
                           Wieland, Christoph Martin

                    Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

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                            Christoph Martin Wieland

                                    Aristipp

                                  Erster Band.

                                       1.

                       Aristipp an Kleonidas in Cyrene.1

Alle Gtter der beiden Elemente, denen du bei unserm Abschied mein Leben so
dringend empfahlst, schienen es miteinander abgeredet zu haben, die Ueberfahrt
deines Freundes nach Kreta zu begnstigen. Wir hatten, was in diesen
Meeresgegenden selten ist, das schnste Wetter, den heitersten Himmel, die
freundlichsten Winde; und da ich dem alten Vater Oceanus den schuldigen Tribut
schon bei einer frhern Seereise bezahlt hatte, geno ich diemal der
herrlichsten aller Anschauungen so rein und ungestrt, da mir die Stunden des
ersten Tages und der ersten Hlfte einer lieblichen mondhellen Nacht zu
einzelnen Augenblicken wurden.
    Gleichwohl - darf ich dir's gestehen, Kleonidas? - duchte mich's schon am
Abend des zweiten Tages, als ob mir das majesttische, unendliche Einerlei
unvermerkt - lange Weile zu machen anfange. Himmel und Meer, in Einen
unermelichen Blick vereinigt, ist vielleicht das grte und erhabenste Bild,
das unsre Seele fassen kann; aber nichts als Himmel und Meer, und Meer und
Himmel, ist, wenigstens in die Lnge, keine Sache fr deinen Freund Aristipp;
und ich glaube wirklich, da mir ein kleiner Sturm, mit Donner und Blitz und
brigem Zubehr, blo der Abwechslung wegen, willkommen gewesen wre. Du weit,
da auer dem nah an Kreta liegenden Inselchen Gaudos, kein einziges Eiland
zwischen Cyrene und Gortyna2 zu sehen ist; berdie wollte auch der Zufall, da
uns auf der ganzen Reise, auer drei oder vier Cyprischen Kornschiffen, und
einer fr Korinth befrachteten Tyrischen Pinasse, die sich so nah als mglich an
der Kste hielten, kein einziges Fahrzeug begegnete, womit wir uns auf eine oder
andre Art htten unterhalten knnen. Es fehlte mir also, wie du siehest, nicht
an Mue, so viele Grillen zu fangen als ich wollte; und wie weit es endlich mit
mir gekommen seyn msse, kannst du daraus abnehmen, da ich stundenlang vom
Verdeck in die See hinab schaute, ob nicht irgend einer von den Fischgttern
oder Gtterfischen, womit ihr Dichter den Ocean bevlkert habt, aus der Tiefe
herauffahren, bei unsrer Erblickung in sein krummes Horn stoen, und die brigen
Meerwunder, seine Gespielen, zusammenrufen werde, um unsre auf den Wellen leicht
dahin gleitende Barke zu umkreisen, und durch muthwillige Spiele und Neckereien
aufzuhalten. Das Schauspiel, das wir ihnen gaben, ist freilich seit der Zeit, da
das erste von Pallas Athene selbst erbaute Schiff3 eine Schaar khner
Gttershne nach Kolchis trug, um - ein goldnes Widderfell zu erobern, etwas so
Alltgliches fr diese Meerbewohner geworden, da ein unbedeutendes Fahrzeug,
wie das unsrige, sich nicht schmeicheln durfte groes Aufsehen bei ihnen zu
erregen: aber da in drei langen Tagen auch nicht ein einziges rosenarmiges
Meermdchen mit grnen Locken und milchweiem Busen auftauchen wollte, um meine
des Herumschwebens zwischen Luft und Wasser mden Blicke auf ihrer reizenden
Gestalt ausruhen zu lassen, das war doch wirklich zu grausam, und bewies mir den
groen Unterschied, den die Gtter zwischen euch Dichtern und uns andern
prosaischen Menschen machen, zu meiner nicht geringen Demthigung. Wre mein
Freund Kleonidas hier, dacht' ich, was wrd' er nicht, kraft des Vorrechts, das
die Natur den Musolepten4, ihren Gnstlingen, zugestanden hat, in diesen, fr
mich Unbegeisterten so leeren, Elementen sehen und hren? Knnt' er gleich den
Nebel, der mir die unsichtbare Welt verbirgt, nicht von meinen Augen treiben, so
wrde ich mich doch an seinen Visionen und Entzckungen ergtzen: und im Grunde
knnte mir's ja gleichviel seyn, ob ich das alles unmittelbar mit meinen eigenen
Augen, oder im Zauberspiegel der seinigen she. Sage dir nun selbst, ob ich
nicht auf dich zrnen sollte, da du dich nicht erbitten lieest, mich auf
meiner Reise wenigstens nur bis nach Olympia zu begleiten, wo dich ein
Schauspiel erwartete, das auf dem ganzen Erdboden einzig in seiner Art ist, und
durch kein anderes ersetzt werden kann, wenn es auch ein Triumphsaufzug
Poseidons und Amphitritens mit allen ihren Tritonen und Nereiden wre. Im ganzen
Ernste, Kleonidas, ich kann dir das Unrecht kaum verzeihen, das du durch deine
Unerbittlichkeit noch viel mehr an dir selbst, als an deinem Aristipp begangen
hast. Wer wei ob dir die versumte Gelegenheit in deinem ganzen Leben wieder
aufstoen wird? und aus der Welt zu gehen, ohne die Olympischen Spiele und den
Jupiter des Phidias gesehen zu haben, wahrlich, da verlohnte sich's kaum der
Mhe da gewesen zu seyn! - Doch, wem sag' ich das? und wie kann ich einen
Augenblick vergessen, da du von einem Zauber gebunden bist, der dir weder
Gewalt ber dich selbst lt, noch Augen fr einen andern Gegenstand, als die
schne Unerbittliche, deren Blicke die Nahrung deines Lebens sind? Was ist im
Himmel und auf Erden und im Reich des Oceanus, das einen von Amorn verwundeten
Dichter von der sen Quelle seiner Schmerzen entfernen knnte? Was ist dir die
schimmernde Panegyris5 alles dessen was die ganze Hellas Edles, Groes und
Schnes hat, ihrer auserlesensten Jnglinge, ihrer berhmtesten Mnner, ihrer
reizendsten Weiber, ihrer Knstler, Weisen, Staatsmnner, Feldherren und
Frsten? dir, der das alles unbemerkt bei dir vorbeiziehen lassen wrde, um
deine Augen auf den bloen Schatten der schnen Lycnion zu heften, wenn du sie
selbst nicht erblicken knntest?
    Wundre dich nicht, Kleonidas, da ich so viel von dem Geheimni deines
Herzens wei, wiewohl du es, ich wei nicht warum, so sorgfltig vor mir
verborgen hast. Ein Verliebter ist so leicht zu entdecken, wie gut er sich auch
zu verstecken glaubt, und die Freundschaft ist scharfsichtig. Befrchte indessen
nichts von der meinigen: sie soll dir nie durch Zudringlichkeit beschwerlich
fallen, aber auch nie entstehen, wenn du dich aus eigenem Drange nach ihr
umsiehst. Alles was ich mir dermalen von der deinigen verspreche, ist, da du
deinen trautesten Jugendfreund nicht ganz vergessen, und ihm gern erlauben
werdest, sich whrend einer Abwesenheit, deren Dauer noch unbestimmbar ist, von
Zeit zu Zeit durch Briefe bei dir in Erinnerung zu bringen.
    Widrige Winde zwingen mich einige Tage lnger in Kreta zu verweilen, als
meiner Geschfte wegen nthig war. Ich werde diese Zeit zu einem Ausflug nach
Gnossus6 anwenden, wo, wie man sagt, die vorzglichsten Merkwrdigkeiten dieser
fabelhaften Insel beisammen sind. Wie drft' ich mich auch jemals wieder in
Cyrene blicken lassen, wenn ich in Kreta gewesen wre, ohne den berchtigten
Labyrinth und - das Grab des unsterblichen Knigs der Gtter und Menschen
gesehen zu haben?

                                       2.



                           An Aritades, seinen Vater.

Nach einer glcklichen und grtentheils angenehmen Reise befinde ich mich seit
zehn Tagen in dem reichen, gewerbevollen, prchtigen und wollstigen Korinth, wo
ich von dem Eupatriden7 Learchus, vermge der alten Gastfreundschaft, die seit
Perianders Zeiten zwischen unsern Familien besteht, mit der geflligsten
Freundlichkeit aufgenommen wurde. Meine erste Sorge war, mich der Auftrge zu
erledigen, womit mein Oheim Alketas mich an seine hiesigen Freunde beladen
hatte; die zweite, die mir zum Behuf meines Aufenthalts in Griechenland
mitgegebenen Waaren auf die vortheilhafteste Art zu Gelde zu machen. Die Nhe
des groen Marktes zu Olympia kam mir zu dieser Absicht sehr zu Statten, und der
Gewinn, den ich dabei gemacht, ist so betrchtlich, da ich - auer der Summe,
die ich fr das nchste Jahr nthig haben mag, um deinem Willen gem meiner
Vaterstadt und der Wrde, die du in unsrer Republik bekleidest, durch einen
anstndigen Aufwand Ehre zu machen - fnfhundert Attische Minen8 in Golde bei
meinem Wirthe hinterlegt habe, ber welche ich deine Befehle erwarte.
    Korinth hat sich seit den vierzig Jahren, da du den Vater des Learchus
besuchtest, sehr verndert. Groer und tglich zunehmender Reichthum in einem
oligarchischen, uerst mild regierten und vielleicht nur zu wenig gezgelten
kleinen Freistaat, zumal in der glcklichen Lage von Korinth, die es zum
Mittelpunkt des Asiatischen und Europischen Handels bestimmt, mu, wie mich
ducht, alle Vorzge, worauf es stolz ist, und alle Uebel, die seinen Verfall
ankndigen, nothwendig hervorbringen. Ich gestehe, da die Wehklagen, die ich
hier, sogar in den reichsten Husern und von verstndigen alten Mnnern, ber
die immer zunehmende Ueppigkeit, Verschwendung, Habsucht und Sittenverderbni
fhren hre, mir keine hohe Meinung von der Weisheit der Korinther geben. Wo
groer Reichthum ist, mu nothwendig auch groe Armuth seyn, und von beiden ist
sittliche Verdorbenheit die unausbleibliche Frucht. Der Reiche erlaubt sich
alles, um grnzenlos genieen zu knnen, ohne die Quelle seines Genusses zu
erschpfen; der Arme thut, wagt und duldet alles, um reich zu werden. Da es so
und nicht anders ist, berzeugte mich schon was ich in Cyrene sah, und Korinth
hat mich darin besttiget. Alle Gesetzgeber, Philosophen und Moralisten in der
Welt knnen den Korinthern nicht helfen: es gibt nur Ein Mittel, das sie und
ihres gleichen retten knnte, und das ist gerade das einzige, wozu sie keine
Lust zu haben scheinen. Sie mten wieder so arm werden als sie vor dreihundert
Jahren waren. Wer wei aber auch, ob die einzige Mittel nicht schon zu spt
kme?
    Doch wohin versteige ich mich? Ich bin noch zu neu in der Welt, um tiefe
Blicke in den Zusammenhang der Dinge gethan zu haben, und zu jung, um mich in so
verwickelte Speculationen einzulassen.
    Die Zeit der Olympischen Spiele naht heran, und ich rste mich ungesumt
nach Pisa9 abzugehen, um, wo mglich, noch auf eine leidliche Art unterzukommen;
denn der Zusammenflu von Fremden soll schon unbeschreiblich gro seyn. Meine
Ungeduld nach dem herrlichen Schauspiel, das mich dort erwartet, nimmt mit jedem
Tage zu; auch hoffe ich bei dieser in ihrer Art einzigen Gelegenheit
interessante Bekanntschaften zu machen; was am Ende doch wohl der einzige wahre
Vortheil ist, den ich von Olympia zurckbringen werde.

                                       3.



                                 An Kleonidas.

Kaum bin ich einige Tage in Korinth, und schon hat mir meine leichtsinnige
Unbefangenheit ein Abenteuer zugezogen, welches vielleicht Folgen von Bedeutung
htte haben knnen, wenn mir der Zweck meiner Reise einen lngern Aufenthalt
erlaubte.
    Indem ich nach Vollendung einiger Geschfte in den Straen dieser groen und
prchtigen Stadt umher irre, fllt mir eines von den vielen ffentlichen Bdern,
womit sie versehen ist, in die Augen, dessen zierliche Bauart mir Lust macht,
mich darin abzuwaschen. Ich gehe hinein, und da sich nicht gleich ein Aufwrter
zeigt, ffne ich auf Gerathewohl eine der Badekammern und treffe gerade den
Augenblick, da eine junge Frauensperson, die sich ganz allein darin befand, im
Begriff war aus dem Bade zu steigen. Die war das erstemal in meinem Leben, da
ich vor einem schnen Anblick zusammenfuhr; gleichwohl wei ich nicht wie es
kam, da ich, anstatt zurckzutreten, und die Thr, die ich noch in der Hand
hatte, vor mir wieder zuzuziehen, sie hinter mir zumachte und meine Verlegenheit
dadurch vermehrte. Die Dame, die bei meiner Erblickung pltzlich wieder
untertauchte, schien sich an meiner Bestrzung zu ergtzen. Wie? (sagte sie
lachend, mit einer Stimme, deren Silberton meine Bezauberung vollendete)
frchtest du das Schicksal Aktons10, da du vor Schrecken sogar zu fliehen
vergissest? Da ich weder so schn wie Artemis noch eine Gttin bin, darf ich
auch weder so stolz noch so unbarmherzig seyn wie sie. Du bist ein Fremder, wie
ich sehe, und hast vermuthlich die Ueberschrift ber der Pforte dieser Thermen11
nicht gelesen.
    Whrend sie die sprach, hatte ich, was du mein unverschmtes Gesicht zu
nennen pflegst, wieder gefunden, und erwiederte ihr, von einer so zuvorkommenden
Anrede aufgemuntert: da ich das Glck dieses Augenblicks blo meiner
Unwissenheit und dem Zufall zu danken habe, so wr' es in der That grausam,
schne Unbekannte, mich dafr zu bestrafen, nicht da ich, wie Akton, zu viel,
sondern da ich gesehen habe was man nie genug sehen kann. Nur ein lngeres
Verweilen, versetzte sie mit einem einladenden Lcheln, wrde dich strafbar
machen; denn es ist Zeit da ich das Bad verlasse.
    Indem sie dieses sagte, traten zwei junge Sklavinnen herein, die in
zierlichen Krben alles, was zum Dienste des Bades erforderlich ist, auf ihren
Kpfen trugen. Sie schienen verwundert einen Unbekannten zu finden, und hefteten
ungewisse fragende Blicke bald auf mich, bald auf ihre Gebieterin. Was fr eine
Strafe, sagte die Dame, hat dieser junge Mensch verdient, fr die Verwegenheit
sich in ein fruliches Bad einzudringen, das gewi noch von keinem mnnlichen
Fue betreten worden ist? - Die gelindeste wre wohl, ihn anzuspritzen und in
einen - Hasen zu verwandeln, sagte die jngere. Das wre eine zu milde Strafe
fr ein so schweres Verbrechen, versetzte die ltere; ich wei eine andere, die
dem Verbrechen angemess'ner ist. Ich wrde ihn dazu verdammen, so lange bis wir
unsern Dienst verrichtet haben, hier zu bleiben, und dann die Thr hinter uns
zuzuschlieen. Meinst du? sagte die Dame, indem sie sich erhob, und, ihre in
einen dicken Wulst ber der Scheitel zusammengebundenen Locken auflsend, von
einer Flle bis unter die Knie herabfallender gelber Haare, wie von einem
goldenen Mantel, umflossen, aus dem Wasser stieg, und sich, eben so unbefangen
als ob sie mit ihren Mgden allein wre, abtrocknen und mit wohlriechenden Oelen
einreiben lie. Und mich, schne Gebieterin, sagte dein unverschmter Freund mit
der ganzen edeln Dreistigkeit, die du an ihm beneidest, mich, den du in Einem
Augenblick zu deinem Sklaven gemacht hast, wolltest du hier mig stehen lassen?
Erlaube mir, deinen Nymphen zu zeigen, da ich geschickter bin als sie mir
zutrauen; und indem ich die sagte, machte ich eine Bewegung, als ob ich einer
der Mgde ein Tuch von der schneeweiesten Wolle, womit sie ihre Gebieterin
abzureiben begriffen war, aus der Hand ziehen wollte. Aber die Dame warf mich
mit einem zrnenden Blick auf einmal wieder in die Schranken der Ehrfurcht
zurck, die der Schnheit und dem Stande, von dem sie zu seyn schien, gebhren.
Wenn du mein Sklave bist, sagte sie wieder lchelnd, sobald sie mich in
gehriger Entfernung sah, so erwarte schweigend meine Befehle und rhre dich
nicht! Ich gehorchte wie einem wohlerzogenen sittsamen Jngling zusteht, und
erhielt dafr die zweideutige Belohnung, da man die Mysterien des Bades mit der
grten Gelassenheit vollendete, ohne sich um meine Gegenwart, oder wie mir
dabei zu Muthe seyn mchte, im geringsten zu bekmmern.
    Als sie wieder angekleidet war, heftete die Dame im Weggehen einen ernsten
Blick auf mich und sagte: vergi nicht, da es dem Ixion12 bel bekam, sich
kleiner Gunstbezeugungen der Gtterknigin zu rhmen! - und ohne meine Antwort
zu erwarten, stieg sie in eine prchtige Snfte, die von vier Sklaven schnell
davon getragen wurde. Mir war, als ob ich aus einem Traum erwachte. Natrlich
durft' ich es nicht wagen, ihr sogleich zu folgen; und wie ich mich wieder aus
dem Badhause unbemerkt wegschleichen wollte, wurde ich von einem Aufwrter
angehalten, der sich, nicht ohne Mhe, durch eine Handvoll neugeprgter Drachmen
endlich berzeugen lie, da ich ein Fremder, und blo aus Unwissenheit seit
wenig Augenblicken hierher gerathen sey. Als ich mich wieder frei sah, war es zu
spt, der Spur meiner Unbekannten nachzugehen, und ich kehrte, ungewi was ich
von meinem Abenteuer denken sollte, nach Hause. Die Dame schien nicht ber
achtzehn Jahre alt zu seyn, und ihre Gestalt htte das Glck eines Alkamenes13
machen knnen, wenn ihn der Zufall so wie mich begnstigt htte. War sie eine
Hetre14 von der ersten Classe, die zu Korinth unter Aphroditens Schutz einer
Freiheit und Achtung genieen, welche ihnen in keiner andern Griechischen Stadt
zugestanden werden? Oder war es eine junge Frau von Stande, die im Bewutseyn
ihrer Reizungen sich eine muthwillige Lust daraus machte, einen Unbekannten fr
seinen jugendlichen Uebermuth auf eine neue, wollstig peinliche Art ben zu
lassen? Das letztere schien mir, allen Umstnden nach, das Wahrscheinlichste.
Indessen trieb mich doch, ich wei nicht welche Unruhe, an diesem Abend in allen
ffentlichen Spaziergngen herum, wo die Hetren der hhern Ordnung sich
gewhnlich, von ihren Liebhabern umschwrmt, oder von einem Zuge geputzter Mgde
und Eunuchen begleitet, mit vielem Prunke zu zeigen pflegen. Aber ich sah mich
vergebens unter ihnen nach meiner Anadyomene15 um, und eine schlaflose Nacht war
alles, was ich von meinen Nachforschungen davon trug. Am folgenden Morgen, wie
ich vom Lechischen Hafen zurckkehrte, glaubte ich eine von den beiden
Sklavinnen aus einem kleinen Myrtengehlz am Wege auf mich zukommen zu sehen.
    Wir erkannten einander ersten Blicks; nur zeigte sich's, da die Korintherin
meinen Namen besser ausgekundschaftet hatte als ich den ihrigen. Sie grte mich
beim Namen, und erkundigte sich lachend, wie dem unbefugten Epopten16 der
Vorwitz, zu sehen was er nicht sollte, bekommen sey? Wir wissen, wie du siehest,
alle deine Gnge, fuhr sie fort, und meine Gebieterin, welcher nicht unbekannt
ist, da du morgen abzureisen gedenkest, schickt mich zu dir, ein kleines
Denkzeichen des gestrigen Zufalls von ihr anzunehmen. Es war ein zierlich
geflochtnes Deckelkrbchen von Silberdrath, worin eine ihrer goldgelben
Haarlocken, mit einer Schnur von kleinen Perlen umwunden, lag. Du kannst dir
leicht vorstellen, Kleonidas, da ich alle meine Wohlredenheit aufgeboten haben
werde, den Stand und Namen der Dame zu erfahren, und die dienstbare Iris17 zu
gewinnen, da sie mir eine Gelegenheit auswirken mchte, ihr meinen Dank in
eigner Person zu Fen zu legen. Ich ging so weit, da ich bei allen
Liebesgttern betheuerte, meine Reise nach Olympia einzustellen, wenn ich hoffen
knnte, einer so groen Gnade gewrdiget zu werden. Aber die lose Dirne spottete
meiner vorgeblichen Leidenschaft, mit der Versicherung, da man sich nur desto
mehr vor mir hten wrde, wenn sie ungeheuchelt wre, und da alle meine
Bemhungen, ihre Gebieterin wieder zu sehen, vergeblich seyn wrden. Alles was
ich mit vielem Bitten und einem kleinen Beutel voll Dariken18 von ihr erhielt,
war ein Versprechen, da sie sich diesen Abend an einem gewissen Orte einfinden
wollte, um eine unbedeutende Kleinigkeit fr ihre Dame in Empfang zu nehmen,
wodurch ich auch mein Andenken bei ihr lebendig zu erhalten wnschte. Sie sagte
mir's zu, aber ich erwartete sie vergebens.
    Was dnkt dich von dieser nrrischen Begebenheit, Kleonidas? - Fr mich ist
sie denn doch nicht ganz so unbedeutend als sie scheint; und da ein weiser Mann
alles in seinen Nutzen zu verwandeln wissen soll, so denke ich einen zweifachen
Vortheil aus ihr zu ziehen. Der erste ist, da ich mich vor der Hand ziemlich
sicher halten kann, da die Erinnerung an meine reizende Unbekannte nur sehr
wenigen Schnen gestatten wird, einigen Eindruck auf mich zu machen; der zweite,
da ich, vorausgesetzt ich knne das, was ich bei dieser Gelegenheit erfahren
habe, als einen Mastab meiner Empfnglichkeit fr leidenschaftliche Liebe
annehmen, groe Ursache habe zu hoffen, da ich weder meinen Verstand noch meine
Freiheit jemals durch ein schnes Weib verlieren werde.

                                       4.



                            An Demokles von Cyrene.

Griechenland zhlt nun seit dem ersten Neumond nach der letzten
Sommer-Sonnenwende das erste Jahr seiner vierundneunzigsten Olympiade; die
Spiele sind geendigt, und ich habe gesehen - was zu sehen war. In der That
groe, auffallende, prachtvolle, und, nach der gewhnlichen Schtzung der
menschlichen Dinge, sehenswrdige Schauspiele! Aber, soll ich dir davon sprechen
wie ich denke, Demokles? - Du hast oft mit mir ber meine (wie ich immer mehr zu
glauben Ursache finde) angeborne Maxime nichts zu bewundern19 gestritten; und
wenn wir am Ende, wie gewhnlich, jeder mit seiner eigenen Meinung davon gingen,
shntest du dich immer durch ein wohlwollendes Mitleiden mit mir aus, mich durch
eine so gleichgltige Gemthsstimmung des hohen Grades von Vergngen entbehren
zu sehen, welches, wie du sagtest, den gefhlvollen Seelen zu Theil werde, die
gerade durch den Affect der Bewunderung zu erkennen geben, da sie bei groen
und schnen Gegenstnden ungleich mehr empfinden, als derjenige, der sie ansehen
kann, ohne aus seiner gewhnlichen Fassung gesetzt zu werden. Es mag seyn, da
meine Maxime mich fters eines lebhaftern Genusses beraubt: aber dafr gewhrt
sie mir auch den Vortheil, mich selten in meiner Erwartung getuscht zu finden.
Auch begegnet mir fters, da ich anstatt mit der Menge zu bewundern, mich (mit
deiner Erlaubni) nicht wenig verwundere, wie die Leute so gutmthig seyn mgen,
ber Dinge in Entzckung zu gerathen, die, bei kaltem Blute aufs gelindeste
beurtheilt, nur lcherlich sind, und bei strengerer Prfung leicht in einem noch
ungnstigern Licht erscheinen knnten.
    Nach dieser Vorrede bist du vermuthlich schon auf das Gestndni gefat, da
die beim Anschauen der weltberhmten Kampfspiele zu Olympia ganz eigentlich
mein Fall war, und da ich, whrend alles um mich her in Entzckung zerflo,
mich in aller Stille nicht genug verwundern konnte, wie ein Volk, das sich
selbst fr das sittigste und aufgeklrteste des ganzen Erdbodens hlt, und von
andern dafr erkannt wird, vor einer so groen Menge auslndischer Zuschauer
sich nicht schmte, einen so hohen Werth auf den Sieg in so kindischen oder
barbarischen Wettkmpfen zu legen, aus den dazu angesetzten Tagen sein hchstes
Nationalfest zu machen, und sogar seine Zeitrechnung nach ihrer Feier zu
bestimmen. Kme, dacht' ich, ein Perser oder Skythe, der noch nichts von diesem
Institut gehrt htte, von ungefhr dazu, wenn im Angesicht einer unzhlbaren
Menge Volks, in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und
angesehensten Mnner der Nation, nach einem dem Knige der Gtter dargebrachten
feierlichen Opfer, die Sieger ffentlich erklrt und gekrnt werden, und she
das stolze Selbstbewutseyn, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten,
Freunden und Mitbrgern umdrngt, und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer
bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: mt' er
nicht glauben, diese Menschen knnten nichts Geringeres gethan haben, als ganz
Griechenland durch einen Marathonischen20 oder Salaminischen Sieg vom Untergang
gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend
eine auerordentliche That unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie
erstaunt und betroffen wrde dann ein solcher dastehn, wenn er hrte da es
weiter nichts ist, als da der eine dieser gekrnten Helden am besten laufen
kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher
hat, ein dritter der grte Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen
Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skythe, wiewohl die
Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur fr Halbmenschen anzusehen,
wrde sich schwerlich enthalten knnen, das widersinnische Schauspiel fr die
Wirkung irgend einer zrnenden Gottheit zu halten, und zu glauben, die ganze
Nation mte entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer
brigen Vorzge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt seyn. Da ein
schnellfiger Jngling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den
Kampfhandschuh am krftigsten zu gebrauchen wute, oder um den strksten Gegner
zu berwltigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte,
in den Zeiten, da der Thebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet
haben soll, ein wichtiger Mann fr seine kleine Vaterstadt war, ist natrlich,
und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprnglichen Wildheit noch langsam
sich losarbeitenden Horde leicht zu erklren. Aber da ein so gebildetes Volk,
wie die Griechen dermalen sind, bei so gnzlich vernderter Lage der Sachen,
noch immer ein so groes Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder
ganz unbrauchbar, oder doch verhltnimig von sehr geringem Nutzen geworden
sind; da der Mensch, der zu Olympia21 ffentlich dargethan hat, da er den
stiermigsten Nacken, die strksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner
Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen knne, fr die hchste
Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, ber alle seine
Mitbrger hinaufgesetzt, und als ein Wohlthter seines Volks ffentlich
unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergttert wird, wiewohl die Strke seiner
Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Fe vielleicht das Einzige
ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbrger
unterscheidet, - das ist doch wirklich so ungereimt, da man es kaum seinen
eigenen Augen zu glauben wagt.
    Damit ich mich durch diesen verwegenen Tadel eines Instituts22, das allen
Hellenen so ehrwrdig und heilig ist, nicht selbst in den Verdacht einer
Anmaung bei dir setze, die mich sehr bel kleiden wrde, will ich dir nicht
verbergen, da ich meinem Gefhl vielleicht weniger getraut htte, wenn ich
nicht durch das Urtheil eines weiseren Mannes als ich, mit welchem der Zufall
mich bekannt machte, in dem meinigen bestrkt worden wre. Er schien ein Mann
von funfzig Jahren zu seyn, und sein Aeuerliches zeigte eben nichts, was unter
einer so groen Menge von Menschen die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte. Er
war nach Griechischer Sitte uerst einfach, nach unsrer Cyrenischen beinahe
rmlich gekleidet, unbeschuht, von etwas finsterem Gesicht, lang, hager, und mit
einem dnnhaarigen Barte geziert, der, wo nicht ihm selbst, wenigstens seinem
Schatten so ziemlich die tragikomische Miene eines - alten Ziegenbocks gab. Bei
dem allen hatte der Mann etwas in seiner Gesichtsbildung, das mir Zutrauen zu
ihm einflte, und den Wunsch erregte bekannter mit ihm zu werden. Es traf sich,
da wir beide auf der Anhhe, von welcher wir den Wettkmpfern zusahen, so nahe
beisammen saen, da es nur von ihm abhing, jeden Eindruck, den diese
Schauspiele auf mich machten, bemerken zu knnen. Er selbst zeigte bei allem was
zu sehen war immer eben dieselbe Miene, die weder merkliches Wohlgefallen noch
Mibelieben andeutete; nur zuweilen, wenn die Zuschauer durch irgend eine
auerordentliche Probe von Strke oder Geschicklichkeit zum Ausbruch einer gar
zu unmigen Bewunderung und Freude hingerissen wurden, verrieth er durch ein
leises Zucken der Lippen, da das allgemeine Gefhl nicht das seinige war. Ich
meines Orts berlie mich eine Zeit lang dem Vergngen, welches der Anblick so
vieler schnen Jnglinge, denen die Begierde des Sieges Schwingen an die Knchel
setzte, die Menge auserlesener Rennpferde und prchtiger Wagen, die
Geschicklichkeit der Wagenfhrer, und mehr als alles andere, die unerschpfliche
Kraft und Gewandtheit, womit die Ringer durch die gelehrteste Fertigkeit in
ihrer Kunst den entscheidenden Augenblick aufzuhalten strebten, einem jungen
Menschen, der das alles zum erstenmale sah, natrlicherweise machen muten.
Sogar das grausenhafte Schauspiel, das uns gegen die Mittagsstunde, whrend die
Sonne ber unsrer Scheitel brannte, die kaltbltige Wuth der Faustkmpfer gab,
und der furchtbare Handschuh, womit einige Paare neuer Eryxen23 und Herculessen
einander zermalmten, erfllte mich anfangs mit einer seltsamen Art von
schauderlichem tragischen Vergngen, indem es mich in die alte Heldenzeit zu
versetzen und mir die Erzhlungen der Dichter von den unglaublichsten Thaten der
Gttershne wahr zu machen schien. Ich whnte eine Art unzerstrbarer
titanischer Naturen vor mir zu sehen, die nur spielweise so grimmig auf einander
losgingen, und an welchen die Wunden, die sie einander schlugen, sich ohne
Zweifel eben so schnell und narbenlos wieder schlieen wrden, als die Luft, die
durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde. Aber die Tuschung war von
kurzer Dauer; und als ich, nach einem kaum viertelstndigen Kampf, einen der
Athleten, der kurz zuvor die Schnheit eines Paris oder Nireus24 mit der Strke
eines Milanion25 vereinigt darstellte, und einer Bildsule des Apollo selbst zum
Modell htte dienen knnen, fr todt aus den Schranken hinaus tragen sah, so
bel zugerichtet, da keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrmmerten
Gesicht und an seinem ganzen, zu einem unfrmlichen Klumpen zusammengeschlagenen
Leibe zu erkennen war, berwltigte mich der grliche Anblick dermaen, da ich
mich nicht zurckhalten konnte, meinem Abscheu durch einen lauten Ausruf Luft zu
machen, der zu meinem Glcke, ber dem Getmmel und Jubelgeschrei der Zuschauer,
von niemand als dem besagten Fremden gehrt wurde. Ich entfernte mich
unverzglich von dem Schauplatz der grlichen Scene, und zog mich in die
einsamsten Gnge des geheiligten Hains zurck, der den Tempel des Olympischen
Jupiter umgibt. Nicht lange so sah ich den Fremden mit dem Ziegenbart auf mich
zukommen, von einem stattlichen Manne begleitet, der (wie ich in der Folge
vernahm) eine ansehnliche Wrde zu Elea bekleidet. Sie erlaubten mir, mich zu
ihnen zu gesellen, und an dem Gesprche, worin sie begriffen waren, Theil zu
nehmen. Es betraf, wie natrlich, die Spiele, von deren Anschauen beide, dem
Ansehen nach sehr gesttiget, zurckkamen. Mein Fremder machte sich kein
Bedenken, aus Gelegenheit derselben ein strenges Urtheil ber die Weisheit
seiner Landsleute zu fllen. Wenn, sagte er, die Absicht dieses alle vier Jahre
wiederkehrenden Nationalfestes ist, durch die Wettkmpfe, die man den Zuschauern
zum Besten gibt, und die dazu vorbereitenden Leibesbungen, die Griechische
Jugend zu tchtigen Vertheidigern des Vaterlandes zu bilden, so kann nichts
zweckwidriger seyn als diese Spiele. Die Art der Waffen, womit der Krieg
heutzutage gefhrt wird, und die ganze Kriegskunst berhaupt, ist von dem, was
in den Zeiten des Trojanischen Krieges blich und ntzlich war, so verschieden,
da dem Staate mit ganzen Heerschaaren zu Olympia und Delphi gekrnter Lufer
und Ringer wenig gedient wre. Wenn sie noch schwerbewaffnet in die Wette
liefen, mchte eine solche Fertigkeit allenfalls bei einem Eilmarsch oder
pltzlichen Rckzug von einigem Nutzen seyn: aber so leicht bekleidet wie unsre
schnellfigen Achillen sind, knnen sie, wo es Ernst gilt, hchstens als
Eilboten gebraucht werden, oder mchten, wenn man sie auch nur bei den leichten
Truppen anstellen wollte, der Versuchung selten widerstehen, in gefhrlichen
Fllen vor allen Dingen ihre eigene Person in Sicherheit zu bringen. Was im
Kriege mit nackten Ringern anzufangen wre, ist schwer zu sehen; und wofern auch
die Faustkmpfer durch ihr gigantisches Ansehen und den raschgeschwungenen
Cestus26 dem Feinde Schrecken einjagen knnten, so sind ihrer doch in der ganzen
Hellas viel zu wenige, als da man sich eine groe Wirkung von ihrem Gebrauch
versprechen drfte. Und doch, wr' es nur der geringe Nutzen, den das
Griechische Gemeinwesen von diesen Spielen zieht, so mchten sie immer ihrem
vergtterten Stifter zu Ehren beibehalten werden: aber der positive Schaden, den
sie thun, scheint mir wichtig genug, um von den Vorstehern unsrer Republiken
ernstlich beherzigt zu werden. Nichts davon zu sagen, da der leidenschaftliche
und bis zur Tollheit getriebene Wetteifer unsrer Jnglinge, wer die meisten,
schnsten und behendesten Rennpferde zu halten vermge, schon viele angesehene
wohlbegterte Huser zu Grunde gerichtet hat, was fr Fortschritte in der Cultur
kann man von einem Volke erwarten, das sich aus so wilden und lebensgefhrlichen
Leibesbungen ein Spiel macht, das die Wuth, womit Gegen kmpfer, die sich zuvor
nie gesehen, geschweige beleidigt haben, auf einander losgehen, durch die
Lebhaftigkeit seiner Theilnehmung noch mehr anfeuert, und an einem so
barbarischen Schauspiel, wie wir so eben sahen, die angenehmste Augenweide
findet? Mit welcher Stirne knnen wir auf unsre wirklichen und vermeinten
Vorzge so stolzen Griechen alle brigen Erdebewohner Barbaren27 nennen, so
lange es eine unsrer grten Glckseligkeiten ist, alle vier Jahre
zusammenzukommen, um uns, zu gemeinschaftlicher Belustigung, in die Zeiten
zurckzusetzen, da unsre eigenen Vorfahren wenig besser als rohe Waldmenschen,
Ruber und Abenteurer waren, und an Humanitt und Sittigkeit weit hinter den
meisten Asiatischen Vlkern zurckstanden? Wie bel ziemt es uns, die an eine
edlere Denkart und Geschmack am Schnen und Erhabenen Anspruch machen, auf die
Kunst einander die Glieder zu verrenken, oder uns mit geballten Fusten so lange
herumzuschlagen, bis den Kmpfern kaum noch eine Spur der menschlichen Gestalt
brig bleibt, einen so hohen Werth zu setzen, und rohe Athleten28 ihrer
herkulischen Schultern und eisernen Knochen wegen mit Ehrenbezeugungen zu
berschtten, welche die reinste und vollkommenste Tugend selbst nicht von uns
erhalten kann? - Ich gestehe unverhohlen (setzte mein Unbekannter mit einem
Feuer hinzu, das ich seiner kalten Miene nicht zugetraut hatte), diese
Betrachtung hat mich gegen die allgemeine Freude der zahllosen Menge, die mich
diesen Morgen umgab, unempfindlich gemacht, und bei Schauspielen, die so laut
gegen das sittliche Gefhl und die Humanitt meiner Landesleute zeugen, sogar
mit Unmuth und Traurigkeit erfllt. Du bist ein Philosoph, wie ich sehe, sagte
der Mann von Elea mit einem Lcheln, dessen leisen Spott er durch den sanften
Ton seiner Worte mildern zu wollen schien. Wenn ich es auch wre, versetzte
jener, die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, wrde dadurch weder gewinnen
noch verlieren. Du magst in der Hauptsache Recht haben, erwiederte der andere.
Wir Eleer sehen die Sache freilich von einer geflligern Seite; denn wir machen
kein Geheimni daraus, da wir den Wohlstand unsrer Republik dem Institut, gegen
welches du dich so streng erklrst, grten Theils zu danken haben. Du hast
gesehen, was fr eine glnzende Panegyris aus allen Griechischen und
benachbarten Lndern durch diese Spiele nach Pisa gezogen wird. Glaubst du, das
Gedrnge von unzhlbaren Menschen aus allen Stnden und Classen wrde eben so
gro seyn, wenn an die Stelle dieser Kampfspiele ein Wettstreit um den Vorzug an
Weisheit und Tugend angeordnet, und die Kronen, die wir jetzt den besten
Rennern, Ringern und Pankratiasten29 zuerkennen, denen aufgesetzt wrden, die
sich etwa durch die schnste Handlung der Menschlichkeit, Gromuth und
Selbstberwindung ausgezeichnet htten? Desto schlimmer, sagte mein Unbekannter;
das ist es eben was ich beklage! So lange dieses, den Eleern auf Kosten der
brigen Griechen so vortheilhafte Institut dauern wird, sehe ich nicht, wie eine
richtigere Schtzung des Werthes der Menschen unter uns Platz greifen, und der
Vorzug der geistigen und sittlichen Vollkommenheiten vor den krperlichen und
mechanischen allgemeiner gefhlt und anerkannt werden knnte.
    La uns die Welt nehmen wie sie ist, erwiederte der Eleer, denn sie ist doch
wohl - wie sie seyn kann. Weisheit und Tugend belohnen sich selbst so reichlich,
da sie des Beifalls der Menge und der Kronen, die zu Olympia ausgetheilt
werden, leicht entbehren. Wer wei, ob sie durch eine so ffentliche und
geruschvolle Auszeichnung nicht an innerm Werthe verlieren wrden? Wenigstens
zweifle ich sehr, da die stillen unscheinbaren Tugenden, welche gewhnlich die
reinsten sind, sich gern aus ihrer Verborgenheit herausziehen und einer so
groen vermischten Menge zur Schau ausstellen lassen wrden. Uebrigens scheint
mir die lebhafte Theilnehmung, womit unsre Panegyrischen Spiele angesehen
werden, so wenig gegen das sittliche Gefhl unsrer Nation zu beweisen, da ich
mir eher das Gegentheil zu behaupten getraue. Die Kampfspiele zu Olympia,
Delphi,30 Nemea und Korinth haben eben darum ein so lebhaftes und eigenes
Interesse fr unsre Nation, weil sie uns, gleichsam durch den Augenschein, so
wie durch die Siegesgesnge Pindars und seiner Nacheiferer, in die fabelhaften
Zeiten jener Heroen versetzen, deren Andenken uns aus so vielen Ursachen heilig
ist, die unsre meisten Stdte gegrndet haben, und von welchen unsre edelsten
Geschlechter ihren Ursprung herleiten. Aber auch ohne diese Beziehung haben wir
noch Ursache genug, sie als eines unsrer schnsten und wohlthtigsten
Nationalinstitute anzusehen. Kein anderes vereiniget eine so groe Menge
Griechen aus allen Stdten und Landschaften der ganzen Hellas an Einem Orte zu
gemeinschaftlichen Feierlichkeiten, Opfern, Gastmhlern und Ergtzungen. Whrend
ihrer Feier hren alle Feindseligkeiten auf, in welche die uralte Antipathie der
Dorier und Ionier31 nur zu oft ausbricht. Wir vergessen in diesen halcyonischen
Tagen aller Beleidigungen, aller Eifersucht und Rache, um uns blo unsers
gemeinsamen Ursprungs zu erinnern, und die Bande von neuem zusammenzuziehen,
womit gemeinschaftliche Gtter und Tempel, eine gemeinschaftliche Sprache und
das groe Interesse unsre Unabhngigkeit gegen auswrtige Mchte zu behaupten,
die in so viele Stmme und Zweige verbreitete Nachkommenschaft Deukalions32 zu
einem einzigen Volke verbunden haben, das durch seine Cultur das erste in der
Welt ist, und durch Eintracht unberwindlich und unvergnglich dem ganzen
Erdboden Gesetze geben wrde.
    Ich verschone dich, lieber Demokles, mit einer Menge anderer schner
Sprche, welche der begeisterte Eleer mit einem groen Ergu von Redseligkeit
hervorstrmte, um dem kopfschttelnden Philosophen eine hhere Meinung von den
Olympischen Spielen abzunthigen. Es versteht sich, da jeder auf seiner eigenen
beharrte; so wie ohne Zweifel diese Spiele selbst, allen Vernderungen der
Zeiten und allen Einsprchen der Philosophie zum Trotz, ihre ursprngliche Form
und Einrichtung so lange Jupiter im Besitze seines Tempels zu Olympia bleibt,
behalten werden, wie leicht es auch wre, ihnen eine gemeinntzlichere und einem
gebildeten Volk anstndigere zu geben. Wir kamen indessen, da der Eleer ein sehr
hflicher Mann war, noch ganz friedlich aus einander; denn die Hflichkeit hat
die Eigene, da sie es dem andern unvermerkt unmglich macht, so grob zu seyn
als er wohl Lust htte. Doch mu ich es auch meinem bocksbrtigen Freunde
nachrhmen, da er sich beim Abschied mit mehr Urbanitt betrug, als ich von
seiner Freimthigkeit erwartet hatte. Dieser Umstand und seine Mundart
bestrkten mich in der Vermuthung da er ein Athener sey; und so fand sich's
auch bei nherer Erkundigung. Man sagte mir, er nenne sich Antisthenes, und sey
einer der vertrautesten Freunde des berhmten Sokrates Sophroniskus Sohn, den
der Delphische Gott33, oder (wenn du lieber willst) der eifrigste seiner
Anhnger, Chrephon, durch den gelehrigen Mund der Pythia, fr den weisesten
aller Menschen erklrt haben soll. Da mein Verlangen diesen merkwrdigen Mann
persnlich zu kennen und durch seinen Umgang, wo mglich, selbst ein wenig weise
zu werden, einer der ersten Zwecke meiner freiwilligen Verbannung aus dem
schnen und wollstigen Cyrene war, so kannst du leicht urtheilen, da ich mich
auf diese Nachricht um so eifriger um die Gunst einer Person bewarb, die mir zu
Befrderung meiner Absicht gute Dienste thun konnte. Ohne mir diese Bewerbung
durch ein zuvorkommendes Wesen zu erleichtern, schien er doch eben so wenig
gesonnen, sie gnzlich abzuweisen. Von Sokrates sprach er mit seiner
gewhnlichen Klte, als von einem Manne, mit dem er seit vielen Jahren tglich
umgegangen, und den er als seinen ersten, wo nicht einzigen Freund betrachte.
Wenn ich einen bessern als er gekannt htte, sagte er, wrde ich mich zu diesem
gehalten haben; aber ich kenne keinen bessern, und, insofern diese Benennung
einem Menschen zukommen kann, keinen weisern Mann als Sokrates. Er hat
Eigenheiten, die man ihm lassen mu, und die, weil sie ihm wohl anstehen, darum
nicht einen jeden kleiden wrden: aber wenige Menschen sind so gut, da sie
nicht noch besser werden knnten, wofern sie ihn immer und in allen
Verhltnissen und Vorfllen des Lebens zum Muster nhmen.
    Da ich von Antisthenes vernahm, da er geraden Weges nach Athen
zurckzukehren gedenke, bat ich ihn um Erlaubni ihn begleiten zu drfen, und
uerte den Wunsch, da er mich bei Sokrates einfhren mchte. Ein guter
Reisegefhrte ist der halbe Weg, sagte er: ich nehme dein Anerbieten willig an;
aber bei Sokrates bedarfst du keines Einfhrers. Er liebt junge Leute deiner
Art, und du wirst den alten Glatzkopf gewhnlich von einigen unsrer schnsten
Jnglinge umgeben finden. Seine Absicht ist ihm mit Xenophon, Kritobulus34,
Plato und einigen andern so gut gelungen, da ein Alcibiades und Kritias35, die
ihm verunglckten, ihn nicht abschrecken konnten, es immer wieder mit andern zu
versuchen. Ein Jngling guter Art bedarf bei ihm weder einer Empfehlung noch
einer besondern Aufmerksamkeit sich ihm angenehm zu machen; es wird also blo
auf dich selbst ankommen, wie viel oder wenig du dir seinen Umgang zu Nutze
machen willst. Die Sonne strahlt gleich warm auf ein Stck Gold und auf ein
Stck Blei; nur fat das eine mehr Wrme, und behlt sie lnger als das andere.
    Wir werden unsre Reise ber Orchomenos, Korinth, Megara und Eleusis machen;
weil Antisthenes zu seinem ehrwrdigen alten Freund zurckeilt, welchen er in
der trbseligen und verzweifelten Lage, worin seine Vaterstadt sich seit einiger
Zeit befindet, nicht lnger verlassen will. Denn es sind schon mehr als acht
Monate verstrichen, seit er von Athen abgegangen ist, um die Angelegenheiten
eines zu Megalopolis verstorbenen Anverwandten zum Besten seiner Hinterlassenen
in Ordnung zu bringen.
    Die Nachrichten von den abwechselnden Erfolgen der seit einigen Jahren
zwischen den beiden Hauptstdten Griechenlands wieder ausgebrochnen Befehdungen
kommen gewhnlich so spt zu euch, da du vielleicht erst aus diesem Briefe
(dessen Abgang noch sehr ungewi ist) erfhrst, da der Spartanische Feldherr
Lysander, nach einem bei Aigos Potamos am Eingang des Hellesponts erhaltnen
entscheidenden Sieg, die stolze Minervenstadt selbst eingeschlossen, und durch
Hunger und Verzweiflung endlich gezwungen hat, sich auf Bedingungen, denen ihre
Vter den Tod in jeder Gestalt vorgezogen haben wrden, von dem schrecklichen
Schicksal, welches sie vor eilf Jahren ber die unglcklichen Melier36 verhngt
hatten, loszukaufen. Die bermthige Beherrscherin der Meere ist nun auf zwlf
Schiffe, die ihr noch erlaubt sind, herabgebracht; die Stadt und die Vorstadt
Pirum mit ihrem Hafen sind des herrlichsten Denkmals der Siege des groen
Themistokles, ihrer prchtigen Mauern beraubt, die Spartaner haben eine
Besatzung in der Akropolis37; und eine von Lysandern beschtzte, neuerrichtete
Regierung von dreiig unter seinen Winken willkrlich herrschenden Gewalthabern
macht das Elend der beklagenswrdigen, ihre eigene Thorheit zu theuer benden
Athener vollstndig. Die sind die neuesten Nachrichten, die uns aus jenen
Gegenden zugekommen sind. Was sagst du, Demokles, zu einer so unerwarteten
Katastrophe? - Du wirst mich vielleicht unklug und verwegen nennen, da ich mich
gerade in einem so verwirrten und gefhrlichen Zeitpunkt nach Athen wage. Aber
ich kann dem Verlangen nicht lnger Einhalt thun, diesen Sokrates, von dem ich
schon in Cyrene so viel Wunderbares hrte, und jetzt von Leuten, die ihn sehr
gut zu kennen glauben, oder vorgeben, die seltsamsten und widersprechendsten
Dinge hre, durch mich selbst kennen zu lernen. Auf alle Flle sind meine
Einrichtungen so getroffen, da ich mich vielmehr in den Credit eines
vorsichtigen und besonnenen Mannes bei dir zu setzen hoffe. Ich habe meine
Cyrenische Kleidung bereits mit einem uerst einfachen Costume im Geschmack
meines neuen Freundes Antisthenes vertauscht; meine Baarschaft bleibt in Korinth
niedergelegt, und ich werde nur gerade so viel Geld nach Athen tragen, als ein
Mensch, der tglich drei bis vier Obolen zu verzehren hat, in sechs Monaten
nthig haben mag. Du solltest mich wirklich in meinem neuen Sokratischen
Schlermantel sehen! Er ist zwar etwas grob von Wolle, und reicht nicht sehr
weit unter die Knie; aber Antisthenes versichert mich, da er mir trefflich
stehe. In diesem Aufzuge werde ich wahrscheinlich zu Athen nicht so viel
Eindruck machen, da die Dreiig sich viel um mich bekmmern werden.

                                       5.



                                 An Kleonidas.

Wie sehenswrdig auch die weltberhmten Olympischen Spiele sind, so zweifle ich
doch nicht, da die Einbildungskraft eines Dichters mit bloer Hlfe des
Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch
grere und den alten Heldenzeiten angemess'nere Vorstellung von ihnen machen
knnte als diejenige ist, die wir andern gewhnlichen Menschen mittelst unsrer
Leibesaugen erhalten haben. Aber den Jupiter des Phidias mu man sehen, Freund
Kleonidas, wenn man sich einen Begriff von ihm machen will. Also komm und sieh,
und bete an.
    Nach diesem Eingang erwartest du, natrlicher Weise, keine Beschreibung40
von mir, die am Ende doch nur auf ein Verzeichni der unzhligen einzelnen
Stcke und Theile hinauslaufen wrde, aus welchen dieses ber allen Ausdruck
groe und reiche Kunstwerk, dem kein anderes in der Welt vergleichbar ist, mit
hohem Sinne zusammengesetzt, wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da
steht. Jeder dieser Theile ist, fr sich selbst betrachtet, schn, gro gedacht,
mit reiner sicherer Bestimmtheit der Verhltnisse und Formen ausgefhrt, und so
zierlich vollendet, da dem Liebhaber der Kunst nichts zu wnschen, dem Kenner
wenig oder nichts zu erinnern brig bleibt. Aber alle diese besondern
Schnheiten verlieren sich, oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck,
den das herrliche Ganze - Jupiter auf seinem Thron, von seinem ganzen
Gttergeschlecht umgeben - auf die Seele des Anschauers macht, indem er sich
beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fhlt, den der
groe und glaubige Haufe fr ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes
hlt.
    Dir, mein Freund, brauche ich nicht zu sagen, da weder dumpfes Anstaunen
noch Ueberflu an Glauben unter die Gebrechen meiner Natur gehren. Ich betrat
den Tempel mit der kaltbltigsten Gewiheit, einen Gott von Elfenbein und Gold
von der Hand eines groen Bildners zu sehen, und konnte mich doch des besagten
Schauders so wenig erwehren als ein andrer. Mit Blitzesschnelligkeit vermengte
sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen
Gttervater, und ich whnte einen Augenblick den Knig des Himmels wirklich auf
seinem Throne zu sehen, wie er der flehenden Thetis die Gewhrung ihrer Bitte
zunickt, und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf
seinem unsterblichen Haupte schttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42
    Du wirst mir indessen gerne zutrauen, da ich bei dieser schnell vorber
gehenden Verzckung noch Besonnenheit genug behielt, dem Grunde des Zaubers
nachzuforschen, wodurch dieses gttliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf
alle die es erblicken, ohne Ausnahme, eben dieselbe Wirkung thut.
Glcklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben; denn er fllt so stark in
die Augen, da die meisten, denen ich mein Rthsel aufzurathen gab, eher auf
alles andre als das Wahre riethen. Ich gebe willig zu, da der erhabene
Charakter, womit der Knstler diese Gttergestalt, und alles was sie umgibt, zu
bekleiden gewut hat, sehr viel dabei thut; aber weder in ihm allein, noch in
der majesttischen Form des dichtgelockten Hauptes, noch in der
unerschtterlichen Festigkeit und Kraft, der ruhig ernsten Weisheit, und der von
aller menschlichen Schwche gereinigten Huld und Gnade, die, wie man sagt, in
den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind, kann
der besagte Zauber liegen; oder, wenn Phidias diese nmliche Gestalt, mit allen
diesen Vollkommenheiten, die man an ihr bewundert, nach verjngtem Mastabe, nur
zehn oder zwlf Zoll hoch ausgearbeitet htte, mte das kleine Bild eben
dieselbe Wirkung thun, - welches, denke ich, niemand behaupten wird.
    Und was ist denn die wahre Ursache, warum uns der Olympische Jupiter so
gewaltig ergreift? Es ist, mit Erlaubni zu sagen, nicht mehr und nicht weniger
als - warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier - seine
kolossalische oder vielmehr titanische Statur; denn bekanntermaen war die ganze
Familie des Uranos und der Gea, von welchen Jupiter wie alle brigen Titanen
abstammte, ein Riesengeschlecht von der ersten Gre. Alle Majestt, die der
erhabene Knstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte, wrde an einem
Bilde von sechs oder sieben Fu schwerlich viel mehr gewesen seyn, als ein Minos
oder Agamemnon htte tragen knnen, ohne darunter einzusinken. An einem
Pygmenknige wrde diese Majestt - in unsern, nicht in der Pygmen, Augen -
sogar etwas zum Lcheln Reizendes haben; aber an einem Jupiter von
sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmen das Gefhl des Uebermenschlichen
und Gttlichen. Ich hrte einen ehrwrdigen Pythagorer, den ich eines Tages im
Tempel antraf, sagen: er halte sich berzeugt, da Phidias der Religion einen
grern Dienst erwiesen habe, als alle Priester, Hierophanten, Dichter und
Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu thun vermocht htten. Der
Mensch, sagte er, ist nun einmal, er wolle oder wolle nicht, durch seine Natur
genthigt, sich die Gottheit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden. Was
Homer und seine Nachfolger leisten konnten, erregt nur schwankende unbestimmte
Phantomen; die Kunst des Bildners mu ihnen zu Hlfe kommen und die
Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festhalten. Groe Menschen waren
das Hchste, was die Vorgnger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege
brachten: er allein hat uns den Knig der Gtter dargestellt. Wer den
Olympischen Jupiter gesehen hat, trgt einen Eindruck in seiner Seele davon, dem
keine Zeit etwas anhaben kann. Die priesterliche Miene und der prchtige Bart
des Pythagorers, der selbst das Ansehen eines Gttersohns hatte, hielt mich
zurck, etwas, das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam, laut werden zu
lassen; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr. Denn wie
richtig es auch seyn mag, da klein und gro, fr Eigenschaften gewisser Dinge
genommen, nur tuschende Begriffe sind, so gestehe ich doch ohne Bedenken, da
ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer. Von den zehn
Tagen, die ich zu Olympia verweilte, ging keiner vorbei, ohne da ich den
Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht htte; und ich schwre dir beim
goldnen Barte des Gottes, da ich das Bild, das sich durch die so oft
wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat, nicht um die ganze
Cyrenaika missen wollte.
    Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt, der Olympische
Jupiter knnte nicht von seinem Thron aufstehen, ohne das Dach des Tempels
einzustoen. Ganz gewi machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch, und
trstete sich und den Baumeister damit, da sein Jupiter wahrscheinlich wohl
immer sitzen bleiben werde. Nicht Wenige habe ich beklagen gehrt, da ein
prchtig gearbeitetes Brustgelnder nicht erlaube so nahe zum Thron hinzukommen
als man wohl wnschen mchte. Auch die ist ein Streich, den der lose Phidias
den Leuten gespielt hat. Er machte es ihnen dadurch unmglich, so nahe
hinzuzutreten, da sie, anstatt den Gtterknig auf seinem Thon zu sehen, nur
einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen
htten. Denn damit das Ganze seine gehrige Wirkung thue, mu es aus einem
gewissen Standpunkt betrachtet werden. Vielleicht wollte auch der kluge Knstler
nicht, da eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten
Edelsteinen, Ebenholz, Perlenmutter und dergleichen, auf deren geschickte
Zusammensetzung er zu Verstrkung des Haupteffects gerechnet hatte, zum
Nachtheil desselben stckweise und in der Nhe besehen werden knnten. Denn bei
einem Kunstwerke, wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie, und also auf
Tuschung hinausluft, mu man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu
gelehrt werden lassen.
    Indem ich berlese, was ich dir von dem grten und schnsten aller
Menschenwerke geschrieben habe, dnkt mich ich habe nichts gesagt. Aber wenn ich
einen Stachel in dein Gemthe geworfen habe, der dir keine Ruhe lt bis du
selbst kommst und siehest, so hab' ich genug gethan; denn das ist alles was ich
wollte.

                                       6.



                                 An Kleonidas.

Ich lebe bereits einige Wochen in dieser weltberhmten und in ihrer Art einzigen
Minervenstadt, welche zu sehen mich schon so lange verlangte. Hat sie meine
Erwartung bertroffen? oder ist sie unter ihr geblieben? Beides, lieber
Kleonidas, und ich werde tglich mehr in der Meinung bestrkt, da es mir immer
und allenthalben mit allen menschlichen Dingen eben so gehen werde. Im Ganzen
genommen kenne ich noch keinen Ort, wo ich lieber leben mchte als zu Athen,
und, meinem Geschmack nach, hat die Stadt durch das Abtragen ihrer Mauern mehr
gewonnen als verloren. Ob sie, vor dieser den Athenern so schmerzlichen
Demthigung, wirklich, wie sie sich schmeichelten, die schnste Stadt in der
Welt war, liee sich vielleicht noch fragen: aber da sie jetzt das grte,
schnste, prchtigste und volkreichste Dorf in allen drei Welttheilen ist, wird
niemand zu lugnen begehren. Auch ohne Mauern bleibt sie immer der erste Tempel
der Musen, der Sitz des Geschmacks, und die Werkstatt aller das Leben
untersttzenden und verschnernden Knste, mit Einem Wort, Alles wozu Perikles
sie machte, dessen Andenken aber, wie ich sehe, bei diesen leichtsinnigen und
undankbaren Republikanern schon lange vergessen ist. Kannst du glauben, da sie
es sogar ungern hren, wenn ein Fremder mit Ehrerbietung von diesem groen Manne
spricht, oder ihm die herrlichen Gebude und Kunstwerke, womit er die Stadt und
die Akropolis geziert hat, zum Verdienst anrechnet? Im Athenischen Styl zu reden
hat das Volk alles gethan; ja sie sprechen nicht anders davon, als ob das alles
so htte seyn mssen, und mit ihnen zugleich aus dem Attischen Boden
hervorgewachsen wre. Selbst die Namen eines Miltiades, Themistokles, Aristides,
Cimon (der Mnner, denen Griechenland zu danken hat, da es nicht zu einer
Persischen Satrapie zusammenschrumpfte) werden selten oder nie gehrt; aber
dafr sind die Mnner von Marathon und Salamin immer auf ihren Lippen, und der
erste Schuster oder Kleiderwalker, dem du begegnest, ist so stolz darauf, der
Enkel eines Mannes von Marathon zu seyn, als ob er selbst dadurch zu einem Manne
von Marathon wrde, und schwatzt mit der unbeschreiblichsten Gelufigkeit der
Zunge stundenlang von den Grothaten seiner Vorfahrer, ohne das mindeste
Bewutseyn, wie viele Ursache diese htten, sich ihrer ausgearteten
Nachkommenschaft zu schmen. In der That kannst du dir nichts Komischeres
vorstellen, als den namenlosen Schmerz, womit sie von dem Verlust ihrer Mauern
sprechen, wenn du zugleich bedenkst, da es blo auf sie ankam, durch einen den
Spartanern zu rechter Zeit entgegen gesetzten krftigen Widerstand, ihre so
zrtlich geliebten Mauern zu erhalten. Ach! da wir leben muten den
Athenischen Namen so geschndet zu sehen! rufen sie mit einem langen klglichen
Seufzer aus, und es kommt ihnen alles andere eher in den Sinn, als sich selbst
die Schuld beizumessen, oder zu bedenken, da sie ja, so gut wie die dreihundert
Spartaner bei Thermopyl, mit den Waffen in der Hand sterben konnten, wenn sie
eine solche Schmach nicht erleben wollten, und da die in der That die einzige
Entschlieung war, die den Shnen der Mnner von Marathon geziemte.
    Doch fr jetzt nichts weiter von diesen der Geiel ihres Aristophanes so
wrdigen Kechenern43, weil ich dir nicht bald genug von dem Manne sprechen
kann, um dessentwillen ich hauptschlich hierher gekommen bin, und der dadurch,
da auch er ein geborner Athener ist, fr alle andern Schonung und beinahe
Achtung fordert.
    Du zweifelst nicht, da eine meiner ersten Sorgen war, mich von Antisthenes
bei seinem ehrwrdigen Freund einfhren zu lassen.
    Es wre schwer, dir den Eindruck zu beschreiben, womit mich der erste
Anblick dieses auerordentlichen Mannes berraschte. Meine Einbildungskraft
(welcher ich berhaupt wenig Gehr zu geben pflege, weil sie mich fast immer
irre fhrt) hatte sich ohne Zuthun meines Willens eine Vorstellung gemacht, wie
jemand aussehen msse um Sokrates zu seyn: und nun fand sich's, da diese
Vorstellung unter allen Sterblichen keinem weniger anpate, als dem wirklichen
Sokrates. Ich stand einen Augenblick etwas betroffen da, war aber kaum eine
halbe Stunde bei ihm gewesen, als ich nicht nur mit dem Unerwarteten in seiner
Gesichtsbildung vllig ausgeshnt war, sondern mir sogar schon in den Kopf
gesetzt hatte, da er so aussehen msse, und da kein andres Aeuerliches
geschickter gewesen wre, seinen innern Charakter schneller anzukndigen und
strker auszusprechen als gerade dieses. Denke dir einen corpulenten,
breitschultrigen alten Mann, mit einem bis an die Seitenhaare kahlen
Silenenkopf, und dem rstigen Ansehen eines chten Abkmmlings der Sieger bei
Marathon und Salamin44; und ermi nun selbst, welch einen Contrast eine solche
Figur mit der Erwartung eines jungen Menschen machte, der sich nach einem
ziemlich allgemeinen Vorurtheil, einen wegen seiner Weisheit und Geistesgre
berhmten Mann nicht anders als mit dem Kopf eines Pythagoras oder Solon denken
konnte! Aber der vielumfassende Verstand, der in dieser hohen und breiten, ber
den buschigen Augenbrauen sich weit hervor wlbenden Stirne wohnt; der Geist,
der aus diesen stieren Augen blitzt, und dir mit jedem Blick bis auf den Grund
deines Innern zu sehen scheint; der entschiedene Ausdruck eines festen,
mnnlichen, keiner Furcht noch Schwche fhigen Charakters, einer unwandelbaren
Heiterkeit und Gleichmthigkeit und einer biedern allen Menschen wohlwollenden
Seele, dieser Ausdruck, der seinem ganzen Gesicht scharf und tief aufgeprgt
ist, macht in wenig Augenblicken den ersten widrigen Eindruck schwinden; du
fhlst dich immer strker und strker von ihm angezogen; ein unerklrbarer
Zauber hlt dich in seinem Kreise fest, und du wnschest, dich in deinem ganzen
Leben nie wieder von ihm entfernen zu drfen. Wundre dich nicht, Lieber, da ich
mich so lange bei der Physiognomie des Sokrates verweile; denn ich habe mir in
den fnf bis sechs Wochen, seit ich mit ihm lebe, ein ganz eigenes Studium aus
ihr gemacht, und ich bin gewi, da sie einen wesentlichen Antheil an der
auerordentlichen Gewalt und Ueberlegenheit hat, die dieser Mann - der seinem
Aufzug und seinen Glcksumstnden nach in ganz Athen wenige unter sich sieht, -
ber alle Menschen, die sich ihm nhern, zu behaupten wei. Ich habe ihn whrend
dieser Zeit, da ich selten von seiner Seite komme, nicht einen Augenblick anders
als heiter und freundlich gesehen; aber Antisthenes versichert mich, da sich
nichts Frchterlicher's denken lasse, als das drohende Gesicht, womit er in
einem Handgemenge vor den Mauern von Potida einen feindlichen Trupp, der sich
des verwundeten Alcibiades bemchtigen wollte, zurckgescheucht habe; und ich
begreife vollkommen, da er, sobald er will, grimmig genug aussehen kann, um
einem Lwen Angst einzujagen. Ohne Zweifel ist gerade die die Ursache, warum
der Ausdruck von Wohlmeinung und Gte eine so groe Wirkung in seinem Gesicht
thut, weil die natrliche Schnheit der Zge so wenig dazu beitrgt, und man
also um so gewisser seyn kann, da es der Abdruck wahrer Gesinnungen ist, und
unmittelbar aus dem Herzen kommt. Das Nmliche gilt (in seiner Art) von dem
ziemlich nah an Hohn grnzenden Spotte, der in den aufgestlpten Nstern seiner
Delphinen-Nase lauert, aber durch die gewhnliche heitere Freundlichkeit seiner
Augen und das gutherzige Lcheln seines dicklippigen Mundes so sonderbar
gemildert wird, da er aufhrt Spott zu seyn, oder da nur gerade so viel davon
brig bleibt, um seiner Art zu scherzen, und der ihm eigenen Ironie etwas
Suerlichses zu geben, das unendlich angenehm ist, aber sich weder beschrieben
noch nachmachen lt. Kurz, ich bin gewi, diese sonderbare Mischung von
Weisheit und Einfalt, von Ernst und Muthwillen, von Gleichmthigkeit und
genialischer Laune, Stolz und Bescheidenheit, Treuherzigkeit und Causticitt,
die das Eigenthmliche seines Charakters ausmacht, und wodurch er, mit Einem
Wort, Sokrates ist, knnte gar nicht stattfinden, wenn ihm die Natur eine
regelmige Gesichtsbildung gegeben htte, und gerade diese die er hat sey
diejenige, welche der in ihm wohnende Genius sich besser als eine andere
anpassen konnte.

    Ich wurde von ihm mit seiner gewohnten Humanitt aufgenommen; doch richtete
er anfangs die Rede selten an mich, lie nur zuweilen einen ziemlich scharfen
Blick auf mich fallen, und setzte brigens das Gesprch fort, worin er, da ich
ihm vorgestellt wurde, mit seinen meistens noch jungen Freunden begriffen war.
Aber als ich es fr Zeit hielt mich wieder wegzubegeben, nahm er mich bei der
Hand und sagte: ich hre du gedenkst dich einige Zeit zu Athen aufzuhalten, um
zu sehen, zu hren und zu lernen was bei uns Sehens, Hrens und Lernens werth
ist. Du wirst dessen von aller Art manches finden; des Gegentheils vielleicht
noch mehr. Um desto weniger getuscht zu werden, thut ein Fremder bei uns wohl,
wenn er sein Urtheil zurckhlt und etwas mitrauisch gegen die ersten Eindrcke
ist. Gefllt es dir in meiner Gesellschaft, so steht's bei dir, so oft um mich
zu seyn als andere deines Alters, die mir ihr Zutrauen geschenkt haben und durch
meinen Umgang besser zu werden glauben. Ich wei wenig, wiewohl ich einen Theil
meines Lebens mit Forschen zubrachte. Wo ich nicht weiter kann, behelfe ich mich
mit dem, was mir das Wahrscheinlichste dnkt; denn immer in Zweifeln schweben,
ist fr einen besonnenen Menschen ein unertrglicher Zustand; indessen reiche
ich mit dem wenigen, worber ich gewi bin, ziemlich aus, und halte mich desto
fester daran. Meine Freunde haben ein Recht an alles, wodurch ich ihnen ntzlich
werden kann. Ich lasse mich gerne fragen, frage aber auch gern wieder, und hab'
es aus langer Erfahrung, da die die krzeste und sicherste Art ist, einander
auf die Spur der Wahrheit zu helfen. - Ich bat ihn, mich als einen Jngling zu
betrachten, der das Schne und Gute liebe, und in beiden das Wahre, und
vornehmlich das Band das beide zusammenschlinge, durch ihn kennen zu lernen
hoffte. Er schien mit dem was ich ihm sagte nicht unzufrieden, und ich denke, so
mu einem Liebhaber, der von seiner Geliebten scheiden mu, zu Muthe seyn, wie
mir's war, da ich mich von diesem zauberischen alten Mann entfernte.

    Ich habe mir, so nah als mglich an dem Huschen des Sokrates, eine kleine
Wohnung bei einem ehrsamen Brger gemiethet, der einer von den fnf bis
sechstausend Richtern dieser procereichen Republik45 ist, und da er wenig
Vermgen hat, und (nach hiesiger Brgersitte) zu vornehm ist ein Handwerk zu
treiben, ohne sein tgliches Triobolon46 mit seiner zahlreichen Familie sehr
kmmerlich leben mte. Da vielleicht zwei Drittel der Attischen Brger sich in
dem nmlichen Falle befinden, so erklrt sich daraus, warum du in dieser
Republik, worin das Volk der Gesetzgeber ist, unter drei bis vier Brgern immer
unfehlbar einen Richter, nmlich ein Mitglied der zehn groen Gerichtshfe
dieser wundervollen Republik findest, und warum alles darauf angelegt ist, das
Procefieber, womit die Athener sammt und sonders - den Sokrates und etliche
seiner Freunde ausgenommen - behaftet sind, zu nhren und unheilbar zu machen.
Das Leben eines Attischen Brgers ist ein immerwhrender Rechtsstreit, und, die
Festtage abgerechnet, vergeht kein Tag im ganzen Jahr, da er nicht entweder als
Richter oder als Partei, oder als Anwald oder als Zeuge, mit einem Rechtshandel
beschftigt ist. Wer diesem Uebel abhelfen wollte, wrde dem grten Theil der
Athener ihr tgliches Brot entziehen. Vermuthlich ist die auch die wahre
Ursache, warum eine unbeschreibliche Gelufigkeit der Zunge (sie nennen's
Stomylie) und eine gewisse angeborne Wohlredenheit und Begierde sich selbst
reden zu hren, ein so allgemeiner Charakterzug dieses ber allen Begriff
lebhaften Volkes ist.
    Du wirst dich, wie ich sehe, schon daran gewhnen mssen, lieber Kleonidas,
da ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann, ohne bald auf diesen bald auf
jenen Gegenstand zu stoen, der mich zu einer kleinern oder grern Abschweifung
verleitet. Insofern ich dir nur keine Langeweile mache, wird es dir brigens
gleichviel seyn, was fr einen Weg ich dich fhre, da meine Briefe bloe
Spaziergnge fr dich sind.
    Ich denke meinem Vorsatz, eine Zeitlang auf dem Sokratischen Fu, d.i. ein
wenig armselig zu leben (wiewohl mich der letzte Brief meines Vaters auf einmal
um fnfhundert Minen reicher gemacht hat) so lange getreu zu bleiben - als ich
es aushalten kann. Bis hierher geht es noch gut. In der That fr einen
Kosmopoliten ist nichts nothwendiger, als auf alle Flle mit zwei bis drei
Obolen des Tages auskommen zu knnen, wiewohl es zu mssen vielleicht nie mein
Fall seyn wird.
    Ich sehe und hre den Sokrates alle Tage, und habe, auer seinen Freunden
oder eigentlichen Anhngern, noch wenig Bekanntschaften gemacht; doch soll auch
die mit der Zeit anders werden. Fr jetzt ist mein Hauptzweck, den
merkwrdigsten aller Menschen so lange zu beobachten und zu studiren, bis ich
ihn ganz zu kennen und zu verstehen glaube.
    Ein einzigesmal habe ich in dieser Zeit mit Sokrates einem groen Gastmahl
bei einem Athenischen Kalokagathos47 von der ersten Classe beigewohnt; wo einem
Cyrener die Mischung von Ueppigkeit und Pracht mit bel verhehlter Armuth und
Knauserei nicht anders als auffallend seyn mute. Reich scheinen zu wollen, so
wie berhaupt mehr zu scheinen als sie sind, ist eines der charakteristischen
Erbbel der Cekropiden48; dafr, da niemand mehr reich sey, haben die Spartaner
gesorgt, und es wird eine Reihe von Jahren dazu gehren, bis Athen sich von den
Folgen ihres milungenen Anschlags auf Sicilien, und des so unglcklich fr sie
ausgefallenen Peloponnesischen Verheerungskrieges erholt haben wird.
    Sokrates galt ehmals fr einen sehr angenehmen Tischgesellschafter, und
viele der vornehmsten Athener wrden ein festliches Gastmahl fr unvollstndig
gehalten haben, wenn Sokrates dabei gefehlt htte. Jetzt pflegt er eine solche
Einladung nur selten anzunehmen. Ziemlich oft hingegen geschieht es, da seine
Freunde Abends in seinem Hause speisen, indem jeder sein Gericht hinschickt;
eine in Athen gewhnliche und meines Erachtens sehr nachahmungswrdige Art, den
Abend in auserlesener Gesellschaft ohne Belstigung des Hauswirths zuzubringen;
vorausgesetzt, da das Hchste was eine Schssel kosten darf, durch
gemeinschaftliche Abrede nach einem sehr frugalen Mastabe bestimmt sey. Diese
kleinen freundschaftlichen Symposien49 sind durch die genialische Art, wie
Sokrates Ernst und Scherz bald abzuwechseln bald in einander zu schmelzen wei,
fr mich wenigstens, die unterhaltendste und sogar die lehrreichste Zeit, die
ich in seiner Gesellschaft zubringe.

                                       7.



                               An Ebendenselben.

Ich finde je lnger je mehr, wie falsch der Begriff ist, den man sich im
Auslande von Sokrates macht, indem man ihn fr einen Philosophen oder Sophisten
50 von Profession und das Haupt einer eigenen Schule hlt. Er ist, wiewohl er
vielerlei Kenntnisse besitzt, kein eigentlicher Gelehrter, und ob er gleich ein
sehr weiser und kluger Mann ist, weder das, was man einen Philosophen noch was
man einen Staatsmann zu nennen pflegt; oder, richtiger zu reden, seine Weisheit
und Klugheit war es eben, was ihn abhielt sich aus dem einen oder dem andern
dieser Qualitten eine Lebensart zu machen. Er ist ein zu edler und guter Mensch
um ein bloer Brger von Athen, und gleichwohl zu sehr Brger von Athen um ein
chter Weltbrger zu seyn. Man erstaunt, bei einem Manne, der (wenn man ein Paar
Feldzge ausnimmt) nie aus Athen gekommen ist, einen solchen Umfang von Welt-
und Menschenkenntni, einen so hellen, von Vorurtheilen und Wahnbegriffen so
gereinigten Verstand, und einen so feinen Sinn fr die rechte Art mit allen
Gattungen von Menschen umzugehen, zu finden; und doch ducht mich (wenn ich die
ohne Schein eines thrichten Dnkels gestehen darf) ich sehe zuweilen eine
gewisse Beschrnktheit in seiner Vorstellungsart, die mir blo daher zu kommen
scheint, da er sich unvermerkt angewhnt hat, Athen, den Mittelpunkt seiner
eigenen Thtigkeit, fr den Mittelpunkt der Welt, und was auer Athen ist,
keiner sonderlichen Aufmerksamkeit werth zu halten. Ob ich mich hierin irre,
darber werde ich vielleicht in der Folge Gelegenheit finden, dich selbst zum
Richter zu machen.
    Um mir beim Erforschen dieses in seiner Art so ganz einzigen Mannes viele
Zeit und manchen Fehlschlu zu ersparen, habe ich mir Mhe gegeben, ber seine
Lebensgeschichte so viele und so zuverlssige Erkundigungen einzuziehen als mir
nur immer mglich war.
    Sein Vater Sophroniskus war ein Steinmetz, und seine Mutter Phnarete die
geschickteste und ihres Charakters wegen geschtzteste Hebamme ihrer Zeit in
Athen. Er scheint sich auf diese Mutter etwas zu gute zu thun; denn er liebt
ihrer bei Gelegenheit fters zu erwhnen, und soll einst, da ihm ber sein
Talent junge Leute zu bilden ein Compliment gemacht wurde, in seiner gewohnten
Manier Ernst in Scherz einzukleiden, zur Antwort gegeben haben: es ist ein
Erbstck von meiner Mutter; meine ganze Kunst besteht in einer gewissen
Geschicklichkeit die Entbindung schwangerer Seelen zu befrdern.51 Die Frucht
die ans Tageslicht kommen soll, mu freilich schon lebendig, gesund und
wohlgestaltet in der Seele verborgen liegen, und alles was ich bei der Geburt
thun kann, ist, ihr leicht und mit guter Art herauszuhelfen. Personen, die seine
Eltern gekannt haben, versicherten mich, da er uerlich seinem Vater, und dem
Gemth und der Sinnesart nach seiner Mutter sehr hnlich sey.
    Sophroniskus that an seinem Sohne - was er konnte; er gab ihm die
gewhnliche Erziehung aller jungen Athener jener Zeit, die du aus der Scene der
beiden Streithhne, Dikos und Adikos Logos52, in den berchtigten Wolken des
Aristophanes kennst. Der junge Sokrates lernte bei einem Schulhalter vom
gewhnlichen Schlage den Homer und Hesiod, wo nicht verstehen, wenigstens fertig
lesen; von einem Singmeister auf der Cither klimpern und alte Lieder nach alten
Weisen singen; und bte sich brigens fleiig im Wettlaufen, Ringen und Fechten
auf der Palstra. Der Vater, um seiner Pflicht (nach einem bekannten Gesetze
Solons) volle Genge zu thun, lehrte ihn seine eigene Kunst; die Mutter, welche
bei Zeiten merkte, an diesem Sohn etwas mehr als einen knftigen Steinhauer
geboren zu haben, wollte wenigstens einen Bildhauer aus ihm werden sehen; und so
wurde er, ich wei nicht welchem damaligen Meister dieser Kunst, in die Lehre
gegeben. Es scheint nicht da er selbst eine besondre Anlage oder Neigung zu ihr
in sich gefhlt habe; indessen bracht' er es doch darin auf einen gewissen Grad;
machte bis ber sein dreiigstes Jahr seine hauptschlichste Beschftigung
daraus, und fertigte binnen dieser Zeit unter andern Arbeiten verschiedene
Statuen, wovon die meisten in einem Landhause seines Freundes Kriton zu sehen
sind, der sich viele Mhe gegeben hat, so viele derselben zusammenzubringen, als
fr Geld zu haben waren. Ich habe sie gesehen, und da ich auch die Werke des
Polyklet und Phidias gesehen habe, so darf ich dir ohne Scheu bekennen, da
Sokrates, dessen wahre Bestimmung war der weiseste und beste unter den Weisen
und Guten seiner Zeit zu seyn, schwerlich weder der erste noch der zweite, noch
der dritte unter den Bildhauern seiner Zeit geworden wre. Indessen zeichnet
sich doch unter seinen Versuchen in der Kunst eine Gruppe der Grazien aus, an
welcher er wirklich mit Liebe und unter dem Einflu der holdseligen Tchter
Jupiters gearbeitet zu haben scheint; man sieht, da ihm Pindars semnai Xarites,
panton tamiai ergon en oyrano53 wirklich erschienen, und da er im Bestreben,
die Ideale, die seiner Seele vorschwebten, im Marmor festzuhalten, vielleicht
noch mehr geleistet htte, wenn er weniger htte leisten wollen. Denn das
einzige was an diesen Grazien auszusetzen ist, und was jedem der sie sieht
auffllt, ist da sie gar zu ehrwrdig sind.
    Dem besagten Kriton hat es Griechenland zu danken, da es sich unter seinen
Heroen aller Art auch eines Sokrates rhmen kann; ohne ihn wre dieser
wahrscheinlich Bildhauer geblieben, und die reinste sittliche Gestalt, in
welcher die Humanitt je der Welt persnlich im wirklichen Leben sichtbar
geworden ist, wrde wo nicht unenthllt, doch auf ewig mit dem Schleier der
Unbekanntheit und Vergessenheit bedeckt geblieben seyn. Kriton, noch jetzt der
erste, so wie der lteste unter den Freunden des Sokrates, dem er an Alter
etliche Jahre vorgeht, ist in den Augen aller, die ihn kennen und Menschenwerth
zu schtzen wissen, einer der Edelsten, die dieses an vortrefflichen Mnnern
fruchtbare Land seit Deukalion und Pyrrha hervorgebracht hat. Glcklicher Weise
ist er auch einer der wohlhabendsten Athener, und im Gebrauch seines
ansehnlichen Vermgens so gromthig und freigebig als der berhmte Cimon, ja
selbst auf eine noch verdienstlichere Weise, da kein Verdacht auf ihn fallen
kann, da ein ehrschtiges Streben nach Volksgunst oder irgend eine andere
unlautere Absicht den mindesten Einflu auf seine Freigebigkeit habe. Zuflliger
Weise (wie man, vielleicht sehr uneigentlich, zu sagen pflegt) kam er in die
Werkstatt des alten Sophroniskus, als der Sohn die erwhnte Graziengruppe eben
vollendet hatte. Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit gleicher
Aufmerksamkeit, lie sich mit dem angehenden Knstler in ein Gesprch ein, und
beschlo von Stunde an, sich um sein Vertrauen zu bewerben, und wenn er es
gewonnen htte, alles anzuwenden um ihn mit guter Manier aus der Stein-und
Bildhauer-Werkstatt in eine seinen natrlichen Anlagen angemessenere Art von
Thtigkeit zu versetzen.
    Es befanden sich damals drei Mnner in Athen, deren jeder in dem Fache von
Gelehrsamkeit, welches er vorzglich bearbeitete, fr den ersten galt:
Anaxagoras54 von Klazomene, ein Philosoph aus der Schule des Thales, der Sophist
Prodikus von Ceos und Damon, ein geborner Athener, einer der berhmtesten
Tonknstler seiner Zeit. Der erste hatte das Studium der Natur, wiewohl auf
einem falschen Wege, der zweite die Kunst zu reden, als eines der mchtigsten
Werkzeuge, wodurch man in Republiken auf die Menschen wirken kann, der dritte,
die Theorie der Musik, insofern sie eine Art von magischer Gewalt ber das
Gemth und die Leidenschaften auszuben fhig ist, zum Hauptgeschfte seines
Forschens gemacht. Alle drei genossen des Schutzes und der Achtung des groen
Perikles, die vornehmsten Athener suchten ihren Umgang, und jedermann schtzte
es fr ein besondres Glck, wenn er seinem Sohne den Zutritt bei dem ersten, und
den Unterricht der beiden andern verschaffen konnte.
    Sobald Kriton den Vorsatz gefat hatte, sich des jungen Sokrates mit Ernst
anzunehmen, war seine erste Sorge, ihn mit diesen drei Mnnern, mit welchen er
selbst auf einem freundschaftlichen Fue lebte, in Bekanntschaft zu setzen; denn
er zweifelte nicht, da sie stark auf den jungen Mann wirken und gar bald den
Gedanken in ihm erwecken wrden, die Natur habe ihn zu einer hhern Bestimmung
berufen, als in Thon, Holz und Stein zu arbeiten. Verehrern der Kunst, wie du
und ich, mag die etwas anstig klingen; aber die meisten Griechen machten sich
damals und noch jetzt einen viel zu geringen Begriff von derselben, und ein
Bildhauer war in ihren Augen am Ende doch nichts weiter als ein Handwerksmann,
der sein Brod durch mechanische Handarbeit in einer harten Materie sauer und
mhselig verdienen msse. Wahrscheinlich hatte Kriton selbst damals keinen
andern Gedanken, als den jungen Sokrates in eine hhere Classe hinaufzurcken,
und durch Entwicklung und Ausbildung seiner Fhigkeiten in den Stand zu setzen,
dereinst eine bedeutende Rolle in der Republik zu spielen. Auch erreichte er
seine Absicht, wiewohl in einem ganz andern Sinne, und in der That auf eine weit
vollkommnere Art als er sich vorgestellt haben mochte. Der Sohn des Sophroniskus
gewann in kurzer Zeit die Zuneigung des gelehrten Triumvirats; sie machten sich
ein Vergngen daraus, ihm Anleitung zu geben und von ihren Kenntnissen so viel
mitzutheilen als er davon gebrauchen konnte und wollte. Denn, wiewohl er sich
mehrere Jahre lang mit allen Arten der speculativen Wissenschaften, die von der
Ionischen Philosophenschule damals mit ungemeinem Beifall betrieben, und von den
sogenannten Sophisten nach ihrer eigenen Weise popularisirt wurden, mit vielem
Flei gelegt haben soll, so scheint er doch ziemlich bald einen Beruf in sich
gefhlt zu haben, seinen eigenen Weg zu gehen, und sich sowohl in Meinungen als
im Leben unabhngig und frei von fremdem Einflu zu erhalten. Es war ein
Leichtes gewesen seine Wibegierde zu erwecken: die sogenannte physische
Philosophie, von welcher Anaxagoras Profession machte, hatte unendlich viel
Anziehendes. Denn sie versprach nichts Geringeres, als den undurchdringlichen
Vorhang, hinter welchem die Natur ihre Mysterien treibt, wegzuziehen, und ber
die angelegensten Fragen, die der menschliche Geist an sich selbst zu thun sich
nicht erwehren kann, befriedigende Aufschlsse zu geben. Aber sein guter
Verstand lie ihn bei Zeiten wahrnehmen, nicht nur da sie nicht hielt was sie
versprach, sondern auch, da sie weit mehr versprach als sie halten konnte. Er
suchte Wahrheit, und man fertigte ihn mit Hypothesen ab, die man zwar mit vielem
Scharfsinn zu mglich scheinenden Auflsungen der Rthsel, die uns die Natur
aufzurathen gibt, anzuwenden wute, die aber keinen festen Halt hatten, und,
wenn sie scharf geprft wurden, weder den Verstand noch die Einbildungskraft
befriedigten. Er suchte ntzliche Wahrheit, und man wollte da er einen groen
Werth auf Speculationen legen sollte, von welchen nicht der mindeste Gebrauch im
menschlichen Leben zu machen war. Alles was er mit den Nachforschungen, die
einen guten Theil seiner schnsten Jahre aufzehrten, gewonnen zu haben glaubte,
war - und konnte fr einen so reinen Wahrheitssinn, wie der seinige, nichts
anderes seyn, als das Bewutseyn, da er vom Ursprung der Welt und ihren
elementarischen Bestandtheilen, von Materie und Geist, von Raum und Zeit, von
den unsichtbaren Krften, mit deren sichtbaren Wirkungen die Natur uns berall
umgibt, kurz, von den berirdischen und bersinnlichen, himmlischen und
berhimmlischen Dingen, gerade so viel wisse als vorher, nmlich nichts oder
wenig mehr als nichts. - Die war ein groer Abfall von den glnzenden
Erwartungen, die man ihm vorgespiegelt hatte, und was fr ein anderes Resultat
konnte aus einer solchen Erfahrung hervorgehen, als die innigste Ueberzeugung,
da der grte Theil der Probleme, womit die speculativen Philosophen seiner
Zeit sich selbst und ihre Lehrlinge unterhielten, ganz und gar keine Gegenstnde
des menschlichen Wissens seyen, und da ein gesunddenkender Mensch in der kurzen
Lebenszeit, die ihm von der Natur so krglich zugemessen wird, mehr als genug zu
thun habe, wenn er nur zu einem hinlnglichen Grade von Kenntni dessen was
allen Menschen zu wissen nthig und was nicht zu wissen ein groes Uebel ist,
gelangen wolle. Er schtzte diese Ueberzeugung um so hher, je mehr Zeit und
Mhe sie ihm gekostet hatte, und sie war's was seinem Geiste diese Richtung auf
das Sittlichgute und berhaupt auf das Ntzliche in allen Dingen gab, die er von
dieser Zeit an nie wieder aus dem Auge verlor. Indessen fuhr er noch immer fort,
die Bildhauerkunst nebenher zu treiben, insofern sie ihm zu Gewinnung seines
nothdrftigen Unterhalts unentbehrlich war. Denn es whrte ziemlich lange, bis
der edle Kriton so viel ber ihn vermochte, da er, um sich aller mechanischen
Arbeiten entschlagen zu knnen, diesem mit ganzer Seele an ihm hangenden Freunde
gestattete dafr zu sorgen, da es ihm fr sein briges Leben nie am
Nothwendigen fehlen knne. Auch scheint die nicht eher geschehen zu seyn, als
nachdem Sokrates in der Kenntni seiner Selbst so weit gekommen war, da er
seinen innern Beruf, ein Menschenbildner in einem ganz andern und unendlich
hhern Sinne zu seyn, nicht lnger bezweifeln konnte.
    Eine der wichtigsten Folgen des Verhltnisses, worin er mit Anaxagoras und
Kriton stand, war (meines Erachtens) der freie Zutritt in das Haus des Perikles,
und die Gelegenheit, die er dadurch erhielt, diesen groen Mann und seine
Staatsverwaltung nher kennen zu lernen, und in dieser Absicht auch den Umgang
mit der berhmten Aspasia, der Juno dieses Attischen Jupiters (wie sie der alte
Kratinus in einer seiner Komdien nennt), sich zu Nutze zu machen. Aus dieser
Zeit schreibt sich auch seine Bekanntschaft mit dem berchtigten Neffen des
Perikles, Alcibiades, her, von welchem er schon damals sehr richtig urtheilte,
da er entweder zum Heil oder zum Verderben Griechenlands geboren sey, je
nachdem sein guter oder bser Dmon die Oberhand ber ihn gewinnen wrde; und
diese Ueberzeugung allein war es, was ihn bewog, sich unter die erklrten
Liebhaber, von welchen dieser so viel Gutes und Bses versprechende Jngling
bestndig umgeben war, zu mischen, und alles Mgliche anzuwenden, um das
Vertrauen desselben zu gewinnen, die Liebe des Schnen und Guten in ihm zu
entznden, und ihm fr seine Schmeichler und Verfhrer Gleichgltigkeit und
Verachtung einzuflen.
    Ohne Zweifel trugen alle diese Verhltnisse vieles dazu bei ihn auf den
wahren Standpunkt in seinem knftigen Wirkungskreise zu stellen, und ber den
Plan seines Lebens in sich selbst gewi zu machen. Vermuthlich fate er schon
damals den festen Entschlu, dem er bisher immer treu geblieben ist, der
strengsten Erfllung aller seiner Brgerpflichten unbeschadet, sich jeder
Einmischung in die Staatsverwaltung zu enthalten, so selten als mglich in den
Volksversammlungen zu erscheinen, und nie als ffentlicher Redner aufzutreten.
Weder seine Familie, noch seine Glcksumstnde, noch seine Neigung bestimmten
ihn eine politische Rolle in Athen zu spielen; so viele andere hatten dazu einen
nhern Beruf, und waren, wofern sie nur wollten, weit besser im Stande, sich auf
diesem Wege um den Staat verdient zu machen. Ihm hingegen zeigte sich ein neuer,
von keinem andern noch betretener Weg, wie er seinen Mitbrgern und Zeitgenossen
auf eine ihm eigene Weise ungleich ntzlicher als auf jede andere werden konnte.
Die Republik hatte ein sehr dringendes Bedrfni, an welches keiner von ihren
Vorstehern und Rathgebern dachte, und diesem nach Vermgen zu Hlfe zu kommen,
fhlte er sich von seinem Genius berufen. In einer Zeit, wo niemand zu bemerken
schien, da die tglich zunehmende Ausartung der alten Sitten den Staat eben so
unvermerkt dem Verderben immer nher bringe; in einer Zeit, wo der allzurasche
Uebergang von der ehmaligen goldnen Mittelmigkeit zu der hohen Stufe von Macht
und Reichthum, worauf Perikles die Republik erhoben hatte, den eiteln Athenern
so glnzende Aussichten erffnete, da sie, aller Migung vergessend, nichts
als Alleinherrschaft und unbegrnzte Vermehrung ihrer Besitzthmer und Einknfte
trumten; zu einer Zeit, wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem Urtheil,
wie er, leicht voraussehen konnte, da sich ein furchtbares Ungewitter gegen
Athen zusammenziehe und da bald genug Umstnde eintreten wrden, in welchen der
allgemeine Mangel an sittlicher und politischer Tugend durch die unseligsten
Folgen tief gefhlt werden mte: in einer solchen Zeit, sich selbst in
Gesinnungen und Grundstzen, Worten und Werken zum Vorbilde aller huslichen und
brgerlichen Tugenden darzustellen, und Jnglinge von edler Art durch den Reiz
seines Umgangs an sich zu ziehen, um sie zu gleichen Grundstzen und Gesinnungen
zu bilden; die war unlugbar der grte Dienst, den ein Mann dem Vaterlande
leisten konnte; und der einzige Mann der es wollte und konnte - war Sokrates.
    Du siehest nun, lieber Kleonidas, in welchem Sinne Sokrates ein ffentlicher
Lehrer genennt werden kann, wiewohl er nie eine Schule gehalten noch gestiftet,
nichts geschrieben, und mit allen seinen Bemhungen, die Leute die mit ihm
umgehen weiser und besser zu machen, keinen Obolus gewonnen hat. Auch ist
zwischen ihm und den Sophisten, die den Unterricht in den Wissenschaften,
besonders in der Moral, Politik und Demagogik55 als eine Profession treiben,
nicht die geringste Aehnlichkeit. Er gibt sich so wenig fr einen Gelehrten aus,
da er sich vielmehr im Scherz, zuweilen auch wohl in vollem Ernst, auf seine
Unwissenheit viel zu Gute thut. Der ganze Unterschied, hrte ich ihn einmal
sagen, zwischen mir, der nichts wei, und diesen bewunderten Herren, die alles
wissen und sich dafr bezahlen lassen, besteht darin, da sie zu wissen glauben
was sie nicht wissen, ich hingegen wei, da ich nichts wei. Offenherzig zu
reden, scheint er sich in diesem Punkte zuweilen ein wenig zu tuschen, und die
Geringschtzung gewisser spekulativer Wissenschaften, deren Nutzen nicht
sogleich in die Augen fllt, oder vielleicht erst knftig noch entdeckt werden
mag, weiter zu treiben, als er thun wrde, wenn er sich seiner Unwissenheit
immer bewut wre. Uebrigens, und wenn er auch mit einigen Fchern des
menschlichen Wissens zu wenig bekannt ist, um ein vollgltiges Urtheil ber
ihren Werth fllen zu knnen, so ist er hingegen desto gelehrter in den Knsten
und Handwerken, die im gemeinen und brgerlichen Leben von anerkanntem Nutzen
sind. Er spricht mit einem jeden sehr verstndig von seiner Profession und gibt
ihnen nicht selten Anleitung oder Winke, wie sie die oder jenes besser
einrichten oder ihre Fabricate und Kunstwerke zu einer grern Vollkommenheit
bringen knnten; benimmt sich aber so geschickt dabei, da er, indem er sich mit
ihnen ber ihre Kunst bespricht, vielmehr das Ansehen eines Unwissenden hat, der
durch bescheidene Fragen von ihnen belehrt zu werden sucht, als eines Klglings,
der sich anmat den Meistern Lehren zu geben. Er hat sich in verschiedenen
Feldzgen als einen guten Soldaten bewiesen, versteht sich auf alles was zum
Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande gehrt, und wei im Nothfall das Steuerruder
so geschickt zu fhren als der erfahrenste Schiffer. Schwerlich gibt es irgend
ein Geschft, das durch ruhige Besonnenheit, unerschtterliche Festigkeit,
ausharrende Geduld, Nchternheit, Wachsamkeit, Gleichgltigkeit gegen Vergngen
und Schmerz, gegen Hunger und Durst, Frost und Hitze, mit Einem Worte, durch
alle Eigenschaften und Tugenden, die einen chten Mann von Marathon ausmachen,
und nur durch diese wohl gelingen kann, schwerlich gibt es ein solches Geschft
im Frieden oder im Krieg, womit er nicht zu seiner Ehre zu Stande kommen wrde;
und ich bin gewi, wenn die Gtter den armen Kechenern zu einem so klugen
Einfall verhelfen wollten, wie der wre, wenn sie, anstatt ihre Kriegsobersten
zu Duzenden aus dem Glckstopf zu ziehen, ihn zu ihrem Oberfeldherrn machten,
ihre Angelegenheiten sollten gar bald eine bessere Gestalt gewinnen. Mit Einem
Wort, Freund Kleonidas, Sokrates ist ein - tugendhafter Mann im hchsten und
vollstndigsten Sinne des Wortes, und darin besteht sein eigenthmlicher
Charakter, Werth und Vorzug vor allen seinen Zeitgenossen. Er taugt zu allem
wozu ein Mann taugen soll, kann alles was jedermann knnen sollte, wei gerade
so viel als niemand ohne seinen Schaden nicht wissen kann, und ist, in jedem
Verhltni des Lebens, was man seyn mu, um ein Vorbild fr alle zu seyn.

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                                 An Kleonidas.

Da Sokrates, wenn er mit andern philosophirt, sich nur zweier Methoden, der
Induction56 und der Ironie zu bedienen pflege, hat seine Richtigkeit; wenigstens
habe ich nie gesehen, da er in seinen Gesprchen, es sey nun da sie auf
Belehrung oder auf Widerlegung abzielen, einen andern als einen dieser beiden
Wege eingeschlagen htte.
    Diese sonderbare Art zu philosophiren scheint mir deine hohe Meinung von ihm
nicht wenig herabgestimmt zu haben. Die Induction kann mich, sagst du, nichts
lehren als was ich entweder bereits wute, oder mir vermittelst eines kleinen
Grades von Besinnung selbst sagen konnte; und wie ein so weiser Mann die Ironie
fr eine taugliche Methode die Wahrheit ausfindig oder einleuchtend zu machen
halten knne, ist mir vollends unbegreiflich. - Ueber beides, lieber Kleonidas
hoffe ich dich ins Klare zu setzen, wenn ich dir sage, bei welchen Personen und
zu welcher Absicht Sokrates von der einen und der andern Gebrauch zu machen
pflegt. Die Personen, mit welchen er sich am meisten abgibt, sind (auer seinen
nhern Freunden und Gnstlingen) entweder solche, die von ihm belehrt zu werden
wnschen, es sey nun da sie ihre Unwissenheit in der Sache, wovon die Rede ist,
anerkennen, oder so schwach an ihrer bisherigen Meinung hangen, da sie immer
bereit sind sie mit einer bessern zu vertauschen; oder es sind naseweise
Klglinge und eingebildete Allwisser, die er, da sie Belehrung weder suchen noch
anzunehmen aufgelegt sind, blo beschmen und wenigstens zum stillen Bekenntni
ihrer Unwissenheit nthigen will. Bei den erstern bedient er sich der Induction
als einer Lehrart; gegen die letztern der Ironie als einer sowohl zur
Vertheidigung als zum Angriff gleich bequemen Waffe.
    Die Athener verbinden mit dem Worte Ironie ungefhr denselben Begriff (der
Verspottung) wie wir und alle andern Griechen; nur da sich ihm durch den
gemeinen Gebrauch ein Nebenbegriff bei ihnen angehngt hat, der aus einem
besondern Zug ihres Nationalcharakters zu entspringen scheint. Der Athener
pflegt nmlich seine Meinung nicht leicht so kurz und geradezu herauszusagen,
wie der Spartaner oder Botier; nicht etwa aus vorsichtiger Zurckhaltung (wie
ich die an den Korinthern bemerkt zu haben glaube), sondern weil es ihm, wenn
er spricht, selten oder nie so viel um Wahrheit oder um die Sache selbst zu thun
ist, als um das eitle Vergngen mit der Feinheit und Gewandtheit seines Witzes
und der Gelufigkeit seiner Zunge zu prunken, und den andern entweder seine
Ueberlegenheit fhlen zu lassen, oder, falls es ein hherer an Stand und Rang
oder ein Mann von vorzglichen Verdiensten ist, die beiden groen Geburtsrechte
des Attischen Brgers, Freiheit und Gleichheit gegen ihn zu behaupten, indem er
ihm zu verstehen gibt, er dnke sich nicht geringer, und mache sich wenig aus
Vorzgen die er nicht selbst besitzt. Du kannst dir kaum vorstellen, auf wie
vielerlei Art die Eitelkeit der Athener sich, in dieser Absicht, durch Mienen,
Gebrden, Ton und Beugung der Stimme, kleine Zwischenwrter u. dergl. zu uern
pflegt. Daher das Attikon blepos (wie es Aristophanes nennt) diese
unnachahmliche edle Unverschmtheit im Blick und im Lcheln, die den Athener aus
tausend andern kenntlich macht, und der hhnische Ton, den sie, sobald sie
merken da der andere nicht ihrer Meinung ist, in die Frageformeln, wr's etwa
nicht so? oder, was knntest du wohl dagegen haben? zu legen wissen.
Vermuthlich ist es diese Eitelkeit, was in Verbindung mit der lebhaften Ader von
leichtem Witz, wovon der Athener immer sprudelt, diese Neigung zum Spotten,
Necken und Auslachen erzeugt, die einer der gemeinsten Zge dieses Volkes ist.
Ich erklre mir daraus, da sie so gern das Gegentheil von dem, was sie sagen
wollen, sagen; zu loben scheinen, wenn sie tadeln, und zu schelten, wenn sie
loben wollen; sich stellen als ob sie den andern unrecht verstanden htten, um
ihm widersprechen oder seiner Rede eine lcherliche Deutung geben zu knnen, und
was dergleichen mehr ist. Diese Art von spottender oder auch blo scherzhafter
Verstellung ist es eigentlich, was die Athener Ironie nennen, und was sie, zumal
bei frhlichen Tischgelagen, und berall, wo ihre gute Meinung von sich selbst
nicht zu sehr dabei ins Gedrnge kommt, einander gern zu gut halten. Auch
Sokrates, der berhaupt einer der witzigsten und gutlaunigsten Sterblichen ist,
macht im gemeinen Umgang ziemlich hufigen Gebrauch von dieser Art von Ironie,
und wei sie mit so vieler Leichtigkeit und Feinheit zu handhaben, da sie,
sogar wenn er einen wirklich schraubt, unmglich beleidigen kann, sondern
entweder fr bloen Scherz gilt, oder von einfltigen und sich selbst
gefallenden Personen so aufgenommen wird, als ob er ihnen etwas Schmeichelhaftes
gesagt htte. Am gewhnlichsten bedient er sich derselben, um den Verweisen, die
er zuweilen seinen jngern Freunden zu geben Ursache findet, den Stachel zu
benehmen; und ich mu gestehen, da er in solchen Fllen, wenn die Operation an
einem seiner Gnstlinge zu verrichten ist, eine sehr sanfte Hand hat; wiewohl
ich mich nicht rhmen kann, es an mir selbst erfahren zu haben.
    Aber die Ironie, die ihm als eine besondere Art zu disputiren,
ausschlielich zugeschrieben wird, ist von jener gewhnlichen, sowohl der Art
als dem Zweck nach, sehr verschieden. Sie besteht darin, da er, wenn er's mit
Personen, die ihm in gewissen Stcken entweder wirklich oder in ihrer eigenen
und andrer Leute Einbildung berlegen sind, z.B. mit schlecht denkenden aber
vielvermgenden Mnnern in der Republik, oder mit angesehenen Sophisten zu thun
hat, sich uerst einfltig und unwissend stellt, und in diesem Charakter (zu
dessen Simulierung ihm seine Gesichtsbildung ungemein zu Statten kommt) durch
die scheinbare Naivett seiner Fragen und die verdeckt spitzfindige Art, wie er
aus ihren Antworten immer neue Fragen hervorzulocken wei, sie endlich in die
Nothwendigkeit setzt, sich entweder in offenbare Ungereimtheiten zu verwickeln,
oder ihre erste Behauptung wieder zurckzunehmen. Du errthst ohne mein Zuthun,
wie viel er durch diese Art von Ironie, eine Zeit lang wenigstens, ber seine
Gegner gewinnen mute. Er verschaffte dadurch sich selbst desto leichter Gehr,
und vernichtete unvermerkt die Vortheile, welche Stand, Name, Ansehen und
Glcksumstnde jenen ber ihn htten geben knnen. Sie waren nun minder auf
ihrer Hut; antworteten desto rascher und zuversichtlicher, je weniger sie
vorhersehen konnten wo er hinaus wolle; rumten ihm immer mehr ein, als
geschehen wre, wenn sie die Schlingen gemerkt htten, die er ihnen durch seine
einfltig scheinenden Fragen legte; und wenn sie sich endlich darin verfingen,
schien er ganz unschuldig daran zu seyn, und die Lacher waren auf seiner Seite.
Diese Methode war also da, wo er sie am gewhnlichsten anwandte, ich meine gegen
die Sophisten, sehr fein ausgedacht und vollkommen zweckmig. Denn es war ihm
nicht darum zu thun sie zu belehren, sondern sie vor ihren Zuhrern und
Verehrern in ihrer Ble darzustellen. Aber du siehst auch, da sie nur so lange
mit Vortheil zu gebrauchen war, als der Gegner die Falle nicht gewahr wurde; und
natrlicherweise konnte die in einer Stadt, wo beinahe alles ffentlich
geschieht, nicht sehr lange anstehen. Sobald die Sophisten merkten, da sie
einen Schlaukopf vor sich hatten, der mit den Spitzfindigkeiten und Kunstgriffen
der Dialektik wenigstens eben so bekannt war als sie selbst, so htten sie noch
zehenmal einfltiger seyn mssen als Sokrates sich stellte, wenn sie sich durch
die schlerhafte Miene, womit er sich ihre Belehrung ausbat, und die vorgegebene
Bewunderung ihrer hohen Weisheit lnger htten tuschen lassen. Auch zeigte
sich's bald genug, da er, auer dem erklrten Ha der Sophisten, wenig mehr mit
dieser Art zu disputiren gewonnen hatte, als da er noch jetzt bei dem groen
Haufen im Ruf eines Sptters steht, der nie seine wahre Meinung sagt, und dessen
Reden man auch dann nicht trauen darf, wenn er etwas ernstlich zu behaupten
scheint, weil man nie gewi ist, ob es nicht Verstellung sey und was fr geheime
Absichten er darunter habe; - ein Ruf, der ihm, wie ich besorge, bei einem so
argwhnischen Volke wie das Athenische ber lang oder kurz noch gefhrlich
werden kann.
    Uebrigens mu ich noch bemerken, da diese ironische Art zu fragen nicht mit
einer andern vermengt werden mu, deren er sich, gewhnlich in Verbindung mit
der Induction, als einer Lehrart bei seinen Freunden (am hufigsten bei jungen
Leuten) bedient, und in welcher, wenn ich nicht irre, seine Kunst den Seelen zur
Geburt zu helfen besteht, deren ich in einem meiner vorigen Briefe gedacht habe.
Die Fragen werden in dieser Absicht immer so gestellt, da der Gefragte die
rechte Antwort entweder gar nicht verfehlen kann, oder falls er sie verfehlte,
durch die Folgerungen, welche vermittelst neuer Fragen aus seiner Antwort
hervorgelockt werden, sich selbst gar bald von ihrer Unrichtigkeit berzeugen
mu. Diese Lehrart, auer dem da sie die leichteste und populrste ist, scheint
mir vorzglich darin auf den besondern Charakter der Athener berechnet zu seyn,
da sie die Aufmerksamkeit des Lehrlings fester hlt, und indem sie dem Lehrer
das Ansehen gibt, als ob er selbst durch seine Fragen erst belehrt zu werden
wnsche, die Rollen gleichsam verwechselt und den Lehrer zum Schler macht oder
wenigstens beide auf gleichen Fu setzt, nmlich in aller Gelassenheit etwas mit
einander zu suchen, das keiner von beiden hat, und woran beiden gleich viel
gelegen ist. Er wei es dann immer ohne Mhe so einzurichten, da der Lehrling
das schmeichelhafte Vergngen hat, derjenige zu seyn der das Gesuchte findet,
wiewohl dazu eben keine groe Scharfsichtigkeit erfordert wird; denn er bringt
ihn unvermerkt Schritt vor Schritt so nahe zu der Sache hin, da er endlich mit
der Nase darauf stoen mu.
    Ein Beispiel wird dir die am besten erlutern. Es war dem Sokrates darum zu
thun, den Begriff eines seiner Lehrlinge von der Religiositt gegen die Gtter
ins Reine zu bringen. Daraus entstand der folgende Dialog.57
    Sokrates. Sage mir, Euthydem, was hltst du von der Gottesfurcht?
    Euthydem. Ich halte sie fr etwas sehr Schnes.
    Sokrates. Kannst du mir also sagen, was du unter einem gottesfrchtigen
Menschen verstehst?
    Euthydem. Einen der die Gtter in Ehren hat.
    Sokrates. Steht es aber blo in eines jeden Willkr, auf welche Weise er die
Gtter ehren will?
    Euthydem. Nein; sondern es sind Gesetze vorhanden, deren Vorschrift man
hierin zu befolgen schuldig ist.
    Sokrates. Wer diese Gesetze befolgt, wte der also nicht, wie man die
Gtter zu ehren schuldig ist?
    Euthydem. Ich sollt' es denken.
    Sokrates. Wer nun wei wie er die Gtter zu ehren schuldig ist, glaubt also
nicht, da er es auf eine andere Art zu thun schuldig sey, als wie er es wei?
    Euthydem. Gewi nicht!
    Sokrates. Meinst du da es einen Menschen gebe, der die Gtter anders ehrt
als er glaubt da er es zu thun schuldig sey?
    Euthydem. Ich sollt' es nicht meinen.
    Sokrates. Wer also wei, was die Gesetze in Betreff der Gtter verordnen,
ehrt der die Gtter gesetzmig?
    Euthydem. Allerdings.
    Sokrates. Und wer sie gesetzmig ehrt, ehrt sie wie es seine Schuldigkeit
ist?
    Euthydem. Wie knnt' er denn anders?
    Sokrates. Wer sie also gesetzmig ehrt, ist gottesfrchtig?
    Euthydem. Ganz unlugbar.
    Sokrates. Wir haben also den Begriff des Gottesfrchtigen richtig bestimmt,
wenn wir sagen: es sey derjenige, der da wei, was die Gesetze in Betreff der
Gtter verordnet haben?
    Euthydem. So dnkt mich's.
    Ich sehe dich zu dieser Manier den Seelen zur Geburt zu helfen die Achseln
ein wenig zucken, Kleonidas; - - unter uns gesagt, auch ich habe schon oft groe
Noth gehabt, die meinigen bei solchen Gelegenheiten im Respect zu erhalten. Aber
es ist nun nicht anders. Die ist einmal seine Manier, und du wirst wenigstens
gestehen mssen, da Mangel an Deutlichkeit nicht ihr Fehler ist. - Sie ist nur
gar zu deutlich, hr' ich dich sagen. Was soll man von dem Verstande der jungen
Athener denken, wenn sie einer so wortreichen Methode nthig haben, um einen so
leichten Satz zu begreifen? Und das Schlimmste ist denn noch, da er nicht
einmal wahr ist. Denn es ist doch ein tglich vorkommender Fall, da einer recht
gut wei, was er nach dem Gesetz zu thun schuldig ist und es doch nicht thut. -
Auf das letztere hab' ich dir keine andere Antwort zu geben als, bei Sokrates
ist zwischen Wissen und Ausben dessen was pflichtmig ist kein Unterschied,
und er bemht sich, auch seine Zglinge so zu gewhnen. Was aber die Lehrart
betrifft, wovon ich dir ein Beispiel aus Tausenden gegeben habe, so wei ich mir
die Sache selbst nicht anders zu erklren, als da er sie nthig gefunden haben
mu, um die unsgliche Flatterhaftigkeit der jungen Leute in Athen, wenigstens
einige Minuten lang, bei dem nmlichen Gegenstande festzuhalten. Htte er zu
Cyrene oder Korinth oder Theben gelebt, so wrde er vermuthlich gefunden haben,
da er auf einem krzern Wege zum Ziele kommen knne. Aber nun ist ihm diese
Methode so sehr zur Gewohnheit geworden, da er sie auch bei solchen Personen
gebraucht, bei denen sie keine gute Wirkung thut. Ich wenigstens bekenne, da
ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten mute, um die Ehrerbietung
nicht aus den Augen zu setzen, die jedermann, und ein junger Mensch mehr als
irgend ein anderer, einem Greise schuldig ist, der an Naturgaben und
Geisteskrften den Besten gleich ist, an sittlicher Vollkommenheit vielleicht
alle bertrifft; und, da ein Sterblicher doch nicht ganz ohne Tadel seyn kann,
sich durch die wenigsten und unbedeutendsten Schwachheiten von dem allgemeinen
Loose der Menschheit, so zu sagen, frei gekauft hat.

    Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, lassen mich
besorgen, da die zeitherige Ruhe unsers so glcklich scheinenden Vaterlandes
von keiner langen Dauer mehr seyn werde. Doch vielleicht gibt irgend ein guter
Dmon unsern Regenten noch ein Mittel ein, das Ungewitter vor dem Ausbruch zu
beschwren. Auf alle Flle, mein Lieber, suche dich so lang' als mglich frei zu
erhalten; und siehst du da die Sachen eine Wendung nehmen, die dich entweder
unvermerkt verwickeln oder wohl gar gewaltsam in eine der Factionen, die sich
bereits zu bilden scheinen, hinein ziehen mchte, so folge meinem Beispiel, und
flchte dich in Zeiten unter den zwar etwas engen aber sichern Mantel des weisen
Sokrates. Das politische Meer, worin die griechischen Republiken, wie eben so
viele schwimmende Inseln, hin und her treiben, ist zwar immer ein wenig
strmisch; aber in Vergleichung mit den letztern Zeiten, genieen wir dermalen
halcyonischer Tage, und fr einen aufstrebenden Zgling der Musenknste ist doch
Athen der einzige Ort in der Welt.

                                       9.



                                 An Kleonidas.

Der Komdiendichter, nach welchem du dich so angelegen erkundigest, lieber
Kleonidas, ist hier eine so allgemein bekannte Person, da es mir nicht schwer
fallen kann, dein Verlangen zu befriedigen, zumal da ich (wie du mit Recht
voraussetzest) Gelegenheiten genug gefunden habe, fters in seiner Gesellschaft
zu seyn, und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen. Ungeachtet
er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende
Ernsthaftigkeit affectiert, wovon sich der Beweggrund leicht errathen lt, wird
er doch, der witzigen Einflle wegen, die ihm ohne Anspruch und Absicht
gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen, fr einen der angenehmsten
Tischgesellschafter (einer in Athen sehr zahlreichen Classe) gehalten, und man
findet ihn gewhnlich bei allen groen Gastmhlern, die in vornehmern Husern
gegeben werden. Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 (die
sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben) sehr bel
empfohlen hat, so wird mir's nicht zum Besten ausgelegt, da ich kein Bedenken
trage, mit einem so verworfenen Menschen umzugehen. Aber Sokrates selbst scheint
davon keine Kenntni zu nehmen, und spricht berhaupt weder Gutes noch Bses von
ihm; wiewohl er, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet, seine Geringschtzung
der Komdie, wie sie ehmals zu Athen beschaffen war und es zum Theil noch jetzt
ist, mit seiner gewohnten Freimthigkeit zu Tage legt. Nicht als ob er das
komische Drama berhaupt mibilligte; denn ich hrte ihn einst von den Komdien
des Epicharmus59 mit Achtung sprechen; sondern weil er den grnzenlosen
Muthwillen, die leidenschaftlichen Anflle auf einzelne Personen, und die
pbelhaften Spe, Unfltereien und unzchtigen Darstellungen, womit die Stcke
der neuern Athenischen Komiker besudelt sind, vermge seiner Grundstze und
seines ganzen Charakters, unmglich duldbar finden kann. Nichts ist gewisser,
als da diese Art von Komdie, worin Kratinus60, Aristophanes und Eupolis mit
einander wetteiferten, schon lange auf immer abgeschafft worden wre, wenn
Sokrates eine entscheidende Stimme in Athen gehabt htte: aber ohne allen Grund
ist, was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute (die alles besser als
andre wissen wollen) gehrt habe: Sokrates und seine Freunde htten das Gesetz
bewirkt, wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komdie aufgehoben wurde, und
dieser an der komischen Muse begangene Frevel sey die wahre Ursache des Hasses,
den die Komdienschreiber auf den Sokrates geworfen, und der Rache, welche
Aristophanes, im Namen der ganzen Gilde, an ihrem gemeinschaftlichen Feinde
genommen habe. Ich sage, dieses Vorgeben ist ohne allen Grund; denn der Sohn des
Sophroniskus, der im ersten Jahre der fnfundachtzigsten Olympiade, als jenes
Gesetz gegeben wurde, erst achtundzwanzig Jahre zhlte, war damals noch ein
unbekannter Steinmetz, und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen
Namen und Rang zu haben. Das Wahre ist, da Perikles selbst der unsichtbare
Urheber jenes Gesetzes war, aber es doch mit allem seinem Einflu nicht lnger
als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte, weil der pbelhafte Theil des
souvernen Volks sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht
lnger vorenthalten lassen wollte.
    Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn, bei dieser Gelegenheit die
Substanz einer Unterredung zu lesen, die zwischen Aristophanes und mir, nachdem
wir bekannter mit einander geworden waren, vorfiel. Denn ich darf nicht
vergessen, dir zu sagen, da sein Satyr, ich wei nicht warum, eine Art von
Geschmack an meinem - weien oder schwarzen Genius gefunden, und (da wir beide
so ziemlich unter der Herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen) eine Art
von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat, welches ich mir gleichwohl in
meinen Verhltnissen weit weniger zu Nutze machen kann, als ich thun wrde, wenn
ich blo dem Antrieb meines Dmons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte,
der, sobald er will, der artigste und wohlgezogenste aller Bocksfler ist.
    Die Rede war von seinen Wolken, die er noch immer fr sein bestes Werk hlt,
wiewohl die Athener geschmacklos oder launisch genug waren, ihm die Weinflasche
des neunzigjhrigen Kratinus vorzuziehen. Es versteht sich, da ich ihm so viel
Schmeichelhaftes ber das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte, als nthig
seyn mag, um einen Autor in gute Laune zu setzen; und so entspann sich denn
folgender Dialog zwischen uns.
    Ich. Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen,
so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stcke bei uns aus
einer Hand in die andere; und - abgerechnet, da unsre Schuhflicker, Sacktrger
und Bootsknechte ber Werke der Musenkunst keine Stimme haben, - wird das, was
die Wolken zum schnsten deiner Stcke macht, schwerlich in einer griechischen
Stadt mehr Beifall gefunden haben, als bei uns. Um so viel grer war die
Verwunderung, da man hrte, die Athener, deren Urtheil in solchen Dingen im
Auslande einem Gtterspruch gleich ist, htten ganz anders darber erkannt; und
da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter
die strksten Naturtriebe des Menschen gehrt, so war und ist noch jetzt die
gemeine Meinung bei uns, das Schicksal, das die Wolken zu zweien Malen betroffen
haben soll, knne von keiner andern Ursache herrhren, als weil dem weisen
Sokrates so bel darin mitgespielt wird.
    Er. Die Cyrener schlieen, wie ich sehe, von sich auf die Athener, und
glauben, weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen,
so mten wir, seine Mitbrger, die das Glck haben, von dieser Sonne tglich
angestrahlt zu werden, nothwendig um so viel grer von ihm denken. Die ist
aber keineswegs der Fall, und wrde es vermuthlich auch in Cyrene nicht seyn,
wenn er euer Mitbrger wre. Gesetzt aber, Sokrates glte zu Athen wirklich fr
das, wofr ihn die von seinem Chrephon befragte Pythia erklrt haben soll, so
kennst du die Athener noch wenig, wenn du nicht auf den ersten Blick siehst, da
ich ihm in diesem Falle keinen grern Dienst htte erweisen knnen, als ihn
dadurch, da ihn dem ffentlichen Gelchter preisgab, vom Ostracism61 oder einem
vielleicht noch hrtern Schicksal zu retten. Denn da wir keine gar zu
rechtschaffnen, gar zu klugen, gar zu vorzglichen Leute unter uns dulden
knnen, ist, sollt' ich denken, durch unser Verfahren gegen einen Miltiades,
Aristides, Themistokles, Cimon, Anaxagoras, Diagoras, und so manche andre, schon
lange auer allen Zweifel gesetzt. Indessen fehlt viel, da der Sohn des
Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phnarete den Athenern in einem eben so
glnzenden Licht erscheinen sollte als Auslndern, die ihn nur dem Namen und
Rufe nach kennen. Wir, die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln
sehen, und mit unsern Ohren reden hren, wir kennen der Ehrenmnner gar viele,
die eben so barfu und sprlich gekleidet gehen wie er, ihren Bart eben so
selten dem Barbier untergeben, eben so schlecht essen und wohnen, sich eben so
ehrbar und gengsam mit ihrer Xantippe behelfen, und den ganzen langen Tag eben
so gelufig, und ungefhr eben so gescheidt und witzig, Moral und Politik
sprechen wie er. Natrlich knnen also alle, die nicht zu seinen besondern
Freunden gehren, auer seinem silenenmigen Kopf und Bauch (hinter welchen man
eben nicht die hchste Weisheit zu suchen pflegt) nicht viel mehr an ihm sehen,
als was er mit hundert und tausend andern gemein hat. Was ihn aber von andern
unterscheidet, sein Blick und Gang und Tragen des Kopfs, wodurch er sich gleich
beim ersten Anblick als einen Mann ankndigt, der nichts bedarf, nichts
frchtet, und seinen Werth nicht erst von andern zu erfahren braucht, ingleichen
die ihm eigene Art von Ironie, die ihm seine Verehrer sogar zum besondern
Verdienst anrechnen; das alles ist gerade das, was ihn dem groen Haufen seiner
Mitbrger entweder lcherlich, oder gewissermaen verhat und furchtbar macht.
Denn wie gesagt, der Athener kann nicht leiden, da jemand durch seine eigene
Gre ber ihn hervorrage, und er duldet seine Obern nur dewegen, weil er ihnen
die Kothurnen, worin sie um so viel grer als er sind, selbst angeschnallt hat,
und sie, sobald es ihm beliebt, wieder auf ihre eigenen Fe stellen kann. Du
siehst also, da die Ursache, warum die Wolken nicht so gut als ich billig
erwarten konnte, aufgenommen wurden, nicht darin zu suchen ist, da sie die
ffentliche Meinung von dem Manne, der darin verspottet wird, gegen sich gehabt
htten: auch hat derjenige, der euch sagte, da sie von den Zuschauern bel
aufgenommen worden, die Sache sehr bertrieben. Ich mte meine guten Kechener
grblich verleumden, wenn ich nicht bekennte, da bei weitem der grere Theil
ber die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste
Vergngen uerte; und ohne den Einflu des Alcibiades, und die Furcht, in
welche sein Anhang (ein Haufen handfester verwegner Gesellen) den
friedeliebenden Theil der Zuschauer setzte, wrde mein Stck wenigstens den
zweiten Preis erhalten haben, da doch einmal der gutherzige Entschlu dem alten
halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit fr ehmalige Verdienste vor seinem Ende
noch eine Freude zu machen, von den Meisten schon vorausgefat war, bevor sie
noch beide Stcke gehrt hatten.
    Ich. Bei dieser Bewandtni der Sache mu man sich um so mehr verwundern, da
die Wolken (wie man sagt) bei der zweiten Auffhrung keinen bessern Erfolg
hatten, als bei der ersten.
    Er. Auch hierin hat euch die Sage falsch berichtet. Die Wolken sind nicht
zweimal aufgefhrt worden. Anfangs hatte ich zwar den Vorsatz, mein Glck an den
nchsten Dionysien noch einmal zu versuchen. Ich machte zu diesem Ende einige
wenig bedeutende Vernderungen, und schrieb eine Anrede an die Zuschauer,
wodurch ich diese zweite Vorstellung gegen das Schicksal der ersten sicher zu
stellen hoffte. Aber bei klterm Blute hielt ich fr besser, dem Rathe meiner
Freunde zu folgen, denen es zu viel gewagt schien, den jungen Alcibiades, der
damals eben auf der hchsten Stufe der Volksgunst stand, so geflissentlich zum
Kampf herauszufordern. Denn da Alcibiades, der ohnehin sich alles zu erlauben
gewohnt war, sich des feurigsten seiner Liebhaber mit verdoppeltem Eifer
annehmen wrde, war leicht genug vorherzusehen.
    Ich. Seiner Liebhaber? - Du willst doch damit nichts sagen, was einen
zweideutigen Schein auf die Sitten des weisen Sokrates werfen knnte?
    Er. Ich wei nicht wie ihr andern Cyrener diese Dinge nehmt; zu Athen wei
jedermann genau, was er dabei zu denken hat, wenn sich jemand ffentlich als der
Liebhaber eines so schnen und liederlichen Jnglings betrgt, wie der Sohn des
Klinias damals war.
    Ich. Mich dnkt das Verhltni des Sokrates zu dem Sohn des Klinias lasse
sich auf eine ganz ungezwungene Art so erklren, da seine Freundschaft fr
einen der Republik so wichtigen jungen Mann, und der moralische Zauber, wodurch
er den hoffrtigsten, muthwilligsten und verwegensten aller Griechischen
Jnglinge an sich zu fesseln wute, ihm bei einem unbefangenen Richter vielmehr
zum Verdienst als zum Vorwurf gereichen mu. Aber, wenn du (wie es scheint)
anders dachtest, wie kam es, da du von diesem Umstande keinen Gebrauch in den
Wolken machtest?
    Er. Soll ich dir die reine Wahrheit gestehen? Ich wute damals noch so wenig
von dem ehrlichen Sokrates, da mir sogar sein vertrauter Umgang mit dem jungen
Alcibiades unbekannt war, bis mir der Fall meines Stcks Gelegenheit gab,
gelehrter ber diesen Punkt zu werden. Ich hatte ihn nur selten in der Nhe
gesehen und nicht fr bedeutend genug gehalten, ihm genauer nachzufragen; das
meiste, was ich von ihm wute, war von zuflligem Hrensagen. Aus seinem ftern
Umgang mit den Sophisten, welche Perikles nach Athen gezogen hatte, schlo ich,
da er selbst von ihrer Kunst Profession mache. Ich glaubte damals wie viele
andere, und glaub' es noch, da diese kunstreichen Leute, die sich dafr
ausgaben, da sie Schwarz zu Wei und Recht zu Unrecht machen knnten, einen
schdlichen Einflu auf unsre Jugend htten, und also dem Staate selbst
gefhrlich wren. Nun gehrt es, wie du weit, zum Beruf eines Komdiendichters
bei uns, Leute dieser Art dem Volke auf der Schaubhne in unsrer eignen Manier
zu denunciren; und ich fr meinen Theil hatte mir, von der Zeit an da ich mich
der komischen Muse widmete, zu meinem besondern Zweck vorgesetzt, meinen Stcken
eine politische Richtung auf die Verwaltung und den Zustand der Republik
berhaupt zu geben, und mich dadurch von meinen Vorgngern zu unterscheiden, die
ihren stolzesten Wunsch erfllt sahen, wenn ihnen ein wieherndes Gelchter aus
allen Bnken des Theaters entgegen schallte, und die ihre Pritschenhiebe den
einzelnen Personen, denen sie zum Spa oder aus bsem Willen zu Leibe wollten,
nur im Vorbeigehen auszutheilen pflegten. In der That war ich der erste, der den
Muth hatte, nicht nur einen Mann des Volks, wie Kleon, in Person auf die Bhne
zu stellen, und ohne alle Schonung und Barmherzigkeit zu behandeln, sondern
sogar den Heliasten62, dem Senat, den Prytanen63, ja dem souvernen Volke selbst
die derbesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Ich hatte die in den Rittern so
weit getrieben, da es mir aus mehr als Einem Grunde rathsam schien, in meinem
nchsten Stcke einen andern Weg einzuschlagen, meine Geiel gegen eine andere,
fr mich weniger gefhrliche Gattung von Menschen zu fhren, und aus dem
huslichen Leben einen Stoff zu whlen, der mir Gelegenheit gbe, die Nachtheile
der neumodischen Erziehung und den verderblichen Einflu der Sophisten auf die
Denkart und Sitten der Alten und Jungen in Athen nach meiner Weise darzustellen.
Die, Aristipp, war's im Grunde, was ich mit den Wolken beabsichtigte, und wer
sie fr eine Personalsatyre auf den guten Sokrates ansieht, hat meine Meinung
und Absicht ganz unrecht gefat. Ich kannte den Mann, wie gesagt, zu wenig dazu,
und er war keine so wichtige Person in meinen Augen, da ich fr nthig gehalten
htte, nun auch an ihm zu thun, was ich ein Jahr zuvor an Kleon gethan hatte.
Auch sollt' es, denke ich, aus der ganzen Anlage des Stcks in die Augen fallen,
da es mit der komischen Person, der ich seinen Namen gab, blo darauf abgesehen
war, aus den strksten Charakterzgen eines abgeschmackten Pedanten, eines
sophistischen Taschenspielers, und eines armen Schluckers, ein Zerrbild
zusammenzusetzen, womit ich die ganze lbliche Sophisten-Innung der unverdienten
Achtung, worin sie bei den Unwissenden steht, verlustig machen knnte. Uebrigens
lugne ich nicht, da die Verachtung, welche Sokrates (wie mir gesagt wurde) bei
allen Anlssen gegen die neuern Komdiendichter und ihre Werke uerte,
natrlicherweise mit ins Spiel kam, und da ich es fr meine Schuldigkeit hielt,
ihm bei dieser Gelegenheit im Namen der ganzen Brderschaft unsre Dankbarkeit zu
beweisen.
    Ich. Bei dem allen kann ich - verzeihe meiner Freimthigkeit! - nicht anders
als beklagen, da, da es dir nur um ein Zerrbild zu thun war, gerade ein so
tugendhafter und ehrwrdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf
dazu hergeben mute.
    Er. Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen
lindern, die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mgen. Ich finde
sehr natrlich, da dir Sokrates, den du erst in seinem sechs oder
siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast, so ehrwrdig vorkommt. Aber
bedenke, da er seit der Zeit, da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische
Bhne zu stellen, um ganze zweiundzwanzig Jahre lter, weiser und respektabler
geworden ist. Man hlt einem alten Manne manches zu gut, was man ihm vor zwanzig
Jahren nicht zu bersehen schuldig war. Damals war man manches noch nicht an ihm
gewohnt, und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt. Er trug
z.B. die Nase immer hher als andere, schaute ber die Leute weg ins Blaue
hinaus, beunruhigte jeden, der ihm in den Wurf kam, durch unerwartete kleine
Fragen, und wenn sich einer in den Antworten, die er ihm treuherzig gab, zuletzt
so verfangen hatte da er sich nicht mehr zu helfen wute, ging er lachend
davon.
    Ich. Das that er, um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen
Jngling zum Gefhl seiner Unwissenheit zu bringen. Ich wei da ihm dieses
Mittel bei verschiedenen gelungen ist. Der schne Euthydem64 z.B., den er
dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte, ist jetzt einer seiner eifrigsten und
lehrbegierigsten Anhnger.
    Er. Das mag seyn. Aber dafr gibt es Hundert gegen Einen, denen diese neue
Methode, die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen, nicht ansteht;
und ich finde nichts natrlicher, als da sie ihm den Ruf eines spitzfindigen,
einbildischen, streitschtigen und beschwerlichen Menschen zuzog. Dazu kam denn
noch, da sein Aeuerliches und der kurze, fters ziemlich schmutzige Mantel,
der gewhnlich seine ganze Garderobe ausmachte, wenig dazu beitragen konnte,
denen die ihn nicht genauer kannten eine groe Ehrfurcht fr seine Person
einzuflen. Mit Einem Wort, er gab den Spttern und Lachern, und das ist so
viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochthonen65, zu vielerlei Blen, als
da wir Komiker seiner htten schonen drfen; und du wirst mir daher auch keinen
meiner Kunstverwandten nennen knnen, der sich nicht bei jeder Gelegenheit, mehr
oder weniger, ber ihn lustig gemacht htte.
    Ich (lachend). Ihr seyd in der That gefhrliche Leute; da ein Sokrates nicht
sicher vor euch war, wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen?
    Er. Das soll auch niemand hoffen. Man hrt wohl, da du ein Auslnder bist,
Aristipp: du nimmst die Sache gar zu tragisch. Bei uns lachen die Getroffenen
oft am lautesten; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein; ja, ich
versichre dich, Hyperbolus und seines gleichen wuten es uns sogar Dank, da wir
ihnen eine Art von Celebritt verschafften, und bei unsern Matrosen, Abladern,
Sacktrgern, Wurstmachern und Salzfischhndlern die Meinung erregten, als ob sie
Leute von Bedeutung wren, da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr, die
gemeiniglich nur einem Perikles, Lamachus, Kleon, Nicias, Alcibiades und andern
dieses Schlages erwiesen wurde. Ihr andern Fremden knnt euch nicht vorstellen,
wie wenig die Satyre bei uns einem Manne, der nicht ohne allen Werth ist,
Schaden thut; besonders hat unser Volk seine Freude daran, wenn seinen
Gnstlingen recht bel von den Komikern mitgespielt wird. Es ist ihnen gesund,
denkt mein grillenhafter, griesgrmischer, kindischer alter Kauz von Demos66, es
ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geiel immer ber ihrem Rcken schweben
sehen; und hab' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschdigen, wenn
ihnen zu viel geschieht. So wurde z.B. der berchtigte Kleon, bald darauf
nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhrte Art
mihandelt hatten, zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwhlt: und bedarf es
wohl eines strkern Beweises, wie unschdlich das Salz ist, womit wir unsre
Mitbrger zu ihrem eigenen und dem gemeinen Besten reiben, als da Sokrates seit
mehr als fnf Olympiaden ungestrt sein Wesen unter uns treibt, und an Ansehn
und Ruhm zu Athen, und allenthalben wo unsre Sprache gesprochen wird, von Jahr
zu Jahr zugenommen hat? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen knnte, immer
bleibt gewi, da die Wolken keine Schuld daran haben67, da ihm in einer so
langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrmmt wurde.
    Ich. Und was knnte denn dem besten aller Menschen, die ich kenne, noch
Uebels begegnen? Wohin mte es mit euch Athenern gekommen seyn, wenn das
untadeligste Leben, die reinste Tugend, und die grten Verdienste um seine
Mitbrger einem Manne von seinen Jahren kein ruhiges und glckliches Ende
zusicherten?
    Er. Mein guter Aristipp, Unschuld, Tugend und Verdienste schtzen weder zu
Athen noch irgendwo vor dem Hasse der Bsen, dem guten Willen der Thoren, und
den Gruben, in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen macht. Ueberdie denken
nicht alle Athener so gnstig von ihm wie du. Sokrates lebt, spricht, und
betrgt sich in allem wie ein freier, aber nicht immer wie ein kluger Mann. Er
hat sich durch seine Freimthigkeit Feinde gemacht; er verachtet sie, und geht
ruhig seinen Weg. Ich bin keiner von seinen Feinden; aber wenn ich einer seiner
Freunde wre, so wrde ich ihn bitten auf seiner Hut zu seyn.
    Diese Rede machte mich stutzen, wie du denken kannst: aber ich konnte meinen
Mann nicht dahin bringen sich nher zu erklren; er wich mir immer durch
allgemeine Formeln aus, und ein Dritter und Vierter, die sich zu uns gesellten,
lenkten das Gesprch auf andere Gegenstnde.
    Wie ich den Sokrates kenne, wrde es zu nichts helfen, wenn ich ihm etwas
von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker, den er weder liebt noch
achtet, mittheilen wollte; und ber eine Bitte, auf seiner Hut zu seyn, wrde er
lachen. Niemand wei besser als er selbst, wie unzuverlssig die Gemthsart der
Athener ist, und da es unter seinen Mitbrgern Leute gibt, die ihm bel wollen,
wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann: Sokrates hat mir jemals
Unrecht gethan. Er wei da er Feinde hat: aber (wie der Komiker sagte) er
verachtet sie und geht seinen Weg. Ich erinnere mich, da einst in einem kleinen
vertrauten Kreise der unerschtterlichen Festigkeit erwhnt wurde, womit
Sokrates, als damaliger Vorsteher der Prytanen68, sich der Wuth des Volks, bei
dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen,
entgegen gestellt hatte. Das Gesprch fiel unvermerkt auf die Unmglichkeit, da
ein Staatsbeamter in einer Demokratie, bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf
seiner Pflicht, dem Ha und der Verfolgung, die er sich dadurch zuzge, nicht in
kurzer Zeit unterliegen sollte. Es ist traurig, sagte Kriton, sich gegen seinen
alten Freund wendend, sich's nur als mglich zu denken, da ein rechtschaffner
Mann, gerade dewegen, weil er rechtschaffen ist, Feinde haben soll. Da es nun
aber nicht anders ist, versetzte Sokrates, was soll es uns kmmern? Das rgste,
das sie uns zufgen knnen, ist doch nur, da sie uns dahin versetzen, wo wir
nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden.
    Gestehe, Kleonidas, Sokrates ist ein herrlicher Mann! Ich fhle die
zuweilen so lebhaft, da ich - Sokrates seyn mchte, wenn mir's mglich wre
etwas anders zu seyn als dein Aristipp.

                                      10.



                                 An Kleonidas.

Du bist begierig von mir zu erfahren, was fr eine Bewandtni es mit dem
Dmonion des Sokrates habe, von welchem dir dein Megarischer Gastfreund, wie es
scheint, seltsame und unglaubliche Dinge erzhlt hat. Was denkt sich Sokrates
dabei? Von welcher Gattung Dmonen ist dieses Dmonion? Hat es eine Gestalt?
Oder ist es eine bloe Stimme, die ihm leise ins Ohr flstert, oder vielleicht
ohne Worte sich nur dem innern Sinne vernehmbar macht? Oder wirkt es etwa blo
durch leise Berhrung? Im Wachen oder im Traum? Gefragt oder ungefragt? Hufig
oder selten? Hat es nie getuscht? Sind die Dinge, die es ihm vorhersagt, so
beschaffen, da es schlechterdings unmglich ist sie vorherzusehen? Oder lt
sich begreifen, wie ein Mann von scharfem Blick in den Zusammenhang der Dinge
sie auch ohne Dmonion errathen konnte?
    Alle diese kleinen Fragen, mein Freund, knnte uns niemand besser
beantworten als Sokrates selbst. - Warum fragst du ihn denn nicht? - Ich
wollt' es wirklich; zwei oder dreimal lag mir die Frage schon auf der Zunge:
aber immer hielt mich ein ich wei nicht was, eine Art von Scheu zurck, als ob
ich im Begriff wre etwas Unziemliches zu thun. Aufrichtig zu reden, Kleonidas,
ich schme mich ein wenig, mit einem so ehrwrdigen alten Glatzkopfe von -
seinem Dmonion zu reden, und es ist mir gerade so dabei zu Muthe, als ob ich
ihn fragen wollte, was ihm diese Nacht getrumt habe? Wenn ich aber auch ber
diese Scham Meister werden knnte, so wrde ich vermuthlich nicht mehr damit
gewinnen als einer meiner Cameraden, Simmias von Theben, der sich das Herz nahm,
eine Frage ber sein Dmonion an ihn zu thun, und keine Antwort von ihm erhielt.
Im Gegentheil (sagte mir Simmias in seiner botischen Treuherzigkeit), er drehte
sich mit einem so finstern Blick von mir weg, da mir die Lust ihn wieder zu
fragen auf immer vergangen ist.
    Weil also, wie du siehst, die Quelle selbst, aus welcher wir allenfalls die
reinste Wahrheit zu schpfen hoffen drften, unzugangbar ist, so wirst du dich
schon an dem begngen mssen, was ich von seinen ltern Freunden und Anhngern,
nach und nach, meistens nur tropfenweise habe herauspressen knnen. Denn es ist
als ob sie Bedenken trgen sich offenherzig gegen mich heraus zu lassen; woran
freilich wohl die etwas unglaubige Miene Schuld seyn mag, die ich bei solchen
Gelegenheiten nicht vllig in meine Gewalt bekommen kann. Ich habe immer
bemerkt, da Personen, die mit der Neigung wunderbare Dinge zu glauben etwas
reichlich begabt sind, sich zurckgehalten fhlen, mit kalten Kpfen so
freimthig und nach Herzenslust von solchen Dingen zu sprechen, wie sie mit
ihres gleichen zu thun pflegen. Was ich indessen von der Sache selbst
herausgebracht habe (denn an den Meinungen dieser Leute kann dir nicht viel
gelegen seyn) luft auf Folgendes hinaus.
    Sokrates glaubt, durch eine besondere gttliche Schickung von Kindheit an
eine Art von ihm allein hrbarer Stimme vernommen zu haben, als ein
Warnungszeichen, wenn er etwas beginnen wollte, dessen Ausgang oder Erfolg ihm
nachtheilig gewesen seyn wrde. Ueber die Art und Weise, wie diese angebliche
Stimme ihm vernehmbar werde, hat er sich nie erklrt: gewi aber ist, da er sie
fr etwas Gttliches (daimonion ti), oder genauer zu reden, fr etwas
Divinatorisches von eben der Art, wie die Gtter, nach dem gemeinen Volksglauben
(welchem auch er immer zugethan war) durch Orakel, oder die Eingeweide der
Opferthiere, den Flug gewisser Vgel, und andere solche Anzeichen, den Menschen
zuknftige Dinge, die sich durch keinen Grad menschlicher Klugheit und
Erfahrenheit vorhersehen lassen, andeuten sollen. Niemand hat ihn je sagen
gehrt, da er einen eigenen Dmon habe; die aber ist gewi, da er diese
wahrsagende Stimme - die er jedesmal so oft er selbst oder seine Freunde etwas,
das zu ihrem Verdru oder Schaden ausgefallen wre, unternehmen wollte, zu
vernehmen glaubte - fr eine gttliche Wirkung hielt, und sich daher der
Ausdrcke die Stimme, oder das Dmonion, oder Gott hat mich gewarnt als
gleichbedeutend zu bedienen pflegte. Auch darber, wie er dazu gekommen sey die
Bedeutung dieses gttlichen Warnungszeichens zu verstehen, hat er sich nie
erklrt; vermuthlich mag es ihm in seiner frhen Jugend fters begegnet seyn,
einer Stimme, deren Sprache ihm noch unbekannt war, nicht zu achten; weil es ihm
aber jedesmal bel bekam, so wurde er endlich aufmerksamer, und entdeckte auf
diese Weise die Meinung und Absicht derselben. Auch ist bemerkenswerth, da -
nachdem er sich durch hufige Erfahrungen ein fr allemal berzeugt hatte, da
die Stimme sich allezeit richtig hren lasse, so oft er, oder einer seiner
Freunde in seiner Gegenwart, etwas das unglcklich fr ihn ausgegangen wre
unternehmen oder beschlieen wollte - er nun auch das Stillschweigen derselben
fr ein sicheres Zeichen nahm, da der Himmel sein Gedeihen zu dem, was er oder
seine Freunde vornehmen wollten, geben werde: so da er also diese Wundergabe
sowohl auf der rechten als auf der umgekehrten Seite als Warnungs- und
Billigungszeichen gebrauchen konnte. Zum Beweise, wie bel der Ungehorsam gegen
die Warnungen dieses Orakels einigen Bekannten des Sokrates bekommen sey, sind
mir verschiedene Beispiele erzhlt worden, womit ich dich verschonen will, da
dir diese Leute unbekannt sind, und die Umstnde, in welche ich mich einlassen
mte, kein Interesse fr dich haben knnen. Genug, da ich diese Thatsachen zum
Theil aus dem Munde unverwerflicher Zeugen habe, und da wenigstens nicht leicht
zu erklren wre, was den Sokrates htte bewegen knnen, die besagten Personen
durch ein erdichtetes Vorgeben, er hre das gewohnte Warnungszeichen, von
Ausfhrung dessen, was sie im Sinne hatten, zurckzuhalten. Uebrigens mu ich
zur Steuer der Wahrheit noch hinzuthun, da ich den Sokrates selbst in den zwei
Jahren, seitdem ich ihn alle Tage sehe und ihm oft in ganzen Wochen nicht von
der Seite komme, dieser ihm beiwohnenden Art von Divination mit keinem Wort
erwhnen gehrt habe. Die kann zuflliger Weise, oder vielleicht wohl gar auf
Abrathen des Dmonions selbst geschehen seyn; denn ich habe zuweilen einen
Argwohn, da es mir nicht recht grn ist, und bin ziemlich geneigt, ihm die
Schuld zu geben, da Sokrates mich mit einer gewissen Zurckhaltung und Klte zu
behandeln scheint, die ich mir lieber aus dieser als irgend einer andern Ursache
erklren mag. Indessen beruht die Sache auf so bereinstimmenden Zeugnissen
aller, die schon viele Jahre mit ihm gelebt haben, da es ungereimt wre, daran
zweifeln zu wollen, da er wirklich und schon von langer Zeit her diese
bernatrliche Einwirkung zu erfahren vorgegeben habe.
    Und hat er die vorgegeben, so zweifle ich nicht, und auch du, Kleonidas,
wrdest, wenn du nur ein paar Tage mit ihm umgegangen wrest, keinen Augenblick
zweifeln, da er selbst von der Realitt der Sache vollkommen berzeugt ist.
    Aber wie sollen wir uns die Mglichkeit einer solchen Ueberzeugung, bei
einem so verstndigen, gesetzten und helldenkenden Manne wie Sokrates ist,
erklren? fragst du. - Es gibt der Dinge so viele, mein Freund, die wir uns
nicht erklren knnen, da es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt. Soll
ich dir indessen freimthig sagen was ich denke? - Sokrates ist unlugbar ein
sehr weiser Mann; aber am Ende sind wir doch alle - von Weibern geboren; und wem
hngt nicht irgend eine Schwachheit an, die ihn mit allen andern so ziemlich auf
gleichen Fu setzt? Die seinige ist (unter uns), da er ein wenig
aberglaubischer ist als einem weisen Manne ziemt. Es scheint wirklich ein
Erbstck von seiner Mutter oder Gromutter zu seyn. - Aberglaubisch? Sokrates
aberglaubisch?69 rufst du. - Ja, Kleonidas! entweder aberglaubisch, oder der
grte Heuchler, den je die Sonne beschienen hat. Das letztere ist er nicht, bei
Gott, kann er nicht seyn! - Also jenes! oder wie nennst du den, der, nicht
zufrieden in solchen Dingen den Gesetzen seines Landes genug zu thun, in ganzem
Ernst an alle Gtter und Gttinnen, von Uranus und Ge bis zum kleinsten
Quellnymphchen auf dem Pernes, an Orakel, prophetische Vgel, Trume und
Anzeichen aller Arten glaubt, und seine Freunde nach Delphi oder Klaros schickt,
um sich Raths zu erholen, ob das, was sie beginnen wollen, wohl von Statten
gehen werde? Der Grund dieser Anhnglichkeit an den gemeinen Volksglauben mu
tief und fest bei ihm sitzen, da Anaxagoras selbst, zu welchem er doch schon in
seiner Jugend freien Zutritt hatte, es nicht weiter bei ihm brachte, als ihm in
den reinern Begriffen von der Gottheit in neues Mittel zu Untersttzung des
Aberglaubens an die Hand zu geben. - Die Gottheit, oder die Gtter (denn er
pflegt sich ohne Unterschied bald auf die eine bald auf die andere Art
auszudrcken), die Gottheit also, sagt er, welche fr alle Dinge, um des
Menschen willen, und fr den Menschen allein, als ihren Liebling, um seiner
selbst willen sorgt, hat ihn mit einem Krper, woran alles zu seinem bequemsten
Gebrauch und Nutzen aufs knstlichste eingerichtet ist, versehen; und damit er
im Stande sey, alle mglichen Vortheile aus der Natur der Dinge zu ziehen, hat
sie ihm die Vernunft mitgetheilt, um ihre Eigenschaften und Beziehungen auf ihn
zu erkennen und sie zu dem, was sie seyn sollen, zu Mitteln seines eigenen
Zwecks zu machen. Aber seine Vernunft dringt nicht so tief in den Zusammenhang
der Dinge, da sie ihm auch ihre knftigen Verknpfungen und den Nachtheil, der
seinen Unternehmungen dadurch zuwachsen kann, hinlnglich zu enthllen
vermochte. Sie zeigt ihm wohl, wo, wann und wie er handeln soll; aber die Folgen
und der Ausgang seines Thuns und Lassens bleiben meistens ungewi. Sollten die
Gtter fr ihren Liebling nicht besser gesorgt haben, als ihn ohne alle Gewhr
und auf bloes Gerathewohl im Dunkel der Zukunft umher tappen zu lassen?
Allerdings! sie selbst kommen der Unzulnglichkeit seiner Vernunft zu Hlfe, und
entschleiern, so weit sie es ihm nthig oder zutrglich finden, durch Orakel,
Trume und Vorbedeutungen die Zukunft vor ihm. Da es also in seiner Macht steht,
sich auf diesem Wege ber den Ausgang seiner Unternehmungen zu unterrichten, so
wre es eben so thricht und gottlos, diesen ihm angebotenen Beistand der Gtter
zu verachten, als es thricht und vermessen wre, wenn er in Dingen, worin seine
Vernunft ihm hinlngliches Licht geben kann, zu Orakeln und Divinationen seine
Zuflucht nehmen wollte.
    Was meinst du, Kleonidas, sollte ein Mann von sehr lebhaftem Geiste, der so
rsonnirt, nicht unvermerkt dahin gelangen knnen, das divinatorische Vermgen
der Vernunft, das in hherm oder geringerm Grade allen Menschen beiwohnt, zumal
das dunkle Vorgefhl eines Uebels, welches uns oder andere unter gewissen
Umstnden und Anscheinungen treffen knnte, fr einen Wink der Gottheit, eine
seinem Innern zuflsternde dmonische Stimme, zu halten, und wenn etwa der
Erfolg zuflligerweise einem solchen vermeinten Wink entsprochen htte, sich in
seiner Einbildung dergestalt zu bestrken, da was vielleicht anfangs eine bloe
Vermuthung war, ihm endlich zur Gewiheit wrde; und die um so leichter, wenn
er, wie Sokrates, sich angewhnt htte, von der Gottheit, nach morgenlndischer
Weise, bei allen Gelegenheiten so zu reden, als ob sie die unmittelbare Ursache
aller natrlichen und menschlichen Dinge sey?
    Doch bin ich nicht selbst ein Thor, dich und mich mit einer Sache dieser Art
so lange aufzuhalten? mu denn an einem so ungewhnlichen Manne wie Sokrates,
alles so begreiflich wie an einem Alltagsmenschen seyn?

    Die neuesten Berichte, die ich aus Cyrene erhalte, lassen mich ohne Dmonion
voraussehen, da Ariston, durch das Uebergewicht, das ihm seine eigenntzige
Freigebigkeit bei der zahlreichsten und handfestesten Volksclasse verschafft,
vermuthlich in kurzem den Sieg ber seine Nebenbuhler davon tragen, und es in
seine Gewalt bekommen wird, der Republik eine neue Gestalt zu geben. Ob auch
eine bessere?

                       - das liegt im Schooe der Gtter.

    Immer finde ich, da deine Familie nicht bel gethan hat, sich, wie du mir
meldest, noch in Zeiten und mit guter Art an die Partei anzuschlieen, die,
allen Anscheinungen nach, das Spiel gewinnen wird. Wenn man keine Hoffnung hat,
etwas frs Allgemeine ausrichten zu knnen, so gebietet die Klugheit, wenigstens
fr sich selbst zu sorgen. Aber sollte denn wirklich fr die Republik nichts
mehr zu thun seyn? Ich frchte, nein! und sehe, bei der allgemeinen Verderbni
unsrer Sitten, es noch fr ein Glck an, da es keine energischen Seelen unter
uns gibt, die uns den schnell verlodernden Enthusiasmus fr Freiheit und
Gleichheit, unter dessen Gewalt wir gar bald zusammensnken, mit schrecklichen
Krmpfen und Zuckungen ben lassen wrden. In unsrer Lage wre vielleicht das
schlimmste was begegnen knnte, wenn die demokratische Partei Mittel fnde, sich
der Zgel zu bemchtigen. Indessen, da der Ausgang brgerlicher Unruhen immer
ungewi ist, rathe ich dir und deinen Freunden, es mit keiner Partei ganz zu
verderben, und keine so eifrig zu nehmen, da ihre Niederlage auch euern
Untergang nach sich ziehen mte.

                                      11.



                                  An Demokles.

So ist sie denn endlich geborsten, die Gewitterwolke, die wir schon so lange
ber unser ungewahrsames Vaterland herhangen sahen! Jetzt, lieber Demokles, darf
ich dir doch wohl bekennen, da die Besorgni, in eine von den Factionen, die
einander dermalen in den Haaren liegen, wider Willen hineingezogen zu werden,
ein Hauptgrund war, meine Reise nach Griechenland zu beschleunigen. Dchte mein
Verwandter Ariston wie ich, oder htten meine Vorstellungen Eingang bei ihm
gefunden, so mchte sich unsre Regierung noch lange zwischen Oligarchie und
Demokratie hin und her geschaukelt haben, ohne da die ffentliche Ruhe viel
dabei gelitten htte. Aber seine hohe Meinung von sich selbst, die zehn Jahre
die er lter ist als ich, das Unglck zu frh zum Besitz eines beinahe
frstlichen Vermgens gekommen zu seyn, und der Hof von Schmeichlern und
Parasiten, wovon er berall umgeben ist, standen immer zwischen ihm und mir. Die
Republik hat nun einmal den Grad der Verderbni erreicht, der eine Vernderung
ihrer Regierungsform unvermeidlich macht; unter den drei oder vier Nebenbuhlern,
die sich um die schne Basileia70 bewerben, mu sie (wie es scheint) am Ende
doch Einem zu Theil werden; und da einer so viel Recht an sie hat als der
andere, warum sollte der eitle und ehrschtige Ariston sie einem andern
berlassen, ohne wenigstens zu versuchen, wie weit er es durch seine Gunst beim
Volke, und durch seinen Anhang unter den jungen Leuten der Mittelklassen bringen
knne? zumal, da der Umstand, da seine Aeltermutter dem kniglichen Geschlechte
des Battus angehrte, ihm einen anscheinenden Vorzug vor den brigen gibt, deren
mehr oder weniger verdeckte Anschlge auf eben dasselbe Ziel gerichtet sind?
    Da die nicht meine Vorstellungsart sey, glaube ich durch die That bewiesen
zu haben. Aber wie ich sah, da Ariston seine Partei genommen hatte, was blieb
mir brig, als mich so weit als mglich zu entfernen, wenn ich nicht in den Fall
kommen wollte, mich ffentlich entweder fr oder wider einen Mann zu erklren,
der seit dem Tode seines Vaters als das Haupt unsrer Familie angesehen, und aus
leicht begreiflichen Ursachen von allen brigen Gliedern derselben theils
geschont, theils offenbar begnstiget wird?
    Aber auch ohne diesen besondern Bewegungsgrund wrde ich sehr verlegen seyn,
wenn ich eine von euern Factionen schlechterdings zur meinigen machen mte.
Seit Erlschung des letzten mnnlichen Sprlings der Battiaden, ging Cyrene
(wie dir bekannt ist) in eine ziemlich anarchische Demokratie ber, auf welche
unser Volk, zur Ehre seines Menschenverstandes, gar bald freiwillig Verzicht
that, um sich einer Art von Aristokratie zu unterwerfen, bei welcher es sich
(wie es immer zu gehen pflegt) so lange wohl befand, als die Regenten redliche
und verstndige Mnner waren, keinen andern Zweck als die allgemeine Wohlfahrt
hatten, und Einsicht genug besaen, sich in der Wahl der Mittel nicht zu
vergreifen. Da diese goldne Zeit nicht bis zur dritten Generation dauerte,
versteht sich von selbst. Die Geschichte aller Oligarchien ist auch die unsrige,
und es ist leicht vorauszusehen, da wir in dem krampfhaften Zustande, worin
sich unsre Republik dermalen befindet, noch von Glck zu sagen haben werden,
wenn wir, ohne die frchterlichen Folgen einer langwierigen Anarchie zu
erfahren, recht bald, es sey nun durch Wiederherstellung der Demokratie, oder
Einwilligung in die Oberherrschaft eines Einzigen, wieder zur Ruhe kommen, bevor
das mchtige Carthago unsern Hndeln auf eine Art, die uns noch weniger behagen
drfte, ein Ende macht. Zwischen zweien Uebeln das kleinste zu whlen, ist oft
eine schwere Aufgabe. Ich danke den Gttern, da ich bei dieser Wahl keine
entscheidende Stimme habe; mte ich aber schlechterdings meine Meinung sagen,
so wrde ich rathen, das, was man sich am Ende doch gefallen lassen wird, weil
man mu, lieber freiwillig und zu einer Zeit zu verfgen, da es noch in unsrer
Gewalt ist, die Bedingungen selbst zu machen, unter welchen wir die Regierung
mit dem wenigsten Nachtheil des Gemeinwesens in die Hnde eines Einzigen legen
knnten.
    Meines Erachtens gibt es fr einen kleinen oder mittelmigen Staat keine
bessere Verfassung, als diejenige, welche Solon den Athenern gab, gewesen wre,
wenn ihm Pallas Athene den guten Gedanken eingeflstert htte, den Pisistratus
von freien Stcken zur Uebernahme eines zehnjhrigen Archontats zu berufen;
allenfalls mit der Bedingung, ihm diese hchste Wrde nach zehn Jahren, wenn das
Volk mit seiner Regierung zufrieden wre, auf seine ganze Lebenszeit zu
verlngern. Die Athener sind nie glcklicher gewesen als unter der Regierung des
Pisistratus und Hipparchus. Es fehlte ihr nichts als da sie nicht
verfassungsmig war. Wre sie es gewesen, so wrde der Tyrann71 Pisistratus ein
Muster guter Frsten heien; so wrde Athen wahrscheinlich der blhendste,
mchtigste und dauerhafteste unter den Griechischen Staaten geworden seyn, und
so viele tragische Glckswechsel und alles Unheil des siebenundzwanzigjhrigen
Verheerungskrieges, der sich so bel fr sie endigte, nicht erfahren haben.
Mchten die Factionen welche unsre Republik zerreien, und deren keine noch
stark genug ist die Oberhand zu erhalten, sich auf diese Weise zu Rettung des
Vaterlandes vereinigen! Auf allen Fall, und da mein besagter Rath alles ist, was
ich fr dasselbe thun kann, sey es dir frei gestellt, von diesem Briefe nach
deinem Gutbefinden Gebrauch zu machen. Damit ich dir bei meinem Vorschlage nicht
etwa einer eigenntzigen Rcksicht verdchtig werde, erklre ich unverhohlen,
da Ariston meine Stimme, wofern ich eine zu geben htte, nie erhalten wrde, so
lange Cyrene noch mehr als Einen Mann aufweisen kann, dem ungleich grere
Verdienste ein besseres Recht geben, der erste im Staate zu seyn. Lebe wohl,
Demokles, und berichte mir mit der ersten Gelegenheit, was fr eine Wendung
diese Hndel nehmen, deren Ausgang mir um so weniger gleichgltig seyn kann, da
ich aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Falle mehr dabei zu verlieren als zu
gewinnen haben werde.

                                      12.



                               An Ebendenselben.

Es fehlt viel daran, lieber Demokles, da mir die Nachrichten von dem immer
wahrscheinlicher werdenden Erfolg der Anschlge meines Verwandten, die du mir
durch den Schiffer von Gortyna zugefertiget hast, so angenehm wren, als du zu
glauben scheinst. Sie wrden es auch dann nicht seyn, wenn ich nicht vorausshe,
da meiner Familie vielleicht kein greres Unglck zustoen knnte, als wenn
Ariston in seinem Unternehmen glcklich wre. Denn wie lange glaubst du wohl,
da die willkrliche Regierung eines jungen Schwindelkopfes dauern wrde, der
sich selbst nicht zu regieren wei, und immer das Spielzeug seiner eigenen und
fremder Leidenschaften ist? Ich beklage es, da mein Bruder, durch tuschende
Aussichten verblendet, seine Partei so eifrig zu untersttzen scheint, da, wenn
die kurze Herrlichkeit vorber seyn wird, sein Fall nothwendig auch der ihrige
seyn mu. Lass' mich's wiederholen, mein Freund, um unsre Republik vor einer
unabsehbaren Reihe unseliger Folgen der gegenwrtigen Strung ihres innern
Gleichgewichtes zu retten, ist kein anderes Mittel als eine neue Regierungsform:
und die vorausgesetzt, fordere ich alle Weisen unter Griechen und Barbaren
heraus, in diesem Augenblick eine bessere fr euch zu ersinnen, als die
Solonische unter der Bedingung, deren ich neulich erwhnte; wenn ihr euch
nmlich von freien Stcken entschlsset, unter den vier Ehrgeizigen, die
einander die Tyrannie ber Cyrene streitig machen, den tauglichsten, d.i. den,
der den besten Kopf mit der meisten Strke des Charakters vereiniget, an die
Spitze der Republik zu stellen. Da du, wie ich aus deiner Antwort sehe, meine
Meinung nicht ganz gefat zu haben scheinst, so erlaube mir, mich ber diesen
Punkt deutlicher zu erklren.
    Als die Athener nach dem Tode des edelmthigen Kodrus beschlossen, da
Jupiter allein wrdig sey, der Nachfolger eines solchen Knigs zu seyn, gingen
sie nicht pltzlich zu einer demokratischen Verfassung ber. Die Republik wurde
von einem Archon regiert, welcher anfnglich auf Lebenslang, hernach auf zehn
Jahre mit dieser hchsten Wrde bekleidet wurde: und auch, nachdem man in der
Folge fr besser hielt, die Verrichtungen derselben unter neun jhrliche
Archonten zu vertheilen, war die Verfassung zu Solons Zeiten noch immer
aristokratisch. Das Volk schmachtete unter dem Druck der vornehmen und reichen
Familien, in deren Hnden die ganze Staatsverwaltung lag, und selbst die
blutigen Gesetze Drakons scheinen einen aristokratischen Geist zu athmen, und
dahin abgezielt zu haben, durch ihre furchtbare Strenge dieser Regierungsform
eine ewige Dauer zu verschaffen. Natrlicher Weise erfolgte das Gegentheil. Das
zur Verzweiflung getriebene Volk fhlte endlich seine Strke; die Republik
zerfiel in Parteien; jede hatte einen mchtigen Aristokraten an der Spitze,
dessen wahre Absicht wohl keine andere war, als sich seines Anhangs zu
Ueberwltigung der brigen zu bedienen, und sich zum einzigen Stellvertreter des
Knigs Jupiter zu erklren. In dieser Lage der Sachen fand Solon in dem
allgemeinen Vertrauen auf seine Weisheit ein Mittel, alle Parteien zu
vereinigen. Man bevollmchtigte ihn, nicht nur die alten Gesetze zu verbessern,
sondern auch (was alle Parteien fr das Nthigste hielten) der Republik selbst
eine neue Verfassung zu geben. Ein so weiser Mann, wie Solon, konnte, da er
selbst ohne Ehrgeiz war, unmglich auf den Gedanken fallen, da den Gebrechen
der Aristokratie abgeholfen wre, wenn er eine reine Demokratie an ihre Stelle
setzte: er war blo darauf bedacht, die Republik durch Vertheilung der Gewalten
unter die Archonten, den Areopagus, einen Senat von Vierhundert, und die
Volksgemeine, dergestalt zu ordnen, da er sich eine dauerhafte Harmonie des
Ganzen davon versprechen konnte. Indessen bewies der Erfolg in wenig Jahren, da
seine neue Staatseinrichtung mit Einem Gebrechen behaftet war, welchem htte
vorgebeugt werden knnen, wenn er etwas weiter vor sich hinausgesehen, und der
momentanen Stimmung des Volkes auf der einen, und der verstellten Migung der
ehmaligen Oligarchen auf der andern Seite, nicht zu viel getraut htte. Das Volk
nmlich war durch die pltzliche Befreiung von den bisherigen Bedrckungen und
die Aussicht auf die Vortheile, die es von der Solonischen Gesetzgebung mit
Recht erwartete, so zufrieden gestellt, da es sich mit dem sehr beschrnkten
Antheil an der Staatsverwaltung, der ihm durch dieselbe eingerumt wurde, vor
der Hand willig abfinden lie: auf der andern Seite sahen die Ehrgeizigen, die
es whrend der Unruhen auf Alleinherrschaft angelegt hatten, da sie die
Ausfhrung ihrer Anschlge auf einen gnstigern Zeitpunkt verschieben mten.
Aber Solon htte billig unbefangen genug seyn sollen, vorauszusehen, da weder
die untern Volksclassen noch die Hupter der mchtigsten Familien sich in den
Schranken, worein er sie eingeschlossen hatte, lange halten lassen wrden; und
da er also, um der Ruhe des Staats Dauer zu verschaffen, auf ein haltbares
Mittel bedacht seyn msse, den einen und den andern jede Ausdehnung ihrer
politischen Rechte unmglich zu machen. Dieses Mittel wrde er in einem Eparchen
(oder wie man ihn sonst nennen wollte) gefunden haben, dem die Constitution
nicht mehr, aber auch nicht weniger Macht in die Hnde gegeben htte, als
erfordert wurde, um das Volk durch die Aristokratie, die Aristokratie durch das
Volk, und beide durch die Allmacht des Gesetzes in ihren Schranken zu erhalten.
Der Einwurf, die Athener htten das Nachtheilige eines solchen Vorstehers an
den ehmaligen lebenslnglichen Archonten bereits erfahren, wre von keiner
Erheblichkeit gewesen. Das Nachtheilige lag blo darin, da die Gewalt der
ersten Archonten zu unbestimmt und zu willkrlich war: denn im Grunde stellten
sie eine Art von Knigen unter einem andern Namen vor. Aber die wrde bei
meinem Eparchen der Fall nicht gewesen seyn, da er durch den aristokratischen
Areopagus, den aus den drei ersten Brgerclassen gezogenen Senat der
Vierhundert, und die allgemeinen Volksversammlungen gesetzmig beschrnkt
gewesen wre, und diese drei Gewalten einander (wie es ihr Interesse erforderte)
mit gehrigem Nachdruck untersttzt haben wrden. Jeder Versuch des Eparchen
sich ber die Gesetze wegzuschwingen und unabhngig zu machen, htte nothwendig
milingen mssen. Wie gut und wie nthig es gewesen wre, da Solon seinem
brigens so verstndig angelegten Staatsgebude diesen Gipfel aufgesetzt htte,
zeigte sich nach seiner Entfernung nur zu bald. In wenig Jahren wachten die
alten Factionen wieder auf: Lykurgus bearbeitete die mittlern Brgerclassen,
Megakles die Aristokraten, Pisistratus das gemeine Volk; weder Solon noch seine
Gesetze konnten dem berhandnehmenden Uebel wehren; kurz, es bedurfte der
Alleinherrschaft des Pisistratus, der zuletzt die Oberhand behielt, Ordnung und
Ruhe wieder herzustellen, und die Gesetze Solons wieder in Wirksamkeit zu
setzen.
    Ich hoffe nun, Freund Demokles, dir meine Gedanken ber das, was in den
dermaligen Umstnden zum Besten unsrer Vaterstadt gethan werden knnte, durch
dieses so genau auf unsre Umstnde passende Beispiel einleuchtend genug gemacht
zu haben, um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten, die ich deiner
anscheinenden Vorliebe fr die reine Demokratie entgegenstellen knnte, wenn ich
ein Freund dieser Art von Kmpfen wre, wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie
mit dem andern um seine Meinung ringt, oder wenn ich sie fr eine gute Art,
jemand von seiner Meinung zurckzubringen, hielte. Zudem wrde auch ein solcher
Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht seyn. Denn nach allem was
du mir berichtest zu urtheilen, wrde, wenn auch du und deine Freunde euch
thtig fr die Demokratie erklren wolltet, schwerlich zu hoffen seyn, da ihr
eine Partei zusammenbringen knntet, die nur jeder einzelnen der bestehenden
Gegenparteien, geschweige allen zusammen, die Spitze zu bieten vermchte. Und
gewi wrden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen, der sich nur den
leisesten Verdacht zuzge, als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe.
Hingegen mte ich mich sehr betrgen, wenn mein Vorschlag nicht noch
durchzusetzen wre, wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der
Freiheit mit gehriger Migung und Klugheit zu Werke gingen, und sich zu
rechter Zeit fr denjenigen erklrten, der sich an der hchsten Wrde im Staat
unter den Einschrnkungen der Solonischen Constitution gengen lassen wollte.
    Ich habe meinen Verwandten ausfhrlich und nachdrcklich ber diese Sache
geschrieben; aber ich gestehe, da ich mir wenig Erfolg davon verspreche. Auf
alle Flle hab' ich das Meinige gethan, vielleicht mehr als von einem noch nicht
volljhrigen Staatsbrger gefordert werden kann. Geschehe nun was die Gtter
ber uns beschlossen haben, oder - um den guten Gttern kein Unrecht zu thun -
was von dem allgewaltigen Einflu der beiden groen Regenten unsers
wetterlaunischen Planeten, der Thorheit, die uns von innen, und dem Zufall, der
uns von auen beherrscht, vernnftigerweise zu erwarten ist. Es wre viel Glck,
wenn wir, indem wir so blindlings in den Glckstopf des Schicksals greifen,
gerade das beste Loos herauszgen. Ich fr meine Person bin auf alles gefat,
und falls ich dahin kommen sollte, wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei
mir zu tragen, so trste ich mich damit, da ich wenigstens nicht schwer zu
tragen haben werde.

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                                 An Kleonidas.

Ich gestehe unverhohlen, da ich ein groer Freund aller Tage bin, die von
unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Miggang und Wohlleben gewidmet
wurden. Immerhin mgen Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit, wo sie nicht Tchter
der Nothwendigkeit sind, unter die preiswrdigsten Tugenden gerechnet werden:
wenigstens sind sie es blo als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller
lebenden Natur ist; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters, und der
Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht, um sich zuweilen einen guten Tag
machen zu knnen. An Festtagen seh' ich allenthalben frhliche Gesichter;
jedermann ist besser als gewhnlich gekleidet, thut sich gtlicher, geht ins
Bad, krnzt sich mit Blumen. Gemeinschaftliche Opfer, Gesnge und Gebete,
feierliche Aufzge, Uebungsspiele, Tnze und Schauspiele nhren und erhhen den
sympathetischen Trieb, und lassen uns vom geselligen Brgerleben, dessen
tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschftigkeit so hufig
erschweren und verbittern, nur das Gefgige, Angenehme und Trstliche empfinden.
Die Natur hat mir wie du weit, zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz
gegeben. Mir ist nie wohler, als wenn ich mich so ganz aufgelegt fhle allen
Menschen hold zu seyn, und die bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft
frhlich sehe. Denn da wiege ich mich unvermerkt in die se Tuschung ein, sie
alle fr gut und wohlwollend zu halten, und mache mir selbst wei, sie wrden es
immer seyn, wenn sie sich immer glcklich fhlten. Du wirst es also ganz
begreiflich finden, lieber Kleonidas, da ich, ungeachtet der schelen Gesichter,
die ich mir von meinen gravittischen Mitgesellen, und zuweilen auch wohl von
dem Meister selbst gefallen lassen mu, keine Gelegenheit versume, wo ich mir
diesen behglichen Lebensgenu verschaffen kann.
    Einer meiner hiesigen Bekannten, ein Mann von Geist und angenehmem Umgang,
der nach Athenischer Art reich ist, und (was hier in den Augen einer gewissen
Classe noch mehr zu sagen hat) sein Geschlechtsregister auf mtterlicher Seite
von Kodrus ableitet, besitzt ein schnes Landgut auf der Insel Aegina, die nicht
viel ber zweihundert Stadien73 von Athen entfernt liegt, und wiewohl von Natur
nur ein kahler Felsen, durch eine fnfhundertjhrige Anbauung und den Wetteifer
ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur
mgliche Weise zu verschnern, eines der anmuthigsten Eilande ist, die im
Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen. Eurybates
(so nennt sich mein Freund), der das vornehmste Fest der Aeginer, die Poseidonia
74, gewhnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt, bat mich ihm diemal
Gesellschaft zu leisten, und ich nahm seine Einladung um so williger an, da
diese Festtage gerade in die schnste Jahreszeit fallen, und durch einen groen
Markt belebt werden, der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten
Inseln herbeizieht.
    Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt,
als Eurybates mir den Antrag machte: ob ich nicht Lust htte, den Abend in
Gesellschaft der schnen Lais75 zuzubringen? Er setzte, vermuthlich um mir desto
mehr Lust zu machen, hinzu: wenn ich meinen Augen glauben darf, so ist
schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande, das ihr den Preis der Schnheit
streitig machen kann. Da mir die Landessitte bekannt ist, so konnt' ich
natrlicherweise nichts anders denken, als die Rede sey von einer Hetre, mit
deren Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirthen gedenke;
und, wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu
vermeiden suchte, so kamen doch hier mehrere Umstnde zusammen, die eine
Ausnahme schicklich zu machen schienen. Kurz, ich sagte meinem Wirthe, es werde
mir um so angenehmer seyn, ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu
haben, da ich gestehen mte, da ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe htte,
dem die schne Lais den Vorzug abzugewinnen einige Mhe haben wrde. Indessen
kam der Abend heran, und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing, da
sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte, kam Eurybates, mir
zu sagen, es wre nun Zeit ihm zu seiner schnen Nachbarin zu folgen. - Zu
welcher Nachbarin? - Zu welcher andern als der schnen Lais, die vor einigen
Tagen hierher gekommen ist, um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen, das ihr
durch den Tod eines Freundes zugefallen ist, und das glcklicherweise
unmittelbar an das meinige stt. - Die Rede ist also nicht von einer Hetre?
sagte ich. - Nun ja, Hetre oder auch nicht Hetre, wie du willst; im Grunde
lt sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen, wenn sie ja
classificiert seyn mu: aber dann ist sie eine Hetre, wie es, zwei oder drei
ausgenommen, noch keine gegeben hat. Sie kommt nicht zu uns, mein guter
Aristipp; man mu zu ihr kommen, und auch die ist eine Gunst, die nicht jedem
zu Theil wird, der sie allenfalls bezahlen knnte. Die schne Lais liebt
ausgesuchte Gesellschaft, und dem mssen die Grazien sehr hold seyn, der ihr bis
auf einen gewissen Grad gefallen zu knnen hoffen darf. Ohne diese Bedingung ist
sie, wie man sagt, um keinen Preis zu haben. Ob es immer so seyn werde, lt
sich vielleicht, ohne sich an Amor und Aphrodite zu versndigen, bezweifeln; da
es aber jetzt so sey, ist um so glaublicher, da sie kaum zwanzig Jahre zhlt,
und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glcklichen Lage hinterlassen
worden ist.
    Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark, da mir der
Weg, der uns nach dem Hause der schnen Korintherin fhrte, dreimal lnger
vorkam als er in der That war. Wir fanden sie in einem gerumigen, auf Ionischen
Marmorsulen ruhenden Gartensaale, von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach
feiner junger Mnner umgeben, und, wie es schien, in einem lebhaften Gesprche
begriffen. Schon von ferne, bevor es mglich war ihre Gesichtszge genau zu
unterscheiden, duchte mir ihre Gestalt die edelste, die ich je gesehen htte.
Ihr Anzug war mehr einfach als geknstelt und eher kostbar als schimmernd;
leicht genug, um einen Bildner, der keine schne Form unangedeutet lassen will,
zu befriedigen, aber zugleich so anstndig da selbst die Grazie der Scham nicht
untadeliger bekleidet werden knnte. - Die hat einen feinen Tact fr ihre Kunst,
dachte ich. Aber stelle dir vor, mein Freund, wie gewaltig ich berrascht wurde,
da ich ein paar Schritte nher die nmliche Dame in ihr zu erkennen glaubte, mit
welcher ich vor drei Jahren zu Korinth auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft
gekommen war, ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu knnen. Ich mute
alle meine Gewalt ber mich selbst zusammenraffen, um der edeln Unbefangenheit,
womit sie mich empfing, keine grere Betroffenheit entgegenzusetzen, als sich
allenfalls mit der Wirkung ihrer Schnheit auf jeden, der sie zum erstenmale
sah, entschuldigen lie. Da ich es wollte, war ich mir deutlich genug bewut;
doch zweifle ich sehr, ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als
ich wnschte; denn gewhnlich verrth einer durch die Bemhung, etwas unter
seinem Mantel zu verbergen, da er etwas verberge, und die ist genug, um die
Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen. Das Wahre ist, da die Furcht mich
zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren, den Blicken, womit ich sie durch
und durch zu ersphen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen mute, mir
(wie sie mir in der Folge selbst sagte) etwas zu gleicher Zeit so schchtern
Unverschmtes, Gieriges und Erstauntes gab, da sie selbst Mhe gehabt htte
sich in gehriger Fassung zu erhalten, wenn sie nicht auf diese, blo von meiner
Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wre. In der That hatte sie
sich in den drei Jahren, die seit der ersten verflossen waren, dermaen
verschnert, da, ungeachtet das Bild meiner Korinthischen Anadyomene noch wenig
in meiner Erinnerung verloren hatte, oder vielmehr eben dewegen, ein kleines
Mitrauen in meine Augen oder in mein Gedchtni ganz natrlich war. Sie war
indessen merklich grer geworden, und die Blthe ihrer prchtigen Gestalt
schien so eben den Augenblick der hchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben;
den Augenblick, wo die Flle der hundertblttrigen Rose sich nicht lnger in der
schwellenden Knospe verschlieen lt, sondern mit Gewalt aufbricht, um ihre
glhenden Reize der Morgensonne zu entfalten. Die verbreitete einen so
blendenden Glanz um sie her, da ich, wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst
zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder
niederzuschlagen, doch nicht aufhren konnte, mich durch immer wiederholtes
Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen. Bei allem
dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit, um, zu meinem Troste,
wahrzunehmen, da die andern Anwesenden (den einzigen Eurybates vielleicht
ausgenommen), jeder fr sich zu stark mit unsrer schnen Wirthin beschftigt
waren, um sich viel um mich zu bekmmern. Auch blieb mir nicht unbemerkt, da
sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien, da etwas Besonderes in mir
vorgehe; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verstndiget
htten, wrde die hfliche Klte, womit sie sich gegen mich benahm, neue Zweifel
haben erregen mssen. Diese nur mir verstndlichen Blicke sagten mir so
zuverlssig sie sey es, da keine Mglichkeit zu zweifeln brig blieb; und nun
war es auch um so viel leichter, die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft
natrlich genug zu spielen, um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu
tuschen, und den leisesten Verdacht eines frhern Verhltnisses zwischen uns
unmglich zu machen. Ich berlie mich jetzt mit meinem gewhnlichen Frohsinn
oder Leichtsinn, wenn du willst, dem heitern Genu des schnsten Abends, den ich
bisher erlebt hatte, und ich wollte alles in der Welt wetten, da Tantalus an
der Tafel Jupiters nicht halb so glcklich war, als ich im Speisesaal dieser
irdischen Gttin, welche, nicht zufrieden, uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer
Schnheit und ihres Witzes zu sttigen, auerdem noch allem aufgeboten hatte,
was Land und Meer und die Kunst eines Korinthischen Kochs vermochte, um selbst
den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen.
    Nimm es als einen Beweis der Strke meiner Liebe zu dir auf, da ich in
diesen Stunden der sesten Seelenberauschung, wo es so leicht war, ein
letheisches Vergessen alles dessen, was man sonst liebte, aus den Augen dieser
neuen Circe zu trinken, mehr als einmal herzlich wnschte: mchte doch mein
Kleonidas hier seyn, wr' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig
ungetreu zu werden! Es ist, denke ich, dem Menschen berhaupt, und vor allen dem
Knstler, zutrglich, in allen Gattungen und Arten das Hchste gesehen zu haben.
    Eine vollkommene Schnheit ist in Griechenland und vermuthlich allenthalben
etwas sehr Seltenes; die Vereinigung einer solchen Schnheit mit geistigen
Reizungen noch seltner. Die vorausgesetzt, ist die schne Lais unter den
Griechischen Weibern, was der Phnix unter den Vgeln ist. Ich habe die berhmte
und von Sokrates selbst geschtzte Aspasia, wiewohl in einem schon ziemlich
vorgerckten Alter, mehrmal gesehen und gesprochen; sie kann selbst in der
Blthe ihrer Schnheit nie ein Recht gehabt haben, mit Lais um den goldnen Apfel
zu streiten. An Strke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der
Vorzug bleiben; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der
Laune ist Lais vielleicht einzig. Die feinsten Wendungen der scherzenden oder
nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so gelufig, als ob sie bei meinem alten
Mentor in die Schule gegangen wre. Sie spricht gern und viel, und findet immer
den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen.
    Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu seyn, glaube ich
voraus zu sehen, da diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel
Unheil unter den ohnehin so leicht entzndbaren Griechen unsrer Zeit anrichten
wird, als die Tochter der Leda unter den Achern und Trojanern des heroischen
Zeitalters. Was sie in meinen Augen am gefhrlichsten macht, ist ein gewisser
unnennbarer Zauber, den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreibaren
Schlingen vergleichen wrde, welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten
um das Lager seiner treuen Gemahlin legte. Weil ich mich nicht gern mit
unerklrbaren und nichts erklrenden Wrtern behelfe, so habe ich in aller
Stille ausfindig zu machen gesucht, worin dieser magische Iynx77 (mit Sokrates
zu reden) eigentlich bestehe, und, so viel ich jetzt davon sagen kann, dnkt
mich, er liege darin, da sie sich aller ihrer Reizungen immer bewut ist, ohne
da es scheint, als ob sie ihrentwegen Anspruch an groe Bewunderung mache, oder
mit geheimen Anschlgen auf Eroberungen umgehe. Sie scheint in vollkommener
Selbstgengsamkeit sich mit der Gewiheit zu befriedigen, es hange nur von ihr
ab, sobald sie Lust dazu habe, jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen - zum
Narren zu machen; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe, mehr ber sie zu
gewinnen, als sie ihm freiwillig einzurumen geneigt sey. Sie bedient oder
begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit, ohne Anschein einer
besondern Absicht; aber wenn sie sich dessen bedient, thut sie es fters mit
einem Muthwillen der an Grausamkeit grnzt, wiewohl es vielleicht bloer
Naturtrieb, ihre Macht zu versuchen, seyn mag. Sie schiet ihre Strahlen umher,
wie die Sonne die ihrigen ergiet, unbekmmert wohin sie fallen und wie sie
wirken, ob sie erwrmen und beleben, oder auftrocknen, versengen und zerstren.
Da die Sprache der Griechen keinen Namen fr diesen gefhrlichen Charakter hat,
beweiset vermuthlich, da die schne Lais in ihrer Art die erste ist.
    Ich sehe dich fr die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern; aber sey
unbesorgt, mein Freund! Der Salamander, sagt man, befindet sich sehr wohl in
eben dem Feuer, worin andre lebendige Wesen verzehrt werden. Ich schwre dir,
da ich in meinem Leben nie freier, heitrer und aufgerumter war als diesen
Abend. Nicht als ob ich mich einer Gleichgltigkeit rhmen wolle, die mir im
Grunde wenig Ehre machen wrde; genug, Lais selbst scheint zu merken, da sie an
einen jungen Mann gerathen ist, den Hermes mit dem berhmten Krutchen Moly78,
das alle Bezauberung unkrftig macht, bewaffnet hat, und ich denke wir wollen
noch sehr gute Freunde werden. Ueberdie war auch hier keine Ursache zur
Eifersucht; ich sahe keinen Begnstigten; und wie htte ich mich darber rgern
sollen, gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren? Das
wird nun einmal in den nchsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders seyn.
Alles kommt darauf an, nicht ob man ihr gefallen will (wer wollte das nicht?),
sondern ob man ihr gefllt, und das mu man den Gttern und ihrer Laune
anheimstellen. Ausschlieliche Anmaungen an ein solches Wesen machen zu wollen,
wre, nach meiner Vorstellungsart, als wenn Einer Sonne und Mond fr sich allein
behalten wollte. Wenn ich auch die Macht des groen Knigs79 bese, ich wrde
schwerlich thricht genug seyn, ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu
begehen. Wer wre berechtigt frei zu seyn, wenn ein so hoch von der Natur
begnstigtes Weib es nicht seyn sollte? Und wie wenig mte der seinen eigenen
Vortheil kennen, der, wenn er es auch vermchte, die Liebesgttin zu seiner
Sklavin machen wollte?
    Wir brachten einen Theil der Nacht mit den gewhnlichen Ergtzlichkeiten zu,
womit die Griechen ihre Symposien zu wrzen pflegen. Die schne Lais hat
verschiedene niedliche junge Sklavinnen, die mit Fertigkeit tanzen, singen und
auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen. Die Unterhaltung wechselte
bald mit muntern Gesprchen, bald mit Musik und mimischen Tnzen ab, und die
Dame des Hauses selbst war so gefllig, oder (wie es einige von uns nannten) so
grausam, uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein ses Liedchen von
Anakreon zu singen, wobei vermuthlich jedermann eben dasselbe fhlte, was
Odysseus als der einladende Zaubergesang der Tchter des Achelous ber die
Wellen zu ihm herber schallte; und im Weggehen versicherte mehr als Einer, da
er die Erlaubni zu bleiben mit dem Schicksal der Unglcklichen, die in die
Klauen jener mrderischen Sngerinnen geriethen, nicht zu theuer erkauft
gehalten htte. Da ich keiner von diesen war, kannst du mir auf mein Wort
glauben.
    Es hatte sich zuflligerweise gefgt, da ich an diesem Tage den Ring am
Finger trug, in welchen ich die Haare meiner Korinthischen Unbekannten hatte
fassen lassen; und so konnt' es nicht wohl fehlen, da ich Gelegenheit fand, ihr
meine Hand, als wie von ungefhr, nahe genug zu bringen, da sie ihr durch den
Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen
konnte. Ein leises Errthen und ein lchelnder Blick, der unsre alte
Bekanntschaft zu gestehen schien, versicherte mich dessen, und mehr verlangte
ich fr diemal nicht.

