etwa gar ihre belle-soeur, zwischen ihren Bund
sich drngten. Albano nahm es freundlich an, bat sie aber ernst, nur keine Plane
zu machen, weil er zu ehrlich dazu gegen Linda sein und ihr sogleich das ganze
Wort der Charade sagen wrde.
    Sie entdeckte ihm, sie habe weiter keinen zu etwas gemacht als zu einem
frohen Tag fr morgen, den nmlich, mit Linda die Prinzessin Idoine in Arkadien
zu besuchen, der sie auer dem Besuch noch grere Dinge schuldig sei, besonders
ihr halbes Herz: Du reitest uns zufllig nach und triffst uns mitten im
Schferleben an (setzte sie dazu) und berraschest deine Linda. - Er sagte
sehr entschieden Nein; weil er vor Idoinens hnlichkeit mit Lianen - ob er
gleich nur wute, da Liane jene im Traum-Tempel vorgespielt, noch nicht aber,
da Idoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildet - und vor der Gegenwart
der Ministerin die Flucht aus Scheu sowohl der bittern Erinnerungen als der
sen nahm, welchen beiden Roquairol in solchem Falle nachgezogen wre. Julienne
wandte boshaft ein: Frchte nur nichts fr die Prinzessin; sie mute, um vom
verhaten Brutigam nur loszukommen, allen Ihrigen eidlich angeloben, nie einen
unter ihrem Stande zu whlen - und das hlt sie, sogar bei dir. Er beantwortete
den Scherz blo mit der ernsten Wiederholung des Neins. Nun so bestehe sie
darauf, versetzte sie, da er ihnen beiden wenigstens auf halbem Weg
entgegenkomme und sie im Prinzengarten - einem von Luigi als Erbprinz
angelegten und auf dem Frstenstuhle vergessenen Park - erwarte. Das ergriff er
sehr freudig.
    Sie fragte scheidend noch scherzhaft: Wer hat dich von neuem mit einer
Schwester beschenkt? Er sagte: Das konnte mein Vater nicht von mir erfahren.
- Bruder, (sagte sie sanft) ein Herr wars, der Prinzessinnen leicht fr
Grfinnen nimmt und der nchstens noch toller zu werden glaubt, als er schon ist
- dein Schoppe und flog davon.

                                   125. Zykel


Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien. Julienne - obwohl
betrbter durch ihren krnkern Bruder - heiterte sich durch das Vertrauen auf
einen Plan auf, den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glcke des gesunden
entworfen, um ihn in Arkadien auszufhren. Sie verbarg fters, wie andere hinter
den schwarzen Trauerfchern der Trauer und Empfindung, so hinter dem heitern
Putzfcher des Lachens, der den Zuschauern die bemalte Seite zukehrte, ihren
Kopf mit seinen Entwrfen; unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen
nach. So hatte sie an Albano die Bitte, Idoine mit zu besuchen, nur aus Schein
und in der Gewiheit getan, da er sie abschlage, oder im Falle er komme, da es
dann Idoine tue; denn sie wute aus Idoinens Besuchen im vorigen Winter, da
diese an den von ihr hergestellten schnen Fieberkranken hufig in Gesprchen
gedacht und da sie jetzt vor seiner Ankunft geflohen war, um nicht ber seine
helle liebende Gegenwart, die ihr am leichtesten durch die Frstin bekannt
geworden, als ein Gewlke aus der Vergangenheit hereinzuziehen voll trber
hnlichkeiten. Julienne hatte sogar erfahren, da die Frstin sie umsonst lnger
halten und aufbewahren wollen, um vielleicht den Jngling durch sie zu erinnern,
zu schrecken, zu ndern, oder zu strafen. Juliennens Liebe gegen die Prinzessin
wre durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden, als die
gegen Linda war, wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden htte;
wenigstens hatt' ihr diese schne Flucht ein ungemessenes Vertrauen - was eben
das rechte und einzige ist - auf die Prinzessin gegeben.
    Der Reisetag war ein schner Ernte-Morgen voll bevlkerter Kornfluren, voll
Khle und Tau und Lust. Linda freuete sich kindlich auf Idoine und sagte die
Grnde in frohem Tone: Zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet - und
weil sie doch wute, was sie wollte, und darauf mutig beharrte und sich nicht
wie andere Prinzessinnen zum Opfer des Thrones verhandelte - und weil sie die
deutscheste Franzsin ist, die ich kenne, auer der Madame Necker - Ja mir
gehrt sie ordentlich mit aller schnen Jugend unter die alten Frauen, und diese
sucht' ich von jeher vor, denn es ist doch etwas von ihnen zu lernen. Dich liebt
sie sehr, mich, glaub' ich, weniger, einem so reizenden Mittelding von Nonne und
Ehefrau schein' ich zu weltlich, ob es gleich nicht ist.
    Beide kamen im schnen Zauberdorfe - als schon die netten Kinder sich zur
hrenlese verbndeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegenfuhren
- nachmittags vor dem Mittagsessen an. Idoinens Bruder, der knftige Erbfrst
von Hohenflie - der Zwerg in Tivoli -, sah aus dem Fenster, und Julienne
bedauerte fast die Reise. Idoine flog ihr entgegen und drckte sie herzlich an
die Brust. Als Julienne dieses groe blaue Auge und jeden verklrten Zug der
Gestalt, die einst ihr Bruder so selig und schmerzlich geliebt, vor und auf
ihrem Angesicht hatte: so glaubte sie jetzt, da sie seine Schwester geworden,
gleichsam als seine Stellvertreterin die Liebe der Stellvertreterin Lianens zu
empfangen; und sie mute, wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange,
innig weinen.
    Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zrtlichkeit empfangen,
da sich Julienne wunderte, da sonst beide in einem Wechsel von Klte und Liebe
lebten. Die Ministerin Froulay stand da, von der Trauer so alt, kalt, still und
hflich, so kalt gegen die Zeit und die Menschen (ausgenommen das Ebenbild ihrer
Tochter), besonders gegen Linda, deren kecker, entschiedner, philosophischer Ton
ihr unweiblich und eine Trommete an zwei Frauen-Lippen zu sein schien.
    Der knftige Erbprinz von Hohenflie entfernte sich zum Glcke bald von
einem so unbequemen Ort, wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel
fuhr. Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders, seines
jetzigen Vorfahrers, gefragt - und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise
erinnert hatte: so wurd' er ber Juliennens Kaltsinn und ber die moralischen
Gesprche der Weiber und ber einen gewissen sittlichen Gewitterdruck - den
Lstlinge bei Weibern empfinden, wo alles Rauhe, die Selbsucht, die Anmaung als
Miton schreiet - und ber die allgemeine plagende Heuchelei wofr er sogleich
alles nehmen mute - so verdrlich und verstimmt, da er leicht aufbrach und
dieses Schferleben um den einzigen Wolf verkrzte, der darin schlich. Lstlinge
halten es unter vielen edlen Frauen, gedrckt von deren vielseitigen scharfen
Beobachtungen, nie lange aus, obwohl leichter bei einer allein, weil sie diese
zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten tat, war, da er sie alle fr
Heuchlerinnen erklren mute. Er fand keine gute Weiber, weil er keine glaubte;
da man sie glauben mu, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend ben,
um sie zu kennen, nicht umgekehrt.
    Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und ther wegzuziehen.
Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben
angekommen, und ging auch - zu Juliennens Freude, die an ihr ein kleines
Hindernis ihres Bekehrungsplans fr Linda fand, weil diese die Ministerin fr
eine einseitige, enge, bngliche, unnachgiebige Natur ansah. Idoine bat die
beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sie gingen hinab ins
reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefllige
Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses hrte man bald Singen, bald
Blasen. Wie am Vogel sich das glnzende Gefieder schnell und glatt in- und
auseinanderschiebt: so bewegten um Idoine sich alle Geschfte; ihre konomische
Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr, sondern eine spielende Bilderuhr,
welche hinter Tne die Stunden, hinter Bilder die Rder versteckt.
    In einem Wiesengarten spielten die jngsten Kinder wild durcheinander.
Herrnhutische und hollndische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten
hellen Putzbude gewaschen und gemalt. Neu und blank hing der Eimer ber dem
Brunnen unter der Linden-Rotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt -
berall sah man reine, ganze, schne Kleider und freudige Augen - und Idoine
zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie
ihr Arkadien Blume nach Blume prfte.
    Sie fhrte ihre Freundinnen ber die verschiednen Sonntags-Tanzpltze der
verschiednen Alter, vor dem Hause des Amtmanns vorber, worin die Ministerin
wohnte und jetzt, zu Juliennens Furcht, ihr Sohn war, in die helle schmucklose
Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, fr welche das Vorbergehen ein
Wink gewesen, in die Kirche nach und holten von ihr Auftrge; beide waren junge
schne Mnner mit offner Stirn und ein wenig Jugendstolz. - Als man aus der
Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Mnner regiere sie ber den Ort, und
sie selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Ha und Mut gegen den
Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerstet. Sie setzte scherzhaft
dazu, nichts beherrsche sie als eine Schule von Mdchen, an der ihr mehr gelegen
sei als an der andern, weil Erziehung Angewhnung sei und diese ein Mdchen mehr
als ein Knabe brauche, dem die Welt doch keine lasse; und sie habe einigen Hang,
eine la Bonne zu sein, weil sie es schon als Mdchen oft bei ihren Schwestern
habe sein mssen.
    Sie fhrte beide darauf in mehrere Huschen; berall fanden sie ausgeweite
geordnete Zimmer, Blumen und Weinreben an Fenstern, schne Weiber und Kinder,
und bald eine Flte, bald eine Violine, und nirgends ein spinnendes Kind. In
allen hatte sie Auftrge zu geben, und was bloer Spaziergang schien, war auch
Geschft. Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr
verwachsenes Treiben und einen Geschftsverstand, der das Allgemeine und
Besondere zugleich besa und verknpfte: Ich wnschte freilich auch (sagte
sie) nur Freuden und Spiele um mich; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das
Beste in der Welt; nicht einmal ein rechtes Spiel ist mglich ohne rechten
Ernst. - Linda lobte sie, da sie alle an Musik gewhnte, diesen rechten
Mondschein in jedem Lebens-Dunkel; ohne Poesie und Kunst (setzte sie dazu)
vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima. - O was wre ohne Tne
der meinige? sagte Idoine feurig.
    Linda fragte nach dem Brgerrechte in diesem heitern Staate. Meistens
bekamen es Schweizerfamilien, (sagte Idoine) die ich an Ort und Stelle selber
kennen lernte auf meiner Reise. Nach den Franzsinnen stell' ich sogleich meine
Schweizer. - Julienne versetzte: Sie sagen mir Rtsel vor. Sie lsete ihr
sie, und Linda, die kurz nach ihr in Frankreich gewesen, besttigte es, da da
unter den Weibern von gewissem hhern Ton, zu denen kein Crebillon je
hinaufgekommen, eine in Deutschland ungewhnliche Ausbildung der zartesten
Sittlichkeit, beinahe Heiligkeit gegolten. Nur (setzte Linda hinzu) hatten
sie in der Sittlichkeit, wie in der Kunst, Vorurteile des feinen Geschmacks und
mehr Zartheit als Genie.
    Sie gingen zum Dorfe hinaus, der schnsten Abendsonne entgegen; auf den
Bergen antworteten sich Alphrner, und im Tale gingen heitere Greise zu leichten
Geschften. Diese grte Idoine mit besonderer Liebe, weil es, sagte sie, nichts
Schneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht, und unter Landleuten sei
sie immer das Zeichen eines wohl und fromm gefhrten Lebens.
    Linda ffnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte: Wie mte dies
alles in einem Gedicht erfreuen! Aber ich wei nicht, was ich dagegen habe, da
es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist.
    Was hat Ihnen (sagte Idoine scherzend) diese genommen oder getan? Ich
liebe sie; wo sind Sie fr uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit? -
Ich (sagte Julienne) denke an etwas ganz anderes: man schmt sich hier, da
man noch so wenig tat bei allem Wollen. Vom Wollen zum Tun ists hier doch weit
(fgte sie dazu, indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand
vergeblich nach dem Kopf ausspannte) - Idoine, sagen Sie mir, wie kann man denn
ans Groe und Kleine zugleich denken? - Wenn man ans Grte zuerst denkt
(sagte sie) - Wenn man in die Sonne hineinsieht, wird der Staub und die Mcke
am sichtbarsten. Gott ist ja unser aller Sonne.
    Die Erden-Sonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter
milden Rosen des Himmels entgegen - eine ferne Windmhle schlug breit durch die
schne Purpur-Glutan den Bergabhngen sangen Kinder neben den geweideten Herden,
und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht - die Abendglocke, welche in
Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde, wiegte die Sonne
und Erde mit ihren Tnen ein - nicht nur jugendlich, sogar kindlich lag das
sanfte Drfchen und seine Welt um sie her - kein Sturm, dachte man, kann
hereingreifen in dies sanfte Land, kein Winter im schweren Eispanzer
hereinschreiten, hier ziehen nur, dachte man, Frhlingswinde und Rosenwolken,
keine Regen fallen als Frhregen und keine Bltter als der Blten ihre, nur
Staub aus Blumen kann steigen, und den Regenbogen halten nur Vergimeinnicht und
Maiblumen auf ihren blau und weien Blttchen - die Gegend und alles und das
Leben schienen hier nur eine unaufhrliche Morgendmmerung zu sein, so frisch
und neu, voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz, und mit einigen Sternen
ber dem Morgenrot.
    Kinder mit hren-Struern in der Hand saen auf fremden Wagen voll Garben
und fuhren stolz herein.
    Idoine hing mit inniger Liebe, als wr' alles neu durch diesen Abend, an den
doppelten Gruppen. Nur der Landmann allein ist so glcklich, (sagte sie) da
er in allen arkadischen Verhltnissen seiner Kindheit fortlebt. Der Greis sieht
nichts um sich als Gertschaften und Arbeiten, die er auch als Kind gesehen und
getrieben. Endlich geht er jenen Garten drben hinauf und schlft aus. - Sie
zeigte auf den Gottesacker am Berge, der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und
einer Mauer aus Fruchtbumen war. Julienne blickte erschttert hin, sie sah den
schwarzen Vorhang zittern, hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben
wurde.
    Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten berweht - der laute Tag
war gedmpft und das Leben friedlich, lzweige und ihre Blten sanken aus dem
stillen Himmel langsam nieder. - Dort ist der einzige Ort, (sagte Idoine) wo
der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schlieet, sagte so schn zu
mir ein franzsischer Geistlicher. - Solchen christkatholischen
Jammergedanken (versetzte Linda) bin ich so gram wie den Geistlichen selber.
Wir knnen so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung. - Ich
versteh' das nicht (sagte Julienne) - ach Idoine, wenn es nun keine
Unsterblichkeit gbe, was tten Sie? - J'aimerois202, sagte sie leise zu ihr.
    Pltzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen: Freut - dann spt
euch des - endlich Lebens - Das ist aus dem Gottesacker das Echo, sagte
Idoine und suchte zur Rckkehr zu bereden. Echo und Mondschein und Gottesacker
zusammen (fuhr sie scherzend fort) sind wohl zu stark fr Frauenherzen. -
Dabei berhrte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne, gleichsam als tu' es ihr
weh, da die Grfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schnen Abend von
fernen stehen sehe. Die Singstimme klingt mir so bekannt, sagte Linda.
Roquairol ists, nichts weiter, wollen wir fort! sagte Julienne; aber Linda bat
zu bleiben, und Idoine willigte hflich ein.
    Nun gab das Echo - das Mondlicht des Klangs - wieder Tne wie Totenlieder
aus dem Toten-Chor; und es war, als sngen die vereinigten Schatten sie in ihrer
stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Leichenschleier auf der
weien Lippe und aus den letzten Hhlen tnte ein hohles Leben wieder. Das
Singen hrte auf, Alphrner fingen auf den Bergen an. Da ging wieder das
Nachspiel des Tonspiels feurig herber, als spielten die Abgeschiednen noch
hinter der Brustwehr des Grabhgels und kleideten sich ein in Nachklnge. Alle
Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Tne
sind schimmernd zurckflatternde Gewnder der Vergangenheit und erregen damit
das Herz zu sehr.
    Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trbe oder froh. Die bisher so
gemigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und lie
sie wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Idoine behielt Linda an
der Hand. Die unterirdischen Wasser der Toten-Echos und Alphrner rauschten
ihnen nach, obwohl ferner. Juliennen entging es nicht, wie sehr Idoine ihr
Gesicht, blo um es ihr mit den groen Tropfen in den groen Augen zu entziehen,
immer der dicht verschleierten Linda zuwandte; und sie schlo daraus, da Idoine
vieles wisse und kenne und die Braut des Jnglings ehre, dem sie durch ihre
schne hnlichkeit das frohe Leben zurckgegeben.

Was haben wir nun davon? (sagte Idoine spt und nahe am Dorfe) Wir sehens
voraus, da wir zu weich wrden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben
die Mnner schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhrtungen
vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen. - - Was soll man denn machen,
(sagte Julienne) in Flsse springen, auf Berge, auf Pferde und so weiter? -
Nein, (sagte Idoine) denn ich seh' es an meinen Buerinnen: sie leiden an
Nerven bei aller Muskel-Arbeit so gut wie andere - Mit dem Geiste, glaub' ich,
mten wir alle mehr tun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und
Augen sich ben und regen, das Herz selber wei nichts davon und tut dabei, was
es will, es trumt, weint, blutet, hpft - Ein wenig Philosophieren wr' uns
dienlich; aber so geben wir uns allen Gefhlen gebunden dahin, und wenn wir
denken, ists blo, um ihnen noch gar zu helfen.
    Sie kamen ins Dorf zurck, es war voll geschftigen Abendlrms, Kinder
tanzten Idoinen entgegen, von den Hhen klangen Alphrner herein und aus den
Husern Flten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abendbefehle. Wie doch
(sagte sie) die uere Ruhe so leicht die innere aufhebt! Ein beschftigtes
Herz ist wie ein umgeschwungenes Gef mit Wasser: man halt' es still, so
flieet es ber.
    Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der
Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollfhren; jetzt, da sie Lindas
Schweigen, Rhrung und Trumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete
gnstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine ber die Ehe
ausstreuete, in Linda einen aufgeweichten Boden fr ihre Wurzeln finden wrden.
Durch die leichte Wendung eines Lobs, da sie Idoinen ber ihren mutigen
Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhaten Frsten-Ehe und ber den
Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab, brachte sie die Grfin dazu, ihren
ketzerischen Ha gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen, da diese die Blume
mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege - da Liebe
ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Ha - und da das
Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik,
die er vor sich htte, denken oder dichten wollte, und da die Energie, der
Wille, das Herz der Liebe etwas Hheres sei als Moral und Logik.
    Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sie ihre heutige
Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen
Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken
auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachlie: Idoine kam durch sie nicht
aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit
einem edlen Zrnen, das aus der schnen Jungfrau einen schnen Jngling machte
und ihr Minervens Helm aufsetzte, erklrte sie der hohen Gegnerin, die weniger
durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war, diesen
Krieg: gewi sei nur ihre Abneigung gegen die Priester an der zweiten
Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige
Liebe, und halte sich nicht jede rechte fr eine ewige? - eine Liebe, die einmal
zu sterben glaube, sei schon tot, und die ewig zu leben frchte, frchte umsonst
- wenn sogar Freunde am Altare verbunden wrden, wie irgendwo geschehen soll203,
sie wrden hchstens sich nur noch heiliger binden und lieben - man zhle ebenso
viele, wo nicht mehrere unglckliche Liebeshndel als unglckliche Ehen - man
knne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe, und dieser msse
jene und sich durch die Sitte ehren - Ich bin eine Deutsche (beschlo sie)
und achte die alten Ritterfrauen, meine Ahnen, hoch; selig ist eine Frau wie
eine Elisabeth und ein Mann wie Gtz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe. -
-
    Auf einmal fand sie sich selber berrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome:
Ich bin ja (setzte sie lchelnd hinzu) eine pedantische Predigerswitwe
geworden; das macht, ich bin die hchste Obrigkeit von dem Drfchen und lasse,
da fast in jeder Htte eine glckliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt,
ungern andere Meinungen hier aufkommen.
    O, Mdchen (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) sprechen
immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern aus einem
Brautkranz Blumen. -
    Daraus, wissen Sie, knnt' ich mir wohl keine nehmen, sagte Idoine, auf
das eidliche Versprechen anspielend, welches sie ihren ber ihre enthusiastische
Khnheit argwhnischen Eltern geben mssen, nie unter ihrem Frstenstande zu
heiraten, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hie als
Ehelosigkeit. Recht hatten Sie indes, (verfolgte Julienne und wollte
scherzhaft bleiben) die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf
einen Mastbaum setzt, der selber zieht; ich lobe mir einen hbschen grnen
Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt.
    Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darber nicht, sondern ging allein, ohne
ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter.
    Die Grfin (sagte Idoine zur Freundin, bekmmert ber die Bedeutung des
stummen Ernstes) hat uns, hoff' ich, nicht miverstanden. - Nein, (sagte
Julienne mit freudigen Mienen ber den errungnen Eindruck, den die Rede auf
Linda gemacht) sie hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das hufigste
Unglck, nicht verstanden zu werden. - Das ist immer beisammen, sagte sie,
sann nach, sah Juliennen an, endlich sagte sie: Ich mu ganz wahr sein, ich
wute der Grfin Verhltnis durch meine Schwester - Freundin, ist Er ihrer ganz
wert? Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachschtigen Einflungen
der Frstin suchen konnte.
    Ganz! antwortete sie stark. Ihnen glaub' ich gern, versetzte Idoine, mit
den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albanos immer
lnger an - die groen blauen Augen schimmerten strker - Minervens Helm war vom
jungfrulichen Haupte abgehoben - das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig,
klar, nicht strker bewegt, als es ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig
begehrend wie eine Verklrte, und doch immer himmlischer glnzend. - Juliennens
schnes Herz strmte auf, sie sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen,
den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen; - sie sagte mit
Trnen: Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben. - Idoine wurde berrascht -
aus ihren hellen Augen drangen zwei Trnen - mit Nachdruck antwortete sie: 
Gegeben - erschrocken und heftig drckte sie sich an die Freundin - sagte: Ich
liebte Sie schon lange, und weiter sprachen sie nichts.
    Schnell fate sie sich - erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit - und
bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sie gleich selber gern
ihr dieses Verdienst abstehlen wrde, wenn sie drfte. Julienne eilte in den
Garten, fhlte es aber nach, da Idoine ihr Du nicht erwidert hatte. Idoine mied
das weibliche Du; ungleich den Orientalerinnen, welche vor Verwandten den
Schleier weglassen, nahm sie, wie ihre Franzsinnen, sogar in die Herzlichkeit
die zarten Gesetze der Politesse herber.
    Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief
gesenkten Augen, in Trume eingegraben. Linda fuhr auf: Sie liebt Ihn! (sagte
sie mit Schmerz und Feuer) Hr es, Julienne, Sie liebt Ihn! - Diese konnt' ihr
ber das Aussprechen einer Wahrheit, mit der sie gerade aus Idoinens Armen
gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es fr
Erstaunen und fuhr fort: Bei Gott! - Mein Blick hat sie aufgehascht. O sonst
war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rhrbar und weich - Ihre innerste
Bewegung bei meinem Erblicken - und ihr Weinen bei Roquairols Stimme, weil sie
seiner gleicht - und ihre lange feurige Hochzeitpredigt - Und die Seelenblicke
auf mich - o hat sie Ihn denn nicht im groen herrlichen Augenblick gesehen, da
der Blhende weinend kniete und das gttliche Haupt gen Himmel hob und die
Verklrte und den Frieden herunterrief? - O da sie es nur wagte, ihm beides
vorzuspielen! Und kann sie das vergessen?
    Julienne kam endlich zum Worte So setz es denn; ist Idoine aber nicht edel
und fromm? - Ich habe nichts wider sie und nichts fr sie (antwortete Linda)
- Wenn aber Er sie nun sieht, wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen
hnlich findet, wenn die ganze erste Liebe umkehrt und ber die zweite
triumphiert? ... Bei Gott! Nein, (setzte sie stolz und stark dazu) nein, das
duld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder resignieren, um ihn
aber kmpfen will ich. - Bin ich nicht auch schn? Ich bin schner, und mein
Geist ist khner geschaffen fr seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht
dreifach biete? Ich wills ihm geben, mein Glck, mein Dasein, auch meine
Freiheit, ich kann ihn so gut heiraten wie sie, ich wills.... O sprich,
Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher
Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schn? Beteuer' es mir doch! Bin
ich der Verklrten gar nicht hnlich? Sh' ich nur so aus, wie er es gerade
wollte! Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und wre auch
gestorben? - Gute Julienne, warum sprichst du nicht? Lasse mich nur sprechen,
sagte diese, wiewohl nicht ganz wahr. Sie war ergriffen und gestraft von Lindas
treffender Wahrheit und vom eignen Bewutsein, da sie einen Plan, Lindas
Vorurteile gegen die Ehe aufzulsen, angelegt, dessen Hlfsmittel ihr von Linda
gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgezhlt worden; und da sie einen
Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht, den sie
nun nicht mehr regieren konnte. Auch war sie betubt, ja erzrnt von einem ihr
fremden Ungestm der Liebe, vor welchem sie den verhaten Trost gar nicht
aussprechen durfte, da Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln wrde. -
Schn war sie berrascht von der geglckten Bekehrung zum Trauungs-Ja. Mit
einiger Ungewiheit des Erfolgs bei Linda, die durch das Mondlicht und die ferne
milde Bergmusik nur strmischer geworden, fuhr sie fort: Ich wollte dich nicht
gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe - Unrecht hast du
sonst in allen Stcken. Freilich ist Sie jetzt ernster; aber sie stand am
Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen - das migt
sehr. Ihn anlangend: so, htt' Er dich frher gesehen....
    Sah er nicht frh das Bild auf dem Lago maggiore, aber unhnlich, wie er
sagt?
    So will ich dirs denn gestehen, Wilde, (versetzte Julienne) weil man dich
nicht berraschen soll, da ich ihn gestern gebeten, mit zur Prinzessin zu
reisen, und da er eben aus Rcksicht und Klte gegen alle hnlichkeiten mir es
derb abgeschlagen; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten.
    Verndert - weich - mit verklrten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme:
Mein Freund liebt mich so sehr? - Ich lieb' ihn aber auch sehr, den Reinen.
Morgen will ich zu ihm sagen: nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir. Vom
Altare ziehen wir davon, meine Julienne, du und er und ich, nach Valencia, nach
Isola bella, oder wohin er will, und bleiben beisammen. Du guter Mond und Musik!
Wie die Tne und die Strahlen so kindlich miteinander spielen! - Umarme mich,
meine Geliebte, vergib, da Linda unartig gewesen! - Hier war der Sturm des
Herzens in ses Weinen zergangen. So wird in den Lndern unter der
scheitel-rechten Sonne tglich der blaue Himmel Donner, Sturm und schwarzer
Regen, und tglich geht die Sonne wieder blau und golden unter.
    Julienne versetzte blo: Schn! nun wollen wir hinauf!, weniger als sie zu
schnellen bergngen fhig. Als sie oben die stille, helle, nichts begehrende
Idoine wiedersah - die fest und heiter Handelnde - klagenlos und hoffnungslos -
nur den hrenkranz der Taten, nie den blumigen Brautkranz tragend - so viele
weie Blten zu ihren Fen, die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen -
ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich, der seinen Reiz durch
nasse wolkige Luft ungetrbt und ungebrochen trgt: so fhlte sie, Idoine sei
ihr schwesterlicher verwandt als Linda, jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in
ihrem Himmel ber ihr, diese ein fremdes, das fern und unsichtbar in einer
zweiten Halbkugel des Himmels glnzt; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft,
fortzulieben fast bis in den Ha hinein, strker als in irgendeiner Frau, und
sie blieb der alten Freundin getreu. Idoine gehrte unter die weiblichen Seelen,
die dem Monde hnlich sind: bla und matt mu er am prchtigen Abendhimmel, den
Glanz und brennende Wolken schmcken, stehen und kann auf der Erde keinen
einzigen Schatten verdrngen und steigt mit unsichtbaren Strahlen, aber das
fremde Licht verbleicht, und seines wchset aus dem Schatten auf, bis zuletzt
sein berirdischer Glanz die Erden-Nacht umzieht und in eine zweite Welt
umkleidet, und alle Herzen lieben ihn weinend, und die Nachtigallen singen in
seinen Strahlen.
    Alles war nun bestimmt und geendigt. Linda hielt sich in ihrer Ferne und
blo aus Gesetz der geselligen Artigkeit, das sie niemals bertrat. Idoine zog
sich, eine Vernderung erratend, aus der vorigen Nhe sanft zurck. Frh am
dunkeln Morgen schieden sie, aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht, da
sie Idoinen, als sie voneinander gingen, sich mit nassen Augen hatte wenden
sehen.

                                   126. Zykel


Albano hatte whrend Lindas Abwesenheit von Roquairol die Bitte bekommen, nur
jetzt nicht lange zu verreisen, damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel den
Trauerspieler, noch sehen knne. Gaspard, den er unwillig ber Lindas Ehescheu
antraf, gab ihm ein sonderbares Kartenblatt fr Linda mit, worauf von ihrem
unsichtbaren Vater nichts stand als dies:

Ich genehmige deine Liebe. Ich erwarte, da du sie besiegelst, damit ich meine
Tochter endlich umarme.
                                                                Der Zuknftige.

So viele fremde wichtige Wnsche, die mit dem seinigen zusammenflossen, hielten
nun von seinem zarten Ehrgefhl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit
ab, wenn er sie um das schnste Fest seines Lebens bat. Er machte seinen Vater
sehr zufrieden durch diesen Entschlu, zu bitten. Gaspard teilt' ihm geheime
Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend, nun sei es bald Zeit, da er fr
seine Freunde, die Neufranken, fechten helfe. Albano sagte, es sei sogar sein
Ernst. Das hr' er gern von einem Jngling - sagte Gaspard - der Krieg bilde fr
Geschfte, und das Recht oder Unrecht desselben tue nichts zur Sache und gehe
andere an, die ihn erklren.
    Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung, noch froher durch Hoffnung.
Er hatte jetzt den Mut, sich den Tag auszudenken, wo Linda, eine Knigin, in die
glnzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt - wo diese Sonne
als eine Luna aufgeht - wo ein Vater, den der seinige liebt, das hohe Fest
unterbricht durch ein hchstes - und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen
drfen: nun lieben wir uns ewig. - So beglckt und mit einer unendlichen Liebe
und sonnenwarmen Seele kam er im Prinzengarten an.
    berall kam er viel zu frh nach seiner leidenschaftlichen Pnktlichkeit.
Niemand war noch da als zwei - Abreisende, Roquairol und die Frstin. Beide sah
man jetzt oft und so ffentlich beisammen, da das Scheinen Absicht schien.
Roquairol ging ihm hflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billet:
Das ist der Schauplatz, Lieber, (sagt' er) wo ich nchstens spiele, die
meisten Zurstungen hab' ich schon getroffen, besonders heute. Meine treffliche
Frstin hat mir diesen Platz vergnnt. - Sie kommen doch auch? sagte diese zu
Albano freundlich. Ich hab' es ihm schon versprochen, sagte Albano, den mitten
in seinem Frhling zwei Eiskeller anwehten. Das Frulein v. Haltermann allein
zeigt' ihm groen entschiedenen Zorn. Gehen wir zu meiner Schwester vorher?
fragte Roquairol die Frstin unter dem Wegfhren. Albano verstand das nicht. Die
Frstin nickte. Sie nahmen von ihm Abschied. Frulein v. Haltermann schien ihn
zu vergessen. Sie entflogen, hielten oben auf einem von der ganzen blhenden
Gegend umrungnen Berge neben einem Blumengrtchen still und rollten dann
hinunter.
    Der Himmelswagen mit den geliebten Mdchen kam jetzt in den franzsischen
Prinzengarten herein. Feurig drckten sich Albano und Linda einander an die
Herzen, die sie sich - gleichsam zum zweiten Male freinander geschaffen und
geschmckt durch das Schicksal - mit neuen Hoffnungen und Welten heute noch
einmal tauschend geben wollten! - Alles war so glnzend um sie her, alles neu,
selten, ruhig, die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen,
welche vor der Sonne glanztrunken ihre Bogen durcheinanderwarfen! - Julienne zog
ihn beiseite, um ihm Lindas schnen Entschlu zu sagen; aber er kam ihr mit der
Nachricht des seinigen zuvor. Sie bestrkte ihn durch die ihrige, entzckt ber
das seltne Getriebe zusammengreifender Glcksrder.
    Als Albano wieder bei der Braut war, und sie bei ihm, fhlten sie eine neue
Wrme des Herzens - keine von einer ausbrennenden dumpfen Glutkohle, die am Ende
schwarz zerbrckelt, sondern die einer hhern Sonne, die aus lauten Flammen
stille Strahlen macht und die die Menschen mit einem warmen milden Frhlingstag
umgibt. Albano schob nicht auf und leitete nicht ein, sondern er gab ihr das
Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme: Dein
Vater bittet mit mir und fr mich. - Lindas Trnen strzten - der Jngling
zitterte - Julienne rief: Linda, sieh, wie er dich liebt! - Albano nahm sie an
sein Herz - Linda stammelte: So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und
bleibe bei mir - bis zu meiner letzten Stunde, sagt' er - und bis zu meiner,
und gehst in keinen Krieg, sagte sie zrtlich-leise - er drckte sie bestrzt
und stark ans Herz - nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber? wiederholte
sie.
    O, du Gttliche, denke jetzt an etwas Schneres, sagte er. Nur ja,
Albano, ja? fuhr sie fort. - Alles wird sich durch unsere Liebe lsen, sagt'
er. - Ja? Sage nur Ja! bat sie - er schwieg sie erschrak: Ja? sagte sie
strker. - O Linda, Linda! stammelte er - sie entsanken einander aus den Armen
- ich kann nicht, sagt' er - Menschen, versteht euch, sagte Julienne -
Albano, sprich dein Wort, sagte Linda hart. - Ich habe keines, sagt' er.
    Linda erhob sich beleidigt und sagte: Ich bin auch stolz - ich fahre jetzt,
Julienne. Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden
schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hrrohr, sprach und hrte alles
zu stark.
    Die Grfin ging fort und befahl anzuspannen. O ihr Leute und du
Hartnckiger, (sagte Julienne) geh ihr doch nach und stille sie. Aber der
empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Bltter zerquetscht; das ihm
neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschttert; er fragte
nach nichts. Schau hinauf zu jenem Garten, (sagte die Schwester auer sich)
dort liegt deine erste Braut begraben, und schone die zweite! - Das wirkte
gerade das Gegenteil: Liane (sagt' er kalt) wre nicht so gewesen; begleite
nur die Grfin! - O die Mnner! rief sie und ging.
    Bald darauf sah er beide davonfahren. Allmhlich zerstob das wilde Heer des
Zorns. Aber er hatte, fhlt' er, nicht anders gekonnt. Er war ihr, sie ihm mit
solcher neuen Zrtlichkeit entgegengereiset - keines wute von der fremden - und
der unbegreifliche Kontrast entrstete darum beide so sehr - Er hate schon an
andern Menschen das Bitten, wie viel mehr an sich selber, und nie war er
vermgend, einen Menschen, der ihn verkannte, zurechtzuweisen. Er sah jetzt um
sich, alle prangenden Springbrunnen der Freude waren pltzlich niedergefallen,
die Lfte verdet, und das Wasser murmelte in den Tiefen. Er ritt hinauf zum
Garten, wo Lianens Grab sein sollte. Nur Blumenbeete, einen Lindenbaum mit einer
Zirkelbank sah er darin, aber kein Grab. Betubt und verworren blickt' er hinein
und in den glnzenden Gegenden umher. Verstockt - trnenlos - mit einem im
zurckgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen - hinschauend in die weite
Zukunft, die zwischen Bergen in krumme Tler ging und sich versteckte, ritt er
dster nach Hause. Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an, das der
vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben:
    Es ist richtig - Ich fand das bewute Portrt - Ich bring' es in der
Jagdtasche mit - In wenigen Wochen oder Tagen komm' ich - Den Kahlkopf hab' ich
angetroffen und hinlnglich totgemacht - Ich bin sehr bei Sinnen. Dein seltsamer
Oheim reisete lange mit mir.
                                                                             S.