                                      14.



                               An Ebendenselben.

Diesen Morgen zog mich, ich wei nicht was - oder vielmehr, ich wute sehr wohl
was - in das anmuthige Platanenwldchen, das die Grnze zwischen dem Landgute
meines Wirths und den Grten der schnen Lais zieht. Es stnde jetzt nur bei
mir, lieber Kleonidas, dir wei zu machen, da ich so gut wie mein alter
Sokrates einen kleinen Dmon in meinen Diensten habe, und das noch dazu mit dem
Vorzuge, da der meinige, anstatt mich (wie der Sokratische) blo abzumahnen
wenn ich etwas nicht thun soll, mir z.B. ganz vernehmlich zuflsterte: wenn du
in das Platanenwldchen gingest, wrdest du einer schnen Nymphe begegnen, die
vermuthlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr. Ich will aber ehrlich
mit dir verfahren, und nicht mehr aus mir machen als sich gebhrt; und so kannst
du dir die Sache, wenn du willst, ganz natrlich vorstellen. In beiden Fllen
wird das Nmliche herauskommen. Denn kurz und gut, als ich auf meinem
Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam, sah ich sie durch eine
halb offne Thr, in einem zierlichen Morgenanzug, beschftigt einige so eben
aufbrechende Rosen im Gebsch abzuschneiden, und dazu eines von Anakreons
Liedern auf die Rose halb zu singen, halb zu sumsen, wie man zu singen pflegt,
wenn man nur sich selbst zum Zuhrer hat. Sie erblickte mich sogleich, indem ich
mit der dreisten Schchternheit, die mir (wie die Mdchen sagen) so wohl ansteht
- vermuthlich weil etwas Kunst dabei ist - gleichsam ungewi, ob ich es wagen
drfe weiter zu gehen, in der Thr stehen blieb. Sie kam mir einige Schritte
entgegen. Du scheinst, fiel sie mir ins Wort, da ich eine Entschuldigung zu
stottern anfing, mit einer Gabe zu glcklichen Wrfen geboren zu seyn, Aristipp.
Wer htte gedacht, da wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen
wrden? - Und das in einem so reizend aufblhenden Rosengebsche, setzte dein
Freund hinzu. - Glaubst du auch an Vorbedeutungen? - Wenn sie meinen Wnschen
entgegenkommen, ja. - Da du dich nun einmal (versetzte sie lchelnd) eben so
unschuldig, wie ich glauben will, als ehmals zu Korinth, in mein Gebiet verirrt
hast, wrde mir's bel ziemen dich unbewirthet zu entlassen. Ich will das
Frhstck in die Myrtenlaube dort bringen lassen, und wir setzen uns zusammen
und schwatzen die Morgenstunden vorbei, wenn du nichts Angenehmeres zu versumen
hast.
    Meine Antwort kannst du leicht errathen, Kleonidas; aber was du vielleicht
nicht errathen httest, war, da es unvermerkt Mittag und Abend wurd, ohne da
wir eher ans Abschiednehmen dachten, bis uns die untergehende Sonne daran
erinnerte. Das Benehmen meiner schnen Wirthin war munter, offen und absichtlos,
immer anstndig und edel, ohne Ziererei und Ansprche, und doch zugleich so
traulich, als ob wir nicht anders als Freunde seyn knnten. Mit Einem Worte, du
kannst dir nichts Liebenswrdigeres denken als sie, und keinen glcklichern
Sterblichen als mich, der, im Genu des Gegenwrtigen gnzlich befriedigt,
keinen Augenblick Zeit hatte zu denken da noch viel zu wnschen brig sey, und
(was dir vielleicht unglaublich scheinen mag) auch nicht durch die leiseste
Begierde daran erinnert wurde. Die ist, denke ich, die natrliche Wirkung der
vollkommenen Schnheit, wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart; und
htten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmuthendes ber alles was sie sagt
und thut, bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand, ausgegossen,
ich glaube ich knnte Jahre lang tglich um Lais gewesen seyn, ohne jemals aus
dem sen Schlummer, worin ihr Anschauen meine Sinne lie, aufzuwachen. Seltsam
wirst du sagen; aber so ist's! Oder vielmehr, so war und blieb es - rathe wie
lange? - Beim Poseidon! Vier ganzer Sommertage lang; und ohne einen zuflligen
Umstand, der dir die Sache zu gehriger Zeit begreiflich machen wird, drften es
vielleicht, Amor und Aphrodite verzeihen mir's! eben so viele Wochen oder Monate
gewesen seyn.
    Da neu angehende Freunde, wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der
Pelopsinsel kommt, einander ihre Geschichte erzhlen, versteht sich von selbst.
Die meinige war bald abgethan, wiewohl Lais nicht glauben wollte, da ich noch
so sehr Neuling sey, als ich, mit vlliger Wahrheit wie dir bekannt ist, zu seyn
vorgab, oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete. Die ihrige war indessen
nicht viel reicher an Abenteuern; und da du das Beste an ihrer Erzhlung, den
Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren mut, so will ich
sie so kurz als mglich zusammenfassen.
    Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren. Sie erinnerte sich, da sie in
einem groen Hause auferzogen wurde, und da ihr zwei Sklavinnen zu ihrer
Besorgung zugegeben waren. Sie war ungefhr sieben Jahr alt, als sie das Unglck
hatte (ich nenn' es Glck, und du wirst mir's nicht verdenken), bei Eroberung
und Zerstrung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Athenischen Feldherrn
Nikias, vermge des barbarischen Rechts des Sieges, das unter unsern Vlkern zu
ihrer Schande noch immer gilt, in die Sklaverei zu gerathen, und mit andern
Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden. Leontides, ein
reicher Korinthischer Eupatride, kaufte sie, und bezahlte sie beinahe so theuer,
als ein marmornes Mdchen von einem Polyklet oder Alkamenes. Dieser Leontides
war immer ein groer Liebhaber aller schnen Dinge gewesen; und wiewohl er im
Dienste der Paphischen Gttin bereits grau zu werden begann, oder vielmehr eben
dewegen, kam er auf den Gedanken, sich an der kleinen Laidion Trost und
Zeitvertreib fr seine alten Tage zu erziehen. Er lie ihr also Unterricht in
allen Musenknsten und berhaupt eine so liberale Erziehung geben, als ob sie
seine Tochter gewesen wre, ergtzte sich in der Stille an ihren schnellen
Fortschritten, und belohnte sich selbst zu rechter Zeit fr alles, was er auf
sie gewandt hatte, so gut als Gicht, Podagra und Hftweh es erlauben wollten.
Dagegen betrug auch sie sich so gefllig und dankbar gegen ihn, und leistete ihm
die Dienste einer Krankenwrterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt,
Geschicklichkeit und gutem Willen, da er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark
genug beweisen zu knnen glaubte. Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine
Gemahlin wre, schaltete nach Belieben ber sein Vermgen, und durfte sich der
Freiheit, die er ihr geschenkt hatte, um so unbeschrnkter bedienen, da er
Ursache zu haben glaubte, sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu
verlassen. In dieser Lage befand sie sich, als ich, durch den bewuten Zufall,
eine Art von Akton (wiewohl mit besserm Glck) bei ihr zu spielen berufen
wurde; und der pltzliche Einfall, sich auf Unkosten eines zudringlichen
Unbekannten eine kleine Lust zu machen, wobei sie selbst nichts zu wagen sicher
war, htte einer lebhaften jungen Sicilianerin, welche die schnste Blumenzeit
ihres Lebens einem abgelebten gichtbrchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen
lie, von meinem runzligen Freunde Antisthenes selbst nicht bel gedeutet werden
knnen. Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides, und hinterlie
seiner schnen Wrterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte, nebst einer
betrchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina, der
zwar von keinem groen Ertrag, aber durch seine reizende Lage und die Schnheit
der Gebude und Grten beinahe so einzig in seiner Art ist, als seine Besitzerin
in der ihrigen.
    Die schne Wittwe des Korinthischen Eupatriden befindet sich nun, wie du
siehest, in einer Lage, die derjenigen ziemlich hnlich ist, in welche Prodikus
seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt. Zwey Lebenswege liegen vor
ihr, zwischen welchen sie, wie sie selbst glaubt, whlen mu. Soll sie, kann
sie, bei diesem lebhaften Bewutseyn einer Schnheit und einer Zaubermacht, die
ihr, sobald sie will, alle Herzen und alle Begierden unterwirft, bei solchen
Talenten und einem Triebe zur Unabhngigkeit, dessen ganze Strke sie in ihrer
vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sich entschlieen, mit
Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen, das ist,
mit Gefahr einer ewigen Reue, sich in die venerable Gilde der Matronen
einzukaufen? - oder soll sie, mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel, sich
auf immer der reizenden Freiheit versichern, nach ihrem eignen Gefallen
glcklich zu seyn, und glcklich zu machen wen sie will.
    Es mte einem Paar hochweiser Zottelbrte komisch genug vorgekommen seyn,
wenn sie, hinter unsrer Myrtenlaube verborgen, eine junge Dame wie Lais, und
einen schwarzlockigen wohlgenhrten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren, mit
einer zwischen Pythagorischer Sophrosyne81, Sokratischer Ironie, und
Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene, in der
ernstlichsten Conferenz ber diese Frage htten behorchen knnen. Nichts mte
ihnen lustiger vorgekommen seyn, als das anscheinende Vertrauen der jungen
Schnen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes, dessen eigenes
Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel, um ihr seinen Rath auf
jeden Fall verdchtig zu machen.
    Das Wahrste bei dieser Berathschlagung war indessen, da die schne Lais
recht gut wute, wozu sie sich bereits entschlossen hatte. Vermuthlich war es
ihr mehr darum zu thun, mir ihre eigene Art ber diese Dinge zu denken
mitzutheilen, als sich in der Meinung, da ich sie nicht anders als billigen
knne, zu bestrken. Die glaubte ich in ihren Augen zu lesen, da sie, nachdem
sie das Problem besagtermaen gestellt hatte, sich auf einmal mit der
treuherzigen Frage an mich wandte: was rthst du mir nun, Aristipp? - Sage mir
deine Meinung ohne Zurckhaltung, und, wenn du die Forderung nicht unbillig
findest, so unbefangen, als ob du der Mann im Monde wrest, und einer Bewohnerin
des Hesperus rathen solltest.
    Was du von mir verlangst, schne Lais (antwortete ich ihr), ist eben nicht
ganz so leicht als du zu glauben scheinst. Indessen wr' es mir wenig rhmlich,
wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen (mit der Delphischen
Priesterin zu reden) gewesen wre, und nicht wenigstens eine Hand voll
brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht htte, womit ich mir und andern bei
Gelegenheit aushelfen knnte. Eine dieser Maximen ist: wenn ich um Rath gefragt
werde, immer zu rathen was mir wirklich fr die fragende Person das Beste
scheint; aber zugleich ehrlich zu gestehen, da, wofern ich selbst auf irgend
eine Art dabei betroffen bin, immer auch, mit oder ohne klares Bewutseyn,
einige Rcksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird. So wrde ich
z.B. wenn ich dchte, da eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande
in deinem schnen Busen schlummere, und ich selbst etwa der Glckliche sey, mit
dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust httest, nicht umhin
knnen dich vor mir zu warnen, weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten
wre, da es uns beide gereuen wrde, mich dir gerathen, dich mir gefolgt zu
haben. Eine andere meiner Lebensmaximen ist, meine Handlungen so wenig als
mglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen. Ich mte mich sehr
irren, wenn diese Regel nicht auch fr dich gemacht wre. Endlich ist auch bei
mir festgesetzt, da die Person den Stand, nicht der Stand die Person adeln mu.
Ich sehe keine Unmglichkeit, warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen
Vorzgen, in der unabhngigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat,
unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit, als ihr selbst zutrglich
ist, mit einem gehrigen Betragen, dem die Welt ihren Beifall nie versagt,
sollte vereinigen knnen. Mein Rath, schne Freundin, wre also - mit mehr oder
weniger Rcksicht auf meine Maximen, wenn du willst, zu thun was dir dein Herz
und deine Klugheit eingeben.
    Ich bin mit deinem Rath vollkommen zufrieden, weiser Aristipp, versetzte sie
mit einem Lcheln, wie die Augen der Liebesgttin lcheln mgen, wenn ihr Blick
von ungefhr in einen Spiegel fllt. Hre mich also an, mein Freund; denn ich
will mich dir so unzurckhaltend erklren, wie Personen meines Geschlechts kaum
mit sich selbst zu reden pflegen. Ich habe noch so wenig Gelegenheit gehabt die
Strke oder Schwche meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen, da es
Vermessenheit wre, wenn ich, wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn
und seiner Mutter Trotz bieten wollte. So weit ich mich indessen kenne, scheint
es nicht als ob die Leidenschaft, die der besagte Dichter an seiner Phdra so
unbertrefflich schildert, jemals mehr Gewalt ber mich erhalten werde, als ich
ihr freiwillig einzurumen fr gut finde; und ich wnsche vor jeder andern
Thorheit so sicher zu seyn, als vor dem lyrischen Einfall, aus Liebe zu irgend
einem Phaon der schnen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzuthun.
Bei allem dem gestehe ich gern, da ich den Umgang mit Mnnern eben so sehr
liebe, als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewhnlichen
Schlage unertrglich ist. Du weit vermuthlich, wie wenig bei der Erziehung der
Griechischen Tchter in Betrachtung kommt, da sie auch eine Seele haben, und
da die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als mglich
Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin
nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nthig hat, um (wo mglich)
schne Kinder zu gebren, ihre Mgde in der Zucht zu halten, und die Geschfte
des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen. Ist sie berdie sanft, keusch und
eingezogen, trgt sie wie die Schnecke ihr Gynceon83 immer auf dem Rcken, und
verlangt von keinem andern Manne gesehen zu werden als von ihm, lt sich an und
von ihm alles gefallen, und glaubt in Demuth, da es keinen schnern, klgern
und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen: so dankt er den Gttern, die
ihn mit einem so frommen tugendsamen Weibe beschenkt haben, ist hchlich
zufrieden, und hat wahrlich Ursache es zu seyn. Vor der langen Weile, die ihm
eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen knnte, wei er sich schon zu
verwahren. Er sieht sie so wenig als mglich: und verlangt er einen angenehmern
weiblichen Umgang, so hlt er sich irgend eine liebenswrdige Gesellschafterin
auf seinen eigenen Leib, oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen
Freunden in Gesellschaft von Hetren zu. Und wie knnt' es anders seyn, da unsre
ehrbaren Frauen, von aller mnnlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und
auf den Umgang mit ihren Mgden, Schwestern, Basen und Nachbarinnen
eingeschrnkt, aller Gelegenheit sich zu entwickeln, und die Eigenschaften,
wodurch man gefllt und interessant wird, zu erwerben schlechterdings beraubt
sind? - Was bleibt also einer jungen Person meines Geschlechts, wenn sie mit der
Gabe zu gefallen und einem Geiste, der sich nicht in den engen Raum eines
Frauengemachs einzwngen lassen will, von Mutter Natur ausgestattet worden ist,
was bleibt ihr anders brig, als entweder sich selbst und das ganze Glck ihres
Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern; oder die Freiheit mit allen Arten
gebildeter und liebenswrdiger Mnner Umgang zu haben (als das einzige Mittel
wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann), dadurch zu erkaufen, da
sie sich gefallen lt - zu einer Classe gerechnet zu werden, die der weise
Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermaen zu Ehren gezogen hat, die
aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des
grten Theils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurtheil gedrckt wird,
und mit einem Flecken behaftet ist, den alle Vorzge einer Korinna, Sappho und
Aspasia nicht auszulschen vermgen. Oder knntest du mir einen andern Weg, dem
gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und - der tdlichen
Langweile ihres Umgangs zu entgehen, zeigen, Aristipp?
    Ich. Wo wolltest du einen Gemahl finden, der dich fr das unendliche Opfer,
das du ihm bringen mtest, entschdigen knnte, wenn er auch wollte, und von
dem du gewi wrest, er werde es immer wollen?
    Sie. Wenigstens wirst du mir zugeben, da ich einiges Recht htte, auch von
ihm ein greres Gegenopfer zu verlangen, als er mir vermuthlich zu bringen
geneigt wre. Und gesetzt er wr' es, glaubst du wohl, selbst ein Gott und eine
Gttin knnten, von jeder andern Gesellschaft entfernt, einander lange alles
seyn? Ich wenigstens bin mir meines Unvermgens, eine solche Zweisiedlerei in
die Lnge auszuhalten, vollkommen bewut. Gute Gesellschaft, oder was in
Griechenland wenigstens eben so viel ist, Mnnergesellschaft, ist fr mich ein
unentbehrliches Bedrfni. Ich habe zu wohl erfahren, was es ist, mit einem
einzigen Manne und mit lauter Weibern zu leben, um das Experiment zum
zweitenmale zu machen! - Es ist also fest beschlossen, Aristipp, ich werde meine
Freiheit behalten, und mein Haus wird allen offen stehen, die durch persnliche
Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten.
    Ich. Gegen diesen heroischen Entschlu kann niemand weniger einzuwenden
haben als ich. Aber - freilich wirst du - wie du selbst sagtest - in der Welt -
    Sie. Nur heraus mit dem Worte! - Fr eine Hetre passiren? Vermuthlich. Aber
warum sollt' ich mich ber das Vorurtheil, das auf diesem Namen liegt, nicht
hinwegsetzen? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurtheile gegen
sich. Unsre ehrbaren Matronen passiren, im Durchschnitt genommen, fr Gnse und
Elstern, oder, falls sie Verstand genug dazu haben, fr Heuchlerinnen, die Tag
und Nacht auf nichts als Rnke sinnen, wie sie ihre Mnner hintergehen, und die
Vortheile des Hetrenstandes mit der Achtung, die dem Frauenstande gebhrt,
zugleich nutznieen wollen; und wenn man die Komdiendichter hrt, so ist noch
die Frage, ob eine Person von Geist und feinem Gefhl nicht mehr Ehre davon
habe, eine so seltne Hetre wie Aspasia oder Thargelia84 zu seyn als eine
Matrone, wie unter jedem Hundert, nach der gemeinen Meinung, wenigstens drei
Fnftel sind. Hier oder nirgends tritt der Fall ein, mein Freund, wo ich sehr
Unrecht htte, meine Entschlieung von der Meinung anderer Leute abhngen zu
lassen. Ich liebe den Umgang mit Mannspersonen, aber als Mnner sind sie mir
gleichgltig. Ich kenne sie, denke ich, bereits genug, um die Strke und den
Umfang der Macht zu berechnen, die ich mir ohne Unbescheidenheit ber sie
zutrauen darf. Ich wei was sie bei mir suchen; und da es blo von mir abhngt,
sie durch so viele Umwege als mir beliebt im Labyrinth der Hoffnung
herumzufhren, so verlass' dich darauf, da keiner mehr finden soll, als ich ihn
finden lassen will; und das wird fr die meisten wenig genug seyn. Kurz, du
sollst sehen, Aristipp, wie bald die allgemeine Sage unter den Griechen gehen
wird, es sey leichter die Tugend der zchtigsten aller Matronen in Athen zu
Falle zu bringen, als einer von denen zu seyn, zu deren Gunsten die Hetre Lais
(weil sie doch Hetre heien soll) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehlt.
    Sie sagte die mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewutseyn und
Muthwillen, da es mir beinahe unmglich war, nicht auf der Stelle die Probe zu
machen, ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehren knnte: aber die Furcht,
durch ein zu rasches Wagestck mein Spiel auf immer zu verderben, zog mich noch
stark genug zurck, da ich Meister von mir selber blieb. Solltest du, sagte
ich, indem ich eine ihrer Lilienhnde, die in diesem Augenblick auf ihrem
Schooe lag, etwas wrmer als der bloen Freundschaft zukommt, mit der meinigen
drckte, solltest du wirklich hartherzig genug seyn, ein so grausames Spiel mit
uns Armen zu treiben, als du dir jetzt einzubilden Belieben trgst? -
Hartherzig? versetzte sie mit spottendem Lcheln, ihre Hand schnell unter der
meinigen wegziehend, indem sie sich eben so schnell von der Bank, wo wir saen,
aufschwang und wie eine Gttin vor mir stand; zum Beweise, da ich es wenigstens
nicht fr dich bin, lass' dir ein fr allemal rathen, Freund Aristipp, keine
Kunstgriffe bei mir zu versuchen. Unser Verhltni ist von einer sehr zarten
Art; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen, aber hte dich, ihm
zuvorzukommen! Beinahe sollt' ich denken, schne Lais (erwiederte ich), du seyst
bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen - Wie so? - Weil die Lehre oder
Warnung, die du mir so eben gibst, die nmliche ist, die ich ihn einst einer
jungen Hetre zu Athen geben hrte. - Du scherzest, Aristipp; wie km' ein Mann
wie Sokrates dazu, sich mit dem Unterricht einer Hetre abzugeben? - Du kennest
ihn noch wenig, schne Lais, wie ich sehe. Kein Sterblicher ist freier von
Vorurtheilen als er, und das Geschft seines Lebens ist, allen Arten von
Personen, unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen, Unterricht und guten
Rath zu geben. Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen, einen Tnzer
geflliger tanzen, einen Maler geistreicher malen, einen Hipparchen seine Reiter
und Pferde besser abrichten: warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber
schne und lehrbegierige junge Hetre zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen
suchen? - Du erregst meine Neugier; wolltest du mir wohl das Vergngen machen,
mir alles zu erzhlen, was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im
Gedchtni hast? - Sehr gern; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes,
wiewohl es schon ber Jahr und Tag ist, da sie sich zugetragen hat. Einer von
den Unsrigen, Kleombrotos von Ambracien, ein junger Schwrmer, wenn je einer
war, erzhlte uns, er habe so eben durch einen glcklichen Zufall Gelegenheit
gehabt, das schnste Mdchen in Athen zu sehen, und zwar, wie nicht jedermann
sie zu sehen bekomme; denn sie sitze eben einem Maler als Modell. Da er nicht
aufhren konnte, von der Schnheit dieser jungen Person als einer
unaussprechlichen Sache zu reden, sagte Sokrates endlich lchelnd: wenn das ist,
so knntest du uns den ganzen Tag davon sprechen, ohne da wir ein Wort mehr
wten als zuvor; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs
Ohr zu bekommen, ist unmglich. Da wre also, sagte dein naseweiser Freund
Aristipp, kein andres Mittel uns zu berzeugen, da Kleombrotos nicht zu viel
gesagt habe, wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat, als da wir selbst
hingingen und mit eignen Augen shen. So gehen wir denn, sagte Sokrates.
Kleombrotos fhrte uns also alle, so viel unser gerade um den Meister waren,
nach der Wohnung der schnen Theodota, mit welcher er durch seinen Freund, den
Maler, schon bekannt war; wir wurden gefllig empfangen, stellten uns in
bescheidener Entfernung um den Knstler her, und sahen - was zu sehen war. - War
das Mdchen wirklich so schn? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten
Gleichgltigkeit - In der That, antwortete ich in eben dem Ton, schn genug, da
sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen knnte.
Schmeichler! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter
gab; ich unterbreche dich nicht wieder.
    Als der Maler aufgehrt, und die schne Theodota sich in ein Nebengemach
begeben hatte, um ihren Anzug wieder in die gewhnliche Ordnung bringen zu
lassen, warf Sokrates, in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton
zwischen Scherz und Ernst, die Frage auf: ob wir, die Zuschauer, der schnen
Theodota fr die Erlaubni ihre Schnheiten in einen so genauen Augenschein zu
nehmen, oder Theodota nicht vielmehr uns fr die Beschauung, Dank schuldig sey?
und entschied sie, nach Magabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus
zuwachsenden Vortheils oder Nachtheils, zu Gunsten der Zuschauer. Immittelst
hatte er, seiner Gewohnheit nach, mit seinen weit hervorragenden scharf
blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet; und als
Theodota wieder sichtbar ward, machte er ihr sein Compliment ber den reichen
und glnzenden Fu, auf welchem alles bei ihr eingerichtet sey. Das alles setzte
er hinzu, mu dich viel Geld kosten, und ein so groer Aufwand setzt ein groes
Vermgen voraus. Du hast ohne Zweifel ein schnes Landgut? - Keine Erdscholle,
antwortete Theodota etwas schnippisch. - Also vermuthlich ein Haus, das dir
ansehnliche Renten abwirft? - Auch das nicht, erwiederte sie, indem sie ein
paar groe Augen an den Mann machte, der einer Unbekannten so sonderbare Fragen
vorlegte, und ihr dennoch, seines schlechten Aufzugs ungeachtet, Ehrfurcht und
Zutrauen einzuflen schien. - Aha! Nun versteh ich; du bist Eigenthmerin
einer groen Fabrik, worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld fr dich
verdienen? - Ich? ich besitze nichts dergleichen. - Wovon kannst du denn einen
solchen Aufwand machen? - Die Freigebigkeit meiner guten Freunde, erwiederte
sie errthend, und hielt inne - Gute Freunde? Das gesteh' ich! Da hast du
allerdings ein groes Besitzthum. Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer
Reichthum als eine Heerde Rinder, Schafe und Ziegen! Aber wie fngst du es an,
schne Theodota, da du so gute Freunde bekommst? Lt du es auf den Zufall
ankommen, ob sich so ein Freund, wie eine Fliege, von ungefhr an dich setzt,
oder gebrauchst du etwas Kunst dazu? - Ich verstehe dich nicht; wie kme ich zu
einer solchen Kunst? Wenigstens so leicht als eine Spinne. Du weit doch wie
sie es machen, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen? Sie weben eine Art feiner
Netze; die Mcken verfangen sich darin, und dienen ihnen zur Speise. - Ich soll
also auch so ein Netz weben, meinst du? - Warum nicht? Du wirst dir doch nicht
einbilden, da ein so kstliches Wildbret, als gute Freunde sind, dir so ohne
alle List und Mhe, mir nichts dir nichts, in die Kche laufen werde? Siehst du
nicht, wie mancherlei Anstalten die Jger machen, um nur einen schlechten Hasen
zu erhaschen? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht, schaffen sie
sich Hunde an, die bei Nacht jagen; und weil er ihnen bei Tage entlaufen wrde,
halten sie Sprhunde, die, wenn er von der Atzung in sein Lager zurckgeht,
seiner Fhrte folgen und ihn dort zu fangen wissen. Weil er so schnellfig ist,
da er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt, haben sie Windspiele bei
der Hand, die ihn im Laufen fangen; und da er ihnen auch so vielleicht noch
entrinnen knnte, stellen sie berall, wohin er seinen Lauf nehmen knnte,
Jagdnetze auf, worein er sich verwickeln mu. - Das alles mag zur Hasenjagd
sehr dienlich seyn, sagte Theodota mit einem kleinen spttischen Nasermpfen;
nur sehe ich nicht, welches von diesen Mitteln mir dienen knnte um Freunde zu
erjagen. - Was meinst du, Theodota, wenn du dir statt eines Sprhundes jemand
anschaffen knntest, der die Gabe htte dir die reichen Dilettanten auszuriechen
und in deine Netze zu jagen? - In meine Netze? Was fr Netze htte ich denn? -
Das fragst du, schne Theodota? Eines wenigstens gewi, das auf alle Flle
schon weit reicht, und von der Natur selbst gar zierlich gestrickt wurde; und
wie kannst du vergessen, da du in diesem schnen Leibe eine Seele hast, die
dich lehren knnte, wie du die Augen brauchen mut um die Mnner durch deine
Blicke zu bezaubern; was du reden mut um sie aufgerumt und frhlich zu machen;
wie du den, der dich ernstlich liebt, durch die Anmuth deines Betragens fest
halten, und den Lstling, der nur in deinen Reizen schwelgen will, abschrecken
und entfernen sollst. Und hast du nicht auch ein Gemth, das dich an deinem
Freunde Antheil nehmen macht? Das dich antreibt die zrtlichste Sorgfalt an ihn
zu verschwenden wenn er krank ist; ihm die lebhafteste Theilnehmung zu zeigen
wenn er irgend etwas Rhmliches gethan hat, und mit ganzer Seele an ihm zu
hangen, wenn er dir Beweise gibt, da auch er es recht herzlich mit dir meine?
Ich zweifle nicht, du kannst mehr als nur liebkosen, du kannst auch lieben; und
du machst dir ein Geschft daraus, die Gewalt, die du ber die Gemther deiner
Freunde hast, dazu anzuwenden, sie zu den edelsten und besten Menschen zu
machen. - Ich versichre dich (sagte Theodota, indem sie den Mund mehr als
nthig war aufthat, um uns zwei Reihen der schnsten Perlenzhne zu weisen), von
dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen. - Das ist mir leid fr dich;
denn es ist nichts weniger als gleichgltig, ob man den Menschen gehrig und
seiner Natur gem behandelt, oder nicht. Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen
Freund weder bekommen noch behalten; das ist ein Wild, das sich nicht anders
fangen und an die Krippe gewhnen lt, als da man ihm wohl begegnet und
Vergngen macht. Das erste also, worauf du zu sehen hast, ist, da du von deinen
Liebhabern nichts verlangest als was sie dir leicht und mit dem wenigsten
Aufwand gewhren knnen; das zweite, da du ihnen in eben dieser Art keine
Geflligkeit schuldig bleibest. Die ist ein unfehlbares Mittel zu machen, da
sie dich immer lieber gewinnen, dich desto lnger lieben und desto freigebiger
gegen dich sind. Du weit, warum es ihnen eigentlich bei dir zu thun ist; und es
ist wohl nicht deine Meinung die Tyrannin mit ihnen zu spielen. Das, wovor du
dich hten mut, ist also blo, vor lauter Geflligkeit, dem Guten nicht zu viel
zu thun. Du siehest da die leckerhaftesten Gerichte dem, der keine Lust zum
Essen hat, nicht schmecken wollen, und dem Satten sogar Ekel erwecken: kannst du
hingegen deinem Gaste Hunger machen, so wird ihm auch gemeine Kost willkommen
seyn. - Was mt' ich denn thun (sagte Theodota mit der schafmigsten Miene in
einem der schnsten Gesichter), um denen die mich besuchen Hunger zu machen? -
Vor allen Dingen dich wohl in Acht nehmen, ihnen wenn sie satt sind nichts
weiter vorzusetzen, geschweige sie noch gar nthigen zu wollen. Lssest du ihnen
Zeit, so wird der Appetit von selbst wiederkommen; wenn du aber siehest, da
die der Fall ist, so bereile dich ja nicht; locke sie durch die artigsten
Manieren, die feinsten Liebkosungen: sey lebhaft, reizend, sogar muthwillig;
aber entschlpfe ihnen immer wieder wenn sie dich zu haben meinen, und ergib
dich nicht eher, bis du gewi bist da sie den hchsten Werth auf deine
Geflligkeit legen. - Diese Lehre schien der jungen Person einzuleuchten. Wenn
nur du, sagte sie und lchelte den alten Herrn so holdselig an als ihr mglich
war, wenn nur du mir Freunde jagen helfen wolltest? - Warum nicht, wenn du mich
dazu bereden kannst? - Das mchte ich wohl gern, wenn du mir nur sagen
wolltest, wie ich es machen mu. - Das ist deine Sache; du mut eine Seite
ausfindig machen, wo du mir beikommen kannst. - So besuche mich nur recht
fleiig, lieber Sokrates! - Ich habe nur nicht viel brige Zeit, meine gute
Theodota, erwiederte Sokrates, der des Scherzens mit der albernen Puppe
berdrssig zu werden anfing; meine huslichen und ffentlichen Geschfte lassen
mir wenig mige Augenblicke. Auch habe ich eine hbsche Anzahl guter
Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil ich sie
gar wirksame Liebestrnke und Zauberlieder lehre. - Ei, was du sagst! Verstehst
du dich auch auf solche Dinge, Sokrates? - Wie sollt' ich nicht? Meinst du der
Apollodor und der Antisthenes hier gehen mir um nichts und wieder nichts nie von
der Seite? Oder Cebes und Simmias kommen ohne ihre guten Ursachen blo
meinetwegen bis von Theben hergelaufen? Du begreifst doch da so was nicht ohne
Hexerei und Liebestrnke und Zauberschnre mglich ist. - So sey so gut und
leihe mir eine solche Schnur, damit ich sie gleich auf dich werfen kann. - Ich
will aber nicht zu dir gezogen seyn, sagte Sokrates lchelnd, du sollst zu mir
kommen. - Von Herzen gern, wenn du mich nur annehmen willst. - Das will ich
wohl, es wre denn da eben eine bei mir wre die ich lieber habe. - Hier
endigte sich dieser in seiner Art einzige Sokratische Dialog;85 wir empfahlen
uns und gingen lachend unsres Weges. Schade, sagte Lais, da so viel Witz und
Laune an so ein Attisches Hhnchen verschwendet wurde! Ich htte mir nie
vorgestellt, da es eine so erzeinfltige Hetre in einer Stadt wie Athen geben
knnte. - Das macht, sie ist eine geborne Athenerin, eines ehrsamen Brgers
Tochter, so wohl erzogen wie du vorhin sagtest da die Griechischen Tchter
beinahe alle erzogen wrden, und blo durch Armuth und Hang zum Miggang und
zur Ueppigkeit verleitet, sich in eine Profession zu werfen, worin sie,
ungeachtet aller Mhe, die sich Sokrates selbst mit ihr gegeben, schwerlich
jemals eine Virtuosin zu werden die Miene hat.
    Aber weit du, sagte Lais, da ich ganz verliebt in deinen Sokrates bin, und
groe Lust habe, dich nach Athen zu begleiten und seine Schlerin zu werden? -
Beim Anubis! fuhr ich etwas unbesonnen heraus, ich traue dir Muthwillen genug
zu, einen solchen Einfall, wenn er dich anwandelt, auszufhren. Niemand kann
eine grere Meinung von deiner Zaubermacht haben als ich; ich glaube da dir -
alles mgliche mglich ist; und doch wollte ich dir nicht rathen, diese Probe an
dem kaltbltigsten Achtundsechziger, den vermuthlich der Erdboden trgt, zu
machen - falls es dich etwa verdrieen knnte wenn sie fehl schlge. - Reize
mich nicht, Aristipp! versetzte sie; wer wei wie weit ich es, trotz seiner
achtundsechzig Jahre und seiner Kaltbltigkeit, mit Hlfe seiner eigenen
Theorie, bei ihm bringen knnte?
    Ich schmeichle mir, Freund Kleonidas, durch die gromthige Vertraulichkeit,
womit ich dich an meinem neuen Verhltni und der schnen Lais Theil nehmen
lasse, einigen Dank von dir zu verdienen; und in dieser gerechten Voraussetzung
knnt' ich mich leicht zu der angenehmen Arbeit entschlieen, eine Art von
Tagebuch ber alles Merkwrdige, was whrend meines Aufenthalts in Aegina
vermuthlich noch begegnen wird, fr dich zu halten. Freilich werd' ich wenig
Zeit zum Schreiben haben, und groe Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner
glnzendsten Tugenden. Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben.
Ich berlasse mich, wie du weit, am liebsten den Eingebungen des Augenblicks,
und so thue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte.
    Mein Wirth Eurybates, der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer
beladen ist, besitzt wenigstens Eine, und gerade die, wodurch er sich jetzt am
meisten um mich verdient machen kann, in einem hohen Grade; und das ist die edle
Tugend, seinen Freunden nicht durch bermige Dienstgeflissenheit lstig zu
seyn, und sie ihrer Wege gehen zu lassen, wenn er merkt da ihnen ein Gefallen
damit geschieht. Ich gestehe da mir anfangs ein wenig bange war, ich mchte ihn
bei der schnen Lais in meinem Wege finden. Aber nichts weniger! man sieht ihn
nie in ihrem Hause als wenn sie groe Gesellschaft hat, und auch dann ist er
eine ziemlich seltene Erscheinung, und oft schon wieder verschwunden, ehe man
seine Gegenwart recht gewahr wurde. Auch zeigt er nicht die geringste Neugier,
von meinem Verhltni gegen sie mehr zu wissen als andere. Kurz, es ist etwas
ganz Exemplarisches, wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich
sind. - Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgltigkeit gegen eine
Nachbarin, wie es keine andere in der Welt gibt? Es ging mir wie dir; ich
erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Thun und Lassen, und es
entdeckte sich, als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen
Tugenden, da - mein Freund Eurybates bis ber die Ohren in Liebe zu einer -
Dame in Aegina, der Frau eines dasigen Rathsherrn, befangen ist, die ihn so
knstlich bei der Nase herumzufhren wei, da er sich ihr fr das Opfer ihrer
Tugend zu grnzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt, whrend die
gleinerische Spitzbbin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und
wohlweisen Gemahl angelegt hat, ihm ihre besagte Tugend so theuer zu verkaufen,
da er sich fr das, was sie ihn kostet, das schnste Haus, die schnsten
Gemlde und Statuen, die schnsten Pferde und Hunde, und ein Halbduzend der
schnsten Tnzerinnen und Fltenspielerinnen im ganzen Achaja htte anschaffen
knnen; wiewohl noch viel fehlt, da sie die schnste Frau auch nur in Aegina
wre. So spielt der Gtter und der Menschen Herrscher Amor einem Abkmmling
des groen Kodrus mit, mein Freund.

                                      15.



                                 An Kleonidas.

Vor einigen Tagen langte ein junger Knstler aus Paros auf dem Landsitze der
schnen Lais an, um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu
berbringen, welche Leontides, kurz vor seiner Reise in das Land, aus welchem
man nicht wiederkommt, bei ihm bestellt hatte. Sie war fr einen kleinen Tempel
in dem Myrtenwldchen bestimmt, das einen Theil der weitlufigen Grten dieser
schnen Villa ausmacht; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell
dazu dienen mssen. Es versteht sich, da diese Venus - zwar nur hier und da von
einem nebelartigen Gewand umflossen, aber doch nicht gewandlos ist; denn zu
einer noch grern Geflligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht
bequemen wollen. Die Stellung, die der Eupatride selbst gewhlt hat, und die dir
keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird, ist der Augenblick, da
die junge Gttin zum erstenmal in der Olympischen Gtterversammlung erscheint.
Die Ausfhrung lt von dem jungen Knstler, der sich Skopas86 nennt, noch viel
Schnes und Groes erwarten; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres
aufstellen, als der Kopf und der halb entblte Oberleib dieser Liebesgttin
ist. - Man verlangt von uns, sagte mir Skopas, da wir gttliche Naturen nach
einem hhern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt:
aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschnern; mir war nur bange
da ich es nicht wrde erreichen knnen, und in der That bin ich noch nicht mit
mir selbst zufrieden. - Ich der das Werk freilich mit keinem Knstlerauge ansah,
wute, sogar wenn Lais dabei stand, nichts zu finden, worin es dem Urbilde noch
hnlicher seyn knnte. Selbst den Geist, der die Beschauer anzusprechen scheint,
ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfrulicher Befangenheit und
innigem Selbstbewutseyn dessen was sie ist, hat er aus dem Zaubergesichte
meiner schnen Freundin herausgestohlen; gleich beneidenswrdig, es mag
Geschicklichkeit oder Glck seyn, wodurch es ihm gelang. Fhlt ihr's, scheint
sie den um sie her sich drngenden Gttern zu sagen, da ich die Gttin der
Schnheit bin?
    Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen fr mich, und wiewohl viel
fehlt, da ich es auch fr ihn seyn mte, so scheint er doch einiges Belieben
an meiner Unterhaltung zu finden, und ich bringe tglich etliche Stunden in
seiner Werkstatt zu. Denn auer der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des
Eros und Anteros, und einige Stcke in halberhabener Arbeit zu fertigen, die fr
den kleinen Tempel bestimmt sind. Er ist ein helldenkender Kopf, und hat (wie
ich sehe) ohne es von Sokrates gelernt zu haben, ausfindig gemacht, da ein Bild
eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll, sich
bewut zu seyn, als Leben zu athmen, scheinen msse. Seiner Versicherung nach,
hat er es dem berhmten Sophisten Prodikus zu danken, da er von Natur und
Kunst, und von dem was fr den Menschen in beiden das Hchste ist, klrere
Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten. Lais ist nicht selten die
dritte Person in seinem Arbeitsaale, und wenn ich zur Eifersucht geneigt wre,
so km' es blo auf mich an, in dieser hlichen Leidenschaft schnelle und groe
Fortschritte zu machen. Denn es ist nicht zu lugnen, da Skopas durch seine
Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat, und ich mte mich sehr
irren, oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet, da er wirklich
ein liebenswrdiger junger Mann, und, dem Ansehen nach, von unverdorbenen Sitten
ist. Wie ich mich in dieser Lage benehme, fragst du? - wie ein weiser Mann,
Kleonidas! Ich scheine nichts zu merken, nichts zu frchten, nichts
vorauszusehen; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler,
freundschaftlich und anspruchlos gegen die Dame des Hauses, und glaube durch
dieses Betragen bei der letztern desto mehr zu gewinnen, da der gute Skopas (wie
alle Gttermacher, denke ich) ziemlich hitzig ist, und einen zu seinem Nachtheil
begnstigten Mitwerber nicht so leicht ertragen knnte als ich, der sich's zum
Gesetz gemacht hat, den Grazien keine Gunst weder abverdienen, noch viel weniger
abnthigen zu wollen. Da wirkliche Gleichgltigkeit die Quelle meiner
anscheinenden Ruhe seyn knnte, ist ein Gedanke, der ihr gar nicht in den Sinn
kommt.

    Gestern traf Lais die Einrichtung, da wir den ganzen Tag ungestrt allein
beisammen seyn konnten, weil Skopas noch eine Sitzung nthig fand, um den Kopf
seiner Venus zu vollenden. Gleichwohl schien er selbst nicht recht zu wissen,
was noch fehlen sollte, und begngte sich indessen, hier und da mit leisen
Schlgen an den Haarlocken herum zu spielen. In der That hatte er etwas ganz
anderes auf dem Herzen, und weil ihm vermuthlich keine feinere Wendung, um die
Sache einzuleiten, beifallen wollte, fing er zuletzt an, eine Art von
mimthiger Laune zu zeigen, zu welcher nirgends ein sichtbarer Grund vorhanden
war. Was fehlt dir, Skopas? fragte ihn Lais endlich in einem so sanften Ton, als
ein bellauniger Ehemann von der geduldigsten Gattin nur immer verlangen knnte.
- Ich kann es nicht lnger verbergen, ich bin rgerlich, da einem Bilde wie
die etwas fehlen soll. - Und was fehlt ihm denn noch? fragte ich so bescheiden
als einem in den Mysterien der Kunst Uneingeweihten gebhrt. - Alles, antwortete
Skopas. - Alles ist viel, sagte Lais mit einem komischen Zucken der Augenbrauen
und Lippen: arme Aphrodite! da mten wir dich ja gar in irgend einen
unzugangbaren Gartenwinkel verbannen?
    Skopas. Genug, es fehlt ihr da sie nicht so schn ist als sie seyn knnte;
ich nenne die Alles.
    Lais. Erklre dich, lieber Skopas. Du siehest mehr als wir andern. Glaubst
du noch etwas verbessern zu knnen? Bricht sich vielleicht irgend eine Falte
nicht zierlich genug? Ich will dir gern noch stehen, so oft und lange du es
nthig findest.
    Eine Falte? sagte Skopas mit einem schweren Seufzer; die Falten sind es eben
was mich rgert; die Gttin der Schnheit sollte gar keine Falten haben!
    Lais. Also ein nasses Gewand, meinst du?
    Skopas. Wozu berall ein Gewand? Kann das verwnschte Gewand, wie leicht es
auch geworfen ist, etwas anders thun als die Schnheit umwlken, die, vermge
ihrer Natur, nichts, was nicht wesentlich zu ihr gehrt, an sich dulden kann?
    Lais. Kommst du wieder auf deine alte Grille?
    Skopas. Verzeih', schne Lais! da die Gttin der Schnheit auch durch die
zierlichste Bekleidung verliert, ist Natur der Sache; das Grillenhafte - es mu
nun einmal heraus - ist die falsche Scham, die eines edlen und freidenkenden
Wesens unwrdig ist. Da ein einfltiges Ding von einem Attischen Brgermdchen,
wiewohl es sich den Augen der Knstler ohne Bedenken stckweise vermiethet, sich
mit Zhnen und Klauen wehrt, wenn es sein letztes Gewand fallen lassen soll,
begreift sich und hat immer seine guten Ursachen. Aber was fr einen Grund
knnte eine untadelige Schnheit haben, sich verbergen zu wollen? Ohne
Verschleierung gesehen zu werden, ist ja ihr hchster Triumph.
    Lais. Und wenn sie nun keine Lust htte sich dem mglichen Fall auszusetzen,
von lsternen Augen entweiht zu werden?
    Skopas. Das ist als wenn die Sonne nicht leuchten wollte, um ihr Licht zu
keinen schlechten Handlungen herzugeben. Vollkommene Schnheit ist das
Gttlichste in der Natur; so betrachtet sie das reine Auge des wahren Knstlers,
so jeder Mensch von Gefhl; fr beide ist sie ein Gegenstand der Anbetung, nicht
der Begierde.
    Lais. Das mag von der Gttin selbst gelten, Skopas; aber welche Sterbliche
drfte sich ohne Uebermuth einer vollkommenen Schnheit vermessen?
    Skopas. Wenn die deine einzige Bedenklichkeit ist, so hab' ich gesiegt. Ich
nehme die Verantwortung bei der furchtbaren Nemesis auf meinen Kopf.
    Lais. Komm mir zu Hlfe, Aristipp! du siehst mit was fr einem verwegenen
Menschen ich zu kmpfen habe.
    Aristipp. Ich frchte sehr, du wirst einen schwachen Beschtzer an mir
haben. Der Genius der Kunst ist auf seiner Seite; das Rathsamste wre, ducht
mich, einen gtlichen Vergleich mit ihm zu treffen.
    Lais (in einem tragischen Ton). Auch du gegen mich, du den ich fr meinen
Freund hielt? Nun dann, wenn ich ja das Opfer seines Eigensinns werden soll.
    Skopas. Um Vergebung, schne Lais! Ich fhle da mich das Interesse meiner
Bildsule und der Kunst ber die Gebhr zudringlich gemacht hat. Ich besinne
mich. Es wre allerdings unbillig - in der That - am Ende bist auch du nur eine
Sterbliche -
    Aristipp. Mir fllt ein Ausweg ein, der, wofern er deinen Beifall hat,
schne Lais, den Knstler zufrieden stellen knnte. Wenn mich meine Augen nicht
sehr getuscht haben, so ist unter deinen Aufwrterinnen eine, welche vllig
deine Gre hat, und, die Gesichtsbildung ausgenommen, dir an Gestalt so hnlich
ist, da sie in einiger Entfernung leicht mit dir verwechselt werden knnte. Wie
wenn du diese an deiner Statt der Kunst Preis gbest?
    Skopas. Dem Aristipp ist's zu verzeihen, einen solchen Vorschlag gethan zu
haben; ich machte mich des Namens eines Knstlers auf immer unwrdig, wenn ich
ihn annhme. Meine Venus mu in sich selbst vollendet, mu (so zu sagen) eine
reine Auflsung des Problems der Schnheit seyn; nicht das leiseste
Miverhltni darf die vollkommne Symmetrie aller Theile und die hchste Einheit
des Ganzen stren.
    Lais. Dieses Unglck ist leicht zu verhten. Wir lassen das Bild, wozu ich
selbst, weil es mein ehmaliger Gebieter wollte, zum Modell dienen mute, wie es
ist, wenig und leicht genug bekleidet, sollt' ich denken, um einen nicht gar zu
eigensinnigen Kunstliebhaber zu befriedigen; und weil Skopas so groe Lust hat,
seine Idee einer vollkommenen Schnheit in einer ganz enthllten Aphrodite
darzustellen, so berlasse ich ihm meine Lesbia dazu. Ihr Gesicht mag wohl
einiger Verschnerung fhig seyn: aber dafr bin ich gut, da er im ganzen
Griechenland und allen seinen Inseln keinen schnern Krper finden soll.
    Skopas. Als den, dessen Hlfte in diesem Bilde eine jede andere, als die
Gttin selbst, eiferschtig machen mu.
    Lais. Da mich Skopas aus billiger Rcksicht da ich doch nur eine Sterbliche
bin, und also meine geheimen Ursachen haben kann, ein fr allemal dispensirt
hat, so kann von mir nicht mehr die Rede seyn.
    Ungtige Lais, rief Skopas, gewi zweifelst du nicht, da das in einer ganz
andern Absicht gesagt wurde?
    Wirklich? versetzte sie mit einer naiven Miene, deren Ironie der junge Mann
nur zu stark zu fhlen schien; aber was sollte man einem so heien Liebhaber
seiner Kunst nicht zu gut halten? Und wie knnt' ich dir meinen Dank fr deine
andere Absicht thtiger beweisen, als indem ich dir in meiner Lesbia eine so
reiche Entschdigung anbiete? Die war zu viel fr die Empfindlichkeit und den
Stolz eines Knstlers, der sich auf einmal, wiewohl durch seine eigene
Unvorsichtigkeit, von einer schon nahe geglaubten Hoffnung herabgestrzt sah.
Ich werde mein Aeuerstes thun (sagte er, sich vergeblich bemhend ihre Ironie
mit einer eben so naiven Miene zu erwiedern), um dich von dem hohen Werth zu
berzeugen, den ich auf die reiche Entschdigung lege, die du mir versprichst.
Ich gehe mit deiner Erlaubni sogleich, um zu dem neuen Werke, das du mir
auftrgst, Anstalt zu machen.
    Was fr ein reizbares Vlkchen diese Gtter- und Menschenbildner sind, sagte
Lais als Skopas sich entfernt hatte. - Du mut es ihm zu gute halten, schne
Lais; er fiel auf einmal von einer so schnen Hoffnung herab! - Aber that ich
nicht wohl daran, fuhr sie fort, da ich seinem grillenhaften Eigensinn nicht
nachgab? - Wenn ich meine Meinung unverhohlen sagen soll, erwiederte ich, so ist
die Idee der Gttin der Schnheit, wie sie unter den Hnden ihrer Dienerinnen,
der Grazien, mit ihrem Grtel geschmckt hervorgeht, erst lebendig in mir
geworden, seitdem ich dieses Bild gesehen habe. Skopas hat unstreitig Recht,
wenn er behauptet, da die Bekleidung der Schnheit insofern nachtheilig ist,
als sie uns die reinen Formen der bedeckten Theile mehr oder weniger entzieht,
und das Ganze mehr errathen als sehen lt. Aber er hat Unrecht zu vergessen,
da Schnheit mit Grazie in Eins verschmolzen eine viel strkere Wirkung thut;
und ich wenigstens bin berzeugt, da eine Bekleidung wie diese hier (die
Bildsule stand uns gegenber) gerade das ist, was jene Vereinigung bewirkt und
einen groen Theil ihres Zaubers ausmacht. Whrend sie die Schnheit des
Unverschleierten dem uern Sinn auffallender macht, setzt sie zugleich den
innern in Bewegung, und verdoppelt das Vergngen des Anschauers, indem sie die
Einbildungskraft beschftigt, mit leiser lsterner Hand den neidischen Schleier
von dem Verhllten wegzuziehen.
    Lais. Das ist es eben was ich meinte.
    Ich. Und was ich nicht htte sagen sollen, denn ich rede gegen mein eigenes
Interesse. Vielleicht httest du mir erlaubt zugegen zu seyn, wenn du dem
Verlangen des Skopas nachgegeben httest? - Du sollst nichts dabei verlieren,
da es nicht geschehen ist, sagte sie, indem sie mir die Hand reichte, und mich
durch eine kleine Galerie in einen anmuthigen, einsamen Theil des Gartens
fhrte; ich glaube zu fhlen, da wir dazu geboren sind Freunde zu seyn. Es gibt
keine ewige Liebe; aber Freundschaft ist ewig, oder verdiente diesen Namen nie.
- Der Altar hier ist dieser Unsterblichen geheiligt. Hier, Aristipp, lass' uns
schwren, Freunde zu bleiben so lange wir leben, und dieser erste Ku sey das
Siegel unsers schnen Bundes. -
    Beneide mich nicht zu sehr, guter Kleonidas! Lais ist eine groe Zaubrerin;
sie lt immer noch viel zu wnschen brig, und indem wir uns trennen mssen,
wundre ich mich hintennach, wie wenig das war, wodurch sie mich so glcklich wie
einen Gott gemacht hatte.

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                         An Kleombrotus von Ambracien.

Ich danke dir, Lieber, fr die guten Nachrichten, die du mir von unsern Freunden
gibst. Mir ist angenehm da sie die Dauer der Poseidonien zu Aegina so genau
ausrechnen; ich nehme es als ein Zeichen ihrer Zuneigung auf, da sie mich so
bald zurck verlangen, wiewohl mir leid wre, wenn sie aus meinem langen
Ausbleiben (wie sie es nennen) das Gegentheil von mir vermuthen wollten. Die
Zeit ist vielleicht das zauberartigste Ding in der ganzen Natur, wenn man anders
ein Ding nennen kann, was das, was es ist, blo durch unsre Einbildung und
unsern Mastab wird. Eben dieselbe Zeit, sagt man, die dem Einen eine Stunde
ducht, dnkt87 dem Andern ein Augenblick, dem Dritten ein Tag, dem Vierten ein
Jahrhundert. Ich denke man knnte eben so gut sagen, sie ist es, fr den
nmlich, dem sie es ducht; denn da sie einem andern mehr oder weniger ist als
mir, gibt ihm kein Recht zu fordern, da es mir auch so seyn soll. Ich bin nun
bereits - la sehen! - zwanzig ..... fnfundzwanzig ... achtundzwanzig ...
wahrlich, beim groen Poseidon! einunddreiig Tage hier, und ich versichre dich,
heute am Morgen des zweiunddreiigsten, ist mir ich htte die achtundzwanzig nur
getrumt und sey erst vor drei Tagen in Aegina angekommen.
    Was fr ein Zauber kann das seyn, fragst du, der den kaltbltigen Aristipp
zu einem solchen Schwrmer zu machen vermag? - Komm und siehe! - Du bist zu nahe
bei mir, um zu erwarten, da ich Stunden, die ich besser anwenden kann, Stunden
die fr mich nur Augenblicke und gleichwohl, dem Sonnenzeiger nach, volle
Stunden von dreitausend und sechshundert Pulsschlgen sind, dazu verschwenden
werde, dich mit schnen Beschreibungen, wie wohl mir's hier geht, zu
unterhalten. Komm herber, lieber Kleombrotus; was hast du in Athen zu
versumen? oder kannst du nicht, wenn du es recht anfngst, fr das, was du
versumst, berall Ersatz finden? Was wir in unserm Cirkel zu Athen
philosophiren nennen, ist eine sehr gute Sache; nur zu viel ist nicht gut. Auch
Aegina wird von den Musen besucht; du wirst sie mitten unter uns, oder uns
mitten unter ihnen finden; und (was bei euch nicht immer der Fall ist) Arm in
Arm mit den Grazien, und von Amorn mit Blumenketten gebunden. Du bedarfst einer
kleinen Unterbrechung deiner gewhnlichen Studien, die du mit einem so
enthusiastischen Eifer betreibst, da dein Magen und Unterleib, und (unter uns
gesagt) dein Kopf selbst in Gefahr dabei gerathen. Auch darf ich dir nicht
verhalten, da mir vor dem feinen Netz ein wenig bange ist, womit die weise
Aspasia dich zu umspinnen sucht. Fahre nicht auf, Lieber, und mache kein solches
Gesicht an mich, als ob ich den Tempel zu Delphi beraubt, oder die Geheimnisse
der Eleusinischen Gttinnen verrathen htte! Aspasia ist unlugbar eine Frau von
vieler und langer Erfahrung; von hohem Geist, groer Menschenkenntni und feiner
Lebensart, eine Meisterin in der Kunst zu reden und zu berreden; wahrlich, der
klgste unter den dermaligen Demagogen zu Athen mte noch lange bei ihr in die
Schule gehen, bis er ihr alle die feinen Kunstgriffe abgelernt htte, womit sie
vor dreiig Jahren den Mann, der Griechenland regierte, zu regieren wute. Kurz,
ich wei alles, was du mir zur Rechtfertigung der hohen Meinung, die du von ihr
gefat hast, sagen kannst. Aber was du nicht weit, nicht siehst, nicht eher bis
es zu spt ist sehen wirst, ist, da die Freundschaft, die sie dir zeigt, nicht
ganz so uneigenntzig ist, als du dir einbildest. Denke nicht, sie habe immer so
exemplarisch gelebt, wie sie jetzt zu leben scheint, da sie als Wittwe von zwei
Athenischen Demagogen ihren sechzigsten Sommer herannahen sieht. - Ihren
sechzigsten Sommer? rufst du aus; das ist unmglich, wenn sie nicht von Heben
oder Auroren das Geheimni, niemals alt zu werden, zum Geschenk erhalten hat. -
Das Geheimni liegt in einem halben Duzend Alabasterbchschen auf ihrem
Putztische, mein Freund. Glaube mir, ich kenne diesen Schlag von Weibern, und
die Art, wie sie sich fr die Mhe, ihre jungen Freunde zu bilden und in die
Welt einzufhren, bezahlt zu machen pflegen, und ich knnte dir ein Lied davon
singen, wiewohl mich keine von ihnen je gefangen hat. Mit dir ist's ein anderes,
mein lieber Enthusiast. Du bist (mit Erlaubni zu sagen) eine unschuldige
schwrmerische Motte, die dem Lichte zufliegt, weil sie von seinem Schein
entzckt ist, und nicht eher erfhrt da es auch brennt, bis sie mit versengten
Flgeln am Boden zappelt. Lass' dich warnen, Freund Kleombrotus; und wenn du
jetzt, wie ich nicht zweifeln will, mit gewarnten Augen Entdeckungen machst, die
dir meine Meinung von den Absichten der weisen Dame besttigen, so eile dich von
ihr loszuwinden, und komm' zu mir herber. Solltest du einen Vorwand dazu nthig
zu haben glauben, so brauchst du ja nur ein Geschft auf einer der Aegeischen
Inseln vorzuschtzen, und du begleitest mich dann auf der Reise, die ich in
kurzem antreten werde, um die betrchtlichsten und berhmtesten derselben,
Delos, Naxos, Samos, Chios und Lesbos zu besuchen. Fremde, wie wir, haben
ohnehin den Cekropiden keine Rechenschaft zu geben, wenn wir ihr schnes,
ltriefendes, veilchenbekrnztes Athen wieder zu verlassen fr gut finden;
wiewohl sie keinen Begriff davon zu haben scheinen, wie man auch anderswo, wo
man nicht um zwei oder drei Obolen von Sardellen, Gerstenbrot und Knoblauch
lebt, ein menschliches Leben fhren knne.

                                      17.



                           An Antisthenes zu Athen.88

Wie ich hre, wird die unvermuthete Verlngerung meines Aufenthalts zu Aegina
von meinen Freunden in Athen nicht gebilliget. Man erwartete, da ich mit
Eurybates, den ich dahin begleitet hatte, wiederkommen wrde, und die Auskunft,
die er ber die Ursache meines Zurckbleibens gab, wiewohl ich nicht zweifle,
da sie mit der Wahrheit bereinstimmt, scheint seiner Absicht, mich dadurch zu
rechtfertigen, nicht entsprochen zu haben. Du hast, wie ich hoffe, nicht
vergessen, Antisthenes, da die Strenge deiner Grundstze das Zutrauen, das du
mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einfltest,
seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte, da sie vielmehr der Grund ist,
warum ich mich immer, vor allen andern Freunden des ehrwrdigen Sokrates,
vorzglich an dich angeschlossen habe. Ich wei sehr wohl, da meine Jugend und
eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit, die ziemlich nahe an Leichtsinn
grnzen mag, zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf: indessen, wie
bescheiden einer auch von sich selbst denkt, kann es ihm doch nicht gleichgltig
seyn, wenn sein Charakter (vorausgesetzt er habe einen) von denen verkannt wird,
mit welchen er am meisten umgeht; und ich gestehe gern, da die Gerechtigkeit,
die du mir widerfahren lssest, indem du nicht verlangst, da ich etwas anders
als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner Natur fhig macht, in
meinem Leben darstelle, im Grunde die wahre Ursache meiner Anhnglichkeit an
dich ist, und da die Strenge deiner Moral mich lngst von dir entfernt htte,
wenn sie nicht durch eine billige Schtzung meines wirklichen Werths gemildert
wrde.
    Ich wei nicht, warum unser Meister, den ich (wie du mir bezeugen kannst)
hchlich ehre und liebe, fr gut befunden hat, mich immer in einer gewissen
Entfernung von sich zu halten. Hat mir etwa sein Dmonion einen schlimmen
Streich bei ihm gespielt? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit
zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge, von welchem er sich in seinen
Erwartungen am Ende bel betrogen fand? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner
Physiognomie zuwider? Was es auch sey, genug ich fhle mich, ohne meine Schuld,
wie mich dnkt, zurckgehalten, so offen gegen ihn zu seyn als ich wnschte, und
wende mich daher lieber an dich, um durch deine Vermittlung bei ihm
gerechtfertigt zu werden, wenn es mir gelingen sollte, mich zuvor bei dir selbst
zu rechtfertigen.
    Meine Sokratischen Freunde - oder wie soll ich sie nennen? - scheinen, wenn
sie ber mich Gericht halten, zu vergessen, da jeder Mensch, auer dem
allgemeinen Ma der Menschheit, noch sein eigenes hat, womit er gemessen werden
mu, wenn man das, was sich fr ihn schickt oder nicht schickt, richtig
beurtheilen will. Ich bin weder ein Athener, noch Thebaner, noch Megarer, weder
eines Steinmetzen, noch Gerbers, noch Wurstmachers Sohn; sondern ein Cyrener aus
einer Familie, die unter ihren Mitbrgern in Ansehen steht und sehr begtert
ist. Ich bin, diesen Umstnden gem, nach Cyrenischer Weise erzogen worden; und
es wre daher nicht ganz billig, eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in
Rcksicht auf manche Dinge, die zum menschlichen Leben gehren, von mir zu
fordern, als von einem in Drftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an
Entbehrungen aller Art gewhnten Jngling. Indessen habe ich zu Athen Jahre und
Tage lang gezeigt, da ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des Tags leben
kann als ein anderer; nur sehe ich nicht, warum ich berall und immer so leben
soll, oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid fr das einzige und
ausschlieliche Costume der Philosophie gelten mte. Ich achte mich bei
Linsenbrei und Salzfisch fr keinen bessern, und bei einer Mahlzeit fr achtzig
oder hundert Drachmen fr keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin; und
wenn ich es dahin bringe, da ich auf jede Weise leben kann, im Ueberflu ohne
Uebermuth und Ausschweifung, in Einschrnkung auf das Unentbehrlichste ohne
Strung meiner guten Laune oder Abwrdigung meines Charakters, so denke ich,
alles, was ein vernnftiger Mensch in diesem Stcke von sich selbst fordern
kann, erreicht zu haben. - Doch die ist nicht der Hauptpunkt. Die groe Frage
ist: was fr einen Zweck habe ich mir berhaupt fr mein knftiges Leben
vorgesteckt? und hier ist meine Antwort. Ich bin ein freigeborner Mensch, und,
trotz unserm barbarischen Vlkerrecht, als ein solcher sollte jeder Mensch
betrachtet und behandelt werden. Da ich ein geborner Brger in Cyrene bin,
macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene; ich bin auch als Brger der allgemeinen
menschlichen Gesellschaft geboren, und in dieser groen Kosmopolis ist Cyrene
nur ein einzelnes Haus. Da mir der Zufall Vermgen genug fr meine Bedrfnisse
zugeworfen hat, warum sollt' ich die nicht als eine Erlaubni ansehen, in
Erwhlung einer Lebensart und Beschftigung blo meinem innern Naturtriebe zu
folgen? In meinen Augen ist es noch mehr als Erlaubni; es ist ein Wink, ein
Gebot des Schicksals, mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen; und die
edelste, fr mich wenigstens (denn von mir ist jetzt blo die Rede) ist nach
meiner Ueberzeugung, als Weltbrger zu leben, das heit, ohne Einschrnkung auf
irgend eine besondere Gesellschaft, mich den Menschen blo als Mensch so
gefllig und ntzlich zu machen als mir mglich ist. In dieser Gesinnung und mit
diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt, um vor allen Dingen die
Menschen kennen zu lernen, unter denen ich leben will, und mir so viele
Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergngen zu
erwerben, als Fhigkeit, Zeit und Umstnde nur immer gestatten werden. Der Ruf
des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Athen; aber wahrlich nicht in der
Meinung, mich einer Schule oder Secte zu verpflichten, oder einem einzelnen
Menschen mehr Recht und Macht ber mich einzurumen, als ich ihm entweder
freiwillig zu berlassen geneigt, oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin.
Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jngling
nach Athen, und machte mir die Erlaubni, welche Sokrates allen gutartigen und
lehrbegierigen jungen Leuten gibt, ihn zu besuchen und um ihn zu seyn, so viel
zu Nutze, als mir zu der Absicht, weiser und klger in seinem Umgange zu werden,
nthig schien; ohne darum andern ntzlichen und angenehmen Verhltnissen
auszuweichen, in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Athen
zu kommen so viele Gelegenheit findet. Nach einem zweijhrigen ununterbrochnen
Aufenthalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt, lockt mich das
Bedrfni einer kleinen Vernderung nach Aegina. Zuflligerweise treffe ich da
eine junge Frau an, mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korinth bekannt
geworden war; eine Frau, deren geringster Vorzug ist, da Griechenland nie eine
schnere gesehen hat. Sie ist die nchste Nachbarin des Landhauses, wo ich
wohne. Sie versammelt fters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen, und sie
selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft, die sich ein Mann, und wenn er
Sokrates selbst wre, nur immer wnschen knnte. Wir finden Geschmack an
einander, wir sehen uns fters, wir werden Freunde. Wohlgebrauchte Zeit fliegt
schnell dahin. Eurybates, von dringenden Geschften gerufen, geht nach Athen
zurck; Aristipp, der keine dringenden Geschfte hat, bleibt zu Aegina. Was ist
in diesem allen Anstiges? oder Aristipps, Aritades Sohns von Cyrene und
Gesellschafters des weisen Sokrates, Unwrdiges? - Aber diese schne Dame, die
so viel Geschmack an dir gefunden hat, und fr deren Freund du dich erklrst,
ist eine Hetre. Nun ja, wie Korinne, wie Sappho, wie Aspasia von Milet, bevor
Perikles sie zu seiner Gemahlin machte, eine Hetre war; eine Gesellschafterin
(das ist doch die Bedeutung des Wortes?), mit welcher euer Solon selbst, der
Erfinder des Namens, den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt htte. Was
kmmern mich eure Namen? Fr mich ist sie das, wozu Natur und Ausbildung, und
die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben.
Ihresgleichen wird selbst in dem schnen Lande, wo sie das Licht zuerst
erblickte, nur alle tausend Jahre geboren. Und ich, dessen einziges Geschft
ist, die Menschen und sich selbst in allen Verhltnissen, die er zu ihnen und
sie zu ihm haben knnen, zu studiren, ich sollte eine solche Gelegenheit nicht
benutzen? Entschuldiget mich, lieben Freunde, wenn ich diemal viel mehr meinem
Genius folge, als euerm Urtheil oder Vorurtheil! Es wird vermuthlich nicht das
letztemal seyn. - Vor der Gefahr, da mich diese Circe unauflslich an sich
fesseln, oder gar in - einen Gefhrten des Ulysses verwandeln werde, seyd ohne
Sorgen. In drei Tagen geht die schne Lais nach Korinth zurck, und Aristipp
tritt seine Reise nach den Cykladen an.

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                            Antwort des Antisthenes.

Nach Empfang deines Briefes, mein junger Freund, glaubte ich nicht besser thun
zu knnen, als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gbe, fr welchen er
doch eigentlich geschrieben zu seyn schien. Nachdem er ihn, bei einigen Stellen
lchelnd, bei andern den Kopf ein wenig wiegend, berlesen hatte, sagte er,
indem er mir den Brief zurckgab: unser Freund Aristipp ist erstarkt, und kennt
den Weg, den er gehen will, so gut, da er weder eines Fhrers noch Wegweisers
bedarf. Wenn Cyrene keine Ansprche an ihn macht, wie sie wohl schwerlich machen
wird, so sehe ich nicht, warum er nicht eben so wohl als ein Weltbrger sollte
leben knnen, wie irgend ein Vogel in der Luft, der sich auf welchen Baum er
will setzt, und sich brigens nur vor Leimruthen und Schlingen in Acht zu nehmen
hat. Mit uns Athenern ist es ein anderes. Wir andern sind zu Brgern von Athen
geboren, und hangen nur als Athenische Brger mit der brigen Welt zusammen.
Oder was meinst du, Kritobul, (fuhr er fort, sich auf einmal an diesen wendend),
hltst du es fr so leicht, dich von der Pflicht gegen Athen loszusagen?
    Das kann und darf ich nicht, antwortete Kritobul, so lange ich in Athen lebe
und Gutes von Athen empfange und erwarte.
    Sokrates. Solltest du nicht Pflichten gegen Athen haben, die dir gar nicht
erlauben, ohne den Willen der Athener anderswo zu leben?
    Kritobul (stutzte und antwortete nach einigem Zgern): Wenn ich Vermgen
genug htte zu leben wo es mir am besten gefiele, und es gefiele mir an einem
andern Orte besser, warum sollte ich an Athen gebunden seyn?
    Sokrates. Von wem hast du dein Vermgen?
    Kritobul. Das meiste ist von meinen Voreltern erworben; einen Theil hab' ich
vielleicht mir selbst zu danken.
    Sokrates. Wie kommt es, da die mignstigen und ungerechten Menschen, deren
es so viele in der Welt gibt, Diebe, Straenruber oder andere Feinde, so
gutherzig waren, deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu
lassen, und, wenn ihr etwas erworben hattet, es euch nicht wegzunehmen?
    Kritobul. Davor schtzten uns die Gesetze und die bewaffnete Macht von
Athen.
    Sokrates. Diesen httet ihr also die Mglichkeit des Erwerbs und die
Erhaltung eures Vermgens zu danken?
    Kritobul. So scheint es.
    Sokrates. Nun mcht' ich wohl wissen, was die Athener bewegen knnte, euch
zu schtzen, und um dazu immer bereit zu seyn, groen Aufwand zu machen, wenn
ihr ihnen nichts dagegen thun solltet?
    Kritobul. Auch fehlt sehr viel da wir ihnen etwas schuldig blieben. Wir
gehorchen ihren Gesetzen, wir steuern nach unserm Vermgen zu ihren gemeinsamen
Ausgaben bei, ziehen in den Krieg oder rsten eine Galeere aus, wenn sie uns
dazu auffordern, und was dergleichen mehr ist.
    Sokrates. Denkst du aber nicht, die Athener haben damals, da sie es auf sich
nahmen, euch bei dem Vermgen, das ihr unter dem Schutz ihrer Gesetze erwarbet,
so viel in ihren Mchten ist, zu erhalten, darauf gerechnet, da auch ihr euch
den Pflichten nie entziehen wrdet, die euch schon die natrliche Dankbarkeit
gegen den Staat, als euern ersten und grten Wohlthter, auferlegt?
    Kritobul. Ich denke in der That, das haben sie.
    Sokrates. Und wenn nun, z.B. dem Kritobul die Lust ankme, seinem Vaterlande
die Pflicht aufzuknden, knnt' er das, ohne sich als einen undankbaren und
gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen?
    Kritobul. Ich sehe, da ich Unrecht hatte, Sokrates.
    Sokrates. Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst, und sage mir deine
Meinung, wenn wir uns wiedersehen.
    So viel, Aristipp, den Punkt der Weltbrgerschaft betreffend. Ueber den
andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen; denn
natrlicher Weise hngt es gnzlich von dir ab, ob du lieber in der Gesellschaft
einer schnen und dich angenehm unterhaltenden Hetre, oder im Umgang mit
Sokrates und seinen Freunden leben willst.

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                           Aristipp an Ebendenselben.

Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben, guter Antisthenes - das will
sagen, ich liebe ihn zuweilen, wo Zeit, Ort, Personen und andere Umstnde seinen
Gebrauch erfordern oder schicklich machen. Ich will mich also, da ich jetzt
wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90,
in der Antwort, die ich euch schuldig zu seyn glaube, so kurz als mglich
fassen. Ich gestehe, da ich mich nicht so leicht berwunden gegeben htte als
Kritobul. Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete, ihm zu Hlfe zu kommen,
oder an seinen Platz zu treten, so habe ich ber den mitgetheilten Dialog eine
Art von Selbstgesprch angestellt, wovon Folgendes das Resultat ist.
    Die Natur, meine und aller Dinge Mutter, wei nichts von Cyrene und Athen.
Sie machte mich zum Menschen, nicht zum Brger: aber, um ein Mensch zu seyn,
mut' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden. Das Schicksal wollte,
da es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Brger geschehen sollte. Aber man
wird nicht Mensch um Brger zu seyn, sondern man wird Brger damit man Mensch
seyn knne, d.i. damit man alles das sichrer und besser seyn und werden knne,
was der Mensch, seinen Naturanlagen nach, seyn und werden soll. Der Mensch ist
also nicht, wie man gemeiniglich zu glauben scheint, dem Brger, sondern der
Brger dem Menschen untergeordnet. Hingegen steht die Pflicht des Brgers gegen
den Staat, und des Staats gegen den Brger in genauem Gleichgewicht. Sobald
meine Voreltern Brger von Cyrene wurden, bernahm diese Stadt die Pflicht, sie
und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem
Eigenthum zu schtzen, und wir sind ihr fr die Erfllung dieser ihrer Pflicht
keinen Dank schuldig: wir bernahmen dagegen die Leistung der Brgerpflichten
gegen sie, und sie ist uns eben so wenig Dank dafr schuldig; jeder Theil that
was ihm oblag. Der Vertrag aber, den wir darber mit einander eingingen, war
nichts weniger als unbedingt. Cyrene versprach uns zu schtzen insofern sie es
knnte; denn gegen den groen Knig oder eine andere berlegene Macht vermag sie
nichts. Wir hingegen behielten uns das Recht vor, mit allem was unser ist
auszuwandern, falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glcklicher leben
zu knnen vermeinen wrden; ein Vorbehalt, der berhaupt zu unsrer Sicherheit
nthig ist, weil zwar Cyrene uns zu Erfllung unsrer Pflichten mit Gewalt
anhalten kann, wir hingegen nicht vermgend sind, sie hinwieder zu dem, was sie
uns schuldig ist, zu zwingen. Was mich selbst persnlich betrifft, so sehe ich
meine Menschheit, oder, was mir ebendasselbe ist, meine Weltbrgerschaft, fr
mein Hchstes und Alles an. Die Cyrener knnen mir, wenn es ihnen beliebt (was
vielleicht bald genug begegnen wird) alles nehmen was ich zu Cyrene habe; so
lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu seyn, werde ich mich nicht ber sie
beklagen. Meine guten Dienste, glaube ich, mit gehriger Einschrnkung, jeder
besondern Gesellschaft, deren Schutz ich geniee, so wie allen Menschen mit
denen ich lebe, schuldig zu seyn. Trte jemals ein besonderer Fall ein, wo ich
meinem Vaterlande ntzlich seyn knnte, so wrde ich mich schon als Weltbrger
dazu verbunden halten, insofern nicht etwa eine hhere Pflicht, z.B. nicht
Unrecht zu thun, dabei ins Gedrnge kme. Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die
Lust ankme Sicilien zu erobern91, so wrde ich mich eben so wenig schuldig
glauben, ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel
dazu herzugeben, als ihnen den Mond erobern zu helfen. Auch verlangt man zu
Cyrene nichts dergleichen von mir. Fordert Athen von ihren Brgern mehr, so ist
das ihre Sache, und geht mich, denke ich, nichts an.
    So viel ber den ersten Punkt deiner Antwort, ehrenwerther Antisthenes. Den
zweiten, an welchem Sokrates schwerlich Antheil hat, glaube ich nur auf eine
einzige anstndige Art beantworten zu knnen, und diese ist, da ich gar nichts
darber sage.

                                      20.



                                 An Kleonidas.

In der Voraussetzung da ich dir dadurch einiges Vergngen mache, fahre ich in
meinem, wiewohl nur uneigentlich so genannten, Aeginischen Tagebuche fort: denn
es wre deiner Geflligkeit zu viel zugemuthet, wenn ich dich mit den
abgeschiedenen Schatten aller Tage, die ich hier verlebt habe, in Bekanntschaft
setzen wollte, in der Meinung, da sie fr dich eben so viel Interesse haben
mten, als sie in ihrem Leben fr mich hatten. Von meinen glcklichsten Tagen
und Stunden pfleg' ich gar nicht zu sprechen; ich betrachte sie als eine Art von
heiligen Dingen, auf welchen, wie auf den Krben der Kanephoren an den
Eleusinien92, der Schleier des Geheimnisses liegen mu. Wird er weggezogen, so
erblicken uneingeweihte Augen, wie in jenen mysterisen Krben, nichts als -
Honigkuchen, Granatkrner, Bohnen und Salz.
    Skopas ist nun mit seiner Venus-Lesbia (vorerst nur aus gebranntem Thon, wie
sich von selbst versteht) fertig, und hat sein Mglichstes gethan, den Stolz der
undankbaren Lais durch eine gefhrliche Nebenbuhlerin zu krnken, die bei dem
groen Haufen der Angaffer schon allein durch ihre vollstndige Naktheit keinen
geringen Vortheil ber sie erhlt. Die junge Sklavin aus Lesbos, die ihm (nicht
ungern, wie es schien) zum Modell dabei diente, ist wirklich in ihren
individuellen Formen von einer so seltenen Schnheit, da es wohl, so lange uns
ein allgemein anerkannter Kanon der Schnheit fehlt, unmglich seyn drfte, das
Problem, welche von beiden Bildsulen die schnere sey, rein aufzulsen. Meine
Vorliebe fr die erste beweist blo fr meinen eigenen Geschmack. Mehrere
Anbeter der schnen Lais, die man in der Meinung lie, sie wre das Modell zu
beiden, streiten fr die zweite, und Lais scheint sich so wenig dadurch
beleidigt zu finden, da sie, unter der Bedingung, das Exemplar, das aus Marmor
gemacht werden soll, fr sich zu behalten, so gromthig gewesen ist, dem in
sein eignes Werk verliebten neuen Pygmalion ein Geschenk - mit dem Urbilde zu
machen. Da du dir, sagte sie scherzend zu Skopas, schwerlich Hoffnung machen
darfst, da Amor das Wunder, das er einst zu Pygmalions Gunsten that, dir zu
Liebe wiederholen werde, so nimm meine Lesbia dafr, und bilde dir ein, sie sey
dein eigenes, fr dich von ihm belebtes Kunstwerk selbst. - Die Wahrheit ist,
da der arme Skopas, wofern die allzureizende Sklavin nicht ein Mittel gefunden
htte, das gestrte Gleichgewicht seines uern und innern Menschen (nach der
Sokratischen Maxime, deren du dich aus einem meiner Briefe erinnern wirst) bald
mglichst wieder herzustellen, schwerlich jemals mit seiner Arbeit fertig
geworden wre; so mchtig wirkte das zauberisch anziehende Lcheln, womit die
gefllige Nymphe, um die ihr aufgetragene Rolle der Gttin mit der
gewissenhaftesten Treue zu spielen, ihn unter der Arbeit anzusehen fr ihre
Schuldigkeit hielt. Skopas arbeitete nun immer besser je ruhiger er arbeitete,
und wer wei, ob er nicht am Ende das Modell selbst fr das unter seinen Hnden
unvermerkt zum Ideal veredelte Nachbild ohne Aufgeld zurckgegeben htte, wenn
Lais zum Tausche geneigt gewesen wre. Man behauptet allgemein, sagte sie in
ihrem gewohnten scherzhaften Ton, ein Knstler, der etwas Vollkommenes
hervorbringen wolle, msse mit Liebe arbeiten: aber Skopas hat noch mehr gethan,
er hat mit Begierde gearbeitet93; und vermuthlich ist die die Ursache, warum er
in dieser Venus sein Urbild und sich selbst bertroffen hat.
    Dem wackern Skopas mu ich es zum Ruhme nachsagen, da er sich bei den
kleinen Spttereien der schnen Lais ziemlich artig benahm; vielleicht weil er
sie als Wirkungen einer geheimen Eifersucht betrachtete, und sich also
schmeicheln konnte, eine Art von Triumph ber sie erhalten zu haben. Uebrigens
hatte er Ursache mit seiner Reise nach Aegina sehr zufrieden zu seyn; denn er
wurde - auer der reizenden Lesbierin, in welcher er nun ein treffliches Modell
eigenthmlich und ausschlielich besitzt - noch mit baaren Dariken kniglich
belohnt.
    Diese groherzige Freigebigkeit, und, um dem Kinde seinen rechten Namen zu
geben, eine ungezgelte Neigung zum Verschwenden berhaupt, ist ein so starker
Zug im Charakter meiner schnen Freundin, da ich sehr besorge, er werde in der
Folge, und nur zu bald, eine Aenderung in dem Plane, dessen ich bereits erwhnt
habe, nthig machen. Ich hielt es fr eine Pflicht der Freundschaft, ihr, da wir
einsmals allein waren, mit einigem Ernst davon zu sprechen. Ich sehe nur zu
wohl, war ihre Antwort, da deine Warnung nichts weniger als berflssig ist;
aber ich kann weder meine Art zu leben noch meine Sinnesart ndern.
    Ich. Noch nie fhlte ich so lebhaft als in diesem Augenblick, beste Laiska,
da meine Liebe zu dir Freundschaft ist. Ich wrde mich selbst hassen, wenn ich
der selbstschtigen Anmaung fhig wre, die Glckseligkeit die du zu geben
fhig bist, zu meinem ausschlielichen Eigenthum machen zu wollen. Aber da das,
was nur die edelsten oder ganz besonders von den Gttern und dir begnstigten
Sterblichen zu genieen wrdig sind, jemals wenn auch einen noch so hohen
Marktpreis haben sollte, die nur zu denken, ist mir, in bloer Rcksicht auf
dich selbst, unertrglich.
    
    Sie. So weit, lieber Aristipp, soll und wird es niemals kommen.
    Ich. Gewi nicht, so lange ich selbst noch eine Drachme94 im Vermgen habe.
    Sie (lachend). Damit wrdest du das Unglck, das du befrchtest, nicht lange
verhten. Ich denke einen fr dich und mich bequemern Ausweg gefunden zu haben;
und damit ich dich ber dieses Kapitel auf einmal und fr immer ins Klare setze,
so hre, wie ich ber mein Verhltni zu deinem Geschlecht denke, und was fr
eine Maregel ich, zu meiner Sicherheit vor den Anmaungen desselben, bei mir
selbst festgesetzt habe. Ich sagte dir bereits mit der Offenheit, die du immer
bei mir finden sollst, da ich auf einen zwangfreien Umgang mit welchen Mnnern
es mir beliebt nicht Verzicht thun knnte, ohne ein wesentliches Stck meiner
Glckseligkeit aufzuopfern; ich sagte dir auch die wahre Ursache, warum ein
solcher Umgang Bedrfni fr mich ist. Denn da die gewhnliche Triebfeder der
wechselseitigen Anmuthung beider Geschlechter gegen einander sehr wenig Antheil
an diesem Zug meines Charakters habe, darf ich dir um so mehr gestehen, da ich
mir nichts darauf zu gut thue, und wofern es der Natur beliebt htte, mir das,
was seine Besitzerinnen Zrtlichkeit und Bedrfni zu lieben nennen, in einem
reichern Mae mitzutheilen, mich dessen keineswegs schmen wrde. Es wird dich
also wenig befremden, wenn ich dir sage, da, meiner Meinung nach, eine Frau,
die ihre Unabhngigkeit behaupten will, euer Geschlecht berhaupt als eine
feindliche Macht betrachten mu, mit welcher sie, ohne ihre eigene Wohlfahrt
aufzuopfern, nie einen aufrichtigen Frieden eingehen kann. Die ist, ducht
mich, eine nothwendige Folge der unlugbaren Thatsache, da der weibliche Theil
der Menschheit sich beinahe auf dem ganzen Erdboden in einem Zustande von
Abwrdigung und Unterdrckung befindet, der sich auf nichts in der Welt als
Ueberlegenheit der Mnner an krperlicher Strke grnden kann; da die Vorzge
des Geistes, in deren ausschlielichen Besitz sie sich zu setzen suchen, nicht
ein natrliches Vorrecht ihres Geschlechts, sondern eine der Usurpationen ist,
deren sie sich kraft ihrer strkeren Knochen ber uns angemat haben. Bei allen
Vlkern ist der Zustand der Weiber desto unglcklicher, je roher die Mnner
sind: aber auch unter den policirten Nationen, und bei der gebildetsten unter
allen, werden wir von den Mnnern berhaupt genommen entweder als Sklavinnen
ihrer Bedrfnisse oder als Werkzeuge ihres Vergngens behandelt, und die
schnste unter uns mte sehr bldsinnig seyn, wenn sie sich auf den Glanz oder
die Zahl ihrer vorgeblichen Anbeter und Sklaven das Geringste einbildete, und
sich selbst verbergen knnte, was die Herren bei dem betrglichen Spiele, das
sie mit unsrer Eitelkeit und Schwachherzigkeit treiben, gewinnen wollen.
Anakreon meint, die Natur, die jedes ihrer Geschpfe mit irgend einer Waffe zu
seiner Vertheidigung versehe, habe dem Weibe zur Schutzwehr gegen die Strke des
Mannes die Schnheit verliehen; aber ohne den Verstand, einen klugen und weisen
Gebrauch von ihr zu machen, ist die Schnheit selbst eine sehr zweideutige Gabe,
und ihrer Besitzerin meistens mehr nachtheilig als ntzlich. Ich fr meinen
Theil danke der guten Mutter Natur, da sie mich gerade mit so viel Verstand
bewaffnet hat, als ich nthig habe, um den Mann, im Allgemeinen, als den
natrlichen Feind meines Geschlechts anzusehen, gegen welchen wir nie zu viel
Vorsichtsmaregeln nehmen knnen. Der gesellschaftliche Zustand hat zwar einen
anscheinenden Frieden zwischen beiden Geschlechtern gestiftet; aber im Grund ist
dieser Friede auf Seiten der Mnner blo eine andere Art den Krieg fortzusetzen;
und da ihnen von der Strke ihrer Knochen und Muskeln gewaltsamen Gebrauch gegen
uns zu machen untersagt ist, so lassen sie sich's desto angelegener seyn, die
treuherzigen Vgelchen durch Schmeichelei und Liebkosungen in ihre Schlingen zu
locken. Und uns sollte nicht eben dasselbe gegen sie erlaubt seyn? Wir sollten
die Betrger nicht wieder betrgen, und falls wir klug genug sind uns vor ihren
Schlingen zu hten, das Einzige, wodurch wir an ihre schwache Seite kommen
knnen, unsre Reizungen, nicht auf jede uns beliebige und vortheilhafte Art
gegen sie gebrauchen drfen? Bei der groen Nemesis! ich mache mir so wenig
Bedenken darber, da ich mich selbst verachten wrde, wenn ich mir jemals ein
anderes Verhltni gegen das Mnnergeschlecht geben wollte, als das, wozu uns
sein Verfahren gegen uns einladet, und, wenn wir anders unsre alberne
Gutherzigkeit nicht zu spt bereuen wollen, nthiget. Da sie uns keine andere
Wahl gelassen haben, als entweder ihre Sklaven zu seyn oder sie zu den unsrigen
zu machen, was htt' ein Weib, das seine Freiheit liebt, hier lange zu bedenken?
- Du siehst die Grundlage meines Plans, lieber Aristipp; ich habe dir ohne
Zurckhaltung gezeigt, wie ich ber die Mnner denke, weil du fr mich kein
Mann, oder, wenn du lieber willst, mehr als ein Mann, weil du mein Freund, ein
mir verwandtes congenialisches Wesen bist. Was ich noch hinzuzusetzen habe,
errthst du vermuthlich von selbst. Ich opfre meiner Liebe zur Unabhnglichkeit
und dem Verlangen nach meiner eigenen Weise glcklich zu seyn, einen Namen auf,
und unterziehe mich dadurch den Folgen des nicht ganz ungerechten Vorurtheils,
das alle Arten von Personen drckt, die sich dem Vergngen des Publicums widmen
und dafr belohnt werden; aber meine Meinung ist nicht, diesen Namen anders als
auf eine eignen Bedingungen zu tragen. Diesen sich zu unterwerfen, kann ich
niemand zwingen; wer sie sich also gefallen lt, sollt' es ihm auch am Ende
dnken, da er einen schlechten Handel gemacht, und das Vergngen mich zu sehen,
zu hren und etliche frhliche Stunden unter Scherz, Musik und Tanz, mit Komus
und Bacchus, oder mit Amorn und den Grazien in meinem Hause zugebracht zu haben,
allzu theuer bezahlt habe, der wrde von mir und allen Verstndigen ausgelacht
werden, wenn er sich ber Unrecht beklagen wollte. Ich setze einen ziemlich
hohen, wiewohl unbestimmten Preis auf das Vorrecht, freien Zutritt in meinem
Hause zu haben, mache aber kein Geheimni daraus, da ich mich durch die
Geschenke, die ich von meinen Liebhabern, wie die morgenlndischen Frsten von
ihren um Gehr bittenden Unterthanen, annehme, zu keinen besondern, geschweige
ihnen selbst beliebigen Geflligkeiten verbunden halte. Es steht einem jeden
frei, seine Eitelkeit, oder seinen Wetteifer mit reichen und freigebigen
Nebenbuhlern, so weit zu treiben als er will; und wer an der Zulnglichkeit
seines persnlichen Werths zu zweifeln Ursache hat, mag immerhin versuchen, ob
er diesen Mangel durch den Werth der Opfergaben ersetzen knne, die er seiner
Abgttin zu Fen legt. Sie befindet sich, wiewohl sie ihre Gottheit blo der
Thorheit ihrer Anbeter zu danken hat, in diesem Stck in dem nmlichen Falle wie
alle andern Gtter, welche sehr wohl wissen, warum die Menschen ihnen Opfer
bringen, aber sich durch die Annahme derselben keineswegs verpflichten, alle
Wnsche der Opfernden zu erfllen, oder auch nur das, warum gebeten wird, zu
gewhren. - Was sagst du zu diesem Plan, Aristipp? Denkst du nicht, da er mir
im Nothfall hinlngliche Mittel verschaffen knne, meine dermalige Lebensweise
fortzusetzen, ohne jemals, wie du vorhin besorgtest, genthigt zu seyn, mich
unter mich selbst herabzuwrdigen?
    Ich. Ich sage, wenn er dir nicht gelnge, so wrde ich keiner andern rathen,
den Versuch zu machen. Aber es hat keine Noth; ich bin vielmehr berzeugt, du
wirst auf diesem Wege, selbst durch den Ruf da es eine hchst miliche Sache
sey, deinetwegen nach Korinth zu reisen95, in Gefahr kommen, nach und nach
Deukalions und Hellens ganze edle Nachkommenschaft, Dorier, Ionier und Aeolier,
vor deiner Thr liegen zu sehen.
    Sie (lachend). Das soll ihnen herzlich gern erlaubt seyn, vorausgesetzt, da
es immer von mir abhange, wem ich sie ffnen lassen will.
    Ich. Einer Theodota mchte ich deinen Plan nicht rathen. Um ihn mit Erfolg
auszufhren, mu man im Besitz deiner Schnheit, deiner Talente, deines
Verstandes und deiner - Klte seyn.
    Sie. Wie, mein schner Herr? Solltest du dich ber meine Klte zu beklagen
haben?
    Ich. Nicht zu beklagen, liebe Laiska! denn sie ist es eben, was deinen
kleinsten Gunstbezeugungen einen so hohen Werth gibt, da die Grazien dem Manne
nie gelchelt haben mten, der nicht den leisesten Hndedruck von dir den
freigebigsten Liebkosungen einer jeden andern vorzge. Auch ist die eine der
nothwendigsten Bedingungen der Ausfhrbarkeit deines Plans. Denn kein Liebhaber
dient lange ohne allen Sold, und eine Schne, die nicht gesonnen ist, viel zu
geben mu die Gabe besitzen, das Wenige mit einer Art zu geben da es viel
scheint. Du, schne Lais, besitzest diese Gabe in einem so hohen Grade, da ich
keinen Augenblick zweifle, du wrdest dir mit dieser Kunst, deine Liebhaber
durch den Zauber einer sich immer annhernden und entfernenden Hoffnung bei
gutem Muthe und in deiner Gewalt zu erhalten, so gut als die berhmte Thargelia
ein Diadem verschaffen knnen, wofern dich je die Lust anwandelte, deine
Freiheit gegen ein Diadem zu vertauschen.
    Sie. So hoch fliegen meine Wnsche nicht.
    Ich. In der That wrdest du einen schlimmen Tausch treffen.
    Sie. Das denke ich auch.
    Diese Lais - hre ich dich sagen, Kleonidas - ist in der That eine Hetre,
wie vermuthlich noch keine war und vielleicht in tausend Jahren keine wieder
erscheinen wird; aber mit aller ihrer Philosophie doch - nur eine Hetre, und
eine um so viel gefhrlichere, je mehr sie vor andern voraus hat. Nimm dich in
Acht, Aristipp! - Ich bin so ziemlich deiner Meinung, Freund Kleonidas; sie ist
ein gefhrliches Geschpf. Sie wird manchen Kopf verrcken, der vorher recht
stand, manchen Narren noch nrrischer machen, und manchen vollen Beutel leeren.
Was sie aus mir und dir machen wird (denn auch du wirst, wie ich hoffe, nach
Korinth kommen), wird die Zeit lehren.
    Der Tag meiner Trennung von dieser Circe, in der ich gleichwohl mehr einen
Freund als ein Weib liebe, rckt immer nher. Sie geht nach Korinth zurck, und
ich mache mich zu einer Reise in die Inseln fertig, von wannen ich in einigen
Monaten etwas leichter an Dariken, und reicher an Kenntnissen der Natur und der
Kunst, nach der schnen Athen zurckkehren werde. Bewunderst du mich nicht, da
ich mich mit so leichtem Herzen von der reizendsten aller Zaubrerinnen trennen
kann?

                                      21.



                                 An Kritobulus.

Mein Aufenthalt in Aegina hat lnger gedauert als ich vorhersehen konnte, und
meine Abwesenheit von Athen wird sich in eine noch grere Lnge ziehen; denn
ich bin im Begriff einen Streifzug durch die merkwrdigsten Inseln des
Aegeischen und Ionischen Meeres zu thun. Du hast vielleicht schon gehrt, da
ich unsern Freund Kleombrotus eingeladen habe, herber zu kommen und mich auf
dieser Reise zu begleiten. Die Luftvernderung wird seiner Gesundheit zutrglich
seyn, und die mannichfaltige Menge neuer Gegenstnde seiner allzuwirksamen
Phantasie eine andere Nahrung und einen weitern Spielraum geben, und sie dadurch
verhindern, sich in diejenigen, die ihn zeither einzig beschftigten, gar zu
tief hineinzugraben. Der Kreis, den unser ehrwrdiger Meister um sich her zu
sehen gewohnt ist, wird durch unsre Abwesenheit auf einige Zeit - um zwei, die
man kaum vermissen wird, vermindert: und wir werden mit einer Menge neuer Ideen
und praktischer Kenntnisse schwer beladen zurckkommen, die uns Stoff zum
Fragen, und ihm Gelegenheit, unsre Begriffe zu berichtigen, geben werden. Sage
ihm, es vergehe kein Tag, da ich mich nicht einer seiner weisen Lehren erinnere,
oder von einer seiner Maximen Gebrauch mache - nach meiner Weise, versteht sich;
denn an einer ngstlichen schlerhaften Copey wrde er selbst kein Wohlgefallen
haben. Wenn ich einen Weg zu machen habe, worauf man sich leicht verirren kann,
bin ich froh, wenn ich einen kundigen Wegweiser finde; ich gehe neben, auch wohl
zuweilen ein wenig vor oder hinter ihm, ohne meine Fe in seine Tritte zu
setzen, oder mich der Freiheit zu begeben, dann und wann einen kleinen Umweg zu
nehmen, um etwa einer Nachtigall im Gebsche zuzuhren, mich an einer schnen
Ansicht zu ergtzen, oder die Aufschrift an einem verfallenden Denkmal zusammen
zu buchstabiren. Es ist mit der Philosophie, denke ich, wie mit den Nasen; das,
was eine Nase zur Nase macht, ist bei allen dasselbe, und doch hat jedermann
seine eigene.

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                               Lais an Aristipp.

Wie, mein weiser Freund? Sollt' es wirklich dein Ernst seyn? Ich soll mich von
Lesbos aus so treuherzig machen lassen, nach einer Abwesenheit, binnen welcher
der Mond fnfmal gewechselt hat, an - deine Treue zu glauben? Du httest dich
nur darum in einen Liebeshandel mit der reizenden Lesbierin verwickelt, um mir
einen recht heroischen Beweis zu geben, da die bloe Erinnerung an deine
Anadyomene hinlnglich sey, alle Pfeile, die Eros aus den groen schwarzen Augen
der schnen Leukonoe nach deinem Busen schiet, kalt und kraftlos abglitschen zu
lassen? und da ein Mann nichts als eine Haarlocke von Lais am Finger zu tragen
brauche, um einer so warmen und verfhrerischen Liebhaberin, wie du mir deine
Wirthin beschreibst, widerstehen zu knnen? Und deine freilich noch ziemlich
unerfahrne Freundin sollte so gefllig seyn, sich ein solches Mhrchen wei
machen zu lassen? blo weil sie gestehen mu, es wre ganz artig, wenn es - kein
Mhrchen wre? Nein, guter Aristipp! so weit geht die Liebe zum Wunderbaren
nicht bei mir, und ich wollte den besten Ku, den ich zu geben vermag, daran
setzen, knnt' ich mich in diesem Augenblick (die Stunde sag' ich dir aus guten
Ursachen nicht) in das zierliche kleine Cabinet, wovon du mir eine so genaue
Beschreibung machst, versetzen; ich wrde etwas nicht halb so Wunderbares sehen,
als die Treue, woraus du dir, vermuthlich um der Seltenheit der Sache willen,
ein so groes Verdienst bei mir zu machen scheinst. Aber denke nicht, mein guter
Philosoph, da ich die kleine Schlange nicht gewahr werde, die unter diesen
Blumen versteckt liegt. Du hast ausfindig gemacht, da Gromuth meine schwache
Seite ist. Wenn ich sie, denkst du, nur erst so weit bringen kann, da sie an
meine Treue glaubt, so ist mir die ihrige gewisser, als wenn ich sie unter
sieben Riegel im ehernen Thurm der Danae eingeschlossen hielte. Sie wird sich in
der seltensten aller Tugenden nicht von mir bertreffen lassen wollen, und kme
auch der schnste der Gtter, der ewig junge Bacchus selbst, mich aus ihrem
Herzen zu vertreiben. Nicht wahr, Aristipp, ich habe dich errathen? Aber was du
mit allem deinem Scharfsinn ewig nicht errathen httest, whrend du dich zu
Lesbos mit der schnen Leukonoe - in der Tugend bst, hab' ich unter dem
prchtigsten Ahorn in der Welt am Quell des Ilissus, unweit Athen, eine
Eroberung gemacht, die du mir nicht zugetraut httest - und nun rathe!

                                      23.



                             Lais an Ebendenselben.

Wenn eine Frau die Neugier eines Mannes geflissentlich erregt, so macht sie sich
dadurch anheischig, sie zu befriedigen. Nicht wahr? Ihr andern nehmt das fr
eben so gewi, als ob sie sich mit Brief und Siegel dazu verbindlich gemacht
htte, und - ihr habt Recht. Ich sume also nicht, lieber Aristipp, dir vor
allen Dingen begreiflich zu machen, wie ich unter den groen Ahorn am Quell des
Ilissus gerathen bin.
    Meine Zurckkunft nach Korinth erneuerte die Ansprche zweier oder dreier
junger Eupatriden, die keinen schlimmen Handel zu treffen glauben, wenn sie sich
mit dem Eigenthum meiner kleinen Person ein gesetzmiges Recht an den Nachla
meines alten Patrons erkaufen knnten, der ihnen beraus gelegen kme, die
Lcken ihrer verpraten Erbgter wieder auszufllen. Weil ich alles gern auf
eine decente Art mache, so dulde ich die Bewerbungen dieser speculativen Kpfe,
ohne sie weder aufzumuntern noch abzuschrecken, und htte sich noch ein vierter
gefunden, dessen Umgang etwas mehr Interesse fr mich gehabt htte, so mchte
ich den Isthmus96 von acht oder neun Monaten, der mich von Aegina trennt, noch
ertrglich gefunden haben. - Ihr seyd so eitle Geschpfe, ihr andern, da ich
dir's vielleicht nicht gestehen sollte; aber da du es doch von selbst errathen
httest, will ich's lieber frei bekennen, da ich dich, bevor die sieben ersten
Tage vorbei waren, schon lebhafter vermite als ich mir selbst zugetraut htte.
Meine Liebhaber hatten freilich, nach der lstigen Unverdrossenheit ihrer
Aufwartungen zu urtheilen, keine lange Weile bei mir; aber dafr machten sie mir
deren so viel, da ich des albernen Spiels endlich berdrssig ward. Nein, sagte
ich, es ist nicht lnger auszuhalten; Aristipp lt mich sitzen und schaukelt
sich zwischen den Cykladen herum. Wie wenn ich ihm nachreis'te? - Nachreisen? -
Pfui! das she ja gleich so aus, als ob eine verlass'ne Ariadne ihren Ungetreuen
verfolgen wollte? Nein, nicht nachreisen, aber reisen will ich, und zwar nach
Athen, um, whrend er sich auf den Schaupltzen alter Gtter und Heldenmhrchen
herumtreibt, seine Stelle - bei dem weisen Sokrates einzunehmen. Gedacht,
gethan! Es wird eingepackt, angespannt, ich setze mich mit meinen Grazien (wie
du sie zu nennen pflegtest) in den Wagen und rolle davon, von drei wohl
bewehrten Dienern zu Pferde begleitet, wiewohl die Landstrae zwischen Korinth
und Athen nicht mehr so unsicher ist wie zu Theseus Zeiten. Ich verweile mich
etliche Tage zu Megara, wo ich Geschfte mit einem alten Gastfreund des
Leontidas abzuthun hatte, setze meine Reise fort, und lange an einem schnen
Abend in einiger Entfernung von Athen auf einem mit Bumen und Gebschen
bekrnzten Hgel an, dessen Anmuth mich und meine Nymphen zum Absteigen
einladet. Ich befehle meinen Leuten langsam fortzufahren und mich bei einem
gewissen Tempel, der an unserm Wege liegt, zu erwarten. Kaum sind wir auf dem
weichsten Rasen ein paar hundert Schritte vorwrts gegangen, als ein prchtiger
Ahorn97 von ungewhnlicher Gre und Schnheit unsre Augen auf sich zieht, neben
welchem in kleiner Entfernung eine krystallhelle Quelle, zwischen Rosen und
Lorberbschen rieselnd, unvermerkt zu einem Bach wird, der den durchgehenden
kaum die Knchel benetzt. Ein rstiger, wiewohl glatzkpfiger Alter, an Gestalt
und Gesichtsbildung wie man die Silenen abzubilden pflegt, und ein schner zum
Manne heranreifender Jngling, beide unbeschuht, der Alte nur mit einem kurzen
hier und da ausgefaserten Mantel, der andere weniger sprlich und beinahe
zierlich bekleidet, sitzen auf einer Rasenbank am Fu des Ahorns, und scheinen,
in einem lebhaften Gesprche begriffen, uns nicht eher gewahr zu werden, bis
wir, vllig aus dem Gebsche hervortretend, kaum noch zwanzig Schritte von ihnen
entfernt sind. Jetzt erblicken sie uns, stutzen, flstern einander etliche leise
Worte zu, und sehen aus, als ob irgend eine magische Gewalt es ihnen unmglich
mache aufzustehen und sich zu entfernen. Wir waren alle vier zwar so leicht wie
es die Hitze des Tages erforderte, aber (was sich ohnehin versteht) sehr sittsam
und einfach gekleidet, und es begreift sich, da der unerwartete Anblick vier
solcher Figuren wie wir, an einem so einsamen und dichterischen Orte, etwas
Auffallendes und beinahe Wunderbares fr sie haben mute. Ich gehe langsam auf
sie zu, gre sie, und frage, weil mir nicht gleich eine andere Einleitung
beifallen will, ob die der nchste Weg nach Athen sey? Mir duchte als ob sie
sich durch diese Frage merklich erleichtert fhlten; denn ich wollte wetten, der
alte Herr, der etwas aberglubisch seyn soll, wrde verlegen gewesen seyn, wie
er uns anreden msse, um der Sache weder zu viel noch zu wenig zu thun. Nun
bersah er mich aus seinen groen weit hervorstehenden Augen vom Kopfe bis zu
den Fen, und erwiederte in einem freundlichen Tone, wir knnten die Stadt auf
keinem Wege mehr verfehlen. Dieser Ort ist so anmuthig, sagte ich, da wir uns,
wenn es euch nicht zuwider ist, einen Augenblick zu euch setzen, und an euerm
unterbrochnen Gesprch, wofern es keine Geheimnisse betrifft, Antheil zu nehmen
wnschen. Beides, versetzte er, steht euch frei, wiewohl der Gegenstand, womit
wir uns beschftigten, wirklich eine Art von Geheimni ist. An einem den Musen
geheiligten Orte wie dieser, sind Personen wie ihr nie zu viel. Nicht wahr,
junger Mann? Der Jngling errthete, sah ihn lchelnd an, und nickte Beifall.
Geheimnisse, erwiederte ich, an denen man die ersten besten Antheil nehmen
lassen kann, mssen wenigstens sehr unschuldig seyn. Das eurige war vermuthlich
ein philosophisches?
    Der Alte. Und gehrt ganz besonders unter eure Gerichtsbarkeit; denn es
betraf Schnheit und Liebe. Da die Liebe sich doch nur an das Schne hlt, so
suchten wir dahinter zu kommen, was denn eigentlich das Schne sey.
    Ich. Und was fandet ihr?
    Der Alte. Da, wiewohl jedermann das Schne liebt, doch vielleicht nicht
Einer sich selbst oder andern zu sagen wei, was es sey.
    Ich. Vielleicht ist es mit dem Schnen wie mit der Farbe, die jeder Sehende
kennt und unterscheidet, wiewohl er nicht sagen kann was Blau oder Grn ist.
    Der Alte. Du meinst vermuthlich, jedermann kann sagen, die Kraut ist grn,
diese Blume roth, diese blau; aber niemand kann sagen, was die Grne, die Blue,
die Rthe sey?
    Ich. Es kann auch, dchte ich, niemanden viel daran gelegen seyn, ob er's
sagen kann oder nicht.
    Der Alte. Mit den Farben mag es immerhin diese Bewandtni haben: aber was
das Schne betrifft, so mcht' es wohl gut, ja sogar nthig seyn, sagen zu
knnen, was es ist, damit wir immer sicher seyn knnten nichts zu lieben als was
wirklich und immer schn ist.
    Ich. Aber sollte die denn auch so nthig seyn als du zu glauben scheinst?
Verzeih, ehrwrdiger Unbekannter, wenn ich meine Meinung zu frei sage!
    Der Alte. Ich werde die meinige eben so frei sagen, und so sind wir quitt.
    Ich. Man hat Beispiele, da auch Gegenstnde, die entweder nie schn waren
oder es zu seyn aufgehrt hatten, leidenschaftlich geliebt wurden.
    Der Alte. Gewi! Aber diese Gegenstnde werden dann geliebt, nicht weil sie
hlich, sondern weil sie ungeachtet ihrer Hlichkeit dennoch liebenswrdig
sind. Ich glaube nicht da jemals ein Mensch war, dem ein Hcker etwas sehr
Liebreizendes geducht htte; aber da eine hckerige Person demungeachtet sehr
liebenswrdig seyn knne, ist wohl unlugbar.
    Ich. Nicht nur das; es gibt Leute welche behaupten, ein wahrer Liebhaber
finde sogar den Hcker des Geliebten schn, und es soll wirklich solche
bezauberte Virtuosen in der Liebe geben.
    Der Alte. Was dir, schne Dame, unbegreiflich ist; nicht wahr?
    Der Jngling. Ich bekenne da ich einer von diesen Bezauberten bin.
    Der Alte. Alles was du diesen Damen damit bewiesen httest, wre, da es
eine Liebe gibt, die eine Art von Wahnsinn ist.
    Ich. Sollte nicht jede wahre Liebe eine Art von Wahnsinn seyn? - Der Alte
betrachtete mich, statt der Antwort, mit einem forschenden Blick; aber der
Jngling platzte heraus: wenn die ist, schne Fremde, so brauchst du nur zu
reisen, um alle unsre Stdte, vom Tnaros bis zum Athos98 in lauter Irrenhuser
zu verwandeln.
    Ich. Wenn es wahr wre, da die Wahnsinnigen die glcklichsten unter den
Menschen sind, so httest du mir etwas sehr Verbindliches gesagt. Wer wollte
nicht wnschen, alle Menschen glcklich machen zu knnen?
    Der Alte. Das wren sie schon lange, wenn Wahnsinn glcklich machte. Aber
noch hab' ich keinen Menschen gesehen, der sich gewnscht htte wahnsinnig zu
seyn.
    Ich. Vermuthlich auch keinen Liebhaber, der es zu seyn geglaubt htte,
wiewohl sie es alle sind.
    Der Alte. Ich htte groe Lust, dir zu beweisen, da du dich sehr an der
Liebe versndigest; aber der Tag neigt sich, und es ist noch eine ziemliche
Strecke von hier bis zur Stadt.
    Ich. Ich habe einen Wagen der auf mich wartet. Er hat viel Raum, und doch
darf ich es wohl schwerlich wagen, euch einen Platz darin anzubieten?
    Der Alte. Wenn du einen Triumpheinzug in Athen halten willst, so wre die
das krzeste Mittel; du wrdest unfehlbar in wenig Augenblicken die ganze Stadt
vor, neben und hinter dir her haben. Wir beide sind, wie du siehest, Fugnger
und ganz dazu eingerichtet. Aber, wenn die Frage nicht unbescheiden ist,
gedenkst du dich in Athen zu verweilen?
    Ich. Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach. Ich wollte von allem, was in
Athen zu sehen ist, nur einen einzigen Mann kennen lernen, und der Zufall hat
mich mehr als ich hoffen durfte begnstiget. Lebet wohl!
    Und so eilte ich mit der Leichtfigkeit einer Waldnymphe von dannen,
bestieg meinen Wagen wieder, und lie meine beiden Bewunderer, vermuthlich sehr
ungewi was sie aus mir machen sollten, bald so weit hinter mir, da ich sie
vllig aus den Augen verlor.
    Wie gefllt dir dieser Anfang, Aristipp? Er ist, wie du nicht zweifeln
wirst, mit groen Begebenheiten schwanger, und wenn du mich recht schn bittest
- oder auch nicht bittest, so habe ich groe Lust, dich mit der ganzen
Geschichte meiner philosophischen Mystificirung in Athen zu beschenken. Ich bin
nicht eitel genug mir im Ernst mit der einzigen Eroberung zu schmeicheln, die
mich hoffrtig machen knnte - der Mann sieht mir zu hell aus seinen
Delphinsaugen - Aber da er die meinige gemacht hat, es mag ihm nun schmeicheln
oder nicht, das hat seine Richtigkeit.

                                      24.



                               Aristipp an Lais.

Vor allen Dingen, schne Halbgttin, lass' dir ein kleines Abenteuer erzhlen,
das mir dieser Tage aufstie, da ich den ganzen Morgen damit zugebracht hatte,
die Berge um Mytilene zu durchstreichen. Du weit, denke ich, da die
Kruterkunde seit einiger Zeit meine Lieblingsbeschftigung ist, als eine Art
Studien, wozu ein wandernder Weltbrger, wie ich, aller Orten Stoff findet, und
wovon er gelegentlich allerlei ntzlichen Gebrauch machen kann. Ich hatte mich
ziemlich weit ins Gebirge hinein verirrt; die Sonne wurde drckend und mein
Gaumen sehr trocken, als ich endlich am Fu eines Felsens, an welchem eine
Heerde Ziegen herumkletterte, unter einem hohen Nubaum eine Htte, und vor der
Thr der Htte ein junges Weib erblickte, die im Schatten sitzend Wolle spann.
Ich bat sie um ein wenig Wasser meinen Durst zu lschen, und sie eilte mir einen
Topf voll frischer Milch zu holen, und bot mir ihn freundlich hin, weigerte sich
aber, beinahe beleidigt, da ich ihr ein paar Drachmen in die Hand drckte, etwas
anzunehmen, weil es (sagte sie) nicht Sitte in Lesbos sey, sich fr solche
kleine Liebesdienste bezahlen zu lassen. - Werde nicht ungehalten, liebe Laiska!
Mein Abenteuer war freilich des Erzhlens nicht werth; aber es ist gerade, als
ob ich dir meine Geschichte mit meiner geflligen Wirthin zu Mytilene erzhlt
htte. Leider ist hier keine Gelegenheit, mir aus der Treue, ber die du
spottest, ein Verdienst bei dir zu machen. Es ist etwas, das einem jeden chten
Sokratiker, ja dem Meister selbst, alle Tage begegnen knnte. Schwerlich gibt es
eine anspruchlosere Tochter der Natur als die gute Leukonoe. Was sie zu geben
hat, ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes, da sie sich schmen
wrde, einen grern Werth darauf zu legen, als meine Ziegenhirtin auf ihren
Topf mit Milch. Meine Treue bleibt dir also auf rhmlichere Gelegenheiten
vorbehalten; auch wollt' ich wetten, du bist von der Unmglichkeit meiner
Untreue so vllig berzeugt, da es lcherlich wre, wenn ich jemals damit gro
gegen dich thun wollte. Es gibt nur Eine Lais, die alle Arten von Reizen in sich
vereiniget, und auf alle mgliche Weise liebenswrdig ist. Ueber wen wollte sie
eiferschtig seyn? Das ist eine Leidenschaft, die sie ihren Liebhabern berlt.
Aber wehe dem, der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie darber
nimmt! Ich wei wohl, du wirst die stolze Ruhe, womit ich dich in der Welt
herumschwrmen sehe, mit dem verhaten Namen Kaltsinn belegen; aber ich hlle
mich in meine Unschuld. Denn ich bleibe dabei, der ruhige Liebhaber ist der
einzige zuverlssige Liebhaber. Bei allem dem ist es nicht einmal wahr da ich
so ruhig bei deiner Reise nach Athen bin als ich vorgebe: nicht, weil du gerade
so viel Anbeter dort zurcklassen wirst, als Mnner die dich gesehen haben; und
wer wird dich nicht sehen wollen? Die ganze Welt soll vor dir knien, das ist es
ja eben was ich will! Was ich befrchte ist blo, da du gerade den Einzigen,
dessen Eroberung dir schmeicheln wrde, nicht erobern wirst. Denn da du sie
bereits gemacht httest, ist doch wohl nur Scherz. Arme Laiska! Ich fhl' es
schon in allen Nerven, wie es dich krnken wrde, vergebens nach Athen gereist
zu seyn! Aber ich frchte! ich frchte! Diesen Kopf zu verrcken, wrde der
Gttin selbst, deren sichtbare Statthalterin du bist, nicht mglicher seyn als
dir. Ich werde deinen nchsten Brief mit Zittern erbrechen, und kann ihn doch
kaum erwarten.

                                      25.



                               Lais an Aristipp.

Aber wer sagt dir denn, wunderlicher Mensch, da ich mir nur im Traum einfallen
lasse, den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrcken zu wollen? -
Und wenn ich es knnte, wrdet ihr andern desto weiser seyn? Da ihr doch alle,
ohne Ausnahme, wie es scheint, gar viel dabei zu gewinnen glaubt, wenn ihr einen
groen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen knntet; als ob er nicht
immer um eben so viel grer bliebe als ihr, wenn er auch auf derselben Flche
mit euch steht. Wie konntest du dir einbilden, ich werde nicht merken, warum du
so ngstlich fr den Ruhm meiner Reizungen bekmmert bist? Aber sey ohne Sorgen,
mein Freund! Ich mache keinen Anspruch von einem Manne wie Sokrates anders als
nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden, und es wrde mir unendlichemal
weniger schmeicheln, wenn ich, um sein Herz zu gewinnen, ihm vorher den Kopf
verrcken mte. Glcklicher Weise ist die Sache bereits entschieden; mein Spiel
ist gewonnen, und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden, weil ich es
ohne hetrische Winkelzge aufrichtig und redlich gewonnen habe. Doch alles an
seinem Ort und zu seiner Zeit!
    Es gefllt mir hier so wohl, da ich gute Lust habe, ein Tagebuch ber
meinen hiesigen Aufenthalt zu schreiben, und du sollst sehen, da der weiseste
aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt.

    Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier, und von diesen ist kein einziger
vorbeigegangen, ohne da ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen htte.
Allenthalben, wo ich zu sehen bin, ist er auch; in der groen Halle, in der
Akademie, im Odeon, auf dem Ziegelplatz, im Piros, unter den Propylen, berall
wo ich hingehe, find' ich ihn immer schon da, oder bin doch gewi, da er wie
gerufen kommen wird. Du lachst, Aristipp, da ich so einfltig bin, etwas auf
meine Rechnung zu setzen, was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu
thun pflegt. - Man ist es, sagst du, zu Athen gewohnt, ihn aller Orten zu
sehen, wo viele Menschen zusammenkommen; und er wrde gar nicht mehr bemerkt
werden, wenn er nicht so viel und so laut sprche, da man ihn wohl hren mu,
man wolle oder nicht. - Aber, mein schner Herr, da er mich in acht ganzen
Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte, wenn unser
Zusammentreffen bloer Zufall wre, das sollst du mich nicht bereden! Und da er
immer nur mit mir spricht, kommt wohl auch daher, weil sonst niemand mit ihm
reden mag? Und da er, seit ich zu Athen bin, tglich ins Bad geht, und Sohlen
unter die Fe bindet, und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt,
hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht? - Hre, Aristipp! ich
sage dir, verkmmere mir meine Freude nicht, oder wir bleiben nicht lange gute
Freunde!

    Das mu ich den Athenern nachrhmen, sie betragen sich, auch seitdem der
erste Taumel vorber ist, mit vieler Urbanitt und Artigkeit gegen mich und
meine Grazien. Aber freilich, immer in Ungewiheit zu schweben wie ich heie?
Wer ich bin? Wo ich herkomme? Was ich zu Athen zu suchen habe? Wie lange ich
bleiben werde? Wie es mir da gefllt? - und einander ber alle diese Fragen
keine Antwort geben zu knnen, ist mehr als man einem so lebhaften und
wibegierigen Volke zumuthen kann. Ueber den letzten Punkt erhalten sie zwar bei
jeder Gelegenheit die verbindlichsten Erklrungen; aber ber alles Uebrige
muten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht, die sie von meinen
Leuten in grtem Vertrauen erhielten, behelfen: da wir sehr weit herkmen, da
ich mich eines Gelbdes gegen die groe Gttermutter von Berecynth99 zu
entledigen htte, und da ich nach Athen gekommen sey, weil ja niemand sagen
knnte, er habe etwas Sehenswrdiges in seinem Leben gesehen, wenn er Athen
nicht gesehen htte. Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus: aber wie
das Aufsehen, das ich gegen meine Absicht erregte, immer auffallender wurde; wie
man berall von nichts als der schnen Unbekannten sprach, und tausenderlei
lcherliche Sagen, Vermuthungen und Hypothesen ber sie herumliefen, fanden
endlich die Gynkonomen100 fr nthig, ihr Amt zu verrichten, und sich etwas
nher, wiewohl sehr manierlich, nach meinem Namen und Stande zu erkundigen. Um
ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden, fiel mir in der
Eile nichts Besser's ein, als mich (mit deiner vorausgesetzten Erlaubni) fr
eine Cyrenerin, Namens Anaximandra, eine Verwandte von Aristipp, Aritadessohn,
auszugeben, die, wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen, fr gut
gefunden htte, auszuwandern, und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in
ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten. Die Herren zogen sich nach Empfang
dieser Auskunft mit allem mglichen Atticism wieder zurck, und seitdem begegnet
mir, wie mich dnkt, jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und Achtung; so
gro ist der Credit, in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten
Kechenern gesetzt hat. Du kannst dir leicht vorstellen, da ich mich, um meinen
neuen Namen und Stand gehrig zu behaupten, bei meinem Verehrer Sokrates nach
dir erkundigen mute. Um dich weder zu stolz noch zu demthig zu machen, will
ich dir nicht wieder sagen, was er von dir urtheilt. Genug, ich sagte ihm: da
du, bei vielen Fhigkeiten und guten Eigenschaften, von etwas leichtem Sinne
wrest, und das Vergngen vielleicht etwas mehr liebtest, als einem edeln
emporstrebenden Jnglinge zutrglich sey, so htte die Familie geglaubt nicht
besser thun zu knnen, als wenn sie dir auf einige Zeit das Glck um Sokrates zu
seyn verschaffte; - und er versicherte mich dagegen, die Schuld werde nicht an
ihm liegen, wenn die gute Absicht deiner edeln Familie verfehlt werden sollte.
Das lass' dir gesagt seyn, Vetter Aristipp!

    Wenn ich Lust htte, dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten
Classe, und den bel verhehlten kleinen Entwrfen ihrer Vter, einige
Aufmunterung zu geben, so wrde mein Aufenthalt zu Athen eine Kette von
Lustpartien, Gastmhlern und Vergngungen aller Gattung seyn. Die allgemeine
Schwrmerei, die meine Erscheinung erregte, ging anfangs so weit, da ich sogar
einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann. Ich glaube, wenn
ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz
genommen htte, niemand wrde mir das Recht dazu streitig gemacht haben. Dieser
Grad von Berauschung konnte natrlicher Weise von keiner langen Dauer seyn:
dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen, bei allen, die sich
durch persnliche oder angeerbte Vorzge dazu berechtigt halten, eher zu als
abgenommen. Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel mglich, und
bleibe meinem Plan getreu. Des Sokrates wegen bin ich nach Athen gekommen, und
ihm vorzglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet seyn. Ich habe mir
alle Einladungen in die Huser meiner Verehrer verbeten, und sehe, auer an
ffentlichen Orten, keine Gesellschaft als in meiner eigenen Wohnung. Denn ich
habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates (der mir die strengste
Verschwiegenheit versprochen hat) ein ganz artiges kleines Haus mit einem
gerumigen Saale gemiethet, wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft
von ltern Freunden des Sokrates einfindet, unter welchen er selbst nur selten
fehlt. Die jngern sind (zu groer Unlust des schnen Phdrus, meines erklrten
Anbeters) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen. Ich wollte, du knntest sehen, wie
hbsch ich mich als Wirthin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht
weisen Mnnern ausnehme, von denen der jngste seine funfzig Jahre auf dem
Rcken hat; und wie stolz wrdest du erst auf deine neue Base seyn, wenn du sie
mit solchen Antagonisten ber das selbststndige Schne und Gute, ber den Grund
des Rechten, ber das hchste Gut und ber die vollkommenste Republik ganze
Abende lang disputiren hrtest, und bemerktest, mit welcher Natur oder Kunst
(wie du willst) sie diesen sprden Materien ihre Trockenheit zu benehmen, und
die graubrtigen Streithhne selbst in gebhrender Zucht und Ordnung zu erhalten
wei. Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen; er, dessen
scharfer Blick, treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer
Gesellschaft macht. Der undankbarste Stoff wird unter seinen Hnden reichhaltig,
und die scherzhafte sympotische Manier101, womit er die subtilsten Probleme der
Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprchen zuzurichten wei,
scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner, wenigstens immer zu grerm
Vergngen der Zuhrer, zu lsen, als durch eine ernsthaftere und schulgerechtere
Analyse geschehen wrde. Aber Ehre dem Ehre gebhrt! Die schne Anaximandra thut
natrlicherweise ihre Wirkung, und seine ltesten Freunde versichern mich, da
sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgerumt und jovialisch gesehen haben,
als - seit dem Tage meiner Ankunft in Athen. Nenn' es nun und erklre dir's wie
du willst; ich streite nie um Worte, aber du wirst mir erlauben, da ich mich an
die Erklrung halte, die fr meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist.

    Ich gefalle mir so wohl zu Athen, da ich, wenn mir Eurybates reinen Mund
hlt, und nicht etwa ein neidischer Dmon mir jemand, der mich zu Korinth
gekannt hat, in den Weg wirft, groe Lust habe, meinen Aufenthalt noch um
mehrere Tage zu verlngern.
    Mein geheimes Liebesverstndni mit dem alten Sptter (denn bis zu
Erklrungen ber einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es
zwischen uns noch nicht gekommen) geht noch immer seinen Gang, und ich schliee
aus dem Vergngen, das ich an seinem Umgang finde, da ihm der meinige
wenigstens eben so angenehm seyn msse. Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat,
glaube ich doch etwas Neues fr ihn zu seyn; und bei aller seiner anscheinenden
Beschrnktheit, hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere
Empfnglichkeit und einen reinern Sinn fr alles Menschliche gehabt als er.

    Wnsche mir Glck, Aristipp! heute hab' ich einen ganzen Morgen mit meinem
Liebhaber Sokrates auf der Burg von Athen unter vier Augen zugebracht; denn die
ehrliche Haut Simmias von Theben und den feinen wohlerzogenen Kritobul, die ihn
begleiteten, rechne ich fr nichts, weil sie so bescheiden waren uns fast immer
allein zu lassen. Wir besahen alle Merkwrdigkeiten des Orts, der das Sublimste
und Schnste, was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben, in
keinem grern Raume vereiniget, als gerade nthig war, um dem Auge alles unter
einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen. Mir war als
ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal she, da ich sie mit Sokrates sah,
wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war. Am
lngsten verweilten wir, wie billig, unter den Propylen, wo die schnsten
Bildsulen von Phidias, Alkamenes, Myron und Menon uns ein paar Stunden
unterhielten. Sokrates, wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer, sprach
von diesen Werken mit der verstndigen Bescheidenheit eines Mannes der den
Meiel seit vierzig Jahren nicht gefhrt hatte und, seinem eigenen Urtheil nach,
nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war. Indessen schien er mir
Bemerkungen zu machen, wovon auch ein Meister htte Vortheil ziehen knnen. Ich
fragte ihn, in welche Rangordnung er die genannten Knstler stelle. Frage lieber
dein eigen Gefhl, war seine Antwort. - So ist Phidias der erste. - Unstreitig,
erwiederte er. In Phidias findet sich alles, was den groen Knstler macht,
beisammen; er ist, so zu sagen, ein Homer, der statt in Versen, in Marmor und
Elfenbein dichtet. Ihm allein scheinen die Gtter, die er bildete, wirklich
erschienen zu seyn: Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu gttlichen
zu veredeln. Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie brig
gelassen. Menon, vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias, ist
gegen diese drei - nichts als ein Lehrling. Eine Diane von Myron veranlate
mich, den Wunsch hren zu lassen, da ich die Grazien sehen mchte, welche
Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte. Sie sind nicht werth von dir
gesehen zu werden, versetzte er; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen; aber
seitdem ich deine Grazien kenne, wrde ich die meinigen noch zehnmal steifer und
steinerner finden als sonst. - Meine Grazien? sagte ich verwundert: es sind
allerdings drei liebliche Mdchen; aber doch - Ich rede nicht von deinen
Aufwrterinnen, schne Anaximandra: ich meine deine eigenen Grazien - Mache
mich nicht stolz, Sokrates; ich dachte nicht da du auch schmeicheln knntest. -
Zum Beweise da ich weder schmeichle noch scherze, will ich mich nher
erklren. Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt, die dich
aus allen Schnen, die mir jemals vorgekommen sind, auszeichnen, und dir gerade
das sind, was der Liebesgttin die Grazien. Das erste ist ein dir eignes, kaum
sichtbares, deinen Mund, deine Augen, dein ganzes Gesicht sanft umflieendes
Lcheln, das nie verschwindet, es sey da du sprichst oder einem andern zuhrst,
auch sogar dann nicht, wenn du etwas Miflliges siehest oder hrest, zu trauern
oder zu zrnen scheinst; das zweite, eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit
im Gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Krpers, die dir, wenn du
gehest, etwas Schwebendes, und wenn du in Ruhe bist, das Ansehen gibt, als ob
du, ehe man sich's versehe, davon fliegen werdest; eine Leichtigkeit, die
niemals weder an sich selbst vergessende Lssigkeit noch an Leichtfertigkeit
streift, und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen
Wrde verbunden ist. - Eine pltzliche Schamrthe ergo sich, wie er die mit
so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte, ber mein ganzes Gesicht, bei dem
Gedanken, da ich mit einem so guten und ehrwrdigen Manne am Ende doch nur
Komdie spiele. - Gut; rief er, da haben wir deine dritte Grazie! diese holde
Schamrthe, die Tochter des zartesten Gefhls, die dem Adel deiner
Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewutseyns nichts benimmt, und sich
dadurch so wesentlich vom Errthen der kindischen oder burischen Verlegenheit
unterscheidet. Ein Bildhauer, der Genie und Kunst genug bese, dieses Lcheln,
diese Leichtigkeit und dieses Errthen zu verkrpern und in Gestalt dreier
lieblicher Nymphen darzustellen, htte uns die Grazien dargestellt.
    Gestehe, Aristipp, da es keine sehr leichte Sache war, in diesem
Augenblicke nicht ein wenig aus meiner Rolle zu kommen. Aber Sokrates selbst
half mir ohne sein Wissen wieder hinein. Ich sage dir die, fuhr er fort, weder
um deine Eigenliebe zu kitzeln, noch weil es mir im geringsten schwer gewesen
wre, meine Bemerkungen fr mich zu behalten; sondern, weil ich diese
Gelegenheit nicht entschlpfen lassen mchte, ohne dir die hohe Bestimmung zu
Gemthe zu fhren, um derentwillen die Gtter so viel Schnheit und Wrde mit so
viel Reiz und Anmuth in dir vereiniget haben.
    Und nun, Freund Aristipp, setzte er sich mit mir unter den groen Oelbaum
vor dem Tempel der Athene Polias102, und begann, mit einer ihm nicht
gewhnlichen Begeisterung, eine lange Rede ber - Schnheit und Liebe. Er setzte
als etwas, woran ich nicht zweifeln knne, voraus, da beide ohne Tugend weder
zu ihrer Vollkommenheit gelangen, noch von Dauer seyn knnten. Er bewies, indem
er die Begriffe in seiner etwas spitzfindigen Manier sonderte und entwickelte,
da das Schne und Gute im Grund eben dasselbe, und Tugend nichts anders als
reine Liebe zu allem Schnen und Guten sey; eine Liebe, die vermge ihrer Natur,
gleich der Flamme, immer emporstrebe, durch nichts Unvollkommnes befriediget
werde, und nur im Genu des hchsten Schnen, zu welchem sie stufenweis
emporsteige, Ruhe finde. - Und was meinst du, da er mit dem allen wollte?
Nichts geringeres als mich berzeugen, da die Natur mich ganz eigentlich zu
einer Lehrerin und Priesterin, ja noch mehr, zu einer unmittelbaren Darstellerin
des Ideals der Tugend, mit Einem Wort, zur personificirten Tugend selbst
bestimmt und ausgerstet habe; und da es also die erste meiner Pflichten sey,
die Erreichung dieses hohen Ziels zum groen Geschfte meines Lebens zu machen.
    Es wrde mir kaum mglich seyn, nur den zehnten Theil der erhabenen Dinge,
die er mir sagte, wieder zusammen zu bringen; aber des Schlusses seiner Rede
erinnere ich mich noch von Wort zu Wort. Wenn, sagte er, die Tugend sich
sichtbar machen knnte, was fr eine andere Gestalt als die deinige knnte sie
annehmen wollen, um alle Herzen an sich zu ziehen und fest zu halten? Es hngt
blo von deinem Wollen ab, der Welt zu zeigen da sie sichtbar werden knne: und
wenn Tyche103 dich zur Knigin des ganzen Erdkreises erhbe, wie wenig wre das
gegen die Hhe, zu welcher du dich aus eigener Macht, ohne etwas anders als dich
selbst vorzustellen, erheben kannst, blo indem du die Pflicht, die dir deine
Schnheit auferlegt, in ihrem Umfang erfllst.
    Du wirst mir gern glauben, Aristipp, da es mich einige Mhe kostete, die
Bewegung zu verbergen, in welche mich diese sonderbare Anrede setzte. Was in
seiner Moral berspannt war, that doch die komische Wirkung nicht, die es
vielleicht in dem Munde eines andern gethan htte. Ich fhlte es sehr wohl, aber
ich htte um alles in der Welt nicht darber scherzen knnen; denn ich fhlte
zugleich da etwas Wahres daran war, das sich nicht wegscherzen lassen wrde. In
diesem Augenblick, glaube ich, eilten mir die Grazien, die er selbst mir
zugegeben hatte, alle drei zu Hlfe. Ich legte meine Hand mit einem kaum
merklichen Druck auf die seinige, und sagte, indem ich ihm mit ernstem Lcheln
errthend in die Augen sah: der Ort, wo wir sind, und die sichtbare Gegenwart so
vieler Gtter und Heroen, die uns umgeben, hat dich mchtig ergriffen,
ehrwrdiger Sokrates; du sprichst wie ein Begeisterter und beinahe wie ein Gott.
Ich bin nur eine schwache Sterbliche: und doch schwebt auch mir ein hohes Ideal
vor, das ich vielleicht nie erreichen werde. Ich hoffe dieses Morgens und aller
andern Stunden, die ich in deiner Gesellschaft lebte, nie zu vergessen; und wenn
ich -
    Zu gutem Glcke zog mich Aristophanes, der auf einmal hinter den Sulen
hervorrauschend auf uns zugelaufen kam, aus der Verlegenheit, meine Periode
auszurnden. Da wir uns schon fters gesehen hatten, hielt er sich berechtigt,
mich im Ton einer alten Bekanntschaft anzureden, und darber zu scherzen, da er
mich mit dem weisen Sokrates so allein berrascht htte. Dieser antwortete ihm
mit der gewandtesten Leichtigkeit in eben demselben Ton, und beide bewiesen mir
(da ich ihr wahres Verhltni kannte) durch ihr Benehmen gegen einander, da die
Attische Urbanitt eine sehr preisliche Brgertugend ist. Bald darauf gesellten
sich noch mehrere Bekannte zu uns, und als sich der Komiker wieder entfernt
hatte, sagte Sokrates lchelnd zu mir: an diesem Menschen knntest du gleich
dein erstes Meisterstck machen, Anaximandra. - Ich wrde schwerlich viel Ehre
davon haben, versetzte ich, wenn Sokrates selbst in zwanzig Jahren nichts ber
ihn vermochte. - Keineswegs, erwiederte er, da du alles hast was mir fehlt.
Schnheit, Anmuth und Jugend sind gar mchtige Anlockungen. - Aber ein so
schlauer Vogel wie dieser, sagte ich, wrde sich die Lockspeise belieben lassen
und der Schlinge doch zu entgehen wissen.
    Wir stiegen nun durch die Propylen wieder in die Stadt herab, und ich
konnte dem Einfall nicht widerstehen, meinen Blumenkranz abzunehmen, und die
Bildsule des groen Mannes damit zu krnen, dessen kniglichem Geist Athen
ihren hohen Glanz ber alle andern Stdte in der Welt zu danken hat.

    So eben erhalte ich von Korinth Nachricht, da der beschwerlichste meiner
Nachsteller den Weg, den ich genommen, entdeckt habe, und morgen in Athen
eintreffen werde. Er soll das Nest leer finden. Morgen mit dem frhesten fliege
ich nach Korinth zurck. Aber damit sich doch die Athener eine Zeit lang meiner
erinnern, mu ich noch etwas thun, das in ihrer Stadt vermuthlich noch nie
gesehen worden ist. Ich habe alle Bekannten, die ich hier gemacht, junge und
alte, zwanzig bis dreiig an der Zahl, zu einem kleinen Abschiedsfest einladen
lassen. Ein halb Duzend Kche sind bereits in voller Arbeit; denn ich werde
meine Gste mit einem Symposion in Korinthischer und Cyrenischer Manier
bewirthen. Alle Gtter der Freude sollen von der Partie seyn; ich lasse die
berhmtesten Citherspielerinnen und Auletriden104 dazu bestellen, und deine
Grazien sollen alle ihre Talente in Gesang, Tanz und Mimik den Augen und Ohren
der entzckten Cekropier Preis geben. Du siehst es will sich nicht anders
schicken, als da die edle Anaximandra von Cyrene, die mit dem Pracht und
Vergngen liebenden Aristipp verwandt zu seyn die Ehre hat, den Athenern ihre
Dankbarkeit fr die gute Aufnahme, die sie bei ihnen fand, auf eine seiner
wrdige Art beweise; und mu ich nicht meinem erhabnen Liebhaber zeigen, da
seine Lehren und Ermahnungen auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen sind? Denke
ja nicht, da ich seiner dadurch spotten wolle. Die Grazien haben auch ihre
Philosophie, und er soll sehen, da sie sich mit der seinigen, wenn sie anders
nicht gar zu strrisch ist, ganz gut vertrgt. Ob ich auch deinen
sauertpfischen Antisthenes zu der freundlichen Tugend bekehren werde, die, um
die Herzen zu gewinnen, die Gestalt der Freude annimmt? Wir wollen sehen.

    Ich melde dir von Eleusis aus, da alles recht gut abgelaufen ist. Meine
Gste schienen von mir und meinem Gastmahl und den Talenten meiner Grazien
bezaubert. Sogar die finstere Stirne des strengen Antisthenes entrunzelte sich.
Den Sokrates allein glaubte ich bald ernsthafter bald ironischer zu sehen als
gewhnlich, und man htte zuweilen denken sollen, er sey von der Polizei
bestellt mich zu beobachten, so scharfe Seitenblicke heftete er von Zeit zu Zeit
auf mich. Aber Anaximandra machte es wie Hippokleides105 und lie sich's nicht
kmmern; oder vielmehr, sie begegnete ihm mit der zrtlichen Aufmerksamkeit
einer guten Tochter, und schien nichts an ihm zu sehen, was ihre frhliche
Stimmung htte unterbrechen knnen. Das Fest dauerte ziemlich weit in die Nacht,
und Sokrates war einer der letzten, die sich zurckzogen. Nachdem die
Gesellschaft sich in einzelne Gruppen getheilt hatte, und whrend die meisten
den Spielen und Tnzen zusahen, fanden wir uns wie durch Zufall in einer Ecke
des Saals allein. Ich lenkte das Gesprch mit guter Art auf dich, und bat ihn,
mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke. Aristipp, antwortete er, ist
ein junger Mann von vorzglichen Anlagen; als ein Liebhaber des Schnen mchte
er auch wohl die Tugend lieben, wenn sie nur keine Opfer forderte. Seine
Sinnesart ist edel; aber was ihm immer gefhrlich seyn wird, ist sein Hang zu
einem freien Leben und zur Sinnenlust.
    Ich. Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt. Sollte er die Gelegenheit,
weiser bei dir zu werden, so wenig benutzt haben, da er sich erst zu Athen
verschlimmert htte?
    Sokrates. Auch ich habe ihn nie ber die Grnzlinien des Wohlanstndigen
hinausschweifen sehen, und ber einen gewissen Punkt beschmt seine
Unstrflichkeit unsre meisten Jnglinge. Aber sein letzter Aufenthalt zu Aegina
machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nthig war.
    Ich. Wie so? Hat man dir vielleicht von seiner Anhnglichkeit an eine
gewisse Lais von Korinth gesprochen?
    Sokrates. Ich hre wenig auf Gerchte. Sie soll auerordentlich schn,
geistvoll und liebenswrdig seyn; und eben darum halte ich sie bei der freien
Denkart, wovon sie Profession macht, fr eine sehr gefhrliche Zaubrerin.
    Ich. Sokrates, du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal, und sie knnte
sich nicht verzeihen dich lnger zu tuschen. Ich selbst bin diese Lais, die du
unter einem andern Namen liebenswrdig gefunden hast, und die dir in diesem
Augenblick des Scheidens gesteht, da sie dich allen Mnnern vorzieht, die sie
jemals gesehen hat.
    Sokrates. Deine Aufrichtigkeit, schne Lais, ist der Erwiederung werth: du
sagst mir nichts Neues; schon diesen Morgen wute ich wer du warst. Du glaubtest
ich schwrme; jetzt begreifst du, da ich bei ruhigem Muthe war. Lebe wohl, und
erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias! - Ich konnte mich nicht
erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bcken, und so wahr mir Urania gndig
sey, eine Thrne, glaube ich, fiel auf sie herab. Er drckte die meinige und
entfernte sich.

                                      26.



                               Aristipp an Lais.

Es war der allesvermgenden Lais Anaximandra vorbehalten, uns an Sokrates eine
Seite zu zeigen, die ohne sie entweder gar niemals, oder wenigstens in keinem so
schnen Lichte, sichtbar geworden wre. Die ganze Art seines Benehmens gegen
dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwrdig; und besonders am letzten Tage ist
er so ganz Sokrates, so ganz, was nur er allein seyn kann, der seltenste, oder
soll ich sagen seltsamste, Hermaphrodit von Vernunft und Schwrmerei, den die
menschliche Natur vielleicht jemals hervorgebracht hat! Wirklich glaube ich, da
du dir nicht zu viel schmeichelst, wenn du ihn (wiewohl nur im Scherz) unter
deine Liebhaber zhlest. Wer wei, ob du nicht wohl gar diesen philosophischen
Hercules so weit httest bringen knnen als weiland deine Zauberschwester
Omphale den Thebanischen, wenn es nicht Grundsatz bei ihm wre, in solchen
Nothfllen sich eines schnellwirkenden Hausmittels zu bedienen106. Ich wollte
wetten, seine griesgrmische Xantippe hat ihn in zwanzig Jahren nicht so
zrtlich gesehen, als whrend deines Aufenthalts in Athen.
    Schn war es von dir, liebe Laiska, da du ihm noch in den letzten
Augenblicken deinen wahren Namen entdecktest, und noch schner das Spiel des
Zufalls, da du ihm nichts offenbartest als was er schon wute. Vermuthlich mu
er dem Eurybates das Geheimni abgelockt haben; denn er besitzt einen zu
scharfen Sprsinn, als da er nicht htte merken sollen, da es mit der
Anaximandra von Cyrene, Aristipps Verwandtin, nicht ganz richtig sey. Uebrigens
hoffe ich, durch deinen genialischen Einfall, dich in persnliches Verhltni
mit Sokrates zu setzen, ein Betrchtliches bei ihm gewonnen zu haben; oder,
wofern er mich nach meiner Zurckkunft nicht mit gnstigern Augen ansieht, werde
ich geradezu behaupten, da es bloe Eifersucht darber sey, da meine Weisheit
mir nicht verbietet - glcklicher zu seyn als er. Wirklich zieht mich die
Neugier, zu sehen wie er mich aufnehmen wird, mchtig nach Athen zurck. Aber
ich bin seit etlichen Tagen zu Lemnos, und dem Schauplatze der Homerischen
Gesnge zu nahe, um es bei den Musen verantworten zu knnen, wenn ich nicht nach
der Trojanischen Kste vollends hinber setzen wollte. Indessen hoffe ich
lngstens in acht Wochen, mit Hlfe der nrdlichen Winde, die um diese Zeit
regieren, wieder in Athen zu seyn: und dort, schne Lais, schmeichle ich mir
einen Brief von dir zu finden, der mir sagt, ob dir indessen irgend ein
gnstiger Wind einen Liebhaber zugeweht hat, der dich des alten Sokrates
vergessen machen kann.

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                             Demokles an Aristipp.

Dein Rath kam zu spt, Aristipp. Die Freunde der Freiheit, unter welchen eine
betrchtliche Anzahl entschloss'ner Mnner war, sind auf einmal aus dem Nebel
der Verborgenheit hervorgetreten. Evagoras, den du als einen ehrgeizigen und
unternehmenden Mann kennen wirst, hat Mittel gefunden sich an ihre Spitze zu
stellen. Sie haben sich versammelt, verschiedene krftige Vorkehrungen fr die
ffentliche Sicherheit getroffen, und die Hupter der drei Factionen, jeden
insbesondere, zu einer frmlichen Erklrung ber die Absicht ihrer, schon lange
nicht mehr geheimen, Zurstungen aufgefordert. Man hat einander eine Zeit lang
mndlich und schriftlich mit allerlei Ausflchten, und als diese erschpft
waren, mit Vergleichungsvorschlgen aufgezogen. Wie aber die Demokratische
Partei in vollem Ernst erklrte, da sie sich selbst so lange als die
rechtmigen Beschtzer der Gesetze und der Freiheit ansehen und benehmen
wrden, bis die Oligarchen die Waffenvorrthe, womit sie ihre Huser, gewi zu
keinem unschuldigen Gebrauch, angefllt, ausgeliefert, alle ihre Aemter
niedergelegt und der allgemeinen Brgerversammlung Treue und Gehorsam geschworen
haben wrden, machten (wie leicht vorherzusehen war, und doch nicht
vorhergesehen wurde) die Triumvirn, Alcimedon, Hippokles und Ariston, pltzlich
Friede unter einander und gemeine Sache gegen den gemeinen Feind, mit der
Uebereinkunft, wenn sie die Oberhand erhalten htten, die Regierung des Staats
gemeinschaftlich zu fhren.
    Die Gtter haben uns nicht begnstiget, Aristipp. Es kam in diesen Tagen zu
einem wthenden Gefecht auf dem groen Marktplatze. Die Triumvirn, welche auer
einem Trupp schwerbewaffneter Reiterei, einige Hundert Kretische Sldner und den
ganzen Cyrenischen Pbel auf ihrer Seite hatten, berwltigten uns endlich nach
einem langen verzweifelten Widerstand, durch ihre Ueberlegenheit an Waffen und
Anzahl. Etliche Hundert der feurigsten Patrioten fielen, mit rhmlichen Wunden
bedeckt; der Ueberrest hielt es fr Pflicht, sich dem Vaterlande auf einen
glcklichern Tag aufzusparen, und rettete sich durch die Flucht.
    Du vermuthest ohne Zweifel voraus, da die Sieger sich ihres Glcks, anstatt
mit Migung, mit aller Grausamkeit bedienen, die von bermthigen und
mitrauischen Tyrannen zu erwarten ist. Die Gefngnisse sind mit Personen von
allen Stnden, die man fr verdchtig hlt, angefllt, und reich zu seyn, oder
dafr zu gelten, ist schon allein mehr als hinlnglich, um den raubgierigen
Herrschern und ihren Gnstlingen verdchtig zu seyn. Die entflohenen Patrioten
werden fr vogelfrei erklrt, ihre Anverwandten aus der Stadt verbannt, und ihre
Gter eingezogen. Alle unsre Hoffnung beruht nun - auf unserer Verzweiflung, und
auf der alten Erfahrung, da Ruber, wie eifrig sie auch, um Beute zu machen,
zusammengehalten haben, gewhnlich ber der Theilung zerfallen. Wir haben uns
indessen nach und nach wieder zusammengefunden, und uns im Gebirg, an der Grnze
der Cesammonen, eines festen Postens bemchtiget, wo wir, tglich durch
Verbannte oder Flchtlinge verstrkt, uns so lange zu halten hoffen, bis uns
etwa ein gnstiger Stern eine Wahrscheinlichkeit zeigt, die Befreiung des
Vaterlandes mit besserm Erfolg zu unternehmen. Vielleicht ist mir einer von den
Deinigen (deren leider! keiner auf unsrer Seite stand) mit Nachrichten von
diesen Ereignissen bei dir zuvorgekommen; denn die Nothwendigkeit, mich von
einigen Wunden heilen zu lassen, verhinderte mich eher an dich zu schreiben.
Beklage das traurige Schicksal der vor kurzem noch so blhenden und glcklichen
Cyrene, und versuche alles was du kannst, da du es nicht abzuwenden vermochtest,
es wenigstens zu erleichtern!

                                      28.



                             Kleonidas an Aristipp.

Du bist bereits benachrichtiget, lieber Aristipp, da es bei uns endlich zu
einem Ausbruch gekommen ist, wobei die Oligarchen den Sieg erhalten haben.
Mchten sie, da es nun einmal unser Schicksal ist, sich dessen nur mit Migung
bedienen! Aber noch strmen die Leidenschaften von allen Seiten zu wild, um der
Humanitt, ja nur der Klugheit, die ihren eigenen Vortheil kaltbltig berechnet,
Gehr zu geben.
    Die Eintracht unsers Triumvirats ist von kurzer Dauer gewesen. Ariston, der
freigebigste und popularste unter ihnen, hat (wie man sich ins Ohr sagt) Mittel
gefunden, seine beiden Collegen mit guter Art auf die Seite zu schaffen. Sie
wurden bei einem ffentlichen Opfer von drei seltsam verkleideten Banditen
angefallen, und mit einigen Dolchstichen ermordet. Beide waren ihrer Raubgier
und Grausamkeit wegen so verhat, da niemand ihr Schicksal bedauerte. Ariston
selbst, sagt man, sollte das dritte Schlachtopfer seyn; er wurde aber
glcklicher Weise von deinem Bruder Aristagoras und etlichen andern gerettet,
bevor der ihm zugedachte dritte Dolch seine Brust erreichen konnte. Die Mrder,
die sich (nach ihrem eignen freien Gestndni) aus bloem Patriotism zu dieser
That verschworen hatten, wurden ohne Widerstand in Verhaft genommen, und in die
engeste Verwahrung gebracht. Wie es aber auch zugegangen seyn mag, als sie am
folgenden Morgen zum Verhr abgeholt werden sollten, fand man das Gefngni
leer, und die Vgel waren sammt dem Kerkermeister ausgeflogen. Du kannst leicht
denken, da verschiedlich ber diese Geschichte glossirt wird. Indessen benutzte
Ariston die Schwrmerei, womit das Volk an seiner Gefahr und Erhaltung Antheil
nahm, und lie sich unverzglich, vermge des Rechts seiner Gromutter, die von
einer Seitenlinie der Battiaden abstammt, unter dem wildesten Zujauchzen und
Frohlocken des herbeistrmenden Pbels zum Knig von Cyrenaika ausrufen.
Prchtige Feste und ffentliche Lustbarkeiten bezeichneten die ersten Tage
seiner Regierung, und machten mit den Hinrichtungen und Proscriptionen des
verhaten Triumvirats einen sehr auffallenden Contrast. Ariston schien dadurch
(in der raschen Meinung des Volkes wenigstens) von allem Antheil an jenen
Grueln losgesprochen zu werden, und seinen Mitbrgern unter einer milden
Regierung goldne Zeiten zuzusichern. Vermuthlich zu diesem Ende hat er, wie es
heit, die Sorgen der Staatsverwaltung deinem Bruder und einigen andern, die
sich damit beladen wollten, berlassen, und er scheint nichts Angelegneres zu
haben, als sich mit allen Arten von Genssen, die ihm die wirkliche Gewalt
verschaffen kann, so schnell als mglich zu berfllen. Wohl mg' es ihm
bekommen, sag' ich, zweifle aber sehr da ich wahr gesagt habe. Dein Vater, der
an dieser raschen Umkehrung der Dinge kein sonderliches Wohlgefallen haben soll,
hat sich, unter dem Schutze seines hohen Alters, auf sein Landgut zurckgezogen,
und scheint alle Wnsche, wozu ihn die gegenwrtigen Verhltnisse berechtigen,
auf die Freiheit und Ruhe, die in seinen Jahren so wohlthtig sind, oder (wie er
selbst sich ausdrckt) auf die Erlaubni im Frieden auszuleben, beschrnkt zu
haben. Ich besuche ihn fters; er scheint mich gern zu sehen, weil ich ihm immer
etwas Angenehmes von dir zu erzhlen wei.
    Ich danke den Gttern, da ich zu unbedeutend bin, um in diesen gefhrlichen
Zeitluften eine Rolle spielen zu mssen, und nicht ehrgeizig oder unruhig
genug, um etwas bedeuten zu wollen. Meine Familie ist durch die goldene nie
genug gepriesene Mittelmigkeit vor Neid und Raubgier gleich gesichert; und so
lange wir uns, wie bisher, des Schutzes deines edeln Bruders erfreuen knnen,
ist der Antheil den wir an der allgemeinen Ruhe des Vaterlandes nehmen, das
einzige was die unsrige stren kann. Leider fehlt noch viel, da wir uns der
Hoffnung bess'rer Zeiten frohen Muthes berlassen drften. Die demokratische
Partei ist noch nicht gedmpft, und unsre dermalige Regierung, zu sehr mit der
innern Polizei beschftigt, scheint den Bewegungen ihrer Feinde mit einer
Gleichgltigkeit zuzusehen, die ich mir nicht wohl erklren kann. Gewi ist, sie
mu ihre Ursachen dazu haben; ungewi, ob der Ausgang sie rechtfertigen wird.

                                      29.



                              Aristipp an Ariston.

Das Glck hat deine Wnsche begnstiget, Ariston; du hast das hchste Ziel des
menschlichen Ehrgeizes erreicht. Unglcklicher Weise sind die Stufen, auf denen
du bis zum Thron hinauf gestiegen bist, mit Brgerblut befleckt. Wenn du ihn nur
durch Verbrechen ersteigen konntest, so glaube wenigstens den Schmeichlern
nicht, die dich bereden wollen, unter dem Glanz des Thrones wrden auch
Verbrechen schn. - Doch, das Geschehene kann kein Gott ungeschehen machen: aber
das Andenken desselben im Gedchtni der Menschen auslschen, kannst du selbst.
Je grer die Opfer waren, die deine Erhebung dem Vaterlande kostete, desto
grer und ausgebreiteter ist das Gute, das es jetzt aus deiner Hand zu erwarten
berechtigt ist, da du alles vermagst. Den Weg haben dir Gelon, Hieron,
Pisistratus und Perikles vorgezeichnet. Mge das Volk, das dich mit Jubel zu
seinem Knig ausrief - und nicht wute was es that - Ursache finden, noch in
funfzig Jahren den Tag zu segnen, da es sein Wohl oder Weh in deine Hnde legte;
und mge Ariston der Knig nie vergessen, da er einst seines Volkes Mitbrger
war!

                                      30.



                               Aristipp an Lais.

Nach einer Wanderung von mehr als fnf Monaten bin ich wieder wohlbehalten auf
dem ltriefenden Boden angelangt, den Pallas Athene beschtzt; in dieser Stadt
von welcher der Dichter Lysippus107 sagt:

Hast du Athen nicht gesehn, bist du ein Klotz,
Sahst du sie und sie fing dich nicht, ein Stockfisch;
Trennst du dich wohlgemuth von ihr, ein Mllerthier.

Ich hoffe die letztere werde nicht im strengsten Sinn der Worte zu nehmen seyn;
denn ich sehe wohl, da ich Athen noch mehr als einmal wohlgemuth verlassen
werde; aber dafr bin ich auch gewi, ich werde eben so oft wieder zurckkommen;
und ich mte mich sehr irren, oder dieses wechselnde Kommen und Gehen ist das
wahre Mittel, wie man der Vortheile und Annehmlichkeiten des Aufenthalts in
dieser Hauptstadt der gesitteten Welt genieen kann ohne ihrer berdrssig zu
werden, oder sie von den bermthigen, naseweisen und wetterlaunischen
Einwohnern gar zu theuer zu erkaufen. Nimm es nicht bel, Laiska, da ich von
den edeln Theseiden, deinen erklrten Liebhabern, mit so wenig Ehrerbietung
rede. Ich lugne es nicht, ein Fremder, der sich eine Zeit lang unter ihnen
aufhlt, und, es sey nun durch persnliche Eigenschaften oder durch Geburt,
Stand und glnzenden Aufzug, ihre Aufmerksamkeit erregt, mu von ihrer
Liebenswrdigkeit bezaubert werden; aber lass' ihn nur so lange bleiben, bis sie
es nicht mehr der Mhe werth halten Umstnde mit ihm zu machen: ich wette, er
wird den Unterschied zwischen dem Athener im Feierkleide und dem Athener im
Caputrocke sehr auffallend finden. Das ist allenthalben so, wirst du sagen. Ich
gesteh' es; aber doch zweifle ich sehr, ob irgend ein anderes Volk dich die
zuvorkommende Artigkeit und Geflligkeit, womit es dich Anfangs berhuft, so
theuer bezahlen lt, als der Athener, von dessen Charakter einer der
wesentlichsten Zge ist, da er Andere gerade so viel unter ihrem wahren Werth
schtzt, als er sich selbst ber den seinigen wrdigt.
    Ich wei nicht, ob du von einem Gemlde des berhmten Parrhasius gehrt
hast, worin er den schon vom Aristophanes so treffend personificirten
Athenischen Demos108 in einer Art von allegorisch historischer Composition zu
schildern unternahm. Seine Absicht, sagt man, war, die Athener von der schnen
und hlichen Seite, mit allen ihren Tugenden und Lastern, Ungleichheiten,
Launen und Widersprchen mit sich selbst, zugleich und auf einen Blick
darzustellen. Es war keine leichte Aufgabe, eben dasselbe Volk rasch, jhzornig,
unbestndig, ungerecht, leichtsinnig, hartnckig, geitzig, verschwenderisch,
stolz, grausam und unbndig auf der einen Seite, und mild, lenksam, gutherzig,
mitleidig, gerecht, edel und gromthig auf der andern, zu zeigen; oder
vielmehr, er unternahm etwas, das seiner Kunst unmglich zu seyn scheint. Du
bist vielleicht neugierig zu wissen, wie er es anfing? Das Gemlde stellt eine
Athenische Volksversammlung vor, welche, nachdem sie in mglichster Eile irgend
eine Ruhm und Gewinn versprechende Unternehmung beschlossen, eine summarische
Rechnung ber Einknfte und Ausgaben des Staats abgehrt, und einen General
etwas tumultuarisch zum Tode verurtheilt hat, eben im Begriff ist auseinander zu
gehen. Man zhlt mehr als hundert halbe und ganze Figuren, von welchen die
bedeutendsten in drei groe Hauptgruppen vertheilt sind. In der ersten ist der
Demagog, der so eben irgend ein ausschweifendes Project (etwa die Eroberung von
Sicilien oder Aegypten) durch seine rhetorische Taschenspielerkunst durchgesetzt
hat, die Hauptfigur. Das hoffrtigste Selbstgefhl und der Vorgenu des Triumphs
ber den glcklichen Erfolg seiner Vorschlge, den er als etwas Unfehlbares
voraussetzt, ist in der ganzen Person, im Tragen des Kopfs, im Ausdruck des
Gesichts, und in der ganzen Haltung und Gebrdung des stolz einherschreitenden
Projectmachers auf die sprechendste Weise bezeichnet. In den Gesichtern und
Stellungen seiner ihn umgebenden Anhnger zeigt sich, in verschiedenen
Schattirungen, Leichtsinn, Selbstgeflligkeit, Khnheit und herausfordernder
Trotz. Es ist als ob sie sagen wollten: Das kann nicht fehlen! Arme Schelme!
wir wollen bald mit euch fertig seyn! Wer kann den Athenern widerstehen? Was
wre Mnnern wie wir unmglich? Gleichwohl bemerkt man hinter jenen ein Paar
Achselzucker, die dem Unternehmen einen unglcklichen Ausgang zu weissagen
scheinen; ein dritter hngt den Kopf so melancholisch als ob schon alles
verloren sey; ein vierter scheint mit einem schwrmerischen Befrderer des
Projects in einem lebhaften Wortwechsel begriffen zu seyn. Die zweite Gruppe
drngt sich um den Schatzmeister der Republik, der seine Freude ber die
Geflligkeit, womit ihm das Volk seine Rechnungen passiren lie, unter einer
sorgenvollen Finanzministermiene zu verbergen sucht. Ein Schwarm lockerer
Brder, im vollstndigen Costume ausgemachter Kinden und Parasiten, schlendern
neben und hinter ihm her, und scheinen, in frhlichem Gefhl, da es weder ihnen
selbst noch der Republik jemals fehlen knne, einen groen Schmaus auf den Abend
zu verabreden. Ein anderer, der sich durch die schlaueste Schelmenphysiognomie
auszeichnet, und etliche hungrige zu allem bereitwillige Gesellen hinter sich
her schleichen hat, nhert sich dem Ohr des Ministers, und scheint ihn durch
Darbietung der halb offnen Hand der versprochnen Erkenntlichkeit fr den
geleisteten Dienst erinnern zu wollen. Aber auf der Seite sieht man ein paar
ltliche heliastische Figuren, mit bedenklichen Gesichtern, deren einer dem
andern die Fehler in der abgelegten Rechnung vorzuzhlen scheint, whrend ein
dritter allein stehender, den sein schbiger Kittel und ein Gesicht, das einer
mit Zahlen beschriebenen Rechentafel gleicht, fr das was er ist ankndigt, auf
einem Stckchen Schiefer nachrechnet, und durch die Miene, womit er seitwrts
nach dem Schatzmeister schielt, den nahen Staatsbankrott weissagt. Die dritte
Gruppe begleitet den verurtheilten Feldherrn nach dem Gefngni. Einige, die ihn
zunchst umgeben, drcken in verschiedenen Graden Theilnehmung, Schmerz und
Mitleiden aus; whrend er selbst seinem Schicksal mit groherziger
Entschlossenheit entgegen geht. In einiger Entfernung sieht man einen Haufen
Sykophanten und falsche Zeugen hinter etlichen Mnnern von Bedeutung, die sich
durch ihre boshafte Freude ber den gelungenen Streich als die Feinde des
verurtheilten Feldherrn ankndigen. Ein einzelner junger Mann, an eine Herme
angelehnt, scheint durch seine Gebrde und einen wehmthig scheuen Seitenblick
auf das schuldlose Opfer einer schndlichen Cabale seine Reue zu verrathen, da
er die Anzahl der schwarzen Steine durch den seinigen vermehrt hat. Auer diesen
Hauptgruppen erblickt man hier und da einzelne oder in kleine Haufen verstreute
Figuren, die, an dem Vorgegangenen keinen Antheil nehmend, nichts Angelegener's
zu haben scheinen, als der Palstra, oder dem Bad, oder dem Prytaneon, wo eine
wohlbesetzte Tafel ihrer wartet, zuzueilen. Alles das ist mit eben so viel Geist
und Leben als Flei und Zierlichkeit ausgefhrt, und gewi ist dieses in seiner
Art vielleicht einzige Meisterwerk die groe Summe werth, fr welche ein reicher
Kunstliebhaber zu Mitylene es vor kurzem an sich gebracht hat. Indessen, wiewohl
ich gestehen mu, da Parrhasius wo nicht die einzige, doch die sinnreichste und
verstndigste Art, das, was er uns durch dieses Gemlde zu errathen geben
wollte, anzudeuten, ausfindig gemacht habe, ist doch nicht zu lugnen, da seine
Absicht, - wenn es anders seine Absicht war, die Vernderlichkeit und
Vielgestaltigkeit des alle mgliche Widersprche in sich vereinigenden
Charakters des Athenischen Demos allegorisch darzustellen - nur unvollkommen und
zweideutig dadurch erreicht wird. Denn was er uns darstellt, ist nicht die
personificirte Idee, die man mit dem Worte Volk verbindet, insofern ihm ein
gewisser allgemeiner Charakter zukommt; sondern eine Menge einzelner Glieder
dieses Volks, in der besondern Handlung, Leidenschaft oder Gemthsstimmung,
worein sie sich in diesem Moment gesetzt befinden. Die Arbeit, sich selbst einen
allgemeinen Volkscharakter aus allen diesen Ingredienzen zusammenzusetzen,
bleibt dem Anschauer berlassen; aber auch dieser kann doch, da alles das eben
so gut zu Korinth oder Megalopolis oder Cyrene htte begegnen knnen, weiter
nichts als den Charakter des Volks in einer jeden Demokratie darin aufsuchen;
und der Maler hat diesen Einwurf dadurch, da er die Scene auf den groen Markt
zu Athen setzte, hchstens aus den Augen gerckt, aber keineswegs vernichtet.
Doch, wie gesagt, die Schuld, da er nicht mehr leisten konnte, liegt nicht an
ihm, sondern an den Schranken der Kunst; und, auerdem da dieses Stck, blo
als historisches Gemlde betrachtet, alle Wnsche des strengsten Kenners
befriediget, gesteh' ich gern, da man auf keine sinnreichere Art etwas
Unmgliches versuchen kann.
    Ich bin durch diese zufllige Abschweifung ziemlich weit von dem, was ich
dir schreiben wollte, weggekommen; aber da ich die treffliche Stck noch so
frisch im Gedchtni habe, und du eine so warme Liebhaberin der Kunst bist, so
konnte ich, oder wollte ich - doch, wozu bedarf es einer Entschuldigung? Was ich
geschrieben habe, steht nun einmal da, und ich komme noch immer frh genug dazu,
dir ins Ohr zu sagen, da du mir, wie es scheint, mit deinem Versuch, das Herz
meines alten Chirons durch eine Kriegslist zu erobern, keinen sonderlichen
Dienst bei ihm geleistet hast. Ich finde ihn seit meiner Zurckkunft noch
merklich klter als zuvor, und seine Vertrauten begegnen mir so fremd und
vornehm, da ich oft alle meine Urbanitt zusammennehmen mu, um - ihnen nicht
ins Gesicht zu lachen. Aber ich habe eine andere Manier sie zu rgern; ich thue
als ob ich nichts merke, benehme mich gegen Meister und Gesellen wie vorher, und
sehe den erstern fast tglich an ffentlichen Orten, wiewohl selten in seinem
Hause. Um meine migen Stunden auszufllen, be ich mich mit einigen der besten
Citharisten in der Musik, und lasse mir von dem berhmten Hippias Unterricht in
der Redekunst geben. Er ist theuer; aber er knnte doppelt so viel fordern, ohne
da ich es zu viel fnde, so gro ist das Vergngen, ihn reden zu hren. Seine
gewhnliche Methode ist, heute fr, morgen gegen einen Satz zu sprechen. Die
Sokratiker nehmen ihm das bel; mit Unrecht, dnkt mich. Es gibt schwerlich ein
besseres Mittel, die Urtheilskraft zu schrfen, und sich vor Einseitigkeit und
Unbilligkeit gegen anders Denkende zu verwahren, als wenn man jede Sache von
allen ihren Seiten und im verschiedensten Lichte betrachtet. Noch eine Ursache,
warum ich den Umgang mit Hippias liebe, und ihn so oft als mglich sehe, ist
seine groe Menschenkenntni; versteht sich, der wirklichen Menschen, wie sie
leiben und leben, und des Laufs der Welt, nicht wie wir ihn alle gern htten,
sondern wie er ist. Du kannst dir leicht vorstellen, Laiska, da ich mich durch
diese kleine Vorliebe fr einen Sophisten, von welchem die Anhnger des
Sokrates, besonders der junge Plato, mit der grten Verachtung sprechen,
schlecht bei den letztern empfehle; zumal, da ich seit meiner Zurckkunft meine
Art zu leben abgendert habe, mich besser kleide, etliche Bediente und einen
Sicilischen Koch halte, und wchentlich ein oder zweimal die artigsten Leute,
die ich hier kenne, zum Abendessen einlade. Auch Hetren? fragst du mit deiner
eignen schelmischen Miene - Hetren? Nein, bei allen Grazien des weisen Sokrates
und der schnen Lais! - Hoffentlich nimmst du das nicht so, als ob ich dir ein
Compliment damit machen wolle. Ich wrde mich selbst verachten, wenn mir eine
solche Katachresis109 nur im Traum einfallen knnte. Nie, nie wird es mir
mglich seyn, mir das liebenswrdigste aller weiblichen Wesen anders als einzig
in ihrer Art, geschweige unter einer Rubrik zu denken, die ich auch dann, wenn
sie mit lauter Korinnen, Melissen und Aspasien besetzt wre, ihrer noch unwrdig
finden wrde. Ich kenne dermalen keine dieses Standes in Athen, die eine
Gesellschaft, wie diejenige, die ich zuweilen bei mir versammle, zu verschnern
liebenswrdig genug wre. Aber schicke mir nur diejenige unter deinen Nymphen,
die es am wenigsten ist, und sie soll durch einen einstimmigen Beschlu zur
Knigin unsrer kleinen Symposien ernennt werden.

                                      31.



                               Lais an Aristipp.

Ich habe Uranien zwei schneeweie Tubchen und dem Wogenbndiger Poseidon einen
Str von der ersten Gre fr deine glckliche Wiederkunft geopfert. Ein
schwarzer Stier mit vergoldeten Hrnern ist ihm auf den Tag gelobt, an dem wir
uns in Aegina widersehen werden.
    Es ist doch eine schne Sache, Freund, so in der Welt herumzustreichen, und
alles was gro, selten und sehenswerth ist, mit seinen eignen Augen zu besehen.
Die Beschreibung, die du mir von dem Gemlde des Parrhasius zu Mitylene gibst,
knnte mich leicht dahin bringen, selbst nach Lesbos zu reisen, um mich gewi zu
machen, da die Kunst binnen dreiig bis vierzig Jahren schon zu einer solchen
Hhe hinaufgestiegen sey. Leontides sagte mir, sein Landsmann und Zeitgeno
Kleophant habe fr einen groen Maler gegolten, weil man einige Verschiedenheit
in den Gesichtern seiner Figuren wahrgenommen; von Ausdruck der Leidenschaften,
Gemthsregungen und Sitten hatte man damals noch keinen Begriff, und an die
feinern Bezeichnungen der Gradationen in allem diesem war vollends gar nicht zu
denken. Aber die sinnreichen Anmerkungen, die du ber die verfehlte Absicht des
Knstlers und ber die Unmglichkeit, den Charakter eines ganzen Volkes in einer
historiirten Allegorie zu personificiren, machst, httest du dir, dnkt mich,
ersparen knnen, mein lieber Philosoph. Wer sagt dir denn, da Parrhasius eine
solche Absicht hatte? oder wie kannst du dir einbilden, ein Maler, der das
alles, was du an seinem Werke rhmst, leisten konnte, habe etwas unternehmen
wollen, das der Kunst unmglich ist? Ich bin gewi, es fiel ihm so wenig ein,
das Attische Volk, insofern es sich als eine moralische Person denken lt, in
diesem Gemlde darstellen zu wollen, als die Anwohner der Imaus, oder das Volk
im Mond. Warum wollen wir ihm eine andere Absicht leihen, als die sich in seinem
Werke selbst ankndigt? Warum soll es noch etwas andres seyn als es
augenscheinlich ist? Parrhasius wollte eine auseinandergehende Athenische
Volksversammlung malen, und zwar so, da wir errathen knnten was in derselben
verhandelt worden, und wie es berhaupt darin zuzugehen pflege. Es war ein
sinnreicher Gedanke, und, ihn auszufhren, unlugbar eine Aufgabe, an die sich
nur ein groer Meister wagen durfte. Deiner Beschreibung nach, hat er das, was
er leisten wollte, wirklich in einem so hohen Grade geleistet, da die Kunst in
Andeutung dessen, was sie dem Scharfsinn des Anschauers berlassen mu,
schwerlich weiter gehen kann. Was wollt ihr noch mehr?
    Die Nachricht, die du mir von dem Benehmen der Sokratiker und des Meisters
selbst gegen dich gibst, hat fr mich nichts Unerwartetes. Alles, dnkt mich,
ist wie es seyn kann: wenn jeder bleiben soll, wozu ihn Natur und Umstnde
gemacht haben, knnt ihr in keinem andern Verhltni mit einander stehen, und
ich bin mit deinem Betragen gegen sie vllig zufrieden.
    Dein neuer Freund Hippias ist mir nicht so neu als du zu glauben scheinst.
Ich lernte ihn schon vor einigen Jahren bei meinem Alten kennen, und ich mte
mich sehr irren, wenn es ihn schwer ankommen sollte, blo mir zu Gefallen nach
Korinth zu reisen. Wenn er's thte, so ist er bis jetzt vielleicht der einzige,
der dir gefhrlich werden knnte. Bei dieser Gelegenheit fllt mir ein, da ich
dir eine vor kurzem gemachte Entdeckung mitzutheilen habe. Oder solltest du es
vielleicht schon wissen, da sich ein zrtliches Herzensverstndni zwischen
meiner kleinen Musarion und deinem wundervollen Freunde Kleombrotus angesponnen
hat, wovon wir beide (ich wei nicht recht warum) whrend der ganzen acht Tage,
die er, vor eurer Reise, in meinem Hause zu Aegina mit uns lebte, nichts gewahr
wurden. Wie htt' es aber auch zugehen sollen? Sie hielten die Sache so geheim,
da die Hauptpersonen selbst, wenn es nur irgend mglich wre, nichts davon
gewahr worden wren. So lange sie einander alle Tage sehen und sprechen konnten
so viel sie wollten, war die Sprache der Augen die einzige, wodurch ihre
liebenden Seelen sich einander mittheilten. Gbe es, um einen jungen Hercules,
der lauter Geist ist, mit einer niedlichen kleinen Hebe, die lauter Seele ist,
in Verbindung zu setzen, noch ein geistigeres Mittel als Blicke, so wrden ihnen
sogar Blicke noch zu materiell geschienen haben, um sich ihrer zu Unterhaltung
dieser heiligen Flamme zu bedienen, die sich im Augenblick der ersten
Annherung, wie durch einen aus heiterm Himmel pltzlich herabfallenden Blitz,
in ihren congenialischen Seelen entzndete. Die ersehe ich aus einem Briefe des
erhabnen Kleombrotus an meine kleine Muse, worin er unter andern sagt: O
Musarion! Warum knnen Seelen wie die unsrigen einander nicht unmittelbar
berhren, unmittelbar umschlingen, durchdringen und in einzige zusammenflieen!
Warum mu ich Armer ein so drftiges, kaltes, kraftloses, kmmerliches Mittel,
als Worte sind, zu Hlfe nehmen, um dir zu sagen, was keine menschliche Sprache,
was die Sprache der Gtter selbst nicht aussprechen kann, - wie ich dich liebe!
- Du fragst mich, Aristipp, wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und
unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sey? Wisse also, mein Freund, da der
arme Kleombrotus, wie er, nach seiner Abreise mit dir, die bisherigen einzigen
Vermittler seines geheimen Verstndnisses nicht lnger gebrauchen konnte, sich
endlich durch die hchste Noth gezwungen sah, zu dem gemeinen Hlfsmittel zu
schreiten, dessen wir andern gewhnlichen Menschenkinder uns in solchen Fllen
zu bedienen pflegen. Kurz, die kleine Musarion erhielt nach und nach einige
groe Briefe von ihm, die du lesenswrdig finden wrdest, wenn ich Zeit, oder
(aufrichtig zu seyn) Dienstgeflissenheit genug gehabt htte, sie fr dich
abzuschreiben. Zuflligerweise fand ich diesen Morgen, da das Mdchen eben
anderswo beschftiget war, ihr Schmuckkstchen, worin sie diesen Schatz
verwahrte, unverschlossen; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt
da ich wisse; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort, und bin
entschlossen, mir nicht das Geringste von der gemachten Entdeckung gegen sie
merken zu lassen. Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten
wirst, so knnen wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen
Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen.

                                      32.



                                    An Lais.

Ich werde mich knftig wohl hten den Kunstrichter zu machen, wenn ich mit dir
von dem Werk eines groen Meisters spreche. Ganz gewi hast du die Idee des
Parrhasius auf den ersten Blick richtig gefat, und ich begreife jetzt selbst
nicht, wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners, an dessen Seite ich den
sogenannten Demos Athenn sah, mehr glauben konnte als dem Zeugni meiner
eignen Augen, die mir eben dasselbe sagten was du. So kann uns die lbliche
Tugend der Bescheidenheit - oder die Untugend des Mitrauens in uns selbst
zuweilen irre fhren!
    Kleombrotus hat sein Geheimni besser in seinem Busen verwahrt als Musarion
seine Briefe in ihrem Schmuckkstchen. Ich merkte zwar, da seine Phantasie
whrend unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war; aber geschraubt war
sie auch vorher gewesen, und was etwa das Mehr austragen mochte, setzte ich, den
Regeln der Wahrscheinlichkeit gem, auf deine Rechnung. Denn wie konnt' ich mir
einbilden, da ein solcher Schwrmer die schne Lais ungestraft htte sehen
knnen? Da nur ein Schwrmer wie er es knne, fiel mir nicht ein - und ist doch
so wahr! Desto besser fr ihn da er es konnte! Bei dir wrde er schwerlich so
wohl gefahren seyn als bei der kleinen Musarion, und sie schickt sich freilich
besser dazu, seiner phantastischen Art zu lieben (die er dem jungen Plato, einem
noch grern Schwrmer als er selbst, abgelernt hat) zum Zunder zu dienen als
du. Da es ihm nun einmal angethan ist da er sich nur in Seelen verlieben kann,
so htte ihm nichts Glcklicheres begegnen knnen, als so von ungefhr auf das
sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten
und von Amors zrtlichstem Seufzer beseelten Mdchens zu stoen; und ich freue
mich fr sie und uns, da du geneigt bist, sie unter dem Schleier ihrer
vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen, bis etwa
Natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht.
    Meine Bekanntschaft oder Freundschaft, wenn du willst, mit dem
verfhrerischen Hippias steht noch in vollem Wachsthum. Wir sehen uns beinahe
tglich, und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen. Es fehlt zwar
viel, da seine Philosophie auch die meinige sey. Sie geht nicht weiter als auf
Lebensklugheit; dein Freund Aristipp hingegen (rmpfe deine schne Nase nicht
gar zu spttisch, Laiska!) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken, da er
sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat. Zwar ist nicht zu
lugnen, da Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist, whrend ich noch
ungewi bin, ob ich jemals mit Auflsung der meinigen zu Stande kommen werde:
aber dafr wirst du mir zugeben, da die seinige auch bei weitem nicht so schwer
und verwickelt ist. Uebrigens, den einzigen Punkt, worin wir nie zusammentreffen
werden, ausgenommen, haben wir eine unendliche Menge Berhrungspunkte, und ich
finde wirklich alles in ihm beisammen, was man sich an einem angenehmen, beinahe
zu allem brauchbaren Gesellschafter wnschen kann. Bis jetzt ist mir noch
niemand vorgekommen, der vielseitiger und mannichfaltiger, freier von
Vorurtheilen, behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen,
und weniger schwerfllig in Behauptung seiner eignen wre als Hippias. Ueberdie
besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller
Art, und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen, ohne irgend etwas
Wissenswrdiges oder Brauchbares von ihm gehrt oder gelernt zu haben. Aber
freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt, und es gibt schwerlich
ein so brodloses Knstchen, das ich nicht zu lernen versucht wrde, wenn es
irgends ohne groen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist.
    Sage indessen meiner edeln Base Anaximandra, sie wrde mir groes Unrecht
thun, wenn sie glaubte, Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als
Hippias gewinne. Meiner Sinnesart nach kann die nie der Fall seyn; und wenn
sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Athenischen Weisen
um etwas herabgestimmt haben sollte, so hat wenigstens der Sophist von Elea
nicht die geringste Schuld daran. Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin,
liebe Laiska, so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklren, als ob ich,
als bloer Zeuge dessen, was ich von der Sache wei, vor deinem Richterstuhl
stnde. Ich werde nie aufhren den Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu
erkennen, da ich in seinem Umgang besser geworden bin. Auch kann ich dir, wenn
du es begehrst, ziemlich genau sagen, worin, wodurch und wiefern ich mich durch
ihn gebessert finde. Wenigstens glaube ich, da ich ohne ihn nie zu dem Ideal
der sittlichen Form meiner Natur gekommen wre, dessen Ausbildung und
Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschft seyn wird. Freilich wrde
mir Hippias sagen, diese Form wre auch ohne Hlfe des Sokrates in mir
entwickelt worden, so gut als die Kinder, denen seine Mutter zur Geburt verhalf,
vermuthlich auch ohne sie in die Welt gekommen wren. Das knnte vielleicht
seyn, es kann aber auch nicht seyn; ich streite nicht gern ber Dinge die sich
nicht aufs Reine bringen lassen: genug, ich hasse eine Vorstellungsart, die mir
ein so humanes und angenehmes Gefhl, als die Dankbarkeit ist, raubt, wiewohl
Sokrates selbst, durch den edeln Eigensinn, alles was er zu geben hat
unentgeltlich zu geben, es mir unmglich macht, sie ihm beweisen zu knnen. Aber
auch ohne Rcksicht auf das, was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden
bin, habe ich ihn in so langer Zeit hinlnglich kennen gelernt, um mit
Ueberzeugung zu sagen, ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn; und
wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte, was knnt' ich mehr sagen? Wozu
also sollt' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her
gleiten? Warum nicht auch andere merkwrdige Menschen aufsuchen, oder wenn sie
mir von ungefhr begegnen, mich eine Zeit lang zu ihnen halten, um zu sehen, ob
ich nicht auch durch diese besser werden kann? Denn, - da ich nun einmal im
Bekennen bin, warum sollt' ich nicht auch die gestehen, da es die bloe reine
Wahrheit ist? - Sokrates ist fr mich ein Buch, das ich schon lange auswendig
wei, eine Musik, die ich tausendmal gehrt, eine Bildsule, die ich tausendmal
von allen Seiten betrachtet habe. Seit vier Jahren hre und sehe ich alle Tage
ungefhr eben dasselbe bei ihm; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben
will, so mag doch, dchte ich, ein fr so vielerlei Schnes und Gutes
empfnglicher, und (mit deiner Erlaubni) das Vergngen, wo nicht mehr als
einem emporstrebenden Jngling geziemt, doch gewi nicht weniger, liebender
junger Mann zu entschuldigen seyn, wenn er es endlich mde wird, Tag vor Tag zu
hren, an jedem Abend sich mit der Erinnerung, nichts anders den ganzen Tag ber
gehrt zu haben, niederzulegen, und am folgenden Morgen mit der Gewiheit
aufzustehen, da er auch heute nichts anders hren werde, als da ein braver
Mann seinem Vaterlande, seinen Freunden und seinem Hauswesen ntzlich seyn, den
Feinden hingegen allen mglichen Schaden zufgen, und um dieses und jenes besser
zu knnen, immer mig, nchtern und enthaltsam seyn, die Wollust fliehen,
Hunger und Durst, Frost und Hitze leicht ertragen, keine Arbeit scheuen, keinen
Schmerz achten, und aller Aphrodisischen Anfechtungen110, damit sie sich ja
nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen mchten, durch den
ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen msse. - Diese
(unter uns gesagt) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral, deren Theorie man
in einer Stunde weg hat, und bei welcher alles blo auf einen derben Vorsatz und
lange Uebung ankommt, mag zum Hausgebrauch eines Attischen Brgers, zumal wenn
er von zwei oder drei Obolen des Tags leben mu, eben so zureichend seyn, als
sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erforderni der vorhabenden Sache, auch
jedem andern Biedermann zutrglich ist: aber ein ehrlicher Weltbrger, der sich
darauf einrichten will, berall zu Hause zu seyn, und, seinem eigenthmlichen
Charakter unbeschadet, in alle Lagen zu passen, und mit allen Menschen zu leben,
langt damit nicht aus, und mu noch ein ziemliches Theil mehr wissen und knnen,
um seine Rolle gut zu spielen, und, wofern er es auch andern Leuten, ohne seine
Schuld, nicht immer recht machen kann, wenigstens so selten als mglich sich
selbst sagen zu mssen: das httest du besser, klger oder schicklicher machen
knnen. Ueberdie sehe ich nicht, warum ein Mann, dem seine Umstnde erlauben,
ber das Unentbehrliche in Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern zum
menschlichen Leben gehrigen Dingen, hinauszugehen, gerade nur seine Philosophie
auf die bloe Nothdurft einschrnken mte. Das Menschengeschlecht ist zu ewigem
Fortschreiten, der einzelne Mensch zu mglichster Ausbildung seiner selbst, in
der Welt. Die sagt mir mein Dmonion, und ich glaube ihm wenigstens eben so
sicher folgen zu knnen, als Sokrates dem seinigen.
    Uebrigens steht, meines Bednkens, dem Meister selbst manches wohl an, und
verdient sogar alle Achtung, was an seinen Nachahmern nicht die nmliche Grazie
hat; zumal wenn sie der Sache nie zu viel thun zu knnen glauben, und noch
sokratischer seyn wollen als Sokrates selbst. Unter allen treibt es keiner
weiter als Antisthenes; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer. Seitdem ich mir
die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zurckzutreten, schien er
(vermuthlich um mich durch den Abstich desto rger zu beschmen) von der
Sokratischen Schlichtheit bis zum schmutzigen Costume der kniglichen Bettler in
den Tragdien des Euripides111 herabsteigen zu wollen. Die machte ihn eben
nicht zum angenehmsten Nachbar; indessen wute ich mir mit einem sehr einfachen
Mittel zu helfen, und verbannte mich aus seiner Atmosphre so weit ich konnte.
Nun ward er, kraft der Vorrechte die ihm unsre ehmalige Vertraulichkeit gab,
zudringlich, und weil die Gelegenheiten uns ffentlich zu sehen immer seltner
wurden, suchte er mich sogar in meinem Hause auf, um mich mit dem ziemlich
grobkrnigen Attischen, oder vielmehr Pirischen Salze112 seiner Sarkasmen
tchtig durchzureiben. Da die nicht anschlagen wollte, und er immer nur
lachende Antworten von mir erhielt, kehrte er zuletzt die rauche Seite heraus,
und machte mir ernsthafte und bittere Vorwrfe, als ob ich der Sokratischen
Gesellschaft durch meine Lebensweise und Sybaritischen Sitten (wie er zu sagen
beliebte) Schande machte. Einsmals kam er dazu, da ich eben fr ein rothes
Rebhuhn funfzig Drachmen bezahlt hatte, d.i. ungefhr so viel als er selbst in
einem halben Jahre zu verzehren hat, und in der That etwas viel fr ein Rebhuhn.
- Schmst du dich nicht, schnarchte er mich in Gegenwart vieler Leute mit dem
Ton und der Miene eines ergrimmten Pdotriben an, du, der fr einen Freund des
Sokrates angesehen seyn will, eine so groe Summe fr einen wenig Augenblicke
dauernden Kitzel deines Gaumens auszugeben? Ich merkte leicht da er mich reizen
wollte, um dem Volke, das in solchen Fllen immer Partei gegen den Fremden
nimmt, eine Scene auf meine Kosten zu geben. Wrdest du, sagte ich mit grter
Gelassenheit, das Rebhuhn nicht selbst gekauft haben, wenn es nur einen Obolus
kostete? Das ist ganz ein anders, versetzte er. Keineswegs, Anthisthenes; mir
sind funfzig Drachmen nicht mehr als dir ein Obolus. - Die Zuhrer lachten; ich
ging davon, und seitdem sahen wir uns nicht wieder.
    Ich erzhle dir diese kleine Anekdote, schne Lais, um dir einen deiner
angenehmen Athenischen Tischfreunde wieder ins Gedchtni zu rufen, und damit du
dich nicht zu sehr verwunderst, wenn du etwa hren solltest, Aristipp von Cyrene
und Sokrates seyen auf immer mit einander zerfallen, weil besagter Aristipp
seinem Lehrer funfzig Drachmen, um welche dieser ihn angesprochen, rund
abgeschlagen, und doch zu gleicher Zeit fnfhundert um ein rothes Rebhuhn
ausgegeben habe.
    Hippias gedenkt in kurzem eine Reise nach Syrakus zu unternehmen, und macht
mir den Antrag ihn dahin zu begleiten. Auerdem, da ich eben nicht wei was
mich in Athen zurckhalten sollte, habe ich groe Lust das Land zu sehen, wo
meine Freundin Lais geboren wurde, und, was mir noch angelegner ist, bei dieser
Gelegenheit vielleicht sie selbst in Korinth wiederzusehen. Der Antrag wird also
vermuthlich angenommen werden.

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                               Lais an Aristipp.

Wiewohl ich nie so bel von meinem Freund Aristipp denken werde, um zu besorgen,
da er sich jemals ungerecht und undankbar gegen einen Sokrates zu zeigen fhig
sey, so dnkt es mich doch hohe Zeit, da du, mit oder ohne Hippias, je eher je
lieber - nach Syrakus reisest. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube
wirklich in deinem letzten Briefe hier und da Spuren von dem Einflu, den dein
neuer Freund auf deine Vorstellungsart gewinnt, wahrzunehmen.
    Die Anekdote hat mir den kleinen Triumph, den meine Reize zu Athen ber die
Runzeln des finstern Antisthenes erhielten, nicht ohne gerechten Stolz wieder
ins Gedchtni gebracht. Uebrigens, wie wenig Amnitt der gute Mann auch in den
Ton seines Tadels gelegt hat, kann ich ihm doch in der Hauptsache nicht ganz
Unrecht geben; und ich mchte dir wohl selbst rathen, wofern funfzig Drachmen
der gewhnliche Preis der rothen Rebhhner zu Athen sind, deinen Tisch nicht
allzu oft mit einem so theuern Leckerbissen besetzen zu lassen. Denn, wenn dein
briger Aufwand mit diesem einzelnen Artikel in gehrigem Verhltni stehen
sollte, so mchten wohl die Einknfte einer Persischen Satrapie nicht zureichen,
deine Wirthschaft im Gange zu erhalten.
    Da ich schwerlich hoffen darf, dich in der nchsten Rosenzeit zu Aegina zu
sehen, so ist es desto freundlicher von dir wenn du mich im Vorbeigehen durch
einen Besuch in Korinth entschdigest. Ich denke nicht, da Hippias zu viel
dabei seyn wird, wiewohl ich dir fr die Folgen der Erneuerung einer fnf Jahre
unterbrochnen Bekanntschaft mit einem so liebenswrdigen Manne, wie du ihn
beschreibst, nicht stehen will. Ueberlege also wohl, wie viel du etwa zu wagen
gesonnen bist; und vergi auch nicht mit in den Anschlag zu bringen, da meine
eigenen Reizungen (wie mich glaubwrdige Personen versichern) noch immer in
tglichem Zunehmen sind. Wir Schnen haben, wie du weit, zuweilen gar
wunderliche Launen.

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                               Aristipp an Lais.

Die gute Gesellschaft, die man gewhnlich bei Hippias findet, hat sich seit
kurzem um eine sehr interessante Person vermehrt. Sie nennt sich Timandra113,
und war die Gesellschafterin und Geliebte des schnen Alcibiades, in der letzten
Zeit des herumirrenden Lebens dieses berchtigten Abenteurers. Da ich so
glcklich bin, eine Dame zu kennen, neben welcher jede andere errthen wrde,
wenn man sie schn nennen wollte, so sage ich blo, da diese Timandra eine der
liebenswrdigsten Personen ist, die ich noch gesehen habe; und was sie in meinen
Augen auch achtungswrdig macht, ist die Anhnglichkeit und Treue, mit welcher
sie jenem im Guten und im Bsen unbertrefflichen Manne, auch im Unglck und bis
in seinen Tod zugethan blieb. Die unaffectirte Wrme, womit sie noch jetzt von
ihm spricht, scheint die Aufrichtigkeit der Trauer zu besttigen, worin sie
etliche Jahre nach seinem Tode in einsamer Verborgenheit zugebracht haben soll.
Nun hat sie sich mit dem, was sie aus den Trmmern der unermelichen Reichthmer
ihres unglcklichen Freundes retten konnte, nach Athen begeben, wo sie sehr
eingezogen lebt, und nur mit vieler Mhe vermocht werden kann, zuweilen in einer
ausgesuchten kleinen Gesellschaft die Tafel des Hippias zu zieren; der (wenn ich
dir's nicht schon gesagt habe) in seinen Talenten und in seiner Gewandtheit
Mittel gefunden hat, sich zu einem der reichsten Sophisten in der ganzen Hellas
zu machen, so wie er, mit deiner Erlaubni, einer der ersten Virtuosen in der
Kunst gut zu essen ist. Er hat der schnen Timandra Antrge gethan, die in ihrer
Lage kaum zu verwerfen wren, wenn Hippias auch weniger von allem dem bese,
was sie ber den Verlust eines Alcibiades trsten kann. Noch scheint sie
unentschlossen; doch zweifle ich nicht, da sie sich berreden lassen wird, uns
auf der Reise nach Syrakus Gesellschaft zu leisten. Du siehst also, liebe
Laiska, falls du etwa einen kleinen Anschlag auf meinen Reisegefhrten gemacht
haben solltest, da du eine Rivalin zu bekmpfen haben wirst, die sich dermalen,
wo nicht seines Herzens (und rathe warum?) doch gewi seines Geschmacks und
seiner Phantasie gnzlich bemchtigt zu haben scheint.
    Kleombrotus dauert mich. Er hat, als er hrte da wir nach Korinth gehen
wrden, alles versucht, um von der Gesellschaft zu seyn: aber Hippias der mit
einer natrlichen Antipathie gegen alle Arten der Schwrmerei und Schwrmer
geboren ist, konnte nicht bewogen werden, seine Einwilligung dazu zu geben. Die
Noth des armen Jungen stieg endlich so hoch, da ich, wenn wir allein waren,
sein Geheimni schon mehr als Einmal, unter dem heftigsten Grimmen und Wrgen,
sich schon ganz nah an seine Lippen hinauf arbeiten sah; aber immer hatte er
doch Strke genug es mit Gewalt wieder hinunterzudrcken. Da ich ihm nun
geholfen wissen mchte, so sann ich lange auf Mittel und Wege, bis mir endlich
einfiel, ihn mit meinem edeln Freund Eurybates bekannt zu machen. Eurybates ist
ein leidenschaftlicher Liebhaber der Dichter und der Kunst ihre Werke gut zu
lesen; und Kleombrotus, auerdem da er selbst Dithyramben von der ersten Strke
macht, declamirt so vortrefflich, da er es beinahe mit dem groen Rhapsodisten
Ion114 aufnehmen knnte. Diese Talente haben ihn bereits in so hohe Gunst bei
Eurybates gesetzt, da ich gewi bin, er wird ihn knftigen Frhling mit nach
Aegina nehmen, und die beiden liebenden Seelchen werden sich dort unter deinem
Schutze, wieder - nach Herzenslust anschauen, durchdringen, und in Eine
hermaphroditische Seele zusammenflieen knnen. Kleombrotus ist von seinem neuen
Freunde ganz bezaubert. - Ich bedaure nur, sagte ich diesen Morgen mit der
arglosesten Miene zu ihm, da ihr euch so bald wieder werdet trennen mssen;
denn Eurybates wird den Frhling in Aegina zubringen. - Was thut das? versetzte
Kleombrotus; warum sollt' ich ihn nicht nach Aegina begleiten knnen? - Das ist
wahr, erwiederte ich, wenn dich deine Anhnglichkeit an Sokrates und Plato nicht
zurckhlt. - Du siehst, Laiska, ich wollte mir nur eine kleine Kurzweil mit dem
verschwiegenen Liebhaber machen; aber meine letzten Worte verdarben alles. Sie
fielen ihm so stark auf die Brust, da er pltzlich den Kopf hngen lie, und
mit einem tiefen Seufzer traurig fortschneckte. Ich bin gewi, es wird ihm harte
Kmpfe kosten bis ihn die Leidenschaft berzeugt haben wird, da, in der
Nothwendigkeit zwischen beiden zu whlen, Musarion doch den Vorzug haben msse.
    Hippias hat endlich ber die Bedenklichkeiten der schnen Wittwe des
Alcibiades gesiegt, und unsre Abreise ist auf einen der nchsten Tage angesetzt.
Wenn uns der Gott der Winde nicht zuwider ist, hoffe ich noch vor dem Eintritt
des nchsten Vollmonds, zur Feier unsrer ersten Zusammenkunft in Korinth, den
Grazien mit dir zu opfern.

                                      35.



                                An Ebendieselbe.

Ist es wahr, meine Laiska, da ich dich gesehen, drei Gttertage mit dir gelebt,
unsern ewigen, am Altar der Freundschaft zu Aegina beschwornen Bund erneuert,
und den Sokratischen Grazien und dem Gtter und Menschen Herrscher Amor in
deinem eigenen Tempel zu Korinth geopfert habe? Wie die Stunden in einem schnen
Traum, einem einzigen langen untheilbaren Augenblick hnlich, schwanden sie
vorber, diese Wonnetage; aber noch immer meinem innersten Sinne gegenwrtig,
auch in der geistigen Gestalt der bloen Erinnerung, lschen sie alles aus, was
sich mir als gegenwrtig darstellen will: alles Wirkliche scheint mir Traum; ich
sehe nur dich, hre nur den Sirenenton deiner sen Rede, sauge den allmchtigen
Geist der Liebe aus deinen Lippen, und fhle deinen gttlichen Busen auf meinem
Herzen wallen. Schon bin ich drei volle Tage (sagen die Leute) in Syrakus, in
der grten, prchtigsten, schnsten Stadt des ganzen Erdbodens: und wenn du
mich fragtest, wo der weltberhmte Tempel der Tyche stehe, und ob er auf
Dorischen oder Ionischen Sulen ruhe, so wt' ich dir nicht zu antworten. Lais,
Lais! Was hast du aus mir gemacht? aus mir, der sich auf die Klte seines Kopfs
so viel zu gute that? O du, mchtiger als Circe und Medea, gib mir meine Sinne
wieder! Lse den Zauber, den du auf mich geworfen hast! Was wolltest du mit
einem Wahnsinnigen anfangen? - Wunderbar, da ich deine Gegenwart mit ihrer
ganzen Allgewalt ertragen konnte, und entfernt von dir der bloen Erinnerung
unterliege! Beinahe mcht' ich mit dir hadern, da du so unendlich liebenswrdig
bist. - Ich rede im Fieber, Liebe, nicht wahr? - Es ist hohe Zeit da ich
aufhre.

                                      36.



                               Lais an Aristipp.

Welcher ungndigen Nymphe bist du zur Unzeit in den Weg gekommen, Aristipp?
Wte ich nicht, wie wenig das war, das dich in so wunderbare Seelenzuckungen zu
setzen scheint, und da ein Lffel voll Wein, sey es auch vom besten Cyprier,
niemanden berauschen kann, du httest mich beinahe glauben gemacht, es sey dein
Ernst. Aber vermuthlich wolltest du nur einen kleinen Versuch machen, wie weit
du es in der Manier des jungen Kleombrotus bringen knntest. Ich wrde dich
beklagen, wenn du wirklich so wenig ertragen knntest als du vorgibst. Gut
indessen, da du mich gewarnt hast. Ich werde mir's gesagt seyn lassen, und mich
wohl hten, dich glcklicher zu machen als dir zutrglich ist. Wenn ein
Trpfchen Nektar in einem Becher voll Wasser dir schon so stark zu Kopfe steigt,
was fr Unheil wrde eine ganze Trinkschale unvermischten Gttertranks in deinem
Gehirn anrichten?
    Ernstlich zu reden, lieber Aristipp, mu ich fast vermuthen, da du mich
ber die kleinen Untreuen, wozu dich die schne Timandra, vielleicht ohne
Absicht und Wissen, verleitet, sicher machen willst. Wenn das deine Meinung
wre, mein Freund, so httest du das unrechte Mittel ergriffen. Bleibe, wenn ich
dir rathen darf, in deinem gewhnlichen Ton, und verlass' dich wegen des
Uebrigen auf mich. Ich wei wie viel man euch zu gut halten mu, und bei mir
bist du vor den zwei hlichsten Weiblichkeiten, der Eifersucht und der
Rachlust, sicher. Ich werde immer ehrlich und aufrichtig mit dir verfahren, aber
ich erwarte auch das Nmliche von dir.
    Syrakus, sagt man, hat die schnsten Weiber in ganz Griechenland. Findest du
es wirklich so? Sage mir gelegentlich ein Wort hierber, und melde mir zugleich,
wie meine neue Freundin mit ihrem sophistischen Liebhaber, oder wie man es
nennen mu, haushlt? Etwas Kunst wird sie nthig haben, wenn sie so viel Gewalt
ber ihn behalten will, als schlechterdings nthig ist, wenn ein Mann sich
glcklich durch uns fhlen soll. Doch sie ist in einer guten Schule gewesen, und
die ehemalige Geliebte des Alcibiades kann des Raths einer Anfngerin nicht
bedrfen. Wenn ich sie recht gesehen habe, so ist viel feiner Sinn, um nicht
Schlauheit zu sagen, unter der naiven Einfalt versteckt, die ihr eine so eigene
Anmuth gibt, und desto sichrer wirkt, weil sie mit Geist und Gte des Herzens
verbunden ist. Sie ist wirklich ein liebenswrdiges Weib, und ich erlaube dir,
ihr so gut zu seyn als dein Freund Hippias es gerne sehen mag.

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                               Aristipp an Lais.

Ich glaube wirklich, da ich dir jngst in einer Art von Fieber geschrieben
habe, Laiska. Was ich schrieb mgen die Gtter wissen! Ich wei nichts weiter
davon, als da in den ersten acht Tagen nach der Abfahrt von Korinth die
Erinnerung an dich mein ganzes Wesen dermaen ausfllte, da keine andere
Vorstellung Platz neben ihr finden konnte. Wenn du glaubst, da ein solcher
Zustand ziemlich nah an Wahnsinn grnze, so bin ich vllig deiner Meinung; oder
vielmehr, um entschiedener Wahnsinn zu werden, htte er vielleicht nur noch acht
Tage dauern mssen. Indessen war's doch schon ein gutes Zeichen, da mir nicht
so ganz wohl bei der Sache war als wenn ich Kleombrotus gewesen wre. Ich stand
schon im Begriff mit einem Arzt davon zu sprechen, als wir, zu gutem Glcke, von
Hermokrates, einem der angesehensten Mnner der Stadt, zu einem groen Gastmahl
eingeladen wurden. Die Gesellschaft war auserlesen, die Bewirthung (um alles mit
Einem Worte zu sagen) Sicilianisch; und wie die Frhlichkeit nach und nach
rauschender ward, gingen auch die groen Becher immer fleiiger herum. Ich
schonte den herrlichen Syrakuser unsers reichen Wirthes nicht, und siehe da! am
folgenden Morgen, als ich meinen kleinen Rausch ausgeschlafen hatte, stand ich
so heiter, unbefangen und lichtstrahlend vom Lager auf, als Helios115 aus den
Armen der Thalassa.116
    Du siehest, liebe Laiska, da man an dem Gehirn eines chten Sokratikers
nicht so leicht verzagen darf. Indessen sind wir, wie gesagt, ber das
Gefhrliche der Nympholepsie117, ber die du, Grausame, mich noch gar bespotten
konntest, gnzlich einverstanden; nur gegen die Folge, die du daraus ziehest,
hab' ich eine starke Einwendung. Der Satz, worauf du deinen Schlu grndest, mag
in vielen Fllen gelten; aber auf die Liebe lt er sich nicht anwenden. Mit
dieser Leidenschaft ist es (brigens ohne Vergleichung) wie mit gewissen
Krankheiten, wo eine kleine Gabe eben derselben Arzney das Uebel vermehrt, eine
starke hingegen die trefflichste Wirkung thut. Auf diese Gefahr wag' es also
immerhin mit mir, schne Hebe! Vergi da ich nur ein Sterblicher bin, reiche
mir die Nektarschale so voll wie einem Olympier, und du wirst Wunder sehen!
    Timandra, die dich - liebt wre vielleicht zu viel gesagt, mehr als von
irgend einem schnen Weibe gefordert werden kann - aber, die dich neidlos
bewundert, ist auf dein Andenken und deine Theilnehmung stolz. Sie scheint sich
in ihrer neuen Lage wohl zu gefallen, und mein Egoist lebt in einer sehr
vergnglichen Ehe mit ihr. Er kann sich keine bessere Hausfrau wnschen, sie
keinen Mann bei dem sie es in allen Stcken besser htte; so da ich nicht sehe,
warum ihre Verbindung nicht bis auf den letzten Faden halten sollte. Timandra
hat alles, bis zum Ueberflu, was seine Sinnlichkeit befriedigen kann; dabei ist
sie sanft, munter, und immer frohen Sinnes, ohne Laune, Eigensinn und
Eifersucht; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor, kommt allen
seinen Wnschen entgegen, versteht seine leisesten Winke, ist ihm nie
beschwerlich, und erlaubt ihm stillschweigend, so viele kleine Seitensprnge zu
machen als er Lust und Gelegenheit hat. Wie geneigt Hippias seyn mag, ihr
gleiche Freiheit nachzusehen, wei ich nicht, und werde ihm schwerlich jemals
Ursache geben sich darber zu erklren. Indessen erkenne ich mit gebhrendem
Danke, da du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie
selbst verlangt; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Gromuth
zu machen, da Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jngern fordern zu drfen
glaubt.
    So viel ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte, scheint die ffentliche
Meinung der Schnheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln. Vor wenig
Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste Gelegenheit, mich mit meinen eigenen
Augen davon zu berzeugen. Der lange Zug von jungen Mdchen (den Tchtern der
angesehensten und begtertsten Brger), die in zierlich gefalteten, bis zu den
schnen Kncheln herabflieenden weien Gewndern, Blumenkrnze um das halb
aufgewundne, halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar, und den leicht
umflorten Busen mit reich gestickten Bndern umgrtet, Paar und Paar mit
leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten, alle in der
ersten Entknospung der Jugend und Schnheit, keine die nicht einem Skopas zum
Modell einer Grazie htte dienen knnen - ich gestehe dir, Laiska, es war ein
entzckender Anblick! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz, Hand in
Hand, gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden, in den
reinsten Silbertnen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen
anstimmend, - wahrlich ein vorbeischwebender Gott htte sich (wie der Dichter
sagt) bei diesem Schauspiel verweilt; und nie dnkte mich einen solchen Triumph
der weiblichen Schnheit und Anmuth gesehen zu haben. Das Auge irrte geblendet
und alles Auswhlens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser
Zauberschwestern umher, unvermgend auf Einer zu verweilen, weil schon im
nchsten Augenblick eine vielleicht noch schnere ihre Stelle eingenommen hatte,
um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten. Du
selbst, du Einzige, httest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen mssen, um
den Zauber zu vernichten, und hunderttausend Augen, die mit diesem lieblichen
Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden, pltzlich an
dich allein zu fesseln.

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                            An Learchus zu Korinth.

Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses, edler Heraklide, hat mich
glcklich zu Korinths schnster Tochter, der Beherrscherin der reichsten Insel
der Welt, herbergefhrt. Du kennst Athen und Syrakus118, und dir darf ich also
wohl gestehen, was ich auf dem groen Marktplatz zu Athen kaum zu denken wagen
drfte: da Syrakus die stolze Minervenstadt an Gre, Bauart, Volksmenge und
Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Brger zu befriedigen, weit hinter
sich zurcklt. Von den Einwohnern urtheilen zu knnen, bin ich noch zu kurze
Zeit hier; aber weniger wre schon genug, um zu sehen, da sie den Athenern auch
an Lebhaftigkeit, Feuer, Wankelmuth, Leichtsinn, und raschen Sprngen von einem
Aeuersten zum andern, den Vorzug streitig machen knnten. Es begreift sich, da
ein solches Volk (wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner
sagte) weder mit noch ohne Freiheit leben kann. Seit der Zeit, da sie von deinem
Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegrndet wurde (also seit mehr als
dreihundert Jahren) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu
Demokratie, und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen, den summarischen
Inhalt ihrer Geschichte aus; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben
sollten, da sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so bel als bei der
demokratischen und bei der monarchischen (selbst eines Hieron und Dionysius)
immer besser als bei der oligarchischen befanden; so ist doch der unglckliche
Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke, da
alles, was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und
Umwlzungen erlitten haben, sie nicht von der Begierde heilen kann, bei dem
geringsten Anschein eines glcklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder
abzuschtteln, welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandtheit als Strke
auf den Nacken gelegt hat. Es sind nun zehn Jahre verflossen, seitdem dieser
sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemchtigt hat. Da er
die nicht konnte, ohne einen groen Theil der mchtigsten und reichsten
Familien, die ihm hartnckig und wthend widerstanden, zu unterdrcken, war
Natur der Sache: aber niemand zweifelt, da ihm selbst nichts erwnschter wre,
als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten, das Andenken der ersten Jahre
seiner eigenmchtigen Regierung auszulschen, und die Fortsetzung derselben fr
sie und fr ganz Sicilien so glcklich und wohlthtig zu machen, als es einst
die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war. Niemand wrde mehr dabei
gewinnen als sie selbst. Denn es ist leicht vorherzusehen, da ohne ein
gemeinschaftliches Oberhaupt, welches alle Stdte Siciliens dazu vermgen kann,
ihre Strke gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Carthager, zu vereinigen,
unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119
unterliegen werde; und gewi wrde es schwer seyn, im ganzen Sicilien einen Mann
zu finden, der in allen Eigenschaften und Talenten, die zu einem im Krieg und im
Frieden groen Frsten erfordert werden, sich mit Dionysius messen knnte. Aber
der Syrakusaner ist eitel und stolz; er will sich (wie der Athener) von niemand
befehlen lassen, dem er nicht selbst die Erlaubni dazu gegeben hat, der ihm
nicht ber alles Rechenschaft ablegen mu, und den er nicht wieder absetzen und
vernichten kann sobald es ihm beliebt. Der Gedanke von einem ihrer Mitbrger
eigenmchtig beherrscht zu werden, macht sie blind und gefhllos gegen alle
Vortheile, die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen knnten,
wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen, sein
Joch wieder abzuschtteln, verhindert wrde, seinen eignen Weg ruhig
fortzugehen; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche
aufzugeben, als er die Regierung niederzulegen, so ist wahrscheinlich genug, da
sie Mittel finden werden, aus einem vortrefflichen Frsten, den das Schicksal
den Sicilianern geben wollte, durch ihre eigene Thorheit einen argwhnischen,
strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen.
    Ich hrte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem
Dionysius (ber welchen man hier sehr frei urtheilt) ein groes Verbrechen
daraus machen, da er sich nicht gescheuet htte ffentlich zu sagen: die
Souvernett gewhre ihm nie einen so vollen Genu, als wenn er was er wolle
sogleich ausfhren knne.120 So, meinten sie, knne nur ein Tyrann sprechen,
dem nichts heilig sey, und der sich an kein Gesetz gebunden halte. Mir schien
diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fhig zu seyn, sondern sie sogar zu
fordern. Der Wunsch alles was man will ausfhren zu knnen, sagte ich, setzt so
wenig einen bsen Willen voraus, da er vielmehr Guten und Bsen, Thoren und
Verstndigen gemein ist; und vielleicht ist das grte Leiden guter Menschen,
da sie nur selten knnen was sie wollen. Mich dnkt aber, fuhr ich fort,
Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzge
der Monarchie vor der Volkssouvernett vor Augen gehabt. Die Schleunigkeit der
Ausfhrung dessen, was als nothwendig beschlossen wurde, ist in allen Fllen
ntzlich. Oft hangt die Erhaltung des ganzen Staats, oder doch die Verhtung
eines groen Schadens davon ab, da eine genommene Maregel pnktlich und auf
der Stelle vollzogen werde. Die ist nur da zu bewerkstelligen, wo der Wille des
Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet, sondern im Gegentheil
jedermann sich beeifert, die Ausfhrung dessen, was der oberste Befehlshaber
will, befrdern zu helfen. In Republiken ist die selten der Fall; denn nichts
ist unerhrter, als da ein Freistaat nicht in Parteien getheilt sey, die
einander mit dem unverdrossensten Eifer entgegen wirken. Besonders ist in der
Demokratie der Wille des Souverns nicht nur an sich launisch und vernderlich,
sondern er wird noch durch die vielerlei Sinne der vielen Kpfe, die ihn
bearbeiten, so stark hin und her gerttelt, so oft aufgehalten, unschlssig
gemacht und in Widerspruch mit sich selbst gesetzt, da meistens die Zeit der
Ausfhrung schon vorber ist, bevor man in der Volksversammlung zu einem
Beschlu kommen konnte. Ist dieser endlich gefat, so gehen nun die Hindernisse
der Vollziehung an. Keiner der Demagogen, die einander die Regierung des sich
selbst zu regieren unvermgenden Souverns streitig machen, gnnt einem andern
als sich selbst die Ehre und die Belohnungen einer gelungenen Unternehmung.
Jeder, der entweder einer andern Meinung war, oder bei dem Beschlossenen seine
Rechnung nicht findet, bietet alle seine Krfte auf, die Ausfhrung zu
hintertreiben, oder milingen zu machen; von allen Seiten nichts als
Schwierigkeiten, Fuangeln und Fallgruben; nirgends eine sichre Rechnung auf den
guten Willen, den Gehorsam, den Eifer und die Wachsamkeit der Untergeordneten,
wovon doch am Ende alles abhngt. Dafr geht es denn auch in den Republiken,
zumal in denen, wo das Volk zugleich sein eigner Souvern und Unterthan ist,
gewhnlich und wenige seltne Flle ausgenommen, so zu - wie der allgemeine
Augenschein zeigt. Von jeher blieb einem Volke, um frs erste immer selbst recht
zu wissen was es wolle, und es dann wirklich ausgefhrt zu sehen, kein anderes
Mittel, als seine hchste Gewalt einem Einzigen zu bertragen, und ihm eben
dadurch unbeschrnkte Vollmacht zu geben, alles zu thun was er zu Vollziehung
des allgemeinen Willens, oder (was eben dasselbe ist) zu Erzielung der
Sicherheit und Wohlfahrt des Staats, fr nothwendig und dienlich erkennen wrde.
Ich konnte leicht merken, da ich mich der Gesellschaft durch diese Rede nicht
sonderlich empfohlen hatte. Da es aber den meisten bekannt war, da ich ein
Auslnder sey, der sich nur kurze Zeit zu Syrakus aufzuhalten gedenke und bei
dem sogenannten Tyrannen nichts zu suchen habe, lie ich mich durch das
Vorurtheil, das einige vielleicht gegen mich fassen mochten, nicht abschrecken,
meine Meinung ber die Gegenstnde, die der Verfolg des Gesprchs herbeifhrte,
so freimthig zu sagen, als es sich in einer Gesellschaft ziemte, die aus lauter
erklrten Freunden der Freiheit zu bestehen schien. Einer von den lebhaftesten
hatte sich den Ausdruck entwischen lassen: man mte zum Sklaven geboren seyn,
um die Herrschaft eines Einzigen, der sich mit Gewalt eingedrungen, geduldig zu
ertragen. - Aber wie, sagte ich, wenn ihr selbst ihm die Herrschaft, um eurer
eigenen Sicherheit und Ruhe willen, von freien Stcken auftrget? Es wre
wenigstens so viel damit gewonnen, da ihr nicht nthig httet, einen Frsten,
unter dessen Regierung der Staat augenscheinlich immer blhender, mchtiger und
reicher wird, mit dem verhaten Namen eines Tyrannen zu belegen. - Wie?
versetzte jener hitzig; der mte ein dreifacher Sklave seyn, der sich
freiwillig einen Herrn geben wollte! - Ich sehe wohl, erwiederte ich mit groer
Gelassenheit, warum du dich so eifrig gegen meinen Vorschlag erklrst. Aber es
gibt Mittel gegen alles. Man knnte ihn ja durch eine Grundverfassung, einen von
ihm unabhngigen Senat, oder (wie die Spartaner) durch Aufseher einschrnken,
und sich dadurch gegen jeden Mibrauch der hchsten Gewalt sicher stellen? - Ein
Volk, sagte mein feuervoller Gegner, das nicht im Stande ist ohne einen Herrn zu
leben, wird eben so wenig vermgend seyn, seiner Macht Grnzen zu setzen, oder
sie in denjenigen zurckzuhalten, die er sich vielleicht anfangs aus Politik
gefallen zu lassen scheinen wird. - Und was wird das Schlimmste seyn, das daraus
erfolgen mchte? fragte ich, vielleicht mit einer etwas Attischen Miene, die ich
mir (wie ich besorge) unter den Cekropiden unvermerkt angewhnt habe. - Welche
Frage! rief mein Gegenkmpfer halb entrstet; ist denn irgend etwas Bses und
Schndliches, irgend eine ungerechte, gottlose, ungeheure That, die ein Mensch,
der alles kann was er will, nicht zu begehen fhig wre? - Fhig wre? das geb'
ich zu; aber da er ein so unsinniger Thor seyn wird, alles Bse wirklich zu
thun, dessen er fhig ist, Bses ohne alle Noth oder Herausforderung, blo um
das Vergngen zu haben Bses zu thun; daran zweifle ich sehr. Einen
Wahnsinnigen, ein reiendes Thier, oder einen unter Verbrechen und Schandthaten
grau gewordenen Bsewicht, wollen wir freilich nicht zum Hirten des Volks
bestellen. Bei einem Menschen, der alles kann (versetzte jener etwas klter,
weil er sich im Vortheil zu sehen glaubte) bedarf es nur einer einzigen
Leidenschaft, die ihn berwltigt, um ihn, wenn er vorher auch ein Mensch wie
andere war, zu allem was du sagtest, zu einem Wahnsinnigen, zu einem Tiger, zu
einem Bsewicht der vor keinem Verbrechen erschrickt, zu machen. - Ich bin in
die Enge getrieben, erwiederte ich; du httest die groen Vorzge der Demokratie
vor der Alleinherrschaft in kein strkeres Licht setzen knnen. Um vor allen
Gefahren dieser Art sicher zu seyn, gibt es also wohl kein besseres Mittel, als
da ein Volk sich selbst regiere? Niemand ist dazu geschickter, und nichts war
wohl von jeher unerhrter, als da eine souverne Volksversammlung etwas
Unbesonnenes oder Ungerechtes beschlossen, oder die Macht, alles zu knnen was
sie will, zu Befriedigung irgend einer hlichen Leidenschaft mibraucht, und
sich treuloser, ruberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht htte. -
Ein allgemeines Gelchter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu
setzen, und ich sah da es hohe Zeit sey, einen ernsthaftern Ton anzustimmen.
Verzeih, sagte ich zu ihm, wenn ich zur Unzeit gescherzt habe. Ich wollte weiter
nichts damit sagen, als da unumschrnkte Gewalt immer mit Gefahr des Mibrauchs
verbunden ist, sie mag nun in den Hnden eines Einzigen, oder eines Senats, oder
eines ganzen Volkes seyn. Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche
Beschaffenheit des Regierers, vieles auf Zeit und Umstnde, Stimmung, Laune und
Einflu des Augenblicks an. Einschrnkungen helfen wenig oder nichts. Eine
hchste Gewalt mu in jedem Staate seyn, und die hchste Gewalt lt sich nicht
einschrnken; denn die knnte doch nur durch eine noch hhere geschehen, und in
diesem Fall wre diese, nicht jene, die hchste. Die Mglichkeit ihres
Mibrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel, weil sie ihren Grund in einem
unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat. Aber es ist immer zu vermuthen, da
ein einzelner Regent die Macht alles zu thun was er will, weniger, seltner und
leidlicher mibrauchen werde, als ein so vielkpfiges Ungeheuer von mehrern
Tausenden, an Verstand, Erziehung, Einsicht, Erfahrenheit, Vermgen u.s.w. so
sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten
Menschen ist; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als
Eigennutz und Selbstbefriedigung, so ist doch ungleich wahrscheinlicher, da der
Einzige die Nothwendigkeit einsehe, da er seine Macht, um sie ruhig und mit
Ruhm zu genieen, zur Wohlfahrt des Staats anwenden msse, als da ein ganzes
Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle, so oft das
Privatinteresse der Personen, denen es sich gern oder ungern anvertrauen mu,
mit dem seinigen in Widerspruch steht.
    Mein Gegner gewann wieder Muth. Du missest nicht mit einerlei Ma, sagte er:
du nimmst einen Tyrannen an, der immer nach Grundstzen handelt, sich nie seinen
Launen oder Leidenschaften berlt, immer sein wahres Interesse kennt und vor
den Augen hat, mit Einem Worte, der die Weisheit und Klugheit selbst ist. Das
Volk in der Demokratie hingegen ist, nach deiner Voraussetzung, ein blindes,
vernunftloses und unbndiges Ungeheuer, das nicht wei was ihm gut ist, das
immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen mu und immer das
Unglck hat, von Thoren oder Schelmen gefhrt zu werden. Sey, wenn ich bitten
darf, nur so billig gegen die Demokratie, als du gromthig gegen die Tyrannie
und das Knigthum bist. Wenn ich dir die Mglichkeit eines Alleinherrschers
zugebe, der das hchste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen
setzt, sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Migung bedient, und seine
hchste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Unterthanen findet, wenn ich dir
die Mglichkeit zugebe, da ein solcher Phnix nicht platterdings ein bloes
Hirngespinnst sey: so wirst du mir auch die Mglichkeit einer Republik, worin
ein freies, edeldenkendes und zu jeder sittlichen und brgerlichen Tugend
erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten
Gesetzen freiwillig regieren lt, zugeben, und zugleich bekennen mssen, da
eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist.
    Alle anwesenden Syrakusaner klatschten, nickten oder lchelten ihrem edeln
Mitbrger Beifall zu, und schienen zu erwarten, da ich billig oder wenigstens
urban genug seyn wrde mich berwunden zu geben. Aber so ganz leicht wollt' ich
ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen. Ich sehe nur ein Einziges
hierbei zu bedenken, sagte ich, und hielt ein. Und was wre das, wenn man fragen
darf? sagte mein Antagonist. - Nichts, versetzte ich, als da ein so
verstndiges und tugendhaftes Volk, wie es mein edler Gegner voraussetzt, ganz
und gar keiner Regierung bedrfte. Lat uns so ehrlich seyn, einander zu
gestehen, da die Unentbehrlichkeit aller brgerlichen Verfassungen und
Regierungen keinen andern Grund hat, als die Schwche und Verkehrtheit des armen
Menschengeschlechts. Sie sind ein nothwendiges Uebel, das einem ungleich grern
abhilft oder vorbeugt, und blo dadurch zum Gut wird. Indessen, da die Regierer
nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedrftigen, so wre wohl nichts
billiger, als da wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten, und niemand
dafr ben lieen, da er eben so wenig vollkommen ist als wir. Warum wollten
wir uns das Gute, das wir haben, dadurch verkmmern, da es uns nicht gut genug
ist? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzge und Gebrechen; wiegt man sie
gehrig gegen einander, so gleichen sich, wechselsweise, diese durch jene und
jene durch diese aus, und was brig bleibt, ist so unendlich wenig, da es die
Mhe nicht verlohnt, darum zu hadern. Die Mehrheit der Stimmen erklrte sich fr
meinen Vorschlag zur Gte, und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu
vereinigen: da ein Volk, das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl
befunden, durch den Verlust derselben wenig verloren habe, und bei einem klugen
und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen wrde, wenn es weise
genug seyn knnte, das Bestreben des Regenten, sich seines, wiewohl
gesetzwidrigerweise, errungenen Platzes wrdig zu beweisen, durch Zutrauen und
guten Willen aufzumuntern, anstatt ihn durch Mitrauen, Unzufriedenheit und
heimliche Anschlge gegen seine Person zu tyrannischen Maregeln zu zwingen, die
ihm, als zu seiner Sicherheit nothwendig, endlich zur Gewohnheit werden, und das
Verderben des Frsten und des Volks zugleich zur Folge haben knnten.
    Ich bin etwas ausfhrlich in Erzhlung dieser politischen Conversation
gewesen, edler Learchus, weil ich dein Verlangen, die gegenwrtige Stimmung der
Syrakusaner zu kennen, besser dadurch zu befriedigen hoffe, als durch allgemeine
Bemerkungen, die bei einem so kurzen Aufenthalt ohnehin wenig Zuverlssigkeit
haben knnten. Unsre Gesellschaft bestand grtentheils aus Mnnern der ersten
aristokratischen Familien zu Syrakus, und ich glaube da man von ihnen, mit
ziemlicher Sicherheit nicht zu irren, auf die brigen schlieen knne. Es war
sehr natrlich, da sie, so oft des Tyrannen erwhnt oder auf ihn angespielt
wurde, eine gewisse Gleichgltigkeit und Zurckhaltung affectirten, die einen
ganz unkundigen Fremden ungewi lassen konnte, ob sie seine Freunde oder Feinde
wren; mir aber, der von ihren Angelegenheiten hinlnglich unterrichtet ist, war
es leicht ihre wahre Gesinnung durch die bel passende Larve durchscheinen zu
sehen. Nie werden sie zu dem Tyrannen, nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen;
beide Theile haben einander zu viel Leides gethan, als da jemals eine
aufrichtige Ausshnung mglich wre; auch wissen beide sehr wohl, wessen sie
sich zu einander zu versehen haben, und nehmen ihre Maregeln darnach. Aber
strker als alles die fiel mir eine andere Bemerkung auf, die ich an diesem
Abend zu machen Gelegenheit hatte. Unter allen diesen eifrigen Republikanern und
Patrioten, solltest du es denken, lieber Learchus? war nicht Einer, der sich
auch nur den Schein zu geben gesucht htte, als ob ihm das wahre Interesse
Siciliens, oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes
am Herzen liege. Ein Blinder htte sehen mssen, da weder dieses noch jenes bei
ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam. Sie hatten
eine gewichtigere und ihnen nher liegende Ursache ihn zu hassen; und ich halte
mich berzeugt, keiner von ihnen wrde das geringste Bedenken tragen, sich
selbst noch heute auf den Thron des Dionysius zu setzen, wenn er es mglich zu
machen wte. - Und doch mu ich hintennach ber mich selbst lachen, da mir so
etwas auffallen konnte. Verstand sich's nicht von selbst? Was fr einen Grund
hatte ich, etwas anders zu erwarten?
    Mein Reisegefhrte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde
Philistus bei Hofe aufgefhrt, und gefllt dem Tyrannen so wohl, da er ihm fast
immer zur Seite seyn mu. Dionysius sieht sehr gut, was ihm ein Mann wie Hippias
seyn knnte, und scheint groe Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu
fesseln: aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und
Unabhngigkeit zu sehr, als da er sich nur einen Augenblick versucht fhlen
sollte, sie um die unzuverlssige Gunst eines Frsten zu vertauschen, mit
welchem er den ffentlichen Ha und die Gefahren eines immer schwankenden
Thrones theilen mte. Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt, und ich soll
ihm an einem der nchsten Tage vorgestellt werden.

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                               An Ebendenselben.

Seit kurzem gibt uns Dionysius ein Schauspiel zu Syrakus, dessen gleichen
vielleicht noch nie in der Welt gesehen worden ist. Alles was in den fnf
Stdten, woraus diese ungeheure Stadt besteht, Hnde und Fe hat, ist in
Bewegung; alle Huser, Straen und Mrkte wimmeln von geschftig hin und her
eilenden Menschen; auf allen Schiffswerften, auf allen groen Pltzen in und
auerhalb der Stadt, arbeiten Zimmerleute und Schmiede zu Tausenden; die Ufer
ringsumher sind mit Schiffbauholz und Mastbumen bedeckt, wovon tglich groe
Schiffsladungen vom Aetna und aus den Apenninischen Gebirgen anlangen, und
Myriaden von Zeug- und Waffenschmieden und andern Handarbeitern machen den
ganzen Tag ein Getse, wovon einem Tauben die Ohren gellen mchten. Mit Einem
Worte, Dionysius hat gerade zur gelegensten Zeit den glcklichen Gedanken
gefat, Sicilien von den Ueberfllen der Carthager auf immer zu befreien, und
macht zu diesem Ende Zurstungen und Anstalten, welche hinlnglich scheinen
knnten, wenn er den ganzen Erdboden zu erobern gesonnen wre. Aber was noch
mehr ist, er hat Mittel gefunden, die Syrakusaner fr seinen Plan einzunehmen
und in eine so fanatische Begeisterung zu setzen, da jedermann sich in die
Wette beeifert, seine Absichten zu befrdern, seine Befehle zu vollziehen und
seinen Beifall zu verdienen. Auer seinen Syrakusiern und andern Sicilianern hat
er aus Italien und Griechenland die erfindsamsten Kpfe und die geschicktesten
Mechaniker und Kunstarbeiter zusammengebracht. Er selbst ist die Seele, die alle
Verrichtungen dieser ungeheuern Masse von Menschen leitet und belebt. Fr alles
was gearbeitet wird, besonders fr allerlei neue Kriegsmaschinen, die eine
erstaunliche Wirkung thun sollen, und eine Art von Galeeren mit fnf Reihen
Ruder, von seiner eigenen Erfindung (sagt man) hat er Modelle verfertigen
lassen, nach welchen alles in der mglichsten Vollkommenheit gearbeitet wird;
und ansehnliche Preise sind fr diejenigen ausgesetzt, die in jedem Fache die
beste Arbeit liefern. Dionysius selbst ist berall persnlich zugegen, sieht und
beurtheilt mit der Schrfe und Billigkeit einer chten Sachkenntni was gethan
wird, spricht freundlich mit den Arbeitern, muntert ihren Flei durch Lob und
kleine Belohnungen auf, zieht sogar jeden, der sich in seinem Fache besonders
hervorthut, an seine Tafel, kurz, bezaubert alle diese Menschen durch eine
Leutseligkeit und Popularitt, die ihm alle Herzen - auf wie lange mcht' ich
nicht sagen - aber gewi so lang' als er ihrer und sie seiner bedrfen, gewinnen
mu. Seine bittersten Feinde, die Aristokraten, sehen sich genthigt mit dem
Strom des allgemeinen Enthusiasmus fortzutreiben, ihren Ingrimm hinter lchelnde
Hofgesichter zu verstecken, und durch den thtigen Antheil, den sie an seinen
Anstalten nehmen, ihren - Patriotism zu erproben.
    Einem Staatsmann von deiner Einsicht, edler Learchus, habe ich durch diese
bloe kunstlose Angabe dessen was ich hier tglich sehe, einen tiefern Blick in
den Charakter des merkwrdigen Mannes erffnet, der jetzt an der Spitze der
Sicilier steht und die Aufmerksamkeit aller Griechen erregt, als ich durch die
mhsamste Aufzhlung eines jeden einzelnen Zugs vielleicht bewirkt htte.
Dionysius versichert sich nicht allein durch alle diese Vorbereitungen des
Sieges ber den mchtigen Feind, den er zu bekmpfen haben wird; er versichert
sich zugleich der Zuneigung des Volks, das ihn, anstatt wie andre Herrscher sich
dem Miggang und den Wollsten zu berlassen, mit groen Planen zum allgemeinen
Glck Siciliens beschftigt sieht; er benimmt dadurch seinen Feinden den Muth
etwas gegen ihn zu unternehmen, und legt einen so festen Grund zu einer lange
dauernden Regierung, da ich eine groe Wette eingehen wollte, er wird, wo nicht
immer eben so ruhig, doch gewi eben so sicher auf seinem usurpierten Throne
sitzen, als ob er kraft eines lngst verjhrten Erbrechts zum Knig geboren
wre.
    Du kannst dir nun selbst vorstellen, Learchus, - du der den Geist des Volks,
der sich allenthalben gleich ist, kennt - wie stolz die groe Mehrheit der
Syrakusaner in diesem Augenblick auf ihren Frsten seyn mu; wie geschmeichelt
sie sich durch den Antheil fhlen, den er sie, mit der schlauesten Popularitt,
an seiner Gre nehmen lt; und wie gewaltig sie der Anblick aller der Wunder
verblendet, die sie tglich vor ihren Augen entstehen sehen, und die er freilich
ohne alle Hexerei blo dadurch bewirkt, da er, mittelst kluger Anwendung der
Krfte und Schtze einer mchtigen Republik so viele Kpfe, Arme und Hnde zu
einem einzigen groen Zweck in zusammenstimmende Thtigkeit zu setzen wei.
Kurz, Dionysius hat das wahre Mittel gefunden, die Syrakusaner (eine Zeit lang
wenigstens) vergessen zu machen, da er einst ihr Mitbrger war; er erscheint
vor ihren Augen im vollen Glanz des Homerischen Agamemnons, den Gttern gleich
und der Herrschaft wrdig, die dem Tapfersten, Klgsten und Thtigsten, so lange
der Enthusiasm, den er einhaucht, whrt, zu allen Zeiten so willig eingerumt
worden ist.
    Ich habe, seitdem ich ihm vom Philistus und Hippias vorgestellt wurde,
fters Gelegenheit gehabt ihn reden zu hren und handeln zu sehen, und werde
tglich mehr in der Meinung bestrkt, da jedes an die Monarchie gewhnte Volk
sich unter einem Frsten wie er glcklich achten wrde. Schon sein Aeuerliches
kndigt einen Mann an, der besser zum Regieren als zum Gehorchen taugt. Er ist
gro und stark gebaut; seine Gesichtsbildung edel, mnnlich, und wofern mich
mein physiognomischer Sinn nicht betrgt, mehr Klugheit und Gewalt ber sich
selbst, als Unerschrockenheit und Selbstvertrauen bezeichnend; seine Augen klein
aber feurig; sein Blick scharf, umhersphend und beinahe laurend; seine Miene,
sobald er will, einnehmend, aber, so wie er sich vergit, kalt, finster,
abschreckend, und wenn er zum Zorn gereizt wird, frchterlich. Da er berhaupt
eher das Ansehen eines Demagogen als eines Knigs hat, scheint ihm in seiner
Lage vielmehr vortheilhaft als nachtheilig, und ist eine eben so natrliche
Folge des Standes worin er geboren und der Bestimmung, fr welche er erzogen
wurde und sich selbst ausbildete, als da er unendlich mehr Kenntnisse besitzt,
und alles was er wei viel grndlicher wei, als bei Personen gewhnlich ist,
die das durch den Zufall der Geburt sind, was er durch sich selbst geworden ist.
Aus eben diesem Grunde kann ihm, ducht mich, zu keinem besondern Verdienst
angerechnet werden, da er, der selbst ein Gelehrter und ein Mann von Talenten
ist, Wissenschaft und Kunst liebt, Gelehrte und Knstler ehrt, und sich besser
in ihrem Umgang gefllt als unter Leuten, die sich durch ihren Stammbaum oder
ihre glnzenden Glcksumstnde ber die Nothwendigkeit eines persnlichen Werths
erhaben glauben. Hingegen scheint es mir auch unbillig, ihm (wie viele thun)
einen Vorwurf daraus zu machen, da er in seinen Erhohlungsstunden - Verse
macht, und vielleicht bessere als von kniglichen Versen gefordert werden kann.
Bis jetzt wenigstens scheint er seinen Umgang mit der tragischen Muse, in die er
stark verliebt seyn soll, noch sehr geheim zu halten; und in der That fordert
die groe Tragdie, die er selbst zu spielen vorhat, seine ganze Thtigkeit in
einem so hohen Grade, da ihm weder Zeit noch Lust brig bleiben kann, sich in
einen Wettlauf mit Sophokles und Euripides einzulassen.
    Ueber seinen Charakter urtheilen zu wollen, wrde von mir in zweifacher
Rcksicht verwegen seyn; nur die wage ich zu behaupten, da er von Natur nichts
weniger als so gefhllos und grausam ist, wie ihn seine Gegner schildern. Um ihn
zu dem khnen Entschlu zu bringen, dessen guten Erfolg er viel weniger dem
Glck als seiner Klugheit und Geschicklichkeit zu danken hat, brauchte es nur
zwei Blicke, einen auf Syrakus und Sicilien berhaupt, und einen in sich selbst.
Jenen war nur durch Vereinigung unter Einen unbeschrnkten Herrscher zu helfen,
und das Talent, dieser Herrscher zu seyn, fhlte er in sich. Als der Entschlu
einmal gefat und das Spiel angefangen war, mute er nun alles darauf setzen.
Alles gewinnen oder alles verlieren! ein Drittes gab es jetzt nicht mehr fr
ihn. Natrlich war das erste sein Zweck, und wer den Zweck will, will die
Mittel. In seiner Vorstellungsart konnten die Kmpfe mit den Aristokraten und
Demagogen, wenn sie auch noch weit mehr Kpfe und Proscriptionen gekostet htten
als sie wirklich kosteten, kein Grund seyn, der reizenden Basileia nicht
nachzustreben. Aber daraus schlieen zu wollen, er msse nothwendig grausam,
blutdrstig und der unmenschlichsten Gruel fhig seyn, wre ein eben so
falscher als unbilliger Schlu. Was er that, war nicht mehr als wozu er theils
durch den wthenden Widerstand der Gegenpartei gezwungen, theils durch ihre mehr
als barbarische Mihandlung seiner Gemahlin121 auf eine Art gereizt wurde, die
den sanftesten aller Menschen zum Wtherich gemacht htte. Auch ist gewi, da
seine Feinde das, was wirklich geschah, sehr bertrieben haben; und ich zweifle
sehr, ob unter denen, die er auf seinem Wege zum Thron, weil sie sich selbst
unter die Rder seines Wagens warfen, zertreten mute, oder den racheschreienden
Manen einer geliebten Gattin opferte, nur ein einziger war, dessen Tod ein
Verlust fr den Staat gewesen ist.
    Wie dem aber auch seyn mchte, da er, seitdem man ihn ruhiger regieren
lt, seinen hchsten Stolz darein setzt, zum Glck Siciliens zu regieren,
beweisen alle seine Handlungen, und (wie ich neulich dem Syrakusaner sagte)
wofern er in der Folge mehr in Hierons als in Gelons Fustapfen treten sollte,
so wird niemand Schuld daran seyn als die Syrakusaner selbst. Die, edler
Learch, ist dermalen alles, was ich dir vom Dionysius zu sagen wei, und ich
setze nur hinzu, da Hippias ber die alles mit mir gleicher Meinung ist.
    Ob die Griechen des festen Landes Ursache haben, ber die immer wachsende
Macht dieses Frsten eiferschtig zu seyn, zumal wenn es ihm (was vielleicht bei
seiner Unternehmung gegen Carthago seine Hauptabsicht ist) gelingen sollte sich
von ganz Sicilien Meister zu machen - berlasse ich deiner tiefer sehenden
Staatsklugheit. Mir (wenn ich im Vorbeigehen meine unbedeutende Meinung sagen
darf) scheint Korinth bei seinen ehrgeizigen Planen am wenigsten gefhrdet zu
seyn, aber wohl im Gegentheil sich, durch eine gelegenheitliche Verbindung mit
ihm, eine krftige Sttze gegen die Uebermacht und die Anmaungen der Athener
und Spartaner verschaffen zu knnen. Uebrigens bedarf es bei dir wohl keiner
Versicherung, da ich nicht den geringsten Vortheil dabei suche noch finde, wenn
ich den Syrakusischen Tyrannen aus der dstern, verzerrenden und grausenhaften
Beleuchtung, in welche sein Charakter mit absichtlich bsem Willen von seinen
Feinden gesetzt wird, in das reine, nichts verbergende noch verflschende
Sonnenlicht gestellt habe. Er bedarf meiner so wenig als ich seiner, und da ich
im Begriff bin Sicilien wieder zu verlassen, was knnte mich bewegen, mich des
Vorrechts eines Auslnders, unparteiisch zu seyn, von freien Stcken zu begeben?
Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, melden mir, da
Ariston den bel bedachten Versuch, den Dionysius nachzuahmen ohne ein Dionysius
zu seyn, bereits mit seinem Leben bezahlt hat. Noch ist die ffentliche Ruhe und
Ordnung nicht wieder hergestellt; aber beide Parteien scheinen geneigt, sich auf
billige Bedingungen zu vergleichen, und ich verspreche den angefangenen
Unterhandlungen einen guten Erfolg, da mein Bruder Aristagoras und mein Freund
Demokles an der Spitze der Parteien stehen. Was mich zur Rckkehr nthigt, ist
daher nicht sowohl die Hoffnung, meinem Vaterlande bei dieser Gelegenheit
vielleicht einige Dienste thun zu knnen, als die Nachricht, da mein Vater (ein
alter Freund des deinigen) seinem Ziele nahe zu seyn glaubt, und mich im Leben
noch zu sehen verlangt. Ich beurlaube mich also hiermit von Griechenland und von
dir, edler und gastfreundlicher Learch. Mein nchster Brief wird dir aus Cyrene
zukommen; indessen gehabe dich wohl!

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                            Aristagoras an Aristipp.

Hoffentlich hat der weise Sokrates deine weltbrgerliche Philosophie von ihrem
hohen Fluge der Erde wieder nahe genug gebracht, da dir die Schicksale deines
Vaterlandes nicht ganz gleichgltig seyn werden. Es ist freilich nur ein
Ameisenhaufen, wenn du willst; aber uns Ameisen ist unsere Erdscholle eine Welt.
Ich berichte dir also, lieber Aristipp, da Ariston, dem du dich durch deinen
kleinen Brief schlecht empfohlen hattest, deine Weissagung bald genug erfllt,
und mich und meine Mitarbeiter von dem undankbaren Frohndienst, seine
Thorheiten, wo nicht immer zu vergten, wenigstens zu verschleiern und den
Uebermuth seiner Gnstlinge in Schranken zu halten, befreit hat. Selten ist ein
Mensch von den zuflligen Umstnden mehr begnstigt worden als Ariston; und wie
wenig er auch des Diadems wrdig war, htte er nur so viel Thtigkeit und Gewalt
ber seine Leidenschaften besessen, als nthig war, die schwrmerische Zuneigung
der untern Volksclassen eine Zeit lang zu rechtfertigen, so s' er jetzt ruhig
auf dem Frstenstuhl der Battiaden; seine Feinde htten den Muth verloren; der
Brgerkrieg wre in der Geburt erstickt worden, und die ppigen, Ruhe und
Vergngen ber alles liebenden Cyrener, durch seine Popularitt, Prachtliebe und
Freigebigkeit bestochen, htten sich unvermerkt gewhnt, seine Indolenz und
Verdienstlosigkeit fr Tugenden eines milden friedliebenden Frsten anzusehen.
Aber sein bser Dmon gewann gleich in den ersten Wochen seiner Regierung die
Oberhand. Anstatt die Verwirrung und Schwche seiner Feinde zu benutzen, und die
Flchtigen ohne Verzug bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfolgen, berlie
er sich seinen dir wohlbekannten Neigungen, ordnete Feste an, affectirte von dem
Brgerkriege als einer geendigten Sache zu reden, und theilte die eingezogenen
Gter der Proscribirten unter seine Parasiten aus. Die Vorstellungen seiner
getreuesten Rthe wurden nicht gehrt, und alles was ihm die Leute riethen denen
er folgte, war zu seinem Verderben. Dennoch htte alles noch leidlich ablaufen
mgen, wenn er uns nur erlaubt htte, gegen die (sogenannten) Rebellen, die sich
in einen haltbaren Posten an den Grnzen der Cesammonen geworfen hatten,
auszurcken, bevor sie Zeit gewannen, die brigen Flchtlinge, Mivergngte und
Verbannte, an sich zu ziehen und unvermerkt zu einem Heer anzuwachsen. Aber
Ariston wollte die Ehre, seine Truppen in eigner Person anzufhren, keinem
andern abtreten, und glaubte sogar seine Sache sehr politisch anzustellen, wenn
er seinen Feinden Zeit liee, sich alle in einen Haufen zusammen zu drngen,
damit er der Rebellion mit Einem Schlag ein Ende machen knnte. Und so mute das
Einzige, was allenfalls an ihm zu rhmen war, seine persnliche Tapferkeit,
durch die Unklugheit, womit er sie handhabte, die Ursache seines Verderbens
werden. Die republikanische Partei hatte durch sein Zgern Luft bekommen, und
durch die rastlose Thtigkeit ihrer Anfhrer Mittel gefunden, etliche Tausend
Messenier, die, von den Spartanern aus Naupaktos und Kephalonia vertrieben, sich
an die Cyrenische Kste geflchtet hatten, unter dem Versprechen, ihnen die
Lndereien der Kniglichen und das Brgerrecht von Cyrene zu schenken, an sich
zu ziehen, und durch diese Verstrkung zu einem furchtbaren Heer anzuschwellen.
Denn die Messenier wurden von jeher unter die tapfersten und streitbarsten
Vlker Griechenlands gezhlt, und was konnte man nicht von solchen Kriegern in
einer Lage erwarten, worin sie auer einem elenden Leben nichts zu verlieren,
hingegen wenn sie siegten, ein neues Vaterland, reiche Vergtung alles
Verlornen, und die vlligste Sicherheit vor ihrem ewigen Todfeinde, den
Spartanern, zu gewinnen hatten? Die Republicaner fhlten sich nun stark genug,
etwas zu unternehmen, wozu der Mangel an Lebensmitteln sie ohnehin bald
gezwungen haben wrde; sie verlieen ihre Verschanzungen, unterwarfen sich das
platte Land umher, und gingen muthig auf Cyrene los. Jetzt erwachte Ariston
pltzlich aus seiner bisherigen Unthtigkeit. Aber der Fanatism des Volkes fr
ihn hatte sich abgekhlt, und es kostete Mhe, bis er mit Hlfe seiner
Getulischen Leibwache so viele bewaffnete Brger und Landleute zusammenbrachte,
da er dem Feinde, den er noch immer verachtete, die Spitze bieten zu knnen
whnte. Es kam einige Meilen von der Stadt zu einem entscheidenden Treffen;
beide Theile fanden einen strkern Widerstand als sie erwartet hatten, und
fochten mit desto grerer Erbitterung; es war vielleicht der blutigste Tag, den
Cyrene je gesehen hatte. Eine Menge angesehener Brger, eine groe Anzahl der
vornehmsten Befehlshaber, und alle Messenier die als Verzweifelte fechtend weder
Quartier gaben noch annahmen, auf der feindlichen Seite - und ein groer Theil
Volks auf der unsrigen, blieben auf dem Platze; Ariston selbst strzte mitten
unter seinen fr ihn kmpfenden und um ihn her fallenden Getulischen Lwen,
tdtlich verwundet zu Boden, und wurde am folgenden Tage unter einem Haufen
Erschlagener hervorgezogen. Das Gemetzel whrte so lange, bis die Nacht den
Ueberrest beider Heere zum Rckzug zwang. Brauchte es nun etwas weiters als auf
beiden Seiten wieder zur Besinnung zu kommen, um aufs lebendigste zu fhlen, da
Friede und Migung der einzige Weg sey, alles Unheil, das Zwietracht und
ungezgelte Leidenschaften ber unser blutendes Vaterland zusammengehuft
hatten, so viel mglich wieder gut zu machen? Friede, Ausshnung, Verzeihung,
war jetzt das allgemeinste und dringendste Bedrfni. Demokles, der beliebteste
unter den brig gebliebnen Anfhrern der demokratischen Partei, und ich, von
Seiten derer die es mit Ariston gehalten hatten, wurden also bevollmchtiget, in
Unterhandlung zu treten, und das Resultat war: da beide Parteien einander
ewiges Vergessen alles Vergangenen zuschwren, die Verbannten zurckberufen, die
eingezognen Gter zurckgegeben, und von jeder Seite fnf Mnner ernannt werden
sollten, um den gesammten freien Einwohnern von Cyrene eine Regierungsform
vorzuschlagen, durch welche die Republik zugleich vor allen knftigen Fehden
zwischen den alten Familien und dem Volke, und vor der Gefahr, wieder in die
Gewalt eines Einzigen zu gerathen, sicher gestellt wrde. Diese neue
Regierungsform liegt noch auf dem Ambo; alles Uebrige ist bereits vollzogen. Da
die Wahl der Zehnmnner auf lauter redliche und staatskundige Brger gefallen
ist, und unser Volk zum voraus geneigt scheint, sich jeder neuen Ordnung der
Dinge zu fgen, so ist nicht zu zweifeln, da Cyrene in kurzer Zeit von den
Wunden wieder geheilt seyn wird, die ihr der thrichte Ehrgeiz einiger
ausschweifenden und belberathenen Schwindelkpfe geschlagen hat. Es gibt Flle,
wo eine starke Verblutung einem Staate, so wie gewissen menschlichen Krpern,
heilsam ist, und bei vorsichtiger Behandlung den Grund zu einer bessern
Gesundheit legen kann.
    Mchte ich nicht genthigt seyn, mein Bruder, dir diese trstliche Nachricht
durch eine andere zu verbittern, die uns beide unmittelbar betrifft. Unser guter
alter Vater verspricht sich selbst die Freude nicht, die bessern Zeiten, die uns
bevorstehen, zu erleben. Er verlangt sehr, dich noch zu sehen, und vielleicht
wrde die Erfllung dieses Wunsches zu Verlngerung seiner Tage beitragen. Ich
bitte dich also, deine Hierherkunft, so sehr du immer kannst, zu beschleunigen.
Mgen die Gelbde, die wir alle um Begnstigung deiner Reise thun, dem Ohr einer
freundlichen Gottheit begegnen!

                                      41.



                               Aristipp an Lais.

Du ahndest wohl nicht, schne Lais, da drei in deinem Hause gelebte Tage mich
dem hchsten Ziele der Philosophie nher gebracht haben als vier Jahre in der
Sokratischen Schule. Wenn es wahr ist (und das ist es gewi!) da die Tugend der
Selbstbezwingung die Wurzel aller brigen ist, wie viel habe ich nicht dem
Angedenken jenes flchtigen Wonnetraums zu danken! Glaube mir, diese ganze Zeit,
da ich wieder von dir getrennt bin - ich errthe dir zu gestehen, wie viel Jahre
sie mir schon whrt - war ein einziger unaufhrlicher Kampf meines Willens mich
von dir zu entfernen, mit dem unwiderstehlichsten Drang zu dir zurck zu
fliegen. Bis hierher habe ich obgesiegt; und fortkmpfen werd' ich ihn - diesen
peinlichern Kampf als die schwersten, wodurch man die Olympischen und
Isthmischen Kronen erringt - und meinen Muth mit der Hoffnung strken, da du
(wie bald oder wie spt mgen die Gtter wissen!) den Sieger mit dem sesten
Kusse, den deine Nektarlippen je gekt haben, belohnen werdest. - Lache nicht
ber eine so seltsame Tugendbung! Du wrdest dich, wenn du ihrer spotten
knntest, an dir selbst, an mir und an der Tugend gleich stark versndigen.
Wirklich und in ganzem Ernst, ich zweifle sehr ob jemals eine grere That als
die meinige gethan worden ist, und es gibt Augenblicke, wo ich mit dem
stolzesten Selbstgefhl auf alle zwlf Arbeiten des Thebanischen Hercules
herabsehe. Denke ja nicht, Liebe, da eine solche Selbstpeinigung nichts
Verdienstliches habe, weil sie keinem Menschen in der Welt zu etwas ntze, und
am Ende nichts als grillenhafter Eigensinn sey. Eben darin liegt das
Verdienstliche, da ich - blo um mich selbst, auf knftige Flle, die
vielleicht nie kommen werden, in Bezwingung meiner Begierden zu ben - den
strksten Reizungen widerstehe, die vielleicht jemals einem Sterblichen
zugesetzt haben. Bin ich tapfer genug in diesem Kampfe immer Sieger zu bleiben,
welche Gefahr wird mir in meinem ganzen Leben furchtbar seyn? bei welchen
Sirenenfelsen werd' ich nicht mit unverstopften Ohren vorbei segeln knnen?
Wahrlich, Laiska, ich htte jetzt schon Ursache mich fr keinen kleinen Helden
auszugeben, wenn ich nicht zu ehrlich wre, dich und mich selbst belgen zu
wollen. Aber ich kann und will dir nicht verhalten, da es Stunden gibt, wo ich
den Sieg nicht mir selbst zu verdanken habe; Stunden, wo meine mit jedem
Augenblick abnehmende Kraft dem mchtigen Iynx, der mich zu dir zieht, nur noch
matten Widerstand thut, kurz, wo ich im Begriff bin nach dem Hafen zu rennen,
die erste beste Jacht zu miethen und mit vollen Segeln nach Korinth zurck zu
eilen; - was vielleicht in einem dieser unglcklichen Augenblicke bereits
geschehen wre, wenn nicht die gerechte Furcht, da du mich, wenn ich so
unerwartet vor dir erschiene, als einen Feigherzigen, der ohne Schild aus der
Schlacht zurckkommt, auf der Stelle wieder zurckschicken wrdest, mehr ber
mich vermchte als der erhabene Beweggrund, mir selbst zu beweisen, da ich -
wollen kann was ich will. Denn darauf luft doch am Ende die ganze Herrlichkeit
hinaus.
    Die neuesten Nachrichten, die ich aus Cyrene erhalte, sind nicht sehr
geschickt, mir das Herbe meiner Tugendbungen zu versen. Ariston ist (wie
leicht vorherzusehen war) wieder gestrzt; die ffentlichen Angelegenheiten, in
welche unsre Familie, edle Anaximandra, ziemlich verwickelt ist, sind noch immer
in Verwirrung, und was mir nher andringt als das alles, mein alter Vater, der
gtigste und geflligste Vater, den ich mir jemals wnschen konnte, scheint am
Ziel seiner Tage zu seyn. Dieser Umstand nthigt mich meinen Reiseplan zu
ndern; anstatt die Stdte der sdlichen Kste von Italien zu besuchen, kehre
ich morgen mit einem fr Hadrumetum betrachteten Schiffe nach Libyen zurck.
Sollte ich, wie ich fast besorgen mu, meinen Vater nicht mehr unter den
Lebenden antreffen, so sehe ich nicht was mich in Cyrene aufhalten knnte. Denn
meine eignen Angelegenheiten werden mit meinem Bruder, der ein eben so
edelmthiger als kluger Geschftsmann ist, bald abgethan seyn, und von der
Pflicht, mich in die ffentlichen zu mischen, dispensirt mich glcklicherweise
meine Jugend. In diesem Falle wrde ich vielleicht bald genug zurckkommen
knnen, um dich noch zu Aegina anzutreffen. Indessen lebe wohl, meine Freundin,
und erinnere dich meiner, so oft du den Grazien und deinem Genius, der auch der
meinige ist, opferst.

                                      42.



                        Aristipp an Learchus zu Korinth.

Ein heftiger und anhaltender Sturm, der uns mehrere Tage im Hafen von Skandeia
zurckhielt, hat mich um die beste Frucht meiner Reise gebracht. Ich bin zwar
glcklich in Cyrene angelangt, aber den ehrwrdigen Aritades, den ich noch zu
sehen hoffte - sah ich nicht mehr. Ich wei, edler Learch, auch du wirst dem
Andenken eines Freundes deines Hauses, den du vor dreiig Jahren bei deinem
Vater gesehen zu haben dich vielleicht noch erinnerst, eine fromme Thrne
schenken. Er war ein guter Mann im edelsten Sinne dieser Benennung. Htte Cyrene
unter zehntausend Brgern nur hundert seines gleichen gehabt, so wrden die
armen Leute jetzt nicht so viel Noth und Mhe haben, all das Unheil wieder gut
zu machen, das die Verkehrtheit einiger wenigen, und die Thorheit der Menge im
Laufe des verfloss'nen Jahres ber sie gebracht hat. Das groe Interesse der
ffentlich Angelegenheiten verschlingt in diesem Zeitpunkt jedes Privatgefhl.
Vornehmlich beschftigt die knftige Staatsverfassung alle Kpfe und Zungen; man
hrt in allen Gesellschaften und auf allen Versammlungspltzen nichts anders;
jedermann hat entweder einen Vorschlag zu thun, oder stellt Vermuthungen ber
die neue Republik an, die in kurzem aus der Werkstatt der Zehnmnner hervorgehen
soll, und bekrittelt sie in voraus, falls sie so oder so ausgefallen seyn
sollte. Da ich ein bloer Zuschauer bei allen diesen Bewegungen bin, wird dich
nicht befremden, da mich weder meine Erfahrenheit noch unsre Gesetze, die keinem
Brger vor seinem dreiigsten Jahre eine active Stimme gestatten, zu
ffentlicher Theilnehmung an Geschften dieser Art berufen, und vor unzeitiger
Einmischung meine ganze Art zu denken mich bewahrt. Ich berlasse alles meinem
Bruder Aristagoras und meinem Freunde Demokles (die das Vertrauen ihrer
Mitbrger in einem vorzglichen Grade besitzen) um so ruhiger, da sie durch
gleiche Migung und Klugheit, bei gleich redlichen Absichten, vllig dazu
geeigenschaftet scheinen, uns, wo nicht die beste Verfassung, die sich denken
lt, wenigstens die beste, die unter den gegenwrtigen Umstnden mglich ist,
zu geben.

                                      43.



                               An Ebendenselben.

Das neue Palladion unsrer Stadt ist nun fertig, und (wie die Cyrener ein rasches
und ungeduldiges Vlkchen sind) von der allgemeinen Volksversammlung mit groem
Jubel angenommen und eingefhrt worden. Dir die innere Organisation unsrer mit
Griechenland in keiner Verbindung stehenden Republik bis in ihren kleinsten
Aesten und Zweigen darzulegen, mchte dir und mir zu langweilig seyn: ich
begnge mich also, dir nur das Wesentlichste, und auch die nur mit den
uersten Linien, vorzuzeichnen.
    Die hchste Staatsgewalt ist in einer ziemlich zweckmigen Proportion (wie
mich ducht) zwischen dem Senat, welcher ausschlielich aus den ltesten und
begtertsten Familien genommen wird, und dem Volk, oder vielmehr dem aus dem
Mittel desselben erwhlten groen Rath, der das Volk vorstellt, vertheilt. Der
Senat besteht aus hundert Personen, die ihren Platz in demselben lebenslnglich
behalten. Der Vorsitzer, Epistates genannt, ist das Haupt der ganzen Republik;
er hat das groe Siegel in seiner Verwahrung, und da er fr die Ausfhrung der
Beschlsse des Senats verantwortlich ist, so ist jeder Brger von Cyrene ohne
Ausnahme seinen Befehlen und Auftrgen schleunigen und unverweigerlichen
Gehorsam schuldig. Er besitzt aber diese beinahe knigliche Gewalt nur dreiig
Tage lang, und kann erst in fnf Jahren wieder dazu erwhlt werden. Die
Senatoren, die nicht unter fnfunddreiig Jahre alt seyn drfen, sind in drei
Classen abgetheilt. Die erste besteht aus zwlf Demarchen oder Polizeimeistern
(welche knftig blo aus den monatlich abgehenden Epistaten genommen werden
sollen), deren jeder in einem der zwlf Quartiere, in welche die Stadt
abgetheilt ist, fr die Erhaltung guter Zucht und Ordnung und ffentlicher
sowohl als huslicher Sicherheit zu sorgen hat. Sie sind zugleich Schiedsrichter
in allen unter den Brgern verfallenden Streitigkeiten, und berechtigt, wenn
kein Vergleich statt findet, in erster Instanz abzuurtheilen. Auch kommen sie
zweimal in der Woche zusammen, um sich ber alles was zur allgemeinen
Stadtpolizei gehrt, es betreffe nun Abstellung von Mibruchen oder Vorschlge
zu Verbesserungen, zu berathen. Sie erstatten dem Senat alle Monate Bericht ber
den Zustand der Stadt und legen ihm ihre Vorschlge zur Entscheidung vor. Die
zweite Classe des Senats besteht aus den vierundzwanzig Personen, unter welche
die hauptschlichsten Aemter der Republik vertheilt sind, dem Kanzler und
Schatzmeister, und den smmtlichen Oberaufsehern der ffentlichen Gebude,
Tempel, Gymnasien, Bder, Brunnen u.s.w., ferner der Feste und religisen
Feierlichkeiten, des Kriegsstaats und Seewesens, der Zeughuser, der
ffentlichen Fruchtbden, des Ackerbaues, der Bergwerke u.s.w. Diese erscheinen
gewhnlich nur alsdann im Senat, wenn sie Vortrge zu thun, Verhaltungsbefehle
einzuholen, oder Rechenschaft abzulegen haben. Alle brigen Senatoren machen das
Collegium aus, dem die Verwaltung der brgerlichen und peinlichen Gerechtigkeit
anvertraut ist, und welches wieder in verschiedene Abtheilungen zerfllt. Die
Epistaten und Demarchen dienen dem Gemeinwesen umsonst; die zweite und dritte
Classe sind auf einen anstndigen Gehalt gesetzt. Der Staat besoldet seine
Diener aus dem Schatz; die Richter hingegen erhalten ihren Ehrensold aus einer
ffentlich verwalteten Casse, in welche alle Geldbuen und die vom Gesetz
bestimmten Gerichtsgebhren flieen, welche die unterliegende Partei bezahlen
mu, und wovon allein die rmste Brgerclasse ausgenommen ist; denn fr diese
hat unsre Justiz keinen Beutel, aber dafr einen derben Knittel, um die Leute
von leichtfertigen Hndeln abzuschrecken.
    Der Senat versammelt sich gewhnlich sechsmal in jedem Monat, und auerdem
so oft es der Epistat nthig findet. Er vereinigt unter den verfassungsmigen
Einschrnkungen alle Gewalten in sich. Alle seine Verordnungen haben, insofern
sie den schon vorhandenen Gesetzen nicht widerstreiten, Gesetzeskraft; aber
diejenigen, die den ganzen Staat betreffen, nur bis zur nchsten Sitzung des
groen Rathes, der aus hundert und zweiundneunzig Plebejern besteht, wozu jedes
Quartier sechzehn von den Brgern desselben erwhlte Mitglieder hergibt. Dieser
mu alle Monate, am ersten Tage nach dem Neumond, von dem Epistaten
zusammenberufen werden, um den Verordnungen des Senats, welche die Kraft eines
gemeingltigen Gesetzes erhalten sollen, die Besttigung zu geben oder zu
versagen. Diese Besttigung ist nicht lnger als auf fnf Jahre krftig; nach
Verflu derselben wird das Gesetz einer Revision ausgestellt, durch welche es
entweder verworfen oder auf dreiig Jahre festgesetzt wird. Ueber Krieg und
Frieden kann nur der groe Rath entscheiden. Neue Auflagen knnen nur mit seiner
Bewilligung stattfinden, auch mu ihm von jedem abgehenden Epistaten Bericht
ber den Zustand der Republik und alle Jahre von dem Schatzamt Rechnung ber die
Verwaltung der ffentlichen Einknfte abgelegt werden.
    Auf diese Weise glaubten unsre Nomotheten122 zugleich sowohl fr die
Freiheit und Sicherheit, die der Staat seinen Brgern zu garantiren schuldig
ist, als fr die Erhaltung der brgerlichen Ordnung, hinlnglich gesorgt zu
haben. Aber sie fanden noch eine Gewalt nthig, um der groen Macht, die dem
aristokratischen Senat anvertraut ist, das Gegengewicht zu halten, und dem
demokratischen groen Rath jeden Mibrauch seiner hemmenden Gewalt unmglich zu
machen.
    Zu diesem Ende verordneten sie noch ein Collegium von sechs Eparchen,
welche, von allen andern unabhngig, zur einen Hlfte vom groen Rath aus den
Eupatriden, und zur andern vom Senat aus dem Volk erwhlt werden, und keine
andere Verrichtung haben, als die Bewahrer der Gesetze und der Verfassung zu
seyn, und zu verhindern, da weder der Senat und die aus dessen Mittel
bestellten Magistratspersonen ihre Gewalt ber die Schranken der Gesetze
ausdehnen, noch der groe Rath dem kleinen seine Beistimmung aus unstatthaften
Ursachen versagen knne. In beiderlei Fllen haben sie den Rthen und brigen
Staatsbeamten Vorstellungen zu thun, und sind, wofern diese nicht gehrt wrden,
berechtigt, eine von den Prytanen ergangene Verordnung zu suspendiren oder eine
vom groen Rath versagte Sanction durch die ihrige zu ersetzen. Die ihnen
verliehene Macht geht so weit, da sie eine jede Magistratsperson und berhaupt
jeden Brger, der etwas gegen die Republik oder ihre Verfassung unternehmen
wollte, in Verhaft zu nehmen, und einem besondern Gerichte, das aus den zwlf
Demarchen, zwlf durchs Loos erwhlten Prytanen, und fnfundzwanzig Plebejern,
unter dem Vorsitz des ltesten Eparchen, zusammengesetzt ist, zur Untersuchung
und Bestrafung zu bergeben berechtigt sind. Diese Staatsaufseher bleiben nur
ein Jahr im Amte, haben den Vorsitz ber alle andern obrigkeitlichen Personen,
unmittelbar nach dem Epistaten, und werden vom Volk als eben so viele fr seine
Rechte und fr die ffentliche Wohlfahrt wachende Schutzgeister angesehen; sind
aber nach ihrem Austritt einer so strengen Verantwortlichkeit unterworfen, da
auf jede Versumni ihrer Pflicht die Strafe einer zehnjhrigen Landesverweisung
steht.
    Ich fge diesem kurzen Abri unsrer neuen Verfassung nur noch dieses hinzu,
da, weil die Cyrenische Priesterschaft sich bei der letzten Revolution durch
eine besonders eifrige Vorliebe fr die Tyrannie hervorgethan, die Einrichtung
getroffen worden ist, da die jedesmaligen Demarchen zugleich die Oberpriester
in ihrem Quartier, und der Epistat als das Oberhaupt des Staats zugleich der
Hohepriester desselben ist.
    Wie gefllt dir nun unsre Republik in dieser neuen Gestalt, edler Learch?
Sie ist mit obrigkeitlichen Personen nicht so berladen wie Athen, und hat, wenn
ich ihr nicht zu viel schmeichle, so ziemlich die Miene, ihre zwanzig Jahre so
gut wie irgend eine andre auszudauern. Oder meinst du nicht? - Ernsthaft zu
reden, es wre unartig von mir, wenn ich unsern Prometheen die Freude, eine so
zierlich gearbeitete Constitution zu Stande gebracht zu haben, und meinen
Mitbrgern ihr Vergngen an derselben durch Mittheilung meiner Gedanken
verkmmern wollte. Aber bei dir darf ich die Weissagung wohl ingeheim
hinterlegen, da unsre Staatsmaschine, wie richtig sie auch einige Jahre spielen
mag, noch ehe dreiig Jahre in die Welt gekommen sind, wieder ins Stocken
gerathen und den Shnen ihrer Verfertiger wenigstens eben so viel zu schaffen
machen werde, als die vorige den Vtern. Alle brgerliche Gesellschaften haben
den unheilbaren Radicalfehler, da sie, weil sie sich nicht selbst regieren
knnen, von Menschen regiert werden mssen, die - es grtentheils eben so wenig
knnen. Man kann unsre Regierer nicht oft genug daran erinnern, da brgerliche
Gesetze nur ein sehr unvollkommnes und unzulngliches Surrogat fr den Mangel
guter Sitten, und jede Regierung, ihre Form sey noch so knstlich ausgesonnen,
nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist, die in jedem Menschen
regieren sollte. Was hieraus unmittelbar folgt, ist, denke ich: man knne nicht
ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernnftig und sittig zu machen.
Aber, wie die Machthaber hiervon zu berzeugen, oder vielmehr dahin zu bringen
wren, die Wege, die zu diesem Ziele fhren, ernstlich einzuschlagen? - die ist
noch immer das groe unaufgelste Problem! Wie kann man ihnen zumuthen, da sie
mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst berflssig zu machen?

                                      44.



                               Lais an Aristipp.

Die ungewhnliche Schnheit dieses Frhjahres hat mich schon in den ersten Tagen
der Blthenzeit nach Aegina gelockt; oder vielmehr die kleine Musarion lie mir
keine Ruhe, sobald sie die erste Schwalbe zwitschern hrte. Du solltest nur um
der Nachtigallen willen eher nach Aegina gehen, sagte sie alle Morgen und
Abende; gewi sie singen nirgend so schn als in unserm Lustwldchen zu Aegina.
    Du mut wissen, Aristipp, da Musarion meinem alten Patron, vor ungefhr
sechzehn Jahren, von einer schnen Thracischen Sklavin geboren, und auf seinem
Gute zu Aegina bis an seinen Tod erzogen wurde. Er selbst entdeckte mir die
kurz vor seinem Ende, indem er das Schicksal des jungen Mdchens gnzlich in
meine Hnde stellte. Du zweifelst nicht da ich ihr sogleich die Freiheit gab;
und da ich nicht alt genug bin ihre Mutter vorzustellen, gehe ich mit ihr, wie
du gesehen hast, wie mit einer jngern Schwester um.
    Die Sehnsucht des guten Kindes nach Aegina ward nach und nach so lebhaft,
da ich ihrem Andringen nicht lnger widerstehen konnte. Wir sind also wieder
hier in deinem Lieblingssitz, und unsre Nachtigallen greifen sich so gewaltig
an, da man sie bis in Athen hren mu; denn sie haben bereits den begeisterten
Kleombrotus im Gefolge seines edeln Freundes zu uns herber gesungen. Eurybates
hat (wie dir bekannt ist) auch eine Nachtigall, oder vielmehr eine Sirene, zu
Aegina, deren Zaubergesang ihm so gefhrlich zu werden droht, da ich mich
ziemlich versucht fhle, den armen Menschen aus purem Mitleiden dem Verderben zu
entreien, das sie ihm zubereitet. In ganzem Ernst, Freund Aristipp! Eurybates
dauert mich, und wer wei wie weit ich die Gromuth zu treiben fhig wre, wenn
ich nicht - rathe selbst wen? - in wenig Wochen zu Aegina erwartete, dessen gute
Meinung von mir ich nicht gern verscherzen mchte, und der eine so heroische
Aufopferung meiner selbst - blo um einen Abkmmling des Kodrus im Besitz seines
schnen Landguts zu erhalten - vielleicht nicht verdienstlich genug finden
drfte, sie fr ein wrdiges Gegenstck der peinlichen Tugendbungen anzusehen,
die er sich selbst ganzer drei Monate lang zu Syrakus auferlegt haben soll.
    Ohne Scherz, lieber Aristipp, auch deine Freundin, sich schmeichelnd da sie
immer noch die einzige ist, sehnt sich dich bald wieder zu sehen; und wenn sie
dir gleich eine Treue, die ihr nichts kostet, nicht hoch anzurechnen gedenkt, so
gesteht sie doch, da sie dir's schwerlich verzeihen knnte, wenn du deine
philosophischen Kampfbungen auf ihre Rechnung lnger fortsetzen, und anstatt zu
den Nachtigallen in Aegina zurckzueilen, etwa noch eine kleine Reise zu den
unbescholtnen Aethiopiern123 machen wolltest. Ich habe dir eine Neuigkeit
mitzutheilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Athenern zu
verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern
unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drei redseligen Buben, dem
Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling,
wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden seyn, da er neue Gtter
in Athen einfhren wolle, und die jungen Leute verderbe! Jedermann findet diese
Anklage124 gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernsthaft
davon htte sprechen knnen, oder im geringsten fr unsern alten Freund in
Sorgen stnde, wiewohl der Klger auf keine geringere als die Todesstrafe
antrgt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue
den Athenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer
seiner Freunde, als auf die Gte seiner Sache und die Gerechtigkeit der
Heliasten oder Areopagiten.125 Hoffentlich wird der Sturm schon glcklich
vorber seyn, ehe du dich von Cyrene losmachen kannst. Denn so eben versichert
mich einer meiner Athenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen
verlassen hat, der berhmte Lysias126 arbeite an einer ganz vortrefflichen
Schutzrede fr unsern ehrwrdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sey dem
Beklagten so gnstig, da es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten
werde, um lauter weie Steine zu erhalten. In der That sind seine Anklger so
gar schlechte Menschen, und die Klagpunkte passen so bel auf Sokrates, da
Aristophanes selbst, wie ich hre, sich darber rgert, da solche verchtliche
Sykophanten aus seinem schon vier und zwanzigjhrigen Spa Ernst machen wollen,
und sich schlechterdings weigert, an ihrer Verschwrung Theil zu nehmen. Du
kannst also, denke ich, deines alten Chirons127 wegen auer aller Sorge seyn.

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                                    An Lais.

Deine Briefe mssen einen sehr betriebsamen Genius haben, schne Lais; denn der
Schiffer, der mir so eben den letzten berbringt, versichert mir, da er die
Reise von Aegina nach Cyrene, die er seit vielen Jahren zwei bis dreimal
jhrlich mache, in seinem Leben nie in so kurzer Zeit und mit so gnstigen
Winden gemacht habe, als diemal.
    Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt.
Eine so boshafte Anklage, von so namenlosen Menschen wie diese, kann einem
Sokrates nicht gefhrlich seyn, oder die Kechener mten von aller Scham und
Vernunft gnzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklgern nur einen
persnlich, den Lederhndler Anytus, einen wrdigen Nachfolger des berchtigten
Kleons128, nur da er sich gegen diesen ungefhr verhlt wie ein Schafsfell zu
einer Hirschhaut; ob er sich's gleich ein paar hundert tchtige Bocksfelle
kosten lie, um es in der edeln Kunst, dem belhrenden halbkindischen alten
Demos129 im Pnyx130 die Ohren voll zu schreien, so weit zu bringen, da er sich
unter den dermaligen Volksrednern so gut als ein Anderer hren lassen darf.
Lykon ist ein verdorbner Schulhalter in der Rhetorik, und ich entsinne mich
nicht, den Namen des Dichterlings Melitus je gehrt zu haben. Was fr Leute, um
gegen einen Mann wie Sokrates aufzustehen! und wie fnde nur ein Schatten von
Wahrscheinlichkeit statt, da die Athener den biedersten und tugendhaftesten
aller ihrer Mitbrger, einen Mann dessen Name im ganzen Griechenland in Ehren
gehalten wird, die Profession eines freiwilligen unbezahlten Volks- und
Jugend-Lehrers dreiig Jahre lang ungestrt htten treiben lassen, um ihn erst
in seinem siebzigsten dewegen zur Rede zu stellen, und solcher albernen
Beschuldigungen wegen aus der Stadt zu verweisen, oder gar zum Tode zu
verurtheilen? Wie du sagst, wir haben nichts fr ihn zu frchten; die ganze
Komdie wird sich, so gut als ehemals die Wolken des Aristophanes, auf eine
ehrenvolle Art fr ihn und auf eine so schmhliche fr die drei Sykophanten
endigen, da sie uns hinter drein Stoff genug zum Lachen geben soll.
    Wir haben, meines Wissens, keine Nachtigallen in Cyrene. Ich werde mich
also, sobald ich hier loskommen kann, auf den Weg machen, um die deinigen noch
singen zu hren bevor ihre Zeit vorber ist. An Sirenen fehlt es auch bei uns
nicht; aber ich kenne keine schlimmere als die schlaue Lysandra, von welcher du
den armen Eurybates zu erlsen gesonnen scheinst. In der That wr' es eine
verdienstliche That, und, um eine der schnsten Historien daraus zu machen,
brauchte es nichts, als da der edle Kodride131 gromthig genug wre, keinen
Ersatz von dir zu fordern, oder, wie der gute Kleombrot, sich am geistigen
Ambrosia deines bloen Anschauens gengen liee; wiewohl zu befrchten ist, da
so materielle Wesen, wie die Athenischen und Korinthischen Eupatriden, es bei
einer so leichten erotischen Dit schwerlich lange aushalten mchten.
    Du wirst von Learch vernommen haben, da ich nicht so glcklich war, den
Aritades noch am Leben anzutreffen. Ich habe einen sehr gtigen Vater, Cyrene
einen ihrer besten Brger an ihm verloren. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo
die Lebensart bei uns viel einfacher, die Sitten reiner, die Verhltnisse unter
Verwandten, Nachbarn und Mitbrgern enger und herzlicher waren als heutzutage.
Aritades blieb dem Genius seiner bessern Zeit getreu, ohne von der jetzigen
Generation zu verlangen, da sie vorsetzlich wieder so weit zurckschreite, als
sie in allem unvermerkt vorwrts gerckt ist. Wahrscheinlich hat der traurige
Ausgang unsrer letzten Revolution den Faden seines Lebens frher abgerissen als
die Natur es wollte. Das Vordringen des republikanischen Kriegsheers in den
letzten Tagen Aristons nthigte ihn, sich in die Stadt zu flchten und seine
Gter der Verheerung Preis zu geben. Natrlicherweise treffen die Folgen dieses
Unfalls auch mich. Ich werde nicht reich genug zurckkommen, um meine gewohnte
Lebensart in die Lnge fortsetzen zu knnen; und ich sehe eine Zeit voraus, wo
ich mich vielleicht werde entschlieen mssen, entweder bei der Philosophie des
Sokrates zu hungern, oder meine von Hippias gelernten Knste wuchern zu lassen.
- Doch, diese Zeit ist noch fern genug, und im nchsten Jahrzehnt wenigstens
soll es mir nicht an Mitteln fehlen, den Lebensplan, den ich mir fr diese
Periode gemacht habe, vollstndig und gemchlich auszufhren. Sey also von
dieser Seite unbesorgt fr mich, meine Liebe; ich werde in zehn Jahren so viel
Vorrath fr die Zukunft gesammelt und so groe Fortschritte in der Kunst zu
leben gemacht haben, da ich mit beiden auszulangen hoffe, wenn ich auch so alt
wie Tithon wrde.
    Mein Bruder ist zu tief in die Geschfte seiner einzigen Liebschaft, unsrer
aus dem politischen Medeenkessel132 neuverjngt herausgestiegenen Republik
verwickelt, als da ihm Mue zu seinen Privatangelegenheiten brig bliebe. Aber
Eros und Aphrodite verhten, da ich hier so lange ausharre, bis unsre
Erbschaftssache bei Drachmen und Obolen ausgeglichen ist! Ich gedenke mich mit
irgend einer migen Summe abfinden zu lassen, um desto eher in Aegina
anzukommen, wo ich meinen edlen Freund Eurybates (unter uns gesagt) lieber zu
deinen schnen Fen als in deinen Armen berraschen mchte.

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                               Lais an Aristipp.

Es ist vielleicht glcklich fr dich, lieber Aristipp, da du lnger in Cyrene
aufgehalten wirst als du hofftest; denn die Sachen in der Minervenstadt haben
inde eine Wendung genommen, die sich niemand einbilden konnte. O die Athener,
die Athener! Wie verhat ist mir jetzt dieser Name! Ich verbiete allen, die um
mich sind, ihn auszusprechen, und er soll in den nchsten fnf Jahren nicht ber
meine Lippen kommen. Kannst du glauben da die Elenden unmenschlich genug seyn
konnten? - die Hand versagt mir fortzufahren - O da ich nicht Circe, nicht
Medea, nicht der Erinnyen eine bin! - Und wenn ich dir erst sage, warum sie ihn
verurtheilt haben, und wie wild es dabei zugegangen ist! - Sokrates hielt es
(mit Recht) seiner unwrdig, sich auf die boshaft alberne Anklage in eine
Vertheidigung in gewhnlicher Form einzulassen, gab auch nicht zu, da einer von
seinen Freunden fr ihn auftrte. In der That (nach dem, was man mir davon
erzhlt hat, zu urtheilen), ist nie etwas Jmmerlicheres gehrt worden, als die
Beweise, womit der Schwtzer Melitus seine Anklage gut zu machen suchte.
Sokrates hrte ihm lachend zu, und fand, sie bedrften keiner Widerlegung, da er
sich auf die eigene Ueberzeugung der Richter berufen knne. Mein ganzes Leben,
sagte er, ist die vollstndigste Antwort auf die Beschuldigungen meiner
Anklger. - Die ehrsamen Heliasten fanden sich durch die Krze dieser Apologie
beleidigt. Welcher Trotz, sagten sie unter einander, welcher Uebermuth! das ist
nicht zu dulden, das mu bestraft werden, wenn er auch sonst nichts verbrochen
hat. Sie schritten zum Urtheil, und der Beklagte wurde mit 281 Steinen von 500
fr schuldig erklrt. Weil es indessen doch ihre Meinung war, ihn, wenn er um
Milderung der Strafe bte, mit einer Geldbue davon kommen zu lassen, so fragte
man ihn, was er fr eine Strafe verdient zu haben glaube? Lebenslnglich im
Prytaneum unterhalten zu werden,133 war seine Antwort. Die brachte die Richter
dermaen auf, da sie unter groem Lrm zu einer nochmaligen Stimmgebung
schritten, wo sich dann ergab, da er mit 360 Steinen zum Tode verurtheilt war.
Dabei blieb es, und er wurde sofort in das ffentliche Gefngni abgefhrt. Der
Tag seines Todes ist, einer alten Gewohnheit zufolge, auf die Wiederkunft des
heiligen Schiffes ausgesetzt, welches alle Jahre mit den Abgeordneten der
Republik zum Andenken der berhmtesten Heldenthat des Theseus nach Delos134
geschickt wird. Seine Freunde haben inde die Freiheit ihn tglich zu besuchen,
und er unterhlt sich mit ihnen, auf seine gewohnte Art, so unbefangen und
heiter, als ob das was ihm bevorsteht nur eine kleine Reise nach Aegina wre.
    Alle diese Umstnde habe ich von sehr guter Hand, und auch diesen, da sein
vertrautester alter Freund Kriton (der sehr reich seyn soll) alles Mgliche
angewandt habe, ihn zu bewegen, da er sich von ihm befreien und auer Landes in
Sicherheit bringen lassen mchte. Aber Sokrates sey unerschtterlich auf seinem
Vorsatz beharret sich dem Urtheil seiner gesetzmigen Richter nicht zu
entziehen. Ich bleibe, habe er gesagt, um den Gesetzen meines Vaterlandes,
denen ich Gehorsam schuldig bin, genug zu thun; so sterbe ich schuldlos, wie ich
gelebt habe; durch die Flucht wrde ich den Tod verdienen, den ich jetzt
unschuldig leide.
    Ich mu aufhren, Aristipp - bleibe immerhin wo du bist; wenn du auch
herber fliegen knntest, was wrd' es helfen? Ich danke den Gttern, da sie
dir den Schmerz, ein Zeuge seines Todes zu seyn, erspart haben. - Und doch -
wenn's mglich ist, so komm'! komm' je eher je lieber! Du kannst zwar deinem
alten Freunde nichts helfen; aber ich bedarf deiner. Du allein kannst die
schwarzen Wolken zerstreuen, die mein Gemth verdstern und zusammendrcken.

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                             Eurybates an Aristipp.

Lais hat dich vorbereitet, Freund Aristipp; aber dir das Aergste zu melden,
versagt ihr der Muth. Sokrates - ist nicht mehr!
    Ein unglcklicher Augenblick, eine Art von Miverstndni, unzeitiger Stolz
von Seiten der Richter, und wenn ich's sagen darf - ein wenig Eigensinn auf
Seiten des noch stolzer zu seyn freilich nur zu wohl berechtigten Sokrates, ist
Schuld an einer Uebereilung, welche die Athener sich selbst nie verzeihen
werden. Du weit wie sie sind. Es ist nun einmal von jeher Sitte bei uns
gewesen, da ein Beklagter, wr' er noch so unschuldig, mehr die Humanitt
seiner Richter als ihre Gerechtigkeit auf seine Seite zu bringen suchen mu. Man
versichert mich heilig, das Gericht sey in keiner ihm ungnstigen Stimmung
gewesen. Aber seine ihm zur andern Natur gewordene Ironie, eine Kaltbltigkeit,
die ihm fr Trotz ausgelegt wurde, die tumultuarische Art, wie es bei der ganzen
Verhandlung zuging, und woran zum Theil die Hitze und der unbesonnene Eifer
seiner jungen Freunde selbst Schuld war, das alles stimmte die Richter um; und
so konnten sie es nicht ertragen, da er, anstatt (wie gewhnlich) um Milderung
der Strafe anzusuchen, mit einer Miene - die man freilich, seitdem Athen steht,
noch nie im Gesicht eines auf den Tod Angeklagten gesehen hat - sagte: die
Strafe, die er verdient habe, sey ein lebenslnglicher Freitisch im Prytaneion.
    Das Geschehene ist nun nicht mehr zu ndern. - Der Name Sokrates wird mit
ewigem Ruhm auf die Nachwelt kommen; alle seine kleinen Menschlichkeiten werden
vergessen seyn, und nur die Sage, da er der weiseste aller Menschen gewesen,
wird von einem Jahrhundert dem andern bergeben werden: uns Athener hingegen
wird ewig die Schande drcken, einen solchen Mitbrger verkannt zu haben. Wohl
dem, der nicht unter seinen Richtern sa!
    Die dreiig Tage, die er nach seiner Verurtheilung im Gefngni zubrachte,
sollen die schnsten seines ganzen Lebens gewesen seyn. Weinend sprechen seine
Freunde mit Entzcken davon. Er weigerte sich aus den edelsten Beweggrnden,
sich aus dem Gefngni entfhren und in Sicherheit bringen zu lassen, wozu
Kriton alles schon veranstaltet hatte. Wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt
er sich mit seinen Freunden ber die Unsterblichkeit der Seele, und trstete
sich durch die Zuversicht, womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres
Leben hinber zu gehen, als von einer gewissen Sache, sprach. Der junge Plato
will, wie ich hre, alle diese Gesprche - vermuthlich in seiner eignen Manier,
wovon er bereits Proben gegeben hat, mit welchen Sokrates nicht sonderlich
zufrieden seyn soll - aufschreiben und bekannt machen. Ich wnsche da er so
wenig von dem seinigen hinzuthun mge, als einem jungen Manne von seinem seltnen
Genie nur immer zuzumuthen ist; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und
zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberey, um den schlichten Sokrates
unverschnert, und, wenn ich so sagen darf, in seiner ganzen Silenenhaftigkeit,
darzustellen, die wir alle an ihm gekannt haben, und die mit seiner Weisheit so
sonderbar zusammengewachsen war.
    Der arme Kleombrot ist untrstbar. Schon vorher mute ich alles anwenden was
ich ber ihn vermag, ihn abzuhalten, da er nicht nach Athen zurckstrmte, um
(wie er sagte) seinen geliebten Meister entweder zu retten, oder mit ihm zu
sterben. Das erste stand nicht in seiner Macht; hingegen htt' er sich leicht
schlimme Hndel zuziehen knnen, da unser Volk (wie dir bekannt ist) nicht
leiden kann, da Auslnder sich in unsre Sachen mischen. Nun kriecht er aus
einem Winkel in den andern, und macht sich selbst Vorwrfe, da er seinen Lehrer
zu einer solchen Zeit verlassen habe; als ob jemand sich so etwas htte trumen
lassen knnen, da wir nach Aegina gingen. Kurz, er ist in einem erbrmlichen
Zustande. Die kleine Musarion, die ihn zerstreuen sollte, sitzt den ganzen Tag
Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen. Lais selbst ist noch zu sehr
erschttert als da sie andere trsten knnte. Alle unsre Hoffnung, ihn wieder
zurechtzubringen, beruht also auf dir, lieber Aristipp. Deine smmtlichen
Freunde in Aegina sehen dir mit Sehnsucht entgegen.

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                                An Eurybates.135

Das sind nun eure so hochgepries'nen Freistaaten, Eurybates! So geht es in euern
Demokratien zu! Bei allen Gttern der Rache! eine solche Abscheulichkeit war nur
in einer Ochlokratie wie die eurige mglich! Ihr schimpft auf das, was ihr
Tyrannie nennt? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius htte Sokrates so lange
leben mgen als Nestor; alle Gerber, Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien
sollten ihm kein Haar gekrmmt haben! - Im Grunde dauern mich deine Athener. Was
knnen sie dafr, da die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und
Demagogen wie Klisthenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Kpfe gesetzt
hat, ein Wurstmacher, Kleiderwalker oder Lampenhndler verstehe sich so gut aufs
Regieren und Urtheil sprechen, als einer der dazu erzogen worden ist? Der Tag,
da Athen von der edeln und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu
einer reinen Ochlokratie herabgewrdigt wurde, war der unseligste von allen, die
ihr seit Cekrops und Theseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt. Alles Elend,
das in den letzten dreiig Jahren ber eure Stadt gekommen ist, alles Unheil das
ihr ber Griechenland gebracht habt, alle die Schandmale, die ihr, durch so
viele Handlungen des gefhllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten
Brger, eurem Namen auf ewig eingebrannt habt, schreiben sich von diesem Tage
her. - Wie? Die dreiig Tyrannen selbst, denen euch Lysander preisgab, die
gewaltthtigsten und verruchtesten aller Menschen, wagten es nicht sich an
Sokrates zu vergreifen, als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten
Wahrheiten ins Gesicht sagte: und eure Heliasten, Leute, die fr drei Obolen des
Tags, je nachdem sie einem wohl oder bel wollen, Recht oder Unrecht sprechen,
verurtheilen ihn zum Tode, weil er sie nicht um eine gndige Strafe bitten will;
verurtheilen ihn blo, um ihm zu zeigen da sein Leben von ihrer Willkr
abhange? Die Elenden! - Aber noch einmal, nicht sie, sondern die Urheber einer
Verfassung, welche die Macht ber Leben und Tod in die Hnde solcher Wichte
legt, sind verwnschenswerth.
    Doch wozu dieser Eifer? Und was berechtigt mich, meine Galle ber dich, der
an diesem Gruel unschuldig ist, auszugieen? Verzeih', Eurybates! Ich fhle da
es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird, bis ich es so weit gebracht
habe, alles an den Menschen natrlich zu finden, was sie zu thun fhig sind, und
mich mit einer solchen Natur zu vertragen. Ich schmeichelte mir sonst es schon
ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Theile der
Lebenskunst gebracht zu haben; - zu frh, wie ich sehe: aber freilich auf ein
solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrtheit, wie dieser
justizmige Sokratesmord, war ich nicht gefat.
    In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein, und gedenke von dort aus
eine Reise nach den vornehmsten Stdten Ioniens zu unternehmen, und mich in
jeder so lange aufzuhalten, als ich etwas zu sehen, zu hren und zu lernen
finde, das in meinen Plan taugt. Athen wieder zu sehen, bin ich noch unfhig;
der Anblick eines Heliasten wrde mich wahnsinnig machen.
    Lebe wohl, Eurybates, und stelle, wenn du kannst, die Zeiten wieder her, da
die Minervenstadt noch von lebenslnglichen Archonten regiert wurde. Eure
Triobolenznftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgeshnt. Es
ist zwar, im Durchschnitt genommen, nicht viel Gutes von euch zu rhmen, ihr
andern Eupatriden: aber das bleibt doch wahr, da der Schlechteste von euch
nicht fhig gewesen wre, weder Anklger eines Sokrates zu seyn, noch ihm
Schierlingssaft zu trinken zu geben.

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                                    An Lais.

Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der Nothwendigkeit
ertrglicher zu machen, gibt es wohl kein besseres Mittel, liebe Laiska, als uns
des groen Vorrechts zu bedienen, womit die Natur den Menschen vor allen andern
lebenden Wesen begabt hat, da es in seiner Macht steht, blo durch eine
willkhrliche Anwendung seiner Denkkraft, wo nicht allen, doch gewi dem grten
Theil der Uebel, die ihm zustoen, den Stachel zu benehmen, indem er sie aus dem
dstern Licht, worin sie ihm erscheinen, in ein freundlicheres versetzt, und sie
so lange auf alle mglichen Seiten wendet, bis er eine findet, die ihm einen
trstlichen Anblick gewhrt. An diese sollten wir uns dann, wenn wir weise
wren, festhalten, ohne spitzfindig nachzugrbeln, wie viel davon etwa blo
Tuschung seyn mchte. Warum wollten wir die Schale mit Nepenthes137, die uns
eine mitleidige Gottheit reicht, ausschlagen, um uns vorsetzlich dem Gram einer
einseitigen Vorstellung zu berlassen, der, wie der Geyer des Prometheus an
unserm Leben nagt, ohne da irgend etwas Gutes fr uns oder Andere daraus
entspringen kann? Was wir selbst, was alle bessern Menschen, was die Welt
berhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat, kann uns
durch unsern Unmuth nicht wiedergegeben werden. Reien wir uns mit unsern
Gedanken von allen eigenntzigen Gefhlen los, und erwgen dafr, was er selbst,
der Geliebte, dessen Verlust wir beklagen, verloren oder gewonnen haben mag! -
War es nicht eher ein Gut als ein Uebel fr ihn, die Zeit der immer fhlbarer
werdenden Abnahme, die Zeit nicht zu erleben, wo der Mensch in seinen eigenen
und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trmmer zerfallende Ruine
dessen, was er war, erscheint? Er htte, sagen wir, noch lange, vielleicht noch
zehn Jahre leidlich leben knnen. - O ja, und dann vielleicht noch andere zehn
Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des hchsten Greisenalters, wie
eine allmhlich sterbende Pflanze, hingeschmachtet! der Welt unntz, sich selbst
und seinen Freunden lstig, ein trauriger Gegenstand ihrer in bloes Mitleiden
verwandelten Liebe! Ihm war ein besseres Loos beschieden. Denn wahrlich, im
Genu aller seiner Krfte und einer vollstndigen Gesundheit der Seele und des
Leibes, siebzig Jahre zurckzulegen, und dann ohne Krankheit und Schmerzen so
schnell und leicht aus der Welt zu kommen, wie er, ist ein Glck das unter
tausend Menschen kaum Einem zu Theil wird. - Er starb schuldlos von ungerechten
Richtern verurtheilt, - aber ruhig, heiter, freudig, im Bewutseyn eines ganzen
wohl gefhrten, untadelhaften, gemeinntzlichen Lebens! geliebt, geehrt, beweint
und betrauert von allen guten Menschen! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde,
wird ewig leben im Andenken der sptesten Nachwelt, die seinen Namen zur
gewhnlichen Bezeichnung der Idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen
wird. Seine denkwrdigsten Reden, seine Lehre, sein brgerliches und husliches
Leben, werden, von seinen Freunden in Schriften dargestellt, noch Jahrtausende
lang, vielleicht unter Vlkern, deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist,
Gutes wirken. Gibt es ein glorreicheres Loos fr einen Sterblichgebornen, als,
mit allen diesen Vorzgen gekrnt, von der Tafel der Natur aufzustehen und
schlafen zu gehen - entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs, oder (wie er selbst
glaubte) um, mit den Geistern aller Edeln und Guten, die vor ihm waren,
vereinigt, ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen? Trauren wir
also nicht um Sokrates! Er hat nichts verloren, nichts das ihm nicht reichlich
ersetzt wird, nichts, wofr ihm nicht schon die letzte Stunde, da sich
Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewutseyn in Ein groes, klares, lebendiges
Gefhl zusammendrngte, berschwnglichen Ersatz gegeben htte. - Aber was wir
selbst an ihm verloren haben? - ist, im Grunde, wenig, meine Freunde! denn von
allem, was wir bereits von ihm besitzen, knnen wir nichts verlieren als durch
unsre eigene Schuld; und in der Folge htte er doch nur wenig mehr fr uns seyn
knnen. Gesetzt aber auch wir htten viel verloren, so sey uns die ein neuer
Antrieb, einander desto sorgfltiger und eifriger alles zu seyn, was in unserm
Vermgen ist!
    Ich gestehe, da es mir jetzt uerst peinlich wre, nach Athen
zurckzukehren, wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern wrde; aber in
einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft seyn.
Was die Athener betrifft, die sind, im Durchschnitt, ein so verchtliches
Gesindel, da sie nicht einmal unsers Hasses werth sind, geschweige da die
liebenswrdigste aller Erdentchter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138
werden sollte. An weniger gefhllosen Menschen wrden Scham und Reue bereits
eine strenge Rache genommen haben. Aber ich besorge sehr, die Athener sind weder
der Scham noch der Reue fhig. Desto schlimmer fr sie! Sie werden ihrer
verdienten Strafe nicht entrinnen; und schwerlich wrdest du, wenn dir auch alle
Fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste stnden, grausam genug
seyn, ihnen die Hlfte der Plagen anzuthun, die sie selbst durch die natrlichen
Folgen ihrer unheilbaren Verkehrtheit ber sich aufhufen werden.

    Meine Geschfte in Cyrene werden in zehn Tagen beendiget seyn, und dann
fliege ich mit dem ersten gnstigen Winde deiner Zauberinsel zu. Ich bringe dir,
auf meine Gefahr, meinen Freund Kleonidas mit; einen jungen Mann, der es werth
ist dich zu sehen, und dir bekannt zu werden, und der so sehr mein anderes Ich
ist, da du schwerlich mehr fr ihn thun knntest als ich ihm gnnen wrde. Er
ist mit allen Anlagen zur bildenden Kunst geboren, gab sich aber in seinen
frhern Jugendjahren ganz den Musenknsten hin. Er wrde mich schon vor fnf
Jahren nach Griechenland begleitet haben, wenn ihn nicht eine schwrmerische
Leidenschaft fr die Tochter des damals sich bei uns aufhaltenden Malers Pausias
zurckgehalten htte, die an Schnheit und - Dumpfheit eine andere Theodota ist.
Um seine Geliebte so nahe und so oft als mglich zu sehen, bestellte er bei dem
Vater ein Gemlde nach dem andern, und brachte, unter dem Vorwande den Knstler
arbeiten zu sehen, einen groen Theil des Tages in seinem Hause zu. Die Folge
davon war, da seine Phantasie fr die Tochter nach und nach erkaltete, hingegen
eine leidenschaftliche Liebe fr die Kunst des Vaters in ihm erwachte, fr
welche er, wie sich in kurzem zeigte, eine entschiedene Anlage hat. Da er reich
genug ist blo zu seinem und seiner Freunde Vergngen zu arbeiten, wird er die
Malerei, wiewohl sie seitdem seine hauptschlichste Beschftigung war,
schwerlich jemals als Profession treiben. Nichtsdestoweniger verspreche ich mir
von ihm, da er mit der vorzglichen Geistesbildung und dem Dichtertalent, die
ihm dabei zu Statten kommen, ungleich mehr leisten wird, als man gewhnlich von
einem bloen Liebhaber erwartet. Kurz, ich habe mir in den Kopf gesetzt, es
fehle ihm, um noch weiter als sein Lehrer selbst zu kommen, weiter nichts, als
die schne Lais zu sehen, und von ihr aufgemuntert zu werden. Ich habe also
nicht von ihm abgelassen, bis ich ihn schon in voraus so verliebt in dich
gemacht habe, da er vor Ungeduld brennt, sich mit seinen eignen Knstleraugen
zu berzeugen, ob du noch schner und reizender bist, als die Idee, die er sich
von dir gemacht, und in einem Bilde der Hebe, die dem neu vergtterten Herakles
die erste Nektarschale reicht, in der That meisterhaft ausgefhrt hat. Wir
wollen sehen!

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                                  An Hippias.

Ich bin wieder in Aegina, mein lieber Hippias - in einem der anmuthigsten Winkel
der Erde, in der auserlesensten Gesellschaft, von allem umgeben, was feinern
Sinnen schmeicheln, die Phantasie bezaubern, und die edelsten Bedrfnisse
gebildeter Menschen befriedigen kann; um alles mit Einem Worte zu sagen, ich bin
bei Lais. - Aber Athen liegt uns zu nah'! - Sokrates, den Giftbecher am Munde,
mit ten unter seinen die Hnde ringenden, in Thrnen zerflieenden, oder den
Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zurckhaltenden
Freunden, stellt sich noch immer und berall zwischen uns und alles, was uns zur
Freude einladen will. Unsrer schnen Freundin, der die Bilder der Tage und
Stunden, die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte, wieder so
lebendig vor den Augen schweben, da ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart
wird, ist es eben so zu Muthe wie mir - Wie wohlthtig, o Hippias, wrde uns
jetzt deine Gesellschaft seyn! - Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel
brig, als uns von der verhaten Scene so weit als mglich zu entfernen. Neue
Ansichten, neue Menschen, neue Verbindungen, kurz eine neue Welt um uns her ist
nthig, unsrer dem Gefhl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden
Vernunft zu Hlfe zu kommen; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen
nach Milet abzureisen, wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten gedenkt, whrend ich
eine Wanderung durch andere merkwrdige Stdte von Ionien, Karien, Lydien und
Phrygien unternehmen werde.
    Findest du nicht auch, Hippias, da man der Philosophie zu viel Ehre
erweist, wenn man ihr die Macht zuschreibt, dem Gefhle der Einbildungskraft,
und den Leidenschaften immer unumschrnkt zu gebieten? Wahrscheinlich wird ihr
vieles gut geschrieben, das auf Rechnung des Temperaments, einer natrlichen
Apathie oder Schwche des sympathetischen Gefhls und andrer solcher Ursachen zu
setzen war. Nichts ist leichter als mit solchen Vortheilen (wenn sie ja diesen
Namen verdienen) sich die Miene eines Weisen zu geben, und auf andere, die mit
einem weichern Herzen, wrmerem Blute, zrtern Nerven und mehr Anlage zu
Freundschaft und Liebe geboren sind, als auf schwache Seelen herabzusehen. Aber
alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fllen fordern
kann, ist, denke ich, da wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen, und aus
vermeinter Pflicht, oder, weil man etwas Schnes und Groes darein setzt, alles
hartnckig von uns weisen, wodurch das gestrte Gleichgewicht in unserm Innern
wieder hergestellt, und das Gemth fr die Freude wieder empfnglich gemacht
werden knnte. In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund,
Kleombrot von Ambracien, den du, wenn du dich dessen noch erinnerst, mehr als
einmal bei mir gesehen hast; einer von den jngsten und eifrigsten Anhngern des
Sokrates. Weder ich, noch Eurybates, dessen Gesellschafter und Hausgenosse er
seit einiger Zeit ist, noch Lais, die ihn wohl leiden mag, noch die holde
Musarion selbst, mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren
Liebesverstndni steht, vermgen etwas ber die tiefe Schwermuth, die sich
seiner seit dem unseligen Ereigni zu Athen bemchtigt hat. Er wirft sich selbst
vor, da er seinen Meister verlassen habe, und nicht wenigstens auf die erste
Nachricht von der Verschwrung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Athen
zurckgeflogen sey. Der Gedanke tdte ihn, sagt er, da er fhig gewesen sey
sich sorglos einer wollstigen Unthtigkeit zu berlassen, indessen der Anblick
und die Gesellschaft seiner getreuen, bis in den Tod bei ihm ausharrenden
Freunde das Einzige gewesen, was dem besten aller Menschen zur Erleichterung
seines grausamen Schicksals brig geblieben sey. Kurz, der arme Mensch kann sich
selbst nicht verzeihen, da Sokrates - ohne ihn sterben konnte; als ob seine
Gegenwart etwas anders htte helfen knnen, als seine ohnehin berspannte
Einbildung bis zum gnzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben. Er besteht nun darauf,
nach Ambracien zurckzugehen, und da wir ihn nicht mit Gewalt zurckhalten
knnen - noch wollen, wird er uns an einem der nchsten Tage verlassen. Mich
dnkt selbst, es ist das Beste was er thun kann, und wir andern werden uns sehr
dadurch erleichtert finden; denn ein Mensch, der, aller Vernunft zum Trotz, in
der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will, pat nicht wohl in
eine Gesellschaft, die sich's zur Pflicht macht, dieser schlimmsten aller
Krankheiten der Seele, so viel nur immer mglich, alle Nahrung zu entziehen.
    In dieser Rcksicht kommt mir sehr zu Statten, da ich meinen geliebtesten
Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe, der einer von den
Glcklichgebornen ist, die sich nur zeigen drfen um berall geliebt zu werden.
Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen, und es ist mein Glck, da Lais in
seinen Augen zu sehr Gttin ist, als da es einem Sterblichen geziemen knnte,
Ansprche an sie zu machen. Wie lange dieses religise Gefhl dauern wird, mu
die Zeit lehren; genug da Lais sich an der Abgtterei, die er mit ihr treibt,
gengen lt, und es ihm nicht bel zu nehmen scheint, wenn seine Augen auf den
weniger blendenden, aber ein Herz, das nichts von ihnen besorgt, unvermerkt
berschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besondern Anmuthung
verweilen. Du wrdest dich wundern, Hippias, zu was fr einer zierlichen
Nymphengestalt das Mdchen in der kurzen Zeit, seitdem du sie zu Korinth sahest,
sich ausgebildet hat. Wenn ich nicht sehr irre, so ist sie der weinerlichen
Rolle ziemlich berdrssig, die sie, ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen, seit
einigen Wochen spielen mute; und ich wollte nicht dafr stehen, da sie nicht
in aller Unschuld, und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen
vorgeht, zwischen dem schnen, immer heitern, immer zur Freude gestimmten
Schwrmer Kleonidas, und dem dstern, traurigen, gleich einem Schatten
einherschleichenden, seufzenden und klagenden Schwrmer Kleombrotus,
Vergleichungen anstellt, die nicht zum Nachtheil des erstern ausfallen; zumal da
der letztere so tief in seinen Gram versunken ist, da er von dem allen nichts
gewahr zu werden scheint.
    Kleonidas ist aus Gunst der Natur und der Musen zugleich Dichter und Maler,
beides mit einem nicht gemeinen Talent, wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle
unter den Meistern dieser Knste. Was ich ihm zu Cyrene von der schnen Lais
sagte, brachte ihn auf den Einfall, seine Idee, wie diese Dame nach meiner
Beschreibung aussehen mte, in einem Bilde der Hebe, mit einer einzigen Farbe
in der Manier des Zeuxis gemalt, darzustellen. Du vermuthest leicht, da die
Nachbild einer bloen Idee, neben unsre Schnheitsgttin selbst gestellt, der
Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte; auch konnt' ich ihn,
sobald er die letztere selbst gesehen hatte, nur mit Gewalt abhalten, sein Bild
ins Feuer zu werfen: aber, was uns alle in Erstaunen setzte, war, da die kleine
Musarion - der Hebe meines Freundes so hnlich sah, als ob sie ihm dazu gesessen
htte. Natrlich veranlate die mancherlei Scherze, wobei die beiden
betroffenen Personen die Miene hatten, als ob sie nicht bel Lust htten Ernst
daraus zu machen. Immer ist dieses Spiel des Zufalls, das einer sympathetischen
Ahnung so hnlich sieht, sonderbar genug. Verzeihe, Hippias, da ich dich so
lange bei einem Unbekannten aufhalte, der dich wenig interessiren kann. Aber ich
hoffe, du wirst ihn persnlich kennen lernen, und es mir dann eher danken als
bel nehmen, da ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt
habe. Weniger gleichgltig wird dir auf alle Flle seyn, zu hren, da unser
edler Freund Eurybates glcklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen
worden ist; wenigstens noch zeitig genug, um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu
werden. Wirklich waren wir, Lais und ich, in sehr ernstlichen Berathschlagungen
begriffen, wie wir dabei zu Werke gehen wollten, ohne da sie sich zu mehr, als
sie Willens ist, verbindlich zu machen scheinen mchte: als ein abermaliger
Zufall, oder vielmehr Eros, der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns
Aegineten treibt, uns auf einmal aller weitern Mhe berhob, die Sache zu einem
glcklichen Ende zu bringen. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schnen
Droso, einer von den drei Grazien unsrer Freundin, - wie wir ihre drei
gewhnlichen Aufwrterinnen zu nennen pflegen, seitdem sie von mir zu dieser
Wrde erhoben wurden. An einem dieser letzten Abende fhrte uns Lais an das Ufer
einer stillen kleinen Bucht, die an einen Theil ihrer Grten ansplt, um uns das
Vergngen des Fischens mit der Angel zu verschaffen. Eurybates war auch dabei.
Zuflliger Weise hatte sich die schne Droso mit ihrer Angelruthe auf einer
unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt; der Fu glitschte ihr aus, sie verlor
das Gleichgewicht, und fiel ins Wasser. Eurybates, der es zuerst gewahr wurde,
und, wie die meisten Athener, ein guter Schwimmer ist, springt ihr
augenblicklich nach, er fat sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen, und
bringt sie glcklich ans Land. Der Schrecken des Falls und die Schamrthe, in
nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt
worden zu seyn, war, nebst den Scherzen, welche das arme Mdchen von ihren
Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte, das Schlimmste, was dieser Zufall
nach sich zog. Das Beste davon ward ihrem edeln Retter zu Theil; denn seit
diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens,
und von Lysandra war so wenig mehr die Rede, als ob sie nie in der Welt gewesen
sey. Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden. Der Tag unserer Abreise nach
Milet rckt heran. Ich begleite Lais, Kleonidas begleitet mich. Eurybates hat
glcklicherweise Geschfte zu Milet. Da Musarion und die drei Grazien von der
Partie sind, versteht sich.
    Mache mir die Freude, lieber Hippias, recht bald Nachricht von dir und dem
schnen Syrakus zu erhalten, und von euerm Tyrannen, den ich ohne Bedenken zum
Selbstherrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien krnen wrde, wenn Knig
Jupiter, dessen Statthalter (nach Homer) die bescepterten Herren auf Erden sind,
mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde berlassen wollte.

                                      51.



                              Hippias an Aristipp.

Man ist es an den Athenern zu sehr gewohnt, da sie ihren grten und
verdientesten Mnnern am belsten mitspielen, als da die gerichtliche Mordung
des alten Sokrates sonderliches Aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte.
Htte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier, der ein eben so
wackerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war,
nicht bei Zeiten aus dem Staube gemacht, so wrde dieser die Ehre nicht erhalten
haben, der erste zu seyn, den sie (sagt man) aus der Welt schafften weil er zu
weise fr sie war.
    Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr
Bses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates141 htte mit aller seiner
Weisheit, die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch
lange leben knnen, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Muthwillen,
alle Leute die sich mit ihm einlieen zu necken und in die Enge zu treiben, und
durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als
andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhat, und durch seinen
anscheinenden Miggang und seine armselige Lebensart noch oben drein
verchtlich gemacht htte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Brger der dritten
Classe entweder irgend eine ntzliche und ehrliche Profession treiben, oder der
Republik unmittelbare Dienste thun. Sokrates that, ihrer Meinung nach, weder
dieses noch jenes: denn da er tagtglich an allen ffentlichen Orten zu sehen
und zu hren war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute
mit seinen Fragen und Subtilitten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde
ihm natrlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den
hhern Classen, fr keine Beschftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie
gut er selbst es auch damit meinen mochte.
    Wenn wir niemand Unrecht thun wollen, Aristipp, mssen wir billig seyn. Um
die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwgen zu knnen,
mten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermge ihrer gewohnten
Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer die untersuchen wollte,
mte sich vllig an ihren Platz stellen knnen.
    Hier in Syrakus hrt man die verschiedensten Urtheile ber diese Tragdie,
die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon
berall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden
auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen
seine Richter vertheidigte oder vielmehr nicht vertheidigen wollte, fast
allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige
schien, der sich fr ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er
ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus berein, darin
nmlich, da er unrecht gethan habe, den Beistand zur Flucht, den ihm sein
Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. Wenn er
auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine
Rcksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Brgers, den Athenern die
Nachreue ber ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller brigen Griechen zu
ersparen. Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden.
Ich bin, sagte er, den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig; meine
gesetzmigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum Tode verurtheilt; also bin
ich schuldig das Urtheil an mir vollziehen zu lassen. - Gleichwohl (wenden die
anders Denkenden ein) war er selbst berzeugt, da er unschuldig verurtheilt
worden sey. Hatte die seine Richtigkeit, so war er nicht nach dem Gesetz
verurtheilt; denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen. - Aber, sagte
Sokrates, ich bin nicht zum Richter ber meine Richter gesetzt; ich kann mich
also ihrem Urtheil dewegen, weil es ungerecht ist, nicht entziehen; denn
dadurch wrde ich mich eigenmchtig zu ihrem Richter setzen. - Ich habe diesen
Einwurf in seinem Namen fters geltend gemacht, und es ist mir von niemand eine
Antwort geworden, die ihn wirklich entkrftet htte; auch gestehe ich, da ich
ihn, in der brgerlichen Ordnung der Dinge, fr unwiderleglich halte. Woher kam
es also, da jedermann, wenn er nicht weiter konnte, sich auf sein innerstes
Gefhl berief, welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme? Wie
kann die Vernunft mit unserm innern Gefhl dessen was recht ist in Widerspruch
stehen? - Hre, wie ich mir dieses Problem auflse, und sage mir deine Meinung
davon. Das Gefhl, worauf sich meine Antisokratiker beriefen, ist nichts anders
als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs, der zwischen dem nothwendigen
Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der brgerlichen Gesellschaft
vorwaltet. Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten
gemacht. Alle andern stehen unter dieser, und mssen ihr im Fall eines
Zusammenstoes weichen; denn um irgend eine Pflicht erfllen zu knnen, mu ich
da seyn. Da also dieses Naturgesetz allen brgerlichen vorgeht, so konnte
Sokrates den Satz, da er sich keines Richteramtes ber seine Richter anmaen
drfe, nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen. Du wirst mir
vielleicht einwenden: wenn dieser Schlu gelte, so sey auch ein rechtmig
Verurtheilter befugt, sich der verdienten Strafe zu entziehen, wenn er knne -
und ich habe keine andere Antwort hierauf als - Ja!
    Auch Dionysius scheint, trotz seinem Tyrannenthum, der Meinung zu seyn, da
Sokrates sich htte retten sollen, da er es mit Sicherheit konnte. Als neulich
in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde, sagte er: ich
bedaure den alten Mann; er sollte willkommen gewesen seyn, wenn er sich zu mir
htte flchten wollen; weder seine Philosophie noch sein Dmonion sollte ihm die
mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben. - Doch genug von einer Sache,
die nun nicht mehr zu ndern ist.
    Wenn euch Kleombrotus lieb ist, so verliert ihn ja nicht aus den Augen.
Einem Schwrmer von dieser Strke oder Schwche (wie man's nehmen will) ist
nicht ber die Gasse zu trauen. Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat
ihm unwiederbringlichen Schaden gethan. Es ist mit schwachen Kpfen, die sich an
solche meteorische Menschen hngen, wie mit Leuten von mittelmigem Vermgen,
die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich
thun wollen; sie gehen bei Zeiten zu Grunde, wiewohl sie keinen grern Aufwand
machen als den diese sehr wohl aushalten knnen. Plato ist ein weit grerer
Schwrmer als Kleombrot; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft
berlegen. Plato wird von seiner Schwrmerei, wie ein guter Reiter von seinem
Pferd, immer Meister bleiben, oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen
werden; mit dem armen Phathon Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch, und ich
besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen. Ich habe nicht gern mit solchen
Menschen zu schaffen; die war die Ursache, warum ich mich deinem Gedanken, ihn
mit uns nach Syrakus zu nehmen, so ernstlich widersetzte.
    Kleonidas knnte mir auch blo als dein Freund nicht gleichgltig seyn; um
so mehr danke ich dir fr seine Bekanntschaft, da ich mir viel Vergngen von ihr
verspreche. Der Zufall, da seine aus der bloen Phantasie gemalte Hebe der
jungen Musarion so hnlich sah, ist in der That (vorausgesetzt die Aehnlichkeit
sey wirklich so gro als du sagst) ein artiger - Zufall, und weiter nichts.
Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympathetische Ahnung? Ich kann mir
nichts dabei denken. Ich wei von keiner andern Sympathie, als von
Uebereinstimmung der Gemther aus Aehnlichkeit der Gefhle und Neigungen. Was
hat aber diese mit Ahnungen zu thun? Wie kme der Mensch zu Ahnungen? Welches
unsrer Organe sollte das Vehikel derselben seyn? Wenn ich Ahnungen zugeben
mte, so sehe ich nicht, warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare
und Unglaubliche fr mglich halten mte, was unsre Mythologen aus
Aegyptischen, Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmhrchen in unsre Gtter-
und Heldengeschichte bergetragen haben. Alle diese Phantasmen gehren ins
Gebiet der Dichter, und knnen unter ihren Hnden zur Unterhaltung des groen
Haufens, und, mit Geist und Geschmack behandelt, sogar zum Vergngen der
Verstndigen dienen; aber in die Reihe der Ursachen, woraus die wirklichen Dinge
erklrbar sind, sollen sie sich nicht stellen.
    Dionysius, nach welchem du dich erkundigest, ist noch immer mit den
gewaltigen Zurstungen beschftiget, deren Anfang du gesehen hast. Syrakus sieht
wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus, wo sich alle wiederaufgestandenen
Kureten, Cyklopen, Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben
htten, mit allen Knstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu
kommen, um alles Metall im Schoo der Erde und alles Holz auf ihren Bergrcken
zu einer Unternehmung, wie die Welt noch keine gesehen hat, zu verarbeiten. Man
mu gestehen, da Dionysius alle mgliche Maregeln nimmt um seiner Sache gewi
zu seyn, und da die Kunst, groe Dinge mit kleinen Mitteln zu thun, keinen Reiz
fr seinen Ehrgeiz zu haben scheint. Es ist nun kein Geheimni mehr, da alle
diese Kriegszurstungen den Carthagern gelten, und die Feindseligkeiten sind im
Begriff auszubrechen.
    Je nher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr berzeuge ich mich, da
die Athener (mit Erlaubni der schnen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames
und verstndiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu
sehen, da die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius
zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer seyn wird. Die Eupatriden von
Syrakus knnen und werden sich nie mit ihm ausshnen, und lauern Tag und Nacht,
mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit,
ihn entweder, wenn es mit Vortheil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in
eine der Schlingen zu locken, die sie ihm berall zu legen beflissen sind. Ich
mchte wohl wissen, wie es mglich wre, da ihn die nicht mitrauisch,
argwhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren
versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist. Man hrt die bittersten Klagen,
da keine zwei oder drei Brger aus den hhern Classen mit einander sprechen
knnen, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob die
eine andere Ursache htte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, da
nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen, ohne eine
Verschwrung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maregeln,
und schreien dann ber seine Gewaltthtigkeit und Grausamkeit. Wre er nicht
immer von etlichen Freunden, die einerlei Interesse mit ihm verbindet, und von
einer auslndischen Leibwache, auf die er sich gnzlich verlassen kann, umgeben,
so mchte er der weiseste und beste aller Frsten seyn, er wre seines Lebens
keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehrt ein Mann wie er dazu, ein Mann,
dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Klte, von strenger
Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanitt
und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umstnden nur acht Tage auf dem
Throne zu erhalten. Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft, die hngt
zwar, dem Ansehen nach, ziemlich stark an ihm; aber es gibt nichts
Vernderlichers, in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners, und
Dionysius wei recht gut, da er sich auf seine Popularitt bei den untern
Classen eben so wenig verlassen kann, als er auf die Dankbarkeit eines
Aristokraten zhlen darf, dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten
Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat. Die arbeitsamen Classen hngen jetzt
an ihm, weil er ihnen viel zu verdienen gibt, und weil die groen Zurstungen,
woran sie fr ihn arbeiten, groe, wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in
ihnen erregen, auf deren Ausgang sie gespannt sind; aber ich stehe ihm nicht
dafr, da sie sich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen seyn wird, beim ersten
widrigen Zufall von irgend einem strmischen Demagogen durch eine einzige mit
emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede pltzlich
umwenden, und dahin bringen lassen, die Waffen, an welchen sie jetzt arbeiten,
anstatt gegen Carthago, gegen Dionysius zu gebrauchen. Auch versieht er sich
keines Bessern zu ihnen, wiewohl er ihnen uerlich das unbefangenste Vertrauen
zeigt.
    In Ermangelung anderer Vorwrfe - und in der That sehe ich nicht, was an
seiner Regierung mit Grund auszusetzen wre - bemhen sich seine Feinde, ihn dem
Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhat zu machen. Es gibt
zwar schwerlich ein unmoralischeres, verderbteres, leichtfertigeres und
ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner, alle Laster, wegen
deren ehemals Sybaris, Krotona und Tarent143 berchtigt waren, gehen unter ihnen
ziemlich ffentlich im Schwang; Athen und Korinth haben dermalen nichts vor
ihnen in diesem Punkte voraus: aber dafr sind sie eifrige Gtzendiener, und
halten scharf ber gewisse gesetzliche Formen. Weder das eine noch das andere
ist bei Dionysius der Fall; er denkt sehr frei, und erlaubt sich zu handeln wie
er denkt. Bekanntermaen nahm er sich, als die Syrakusaner in ihrem ersten
Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten, auf Einen Tag zwei
andere (eine aus Lokri und die andere aus Syrakus) die mit ihm und unter sich
selbst in dem besten Einverstndnisse leben. Ich will die Freiheit, die er sich
dadurch gegen die in Griechenland eingefhrte Sitte herausnahm, keineswegs und
am allerwenigsten aus politischen Grnden rechtfertigen; aber die Natur entsetzt
sich doch nicht vor einer solchen That! Wenn die Bigamie gegen die Griechische
Sitte ist, so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenlndern allgemein; und
am Ende, wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind (wie das
wirklich der Fall ist), wem kann es nicht gleichgltig seyn, ob er nur Eine
Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber, oder zwei Gemahlinnen144 und kein
Kebsweib hat? Aber du solltest hren, was diese tugendhaften Syrakusaner, die,
ohne alles Bedenken, ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie
bestreiten knnen, fr ein Aufhebens ber diese Unthat des Tyrannen machen, und
was ihre ehemaligen Volksredner, aus dieser Veranlassung, der Tyrannie fr
Lobreden halten! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit,
die das tyrannische Ungeheuer begangen hat. Hre an und erstaune, da die
menschliche Natur eines solchen Gruels fhig ist! Du erinnerst dich vermuthlich
noch der groen Bildsule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen
massivgoldnen Barte, die in seinem Tempel zu Syrakus steht. Stelle dir vor, da
der Unmensch - der jetzt freilich zu seinen groen Ausgaben viel Geld nthig hat
- sich gottesvergessenerweise erfrechte, dem marmornen Aesculap145 seinen
goldnen Bart - abscheren zu lassen, und den Frevel noch gar durch einen Scherz
(der freilich in einer Aristophanischen Komdie den Athenern groen Spa gemacht
htte) rechtfertigen zu wollen. Es sey gegen alle Zucht und Ordnung, sagte er
lachend, da der Sohn einen so groen Bart fhre, da sein Vater Apollo gar
keinen habe. Mit einem hnlichen Vorwand lie er Jupitern146 neulich seinen, ich
wei nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen. Was soll, sprach
er, Jupitern ein goldner Mantel? Im Sommer ist er zu schwer, und im Winter zu
kalt; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar, den ich besser brauchen kann,
und ich gebe ihm dafr einen hbschen wollenen, der fr Sommer und Winter taugt;
so ist beiden geholfen. Du kannst dir kaum vorstellen, Aristipp, welchen Schaden
Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern
gethan hat, und was er sich nun alles nachsagen lassen mu, weil man einen
Menschen, der so gottlose Dinge sagen und thun konnte, aller mglichen
Abscheulichkeiten fhig hlt.
    Dionysius lacht dazu, und geht seinen Weg. Als ich ihm einsmals meine
Verwunderung darber zeigte, wie er noch Lust haben knne, ein Volk zu
beherrschen, das nicht werth sey einen guten Knig zu haben, antwortete er mir:
Ich wei nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt, das einen guten Knig
werth ist. Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt; und das erste,
worauf er zu sehen hat, ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu seyn. Htte ich vor
zwlf Jahren gewut was ich jetzt wei, so mchte ich vielleicht in der
Dunkelheit geblieben seyn. Jetzt habe ich keine Wahl mehr, und da ich nun einmal
den Knig spielen mu, so htte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte, und
mir eine Art von Spa aus dem nrrischen Wettkampf machte, worin ich mit den
Syrakusiern befangen bin. Denn wirklich ringen wir aus allen Krften
miteinander, ich, ob ich sie durch eine vernnftige Regierung zwingen knne
gerecht gegen mich zu werden; sie, ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges
Betragen dahin bringen knnen, ihre Vorwrfe und Verleumdungen zu verdienen.
Aber es soll ihnen nicht gelingen. Ich werde sie immer regieren wie sie es
nthig haben: mit dem Hirtenstabe, wenn sie fromme Schafe sind, mit der
Peitsche, wenn sie die Affen mit mir spielen wollen. Wer den Syrakusiern an
meinem Platz Gutes thun will, mu es ihnen aufdringen, und auf ihren Undank
rechnen. Ich mache mir nichts aus ihrem Ha, wenig aus ihrer Liebe, bin gegen
alles Bse, was sie mir thun knnen, auf meiner Hut, und gedenke bei dieser
Methode ruhig auf meinem Bette zu sterben, ungeachtet sie gegen mich complotiren
werden, so lang' ich lebe.
    Da alle Anscheinungen vermuthen lassen, da Sicilien der Schauplatz eines
langwierigen Krieges werden drfte, weil Carthago gewi alle ihre Krfte
zusammennehmen wird, sich in einer fr sie so wichtigen Insel zu erhalten; so
ist es Zeit, da ich zur Ausfhrung meines Vorhabens, mein briges Leben in
einer der lebhaftesten Stdte des Griechischen Asiens zuzubringen, Anstalt
mache. Es wrde schon eher geschehen seyn, wenn ich mich nicht htte bewegen
lassen, einigen jungen Leuten aus den ersten Husern dieser Stadt in der Kunst
zu reden Unterricht zu geben, und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen. Du
wirst dich vielleicht wundern, da ich mich, in dem Verhltni, worin ich mit
dem argwhnischen Dionysius stehe, zu einem so verdchtigen Geschft habe
entschlieen knnen. Er scheint aber wenig von den Rednern, die ich bilden
werde, zu besorgen. Das htte ich dir nicht zugetraut, Freund Hippias, sagte er
dieser Tage lachend zu mir, da du meine Feinde eine so gefhrliche Art von
Waffen gegen mich gebrauchen lehren wrdest. - Sie sollen sie fr dich
gebrauchen, Knig Dionysius, nicht gegen dich. - Darauf mcht' ich mich nicht
verlassen, erwiederte er, aber so lange Zungen keine Dolche sind, hat es nichts
zu sagen. Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst, und du wirst mir erlauben
euern Uebungen zuweilen beizuwohnen. - Wirklich kam er zwei- oder dreimal
unversehens dazu, und setzte neulich, wie zum Scherz, einen Preis fr die beste
Lobrede auf den berchtigten Tyrannen Busiris147. Ich habe starke Vermuthungen,
sagte er lchelnd, da dieser Busiris, dem die Mythologen einen so bsen Namen
gemacht haben, ein ganz guter Schlag von Frsten gewesen ist. - Meine jungen
Eupatriden strengten sich nun in die Wette an, wer den Busiris am
spitzfndigsten rechtfertigen und lobpreisen knne, und der Preis wurde vom
Dionysius selbst dem, der es - am schlechtesten gemacht hatte, zuerkannt. - Das
schwr' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der
Einzige seyn, von dem ich mich ungern trenne.
    Du siehst da wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen;
und da ich kein Bedenken tragen wrde ihn, wenn es auf meine Stimme ankme, zum
Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen. Wenn du ihn aber zum Autokrator
aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst, so mcht'
ich dich wohl bitten, nur einen einzigen Freistaat von hinlnglicher Gre, um
sich in der Unabhngigkeit erhalten zu knnen, brig zu lassen, wr' es auch
nur, damit wir und unsersgleichen nicht nthig htten unter den Garamanten148
oder Massageten Schutz zu suchen, wenn es unserm irdischen Jupiter etwa
einfiele, den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer persnlichen
Freiheit zutrglich seyn mchte. Ich stehe dir nicht dafr, da nicht auch einem
Dionysius so etwas - Tyrannisches begegnen knnte.

                                      52.



                                  An Hippias.

Die Urtheile der Syrakusaner ber die heroische Art, wie Sokrates die letzte
Probe, worauf seine Tugend gesetzt wurde, bestanden hat, sind des Charakters,
den du ihnen gibst, vollkommen wrdig, edler Hippias. Es ist wirklich lustig,
wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen. -
Es war seine Pflicht (sagen diese Virtuosen), Pflicht gegen Weib, Kinder und
Freunde, sich selbst zu erhalten, und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland,
den Athenern die Nachreue ber ein ungerechtes Urtheil zu ersparen. Denn, da er
unschuldig war, so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen; seine Verurtheilung
war also eine schreiende Ungerechtigkeit. - Aber woher wuten denn die Richter
da er unschuldig war? Die Klage schien bewiesen zu seyn, und er weigerte sich
den Gegenbeweis zu fhren. Die Richter muten, den Gesetzen zufolge, nicht nach
dem, was sie glaubten oder nicht glaubten, sondern nach dem, was vor Gericht
bewiesen und verhandelt worden war, sprechen. Sokrates hatte also Recht zu
sagen: er sey durch die Gesetze von Athen gerichtet worden, und msse sich, als
ein guter Brger, dem Urtheil unterwerfen. - Aber, sagen jene, er war sich doch
seiner Unschuld bewut. - Unstreitig; die Frage ist nur: berechtigte ihn dieses
Selbstbewutseyn, das Urtheil seiner Richter zu cassiren, oder (was auf das
Nmliche hinausluft) sich demselben durch die Flucht zu entziehen? Konnt' er
das, ohne sich zum Richter ber seine Richter aufzuwerfen? Welcher Staat in der
Welt mchte bestehen knnen, wenn die Brger berechtigt wren, die Urtheile
ihrer Obrigkeit zu controlliren, und wenn jeder Ausspruch, den das Gesetz aus
dem Munde seiner Wortfhrer ber sie und ihre Handlungen, Ansprche, oder
Streitigkeiten unter einander, gethan htte, einer eigenmchtigen Revision der
interessirten Parteien unterworfen wre? Der Brger eines Staats begibt sich
eben dadurch, da er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmig
angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen
aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern. - Aber (wendet man
ein) warum emprt sich gegen diesen unlugbaren Ausspruch der Vernunft ein
gebieterisches Gefhl in uns, welches wir nicht zum Schweigen bringen knnen? -
Mich dnkt, Hippias, du hast hierauf die wahre Antwort gefunden. Die Gefhl
hngt an einer andern Ordnung der Dinge; es ist weder mehr noch weniger als der
mchtige Erhaltungstrieb, den die Natur in alle lebenden Wesen gelegt hat. Nur
darin kann ich dir nicht beistimmen, wenn du diesen Trieb zum hchsten
Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst,
welcher alle andern weichen mssen; denn, nach meinem Begriff, vernichtest du
dadurch sogar die bloe Mglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne.
Ich werde zur Selbsterhaltung von der Natur aufgefordert, und bin berechtigt,
meiner Erhaltung alle andern Pflichten, im Fall des Zusammenstoes,
nachzusetzen; aber ich bin nicht dazu verbunden. Ich bin ein freies Wesen; will
ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst fr andere aufopfern, so ist
keine Macht in der ganzen Natur berechtigt mich daran zu hindern. Beruht nicht
die wesentlichste Pflicht des Brgers, sein Leben fr die Vertheidigung seines
Vaterlandes zu wagen und hinzugeben, lediglich auf diesem Rechte? Ueberhaupt
kenne ich keine Tugend, die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht, und von
der Gre des Opfers ihren hhern oder niedern Werth erhlt. Tugend ist, nach
meinem Begriff, moralisches Heldenthum; niemand ist verbunden ein Held zu seyn.
Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht, wenn er sein nach dem Gesetz
verwirktes Leben durch die Flucht rettet: aber ich ehre und bewundere den
Schuldlosverurtheilten, der lieber sich selbst aufopfern, als seinen Mitbrgern
ein Beispiel des Ungehorsams gegen die Gesetze geben will. Eine so edelmthige
Gesinnung mag (wenn man will) an jedem andern als etwas Verdienstliches
angesehen werden: an Sokrates war sie nicht mehr, als was alle, die ihn kannten,
von ihm zu erwarten befugt waren. Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit zu
erkennen gegeben, da er die Rechte des Menschen den Pflichten des Brgers
unterordne? Hatte er nicht das Hauptgeschft seines Lebens daraus gemacht,
seiner Republik gute Brger zu erziehen, und sich selbst als ein Vorbild aller
Brgertugenden darzustellen? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner
Sittenlehre, da er sogar die guten Angewhnungen, zu welchen uns die Pflicht
gegen uns selbst auffordert, vorzglich dewegen zu empfehlen pflegte, weil sie
uns geschickter machten, unsre Brgerpflichten zu erfllen? Wie wre es einem
solchen Manne angestanden, ein solches Leben, blo um dessen Dauer zu fristen,
so nah' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren, wodurch er seine eigenen
Grundstze so grblich verlugnet haben wrde? Die standhafte Weigerung, seine
Bande von Kriton zerreien zu lassen, setzte seinem ganzen Leben die Krone auf:
da hingegen, wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines
Freundes nachgab, diese einzige Schwachheit seine eigene Ueberzeugung von der
Wahrheit seiner Lehre verdchtig gemacht, und die gute Wirkung seines bisherigen
Beispiels entkrftet, ja bei vielen gnzlich vernichtet, ihn selbst aber auf
ewig in den groen Haufen der alltglichen Menschen herabgestoen htte, die
keinen hhern Beweggrund kennen als ihren persnlichen Vortheil, und immer
bereit sind, diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern.
    Uebrigens wollen wir nicht vergessen, da Sokrates auch von seinem Dmonion
(wie er dem Kriton gesagt haben soll) von der Flucht aus dem Gefngni
abgehalten wurde, und also voraus versichert war, da die Sache bel ablaufen
wrde. Ich denke, wir werden den Helden berhaupt kein Unrecht thun, wenn wir
voraussetzen, da sie alle, so viel ihrer je gewesen sind, immer mehr oder
minder ein wenig geschwrmt haben. Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine
gttliche Stimme, die sich von Zeit zu Zeit in seinem Innern hren lasse; und
fr einen so einfachen schlichten Mann wre die Einzige schon mehr als
hinreichend gewesen, ihm so viel Strke zu geben, als er nthig hatte, in einem
Alter von mehr als siebzig Jahren dem Tode mit Muth entgegenzugehen. Und so viel
von Sokrates ehrwrdigen Andenkens.
    Da unsre Freundin Lais in Milet Aufsehen macht, brauche ich dir kaum zu
sagen; das versteht sich von selbst, wiewohl wenig Stdte in der Welt seyn
mgen, die sich schnerer Weiber rhmen knnen, als diese prchtigste, reichste
und wollstigste Handelsstadt von Ionien. Da sie sich fters und allenthalben wo
fr sie selbst etwas Merkwrdiges zu sehen ist, wenigstens durch das dnne
Silbergewlk eines Koischen Schleiers149, sehen lt, und hier ungefhr auf den
nmlichen Fu lebt wie zu Korinth, so fehlt es ihr unter den Ersten und
Reichsten dieser ppigen Metropolis nicht an Anbetern, die sich in die Wette
bestreben, einen gnstigen Blick der Gttin auf sich und ihre angebotenen
Opfergaben zu ziehen. Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu, schreckt
zwar niemand ab, muntert aber auch niemand auf, nimmt nur kleine unbedeutende
Geschenke an, und macht einen Aufwand, als ob die Quelle, woraus sie schpft,
nie versiegen knne. Die alles erhht die Achtung nicht wenig, die man schon
der bloen Schnheit, selbst in einem unscheinbaren Aufzuge, zu erweisen geneigt
ist; sogar die Hetren betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht, und wrden
sich geschmeichelt finden, wenn sie eine so vollkommne Person an der Spitze
ihres Ordens erblickten. Man fragt einander, wer sie sey, und es gehen zwanzig
verschiedene Mhrchen, immer eines wunderbarer als das andere, ber ihren wahren
Namen und Stand, und ihre geheime Geschichte herum. Ich wrde, wenn ich ihr
Vertrauen auch weniger bese, leicht errathen, wohin die alles zielt; und ich
bin gnzlich der Meinung, da es der einzige Weg ist, ihren Wohlstand auf eine
Art, die ihrer nicht ganz unwrdig ist, sicher zu stellen. Das Nhere hierber
zu seiner Zeit.
    Mein Kleonidas gefllt allgemein, und strahlt von Freude und Wonne, da er
hier, mit lauter schnen Gegenstnden umgeben, sich in seinem wahren Elemente
fhlt, und wie er sagt, erst jetzt recht zu leben anfngt. Er findet in Milet
alles beisammen, was den feurigsten Liebhaber der Knste die das Leben
verschnern befriedigen kann: die herrlichsten Werke der edeln und zierlichen
Ionischen Baukunst, eine zahllose Menge Bildsulen von den besten Meistern, und
reiche Gemldesammlungen aus allen Schulen, vornehmlich von den berhmtesten
Malern unserer Zeit, Polygnot, Zeuxis, Parrhasius, Timanthes, Pausias,
Euxenidas, Apollodor, und andern. Er bringt einen groen Theil seiner Zeit damit
zu, alle diese Kunstwerke zu studiren, und, indem er einem jeden das worin er
vorzglich ist, abzulernen sucht, zu einer eigenthmlichen Manier zu gelangen,
die ihn von allen unterscheide, und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden
knne. Wie es ihm gelingen werde, wird die Zeit lehren. Noch ist er wenig mit
sich selbst zufrieden, und schilt uns Idioten, wenn wir etwas schn finden, das
er gemacht, oder vielmehr angefangen hat; denn noch kann er nicht von sich
erhalten, etwas fertig zu machen. Vornehmlich preiset er sich glcklich, da er
durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen, oder Phantasmen
(wie er sie nennt) zur Natur selbst zurckgefhrt worden sey. Wenn ich, sagt er,
es einmal dahin gebracht haben werde, irgend einen bestimmten Zug ihrer
Augenbrauen richtig zu zeichnen, und nur eines ihrer Ohrlppchen so zu malen wie
ich es sehe, will ich mich fr keinen kleinen Knstler halten.
    Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt, und ich gebe die Hoffnung noch
nicht auf, da ihn die vaterlndische Luft vielleicht allmhlich wieder zurecht
bringen knnte. Wenigstens halte ich es fr ein gutes Zeichen, da er die
Trennung von der Gesellschaft, die er verlassen hat, zu fhlen, und, ohne es
sich selbst zu gestehen, ganz heimlich sich zu uns zurckzuwnschen scheint.
Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur Sehnsucht steigen, so ist
beschlossen, ihn zu uns einzuladen; und ich zweifle kaum, da die zrtliche
Musarion sich keine groe Gewalt anthun mte, ihm den ersten Platz in ihrem
Herzen wieder einzurumen, wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr
zurckkehrte.
    Ich bin im Begriff, eine Reise durch alle Stdte von Ionien und Karien zu
machen, und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen, um dich da zu
erwarten. Was wolltest du lnger in dem unruhigen Syrakus? Wie schn auch Himmel
und Erde in Sicilien sind, mit dem warmen Glanze dieses Himmels der mich
umfliet, mit der ppigen Pracht dieser Erde, mit der herzerweiternden Milde der
wollstigen Blumenluft, die ich hier athme, kurz mit dem Leben in diesem
Gtterlande, ist nichts anders zu vergleichen.

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                            Kleombrotus an Aristipp.

Lass' ab von mir, guter Aristipp! Alle deine Mhe, mir das Bild des gewaltsam
sterbenden Sokrates und das Gefhl meiner Undankbarkeit gegen ihn ertrglich zu
machen, ist vergeblich. Niemals, niemals werd' ich mir verzeihen knnen, da ich
die heiligste der Pflichten einer phantastischen Leidenschaft und
selbstschtigen Weichlichkeit aufzuopfern fhig war! Und da ich es nicht knne
- da die Zeit, die alle andern Seelenschmerzen heilt, nur fr die meinigen
keinen Balsam habe, dafr hat Plato gesorgt.
    Dieser Tage wird mir ein Buch von Athen zugeschickt, Phdon betitelt, worin
Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzhlen lt, wie Sokrates am
Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und berhaupt bis zum
letzten Augenblick sich benommen habe. Dem Buche war ein kleines Stck Papier
beigefgt, worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies! mit groen
Buchstaben geschrieben stand. - Unmglich knnt' ich dir beschreiben, wie mir
beim ersten Anblick dieser Rollen zu Muthe war. Es whrte eine gute Weile, bis
ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte; mehr als Einmal ergriff ich
das Buch mit zitternder Hand, und mut' es immer wieder bei Seite legen. Aber,
wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte, und bis zu der Stelle
gekommen war, wo Phdon alle Athener, die sich an diesem traurig feierlichen
Tage um ihren dem Tode geweihten Freund und Vater versammelt hatten, aufzhlt,
und Echekrates fragt: waren auch Auswrtige dabei? und Phdon den Simmias, Cebes
und Phdondes von Theben, und den Euklides und Terpsion von Megara nennt, und
dann auf die Frage: wie? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da? die
Antwort gibt: nein, es hie sie wren zu Aegina - fiel mir das Buch aus der
Hand, mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden.
    Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte: es hie sie
wren in Aegina, nicht aus den Gedanken gekommen; sie erklingen immer in meinen
Ohren, und stehen allenthalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben, wo ich
hin sehe. Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschtterlich
in meiner Seele, was mir noch allein brig sey. - Beneidenswrdiger Aristipp!
Dir that das verleumderische Gercht Unrecht; dich hatte die Pflicht nach Cyrene
abgerufen! Aber ich Unglckseliger, ich war zu Aegina! - In wenigen Stunden
konnt' ich zu Athen seyn - wute alles was vorgefallen war - hatte vierzig Tage
um zur Besinnung zu kommen, und lie mich, bald durch falsche Scham, bald durch
die unmnnliche Furcht, ich wrde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht
ertragen knnen, bald durch die thrichte Hoffnung da seine Freunde Mittel
finden wrden ihn zu befreien, zurckhalten, die schnste, dringendste,
heiligste der Pflichten zu erfllen! - Nein, Aristipp! muthe mir nicht zu, da
ich mit dieser Furienschlange im Busen, mit diesem in meinem Innern whlenden
Bewutseyn, lnger leben soll! Da ich leben soll, um in jedem Auge, das mich
anblickt, die Worte zu lesen: er war in Aegina! - O Sokrates! wenn noch ein
Mittel ist deinen zrnenden Schatten zu vershnen, so ist es die allein! Wenn
noch ein Mittel ist, meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen, so
ist es die allein! Und wr' es (wie du sagtest) allen andern Menschen unrecht,
eigenmchtig aus dem Leben zu gehen, ich bin ausgenommen! Mir ist es Pflicht,
dich im Hades, im Elysium, im unsichtbaren Reiche der Geister, berall wo du
auch seyn magst, aufzusuchen, und so lange zu deinen Fen zu liegen bis du mir
vergeben hast! - Whne nicht ich schwrme, Aristipp! Meine Sinnen sind in diesem
Augenblick reiner, meine Seele freier als jemals - die Stunde ist da - ich hre
den dumpfen Ruf der Unterirdischen - was sum' ich lnger? Lebe wohl, Aristipp!
- Lais! - Musarion! - Lebet wohl! Verget mich! ich bin nicht wrdig in euern
Herzen fortzuleben.150

                                      54.



                                    An Lais.

Der arme Kleombrot - gute Laiska! - doch, du hast eine starke Seele, meine
Freundin, ich schone dich nicht. Hier ist sein Abschiedsbrief, und hier das
Buch, das ihm den letzten Sto gegeben hat - den Sto, der ihn von einem Felsen
des Ambracischen Ufers in die Wellen strzte. Der arme Jngling! Er war eines
bessern Schicksals werth, und verdiente diesen kaltbltigen hmischen Dolchsto
von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht! - Ich gestehe dir, Lais, ich bin
aufgebracht ber diesen stolzen Abkmmling Poseidons.151 Es hie sie wren in
Aegina. - Und wo war denn er? - Plato war krank, sagt' er. - Sonderbar genug!
Er mute also sehr krank, schlechterdings unvermgend seyn, sich von seinem
Lager zu erheben, oder er htte kommen sollen, und wenn er sich auch, gegen das
Verbot seines Arztes, in einer Snfte nach dem Kerker htte tragen lassen
mssen. Oder war er etwa nur krank, um desto mehr Freiheit zu haben, den
sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte? Wirklich kann man sich eines
solchen Argwohnes kaum erwehren, wenn man sieht, wie er den ehrlichen Sokrates
noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgngen
der subtilsten Dialektik herumtreiben lt, und welche Mhe der gute alte Mann
sich geben mu, die simpelsten Dinge in unauflsliche Knoten zusammenzudrehen,
blo damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spa machen knne, sie
entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden, und seine Strke
in der eristischen Vexierkunst153 vor den Athenern, den groen Liebhabern von
Hahnen- und Sophistenkmpfen, auszulegen. - Ich merke, liebe Laiska, da ich zu
verstimmt bin, um dich, wenn ich so fortfhre, nicht sehr bel zu unterhalten:
also lebe wohl, du Einzige, und vergi der Abwesenden nicht.

                                      55.



                               Lais an Aristipp.

Nein, unglcklicher, aber guter und bei aller deiner Schwche edelmthiger
Kleombrot, du sollst nicht vergessen werden! Und wenn noch etwas von dir brig
ist, dem es wohl thut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmuth
erinnern, so nimm diesen Trost mit dir hinber in das bessere Leben, das dich
dein Sokrates hoffen lie!
    Wer htte sich diesen Ausgang einbilden knnen, lieber Aristipp? - Und doch
dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf, wir htten es sollen. Aber wer selbst
wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwrmerei hat, kann sich nie lebendig
genug in einen solchen Kopf hineindenken, und lt sich nicht trumen, was fr
Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefllten Gemth anrichten
kann.
    Meine grte Sorge ist jetzt, die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen
Nachricht vorzubereiten. Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken, da
er nicht mehr ist, gewhnt hat, darf sie die Art seines Todes erfahren. Ich
traue dir zu, du werdest gern hren, da Kleonidas mir einen guten Theil dessen,
was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre, zu ersetzen sucht; und
dafr wirst du so artig seyn, auch ihm und mir zuzutrauen, da er nicht
unglcklich in dieser Bemhung seyn knne. Begeistert von dem Antheil, den wir
alle an dem Schicksal deines unglcklichen Freundes nehmen, und von Platons
Schilderung der Todesstunde des Sokrates, hat er mir die Ideen zu zwei groen
Gemlden mitgetheilt, womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist. Zum
ersten hat er bereits eine leichtgefrbte Zeichnung entworfen, die mir seinen
Gedanken glcklich zu symbolisiren scheint. Die Scene ist ein weit in die See
hervorragender kahler Felsen, an einem wilden klippenvollen Strande, den
reizenden Ufern einer entfernten, aus dem warmen rosigen Duft eines stillen
Sommerabends, wie unter einem durchsichtigen Schleier, hervorscheinenden
Landschaft gegen ber. Kleombrot, von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit
Schlangengeieln verfolgt, strzt sich von der Spitze des Felsens herab: aber
ein freundlicher Genius, mit mchtigen Flgeln ber der schumenden Brandung
schwebend, ist bereit, den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten Arme
aufzufassen, um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu
tragen, wo Sokrates, zwischen Pythagoras und Solon, von verschiedenen andern
Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben, aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu
kommen scheint. Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden:
er war in Aegina und ist nun bei Sokrates.
    Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer mglich darzustellen, wird er
nchstens eine Reise nach Theben, Athen und Megara unternehmen, und sich mit den
vorzglichsten Freunden des Weisen, mit Kriton, Kritobul, Apollodor, Aeschines,
Antisthenes, Cebes und Euklides bekannt machen, um Zeichnungen nach dem Leben
von ihnen zu nehmen, damit er sie in dem groen Gemlde desto richtiger
bezeichnen, gruppiren und in Handlung setzen knne. Um den lieben Plato auch
hier nicht leer ausgehen zu lassen, soll einer aus der Gruppe, die am
entferntesten von der Hauptperson ist, seinen Nachbar mit dem Ausdruck der
Verwunderung fragen: wo bleibt Plato? und der andere wird mit Achselzucken
antworten: es heit er sey unplich.154 Du siehest, Aristipp, wem Kleonidas
durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft? - Der
Einfall verdiente wenigstens einen Ku, hr' ich dich sagen. Auch bekam er ihn,
in deinem Namen, auf der Stelle. Aber - wie es zuging wei ich selbst nicht
recht - es muten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen seyn; denn
- wir wurden beide ein wenig davon berauscht. - Lass' dir sagen, Freund
Aristipp, - es ist ein gefhrlicher Mensch, dein Kleonidas; du httest ihn wohl
knnen zu Hause lassen!
    Mein Unstern fgte es, als ich zu Athen war, da Plato die ganze Zeit ber
abwesend seyn mute; denn nun sehe ich erst, wie schmeichelhaft mir seine
Eroberung gewesen wre. Sein Buch hat mir eine groe Meinung von der Feinheit
seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben. Wahr ist's, man mte den
Sokrates gar nicht gekannt haben, wenn man nicht sehen sollte, da Plato sich
groe Freiheiten mit ihm herausnimmt; und ich wollte selbst meinen besten
Halsschmuck dran setzen, er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten
Theil von allem dem gesagt, was ihn der junge Schwtzer grbeln und subtilisiren
lt. Indessen ist doch nicht weniger wahr, da er die Eigenheiten seines
Meisters mit vieler Gewandtheit nachzuahmen wei; und wiewohl er sie berhaupt
(was den Nachahmern gewhnlich zu begegnen pflegt) merklich bertreibt, so ist
doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier
des Alten gar nicht zu verkennen. Aber was mir von diesem Schriftsteller, und
dem, was er uns seyn knnte wenn er wollte, den grten Begriff gibt, ist die
Darstellung der letzten Stunde seines Helden, von dem Augenblick an, wo er sagt:
es werde nun Zeit fr ihn seyn, ins Bad zu gehen. Mich dnkt wir haben nichts so
Schnes in unsrer Sprache als diese Erzhlung, die so ganz schlicht und
anspruchlos aussieht, und in der doch, wenn ich nicht sehr irre, so viel wahre
epische und psychagogische156 Kunst ist. Ich habe dieses Stck schon zum
drittenmal gelesen, und jedesmal mit dem reinen Vergngen und der vlligen
Befriedigung, die nur das hohe Schne der Seele gewhren kann.
    So viel Rhmens von dem Werk eines Menschen den du nicht liebst, und das
freiwillige Gestndni - einer Untreue, in einem und ebendemselben Briefe, ist
deiner Philosophie beinahe zu viel auf einmal zugemuthet, lieber Aristipp.
    Das mcht' es wirklich seyn, wenn du nicht wrest, was du bist; so einzig in
deiner Art, wie deine Freundin Lais in der ihrigen. Was sollte sie dir nicht
vertrauen drfen?

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                                    An Lais.

Ja wohl, schne Lais, darfst du mir alles vertrauen! Du, der die Grazien einen
Freibrief gegeben haben, nichts zu sagen noch zu thun was Aristipp nicht gut
fnde. Zudem ist Kleonidas mein anderes Ich; was du ihm thust, ist mir gethan;
und wr' es nicht unter deiner Wrde, die edeln Dienste meines Freundes nicht
auf eine edle Art zu belohnen?
    Wird er seine Reise bald antreten? Mich verlangt sehr, seinen Tod des
Sokrates vollendet zu sehen. Sobald ich hre da er es ist, ergreife ich diesen
Vorwand, um eine Lebende wieder zu sehen, die mir Amor selbst, wenn er ein Maler
wre, nicht zu Danke malen knnte, und - fliege nach Milet zurck.
    Hippias meldet mir, da er vor dem Ende dieses Monats zu Athen eintreffen
werde, um von da nach Samos abzugehen, wo er seinen knftigen Wohnsitz
aufzuschlagen beschlossen hat. Denke nur, der unbestndige Mensch hat die schne
Timandra einem seiner Freunde in Syrakus abgetreten! Ich wei, schreibt er mir,
nichts an ihr auszusetzen, als da sie zu gut fr mich ist. Wahrscheinlich hat
er irgend einen geheimen Beweggrund, warum er frank und frei zu Samos anlangen
will. - Ich habe ihm eine Abschrift des Phdon zugeschickt, und ihn in deinem
Namen ersucht, uns ber den spekulativen Theil desselben seine Meinung zu sagen.
    Inzwischen unterschreibe ich, ohne da es mir die mindeste Geflligkeit
kostet, alles, was du Rhmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte
gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter wre
Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein bser Genius neben seinem natrlichen
Hang zum Fabuliren und Allegorisiren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb
sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft htte.
Da ihm die schlichte populre Philosophie des Sokrates kein Genge that,
vertiefte er sich schon frh in den Grbeleien der Eleatischen und
Pythagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der Natur und den
ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der
Materie und des Geistes, kurz, alles ergrnden zu wollen, was nicht zu ergrnden
ist. Unbefriedigt schwrmte er nun von einem Systeme zum andern, baute bald auf
diese, bald auf jene Hypothese, ri dann, wenn er wieder einige Zeit um Sokrates
gewesen war, wieder ein was er gebaut hatte, und wrde vermuthlich zuletzt unter
lauter Ruinen gelebt und nie etwas Haltbares zu Stande gebracht haben, wenn ihn
die Muse, die ihm als sein guter Dmon zugegeben ist, nicht immer antriebe, aus
den Bruchstcken, die in seiner Phantasie ber und durcheinander liegen, bald
diesen, bald jenen luftigen und schimmernden Zauberpalast zusammenzusetzen.
Jetzt ist er noch so voll von diesen Materialien, da ihm die Wahl weh zu thun
scheint, und er uns lieber alles auf einmal geben mchte. In der That hat er in
seinem Phdon so vielerlei fr Person, Ort und Zeit Schickliches und
Unschickliches zusammengedrngt, da ich in diesem einzigen Dialog die Embryonen
von zwanzig andern sehe, die er vermuthlich nach und nach auszubrten gedenkt.
Doch das mchte er immerhin, und viel Glcks dazu! Denn warum sollte er nicht
Bcher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu
geben, und eine Flle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald
er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemth seiner Leser
zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten wei? - Aber wenn er
fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen philosophischen
Dramen aufzudringen, und gerade dem Manne, der die Philosophie vom Himmel oder
vielmehr aus dem windigen Reiche der regenbeladnen Jungfrauen des
Aristophanes, wieder auf die Erde herabholte und in das husliche und
brgerliche Leben der Menschen einfhrte, kurz sich ausschlielich mit einer
Lebensweisheit beschftigte, die fr jedermann verstndlich und brauchbar war,
wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberey, abgezogene Begriffe bis zu
einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit
Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulsen wei, zu beunruhigen, gerade
diesem Manne vor die Thr zu legen; die, ich bekenn' es, wrd' ich ihm nicht
wohl verzeihen knnen. Freilich mu es jedem erlaubt seyn, das Wahre, zu welchem
so vielerlei Wege fhren, auf demjenigen zu suchen, den er fr den nchsten oder
anmuthigsten hlt; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht
heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.
    Da Plato sich nicht zugleich mit dir in Athen befand, meine Freundin, hat
deinen sieggewohnten Reizen vielleicht eine kleine Demthigung erspart,
wenigstens httest du dich in einen Hylas157 oder Hyacinth158 verkleiden mssen,
um seine Aufmerksamkeit zu erregen. - Doch ich will ihm keinen Vorwurf aus den
Versen159 machen, worin er (damals selbst noch wenig mehr als ein Knabe) seine
Leidenschaft fr die schnen Knaben Aster, Alexis, Agathon u.a. (vielleicht nur
um die Mode mitzumachen) eine sehr feurige Sprache reden lie; denn es ist
allerdings zu glauben, da Sokrates, zu welchem er sich seit seinem zwanzigsten
Jahre ziemlich fleiig hielt, ihm diese kleine Attische Unart abgewhnt haben
werde.
    Ich gedachte mich nicht lnger zu Ephesus zu verweilen, als nthig war, eine
alte Gastfreundschaft zwischen meiner Familie und einem hiesigen angesehenen
Hause zu erneuern, und den weltberhmten Tempel der Ephesischen Gttin zu
besehen. Zuflligerweise erfahre ich von dem alten Maler Evenor, da sein
ehmaliger Schler Parrhasius (ein geborner Ephesier) tglich erwartet werde. Der
alte Mann legte einen besondern Nachdruck auf das Wort Lehrling, und schien sich
nicht wenig darauf zu Gute zu thun, da er einen Schler habe bilden knnen, der
seinen Meister weit hinter sich zurckgelassen. Parrhasius langte den folgenden
Tag an, und seine Bekanntschaft hat so viel Anziehendes fr mich, da ich schon
eine ganze Dekade lnger hier bin, als anfangs meine Absicht war. Vielleicht
wirst du das Vergngen haben, ihn in Milet zu sehen. Ich wnsche es um Kleonidas
willen, der, wofern wir dem stolzen Parrhasius verbergen da er sein Nebenbuhler
in der Kunst ist, vielleicht Gelegenheit fnde, ihm das eine oder andere von
seinen Geheimnissen, die Frbung zu behandeln, abzuhaschen. Denn es ist
unglaublich, was der Mann mit seinen vier Farben fr Wunder thut.
    Du bist mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, groe Entschdigung schuldig,
meine schne Freundin, und ich will dich vorher gewarnt haben, nicht zu sehr zu
erschrecken, wenn ich in irgend einer schnen mondhellen Nacht, da du mich am
wenigsten erwartet httest, auf einmal wie aus dem Monde gefallen, vor dir
stehe, und mir - einen Abdruck des Kusses ausbitte, womit du den schnen
Kleonidas unter die Gtter versetzt hast. Denn die ist, nach dem Ton seines
letzten Briefes zu schlieen, der Fall mit ihm, wiewohl er so bescheiden ist,
mir aus der Ursache seiner Apotheose ein Geheimni zu machen.