                         Zweiunddreiigste Jobelperiode


                                   Roquairol


                                   127. Zykel

Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht ber
den Geliebten, der ihr, wie einst Liane ihm, nicht im ganzen lebendigen Feuer
der Liebe zu leben schien wie sie - sie war lange von der Frstin umlagert und
dann durch sie Juliennens fr eine Lustreise beraubt worden, die ihr nur die
Nachricht zuwerfen konnte, da Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht, um
Schoppen frher zu umarmen - sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze, da
der weibliche Stolz hier Schweigen, Ruhe und sogar Vergessen gebiete; - als sie
abends durch das blinde Mdchen aus Blumenbhl, das sie in ihre Dienste
genommen, folgenden Brief erhielt:

Du Meine! Sei es wieder! Ich will noch sterben, aber fr dich, nicht fr ein
Volk auf dem Schlachtfeld. Vergib das Gestern und beglcke das Heute. Ich habe
meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben, um dir heute noch an das
Herz zu strzen und deinen Himmel auszuschpfen und meinen zu fllen. Ich kann
nicht warten, bis Julienne wiederkommt: mein Herz brennt nach dir. Morgen mu
ich ohnehin im Prinzengarten sein, wo Roquairol einen Trauerspieler endlich
gibt. Komme diesen Abend - ich flehe dich bei unserer Liebe an - um 8 Uhr
entweder, wenn es hell ist, in die Tartarus-Hhle, deren Totengrber-Putz und
Orkus-Ameublement dir gewi nur lcherlich sein wird, oder, wenn es wolkig ist,
in das Ende des Fltentals.
    Dein blindes Mdchen nimmst du nur mit. Du kennst ja das Spionenwesen, das
gerade uns umstellt. Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir, sondern
Schlags acht Uhr schleich' ich durch das Elysium, um zu sehen, wo die Gttin
steht, der Himmel, die Sonne, die Seligkeit, du.
                                                                            Dein
                                                                        Albano.

Wie durch einen Wetterstrahl des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu
weicher seliger Glut; denn sie glaubte der Handschrift, da das Blatt von Albano
sei - so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien -, ob es
gleich von Roquairol geschrieben war. Lasset uns zurckgehen bis an die finstere
Quelle des reienden Hllenflusses, der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld
und nach dem Himmel ausstreckt.
    Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbndigen Wnsche
ziemlich glcklich und gut geblieben; der Abendstern der Liebe, ob er wohl fr
ihn mehr ab- und zunahm, stand doch noch nicht unter dem Horizont, sondern nur
unter Gewlke. Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war - und zwar, wie er
sogleich erriet und frh erfuhr, nach Italien -: so bewegte sich ein neuer Sturm
durch sein Leben, der ihm die letzten Blten abri und mit dem lange gelegenen
Staub verfinsterte, weil er nun, wie er Albano selber vorausgesagt, das Netz zu
diesem und der Grfin im Strome heraufkommen sah, das beide eng gefangennahm.
Das fressende Gift der Viel-Liebhaberei und Vielgtterei lief wieder hei in
allen Adern seines Herzens um -: er machte wilden Aufwand, Spiele, Schulden, so
weit es nur ging - setzte Glck und Leben auf die Waage - warf seinen eisernen
Krper dem Tode zu, der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte und berauschte
sich in der Wilden-Trauer um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrunk
der Schwelgerei; ein Bund, den Wollust und Verzweiflung schon oft auf der Erde
miteinander auf Kriegsschaupltzen und in groen Stdten geschlossen haben.
    Nur etwas hielt den Hauptmann noch aufrecht, die Erwartung, da Albano in
seiner Ferne von Linda beharre, und die, da diese wiederkomme. Jetzt kam die
Frstin zurck, noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano, fr
dessen dupe sie sich hielt. Roquairol bewog leicht seinen Vater, ihn ihr nher
zu bringen, da er bei ihr ber Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte. Er
wurd' ihr bald durch die hnliche Stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren
Feind bedeutend, und noch mehr durch seine seltene Gewandtheit, einer Frau immer
das zu sein, was sie gerade begehrte.
    Da sie alle seine frhern Verhltnisse und Wnsche schon lngst gekannt: so
warf sie, sobald ihre Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner
neuen Liebe gegeben, ihm leicht die Erwhnung davon hin. Trotz der warmen Rolle,
die Roquairol gegen sie zu spielen hatte, wurd' er doch vor ihr wtend-bla,
atemlos, bebend und starrend im Abwechsel; ists so? fragt' er leise - sie
zeigt' ihm einen Brief - Frstin, (sagte er wtend, ihre Hand an seine Lippen
fortpressend) du hattest recht, vergib mir nun alles.
    Wie gro er von Albano gedacht, sah er erst jetzt aus seiner Verwunderung
ber das Natrlichste von der Welt. Nie hasset das Herz bitterer, als wenn es
den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten mute, nun ohne Achten
hassen mu; so wie aus demselben Grunde den schlimmen Menschen die Heuchelei des
andern weit tiefer und eigenntziger entrstet als den frommen. Roquairol
glaubte jetzt, den stolzen Freund recht anfeinden zu drfen; er wurde aus einer
deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen. Die Frstin wurde das heie Klima,
das die Skorpionen erst recht vergiftet. Sie erzhlte ihm, wie Albano sie so
lange zu gewinnen und auf seine tiefen Minen zu locken gesucht, blo um bei
deren Aufspringen den Genu der Klte und des Hohns zu haben, und wie er so
gleichgltig vom Hauptmann gesprochen, ohne ihn nur des Hasses zu wrdigen.
    Die Frstin erlaubte dem Hauptmann, eine Stufe nach der andern an ihrem
Throne hinaufzugehen, bis er keine mehr hatte als ihre eigne Person. Sie gab ihm
auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis, sie zu rchen. Er sagte, er
rche sie und sich, denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Grfin fr
ihn entsagt. So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu
stecken, die Frstin ihre fr den Hauptmann, er seine fr Linda.
    Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge, den er nicht
erblickte, so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung, da Albano ein grerer
Weiber-Liebling sei und sein werde, als man bisher noch dachte, da sogar ihre
fromme besonnene Schwester Idoine nach ihren stillen Fragen in Briefen und nach
andern Zeichen fast beides durch ihn verloren, was sie ihm am Krankenbette
wiedergegeben, Gesundheit und Friede, und da er nie hoffen solle, die Grfin je
abtrnnig zu sehen oder auch zu machen.
    Endlich sagte sie langsam das frchterliche Wort: Roquairol, Sie haben
Seine Stimme, und Sie hat abends kein Auge. - Himmel und Hlle! rief er aus,
wechselnd rot und bla und zugleich in Himmel und Hlle sehend, deren Tren vor
ihm aufsprangen. Va! setzt' er schnell dazu, ohne die schwarze Tiefe dieses
weischumenden Meers noch durchdrungen zu haben. Die Frstin umarmt' ihn
feurig, er sie noch feuriger. In einer poetischen Dichtung (sagt' er) wre
mir dein Gedanke leicht gekommen, aber in der Wirklichkeit hab' ich keine List!
- O Schalk! sagte sie. So frh und so lang' er nur durfte, sagte er Du, weil
er das Herz kannte, besonders das weibliche. - Bald darauf, als sie noch
offenherziger gegeneinander gewesen waren, sagte sie: Bleibt Sie unschuldig bei
Ihnen, so haben Sie niemand beleidigt, und niemand hat verloren; bleibt Sie es
nicht, so war Sie es entweder nicht, oder Sie verdiente die Probe und Strafe,
getuscht zu werden. - Ja, das ist gttlich - das gehrt in den herrlichen
Trauerspieler kurz vor dem Ende, sagt' er, wollte sich aber nicht darber
erklren.
    Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens. Er
zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in groe und kleine Buchstaben, blo um
sie pnktlich nachzumachen; daher fand einmal Albano bei Rabetten seine
Handschrift ohne seine Gedanken. Er fragte Rabetten alle kleine Verhltnisse
Albanos ab, um seine Rolle bis ins kleinste auszuarbeiten; und ebenso las er
alle italienische Reisebeschreibungen, um mit Linda ber jede schne Stelle frei
zu sprechen, wo er als Schein-Albano mit ihr das hesperische Leben genossen. Es
kitzelte ihn, so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im
Kopfe einmal alle theatralischen Zurstungen und Verwickelungen, so wie sonst
fr die Bhne, jetzt fr das Leben anzulegen und besonnen zu regieren.
    Er sah Albano von der Reise kommen, der ihn stolz behandelte - er sah die
blhende Gttin in Lilar gehen - er hrte durch die Spionen der Frstin von
ihrer Verbindung: hoch ging sein totes Meer in schweren Wellen und suchte die
Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel herabzuziehen. Unmittelbar nach dem
Trauerspiel, das er mit Linda zu spielen vorhatte, sollte sein eigenes im
Prinzengarten kommen, das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob;
er mute lange harren und sphen, bis eine Zeit erschien, in welche so viele
Zhne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten.
    Endlich erschien die Zeit, und er schrieb das oben mitgeteilte Blatt an
Linda. Alles war berechnet und abgetan und jede Hlfe des Zufalls in den Plan
gewebt. Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten lngst eingelernt, obwohl
niemals einprobiert, weil er, wie er sagte, die Mitspieler selber mit seiner
Rolle mitten im Spiele berraschen wollte. Die Freude, die er von jeher hatte,
Abschied zu nehmen - weil ihn hier die Rhrung zugleich durch Krze und Strke
erquickte -, macht' er sich bei so vielen, als ihn liebten. Von Rabette schied
er so strmisch-weich, da sie erschrocken zu ihm sagte: Karl, das bedeutet
doch nichts Bses?
    - Jetzt ist alles bse an mir, sagt' er.
    Durch Verwendung der Frstin waren fr sein Trauerspiel auf den nchsten Tag
die bedeutendsten Zuschauer geworben, auch Gaspard und Julienne samt dem Hof.
Das Geheimnis zog an; auch der Frstin war seine Rolle verdeckt. Nur seinen
Vater, der dem Hof gern folgen wollte, strich er aus der Zahl durch einen groen
Zorn, worein er ihn setzte, weil er ihn mit keiner andern als dieser Dornhecke
abzuhalten wute. Seine Mutter und Rabette hatt' er beschworen bei ihrem Glck,
bei seinem Glck, keine Zuschauerinnen seines Spiels zu werden.
    Ein neuer Wind des Zufalls war ihm zum Heben seiner Flugmaschine durch den
seltsamen Bruder des Ritters gekommen, der mit solcher Freude von der eisernen
Maske seiner tragischen Maske hrte, da er mit dem Antrag zu ihm kam, er wolle
ihm einen neuen wunderbaren Spieler zufhren. Alles ist besetzt, sagte der
Dichter. Man mache ein Chor zwischen den Akten und geb' es einem, sagte der
Spanier. Roquairol fragte nach dem Namen des Spielers. Der Spanier fhrt' ihn in
seinen Gasthof; innen im Zimmer rief schon eine tierisch-dumpfe Stimme: Kommst
du denn schon wieder, mein Herr? Sie fanden darin nur eine schwarze Dohle. Man
stelle den Vogel auf das Theater, er sei das Chor, er sage in halbem Gesang
mezza voce blo zwei, drei Zeilen her, die Wirkung wird kommen, sagte der
Spanier. Roquairol staunte ber die langen Sprche der Dohle. Der Spanier erbat
sich einen lngern von ihm, um ihn ihr vor seinen Ohren einzulernen. Roquairol
gab ihm den: Im Leben wohnt Tuschung, nicht auf der Bhne. Der Spanier sagte
anfangs blo in Wort zum Nachsprechen vor, dann wieder eins, wiederholte es
dreimal, sagte dann, mit den Fingern den Vogel ermunternd:
    Allons, diablesse! und das Tier stotterte dumpf die ganze Zeile her.
Roquairol fand in dieser komischen Tier-Larve etwas Frchterliches und nahm den
Vorschlag, einige Chorzeilen zu dichten und dem Vogel anzuvertrauen, unter einer
eignen Bedingung an, - da nmlich der Spanier seinen Neffen Albano den Abend
vor her von Pestitz entferne unter irgendeinem Vorwand und dann mit ihm im
Prinzengarten erscheine. Der Spanier sagte: Herr Hauptmann, ich brauche keinen
Vorwand, ich habe Wahrheit! Ich werde mit ihm seinem Freund Schoppe
entgegenreisen, er will morgen abends kommen; auch dieser wird mit zusehen. -
    Albano konnte in seiner verworrenen Stimmung gegen Linda und in der
erwartungsvollen gegen Schoppe nichts so leicht annehmen als einen kleinen
Reiseplan, um diesen geliebten Schoppe frher an der Brust zu haben. Julienne
wurde in Gegenwart des kranken Frsten von der Frstin gebeten, sie zu Idoine zu
begleiten, die ihrer auf halbem Wege in einem Grenzschlo wartete, und den
andern Tag in den Prinzengarten zurckzugehen. Sie weigerte sich. Der kranke
angestiftete Bruder tat die von ihm erbetenen Bitten dazu. Die Schwester
erfllte sie.
    Nun war alles fr den Abend, woran Roquairol Linda sehen wollte, berichtigt
- So glimmen nachts in den Scheuern eines schuldlosen Drfchens die eingelegten
Brnde - der Sturmwind brauset um die mden schlafenden Einwohner - die Ruber
stehen auf den Bergen im Abendnebel und schauen wartend herab, wenn die
Feuerschwerter der Flammen auf allen Seiten durch die Nebel glnzen und mit
ihnen rauben und morden werden, um zu ihnen herabzukommen.

                                   128. Zykel


Linda las das Blatt unzhligemal, weinte vor ser Liebe und dachte nicht daran,
zu - vergeben. Dieses Wehen der Liebe, das alle Blumen beugt und keine pflckt,
hatte sie schon so lange gewnscht: und jetzt auf einmal nach der nebligen
Windstille des Herzens ging es lebendig und frisch durch den Garten ihres
Lebens. Sie konnte schwer acht Uhr erwarten. Sie half sich ber die Zeit hinweg
durch Whlen des Putzes, der zuletzt ganz in dem Schleier, Hute, Kleide und
allem bestand, was sie getragen, als sie ihren Geliebten zum erstenmal auf
Ischia gefunden.
    Sie steckte die Paradieses- oder Orangenblten, die Zeiger jener Zeit und
Welt, an ihr klopfendes Herz und ging zur bestimmten Stunde, mit dem blinden
Mdchen am Arme, in den Garten hinunter. Sowohl aus Ha gegen den Tartarus als
aus Willigkeit gegen den Brief nahm sie den Weg ins Fltental. Die Nacht war
finster fr ihr Auge, und das blinde Mdchen wurde ihre Fhrerin.
    Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand, wie der bse Geist auf der
Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda
und ihren Weg zu finden. Sein Freudenpferd war unten im tiefen Gebsch an
auslndische Gewchse angebunden. Voll Ergrimmung sah er noch Dian und Chariton
mit den Kindern in dem Garten gehen; und oben im Donnerhuschen ein kleines
Licht. Er verfluchte jede strende Seele, weil er entschlossen war, heute im
Notfall jeden Strmer seines Himmels zu ermorden. Endlich sah er Lindas lange
rote Gestalt gegen das Fltental zugehen und das Schwellen-Gebsch aufziehen und
darhinter verschwinden.
    Er eilte den langen Schneckenberg herab, warm wie eine vergiftete Leiche.
Hinter sich hrte er im langen Busch-Gewinde jemand nacheilen - er entbrannte
und zog seinen Stockdegen, den er nebst einem Taschenpistol bei sich hatte -
endlich sah er eine hliche Gestalt, einem bsen Geiste hnlich, die ihm
nachrannte - sie packte ihn - es war der Frstin langarmiger Affe - Er
durchstach ihn auf der Stelle, um nicht von ihm verfolgt zu werden.
    Unten im freien Garten ging er langsam, um keinen Verdacht zu wecken. Er
schlich leise wie der Tod, der auf dem Donnerwagen einer Wolke ungehrt durch
Lfte ber den Bltenbaum zieht, worunter eine Jungfrau lehnt, und versteckte
den mrderischen Wetterstrahl in seine Brust. Er ffnete das hohe
Pforten-Gestruch des Fltentals; alles war darin still und dunkel; nur hoch im
Himmel ging ein seltsamer brausender Sturm und jagte die Wolken-Herde, aber auf
der Erde war es leise, und kein Blatt bewegte sich. Ist jemand da? fragte die
blinde Trhterin. Guten Abend, Mdchen! sagte Roquairol, um durch seinen
Sprachton fr Albano zu gelten.
    Tief im engern laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus
ihrer Kinderzeit. Endlich wurde sie erblickt - die Riesenschlange tat den
giftigen Sprung nach der sen Gestalt, und sie wurde tausendfach umwunden.
    Er hing an ihr sprachlos - atemlos - die Wolke seines Lebens brach - Trnen
der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort - alle Arme, worein der Strom
seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war, schossen brausend zusammen und
faten und trugen eine Gestalt - - Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben
uns ja immer wieder, sagte Linda, und die zarte schne Lippe gab ihm den ersten
innigen Ku. Da kreisete das Feuerrad der Entzckung mit ihm reiend um, und um
den darauf geflochtenen Kopf wehten die Flammen-Kreise hoch auf. Aus Furcht,
erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen
geschlossen; jetzt tat er sie auf- so nahe an sich und in seinen Armen sah er
nun die hohe Gestalt, das stolze blhende Antlitz und die feuchten warmen
Liebes-Augen. Du Himmlische, (sagt' er) tte mich in dieser Stunde, damit ich
sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? - Knnt' ich meine Seele in
meine Trnen gieen und mein Leben in deines und wre dann nicht mehr!
    Albano, (sagte sie) warum bist du heute so anders, so traurig und weich?
-
    Nenne mich (sagt' er) lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden auf
Otaheiti die Namen tauschen. - Vielleicht hab' ich auch etwas getrunken - aber
ich bereue ja das Gestern - ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch
mein Innres, Linda?
    Ser Jngling, kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben? - Ich bleibe ja
bei dir und du bei mir.
    Ach du kennst mich nicht. Wenn wei es denn der Mensch, da gerade er,
gerade dieses Ich gemeinet und geliebet werde? Nur Gestalten werden umfasset,
nur Hllen umarmt, wer drckt denn ein Ich ans Ich? - Gott etwa. -
    Und ich dich - sagte Linda.
    O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens
verflogen ist - liebst du mich fort in meiner Hlle, wenn ich dich aus Liebe
gegen dich belogen habe? - Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?
    Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich
die Biene und sterbe in dem sen Kelch.
    Die Braut sank an seinen Hals. Er umklammerte sie heftig und wurde immer
hnlicher dem Gletscher, der durch Wrme weiterrckt und schmelzend verheert. Um
ihn zogen die Freuden mit glnzenden, mit himmlischen Gesichtern, zeigten ihm
aber in den Hnden Furienmasken.
    Du willst sterben aus Liebe; ich bin schon gestorben aus Liebe - O du wei
nicht, wie lange ich dich schon liebte! antwortete er.
    Glhender, (sagte sie) denk an diese Nacht, wenn du einst Idoinen
siehst! - So seh' ich nur meine aufgestandne Schwester, sagt' er, aber
sogleich ber die entfahrne Wahrheit erschreckend. Man sieht (setzt' er eilig
dazu) das auferstandne Herkulanum, aber man wohnt im blhenden Portici darber;
ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore, und
wir schifften nach lebendigen Stdten weiter. - Ist mir doch auch Roquairol in
so manchem so hnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal
wie Liane! -
    Aber diesen hatt' ich nie geliebt, und nun bin ich deine ewige Braut.
    Der arme Mensch! Aber ich tat, glaub ich, doch nicht recht, da ich einst in
der Tartarushhle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den
Freund.
    Gewi nicht; aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen? sagte
sie kssend.
    Heimlich mcht' ichs eher nennen, versetzt' er, entbrennend in hassender
Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschleier
ber ihre ganze Zukunft zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das
Opfer und erstickte und erweckte Ksse, er ri die Orangenblten von ihrer Brust
und warf sie zurck. Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hlle, (sagt'
er) Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust - Kaligula wollte
seine Csonia foltern lassen, um nur von ihr zu wissen, warum er sie so liebe -
ich wre das auch imstand.
    Gttlicher Albano! trinke nicht mehr so! du bist zu ungestm, deine
Augenbraunen strmen sogar mit - wie bist du denn?
    Alles auf einmal, wie ein Gewitter, voll Glut - und mein Himmel ist hell
durch den Blitz - und ich werfe kalten Hagel - und eine Zerstrung nach der
andern, und es regnet warm auf die Blumen - und Himmel und Erde verknpft ein
stiller Bogen des Friedens.
    Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvgel zwischen den Sternen
und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen; der Mond, der ihn
verjagte und verriet, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne
gegen das Schicksal ri er auf fr seine kssende Wut den Nonnenschleier und
Heiligenglanz ihrer jungfrulichen Brust. Fern stand der Leuchtturm des
Gewissens, von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und glhend an
seiner Brust. Sei mein guter Genius, Albano! sagte sie. - Und dein bser;
aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl, sagt' er voll Wut. O heie denn
Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano! sagte sie. -
    Pltzlich fingen im Tal die Flten an, die der fromme Vater zu seinen
Abendgebeten spielen lie. Wie Tne auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord
heran - da schmolz Lindas goldner Thron des Glcks und Lebens glhend nieder,
und sie sank herab, und das weie Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und
zu Asche.
    Nun die Deinige bis in meinen Tod! sagte sie leise mit Trnenstrmen. Nur
bis in meinen, sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flten. An der
goldnen Kugel auf dem Berge glomm schon der Mond, der wie ein bewaffneter Komet,
wie ein einugiger Riese heraufdrang, den Snder aus seinem Eden zu jagen.
Bleibe, bis der Mond kommt, damit ich in dein Angesicht sehe, bat sie. Nein,
du Gttliche, mein Freudenpferd wiehert schon, die Todesfackel brennt herab in
meine Hand, sagte er tragisch-leise. Der Sturm war vom Himmel auf die Erde
gezogen; sie fragte: Der Sturm ist so laut, was sagtest du, Schner? - Er
kte wild ihre Lippe und ihren Busen wieder; er konnte nicht gehen, er konnte
nicht bleiben: Gehe morgen nicht (sagt' er) in den Trauerspieler, ich flehe
dich, das Ende, hr' ich, ist zu erschtternd.
    Ich liebe ohnehin dergleichen nie. O bleibe, bleibe lnger, ich seh' dich
ja morgen wieder nicht. Er prete sie an sich - deckte ihre Augen mit seinem
Angesicht zu - das Gorgonenhaupt des Mondes wurde schon in den Morgen
heraufgehoben - er lie das Leben los, wenn er sie entlie - und doch zehrte
jedes gestammelte Wort der Liebe an der kurzen Zeit. Der Sturm arbeitete in den
gerissenen Bumen, und die Fltentne schlpften wie Schmetterlinge, wie
schuldlose Kinder unter dem groen Flgel weg. Roquairol, wie betubt von
solcher Gegenwart, war nahe daran, zu sagen: sieh mich an, ich bin Roquairol;
aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: Das verdient sie nicht um
dich; nein, sie erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt.
- Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrckt, das Mondlicht fiel schon auf
beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stie sie
zurck, fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch.
    Gute Nacht, Mdchen, sagt' er vorbergehend zur Blinden. Linda sang nicht
wieder wie vorhin. Die Sterne sahen ihn an, die Sturmwinde redeten ihn an - die
Freuden gingen neben ihm, hatten aber die Furienmasken nun auf den Gesichtern -
aus dem Himmel griff ein Arm herab, aus der Hlle griff ein Arm herauf, und
beide wollten ihn fassen, um ihn auseinanderzureien - Nu, nu, (sagt' er) ich
war wohl glcklich, aber ich htt' es noch mehr sein knnen, wr' ich Ihr
verdammter Albano gewesen - und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte
noch in der Nacht nach dem Prinzengarten.

                                   129. Zykel


Albano und sein Oheim zogen dem angekndigten Schoppe von Dorf zu Dorf weiter
entgegen; der Oheim schob die Hoffnung wie einen Horizont immer vor ihnen
voraus; einmal abends glaubte der Graf Schoppes Stimme nahe neben sich zu hren
umsonst, der geliebte Mensch kam noch nicht an sein Herz, und schmachtend sah
Albano die Wolken im Himmel auf dem Weg herziehen, den sein Teuerer unter ihnen
auf der Erde nahm. Der Oheim erzhlte ihm lange von einem geheimen Kummer, der
den Bibliothekar oft niederdrcke, und von dessen Ansatz zur Tollheit, der ihn
auch frher von ihm weggetrieben, weil er unter allen Menschen keine so frchte
als tolle. Von Romeiros Portrt schien er nichts zu wissen. Albano schwieg
verdrlich, weil der Spanier unter die unleidlichen Menschen gehrte, die mit
glattem festen Gesicht und mit zugeschraubter gehelmter Seele den fremden
Widerspruch ohne eignen Widerspruch, ohne Echo, ohne Spiegel und nderung um
sich flattern lassen knnen und fr welche die fremde Rede nur ein stiller Tau
ist, dessen Fallen keinen Stein aushhlt. Dazu kam Albanos Erbitterung gegen
dessen neue Unwahrhaftigkeit ber Schoppens Nhe und gegen sein eignes
Unvermgen, eine Stunde lang alles unglubig anzuhren, was ein Lgner sagt.
    Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengarten,
sagte endlich der Spanier ganz munter und riet umzukehren an, im warmen Genusse
seiner frechen kalten Kraft, jeden, der ihm nicht huldigte, zwischen scharfe
langsame Eisfelder zu pressen.
    Sie kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an, aus welchen die
Zuschauer des heutigen Spielfestes ausstiegen. Albano fand schon unter jenen
seinen Vater, die Frstin und Julienne; und unter den Mitspielern Bouverot,
seinen alten Exerzitienmeister Falterle und die gelbgekleidete Kaufmannsfrau in
rotem Schal, die einmal weniger in als an Roquairols Herzen gewesen, und diesen
selber. Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an und
sagte mit gesuchter Leichtigkeit, das Spiel beginne bald, nur Dian mit seiner
Frau werde noch erwartet. Dian, berall leicht beweglich, am meisten durch eine
Bitte, konnte einer fr die Kunst am wenigsten widerstehen; durch ihn wurde bald
auch Chariton fr das Spiel gewonnen, aber nicht ohne den Umstand, da sie im
Stcke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte. Als
Roquairol mit Albano sprach, so wurde seinem Gesicht so wie einem geschwollnen
oder gefrornen das leichte Lcheln schwer und das Aufheben des Augenlids; und
innen drckte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen
Freunde zur Erde, aus dessen Frhling er die helle Sonne weggerissen und
geworfen und dem er eine ewige Pestwolke ber das Leben gehangen.
    Unter dem Getmmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester
Julienne drei sanfte Worte fr die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah
Albano den Wagen der Grfin auf die Hhe an Lianens Garten rollen, da halten und
sie und Dian und Chariton aussteigen.
    Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich
vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt
fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. Ach da bin ich doch! sagte
Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich
in seine verwebend - so scheu und so liebevoll - und das Abendrot der
Verschmtheit zog, wie Frhlingsrte in der Nacht, um ihren Himmel, und der
weie Mond der Unschuld stand mitten darin! - Albano zerging vom Tauwind dieser
Verzeihung, warf sich seine se Freude an ihrer Umkehrung als selbstschtigen
Stolz ber sein Siegen vor und konnte in der schnen Verwirrung des Glcks kaum
das se Staunen regieren und das aufgelste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte
wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der
Geliebten. Vor Chariton mut' er sich verhllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als
sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, blo das Wort: Ischia!
    Da liegt nun freilich, lieber Anastasius, (sagte Chariton zu Dian) meine
gute Frulein Liane begraben, und man wei nicht eigentlich wo im Garten, denn
man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt. - Das
ist sehr betrbt und hbsch, (sagte Dian) aber la es, - weg bleibt weg,
Chariton! und fhrte sie seitwrts von den Liebenden schonend. An Albano, der
nichts berhrte und bersah, war die Erschtterung davon so sichtbar. Auch
Linda nahm sie wahr. Sprich nur aus dein Weh, (sagte sie) ich liebe sie ja
auch. - Ich denke an die Lebendigen (sagt' er, sich zusammenfassend, und
blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne
Abendgegend) - kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? - Linda,
o wie vergibst du mir heut!
    Freund, (sagte sie)wenn Ihr sndigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber
bis dahin seid noch still! Er sah sie bedeutend an: Hast du nicht schon
vergeben und ich noch nicht? - Aber wtest du, wie ich in diesen Tagen auf dem
Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die gttliche Vergangenheit in
die Zukunft brachte - ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte? - Zum
Glck hrte sie - gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke
und Taten merkend - mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in
den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie
Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei
der kleinsten nhern Nhe die blitzende Sense des Todes fhrt.
    Beide gaukelten neben dem Gewitter fort. Die Sonne zog neben dem kleinen
Berge und ebenen Blumen-Grabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein. Aus
dem tiefen Prinzengarten flatterten Tne durch die langen Abendstrahlen herauf
und vergtterten die goldne Gegend. - Die Tne waren einsame Schwingen, die sich
ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogen - und die liebenden Herzen wurden
voll Flgel - Die Strahlen sanken, die Tne stiegen Um Linda und Albano lag ein
goldner Kreis aus Grten und Bergen und grnen Tiefen, und jede Blume schwankte
reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges, die Wiege des
Herzens - Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an, die glnzende
Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen, und beide selber waren
darin leuchtende schwebende Bilder.
    Linda, ich will sanfter werden, (sagt' er) bei der Heiligen schwr' ichs,
in deren Garten wir stehen! - Werd es, Lieber, in Lilar warst du es eben
nicht! sagte sie. Er verstand es von dem Sturme gegen Liane: Verhlle dies
Andenken in deine Liebe! sagt' er errtend. Sie sah ihn jungfrulich an, ihr
Inneres war jungfrulich geblieben und unschuldig; wie die Pfirsich sich rot und
glhend der Sonne zukehrt, aber in den Blttern das zarte Wei erhlt. Ihr Auge
trank aus seinem, seines trank aus ihrem, der Himmel vermischte sich mit ihrem
Himmel, die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen
zurck. O drft' ich dich jetzt kssen! sagte Albano. Ach drftest du es!
sagte Linda. So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter! sagte er. -
Und nachher gaben wir uns den ersten Ku! sagte sie. Wir wollen uns jetzt
viel fter sehen, sagt' er. - Jawohl, und lnger am Tage, nachts hab' ich Arme
ja kein Auge. Nun geht mir dort schon mein Auge unter, sagte sie, als die Sonne
versank.
    Es war ein guter, sanfter Geist, oder Lianens ihrer - jener, der den
Menschen nur an der Dmmerung in die Nacht fhrt, der uns mildernde Trnen in
den Jammer und in die Entzckung gieet und der dem Abendstern der Liebe die
kurze Bahn nicht berwlkt dieser Geist war es, welcher ihre Zungen und Ohren
vor dem schrecklichen Laute bewahrte, der auf einmal den goldnen Abendkreis in
eine ringsumher aufbrennende Hlle aufgerissen htte.
    Wer kommt dort so eilig? sagte Linda. Mein Feind, sagte Albano.
Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen; in der Hllenangst,
da sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke, eilte er unter dem
Vorwande, Dian zum Spielen und Albano zum Hren zu holen, den Berg heran. Wie
ein Zentaur, halb Mensch, halb Wild, trat er mit verworrenem dumpfen Kriege
seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden. Aber kaum da er
an ihnen die Weihe der Entzckung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf
seinem Morde festliegen sah, so richtete sich in ihm der grimmige Geist der
Eifersucht auf: Sie ist nun meine Verlobte, sagt' er sich; und die
Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt. Linda,
ber seine Stimmenhnlichkeit zrnend aus innerm Schauder, stand vor ihm wie ein
Diamant, hell, glnzend, hart und schneidend, Albano aber sanft, im Nachtnen
der Harmonie, auf dem Gottesacker der Schwester dieses Bruders und in einiger
Verwirrung. In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum, da
vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein.
    Zornig bat er heute Linda, sein Trauerspiel mit anzusehen. Sie sagten mir,
(sagte sie zu Albano), es schliee so tragisch, ich bin davon keine Freundin.
- Er kennt es gar nicht, sagte Roquairol. Nein, sagte Albano. - Wie die
Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab, sich froh bewut,
da er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte, der sie
sogleich daraus verjagte. Zudem (fgte sie dazu) seh' ich abends schlecht
oder gar nicht. Roquairol stellte sich fremde dabei, scherzte ber den Gewinn,
den er als erster Liebhaber dabei habe, wenn sie ihn nur hre, und bat Dian,
mitzubitten. Nicht angeborne, sondern erworbene Klte ist der hchsten
Falschheit mchtig, jene nur der Verstellung, diese auch noch der Anstellung,
weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und ntzt und sich auf
dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht. Da endlich Albano ihr
selber anriet, an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und
Freundinnen drunten die schne, reine ihrer Gegenwart zu gnnen: so willigte sie
ein, verwundert ber den Widerruf.
    Sie nahm Chariton in ihren Wagen. Die Mnner gingen voraus. Unterwegs sagte
Roquairol zu Dian, der im Stcke Albanos Rolle zu spielen hatte: Sobald ich im
vierten Akte gesagt habe: Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen
und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Lndern
des Untergangs an, so fallen Sie ein. - Dian lachte und sagte: Ich fall' ein.
In Italien aber fngt die Fahrt gleich sdlicher und westlicher an. Albano
schwieg verdrlich und bereuete, da er Linda zu diesem ungewissen Feste
bereden helfen. Die Frstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die
betrogne Linda, und diese antwortete darauf mit gleichen; ausgezeichnete Weiber
verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstoen mit
ausgezeichneten.