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                                 An Kleonidas.

Ein glcklicher Zufall hat mich zu Ephesus mit dem grten Maler unsrer Zeit in
Bekanntschaft gesetzt. Du errthst sogleich da ich den Parrhasius meine, von
welchem die zwei kleinen Stcke160 in dem Landhause unsrer Freundin zu Aegina
dich so sehr bezauberten, und von dessen Demos du mich mit einer Bewunderung,
die an mir etwas Ungewhnliches ist, sprechen hrtest. In der That gibt es
dermalen noch schwerlich etwas Vollendeteres in eurer Kunst, und ich wollte du
entschlssest dich, bevor du an die Ausfhrung der beiden Denkmler gehst, zu
einer Reise nach Mitylene, blo dieses Gemldes wegen, an welchem ein Auge wie
das deinige so viel zu sehen und zu studiren finden wrde.
    Parrhasius ist ein feiner, stattlicher Mann, der, neben andern mit seiner
Kunst in Bezug stehenden Kenntnissen, sich vorzglich auf die Menschenkunde mit
Ernst gelegt zu haben scheint. Von dem Knstlerstolz, den man ihm Schuld gibt,
mag er wohl nicht ganz frei seyn; und warum sollte er auch nicht fhlen drfen
was er ist, und wie nahe die Malerkunst, die vor ihm noch in der Wiege lag, der
Hora ihrer schnsten Blthe durch ihn gebracht worden? Er spricht gern von dem,
was er in dieser Rcksicht geleistet habe, und da ihn die nothwendig auf den
Zustand fhrt, worin er seine Kunst gefunden, so ist natrlich, da er an den
Werken der alten Meister, ohne darum ungerecht gegen sie zu seyn, mehr zu tadeln
als zu loben hat. Ob er aber eben so gerecht gegen seine jetzt blhenden
Nebenbuhler, einen Zeuxis, Timanthes, Pausias u.a. sey, liee sich fast
bezweifeln; wenigstens hlt er zurck, wenn die Rede von ihnen ist, und gibt,
wenn dieses oder jenes von ihren Werken gerhmt wird, seine Beistimmung
gewhnlich nur mit den Achseln oder Augenbraunen. Man sagte mir, es sey eine von
seinen Eigenheiten, da er beim Arbeiten, weder einen andern Maler, noch jemand,
der im Ruf eines Kenners der Kunst stehe, zusehen lasse. Gegen bloe Liebhaber
hingegen ist er desto geflliger, und ich habe unter diesem Titel das Vergngen
gehabt, ihn an einem groen Gemlde arbeiten zu sehen, das die Entscheidung des
Streits um die Waffen Achills zwischen Ajax und Ulysses vorstellt, und in kurzem
zu Samos um den Preis mitwerben soll. Nur wenn er die letzte Hand an ein Werk
legt, schliet er sich vor jedermann ein; vermuthlich weil er ein Geheimni
besitzt, um seinen Gemlden den schnen Ton und das Lebenathmende und Beseelte
zu geben, das so sehr daran bewundert wird. Ich sprach ihm von seinem Demos, wie
einem bloen Liebhaber zukommt, mit Entzcken, und erhielt dadurch das Recht,
ihm in gebhrender Einfalt und Demuth die Frage vorzulegen: ob es wirklich seine
Meinung gewesen sey, den Charakter des Athenischen Volks in diesem Stcke
darzustellen? Er antwortete mir lachend: vermuthlich ist es dir von dem Besitzer
unter dieser Benennung gezeigt worden? Da ich es bejahte, fuhr er fort: ich
will dir offenherzig sagen was an der Sache ist. Es war wirklich mein erster
Gedanke da es ein allegorisches Gemlde werden sollte; aber die Schwierigkeit
war, wie ich es anstellen wollte, die Widersprche im Charakter des Athenischen
Volkes so zu personificiren, da gescheidte Leute ohne Wahrsagergeist errathen
knnten was ich wolle. In zwei Stcken, deren jedes nur eine Seite dieses
Charakters gezeigt htte, mchte die allenfalls angegangen seyn, wiewohl die
Sache noch immer groe Schwierigkeiten hatte; aber auf Einer Tafel fand ich es
platterdings unmglich. Nach langem Hin- und Hersinnen, fiel mir ein, anstatt
meine Absicht durch allegorische Personen erreichen zu wollen, wrde ich besser
zum Ziel kommen, wenn ich eine wieder aus einander gehende Volksversammlung
schilderte, und zwar so, da man aus den verschiedenen Gruppen errathen knnte,
was unmittelbar vorher verhandelt und beschlossen worden, und was dieser und
jener fr eine Rolle dabei gespielt habe. Ich gestehe, da ich diesen Gedanken
fr eine Eingebung meines guten Genius hielt, und daher mit mehr als
gewhnlicher Begeisterung ausfhrte. Ich hatte nun Gelegenheit, alle die
verschiedenen Zge, woraus der Charakter der Athener zusammengesetzt ist, auf
die natrlichste Art in Handlung und Contrast zu setzen. Mein Stck, wiewohl es
im Grunde nichts mehr ist als was der Augenschein ausweist, wurde dennoch fr
den nachdenkenden Beschauer, der den Geist eines Gemldes zu erhaschen wei,
wirklich das, wozu ich es anfangs machen wollte, eine Charakteristik der
Athener, und da der Name Demos Athenn beides gleich schicklich bezeichnen
konnte, so verkaufte ich es dem Liebhaber zu Mitylene unter diesem Titel, mit
welchem es mich hoffentlich eine Weile berleben wird. - Gewi so lange, sagte
ich, als die Erde mit einer allgemeinen Verbrennung oder Ersufung verschont
bleibt, wofern die Besitzer nur Sorge tragen, es vor dem nachtheiligen Einflu
der Luft und der Sonne zu bewahren. - Meine Farben halten bis auf einen gewissen
Grad beides aus, versetzte Parrhasius. - Du mut deren wirklich ganz eigene und
andere unbekannte haben, sagte ich, da du solche Wunder damit thun kannst. -
Gleichwohl siehst du nur vier auf meiner Palette, war seine Antwort; - und nun
hatte ich keine Lust weiter zu fragen. Parrhasius zeigte mir unter verschiedenen
zum Verkauf fertigen Stcken zwei zusammengehrende, die ich, ihres sonderbaren
Effects wegen, fr unsre Freundin gekauft habe. Beide Tafeln stellen
ebendenselben schwerbewaffneten Kriegsmann vor; auf der einen ist er in vollem
Lauf begriffen, auf der andern legt er seine Rstung ab, um auszuruhen; in
beiden herrscht ein so hoher Grad von Wahrheit und Leben, da man ihn auf jener
schwitzen zu sehen, und auf dieser keuchen zu hren glaubt. Er war so zufrieden
mit mir, als ich diese, eben nicht schwer zu machende Bemerkung machte, da er
mich noch eine ziemliche Anzahl kleiner, auf elfenbeinerne Tfelchen gemalter
Stcke sehen lie, die an tuschender Lebendigkeit und Grazie der Ausfhrung, so
wie an Leichtfertigkeit des Inhalts161 alles weit bertreffen, was ich je in
dieser Art gesehen habe. Lass' dir genug seyn, Kleonidas, da eine in
Gtterwonne hinsterbende Leda das zchtigste Stck von der ganzen Sammlung war.
Da er mich etwas verlegen sah - (du weit, ich liebe die Entweihungen der
heiligen Mysterien Amors und Aphroditens nicht) - sagte er mir ganz unbefangen:
diese Scherze meines Pinsels sind eigentlich nur fr mich selbst gemacht, und
dienen mir zur Erholung nach ernsthaftern Arbeiten. Ich wrde keines davon um
irgend einen Preis verkaufen; nur diese Leda ist derjenigen bestimmt (wofern
sich eine solche finden sollte) die schner ist als sie, und statt des
gttlichen Schwans - mit mir vorlieb nehmen will. Du siehst, Freund Kleonidas,
da Parrhasius nicht nur ein groer Maler, sondern auch ein groer Schalk ist,
und die schwache Seite der Leden kennt. Wenn es nur auf die erste seiner
Bedingungen ankme, so wre die seinige schon verspielt. Ich mchte wohl wissen
was Lais zu diesem tollen Einfall sagt?
    Parrhasius ist reich, und lebt auf einen ziemlich Asiatischen Fu. Ich sah
verschiedne schne Sklaven und Sklavinnen in seinem Hause, und eine der letztern
schien mir seiner Leda sehr hnlich zu sehen. Und so viel von deinem berhmten
Kunstverwandten.
    Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ungeduldig ich nach der Ausfhrung
deiner zwei herrlichen Ideen bin. Fr die kleine Rache, die du fr mich an dem
spitznasigen Plato genommen hast, hat dir Lais, wie ich hre, schon in ihrem und
meinem Namen gedankt. Strenger wird ihn hoffentlich sein eigenes Gefhl
bestrafen, wenn er hren wird, da er mit drei hmischen Worten einen Jngling,
der wahrlich der Sokratischen Bildung Ehre gemacht haben wrde, zur Verzweiflung
getrieben hat.

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                               Lais an Aristipp.

Lugne nur nicht, Aristipp, da du eiferschtiger bist, als du mir und
vielleicht dir selbst gern gestehen mchtest. Wenn es so ist, so hast du
Unrecht, mein Freund. Ein Ku ist am Ende doch nichts mehr als ein Ku, und wenn
in einer kleinen Berauschung auch ein halbes Duzend daraus geworden wren, so
sollte, dcht' ich, um eines so guten Einfalls willen wie der, wofr Kleonidas
sie bekam, eine solche Kleinigkeit einem Freunde wohl zu gnnen seyn. Oder
knntest du auch nur im Traume den Argwohn hegen, ich sey leichtsinnig genug,
meine Musarion um einen Liebhaber wie Kleonidas bringen zu wollen? Ich werde
dir, mit deiner Erlaubni, keine weitere Erluterung ber diese Sache geben;
genug wenn ich dir sage, da zwischen ihnen beiden eine Art von Freundschaft
(wie sie es nennen) erklrt ist, die ich, ohne mich deutlich heraus zu lassen,
auf alle Weise begnstige, und, wenn sie noch einige kleine Proben ausgehalten
hat, zu beiderseitiger Zufriedenheit in einen ehelichen Liebesknoten zusammen zu
stricken gesonnen bin. Musarion ist eines Mannes wie Kleonidas werth, und
Kleonidas knnte in allen drei Welttheilen schwerlich ein Mdchen finden, das in
jeder Beziehung, es sey als Freundin und Lebensgefhrtin, oder als Mutter seiner
Kinder, oder als Gespielin seiner frhlichen Stunden, oder als Modell fr seine
Lieblingskunst, sich besser fr ihn schickte, als meine Musarion, die zu einer
seltnen Schnheit und Anmuth, und einem Gemth, das die Keime aller weiblichen
Tugenden in sich trgt, gerade so viel Verstand und Witz zum Antheil bekommen
hat, als ein Weib im Kreise des huslichen Lebens nthig haben kann. Ich glaube
mich der Pflicht, die mir ihr edler Vater auferlegt hat, nicht besser als durch
eine solche Verbindung entledigen zu knnen, und ich freue mich voraus, da mein
Plan deinen Beifall haben wird.
    Eurybates ist seit kurzem nach Athen zurckgekehrt, und wir werden die
Lcke, die ein so angenehmer Gesellschafter in unserm Cirkel lt, nicht so
leicht ersetzt bekommen. Er hat mir mit einem schnen Medischen Eunuchen, der
ein trefflicher Snger und Citherspieler ist, ein Geschenk gemacht. Was konnt'
ich da weniger thun, als ihm die Charis Droso zum Gegengeschenk aufzudringen? -
Oder zweifelst du etwa, da ich gromthig genug zu einem solchen Opfer war? -
Gleichwohl that ich's nicht. Ich begngte mich, ihr die Freiheit zu schenken,
und berlie es ihr selbst, mit ihrer Person nach eignem Belieben zu schalten.
Eurybates verliert nichts dabei. Sie begleitet ihn nach dem schnen Athen, und
wenn sie die Sokratischen Lehren, die ich ihr mitgegeben habe, befolgen will, so
wird sie wahrscheinlich Ursache haben, mit ihrem Loose zufrieden zu seyn. - Ich
pfusche der Ehestifterin Here ziemlich stark ins Handwerk, wie du siehst; es ist
eine wahre Liebhaberei bei mir, und mu wohl an einer Person, die so ungeneigt
ist sich selbst binden zu lassen, seltsam genug scheinen. Erklre dir's wie du
kannst; ich mag mir den Kopf nicht zerbrechen, die Ursache davon zu ergrnden.
    Du schreibst mir, du habest den Hippias in meinem Namen ersucht, uns seine
Gedanken ber die letzten Reden des Sokrates im Phdon mitzutheilen. Wozu das?
was kmmert mich's, wie Hippias ber diese Dinge denkt? wenn ich jemands
Gedanken darber wissen mchte, so sind es die deinigen; wenigstens so lange ich
keinen andern kenne, mit dem ich, in allem was Interesse fr mich hat, lieber
sympathisiren mchte als mit dir.

                                      59.



                             Kleonidas an Aristipp.

Fast besorge ich, Freund Aristipp, irgend eine gefllige Epheserin habe das Bild
unsrer edeln Freundin in deinem Kopf ein wenig abgebleicht. Du mchtest wissen,
schreibst du mir, was sie zu dem Preise, den Parrhasius auf seine Leda setzt,
sagen wrde? - Das will ich dir nicht verhalten, mein Lieber. Parrhasius,
sagte sie, mag nur in Zeiten, wofern es nicht schon geschehen ist, fr eine
hbsche Anzahl Copien sorgen; denn an Leden, die seinen Preis nicht zu hoch
finden werden, kann es ihm so leicht nicht fehlen; und er wird wahrscheinlich,
wenn ihm die Lust ankommt den Schwan zu spielen, jede lebende schner finden als
seine gemalte. - Die ist alles was sie sagte, und ich dchte das httest du
errathen knnen.
    Ich bin im Begriff nach Theben und Athen abzugehen, und hoffe meine Leute in
wenig Tagen beisammen zu haben. Denn ich brauche nichts als Umrisse und hier und
da einen charakteristischen Strich; das brige soll sich wohl in meinem
Gedchtni erhalten. Meinen Rckweg werde ich ber Samos nehmen, wo bei einer
ffentlichen Gemldeausstellung Parrhasius und Timanthes mit einigen andern um
den Preis streiten werden, den eine Gesellschaft von Kunstliebhabern auf die
beste malerische Darstellung des Streits um die Waffen Achills im Lager der
Griechen vor Troja ausgesetzt hat. Doch, das hast du ja schon vom Parrhasius
gehrt. Die Reise nach Mitylene hat mir ein glcklicher Zufall erspart. Der
Besitzer des berhmten Demos Athenn ist vor einiger Zeit gestorben; seine
gesammelten Kunstwerke werden von seinen Erben verkauft, und jenes kostbare
Stck hat Hegesander, ein Gnstling des Plutus zu Milet, um fnfhundert Dariken
an sich gebracht. Ohne Zweifel wird es, um die Zeit da du nach Milet zurck
kommst, in seiner Galerie zu sehen seyn. Parrhasius hat viel geleistet; aber die
Kunst ist unendlich. Keiner kann alles, keiner erreicht das Ziel, und selbst in
dem, worin einer alle seine Vorgnger bertroffen hat, kann und wird er von
irgend einem Nachfolger bertroffen werden. Zeuxis wird wegen der Richtigkeit
seiner Umrisse und des Tuschenden seiner Frbung bewundert: Parrhasius glaubt,
es ihm in beidem zuvorzuthun, und hat vielleicht Recht; aber da er die hchste
Stufe in beidem schon erstiegen habe, glaube ich wenigstens nicht, wenn ich auch
nicht sagen knnte, worin, geschweige wie er bertroffen werden knne. Die
Fortschritte, welche die Malerkunst in den letzten dreiig Jahren gemacht hat,
sind zum Erstaunen; lass' uns noch dreiig oder vierzig Jahre leben, und wir
werden vielleicht aus den Schulen derer, die jetzt den Vorsitz haben, eines
Parrhasius, Timanthes, Zeuxis, Pausias, Knstler hervorgehen sehen, die diese
eben so weit hinter sich zurcklassen162, als sie ihren Lehrmeistern
vorgesprungen sind. Da ich des Timanthes erwhnt habe, darf ich nicht vergessen,
da er sich diesen ganzen Monat ber zu Milet aufgehalten hat, um das Gemlde zu
vollenden, womit er zu Samos um den Preis streiten will. Ich habe mich, wie du
denken kannst, um seine Freundschaft beworben; Lais begegnet ihm mit
ausgezeichneter Achtung, und er fehlt nie bei den Symposien, die sie den
vorzglichsten Mnnern, Einheimischen und Fremden, welche sich hier aufhalten,
hufig zu geben pflegt. Zur Erkenntlichkeit hat er sie mit einem kleinen Gemlde
beschenkt, worauf Hebe der Gtterknigin eine Schale mit Nektar reicht, und in
dieser die schne Lais, in jener die liebliche Musarion unverkennbar ist,
wiewohl ihm keine von beiden gesessen hat. Ehe ich dieses Stck sah, hatte ich
keinen Begriff davon, da man gemalten Augen so viel Geist, gemalten Lippen und
Wangen eine so herzgewinnende Beredsamkeit geben, und aus dem Ganzen einer
nachgeahmten Gestalt einen so tuschenden Widerschein des unsichtbaren Innern
hervorleuchten lassen knne. Ich mte mich sehr irren, oder hier ist mehr als
Parrhasius. - Timanthes wrde sich auch ohne sein Talent in jeder guten
Gesellschaft als ein vorzglicher Mensch ausnehmen; so wie unter seinen
Kunstverwandten wenige seyn mgen, die mit so viel Ursache zum Stolz eine so
edle Art von Bescheidenheit besitzen wie er.
    Aus unsrer Vaterstadt, lieber Aristipp, habe ich krzlich so gute
Nachrichten erhalten, da die immer nher rckende Aussicht an meine Zurckkunft
mich erfreuen wrde, mt' ich mich nicht von so manchen liebenswrdigen
Personen trennen, die ich in Griechenland zurcklassen werde, mit der Gewiheit
sie nirgends wieder zu finden, als vielleicht da, wo der arme Kleombrot zu
frhzeitig hingegangen ist.

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                              Hippias an Aristipp.

Kaum kann ich glauben, da die schne und - allzuweise Lais im Ernst zu wissen
verlange, was ich von dem Phdon des jungen Platon halte. Wenn sie ihn (was ich
doch voraussetzen mu) gelesen hat, so kann sie sich selbst am besten sagen, ob
sie durch die vorgeblichen Beweise der Unvergnglichkeit und Unsterblichkeit der
Seele, die er seinem Meister in den Mund legt, berzeugt ist oder nicht. Ich fr
meine Person erinnere mich nicht, in meinem ganzen Leben etwas Frostigeres und
weniger Befriedigendes ber diesen Gegenstand gehrt oder gelesen zu haben.
Wahrlich es steht schlecht mit der Hoffnung derer, die sich ewig zu leben
wnschen, und weil das Recept zu Medeens Kruterbad verloren gegangen ist, und
die Quelle der Jugend erst noch entdeckt werden soll, kein andres Mittel, ihres
Wunsches theilhaft zu werden, sehen, als nach dem Tode in einer unsichtbaren
Welt ein neues Leben zu beginnen - es steht (sage ich) schlecht um ihre
Hoffnung, wenn sie auf keinem festern Grunde ruht, als auf der Behauptung: es
msse auf den Tod ein neues Leben folgen, weil das Erwachen aus dem Schlaf
entstehe, und beides eine nothwendige Folge davon sey, da jedes Ding, dem etwas
entgegen gesetzt ist, aus diesem Entgegengesetzten entspringe. Was wird die
Nachwelt (wofern dieses Platonische Machwerk seinen Schpfer berleben sollte)
von Sokrates und von denen, die ihn fr einen Weisen hielten, denken mssen,
wenn sie liest, da er ein paar Stunden vor seinem Tode seine besten Freunde,
lauter gesetzte und zum Theil schon bejahrte Leute, mit so lppischen
Fragstcken, wie man sie etwa an ein Kind von drei Jahren thun knnte,
unterhalten habe; und sollte sie wohl glaublich finden, da so verstndige junge
Mnner, wie Cebes und Simmias, sich diese kindische Art von Belehrung htten
wohlgefallen lassen? Oder was denkst du da man zu einem Dialog, im Geschmack
der kleinen Probe, die ich mir (wundershalben) abzuschreiben die Mhe geben
will, sagen werde?
    Sokrates (zu Cebes). Was meinst du, Cebes, ist irgend etwas dem Leben so
entgegengesetzt als das Schlafen dem Erwachen?
    Cebes. Allerdings.
    Sokrates. Was denn?
    Cebes. Gestorben seyn.
    Sokrates. Entstehen nicht beide aus einander entgegen gesetzten Dingen, und
mu es nicht mit ihren respectiven Entstehungen (geneseis) eben dieselbe
Bewandtni haben?
    Cebes. Wie knnt' es anders?
    Sokrates. Ich will dir nur das eine Paar der so eben genannten Dinge sagen,
so wohl sie selbst als ihre Entstehungen; und du sagst mir dann das andere. Ich
setze also, schlafen und wachen, und nun sag' ich: aus dem Wachen entsteht das
Schlafen, und umgekehrt aus dem Schlafen das Wachen, und ihre Entstehungen sind,
vom einen das Einschlummern, vom andern das Aufwachen. Hab' ich es deutlich
genug gesagt oder nicht?
    Cebes. Sehr deutlich.
    Sokrates. Nun sage du mir auch, wie es sich mit dem Leben und dem
Gestorbenseyn verhlt. Sagst du nicht, da Leben das Gegentheil sey von
Gestorbenseyn?
    Cebes. Allerdings.
    Sokrates. Und da sie aus einander entspringen?
    Cebes. Ja.
    Sokrates. Was wird also aus dem Lebenden?
    Cebes. Das Gestorbene.
    Sokrates. Und aus dem Gestorbenen?
    Cebes. Nothwendig mu man bekennen, das Lebende.
    Sokrates. Diesem nach, mein lieber Cebes, entstehen die Lebenden aus den
Gestorbenen?
    Cebes. So scheint es.
    Sokrates. Unsre Seelen sind also im Hades?
    Cebes. Man sollt' es denken.
    Sokrates. Und, was ihre beiderseitigen Entstehungen betrifft, liegt nicht
die eine klar am Tage? Denn Sterben ist doch etwas Augenscheinliches; oder
nicht?
    Cebes. Ganz gewi.
    Sokrates. Wie wollen wir nun weiter verfahren? Wollen wir das, was aus dem
Gestorbenseyn entsteht, nicht ebenfalls fr etwas Entgegengesetztes halten?
Sollte die Natur nur hier allein hinken? Oder mssen wir eine dem Sterben
entgegengesetzte Entstehung annehmen?
    Cebes. Das mssen wir allerdings.
    Sokrates. Was fr eine also?
    Cebes. Das Wiederaufleben.
    Sokrates. Wenn nun ein Wiederaufleben stattfindet, wre da nicht das
Wiederaufleben eine Entstehung des Lebenden aus dem Gestorbenen?
    Cebes. Unstreitig.
    Sokrates. Wir sind also genthigt als etwas Ausgemachtes einzurumen, da
die Lebenden eben sowohl aus den Gestorbenen entspringen, als die Gestorbenen
aus den Lebenden; und wenn die ist, so haben wir einen hinreichenden Grund
anzunehmen, da die Seelen der Verstorbenen irgendwo seyn mssen, von wannen sie
wieder geboren werden knnen?
    Cebes. Aus dem Eingestandenen folgt die nothwendig, u.s.w.
    Nun frage ich dich, Aristipp, ob das unauslschliche Lachen der seligen
Gtter im ersten Buch der Ilias hinlnglich wre, eine solche Manier zu
philosophiren nach Wrden zu belachen? Und in was fr ein unendliches und
unermeliches Wiehern mten erst die besagten Gtter (die ber ihren neuen,
dienstfertig von einem zum andern herum hinkenden Mundschenken so entsetzlich
lachen konnten) ausbersten, wenn sie ein Paar gravittische Leute unter den
Wolken, ber Dinge wovon sie nichts verstehen noch wissen knnen, im hchsten
Ernst so possirlich irre reden hrten? Gleichwohl lt Plato den guten alten
Sokrates, seinen ganzen Sterbetag ber, in diesem Geschmack dialogiren, und der
ganze Discurs dreht sich immer um diesen feinen Beweis herum. Und welch ein
Beweis! Aus einer Induction, die am Ende auf ein bloes Spiel mit Worten hinaus
luft, und auf dem grundlosen Vorgeben beruht: wenn zwei einander
entgegengesetzte Dinge auf einander folgen, so entstehen sie aus einander!
Diesem Grundsatz zufolge knnt' er uns eben so bndig beweisen, ein Hungriger
msse nothwendig satt werden, wenn er gleich nichts zu essen hat, oder die alte
Hekube msse wieder jung und eine zweite Helena werden; denn Hunger und
Sttigung, Alter und Jugend, Runzeln und Schnheit sind einander entgegengesetzt
und folgen auf einander, mssen also eben so nothwendig aus einander
entspringen, als das Wachen aus dem Schlafen und das Leben aus dem Tode. Der
Beweis mte sich gut ausnehmen, wenn er, nach dem obigen Muster, in kurzen
Fragen und Antworten, mit mglichster Langweiligkeit gefhrt wrde! - Und
dennoch hat der sinnreiche junge Mensch in seiner subtilen Einbildungskraft
Mittel gefunden uns etwas noch Lcherlicheres zum Besten zu geben. Wenn er
beweisen knnte, meint er, da unsre Seelen vor diesem Leben schon irgendwo da
gewesen wren, so htte er damit so gut als bewiesen, da sie auch nach
demselben irgendwo seyn knnten. Und wie fhrt er diesen Beweis? Alle Menschen,
sagt er, bringen eine Art von Begriffen mit auf die Welt, die sie weder durch
ihre eigenen Sinne noch durch fremden Unterricht erlangen. Wer daran zweifelt,
lege nur dem ersten besten Kinde von drei oder vier Jahren Fragen vor, zu deren
Beantwortung nichts als gemeiner Menschenverstand erfordert wird, und das Kind,
wenn es recht gefragt, das heit, wenn ihm die Antwort auf die Zunge gelegt
wird, wird auch allemal die rechte Antwort geben. Man zeige ihm z.B. zwei Stcke
Holz von ungleicher Gre, und frage: sind diese Stcke Holz gleich gro? so
wird es ohne Anstand mit Nein antworten. Wie knnt' es aber das, wenn es nicht
schon einen Begriff von der absoluten Gre und Gleichheit htte, den ihm doch
gewi weder seine Amme noch sein Pdagog beigebracht haben? Woher also knnte
das Kind den Begriff vom Groen und Gleichen an sich, das weder Holz noch Stein
noch irgend etwas anderes in die Sinne Fallendes ist, sondern blo, als das fr
sich bestehende Groe und Gleiche, mit dem Verstande angeschaut werden kann,
woher knnt' es diesen Begriff haben, wenn es ihn nicht schon vor seiner Geburt,
also in einem vorhergehenden Leben, bekommen htte? Und wie htte es ihn auch in
diesem erhalten knnen, wenn es nicht in einer Welt gelebt htte, wo Gro und
Gleich, Rund und Eckicht, Warm und Kalt, kurz alle durch die Sprache
bezeichneten abstracten und allgemeinen Begriffe, wie sie Namen haben mgen, als
selbststndige, wiewohl unkrperliche und bersinnliche Wesen, eine uns
Sterblichen unbegreifliche Art von Existenz haben, oder vielmehr die einzigen
wahrhaft und ewig existierenden Dinge (ta ontos onta) sind? In dieser
unsichtbaren Welt lebten einst unsre Seelen, mitten unter diesen, nur dem reinen
Verstand anschaubaren Dingen, das wahre Geister- und Gtterleben; und
vermuthlich wird uns Plato (der in diesem Lande Nirgendswo ganz zu Hause zu seyn
scheint) knftig noch offenbaren, wie es zugegangen. da unsre besagten Seelen
aus einem so herrlichen Zustande in den schlammichten Pfuhl der Materie
herabgeworfen, und in thierische Krper, als in eine Art von dunkeln
unterirdischen Kerkern (wie er sagt) eingesperrt worden, wo sie durch die fnf
Sinne, als eben so viele Spalten in der Mauer, die Schatten jener wirklichen
Wesen erblicken, und bei diesen wesenlosen Erscheinungen sich jener, wiewohl nur
dunkel, wieder erinnern. Genug vor der Hand, da es so und nicht anders ist, und
da, nach Platons positiver Versicherung, nichts thrichter und erbrmlicher
seyn kann, als der unglckliche Wahn, worin wir andern gemeinen Menschen
befangen sind, als ob die Erde, worauf wir herum kriechen, die wahre Erde, und
das Scheinleben in dieser Sinnenwelt, zu Korinth, Aegina oder Milet, wo wir uns
(unter den gehrigen Bedingungen) sehr wohl zu befinden glauben, das wahre Leben
sey. Nichts weniger! Im Gegentheil, es ist ein so elender Zustand, da der
rmste Sklave in den Bergwerken von Laurium, wenn er wie Plato philosophiren
knnte, unendlich glcklicher wre, als mein Freund Aristipp an einem mit allem,
was Land und Meer Kstliches hat, besetzten Tische, der schnen Lais gegenber,
in der auserlesensten, frhlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten
Unterhaltungen. Kurz, so lange unsre Seelen, an den Leib gefesselt, in den
finstern Hhlen und Grften dieser unterirdischen Erde schmachten, und bis sie
durch den Tod - der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein
freundlicher Genius ist - wieder ins wahre Leben geboren, und zum Anschauen und
unmittelbaren Umgang mit den smmtlichen Neun- und Zeit- auch Vor-und
Verbindungswrtern an sich emporgestiegen seyn werden, ist (auer dem
philosophischen Tod, wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem
gegenwrtigen Scheinleben eine freilich noch etwas rmliche Art von Existenz
verschaffen kann) an kein wahres Leben, geschweige an etwas, das den Namen
Glckseligkeit verdiente, zu gedenken.
    Frage doch die schne Lais in meinem Namen, wie sie sich in der Gesellschaft
dieser Platonischen Stammwesen, zwischen der selbststndigen Langweile und dem
absoluten Hojahnen, gefallen wrde, und sie wird mir hoffentlich zu gut halten,
da ich mich ber solche Hirngespenster nicht ernsthafter erklre. In der That
kann ich es mir selbst kaum verzeihen, da ich mich so lange dabei aufgehalten,
zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe, da ich dir nichts weiter zu
schreiben wei, als da ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin, und durch
die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme Wohnung bezogen
habe, worin ich dich je eher je lieber zu bewirthen hoffe.

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                               Aristipp an Lais.

Wenn der Brief des Hippias, von welchem ich dir hier eine Abschrift berreiche,
Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163
Abendgesellschaften geben knnte, so wrde ich mich wegen der kleinen Ungebhr,
wodurch ich ihn erschlichen habe, hinlnglich entschuldiget halten. Du wirst
finden, da er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht, und das neu
ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu
schiefen Seite betrachtet, um ihm vllige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Indessen scheint doch Plato selbst (zu seiner Ehre gesagt!) keine groe Meinung
von der Strke seiner Beweise fr das knftige Leben unsrer Seelen im Hades und
in der berirdischen Erde zu hegen; auch geht auf dem langweilig
fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren; die
wackern Thebanischen Jnglinge, Cebes und Simmias, die dadurch entbunden werden
sollen, fhlen sich durch die Operation so abgemattet und die so mhsam zur Welt
gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben, - da es mich
nicht wundert, wenn die smmtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in
ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen, und sich des Zweifels, ob es auch
richtig mit der Niederkunft zugegangen, nicht recht erwehren knnen. Wie sollten
sie auch, da Sokrates selbst sich am Ende, wie es nun Ernst werden soll, mit
bloen Vermuthungen und Hoffnungen behilft, und die reine Auflsung des Problems
von der Erfahrung, die er zu machen im Begriff ist, erwartet?
    Es bedarf keines tiefen Nachdenkens, um zu sehen, da ber den Zustand der
Seele nach dem Tode nicht eher etwas entschieden werden kann, bis erst eine
befriedigende Antwort auf folgende Fragen gefunden ist: was ist unsre Seele? -
Wo und was war sie, bevor sie mit diesem Leibe verbunden wurde, ohne dessen
Vermittlung sie, dermalen, weder empfinden, noch denken, noch wirken kann? Ist
diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine bloe Bedingung unsers gegenwrtigen
Lebens? Oder kann sie auch ohne dasselbe, als ein fr sich bestehendes Wesen,
fortfahren zu denken und zu wirken? Und, wofern die nicht mglich wre, kennen
wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der Natur, vermge deren sie
wieder mit einem andern, ihrem Bedrfni angemessenen Leibe versehen werden
knnte und mte?
    Es fehlt viel, da der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser Fragen so
beantwortet htte, da die Unmglichkeit des Gegentheils augenscheinlich wre.
Gesetzt aber auch sie knnten so beantwortet werden, so wre uns doch nur die
Mglichkeit der Sache begreiflich gemacht, und es kme noch immer darauf an: ob
alles Mgliche auch erfolgen msse? oder, ob nicht die Erfahrung der einzige Weg
sey, worauf wir gewi werden knnen, da unsre Seele den Verlust ihres Organs
wirklich berleben werde?
    Bei dieser Bewandtni der Sache ist klar, da, so lange die Menschen nicht
Mittel finden, den dichten Vorhang, der noch immer vor die Mysterien der Natur
gezogen ist, aufzuziehen, nichts vllig Gewisses ber das Fortdauern der Seele
und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden knne. Hoffnungen,
Vermuthungen, Hypothesen, sind alles, womit derjenige sich behelfen mu, der
sich in den Gedanken nicht beruhigen kann: alles unter der Sonne hat einen
Anfang und ein Ende; nichts besteht immer unter seiner gegenwrtigen Gestalt;
alle Naturwesen, die wir kennen, haben einen gewissen Punkt der Reife, nach
dessen Erreichung sie wieder abnehmen, und endlich, indem sie in ihre ersten
Bestandtheile wieder aufgelset werden, aufhren zu seyn was sie waren. Sollte
nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz, wofern es
wirklich allgemein wre, gefallen lassen? Warum nicht, wie ein gesttigter Gast
von der Tafel der Natur aufstehen und sich schlafen legen? - Um nie wieder zu
erwachen? - Warum nicht, wenn wir dazu geboren sind? - Oder fhlst du auch,
Laiska, da etwas in dir ist, das sich gegen diesen Gedanken auflehnt? Eine Art
von dunkelm aber innigem Gefhl, da dein wahres eigentliches Ich eben darum
immer fortdauern wird, weil es ihm unmglich ist, sein eigenes Nichtseyn zu
denken; weil wir ohne Unsinn zu reden nicht einmal vom Nichtseyn reden knnen?
Sollte die Behauptung, da das Selbststndige in uns, welches unter allen
Vernderungen, denen es unterworfen seyn mag, immer sich selbst gleich bleibt,
unvergnglich sey, noch einen andern Beweis bedrfen, als diesen: da es uns
eben so unmglich ist Etwas als Nichts, wie Nichts als Etwas zu denken; und da
sich weder eine Ursache, wie, noch ein Zweck warum es zu seyn aufhren sollte,
ersinnen lt? Sollte die nicht die ganz einfache natrliche Ursache seyn,
warum uns der Gedanke an den Tod so selten und wenig beunruhigt? Wenn er sich
uns auch darstellt, so wirkt er wenig mehr auf uns, als wenn uns jemand in
grtem Ernst versicherte, wir seyen nicht da, wiewohl wir selbst uns unsers
Daseyns aufs lebendigste bewut wren.
    Ich rede, wie du siehst, von Menschen unsers gleichen; denn da es mit
denen, die unter der Gewalt einer ungezgelten Einbildungskraft stehen und sich
vor den Schreckbildern des Tartarus und Pyriphlegeton grauen lassen, gleiche
Bewandtni habe, will ich keineswegs behaupten. Indessen begehre ich eben so
wenig zu lugnen, da unsre Ruhe bei dem Gedanken des Todes, insofern sie sich
auf die gefhlte Unmglichkeit des Nichtsseyns grndet, nicht vielleicht eine
bloe Tuschung sey, die aus dem ppigen Gefhl einer vollstrmenden Lebenskraft
entspringen, und uns dereinst, wenn die Quelle zu versiegen beginnt, wieder
verlassen knnte.
    Es wre also nicht berflssig, wenn wir der Natur noch andere Fingerzeige
ablauerten, die uns auf Betrachtungen hin wiesen, wodurch wir der
Unzulnglichkeit jenes ahnenden Gefhls zu Hlfe kommen knnten. Sollte Plato
nicht am Ende doch Recht haben, wenn er behauptet: unsre Seele bedrfe des
Leibes nicht schlechterdings zu ihren eigenthmlichen Verrichtungen; er sey ihr
darin mehr hinderlich als behlflich, und sie wrde ohne ihn nur desto besser
denken und wirken knnen? - Da er (wie es seine Art ist) die Sache bertreibt,
und Folgen daraus zieht, vermge deren er den Krper als ein Gefngni der Seele
betrachtet, dadurch wollen wir uns nicht irre machen lassen. Wir gnnen ihm
diese Vorstellungsart sehr gern, und er wird uns dafr erlauben, unsern Krper
(dermalen wenigstens) fr ein ganz bequemes, mit allem Nthigen und vielem
Ntzlichen und Angenehmen wohl versehenes Wohnhaus unsrer Seele anzusehen. Die
Frage sey also jetzt nur: kann unsre Seele, unter gewissen Umstnden, der Organe
ihres Krpers zu ihren eigenthmlichen Verrichtungen entbehren, oder nicht? -
Was wir schlafend in Trumen erfahren, wird uns vielleicht einiges Licht
hierber geben knnen. Es ist wohl kein Zweifel, da wir im Traum ohne Zuthun
unsrer Augen und Ohren sehen und hren, ohne Hlfe der Fe gehen, ohne die
Sprachwerkzeuge wirklich zu gebrauchen reden, kurz, da die Seele zu wachen
glaubt und sich in voller Aktivitt befindet, whrend ihr Krper in tiefer Ruhe
abgespannt und unbeweglich da liegt, und die Organe der Sinnlichkeit und die
uerlichen Gliedmaen berhaupt, so viel wir wenigstens wissen, nicht das
Geringste zu den Verrichtungen derselben beitragen. Aber hten wir uns, einen zu
raschen Schlu aus dieser Erfahrung zu machen. Auch im Traume bleibt die Seele
an ihren Krper gebunden; sie whnt mit seinen Augen zu sehen, mit seinen Ohren
zu hren, und sich aller seiner Gliedmaen, mit und ohne ihre Willkr, zu
bedienen; kurz, ihr Krper (wiewohl er keinen Antheil an dem, was in ihrem
Innern vorgeht, zu nehmen scheint) bleibt auch im Traume ihr unzertrennlicher
Gefhrte, der bestndige Typus ihrer Vorstellungen, und das unmittelbare
Werkzeug ihrer unfreiwilligen Empfnglichkeit sowohl, als ihrer willkrlichen
Selbstbewegungen.
    Indessen ist bemerkenswerth, da sie in diesem sonderbaren Zustande zwar
immer mit ihrem Krper vereinigt ist, aber viel weniger von ihm eingeschrnkt
wird als im Wachen. Wir versetzen uns mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder in
einem Augenblick an die entferntesten Orte, wir fliegen ohne Flgel durch die
Luft, gehen unbenetzt und unversengt durch Wasser und Feuer u.s.w., auch sind
die Beispiele nicht selten, da unsre geistigen Krfte im Trumen viel hher
gespannt sind als im Wachen, und da wir Dinge vermgen, wozu wir wachend
entweder gar keine oder eine nur geringe Anlage besitzen.
    Seltner, aber doch zuweilen, ist es als ob wir zu einer hhern Art von
Existenz gelangt wren; wir sehen schrfer, hren feiner, fhlen zrter, als im
Zustande des Wachens; die Gegenstnde unsrer Liebe zeigen sich uns wie durch ein
reineres Medium, und die Gefhle und Gesinnungen, die sie in uns erzeugen, sind
von aller grbern Sinnlichkeit dermaen gelutert, da wir darber erstaunen
mten, wenn sie uns in diesem erhhten Zustande nicht ganz natrlich vorkmen.
Ich selbst, Laiska, habe dich im Traume (was unglaublich ist) noch schner
gesehen als du mir wachend erscheinst; ich wute da du es warst, und doch sah
ich die himmlische Gttin der Schnheit und Liebe selbst in dir, und es gibt
keine Worte, das was ich fhlte zart und rein genug auszudrcken.
    Sollte sich nun aus allem diesem nicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
schlieen lassen: unsre Seele - die im Trumen ohne wirkliche Hlfe der uern
Sinne sieht und hrt, und desto schnere Erscheinungen hat, desto leichter,
frhlicher und unbeschrnkter ihre eigenen Krfte spielen lt, je grer die
Unthtigkeit des Krpers ist - sie werde, durch die gnzliche Befreiung von den
Einschrnkungen desselben sich selbst nur desto strker fhlen, ihre
mannichfaltigen Krfte nur desto freier und freudiger entwickeln, und, mit Einem
Wort, anstatt aufzuhren zu seyn, erst recht zu leben anfangen? Man sollt' es
meinen; und doch wre dieser Schlu noch zu rasch. Unser Freund Hippias knnte
uns einwenden, der Krper sey im Zustande des Trumens so unthtig nicht als es
scheine; blieben gleich die uern Organe dabei aus dem Spiele, so seyen ohne
Zweifel die innern desto geschftiger; die allgemeine Erfahrung, da zu schnen,
anmuthigen und mit einer Art von poetischer Wahrheit zusammengesetzten Trumen
ein gesunder Schlaf nothwendig sey, ein Fieberkranker hingegen von lauter
wilden, dstern, wahnsinnigen und schreckhaften Trumen gengstigt werde, diese
Erfahrung allein beweise schon hinlnglich, da der Krper zu unsern Trumen
mehr beitrage, als wir angenommen htten, und wir seyen also noch keineswegs
berechtigt, von der Selbstthtigkeit unsrer Seele im Trumen auf die Fortdauer
derselben nach der gnzlichen Trennung vom Leibe zu schlieen. - Was htten wir
wohl hierauf zu antworten?
    So leicht, denke ich, wollen wir uns die Waffen nicht aus den Hnden ringen
lassen. Der letzte Einwurf wenigstens wird uns wenig zu schaffen machen, denn er
ist vielmehr fr als wider uns. Gerade der Umstand, da ein gesunder, d.i. ein
ruhiger Schlaf, ein sehr gemigter Lauf des Blutes und eine allgemeine
Erschlaffung der Nerven, nothwendige Bedingungen derjenigen Art von Trumen
sind, auf welche wir unsere Vermuthungen gesttzt haben, gerade dieser Umstand
beweiset, da die Seele im Trumen der Mitwirkung des Krpers wenig oder gar
nicht bedarf; und daraus, da unordentliche Bewegungen und strmische
Erschtterungen des animalischen Systems das Gehirn mit wilden und grlichen
Phantomen anfllen, folget keineswegs, da auch zu den schnen und anmuthigen,
ja zuweilen sogar sinnreichen und sublimen Trumen, die uns im Zustande eines
ruhigen Schlummers erscheinen, eine besondere Mitwirkung des Krpers nthig sey.
Nicht so leicht drfte hingegen der Behauptung - da bei aller Ruhe der uern
Organe die innern - des Gehirns vermuthlich - desto geschftiger im Trumen seyn
knnten, - mit Grund zu widersprechen seyn, da es uns noch viel zu sehr an
Beobachtungen und genauer Kenntni der feinsten Theile unsers Krpers mangelt.
Aber fhrt uns nicht dieser Einwurf selbst auf den Gedanken: da das innerste
und unmittelbarste Organ unsrer Seele (eben dasselbe, das bei den Trumen, wovon
die Rede ist, mitwirken soll) aus einem unendlich feinern Stoff als der grbere
Krper, der ihm gleichsam nur zum Tribonion164 dient, gebildet, und von einer so
vollkommenen und unzerstrbaren Natur seyn knnte, da die Seele immer damit
bekleidet bliebe, und nach der Trennung von ihrem sichtbaren Krper, vermittelst
desselben sowohl ihr eigenes Geschft fortsetzte, als in einer Art von
Zusammenhang mit der uern Welt verbliebe, oder vielmehr sich zwar in eine neue
Welt versetzt fnde, aber auch sogleich in derselben zu Hause wre, und indem
sie ihren neuen Zustand an den vorigen anzuknpfen wte, im Grunde doch ihre
vorige Art zu seyn, nur auf eine ihrer Natur gemere Weise fortsetzte?
    Der Einwurf, da sich das wirkliche Daseyn eines solchen unsichtbaren
Seelenorgans nicht beweisen lasse, braucht uns nichts zu kmmern; denn, da es
blo darauf ankommt, uns irgend ein mgliches Mittel, wie die Seele nach dem
Tode fortdauern knne, zu denken, so ist es schon genug, da uns die
Unmglichkeit desselben nicht bewiesen werden kann: ob es sich wirklich so
verhalte, kann die einzige Offenbarerin dessen was wirklich ist, die Erfahrung,
allein bewhren.
    Indessen bedrfen wir auch dieser Hypothese nicht, um zu begreifen, wie
unsre Persnlichkeit, oder das, was unser eigentliches Ich ausmacht, und was man
gewhnlich unter dem Wort Seele versteht, nach der Trennung vom Krper
fortdauern knne. Wenn wir sehen, so ist es ja nicht das Auge, wenn wir hren,
nicht das Ohr, was sich der Vorstellung bewut ist, die durch das Sehen und
Hren in uns veranlat wird; die Seele ist es welche sieht und hrt, so wie sie
allein es ist, was, aus jenen Darstellungen der Sinne, Begriffe und Gedanken
erzeugt, sie vergleicht und unterscheidet, trennt und zusammensetzt u.s.f. Die
Art und Weise, wie unsre Seele mit ihrem Krper zusammenhngt, ist eines der
unerforschlichen Geheimnisse der Natur; ich wei nichts davon: aber da dieses
Ich, das sich selbst fhlt, sich selbst betrachtet, sich selbst bewegt, sich
vieles Vergangenen erinnert, viel Knftiges vorhersieht, und, indem es beides
mit dem Gegenwrtigen verbindet, der Baumeister einer eigenen Welt in sich
selbst wird; dieses Ich, dessen wesentlichste Bedrfnisse Wahrheit, Ordnung,
Schnheit und Vollkommenheit sind, das nur durch den Genu derselben befriedigt
wird, und immer beschftigt ist, sie in sich selbst und auer sich
hervorzubringen, - da dieses Ich ein von meinem Krper ganz verschiedenes Etwas
ist, die wei ich so gewi, als ich mir selbst bewut bin. Warum also sollte
aus meiner dermaligen Einschrnkung durch einen organischen Krper nothwendig
folgen, da er mir zu meinem Daseyn, oder, was eben so viel ist, zum Gebrauch
meiner Krfte und Fhigkeiten, in und auer mir, schlechterdings unentbehrlich
sey? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art, wie der Irrthum jenes
Fugngers, der den ersten Thessalischen Reiter, den er zu Gesichte bekam, fr
einen Centauren ansah, weil er sich nicht vorstellen konnte, da der Reiter,
sobald es ihm beliebe, absteigen und auf seinen eigenen Fen gehen knne?
    Und nun, liebe Laiska, dnkt dich nicht auch, wenn wir alle diese
Betrachtungen mit der vorhin erwhnten Unmglichkeit, uns selbst als nicht
existirend zu denken, zusammennehmen, es entstehe daraus ein hinlnglicher Grund
fr uns, den Tod, den der Pbel sich als das schrecklichste aller schrecklichen
Dinge vorstellt, fr den Uebergang zu einer hhern Art von Daseyn zu halten,
und, ohne ihn zu wnschen oder zu beschleunigen, ihm, wenn er von selbst kommt,
eben so ruhig ins Gesicht zu sehen, als Sokrates?
    Was denkst du dazu, meine Freundin? - Was mich betrifft, ich denke in diesem
Augenblicke, da ich vermuthlich der erste Mensch in der Welt bin, der sich
einfallen lie, eine Frau wie du - mit Todesbetrachtungen zu unterhalten, und,
was noch sonderbarer ist, der gewi seyn kann, die Grazien, Scherze und Freuden,
die dich immer und berall umgeben, nicht dadurch verscheucht zu haben.

                                      62.



                               Lais an Aristipp.

Ich bin eine zu groe Liebhaberin vom Leben, mein lieber Aristipp, als da ich
mich nicht sehr gern berreden lassen sollte, da ich immer leben werde. Ich
rechne es dem spitzfindigen Plato (der so viel dabei gewnne, wenn er es weniger
wre) zu keinem geringen Verdienst an, da er dir durch seinen Phdon Anla
gegeben, mich ber diesen Punkt (der am Ende doch Alten und Jungen, Schnen und
Hlichen gleich angelegen seyn mu) mit mir selbst ins Reine zu bringen.
Indessen mag es wohl ganz gut fr uns seyn, da alles Gewicht der Grnde, die
uns den Tod in einem so frhlichen Lichte zeigen, dennoch keine vllige
Gewiheit hervorbringt; so da ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt,
als es zuletzt, mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgltigkeit leise
hin- und herschwebenden Ruhe, darauf ankommen zu lassen, was an der Sache seyn
werde. Wren wir vllig gewi, da uns der Tod zu einer so groen Verbesserung
unsrer Existenz befrdern werde, wie ihr andern Philosophen uns so sinnreich
vorzuspiegeln wit, wer wollte in den nackten Felsen von Seriphos165 grau
werden, wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte, um in das
zauberische Land der Hesperiden166 oder in Platons berirdische Erde hinber zu
fahren? Denn was dieser seinen Sokrates ber unsre vorgebliche Soldatenpflicht -
unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelst werden - sagen lt,
berzeugt mich nicht; und ich sehe nicht ein, was meine Freiheit ber mich
selbst zu gebieten beschrnken sollte, sobald meine dermalige Existenz nicht
anders als unter unertrglichen Bedingungen verlngert werden kann.
    Es ist sehr artig von dir, Lieber, da du es in meine Wahl stellst, ob ich
mit oder ohne Krper fortzuleben hoffen will. Als ich deinen Brief erhielt, sa
ich eben einem groen Spiegel gegenber, und (ich gestehe dir meine Thorheit)
ich konnte mich nicht entschlieen, bei meiner knftigen Reise in die
Geisterwelt, nicht wenigstens die Gestalt, die mir entgegen sah, mitzunehmen,
wenn ich auch allenfalls gromthig genug seyn knnte, dem palpabeln167 Theil
meines dermaligen Doppelwesens zu entsagen. Ob ich selbst ein zu materielles
Wesen bin, oder woran es sonst liegen mag, genug ich kann mich mit der
Vorstellung einer so ganz ausgezogenen splitternackten Seele nicht befreunden;
ein wenig Draperie mu um mich herflieen; darauf habe ich, wie du weit, nun
einmal meinen Kopf gesetzt. Der subtile Leib, den du meiner Seele zugestehst,
wrde mir also seiner Leichtigkeit und Gewandtheit wegen nicht bel behagen;
aber die Unsichtbarkeit, die du ihm (ich wei nicht warum) beizulegen beliebst,
steht mir nicht an, und ich mu dich bitten, ihn mit so viel Lichtstoff zu
durchweben, da er wenigstens aus einem halbdurchsichtigen Rosenwlkchen
gebildet zu seyn scheine, und von meinen guten Freunden in der andern Welt ohne
Anstrengung ihrer Augen gesehen werden knne. Die sublime Gestalt, worin ich dir
im Traume zu erscheinen pflege, gibt mir gute Hoffnung, da es gerade dieselbe
seyn knnte, in welcher ich mich ihnen zu zeigen wnsche. Indessen wittre ich
doch einige Schwierigkeiten, und ich mchte wohl wissen, wie du es z.B. mit der
Geschlechtsverschiedenheit zu halten gedenkst? Ich gebe zu, da ich bei der
Umgestaltung in einen Adonis oder Nireus von Seiten der Schnheit mehr gewnne
als verlre; aber man ist doch immer lieber was man ist, und wenn der therische
Leib, den du den Leuten in der andern Welt allenfalls noch lassen willst,
nichts, was vermuthlich keinen Gebrauch mehr in derselben haben wird, behalten
soll, so mu eine Gestalt heraus kommen, gegen welche ich meine jetzige nicht
vertauschen mchte. Wie viel fllt blo dewegen weg, weil wir (denke ich) nicht
mehr essen und trinken, oder wenigstens, um uns von Nektar und Ambrosia zu
nhren, keine so animalischen Verdauungs- und Absonderungswerkzeuge nthig haben
werden, wie dermalen? Und was wollten wir mit Armen und Beinen machen, da
vermuthlich alle die Bedrfnisse und Verrichtungen, wozu sie in diesem Leben
nthig sind, dort aufhren werden? Kurz, ich sehe nicht, was von unsrer jetzigen
Organisation brig bleiben knnte, als der Kopf, an welchen etwa noch ein paar
Flgel gesetzt werden knnten, die ihm zugleich zur Bewegung und zur Einhllung
dienen wrden. Wirklich gefllt mir diese Idee immer besser je mehr ich ihr
nachdenke, und mir ist ich wrde mich an eine so leichte geistige Existenz in
Gesellschaft guter und schner Kpfe sehr bald gewhnen knnen. - Aber ein
bloer Kopf, meint die kleine Musarion, wre doch ihre Sache nicht; sie kann
sich keine Glckseligkeit ohne Liebe denken, und eine Liebe, die blo im Kopfe
sitzt, scheint ihr etwas so Kaltes und Langweiliges, da sie lieber ganz darauf
Verzicht thun wollte. - Du kannst leicht denken, Aristipp, da ich mich der
Kpfe mit gehrigem Eifer annahm, und behauptete: was ihnen allenfalls an Feuer
und Innigkeit abginge, wrde reichlich dadurch ersetzt, da sie die Liebe desto
feiner zu behandeln, ihr mehr Reiz der Mannigfaltigkeit zu geben, und sie
dadurch viel besser zu unterhalten und vor langer Weile und Sttigung zu
verwahren wten, als wenn sich die Hypochondrien168 mit ins Spiel mischten. Wir
stritten uns lange darber, und kamen zuletzt doch darin berein, da unsre
dermalige Art zu seyn vor der Hand wohl die beste seyn mchte. Dabei, lieber
Aristipp, wollen wir's denn auch einstweilen bewenden lassen, und der guten
Mutter Natur zutrauen, sie wrde uns weder das Verlangen noch die Kraft ins
Unendliche fort zu leben gegeben haben, wenn es nicht ihr Ernst wre, da mit
der Zeit noch etwas Besser's aus uns werden sollte. Wie sie das anstellen will,
ist ihre Sache; genug da sie unser vollstndigstes Zutrauen verdient, und (wie
Plato weislich sagt) in allem andern so verstndig zu Werke geht, da wir nicht
zu besorgen haben, sie werde in diesem Punkte allein sich selbst ungleich seyn
und nicht wissen, was sie mit uns anfangen wolle.

                                      63.



                               Aristipp an Lais.

Es ist sehr natrlich, da die Besitzerin eines Krpers, der den grten
Knstlern das unerreichbare Ideal der Schnheit darstellt, sich nie von ihm zu
trennen wnschet, und also wenigstens seine Gestalt, wre sie auch nur aus
Wolkenstoff gewebt, ins andere Leben mit hinber nehmen mchte. Denn die
Feinheit des Stoffes wrde der Schnheit so wenig nachtheilig seyn, da sie
vielmehr dadurch erhht werden mte. Dessen ungeachtet, schne Lais, scheint
dein Widerwille gegen das, was du eine splitternackte Seele nennst, mehr von
einer irrigen Vorstellung als von der Sache selbst herzurhren. Warum sollte es,
was die Schnheit betrifft, mit der Seele nicht eben dieselbe Bewandtni haben
wie mit dem Leibe? So wie, nach der sehr wahrscheinlichen Behauptung unsers
Freundes Skopas, ein untadelig schner Leib durch jede Bedeckung in den Augen
der Anschauer nur verlieren kann, und sich erst alsdann in seiner ganzen Glorie
zeigt, wenn er ohne alle Hlle gesehen wird: so mag auch vermuthlich eine schne
Seele nur dann, wenn sie nach gnzlicher Entkleidung vom Stoff in ihrer
eigenthmlichen Gestalt erscheint, durch unmittelbares Anschauen des reinen
Ebenmaes aller ihrer Verhltnisse, und der Harmonie und Einheit, die in allen
Theilen und Ausschmckungen ihres Innern herrschet, dem anschauenden Geist einen
ungleich hhern Genu der Vollkommenheit gewhren, als die Einwindelung in einen
Krper zulassen kann, der, wenn er auch aus Licht und Aether gewebt wre, doch
nie so durchsichtig seyn knnte, da er einem wahren Seelenliebhaber nicht noch
viel zu wnschen brig lassen sollte.
    Doch, ich will auf dieser Idee um so weniger bestehen, da der pltzliche
Uebergang aus unsrer gegenwrtigen Art zu seyn in die rein geistige ein Sprung
wre, dergleichen die Natur nicht zu machen pflegt. Ich halte mich also an deine
Flgelkpfe, Laiska! eine so glckliche Vermuthung, da ich beinahe schwren
wollte, du mtest es wirklich errathen haben. Freilich wird bei dieser Art von
Seelenbekleidung niemand mehr gewinnen als du; aber die ist auch nur billig, da
niemand mehr dabei aufopfert als du. Gewi kann kein verstndiger Schtzer des
Werths der Dinge das letztere hher wrdigen als ich; aber gleichwohl mu ich
gestehen, ich habe mich in die Idee einer Welt von lauter Flgelkpfen bereits
so stark verliebt, da ich, wenn es nur auf mich ankme, keinen Augenblick
zgern wollte, dich und mich und alle die wir lieben auf der Stelle in eine
solche Welt zu versetzen. Sollte die holde Musarion darauf bestehen, da sie
sich an dem bloen Kopfe des schnen Kleonidas nicht begngen knne, so knnten
wir ihr zu Gefallen etwa noch so viel Leib hinzuthun, da die Bewohner unsrer
knftigen Welt die Gestalt geflgelter Brustbilder bekmen; aber mit recht gutem
Willen wrde ich mich nie dazu bequemen. Denn es fllt auf den ersten Anblick in
die Augen, da die Idee der Flgelkpfe durch diesen ppigen Zuwachs an Masse
die Hlfte von ihrer Schnheit verliert. Und warum? Blo weil die gute Musarion
sich die Mhe noch nicht genommen hat, ihr Vorurtheil gegen den Kopf in etwas
genauere Untersuchung zu ziehen. Ich getraue mir zu behaupten, da die Liebe,
die ihren Sitz im Kopfe hat, nicht nur von edlerer und zrterer Natur, sondern
auch schmeichelhafter sowohl fr den Geliebten als den Liebenden ist, als die
andere. Denn sie grndet sich, anstatt auf eine blinde und dem Verstande
zuvoreilende Neigung, auf reines Anschauen der Vollkommenheiten des Geliebten.
Sie ist weniger feurig und lodernd; aber ihre Flamme brennt desto heller,
gleicher und anhaltender, verzehrt sich nicht selbst, und vermischt sich nicht
mit so manchen andern Leidenschaften, welche ber und unter dem Zwerchfelle
nisten, und so leicht die Harmonie der Liebenden unterbrechen. Wollten wir die
Nachgiebigkeit so weit treiben, unsre Kpfe in Bsten zu verwandeln, so mchten
wir eben so mehr noch den ganzen brigen Rumpf hinzuthun, und die reine
Seelenliebe, die nur zwischen Kpfen stattfindet, durch Einmischung der
Geschlechtsverschiedenheit vollends zu dieser vulgaren Leidenschaft
herabwrdigen, die den armen Sterblichen so viel Noth und Plackerei macht, und
von welcher auf immer befreit zu seyn, gewi keiner der geringsten Vorzge des
Lebens in der Welt der Geister ist.
    Ueberhaupt bitte ich nicht zu vergessen, da wir (wie Platons Sokrates sehr
schn darthut) durch unsre Versetzung in diese letztere keine Befriedigung
verlieren, die uns nicht durch viel hhere, unsrer geistigen Natur gemere
Gensse reichlich und berflssig ersetzt werden; und da Musarion, sobald sie
selbst nichts als Kopf seyn wird, den Mangel des brigen an sich selbst und
ihrem Liebhaber eben so wenig spren wird, als man in einer Welt, deren Bewohner
nur vier Sinne htten, einen fnften vermissen wrde. Mit Einem Worte, Laiska,
lassen wir es bei deiner Hypothese, welche, meines Erachtens, so sinnreich und
philosophisch ist, da Anaxagoras169 der Geist und der sublime Weise von Samos
170 selbst Freude daran gehabt htten, wofern die schne Aspasia oder die edle
Theano171 so glcklich gewesen wren, dir mit Erfindung derselben zuvorzukommen.
Ich wenigstens finde sie so trstlich, da ich die Entfernung von dir knftig
ungleich besser ertragen werde als bisher, weil ich sie als eine Vorbung
betrachte, wodurch wir beide in Zeiten angewhnt werden, einander - leider!
nichts als Kopf zu seyn.
    Ich schreibe dir die auf einem reizenden Landgute im Panionion172, wohin
mich einer meiner Bekannten zu Ephesus eingeladen hat, und wo ich mir so wohl
gefalle, da meine Reise zu Hippias vermuthlich noch einige Zeit verschoben
bleiben wird.
    Wenn ich dir nur ein wenig lieb bin, beste Laiska, so erinnere dich, da du
mir schon mehr als einmal dein Bild versprochen hast. Ich bitte blo um deinen
Kopf - wohl zu merken, kein Brustbild! Ja, ich wrde schon mit einem deiner
Augen zufrieden seyn, wenn ein Maler in der Welt wre, der den Blick hinein oder
vielmehr herausmalen knnte, womit du mir zu Aegina in der seligsten Stunde
meines Lebens ewige Freundschaft angelobtest.

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                             Kleonidas an Aristipp.

Ich bin mit meinem Geschfte eher zu Stande gekommen als ich hoffen durfte.
Beinahe alle Freunde des gttlichen Sokrates, die seine gerichtliche Ermordung
und die Furcht vor den Verfolgungen seiner Feinde von Athen verscheucht hatte,
haben sich nach und nach wieder zusammengefunden, und man begegnet ihnen mit so
vieler Achtung, als ob man das an ihrem Meister begangene Unrecht dadurch zu
vergten suchte. Es gibt wohl sehr wenige Athener, die das Geschehene, wenn es
mglich wre, nicht ungeschehen zu machen geneigt wren: aber, was man mir schon
zu Theben von der allgemeinen Trauer des Volks und von der Rache, die es an den
Anklgern des verdienstvollen Greises genommen haben sollte, fr gewi erzhlte,
ist ohne allen Grund. Die Athener sind zu leichtsinnig und ruchlos, um einer
tiefen, anhaltenden Reue ber irgend eine ihrer Unthaten fhig zu seyn.173
    Mein Tod des Sokrates, der nun beinahe fertig ist, erhlt durch eine Menge
kleiner Umstnde, die mir meistens von dem wackern alten Kriton an die Hand
gegeben wurden, und vornehmlich durch die richtige, beim ersten Anblick
kenntliche Bezeichnung aller dabei gegenwrtigen Personen, einen Grad von
historischer Wahrheit, der diesem Gemlde ein ganz eigenes Interesse gibt; so
da es (wie ich aus mehr als Einem Beispiel wei) von niemand, der den Sokrates
und seine Freunde fters gesehen hat, ohne Rhrung betrachtet werden kann. Der
Mastab von anderthalb Spannen, den ich fr die proportionelle Gre der Figuren
angenommen habe, trgt, wie ich glaube, zu der guten Wirkung des Ganzen vieles
bei, theils weil es so bequemer mit einem Blick umfat wird, theils weil sich
bei dieser Gre alles deutlich bezeichnen und ausdrcken lt, ohne da die
knstliche Darstellung der Natur gar zu gleich sieht und sich selbst dadurch
Schaden thut. In Lebensgre wrde ein solches Gemlde, wenn es gut gemacht
wre, kaum auszuhalten seyn.
    Das Fest der Juno zu Samos und der Wettstreit der Knstler ist nun vorbei,
und du hast vielleicht schon gehrt, da Timanthes mit seinem Ajas und Skopas
mit seiner Aphrodite (die du zu Aegina entstehen sahst) beinahe mit allen
Stimmen den Preis erhalten hat. Parrhasius, der einzige der meinem Freunde den
Sieg streitig machen konnte, ist sehr bel mit dem Urtheil zufrieden von hier
abgegangen. Es verdriee ihn, sagte er, nur fr seinen armen Helden174, da er
nun zum zweitenmal gegen einen Unwrdigen habe verlieren mssen. Man mu beide
Stcke selbst gesehen haben, um zu errathen, was die Richter bewogen haben knne
dem Timanthes den Vorzug zu geben. In der That sind beide Gemlde vortrefflich,
an beiden ist sehr viel zu loben, wenig oder nichts mit Recht zu tadeln. Beide
sind mit groer Kunst zusammengesetzt, gro gedacht und mit vielem Flei
ausgefhrt; auch haben beide Knstler eben denselben Augenblick der Handlung
erwhlt, nmlich den, da Odysseus unmittelbar nach dem Ausspruch der
versammelten Achaier sich der Waffen des Achill bemchtiget. Ich gestehe, da
ich lange zwischen diesen beiden Meisterwerken ungewi hin und her schwebte, bis
ich mich endlich durch eben dasselbe Gefhl, das die Richter bewogen zu haben
scheint, auf Timanthes Seite ziehen lie. Sein zauberischer Pinsel besticht
nmlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Wrme und Harmonie seiner
Frbung, und thut durch einen gewissen heroischen Geist, der das Ganze
durchweht, und den schnen Ton, der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet,
eine strkere oder wenigstens schnellere Wirkung als das Werk seines
Antagonisten. Der letztere hat durch die uerst sorgfltige Ausfhrung der
einzelnen Figuren, und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu
bemchtigen strebt, ber das Ganze eine gewisse Klte verbreitet, die von dem
Feuer des Timanthischen Stcks zu stark absticht, um nicht in den Augen der
meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren; wiewohl der Kenner immer wieder zu
Betrachtung der einzelnen Theile in dem Werke des Parrhasius zurckkehrt, und
immer mehr zu bewundern findet, je schrfer er untersucht. Merkwrdig ist die
verschiedene Art, wie beide Knstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben.
Parrhasius lt seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem
beinahe hhnisch triumphirenden Blick auf seinen Mitbewerber bemchtigen,
whrend Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und ber Agamemnon, Menelaus und
das Griechische Heer hinblitzenden Augen, so wie in seiner ganzen Miene und
Gebrdung, Zorn und Verachtung ausdrckt, und den Griechen ihren Undank ohne
alle Zurckhaltung vorzuwerfen scheint. Timanthes Ajas hingegen steht stumm und
in sich selbst zusammengedrngt, mit dem ganzen furchtbaren Ausdruck einer
verbiss'nen Wuth, die dem Ausbruch nah' ist, aber noch durch einen schmerzlichen
innerlichen Kampf zurckgehalten wird, inde sein Odysseus, ber sein Glck
errthend, beinahe zu zweifeln scheint, ob er den Sieg wirklich erhalten habe.
Die Samier, sagt man, sind ein sehr sinnreiches Volk und groe Liebhaber der
Homerischen Gesnge; jedermann bemerkte gegen seinen Nachbar, da Timanth auf
die Anrede des Odysseus an die zrnende Seele des Ajas, im fnften Gesang der
Odyssee, angespielt habe; und diese Bemerkung that vielleicht mehr als alles
andere, um den Sieg auf seine Seite zu entscheiden. Uebrigens mu ich von ihm
anrhmen, da er beim Empfang des Preises wie sein Ulysses errthete, und,
vielleicht aufrichtiger als der Homerische, durch den ber einen so groen und
ltern Meister erhaltenen Vorzug mehr gedemthigt als aufgeblht zu seyn schien.
    Timanth hat die Gewohnheit, alle seine vorzglichen Werke fr sich selbst zu
copiren, und nicht selten ist das Nachbild noch vollkommner als das Original.
Gegenwrtig ist er im Begriff die Copie eines groen Gemldes zu vollenden,
welches ein reicher Kunstliebhaber zu Argos bei ihm bestellt hat, und womit er
in kurzem selbst dahin abzugehen gedenkt. Es stellt die Aufopferung der
Iphigenia in Aulis vor, und ist eines seiner schnsten Bilder. Iphigenia, eine
chte Gestalt aus der Heroenzeit, von hoher tadelloser Schnheit und in der
ersten Blume der Jugend, steht am Altar, mit schwrmerischer Entschlossenheit
bereit, sich fr das Heil und den Ruhm ihres Vaterlandes zu opfern; ihre
Stellung, ihr groes, zur Gttin aufgehobenes Auge, ihr ganzes Wesen scheint zu
sagen, hier bin ich! und kein Zug verrth die auch nur leiseste Schwche,
wodurch das Wohlgefallen der Gttin an dem reinen jungfrulichen Opfer
vermindert worden wre. Um sie her stehen die Hupter der Acher, Menelaus,
Diomedes, Achilles, Odysseus u.s.w., und hinter ihnen in einem weiten Kreise das
ganze Griechische Heer. Alle, selbst den Priester Kalchas nicht ausgenommen,
zeigen sich in verschiedenen Graden, nach ihrem Charakter oder Verhltni gegen
das Haus Agamemnons, gerhrt und theilnehmend; nur Agamemnon, der Vater selbst,
steht zwar gegen den Altar gekehrt, aber das Gesicht mit einem Zipfel seines
langen faltenreichen Talars bedeckt. Ich war eben bei Timanth in seiner
Werkstatt, als ein junger Athener mit einem Paar andern Fremden kam, und sich
die Erlaubni ausbat, dieses Gemlde zu besehen, dessen Schnheit ihm sehr
angerhmt worden sey. Alle drei lieen es an bewundernden Ausrufungen nicht
fehlen; doch bemerkte Einer, mit einer bedeutenden Kennermiene, gegen seine
Gefhrten: ob ihnen nicht auch eine gewisse Klte im Ausdruck des Schmerzes, den
die umstehenden Helden zeigten, besonders beim Menelaus, der doch der Oheim der
Prinzessin sey, zu herrschen scheine? Aber der Athener konnte nicht Worte genug
finden, den sinnreichen Gedanken des Knstlers zu bewundern, da er, nachdem er
alles was die Kunst vermge, im Ausdruck der verschiednen Grade einer
anstndigen Betrbni an den Umstehenden erschpft habe, den Vater selbst
verhllt, und es dadurch der Einbildungskraft der Anschauer berlassen habe,
das, was der Pinsel nicht vermocht, selbst zu ersetzen und gleichsam auszumalen.
Ein andrer behauptete: diese Verhllung sey gerade der mglichst strkste
Ausdruck des grnzenlosen vterlichen Jammers, und msse eine weit grere
Wirkung thun, als der hchste Schmerz, den das unverhllte Gesicht Agamemnons
htte ausdrcken knnen. Timanth, nachdem er dem Streit dieser weisen
Kunstkenner eine Zeitlang lchelnd zugehrt hatte, sagte endlich: die Herren
sind sehr gtig, mir so viel von ihrem eigenen Scharfsinne zu leihen; denn ich
mu gestehen, da ich bei der Verhllung Agamemnons, so wie bei der Behandlung
des ganzen Stcks, keinen andern Gedanken hatte, als die bekannte Scene in der
Iphigenia des Euripides, gerade so, wie der Dichter sie schildert, und wie ich
sie mehrmal auf der Schaubhne gesehen, darzustellen. Steckt in der Verhllung
irgend ein besonderes Verdienst, so gebhrt alles Lob dem Dichter; ich zweifle
aber sehr, da sein Agamemnon einen andern Grund, warum er seinen Kopf einhllt,
hatte, als weil er sich selbst nicht so viel Strke zutraute, da er beim
Anblick des tdtlichen Stoes in die Brust seines Kindes Gewalt genug ber sich
behalten wrde, um die Heiligkeit des Opfers nicht durch irgend einen
ungebhrlichen Ausbruch des Vatergefhls zu entweihen. Denn nach den Begriffen
und Sitten jener Zeiten muten solche Opfer, um von den Gttern mit Wohlgefallen
aufgenommen zu werden, freiwillig, ja mit frhlichem Herzen dargebracht werden.
Auch den brigen Anwesenden war jeder strkere Ausdruck von Schmerz und
Betrbni untersagt; das Schlachtopfer wurde mit Blumen bekrnzt unter jubelnden
Lobgesngen zum Altar gefhrt, und sogar nach Vollendung der Ceremonie war es
weder Verwandten noch Freunden erlaubt, den Tod der geliebten Aufgeopferten
durch irgend eine sonst gebruchliche Handlung oder Sitte zu betrauern. Weit
entfernt also da ein Maler, der eine solche Geschichte bearbeitet, seine Kunst
im Ausdruck der verschiedenen Grade des Schmerzes und der Traurigkeit erschpfen
drfte, besteht seine grte Geschicklichkeit blo darin, da er die Umstehenden
nicht mehr Theilnahme und Rhrung zeigen lasse, als nthig ist, da sie nicht
als Unmenschen oder ganz gefhllose Kltze dastehen. An die sinnreiche Idee, die
Einbildungskraft der Anschauer ergnzen zu lassen, was der Pinsel des Malers
oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte, hat Euripides vermuthlich so
wenig gedacht als ich. Es drfte doch wohl eine unerlliche Pflicht des
Knstlers seyn, der Einbildungskraft so viel nur immer mglich ist
vorzuarbeiten; auch erfordert es eben keine auerordentliche Kunst, den hchsten
Grad irgend einer Leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen
auszudrcken. Aber gerade dieser hchste Grad ist dem Maler, wie dem Bildner,
durch ein unverbrchliches Gesetz der Kunst untersagt, weil er eine
Verunstaltung der Gesichtszge bewirkt, die das edelste Angesicht in ein
widerliches Zerrbild verwandeln wrde. - Der Athener stutzte einen Augenblick
ber diese authentische Erklrung aus dem Munde des Meisters selbst, der doch
wohl am besten wissen mute was er hatte machen wollen; doch erholte er sich
sogleich wieder, und versicherte uns mit einem groen Strom von Worten: er sey
gewi, da er den wahren Sinn der Verhllung errathen habe. Das Genie (setzte
er mit vieler Urbanitt hinzu) wirkt oft als bloer Naturtrieb, und selbst der
grte Knstler, wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat, ist sich nicht
allemal der Ursache bewut, warum es so und nicht anders seyn mute. - Als wir
wieder allein waren, lachten wir beide herzlich ber dieses kleine Abenteuer,
und Timanth, dem dergleichen Kenner hufiger vorgekommen sind als mir,
versicherte mich: es sey sehr mglich, da das schiefe Urtheil dieses Menschen
die ffentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme, und ihm, lange,
nachdem die Zeit das Gemlde selbst zerstrt haben werde, noch Lobsprche
zuziehe, die er sich schmen mte verdient zu haben.175
    Der Umgang mit diesem liebenswrdigen Knstler ist mir so angenehm, und
zugleich so belehrend und zutrglich in Rcksicht auf meine Liebhaberei, da ich
mich nicht entschlieen kann, Samos eher zu verlassen, als bis er selbst abgehen
wird. Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vortheil meines sterbenden
Sokrates gegeben, und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden, da mir ein solcher
Meister zur Seite dabei gestanden hat.
    Beinahe htte ich vergessen, dir zu sagen, lieber Aristipp, da ich mich bei
Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte, ob man sich auf die Aechtheit der
Gesprche, welche Plato dem Sokrates im Phdon zuschreibt, verlassen knne.
Beide versicherten mich, es wre zwar die Rede von der geistigen Natur der Seele
und von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen; aber Plato htte so viel von dem
Seinigen eingemengt, und die Zustze so knstlich mit dem, was Sokrates wirklich
gesagt habe, zu verweben gewut, da es ihnen selbst, wofern sie eine Scheidung
vornehmen mten, schwer seyn wrde jedem das seinige zu geben. Ebendasselbe
sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog, welchem Plato seinen
Namen berschrieben hat, und worin, unter anderm, die schne Rede der
personificirten Gesetze, und berhaupt die dialektische Form der Fragen und
Antworten, ganz auf Platons Rechnung komme. Uebrigens haben diese beiden
Dialogen viel Aufsehen in Athen gemacht, und wegen der klugen Schonung, womit
die Athener darin behandelt werden, und des schnen Lichts, in welchem der
sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint, nicht wenig zu der gnstigen
Stimmung beigetragen, welche dermalen ber ihn und seine Anhnger zu Athen die
herrschende ist.
    Du wrdest mir keine kleine Freude machen, Aristipp, wenn du deine
beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest, da du Timanthen noch
antrfest; wozu die Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt. Auch Hippias
erwartet dich mit Ungeduld.

                                      65.



                               Aristipp an Lais.

Es bedarf wohl keiner Betheurung, schne Lais, da wenn ich meiner Neigung Gehr
gbe, Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zurckreisen sollte; auch schmeichle
ich mir, nach dieser neuen Probe von Selbstberwindung fr einen tapfern Mann
bei dir zu gelten. Ich wrde nicht wenig stolz darauf seyn, wenn ich mir
verbergen knnte, da das Vergngen, in meinen eigenen Augen einen desto grern
Werth zu haben, auch mit in Rechnung gebracht werden mu, und da bei allen
meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst. Wird nicht die
Freude des Wiedersehens um so berschwnglicher seyn, je lnger sie aufgespart
wird?
    Ich habe hier unvermuthet Gelegenheit gefunden, mich in einigen
Wissenschaften zu ben, die mit in meinen Plan gehren, und einem Manne, der
nach der mglichsten Ausbildung trachtet, nicht nur zur Zierde gereichen,
sondern der Seele selbst einen hhern Schwung und eine ganz andere Ansicht der
Natur und des groen Ganzen, in welches wir eingefugt sind, geben, als diejenige
an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des
alltglichen Lebens unvermerkt gewhnt werden. Ich liebe, wie du weit, die
Vielseitigkeit; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben, und
mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen, da jeder mich fr
seinesgleichen, oder wenigstens fr ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten
lt. Hippias, bei welchem ich gewhnlich den Abend zubringe, wrde nicht
begreifen, wie ich so viele Zeit mit Pythagorischen Phantasten verderben knne,
wenn er nicht glaubte, es geschehe blo um sie auszuholen und mich am Ende desto
lustiger ber sie zu machen: diejenigen hingegen, die er Phantasten nennt,
wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklren, als durch die
Voraussetzung, da ich hinter alle seine Sophistenknste und Blendwerke zu
kommen suche, um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge
bekmpfen zu knnen. Das Wahre ist indessen, da ich von den Pythagorern
rechnen und messen lerne, und bei Hippias mich dem Vergngen einer freien
genialischen Unterhaltung berlasse, die, ungeachtet ihrer anscheinenden
Frivolitt, fr einen, der alles an seinen rechten Ort zu stellen wei, immer
lehrreich und ntzlich ist.
    Du wirst finden, liebe Lais, da Kleonidas durch seine zeitherigen kleinen
Reisen unter den Griechen viel gewonnen hat. Mit seinen herrlichen Anlagen
bedurft' es nur einiger uern Veranlassungen, um sich zusehends zu entwickeln
und auf einmal als ein vollendeter Mensch dazustehen. Ich rechne darauf, da er
dich meine Abwesenheit so wenig bemerken lassen wird, da ich vielmehr bei jeder
andern, als bei dir, Gefahr liefe gnzlich vergessen zu werden.

                                      66.



                               Lais an Aristipp.

Kleonidas ist ohne dich zurckgekommen, Aristipp, und der Gedanke, da es Leute
zu Milet gebe, die sich dadurch in ihrer Erwartung getuscht finden knnten,
scheint nur sehr leicht ber deinen heroischen Busen hingeschlpft zu seyn. Du
bist, sagt Kleonidas, bis ber die Ohren in Pythagorischen Zahlen versunken,
studirst die Verhltnisse der Saitenschwingungen auf dem Monokord, und bringst
mit einem Zgling des berhmten Philolaus176 ganze Nchte zu, auf der Zinne
eines alten Thurms die Bewegungen der Planeten zu beobachten. Das alles ist
schn und bewundernswrdig; und doch, wie schnell auch deine Lieblingsneigung,
alles und wo mglich noch ein wenig mehr als alles zu wissen, zu einer so
mchtigen Leidenschaft angeschwollen seyn mag, eine kurze Unterbrechung wrde
deinen Eifer nur verdoppelt haben, und die Reise von Samos nach Milet ist, fr
einen so gebten Seefahrer wie du, etwas so Unbedeutendes, da ich, um mir das
Problem zu erklren, am Ende doch genthiget bin, einen kleinen Sokratischen
Iynx zu Hlfe zu nehmen der dich an den Samischen Boden fest zaubert. Hab' ich
recht gerathen, so wirst du mir hoffentlich kein Geheimni aus deinem Glcke
machen, da du nicht zweifeln kannst, da ich zu sehr deine Freundin bin, um
nicht lebhaften Antheil daran zu nehmen.

                                      67.



                               Aristipp an Lais.

Auf den kleinen Brief, den ich so eben von dir erhalte, schne Lais, ist nur
eine einzige Antwort mglich, und um sie dir selbst zu bringen, gehe ich
stehendes Fues nach der Rhede, miethe ein Boot und schwimme zu dir hinber. -
Mit aller meiner Eile habe ich doch nicht eher bei deiner Pforte anlanden
knnen, als zu einer Stunde, wo ich Gefahr laufe dich in irgend einem schnen
Traume zu stren. Ich habe einige Mhe gehabt deinen Pfrtner zu erwecken, und
noch grere, von ihm eingelassen zu werden. Nur durch tausend Schwre, da ich
dir ohne allen Verzug Dinge von der grten Wichtigkeit zu hinterbringen htte,
erhielt ich endlich von dem ehrlichen Paphlagonier, da er eine deiner
Dienerinnen wecken wolle, die dir, wenn sie anders nicht noch ungeflliger als
der Pfrtner ist, dieses Zeichen meiner Gegenwart berreichen wird.




                                    Antwort.


    Diemal, mein Lieber, hat dir deine Philosophie einen losen Streich
gespielt; denn, unter allen mglichen Antworten auf mein letztes, bist du gerade
auf die einzige gefallen, die du nicht httest geben sollen. Oder woher konntest
du wissen, mein voreiliger Herr, da du mir nicht ungelegen kommest? - Wie ist
nun zu helfen? Das Beste wre wohl, wenn ich dich auf der Stelle wieder
zurckschickte; wenigstens ist es, was ich thun mte, wenn ich den Eingebungen
deines bsen Genius Gehr gbe. Soll ich? Soll ich nicht? Es ist ein Unglck,
da ich gerade keine bessere Rathgeberin bei der Hand habe, als die schelmische
Euphorion, die zu den Fen meines Bettes liegt, und, ich wei nicht warum,
deine Partei mit solcher Wrme nimmt, da ich eben so mehr dem Rath meines
eignen Herzens folgen knnte, als dem ihrigen. - Du gehst also wieder, nicht
wahr? Es wre wirklich schn von dir, wenn es auch nur der Seltenheit wegen
wre. - Was will das unverschmte Mdchen? - Da guckt sie mir ber die Achseln
in meine Schreiberei, und wie sie sieht, da ich dir deinen Rckpa schreibe,
zieht mir nicht das unartige Ding die Schreibtafel unter den Hnden weg und
luft mit ihr davon?177

                                      68.



                               Lais an Aristipp.

Ich habe, seit einiger Zeit, einen Abend in jeder Dekade dazu bestimmt, eine
Tischgesellschaft von Philosophen, Sophisten, oder Phrontisten178 (wenn du ihnen
lieber einen Aristophanischen Namen gibst) bei mir zu sehen. Doch mu ich dir
sagen, da diese Benennungen in meinem Wrterbuche nicht fr gleichbedeutend
gelten. Jede bezeichnet mir eine besondere Classe der Hauptgattung, die man im
gemeinen Leben mit dem allgemeinen Namen der Sophisten zu belegen gewohnt ist.
Es gibt eine Art heller Kpfe, welche die Ausbildung einer glcklichen Anlage
hauptschlich dem Leben in der wirklichen Welt und den mannichfaltigen
Gelegenheiten und Aufforderungen zum Nachdenken, die ihnen darin aufgestoen
sind, zu danken haben. Sie zeichnen sich durch einen schrfern Blick in die
menschlichen Angelegenheiten von den beiden andern Classen aus, welche
gemeiniglich in der Welt um sie her so fremd und neu sind, als ob sie eben erst
aus der berhmten Platonischen Hhle179 hervorgekrochen wren. Jene sind
meistens eben so vielseitig und geschmeidig als fein und an sich haltend; sie
entscheiden selten, kleben nicht hartnckig an ihren Meinungen, widersprechen
mit Bescheidenheit, glauben wenig zu wissen, und unterrichten oft mit ihrer
Unwissenheit besser, als die positiven Herren mit ihrer Allwisserei. Ich gestehe
meine Vorliebe zu den Mitgliedern dieser Classe, die eben nicht sehr zahlreich
ist, und die ich, wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschft treiben,
Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne. Sophisten heien bei
mir euere Philosophen von Profession, die dem Speculiren blo um des Speculirens
willen obliegen, und bei gesellschaftlichen Gesprchen, wie interessant auch der
Gegenstand seyn mag, keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten. Gehen
diese dialektischen Herren in der Grbelei so weit, da sie genthigt sind, fr
Begriffe, die niemand hat als sie, neue Wrter zu erfinden, die niemand versteht
als sie, so nenne ich sie Phrontisten. Ich habe nur einen einzigen dieses
Schlags in meinen Cirkel aufgenommen, weil er seine Spinnenweberei mit einer
drolligen Art von Laune treibt, und wenn die Unterhaltung einen gar zu
ernsthaften und schwerflligen Gang nehmen will, immer zu seiner eigenen
Verwunderung Mittel findet, die Gesellschaft durch die sublime Absurditt seiner
Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen. Um dem gewhnlichen Schicksal
solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen, werden auer Kleonidas und
Musarion immer auch zwei oder drei schne und geistvolle Milesierinnen aus
Aspasiens Schule eingeladen, mit deren Hlfe es mir bisher noch so ziemlich
gelungen ist, meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanitt zu
erhalten.
    In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gesprch auf die
Frage, was das hchste Gut des Menschen sey? - In allen Dingen immer nach dem
Hchsten zwar nicht wirklich zu streben, aber wenigstens den Schnabel
aufzusperren und darnach zu schnappen, ist, wie du weit, eine angeborne
Eigenheit der menschlichen Natur. Das Problem erregte also allgemeine
Aufmerksamkeit, und verschaffte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu
mannichfaltiger Unterhaltung. Jede anwesende Person hatte ihr eigenes hchstes
Gut, welches sie (vermge eines andern unserer Naturtriebe) zum allgemeinen zu
erheben suchte. Einer meinte, dieser Vorzug knne nur demjenigen Gute zuerkannt
werden, das uns, auf der einen Seite, allen vermeidlichen Uebeln entgehen, und
alle unvermeidlichen ertragen lehre; auf der andern uns in den Besitz des besten
von allem Guten, dessen wir fhig sind, setze, und uns alles Uebrige entbehrlich
mache; und die knne, seiner Meinung nach, nichts anders als die Weisheit seyn.
    Ein anderer behauptete, nur die Tugend vermge das alles; und nachdem sie
sich eine Weile darber gestritten hatten, verglich sie einer meiner
Philosophen, indem er klar machte, da Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene
Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seyen; so da endlich
alle drei, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die ein solches Wunder noch
nie gesehen hatte, friedlich bereinkamen, die Sokratische Sophrosyne, welche
Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet, fr das hchste Gut zu erklren.
    Sophrosyne, sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates, ist
Gesundheit der Seele; ein groes und wesentliches Gut, aber ohne Gesundheit des
Leibes doch nur die Hlfte des hchsten Gutes. Gesundheit von beiden ist die
nothwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten, so wie das Gegentheil
derselben alle andern Uebel in sich begreift: das hchste aller Gter ist also
Gesundheit.
    Nachdem der Enkel des groen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Grnden
ausgefhrt hatte, nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer, womit ihn
die Augen der gegen ihm ber sitzenden Musarion reichlich versahen, und mit
groem Beifall des weiblichen Theils der Gesellschaft: das hchste Gut verdiene
nur das genennt zu werden, dessen reinster Genu uns den Gttern an Wonne gleich
mache; und nun berief er sich mit einem Ernst, der ein allgemeines Lachen
erregte, auf das Gewissen aller Anwesenden, ob wir etwas anderes kennten, von
welchem sich die mit so viel Wahrheit sagen lasse, als die Liebe?
    Wider beide erhob sich ein sechster, und bewies gegen den Arzt: die
Gesundheit knne schon darum nicht selbst das hchste Gut seyn, weil sie nur
eine Bedingung des Genusses desselben sey; gegen Kleonidas: seine Behauptung
knnte allenfalls nur von der glcklichen Liebe gelten; und gegen beide: ein
Gut, das nicht immer in unsrer Gewalt sey, knne nicht das hchste Gut des
Menschen heien. Indessen schien er ziemlich verlegen zu seyn, etwas Besseres
aufzustellen, als der Hausmeister, der uns in den Speisesaal berief, einem
meiner Philosophen Gelegenheit gab, mit einer scherzend ernsten Miene zu
behaupten: wenn eine Gesellschaft von Reprsentanten des ganzen menschlichen
Geschlechtes sich den ganzen Tag ber diese Frage gestritten htte, so wrde
eine wohlbesetzte Tafel sie endlich dahin vereinigen, da alle - wenigstens
gerade so thun wrden, als ob sie die angenehmste Befriedigung der Elust fr
den hchsten Genu hielten, den die Natur dem Menschen vergnne, so lange Zunge
und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe, und der Magen das groe Rad
bleibe, wodurch seine Existenz im Gang erhalten werde.
    Ich mu der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen, da
sie sich zwei Stunden lang, jedes in seiner Manier, beeiferte, der Hypothese des
Philosophen Ehre zu machen. Mitunter wurde viel Schnes zum Preis der Kochkunst
gesagt, und (nicht ohne Grund, dnkt mich) behauptet: Da sie eine der ersten
Stellen unter den schnen Knsten verdiene, und einen der wesentlichsten Vorzge
des Menschen vor den brigen Thieren ausmache. Auch dem Erfinder des Weins
wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt, und der Becher
der Freude war kaum dreimal herumgegangen, als verschiedene von unsern Weisen
ziemlich naiv merken lieen, da es nur einiger Aufmunterung von Seiten der
schnen Milesierinnen bedurft htte, um die Verfechter der Weisheit und Tugend
ber die schmale Grnzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinberzulocken. Als
aber zum Schlu des Gastmahls der groe Sesamkuchen180 aufgetragen wurde,
bemchtigte sich der Phrontist (der unter dem Essen der stillste und
geschftigste von allen gewesen war) des Worts mit allgemeiner Einstimmung, und
bewies uns, nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen
Bedienten einzusacken gegeben hatte,181 aus voller Selbstberzeugung: das
hchste Gut bestehe in dem Entschlu, freiwillig aller Dinge auer uns zu
entbehren, und den reinsten und vollstndigsten Selbstgenu im bloen Daseyn zu
finden. Zur Erluterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige
kurzweilige Dinge vor; z.B. einen Beweis, da die Menschen durch eine knstliche
Verminderung der Ausdnstung und eine allmhliche Austrocknung des Magens
zuverlssig so weit kommen knnten, blo von Luft und Wasser zu leben;
ingleichen da das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei grten
Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seyen, und es also ohne eine
gnzliche Absonderung der Menschen von einander nie mglich seyn werde, zu jener
reinen Existenz an sich selbst, und in sich selbst, und durch sich selbst und
fr sich selbst zu gelangen, in welcher unser hchstes Gut bestehe. Dieser
Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen: aber als
unser Phrontist, um uns desto grndlicher zu berzeugen, sich von einer
Abstraction zur andern empor arbeitete, und endlich so hoch ber die Region des
Menschenverstandes hinauf gekommen war, da er uns Erklrungen von Worten, wobei
nichts zu denken war, und Worte fr Begriffe, die keinen Gegenstand hatten,
geben wollte, wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen, und an das
ewige Schweigen erinnert, das er sich durch seine Grundstze selbst auferlegt
habe. Alle brigen vereinigten sich nun in dem Wunsche, da Aristipp zugegen
seyn mchte, um den Ausspruch zu thun, welche der vorgetragenen Auflsungen des
Problems die wahre sey, oder, wofern er keine dafr halte, uns seine eigene
mitzutheilen.
    Ich versprach, dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen, und da ich
dich fr zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu bernehmen, dich
wenigstens zu bewegen, uns deine Meinung von der Sache zu sagen. Ich verspreche
mir von deiner Geflligkeit, Freund Aristipp, du werdest nicht wollen, da ich
vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem
Faulbettchen gesessen haben soll. - Ich darf nicht vergessen, da wir uns
ausbitten, die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu
wrdigen, und uns deine Gedanken, ohne Sokratische Ironie, in ganzem Ernst
mitzutheilen.

                                      69.



                               Aristipp an Lais.

Du hast wohl gethan, schne Lais, da du mich ausdrcklich angewiesen hast, mich
ber das seltsame Problem, womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich
unterhalten hat, ernsthaft vernehmen zu lassen; denn ich gestehe, da die Frage:
was das hchste Gut des Menschen sey? in meiner Vorstellungsart etwas
Lcherliches hat, und da mir nie eingefallen wre, sie knnte von so weisen
Mnnern, wie die brtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind, in
wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder
Aufgabe dieser oder hnlicher Art, ist: wozu soll's? Bei dieser, dnkt mich,
fllt es auf den ersten Blick in die Augen, da es uns zu nichts helfen knnte,
das Hchste zu kennen, da es uns doch, eben darum, weil es so hoch ber uns
schwebt, unerreichbar ist. In dieser Rcksicht mchte wohl der Aesopische Fuchs,
der die Trauben, die ihm zu hoch hingen, fr sauer erklrte, mehr praktische
Weisheit gezeigt haben, als wir, wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken, um
in einer so schwindlichten Hhe ein Gut zu entdecken, welches wir mit allen
unsern Sprngen doch nie erschnappen werden. Beim Genu eines Guten kommt es
nicht auf die Gre desselben, sondern auf unsre Empfnglichkeit an. Das
erfreulichste aller Dinge, das Licht, ist fr den Blinden nichts; an der
festlichsten Tafel des groen Knigs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu
sich nehmen als sein Magen fat; und einer Mcke kann es gleich viel seyn, ob
sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt. Du selbst, schne Lais,
hast, indem du mir das Problem vorlegst, mit einem einzigen Aristophanischen
Worte verrathen, da die Unart der Menschen, die Schnbel immer nach
unerreichbaren Dingen aufzusperren, dir selbst eben so lcherlich ist als mir.
Indessen du willst da ich ernsthaft von der Sache spreche, und ich gehorche um
so williger, da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen drfte, das
die Mhe des Weges bezahlt, auf welchem wir es gefunden haben.
    Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern, da die Wrter gut und bse
(wie alle andern, welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft, die wir
den Dingen zuschreiben, bezeichnen) immer von solchen Gegenstnden gebraucht
werden, welche nur in ihrer Beziehung auf uns, d.i. unserm Gefhl, unsrer
Einbildung oder unserm Urtheil nach, gut oder bse sind. Alles was ist, mag an
sich sehr gut seyn; aber das braucht uns nicht zu kmmern, denn es kann uns
nichts helfen. Wir haben blo zu fragen: ob ein Ding uns gut oder bse sey? das
ist, ob es uns wohl oder bel bekommen werde. Der Krokodil ist in der Leiter der
Naturwesen was er seyn soll, und also in seiner Art so gut als ein anderes
Thier; aber fr die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar.
    Die Frage, was ist fr den Menschen gut oder bse, ist also immer eine
mehr oder minder verwickelte Aufgabe, bei deren Auflsung das meiste auf Ort,
Zeit und Umstnde ankommt. Dasselbe Wasser, das in Fssern und Krgen dem
Seefahrer unentbehrlich ist, taugt nichts im Schiffraum; dasselbe Feuer, das auf
dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen, wrde in einer angefllten Scheune
groes Unglck anrichten; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei, dem
Gesunden Gift; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam, in einer
andern, und in grerer Portion genommen, tdtlich. Ich zweifle sehr, oder ich
behaupte vielmehr fr gewi, da man mir im ganzen Umfang der Natur, selbst
unter den ntzlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen knne,
das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschrnkungen gut fr
uns ist. Das Nmliche gilt von allen Beschaffenheiten, Natur- und Glcksgaben,
die dem Menschen beiwohnen, wie von allen Lagen und Zustnden, worin er sich
befindet. Vollkommene Gesundheit (ein so hohes Gut, da ein Knig, wenn er von
den natrlichen Strafen der Unmigkeit gefoltert wird, sie mit der Hlfte
seines Reichs zurckzukaufen wnscht) ist fr den, der sie mibraucht, eines der
grten Uebel. Schnheit, Witz, Talente, Reichthum, hohe Ehrenstellen, Macht,
Scepter und Kronen, wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und
Verderben gestrzt? Ist doch sogar das Leben, die erste Bedingung alles
Genusses, selbst nur bedingungsweise ein Gut, und wird tglich von vielen
Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener
Leidenschaft in die Schanze geschlagen! Sogar Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit
und Tugend, wie schn und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen,
sind doch nicht unter allen Umstnden und Beziehungen, fr jeden Menschen in
jeder Bedeutung des Worts, gut. So ist, z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit
oder auf eine ungeschickte Art zu sagen; so ist nicht jedem gut, alles Wahre zu
wissen; so ist mglich, da ein gerechter Richter mir Unrecht thut, indem er
mich nach einem gerechten Gesetze verurtheilt; so ist das hchste Recht zuweilen
Unrecht; so gibt es keine Tugend, die fr den, der sie ausbt, nicht entweder
durch irgend einen uerlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer
Quelle von wirklichen Uebeln fr ihn selbst und andere werden knnte; so kann
was an dem einen Weisheit ist, an einem andern Thorheit seyn, u.s.w. Wenn nun
alles, was die Menschen gut nennen, nur unter gewissen Umstnden und
Einschrnkungen, also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut fr uns
ist; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel, und aus gleichem
Grunde, das Bse zum Gut werden kann: wird nicht, aller Wahrscheinlichkeit nach,
eben dasselbe von jedem hhern, und so endlich auch von dem hchsten Gute
gelten? Klingt es aber nicht widersinnig, da das hchste Gut, bei vernderten
Personen und Umstnden, das hchste Uebel seyn knnte?
    Die bisherige Betrachtung scheint uns das glnzende Phantom, dem wir
nachgehen, immer weiter aus den Augen gerckt zu haben. Lass' uns versuchen, ob
wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder nher kommen werden. Wir suchen
das hchste Gut des Menschen. Die erste Frage mte also seyn: was ist der
Mensch? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf, und es fehlt viel, da
diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals
seyn sollten. Der Mensch ist also entweder blo ein collectives Wort fr die
smmtlichen einzelnen Menschen, vom ersten Paar, das aus dem Schoo der Erde
oder des Wassers hervorging, bis zu den letzten, die das Unglck oder Glck
haben werden, die nchste, unsrer Welt von den Pythagorern geweissagte,
Verbrennung zu erleben182, - oder es bezeichnet einen idealischen Kolo, der aus
dem, was alle Menschen gemein haben, gebildet ist, und wovon, nach Plato, der
bloe Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fllt, inde das
Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183
wirklich vorhanden ist. Da ein bloer Schatten, zumal der Schatten eines blo
intelligibeln Dinges, ein gar zu dnnes, leeres und flchtiges Unding ist, um
ein brauchbares Resultat zu geben, so werden wir uns wohl an den ersten Begriff
halten mssen, der als eine Prosopopie184 des ganzen Menschengeschlechts
betrachtet werden kann.
    Um die Menschen, so wie sie als die regierende Familie im Thierreich
wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln, so viel mglich mit Einem
Blick zu bersehen, wollen wir uns, mit deiner Erlaubni, Laiska, in Gedanken
entweder mit dem Trygus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg,
oder auf die hchste Thurmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen, und dann
sehen - was zu sehen seyn wird. Das erste, denke ich, ist die erstaunliche
Verschiedenheit dieser sonderbaren Thiere, die man unter dem collectiven Namen
Mensch zu begreifen genthigt ist, da sie, bei der auffallendsten Ungleichheit
unter sich selbst, gleichwohl von allen andern Thierarten zu stark abstechen, um
zu einer derselben gerechnet werden zu knnen. Wir sehen einige in kleiner
Anzahl, nackend oder nur sehr drftig bekleidet und mit Bogen, Pfeilen und
Spieen bewaffnet, in ungeheuren Wldern umherschweifen, wo ihr beinahe einziges
Geschft ist, die wilden Thiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur
Kleidung dienen. Andere finden wir an den Ufern groer Seen beschftigt, mit
Angelruthen oder Netzen dem Wasser einen oft krglichen Unterhalt abzuverdienen.
Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und
Htung ihrer Heerden hin; und noch andere, genthigt die geringere Freigebigkeit
der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen, sehen wir mit den ersten Anfngen
des Ackerbaues, der Grtnerei, der Baukunst und Schifffahrt beschftigt. Alle
diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von thierischer
Freiheit, mehr oder weniger armselig, oft kmmerlich, aber wenn sie nur
nothdrftig zu leben haben, mit ihrem Zustande zufrieden, weil sie keinen
bessern kennen.
    Was meinst du nun, da diese Jger, Fischer, Hirten und Pflanzer, die sich
noch glcklich preisen, wenn sie mit mhseliger Anstrengung aller ihrer Krfte
sich des nothdrftigsten Unterhalts fr einige Tage oder Monate versichern
knnen, was meinst du, da sie sich fr eine Vorstellung von dem hchsten Gute
machen? Frage sie, und du wirst hren, da ihre ppigsten Wnsche nicht ber
eine glckliche Brenjagd, einen starken Fischzug, die Verdopplung ihrer
Heerden, und eine reichliche Ernte hinausgehen; und erschiene ihnen ein Gott,
der es in ihre Wahl stellte, was sie von ihm erbitten wollten, weder ihre
Einbildungskraft noch ihre Vernunft wrde sie weiter fhren, als zu der hohen
Glckseligkeit ihr Leben lang ohne Mhe, Gefahr und Arbeit - die Forderungen
ihres Magens befriedigen zu knnen.
    Diese Naturmenschen machen inde, wiewohl sie vielleicht den grten Theil
des Erdbodens einnehmen, den kleinsten des Menschengeschlechts aus. Der weit
grere lebt in brgerlicher Gesellschaft, wenige in Freistaaten, wo anfangs die
Noth, in der Folge das Verlangen nach Wohlstand, Reichthum und Ansehen, unter
dem belebenden Einflu einer durch weise Gesetze zugleich begnstigten und
eingeschrnkten Freiheit, alle Arten von Entwicklung der menschlichen
Fhigkeiten, Leibes- und Geistes-Uebungen, Handarbeiten, Knste und
Wissenschaften hervorgebracht, und zum Theil auf eine bewundernswrdige Hhe
getrieben hat. Diese ber ein groes Stck von Asien und Europa und die
nrdliche Kste von Libyen verbreiteten, mehr oder weniger ausgebildeten
Menschen scheinen, beim ersten Ueberblick, sich zu jenen rohen Kindern der Natur
wie die Gtter zu den Menschen zu verhalten: forschen wir aber genauer nach, so
werden wir uns bald berzeugen, da unter einer Myriade policirter Menschen
neuntausend sind, die sich berhaupt viel weniger glcklich, ja oft viel
unglcklicher fhlen oder whnen, als jene nackten Waldmnner, Troglodyten187
und Ichthyiophagen188. Denn bei weitem die grere Zahl lebt in Armuth und
Mangel an allen Bequemlichkeiten; geniet wenig oder nichts von den Frchten des
anscheinenden Wohlstands und Reichthums des Staats; mu, um einer kleinen Anzahl
ppiger Miggnger ein prachtvolles und wollstiges Leben zu verschaffen, ber
Vermgen arbeiten, und sich oft schlechter nhren als die Wilden, und, damit an
ihrem Elend nichts fehle, geduldig zusehen, wie die Miggnger sich auf ihre
Unkosten wohl seyn lassen. Nun frage ich dich abermal: was dnkt dich da fr
die neunzighundert Theile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen
Schtzung, das hchste Gut seyn werde? Wir wollen sie selbst nicht fragen; denn
sie sind nicht unverdorben genug, uns, wie ihre Brder in den Wldern des Atlas,
Kaukasus und Imaus, die wahre Antwort zu geben. Aber rechne darauf, da sie sich
von keiner hhern Glckseligkeit trumen lassen, als tglich zu leben wie die
Freier der Penelope, oder die Hflinge des Alcinous in der Odyssee, und, wie
diese, aller Arbeit berhoben zu seyn. Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie
abnehmender Gesundheit und Strke, und ein miges sorgenfreies Leben, die
ist's was sie sich als das hchste Gut denken, und hher gehen weder ihre
Wnsche, noch ihre dermalige Empfnglichkeit. Und warum nicht? da unter den
brigen schwerlich zehn vom Hundert sind, in deren Busen, wenn Prometheus nicht
vergessen htte ihn durchsichtig zu machen, wir nicht eben dieselben Wnsche,
nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt,
erblicken wrden. Wenigstens lt mich, was ich ber diesen Punkt bisher
wahrgenommen habe, nichts anders glauben. Sinnlichkeit ist nun einmal die
Grundlage der menschlichen Natur; essen, trinken und schlafen, das erste
Bedrfni, das erste Geschft und das erste Vergngen des Kindes, so wie das
letzte des Greises, bei welchem das Wohlbehagen an den Vergngungen des Gaumens
in eben dem Verhltni zunimmt, wie das Vermgen andre Triebe zu befriedigen
abnimmt und aufhrt. Stelle einen jeden Sophisten, der die nicht gestehen will,
ohne da er deine Absicht merken kann, auf die Probe, und du wirst schwerlich
einen einzigen finden, der seine prahlerische Theorie nicht durch die That Lgen
strafen wird.
    Wie dann, Laiska? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch
Recht behalten? - Ja, und Nein, sage ich; und wenn die widersinnig klingt, wer
kann dafr, wenn der Mensch, seiner Centaurischen Natur nach, ein so
widersinnisches Ding ist, da mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu
helfen wei, als durch den wohlmeinenden Rath, den thierischen Theil geradezu
abzuwrgen, und den geistigen allein leben zu lassen. Meine Vorstellungsart
erlaubt mir nicht, so streng mit der Hlfte meines Ichs zu verfahren; und da
diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht, so denke ich
vielmehr alles Ernstes darauf, einen billigen Vertrag zwischen beiden Theilen zu
Stande zu bringen, mit dem Vorbehalt, falls es mir damit nicht gelingen sollte,
mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, und vermittelst ihrer
Oberherrschaft ber den animalischen Theil diese Sokratische Sophrosyne in mir
hervorzubringen, die zwar nicht das hchste Gut, aber doch gewi ein sehr groes
und zum reinen Genu aller andern unentbehrlich ist. Im Grunde sollte jener
Vertrag so schwer nicht zu stiften seyn, da die Natur selbst in beiden Theilen
schon Anstalt dazu gemacht, und dem geistigen eine sonderbare Anmuthung zu dem
thierischen, diesem hingegen, trotz seiner angebornen Wildheit, eine eben so
sonderbare Willigkeit sich von jenem zumen und regieren zu lassen, eingepflanzt
hat. In der That kommt in dieser Rcksicht alles darauf an, da das Thier, wenn
es seine Schuldigkeit thun soll, fleiig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten,
aber auch wohl behandelt, gut genhrt und hinlnglich gewartet werde. Sobald es
merkt, da der regierende Theil es wohl mit ihm meint, ist es folgsam und
geschmeidig; wird ihm aber bel begegnet, gleich fngt es an muckisch zu werden;
beit um sich, schlgt aus, spreizt, bumt und wlzt sich, und lt nicht nach,
bis es den Reiter abgeworfen hat. Ist dieser berhaupt nicht stark und
verstndig genug den Zgel recht zu fhren und sein Thier im Respect zu
erhalten, was Wunder wenn es mit ihm durchgeht, und sich gerade so meisterlos
auffhrt, als ob es keinen Herrn ber sich erkennte?
    Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen, bemerke ich nur, da das
Daseyn der Vernunft und ihr Einflu auf unsre sinnliche oder thierische Natur
sich, wie bei den Kindern schon in der frhen Dmmerung des Lebens, so bei
allen, selbst den rohesten Vlkern schon in den ersten Anfngen der Cultur
vornehmlich darin beweist, da sie (wofern nicht besondere klimatische oder
andere zufllige Ursachen im Wege stehen) sich selbst und ihren Zustand immer zu
verschnern und zu verbessern suchen. So langsam es anfangs damit zugeht, so
schnell nimmt der Trieb zum Schnern und Bessern zu, wenn einmal gewisse
Perioden zurckgelegt sind, und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen
gewissen Grad von Strke erreicht hat. Da wir aber demungeachtet im Ganzen noch
so weit zurck sind, liegt wohl hauptschlich an der Krze unsers Lebens,
welches in Verhltni mit allen brigen Bedingungen, unter welchen wir es
empfangen, in viel zu enge Grnzen eingeschlossen ist, als da die Menschen
(wenige Ausnahmen abgerechnet) groe Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen
innern und uern Zustandes machen, oder etwas Betrchtliches zum allgemeinen
Besten beitragen knnten: indessen zeigt sich doch von einer Generation zur
andern ein gewisses, im Kleinen meist unmerkliches, aber im Groen ziemlich
sichtbares Streben nach dem, was man fglich (wie ich glaube) den Zweck der
Natur mit dem Menschen nennen kann. Und was knnte dieser anders seyn, als die
immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung, wozu jeder einzelne der
einst da war, etwas (wie wenig es auch sey) beigetragen hat, und von welcher nun
hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder
weniger Vortheil zieht? Da nichts, was einmal da war oder geschah, ohne Folgen
ist, also nichts ganz verloren geht; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine
Versuche, Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur
Fortsetzung, Ausbildung, Verbesserung und Vermehrung berliefert, so kann die
schlechterdings nicht anders seyn. Die Rckflle, die man von Zeit zu Zeit
wahrzunehmen whnt, die alte Sage, da nichts unter der Sonne geschehe, und
die Abnahme der menschlichen Gattung, die man uns schon aus dem alten Homer
erweisen zu knnen glaubt, sind nur anscheinend. Besondere Vlker, einzelne
Menschen knnen wohl in einigen Stcken schlechter als ihre Vorfahren werden;
aber das Menschengeschlecht, als Eine fortdauernde Person betrachtet, der
unsterbliche Anthropodmon189 Mensch, nimmt immer zu, und sieht keine Grnzen
seiner Vervollkommnung. Denn nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit,
sind Grnzen gesetzt.
    Die Fortschritte, welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner
noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren, bis zu der Stufe, worauf wir
dermalen stehen, gemacht haben, werden andre Menschen, vielleicht ganz andre
Vlker, nach uns in den nchsten Jahrtausenden fortsetzen, und unfehlbar wird
eine Zeit kommen, wo die Menschen durch knstliche Mittel sehen werden, was uns
unsichtbar ist; wo sie Schtze von Kenntnissen, wovon sich jetzt niemand trumen
lt, gesammelt, neue Mineralien, Pflanzen und Thiere, neue Eigenschaften der
Krper, neue Heilkrfte, kurz, unendlich viel Neues im Himmel, auf Erden und im
Ocean entdeckt, und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel
hher getrieben, sondern eine Menge uns ganz unbekannter Knste und
Kunstwerkzeuge erfunden haben werden, u.s.w.
    Nun, meine Freundin, sind wir auf der Hhe, von welcher aus wir uns, dnkt
mich, berzeugen knnen, da die Aufgabe, die du mir zu lsen gegeben hast,
unauflsbar ist. Es gibt kein andres hchstes Gut (wenn man es so nennen will)
fr den Menschen, als, das zu seyn und zu werden, was er nach dem Zweck der
Natur seyn soll und werden kann: aber eben die ist der Punkt, den er nie
erreichen wird, wiewohl er sich ihm ewig annhern soll. Wo ber jeder Stufe noch
eine hhere ist, gibt es kein Hchstes - als tuschungsweise; wie dem, der einen
hohen Berg ersteigen will, diese oder jene Spitze die hchste scheint, bis er
sie erklettert hat, und nun erst sieht, da neue Gipfel sich ber ihm in die
Wolken thrmen. Alles, was fr einen Menschen in seinem dermaligen Leben (dem
einzigen, das er kennt) gut ist, ist zur rechten Zeit, am rechten Ort, im
rechten Ma, und recht gebraucht, fr den Augenblick das Hchste; fr den
unsterblichen Menschen gibt es kein Hchstes als das Unendliche. Weiter, schne
Laiska, habe ich's bis jetzt nicht bringen knnen, und ich zweifle nicht, da
viel daran fehlt, da meine Antwort deinen Sophisten und Phrontisten genug thun
sollte. Was mich selbst betrifft, ich habe nie nach hohen Dingen, geschweige
nach dem Hchsten, getrachtet; und dafr haben mir die Gtter immer reichlich
mehr gegeben, als ich zu begehren gewagt htte. Von allen ihren Gaben die
reichste ist, da sie mich mit dir zu gleicher Zeit geboren werden lieen, mich
mit dir zusammen brachten, und in der Stunde, da du mir deine Freundschaft
schenktest, mich auf mein ganzes Leben zu einem der glcklichsten Sterblichen
weihten. Mt' ich nicht Adrasteien190 zu erzrnen frchten, wenn ich meine
Wnsche noch hher zu treiben versuchen wollte?

                          Anmerkungen zum ersten Band.


Wieland hat zur Charakteristik Aristipps ein doppeltes Motto aus Horaz gewhlt,
das erste aus einem Brief an Scva (Epp. I. 17, 23.):

Gleich gut stand Aristippen, wie jegliche Farbe, das Glck an;
Hher hinauf gern strebt' er, und dem, was begegnete, fgsam.
                                                                            Vo.

    Das zweite aus einem Brief an Mcenas (Epp. I. 1, 18.), welches Wieland
selbst so bersetzte:

- Und statt mich selbst den Dingen
Zu unterwerfen, seh' ich wie ich's mache,
Sie unter mich zu kriegen.

    Ein Auszug aus Wielands Anmerkungen (S. 59-50) dazu wird hier gewi
zweckmig als Einleitung dienen.
    Die Philosophie, als die Kunst zu leben, heit es, wurde bei den Griechen
gleich andern schnen Knsten behandelt; sie hatte ihre Meister und Schulen wie
die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Secte - eben weil
er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandenen philosophischen Schulen und
Secten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlat. Plato, der
berhmteste unter seinen Anhngern, stiftete die Akademie, Aristoteles, der
grte Kopf unter Platons Schlern, das Lyceum. Aristipp machte sich zwar sein
eigenes System, aber kann so wenig als Sokrates fr das Haupt einer Schule
gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat.A1 Antisthenes wurde der Vater
einer Secte, die mit dem wenig rhmlichen Namen der Hndischen (Cyniker) sich
gleichwohl in einiges Ansehen zu setzen wute, und unter den Philosophen das
war, was die Franciscaner unter den Mnchen. Hundert Jahre nach Sokrates Tode
wurden Zeno und Epikur, indem jener die Weltbrgerschaft des Antisthenes, dieser
den Egoismus des Aristippos zu rectificiren suchte, die Stifter zweier neuen
Schulen, welche in kurzem ber alle brigen hervorragten, aber in allen ihren
Begriffen und Grundstzen Antipoden waren - der Epikurischen und der Stoischen.
    Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig
Zuverlssiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den
sogenannten Cyrenern, seinen angeblichen Nachfolgern, lt sich kein sicherer
Schlu auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Lartius von ihm
zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bonsmots das Beste, wiewohl
darunter einige von verdchtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts
von ihm wten, als was uns Horaz sagt: so wrde die, mit etlichen Zgen, die
sich im Cicero, Plutarch und Athenus finden, schon hinlnglich seyn, uns von
der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu
haben, einen ziemlich reinen Begriff geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie
scheint folgendes Raisonnement gewesen zu seyn. Der Mensch wei nichts gewisser
als da er ist, denn die fhlt er; und eben die Gefhl sagt ihm alle
Augenblicke, was er ist, nmlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von
angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von auenher
kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, da eine
unendliche Menge von Dingen auer ihm sind; aber was diese Dinge fr sich selbst
sind, wei er nicht; und da es ihn im Grunde nichts angeht, so soll er sich auch
nichts darum kmmern. Aber was er gewi wei, weil er's fhlt, ist: da ihm
diese Dinge geradezu Lust oder Unlust machen, theils Gelegenheit geben, da er
sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hngt sehr von seinem
Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und
Leidenschaften sind in ihm selbst, und er kann also, wenn er will und es recht
angreift, sehr wohl Meister ber sie werden. Was die Dinge auer ihm betrifft,
so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden, die ihm Unlust machen, und
diejenigen suchen, die ihm wohlthun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne
sich grrer Unlust auszusetzen, so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere
Uebel um des grern Guten willen; und eben so unterlt er lieber ein Vergngen
zu suchen, wenn er wei, oder sehr wahrscheinlich vermuthen kann, da es mit
mehr Unlust verbunden sey als das Gute daran werth ist. Unvermeidliche Uebel
erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber geniet er, wenn es
gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist; aber geniet es als etwas
Entbehrliches, wie einer eine Rose pflckt, die an seinem Wege blht; und da die
meisten Dinge uns nicht durch das was sie sind, sondern durch das was wir ihnen
geben, oder durch unsre Vorstellungsart, glcklich oder unglcklich machen, so
gewhnt sich ein weiser Mann, die Dinge auer ihm von der angenehmsten oder doch
leidlichsten Seite anzusehen. Durch diese Art zu denken erhlt er sich frei und
unabhngig, whrend da die ganze Welt sein ist. Er verschafft sich jedes Gut um
den wohlfeilsten Preis, denn er gibt nichts Besseres darum hin; wird es ihm
entzogen, so betrachtet er's als etwas, das nie sein war. Kurz, er kann alles
genieen, alles entbehren, sich in alles schicken, und die Dinge auer ihm
werden nie Herr ber ihn, sondern er ist und bleibt Herr ber sie.

    Die Zeit der Blthe Aristipps fllt um die 100ste Olympiade, 380 Jahre vor
Christus. Mit der 94sten Olympiade, 404 J. vor Ch., beginnt diese Schilderung
Wielands, 4 Jahre vor dem Tode des Sokrates, 25 Jahre nach dem Tode der
Perikles. Aristipp wird einige 20 Jahre alt angenommen, und kann fglich nicht
hher angenommen werden, da er noch ber 60 Jahre nach des Sokrates Tode lebte.


                                   1. Brief.

1 Cyrene, Kyrene (jetzt Kurin) die Vaterstadt der Philosophen Aristippos und
Karneades, des Dichters Kallimachos und des Mathematikers Eratosthenes, lag in
Afrika, auf der Westseite von Aegypten, an der Kste des Mittellndischen
Meeres, in einer hchst fruchtbaren Gegend. Griechen von der Insel Thera, unter
Anfhrung des Battos, hatten hier eine Colonie gestiftet, und Cyrene, wonach die
ganze Landschaft Eyrenaika genannt wurde, oder auch, weit spterhin noch vier
Stdte hier angelegt wurden, Pentapolis (Fnfstadt), erwuchs zu einem blhenden
Handelsstaat. Battos war der erste Knig dieses Griechisch-Afrikanischen
Staates, und seine acht Nachfolger, die Battiaden, regierten von 631-432 v. Chr.
Im ersten Jahre der 87sten Olympiade, 431 v. Chr., endigte ihre Herrschaft, und
Kyrene erhielt eine republicanisch-aristokratische Verfassung, bis Ariston
Alleinherrscher wurde, der aber im Jahre 406 v. Chr. umkam. Diese Krisis fllt
nun eben in diese Periode Aristipps.

2 Stadt auf der Insel Kreta.

3 Die berhmte Argo, worauf die Argonauten von Thessalien aus nach Kolchis
(Mingrelien) schifften. Auf die vielen Wundersagen, die von dieser Schifffahrt
erzhlt werden, spielt Aristipp an.

4 Von den Musen Begeisterte, hier nicht ohne schalkhafte Anspielung auf die
unten vorkommende Nympholepsie.

5 Oeffentliche Volks- oder National-Versammlung.

6 Oder Knossus - Stadt auf der Nordkste der Insel Kreta. Auer dem berhmen
Labyrinth, woraus Ariadne den Theseus rettete, und von dessen Ueberresten
Tournefort Nachricht gibt, war hier, dem Lactanz zufolge, auch Jupiters Grabmal
zu sehen, wegen dessen aber Kallimachus die Kreter als arge Lgner schilt, indem
ein ewig lebender Gott nicht begraben seyn knne.


                                   2. Brief.

7 Die Staatsverfassung von Korinth war, seit der Alleinherrschaft Perianders,
(des zweideutigsten unter den sieben Weisen) oligarchisch, d.i. die Regierung
befand sich hauptschlich in den Hnden einer kleinen Anzahl alter und
begterter Geschlechter, deren Ursprung sich zum Theil in den heroischen Zeiten
verlor, und die sich durch den Beinamen Eupatriden (Wohlgeborne) von den
Plebejischen unterschieden. W.

8 Mina (Mna) eine fingirte Mnze, welche 100 Drachmen enthielt und deren 60 ein
Attisches Talent ausmachten. Man kann sie, ohne einen betrchtlichen
Rechnungsfehler, fr 22 Reichsthaler Conventionsgeld annehmen. W.

9 Eine Stadt in der Peloponnesischen Provinz Elis, an deren Stelle aber die
Stadt Olympia soll erbaut worden seyn.

                                   3. Brief.

10 Akton wurde, weil er die Minerva im Bade gesehen hatte, in einen Hirsch
verwandelt, und von seinen eignen Hunden zerrissen.

11 Bder.

12 Ixion ward in der Unterwelt auf ein Rad geflochten, wo ihm tglich ein Geyer
die, stets wieder wachsende, Leber (den Sitz der Liebe nach der Griechen
Meinung) aushackt.

13 Einer der grten Bildhauer, die aus der Schule des Phidias hervorgingen, ein
Mitschler und Rival des nicht weniger berhmten Agorakritos, der von seinem
Meister so leidenschaftlich geliebt wurde, da dieser, um ihm einen Namen zu
machen, viele seiner eigenen Werke fr Arbeiten seines Lieblings ausgegeben
haben soll. (Denn die will Plinius ohne Zweifel mit den Worten sagen: ejusdem
(Phidiae) discipulus fuit Agoracritus, ei aetate gratus: itaque e suis operibus
pleraque nomini ejus donasse fertur). Fr das schnste unter den Werken des
Alkamenes, welche noch zu Plinius und Lucians Zeiten in Athen zu sehen waren,
erklrt der letztere (unstreitig ein elegans spectator formarum) eine in den
sogenannten Grten auer den Mauern von Athen aufgestellte Venus, welche ber
eine andere, vom Agorakritus zu gleicher Zeit mit ihm in die Wette gearbeitete,
den Preis erhielt, und von so hoher Schnheit war, da die Sage ging, Phidias
selbst habe ihr die letzte Vollendung gegeben. Diese Sage konnte aber wohl
keinen andern Grund haben, als die Meinung: Alkamenes knnte ein so vollkommenes
Kunstwerk nicht ohne Beistand seines Meisters zu Stande gebracht haben. Sie
zeugt also blo fr das groe Talent des Alkamenes, und die vorzgliche
Schnheit seiner Venus; denn da Phidias wirklich die letzte Hand an sie gelegt
habe, ist schlechterdings unglaublich, wenn die Anekdote von seiner
auerordentlichen Vorliebe zum Agorakritus wahr ist. In diesem Falle wrde
Phidias sich beeifert haben, der Arbeit seines Lieblings den Vorzug zu
verschaffen, und also das, was er fr Alkamenes gethan haben soll, vielmehr zum
Vortheil des Agorakritus gethan haben. Eine von diesen beiden Sagen (deren
auffallenden Widerspruch der Rmische Compilator nicht zu bemerken scheint) mu
also nothwendig grundlos seyn; und so ist es um die meisten, wo nicht um alle
die Sagen beschaffen, die unter den Griechen ber ihre vorzglichsten Personen
beiderlei Geschlechts herumliefen. Das Schlimmste ist, da beinahe alles
vorgeblich Historische, was uns die alten Biographen, Anekdotensammler und
Compilatoren, Diogenes von Larte, Athenus, Suidas u.s.w. von diesen Personen
erzhlen, aus solchen Sagen besteht, welche grtentheils aus der unreinen
Quelle der alten Komdien- und Sillen-Schreiber geflossen zu seyn scheinen. W.

14 Freundin, bei uns - Freudenmdchen. Da sie in der Handelsstadt Korinth, wo
ein berhmter Tempel der Venus (Aphodite) war, unter dem besondern Schutze
dieser Gttin standen, erinnert an die Sitte orientalischer Handelspltze, wo es
zum Tempeldienst gehrte, da die Jungfrauen ihre Jungfrulichkeit einem -
Fremden opferten, wofr die Einknste in den Tempelschatz flossen.

15 Die Auftauchende, heit Venus, weil sie aus dem Meer entsprang, und als
neugeborne Gttin zum Entzcken des ganzen Olymps daraus emporstieg. Eins der
schnsten Gemlde des Apelles war unter diesem Namen bekannt.

16 Epopten, hieen diejenigen, die nach gehriger Vorbereitung zum Anschauen der
groen Mysterien zugelassen worden. W.

17 Iris (Regenbogen) - Die Votin der Gtter und insbesondere Dienerin der
Gtterknigin - fr Zofe berhaupt gebraucht. W.

18 Eine unter dem Knig Darius zuerst geprgte. Persische Goldmnze, ungefhr
vier Thaler sechs oder acht Groschen unsers Geldes werth. W.




                                   4. Brief.


19 S. Wielands erste Anmerkung zu Horazens sechstem Brief im ersten Buche.

20 Sieg - Durch die Siege bei Marathon und Salamin retteten die Griechen ihre
Freiheit, die von Persiens Uebermacht bedroht war.

21 Nach denen die alle vier Jahre sich erneuernden Olympiaden als die
gewhnliche Zeitrechnung der Griechen angenommen wurden, sind nach Einigen von
Jupiter selbst oder den Kureten gestiftet, und nach einer Unterbrechung erst von
Hercules, dann von Pelops, und zuletzt von Iphitus und Lykurgus, gegen 800 Jahre
v. Chr. erneuert. Des Iphitus Verordnungen darber waren auf einem Diskus
eingegraben, den man im Junotempel zu Olympia aufbewahrte. Fnf Tage in unserm
Monat Julius waren dazu bestimmt, die ersten zum Ringen und Faustkampf, der
dritte zu den sogenannten Fnfkmpfen (Pentathloi), Ringen, Faustkampf, Laufen,
Werfen der Wurfscheibe (Diskus) und des Wurfspiees, der vierte zum Wettlaufe zu
Fu und zu Ro, der fnfte zum Wagenrennen. Die Beschuldigungen, welche Aristipp
hier vorbringt, sind allerdings durch manche Zeugnisse besttigt, und doch war.

22 Man sehe Manso's Abhandlung ber den Antheil, welchen die Griechen an den
Olympischen Spielen nahmen, in der N. Bibl. der sch. Wiss. Bd. 47. Vergl.
Bttigers Kunstmythologie S. 55. Abgerechnet alles, was sie als eine
National-Versammlung wichtig machte, hatten sie auch im Geist ihrer Einrichtung
viel Aehnliches mit den Turnieren, und verschafften einen Gottesfrieden, den man
sogar symbolisch angedeutet hatte, denn beim Eintritt in den Tempel Jupiters
erblickte man zur Rechten die Bildsule des Iphitus, den die Ekechereia
bekrnzte, d.i. der Stillstand aller Feindseligkeiten zwischen allen Griechen,
welcher whrend dieser Tage eintrat. Nichtsdestoweniger htte man vieles
zweckmiger einrichten knnen; dachte aber vielleicht daran, da das Alte den
Meisten heilig und das Gewohnte das Liebste ist; kurz, wie der Eleer, welchen
Wieland nachher einfhrt.

23 Eryx - ein gewaltiger Sicilischer Faustkmpfer (pyktes) der heroischen Zeit,
welcher zuletzt, von Hercules berwltigt, dem Berge Eryx in Sicilien, wo er
begraben wurde, den Namen gab. W.

24 Der schnste der Mnner, die gegen Ilion zogen. Il. II. 671. W.

25 Ein seiner Schnheit und Strke wegen berhmter Athlet. W.

26 Cestus, hie bei den Rmern eine Art von Fechthandschuh aus dicken
rindsledernen Riemen um den Arm und die Faust gewunden (auch wohl mit Blei
gefttert), womit die Faustkmpfer (Pikten) ihre Hnde bewaffneten. Die Griechen
nannten die xeires oplismenai, ohne einen besondern Namen fr den Cestus zu
haben. W.

27 Die Griechen nannten alle nicht Griechisch redenden Vlker Barbaren, ohne auf
ihre mehrere oder mindere Cultur und Policirung dabei Rcksicht zu nehmen;
wiewohl sie sich auch hierin groer Vorzge ber die brigen Erdebewohner bewut
waren, und mit einer gewissen Verachtung auf alle Nicht-Griechen herabsahen. W.

28 Athleten, hieen mit einem gemeinsamen Namen alle Wettkmpfer, welche bei
ffentlichen Spielen in den fnferlei Kampfbungen, die unter dem pentathlos
begriffen waren, um den Preis stritten; in engerer Bedeutung des Wortes wurden
vorzglich die Pankratiasten, d.i. die Ringer und die Fechter mit dem
Kampfhandschuh (cestus), Athleten genannt. W.

29 S. oben Athleten.

30 Die Pythischen, wurden alle 5 Jahre dem Apollon, - die zu Nemea, die
Nemeischen, alle 2 Jahre dem Jupiter, - die zu Korinth, die Isthmischen, alle 2
Jahre dem Poseidon zu Ehren gefeiert.

31 S. die folgende Anmerkung.

32 Die Hellenen oder eigentlich sogenannten Griechen erkannten den Deukalion
(einen Thessalischen Frsten, der ungefhr 1500 Jahre vor der christlichen
Zeitrechnung gelebt haben soll) oder, genauer zu reden, seinen Sohn Hellen (von
welchem sie ihren allgemeinen Namen fhrten) fr ihren gemeinsamen Stammvater.
Hellens Shne, Dorus und Aeolus, und Ion, sein Enkel, gaben ihren Namen den drei
Hauptsten in welche die ltesten Hellenen sich theilten, und deren jeder in der
Folge sich wieder in mancherlei Zweige verbreitete. Dorus bemchtigte sich
(alten Sagen nach) der am Fue des Parnassus liegenden kleinen Landschaft Doris;
Aeolus und seine Nachkommen lieen sich in Elis, Arkadien und andern Gegenden
der Halbinsel, die in der Folge den Namen Peloponnesus bekam, nieder; und nach
Ion fhrten die Bewohner von Attika den Namen Ionier, der sich nach Verlauf
mehrerer Jahrhunderte in den berhmtern der Athener (oder Athener) verlor.
Diese drei Hellenischen Stmme gaben, als sie sich in der Folge auch an der
westlichen Kste von Asien anbaueten, den Provinzen Aeolis, Ionia und Doris, so
wie den drei Hauptdialekten der Griechischen Sprache, ihren Namen. Das
Gewisseste von allem diesem ist, da in den Zeiten, wo die Geschichte der
Griechen aufhrt ein verworrenes und undurchdringliches Gestrppe von Mhrchen
und widersprechenden Volks- und Stammsagen zu seyn, die ganze Hellas theils aus
Dorischen theils aus Ionischen Vlkern und Stdten bestand; da unter jenen
Lacedmon, unter diesen Athen als die ersten an Macht und Ansehen, gewhnlich
diejenigen waren, an welche sich die brigen, freiwillig oder gezwungen,
anschlossen; und da zwischen diesen beiden Hauptstmmen von jeher in
Naturanlagen, Cultur, Mundart, Sitten und politischer Verfassung eine so
auffallende Ungleichheit und eine so entschiedene Antipathie geherrscht hatte,
da sie hchst wahrscheinlicher Weise, ohne die wohlthtige Gegenwirkung der
ihnen eigenen National-Institute, einander selbst lange vorher aufgerieben haben
wrden, ehe sie die hohe Stufe von Cultur erreicht htten, wodurch sie, sogar
nachdem sie selbst eine Nation zu seyn aufgehrt haben, die Gesetzgeber, Lehrer
und Bildner aller brigen geworden sind. W.

33 Ehrephon war ein vertrauter Freund des Sokrates. Da er das Orakel Apollons
zu Delphi wegen des Sokrates Weisheit befragte, berichten Platon und Xenophon in
ihren Vertheidigungsschriften des Sokrates. In dem gegebenen Orakel htte wohl
durch die Pythia - die das Orakel aussprechende Priesterin - Ehrephon selbst
sprechen knnen; hat sie aber nur so negativ und vergleichungsweise gesprochen
wie bei Platon und Xenophon, so war sie vollkommen sicher, niemals der
Bestechlichkeit beschuldigt werden zu knnen. Und mir ist glaublicher, da sie
ihr Orakel eben so, wie jene sagen, und nicht wie es anderwrts angefhrt wird,
ausgesprochen habe.

34 Diesen Sohn von des Sokrates altem Freunde Kriton lernt man am besten aus
Xenophons Gastmahl kennen.

35 Der in jngeren Jahren des Sokrates Umgang gesucht hatte, wurde nachher
ausschweifend, und hatte mit Alcibiades nur das gleiche Streben und die
schlimmen Eigenschaften, nicht aber die guten gemein. Mit hoher Einbildung auf
Abkunft, Reichthum und Macht verband er Habsucht und Grausamkeit, die er als
einer der von dem Spartanischen Feldherrn Lysander aufgedrungenen Dreiig-Mnner
so sehr bewies, da es zwischen ihm und Sokrates zum offenen Bruche kam.

36 Die Einwohner dieser, zu der Gruppe der Eykladen im Aegeischen Meere
gehrigen, Insel hatten mit den Athenern gerechten Krieg. Als sie sich endlich
ergeben muten, hieben die Athener fast alle junge Mannschaft nieder und
verkauften Weiber und Kinder. Thuc. 5, 116.

37 Burg, Citadelle.


                                   5. Brief.

38 Die Rennbahn, wo ffentliches Pferd- und Wagenrennen gehalten wurde. W.

39 Oeffentliche Pltze zu Leibesbungen, im Ringen, Werfen u.s.w.

40 Beschreibung - des Jupiter von Phidias - Mit dem, was Wieland hierber sagt,
hat der, welcher die genaueste Belehrung wnscht, zu vergleichen die beiden
Schriften ber den Tempel und die Bildsule des Jupiters zu Olympia, von Vlkel
(Leipz. 1794) u. Siebenkees (Nrnb. 1795), dann aber vorzglich Bttiger in den
Andeutungen S. 93. fgg., und noch weit mehr in der Kunst-Mythologie S. 52. fgg.
Wir werden noch einmal darauf zurckkommen bei Wielands Abhandlung ber die
Ideale der Alten.

41 Der Wolkensammelnde - Beiwort des Zeus bei Hommer.

42 Anspielung auf eine allgemein bekannte Stelle im ersten Buche der Ilias, und
auf die Sage, da diese Stelle durch eine pltzliche Begeisterung das Ideal
erzeugt habe, nach welchem Phidias seinen Olympischen Jupiter gearbeitet habe.


                                   6. Brief.

43 (Ghnaffen, Maulaufsperrer). - Vo bersetzt: Gaffener - Ein Spottname,
welchen Aristophanes den Athenern gibt, um die sinn: und zwecklose Neugier,
Leichtglubigkeit und Unbesonnenheit, die zu den Hauptzgen ihres
Volkscharakters gehrten, mit einem angemess'nen Worte (das von dem dummen
Schnabelaufsperren der Gnse und der jungen Vgel, wenn sie von den Alten getzt
werden, hergenommen ist) zu bezeichnen. W.

44 Alles, was Aristipp in dieser und andern Stellen seiner Briefe von dem
Aeuerlichen des Sokrates sagt, stimmt sowohl mit der Idee, die man sich aus
verschiedenen Stellen im Xenophon und Plato von ihm machen mu, als mit den
schnsten Sokrateskpfen auf antiken Gemmen sehr genau berein; auch scheinen
seine Bemerkungen ber die Physiognomie und berhaupt ber das Eigene und
Charakteristische an der Auenseite desselben einen hinlnglichen Grund zu
enthalten, warum er die bekannte, dem Cicero und Alexander von Aphrodisias so
oft nachgebetete Anekdote von dem, was dem Sokrates mit dem Physiognomen Zopyrus
begegnet seyn soll, wofern sie ihm auch bekannt war, keiner Erwhnung wrdigt.
Uebrigens pflegte Sokrates selbst ber seine Silenenmige Gestalt zu scherzen,
und es wre lcherlich, ihn (wie einige gethan haben) der Schnheit seiner Seele
zu Ehren, und dem Zeugni seiner vertrautesten Freunde zu Trotz, zu einem Adonis
machen zu wollen. Ich zweifle daher nicht, da Epiktet, wenn er ihm soma epixari
kai hdy zuschreibt (S. Arriani Diss. Ep. IV. 11.), nicht mehr damit habe sagen
wollen, als was Aristipp hier nur ausfhrlicher und bestimmter (wie einem
Augenzeugen zukommt) ausgedrckt zu haben scheint. W.

45 S. in einem der folgenden Bnde Wielands Aufsatz ber Athens Verfassung.

46 Drei Obolen, etwa drei Kreuzer, erhielt seit Perikles jeder Brger, der an
den Volksversammlungen Theil nahm.

47 Kalokagatoi - Was man damals zu Athen einen Kalokagathos nannte, war mit dem,
was die Englnder a Gentleman, und die Franzosen un galanthomme nennen, ziemlich
gleichbedeutend. Oefters bezeichnet es auch so viel als eine Person von
vornehmer Geburt und Erziehung. In der moralischen Bedeutung, da es so viel als
schngut, oder gutedel heit, scheint es vom Sokrates zuerst genommen worden zu
seyn. W.

48 Ein Beiname der Athener, von Cekrops, dem ersten Stifter der Stadt Athen,
welche anfangs nach ihm Cekropia genannt wurde. W.

49 Gastmahle. Die Sokratischen kennt man aus zwei Schriften Platons und
Xenophons unter diesem Titel.


                                   7. Brief.

50 Sophist, entspricht in seiner ersten Bedeutung dem, was wir einen Virtuosen
nennen. Seitdem in des Sokrates frhesten Lebensjahren zuerst Zenon aus Citium,
ein Philosoph aus der Eleatischen Schule in Unter-Italien, nach Athen kam, um,
fr gute Zahlung, die Theile der Philosophie zu lehren, die hauptschlich mit
der Rednerkunst in Verbindung stehen (Dialektik), nannten er und seine
Nachfolger sich Sophisten, welcher Name erst verrufen wurde durch der sptern
prahlerisches Scheinwissen und unredliche Verdrehungsknste, die hauptschlicg
Sokrates und seine Schule aufzudecken beflissen waren. Sokrates setzte daher
auch den Namen der Philosophie (Liebe der Weisheit) als einen bescheidneren dem
der Sophistik entgegen. Bei Pythagoras, der sich des Namens der Philosophie
zuerst bediente, hatte sie noch die Sokratische Bedeutung nicht.

51 Was Aristipp hier sagt, wird durch eine bekannte Stelle im Thetetus des
Plato besttigt.

52 Der gerechte und ungerechte Vortrag. Man sehe darber Wieland im Attischen
Museum Bd. 2 Hft. 3. S. 98 fgg., wo er den Scholiasten dahin erklrt, da
Aristophanes die beiden Kmpfer in besiederten Masken, die ihnen auch das uere
Ansehen von Streithhnen gaben, habe auftreten lassen.

53 Die ehrwrdigen Chariten (Holden), jedes Werk im Himmel ordnend.

54 Anaxagoras, kann als der letzte Philosoph aus der sogenannten Ionischen
Schule betrachtet werden. Die zu ihr gehrigen Philosophen nannte man Physiker
(Naturphilosophen) und ihre Philosophie auch die physische, weil sie
hauptschlich darauf ausging, Ursprung und Wesen der Natur zu erklren.
Anaxagoras und der Sophist Zenon brachten zu gleicher Zeit, jener die Ionische,
dieser die Italische Philosophie nach Athen, wo, besonders durch Sokrates und
seine Schler, aus beiden die neue Attische sich bildete. Wenn hier dem
Anaxagoras vorgeworfen wird, da er das Studium der Natur auf einem falschen
Wege gesucht habe, so ist die nur zum Theil wahr, und Sokrates verdankte
zuverlssig sowohl seinen physikotheologischen Beweis fr die Weisheit und Gte
Gottes, als auch seine teleologische Betrachtung der Natur dem Anaxagoras, der
unter den Griechen zuerst die Einheit Gottes als einer von der Welt
verschiedenen hchsten Intelligenz lehrte.

55 Volksleitung.


                                   8. Brief.

56 Fortleitung, nennt man diejenige Lehr- oder Beweisart, welche von einem
Einzelnen ausgeht und so viel Gleiches nach einander hinzubringt, da daraus das
ihnen gemeinsame Allgemeine gefolgert werden kann. - Neben der Induction
bediente sich Sokrates aber auch der Analogie, zufolge welcher aus der
Gleichheit in Mehrerem auf Gleichheit des Ganzen geschlossen wird.
 Sehr treffend unterscheidet Wieland hier des Sokrates Lehrmethode von seiner
Streitmethode, der Ironie, die man mit einander so sehr verwechselt hatte, da
wenig fehlte, man htte allen Katecheten Ironie zugemuthet. Vielleicht hat man's
gar gethan.
 Nur in dem, was Wieland hier von der Sokratischen Seelen-Entbindungskunst
(Meutik) sagt, scheint er mir nicht erschpfend: es ist jedoch hier der Ort
nicht, das Gesagte zu berichtigen. Darum genge die Bemerkung, da diese
zusammenhngt mit seinem Glauben an Prexistenz der Seelen und mit dem Satze,
da unser Erlernen ein Wiedererinnern sey. Bei der Untersuchung wird man von dem
Satze ausgehen mssen, da sich auch eine Seele nur von dem entbinden lt, was
sie in sich wirklich von Natur hat. Die Meutik kann sich daher nur auf
mathematische und philosophische Erkenntnisse, nicht aber auf empirische und
historische Kenntnisse beziehen, woraus von selbst folgt, da man mit Induction
und Fragkunst (Erotematik) dabei nicht auskommt.

57 Dieses Gesprch zwischen Sokrates und Euthydemus ist von Wort zu Wort das
nehmliche, welches im sechsten Abschnitt des vierten Buchs der Sokratischen
Denkwrdigkeiten zu lesen ist. Aristipp sowohl als Xenophon erzhlen es, als ob
sie dabei zugegen gewesen, welches sehr wohl Statt haben konnte, da Xenophon
sich nicht eher als im vierten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade von Athen
entfernte, um unter den Griechischen Hlfstruppen, welche der jngere Cyrus zum
Behuf seiner Unternehmung gegen den Knig seinen Bruder angeworben hatte,
Dienste zu nehmen. Xenophon und Aristipp konnten sich also etliche Jahre lang
fters in Gesellschaft des Sokrates gesehen haben, wiewohl die groe
Verschiedenheit ihrer Sinnesart, und der Umstand, da Xenophon damals schon ein
Mann von funfzig Jahren war, und berhaupt einen ganz andern Weg im Leben ging
als Aristipp, Ursache seyn mochte, da beide einander immer fremd und
gleichgltig geblieben; nur mit dem Unterschied, da dieser Mangel an Sympathie
Aristippen nicht verhinderte, dem Xenophon bei jeder Gelegenheit Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen, dieser hingegen in mehr als einer Stelle der
Memorabilien eine Abneigung gegen jenen verrth, die sogar der Billigkeit
Abbruch thut, welche man sonst in seiner Art, selbst von sehr tadelhaften
Menschen zu urtheilen, wahrnehmen kann.


                                   9. Brief.

58 Die Wielandische Uebersetzung dieser Komdie des Aristophanes s. in dem
Attischen Museum Bd. 2. - An die nun auch erschienene Vossische darf ich wohl
nicht erst erinnern.

59 Fnf Jahre vor Sokrates auf der Insel Kos geboren, ein Pythagorischer
Philosoph, schrieb erst in seinem Alter Komdien, deren 52 von ihm aufgezhlt
werden. Man kennt aus ihnen nur noch mehrere Sittensprche, und es lt sich
freilich erwarten, da ein Phytagorer nicht in den uns so anstigen Ton der
brigen Komiker Athens werde eingestimmt haben. Solcher Sittensprche fhrt
Sokrates dem Aristipp selbst, in einem Gesprch mit demselben, einige an.

60 Kratinus, Eupolis - Zwei, mit Aristophanes gleichzeitige Komiker, der erste
viel lter, aber selbst einem Aristophanes als Gegner furchtbar; der zweite
jngere scheint mit ihm in gutem Vernehmen gestanden, und ihm sogar in Einigem
Beistand geleistet zu haben. Ueber sie und berhaupt ber die Attischen komische
Bhne mu man nachlesen A.W. Schlegels Vorlesungen ber dramatische Kunst und
Literatur Bd. 1. S. 268 fgg., und Kanngieer: die alte komische Bhne in Athen.

61 Eine Art auerordentliches Gericht, worin das versammelte Athenische Volk
einen Brger, dessen Gegenwart und Einflu sie der Republik fr schdlich
hielten, auf eine bestimmte oder unbestimmte Zeit des Landes verwiesen; brigens
seiner Ehre und seinem Vermgen unprjudicirlich. W.

62 Helia hie ein ffentliches Gebude zu Athen, wo das hchste Gericht ber
Staatshndel und Staatsverbrechen, gewhnlich aus 500, in wichtigen
Angelegenheiten aus 1000, 1500 bis 2000, auch wohl aus noch mehr tausend Brgern
bestehend, seine Sitzungen hielt. Diese Richter hieen daher Heliasten. Sie
wurden jedesmal ad hoc erwhlt, und ihre Anzahl hing von dem Gutbefinden der
sechs untersten Archonten ab. W.

63 Die 50 Glieder des Senats der 500 zu Athen, welche 36 Tage lang das Prsidium
fhrten, und whrend dieser Zeit, da sie den geheimen Rath der Republik
ausmachten, im Prytaneion auf Kosten des Staats bekstiget wurden. W.

64 Die besondern Umstnde dieser Anekdote sind in Xenophons Sokratischen
Denkwrdigkeiten, im zweiten Kapitel des vierten Buchs, ausfhrlich zu lesen. W.

65 Menschen, deren Stamm das Land, wo sie wohnen, von jeher innegehabt, und also
gleichsam von selbst, wie die Bume, aus dem Erdboden hervorgewachsen war. Die
Bewohner von Attika wuten sich viel damit, solche Autochthonen zu seyn. W.

66 Anspielung auf den Charakter, welchen Aristophanes in seinen Rittern dem
unter dem Namen Demos personificirten souvernen Pbel zu Athen beigelegt,
besonders auf die Verse im ersten Act, welche ich fr diejenigen, die das
Original selbst nicht lesen knnen, aus meiner Uebersetzung (im zweiten Buch des
Attischen Museums) hierher setze. Demosthenes und Nikias sagen den Zuschauern:

Uns beiden ward ein ziemlich seltsamer
Patron zu Theil, ein sauertpfischer
Heigrt'ger Mann, der sich mit Bohnen fttert,
Viel Galle macht, auch etwas bel hrt,
Kurz, ein gewisser Demos aus dem Pnyx,
Ein grilliger, griesgrm'ger, alter Kauz.

67 Die bezieht sich auf die Nachricht des Grammatikers, der den Inhalt der
Wolken abgefat hat, da Aristophanes von des Sokrates nachmaligen Anklgern
Anytus und Melitus gedungen worden sey, die Stck zu schreiben.

68 Die Athener wollten neun Heerfhrer, weil sie die in der Seeschlacht bei
Arginuss gebliebenen Brger nicht aufgesucht und begraben hatten, zum Tode
verurtheilen. Diesem ungerechten Ausspruch widersetzte sich der einzige Sokrates
mit unerschtterlichem Muthe, trotz aller Drohungen der Anklger sowohl als des
Volks, ihn selbst vor Gericht zu ziehen.

    Ueber den in diesem Briefe verhandelten Gegenstand hatte Wieland frher im
Attischen Museum eine besondre Abhandlung geliefert: Versuch ber die Frage: ob
und inwiefern Aristophanes gegen den Vorwurf, den Sokrates in den Wolken
persnlich mihandelt zu haben, gerechtfertigt oder entschuldigt werden knne?
(Bd. 3. S. 57-100) Gegen Wielands hierin geflltes Urtheil ber Aristophanes
hatte sich der Herausgeber erklrt in seinem Artikel Aristophanes in dem
sthetischarchologischen Wrterbuch, und konnte Wielanden zuflliger Weise die
erst zeigen, als es abgedruckt war. Habe ich, sagte er, die alles gesagt, so
hatten Sie Recht, es zu bestreiten: mir ist aber, als htte ich ziemlich
dasselbe gesagt, was Sie gegen mich geltend machen. Nach etlichen Tagen gab er
mir die Nachricht, da ihm die Sache keine Ruhe gelassen habe, und wies mir nun
diesen, von mir bersehenen, Brief Aristipps nach; ich lie hierauf ein Blatt
umdrucken. - Was die Sache betrifft, so htte noch angefhrt werden mssen, da
ja auch andere Komiker vor Aristophanes schon den Sokrates auf die Bhne
gebracht hatten, und darber ist nachzusehen Kanngieer a.a.O. zu Ende.


                                   10. Brief.

69 Er scheint sogar nicht ohne Anlage zu Schwrmerei gewesen zu seyn, da er
zuweilen in Entzckungen gerieth, worin er sich seiner selbst nicht bewut war.
- Ueber das von Wieland Angefhrte s. Xenoph. Memor. Socr. 1, 1. 2, 6. 4, 3. 7.




                                   11. Brief.


70 (Das Knigthum, oder die hchste Staatsgewalt, personificirt) - Die Basileia,
auf welche Aristipp anspielt, ist nicht die (angeblich historische) Tochter des
Uranos und der Tita, deren alberne Legende Diodorus Siculus im 3ten Buche
seiner Universalgeschichte erzhlt; sondern die Basileia, die in den Vgeln des
Aristophanes, kraft eines zwischen den Vgeln und Gttern geschlossenen
Friedens, mit dem Peisthetros vermhlt wird, um ihm die Oberherrschaft ber die
Welt durch diese Verbindung zu versichern. W.

71 Tyrann, - im Griechischen Sinn ist Alleinherrscher, welcher die Regierung
sich angemat hat, Usurpator; er kann dabei der mildeste und gerechteste Regent
seyn, ist es aber nicht verfassungsmig.


                                   12. Brief.

72 Einer der sieben Weisen Griechenlands, hatte den Denkspruch: ich trage all
das Meinige bei mir - nmlich seine Weisheit.




                                   13. Brief.


73 (Stadion) - Das gewhnliche Ma der Ortsentfernung, dessen sich die Griechen
bedienten. Nach der Berechnung des Abb Barthlemy betrgt ein Stadium ein
Achtel einer Rmischen Meile, oder 941/2 Franzsische Toisen; also 5000 Stadien
gerade 189 Franzsische Meilen, zu 2500 Toisen. W.

74 Fest des Poseidon oder Neptuns. W.

75 Was von wahrer Geschichte derselben noch auszumitteln war, findet man
zusammengestellt von Fr. Jacobs in seinen Beitrgen zur Geschichte des
weiblichen Geschlechts. S. Wielands Attisches Museum Bd. 3. S. 173 fgg., und
ber ihr Verhltni zu Aristipp insbesondere S. 233. fg.

76 Eine Tochter des Priamos, besa die Gabe der Wrissagung.

77 Iynx (der Vgel Wendehals) - Ein bei den Alten berchtigtes Zaubermittel,
dessen sich die vorgeblichen Zauberknstler, Thessalischen Hexen und
ihresgleichen bedienten, um durch magische Gewalt verschmhten Liebhabern
Gegenliebe zu verschaffen. (S. Theokrits Pharmaceutria, wo der Iynx gleichsam
die Hauptrolle spielt.) In metaphorischem Sinn ist also dieses Wort mit
Liebreiz, insofern er etwas zauberisch Anziehendes ist, einerlei. W.

78 Eine Talismanische Pflanze von Homers Erfindung (Odyss. X.), welche Ulysses
vom Mercur als ein Gegenmittel gegen die Bezauberungen der schnen Circe
erhielt. W.

79 Mit dem Namen des groen Knigs bezeichneten die Griechen den Knig von
Persien, als den damals mchtigsten Monarchen.


                                   14. Brief.

80 Diese von dem Sophisten Prodikus herrhrende allegorische Erzhlung ist
hinlnglich bekannt, und es bedarf daher hier nur der Bemerkung, da Sokrates
dieselbe mitgetheilt hat in einem Gesprch, das er mit Aristipp hielt, in
Xenophons Denkwrdigkeiten des Sokrates das erste im zweiten Buch. Eine
Uebersetzung desselben hat auch Wieland im dritten Band des Attischen Museums S.
124 geliefert, und man darf, zur Wrdigung Aristipps, die von Wieland
beigefgten Anmerkungen nicht bersehen, besonders nicht die erste ber das
Verhltni zwischen Xenophon und Aristipp.

81 Kluge Migung.

82 Hippolytus, einigen unsrer Leser aus dem Euripides, andern aus der Phdre des
J. Racine oder aus seinem Nachbilde Silvio im Pastor Fido des Guarini bekannt.
W.

83 Das Frauengemach, der Harem bei den Trken, Persern, u.s.w. W.

84 Eine Hetre, die zuletzt mit einem Thessalischen Knige vermhlt wurde.

85 Die Erzhlung, welche Aristipp seiner Freundin von dem Besuch des Sokrates
bei der schnen Theodota macht, stimmt in allem Wesentlichen genau mit der
Xenophontischen im eilften Kapitel des dritten Buchs der Memorabilien berein;
wenigstens ist der Unterschied nicht grer als er gewhnlich zu seyn pflegt,
wenn ebendieselbe Begebenheit von zwei verschiedenen Augenzeugen erzhlt wird.
W.


                                   15. Brief.

86 Ueber das Zeitalter dieses, nchst Praxiteles berhmtesten, Marmorbildners
sind die Alterthumsforscher durch Plinius sehr in Verlegenheit gesetzt worden,
indem dieser ihn bei der 87sten und bei der 107ten Olympiade namhaft macht. Die
Stelle bei Plinius, worin die erste Angabe vorkommt, wird jedoch fr fehlerhaft
erklrt, und so konnte Wieland den Skopas, dessen Blthe gegen Ol. 100 fllt,
hier wohl als einen jungen Knstler einfhren. Seine Hauptwerke fhrt Plinius an
36, 4, 7, und die von Wieland angefhrten drften wohl in etwas sptere Zeit zu
setzen seyn. Bttiger (s. dessen Andeutungen S. 155 fgg.) sagt: in den Figuren
des Cupido und dem Genius der Zrtlichkeit und der schmachtenden Sehnsucht
(Eros, Himeros, Pothos), die Pausanias noch in Megara sah, wurde er Schpfer
mehrerer allegorischer Wesen, die man spter unter den Amorinen- und
Psyche-Spielen nicht immer genau genug unterschieden oder wohl gar mit Eros und
Anteros (Liebe und Gegenliebe) verwechselt hat.


                                   16. Brief.

87 Offenbar will Wieland durch diese beiden Worte einen Gegensatz andeuten, und
man knnte glauben, da er an Moritz gedacht habe, wenn er die von demselben
angegebene Rection befolgt htte, nmlich: es dnkt mich, und es ducht mir.
Dnken, sagt er, ist etwas, das sich mehr in uns selbst und aus dem
vorhergehenden Zustande unserer Seele entwickelt; es bezeichnet eine dunkle
Erinnerung oder ein dunkles unwillkrliches Urtheil, dessen wir uns selbst noch
nicht recht bewut sind. Wir fllen hier nicht eigentlich das Urtheil, sondern
es ist beinahe als ob es sich selbst fllte, und wir uns leidend dabei
verhielten. Duchten hingegen ist etwas, das erst von auenher durch einen
sinnlichen Gegenstand in unsrer Seele erweckt wird. S. deutsche Sprachlehre in
Briefen, 4te Aufl. S. 200 fg.


                                   17. Brief.

88 In dem bei Br. 14 angefhrten Sokratischen Dialog erklrt sich Aristipp gegen
Sokrates fr einen Weltbrger. Wieland bemerkt dabei ber des Sokrates Antwort:
Ich wei nicht, ob man einem Menschen, der etwas besser als der unterste unter
allen ist, etwas Hrteres und zugleich Grberes sagen kann, als was Xenophon den
Sokrates hier dem armen Aristipp ins Gesicht sagen lt; und Aristipp erscheint,
durch die gute Art, wie er diese Attische Urbanitt, aus Ehrerbietung vor dem
alten Sokrates, ertrgt (vermuthlich gegen Xenophons Absicht), in einem
vortheilhaften Lichte. - So viel kann doch wohl Sokrates sich ber Aristipp, der
nicht etwa ein armer Schlucker, sondern ein Fremder von gutem Hause und Vermgen
war, nicht herausgenommen haben, wenn er ihn im Ernste gewinnen wollte. - Es
knnte hiebei leicht von drei Seiten gefehlt seyn. Aristipp kndigt seinen
Kosmopolitismus durch die Erklrung an, da er sich an keinen Staat binden,
sondern berall wie ein Fremder leben wolle, was denn freilich die
eigenntzigste Art von Weltbrgerschaft wre; Sokrates hatte in Beziehung auf
Menschenrechte und Brgerpflichten etwas beschrnkte Grundstze; und Xenophon
stellt berall den Aristipp in Schatten, und kann nur nicht vermeiden, ihn doch
als den - selbststndigsten Schler des Sokrates darzustellen, da er sich auf
Platon nicht einlt.


                                   19. Brief.

89 Wortkargheit, wie sie den Lacedmoniern eigen war.

90 Aufseher, obrigkeitliche Wrde in Sparta.

91 Ein ziemlich beiende Anspielung auf ein eben so ungerechtes als unkluges
Unternehmen der Athener, welches noch in frischem Andenken war.

                                   20. Brief.

92 In der Attischen Stadt Eleusis, wo Ceres den Triptolemos zuerst im Ackerbau
unterrichtet hatte, wurde zum Andenken an diese fr die fortschreitende Bildung
so wichtige Begebenheit alle fnf Jahre ein Fest gefeiert, das Eleusische Fest,
die Eleusinien genannt, welches mit besondern Mysterien verbunden war. Zu den
Feierlichkeiten dieses neun Tage dauernden Festes gehrte auch eine Procession,
welche dn heiligen Korb (Kalathus) nach dem Tempel fhrte. Erlesene Jungfrauen,
in Krbchen auf dem Haupte die Heiligthmer tragend, folgten. sie hieen davon
Kanephoren oder Korbtrgerinnen.

93 Wenn es Grund htte, da eine Venus des Skopas den Beinamen Pothos (Begierde,
Sehnsucht) gefhrt htte, wie Caylus in seiner Abhandlung de la sculpture et des
sculpteurs anciens selon Pline sagt, so knnte man glauben, dieser Scherz der
schnen Lais htte zu jenem Beinamen Anla gegeben. Aber Aphrodite konnte ohne
einen Barbarism, den die Griechische Sprache nicht ertrgt, keinen mnnlichen
Beinamen, wie potos ist, fhren. Auch sagt Plinius nicht, da die Venus des
Skopas Pothos geheien habe; er nennt blo, indem er eine ziemliche Anzahl der
vorzglichsten Werke dieses Knstlers aufzhlt, eine Venus, einen Pothos und
einen Phathon, vor allen brigen: is (Scopas) fecit Venerem et Pothon et
Phathontem, qui Samothraciae sanctissimis ceremoniis coluntur. (H.N. XXXVI. 5.)
Wie dieser Pothos aber eigentlich gebildet gewesen, und vornehmlich wie er nebst
dem Phathon zu der Ehre gekommen, die ihm auf jener durch die Kabirischen oder
Orphischen Mysterien berhmt gewordenen Insel mit hochheiligen Ceremonien
erzeigt worden seyn soll, gehrt (meines Wissens) unter die noch unaufgelsten
antiquarischen Probleme. In den alten Genealogien der Gtter und Gtterkinder
findet sich kein Pothos; dem Homer ist er, als ein dmonisches Wesen, eben so
unbekannt wie Eros; und wenn Plato in seinem (von wenigen recht verstandenen)
Kratylus, den Sokrates einen spitzfindigen Unterschied zwischen Himeros, Pothos
und Eros machen lt, so spricht er von ihnen nicht als von Dmonen oder Genien,
sondern betrachtet sie blo als eine dreifache Modification des Tymos, d.i. der
leidenschaftlichen Bewegung des Gemths zu einem begehrten Gegenstand: so da
Pothos die Begierde nach einem abwesenden bezeichnet, Himeros und Eros hingegen
sich auf ein gegenwrtiges Object beziehen, aber unter sich wieder darin
verschieden sind, da die Begier, womit Himeros die Seele wie durch einen
heftigen Strom zu dem Begehrten hinreit, sich aus ihm selbst ergiet, da sie
hingegen im Eros erst durch den Gegenstand entzndet wird und von auenher durch
die Augen in die Seele strmt (eisree exoten, kai oyk oikeia estin h roh ayth to
exonti, allA epeisaktos dia ton ommaton.) So viel scheint indessen gewi, da
der Pothos des Skopas eine allegorische Person, vermuthlich ein vom Eros und
Himeros hinlnglich unterschiedener und die Sehnsucht nach einem abwesenden
Geliebten symbolisierender Genius gewesen seyn msse. Vielleicht war Skopas der
erste Knstler, der diese Personification unternahm; wenigstens scheint er sich
darin gefallen zu haben, da, nach dem Berichte des Pausanias (Libr. 1. c. 43. .
7. pag. 167. edit. Facii), auch in einem Tempel der Venus zu Megara neben den
Bildsulen des Eros und Himeros, auch eine des Pothos zu sehen war. W.

94 Eine Silbermnze, an Werth ungefhr einem Kopfstcke von 20 Kr. gleich, deren
hundert eine Mine ausmachten.

95 Einige Leser werden sich vielleicht bei dieser Stelle des

                  Non cuivis homini contingit adire Corinthum

aus Horazens Epistel an Scva, und des

                       Ad cujus jacuit Graecia tota fores

des Properz (L. II. El. 6.) erinnern. Aristipp konnte sie freilich nicht im
Sinne gehabt haben; aber das erste ist auch blo die Uebersetzung des
Griechischen Sprchworts, oy pantos andros eis Korinton estin o ploys, welches
lter als Lais und Aristipp war; und das andere knnte, mglicher Weise, fr
eine Anspielung des sehr belesenen Rmischen Dichters auf diesen Scherz des
Aristipp gehalten werden, wenn man nicht zugeben will, da zwei Personen auf
eben denselben Gedanken und Ausdruck gerathen knnen, ohne da die eine ihn
nothwendig der andern abgestohlen haben mu. W.


                                   23. Brief.

96 Landenge. Auf einem solchen schmalen Erdstreifen, der den Peloponnes mit
Attika verbindet, lag Korinth, und die brachte wohl Lais darauf, mittelst
seiner die Enge des Raumes auf die Zeit berzutragen.

97 Einem jeden, der den Phdrus des Plato im Original oder in der neuesten
Uebersetzung (von dem Herrn Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg) gelesen hat,
mu sogleich in die Augen springen, da hier von keinem andern Ahorn die Rede
seyn knne, als von dem, der durch die in seinem Schatten vorgefallne
Unterredung zwischen Sokrates und dem schnen Phdrus einer der berhmtesten
Bume in der Welt geworden ist; und so htte sich's durch ein sonderbares Spiel
des Zufalls gefgt, da die schne Lais ihre erste Bekanntschaft mit Sokrates
(um dessentwillen sie die Reise nach Athen unternahm) gerade unter diesem Ahorn
an eben dem Abend, da jenes berhmte Gesprch vorgefallen, gemacht htte.
Unglcklicherweise stt sich's (wenn wir auch andere kleine Zweifel nicht
achten wollen) an einen topographischen Umstand, der diese Zusammenkunft
unmglich zu machen scheint. Der besagte Ahorn nmlich stand ganz nahe an dem
kleinen Bach Ilissus, der aus dem Berg Hymettus ostwrts von Athen entspringt;
Lais aber kam von Megara und Eleusis auf dem entgegen gesetzten Wege her, und
htte, ohne irgend einen denkbaren Grund, einen Umweg von mehreren Meilen nehmen
mssen, um bei dem Ahorn, unter welchem Sokrates zuflliger Weise sa, vorbei zu
kommen. Da entweder sie selbst oder Plato in der Angabe des Orts so grblich
sich geirrt haben sollte, lt sich um so weniger annehmen, da beide in der
Bezeichnung desselben genau zusammenstimmen. Ich sehe also weder wie dieser
Knoten, wofern unsre Aristippische Briefsammlung cht seyn sollte, aufgelset,
noch wie der Urheber derselben, falls sie erdichtet ist, von dem Vorwurf einer
groben Unwissenheit oder Nachlssigkeit frei gesprochen werden knnte. Das
einzige Mittel aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, wre, wenn der geneigte
Leser sich gefallen lassen wollte, den Ahorn sammt dem Ilissus und dem Berg
Hymettus in Gedanken auf die Westseite vor Athen an die Strae von Eleusis zu
versetzen: eine Geflligkeit, die man ihm freilich, wofern er sich nicht aus
gutem Willen dazu bequemt, nicht wohl ansinnen kann, ob sie gleich im Grunde
nicht mhsamer wre, als wenn Mercur und Charon beim Lucian, durch die magische
Kraft etlicher Homerischer Verse den Ossa auf den Olymp, den Pelion auf den
Ossa, und zuletzt noch gar den Oeta und den Parna auf den Pelion thrmen, um
sich einen tauglichen Standpunkt zur Uebersicht des Erdkreises zu verschaffen.
W.

98 Tnaros, Vorgebirg an der uersten Spitze des Peloponnes, Athos, Berg auf
einer Halbinsel in Macedonien. Beide bezeichnen Griechenland von einem Ende zum
andern.


                                   25. Brief.

99 Eine phrygische Gottheit, die von verschiedenen Oertern verschiedene Namen
hatte, Kybele, Berecynthia u.a.

100 Obrigkeitliche Personen zu Athen, denen die Polizei des weiblichen Theils
der Einwohner dieser groen Stadt anbefohlen war. W.

101 Wird man wohl am besten kennen lernen durch Wielands Versuch ber das
Xenophontische Gastmahl im Attischen Museum Bd. 4.

102 (Beschtzerin der Stadt) - Ein Beiname der Minerva, als der Schutzgttin von
Athen. Vor dem Tempel, den sie unter diesem Namen auf der Akropolis hatte, stand
ein uralter Oelbaum, der Tradition nach eben derselbe, durch dessen
Hervorbringung die Gttin den Sieg ber den Neptun, der ihr das Schirmrecht ber
Athen streitig machte, erhalten hatte. W.

103 Die Gttin des glcklichen und unglcklichen Zufalls. W.

104 (Fltenspielerinnen) - Gewhnlich wie die Tnzerinnen und
Eitherspielerinnen, eine Classe von Hetren, welche bei Gastmhlern gedungen
wurden, die Gste mit ihrer Kunst zu unterhalten. W.

105 Ein vornehmer Athener dieses Namens bewarb sich, zugleich mit Megakles,
Alkmons Sohn von Athen und vielen andern ansehnlichen Freiern, um Agerista, die
Tochter des Klisthenes, Tyrannen von Sicyon. Der Vater wute sich nicht besser
zu helfen, als da er seine Tochter demjenigen zusagte, der bei einem
angestellten groen Gastmahl die vorzglichsten Talente beweisen wrde.
Hippokleides trieb bei diesem Wettstreit seinen Eifer so weit, da er, um eine
Kunst, worin es ihm keiner seiner Mitwerber nachthun knnte, zu zeigen, auf dem
Kopfe zu tanzen anfing. Das dnkte dem alten Herrn gar zu arg. Du hast dich um
meine Tochter getanzt, sagte er zu dem jungen Springinsfeld; ich gebe sie dem
Sohne Alkmons. Das lt Hippokleides sich nicht kmmern, erwiederte dieser, und
man fand die Antwort so merkwrdig, da sie zu einem der gemeinsten Sprchwrter
ward. W.


                                   26. Brief.

106 Welche Grundstze Sokrates ber diesen delicaten Punkt hatte, sieht man aus
Xenophons Sokratischen Denkwrdigkeiten B. 1. Kap. 3., und wie sich selbst
Antisthenes danach richtete, aus Xenophons Gastmahl.


                                   30. Brief.

107 Wenn man den Namen Lysippus hrt, denkt man gewhnlich nur an den groen
Bildhauer, der diesen Namen zu einem der berhmtesten in der Kunstgeschichte
gemacht hat. Es gab aber auch einen Komdiendichter dieses Namens, und von ihm
sind die vom Aristipp hier angefhrten Verse, die im Original also lauten:

Ei mh teteasai tas Athnas, stelexos ei.
Ei de teteasai, mh tethreysai dA, onos.
Ei dA eysareston apotrexeis, kanthlion.

S. Henr. Stephani Dicaearchi Geograph. Quaedam c. 3. (in Vol. XI. Thes. Gronov.
p. 14.) oder Hudsons Geograph. Graec. T. II. W.

108 Auer unserm Aristipp (dessen Autoritt ich hier keineswegs in Anschlag
gebracht haben will) ist Plinius der einzige alte Schriftsteller, der des hier
beschriebenen Gemldes Meldung thut; aber die Art, wie er sich darber
ausdrckt, scheint mir anzuzeigen, da er es blo von Hrensagen gekannt habe.
Hier sind seine eigenen Worte: Pinxit et demon Atheniensium, argumento quoque
ingenioso: volebat namque varium, iracundum, injustum, inconstantem, eundem
exorabilem, clementem, misericordem, excelsum, gloriosum, humilem, ferocem
fugacemque et omnia pariter, ostendere. - De la Naure in einem Memoire sur la
manire dont Pline a trait de la Peinture, ist mit dem berhmten de Piles
(Cours de Peinture p. 75. s.) geneigt zu glauben, da Parrhasius diese schwere
und beinahe unmgliche Aufgabe durch eine allegorische Composition, auf eine
hnliche Weise wie Rafael in seiner sogenannten Schule von Athen ein hnliches
Problem, nmlich eine Charakteristik der verschiednen philosophischen Schulen
und Secten unter den Griechen, aufzulsen versucht habe. Car enfin (sagt er), un
tableau allgorique du gnie d'un peuple par le moyen de plusieurs groupes, qui
en retraant des vnemens historiques de divers tems, marqueroient la
vicissitude des sentimens populaires, ne parot pas plus difficile  concevoir
qu'un tableau allgorique du gnie de la philosophie par d'autres groupes, qui
en reprsentant des personnages historiques de diffrens pays et de diffrens
sicles, indiquent la vicissitude des opinions philosophiques. Le parallle
(setzt er hinzu) semble complet, avec cette diffrence, que le sujet caustique
de Parrhasius toit dlicat  traiter: aussi Pline a-t-il insinu par le terme
il vouloit, que l'excution, ou du moins le succs, furent moins heureux que
l'invention. - Mir scheint das volebat des Plinius nichts weiter anzudeuten, als
da er sich, da er dieses sonderbare Gemlde nicht selbst gesehen hatte, aus
bescheidener Zurckhaltung nicht positiver ausdrcken wollte. Uebrigens berge
ich nicht, da ich die Idee, die uns Aristipp von diesem Gemlde gibt, und die
Art, wie das rthselhafte Problem dadurch aufgelset wird, der zwar sinnreichen,
aber dem Leser keinen klaren Begriff gebenden Hypothese des de Piles, vorziehe.
Die erheblichste Einwendung, die man gegen sie machen kann und wird, grndet
sich auf die ziemlich allgemein angenommene Meinung, weder Parrhasius noch
irgend ein anderer Griechischer Maler htte, aus Unbekanntschaft mit den Regeln
der Perspectiv, auch nur den Gedanken fassen knnen, ein Stck auf diese Art
zusammenzusetzen und zu disponiren, wie der Demos Athenon nach Aristipps
Beschreibung htte geordnet seyn mssen. Die Alten, sagt man, hatten keinen
Begriff von Vor-, Mittel- und Hinter-Grund; sie stellten auch in ihren reichsten
Compositionen alle Figuren und Gruppen auf Einen Plan, und die optischen
Gesetze, nach welchen verschiedene Krper, in verschiedenen Entfernungen aus
Einem Gesichtspunkt gesehen, verhltnimig grer oder kleiner, strker oder
matter gefrbt erscheinen, waren ihnen unbekannt. Ohne mich hier in Errterung
der Grnde einzulassen, warum ich ber diesen Punkt der Meinung des Grafen
Caylus zugethan bin (S. dessen Abhandlung ber die Perspectiv der Alten im
neununddreiigsten Band der Mmoires de Littrature), begnge ich mich zu sagen,
da ich fr den Demos des Parrhasius, so wie Aristipp dieses Gemlde beschreibt,
weiter nichts verlange, als was man den beiden groen Compositionen eines ltern
Malers, des Polygnotus, die an den beiden Hauptwnden der sogenannten Lesche zu
Delphi zu sehen waren, und wovon die eine das eroberte Troja und die Abfahrt der
Griechen, die andere den Homerischen Uly im Hades darstellte, zugestehen mu,
wenn man anders so billig seyn will, einem Maler, wie Polygnotus war,
zuzutrauen, da er die ungeheure Menge von Figuren und Gruppen, womit diese
groen Schildereien, nach dem ausfhrlichen Bericht des Pausanias, angefllt
waren, etwas ordentlicher und verstndlicher zusammengesetzt haben werde, als
dieser geschmacklose inquisitive traveller sie beschreibt. Zwar geht er, mit der
mhseligsten Genauigkeit in die kleinsten Details ein, zhlt uns alle auf dem
ganzen Gemlde vorkommende, beinahe unzhligen Personen, mit dem jedem
beigeschriebenen Namen, wie aus einer Musterrolle zu, bemerkt ob sie einen Bart
haben oder noch bartlos sind, ob ihre Namen aus dem Homer, oder aus der
sogenannten kleinen Ilias eines gewissen Lesches genommen, oder vom Polygnot
eigenmchtig erfunden worden, und was dergleichen mehr ist. Ihm ist die kleinste
Kleinigkeit dieser Art merkwrdig; z.B. da zu den Fen eines gewissen
unbedeutenden Amphiales ein Knabe sitzt, dem kein Name beigeschrieben ist; da
Meges und Lykomedes, jener eine Wunde am Arm, dieser eine an der Vorhand hat;
da nach dem Bericht des besagten Dichters Lesches, Meges seine Wunde von einem
gewissen Admet, Lykomedes die seinige von Agenorn bekommen; da der Maler dem
armen Lykomed, ohne von dem Dichter dazu autorisirt zu seyn, noch eine andere
Wunde am Schenkel und eine dritte am Kopfe geschlagen u.s.w. Und in tausend
solchen einzelnen Beschreibungen und Umstndlichkeiten, immer mit beigemischten
mikrologisch-philologischen Anmerkungen von diesem Schlage, verwirrt und
verliert der gute Mann sich selbst, seine Leser und das Gemlde, wovon die Rede
ist, dermaen, da er selbst und wir vor lauter Bumen den Wald nicht sehen
knnen. Alle diese einzelnen Personen und Sachen, die er uns so graphisch als
ihm mglich ist verzeichnet, in unserm Kopfe zusammen zu ordnen, und ein Ganzes
daraus zu machen, berlt er uns selbst. Da die eben nicht schlechterdings
unmglich sey, hat Graf Caylus durch eine der ehmaligen Acadmie des Belles
Lettres vorgelegte und von einem gewissen Le Lorrain in Kupfer getzte Zeichnung
bewiesen. (S. Descript. de deux Tableaux de Polygnote etc. im dreizehnten Bande
der Histoire de l'Acad. Roy. des Inscr. et B.L. p. 54 der Duodez-Ausgabe.)
Indessen hat Pausanias sein Mglichstes gethan, uns ber den Punkt, woran uns
jetzt am meisten gelegen ist, wo nicht gnzlich irre zu fhren, doch wenigstens
ungewi zu machen, und bei vielen den Gedanken zu veranlassen, weil er von der
malerischen Anordnung und der hierin bewiesenen Kunst des Meisters kein Wort
sagt, so msse es wohl dem Gemlde selbst daran gefehlt haben. Aber diesen
Schlu kann oder sollte doch niemand machen, der sich aus dem ganzen Werke des
Pausanias handgreiflich berzeugen knnte, da es unmglich ist weniger Sinn fr
die Kunst zu haben als er, und da alle Werke der bildenden Knste, in deren
Aufsuchung, Beaugenscheinigung und Beschreibung er so sorgfltig und mhsam war,
ihn nur insofern interessirten, als sie ihm zu dem, was zugleich sein
Hauptstudium und sein Steckenpferd war, zu mythologischen, antiquarischen,
topographischen, chronologischen, genealogischen, kurz zu allen mglichen Arten
von historischen Anmerkungen und Untersuchungen Gelegenheit gaben. Die mu
(seinen brigen Verdiensten unbeschadet) als Wahrheit anerkannt werden, oder wir
wrden genthigt seyn, uns auch von dem Olympischen Jupiter des Phidias, seiner
kalten, platten, genie- und gefhllosen Beschreibung zufolge, einen ganz andern
Begriff zu machen als wozu uns alle andern Schriftsteller des Alterthums, die
dieses erhabenen Kunstwerks erwhnen, berechtigen. Uebrigens werde ich mit
niemand hadern, der sich selbst begreiflich machen kann, wie Polygnot jene zwei
von Pausanias detaillirten Gemlde ohne einige, obgleich noch sehr unvollkommene
perspectivische Ordonnanz und Haltung der Gruppen, in welche die ungeheure Menge
von Figuren nothwendig vertheilt seyn muten, habe zu Stande bringen knnen. Ich
sage blo: waren diese groen Compositionen des Polygnotus das, was sie, nach
dem Begriff, den ich mir aus Xenophon und Plinius von diesem Knstler mache,
seyn konnten, und (wofern sie nicht ein kindisches Gemengsel ber, unter und
neben einander geklecks'ter isolirter Figuren waren) seyn muten: so drfte wohl
gegen die Mglichkeit, da Parrhasius, ein jngerer und grerer Meister als
Polygnot - ein Werk, wie das von Aristipp in diesem Briefe (nur mit etwas mehr
Kunstgefhl, als Pausanias zeigt) beschriebene Gemlde habe aufstellen knnen,
wenig Erhebliches einzuwenden seyn. Denn, wofern er, wie kein Zweifel ist, einer
von jenen summis pictoribus, formarum varietate locos distinguentibus war (
Cicero de Orat. II. 87.), so mte es nicht natrlich zugegangen seyn, wenn er
nicht so viel Menschenverstand, Augenma und Kunstfertigkeit besessen htte, als
dazu erfordert wird, den Markt zu Athen, auf einer Tafel von gehriger Gre,
ohne Verwirrung und Unnatur mit allen von Aristipp angegebenen Figuren und
Gruppen auszufllen. Und mehr verlangen wir nicht von ihm. W.

109 Eine fehlerhafte Redefigur bei den alten Grammatikern, wenn ein Wort auf
eine ungewhnliche und auffallende Art gegen seine wahre Bedeutung genommen
wird. (Die nothwendigen, und daher nicht zu tadelnden Katachresen, wovon
Quinctilian spricht, gehren eigentlich nicht in diese Rubrik, und sollten
billig einen andern Namen haben.) W.

                                   32. Brief.

110 In einer Anmerkung zu dem schon fter erwhnten Sokratischen Dialog, den man
hier etwas persiflirt zu sehen sehr begreiflich finden wird, sagt Wieland: das
Wort Liebe sollte nie so sehr mibraucht und herabgewrdigt werden, um die oft
sehr unsittliche Befriedigung eines Triebes zu verschleiern, fr welchen, sobald
er von dem reinen Zweck der Natur getrennt wird, keine Sprache ein anstndiges
Wort hat. Da der Name Aphrodite, fr Venus, allen deutschen Lesern bekannt ist,
so ducht mich, es geschehe durch den Ausdruck Aphrodisische Befriedigungen der
Pflicht, sich dem Leser verstndlich zu machen, ein hinlngliches Genge, und es
werde zugleich die hhere Pflicht beobachtet, ungleichartige Dinge nicht mit
einander zu vermengen, und einem Worte, das den schnsten und edelsten Affect
der menschlichen Seele zu bezeichnen bestimmt ist, durch einen, obgleich
wohlgemeinen Mibrauch eine so leicht vermeidliche Zweideutigkeit zuzuziehen.
Ein auslndischen Wort, insofern es nur verstndlich genug und berhaupt so
beschaffen ist, da es unter gesitteten Menschen gehrt werden kann, dnkt mich
hiezu immer das schicklichste.

111 Aristophanes verspottet fters die von Euripides in Bettlerlumpen und
berhaupt hchst lamentabel aufgefhrten Knige.

112 Antisthenes war in dem Flecken Pirum zu Hause, der zu dem Attischen Hafen
gleiches Namens gehrte, und grtentheils von Handwerkern, die der Schiffsbau
beschftigte, Matrosen, Fischern und andern zur untersten Classe des Athenischen
Volkes gerechneten Leuten bewohnt wurde. Die erklrt, was Aristipp unter
Pirischem Salz im Gegensatz mit Attischem zu verstehen scheint. W.


                                   34. Brief.

113 Was Plutarch am Schlusse seines Alcibiades von dieser Timandra sagt, pat
sehr gut zu der vortheilhaften Schilderung, welche unser Aristipp von ihr macht.
Da sie aber (wie eben dieser Autor im Vorbeigehen als etwas Ungewisses erwhnt,
der Scholiast des Aristophanes aber, wenn anders Epimandra nicht die rechte
Lesart ist, positiv versichert) die Mutter der Lais von Hykkara gewesen, scheint
dadurch schon hinlnglich widerlegt zu seyn, da Timandra in diesem Falle
wenigstens ber vierzig Jahre gehabt haben mte, als sie mit dem Alcibiades
whrend seiner Verborgenheit in einem Phrygischen Dorfe lebte. Die Lais, welche
eine Tochter der Timandra gewesen seyn soll, mte also, wofern die Sage Grund
htte, eine von den sptern Laissen gewesen seyn, die diesen durch die erste
Lais so berhmt gewordenen Namen, vielleicht der guten Vorbedeutung wegen,
angenommen haben mgen. W.

114 Das Geschft der alten Rhapsoden war, die Gesnge Homers und a. zu recitiren
und mit begeisterten Vortrgen zu begleiten. Ion, einer der berhmtesten jener
Zeit, ist durch einen Dialog Platons verewigt, der seinen Namen fhrt, und
voraus man die alten Rhapsoden sich am lebhaftesten vergegenwrtigen kann.


                                   37. Brief.

115 Sonnengott.

116 Meeresgttin.

117 Der fanatische, dem Wahnsinn hnliche Zustand, worein (wie die Alten
glaubten) diejenigen geriethen, die eine Nymphe unversehens ansichtig wurden.


                                   38. Brief.

118 Diese groe und mchtige Stadt auf der stlichen Kste von Sicilien, mit
drei Hfen, von denen zwei durch die Insel Ortygia getrennt waren, die eins der
Quartiere der Stadt ausmachte, war gegen 700 Jahre v. Ch. durch Colonisten aus
Korinth gegrndet worden. Ihre Verfassung war ursprnglich aristokratisch, und
bestand ber 200 Jahre glcklich. Nun aber wurden die alten Landeigenthmer von
denen, die an dem Landeigenthum keinen Antheil hatten, vertrieben, und es
entspann sich daraus ein lange dauernder, nur zuweilen unterbrochner Krieg,
whrend man zugleich gegen Carthago's Uebermacht zu kmpfen hatte. Die gab den
Feldherren so groe Macht, da es ihnen nicht schwer fiel, die Alleinherrschaft
an sich zu bringen. Gegen das Jahr 478 erhielt sie der treffliche Gelon, dem
sein Bruder Hieron folgte, gefeiert durch Pindars Hymnen und Xenophons
Lobschrift, jedoch als Frst keineswegs so ruhmwrdig als sein Bruder. Unter dem
dritten Bruder wurde die Demokratie wieder hergestellt, whrend deren etwa
sechzigjhriger Dauer das Project des Alcibiades gegen Sicilien ausgefhrt
wurde. Kaum war dieses glcklich vernichtet, als eine neue grere Gefahr von
Carthago her drohte, welche Dionysius I schlau benutzte, um den umgestrzten
Thron fr sich wieder herzustellen. Er regierte von 407-367 v. Chr.

119 Agrigent auf der sdlichen Kste von Sicilien war nach der Eroberung durch
die Carthager gnzlich ausgeplndert, und alle Kostbarkeiten auch aus den
Tempeln waren nach Carthago gebracht worden.

120 Auch Plutarch legt dieses Wort dem Dionysius in den Mund: Kai to toy
Dionysioy alhtes esti. Eph gar apolayein malista ths arxhs, otan taxeos a
boyletai poih. PROS HGEM. APAID. pag. 368. (Opp. Moral. edit. Xylandri.) Aus dem
Vorhergehenden und Nachfolgenden ist mir klar, da der gute Plutarch (dem es
blo darum zu thun war, bei dieser Gelegenheit eine, wiewohl sehr alltgliche,
moralische Lehre anzubringen) die Meinung des Dionysius eben so unrichtig gefat
habe als die Syrakusischen Herren, mit welchen Aristipp hier diskutiert. Der
natrlichste Sinn dieses Frstenworts, oder vielmehr der einzige, den es ohne
Verdrehung und Deutelung darbietet, scheint derjenige zu seyn, welchen Aristipp
darin gesehen hat. W.


                                   39. Brief.

121 S. Diod. Sic. 13, 112.


                                   43. Brief.

122 Gesetzgeber.

                                   44. Brief.

123 Anspielung auf die Reise der Homerischen Gtter zu den unstrflichen
Aethiopen an des Okeanos Fluth, d.i. ans Ende der Erde, von wo sie je nach zwlf
Tagen zu dem Olymp zurckkehrten. Wem es um Erklrung zu thun ist, der sehe
Dorneddens Neue Theorie zur Erklrung der Griechischen Mythologie.

124 Sie lautete wie sie im Tempel der Demeter, als dem Staats-Archiv, aufbewahrt
wurde, so: diese Klage hat angestellt und beschworen Melitos, des Melitos Sohn
der Pittheer gegen Sokrates des Sophroniskos Sohn aus dem Alopekischen Demos.
Sokrates handelt gegen die Gesetze, indem er die Gtter, die der Staat fr
solche hlt, nicht glaubt, sondern andre neue Dmonien einfhrt. Er handelt
ferner gegen die Gesetze, indem er die Jnglinge verderbt. Die Strafe sey der
Tod.

125 Bei dieser ganzen Untersuchung dient zu einer vorzglichen Erluterung die
Abhandlung ber den Proce des Sokrates in der Bibliothek der alten Literatur
und Kunst (von Heeren und Tychsen). Im zweiten Stcke S. 5. fgg. wird der dunkle
Punkt beleuchtet, bei welchem Gerichtshof Sokrates angeklagt worden sey. Sonst,
heit es, glaubte man gewhnlich, da er vor dem Areopagus gerichtet sey, und es
sind fr diese Meinung viele Grnde. Der Areopag war gleichsam das hchste
Polizei-Collegium in Athen, das ber die Sitten und Auffhrung der Brger,
besonders der Jnglinge, die Aufsicht hatte. Da S. vorzglich als
Jugendverderber angeklagt ward, so scheint diese Sache am natrlichsten vor
diesen Gerichtshof zu gehren. Auch urtheilte der Areopag ber Neuerungen, und
richtete, auer den Blutsachen, besonders in Sachen, die die Religion betrafen.
Plutarch erzhlt, Euripides habe nicht laut sagen drfen, da er die Gtter des
Volks lugne, aus Furcht vor der Ahndung des Areopagus; und ebenso sagt Justin
der Mrtyrer, da Plato wegen seiner neuen Lehre von Einem Gott den Areopag
gefrchtet habe. Ferner beruft man sich auf die Beispiele Theodors des Atheisten
und des Apostels Paulus, die beide vor dem Areopag belangt wurden; der letztere
aus eben dem Grunde wie Sokrates, weil er neue Gtter lehrte. Allein so
scheinbar einige dieser Grnde sind, so sind dagegen Schwierigkeiten, die sich
nicht heben lassen. Die Zahl der Richter, die in der Sache des Sokrates saen,
ist zu gro. Es wird erzhlt, da 281 Stimmen mehr gewesen, die den S.
verurtheilt als ihn lossprachen, und da von den letztern zuletzt noch 80 gegen
ihn gestimmt htten. Die gbe wenigstens 361 Richter, so viel wohl nie im
Areopagus gewesen sind. Auch kommt in keiner der Apologien eine Spur vom Areopag
vor, oder von den diesem ehrwrdigen Gericht eigenen Gebruchen, welches doch
sicher zu erwarten wre. Ferner schickt sich das, was Plato den S. sagen lt,
da seine Richter Demthigungen und Erflehungen ihres Mitleids und Gnade von ihm
erwarteten, gar nicht zum Areopagus, wo alle diese Mittel, die Gerechtigkeit zu
beugen, strenge verboten waren. Plato endlich lt den S. am Tage seiner
Verurtheilung vor der Halle des Knigs wandeln, was sich zum Areopagus, der
unter freiem Himmel Gericht hielt, gar nicht schickt. Aus diesen Grnden wird
wahrscheinlich, da die Sache des S., wenn sie gleich, der alten Einrichtung
Solons gem, eigentlich vor den Areopagus gehrte, doch vor einem der
Volksgerichte gefhrt sey, wozu die Ursachen in der damaligen Verfassung Athens
lagen. Der Areopagus hatte durch die Verwaltung des Perikles von seinem Ansehen
und seinen Geschften so viel verloren, da ihm in diesen Zeiten fast blo die
Blutsachen brig geblieben, und die Religionssachen zu den Volksgerichten
gezogen zu seyn scheinen. Schon lange vor Sokrates wurden Aspasia und
Alcibiades, die beide hnlicher Vergehungen gegen die Religion beschuldigt
waren, nicht vor dem Areopag, sondern vor einem Volksgericht angeklagt. Man
knnte sogar muthmaen, da in diesem Jahre gar kein Areopag existirt habe, weil
in den vorhergehenden Jahren die ganze Verfassung Athens erschttert und unter
den 30 Tyrannen wenigstens keine Archonten gewesen waren, aus welchen allein der
Areopag bestand. Dann wre ein Grund gefunden, warum die Feinde des S. gerade
dieses Jahr zu ihrer Anklage gewhlt htten, weil sie eher hoffen konnten, die
Richter in einem der Volksgerichte zu blenden und einzunehmen, als die
ehrwrdigen Mitglieder des Areopags. Das Gericht, vor welchem S. angeklagt
wurde, war hchst wahrscheinlich das Heltastische; ein Gerichtshof, der nach dem
Areopagus der angesehenste und grte in Athen war.

126 Dieser berhmte Redner bot dem S. eine Schutzrede an, die dieser aber nicht
annahm, weil eine knstliche Vertheidigung sich fr seinen Charakter nicht
schicken wrde. Cic. de Orat. 1, 54.

127 Weil dieser berhmte Centaur eine Art von Ritterakademie in Thessalien
hatte, wo auch Achilles seine Bildung erhielt, so steht er hier statt Erzieher
berhaupt.


                                   45. Brief.

128 Der Lederhndler, der nach Perikles sich zum Haupt der Athenischen
Staatsverwaltung emporschwang, wird von Aristophanes in den Rittern als ein
grober und ungeschlachter Schreier geschildert.

129 Das personificirte Volk, welches Aristophanes ebenfalls auf die Bhne
brachte; auf diese Schilderung wird hier hingedeutet.

130 Ein auf einem Hgel gelegenes, halbkreisfrmiges Gebude, zu
Volksversammlungen (Ekklesia) bestimmt, in der Nhe des Marktes von Athen.

131 Abkmmling von dem letzten Athenischen Knige, Kodrus.

132 Wie die berhmte Zaubrerin Medea in ihrem Zauberkessel ein Mittel bereitete,
wodurch Aeson, ihres geliebten Jasons Vater, seine Jugend wieder erhielt,
erzhlt ausfhrlich Ovid im 7ten Buch der Verwandlungen.


                                   46. Brief.

133 S. unter den Anm. S. 296 Prytanen.

134 Plato im Phdon erzhlt, da, als Theseus nach Kreta segelte, die bedungenen
Jnglinge dem Minos als Tribut zu bringen, die Athener dem Apollon eine
jhrliche heilige Sendung nach Delos gelobten, wofern sie gerettet wrden. Sie
wurden gerettet, und das Gelbde erfllt. Von der Zeit des Abgangs bis zur
Rckkunft des heiligen Schiffes durfte in Athen kein Todesurtheil vollzogen
werden.




                                   48. Brief.


135 Auch zur Verstndni dieses Briefes verweisen wir auf die schon erwhnte
Abhandlung ber Athens Verfassung.

136 Anspielung an die pratoras trioboloy des Aristophanes in den Rittern. S.
Attisches Museum. 2. Bd. W.


                                   49. Brief.

137 S. die Anm. zu Peregrinus Proteus, Bd. 16.

138 Name einer der Furien.


                                   50. Brief.

139 Weibliches Gespenst, dem man nachsagte, da es Menschen fresse. Vergl. die
Anm. zu Agathodmon, 3. Buch, 14. Abschn. Bd. 18.

140 Hier mit Anspielung auf den Kunstausdruck der Maler, welche nasses Gewand
jene Bekleidung nennen, durch welche die natrlichen Formen des Krpers
durchscheinen.


                                   51. Brief.

141 Man vergleiche, was in besonderer Beziehung auf Aristophanes ber Sokrates
von Schnelle gesagt ist in seinem Werke: welche classische Autoren, wie und in
welcher Folge - - soll man auf Schulen lesen? Bd. 2. S. 901. fgg. Gewi mute
Sokrates vielen seiner Landsleute aus diesem Gesichtspunkt erscheinen. Bei der
angefhrten Stelle ist brigens noch zu bemerken, da auch Schelle bei seinem
Urtheil ber Wielands Beurtheilung des Aristophanes keine Rcksicht auf Aristipp
mu genommen haben.

142 Sind verschiedene Arten von Schmiedeknstlern der alten Welt, von denen die
Alten eben so viel Wunderbares und Geheimnivolles berichten, als die Neuern von
den Freimaurern. Beide sind sich in der That hnlich genug, und eine zwischen
ihnen gezogene Parallele knnte gar nicht uninteressant seyn, und vielleicht
mehr aufklren als die meisten bisherigen Untersuchungen darber.

143 S. Wielands Abhandlung: die Pythagorischen Frauen.

144 S. Diod. Sic. 14, 44. fgg.

145 Diese Anekdoten erzhlt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20.,
bei welchen Stellen die Erklrer nachsehen knnen, wer das Genauere darber
kennen will.

146 Diese Anekdoten erzhlt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20.,
bei welchen Stellen die Erklrer nachsehen knnen, wer das Genauere darber
kennen will.

147 Busiris wird als ein Aegyptischer Knig genannt, der seiner Grausamkeit
wegen verrufen war, und man erzhlt besonders von ihm, da er die Fremden, die
in sein Land kamen, schlachtete. Wie es sich eigentlich damit verhalte, ist hier
nicht der Ort zu untersuchen. der Einfall des Dionysius entspricht dem von
Napoleon, der von einer Apologie Nero's sprach, die, wenn ich nicht irre, auch
geliefert worden ist. Einer Lobrede auf Busiris gedenken brigens die Alten von
dem Sophisten Polykrates, von demselben, der auch zur Probe eine Anklage-Rede
gegen Sokrates verfertigte.

148 Ein wenig bekanntes Volk in Afrika; - Massageten, an der Ostseite des
Kaspischen Meeres, nhrten sich hauptschlich von Fischen.




                                   52. Brief.


149 S. die Anm. zu Agathadmon, 2. Buch, 8. Abschn. Bd. 18.


                                   53. Brief.

150 Da Kleombrot durch Lesung des Platonischen Dialogs Phdon veranlat worden
sey, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen, war aus einem Epigramm des
Kallimachus bekannt, welches die einzige Quelle dieser Anekdote zu seyn scheint.
Denn Cicero, welcher derselben im 34. Kapitel des 1sten Buchs seiner
Tusculanischen Gesprche Erwhnung thut, beruft sich auf dieses Epigramm, und
alle andern, die dieser Begebenheit erwhnen, oder ber sie rsonniren, sind um
mehrere Jahrhunderte spter, und scheinen das, was sie davon wissen, entweder
aus dem Griechischen Dichter selbst, oder aus dem Rmer geschpft zu haben. Das
Epigramm des Kallimachus lautet:

Eipas Hlie xaire Kleombrotos ombrakioths
hlatA apA yphloy teixeos eis aidhn,
Axion oyti paton tanatoy kakon, alla Platonos
en to peri pyxhs grammA analexamenos.

Rufend Sonne fahr' wohl! sprang von Ambraciens hohen
Mauern Kleombrotus einst rasch in den Hades hinab;
Nicht als htt' er etwas des Todes Werthes erlitten,
Blo weil er Platons Schrift ber die Seele durchlas.

Der Phdon (welcher vermuthlich gemeint ist) htte also bei diesem Jnger des
Sokrates vllig das Gegentheil von dem gewirkt, was er auf den Philosophen
Olympiodorus wirkte, der in seinem Commentar ber diesen Platonischen Dialog
versichert: er wrde sich schon lange ums Leben gebracht haben, wenn ihn Plato
nicht von der Unsterblichkeit der Seele berzeugt htte. Es wird wohl immer eine
unauflsliche Frage bleiben, ob die Worte des Epigramms, axion oyti paton
u.s.f. nur eine Vermuthung des Dichters sind, oder sich auf irgend ein
besonderes historisches Zeugni grnden. Da Kleombrot sich zu Ambracien
(gleichviel ob von der Stadtmauer oder von einer Felsenspitze) ins Meer gestrzt
habe, weil er Platons Phdon gelesen, scheint Thatsache zu seyn: da er es aber
aus ungeduldigem Verlangen, sich von der Wahrheit der im Phdon vorgetragenen
Lehre zu berzeugen, gethan habe, ist wenigstens ungewi, und bei weitem nicht
so wahrscheinlich als die Ursache und Veranlassung, die in dem vorliegenden
Briefe angegeben wird. So dnkt es wenigstens mir; jedem sein Recht, die Sache
anders zu sehen, vorbehalten. W.
 Die hinter Kunst versteckte Bitterkeit in dem Vorwurfe Platons hat vor Wieland
schon Demetrius der Phalereer auseinander gesetzt (de elocut. . 306). Wieland
lt, entschuldigend, den Kleombrotos allein von dem Vorwurfe getroffen werden,
und reinigt den Aristipp gnzlich von der Beschuldigung. Dir - schreibt
Kleombrot - that das verleumderische Gercht Unrecht! Dich hatte die Pflicht
nach Cyrene abgerufen! Mit dieser Behauptung steht keine in einem grellern
Contrast als die von Meiners, welcher (Geschichte d. Wiss. in Griech. und Rom
II. 649. Anm.) sagt: Aristipp unterbrach sein Wohlleben auf der Insel Aegina
keinen Augenblick, um seinem Lehrer in den Gefahren und zur Stunde des Todes
beizustehen, ungeachtet er nur um 200 Stadien von ihm entfernt war. Wren die
von Leo Allatius herausgegebenen Briefe der Sokratiker cht, so wrde der 16te
in dieser Sammlung doch nur beweisen, da Aristipp wirklich in Aegina gewesen,
aber gar nicht auf die Art, wie Meiners angibt. Woher hat er nun die erfahren?
Er beruft sich auf Diogenes den Laerter; der aber sagt 3, 36.: Platon war gegen
Aristipp feindselig gesinnt; in seiner Schrift von der Seele macht er ihm daher
bsen Leumund, indem er sagt, da er bei des Sokrates Tode nicht zugegen,
sondern in Aegina, nahe genug, gewesen sey. In der Stelle aber, welche Meiners
selbst anfhrt 2, 65 (der vorigen gedenkt er nicht), heit es blo: Xenophon
war dem Aristipp abgeneigt; auch Theodoros in seiner Schrift ber die Secten
verlsterte ihn (ekakisen), und Platon in seiner Schrift ber die Seele, wie ich
anderwrts gesagt habe, - nmlich in der vorigen Stelle. Vergebens beruft sich
Meiners dabei auf Menage (et ibi Menag.), denn ich finde nicht, da dieser ein
Wort weiter hinzufgt, sondern nur da er von der ersten Stelle auf die zweite,
und von der zweiten auf die erste verweist. So leicht hat sich also Meiners die
Verlsterung Aristipps gemacht, die am Ende ganz allein auf Platons Zeugni sich
grndet, den die brigen Zeugen selbst fr verdchtig erklren. Inde auch
Platon sagt nicht ein Wort weiter, als da Aristipp damals in Aegina gewesen
sey, und diese Thatsache wird ihm, wenigstens so viel ich wei, von niemand
bestritten. Hat also Meiners, um Aristipp schwrzer zu machen, mehr gesagt als
er durfte, so hat hingegen Wieland, um ihn weier zu machen, nicht nur weniger
gesagt als er sollte, sondern auch ganz etwas anderes, und zwar, wenn die
Nachricht gegrndet wre, da Aristipp erst nach seines Vaters Tode zu Sokrates
gereist sey, etwas durchaus Falsches. Wre es blo um einen Roman zu thun
gewesen, so wrde Wielands Rechtfertigung in den Gesetzen des Romans selbst
liegen: da es ihm aber offenbar um eine Charakteristik zu thun ist, so fragt man
billig nach seinen Grnden. Wie es scheint, hatte er keine anderen als da 1)
Platon selbst die Thatsache als bloes Gercht anfhrt, 2) da Diogenes von
Platons Anfhrung als von einer Verlsterung spricht, da 3) der vor Aristipps
Abreise erfolgte Tod seines Vaters keineswegs erwiesen ist und da 4) Aristipp
von Aegina aus mehrmals Reisen machte. Die schien ihm vielleicht hinreichend zu
der Erlaubni, seine Neigung, durch etwas vernderte Stellung in Berichten der
Anekdotentrger und Sammler ein Verdammungsurtheil abzuwenden, auch hier zu
befriedigen. Bis inde ein anderer so glcklich seyn wird auszufinden, was ich
nicht habe ausfinden knnen, da Aristipp wirklich nicht in Aegina gewesen sey,
wird mir der Wunsch bleiben, Wieland mchte, statt eine Thatsache zu lugnen,
lieber anders motivirt haben: den beabsichtigten Zweck htte er doch erreicht.


                                   54. Brief.

151 Plato stammte aus einem patricischen Geschlechte in Athen. Dropides, ein
Bruder des Athenischen Gesetzgebers Solon, war der Aeltervater der Mutter
Platons; Dropides stammte in gerader Linie von Kodrus, dem letzten Knige von
Athen, und Kodrus war in der fnften Generation ein Abkmmling von dem Knige
von Pylos und Vater Nestors, Neleus, einem vorgeblichen Sohne Poseidons oder
Neptuns (nach Plutarch und Diogenes von Laerte.) Dieser Genealogie zufolge nennt
hier Aristipp den Plato ein wenig nasermpfend einen Abkmmling Poseidons. W.

152 Platon.

153 Kunst des philosophischen und sonst gelehrten Streites mit Anwendung alles
dessen, wodurch man den Gegner irre fhren und tuschen kann.


                                   55. Brief.

154 Anspielung auf die eigenen Worte Platons in der oben von Kleombrot in seinem
Briefe an Aristipp angezogenen Stelle: Wo blieb denn Plato? - Es hie er sey
unplich. W.
 Wenn es inde wahr ist, was Diogenes erzhlt, da Platon vor Gericht
aufgetreten, um den Sokrates zu vertheidigen, und nur durch einen Attischen
Scherz der Richter unterbrochen worden sey, so htte sich Platon doch viel
anders benommen als Aristipp.

155 Neben-, Bei-Werk.

156 Was das Gemth in eine sanft anziehende, ruhig vergngliche Bewegung setzt.
W.


                                   56. Brief.

157 Ein schner Jngling, den bei der Argonautenfahrt die Nymphen raubten.

158 S. Bd. 10.

159 Diogenes von Larte hat uns zwei oder drei von diesen Epigrammen
aufbehalten, wodurch Aristipp den gttlichen Plato bei seiner schnen Freundin
in den Verdacht zu bringen sucht, als ob er gegen die Reize ihres Geschlechts
unempfindlich gewesen. Der Compilator hat aber nicht vergessen, auch ein paar
andere, an eine gewisse Xantippe (vermuthlich nicht die etwas saure aber sonst
unbescholtne Hausfrau des Sokrates) und an die Hetre Archianassa beizufgen,
die unserm Briefsteller unbekannt gewesen seyn mssen, und mit welchen Plato
sich gegen jene Beschuldigung aufs vollstndigste htte rechtfertigen knnen.
Aber ernsthaft zu reden, wre nichts unbilliger als solchen jugendlichen
Scherzen, wie z.B. das Epigramm auf die alte Archianasse:

In deren Runzeln sogar druend ein Liebesgott sa߫

mehr Bedeutung beizulegen, als sie fr unbesangene Augen haben knnen. W.


                                   57. Brief.

160 Plinius erwhnt dieser beiden Stcke unter den berhmtesten Werken dieses
Meisters. Sunt et duae picturae ejus nobilissimae, Hoplitides: alter in
certamine ita decurrens ut sudare videatur; alter arma deponens ut anhelare
sentiatur. H.N.I. 35. c. 10. W.

161 Pinxit et minoribus tabellis libidines, eo genere petulantis joci se
reficiens. Plin. XXXV. 10. W.


                                   59. Brief.

162 Diese in der Natur der Sache gegrndete Weissagung ging, wiewohl etwas
spter als Aristipp glaubte, in Apelles, Protegenes und Aristides in Erfllung.
Wenn Plinius von dem letztern sagt: is omnium primus animum pinxit et sensus
omnes expressit, so kann er damit nicht haben sagen wollen, er sey der erste
(der Zeit nach) gewesen, der die Seele und das Gemth zu malen gewut habe; denn
da htte er sich selbst in dem, was er vorher an Timanthes und Parrhasius
gerhmt hatte, widersprochen: sondern nur, er habe in diesem Stck allen seinen
Vorgngern und Nachfolgern den Rang abgewonnen. W.


                                   61. Brief.

163 Die Musenknste betreibend.

164 Eine Art Ueberrock oder Mantel, von grober Wolle, der kaum ber die Knie
reichte, und worin fters die ganze Garderobe der Athenischen Brger von
geringem Vermgen bestand. W.


                                   62. Brief.

165 Eine, von Einigen zu den Kykladischen, von Andern zu den Sporadischen,
gerechnete, ganz mit Fels und Stein bedeckte Insel, wohin die Rmer
Criminalverbrecher verbannten.

166 Eine mit den schnsten Sdfrchten prangende Gegend in Nord-Afrika.

167 Tastbar.

168 Die im Unterleibe enthaltenen Eingeweide, wo nach der Meinung der Platoniker
u.a. der thierische Theil der menschlichen Seele seinen Sitz hatte. W.




                                   63. Brief.


169 Wird hier der Geist genannt, weil er, statt der materiellen Weltursache
frherer Philosophen, den Geist (noys) als Welturheber aufstellte.

170 Pythagoras.

171 Pythagoras Gemahlin.

172 Eine der reizendsten Gegenden in Ionien, am Meere zwischen Ephesus und Myus
gelegen. W.


                                   64. Brief.

173 Die Athener, heit es im Proce des Sokrates, thaten alles, um ihre
Hochachtung gegen ihn und ihren Schmerz ber den Verlust eines so wrdigen
Mannes auszudrcken. Sie schlossen die Ring- und Uebungspltze zu, wie bei einer
allgemeinen Trauer, und straften seine Anhnger mit dem Tode oder der
Landesverweisung. Dem Melitus, als Hauptklger, ward der Tod zuerkannt, und
Anytus, der sich nach Heraklea geflchtet hatte, ward von den Herakleoten noch
denselben Tag aus ihrer Stadt verwiesen. An dem Schicksal des letztern soll
Antisthenes Ursache gewesen seyn, der einige Jnglinge aus Pontus, die nach
Athen gekommen waren den Sokrates zu sehen, zum Anytus fhrte, und spttisch
sagte, das sey der Mann, den man fr weiser und tugendhafter halte als den
Sokrates. Die Athener fhlten die Wahrheit dieses Spotts so sehr, da Anytus
sogleich die Stadt rumen mute. Dem Sokrates ward eine Statue aus Bronze an dem
vornehmsten Platze der Stadt aufgestellt, und die groe Folge der ganzen
Begebenheit war, da man nach dieser Zeit kein Beispiel von einer hnlichen
Anklage und Verurtheilung in Athen findet. So suchten die Athener dem unschuldig
hingerichteten Weisen so viel Genugthuung zu geben als damals mglich war. Es
scheint ungerecht, ber diese pltzliche und heftige Reue zu spotten; denn man
mu das Volk von den Richtern unterscheiden. Das Urtheil der Richter war nicht
Urtheil des ganzen Volks, und das Betragen des letztern war nicht sowohl Reue,
als Gefhl der anerkannten Unschuld des Sokrates, und Bestreben den Fehler
einiger Brger wieder gut zu machen und von sich zu entfernen. Auch geschah
dieses nicht so pltzlich: Sokrates war 30 Tage im Gefngni, ohne da man daran
dachte das Urtheil der Richter aufzuheben. Vielmehr scheint alles nach und nach
durch seine Freunde bewirkt zu seyn, deren Vertheidigungen des Sokrates die
Athener nun mit khlerem Blut prften, und die Unschuld des Sokrates und die
Bosheit seiner Feinde entdeckten. Vielleicht trugen auch die Nachrichten von
seinem groen und standhaften Bezeigen im Gefngni dazu bei. Das Betragen des
Volks ist also die schnste Rechtfertigung sowohl fr den Sokrates, als fr die
Athener selbst. - Whrend scheint daher den Kleonidas hier sehr hart urtheilen
zu lassen, aber freilich - er lugnet auch die ganze Begebenheit. Die Grnde,
die ihn dazu bewogen, sind von Barthlemy in Bd. 5. der Reise des Anacharsis
aufgefhrt sur les prtendus regrets que les Athniens tmoignrent aprs la
mort de Socrate.

174 Plinius erwhnt dieser Anekdote im 10ten Kap. des 35sten Buchs: Magnis
suffragiis superatus a Timanthe Sami in Ajace armorumque judicio, herois nomine
se moleste ferre dicebat, quod iterum ab indigno victus esset. W.

175 Diese Vermuthung des Timanthes ist bekanntlich in vollem Ma eingetroffen.
Plinius folgte in seinem Urtheil ber den angeblichen Kunstgriff, welchen der
Maler durch Verhllung des Agamemnon angebracht haben sollte, allem Ansehen nach
blo der damals schon allgemein angenommenen und seitdem von unzhligen Neuern
(ohne nhere Untersuchung, wie es scheint) nachgesprochenen Meinung. Timanthi
plurimum adfuit ingenii; ejus enim est Iphigenia, oratorum laudibus celebrata,
qu stante ad aras peritur, eum moestos pinxisset omnes, praecipue patruum
Menelaum, cum tristitiae omnem imaginem consumsisset, patris ipsius vultum
velavit, quem digne ostendere non poterat, l. cit. Ich mte mich sehr irren,
oder die Erklrung, welche Timanth in dieser Erzhlung des Kleonidas den drei
jungen Kunstkennern gibt, bedarf keiner weitern Beweise, um fr die einzig wahre
Darstellung seines Verfahrens und der Grnde desselben erkannt zu werden. W.
 Ohne Zweifel dachte Wieland hiebei auch an das, was Lessing hierber gesagt hat
in dem Laokoon S. 34 fgg.


                                   66. Brief.

176 Ein Schler des Pythagorers Archytas von Tarent, soll die Pythagorische
Lehre zuerst ffentlich bekannt gemacht, so wie die Bewegung der Erde um die
Sonne zuerst gelehrt haben.

                                   67. Brief.

177 Wie Lais den Schlu ihrer Antwort unter den angegebenen Umstnden hat
schreiben knnen, berlasse ich denen auszumachen, welche gern Rthsel lsen.


                                   68. Brief.

178 Uebertrieben subtile und pedantische Grbler, wahrscheinlich ein von
Aristophanes in den Wolken zuerst in diesem Sinne gebrauchtes Wort. W.
 Eine ausfhrliche Abhandlung ber die Wrter Phrontis, Phrontizein, Phrontisten
und Phrontisterion hat Wieland geliefert in seinen, der Uebersetzung der Wolken
beigefgten Erluterungen (Att. Mus. II. 2, 35-47). - Vo hat das
Aristophanische Phrontisterion bersetzt durch Denkwirthschafteri, und Phrontist
(merimnoprontisths) durch Tiefsinnesdenker.

179 Anspielung auf eine merkwrdige Allegorie Platons, wodurch er zu Anfange des
siebenten Buches seiner Republik den menschlichen Zustand in Ansehung des
Wissens und Nichtwissens zu versinnlichen sucht.

180 Aus Sesamon, einer kornartigen Hlfenfrucht, bereitet, mit Honig, Kse und
Oel gemischt, war ein bei den Athenern sehr beliebtes Backwerk.

181 Es war eine alte Sitte bei den Athenern, da jeder Gast seinen eigenen
Bedienten mitbrachte, um sich von ihm bei der Tafel bedienen zu lassen, und
vornehmlich um von den verschiedenen Gerichten, wovon jedem Gast eine reichliche
Portion vorgesetzt wurde, alles was dieser nicht selbst verzehrte und was
transportabel war (z.B. Stcke gebratnen Wildbrets, Wrste, Hhner, Fische,
wildes Geflgel, Kuchen u.s.w.), in einen bei sich habenden Korb oder Sack
stecken und nach Hause tragen zu lassen. W.


                                   69. Brief.

182 Die kann sich nur auf Hippasos von Metapont beziehen, der das Feuer fr das
Grundelement hielt, wodurch in periodischem Wechsel die Welt entstehe und
untergehe.

183 Fr die menschliche Erkenntni gibt es eine doppelte Quelle, entweder die
Sinnlichkeit oder Verstand und Vernunft. Jene zeigt die Dinge nur als einzelne,
eigenthmliche, in ihrer Besonderheit, diese in ihrer Allgemeinheit, nach dem,
was allen Dingen einer Art gemeinsam ist. Hienach unterschied Platon eine
doppelte Welt, die Sinnenwelt und die Verstandeswelt (die intelligible, die nur
durch den Verstand und nicht durch den Sinn erkennbar ist). Nach seiner Ansicht
erkennt man nur in dieser Verstandeswelt die Dinge wie sie an sich sind (als
ontos onta), rein von allen zuflligen Besonderheiten in ihrem wahren Wesen,
oder, welches auf Eins hinausluft, die Ideen derselben (wobei Platon hier an
die Gattungsbilder dachte), gegen welche er die wirklichen Dinge nur als
unvollkommene Nachbilder betrachtete. Wenn sie Wieland hier als bloe Schatten
der Ontoos Ontoon, d.i., wie er oben bersetzte, der wirklich wirklichen Dinge
angibt, so geschieht es in Beziehung auf die frher erwhnte Allegorie von der
Hhle. Man vergleiche hiemit, was frher ber die Platonischen Ideen gesagt ist.

184 Personificirung abstracter Begriffe und lebloser oder wenigstens
unpersnlicher Dinge. Auch die Redefigur abwesende Personen als gegenwrtig
aufzustellen und sprechen oder handeln zu lassen, fhrt bei den Grammatikern
diesen Namen. W.

185 Trygus, im Frieden des Aristophanes, reitet auf einem Mistkfer in die Burg
Jupiters, um diesen zu befragen, was er mit dem Hellenenvolke beschlossen habe.

186 (Wolkenkukuksheim) nennt Aristophanes die Stadt, die er die Vgel unter
Anfhrung des Athenischen Abenteuerers Peisthetros den Gttern zu Trotz in die
Wolken bauen lt. W.

187 Hhlenbewohner, wurden nach dieser thierischen Lebensweise von den Alten
gewisse noch im rohesten Naturstande begriffene Menschenhorden genannt, deren
Plinius in seiner Naturgeschichte mehrere auffhrt. W.

188 (Fischesser) - Diejenige Classe der rohen Naturmenschen, die sich
hauptschlich vom Fischfang nhren. W.

189 Anthropodmon, scheint ein von Aristipp erfundenes Wort zu seyn, um damit
diejenige energische Eigenschaft der menschlichen Natur zu bezeichnen, wodurch
sie vermge einer innern Nothwendigkeit ewig der hchsten Vollkommenheit
entgegenstrebt, ohne sie gleichwohl jemals zu erreichen. W.

190 Ein Beiname der Gttin Nemesis, deren Amt war, alle aus Stolz und Uebermuth
begangenen Frevel zu rchen, und deren Ungnade man sich also, nach dem gemeinen
Glauben, durch Ungengsamkeit und allzu ppige Wnsche zuzog. W.


                                    Funoten

A1 Seine Anhnger werden Cyrenaiker genannt, auch Hedoniker, von Hedone,
Wollust, ber welche sich Wieland vielleicht am besten erklrt hat.


                                 Zweiter Band.

                                       1.

                             Kleonidas an Aristipp.

Seit einiger Zeit befindet sich ein junger Perser Namens Arasambes hier, der
groes Aufsehen macht. Er ist (um bei dem anzufangen, was zuerst in die Augen
fllt) der schnste Mann, den ich noch gesehen habe, von hoher Geburt (seine
Mutter war eine Schwester des letzten Knigs) und, wie es scheint, Herr eines
unermelichen Vermgens. Sein vor kurzem verstorbener Vater, welcher Statthalter
von Syrien gewesen war und seinen Sohn zu einer Stelle bestimmte, wo (seiner
Meinung nach) ein feineres politisches Verhltni gegen die vornehmsten
Griechischen Freistaaten dem Dienst des groen Knigs ntzlich seyn knnte,
hatte ihn zu diesem Ende schon in der ersten Jugend zu Sardes1 und Ephesus nach
Griechischer Art erziehen lassen. Er spricht unsre Sprache sehr gelufig, kennt
unsere Dichter, und in Uebungen, die sich fr eine Person seines Standes
schicken, thut es ihm hier keiner zuvor. Er verbindet morgenlndische
Prachtliebe mit Griechischem Geschmack, hat die schnsten Pferde, die jemals in
Ionien gesehen wurden, und macht sich den Milesiern durch die funkelnden
Dariken, die er in Umlauf bringt, nicht wenig beliebt.

    Du errthst leicht, Aristipp, was dir alle diese Vorboten ankndigen. Wie
htte ein so verzrtelter Gnstling der Gtter gegen die Reize des schnsten
Weibes unserer Zeit gleichgltig bleiben knnen? Es scheint vielmehr, Eros, der
sich nicht immer an ungleichen und widersinnischen Verbindungen belustigt, habe
ihn geflissentlich nach Milet gefhrt, damit er die Einzige fnde, die ihn
selbst zweifelhaft machen kann ob er ihrer Liebe wrdig sey. Kurz, Arasambes
liegt, mit adamantenen Ketten2 gebunden, zu den Fen der schnen Lais, und
erwartet von ihren Lippen die Entscheidung, ob er der glcklichste oder der
elendeste aller Sterblichen seyn soll. Sie scheint noch unentschlossen, wiewohl
ich es fr unmglich halte, da sie von so vielen Vorzgen und Versuchungen
nicht endlich berwltiget werden sollte. Aber das wunderbare Weib behlt immer
so viel Herrschaft ber sich selbst, da es noch keinem gelungen ist, ihre
schwache Seite ausfindig zu machen; und wenn sie seiner Leidenschaft endlich
nachgibt, so geschieht es gewi nicht anders, als mit Vorbehalt ihrer Freiheit,
die ihr, wie sie sagt, um den Thron des groen Knigs selbst nicht feil wre.
Auch kennt Arasambes sie schon zu gut, um sich von den reichen Geschenken, womit
er sie berhuft, viele Wirkung zu versprechen; und damit man sehe, da er
selbst keinen Werth darauf lege, schenkt er einen Perlenschmuck, der zwanzig
Attische Talente3 werth ist, mit einer Miene weg, als ob es eine vergoldete
Haarnadel wre, und blo dadurch zu etwas werde, wenn sie es anzunehmen wrdige;
aber er treibt es in dieser groen Manier so weit, da unsre Freundin fr nthig
hielt, ihm zu erklren, da sie unter keiner Bedingung weder kleine noch groe
Geschenke mehr von ihm annehmen wrde. Du weit, in welchem Grade die Zauberin
es in ihrer Gewalt hat, selbst dem Verwegensten diese Art von zurckschauernder
Ehrfurcht zu gebieten, wovon man beim Eintritt in das heilige Dunkel eines
berhmten Tempels oder Hains unfreiwillig befallen wird. Arasambes, der sie
wirklich bis zur Anbetung liebt, fhlt sich durch diese aberglubische Scheu
noch mehr als andre durchdrungen, und bedarf daher eines Vertrauten um so mehr,
da die ungewohnte Zurckhaltung seiner Leidenschaft ein peinlicher Zustand ist,
den er nicht sehr lange ausdauern knnte. Dieser Vertraute, mein Freund - bin
ich selbst, und hre, wie ich dazu gekommen bin. Bald nach meiner Zurckkunft
nach Milet gerieth ich auf den Einfall, das berhmte allegorische Mhrchen vom
Prodikus, den Hercules auf dem Scheidewege, in zwei Seitenstcken zu malen; so
da Lais in dem einen die Tugend, in dem andern die Wollust vorstellt, und (wie
du bereits errathen hast) der junge Gttersohn im einen der Erstern, im andern
ihrer reizenden Gegnerin die Hand reicht. Ich arbeitete mit Liebe an diesen
Bildern, aber so geheim, da sogar Musarion nichts davon gewahr ward. Als sie
vollendet waren, fgte sich's, da mein Perser (der schon vorher eine besondere
Zuneigung auf mich geworfen hatte, und die Kunst liebt) in meine Werkstatt kam,
und ber die beiden Bilder in ein solches Entzcken gerieth, da ich mich
genthigt sah, sie ihm zu berlassen, nachdem ich ihn mit vieler Mhe dahin
gebracht, von der Hlfte des Preises, den er selbst darauf setzte, abzustehen.
Von dieser Zeit an hat er mich zum Vertrauten und Vermittler seiner Leidenschaft
gemacht, und da Tyche4 in ihrer freigebigsten Laune unsrer verschwenderischen
Freundin nichts Angemess'neres htte zuschicken knnen als einen solchen
Liebhaber; so hoffe ich mein Geschft zu beider Theile Zufriedenheit bald und
glcklich zu Ende zu bringen.
    Wenn ich mich nicht sehr an dir irre, lieber Aristipp, so wirst du dich in
die alles wie ein weiser Mann fgen, und mit einer Freundschaft, die dir immer
ein beneidenswerthes Vorrecht vorbehalten wird, sehr wohl vorlieb nehmen knnen.

                                       2.



                             Aristipp an Kleonidas.

Die Nachrichten, die du mir von unsrer Freundin mittheilst, stimmen zu gut in
meine ppigsten Wnsche fr ihr Glck, als da sie mir nicht groe Freude
gemacht haben sollten. Die Liebe eines solchen Mannes, wie dein Perser, ist das
einzige ihrer nicht ganz unwrdige Mittel, ihre gewohnte Lebensart immer
fortzufhren, insofern sie nur von sich erhalten kann, ihrer groherzigen
Verachtung des verchtlichsten und schtzbarsten, unentbehrlichsten und
unbrauchbarsten aller sublunarischen Dinge einige Schranken zu setzen, und nur
so viel Oekonomie in ihr Hauswesen zu bringen, als der groe Knig selbst nthig
hat, wenn er mit seinen Einknften auslangen will. Da sie den prchtigen Vogel
nicht eher, als bis es ihr selbst gefllt, aus ihrem goldnen Kfig entlassen,
und hingegen fleiig dafr sorgen wird, ihre eigene Person von den verhaten
Gesetzen der morgenlndischen Gynceen frei zu erhalten, bin ich zu gewi, als
da sie hierber meines Rathes bedrfte. Es bleibt mir also nichts brig, als
mich ihres Glckes zu freuen, und zu wnschen, da sie es recht lange dauern
lasse.
    Du urtheilst sehr richtig von mir, Freund Kleonidas, wenn du mich der
Narrheit, die Sonne fr mich allein behalten zu wollen, unfhig glaubst. Eben so
wenig soll es, wie ich hoffe, jemals in die Macht einer Person oder einer Sache,
die ich liebe, kommen, sich mir in einem so hohen Grade wichtig zu machen, da
ich ihrer nicht ohne Verlust meiner Gemthsruhe entbehren knnte. Ich liebte die
schne Lais beim ersten Anblick, weil sie mir gefiel; und sie gefiel mir aus
eben der Ursache, warum mir irgend etwas gefllt, und desto mehr, je mehr sie
zugleich die Summe meiner feineren Gefhle vermehrte, und meinen Geist in die
angenehmste Thtigkeit setzte. In allem diesem ist mir's, denke ich, wie jedem
andern Menschen. Aber was ich vor meinem unbekannten Freund Arasambes und vielen
andern voraus habe, ist: da die schne Lais selbst mit allen ihren
Vollkommenheiten fr mich kein unentbehrliches, geschweige mein hchstes Gut
ist. Ich habe Augen fr alle ihre Vorzge, Sinn fr alle ihre Reize; sie ist mir
alles, was sie einem Manne von Verstand und Gefhl seyn kann; aber sie vermag
(einzelne Augenblicke vielleicht ausgenommen) wenig oder nichts ber meine
Freiheit; ich verlasse sie ohne mich losreien zu mssen, sogar wenn sie lieber
she da ich bliebe; ich komme mit dem lebhaftesten Vergngen wieder, und
scheide zum zweiten, dritten und viertenmal, immer durch den Gedanken des
Widersehens wohl getrstet und im Gleichgewicht erhalten. Indessen wrde ich
mich selbst belachen, wenn ich mir dewegen viel auf meine Weisheit zu Gute thun
wollte. Du weit da ich mit einem Frohsinn, der an Leichtsinn grnzt, geboren
bin; ich fhle mehr schnell und lebhaft als tief; ich habe Sinn fr alles Schne
und Gute, ohne Affectation einer besondern Zartheit, und das Schnere und
Bessere benimmt nach meiner Schtzung dem Geringern nichts. Bei einer solchen
Anlage war es natrlich, da die bewundernswrdige Gleichmthigkeit, wozu es
mein edler Lehrer Sokrates mit einem vielleicht nicht so lenksamen Temperamente
gebracht hatte, einen so starken Eindruck auf mich machte, da ich mir vornahm,
mich fters, auch ohne besondere Veranlassung, in Bezwingung meiner Begierden
und Schwichtigung meiner Wnsche zu ben. Kurz, ich machte mir zur Maxime: mich
in allem mit dem Guten in jedem leidlichen Grade zu behelfen, ohne hartnckig
auf dem Besten zu bestehen; und ich befinde mich bei dieser Migung so wohl,
da ich meine Dit einem jeden anrathen mchte, der es mit sich selbst so gut
meint, da er um grere Unlust zu vermeiden, lieber weniger Vergngen haben,
als Gefahr laufen will, einen Platz an der Gttertafel mit der Strafe des
Tantalus zu bezahlen. Dadurch gewinne ich den Vortheil, da ich mich auch bei
Nektar und Ambrosia bescheiden auffhre, und daher nie in den Fall kommen kann,
meinen Uebermuth so streng wie jener Gttersohn zu ben.
    Die heit viel ber sich selbst philosophirt! Brauche davon was du kannst,
und fahre fort, mir mitzutheilen, was du mir gut findest.
    Es war ein herrlicher Gedanke, Lieber, den du hattest, die schne Lais unter
zwei so entgegengesetzten und beide doch so gut passenden Charaktern
darzustellen. Du wrdest dich mir durch eine Copey von deiner eigenen Hand
unendlich verbinden, wr' es auch nur von den beiden einzelnen Figuren.
Vermuthlich setzt dein persischer Freund seine Hoffnung auf die geflligere
Gestalt, wiewohl er seine Gttin unter beiden anbetet. Gewi ist schwerlich
jemals ein schnes Weib so gleich geschickt gewesen, beide Personen zu spielen,
und sich selbst, sobald sie will, durch sich selbst auszulschen. Ein
gefhrliches Talent, welches zu mibrauchen sie, glcklicherweise, keine Anlage
hat. Indessen werde ich sie doch nie aus den Augen verlieren, um auf den Fall,
da sie eines Freundes bedrfte, immer bei der Hand zu seyn; denn auf dem
schnen, breiten und kurzweiligen Wege, den sie geht, nicht zu verirren, ist
schwerer als sie zu glauben scheint.

                                       3.



                               Lais an Aristipp.

Kleonidas hat dir das Neueste aus Milet bereits zu wissen gethan. Eine
freundliche Persische Perise5 (damit du doch siehest, da ich durch meinen neuen
Anbeter schon ein wenig gelehrter geworden bin) hat mir einen Liebhaber bis vom
Euphrates her zugeschickt; und welch einen Liebhaber! schn wie ein Medier,
liebenswrdig wie ein Grieche, und beinahe so reich wie Midas und Crsus! Denn
was wir armen Griechen tausend Drachmen nennen, ist ihm eine Hand voll Obolen;
und wie ich nthig fand, seiner bermigen Freigebigkeit mit aller Strenge
einer Gebieterin Einhalt zu thun, verwunderte sich der hoffrtige Mensch, da
ich solche Kleinigkeiten meiner Aufmerksamkeit wrdigen mge. Wirklich scheint
er eines so groen Mastabs gewohnt zu seyn, da er Geschenke, die einer Knigin
dargebracht werden drften, fr Kleinigkeiten ansieht, und sich daher
ihrentwegen weder zu der mindesten Freiheit, noch zu Erwartung einer grern
Geflligkeit von meiner Seite, berechtigt glaubt. Das sticht nun freilich von
der konomischen Manier der Shne Deukalions6, mit ihren Geliebten bei Drachmen
und Obolen abzurechnen, gewaltig ab, und thut dem edeln Achmeniden7, wie du
leicht erachten kannst, keinen Schaden bei mir. - Kurz, lieber Aristipp, dieser
Arasambes ist ein sehr gutherziger und umgnglicher Barbar8, und es ahnet mir
zuweilen, ich werde noch in starke Versuchungen kommen, zu vergessen, da ich
eine Griechin bin, und die Entfhrung der schnen Helena an allen Asiaten zu
rchen habe. Die einzige morgenlndische Unart, die ihm ankleben mag, scheint
ein ziemlicher Ansatz zur Eifersucht zu seyn, und die wre auch das einzige,
das mich zurckschrecken knnte. Wenn er nicht so viel Zutrauen zu mir fassen
kann, sich auf mein Wort ohne Riegel und Hter sicher zu glauben, so brech' ich
ab, lass' ihm alle seine Geschenke wieder zustellen, und fahre mit dem ersten
guten Winde nach Korinth zurck.
    Mein Plan mit Musarion und Kleonidas ist zu seiner Reife gediehen; sie ist
seiner Werth; und wiewohl er bisher (wenn wahre Liebe sich verhehlen liee) ihr
selbst und der ganzen Welt ein Geheimni aus dem wahren Namen seiner zrtlichen
Freundschaft zu ihr gemacht hat, so bin ich doch vllig gewi, da ich durch das
Band, das ich zwischen ihnen zu knpfen im Begriff bin, den feurigsten seiner
Wnsche befriedige.
    Du, mein weiser Freund, liegst noch immer zu Samos den meteorischen Dingen9
mit so groem Eifer ob, da ich Bedenken tragen sollte, dich mit den
Puppenspielen, die uns Kindern der Erde so wichtig scheinen, in deinen erhabenen
Anschauungen zu stren. Wie hoch du dich aber auch immer, selbst ber die
Jupitersburg und das luftige Wolkenkuckucksheim deines Freundes Aristophanes
erheben magst, so denke ich doch meine Ansprche an deine Freundschaft so leicht
nicht aufzugeben, und schmeichle mir hinwieder, da alle Pythagorischen Zahlen,
Cirkel und Dreiecke nicht vermgend seyn sollen, deine Anadyomene immer aus
deiner Erinnerung zu verdrngen.

                                       4.



                             Kleonidas an Aristipp.

Freue dich meines Glcks mit mir, Aristipp! Musarion, meine Musarion - - das war
sie, meinen Gefhlen und Wnschen nach, schon beim ersten Blick; aber, da mir
die Absichten ihrer gromthigen Vormnderin mit ihr unbekannt waren, und ich es
fr unedel hielt, ihre Zuneigung verstohlnerweise zu gewinnen, verschlo ich
meine Wnsche in meinen Busen, und hielt mich zurck sie sogar dir zu entdecken,
vor dem ich nie ein anderes Geheimni haben werde - diese Musarion, mein Freund,
ohne die fr mich kein Glck ist (halte mir diesen einzigen Zug von Ungleichheit
mit dir zu gut!), ohne die ich das reinste Glck des Lebens nie gekannt htte,
sie ist mein! Sie wird mir in einen andern Welttheil folgen! In kurzem werden
die hochzeitlichen Fackeln fr deinen Freund angezndet. Mchtest du doch in
Person gegenwrtig an unsrer Freude Antheil nehmen! Ich darf es nicht hoffen;
aber ich sehe den Tag kommen, der uns in Cyrene, vielleicht enger als jemals,
wieder vereinigen wird.
    Die schne Lais, die Stifterin meines Glcks, hat sich ihrer sich selbst
auferlegten Pflicht gegen die Tochter des Leontides auf eine hchst edle Art
erledigt, und bei den guten Aussichten, die ich in unserm Vaterlande habe,
scheint mein knftiger Wohlstand so fest gegrndet zu seyn, als es in diesem
ewigen Wogen der menschlichen Dinge berhaupt mglich ist.
    Auch der frstliche Arasambes ist dem Ziel seiner feurigsten Wnsche nah.
Lais scheint immer mehr Neigung zu ihm, er immer mehr von dem Zutrauen, das man
fr ein hheres aber wohlthtiges Wesen fhlt, zu ihr zu fassen. Er will sie
blo ihr selbst, nicht seinem Ungestm noch seinen Schtzen, zu danken haben;
und die ist, wenn ich sie recht beurtheile, gerade das Geheimni sie zu
gewinnen. Sie werden (wenigstens so lange als ihn der Knig nicht an seine
Hofstatt beruft) abwechselnd bald zu Ephesus, bald zu Sardes, bald auf den
prchtigen Gtern, die er in Lydien hat, leben, und Lais wird einen Zauberkreis
von Freuden und Scherzen, Musen und Grazien, um ihn her ziehen, der seine
Wohnung in einen Gttersitz verwandeln wird.
    Arasambes hat alles versucht, mich bei ihm zurckzuhalten: aber Umstnde und
Pflichten, und ich wei nicht welches stille aber drngende Sehnen nach der
vaterlndischen Luft, rufen mich gebieterisch nach Libyen zurck. Doch werde
ich, bis zu der Jahreszeit, die der Ueberfahrt die gnstigste ist, bei ihm
verharren, und wenn ich es irgend bewerkstelligen kann, dich, mein Freund, noch
vorher zu Samos sehen.

                                       5.



                               Aristipp an Lais.

Ich rathe dir, schnste und mchtigste der Erdentchter, opfre der Ate10
unverzglich das Kostbarste was du - entbehren kannst; denn du bist zu
glcklich, als da deine Freunde deinetwegen ruhig seyn drften. Nicht, als ob
du es fr deinen Werth je zu viel seyn knntest: sondern weil es (wie man sagt)
neidische Mchte gibt, welche nicht wollen, da die Gtter alle Schtze ihres
Fllhorns so verschwenderisch auf ein einziges sterbliches Wesen herabschtten.
    Arasambes ist, nach allem was mir Kleonidas von ihm meldet, deiner wrdig,
und nach allem was du selbst anzudeuten scheinst, dem Glcke nah' von dir dafr
erkannt zu werden. Deine Weisheit wird dich in dem goldnen Strom, worin du
schwimmst, vor Uebermuth bewahren; deine Edelmthigkeit wird in einem weiten
Kreise Glckseligkeit um dich her verbreiten; und die Klugheit, die ich dir
wnsche, wird den Gedanken an die Zukunft und die ungewisse Flchtigkeit des
Gegenwrtigen nie ganz aus deiner Seele schwinden lassen. Auch erinnerst du
dich, wie ich sicher hoffe, mitten unter den glnzenden und rauschenden Freuden,
die dich tglich umschwrmen werden, zuweilen eines Freundes, der in seiner Art
vielleicht doch einzig ist, und den du immer da, wo du ihn lieest, wieder
finden sollst. Denn weder Ort noch Zeit werden je die Gesinnungen schwchen, die
dein erster Anblick in ihm anfachte und eine Folge freudebringender Horen, im
trauten Umgang unsrer verschwisterten Seelen, zur Reife brachte. Sollte auch
eine Zeit kommen, die ihm jeden andern Genu entzge, so wird die bloe
Erinnerung an Aegina, Korinth und Milet ihm Ersatz fr alles seyn, und, so lang
er wei da du glcklich bist, ihn gegen alles, was seine Ruhe von auen
bestrmen knnte, gleichgltig machen.

                                       6.



                              Aristipp an Hippias.

Ich hre mit vielem Vergngen, da du im Begriff bist das unruhige Samos zu
verlassen und in die schne und reiche, den Frieden und die Knste des Friedens
liebende Hauptstadt von Ionien zu ziehen, wo du dich in jeder Hinsicht besser
befinden wirst; es sey da du einen wrdigen Schauplatz fr deine Talente, oder
nur einen Ort suchest, wo du, so frei und angenehm als vielleicht an keinem
andern in der Welt, einer selbst erwhlten Gesellschaft von Freunden, den Musen
und deinem Genius leben kannst. Was htte dich auch lnger in Samos zurckhalten
sollen? Ueberall, wo die Athener den Meister spielen, ist in die Lnge nicht gut
wohnen. Ich habe fters sagen hren, der Athener sey nirgends artig und
liebenswrdig als in Athen selbst; ich fr meine Person habe gefunden, da sie
allenthalben die liebenswrdigsten aller Menschen sind, sobald sie eine Ursache
haben es seyn zu wollen, und die widerwrtigsten, sobald sie jenes fr unnthig
halten. Wenn sie die zu Athen weniger zu seyn scheinen, so rhrt es vielleicht
von einer zwiefachen Tuschung her. In den Inseln sind sie die Wenigern an der
Zahl, und ihre Unarten fallen daher um so strker auf, zumal da sie gewohnt
sind, sich gegen ihre Colonien, Schutzverwandten und Unterthanen alles zu
erlauben. Zu Athen sind eben dieselben Unarten unter die ganze Masse der Brger
vertheilt, also an den einzelnen weniger auffallend, wie man sich im Lande der
Buckligen bald gewhnen wrde lauter Hcker zu sehen. Ueberdie kommt den
Athenern zu gut, da alles, was ein gebildeter Mensch nur immer zu sehen, zu
hren und zu genieen verlangen kann, so vollstndig und in einem so seltnen
Grade von Vollkommenheit in Athen vereiniget ist, da ein Fremder, der sich auf
einmal in den Mittelpunkt alles Groen, Schnen und Angenehmen versetzt glaubt,
den Glanz, den das Ganze von sich wirft, auch auf den Einwohnern widerscheinen
sieht, und das, was ihm von ihrer hlichen Seite in die Augen fllt, um so mehr
in einem mildernden Lichte betrachtet, je mehr sie sich anfangs beeifern, ihm
nur die schne und gefllige zu zeigen. Du wirst in den ersten Tagen eine groe
Aehnlichkeit zwischen den Athenern und Milesiern finden; sie dient aber nur, die
Verschiedenheit desto auffallender zu machen, welche, meines Bednkens, ganz zum
Vortheil der letztern ist. Doch ich will deinem eignen Urtheil nicht vorgreifen,
und bin vielmehr begierig, das meinige dadurch entweder besttiget oder
berichtiget zu sehen.
    Vermuthlich ist dir Xenophons Anabasis11 bereits zu Gesichte gekommen, die
seit einiger Zeit so viel von sich und ihrem Verfasser zu reden macht; oder
sollte es noch nicht geschehen seyn, so wirst du dich zu Milet leicht mit einem
Exemplar versehen knnen, denn die Nachfrage nach diesem Buch ist so stark, da
die Bibliokapelen12 von Athen und Korinth nichts Angelegner's haben, als die
Hnde aller Geschwindschreiber, die in beiden Stdten aufzutreiben sind, mit
mglichster Vervielfltigung desselben zu beschftigen. Ich glaube nicht zu viel
von diesem Werke, so beschrnkt auch der Gegenstand desselben ist, zu sagen,
wenn ich es, in Rcksicht auf die historische Kunst, mit dem berhmten Kanon des
Bildhauers Polyklet vergleiche, und behaupte, so msse jede Geschichte
geschrieben seyn, auf deren historische Wahrheit man sich verlassen knnen soll.
Die ganze Erzhlung ist wie eine Landschaft im vollen Sonnenlicht; alles liegt
hell und offen vor unsern Augen; nichts steht im Schatten, damit etwas anderes
desto strker herausgehoben werde; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und
Farbe; nichts vergrert, nichts verschnert, sondern im Gegentheil jede so
hufig sich anbietende Gelegenheit, das Auerordentliche und Wunderbare der
Thatsachen durch Colorit und Beleuchtung geltend zu machen, geflissentlich
vernachlssigt, und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen, die
Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der uern Umstnde so natrlich
verbunden, da das Wunderbarste so begreiflich als das Alltglichste wird. Ein
Maler oder Dichter, von welchem alles die gesagt werden knnte, wrde schlecht
dadurch gelobt seyn: aber was bei diesen Mangel an Genie und Kunst verriethe,
ist, nach meinem Begriff, das hchste Lob des Geschichtschreibers. Xenophon hat
es allen, die nach ihm kommen werden, schwer, wo nicht unmglich gemacht, ihn
hierin zu bertreffen. Nichts kann ungeschminkter, ja selbst ungeschmckter seyn
als die naive Grazie seines Styls; nichts einfacher und anspruchloser als seine
Art zu erzhlen; nichts kaltbltiger und unparteiischer als seine
Charakterschilderungen, die, bei aller Bestimmtheit und Schrfe der Zeichnung,
doch so sanft gehalten und beleuchtet sind, da jeder nachtheilige Zug ihm von
der Wahrheit selbst wider Willen abgedrungen scheint. Uebrigens gestehe ich
gern, da alles, was ich der Anabasis hier zum Ruhme nachsage, schlechterdings
erforderlich war, da der Verfasser im Grunde selbst der Held des Stcks ist, und
also die Einfalt und Bescheidenheit, in welche er alles Groe und Ruhmwrdige,
was ihn die Wahrheit von Xenophon zu sagen nthigt, einhllt, wofern sie ihm
nicht natrlich wre, htte heucheln mssen, um das Verdchtige und Verhate,
das der Erzhlung unsrer eignen Grothaten anzukleben pflegt, durch den Schleier
der Grazien dem Auge der Tadelsucht und Migunst zu entziehen.
    Was mir dieses Buch so besonders lieb macht, ist die Sokratische Sophrosyne,
die es von Anfang bis zu Ende athmet, und die in allem, was Xenophon sich selbst
darin denken, reden und handeln lt, so lebendig dargestellt ist, da, indem
ich lese, unzhlige Erinnerungen in mir erwachen, welche seiner an sich schon so
anziehenden Erzhlung, durch tausend feine Ideenverbindungen und leise
Beziehungen auf etwas, so ich ehemals an Sokrates wahrgenommen oder aus seinem
Munde gehrt, einen Grad von Interesse geben, den sie freilich nur fr wenige
haben kann. Indessen mu doch dieses in seiner Art einzige Buch auch fr Leser,
die kein nheres Verhltni zu Sokrates hatten, immer eines der unterhaltendsten
die unsre Sprache aufzuweisen hat bleiben, und ich mte mich sehr irren, wenn
es nicht noch in den sptesten Zeiten das Handbuch und der unzertrennliche
Gefhrte aller groen Feldherren werden sollte.
    In den letzten dreiig bis vierzig Jahren haben sich die Athener zu ihrem
grten Schaden einer Menge wild und ohne alle Cultur aus dem Boden
hervorgeschossener Heerfhrer anvertraut, die sich's gar nicht zu Sinne kommen
lieen, da Krieg fhren und einem Kriegsheere vorstehen eine Kunst sey, welche
viel Wissenschaft voraussetzt und eben so gut gelernt seyn will, wie irgend eine
andere. Xenophons Anabasis wird hoffentlich solchen Autoschediasten13 (wie
Sokrates sie zu nennen pflegte) die Augen ffnen, und ihnen einleuchtend machen,
welch eine seltene Vereinigung groer ungewhnlicher Naturgaben mit einer Menge
erworbener Talente, welche Strke und Erhabenheit der Seele, Geistesgegenwart,
Migung und Gewalt ber sich selbst, welch ein behendes, festes in der Nhe und
Ferne gleich scharf sehendes Auge, welche Sorge fr die mannichfaltigen
Bedrfnisse eines Kriegsheeres, welche Aufmerksamkeit auf die kleinsten
Umstnde, welche Voraussicht aller mglichen Zuflle, welche Fertigkeit die
gnstigen auf der Stelle zu benutzen, und was widrige geschadet haben, sogleich
wieder gut zu machen, welche Geschicklichkeit die unter ihm stehenden Menschen
zu prfen, zu lenken, zu gewinnen, und mit weiser Strenge an einen eben so
pnktlichen als willigen Gehorsam zu gewhnen, mit Einem Worte, wie unendlich
viel dazu gehre, da ein bloer Freiwilliger, wie Xenophon war als er dem Cyrus
seine Dienste anbot, sich in kurzer Zeit als einen so vollkommenen Feldherrn
zeigen knne, wie er sich whrend dieses beispiellosen Unternehmens erwiesen
hat, wo es um nichts Geringeres zu thun war, als ein Heer von zehntausend aus
allen Theilen Griechenlands zusammengerafften Kriegern, die nichts als sich
selbst und ihre Waffen hatten, aus dem Herzen des feindlichen Landes, durch eine
lange Reihe barbarischer feindseliger Vlker, ber unzugangbare Gebirge und
brckenlose Flsse, einen Weg von mehr als 25000 Stadien in ihr Vaterland zurck
zu fhren. Uebrigens ist vielleicht der wichtigste Dienst, den er durch dieses
Buch der ganzen Hellas geleistet hat, dieser: da sie sich daraus berzeugen
knnen, wie furchtbar sie den Barbaren durch ihr schwer bewaffnetes Fuvolk und
durch ihre Disciplin und Taktik sind, und welch eine leichte Sache, wofern sie
nur unter sich selbst einig wren, es seyn wrde, mit dreiig bis vierzigtausend
Griechen von einem Agesilaus oder Xenophon gefhrt, sich des ganzen ungeheuern
Perserreichs zu bemchtigen. Wenn dieser Rckzug der Zehentausend den Muth ihrer
braven Vorfahren nicht in ihnen aufzureizen vermag, dann gebe ich sie gnzlich
verloren!
    Aber wie meinst du, Hippias, da die edeln und weisen Athener einem
Mitbrger, der ihnen so groe Ehre macht, und von dessen Talenten und Charakter
sie so groe Vortheile ziehen knnten, ihre Achtung bewiesen haben? Sie fanden
sich durch seine, ihnen brigens ganz unnachtheilige Vorliebe zu den
Lacedmoniern beleidiget, und haben ihn auf ewig aus Attika hinausgewiesen. O
die Kechener!
    Wenn dir in dem reizenden Milet noch eine leere Stunde brig bleibt, die du
an deinen Freund Aristipp zu verschenken willig bist, so wird mich dein Brief zu
Rhodus finden, sofern du ihn an Lykophon, Menalippus Sohn (einen allen Schiffern
in diesen Meeren bekannten Namen) zur Bestellung empfehlen willst. L.W.

                                       7.



                              Hippias an Aristipp.

Xenophons Anabasis, welche, weil der Rckzug die Hauptsache ausmacht, eben so
gut Katabasis14 heien kann, war mir bereits bekannt, als ich deinen Brief aus
Rhodus erhielt. Auch ich habe sie mit Vergngen gelesen, und wiewohl mir ducht,
da von dem hohen Werthe, den du diesem Werke beizulegen scheinst, noch etwas
abgehen knnte, so gestehe ich doch, da es nicht leicht wre, eine an sich
selbst so wunderbare Geschichte wie der Zug und Rckzug der zehntausend Griechen
mit weniger Prunk und in einem treuherzigern Ton zu erzhlen; was das
unfehlbarste Mittel ist, einen nicht allzu mitrauischen Leser in die angenehme
Tuschung zu setzen, da er, ohne allen Argwohn durch diesen Ton selbst
getuscht zu werden, immer die reinste Wahrheit zu lesen glaubt. Ich sage die
nicht um die Aufrichtigkeit Xenophons verdchtig zu machen; indessen bin ich
gewi, von allen den Hauptleuten, die eine Rolle in dieser Geschichte spielen,
wrde ein jeder sie mit andern Umstnden erzhlt, und vieles mit andern Augen
und in einem andern Lichte gesehen haben. Wenn nun jeder von ihnen eine
Katabasis geschrieben htte, mte nicht ein unbefangener Leser fters
zweifelhaft seyn, wem er glauben sollte? Dieser Einwurf gilt gegen die
Zuverlssigkeit einer jeden Geschichtserzhlung einer Reihe von Begebenheiten,
in welche nebst dem Erzhler selbst, viele an Denkart, sittlichem Charakter,
Absichten und Interesse verschiedene Menschen verwickelt waren; und er ist um so
weniger zu heben, da er sich auf die menschliche Natur selbst grndet, und daher
schwerlich eine Ausnahme zu Gunsten irgend eines Einzelnen zult. Alles was wir
von einem solchen Erzhler zu fordern berechtigt sind, ist da er den Willen
habe, uns nichts fr wahr zu geben als was er selbst fr wahr hlt. Werden wir
dann demungeachtet getuscht, so liegt die Schuld an uns selbst, nicht an ihm.
Ich zweifle so wenig daran, da Xenophon uns nichts als reine historische
Wahrheit geben wollte, da ich vielmehr sagen mchte, er habe diesem lblichen
Vorsatz keinen geringen Theil des Vergngens aufgeopfert, das er uns htte
machen knnen, wenn er, wie Herodot, unsre Einbildungskraft etwas mehr Antheil
an seiner Erzhlung htte nehmen lassen wollen. Denn nichts kann einem
Schriftsteller leichter begegnen, als vor lauter Begierde wahr zu seyn,
langweilig zu werden. Doch dafr ist in diesem Werke gesorgt. Man kann sich
darauf verlassen, da ein Autor, der seine eigene Geschichte und Thaten erzhlt,
wofern er nicht ohne alles Genie ist, nie sehr langweilig werden wird. Solltest
du den kleinen Streich nicht bemerkt haben, Aristipp, den ihm die wunderbare
Zaubrerin, die man aus Mangel eines passendem Namens Eigenliebe nennt,
vermuthlich ohne sein Wissen und Wollen gespielt hat, ihm, so oft er uns
erzhlt, was Xenophon der Athener gedacht, gesprochen, gethan und gewollt hat,
ganz leise leise das Sokratische Ideal eines vollkommnen Feldherrn
unterzuschieben? Eine Tuschung, deren er sich um so weniger versah, da er
vermuthlich dadurch, da er von sich selbst immer in der dritten Person spricht,
eine treffliche Maregel gegen die Nachstellungen des hinterlistigen Ichs
genommen zu haben glaubte. Da er whrend dieses ganzen Kriegszuges jenes Ideal
immer vor Augen hatte, da er es zu erreichen strebte, war eines ehmaligen
Zglings und vieljhrigen Freundes des weisesten aller Menschen wrdig: aber da
er es so vollstndig in seiner eigenen Person darstellt, dabei knnte sich doch
wohl, ihm selbst unbemerkt, etwas Poesie eingemischt haben. Oder wollen wir es
ihm etwa gut schreiben, da er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen
Schwachheit, - in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu
glauben, bekennt, und uns mit der Treuherzigkeit eines Botischen Buerleins
seine Trume und noch manche andere Dinge erzhlt, die er seiner Urgromutter
nachzusagen htte errthen sollen? Ich mute laut auflachen, wie ich im vierten
Buche las, was geschehen sey, da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen
Marsche ber die Karduchischen Berge, bei einem uerst heftigen und
schneidenden Nordwind, der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies, sich durch
Ellen tiefen Schnee so mhselig durcharbeiten muten, da viele Menschen und
Thiere dabei verloren gingen. Da hie uns einer von den Wahrsagern dem Wind'
ein Opfer schlachten, sagt Xenophon mit einer Einfalt, die man fr Sokratische
Ironie halten mte, wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem glubigsten Ernst
hinzusetzte: es wurde also geopfert, und es duchte allen, da die Strenge des
Windes nachgelassen habe. - Doch dieses Geschichtchen liee allenfalls noch
eine leidliche Erklrung zu. Der Gott Boreas, der zu Athen und an mehrern Orten
Griechenlands einen Altar hat, wird vorzglich von den Arkadiern zu Megalopolis
verehrt; und beinahe der dritte Theil des Heers bestand aus Arkadiern. Der
Einfall des Wahrsagers, den Zorn dieses Gottes durch ein Opfer zu besnftigen,
war also nichts weniger als unverstndig, da er dazu diente, den Muth des
gemeinen Mannes wieder zu beleben, und die Wuth des Windes, falls sie indessen
nicht etwa von selbst nachlie, wenigstens durch die Kraft des Glaubens zu
dmpfen. Das letztere scheint auch der Fall gewesen zu seyn; denn Xenophon sagt
nicht, der Wind habe wirklich nachgelassen, sondern nur, sie htten alle
geglaubt er lasse zusehends nach. Schwerer drfte es seyn, den Menschenverstand
unsers Sokratischen Kriegshelden mit seinem berschwnglichen Glauben an die
Hieroskopie17 zu vereinigen. In der That treibt er diese Schwachheit so weit,
da man oft lieber an seiner Aufrichtigkeit zweifeln, und seine seltsame
Beharrlichkeit, sich alle Augenblicke in den Eingeweiden der Opferthiere, mit
dem blindesten Vertrauen auf ihre Entscheidung, Rathes zu erholen, fr einen
Kunstgriff halten mchte, eine aus so vielerlei verschiedenen Griechischen
Staaten gezogene, ber den schlechten Erfolg ihrer groen Erwartungen
mimuthige, widerspnstige, mitrauische, und immer zum Aufstand bereite
Mannschaft (wie die Zehntausend sich in dieser ganzen Geschichte beweisen) desto
leichter beisammen und in einiger Subordination zu erhalten. Aber man sieht sich
alle Augenblicke genthigt, diese Vermuthung wieder aufzugeben, so hufig sind
die Beispiele, wo, ohne die Voraussetzung da er an diese Art von Divination in
vollem Ernst geglaubt habe, entweder sein Betragen schlechterdings unbegreiflich
wre, oder wo sich nicht der mindeste Beweggrund ersinnen lt, warum er
vernnftigen Lesern seines Buchs die Gesundheit seines Verstandes durch eine
ohne allen Zweck vorgegebene Deisidmonie18 htte verdchtig machen wollen. Das
Sonderbarste bei der Sache ist, da er in diesem Aberglauben viel weiter geht
als sein Meister selbst, dessen Ansehen sonst so viel bei ihm gilt. Sokrates
wollte, da man nur in Fllen, wo das Orakel der Vernunft verstummt, seine
Zuflucht zu den Opferlebern oder zu den Hexametern der Pythia nehmen sollte;
Xenophon hingegen sagt zu seinen versammelten Soldaten: Ich berathe mich, wie
ihr seht, aus den Opfereingeweiden so oft und viel ich nur immer kann, so wohl
fr euch als fr mich selbst, damit ich nichts reden, denken noch thun mge, als
was euch und mir das Rhmlichste und beste ist. - Konnte und mute ihm nicht,
wenigstens in den meisten Fllen, seine Vernunft die sicherste Auskunft hierber
geben? Du wirst mir vielleicht sagen: dieser seltsamen Schwachheit ungeachtet
hat sich Xenophon bei diesem Rckzug als einen der verstndigsten,
geschicktesten und tapfersten Kriegsobersten bewiesen, die jemals gewesen sind.
- Aber wrde er die, ohne eine so lcherliche Grille, weniger, oder nicht
vielmehr in einem noch hhern Grade gewesen seyn? Bei allem dem gestehe ich
gern, da Xenophon, ein wenig Sokratische Pedanterie abgerechnet, der
polirteste, sittlichste und fr alle Lagen und Verhltnisse des ffentlichen und
Privatlebens tauglichste Mann nicht nur unter allen Sokratikern, sondern
vielleicht unter allen Griechen, so wie er noch jetzt, in einem Alter von mehr
als funfzig Jahren, einer der schnsten ist; und ich kann ihm die um so
zuversichtlicher nachsagen, da ich ihn hier zu Milet mehr als Einmal im Gefolge
des Agesilaus gesehen und gesprochen habe. Dieser Knig von Sparta scheint im
Begriff zu seyn, das, was du von einer sehr mglichen Folge des Rckzugs der
Zehntausend geweissagt hast, wahr zu machen. Aber der bse Dmon der Griechen
ist mit den Schutzgttern Persiens im geheimen Einverstndni; oder, ohne
Figuren zu reden, ihre Zwietracht und Eifersucht ber einander, die seit dem
Trojanischen Kriege die Quelle alles ihres Unglcks war, wird auch diemal die
Sicherheit des Perserreichs seyn, und es so lange bleiben, bis sich in
Griechenland selbst ein Knig erhebt, der vor allen Dingen der Unabhngigkeit
aller dieser kleinen Republiken ein Ende macht, welche sich ihrer Freiheit so
schlecht zu ihrem eigenen Besten zu bedienen wissen. Dieser Knig wird ber lang
oder kurz wie ein Gewitter ber sie her fallen, und wer wei, ob er nicht in
Sicilien oder Thessalien oder Macedonien schon geboren ist?
    Je lnger ich hier lebe, je mehr finde ich da du mir nicht zu viel von dem
Aufenthalt in Milet versprochen hast, und die Einwohner scheinen mir den Vorzug,
den du ihnen vor den Athenern gibst, tglich mehr zu rechtfertigen. Die Milesier
haben den guten Verstand, keine glnzendere Rolle in der Welt spielen zu wollen,
als wozu sie durch die Lage ihrer Stadt bestimmt sind, und scheinen sich ohne
Mhe in den Schranken zu halten, welche die Mittelmigkeit ihres Gemeinwesens
um sie her zieht. Milet ist alles was es seyn kann, indem es einer der
ansehnlichsten und blhendsten Handelspltze in der Welt ist; und sich dabei zu
erhalten, scheint ihr hchster Ehrgeiz zu seyn.
    Wie glcklich wren die Athener, wenn sie sich, seit Solon den Grund zu
ihrem ehemaligen Wohlstand legte, so wie die Milesier zu migen gewut htten!
Aber das Ansehen und der Ruhm, den sie sich in dem Zeitraum des Medischen Kriegs
erwarben, machte sie schwindlicht; seit dieser Zeit knnen sie nicht ruhig seyn,
wenn sie nicht die Ersten in Griechenland sind; aber sie knnen eben so wenig
ruhen, wenn sie es geworden sind. Mit jeder hhern Stufe, die sie ersteigen,
entdecken sie, wie viel noch fehlt um die Ersten in der Welt zu seyn; und nun
ist ihnen nichts was sie haben genug, und sie schnappen so lange nach dem
luftigen Gegenstand ihrer Unersttlichkeit, bis sie auch das verlieren was sie
hatten und durch Gengsamkeit und ein zugleich mnnliches und kluges Betragen
ewig erhalten knnten. Der Athener ist unendlich eiferschtig ber eine
Freiheit, die er nicht zu gebrauchen wei; er will blo frei seyn, damit ihm
alle andern dienen; dewegen will er es allein seyn, und unterwirft sich alles,
was nicht mchtig genug ist, ihm zu widerstehen: der Milesier ist mit so viel
Freiheit zufrieden als er zu seinem Wohlstand nthig hat, und verlangt keine
grere Macht, als die Beschtzung seines ausgebreiteten Handels erfordert.
    In beiden Stdten ist das Volk berhaupt lebhaft, witzig und zum Scherz
geneigt; aber der Milesier, ohne leicht die Grnzen der Wohlanstndigkeit und
der Achtung, die man im geselligen Umgang einander schuldig ist, zu
berschreiten. Der Witz des Atheners hingegen ist scharf und beiend; auf den
ersten Blick hat er das Lcherliche an Personen und Sachen weg, und bespottet es
mit so viel weniger Schonung, da ihm sein demokratischer Trotz und der Stolz auf
den Athenischen Namen eine Selbstgeflligkeit und einen Uebermuth gibt, den die
Fremden ziemlich drckend finden. Er sieht alles was nicht Attisch ist ber die
Achseln an, und ist immer voraus entschlossen, allem was er nicht selbst sagt zu
widersprechen. Er wei schon bei deinen ersten Worten was du vorbringen willst,
widerlegt dich ehe du ihm zeigen kannst da du bereits seiner Meinung bist,
antwortet dir auf ein ernsthaftes Argument mit einem Wortspiel oder einer
Spitzfindigkeit, und geht im Triumph davon, wenn er nur ein paar Lacher auf
seiner Seite hat. Athener und Milesier sind gesellig und gastfrei: aber wenn der
Athener dich einladet, so ist es um sich dir zu zeigen; der Milesier will, da
dir wohl bei ihm sey. Beide scheinen alles Schne, besonders in den Knsten, bis
zur Schwrmerei zu lieben: aber der Athener um darber zu schwatzen, der
Milesier um es zu genieen. Ueberhaupt sind die letztern ein frhliches,
genialisches Volk, heiter und lachend wie ihr Himmel, warm und ppig wie ihr
Boden; aber doch das letztere nicht mehr, als mit der Betriebsamkeit und dem
Handelsgeiste bestehen kann, denen sie ihren groen Wohlstand zu danken haben.
Zu Milet sehe ich jedermann in der ersten Hlfte des Tages beschftigt, um die
andre desto freier dem Vergngen widmen zu knnen. Der Reichthum hat in ihren
Augen nur insofern einen Werth, als er ihnen die Mittel zum angenehmsten
Lebensgenu verschafft: aber sie vergessen auch nie, da die Quellen desselben
durch anhaltende Thtigkeit im Flu erhalten werden mssen, und ohne eine
verstndige Oekonomie bald versiegen wrden. Die Athener bleiben, unter
unaufhrlichen Entwrfen, wie sie ohne Arbeit reich werden wollen, immer hinter
ihren Bedrfnissen zurck, und die meisten darben im Alter, oder mssen zu den
schlechtesten und verchtlichsten Hlfsquellen ihre Zuflucht nehmen; weil ein
Athener es sich nie verzeihen knnte, wenn er einen gegenwrtigen Genu einem
knftigen aufgeopfert htte. Die ist ungefhr alles, Freund Aristipp, was ich
bis jetzt von dem Unterschied in dem Charakter der Milesier und der Kechener
bemerkt habe. Da es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.
    Seit einigen Tagen erfahre ich endlich auch wieder etwas von der schnen
Lais. Sie lebt, sagt man, zu Sardes auf Kosten des bezauberten Arasambes wie
eine zweite Semiramis, und Leute, die seit kurzem von Ephesus kommen, knnen
nicht genug von der Pracht ihres Hofstaats erzhlen, und von der Menge und
Schnheit ihrer Sklaven und Sklavinnen, und von den herrlichen Festen, die ihr
zu Ehren unaufhrlich auf einander folgen; kurz von der grnzenlosen Ueppigkeit,
womit sie die Schtze ihres Liebhabers verschwendet, der es auf diesen Fu nicht
lange aushalten knnte, wenn auch alles Gold des Paktols19 und des Ganges in
seine Schatzkammer strmte. Ich zweifle nicht, da in allem diesem sehr viel
Uebertriebenes ist; doch begreift sich's, wie die Liebe zum Schnen und Groen
in der Natur und der Kunst (die einzige Leidenschaft unsrer Freundin) unter der
Herrschaft einer so fruchtbaren Einbildungskraft wie die ihrige, in weniger als
zehn Jahren einen Crsus20 zum Irus21 machen knnte. Da sie eine so betrbte
Katastrophe nicht abwarten wird, bin ich gewi, oder ich mte sie schlecht
kennen. Indessen nimmt mich's doch Wunder, was das Spiel fr einen Ausgang
nehmen wird.

                                       8.



                             Aristipp an Kleonidas.

Ich rechne es der schnen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an, da
es ihr, wie du mir schreibst, so wohl in Cyrene gefllt; nicht, als ob es mir an
kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebrche, da ich von allem, was
zu ihrem Lobe gesagt werden kann, auch nur ein Leucippisches Sonnenstubchen22
abgehen lassen wollte! Aber wir haben Athen und Korinth und Syrakus und Milet
und Ephesus gesehen; und blhete nicht Musarion in den Zaubergrten der Lais zu
Aegina auf? Wahrlich, wenn sie die Grten der Hesperiden um Cyrene zu sehen
glaubt, und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder
und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhhen um Cyrene so reizend findet, so kann
ich wohl schwerlich irren, wenn ich es einer Ursache beimesse, welche sogar die
kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres Kleonidas zur Insel der Kalypso24
fr sie machen wrde.
    Warum hat doch die Natur diesen zarten Liebessinn, der sich auf Einen
Gegenstand beschrnken und in dessen Glckseligkeit seine eigne hchste
Befriedigung finden kann, nicht auch unsrer schnen Freundin Lais eingepflanzt?
- Eine nrrische Frage, ich gesteh' es - denn da wre sie nicht Lais - Aber,
wenn ich mir vorstelle, da ein so herrliches Weib, aller Wahrscheinlichkeit
nach, in der zweiten Hlfte ihres Lebens nicht glcklich seyn wird: so kann ich
mich dennoch des Wunsches nicht erwehren, da es mglich seyn mchte, die
sanfte, gengsame, liebende Seele unsrer Musarion zu haben, und doch Lais zu
seyn. Ich sehe voraus, da der frstliche Arasambes das Glck worauf er stolz
ist, das schnste Weib des Erdbodens zu besitzen, theurer bezahlen wird als er
gerechnet hat. Ich meine damit nicht, da er seine Schtze verschwendet, um alle
ihre Tage zu Festen zu machen; das rechnet er selbst fr nichts. Aber wenn er
sehen wird, da er es, mit allem was er fr sie thut, nicht in seine Macht
bekommt, die, die ihn unendlich glcklich machen wrde wenn sie es selbst wre,
in eben dieselbe Tuschung zu versetzen, in welcher er, so lang' er sie fr
Wahrheit hielt, sich den Gttern gleich fhlte; wenn er sehen wird, da diese
Zaubrerin, die alles was ihre Augen erreichen in Flammen setzt, selbst, gleich
dem Salamander mitten im Feuer kalt bleibt, und da der Mann, der sich ihr ganz
aufopfert, wie liebenswrdig er auch seyn mag, doch immer einen alle seine
Beeifrungen vereitelnden Nebenbuhler in ihr selbst finden wird: was mu die
natrliche Folge einer solchen Entdeckung seyn? Und wie lange glaubst du, da
die stolze Lais auch nur die ersten Symptomen der Eifersucht, den stillen
Mimuth, die geheime Unruhe und die halberstickten Seufzer eines unbefriedigten
Liebhabers ertragen wird?
    Ihre ersten Briefe von Sardes waren freilich von der besten Vorbedeutung,
und htten mich, wenn ich sie nicht genauer kennte, beinahe berreden knnen,
da es dem schnen Perser gelungen sey, eine glckliche Vernderung in ihrem
Innern zu bewirken. Die Neuheit des Schauplatzes, auf dem sie im Glanz einer
Knigin auftrat; das schmeichelnde Gefhl sich von jedem, der ihr nahen durfte,
als die sichtbar gewordene Gttin der Schnheit angebetet zu sehen; eine
ununterbrochene Folge von Festen, deren immer eines das andere auslschte; die
Macht ber die Schtze ihres Liebhabers nach Gefallen zu gebieten; die fliegende
Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt, jeder ihrer leisesten Wnsche ausgefhrt
wurde; und (was vielleicht noch strker als die alles auf sie wirkte) der
Anblick der schwrmerischen Wonnetrunkenheit des glcklichen Arasambes, die ihr
Werk war, und, weil sie ihr das schmeichelhafteste Selbstgefhl gab, den Willen
in ihr hervorbrachte, ihn in der That so glcklich zu machen als es in ihrem
unerschpflichen Vermgen steht: wie htte nicht alles die auch sie in eine Art
von Berauschung setzen sollen, die der gute Arasambes fr Liebe hielt, und sie
selbst vielleicht eine Zeit lang dafr halten mochte? Aber was mir mein Herz
schon lange weissagte, scheint bereits erfolgt zu seyn. Der magische Taumel ist
vorber; das alltglich Gewordene rhrt sie nicht mehr; sie hat alles, was
tausend andre - Matronen25 und Hetren - mit Tantalischer Begierlichkeit
wnschen oder verfolgen, und nie erreichen werden, bis zur Sttigung genossen;
ihr unbefriedigter Geist verlangt neue unbekannte Gegenstnde, wnscht
vielleicht sogar die alten zurck, die aus dem Medeen-Kessel der Phantasie,
aufgefrischt und in jugendlichem Glanze, vor ihr aufsteigen. In dieser Stimmung
drfte sich ihr der Gedanke, da Arasambes sie als sein Eigenthum betrachte, nur
von ferne zeigen, sie wre fhig ihn und alles zu verlassen und nach Korinth
zurckzukommen, blo um sich selbst zu beweisen, da sie frei sey.
    Mein Verhltni zu dieser seltenen Frau war vom ersten Augenblick unsrer
Bekanntschaft an so einzig in seiner Art, als sie selbst. Wir gefielen einander,
und gleiteten in sympathetischer Unbefangenheit, auf dem sanften Strom einer
leisen Ahnung dessen was wir einander seyn knnten, still und sorglos dahin.
Nie, oder doch nie lnger als eine leichte Berauschung in Wein von Lesbos
dauert, habe ich das, was man leidenschaftliche Liebe nennt, fr sie gefhlt:
aber der wrmste ihrer Freunde werd' ich bleiben so lang' ich athme; und wie
wenig ich mir auch Hoffnung mache, da es mir gelingen werde, so will ich doch
nie aufhren ihrem bsen Genius entgegenzustreben. Sie hat nun (da sie doch
weder wnschen noch hoffen kann, Knigin von Persien zu werden) die Erfahrung
gemacht, von welcher Art die Glckseligkeit sey, die ein Geist wie der ihrige
aus dem, was gewhnlichen Menschen das Hchste ist, schpfen kann. Sollt' es
denn wirklich unmglich seyn, sie zu berzeugen, da sie, wofern sie es nur
ernstlich wollte, das einzige Gut, das ihr noch unbekannt ist, Zufriedenheit und
Seelenruhe, zu Aegina, im Schooe der Natur, der Kunst und der Freundschaft
finden knnte?
    Ich halte mich, nachdem ich den ganzen Sommer damit zugebracht habe, beinahe
alle Inseln des Ikarischen Meeres, die man die Sporaden zu nennen pflegt, eine
nach der andern zu besuchen, dermalen zu Rhodus auf, wo ich die neue Hauptstadt
dieses Namens, gleich einer prchtigen hundertblttrigen Rose in der
Morgensonne, sich ausbreiten und zu einer der schnsten Stdte, die von Griechen
bewohnt werden, emporblhen sehe. Weil ich hier sehr vieles finde, das meinem
Reiseplan zufolge meine ganze Aufmerksamkeit verdient, so gedenke ich bis zu
Anfang des Thargelions26 hier zu verweilen, und hoffe, da der Verkehr zwischen
Cyrene und Rhodus27 jetzt lebhafter als jemals ist, binnen dieser Zeit mehr als
einmal gute Nachrichten von euch zu erhalten.

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                               Lais an Aristipp.

Du, der so vielerlei wei und Neugier fr alles hat, solltest du nicht etwa ein
Mittel fr die Art von Langweile wissen, welche (wie mir ein Sohn des
Hippokrates sagt) aus allzugroem Ueberflu an Kurzweil' entspringen soll?
    Du hast dich vor einiger Zeit nach meinem Wohlbefinden erkundiget. O mein
Freund, ich bin so glcklich, so entsetzlich glcklich, da ich es vor lauter
Glckseligkeit nicht lange mehr ausdauern werde. Gnade mir Adrasteia! Sagt man
nicht, es gebe Leute, die sich weit leichter in groes Unglck als in groes
Glck zu finden wissen? Ich mu wohl eine von diesen widersinnischen Personen
seyn. Dieser Arasambes, zum Beispiel, ist unlugbar viel zu vornehm, zu reich,
zu schn, zu gefllig, zu aufmerksam und zu dienstfertig fr deine arme Lais;
und woher, um aller Grazien willen, sollte sie die ungeheure Menge von Liebe
nehmen, die sie nthig htte um die seinige zu erwiedern? Ich merke wohl, da er
mir mit guter Art zu verstehen geben will, ich brauche es nur zu machen wie er:
als da ist, mir beinahe die Augen aus dem Kopfe zu gucken, um in den seinigen zu
ersphen, was er vielleicht morgen wnschen werde; oder, wenn ich irgend eine
leichte Spur vom Schatten eines Wlkchens auf seiner breiten Stirn gewahr werde,
gleich in eine tdtliche Unruhe zu fallen, und Himmel und Erde in Bewegung zu
setzen, um die Ursache des groen Unglcks zu entdecken, und das Mittel dagegen
auf der Stelle herbeizuschaffen. Ich bertreibe nichts, Aristipp; die ist seine
Manier zu lieben, und es liegt nicht an ihm, wenn ich nicht das glcklichste
Wesen unter der Sonne bin, so unbeschreiblich beschwerlich und ngstlich ist
seine Aufmerksamkeit und sein Verlangen, mich zur seligsten aller Sterblichen zu
machen. Denn wie sollt' er je zu viel fr diejenige thun knnen, die ihn schon
durch ein zufriednes Lcheln, schon durch einen Blick, der ihm sagt, da sie
seine Aufmerksamkeit bemerkt, mitten unter die Gtter versetzen kann? Du
erinnerst dich vielleicht noch, da mir anfangs ein wenig bange war, er mchte
wohl einige Anlage zur Eifersucht haben; aber von der Art Eifersucht, womit der
arme Mensch geplagt ist, lie ich mir wenig trumen. Er ist nicht etwa darber
eiferschtig, da ich nicht zrtlich genug gegen ihn bin, oder vielleicht einen
andern lieber haben knnte als ihn: er ist es ber sich selbst, weil er immer zu
wenig zu thun glaubt, und immer einen Arasambes im Kopfe stecken hat, der noch
viel mehr thun mchte und knnte. Auch geht sein Eifer mir gefllig zu seyn, und
mir keinen mglichen Wunsch brig zu lassen, bis zum Unglaublichen. Hat er nicht
neulich zwanzig schne Hyrkanische Pferde zu Tode reiten lassen, um einen
gewissen Fisch, mit einem barbarischen Namen den ich wieder vergessen habe,
herbeizuschaffen, von welchem jemand ber der Tafel erzhlt hatte, er habe
wechselsweise gold- und purpurfarbne Schuppen, und wrde nirgends als im Ausflu
des Phasis gefangen? Ich Unglckliche lasse mir in der Unschuld meines Herzens
das Wort entfahren; diese Fische mten in einem Gartenteiche nicht bel
aussehen. Augenblicklich springt mein Arasambes auf, ist wie ein Blitz aus dem
Saal verschwunden, und in weniger als einer halben Stunde hre ich das Trampeln
einer ganzen Schwadron Reiter, die den Befehl haben, Tag und Nacht zu rennen, um
etliche Fchen voll dieser Fische, sie mchten kosten was sie wollten, vom
stlichen Ende des Euxins herbeizuholen. Du kannst nicht glauben, wie ich mich
in Acht nehmen mu, da solche Dinge nicht alle Tage begegnen. Und nun vollends
den Zwang, den ich mir anthun mu, wenn ich nicht in meinen eignen Augen die
undankbarste Person von der Welt scheinen will, ihm ber dergleichen
ausschweifende Beweise seiner sublimen Leidenschaft eine Freude zu zeigen, die
ich nicht fhle! Ich sage dir, wenn das noch lange so whren sollte, ich
behielte keinen ehrlichen Blutstropfen im Leibe!
    O mein Aristipp! was fr glckliche Zeiten waren das, wo wir in der
Rosenlaube zu Aegina, dem Altar der Freundschaft gegenber, beisammen saen, und
mit freier unbefangener Seele ber tausend Dinge philosophirten, die uns im
Grunde wenig kmmerten, und wenn uns nichts mehr einfallen wollte, die Lcke mit
Scherzen und Tndeln ausfllten, und ohne uns das Wie? und Warum? und Wie viel
oder Wie wenig? anfechten zu lassen, einander gerade so glcklich machten, als
jedes zu seyn wnschte und fhig war! - Welch eine groe Wahrheit sagt Sophokles
in seiner Antigone:

Wr' auch dein ganzes Haus mit Reichthum angefllt,
Und lebtest du in kniglichem Prunke,
Fehlt Frohsinn dir dabei, so gb' ich nicht
Den Schatten eines Rauchs um alles das!

Wahr! wahr! Und wut' ich es nicht vorher? Wozu hatte ich nthig, mich durch
eigene Erfahrung davon zu versichern? - Freilich, ich war eine Thrin! Aber die
krzesten Thorheiten sind die besten. Muthe mir also nicht zu, da ich es hier
lnger aushalte. Nein, Trauter! meine Entschlieung ist genommen, und da ich
nicht gleich auf der Stelle davon laufe, hngt blo an einer einzigen
Schwierigkeit. Du weit, ich mag alles gern mit guter Art thun. Arasambes hat
nichts als Gutes um mich verdient. Er selbst mu unsre Trennung wnschen, mu
mir noch Dank dafr wissen, wenn ich meiner Wege gehe. Die auf eine feine und
ungezwungene Art herbeizufhren, ist, so wie die Sachen jetzt stehen, keine
leichte Aufgabe. Ich habe zwar ein ganz artiges Plnchen in meinem Kopfe; nur
das Mittel zur Ausfhrung liegt noch im Schooe der Gtter. Aber, wie gesagt,
meine Geduld reicht nicht mehr weit; und wenn der Zufall, der bei allen
menschlichen Dingen doch immer das Beste thun mu, sich meiner nicht bald
annimmt, so stehe ich dir nicht dafr, da ich nicht, in einem Ansto von guter
Laune, dem edeln Arasambes den Antrag mache, nach Leukadia28 mit mir zu reisen,
und Hand in Hand den berchtigten Sprung mit mir zu wagen, der uns beide, ihn
von seiner nie befriedigten Liebe, mich von der Last sie zu dulden und nicht
erwiedern zu knnen, auf Einmal befreien wrde.

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                               Aristipp an Lais.

Du wrest wahrscheinlich die erste, schne Lais, die den Sprung von Leukadia
thte, um eine Glckseligkeit los zu werden, wegen welcher du von allen Schnen
Griechenlands beneidet wirst. Hoffentlich soll es dazu nicht kommen, wenn anders
die Leidenschaft des kniglichen Arasambes nicht von einer so unzerstrbaren
Natur ist, da alle Mittel sich hassen zu machen, die ein reizendes Weib in
ihrer Gewalt hat, an ihm verloren gehen sollten. Du wrdest mich billig
auslachen, wenn ich mir herausnhme, den Delphin (wie das Sprchwort sagt)
schwimmen zu lehren, und dir einige dieser Mittel vorzuschlagen, die ich fr
unfehlbar halte! Ich sehe wohl, es liegt nicht daran, da du sie nicht kennen
solltest, du kannst dich nur nicht entschlieen Gebrauch davon zu machen; und
freilich wr' es eine seltsame Zumuthung, von dir zu verlangen, da du weniger
liebenswrdig seyn solltest, weil ein anderer das Unglck hat, dir mit seiner
Liebe beschwerlich zu seyn. Doch getrost, meine Freundin, ich sehe das Ende
deiner unerhrten Leiden schneller, als du hoffest, heran rcken. Wre die
Schwrmerei, womit der arme Arasambes behaftet ist, wechselseitig gewesen, so
wrde sie sich wie alles Uebermige, schon lang' erschpft haben. Blo der
Umstand, da ihm immer noch so viel zu wnschen brig bleibt, und da du ihn
immer ahnen lssest, du httest noch weit mehr zu geben, ist die Ursache, da
seine Leidenschaft gerade durch das, was andre Liebhaber gewhnlich abkhlt,
immer heier werden mu. So lang' er noch hoffen kann, dich endlich eben so warm
zu machen als er selbst ist, verdoppelt er seine Bemhungen; wenn er aber alles
versucht hat ohne seinem Ziele nher gekommen zu seyn, was bleibt ihm brig? Er
mu und wird endlich, vielleicht ohne sich's gestehen zu wollen, ermden. Du
wirst immer zerstreuter und kaltsinniger, er, dem deine leisesten Bewegungen
nicht entgehen, immer unruhiger und mimuthiger werden. Er wird es unnatrlich
finden, da so unendlich viel Liebe dich nicht endlich berwltigen knne, und
wird nicht aufhren, die Ursache davon ergrnden zu wollen. Unvermerkt wird eine
Eifersucht sich seiner bemchtigen, die desto peinlicher fr ihn seyn wird, da
sie keinen Gegenstand hat, und du selbst, deiner vorsetzlichen Langweiligkeit
unbeschadet, immer eine heitre Stirne zeigst, alles vermeidest, was Verdacht in
ihm erregen knnte, und alles thust, was dein Verlangen ihm gefllig zu seyn
beweisen kann. Du tanzest so oft und so lang' er will; singst, sobald er es zu
wnschen scheint, ohne dich einen Augenblick bitten zu lassen; kleidest und
putzest dich immer nach seinem Geschmack, und bedankst dich fr einen Phnix29,
den er mit schweren Kosten aus Panchaia fr dich kommen lt, eben so artig als
fr einen Blumenstrau aus seinen Grten; kurz, du thust alles, was ein Mann
nach einer zwanzigjhrigen Ehe von der gutartigsten Hausfrau nur immer erwarten
kann. Wenn er diese Dit lnger als sechs Wochen aushlt, so nenne mich den
unwissendsten aller Menschen! Nun versuch' es, und sag' ihm, in einer Stunde, wo
du seine feurigsten Liebkosungen mit der matronenhaftesten Wrde und Ruhe
geduldest hast: wie zrtlich auch die Sympathie zwischen zwei Liebenden seyn
mge so sey es doch wohl gethan, sich von Zeit zu Zeit einer kleinen Trennung zu
unterwerfen; bitte um seine Einwilligung zu einer Luftvernderung in Aegina,
und rathe ihm auf etliche Monate nach Susa oder Ekbatana zu gehen; du wirst
sehen, da er sich mit der besten Art von der Welt dazu bequemen wird. Mein
Dmonion mte mich zum erstenmale betrgen, Laiska, wenn die nicht das
unfehlbarste Mittel ist, uns binnen zwei Monaten in deiner Rosenlaube zu Aegina,
unter den Augen der freundlichen Grazien - wieder zu sehen!

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                               Lais an Aristipp.

Im Vertrauen zu dir gesagt, Aristipp - mir steigt zuweilen ein kleiner Zweifel
auf, ob ich nicht eine sehr unartige verkehrte Person und eine Thrin obendrein
sey, da ich es ordentlich drauf anlege und mir alle mgliche Mhe gebe, einen
Liebhaber los zu werden, welchen mit Vulcanischen Fesseln zu umwinden und fest
zu halten, jede andere an meiner Stelle zum einzigen Ziel aller ihrer Gedanken
und Bestrebungen machen wrde. Du siehest hieraus, da ich noch nicht ganz mit
mir selbst einverstanden bin; vielmehr mu ich besorgen, da Arasambes noch
einen geheimen Anhang in meinem Herzen hat, der vielleicht nur desto
gefhrlicher ist, weil er sein Wesen im Verborgenen treibt. Woran hange ich denn
hier noch? Des hofmigen Prunks und Pomps, der Sardanapalischen Tafeln30, des
lstigen Gewimmels von Eunuchen und Sklavinnen, bin ich berdrssig, und die
ewigen Feste in morgenlndischem Geschmack machen mir lange Weile. Es ist wahr,
eine Zeit lang fand ich Vergngen daran, mich selbst mit Erfindung und Anordnung
einer Menge mannichfaltiger, hier nie gesehener Ergtzungen fr Aug' und Ohr zu
beschftigen. Die geschicktesten Baumeister, Bildhauer und Maler Ioniens, die
berhmtesten Tonknstler, Schauspieler, Tnzer und Tnzerinnen wurden
angestellt, die Kinder meiner ppigen Phantasie zur Welt zu bringen. Aber auch
diese Quelle ist vertrocknet. Kurz, ich habe nur noch ein einziges Gefhl, das
lebhaft genug ist mich zu berzeugen, da ich nicht schon unter den Schatten im
Hades herum gleite, und das ist - die Ungeduld, die mich zuweilen anwandelt,
mich auf meinen Thracischen Goldfuchs, einen unmittelbaren Sohn des Aeolus, zu
schwingen und ohne Abschied davon zu rennen. Stnde mir, wie der glcklichen
Medea, auf den ersten Wink ein Drachenwagen zu Dienste, so wre ich in diesem
Augenblick - bei dir zu Rhodus, wofern ich anders nicht besorgen mte, dich ein
wenig bermthiger zu machen, als einem Sokratischen Philosophen geziemen will.
Da die nicht angeht, so habe ich mich endlich doch, gern oder ungern, zu dem
Mittel herablassen mssen, das du mir vorgeschlagen hast - weil du nicht zu
fhlen scheinst wie unwrdig es meiner ist. Dafr mu ich dir aber auch zum
Troste sagen, es schlgt trefflich an, und knnt' ich es nur ber mein Herz
bringen damit fortzufahren, so glaube ich beinahe selbst, es wrde alles wirken,
was du dir davon versprichst. Aber ich gestehe dir meine Schwachheit, wenn es
ihm (was ich jetzt selten begegnen lasse) endlich einmal gelungen ist, mich auf
meinem Sopha allein zu finden, und ich ihm, in Antwort auf die zrtlichsten
Dinge, die er mir mit allem Feuer der ersten unbefriedigten Leidenschaft sagt,
deiner Vorschrift zufolge, mit der matronenhaftesten Klte so holdselig als
mglich ins Gesicht geghnt habe, und der arme Mensch, vor Erstaunen ber die
Schnheit meiner zweiunddreiig Perlenzhne, mitten in einer zrtlichen Phrase
stecken bleibt und den trostlosesten Blick auf meine ruhigen spiegelhellen Augen
heftet, - da kommt mich ein solches Mitleiden mit ihm an, da es mir unmglich
ist meine Hausfrauenrolle fortzuspielen; und ich schme mich dir zu sagen, schon
mehr als einmal hat sich eine solche Scene so geendigt, da ich vorhersehe, dein
Mittel wrde mich, wenn ich es fortbrauchen wollte, mehr zurck als vorwrts
bringen.
    Glcklicherweise hat sich eine Gttin meiner angenommen, deren besondere
Gunst ich in meinem Leben schon oft genug erfahren habe, um es meine erste Sorge
seyn zu lassen, wenn ich nach Aegina zurckkomme, ihr einen kleinen Tempel vom
schnsten Lakonischen Marmor zu erbauen. Dieser Tage lt sich ein Cilicischer
Sklavenhndler bei mir melden, und bietet mir eine junge Sklavin aus Kolchis an,
die (wie er sich sehr hflich ausdrckte) wofern Lais unter die Sterblichen
gerechnet werde, an Schnheit die zweite in der Welt sey. In der That
berraschte mich ihre Gestalt, als sie aus dem dreifachen Schleier, der sie
allen profanen Augen unsichtbar gemacht hatte, wie der Vollmond aus einem
Gewlbe hervor trat, und in dem zierlichen Anzuge einer jungen Korbtrgerin31
der Athene oder Demeter32 vor mir stand. Schwerlich hast du jemals so groe, so
schwarze und so blitzende Augen gesehen, von schnerm Ausschnitt, und die das
Hygron, das die Dichter und Maler der Aphrodite geben, in einem so hohen Grade
gehabt htten, noch Lippen, die so unwiderstehlich zum Ku herausfordern, wie
Anakreon sagt! Ich nahm sie sogleich ins Bad mit mir, und ich knnte dir ber
das Erstaunen, womit wir einander beide ansahen, sonderbare Dinge erzhlen, wenn
sie nicht unter die unaussprechlichen gehrten. La dir genug seyn, Aristipp,
da ich gewi bin, durch den glcklichsten Zufall gefunden zu haben, was ich
lange vergebens htte suchen knnen, und da Arasambes diesem Iynx nicht
widerstehen wird. Kurz und gut, ich habe mir mit tausend blanken Dariken eine
Nebenbuhlerin erkauft, die mir in kurzem die Wonne verschaffen soll, mein
geliebtes Griechenland wieder zu sehen, und die herzerquickende Luft der
Freiheit wieder zu athmen, auer welcher ich nicht gedeihen kann. Das Mdchen
scheint nicht ber sechzehn Jahre alt, ist eine Griechin von Geburt und
absichtlich fr das Gynceum irgend eines Persischen Satrapen erzogen; denn sie
singt und spielt verschiedene Instrumente sehr gut, tanzt wie eine Nymphe, und
wei ihre groen funkelnden Augen meisterlich zu regieren. Das ist aber auch
alles. Indessen fehlt es ihr nicht an Anlage; sie besitzt ein treffliches -
Gedchtni, und wenn sie noch etliche Duzend Lieder von Anakreon und Sappho und
Korinna auswendig gelernt und einige Wochen mit meinen Grazien gelebt hat, soll
sie es mit allen Timandren und Theodoten zu Athen aufnehmen knnen.

                                      12.



                               Lais an Aristipp.

Mein Anschlag ist gelungen. Arasambes lt sich gefallen - Aber ich eile vor
lauter Freude mir selbst zuvor, und sage dir zuerst, was ich zuletzt sagen
sollte. Die Sache verdient mit Herodotischer Umstndlichkeit erzhlt zu werden.
Die schne Perisne (so nennt sich meine knftige Stellvertreterin) befand sich
kaum ein paar Tage im Innern meines Gynceums, als schon im ganzen Palaste von
nichts als der Schnheit der neu gekauften Sklavin die Rede war. Viele hatten
sie im Vorbeigehen gesehen, nur Arasambes konnte nicht zu diesem Glcke
gelangen; denn in denjenigen von meinen Zimmern, in welche er zu allen Zeiten
einzugehen die Freiheit hat, war sie nie zum Vorschein gekommen, und er fand
mich beim Morgenbesuch immer von meinen gewhnlichen Aufwrterinnen umgeben.
Nach einigen Tagen merkte ich, da er so aussah, als suchte er etwas bei mir,
das sich nicht finden lassen wollte; aber ich that als ob ich nichts she, und
der arme Mensch mute sein Anliegen endlich gern oder ungern zur Sprache
bringen. - Ich hre, liebe Lais, du hast eine sehr schne Sklavin gekauft. -
Eine Sklavin? sagte ich, als ob ich mich nicht gleich besinnen knne. - Eine
junge Griechin aus Kolchis - Ach! diese? Eine Griechin darf keine Sklavin seyn,
Arasambes; ich habe sie bereits frei gelassen, und behalte sie nur so lange bei
mir, als es ihr selbst bei mir gefllt. - Ist sie wirklich so schn als man
sagt? Sie ist nicht bel; ein paar Medeenaugen, und die Stimme einer Sirene. -
Es ist wenigstens etwas Neues. Knnte man sie nicht einmal zu hren bekommen?
- Sehr gern, zu hren und zu sehen, lieber Arasambes; ich denke nicht da sie
dir sehr gefhrlich seyn wird. - Du stellst dir vor, Aristipp, da er mir etwas
sehr Artiges erwiederte, und ich versprach ihm mit der zutraulichsten Miene,
gleich diesen Abend eine Musik in meinem Saale zu veranstalten, wobei sich die
kleine Perisne hren lassen sollte.
    Alles ging nach Wunsche. Die Kolcherin erschien in einem zierlich einfachen
Putz, eher zu viel als zu wenig eingewindelt, doch so, da von der Eleganz ihrer
Formen, wenigstens fr die Einbildung wenig verloren ging. Sie schlug ihre
groen Augen jungfrulich nieder, errthete, und spielte die Verlegenheit, die
ihrem Stand und Alter ziemt, mit vieler Natur. Schon hatte sie ein paar Lieder
von Anakreon gesungen, und auf etlichen Instrumenten mit eben so viel Anstand
als Fertigkeit geklimpert, ohne da sie mehr als zwei-oder dreimal einen
schchternen Versuch machte, die Augen halb aufzuschlagen, und unter den langen
schwarzen Wimpern hervorzublinzen. Aber endlich wagte sie es, mitten in der
feurigsten Stelle einer Sapphischen Ode ihren schnen Kopf zu erheben, und,
nachdem sie die weit offnen Augen eine kleine Weile Blitz auf Blitz hatte herum
schieen lassen, heftete sie einen so seelenvollen durchdringenden Blick auf
Arasambes, da er von Marmor htte seyn mssen, wenn dieser Blick nicht, wie der
schrfste Pfeil von Amors Bogen, in seiner Leber stecken geblieben wre. Zwar
wre es jedem andern, als mir, kaum mglich gewesen, eine Vernderung an ihm
wahrzunehmen, so gut wei er (wie alle Perser von Stande) in Gegenwart anderer
Personen das Aeuerliche einer vornehmen Unempfindlichkeit zu behaupten. Aber
ich war ihm zu nahe und beobachtete ihn zu scharf, um mich durch den kalten
einsylbigen Beifall, den er der schnen Sngerin ertheilte, und am wenigsten
durch die ungewhnliche Lustigkeit, die er nach Endigung der Musik den ganzen
Abend ber heuchelte, irre machen zu lassen. Am folgenden Tage war keine Rede
mehr von der Kolcherin; auch am zweiten und dritten nicht. Arasambes kam alle
Augenblicke auf mein Zimmer, bald zu sehen wie ich mich befinde, bald mir einen
Blumenstrau zu bringen, bald mich ber etwas um Rath zu fragen, bald etwas zu
holen, das er hatte liegen lassen. Eine seltsame Lebhaftigkeit trieb ihn von
einem Ort zum andern; er war zerstreut, hatte immer etwas zu fragen, und hrte
selten was ihm geantwortet wurde. Am vierten Tage fing diese Unruhe an, uns
beiden peinlich zu werden. Es war hohe Zeit, alles mit guter Art so
einzurichten, da er den berhmten Tonknstler Timotheus (den ich vor einiger
Zeit von Milet nach Sardes hatte kommen lassen) in meinem Zimmer antraf,
beschftigt die junge Perisne einen neuen Dithyramben von seiner Composition
singen zu lehren. Der Meister wollte sich zurckziehen, als Arasambes herein
trat; aber ich winkte ihm zu bleiben. Es ist dir doch nicht entgegen, sagte ich
zu Arasambes, da Timotheus in seiner Lection fortfahre? Der Mensch hatte die
grte Mhe, seine Freude hinter ein kaltes ganz und gar nicht zu verbergen.
Unvermerkt klrte sich sein ganzes Wesen wieder auf; er setzte sich der Musik
gegenber auf den Sofa, sprach mit dem Meister, ohne ein Auge von der Schlerin
zu verwenden, und bat ihn, den Gesang erst selbst vorzutragen, um aus der Art,
wie Perisne sich aus der Sache ziehen wrde, desto besser von ihrem Sinn fr
die Musenkunst urtheilen zu knnen. Ich machte mir indessen in einem anstoenden
Cabinette zu thun, und bemerkte wie die Kolcherin, whrend da Timotheus sang,
ihre funkelnden Zauberaugen weidlich auf meinen Adonis arbeiten lie, der sich
vermuthlich der Gelegenheit, nicht von mir gesehen werden zu knnen, mit eben so
wenig Zurckhaltung bediente.
    Das geheime Verstndni zwischen ihnen war nun angesponnen. Ich beschenkte
Perisnen, um ihr meine Zufriedenheit zu zeigen, mit einem zierlichen
Morgenanzug von der feinsten Art von Zeugen, welche die Persischen Kaufleute aus
Indien holen. Arasambes fand sie am folgenden Morgen in diesem Anzuge bei meinem
Putztische, und ich begegnete ihr vor seinen Augen mit einer so ausgezeichneten
Vertraulichkeit, da er sich schmeicheln konnte, ich wrde alles, was er fr
meinen neuen Gnstling thte, so aufnehmen als ob er blo mir seine
Aufmerksamkeit dadurch beweisen wolle. Arasambes bi getrost an die Angel. Seine
Leidenschaft wuchs nun mit jedem Tage schneller, und man murmelte schon im
ganzen Palast davon, bevor er selbst vielleicht wute, wie weit sie ihn fhren
knnte. Aber wer bei allem diesem mit gnzlicher Blindheit geschlagen zu seyn
schien, war deine Freundin Lais. Sie allein merkte nichts davon, da sie sich
thrichter Weise mit schwerem Gelde eine gefhrliche Nebenbuhlerin erkauft habe;
ahnete so wenig davon, da sie ihren Fall noch sogar beschleunigte, indem sie
dem zrtlichen Perser, nach einem paar schwerflligen Stunden, die er mit ihr
zuzubringen genthiget war, den Vorschlag that, den ihr der weise Aristipp unter
den Fu gegeben hatte. Arasambes machte, wie billig, einige Schwierigkeiten,
mute sich aber, da er keinen Begriff davon hatte, wie man ihr etwas abschlagen
knnte, endlich doch ergeben; zumal wie er hrte, da sie ihre geliebte Perisne
zum Unterpfand ihrer Wiederkunft zurcklassen wolle, wofern sie sich versprechen
drfe, da er das gute Kind in seinen Schutz nehmen werde; eine Bedingung, die
er ihr in den geflligsten Ausdrcken von der Welt zugestand.
    Nicht wahr, Aristipp, das nennt man doch eine Sache mit guter Art machen? So
zart und schonend pflegen Liebende bei euch Griechen einander nicht zu
behandeln!
    Meine Abreise von Sardes nach Milet wird nicht lnger aufgeschoben werden
als die nthigen Zurstungen erfordern. Arasambes hat mir zu diesem Ende
zehntausend Dariken, theils in Golde, theils in Anweisungen auf bekannte Huser
in Milet zustellen lassen - ein Reisegeld, das vielleicht den Argwohn bei dir
erregen wird, als ob er nicht sehr auf meine Zurckkunft rechne.
    Bevor ich schliee, mu ich dir doch noch ein Bekenntni thun, wiewohl ich
vielleicht dadurch Gefahr laufe, etwas von deiner guten Meinung zu verlieren.
Aber ich will nicht, da du mich fr etwas anderes haltest als ich bin. So hre
denn an und denke davon was du kannst. Ob ich gleich die Schlinge, worin der
gute Arasambes sich verfing, selbst gestrickt und gelegt hatte, so konnte sich
doch mein Stolz mit dem Gedanken nicht vertragen, da es ihm so leicht werden
sollte sich von mir zu trennen. Ich beschlo also mich selbst dem Vergngen
einer kleinen Rache aufzuopfern, und den letzten Tag vor meiner Abreise zum
glcklichsten unter allen zu machen, die er mit mir gelebt hatte. Es ist
unnthig dir mehr davon zu sagen, als da Arasambes vor diesem Tage keinen
Begriff davon gehabt hatte, wie liebenswrdig deine Freundin seyn knne, wenn
sie Aphroditen ihren Grtel abgeborgt hat. Was er in diesen letzten
vierundzwanzig Stunden davon erfuhr, war es eben gewesen, wornach der arme
Tantalus schon so lange gehungert und gedrstet hatte. Die kleine Perisne
schwand dahin, wie eine Nebelgestalt in der Sonne zerfliet. Lais war ihm
Cythere selbst, die ihren Adonis in den Hainen von Amathus beseligt. - So viel
Bosheit htte ich dir nicht zugetraut, sagst du - Wie, Aristipp? Siehst du
nicht, wie interessant die Abschiedsscene dadurch werden mute, und was fr
Erinnerungen ich ihm fr sein ganzes Leben zurcklie? - Arasambes konnte das
freilich nicht sogleich zurecht legen, und stellte sich ein wenig ungebrdig.
Der arme Mensch! was sagte und that er nicht, um mich zum Bleiben zu bewegen!
Aber er hatte nun einmal sein Wort gegeben, ich war reisefertig, meine Freunde
in Griechenland erwarteten mich - Kurz, ich siegle diesen Brief - den du durch
einen in Angelegenheiten des Knigs nach Rhodus abgehenden Eilboten erhalten
wirst - und reise in einer Stunde ab.

                                      13.



                             Aristipp an Kleonidas.

Ich frchte, lieber Kleonidas, wir andern Weisheitsliebhaber sind, mit aller
unsrer Freiheit von popularen Vorurtheilen und Hirngespenstern, doch nur eine
Art grothuiger Poltrons, die, sobald sie dem Feinde unter die Augen sehen
sollen, so gut zittern als andere, welche ihre wenige Herzhaftigkeit ehrlich
eingestehen. Ich habe seit kurzem eine sonderbare Erfahrung hiervon gemacht. Du
weit, da ich die Erzhlungen von Gespenstern, die sich zu gesetzten Stunden an
gewissen Orten sehen lassen, und von Verstorbenen, die, gleichsam in den
Schatten ihrer ehmaligen Gestalt eingehllt, sich entweder von freien Stcken
zeigen, oder durch magische Mittel zu erscheinen genthiget werden, immer fr
das, was sie sind, gehalten, und die Furcht vor allen diesen Ausgeburten eigner
oder fremder Einbildung fr eine der lcherlichsten Schwachheiten erklrt habe.
Gleichwohl hab' ich mich selbst unvermutheter Weise ber dieser ziemlich
allgemeinen menschlichen Schwachheit ertappt, und finde mich jetzt durch eigene
Erfahrung sehr geneigt duldsamer gegen andere zu seyn, da ich mich immer mehr
berzeuge, da kein Mensch so viel vor allen andern voraus hat, da er sich vor
irgend etwas, wozu Wahn und Leidenschaft einen Menschen bringen knnen, vllig
sicher halten darf. Hre also, was mir in der vorgestrigen Nacht begegnet ist.
    Das Haus, das ich hier bewohne, liegt zwischen dem Hafen und der Stadt,
mitten in einem ziemlich groen Garten, der auf der Ostseite die Aussicht ins
Meer hat, und gegen Mittag in einen kleinen den Nymphen geheiligten Hain von
Buschholz ausluft, den ein langer Gang von hohen Cypressen in zwei gleiche
Theile schneidet. Die Rhodier sind berhaupt an eine Lebensordnung gewhnt, von
welcher sie selten abweichen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang ist in den
Husern und auf den Straen alles still; denn mit der ersten Morgenrthe ist
auch schon alles wieder munter; sogar die Frauen wrden sich's zur Schande
rechnen, von dem Sonnengotte (der hier vorzglich verehrt wird) in den Armen des
Schlafs berrascht zu werden. Wir Cyrener sind einer andern Lebensart gewohnt,
und ich bringe daher in mondhellen Nchten, wenn schon alles weit um mich her im
ersten Schlafe versunken ist, gewhnlich noch ein paar Stunden allein in einem
Gartensaale zu, der in Gestalt eines kleinen Tempels dem Cypressengange
gegenber steht, und von etlichen Reihen prchtiger Ahornbume umschattet wird.
Diese einsamen nchtlichen Stunden sind es, worin ich mich aus den Zerstreuungen
des Tages in mich selbst zurckziehe, und nach Pythagorischer Weise mir selbst
Rechenschaft darber ablege, was ich gethan oder verabsumt, um was ich besser
oder schlechter geworden, was ich gesehen, gehrt oder gelesen habe, das des
Nachdenkens und Aufbehaltens werth ist, und was ich morgen vorzunehmen oder zu
besorgen gedenke; kurz, es sind, wenn ich so sagen kann, die Digestionsstunden
meines Geistes, die mir zu meiner Lebensordnung so nothwendig sind, da ich mir
nur selten erlaube, ihnen eine andere Anwendung zu geben.
    Ich wei nicht wie es kam, da gerade an diesem Abend die Erinnerung an Lais
alle andern Gedanken in mir verdrngte. Ich hatte ungefhr acht Tage vorher
einen Brief von ihr erhalten, worin sie mir ihre Trennung von Arasambes
berichtete, und da sie im Begriff sey nach Milet abzugehen. Welche seltsame
Unruhe des Geistes, dachte ich, treibt sie aus einer beneidenswrdigen Lage
heraus, um des eingebildeten Glcks einer unbeschrnkten Freiheit zu genieen,
die ihr am Ende vielleicht doch nur zur Fallgrube werden knnte! Sie vermochte
alles ber Arasambes; es stand in ihrer Macht ihn auf immer an sich zu fesseln;
und mit welchem Muthwillen zerbricht sie ihren eigenen Zauberstab! Wie
leichtsinnig treibt sie wieder in den Ocean des Lebens hinaus, ohne Plan und
Zweck, wohin Zufall und Laune des Augenblicks sie fhren werden! Was wird
endlich das Schicksal dieses auerordentlichen Weibes seyn, in welchem die Natur
alle Reize ihres Geschlechts mit den glnzendsten Vorzgen des mnnlichen so
sonderbar zusammengeschmelzt hat?
    Der Charakter der schnen Lais war mir immer ein Rthsel gewesen, dessen
Auflsung ich vergeblich gesucht hatte. Indem ich mich jetzt von neuem bemhte,
alle die reizenden Widersprche, woraus er zusammengesetzt ist, und in deren
Verbindung gerade der Zauber ihrer unwiderstehlichen Liebenswrdigkeit liegt,
unter Einen Begriff zu bringen, fiel mir pltzlich die groe Aehnlichkeit auf,
die ich zwischen ihr und dem auerordentlichsten Manne unsrer Zeit, dem
ehemaligen groen Liebling des Sokrates, zu sehen glaubte. Sie ist, sagte ich zu
mir selbst, unter den Frauen, was Alcibiades unter den Mnnern war. In beiden
hat die Natur alle ihre Gaben mit ppiger Verschwendung aufgehuft. Wohin er
kam, war er der erste und einzige; wo sie erscheint, wird sie immer die erste
und einzige sey. Er wrde die Welt erobert haben, wenn er nicht so gewi gewesen
wre da er es knne: sie wrde sich berall alle Herzen unterwerfen, wenn sie
es nur der Mhe werth hielte. Ein allzu lebhaftes Selbstgefhl war die Quelle
aller seiner Ausschweifungen, Fehler und falschen Schritte: eben die ist und
wird immer die Quelle der ihrigen seyn. Wre er zwanzig Jahre spter in die Welt
gekommen, und sie wren einander (wie nicht zu zweifeln ist) begegnet, sie
wrden sich vereiniget, und, wie Platons Doppelmenschen33, unglaubliche Dinge
gethan haben. Aber nur zu wahrscheinlich bereitet sie sich ein hnliches
Schicksal. Dieses innige Gefhl dessen was sie ist, und was sie seyn kann sobald
sie will, wrde sie wahrscheinlich antreiben irgend eine groe Rolle zu spielen,
wenn es nicht bei ihr, wie bei Alcibiades, mit der Indolenz eines kaltbltigen
Temperaments verbunden wre, die der Energie ihrer Einbildungskraft das
Gegengewicht hlt, und die Ursache ist, warum sie mit den grten Krften nie
etwas Groes unternehmen, oder, wenn sie es begonnen htte, nie zu Stande
bringen wird. Daher dieser bermthige Leichtsinn, der sich ber alles wegsetzen
kann, sich aus allem ein Spiel macht, und, weil ihm nichts gro genug ist,
nothwendig alles klein finden mu. Wr' es ihr zu Sardes eingefallen Knigin zu
werden, sie wre nach Susa gegangen, und htte den Artaxerxes zu ihrem Sklaven
gemacht. Da sie es nicht versucht hat, kommt blo daher, weil sie zu fahrlssig
dazu ist, und weil ihr Stolz Befriedigung genug in dem Gedanken findet, schon
als Lais alles zu seyn was sie will. Mit einem andern Temperamente wre sie
vielleicht die ausgelassenste aller Hetren; aber ich frchte sie ist fhig, es
aus bloer Eitelkeit zu werden, wenn sie sich's jemals in den Kopf setzen
sollte, auch hierin unbertrefflich zu seyn.
    Diese Betrachtungen machten mich unvermerkt wehmthig; die bloe
Mglichkeit, da die Liebenswrdigste ihres Geschlechts dereinst noch
unglcklich seyn, und vielleicht sogar unter sich selbst herabsinken knnte, war
mir peinlich, und ich verlor mich im Nachdenken, ob dieser weibliche Alcibiades
nicht wenigstens in eine Art von Aspasia zu verwandeln seyn mchte - als ich auf
einmal eine hohe Gestalt in einem langen weigrauen Gewande zwischen den
Cypressen langsam gegen mich herschweben sah, in welcher ich beim ersten Anblick
die Gestalt und den Anstand der Freundin zu sehen whnte, welche mich schon eine
Stunde lang in Gedanken beschftigte. Ich gestehe dir, da ich zusammenfuhr,
aber nichtsdestoweniger, zwischen Grauen und Neugier was daraus werden wrde,
die Augen starr auf die wunderbare Erscheinung heftete. Noch schwebte die
Gestalt immer vorwrts; aber in dem Augenblick, da sie eine vom einfallenden
Mondlicht stark beleuchtete Stelle betrat, blieb sie ohne Bewegung stehen, und
nun war es unmglich zu zweifeln, da ich die Gestalt der Lais vor mir sehe.
Aber wie sollte sie selbst auf einmal hierher gekommen seyn? Da es unlugbar
ihre Gestalt war, was konnt' es anders seyn als eine Erscheinung, die mir sagen
sollte, da sie selbst nicht mehr lebe; es sey nun, da Arasambes sie in einem
Anfall von Eifersucht ermordet, oder da sie auf der Rckreise nach Griechenland
Schiffbruch gelitten, oder sonst durch einen Zufall das Leben verloren hatte.
Diese Gedanken blitzten so schnell in meiner Seele auf, da meiner Philosophie
nicht Zeit genug blieb, sie in Untersuchung zu nehmen; und ich bekenne dir
unverhohlen, da mir ungefhr eben so zu Muthe war, wie einem jeden seyn mag,
der einen abgeschiedenen Geist zu sehen glaubt. Ich wollte von meinem
Ruhebettchen aufstehen, aber meine Fe waren mit Blei ausgegossen, und meine
Arme ohne Kraft; so da ein ziemliches Weilchen verging, bis ich wieder einige
Gewalt ber meinen Krper erhielt. Die Gestalt stand noch immer unbeweglich, und
ich konnte deutlich sehen, da sie einen zrtlich ernsten Blick auf mich
heftete. Die immer zunehmende Gewiheit, da es der Schatten meiner Freundin
sey, brachte nun mein stockendes Blut wieder in Bewegung; mir ward warm ums
Herz, und eine unaufhaltsame Gewalt ri mich zu dem geliebten Schatten hin. Mit
weit ausgebreiteten Armen flog ich auf sie zu, aber die Ausrufung, bist du es,
liebste Lais? blieb mir am Gaumen kleben. Doch im nmlichen Augenblick, da ich
mit ausgespannten Armen auf sie zueilte, ffnete sie auch die ihrigen, und einen
Augenblick darauf fhlte ich, mit unaussprechlichem Entzcken, da ein warmer
elastischer Krper meine Arme fllte, da ihr Busen an dem meinigen berwallte,
kurz, da das vermeinte Gespenst - Lais selbst war. Die Seligkeit dieses
Augenblicks fhlst du, indem du dich an meine Stelle denkst, viel besser, als
wenn ich das Unbeschreibliche zu beschreiben versuchen wollte. Alles, was ich
davon sagen kann, ist, da es der lngste und krzeste meines Lebens war; denn
er knnte eine Stunde gedauert haben, und htte mir doch nur ein Augenblick
geducht. Mir war, als ob ich mit ihr zusammenwachsen mte, um mich ihres
Daseyns recht gewi zu machen.
    Lais gestand mir, da sie sich ein eigenes Vergngen daraus gemacht habe,
meine Philosophie sowohl als meine Freundschaft auf diese Probe zu setzen, und
mich die Gunst eines so unerwarteten Besuchs mit einer kleinen Angst erkaufen zu
lassen, die den Werth derselben erhhen wrde. Es freut mich, setzte sie hinzu,
da ich meine Absicht, dir den Genu eines noch unbekannten Wonnegefhls zu
gewhren, so glcklich erreicht habe: und ich hoffe du wirst dich desto leichter
in die Nothwendigkeit fgen, dich eben so unvermuthet wieder von mir zu trennen
als du mich gesehen hast; denn in einer Stunde mu ich wieder am Bord seyn. Ich
komme gerades Weges von Sardes; meine vorgegebene Reise nach Milet sollte dir
blo verbergen, was ich damals schon beschlossen hatte. Der nmliche Eilbote,
der dir meinen Brief berbrachte, hatte den Auftrag, mir ein eigenes Schiff zu
miethen, welches mich sobald als mglich zu den Poseidonien nach Aegina bringen
soll. Alles ist zur Abfahrt bereit, der Wind ist gnstig, und die Seeleute sind,
wie du weit, hartherzige Leute.
    Du zweifelst wohl nicht, Kleonidas, da mir diese Nachricht etwas unerwartet
kam; ich hatte mir wenigstens auf etliche Tage Hoffnung gemacht. Aber du kennst
auch das unwiderstehliche Gemisch von Anmuth und Majestt, womit diese Zaubrerin
ihre Willenserklrungen als unwiderrufliche Beschlsse des Schicksals
anzukndigen pflegt. Es fand nicht nur weder Einwendung noch Bitte gegen diese
Verfgung statt, sondern dein armer Freund mute sich auch bequemen, diese ganze
kostbare Stunde ber in dem langen Cypressengang mit ihr auf und ab zu
schlendern, und sich einen kurzen Auszug ihrer Geschichte seitdem wir uns nicht
gesehen hatten, erzhlen zu lassen, die ein paar Stunden spter unendlich
unterhaltend gewesen wre, aber jetzt mit einer Zerstreuung angehrt wurde, von
welcher er sich nicht vllig Meister machen konnte. Sie schien es endlich gewahr
zu werden. Denn als sich ihre am Ausgang des Wldchens zurckgelassenen Leute
von ferne sehen lieen, und ihr ein Zeichen gaben, sagte sie lchelnd: ich fhle
da ich deine Schuldnerin bin, lieber Aristipp, und ich wrde dir den Antrag
thun, mich auf der Stelle nach Aegina zu begleiten, wenn ich nicht besorgen
mte, da es Aufsehen erregen und deine Sokratischen Freunden eine sehr
erwnschte Gelegenheit geben mchte, dir einen Namen in Griechenland zu machen.
Ich selbst mache mir, wie du weit, nichts aus dem was die Leute von mir sagen:
aber ich htte sehr Unrecht, wenn ich glaubte da eine solche Gleichgltigkeit
auch dir gezieme. Sich fremden Meinungen gnzlich aufzuopfern wre thricht:
aber die meisten Menschen sind eine so neidische und hmische Art von Thieren,
da wir es ihnen um unsrer eigenen Ruhe willen zu verbergen suchen mssen, wenn
wir glcklicher sind als sie.
    Ich bin berzeugt, Kleonidas, da alles die ihr Ernst war, und so
antwortete ich ihr wie es diese Ueberzeugung forderte. Es wre unartig gewesen
ihr merken zu lassen, da ich sie, auch ohne Rcksicht auf das Urtheil der Welt,
nicht nach Aegina begleitet haben wrde. Indessen hatte ich keiner Verstellung
nthig, um ihr zu zeigen, da es mich nicht wenig koste, mich ihrem Gutdnken zu
unterwerfen. Denn freilich htte ich mir aus dem Spott und den Vorwrfen der
Sokratiker eben so wenig gemacht als sie, wenn ich blo meiner Neigung, wie sie
ihren Launen, folgen wollte. Das Vergngen, die ihrige durch diesen seltsamen
Besuch befriedigt zu haben, machte sie so aufgerumt, da es ihr gelang mich
zuletzt auf eben denselben Ton zu stimmen. Was fr eine Aufnahme meinst du da
die Wittwe des Arasambes sich von den Korinthiern versprechen drfe? fragte sie
mit der unschuldig leichtfertigen Miene, die ihr so wohl ansteht, und setzte,
ohne meine Antwort zu erwarten, hinzu: ich habe ein unfehlbares Mittel mich bei
ihnen in Ansehen zu setzen; denn ich mu dir sagen, da ich sehr reich von den
Ufern des goldenen Paktols zurckkomme. - Du hast ein noch unfehlbareres, sagte
ich; aber - Ich verstehe dich, fiel sie mir lachend ins Wort, und was dein Aber
betrifft, so begreifst du leicht, da der zweijhrige Aufenthalt zu Sardes mich
nicht demthiger gemacht hat als ich vorher war. Ich rathe niemanden meinetwegen
nach Korinth zu reisen. Du kennst meine Liebe zur Freiheit, meinen Ha gegen
euer bermthiges Geschlecht, und das Vergngen, das ich gleichwohl daran finde,
mit Mnnern umzugehen, und sie fr die Augenlust, die ich ihnen wider Willen
mache, nach allen Regeln der Kunst zu peinigen. Dabei wird es wohl bleiben. -
Ich wnschte, liebe Lais, sagte ich, da es nicht dabei bliebe. Mchtest du doch
das Glck das deiner Musarion zu Theil geworden ist (das einzige das du noch
nicht kennst) nicht muthwillig von dir stoen, wenn es dir sich anbte! - Hab'
ich es nicht schon mit Arasambes versucht? Es geht nicht, lieber Aristipp! Wer
vermag etwas gegen die allmchtige Natur? Die Glckseligkeit ist immer eben
dieselbe; nur in den Mitteln und in der Art zu genieen, liegt die
Verschiedenheit. Ich fhle mich, so wie ich bin, glcklich: was kannst du mehr
verlangen, mein Freund? - Sie sagte die mit einer so reizenden Unbefangenheit,
da es Thorheit gewesen wre ihr eine ernste Antwort darauf zu geben. Unsre
letzte Umarmung war nicht ganz so warm, und dauerte nicht halb so lange als die
erste. Wirklich wrde mir's schwer geworden seyn, ihr lnger zu verbergen, wie
schmerzlich es mir war, in allem was sie sagte und that, den weiblichen
Alcibiades immer deutlicher zu erkennen. - Aber hatte ich Recht, der schnen
Lais bel zu nehmen, da sie Lais war? Und sollte nicht fehlgeschlagne Erwartung
(wiewohl ich es mir auf der Stelle nicht gestehen wollte) die wahre Ursache der
belverhehlten Lauigkeit gewesen seyn, womit ich mich, zu bald fr eine
Freundschaft wie die unsrige, ihren schnen Armen entwand? Da sie es nur zu gut
merkte, bewies sie mir, im Augenblick des Scheidens, durch einen Ku, von jenen
nektarischen, die sie allein kssen kann, und welche auch du, wenn ich nicht
irre, bei einer gewissen Gelegenheit kennen gelernt hast. Brauchte es mehr, um
die dnne Eisrinde pltzlich zu schmelzen, womit sie das Herz des treuesten
ihrer Freunde umzogen gefhlt hatte? Aber ehe ich wieder zur Besinnung kommen
konnte war sie meinen Augen so schnell entschwunden, da ich alles wieder fr
eine bloe Erscheinung htte halten knnen, wenn der magische Ku nicht noch
eine ganze Stunde auf meinen Lippen fort gebrannt htte.
    Nun, lieber Klonidas, wie gefllt dir meine Gespenstergeschichte? Gewi ist
sie keine von den schlechtesten, die du in deinem Leben gehrt hast. Aber was
wirst du von deinem Aristipp denken, der bei dieser Gelegenheit schwach genug
war, die schne Lais erst fr ein Gespenst anzusehen, und sie dann wieder von
sich zu lassen, als ob sie es wirklich gewesen wre? Lache immerhin ber mich,
Kleonidas; ich mache eine so alberne Figur in meinen eigenen Augen, da ich
keine Schonung von dir verlangen kann.

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                             Kleonidas an Aristipp.

Wirklich, lieber Aristipp, scheint mir dein Aufenthalt unter den weichlichen
Asiaten deine Nerven ein wenig abgespannt zu haben: nicht, weil dir so gut als
einem andern etwas Menschliches begegnen kann; und noch weniger, weil du die
schne Lais wieder gehen lieest wie sie gekommen war; - wie httest du es
anders machen knnen? Sie ist doch wohl keine Person, mit der man ungestraft den
Satyr spielen drfte? - sondern weil du nicht gewahr worden bist, da die
Schwachheit, deren du dich selbst beschuldigest, blo darin liegt, da du dich
schmest wo sich nichts zu schmen ist.
    Ich wei nicht wo ihr Philosophen die Einbildung her nehmt, ihr mtet etwas
mehr als menschliche Menschen seyn, oder wir andern sollten wenigstens so
gutmthig seyn, euch auf euer Wort dafr gelten zu lassen. Ich fr meine Person
finde in deiner Gespenstergeschichte nichts, was nicht ganz natrlich wre, und
dem weisen Sokrates selbst so gut htte begegnen knnen wie dir. Du befindest
dich in einer mondhellen Nacht allein in einem Garten; alles schlummert weit
umher; Nacht, Einsamkeit und allgemeine Stille stimmen dich zu dem, was man
wachend trumen nennen knnte. Der Mondschein allein versetzt uns schon in eine
andere, oder vielmehr in die nmliche Welt, die den gemeinen Vorstellungen vom
Hades zum Urbild gedient hat; in eine Welt, wo alles sich dem Auge ganz anders
darstellt, als wir es bei Tage sehen; wo wir Mhe haben in den zweifelhaften
farbenlosen Gestalten, die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald
erscheinen bald wieder verschwinden lt, die gewohntesten Gegenstnde wieder zu
erkennen; wo es ohne Hlfe des Gefhls fast immer unmglich ist, Schatten und
Krper nicht zu verwechseln; kurz, in eine von der Sonnenwelt so verschiedene
Zauberwelt, da der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts
leichter ist, als Gegenstnde des Homerischen Schattenreichs dem, was wir
wirklich sehen, unterzuschieben. In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die
Gestalt einer Person dar, fr welche du seit mehrern Jahren eine besondere
Anmuthung fhlst, und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken
unterhalten hattest; eine Person, die, deiner gegrndeten Meinung nach, jetzt zu
Milet seyn mu, und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus, als dich
selbst in Milet, denken kannst. Was ist da natrlicher, als da du, bei dieser
Disposition deiner Sinne und - deiner Einbildung, nicht - was du in diesem
Momente fr unmglich hltst - diese Person selbst im Leben, sondern die bloe
wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen whntest? Denn, wie viel auch
die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat, ihre
Unmglichkeit kann sie nicht beweisen; und wenn gleich deine Vernunft die
Gespenstergeschichten, die du von Kindheit auf erzhlen hrtest, aus ihrem
eigenen Kreise verwiesen hat, aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht
hinausbannen; sie zogen sich in die nchtlichste Region deiner Phantasie zurck,
und es brauchte nichts als das Zeugni deiner Augen, die dir die Gestalt einer
weit entfernt geglaubten Person unmittelbar darstellten, um nicht nur deine
Phantasie pltzlich ins Spiel zu setzen, sondern deine Vernunft selbst zu einem
Trugschlu zu verleiten, dessen Tuschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen. Du
wirst sagen: eben darum, weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah,
htte ich sogleich gewi seyn sollen, da sie es selbst sey: denn es war doch
unendlichmal wahrscheinlicher, da sie ihren Reiseplan gendert, und anstatt
nach Milet zu gehen, den Weg nach Rhodus genommen, meine Wohnung
ausgekundschaftet, und sich vielleicht ein Vergngen daraus gemacht habe, mich
unversehens zu berraschen. Ich antworte: alles die war vernnftiger Weise
nichts weniger als wahrscheinlich; wenn du es aber auch bei ruhiger Ueberlegung
wahrscheinlicher httest finden mssen, als die Erscheinung eines Geistes, so
bedenke, da die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu
behende macht, als da sie dir Zeit zu Abwgung der Wahrscheinlichkeiten
gelassen htte. Das Zeugni der Augen, das Vorurtheil, was du sahst knne nicht
Lais selbst seyn, und die Einbildung es msse also ihr Geist seyn, wirkten so
unendlich schnell zusammen, da alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung,
deren du dir klar bewut warst, zerflossen; und, wie gesagt, eben dasselbe wre
jedem andern an deiner Stelle begegnet. Ich wenigstens stehe dir nicht dafr,
da mir selbst, ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin, mit Musarion
oder dir nicht eben dasselbe begegnen knnte, wenn ich euch zu einer Zeit, da
ich euch weit von mir entfernt wte, unter hnlichen Umstnden, pltzlich auf
mich zuschleichen she. Denn freilich gehrt auch der langsame gespenstmige
Gang und das weigraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit, Mondschein und
nchtliche Stille.
    Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen, frage ich dich: wenn
du die schne Lais nicht umarmt, nicht mit ihr gesprochen, und dich also nicht
durch Gefhl und Ohr von ihrer Krperlichkeit httest berzeugen knnen; - wenn
zum Beispiel (was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch
knstliche Veranstaltungen htte bewirkt werden knnen), wenn, einen Augenblick
zuvor ehe du ihr in die Arme fielst, pltzlich eine Flamme zwischen dir und ihr
aufgefahren, und ein dichter Rauch, unter einem vermeinten Donnerschlag, ihre
Gestalt deinen Augen pltzlich entzogen htte, - wrdest du (vorausgesetzt da
die alles tuschend genug ausgefhrt und der Betrug dir nicht von Lais selbst
entdeckt worden wre) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als
deiner Philosophie, und alles fr eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten
geneigt seyn? Wenigstens bin ich versichert, da unter zehntausend, denen ein
solches Abenteuer begegnete, nicht Einer wre, der es fr etwas anders nhme.
Ich kenne sehr verstndige Leute, die, wenn von solchen Wunderdingen die Rede
war, gegen alles, was von Andern erzhlt wurde, die erheblichsten Einwendungen
zu machen hatten, aber immer damit aufhrten, mit der grten Ueberzeugung von
der historischen Wahrheit der Sache, irgend eine Gespenster- oder
Zaubergeschichte zu erzhlen, von welcher sie sich selbst als Augenzeugen
aufstellten. Noch einmal also, ich sehe nicht was fr Ursache du httest es dich
verdrieen zu lassen, da du der schnen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit
einen Spa verderbt hast, um dessentwillen sie sich eine Reise von
dreizehnhundert Stadien zu Land und zu Wasser nicht verdrieen lie. Ich kann
mir zwar wohl einen Menschen denken, der auf dem Wege des philosophischen Todes,
den uns Plato in seinem Phdon empfiehlt - dadurch, da er den Sinnen, der
Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen Natur schon bei
lebendigem Leibe abgestorben ist - sich in die Unmglichkeit gesetzt hat, von
ihnen getuscht zu werden: aber ich wei da ich dieser Mensch nicht seyn
mchte, und wnsche dir Glck da du es eben so wenig bist als ich.
    Den andern Punkt betreffend, htte sich, dnkt mich, jeder Mann, der nicht
von allem Gefhl des Schicklichen und aller Achtung gegen sich selbst verlassen
wre, eben so, wie du, benehmen mssen; berdie lag es wohl nicht an deinem
guten Willen, wenn du dich am Ende mit einem Ku abfinden lassen mutest. Man
ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefat, wie diese war, die
Reise von Sardes nach Rhodus zu machen, um einem guten Freund einen Ku zu
geben; indessen hngt es immer von einer Schnen ab, wie viel Werth sie auf ihre
Gunsterweisungen legen will, und der Ku, den du zur Entschdigung erhalten
hast, war nach deinem eigenen Gestndni so viel werth, da du ihn nicht zu
theuer erkauft httest, wenn du ihm bis zu den Hyperboreern httest entgegen
reisen mssen. Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als
mit der Dame, die mir in den zwei Jahren ihrer unumschrnkten Herrschaft ber
den kniglichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen
zu haben scheint. Ich frchte sie hat sich durch die fliegende Eile, womit jeder
ihrer Winke befolgt werden mute, durch die unermdete Aufmerksamkeit, womit ein
eben so gromthiger als vielvermgender Liebhaber allen ihren Wnschen
zuvorkam, kurz, durch die grobe Abgtterei, die zu Sardes mit ihr getrieben
wurde, die bse Gewohnheit zugezogen, jede Phantasie, die ihr zu Kopfe steigt,
auf der Stelle zu befriedigen, und zu erwarten da man sich alles, was sie zu
sagen und zu thun beliebt, wohl gefallen lasse. Mit Einem Wort, Aristipp, dein
weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Rthsels. Geben die Gtter, da die
Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke, in welche
sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln knnte.
    Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit,
die wir uns in unsern Urtheilen ber ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen.
Sie mchte sich selbst gerne verbergen, da wir Recht haben, und wrde uns
zrnen, wenn sie zrnen knnte, da wir alles im vollen Sonnenlichte sehen, was
sie selbst nur in dem sanft verhllenden und verwischenden Mondlicht, oder in
der verschnernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will. Demungeachtet bittet
sie mich, dir in ihrem Namen fr die freundliche Art zu danken, wie du ihrer
gegen Lais erwhnt hast. Das holdselige Weibchen gibt mir tglich neue Ursache,
mich in ihrem Besitz glcklich zu fhlen. Ich wei nicht ob du dich erinnerst,
da ich eine Schwester habe, die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein
Kind von vier bis fnf Jahren war? Da wir vor einiger Zeit das Unglck hatten
unsre gute Mutter zu verlieren, bat Musarion meinen Vater, da er ihr die junge
Kleone anvertrauen mchte, die jetzt gerade in die Jahre tritt, wo die Aufsicht
und Leitung einer mtterlichen Freundin einem Mdchen am nthigsten ist. Du
zweifelst nicht, da es ihr mit der besten Art zugestanden wurde; und so habe
ich schon seit mehreren Wochen das Vergngen, eine Schwester, die ich nach
Musarion ber alles liebe, unter ihren Augen, gleich einer lieblichen noch ganz
unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blttern des mtterlichen
Stockes, allmhlich zur schnsten Blthe sich entfalten zu sehen.
    Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen, Aristipp? - Wie gerne
wir dir auch die mannichfaltigen Gensse gnnen, die dir in dem Lande, welches
sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren
haben, von allen Seiten zustrmen, so gibt es doch Tage und Stunden (und es sind
gerade die seligsten unsers glcklichen Familienlebens), wo wir uns alle nach
dir sehnen, und die Athener und Korinthier, Milesier und Rhodier - und wer kann
sie alle zhlen, die uns das Glck, dich zu besitzen, vorenthalten? - so
herzlich darum beneiden, da es ihnen unmglich wohl bekommen kann.

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                                 An Kleonidas.

Die sittenrichterliche Miene, womit du die scherzhaften Stellen meines letzten
Briefes beinahe gar zu ernsthaft beantwortest, lieber Kleonidas, lt dir so
gut, da ich nicht ungehalten ber dich werden knnte, wenn ich auch Ursache
htte es - ber mich selbst zu seyn. Es ist nicht unmglich, da die Asiatische
Luft, die ich seit einigen Jahren athme, die Wirkung auf mich thut, die du
bemerkt haben willst; wenigstens wre die eben so natrlich, als da der zarte
Sinn meines Kleonidas fr das Geziemende und Schngute durch die glckliche
Beschrnktheit, Regelmigkeit und halcyonische Stille seines huslichen
Knstlerlebens immer zrter werden, und daher manches mehr oder weniger
auffallend finden mu, woran wir andern sorglos und vogelfrei in der Welt herum
treibenden Menschen nicht den geringsten Ansto nehmen. Es ist, denke ich, mit
dem moralischen Gefhl, wie mit dem organischen: das Anwehen eines rauhen
Lftchens fllt den zarten Wangen eines fast immer in den Mauern des
Frauengemachs eingekerkerten Mdchens, oder eines mit Rosen aufgeftterten
Knaben empfindlicher, als das Anprallen des schrfsten Nordwindes der ledernen
Haut eines abgehrteten Kriegsmannes oder Seefahrers. Indessen, wenn gleich auch
hier das eben Rechte in der Mitte liegt, so gesteh' ich doch willig ein, da es
in sittlichen Dingen besser ist zu viel als zu wenig Zartgefhl zu haben.
    Meine Vergleichung unsrer Korinthischen Freundin mit dem berchtigten Sohn
des Klinias htte ich von dir lieber bestritten als bekrftigt sehen mgen.
Vielleicht urtheilen wir beide zu strenge ber sie; vielleicht stimmt mich
dagegen zu einer andern Zeit die Erinnerung an so viele mit ihr verlebte Tage,
die so schn nie wiederkehren werden, zu einer grern Nachsicht, als sie von
einem ganz unbefangenen Richter zu erwarten htte. Genug, ich bin weit entfernt,
die Hoffnung aufzugeben, da sie sich noch, unvermerkt, und am ehesten ohne
fremdes Einmischen, zu dieser ruhigen Selbstgengsamkeit und Festigkeit des
Gemths lutern werde, ohne welche wir freilich Ursache htten immer fr sie in
Sorgen zu seyn. Warum htte sie sich von Arasambes getrennt, und ihrer Freiheit
durch diese Trennung so groe Opfer gebracht, wenn das schne Bild einer reinern
Glckseligkeit, welche sie zu geben und zu empfangen fhig ist, nicht lebhaft
genug auf sie gewirkt htte, um ber die ppigsten Befriedigungen der Sinne,
ber alle Forderungen der Eitelkeit, der Prachtliebe, und jeder andern
selbstschtigen Leidenschaft das Uebergewicht zu erhalten? Lassen wir ihrer
blumenreichen Phantasie noch einige Zeit sich durch rastloses Herumflattern zu
ermden! Das Bedrfni der Ruhe wird mit dem erwachenden Gefhl dessen, was sie
sich selbst seyn knnte, nur desto dringender werden; sie wird sich unversehens
nach Aegina zurckziehen, ihre lieblichen Haine der Sokratischen Sophrosyne und
ihren ernsten Grazien heiligen, und glcklich seyn wie sie es noch nie gewesen
ist; oder das letzte rhrende Lebewohl und der weihende Hndedruck des
scheidenden Weisen mte alle seine Kraft an ihr verloren haben.
    Ich glaube gar ich schwrme, Freund Kleonidas? Beim Anubis34, es ist nicht
ganz richtig mit mir! Bald werd' ich mir gestehen mssen, da ich dir hnlicher
bin als mir meine Bescheidenheit zu denken erlauben wollte. - Ernsthaft zu
reden, meine Freundschaft oder Liebe (wenn du willst) fr dieses wunderbare
Wesen ist nie wrmer als wenn etliche tausend Stadien35 zwischen uns liegen. Die
Phantasie treibt zuweilen auch mit uns andern kaltbltigen Leuten ihr
Gaukelspiel. Mir, zum Beispiel, schiebt sie, in einer solchen Entfernung,
unvermerkt eine Art von idealischer Lais unter, wie ich etwa wnsche da die
wirkliche seyn mchte; und dann dnkt mich, es sey nichts was ich nicht fr sie
zu thun fhig wre, wenn sie dadurch glcklich wrde, und mir gehen seltsame
Grillen durch den Kopf, die ich mir durch allerlei scheinbare Vorspiegelungen
wahr zu machen suche. Ich besorge sehr, die Hoffnung, da der abgeschiedene
Geist des Sokrates noch ein Wunder an ihr thun werde, ist eine dieser Grillen;
denn leider! bei khler Ueberlegung sehe ich wenig Wahrscheinlichkeit, da die
leibhafte Lais jemals von dem was sie ihr System nennt zurckkommen werde,
wiewohl es im Grunde nichts als Blendwerk ist, hinter welchem sie ihre
bermthige Lust, Unheil in unsern armen Kpfen anzurichten, sich selbst zu
verbergen sucht.
    Mit der schnen Cyrene, zu welcher du mich so freundlich einladest, geht es
mir wie mit der schnen Lais; meine Liebe zu ihr wchst mit dem Raum und der
Zeit die mich von ihr entfernen; und wie knnte Liebe ohne Verlangen seyn?
Cyrene, die doch alles, was mir das Liebste ist, enthlt, bleibt auch immer das
letzte Ziel meiner Wanderungen, das Ithaka36 der freiwilligen Odyssee, die ich -
nicht dichte - sondern lebe. Ich nenne sie freiwillig, weil keine feindseligen
Gtter sich gegen meine Zurckkunft verschworen haben: aber dennoch zweifle ich
selbst, da sie so ganz willkrlich ist, als das tuschende Gefhl der Freiheit
sie mir vorspiegelt; denn die unsichtbaren Seile, die mich nach Korinth und
Athen zurckziehen, sind darum nicht minder stark, weil es keine Ankertaue sind.
Beide liegen noch zwischen mir und Cyrene, und ich kann jetzt noch nicht
ernstlich daran denken, sie hinter mir zu lassen. Ueberdie werde ich in Rhodus
selbst durch mancherlei Verhltnisse aufgehalten, und nach Achaja gedenke ich
nicht wieder zu kehren, ohne zuvor alle merkwrdigen Orte in Klein-Asien und die
nrdliche Kste des Euxins37 besucht zu haben. Kurz, lieber Kleonidas, da ich
mich einmal so weit in die Welt hinaus gewagt habe, gebhrt es sich entweder gar
nicht, oder als ein stattlicher, an Kenntnissen und Erfahrungen reicher, weiser
und gefger Mann nach Cyrene zurck zu kommen.

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                             Learchus an Aristipp.

Wir erfreuen uns wieder eines Vorzugs, um welchen uns Athen und Syrakus
beneiden, des Glcks, die schne Lais, nach einer mehr als vierjhrigen
Abwesenheit, wieder in unsern Mauern zu besitzen; wenn anders die Erlaubni,
seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden, fr eine Art von
gemeinsamen Besitz gelten kann. Die ist ein Recht, oder vielmehr eine Wohlthat,
die sie, gleich der Sonne, allen Augen zugesteht, die es auf die Gefahr, eben so
wie von einem Blick in die Sonne geblendet zu werden, wagen wollen in die
ihrigen zu sehen. Irgend einer hhern oder geheimern Gunst kann sich unter
allen, die sich darum zu beeifern scheinen, bis jetzt noch keiner rhmen: aber
auch diese ist schon so gro, da einige Zeit hingehen drfte, bis irgend ein
Uebermthiger sich erdreisten wird, ber die Unzulnglichkeit einer so geistigen
Nahrung der ungengsamsten aller Leidenschaften zu knurren. In der That ist ihre
Schnheit noch immer im Zunehmen, und scheint sogar, anstatt durch die Zeit das
Geringste von ihrer frischen Blthe verloren, im Gegentheil in der Blende, worin
sie zu Sardes gestanden, einen noch hhern Glanz gewonnen zu haben, - etwas
Gebieterisches, Knigliches mcht' ich sagen, das in die Lnge kaum ertrglich
wre, wenn sie es nicht durch die liebenswrdigste Anmuth der Sitten und das
geflligste Benehmen im Umgang zu mildern wte. Bei allem dem lebt sie auf
einem so frstlichen Fu zu Korinth, da zu besorgen ist, falls auch sie selbst
reich genug wre, es immer auszuhalten, die Korinthier mchten nicht artig oder
demthig genug seyn, es lange gut zu finden. Indessen, bis jetzt geht noch alles
als ob es nicht anders seyn knnte. Das Volk, dem der Schein immer fr das
Wesentliche gilt, wird durch den Schimmer, womit sie sich umgibt, und ihre groe
Manier das Persische Gold in Umlauf zu setzen, im Respect erhalten; unsre
Patricier hingegen trsten sich mit dem Gedanken, da eine solche Lebensart der
geradeste Weg sey, die stolze Gttin desto eher zu humanisiren und endlich so
geschmeidig zu machen, als jeder sie, wenigstens fr sich selbst, zu finden
wnscht. Da die aber ganz und gar nicht in den Plan der Dame zu passen scheint,
so wrde, ducht mich, ein warnender Wink von einem vertrauten Freunde nicht
berflssig und vielleicht von guter Wirkung seyn. Ich selbst bin zwar so
glcklich sie fters zu sehen, und sogar zu dem engern Ausschu ihrer
Gesellschafter zu gehren: aber, wenn ich auch gromthig genug seyn wollte,
gewissermaen gegen meinen eigenen Vortheil zu handeln, so ist doch mein
Verhltni zu ihr nicht von solcher Art, da ich mir ohne Zudringlichkeit das
Amt eines Erinnerers herausnehmen drfte. Auf jeden Fall, lieber Aristipp, wre
wohl das Beste, wenn du dich entschlieen knntest, dich den Reizen der schnen
Rhodos zu entreien, und mit der ersten guten Gelegenheit nach Korinth zu
kommen. Lais scheint beinahe gewi darauf zu rechnen, und dein gastfreundliches
Gemach im Hause deines Learch ist zu allen Stunden fr deine Aufnahme
ausgeschmckt.
                                                                            L.W.

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                               Lais an Aristipp.

Verzeihe, mein Lieber, wenn ich dich lnger als recht ist auf Nachricht warten
lie, wie deiner Freundin die Luft des Isthmus wieder bekommt, und wie sie nach
einer so langen Abwesenheit von den Korinthiern aufgenommen worden. Jene hat mir
mit dem ersten Athemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit
wiedergegeben; diese benehmen sich so artig und anstndig, als es die etwas
zweideutige Wittwe eines noch vollauf lebenden Persischen Frstensohns nur immer
verlangen kann. Ich mache ein ziemlich groes Haus, lebe wieder so frei wie die
Vgel des Himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise, und erinnere mich
zuweilen des Aufenthalts zu Sardes, und aller seiner Herrlichkeiten, als eines
seltsamen Morgentraums, der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne
zerrinnt, und, wie angenehm er auch war, kein Bedauern da er ausgetrumt ist in
der Seele zurcklt. Freilich befinde ich mich in dem ungewhnlichen Fall einer
Person, die im Traum einen groen Schatz erhoben htte, und beim Erwachen
wirklich einen kleinen Berg von Goldstcken vor ihrem Bette aufgeschttet fnde;
und wenn du glaubst, da dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe, deren ich mich
rhme, beitragen knnte, so will ich so ehrlich seyn und gestehen, da du es
nahezu errathen hast.
    Ich lebe hier ungefhr auf eben demselben Fu wie zu Milet. Mein Haus ist,
zwar nicht zu allen Stunden, aber doch in den gewhnlichen, wo man Gesellschaft
sieht, allen offen, die man zu Athen Kalokagathen38 nennt. Eupatriden, Staats-
und Kriegsmnner, Dichter, Sophisten und Knstler, alte und junge, reiche und
arme, fremde und einheimische, jedermann, der sich in guter Gesellschaft mit
Anstand zeigen kann, ist gern gesehen; nur da immer zwei oder drei mit einander
kommen mssen: denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern
Freunden, lauter Mnnern, die meine Vter seyn knnten, vorbehalten, und unter
den jngern, hchstens Einem, den die Gtter etwa in besondere Gunst genommen
haben; dir, zum Beispiel, wenn du hier wrest, zumal da sich bisher noch keiner
gefunden hat, der mich vergessen machen knnte, da du es nicht bist.
    Es ist wohl kein Zweifel, da ich mich durch diese Lebensordnung weder den
Matronen noch den Hetren (deren Orden hier sehr zahlreich und begnstigt ist)
sonderlich empfehle; wiewohl die letztern mehr Ursache htten, mich fr eine
Wohlthterin als fr eine Conkurrentin anzusehen. Denn bei weitem die meisten
meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung, sich bei ihnen, wie die
Freier der Penelope bei - den geflligen Hofmgden des Ulyssischen Hauses, fr
ihre bei mir verlorne Zeit und Mhe zu entschdigen. Indessen mu ich gestehen,
da die Verbindlichkeit, die sie mir von dieser Seite schuldig sind, vielleicht
doch einige Einschrnkung leiden mag. Die Sache ist, da ich, theils um mir
selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern, theils (wenn du willst)
aus Gutherzigkeit, einige schne junge Mdchen zu mir genommen habe, die zwar
Korinthische Brgerinnen sind, aber aus Mangel an Vermgen und Untersttzung
wahrscheinlich sich genthigt gesehen htten, ihren Unterhalt der Aphrodite
Pandemos39 abzuverdienen. Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im
Lesen der Dichter, in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten, und mache
mir, nach dem Beispiele der schnen Aspasia, selbst ein Geschft daraus, sie zu
angenehmen Gesellschafterinnen fr mich und andere zu bilden. Knnte ich ihnen
mit meinen Grundstzen auch zugleich meine Sinnesart einflen, so wrde meine
Absicht vollkommen erreicht. Da sich aber darauf nicht rechnen lt, so bin ich
zufrieden, ihnen so viel Achtung gegen sich selbst und so viel Mitrauen gegen
euer bermthiges Geschlecht beizubringen, als einem Mdchen nthig ist, das
sich in den gehrigen Respect bei euch setzen, und wenn sie, unglcklicherweise,
der Liebe sich nicht gnzlich erwehren kann, wenigstens keinem andern Amor
unterliegen will, als jenem Anakreontischen, den die Musen

Mit Blumenkrnzen gebunden
Der Schnheit zum Sklaven gegeben.

    Du kannst dir leicht vorstellen, lieber Aristipp, was fr eine alberne
Celebritt ich mir durch diese, den Shnen und Tchtern der Acher so ungewohnte
und so vielerlei Vorurtheile vor die Stirne stoende, Lebensart zuziehen werde.
Die ist eben nicht was ich wnsche; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden
knnte: wer schwimmen will, mu sich gefallen lassen na zu werden.
    Ich habe die traulichen kleinen Symposien, die ich zu Milet bei mir
eingefhrt hatte, wobei eine freie muntre Unterhaltung ber interessante
Gegenstnde die bessere Hlfte der Bewirthung ausmachte, auch hier wieder in den
Gang gebracht; wiewohl die Korinthier berhaupt genommen keine Liebhaber von so
nchternen Gastmhlern sind. Bilde dir darum nicht ein, da mein Koch sich dabei
vernachlssigen drfe. Wenige Schsseln, aber das Beste der Jahrszeit aufs
feinste zubereitet; kleine Becher, aber die edelsten Weine Cyperns und
Siciliens, - darin besteht meine ganze Frugalitt, und ich gestehe gern, da ich
sie - dir selbst abgelernt habe. Zu Athen reicht man damit aus und erhlt noch
Lob und Dank: aber so gengsam sind unsre Korinthischen Kalokagathen nicht.
Auer deinem Freunde Learchus, und einem viel versprechenden jungen Knstler,
Namens Euphranor (der, im Vorbeigehen gesagt, einer meiner wrmsten und
hoffnungsvollsten Anbeter ist), sind es daher fast lauter Fremde, die sich um
den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 (wie ich sie dir zu Ehren nennen
mchte) bewerben, oder von freien Stcken dazu eingeladen werden. Die
Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch, und ich denke es sollte sich aus
unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen, wenn sie, von einem
Geschwindschreiber aufgefat, als bloer Stoff einem Meister wie Xenophon oder
Plato in die Hnde fielen. Nicht selten wagen wir uns, auf die Leichtigkeit
unsrer Hand vertrauend, sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie;
und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will, ziehen wir uns zuweilen
auf die krzeste Art aus der Sache, und kommen der Subtilitt unsrer Finger -
mit der Scheere zu Hlfe. Gestern z.B. erwhnte Einer zuflligerweise, da
Sokrates das Schne und Gute fr einerlei gehalten, und also nichts fr schn
habe gelten lassen wollen, wenn es nicht zugleich gut, d.i. ntzlich, ja sogar
nur insofern es ntzlich sey. Die veranlate einen Dialog, wovon ich dir, weil
ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und (die Wahrheit zu gestehen) deine
eigene Meinung von der Sache wissen mchte, so viel als mir davon erinnerlich
ist, mittheilen will, wenn du anders Lust und Mue hast weiter zu lesen.
    Die Hauptpersonen des Gesprchs waren der junge Speusipp41 (Platons Neffe
von seiner ltern Schwester, einer der liebenswrdigsten Athener die ich noch
gesehen habe), ein gewisser Epigenes von Trzen, der seine Geistesbildung
vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt,
und Euphranor, welchem, da er Maler und Bildner zugleich ist, ein unstreitiges
Recht zukam, mit zur Sache zu sprechen. Da die Frau des Hauses sich ein paarmal
in das Gesprch mischte, wirst du einer so erklrten Liebhaberin alles Schnen
zu keiner Unbescheidenheit auslegen.
    Mich dnkt (sagte Epigenes, der zu dieser Errterung den Anla gegeben
hatte), ehe wir uns auf die Frage was das Schne sey? einlassen, wre wohl
gethan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so
vielerlei, zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, da der
allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht
leicht zu finden seyn drfte. Wir sagen: ein schner Himmel, eine schne Gegend,
ein schner Baum, eine schne Blume, ein schnes Pferd, ein schnes Gebude, ein
schnes Gedicht, eine schne That. Man sagt: dieser Wein hat eine schne Farbe,
dieser Snger eine schne Stimme, diese Tnzerin tanzt schn, dieser Reiter
sitzt schn zu Pferde. Ich wrde nicht fertig, wenn ich alle die krperlichen,
geistigen und sittlichen Gegenstnde, Bewegungen und Handlungsweisen herzhlen
wollte, denen das Prdicat schn beigelegt wird. Was ist nun die ihnen allen
zukommende gemeinsame Eigenschaft, um derentwillen sie schn genannt werden? Ich
kenne keine allgemeinere als diese, da sie uns gefallen. Die Menschen nennen
alles schn was ihnen gefllt.
    Speusipp. Ich gebe gern zu, da das Schne allen gefllt, deren uerer und
innerer Sinn gesund und unverdorben ist: aber da alles, woran ein Mensch
Wohlgefallen haben kann, darum auch schn sey, kann schwerlich deine Meinung
seyn.
    Lais. Sonst wre nichts Schneres als ein mit Fssern und Kisten wohl
beladenes Lastschiff voll morgenlndischer Waaren! wenigstens in den Augen des
Korinthischen Kaufmanns, vor dessen Hause sie abgeladen werden, und der in
diesem Augenblick gewi mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie ber einander
hergewlzten Fssern, Kisten und Scken hat, als an dem schnsten Gemlde des
Parrhasius.
    Epigenes. Also, mich genauer auszudrcken, nenne ich schn, was allen
Menschen, ohne Rcksicht auf den Nutzen, der daraus gezogen werden kann,
gefllt.
    Speusipp. Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schnen etwas gewonnen
seyn? Was gefllt, ist (deinem eigenen Gestndni nach) nicht immer schn; aber
das Schne gefllt immer, blo weil es schn ist. Die Frage was ist schn?
bleibt also noch unbeantwortet.
    Euphranor. Knnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der
Antwort verhelfen, die wir suchen?
    Lais. Mich dnkt, Euphranor bringt uns auf den rechten Weg.
    Euphranor. Zum Beispiel, der junge Bacchus dort, dem der lachende Faun den
rosenbekrnzten Becher reicht, indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft
auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mnas hinweiset.
    Lais. Es soll eines der besten Werke des berhmten Alexis von Sicyon seyn.
    Euphranor. Lassen wir diesen Bacchus fr schn gelten, oder hat jemand etwas
Wesentliches an ihm auszusetzen?
    Speusipp. Ewige Jugend in ewig frhlicher Wollusttrunkenheit kann unmglich
schner dargestellt werden.
    Euphranor. Das mchte ich nun eben nicht behaupten; genug, wir alle geben
zu, da er nicht hlich ist.
    Alle. Unstreitig.
    Euphranor. Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn?
    Lais. Unser Gefhl vermuthlich.
    Epigenes. Aber warum wir es alle fhlen, und fhlen mssen, wir mgen wollen
oder nicht, das ist es wohl was Euphranor hren mchte?
    Euphranor. Und worin knnte die liegen, als in der Gestalt des jungen
Gottes, in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder, in ihren
Verhltnissen gegen einander, und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit
des Ganzen?
    Ich und Epigenes und die brigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der
Hand. Nur Speusipp lchelte beinahe unmerklich und schwieg.
    Euphranor. Aber die schlummernde Mnas zu seinen Fen - kann man lugnen
da sie schn ist?
    Learchus. Ich glaube in aller Mnner Namen khnlich sagen zu drfen, sie ist
sehr schn.
    Euphranor. Und der junge Faun?
    Lais. Ich wenigstens habe noch keinen schnern gesehen.
    Euphranor. Also der Gott ist schn, der Faun ist schn, die Bacchantin ist
schn, ungeachtet das, warum wir jedes fr schn halten, die Formen und
Verhltnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen, an allen dreien
die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt. Wrden wir aber zufrieden seyn,
wenn der Faun fr den Weingott angesehen werden knnte, oder der Weingott fr
einen Faun? Mit der Form des schnsten Fauns wrden wir den Bacchus nicht schn
genug, mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schn finden. Und wenn
die Mnas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus, er seine
Schultern und Hften gegen die ihrigen umtauschte, wrden nicht beide dabei
verlieren, wiewohl sie Schnes um Schnes gben?
    Epigenes. Ganz gewi. Schn wre demnach etwas so Verhltnimiges, da es
unter vernderten Umstnden hlich werden knnte; wie z.B. ein schnes Weib
einen migestalteten Mann, ein schner Faun einen hlichen Bacchus abgbe?
    Euphranor. Die mchte doch wohl zu viel gesagt seyn. Ein Mann mit
weiblichen Gliederformen wre doch immer ein schnes Ungeheuer, und ein Bacchus
mit den Formen eines schnen Fauns wrde nur unedel, nicht hlich seyn.
Indessen knnte auch aus lauter schnen Theilen ein sehr widerliches Ganzes
zusammengesetzt werden, ohne da die Theile aufhrten schn zu seyn; es braucht
dazu nichts weiter, als jedem eine unrechte Stelle zu geben. Der schnste Munde
schief auf die Stirn, das schnste Auge an die Stelle des Mundes, und die
zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt, wrde aus dem Gesicht einer
Lais eine lcherliche Fratze machen.
    Lais. Fhrt uns die nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zurck,
da jedes Ding schn ist, wenn es das ist, was es seiner Natur und seinem Zwecke
nach, seyn soll?
    Epigenes. Wenn die keine Ausnahmen leidet, so wrde der Elephant, der Dachs
und die Fledermaus eben so wohl an Schnheit Anspruch zu machen haben, als der
Onager43, das Reh und der Fasan.
    Lais. Warum nicht, wenn wir dem unerschpflichen Erfindungsgeiste der
gttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch
eigensinnige Vorliebe fr gewisse uns vorzglich gefllige Gestalten uns zu
kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen?
    Euphranor. Mit allem Respect, den ich dir und der gttlichen Bildnerin
schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, da mir die
Fledermaus oder der Krokodil schn vorkomme, und ich glaube hierin die Augen
aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe
ich nicht, warum alles, was die Natur hervorbringt, gerade fr unsern
Schnheitssinn gebildet seyn mte; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum
mu denn etwas, das nur dem Verstande schn ist, mit einem Worte bezeichnet
werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzglich solchen Dingen
zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhltnisse und Symmetrie
unsre Augen, oder vielmehr den innern Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergngen?
Die meisten Schpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in hhern und mindern
Graden. Ich zweifle sehr, da ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den
ersten Anblick die Gans schner als die Ente, den Schwan schner als die Gans,
den Pfau schner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert
jeder, der sie erblickt, zurck.
    Lais. Wiewohl die Unverschmtheit zu Athen eine Gttin ist, so verlasse ich
mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie
knnte mich hlich im Stiche lassen, wenn einer dieser schnen Nachtvgel
unversehens daher geschossen kme, um sich fr die unverdiente Ehre zu bedanken,
die ich ihm erwiesen habe.
    Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen
andern Ton. Die Athener erhielten ziemlich zweideutige Lobsprche ber ihre
auerordentliche Gottesfurcht; und da sie eben nicht im Ruf sind, sich durch die
Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen, so
meinte Learchus, sie htten wohl gethan, der Andeia44 fr die guten Dienste,
die sie ihnen bei mehr als Einer Gelegenheit geleistet, eine Capelle zu bauen,
und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern. Der gute Speusipp,
wiewohl er zu viel Urbanitt besitzt, um von solchen Scherzen beleidiget zu
werden, glaubte doch zuletzt, er msse sich seiner bedrngten Vaterstadt
annehmen, und bemhte sich, uns (etwas ernsthafter als nthig war) darzuthun:
da es einem so religisen Volke, wie die Athener von jeher gewesen, zumal in
jenen Zeiten einer noch sehr groen Einfalt der Begriffe und Sitten, keineswegs
zu verdenken sey, da sie sich von einem Mystagogen45, der in einem so hohen Ruf
der Heiligkeit und Weisheit in den gttlichen Dingen gestanden, wie Epimenides46
, htten bewegen lassen, der Hybris47 und der Andeia eigene Tempel zu widmen,
in der Absicht diese belthtigen Dmonen dadurch zu besnftigen und zur
Schonung zu bewegen; zumal da die entgegen gesetzten guten Dmonen, Eleos und
Aido48, bereits ffentliche Altre zu Athen hatten, und jene, wenn sie
vernachlssigt worden wren, eine solche Parteilichkeit sehr ungndig htten
aufnehmen knnen. Die Athener (meinte er) befnden sich mit der Gttin
Unverschmtheit in dem nmlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht,
welcher von Alters her sehr andchtig von ihnen verehrt worden sey, ohne da es
jemals einem Menschen eingefallen, ihre Tapferkeit dewegen in den mindesten
Zweifel zu ziehen.
    Es wre nicht artig gewesen, einem Abkmmling des weisen Solon wegen dieser
Apologie seiner Mitbrger ins Gesicht zu lachen. Ich versicherte ihn also in
unser aller Namen, da wir weit entfernt seyen, diese Sache in einem andern
Lichte zu sehen; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien, da wir den
Gegenstand unsers Gesprchs darber aus dem Gesichte verloren, setzte ich hinzu:
ich wrde fr meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft seyn, wenn wir des
Vergngens entbehren mten, zu hren, wie Speusipp, wenn ich recht in seinen
Augen gelesen htte, im Begriff gewesen sey, den Knoten zu entschlingen, der,
meines Erachtens, bisher unter unsern Hnden eher noch mehr verwickelt als
aufgelst worden. Du mut wissen, da dieser Speusipp, einen schwachen Anstrich
von Platonischer Pedanterei abgerechnet, ein sehr feiner Jngling ist, und
(unter uns gesagt) ohne meine Schuld einen der Pfeile, welche der Sohn Cytherens
aus meinen Augen links und rechts, wohin es trifft, zu schieen beschuldigt
wird, ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint. Ich bin nicht
gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen; sollte aber das
Uebel gar zu ernsthaft werden, so verlasse ich mich auf die kleine Lasthenia49,
die seit einiger Zeit die Stelle der schnen Droso bei mir eingenommen, und eine
so schwrmerische Liebe fr die Platonische Philosophie gefat hat, da
Speusipp, wofern er noch einige Tage hier verweilt, nothwendig davon gerhrt
werden mu. - Doch wieder zur Sache!
    Der junge Mann antwortete auf meine Einladung, nicht ohne bis in die Augen
roth zu werden, mit aller Grazie und Zuversicht, die du einem Athener und einem
Neffen Platons zutrauen wirst. Mich dnkt, fuhr er fort, wir haben uns bisher
immer um einen dunkeln Begriff des Schnen, dessen Daseyn wir voraussetzen,
herumgedreht, ohne ihm selbst nher gekommen zu seyn. Sinne und Einbildungskraft
stellen uns nichts als einzelne Dinge dar, die wir, wenn ihre Gestalt uns
gefllt, schn nennen, wiewohl uns immer eines schner als das andere ducht.
Auch die Kunst zeigt uns, sogar in ihren idealisirten Werken, nur einzelne
Gestalten, einen Ringer, Wettlufer oder Faustkmpfer, einen Achilles, Ajax oder
Ulysses, einen Zeus, Apollo, Mercur, Bacchus u.s.w., nie den Menschen, den
Helden oder den Gott, der so schn ist, als Mensch, Held oder Gott gedacht
werden kann. Daher sind die Eleer und Athener nie sicher, da nicht ein Bildner
aufstehe, der einen noch schnern Jupiter als ihren Olympischen, eine schnere
Aphrodite als die des Alkamenes in den Grten darstelle. Aber wie knnten wir
urtheilen, da irgend ein einzelnes Ding schner sey als ein anderes in seiner
Art, wenn die Idee des allgemeinen Schnen nicht bereits in unsrer Seele lge,
welche gleichsam der Mastab ist, woran wir das einzelne Schne in der Natur und
Kunst messen? Diese Idee ist es was wir suchen, ohne zu wissen da wir sie schon
haben, wiewohl es uns eben darum, weil sie eine Idee ist, an Mitteln fehlt, sie
auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen, das ist, durch bloe
Annherungen, wobei immer die Mglichkeit eines Schnern bleibt, weil das
Schnste, die Idee selbst, im Einzelnen erreichen zu wollen, eben so viel wre
als das Unendliche in einen beschrnkten Raum zu fassen.
    Also sprach er - und ergtzte sich, wie es schien, an dem Erstaunen, das in
unser aller weit offnen Augen zu lesen war. Eine allgemeine Stille ruhte eine
Weile auf der ganzen Tischgesellschaft; es war uns allen, denke ich, als ob uns
etwas geoffenbaret worden wre, und wir wunderten uns, allmhlich gewahr zu
werden, da wir im Grunde nicht mehr von der Sache wuten als vorher. Epigenes
war der erste, der das heilige Schweigen brach. Wir sind dem Speusippus nicht
wenig Dank schuldig (sagte er mit einem Ernst, der das eben ausbrechen wollende
Lachen von den Lippen deiner muthwilligen Freundin zurckschreckte), da er uns
einen Blick in die erhabensten Mysterien seines berhmten Oheims thun lie, und
uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute. Denn die Idee ist
der Schlssel zu allen Geheimnissen der Natur in und auer dem Menschen. - Ich
gestehe mit Beschmung, sagte Euphranor, da dieser Schlssel mir nichts
aufschliet. Ich begreife nichts von einer Idee, die ich in mir trage, ohne zu
wissen weder da ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin, also auch
ohne gewi zu seyn, da ich sie habe. - Wundert dich die, Euphranor? versetzte
der junge Athener lchelnd; du hast also, wie es scheint, nie wahrgenommen, wie
vieles in dir ist, dessen Daseyn und Beschaffenheit dir nur durch seine
Wirkungen offenbar wird? Die ungelehrtesten Menschen empfinden, erinnern sich
des Empfundenen, vergleichen und unterscheiden, bilden sich Begriffe und machen
Schlsse, ohne zu wissen, wie sie dabei zu Werke gehen; und der gelehrteste wei
im Grunde nicht viel mehr davon als sie. Die Idee des Schnen erweiset sich in
dir und in uns allen durch ihre Wirkungen; sie selbst ist so wenig anschaulich,
als es z.B. die Kraft ist, mit welcher du urtheilst, ob du zu dem, was du malen
willst, einen feinern oder grbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene
Farbenmuschel tauchen sollest. - Es mag vielleicht seyn wie du sagst, erwiederte
Euphranor: aber wessen ich sehr gewi bin, ist, da ich mich, wenn ich eine
Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte, auf eine Idee, die ich in mir
herumtrage, ohne es zu wissen, nicht verlassen drfte. Da ich die Verhltnisse
und Formen des mnnlichen und weiblichen Krpers, die bei den Griechen fr die
schnsten gelten, studirt habe; da ich genau wei, wie ein Arm oder Schenkel
gestaltet seyn mu, um von jedermann fr schn erkannt zu werden, und wie jedes
Gliedma nebst allen brigen, die mit ihm in Verbindung stehen, sowohl in Ruhe
als in jeder Art von Bewegung und Stellung, aus jedem Gesichtspunkt betrachtet
erscheinen mu; da ich wei, wie man den Pinsel und den Meiel handhaben mu;
da ich, wenn ich male, jedem Gegenstande seine wahre Gestalt, Farbe und
Haltung, Charakter und Ausdruck, jedem Theil sein rechtes Verhltni zu den
brigen, jedem Muskel sein gehriges Spiel zu geben, Licht, Farben und Schatten
richtig und zweckmig zu vertheilen, und das Ganze auf seinen gehrigen Ton zu
stimmen wei: alles das sind Dinge, deren ich mir sehr klar bewut bin, wovon
ich Rechenschaft geben kann, und ohne welche ich nichts machen knnte, das des
Sehens werth wre. Auch bin ich mir eben so klar bewut, wie ich zu dem, was ich
wei und kann, gelangt bin: nmlich nicht durch den magischen Einflu einer
Idee, die mir selbst unsichtbar ist, sondern durch emsiges forschendes
Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister, fteres Besuchen
der Gymnasien und Kampfspiele, hartnckigen Flei, viele Uebung, Liebe zur
Kunst, und brennenden Wetteifer mit denen, die ich anfangs nur nachzuahmen
suchte. Und was den Mastab der Grade des Schnen betrifft, wozu bedrfte ich
eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen, die
in ihrer Art fr vorzglich schn gelten, und des feinen Gefhls des Gehrigen,
Geflligen und Genugsamen, das durch bestndige Uebung des Kunstsinns an der
Natur selbst erworben wird? Ich habe, wiewohl ich noch nicht dreiig Jahre
zhle, das Schnste gesehen, was in den vornehmsten Stdten der Griechen zu
sehen ist; aber ich erinnere mich nicht, irgendwo ein Bild eines Gottes, eines
Homerischen Helden, einer Gttin oder Nymphe gesehen zu haben, welches (das
Conventionelle abgerechnet) schner wre, als gewisse Personen, die ich kenne.
So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten - dieser
Bacchus nach einem sehr schnen Jngling, mit welchem ich zu Sicyon fters
badete, und die schlummernde Mnas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses
gebildet. - Und die weit du so gewi? fragte Speusipp. - So gewi, als da
nicht der berhmte Alexis von Sicyon, wie Lais im Scherz vorgab, sondern der
noch unberhmte Euphranor von Korinth diese Gruppe, die du selbst mit deinem
Beifall beehrtest, gearbeitet hat. Htte ich eine mit dem Grtel der Venus
geschmckte Juno zu malen, so wei ich sehr wohl, an welche sichtbare Gttin ich
meine Gelbde richten wrde. - In der That, sagte Speusipp mit der Attischen
Miene, die du als ein Vorrecht der edeln Theseiden51 kennst, es ist nicht zu
lugnen, da wir ein wenig lcherlich sind, indem wir uns an der Tafel der
schnsten Frau in Griechenland die Kpfe darber zerbrechen was schn sey; denn,
welche Bewandtni es auch mit dieser Frage haben mag, die ist gewi, da jeder,
der sie sieht, seine hchste Idee der Schnheit in ihr verkrpert finden wird.
    Sobald das Gesprch eine solche Wendung nahm, war es hohe Zeit, ihm ein Ende
zu machen. Auf einen Wink, den ich kurz zuvor einer Aufwrterin gegeben hatte,
trat in dem Augenblick, da Speusipp das letzte Wort aussprach, die schne
Lasthenia an der Spitze meiner oben erwhnten jungen Nymphen in den Saal, um die
Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten; und bevor eine Stunde vergangen
war, glaubte ich zu bemerken, da meine junge Philosophin den Platoniker (der,
wie die Aphyen52, nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen) unvermerkt immer
nher an sich zog. Bei euch Mnnern wird die geflligste zuletzt immer ber die
schnste den Sieg erhalten. Es ist ein unglcklicher Vorzug der Weiber, da die
Leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhngig und desto
hartnckiger ist, je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden.
    Ich sehe zu spt, da ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe.
Mchtest du mich mit einem noch grern fr meine Unbescheidenheit bestrafen!
Sage mir doch ein paar Worte, wie dir's zu Rhodus geht, was du treibst, und ob
man hoffen darf, deine ehmalige Andacht zu dem Erderschtterer Poseidon wieder
einst erwachen zu sehen?