                                   130. Zykel


Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des
Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen
Bhne selber angezogen. Die Bhne war auf der sogenannten Schlummerinsel des
Prinzengartens, welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen, Gebschen
und hohen Bumen zugedeckt war. Ihre Morgenseite zeigte einen offnen freien
Vorgrund, auf welchem gespielt werden sollte, mit einer weien Sphinx auf einem
leeren Grabmal tiefer im Grn. Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien;
Parterre und Logen das jenseitige Ufer, das von der Insel sich durch einen See
abtrennte, der so breit war als ein miges Schiff. An zwei Bume der beiden
Ufer gebunden, hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Kfig der Dohle
oder des Chors herab, um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nhern. Ich bin
in der Tat neugierig, (sagte der Ritter zu seinem Sohne) woher er das
Tragische nehmen wird. - Doch! (sagte Roquairol, der bisher schweigend und
unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangen war) Nur mu ich
allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen. Da ich im fnften Akte den Mond
anrede, so kann ich den wahren sehr gut brauchen, wenn ich nur gerade so
anfange, da sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft.
    Endlich stieg er bla werdend in den Charons-Nachen, wie er sagte, und fuhr
allein hinber. Dann schifften die brigen Spieler nacheinander fort. Alle
verloren sich hinter die Bume. Nun hob sich hinten in den zugelaubten
Abend-Lndern der Insel die ewige Ouvertre aus Mozarts Don Juan wie ein
unsichtbares Geisterreich langsam und gro in die Lfte.
    Diablesse! rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte
dabei zum Zeichen in die Hnde.
    Macht auf den Sarg (begann dumpf das Tier, begleitet von einzelnen
lugubern Tnen des Orchesters) auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male
die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid, und dann drckt ihn zu auf immer.
    Jetzt traten Lilia (Chariton) und Carlos (Dian) heraus, zwei Liebende noch
in der ersten Zeit der ersten Liebe - noch kein trber Trnenregen verschwemmte
den goldnen Morgentau - sie sind sich so treu. Lilia freuet sich mit ihm, da
jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Car los
als ihren ewigen findet. Vielleicht ist er auch recht glcklich, sagte Lilia.
O so gewi, (sagte Carlos) er ist ja sonst alles. Zuweilen schwiegen beide
im frohen Anblicken, dann gingen Tne aus dem verhllten Abend der Insel und
trugen die stumme Wonne in den ther und zeigten sie ihnen schwebend und
verklrt. Unter den Zuschauern breitete sich eine se Teilnahme an Dians und
Charitons zartem, aber mit sdlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schnen
Wirklichkeit aus; man hrte und sah die Griechen. - Auf einmal entfloh Lilia
hinter die Blumen-Gebsche; denn ihr Feind Salera, Carlos' Vater, kam, von
Bouverot gespielt.
    Salera verkndigte dem Sohne zrnend die Ankunft seiner Braut Athenais.
Carlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner frhern Liebe und zeigte sich
gewaffnet gegen eine ganze Zukunft. Salera rief erbittert: Wre Sie doch nicht
schn, damit ich dich zwnge und strafte! Aber du wirst Sie sehen und mir
gehorchen, und ich werde dich doch hassen. Carlos versetzte: Vater, ich habe
schon Lilia gesehen. - Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab, und Carlos
wnschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr, um mit ihm die Schwester
leichter zu entfhren durch dessen Bereden und Begleiten zugleich. Hier schlo
sich der erste Akt.
    Der Bruder des Ritters rief zur Dohle: Diablesse! und scharrte zum Zeichen
mit dem Fue.
    Erscheine, blasser Mann, (sprach das Tier) die Uhr wiegt die Zeit, Mensch
des Jammers, lande auf der stillen Insel an!
    Hiort trat bla beschminkt hervor mit offner Brust, blickte das Grabmal an
und sagte aus innerster Seele: Endlich! Die Musik spielte einen Tanz. Jawohl
Schlummerinsel - unser Tag endigt mit Schlaf, setzt' er dazu. Jetzt kam sein
Carlos: Hiort, bist du tot? rief er im Schrecken ber die Leiche. Ich bin nur
bleich, sagt' er. O wie kommst du so aus der schnen bunten Erde zurck?
sagte Carlos. Ausgeschpft, Karl - mit totgebornen Hoffnungen - meine Gegenwart
ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen - nicht einmal die
schne Natur mag ich mehr, und Wolken wie Gebrge sind mir lieber als wahre
Gebrge - ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet - und doch
mu ich in dieser leeren Brust einen Wrgengel herumtragen, der ewig grbt und
schreibt, und jeder Buchstabe ist eine Wunde - Rate nicht! Sie nennens das
Gewissen. Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel, Karl!
    Man brachte Wein. Er erzhlte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler,
worunter er auch den auffhrte, den er eben fortsetzte, das Trinken - seine sich
wiedergebrende Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Gestndnis - seine
Weiber-Siege, die ihn zu einem Magnet-Berge voll angeflogner Ngel zerfallner
Schiffe machten - seinen Hang, wie Kardan Freunde zu beleidigen, ein eigenes
oder fremdes Glck zu unterbrechen, wie schon als Kind den Prediger, oder im
schnsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Enthusiasmus das
Frechste zu denken -
    Sonst hatt' ich doch noch zwei Ichs, eines, das versprach und log, eines,
das dem andern glaubte; jetzt lgen sie beide einander an, und keines glaubt.
Carlos antwortete: Schrecklich! - Aber deine Trauer ist ja selber Hlfe und
Gabe. - Ach was! (versetzt' er) Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als
die vergangne Lage, worin ers beging, indes er es in einer frischen wieder neu
und s findet und fortliebt. - Was dort kalt liegt, das ist mein Bild, (indem
er auf die Sphinx zeigte) das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust -
hilf mir, ziehe das reiende Untier heraus! -
    Albano ergrimmte im Innersten ber die frevelnde Wiederholung jener
bekennenden zrtlichen Nacht mit ihm204. Er ist frech genug, (sagte leise
Gaspard zu Albano) weil er, wie ich hre, wirklich sich selber spielen soll;
aber da er sich so sieht, ist er doch besser, als er sich sieht. - O, (sagte
Albano) so dacht' ich sonst! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten
Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, da er dieses Bewut sein
ertrgt, und wird desto schwcher, da er einen unheilbaren Krebsschaden an sich
wachsen sieht? Das Hchste hat er ohnehin verloren, die Unschuld. - Eine
flchtige Wiegen-Tugend! - Ein helles, keckes Reflektieren hat er doch, sagte
Gaspard. Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des
Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dnnste Lust- Schlinge
zerreien, sagte Albano.
    Karl, (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) ja, noch eine Hlfe
gibts. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschieet - wenn das
Dasein nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau
-Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn aufnimmt, die Liebe.
Schlieet sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich
knnte noch glcklich werden - denn ich habe Athenais gesehen - aber ich kann
noch unglcklicher werden, denn sie liebt mich nicht. In meinem Herzen liegt
dieser prangende, aber scharf fortschneidende Demant, an dem es blutet, sooft es
schlgt. - berall lie jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen. Hier brachte
anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, da Athenais von seinem
Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine
Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: Nur diese
lieb' ich. - Sie sprachen ber die Hindernisse von seiten des alten Salera, den
Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne trge und nicht anzubauen
wre. Stehe mir bei, Karl, (sagte Hiort) denke, was du mir geschrieben: wie
zwei Strme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein
trocknen205. - So verstndigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich
einander wechselseitig, alle hatten ein Ziel, das gemeinschaftliche Glck. -
Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner
Schwester und rief: Endlich gieet das leere Fllhorn der Zeit, das bisher
nichts gab als Klnge, wieder Blumen aus - O die Weiber! Wie gemein und
alltglich sind fast alle Mnner! Aber fast jede Frau ist neu! - Lchelnd sagte
Gaspard: Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich. - Froh und
friedlich schlo der zweite Akt.
    Diablesse! rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft.
    Flchtig (fing die schwarze Dohle unter Tnen an) ist der Mensch,
flchtiger ist sein Glck, aber frher stirbt der Freund mit seinem Wort.
    Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen
Fortsetzung des Kunst-Zaubers - welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen
Kunstwerk gebhrte - alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das ber das
wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine groe schne stolze Frau
erschien Athenais (von der Kaufmannsfrau, Roquairols Nebengeliebte, gespielt),
voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia, die sich die kleine Athenais
nannte, und s nachtrumend den Traum der vorigen Zeiten. Lilia sinkt in ihre
Arme mit doppelten Trnen; in ihrer Hand trgt Athenais ja drei Himmel und drei
Hllen. Wie schn kommst du wieder! - Mein armer Bruder! sagte Lilia leise. -
Nenn ihn nicht, (sagte sie stolz) er kann fr mich sterben, aber ich kann
nicht fr ihn leben. - Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia - erstarrt im
Fluge - fasset sich und nhert sich Lilia. Diese sagt: Graf Salera - Athenais
- er wurde bla, diese rot. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei;
je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd
immer strker Athenais' pltzlichen Sieg ber ihr Glck und Lieben gewahr.
Athenais ging ab. Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an: Hab' ich
recht? fragt Lilia. Hab' ich schuld? sagt Carlos. Nein, (sagt sie) denn du
bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann. - Was soll ich denn tun?
versetzt Carlos. Du sollst (sagte sie feierlich) nach einem Jahr in einen
Garten auf einer Hhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten - im
Garten - unter den Beeten - tief unter einem - ich wei nicht wie tief - Sie
eilte wie wahnsinnig davon und sang: Vorber, vorber, das Lieben und Leben!
    Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf:
Du tusts, Gott! und ging ab - begegnete seinem Freund, der ungestm und froh
ausrief: Sie ist da! - eilte aber stolz weiter und rief nur zurck: Jetzt
nicht, Hiort! Zu diesem kam weinend Lilia und fhrte ihn fort: Komm, (sagte
sie) sieh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglcklich.
    Da trat der alte Salera auf mit Athenais - vergriff-sich zwischen Eis und
Brand und nahm seine kalte Mnze fr warme lobte mnnlich sie, und vterlich den
Sohn - und sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. Hier stell' ich
dir, Sohn, (sagt' er) dein Glck vor, wenn du es verdienen kannst. Carlos
hatte Lilias Herz verloren - der Wunsch des Vaters, die Macht der Schnheit, die
Allmacht der liebenden Schnheit standen vor ihm, seine Sehnsucht und der
Gedanke der Grausamkeit gegen diese Gttin und endlich eine Welt in ihm, die so
nahe an ihrer Sonne stand, siegten ber eine doppelte Treue - er sank aufs Knie
vor ihr und sagte: Ich bin schuldlos, wenn ich glcklich bin. - Das Paar geht
auf der einen Seite ab; Salera auf der andern und trifft auf Lilia, deren Hand
er mit den Worten nimmt: Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen
gewi den innigsten Anteil an dem neuesten Glck desselben durch Athenais. - So
schlo sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte, alles verdrehende
Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und fllte, blo
um Roquairol ber dieses meuchelmrderische Zcken des tragischen Dolchs zur
Rede zu stellen. Der Patron (sagte lachend Gaspard) glaubt mich auch
hereinzumalen; ich wnsche aber, da er derbere Farben nehme.
    Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die
schwarze Dohle sprach sogleich: Die Snde straft die Snde und den Feind der
Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die Rache - Seht, nun kommt der
Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn.
Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzog - unendlich
weinend und trinkend - sanfte Abend-Tne der Musik verschmolzen mit dem
aufgelsten Leben; - Ach so ists! (rief er aus tiefer, schmerzender Brust)
Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des Lebens206 - zu viele
Bienen und Stacheln stecken in ihnen - sie ziehen dein Blut und geben dir Gift -
O wie ich liebte! Allmchtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! - Und nun
so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein
einziges Herz, nicht mein eignes - das ist schon hinunter ins Grab - Der Docht
ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin - O ihr Menschen, ihr
dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, da es noch Liebe gebe hienieden?
Schauet mich an, ich habe keine - Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein
Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herber unter uns wankende
Wolken, als binde und trag' er sie - Spahaft! er ist auch Wolke und lauter Fall
- anfangs glnzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!
    Er schwieg - ging langsam auf und ab - sah ernst einem Waffen- und
Larventanz innerer Gespenster zu - stand still - die Schatten schwarzer Taten
spielten durcheinander um ihn - pltzlich fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines
Gedankens hatte in sein Herz geschlagen - er lief auf und ab, schrie: Tne her,
grliche Tne her! - und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher
begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens Gttlich! sagte er,
und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am
vorbergehenden Untier - teuflisch! - das Rosen-Sein, das Blten-Sein - nun ja!
- - ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter - und dann sterb'
ich schn auf meiner Schlummerinsel, beschlo er sanft und matt.
    O Lilia! gewhre mir eine Bitte! rief er der kommenden Schwester entgegen.
Jede, die mich nicht am Sterben hindert, sagte sie. Er legte ihr die Bitte
vor: sie sollte ihre Freundin Athenais in die Nachtlaube der Insel jetzt
nachts unter dem Vor wand bereden, da ihr Brutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse
ber Lilia noch heute zeigen wolle - Ich habe (setzt' er dazu) Carlos'
Stimme' mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt,
nenn' ich mich Hiort. - Ist deine Bitte Wahrheit. fragte die Schwester. So
wahr ich morgen noch leben will, sagt' er. So ist sie bald erfllt, denn
Athenais erwartet mich eben in der Nachtlaube - komme mir nur nach sieben
Minuten nach. Sie ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: Eile, bestelle
den Himmel! Schne Schlummerinsel, zugleich die Schlafsttte fr das Brautgemach
und fr den ewigen Schlaf- O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem
Herzen! - -
    Du bist doch da? sagt' er und sah nach seiner Pistole. - Jetzt (rief er
feierlich im Abgehen) ists Zeit zur helldunkeln Tat, dann wird das Leichentuch
darbergeworfen und ging schnell ins Laub hinein.
    Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser, und die schwarze Dohle sprach
leise: Still ist das Glck, still ist der Tod.
    Der Mensch (sagte Gaspard) hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst,
ich stehe nicht dafr, da er sich nicht wirklich vor uns allen totschieet. -
Unmglich, (sagte Albano erschreckend) zu einer solchen Wirklichkeit hat er
keine Kraft; indes vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen
Mglichkeit loszubringen.
    Verstrt, ungestm, mit losem Haar kam Hiort zurck und sagte leise: Es ist
geschehen. - Ich war selig - niemand wirds nach mir. - Bei der Gelben und
jetzt in der Nacht steh' ich fr nichts, sagte Gaspard. Albano errtete, ber
die freche Vermutung verschmt und noch mehr ber Roquairols Frevel erzrnt, im
Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entfhren.
    Tne her, aber weiche, gute! rief er und lie sich vom Zephyr der Harmonie
umwehen und trank unaufhrlich Leichentrunk oder Wein; beides zum Verdrusse
des Ritters, der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied, weil diese
oder beide weich machten.
    Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd:
So lieg' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens - und meine
kalte kommt dazu - (Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und
blickte funkelnd hinber zu Linda) Ich habe sie am Herzen gehabt, die gttliche
Schnheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend ber der Biene
schlieet, damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh' ich
und sterb' ich - Ich schaue die Holde noch selig an - Ich kann nicht bereuen -
Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit
Bu-Trnen kann ich nicht - Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das, was die Zeit
an diesem Ufer absplt, wieder anlegen: so hab' ichs dort schlimm, ich kann mich
dort so wenig ndern als hier.
    Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschu, um einen Deserteur
anzukndigen. Er nahm seine Pistole in die Hand: Ja, ja, ein Schu bedeutet
einen Flchtling - auch aus der Welt - O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am
Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so mde. Er sah nach dem
Morgenhimmel, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, berzog die Pforte
des Monds. Er lchelte bitter:
    Auch diese kleine letzte Freude mignnt mir das Geschick!
    Ich soll den Mond nicht mehr sehen - Nun, ich werde wohl hher kommen als er
und sein Gewitter - Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhrer des Todes
durch den Regen vertrieben Ja! bist du aus, so bin ich aus! Er zeigte auf die
Flasche.
    Wilde, grliche Tne aus der Tiefe herauf! - Mein blutiges Brautkleid her!
Es ist Zeit, die abgehende Freude wirft einen langen, wachsenden Schatten hinter
sich. Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke, den man ihm
brachte, den mit Blut bespritzten, den er auf der Redoute getragen, wo er als
Knabe sich vor Linda ermorden wollen. Sie sollen es auf meine kalte Brust
legen, sagt' er, da ers von Falterle empfing. Der Donner zog nher, die Blitze
wurden glhender, und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank
die Glser schnell.
    Schaden kanns mir jetzt nichts, (sagte er) auch der Blitz nicht
sonderlich, ob ich gleich unter Bumen liege - in dieser Rhre steckt ein Blitz
gegen alle Blitze, ein rechter Gewitterableiter. -
    Das eilende Wetter drngte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel, und er wurde
zornig emprt vom Spotte des Zufalls ber seine theatralischen Zurstungen.
    Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter, (sagte Gaspard)
indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergtzen. Die andern
Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt, und doch ri sich keiner los. Den
Mitspielern war befohlen, den Schu als das Merkwort zu nehmen und nicht frher
zu kommen.
    Er sagte: Die Todesschlange klappert in der Nhe - dort auf der Zukunft
schwimmt die Leiche heran - Man hrte, da er durch einander sprach und aus dem
Stegreif, vom Gewitter geqult. Er sah die Pistole an: Dein Aufblick! so ist
der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid - Ein Funke, ein
einziger Funke, so ist der Theatervorhang hinaufgelodert, und ich sehe die
Zuschauer stehen, die Geister - oder auch nichts, und den weiten ther der Welt
fllt die ewige schwere Wolke - So steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so
schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen
und sinke ewig - Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen. -
    - Nu nu (sagt' er, indem es trpfelte, und er nahm das letzte Glas) - der
Regen will den armen Erkaltenden erklten - Spielt jetzt etwas Sanftes, Schnes,
ihr guten Leute!
    Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: Lebe
wohl, schnes und hartes Leben! - Ihr paar schnen Gestirne, die ihr oben noch
niederblickt, mg' ich euch nher kommen - Du heilige Erde, du wirst noch oft
beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schlft - Und ihr guten fernen
Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch
besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und
Gott richtet mich sogleich - Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr
harter Albano, und du, du bis in den Tod hei geliebte Linda, verzeihet mir und
beweinet mich!
    Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und
bitte bei Gott fr mich. Hier drckte er schnell das Gewehr an der Stirne ab
und strzte hin, einiges Blut flo aus dem zerspalteten Kopfe, und er atmete
noch einmal und dann nicht mehr.
    Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: Eben, mein lieber
Hiort, besinnt sich mein Carlos; aber er fuhr zurck vor der Leiche, stammelte:
Mais! - Mon dieu! il s'est tu re vera diable, il est mort - Oh qui me payera?
208 - Linda sank ohnmchtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: O der
Snder und Selbstmrder! - Die Frstin rief erzrnt: Oh le traitre!
    - Albano schrie: Ach Karl! Karl! und strzte in den See und schwamm
hinber - warf sich ber die zertrmmerte Gestalt und jammerte weinend: O htt'
ich das gewut! - Bruder und Schwester tot - und ich bin schuld - o! wre ich
unglcklich geblieben - ach mein Karl, Karl, vergib - ich war nicht dein Feind -
wie er jammervoll zerworfen daliegt, der groe Tempel! Sei doch ruhiger,
(sagte Gaspard - der endlich im Kahne herbergekommen war und der mit einer
anatomischen Klte und Neugier jede Verstmmelung ertrug - ) er hatte auch
seine Regimentsschulden und frchtete die Untersuchung bei einer neuen Regierung
- Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich
durchgefhrt.
    Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: Wer sprach
das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden! - Monsieur le Comte!
sagte dieser trotzig. Ich sagt' es, sagte Gaspard zum Sohn. -O mein Dian,
(rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton
selber weinend hielt) komme du her, la uns ihn verbinden, es kann ja helfen.
    Zur bestrzten Frstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat
Fraischdrfer mit den Worten, die ableiten sollten: Von der bloen Seite der
Kunst genommen, wre die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt
entlehnte. Man mte wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel
flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich wr' es
dann nur Schein des Scheins, spielende Realitt in reellem Spiel und
tausendfacher, wunderbarer Reflex! - Aber wie es jetzt regnet! - Der Frstin
wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt - sie fuhr auf, mit Armen und
Tnen: Oh monstre! homicide! - Mein armer, unschuldiger Gibbon! - Du Untier! -
Den Affen-Mord hatte sie gehrt und schied untrstlich.
    Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblte Mond, und jeder merkte ihn,
aber das Regnen vorher hatte niemand auer Fraischdrfer wahrgenommen. Albano
sah nun die toten Augen und weien, starren Lippen recht deutlich: Nein, sie
regen sich nicht, sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem
Mund: Seid still, ich werde gerichtet! Und sogleich fing die Dohle als
Schlu-Chor des letzten Aktes an: Der Arme ruht nun fest, und ihr knnt ihn
zudecken!
    Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. Bei Gott! (erwiderte dieser) so
steht in seinem Stck.
    Der ganze Sternenhimmel klrte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach Hause.
Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.

                         Dreiunddreiigste Jobelperiode


Albano und Linda - Schoppe und das Portrt - das Wachskabinett - das Duell - das
                              Tollhaus - Leibgeber


                                   131. Zykel

Albano wollte am Tage darauf sich einkerkern, bitter weinen und ben und sich
nicht erquicken durch den Sonnenschein der Liebe; aber er fand abends folgendes
von unbekannter Hand geschriebene Blatt auf seinem Tisch:

Herr Graf! Man benachrichtigt Sie hiemit, da Freitags nachts, da Sie verreiset
waren, der sel. Hauptmann R. v. Froulay Ihre Rolle bei der Grfin Romeiro durch
alle Akte durch im Fltental gespielt. Sie mssen sich der Nebenbuhler wegen
eine andere Stimme und der Grfin nachts Augen schaffen, wiewohl es dieser nicht
so ganz unangenehm sein mag, sich auf diese Weise fters in Ihnen zu tuschen.
Leben Sie wohl und knftig ein wenig bescheidener!

Bleich starrte er das Totengerippe an, das zwei Riesenhnde gewaltsam aus
blhenden jugendlichen Gliedern auf einmal herausgezogen emporhielten. Aber das
Feuer der Pein scho schnell wieder auf und erleuchtete den Jammer rings umher.
Mit schmerzlicher Gewalt, mit blutigen Armen mute sein Geist den felsenschweren
Gedanken, den Leichenstein seines Lebens hin- und herwerfen, um zu prfen, ob er
sich einfge in die Totengruft; - in Roquairols ganzes Spiel und Ende und Leben
griff der Jammergedanke so fassend ein - aber wieder nicht in Lindas Charakter
und in den gttlichen Augenblick, den er mit ihr in Lianens letztem Garten
zugebracht - und doch wieder sehr in ihre schnelle Vershnung und in einzelne
Worte - und gleich wohl war vielleicht dieses vergiftete Blatt nur eine Frucht
der rachschtigen Frstin, von deren Zorn ber Roquairols eignen und Affen-Mord
ihm Dian erzhlet hatte.
    So schmerzlich bewegte er sich auf seinen Wunden hin und her und entschlo
sich, noch diesen Abend Linda aufzusuchen, wo sie auch sei: als er von ihr
dieses Briefchen bekam:

Komme doch diesen Abend zu mir ins Elysium; er wird gewi heiter sein. Jetzt
lad' ich ein wie du neulich. Du sollst mich auf die schnen Berge fhren, und es
soll mir genug sein, wenn du nur sehen und genieen kannst. Julienne brauchen
wir immer weniger. Dein Vater dringt auf unsere Verbindung durch Vorschlge, die
du heute hren und wgen sollst. - Komme unausbleiblich! - In meinem Herzen
stehen noch so viele scharfe Trnen ber das bse Trauerspiel. Du mut sie
verwandeln in andere, du Geliebter!
                                                                    Die Blinde.

Er lachte ber das Verwandeln; in gefrorne eher, sagt' er. Die heie Liebe war
ihm ein heftiger Ku in die Wunde. Er ging nach Lilar, dumpf, hastig, tief in
einen roten Mantel gewickelt wie gegen bses Wetter - blind und taub gegen sich
und die Welt und wie ein Mensch, der stirbt, den Augenblick erwartend, wo er
entweder vernichtet hinabraucht oder neu belebt in gttliche Welten
hineinfliegt.
    Als er Lilar betrat, verzerrte sich der Garten nicht wie neulich, sondern er
verschwand ihm blo. Er ging nahe an einigen vermummten Leuten vorber, die ein
Grab zu machen schienen. Unrecht ists doch, (sagte einer davon) er gehrt auf
den Anger wie jedes Vieh. Albano blickte hin, sah eine bedeckte Leiche, glaubte
schaudernd, es sei der Selbstmrder, bis er den zweiten Grber sagen hrte: Ein
Affe, Peter, wenn er vornehm gehalten wird, in Kleidern, sieht reputierlicher
aus als mancher Mensch, und ich glaube, er stnde auch wieder von Toten auf,
wenn man ihn nur ordentlich taufte. -
    Eben da ihm der Gibbon der Frstin, der hier begraben wurde, wieder jenen
gewittervollen Freitag vor die Seele zog: erblickte er Linda unweit des
Traumtempels am Arme einer sehenden Kammerfrau. Sie grte ihn, nach ihrer Weise
vor andern, nur leicht, sagte zur Frau: Justa, bleib nur hier im Traumtempel,
ich gehe hier auf und ab.
    Durch diese Einschrnkung auf die Perspektive des Traumtempels schlo sie
jedes schne sichtbare Zeichen der Liebe aus, und Albano kannte an ihr schon
jene stille Zufriedenheit mit der bloen Gegenwart des Geliebten so wie zuweilen
die Wildheit ihres sen Mundes. Als er sie zitternd berhrte und nahe neben
sich wiedersah: so berfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen
gttlichen Vergangenheit. Aber er verzgerte nicht die Frage der Hlle: Linda,
wer war Freitag abends bei dir? - Niemand, Guter; wenn? versetzte sie. - Im
Fltental - stammelte er. - Mein blindes Mdchen, antwortete sie ruhig. -
Wer noch? fragte er. - Gott! dein Ton ngstigt mich (sagte sie Roquairol
brachte in jener Nacht den Affen um. Ist er dir begegnet? -
    O schrecklicher Mrder! - Mir? (rief er) Ich war verreiset die ganze
Nacht, ich war mit dir in keinem Fltental - - Sprich aus, Mensch, (rief
Linda, ihn an beiden Hnden mit Heftigkeit ergreifend) schriebst du mir nicht
die rckgngige Reise und kamst? Nichts, nichts, (sagt' er) lauter
Hllenlge. Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme - deine Augen und
so ists - sage das brige. - Jesus Maria! schrie sie, von der Schlagflut
getroffen, worein die schwarze Wolke zerri - und griff mit beiden Armen durch
die Laubzweige des Laubengangs und prete sie an sich und sagte bittend: Ach
Albano, du bist gewi bei mir gewesen.
    Nein, bei dem Allmchtigen nicht! - Sage das brige, sagt' er. Weiche auf
ewig von mir, ich bin seine Witwe! sagte sie feierlich. Das bleibst du, sagt'
er hart und rief Justa aus dem Traumtempel.
    So lebt er fort, dein Schmerz, mein Schmerz, ich sehe dich nie mehr. Ich
will Lebewohl zu dir sagen. Sage du keines zu mir! sagt' er. Sie schwieg, und
er ging. Justa kam, und er hrte sie noch in der Laube beten: La, o Gott, mir
diese Finsternis morgen, verschone mit deinem Tageslicht die schwarze Witwe!
Das Mdchen weckte sie auf, nahm sie an der Hand, und sie freuete sich am Arm
derselben ihrer Nachtblindheit.
    Albano ging in die Nacht. Auf einmal stand er wie hinaufgetragen auf einer
jhen Felsenspitze, unten schlug ein schumender Strom. Er kehrte sich um und
sagte: Du irrest dich, bser Genius; micht ekelt des Selbstmords, er ist zu
leicht und gehrt fr Affen-Mrder - aber es gibt etwas Besseres, und du sollst
mich begleiten.
    Er verirrte sich - konnte den Weg zur Stadt nicht finden - glaubte wieder in
Lilar zu sein und trieb sich bange umher ohne Ausweg, bis er zuletzt ermdet
niedergezogen in den Arm des Schlummers sank. Als er erwachte am Morgen: war er
im Prinzengarten, und die Schlummerinsel wehte mit ihren Gipfeln vor ihm. Eine
jhe Felsenspitze ber einem reienden Strom gab es in der ganzen Landschaft
nicht.
    Er sah den Himmel an und den Tag und sein Herz. Ja, so ist denn das Leben
und die Liebe! (sagt' er) Ein gutes, rechtes Feuerwerk, besonders wenn man
eine Linda durch viele Zurstungen haben soll! Lange steht es da mit einem
bunten hohen Schaugerst, voll Statuen, mit kleinern Gebuden, Sulen und
wunderlich und verspricht noch mehr, als es schon verkleidet und verrt - Dann
kommt die Nacht in Ischia, ein Funke springt, die Formen reien, es schweben
weie, helle Palste und Pyramiden und eine hngende Sonnenstadt am Himmel - in
der Nachtluft entfaltet sich gewaltig eine rege fliegende Welt zwischen den
Sternen und fllt das Auge und das arme Herz, und der glckliche Geist, selber
ein Feuer zwischen Himmel und Erde, schwebt mit - - einen ganzen Augenblick
lang, dann wirds wieder Nacht und Wste, und am Morgen steht das Gerst da, dumm
und schwarz. -