                                      18.



                               Aristipp an Lais.

Darf ich dir, im Vertrauen auf die Rechte einer zehnjhrigen Freundschaft,
gestehen, schne Lais, wie mir deine jetzige Lebensweise vorkommt? Betrachte ich
sie als einen bloen Uebergang von der Glorie einer unumschrnkten Gebieterin
ber die Person und die Schtze eines Persischen Groen, zu der glcklichern
aber weniger schimmernden und prunkenden Lebensart, die einer Einwohnerin von
Korinth geziemt, so wnsche ich blo, da du dich entschlieen mgest, zwar
nicht gar zu hastig, aber doch lieber zu schnell als zu langsam, von der Hhe
herabzusteigen, die du mit der freiesten Besonnenheit verlassen hast. Was die
stolzen Korinthier in die Laune setzt, dir, wie einer fremden Frstin, welche
sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalten wollte, eine Art von glnzendem Hof zu
machen, ist (auer dem Reiz, den die Neuheit der Sache fr sie hat)
hauptschlich die Hoffnung, womit jeder sich schmeichelt, den Vorzug endlich bei
dir zu erringen, nach welchem sie alle trachten. Da du nicht sehr geneigt
scheinst so viel Glckseligkeit um dich her zu verbreiten, so wrde es deiner
Ruhe schwerlich zutrglich seyn, wenn du den sen Wahn einer so groen Menge
von Aspiranten allzu lange nhren wolltest. Das Rathsamste wre also, dich
selbst von der hohen Lydischen Tonart53 allmhlich zu der gewohnten Dorischen
herabzustimmen; und dazu, ducht mich, wrden deine kleinen Abendgesellschaften
ein sehr gutes Mittel seyn, wenn du ihnen so viel Geschmack abgewinnen knntest,
deine gesellschaftliche Mittheilung allein, oder doch beinahe allein auf diese
den Musen vorzglich geheiligten Orgien einzuschrnken; an welchen ich nichts
auszusetzen habe, als da ich durch eine Entfernung von dritthalbtausend Stadien
davon ausgeschlossen bin. Doch, du willst mir ja Gelegenheit geben auch abwesend
an ihnen Theil zu nehmen, da du mich aufforderst, dir meine Gedanken ber euer
neuliches Tischgesprch mitzutheilen. Ich bin nicht eitel genug mir einzubilden,
da ich ber diesen Gegenstand etwas zu sagen htte, das fr dich neu wre; und
berhaupt gehrt, meiner Meinung nach, das Schne unter die unaussprechlichen
Dinge - der Natur, und lt sich besser fhlen und genieen, als zergliedern und
erklren. - Aber (wirst du sagen) diese unaussprechlichen Dinge sind ja eben
was uns am strksten anmuthet, und worber wir am liebsten vernnfteln - oder
irre reden mgen. - Ich fge mich also sowohl deinem Willen als meinem eigenen
Naturtriebe, und wenn ich dir nichts Unbegreifliches und Unerhrtes offenbare,
so schreib' es meiner zur andern Natur gewordenen Maxime zu: im Philosophiren
immer verstndlich zu bleiben, und vor allem mich immer selbst zu verstehen.
    Epigenes hatte Recht, mit der Frage, was nennen die Menschen schn? den
Anfang der Untersuchung zu machen; nur htte er dem Einwurf Speusipps
zuvorkommen, und sogleich antworten sollen: wir Griechen pflegen alles schn zu
nennen, was uns, ohne Rcksicht auf seine Ntzlichkeit, gefllt. Das
Wohlgefallen ist immer nothwendig mit einem angenehmen Gefhl verbunden, und
umgekehrt; aber dieses Gefhl ist nicht der Grund warum uns das Schne gefllt,
sondern die natrliche Wirkung des Schnen auf unsern Sinn. - Warum gefllt uns
denn aber das Schne? - Mit der Antwort: weil es schn ist, wre nichts gesagt;
indessen habe ich keine andere Antwort als, weil wir so organisirt sind da es
uns, wofern ihm nicht nachtheilige Umstnde von auen oder innen im Lichte
stehen, nothwendig gefallen mu. - Aber mu denn alles, was gefllt, schn
seyn? Gefallen uns nicht viele Dinge blo darum, weil sie zweckmig und
ntzlich sind? - Allerdings werden, unserm Sprachgebrauch zufolge, auch solche
Dinge fters schn genannt; nur hat der Sprachgebrauch Unrecht, wenn er schn
und gut vermengt. Das Schne ist zwar, insofern es schn ist, immer etwas Gutes;
aber das Gute ist nicht, insofern es gut ist, nothwendig auch schn; und die
macht einen groen Unterschied - Damit ist fr den Begriff des Schnen nichts
gewonnen, sagt Speusipp; das Rthsel, dessen Auflsung wir suchen, die Frage:
was ist das Schne an sich? bleibt noch immer ungelst und unbeantwortet. - Aus
einem sehr einfltigen Grunde; blo weil wir keine Antwort auf diese Frage
haben. Das Schne oder die Idee des Schnen, in Platons Sinne, ist, wie Speusipp
selbst gesteht, kein Gegenstand unsres Anschauens. Wir sehen nur einzelne schne
Dinge, und auch diese sind nur schn durch ihr Verhltni gegen die Organe
unsrer Sinne; und wenn wir von schnen Dingen sprechen, so ist die Rede nur von
dem, was dem Menschen, nicht was an sich schn ist. - Diesemnach knnten wir
von keinem Dinge sagen es sey schn; denn wie wollten wir die Stimmen aller
Menschen, die jemals gelebt haben, jetzt leben, und knftig leben werden,
darber sammeln? - Auch ist die sehr unnthig. Mir gengt daran, da etwas mir
schn ist; erscheint es auch andern so, desto besser; zuweilen auch nicht desto
besser: denn man ist fters in dem Falle, etwas Schnes gern allein besitzen zu
wollen. Wie dem aber auch sey, genug da es nun einmal nicht anders ist noch
seyn kann, und da wir von sehr vielen Dingen keinen andern Grund, warum wir sie
fr schn halten, anzugeben haben, als weil sie uns schn vorkommen, oder,
genauer zu reden, weil sie uns gefallen. - Ein Ding kann also zugleich schn
und nicht schn seyn? - Nicht seyn, aber scheinen, so wie z.B. dem
Gelbschtigen die Lilie, die allen gesunden Augen wei ist, gelb zu seyn
scheint. Was ich schn finde, kann allerdings andern, aus mancherlei Ursachen,
mit Recht oder Unrecht, gleichgltig oder gar mifllig seyn; denn Vorurtheil
oder Leidenschaft kann mich oder sie verblenden. Die Liebe verschnert und hat
fr jeden Fehler des Geliebten ein milderndes Wrtchen, das ihn bedeckt oder gar
in einen Reiz verwandelt; der Ha thut das Gegentheil. Mangel an Bildung und
klimatische oder andere locale Angewohnheiten haben vielen Einflu auf die
Urtheile der Menschen ber Schnheit und Hlichkeit. Kurz, das Wort schn,
welchem Gegenstand es beigelegt werden mag, bezeichnet blo ein gewisses
angenehmes Verhltni desselben, besonders des Sichtbaren, Hrbaren und
Tastbaren, zu einem in Beziehung mit demselben stehenden uern oder innern
Sinn; weiter hinaus reicht unsre Erkenntni nicht, oder verliert sich in dunkle
Vorstellungen und leere Worte.
    Ein solches Wort scheint mir die angeborne Idee zu seyn, welche der Neffe
des groen Arobaten54 Plato fr den Kanon55 des Schnen, und Plato selbst (wenn
ich ihn anders verstehe) fr einen in unsre Seele fallenden Widerschein eines
ihm und uns unbegreiflichen Urbildes des Schnen ausgibt, welchem er in den
berhimmlischen Rumen56 einen Platz unter den brigen Ideen anweiset. Da diese
Platonischen Offenbarungen auch mir (wie dem wackern Euphranor) nichts klrer
machen, so halte ich mich an das, was ich auf dem Wege der Beobachtung der Natur
im Geschfte der Entwicklung und Ausbildung unsres Schnheitssinnes abgelauscht
zu haben glaube.
    Ich nehme als etwas allgemein Wahres an, da ein gewisser Grad von Licht,
und die gnzliche Abwesenheit desselben, eine ganz lichtlose Finsterni, die
entgegengesetzten uersten Grnzen bezeichnen, innerhalb welcher das Licht
allen gesunden menschlichen Augen schn ist. Innerhalb dieser Grnzen lieen
sich, wenn wir ein Werkzeug das Licht zu messen htten, eine Menge Abstufungen
andeuten, welche die Grade unsers Vergngens am Licht, oder (was eben dasselbe
sagt) die Grade seiner Schnheit bezeichnen wrden. Indessen lehrt die
Erfahrung, da eine gewisse Abwechselung und Mischung der hhern Grade des
Lichts mit dem niedrigsten dasjenige ist, was in dem groen Gemlde der Natur
die angenehmsten Eindrcke auf uns macht. Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel
in der organischen Beschaffenheit unsers Auges, und mich dnkt, wir knnen uns
dabei beruhigen, ohne tiefer in das Geheimni der Natur eindringen zu wollen als
sie uns erlaubt. Mit den Farben hat es eben dieselbe Bewandtni. Der Anblick
einer in tausendfltige Schattirungen von Grn gekleideten und von einem azurnen
Himmel umflossenen Landschaft vergngt unser Auge und ducht uns schn; noch
schner der Himmel, wenn eine Menge leichter goldverbrmter Rosenwlkchen, wie
schwimmende Inseln in einem hellblauen Meere, von Abend gegen Morgen langsam an
ihm daherschweben; am schnsten, wenn die Abendsonne durch ein dnnes
Dunstgewlk in eine Glorie von zusammengefloss'nen Regenbogen zu zerschmelzen
scheint. Eine hnliche Wirkung wrde der Anblick der Erde thun, wenn Bume, Gras
und Kruter, gleich einem mit den buntesten Blumen aller Art besetzten
Gartenstck, einen unaufhrlichen Wechsel der lebhaftesten Farben in unsre Augen
spielten. Wie entzckend aber auch ein solcher Anblick wre, so sind doch unsre
Gesichtswerkzeuge nicht dazu eingerichtet, so viel Schimmer und so lebhafte
Farben in die Lnge zu ertragen. Indessen erklrt sich daraus, warum uns die
Natur im Frhling am schnsten erscheint; weil nmlich die Frbung des magischen
Gemldes, das sie uns in dieser lieblichsten der Horen darstellt, zwischen dem
einfrmigen Blau und Grn, und einem allzu bunten und feurigen Farbenspiel
gleichsam in der Mitte schwebt.
    Eben so, wie die Ursache der mehr oder minder angenehmen Wirkung des Lichts
und der Farben in der Organisation unsers Auges zu suchen ist, scheint auch die
allgemeine Erfahrung, da gewisse Linien, Figuren und Krper dem Auge und der
tastenden Hand angenehmer sind als andere, hauptschlich in der natrlichen
Beschaffenheit dieser Organe gegrndet zu seyn. Warum gefllt uns eine
sanftwallende Linie besser als eine gerade? warum ein Cirkelbogen besser als ein
Winkel? Die Kreislinie mehr als das Eirund? Wie man diese Fragen auch
beantworte, am Ende mssen wir immer gestehen, die Einrichtung unserer
Gesichts-und Gefhls-Werkzeuge bringe es nun einmal so mit sich. Eine gerade
fortlaufende Linie, eine ebene ununterbrochne Flche gefllt einen Augenblick,
wird aber bald durch ihre Einfrmigkeit langweilig; das Winklichte beleidigt
Gesicht und Gefhl; ein sanfter Uebergang vom Ebnen zum Gebogenen schmeichelt
beiden. Daher, da uns das leichte Wallen eines sanftbewegten Wassers schner
ducht, als die schroffen in einander berstenden Wogen des emprten Meeres;
daher, da unsre Tpfer und Bildner gewisse zwischen der Kugel und dem Ei mehr
oder weniger in der Mitte schwebende Formen als die schnste zu Urnen und
Prachtgefen whlen.
    Was ich von Licht und Schatten, Farben und Linien als den Elementen des
sichtbaren Schnen gesagt habe, gilt in seiner Art auch von den verschiedenen
Schwingungen der Luft, wodurch der Schall in unserm Ohr und vermittelst dieses
Organs in unserm innern Sinne gewisse angenehme Gefhle erregt; von dem
majesttischen Rollen des Donners bis zum leisen Geflster der Pappel und Birke;
vom klappernden Tosen eines entfernten Wasserfalls, bis zum einschlfernden
Murmeln einer ber glatte Kiesel hin rieselnden Quelle; vom frhlichen Geschwirr
der Lerche bis zum eintnigen Klingklang der Cicade. Alle diese einfachern
Schlle und Tne, durch welche die Natur unser Ohr als ein zu ihr stimmendes
lebendiges Saiteninstrument anspricht, betrachte ich als die Elemente des
hrbaren Schnen, welches, gleich dem sichtbaren, in der Mitte zwischen zwei
Aeuersten schwebt, und also eben demselben Gesetz unterworfen ist, wodurch die
dem Auge geflligen Tne des Lichts und der Farben, und die dem Gefhle
schmeichelnden Formen der Krper bestimmt werden, dem Gesetze der Harmonie der
sinnlichen Eindrcke von auen mit der Einrichtung der ihnen entsprechenden
Organe.
    Wiewohl ich nun diese angenehmen Empfindungen, wovon bisher die Rede war,
als die Elemente betrachte, woraus alles sichtbare, hrbare und fhlbare Schne
zusammengesetzt ist; so wrden sie uns doch, jede fr sich allein, nie auf den
Begriff der Schnheit gefhrt haben. Denn wie lebhaft auch die angenehme
Empfindung seyn mag, die z.B. durch eine gewisse Farbe oder einen gewissen
einzelnen Ton in uns erregt wird; so wrde doch eine lange Dauer derselben unser
Auge oder Ohr ermden, und uns erst gleichgltig, dann langweilig, endlich
widrig und unertrglich werden. Verschiedenheit und ftere Abwechselung der
angenehmen Eindrcke sind sowohl zum Vergngen als zur Erhaltung der Organe
gleich nothwendig: aber im Verschiedenen mu Aehnlichkeit seyn, die Abwechselung
durch sanfte Uebergnge bewirkt werden, und das Mannichfaltige, von Harmonie
zusammengefat, zu einem Ganzen, dessen Totaleindruck uns angenehm ist,
verschmolzen werden; und die allein ist es, was die Idee der Schnheit in uns
erzeugt.
    Lass' uns nun einen hhern Standort nehmen. Die Natur ist alles was ist,
war, und seyn wird, also auch die Quelle, so wie die Summe alles Schnen. Wr'
es mglich einen Augenpunkt zu finden, aus welchem sich die ganze Natur mit
Einem Blick von uns berschauen liee, so wrden wir das wahre Urbild alles
Schnen in der Wirklichkeit vor uns sehen. Aber unser Auge ist auf ein enges
Hemisphrion eingeschrnkt, und die Natur unermelich. Was sie unsern Sinnen
darstellt, sind nur unendlich kleine Abschnitte und Bruchstcke eines
grnzenlosen Ganzen. Aber das Wundervolle und Gttliche in ihr, das, wodurch sie
sich so unendlich weit ber die Kunst des Menschen erhebt, ist, da jedes der
kleinsten Gliedmaen, aus welchen sie zu einem einzigen leben- und seelenvollen
Krper innigst verwebt ist, eine Welt voll harmonischer Mannichfaltigkeit, eine
unendliche Menge von organisirten Theilen enthlt, deren jeder wieder als ein
neues Ganzes betrachtet werden knnte, wenn die Werkzeuge unsrer Sinne fein und
scharf genug wren, die besondern Eindrcke, die er auf uns macht, zu
unterscheiden.
    Hier verliert sich der Gedanke in einem uferlosen Ocean, und uns bleibt
nichts brig, als uns wieder in die Schranken unsrer eigenen Natur
zurckzuziehen, und, dem Gesetz der Nothwendigkeit gehorchend, uns selbst (so
klein wir sind) als den Kanon der Natur, unser Empfindungsvermgen als das Ma
ihrer Schnheit, und unsre Kunstfhigkeit als eine schaffende Macht zu
betrachten, welche berechtigt ist, den uns berlass'nen Erdschollen, unsre Welt,
nach unsern eigenen Bedrfnissen, Zwecken und Begriffen zu bearbeiten, und in
ein beschrnktes Ganzes fr uns zu unserm Nutzen und Vergngen umzuschaffen.
    Daher kommt es nun, da wir die Natur nur insofern schn finden, als das
Schauspiel, womit sie uns umgibt, oder der einzelne Gegenstand, den wir daraus
absondern, und fr sich betrachten, unsern Sinnen angenehm ist. Eben dieselbe
Landschaft, die uns bei heiterem Himmel unter einem gewissen Winkel von der
Sonne beleuchtet, in Entzcken setzt, gibt bei trber Luft einen sehr
gleichgltigen Anblick; eben dieselben Gegenstnde, z.B. ein sumpfiger Boden,
umgestrzte, ausgefaulte Baumstmme, schroffe mit schmutzigem Moose bewachsne
Felsenstcke, tiefe finstre Hhlen, wildes struppichtes Gebsche, - lauter Dinge
die uns einzeln und in der Nhe betrachtet. Unlust, Ekel und Grauen erregen,
erscheinen aus einem entfernten Gesichtspunkt, und durch eine gewisse
Beleuchtung in ein Ganzes verbunden, als ein reizendes Gemlde. Vorzglich aber
erklrt sich daher, da der Mensch keine schnere Gestalt kennt als seine
eigene, und sich selbst, ohne sich dessen bewut zu seyn, zum Typen aller
schnen Formen macht. Da alles was die Natur hervorbringt, in seiner Art
vollendet und vollkommen ist, wie kme der Krokodil oder die Krte dazu, da wir
sie so hlich und abscheulich finden, wenn nicht daher, weil der Contrast ihrer
Bildung und Gestalt mit der unsrigen so ungeheuer gro ist; da wir hingegen alle
Arten von Thieren desto schner finden, und um so viel mehr Anmuthung zu ihnen
fhlen, je mehr die Formen und Proportionen ihrer Bildung sich den unsrigen
nhern; eine Bemerkung, die du sogar an solchen Naturgeschpfen, welche die
wenigste Aehnlichkeit mit uns zu haben scheinen, an Blumen, Stauden und Bumen,
besttigt finden wirst, und wovon der Affe allein eine Ausnahme macht, weil er,
durch einen Anschein von Aehnlichkeit, die mit der widerlichsten Hlichkeit
verbunden ist, der menschlichen Gestalt zu spotten, und den hchsten Grad von
Verunstaltung und Abwrdigung derselben darzustellen scheint.
    Es scheint mir nun ein Leichtes, die verschiedenen Meinungen deiner
Symposiasten nach dieser Ansicht der Sache zu vereinbaren oder zu berichtigen.
Wenn wir zwischen dem, was ich die Elemente des Schnen nenne, und den schnen
Naturerzeugnissen oder Kunstwerken, die daraus zusammengesetzt sind, gehrig
unterscheiden, so heben sich alle Schwierigkeiten von selbst. Wir knnen von
jenen keinen andern Grund angeben warum sie uns gefallen, als weil sie einen
angenehmen Eindruck auf unsre Organe machen; bei diesen hingegen liegt der Grund
tiefer, nmlich in der Natur unsrer Seele selbst, welcher das innigste
Wohlgefallen an Ordnung, Harmonie und Vollkommenheit wesentlich ist. Indessen
ist auch bei dieser zusammengesetzten und vielgestaltigen Schnheit nicht zu
vergessen, da das, wodurch sie uns wirklich als schn erscheint und gefllt,
blo die schnell auf Einen Blick oder in einem untheilbaren Moment gefhlte
Einheit im Mannichfaltigen ist; indem dieses Gefhl und mit ihm die Idee der
Schnheit so bald verschwindet, als wir den Gegenstand zergliedern oder in
seinen einzelnen Theilen und Elementen stckweise betrachten. Mit dem, was
Euphranor ber die Platonische Idee der Schnheit sagt, bin ich insofern
einverstanden, als ich sie fr die Frucht einer natrlichen Tuschung halte, die
daher entsteht, da uns selten ein Gegenstand, sey es ein Werk der Natur oder
der Kunst, vor die Augen kommt, der, unsrer Einbildung nach, nicht schner seyn
knnte als er uns erscheint. Indem wir die zu fhlen glauben, erzeugt sich in
unsrer Phantasie ein mehr oder weniger klares Bild dieser hhern Schnheit,
welches wir (dnkt uns) sogleich darstellen knnten, wenn wir die dazu nthige
Kunstfertigkeit besen; und da es nichts anders ist, scheint mir daraus klar,
da sobald ein schner Gegenstand uns gnzlich befriedigt, wir unser Ideal in
ihm realisirt, ja wohl gar noch bertroffen zu sehen whnen. Da es solche
Gegenstnde gebe, kann wohl kein Unbefangener bezweifeln, der aus den
Unsterblichen den Jupiter oder die Minerva des Phidias, und aus den Sterblichen
die schne Lais gesehen hat.
    Ich mte mich sehr irren, oder meine Philosophie des Schnen (wenn ich ihr
anders einen so vornehmen Namen geben darf) ist auch auf das, was wir in
sittlichem Verstande schn nennen, anwendbar. Auch hier finde ich meinen
Unterschied zwischen den Elementen desselben und dem, was unser Verstand daraus
zusammensetzt, wieder. Aufrichtigkeit, Unschuld, Gte, Treue, Dankbarkeit,
Bescheidenheit, Sanftheit, Groherzigkeit, Geduld, Seelenstrke, und alle aus
diesen Eigenschaften oder Tugenden entspringenden Gefhle, Gesinnungen und
Thaten nennen wir schn; weil sie uns, vermge einer in unsrer Natur gegrndeten
Nothwendigkeit, gefallen, anziehen, Achtung und Liebe einflen, wo, wann, und
an wem wir sie gewahr werden, ohne alle Rcksicht auf das Ntzliche, das sie fr
uns haben oder haben knnten. Im Gegentheil eine schne That erscheint uns desto
schner, je mehr Selbstberwindung und Aufopferung eigener Vortheile sie
erfordert, und unser besonderes Ich kommt dabei so wenig in Betrachtung, da,
wofern der Mond Einwohner htte und man erzhlte uns irgend eine schne That,
die ein Mann im Monde vor zehntausend Jahren gethan htte, die Vorstellung
derselben eben so auf uns wirken wrde, als wenn sie vor wenig Tagen mitten
unter uns geschehen wre. Die erstreckt sich sogar auf die Thiere, an welchen
wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben, ja noch weiter
hinab bis ins Pflanzenreich, wo es, z.B. Blumen gibt, die uns durch Gestalt,
Farbe und Wohlgeruch zu natrlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften
werden, und aus diesem Grunde, fters auch ohne da wir uns dessen bewut sind,
Personen von zrterem Gefhl eine sonderbare Art von Anmuthung einzuflen
vermgen.
    Einen aus jenen Eigenschaften, als den Elementen oder Grundzgen des
Sittlichschnen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schn, weil und
sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst
vollendetes Ganzes darstellt. Das Schnste in dieser Art wre also unstreitig
ein ganzes Leben, welches, aus lauter schnen Gesinnungen und Thaten
zusammengesetzt, uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und
Fhigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des groen Zwecks der mglichsten
Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mittheilung gewhren wrde. Ein solcher
Charakter in einem solchen Leben dargestellt, wrde fr die Formen und
Proportionen des sittlichen Menschen eben das seyn, was der Kanon des Polykletus
fr die richtigsten Verhltnisse des menschlichen Krpers. Denn unlugbar gibt
es in beiden ein Schnstes, ber welches die Phantasie nicht hinausgehen darf,
wenn sie des wahren Ebenmaes nicht verfehlen, und statt schner Gestalten
schne Ungeheuer hervorbringen will. Die Einbildung, da sich immer noch etwas
Schneres denken lasse als das Schnste was uns die Natur wirklich darstellt,
ist bloe Tuschung; und ich bin auch ber diesen Punkt gnzlich der Meinung
deines Freundes Euphranor, der es zu verdienen scheint, da du ihm hierin zur
vollstndigsten Ueberzeugung verhelfest.
    Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina (denn
dafr darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schlu
deines Briefes nehmen?) wrde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen
fliegen, wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich
gemacht htte, seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten. So fern von
Aegina als ich dann seyn werde, knnt' ich mich um so leichter versucht fhlen,
meine Wanderungen zu Wasser und zu Land noch eine gute Strecke weiter
auszudehnen. Den Vorsatz trage ich schon lange mit mir herum, und soll er jemals
ausgefhrt werden, so mu es jetzt geschehen, da die Entfernung von dir schon so
gro ist, da etliche tausend Parasangen mehr oder weniger keinen sonderlichen
Unterschied machen.

                                      19.



                                 An Eurybates.

Es ist Zeit, Eurybates, da du wieder von mir selbst vernehmest, da ich noch
unter denen bin, die das erfreuende Licht der Sonne trinken.
    Ich habe nun alle Griechischen Pflanzstdte an den Ksten Asiens und den
grten Theil des von den Shnen Hellens bevlkerten festen Landes und der dazu
gehrigen Inseln besucht, und nach einer mehr als achtjhrigen Abwesenheit sehn'
ich mich in die schne Athen zurck, die unvergeliche und unvergleichbare, zu
welcher man sich, wie zu einer etwas unartigen aber reizvollen Geliebten, immer
wieder mit verborgener Gewalt hingezogen fhlt, weil man, aller ihrer Unarten
und Launen ungeachtet, dennoch nichts Liebenswrdigeres kennt als sie. Ich werde
den Athenern den Tod des Sokrates nie verzeihen; aber sieben Jahre haben ihre
Wirkung gethan und mich an die Vorstellung gewhnt, da ich das, was geschehen
ist, von der Natur selbst zu gewarten gehabt htte. Ich wrde ihn entweder nicht
mehr am Leben, oder in einem Zustande von Abnahme angetroffen haben, worin man,
fr seine Freunde und sich selbst, schon ber die Hlfte - zu seyn aufgehrt
hat. Die Zeit hilft uns vergessen was nicht zu ndern ist, und was sie selbst
bewirkt htte, wenn ihr die Menschen nicht zuvorgekommen wren.
    Was mich am meisten mit den Athenern ausgeshnt hat, ist: da sie das
Andenken des besten ihrer Brger in seinen Freunden und Zglingen ehren, und der
Philosophie einen so freien Spielraum und Uebungsplatz gestatten, als sie nur
immer verlangen kann. Wie ich hre so hat mein alter Freund Antisthenes schon
seit geraumer Zeit in der Cynosarge57, und Plato, seitdem er von seinen Reisen
in Aegypten und Italien zurckgekommen ist, in seinem an der Akademie gelegenen
Grtchen, eine Art von Sokratischer Schule erffnet, deren Beschaffenheit ich
mit meinen eigenen Augen zu erkundigen begierig bin. Ich erwarte von beiden
nichts anders, als wozu sie schon bei Lebzeiten des Meisters gute Hoffnung
gaben, nmlich, da der eine die Philosophie des Sokrates bertreiben, der
andere verflschen werde. Am richtigsten wr' es vielleicht, wenn man die
Sokratiker sammt und sonders als Pflanzen verschiedener Art betrachtete, die
neben einander aufgekommen sind, und ihre Nahrung aus eben demselben Boden
gezogen, aber jede auf eine andere, ihrer eigenen Natur geme Art, verarbeitet
haben. Man knnte sie auch mit mehrern Shnen eben desselben Vaters vergleichen,
deren keiner ihm recht hnlich sieht, wiewohl dieser seine Augen, jener seinen
Mund, ein dritter seine Nase hat. Zuweilen findet sich auch ein vierter, der
zwar in jedem einzelnen Zuge von dem Vater verschieden ist, hingegen im Ganzen
der Physiognomie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm hat. Ich meines Orts
mchte lieber dieser letzte seyn als einer von den andern; wiewohl ich glaube,
die Natur habe es darauf angelegt, da jeder sich selbst gleich sehen soll.
    Ich habe deinem Freigelass'nen Phormion, meinem alten Hausverwalter zu
Athen, aufgetragen, mir, wo mglich in der Nhe vom Pompeion58, eine Wohnung,
wie ich sie nthig habe, zu miethen; das ist, ein paar Schlafkammern, einen
Speisesaal und eine Galerie neben etlichen Reihen schattengebender Bume.
Erweise mir die Freundschaft, dich der Sache anzunehmen, und dem ehrlichen
Phormion merken zu lassen, da es dir angenehm seyn werde, wenn er sich meines
Auftrags mit Verstand erlediget.
    Ich werde mich so lange, bis du mir meldest da ich kommen knne, bei einem
Freunde zu Tanagra59 aufhalten, und nicht vergessen, dir den stattlichsten
Kampfhahn mitzubringen, der in der ganzen Stadt aufzutreiben seyn wird.

                                      20.



                                 An Kleonidas.

Nach Vollendung meines groen Kreislaufs durch alle Hellenischen Colonien in
Asien habe ich noch einige Monate zugebracht, die sdliche Kste von Thracien
und Macedonien, und die Landschaft Thessalien und Phocis zu besuchen, und
befinde mich jetzt, bis meine knftige Wohnung in Athen eingerichtet ist, bei
einem Freunde zu Tanagra. Ich habe, wie Odysseus, auf meiner langen Wanderschaft
vieler Menschen Stdte und Sinnesart kennen gelernt; auch hat es mir, wie dem
herrlichen Dulder, nicht an mancherlei frhlichen und unfrhlichen Abenteuern
gefehlt, die uns dereinst, wenn uns eine freundliche Gottheit wieder in Cyrene
vereiniget, reichen Stoff zu kurzweiligen Unterhaltungen geben sollen. Nur das
Neueste, was mir in Thessalien aufstie, schickt sich, denke ich, besser fr
eine schriftliche Erzhlung, zumal da ich den Kopf noch so voll davon habe, da
ich fr nthig halte mich dessen zu entladen, bevor ich nach Athen zurckkehre,
wo es nicht rathsam wre viel davon zu sprechen. Um keine tuschenden
Erwartungen bei dir zu erregen, schreite ich ohne weitere Vorrede zur Sache.
    Nachdem ich mich zu Potida ber den Thermaischen Meerbusen an die
Thessalische Kste hatte bersetzen lassen, war mein Erstes, das berhmte Tempe
60 zu besuchen, wovon ich, seit ich unter den Griechen lebe, so oft mit
Entzcken reden gehrt hatte. Denn ein Grieche, der Olympia und Delphi nicht
gesehen, und sich nicht wenigstens einmal in seinem Leben in Tempe erlustiget
htte, wrde an einem sehr unglcklichen Tage geboren zu seyn glauben. Dieses
Thal, das sich einige Stunden von Larissa zwischen dem Olympus und Ossa in
sanften Krmmungen bis an die See hinzieht, ist in der That vielleicht der
reizendste Winkel des ganzen Erdbodens. Es wrde der fruchtbarsten Phantasie
eines Malers oder Dichters schwer werden, mehr Schnheit und Anmuth mit grrer
Abwechslung und Mannichfaltigkeit in einen engern Raum zusammen zu zaubern und
mit dem Erhabensten und Grauenvollsten in einem anmuthendern Contrast zu sehen,
als hier ohne alle Nachhlfe der Kunst (wie es scheint) Natur und Zufall allein
bewerkstelliget haben. Ich brachte zwei der angenehmsten Tage meines Lebens in
diesem oberirdischen Elysium zu, und zum hchsten Lebensgenu fehlte mir nichts,
als die heilige Trias meiner Geliebtesten, Lais, Kleonidas und Musarion. Ich
vermite euch um so viel strker, weil sich's zuflliger Weise traf, da ich
(was hier selten begegnet) diese zwei Tage ber der einzige fremde Bewohner von
Tempe war.
    Ungetheiltes, allein genoss'nes Vergngen, wie ungemein es auch sey,
verliert gar bald seinen sesten Reiz, und eine geheime Unruhe, deren Ursache
wir uns nicht immer bewut sind, treibt uns zu neuen Gegenstnden. Am dritten
Morgen kam mich die Lust an, den benachbarten Ossa zu besteigen, theils um meine
Augen an den herrlichen Aussichten zu weiden, die er ber die umliegenden
Thler, Hgel und Landschaften und ber den Thermaischen Meerbusen bis an die
Kste von Pallene hin, gewhrt, theils in Hoffnung einige mir noch unbekannte
Arten von Steinen und Pflanzen auf diesem wilden Gebirge aufzufinden. Ich lie
meinen alten Xanthias mit einem jungen Sklaven bei den Maulthieren im Thal
zurck, bestieg einen Gipfel des Berges nach dem andern, und fand berall so
viel zu sehen und zu sammeln, da die Sonne sich unvermerkt zum Untergange
neigte, bevor ich gewahr wurde, da keine Hoffnung brig sey, die Herberge
wieder zu erreichen, wo ich meine Leute gelassen hatte. Schon fing ich an, unter
den hufigen Schluchten und Klften, wovon dieses durch mchtige
Erderschtterungen zerriss'ne Gebirg allenthalben voll ist, mich nach irgend
einer Hhle zum Nachtlager umzusehen, als ich, beim Umwenden um die scharfe Ecke
eines struppigen Felsen, im Eingang einer durch Menschenhnde (wie es schien)
bewohnbar gemachten Hhle, einen Mann sitzen sah, der anfangs ber meinen
Anblick noch mehr als ich ber den seinigen betroffen schien, aber (da er keine
Ursache sah mir Arges zuzutrauen) sich schnell genug fate, um einige Schritte
auf mich zuzugehen. Es war ein langer hagerer Mann, dem Ansehen nach nicht viel
ber Sechzig; noch fest und lebhaft, von vielsagender Gesichtsbildung, aber
finsterm Blick unter einer Stirn, durch welche schmerzliche Erfahrungen tiefe
Furchen gezogen zu haben schienen. Ich nherte mich ihm mit Zuversicht und
Ehrerbietung, erffnete ihm mein Anliegen, und erkundigte mich, ob nicht irgend
eine Herberge im Gebirge anzutreffen sey, die ich vor Einbruch der Nacht noch
erreichen knnte. Du scheinst ein Arzt zu seyn, und dich im Botanisiren so tief
in diese Wildni gewagt zu haben, versetzte der Alte. Er schlo die vermuthlich
aus einem ziemlichen Bund Kruter und Blumen, den ich unter dem Arme trug. Ich
antwortete: ich wre zwar kein Arzt, als etwa in Nothfllen, wo jeder Mensch so
viel wissen sollte, um sich selbst und andern eine Hlfe schaffen zu knnen;
aber ich studirte die Natur, und versumte selten eine Gelegenheit, meine
Kenntni von den Pflanzen und ihren Eigenschaften und Krften zu erweitern. Wenn
die ist, erwiederte er mit zusehends sich erheiternder Miene, so kannst du dich
auch wohl eine Nacht bei einem Manne behelfen, der dir nichts als das
Unentbehrlichste anbieten kann, zumal da du es in diesem Gebirge nirgends besser
finden wrdest; auch wr' es schon zu spt, um dich auf dem Pfade nicht zu
verirren, der nach den nchsten Hirtenwohnungen fhrt. Da ich sein Anerbieten
mit Dank und Freude annahm, schlug er mit seinem Stab an eine kleine Glocke, und
eine reinlich gekleidete Sklavin von mittlerem Alter und guter Gestalt kam aus
dem Innern der Hhle hervor, und entfernte sich wieder, sobald er ihr etliche
leise Worte gesagt hatte. Bald darauf fhrte er mich durch einen ziemlich
dunkeln krummen Gang, von ungefhr zwanzig Schritten, in einen gerumigen
gewlbten Saal, der gegen einen groen, unregelmigen, und ringsum von
schroffen Felsen eingeschloss'nen Garten offen war. Hier setzten wir uns
zwischen zwei ziemlich roh gearbeiteten Sulen nieder, das Gesicht gegen den
Garten gekehrt, den ich mit fruchtbaren Bumen und mancherlei ebaren Gewchsen
und Krutern bepflanzt, und dem Ansehen nach gut gewartet sah. Mein Alter ward
zusehends immer heitrer, sprach aber wenig, meistens nur in Fragen, auf deren
Beantwortung er mir seine Zufriedenheit mit Kopfnicken oder einzelnen Sylben zu
erkennen gab. Ungefhr nach einer Stunde rstete die Sklavin einen kleinen
Tisch, und setzte uns eine Schssel gekochtes Ziegenfleisch, mit feinen Wurzeln
und Krutern wohlschmeckend zubereitet, und zum Nachtisch trockne Feigen, eine
leichte Art von Kuchen, und einen Krug des besten Weins von Thasos vor. Meine
Elust vergngte meinen alten Wirth, wie es schien, nicht weniger als mein
briges Wesen und Benehmen; und nachdem er den dritten Becher auf unsre neue
Bekanntschaft geleert hatte, ward er selbst gesprchiger, und sagte traulich mir
die Hand schttelnd: Wundre dich nicht, Fremdling, da du mich so wenig reden
hrst. Ich war nicht immer so wortarm; aber seit zwanzig Jahren bist du, auer
einem alten Freunde, der mich immer zur Zeit der Pythischen Spiele zu besuchen
pflegt, und der Thrazierin, die fr meine Bedrfnisse sorgt, das einzige
menschliche Wesen, mit dem ich mehr als ein paar einsylbige Worte gewechselt
habe. Du siehst, da die der gerade Weg ist, das Reden zu verlernen, wenn man
auch der redseligste aller Athener gewesen wre. Wohl mchte mir's brigens
bekommen seyn, wenn ich mich immer mit Ja und Nein zu behelfen gewut htte.
Denn da du mich hier siehest, kommt allein daher, da ich ehmals meiner Zunge
mehr Freiheit lie als einem klugen Manne ziemt.
    Du kannst dir leicht vorstellen, Kleonidas, da ich meinen Wirth nach dieser
Rede schrfer als zuvor ins Auge fate. Du wohnst schon zwanzig Jahre hier?
fragte ich. - Nicht vllig so viel; aber vorher lebte ich einige Zeit auf dem
Landgute eines Freundes so sorgfltig versteckt, da ich auer ihm selbst keine
Seele zu Gesichte bekam. - Das mu eine schlimme Race von Menschen seyn, vor
welchen ein Mann wie du sich so verstecken mu, sagte ich. - Ich sehe da du
mich nher kennen mchtest, erwiederte er. Wenn deine Neugier nicht schwcher
ist als meine Neigung mich dir zu entdecken, so bleibst du ein paar Tage bei
mir, um mich wieder reden zu lehren, und du sollst allerlei erfahren, das
vielleicht dieses Opfers werth ist.
    Mein Wirth kam durch diese Einladung einem Wunsch entgegen, den ich nicht
gewagt htte laut werden zu lassen. Wir redeten nun von andern Dingen, und
wiewohl er sich noch immer sehr lakonisch ausdrckte, so verrieth doch das
Wenige was er sagte einen Mann von freiem Geist, vieler Erfahrung und
ausgebreiteter Menschenkunde. Als die Zeit zum Schlafengehen gekommen war,
fhrte er mich in eine kleine, mit Binsenmatten behangene und belegte
Schlafkammer, und lie mich allein. Hier konnt' ich mich der Thorheit nicht
erwehren, hin und her zu sinnen, wer der sonderbare Alte seyn knne, mit dem ich
auf dem Ossa so unvermuthet in Bekanntschaft gerathen war; aber alles Nachsinnen
war umsonst. Ich ergab mich also in die Nothwendigkeit meine Neugier bis morgen
einzuschlfern, und sie schlief so gut, da die Sonne schon ber der Spitze des
Athos schwebte, als ich in dem Saal erschien, wo mir mein Alter, in einen langen
Pelz gehllt, so munter entgegenkam, da ich errthete, mich in einer Tugend,
die meinen Jahren besser ziemte als den seinigen, von ihm bertroffen zu sehen.
Er fhrte mich sogleich in den Garten, wo ein sanfter, wiewohl etwas scharfer
Morgenwind die Luft mit dem lieblichen Athem der Kruter und Blumen durchwrzte.
Ich habe, fing er an, mehr als die Hlfte meines Lebens mit Beobachtung aller
Arten von Menschen zugebracht, und besitze einige Fertigkeit in der Kunst das
Innere einer Person aus ihrer Gesichtsbildung und Miene zu errathen. Deine
Physiognomie hat dir mein Zutrauen auf den ersten Blick erworben; ich wnsche
von dir gekannt zu seyn, und berlasse mich ohne Bedenken dem Vergngen, nach
einer so langen unfreiwilligen Verborgenheit einen Menschen gefunden zu haben,
dem ich mich aufschlieen darf. Ich bin kein Menschenhasser, wie du aus meiner
seltsamen Lebensweise vermuthen mut; im Gegentheil, da ich es zu gut mit den
Menschen meinte, ist mein Unglck gewesen. Sie haben mich ausgestoen, verbannt,
einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, und blo um kein Schlachtopfer ihrer Wuth
zu werden, hab' ich mich in eine Hhle des Ossa verbergen mssen. - Du wunderst
dich was ich verbrochen haben knne, um die Menschen, mit denen ich einst lebte,
so heftig gegen mich aufzubringen? Ich wollte sie weiser machen als sie ertragen
knnen. - Bei diesem Worte hielt er inne und seine Stirn verfinsterte sich
einige Augenblicke so sehr, da ich Bedenken trug, ihm zu zeigen, wie sehr er
durch diese Worte meine Neugier gespannt hatte.
    Wir waren indessen unvermerkt auf eine Anhhe gekommen, die, in einem Kreise
von ungefhr dreihundert Schritten, mit einer dreifachen Reihe von Pappeln, und
zwischen den Bumen mit hlzernen Schnitzbildern besetzt war. Aber was fr
Bildern! Nie ist mir etwas Auffallenderes in meinem Leben vorgekommen, als diese
in ihrer Art gewi einzige Bildergalerie; man mte sie aber selbst gesehen
haben, um sich die Wirkung vorzustellen, die der Ueberblick des Ganzen auf einen
keines Argen sich vorsehenden Anschauer macht. Doch, du bist ein Knstler, mein
Kleonidas, und deine Phantasie wird ohnehin das Beste bei meiner Beschreibung
thun mssen. Bilde dir also ein, du sehest alle Gtter der Griechen, vom Zeus
Olympius bis zum bocksfigen Pan, und von der weiarmigen Herrscherin Here bis
zu den schlangenhaarigen Erinnyen, einzeln und gruppenweise, unter Beibehaltung
einer gewissen Aehnlichkeit mit ihren gewhnlichen Darstellungen, in die
pbelhaftesten Migestalten travestirt, aber mit einer so komischen Laune in der
Art der Ausfhrung, da es mir bei ihrem Anblick eben so unmglich war, mich des
Lachens als des Unwillens zu erwehren. So zeigten sich (um dir nur etliche
Beispiele zu geben) Jupiter auf der einen Seite, wie er, in Gestalt eines
erbosten vierschrtigen Sacktrgers, im Begriff ist, seine eheliche
Widerbellerin mit einem Ambo an jedem Fu in die Luft herabzuhngen; auf der
andern, wie er sich auf dem Gipfel des Ida von der listigen Matrone, im Costume
einer nchtlichen Gassenschwrmerin, zu einer Thorheit verfhren lt, fr
welche die armen Trojaner bel ben werden. Du kennst die sonderbare Art, wie
Homer seinen unbefangenen und von der Zaubergewalt des Grtels der Venus
unwissend berwltigten Zeus der schnen Dame die Wirkung, die sie auf ihn
macht, zu erkennen geben lt: aber von der energischen Art, wie dieser in einen
brnstigen Centaur bersetzte Jupiter sein Anliegen vortrgt, hat eine so
wohlgeordnete Einbildung wie die deinige keine Ahnung. In dieser Manier kommt
nun die ganze Gttersippschaft an den Reihen. Hier sind Pallas Athene und der
hinkende Hephstos, dieser in Gestalt eines alten Kesselflickers, jene im
Charakter einer derben Marketenderin, in dem zweideutigen Kampfe, dem der
drachenfige Erichthonius entsprang, begriffen; dort tanzt Cytherea, als eine
halbtrunkne Austernymphe, mit einem bengelhaften Adonis den leichtfertigsten
Kordax61, der je getanzt worden ist, und Phoibos Apollo, als blinder Leyermann
mit den neun Schwestern als musikmachende Bettlerinnen, arbeiten aus allen
Krften auf der Leyer, dem Triangel, der Schellentrommel und dem Dudelsack dazu.
In zwiefacher Trunkenheit taumelt Bacchus in die plumpen Arme einer weinseligen
Ariadne; Mercur zieht dem Plutus mit der behendesten Gewandtheit einen Beutel
aus dem Busen, Apollo dem Satyr Marsyas das zottelige Fell ber die Ohren. Ueber
sie alle erhebt sich der langhrige Schutzgott von Lampsakus, und scheint als
der wahre Gtterknig mit gewaltigem Scepter ber den Olympus zu herrschen.
Vorzglich nimmt sich ein Jupiter in einer grotesken Gestalt aus, woran nichts
als der Kopf sein eigen, alles brige hingegen aus den verschiedenen Thieren, in
welche ihn seine Gynkomanie62 verwandelte, aus Stier, Adler, Bock, Schwan,
Schlange, Wachtel und Ameise seltsam genug zusammengesetzt ist. Das groe
Kunstwerk aber, worin der Meister sich selber bertroffen hat, ist die
Darstellung der berhmten Scene aus dem Gesang des blinden Demodokos in der
Odyssee, wo der ehrliche Vulcan, nachdem er seine Gemahlin mit ihrem Liebhaber
Ares in einem unsichtbaren und unzerreilichen Netze gefangen hat, alle Gtter
zusammenruft, um Zeugen seines lcherlichen Unglcks zu seyn. Kurz, weiter kann
weder die Kunst der Carricatur, noch der Muthwille und die Verachtung der
Homerischen Gtter getrieben werden, als in dieser groen Composition von
Gruppen, die den innersten Cirkel des grnen Amphitheaters einnimmt. Der Alte,
der mich von einer Figur zur andern herumfhrte, ergtzte sich, wie es schien,
stillschweigend an meiner Verlegenheit, und an dem Sardonischen Lachen63,
welches mir seine zur niedrigsten Menschenclasse herabgesetzten Gtter wider
Willen abnthigten. Was denkst du, sprach er endlich mit einem selbstzufriednen
Blick, zu der guten Gesellschaft, die ich mir in meiner Einsamkeit zu
verschaffen gewut habe?
    Ich. Ich denke, wie du wohl zu dieser guten Gesellschaft gekommen seyn
kannst; denn unter den Bildschnitzern, die ich kenne (und ich kenne ungefhr
alle, die in einigem Rufe stehen), wte ich keinen, den ich fr den Schpfer
dieser sonderbaren Kunstwerke halten knnte.
    Er. Das will ich wohl glauben.
    Ich. Gleichwohl kann sie kein Stmper gemacht haben. Sie sind zwar
grtentheils etwas roh, und mit einer gewissen Nachlssigkeit gearbeitet, auch
hat ein Carricaturenschnitzer den Vortheil, sich viele Willkrlichkeit erlauben
zu drfen; indessen bleibt die Natur doch immer seine Regel; auch die
berladensten Zerrbilder mssen eine aus Harmonie mit sich selbst entspringende
Wahrheit haben; und da bei ihnen alles auf eine starke und geistvolle
Bezeichnung des Charakteristischen in ziemlich willkrlichen Formen ankommt, so
erfordern sie vielleicht mehr Genialitt und eine noch keckere Hand, als Werke,
die nach einem bestimmten Kanon der schnsten Formen gearbeitet sind. Und hierin
scheinen mir diese hier alles zu bertreffen, was ich jemals in ihrer Art
gesehen habe.
    Er. Es ist mir also gelungen. Denn alle diese nrrischen Unkepunze
(mormolykeia) sind meine eigene Arbeit, und ihnen hab' ich es zu danken, da mir
die lange Zeit, die ich hier gelebt habe, und mit der ich sonst nichts
anzufangen wute, ziemlich kurz geworden ist. Denn du begreifst leicht, da ich
fleiig seyn mute, um in achtzehn Jahren damit fertig zu werden. Ich hatte von
Kindheit an viel Geschick fr diese Art von Bildnerei; und das Mechanische,
welches dazu erfordert wird, lernte ich in meiner Jugend von einem ziemlich
mittelmigen Xyloglyphen64 in meiner Vaterstadt.
    Ich. Aber was haben dir die Gtter gethan, das dich reizen konnte, eine so
unbarmherzige Rache an ihnen zu nehmen?
    Er. Was sie mir gethan haben? Wahrlich, ich habe von ihnen, oder (was am
Ende auf Eins hinausluft) von ihren Priestern mehr als zu viel gelitten! Und
doch ist die nicht was meine Galle gegen sie gereizt hat. Denn ich mu
gestehen, in der Fehde, worin wir mit einander befangen sind, war ich der
angreifende Theil. Aber ich rgerte mich, wenn ich so manchen groen Knstler
allen seine Krfte aufbieten sah, fr diese unsittlichen Idole, in welchen der
schndeste Betrug und der sinnloseste Aberglaube alle Unarten und Thorheiten der
menschlichen Natur vergttert hat, schne und groe mehr als menschliche Formen
zu erfinden, um sie in prachtvollen Tempeln dem dummen Haufen zur Anbetung
aufzustellen. Mut du nicht gestehen, da meine Carricaturen den Gttern Homers
viel angemess'ner sind, als die erhabenen Gestalten eines Phidias und Alkamenes?
Wer kann sich den brnstigen Jupiter auf Ida, oder seine Gemahlin, die den armen
Priamus und seine Shne mit allen brigen Trojanern lieber roh auffressen
mchte, unter der Gestalt des Olympischen Jupiters und der Samischen Juno65
denken?
    Ich. Es sollte mir eben nicht schwer seyn, den Sachwalter des Homerischen
Zeus, wenigstens in der ehlichen Scene auf dem Gargaros die dir so anstig ist,
zu machen, und ganz stattliche Ursachen anzugeben, warum er sich seiner vielen
trefflichen Bastarde und der schnen Erdentchter und Gttinnen, die ihm diese
Helden erzeugen halfen, mit so vielem Wohlbehagen erinnert. Indessen, weil du
bei einer scharfen Untersuchung am Ende doch wohl Recht behalten mchtest, gebe
ich den Wolkenversammler mit seiner stierugigen Gemahlin, und meinethalben alle
andern unsterblichen Olympier der verdienten Zchtigung preis. Aber wenigstens
httest du der holden Musen, die uns aus dem Stande der rohen Thierheit gezogen
und den Keim der Humanitt in uns entwickelt haben, schonen sollen.
    Wie? (rief er in angenommenem komisch-zrnendem Tone) haben sie ihre Strafe
nicht schon dadurch allein reichlich verdient, da sie dem alten blinden Snger
so viel tolles und ungebhrliches Zeug auf Kosten der armen Gtter wei gemacht
haben? Denn, da er uns nichts singt als was sie ihm vorgesungen, fllt nicht
billig alle Schuld auf sie? Doch, wenn auch dieser Vorwurf nicht trfe, um eurer
Allegorien willen kann ich keine Ausnahmen machen; nicht einmal zu Gunsten der
Grazien, die der feile Pindar den Orchomeniern zu Gefallen66 so hoch erhebt, und
die du dort, nicht weit von der hochgeschrzten Austernymphe von Cythere, in
Gestalt botischer Khmgde sich mit Faunen und Bocksflern herumdrehen
siehest. Hier ist nichts zu schonen! Ich bin meines Daseyns nicht gewisser als
der traurigen Wahrheit, da der bloe Aberglaube dem Menschengeschlecht mehr
Schaden zugefgt hat, als alle unsre brigen Schwachheiten, Narrheiten und
Laster zusammen genommen. Ich habe also Gttern und Priestern ewige Fehde
angekndiget, und ich wundre mich nicht, da mir, wiewohl ich nur ein Pfuscher
in der Kunst bin, diese Zerrbilder so wohl gerathen sind: denn ich habe (was
vielleicht ohne Beispiel ist) zugleich mit Liebe und mit Grimm daran gearbeitet,
mit Liebe zum Werke selbst, und mit immer steigendem Grimm ber die Gegenstnde.
Alles die, lieber Aristipp, wird dich nicht lnger befremden, sobald ich dir
sage: da der Mann, den du vor dir siehst, Diagoras der Melier67 ist, von dem
du, bei Gelegenheit, in der ganzen Hellas als einem Atheisten mit Abscheu und
Schaudern reden gehrt haben wirst, und der doch wahrlich diesen ehrenvollen
Beinamen, so viel in seinen Krften ist, zu verdienen suchen mu.
    Wie? Ist's mglich? rief ich: du Diagoras? eben dieser Diagoras, der seit
mehr als zwanzig Jahren fr todt gehalten wird, und, wie die gemeine Sage geht,
von der Rache der Gtter berall verfolgt, in einem Schiffbruch unterging!
    Sprich, versetzte er, von der Rache der Priester verfolgt, so hast du die
Wahrheit gesagt; ihrer Gtter halben wollt' ich mich in einem Kornsieb auf den
Ocean wagen. Was ich dir sage; ich, wie du mich hier siehest, bin dieser von den
Athenern geachtete und durch ein frchterliches Decret in allen Theilen
Griechenlands verfolgte Diagoras von Melos, der, auf seiner Flucht nach
Thracien, an der Kste der Abderiten Schiffbruch litt, und, zum redenden Beweise
wie mchtig die Gtter der Griechen sind, allein am Leben blieb, als das Schiff
mit allen brigen, die es am Bord hatte trotz der heien Gelbde, die sie dem
Erderschtterer Poseidon und Zeus dem Retter zuwinselten, ohne Rettung zu Grunde
ging.
    Jetzt ward mir alles klar, was mich bisher an meinem Wirthe befremdet hatte,
und nun erst erinnerte ich mich, was mir gestern nicht aufgefallen war, da er
bei Tische die gewhnliche Libation vorbeiging, die kein Grieche, bevor er
trinkt, aus der Acht lt.
    Diagoras erzhlte mir nun, mit welcher Mhe, Gefahr und Noth er sich in
allerlei Verkleidungen von einer Insel des Aegeischen Meeres zur andern bis nach
Lemnos geflchtet, wo er zuflligerweise erfahren, da die Athener eine groe
Belohnung fr den, der ihn todt oder lebendig liefern wrde, durch ganz
Griechenland ausrufen lassen; wie er, aus Furcht zu Lemnos entdeckt zu werden,
etliche Monate sich in Wldern und Bergklften verbergen, und sein Leben
kmmerlich mit rohen Wurzeln und wilden Frchten habe fristen mssen, und wie er
endlich unverhofft in einem Schiffe aufgenommen worden, das fr Byzanz
befrachtet war, aber das Unglck hatte, von einem Sturm an die Thracische Kste
geworfen zu werden, und nicht weit von Abdera zu scheitern. Diagoras, der sich
durch Schwimmen ans Land gerettet hatte, erinnerte sich jetzt seines Freundes
Demokritus, bei welchem er Rath und Untersttzung zu finden gewi war: als er
sich aber zu Abdera nach ihm erkundigte, hie es, er sey schon vor geraumer Zeit
weggezogen, ohne da man wisse was aus ihm geworden sey. Zu gutem Glcke traf er
auf einen seiner ehmaligen Jugendfreunde, der indessen ein bedeutender Mann in
Abdera geworden war, und sich seiner sehr lebhaft annahm. Das Decret der Athener
war auch hier bereits angekommen, und von den Abderiten, zum Beweis ihres Eifers
fr die Sache der Gtter, ffentlich bekannt gemacht worden. Da sich nun leicht
jemand finden konnte, der die ausgesetzte Belohnung htte verdienen mgen, so
verbarg ihn sein Freund sorgfltig auf einem seiner Landgter im Macedonischen;
und weil Diagoras keinen andern Wunsch mehr hatte, als sein briges Leben in
gnzlicher Verborgenheit zuzubringen, kamen sie nach Verflu einiger Zeit auf
den Gedanken, ihm in Thessalien, auf einem der wildesten und unzugangbarsten
Theile des Ossa, wo ihn niemand suchen wrde, eine Wohnung zu verschaffen. Es
fand sich eine gerumige Felsenhhle, welche mit geringer Mhe zu einer
Einsiedlerei, wie er sie nthig hatte, zugerichtet werden konnte, und in ein von
steilen Klippen umgrtetes Thal auslief, wo er sich mit Anpflanzung und Wartung
eines Gartens beschftigen konnte. Das ganze Wesen wurde der Gemeine des
nchstgelegnen Dorfes, deren Eigenthum dieser Theil des Gebirges ist, abgekauft,
und Diagoras, unter dem Namen Agenor, mit einer Thracischen Sklavin, die ihm
sein Freund berlie, in den Besitz desselben gesetzt. Agenor gilt (wie er mir
sagte) unter den benachbarten Hirten und Landleuten, einer dem Thessalischen
Volke gemeinen Vorstellungsart zufolge, fr einen mchtigen Zauberer, in dessen
Ungnade zu fallen jedermann sich sorgfltig htet; und er lt sie um so lieber
in diesem Wahn, da er sich, durch die gute Wirkung einiger von Demokritus
gelernten Heilungsmittel fr Menschen und Vieh, ihr Zutrauen erworben hat. Auch
seine Unsichtbarkeit trgt zu der Ehrfurcht, die der Name Agenor einflt, das
Ihrige bei; denn niemand kann sich rhmen, ihn jemals in der Nhe gesehen zu
haben, und alles, was er mit ihnen zu verkehren hat, geht durch den Mund und die
Hnde seiner getreuen Sklavin.
    Diagoras verlangte von mir zu hren, ob zur Zeit meines Aufenthalts in Athen
noch die Rede von ihm gewesen sey, und was fr eine Vorstellung ich mir, nach
den Gerchten die ber ihn herumgegangen, von ihm gemacht htte. Ich antwortete,
alles, was ich fr und wider ihn gehrt, wre mir so bel zusammenhangend und
widersinnisch vorgekommen, da ich, in der Ungewiheit was ich davon denken
sollte, nur die vermeinte Unmglichkeit beklagt htte, die Wahrheit von ihm
selbst zu erfahren. So htte ich z.B. die Sage von der wahren Ursache seiner
Atheisterei gar zu ungereimt gefunden, - O, die mcht' ich doch hren, fiel er
mir ins Wort; ich bitte dich, was sagte die Sage? - Es hie, die eigentliche
Veranlassung zu deiner erklrten Feindschaft gegen die Gtter sey ein
Rechtshandel gewesen, in welchen du mit einem gewissen Menschen gerathen, der
dir ein ihm anvertrautes Gedicht unterschlagen und den Empfang desselben mit
einem frmlichen Eide vor Gericht abgelugnet, aber, nachdem er frei gesprochen
worden, das Gedicht als sein eigenes Werk mit groem Beifall bekannt gemacht
habe. Dieser Handel, sagte man, htte dich so tief gekrnkt, da du den Gttern
nicht httest verzeihen knnen, da sie nicht auf der Stelle ein Zeichen an dem
Meineidigen gethan; kurz, das erlittene Unrecht htte dich in deinem Glauben so
irre gemacht, da du endlich auf den Gedanken verfallen seyest: da die Gtter,
wofern Gtter wren, einen solchen Frevel unmglich ungestraft lassen knnten,
so mten nur gar keine Gtter seyn. Das ist lustig, sagte Diagoras: man mu
gestehen, fr ein so witziges Volk, wie die Athener sind, rsonniren sie
zuweilen erbrmlich; und berhaupt ist nichts so ungereimt, das sie sich nicht
wei machen lieen, sobald es auf andrer Leute Kosten geht. Frs erste, habe ich
in meinem Leben (wenigstens seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe) nichts
gemacht das einem Gedicht hnlich she. Htte ich aber auch das Talent, Verse zu
machen die gestohlen zu werden verdienten, so wrde ich, anstatt den Dieb
gerichtlich zu belangen, mein Recht an sie dadurch bewiesen haben, da ich noch
bessere gemacht htte. Und gesetzt endlich, ich htte mich in der ersten Hitze
zu einem Rechtshandel gegen den Ruber hinreien lassen, so wrde ich wenigstens
nicht so albern gewesen seyn, zu verlangen da Jupiter, - der, um den Erdboden
nicht gnzlich zu entvlkern, so viele tausend falsche Eide ungestraft lassen
mu, - nun gerade meiner Verse wegen eine Ausnahme machen sollte. Wahrlich wre
der sparsame Gebrauch der Donnerkeile, und die Art, wie die Welt regiert wird,
berhaupt die schwchste Seite der Gtter, sie wrden von mir immer
unangefochten geblieben seyn! Denn ich wte wirklich nicht wie sie es angreifen
mten, um die ungeheure Menge von Narren, Thoren und Schelmen, womit die Erde
berdeckt ist, besser zu regieren, als wir im Ganzen regiert werden; aber eben
daraus, da wir so gut regiert werden, als es unsre Narrheit und Verkehrtheit
nur immer zult, schliee ich, die Welt werde nicht von unsern Gttern regiert.
Denn, nach der Probe zu urtheilen, die sie in Homers Ilias abgelegt haben, mte
es noch zehnmal toller zugehen, wenn die Zgel der Weltregierung in den Hnden
so selbstschtiger, launischer, ungerechter, stolzer, rachgieriger, wollstiger
und grausamer Despoten lgen, als der alte Snger uns diese nmlichen Gtter
schildert, die in allen Stdten Griechenlands Tempel, Altre und Priester haben.
Ich sagte ihm: auch mir wre jene Sage von der Ursache seines Gtterhasses zu
lcherlich vorgekommen, um den mindesten Glauben zu verdienen. Aber was ich mir
nicht zu erklren gewut htte, wre der Hang zu den geheimen Gottesdiensten,
der bei ihm (wie man versichert) ehmals bis zur Leidenschaft gegangen sey. Es
war eine Zeit, sagt man, wo Diagoras im Glauben an Theophanien68, Orakel und
Wunderdinge aller Art eher zu viel als zu wenig that, und man wei da er den
grten Theil seines Vermgens aufgeopfert hat, um in der ganzen bewohnten Welt
herumzureisen, und sich in alle Mysterien, so viele er deren aussphen konnte,
einfhren zu lassen. Wie ein Mann, der die Religiositt bis zu diesem Grade von
Schwrmerei getrieben, auf einmal zum entgegen gesetzten Aeuersten habe
berspringen knnen, schien etwas so Unnatrliches, da man sich geneigt fhlte,
selbst die ungereimteste Erklrung, die ein solches Wunder einigermaen
begreiflich machte, fr gut gelten zu lassen.
    Dir, versetzte Diagoras, hoffe ich, ohne deiner Vernunft etwas
Ungebhrliches zuzumuthen, ziemlich begreiflich zu machen, wie ich gerade durch
die vollstndigste Befriedigung der besagten Schwrmerei zu dem Atheism gekommen
bin, dessen ich mit und ohne Grund, je nachdem man's nimmt, beschuldiget werde.
Alle Menschenkinder kommen, denke ich, mit mehr oder weniger Hang zum
Wunderbaren auf die Welt. Bei mir uerte sich dieser Naturtrieb von frher
Jugend an sehr lebhaft, aber mit einer Gegenwirkung verbunden, die ihm alle
seine Schdlichkeit benahm. Ich horchte nmlich mit dem grten Vergngen auf
alle Erzhlungen dieser Art; Milesische Mhrchen, Zauber- und
Gespenstergeschichten, theurgische Wunder, Theophanien, und alle die
bernatrlichen Dinge, die sich tglich ereignet haben sollen als die Gtter
noch unter den Menschen wandelten, und die Erde mit ihren Shnen und Tchtern
erfllten, kurz, alle diese Kindereien, wovon die Griechen immer so groe
Liebhaber waren, hatten auch fr mich einen ungemeinen Reiz; aber ich glaubte
kein Wort davon. Sie belustigten und beschftigten blo meine Einbildungskraft
und meinen Witz; jenes desto mehr, je unglaublicher sie waren; dieses, indem sie
mich zum Nachdenken anreizten, wie es mit diesen Dingen natrlich habe zugehen
knnen, d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Tuschung gekommen, und wie es
mglich gewesen, solche Albernheiten selbst den einfltigsten Menschen wei zu
machen. Diese Anlage bei mir vorausgesetzt, wird dir alles Uebrige sehr
begreiflich werden. Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln, besonders von
dem zu Delphi, gehrt; als ich heran gewachsen war, hrte ich auch zuweilen,
wiewohl immer mit geheimnivoller Zurckhaltung, von den Eleusinischen und
andern Mysterien reden. Dieses Geheimthun der Eingeweihten reizte meinen
Vorwitz, hinter die wunderbaren Dinge zu kommen, die, wie ich nicht zweifelte,
in diesen Mysterien zu sehen und zu hren seyn mten. Ich versuchte es auf alle
Weise, fand aber, da ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen wrde,
als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren liee. An
Gelegenheiten dazu konnte mir's nicht fehlen. Mein Vater war einer der
ansehnlichsten Handelsleute in Melos. Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach
den vornehmsten Hfen des Aegeischen, Ionischen und Karpathischen Meeres, und
hatte allenthalben Correspondenten, mit denen er in gastfreundlicher Verbindung
stand. Frhzeitig mit dieser Art von Geschften bekannt gemacht, wurde ich von
meinem zwanzigsten Jahre an, unter der Fhrung eines alten Dieners bald dahin
bald dorthin verschickt. Diese Reisen gaben mir Gelegenheit, mich mit den Orgien
von Lemnos, Kreta und Cypern bekannt zu machen: aber was ich dadurch erfuhr, war
so unbedeutend, da es zu nichts diente, als meine Begierde nach wichtigern
Entdeckungen desto strker anzufeuern. Ich machte mir einen Plan, meine
Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais (welche nach dem gemeinen
Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen theurgischen Weisheit sind)
anzufangen, sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern, Syrern,
Phniciern und Griechen bergegangenen Mysterien auf dem Wege den sie genommen
zu verfolgen, und nicht eher zu ruhen, bis mir in diesem Fache nichts mehr zu
ergrnden brig wre. Ich fhrte diesen Plan aus, sobald ich durch den Tod
meines Vaters das Vermgen dazu bekam. Ich brachte mehrere Jahre damit zu; und
da wir natrlicherweise nach dem, was an uns in die Augen fllt, beurtheilt
werden, so konnt' es nicht fehlen da ich mir durch eine so ungewhnliche
Anwendung meiner Zeit und meines Vermgens den Ruf eines bis zur Schwrmerei
religisen Menschen zuzog; einen Ruf, den ich selbst, so lang' er meinen
Absichten befrderlich seyn konnte, auf alle Weise zu unterhalten beflissen
war.
    Auf der letzten Reise, die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte,
ward ich zuflligerweise mit dem berhmten Abderiten Demokritus bekannt, den
eine hnliche Wibegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb; nur da
seine Absicht mehr auf Naturgeschichte, und auf die physischen, astronomischen
und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester, Magier und Orphiker,
als auf die religisen gerichtet war. Wer die Mitbrger dieses auerordentlichen
Mannes kennt, sollte glauben, sein Genius habe Mittel gefunden, sich alles
Verstandes, den die Natur unter die Bewohner von Abdera vertheilen wollte, fr
ihn allein zu bemchtigen. Mir wenigstens ist unter so vielen merkwrdigen
Mnnern, deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir Gelegenheit
verschafften, keiner vorgekommen, der mit einem so hellen und so viel
umfassenden Geist einen so unermdeten Flei in Erforschung der Natur, und mit
beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmuth im Umgang vereinigte wie Demokritus. Von
der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fhlte ich mich so stark von ihm
angezogen, da ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wnschte; und auch er
fate so viele Zuneigung fr mich, da er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen
brigen Wanderungen zu begleiten, sondern auch Vergngen daran fand, mich in
seinen eigenen Mysterien einzuweihen, welche mir, wie du gerne glauben wirst,
eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen, womit ich einige der
besten Jahre meines Lebens vertndelt hatte. Die Bekanntschaft mit diesem Manne
htte mir viel Ungemach und die Nothwendigkeit, mein Daseyn in einer Felsenkluft
zu verheimlichen, ersparen mgen, wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen
knnte, oder richtiger zu reden, wenn ich meinen Eifer, die Menschen
vernnftiger zu machen als sie zu seyn fhig sind, im Zaume zu halten gewut
htte.
    Was du mir da sagst, fiel ich ein, setzt mich desto mehr in Verwunderung, da
ich nach dem Ruf, worin Demokritus steht, eher alles andere als einen Sachwalter
der Gtter von ihm erwartet htte.
    Der war er denn auch so eigentlich nicht, versetzte Diagoras; aber er hatte
sich ber diesen Punkt ein System gemacht, wobei er seine Vernunft zu retten
glaubte, ohne mit den Priestern und Mystagogen, die den Glauben an ihre Gtter
und Mysterien zu einer Brgerpflicht zu erheben gewut haben, jemals in offne
Fehde zu gerathen.
    Du wrdest mich verbinden, sagte ich, wenn du mich mit seiner Denkart ber
diesen Gegenstand nher bekannt machen wolltest. - Die kann nicht besser
geschehen, erwiederte Diagoras, als wenn ich dir eine Unterredung mittheile die
ber diese Materie zwischen uns vorfiel.
    Du bist, sagte Demokritus zu mir, vermuthlich der einzige Mensch in der
Welt, der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat, um hinter die Geheimnisse der
Priesterschaft zu kommen: darf ich fragen, was der reine Gewinn deiner
Entdeckungen ist? - Immer so viel (war meine Antwort) da ich die Unkosten nicht
bereue. Ich wei nun mit einer Gewiheit69, die ich schwerlich auf einem andern
Weg erlangt htte: da Gtter und Priester Synonymen sind; da alle unsre Gtter
(die blo allegorischen ausgenommen) Menschen waren, die ihre Standeserhhung
und den ihnen angewiesenen Antheil an der Weltregierung den Priestern, durch
welche sie regieren, zu danken haben; und da der Tartarus mit allen seinen
Feuerstrmen und Schreckgespenstern, so wie die Inseln der Seligen mit aller
ihrer Wonne, schlaue Erfindungen sind, wodurch die Priesterschaft sich der
beiden mchtigsten Leidenschaften und durch sie der Herrschaft ber die Welt
bemchtigt hat. Ich begreife nun wie der Gtter und der Menschen Vater Zeus zu
Kreta geboren und begraben seyn kann; warum Delos die Wiege des Apollo und der
Artemis ist, und woher die unendliche Menge von Shnen und Tchtern kommt, womit
unsre Gtter und Gttinnen die ganze Hellas so berschwnglich bevlkert haben,
da keine alte Familie ist, die ihr Stammregister nicht mit irgend einem
gttlichen Bastard anzufangen die Ehre htte. Ich begreife nun, warum eine
Religion, die in sich selbst so bel zusammenhngt, und deren hchstes Geheimni
ist da die Gtter Nicht-Gtter sind, so wenig zur Veredlung der Menschheit
beitragen kann. Und wenn auch das alles nicht wre (setzte ich hinzu) rechnest
du etwa fr nichts, da ich wei wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wthenden
Typhon verbarg, was das alte Mtterchen Baubo der Ceres zeigte, um sie in der
hchsten Betrbni zum Lachen zu bringen, und was in dem verdeckten Korbe war,
den Pallas Athene den Tchtern des Cekrops in Verwahrung gab? - O gewi,
versetzte Demokritus lachend, zu diesen Wissenschaften httest du schwerlich auf
einem andern Wege gelangen knnen; aber alles brige war wohlfeiler zu haben. -
Ich mu bekennen, sagte ich, da mir die Wissenschaft - nichts oder was wenig
besser als nichts ist, zu wissen, hoch genug zu stehen kommt; zumal, da mir, bei
aller Aufklrung die ich ber unsre Mysterien erhalten habe, der Hauptpunkt noch
immer unbegreiflich geblieben ist. - Was knnte die wohl seyn? fragte
Demokritus. - Weiter nichts, als wie es mglich ist, da bei der unendlichen
Menge von - Iniziirten, es noch einen einzigen vernnftigen Menschen geben kann,
der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug, Gaukelei, Kindermhrchen und
Kinderpossen, wie die Religion unsrer Vter ist, noch einen Augenblick tuschen
lassen kann. Denn wirklich thut die Priesterschaft ihr Mglichstes uns die Augen
zu ffnen. - Ich sehe, erwiederte er, da du mit allen deinen Nachforschungen
noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist. Wir machen uns fast
allemal einer Ungerechtigkeit schuldig, wenn wir irgend etwas Menschliches, sey
es - Glaube, Gewohnheit, Sitte, oder - Lehre, Gesetz, Institut, eher fr ganz
ungereimt und verwerflich erklren, bevor wir unbefangen erforscht haben, ob es
nicht in seinem Ursprung, zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt, gut,
schicklich und zweckmig war. Ich bin gnzlich deiner Meinung, da der
Gebrauch, den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien
macht, die Verachtung, die du dagegen gefat hast, mehr als zu sehr
rechtfertigt: nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung
schickliche Mittel zu einem lblichen Zweck gewesen zu seyn, und um dieser
Ursache willen einige Schonung zu verdienen. Die undurchdringliche Finsterni,
die auf der ltesten Geschichte aller Vlker liegt, hat mich nicht abgeschreckt,
in den Alterthmern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da
hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte. Dem, was ich darin
wahrzunehmen glaubte, zufolge, nehme ich drei verschiedene Epochen an, in
welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem, was sie noch zu unsrer
Vter Zeit war, gestaltet hat. Denn ber das, was sie jetzt ist, sind wir, denke
ich, ziemlich einverstanden. Der erste dieser Zeitpunkte ist der, da unser Land
noch von ganz rohen Naturmenschen, oder richtiger gesagt, Thiermenschen bewohnt
war. So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht, kann man von ihm so
wenig, als von irgend einem andern Thiere, sagen, da er eine Religion habe: es
ist etwas der Religion Aehnliches, wie man einigen Thieren etwas der Vernunft
Aehnliches zuschreibt. Ein dumpfes Gefhl der gewaltigen, ihm unbegreiflichen
Krfte der Natur, das bei ungewhnlichen, vorzglich bei furchtbaren
Naturbegebenheiten in ihm erregt wird, ist der rohe Stoff, woraus der finstre,
schwermthige und schreckhafte Aberglaube, in welchem wir die Kindheit des
Menschengeschlechts befangen sehen, sich nach und nach hervorarbeitet. Das Wort
Deisidmonie scheint in unsrer Sprache ganz eigentlich fr diesen Zustand
gemacht zu seyn; etwas Bestimmteres von der besondern Gestalt, welche dieser
noch so sehr unfrmliche, dem Zufall und einer ungebndigten Einbildungskraft
gnzlich berlass'ne Dmonism70, unter den Autochthonen71 unsers Landes
angenommen haben mag, wei ich nicht zu sagen.
    Die zweite Epoche scheint mir die ebenfalls unbestimmbare, uralte Zeit zu
seyn, da die Titanen, vermuthlich vom Kaukasus her, sich eines groen Theils der
nachmaligen Hellas bemchtigten, und ein Reich stifteten, das von keiner langen
Dauer gewesen zu seyn, aber doch den ersten Grund zur Civilisirung dieser
Gegenden gelegt zu haben scheint. Durch die Lnge der Zeit mute unter einem
Volke, dem die Kunst, Gedanken und Worte mittelst einer leichten Art von
Bezeichnung zu verkrpern und festzuhalten, noch unbekannt war, die Geschichte
der Titanen, durch bloe mndliche Ueberlieferung fortgepflanzt, nach und nach
zu Sagen, und, durch eine Kette von Vernderungen, Revolutionen und zuflligen
Ursachen aller Art, endlich zu Volksmhrchen werden, wovon unsre
belzusammenhngende ltere Gtter-und Heroengeschichte ein verworrenes Chaos
ist. Unzhlige Spuren setzen indessen ihr ehemaliges Daseyn und ihre Verdienste
um die ltesten Bewohner Griechenlands auer allen Zweifel. Mit ihnen kamen die
zu einem menschlichen Leben unentbehrlichen Knste zuerst in diese Gegenden;
und, aller Wahrscheinlichkeit nach, schreibt sich auch die Einfhrung der
ltesten Religion des obern Asiens, die Verehrung des Himmels und der Erde, der
Sonne und des Mondes von ihnen her. Wie es nun zuging, da in der Folge die
Titanen selbst fr Shne des Himmels und der Erde gehalten und kraft eines
Erbrechtes, das ihnen von niemand streitig gemacht wurde, theils an die Stelle
der Sonne und des Mondes, theils in den Besitz der Oberherrschaft ber Luft und
Erde, Wasser und Feuer gesetzt, theils, als die Urheber der ersten Anfnge des
brgerlichen Lebens, des Feldbaues und der dazu nthigen Knste, lange nach
ihrem Tode gttlich verehrt wurden; ingleichem wie die Regierungsvernderungen,
die sich in diesem vergtterten Geschlechte ereignet haben sollen, zu erklren
sind, bergehe ich, als zu dem, wovon jetzt die Rede ist, nicht gehrig, und
bemerke nur, da die sptern Aegyptischen und Phnicischen Stifter oder
Wiederhersteller der Stdte Athen und Theben, Cekrops und Kadmus, als sie nach
Griechenland kamen, unsre vornehmsten Gtter, Zeus und Here, Poseidon, Apollo
und Artemis, Pallas Athene und Aphrodite, Demeter und Persephone, Ares, Hermes
und Hephstos (smmtlich aus dem Titanengeschlechte) vermuthlich schon im Besitz
der ffentlichen Anbetung gefunden und um so mehr ungestrt darin gelassen
haben, da sie ihre eigenen Gtter, nur unter andern Namen, in ihnen
wiederfanden; wiewohl ich nicht zweifle, da ein groer Theil der Verwirrungen
und Widersprche, die in der Genealogie und Geschichte der Griechischen Gtter
herrschen, sich von den mannichfaltigen Vermischungen lterer und spterer,
einheimischer und auslndischer Sagen herschreibt, wozu die fremden Colonisten
die Veranlassung gegeben haben mgen. Nichtsdestoweniger setze ich die dritte
Epoche unsers alten Religionswesens in die Zeit des Aegyptiers Cekrops, insofern
ich ihn als den wahren Stifter der Eleusinischen Mysterien betrachte, von
welchen alle brigen, (die Aegyptischen des Osiris und der Isis, welche jenen
selbst zum Muster dienten, ausgenommen) bloe Nachahmungen sind. Bis dahin war
die Religion unsrer theils wild gebliebenen, theils nach und nach wieder
verwilderten Griechen bloe Deisidmonie gewesen; und wiewohl zu glauben ist,
da wenigstens die Schutzgtter jedes Volkes, Stammes und Ortes schon lange vor
Cekrops und Kadmus ffentliche Altre, Tempel und Priester hatten, so findet
sich doch keine Ursache, auch nur zu vermuthen, da man bei den Opfern und
Gelbden, die man ihnen darbrachte, etwas anders abgezielt habe, als sich ihrer
Gnade und ihres Schutzes zu versichern, oder ihren Zorn, welchem man alle
physischen und moralischen Uebel zuschrieb, zu besnftigen. Der Glaube, da Zeus
selbst unmittelbarer Schirmherr des gastlichen Rechts und Rcher des Meineides
sey, und da jeder, sogar unvorsetzliche Mord von den Erinnyen rastlos verfolgt
werde, war damals alles, was die Religion zu Befrderung der Humanitt unter den
ungeschlachten Horden, welche nach und nach mit vieler Schwierigkeit zum
brgerlichen Leben vermocht worden waren, beitrug. Aber die neuen Gesetzgeber
fanden (den Begriffen gem, die sie aus ihrem Lande mitgebracht), theils zur
Erhaltung und Aufnahme ihrer neuerrichteten Colonien, theils berhaupt zur
Befestigung der brgerlichen Ordnung unter einem ungeschlachten Volke nthig,
das schwache Ansehen der Gesetze durch den Glauben zu sttzen, da die Gtter
unmittelbare Kundschaft von dem Thun und Lassen der Menschen nehmen, und, nicht
zufrieden schon in diesem Leben die Bsen zu strafen und die Guten zu belohnen,
auch die Seelen der Verstorbenen vor ein unerbittlich strenges Gericht
forderten, und je nachdem sie entweder unstrflich gelebt, oder sich mit noch
ungebten Verbrechen befleckt htten, in jenem Falle in einen wonnevollen
Zustand versetzten, in diesem durch die schrecklichsten Peinigungen zur Strafe
zgen. Diese Lehre, dem Volk als Glaubenspunkte blo durch mndlichen Vortrag
eingeschrft, wrde wenig Eindruck gemacht haben: aber durch die Mysterien
symbolisirt, und unter einer Menge Ehrfurcht gebietender Feierlichkeiten den
Sinnen selbst unmittelbar dargestellt, mute sie auf uerst sinnliche und
aberglubische Menschen, die man in den unterirdischen Wlbungen des Tempels zu
Eleusis durch knstliche Tuschungen erst in den Tartarus, dann in die
Elysischen Haine versetzte, die grte Wirkung thun. Du wirst nicht vergessen
haben, Diagoras, wie dir selbst, trotz deinem Unglauben, dabei zu Muthe war, und
du kannst von dem Eindruck, den das, was du hrtest und sahest, auf deine
Einbildung machte, auf denjenigen schlieen, den solche Anschauungen auf
ungebildete Menschen machen muten, die sich nicht, wie du, in ein Schauspiel,
sondern bernatrlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten. Ich
gestehe, sagte ich, da sich, bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die
labyrinthischen Windungen des Tartarus, ber das was ich hrte, und in einer
durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten
sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte, alle Haarspitzen auf meinem Kopfe und an
meinem ganzen Leibe empor richteten. Aber freilich wird der Eindruck, den die
allenfalls auf ein weiches Gemth machen knnte, durch den geheimen Unterricht,
den man bei der zweiten groen Weihe empfngt, wieder rein ausgelscht. Daher,
sagte Demokritus, wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen,
als Mnner, die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen, und edel
genug, sie gehrig zu gebrauchen. Ueberdie zweifle ich nicht, da die zweite
Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar
nicht stattgefunden, oder wenigstens eine andere, der Einfalt jener Zeiten
angemessenere Beschaffenheit gehabt habe.
    Wenn ich dir alles zugebe, versetzte ich, was du mit vieler Scheinbarkeit
von den drei Epochen der Religion unserer Vter gesagt hast, was gewinnt sie
dabei in ihrem dermaligen Zustande? Wir leben in einer vierten Epoche, wo kein
gebildeter Mensch mehr an Gtter glaubt die nie gewesen sind, und unsre eben so
unglubigen Priester, mit den reichen Einknften, die jedem sein Gott
verschafft, zufrieden, sich eher um alles andere bekmmern, als um den
sittlichen Einflu, den die Religion auf das Gemth der Menschen haben knnte.
    Es sollte mir nicht schwer seyn, dir beides streitig zu machen, erwiederte
Demokritus: aber, wenn ich dir auch gestehe, da mir gerade kein Priester
beifllt, den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen mchte; so ist doch
die Anhnglichkeit des groen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer
so augenscheinlich, da ich niemand rathen wollte, ihn auf die Probe zu setzen.
Sogar unter den ersten Mnnern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen, der so
stark als seine Gromutter an Orakel, Vgel und Opferlebern glaubt, vor einer
Mondfinsterni oder einer Doppelsonne wie vor einem Unglckszeichen erschrickt,
und mit dem grten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern
eines Kriegsheers erzhlt, was ihm diese Nacht getrumt hat. Macht die die
Sache unserer Priester nicht besser, so beweiset es wenigstens: da unser alter
Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden
scheinst; und ich ziehe daraus die Folge, da es, sowohl fr einzelne Personen
als fr den Staat selbst, gefhrlich wre, sich ber diesen Punkt zu tuschen.
So lange die Religion, die bei Errichtung der brgerlichen Gesellschaft eines
der strksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war, in dieser Eigenschaft noch
nicht alle Kraft verloren hat, soll sie, denke ich, von den Weisen geschont und
geachtet werden; wie lblich und nthig es auch brigens ist, den Aberglauben
durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der Natur der Dinge nach und nach
dermaen zu entkrften, da er, wie die Spulwrmer durch gewisse Arzneien,
zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde, gleichsam von selbst von den Menschen
abgeht. Du erlaubst mir alles, erwiederte ich, indem du mir das Recht zugestehst
gegen den Aberglauben zu arbeiten. Denn was ist unsre Volksreligion anders als
der grbste und lcherlichste Aberglaube? Ich lugne nicht, da er noch wirksam
ist; aber da er den wohlthtigen sittlichen Einflu, den er ehemals gehabt
haben soll, noch in unsern Tagen habe, das ist was ich ihm gnzlich abspreche.
Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Rcher des Meineides? Der ehrliche Mann
schwrt keinen falschen Eid, nicht weil er den Donner des Horkios72 frchtet,
sondern weil er ein ehrlicher Mann ist; und wer es nicht ist, sieht so viele
Meineidige unangedonnert herumgehen, und findet berdie bei den Priestern so
viel Bereitwilligkeit ihn fr die Gebhr mit Jupiter Horkios auszushnen, da
die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zurckhlt. Der noch
immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel, und die Vorbedeutungen die man
aus den Eingeweiden der Opferthiere nimmt, ist, wenigstens auf Seiten unsrer
brgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber, pure Heuchelei, und kann also
weder Gehorsam gegen gttliche Winke noch Zuversicht auf gttlichen Beistand
wirken. Man hat schon lange Mittel gefunden, die Pythia sagen zu lassen was man
will; oder ihre Aussprche sind so geflissentlich rthselhaft und vieldeutig,
da man sie nach eignem Gefallen deuten kann; und wenn die Milzen und Lebern der
Opferthiere nicht gnstig sind, so schlachtet man so lange andre, bis die
Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfllt. Demokritus behauptete: in den Hnden
kluger Regenten und Heerfhrer knne dieser Aberglaube, so lang' er noch seine
Wirkung auf die Menge thue, in vielen Fllen den glcklichen Ausgang einer
Unternehmung entscheiden, oder groes Unheil verhten; und was ich ihm auch
entgegen hielt, immer kam er auf den Grundsatz zurck: es sey unweislich
gehandelt, ein durch die Lnge der Zeit ehrwrdig gewordenes Institut zu
vernichten, bevor man gewi sey, etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu
haben. Ist das Bessere wirklich da, sagte er, so wird das Schlechtere von selbst
fallen. Wer wird fortfahren wollen, in einem morschen, tglich den Einsturz
drohenden Hause zu wohnen, wenn es nur auf ihn ankommt, ein bequemeres
neugebautes zu beziehen? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel
preisgibt, behilft man sich lieber in einem bauflligen Hause, und sttzt und
flickt so lange daran als es gehen will.
    Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Theilen nie an Antwort fehlt, so
erneuerten wir den Kampf bei jeder Gelegenheit, und Demokritus, der mir
ernstlich wohl wollte, gab sich viele Mhe, mich zu bewegen, da ich dem
Gedanken, den Gttern und Priestern ffentlich den Krieg anzukndigen, auf immer
Abschied geben mchte. Aber der Ha, den die Betrgereien der letztern und der
vielfache Mibrauch ihres Einflusses auf den groen und kleinen Pbel in mir
angezndet hatten, war ein Feuer, das sich nicht lange heimlich im Busen herum
tragen lie; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt,
so warf ich die Larve, die zu meinem Zwecke bisher nthig gewesen war, von mir,
und zeigte mich berall in meiner wahren Gestalt. Alles was seine Warnungen ber
mich gewonnen hatten, war, da ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke
ging. Indem ich alle Arten von Aberglauben theils zu untergraben, theils
geradezu lcherlich zu machen suchte, schonte ich wenigstens die Polias73 zu
Athen, die Juno zu Argos und Samos74, den Apollo zu Delphi75, und Jupitern
berall76. Nirgends gelang mir die besser als zu Athen, wo der glckliche
Erfolg des ungezgelten Muthwillens, womit Aristophanes77 Gtter und Menschen
dem Gelchter des Pbels preisgab, mich aufmunterte, mir grere Freiheiten
herauszunehmen. Wirklich knnen die Athener, denen ein witziger Einfall ber
alles geht, viel mehr ertragen als andere Griechen, und so lange ich mich
begngte ber Gtter, Orakel und Orgien nur zu scherzen, lie man meine Einflle
fr absichtlose Ergieungen einer komischen Laune gelten, wobei mehr
Unbesonnenheit als bser Wille sey. Als ich aber immer khner ward, und meine
Lehrstze und Meinungen, nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar
auf ffentlichen Versammlungspltzen, in einem ernsthaften Tone zu behaupten
anfing; geschah, was ich htte voraussehen knnen, und was mir Demokritus mehr
als einmal vorher gesagt hatte. Ich bekam zwar einen Anhang von Jnglingen, fr
welche die bloe Khnheit einer Philosophie, die sich ber alle Vorurtheile
hinwegsetzt, und auf das, was andern das Ehrwrdigste ist, mit tiefer Verachtung
herabsieht, schon die Kraft des vollstndigsten Beweises hatte: aber gerade
dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten. Die Priester
fingen an zu murren, und ehe ich mir's versah, erklrte sich beinahe ganz Athen
gegen den Melier78, der die Vermessenheit hatte, von Gttern, welche ein uralter
Besitz gegen alle Beeintrchtigungen sicher stellte, zu fordern, da sie die
Titel der Rechtmigkeit desselben vorzeigen sollten. Zu allem diesem kam
endlich noch das bekannte Unglck meiner armen Vaterstadt, und unfehlbar wrde
ich den Ha, den die Athener (um ihr ungerechtes und grausames Verfahren - vor
sich selbst zu rechtfertigen) auf alle Melier geworfen hatten, desto schwerer
gebt haben, wenn mein gutes Glck mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des
Ungewitters, das sich seit einiger Zeit ber mir zusammenzog, einen Weg zur
Flucht erffnet htte. Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den
Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt, die heiligen Mysterien verrathen, und die
Jugend von der Initiation abgehalten zu haben. Beide Beschuldigungen wurden
gerichtlich erwiesen, und htten in der That nicht gelugnet werden knnen; und
so wrde, anstatt da ich jetzt in dieser stillen Freisttte sicher athme, der
Sturz in das furchtbare Barathron80 mein Loos gewesen seyn, wenn ich mich nicht
lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen htte, als auf die Gte
meiner Sache, von welcher ich meine Richter schwerlich htte berzeugen knnen.
    Diagoras endigte hier seinen Bericht, und du wirst vermuthlich gern sehen,
da ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzhlung mache.

    Ich wage es, lieber Kleonidas, in Hoffnung dir durch die Lnge dieser
Epistel nicht lstig zu seyn, in meiner angefangenen Erzhlung fortzufahren.
Sollte sie dich nicht mig genug antreffen, um sie nicht zu lang zu finden, so
kannst du sie ja bei Seite legen. Es gibt auch in dem thtigsten und
genureichsten Leben doch zuweilen eine Stunde, mit der man nichts anzufangen
wei, und es mte nicht gut seyn, wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht
einige Unterhaltung verschaffen knnte.
    Mein alter Wirth schien sich das Betragen, welches ihm die Verbannung aus
allen Griechischen Staaten zugezogen hatte, so wenig gereuen zu lassen, und sich
bei seiner Ohngtterei so wohl zu befinden, da mir nicht einfallen konnte, ihn
darber anzufechten. Meine Denkart ber diese Dinge ist ungefhr dieselbe, wozu
der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte. Es wrde zu nichts
geholfen haben, die seinige mit den nmlichen Grnden zu bestreiten; zumal da
er, in seiner gegenwrtigen Abgeschiedenheit, von den Menschen eben so wenig zu
besorgen hat, als von den Gttern; und berhaupt ist es einer meiner Grundstze,
mit niemanden ber das, was er von den berirdischen und dmonischen Dingen
glaubt, oder nicht glaubt, zu hadern. Uns in allen den Gesetzen und Gebruchen
der Vlker, unter welchen wir wohnen, zu unterwerfen, oder wenigstens nicht mit
dem Kopf vorwrts gegen sie anzurennen, macht uns schon die bloe Urbanitt zur
Pflicht, wenn es auch die Sorge fr unsre eigene Ruhe nicht so gebieterisch
forderte. Wer sich, wie Diagoras, den Ha der Priesterschaft geflissentlich
zuziehen will, thut wohl, wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie
Diagoras trgt, als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war, als da man
gebrannt wird, wenn man dem Feuer zu nahe kommt. Will er es demungeachtet darauf
ankommen lassen, wer kann's ihm wehren? Wie gleichgltig mir also in dieser
Rcksicht die Religion des Diagoras seyn konnte, so hatte doch ein Wort, das ihm
im Lauf seiner Erzhlung entfallen war, meine Neugier rege gemacht: und da wir
einmal auf dieser Materie waren, erinnerte ich ihn jenes Wortes, woraus ich
schlieen mte, sein Atheism sey nicht so unbedingt, da er allen Glauben an
etwas Gttliches aufhebe. Du scheinst, sagte ich, in deinem Gedankensystem an
die Stelle der Gtter, die du lugnest, etwas anderes zu setzen. Darf man fragen
was?
    Diagoras. Mich selbst, und alles was wirklich ist, erwiederte er.
    Ich. Das ist viel auf einmal gesagt, Diagoras! woher weit du da etwas
wirklich ist?
    Diagoras. Weil ich wei da ich selbst bin.
    Ich. Und woher kannst du wissen da du selbst bist?
    Mein Mann schien ein wenig zu stutzen. - Eine seltsame Frage, sagte er
lachend.
    Ich. Es wre noch seltsamer, wenn sie dir nie aufgestoen wre.
    Diagoras. Nie in meinem ganzen Leben. Aber die Antwort ist auch so leicht,
da sie mir blo dewegen nicht sogleich beifiel. Ich wei da ich bin, weil ich
sehe, hre, fhle, denke, mich selbst bewege, und - zwar nicht alles, aber doch
sehr vieles kann, was ich will.
    Ich. Knntest du das alles, wenn du nicht schon da wrest?
    Diagoras. Schwerlich!
    Ich. Und wenn die Dinge nicht da wren, die dir zu diesen Aeuerungen deines
Daseyns Anla geben? -
    Diagoras. Ohne Zweifel, nein.
    Ich. Du weit also, da du bist, weil es Dinge auer dir gibt, die dieses
Selbstbewutseyn in dir erwecken; du knntest aber nicht wissen, da es Dinge
auer dir gebe, wenn du nicht wtest, da du selbst bist. Die, dnkt mich,
heit sich in einem Kreise herum drehen, der weder Anfang noch Ende hat, und du
hast also keinen hinlnglichen Grund zu glauben, da du selbst bist.
    Diagoras. Pure Sophistereien! Ich glaube nicht da ich bin, und, genau zu
reden, wei ich es auch nicht; aber ich fhl' es, und das ist genug. Dieses
Selbstgefhl, und das Gefhl da etwas auer mir ist, ist ein und eben dasselbe.
Indem ich, zum Beispiel, den Feigenbaum dort sehe, fhle ich da ich ihn sehe,
das ist, ich sehe ihn in mir selbst, und so fhle ich in einem und eben
demselben Augenblick mein und sein Daseyn.
    Ich. Sein Daseyn in dir, meinst du?
    Diagoras. Ich sehe ihn zwar in mir selbst, aber als etwas auer mir
Befindliches; und warum wre das, wenn er nicht wirklich auer mir wre?
    Ich. Du siehst einen Centauren, eine Sirene, auch auer dir, und es sind
doch bloe Geschpfe deiner Phantasie. Woher weit du, da es mit dem Baum und
allem andern, was du zu sehen meinest, nicht eben dieselbe Bewandtni hat?
    Diagoras. Allerdings ist es meine Phantasie, die aus der Hlfte eines
Menschen und eines Pferdes einen Centauren, und aus einem Weibe, einem Vogel und
einem Fische eine Sirene zusammensetzt: aber das knnte sie nicht, wenn ich
nicht wirklich Menschen, Pferde, Vgel und Fische gesehen htte.
    Ich. Du hltst also alles fr wirklich, was du in einer lebhaften
knstlerischen Begeisterung siehest? Oder warum solltest du diese Einbildungen
nicht fr eben so wirkliche Dinge auer dir halten, wie die nmlichen
Vorstellungen, wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewutseyn
kommen?
    Diagoras. Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fhle.
Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus blo in Gedanken vorstelle, so sehe ich
sie in meiner Einbildung zwar auch auer mir, aber ungleich weniger klar und
lebhaft, als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stnde; und was noch
mehr ist, es hngt blo von mir ab, ob ich das Gedankenbild sehen will oder
nicht; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Gttin, so mu
ich es sehen, ich wolle oder wolle nicht.
    Ich. Wie? auch wenn du die Augen zumachst?
    Diagoras. Welche Frage!
    Ich. Ich will blo damit sagen: was du mit deinen Augen siehest, dringt sich
dir nur so lange mit Gewalt auf, als du es wirklich ansiehest. Ist es aber mit
dem, was du blo in deiner Einbildung siehest, etwa anders? Sobald die Bedingung
da ist, d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt, mut du es eben
so wohl, obgleich weniger lebhaft, sehen, als wenn deine Augen es dir
dargestellt htten, und im letztern Falle steht es nicht weniger bei dir, die
Augen wegzuwenden oder zuzuschlieen, als im erstern deine Einbildungskraft auf
etwas anderes zu richten.
    Diagoras. Aber setze da du, an eine Sule gebunden, gegeielt werdest,
steht es dann auch in deinem Belieben, ob du die Pein der Geiel fhlen wollest
oder nicht?
    Ich. So vieler Gewalt ber meine Sinne rhme ich mich keinesweges. Aber
setze du dagegen einen verrckten Menschen, der sich in seinem Wahnsinn
einbildet, da er gegeielt werde: fhlt er die Pein der blo eingebildeten
Geiel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich wre? Dem Wahnsinnigen thut
seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an, welche in dem Falle, den du
setztest, dem Gesunden geschieht.
    Diagoras. Und was schlieest du aus dem allen?
    Ich. Da du keinen hinlnglichen Grund hast, von deinem Gefhl auf die
Realitt dessen was du fhlst zu schlieen.
    Diagoras. Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir
selbst hervor, und ich htte keine Ursache zu glauben, da etwas auer mir wre?
    Ich. Ich behaupte nicht da es wirklich so sey; aber aus dem Gesagten
scheint es wenigstens so. Wie kmen auch die vermeinten Dinge auer dir dazu,
Vorstellungen in dich zu bringen, die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt
htten? Gesetzt aber auch, dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner
Gestalt in dein Auge, und es reflectire aus deinem Aug' in deine Seele, so wre
zwischen einem solchen Bild und dem Bewutseyn, womit du es siehest, nicht das
geringste Causalverhltni; und doch wird es blo dadurch, da du dir bewut
bist es zu sehen, etwas in dir Wirkliches. Kurz, um Dinge auer dir
wahrzunehmen, mu deine Seele so viel thun, da du wenigstens Ursache hast zu
zweifeln, ob sie nicht alles thue.
    Diagoras. Aber, wie wr' es mglich, Aristipp, da du nicht sehen solltest,
in welche Ungereimtheiten ein solcher Zweifel fhren wrde? Wenn alle meine
Vorstellungen bloe Geschpfe der denkenden Kraft in mir sind, bin ich nicht
genthiget, mich fr das einzige wirkliche Wesen zu halten? Nun sind aber alle
andern Menschen in dem nmlichen Falle, und wenn sie alle so rsonniren wollten,
was sollte aus dreiig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden, deren jeder
sich einbildete, alle brigen seyen nichts als in ihm selbst erzeugte
Gedankenbilder?
    Ich. Es kme darauf an da sie sich darber mit einander verglichen. Da
einer so viel Recht htte als der andere, warum sollten sie nicht in Gte
bereinkommen knnen, einander, um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen
Lebens willen, vermittelst einer Art von Prosopopie die Existenz zuzugestehen?
    Diagoras. Und so mchten wir, dchte ich, eben so wohl thun, wenn wir auch
allen brigen Dingen, die in unser Bewutseyn gerathen, die nmliche Billigkeit
widerfahren lieen?
    Ich. Das knnten wir ohne Bedenken; aber was htten wir damit gewonnen, wenn
wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseyns Rechenschaft geben
sollten?
    Diagoras. Kann uns denn nicht genug seyn da wir da sind? Wozu brauchen wir
nun eben den Grund zu wissen?
    Ich. Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet, Diagoras, da du mir
auf die meinige was du an die Stelle der Gtter setzest? zur Antwort gabst:
mich selbst und alles was wirklich ist. - Es ist nun einmal in unsrer Natur,
sobald sich uns etwas als auer uns darstellt, zu glauben es sey, und wissen zu
wollen, was und woher und wie und warum es ist. Das krzeste Mittel, sich
hierber zu beruhigen, schien den Menschen von jeher zu seyn wenn sie Gtter
glaubten, in deren Macht und Willkr der Grund des Daseyns und der
Zusammenordnung der Dinge liege. Du willst mit diesem Behelf nichts zu thun
haben, und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle. Aber
bei nherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden, da dein eigenes Daseyn
eine sehr zweifelhafte Sache ist, da das Gefhl desselben lediglich auf dem
vorausgesetzten Daseyn anderer Dinge beruht, fr deren Daseyn du keine andere
Gewhr hast als dein eigenes. Gesetzt aber auch es htte mit deinem Daseyn seine
Richtigkeit, so ist es doch eine bloe nackte Thatsache und du hast auf die
Frage: woher, wie und warum du da bist? noch immer keine Antwort. Denn da du
nicht immer da warest, und da der Grund deines Daseyns nicht in dir selbst seyn
kann, wirst du schwerlich in Abrede seyn wollen.
    Diagoras. Es scheint in der That ich mte auch etwas davon wissen, wenn ich
immer gewesen wre, und die Mutter die mich gebar, der Vater der mich auferzog,
und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten
Terpander plrren lehrte, mten sich auf eine seltsame Weise getuscht haben.
Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81. Die Formel, ber welche du mich
schikanierst, soll nichts weiter sagen als: die Natur enthlt alles was ist, war
und seyn wird, und es bedarf keines andern Grundes fr mein und aller brigen
Dinge Daseyn als sie.
    Ich. Die Natur! - Ein groes viel umfassendes Wort! Und was denkst du dir
eigentlich dabei?
    Diagoras. Wie ich sagte, das, woher alles was ist, war, und seyn wird,
seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht.
    Ich. Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu
wissen; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken.
    Diagoras. Ich, die Wahrheit zu sagen, eben so wenig.
    Ich. Du httest also ungefhr so viel als gar nichts damit gesagt?
    Diagoras. Ist es meine Schuld da die Natur etwas Unbegreifliches ist?
    Ich. Irgend eine dunkle Vorstellung mu denn doch wohl mit diesem
unbegreiflichen Worte verbunden seyn. Denkst du dir die Natur vielleicht als
eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge?
    Diagoras. Ich sehe wohin du willst, Aristipp, und ich will dir die Mhe
ersparen, mir die Ungereimtheit einer unendlichen Reihe von Eiern und Hhnern
darzuthun. Ich denke mir die Natur als das einzige, ewige, unendliche Urwesen,
und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen, die es ewig aus sich selbst
hervorbringt.
    Ich. Da htten wir den Kronos der Dichter, der seine eignen Kinder aufit,
um immer neue zeugen zu knnen?
    Diagoras. Oder, wenn du lieber willst, so stelle sie dir als den Proteus
vor, der sich selbst in alle mglichen Gestalten wandelt.
    Ich. Fr poetische Darstellungen mgen diese Bilder brauchbar genug seyn;
aber dem Verstande erklren sie nichts, und wir sind noch um kein Haar breit
weiter als anfangs. Alles was ich sehe ist, da du dich so gut als wir andern
genthigt fhlst, etwas Erstes, Unerklrbares, Unendliches, mit Einem Worte,
Gttliches zu glauben, um dich nicht in einem Labyrinth von Fragen und Zweifeln
zu verlieren, aus welchem kein Ausgang ist. -
    Diagoras. Und weiter wollen wir uns, wenn dir's gefllig ist, nicht
versteigen.
    Mit diesen Worten fhrte mich Diagoras zu seinen Gtterbildern zurck, um
(wie er sagte) die Spinneweben wieder los zu werden, womit uns der Sophistische
Dialog ber Seyn und Nichtseyn den Kopf angefllt habe. Er lie mich eine Menge
possierlicher Dinge bemerken, welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren, und
berzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Migeburten seiner
witzelnden Phantasie immer mehr, wie lcherlich es von mir gewesen wre, ber
einen Gegenstand, fr welchen er keinen Sinn hatte, in einem ernsthaftern Tone
zu sprechen. Uebrigens mu ich dir sagen, da mein Ton ungefhr der nmliche
war, worin Sokrates mit den Sophisten, und allen andern, denen es (wie er
glaubte) nicht ernstlich um Wahrheit zu thun war, von solchen Dingen zu
disputiren pflegte; und ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbei lassen, dir
eine kleine Probe zu geben, da ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen
Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe, ohne ihm auch in diesem Stck
etwas abzulernen; wiewohl ich gern gestehe, da die ihm eigene
ironischeinfltige Miene, die er in solchen Fllen anzunehmen wute,
schlechterdings dazu gehrt, wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze
Wirkung thun soll.
    Ich werde erst jetzt gewahr da meine Erzhlung unvermerkt zu einem Buch
angeschwollen ist, und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfngt. -
    In wenigen Tagen, lieber Kleonidas, hoffe ich die schne Minervenstadt
wieder zu sehen, zu welcher ich mich, nach einer langen Trennung, von einer Art
verliebter Sehnsucht hingezogen fhle. Da vielleicht auch die Nhe von Aegina
Antheil an dieser Gemthsstimmung haben mag, warum sollt' ich es vor einem
Freunde wie du verheimlichen wollen?

                                      21.



                             Kleonidas an Aristipp.

Wenn ich nicht schon lange wte, da du ein weiserer Mann, oder wenigstens ein
nicht so heier Liebhaber des Schnen bist als ich, so wrde mich dein Benehmen
gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon berzeugt haben; denn ich mu
gestehen, mir wre es unmglich gewesen, beim Anblick seiner unartigen Machwerke
Geduld zu behalten. Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehren,
auch an lcherlichen Carricaturen nicht ber eine gewisse Grnzlinie
hinauszuschweifen, und das Burleskhliche nicht bis zum Ekelhaften, das
Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur gnzlichen Unnatur zu treiben: aber was
berechtigt diesen Menschen, mit dem Muthwillen eines trunkenen Barbaren in das
Heiligste der Kunst einzufallen, und, einer grillenhaften Phantasie zu Liebe,
die Ideale alles Schnen, Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in
schmutzig possierliche Migestalten zu verkehren, wozu er die Urbilder aus den
Hefen der pbelhaftesten Natur zusammensuchen mute? Seine Gtter und Gttinnen
sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft, die ein Mensch sich nur immer
geben kann: aber mit welchem Recht erkhnt er sich, den Vater der Dichtkunst zu
seinem Mitschuldigen zu machen? und wie kann er, ohne von seinem eigenen Gefhl
Lgen gestraft zu werden, vorgeben: seine Zerrbilder seyen den Homerischen
Gttern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und
Phidias? - Es ist wahr, wie hoch Homer sich auch immer ber sein Zeitalter
htte schwingen mgen, bis zur gttlichen Natur selbst vermocht' er sich und uns
nie zu erheben. Er mute, gern oder ungern, die Gtter zu uns herabziehen; aber,
da er nun einmal genthigt war, sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder
blo als eine Art menschenhnlicher Wesen aufzufhren; bestand da nicht die
grte Kunst darin, sie, dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet, hoch
genug ber uns zu erheben, um einen stark in die Sinne fallenden und der
Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken? Ich denke man kann in
dieser Rcksicht mit dem, was er geleistet hat, zufrieden seyn. Seine Gtter
nhren sich z.B. wie wir, aber weniger aus Bedrfni als zum Vergngen, von
Ambrosia und Nektar, die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend
erhalten. Sie haben Leidenschaften wie wir; aber auch diese sind nur erhhte
Aeuerungen bermenschlicher Krfte, oder Wirkungen des lebhaften Antheils, den
sie an den Menschen nehmen. - Niemand wird zu lugnen begehren, da dem Dichter
der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben:
indessen sollte, meines Bednkens, auch der Umstand in Betrachtung kommen, da,
dem gemeinen Volksglauben nach, alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbbrtige,
mit Sterblichen erzeugte Gtterkinder waren, und also der Abstand zwischen
Gttern und Menschen bei weitem nicht so gro schien, da es billig wre, dem
Dichter zum Vorwurf zu machen, wenn er sich hierin den Begriffen seiner
Zeitgenossen fgte; zumal da er das Menschenhnliche seiner Gtter fast immer
dermaen zu veredeln wei, da in Stellen, wo sein Genius sich zum wirklichen
Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint, selbst Pindars
mchtiger Adlersflug sich nicht hher aufzuschwingen vermocht hat. Oder bedarf
es etwa hiervon eines strkern Beweises, als da es ja eben der Homerische
Gtterknig war, der den grten Bildner unsrer Zeit mit der hohen Idee
begeisterte, die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll
dargestellt sehen, da wir bei dessen Anblick, wie vom Schauder des
gegenwrtigen Gottes ergriffen, die Augen niederzuschlagen genthigt sind und
den Boden unter uns erzittern zu fhlen glauben? - Gesetzt aber auch (was kein
unbefangener Leser Homers zugeben wird) der Dichter htte durch seine Art die
Gtter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen
Zerrbildern Gelegenheit gegeben; mit welchem Grunde kann er es unsern grten
Meistern bel nehmen, da sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben,
sich vermittelst dessen, was an der menschlichen Natur das Schnste, Reinste und
Vollkommenste ist, zu so hohen Idealen von Gttergestalten zu erheben, da wir
in ihren Werken, wie in theurgischen Erscheinungen, Gtter zu sehen glauben,
wiewohl wir im Grunde nur Menschen sehen? Ist es ihnen nicht vielmehr zum
Verdienst anzurechnen, da sie, in eben dem Augenblick da sie die Religion des
Volkes durch die wrdigsten Darstellungen, deren der gemeine Menschensinn fhig
ist, reinigen, den Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen, welcher Wrde
ihre eigene Natur fhig sey. Verzeihe mir, Lieber, da ich mich in meinem
gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile, worber wir, deiner
anscheinenden Gleichgltigkeit ungeachtet, unmglich verschiedener Meinung seyn
knnen. Ich kann dir nicht ausdrcken, wie angenehm es mir ist, dich wieder
mitten in der schnen Hellas zu wissen, in welcher ich noch immer durch die
Erinnerung zur Hlfte lebe. Mir ist als ob du mir um so viel nher wrest; und
auch Musarion, die Schne und Gute, schmeichelt sich, ihre theilnehmende,
wiewohl unsichtbare, Gegenwart dir und ihrer edeln Freundin bis in Aegina
fhlbar zu machen.

                                      22.



                             Aristipp an Kleonidas.

Schon zwei bis drei Monate, lieber Kleonidas, suche ich eine Gelegenheit dich zu
benachrichtigen, da ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Athene
befinde, und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme Wohnung nicht
weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe. Ich bin dadurch dem
Hafen um so nher, wohin mein unbescholtener Aethiopier tagtglich zweimal
traben mu, um sich zu erkundigen, ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden
angekommen oder dahin abzugehen begriffen sey. Aber auch jetzt danke ich es blo
dem verwhnten Gaumen der Athener, denen unser stinkendes Silphi zu einem
unentbehrlichen Kchenbedrfni geworden ist, da ich endlich eine Gelegenheit
aufgetrieben habe, diese Epistel an dich gelangen zu lassen.
    Vor allen Dingen, Freund, la dir sagen, da die holden Kechener sich
wieder auf der hchsten Spitze ihres stolzen Selbstgefhls wiegen: denn, um mit
Einem Wort alles zu sagen, sie haben wieder Mauern! und zwar noch hhere und
festere als die alten, die ihnen Lysander vor zwlf Jahren niederreien lie:
sie haben wieder neue Mauern, und (worauf sie sich am meisten zu Gute thun) ohne
da es sie einen Heller kostet. Du wunderst dich wie das zuging? Wisse also, da
der schlaue Konon, ihr zweiter Themistokles82 (wie sie ihn zu bser Vorbedeutung
nennen), Konon, ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier, seinen
berhmten Sieg ber die Spartaner bei Knidos durch seinen Gnner den Satrapen
Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem groen Knige zu bringen gewut
hat, da dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte, wenn er den
Athenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht ber Sparta, seine zeitherige
Feindin, und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa
behlflich wre. Die Wiederherstellung der Mauern von Athen (eine Kleinigkeit
fr die unerschpflichen Schatzkammern des Knigs der Knige) war zu dieser
Absicht, und also (wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war) zum
Dienste des Knigs unumgnglich. Konon betrieb das Werk mit unsglichem Eifer;
alles was Hnde hatte wurde angestellt; von allen Enden Griechenlands strmten
die Arbeiter schaarenweise herbei; der Knig bezahlte mit blanken Dariken, und
der Satrap lie sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte, wozu die
Griechischen Stdte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten, die
Unternehmung zu beschtzen.
    Mehr brauchte es nicht, um den Attischen Autochthonen - die, so lange ihre
von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens
noch augenscheinlich beurkundet wurde, die Flgel ziemlich demthig sinken
lieen - auf Einmal ihren ganzen Uebermuth wieder zu geben. Kaum erhoben sich
ihre neuen Mauern, kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte, deren
Anfhrung ihm der Satrap berlassen hatte, wieder zu ihrer alten Tyrannie ber
die kleinern Inseln verholfen, so war auch alles Vergangene wieder rein
vergessen; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt, und
den Knig, ihren Wohlthter, als ihren bloen Zahlmeister, der es sich noch zur
hchsten Ehre rechnen msse, der weltberhmten, schnen, fetten,
veilchenbekrnzten Athen ihren uralten Glanz wiedergegeben zu haben, und dem
sie nicht den geringsten Dank schuldig wren, wenn er ihre Mauern auch mit
gediegenem Golde htte berziehen lassen. Aus diesem Tone kann man sie
wenigstens an allen ffentlichen Orten tglich blasen hren. Sie bauen nun
wieder ein Nephelokokygia ber das andere ins Blaue hinein, immer voraussetzend
die Schtze des groen Knigs wrden ihnen ewig zu Gebote stehen, ob sie es
schon der Mhe nicht werth halten, sich seines Wohlwollens durch eine dauerhafte
Verbindung seines Interesse mit dem ihrigen zu versichern. Was die Folgen dieses
demokratischen Stolzes und der falschen Maregeln, wozu er sie verleiten wird,
seyn mssen, lt sich, ohne da man ein Tiresias zu seyn braucht, leicht
voraussehen. Aber die kurzsinnige Attische Aufgeblasenheit sieht nichts voraus,
wird durch keine Erfahrung klger, und begeht alle ihre groen und kleinen
Thorheiten immer als ob es das erstemal wre. - Doch, kein Wort weiter von
Athenischen Staatsverhltnissen und demokratischen Albernheiten! Wei ich denn
nicht, wie widerlich und langweilig dir, mit Recht, diese Dinge sind? Auch soll
es das letztemal seyn, da ich dich damit behellige! - Ein anderes wr' es, wenn
ich dir von Zeit zu Zeit eine Aristophanische Komdie im Geschmack der Acharner,
der Ritter und der Vgel mitzutheilen htte, die dir ohne einen kleinen
Commentar nicht immer verstndlich wren. Aber solche Frchte bringt der
Attische Boden nicht mehr hervor. Die Wiederherstellung der Demokratie hat zwar
das Gesetz gegen den Mibrauch der ungezgelten Freiheit der alten Komdie83
ziemlich unkrftig gemacht: aber Zeit und Umstnde scheinen unvermerkt auch auf
diesen Zweig der ffentlichen Unterhaltung zu wirken, und ich betrachte die
Komdie, wie ich sie seit meiner Zurckkunft finde, als den Uebergang zu einer
knftigen neuen Gattung, deren regelmigere und elegantere Form eine natrliche
Folge der, in umgekehrtem Verhltni mit der Abnahme der demokratischen
Ungezogenheit, immer steigenden Verfeinerung des Geschmacks und der Sitten seyn
wird. Indessen lt gleichwohl die leichtfertige Muse des Dichters der Wolken
weder ihrer unnachahmlichen Genialitt noch ihrem gewohnten Muthwillen so enge
Schranken setzen, da sie sich nicht noch immer bald einzelne Hiebe mit
derselben Geiel, die vor dreiig Jahren einen Kleon bis auf die Knochen
zerfleischte, bald Zge von eben demselben neckenden Spott, womit sie einst
einen Lamachus, Euripides, Nicias, Alcibiades, ja den unstrflichen Sokrates
selbst verfolgte, und bei jeder Gelegenheit die bittersten Sarkasmen ber das
Volk und die Regierung von Athen erlauben sollte. Sein neuestes Stck, der
Weibersenat84 betitelt (welches ich fr dich abschreiben lasse), enthlt
ziemlich starke Beweise hiervon, ist aber dabei so ekelhaft schmutzig, da ich,
wiewohl es von feinerem Witz und trefflichen Einfllen strotzt, mir doch kaum
getraue es dir vor die Augen zu bringen.
    Eine meiner ersten Angelegenheiten, nachdem ich von meiner neuen Wohnung
Besitz genommen hatte, war, die alte Bekanntschaft (Freundschaft kann ich sie
ehrlicher Weise nicht wohl nennen) mit den Attischen Sokratikern zu erneuern.
Der gute Kriton war seinem geliebten Freunde schon vor einigen Jahren in das
unbekannte Land nachgezogen, wovon Plato in seinem Phdon so viel Wunderbares zu
berichten hat. Stilpon lebt zu Megara, Cebes und Simmias sind nach Theben
zurckgekehrt, und streuen dort guten Sokratischen Samen aus. Unter den
Anwesenden wurde ich von dem wackern Gerber Simon, von Kritobulus (der unserm
Meister durch sein Leben als Hausvater und Brger Ehre macht) und von Aeschines,
des Lysanias Sohn, am freundlichsten empfangen; von Plato kalt und vornehm, von
Antisthenes (der mit den Jahren nicht milder geworden ist) ein wenig - cynisch.
Es war als ob er mich erst von allen Seiten beschnuppern mte, bevor er mich
erkannte und einige Freude ber unser Widersehen uerte; welches letztere
brigens all bejahrten Leute zu thun pflegen, wenn ihnen ein jngerer Bekannter
nach langer Zeit wieder zu Gesichte kommt. Im Grund ist es nicht so wohl das
Vergngen ber unser Daseyn, als die Freude darber da sie selbst noch da sind,
was sie uns dadurch zu erkennen geben.

    Ich fange an sehr lebhaft zu fhlen, da uns beim Eintritt in die mnnlichen
Jahre, eine bestimmtere Art von Beschftigung immer unentbehrlicher wird. Ohne
gerad' eine frmliche Schule zu erffnen und ein Aristophanisches Phrontisterion
aus meinem Hause zu machen, bin ich entschlossen, nach dem Beispiel des Sokrates
und in seiner Manier (sofern ich sie ohne Anmaung und Nachfferei zur meinigen
machen kann) einen Theil meiner Zeit einigen fhigen Jnglingen, die sich zu mir
halten wollen, zu widmen. Zu diesem Ende ist ein gegen den Garten offener
Sulengang meines Hauses tglich etliche Stunden einem jeden geffnet, der sich
darin ergehen und an der kleinen Gesellschaft, die sich da zusammen zu finden
pflegt, als Mitsprecher oder als bloer Zuhrer Antheil nehmen will. Diese
Galerie ist mit auserlesenen Gemlden geziert, und unter einigen Stcken von
Polygnotus, Zeuxis, Pausias, Parrhasius und Timanthes, glnzen die trefflichen
Copeien von deinem Tod des Sokrates und dem Ende des unglcklichen Kleombrotus
so sehr hervor, da sie gewhnlich die Augen der hierher Kommenden zuerst auf
sich ziehen und am lngsten festhalten. Mitunter fallen auch ziemlich komische
Dialogen vor, wie z.B. der folgende, den ich dir, weil er mir noch ganz frisch
im Gedchtni liegt, zur Kurzweil mittheilen will.
    Ein edler junger Athener trat mit einem zierlich gekleideten fremden
Jngling Arm in Arm in die Galerie. Sie eilten mit flchtigen Blicken von einem
Bilde zum andern, und blieben endlich vor dem Tode des Sokrates stehen.
    Kein unfeines Stck, sagte der Athener mit einer kalten Kennermiene.
    Der Fremde. Was es wohl vorstellt?
    Ich. Vermuthlich sich selbst.
    Der Fremde. Wie meinst du das?
    Ich. Um mich deutlicher zu erklren, es ist eine Art von Rthsel oder
Hieroglyph.
    Athener. Das nenn' ich sich deutlich erklren! Es gehrt also ein Schlssel
dazu?
    Ich. Er steckt im Gemlde.
    Der Fremde. Wie kriegt man ihn aber heraus?
    Ich. Jeder mu ihn selbst finden; darin liegt ja der Spa bei allen
Rthseln.
    Der Athener. Wenn's der Mhe des Suchens werth ist.
    Der Fremde. Ich wollte wetten, dieses hier stellt den Tod des Sokrates vor.
    Ich. Ich auch; aber wenn du darauf wetten wolltest, warum fragtest du?
    Der Fremde. Um meiner Sache gewi zu seyn. Nun sehe ich wohl, je lnger
ich's betrachte, da es nichts anders ist. Ich kenne die meisten dieser Mnner
von Person; sie sind zum Sprechen getroffen. Den alten Philosophen hab' ich
freilich nicht mehr besuchen knnen, weil er schon lange todt war; aber man
erkennt ihn auf den ersten Blick an seiner Silenengestalt, an der aufgestlpten
Nase und an dem Giftbecher, den er so eben aus der Hand des Nachrichters
empfangen hat.
    Ich. Gut fr mich, da der Maler dieses Bildes uns nicht zuhrt.
    Der Fremde. Wie so, wenn man fragen darf?
    Ich. Weil er seine Arbeit in den nchsten Ziegelofen werfen wrde, wenn er
dich so reden hrte.
    Der Fremde. Ich dchte doch nicht da ich etwas so Unrechtes gesagt htte.
Es verdriet dich doch nicht, da ich den Schlssel zu deinem Rthsel so leicht
gefunden habe?
    Ich. Als ob man dir so was nicht auf den ersten Blick zutraute?
    Der Fremde. Gar zu schmeichelhaft! Ich gebe mich fr keinen Oedipus; aber
das darf ich sagen, mir ist noch kein Rthsel vorgekommen, das ich nicht
errathen htte.
    Ich. Mit Erlaubni, was bist du fr ein Landsmann?
    Der Fremde. Ein Abderit, zu dienen.
    Ich. So denk' ich wir lassen das Gemlde wo es ist.
    Der Fremde. Zum Verbrennen wr' es wirklich zu gut.
    Der Athener. Das sollt' ich auch meinen. Wenn es dir ber lang oder kurz
feil werden sollte, lieber Aristipp, so bitt' ich mir den Vorkauf aus. Es hat
ein warmes Colorit, und sollte sich nicht bel in der Galerie ausnehmen, die ich
nchstens von meinem alten Oheim, dem General, zu erben hoffe. Und hiermit
schlenderten die jungen Gecken wieder fort. Das Lustigste ist, da der Fremde
(der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera seyn soll) von
dieser Stunde an eine sonderbare Anmuthung zu meiner Person uert, und mich
allenthalben wo es nur immer angehen will, wie mein Schatten begleitet. Du wirst
lachen, Kleonidas, aber ich habe wirklich groe Lust einen Versuch zu machen, ob
ich aus diesem Stck Feigenholz, wo nicht einen Mercur, wenigstens - einen
leidlichen Abderiten schnitzeln knne. Der junge Mensch zeichnet sich durch eine
ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen
Hausverstand, mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner
Arglosigkeit versetzt, so sonderbar zu seinem Vortheil aus, da ich mich leicht
an seine Gesellschaft gewhnen knnte. Vermuthlich um sich in desto grere
Achtung bei mir zu setzen, machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie
bekannt. Sein Vater, zur Zeit erster lebenslnglicher Vorsteher der Republik
Abdera, nenne sich (sagte er) Onolaus der Zweite. Mein Grovater, fuhr er fort,
der als Nomophylax starb, fhrte meinen Namen, oder vielmehr ich den seinigen;
denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias. Mein Aeltervater Onages folgte
seinem Vater Onolaus dem Ersten in der Wrde eines Stadthauptmanns, und so
ging's immer in aufsteigender Linie fort, so da ich mich im Nothfall rhmen
knnte, von einem der ltesten und verdientesten Huser unsrer Republik
abzustammen. - Aber, fragte ich ihn, was kann wohl, wenn diese Frage nicht
unbescheiden ist, die Ursache seyn, warum deine Voreltern eine so sonderbare
Vorliebe zu dem Wort onos gefat haben, da von dem Aeltervater des Aeltervaters
her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind? Nicht, als ob es euch in
meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte, da ihr das Vorurtheil verachtet,
welches gewissen Namen einen gewissen Einflu - Ich verstehe, fiel er mir
lachend in die Rede: wir knnten wohl mit gutem Fug stolz darauf seyn, da wir
vielleicht die Einzigen sind, die einem ungerechter Weise zurckgesetzten
wackern Hausthiere die ihm gebhrende Ehre nicht versagen. Wenigstens sehe ich
nicht, warum Lwe und Wolf, oder Pferd und Ochs, die sich in so vielen
Griechischen Namen hren lassen, hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten.
Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers
Hauses nicht: dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum Grunde. Einer
meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwr so krank darnieder, da die Aerzte
versicherten, der Augenblick, da es aufbrche, wrde der letzte seines Lebens
seyn. In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her,
als der Kranke durch die offne Thr seines Gemachs einen Esel erblickte, der von
ungefhr ber einen groen Korb voll Feigen gerathen war, und whrend er mit der
gierigsten Frelust in dieses ihm so ungewohnte Ambrosia hineinarbeitete, sein
eselhaftes Wohlbehagen durch die seltsamsten Maulverzerrungen zu erkennen gab.
Dieser Anblick kam dem Kranken so possierlich vor, da er in ein heftiges
Gelchter ausbrach, wovon das besagte Geschwr so glcklich zerplatzte, da
seine Brust in wenig Augenblicken wieder frei ward, und es dem Arzte nun ein
Leichtes war, den Kranken in kurzer Zeit gnzlich wieder herzustellen. Sofort
beschlo mein Anherr im ersten Feuer seiner Dankbarkeit, das Andenken einer so
wunderbaren Rettung auch auf eine auerordentliche Art in seiner Familie zu
verewigen. Er nahm nicht nur selbst auf der Stelle den Namen Onogelastes an,
sondern legte zugleich seinem Sohn und seinem Enkel die Namen Onobulus und
Onomemnon bei, und verordnete als ein unverbrchliches Familiengesetz, da von
nun an zu ewigen Zeiten alle seine Abkmmlinge mnnlichen Geschlechts keine
andern als mit onos zusammengesetzte Namen fhren sollten. Ueberdie machte er
auch eine Stiftung, aus welcher, bereits ber dreihundert Jahre lang, jhrlich
an dem Tage des besagten Wunders allen Eseln in ganz Abdera zehn trockne Feigen
auf den Kopf gereicht werden; da also das Gedchtni dieser Begebenheit sogar
die gnzliche Erlschung unsrer Familie (welche die Gtter verhten wollen!)
berleben, und wenigstens so lange dauern wird, als die Stadt Abdera auf ihren
Fundamenten stehen bleibt.
    Ich wei nicht, Kleonidas, ob ich dich um Vergebung bitten mu, da ich dich
mit solchen Albernheiten unterhalte; mir ist ein Mensch wie dieser Onokradias in
seiner Art eben so merkwrdig, als irgend ein anderer ausgezeichneter Mann in
der seinigen. Der Fehler ist nur, da ich dir den Ton und die Miene des
ehrlichen Abderiten nicht unmittelbar darstellen kann. Gewi, du wrdest finden,
da ich nicht so Unrecht habe, diesen wrdigen Abkmmling des edeln Onogelastes
in mein Herz zu schlieen.
    Eurybates erinnert sich euer oft und mit vielem Wohlwollen. Die schne Droso
besitzt nicht nur die Gabe glnzende Eroberungen zu machen; sie wei sich auch
in ruhigem Besitz derselben zu erhalten, und unser Freund scheint die leichten
goldnen Kettchen, womit sie ihn an sich gefesselt hat, mit sehr guter Art zu
tragen. Sie hat ihn mit einem Sohne beschenkt, der ihm an Gestalt und Sinnesart
so hnlich ist, da er sich (was nicht bei allen Athenern der Fall seyn soll)
ohne sich selbst oder andern lcherlich dewegen vorzukommen, ganz laut zu ihm
bekennen darf.
    Ich brauche dir nicht zu sagen, wie gro mein Verlangen nach guten
Nachrichten von meinen Geliebten in Cyrene ist, und wie sehr ich dir's danken
werde, wenn du einen Weg ausfindig machst, wie wir uns oft und sicher schreiben
knnen. Melde mir auch mit zwei Worten, wie das neue Rderwerk eurer Republik
geht, und sage meinem guten Bruder viel Freundliches in meinem Namen.

                                      23.



                                    An Lais.

Ich bin dir, Dank sey den Gttern, wieder so nahe, meine schne Freundin, als es
die stolze Minervenstadt dem reichen mit schnen Kindern prangenden Vorhof des
Isthmischen Poseidons ist.86 Im Grunde thut freilich, wenn man einander nicht
mit den Armen oder wenigstens mit den Augen erreichen kann, eine halbe Parasange
fr den Augenblick so viel Wirkung als ein halbtausend: aber die Vorstellung,
da ich jetzt nur zwei Tage brauche, um in deinen Armen zu seyn, ist doch etwas
ganz anderes, als der trbselige Gedanke, da eine ganze Odyssee voll Lnder,
Gebirge, Strme und Meere zwischen uns liegt; was noch vor wenig Monaten der
Fall deines landstreichenden Freundes war. Doch die ist nun hinter mir, und mit
jedem Mondeswechsel rckt der Augenblick nher, der mich, wenn du anders noch
ebendieselbe fr mich bist, fr die Entbehrungen von fnf langen Jahren
entschdigen wird. Ich lass' es nicht fehlen, tglich die andchtigsten Gelbde
an den mchtigen Erderschtterer87 abzuschicken; und mit welchem Zauber auch die
neuaufgefrischten Reize der schnen Athen, deiner einzigen Nebenbuhlerin, auf
mich wirken mgen, diemal soll mich gewi nichts verhindern, auf der
Veilchenbank deines stillen Myrtenwldchens den Nachtigallen an deinem Busen
zuzuhren.
    Uebrigens gesteh' ich gern, da der Aufenthalt zu Athen nach einer so langen
Abwesenheit wieder groe Annehmlichkeiten fr mich hat. Ich lebe auf einem ganz
hbschen Fu, und mache doch einen so migen Aufwand, da ich mit dreihundert
Drachmen des Monats reichlich auszulangen gedenke. Wenn du dich des Rebhuhns fr
funfzig Drachmen noch erinnerst, so wirst du hoffentlich meiner Frugalitt das
gebhrende Lob nicht versagen, wiewohl sie in Vergleichung mit der Gengsamkeit
eines Plato und dem tglichen Triobolon des Antisthenes noch immer den Vorwurf
der Ueppigkeit verdient, der mir von den geschwornen Anhngern der
Nothphilosophie gemacht wird. Ich wrde mich leicht darber trsten, wenn mir
diese Herren nur von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen wollten, sich zur
Abwechslung mit einem kleinen Symposion in Cyrenischem Geschmack von mir
bekstigen zu lassen: aber da sie (den einzigen Aeschines ausgenommen) zu einer
so groen Herablassung zu stolz sind, so mu ich mich, wenn ich Gesellschaft
haben will, schon mit tragischen Dichtern, Komdienmachern, Malern, Bildnern,
Musikern, Kaufleuten, Seefahrern, reisenden Fremden und dergleichen, behelfen,
und befinde mich, wie du mir gerne glauben wirst, nicht desto schlimmer dabei.
    Indessen lass' ich mich weder die kalte Hflichkeit deines Gnstlings Plato,
noch die wolkenversammelnden Augenbrauen und die germpfte Nase des schmutzigen
Antisthenes abschrecken, die Spaziergnge der Akademie und das Cynosarges fters
zu besuchen, und ich habe dieser Herablassung zwei gleich sonderbare und
interessante, wiewohl sehr von einander abstechende Bekanntschaften zu danken;
die eine mit einem ausgemachten, brigens sehr verstndigen und witzigen -
Narren; die andere mit einem jungen Hermaphroditen, der entweder eine Art von
Platonischem Androgyn88, oder (was ich eher glauben mchte) weder mehr noch
weniger als - ein verkleidetes Mdchen ist. Es wird dir vielleicht nicht
unangenehm seyn, Laiska, wenn ich auch dich ein wenig nher mit diesen
Merkwrdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache.
    Beim zweiten oder dritten Besuch, den ich dem alten Antisthenes abstattete,
fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm, der seine schmale Lebensweise
anfangs vermuthlich aus bloer Noth nachgeahmt haben mochte, sich aber bei der
Unabhnglichkeit, die sie ihm verschaffte, so wohl befand, da er den Sokratism
in diesem Stcke noch weiter treibt, als Antisthenes selbst, und sich nicht
wenig damit wei, da er alle seine Bedrfnisse in einem kleinen Quersack immer
mit sich trage. - Und was meinst du, fragte er mich lachend, was in meinem
Quersack ist? - Ein hlzerner Becher, eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter
schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der
kniglichen Bettler des Euripides. Ich gestehe, vor wenig Tagen war ich noch um
einen Haarkamm reicher, der aber einen Zacken weniger hatte, als eine meiner
Hnde! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung. Bin ich nicht ein
Thor, dacht' ich, indem ich von ungefhr meine Finger berzhlte, da ich, im
Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kmme, womit mir die
Natur selbst ausgeholfen hat, mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug
schleppen mag? Fort damit, in den Ilissus!
    Diese seltsame aber genialische Laune, die mit zu viel Frohsinn gepaart ist,
um geheuchelt zu seyn, und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und
dem grmlichen Ernst des runzligen Antisthenes gleich stark absticht, wrde mich
anreizen, die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen, wenn ihm sein Stolz
nicht in den Kopf gesetzt htte, da die Freundschaft eines Menschen meiner Art
fr seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und
Unterwrfigkeit sey. Ich versuchte es einsmals, ihn zu einem sehr frugalen, cht
Sokratischen Abendessen einzuladen. Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem
Quersack finde, lade ich mich von freien Stcken bei dir ein, war seine
Antwort. - Wir sehen uns also nur zuflliger Weise. Vor einigen Tagen traf ich
ihn bei einem Brunnen an, da er eben Wasser aus seiner hohlen Hand schlrfte.
Wer sollte gedacht haben, sagte er zu mir, da ein Lehrling des weisen
Antisthenes durch einen Betteljungen noch weiser werden knnte? Es sind noch
nicht zwei Stunden, da ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der
Entbehrlichkeit meiner hlzernen Trinkschale berzeugt hat. Ich habe sie, fuhr
er lachend fort, dem vierzhnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt. - Was
fehlt wohl diesem Narren, um reicher und glcklicher zu seyn als ein Knig?
    Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen. Als ich die
Akademie, wo Plato sich nicht selten ffentlich hren lt, zum erstenmale
besuchte, zog ein schner Jngling meine Augen auf sich, der kaum siebzehn Jahre
zu haben schien, und sich immer, so nah er konnte, zu Speusippus hielt. Man
sagte mir, er nenne sich Kleophron, sey der Sohn eines Bildhauers von Sicyon,
und, von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt, nach Athen gekommen, wo
er jetzt einer von Platons eifrigsten Schlern sey.
    Der junge Mensch, wie er merkte da ich ihn aufmerksamer als andere
betrachtete, schlug seine groen rabenschwarzen Augen so mdchenhaft errthend
nieder, da mich sogleich ein Zweifel anwandelte, ob der vergebliche Kleophron
nicht etwa die schne Lasthenia seyn knnte, mit welcher Speusipp (wie du mir
vor geraumer Zeit schriebst) in deinem Hause Bekanntschaft gemacht hatte. Was
mich in dieser Vermuthung besttiget, ist der Umstand, da von allen Freunden
und Anhngern Platons gerade sein Neffe der einzige ist, der sich (wiewohl mit
einiger Behutsamkeit) um meine Freundschaft zu bewerben scheint. Seit kurzem hat
auch der schne Kleophron angefangen sich mir zu nhern; er ist sogar mit
Speusipp in meine Galerie gekommen, um die Gemlde zu besehen, von welchen (wie
er sagte) in Athen so viel gesprochen werde. Er machte einige Bemerkungen,
welche stark nach der Quelle schmeckten, woraus er sie geschpft hatte;
besonders schien er bei dem Bilde des unglcklichen Kleombrot mit Nachdenken und
Rhrung zu verweilen. Wenn dieser Sicyonische Knabe, wie ich nicht lnger
zweifele, deine Lasthenia ist, so mu ich ihr das Zeugni geben, da sie der von
dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht, als
durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes. Auch benimmt sie sich in allem mit so
vieler Besonnenheit und Gewandtheit, da ihr Geschlecht von niemand, der nicht,
wie ich, schon vorher auf der Spur ist, so leicht entdeckt werden drfte,
insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat, sich den Uebungen auf der
Palstra zu entziehen. Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu
hegen, und die Liebe seines Neffen zu dem schnen Knaben um so weniger zu
mibilligen, da beide, der Liebhaber und der Geliebte, erklrte Verehrer des
Systems der begeisterten Diotima sind, von welcher sein Sokrates die subtile
Theorie der bersinnlichen Knabenliebe (die er der Tischgesellschaft des
gekrnten Dichters Agathon so redselig vortrgt) in seiner Jugend gelernt zu
haben vorgibt. Da dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist, brauche ich dir
nicht zu sagen; im brigen rechtfertigt er alles, was du mir von seiner
Liebenswrdigkeit angerhmt hast, vollkommen, und ich gefalle mir sehr in seinem
Umgang; zumal da ich dadurch Gelegenheit erhalte, mit dem Geiste der Philosophie
seines Oheims und mit seiner geheimen Lehre noch bekannter zu werden.
    Uebrigens besttiget mich jeder Besuch, den ich in der Akademie und dem
Cynosarges abstatte, in der schmeichelhaften Meinung, da, wofern ich mich je
entschlieen sollte, mein bichen Weisheit der Welt ebenfalls auf ffentlichen
Straen, Marktpltzen und Hallen, oder in Grten, Gymnasien und Hainen
aufzudringen, es sich am Ende leicht finden drfte, da der ppige, von seinen
ehmaligen Cameraden ausgeschlossene und bei jeder Gelegenheit hmisch
angestochene Aristipp von Cyrene, alles gehrig zurechte gelegt, noch immer der
chteste unter allen Sokratikern ist.
    Diese Zeit ist vielleicht nicht mehr weit entfernt. Ich fhle da mir zu
einer vllig behaglichen Existenz nichts abgeht, als eine bestimmte
Beschftigung, und die angenehme Selbsttuschung, da ich der Welt zu etwas
ntze sey. Ich habe seit zehn Jahren viel gesammelt, in der That mehr als ich
fr meinen eigenen Bedarf nthig habe. Ich mu mich des Ueberflssigen entladen,
und andern mittheilen, was ich entweder fr mich selbst nicht brauche, oder was
man mittheilen kann, ohne selbst rmer zu werden. Indem ich andre lehre, bringe
ich meinen eigenen Vorrath alles dessen, was ich durch Erfahrung, fremden
Unterricht, Reisen, Forschen und Nachdenken erworben habe, in bessere Ordnung,
sehe was davon fr mich selbst und andere brauchbar ist, und werde im Grunde nur
desto reicher, je mehr ich wegzugeben scheine. Ich melde dir die vorher, damit
du dich nicht gar zu sehr entsetzest, wenn dir zu Ohren kommen sollte, Aristipp
mache zu Athen den Sophisten, und habe einen Haufen offner Geelschnbel, die
sich von ihm tzen lassen, um sich her so gut als ein anderer. Auf alle Flle
wirst du, hoffe ich, das Beste von mir denken, und mir zutrauen, da ich
niemanden Kohlen fr Gold verkaufen werde.
    Wie nahe mir auch zuweilen meine Einbildungskraft unser Widersehen vor die
Augen rckt, so kann ich mir doch nicht verbergen, da bis dahin noch fnf ganze
Monate mit schweren bleiernen Fen vorber kriechen werden. Wie betrgen wir
einen so langen zwischen uns liegenden Zeitraum? Deine Briefe allein, beste
Laiska, knnten ihn verkrzen, indem sie ihn in eben so viele kleinere theilten,
durch welche ich, in stetem Wechsel von Erwartung und Genu, wie von einer
kleinen Insel zur andern, ber diesen langweiligen Sund hinber schwimmen wrde.

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                               Lais an Aristipp.

Sollte wohl mein alter Freund Aristipp im Ernst zweifeln knnen, ob ich noch
eben dieselbe fr ihn sey? Ich will es nicht glauben; denn was wrde mir ein
solcher Zweifel anders sagen, als er selbst sey nicht mehr eben derselbe fr
mich?
    Da die Natur mir, ich wei nicht wie viel oder wie wenig, dadurch versagte,
da sie mich der tragikomischen Leidenschaft, die man Liebe nennt, unempfnglich
gemacht hat, so ist sie dagegen so gerecht, oder so gtig gewesen, mich desto
reichlicher mit allen Eigenschaften und Tugenden auszustatten, die zu einer
warmen, wenig eigenntzigen, aber desto beharrlichern Freundschaft erfordert
werden. Ueberdie hat die meinige, ohne den geringsten Zusatz von den Unarten
und Qulereien der Liebe, so viel von ihren Annehmlichkeiten, da ich glaube,
man sollte sich damit behelfen knnen, ohne da man sich darum eben viel auf
seine Gengsamkeit einzubilden htte.
    Deine dermalige Einrichtung und Lebensweise zu Athen hat meinen ganzen
Beifall, und besonders wnsche ich dir zu deiner guten Wirthschaft Glck. Noch
fehlt viel, da ich mich hierin mit dir messen drfte; denn die Summe, womit du
einen ganzen Monat auszukommen gedenkst, reicht in einer Haushaltung wie die
meinige fters kaum zwei Tage. Du wirst ber meine leichtsinnige
Gleichgltigkeit gegen die Folgen eines solchen Aufwandes erschrecken: ich mu
dir also zum Troste sagen, da ich vorsichtiger bin, als du mir zugetraut
httest, und durch Vermittlung meines Freundes Euphranor (dessen lterer Bruder
in einem groen Handelsverkehr mit Cypern, Aegypten und den Ksten des
Arabischen Meerbusens steht) Mittel und Wege gefunden habe, ein sehr
betrchtliches Capital so vortheilhaft geltend zu machen, da eine doppelt so
groe Ausgabe als meine gewhnliche ist meine Freunde nicht beunruhigen darf.
La dich also, wenn du sehen wirst, da es noch ziemlich auf Persischen Fu bei
mir zugeht, durch keine sorglichen Gedanken im frohen Genu des Gegenwrtigen
stren; und wofern du ber kurz oder lang in den Fall kommen solltest, deiner
rhmlichen Frugalitt noch engere Grnzen zu setzen, so bediene dich ungescheut
der Rechte der Freundschaft, und schpfe aus der Casse deiner Laiska wie aus
deiner eigenen. Wir mten es beide sehr arg treiben, wenn wir so leicht auf den
Boden kommen sollten. Die Nothphilosophie des Cynosarges wre ja wohl in einem
solchen Fall eine Art von Zuflucht. Aber (nichts von mir selbst zu sagen) wie
gro auch meine Meinung von der Gewandtheit ist, womit du dich in alle Launen
des Glcks zu schicken weit, so zweifle ich doch sehr, da du es jemals so weit
in der Kunst zu darben bringen wrdest, deine ganze Habe mit so vieler
Genialitt und Grazie in einem leichten Quersack auf der Schulter zu tragen, wie
der junge Cyniker, dessen negativen Reichthum du bei dreihundert Drachmen
monatlich so beneidenswrdig findest.
    Du bist, wie ich sehe, mit einem auerordentlich feinen Sprsinn fr unser
Geschlecht begabt, da du den schnen Jngling von Sicyon, den wir so gut
verzaubert zu haben meinten, nur mit einem Blick zu berhren brauchtest, um ihn
in seine natrliche Gestalt zurckzunthigen. Er ist in der That eben dieselbe
leibhafte Lasthenia, von welcher ich dir einst sagte, sie sey auf gutem Wege,
mir einen schnen, wiewohl sehr glatten und schlpfrigen Aal, der sich in meinen
Reizen verfangen hatte, undankbarer und hinterlistiger Weise vor dem Munde
wegzufischen. Aber freilich war die Eroberung eines Neffen des gttlichen Plato
eine zu glnzende Versuchung fr die Eitelkeit einer sechzehnjhrigen
Schwrmerin; und was httest du von mir denken mssen, wenn ich fhig gewesen
wre, sie ihr zu erschweren? zumal da der Fisch von selbst so gierig auf die
goldne Fliege zufuhr. Wie dem aber seyn mochte, genug ich konnte oder wollte
nicht verhindern, da sich unvermerkt ein zrtliches Verstndni zwischen ihnen
entspann, das mir desto mehr Kurzweile machte, je sorgfltiger die Kindskpfe es
vor mir zu verheimlichen suchten. Als er Korinth wieder verlie, glaubten beide
ihr Spiel beim Abschied recht fein zu spielen: aber dafr richtete nun die
Leidenschaft des Mdchens fr die Platonische Philosophie einen desto grern
Unfug in ihrem Kpfchen an. Speusipp schickte ihr fleiig alles was er von
seines Oheims Werken habhaft werden konnte, und sie besa schon eine geheime
Abschrift vom Symposion, bevor andere die geringste Ahnung von seinem Daseyn
hatten. Das ganz davon entzckte Mdchen konnte sich nicht halten, es mir unter
dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit mitzutheilen, zeigte mir aber bald,
da es nicht ohne eigenntzige Absicht geschehen war. Kurz, von einer dreifachen
Zaubermacht - der Muse des gttlichen Plato, der erotischen Philosophie der
Seherin Diotima, und ihrer eigenen geheimen Neigung zu dem glcklichen
Speusippus gnzlich berwltigt, erklrte sie mir endlich in einer schnen
Mondnacht, da sie nicht lnger leben knne, wenn ich ihr nicht zu dem Glcke
verhelfe, den herrlichen Mann selbst zu sehen, zu hren und zu seinen Fen zu
sitzen, von dessen Lippen die Musen diese Nektarflsse himmlischer Weisheit
strmen lieen. - Was war da zu thun? Ich konnte doch nicht so felsenherzig
seyn, dem armen Kinde die Befriedigung eines so unschuldigen Verlangens zu
versagen? Oder htte ich sie dafr bestrafen sollen, da sie mich ber den
wahren Gegenstand ihrer Leidenschaft zu tuschen suchte? Vielleicht tuschte sie
sich noch selbst; oder, wo nicht, wie konnte ich ihr aus dem jungfrulichen
Gefhl, das sie zurckhielt, ein Verbrechen machen? Und in jedem Falle, wr' es
nicht unedel von mir gewesen, wenn ich die Abhnglichkeit von mir, in welche ein
freigebornes Mdchen zuflliger Weise gerathen war, htte mibrauchen wollen,
ihr das Geheimni ihres Herzens wider ihren Willen abzudringen? - Ganz
aufrichtig zu reden, mochte mein natrlicher Hang zu einer gewissen dramatischen
Knotenknpferei, und die Neugier, was aus diesem kleinen Abenteuer werden
knnte, wohl auch etwas, und vielleicht das meiste beitragen, jenen
theoretischen Beweggrnden mehr Gewicht zu geben, als sie sonst gehabt htten.
Mit Einem Wort, ich lie mich gewinnen, und machte mir sogar ein Geschft
daraus, sie in der ungewohnten Knabenrolle (denn als Mdchen konnte sie doch den
Zutritt in die Akademie nicht zu erhalten hoffen) zu unterrichten und mit allem
auszustaffiren, was sie haben mute, um den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers
so natrlich als mglich vorzustellen; und als alles das in seiner Ordnung war,
lie ich sie von einem vertrauten alten Diener, der die Rolle ihres bisherigen
Pdagogen spielte, sicher an Ort und Stelle bringen. Wie gut die kleine
Schelmerei von Statten ging, hast du selbst gesehen.
    Glcklicherweise hatte uns die Natur treulich vorgearbeitet. Denn Lasthenia
besitzt wirklich mehr die Gesichtsbildung eines schnen Knaben, als eines
Mdchens; der Ton ihrer Stimme ist tief, wiewohl sanft und wohlklingend; dabei
ist sie, verhltnimig, ziemlich stark von Muskeln und Knochen, etwas breit
von Schultern und schmal von Hften, und hat nicht viel mehr Busen als ein
frischer genhrter Jngling ihres Alters zu haben pflegt; so da sie, im
Nothfall (mit Vorbehalt einer ganz kleinen Bedeckung) auf der Palstra selbst
fr einen Jngling gelten knnte. Wir haben aber dafr gesorgt, da sie von
dieser Seite nicht angefochten werden darf: denn sie ist mit einer Vorschrift
von ihrem ehmaligen Arzte versehen, worin ihr wegen Schwche ihrer Brust alle
heftigeren Leibesbungen, eine mige Bewegung zu Pferde ausgenommen, scharf
verboten sind. Du siehst da nichts vergessen worden ist, der Akademie eine so
gelehrige Schlerin, und dem wackern Speusipp eine so schne Gelegenheit sich in
der Platonischen Liebe zu ben, so lange zu erhalten, als beide verstndig genug
seyn werden, sich ihr Spiel nicht selbst zu verderben. In diesem Stcke traue
ich dem Mdchen nur halb; denn sie hat, bei allen ihren vorbesagten guten
Anlagen, einen ungeheuern Hang zur Zrtlichkeit; und ein so feuerfangendes
Wesen, wie Speusipp zu seyn scheint, knnte wohl in einer unbewachten Stunde die
Sokratische Lehre von der Gefhrlichkeit eines Kusses leichter vergessen als in
Ausbung bringen. Da sie beraus leicht errthet, wird ihr, anstatt Verdacht zu
erwecken, vielmehr den Ruf eines sittsamen wohlerzogenen Jnglings zuziehen; da
sie aber vor deinem sphenden Falkenblick die Augen so jungfrulich sinken lie,
kam wohl daher, weil sie vermuthete, ich werde dir von ihr geschrieben haben,
und du betrachtest sie so aufmerksam, weil du sie zu erkennen glaubest.
Uebrigens zweifle ich nicht, da der Umgang mit diesem anziehenden Paar
Platonischer Verliebten dein Leben in Athen nicht wenig verschnern helfen
werde: nur drfte dazu nthig seyn, mit dem Oheim auf einem leidlichen Fu zu
stehen; was dir, meines Erachtens, so schwer nicht werden sollte, wenn du ber
dich gewinnen knntest, von ihm und seinen Dialogen ffentlich mit einer
gewissen Achtung zu sprechen; freilich in einem Tone, den man nicht fr Ironie
halten knnte. Beide, der Mann und seine Werke, verdienen, ducht mich, diese
Achtung, wie gro auch brigens die Verschiedenheit eurer Art zu denken und zu
leben seyn mag. Ich mte mich sehr irren, oder Plato wird weniger ungerecht
gegen dich seyn, wenn du groherzig genug bist, gegen ihn mehr als gerecht zu
seyn; und was kann dir das kosten?
    Mein Verlangen uns wiederzusehen ist dem deinigen gleich, lieber Aristipp.
Ich gestehe dir, die Eintnigkeit meiner Lebensweise zu Korinth fngt mir an
lange Weile zu machen. Die Leute, mit denen ich mich behelfen mu, verlangen so
viel, und haben so wenig dagegen zu geben! Ich nehme den einzigen Euphranor aus,
den du zu Aegina von Person kennen lernen sollst, und von dessen Talent ein paar
Stcke, die du mir in deine Galerie zu stiften erlauben wirst, dir indessen zur
Probe dienen knnen: aber was bliebe mir auch, wenn ich den nicht htte, und wie
lange wird es whren, so entschlpft mir auch er? Glaube mir, ich wre bereits
nach Athen oder anderswohin gezogen, wenn ich mein Haus in Korinth, wie die
Schnecke das ihrige, allenthalben mit mir nehmen knnte, und wenn mich dann auch
der sehr wesentliche Umstand nicht zurckhielte, da ein schnes Weib, dessen
hchstes Gut die unbeschrnkteste Freiheit ist, schwerlich einen andern Ort in
der Welt finden kann, wo sie weniger beeintrchtiget und mit mehr Achtung und
Artigkeit behandelt wrde, als zu Korinth. Mit allem dem finde ich doch nthig,
da man von Zeit zu Zeit den Ort ndere, und Menschen suche, denen wir und die
uns etwas Neues sind.

                                      25.



                             Kleonidas an Aristipp.

Der schlanke schwarzaugige Jngling, mit den dunkeln, um Stirn und Nacken
herabhangenden Traubenlocken, der dir diesen Brief berbringt, nennt sich
Antipater90, und ist ein naher Verwandter eines meiner hiesigen Freunde, dem ich
es nicht abschlagen konnte, dir den jungen Menschen zu empfehlen. Ein lbliches
Verlangen, das sehenswrdigste Land der bewohnten Welt zu sehen, und zu Athen,
der wahren Hauptstadt dieses an schnen und blhenden Stdten so reichen Landes,
zu lernen was man in Cyrene nicht lernen kann, hat ihn aus dem Schoo der
Seinigen herausgetrieben. Er bedarf aber in einer Stadt, welche, so zu sagen,
die ganze Welt in einem Auszug ist, eines Fhrers, Auslegers und Rathgebers; und
an welchen andern htt' ich mich in dieser Absicht wenden knnen als an dich,
der du, was du schon fr jeden andern Menschen thtest, desto lieber fr einen
Mitbrger thun wirst, der mit dem vollesten Vertrauen auf die Empfehlung deines
Freundes Kleonidas zu dir kommt. Bisher haben alle Arten von gymnastischen und
andern Leibesbungen beinahe seine ganze Bildung ausgemacht. Er reitet wie ein
Thracier, luft wie der schnellfige Achilles, wei einen Wagen zu lenken wie
der Homerische Alcimedon, und im Ringen wird er selbst zu Aegina, der
fruchtbaren Mutter so vieler ffentlich gekrnter Athleten, nicht viele finden,
die er frchten mte. Auch hat er groe Lust sich an einem eurer groen
Nationalfeste unter die Kmpfer zu stellen, und die Siegeskrnze, womit schon
mehrere Cyrener unsre Vaterstadt unter den Griechen verherrlicht haben, wo
mglich mit einem frischen zu vermehren. Indessen fhlt er doch (was wenigen
seines gleichen zu begegnen pflegt) da er mit allen diesen Vorzgen nur die
Hlfte von einem Menschen ist, da sein Kopf noch leer ist, und da Krfte und
Anlagen in seinem Innern schlafen, die der Erweckung, oder vielmehr da sie
bereits zu erwachen angefangen, knstlicher Ausbildung und strenger Uebung eben
so nthig haben als die krperlichen; kurz, er kommt mit dem rhmlichen Vorsatz
zu dir, nicht eher abzulassen, bis er unter deiner Anleitung ein vollstndiger
Mensch geworden. Ich betrachte es als einen nicht geringen Vortheil fr dich und
ihn, da er noch unverstckelt und unverbildet in deine Hnde kommt, wie ein
schnes Stck rohen aber feinkrnigen Marmors, woraus du, als ein geschickter
Bildner, jede schne Form hervorgehen machen kannst; da hingegen selbst
Praxiteles und Polyklet einen Marsyas in keinen Apollo, einen Thersites in
keinen Ajax oder Diomedes umgestalten knnen. Nimm dich also seiner an, lieber
Aristipp, und mache dir das Verdienst um Cyrene, uns dereinst in unserm jungen
Athleten einen zweiten Milon91, an Weisheit wie an krperlicher Tchtigkeit,
wieder zurckzuschicken. Da dir dein junger Abderit den Muth nicht benommen hat,
wenigstens etwas Leidliches aus ihm zu machen, so knnen wir um so viel gewisser
seyn, da aus einem so fhigen Jngling wie Antipater etwas Vortreffliches unter
deinen Hnden werden msse.
    Plato, - dem wir seine vor so manchem Jahr an dir und dem armen Kleombrot
begangene Snde doch wohl endlich einmal vergessen mssen, - gibt den
Wibegierigen (einer Classe von Migen, welche unvermerkt immer zahlreicher zu
werden scheint) seit einiger Zeit so viel zu lesen, und wenigstens in dem
grten Theil seiner bisher bekannt gewordenen Dialogen so viel Stoff zum
Nachdenken und zur angenehmsten Unterhaltung zugleich, da ich den groen Ruf
sehr natrlich finde, der seinen Namen bereits bis an die fernsten Grnzen
unsrer Sprache trgt. Materie und Form sind in seinen Werken gleich anziehend:
auch wo er mich nicht berzeugt (was freilich oft begegnet), verfhrt er mich
doch zu wnschen da er Recht haben mchte, oder macht auch wohl da ich ihm
wenigstens so lange glaube als ich ihn lese. Wenn sein mndlicher Vortrag nur
halb so angenehm ist als der schriftliche; wenn er, wie man sagt, eine der
geistvollesten Physiognomien hat, und der Ton seiner Stimme schon das Ohr fr
ihn besticht, so mu er eine Art von Sirene seyn, deren Zauber nicht zu
widerstehen ist. Auch hat er mit den Sirenen nicht nur gemein, da er

 Alles wei was geschieht auf der viel ernhrenden Erde,

sondern noch vor ihnen voraus, da er auch wei was in der ber- und
unterirdischen Erde, im Himmel und sogar in den berhimmlischen Rumen
geschieht; eine Wissenschaft, deren die Homerischen Sirenen, mit allen ihren
wenig bescheidenen Ansprchen, dennoch sich anzumaen Bedenken trugen. Von einem
Manne, der so unermelich viel mehr wei als andere, ist freilich nicht zu
erwarten, da er einem jngern, einem Auslnder, und was noch das Schlimmste
ist, einem der die Miene nicht hat, als ob er sich jemals unter seinen Scepter
beugen werde, mehrere Schritte entgegen kommen sollte. Du wirst also, wenn ihr
auch nur in einem leidlich anstndigen Wohlverhltni mit einander stehen sollt,
schon das Beste dabei thun mssen; und gewi wnschen alle deine Freunde, da du
auch hierin, wie in so manchen andern Stcken, der klgere Theil seyn mgest.
    Unsere dermalige Staatsverfassung, nach deren Wohlseyn du dich erkundigest,
erhielt sogleich in ihrer Erzeugung eine so gesunde und krftige
Leibesbeschaffenheit, da es nicht natrlich zugehen mte, wenn sie sich in der
ersten Blthe ihrer Jugend nicht wohl befnde. Der groe Punkt, wovon alles
abhing, war die Wahl der Personen, die uns nach Magabe der neuen Constitution
regieren sollten. Glcklicherweise, oder vielmehr durch eine Folge des Zutrauens
unsers ganzen Volkes zu deinem Bruder und seinem Freunde Demokles, und der eben
so groen Klugheit und Redlichkeit, womit sie dieses Zutrauen zum gemeinen
Besten benutzten, fielen die Wahlen wirklich auf die Besten in jeder Rcksicht,
ohne Ansehen der Partei, zu welcher sie sich ehmals gehalten hatten; auf lauter
verstndige, gemigte, der neuen Ordnung aufrichtig anhangende, und
grtentheils durch ihre Glcksumstnde ber alle selbstschtigen Absichten
weggesetzte Mnner; auch erhielten sie daher die allgemeine Billigung. So lange
diese unsern kleinen Staat besorgen, und vornehmlich so lange Demokles und
Aristagoras an ihrer Spitze stehen, und die ihnen anvertraute hchste
Staatsgewalt so gesetzmig und mit so groer Weisheit und Eintracht handhaben
wie bisher, wird der sichtbar zunehmende Wohlstand unsers Gemeinwesens und
unsrer Brger aller Classen die Verfassung selbst immer mehr befestigen, und
einen Rckfall in unsre ehemaligen Uebel unmglich machen.
    Die natrlichste Folgerung, die du, lieber Aristipp, aus Vergleichung des
glcklichen Zustandes unsrer Vaterstadt mit dem politischen und sittlichen
Verfall von Athen ziehen knntest, will ich dir selbst berlassen. Lebe wohl,
und liebe deine Abwesenden, wie du von ihnen geliebt wirst.

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                               Aristipp an Lais.

Die Gemlde deines Freundes Euphranor sind glcklich angelangt, und zieren
bereits die kleine Galerie, welcher du ein so reiches Geschenk zu machen die
Gte hast. Wohl verdiente die schne Scene deiner Unterhaltung mit Sokrates
unter dem heiligen Oelbaum der Athene Polias von einem Maler dargestellt zu
werden, der neben einem Parrhasius und Timanthes mehr wie ein glcklicher
Nebenbuhler als wie ein Nacheiferer erscheint, und das groe Talent Seelen zu
malen von der Natur selbst in dem Geschenk des innigsten Gefhls fr sittliche
Schnheit und Grazie empfangen zu haben scheint. Aber womit kann ich dir, o du
liebenswrdigste der Weiber, den Gedanken vergelten, da du auch den schnen
Augenblick unsers ersten Zusammentreffens der Gewalt der Zeit entreien, und,
wofern mir ein so langes Leben bestimmt wre, da ein allmhlich abbleichendes
und verwitterndes Gedchtni eine solche Nachhlfe nthig machte, das schnste
aller Bilder, die meine Einbildungskraft aufbewahrt, immer jugendlich frisch und
blhend in mir erhalten helfen wolltest? Euphranor selbst mte mir seinen
Pinsel und seine glhenden Farben leihen knnen, wenn ich dir auch nur einen
kleinen Theil dessen schildern sollte, was ich fhlte, bis das Entzcken der
ersten Ueberraschung in den reinen Genu des ruhigen Anschauens berging. Ohne
Zweifel war es gerade die Vereinigung aller mglichen Forderungen der Kunst in
diesem so sehr vollendeten Werke, was die Ursache war, warum ich beim ersten
Anblick nur von dieser bis zur Tuschung aller Sinne getriebenen Wahrheit und
Aehnlichkeit getroffen wurde, die den beiden Figuren den Schein als ob sie
wirklich lebten in einem desto hhern Grade gibt, weil sie Lebensgre haben,
und alles was um sie her ist, durch den Zauber der natrlichsten Beleuchtung und
Frbung, die Illusion vollkommen machen hilft. Erst lange nachdem der kurze
Wahnsinn des ersten Eindrucks vorber war, gewann ich Besonnenheit genug, dem
Geist und der Hand des Meisters ins Besondere und Einzelne zu folgen, und zu
bemerken, wie gnstig der gewhlte Moment seiner Kunst war, aber auch welcher
Geschicklichkeit sich der bewut seyn mute, der einen solchen Moment zu whlen
wagen durfte.
    Du wirst mir's hoffentlich nicht fr Schmeichelei ausdeuten, wenn ich dir
sage, da dieses Gemlde, seitdem es meine kleine Pkile92 verherrlicht, das
erste ist, was alle Augen an sich lockt, und das letzte, von welchem man sich
trennt. Beinahe werd' ich mich noch genthigt sehen, es an einen geheimern und
heiligern Ort zu versetzen, wenn ich verhten will, da es den brigen nicht gar
zu viel unverschuldeten Schaden thue. - Aber meinen Abderiten (den jungen
Onokradias, von welchem ich dir neulich schrieb, httest du sehen sollen, als
ihm das Anschauen dieses Wunders der Natur und Kunst (die ihm beide gleich
unbekannte Gottheiten sind), zum erstenmal verstattet wurde! Seine ohnehin etwas
weit hervorstehenden Augen wurden pltzlich noch einmal so gro, und die
seltsamen Gebrdungen, womit er die Einwirkung eines fr ihn so ganz neuen
Schaugerichts zu Tage egte, machten uns einige Augenblicke befrchten, da er
wirklich nrrisch geworden sey. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er sich
durch mehr als Einen Sinn berzeugen konnte, da die Nymphe, die er aus der
marmornen Kufe auftauchen sah, nur gemalt sey. Nun, bei Jason und Latona! rief
er endlich, wenn die nur ein gemaltes Bild ist, wie ich nun wohl sehe, so mu
ich das Original haben, und wenn es mich das ganze Erbgut meiner Familie
kostete! Man versicherte ihn, das Original sey zu Korinth alle Tage in vollem
Leben zu sehen. - So bestelle ich heute noch ein Schiff, rief er. - Weit du
auch wie das Sprchwort lautet93? - O! um dieses Mdchens willen reise ich in
einem Fischerkahn bis zu den Sulen des Hercules. Aber die Sache hat noch einen
andern Haken. Wenn du sie auch zu sehen bekommst, desto schlimmer fr dich! Denn
das Haben mut du dir ein- fr allemal vergehen lassen. - Dafr macht euch
keine Sorge, versetzte der Abderit in einem triumphirenden Ton; ich habe
Creditbriefe fr zehn Talente bei mir. - Nrrischer Mensch, und wenn du Credit
fr zehntausend Talente httest, siehest du denn nicht, da wir nur unsern Spa
mit dir treiben, und da diese Auftaucherin - mit Einem Wort, Aphrodite selbst
ist? - O weh! rief er mit einer klglichen Miene; das ist freilich ein ander
Ding! Aber das httet ihr mir gleich sagen sollen. Ich bin unschuldig, wenn sich
die Gttin durch meine vermessenen Reden beleidigt finden sollte. Hoffentlich
wird sie mich's nicht entgelten lassen. - Das httest du selbst sehen sollen,
guter Onokradias, da es Aphrodite ist, und du wirst auf alle Flle wohl thun,
wenn du den Zorn der Gttin durch so viele schneeweie Tauben, als du in ganz
Attika zusammentreiben kannst, zu vershnen suchst. Sahst du denn den Menschen
hier nicht, der in einer so andchtigen Stellung hier an der Thr steht, und die
Gttin anbetet? - Ja wirklich! Was ich fr ein Dummkopf bin! Aber da ich
keinen mit weien Tauben bespannten Wagen neben der Gttin sah, betrog mich.
Freilich htte mir dieser junge Priester, oder was er ist, das Verstndni
ffnen knnen, wenn ich ihn nur nicht vor dem schnen Mdchen - der Gttin
wollt' ich sagen - gnzlich bersehen htte.
    Du siehst, schne Lais, da ich mit meinem Abderiten noch nicht sonderlich
weit gekommen bin. Ich habe mich aber auch zu nichts anheischig gemacht, als ihn
ungefhr zu lassen wie ich ihn fand. Er wei sich doch wenigstens ziemlich bald
wieder zu fassen, und fr einen Abderiten ist das schon viel.
    Deine Lasthenia und ihr etwas zweideutiger Seelenliebhaber sind inzwischen
aus ihrer Wolke hervorgetreten, und haben sich mir, um meinem Scharfblick
zuvorzukommen, in hchstem Vertrauen entdeckt. Ich stellte mich berrascht,
versprach ihnen aber alle guten Dienste, die sie nur immer von mir erwarten
knnten. Das Mdchen macht wirklich groe Fortschritte, und hat mir noch ganz
krzlich Platons Ideen so artig vorpoetisirt, da ich sie beinahe fr mehr als
bloe Hirngespenster halten mchte, wenn's nur irgend mglich wre. Sie besitzt
eine ganz eigene Ahnungsgabe fr alles Uebersinnliche und Unbegreifliche, und
spricht von Dingen, wovon niemand etwas wei noch wissen kann, ohne selbst das
Geringste mehr davon zu wissen als andere, mit so viel Geist und Gemthlichkeit,
da es eine Lust ist, ihr (zumal bei rosenbekrnzten Bechern) zuzuhren. Aber
was den armen Speusipp in keine geringe Verlegenheit setzt, ist der Umstand, da
der gttliche Plato selbst eine ziemlich warme Zuneigung - fr den schnen
Kleophron gefat hat. Die kleine Spitzbbin scheint mir mehr Freude als
Schrecken ber diese Entdeckung zu verrathen, welche sie selbst (wie natrlich)
zuerst gemacht hat, und wodurch sich ihre Eitelkeit mchtig geschmeichelt fhlt.
Indessen trstet sich Speusipp mit der Hoffnung, da die Liebe seines Oheims
vermuthlich - platonischer seyn werde, als die seinige; und ich bestrke ihn,
wie billig, in dieser Ueberredung aus allen Krften.
    Zum Beweise, wie treulich ich deine guten Lehren in Ausbung gebracht habe,
und wie gut ich dermalen mit dem ehrwrdigen Aldermann der Akademie stehe, will
ich dir nicht verhalten, liebe Laiska (wie sehr auch meine Bescheidenheit dabei
ins Gedrnge kommt), da mir diesen Morgen sogar das Glck geworden ist, ihn
selbst mit etlichen seiner Vertrauten in meine Galerie treten zu sehen. Er
sprach mit mir von meinen Wanderungen, und wunderte sich, da ein so viel
gereister Cyrener Aegypten noch nicht gesehen habe. Es ist noch immer Zeit,
sagte ich, die Pyramiden und Obelisken und den Nilmesser in Augenschein zu
nehmen; Katarakten habe ich anderswo schon gesehen, und fr die Weisheit der
Aegyptischen Priester - hab' ich, die Wahrheit zu gestehen, keinen Sinn. -
Dagegen ist nichts zu sagen, versetzte er mit einem kleinen Zucken der Nase und
Augenbrauen. Bei den Gemlden machte er hier und da eine kurze Bemerkung, welche
bewies, da er mit der Kunst bekannt ist, und das Schnste gesehen hat. Auf
Kleombrot warf er im Vorbeigehen einen ernsten Blick, und kehrte sich sogleich
wieder von dem Bilde weg; bei dem sterbenden Sokrates hingegen verweilte er
desto lnger, zwar stillschweigend, aber mit groer Aufmerksamkeit und einigen
leisen Zeichen von Rhrung. Auch die schne Anadyomene fesselte seine Augen eine
kleine Weile; er rhmte den Maler, der den Zeuxis selbst in einem Theil, worin
dieser am grten sey, in der Kunst die Farben in einander zu schmelzen, noch zu
bertreffen scheine. Als er im Begriff war, sich wieder davon zu entfernen,
heftete er einen Blick auf mich, als ob er mich mit dem unverschmten jungen
Gaffer im Gemlde vergleiche. Vermuthlich eine Scene aus deiner eigenen
Geschichte, sagte er zu mir mit einem kaum merklichen Lcheln. Die schnste,
versetzte ich mit gebhrender Dreistigkeit, und (wie sich von selbst versteht)
ohne roth zu werden. Er weilte noch einige Augenblicke bei dem Tode des
Sokrates, und sagte dann im Weggehen etwas feierlich: es war ein Unglck fr
mich, Aristipp, da ich unplich war; aber da du nicht zu Aegina warst, magst
du deinem Glcke danken. - Ich frchte, er hat Recht.
    Die Hoffnung mit Euphranor knftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein
nheres Verhltni zu kommen, hat nun einen ungleich grern Reiz fr mich. Ich
werde dir dafr, wenn du es erlaubst, in der Person meines jungen Landsmannes
Antipater, der sich seit einiger Zeit bei mir aufhlt, einen Jngling
vorstellen, dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht.

                                      27.



                                 An Kleonidas.

Dein junger Freund Antipater htte sich durch nichts einer bessern Aufnahme
versichern knnen, als da er mir einen so lange erharrten Brief von meinem
Kleonidas berbrachte; wiewohl ich gestehe, da er keiner andern Empfehlung
bedarf, als sich blo zu zeigen. Ich bin wirklich stolz darauf, einen so
unverdorbenen, kraftvollen und vielversprechenden Sohn der Natur, wie Antipater
ist, als meinen Landsmann bei den Athenern aufzufhren. Wohl wird es ihm kommen,
wenn er so fest und unreizbar ist, als sein ganzes Wesen ankndigt; denn ich
sehe schon drei oder vier unsrer jungen mdchenhaften Bathylle94 mit Rosen
duftenden Locken, schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen, die um
ihn herumbuhlen, und alle ihre kleinen Hetrenknste aufbieten, sich von ihm
bemerken zu machen, und ihm zu zeigen, da sie keine Geflligkeit zu gro finden
wrden, um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern.
    Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem Hause (das gerade Raum
genug fr uns beide hat) angewiesen; er ist, so oft es ihm gefllt, mein
Tischgeno, und bedient sich meines Umgangs, ohne mir lstig zu seyn, so viel
als ihm gemthlich ist: die ist aber auch alles, was ich (vor der Hand
wenigstens) fr ihn thun kann, und wirklich schon mehr als er vonnthen hat.
Jnglinge wie er werden nicht gebildet, sondern bilden sich selbst, oder bringen
vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt; wie sie sind,
sollen sie seyn; was sie werden, sollen sie werden. Was eine Pflanze bedarf, um
sich zu entwickeln, Freiheit, Licht und angemessene Nahrung, ist im Grund alles,
was solche Menschen zu ihrem Wachsthum und Gedeihen brauchen. Athen ist reich an
merkwrdigen Menschen aller Arten, deren Vorzge, Talente, Kenntnisse,
Erfahrungen, Tugenden und Untugenden ein Jngling wie Antipater benutzen kann:
er mag sie selbst aufsuchen, und selbst whlen, zu wem er sich halten will. Zwar
werd' ich ihn unvermerkt beobachten, und ihn warnen, sobald ich sehe, da seine
Unerfahrenheit irgend eine groe Gefahr laufen knnte; aber mich nicht gleich
fr ihn ngstigen, wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwrts
kommt, oder einen Mitritt thut, der ihn knftig vorsichtiger zu seyn lehrt.
Selten oder nie werd' ich ihm mit meinem Rathe zuvorkommen, niemals ihm von
einer Person, die er selbst sehen wird, voraus sagen, was ich von ihr halte:
begehrt er aber von freien Stcken meine Meinung, worber es sey, zu wissen, so
werd' ich sie ihm frei und offen sagen. Verlangt er Unterricht ber etwas, das
ich besser wei als er, so soll er ihn erhalten. Die ist ungefhr die Art, wie
ich mit ihm umgehe, bis wir uns nher kennen, und das wahre Verhltni seiner
Natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat, da wir beide genau
wissen, wie wir gegen einander stehen, und was wir einander seyn oder nicht seyn
knnen. An eigentliche Bildung ist (wie gesagt) bei einem Jngling wie dieser
nicht zu denken. Ja, so einen Onokradias, den Sohn Onolaus des Zweiten, des
Enkels von Onomemnon, der ein Urenkel von Onocephalus dem Groen war, so einen
Heldensohn kann man bilden, und soll man bilden, so gut als es gehen will, denn
er ist fr sich selbst nichts; so einem soll man gesunde Begriffe, Grundstze
und Maximen in den Kopf, oder wenigstens ins Gedchtni einsammeln, weil er sie
ohne fremde Hlfe nie bekommen wrde. Wer nicht schon von bloem Zusehen gehen
lernt, mu es in einem Gngelwagen oder am Fhrband lernen; wer blind ist, mu
gefhrt werden; wer nicht denken kann, soll andern glauben; wer selbst kein
Urtheil hat, mag, wenn er nicht schweigen kann, verstndigen Mnnern
nachsprechen. So will es die Natur; und so ist's recht. Aus einem Stck
Sandstein, Marmor oder Lindenholz kann freilich ein Alkamen nach Gefallen einen
Achilles oder Thersites herausmeieln oder schnitzeln: aber aus seinem Sohn
Lamprokles konnte Sokrates selbst keinen Xenophon, so wie aus seinem geliebten
Alcibiades keinen Perikles bilden. - Doch, wozu das alles, was du so gut weit
als ich. Denn gewi wolltest du mit der Bildung deines jungen Freundes, die du
mir auftrgst, weder mehr noch weniger sagen, als was ich dir zu leisten
versprach, und zu halten gedenke - und das ist genug.
    Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des alten Antisthenes, den du in Athen
kennen lerntest; desjenigen unter den vertrautern Freunden unsers Weisen, der
ihm (seine frhliche Laune und Urbanitt und das feine Salz seiner Scherze
ausgenommen) in Lehre und Leben am hnlichsten wre, wenn er nicht in beidem
ziemlich weit ber die Linie hinausginge, die das Mittel zwischen zu viel und zu
wenig bezeichnet, und freilich nicht immer so genau zu treffen ist, als ein
weiser Mann wohl wnschen mchte. - Indessen hat sich ein junger Paphlagonier
aus Sinope, Diogenes genannt, von ungefhr zu ihm gefunden, der die Kunst zu
entbehren und zu hungern noch viel weiter treibt als Antisthenes, aber dabei,
was den Witz, die gute Laune und die Genialitt betrifft, so viel Aehnliches mit
dem Sohn des Sophroniskus hat, da ihn Plato, wie ich hre, nur den
tollgewordenen Sokrates zu nennen pflegt. Der weiseste Mann, sobald er ohne alle
Nachsicht und Schonung auf die Thoren, d.i. auf die groe Mehrheit, losgehen,
und sich ihnen in gar keinem Stcke gleich stellen wollte, wrde ihnen
nothwendig, im mildesten Lichte betrachtet, als ein ausgemachter Narr erscheinen
mssen. Die ist gewissermaen der Fall dieses Diogenes; mir wenigstens scheint
er unter seiner Narrenkappe einen gesundern Kopf zu bergen, als die meisten, die
durch die leicht zu machende Entdeckung, da er ein Narr sey, ihren eigenen
Verstand in Sicherheit gebracht zu haben glauben. Im Grunde gehrt ein gutes
Theil Vernunft dazu, um ein Narr wie Diogenes zu seyn; ja ich mcht' es sogar
ein Talent nennen, worin man es zu einer gewissen Virtuositt bringen kann, so
gut als in irgend einem andern.
    Da dieser junge Mann in der neuentstandenen Classe von Menschen, die sich,
seit Plato an ihrer Spitze steht, Philosophen nennen, knftig eine bedeutende
Rolle spielen drfte, so ist es dir vielleicht nicht unangenehm, wenn ich dich,
so weit meine dermalige Kenntni von ihm reicht, etwas nher mit ihm bekannt
mache. Er war (wie es scheint, und wie die Erkundigungen, die ich hierber
eingezogen habe, besttigen) in guten Glcksumstnden geboren, und hatte eine
dieser Lage angemessene Erziehung erhalten. Ein unvermutheter Umsturz seines
Hauses, welches einen ansehnlichen Handel auf dem Euxinischen Meere getrieben
hatte, machte ihn auf einmal zum Bettler. Ein andrer Zufall fhrte ihn zum
Antisthenes nach Athen. Da sein Beruf zur Philosophie ein eigentlicher Nothfall
war, so zeigte ihm sein guter Verstand sehr bald, was er hier zu thun habe.
Einem Menschen, der keine Wahl hatte, als zwischen dienen und arbeiten, oder
betteln und miggehen, - wo der Gewinn auf beiden Seiten ziemlich gleich, und
der tiefe Grad von Verachtung, der den Stand des Bettlers drckt, beinahe das
Einzige ist, was die Wage auf die andere Seite ziehen kann - konnte nichts
Glcklicher's begegnen, als die Bekanntschaft mit Antisthenes. Denn er sah nun
auf den ersten Blick, da er nur noch Einen Schritt weiter zu gehen brauche als
dieser, um seine Drftigkeit zu Philosophie zu veredeln, sich aus einem Bettler
zum unabhngigsten aller Menschen zu machen, und der verchtlichsten Lebensart
sogar einen Respect gebietenden Charakter aufzudrcken. Schon Antisthenes wrde
eben so rsonnirt haben wie Diogenes, wenn seine uere Lage vllig eben
dieselbe gewesen wre. Auch liegt der wahre Unterschied zwischen ihrer Art zu
philosophiren blo in dem Umstand, da jener gerade so viel Vermgen hat, da es
ihm tglich wenigstens drei bis vier Obolen, und alle vier Jahre einen neuen
Ueberrock abwirft; dieser hingegen gar nichts hat, wovon er leben kann, als
seinen Kopf und seine Arme. - Da er sich zu einigen andern Lebensarten, womit
ein Bettler, der alles zu leiden und zu thun bereit ist, sich allenfalls in
einer Stadt wie Athen fortbringen kann, zu gut fhlte, wollen wir ihm zu keinem
groen Verdienst anrechnen: aber seinen Verstand hat er bei mir in keine gemeine
Achtung gesetzt, nicht dadurch, da er den Stand eines Cynischen Philosophen
(wie man den Antisthenes und seine wenigen Anhnger zu nennen anfngt) erwhlt
hat - denn in seiner Lage war eigentlich nichts zu whlen - sondern da er diese
Nothphilosophie sich selbst und seinen Umstnden so anzupassen wei, da sie
sein eigen wird, da sie ihm, so zu sagen, bequem sitzt, und wohl ansteht; mit
Einem Wort, da er anstatt Nachahmer zu seyn, Original ist, und auf dem Wege,
den er eingeschlagen hat, ziemlich sicher seyn kann, wie viele Nachtreter er
selbst auch immer finden mchte, doch so leicht von keinem erreicht, geschweige
bertroffen zu werden.
    Es klingt paradox genug, hat aber seine vllige Richtigkeit, da Diogenes
zum ersten Grundsatz seiner Philosophie gemacht hat, alle seine Bedrfnisse,
oder alles was er, auer einem ziemlich kurzen und abgetragenen Mantel, auf der
ganzen Welt besitzt, in einem migen Schnappsack auf der Schulter mit sich
herum zu tragen. Bei einer neulichen Inventur seines Inhalts fand der nrrische
Mensch, da er einen Kamm mit vier Zhnen, und einen hlzernen Becher zu viel
habe, da ihm eine seiner Hnde beides sehr bequem ersetzen knne; und so wurde
dieser Ueberflu sogleich ins nchste Wasser geworfen. Indem er die
Entbehrungskunst bis auf diese Spitze treibt, gewinnt er den Vortheil, da seine
Drftigkeit das Ansehen eines von freien Stcken aus Grundstzen erwhlten
Zustandes erhlt, und die gibt ihm eine Art von Recht, sich ber die Ueppigkeit
der Reichen lustig zu machen; ein Zeitvertreib, wozu ihn die Natur mit Witz und
Muthwillen reichlich versehen hat. Da die Menschen berhaupt, und die Athener
noch mehr als andere, wohl leiden mgen, da man ber ihre Thorheiten spotte,
wenn es nur auf eine solche Art geschieht, da sie mitlachen knnen, und der
Sptter ihnen hinwieder Blen genug gibt, um ihn mit gleicher Mnze zu
bezahlen; so hat er sich dadurch bereits eine Art von Popularitt erworben, die
ihn wenigstens vor dem Mangel an Wolfsbohnen (seiner gewhnlichen und beinahe
einzigen Nahrung) sicher stellt. Aber die Philosophie des Schnappsacks
verschafft ihm noch einen Vortheil, der nach seiner Schtzung alle andern
berwiegt. Da er so unendlich wenig Ansprche an die brgerliche Gesellschaft
macht, so glaubt er auch berechtigt zu seyn, sich ber alles, was im
menschlichen Leben blo von Uebereinkunft, Gewohnheit und Sitte abhngt,
wegzusetzen, und im Nothfall mitten auf dem Markte zu Athen alles, was nicht an
sich unrecht ist, fr eben so erlaubt zu halten, als in der tiefsten Schlucht
des Pentelikus. Er achtet kein Vorurtheil, spottet ber den Zwang, den wir uns
selbst durch eine unendliche Menge vermeinter Pflichten auflegen, wovon die
Natur nichts wei, und die man bertreten kann, ohne darum ein schlimmerer
Mensch zu seyn; und hlt sich daher durch die Gesetze der Wohlanstndigkeit und
Urbanitt so wenig gebunden, da er vielmehr das grte Vergngen darin findet,
sie alle Augenblicke zu bertreten, und den Leuten dadurch lcherlich und
anstig zu werden. Er hat sehr richtig geurtheilt, da die alles zu der Rolle
eines bloen Naturmenschen gehrt, und da er so ziemlich darauf rechnen kann,
man werde die Billigkeit fhlen, an einen Menschen, der von andern nichts
fordert, als da sie ihn leben lassen, hinwieder keine Forderungen zu machen,
wozu er als bloer Mensch nicht verpflichtet ist. Bei allem dem hat er doch zu
viel Sinn, um in der Ausbung seiner Grundstze so weit zu gehen, als sie ihn
fhren knnten. Er spricht freier als er handelt, ist besser und verstndiger
als er scheinen will; und wiewohl er eine eigene Freude daran hat, in den
seltsamen Bockssprngen, die er seinen Witz und seine Laune machen lt, der
Grnzlinie des Unanstndigen fters so nahe zu kommen, da man alle Augenblicke
befrchtet, er werde vollends ber sie weggehen, so wei er doch (zumal in guter
Gesellschaft) den uersten Punkt immer so genau zu treffen, da man ihm
wenigstens das Lob eines geschickten Luftspringers nicht versagen kann. Noch
einer kleinen Tugend mu ich erwhnen, die an einem Philosophen dieses Schlages
nicht ganz gleichgltig ist; nmlich da er - das Wasser nicht spart (welches
zum Glck in und um Athen berall umsonst zu haben ist), und da er daher im
Punkt der Reinlichkeit von dem wasserscheuen Antisthenes sehr stark zu seinem
Vortheil absticht.
    Ich habe mich etwas lnger bei der Charakteristik dieses bis jetzt in seiner
Art einzigen Sterblichen aufgehalten, damit dir begreiflicher werde, wie es
zuging, da Antipater an ihm und er hinwieder an Antipatern in kurzer Zeit so
viel Geschmack finden konnte, da jetzt keine Dekade vergeht, ohne da sie einen
Gang bald in den Hafen, bald auf den Hymettus oder Pentelikus95, oder eine
Schwimmpartie nach den kleinen Inseln Psyttalia und Atalanta, auch wohl bis nach
Salamine, zusammen machen. Es gibt einen komischen Anblick, unsern jungen
Landsmann, nach Cyrenischer Weise stattlich gekleidet, mit dem zottigen Barfer
in seinem groben Tribonion, das ihm kaum ber die Kniee reicht und seine ganze
Draperie ausmacht, durch die Gassen und Hallen von Athen schlendern zu sehen, wo
tausend gaffende Augen und klaffende Muler auf sie gerichtet sind, und oft
ziemlich laut ber das ungleichartige Paar scherzen, ohne da Antipater die
mindeste Kunde davon nimmt. Sein hufiger Umgang mit Diogenes hat ihn auch mit
dem alten Antisthenes in Bekanntschaft gesetzt, an dessen trivialem
Menschenverstand er unendlich mehr Gefallen bezeigt, als an den sophistischen
Spitzfindigkeiten, womit Plato seine Zuhrer so gern - zum Besten hat. Schliee
nicht etwa hieraus, da ich deinen jungen Freund gegen den letztern
bslicherweise eingenommen habe. Die Sache machte sich von selbst. Denn zum
Unglck mute sich's fgen, da Plato, da der gute Antipater zum erstenmal in
seine Schule kam, eben in der Vorlesung und Erklrung seines Parmenides96
begriffen war, worin er diesen Eleatischen Sophisten seinen berhmten Grundsatz:
Alles ist Eins, und Eins ist Alles, durch eine neunfache Reihe Argumentationen
von der allersubtilsten Subtilitt durchfhren lt. Der arme Antipater, dem so
etwas nie gereicht worden war, horchte mit Augen, Mund und Ohren, und wre
beinahe erstickt, weil er, aus Furcht da ihm ein Wort entgehen mchte, den
Athem so lange bis er nicht mehr konnte an sich hielt. Da er aber in einer
ganzen Stunde mit bernatrlicher Aufmerksamkeit und Anstrengung allem, was er
gehrt hatte, weder Sinn noch Geschmack abgewinnen konnte, und anstatt weiser
als zuvor geworden zu seyn, nichts als einen wsten Kopf, worin sich alles mit
ihm im Wirbel herumdrehte, davon trug, lief er, ohne den Schlu abzuwarten, zum
Saal hinaus, und schwur bei allen zwlf himmlischen Gttern, seinen Fu nie
wieder ber die Schwelle des Mannes zu setzen, welcher wibegierigen Jnglingen
solche Possen fr Weisheit verkaufe. Da irrest du dich, Antipater, sagte ich: er
gibt sie umsonst. - Desto schlimmer fr seine Zuhrer, versetzte der junge
Mensch; denn wenn er auch nur den Werth einer Drachme darauf legte, so wrde er
sich schmen, Spreu fr Krner zu verkaufen. Ich mu eilends nach der nchsten
Palstra laufen, um das tolle Zeug wieder aus dem Leibe zu schwitzen. - Das
magst du immerhin, sagte ich: indessen httest du doch in dieser einzigen
Stunde, die du fr verloren hltst, viel gewonnen, wenn du dir merktest, was sie
dich gelehrt hat. -
    Und was wre das?
    Da es Dinge gibt, von denen ein vernnftiger Mensch nicht mehr wissen
wollen mu, als jedermann davon wei. Da z.B. Etwas nicht - Nichts, und Eins
nicht - Zwei ist, sind Wahrheiten, woran niemand zweifelt: aber Plato wollte
auch begreiflich machen, wie und warum es so sey, und verwickelte darber sich
selbst und seine Zuhrer in so undenkbare Sophistereien und Widersprche, da du
am Ende ungewi wurdest, ob du selbst Etwas oder Nichts seyest.
    Das ist eben, was mich toll machte. Hre nur an. - Viele knnen nicht seyn,
wenn nicht Eins ist; denn Viele sind weiter nichts als Eins vielmal genommen.
Nun kann aber Eins nicht Eins seyn; denn ein anders ist seyn, ein anders, Eins.
Sobald also Eins existirte, so wr' es nothwendig mehr als Eins, nmlich das
Eins an sich selbst, und das existirende Eins; Eins wre also Zwey; da aber Zwei
nicht Eins seyn kann, weil es dann nicht Zwei wre, so gibt es weder Eins noch
Zwei, folglich auch nicht Viele, folglich gar Nichts. - Ist es erlaubt, solch
unsinniges Zeug fr Philosophie zu geben, wenn man's auch umsonst gibt?
    Nimm es, wie gesagt, beim rechten Ende, so wird es dich klug machen. Wer
wei ob Plato mit seinem Parmenides etwas anders wollte?
    Wenn das sein Zweck war, so danke ich fr das Mittel! Was wrde man von
einem Menschen sagen, der ein paar Duzend arme Kinder stundenlang mit Versuchen
auf dem Kopfe zu gehen qulte, blo um sie zu berzeugen, da sie nicht auf dem
Kopfe gehen mten? -
    Was konnt' ich dem jungen Manne antworten, Kleonidas?
    Da ich doch einmal auf diesem Kapitel bin, so habe die Geduld, ber mein
Verhltni zu Plato, worber meine Freunde sich, wie ich merke, ziemlich
unnthige Sorgen machen, mein letztes Wort anzuhren.
    Niemand kann geneigter seyn als ich, diesem groen Antagonisten und
Nebenbuhler der Protagoras, Gorgias, Prodikus, Hippias, und wie sie weiter
heien, in allem was an ihm und seinen Werken als vortrefflich zu loben ist, die
vollstndigste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob ich aber wirklich so
gerecht gegen ihn seyn kann, als ich zu seyn wnsche, zweifle ich selbst. Wir
sind zu verschiedene Naturen und sympathisiren zu wenig, um einander rein
aufzufassen. Daher ist mir auch seine Meinung von mir sehr gleichgltig;
vielleicht noch mehr als ihm die meinige. Er kann mir weder schaden noch ntzen;
denn ich werde nie weder sein Nebenbuhler noch sein Fackeltrger seyn. Der Weg,
den ich gehe, liegt so weit von dem seinigen, da wir schwerlich jemals in
Zusammensto gerathen knnen. Ruhm scheint alles zu seyn was er sucht; ich suche
nichts, als so gut durch die Welt zu kommen wie mir mglich ist, und wenn ich
berhmt werden sollte, mte dem Ruhm nur die Laune anwandeln, mich zu suchen;
ich suche ihn gewilich nie. Wie knnten wir also, Plato und ich, uns je im Wege
stehen? Kurz, ich sehe so wenig Ursache, warum ich ihn lieben oder beneiden, als
warum er mich hassen oder verachten sollte; warum sollten wir uns also nicht bei
unsrer bisherigen Gewohnheit erhalten knnen, ich von ihm ffentlich immer mit
der Achtung, die man groen Talenten schuldig ist, er von mir - gar nicht mehr
zu reden? - Indessen werd' ich mir doch gefallen lassen mssen, von den
strengern Sokratikern berhaupt - zumal seitdem Xenophon in seinen Erinnerungen
an Sokrates den Ton hierin angegeben hat - aus ihrer Gemeine ausgeschlossen,
oder, da sie mich doch nicht ganz verwerfen knnen, wenigstens fr einen
unchten Sohn des Vaters, zu dem wir uns alle bekennen, erklrt zu werden. Sie
machen mir, wie ich hre, mit vieler Bitterkeit zum Vorwurf, da ich die keusche
Philosophie des Sokrates auf eine zweifache Weise zur Hetre herabwrdige:
erstens, indem ich zu ihrem ersten Grundsatz mache, die Wollust sey das hchste
Gut des Menschen; und zweitens, weil ich sie fr baares Geld verkaufe. Ueber
den ersten Vorwurf, der sich vermuthlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich
stark abstechende Art zu leben, als auf die lcherliche Beschuldigung, da ich
die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache, grndet, bedarf ich wohl
keiner Rechtfertigung bei dir; ber den zweiten hingegen glaube ich dir einige
Erluterung schuldig zu seyn, und trage zu diesem Ende kein Bedenken, dir den
ganzen Hergang, der den Anla dazu gegeben, umstndlich zu erzhlen.
    Die Entschlieung, deren ich ehemals gegen dich erwhnte, einen Theil meiner
Mue Jnglingen, die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten, zu
widmen, fand, als ich sie eine Zeitlang in Ausbung gebracht hatte, vielen
Beifall. Meine Art zu philosophiren schien mehrern, welche sich den Sokrates
selbst fters gehrt zu haben erinnerten, der Sokratischen Deutlichkeit,
Popularitt und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung nher zu kommen als die
Platonische, und ein gutes Theil mehr von der Sokratischen Genialitt und Anmuth
zu haben, als die herbe einseitige Manier des Antisthenes. Indessen waren doch
diejenigen, die sich am meisten an mich andrngten, grtentheils Fremde, die
nur wenige Wochen oder Monate in Athen verweilen konnten oder wollten. Eine
Anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander, mich zu bitten, da ich
ihnen in so kurzer Zeit als mglich einen vollstndigen Unterricht in der
Philosophie des Sokrates ertheilen mchte, die seit seinem Tode in ein Ansehen
und eine Nachfrage gekommen ist, so sie niemals, whrend er selbst noch lebte,
gehabt hat. Diese Leute mochten gehrt haben, da Prodikus und andere berhmte
Sophisten sich fr ihre Vorlesungen ziemlich theuer htten bezahlen lassen; oder
glaubten vielleicht, was man umsonst weggebe, msse wenig werth seyn; oder
hielten es auch wohl fr unbillig, einem Manne, den keine Noth dazu treibt,
zuzumuthen, da er Athem aufwende, andere gescheidter und besser zu machen, ohne
sich selbst besser dadurch zu befinden; genug, sie beschlossen, es gnzlich in
meine Willkr zu stellen, was fr einen Preis ich auf meine Geflligkeit setzen
wollte, und genehmigten zum voraus jede Bedingung, die ich ihnen machen wrde.
An einem schnen Morgen erschienen ihrer nicht weniger als dreiig, um mir durch
einen aus ihrem Mittel diesen Antrag zu thun. Ich suchte anfangs die Sache in
Scherz zu verwandeln, aber es war den Leuten bittrer Ernst. Ich wies sie an
Plato, Aeschines, Antisthenes, Stilpon, Simmias u.s.w., aber sie htten nun
einmal das Zutrauen zu mir, sagten sie. Weil ich wirklich ungern an die Sache
ging, hoffte ich sie endlich dadurch abzuschrecken, wenn ich einen sehr hohen
Preis auf meine Waare setzte. Ich erklrte mich also zuletzt: ich getraute mir
allerdings ihnen alles, was ich in drei Jahren von Sokrates gelernt htte, in
eben so viel Dekaden vollstndig mitzutheilen: aber ich knnte ihnen nicht
verhalten, da es jedem von ihnen wenigstens so hoch zu stehen kommen wrde, als
wenn er seinen Freunden ein prchtiges Gastmahl gbe; denn die zwlf Discurse,
in welche ich die ganze Philosophie des Sokrates zusammen zu fassen gedchte,
wrden den Mann nicht weniger als zwlf Dariken kosten. Dafr sollte jeder
zugleich eine Abschrift dieser Discurse erhalten, jedoch unter der
ausdrcklichen Bedingung, sie entweder gnzlich fr sich zu behalten, oder nicht
mehr, als ein einziges Exemplar um den Preis, den es ihn selbst gekostet, und
unter der nmlichen Bedingung, irgend einer andern Person zukommen zu lassen.
Was ich verlange (setzte ich hinzu) ist viel oder wenig, je nachdem ihr das, was
ihr dafr bekommt, anwenden werdet. Als bloe Speculationssache gbe ich selbst
fr die Philosophie des Sokrates, wie fr jede andere, keine taube Nu; in
Ausbung gebracht, ist sie mehr als alles Gold des groen Knigs werth.
Ueberlegt also wohl was ihr thut, damit es euch nie gereue, eure Dariken nicht
auf eine angenehmere Art verloren zu haben. - Mir duchte als ob mehr als Einer
von den Jngern bei dieser Verwarnung eine etwas nachdenkliche Miene mache: aber
da vermuthlich keiner fr schlechter angesehen seyn wollte als der andere, so
wurde mein Antrag einhellig mit groer Freude angenommen. Kurz, die dreiig
Fremden, grtentheils Botier, Arkadier, Lokrier und Chalcidier (drei oder vier
Abderiten nicht zu vergessen) legten dreihundert und sechzig blanke Dariken in
einem Beutel von Cyrenischem vergoldetem Leder zu meinen Fen, und erhielten
dafr was ich ihnen versprochen hatte.
    Du siehest also, lieber Kleonidas, da der Vorwurf, den mir die Sokratiker
machen, da ich die Weisheit unsers Meisters um Geld verkaufe, nicht ungegrndet
ist: ob auch gerecht, ist eine andere Frage, die ich deinem eigenen Urtheil
anheim stelle. Ich meines Orts, betrachte einen Gelehrten berhaupt - und warum
denn nicht auch den, der von der Kunst zu denken, zu reden und zu leben
Profession macht? - wie jeden andern Virtuosen, in welcher Kunst es sey; und ich
sehe nicht, warum ich, wenn es mir beliebt, und die Kufer sich mir von freien
Stcken anbieten, ja sogar aufdringen, fr meine philosophischen Discurse nicht
eben so gut Geld nehmen sollte, als Pindar fr seine Siegeslieder, Damon fr
seine Musik, ein Arzt fr seine Curen, ein Maler fr seine Gemlde, Aristophanes
fr seine Komdien, oder Isokrates fr seinen Unterricht in der Philosophie der
Beredsamkeit, wie er seine Rhetorik zu nennen pflegt. Nehmen doch die Brger von
Athen fr die Ausbung ihrer Souvernett ohne Bedenken - ihr Triobolon! Da die
Hetren von ihren guten Freunden Geld nehmen, fand sogar Sokrates billig; und
wenn ihre Profession schndlich ist, was kann hieraus zum Nachtheil derer, die
eine edlere treiben, gefolgert werden? Wie dem auch sey, seit dieser Begebenheit
hat mir mehr als Ein Athener angelegen, seinem Sohn in allem, was ein Kalos
Kagathos (wie man jetzt zu sagen pflegt) besonders ein knftiger Staatsmann und
Demagog zu wissen nthig habe, Unterricht zu ertheilen; und um nicht mit
Zumuthungen dieser Art zu sehr belstiget zu werden, habe ich ein fr allemal
fnfhundert Drachmen zu meinem festgesetzten Preise gemacht. Ein einziger, und
zwar einer der reichsten Mnner in ganz Attika, der mir (vermuthlich ohne recht
zu wissen was er that) seinen einzigen Sohn bergeben wollte, fand den Preis zu
hoch; dafr, meinte der Ehrenmann, knne er sich ja einen tchtigen Sklaven
kaufen. Das thue doch ja, sagte Antipater, der dabei stand, laut lachend, so
hast du ihrer zwei, ohne da es dich einen Heller mehr kostet. Die Wort lief
sehr bald in ganz Athen herum, und wurde von vielen auf meine Rechnung gesetzt;
aber Jedem das Seine! Du siehst da Antipater nicht vergeblich so viel um den
Sptter Diogenes ist.
    Aus deinen Nachrichten von dem dermaligen Zustand unsrer Vaterstadt sehe
ich, da ein Mann, der unter glcklichen Menschen glcklich leben will, er sey
auch zu Hause wo er wolle, nach Cyrene ziehen mu. Und ich - bin ein geborner
Cyrener, habe alles was mir das Liebste ist in Cyrene, und lebe zu Athen! - Nur
noch ein Jahr, Kleonidas, ein einziges Jahr lngstens, trage Nachsicht mit
meiner Thorheit - wenn ich mich wieder von diesem verfhrerischen Athen scheide,
so ist's auf immer!

                                      28.



                              Hippias an Aristipp.

Ich hre mit vielem Vergngen, Freund Aristipp, da du dich wieder in Athen
befindest, und eine Art von Schule erffnet hast, worin du der Hellenischen
Jugend die Philosophie des guten Sokrates, nach deiner eigenen Weise mit
Geschmack zubereitet, und mit einigen feinen Schsseln vermehrt, wieder
aufzutischen beflissen bist. Whrend zwei seiner vornehmsten Anhnger, der eine
die Philosophie, welche sein Meister aus den meteorischen Hhen der Ionischen
Schule herabzusteigen genthigt, und unter den Menschen lebend mit ihren
Angelegenheiten sich zu beschftigen gewhnt hatte, nicht nur in den Himmel
zurckfhrt, sondern sogar in berhimmlischen Gegenden, wovon sich bisher noch
niemand etwas trumen lie, umherschwrmen und von den unaussprechlichen -
Undingen, die sie da gesehen und gehrt haben will (unverstndlich genug), reden
lt; der andere hingegen, aus Miverstand der Lehren und mit Uebertreibung des
Beispiels seines Meisters, das von diesem veredelte menschliche Leben, in der
Meinung es zur Natur zurckzufhren, dem thierischen wieder so nah' als mglich
zu bringen sucht - ist es lblich von dir, da du ihr mit ihrer vorigen
Popularitt auch die Wrde, die ihr Sokrates gab, wieder zu verschaffen
beflissen bist. Ich bin gewi, von den Grazien der schnen Lais ausgeschmckt,
und mit der Peitho97, die dir immer hold war, auf den Lippen, kann es ihr an
Liebhabern nicht fehlen, und es wird nur auf dich ankommen, der erste und
einzige unter den Sokratikern zu seyn, der sich durch ihre Vermittelung auch den
Plutus98 gnstig zu machen wei.
    Was mich betrifft, lieber Aristipp, ich habe nun unvermerkt die Jahre
erreicht, wo es nicht mehr der Mhe werth ist, etwas anders zu thun, als sich an
den Thorheiten der Sterblichen zu belustigen, und von einem Tage zum andern so
sorgenfrei und angenehm zu leben, als es uns die Gtter noch gnnen wollen. Wie
Solon in einem ungleich hhern Alter als das meinige,

Lieb' ich die Gaben der Cyprogeneia, des Bacchus, der Musen,

vllig, wie er, berzeugt,

Alle Freuden der Welt kommen von ihnen allein.99

    Das schne, volkreiche, so glcklich zum Seehandel gelegene und durch ihn
mit allen Schtzen der Natur und Kunst bereicherte Milet ist (wie du aus eigener
Erfahrung wissen mut) auer allen diesen Vortheilen, noch besonders durch den
geselligen Charakter seiner Einwohner und die Schnheit seiner Weiber, vor
vielen andern Orten der Welt, einer solchen Lebensweise gnstig; vorausgesetzt
(versteht sich) da man mit dem unentbehrlichsten aller Dinge, wofr die andern
alle zu haben sind, hinlnglich versehen seyn mu.
    Wie ich hre gibt der groe Arobat100 Plato den Athenern und ihren Nachbarn
mchtig viel von sich zu reden, und publicirt eine Menge philosophischer
Possenspielchen, worin er den ehrlichen Sokrates (der jetzt alles ungestraft aus
sich machen lassen mu, wozu man ihn brauchbar findet) bald mit diesem bald mit
jenem unsrer ehmaligen Sophisten in eine possierliche Art von dialektischen
Zweikmpfen zusammen hetzt. Denn, damit sein Sokrates immer Recht behalte, oder
doch wenigstens die Lacher auf seine Seite bekomme, begabt er ihn ber seine
gewohnte Ironie und die ihm eigene Art seine Gegner zu berraschen und in
Verlegenheit zu setzen, noch mit aller nur ersinnlichen eristischen
Spitzfindigkeit und Gewandtheit, die armen Schelme von Antagonisten hingegen mit
einem so erbrmlichen Grade von Geistesschwche und treuherziger Dummheit, da
sie immer ihr Aeuerstes thun, um jenem den Sieg recht leicht zu machen, und,
weit entfernt zu merken da er ihrer spotte, durch Paarung der lcherlichsten
Aufblhung mit der schlerhaftesten Unwissenheit und dem bldsinnigsten
Unverstand, ihm eine Gelegenheit nach der andern geben, sie mit der
schmhlichsten Art von Urbanitt zum Besten zu haben. Auch mir Unwrdigen hat er
zweimal diese Ehre erwiesen; vermuthlich weil er nicht wei, da ich allein die
todten Lwen Protagoras, Prodikus, Gorgias u.s.f. mit welchen es ihm jetzt so
leicht wird den Hercules zu spielen, berlebt habe.101 Aber auch vor meiner
Rache kann er sicher seyn; denn ich bin ihm zu viel Dank fr die gute Digestion
schuldig, die mir sein Hippias der Grere gestern Abends nach einem groen
Gastmahle verschafft hat. In meinem Leben hab' ich nicht so viel gelacht, wie
ber die Rolle, die er mich in diesem schnakischen Ding von einer dialektischen
Schulbung spielen lt. Man sollte denken, er habe die Wolken des Aristophanes
zum Muster genommen, wie man es anfangen msse, um ein ordentliches
Menschengesicht zu einer fratzenhaften Larve zu verzerren. Das Lustigste ist
indessen, da der Leser immer im Zweifel bleibt, wen der philosophirende
Spavogel eigentlich am lcherlichsten habe machen wollen: ob den guten
Sokrates, der hier als das Ideal eines naseweisen Attischen Spitzkopfs
erscheint, und meinen bldsinnigen Reprsentanten (den er blo einem Arzt zu
einer tchtigen Portion Niesewurz htte zuweisen sollen) lieber zur Kurzweil in
einem aus Spinnenfden gewebten Netze fangen will? oder den armen unbeholfenen
Afterhippias, der sich aus einem so dnnfdigen Netze nicht heraus zu finden
wei. - Und mit solchen Schnurrpfeifereien hofft euer Plato den Homer aus den
Schulen der Griechen zu verbannen!
    Einem von Eigendnkel und Selbstgeflligkeit so stark berauschten Menschen
darf man schon etwas mehr als gewhnliche Narrheiten zutrauen: aber da es schon
so weit mit ihm gekommen seyn sollte, da er sich (wie man sagt) geschmeichelt
finde auf Kosten des ehrsamen Ariston, seines gesetzmigen Vaters, fr einen
leiblichen Sohn des Delphischen Gottes102 gehalten zu werden, kann ich doch kaum
glauben. So viel ist indessen gewi, da ein angesehener Milesier von meiner
Bekanntschaft folgende Anekdoten aus des Platonischen Neffen Speusipps eigenem
Munde gehrt zu haben versichert.
    Platons Mutter Periktione galt in ihrer Jugend fr eine der schnsten
Jungfrauen in Athen - was bekanntermaen eben nicht sehr viel gesagt ist.
Ariston, mit welchem sie verlobt war, unterlag an einem trben Morgen der
Versuchung, heimlich in ihre Kammer zu schleichen, und whrend seine Braut noch
schlief, sich einen kleinen Vorgriff in seine eigenen knftigen Rechte zu
erlauben. Es war ihm aber, alles gebrauchten Ernstes ungeachtet, schlechterdings
unmglich zum Ziel seiner Wnsche zu gelangen. Wie unbegreiflich ihm auch ein
solches Unglck scheinen mute, da er wenigstens sich selbst keine Schuld geben
konnte, so ging es doch in der That ganz natrlich damit zu; denn, mit Einem
Worte, der Platz war bereits von einem unsichtbaren Liebhaber eingenommen. Bei
so bewandten Umstnden blieb freilich dem armen Ariston nichts brig, als sich
mit gesenkten Ohren eben so heimlich, wie er gekommen war, wieder
wegzuschleichen. Aber in diesem Augenblick wurde der Nebel von seinen Augen
weggeblasen; er sah wie Apollo sich leibhaftig von der Schlummernden erhob,
erkannte den eben so schnell wieder verschwindenden als sichtbar gewordenen
Gott, und beschlo auf der Stelle, aus Beweggrnden, woran seine Klugheit nicht
weniger Antheil hatte, als seine Gottesfurcht, die Vermhlung mit Periktione
zwar zu beschleunigen, aber des ehlichen Rechts sich so lange zu entuern, bis
sie geboren haben wrde. Im dritten Jahre der siebenundachtzigsten Olympiade, am
siebenten Tage des Monats Thargelion103 (welcher, wie die Delier sagen, auch der
Geburtstag des Apollo ist) wurde sie von diesem nmlichen Plato, der jetzt seine
gttliche Abkunft durch so wundervolle Werke zu Tage legt, entbunden, und
Ariston rechnete sich's, wie billig, zur grten Ehre, als ein zweiter
Amphitryon104, fr den Vater des Gttersohns zu gelten: wir aber wissen nun was
wir zu glauben haben, und wundern uns nicht lnger, da ein Sohn des Pythischen
Gottes uns von den Mysterien der bersinnlichen Welt so viel Unerhrtes und
Undenkbares zu erzhlen wei. Auch wird durch diese Anekdote eine andere, die
aus eben derselben Quelle kommt, desto glaubwrdiger. Sokrates, sagt man,
trumte einst, er habe einen noch unbefiederten jungen Schwan zwischen seinen
Knieen, der aber (vermuthlich durch die Wunderkraft der in ihn bergehenden
Sokratischen Wrme) so schnell Federn bekam, da er auf Einmal die Flgel
ausspannte und mit einem ungemein lieblichen Getne sich in die Luft erhob.
Tages darauf sey ihm der junge Plato vorgestellt worden, und Sokrates (dessen
Glauben an seine Trume bekannt ist) habe sogleich bei seinem Anblick gesagt,
die sey der junge Schwan, den er gestern im Traume gesehen habe.
    Wenn du etwa mit dem Neffen des gttlichen Schwans bekannt genug seyn
solltest, um eine Frage dieser Art an ihn zu thun, so erkundige dich doch bei
ihm, ob der Freund, von welchem ich diese Anekdoten habe, sich mit Wahrheit auf
sein Zeugni berufe oder nicht. -
    Nun von etwas anderm! Ich habe hier noch einige Schnen aus Aspasiens Schule
gefunden, die zwar schon etwas lange aufgehrt haben jung zu seyn, aber noch
anziehend genug sind, um nicht wenig zu den Annehmlichkeiten von Milet
beizutragen. Eine von ihnen hat (ich wei selbst nicht wie?) Mittel gefunden,
mich in eine Art Platonischer Liebe zu verstricken, die etwas so Neues fr mich
ist, da ich mich dem Wundermann fr seine Erfindung sehr verpflichtet erkennen
wrde, wenn die schne Anthelia (so nennt sich meine Freundin) nicht
unglcklicher Weise ein sehr weibliches Weib wre, und also, der Theorie des
Erfinders zufolge, ohne Entweihung der Mysterien des Uranischen Eros nicht auf
Platonisch geliebt werden darf.
    Seit einiger Zeit hlt sich unter andern nicht gemeinen Knstlern auch dein
Freund Parrhasius zu Milet auf, und findet viele Ursache sich bei uns zu
gefallen. Die Gnstlinge des Plutus wetteifern mit einander, wer die meisten und
schnsten Stcke von ihm aufzuweisen habe, und der Knstler befindet sich
ungemein wohl bei dieser Eifersucht: ob sie aber der Kunst eben so zutrglich
seyn werde, ist eine andere Frage. Wenigstens setzt sie jenen in eine starke
Versuchung, sich eine dem Auge schmeichelnde geschwinde Manier anzugewhnen, und
knftig mehr fr den schrmerischen Beifall des freigebig bezahlenden
Liebhabers, als fr das ruhige Wohlgefallen des streng urtheilenden Kenners zu
arbeiten.
    Eine unsrer schnsten Hetren hat sich indessen wohlfeil genug in den Besitz
seiner Leda (die in ihrer Art ber allen Preis ist) zu setzen gewut, und ist
dadurch auf Einmal die reichste ihres Standes geworden, indem sie das eben so
leicht erworbene als leichtfertige Gemldchen dem Satrapen Teribazus fr eine
unerhrte Summe wieder verkaufte.
    Sage mir doch, Aristipp, was fr ein Schwindel deine Kechener angewandelt
hat, da sie den Knig Artaxerxes, von welchem sie mit so groen Beweisen seines
Wohlwollens und Vertrauens berhuft worden, und dem sie es allein zu danken
haben, da sie wieder etwas unter den Griechen bedeuten, sich mit aller Gewalt
zum Feinde machen wollen? Zwar an dem Athenischen Volke wird mich keine
Thorheit, wie ungeheuer sie auch seyn mag, jemals in Verwunderung setzen: aber
wie Konon von seinem Glcke so sehr berauscht werden konnte, da er sein eigenes
Werk, die Frucht so vieler Gefahren und Arbeiten, mit eigenen Hnden wieder
vernichtet, das geht ber meinen Begriff. Kannst du dir vorstellen, wie dieser
um Athen so sehr verdiente Mann bermthig und unklug genug seyn kann, das
Vertrauen des Knigs und des Satrapen Pharnabazus so unverschmt zu betrgen,
da er die Persische Kriegsflotte, die ihm zu gewissen Unternehmungen gegen
Sparta untergeben worden war, dazu mibraucht, die unter Persischer
Oberherrschaft stehenden Ionischen Inseln und Stdte, eine nach der andern,
entweder geradezu den Athenern zu unterwerfen, oder zum Abfall zu reizen und in
ein allgemeines Bndni gegen den Knig zu verstricken? Da es ihm auch bei den
Milesiern gelingen werde, zweifle ich indessen sehr. Es fehlt zwar auch hier
nicht an unruhigen und regierschtigen Kpfen, die durch Ergreifung der
Athenischen Partei zu gewinnen und den Pbel auf ihre Seite zu ziehen hoffen,
indem sie ihm die unermelichen Vortheile der Demokratie vorspiegeln, und ihm
wei machen wollen, die vereinigte Macht von Athen und Milet allein sey mehr als
hinlnglich, dem groen Knig die Unabhnglichkeit des Griechischen Asiens
abzutrotzen. Aber die edeln und reichen Huser, und berhaupt alle zum
Handelsstande gehrigen Brger befinden sich bei der gegenwrtigen Verfassung,
unter der gelinden Persischen Regierung (die ihnen die wesentlichsten Vortheile
der Freiheit willig zugesteht) viel zu wohl, und sind durch ehmalige Erfahrungen
zu sehr gewitziget, um solchen Lockungen Gehr zu geben. Inzwischen werden die
Lacedmonier, die den Kechenern von jeher an Staatsklugheit und Consequenz in
ihren Maregeln unendlich berlegen waren, sich den Unverstand der letztern bald
genug beim Knige zu Nutze machen, und wir werden unversehens das Vergngen
haben, die luftigen Schwindler von ihrer Hhe eben so geschwinde wieder
herabstrzen zu sehen, als sie sich in ihrer voreiligen Einbildung, die der
Realitt immer tausend Parasangen zuvorluft, emporgeschwungen hatten.
Antalcidas105, einer der geschicktesten Staatsmnner und feinsten Unterhndler,
welche Sparta besitzt, ist zu diesem Ende bereits an das knigliche Hoflager
abgegangen, und der Erfolg seiner Sendung kann um so weniger zweifelhaft seyn,
da die Athener selbst ihm die strksten Waffen gegen sich von freien Stcken in
die Hnde spielen, und ihr Mglichstes thun, dem so grblich getuschten
Artaxerxes die Augen zu ffnen. Der groe und entscheidende Vortheil, den das
Aristokratische Sparta ber die Athenische Demokratie immer behaupten wird,
liegt darin: da die grnzenlose Eitelkeit der letztern ihre
Vergrerungs-Projecte immer ber alle Mglichkeit hinaustreibt, nichts
berechnet, nichts vorhersieht, und sich ruhig auf das alte Orakel verlt, da
die Gtter ihre dummen Streiche immer wieder gut machen werden; da hingegen die
wohlberechnete Staatsklugheit der erstern sich auf die Oberstelle unter den
Griechischen Republiken einschrnkt, und noch nie ber diesen hchsten Punkt
ihrer Ambition hinauszugehen begehrt hat. Diese Migung wird den Persischen
Hof, der die Griechen auf seine Kosten endlich kennen gelernt haben mu,
nothwendig auf den Gedanken bringen, sein eigenes Interesse erfordere, mit den
Spartanern Friede zu machen, und die unzuverlssigen Athener, ohne darum ihre
gnzliche Unterdrckung zuzugeben, sich selbst und ihrem Schicksal zu
berlassen. Durch diese einzige Maregel wird er es stets in seiner Gewalt
haben, die Griechen in immerwhrender innerlicher Ghrung zu erhalten, und, ohne
sehr groen Aufwand, durch seinen politischen Einflu gerade so viel
Gleichgewicht unter diese rastlos hin und her schwankenden Freistaaten zu
bringen, als fr das Interesse des Persischen Reichs und die allgemeine Ruhe der
Welt nthig ist. Denn es ist kaum mglich, da das ewige Thema eurer
Redeknstler, der Isokrates, Lysias, u.s.w. Eintracht unter allen Griechen zu
Vereinigung ihrer Krfte gegen den gemeinschaftlichen Feind in Asien, nicht
endlich zu den Ohren des Knigs kommen, und ihn berzeugen sollte, da die
Begnstigung des Spartanischen Systems das sicherste Mittel sey, einer so
gefhrlichen Coalition zuvorzukommen.
    Wundre dich nicht, Aristipp, wie ich mit meiner oben angerhmten sorglosen
Denkart und Lebensweise dazu komme, dich so unversehens mit einer so reichlichen
politischen Ergieung zu betrufen. Seit etlichen Wochen hrt man hier nichts
anders. Alles was in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehrt (die
zahlreiche Innung der Hetren mitgerechnet) spricht Politik und ist Spartanisch
gesinnt; und da ich selbst, trotz meiner Weltbrgerschaft und Kaltbltigkeit,
diese Partei ergriffen habe, wird dich, wenn ich auch den Nephelokokkygiern
weniger abhold wre als ich es immer war, mein alter Ha gegen die Ochlokratie
nicht bezweifeln lassen.

                                      29.



                              Aristipp an Hippias.

Ich werde es immer unter die glcklichsten Ereignisse meines Lebens zhlen, da
ich den Sokrates gekannt, und whrend der drei bis vier Jahre, da ich freien
Zutritt bei ihm hatte, seines Umgangs beinahe tglich genossen habe. Wie wenig
auch das, was ich von ihm lernen konnte, in anderer Augen seyn mag, nach meiner
Schtzung und fr meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel, und mehr als genug
um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben, auf den ich stolz
bin, und den ich nicht unwrdig zu fhren hoffe.
    Es war eine von den Meinungen des Sokrates, die ich ihn fters in seiner
eigenen genialischen Manier behaupten hrte, Weisheit und Tugend knnten nicht
auf die Art, wie man sich's gewhnlich vorstelle, gelehrt, d.i. nicht in unsre
Seelen hineingeschoben werden, wie man Brod in den Backofen schiebt. Zuweilen
sprach er, als betrachte er sich wie einen Grtner, dessen Geschft es ist,
ntzliche Pflanzen und Gewchse zu ziehen und zu warten. Alles was der Grtner
vermag (sagte er) besteht darin, da er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land
lege, und die junge Pflanze, wenn sie aufgegangen ist, vor Frost und schdlichen
Winden sichere, vor aller Verletzung bewahre, und, so weit es in seiner Macht
steht, dafr sorge, da sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme, nicht zu
viel noch zu wenig genhrt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle
zu verwandeln, oder einer schwachen krnkelnden Pflanze das frhliche Wachsthum
einer gesunden und starken zu geben, steht nicht bei ihm; und wenn er sein
Mglichstes gethan hat, kann er doch nicht verhindern, da ein einziger
unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner Sorge und
Pflege spottet. - Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin, und
verglich sich mit seiner Mutter, die, wiewohl sie fr eine groe Meisterin in
ihrer Kunst galt, ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte,
sondern zufrieden seyn mute, wenn sie, was nun einmal da war, glcklich zur
Welt gebracht hatte. Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher
Art ins Leben geholfen. Aber um diejenigen, die ihm tglich und mehrere Jahre
zur Seite waren, machte er sich auch das Verdienst eines Pdagogen; und, wie die
Erfahrung lehrt, da Knaben sich, ohne es zu wollen oder zu merken, immer nach
ihrem Erzieher bilden, und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebrden, zu
reden, zu gehen, den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen: so findet sich auch, da
keiner von den Zglingen des Sokrates ist, an dem man nicht diese oder jene Zge
von ihm gewahr wrde, so da - wie man von Zeuxis sagt, er habe aus fnf der
schnsten Agrigentischen Mdchen seine berhmte Helena zusammengesetzt - aus
fnf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden
knnte. So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu
scherzen, Xenophon seiner Grundbegriffe, Maximen und Ideale in Sittenlehre und
Staatskunst, und seines Glaubens an Orakel, Trume und Opferlebern, Antisthenes
seiner Geringschtzung aller Gemchlichkeiten und knstlichen Wollste der
Reichen, Cebes von Theben seines Talents die Philosophie in Fabeln und
Allegorien einzukleiden, bemchtigt. Mir ist also kaum etwas andres brig
geblieben als seine Anspruchlosigkeit, sein Widerwille gegen alles Geschminkte
und Unnatrliche, gegen Aufgeblasenheit, Eigendnkel und ungebhrliche
Anmaungen, seine Geringschtzung aller spitzfindigen, im Leben unbrauchbaren
und blo zum Geprng und zum Disputiren dienlichen Speculationen, seine Manier
bei Errterung problematischer Fragen immer zuerst auf das, was uns die
Erfahrung davon sagt, Acht zu geben, nach der Entstehungsweise der Begriffe, in
welche das Problem zerfllt, zu forschen, und berhaupt beim Suchen der Wahrheit
immer vorauszusetzen, da sie uns ganz nahe liege, und meistens nur durch den
Wahn, da man sie weit und mhsam suchen msse, verfehlt werde, - und was sonst
in dieses Fach gehrt. In allem diesem, und (wenn ich mir nicht zu viel
schmeichle) noch in manchen andern Stcken, finde ich mich ihm so hnlich, da
ich mir zuweilen einbilde, ich wrde, wofern ich in der siebenundsiebzigsten
Olympiade in seinen Umstnden auf die Welt gekommen wre, Sokrates, oder er,
vierzig Jahre spter in den meinigen geboren, Aristipp gewesen seyn. Auf diese
Weise erklre ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten, die ich mit ihm
habe. Er kleidete sich z.B. schlecht, weil er arm war und sich dessen nicht
schmte; aber er liebte die Reinlichkeit: wre er reicher gewesen, wrde er sich
vermuthlich nicht schlechter gekleidet haben als ich; so wie ich mich nicht
geringer dnkte, als ich im ersten Jahre meines Aufenthalts zu Athen in einem
groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte. - Seine Mahlzeit
kostete selten mehr als drei bis vier Obolen; indessen schlug er nicht leicht
eine Einladung zu den prchtigsten Gastmhlern aus, wenn er gewi war gute
Gesellschaft anzutreffen; wr' er reicher gewesen, so htt' er vermuthlich, wie
ich, lieber andere eingeladen, als sich einladen lassen. Er kaufte weder
Bildsulen noch Gemlde, weil er kein Geld zu solchen Ausgaben hatte; aber er
liebte darum die Kunst nicht weniger, und wute die Werke der groen Meister
sehr wohl zu wrdigen: ich habe mir, weil mir das Glck besser wollte als ihm,
eine feine Sammlung auserlesener Malereien angeschafft, und bin darum kein
grerer Kenner. - Er trank gewhnlich Wasser, konnte aber, wenn's darauf
angelegt war, den strksten Weinschluchen die Stirne bieten, und streckte sie
alle zu Boden, ohne da man eine merkliche Vernderung an ihm sprte: ich trinke
gewhnlich Wein, und den besten der zu haben ist; aber sehr mig, weil ich viel
nicht vertragen kann. - Ich liebe schne Weiber ungefhr wie er schne Knaben
liebte, ohne da Platons Eros Pandemos106 jemals mehr Gewalt ber mich gehabt
htte als ber ihn: ich zweifle aber sehr, da er zu seiner Zeit die schne
Aspasia von sich gestoen htte, wenn sie Lais fr ihn htte seyn wollen. Da er
sich brigens im Nothfall an seine Xantippe hielt, war eine lbliche, wiewohl,
ihrer sauren Laune ungeachtet, eben nicht sehr verdienstliche Gengsamkeit; denn
Xantippe war weder eine hliche noch bsartige Frau. - Sokrates zog, weil er
ein sehr starker Mann war, die mhsamern und heftigern Leibesbungen den
sanftern und ruhigern vor: bei mir ist's gerade umgekehrt. - Bei ihm war der
Weltbrger dem Brger von Athen untergeordnet, bei Mir der Brger von Cyrene dem
Weltbrger: wre Cyrene seine Vaterstadt gewesen, Athen die meinige, so wrde
vermuthlich das Gegentheil stattgefunden haben.
    Ohne diese Parallele noch weiter zu verfolgen, will ich dir lieber geradezu
sagen, was ich mit diesem ganzen Prolog haben will: nmlich nichts weiter als
dich zu verstndigen, warum und wie fern meine Philosophie weder mehr noch
weniger die Sokratische ist, als ich selbst - Sokrates bin. Auch meinte es
Sokrates nie anders. Er verlangte keinen Nachtreter und Nachsprecher. Er theilte
uns und jedem der ihn hren mochte, unverhohlen mit, was er fr wahr und recht,
gut und anstndig hielt, und wenn er jemanden belehren wollte, stellte er es
immer so an, da der Hrende das, was sie mit einander suchten, selbst gefunden
zu haben glaubte. Oft war das was er gab nicht sowohl Lehre als guter Rath, der,
zu einer allgemeinen Maxime gemacht, vielleicht viele Ausnahmen zulie oder
sogar erforderte. Kurz, er berlie es dem guten Verstand seiner Gesellschafter,
wie viel oder wenig sie von dem Gehrten brauchen knnten oder wollten, und
verlangte weder Pythagorischen Glauben an seine Aussprche, noch blinde
sklavische Befolgung seiner Vorschriften. In dieser Rcksicht verdenke ich es
dem Plato eben so wenig, da er in so vielen Stcken von Sokrates abweicht, als
ich selbst Tadel zu verdienen glaube, da meine Philosophie, wiewohl sie sehr
leicht und ungezwungen mit der Sokratischen in Harmonie gesetzt werden kann,
dennoch nicht eben dieselbe mit ihr ist. Was ich an Plato tadle ist, da er den
entschiedenen Feind aller Meteoroleschie107 in vielen, wo nicht in den meisten
seiner Dialogen die Rolle eines wahren Aristophanischen Phrontisten spielen
lt, und da es immer der unschuldige Sokrates ist, den er vor den Ri stellt,
und, weil er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, fr Dinge
verantwortlich macht, die er nie gesagt haben wrde, und welche Plato selbst in
eigener Person zu sagen vielleicht Bedenken trge.
    Ich glaube mich hiermit deutlich genug erklrt zu haben, Freund Hippias, in
welchem Sinn ich ein Sokratiker zu seyn und zu heien wnsche. Uebrigens kennst
du die Welt zu gut, um dich zu verwundern, da der Name und die Philosophie des
in seinem Leben wenig geachteten und von den Meisten falsch beurtheilten
Sokrates seit seinem Tod, und selbst durch die Art seines Todes, vielleicht auch
durch das erst nachher bekannter gewordene Orakel des Delphischen Gottes, den
Griechen so ehrwrdig geworden ist, da viele von keiner andern Philosophie als
der Sokratischen hren wollen. Da ich nun, ich wei selbst nicht wie, in den Ruf
gekommen bin, da sie von mir chter und reiner zu erlernen sey als von Plato
oder Antisthenes, so ist es schon mehr als Einmal begegnet, da geschlossene
Gesellschaften von enthusiastischen Verehrern des weisesten aller Menschen das
Ansinnen, ihnen nicht meine eigene, sondern seine Philosophie in ihrer ganzen
Lauterkeit vorzutragen, so ernstlich an mich gelangen lieen, da ich mich nicht
entbrechen konnte, ihr Verlangen zu befriedigen. Wenn dir also etwa zu Ohren
kommt, da Aristipp sich seinen Unterricht sehr theuer bezahlen lasse, so wisse,
da die blo von diesen Vortrgen der Philosophie des Sokrates (die ich
dewegen in ein zusammenhangendes System zu bringen genthigt war) zu verstehen
ist. Denn ich glaube einen Unterricht dieser Art, wobei ich mich gewissermaen
als einen blo mechanischen Arbeiter gebrauchen und zum bloen Sprachwerkzeug
eines andern machen lassen mu, mit Fug und Recht eben so gut zu Geld anschlagen
zu knnen, als ein Steinhauer, der den Marmor zu einem Tempel oder Sulengang
nach einem gegebenen Ma und Modell zu bearbeiten und zusammenzufgen bernommen
hat, seine Zeit und Arbeit. Alles die, lieber Hippias, hielt ich fr dienlich,
dir ber meinen Sokratism etwas ausfhrlich zu sagen, weil es ein fr allemal
gesagt seyn soll.
    Da du, mit aller deiner Dankbarkeit fr das heilsame Lachen, so dir Plato
durch seinen grern Hippias zubereitet hat, diesem Gttersohn nicht allzu hold
bist, finde ich sehr natrlich. Insofern es fr einen Trost gehalten wird,
Gefhrten im Leiden zu haben, la es dir - in Augenblicken, wo es dir etwa nicht
so ganz lustig duchten mchte, von einem hochangesehenen und weitberhmten
Manne allen Griechen der gegenwrtigen und knftigen Zeit als ein einfltiger
Strohkopf vorgefhrt zu werden - zu einigem Troste dienen, da der tapfre, weise
und weltberhmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Rckzugs der
zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwrdigkeiten mit deinem Freund
Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht. Das Beste ist, da beide bei denen,
die dich und mich persnlich kennen, schwerlich in den Ruf groer Portraitmaler
kommen werden.
    Das zweideutige Mhrchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edeln
Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum,
so wie unter den Athenern berhaupt ein heimliches Gemurmel, es drfte ihm
schwer fallen, zu beweisen, da er der Sohn eines Attischen Brgers sey. Welches
von diesen beiden Gerchten das andere erzeugt haben mag, ist ungewi. War das
letztere das ltere; so begreift sich um so leichter, wie die Freunde Platons
auf den Einfall kommen konnten, ihm einen Ursprung zu geben, der ihn mit den
grten Mnnern der heroischen Zeit auf gleichen Fu setzt. Speusipp erzhlte
das Mhrchen, mit allen von dir erwhnten Umstnden, in einem sehr religisen
Ton, wenn er mehr als Einen Zuhrer hat, und scherzte mit mir darber sobald wir
allein waren. Das Wahre an der Sache lt sich leicht errathen, wenn man wei,
da Ariston sehr wesentliche Ursachen hatte, die angesehene Familie seiner Braut
und den goldlockigen Apollo, den er bei ihr berraschte, zu schonen; nichts
davon zu sagen, da die Athener berhaupt ziemlich bequeme und urbane Ehemnner
sind. Der Traum des Sokrates scheint seine Richtigkeit zu haben, und, wie
mehrere Trume dieses auerordentlichen Mannes, mit seinem Dmonion in einerlei
Fach zu gehren.
    Was du mir von Konon meldest, hat mich nicht befremdet, wiewohl man hier
nichts von einem Bruch mit dem groen Knig wissen will, und von Konons
Unternehmungen gegen die Inseln als einer mit Pharnabaz abgeschlossenen Sache
spricht. Was man indessen tglich an allen ffentlichen Orten zu Athen hren
kann, ist die hoffrtige und undankbare Art, wie unsre Kechener von ihrem
Verhltni gegen den Persischen Monarchen reden. Sie vermeinen ihm so wenig Dank
schuldig zu seyn, da er selbst vielmehr, wenn man ihnen glaubt, tief in ihrer
Schuld ist, und noch viel zu thun hat, wofern er die von ihnen empfangene
Wohlthat einigermaen wett machen will. Denn, sagen sie, haben ihn nicht die
Siege unsrer Flotten von seinem furchtbarsten Feinde befreit? Wrde nicht
Agesilaus108 jetzt vor Susa109 stehen, wenn Konon die Spartanische Seemacht
nicht bei Knidus vernichtet htte? Es war des Knigs Interesse sich um unsre
Freundschaft zu bewerben, und sie gegen die Spartaner zu benutzen; das unsrige
ist, den gnstigen Augenblick, da die Spartaner uns nicht daran hindern knnen,
zu Befreiung der Ionischen Colonien, unsrer Freunde, und zu Wiedererlangung der
uns gebhrenden Hegemonie110 anzuwenden. Der Knig mu uns selbst dazu
verhelfen; oder er ist der undankbarste aller Menschen. - Du wirst die Athener
an dieser berhin fahrenden, raschen und einseitigen Art zu rsoniren leicht
erkennen, mit welcher ihre Art zu handeln vllig aus Einem Stck ist. Nie haben
sie es der Mhe werth gehalten, sich an eines andern Platz zu stellen, und zu
berlegen, in welchem Licht oder von welcher Seite er eine Sache sehen msse.
Und woher sollten sie die Geduld nehmen, einen Entwurf gelassen durchzudenken,
die Mittel und Wege dazu in der Stille vorzubereiten, die Hindernisse vorsichtig
wegzurumen, und nicht eher zur wirklichen Ausfhrung zu schreiten, bis der
Erfolg, gleich einer reifen Frucht, uns ohne groe Mhe gleichsam von selbst in
den Schoo fllt? Ich zweifle nicht, da sie auch diemal, wie du vorher
siehest, durch ihre unbesonnene Voreiligkeit der Spartanischen Klugheit einen
unblutigen Sieg in die Hnde spielen werden, dessen Folgen schwerer auf ihnen
liegen drften, als die zu Athen so hoch gepriesenen Siege Konons auf den
Lacedmoniern.
    Da deine Milesier weise genug sind, der Lockpfeife des Athenischen
Vogelstellers kein Gehr zu geben, versichert dir, wie ich hoffe, noch auf lange
Zeit die glckliche Ruhe, die du im Schooe der Musen und der brigen
freudengebenden Gtter so gut zu genieen weit. Mir ist zu Athen, wiewohl wir
vor der Hand nichts zu befrchten haben, nicht selten zu Muthe, als ob ich in
einem ohne Masten und Steuerruder auf einem unruhigen Meere herumtreibenden
Schiffe hausete; und je mehr ich den dermaligen Wohlstand meiner Vaterstadt mit
dem heillosen Zustande der Athenischen Ochlokratie vergleiche, desto mehr Strke
gewinnt der geheime Hang, der uns immer, auch wenn es uns unter Fremden wohl
geht, nach dem Orte zieht, wo wir uns eigentlich zu Hause fhlen, wo unsre
angebornen ltesten Freunde leben, und die Erde selbst uns nher als anderswo
verwandt zu seyn scheint, und etwas so anziehend Heimisches fr uns hat, da wir
wenigstens unsre Asche mit keiner andern Erde zu vermischen wnschen.

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                               Lais an Aristipp.

Ich bin nun einmal, wie es scheint, dazu geboren, lieber Aristipp, eine
sonderbare Rolle in der Welt zu spielen, und am Ende ist es auch so bel nicht,
in seiner Art einzig zu seyn: aber da ich in Gefahr kommen knnte, von den
Shnen des Hippokrates in das Register ihrer Heilmittel gesetzt und als ein
unfehlbares Specificum gegen die Nympholepsie verschrieben zu werden, das
httest du dir wohl nie einfallen lassen?
    Im Grunde bin ich mit aller meiner eingebildeten Ueberlegenheit doch nur
eine gutherzige Thrin, die ihr nur bei ihrer Gromuth zu fassen braucht, um
alles was ihr wollt aus ihr zu machen. Das Unangenehmste dabei ist indessen die
leidige Berhmtheit, die ich mir durch die bloe Gutartigkeit meiner Natur
zuziehe; eine Tugend, welche unsre edeln Korinthischen Matronen sich
schlechterdings nicht zu erklren wten, wenn sie ihr nicht die einzige
Unterlage gben, die ihnen (vermuthlich aus eigener Erfahrung) bekannt ist.
Wirklich hat das seltsame Abenteuer, das mir in diesen Tagen zustie, ein
solches Aufsehen in dieser volkreichen und geschftevollen Stadt erregt, da in
allen Gesellschaften, auf allen Marktpltzen und unter allen Hallen von nichts
anderm, als von der Wundercur, die ich an einem edeln Aspendier verrichtet haben
soll, geplaudert wird; aber wie, und mit welchen Beiwerken und Verzierungen,
kannst du dir vorstellen. Da eine Person, die sich einer beinahe zwlfjhrigen
Freundschaft mit dem weisen Aristipp zu rhmen hat, das alles nicht voraussehen
konnte! - Freilich! - Aber was zu thun? Die Thorheit, wofern es eine war, ist
nun einmal begangen, und ich bin es so berdrssig, berall wo ich mich blicken
lasse, schon auf dreihundert Schritte weit, alle Zeigefinger und Spitznasen nach
mir hingelftet zu sehen, da mich dieses Ueberma von Celebritt (unter uns
gesagt) ein paar Monate eher als gewhnlich nach Aegina treiben wird. Doch es
ist hohe Zeit, dir durch eine offenherzige Erzhlung aus dem Wunder zu helfen,
worin ich deine Einbildungskraft schon zu lange schweben lasse.
    Du erinnerst dich ohne Zweifel der Venus von Skopas, welcher ich in der
ersten Blthe meiner Jugend zum Urbild dienen mute. Skopas hatte mit meiner
Bewilligung das Modell dieser Bildsule behalten, aber (wie es zu gehen pflegt)
durch die Zusage, keine Nachbilder davon zu machen, nicht so streng gebunden zu
seyn vermeint, da er sich nicht erlaubt htte, deren mehrere zu verfertigen und
als Ideale seiner eigenen Erfindung zu verhandeln. Zuflligerweise kam eines
dieser Bilder nach Aspendus, einer ansehnlichen Stadt in Pamphylien (die du
vielleicht auf deinen Wanderungen gesehen hast) und gerieth dort in die Hnde
eines reichen Mannes, der es unter andern von ihm gesammelten Kunstwerken in
einer Halle seines Hauses aufstellte. Chariton, der einzige Sohn dieses Mannes,
ein Jngling von siebzehn Jahren, und der letzte Sprling eines alten um
Aspendus wohl verdienten Hauses, hatte das seltsame Unglck, in eine heftige
Leidenschaft fr die marmorne Gttin zu fallen. Trotz aller Gewalt, womit der
junge Mensch diese lcherliche Liebe zu bekmpfen strebte, nahm sie von Tag zu
Tag zu; und er verfiel nach und nach in eine Schwermuth, welche durch die
Unmglichkeit, seine Sehnsucht nach Gegenliebe jemals befriedigt zu sehen,
zuletzt in gnzlichem Wahnsinn und unheilbarer Tollheit endigte. Der hartnckige
aber sehr natrliche Eigensinn des verschmten Jnglings, die Ursache seiner
Krankheit schlechterdings niemand entdecken zu wollen, hatte ohne Zweifel nicht
wenig beigetragen, da es so weit mit ihm kam. Man ward nur desto aufmerksamer
auf ihn, sein trauriges Geheimni wurde ihm abgelauscht, und die gefhrliche
Bildsule auf die Seite gebracht, in Hoffnung da eine so widersinnige
Leidenschaft, wenn sie durch das Anschauen und Betasten ihres Gegenstandes nicht
lnger genhrt wrde, nach und nach von selbst erlschen mte. Aber gerade
dieses Mittel vollendete das Unglck, und die Raserei des armen Chariton stieg
endlich auf den hchsten Grad. Jahrelang war die Kunst aller Arzneymnner in
Pamfylien, Lycien und Karien an ihm zu Schanden geworden, als endlich ein
zufllig nach Aspendus verirrter Arzt von Kos111 sich bewegen lie, den letzten
Versuch an ihm zu machen, und auf den Einfall gerieth, ob nicht vielleicht ein
lebendes Urbild der fatalen Bildsule vorhanden seyn mchte, zu welchem der
unglckliche Jngling durch die Gewalt einer geheimen Sympathie unwiderstehlich
hingezogen wrde. Denn man fand es unbegreiflich, da ein bloes Phantasiewerk
des Knstlers eine so heftige Leidenschaft htte bewirken knnen. Wiewohl nun
die vermuthete Sympathie im Grunde nicht begreiflicher war, so ruhte doch der
alte Charidemus (so nennt sich der Vater des Unglcklichen) nicht, bis er den
Aufenthalt des Skopas entdeckt und ihm die Erffnung abgedrungen hatte, da die
Venus, die so viel Unheil in dem Gehirne seines Sohnes anrichtete, ein getreues
Nachbild der schnen Lais zu Korinth sey, deren Ruf von Sardes aus durch ganz
Asien erschollen war. Sogleich ist des Vaters Entschlu gefat; er miethet ein
Schiff, lt den Kranken und den Arzt an Bord bringen, und segelt mit dem ersten
gnstigen Winde der Pelopsinsel zu. Man hatte ihm schon in Rhodus, wo er
unterwegs anlandete, nicht verhalten, da er zu Korinth grere Schwierigkeiten
finden wrde als er sich einzubilden schien. Man schilderte ihm in der Schnen,
auf deren Hlfe er so sichre Rechnung machte, eine eben so stolze als reiche
Hetre, deren Thr von der edelsten Jugend der ganzen Hellas vergeblich belagert
werde; es wre, sagte man, eben so leicht, den Wind in einem Fischernetze zu
fangen, als ihr die kleinste Gunsterweisung mit allem Golde des Paktols
abzukaufen. Aber der Aspendier, dem es seinen einzigen Sohn galt, lie sich
nicht abschrecken; kurz, er langte zu Ende des verwichnen Anthesterions112
glcklich im Kenchrischen Hafen an. Stelle dir vor, Aristipp, wie ich
berrascht wurde, als auf einmal ein unbekannter Fremder von ziemlich
ehrwrdigem Ansehen vor mir erschien, mir unter vielen Entschuldigungen
entdeckte wer er sey, und um Erlaubni bat mir ein Anliegen zu erffnen, von
dessen Erfolg die Erhaltung seines einzigen Sohnes abhange. Aber als er mir nun
vollends den klglichen Fall selbst vortrug, und mich kniefllig bei allen
Gttern beschwor, ihm meine Hlfe in dieser uersten Noth nicht zu versagen -
kannst du mich tadeln, da ich mir Gewalt anthun mute, um dem treuherzigen
Aspendier, der Thrnen ungeachtet, die ber seine eingefallenen Wangen
herabrollten, nicht gerade ins Gesicht zu lachen? Ich raffte indessen doch in
der Eile so viel Ernsthaftigkeit zusammen als nthig war, das Lachen noch zu
rechter Zeit in ein holdes Lcheln zu verschmelzen, womit ich meiner Antwort
blo das Herbliche benehmen zu wollen schien. Was fr eine Hlfe, sagte ich,
kannst du dir in einem so seltsamen Falle von mir versprechen? Ich verstehe mich
nicht auf die Heilkunst; und bese ich auch alle Kenntnisse eines Melampus113,
Machaon und Podalirius, so wre noch immer die Frage, ob sie hinreichten das
Wunder zu thun, das du von mir erwartest. - O gewi, rief er, vermagst du mehr
als Melampus, Machaon und Podalirius, ja als Chiron und Aesculap und der
Wundarzt der Gtter Peon selbst. - Unbegreiflich! versetzte ich mit einer so
unschuldigen Miene, da ihm alles was er noch sagen wollte, aus Verwunderung
oder Verlegenheit, in der Kehle stecken blieb. Der Arzt, den er mitgebracht
hatte (ein sehr verstndiger Mann, wie sich's in der Folge zeigte) eilte seinem
Patron zu Hlfe, entschuldigte sehr ehrerbietig ihre Freiheit mich so
unangekndigt zu berfallen mit der Besorgni abgewiesen zu werden, und
schrnkte sich auf die bloe Bitte ein, da ich ihm die Gunst erweisen mchte,
zu einer mir gelegenen Stunde anzuhren, was er mir im Namen seines Patrons
vorzutragen htte. Bei dergleichen Anlssen pflegt meine Gutherzigkeit, oder wie
du es sonst nennen willst, der Ueberlegung gewhnlich einige Schritte
zuvorzueilen. Ich ersuchte also die Fremden, wofern sie nichts Besseres zu
versumen htten, sich sogleich eine Wohnung in meinem Hause gefallen zu lassen,
welches, wie du weit, Raum und Bequemlichkeit genug hat, um zur Noth einen
Persischen Satrapen zu beherbergen; und mein Erbieten wurde, nachdem sie sich so
viel, als die Aspendische Urbanitt erforderte, gestrubt hatten, mit dankbarem
Entzcken angenommen.
    Sobald meine Gste von dem angewiesenen Flgel des Hauses Besitz genommen
hatten und gehrig bewirthet worden waren, lie der Arzt (der sich Praxagoras
nennt, und ein Anverwandter und Schler des berhmten Hippokrates ist) sich
erkundigen, ob es mir jetzt gelegen wre ihm ein geheimes Gehr zu verwilligen.
Er wurde sogleich in mein Cabinet gefhrt, und, wiewohl er ein gesetzter und
schon etwas bejahrter Mann ist, schien er doch, da er sich allein mit mir sah,
in einige Verwirrung zu gerathen, wute sich aber sehr bald mit einer
Bescheidenheit und guten Art herauszuziehen, die ein sehr gnstiges Vorurtheil
fr ihn erweckten. Ich lugne nicht, fing er an, da wir mit einer Art von Plan
und Erwartung hierher gekommen sind; aber es bedurfte auch nichts als deinen
ersten Anblick, um zu sehen da von allem dem nicht mehr die Rede seyn knne.
Alles, warum ich dich also im Namen des unglcklichen Vaters zu bitten wage,
ist, da es mir erlaubt werde, dich durch eine ausfhrliche Darstellung unsers
in seiner Art vielleicht einzigen Falles in den Stand zu setzen, den Grad des
Mitleidens selbst zu bestimmen, den, wie ich nicht zweifle, die Gte deines
Herzens uns nicht versagen wird.
    Auf diesen hinterlistigen Eingang machte er mir nun, nachdem ich ihn mit
aller geziemenden Holdseligkeit dazu aufgemuntert hatte, eine umstndliche und
(lache nicht, Aristipp) wirklich rhrende Erzhlung von der ganzen Geschichte
der seltsamen Krankheit des jungen Charitons, wovon ich, da es mir nicht um
einen Angriff auf deine Mildherzigkeit zu thun ist, zu dem, was ich dir von
ihrem Ursprung und Fortgang bereits berichtet habe, nur so viel hinzu thun will,
als des Zusammenhangs wegen nthig zu seyn scheint.
    Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, welche von verschiedenen Aerzten und
Quacksalbern an dem zerrtteten Jngling gemacht worden, war es endlich
demjenigen, unter dessen Aufsicht er sich gegenwrtig befindet, gelungen, die
Raserei, die ihm nur selten Ruhe lie, zu einer stillern Art von Wahnsinn
herabzustimmen: so da man wieder zu hoffen anfing, er knnte durch eine
behutsame und schonende Behandlung vielleicht wiederherzustellen seyn. Seine
Phantasie wurde zwar noch immer von einer einzigen Vorstellung tyrannisch
beherrscht; aber sie nahm unvermerkt einen weniger unordentlichen Gang, und
bestrebte sich eine Art von scheinbarem Zusammenhang in ihre Fiebertrume zu
bringen. Das gewhnlichste war jetzt, da er die Bildsule, die all die Unheil
angerichtet hatte, mit einer wirklichen Person verwechselte, und in den hellern
Augenblicken, die jetzt fter als sonst kamen und lnger dauerten, sich fest in
den Kopf setzte, seine Geliebte sey ihm von einem feindseligen Dmon oder
boshaften Zauberer geraubt, und durch magische Knste in ein Marmorbild
verwandelt worden. Auf diesen Wahn hatte nun Praxagoras, nachdem einige andere
Versuche, denselben zum Vortheil des Kranken zu benutzen, fehlgeschlagen,
zuletzt den Plan gebaut, bei dessen Ausfhrung ich Unschuldige (wie es scheint)
die Hauptrolle spielen sollte. Er wute unvermerkt die Einbildung in ihm zu
erwecken, es lebe auf einer unbewohnten Insel des Griechischen Meeres eine
mchtige und wohlthtige Nymphe und Zaubrerin, durch deren Beistand er wieder
zum Besitz seiner Geliebten gelangen knne. In dieser Hoffnung hatte sich der
arme Chariton ziemlich ruhig zu Schiffe bringen lassen; whrend der ganzen Reise
war er meistens still und in sich selbst gekehrt geblieben, und nun, da er in
dem Palast der magischen Nymphe angekommen zu seyn glaubte, schien er mit
Ungeduld und argwhnischem Mitrauen, welche alle Augenblicke einen strmischen
Ausbruch besorgen lieen, des Erfolgs, worauf man ihn vertrstet hatte, gewrtig
zu seyn.
    Praxagoras beschlo seine Erzhlung mit der nochmaligen Erklrung: da sie
alles, was in diesem so weit auer dem gewhnlichen Wege liegenden Vorfall zu
thun seyn mchte, meiner Weisheit und Gromuth unbedingt berlieen. Die
Weisheit war hier zu viel, wirst du denken; wenigstens mute ich mich durch ein
so feines Compliment aufgefordert fhlen, diese Weisheit nun auch zu behaupten,
die man mir so uneigenntzig geliehen hatte. Ich antwortete also nach einer
kleinen Pause: wiewohl weder ich, noch mein Bild, noch der Bildhauer Skopas, von
irgend einem Gerichtshof in der Welt fr dieses ohne Zuthun unsers Willens
veranlate Unglck verantwortlich gemacht, und zu irgend einer Art von Vergtung
desselben verurtheilt werden knnten, so fhlte ich mich doch aus Menschlichkeit
geneigt, und gewissermaen sogar verpflichtet, alles, was billigerweise von mir
erwartet werden knnte, zum Troste des bedauernswrdigen Vaters beizutragen.
Durch einen glcklichen Zufall (fuhr ich fort) befindet sich die Bildsule, die
wir nthig haben werden, eben hier in diesem Hause, da sie sonst in einem
Gartensaale meines Landguts zu Aegina zu stehen pflegt. Wie meinst du, wenn wir
einen Versuch machten, was ihr unverhoffter Anblick - Aber beinahe htte ich
vergessen, da ihr eine Zaubrerin mit ins Spiel gezogen habt, deren Erscheinung
uns jetzt unentbehrlich ist, da der Kranke alle seine Hoffnung auf ihren
Beistand baut. Auch diese ist gefunden. Es leben etliche junge Korinthierinnen
unter meiner Aufsicht, von welchen eine ganz das ist, was wir nthig haben; ein
schnes Mdchen, von prchtiger Gestalt, und reichlich mit jedem heroischen Reiz
begabt, der sie zur Darstellung einer Medea oder Circe geschickt machen kann.
Ich werde sie, weil Gefahr im Verzug ist, ungesumt in der Rolle, die sie zu
spielen hat, unterrichten, und sie in einem so blendenden Costume vor unserm
Nympholepten erscheinen lassen, da wir unsre gute Absicht schwerlich verfehlen
werden.
    Praxagoras konnte nicht Worte genug finden, mir fr meine edelmthige
Herablassung zu danken, und nachdem wir alles auf jeden Fall Nthige verabredet
hatten, wurde sofort Hand ans Werk gelegt. Einer der grten Sle des Hauses
wurde zur Scene unsers Drama's eingerichtet, und eine Stunde der Nacht zur
Auffhrung angesetzt. Fr den Vater und deine nrrische Freundin wurde ein Platz
abgesondert, wo sie, ohne selbst gesehen zu werden, alles wahrnehmen konnten.
Die Stunde kam. Bleich und abgezehrt wankte der arme Chariton von seinem Arzt
gefhrt heran; seine Gesichtsbildung schien mir ziemlich unbedeutend, aber nicht
unedel, und durch die stille Schwermuth, die um seine lockichte Stirne hing,
sogar ansprechend. Er schien beim Eintritt in den Saal ber die Scene, die ihm
in einer knstlichen Beleuchtung entgegen schimmerte, mehr erstaunt als
erschrocken zu seyn. Euphorion, in einem prchtigen Anzug, einen funkelnden
Grtel um den Busen, eine kleine Strahlenkrone auf dem Haupte, und von
reichgeschmckten Nymphen umringt, auf einem erhhten Thron sitzend, war das
erste was ihm in die Augen fiel. Er blieb pltzlich stehen, schaute bald mit
fragenden Blicken auf die schne Zaubrerin, bald mit suchenden im Saal herum,
wie im Zweifel ob er seinen Augen glauben drfe, und als ob er sich nach etwas
umsehe, das hier vorhanden seyn msse. Tritt nher, Chariton, und sey ohne
Furcht, sprach sie: ich habe dich in meinen Schutz genommen; der Ruber deiner
Geliebten ist entwaffnet, ich gebe sie dir wieder. Siehe! - Mit diesem Worte
that sich ein Vorhang auf, der die Bildsule bisher verdeckt hatte, und
vermittelst eines andern, der pltzlich und ohne Gerusch herabfiel, schwand die
Zaubrerin mit ihren Nymphen aus seinen Augen. Soll ich dir gestehen, Aristipp,
da die Bewegungen, wodurch sich die Gefhle des bestrzten Jnglings bei
Erblickung dieses Bildes ausdrckten, meiner Eitelkeit wirklich ein
schmeichelhaftes Schauspiel gaben? Er blieb eine Weile wie in den Boden
gewurzelt stehen, sah sich schchtern und lauschend um, als ob er beobachtet zu
werden frchte, trat dann nher hinzu, und stutzte wieder zurck. Ein langer
tiefer Seufzer schien ihm endlich Luft zu machen; zweifelhaft und nachsinnend
betrachtete er das geliebte Bild, schien es auf einmal zu erkennen, und strzte
freudetrunken mit ausgebreiteten Armen auf dasselbe hin. Bist du es wirklich?
hab' ich dich endlich wieder? rief er aus, und umklammerte die frostige
Geliebte, als ob er mit ihr zusammenwachsen wollte. - Aber warum bist du so
stumm? so kalt? so unempfindlich? - Fhlst du denn meine glhenden Ksse nicht?
- Ach! sie haben mich betrogen! Du bist noch Marmor! Deine schnen Augen sind
ohne Licht, kein Herz schlgt in diesem lieblichen Busen! Sie haben mich
betrogen die Grausamen - aber es wird ihnen nichts helfen! Ich fhl' es, auch im
Marmor liebst du mich - diese todte Hand hat mich berhrt - dein Arm windet sich
eiskalt um meine erstarrende Hfte - o Dank, ihr Gtter! ich werde zu Marmor mit
ihr!
    Es war hohe Zeit da Praxagoras sichtbar ward, um einem Rckfall in seine
vorige Tollheit noch zuvorzukommen. Wir haben dich nicht betrogen, lieber
Chariton, rief er ihm zu: noch eine kleine Geduld und du wirst glcklich seyn! -
Der Jngling stutzte, da er den Arzt, den er schon lange als seinen einzigen
Freund anzusehen gewohnt war, mit offnen Armen auf ihn zueilen sah, und schien
in einigen Augenblicken wieder zu sich selbst zu kommen. Sey gutes Muths, fuhr
Praxagoras fort, indem er einen Arm um ihn schlang, und ihn unvermerkt von der
Bildsule entfernte; ein so schweres Werk, wie die Entzauberung deiner Geliebten
ist, kann nicht in einem Augenblick zu Stande kommen; genug da die mchtige
Alphesiba, deine Beschtzerin, mit Eifer daran arbeitet, und zur einzigen
Bedingung des glcklichen Erfolges macht, da du dich noch eine kurze Zeit
geduldest. - Durch diese und dergleichen Zureden lie sich der junge Mensch nach
und nach besnftigen; und so brachte ihn der Arzt mit guter Art wieder auf sein
eigenes Zimmer, wo die Nacht zwar ohne Schlaf, aber doch unter ziemlich ruhigem
Phantasiren vorberging.
    Die Frage war nun, in einer abermaligen Rcksprache zwischen dem Arzt und
der weisen Lais, wie die mchtige Zaubrerin Alphesiba in den Stand gesetzt
werden knne, Wort zu halten. Da die Bildsule belebt werden msse, wenn
Chariton von seinem Wahnsinn grndlich geheilt werden sollte, schien beiden
etwas Ausgemachtes. Der Arzt gestand, da anfangs groe Fehler in der Behandlung
des Kranken begangen worden. Damals, meinte er, wre durch ein paar geschickte
Kunstgriffe leicht zu helfen gewesen. Aber nun, da es einmal so weit mit ihm
gekommen - Was nun zu thun? - Ein dritter htte eben dieselbe Antwort auf diese
Frage in beiden Gesichtern lesen knnen. Es gab jetzt nur Einen Weg die Statue
zu beleben, nur Eine Person die das Wunder verrichten konnte; ihr Name lag
beiden auf der Zunge; aber er gehrte unter die unaussprechlichen Worte. Wer
durfte der weisen Lais ansinnen, sich selbst zum Opfer der albernsten aller
albernen Grillen des unartigen Bastards des Porus und der Penia114 darzustellen?
Und wie war zu hoffen, da sie sich aus bloer Menschlichkeit von freien Stcken
zu einer so zweideutigen Heldenthat entschlieen wrde? Beide sahen einander mit
einverstandenen Blicken an und schwiegen. Endlich lsete deine schnellbesonnene
Freundin den Knoten mit einem raschen Hieb - und wer sonst htte es thun knnen,
wenn sie es nicht that? Auf irgend eine Art mu die Sache zu einem Ausgang
gebracht werden, sagte sie. Sey du ruhig, Praxagoras; bereite deinen Kranken mit
der guten Art, die dir eigen ist, zu einer glcklichen Begebenheit vor, und mich
la fr das Uebrige sorgen.
    Mein erster Gedanke, als der Arzt sich wegbegeben hatte, war - rathe, was?
mein scharfsinniger Herr! - Du wirst rathen: eine meiner Nymphen, etwa die
schne Zaubrerin selbst (die mir wirklich an Gre und Gestalt ziemlich hnlich
ist) in einem nur vom Monde schwach beleuchteten Zimmer unterzuschieben? - In
der That hast du meinen ersten Gedanken errathen; aber - deyterai prontides115 -
du weit ja? - Oder knntest du dir im Ernst einbilden, deine Freundin Lais,
bekanntermaen eine Art von Philosoph und von allem, was Vorurtheil und
Leidenschaft heit, freier als Sokrates und Plato selbst, sollte, wenn auch das
Wunderbare keinen Reiz fr sie htte, nicht wenigstens so viel Neugier haben,
dem Spiele der Natur bei einer so auerordentlichen und schwerlich jemals
wiederkommenden Gelegenheit in der Nhe zuzusehen? - Aber freilich! - Man mu
gestehen - du hast Recht, Aristipp! - Die schne Alphesiba wrde sich
vielleicht ohne groen Zwang gefallen lassen - Wir wollen sehen.

    Die Entzauberung ist glcklich zu Stande gekommen, mein Freund. Die
freundliche Gttin, die sich in alten Zeiten eines Cyprischen Bildners116 in
einem hnlichen Fall erbarmte, war so gefllig das Wunder zum zweitenmale zu
verrichten. Erwarte keinen umstndlichen Bericht. Genug, das Marmorbild
erwarmte, athmete, lebte auf, bekam eine Seele unter den Kssen des Glcklichen;
und die Besorgni, da er vor lauter Entzcken ber ihre wiedergekehrte Seele
die seinige in ihren Armen ausathmen mchte, war das Einzige, was der Gttin den
Trost, ein so seltsames Abenteuer zu einem frhlichen Ausgang gebracht zu haben,
beinahe verkmmert htte. Glcklicherweise fiel der neue Pygmalion bei Zeiten in
einen tiefen zehnstndigen Schlaf, und beim Erwachen fand ihn der Arzt (der
schon ein paar Stunden, vor seinem Bette sitzend, an der Lnge seines
Schlummers, der frischen Farbe seiner Wangen und dem weichen ruhigen Schlag
seines Pulses sich ergtzt hatte) wie in ein neues Leben geboren. Er schien
wieder in vollem Besitz seines Verstandes, so viel er dessen je gehabt haben
mochte, und erinnerte sich des Vergangenen nur berhaupt, wie eines schweren
Traumes, dessen Umstnde so bel zusammenhingen, da er Mhe hatte sich das
Ganze klar zu machen. Aber, sagte er, wenn auch das ein Traum war, was mir diese
Nacht begegnete, so wnschte ich mir wohl, ewig wie Endymion zu schlafen, um
ewig so zu trumen. - Zu grerer Sicherheit zapfte ihm Praxagoras noch etliche
Unzen Blut ab, mit dem Vorbehalt, ihn nach und nach durch gute Nahrung und edeln
Wein wieder so viel zu strken, als ihm dienlich seyn mchte. Nicht wenig trugen
vermuthlich zu Befestigung seiner Genesung auch die Grazien und Nymphen meines
Hauses bei, welche (wie du bezeugen kannst) durch Schnheit, Talente, geflliges
Wesen und ungezwungene Sittsamkeit so ausgezeichnet sind, da keine Gesellschaft
fr sie zu gut und die ihrige fr niemand zu schlecht ist. Der junge Aspendier
gefiel sich so wohl unter ihnen, da er unvermerkt selbst immer liebenswrdiger
ward.
    Zwey Tage nach seiner Wiederherstellung gab uns seine erste Zusammenkunft
mit mir ein Schauspiel, das eines Beobachters wie du werth gewesen wre. Ich
hatte mich, um mit der Bildsule des Skopas so wenig als mglich gemein zu
haben, uerst matronenmig angezogen; berdie schien ich merklich grer und
stmmiger und wenigstens zwanzig Jahre lter zu seyn, als das Ebenbild meines
sechzehnten Jahres. Dem ungeachtet stutzte Chariton bei meinem Anblick, und eine
mit Mhe zurckgehaltene Ausrufung blieb zwischen seinen Lippen stecken. Doch
schien er seinen Augen nicht zu trauen, und mit dem Gefhl zu kmpfen, welches
ihm sagte, da er mich anderswo gesehen habe. Es war nicht mehr als billig, da
ich ihm die Mhe, die Gefhl durch Reflexion zu bertuben, auf alle Weise
erleichterte, und den Zauber meiner weltberhmten Reize durch den Anstand und
Ernst einer Dame, welche schon neun Olympiaden berlebt hat, so viel nthig seyn
mchte, zu entkrften suchte. Die wirkte zusehends, und in kurzem sagte mir
seine ehrerbietige Zurckhaltung, da er die Ueberraschung des ersten Anblicks
blo einer zuflligen Aehnlichkeit beimesse. Die Richtigkeit dieser Vermuthung
und die Vollstndigkeit der Genesung des jungen Aspendiers besttigte sich,
sobald sich dieser mit seinem Vertrauten wieder allein befand. Kannst du dir
vorstellen, sagte er zum Arzt, da mir beim ersten Anblick der Frau dieses
Hauses beinahe etwas Albernes begegnet wre? - Ich bemerkte wohl, erwiederte
Praxagoras, da du von einem Augenblick zum andern die Farbe verndertest. -
Wirklich, fuhr jener fort, sieht sie in einer gewissen Entfernung der Bildsule
meines fatalen Traumes so hnlich, da ich beinahe die Besonnenheit darber
verloren htte. - Dergleichen Aehnlichkeiten kommen hufig vor, versetzte der
Arzt, und fallen immer zuerst in die Augen; aber bei genauerer Ansicht zeigt
sich gemeiniglich eine so groe Verschiedenheit, da man sich wundert, sie nicht
sogleich wahrgenommen zu haben. - So ging mir's auch, sagte Chariton; es dauerte
nicht lange, so kam ich mir selbst mit meiner Einbildung lcherlich vor;
hoffentlich hat die schne Lais nichts davon gemerkt. - Wenigstens ist zu
glauben, versetzte Praxagoras, da sie sich deine Verwirrung blo aus dem
Eindruck erklrt hat, den sie gewhnlich auf jeden, den sie zum erstenmal
anredet, zu machen pflegt. - In der That, sagte der Jngling, hab' ich nie so
viel Majestt mit so viel Anmuth gepaart gesehen. - Ich auch nicht, Chariton,
wiewohl meine Augen dreiig Jahre lter sind als die deinigen.
    Mit Einem Wort, Aristipp, die Cur ist glcklich vollendet; und da man nicht
wei, oder aus gebhrender Bescheidenheit nicht wissen will, welcher
Mittelsperson das Wunder zuzuschreiben ist, so tragen die Gtter (denen wir
Sterblichen so hufig durch Dank oder Undank gleich viel Unrecht thun)
unverdienter Weise den Dank allein davon.
    Meine Gste haben sich ohne Mhe bereden lassen, so viele Tage bei mir zu
verweilen, als Praxagoras zu Befestigung der Gesundheit seines Pfleglings fr
nthig hielt. Der Alte, der ein mchtiger Kunstliebhaber ist, brachte seine
meiste Zeit in der Werkstatt meines Freundes Euphranor zu, von dessen vielfachen
Talenten er ganz bezaubert ist. Noch mehr ist es der Sohn von den Talenten der
reizenden Euphorion, die sich ihm in kurzem so unentbehrlich zu machen gewut
hat, da sie ihn mit Bewilligung des Vaters nach Aspendus begleiten wird. Sie
ist zwar eine Waise und ohne Vermgen; aber sie stammt in gerader Linie von
einem Schwestersohn des Tyrannen Kypselus117 ab, und ich werde dafr sorgen, da
sie nicht mit leeren Hnden in das Haus des edeln Aspendiers einziehen soll.
    Sie sind nun wieder abgereist, und wenige Stunden, nachdem sie den Hafen von
Kenchre118 verlassen hatten, wurde mir im Namen des Alten zu seinem Andenken
eine schwere, zierlich gearbeitete goldne Schale, und, zum Austheilen unter
meine jungen Freundinnen, verschiedene Stcke der schnsten Persischen und
Phnicischen Zeuge zugestellt.
    Meine Abreise nach Aegina ist auf einen der letzten Tage des Elaphebolions
119 festgesetzt. Auer einem Theil meiner Hausgenossen werde ich niemand mit mir
nehmen als meinen Gnstling unter den hiesigen Knstlern, Euphranor, welchen ich
mit dir in Bekanntschaft zu bringen ungeduldig bin. Ich bin gewi du wirst ihn
lieb gewinnen, und den Vorzug billig finden, den ich ihm vor seinen Mitbrgern
gebe.
    Unter den Vergngungen, die ich in meiner kleinen Zauberinsel mit dir zu
theilen hoffe, ist keine der geringsten, da wir Platons Symposion zusammenlesen
werden. Ich gestehe, da die hohe Schnheit seines Geistes, und der Reichthum
von Erfindungskraft und Witz, den er in diesem Drama von einer ganz neuen Art,
mit der stolzen Freigebigkeit eines Krsus, der sich der Unerschpflichkeit
seiner Quellen bewut ist, so ppig verschwendet hat, mich beim ersten
Durchlesen dermaen hinri, da ich es mehr verschlungen als gelesen habe. Wenn
es ihm mit seiner Schwrmerei Ernst ist (woran ich fast zweifle), so ist er der
liebenswrdigste Schwrmer, den ich mir denken kann; und ich wrde hinzusetzen,
auch der gefhrlichste, fr mich wenigstens, wofern seine Physiognomie wirklich
so schn und geistvoll ist, als sein Neffe Speusippus sie mir angepriesen hat.

                                      31.



                               Aristipp an Lais.

Wenn ich dir etwas Schmeichelhaftes deines jungen Aspendiers wegen sagen sollte,
schne Laiska, so wrde mir die Krankheit, nicht die Cur, den Stoff dazu geben
mssen. Die letztere wre, aller Wahrscheinlichkeit nach, einer deiner Mgde
eben so gut gelungen als der Zaubrerin Euphorion, oder - die Grazien mgen mir
verzeihen da ich sage - der Gttin selbst. Jene hingegen knnte unter den
Wundern, die deine Schnheit bereits gethan hat, vielleicht das grte scheinen,
wenn es wirklich ein greres Wunder wre, da dein Bild einen jungen
Aspendischen Schwchling rasend machte, als da du selbst schon mehr als Einen
Kopf, mit dem es sonst ziemlich richtig stand, aus dem Gleichgewicht gerckt
hast. Der gute Chariton hatte, wie es scheint, von dieser Seite wenig zu
verlieren; und da ein im Grunde doch nur sehr gemeines Hausmittel gegen ein
schon ziemlich eingewurzeltes Uebel so gut und schnell bei ihm anschlug, so ist
nicht zu zweifeln, es wrde, wenn man gleich Anfangs darauf verfallen wre, dem
alten Aspendier und seiner Familie viel Kummer, Plackerei und Ausgaben, dem
jungen ein paar verlorne Jahre, und dir einen sehr entbehrlichen Zusatz zu
deiner Celebritt erspart haben. - Aber was rede ich Undankbarer gegen die
goldene Kette der menschlichen Thorheiten und Migriffe, an welcher doch zuletzt
alle unsere Schicksale, die glcklichen wie die unglcklichen, hangen? Htte
Tyche120 nicht in einer ihrer seltsamsten Launen die Kunstliebhaberei des alten
Charidemus, den Zufall der eine Kopey der Skopassischen Venus in seine Hnde
spielte, die krnkelnde Reizbarkeit seines verzrtelten schwachsinnigen Sohns,
die geringe Besonnenheit der ganzen Familie, den Unverstand der ersten Aerzte,
und die auf bloes Gerathewohl gewagte lange Reise von Aspendus nach Korinth,
htte, sage ich, die Gttin des Zufalls die alles nicht mit dem zarten
Billigkeitssinn und dem philosophischen Vorwitz der schnen Lais so fein
zusammengewebt, so wrde - wahrlich so wrde Aristipp das Vergngen nicht gehabt
haben, seine Freundin einen ganzen Monat frher zu sehen! - Aber womit hat denn
Aristipp verdient, auf so vieler wackerer Leute Unkosten ganz allein und
unentgeltlich die se Frucht ihrer Thorheiten einzuernten? - Antworte mir
jemand auf diese Frage etwas Besseres als: so ist nun einmal die Weise der
groen Weltregentin! Glck und Verdienst, Ausgabe und Gewinn, Genu und Arbeit,
scharf und gleich gegen einander abzuwgen, ist ihres Thuns nicht; und gegen
einen, der die Frchte seines mhsamen Fleies unverkmmert geniet, ernten
nenne wo sie nicht geset haben.
    Da ich einmal im Zug bin ber die Geschichte deiner Aspendier zu
moralisiren, so erlaube mir noch eine Bemerkung, die ich zwar schon hundertmal
bei andern Gelegenheiten gemacht habe, die aber hier nthig ist, um der
vorbelobten Gttin nicht mehr Ehre zu geben als ihr gebhrt. Es braucht
gewhnlich zu einer ungeheuern Masse von Narrheit und Albernheit nur ein
einziges Krnchen Menschenverstand, und etwa noch, wenn du willst, ein kleines
Trpfchen Gutherzigkeit, um, wenn alles zusammengegohren hat, am Ende ein
leidliches, ja wohl gar gutes Resultat herauszukriegen; dafr wrde aber auch
ohne diese wenigen Zuthaten ganz und gar nichts Taugliches herausgekommen seyn.
So ist z.B. an dieser ganzen Aspendischen Geschichte nichts Verstndiges als der
Einfall des Arztes Praxagoras, die Ursache des Wahnsinns des jungen Menschen zum
Mittel seiner Genesung zu machen. Ohne diesen gescheidten Einfall wrde
wahrscheinlich zuletzt die ganze wohlvornehme Sippschaft des ehrsamen Charidemus
um ihr bichen Verstand gekommen seyn. Aber gleichwohl, was htte der gute
Gedanke frommen knnen, wenn die schne Lais sich nicht in einem raschen Anfall
von Gutherzigkeit entschlossen htte, dem Uebel abzuhelfen, bevor sie noch das
Mittel dazu in Ueberlegung genommen hatte.
    Dem sey indessen wie ihm wolle, vergi mir ja nicht, liebe Laiska, die
prchtige Trinkschale des Aspendiers mit nach Aegina zu nehmen. Ich mu daraus
auf die Gesundheit aller gescheidten Leute trinken, die durch schne Weiber zu
Narren, und aller Narren die durch kluge Weiber gescheidt werden. Wie gro wohl
die Anzahl der letztern gegen die erstern seyn mag? - Das soll uns den Stoff zu
einem Tischgesprch geben, woraus sich zur Noth ein Gegenstck zu Platons
Symposion drechseln liee.
    Ernsthaft gesprochen, mu ich gestehen, da dieser neue Zwitter von
Philosophie und Poesie, von seiner glnzenden Seite betrachtet, die Lobsprche
verdient, die du ihm in der Entzckung des ersten Genusses ertheilt hast.
Neuheit der Erfindung, Reichthum des Stoffs, Schnheit der Form, angenehm
abwechselnde Mannichfaltigkeit der Unterhaltung, sinnreiche Allegorien, zum
Theil (wie die vom Ursprung des Eros aus der verstohlnen Umarmung des Porus und
der Penia) in Milesische Mhrchen121 eingekleidet, feiner Atticism des
scherzenden und edle Wrde des ernsten Tons; zu allem diesem (mit wenigen
Ausnahmen) eine groe Zierlichkeit der Sprache, und ein Rhythmus, den ich, in
allem was nicht gesungen werden soll, dem Metrischen in mancherlei Rcksicht
vorziehe, die alles ist bisher, wohl in keinem Werke dieser Art in einem so
hohen Grade vereinigt gesehen worden, und Protagoras, Gorgias, ja Prodikus
selbst, haben hier ihren Meister gefunden. Ob ich gleich nie glauben werde, da
Plato (wie er von einigen beschuldigt wird) des lcherlichen Uebermuths fhig
sey, durch seine Dialogen den alten Homer verdrngen zu wollen: so sehe ich
doch, da er, vom Geist einer edeln Ruhmbegier angeweht, der Welt in diesem
Symposion zeigen wollte, da er die Geheimnisse der Composition und Darstellung
nicht weniger in seiner Gewalt habe, als die Kunstgriffe der Rhetorik und
Dialektik; da seine Phantasie fruchtbar genug sey, ihn mit einer Menge neuer
Erfindungen, Bilder und Gedanken aller Art zu versehen; mit Einem Worte, da es
nur auf seinen Willen ankomme, ein eben so groer Redner und Dichter als
scharfsinniger Sophist und subtiler Begriffespalter zu seyn. Auch kann ich nicht
umhin, dich auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der in meinen Augen einer
der grten Vorzge dieses Dialogs ist, nmlich da Sokrates in keinem andern
sich selbst so hnlich sieht; wiewohl ich damit nicht gesagt haben will, da er
nicht noch immer zu viel platonisirt, um fr den chten unverflschten Sohn des
Sophroniskus, wie wir ihn beide gekannt haben, gelten zu knnen. Alles indessen,
was an diesem Werke zu loben ist, zusammengerechnet, hat unsre Literatur, meines
Bednkens, dadurch wieder einen groen Schritt vorwrts gemacht, und wenn sie so
fortfhre, wrde man dereinst auch von unsern prosaischen Schriftstellern, wie
von unsern Dichtern, Bildnern und Architekten, sagen knnen, da sie andern
Vlkern und knftigen Zeiten, wenigstens was die Form betrifft, nichts als das
Bestreben ihre Werke, als die hchsten Modelle des Schnen in der Kunst, zu
studiren und nachzuahmen brig gelassen htten. Ob aber auch die Philosophie,
insofern sie die Wissenschaft alles dessen ist, was der Mensch wissen soll und
wissen kann, so viel dadurch gewonnen habe als seine Verehrer behaupten, und
berhaupt wie das ganze Werk, wenn es Stck vor Stck einer strengen Prfung
unterworfen wrde, vor dem ernsten unbestechlichen Richtstuhl der Wahrheit und
Sittlichkeit bestehen wrde, die, liebe Laiska, ist eine andere Frage, deren
Errterung uns in eine so langweilige Analyse verwickeln wrde, da ich die
Entscheidung lieber bei einer zweiten ruhigern Lesung deinem eigenen Gefhl
berlasse. - Doch du willst ja, da wir das Symposion unter den Augen deiner
Grazien zu Aegina mit einander lesen? Auch das, meine Freundin! wenn uns diese
freundlichen Gttinnen ja so abhold seyn knnten, uns keine angenehmere
Beschftigung zu geben.
    Lege mir es brigens nicht zur Eifersucht aus, wenn ich dir sage, deine
Phantasie schwrme, flattre und kreise so viel um diesen Plato herum, da ich
nicht dafr gut stehen mchte, da er dir nicht, wie du jetzt scherzweise sagst,
zuletzt noch in ganzem Ernste gefhrlich werden knnte. Wirklich wei ich dir zu
Verhtung dieses Unglcks keinen bessern Rath, als wieder einmal nach Athen
herber zu kommen, und dich mit deinen eigenen Augen von der Schnheit seiner
Physiognomie und der Liebenswrdigkeit seiner Schwrmerei zu berzeugen. Ich
glaube selbst, wofern er sich's in den Kopf setzte, so artig und liebenswrdig
gegen dich zu seyn als er knnte, eine Frau wie du wrde an ihrer ganzen Strke
nicht zu viel haben, um sich seiner zu erwehren. Aber wenn die Gefahr aufs
hchste gestiegen wre, brauchtest du auch nichts weiter als eine seiner
Vorlesungen ber seinen Parmenides, Protagoras, oder Kratylus zu hren, um -
sogar den Cynischen Diogenes liebenswrdig zu finden, wiewohl seine Haare,
seitdem er sie mit seinen Fingern kmmt, nicht in der besten Ordnung sind.
    Der schne Kleophron empfiehlt sich deinem Andenken. Er hat sich seit
einiger Zeit so eifrig auf die Speusippische Philosophie gelegt, da in wenigen
Monaten eine kleine Luftvernderung in Aegina, wofern du die Gte httest, ihn
einzuladen, ihm ungemein zutrglich seyn drfte.

                                      32.



                             Aristipp an Kleonidas.

Es wre schwer, bester Kleonidas, dir zu beschreiben, wie mir zu Muthe ward, als
ich mich am dritten des letztverwichnen Munychions122 wieder in dem reizenden
Landsitz unsrer Freundin befand, den ich seit dem Anfang des zweiten Jahres der
fnfundneunzigsten Olympiade nicht wieder gesehen hatte. Die neun Jahre, um die
ich indessen lter geworden bin, haben ihm nicht nur allen Reiz der Neuheit
wieder gegeben, sondern die Wirkung seines eigenen Zaubers noch durch tausend
verwandte Erinnerungen verstrkt. Als ich an ihrer Hand zum erstenmal wieder in
den Garten trat, tauchten pltzlich die Bilder der schnsten Gegenden und
Lustrter, die ich binnen dieser Zeit gesehen hatte, in meinem Gedchtni auf,
und gewhrten mir, indem sie sich an die vor mir liegenden Scenen anschlossen,
einen unbeschreiblichen Augenblick. Aber fast eben so pltzlich wurden sie
wieder, wie morgenrthliche Duftgestalten von der aufgehenden Sonne, von dem
lebendigern Gefhl des Gegenwrtigen verschlungen. Weder Panionions liebliche
Gefilde, noch die zauberischen Hgel und Thler von Lesbos, noch das Elysische
Tempe hatte ich an ihrem Arm gesehen; in keinem von jenen zweimal die schnste
der Horen mit ihr gefeiert, in keinem den Bund ewiger Freundschaft am Altar der
Grazien mit ihr beschworen. Welchen magischen Glanz gossen alle auf Einmal
erwachenden Bilder der Vergangenheit ber alles aus was ich sah, ber jede
Stelle, die ich betrat! ber jede schattende Baumgruppe, unter welcher wir
saen, jede unter Blumengewinden hin schleichende Quelle, an deren Rande wir
lustwandelten, jede dunkle Myrtenlaube, jede stille Grotte, die unsre
glcklichsten Augenblicke unter den Zauberschleier des Geheimnisses bargen! -
Knntest du dich wundern, da die alles mein Gemth in eine Stimmung setzte,
die den Wunsch, mit welchem ich nach Aegina gekommen war, zu Hoffnung erhhte,
und, da Lais selbst durch eine gewisse, mir an ihr ungewohnte Innigkeit ihres
ganzen Betragens gegen mich, hnliche Gefhle zu verrathen schien, mich einige
Tage lang glauben lie, es knnte mir vielleicht gelingen, ihr meinen Plan fr
ihr knftiges Leben unvermerkt als ihr eigenes Werk in die Seele zu spielen? -
Aristipp kann also auch schwrmen, wirst du denken? - Ich gesteh' es, und lasse
mir's nicht leid seyn; im Gegentheil, da ich die Gabe habe, da eine getuschte
Hoffnung fr mich nichts weiter ist als das Erwachen aus einem schnen Traum, so
danke ich der Natur auch fr jeden Genu, den sie mir in Trumen schenkt. Aber
wozu hier diese voreiligen Betrachtungen, da alles noch so lchelnde
Anscheinungen hat?
    Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren, die seit unserer Zusammenkunft
zu Rhodus verflossen sind, so wenig verndert, da ihre Schnheit vielmehr noch
immer im Zunehmen zu seyn, und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend
nichts verloren zu haben scheint. Doch auch die ist vielleicht nur ein
tuschender Schlu von Gleichheit der Wirkung auf Gleichheit der Ursache; denn
es ist nicht unmglich, da die grere Sicherheit immer zu gefallen, und die
grere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen, das Wenige, was sie durch die
Zeit verloren haben knnte, doppelt und dreifach ersetzt. Dem sey wie ihm wolle,
gewi ist da ich sie noch nie so uerst liebenswrdig, nie in einer so
sanften, beinahe mcht' ich sagen zrtlichen Stimmung gesehen habe, als in den
ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung. Sie schien sich nur in dem einfachsten
lndlichsten Anzug zu gefallen. Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach, worein
ein schelmisch lchelnder Amor das Wasser aus seiner umgekehrten Fackel giet,
vertrat diese ganze Zeit ber die Dienste der krystallenen Npfchen und
Alabasterbchsen, womit ihr Putztisch beladen zu seyn pflegt. Ein leichtes
weies Gewand, eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken, ein
Veilchenstrau am Busen, waren ihr ganzer Putz. Kurz, sie spielte eine Art
Arkadischer Schferin aus der goldnen Zeit123, mit so viel Natur und Anmuth, als
ob sie nie etwas anders gewesen wre. Sie schien in diesen glcklichen Tagen
beinahe fr mich allein da zu seyn; und ich? - du kennst meine Weise - alles
Gute (und wahrlich auch das Angenehme ist gut) dankbar anzunehmen und zu
genieen, ohne zu fragen, oder mir Kummer darber zu machen, wie lang' es dauern
werde. Aber wenn ich sage, da in einer einzigen Dekade wie diese mehr
Lebensgenu ist, als in neunzig Jahren, wie man gewhnlich zu leben pflegt, so
glaube ich keinen bermigen Werth auf sie gelegt zu haben.
    Euphranor, der auf dem Fu einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht, und
dieses Vorzugs in mehr als Einer Rcksicht wrdig scheint, hat eine Arbeit
mitgebracht, womit er so eifrig beschftigt ist, da man ihn, auer bei Tische,
nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann. Vielleicht ist die zwischen
Lais und ihm so verabredet worden: doch halte ich ihn fr edel und bescheiden
genug, aus eigner Bewegung die Rechte einer ltern Freundschaft ohne Schelsucht
anzuerkennen. Ueberdie scheint mir ein geheimes Verstndni zwischen ihm und
einer von den Zglingen unsrer Freundin vorzuwalten, wodurch ihm (wofern ich
recht beobachtet htte) die Tugend der Selbstberwindung freilich so sehr
erleichtert wrde, da sie beinahe aufhrte verdienstlich zu seyn.
    Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Knstler; Bildner und
Maler zugleich, beiden Knsten mit gleicher Liebe zugethan, und in beiden gleich
stark; was vielleicht Ursache seyn knnte, da er in keiner die hohe Stufe der
Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird, die ihm nicht fehlen knnte, wenn
er sich einer von beiden allein widmete. Sein Kunstsinn will sich aber um so
weniger auf ein einzelnes Fach einschrnken lassen, da es ihm in allen gelingt,
und die Abwechslung (wie es scheint) groen Reiz fr ihn hat. Was er dermalen
fr Lais arbeitet, ist ein goldner Becher, dessen Deckel, ein einziger
herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute, mit halb erhobenen Figuren von
groer Schnheit von ihm geziert wird. Seit kurzem hat er angefangen, sich
vorzglich mit der Wachsmalerei zu beschftigen, die er der lebhaftern Wirkung
und grern Dauerhaftigkeit wegen der gewhnlichen mit dem Pinsel vorzieht, und
zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft.
Man tadelt an seinen Werken124, da er die Kpfe, vornehmlich an seinen
heroischen Figuren, zu gro mache, worber man sich, wenn der Tadel gegrndet
wre, um so mehr verwundern mte, da er ein Buch ber die Symmetrie geschrieben
hat, und sich mit dem Flei, womit er diesen Theil der Kunst studirt habe, nicht
wenig wei. Da man, sagt er, meine Kpfe zu gro findet, hat eine sehr
natrliche Ursache: es kommt nicht daher, da meine Kpfe zu gro, sondern da
der andern ihre zu klein sind. Ueberma taugt in allen Dingen nichts: aber was
an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist, lt sich nicht durch eine einzige
allgemeine Formel bestimmen. Schwerlich wird man mir beweisen knnen, da ich in
der Proportion meiner Kpfe ber die schne Natur hinausgehe; von dem gemein
angenommenen Ma hingegen entferne ich mich geflissentlich, weil der Kopf
unstreitig derjenige Theil ist, worin der Geist und Charakter an Menschen und
Thieren sich am strksten und deutlichsten ausspricht; wiewohl ich nie vergesse,
da alle, auch die kleinsten Gliedmaen des menschlichen Krpers mehr oder
weniger charakteristisch sind. Nur dann, wenn die Kpfe meiner Heroen durch das
proportionelle grere Verhltni, das ich ihnen gebe, nicht auch an
Bedeutsamkeit und Energie gewinnen, verdiene ich Tadel, und die ist noch
auszumachen. Ob Euphranor Recht hat, berlasse ich deinem Urtheil. Mir sind die
Kpfe in den wenigen Werken, die ich von ihm gesehen habe, nicht grer
vorgekommen als sie seyn sollen. Aber das gebte und gelehrte Auge des Kenners
mit freilich schrfer, als der Blick eines bloen Liebhabers.

    Der junge Antipater, dem ich zur Belohnung seines Fleies und guten
Betragens das Glck ein paar Monate bei der schnsten Frau unsrer Zeit zu leben
nicht versagen wollte, hat bereits, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen, so
viele Eroberungen gemacht, als weibliche Wesen in diesem Hause sind. Lais selbst
begegnet ihm mit ausgezeichneter Achtung, und lt ihm seit einigen Tagen sogar
ziemlich deutlich merken, da ihr die Art des Eindrucks, den sie auf ihn mache,
nicht gleichgltig sey. Ich habe ihn auf nichts vorbereitet. Er soll alles mit
eigenen Augen sehen, und sich in allem nach seinem eigenen Gefhl und Urtheil
benehmen; und er sieht wirklich schrfer und betrgt sich mnnlicher, als man
von einem Jngling seines Alters erwarten sollte. Ich verberge ihm so viel
mglich, da ich ihn beobachte, und erforsche nichts von ihm was er mir nicht
von freien Stcken sagt. Bis jetzt habe ich noch keine merkliche Vernderung an
ihm wahrnehmen knnen. Er spricht von dieser Frau, die noch alles, was in ihren
Gesichtskreis gerieth, bezaubert hat, mit der ruhigen Bewunderung, womit er von
einer schnen Bildsule reden knnte, und scheint auch nicht mehr als fr eine
Bildsule fr sie zu fhlen. Er begegnet ihr mit einer Ehrerbietung, womit eine
Gttin zufrieden seyn knnte; lt sich aber dadurch nicht abhalten, bei allen
Gelegenheiten herzhaft andrer Meinung zu seyn als sie, und scheint weder die
mindeste Ahnung zu haben, da er ihr durch seine kaltbltige Unbefangenheit
mifallen knnte, noch sich Kummer darber zu machen, wofern die wirklich der
Fall wre.
    Die Gewalt, welche die strkste ihrer Leidenschaften, der Stolz, ihr ber
alle brigen gibt, macht es schwer zu sagen, was sie bei einem ihr so ganz neuen
Betragen wirklich fhlt; gewi ist, da man an dem ihrigen gegen ihn nicht das
geringste Zeichen, da sie sich dadurch beleidigt finde, bemerken kann. Je mehr
sie sich ihm nhert, je vorsichtiger zieht er sich zurck, und je mehr er sich
zurckzieht, desto eifriger verdoppelt sie ihre Bemhungen ihn anzuziehen.
Keines von beiden scheint auf das Spiel des andern Acht zu geben, sondern blo
das seinige zu spielen, und es wre seltsam genug, wenn eine so gebte
Meisterin, mit so groen Vortheilen in der Hand, zuletzt doch das Spiel an einen
so unerfahrnen Gegner verlieren sollte. Dein junger Landsmann, sagte sie
einsmals zu mir, ist in der That was du mich erwarten lieest; ich habe noch
keinen Jngling von zwanzig Jahren, mit einem Apollonskopf auf Schultern eines
Meleagers125, zugleich so trotzig und so schchtern gesehen wie ihn. Er ist eine
wahre Seltenheit. Nicht da er mir darum weniger gefiele, fuhr sie lchelnd
fort: aber meine nrrische Phantasie hatte sich voreiligerweise auf etwas ganz
anders eingerichtet - als ob alle jungen Cyrener so dreist und zuversichtlich
seyn mten, wie mein Freund Aristipp in diesem Alter war! - Du wirst ihn schon
ein wenig aufmuntern mssen, sagte ich. - Meinst du? Sey unbesorgt, Aristipp!
Es wird sich wohl geben. Ist doch Omphale mit dem Lwen-und Drachenbezwinger
Hercules fertig geworden. - Aber diemal hatte sie sich in ihrer Rechnung
geirrt; es gab sich nicht. Antipater blieb kalt und zurckhaltend, und schien
es, zu meiner Verwunderung, immer mehr zu werden. Die arme Lais, der doch
wahrlich nicht zuzumuthen war, sich so leicht berwunden zu geben, sah sich, da
es ihr weder im Costume einer Arkadischen Hirtin noch in ihrem gewhnlichen
gelingen wollte, zuletzt genthigt, ihre reichsten Kleiderschrnke und
Juwelenkstchen aufzuschlieen, das ganze Belagerungszeug des Putztisches in
Bewegung zu setzen, und die schlauesten Dienste ihrer aufwartsamen Grazien zu
Verstrkung ihrer angebornen Reize zu Hlfe zu rufen. Sie erschien nun alle Tage
in einer neuen Gestalt, bald im Glanz einer morgenlndischen Frstin, bald in
der knstlich nachlssigen ppigen Zierlichkeit einer geflligen Milesierin; sie
dramatisirte sich selbst in alle mgliche mythische Personen, und entwickelte in
prchtigen Tanzspielen ihre feinsten Verfhrungsknste als Selene und Aurora,
Galatea und Ariadne, Leda und Io, kurz, zeigte sich unter allen Formen in allen
Farben, in allen Arten von Licht und Helldunkel. - Und wofr das alles? um den
gedemthigten Stolz ihrer sieggewohnten Schnheit an einem rohen jungen
Halbwilden zu rchen, der wofern er ihr, wie alle andern Sterblichen, gleich
beim ersten Anblick gebhrend gehuldiget, d.i. den Verstand ein wenig verloren
htte, ihre Aufmerksamkeit schwerlich drei Tage lang fest gehalten haben mchte.
Denn da ich glauben sollte, sie habe mit allen diesen Vorkehrungen etwas andres
beabsichtiget, als den Widerspnstigen erst zu berwltigen, und ihn dann, zur
Strafe da er ihr den Sieg so schwer gemacht, das ganze Gewicht ihrer
Gleichgltigkeit fhlen zu lassen, dazu kenne ich sie zu gut.
    Damit es aber nicht das Ansehen habe, als ob das alles einem so
unbedeutenden Menschen als Antipater, geschweige denn ihm allein gelte, hatte
sie mehrere Tage vorher zu Argos, Trzene, Korinth, Megara und Athen, unter der
Hand bekannt werden lassen, da es ihr angenehm seyn wrde, whrend ihres
Aufenthalts auf dem Lande so viele gute Gesellschaft zu sehen, als die Schnheit
der Jahreszeit und die Vergngungen, womit sie sich und ihre Freunde zu
unterhalten gedenke, nur immer nach Aegina zu locken vermchten. Du kannst dir
leicht einbilden, mit welchem Wetteifer eine solche Einladung angenommen wurde,
und welche Schwrme von migen Phaciern und Penelopensfreiern126, deren
Ansprche oder Wnsche sie aufzumuntern schien, herbeigeflogen kamen, in der
Hoffnung die gefllige Laune der bisher so stolzen Schnen vielleicht diemal zu
ihrem Vortheil benutzen zu knnen. Antipater indessen schien an allen den
Lustbarkeiten, die jetzt so rasch auf einander folgten, nur wenig Theil zu
nehmen, und anstatt in einem so lebhaft unterhaltenen Feuer endlich zu
schmelzen, vielmehr mit jedem Tage sprder und unempfindlicher zu werden. Ich
gestehe, da mir eine so hartnckige Klte oder Zurckhaltung an einem so
krftigen und ungeschwchten Jngling zu wenig natrlich schien, um nicht
verdchtig zu seyn. Aber wohin ich auch meine Vermuthungen richtete, nirgends
zeigte sich eine Spur, die mich auf den Grund seines unerklrbaren Benehmens
htte leiten knnen. Er selbst zeigte sich bei allem was vorging so ruhig, und
schien eine ihm so natrliche Rolle zu spielen, da ich mich endlich gezwungen
sah, entweder das seltsame Problem unaufgelst zu lassen, oder anzunehmen, der
junge Mensch besitze bereits so viel Strke des Charakters, da er sein
Verhalten gegen Lais blo nach reinsittlichen Grundstzen bestimme, und die
Wrde unsers Geschlechts gegen die bermthigen Anmaungen einer von der Natur
und dem Glcke allzu sehr verzrtelten Hetre behaupten wolle, die ihr hchstes
Vergngen daran findet, so viel Sklaven als nur immer mglich vor ihren
Triumphswagen zu spannen, und Begierden und Leidenschaften zu erregen, welche
sie weder zu befriedigen gesonnen noch zu erwiedern fhig ist. Wahrscheinlich
war eine solche Voraussetzung nicht; aber wenn ich irgend einem jungen Manne
Stolz und Kaltbltigkeit genug, um so zu denken, und Strke genug, um ein dieser
Denkart angemessenes Betragen sogar gegen eine Lais auszuhalten, zutrauen
durfte, so war es Antipater.
    Indessen hat sich's am Ende doch gezeigt, da man in dergleichen Fllen am
sichersten geht, wenn man zu ihrer Erklrung die natrlichste Ursache annimmt.
Antipater hatte sie mir bisher verschwiegen, aus unnthiger Furcht, die schne
Lais mchte Mittel finden mir sein Geheimni abzulocken. Da ich ihm aber vor
etlichen Tagen seines Heldenthums wegen eine kleine Lobrede hielt, konnte der
wackere Jngling den Gedanken nicht ertragen, mich durch sein Schweigen um eine
Achtung, die er nicht verdiene, zu betrgen; und so that er mir ein Gestndni,
wodurch mir nun freilich alles sehr begreiflich ward, und wovon ich nichts
weiter sage, da er dir das Nhere selbst geschrieben zu haben versichert.
    Lais belustigt sich inzwischen damit, sich durch eine ziemlich kostbare
Selbsttuschung nach Sardes in die Zeiten ihrer hchsten Glorie zu versetzen.
Von drei oder vier Kreisen hoffender und betrogener Anbeter umgeben, lebt sie
wie eine unumschrnkt regierende Knigin unter ihren Hflingen, verschwendet das
Persische Gold wie eine chte Griechin, und findet sich reichlich entschdiget,
wenn sie sich in ihren Ruhestunden mit mir und Euphranor ber die Unterhaltung
lustig macht, die ihr so viele verzauberte Gecken, Thoren und Narren von allen
Altern, Stnden, Charaktern und Figuren auf ihre eigenen Kosten verschaffen;
whrend diese vielleicht ber die Thrin lachen, die das eitle undankbare
Vergngen, ihre Liebhaber mit weit offnen Schnbeln in die leere Luft schnappen
zu sehen, theurer erkauft, als eine andere an ihrer Stelle sich dafr bezahlen
lassen wrde jedermann zufrieden nach Hause zu schicken. Uebrigens mu ich ihr
nachrhmen, da sie in der Kunst kleine Gunsterweisungen zu vervielfltigen und
weit ber ihren wahren Werth auszubringen, eine unbertreffliche Meisterin ist.
Wre sie so gewinnschtig und raubgierig, als sie im Gegentheil freigebig und
verschwenderisch ist, wahrlich mit diesem einzigen Talente knnte sie die
reichste Person auf dem ganzen Erdboden seyn. Ueber den ungefgigen Antipater
hat sie endlich ihre Partie wie eine weise Frau genommen. Sie bemerkt jetzt sein
Daseyn nur selten; wenn es geschieht, betrgt sie sich eben so unbefangen und
verbindlich gegen ihn wie gegen jeden andern, scheint sich aber, so oft sie ihm
etwa ein paar Worte sagt, nicht zu erinnern, ihn jemals zuvor schon gekannt zu
haben.
    Nach allem, was du bisher gelesen hast, lieber Kleonidas, ist es wohl
berflssig, dir zu sagen was aus meinem Anschlag auf die schne Lais geworden
ist. Ich komme mir jetzt selbst mit meiner leichtglubigen Treuherzigkeit
gewaltig lcherlich vor, und gelobe der weitherrschenden Aphrodite Pandemos und
allen ihren Grazien, mich in meinem Leben nie wieder so schwer an ihnen zu
versndigen, um aus einer Lais, und wenn sie noch liebenswrdiger wre als
diese, eine - gute ehrliche Hausfrau machen zu wollen. Alles ist nun wieder
zwischen uns wie es seyn soll, und wie es auf ihrer Seite immer war. Aber,
wiewohl ich die Hoffnung, sie jemals nach meiner Idee glcklich zu sehen, auf
ewig aufgebe, so erneuere ich doch zugleich den Schwur, so lange ich athmen
werde ihr Freund zu bleiben. Da ihr mit dem Mehr, was ich fr sie zu thun fhig
gewesen wre, nicht gedient ist, so ist die das Wenigste was ich ihr schuldig
bin.
    Um dir eine Probe zu geben, wie wir uns in den zwei ersten Dekaden, so lange
unsre Gesellschaft noch klein und auserlesen war, zu unterhalten pflegten,
schicke ich dir die Abschrift eines groen Briefes an unsern Freund Eurybates,
der in diesem Jahr einer von den sechs Thesmotheten127 von Athen ist, und,
dieser Wrde wegen, des Vergngens den schnsten Theil des Jahres in Aegina
zuzubringen entbehren mute. Dieser lege ich noch die Abschrift einer groen
Epistel bei, die ich von Lais, kurz vor unsrer Zusammenkunft in Aegina, erhielt.
Sie enthlt die sonderbare Geschichte einer von ihr an einem jungen Aspendier
verrichteten Wundercur; eines von den Abenteuern, die nur ihr begegnen, und
woraus sich keine andere so wie sie zu ziehen wte.
    In drei Tagen kehre ich nach Athen zurck, mit einer Art von dunkelm
Vorgefhl, da ich - zum letztenmal in Aegina gewesen bin.

                                      33.



                             Aristipp an Eurybates.

Du verlangst, edler Eurybates, einen ausfhrlichen Bericht ber ein symposisches
Gesprch, welches vor einigen Tagen bei der schnen Lais vorfiel, und wovon dir,
wie du sagst, dein Verwandter Neokles, der dabei gegenwrtig war, gerade nur so
viel habe sagen knnen, da er dich nach einer vollstndigern Erzhlung lstern
gemacht. Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen wrest, wenn die Pflichten
der Wrde, die du in diesem Jahre bekleidest, dich nicht an Athen gefesselt
htten, so ist es nicht mehr als billig, deinen Wnschen entgegen zu kommen, und
ich freue mich, da mir mein Gedchtni treu genug ist, dir, was du ohne deine
Schuld versumtest, mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu knnen.
    Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons
berhmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige
fr ein Gegenstck zu diesem weitglnzenden Prachtwerke gelten knnte. Platons
Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin
der Verfasser die ganze Flle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen
Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amaltheens128
unerschpflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschttet; ein bei nchtlicher
Lampe mit grtem Flei ausgemeieltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er
uns zeigen wollte, da es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder
Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste seyn wolle. Was ich
hingegen dir mitzutheilen habe, ist ein zuflliges Tischgesprch unter einer
kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es blo um eine angenehme
Unterhaltung, und (was in Rcksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch
schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mhrchen, und
Offenbarungen aus der Geister-und Gtterwelt, sondern lediglich um schlichte
nackte Wahrheit zu thun war. Du siehst also leicht, wie unermelich weit ich
hinter dem begeisterten Dichter des Agathonischen Siegesmahls129 zurckbleiben
mte, wenn ich der verwegenen Anmaung fhig wre, mich mit ihm in einen
Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein bloer Erzhler
dessen seyn, was an der Tafel unsrer Freundin, whrend eines ziemlich frugalen
Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto fter geleerten Bechern,
gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze
dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die
schne Wirthin legst, das Einzige, was meiner Erzhlung fehlt, um sie so
anmuthig zu machen, als das Gesprch selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem
jungen Neokles vorkommen mute.
    Es traf sich damals eben glcklicherweise, da die Gesellschaft viel kleiner
war, als sie gewhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu seyn pflegt. Auer ihr
selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles,
mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Rckreise von
Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schnen
Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berhmten
Wundercur Nachricht zu ertheilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen
Tischgesprch zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten
130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie htte bei keiner andern
Leserei ihre Absicht weniger verfehlen knnen. Neokles und Euphranor eiferten
ordentlich in die Wette mit ihr, wer es dem andern in Lobpreisung der
Schnheiten dieses Meisterstcks zuvorthun knnte; und es wurden eine Menge
feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorenthalten wrde, wenn sie nicht,
durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie,
und mit dieser ihren grten Werth verlieren wrden. Unter andern wollte Lais,
da jedes von uns auf einem kleinen Tfelchen bemerken sollte, welches von den
Stcken, woraus das Ganze, gleich einer groen Tapezerei, zusammengesetzt ist,
ihm in Rcksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor
erklrte sich fr die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Zge, die den
eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen
Schalkheit einer allenthalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich
nachgeahmt zu finden glaubte, da Aristophanes selbst es schwerlich besser htte
machen knnen. Praxagoras stimmte fr die Rede des Agathon, als die urbanste und
launigste Verspottung der Manier des berhmten Rhetors Gorgias, welchen Agathon
zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war fr den Pausanias, Lais fr die
Hierophantin Diotima, Antipater fr den Alcibiades. Ich, um sicher zu seyn, da
ich mit keinem andern zusammentrfe, gab meine Stimme dem Eryximachus; mit der
Einschrnkung, da ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern
Stoffes allen brigen vorziehe, wiewohl ich gestehen mte, da sie der
gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste
von allen sey. Jedes von uns hatte die und das zu Behauptung seiner Meinung
vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten dem Antipater Recht zu geben,
und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem lrmenden Gefolge von
lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkrnzen und Bndern behangen in den
Saal hereingestrmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem fr das Beste
am ganzen Werke zu erklren.
    Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein
Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose Natur, Feuer,
Jugendkraft und ppige Lebensflle; auch halt' ich es fr unmglich, von diesem
auerordentlichen Jngling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von
ihm wissen) gewesen seyn mu, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit
und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefrbt, zrter
schattiert und leichter gehalten wre; wenn ich anders in Gegenwart eines
Knstlers mich so kunstmig ausdrcken darf.
    Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand
schttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene
der Kanon aller knftigen Dichter zu seyn, welche die Menschen, wie sie sind,
schildern, und doch dem Gesetz der Schnheit, das alle Knstler bindet, nichts
dabei vergeben wollen; so wrde ich ohne Bedenken behaupten, da du die Wahrheit
gesagt httest.
    Lais. Indessen ist nicht zu lugnen, da die Alcibiades und ihresgleichen
durch diese knstliche und aufs feinste in einander verflte Mischung der
auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja
sogar mit allem was das liebenswrdigste und schtzbarste am Menschen ist, und
durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Geflliges
und Liebreizendes gibt, zu den gefhrlichsten aller Menschen wrden. Wofern uns
also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schnheit
verpflichtet wren, die lasterhaften und hassenswrdigen Personen, die sie uns
darstellen, immer so zu schildern, da es uns unmglich wre, ihnen nicht, mehr
oder weniger, gut zu seyn - wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist
so wrden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wren, desto
verderblicher fr die Sitten, und also, in Rcksicht auf das allgemeine Beste,
desto verwerflicher werden; was knnten wir ihm antworten?
    Praxagoras. Ich sollte denken, es wre eben so mglich als der Humanitt
gem, das Laster, als das allein Hassenswrdige, von der Person, die als Mensch
immer liebenswrdig ist, so zu trennen, da die Liebe zur Tugend nichts dabei
verlre, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen
Alcibiades liebten.
    Aristipp. Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug seyn; aber ich
zweifle da im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt
machen werde, ihre Untugenden zu bersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr
werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren
guten Eigenschaften zu vermengen, oder fr bloe Schattirungen derselben
anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswrdig zu
finden. Wenn die wirklich der Fall wre, mchte es wohl kaum mglich seyn, da
unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht eben so allmhlich verminderte,
oder wenigstens da die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns
eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.
    Neokles. Die Liebe wre also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schnen,
wofern es mglich wre, auch das Hliche an der geliebten Person zu lieben?
    Aristipp. So scheint es, und ich denke nicht da Platons Ansehen hier in
Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so
auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Wrter Liebe und lieben
gebraucht, da es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewi zu machen.
    Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns
unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen
Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Theilen
zusammengesetzten Werke gewesen seyn knne?
    Der Versuch diese Frage zu beantworten, fhrte eine etwas genauere
Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige Gestndni
abdrang: da diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten
morgenrthlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebude hnlich
sey.
    Da wir das Symposion diesen Abend - (vermuthlich nicht zum erstenmale)
gehrt und also noch ganz frisch im Gedchtni haben, sagte Praxagoras, so lat
uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig
Wahres, eine schrfere Prfung Bestehendes und im Leben Brauchbares wir darin
gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypothesen und Allegorien auf und ber den
vorgeblichen Gott oder Dmon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so
mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden,
wirklich befriedigende Aufschlsse ber die Natur, die Eigenschaften und die
Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohlthtigsten und
verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob
sich berall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der
Zweck des Verfassers betrachtet werden knne, darin entdecken lasse? Lat mich
in dieser Rcksicht einen Versuch machen, ob ich diesen groen reich und
zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen knne, aus
welchem er sich, wo nicht auf Einen Blick bersehen, doch wenigstens in der
Vorstellung leichter zusammenfassen und beurtheilen lasse. - Alle nickten ihm
ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermaen:
    Eine bei dem Dichter Agathon versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates
(wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist
bereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlssigte Lcke
auszufllen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermgen eine Lobrede zu
halten.
    Die Rede des schnen Phdrus, der den Reihen anfhrt, ist beim Tageslichte
besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulbung, deren Tendenz noch
zum Ueberflu unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Pderastie
nur nicht gar zum hchsten Gute des Menschen, und die Willfhrigkeit des
Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Gtter selbst hchst
verdienstlichen Sache zu machen.
    Der auf Phdrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines
zwiefachen Amors etwas Vernnftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein
Vorgnger; aber seine Rede dreht sich grtentheils um schwankende Begriffe.
Auch ihm ist die Pderastie so sehr die einzig rechtmige Art von Liebe, da er
es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, da die
Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Mnner liebten; und wenn er gleich -
zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen,
welche bei den Athenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begnstigen, und der
Sitte, die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren - mit
gutem Fug behauptet, die Liebe sey an sich weder gut und ehrsam, noch bs' und
schndlich, sondern werde jenes blo durch eine edle, dieses durch eine
schndliche Art zu lieben: so verderbt er doch alles wieder, indem er will, da
die geliebten Jnglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen, aber
ihnen dafr dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht, und also
einen an sich selbst verwerflichen Mibrauch zu veredeln, und sogar zu einer
Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht.
    Die hierauf folgende Rede, worin der Arzt Eryximachus die Theorie des
Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt, und
berall, sowohl in der Natur als in den Knsten, sogar in der Arzneikunst, den
Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der Muse Urania ber den
gemeinen, oder die Liebe der Muse Polymnia, zur wirkenden Ursache alles Schnen
und Guten macht, diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes
Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern, wodurch nichts weder klar
gemacht noch bewiesen wird. Man sieht nicht, womit die arme Muse Polymnia (die
er eigenmchtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt) es verschuldet hat, da
er sie ich wei nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors
herabwrdigt; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob
und Ehren seines Uranischen Eros platzen lt, so trgt doch auch er kein
Bedenken, die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfhrigkeit des
Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen
Maxime zu erheben; ja die geliebten Jnglinge haben, seiner Meinung nach, ihrer
Pflicht schon genug gethan, wenn sie nur die Absicht hegen, die Liebhaber durch
ihre Geflligkeit tugendhafter zu machen.
    An dem possierlich lppischen und nicht sehr zchtigen Mhrchen von den
ursprnglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts, und ihrem
Uebermuth gegen die Gtter, und dem glcklichen Einfall Jupiters sie in der
Mitte von einander zu spalten, mit der Bedrohung, wenn sie noch nicht gut thun
wollten, sie noch einmal zu spalten, so da sie alle nur auf Einem Beine herum
hinken mten u.s.w., an dieser Posse, sage ich, ist schwerlich etwas anders zu
rhmen, als da sie (nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklrung der
verschiedenen Phnomene der Liebe, in der niedrigsten Bedeutung dieses Wortes)
mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird; wiewohl wir
nicht die mindeste Ursache haben, dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen.
Jedes ernsthafte Wort, das ich ber diesen symposischen Spa verlieren wollte,
wre zu viel; als Spa mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter
Mnnern von Athen, d.i. (nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos
133) unter lauter Euryprokten134, an seinen Ort gestellt bleiben.
    Bei dem prosaischen Lobgesang, welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agathon
nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt, kann Plato schwerlich eine andere
Absicht gehabt haben, als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur
(wiewohl von der feinern Art) getriebene Nachahmung seiner Manier lcherlich zu
machen; und da er diese Absicht wirklich hatte, lt das ironische Lob, welches
Sokrates der so zierlich gedrechselten und prchtig herausgeputzten Puppe
ertheilt, nicht bezweifeln.
    Dieser, nachdem er seine Bedingungen mit den brigen Symposiasten gemacht
hat, nimmt nun das Wort, und verwandelt den ganzen, mit so schwrmerischem
Beifall aufgenommenen Agathonischen Pan auf einmal in Rauch und Dampf, indem er
ihm beweist, da an allen den Tugenden, die er seinem Eros, als dem schnsten,
gerechtesten, tapfersten, weisesten und besten aller Gtter, nachgerhmt habe,
kein wahres Wort sey. Denn Eros sey weder schn, noch gut, noch tapfer, noch
weise, noch ein Gott, sondern ein bloer Dmon, den seine Mutter Penia (eine von
Plato erschaffene Gttin der Drftigkeit) im Drang des Bedrfnisses von dem
nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Gttergarten aufgelesen; der,
vermge dieser Abstammung, alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner
Erzeuger in sich vereinige, und an welchem noch das Beste sey, da er, von einem
unwiderstehlichen Trieb zum Schnen und Guten hingerissen, weder Rast noch Ruhe
habe, bis er sich mit demselben vereinige, und dadurch hinwieder der Erzeuger
von schnen und guten Kindern, nmlich edeln Gesinnungen, Thaten und
Bestrebungen, werde. Plato scheint sehr gut gefhlt zu haben, da es sich nicht
wohl geziemt htte, einen Mann wie Sokrates diese schnen Dinge, zu deren
Kenntni ein Sterblicher mit bloer Hlfe seiner fnf Sinne und seiner Vernunft
nicht gelangen kann, in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen. Er machte
also, mit eben dem feinen Sinn fr das Schickliche, womit er die komische
Hypothese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt, den Sokrates zum
bloen Erzhler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima
vorgefallener Gesprche ber die wahre Natur der Liebe, und die Art und Weise,
wie dieser Dmon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schnen zum
Wissenschaftlichen und Sittlichen, und von diesem zum blo Intelligibeln
emporfhre; denn das Meiste, was er diese Diotima (als seine vorgebliche
Lehrmeisterin in Erotischen Dingen) vorbringen lt, konnte mit
Wahrscheinlichkeit und Fglichkeit keiner andern Person als einer Enthusiastin,
die an bernatrliche Kenntnisse der gttlichen Dinge Anspruch machte, in den
Mund gelegt werden. Schade nur, da wir in dem Unterricht, den diese Mystagogin
135 ihrem gelehrigen Schler ertheilt, eben denselben Doppelsinn wieder finden,
worin (wie Aristipp bereits bemerkt hat) die Wrter Eros und ern in diesem
ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe
und des bloen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch
alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen
wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlpft. Das allerschlimmste
indessen ist, da nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen
kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen ber das selbststndige
Urschne berechtigt hat, - zu welchem wir von einer ganz neuen Art von
idealischer Pderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und
intellektuelle Welt emporsteigen sollen, - uns gleichwohl am Ende nichts
geoffenbaret wird, als da dieses Urschne (welches Diotima doch fr den
eigentlichen Gegenstand und das hchste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch
weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche,
der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt berall, und dessen Umkreis nirgends
ist, mit Einem Worte, das Unendliche sey; welches aber erstens, da es keine Form
hat, eben so wenig das Urschne als der Urcirkel oder das Urdreieck seyn kann;
und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen Gestndni nach) weder von den
Sinnen erfat, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande
begriffen werden kann, gnzlich auer unserm Gesichtskreise liegt, und also fr
uns eben so viel ist als ob es gar nicht wre.
    Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urtheil berlassen, setzte
Praxagoras hinzu, was fr einen Zweck der gttliche Plato mit diesem geistigen
Gastmahl beabsichtigt haben knne, und ob ihm groes Unrecht geschhe, wenn man
es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein
paar Stunden lang weidlich spielen lieen, und von einer Menge der kstlichsten
Schsseln gesttigt zu seyn glaubten, am Ende die Entdeckung machen, da sie
nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prchtigen Tafel
aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten.
    Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lchelnd, so
htte der Zauberer wohl verdient, da wir eine kleine Rache an ihm nhmen. Wie
wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstck des seinigen machten, und
anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe
nach alles Bse nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu thun,
von ihm sagen lt? Was meinst du, Euphranor?
    Euphranor. Es hiee, ducht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen
Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir,
schne Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern
verschuldet hat.
    Lais. Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir fr unsre Person uns nicht ber ihn
zu beklagen htten, sollen wir so selbstschtig seyn, ihm alles tragische Unheil
und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher,
da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und
Gewaltthtigkeiten der Gtter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden
angerichtet hat?
    Neokles. Dafr legen wir alles Gute, Schne, Angenehme, Frhliche, Komische
und Possierliche, wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war, in
die andere Wagschale, so wird sie, wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser
Seite seyn sollte, allem Unheil, das die schne Lais so sehr zu Herzen nimmt,
wenigstens das Gegengewicht halten. Und rechnest du die vielen herrlichen
Tragdien fr nichts, die wir noch nebenher damit gewonnen haben?
    Antipater. Auch ohne die ist ja schon Platons Pausanias allen fernern
Beschwerden und Wehklagen ber die Liebe durch die glckliche Entdeckung
zuvorgekommen, da es, so wie zweierlei Aphroditen, auch zweierlei Amorn gebe.
Alles Tragische und Komische, was der Liebe nachgesagt werden kann, kommt auf
Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia; beide hat uns
Plato selbst schon preisgegeben, und das Bse, was sich von ihnen sagen lt,
wrde weder neu noch angenehm zu hren, noch von irgend einem Nutzen seyn.
    Lais. Das kme auf eine Probe an, mein junger Freund. Von dir selbst mag was
du sagst immerhin gelten; denn in der That scheint dir weder der himmlische noch
der Allerwelts-Amor, noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt,
bisher weder eine Stunde von deinem Schlaf, noch eine Rose von deinen Wangen
gestohlen zu haben. - Antipater errthete, und schien ein wenig verlegen; ich
mute ihm also zu Hlfe kommen.
    Aristipp. Mich ducht, schne Lais, du hast ein Wort gesprochen, das uns
ber die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst auer aller Gefahr setzt,
fr undankbar gehalten zu werden, wenn du etwa Lust httest, eine Schmachrede
auf sie zu halten.
    Lais. Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben, Aristipp;
und ich bin ihm Dank dafr schuldig. Denn meine Schmachrede wrde am Ende doch
schwerlich viel anders ausgefallen seyn als Agathons Lobrede; und da httest du
mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen knnen, den er dem
Agathon macht; nmlich, da wir beide, nach Art der Sophisten und Rhetorn,
gelobt und gescholten htten, ohne uns zu bekmmern, wie viel oder wenig Wahres
an unsern Declamationen sey. - Aber, welches ist das glckliche Wort, das mir
unversehens entwischt ist, und, wie du sagst, so viel Licht ber den
vielgestaltigen Stoff unsers Gesprches verbreitet?
    Aristipp. Wenn es noch mehrere Amorn gibt, sagtest du, und konntest damit
nichts anders sagen wollen, als da es ihrer wirklich nicht nur viele, sondern
unzhlige gibt, fr welche man, wenn jemals die Erotik136 zu einer vollstndigen
Wissenschaft erwachsen sollte, eben so viele besondere Namen erfinden mte.
    Lais. Die gute Diotima kme also mit ihrem einzigen aus lauter
Widersprchen, Negationen und bloen Tendenzen zusammengesetzten Dmon-Amor bel
zu kurz, - und das ist mir, die Wahrheit zu sagen, leid. Denn ich kann mich
nicht erwehren, diesem Amor, der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase,
und so dnn wie eine verhungerte Cicade ist, wegen seiner allgemeinen Liebe zu
allem Schnen, seiner bestndigen Unbestndigkeit, und hauptschlich seines
unersttlichen Hungers wegen, gut zu seyn, den, nachdem er alles was auf und
zwischen und in und ber Erde und Himmel ist, verschlungen hat, nichts als das
Unendliche selbst ersttigen kann. Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser
Idee, da man, in eben dem Augenblick, da man laut ber sie auflachen mchte,
sich ich wei nicht wie zurckgehalten und gezwungen fhlt, Respect vor ihr zu
haben.
    Aristipp. Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt, schne Lais.
    Lais. Wundert dich das? Als ob es mir so selten begegnete, etwas zu sagen
das ich selbst nicht recht verstehe.
    Aristipp. Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu
glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn
durch die schmhliche Vermuthung, da er keinen festen Zweck bei dem
vollkommensten seiner Werke gehabt habe, groes Unrecht gethan. Alles in seinem
Symposion wre dann sehr verstndig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden
des Phdrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agathon htten dann, auer
den bereits berhrten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der
Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem
Lichte von verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die
gewhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklren; sie
selbst aber dienten dem Gesprch des Sokrates und der Diotima blo als
heraushebende Schattenmassen, und der groe Zweck des Symposions wre, uns mit
der Theorie einer von aller grbern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten
geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie blo das
vollkommenste Schne zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige,
unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbststndigschne befriedigt werden
kann.
    Lais. Weit du auch, da ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns
stnde, fr diese gromthige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers
kssen mchte? Denn ich gestehe, da ich es schmerzlich empfunden htte, wenn
der hliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wre.
    Aristipp. Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schne
Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn
wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Gnstling abzulehnen
suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, da mir das Mhrchen von Porus und
Penia, und der Dmon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter
einer Hecke des Gttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein
unersttlicher Heihunger nach einem gestaltlosen Urschnen, das allenthalben
und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles
vorbringt, um keinen Splitter eines Strohhalms ehrwrdiger ist, als die
Androgynen des muthwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die
zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dnkt, da der eine,
den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Pothos (der seine Natur viel
deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung
berflssig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Pothos
wrde ich darein setzen: da Pothos alles Schne blo des Genusses wegen
begehrt, oder noch eigentlicher, da die Schnheit einer Sache, von welcher er
sich einen den Sinnen schmeichelnden Genu verspricht, fr ihn nur ein strkerer
Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schne
oder Schngute (was im Grund einerlei ist) ohne einen Blick auf sich selbst,
blo weil es schn ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im
bloen Anschauen desselben, ja sogar in dem bloen Gedanken da es ist, schon
Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu knnen; so wie die Gtter ihre
Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedrfen. Was
uns Diotima von der Unersttlichkeit dieses Amors sagt, ist ein tuschendes
Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des
Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, da ein abgezogener Begriff,
als eine leere Hlse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schne, eben darum,
weil es nur durch eine bestimmte Form schn ist, nicht unendlich seyn kann.
Nicht wenig trgt auch zu dieser tuschenden Vorstellung bei, da man gewohnt
ist, die Unbestndigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe zu
setzen, da sie doch blo eine natrliche Folge theils der Unbestndigkeit der
Dinge selbst, theils der organischen Einrichtung unsers Krpers ist; denn es ist
so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genu des
Schnen befriedigt zu werden, da jeder einzelne schne Gegenstand, wofern er
immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genu desselben nicht von auen
her gestrt wrde, hinlnglich wre, sie ewig fest zu halten und vllig zu
befriedigen.
    Euphranor. Wenn ich als Knstler meine Meinung von der Sache sagen darf -
    Lais. Das war es eben, warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte.
    Euphranor. So sage ich, da ich keinen Begriff davon habe, wie ein Maler
oder Bildner es anfangen sollte, um den Platonischen Eros, den nichts als das
selbststndige Urschne befriedigen kann, symbolisch darzustellen: den
Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen, da er keinen Zettel
aus dem Munde nthig haben soll, um fr das, was er ist, erkannt zu werden. Ich
wrde ihn, frs erste, als einen schnen, ewig jugendlichen Genius schildern:
denn mit Platons Amor, der weder schn noch hlich ist, mag ich als Maler
nichts zu schaffen haben; hingegen finde ich sehr schicklich, da der Liebhaber
der Schnheit selbst schn sey. Nur wrde ich ihn so darzustellen suchen, da es
dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich wrde, er empfange seinen schnsten
Glanz von dem geliebten Gegenstand, und verschnere sich selbst im Anschauen
desselben. Um die, so weit die Schranken der Kunst es verstatten, bewirken zu
knnen, und zugleich anzudeuten, da dieser Amor gleichsam vom bloen Anschauen
des Schnen lebe, und ohne alle Begierde sich vllig daran ersttige und darin
ruhe, wrde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei
prchtigen und reizenden Gegenstnden ausgeschmckten Gegend weder des Olympus
noch der Erde, sondern in einem den ganzen Raum ausfllenden leeren und dunkeln
Gewlk erscheinen lassen; so da alles Licht allein von der Gttin ausginge, und
den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fhlenden Genius
dergestalt anstrahlte und verklrte, da seine Schnheit blo ein Widerschein
der ihrigen zu seyn schiene. Die ist alles (freilich wenig genug) was ich von
der Idee, die jetzt vor meiner Seele schwebt, anzudeuten vermgend bin;
ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden -
    Lais. Und du getrauest dich dessen, sagtest du? Ich werde dich beim Wort
nehmen, Euphranor!
    Euphranor. Und ich lasse mich dabei nehmen, wenn du mir dagegen dein Wort
gibst, da die schnste Sterbliche, die ich kenne, das Modell meiner Venus
Urania seyn soll.
    Lais. Alles was ich dir versprechen kann, ist, da die Schuld nicht an mir
liegen soll, wenn dein Bild nicht zu Stande kommt. - Und so htten wir denn
Hoffnung, durch die That bewiesen zu sehen, da die Kunst sich mit Aristipps
Amor besser behelfen knne als mit dem Platonischen. Aber was die Realitt
betrifft, mchten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben. Denn eine Liebe
ohne Begierde, eine Liebe die vom bloen Anschauen lebt, und der Gegenliebe rein
entbehren kann, mchte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein
Hirngespenst seyn, als die Liebe zu einem Urschnen, das weder in den Begriff
noch in die Sinne fllt.
    Praxagoras. Diesen Ausspruch, schne Lais, erwartete ich billig von einem so
hellen und richtigen Blick, wie der deinige, und unfehlbar hngt auch Aristipp
nicht so fest an seinem idealischen Amor, da er uns nicht ehrlich gestehen
sollte, da mit solchen, auf die Schneide einer mathematischen Linie getriebenen
Abstractionen weiter nichts gewonnen wird, als die Gewiheit, da es gar keine
Liebe unter dem Monde gebe.
    Aristipp. Der Vorwurf des Praxagoras wrde mich treffen, wofern ich sagte,
ich kenne einen Menschen, der ein schnes Weib, oder auch nur eine schne
Bildsule, einen schnen Wagen mit zwei milchweien Thracischen Pferden, oder
irgend ein schnes Ding in der Welt, sein Lebenlang vor sich sehen knnte, ohne
jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden. Gewi
gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen. Aber darauf wird bei
Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rcksicht genommen; denn da ist es
blo darum zu thun, jedem das Seinige zu geben, dem Eros was der Liebe, dem
Pothos was der Begierde zukommt. Da es etwas zwar nicht Unmgliches, aber gewi
sehr Seltenes unter den Sterblichen ist, jenen ohne diesen zu sehen, geb' ich
nicht nur zu, sondern find' es der Natur sehr gem. Indessen ist doch eben so
wenig zu lugnen, da es von jeher unter Blutsverwandten, unter Freunden, ja
sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts, an Beispielen reiner
uneigenntziger Liebe, selbst an solchen, wo der Freund dem Freunde, der
Liebende dem Geliebten die grten Opfer ohne alle Rcksicht auf eigenen
Vortheil oder Lohn zu bringen willig ist, nie gefehlt hat noch knftig fehlen
wird: und wer so weit gehen wollte, das innerliche Vergngen, das von
dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist, fr das geheime
eigenntzige Triebrad derselben zu erklren, da es ihm doch ewig unmglich wre,
sein Vorgeben nach der Schrfe zu beweisen, wrde mit ungleich besserm Fug zu
tadeln seyn, als Plato, wenn er die Begriffe des Schnen, Wahren, Rechten u.s.f.
durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum hchsten Grade der Feinheit zu
treiben sucht.
    Euphranor. Meine Kunstverwandten wuten bisher nur von Einem eigentlichen
groen Amor, der Cyprischen Gttin Sohn, den sie gewhnlich mit dem Bogen in der
Hand, und einem Kcher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rcken, bilden; aber
dafr stehen uns der kleinen Amorinen, seiner jngern Brder, so viele zu
Diensten als wir gelegentlich nthig haben. Sollte nicht, nach diesem Beispiel
und einem Wink, den uns Aristipp bereits gegeben, zufolge, zur Erklrung aller
der unzhligen Abartungen, Widersprche mit sich selbst, Verwandlungen,
Thorheiten und losen Streiche, die man dem armen Amor zur Last legt, das
Bequemste seyn, statt eines einzigen Eros Pandemos oder Pothos (der, um sich zu
gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen, ein
grerer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwrterinnen
seyn mte), so viele kleine Liebesgtter anzunehmen, als es verschiedene Arten
und Abarten der Liebe gibt, so da eigentlich jedermann seinen eigenen htte,
und keiner von ihnen fr die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern
verantwortlich gemacht werden drfte?
    Neokles. Der Einfall scheint mir glcklich; nur mchte ich ohne Magabe
vorschlagen, den Eros nie mit seinem Stiefbruder Pothos zu verwechseln, sondern
ihm (da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann) blo seinen
Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben; die ganze Brut der Amorinen aber
nicht fr Brder des Pothos, sondern fr seine Kinder zu erklren, die er mit
den Nymphen Aphrosyne137, Aselgeia und andern ihres gleichen, zum Theil auch mit
der Bettlerin Penia, welche von besonders fruchtbarer Natur seyn soll, in die
Welt gesetzt haben knnte.
    Praxagoras. Darf ich, ohne der Freiheit und Willkrlichkeit eines
symposischen Gesprchs zu nahe zu treten, meine Gedanken von dem unsrigen sagen;
so dnkt mich, Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und
Allegorisiren angesteckt, und so sey es auch uns ergangen wie ihm, da nmlich
aus allen den schnen Sachen, die diesen Abend ber die Liebe vorgebracht worden
sind, zuletzt doch kein Resultat erfolgt, und wir aus einander gehen werden,
ohne die wahre Auflsung des Problems gefunden zu haben. Wie, wenn mir erlaubt
wrde, die Sache bei einem andern Ende anzufassen, und - da wir doch alle
wissen, da die Liebe weder ein Gott noch ein Dmon, weder Uraniens, noch
Polymniens noch Peniens Sohn, sondern eine menschliche Leidenschaft und die
physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer aus Thier und Geist
sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist - zu sehen, was es aus diesem
Gesichtspunkt fr eine Bewandtni mit ihr habe? - Was von ihr auf Rechnung des
sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Hlften zu setzen, was
hingegen blo aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am
materiellen, geistigen und sittlichen Schnen zu erklren sey; und endlich,
welche von den Symptomen und Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, auf die
Verantwortung andrer selbstschtiger Leidenschaften kommen, die sich fters zu
ihr gesellen, und (wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht) nicht nur ihre
eigene Energie verstrken, sondern sogar ihre Natur dergestalt berwltigen, da
sie, aus der sanftesten, geschmeidigsten und humansten, die unbndigste und
grausamste aller Leidenschaften wird. Auf diesem Wege, ducht mich -
    Lais (ihm lchelnd ins Wort fallend). Wrdest du uns, lieber Praxagoras,
unfehlbar zu einer sehr grndlichen und vollstndigen Philosophie der Liebe
verhelfen; aber fr ein kleines anspruchloses Symposion, wie dieses, mchte, wie
du selbst siehest, eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch
scheinen, zumal da die Nacht schon weit vorgerckt ist. Gefllt es euch, so will
ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mhrchen schlieen,
welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst, nmlich aus dem Mund einer der
mhrenreichsten Ammen in Milet geschpft habe, und woran ihr wenigstens - die
Krze sehr preiswrdig finden werdet. Mich lie die Milesische Amme nicht so
leicht davon kommen.
    Es war einmal ein Knig und eine Knigin, ich wei nicht in welchem Lande,
weit von hier, die hatten eine Tochter, Psyche genannt, von so bermenschlicher
Schnheit, da Aphrodite selbst eiferschtig auf sie ward, und, um einer so
gefhrlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden, ihrem Sohn befahl, ihr mit
dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu
schieen, von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blagrnen Gespenst
abgezehrt wrde, da ihr die Eitelkeit, sich mit der Gttin der Schnheit
vergleichen zu lassen, wohl vergehen mte. Amor schickte sich an, seiner Mutter
Befehl zu vollziehen; aber kaum hatte er einen Blick auf die schne Psyche
geworfen, die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle
eingeschlummert fand, so verliebte er sich so heftig in sie, da er von Stund an
beschlo sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Weil er aber seine Leidenschaft vor
seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen mute, bewog er seinen Freund
und Spielgesellen, den Zephyr, durch vieles Bitten, sich seiner anzunehmen, und
(nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzufhren)
die schlafende Psyche sanft aufzuheben, und auf einem gewissen Berg in einer
menschenleeren Wildni am Ende der Welt, wo niemand sie suchen wrde, eben so
sanft wieder niederzulegen. Psyche, die, whrend die mit ihr vorging, immer
ruhig fortgeschlummert hatte, erwacht endlich und erstaunt nicht wenig, sich,
ohne zu wissen wie, an einem Ort zu finden, wo ihr alles was sie sieht, neu und
fremd ist. Mitten in einem unermelichen Lustgarten, der schon dem ersten
Anblick alle Schnheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt,
erblickt sie einen herrlichen Palast, dessen offne Pforten sie einladen,
hineinzugehen, wiewohl die tiefste Stille, die um und in demselben herrscht, sie
vermuthen lt, da er ohne Bewohner sey. Amor ist ein so groer Zauberer, da
es ihn nur einen Wink gekostet hatte, diesen Palast aufzufhren, und mit allem
nur Ersinnlichen zu versehen, was zur Einrichtung und Ausschmckung einer eben
so bequemen als prachtvollen Wohnung gehrt; und da er in eigner Person, wiewohl
unsichtbar, um seine junge Geliebte schwebte, verga er nicht, eine Art von
Zauber auf sie zu legen, der die Schchternheit vertrieb, von welcher sie
natrlicherweise befangen seyn mute. Um ihr noch mehr Muth zu machen, rief ihr
eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu: sey getrost, schne Psyche,
dieser Palast und alles was du siehest, ist dein; du bist hier unumschrnkte
Gebieterin; unsichtbare Hnde werden dich bedienen, deinen leisesten Wnschen
zuvorzukommen suchen, und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen. Durch
einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht, ging sie in den Palast hinein,
und gerieth ganz auer sich vor Erstaunen und Freude, indem sie in den
prchtigen Slen und Zimmern umher irrte, in welchen alles von Silber und Gold
und kostbaren Steinen dermaen glnzte und funkelte, da ihr die Augen davon
bergingen. Unvermerkt befand sie sich in einem runden, auf Sulen von Jaspis
ruhenden und mit groen Blumengewinden behangenen Saal, wo so eben in einer mit
Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad fr sie zubereitet worden war.
Sogleich wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Hnden ausgekleidet, ins Bad
gehoben, mit kstlichen Wassern begossen, mit Rosenl eingerieben, abgetrocknet,
wieder angekleidet und aufgeschmckt, alles mit einer Leichtigkeit und
Zierlichkeit, da sie von den Grazien selbst bedient zu seyn glaubte. Als sie
aus dem Bade hervor ging, ffnete sich ihr ein Speisezimmer, wo ein wahres
Gttermahl auf sie wartete. Sie setzte sich, und a von den kstlich
zubereiteten Speisen, die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen
wurden, whrend die lieblichste Musik, von gleich unsichtbaren Sngerinnen und
Saitenspielern aufgefhrt, ihr Gemth wechselsweise bald in eine frhliche bald
wollstig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte. Endlich
da die Nacht hereingebrochen war, und ihre Augenlieder zu sinken begannen, wurde
sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet, ausgekleidet und in das
weichste und prallste aller Betten gelegt, wozu jemals Schwanen ihren Flaum und
Kolchische Lmmer ihre Wolle hergegeben. Sie war eben im Begriff
einzuschlummern, als ein leises Getn die Furchtsame wieder aufschreckte; aber
in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe, die von der Decke herab einen
dmmernden Schein ber das Schlafzimmer verbreitet hatte, und bald darauf blieb
ihr keine Mglichkeit zu zweifeln, da ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag,
und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung, wiewohl
stillschweigend, zu entdecken, und um ihre Gegengunst zu bitten schien. Wir
wissen ungefhr alle, wie viel Bescheidenheit und Zurckhaltung sich unter
solchen Umstnden dem verwegensten aller Gtter zutrauen lt, und ob von der
zitternden, zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche
etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war.
    Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen
Trumen, die ihr Amor zur Gesellschaft zurckgelassen hatte, erwachte, fand sie
sich wieder allein, in einem Labyrinth von Gedanken und Erinnerungen verloren,
aus welchem sie sich nicht zu helfen wute. Endlich stand sie auf, die
Unsichtbaren stellten sich wieder ein, sie ins Bad zu fhren, und alles was die
sorgfltigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte, mit ihrer
gewhnlichen Zierlichkeit und Gewandtheit zu verrichten - kurz, der Tag ging
unter mancherlei abwechselnden Vergngungen unvermerkt vorber; die Nacht, die
ihm folgte, glich in allem der vorigen; und eben so war es mit einer Reihe
folgender Tage und Nchte. Die unsichtbaren Dienerinnen wuten den
Unterhaltungen, die sie ihr verschafften, immer den Reiz der Neuheit zu geben;
der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter, und Psyche gewhnte sich
unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut, da sie ihn mit keinem
andern in der Welt vertauscht htte. Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in
diesem glcklichen Zustande zugebracht, als sie zu fhlen begann, es fehle ihr
etwas, ohne welches sie nicht glcklich seyn knne. Mit jedem Tage, mit jeder
Stunde wurde die Gefhl schmerzlicher; es verbreitete Unruhe und
Unbehaglichkeit ber ihr ganzes Wesen; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr
recht machen; sie fand die artigsten kleinen Feste, die man ihr gab,
geschmacklos und langweilig, und es whrte nicht lange, so verriethen bel
verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst, sogar in den sesten Augenblicken der
Zrtlichkeit, da ihr etwas schwer auf dem Herzen liege. Er sah sich genthiget,
sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen, und, da er sie einsmals ungewhnlich
kalt und zurckhaltend fand, sagte er zu ihr: Liebste Psyche, du bist
mimthig, und fhlst dich unglcklich. Ich kenne die Ursache deiner
Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich
bin, plagt dich; aber wenn du wtest, in welche Verlegenheit du mich durch die
unglckliche Wibegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du
dir selbst dadurch bereitest, du wrdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus
deinem Gemthe verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfhrst wer
ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Glck ist dahin, und
Jammer und Leiden ohne Ma sind dein Loos, bis du dein unglckseliges Daseyn in
Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir
selbst; denn wenn du mein Geheimni entdeckt hast, so steht es nicht in meiner
Macht, wie gro sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, da ich
dich liebe; ich thue alles Mgliche dich glcklich zu machen; du wrdest es
seyn, wenn du dir gengen lieest, mich und alles was ich fr dich thue ruhig zu
genieen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir
noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten, wenn du die Probe,
worauf ich deine Migung zu setzen genthigt bin, weislich bestehest. Also
nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich
im Genu meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu
sehen, und dir nicht helfen zu knnen. So sprach Amor mit einem leisen
traurigen Vorgefhl, da sein Zureden fruchtlos seyn wrde. Die geschreckte
Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer
eingedenk zu seyn. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige
Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu
erkundigen, mit dreifacher Strke in ihren Busen zurck. Sie hatte sich ihn
bisher unter einer liebenswrdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine
eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet
hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmglich den Gedanken
los zu werden, da er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein hlicher Zauberer
oder sonst ein migeschaffner Unhold sey, der sie durch seine Unsichtbarkeit um
ihre Liebe betrge. Kurz, die Unglckliche fate den Entschlu, die Qualen
dieser Ungewiheit nicht lnger zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu
erfahren, wer der Unsichtbare sey, dem sie bisher die Vorrechte und die
Zuneigung, die einem Gemahl gebhren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt
sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiederte sie in der
nchsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte
sie, da er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich
mit bloen Fen in ein Vorzimmer, wo sie wute, da eine brennende Lampe stand,
kam mit der Lampe in der Hand zurck, nherte sich dem Bette, und erblickte -
den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schnheit. Mitten
in ihrer Entzckung bei diesem unverhofften Anblick berfllt sie die Angst da
er erwachen mchte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heies
Oel fllt auf Amors schne Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zrnenden
Blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein
Mhrchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was
weiter folgt, gehrt nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mhrchen
zu ziehen, berlasse ich einem jeden selbst.
    Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze
Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schnes ber ihr Milesisches Mhrchen,
und wnschte ihr gute Nacht.
    Als die brigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zurck,
um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.
    Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich
reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst
also im Ernst, da Liebe ohne Begierde mglich ist?
    Da ich sie sogleich errieth (was ich ohne Anspruch an eine groe
Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich
bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schner der
Gegenstand ist.
    Lais. Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?
    Ich. Auch dann.
    Lais. Auch wenn Zeit und Ort und alle brigen Umstnde sich vereinigen den
schlummernden Pothos zu wecken?
    Ich. Allerdings.
    Lais (schalkhaft lchelnd). Wir reden, denk' ich, im Ernst, Aristipp? Der
arme Pothos knnte freilich auch aus Erschpfung schlummern!
    Ich. Es versteht sich, da die nicht der Fall seyn darf.
    Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein Theil ihres in kleine Zpfe
geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um
ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein wre,
der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu
mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates htte die Probe unfehlbar
ausgehalten; meinst du nicht?
    O Lais, Lais, rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein
himmlischer Anblick wrde dieser Busen einem einzigen Auserkornen seyn, wenn er
die mtterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wre!
    Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die
Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! - und
mit diesem Wort entschlpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Thr sanft
hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, wei ich nicht; denn gleich
darauf hrte ich etliche von ihren Mdchen, die zu ihr hereinkamen, und begab
mich weg; unzufrieden mit mir selbst, da es mir gleichwohl einige Anstrengung
kostete, mich von dieser allzu liebenswrdigen Sirene zu entfernen.

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                            Antipater an Kleonidas.

Ich befinde mich seit Anfang des Munychions mit Aristipp und dem schnen
Kleophron, einem Schler Platons und Geliebten seines Neffen Speusippus, zu
Aegina: Kleophron auf einem Landgute des Eurybates von Athen, Aristipp und ich
bei der berhmten Lais, deren prchtiger Landsitz dir ohne Zweifel noch wohl
erinnerlich seyn wird. So klein diese Insel ist, so reich ist sie an
Merkwrdigkeiten. Unter andern habe ich bereits sieben, an den groen
Panegyrischen Spielen Griechenlands gekrnte Athleten gesehen, von welchen
einer, dessen Rcken neunundachtzig Jahre nicht zu krmmen vermochten, sich
rhmen kann, da sein Sieg noch von Pindar selbst besungen wurde. Das
Auerordentlichste indessen, was Aegina dermalen besitzt, ist unlugbar die
Gebieterin des Hauses, worin ich als dein und Aristipps Freund aufgenommen bin,
und mit ausgezeichnetem Wohlwollen behandelt werde. Ihre Schnheit ist so weit
ber alles, was man zu sehen gewohnt ist, erhoben, da mir eine geraume Zeit
lang bei ihrem Anblick nicht anders zu Muthe war, als mir (wie ich glaube) seyn
mte, wenn ich eine elfenbeinerne Liebesgttin von Phidias oder Alkamenes wie
lebendig vor meinen Augen herumwandeln she. Ich betrachtete sie mit immer neuer
Bewunderung, ich htte sie anbeten mgen; aber wie ein Mensch sich unterfangen
knne sie zu lieben, oder hoffen knne von ihr geliebt zu werden, war mir
unbegreiflich. Dieses seltsame Gefhl war vielleicht die Ursache, warum die
besondere Aufmerksamkeit und Herablassung, deren sie mich, nach den ersten acht
oder zehn Tagen zu wrdigen schien, eine wunderliche Art von Scheu, oder wie
soll ich es nennen? bei mir erregte, die mir das Ansehen eines kalten
gefhllosen Menschen geben mochte, und um so auffallender seyn mute, weil sie
in eben dem Verhltni zunahm, wie Lais ihre Bemhung, mir Muth und Zutrauen
einzuflen, verdoppelte. Da ich mir selbst lcherlich gewesen wre, wenn ich
mir auch nur im Traume mit der Liebe dieser Knigin der Weiber htte schmeicheln
wollen, so gebrdete ich mich nun desto seltsamer, je mehr ich zu fhlen anfing,
da ich von so verfhrerischen Anlockungen nur zu leicht getuscht und
unvermerkt in eine hoffnungslose Leidenschaft verstrickt werden knnte. Ich
unterlie nichts, was sie in der Meinung bestrken mute, da der junge
Antipater von Cyrene der einzige Sterbliche sey, an welchem ihre Reize die
gewohnte Macht verlren. Ich glaubte zu meiner eigenen Sicherheit um so mehr
dazu genthiget zu seyn, weil ich in ihrem immer geflligern und einnehmendern
Betragen gegen mich nicht die mindeste Spur von Mivergngen oder Unwillen
bemerken konnte: denn ich legte ihr die als einen planmigen Anschlag aus, der
mit dem Vorsatz verbunden sey, wenn sie ihre Absicht erreicht haben wrde, mich
desto empfindlicher fr meine Vermessenheit zu zchtigen.
    In dieser nicht sehr natrlichen, und, die Wahrheit zu sagen, peinvollen
Lage befand ich mich, als gegen Ende des Monats mein Freund Speusippus in einen
Sklaven verkleidet anlangte, um, seinem Vorgeben nach, den jungen Kleophron, den
Sohn seines Herrn, eilends nach Sicyon abzuholen. Aber der wahre Zweck seiner
Herberkunft war, nachdem die nthigen Vorkehrungen getroffen worden, da die
Sache allen andern, auer Lais, Aristipp, mir und den vertrautern Hausgenossen,
ein Geheimni bleiben mute, den schnen Kleophron spt in der Nacht nach einer
kleinen durch Gebsche und Bume verborgenen Wohnung abzufhren, die in einem
abgesonderten Theil des an die Grten der Lais stoenden Lustwaldes liegt, und
wozu sie allein den Schlssel hat. Hier ereignete sich ein paar Tage darauf ein
natrliches Wunder, wovon gleichwohl niemand von denen, die um die geheime
Entfhrung wuten, berrascht zu werden schien; der schne Kleophron beschenkte
nmlich seinen Platonischen Liebhaber mit - einem wunderschnen Knblein, dem zu
einem kleinen Amor nichts als die Flgel fehlten, und verwandelte sich selbst,
um die Rolle der Mutter mit desto besserm Anstand zu spielen, wieder in die
zrtliche Lasthenia, eine von Lais erzogene junge Person, welche, vor geraumer
Zeit, von einer gleich heftigen Leidenschaft fr Platons Philosophie und fr
seinen Neffen nach Athen gezogen worden war, in mnnlicher Verkleidung die
Akademie besucht hatte, und dort fr den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers
galt. Lais, die sich mir bei dieser Gelegenheit von einer sehr liebenswrdigen
Seite zeigte, bernahm die Vorsorge fr Mutter und Kind, und Speusipp kehrte,
eben so geheimnivoll als er gekommen war, nach Athen zurck, um von Zeit zu
Zeit, bald in dieser bald in jener Gestalt wieder zu kommen, und im Genu der
Vaterfreuden die Beschmung zu ersticken, der Lehre seines Oheims und Meisters
durch die Liebe zu - einem Mdchen ungetreu geworden zu seyn.
    Diese Begebenheit hatte Folgen fr mich, lieber Kleonidas, die ich dir nicht
verhehlen kann noch will. Die Schnheit des kleinen Speusippides, und die Scenen
des menschlichsten und sesten aller natrlichen Gefhle, wovon ich mehr als
einmal Zeuge war, weckten das Verlangen, auch Vater eines so holdseligen
Geschpfs zu werden, mit solcher Macht in mir auf, da ich mich nicht entbrechen
konnte, mein Anliegen einer jungen Dirne zu entdecken, die ich fters auf einem
an unsern Wald angelehnten Hgel, neben den Schafen die sie htete, in
mdchenhafter Trumerei den Gesang der Waldvgel belauschen sah. Sie gehrt dem
Eurybates, auf dessen Gute sie geboren ist, an, und schien mir von der Natur mit
besonderm Wohlgefallen zur Mutter eines kleines Hercules gebildet zu seyn. - Es
war wirklich hohe Zeit da ich sie fand: denn ich kann nicht sagen, wie lange
ich es noch gegen die Circe dieser Insel ausgehalten htte, welcher, wenn sie
ihre ganze Zaubermacht gebrauchen will, ohne eine solche Gegenanstalt, in die
Lnge schwerlich zu widerstehen ist. Ich vertraue dir hier etwas, das ich sogar
vor Aristipp verberge, wiewohl nur so lange als es vor Lais ein Geheimni
bleiben mu. Du begreifst nun, da ich unter diesen Umstnden keiner
auerordentlichen Weisheit noch Festigkeit des Willens nthig habe, um meine
Hippolytus-Rolle, whrend der kurzen Zeit, da wir noch zu Aegina verweilen
werden, glcklich fortzuspielen: aber ich will auch in Aristipps Augen, so wenig
als in den deinigen, kein grerer Held scheinen als ich wirklich bin. Der
Allherrscherin Lais kann diese kleine Demthigung nicht schaden. Sie ist von
einer so groen Menge von Sklaven und Anbetern aller Art umgeben, da es fr die
Ehre unsers Geschlechts allerdings nthig scheint, da wenigstens Einer sie
fhlen lasse, es sey nicht unmglich die Berhrung ihres Zauberstabs
unverwandelt auszuhalten.