                                   132. Zykel


Krieg - dies Wort allein gab Albano Frieden; Wissenschaft und Dichtkunst
steckten ihm ihre Blumen nur in seine tiefen Wunden. Er rstete sich zur Reise
nach Frankreich. Nur etwas verschob noch den Aufbruch, Schoppens Ausbleiben, den
er mit seinen Rtseln erwarten mute und womglich mit entfhren wollte. Er
hielt sich den ganzen Tag in Wldern auf, um seinen Vater und Juliennen und
jedem zu entgehen. Lindas unglckliche Nacht wurde tief in seine Brust
hinabgesenkt, und nur er allein sah hinunter, kein Fremder. Er wnschte, da sie
selber gegen Julienne schweige, weil diese nach ihren frommen weiblichen
Ordensregeln hiegegen keine Nachsicht kannte. In seiner Seele hatte jetzt die
erste eiferschtige Aufbrausung einem schmerzlichen Mitleiden mit der betrognen
Linda, deren heiliger Tempel ausgeraubt dastand, Platz gemacht. Was ihn
unleidlich schmerzte, war das Gefhl der Demtigung, mit welchem die schne
Stolze nun, wie er glaubte, an ihn denken mute, und das er bei seiner jetzigen
bittern Verachtung Roquairols desto strker annahm. Nie, nie, wenn sie auch
meine Schwester wrde, drfen wir uns mehr erblicken; ich kann sie wohl blutend
vor mir sehen, aber nicht gebeugt, sagt' er sich. Zuweilen berfiel ihn ein
kalter Grimm gegen das Verhngnis, das immer mit einem schnellen Wirbelwind
zwischen seine Umarmungen fuhr und alles auseinanderdrngte bald ein Zorn gegen
Linda, die nicht wie eine Liane gehandelt hatte und die den Irrtum der
Verwechslung durch ihren Grundsatz, der Liebe alles zu vergeben, selber mit;
verschuldete - bald inniges Mitleiden, da sie ohne alle geistige hnlichkeiten
nicht htte verwechseln knnen, wie ihm das heimliche Gericht des Gewissens
sagte, und da sie nun allein dafr bte, da sie ihm, ihm sich opfern wollte.
    Unaussprechlich hate er den toten Verfhrer, weil durch seine Tat sein Tod
nur zu einer feigen Flucht geworden war. Den armen Deserteur, dessen Entwischen
unter dem Trauerspiel laut geworden, sah er gefangen vor sich vorberfhren;
aber der Hauptmann desselben war auf immer der Rache entronnen. Nach einigen
Tagen wurden ihm Papiere von dem Toten zugestellt; aber er sah sie voll Abscheu
nicht an. Sie enthielten Rechtfertigungen und zugleich Nach-Snden. Roquairol
hatte nach der Freuden-Nacht den ganzen Morgen im Prinzengarten schreibend
verlebt, um die Erinnerung zu kolorieren, die allein ihn, schrieb er, belohnet
und beredet habe, da er nicht schon in der Nacht den fnften Lebens-Akt
ausgespielt.
    Der Lektor gab in Albanos Abwesenheit kleine Briefe von Juliennen ab, worin
sie ihn um seine Erscheinung bat und ihm Ort und Zeit im Schlo bestimmte, wohin
sie aus Lilar gezogen war. Er kam nicht. Sein Vater schien sich nichts um ihn zu
bekmmern. Zuweilen kam ihm vor, als wenn ferne Spr-Menschen ihn in weiten
Kreisen umschlichen.
    Einst stand er abends noch unten an einem Waldhgel, als er oben einen
herausschreitenden Wolf erblickte - der Wolf sah ihn, sprang zu ihm herunter und
wurde Schoppes Wolfhund - bald trat oben sein Freund selber mit einem alten
Manne aus den Bumen heraus erblickte ihn, gab dem Manne schnell Geld und ging
langsamer zu ihm herunter als er zu ihm hinauf. Ei, einen guten Abend, Albano,
sagte Schoppe mit der alten Klte, womit er sprach, wenn er nicht schrieb, und
lchelte dabei, aber mit so vielen Linien, da er Albano ganz fremd erschien.
Albano prete ihn heftig ans Herz und verwandelte die heien Worte, die jener
nicht liebte, in heie Trnen. Es war ein alter Stern aus dem Frhlingsmorgen,
wo seine Liane noch lebte und liebte; er ging ihm unter an einem Grabe in jener
Reise-Nacht; jetzt ging er auf, und Albano war wieder unglcklich.
    Schoppe besah mit sichtbarem Wohlbehagen Albanos gereifte Gestalt und zog
gleichsam dessen schimmernde Flgel auseinander: Du hast dich (sagt' er)
recht gut gestreckt und angefrbt - hast Mai und August auf einem Ast, wie ein
Pomeranzenbaum. Albano hatte keine Freude darber: Erzhle mir nur dein Leben,
mein Bruder, sagte er. - Ich dchte, du erst deines, ich bin mde bis zur
Dummheit, sagte Schoppe, indem er sich setzte und seine Jagdtasche
aufschnallte. Knftig! (versetzte Albano) - Was du brauchst, will ich dir
sagen - ich bekam deine Briefe - ich liebte wirklich die Bewute - ein Unglck
trennte uns - ich bin unschuldig, und sie ist gro - o Gott, sei heute damit
zufrieden!
    Nie konnt' er seinen Freunden Schmerzen klagen; noch weniger jetzt das
Unglck einer Geliebten entblen. Noch lnger, (versetzte Schoppe) nur sage,
setzt es neues Elend, wenn ich die Beweise fr eure Schwester- und Bruderschaft
aus Spanien mitbringe und auspacke? - Nein, (sagte Albano) ich brauche ber
keine Vergangenheit zu erschrecken. - Du gehst noch nach Frankreich? fragte
Schoppe. Morgen, wenn du mitgehst, versetzte Albano.
    Allerdings als deine Feldpredigerei - Nicht aus Mangel an Kunstgeist, wie
du aus Rom schreibst, sondern aus berflu daran gehst du unter die Soldaten.
Ich sh' es gern, wenn du bedchtest, da auch Dante, Csar, Cervantes, Horaz
vorher dienten, eh sie kostbar schrieben - nur Studenten kehrens um und dichten
etwas Kurzes und Gutes und nehmen spter Dienste. - Auf meine Reise zu kommen,
so kostets mich schon viel, nmlich Zeit, wenn ich dir erzhle, da ich deinen
nrrischen Oheim mit einem Wagen Gepck im Neste Ondres anderthalb Posten von
Bayonne ertappte. Ich gestand ihm, ich ginge nach Valencia, um die dasigen
Seidenstrumpfwrkersthle zu zergliedern, meinen Tropfen Eis und eine
Westentasche voll Valenz-Mandeln da bei zu genieen und die wenigen Professoren
zu besuchen, die bessere Kompendien fr 3000 Realen geliefert209. Er komme vor
mir gewi an, sagt' er. Wir bestellten uns in einen Gasthof in Valencia. Mir war
an ihm gelegen, da er mich am leichtesten einfhren konnte in Romeiros Haus.
Aber ich pate da 14 Tage um sonst auf ihn. - Bei dem Haushofmeister fand ich
kein Gehr, ob ich ihm gleich seinen dummen Schatten fnfmal mit der Bitte
ausschnitt, einem reisenden Maler das Bilderkabinett aufzusperren, wo ich das
mtterliche Bild der Grfin suchte.
    Jetzt war ich halb und halb entschlossen, schwanger zu werden und in diesem
Habit alles fr meine Sehnsucht zu fordern, was selber der spanische Knig
keiner Schwangern abschlgt210. In Italien hat man das Kind auf dem Arm, um zu
erbitten; in Spanien brauchts diese Sichtbarkeit nicht einmal. Aber zum Glck
kam der Oheim. Die Bilderkabinettstr wurde aufgetan. Ich machte mich ans
Kopieren - eines dummen Kchenstcks - und schauete berall nach meinem
Insel-Portrt. Aber nichts war zu sehen - (Hier zog er ein hlzernes Futteral
aus der Jagdtasche und legt' es vor sich und fuhr fort:) bis ichs sah zuletzt -
ein Bild lehnte auf der Diele an der Wand, mir die Winter- und Hinterseite
zuweisend - - es war mein Pinsel-Kind, und seine Zurcksetzung ging mich an -
verdrlich und ruhig steckt' ichs bei und schnappte im Kchenstck mitten in
einem halben Iltis ab - - Sieh das Bildnis an!
    Er zog den Futteral-Deckel davon ab - und Linda strahlte seinen Freund mit
einem Strom von Geist und Reizen an, nur in ltere Tracht gehllt. Albano konnte
kaum stammeln vor Bewegung: Das wre meines Vaters Gemahlin und meine teuere
Mutter? Und du weit gewi, da dieses hier das Bild ist, das du auf Isola bella
von ihr gemacht? -
    Eben tu' ichs dar! (sagte er und scheuerte an einer Rose des Bildes auf
der Stelle des Herzens) Mein damaliger Paphos-Name Lwenskiold steckt sub rosa
und wird gleich vorkommen. Htt' ich ihn schon unterwegs aufgekratzt, so httet
ihr geglaubt, ich htte mich erst unterwegs hineingeschrieben. - Wie vor einer
schreibenden Geisterhand schauderte Albano zurck, als wirklich ein L und 
unter der Rose vortraten: Weiter schab' ich (sagte Schoppe) nicht vor, das
brige heb' ich Ihr auf. Albano go nun vor seinem biedern Herzenfreund sein
Herz aus; ihm durft' er sagen und einwenden, da Julienne seine Schwester sei -
wogegen ich gar nichts habe, sagte Schoppe - und da Gaspard eine knftige
Heirat zwischen ihm und Linda genehmigt habe; es ist kein Ausweg, (setzt' er
dazu) ist sie seine Tochter, so bin ich nicht sein Sohn - ich kann sein
heiliges Ehrenwort unmglich zur Lge machen - und Gott! in welchen ungeheueren
Lasterpfuhl mte man dann schauen! - Anlangend das Wort und den Pfuhl,
(sagte Schoppe ganz kalt) so lassen sich, wie wohl ich berflssig doch mit
deinem Vater vorher aus der Sache spreche und vorher mit der Grfin,
wahrscheinliche Beweise fhren, da der Kahlkopf, der, wie er mir selber
berichtete, deines Vaters Mehelfer, Braut-und Brenfhrer gewesen, kein Mann
von den frischesten Sitten war, sondern da er - obwohl sonst in viele Sttel
gerecht, den moralischen ausgenommen - seine Stunden und Jahrhunderte hatte, wo
er als ein solcher Hund und Strauchdieb handelte, da mein Hund da ein
Monatsheiliger gegen ihn ist und ein Kirchenvater. Ich htt' ihm nur das
Lebenslicht nicht ausblasen sollen, das freilich mehr stank als glomm.
    Albano konnt' ihm seinen Schauder ber die Tat nicht verhehlen. Ich kann
nichts bereuen, hre, sagte Schoppe und berichtete dieses: Schon in Valencia
erzhlte mir dein Oheim, da er in Madrid einen Kerl so und so - ganz wie der
Kahlkopf angetroffen, der ein Wachsfigurenkabinett von lauter Tollen anfhre und
herumzeige; oft spreche das ganze Kabinett, und er sitze selber mit darin als
Wachs und helfe reden - Dein aber glubiger Oheim warb und lieh ihm Geister dazu
und machte bse und frchterliche Sachen daraus.
    Einst in einer Posada hrt' ich im Schlafzimmer neben dem meinigen allerlei
Stimmen durcheinander murmeln und sagen: Schoppe kommt auch zu uns. Ich stand
auf, das fremde Zimmer war zugeschlossen. Ich hr' es wieder, das teuflische:
Schoppe kommt auch herein. Meine Stube hatte einen Erker, aus dem konnt' ich
durch das nahe Fenster in die Murmel-Stube bei dem Mondlicht sehen. In Graus und
kraus sa smtliches Wachs drinnen und lie sich hren, der wchserne Kahlkopf
mitten darunter; ich suchte aber den lebendigen auf. Die Wachs-Bestien wechseln
gegeneinander ihre fixen Ideen aus, und mich wechseln sie ein Dort guckt unser
Ehrenmitglied herein, sagte der Wachs-Kahle. - Bei Gott! ich mu kurz sein, mir
brennt das Blut wieder durchs Herz. Ich wte, hole Gescho und ersuche Gott um
ein vertrgliches Gemt, das nachgibt. Zum Unglck merk' ich hinten in einer
mondleeren Ecke neben einem Vater des To! des und einer Schwangern von Wachs
einen schwarzen Mantel, der sich regt und aus welchem der lebendige Tongeber,
der Kahlkopf, guckt. Schwarzer Bauchsprachmeister, (rief ich) schweige um Gottes
Willen, ich seh' dich dort hinten und schiee hinein. Ich hielts fr
Bauchsprache.
    Jetzt fing erst das Tollhaus recht an, ich hrte es lachen - mich
hineinrufen und einen Kameraden und Klubisten mich betiteln Prses, (sagt' ich)
ich bin bekanntlich ein Mensch und seh' dich ganz deutlich - Es half nichts, der
wchserne Kahlkopf versetzte vielmehr: Dort sitzt ja Bruder Schoppe schon, und
ich sah wirklich auch mich bossiert und poussiert alldort. - Hier ist er auch zu
haben, rief ich grimmig und scho auf den Logenmeister hin, der blutend
umstrzte.
    Ich machte mich in dieser Stunde davon. - Dem Oheim kam ich spter in den
Wurf fr kurze Zeit; er scheuet Tolle und wollte mich aus Furcht, ich schlage
selber dahinein, nicht lange haben. Er befragte mich, ob mir der
Wachsfiguren-Direktor des fahren den Tollhauses aufgestoen; ich konnt' ihm nur
wenig anvertrauen - behalt es allein. - Du bist ein wilder, treuer Mensch,
(sagte Albano mit so innigem Wunsch, ihn zu umarmen) du tust viel fr andere
und bist doch viel fr dich. Ich kann dich nun nicht mehr lassen. Meine vorige
Lebens-Insel mit allen Blumen steht tief unter Wasser; und ich mu mich ins
unendliche Weltmeer werfen; gib mir deine Hand und schwimme mit. Wir reisen
morgen nach Frankreich! -
    Morgen? (sagte Schoppe) Jawohl! so geh' ich heute abends zur Grfin und
dann zu Don Cesara. - Sag ihr, (bat Albano) da ich sie auch als Bruder,
wenn ichs wrde, nicht besuche, nicht aus Klte, sondern weil ich ihr groes
Gemt verehre, sag ihrs - und Gott helfe dir. Albano wollte gehen und ihn
allein ins nahe Lilar wandern lassen. Nein, begleitet mich, mein Herr, (sagte
Schoppe ungestm ich habe den alten Kerl abgedankt droben im Wald durch
redliche Auszahlung des Geleite-Geldes - und wre jetzt allein vis--vis de
moi. - Ich versteh' dich nicht,
    (sagte Albano) wovor scheuest du dich? - Albano, (sagte er leise und
wichtig, und seine sonst geraden Blicke schlugen scheu seitwrts, und seinen
lchelnden Mund umzingelten unzhlige groe Faltenkreise) der Ich knnte
kommen, ja, ja!
    Verwundert und fragend, wer das sei, blickte ihm Albano ins Gesicht.
Verflucht, (sagte Schoppe) ich errate Euch ganz gut Ihr haltet mich nicht fr
achtels so vernnftig als Euch selber, sondern fr toll. Wolf, komm herauf! Du
Bestie warst hufig auf einsamen Wegen und Stegen mein Schirmvogt und
Teufelsbanner gegen den Ich. - Herr, wer Fichten und seinen Generalvikar und
Gehirndiener Schelling so oft aus Spa gelesen wie ich, der macht endlich Ernst
genug daraus. Das Ich setzt Sich und den Ich samt jenem Rest, den mehrere die
Welt nennen. Wenn Philosophen etwas, z.B. eine Idee oder sich aus sich ableiten,
so leiten sie, ist sonst was an ihnen, das restierende Universum auch so ab, sie
sind ganz jener betrunkne Kerl, der sein Wasser in einen Springbrunnen
hineinlie und die ganze Nacht davor stehen blieb, weil er kein Aufhren hrte
und mithin alles, was er fort vernahm, auf seine Rechnung schrieb - Das Ich
denkt Sich, es ist also Ob-Subjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden -
    Sapperment, es gibt ein empirisches und ein reines Ich - die letzte Phrasis,
die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Oxford kurz vor seinem Tode sagte,
hie: ich bin ich - Philosophisch genug! -
    Und was schlieest du Furchtbares aus allem? sagte Albano mit innigster
Trauer. Alles kann ich leiden, (sagte Schoppe) nur nicht den Mich, den
reinen, intellektuellen Mich, den Gott der Gtter - Wie oft hab' ich nicht schon
meinen Namen verndert wie mein Namens- und Taten-Vetter Scioppins oder Schoppe
und wurde jhrlich ein anderer, aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach.
Man sieht das am besten auf Reisen, wenn man seine Beine anschauet und sie
schreiten sieht und hrt und dann fragt: wer marschiert doch da unten so mit? -
Ewig redet er ja mit mir; sollt' er einmal leibhaftig vor mir auffahren: dann
wr' ich nicht der letzte, der schwach wrde und totenbla. Freilich braucht
kein Hund Zahnpulver. Aber Kinder sollte man schminken, es stnde und ginge. Ich
fr meinen Teil beobachte das Zeitalter so so und lchle' weil ich nichts sage;
man bricht Menschen wie Servietten auf Tellern in schnste, vielste Formen, zu
Schlafmtzen, zu Pyramiden, zu Kreuzschnbeln, Sapperment, Albano, zu was denn
nicht? Aber die Folge, Bruder? - O Himmel, die Folge? Ich sage nichts,
verflucht, ich bin mausstill wie wenige - aber Zeiten knnen kommen, wo etwa ein
Herr anmerkt, Menschen und Musiknoten, Musiknoten und Menschen, kurz und gut und
schlecht, bald ist bei beiden der Kopf oben, bald der Schwanz, wenns nmlich
schnell gehen soll. Das sind Gleichnisse, ich wei wohl, Bester, aber die Bcker
kndigen das weiche Gebck durch steinernes oder tnernes im Laden an, Menschen
indes ihre hrtesten Sachen, worunter das Herz gehrt, durch ihre weichsten,
wozu Worte gehren.
    Stumm auf diese Strme fhrte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Lindas
Wohnung. Alles war an dieser ohne Licht und schwarz. Sprich droben sanft dein
Wort, mein Schoppe, und morgen ziehen wir weiter! sagte sehr leise unten Albano
scheidend und lie ihn ins finstere Trauerschlo allein hinaufgehen. - Welch
eine Gegenwart! sagte Albano auf dem Rckweg durch den Garten.

                                   133. Zykel


Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein
Mensch wute von ihm. Am zweiten Morgen lief das Gercht, die Grfin sei in der
Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset. Hat Schoppe beide durch Wahrheit
fortgetrieben? fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich sprte er
Schoppe mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen war er worden. Auch du, lieber
Schoppe! sagt' er und schauderte ber die Grausamkeit des Schicksals gegen
sich. Als er so ber sich und die stille dunkle Wste seines Lebens hinsah: so
war ihm auf einmal, als wrde sein Leben pltzlich erleuchtet und ein
Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es
sprach in ihm: Was ist denn da gewesen? Menschen - Trume - blaue Tage -
schwarze Nchte - ohne mich her geflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender
Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist
dageblieben? Ein weites Weh ber das ganze Herz - aber das Herz auch - Es ist
freilich leer, aber fest - unzerrttet - hei - Die Geliebten sind verloren,
nicht die Liebe, die Blten sind her unter, nicht die Zweige - Ich will ja noch,
wnsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen - - Noch
hab' ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und
das Auge zum Schauen der Welt - - Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen
und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird, - du
allein. -
    Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglck fr den Sklaven ist Feuersbrunst im
Kerker - - Nein, ich will sein, nicht halben. Wie, kann der heilige Sturm der
Tne nur ein Stubchen rcken, indes die roh' bewegte Luft Aschenberge versetzt?
Nur wo gleiche Tne und Saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und
ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle
nichts ndern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehrt und
gehorcht, nicht den Tnen.
    Hier fand ihn der Lektor Augusti, der mndlich von der Prinzessin Julienne
instndige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die
wichtigsten Worte ber Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; ber das
bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschlu; auch
sah er aus der khnen Wahl des Boten, wie wichtig der armen Schwester seine
Erscheinung sei.
    In Gaspards Zimmer verlie ihn Augusti schnell, um ihn anzukndigen und -
allein zu lassen. In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner; kam er vom
Himmel, von einem Strome, oder nur von einer Mhle, das wut' er noch nicht.
Julienne strzte weinend herein, konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen: Du
gehst fort? fragte sie. Ja! sagt' er und bat sie sehr, weniger heftig zu
sein; denn er wute, wie leicht ihn fremder Ungestm ansteckte, da er ohne Zorn
nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte. Sie flehte ihn noch
heftiger, nur zu bleiben, bis Gaspard wiederkomme. - Kommt er wieder? fragte
Albano. Wie anders? Aber die Unwrdige nicht, sagte sie. - Julienne,
(versetzt' er ernst) o sei nicht so hart gegen sie wie das Schicksal und lasse
mich schweigen! - Ich hasse jetzt alle Mnner und dich auch (sagte sie)- Das
kommt aus poetischen Gemtern heraus. - O welche rechtschaffene Braut htte sich
so leicht von einem solchen Selbstmrder verblenden lassen, welche? - Aber ich
sehe, du weit nicht alles. - Dients aber zu was? fragte er. -
    Sie fing, verwundert ber diese Frage, ohne Antwort die Erzhlung an.
    Am Tage, wo Albano Schoppen gefunden, wollte Julienne ihre Freundin Linda,
die sie seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen, wieder besuchen. Alle
Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag. Julienne fand sie in der
Finsternis sitzend, mit niedergesenkten, halboffnen Augen, uerlich sehr ruhig.
Nur in langen Zwischenrumen fiel eine kleine Trne aus den Augen heraus. Der
reiende Strom ging hoch ber die Rder ihres Lebens, und sie standen tief unten
ihm still. Bist du es, Julienne? (sagte sie sanft) Verzeih die Finsternis;
Nacht ist fr meine Augen jetzt Grn. Es tut mir weh, etwas zu sehen. Die
Brautfackel ihres Daseins war ausgelscht, nun wollte sie Nacht zur Nacht.
    Julienne tat bange Fragen der Verwunderung; sie gab keine Antwort darauf.
Ists ein Unglck zwischen dir und meinem Bruder? fragte Julienne, in welcher
die Verwandtschaft immer wrmer sorgte als die Freundschaft. Erwarte nur den
Ritter, (antwortete sie) ich hab' ihn herbitten lassen.
    Er trat eben herein. Sie bat ihn, sich in diese kurze Nacht zu fgen. Nach
einigem Schweigen stand sie stolz vom Stuhle auf, die schwarzgekleidete lange
Gestalt hob vor dem Ritter, den sie nicht sah, die groen Augen gen Himmel, ihr
stolzes Leben, bis jetzt ins Leichentuch gewickelt, schlug das Tuch zurck und
stand blhend von Toten auf, und sie redete den Ritter an: Verehrter Gaspard,
Sie versprachen es mir, so wie auch mein Vater, da dieser an meinem
Hochzeitstage mir erscheinen werde. Der Tag ist vorbei. - Ich bin eine Witwe.
Nun erschein' er mir.
    Hier unterbrach sie der Ritter: Vorbei? - O, ganz recht! Ist er denn etwas
Gescheuteres und Sittlicheres als ein Mensch? - und spottete wider seine Weise
zornig-aufglhend, weil er glaubte, von Albano, dem er so lange vertrauet, sei
die Rede.
    Sie verkennen mich, (sagte Linda) ich spreche von einem Verstorbenen.
Vor Julienne fuhr pltzlich Roquairols Schatte, ferne Anklnge der Frstin
hatten ihn eingelutet: Allmchtiger Gott, (schrie sie auf) des verfluchten
Selbstmrders Spiel hat Wahrheit? - Er spielte, was geschah (sagte Linda
ruhig) - Wir brechen ab. Ich reise. Ich verlange nichts als meinen Vater. -
    Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm, wie von einem
gezckten Dolch bewaffnet, gegen die Grfin - die Finsternis machte die
Erscheinung schwrzer und wilder - aber er brach das Eis des Todes wieder mit
kalten Hnden entzwei und bewegte sich und antwortete mit gelhmter Zunge:
Teufel und Gott! Der Vater ist da! - Der wird alles so nehmen - wie es ist Wei
Ers? - Wer? fragte Linda. - Und was beschlo Er?
    Himmel! Albano nmlich. - Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich
Cromwells Bldsinn der Zunge und dessen Schlausinn der Taten; und blieb daher
jeder Aufwallung, sogar der lieben den, so gram und fern wie der Dummheit, die
ihm (wie er sagte) noch viel verhater sei als das gerade Laster.
    Ich wei nicht (sagte Linda)- Ich gehre allein dem Toten an, der zweimal
fr mich gestorben ist. Sagt das meinem Vater. O ich wr' ihm lngst
nachgefolgt, dem Ungeheuren, ins tiefe Reich; ich stnde nicht hier vor dem
kalten bsen Tadel oder der christlichen Verwunderung, da es noch Dolche gegen
das Leben gibt! - Aber ich bin Mutter, und darum leb' ich!
    Noch diesen Abend seh' ich Sie wieder, sagte Gaspard gefasset und eilte
hinweg. Ich glaube, liebe Julienne, (sagte Linda) jetzt verstehen wir uns
nicht mehr so recht, wenigstens nicht bis zum hchsten Punkte, so wie wir frher
ber Ihre belle-soeur differierten und Sie an ihr die Koketterie, ich aber
gerade die Prderie gro und unsittlich fand. - Das ist wohl wahr, (sagte
Julienne kalt) Sie sind so wahrhaftig poetisch, ich bin so prosaisch und
altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrgt wie
seine Regimentskasse, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lsset als
seinem Regimente, oder weil es nach seinem Tode noch Rollen fr die brigen
Schauspieler nachlsset oder Briefe an mich Betrogene - - Tat er das? fragte
Albano. - Sie pries es sogar als genialisch an ihm (versetzte Julienne) -
Einen solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu
find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als es gehen mag. Linda
antwortete: Ich hasse alle Wnsche; gab ihr die Hand, drckte sie nicht,
schwieg still und sah in ihre Nacht. Sie wute wenig vom leichten und schlaffen
Abschied der verlornen Freundin.
    Noch in derselben Nacht reisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem
Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne Fackeln, in ihre Schleier gehllt, ganz
einsam ab, und niemand wute, ob sie geweinet oder nicht.
    Als Albano seine Schwester ausgehrt hatte, sagte er mit sanfter, bewegter
Stimme: Schliee Frieden mit der Vergangenheit, sie kann der Mensch nicht
strmen. Der groen Unglcklichen lasse die Nacht, in die sie selber
hineingezogen ist. - Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben?
Besonders weit du etwas von meinem Schoppe, so fleh' ich darum. - Ich
antworte dir, (sagte sie weinend und verwundert) aber Bruder, beteuere, da
deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglcks ist - Ich kenn' euch
Mnner darin, man sollt' euch alle hassen, und ich tu' es auch. - Ich habe
nichts Trbes vor, vor Gott bezeug' ichs. Ihr Weiber, die ihr euere Hlle erst
ausgieen wollt mit Trnen und ausblasen mit Seufzern, begreift nicht, da oft
eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flgel geben kann, der ihn
auf einmal aus der Hlle hebt, und dann mag sie fortbrennen. - So zeige mir
(sagte sie weinerlich-komisch) deinen Flgel. - Da ich (versetzt' er)
nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und ber mir. Der fremde
Efeu geht um uns herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben
unserem, und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen nebeneinander, nicht
aufeinander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergngliche die
Vergnglichen. -
    Recht gut, (sagte sie) wenns dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen
Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hr erst
ordentlich. Er kramte ein Mrchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem
ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man konnt' ihm diese neue
Verstandes-Verwirrung hingehen lassen; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm
ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl
zwischen Gefngnis und Irrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. Bleibe,
bleibe! Das Wichtigste kommt.
    Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei
heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten
Blatte an mich fr ihn ein. Nicht blo die nrrische Reise nach Spanien macht'
er fr dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich
wundert, da ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt.
    Sie fing nun an mit Idoinens mildttigem festen Charakter, mit ihrem
Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle
Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Trauerbette neben Lianens Bahre
und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schnen Sieg, da er
die verklrte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht, damit
sie das Heil-Wort sage: habe Frieden!
    Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: Darum (fuhr sie fort)
halt' ichs fr Pflicht, mich deines Freundes ein wenig anzunehmen. Der arme
Teufel ist unschuldig - durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen
Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren - ganz
unschuldig, sag' ich; denn dein Oheim, den ich lngst hasse und der nur erst vor
kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistermig und
mordmig zu erscheinen - er htt' es auch bei Lianen wohl getan, wenn sie es
erlebt htte -, dieser Mensch ist - warum darf ichs nicht ruchbar machen, da
sich alles gendert und umgeworfen - eine und eben dieselbe Person mit dem
Kahlkopf und ein Bauchredner - Bruder!?
    Aber Albano war ihr schon entflogen.

                                   134. Zykel


Albano wollte seinen Freund frher befreien als rchen; daher wollte er erst zu
Schoppe eilen und dann zum Oheim. Aber als er an des letztern erleuchteten
Zimmern vorberging, erfate ihn ein pltzlicher Zorn, und er mute hinauf. Der
lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jngling mit der Dohle auf der Hand
langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstnde seine Doppel-Rolle, sein
himmelschreiendes Zerstren Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit
Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache. Ja, ja, (sagte der Spanier,
seine Diablesse streichelnd) ich habe die Pistolen - ich habe keine Zeit, keine
Zeit zum Reden. - Sie mssen sie haben, sagte Albano. Ich habe keine deo
patre et filio et spiritu sancto testibus; es ist bald zwischen 11 und 12, und
der Finstere steht hier. - Himmel! wozu diese einfltige tragische Szenerie? O
Gott, ist es denn nicht mglich, da Ihr einmal Mensch seid, (sagte Albano, mit
Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht
liebend aussehen konnte) da Ihr erschrecken, errten, bereuen, Euch erfreuen
knnt? - Was wuten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei
Ratto als Kahlkopf anstellten, als wten Sie eine frchterliche Tat von ihm? -
    Niemand braucht etwas zu wissen, (versetzt' er) man sagt zum Menschen:
ich kenne deine verruchte Tat, der Mensch denkt zurck, er findet so eine. -
Aber was hatt' er Ihnen getan? fragte Albano erschttert. Er versetzte
trocken: Er hat zu mir gesagt: du Hund! - Es schlgt 11 Uhr, ich sage nichts
mehr, als was ich will.
    Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, da sie
nicht geladen wren, bat, eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die
andere nicht. In den Sack, jede in den Sack, (sagt' er) wir losen! Je
khner, je besser, dachte Albano. Der Spanier rttelte beide um und ersuchte
Albano, mit dem Fue auf eine zu treten zum Wahlzeichen. Es geschah. Wir
schieen zugleich, (sagte der Oheim) sobald es die zwei Viertel ausschlgt. -
Nein, (sagte Albano) schieet bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten. -
Warum nicht? versetzte jener.
    Sie stellten sich in den entgegengesetzten Zimmer-Winkeln einander gegenber
- mit den Pistolen in den Hnden den Schlag halb zwlf Uhr erwartend. Der
Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses
geschlossene Bsten Gesicht sah, kam ihm vor, als knne an einem solchen Wesen
gar keine Snde begangen werden, geschweige ein Totschlag. Pltzlich murmelten
im leisen Zimmer fnf Stimmen durcheinander, als kmen sie von den alten
Philosophen-Bsten an den Wnden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle
schienen zu reden und eine unbekannte Stimme, als sei es der sogenannte
Finstere. Sie sagten untereinander: Finsterer, nicht wahr, ich habe keine
Wahrheit gesagt? - Ich bringe fnf Trnen, aber kalte - Ich trage die Rder des
Leichenwagens auf dem Kopf - Ich fhre das Panthertier am Strick - Ich schneid'
es los - Ich zeige mit dem weien Finger auf Ihn - Ich bringe den Nebel - Ich
bringe den kltesten Frost - Ich bringe das Schreckliche.
    Hier tat es den ersten Glockenschlag, und der Spanier scho ab - bei dem
zweiten feuerte Albano - beide standen unverwundet da; Pulverdampf zog umher,
aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit
Quecksilber gefllte glserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano
wegen der vorigen Stimmen an; ich mute, sagte der Oheim.
    Pltzlich brach der Lektor atemlos herein, den Julienne abgeschickt, um
einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern. Graf! (stammelte er) ist etwas
geschehen? - Es mu߫ (versetzte der Oheim) in der Nhe etwas geben, der Dampf
zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen. Er klingelte und
befahl dem Bedienten, den Wirt zu befragen, wer so spt noch abfeuere. Albano
staunte und konnte scheidend nur sagen: Es sei! Aber frchtet den Wahnsinnigen,
den ich loskette! - Ach tuts nicht! sagte der Spanier und schien zu frchten.
    Augusti begleitete ihn auf die Gasse und lie ihn nur nach dem Ehrenworte
los, nicht wieder hinaufzugehen. Albano aber flog noch in der spten Nacht dem
Hause des Jammers und dem gekrnkten Herzen zu.

                                   135. Zykel


Kaum hatte Albano dem Irrhaus-Inspektor, einem jungen glatten roten Mnnchen,
seinen Namen, den dieser schon kannte, und sein Gesuch um Schoppes Freiheit samt
seiner Brgschaft fr ihn bekannt gemacht: so lchelte der Inspektor ungemein
vergngt ihn an und sagte: Still beobacht' ich seit Jahren das ganze Haus - die
kleinsten Zge hasch' ich fr ein knftiges philosophisches Publikum; und so
legt' ichs sehr ernsthaft auch auf Herrn Schoppen an. Aber nie, mein Herr Graf,
nie ertappt' ich ihn ber einem Zuge, der Tollheit versprochen htte; alle meine
englischen und deutschen Werke darber lieset er vielmehr und bespricht sich mit
mir ber die Heilanstalten in Irrenanstalten. Ein Fichtianer kann er sein (aus
seinem Ich schlie' ichs) und ein Humorist auch; ist nun aber eines von beiden
schon schwer von Verrckung zu trennen, wie viel mehr ihre Einigung! Mit welcher
Freude ber das Zusammentreffen unserer Beobachtungen ich Ihnen hier den
Schlssel zu seiner Stube gebe, das denken Sie sich selber! - Wenn er kein
Narr ist, (sagte seine Frau) warum zerschlgt er denn alle Spiegel? - Eben
darum, (versetzte der Inspektor) ist er aber einer, so ist dein Mann ein noch
grerer.
    Keine Tr ffnete Albano je beklommener als die zu Schoppens kleinem
Zimmerchen. Ich hole dich ab, mein Bruder, rief er sogleich, um sich und ihm
Schamrte zu ersparen; aber als er den alten Lwen nher sah, fand er ihn in
dieser Fanggrube ganz verwandelt, nicht zahm, kriechend, wedelnd, aber
entzweigeschlagen und mit zerbrochnen Tatzen auf die Erde gedrckt; - die
Anklage des Mords, die er rechtschaffen eingerumt, verbunden mit Gaspards
unbarmherziger Verurteilung, hatten seine stolze freie Brust mit giftiger Scham
gefllt und zerfressen. Es geht mir hier wohl, nur verspr' ich mich unpa߫,
sagte Schoppe mit glanzlosem Auge und tonloser Stimme. Albano konnte die Trnen
nicht verbergen, er schlang sich um den Kranken und sagte: Gromtiger Mensch,
du gabst mir einst in meiner Krankheit Genesung und Heil zurck, und ich wute
es nicht und dankte dir nicht; gehe mit mir, ich mu dich in der deinigen
pflegen, dich heilen und trsten, wie ich kann, dann reisen wir.
    Glaubst du, mein Kriton, (versetzte er, durch den Balsam seines wunden
Stolzes gestrkt) da ich etwan kein Sokrates bin, sondern wirklich herausgehe
aus meinem torre del filosofo? Ein Ehrenwort ist eine dicke Kette. - Erzhle
mir alles, verschone niemand; aber ich sage dir darauf eine Neuigkeit, an der
sogleich deine Kette schmilzt, sagte Albano.
    Ei! - Indessen ist der Ort hier seines Orts gut genug, wie gesagt ein torre
del filosofo, quai de Voltaire und Shakespeares-Street, und wie man sonst sagen
mag und soll - Auch hr' ich immer nachts einen oder den andern Mann neben mir
an sprechen; und so frcht' ich gar nicht, da der Ich kommt. Ich werfe tglich
fnf Brotkgelchen; bilden sie ein Kreuz, so bedeutet es - denke, was du willst
-, da ich mir noch nicht erscheine - Sie machen aber immer eines. Ich bin hier
in diesem Anticyra ber so manches Wahnbild so beruhigt worden - auch durch jene
Bcher - sieh sie an, lauter Traktate ber den Wahnsinn -, da ich, wenns auch
meinen Mordian211 ebensowenig ansteckt wie mich, gern hier gewesen sein will.
Mein Umgang ist freilich nicht ohne Gefahr, es ist das Inspektorats-Ehepaar (ein
Reim), die beide das hiesige Kerkerfieber tchtig weghaben. Der Mann hat sich -
und dadurch der Frau - die fixe Idee in den Kopf gesetzt, er sei unser zeitiger
Inspektor und habe aufzuhelfen, aufzusehen und treffliche Bcher zu lesen, die
in sein Amt einschlagen - jene Traktate sind vom Narren - Vermutlich hat er
drauen in der Stadt seine Inspektorats-Idee zu breit vorgucken lassen, und das
medizinische Kollegium steckte ihn mit seiner brauchbaren Idee herein, weil sie
am Ende doch jeder Inspektor zum Amtieren haben mu, er sei toll oder nicht.
Unter allen hier im Hause gefallen wir uns beide am meisten. Er sondierte mich
zu meinem Vorteil; und ich kann ihn sehr brauchen zur Freiheit, nur greif' ich
seinen faulen fixen Fleck nicht an. Blo einen Abendsegen - weil sie kein
Gebetbuch haben - improvisier' ich oft beiden vor und flechte in den Segen
Winke, die kurmig fr das Paar sein knnten, wenns wollte. So wandeln wir
beide in den Irrgngen dieses Irrgartens vor den Patienten vorbei - hinter ihm,
dem unheilbaren Hub von allen, geh' ich ganz tolerant - im Krnzchen herrscht
allgemeine Polemik und Skepsis wie in keinem andern Universittsgebude - - Es
ist zum Tollwerden, sagt er leise zu mir, es ist zum Tollsein, sagt man in
diesem Palais d'galit, versetz' ich - Ich schneide ihm die Patienten in
Schatten aus fr sein Manuskript - Wie die Kinder noch etwas haben, das ihnen
selber kindisch vorkommt, so haben die Tollen etwas, das ihnen selber toll
erscheint - Deutlicher aber werd' ich ihm nie und halte schrfern Spa an mich.
Ach was ist der Mensch, zumal ein gescheuter, und wie dnn sind seine Stecken
und Stbe! - - Rhrt dich etwas an mir, Albano? Etwan mein dummes blasses
Gesicht?
    Aber Albano konnt' es ihm unmglich gestehen, da dieser umgebrochene edle
Mensch mit seinen Tuschungen und sogar mit seinem Stile, dessen Flgel auch
gerdert waren, ihm die Trnen in die Augen treibe, sondern er sagte blo: Ach
ich denk' an vieles; aber erzhle doch endlich, Lieber! - Schoppe hatt' es aber
schon wieder vergessen, was er erzhlen sollte; Albano nannte den Ablauf der
Portrt-Geschichte bei der Grfin, und jener fing an:
    Die Prinzessin Julienne sprang eben in ihren Wagen, als ich das blinde
Mdchen die Treppen hinauffhrte, um sagen zu lassen, Bibliothekar Schoppe sei
aus Spanien da. Ich wurde in ein verfinstertes Gemach gelassen, worin ich ruhig
auf- und abging, auf Leute passend, bis die Grfin mich grte aus dem Dunkeln.
Die Finsternis (sagt' ich) ist mir bei dem Lichte, das ich zu geben habe,
erwnscht, nur mcht' ich lieber irisch oder lettisch oder spanisch sprechen,
weil ich nicht wei, wer mich behorcht. - Spanisch! sagte sie ernst. Ich
erzhlte ihr, ich htte deine Mutter gekannt und gemalt und so weiter und meinen
Namen ins Bildnis eingeschwrzt - lange darauf, neulich im Herbste, htt' ich
Sie selber auf hiesigem Marktplatz angetroffen und fr das Spiegelbild deiner
Mutter genommen, so hnlich sei sie ihrer eignen - Ich wei nicht, fuhr sie hier
mit hitzigem Stolz zwischen meine Narration, inwiefern Ihre Geheimnisse zu
meinen werden knnen - Dadurch, (sagt' ich ernst) da Sie mich nach Licht
klingeln lassen; denn ich halte das Portrt der Frau von Cesara und von Romeiro,
zweier Namen einer Person, hier in der Hand. Sie fate nichts, fragte nichts,
und ich sollte nicht klingeln. Ich bekannte ihr, da ich mich gentigt she, mit
der rhetorischen Schach-Figur mich zu decken, die man allgemein die Wiederholung
der Erzhlung nennte; und griff zur Figur. Aber sobald ich darin wieder auf
deinen Namen kam, sagte sie: ich htte vermutlich ganz aufgehobene Verhltnisse
im Sinne - nein, (sagt' ich) ein ewiges und hergestelltes hab' ich darin, auch
seinen Gru voll innigster Achtung mit. - Der Gru schien ihr empfindlich zu
fallen, gleichsam als halte man sie einer solchen Versicherung fr bedrftig,
und sie bat mich, dich lieber wegzulassen. Himmel! er ist Ihr Bruder, und hier
hab' ich das Portrt Ihrer Mutter aus Valencia gestohlen bei mir, und nur kein
Licht!
    Da wurde Licht gefodert. Als die Flamme die lange treffliche Gestalt in Gold
einfate, sagte ich geradezu bei mir selber: Sie war es so gut wert als der
Bruder, da man den langen Weg nach beider Stammbaum zog, denn sie ist nicht
ohne ihre Annehmlichkeiten - Albano, wr' ich ihr Bruder, wie du die Ehre hast,
mein Blut mte, wenn sie eine Gondel, aber keinen Paradiesesflu dazu htte,
fr sie schiffbar sein, ich trge sie auf den Hnden nicht nur, sondern wie ein
quilibrist auf Nase und Mund, die Leidliche! Kaum sah sie das Bild, so rief
sie: Mutter, Mutter! und fuhr immer ber die Augen, klagend, da sie jetzt noch
schlechter wren als sonst. Ich hob wieder das Schaben an und grub endlich vor
ihren Augen meinen ganzen Namen: Lwenskiold aus, sogar mit dem Beisatz, der mir
entfallen war: liebt sehr.
    Der Maler hie so? (fragte sie) Sie sinds? - Sie liebten sie auch? -
Schnheit ist eine Klippe, (versetzt' ich ernst) an der denn ein und der andere
Mann zu scheitern sucht, weil sie voll Perlen und Austern sitzt. Freundlich bat
sie mich um die deutlichste Wiederholung der Wiederholung, sie wolle besser
aufmerken; Hren und Denken werd' ihr jetzt so schwer als Leben. Albano, Ihr
httet mich mit mehr Vorkenntnissen zu ihr abschicken sollen. So aber wurd' ich
halb verwirrt und neblig, und als ihr unter meiner Schilderei der Langsee-Insel
etwas Nasses aus den Augen sprang, sank ich in den Tropfen hinein und ersoff
beinahe darin und wurd' erst spt von mir ins Leben gerieben. Endes meiner Rede
stand sie langsam auf, faltete die Hnde und betete mit Weinen, als wenn sie
dankte: O Gott, o Gott! du hast mich geschonet! - was ich doch nicht ganz
verstehe.
    Albano verstands wohl, da sie dem Schicksal fr die zufllige Versptung
Schoppens dankte, welche sie mit der kurzen, aber furchtbaren Verwandlung
Roquairols in einen Bruder verschonet hatte. Sie brach darauf in zu vielen Dank
gegen den Maler, Ruber und Lieferanten des gemalten Geburtsscheins aus. Wem das
Herz wie ein Arm eingeschlafen und schwer und fhllos zu bewegen ist, dem durch-
und berlufts das erwachende Glied sehr nrrisch, wenn ers regt: Weniger (sagt'
ich) konnt' ich nicht tun fr den Herrn Bruder; die Sonnenseite ist dann die
Mondseite. -
    Sie sprang auf deinen Vater ber und fragte, da er sogleich komme, ob sie
oder ob ich ihm diese Rtsel vorlegen sollte. Oder lieber beide! versetzt' ich
kaum, da trat er wild ein.
    Nun ist Gaspard freilich und entschieden dein dir und der Schwester
angeborner Vater - und kindliche Liebe gegen ihn ist dir nie zu verdenken; -
aber wenn ich zu dir sagen wollte, er sei kein Br, kein Nashorn, kein Wer- und
anderer Wolf, so tt ichs mehr aus seltener Politesse. Er schnaubte mir einen
guten Abend zu, ich ihm. Viele Menschen gleichen dem Glas, glatt und geschliffen
und stumpf, so lange als man sie nicht zerbricht, dann verflucht schneidend, und
jeder Splitter sticht. Die Sache wurd' ihm vorgehalten und das mitgebrachte
Gesichtsstck. Wrst du weitluftiger mit ihm verwandt, so lie' ich mich
heraus. Denn sein Gesicht wurde vom Nordschein des Grimms berzogen, aus den
Augen flogen mir gelbe Wespen zu, gerade Linien fuhren auf seiner Gewitterstirn
wie elektrische Spiee auf, besonders zwei steil rechte Unglckslinien. Aber wie
gesagt, bist du meines Wissens sein Sohn. Mein Freund, (donnert' er los) mit
welchem Rechte stehlet Ihr denn Gemlde? - Das sollte mir (versetzt' ich sanft)
schwer anzusagen fallen; aber ein Unvermgen hab' ich, einem ungerechten Truge
zuzuschauen, ich fahre drein. - Grfin, (sagt' er dampfend) in drei Minuten
sollen Sie diesen Herrn genau kennen. O nein, nein! Er brauchte ein anderes Wort
als Herr, aber ich greif' ihn einmal dafr an die Brust, und stnden wir auf den
hchsten Stufen des Gottes-Thrones und rngen im Glanz. - Schoppe! sagte
Albano. Erhitze mich nicht! versetzte Schoppe und fuhr fort:
    Er klingelte - ein Bedienter flog mit einer Karte - wir alle schwiegen -
Nachsicht, Grfin, (sagt' er) nur auf eine Minute lang! - Er gab ihr darauf
einige elende Hof-Novitten, sie aber blickte schweigend zur Erde. Da kam dein
langer Oheim, nickte 16mal mit dem kleinen Kopf, denn das hlt er fr eine
Verbeugung - und trat weit von mir weg. Bruder, sage blo, was hat dieser Herr
da hinter Valencia getan? - Umgebracht, umgebracht, sagt' er schnell. Unter
welchen Umstnden? fragte dein Vater. Hier fing er an, die kleinsten bei meinem
Notschu auf den Kahlkopf so unbegreiflich-scharf vorzulegen, da ich sagte: Das
ist wahr! - und selber fortfuhr und immer fragte: Nicht so? - und er hurtig
nickte - bis ich am Ende war, dann fragt' ich: Aber Spaniard, sagts bei Gott!
woher wisset Ihr es denn? - Von mir, antwortete eine fremde, dumpfe Stimme, ganz
wie des Kahlkopfs seine.
    Das Herz wurde mir kalt wie eine Hundsschnauze und die Zunge voll Stein. Als
convictus und confessus (fing dein Vater an) knnet Ihr Euch nun leicht Euer
Schicksal prophezeien. -
    Freilich, (murmelte der Oheim, packte sein Schnupftuch aus und ein, fate
das Gemlde an und legt' es weg) prophezeien, prophezeien. - Inzwischen (fuhr
dein Vater fort) bleibt es Euch freigestellt, ob Ihr bis zu nherer Untersuchung
statt des Gefngnisses, das Euch fr den Mord und Diebstahl gehrt, den
gelindern Ort, das Irrhaus, das Euch fr Euere Reise gebhrt, erwhlen wollt;
whlet Ihr nicht, so whl' ich. - Ins Tollhaus, ins Tollhaus, (rief ich) wahrer
Geselligkeit wegen, auf meine Ehre - Aber ich frage nach nichts, auf dem
Waschzettel meines Gewissens steht kein Mord - Brennt Ihr Euch nur wei und rein
- Euer Sonnen- und Ehrenwagen geht bis an den Radnagel in Kot - Grfin, lasset
Euch doch alles bestens aufklren und denkt unaufhrlich an mich, um einen Vater
zu bekommen, freilich dem Landesvater der Studenten gleich, der in einem Loch
durch den Hut besteht. - Tritt weiter weg, (sagte dein Vater zu deinem Oheim)
die Tollheit ist ausgebrochen. Da tat der Hase achtzehn Stze ber Schwellen und
Treppen hinber. Ich vollzog mein eignes Marsch- und Sitzreglement. Dein Vater
wedelte mir noch mit einem leckenden Flammenblick nach; ich lud Gift in mein
Auge und sah ihn unter der Tre davon niederstrzen. - Albano fuhr zusammen,
fragte nach dem Wie. Da schwieg Schoppe, sann lange und sagte betrbt: Das hat
mir wohl freilich nur getrumt, aber so meng' ich jetzt den Traum ins Wahre und
umgekehrt. Ich sollte mehr ber Schoppe gerhrt sein - er ist doch ein Greis,
und Greise weinen gleich dem Eulenspiegel, wenn es bergab geht. - Ich will
dich nun trsten, mein Freund,
    (sagte Albano mit zerrissener Brust) ich will einen Irrtum von deinem
treuen Herzen nehmen, und dann gehst du gewi mit mir; dieser Kahlkopf, unser
Sptter und Gaukler, ist nach dem heiligen Wort meiner Schwester eine und
dieselbe Person mit meinem Oheim und ist ein Bauchredner.
    Lange stand Schoppe wie tot, als hab' er nicht gehrt; pltzlich strzte er
mit aufblhendem Gesicht, mit funkelnden Augen auf die Knie und stammelte:
Himmel! Himmel! Verrcke mich! - Das Weitere tu ich - - Hier macht' er eine
bse abwrgende Bewegung mit den Hnden und sagte erstarkt: Ich kann dir
folgen.
    Jetzt konnt' er das wirklich, vorher aber kaum stehen. Und so fhrte Albano
den unglcklichen gereizten Freund betrbt in seine eigne Wohnung.

                                   136. Zykel


Albano wandte nun alles an, was Freundschaft im Vermgen hat, den edlen Kranken
wieder innerlich und uerlich aufzurichten und zu verjngen. Besonders suchte
er den Steg, worber alle seine Saiten gezogen waren und den der Ritter und sein
Bruder vor Linda umgerissen hatten, wieder aufzustellen, nmlich sein stolzes
Bewutsein, das an der grausamen Demtigung so sehr darniederlag. Wie nur reine
Bruder-Achtung und heiliges Anbeten einer gttlichen Reliquie einen wunden Stolz
sanft erwrmen und beleben kann, so versucht' es der biedere Albano. Allein ohne
Genugtuung am Spanier, dem Anstifter des Unheils und dem Verfhrer des Ritters,
laufe, wie Schoppe selber sagte, sein Rckgrat nie wieder steilrecht und sein
Rckenmark bleibe gebogen. Nur Albanos Duell mit dem Oheim war frisches Wasser
fr ihn; es mute ihm mehrmals erzhlt werden. Sein durstiger Wunsch war, so
gesund zu werden, als er zum Kriege mit dem Spanier brauchte, und dann als ein
Toller ihm die Beichte aller Streiche und Gauklereien auf einem Sterbebette,
worauf er ihn zu legen dachte, abzupressen: Dann (setzt' er jedesmal lchelnd
hinzu) kann es mir wohl egal sein, ob die Welt rund wird oder eckig, und nach
Frankreich ist mein erster Schritt.
    Albano mute dieses griechische Feuer des Zorns, das am Ende zur strkenden
Kur des durch Demtigung erfrornen Krpers wirkte, immer tiefer unter sich
brennen lassen, da jedes Lschen es nur nhrte; nur mut' er wachen, da er
keine freie einsame Minute bekme, um brennend zu entspringen und den Spanier
aufzusuchen. Albano wich Tag und Nacht nicht von seinem Kanapee-Lager, auch aus
andern Grnden. Denn war Schoppe einsam und sein Mordian schlief (den er niemals
weckte, weil der Hund, sagt' er, offenbar trume und da in idealischen Welten
fliege und schnuppere, wovon auf den Gassen der wirklichen kaum eine
Schatten-Spur zu wittern sei), war er also allein mit dem stillen Tier (denn
wacht' es, so hatt' er Gesellschaft genug) und sein Blick fiel zufllig auf
seine Beine oder Hnde: so fuhr seine kalte Furcht ber ihn her, da er sich
erscheinen und den Ich sehen knne. Der Spiegel mute verhangen werden, damit er
sich nicht fnde.
    Seine Nchte waren ohne Schlaf, aber die Trume gingen nackt und keck um
ihn. Albano opferte ihm leicht seine gesunden Nchte, konnt' aber doch nicht
alle Trume des Freundes, diese Gespenster, die sonst vor Lebendigen entfliegen
und einsinken, von dannen treiben. Sie schlichen und blickten in Winkel-Schatten
der Stube. - Einst gegen Mitternacht war Albano hinausgegangen und traf
wiederkommend ihn an, wie er eben mit einer Hand die andere fing und sagte: Wen
hab' ich da, Mensch? - O guter, bester Schoppe, (rief Albano halbzrnend)
solche grundlose Spiele! Ebensogut knnte ein Finger den andern fassen! - Ja
freilich, versetzt' er. Aber hre, (sagt' er leise und kauerte sich, bckte
den Kopf und wies mit dem rechten Zeigefinger ber die Nase hin in die Hhe) du
nanntest mich Schoppe - so hei' ich nicht, aber ich darf meinen Namen nicht
aussprechen, der Ich, der mich so lange sucht, hrts und fhrt her - Ein langer
Leichenstein liegt auf dem Namen. Schoppe oder Scioppius konnt' ich mich sehr
wohl nennen, weil mein vielnamiger Namensvetter und Namensvater (im Bayle steht
alles) sich selber bald so, bald so hie, bald Junipere d'Ancone, bald Denius,
Vargas, oder Grosippe, oder Krigsder, Sotelo, bald Hay. - Da der Mann noch
wirklicher Titular-Frst von Athen und Herzog von Theben war durch ottomanische
Kanzlei und Gnade, mu ich ganz zu vergessen scheinen, wenn ich
Malteser-Bibliothekar bleiben will. In der Tat trat ich sonst in Gasthfe noch
mit manchem Namen ein, der dem nachsetzenden Ich prchtig mitspielte und
vormachte, z.B. Lwenskiold, Leibgeber, Graul, Schoppe ohnehin, Mordian (den ich
meinem Hund schenkte), Sakramentierer und einmal Huleu - manche kann ich ganz
vergessen haben - Der wahre ist (sagte er scheu lispelnd) ein  oder S-s212 -
Gib mir eine dritte Hand her - Aus Totenkleidern wird der Name
herausgeschnitten, und ich liege darin schon unter dem Grabe. - Ich bin ich das
waren zwar des alten hbschen Swifts Endworte, der sonst wenig sagte in seiner
so langen Tollheit - Ich mcht' es aber nicht wagen, so bei mir zu sein - Nu,
getrost, die unendliche Weisheit hat alles geschaffen, auch Tollheit in Menge. -
Aber Gott gebe nur, da Gott selber niemals zu sich sagt: Ich! das Universum
zitterte auseinander, glaub' ich, denn Gott findet keine dritte Hand.
    Albano schauderte ber den Sinn des Unsinns - Schoppe schien Eis - dann warf
er sich pltzlich an die Bruder-Brust - beide sprachen nichts ber die Sache -
und Albano fing heitere Schilderungen vom glcklichen Hesperien an.
    So bracht' er pflegend, schonend, liebkosend, geduldig und einsam die Tage,
die er gern zu seiner Flucht aus Deutschland verwendet htte, mit dem kranken
Freunde zu; und liebte ihn immer heftiger, je mehr er fr ihn tat und ausstand.
Er wollt' es durchaus vom Schicksal nicht leiden, da eine solche Welt voll
Ideen ihrem Erdbrand und ein so freies Herz voll Redlichkeit dem letzten Schlage
nherkomme. Schoppe hatte in des Jnglings Herzen sogar noch ein greres Reich
als Dian; denn er nahm das Leben freier, tiefer, grer, mutiger; und wenn Dians
Lebensgesetz Schnheit war, so hie seines Freiheit, und er ging wie unser
Sonnensystem, nach dem Gestirne des Herkules zu.
    Aller Bitten ungeachtet nahm er keine Heilmittel vom Doktor Sphex; denn er
habe schon, sagt' er, sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus
anvertrauet, der Zeit. Er verstattete Sphexen gern, ein Rezept aufzusetzen, es
zu bringen, sah es willig durch, disputierte ber den Inhalt, merkte an, es sei
leichter, ein Gesundheitsrat zu sein als einen Gesundheitsrat zu! geben, und er
sehe wohl, da er seinen Zustand treffe, weil er ihn schwchend behandle, was
bei Wahnsinnigen das erste sei;! aber er setzte dazu, er begehre eben keine
Vernunft, sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein
Paar gefllte Arme zum Zuschlagen, und brigens sei er ihm gram, weil er Hunde
zerschneide. Auch Albano nahm zuletzt an, habe Schoppe nur Muskelkrfte zu einer
geselligen Reise mit ihm wiedergewonnen, so fliehe der Wahnsinns-Traum, worein
ihn die ungesellige gewiegt, leicht von selber hinweg.
    Immer fuhr er den Arzt am meisten an. Einst sagte dieser: Folgen Sie, wenn
nicht mir, doch Ihrem zweiten Ich und zeigte auf Albano. Zum Teufel,
(versetzt' er) mein zweites Ich, das mget ihr selber sein - ich scheue mich
genug davor - aber der da ist gewi, das verhoff' ich, kaum mein sechstes,
zwanzigstes oder dergleichen Ich.
    Indes blieb Sphex bei der Meinung, seine sthenische Schlaflosigkeit, die
wechselnd die Tochter und die Mutter seiner Fieberbilder, zumal des Kahlkopfs
sei, versperre die Kur und msse schwchend bezwungen werden. Als einstmals
Dian, der seinen Freund Albano oft besuchte, dies vernahm, fragte er, warum man
ihn nicht geradezu mit der Nachricht, der Spanier sei aus Furcht vor ihm
abgereiset, etwan nach Frankreich, tuschen und heilen wolle. Albano versetzte:
Wahrlich ich wollt' es gern sagen, aber ich kanns nicht, ich knnte ebensogut
Gott oder mir eine Lge sagen wollen. - Einbildungen! (sagte Dian) ich sag's
ihm selber. - Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe,
versetzte Schoppe auf die offizinelle Rezept-Lge. Als Dian fortgegangen war,
fragt' er Albano: Sitz' ich jetzt nicht viel khler und eisiger da? Und zwar
seit der Kahlkopf in Frankreich ist, bin ich fast so ein neuer Mensch. Freilich
lg' ich, aber Dian log frher.
    Endlich entschlo sich der Arzt, ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein
Getrnk zu mischen. Albano erlaubt' es. Schoppe bekam ihn; glhte und
phantasierte einige Minuten lang, endlich stieg der Nebel des Schlafs und
berdeckte bald den Kranken.
    Albano besuchte da nach langer Zeit das Grn der Erde und das Blau des
Himmels wieder und seinen Dian in Lilar. Wie viel war seitdem verndert,
durcheinander, bereinander gestrzt! Wie viele Bltter waren wieder Knospen
geworden! Und mancher Schaum des Lebens, der wei und zart und leicht ihn sonst
erfreuet hatte, erkltete jetzt als graues, schweres Wasser seine Brust, und er
hatte auer seinen Lebensmut fast wenig behalten. Bei Dian hrt' er von neuen
Vernderungen, von des Frsten nahem Sterben, von Idoinens nahem Kommen zur
Schwester vor der Trauer. Wie wunderbar-verstrt schlug seine Seele aus ihrem
Winter-Schlafe in den warmen Sonnenschein, den dieses Ebenbild Lianens um sein
Leben legte, die Augen auf! - In mancher stillen Nacht neben Schoppens
Geister-Lager war ihm schon, seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung
dieses Friedensengels ohne den Schleier sehen lassen, die vorige Zeit und Liebe
wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangen, und in dem Helldunkel der von
Schlaf entkleideten Trume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne, ferne Insel
- hinter sich oder vor sich, wut' er nicht -, wo eine weie abgewandte Gestalt
Lianen gleich oder hnlich schwebte und als Nachhall sang - Jetzt dicht nach dem
Sterbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane. Wr' es
mglich, da die berirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus
dessen unabsehlichen Fernen heraustrte wieder in den irdischen Luftzug und nach
der Verklrung wieder verkrpert hier ginge?
    Aber die Freundschaft foderte Raum fr ihre Schmerzen, und diese
Wolken-Bilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgestrzt. Er war nicht
imstande, so sehr ers auch wnschte, von Schoppe eine Beschreibung jener
Heilungs-Nacht zu fodern, ja nur zu leiden, worin Idoine Liane gewesen; und doch
war diese Gestalt der einzige lebendig-spielende Juwel im Totenring an dem
Skelett der harten Zeit, das vor ihm stand. Welche Tage! Was ihm die Grber
nicht wegschlangen, hatte die Erde dahin- genommen, und Gaspard, sonst sein
hoher Vater auf einem reinen! Thron des Himmels, war nun seiner Phantasie mit
frchterlichen Hllen-Krften und Waffen nach unten erschienen, auf einem Throne
des Abgrunds sitzend.
    Desto milder umflo ihn nun, als er in Dians Hause war, die stillere
Gegenwart, der Gedanke des ruhenden Freundes, der Anblick des nahen
Traum-Tempels, wo Liane einmal Idoine gewesen, und die Verkndigung, da das
Ebenbild der Geliebten nahe. Er malte sich den sen und bittern Schrecken ihrer
Erscheinung vor ihm; denn wie in dem Strome die hinbergebogne Blume nicht nur
ihr Bild, auch ihren Schatten entwirft, so ist sie Lianens schnes Bild und
Schatten zugleich - und in der Lebendigen wrde ihm eine Verlorne und eine
Verklrte zugleich erscheinen.
    Unter diesem trumerischen Helldunkel und Abendrot, aus Vergangenheit und
Zukunft zusammengeflossen, kam er in sein Haus zurck. Ein scharfer Blitzstrahl
schlug wei ber das trumerische Rot: sein Schoppe war nach wenigen Minuten des
Zwangschlafs wild aufgefahren und wahnsinnig entsprungen, niemand wute wohin.
Der Arzt kam und sagte entscheidend, entweder hab' er sich ins Wasser gestrzt
oder jeden andern, er sei wild dahingerannt und habe noch seinen Stockdegen
mitgenommen.

                         Vierunddreiigste Jobelperiode


 Schoppes Entdeckungen - Liane - die Kreuzkapelle - Schoppe und der Ich und der
                                     Oheim


                                   137. Zykel

Da Schoppe seinen groen Degenstock mitgenommen: so vermutete Albano, da er als
Wrgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gasthof des Oheims. Ein
Bedienter sagte ihm, ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und
habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn auf des letztern Befehl ins Schlo
geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset, um dem
starken Bruder entgegenzugehen. Albano fragte: Wer ist der starke Bruder? -
Dero Herr Vater, versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schlo. Hier war
laufende Verwirrung um das Krankenbette des Frsten, der es bald mit dem
Paradebette zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer konnt'
ihm sagen, er habe einen Rotmantel ins groe Spiegelzimmer gehen sehen. Albano
trat hinein, es war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein groer Spiegel lag auf
der Erde, eine Tapetentr darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Rder und
weibliche Kleidungsstcke waren um einen wchsernen alten Kopf verstreuet. Ihm
war, als seh' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sichs doch nicht
nennen. Pltzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen
Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt und dem wchsernen Kopfe
hnlich. Er blickte sich um, ein erhobner Spiegel Zylinder schlo ihm gleichsam
die Zeit auf, und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter.
    Schaudernd verlie er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Juliennens
stie ihm auf, sie konnte ihm sagen, da sie den Schatten-Schneider im roten
Mantel mit einem Perspektive in der Hand ber den Schlohof habe hinausgehen
sehen. Er eilte nach, da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte
des Frsten, ihn noch einmal zu besuchen; jetzt unmglich, ich mu erst den
wahnsinnigen Schoppe wieder haben, versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der
Freund; auch nahm er den Frsten nur fr die Maske seiner sprechschtigen
Schwester. Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbhl, sagte der Lektor. Er flog
davon. Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache besttigt.
    Auf der Blumenbhler Strae begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener,
der zum Frsten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit
ihm, da er vor einem einzelnen Hause, einer kranken alten Beichttochter wegen,
eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernnftig, nur
lter und zurckhaltender als gewhnlich gefunden. Auf die Frage nach seinem
Wege versetzte der Hofprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmglich,
aber Speners Leute besttigten es vom Grnrock. Albano sprach von einem roten
Mantel, alle und Spener blieben bei dem grnen Rock.
    Er kehrte wieder um in sein eignes Haus, wo vielleicht ihn selber, dacht'
er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz,
sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti hab' ihn eben gesucht,
und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen
grnen Rock. Es war die Strae nach dem Prinzengarten, die er nach Albanos
Vermutung gewi genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Drauen
wurde sie durch Falterle besttigt, welcher erzhlte, er habe bei dem Austritt
ihn eingeholt und sogleich befragt: Wohin so eilig, Herr Bibliothekar?; darauf
sei er still gestanden, hab' ihn ernsthaft angesehen und die Antwort gegeben:
Wer sind Sie? Sie irren sich und sei fortgegangen. Albano fragte nach der
Kleidung; in grner, versetzte Falterle. Jetzt war sein Weg entschieden. Der
mige Reiter konnte sogar bekrftigen, da der Oheim frher denselben genommen.
    Spt abends kam Albano im Prinzengarten an. Er sah einige Wagen an dem Hofe
des kleinen Gartenschlosses. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm
sagen konnten, Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn
von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren.
An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wrter, dachte
Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher qulte, war weggezogen, obgleich der
Himmel noch trbe blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser
Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und
dem Lustschlo aus. Fern vorbergehend, wagt' er es, einen traurigen Blick auf
die Schlummerinsel zu werfen, wo Roquairols Grabhgel, wie ein ausgebrannter
Vulkan, neben der weien Sphinx zu sehen war. Still liegt endlich das unbndige
Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem Grabe schlo sich der
Janustempel deines Lebens zu, du gequlter und qulender Geist, dachte Albano
voll Mitleiden, denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem
Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche,
liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetmmel des Lebens, sie der ewige
Friede, wie er der ewige Krieg. Er beschlo, hinaufzugehen und allein oben bei
der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet
aufzusuchen, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Strmen zugedeckt. Da
er den Vorsatz nur dachte, so drangen Trnenstrme wie Schmerzen aus seinen
Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn trumerisch
aufgelset und so manches Unglck in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schne
feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben
hatte.
    Als er in der noch mondlosen, aber sternenreichen Dmmerung, worin nur der
Abendstern der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hgel
hinaufging: sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig
winken, als wollten sie ihm den Gang verbieten. Er ging unbekmmert weiter, ja
er wute nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen glhendes und von Lebens-Sten
erschttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern
lasse.
    Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen
Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die
stillen Blumen wie Kinder ber der Ruhenden spielten und sich neigten und
wiegten. Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen ber
die kleine Erdenstelle her, ber den geheiligten Ort, wo sich Lianens Hlle, das
kleine Licht- und Rosenwlkchen, niedergesenkt, als es den Engel nicht mehr zu
tragen hatte, der in den ther gegangen war und aller Wolken nicht mehr
bedurfte. Pltzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weie Gestalt an
die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendrte gewandt; lange
schauete er an der seitwrts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende
Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewut neben ihm
gestanden - noch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen
Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' es vor,
und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniend, wie
vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklrung und Gottheit,
und aufgerissen aus den Erden-Tlern, rief er aus: Erscheinung, kommst du von
Gott, bist du Liane?, und ihm war, als sterb' er.
    Schnell blickte die weie Gestalt sich um und sah den Jngling, sie stand
langsam auf und sagte: Ich heie Idoine, ich bin unschuldig an der harten
Tuschung, sehr unglcklicher Jngling. - Da bedeckte er seine Augen, aus
schnellem Schmerz ber die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf
sah er die schne Jungfrau wieder an, und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer
verklrten hnlichkeit mit der Toten; so lchelte sonst Lianens zarter Mund im
Lieben und Trauern, so ffnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr feines Haar um
das blendend-weie, gefllige Angesicht, so war ihr ganzes schnes Gemt und
Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt - Nur stand Idoine grer da, wie eine
Auferstandene, stolzer und lnger ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender
die jungfruliche Stirn. Sie konnte, da er sie so schweigend und vergleichend
anblickte, sich der Rhrung ber den getuschten Unglcklichen nicht erwehren,
und sie weinte, und er auch.
    Betrb' ich Sie auch? sagte er in hchster Bewegung. Mit dem Sprachtone
der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Idoine: Ich weine nur,
da ich nicht Liane bin. Schnell setzte sie hinzu: Ach diese Stelle ist so
heilig, und doch ists der Mensch nicht genug. - Er verstand ihre Selbst-Rge
nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemchtigten sich seiner,
das Leben stand glnzend aus der engen, bangen Wirklichkeit auf, wie aus einem
Sarg, der Himmel sank nher herzu mit hohen Sternen, und beide standen mitten
unter ihnen. Edle Frstin, (sagt' er) hier entschuldigen wir uns beide nicht
- Die heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremd sein weg - Idoine,
ich wei es, da Sie mir einst den Frieden gegeben; und vor der verborgnen Hlle
des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier.
    Idoine antwortete: Ich tat es, ohne Sie zu kennen, und darum konnt' ich mir
den kurzen Gebrauch oder Mibrauch einer entfliehenden hnlichkeit erlauben.
Htt' es von mir abgehangen, so htt' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden,
wie eine uere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr An
denken und Ihre Trauer. Man schrieb mir, Sie wren nicht mehr in Lindenstadt. -
Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. In einigen Tagen (antwortete er)
werd' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes
und der Wste, der mein Leben stille macht. - Ernste Ttigkeit, glauben Sie
mir, shnet zuletzt immer mit dem Leben aus, sagte Idoine, aber die ruhigen
Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen, denn durch Hlfe ihrer
Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge
bekommen, und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen.
    Er sah sie hier scharf an, ihre Nonnen-Augenlider, die immer unter dem
Sprechen sich ber die ganzen groen Augen nieder senkten, machten sie einer
entschlummerten Heiligen so hnlich; - er wurde von ihren letzten Worten an ihr
fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Bltenstaub ihrer Ideen
und Trume, ungleich dem schweren toten Goldstaub des bloen Reichtums, leicht
im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Wlder und Grten
auf der Erde ausbreitete - alles in ihm liebte sie und rief: nur sie knnte
deine letzte wie deine erste Liebe sein - und sein ganzes Herz, durch Wunden
offen, war der stillen Seele aufgetan. Aber ein ernster, harter Geist schlo es
wieder zu: Unglcklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Wrgengel geht
hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich drckst,
diese berhrt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann
vergeht oder verblutet sie.
    Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen; denn Idoine
hatte das Gelbde getan, nie unter ihrem Frstenstande die Hand zum Bunde der
Liebe zu reichen. So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel,
eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde getrennt. Sie beschleunigte ihre
Entfernung. Albano hielt es nicht fr recht, sie zu begleiten, da er jetzt
erriet, da die graugekleideten Menschen, die ihn zurckgewinket, ihre Bedienten
gewesen, ihr die Einsamkeit zusichern sollen. Sie reichte ihm an der Gartentre
die Hand und sagte: Leben Sie glcklicher, lieber Graf; einst hoff' ich Sie so
glcklich wiederzufinden, als Sie sich machen sollen. Die Berhrung der Hand
wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchstrmte ihn mit einem
verklrten Feuer jener Welt, wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben, und
die hohe, Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; - er konnte nicht
sagen, was er in sich besiege und bedecke, aber auch kein anderes kaltes
verkleidetes Wort; - er kniete nieder, drckte ihre Hand an die Brust, sah
weinend an den Sternenhimmel und sagte blo: Frieden, Allgtiger! - Idoine
wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den
kleinen Hgel in den Prinzengarten hinunter.
    Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht
fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hgel war es dunkel, die
Abendrte und der Abendstern waren untergegangen, die Erde wurde ein Rauch und
Schutt der Nacht, am Horizont bauete ein Trauergerst von Wolken sich auf. Aber
in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsternis
des Herzens. Und als er den Leucht-Atom anschauete, breitete er sich aus, wurde
ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' er es, es war die
rechte unendliche und gttliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil
sie nur ein Glck kennt, aber nicht das eigne.
    Er war erfreuet ber das berhllen seiner Brust und ber seinen Entschlu,
sie nicht wiederzusehen in der Stadt. So still (sagt' er halb betend, halb
sprechend) will ich sie ewig lieben ihre Ruhe, ihr Glck, ihr schnes Streben
bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer
Himmels-Schwester - Aber wenn die Schlacht fr das Recht anfngt und die Tne
neben den Fahnen in die Hhe wehen und das Herz eifriger schlgt, um strker zu
bluten, dann ziehe dein Bild, o Idoine, mir im Himmel voran, und ich streite fr
dich; und wenn im Getmmel ein unbekannter Wrgengel die giftige Schneide ber
die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich festhalten, bis mir die
Erde vergeht.
    Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des
jungfrulichen Herzens, er fhlte, Liane allein drf' es wissen, und sie werd'
ihn segnen.

                                   138. Zykel


Albano konnte in einer Gegend, in welcher die einzelnen Sulen und Bogen des
zerstrten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen, keine Nacht zubringen:
sondern er begab sich traurig-trumend auf den Weg zur Stadt. Unterwegs fand er
den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd, der ihn suchte. Herr Sohn, (sagt'
er) es sind mir von deinem intimen Freunde, Herrn Schoppe, die wichtigsten
Sachen zu Hnden gestellt worden, die ich nur in deine eignen wieder
auszuhndigen habe, was ich denn hiemit eilig tue. Denn Mue hab' ich bei Gott
wenig, der Frst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck, weil jemand
sagte, sein alter Vater, der ihm zum Todes-Anzeichen soll zum zweitenmal zu
erscheinen versprochen haben, sei im Spiegelzimmer zu sehen, was aber nur, hr'
ich, was von Wachs gewesen. Es sind die Sachen, die ich auszuliefern habe,
erstlich ein Perspektiv, womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst
(ich bediene mich mit Flei Herrn Schoppens eigner Ausdrcke), zweitens ein
geschriebenes Paket, adressiert an Albano, erzogen bei Wehrfritz, das noch halb
in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt, und drittens dein Portrt.
Das Portrt stellte Albano im jetzigen Alter dar, fand man - so viel die Sterne
zu sehen gnnten -, indes er sich doch nie malen lassen. Die schwarze
Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf
Isola bella213 vor die Seele: ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche
Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben, wo er die
schwarze Stufe, und vorher einen zeigen, wo er das Perspektiv zu finden habe,
dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges
kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes
kenntliches machen werde.
    Albano tat ngstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der
seltsamen Fracht. Mit Herrn Schoppe geht es gut genug, (antwortete Wehrfritz)
er mu hier in der Nhe sein mit einem fremden Herrn. Albano fragte nach
seiner Kleidung; diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grnen zur
roten. Kaum hatte Wehrfritz die wunderbare Geschichte, wie Schoppe jene
Wunderdinge berkam, zu geben angefangen: so unterbrach Albano, der daraus die
Auflsung der vterlichen Prophezeiung abnahm, vor Erwartung den Bericht mit der
Bitte, ihn zu der nahen Kreuzkapelle zu begleiten, um welche mehrere Laternen
standen. Er hatte beide Medaillons immer bei sich und war jetzt so begierig, das
Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen, so wie das Papier zu
lesen.
    Bei der uersten Laterne hielten sie, Albano nahm das Medaillon der
veralteten Gestalt hervor, worunter stand: Nous nous verrons un jour, mon frre,
er besah es durch das Okularglas: siehe, das alte Gesicht war das junge seiner
Julienne. Vertrauend und ungestm hielt er das altmachende Glas ans junge Bild,
worunter stand: Nous ne nous verrons jamais, mon fils, - ein freundliches, aus
einem langen Leben herberlchelndes altes Gesicht erschien, dessen erblicktes
Urbild ihm in einer tiefen, dunkeln Erinnerung lag, aber namenlos; von Lindas
Mutter hatt' es indes keinen Zug.
    Auf einmal hrt' er eine bekannte Stimme: Ecco ecco! - Mein Neveu, mein
Herr! Es war Albanos Oheim, der den schwarzgekleideten, wehklagenden Schoppe zu
ziehen schien und weinerlich den Neffen anredete: Ach, Neveu! O ich sage die
Wahrheit, nur Wahrheit pour jamais. Er sah lachend aus und glaubte zu weinen.
Der Schwarzrock trat nher, wurde ein Grnrock und sagte: Herr Graf, tuschen
Sie sich keine Minute, unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen
Verlust. - Mein Schoppe, (sagte Albano erschttert) kennst du mich nicht
mehr? - O wr' ich es jetzt! Ich heie Siebenks, versetzte der Grnrock und
hob jammernd die Hnde in die Hhe. Er liegt aber da in der Kapelle, (sagte
der Spanier) ich will alles so wahrhaftig erzhlen, da es schn ist. Ich
glaube nicht, da der Finstere kommt. - Albano warf einen Blick in die Kapelle,
und mit einem Schrei des Schmerzens strzt' er darnieder.

                                   139. Zykel


Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzens und des Oheims Aussagen diese: er war
aus dem Notschlummer glhend aufgefahren, auf dem schnaubenden Streitro der
Rachsucht gegen den Spanier wurd' er fortgerissen. Im Gasthofe des letztern wies
ihn der Bediente mit einer Lge nach dem Schlosse. Hier gelangt' er, im
verworrenen Getmmel um den leidenden Frsten, ungefragt, ungesehen in das
Spiegelzimmer, wo er einmal die Grfin Linda um Idoinens Friedenswort fr den
wahnsinnigen Freund gebeten hatte. Als der Zylinder-Spiegel, der die langen
Jahre des Alters auf das junge Gesicht grbt und Moos und Schutt der Zeit darauf
schttet, ihm sein Bild vermooset und verraset entgegen warf, sagt' er: Ho ho,
der alte Ich steckt wo in der Nhe und schauete grimmig umher.
    Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein Ichs-Volk blicken. Er sprang auf
einen Stuhl, um einen langen Spiegel loszumachen. Indem er den Nagel desselben
rckte, schlug in der Wand eine Uhr zwlfmal. Hier fiel ihm die Weissagung
Gaspards ein, die sein Freund ihm anvertrauet hatte, und alle Regeln, die diesem
zur Lsung der Rtsel vorgeschrieben waren. In der Weissagung war zwar die Rede
von einem Bilderkabinette, aber ein Spiegelzimmer ist auch eines, nur flssiger
und tiefer hinter der Wand.
    Er nahm (folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln) den Spiegel herab - fand
und ffnete die Tapetentr in der Gre des Spiegels - die hlzerne weibliche
Gestalt mit dem offnen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten sa
darhinter - er drckte (nach der Vorschrift) den Ring am linken Mittelfinger -
die Gestalt stand, innen rollend, auf - trat in das Zimmer hinaus - hielt an der
entgegengesetzten Wand still, zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine
Linie herab, er zog die Wandleiste auf - das Perspektiv und der wchserne
Abdruck des Sargschlssels lagen in einem Fach darhinter - Jetzt drckt' er den
Ringfinger, die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb: Sohn, gehe
in die Frstengruft in der Blumenbhler Kirche und ffne den Sarg der Frstin
Eleonore, so findest du die schwarze Stufe.
    Wenn das geschehen, hatte der Ritter zu Albano gesagt, und die Marmorstufe
doch nicht im Sarge gefunden sei: so soll' er den dritten Ring am Ohrfinger
drcken, worauf etwas geschehe, was er selber nicht vorauswisse. Schoppe
versuchte vorher, eh' er in die Blumenbhler Kirche ging, den Druck dieses
Fingers - die Figur blieb stehen - aber innen fing es zu rollen an - die Arme
dehnten sich aus und fielen ab - Rder rollten heraus - endlich zerlegte sich
die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord, und ein alter Kopf von
Wachs erschien.
    Hier ging Schoppe davon, um nach Blumenbhl zu laufen und aus der Gruft die
Leuchte fr dieses Nachtstck zu holen. Eben waren mittags Kirche und Gruft -
vielleicht weil man dem neuen sterbenden Hhlen-Gast Raum vorbereitete - offen
gelassen. Ohne erst den wchsernen Schlssel in einen eisernen zu verwandeln,
erbrach er ungestm mit einem Arbeitseisen den Sarg und holte die Marmorstufe
und Albanos Portrt schnell heraus. Er zerschlug jene hinter einem Busch. Als er
die Aufschrift las, untersucht' er nicht weiter; er eilte in Albanos Haus, um
alles zu bergeben. Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst. Indes traf er
den rechtschaffenen Wehrfritz an, durch welchen allein er eine so wichtige Beute
abschicken konnte; er selber war jetzt dem Todfeinde, dem Spanier, auf der Spur,
und keine Gewalt konnt' ihn aus der zornigen Jagdbahn treiben.
    Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier, der aus dem
Prinzengarten, dem Ebenbilde Siebenks entfliehend, ihm in die Hnde gelaufen
kam - Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick, rief: Herr und Gott, seid Ihr
hinter mir und vor mir? seid Ihr rot und grn? - und strzte seitwrts in die
alte Kreuzkapelle hinein, um die heilige Jungfrau kniend anzurufen. Schoppe
spannte seine Kontursschwingen aus, scho hinzu und schlug sie vor der Kapelle
zusammen: Dreh dich um, Spaniard, ich fresse dich von vorne, sagte er.
Heilige Mutter Gottes, hilf mir - guter bser Geist, steh mir bei, o
Finsterer! betete der Kahlkopf. - Rutsche herum, Spitzbube, ohne weitern
Spa! sagte Schoppe, indem er mit dem gezognen Stockdegen in der Luft von
hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb. Er drehte sich elend auf den
Knien herum, und der Kopf hing schlaff vom Halse herab. Schoppe fing an: Nun
hab' ich dich, Missetter, du betest mich ohne Nutzen auf den Knien an - ich
habe das Richtschwert - toll bin ich auch - in wenigen Minuten, wenn wir uns
ausgesprochen haben, stech' ich gegenwrtigen Stockdegen in dich - denn ich bin
ein Toller voll fixer Ideen. - Ach Herr, (versetzte der Kahlkopf) Ihr seid
gewi sehr verstndig und bei Verstand und bei sich, ich bitte zu leben, es ist
so groe Todsnde, das Totmachen. - Schoppe versetzte: Von meinem Verstande
ein andermal! In effigie hab' ich dich schon erschossen, nun will ich die
Todsnde und den Gewissensbi nicht umsonst herumtragen, sondern mich in natura
dazutun, du Seelen-Henker, du Herz-Trepan!
    Schoppe, Schoppe! rief es jetzt einigemal von fernen mit Albanos Stimme.
Er sah sich schnell um, nichts war zu sehen. Guter Schoppe, (fuhr es fort)
lasse meinen Oheim gehen! Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum
Stich: Du gar zu versteinerter Bauchredner! Sollte man nicht gleich ins Zeug
hineinstechen wie in ein blessiertes Pferd? Siehst du denn nicht den hllischen
verdammten Mord und Totschlag vor der Nase, deinen Pestwagen schon angespannt,
das ausgepolsterte Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die
Sense heben? Beichte, Spaniard, um Jesus willen, beichte, Fliege, eh' ich
spiee, steche! Etwas prkavierst du dich doch damit vor den Teufeln in der
Hlle; bist sonst drben ein ganz ruinierter Mann.
    Wo sitzt der Pater? Ich beichte ja wohl, sagte der Spanier.
    Hier steht dein Galgenpater, schau die Schur, sagte Schoppe, vom gebckten
tonsurierten Kopf den Hut abschttelnd.
    Hrt meine Beichte! - Aber nachts leidet es der Finstere nicht, da ich die
Wahrheit sage - er kommt gewi, er holt mich, Vater, ruchert mich, wssert mich
ein gegen den Teufel.
    Stief-Beichtsohn und Dieb, bin ich dir nicht Beichtpaters und Beichtvaters
genug, der dich schon einwssern wird? Sage nur, Hund, alles, ich absolviere
dich und schlage dich dann tot zur Pnitenz. - Sage an, du Krnungsmnze des
Teufels, bist du nicht der Kahlkopf und der Vater des Todes und der Mnch
zugleich, dessen Figur voll Gas in Mola gen Himmel fuhr, und hattest
Bauchrednerei und Wachsbilderei und einige Spitzbberei bei der Hand?
    Ja, Vater, Bauchrednerie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben. Aber der
bse Geist war berall dabei, ich sagte oft nichts, und es wurde doch gesagt,
und die Gestalten liefen.
    Mordian, (sagte Schoppe, darber ergrimmt) fa den Hund! - Noch lgst du,
du Kloak ins Paradies gegraben, noch ins Ohr der groen Parze hinein, du
mimische Mumie, dein Totenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Lge? O
Gott, was sind deine Menschen!
    O Pater, nicht Lgen! Aber der Finstere will sie nachts, ich habe einen
Bund mit ihm angestiftet - Ich hab' ihn heute abends gesehen, er sah wie Ihr aus
und grn - O Maria, o Pater, ich habe die Wahrheit gesagt, dort kommt er grn o
Pater, o Maria, und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand - -
    Niemand hat meine Gestalt (sagte Schoppe erschttert) als der Ich.
    O umguck! Der bse Geist kommt zu mir - absolviere stich - ich will
wegsterben!
    Schoppe schauete sich endlich um. Der schreitende Abgu seiner Gestalt
bewegte sich her - das Feuerauge in der Hand stieg in das Gesicht - die
Ichs-Larve war grn gekleidet - Bser Geist, ich bin doch in der Ohrenbeichte,
du kannst nicht her, ich bin heilig, rief der Spanier und fate Schoppen. Ihn
fate der Hund. Schoppe starrte die grne Gestalt an - der Degen entfiel ihm.
Mein Schoppe, (rief sie) ich suche dich, kennst du mich nicht?
    Lange genug! Du bist der alte Ich - nur her mit deinem Gesicht an meins und
mache das dumme Sein kalt, rief Schoppe mit letzter Mannes-Kraft. Ich bin
Siebenks, sagte das Ebenbild zrtlich und trat ganz nahe. - Ich auch, Ich
gleich Ich, sagt' er noch leise, aber dann brach der berwltigte Mensch
zusammen, und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes, stilles Lftchen.
Mit wei werdendem Gesicht, krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend,
strzte er um, die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken, und die
Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen, das sie nicht sagten - Sein
Freund Siebenks, der nichts erraten konnte, hob weinend die kalte,
festgeschlossene Hand an sein Herz, an seinen Mund und rief: Bruder, blick auf,
dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot,
er sagt dir tausend Lebewohl, Lebewohl!
    Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch
se Tne der alten lieben Zeit und heitere Trume der ewigen Liebe zu fhren -
der Mund fing ein kleines Lcheln an, von Lust und Tod zugleich gezogen - die
breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer - es war der
letzte des Lebens, und lchelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurck.
    Nun hast du hienieden geendigt, strenger, fester Geist, und in das letzte
Abend-Gewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte, spielende Sonne und
fllte es mit Rosen und Gold. Die Erdkugel und alles Irdische, woraus die
flchtigen Welten sich formen, war dir ja viel zu klein und leicht. Denn etwas
Hheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen
Sterblichen, nicht einen Unsterblichen, sondern den Ewigen, den All-Ersten, den
Gott. - - Das hiesige Scheinen war dir so gleichgltig, das bse wie das gute.
Nun ruhst du im rechten Sein, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwle
Lebens-Wolke weg gezogen, und das ewige Licht steht unbedeckt, das du so lange
suchtest; und du, sein Strahl, wohnst wieder im Feuer.

                         Fnfunddreiigste Jobelperiode


Siebenks - Beichte des Oheims - Brief von Albanos Mutter - das Kron - Rennen -
                     Echo und Schwanengesang der Geschichte


                                   140. Zykel

Lange lag Albano im einsamen finstern Abgrund, bis endlich Licht die Schlucht
und die grne Hhe erleuchtete, von welcher er herunterstrzte. Das sonst
lebensfrbige mnnliche Gesicht des Freundes lag wei vor ihm, der rote Mantel
erhhte noch den Leichenschnee. Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust, als
woll' er sie wrmen und schtzen. Als Albano den nackten Degen sah: blickte er
im Kreise umher, schauderte vor dem kalten Oheim, vor dem lebendigen Bruderbild
des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte
leise: Wie starb er? - Durch mich, (sagte Siebenks) an unserer
hnlichkeit, er glaubte sich zu sehen, wie dieser Herr hier versichert. Der
Oheim erzhlte einige Punkte, Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab; aber in den
warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt' er den Blick, dem das
Tageslicht der Freundschaft untergegangen war. Siebenks schien sich in einer
seltenen mnnlichen Haltung zu behaupten. Auch Albano, der jngere Freund,
verbarg seinen Jammer, da er so viel verloren und da nun sein Waisen-Herz
ausgesetzt sei wie ein hlfloses Kind in die Wste des Lebens.
    Wehrfritz fragte ihn, ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch
schicken solle. Mir? Ich jemals mehr in die Stadt? (fragte Albano) Nein,
guter Vater, ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten. Er entsetzte
sich vor der bloen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt, wo einmal ein
goldner Sonnenschein und Laubengnge und Himmelspforten voll Blumengewinde fr
ihn geblhet hatten. O der junge Honig der Liebe, der alte Wein der
Freundschaft, beide waren ja vom Schicksal in Grber gegossen! -
    Der Tote wurde in das neue Schlo des Prinzengartens gebracht. Nur Albano
und Siebenks folgten ihm nach. Als sie allein waren, sah Albano erst, da der
Freund seines Freundes bebe und wanke und da bis jetzt nur der Geist den Krper
getragen. Nun wir beide (sagte Albano) drfen voreinander trauern; aber nur
Ihnen glaub' ich. Gott, wie war denn sein Ende? Siebenks lie vor ihm die
letzten Mienen und Laute des Armen vorbergehen. O Gott, (sagte Albano) er
starb nicht leicht, wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurde - reiend
mute der Hllenflu sein, der ein so festes Leben weg ri. - Siebenks nahm
schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an, weil der Tote so oft in seinen
schnsten Momenten auf hnliche Weise verkannt worden; aber Albano berwand ihn
endlich. Er erzhlte weiter, da er auf der Heimreise begriffen gewesen, als ihn
die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Toten auf die Vermutung
geleitet, hier msse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln, wiewohl er vor der
ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast frchten mssen: Denn, Herr
Graf, (sagt' er) Jahre und Geschfte, juristische vollends, ach das Leben
selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem ther in die
Luft, dann aus der Luft auf die Erde - Wird er mich kennen? sagt' ich. Ich bin
ja nicht mehr, der ich war, und die physiognomische hnlichkeit mchte wohl die
einzige und festeste noch geblieben sein. Aber auch diese war vergangen; der
Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren. O nur eine freie Seele wird nicht
alt! - Herr Graf, ich war sonst ein Mann, der einen und den andern Spa mit dem
Leben trieb und mit dem Tode auch, und ich konnte ausrufen: Himmel! wenn die
Hlle aufging, und derlei mehr - - Ach Leibgeber, Leibgeber! Die Zeit hat
weiche, kleine Wellen, aber am Ende wird doch der eckigste, schrfste Kiesel
darin glatt und stumpf.
    Zhlen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit, (bat Albano) jeden
Tautropfen aus seinem Morgenrote zu, er war so karg mit seiner dunkeln
Geschichte! - Und das gegen jeden (sagte der Fremde) - So viel will ich
Ihnen einmal aus wahren, an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen, da er
ein Hollnder ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heiet wie Vaillants Affe,
woran er Sieben oder Seven gesetzt; denn Siebenks ist sein erster Name. Aus der
Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden. An jedem Neujahrsabend verbrannt' er
die Papiere des vorigen Jahrs; und wie seine Clavis Leibgeberiana bekannt
geworden, begreif' ich noch nicht. - Darauf erzhlte er ihren ersten
Namen-Wechsel, wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm, dann jede Stunde
und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen Armen-Advokaten, dann ihren
zweiten Namentausch, wo Siebenks sich namentlich begraben lie und als
Leibgeber fortfuhr, und ihren ewigen Abschied in einem voigtlndischen Dorf.
    Als Siebenks hier stand bei der Erzhlung, fate er die kalte Hand mit den
Worten: Schoppe, ich dachte, ich fnde dich erst bei Gott! und neigte sich
weinend ber den Toten. - Albano lie seine Trnen strzen und nahm die zweite
tote Hand und sagte: Wir fassen treue, reine, tapfere Hnde. - Treue, reine,
tapfere, wiederholte Siebenks und sagte mit einem Schoppischen Lcheln: Sein
Hund sieht zu und bezeugt es einmal. Aber er wurde von der Bewegung bla und
sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus. Da berhrten er und Albano sinkend sich auf
dem kalten Gesicht, und Albano sagte: Sei auch mein Freund, Lebendiger, wir
knnen uns lieben, weil er uns liebte. - Blasser, deine Gestalt sei das Siegel
meiner Liebe gegen deinen alten Freund.
    Albano ri jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines
in Sden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte: So weint' ich dreimal
ber das Leben. - Siebenks drckt' ihm die Hand und sagte blo: Die Parzen
und Furien ziehen auch mit verbundnen Hnden um das Leben, wie die Grazien und
die Sirenen. Er sah den seltenen schnen feurigen Jngling mit innigster Liebe
an; aber Albano, der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die
Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwhnt, wut' es nicht, wie sehr er
das ruhigere Herz gewonnen hatte.

                                   141. Zykel


Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurck. Er mute nun in
der plattgedrckten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben. Nur
Pestitz wiederzusehen, wo alle Turniergenossen seiner glnzenden Tage
verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuete er; hat dieser
sein Grab auf der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand, sagte er.
    Da langte der verhate Oheim mit den Wagen voll Zauberstbe an und sagte
weinerlich, er geh' ins Kartuser-Kloster, be fr viele Snden, und er wolle
vorher dem Neffen gern alles erklren, sowohl mit Worten als mit den Wagen, was
er begehre. Ich glaub' Euch nichts, sagte Albano. Jetzt darf ich alle
Wahrheit sagen, denn der Finstere tut mir nichts, ich denke, Cousin (versetzte
der Spanier) - ist der da (setzt' er leise mit einem scheuen Blick auf
Siebenks dazu) nicht der Finstere, Cousin? Albano wollte nichts wissen und
hren. Siebenks fragt' ihn, wer der Finstere sei. Es sei der unendliche Mann,
(begann er) sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten
ber das Meer her, als er an der Kste stand vor einem Nebel - nachts hab' er
ihn oft rufen hren, und zuweilen hab' er seine Bauchreden wiederholt - er sei
ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach
Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher hab' er sich in der Kreuzkapelle
vor dem gegenwrtigen Herrn sehr gefrchtet - aber jetzt, seitdem er sich ohne
allen Schaden in der Kapelle bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten,
und im Kartuser-Kloster gedenk' ers noch mehr.
    In Klstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub' ich, eben das
Gelbde des Schweigens gefodert, das immer der Wahrheit zutrglicher ist als
dessen Bruch, versetzte Siebenks. O Ketzer, Ketzer! rief der Spanier so
unerwartet zornig, da Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen
jetziger Wahrhaftigkeit Pfnder bekam, so wie von dessen engerm Geistes-Umfang.
Nun erst fragt' er ihn ber die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht,
um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben.
    Er lie auf diese Frage einen Kasten herauftragen. Fragt! sagt' er. Wie
stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt? sagte Albano. Der Oheim schlo
auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: Es war nur ihre Mutter. Albano
schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der
Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflet: Bin ich ihr
verwandt? fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestrzt: Es wird wohl anders
sein. Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mnch in Mola; er oben mit Gas
gefllt, ich unten an der Mauer stand, sagte der Oheim. Albano wollte nichts
weiter wissen; im Kasten waren noch Hr- und Sprachrhre, eine Gesichtshaut,
blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene
Blumen mit Pulver von einem endormeur u.s.w.; Albano wollte nichts mehr sehen.
    Bses Wesen! wer stiftete dich dazu an? fragte Albano. Der starke
Bruder, (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewhnlich) er gab mir
zu leben, und er wollte mich totschieen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen
sehr hbsch betrogen werden. - O keinen Laut darber! (rief Albano peinlich,
dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Trnen-Feuer und Gift aussprtzte)
- Unglcklicher! wie wurdest du der? - So? Bin ich unglcklich? fragt' er
eiskalt. Er berichtete - aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder
Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z.B. des
Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte -: er habe ein schwarzgraues und ein
blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes
Gedchtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun
gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert,
sei es nicht gegangen. - Den Joseph Clark, der alle Verwachsene nachmachen
knnen, und den Betrger Price, der in dreifacher Person herumgegangen, hab' er
immer im Sinne gehabt - Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des
Ufers ber dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt:
Peppo, Peppo!214 schluck das wahre Wort zurck, ich will das andere schon
aussprechen - Und von dieser Stunde an hab' er die Bauchsprache gekonnt - Er
habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und
fremde Leute ins Theater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das
hab' ihn wohl ergtzt - Ein unaufhrliches Echo hab' er oft auf Felsen gegeben,
so da die Menschen gar nicht wuten, wenn sie fortgehen sollten. Er habe auch
einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen, in allen
Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals.
    Wo war das? fragte Siebenks. - Der Spanier kam zu sich und versetzte:
Ich wei es nicht; ist es denn wahr? Omnes homines sunt mendaces, sagt die
heilige Schrift. - So wenig wahr (sagte Albano) als Euer finsterer Geist! -
O Maria, nein (sagt, er entschieden) - wenn ich etwas weissagte, so macht' er
ja, da es doch eintraf; dann erschien er mir und sagte: siehst du, Peppo, aber
sage nur keine Wahrheit! - - Und in der Nacht, da ich neben Euch nach Lilar
ging, ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin. - Das sah ich
auch, (sagte Albano) er schwebte weiter, ohne sich zu regen. - Das war blo
einer, (sagte Siebenks lchelnd) der in einem fortschwimmenden Kahne mit
versteckten Beinen stand, und nichts weiter. - Da blickte der Spanier dieses
Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an, womit er es bisher heimlich fr
den finstern Geist selber gehalten, murmelte Albano ins Ohr: Sieh, dieses Wesen
wei es und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten: Die Sonne ist noch nicht
untergegangen und eilte, ohne auf Menschen-Bitten zu hren, deren Kraft ihm nie
bekannt geworden, ohne Leid und Freud' davon, um noch vor Sonnenuntergang ins
nahe Kartuser-Kloster einzutreten. Alles Trug-Gerte hatt' er stehen lassen.
    Ein frchterlicher Mensch! (sagte Siebenks) Als er vorhin einmal sich
ber etwas freuen wollte, sah er aus, als greif' ihm ein Schmerz ber das
Gesicht - Und da er so dnn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben
verschluckt! - Ich wei gewi, er knnte tten, ohne die Miene zu ndern, nicht
einmal zum Zorn. - O, er ist der finstere Geist, den er sieht - zitieren Sie
ihn nicht! sagte Albano, in eine ganz neue Welt wegeilend, die jetzt pltzlich
vor seinen Geist gezogen war.

                                   142. Zykel


Er dachte nmlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier, das
Schoppe aus der Frstengruft geholet, und an das Mutterbild, das er unter dem
Okularglas hatte finden sollen. Eh' er anfing zu lesen, legt' er das Bild unter
dem Glase dem Fremden vor, ob ers etwa zufllig kenne. Sehr! Es ist die
verstorbene Frstin Eleonore, so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch
hnlichkeiten vorauszusetzen verstattet; denn sie selber sah ich nie.
    Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel; aber er wurd'
es noch mehr, da er die Unterschrift Eleonore und folgendes in franzsischer
Sprache las:

                                  Mein Sohn!

Heute hab' ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B.
(Blumenbhl); mein Herz ist voll Freude und Sorge, und dein schnes Bild
schwebet vor meinen weinenden Augen. Warum darf ich dich nicht um mich haben und
tglich anblicken? Wie ich bin gebunden und gengstigt! Aber von jeher
schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere, mich damit zu binden. Hre deine
eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern
nicht lieber und wahrhafter kommen.
    Ich und der Frst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem
Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession
schmeichelte. Spt vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns
das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzen
Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwchlichen
Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es
erfuhren. Man wird doch endlich ber uns siegen, sagte dein Vater. In Rom
lernten wir den Frsten di Lauria kennen, der seine schne Tochter dem Grafen.
(Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens
geworden wre. Der Frst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus.
    Dafr glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu mssen, une femme fort
decide, se repliant sur elle mme, son individualit exagratrice pera 
travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr
romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen
Lande. Dazu half mit, da ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen
Schwrmerei zugleich befanden, nmlich der Hoffnung zu gebren. Sie kam nieder
mit einem wunderschnen, ihr ganz hnlichen Mdchen, Severina, oder wie man sie
nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, da wir, wenn ich
einen Sohn gebre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter
erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem
Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich knne besser eine
Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war
es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die lteste Prinzessin, um
die er geworben, unter dem spttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend
abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn
er war der schnste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Maregeln und
Kmpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Frst billigte es nicht, er fand
eine Erziehung auer Landes u.s.w. ganz zweideutig und milich. Aber wir Weiber
verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee.
    Zwei Tage darauf gebar ich dich und - Julienne zugleich. Auf diesen reichen
Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter
sogar. Ich behalte, (sagt' ich zur Grfin) meine Tochter, du behltst die
deinige; ber Albano (so soll er heien) entscheide der Frst. Dein Vater
erlaubt' es, da du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem
rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen wrdest. Indes traf er Vorkehrungen,
deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht
ganz abzuwgen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, da ich damals so mutig
war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht - ich, der
Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt -, sondern spter
wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Frstensohn prsentiert, und
sein gtiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet
allein genug.
    Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis ttigen Teil, indem er - sei es aus
Liebe fr seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschrften Rache am Hh.
Hofe - als Lohn des Anteils verlangte, da einst du und Linda ein Paar werden
mchten. Hier trat wieder die Grfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: Linda
wird mir gewi hnlich an Gemt, wie sie jetzt es ist an Gestalt - Gewalt bewegt
sie dann nie - aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie
ziehen und schmelzen und binden. Ich wei ihre eignen Worte. Ein sonderbarer
Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhngigkeit,
worin sein tausendknstlerischer Bruder sich zu allem dingen lie, noch mehr
erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. - Linda wird lange
vorher, eh' du dies gelesen, dir erschienen, ihr Name genannt, deine Geburt
geheimnisvoll verkndigt sein - - Mge, mge dein Geist sich in alles wohl
finden, und mge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blttern
reichen! - Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? - O welche Nachrichten
hab' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen, vor denen nun alle
meine Hoffnungen auf meinen Ludwig (Luigi) auf einmal erlschen! Gesiegt htte
nun Hh. (Haarhaar) durch den bsen B. (Bouverot), wenn du nicht lebtest. Und ich
mu so froh sein, da du diesen giftigen Einflssen entzogen lebst - Ja es
scheint, als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern
geschehen lassen, um desto strker mit deiner Auferstehung zu schrecken. Doch
will ich ihm nicht unrecht tun. Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und
mitrauen? Und welche Gefahr ist grer?
    Drei Jahre lang mutest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner
scheinbaren Zwillingsschwester Severina, obwohl unter den Augen des Frsten,
bleiben, indes ich mit Juliennen nach Deutschland zurckging. Lnger aber durft'
es nicht dauern, so gern es deine Pflegemutter gesehen htte; du wurdest deinem
Vater zu hnlich. Diese hnlichkeit kostete mich manche Trne - denn darum
durftest du nie aus B. nach P. (Pestitz), solange der Frst noch Jugendzge trug
- sogar die Portrts seiner Jugendgestalt mut' ich darum allmhlich wegstehlen
und sie dem treuen Spener zu bewahren geben - ja dieser gelehrte Mann sagte mir,
da ein erhobner Spiegel, der junge Gesichter zu alten formte, beiseite zu
bringen sei, weil du sogleich als der alte Frst dastndest, wenn du
hineinshest - O, da mein guter, frommer Frst in seinen matten Tagen allerlei
unbewut ausplauderte und mich ber das sichere Schicksal des wichtigen
Geheimnisses immer sorglicher machte: wie erschrak ich, als er einstens am
Morgen (zum Glck war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v. Fr.
dabei, eine sanfte, fromme Seele) geradezu und freudig sagte: Unser lieber Sohn,
Eleonore, war gestern nachts oben am Altar, er wird gewi ein frommer Mensch, er
kniete und betete schn, und ich sagt' ihm nur, denn ich wollte mich nicht
decouvrieren: nach Haus, nach Haus, mein Freund, es donnert schon nahe.216 Ich
wei, da verschiedene ber einen natrlichen Sohn des Frsten schon Winke
fallen lieen.
    Die Grfin C. (Cesara) ging nun mit S. (Severina) nach V. (Valencia) ab; gab
sich aber vorher den Namen R. (Romeiro) und der Tochter den Namen L. (Linda).
Der Prinz di Lauria mute der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses
Spiel gezogen werden. Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht
zugehllet werden, als es jetzt noch steht. Neun Jahre darauf starb die edle R.
(Romeiro), und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter
allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge.
    Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217; entfaltet sich die Blume
ganz aus dieser vollen Knospe, so gehrt sie als die vollste Rose an dein Herz.
Mge nur das Geisterspiel, das ich der Grfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne
Unglck vorber ziehen! - Sollt' ich vor dem Frsten auf das Sterbebette kommen,
so mu ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um
ganz gesichert meine Augen zu schlieen. Ach ich werd' es nicht erleben, da ich
dich ffentlich als meinen Sohn in meine Arme schlieen darf! Die Ahnungen
meiner Hinflligkeit kommen immer hufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind!
Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen
Hlfsmittel zum besten!

                                     Deine
                                                                    treue Mutter
                                                                       Eleonore.

N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen,
sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen.
Leb wohl! Leb wohl!

                                   143. Zykel


Albano stand lange sprachlos, schauete gen Himmel, lie das Blatt fallen und
faltete die Hnde und sagte: Du schickst den Frieden - ich soll nicht in den
Krieg - wohlan, ich habe mein Los! Lebenslust, neue Krfte und Plane, Freude am
Throne, wo nur die geistige Anstrengung gilt, wie auf dem Schlachtfelde mehr die
krperliche, die Bilder neuer Eltern und Verhltnisse und Unwille gegen die
Vergangenheit strmten durcheinander in seinem Geist. Er ri sich von seinem
ganzen vorigen Leben los, die Seile des bisherigen Totengelutes waren entzwei,
er mute, um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen, wie Orpheus das
Zurckschauen auf den vergangnen Weg vermeiden. Er enthllte dem neuen Freunde
alles, denn er kmpfe, sagt' er, nunmehr ffentlich auf freier offner Bahn um
sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt. Unter dem Er
zhlen erzrnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhltnissen
und Rechten noch mehr und das Mitrauen in seine Krfte und Waffen gegen die
Feinde, denen Luigi unterlag, und dieser Bruder selber, der ihn bisher in einer
so harten unbrderlichen Maske umarmen konnte. Wie anders war die treue
Schwester! sagt' er. Warum (fuhr er fort) lie man mich so manchem stolzen
harten Geiste so vielen Dank schuldig werden fr mein bloes - Geburtsrecht? -
Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut? - O so mut' ich die arme
Tote droben218 verkennen, weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener
feindlichen Nacht am Altare ihr schnes Herz aufopferte! So mut' ich durch
Vermutungen und Vorstze so manche rechte Seele verletzen! Wie unschuldig knnt'
ich sein ohne dies alles! Beruhigen Sie sich, (sagte Siebenks mit feiner
Rge) die Strke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der
Niederlage abgezogen; und was wre ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen?
    Siebenks war vor dem glnzenden Stande und vor dem Feuer der
Leidenschaftlichkeit, die er nur in gemeiner, nicht in edler Erscheinung kannte,
um einige Schritte zurckgetreten, die Albano nicht bemerkte, weil er sie nicht
voraussetzte. So gut es ging, suchte Siebenks - indem dessen innerer Mensch
seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmhlich wieder
aufwickelte - den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den
heftigen Jngling einzuschlieen: Ich freue mich, (sagt' er) da ich der
erste bin, der zu Ihrem Geburts- und Krnungstage Wnsche bringt, die aber alle
in den einzigen gehen, da Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mgen - denn
Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute. - Auer dem haarhaarschen
Prinzen, den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp
trifft: ante ferit quam flamma micet, ist wohl niemand dabei zu bedauern als der
Finanzstempelschneider, der jetzt nichts Neues zu schneiden erhlt, da die Linie
weiterregiert Er setzte noch leicht hinzu, weil er den schweren Wlder- und
Wolken-tragenden Fels Gaspard nie gesehen: Welches sonderbare Namenspiel, das
noch wenige Cavalleros del Tuzone gespielt, ist es, da er sich gerade le Cesara
nennt, da, wie Sie wissen, die Spanier sich wie die alten Rmer oft die Namen
von ihren Taten und Begegnissen zuteilen. So ists aus den Pices interessantes
T. I. berall bekannt, da z.B. Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte, weil
er 1725 den Frieden zwischen sterreich und Spanien unterschrieben - mit einem
dritten Namen, Transport Ral, tauft' er sich ein, um es zu behalten und zu
bemerken, da er den Infanten nach Italien abgefhrt. Cesara ist wohl freilich
mehr Zufall.
    Albano wurde durch solche geistige hnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst
recht seinem Herzen zugezogen. Er nahm Abschied von ihm und sagte: Freund
unsers Freundes, wollen wir beisammen bleiben! - Wahrlich, der Zweifel an der
Entscheidung Ihres Schicksals, Prinz, (versetzte Siebenks) wre allein dafr
entscheidend, wenn nur mein Herz allein entschiede; aber - Albano zuckte die
Achseln wie entrstet, schwieg aber. Solange bleib' ich indes hier, (fuhr
jener sanfter fort) bis der Hgel auf dem Seligen liegt; dann steck' ich das
hlzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran. - Wohl!
So werd' es! (sagte Albano) Aber seinen Hund nehm' ich, weil er mich lnger
kennt. Ich bin ein junger Mensch, noch jung an verlornen Jahren, aber schon sehr
alt an verlornen Zeiten, und verstehe so gut wie mancher, den die Zeit bckt,
was Menschen Verlieren ist. Sonderbar ists, da ich immer auf Grbern Spiegel
finde, worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken. So fand ich auf
Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo; meinen alten liegenden Schoppe fand
ich, wie Sie wissen, auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege, durch das
meine Hand ebensowenig durchkann. Ich versichere Sie, sogar meine Eltern werden
mir vorgespiegelt, meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel, und meine
Mutter durch ein Objektivglas sehen. - Hier ist nun nichts zu tun, wenn man in
einer Nacht steht, wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen, als sehr fest darin
zu stehen. - Aber zu meinem alten Humoristen mu ich noch Addio sagen.
    Er ging ins Leichenzimmer. Schweigend folgt' ihm Siebenks, betroffen ber
die ungewhnliche Laune der - Schmerzen. Mit trocknen Augen zog Albano das weie
Tuch von dem ernsten Gesicht, dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze
mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit. Der Hund schien den kalten
Menschen zu scheuen. Albano suchte durch scharfe, heftige, trockne Blicke das
Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrcken in sein Gehirn wie in Gips,
zumal da ihm der lebendigste Abdruck, der Freund, entging. Dann hob er sich die
schwere Hand auf die Stirn, die den Frstenhut tragen sollte, gleichsam um sie
damit zu segnen und einzuweihen. Endlich bckt' er sich auf das Gesicht nieder
und lag lange auf dem kalten und; aber als er sich spt aufrichtete, weinten
seine Augen und sein ganzes Herz, und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand
und sagte: Nun, so lebe du auch wohl! - Nein, (rief Siebenks) ich kann das
nicht, wenn ich gehe - Schoppe! ich bleibe bei deinem Albano! -
    Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der
dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte.

                                   144. Zykel


Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in
landeskindlicher Entzckung drckte er sich den Pflegling seines Hauses innig
ans Herz. Augusti bergab ihm mit ernster Hflichkeit und kurzem Glckwunsch
folgendes Schreiben von Julienne:
    Liebster Bruder! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen. Ich hab' in
einem Auge Trauertrnen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von deiner
Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor
ist abgeschickt, dir alles zu erzhlen, wo htt' ich Zeit? Auch von Herrn von
Bouverot soll er dir sagen, dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige
Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Glubiger und dessen Grobheit
und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermaen hasse - - Inzwischen wird er
jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in
Unordnung und Bestrzung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem
Willen erffnet, und er gab dir dein ganzes Recht. Ich will nicht ber diesen
Bruder mitten unter dem Weinen zrnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei
Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er hate alle Weiber, bis zu seiner
Frau, die nur etwas taugt, wenns ihr gut geht, und die Kunstwerke selber
hrteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden,
ach den er wohl wenig gefunden! Diesen Abend mu er schon wegen seiner Krankheit
und wegen des langen Wegs nach Blumenbhl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun
bei deinen Pflegeeltern in der Nhe unserer eingeschlossenen Eltern. Deswegen
komm unabnderlich! Du bist allein mein Trost in der trben Nacht, ich mu dich
wieder am Herzen halten, das sehr an dir klopfen will und weinen und reden, wenn
es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den
Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven
hineindringen lassen! Ich bete. Ach nur deinetwegen bin ich so froh, und ich
weine genug.
                                                                         Julie.

Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in
seinem Hause zu sein, gegeben, als dieser ohne weiteres davoneilte, um die
Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten.
    Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er, bedenklich
ber Siebenks, zu zgern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund
frei alles mitzuteilen. Seine Erzhlung war bis auf einige Einschaltungen, die
Albano spter zukamen, diese:
    Bouverot - bei welchem er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing -
war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbschtigen Prinzen
gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das lngste Glck
und sogar eine unerwartete Heirat zu machen, auf dessen Wort hin sein mit
Ehelosigkeit und Einknften zugleich verknpftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn
abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen, an Idoine, durch diesen selber,
der ihm fr die Aufhebung ihres hnlichen Gelbdes219 stand, ein Miniaturbild
von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, samt einem halben
Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio
als eines rmischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens bergehen
lassen. Oh la diffrence de cet homme au diable, comme est-elle petite! sagte
ganz ungewhnlich-heftig Augusti. Albano mute fragen warum; ein ganz anderes
Bild gab er fr der Prinzessin ihres aus, sagte der Lektor. Mithin wars Lianens
ihres, schlo Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige
Geschichte von der blinden, vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht. -
    O ich Unglcklicher! rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die
Leiden taten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen
ihn bezahlen mssen - die zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so
liebte220, und zum zweitenmal, weil sie der Sohn verkannte und liebte. Aber er
bezwang sich und sprach nicht darber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das
Echo schdlich. Siebenks bezeugte seine Freude ber Bouverots Bestrafung durch
das Fehlschlagen aller Plane.
    Albano hrte, da auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu
untersttzen den Schein angenommen, blo um ihn desto hher herabfallen zu
sehen. Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude (dachte Albano)
konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube, die sein Tod dem feindlichen
Hofe und dessen Anhngern graben wrde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle
ihre Maregeln von der Ehe der Frstin an bis auf die Glckwnsche dazu
freundlich aufnehmen, indes er die Frstin und alles hate! Und wie konnt' er
diese lebenslange schweigende Klte gegen mich behaupten? - Aber Albano
bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eignes stolzes Benehmen gegen den
Frsten und den gewhnlichen Frstengeiz, der sich vor Apanagen-Geldern scheue.
    Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von
Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab, waren diese:
    Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der
menschlichen Verhltnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflsung und Zerreiung
hin. Hier lie er alle fremde Trume immer lebendiger und wilder werden, bis er
mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schlfer wegraffte. Der alte Zorn ber
die stolze Verweigerung der Frstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem
schimmernden Triumphtore ihrer Wnsche und Arbeiten die Dokumente ber Albanos
Geburt, von der Hand des alten Frsten an bis auf die des Bruders Luigi, als
ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte, die sie aus dem Siegestore wieder
rckwrts trieben. Man erstaunte mitleidig, ging auf nichts ein, Albano war
weder dem Lande noch Reiche vorgestellt. Gaspard trug sehr ruhig eine frhe
Anerkennung von Joseph II. nach. Auch dieses wurde auer der Regel und als
ungltig gefunden. Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn, mit dessen
Blitzfunken er so oft pltzlich Menschen und Verhltnisse durchbohrte, da er
ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen
Reise-Jahre allen Hfen entschleiern werde.
    Hier brach man erschrocken die vormittgigen Unterhandlungen ab, um sich zu
neuen nachmittgigen zu rsten. In diesen - welche der Lektor Albano zu
verheimlichen beordert war - wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden
nhern Bandes zwischen beiden Husern gezeigt. Unter dem Bande wurde Idoine
verstanden, deren hnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen
letztere lngst als Anekdote bekannt gewesen. Aber Gaspards ganzem Entwurfe
seiner vollstndigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel
entgegen; er - der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das
verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog - stie gegen die Schranke
seiner Vollmacht an, sagte geradezu Nein, und man brach entrstet ab, mit der
hflichen Erinnerung, da Herr v. Hafenreffer als Bevollmchtigter ihn begleiten
und in Pestitz das brige verhandeln solle.
    So kamen beide an. Hafenreffer, ebenso fein und kalt als redlich, erforschte
leicht alle Verhltnisse der Wahrheit. Gaspard teilte Juliennen - noch im Wahne
ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda - den Wunsch des fremden Hofes mit;
aber er wurde bestrzt ber ihre Erffnungen, welche so sehr fr Idoine sprachen
als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano. Dazu entrstete sie ihn
noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag,
ihm seine vterlichen Auslagen fr Albano einigermaen zu erstatten. Der
Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen, er bezahlt sie blo߫, sagt' er und
nahm empfindlich Abschied auf immer, um alle Inseln der Erde zu bereisen. Albano
wollt' er nicht mehr sehen, aus Verdru ber den Zufall, da ihm durch Schoppens
Kirchen- und Grberraub das Vergngen entwendet war, Albano durch die
Entdeckung, da er nur Lindas Vater und nicht seiner sei, fr khne Zweifel an
seinem Werte zu strafen und zu demtigen. Wohin Linda noch in jener Nacht seiner
Entdeckung als Vater gegangen war, verbarg er allen kalt.
    Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut, der
frstlichen Witwe. Er halte es fr Pflicht, (sagte er ihr) ihr die neueste
Erbfolge zu hinterbringen, da er einiger maen sich selber sehr in den Gang der
Sache habe verflechten lassen. Nie war ihr Blick stolzer und giftiger: Sie
scheinen (sagte sie gefasset) in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein. Wenn
es Sie so interessiert, wie Sie sich denn berhaupt fr dieses Land zu
interessieren scheinen, so mach' ich mir eine Freude daraus, Ihnen zu sagen, da
ich das Glck bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf, dem ich nun gewi
entgegensehe, dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen
Frsten jede Vernderung zu ersparen. Wenigstens darf man vor der Entscheidung
der Zeit keine fremde Einmischung dulden. Gaspard, ber das Erwartete erzrnt,
versetzte darauf blo ein unendlich-freches Wort - weil er leichter Geschlecht
als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte und nahm darauf von ihr seinen
hflichen Abschied mit der Versicherung, da er gewi sei, die Besttigung
dieser sonst so angenehmen Nachricht, wo er auch sein werde, zu erhalten und da
es ihm dann leid tun gerichtliche Papiere entgegensetzen zu mssen, die er
ungern in Umlauf bringe. Sie sind ein wahrer Teufel, sagte die Frstin auer
sich. Vis--vis d'un ange? Mais pourquoi non? versetzt' er und schied mit den
alten Zeremonien.
    Albano, dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgrnden die nackten
verletzten Wurzeln und Fibern hatte, konnte nichts sagen. Aber sein Freund
Siebenks uerte ohne weiteres, da Gaspard bei jedem Schritte und mit dem
ewigen feinen Wanken und Zgern, wie z.B. ber die Heirat seiner Tochter und
sonst, nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier, wie ihn Gundling im
1. Teil seiner Otia so gut schildere. Augusti verwunderte sich ber diese
Offenheit; indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe.
Was mich am meisten frappieren wrde, (setzte Siebenks dazu, der, wie es
schien, die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen) wre das lange
Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des
Geheimnisses, wenn ich nicht zu wohl aus Hume wte, da die Pulver-Verschwrung
unter Karl I. ber ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wre
verborgen gehalten worden.
    Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzhlungen
nachmittags ab ins zwietrchtige Reich, aber mit heiterer heiliger Khnheit. Er
war sich hherer Zwecke und Krfte bewut, als alle harten Seelen ihm streitig
machen wollten; aus dem hellen, freien therkreise des ewigen Guten lie er sich
nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins - ein hheres
Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst
erschafft, um es zu beherrschen, tat sich ihm auf - im kleinen und in jedem
Lndchen war etwas Groes, nicht die Volksmenge, sondern das Volksglck -
hchste Gerechtigkeit war sein Entschlu und Befrderung alter Feinde, besonders
des verstndigen Froulay. - So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem
bisherigen schmalen, nur von fremden Hnden getriebnen Fahrzeug auf eine freie
Erde hinaus, wo er allein, ohne fremde Ruder, sich bewegen kann und statt des
leeren, kahlen Wasser-Weges ein festes, blhendes Land und Ziel antrifft. Und
mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund.

                                   145. Zykel


In der Dmmerung kam er auf dem Berge an, wo er die Stadt, die der Zirkus und
die Bhne seiner Krfte werden sollte, berschauen konnte, aber mit andern Augen
als sonst; - Er gehrt nun einer deutschen Heimat an - die Menschen um ihn sind
seine Landesverwandte - die ahnenden Ideale, die er sich einst bei der Krnung
seines Bruders von den warmen Strahlen entwarf, womit ein Frst als ein Gestirn
Lnder beleuchten und befruchten kann, waren jetzt in seine Hnde zur Erfllung
gelegt - sein frommer, von Landes-Enkeln noch gesegneter Vater zeigte ihm die
reine Sonnenbahn seiner Frsten-Pflicht - nur Taten geben dem Leben Strke, nur
Ma ihm Reiz - Er dachte an die um ihn her in Grber gelegten eingesunknen
Menschen, zwar hart und unfruchtbar wie Felsen, aber auch hoch wie Felsen, an
die vom Schicksal geopferten Menschen, welche die Milchstrae der Unendlichkeit
und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne
je eine Sehne darberziehen zu knnen. - Warum ging ich denn nicht auch unter
wie jene, die ich achtete? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des bermaes
und berzog die Klarheit?
    Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm: ein
flammender Wagen rollte auf einem seitwrts vom Prinzengarten ablaufenden Wege
davon; langsam rckte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den
Blumenbhler Berg hinan. Den langsamen Wagen kenn' ich, wer ist der schnelle?
fragte Albano den Lektor. Herr von Cesara hat uns verlassen, versetzt' er.
Albano schwieg, aber er empfand den letzten Schmerz, den ihm der Ritter geben
wollte. Er bat den Lektor sehr, ihn allein den Weg nach Blumenbhl gehen zu
lassen, weil er lauter Umwege nehme.
    Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater-Herzens ohne Brust besuchen. Als
er durch die lrmvolle Vorstadt ging, sah ihn ein alter Mann lange starr an,
floh pltzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau, die ihm begegnete, zu:
Der Alte geht um! Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Frsten
gewesen, war blind und vor kurzem wieder heil geworden; darum sah er den
hnlichen Sohn fr den Vater an. - In der Stadt war die gewhnliche Volksfreude
ber Wechsel laut. In einem Hause war ein Kinderball, in einem andern eine
Treppe von Sprichwrterspielern; indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede
Bhne verschlo. Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musenshne heraus. Im
Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden. Einige Leute
hrt' er im Vorbeigehen sagen: Wer htte sich das trumen lassen? - Ganz
natrlich, (versetzte der andere) ich mauerte damals auch mit an der
frstlichen Gruft und sah Ihn wie dich. In der Bergstadt waren am Trauer-Schlo
alle Fensterreihen hell beleuchtet, als geb' es ein froheres Fest. Im Hause des
Ministers waren alle finster, oben unter den Statuen des Dachs schlich ein
einziges Lichtchen umher.
    Nein, (dachte Albano) ich brauche nicht nachzusinnen, warum sank ich
nicht auch mit unter. O genug, genug fiel von mir in die Grber - Ich mu mich
doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen; - wie Taucher schwimmen die
Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker. Drauen sah
er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbhler Wege stehen, die ihm einst bei
der Begleitung des Kahlkopfs begegnete; sie schauete starr hinauf dem
erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte, Trume zu denken und die Zukunft,
als sie der Wirklichkeit zuschauete. berall lagen in seiner Bahn die zuckenden
Spinnenfe, welche der erdrckten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren.
Durch einen Flor sah er das Leben liegen, wiewohl es kein schwarzer, sondern ein
grner war.
    Sehnschtig kam er im Tartarus, aber schaudernd vor ihm, weil ihm die
Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog, auf dem herrnhutischen Gottesacker an,
wo in einem Garten ohne Blumen, den eingesunkne, eingeschlafne Trauerbirken
umstanden, der weie Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift
schimmerte: Nimm mein letztes Opfer, Allgtiger! Vor dem in eine Brust von
Stein geschlossenen Herzen, das sich mit nichts regte, nicht mit einem
Stubchen, tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fhlte, da er seine Eltern
wrde geliebt haben, und schwur sich, ihnen zu gefallen, wenn ihre hohen Augen
sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten. Er drckte den kalten Stein wie
eine Brust an sich; und ging mit sanften Schritten weg, als ginge der Greis
neben ihm in seiner eignen, ihm so hnlichen Gestalt.
    Er sah auf von seinem Wege zum Berge, wo ihn der Vater abends am Pfingst-
und Abendmahlstage gefunden, wie zu einem Tabor der Vergangenheit; und im Gange
durch das Birkenwldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221, wo einst
zwei Stimmen, seine Eltern, seinen Namen ausgesprochen hatten. So von der
heiligen Vergangenheit eingeweiht, kam er in seinem Kindheits-Drfchen an und
sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfllt, obwohl jene zu
traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gste.

                                   146. Zykel


Albano fand in der Verklrung, worin der Himmel ihm nur der Vergrerungsspiegel
einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vater-und Mutterland
heiliger Eltern, in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus, worein er
trat, festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere gelutert oder
nur nachgespielt auf einer Bhne. Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette
kamen mit ihren freudigen Mienen als hhere Menschen an sein bewegtes Herz. Sie
wichen eilig zurck, Julienne flog die Treppe herab und kte den Bruder zum
erstenmal ffentlich, in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh. Als
sie ihn loslie, fing aus der Nacht im Kirchturm das Gelute als Zeichen an, da
der tote Bruder in die Kirche einziehe; da strzte sie wieder auf Albano zurck
und weinte unendlich. Sie ging mit ihm hinauf, ohne zu sagen, wen er droben
neben dem Pflegevater finde. Eine alte Fltenuhr, deren mhsames Spiel von jeher
seltenen Gsten dargeboten wurde, quoll ihm, als er die Tre ffnete, mit den
Nachklngen der Kindertage entgegen.
    Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwrts
herabgehenden Schleier, welche mit seinem Pflegevater sprach, wandte sich um
nach ihm, da er eintrat. Es war Idoine, aber der alte Zauberschein fuhr wieder
ber seine heute so bewegte Seele, als wenn es Liane aus dem Himmel sei, mit
Unsterblichkeit gerstet, auf berirdische Krfte stolzer und khner, nichts von
der vorigen Erde mehr tragend als die Gte und den Reiz. Beide fanden sich mit
gegenseitigem Erstaunen hier wieder. Julienne sah - ihrer kleinen Verhehlungen
und Anstalten sich bewut - ein rotes Wlkchen des Unwillens ber Idoinens
mildes Gesicht fliegen; es war aber bald unter dem Horizont, sobald Idoine es
bemerkte, da die Schwester unter dem Leichengelute des Bruders die Trnen
nicht bezwingen konnte, und sie ging ihr freundlich entgegen, ihre Hand
aufsuchend. Idoine hatte, durch ihre Strenge leicht zum launischen Zrnen,
diesem kleinen Kriege des Zorns, geneigt, sich durch scharfe lange bung von
diesem feinsten, aber strksten Gift des Seelenglckes freigemacht, bis sie
zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner, lichter Mond ohne einen Regen- und
Wolkenkreis der Erde.
    Albano, dem die Erde, mit Vergangenheit und Toten gefllt, eine Luftkugel
geworden war, die in dem ther ging, fhlte sich frei zwischen seinen Sternen
und ohne irdisches Bangen; er nahete sich Idoinen - obwohl bei dem Bewutsein
der kmpfenden Verhltnisse ihres und seines Hauses - mit heiligem Mute: Ihr
letzter Wunsch im letzten Garten (sagt' er) wurde vom Himmel gehrt. - Mit
jungfrulich-entschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis, worin sie bald
Blumen, bald Dornen auseinanderzubeugen hatte, um weder verlegen noch verletzt
zu werden; sie antwortete ihm: Ich freue mich von Herzen, da Sie Ihre treue
Schwester auf immer gefunden haben. Wehrfritz war ber die Freimtigkeit, womit
sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhltnisse sprach, ebenso
erfreuet als verwundert. So mu man immer auf der Erde viel verlieren,
(erwiderte ihr Albano) um viel zu gewinnen und wandte sich an seine Schwester,
als woll' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren.
    Das Totengelute dauerte fort. Die seltsame, frohe und trbe Vermischung der
irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung. Albine und
Rabette kamen herauf, festlich-dunkel gekleidet zum Gange in die
Begrbniskirche. Julienne teilte sich zwischen zwei Brder, und nie hob sich ihr
Herz romantischer auf? das zugleich in Trnen und in Flammen stand. Sie er riet,
wie ber ihren Bruder Albano ihre Freundin Idoine denke, an der sie eine festere
Stimme kannte, als die heutige war, und deren se Verwirrung ihr am leichtesten
aus dem kurzen Berichte klar wurde, den ihr die offne Seele von dem Wiedersehen
Albanos in Lianens Garten gemacht; auch das kleine jungfruliche Zurckzittern
ihres heutigen Stolzes, da sie sich hier berall fr eine auferstandene Liane,
diese Geliebte des Jnglings, verlegen mute gehalten finden, machte Juliennen
nicht irrer, sondern gewisser.
    An einem schnen Abend (sagte Albano zu Idoinen) sah ich einst in Ihr
schnes Arkadien herab, aber ich war nicht in Arkadien. - Der Name (versetzte
sie und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde) ist auch blo Scherz;
eigentlich ists eine Alpe und doch nur mit Sennenhtten in einem Tale. Sie hob
die groen Augen nicht wieder auf, als Julienne schweigend ihre Hand nahm und
sie fortzog, weil jetzt das Leichengelute mit traurigen einzelnen Sten
ausklang, als Zeichen, da die Totenfeier angehe, deren Teilnahme Julienne ihrem
schwesterlichen Herzen unmglich abdingen lie. Wir gehen in die Kirche, sagte
Idoine zur Gesellschaft. Wir wohl alle, versetzte Wehrfritz schnell. Als die
beiden Mdchen an Albano vorbergingen, bemerkte er zum erstenmal an Idoinen
drei kleine Blatternarben, gleichsam als Erden- und Lebens-Spuren, die sie zu
einer Sterblichen machten. Er blickte der hohen edeln Gestalt mit dem langen
wehenden Schleier nach, welche neben seiner Schwester ebenso majesttisch, nur
zrter gebauet erschien als Linda, und deren heiliger Gang eine Priesterin
verkndigte, die in Tempeln vor Gttern zu wandeln gewohnt gewesen.
    Kaum waren beide verschwunden, als die alten Bekannten Albanos, zumal die
Weiber, denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten, mit
allen Zeichen der lang zurckgedrngten Herzlichkeit, voll Wnsche, Freuden und
Trnen auf sein Herz eindrangen. Bleibt meine Eltern! sagte Albano. Bravheit
ist alles auf der Erde, sagte der Direktor. - Ich tat das Meinige wie eine
Mutter, (sagte Albine)aber wer konnte las wissen? - Rabette sagte nichts,
ihre Freude und Liebe waren berschwenglich wie ihre Erinnerung. Meine
Schwester Rabette (sagte Albano) hat mir, als ich das erstemal nach Italien
ging, die Worte auf eine Brse gestickt mitgegeben: Gedenke unserer - Diese
werd' ich euch allen in jedem Schicksal erfllen - und hier dacht' er, obwohl
zu verschmt-bescheiden, um es zu sagen, an das, was er etwan als Frst fr
seinen Pflegevater tun knnte, worunter die Zurckgabe von dessen heimfallenden
Mnner-Lehn zuerst gehrte. So wird uns denn manches zeitherige Herzeleid -,
fing Albine an. - O was Herze, was Leid, (sagte Wehrfritz) heute wird alles
richtig und glatt. Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl.
    Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel. Sie hrten aus der Kirche
die Musik des Liedes: Wie sie so sanft ruhn; in einiger Ferne versuchten sich
Waldhrner zu frohern Tnen. Rabette drckte Albanos Hand und sagte sehr leise:
Es ist gut mit mir geworden, weil ich alles erfahren habe. Sie hatte dem
unglcklichen Roquairol, seitdem er ein vielfaches Glck und sich selber
ermordet hatte, ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen, ohne eine
Trne dazuzutun. Sie sprang auf Idoinens Gte ber, auf ihre hnlichkeit, mit
deren Erwhnung der Vater den Engel heute rot gemacht, und auf ihr schnes
Trsten Juliennens, die vor Albanos Ankunft unaufhrlich geweint. Albine lobte
mehr Juliennen wegen ihrer Geschwister-Liebe. Rabette schwieg ber diese; beide
waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen; auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer
des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System
sehr kalt angesehen, indes Idoine, welche, durch ihre grere Kenntnis der
Menschen, Milde gegen die weiblichen Irrtmer des Herzens und Augenblicks mit
Strenge gegen Mnner verbinden lernen, nur sanft und gerecht gewesen war.
    Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten: schlich sich Albano in eine
unbeleuchtete Ecke weg, um nicht zu stren und gestrt zu werden. Am hellen
Altare stand heiter der ehrwrdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll
Silberlocken, der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen
Lichter-Linien. Am Gewlbe der Kirche hing Nacht, und die Gestalten verloren
sich in das Dunkel, unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und
Menschen. Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gittertre des
Erbbegrbnisses aufgetan, worein seine frommen Eltern gezogen waren; und ihm
war, als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein, um in das
letzte Haus des Menschen einzubrechen. Der Bruder rhrte ihn nur wenig, aber die
Nachbarschaft der stillen Eltern, die so lang fr ihn ge sorgt und denen er nie
gedankt, und die unaufhrlichen Trnen der Schwester, die er in der Empor ber
der Todespforte sah, er griffen heftig sein Herz, aus welchem die tiefen ewigen
Trauer tne die Trnen, gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen. Er
sah Idoine mit ihrer halb roten, halb weien Lankaster-Rose auf der schwarzen
Seide neben der Schwester stehen, sich gegen manchen vergleichenden Blick den
Schleier ber die Augen ziehend - Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst
die bedrngte Liane unter dem Abschwren der Liebe gekniet - das ganze Sternbild
seiner glnzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen war hinunter unter den
Horizont, und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd ber der Erde,
Idoine.
    Da erblickte den Jngling sein Freund Dian und eilte herzu. Ohne viele
Rcksichten umarmte ihn der Grieche und sagte: Heil, Heil der schnen
Vernderung! Dort steht meine Chariton, auch sie mchte nach ihrer Sprache222
gren. - Aber Chariton blickte unaufhrlich Idoinen wegen ihrer hnlichkeiten
an. Nun, mein guter Dian, ich habe manches Herz und Glck dafr hin gezahlt,
und mich wundert es, da dich mir das Geschick gelassen, sagte Albano. - Darauf
fragt' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des
Erbbegrbnisses, weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken
lassen, um wenigstens stumm und dankend hinzuknien. Davon (sagte Dian
betroffen) wei ich sehr wenig; aber ein grausamer Vorsatz ists, und wozu soll
er fhren?
    Die Musik hrte auf, Spener fing leise seine Rede an. Er sprach aber nicht
von dem Frsten zu seinen Fen, auch nicht von seinen Geliebten in der
Erbgruft, sondern von dem rechten Leben, das keinen Tod kenne und das erst der
Mensch in sich erzeuge. Er sagte, da er, obwohl ein alter Mann, weder zu
sterben noch zu leben wnsche, weil man schon hier bei Gott sein knne, sobald
man nur Gott in sich habe - und da wir mten unsere heiligsten Wnsche wie
Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen knnen, weil doch die hohe Sonne
fortstrahle, die ewig neue ziehe und pflege - und da ein Mensch sich nicht
sowohl auf die Ewigkeit zubereiten als die Ewigkeit in sich pflanzen msse,
welche still sei, rein, licht, tief und alles.
    Fr manche Menschen-Brust in der Kirche wurde durch die Rede der
Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen. Auf Albanos steigendes Meer hatte sie
glattes l gegossen, und um sein Leben wurd' es eben und glnzend. Juliennens
Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden; und Idoinens ihre hatten
sich schimmernd gefllet, weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war,
um nicht in der sen, andchtigen und erhebenden zu weinen. Einmal war Albano,
da er zu ihr blickte, als glnze sie berirdisch, und wie auf eine Luna die
Sonne unter der Erde, strahle Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und
schmcke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde.
    Nach dem Schlusse der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen, drckte
seiner Schwester die Hand und bat sie, nicht das Ende der dunkeln Feier
abzuwarten. Sie war getrstet und willig. Da sie aus der Kirche traten, war ein
wunderbarer heller Mondschein auf der Erde verbreitet wie ein ses Morgen licht
der hhern Welt. Julienne bat sie, statt zwischen die Mauern, die Kerker der
Augen und Worte, und unter das Getmmel hin einzugehen, lieber vorher die hellen
stillen Gegenden zu schauen. Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des
heitern Greises in die schne Nacht hinaus. - Kein Wlkchen, kein Lftchen regte
sich am weiten Himmel, die Sterne regierten allein, die Erdenfernen verloren
sich in weie Schatten, und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes. O
wie lieb' ich Ihren heitern heiligen Greis (sagte Idoine zu Albano und hatte
schon oft Juliennens Hand gedrckt) - Wie gut ist mir! - Ach das Leben wird wie
das Meerwasser nicht eher ganz s, als bis es gen Himmel steigt. - Pltzlich
kamen zu ihnen ferne Waldhorntne heraus, welche gutmeinende Landleute vor
Albanos Erziehungshause als Gre brachten. Wie kommts, (sagte Julienne) da
im Freien und nachts auch die unbedeutendste Musik gefllig und rhrend wird? -
Vielleicht weil unsere innere heller und reiner dazu mittnt, sagte Idoine. -
Und weil vor der Sphrenmusik des Universums menschliche Kunst und menschliche
Ein falt am Ende gleich gro sind, setzte Albano dazu. Das meint' ich eben,
denn sie ist doch auch nur in uns, sagte Idoine und sah ihm liebreich und offen
in die Augen, die vor ihren zusanken, wie wenn ihn jetzt der Mond, der milde
Nachsommer der Sonne, blendend berglnzte.
    Sie wandte sich seit der Kirchenfeier fter an ihn, ihre se Stimme war
teilnehmender, obwohl zitternder, die jungfruliche Scheu vor Lianens
hnlichkeit schien besiegt oder vergessen, so wie an jenem Abende im letzten
Garten; in ihr hatte sich unter Speners Rede ihr Dasein entschieden, und an der
Liebe der Jung frau waren wie an einem Frhling durch einen warmen Abend-Regen
alle Knospen blhend aufgebrochen. Indem er jetzt dieses klare milde Auge unter
der wolkenlosen reinen Stirn anschauete und den feinen, vom unerschpflichen
Wohlwollen gegen jedes Leben berhauchten Mund: so begriff er kaum, da diese
weiche Lilie, diesen leichten Duft, aus Morgenrot und Morgenblumen aufgestiegen,
der feste Geist bewohne, der das Leben regieren konnte, so wie die zarte Wolke
oder die kleine Nachtigallen-Brust der schmetternde Schlag.
    Sie standen jetzt auf dem vom Immergrn der Jugenderinnerung bedeckten
hellen Berge, wo Albano sonst in den Trumen der Zukunft geschlummert hatte, wie
auf einer lichten hohen Insel mitten im Schatten-Meere zweier Tler. Die
Lindenstdter Gebrge, das ewige Ziel seiner Jugendtage, waren vom Mond
beschneiet, und die Sternbilder standen blitzend und gro auf ihnen hin. Er sah
Idoine nun an - wie gehrte diese Seele unter die Sterne! Wenn die Welt rein
ist vom niedrigen Tage - wenn der Himmel mit seinen heiligsten fernsten Sonnen
das Erdenland ansieht - wenn das Herz und die Nachtigall allein sprechen: nur
dann geht ihre heilige Zeit am Himmel an, dann wird ihr hoher stiller Geist
gesehen und verstanden und am Tage nur ihr Reiz, dachte Albano.
    Wie manchmal, mein guter Albano, (sagte die Schwester) hast du hier in
deinen verlassenen Jugendjahren zu den Bergen nach den Deinigen gesehen, nach
deinen verborgnen Eltern und Geschwistern; denn du hattest immer ein gutes
Herz! Hier blickte ihn Idoine unbewut mit unaussprechlicher Liebe an und sein
Auge ihres. Idoine, (sagt' er, und ihre Seelen schaueten ineinander wie in
schnell aufgehende Himmel, und er nahm die Hand der Jungfrau) ich habe noch
dieses Herz, es ist unglcklich, aber unschuldig. - Da verbarg sich Idoine
schnell und heftig an Juliennens Brust und sagte kaum hrbar: Julienne, wenn
mich Albano recht kennt, so sei meine Schwester!
    Ich kenne dich, heiliges Wesen, sagte Albano und drckte Schwester und
Braut an eine Brust. - Und aus allen weinte nur ein freudetrunknes Herz. O ihr
Eltern, (betete die Schwester) o du Gott, so segne sie beide und mich, damit
es so bleibe! Und da sie gen Himmel sah, als die Liebenden im kurzen heiligen
Elysium des ersten Kusses wohnten, so blickten unzhlige Unsterbliche aus der
blauen tiefen Ewigkeit - die fernen Tne und die milden Strahlen verwoben sich
ineinander - und das schlummernde Reich des Mondes erklang - schauet auf zum
schnen Himmel, (rief die freudentrunkne Schwester den Liebenden zu) der
Regenbogen des ewigen Friedens blht an ihm, und die Gewitter sind vorber, und
die Welt ist so hell und grn - wacht auf, meine Geschwister! -

                                      Ende

                                    Funoten


1 Diese 35 Ellen hohe Statue auf einem Gestelle von 25 Ellen, in deren Kopfe 12
Menschen Raum antreffen, steht bei Arona und hlt gerade mit der
gegenberstehenden Isola bella, die mit 10 aufeinander gebaueten Grten oder
Terrassen aufsteigt, einerlei Hhe. Keylers Reisen etc. B. I.

2 Die alten Kremnitzer haben das Christuskind auf dem rechten Arm; die neuen und
leichtern auf dem linken.

3 Franklin riet das Aufbewahren und Bouchieren ausgetrunkener Gefe an, um das
Schiff dadurch oben zu erhalten.

4 Gemlde von Peter Molyn den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta
nannte.

5 Der Pasquino ist bekanntlich verstmmelt. - Della Porta war ein groer
Ergnzer alter Statuen.

6 D.h. zwischen zwei hlzernen Walzen und einer metallenen gepresset werden.

7 Diese Pille besteht aus Spieglasknig und wird ihrer Festigkeit wegen stets
von neuem mit altem Erfolge gebraucht: man schttet blo vorher einen Aufgu von
Wein darber.

8 Tirare di prima vera nennts das Volk, und Peter Schoppe bersetzt es erhaben
genug: elektrisches Pistolenzeug des Lenzes.

9 Wir sehen uns nie, mein Sohn.

10 Wir sehen uns einst, mein Bruder.

11 Ein guter Wouwermann heiet in der Malersprache ein gut gemaltes Pferd,
dessen Beschauen auf die Schnheit des knftigen Fllen einflieet.

12 So heiet das Quantum, das man den Beisitzern des Kammergerichts, wenn sie
nicht genug gearbeitet haben, vorenthlt.

13 Die Ipecacuanha gehrt zum Veilchengeschlechte.

14 Aus dem Orden des heiligen Pauls oder memento mori, der in Frankreich im
17ten Jahrhundert erlosch. Die obige Anrede ist ihr gewhnlicher Gru.

15 Den Zahuris in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetrauet, Leichname,
Metalladern etc. in der tiefen Erde zu erblicken.

16 Anspielung auf die Erzhlung einiger Astronomen, da die verfinsterte Sonne
zuweilen durch eine ffnung des Mondes geblitzet habe, wie es z.B. Ulloa einmal
gesehen zu haben versichert.

17 In Kalabrien waren im Zeitrume von Jahren (1785) tausendundvier
Erschtterungen. Mnters Reise etc.

18 Reflexions critiques sur la Poesie etc. de Dubos. T. I. Sect. 42.

19 Sueton. Nero.

20 Ich habe schon gesagt, da er da erzogen wurde bei dem Landschaftsdirektor
von Wehrfritz

21 Bekanntlich wird diesem Evangelisten ein Engel beigesellet.

22 An einen deutsch. Kammerprsident. 1. B. Seite 296.

23 Denn Boyle fand in seinen Versuchen, da Ranunkeln, Mnze etc., die er im
Wasser growachsen lassen, die gewhnlichen aromatischen Krfte entwickelten.

24 Modesten wollen einige statt der Beinkleider hren.

25 Gemach, es ist unschicklich, wenn man seine Serviette frher aufmacht als
andre Leute.

26 Es ist unschicklich, wenn man auf seine Suppe blset.

27 Um Verzeihung, es ist Hecht au four; aber es ist unschicklich, nach dem Namen
einer Schssel zu fragen - man tut, als wisse man ihn schon.

28 Die weibliche Valisnerie liegt zusammengerollt unten im Wasser, aus welchem
sie mit der Blumenknospe aufsteht, um im Freien zu blhen; die mnnliche macht
sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Bltenstaube
der erstern zu.

29 Die vorhergehenden schnen Oktobertage so wie die Kanikularferien und der
April und kurz der Vorrest des Jahres wurden am gedachten 22sten Oktober und
dieser selber nachgeschaffen. So lehn' ich leicht die Frage nach der Vorzeit ab.
Denn datiert einer die Welt anders, z.B. vom 20sten Mrz, wie Lipsius und die
Patres taten. so mu er immer zu meinem Nachschaffen des Vorjahrs greifen, wenn
ich ihm mit seiner eignen obigen Frage zu Leibe gehe.

30 Man glaubte sonst, da ein Rubin angenehme Trume gebe.

31 Arnolds Kirchengeschichte von Preuen. 1. B.

32 In Catana ist der Schleier der heiligen Agatha das einzige Gegengift des
tna.

33 Anspielung auf die Fackeln, vor denen man das Kolosseum und die Antiken - und
die Gletscher, die beides sind - magischer glnzen sieht.

34 Wie die Himmelsknigin, Juno, von den Alten immer blau verschleiert wird.
Hagedorn ber die Malerei.

35 Eine alte Maschine, die viele Schsse auf einmal tut.

36 In Italien sehen die Sterne nicht silbern, sondern golden aus.

37 Bei gewitterhafter Luft steigen aus Orangelilien, Goldblumen, Sonnenblumen,
indischen Nelken etc. kleine Flammen.

38 Wahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vgel.

39 Nach Camper haben Hektiker sehr weie und schne Zhne.

40 Derham (in seiner Physiko-Theologie 1750) bemerkt, da Taube unter dem Getse
am besten hren, z.B. ein Harthriger unter dem Glockengelute; eine taube
Wirtin unter dem Trommeln des Hausknechts. Daher wird vor Frsten und Ministern,
die meistens schlecht hren, Musik-, Pauken- und Kanonen-Lrm, wenn sie
durchpassieren, geschlagen, damit sie das Volk leichter hren.

41 In dessen Wand die Frau mit dem Souvenir ist.

42 Diese frhzeitige Vollendung des Wuchses hab' ich an mehreren ausgezeichneten
Weibern bemerkt, gleich als sollten diese Psychen Schmetterlingen gleichen, die
nicht wachsen nach der Entpuppung.

43 Mit Disteln wird das Tuch gerauhet, d.h. aufgekratzt, um es besser zu
scheren.

44 Sehen Sie, wie vortrefflich Ihr Le Cain (ein berhmter Schauspieler) seine
(Mord-)Rolle spielt.

45 Sie wollen, wie es scheint, das Schicksal dieser Seherin noch eher
entscheiden, als das unsrige entschieden ist. Er meint hier die Ehescheidung,
die zwischen beiden nur durch den wechselseitigen Wunsch, Lianen zu behalten,
verschoben wurde.

46 So gehrt sichs fr Ihre Verschnerungskunst, sowohl blind zu machen als zu
sein, der Liebesgott ist das Modell dazu.

47 Das wre eben vorher Ihre Sache gewesen.

48 Eine nervenschwache (ich wei nicht, obs die nmliche ist), welche viel
Religion, Phantasie und Leiden hatte, wurde, wie sie mir erzhlt, auf dieselbe
Weise blind und auf dieselbe geheilt.

49 Das ewige Prickeln der empfindlichern Finger-Nerven durch Strick-, Tambour-
u.a. Nadeln macht vielleicht so gut wie das Berhren der Harmonikaglocken durch
Reizen nervenschwach.

50 Der Tartarus ist die melancholische Partie in Lilar.

51 Den Blutumlauf beschleunigt Hochmut bis zum Wahnsinn. brigens ist die ganze
Bemerkung von dem pharmazeutischen Werte des Hochmuts aus Tissots trait sur
les Nerfs geholt.

52 So hie bei den Rmern ein Mann, der hinter der Leiche ging und die Gebrden
und das Wesen derselben im Leben nachffte. Pers. Sat.3.

53 Dieser hatte frher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen; es
sind mir aber ber diesen wichtigen Artikel hinlngliche Dokumente versprochen.

54 Dians Familie wohnt in Lilar.

55 Sonst glaubte man, da eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen
bedeute, dem er gehrte.

56 Honntet schlieet in den hhern Stnden Morden, deshonntet, Lgen etc.
vllig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade.

57 Dieser Hof ist katholisch, aber das Land lutherisch, und zu dieser letztern
Konfession bekennt sich auch der Hohenflieer.

58 S. des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes.

59 Wer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an.

60 Sie haben eine ganze Stube zum Winterleben, der man im Sommer blo die
Fenster aushebt.

61 So hie berall der einsiedlerische Emeritus, der da wohnende Hofprediger
Spener, der mit dem edlen alten frommen Spener nicht nur von vterlicher Seite
verwandt war, sondern auch von geistiger.

62 Sie hatten als Zwillinge diese Namen.

63 Der Tartarus mit dem Vaterherzen Juliennens.

64 So heiet jener Berg, den Albano in der bekannten Frhlingsnacht gefunden.

65 Linda de Romeiro.

66 Die Ursache ist, weil sie nach der Genesung noch kurzsichtig war, und ein
Kurzsichtiger sieht den Tau glnzender.

67 Dieser Satz, da die reine Musik ohne Text nichts Unmoralisches darzustellen
vermge, verdient von mir mehr untersucht und ausgefhrt zu werden.

68 Es kann mir nicht vorgeworfen werden, da ja die Szenen meines Buchs wirklich
erlebte wren und da man keine bessere zu erleben wnschte denn in der
Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an Reize, mit
welchen auch jede andere zurckgewichene Gegenwart magisch die Erinnerung
durchschimmert. Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber,
das im Titan handelt, ob es nicht in meinem Buche wenn es anders darber gert -
an den abgemalten Szenen, die doch seine eignen sind, einen hhern Zauber
findet, der den wirklichen abging, und ders freilich machen knnte - aber ganz
mit Unrecht -, da das Personale wnscht, sein eignes Leben zu - erleben.

69 Oder Athanor, ein chemischer Ofen, der lange Zeit ohne Nachschren
fortarbeitet.

70 Nach Lempriere.

71 Sanhedrin. c. 2. Misch. 3.

72 Cic. ad Quirit. post redit. c. 3.

73 Seine Sekte lie durch Christi Hllenfahrt alle Bse aus der Hlle kommen,
Abraham, Enoch, die Propheten etc. aber nicht. Tertull. adv. Marcion.

74 So heien schwarze Farben.

75 So heiet die Linie, die man von der Sonnennhe zur Sonnenferne zieht.

76 Ein mit dem Gesichte zuerst in die Welt tretendes Kind kann spter den Kopf
nicht vorwrts beugen. Hausmutter V. B.

77 So heiet das Invalidenhospital in Kopenhagen.

78 In Darwins Zoonomie 1. B. S.529, wird einer angefhrt, der vor Zuschauern es
machte. In Paris tat ein andrer dasselbe durch Luft, die er in den Magen
schluckte.

79 In Wien machte ein Institut aus altem Lack neuen und steuerte mit dem Ertrage
Arme aus.

80 So geschmacklos wollte Basedow eine Tochter zum Andenken des auf
Prnumeration erscheinenden Elementarwerks taufen lassen. S. Schlichtegrolls
Nekrolog.

81 So heit an einigen Orten die Schwindsucht.

82 Ein Mikrometer besteht aus feinen, in das Sehrohr eingespannten Fden, die
zum Messen der kleinsten Entfernung dienen.

83 Das Passageinstrument oder Kulminatorium beobachtet es, wenn ein Stern den
hchsten Stand in seinem Laufe hat.

84 Autarchen; denn Monarchen oder Einherrscher sind von Selbstherrschern
etymologisch verschieden.

85 Spielet er damit auf die frchterliche weie Gestalt in meiner Vision von der
Vernichtung an?

86 So heiet die Gestalt eines Sterbenden.

87 Simons christl. Altertmer, von Mursinna etc. p. 143.

88 Anspielung auf die Art, Frsche mit einem Stckchen roten Tuch zu angeln.

89 Der Mond.

90 Die unbekannten Erfrornen werden von den Mnchen unbegraben aneinander, jeder
an die Brust des andern angelehnt.

91 Linda de Romeiro.

92 Er soll lehrend immer auf die leere Knopf-Sttte eines Studenten gesehen
haben; und wurde irre, als dieser sie besetzt hatte.

93 Die Zeit des Sonnenuntergangs, welche die sdlichen Lnder so sehr fliehen.

94 Tempestiarii oder Wettermacher hieen im Mittelalter die Hexenmeister, welche
Ungewitter erregen konnten. Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie; und
andere Hexenmeister, die jenen entgegenarbeiteten.

95 Die polnischen Tnzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze damit die
Tnzerin durch die Schlge entschuldigt ist, wenn sie mit ihm fehlet.
Oberschles. Monatsschrift, 1stes St., Jul. 1788.

96 Geistersche

97 So nannten ihre Schlieer die Gefangnen.

98 Alexand. ab Al. V. 4.

99 Um sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden, der in beiden Fngen
etwas hlt.

100 Bouverot war katholisch.

101 meinte eine mit dem armen Lektor.

102 Ich meine nicht (wie es etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister,
sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von
Frankreich verhandelte und fr dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam.

103 Ich verkaufe blo die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein.

104 Plaut. Bach. Act. 4. Scen. 7. 17.

105 7ter Teil der neuen Sammlung der Reisebeschreibungen.

106 Ich spreche mehr von Tchtern, weil diese die gewhnlichsten und grten
Opfer sind; die Shne sind unblutige Meopfer.

107 Plin. H. N. VIII. 16.

108 Und das ist durchaus wahrscheinlich. Doktor Eduard Hill berechnete da in
England jhrlich 8 000 an der unglcklichen Liebe - am gebrochnen Herzen, wie
die Englnderinnen rhrend sagen - sterben. Beddoes erweiset da die
vegetabilische Kost - und diese lieben gerade diese Wesen - die Schwindsucht
nhre und da die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten
der Sehnsucht, die schon ohne Fehlschlagen, wie das Heimweh zeigt, eine
vergiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der
Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter
falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert geschrft
und gegeben.

109 Forsters Ansichten. I. B.

110 Weigel in Jena erfand die Verkehrtbrcke (pons heteroclitus), eine Treppe,
wo der Mensch hinabzugehen glaubt durch Aufsteigen. Busch Handbuch der
Erfindungen. 7. B.

111 Es hatte den Namen von seiner Hhe und von dem ftern Einschlagen des
Blitzes.

112 Basa Mezia. c. 4. m. 10.

113 Bekanntlich sind die Frhlingsblumen wegen der Nsse und des Schattens meist
verdchtige; wie die Herbstblumen.

114 Dieses Selbst-Ertnen - wie die Riesenharfe bei verndertem Wetter unberhrt
anklingt - ist in Migrne und andern Krankheiten der Schwche hufig; daher im
Sterben; z.B. in Jakob Bhme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde
von Harmonien umrungen aus.

115 Irgendeine uneigenntzige Liebe mu ewig gewesen sein. Wie es ewige
Wahrheiten gibt, so mu es auch eine ewige Liebe geben.

116 Darum vielleicht, warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschaueten
Geschpfe nicht in seinen Trumen unter den Bildern des Tages gehen sieht.

117 Denn an seinem und ihrem Abendmahlstage hatt' er an ihren Tod durch das
Gewitter geglaubt.

118 z.B. die Winterlevkoje.

119 Jede partiale Ausbildung wirkt freilich fr das Ganze gut, aber nur darum,
weil dessen entgegengesetzte partiale sie in einer hheren Gleichung und Summe
aufhebt, so da aus allen einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzigen
Riesen werden, wie der Schwedenborgische ist. Aber insofern in dem einen
Individuum ein Mangel entsteht, der einem entgegengesetzten in dem andern
abhilft - so da der Weg der Menschheit gleich sehr plagt und stet durch
Vertiefung und durch Erhhung -, so sieht man, da jede einseitige Flle nur Kur
der Zeit ist, nicht Gesundheit derselben; und da das hhere Gesetz zwar
langsamere individuelle, aber harmonische Ausbildung bleibt; zwar kleinere, aber
allseitige und dadurch in der sptern Zeit sogar schnellere. Wir vergessen
immer, da - wie in der Mechanik sich Kraft und Zeit gegenseitig ergnzen - die
Ewigkeit die unendliche Kraft sei.

120 Nach dem Ingenieur Borreux trifft wrtlich nur der 1 000te Schu des kleinen
Gewehrs. - So ists berall, frchte den Tod, so stehen fallende Blumentpfe der
Fenster, Blitze aus blauem Himmel, losgehende Windbchsenschsse, Herzpolypen,
wtige Hunde, Ruber, jede Fingerwunde, aqua toffana, Schwamm-Leckerei etc.,
kurz die ganze Natur - diese immer fortgehende zerquetschende Kochenillen- -
steht mit unzhligen geffneten Parzenscheren rings um dich, und du hast keinen
Trost, als da dem ungeachtet die Leute achtzig Jahre alt werden. - Frchte die
Verarmung: so fassen dich Feuers-, Wasser-, Teurungs- und Kriegsnten, eine
Diebs-Vendee, Revolutionen mit gierigen Krallen und Fngen ein, und doch, du
Reicher. Wird der Arme - unter denselben Stovgeln hinkriechend - am Ende so
reich wie du. Geh also khn durch die schlummernde Lwenherde rechts und links
liegender Gefahren zum Brunnen hindurch, nur wecke sie nicht mutwillig auf. -
Freilich zieht einzelne ein Hllengott hinab, die nichts frchteten; aber auch
einzelne ein oberer Gott hinauf, die nichts erwarteten; und Furcht und Hoffnung
gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht.

121 Titan I. B. S. 80.

122 Am Hofe des Knigs Olaus bot sich der Knigsjngling Olo, als Landmann
gekleidet, der Tochter zum Schutze gegen Ruber an. Damals galt Feuer der Augen
und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft; so erkannte z.B. die
Suanhita den Knig Regner in der Hirtentracht an der Schnheit seines Auges und
Gesichts. Die Knigstochter blickte prfend in Olos Flammenauge und kam der
Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei
dem dritten in Ohnmacht. Der gttliche Jngling schlug daher das Augenlid
nieder, enthllte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand. S. der
Deutsche und sein Vaterland von Rosenthal und Karg I. S. 166, 167.

123 Denn was man Licht nennt, ist nur strkeres Wei. Niemand sieht nachts den
Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstrzt.

124 Dieses wrmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als
eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nur blutig
reiet, wie verletzende Tiere in warmen Lndern und Monaten vergiften, und in
kalten nur verwunden. Daher bedenke der Mdchenschulmeister, da eine Dosis,
welche Satire auf den Knaben ist - der ohnehin der Meinung widerstehen soll -,
Pasquill wird, wenn sie seine Schwester einbekommt.

125 Nmlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe
hier wieder an zwei Exempeln, wie an der Liebes-Harmonika ein Bruder als
Tastatur fr die Schwester vorstehen msse, die zu den Glocken will. Es sollte
daher immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend.

126 Ein solcher Charakter (schreibt Hafenreffer dabei) wre fr
Romanen-Kotzebues erwnscht, weil diese, da er seiner Natur nach immer den Wert
der Situation durch den zuflliger, Ort derselben schaffen und heben will, unter
dem Deckmantel seiner Persnlichkeit ganz der ihrigen frnen und die Schwche
des Dichters in die Schwche des Helden verkleiden knnten. Mich dnkt, dieses
ist, so viel ein Biograph von Romantikern urteilen kann, sehr treffend.

127 Dessen moralische Abhandlungen II. 96.

128 Bei der frstlichen Vermhlung.

129 Bei den gyptern waren die Zauberer nur Gelehrte, bei ihm die Gelehrten
Zauberinnen.

130 Mmoires secrets sur les rgnes de Louis XIV etc. par Duclos. T. I.

131 Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc. zum Zeichen
gemacht, da er auf der frstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder
aufgesetzt werde, sondern sonst genossen.

132 S. Klockenbrings gesammelte Aufstze.

133 Damer oder zur Dame machen mute der Knig vorher ein unverheiratetes
Mdchen von Stande, eh' es nach Versailles an den Hof gehen durfte.

134 Beseke fand es. S. ber das Elementarfeuer, von ihm 1786.

135 Frchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4. Teil von
He's Durchflgen S. 156 nach; jetzt hat es eine wohlttigere Regierung durch
die Wildsteuer gestillt.

136 Fr ihn wars innerster Genu, ein solches Hochzeitgedicht ganz mit den
Reimen, Flgen und Ausrufungs- und Anrufungszeichen des ersten besten
Neujahrsreimers der Welt zu schenken, und das Bewutsein seiner reinen, obwohl
satirischen Absicht beruhigte ihn ganz ber jeden Tadel einzelner schwlstiger
oder zu sklavischer Wendungen.

137 Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfeilerspiegel und mengte seine
zurckgespiegelte ferne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand
nur ein Fenster gegenber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfllte
Laubwerk.

138 Ich bin nur ein Traum.

139 Es braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten daliegt, der nicht anders
zu lsen ist.

140 Und ein Vierter (wenn nmlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht
nicht mit in die Sache zu reden.

141 Wo der Frst gestorben und sie erblindet war.

142 Dessen Lettres sur les Aveugles.

143 Die helle Kammer.

144 Wo Albano zum letzten Male selig mit Lianen war.

145 Die Sineser konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten malen,
die nur sichtbar wurden, wenn man das Gef anfllte. Lettres difiantes etc.
XII. recueil.

146 Linda.

147 z.B. der deutsche kaiserliche Hof keine Bedienten-Livreen.

148 In Rom scheinen Gebude aus beiden zu bestehen, haben aber nur den Anwurf
davon.

149 Titan I. S. 39.

150 Symmer beobachtete folgendes: weie und schwarze Strmpfe, bei trocknem,
kaltem Wetter bereinander getragen, sind, wenn man den uern bei dem untern
Ende, den innern beim obern auseinanderzieht, entgegengesetzt geladen, der weie
positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sie sich gegeneinander auf
und suchen sich; einander berhrend, hngen sie platt und breit darnieder.
Fischers physik. Wrterbuch. L B.

151 Auf Wilhelmshhe geht ein langer musikalischer Ton dem Fallen der Wasser
voraus.

152 Beides ist der Name des alten deutschen Donnergottes; er meint sich aber
damit selber.

153 Die Molosser nannten alle schnen Weiber Proserpinen.

154 So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen.

155 Sein Albano.

156 So nannten die Wenden den Tod.

157 Ein Englnder bemerkte, da unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die
der Unterwrfigkeit vorkomme; meistens bewohnen es Gtter, Knige, Ppste,
Gelehrte.

158 Wenn.

159 Bekanntlich lehnen sie da unverweset aneinander.

160 Der ihm auf Isola bella erschienen war.

161 Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie umfassen wollte.

162 Ein Schwan kann mit dem Flgelschlag einen Arm zerbrechen.

163 Sie hielt ihr hiesiges Leben fr ein ruhiges Spiel-und Kinder-Leben, erst
das zweite fr das ttige.

164 Hier und weiter redet sie zwar irre; aber sie wei es doch, da der
Grasblumenkranz von Charitons Kindern ist.

165 Sie sieht das Herbstlaub.

166 Die Stelle heiet in Cardan. praecept. ad filios c. 16. so: Longobardo
rubro, Germano nigro, Hetrusco lusco, veneto claudo, Hispano longo et procero,
mulieri barbatae, viro crispo, Graeco nulli confidere nolite.

167 z.B. der Kapellmeister Naumann.

168 Er wollte Assonanz und Kosekante sagen.

169 Walkren sind reizende Jungfrauen, die vor der Schlacht diese weben und die
Helden bestimmen, die fallen mssen.

170 Die Leiche gehet aufgedeckt zum Begrbnis, ihre Begleiter folgen vermummt.

171 So heiet z.B. in Ungarn der Diakonus.

172 Zehn Uhr.

173 des Jupiter tonans.

174 Der Leib im Pantheon, der Kopf in der heiligen Luka-Kirche.

175 Die Pantheons-Halle scheint zu niedrig, weil einen Teil ihrer Stufen der
Schutt verbirgt.

176 27 Fu hat die Dachffnung im Durchmesser.

177 Der Polstern steht wie andere nrdliche Sternbilder in Sden tiefer.

178 Die Summe und das System elektrischer, galvanischer, chemischer,
anatomischer Erfahrungen, die Taktik, ein corpus juris u.s.w. knnen uns wohl in
Erstaunen setzen, aber die Menschheit selber erscheint nicht grer durch
Riesengebude, die von Millionen Elefantenameisen zusammengetragen werden;
allein wenn ein Elefant ein Gebude trgt, wenn ein Individuum irgendeine Kraft
in neuen Graden und Verhltnissen zeigt, Newton die mathematische Anschauung,
Raffael die bildende, Aristoteles, Lessing, Fichte den Scharfsinn, oder ein
anderes die Gte, die Festigkeit, den Witz u.s.w.: dann gewinnt die Menschheit,
und ihre Schranken rcken hinaus.

179 In Grnland macht die heftige Klte schwarz und blind.

180 Wohin seit Servius Tullius' Zeit alle Scherben geworfen werden.

181 S. Titan 1. S. 28.

182 Wie schn ist er!

183 Roquairol.

184 Julienne.

185 Gaeta.

186 Die Insel Ischia mit dem Berg Epomeo, so hoch wie der Vesuv - Kapri u.s.w.

187 Borgo d'Ischia.

188 Er meint die Traube, die dreimal des Jahres da gewonnen wird, im Dezember,
Mrz und August.

189 Die Insel Ischia selber.

190 Taggesicht (Hemeralopie) ist gewhnlich in heien Lndern; der strkste Grad
ist, nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend.

191 Es gibt metamorphotische Spiegel, die junge Gesichter veraltet darstellen.

192 Ihn und Liane.

193 Bei Baja.

194 Frage sie nicht lnger, denn ihr Vater soll, wie man sagt, an ihrem
Hochzeittage kommen.

195 Eine sehr schne Kartause bei Valencia.

196 Die Sangvgel sind in Italien selten, weil man sie fr die Kche auf dem
Markt verkauft.

197 Dian liebte den Virgil nicht.

198 So schwer und langsam wlzt sich der breite Lavastrom herunter, da ein
Mensch vor diesem glhenden Todesflu, der alles verschlingt, erstickt und
zerschmilzt, was er berhrt, vorausgehen und die Zerstrung hinter sich sehen
kann, ohne sich in die Gefahr einer eignen zu setzen.

199 Oder Pster, die bekannte altdeutsche Gtzenstatue voll Lcher, Flammen und
Wasser.

200 Des Kahlkopfs, der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophezeiete.

201 Der Oheim hatte wieder gelogen, denn er war, wie man aus diesem Bande wei,
vorher nach Rom gegangen, wo er dem Ritter und der Frstin die Pestitzer Briefe
bergeben.

202 Ich wrde lieben.

203 Bei den Morlacken. S. Sitten der Morlacken. Aus d. Italien. 1775.

204 Titan II. S. 273 etc.

205 Eine Stelle aus Albanos Brief an Roquairol. Titan 1. S. 232.

206 Liebe und Freundschaft.

207 Der Mond.

208 Aber! - Gott, er hat sich re vera umgebracht - Teufel, er ist tot! O wer
wird mich bezahlen?

209 So viel bekommt jeder Professor Preis-Geld fr jede bessere Grammatik und
jedes bessere Kompendium; so fr jede Dissertation 50 Dukaten u.s.w. Tychsens
Zustze zu Bourgoings Reise. 2. B.

210 Eine verlangte z.B. den Knig zu sehen; er trat so lange auf den Balkon
heraus, bis sie befriedigt war.

211 seinen Hund.

212 S-s heiet Siebenks. Aus den Blumen-, Frucht-und Dornenstcken ist bekannt,
da Schoppe frher Siebenks sich genannt - dann diesen Namen an seinen ihm bis
zum Gesichte hnlichen Freund Leibgeber abgegeben, von dem er den seinigen
angenommen - und da der Freund sich zum Schein ein Grabmal als Siebenks
errichten lassen.

213 Titan, 1. Band, S. 40 u.s.w.

214 Josephchen.

215 S. 128 im 1. Band des Titans.

216 1. Band des Titans, S. 126.

217 1. Bd. S. 95.

218 Er meint Liane, welche Spener durch die feierliche Enthllung von Albanos
Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen aufgewachsenen Liebe zu
entsagen ntigte.

219 Nie unter ihrem Stand zu heiraten.

220 Liane wurde, wie bekannt, als ihr Bruder neben dem alten Frsten auf die
Brust ohne Herz die Rede hielt, krank und blind. 1. Bd. des Titans, S. 156.

221 Titan, 1. Bd. S. 78.

222 Nmlich: freue dich!