    So eben ist Eurybates auf etliche wenige Tage herber gekommen. Da er mir
sehr gewogen ist, werde ich ihm mein kleines Abenteuer mit der lndlichen
Deianira vertrauen, und wegen der Folgen das Nthige mit ihm verabreden.
    Aristipp scheint an dem allzugroen und tglich zunehmenden Gedrnge von
Fremden, die unsre schne Wirthin nach Aegina lockt, so wenig Gefallen zu haben,
da er mit Eurybates nach Athen zurckzukehren entschlossen ist. Da ich ihn
begleiten werde, versteht sich von selbst; ich habe die Freuden der Natur, der
Jugend, und des geselligen Lebens diesen Frhling ber lange und rein genug
genossen, um mit freier Seele, und sogar mit einiger Ungeduld, zu meinen
gewohnten Beschftigungen zurckzukehren.

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                               Lais an Aristipp.

Vernderung ist die Seele des Lebens, lieber Aristipp. Ich habe mich
entschlossen, nach deinem Beispiel ein wenig in der Welt herumzuschwrmen, und
fr den Anfang unter dem Geleit und Schutz eines mchtigen Thessalischen
Zauberers eine Lustreise durch die nrdlichen Theile von Griechenland zu machen.
Mein Fhrer nennt sich Dioxippus, und knnte seiner Jugend und Schnheit wegen
vielleicht sogar einer trotzigern Tugend, als die meinige ist, gefhrlich
scheinen, wenn mich nicht der Umstand beruhigte, da er sein Geschlecht bis in
die Zeiten von Deukalion und Pyrrha zurckfhrt, und da er also ohne Zweifel
einen der menschgewordenen Steine, durch welche Thessalien nach der groen Fluth
wieder bevlkert wurde, zum Stammvater hat, wahrscheinlich noch genug von der
ursprnglichen Hrte und Unempfindlichkeit desselben geerbt haben wird, um mir
mit keiner bermigen Zrtlichkeit beschwerlich zu fallen. Uebrigens besitzt
er, wie man sagt, groe Gter in der Gegend von Larissa, und es wre nicht
unmglich, da es mir wohl genug dort gefiele, um mich zu einem lngern
Aufenthalt bei ihm zu entschlieen; wr' es auch nur, um zu sehen, was ich von
den berhmten Zauberknstlerinnen dieses Landes in ihrem Fache etwa noch lernen
knnte.
    Mein Hauswesen zu Korinth und Aegina ist bestellt. Eine von meinen
Korinthischen Pflegetchtern hat Euphranor von mir erschlichen; die stille
freundliche Chariklea schwatzte mir ein begterter Landmann von Epidaurus ab,
der schon lang' ein Aug' auf sie geworfen hatte; die rstige Melantho wird mein
Haus zu Korinth regieren, und die kleine Eudora, die sich erklrt hat, da nur
der Tod sie von mir trennen knne, begleitet mich nach Thessalien.
    Lebe indessen wohl, Aristipp, und sey versichert, wie unvernderlich auch
meine Liebe zur Vernderung seyn mag, da meine Freundschaft fr dich noch
unvernderlicher ist, und da Lais dich nicht eher vergessen wird, als bis sie
sich auf sich selbst nicht mehr besinnen kann.

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                       Learchus von Korinth an Aristipp.

Geschfte, welche meine eigene Gegenwart forderten, lieber Aristipp, haben mich
nach Aegina gefhrt, wo ich dich noch anzutreffen hoffte, aber erfahren mute,
da du schon seit einiger Zeit nach Athen zurckgekehrt seyest. Unsre Freundin
Lais, bei welcher ich so viele Abende zubrachte als ich in meiner Gewalt
behielt, eilt beinahe zu sehr, die Beute, die sie unsern Erbfeinden abgenommen
hat, unter die gesammten Griechen wieder zu vertheilen und in Umlauf zu setzen.
Man wird es gewohnt, sich unter ihren eigenen Bedingungen bei ihr wohl zu
befinden; aber man wird auch endlich ihrer Reizungen gewohnt, und da sie selbst
keinen Werth auf sie zu setzen scheint als insofern sie ihr zu Befriedigung
ihrer Eitelkeit dienlich sind, so luft sie Gefahr, endlich auch den zu
verlieren, welchen andere darauf zu setzen bereit waren. So sprechen wenigstens
diejenigen von ihren Liebhabern, die mit dem, was sie unentgeltlich gibt, nicht
zufrieden sind; und das mgen leicht so viel als alle seyn, die, seitdem sie zu
Aegina lebt, einen ziemlich glnzenden Hof um sie her gemacht haben. Ich meines
Orts bin ziemlich geneigt zu glauben, da sie, bei allem Anschein von
Sorglosigkeit, ihren Stolz sehr gut mit ihrem Vortheil, so wie ihr Vergngen mit
ihrem Stolz zu vereinigen, und die Augenblicke, wo das Glck ihr irgend einen
Fisch, der des Fangens werth ist, ins Garn treibt, mit aller mglichen
Gewandtheit zu benutzen wei. Wenigstens ist die dermalen der Fall mit einem
der reichsten Thessalier, der vor kurzem in Aegina erschien, und in wenig Tagen
schon Mittel fand, alle seine Mitwerber weit zurck zu drngen. Wirklich hat mir
dieser Dioxippus (wie er sich nennt) die Miene, im Nothfall alle seine Gter,
welche keinen unbetrchtlichen Theil der reichsten Gegenden Thessaliens
einnehmen, daran zu setzen, um die schnste und stolzeste Hetre, welche
Griechenland je gesehen hat, auf seine Bedingungen zu haben. Ich zweifle nicht,
da sie ihm den Sieg schwer genug machen wird; aber ich zweifle eben so wenig,
da sie schon entschlossen ist sich besiegen zu lassen. Beide scheinen einander
bereits auf den Wink zu verstehen. Dioxippus hat ihr den Einfall eine Reise nach
Delphi, Larissa, Tempe u.s.f. zu machen, so fein beizubringen gewut, da sie
sich mit guter Art gegen ihn stellen konnte, als ob es ihr eigener Gedanke wre.
Die Reise ist also beschlossen, und die Anstalten dazu werden mit der grten
Lebhaftigkeit betrieben. Dioxippus wird sie begleiten, und schmeichelt sich (wie
er sich sehr bescheiden ausdrckt) sie werde ihm vielleicht die Gnade erweisen,
eines seiner Gter in diesen Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglckseligen. Die
getuschten Raben sind indessen mit leeren Schnbeln wieder aus einander
geflogen, und in drei oder vier Tagen wird die Gttin, mit einem zahlreichen
Gefolge von Nymphen, und, sobald sie zu Megara angelangt seyn wird von einem
Schwarm Thessalischer Reiter umflogen, die Reise nach der heiligen Stadt Delphi
antreten.
    Ich will lieber gleich freiwillig gestehen, was ich dir doch nur halb
verbergen konnte - da ich etwas ungehalten auf unsre mnnerbeherrschende Schne
bin, wiewohl mein Aufenthalt zu Aegina diemal keine absichtliche Beziehung auf
sie hatte. Damit ich dir aber die Mhe erspare mich dewegen auszuschalten,
bekenne ich auch sogleich, da mein Mimuth ungerecht ist. Oder was fr ein
Recht knnten wir (ich meine mich und meinesgleichen) haben, Ansprche an sie zu
machen? Ist sie nicht Herr ber ihre eigene Person? Und wenn ihr auch alle die
herrlichen und seltnen Gaben, womit die Natur sie ausgestattet, blo zur
Mittheilung verliehen worden wren, wer ist berechtigt ihr vorzuschreiben, wen
und wann und in welchem Mae sie durch diese Mittheilung zu begnstigen schuldig
sey? Ist nicht das, was sie, durch Gestattung eines freien Zutritts zu ihr, fr
das gesellschaftliche Leben thut, schon allein unsers grten Dankes werth?
Macht sie nicht einen schnen, edeln und bis zum Ueberma freigebigen Gebrauch
von den Reichthmern, die ihr das Glck, das eben so verschwenderisch gegen sie
war als die Natur, zugeworfen hat? Welche Vortheile zieht nicht Korinth, das
durch sie gewissermaen zur Hauptstadt von Griechenland wird, blo davon, da
die schne Lais es zu ihrem gewhnlichsten Sitz erwhlt hat? Und wie viel hat
sie nur allein dadurch, da sie sich Malern und Bildnern mit so vieler
Geflligkeit als Modell darstellt, zu Vervollkommnung der Kunst und zur
Verschnerung unsrer Tempel und Galerien beigetragen? - Du siehst, Aristipp, da
meine selbstschtige ble Laune mich wenigstens nicht ungerecht und undankbar
gegen ihre mannichfaltigen Verdienste macht, und du wirst die Gromuth, womit
ich sie gegen mich selbst zu rechtfertigen suche, hoffentlich auch mir fr ein
kleines Verdienst gelten lassen.
    Meine Verrichtungen fhren mich von hier nach Salamin, von wo ich dir und
der Akademie einen fliegenden Besuch zu machen gedenke. Im Vorbergehen hoff'
ich auch den Sonderling Diogenes zu sehen, von welchem mir die hier anwesenden
Athener so viel Seltsames erzhlt haben, da ich groe Lust htte, ihn den
Korinthiern als ein neues Wunderthier aus Libyen zu zeigen, wenn ich ihn
berreden knnte mich zu begleiten. Lebe wohl!

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                             Kleonidas an Aristipp.

Ich danke dir fr die Mittheilung deines Antiplatonischen Symposions, worin du
ungefhr alles Gute und alles Bse, was sich von dem Meisterstck des Attischen
Philosophen sagen lt, mit nicht geringerer Beobachtung des Schicklichen als er
selbst in Vertheilung der Rollen bewiesen hat, der damaligen Tischgesellschaft
unserer Freundin in den Mund legst. Was du in deinem Brief an Eurybates
bescheidener Weise fr einen Nachtheil deines Gastmahls in Vergleichung mit dem
Platonischen ausgibst, da es nmlich durchaus das Ansehen eines freien,
unvorbereiteten, kunst- und anspruchlosen Tischgesprches hat, scheint mir eher
ein Vorzug zu seyn, auf welchen du, insofern die Kunst (wie ich nicht zweifle)
auch an dem deinigen Antheil hat, dir vielmehr etwas zu gute thun knntest.
Ausfhrliche methodische Behandlung und Erschpfung des Stoffes der Unterredung
schickt sich auf keine Weise fr ein Gesprch dieser Art; aber desto
lobenswrdiger ist es, wenn die redenden Personen, indem sie nur mit leichtem
Fu ber den Gegenstand hinzuglitschen scheinen, dennoch alles sagen, was den
Zuhrer auf den Grund der Sache blicken lt, und in den Stand setzt, sich jede
Frage, die noch zu thun seyn knnte, selbst zu beantworten.
    Das Mhrchen von Amor und Psyche, womit Lais die Unterredung so sinnig und
anmuthig schliet, ist eines von den wenigen, wo die dichterische Darstellung
mit der malerischen in Einem Punkte zusammentrifft, und beide Knste, so zu
sagen, herausgefordert werden, welche die andere zu Boden ringen knne. Ich habe
der Versuchung nicht widerstehen wollen, die zwei auf einander folgenden
Augenblicke, von welchen die vorzglich gilt, in den zwei Gemlden
darzustellen, die du zugleich mit diesem Brief erhalten wirst. Ich habe ihnen
noch zwei andere beigelegt, wovon die Scene in meinem eigenen Hause liegt, und
die, wie ich gewi bin, eben dadurch desto mehr Anmuthendes fr dich haben
werden. Jene kannst du, deines Gefallens, entweder fr deine kleine Galerie
behalten, oder an Learchen abgeben, der (wie ich hre) etwas von mir zu haben
wnschet.
    In dem kleinen Familienstck ist die Figur, die mich selbst vorstellt, von
der Hand meiner Schwester Kleone. Das Mdchen zeigte, nachdem sie einige Zeit in
meinem Hause gelebt hatte, so viele Lust und Anlage zu meiner Lieblingskunst,
da ich nicht umhin konnte ihr einige Anleitung zu geben. Sie hat bereits
ziemliche Fortschritte gemacht, und ist, wie du siehest, auf gutem Wege, ihrem
Lehrmeister gerade darin, worin er sich etwas geleistet zu haben schmeichelt,
den Rang abzugewinnen. Sie war eben in Musarions Kinderstube mit einer kleinen
Arbeit beschftigt, als mich der Zufall mit dem sen Anblick begnstigte, den
ich in diesem Gemlde, wenigstens so lange die Farben aushalten, zu verewigen
gesucht habe. Als ich mit der Mutter und den Kindern fertig war, fand die kleine
Hexe Gelegenheit sich in mein Arbeitszimmer zu schleichen, und, whrend ich auf
ein paar Tage abwesend war, mich selbst der holdseligen Gruppe als einen sehr
warmen Antheil nehmenden Zuschauer beizufgen. Aber der Kreter kam an einen
Aegineten139, wie das Sprchwort sagt. Ich berschlich sie dafr wieder, da sie
in einer Laube unsers Gartens, allein zu seyn meinend, ein Bild, woran sie eben
gearbeitet hatte, mit einem Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann, den ich
aber mit dem Pinsel zu erhaschen suchte, betrachtete. Sie wei nichts von dem
kleinen Streiche, den ich ihr gespielt habe. Ich gestehe dir meine Schwachheit,
Aristipp; ich liebe das Mdchen so sehr, da ich nicht ruhig bin, bis alle meine
Freunde wissen, wie liebenswrdig sie ist.

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                             Aristipp an Learchus.

Antipater kann dir's noch nicht vergessen, da du ihm seinen Freund Diogenes
entfhrt hast. Er besorgt, die Korinther mchten noch leichtfertiger seyn als
die Athener, und das Schtzbare dieses genialischen Sonderlings vor dem
Lcherlichen nicht gewahr werden. Ich htte sagen sollen er wnscht es heimlich,
weil er hofft, ihn desto eher nach Athen zurckkehren zu sehen. Ich glaube das
Gegentheil. Die Einwohner groer Handelspltze wie Korinth, sind so sehr
gewohnt, Menschen von allen mglichen Gesichtern, Gestalten und Farben,
Trachten, Sitten, Sprachen und Mundarten um sich zu sehen, da auch der
bertriebenste Sonderling ihnen weniger auffallen mu als den Athenern, die
alles, was nicht Attisch ist, schon aus diesem Grund allein lcherlich und
verchtlich finden.
    Du bezeugtest, als du vor einiger Zeit die Gemlde meiner kleinen Halle
besahst, groes Verlangen ein paar Stcke von meinem Freunde Kleonidas (dem
Maler des sterbenden Sokrates) um jeden Preis, den er darauf setzen wollte, zu
besitzen. Ich bersende dir hier zwei, die ich so eben von ihm erhalten habe,
und lege ihnen, zu besserm Verstndni ihres Sinnes, die Abschrift eines
Milesischen Mhrchens bei, welches die schne Lais verwichnen Frhling einer
kleinen bei ihr versammelten Gesellschaft, aus Gelegenheit eines Gesprchs ber
die Liebe, zu erzhlen die Geflligkeit hatte. Wenn du es gelesen hast, wirst
du, in dem einen dieser Bilder, die von der Furie des Vorwitzes von der Seite
ihres noch unbekannten Gemahls weggerissene Psyche - in dem Augenblick, da sie
ber ihn hergebckt den Gott der Liebe in ihm entdeckt, und vor Entzcken und
Schrecken zitternd einen Oeltropfen aus der Lampe in ihrer Hand auf seinen Busen
fallen lt - so wahr und schn dargestellt finden, da ihm nur das Seitenstck
dazu - wo Amor, einen zugleich mitleidigen und zrnenden Blick auf die bestrzte
und die Arme vergebens nach ihm ausstreckende Psyche werfend, davon fliegt - an
Schnheit und Strke der Wirkung zu vergleichen ist. Wenn diese Bilder dir nur
halb so wohl gefallen wie mir (sonst hat sie noch niemand hier gesehen), so sind
sie um jeden migen Preis, den du selbst bestimmen willst, dein. Uebrigens
gesteh' ich dir unverhohlen, da ich mich so leicht nicht von ihnen trennen
knnte, wenn ich nicht noch zwei andere Stcke erhalten htte, die als
Kunstwerke jenen nicht nachstehen, aber noch auerdem einen Werth fr mich
haben, den sie fr keinen andern haben knnen. Das eine stellt meinen Kleonidas
in einem schnen Augenblicke seines huslichen Glckes vor; das andere ist das
Bildni seiner Schwester, eines lieblichen talentvollen Mdchens von siebzehn
Jahren. Sie sitzt unter einer Rosenlaube, mit einer Tafel auf den Knieen, worauf
sie das Bild einer Person, an welcher sie warmen Antheil nimmt (vermuthlich
ihres Bruders) zu zeichnen begriffen ist; wiewohl es eben so wohl eine geliebte
Freundin seyn knnte; denn was es vorstellen soll, ist nur angedeutet als ob es
in einem Nebel zerfliee. Ich habe nie etwas so sanft Anziehendes gesehen als
dieses Mdchen; es ist eben so schwer die Augen wieder von ihr abzuwenden, als
nicht zu wnschen, da man derjenige seyn mchte, dessen Zge sie nach einem
ihrer Seele vorschwebenden Bilde mit Liebe zu copiren scheint.
    Wenn du Nachrichten von unsrer wandernden Freundin hast, so wirst du mich
durch ihre Mittheilung verbinden. Ich mte mich sehr irren, wenn sie es bei
ihrem Thessalischen Zauberer so lange ausdauerte, als bei dem frstlichen
Perser, der so groe Vorzge in sich vereinigte, und sie doch nicht lnger als
zwei Jahre fest halten konnte. Ihr andern edeln Shne von Korinth werdet ja auch
noch an den Reihen kommen; wenigstens hat sie euch lange genug umsonst dienen
lassen, oder doch nur mit Phasianischen Hhnern und Kopaischen Aalen140
abgespeist, woran ihr ohnehin keinen Mangel habt.

                                      39.



                             Learchus an Aristipp.

Die Gemlde sind glcklich angelangt, und bereits in meinem groen Sahl mitten
unter den Werken der berhmtesten Meister aufgestellt. Ich danke dir sehr,
lieber Aristipp, da du mir vor andern Liebhabern den Vorzug hast geben wollen;
und auch das ist mir lieb, da die Athener diese Juwelen der Kunst nur bei mir
zu sehen bekommen knnen. Ich bermache dir eine in Cyrene zahlbare Anweisung
auf dreitausend Drachmen; wr' ich ein Knig, so sollten's dreiigtausend seyn,
und ich wrde diese Bilder doch noch lange nicht nach ihrem wahren Werth bezahlt
zu haben glauben. Unsre reichsten Kunstsammler erkundigen sich, nicht ohne Neid,
nach dem Meister und dem Preise: ich sage ihnen, da der Meister nicht genannt
seyn wolle, und nicht auf den Kauf arbeite. Euphranor, der die Kunst zu sehr
liebt, um einer andern Eifersucht als der edeln, schon von dem alten Hesiodus
angerhmten141, fhig zu seyn, findet, da an beiden Stcken vieles hchlich zu
loben, und wenig oder nichts zu tadeln sey; denn ber das, was allenfalls
getadelt werden knnte, lasse sich, sagt' er, noch lange streiten. So tadelte
z.B. Jemand, da von dem Entzcken ber den unverhofften Anblick des
Liebesgottes und der Angst vor seinem Erwachen, wovon das Mhrchen spricht, nur
das erste in Psychens Gesicht ausgedrckt sey; aber Euphranor behauptet, es wre
unmglich gewesen beides in eben demselben Augenblick ohne Verzerrung
auszudrcken, und der Maler sey der Natur und dem Gesetz der Kunst gefolgt,
indem er jenen Ausdruck vorgezogen habe; zumal da das Zittern der Hand, wovon
der fallende Oeltropfen die Folge war, eben so gut von einer frohen
Ueberraschung als einer Anwandelung von Furcht habe bewirkt werden knnen. Mehr
zu verlangen, sagte er, wre eben so viel als wenn man fordern wollte, der Maler
htte ihre Hand zittern lassen sollen. Vorzglich bewundert Euphranor an dem
zweiten Stcke den Gedanken, das Ganze blo von dem Aufflackern der Lampe, die
der Psyche (indem sie die Arme nach dem fliehenden Amor ausstreckt) aus der Hand
fiel, und eben verlschen wird, von unten auf beleuchtet werden zu lassen,
welches eine eben so neue und auffallende Wirkung thut, als es schwer
auszufhren war. Er hat nicht von mir abgelassen, bis ich ihm erlaubt habe, von
beiden Gemlden eine Kopey in eingebrannten Wachsfarben zu machen; einer noch
nicht lang' erfundenen Kunst, worin er es bereits zu einer groen Nettigkeit der
Ausfhrung gebracht hat.
    Lais (die mir vor ihrer Abreise die Oberaufsicht ber ihre huslichen
Angelegenheiten auftrug) meldet mir von Larissa aus, wo sie den Winter sehr
angenehm zugebracht zu haben versichert, da sie im Begriff sey, nach Farsalia
abzugehen, und sich in diesem dichterischen Lande, der Scene so vieler alter
Wundersagen und heroischen Abenteuer, dem Lande wo Deukalion und Pyrrha das
Menschengeschlecht wieder herstellten, und Apollo die Herden des Admet htete,
so wohl gefalle, da sie noch nicht ans Wiederkehren denken knne. Sie scheint
sehr wohl mit den edeln Thessaliern, aber desto schlechter mit dem weiblichen
Theile der Nation zufrieden zu seyn; sie findet die Weiber dieses Landes weder
schn noch geistreich und gebildet genug, um ihre ausschlielichen Ansprche an
die Zauberkunst der Liebe behaupten zu knnen. Das Wahre ist, da eine so
gefhrliche Fremde wie Lais, die in keiner andern Absicht gekommen scheint, als
ihnen die reichsten und freigebigsten Mnner des Landes vor ihren Augen
wegzuangeln, eine allgemeine Emprung der Weiber gegen sich erregt, deren Folgen
zu entgehen sie diesen Sommer unter dem Schutze des mchtigen Dioxippus auf
einem seiner Gter in der Gegend von Pharsalia zuzubringen gedenkt. Ich zweifle
nicht da die das rechte Mittel ist, sie vor Anfang des Winters wieder in
Korinth zu haben. Ich wnsch' es, blo weil ich sehen mchte was sie mit meinem
verrckten Sokrates anfangen wird, und ob sie sich des Versuchs wird enthalten
knnen, auch ihn vor oder hinter ihren Siegeswagen spannen zu wollen. Dein
Antipater wird sich in seiner Meinung von den Korinthern betrogen finden.
Diogenes lebt hier noch freier und ungeneckter als zu Athen, und es gefllt ihm
so wohl bei uns, da er von der allgemeinen Einladung, die er von einigen unsrer
besten Huser erhalten hat, schon zwei oder dreimal Gebrauch gemacht, und wenn
ihm die Laune dazu ankam, von freien Stcken bei groen Gastmhlern erschienen
ist; wo er zwar von seiner gewhnlichen Dit so wenig als mglich abweicht, aber
durch die Gewandtheit seines Witzes, die Freiheit seiner Zunge, und die
seltsamen Einflle, wovon er einen unerschpflichen Vorrath zu haben scheint,
sich so angenehm macht, da seine Erscheinung eine desto lebhaftere Freude unter
den Gsten verursacht, je karger er mit dieser Geflligkeit ist. Denn so weit
hab' ich selbst (wiewohl er mich mehr als andere begnstigt) es nicht bei ihm
bringen knnen, da ich meine Freunde auf ihn zu Gaste bitten drfte. Antipater
wird hieraus ersehen, da er sich so bald keine Hoffnung zu einer Schwimmpartie
nach Psyttalia mit unserm neuen Schutzverwandten zu machen hat, und da er
selbst zu uns wird herber schwimmen mssen, wenn er sehen will, wie gut die
Isthmische Luft seinem Freunde zuschlgt.

                                      40.



                             Aristipp an Kleonidas.

Wenn deine Absicht war, mich mit den Gemlden, die ich durch den Schiffer
Xanthus erhielt, wie mit unwiderstehlichen Zauberketten nach Cyrene zurck zu
ziehen, so schwr' ich dir zu, da du sie vllig erreicht hast. Sie haben die
Erinnerungen an dich und deine Musarion so lebendig in mir aufgefrischt, da
alle meine andern Gedanken vor ihnen verlschen, und alles, was ich um mich her
sehe, mir schal und ungeniebar wird. Oft mcht' ich auf deine Kunst zrnen, da
die Zaubrerin, die dem bloen gefrbten Schatten so viel Lebenhnliches geben
konnte, ihnen nicht auch das, was zum Leben noch fehlt, zu geben vermochte; da
ich die Rede, die auf den Lippen deines Bildes zu schweben scheint, nicht mit
meinen Ohren hre, und der Freund, den ich an meine Brust drcken will, ein
bloes Blendwerk ist. Unwillig rei' ich mich dann von diesen Bildern los, bei
denen ich oft Stunden lang verweile, und kehre doch immer wieder zurck, als ob
ich hoffte sie nun lebendiger zu finden. Kurz, lieber Kleonidas, dein Geschenk
hat meine Weisheit aus dem Gleichgewicht, worauf ich sonst immer ein wenig gro
zu thun pflegte, herausgehoben, und ich sehe wohl, mir ist nicht anders zu
helfen, als da ich meine hiesigen Geschfte so schleunig als mglich zu Ende
bringe, ein eigenes Jachtschiff miethe, und mit dem ersten besten Nordwestwind
nach dem Lande zurckfliege, das meine Liebe zu euch, weit mehr als das Ungefhr
der Geburt, zu meinem wahren Vaterlande macht.
    Das holde Familienbild und die liebliche junge Malerin haben mich zwar nicht
blind gegen die Reize deiner Psyche gemacht, aber doch so viel bewirkt, da ich
mich zu Gunsten meines Korinthischen Freundes Learchus leichter von ihr trennen
konnte, der sie zu besitzen verdient, und ganz glcklich dadurch ist. Die
dreitausend Drachmen, die du gegen seine Anweisung ausgezahlt erhalten wirst,
sind der Preis, den er selbst dafr bestimmt hat. Da er die Bilder als Geschenk
nie angenommen haben wrde, so hielt ich fr das schicklichste, ihm die
Schtzung derselben anheimzustellen: und ich finde da er sich, ohne zu viel zu
thun, auf eine edle Art aus der Sache gezogen hat. Er hat wirklich Sinn fr
chte Kunst; und berdie schmeichelt es seinem Stolze, da er (Lais allein
ausgenommen) der einzige in Griechenland ist, der etwas von deiner Hand
aufweisen kann.
    Da mir die beiden Stcke, die ich fr mich behalte, zu heilig sind um in
meiner Galerie aufgestellt zu werden, trauest du mir zu ohne da ich es sage.
Antipater ist der einzige, der das Familienbild gesehen hat; aber ihm auch die
Malerin sehen zu lassen, kann ich nicht ber mich gewinnen. Sie steht in meinem
Schlafzimmer, in einem Schranke verborgen, der, seitdem er dieses Kleinod
verwahrt, tglich so oft aufgeschlossen wird, da du ber meine Kinderei lachen
wrdest, wenn ich dir sagte wie oft. Mich dnkt die Kunst hat noch nichts
Vollendeter's hervorgebracht als dieses kleine Bild. Vollendet - ja, das ist es
- aber ich habe dir doch nicht das rechte Wort gesagt; nichts Anziehender's,
wollt' ich sagen - was hielt mich zurck? - Ist mein Vorwitz zu wissen, wer der
Glckliche ist, mit dessen Zgen die liebenswrdige Kleone sich so theilnehmend
beschftigt, unbescheiden, so la dein Stillschweigen meine Strafe seyn.
    Ich lege diesem Brief eine Abschrift dessen bei, den ich von Learchen ber
die Gemlde erhalten habe; vornehmlich, weil er uns Nachricht von unsrer
reisenden Circe gibt, die den Thessalischen Zaubrerinnen zeigt, da sie in ihrer
eigenen Kunst, gegen eine Meisterin wie sie, nur Pfuscherinnen sind.

                                      41.



                             Kleonidas an Aristipp.

Wenn unsre Freunde oder Verwandten in einem lebenssatten Alter ohne Reue, indem
sie ins Vergangene, ohne Kummer, wenn sie vorwrts blicken, die Welt verlassen,
so sollte der Gedanke, da wir nie hoffen konnten sie von dem allgemeinen Loose
der Menschheit ausgenommen zu sehen, billig zu unsrer Beruhigung hinreichend
seyn.
    Nach dieser kleinen Vorrede, lieber Aristipp, wirst du, wie ich hoffe, die
Nachricht, da dein achtzigjhriger Oheim zu leben aufgehrt, und dich nebst
deinem Bruder zu einzigen Erben seines ansehnlichen Vermgens eingesetzt hat,
blo als einen Ruf des Schicksals aufnehmen, dein Vorhaben, bald nach Cyrene
zurckzukehren, desto blder auszufhren. Vermge seines letzten Willens ist dir
sein schnes Haus in der Stadt und sein nur wenige Stadien von derselben
entferntes Landgut zum voraus vermacht: und dein Bruder, der dich zu gut kennt,
um deine Weigerung nicht voraus zu sehen, lt dir wissen, da er euerm Oheim
sehr ernstlich angelegen habe, dir die ganze Erbschaft zu hinterlassen, und da
er also um so fester ber dem Buchstaben des Testaments halten werde, da er
durch das groe Vermgen seiner Frau ohnehin reicher sey, als es einem Brger
eines kleinen Freistaats zustehe.
    Nach dieser Erklrung, die dein Bruder bereits ffentlich gethan hat, wrde
es dir als eine bloe Ziererei aufgenommen werden, wenn du dich nicht mit guter
Art fgen wolltest; zumal da ganz Cyrene das Benehmen deines Bruders hchlich
billiget, und sich darauf freut, dich knftig auf immer bei uns festgehalten zu
sehen.
    Das Gut wirft wegen seiner Nhe an der Stadt jhrlich ber zwei Talente ab,
das Haus ist eines der besten in Cyrene, und, wie mir dein Bruder sagt, so
kommen von dem brigen Nachla wenigstens vierzig Talente auf deinen Antheil. Du
wirst also auf einen hbschen Fu in deiner Vaterstadt leben, und (was mir
vorzglich Freude macht) uns deine Sokratische Philosophie und deinen eigenen
Geist unentgeltlich zum Besten geben knnen. Das Glck thut uerst selten so
viel fr Mnner deines Schlages; du bist weise genug, da du es entbehren
konntest; aber Sokrates selbst htt' es schwerlich von sich gestoen, wenn es
ihm so ungesucht in die Arme gelaufen wre.
    Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude, und wirkt und webt
und stickt mit ihren Mgden ber Hals und Kopf, um ihre kleinen Amorinen auf
deine Ankunft recht herauszuputzen. Auch Kleone nimmt ihren Antheil an unserm
Vergngen, und scheint kaum der persnlichen Bekanntschaft zu bedrfen, um eine
so gute Meinung von dir zu hegen, als einem viel eitleren Mann als du bist
gengen knnte. In der That kennt sie dich, da sie alle deine Briefe an mich
gelesen und wieder gelesen hat, bereits so gut, da ihre Phantasie nur sehr
wenig von der kleinen Parteilichkeit, fr dich zu verantworten hat, deren sie
zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird.
    Deine Neugier, ob das Bildni, woran sie in dem Gemlde zu arbeiten scheint,
einen Freund oder eine Freundin vorstelle, htte mich beinahe vergessen gemacht,
da Kleone nicht wei da ich sie gemalt habe, geschweige da du im Besitz
dieses Bildes bist. Du siehest leicht, da beides ein Geheimni vor ihr bleiben
mu, wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll.
Uebrigens mu ich dir sagen, da die nachdenkliche und theilnehmende Miene, die
dir an ihrem Bilde aufgefallen zu seyn scheint, der gewhnliche Ausdruck ihres
Gesichtes ist, und eigentlich nichts weiter sagt, als da sie sich immer in
einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen Natur
befindet. Sie ist immer in sich selbst ruhend, aber immer bereit sich mit andern
zu freuen oder zu betrben. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals weder
gleichgltig noch in Leidenschaft gesehen zu haben. Sie ist nichts weniger als
zurckhaltend, und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewi, da ich es fr
unmglich halte, da sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nhren sollte, die
sie vor mir oder Musarion verheimlichen mte. Auf alle Flle rathe ich dir
indessen auf deiner Hut zu seyn. Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde
schon so anziehend findest, was wird es erst seyn, wenn du sie selbst in
Lebensgre siehest, und die Musik der Peitho hrest die auf ihren Lippen sitzt?
    Dein edler Bruder, dem es an Zeit fehlt, dir selbst zu schreiben, ersucht
mich dir zu melden, er habe alle Verfgungen getroffen, da du bei deiner
Ankunft, wenn sie auch so bald erfolgt als wir wnschen, deine beiden Huser zu
deinem Empfang bereit und ausgeschmckt finden werdest.

                                      42.



                             Antipater an Diogenes.

Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belstigen, wrde ich ihn selbst
nach Korinth begleitet haben, wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates
mich nicht an die Minervenstadt fesselten.
    Du wirst aus seinem eignen Munde vernehmen, da er blo nach Korinth
gekommen ist, um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen, und
nach unsrer glcklichen Vaterstadt zurckzukehren, wohin ich mir nicht eher
erlauben werde ihm zu folgen, bis ich mir bewut bin, die Ausbildung unter den
Griechen erhalten zu haben, die mich am geschicktesten machen kann, meinen
Mitbrgern einst in ffentlichen Geschften ntzlich zu seyn. Diejenige Gattung
von Beredsamkeit, worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich lt, die
Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhrenden mehr durch klare, leicht
faliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen, als ihrer
Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine knstlich
verflschende Beleuchtung nachzustellen, oder die Gemther durch einen Strom von
Bildern, Redefiguren und leidenschaftlichen Ergieungen mit sich fortzureien -
- ich sage, diese Gattung von Beredsamkeit, der es mehr um Wahrheit als Schein,
mehr um Ueberredung als Ueberwltigung, aber weniger um Ueberredung als
Ueberzeugung des Zuhrers zu thun ist, scheint fr Republiken wie Cyrene ganz
eigentlich gemacht, aber auch ein unnachlliches Erforderni zu einem
Staatsmann in solchen Republiken zu seyn. In dieser Rcksicht ist vielleicht
Isokrates selbst noch zu Attisch; ich meine damit, er lt sich von der
angebornen Redseligkeit der Athener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum
Schnsprechen, natrlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu
gefallen, und seine Mitbrger durch schne Bilder, zierliche Gegenstze,
ausgesuchte Worte, und knstlich gedrechselte, dem Ohr schmeichelnde Perioden zu
bezaubern, vielleicht mehr beherrschen als er sollte. Wenigstens mcht' ich ihn,
wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist, nicht ohne Einschrnkung zu
meinem Muster nehmen, wenn ich einst in Cyrene ffentlich zu reden haben werde.
Aristipp hat mich daher aufgemuntert, auch Platons Schule fleiiger zu besuchen
als ich bisher gethan habe. Er ist der Meinung, Platons Unterricht ber
Gesetzgebung und Staatsverwaltung - wiewohl er auch in diesem Fach alles auf
idealische Vollkommenheit hinaufschraubt, knnte mir doch einen zwiefachen
Nutzen schaffen: einmal, insofern es gut und sogar nthig ist, das Hchste,
wornach man streben soll, wenn man es gleich nie erreichen wird, wenigstens zu
kennen, damit man den festen Punkt immer im Auge habe, dem man sich unverwandt
zu nhern sucht; und dann, weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen
Grundstze, an welche man sich bei Platon gewhnt, fr ein gutes Mittel hlt,
sich vor den willkrlichen Ansichten und blo auf Meinung und Vortheil des
Augenblicks gegrndeten Vorstellungen, womit die Redner sich gewhnlich
behelfen, zu verwahren, die Redekunst in ihre wahren Grnzen einzuschlieen, und
zu verhten, da sie nicht in leeres Wortgeprng oder hinterlistige Sophistik
ausarte. Ich finde die alles so einleuchtend, da ich entschlossen bin, meinen
gegen Platons Art zu philosophiren gefaten Widerwillen zu berwinden, und den
politischen Vorlesungen, die er seit kurzem angefangen hat, um so fleiiger
beizuwohnen, da mir Isokrates selbst, vermuthlich aus hnlichen Beweggrnden,
mit seinem Beispiel vorgeht. Du siehest hieraus, lieber Diogenes, da diese
Beschftigungen mich noch eine geraume Zeit in Athen zurckhalten werden, ob es
schon durch deine und Aristipps Entfernung seinen grten Reiz fr mich verloren
hat. Speusipp und Eurybates sind nun beinahe die einzigen, mit denen ich in
nherer Verbindung stehe, und bei denen ich manchen angenehmen Abend zubringe.
Aus einem Briefe von Learch an Aristipp hat dieser mich ersehen lassen, da du
dir in Korinth gefllst, und da sich die Leute dort ganz artig gegen dich
auffhren. Da du, mit aller deiner Misanthropie, im Grund' eine gute Seele bist,
so zweifle ich nicht, diese Gastfreundlichkeit der Korinther gegen dich, die mir
eine sehr gute Meinung von ihnen gibt, werde auch dich immer artiger gegen sie
machen. Es kme vielleicht auf ein paar Raupenhute an, die du noch abzustreifen
httest, so wrde Plato selbst einen zweiten Sokrates, gerade so einen, wie wir
ihn fr unsre Zeit nthig haben, in dir erkennen mssen. Lebe wohl, und gedenke
deines Antipaters, wenn dich einmal die Laune einen Brief zu schreiben anwandeln
sollte.

                                      43.



                       Diogenes von Sinope an Antipater.

Meiner Laune halben httest du schon lang' einen groen Brief von mir,
Antipater, wenn ich nur jedesmal, so oft sie mich ankam, etwas bei der Hand
gehabt htte, worauf und womit man schreiben kann. Endlich bin ich auf einer
meiner Lustreisen nach dem Eselsberg so glcklich gewesen, ein ziemliches Stck
glatter Baumrinde (die Oreaden mgen wissen von welchem Baume!) zu finden, und
einen scharfen Kiesel, womit ich dir diesen Brief so leserlich auf die Rinde zu
kratzen beflissen bin, da du, mittelst einer migen Gabe Rthsel zu errathen,
so ziemlich mit meinem Geschreibe zu Rande kommen wirst.
    Die Korinther haben mich bisher nach meiner Weise leben lassen, das mu ich
ihnen nachrhmen; doch km' es nur auf mich an, nach der ihrigen zu leben; d.i.
mich alle Tage mit den leckersten Schsseln anzufllen und in den kstlichsten
Weinen zu betrinken, wenn ich mich von allen begterten Prassern dieser
unermelich reichen Stadt der Reihe nach einladen lassen wollte, um ihnen die
Ausgabe fr die Lustigmacher zu ersparen, deren sie gewhnlich einen oder zwei
bei ihren Schmusen anstellen, um fr baare Bezahlung durch witzige und
unwitzige Possen den Gsten verdauen zu helfen. Wie lange sie oder ich es
aushalten wrden, ist ihr geringster Kummer.
    Du wirst schon gehrt haben, da Lais, von ihrem Centauren bis an die Grnze
des Isthmus begleitet, wohlbehalten aus Thessalien zurckgekommen ist. Aber was
du schwerlich gehrt hast - ich wollte dir's wohl ins Ohr sagen - wenn's nur
nicht einer gar zu unglaublichen Prahlerei hnlich she. Und doch geschehen
Dinge in der Welt (sagen unsre alten Nestorn) die der tollste Poet nicht zu
erdichten wagen wrde, noch, ohne fr einen Stmper in seiner Kunst gehalten zu
werden, wagen drfte. Bilde dir ein, da mir so etwas mit der schnen Lais
begegnet sey,142 und la brigens diese Sache, so wie das sonderbare Briefchen
der Dame, das ich dir hier zu meiner Rechtfertigung mittheile, ein so heiliges
Geheimni seyn, als ob es dir von dem Hierophanten zu Eleusis mitgetheilt wre.

                                      44.



                          Lais an Diogenes von Sinope.

Das war ein wunderliches Ereigni, das sich zwischen uns begeben hat, meinst du
nicht, Diogenes? Eines von denen, die einen weisen Mann an seinen eigenen Sinnen
irre machen, und das du hoffentlich nur getrumt zu haben glaubst. - Wie? was
unter allen diesen stolzen, reichen, schnen und schimmernden Abkmmlingen von
Gttershnen, die du tglich bei mir ein- und ausgehen siehst, in mehreren
Jahren auch nicht Einer um keinen Preis erhalten konnte, sollte Diogenes, der
Cyniker, binnen wenigen Wochen, ohne alle Mhe und Arbeit, durch bloe Laune des
Zufalls oder Gunst eines schwachen Augenblicks erschlichen haben? Welche
Wahrscheinlichkeit? - Gleichwohl geschehen auch unwahrscheinliche Dinge, und da
das Geschehene am Ende doch immer unter die natrlichen Dinge gehrt, so la uns
wie ein Paar verstndige Personen mit einander darber philosophiren.
    Du bist, mit aller deiner Unverschmtheit, ein Mann, der sich nicht mehr
dnkt als er ist, und mich kennst du bereits genug, um dich nicht zu verwundern,
da ich unter deiner rauhen struppichten Hlle das feine Gefhl sehr bald
ausfindig gemacht habe, das du darunter zu verbergen suchst. Du kannst von mir
nicht schlecht denken. So wenig du dich fr einen Nireus oder Phaon halten
kannst, so wenig kann es dir einfallen, da Lais von deinen breiten Schultern
und phlagonischen Markknochen bezaubert worden sey. - Aber Lais (denkst du) und
wenn sie eine Gttin wre, ist am Ende doch - ein Weib, und ein Weib hat
Augenblicke, wie selten und kurz sie auch seyn mgen, wo sie ohne zu wissen wie
noch warum - schwach ist, und, blo darum weil sie sich dessen nicht versah,
ausglitschen kann.
    Wenn du so denkst, Freund Diogenes, und die Rede wre von zehntausend und
zehnmalzehntausend andern Weibern, so httest du Recht; aber wenn du es von Lais
denkst, so irrest du himmelweit. Ich habe in meinem Leben keinen schwachen
Augenblick dieser Art gehabt. Die meinigen, wenn man sie so nennen knnte, haben
mit jenen nichts gemein als - die Wirkung. Ich sagte mir selbst: was sind alle
diese Menschen die an mich Ansprche machen, ihrem innern Gehalt nach, gegen
diesen armen Paphlagonier, auf den sie so vornehm herunter sehen! Und doch wrde
es Diogenes fr die lcherlichste Anmaung halten, wenn ihm einfiele, sich unter
jene Uebermthigen zu stellen, die ein Recht an mich zu haben whnen, weil ich
schn und reizend bin, und in zwangloser Freiheit lebe. Seine Bescheidenheit
soll belohnt werden! Der Mann, der, um den Gttern hnlich zu werden, ein
elendes Leben fhrt, soll einen Augenblick in seinem Leben gehabt haben, wo er
ihnen an Wonne hnlich war. - Hier hast du das ganze Geheimni, mein guter
Cyniker! - Mache nun einen weisen Gebrauch davon, und, um deiner selbst willen,
suche nie wieder mich allein zu finden.

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                            Kleonidas an Antipater.

Aristipp ist glcklich in Cyrene angekommen, und hat durch sein Widersehen und
den Entschlu uns nie wieder zu verlassen, das Glck seiner Freunde verdoppelt.
Die ganze Stadt nimmt Antheil an unsrer Freude; man drngt sich ihn zu sehen, zu
begren, zu Gaste zu bitten, und berall, wo er zu finden ist, aufzusuchen; und
er hat sich in Zeiten auf ein entfernteres Landgut seines Bruders flchten
mssen, um den allzulstigen Beweisen zu entgehen, welche ihm seine Mitbrger
von ihrer Achtung und Zuneigung zu geben sich beeifern. Das alles wird sich in
kurzer Zeit setzen; man wird nur zu bald gewohnt werden Aristippen unter uns zu
sehen, und der nmliche Mann, den die ffentliche Meinung jetzt zum Abgott der
Cyrener macht, wird ihnen in einigen Jahren ein Brger seyn wie tausend andere,
und vielleicht aller seiner Anspruchlosigkeit und Bescheidenheit nthig haben,
um fr seine Vorzge, und fr alles wodurch er seinem Vaterlande Ehre macht,
Verzeihung zu erhalten. So ist die groe Mehrheit der Menschen, lieber
Antipater! Wir wollen uns nicht darber rgern da sie nicht anders sind als sie
knnen.
    Aristipp schickt sich trefflich in seinen neuen Hausstand, und wird uns, wie
ich nicht zweifle, durch das Beispiel eines nach edeln Grundstzen gefhrten und
mit sich selbst bereinstimmenden Lebens mehr wahre Philosophie lehren, als wenn
er eine Wissenschaftsbude auf dem groen Markt von Cyrene aufschlge, und uns
unsern schlichten Menschenverstand zu Platonischen Ideen verspinnen lehrte.
    Er hat neun Leibeigenen seines alten Oheims, so viele ihrer ber sechzig
Jahre alt waren, die Freiheit geschenkt, und es in ihre Wahl gestellt, ob sie
seine Hausgenossen bleiben, oder mit einem ihren geleisteten Diensten
angemessenen Jahrgehalt sich auf ihre eigene Hand setzen wollten. Alle haben das
erstere erwhlt, und verdoppeln, seitdem sie ihm blo durch ihren Willen
angehren, ihren Diensteifer. Dafr aber ist auch seine Art, alle von ihm
abhangenden Menschen zu behandeln, so gtig und leutselig, da, wofern sie nicht
mit strenger Ordnung und gehriger Zucht verbunden wre, die Guten selbst sich
unvermerkt versucht finden knnten lssig und schlecht zu werden. Sein Bestreben
ist, alle, die fr ihn arbeiten, so zufrieden mit ihrem Loose zu machen, da sie
sich nicht nur keinen andern Herrn wnschen, sondern seinen Dienst der Freiheit
selbst vorziehen. Die ist leichter zu bewerkstelligen als man glaubt; denn
diese Classe von Menschen fhlt den Werth der Freiheit nicht eher, als wenn
ihnen die Dienstbarkeit ganz und gar unertrglich gemacht wird. In seinem Hause
herrscht Ordnung ohne ngstlichen Zwang, Zierlichkeit ohne Pracht und Ueberflu
ohne Verschwendung. Nichts ist um Scheinens und Prunkens willen da; alles, vom
grten bis zum kleinsten, trgt etwas zum angenehmern Lebensgenu des Hausherrn
und seiner Freunde bei, und man befindet sich nirgends besser als bei ihm. Mit
Einem Wort, Aristipp stellt seine Philosophie in seinem Leben dar, und verdient
nicht nur allen, denen das Glck so gnstig war als ihm, zum Muster zu dienen,
sondern kann, mit den gehrigen Einschrnkungen, auch von solchen nachgeahmt
werden, die in diesem Stck weit unter ihm sind. Denn so bel hat die Natur
nicht fr ihre Kinder gesorgt, da man reich seyn mte, um des Lebens froh zu
werden.
    Du bist, nach dem Antheil den du an uns nimmst, vielleicht neugierig, wie es
mit Aristipp und Kleonen steht, von welchen leicht vorauszusehen war, da die
persnliche Bekanntschaft sie sehr bald in ein besonderes Verhltni setzen
wrde. Der erste Augenblick war wirklich so schn, da ich ihn mchte malen
knnen. Eine sichtbare Freude, einander gerade so zu finden wie jedes sich das
andere gedacht hatte, strahlte aus seinen schwarzen Augen und glnzte im
Himmelblau der ihrigen. Man htte eher denken sollen, sie erkennten einander
nach einer sehr langen Trennung wieder, als sie shen sich zum erstenmale. Von
dieser ersten Stunde an, scheint, oder ist vielmehr ohne Zweifel, ihr Verhltni
zu einander auf immer entschieden. Keine Spur von Leidenschaft, nichts dem
Aehnliches, was man gewhnlich Liebe oder Verliebtseyn nennt! Wer sie zum
erstenmale beisammen sieht, hlt sie fr Zwillingsgeschwister, die mit einander
aufgewachsen sind, und so natrlich zusammengehren, da man sich keines ohne
das andere denken kann. Bei allen Gelegenheiten zeigt sich eine so reine
Zusammenstimmung ihrer Gemther, ihres Geschmacks, ihrer Art die Dinge zu sehen
und zu nehmen, da sie ihre Seelen mit einander vertauschen knnten ohne es
gewahr zu werden, oder da wenigstens die Mannheit und Weibheit den einzigen
Unterschied zwischen ihnen zu machen scheint. Natrlicherweise fhlen sie sich
also fr einander bestimmt, und ohne sich noch ein Wort davon gesagt zu haben,
werden in aller Stille die Anstalten zu der Feierlichkeit getroffen, welche sie
zu einem der glcklichsten Paare, die sich je zusammen gefunden haben, machen
wird. Die, lieber Antipater, ist das Neueste von Cyrene.
    Aristipp sagt uns so viel Gutes von dir, da wir dich (der kleinen
Schfergeschichte zu Aegina ungeachtet) deiner eigenen Fhrung getrost
berlassen sehen. Du lufst nach einem schnen Ziel, Antipater. Dem Weisen ist
nichts Einzelnes klein noch gro. Du bist, indem du dich deinem Vaterlande
widmest, zu keiner schimmernden noch lrmenden Rolle berufen: aber wohl dem
Staat, wohl den einzelnen Menschen, denen ihre Lage vergnnt, unbemerkt und
unbeneidet glcklich zu seyn! Unsere Republik ist dermalen in dieser Lage, und
sie darin erhalten zu helfen, ist ein Geschft, wofr selbst ein Themistokles
und Perikles nicht zu gro wre.

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                               Musarion an Lais.

Ich habe einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick, bei mir angestanden,
liebste Freundin, ob ich diesen Brief an dich abgehen lassen sollte: denn wie
knnt' ich besorgen, da Lais in das Herz ihrer liebenden dankbaren
Pflegetochter einen Zweifel setzen werde? Gewi, gewi macht es dir Freude, wenn
ich dir melde, da ich, die bisher durch meinen, aus deiner Hand erhaltenen
Kleonidas die glcklichste der Weiber war, gleichwohl nahe daran bin, durch die
Verbindung unsers Aristipps mit der einzigen Schwester meines Mannes, einem sehr
liebenswrdigen, guten und talentvollen Mdchen, noch glcklicher zu werden.
    Ich glaube nicht, da auer Kleonidas und mir selbst jemals zwei so genau
zusammenpassende Hlften einander gefunden haben, wie Aristipp und Kleone. Das
Schnste dabei ist, da sie einander so herzlich gut sind und so inniges
Wohlgefallen an einander haben, ohne da man die geringste Spur der brausenden,
schwrmerischen und (mit Aristipp zu reden) tragikomischen Leidenschaft, die man
gewhnlich Liebe nennt, an ihnen gewahr werden kann. Sie lieben einander,
scheint es, wie Leib und Seele; durch ein stilles, tiefes, sympathetisches
Gefhl, da sie zusammen gehren, und nicht ohne einander bestehen knnen. Welch
ein seliges Leben werden diese zwei mit so vielen Vorzgen, jedes in seiner Art,
begabte, so edle, so gute Menschen in der gnstigen Lage, worein das Glck sie
gesetzt hat, zusammen leben! Meine Schwester Kleone besitzt ein sehr hbsches
Vermgen, und Aristipp ist (wie du gehrt haben wirst) durch die Erbschaft von
seinem mtterlichen Oheim einer der wohlhabendsten Brger von Cyrene geworden.
Sie knnen, bei einer wohlgeordneten Wirthschaft, ohne sich mehr als recht ist
einzuschrnken, vllig nach ihrem Geschmack und Herzen leben, und werden, dem
Genu nach, reicher seyn, als manche andere mit dreimal grern Einknften.
Die, liebste Lais, gilt auch von mir und Kleonidas, ob wir schon nicht so reich
sind als Aristipp.
    Du weit nur zu wohl, meine gtige Freundin, da ich kein Talent zum
Schreiben habe. Mchtest du doch, in Person gegenwrtig, dich an unserm Glck
ergtzen knnen! Warum mssen Lnder und Meere uns trennen, uns, die, dem
Gemthe nach, so nahe beisammen sind! Knnte denn das nicht anders seyn? - Doch,
wenn du nur glcklich bist, sey es immerhin auf deine eigene Weise! Bist du es
wirklich, Liebe, so sage mir ein Wort davon und ich bin zufrieden.
    
    Etwas sehr Artiges mu ich dir doch noch erzhlen, woraus du dir selbst eine
bessere Idee von Kleone zu machen wissen wirst, als eine so ungebte
Schreiberin, wie ich, dir geben knnte.
    Kleone hat von ihrem Bruder in den vier bis fnf Jahren, seit sie bei uns
gelebt hat, sehr artig malen gelernt. Kleonidas behauptet sogar, sie bertreffe
ihn noch in der Kunst, einem Bilde gleichsam Seele zu geben, so da es einen
ordentlich anzusprechen scheint; aber das kann ich ihm unmglich eingestehen.
Genug sie malt sehr artig, das sagt jedermann; und so berschlich er sie einst,
da sie in einer Gartenlaube allein zu seyn glaubte, und an einem kleinen Bilde
arbeitete. Kleonidas machte sich unbemerkt wieder fort, ging in sein
Arbeitszimmer und setzte sich auf der Stelle hin seine Schwester zu malen, wie
er sie in der Gartenlaube gesehen hatte, mit einer kleinen Tafel auf den Knieen
und einem Pinsel in der Hand, ein wenig mit dem Oberleib zurckgebogen, als ob
sie das, was sie eben gemalt hatte, mit groem Vergngen betrachtete. Kleone
sollte nichts davon wissen; aber das schlaue Mdchen kam, ich wei nicht wie,
dahinter, stahl sich in Abwesenheit ihres Bruders in sein Zimmer, malte auf das
Tfelchen, das sie im Bilde auf den Knieen hatte, den Kopf Aristipps (nach einer
Zeichnung, die mein Mann ehmals von ihm gemacht hat) und berzog ihn, nachdem er
trocken geworden war, mit einer leichten Kreidenfarbe, so da Kleonidas keine
Vernderung gewahr wurde, und das Gemlde mit zwei oder drei andern von seiner
Arbeit an Aristippen nach Athen abgehen lie. Dieses Gemlde hngt jetzt in
Aristipps Cabinet, einem Ruhebettchen gegenber, und ist, weil es Kleonen zum
Sprechen gleicht, sein Lieblingsstck. Drei oder vier Wochen nach ihrer
Vermhlung kommen sie von ungefhr vor diesem Bilde zusammen, und Aristipp hat
seine Freude dran, es Zug vor Zug mit der gegenwrtigen Kleone zu vergleichen.
Das vermuthest du wohl nicht, Aristipp, sagt sie lchelnd, da dieses Bild eine
Liebeserklrung ist? - Wie so, Kleone? - Statt der Antwort ging sie, holte
einen wollenen Lappen, wischte die trocknen Farben auf dem Tfelchen, das sie
auf den Knien hat, weg, und siehe! - da kommt Aristipps Kopf, so wohl getroffen
da er sich unmglich mikennen kann, zum Vorschein, und zeigt sich als den
Gegenstand der gefhlvollen Miene, womit die junge Malerin ihn zu betrachten
scheint. Htte sie Aristippen auf eine angenehmere Art berraschen knnen als
mit einem so schmeichelhaften Bekenntni?

    Vergib mir, beste Lais, eine Plauderhaftigkeit, worein man so leicht
verfllt, wenn man von geliebten Personen spricht. Ich kann eben so wenig fertig
werden, wenn ich Kleonen von dir spreche; von dir, in welcher Aristipp und
Kleonidas, jener durch Beschreibung, dieser durch die Darstellung selbst, sie
das herrlichste aller lebenden Bilder der Gttin der Schnheit und ihrer Grazien
kennen und verehren gelehrt haben. Unter uns gesagt, liebe Lais, das einzige
Bild in Kleonens Cabinet, ebenfalls dem Ruhebette gegen ber, ist das deinige,
ohne dein Wissen (denke ich) von Kleonidas nach der Bildsule des Skopas (aber
mit Farben, versteht sich) gemalt. Sie hat sich's ausdrcklich von Aristippen
ausgebeten.

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                               Lais an Musarion.

Du schreibst schner, liebe Musarion, als du dir's einbildest. Lysias und
Isokrates htten mich mit aller ihrer Beredsamkeit nicht so gut berzeugen
knnen, da du glcklich bist, als ich es fhle, indem ich deinen Brief lese,
wiewohl darin beinahe gar nicht von dir selbst die Rede ist. Du, meine Musarion,
du, die ich immer wie meine leibliche Schwester liebte, und, wie schmerzlich mir
auch unsere Trennung war, nur darum bis nach Cyrene von mir ziehen lie, weil
ich glaubte, da du mit keinem andern Manne glcklicher seyn knntest als mit
Kleonidas, du bist was ich wollte da du seyn solltest; Kleonidas und Aristipp
sind es nicht weniger; und wohl mir, da die Gtter, die mich unfhig machten in
mir selbst glcklich zu seyn, mir zum Ersatz die Freude an der Glckseligkeit
meiner Freunde gaben!
    Ich kenne keinen Mann, den ich mehr htte lieben knnen als Aristippen, wenn
ich dieser Liebe, die du so schn beschreibst, die nicht wie Liebe aussieht und
doch so sehr Liebe ist, fhig genug wre, um das fr ihn zu seyn was ihm Kleone
unfehlbar seyn wird. Es wre eine lcherliche Demuth, wenn ich lugnen wollte,
da ich die Kunst, glcklich zu machen welchen ich will, ziemlich gut verstehe,
und da die Natur mich an den meisten Gaben, die dazu nthig sind, nicht
verkrzt hat; auch gestehe ich, das Vergngen einen Mann, der es werth ist,
durch mich glcklich zu sehen, kann mich auf kurze Zeit in die angenehme
Tuschung versetzen, als ob ich es gleichfalls sey. Aber da beides, das Glck
das ich gebe, und was ich dagegen zu empfangen scheine, im Grunde bloe
Tuschung ist, davon sind die wenigen, mit denen ich bisher den Versuch gemacht
habe, so gut berzeugt als ich selbst. Ich mu wohl niemands Hlfte seyn;
wenigstens hab' ich den Mann noch nicht gesehen, mit dem ich mir eine Verbindung
auf immer einzugehen getraute, ohne seine und meine Ruhe aufs Spiel zu setzen.
Die wird und mu euch andern wackern Hausfrauen unnatrlich vorkommen; aber es
ist nun einmal so mit mir, und ich kann nicht wnschen da es anders sey. Die
Natur, die wie eine gute Mutter dafr sorgt, da keines ihrer Kinder gegen die
andern gar zu sehr zu kurz komme, hat es so eingerichtet, da, wiewohl die
Menschen immer klagen und es gern besser htten, doch niemand sein Ich mit dem
eines andern vertauschen mchte. So geht es auch mir; da ich einmal Lais bin, so
ergeb' ich mich mit guter Art darein, und danke Kleonen, da sie mir die Sorge,
in meinem Freund Aristipp den glcklichsten aller Mnner zu sehen, abgenommen
hat. Er verdient es zu seyn, er ist fhig es zu werden, und da es ihr gelingen
wird, hab' ich von der Stunde an nicht bezweifelt, da ich ihr Bildni bei
Learchen sah; denn ich erkannte auf den ersten Blick Aristipps Hlfte in ihr.
    Ich werde nicht von Learchen ablassen, bis er mir, um welchen Preis es sey,
eine Copei von diesem Bilde schafft, die ich, dem Recht der Wiedervergeltung
gem, in meinem Cabinet aufstellen kann. Indessen bitte ich sie und dich, liebe
Musarion, das Kistchen, so dir mit diesem Briefe zukommen wird, und seinen
Inhalt, aus der Hand einer Freundin mit Freundschaft anzunehmen. Ihr werdet ein
wenig erschrecken; aber ich bin so reich an solchem Spielzeug, da ihr euch des
Werthes halben kein Bedenken machen mt. Die Perlen sind an Wasser, Gre und
Rundung eine wie die andere; ihr braucht sie also blo zu zhlen, um euch
schwesterlich darein zu theilen. Wem das Kistchen bleiben soll, lat gerad oder
ungerad entscheiden.

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                             Aristipp an Eurybates.

Mir kommt wohl, lieber Eurybates, da ich nicht so starkglaubig bin als der
weise und tapfere Xenophon; denn, trotz meinem erklrten Unglauben an Zeichen
und Wunderdinge, Dmonen, Empusen und an die Gottheit des Nordwindes, wandelt
mich doch zuweilen eine Versuchung an, die Hlfte meiner Habe ins Meer zu
werfen, um die griesgrmische Gttin Ate zu vershnen, die nicht leiden kann
wenn ein Sterblicher gar zu glcklich ist. Wirklich scheint es, die Gtter
wollen mich auf die Probe stellen, ob ich Strke genug habe, bei so vielen
Versuchungen zu Ueppigkeit und Uebermuth der Sokratischen Sophrosyne getreu zu
bleiben, und im Genu des Guten, womit sie mich berschttet haben, mein Gemth
frei genug zu erhalten, um nicht aus der gehrigen Fassung zu kommen, wenn
sich's etwa einst an einem grauen Morgen finden sollte, da alles, wie ein
Zaubergastmahl, wieder verschwunden wre. - Doch, dieser Gedanke selbst sieht
mir so ziemlich einer Eingebung der schelschtigen Gttin gleich. Denn was fr
eine Weisheit wre das, die ihr Gefhl fr das gegenwrtige Gute abstumpfen
mte, um sich zum voraus gegen knftige Uebel unempfindlich zu machen! Die
meinige ist die Kunst in guten und bsen Tagen meines Daseyns so froh zu werden,
und so wenig zu leiden, als mir mglich ist. Ich betrachte Vergngen und Schmerz
als einen von der Natur gegebenen rohen Stoff, den ich zu bearbeiten habe; die
Kunst ist, jenem die schnste, diesem die ertrglichste Form zu geben; jenes zu
reinigen, zu veredeln, zu erhhen; diesen, wenn er nicht gnzlich zu stillen
ist, wenigstens zu besnftigen, ja (was in manchen Fllen angeht) sogar zu
Vergngen umzuschaffen.
    Antipater hat dich ohne Zweifel schon benachrichtigst, da ich durch meine
Vermhlung mit der Schwester meines Freundes Kleonidas meinem neuen Brgerleben
in Cyrene die Krone aufgesetzt habe. Ich htte groe Lust dir recht viel davon
zu sagen, wie glcklich mich diese Verbindung macht; aber mir ist, mein Dmonion
zupfe mich beim Ohr und flstre mir zu: ein Mann, der eine Art von Liebhaber
seines Weibes ist, msse der Versuchung von ihr zu reden mit allen Krften
widerstehen, weil er immer Gefahr luft, aus Furcht zu wenig zu sagen, mehr zu
sagen als einem weisen Manne ziemt. Auf alle Flle kann es niemand leichter
seyn, sich an meinen Platz zu stellen, als dir, der so gut aus eigener Erfahrung
wei, was husliche Glckseligkeit ist.
    Ein Groes trgt zu Erhhung der meinigen die schne Harmonie und
Herzlichkeit bei, die zwischen mir, meinen Brdern Aristagoras und Kleonidas,
und zwischen unsern Hausfrauen herrscht, welche letztern smmtlich eine starke
Ausnahme von dem harten Urtheil verdienen, das unsre Freundin Lais ber die
Griechischen Matronen zu fllen pflegt. In der That machen wir nur eine einzige
Familie aus, und auer den Tagen, wo wir uns den Einladungen zu groen
Gastmhlern nicht entziehen knnen oder selbst dergleichen geben, bringen wir
die Abende meistens unter uns, bald bei meinem Bruder, bald bei mir oder
Kleonidas zu; und ein Fremder mu sehr hoch in unsrer Gunst stehen, der zu
diesen traulichen Symposien zugelassen wird. Bei diesen letztern sind die Frauen
immer gegenwrtig; ohne sie wrden wir nur mit halbem Muthe frhlich seyn
knnen; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Gttern;
nichts ducht uns wohlgethan, was nicht durch ihre Hnde geht, nichts angenehm,
woran sie nicht Theil nehmen. Die Cyrenische Sitte, welche den Frauen mehr
Freiheit zugesteht als die eurige, und sie von keiner Gesellschaft unter
Verwandten und Freunden ausschliet, kommt uns zwar hierin zu Statten; wir
wrden es aber, wenigstens unter uns, zur Sitte machen, wenn es nicht schon
etwas Gewhnliches wre.
    Ueberhaupt kenne ich, Milet vielleicht allein ausgenommen, keine Griechische
Stadt, worin man so ruhig, zwangfrei und behglich leben knnte als in Cyrene,
seitdem die neue Verfassung Wurzel geschlagen, und alles Unkraut des Mitrauens
und des Parteigeistes, vor welchem ehmals nichts Gutes bei uns aufkommen konnte,
in kurzer Zeit gnzlich erstickt hat. Die Cyrener, wenn sie nicht von irgend
einem bsen Dmon aus ihrem natrlichen Charakter herausgeworfen werden, sind
ein frhliches, gutartiges Volk; und da es ihnen an Kunstflei und
Betriebsamkeit nicht fehlt, zeigt der blhende Zustand der Fabriken, der
Handelschaft und Schifffahrt, welche seit einigen Jahren in immer steigendem
Aufnehmen sind, wiewohl wir hierin immer hinter Korinth, Syrakus, Milet und
Rhodus zurckbleiben werden. Meine Mitbrger scheinen diesen Nachstand ohne
Eifersucht anzusehen; dafr aber wrden sie sich sehr beschmt finden, wenn sie
in der Kunst gut zu essen und berhaupt in allem, was zum Gemchlichleben und
zur angenehmsten Befriedigung der Sinnlichkeit dient, von irgend einem Volke
bertroffen wrden. Sie nennen die gut leben, und gehen darin von dem Grundsatz
aus: das menschliche Leben sey so kurz und ungewi, da es groe Thorheit wre,
sich den gegenwrtigen mglichsten Genu desselben zu entziehen, um desto mehr
Vorrath fr eine Zukunft aufzuhufen, die der Sparer und Sammler vielleicht nie
erleben werde. Diesem zufolge setzen sich die meisten, sobald sie durch Erwerb
oder gutes Glck zu Vermgen gekommen sind, auf den Fu von ihren Renten zu
leben, oder doch ihr Gewerbe nur so weit fortzufhren, da sie von dem Ertrag
gemchlich und angenehm leben knnen, und glauben alles gethan zu haben, wenn
sie sich so weit einschrnken da sie nicht merklich rmer werden. Hufige
Erfahrungen sollten sie lngst belehrt haben, da die eben der geradeste Weg
immer rmer zu werden sey: aber der Cyrener (ich rede von den meisten) hat ber
diesen Punkt weder Augen noch Ohren, so stark scheint der Einflu unsers
ppigen, zu Trgheit und Wollust geneigt machenden Himmelsstrichs zu seyn, von
welchem es schwer und vielleicht unmglich ist, sich gnzlich frei zu erhalten.
Ich finde daher an unsrer dermaligen Regierung lobenswrdig, da sie diesen
Temperamentsfehler unsers Volkes nicht blo durch vielfltige Aufmunterungen des
Fleies und Unternehmungsgeistes zu verbessern sucht, sondern sich auch
angelegen seyn lt, den Geschmack unsrer Brger zu veredeln, und ihnen neue und
reinere Quellen des Vergngens zu erffnen, als sie bisher gekannt hatten. Ich
wurde bei meiner Hierherkunft nicht wenig berrascht (denn Kleonidas hatte mir
absichtlich ein Geheimni daraus gemacht), ein Theater und ein Odeon in Cyrene
zu finden, und beide schon so wohl eingerichtet, da (mit deiner Erlaubni,
Eurybates!) Athen selbst kaum bessere Schauspieler, Snger und andre Tonknstler
aufzuweisen hat. Das letztere haben wir dem Eifer zu danken, womit Kleonidas
(dem die Aufsicht ber diese neuen Stiftungen aufgetragen ist) seit einigen
Jahren sich bemht hat, geschickte Knstler in beiden Fchern aus dem
Asiatischen Griechenlande nach Cyrene zu locken. Die Musik, in der weitesten
Bedeutung des Wortes, ist nun auch bei uns ein wesentlicher Theil der Erziehung
der Kinder, und unsre Cyrener gewinnen unvermerkt allen Musenknsten immer mehr
Geschmack ab. Man hrt schon in mehrern reichen Husern bei groen Gastmhlern,
statt bezahlter Lustigmacher, einen geschickten Zgling des berhmten Ions
Homerische Rhapsodien singen, und mein Bruder thut sich nicht wenig darauf zu
gut, den besten Vorleser in ganz Cyrene in seinen Diensten zu haben.
    Ich traue dir zu viel Weltbrgersinn zu, mein edler Freund, als da ich
besorgen sollte, du werdest ein Attisches Gesicht dazu machen, da Cyrene, die
an Gre und Bevlkerung der weltgepriesenen Minervenstadt wenig nachgibt, sich
zu beeifern anfngt, ihr auch in der Liebe zu den Knsten die das Leben
verschnern, wiewohl noch mit ungleichen Schritten, nachzufolgen. Unser Staat
ist nicht so reich als der eurige; wir haben keine Inseln, die uns das eiserne
Capital eines drckenden Schutzes mit zwlfhundert Talenten jhrlich verzinsen
mssen143, und keinen Schatz zu Delos144, den wir angreifen knnten, um unsre
Stadt zu verschnern, und unsre Brger durch prchtige Feste und kostbare
Lustbarkeiten bei guter Laune zu erhalten. Unsre Republik hat sich also begngt,
die beiden ffentlichen Gebude, worin die Musen ihr Wesen bei uns haben,
auffhren zu lassen, und jhrliche Preise fr diejenigen zu stiften, denen die
ffentliche Meinung in den Wettstreiten, wozu am Feste der Cyrene145 die
verschiedenen Musenknstler zusammen kommen, den Sieg zuerkannt hat. Alle
Unkosten unsrer Schauspiele hingegen werden mittelst einer migen Abgabe, die
von den Zuschauern erhoben wird, bestritten. Denn anstatt den Brgern das
Schauspielgeld aus dem ffentlichen Schatze zu reichen, wie bei euch, finden wir
billig, da wer an dergleichen Unterhaltungen Antheil haben will, auch das
Seinige zu ihrer Untersttzung beitrage.
    Da wir, seitdem wir ein Theater und ein Odeon besitzen, gute Hoffnung
haben, auch Dichter und Dichterlinge aus unserm eigenen Grund und Boden
aufschieen zu sehen, wirst du sehr natrlich finden. Die ersten Versuche, die
von zwei oder drei jungen Cyrenern in der tragischen Kunst gemacht worden sind,
haben freilich die Tragdien von Sophokles, Euripides und Agathon noch nicht
entbehrlich machen knnen: aber in der Komdie hat sich Kleonidas mit
gegrndetem Beifall versucht, und (wenn mich meine Liebe zu ihm nicht sehr
verblendet) Aristophanischen Witz mit der Sittlichkeit der Komdien des
Epicharmus zu verbinden gewut.
    Die Komdien euers Kratinus, Eupolis und Aristophanes sind so sehr fr Athen
und die niedrigsten Classen euers suvernen Pbels, und berdie grtentheils
fr die Zeitpunkte ihrer Auffhrung berechnet, da sie, wofern auch sonst nichts
Erhebliches gegen sie einzuwenden wre, dennoch blo aus der Ursache, weil sie
unserm Volk unverstndlich seyn wrden, nicht auf unsern Schauplatz gebracht
werden knnten. Jedes Volk, das Komdien haben will, mu seine eigenen haben.
Die eurigen passen sehr gut fr Athen, aber auch nur fr Athen, und sogar nur
fr Athen wie es in den vierzig Jahren zwischen der sechsundachtzigsten und
sechsundneunzigsten Olympiade war. Wir haben keinen Demos, keinen Senat, keine
Volksredner und Kriegsobersten, die man lcherlich machen knnte; unser Volk
nimmt keinen unmittelbaren Antheil an der Regierung, und hat Ursache mit seinen
Vorstehern zufrieden zu seyn; und wenn diese auch der satyrischen Geiel einige
Blen gben, so wrde keinem komischen Dichter gestattet werden, sich
ffentlich und in Einer Person zu ihrem Anklger, Richter und Bttel
aufzuwerfen. Eine Demokratie, wie die eurige war, kann ihre Ursachen gehabt
haben, den Komdienschreibern eine Art von stillschweigender Vollmacht zu
Handhabung einer beinahe unumschrnkten Censur zu ertheilen; und eure Regierung
hatte die ihrigen, sich, so lange sie es nicht ndern konnte, leidentlich dabei
zu verhalten; aber diese Ursachen konnten nur im Attischen Athen stattfinden,
und haben auch dort zum Theil bereits aufgehrt. Wir Cyrener werden also
entweder ohne Komdie bleiben, oder uns, wie gesagt, eine eigene erschaffen
mssen. Das letztere wird nicht schwer seyn; denn sobald man der Komdie, statt
des Lachens und Spottens ber die Regierung und ber einzelne Personen, andere
zu einer ffentlichen angenehmen Volksunterhaltung passende Zwecke gibt, so
lassen sich zwischen der Tragdie des Sophokles und der Komdie des
Aristophanes, zwischen dem Oedipus und Philoktet des erstern, und den Rittern
und der Lysistrata des andern, mehrere Gattungen von Schauspielen denken; und
wenn auch Scherz und Lachen die Hauptwirkung der Komdie bleiben soll, so
braucht sie sich nur, mit Verzichtthuung auf alle persnliche Satyre, auf
sinnreiche und lebhafte Darstellung allgemeiner lcherlicher Charaktere
einzuschrnken, um eine neue Gattung hervorzubringen, welche gewi Beifall
erlangen und vielleicht nicht ohne Nutzen seyn wrde. Ich zweifle nicht, da die
Zeit im Anzug ist, wo Athen, die noch immer in allen Arten von Kunstwerken die
ersten und vollkommensten Muster aufgestellt hat, auch in dieser Gattung den Ton
angeben, und die Scene mit lebendigen Sittengemlden beschenken wird, an welchen
auch unsre Frauen Gefallen finden knnen. Denn in Cyrene sind die Frauen von
Besuchung der Schauspiele nicht ausgeschlossen146 wie bei euch; und die ist ein
wesentlicher Grund mehr, warum unsre Komdie ohne Vergleichung bescheidener und
anstndiger als die eurige seyn mu; ja warum selbst die Tragdie sich
unvermerkt in einen mildern Ton herabstimmen, und, ohne dem Wesentlichen ihres
Charakters zu entsagen, mehr sanfte Rhrungen, se Wehmuth und zrtliches
Mitgefhl als Schrecken, Entsetzen und peinliches Mitleiden zu erregen suchen
wird.
    Da dieser Brief bestimmt ist, dir einen genugthuenden Bericht ber meine
dermalige Lage und Lebensweise zu geben, so erwartest du vermuthlich, da ich
dir auch ein Wort von den staatsbrgerlichen Obliegenheiten sage, durch welche
meine weltbrgerliche Freiheit vielleicht enger eingeschrnkt werden knnte, als
sie in die Lnge zu ertragen geneigt seyn mchte. Zu gutem Glck kommt meiner
politischen Trgheit ein altes Gesetz zu Statten, vermge dessen zwei Brder
niemals weder im Senat noch andern hhern Stellen, zu gleicher Zeit Sitz haben
knnen. Dagegen gibt es mancherlei mehr und weniger bedeutende, mit der innern
Polizei der Stadt beschftigte Aemter und Aemtchen, denen wohlhabende Brger,
wenn die Reihe an sie kommt, sich nicht entziehen drfen, zumal da diese
Ehrenstellen mit keinem Einkommen verbunden und von eingeschrnkter Dauer sind.
- Aemter dieser Art werde ich, ihrer vielfltigen Unannehmlichkeiten ungeachtet,
desto williger bernehmen, da sie, um wohl verwaltet zu werden,
Uneigenntzigkeit, Besonnenheit und Geschicklichkeit die Menschen verstndig zu
behandeln voraussetzen, und andern hierin ein Beispiel zu geben von gutem Nutzen
seyn kann.
    Uebrigens bin ich der Meinung, da in jedem groen oder kleinen Staat ein
Brger aus derjenigen Classe, zu welcher ich in Cyrene gehre, sich um das
Gemeinwesen schon verdient genug mache, wenn er seinem Hause wohl vorsteht,
seine Gter zu verbessern und zu verschnern sucht, Knste und Gewerbe durch
einen nicht unbescheidenen, aber seinem Vermgen angemessenen Aufwand
unterhalten und beleben hilft, und durch eine edle Gastfreiheit seiner Stadt
auch im Auslande Ehre macht.
    Noch ein kleines Verdienst hoffe ich mir um Cyrene dadurch erworben zu
haben, da ich ein zu meinem Gute gehriges Lustwldchen, das mit Schattengngen
und Lauben, und einem Saal mit einer bedeckten Halle versehen ist, den Musen
geheiligt, und zu einer Art von ffentlichem Versammlungsort fr Gelehrte und
Knstler bestimmt habe, wo auch bloe Liebhaber von Wissenschaft und Kunst,
Fremde, und berhaupt alle rechtlichen Leute den Zutritt haben. Die Halle ist
mit Gemlden und Bildsulen, der Saal mit Bcherschrnken versehen, wo keines
der Werke der Griechischen Dichter, Geschichtschreiber und brigen
Schriftsteller, die in einigem Ruf stehen, leicht vermit werden soll. Beide
sind tglich zu gewissen Stunden offen, und einer meiner Hausgenossen ist immer
gegenwrtig, um den Liebhabern die Bcher, worin sie lesen wollen,
hervorzulangen, und wenn der Saal geschlossen wird, wieder an ihren Ort zu
legen. Dieses Museon kostet mich vielleicht den vierten Theil des baaren Geldes,
das mein Oheim mir hinterlassen hat: aber wer mit so weniger Mhe zu einem
betrchtlichen Vermgen kommt, hat, meiner Meinung nach, eine besondere
Obliegenheit auf sich, es auf eine edle und gemeinntzliche Art zu verwenden.
    Auf den Fall, lieber Eurybates, da dir dieser vielleicht allzu weitlufige
Bericht ber einen so wenig bedeutenden Gegenstand, als mein kleines Cyrenisches
Ich ist, etwas lange Weile gemacht haben sollte, ist es nicht mehr als billig,
da ich dich mit einer kurzweiligen Zugabe dafr entschdige.
    Httest du dir wohl einfallen lassen, da der Abderit Onokradias (der zu
unvergelich ist, als da du dich nicht erinnern solltest, ihn mehrmals bei mir
und bei dir selbst gesehen zu haben) meiner Person einen so groen Geschmack
abgewonnen haben knnte, um mich bis in Cyrene aufzusuchen? Das Eigentliche an
der Sache ist: da er, da er jetzt auf seiner groen Reise begriffen ist, und,
von Aegypten aus, den Tempel des Jupiter Ammon besucht hat, nicht umhin konnte
(wie er sagt) einen Abstecher nach Cyrene zu machen, um seinen Freund und Gnner
Aristipp zu besuchen, und ihm seine Dankbarkeit dafr zu bezeugen, da er ihn
zu Athen - seinen Tischgesellschaftern so oft zum Besten gab. Dem sey wie ihm
wolle, genug, an einem schnen Morgen, da ich mich eher alles andern versehen
htte, kommt der hoffnungsvolle Sohn Onolaus des Zweiten auf mich zugerennt, und
erdrckt mich beinahe in seinen Herculischen Armen. Es gab (wie du denken
kannst) eine rhrende Erkennungsscene, die noch rhrender gewesen wre, wenn sie
nicht so nah ans Lcherliche gegrnzt htte. Es versteht sich, da ich ihn
sogleich in mein Haus fhrte, und da von Stund' an eine ewige Gastfreundschaft
zwischen mir und meiner Nachkommenschaft und den edeln Sprlingen des
Onogelastischen Geschlechtes in allen seinen Aesten und Zweigen errichtet wurde.
Der gute Mensch konnte sich, als ich ihn Kleonen vorstellte, nicht genug
verwundern, wie ich zu einer so schnen Frau gekommen sey, und schwur bei Latona
und Jasons goldnem Hammelsfell, da er, wenn ihm ein Mdchen mit so blauen Augen
und so schwarzen Wimpern in den Wurf kommen sollte, sie stehendes Fues
heirathen werde, wenn sie gleich nichts als das Hemd auf dem Leibe htte. - Du
glaubst nicht was fr Glck die genialische Albernheit dieses jungen Abderiten
in Cyrene macht. Er erhlt so viele Einladungen, da er kaum den zehnten Theil
bestreiten kann; und ich glaube wir htten ihn noch lang' am Halse, wenn er die
Geschichte seines Stammvaters Onogelastes und des feigenschmausenden Esels nicht
gar zu oft erzhlen mte. Uebrigens gefall' es ihm (sagt er) in Cyrene so wohl,
da er oft mitten in Abdera zu seyn glaube. Alles was er bei uns sieht, haben
sie in Abdera auch; ein solches Odeon, ein solches Theater, solche Bder, solche
ffentliche Gesellschaftssle; ihr Jasontempel hat sogar noch zwei Sulen auf
der Giebelseite mehr als unser Tempel des Apollo. Nur ihr neues Theater, das mu
er gestehen, ist nicht vllig so schn als das unsrige, und, die Sache rund
herauszusagen, etwas eng und unbequem. Aber das Cyrenische, meint er, mte auch
ohne Vergleichung mehr gekostet haben: das ihrige wre der Republik nicht viel
ber hundertundzwanzig Talente zu stehen gekommen. Man sagte ihm: er htte sich
sehr geirrt; das unsrige koste kaum den dritten Theil dieser Summe; denn wir
htten die Steine dazu aus unsern eigenen Marmorbrchen gezogen. - - Das ist
freilich ein anders, versetzte der Abderit; die Pfeiler und Sulen des unsrigen
sind nur von Backsteinen und wie bunter Marmor angestrichen; aber fr das, was
sie gekostet haben, knnten sie von Jaspis seyn. Ihr wundert euch wie das
mglich war? Es ging ganz natrlich zu. Wir Abderiten haben's nun einmal in der
Art, da wir etwas rasch im Denken und Handeln zu Werke gehen; einem Dinge lange
nachzusinnen, oder es auf alle Seiten herumzukehren, ist unsre Sache nicht. Der
Entwurf wurde gemacht, dem Senat vorgelegt, angenommen, Hand angelegt; alles in
Einem Zug. Wie das Werk nahezu halb fertig war, bemerkte jemand, da es sich auf
der einen Seite senke; die Sache wurde untersucht; es mute ein neuer Grund
gelegt werden. Die bisherige Arbeit war grtentheils vergeblich; aber wir
dankten den Gttern, da der Fehler noch in Zeiten entdeckt worden war, und das
Werk ging wieder hurtig von der Hand. Nach einer Weile kam einem unsrer
Ober-Bauherren ein Gedanke, wie die und jenes zierlicher und geschmackvoller
seyn knnte. Flugs wurde wieder eingerissen und verndert. Aber andre Leute
hatten auch Einflle und Geschmack, und hatten zu Athen und Korinth und Syrakus
und Milet und Samos und Mitylene und allenthalben Theater gesehen, und jeder
wollte das Seinige zu einem Bau, wovon Abdera Ehre haben sollte, beitragen. So
war denn immer etwas zu tadeln und anders zu machen. Bald mute die Orchestra
erhht, bald die Vorbhne erweitert werden; bald war der Raum fr die Chre zu
klein, bald fehlte es an etwas anderm. Die Sulen waren erst Ionisch, und muten
nach Jahr und Tag mit groer Mhe und Arbeit in Korinthische verwandelt werden.
Das alles frderte nun das Werk nicht sonderlich; indessen wer immer zwei
Schritte vorwrts gegen Einen rckwrts macht, kommt zuletzt doch ans Ziel. Kurz
und gut, der Bau wurde fertig, und es war groer Jubel in ganz Abdera, und
anstatt zu klagen da er so viel kostete, thaten sich unsre Brger viel darauf
zu gute; denn (ohne uns zu rhmen) was unsrer Stadt Ehre macht, ist uns nie zu
theuer. Wir hatten fr unsre hundertundzwanzig Talente ein neues Theater, das
sich sehen lassen durfte; nur Schade, da sich's erst bei der Einweihung zeigte,
da die Stufensitze um funfzehn bis zwanzig Ellen hher und weiter htten seyn
sollen; denn wir saen so zusammengedrngt wie die Salzfische in einer
Byzantinischen Tonne. Es kommt nur auf eine kleine Gewohnheit an, sagte der
Nomophylax, der die Oberaufsicht ber den Bau gehabt hatte; und so war es auch:
in kurzem beklagte sich kein Mensch mehr, und wir saen doch nicht bequemer als
das erstemal. - Der ehrliche Onokradias lachte herzlich mit, wie er sah, da
wir uns nicht lnger halten konnten in ein lautes Lachen auszubersten. Es ist
wirklich lustig, fuhr er fort, zumal wenn man bedenkt, wie viele kluge Kpfe zur
Sache zu reden hatten, und wie viele Sitzungen die armen Bauaufseher, in den
sechs Jahren da am Theater gebaut wurde, halten muten! Man kann sich
vorstellen, ob die Herren fleiig genug zusammen kamen, da ber dreihundert
Eimer Thasierwein nach und nach dabei geleert wurden. Denn da die Herren htten
trocken sitzen sollen, war ihnen doch nicht zuzumuthen. Aber freilich, wenn
man's sagen drfte, da liegt eben der Hund begraben! Viele Kche versalzen den
Brei; um sich nicht zu zanken, trinkt man; da wird man denn bald einig, und der
Ausfhrung halber verlt sich einer auf den andern. Wir Abderiten haben das so
in der Art; unser Gemeinwesen ist nie schlechter berathen als wenn wir alle
Einer Meinung sind.
    Die treuherzige Unbefangenheit, womit der ehrliche Abderit sich selbst und
seine Mitbrger auf diese Weise zum Besten gibt, macht da man ihm mit aller
seiner albernen Geschwtzigkeit gut seyn mu; denn er ist die wohlmeinendste
Seele von der Welt. Zu allem Glck ist er reich, und so kann man sich
unbedenklich an ihm belustigen; htte das Glck weniger dafr gesorgt, da er
unsers Mitleidens nicht bedarf, so wr' es grausam ber ihn zu lachen. Er hat
nun in Cyrene die mittgliche Grnze der Griechischen Sprache erreicht, und ist
im Begriff nach Sicilien abzusegeln, von da aus das sdliche Italien zu
bereisen, und dann in seine liebe Vaterstadt zurckzukehren; ungefhr so klug
als er ausgezogen war, aber so reich an Dingen die er gesehen und gehrt hat,
da er seinen Abderiten sechzig Jahre lang genug zu erzhlen haben wird. Er
verlt sich darauf (und ich stehe ihm dafr) da seine Mitbrger groe Freude
an ihm haben werden; denn eine Reise wie die meinige (sagt er) hat, auer dem
nrrischen Philosophen Demokritus, noch kein Abderit gemacht. Sollt' ich ihm in
drei oder vier Olympiaden seinen Besuch zurckgeben, so bin ich gewi, ihn an
der Spitze seiner Republik zu finden; und die Gtter mgen wissen, ob ihre
Sachen darum schlimmer oder besser gehen werden!
    Speusipp schreibt mir: seitdem ich Athen auf immer verlassen zu haben
scheine, spreche sein Oheim Plato in Gesellschaften, wenn meiner gedacht werde,
sehr glimpflich von mir, als von einem feinen Weltmann und angenehmen
Gesellschafter. Aristipp, sagt er, hat sich eine Art von Philosophie gemacht,
womit er sich, wie ich glaube, fr seinen eigenen Gebrauch gut genug behelfen
mag; aber allgemein gemacht wrde sie bse Frchte tragen. - Ist es mit der
seinigen etwa anders? Zum Glck (wenn ja die Gefahr so gro seyn sollte) hat die
Natur selbst dafr gesorgt, da keine von beiden allgemein werden kann. Wre
die aber nicht, so wrde meine Philosophie noch immer den Vorzug haben, da sie
nur durch Miverstand und Mibrauch schdlich werden kann; da hingegen die
seinige geraden Weges zu einer Art von Schwrmerei fhrt, deren natrliche
Folgen, auer seiner Wolkenkuckucksheimischen Republik, allenthalben verderblich
seyn wrden.
    Lebe wohl, mein edler Freund, und lass' dir mein Andenken, und, wofern du es
nthig findest, auch meinen Ruf gegen den Muthwillen eurer witzelnden
Miggnger und Spamacher empfohlen seyn, die von jedem Manne, dessen Name
fters genennt wird, so viele Geheimgeschichtchen zu erzhlen wissen, alles
gesehen haben wollen was er gethan, alles gehrt haben was er gesprochen hat,
und, um die Wahrheit ihrer Mittheilungen unbekmmert, zufrieden sind, wenn sie
nur ihren Platz an den Tafeln der Reichen durch irgend ein lcherliches Mhrchen
oder eine auffallende Albernheit auf Unkosten eines bekannten Namens bezahlen
knnen.

                                      49.



                               Lais an Aristipp.

Wenn du nicht gar zu sehr ber mich lachen wolltest, Aristipp, so htte ich
groe Lust dir einen Traum zu erzhlen, den ich diesen Morgen getrumt habe.
    Du erinnerst dich vielleicht noch der geflgelten Kpfe, von denen einst bei
Gelegenheit des Platonischen Phdons zwischen uns die Rede war. Httest du dir
wohl einfallen lassen, da diese Kpfe nach so vielen Jahren noch in dem
meinigen zu spuken anfangen wrden? Gleichwohl ist es geschehen, und (was ich
wohl zu bemerken bitte) ohne da ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so
seltsamen Trumerei bewut bin. Die Sache ist so sonderbar, da ich mich nicht
erwehren kann ein wenig lcherlich in deinen Augen zu erscheinen, da du doch
natrlicherweise denken mut, ich wrde dir meinen Traum nicht erzhlen, wenn
ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie
auerordentlich er auch seyn mag, bei keiner verstndigen Person haben sollte.
Sey es darum! - Hier ist der meinige mit allen seinen Umstnden, deren ich mich
so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wre.
    Ich befand mich in einem von den anmuthigen, mit unzhligen schnen Bumen
besetzten Lustgrten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen
pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefhlt; mich duchte als
ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wlkchen daher schwimme. Und so war es auch
beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, da ich ein
bloer Kopf mit zwei prchtigen Goldfasanen-Flgeln war. Ohne mich diese
Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen,
als htte ich nie eine andere Art zu seyn gekannt, in dem reizenden Paradiese
umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und
Wohlgerchen einer unendlichen Menge der schnsten Blumen zu ergtzen, die dem
Boden unter meinen Blicken zu entsprieen schienen. Pltzlich sah ich mich von
mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flgelkpfen umringt, die von
allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und ber meinen Anblick ganz entzckt zu
seyn schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich
her, so gro und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in
Westen steht. Einige kamen nher herbei, redeten mich an und thaten ihr
Mglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu
schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Kpfe, ihre Redseligkeit,
das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei
mir geltend zu machen suchte, kurz alle die lcherlichen Gestalten, in welchen
ihre Eitelkeit und Selbstgeflligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich
eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Kpfe aus dem Kreise herbeiflatterten,
und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrngen suchten.
Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach
dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Kpfen
endlich berdrssig, machte ich mich von ihnen los, durchstberte, dich
aufsuchend, alle Gnge und Lauben des Lusthains, und glaubte endlich deinen Kopf
aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es
Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir ber
die Geflligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhre, die bittersten Vorwrfe
machte. Unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine
Grten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingspltze, wo die
Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen
den kleinen Silberbach aus ihrer Urne giet, der sich durch das benachbarte
Myrtenwldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlngelt. Hier werd' ich ihn
unfehlbar finden, dacht' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ich - den
kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, ber welche
(wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den glhenden Essigrosen
herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie
gefhlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte
mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare Hand alle Bilder der
Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange.
Meine Augen unverwandt auf den schnen Schlfer geheftet, flog ich leise und
schchtern nher hinzu, um den sen Athem seiner Purpurlippen einzusaugen, in
Gefhlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als da ich sie dir beschreiben
knnte. Mcht' er doch, dacht' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148
nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestrt anschauen knnte; aber indem ich es
dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zurck, aber mich zu entfernen war mir
unmglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mcke,
ihm gegen ber in der Luft hangen. Welch ein schner Vogel! - rief er, mit
einem schalkhaft lchelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend - der soll
mir nicht entgehen! Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst pltzlich die
Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Fen und flehte ihm so rhrend meiner zu
schonen, da er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zrtlichkeit
betrachtete. Auer mir vor Entzcken flatterte ich mit ausgebreiteten Flgeln an
seinem schnen Busen hinauf. Pltzlich verwandelte er sich in einen
wunderschnen Jngling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er
mich berhufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame
trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn
geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen
Schoo, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen
Flgeln zu ziehen. Ich lie es geschehen, weil ich sah, da es ihm Vergngen
machte; denn was htte ich nicht fr ihn gethan und gelitten? Aber sobald er die
letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flgel aus, und flog lachend
mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdrckt, wollt' ich ihm
nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, und - erwachte,
mit schrecklichem Herzklopfen, an dem ngstlichen Schrei womit ich dem
Fliehenden nachgerufen hatte.
    Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme
ich zu einem solchen Traume? Bin ich aberglubig, wenn ich ihn fr etwas mehr
als ein bloes Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem
guten Genius? Wenn das, was der Flgelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich
gestohlen hat, fr den Sohn Cytherens fhlte, Liebe ist, so hab' ich nie
geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemchtigt habe,
wnsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.
    Aber bin ich nicht eine Thrin, da ich mich von einem Traum beunruhigen
lasse? - Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korinth sahen, sind bereits ber
zwanzig Jahre verflossen - ich habe whrend dieser Zeit die auserlesensten
Jnglinge und Mnner Griechenlands gekannt, habe mit dir, habe mit dem schnen
Arasambes gelebt, und mich immer von dieser heillosen Leidenschaft frei
erhalten; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen? Sollte mich fhig
whnen, dem Alter der Weisheit so nahe, noch zum gemeinen Weibe herabzusinken? -
Nein, Aristipp! Ich kann und will nicht glauben, was uns die Dichter berreden
wollen, da eine Phdra, eine Smyrna149, eine Helena150, im Zorn der Gttin,
wider ihren Willen mit einer unwiderstehlichen Leidenschaft gestraft worden sey!
- Aber freilich, wenn so weise Mnner wie Sokrates und Xenophon auf die Seite
der Dichter treten, und von der Liebe als einer Leidenschaft reden, ber welche
die Vernunft keine Gewalt hat, und von welcher man eben so unversehens wie von
einem Fieber berfallen werden kann, das knnte doch wohl einen Weiberkopf, der
nie auf groe Weisheit Anspruch gemacht hat, ein wenig aus der Fassung bringen?
Ich wei nicht, ob dir Xenophons Cyropdie bereits zu Gesichte gekommen, da es
noch nicht lange ist, da Abschriften davon bei den Bibliopolen zu haben sind.
Auf alle Flle schicke ich dir hier ein Exemplar, das ich von dem besten
Schnschreiber in Korinth fr dich habe abschreiben lassen; denn ich kann das
Vergngen, so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat, nicht
bald genug mit dir theilen. Unglcklicherweise wirst du einen gewissen Araspes
151 darin finden, der ber die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte
wie wir, aber seinen Uebermuth durch eine schreckliche Erfahrung ben mute.
Ich gestehe dir, nicht ohne Schamrthe, da mir beim Lesen dieser Geschichte das
Herz ein wenig pochte, und bald darauf kam mir der verhate Traum!
    Ich bitte dich, Freund Aristipp, beruhige mich wenn du kannst; oder ist dir
irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt, auf dessen Tugend man sich
verlassen kann, so sage mir wo es zu finden ist, und ich gehe selbst es zu
suchen, wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren mte.

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                               Aristipp an Lais.

Dein Traum, schne Freundin, und noch mehr deine Angst vor dem Gedanken, da er
in Erfllung gehen knnte, hat mich nicht wenig belustiget. Wir wollen nichts
verschwren, Laiska! Die Dichter sind die glaubwrdigsten aller Menschen, denn
sie sagen uns ja nichts als was ihnen die Musen eingeben,

- die alles wissen was war, was ist, und was seyn wird.

    Was den schnen Smyrnen, Phdren, Helenen u.s.w. begegnet ist, warum sollt'
es der schnen Lais nicht eben so wohl begegnen knnen? Welche Sterbliche hat
Aphroditens Eifersucht mehr gereizt, Amors Allmacht lnger und verwegener
getrotzt, als die schne Lais? - Auf alle Flle ist es glcklich fr dich, da
du, der Ungnade ungeachtet, worein du bei den Gttern von Paphos gefallen bist,
noch einen Freund unter den Unsterblichen hast, der dir diesen warnenden Traum
zuschickte. Man hat zwar Beispiele, da Trume (sogar eben so sinnreiche und
vielbedeutende wie der deinige) ganz und gar nichts bedeutet haben. Aber
freilich, da dir das alles im Lande der Flgelkpfe begegnete, ist allerdings
ein bedenklicher Umstand; und wenn du nicht (wie es scheint) kurz zuvor, ehe dir
dieser Traum in der ambrosischen Nacht zugeschickt wurde, die Geschichte des
Araspes und der schnen Panthea gelesen httest, wrde ich selbst vielleicht
zweifelhaft seyn, was ich aus ihm machen sollte.
    Aber ernsthaft von einer so ernsthaften Sache zu reden, sollte denn das
Beispiel eines Araspes, der (wie du mir zuversichtlich glauben kannst) auer der
Einbildungskraft des Dichters der Cyropdie nirgends existirt hat, von so
schwerem Gewichte seyn, da es eine so weise, ihrer selbst so mchtige und durch
eine Erfahrenheit von zwanzig Jahren zum ruhigsten Selbstvertrauen so sehr
berechtigte Frau, wie meine Freundin Lais ist, furchtsam machen mte? Nein, bei
Artemis und Pallas Athene! das ist es nicht; ob ich ihm gleich das Verdienst,
leichte, unerfahrne, jugendlich bermthige Flgelkpfe vor Schaden zu warnen,
nicht absprechen will. An solche, wahrlich nicht an unsers gleichen, dachte
Xenophon, da er diese schne Sokratische Episode in sein treffliches Buch
einwebte. Der Kern, der diese Frucht hervorgebracht, ist vermuthlich eine
Erinnerung aus seiner bei dem Attischen Weisen zugebrachten Jugend; denn die
Moral, die er dem Cyrus in den Mund legt, ist die nmliche, womit Sokrates einst
ihm selbst eine heilsame Furcht einzujagen suchte, da er sich gewundert hatte,
wie jener einen bloen Ku, den der junge Kritobulus dem schnen Knaben des
Alcibiades gegeben hatte, fr eine so gefhrliche Sache halten knne, da nichts
Tollkhnes sey, was sich nach einer so vermessenen That nicht von ihm erwarten
lasse. Kurz, Xenophons Araspes und Panthea ist weder mehr noch weniger, als der
Inhalt des bei jener Gelegenheit zwischen ihm und Sokrates vorgefallnen
Gesprchs, zu einer vollstndigen Geschichte ausgebildet. Diese schne Dichtung
ist geschrieben dich zu ergtzen, nicht zu ngstigen; und ich wei dir keinen
bessern Rath, als sie so oft wieder zu lesen, bis du ber deine unnthige Furcht
selber lachen mut. Wahr ist es allerdings, da allzu groe Zuversichtlichkeit
verwegen macht; aber, wenn Verwegenheit uns oft in Gefahr strzt, so hilft sie
uns noch fter aus Gefahren heraus. Der Muthige trotzt der Gefahr und entgeht
ihr; der Feige verliert mit der Kraft des Widerstehens zugleich die Kraft zu
fliehen, und gegen Einen, der durch zu viel Muth umkommt, gehen zwanzig
Furchtsame zu Grunde. Indessen weil auch dem Muthigen Vorsicht geziemt, la uns
annehmen, dein Traum sey das Werk eines warnenden Dmons: wovor warnt er die
Trumerin? Vor einem verkappten Amor, der seiner Psyche die goldnen
Schwingfedern ausrupft, um lachend mit seinem Raube davon zu fliegen. Wohl! du
httest also keine Entschuldigung gegen dich selbst, wenn dir jemals so etwas
begegnete; du bist gewarnt!
    Zwar, wofern die Liebe eine so gewaltsame und unbezwingbare Leidenschaft
wre, wie Xenophons Cyrus behauptet, was sollte die Warnung? Es hiee, dem
Unglcklichen, der von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird,
zurufen: nimm dich vor dem Strudel in Acht! Aber zum guten Glcke bestrmt uns
der furchtbare Tyrann der Gtter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner
ganzen Jnglingsstrke: er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe; und
so lange er die ist, gibt es ein Mittel ihm zu entgehen. Es ist eben nicht das
ehrenvollste; aber es ist sicher, unfehlbar, und berdie wie Xenophons Cyrus
sagt, das einzige. Also, liebe Laiska, sobald dir ein Adonis vor die Augen
kommt, von dem du dich, wie in deinem Traume, mit einem nie zuvor gekannten
Zauber angezogen fhlst, so schliee die Augen, und eile, eile was du kannst -
zu deinen Freunden nach Cyrene. Vermchten wir gleich nicht, dir alles zu
ersetzen, was du zu Korinth und Aegina zurcklassen wrdest, so knntest du doch
schwerlich den allmhlich herannahenden Abend deines schnen und glcklichen
Lebens in besserer Gesellschaft zubringen, als in dem huslichen Cirkel deiner
Freunde Kleonidas und Aristipp, wo du deine Musarion, von kleinen ungefhrlichen
Amorinen umgeben, wieder finden, und dir aus der Schwester unsers Kleonidas eine
neue Freundin machen wrdest. Dein Herz wird dir bei ihrem ersten Anblick sagen,
sie sey werth es zu seyn, und da sie sich beeifert deinen Aristipp glcklich zu
machen, wird ein Verdienst mehr in deinen Augen seyn. Ich gestehe dir, Laiska,
ich bin in diesen meinen Traum verliebt, und wenn der deinige eine so schne
Frucht hervorbrchte, wrde ich glauben, da er dir unmittelbar von der holden
Grazie Pasithea selber zugeschickt worden sey.

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                             Antipater an Aristipp.

Nach einem vierjhrigen Aufenthalt habe ich mich endlich nicht ohne ein
seltsames Gemisch sehr ungleichartiger Gefhle von der herrlichen Athen,
vermuthlich auf immer, losgerissen, um nun auch von den vorzglichsten Stdten
der Pelopsinsel und Siciliens so viel Kundschaft durch mich selbst einzuziehen,
als zu meinem dir bekannten Zweck nthig ist, und als die mancherlei
Verbindungen mir verschaffen knnen, zu welchen ich im Mittelpunkt der ganzen
Hellas so viele Gelegenheit fand. Aber wo werde ich eine Stadt sehen, die jenem
Lieblingssitze Minervens den Vorzug streitig machen knnte? Ich habe Brger aus
beinahe allen Griechischen Stdten kennen gelernt, und keinen gefunden, der ihr
die seinige ohne Schamrthe oder aus einem andern Grunde vorzuziehen vermocht
htte, als dem Zauber, der uns an den Ort fesselt, wo wir das goldne Alter des
Menschenlebens zugebracht haben. Was mu Athen fr den seyn, der das Glck
hatte, in ihrem Schoo aufzublhen? Wie natrlich kommen mir alle jene
weltgepriesenen Thaten vor, die jemals fr eine solche Stadt von ihren Shnen
gethan wurden? - und wenn ich bedenke, was sie erst seyn knnte, wenn sie den
Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu
geblieben wre! - Was sie jetzt noch werden knnte, wenn sie anstatt ihrer
strmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen
lassen, und statt der gefhrlichen Eitelkeit, auf ihre eigenen und der ganzen
Hellas Kosten nach einer Obergewalt, die ihr nie gutwillig zugestanden wird, zu
streben, sich an dem hohen Vorzug begngen wollte, das zu seyn wozu ihr Name
selbst sie bestimmt, der Hauptsitz aller Knste des Friedens und der Musen, das
Muster der schnsten Ausbildung, die Besitzerin der weisesten Gesetze, der
mildesten Regierung, der menschlichsten Sitten, des feinsten Sinnes fr alles
Schne und Groe, der vollkommensten und zierlichsten Sprache, und der
angenehmsten Art des Daseyns zu genieen, kurz, durch Vereinigung alles dessen,
was des Menschen Leben veredelt und verschnert, die erste Stadt der Welt zu
seyn: wer wrde dann nicht das Glck in Athen zu leben allem andern vorziehen,
und die Nothwendigkeit, sie zu verlassen, fr das grte aller Uebel halten? -
Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld, wenn Athen nicht dieses Urbild
einer vollkommenen und glcklichen Republik ist - Aber die Sterblichen scheinen
weder aufgelegt noch geneigt zu seyn, den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu
geben, und unter allen Erdebewohnern die Athener vielleicht am wenigsten.
Indessen, wie sie sind, habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken; und
dieses Gefhl war es auch, was alle brigen verdrngte und verschlang, als ich
von einer Anhhe auf dem Wege nach Eleusis den letzten Blick auf den
hellbesonnten Tempel der Athene Polias heftete.
    Zu Korinth bin ich von deinem Freunde Learch auf die verbindlichste Art
genthiget worden, meine Wohnung in seinem gastfreundlichen Hause zu nehmen. Ich
gedenke ungefhr einen Monat hier zu verweilen, und dann die brigen Stdte
dieses schnen Hauptstckes von Griechenland, das an Merkwrdigkeiten aller Art
so reich ist, der Reihe nach zu besuchen.
    Die schne Lais hat seit einiger Zeit ihre vormalige Lebensweise gnzlich
abgendert. Ihr Haus ist nur noch etlichen ltern Freunden, und keinem Fremden,
der nicht von einem derselben bei ihr eingefhrt wird, offen. Sie erscheint gar
nicht mehr ffentlich, gibt keine groen Gastmahle mehr, und zu den kleinen
Symposien, woran sie einst so viel Belieben fand, werden selten mehr als zwei
oder drei von ihren vertrautern Bekannten eingeladen. Learch scheint dermalen in
vorzglicher Gunst bei ihr zu stehen, und mit ihm und - meinem Freunde Diogenes
habe ich schon einigemal den Abend bei ihr zugebracht. Man spricht viel zu
Korinth von diesem so raschen und sonderbaren Sprung von der hchsten Pracht und
Ueppigkeit einer Asiatischen Satrapin zu einer beinahe misanthropischen
Eingezogenheit, und jedermann sucht sich das Wunder auf seine eigene Weise zu
erklren. Die meisten halten es fr eine traurige Folge des bermigen
Aufwandes, den sie mehrere Jahre lang zu Korinth und Aegina gemacht: nach andern
soll ein gewisser komischer Dichterling, Epikrates von Ambracien, Schuld daran
seyn. Dieser, sagt man, hatte sich lange Zeit alle nur ersinnliche Mhe gegeben,
sich in ihre Gunst einzuschmeicheln, und fiel ihr zuletzt mit seiner
Zudringlichkeit so berlstig, da sie sich, gegen ihre Gewohnheit, die Freiheit
nahm, ihn mit Verachtung abzuweisen; was vermuthlich nicht geschehen wre, wenn
sie die mindeste Ahnung gehabt htte, wie weit eine verboste poetische Wespe die
Rache zu treiben fhig ist. Der wthende Komiker rchte sich an ihr152 durch
eine sogenannte Anti-Lais, die an Bosheit und Bitterkeit selbst die berchtigten
Jamben des Archilochus bertrifft, und wirklich in ihrer Art fr ein
Meisterstck gelten kann. Indessen hat Lais gleichwohl alle Ursache, eben so
gleichgltig bei diesem Schmhgedichte zu seyn, als es Sokrates bei den
Aristophanischen Wolken war: denn das schndliche Zerrbild, das der beleidigte
Witzling von ihr aufgestellt hat, sieht ihr nicht hnlicher, als der
After-Sokrates des Attischen Satyrs dem Sohne des Sophroniskus. Auch habe ich
sie selbst darber ganz unbefangen scherzen gehrt, und in Korinth wenigstens
ist niemand, der, wenn er gleich die Verse mit Vergngen las, von dem Verfasser
nicht mit der grten Verachtung sprche. Ich mte mich sehr irren, oder die
wahre Ursache der Vernderung, die den Korinthiern so seltsam vorkommt, liegt
viel tiefer als sie sich einbilden. Lais ist noch nicht vierzig Jahre alt; ihre
Schnheit ist von der dauerhaftesten Art, und was sie vom Glanz der ersten
Jugendblthe verloren haben kann, wird durch die Kunst des Putztisches so leicht
ersetzt, da ihr niemand, der sie zum erstenmale sieht, ber fnfundzwanzig
geben wird. Eben so leicht wrde es ihr seyn, die Erschpfung ihrer Casse zu
ersetzen, wofern diese der Grund ihrer vernderten Lebensart wre; denn es hinge
noch blo von ihr ab, so viele freigebige Anbeter zu haben als sie wollte. Ich
kenne sie vielleicht noch nicht genug, da ich mir anmaen drfte, sie errathen
zu haben: aber alles was mir, seitdem ich sie zu Aegina tglich zu sehen
Gelegenheit hatte, eine ziemlich ruhige Beobachtung von ihrem Innern verrathen
hat, berzeugt mich, da sie mit sich selbst unzufrieden ist, und wider Willen
gewahr wird, sie habe die Glckseligkeit auf dem unrechten Wege gesucht, aber
von dem einzigen, worauf die Natur selbst ihr Geschlecht leitet, sich schon zu
weit entfernt, als da sie nur daran denken knnte, ihn noch einzuschlagen. Ich
bin gewi, eine innerliche Stimme, die sich weder durch Vernnftelei noch
Zerstreuung beschwichtigen lassen will, nthigt sie, das Loos Musarions und
Kleonens beneidenswerth zu finden, wiewohl ihr Stolz ihr nie erlauben wird es zu
gestehen. Aber da es Augenblicke gibt, worin sie es sich selbst gestehen mu,
und da diese Augenblicke immer hufiger kommen, das ist es vermuthlich, was sie
mit sich selbst in Zwietracht setzt, und ihr zu einer Quelle peinlicher
Empfindungen wird, welche sie wechselsweise bald unter einer reizend
muthwilligen, bald witzelnden, bald philosophirenden Laune zu verbergen sucht,
aber durch die Anstrengung, die es sie zuweilen kostet, nur zu sichtbar macht.
Uebrigens scheint mir auch ohnedie nichts natrlicher, als da sie ihrer
bisherigen Lebensart endlich berdrssig werden mute. Hat sie nicht von allem,
was man auf dem Wege, den sie einschlug, genieen kann, das Hchste bis zur
Uebersttigung genossen? Was bleibt ihr brig? Die Anbetung der Mnner und der
Ha der Weiber kann ihr kein Vergngen mehr machen. Die Tuschungen, wodurch die
Eitelkeit, Unschuld, oder Schwche eines schnen Weibes sich selbst ber das,
was die Mnner Liebe nennen, verblenden kann, hat vermuthlich bei ihr nie
stattgefunden; und das Spiel, das sie so lange mit ihnen getrieben hat, macht
ihr so wenig Kurzweile mehr, als die ewigen Feste und lrmenden Lustbarkeiten,
wo die Freude eben darum immer auszubleiben pflegt, weil sie so laut und
gebieterisch herbeigerufen wird. Ihr prchtiges Haus, ihr zauberischer Landsitz
zu Aegina, die Juwelen und Kostbarkeiten aller Art, womit Arasambes sie
berhufte, ihre Gemlde und Statuen, die Umgebung von einer ganzen Schaar
auserlesener talentvoller Mdchen, die sich in die Wette beeifern ihr Vergngen
zu machen, das alles besitzt sie schon zu lange, als da es noch einigen Reiz
fr sie haben knnte. Die arme Frau hat alles, das Einzige ausgenommen was sie
glcklich htte machen knnen; und die Einzige ist nicht mehr in ihrer Gewalt,
und ist es vielleicht nie gewesen!
    Bei allem dem, solltest du wohl glauben da sie mir in diesem Zustand von
Verstimmung, oder vielmehr in dieser Abstimmung aller Saiten der Laute, die
einst so bezaubernde Harmonien von sich gab, in einem gewissen Sinne
gefhrlicher ist, als vor drei Jahren, da sie noch Vergngen daran fand, auf
ihrem prunkenden Siegeswagen ber die Kpfe und Herzen aller Mnner
wegzurasseln? Ich kann es mir selbst nicht erklren; aber ich halt' es fr
unmglich, da sie in der ersten Blume der Jugend so liebreizend gewesen seyn
knne als jetzt; und (aufrichtig zu reden) wofern sie etwa in den nchsten
zwanzig Tagen, die ich hier noch zuzubringen habe, in die Laune kme meine
Weisheit wieder auf die Probe zu stellen - ich wei nicht - aber wenigstens hab'
ich mich selbst schon mehr als einmal ber dem heimlichen Vorsatz ertappt, ihr
das Vergngen des Sieges nicht sehr theuer zu verkaufen.
    Learch trgt mir auf, ihn in deinem Andenken zu erhalten, und gedenkt es
selbst zu thun, sobald er dir etwas Interessantes zu schreiben haben werde. Die
groe Kunde, die er von der innern Verfassung der Griechischen Staaten, von
ihrer ltern und neuern Geschichte, ihrer Strke und Schwche, und dem
verschiedenen Interesse, worauf ihre dermaligen Verbindungen und Mihelligkeiten
beruhen, besonders die genaue Kenntni, die er von seiner eigenen Vaterstadt
besitzt, macht den Aufenthalt bei ihm um so lehrreicher fr mich, da er ein
Vergngen daran findet, mir so viel davon mitzutheilen als ich zu meinem Zwecke
nthig habe. Er lebt, wie du weit, seiner Abstammung, seiner persnlichen
Vorzge, und seines Reichthums wegen, zu Korinth in groem Ansehen; aber er
liebt die Ruhe, die Knste und den angenehmen Lebensgenu, wozu ihn sein groes
Vermgen berechtigt, zu sehr, um eine bedeutende Rolle unter den Griechen
spielen zu wollen; zumal in dem gegenwrtigen Zeitpunkt, wo man zu Erhaltung des
zweideutigen Friedens, womit der Spartaner Antalcidas die alte Zwietracht der
Shne Deukalions einzuschlfern gesucht hat, durch die mglichste politische
Unthtigkeit noch am meisten beitragen kann.
    Learch besitzt die reichste und auserlesenste Sammlung von Gemlden, die ich
noch gesehen habe. Er hat, beinahe von den Windeln der Kunst an, von jedem
Meister wenigstens Ein Stck aufzuweisen; und von Parrhasius, Zeuxis, Pauson und
Euxenidas mehr als man (wie ich von vielgewanderten Personen gehrt habe) bei
irgend einem Privatmann antrifft. Er ist sehr stolz auf die beiden trefflichen
Stcke von unserm Kleonidas; diese und ein Urtheil des Paris von Timanth, und
die berhmte kleine Leda des Parrhasius (die er durch einen glcklichen Zufall
in seine Gewalt bekommen hat), sind die einzigen, die in einem zierlich
gearbeiteten Schranke verwahrt stehen, und den Liebhabern erst, wenn sie sich an
allem Uebrigen satt gesehen haben, aufgeschlossen werden.
    Wenn es nicht gar zu unartig wre, auf einen Mann, der mir unverdienter
Weise so viel Gutes erzeigt, neidisch zu seyn, so htte ich vermuthlich Ursache
genug dazu; denn es ist mehr als wahrscheinlich, da mein edler Wirth bei der
schnen Lais dermalen den Platz einnimmt, den er durch die geduldigste
Beharrlichkeit mehr als zu wohl verdient hat. Er bringt beinahe alle Abende bei
ihr zu, und man kann das Glck, die dritte oder vierte Person an ihrer kleinen
Tafel zu seyn, nur durch ihn erlangen. Ich werde also wohl meine Weisheit
unversucht von Korinth nach Argos tragen mssen.
    Learch hat sich erboten, deine Briefe an mich zu befrdern, wenn du Zeit und
Neigung haben solltest, mir zu schreiben. Ich gre Kleonen, Musarion und
Kleonidas und bitte sie, meiner eingedenk zu bleiben.

                                      52.



                             Aristipp an Antipater.

Die Gefhle womit du von Athen Abschied nahmst, lieber Antipater, haben mich
sehr lebhaft erinnert, wie mir selbst vor einigen Jahren in ebendemselben Falle
zu Muthe war, und schwerlich wird jemand, der einen langen Aufenthalt in dieser
von so vielen Seiten anziehenden und an sich fesselnden Stadt gehrig zu
benutzen fhig war, sich mit andern Gefhlen auf immer von ihr losreien knnen.
Auch die politischen Betrachtungen, die du mir bei dieser Gelegenheit
mittheilst, stimmen sehr mit meiner ehmaligen Meinung berein. Aber ich habe
seitdem gefunden, da wir uns fast immer irren, wenn wir meinen, die Dinge in
der Welt wrden, wofern sie anders gegangen wren, besser gegangen, oder das
Gute, das uns recht ist, wrde auch ohne das damit verbundene Schlimme, das uns
nicht recht ist, erfolgt seyn.
    Ich zweifle z.B. nicht, da Athen bei der Solonischen Verfassung - wenn sie
unverndert beibehalten worden wre, und nichts von auen ihr Emporkommen
verhindert htte - eine wohlhabende, blhende, auf lange Zeit glckliche Stadt
geworden wre: aber was sie jetzt ist, was wir am meisten an ihr bewundern, was
sie zur einzigen in ihrer Art und zur wahren Hauptstadt der Welt macht, hat sie
durch zwei Mnner von sehr hnlichem Schlage, durch Pisistratus und Perikles
erhalten, und diese htten in der Solonischen Aristo-Demokratie nimmermehr das
Ansehen, die Gewalt und die Mittel erlangen knnen, ohne welche das, was sie zu
Verherrlichung und Verschnerung Athens gethan haben, nicht zu Stande gebracht
werden konnte. Nur auf den Flgeln einer sehr groen Popularitt konnte sich
Pisistratus zur Alleinherrschaft emporschwingen, und trotz alles Widerstands der
brigen Aristokraten bis an seinen Tod darin erhalten; und nur in einer Stadt,
wo die hchste Gewalt in den Hnden der Volksgemeine lag, konnte Perikles durch
seine demagogischen Knste und Talente, indem er sich fr einen bloen Diener
des Volks gab, zwanzig Jahre lang ruhiger und unbeschrnkter regieren als
Pisistratus. Es bedarf, um sich hiervon zu berzeugen, nur einen Blick auf das,
was Athen vor der sogenannten Tyrannie des letztern war, und was es
hundertundzwanzig Jahre spter durch Perikles ward. Als die eigentliche
Staatsverwaltung noch grtentheils in den Hnden der alten Geschlechter lag,
konnten sogar die Megarer den Athenern die Spitze bieten; konnten ihnen den
Besitz der kleinen, beinahe an das Attische Ufer anstoenden Insel Salamin nicht
nur viele Jahre lang streitig machen, sondern sie sogar zu der schmhlichen
Maregel treiben, da sie die Todesstrafe darauf setzten, wenn sich jemand
wieder unterstehen wrde, den Athenern die Wiedereroberung von Salamin
anzurathen. Als hingegen Perikles in dem rein demokratischen Athen alles
vermochte, wuchs diese Republik zusehends zu einer Macht heran, die der ganzen
Hellas und den Persischen Monarchen selbst furchtbar ward; und Alcibiades durfte
ihnen sogar die Eroberung von Sicilien anrathen, ohne da sie eine so miliche
Unternehmung ber ihre Krfte hielten. Erst durch Perikles ward Athen der Sitz
der Knste und der Philosophie, und um es werden zu knnen, muten Umstnde sich
vereinigen, die nur unter diesen Bedingungen zusammentreffen konnten, muten
eine Menge seltner Menschen, die nur unter diesen Umstnden entstehen konnten,
das Ihrige dazu beitragen; - wie du dich leicht berzeugen wirst, wenn du die
Geschichte der letzten achtzig Jahre in dieser Rcksicht unbefangen berdenken
willst. Uebrigens gebe ich zu, da es blo ein glcklicher Zufall war, der dem
demokratischen Athen einen so aufgeklrten und groherzigen Demagogen wie
Perikles gab; und da eben diese Freiheit, welche die natrlichen Anlagen des
Attischen Volkes fr Kunst und Wissenschaft so mchtig in die Hhe trieb, auch
alle seine Unarten und Untugenden entwickelte, alle seine Leidenschaften
entfesselte, und indem sie seiner Eitelkeit, Herrschbegier und Habsucht eine
unabsehbare Rennbahn ffnete, die erste Ursache seiner Verderbni, seiner theuer
bezahlten Thorheiten und seines fortwhrenden Sinkens wurde. Die Hhe, auf
welche Perikles seine Republik erhob, machte sie schwindlicht; sie taumelte,
sank und fiel, und wird nicht aufhren zu fallen, bis sie, mit allen ihren
dermaligen Nebenbuhlerinnen, ihre politische Selbststndigkeit gnzlich verloren
haben wird. Nicht wenn die Athener nach der Obergewalt zu streben aufhren
werden153, sondern wenn sie aufhren mssen, weil von dieser Seite nichts mehr
zu erstreben seyn wird, mit Einem Worte, wenn die stolze Knigin der Stdte zu
einer Municipalstadt irgend eines groen Reichs, das vielleicht jetzt schon im
Werden ist, herabgekommen seyn wird, nur dann wird dein frommer Wunsch in
Erfllung gehen. Sie wird den Vlkern der Erde durch das, was sie ehmals war,
immer ehrwrdig bleiben; ihre Ruhmbegierde, sobald sie ihren dermaligen
Ansprchen auf ewig entsagen mu, wird eine andere und fr sie selbst
wohlthtigere Richtung nehmen; sie wird die erste Schule der Wissenschaften, des
Geschmacks und der feinern Sitten, der allgemeine Tempel der Musen und Grazien
fr alle Nationen seyn, und seine Bewohner werden im Schoo der goldnen
Mittelmigkeit und Gengsamkeit eines unbeneideten Glcks genieen, fr welches
ihre Vorfahren zur Zeit ihres hchsten Glanzes keine Empfnglichkeit hatten, und
woran sie sich auch nicht htten gengen lassen, so lange sie sich noch mit der
Mglichkeit schmeichelten, das Ziel ihrer ungezgelten Wnsche erringen zu
knnen.
    Es klingt vielleicht seltsam, aber meinem Begriff nach hat es mit der
schnen und stolzen Lais so ziemlich eben dieselbe Bewandtni wie mit der
schnen und stolzen Athen. Du glaubst Lais habe ihre Bestimmung verfehlt; sie
fhle nun, da es zu spt sey, da ein liebenswrdiges Weib nach keinem hheren
Ziel trachten sollte als das husliche Glck eines einzigen Mannes zu machen,
und dieses ihr wider Willen sich aufdringende Gefhl sey die wahre Ursache des
geheimen Mimuths, den sie vergebens zu bekmpfen suche. Es ist sehr mglich,
da ihr in ihrer dermaligen Verstimmung (wie du ihren Zustand sehr treffend
bezeichnest) dergleichen Gedanken zuweilen durch den Kopf laufen: aber sie hat
einen zu hellen Blick und ein zu lebhaftes Selbstgefhl, um sich nicht bewut zu
seyn, da sie niemals eine Hausfrau wie Musarion und Kleone abgegeben htte. Und
gesetzt, sie htte sich die Pflicht auferlegt das Glck eines Einzigen zu
machen, so wrde sie gewesen seyn was tausend andere sind; die Welt htte nichts
von ihr gewut, und sie htte nicht Europen und Asien mit ihrem Ruf erfllt; die
Knstler htten sich nicht in die Wette beeifert, sie zum Modell ihrer schnsten
Werke nehmen zu drfen, ihr Bild wre nicht, in so manchem Tempel aufgestellt,
ein Gegenstand der ffentlichen Anbetung geworden; kein Neffe des Knigs von
Persien htte seine Schtze fr sie verschwendet, und kein Aspendier den
Verstand durch sie verloren und wieder bekommen. Und was htte nun die in ihr
Frauengemach und ihre Kinderstube eingeschlossene, und in die Gesellschaft ihres
Mannes und ihrer Verwandten gebannte Matrone Lais mit der berschwnglichen
Lebhaftigkeit des Geistes, und der ppigen Einbildungskraft und dem reizend
muthwilligen Witz, und mit allen den unerschpflichen Gaben und Knsten zu
gefallen und zu bezaubern, worin die Hetre Lais nicht ihresgleichen hat,
anfangen sollen? Oder vielmehr, htte sie wohl auf einem andern Wege, als den
sie gegangen ist, zu dieser vollendeten Ausbildung und hchsten Verfeinerung
aller ihrer Naturgaben gelangen knnen? und wr' es nicht Schade, wenn sie nicht
dazu gelangt wre? Wahrlich nur auf diesem Wege konnte sie werden was sie ist,
die einzige in ihrer Art, die liebenswrdigste und vollkommenste, so wie die
schnste und reizendste, aller - Hetren; denn sie mit irgend einer Matrone
vergleichen zu wollen, wre gegen beide gleich ungerecht. Verlangen da sie
etwas anderes, wenn gleich in gewissem Sinne Besseres, htte werden sollen, ist
so viel als verlangen, Lais sollte gar nicht gewesen seyn; etwas, das wenigstens
sie selbst niemals im Ernste wnschen kann. - Aber sie fhlt sich nicht
glcklich! - Das ist nun einmal das Loos aller, die nach dem Hchsten trachten,
was ihnen ein grnzenloser Stolz zum Ziel versteckt; denn ber lang oder kurz
kommt eine Zeit, wo sie fhlen, da sie das nicht erreicht haben wornach sie
trachteten. Aber ohne diesen Stolz wre sie auch mit allen ihren angebornen
Reizen und Vorzgen nur ein gewhnliches Weib geblieben. Wer Honig haben will,
mu auch Bienen haben, sagt das Sprchwort. Uebrigens hat sich wohl niemand
weniger ber das Ma von Glckseligkeit, das ihm zu Theil ward, zu beklagen als
Lais; denn ich zweifle sehr, da jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad
von Selbstgefhl und Selbstgenu gelangt sey als sie. Wurden nicht zwanzig Jahre
lang alle ihre Wnsche in vollestem Mae befriediget? Oder meinst du sie habe
sich nicht sehr glcklich gefhlt, als sie sich berall wie die sichtbar
erschienene Liebesgttin angestaunt und angebetet sah, als alle Mnner zu ihren
Fen lagen, und sie, ohne die mindeste Gefahr fr sich selbst, mit Amors Bogen
und Pfeilen das muthwilligste Spiel treiben konnte? Da sie dessen endlich
berdrssig werden mute; da von allem, was das Glck ihr so verschwenderisch
zugeworfen, ihr nichts mehr Vergngen zu machen scheint; da sie nichts Neues
mehr zu genieen sieht, nachdem sie alles, wofr sie Empfnglichkeit hat, im
hchsten Grad und Ma schon so lange genossen hat, - alles die ist zu
natrlich, als da sie verlangen drfte, es sollte anders seyn. Auf Vollgenu
folgt Sttigung, auf Ueberfllung Ekel. Vor dem letztern hat sie sich immer
klglich zu hten gewut; jener hilft Enthaltung ab. Im schlimmsten Fall mte
sie nun von der Erinnerung zehren; und ist auch die nicht am Ende das gemeine
Loos der Menschheit?
    Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung, die
ich mit ihr zu Aegina hatte, da sie, wie der junge Hercules des Prodikus, auf
dem Scheideweg zu stehen schien, und von mir verlangte, da ich ihr rathen
sollte. Ich konnte deutlich genug sehen da sie schon entschieden war, und rieth
ihr also, zu thun was sie nicht lassen knne. Das Ideal eines Weibes, wie noch
keines gewesen war, und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt,
schwebte ihr so reizend vor der Stirne, da sie dem Verlangen nicht widerstehen
konnte, es in ihrer Person darzustellen. In kurzem hatte sie sich dermaen
darein verliebt, da Sokrates selbst, als sie sich (unerkannt, wie sie glaubte)
unter dem alten Oelbaum der Athene Polias mit ihm unterhielt, aller seiner
Ueberredungskunst vergebens aufbot, ihr ein anderes hheres Ideal an dessen
Stelle in die Seele zu spielen. Sie fhlte sich geboren Lais zu seyn, wie sich
einer zum Maler oder Fltenspieler, zum Dichter oder Heerfhrer geboren fhlt;
und wenn man das, wozu eine Person alle mglichen Anlagen, die entschiedenste
Lust und die grten Aufmunterungen von auen hat, - das, was sie am besten
kann, was ihr am besten ansteht, und worin sie von niemand bertroffen wird,
wenn man das ihre natrliche Bestimmung nennen kann, so sehe ich nicht, wie wir
der schnen Lais absprechen knnen, die ihrige bisher erfllt zu haben.
Ueberhaupt ist es immer schwer, fters milich und nicht selten unmglich,
einzelnen Personen, die ber den Weg, den sie im Leben einschlagen sollen, noch
ungewi sind, mit Zuverlssigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sey. Die Natur
schickt uns, wie es scheint, mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt, und
was daraus werden soll, hngt grtentheils von uerlichen Umstnden ab, ber
welche wir, in den Jahren wo ihr Einflu gerade am meisten entscheidet, die
wenigste Gewalt haben. Indessen wrde doch, glaube ich, ein Gott, der das ganze,
uns unsichtbare Gewebe der innern Anlagen eines Menschen zu durchschauen
vermchte, das, wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen, unfehlbar
entdecken; denn in der Natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes. Je lebendiger
also das Selbstgefhl bei einer Person ist, desto mehr ist zu vermuthen, da
sie, wenn die uern Umstnde ihr vllige Freiheit lassen, sich selbst fr
diejenige Lebensweise bestimmen werde, zu welcher sie durch ihre ganze
Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist. War die nicht ganz
eigentlich der Fall mit Lais? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl
durch die Umstnde nicht nur nicht abgehalten, sondern im Gegentheil sehr
verfhrerisch eingeladen keinen andern zu gehen. Die Art der Erziehung, welche
sie, von ihrem achten Jahre an, im Hause des reichen und wollstigen Leontides
erhielt, dessen Liebling sie war, und von welchem sie auf alle mgliche Weise
verzrtelt wurde, - das Bewutseyn der seltensten Naturgaben, - eine frhzeitige
Unabhngigkeit und die glnzenden Glcksumstnde, worin ihr erster
pflegevterlicher Liebhaber sie hinterlie, - wie vieles kam nicht zusammen, um
ihr einen Stolz einzuflen, der sich mit den gewhnlichen Einschrnkungen ihres
Geschlechtes nicht vertragen konnte, und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem
sittlichen Zartgefhl, womit die Natur sie beschenkt hatte, das vorhin erwhnte
Ideal in ihr zu erzeugen, dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken
mute, da sie sich im Bewutseyn ihrer angebornen Kaltbltigkeit zutraute, den
auerordentlichen Charakter, worin sie in der Welt auftreten wollte, immer
behaupten zu knnen. Wie schmeichelhaft mute ihr der Gedanke seyn, alle
Vortheile der vollstndigsten Freiheit mit der gehrigen Achtung gegen sich
selbst, und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten
Gleichgltigkeit gegen alle Arten von mnnlicher Versuchung zu verbinden; die
ganze Welt in Flammen zu setzen, whrend sie selbst, gleich den Feuergeistern
der Persischen Mythologie, unverletzt in diesen Flammen, als in ihrem Elemente,
lebte; kurz, mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten
einer Hetre, dem groen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu
gebieten, und in den Augen derer, die ihres nhern Umgangs genossen, eine
Achtung zu verdienen, die der Weise selbst der Schnheit nicht versagen kann,
wenn sie sich nie anders, als von allen sittlichen Grazien geschmckt und
umgeben, sehen lt! - Da dieses hohe und wahrscheinlich jeder andern
unerreichbare Ideal auch fr sie zu hoch stand, wer knnte ihr die zum Vorwurf
machen? Wenn hier etwas zu tadeln ist, so ist es, da sie sich die
Geschicklichkeit zutraute, ihr ganzes Leben durch, so zu sagen, auf einem
Spinnefaden fortzutanzen, ohne jemals aus dem Gleichgewicht zu kommen. Denn mit
einer leichtern Kunst wte ich die Weisheit der Schnen nicht zu vergleichen,
welche nie von der gefhrlichen Linie abglitschte, auf der sie sich, im
Aufstreben nach einem solchen Ideal, unverwandt bewegen mte. Uebrigens knnen
und wollen wir uns nicht verbergen, da sie (wie es zu gehen pflegt, wenn man
einmal zu glitschen angefangen hat) unvermerkt weiter von ihrem Ziele abgekommen
ist als sie wohl anfangs fr mglich hielt. Vielleicht ist gerade das erwachte
lebhaftere Gefhl der Mitne in der schnen Melodie ihres Lebens die wahre
Ursache dieser Abstimmung, die du an ihr bemerkt hast. Wenn die, wie ich hoffe,
der Fall ist, so mchte ich ihr dazu Glck wnschen. Denn die Scham vor unserm
bessern Selbst ist bei edlern Naturen das wirksamste Mittel das gehemmte innere
Leben wieder frei zu machen; und die Eingezogenheit, wozu sie sich, mit
Verachtung der schiefen Urtheile der Welt, zu entschlieen den Muth hatte, kann
ihrer Wiederherstellung nicht anders als befrderlich seyn. Ein Freund wie
Learch ist in dieser Lage wahres Bedrfni fr sie; aber auch alles, was sie
bedarf; und, so wie ich sie kenne, wrde ein Versuch, ihr Einverstndni mit ihm
stren zu wollen (wofern du eines solchen Gedanken auch fhig wrest), nie zur
ungelegenern Zeit gemacht werden knnen als jetzt, da sie der Achtung und des
Zutrauens eines solchen Mannes nthig hat, um sich wieder mit sich selbst
auszushnen.
    Lebe wohl, lieber Antipater. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie angenehm
uns deine Briefe immer seyn werden, und mit wie vielem Vergngen deine hiesigen
Freunde den Zeitpunkt deiner Wiederkunft nher rcken sehen.

                                      53.



                              Learch an Aristipp.

Der Antheil, den du, mit Kleonidas und Musarion, vermuthlich nie aufhren wirst
an den Schicksalen der schnen Lais zu nehmen, macht es mir als einem
gemeinschaftlichen Freunde zur Pflicht, euch von ihrer dermaligen Lage
ausfhrlich zu unterrichten, da euch vielleicht Gerchte oder Nachrichten aus
minder lautern Quellen zukommen mchten, die euch ihrentwegen mehr beunruhigen
knnten, als, vor der Hand wenigstens, nthig seyn mchte. Du kennst sie zu gut,
lieber Aristipp, um dich nach diesem Eingang nicht auf einen von den
wunderlichen Streichen gefat zu halten, deren ihre Phantasie und Laune ihr
schon mehrere gespielt haben: aber des Abenteuers, worin sie dermalen verwickelt
ist, drftest du dich doch schwerlich versehen haben. Ich will euch mit keinem
langen Vorbericht aufhalten; aber der Vollstndigkeit wegen werde ich dennoch
etwas weit ausholen mssen, und nicht vermeiden knnen, des Antheils, den ich
selbst an dieser Geschichte habe, umstndliche Erwhnung zu thun.
    Antipater hat dir schon vor geraumer Zeit von der Vernderung Nachricht
gegeben, welche sie bald nach ihrer Zurckkunft aus Thessalien in ihrer
Lebensweise vorzunehmen nthig fand. Es wurde in und auerhalb Korinth viel
Schiefes darber geschwatzt, vermuthet und gefabelt: das Wahre ist, da diese
Vernderung nicht pltzlich sondern stufenweise vorging, und da die immer
zunehmende Menge und die unbescheidene Zudringlichkeit ihrer ffentlich
erklrten Liebhaber diese Maregel schlechterdings nthig machte. Unter jenen
Beschwerlichen befanden sich mehrere Auswrtige, welche die Reise nach Korinth
nicht vergebens gemacht haben wollten, da sie blo der schnen Lais wegen
gekommen waren. Ueberhaupt schienen die Herren durch die letzte Wanderung unsrer
Freundin sich berechtigt zu glauben, ihren Ansprchen einen Nachdruck zu geben,
der dem Stolz und dem Zartgefhl einer Frau von so seltnen Vorzgen gleich
anstig seyn mute. Die Reichsten (meist Einheimische) glaubten sich durch die
prchtigen Feste, die sie ihr gaben, ein Recht an ihre Dankbarkeit zu erwerben.
Andere hingegen spielten geradezu die Freier der Penelope, und nahmen von ihrem
nur allzu gastfreien Hause Besitz, als ob sie immer da zu bleiben gedchten; in
Hoffnung, sie werde sich durch die unverschmte Art, wie sie darin schalteten,
genthiget sehen, sich desto blder mit ihnen abzufinden. Die Sache hrte in der
That bald genug auf kurzweilig fr sie zu seyn; wie sie aber gewohnt ist alles
mit guter Art zu thun, so fing sie damit an, sich den Festen und Aufwartungen
meiner Korinthischen Mitbrder nach und nach zu entziehen, und immer seltener
groe Gastmahle in ihrem eigenen Hause zu geben. Die Fremden, welche auf
allerlei Wegen Mittel gefunden hatten Empfehlungen an sie zu erhalten, wurden
zwar noch immerfort aufs beste bewirthet; aber sie selbst erschien, unter
mancherlei Entschuldigungen, selten bei Tische und im Gesellschaftssale, und
wurde zuletzt, einer vorgeblichen Unplichkeit wegen, gnzlich unsichtbar: und
weil die Herren auf den Einfall kommen konnten, die Freier der Penelopeia auch
in den Entschdigungen, welche diese sich zu verschaffen wuten, nachzuahmen, so
wurde allen ihren Gesellschafterinnen und Sklavinnen aufs schrfste untersagt,
sich vor keinem von ihnen sehen zu lassen, geschweige das Geringste zu ihrer
Unterhaltung beizutragen. Dieses Mittel konnte seine Wirkung nicht verfehlen;
und da sie sich vollends auf einige Zeit Geschfte halber von Korinth entfernte,
so muten die Beschwerlichen endlich das Feld rumen, und Lais war nun nach
ihrer Zurckkunft fr niemand mehr zu Hause, als fr etliche Freunde vom engeren
Ausschu, die durch einige persnliche Eigenschaften und ein gehriges Betragen
diese Unterscheidung verdienten.
    Ich glaube nicht da Lais einen ltern Bekannten hat als mich. Die vertraute
Freundschaft, welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt
hatte, gab mir schon in meiner frhen Jugend Gelegenheit, im Hause des letztern
ein- und auszugehen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, die kleine Lais als
ein Mdchen von eilf oder zwlf Jahren gesehen zu haben. Der Alte fand groes
Vergngen daran, seinen kleinen Liebling loben zu hren, und seine Freunde zu
Zeugen der auerordentlichen Anlagen zu machen, die sie in der Musik und
Tanzkunst zeigte. Ich hatte damals etwa achtzehn Jahre, und natrlich konnte mir
das schnste Mdchen, das ich noch gesehen hatte, nicht gleichgltig seyn; aber
die angenehmen Eindrcke die sie auf mich machte, streiften nur leicht an mir
hin; ich wute da Laiska nicht mein seyn konnte; es fehlte nicht an hbschen
Mdchen in Korinth; berdie war ich keiner von denen, die sich einbilden, sie
mssen alles Schne, was ihnen zu Gesichte kommt, haben, es koste was es wolle;
und es gab viele Dinge, die mir noch lieber waren als ein hbsches Mdchen. Eine
Abwesenheit von mehreren Jahren brachte mir den kleinen Abgott des alten
Leontides gnzlich aus dem Sinne. Als ich nach Korinth zurckkam, fand ich sie
auf dem Punkt ihrer schnsten Blthe, im Besitz der reichen Erbschaft ihres
Patrons und einer gnzlichen Unabhngigkeit, von einer Menge Freier und Anbeter
umgeben, mit denen sie sich auf einen solchen Fu setzte, da keiner ohne alle
Hoffnung war, wenige sich eines merklichen Vorzugs, und niemand dessen, wornach
sie alle trachteten, zu rhmen hatte.
    Keinen Zutritt im Hause der schnen Lais zu haben, wurde damals in Korinth
fr ein unzweifelhaftes Zeichen eines schlecht erzogenen und von allen Grazien
verabsumten Menschen angesehen. Ich unterlie also nicht, von der allgemeinen
Freiheit, die sie allen meinesgleichen zugestanden hatte, Gebrauch zu machen,
zumal da ich nirgends bessere Gesellschaft, und mehr Gelegenheit mit
interessanten Fremden bekannt zu werden, finden konnte als in ihrem Hause. Lais,
die ihre eigentlichen Liebhaber so ziemlich auf dem nmlichen Fu behandelte,
wie andere Schnen ihre Schohndchen, Katzen, Wachteln und Sperlinge,
ermangelte nicht diejenigen zu unterscheiden, deren Anhnglichkeit an sie mehr
auf die seltnen Vorzge ihres Geistes, als auf bel verhehlte Ansprche an ihre
Schnheit, gegrndet war; und da ich das Glck hatte einer von jenen zu seyn, so
fand sich unvermerkt, da ich mich unter die wenigen zhlen durfte, denen sie
eine schmeichelhafte Art von Achtung dadurch bewies, da sie von ihren
huslichen Angelegenheiten mit ihnen sprach, sie mit kleinen Auftrgen beehrte,
und bei wichtigern Vorfallenheiten sich ihres Rathes oder ihrer Dienste
bediente. Die, Freund Aristipp, war ungefhr das Verhltni, worin ich mit der
schnen Lais stand, bis sie Milet zu ihrem Aufenthalt whlte, und dort mit dem
vornehmen Perser bekannt wurde, der (wenn ich nicht irre) nach dir selbst der
erste war, der sich ihres Besitzes rhmen konnte; mit dem kleinen Unterschied,
da du sie besaest, er hingegen von ihr besessen war154. Nach ihrer Zurckkunft
von Sardes lebte sie eine Zeit lang mit dem Prunk einer morgenlndischen Frstin
unter uns; und whrend sich jedermann zudrngte ihren Hof vergrern zu helfen,
hielt ich mich so lange in geziemender Entfernung, bis sie fr gut fand, sich
allmhlich wieder auf einen bescheidenern Fu zu setzen. Ohne den groen
Gesellschaften gnzlich zu entsagen, oder ihr Haus vor irgend jemand zu
verschlieen, der sich berechtigt halten durfte jedes gute Haus offen zu finden,
lebte sie jetzt am liebsten mit einer kleinen Zahl auserlesener und vertrauter
Personen, und unter diesen fand dann auch dein Freund Learch seinen alten Platz
wieder. Ich mu gestehen, da bei dieser Erneuerung unsrer alten Verhltnisse
auf meiner Seite unvermerkt einige Vernderung vorging. Mir war als htte ich
die schne Lais, sogar in ihrer hchsten Blthe selbst, nie so unwiderstehlich
reizend und liebenswrdig gesehen als jetzt, und der Wunsch, ihr mehr zu seyn
als andere, ward immer lebhafter: aber Euphranor hatte sich durch seine Kunst
Verdienste um sie gemacht, und ich war zu sehr sein Freund, um ihm den Vorzug,
den sie ihm zu geben schien, zu mignnen.
    Inzwischen warest du von deiner langen Wanderschaft nach Athen
zurckgekommen. Sie begab sich, nach dem bekannten Abenteuer mit dem jungen
Aspendier, auf ihr Gut zu Aegina, wo sie einen Besuch von dir erwartete, und
wohin ich, wiewohl eingeladen, ihr nicht eher folgen wollte, als ich fr nthig
hielt, um dich noch ein paar Tage dort zu sehen. Aber du hattest dich bereits
wieder entfernt, und ich glaubte eine Vernderung an Lais wahrzunehmen, die ich
mir nicht erklren konnte, bis ihre Vertraute (die schon lange auch die meinige
ist) mir den Schlssel zu dem Rthsel gab. Es brauchte also nichts als einen
einzigen jungen Menschen, - der (wie er mir in der Folge selbst gestand) mehr
aus Schchternheit und Eigensinn, als aus einem mchtigen Drang den Hippolytus
mit ihr zu machen155, sich bei einer hartnckigen Gleichgltigkeit gegen ihre
Reizungen zu erhalten wute, - es bedurfte nichts als diese kleine Demthigung,
um ihrer gekrnkten Eitelkeit eine unumschrnkte Gewalt ber die bessere Seele
zu verschaffen! Mit einem kaum verhehlbaren Unwillen war ich ein Augenzeuge der
Thorheiten, wozu sie sich erniedrigte; und sie sank damals beinahe noch tiefer
in meinen Augen, indem sie in den Anbetern, mit welchen sie sich umringt hatte,
durch alle nur ersinnlichen Hetrenknste eine Leidenschaft zu entznden suchte,
welche sie nicht zu erwiedern gesonnen war, als wenn sie sich, wie eine gemeine
Priesterin der Pandemos, einem nach dem andern Preis gegeben htte.
    In dieser Stimmung war ich nicht sehr aufgelegt, ihr Abenteuer mit dem
Thessalier in dem mildesten Lichte zu betrachten, wie der Ton, worin ich dir
darber schrieb, nur zu sehr verrathen haben wird. Da sie aber durch ihren
letzten Aufenthalt in Aegina und die Thessalische Reise auch in der ffentlichen
Meinung gesunken war, zeigte sich nach ihrer Wiederkunft, in der Art, wie unsre
jungen Leute bei Erneuerung ihrer Bewerbungen zu Werke gingen. Sie konnte bald
genug gewahr werden, da man es als etwas Ausgemachtes voraussetze: nachdem sie
dem Neffen des Darius einen Thessalischen Centaurensohn zum Nachfolger gegeben,
drfe sich jeder hellumschiente Acher ohne Uebermuth berechtigt halten,
Ansprche an die Gunst einer Schnen zu machen, deren eigentliche Classe keinem
Zweifel mehr unterworfen sey. Du kannst dir vorstellen, wie empfindlich ihr
Stolz sich durch diese Wahrnehmung gekrnkt fhlen mute. Gleichwohl hielt sie
noch eine Zeit lang Stand, in Hoffnung durch ein gewisses vornehmes
Ansichhalten, und eine vllige Gleichheit ihres Betragens gegen alle ihre
Liebhaber, die Sachen wieder auf den alten Fu zu setzen. Als aber die Abnahme
der hohen Achtung, an welche sie schon so lange gewhnt war, tglich sichtbarer
ward, blieb ihr kein anderer Ausweg, als sich auf die bereits erwhnte Art aus
der Gesellschaft zurckzuziehen; eine Manehmung, worber zwar anfangs ganz
Korinth in Aufruhr gerieth, die man aber, da Lais von allem, was ber sie
geschwatzt, gewitzelt und geverselt wurde, keine Kunde nahm und fest bei ihrem
neuen Lebensplan beharrete, sich endlich gefallen lassen mute, und deren man
bereits so gewohnt ist, da von der weltberhmten Lais vielleicht nirgends
weniger die Rede ist als zu Korinth, wo sie lebt, aber schon seit mehr als Einem
Jahre, auer dem Bezirk ihres Hauses und seiner Grten, nirgends, und auch dort
nur fr wenige sichtbar ist.
    Ich gestehe dir unverhohlen, lieber Aristipp, da ich seit diesem Rckzug,
mit dessen Beweggrunde ich es nicht gar zu genau nehmen mchte, mich nicht
erwehren konnte, sie immer weniger schuldig zu finden, je mehr ich bedachte, wie
wunderbar die Natur ihre Fehler mit dem, was das Liebenswrdigste an ihr ist,
verwebt hat, und wie verzeihlich es berdie seyn sollte, da ein so lange von
aller Welt vergttertes Weib von dem vielen Weihrauch endlich schwindlicht ward,
und in der Meinung, da man ihr auch die Privilegien einer Gttin zugestehen
werde, sich mehr herausnahm, als einer Sterblichen, die auf Achtung Anspruch
macht, geziemt. Diese Betrachtungen bewogen mich, seit der Zeit, da sich beinahe
ganz Korinth gegen sie erklrt hat, ihre Partei wieder mit aller Wrme eines
alten Freundes zu nehmen. Was die natrliche Folge davon war, kannst du leicht
errathen, und wirst hoffentlich nicht mehr als billig finden, da dein Freund
Learch eine Zeit lang der einzige Korinthier war, der das Vorrecht eines freien
Zutritts bei ihr mit Euphranorn und dem Arzt Praxagoras (der sich vor kurzem bei
uns niedergelassen hat) und mit dem kurzweiligen Sohn des Momus und der Penia,
Diogenes von Sinope, nicht nur theilte, sondern vielleicht noch etwas voraus
hatte, was ihre Dankbarkeit seiner so lange und vielfach bewhrten Freundschaft
nicht lnger vorenthalten konnte.
    Aber hre nun auch, was uns der Gtter und Menschen beherrschende Dmon Eros
unversehens fr einen verzweifelten Streich gespielt hat!
    Vor ungefhr einem Monat lt sich in meinem und Euphranors Beiseyn ein
fremder Sklavenhndler bei Lais melden, und bietet ihr einen jungen Sklaven zum
Verkauf an, den er (seinem Vorgeben nach) als Kind von Seerubern gekauft und
mit betrchtlichen Kosten so erzogen habe, da man weit und breit wenige
seinesgleichen finden werde. Der Mann machte so viel Rhmens von der Gestalt und
Wohlerzogenheit seines Sklaven, und von seiner Geschicklichkeit im Vorlesen,
Abschreiben, Rechnen und in der Musik, da wir Lust bekamen, seine Waare in
Augenschein zu nehmen. Dorylas (so nannte er den Sklaven) wurde also vorgefhrt.
Lais stutzte, glaube ich, nicht weniger als wir beide, da wir einen schlanken,
zierlich gewachs'nen Jngling mit einer edlen Gesichtsbildung, groen funkelnden
Augen und goldgelbem dichtgelocktem Haupthaar, vor uns sahen, etwas brunlich
aber frisch und rosig von Farbe, kurz, einen jungen Menschen von neunzehn oder
zwanzig Jahren, den Euphranor auf der Stelle zum Modell eines von den Mantineern
bei ihm bestellten Hermes erwhlte. Der junge Mensch schien beim Anblick seiner
knftigen Gebieterin nicht weniger betroffen, als wir bei dem seinigen, und
machte (unfreiwillig oder absichtlich) eine Bewegung, wie einer der unversehens
von einem Blick in die Sonne geblendet wird. Ich beobachtete ihn von diesem
Augenblick an scharf, und konnte mich kaum erwehren, den ganzen Handel
verdchtig zu finden. Du nennst dich Dorylas? fragte ihn Lais, mit einem Blick,
der mir hnliche Zweifel zu verrathen schien. Er bejahete es mit sittsam
niedergeschlagenen Augen. - Woher bist du gebrtig? - Ich wei es nicht; meine
Erinnerungen reichen nicht so weit zurck. Ich war noch Kind, als ich meinen
Eltern geraubt wurde. - Du bist im Vorlesen gebt? - Wenigstens hatte ich
einen berhmten Lehrmeister. - Und dieser Mann hier hat dich erzogen? - Ich
kaufte ihn (fiel der Sklavenhndler ein) blo in der Absicht, ihn, wenn er
erwachsen und gehrig ausgebildet seyn wrde, mit einem ansehnlichen Gewinn an
irgend eine Herrschaft, die einen solchen Sklaven zu schtzen wte, wieder zu
verhandeln. - Was forderst du fr ihn? fragte Lais mit ihrer gewhnlichen
Raschheit. - Einen sehr migen Preis in Betracht dessen was er werth ist; nicht
mehr als dreitausend Drachmen: aber davon geht auch kein Triobolon ab. - Der
Handel wurde auf der Stelle geschlossen, der Verkufer ausgezahlt, und der
schne Dorylas in das Amt eines Vorlesers seiner neuen Gebieterin eingesetzt.
Aber, sagte sie lachend, indem sie sich gegen mich und Euphranor wandte, woher
wissen wir da er lesen kann? Billig htten wir ihn vorher prfen sollen. Ich
glaube da ich ihr mit einem unfreiwilligen Achselzucken antwortete. Auf alle
Flle, sagte Euphranor, bitte ich mir zur Gnade von dir aus, ihn zum Modell fr
eine Gruppe des jungen Achilles156 und der schnen Tochter des Frsten Lykomedes
von Skyros zu nehmen, die ich eben in der Arbeit habe. - Sehr gern, wenn du ihn
dazu gebrauchen kannst, versetzte sie lachend, vermuthlich um die pltzliche
Rthe zu verhehlen, die ber ihr ganzes Gesicht hin loderte. Zufllig lag ein
Anakreon auf einem Tischchen.
    Ich schlug die Ode an den Maler seiner Freundin auf, und sagte zu Lais:
gefllt es dir etwa, deinen Vorleser eine kleine Probe seiner Kunst machen zu
lassen? - Wie du willst, erwiederte sie gleichgltig. Sobald Dorylas vernahm,
wovon die Rede war, bat er sich eine gestimmte Cither aus, und sang uns das Lied
mit einer ziemlich angenehmen Stimme, nach der bekannten Melodie von
Antigenidas, indem er sich selbst auf der Cither begleitete. Lais schien mit den
Talenten ihres neuen Hausgenossen sehr zufrieden zu seyn; sie empfahl ihn ihrem
Hausverwalter und winkte ihm abzutreten. Es erfolgte eine kleine Stille. Da habe
ich nun einmal wieder in der Laune des Augenblicks eine Thorheit begangen, sagte
sie mit einer ziemlich merklichen Bemhung, ihrer Miene mehr Unbefangenheit zu
geben als sie sich bewut seyn mochte. Vielleicht ein gutes Werk, versetzte ich;
der junge Mensch scheint mir nicht zu seyn wofr er dir gegeben wurde. Wie so,
Learch? - Ich sollte denken es fiele sogleich in die Augen, da er weder das
Aussehen noch den Anstand eines Sklaven hat, sagte ich. - Ich kann eben nichts
Besonder's an ihm sehen, erwiederte sie, abermals errthend. - Du hast diesen
Morgen vergessen Roth aufzulegen, liebe Lais; auch wr' es sehr berflssig
gewesen, da die schnsten Rosen freiwillig auf deinen Wangen blhen. - Learch
ist heute sehr scherzhaft, sagte sie zu Euphranorn: aber findest du wirklich,
da Dorylas in Weiberkleidern einen leidlichen Achill zu Skyros abgeben knnte?
Wir wollen auf der Stelle die Probe machen. Sie rief ihrer Vertrauten. Sorge
gleich dafr, Eudora, da der Sklave, den ich so eben gekauft habe, in ein
Mdchen verkleidet und so schn herausgeputzt werde, wie es das Costume der
Frstentchter in der heroischen Zeit erfordert, und fhre ihn dann in die groe
Rosenlaube. Das Mdchen eilte hinweg, Lais fing von andern Dingen zu reden an,
und wir folgten ihr in den Garten. Nach einer Stunde erschien die Vertraute mit
dem verweiblichten jungen Achill an der Hand, welcher seine Rolle fr einen
Anfnger nicht bel spielte, und sich seiner Vortheile in dieser Verkleidung
sehr wohl bewut zu seyn schien. Die Mdchen hatten ihn prchtig herausgeputzt,
und Euphranor schwur bei allen Gttern, so mten die Atalanten, Deianiren und
Penthesileen der Heldenzeit ausgesehen haben. Da sagst du ihnen eben nichts sehr
Schmeichelhaftes, versetzte Lais; aber die Frage ist, ob du ihn noch zum Modell
deines verkleideten Achills nehmen willst? - Ich wnsche mir kein besseres,
sagte der Knstler; und du, Dorylas, hast gar nicht nthig so trotzige Gesichter
zu schneiden; das Wahre ist, da du wie Achill aussehen mut ohne es zu wissen.
- Aufrichtig zu reden. Euphranor, wenn der junge Achill in Frauenkleidern einem
Mdchen nicht hnlicher sah, so htte es des erfindungsreichen Odysseus nicht
bedurft, um ihn aus den Gespielen der Deidamnia heraus zu wittern. - Indem Lais
die in einem spttelnden Ton sagte, bemerkte ich sehr wohl, da ihre groen
Augen, mit einem Ausdruck den ich noch nie darin gesehen hatte, auf dem schnen
Dorylas verweilten; und da die vorgebliche Pyrrha nicht ermangelte, die ihrigen
in einer Sprache antworten zu lassen, deren Sinn der scharfsichtigen Lais nichts
weniger als unverstndlich seyn konnte.
    Als Dorylas wieder entfernt worden war, konnt' ich mich nicht enthalten, ihr
noch deutlicher als ich schon gethan hatte zu sagen, da mir der Sklavenstand
des jungen Menschen verdchtig vorkomme, und da irgend ein sonderbares
Geheimni hinter dieser Sache stecken msse. - Ich fange selbst zu vermuthen an,
sagte Lais, da ich fr meine dreitausend Drachmen einen albernen Kauf gethan
habe. Und doch seh' ich nicht, was der junge Mensch, wenn er etwas Besseres
wre, fr ein Vergngen daran finden knnte, sich mir fr einen Sklaven
verkaufen zu lassen. - Wenn es nicht eine Art von Liebeserklrung ist, sagte
ich, so wte ich auch nicht, was ihn dazu htte bewegen sollen. - Du knntest
mir mit deinen Grillen den ganzen Spa verderben, erwiederte sie. - Da httest
du Unrecht, schne Lais, sagte Euphranor; gibt es denn nicht der schnen jungen
Sklaven bei Tausenden in Griechenland? oder ist es so unerhrt, da man einem
jungen Sklaven, den man zu etwas Besserm als gemeinen Knechtsdiensten bestimmt,
eine Erziehung gibt, die ihn ber andere seines Standes erhebt? - Das Lustigste
wre, wenn mein Vorleser am Ende nicht lesen knnte. Da htt' ich freilich seine
gelben Locken und seine Achillesmiene ein wenig zu theuer bezahlt. Indessen,
wenn Euphranor ihn als Modell gebrauchen kann, bleibt mir doch das Verdienst,
etwas zum Wachsthum der Knste beigetragen zu haben. Der einzige Achill im
Frauengemach der Tochter Lykomeds, den du aus ihm machen willst, wre die Summe,
die ich fr das Modell gegeben habe, zwiefach werth.
    Sie lenkte nun das Gesprch auf etwas anders, und in den nchstfolgenden
Tagen war keine Rede mehr von Dorylas. Doch erfuhr ich von unsrer
gemeinschaftlichen Vertrauten: Dorylas habe am dritten Morgen seiner Anstellung,
whrend Lais sich unter den Hnden ihrer Aufwrterinnen befand, zur Probe seiner
Kunst ein Stck aus Xenophons Symposion vorlesen mssen; er habe sich aber,
entweder aus Zerstreuung, oder Mangel an Sinn fr die feinsten Schnheiten
dieses Meisterstcks von Attischer und Sokratischer Urbanitt, nicht zu seinem
Vortheil aus der Sache gezogen. Es htte ihr geducht, als ob Lais wenig auf die
Vorlesung Acht gebe; und da sie, sobald sie sich mit ihrer Gebieterin allein
gesehen, sich ber die Ungeschicklichkeit des neuen Vorlesers ein wenig lustig
gemacht, habe Lais etwas trocken versetzt: Dorylas scheine noch schchtern zu
seyn, und, anstatt unzeitigen Tadels, vielmehr Aufmunterung nthig zu haben. Am
folgenden Tage sey eine ziemlich lange Unterredung ohne Zeugen zwischen Lais und
Dorylas vorgefallen. Ihre Gebieterin habe, wider ihre Gewohnheit, sich nichts
davon gegen sie verlauten lassen, sey aber den ganzen Abend etwas finster und
einsylbig gewesen, und habe sich eher als sonst in ihre Schlafkammer
eingeschlossen.
    Zuflligerweise mute sich's treffen, da mich um diese Zeit ein
unverschiebliches Geschft nach Argos rief, und beinah' einen ganzen Monat da zu
verweilen nthigte. Nach meiner Zurckkunft glaubte ich unsre Freundin sehr
verndert zu finden. Es duchte mich als ob sie in Verlegenheit sey, etwas vor
mir zu verbergen, das sie mir gern entdeckt htte, wenn sie nur mit sich selbst
einig werden knnte, wie sie anfangen und wie weit sie gehen wolle. Zwischen so
vertrauten Freunden, wie wir seit geraumer Zeit waren, konnte ein solcher Zwang
nicht anders als peinlich, und also von keiner langen Dauer seyn. Wiewohl sie
sich geflissentlich htete allein mit mir zu seyn, fand ich endlich doch
Gelegenheit, sie in einem abgelegenen Pltzchen ihres Gartens zu berraschen,
und sie dahin zu bringen, da sie sich des Geheimnisses, wovon sie gedrckt zu
werden schien, gegen mich entledigen mute. Ich bin in der Kunst zu erzhlen so
wenig gebt, da ich dir lieber den Dialog, der sich nun zwischen uns entspann,
in seiner eigenen Form, so getreu als mir mglich ist, mittheilen will.
    Lais. Ich habe dir seltsame Dinge zu entdecken, Learch. Du hast richtig
vermuthet; Dorylas ist nicht, wofr er sich von dem Sklavenhndler ausgeben
lie. - Hier hielt sie inne, als ob sie erwarte da ich ihr weiter fort helfen
sollte.
    Ich. Und wie machte sich diese Entdeckung?
    Lais. Hre nur, wie es damit zuging. Ich hatte ihn an einem Morgen auf mein
Zimmer rufen lassen, um mir, whrend meine Mdchen sich mit meinem Kopfputz und
Anzug beschftigten, Xenophons Gastmahl vorzulesen. Er las ziemlich schlecht,
aber, wie mich dnkte, weniger aus Ungeschicklichkeit, als weil er sich nicht
bezwingen konnte, statt auf sein Buch zu sehen, alle Augenblicke nach mir
hinzuschielen, wiewohl dafr gesorgt war, ihm alle Versuchungen zu einer solchen
Zerstreuung so viel mglich zu entziehen. Aber seine Ohren schienen eben so
scharf zu hren als seine Blicke einzudringen, und die leiseste Bewegung irgend
einer Falte an meinem Gewand erregte seine Aufmerksamkeit. Die brachte mir
deine Zweifel wieder in den Sinn, und ich beschlo, mich ohne Verzug ins Klare
zu setzen. Ich lie ihn unversehens zu mir in den kleinen Saal am Ende des
Gartens holen, und befahl ihm sich mir gegen ber zu setzen. Er gehorchte, erhob
sich aber sogleich wieder als ob er sich pltzlich besonnen htte, und blieb,
die Arme ber die Brust geschrnkt, mit gesenktem Haupte vor mir stehen. Hre
auf eine bel gelernte Rolle zu spielen, sagte ich: du bist nicht wofr du dich
ausgegeben hast. - Er schien bestrzt. Wie kann meine Gebieterin glauben,
stotterte er und hielt inne. - Die Rede ist nicht von dem was ich glaube,
sondern was ich sehe. Noch einmal, wer bist du? und wie kommst du dazu, dich
durch eine so unbesonnene List in mein Haus einzustehlen? - Ich wei nicht, ob
meine Augen die Hrte und den strengen Ton meiner Worte Lgen straften; genug,
er warf sich mir zu Fen, umfate meine Kniee, und bat mit Thrnen in den
Augen, ihm einen jugendlichen, beinahe unfreiwilligen Frevel zu verzeihen, den
er allzuschwer ben mte, wenn ich ihn mit meiner Ungnade bestrafen wollte. -
Wer bist du also, wenn du nicht Dorylas bist, sagte ich in einem mildern Ton,
indem ich ihm befahl aufzustehen, und den Platz zu nehmen, den ich ihm gewiesen
hatte. Und nun erfolgte ein umstndliches Bekenntni, woraus ich zu vernehmen
hatte: da er der jngste von sechs Brdern aus einer edeln Thessalischen
Familie sey; whrend meines Aufenthalts zu Larissa sey er auer Landes gewesen,
habe aber bei seiner Zurckkunft ganz Thessalien meines Ruhmes so voll gefunden,
da er dem Verlangen mich selbst zu sehen nicht habe widerstehen knnen. Er habe
sich also, von einem einzigen Diener begleitet, zu Pferde auf den Weg gemacht,
sey aber in einem Hohlwege des Berges Cithron von Rubern berfallen worden,
die ihn, nachdem sein Diener in seiner Vertheidigung das Leben verloren, beraubt
und ausgezogen htten. Da er nun in dem Aufzug eines Bettlers keinen Zutritt zu
mir habe hoffen knnen, sey er auf den verzweifelten Entschlu gekommen, sich
einem Thespischen Sklavenhndler unter der Bedingung anzubieten, da er ihn
unverzglich nach Korinth fhren und an die schne Lais verkaufen sollte. Meine
Absicht war (fuhr er fort) sobald ich in deine Gegenwart gekommen seyn wrde,
mich dir zu entdecken; aber es erfolgte was ich htte vorher sehen sollen: dein
erster Anblick machte mich auf ewig zu deinem Sklaven, wenn du mich auch nicht
gekauft httest; und der Gedanke, dir als wirklicher Sklave anzugehren, in
deinem Hause zu leben und des Glcks dich anzuschauen vielleicht tglich
gewrdiget zu werden, wirkte mit einem so unwiderstehlichen Reiz auf mein
Gemth, da es mir schlechterdings unmglich war meinen ersten Vorsatz
auszufhren. Ich fhle nur zu sehr wie strafbar ich bin - und unterwerfe mich
jeder Zchtigung die du mir auferlegen willst; nur die Verbannung aus deinen
Augen wrde eine unendlichemal grausamere Strafe seyn, als wenn du mir mit
eigener Hand den Tod gbest. - Ich sagte ihm: wie er hoffen knne, nach einem
solchen Gestndni nur einen Tag lnger in meinem Hause geduldet zu werden? -
Das hoffe ich allerdings von deiner Gromuth, versetzte er in einem mehr
zuversichtlichen als bittenden Ton. Ich bitte nur so lange darum, bis die
Untersttzung, die ich von meiner Familie bereits begehrt habe, angelangt seyn
wird. Ich bin gewi da meine Brder mich nicht verlassen werden. Warum solltest
du mir auf so kurze Zeit deinen Schutz versagen? Mein Gestndni hab' ich nur
dir gethan. In deinem Hause bin ich ein von dir erkaufter Sklave; deine
Hausgenossen wissen nichts anders; und wofern du auch die Gte httest mich
tglich um dich zu dulden, so wrde - So wrde, fiel ich ihm in die Rede, da er
das folgende Wort nicht gleich finden zu knnen schien, so wrde jedermann es
sehr natrlich finden, meinst du? du hegest eine sehr bescheidene Meinung von
dir selbst. - Die schlechteste, erwiederte er, wenn ich das Unglck habe, der
gttlichen Lais zu mifallen; die grte, wofern mir die Grazien hold genug
wren, ihr gtige Gesinnungen fr mich einzugeben. - Was htte ich nun mit
diesem Menschen anfangen sollen, Learch?
    Ich. Verlangst du im Ernst es zu wissen?
    Lais. Deine Meinung wenigstens.
    Ich. Es ist nicht unmglich, da dir der junge Dorylas oder Pausanias nichts
von sich gesagt hat, was er im Nothfall nicht beweisen knnte; aber, aufrichtig
zu reden, er sieht mir einem ziemlich gefhrlichen Abenteurer hnlich.
    Lais. Gefhrlich? Mir gefhrlich, Learch?
    Ich. Wahr ist's, wenn die schne Lais nicht berechtigt wre, sich ber die
Schwachheiten ihres Geschlechts erhaben zu glauben, welche andere drfte es? Und
doch, wre sie auch der Gttin der Weisheit eben so hnlich, als sie es der
Gttin der Schnheit ist, so -
    Lais. Ich erlasse dir den Nachsatz, lieber Learch! Die ganze Gefahr, wenn ja
Gefahr seyn sollte, bestnde dann doch nur darin, da mir Pausanias gefallen,
da ich ihn wohl gar lieben knnte; und wo wre da das groe Unglck?
    Ich. Darber kannst du in der That allein entscheiden. Verzeih, wenn mich
die wohlmeinende Freundschaft unbescheiden gemacht hat.
    Lais. Das wirst du nie seyn, Learch - Aber deine Meinung, was ich htte thun
sollen, bist du mir noch schuldig.
    Ich. Wenn du, z.B. dem schnen Dorylas, weil du doch schon zwei oder drei
sehr gute Vorleserinnen hast, die Freiheit und die dreitausend Drachmen, die er
dich kostet, geschenkt, und ihm beim Abschied noch eine Handvoll Dariken zur
Wegzehrung mitgegeben httest: so htte er damit wohl behalten nach Hause kommen
knnen, und jedermann wrde gesagt haben, du httest eine sehr gromthige That
gethan.
    Lais. Aber du scheinst zu vergessen, Learch, da hier nicht die Rede davon
seyn kann, was jedermann davon denken und sagen wrde; denn auer meinen Leuten
wei niemand von der Sache, und niemand hat sich auch um das Innere meines
Hauswesens zu bekmmern. Ueber die Urtheile der Korinthier bin ich ohnehin schon
lange weg, wie du weit.
    Ich. Allerdings! Ich htte sagen sollen: du wrdest, wenn du so mit dem
vorgeblichen Pausanias verfahren wrest, sicher auf den Beifall deines eigenen
Herzens haben rechnen knnen.
    Lais. Das wre denn doch vielleicht noch die Frage. Uebrigens kann ich dir
zu deiner Beruhigung melden, da Pausanias im Begriff ist, mein Haus zu
verlassen.
    Ich. Er geht wieder von Korinth ab?
    Lais. Das nicht; er bezieht nur eine eigene Wohnung; denn er gedenkt sich
noch einige Zeit hier aufzuhalten.
    Ich. Die Untersttzung von seiner Familie ist also glcklich angelangt? -
    Ich besorge, Aristipp, ich sagte die in einem ironischen Tone; denn die
arme Lais verfrbte sich, schien verlegen, und hatte Mhe ein paar Thrnen, die
ihr in die Augen schossen, zurckzuhalten. Sie mute sich etwas bewut seyn, das
ihren Stolz demthigte, und sie frchtete vermuthlich, da ich sie errathen
htte. Ich sah da es hohe Zeit sey, einer Unterredung, welche beiden Theilen
peinlich zu werden anfing, ein Ende zu machen. Mir ist lieb (sagte ich mit der
unbefangensten Miene, und im gutmthigsten Tone der mir mglich war), da ich
mich, wie es scheint, in meiner Meinung von diesem jungen Menschen geirrt habe;
und in der That htte ich besser gethan, mich auf den feinen Ahnungssinn, der
deinem Geschlecht eigen ist, zu verlassen, und dem Sokratischen Glauben, da ein
schner Leib fr eine schne Seele brge, mehr Gehr zu geben, als meinem
Argwohn. Da der junge Pausanias sich hier zu verweilen gedenkt, so wird es mir
nicht an Gelegenheit fehlen, besser mit ihm bekannt zu werden, und ich will
nicht zweifeln, er werde sich der Nachsicht, die du mit seiner jugendlichen
Unbesonnenheit getragen hast, durch seine Auffhrung wrdig zu zeigen suchen.
    Wir sind (erwiederte sie mit einem erzwungenen Lcheln) ich wei nicht
recht wie, in einen ernsthaftern Ton gerathen als die Sache zult, und du
kannst mir nicht bel nehmen, guter Learch, wenn ich dich bitte, die allzu
ngstlichen Besorgnisse, worin ich dich meinetwegen sehe, auf den Fall zu
sparen, wo etwa ein Mdchen von sechzehn Jahren vor Schaden gewarnt zu werden
nthig hat.
    Und hiermit endigte sich die letzte vertrauliche Unterredung, die ich mit
der schnen Lais zu pflegen Gelegenheit gehabt habe. Wir schieden zwar, dem
Ansehen nach, als gute Freunde von einander; aber ich habe sie, von diesem Tag
an, immer seltner und nie wieder allein gesehen.
    Inzwischen erfuhr ich von ihrer Vertrauten: Lais habe, wenige Tage nach
ihrer ersten Unterredung mit dem vorgeblichen Dorylas, diesen unter seinem
wahren Namen fr frei erklrt, und zugleich in ihrem Hause bekannt werden
lassen, da er aus einem der vornehmsten Thessalischen Geschlechter stamme, von
welchem sie, whrend ihres Aufenthalts in diesem Lande, mit so vielen
Verbindlichkeiten berhuft worden sey, da sie nicht umhin knne, sich
derselben bei dieser Gelegenheit zu entledigen. Seit dieser Zeit komme Pausanias
(die Morgenstunden des Putztisches ausgenommen) den ganzen Tag nicht von ihrer
Seite, speise mit ihr, und sey bereits allen, mit welchen sie noch in einiger
Verbindung steht, von ihr vorgestellt worden. Sie gebe vor, ihn schon zu Larissa
gekannt und mit seinen Verwandten in freundschaftlichen Verhltnissen gestanden
zu haben; woraus sich dann von selbst erklre, warum Pausanias, nach dem Unfall
der ihn auf dem Cithron betroffen, seine Zuflucht zu ihr genommen habe.
Uebrigens werde der junge Thessalier unvermerkt immer lebhafter, freier und
zuversichtlicher, und entfalte tagtglich irgend ein neues Talent; denn er sey
ein groer Reiter, Springer, Tnzer, Jger, Vogelsteller, Fischer, und
Lustigmacher oben drein, und Lais scheine von der Gewandtheit und Artigkeit, die
er bei allen diesen Uebungen zeige, und berhaupt von seiner ganzen Person so
bezaubert zu seyn, da sie sich zusehends erheitere und verjnge, ja wohl gar
(ohne sich's vermuthlich bewut zu seyn) nicht selten, wiewohl immer mit aller
ihr eigenen Grazie, in die naive Frhlichkeit eines Mdchens von sechzehn
zurckfalle. Bei allem dem scheine sie ihren jungen Freund, der ganz ffentlich
den feurigsten und hoffnungsvollsten Liebhaber mit ihr spiele, so kurz als
mglich zu halten, und jede Gelegenheit mit ihm allein zu seyn, oder von ihm
berrascht zu werden, aufs sorgfltigste zu vermeiden; und daher habe sie auch
geeilt, ihm ohne Aufschub ein eigenes schnes Haus, in der Nhe des ihrigen,
aussuchen, miethen und prchtig einrichten zu lassen. Da alles auf Kosten ihrer
Gebieterin gehe, daran sey kein Zweifel; denn man wisse bereits zuverlssig, da
seine Familie von keiner Bedeutung in Thessalien sey, und da er sein kleines
Erbtheil schon zu Athen, wo er sich zuletzt aufgehalten, mit Rennpferden,
Banketten und Hetren, bis auf den letzten Heller aufgezehrt habe.
    Die, lieber Aristipp, ist alles (und fr einen so warmen Freund der schnen
Lais schon zu viel) was ich dir bis jetzt von diesem neuen Abenteuer berichten
kann. Ich berlasse dir selbst was davon zu denken ist. Immer ist es seltsam
genug, da diese allgewaltige Mnnerbeherrscherin, welche, whrend sie zwanzig
Jahre lang alle Welt bezauberte, ihrer selbst immer mchtig blieb, eine so lange
behauptete Freiheit noch in ihrem vierzigsten an einen jungen Thessalischen
Glcksritter157 verlieren soll, der unter allen, die jemals Anspruch an sie
machten, gerade der unwrdigste ist, und (wie ich sehr besorge) nicht sowohl
nach ihrem Herzen als nach ihrem Geldkasten trachtet. Sollte sich nicht sogar,
wer nie an etwas Dmonisches geglaubt hat, von einem solchen Beispiele genthigt
fhlen, zu glauben da es unholde schadenfrohe Dmonen gebe, die uns zwingen auf
den Kpfen zu tanzen und wider Willen tausend Thorheiten zu begehen, blo um
sich selbst Stoff zum Lachen zu verschaffen? - Es wre denn, da Xenophons
zweierlei Seelen in einer und eben derselben Person hinlnglich wren, uns
solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen. Doch was kann es uns
ntzen, die Ursache eines Uebels zu wissen, dem nicht zu helfen ist? Die
unwrdige Leidenschaft, worin sich unsre arme Freundin verfangen hat, ist, wie
ich frchte, ein Uebel dieser Art; - wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt
haben will einen Versuch zu machen, da du billig mehr ber sie vermgen solltest
als ich. Auf alle Flle werde ich nicht ermangeln, dir vom weitern Verlauf
dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten Gelegenheit Nachricht zu geben.

                                      54.



                              Learch an Aristipp.

Ich erledige mich, wiewohl mit zgernder Hand, meines Versprechens, dir die
weitern Nachrichten mitzutheilen, die ich mir ber die Leidenschaft unsrer
unglcklichen Freundin fr den jungen Thessalier, den die strenge Nemesis zum
Werkzeug ihrer Zchtigung ausersehen zu haben scheint, theils durch mich selbst,
theils durch die wohlmeinende kleine Verrtherin Eudora zu verschaffen
Gelegenheit gefunden habe.
    Was den jungen Menschen betrifft - der, wiewohl kaum zwanzig Jahre alt,
schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter
verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat - so stimmen alle
meine eingezogenen Erkundigungen darin berein, da er aus dem Thessalischen
Kanton Pharsalia gebrtig, und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist, als
jeder andere Abkmmling von Pyrrha und Deukalion. Indessen kann man ihm nicht
absprechen, da er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat, und den
kleinen Thessalischen Frsten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu
spielen wei. Er lebt, seitdem er eine eigene Wohnung bezogen hat, unter dem
Namen Pausanias auf einem groen Fu; hat sich eine Menge Bediente, die
schnsten Pferde, und Jagdhunde, wie sie Xenophon selbst nicht besser hat,
angeschafft; erscheint beinahe tglich auf der Rennbahn, und steht bereits mit
den ausschweifendsten und bel berchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in
enger Verbindung. Die arme Lais, die ihm nichts versagen kann, ist genthigt,
ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen
Wildfngen offen zu halten, und du kannst dir vorstellen, da der Unfug, den die
Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben, nur Kinderspiel gegen die
Orgien dieser ungezgelten Schwrmer, und das fette Schwein nebst dem
auserlesenen Geibock, so jene tglich verzehrten, eine Kleinigkeit gegen den
ungeheuern Aufwand ist, welchen Lais durch ihre grnzenlose Geflligkeit gegen
alle Einflle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen
Geliebten, sich auf den Hals geladen hat.
    Alles die ging nun freilich stufenweise. In den ersten Tagen schien er blo
an ihren Winken zu hangen, und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben.
Aber mit einem verwundernswrdigen Sprsinn machte der Schlaue gar bald ihre
schwache Seite und die Rolle ausfindig, die er zu spielen habe, um sich
unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemchtigen. Wechselsweise feurig und kalt,
schwrmerisch und muthwillig, ehrfurchtsvoll und zudringlich, geschmeidig und
widerspnstig, unterwrfig und gebieterisch, zeigte er sich ihr unter so
vielerlei Gestalten, und wute immer so behend und mit so ungezwungener
Leichtigkeit diejenige anzunehmen, die zur gegenwrtigen Stimmung oder Laune der
wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten pate, da er schon
dadurch allein, da er sie so stark beschftigte, und ihr so viele Gelegenheiten
gab, sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen, eine Gewalt
ber sie erhalten mute, die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu
verschaffen - gesucht oder vermocht hatte.
    Indessen, die alles, und wenn man auch die Eindrcke, die seine Gestalt und
Jugend auf eine Frau wie die schne Lais machen konnte, in der mglichsten
Strke noch dazu rechnet, alles die wre doch nicht hinreichend, die
Leidenschaft, womit sie an diesem Menschen hngt, und die Gewalt, die er ber
sie ausbt, begreiflich zu machen: man ist schlechterdings genthigt, entweder
die unwiderstehliche Sympathie der Aristophanischen Menschen-Hlften in Platons
Gastmahl, oder den alten Glauben, da es Leidenschaften gebe, die uns von einer
ergrimmten Gottheit aus Rache ber den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert
werden, zu Hlfe zu nehmen, um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine -
eben so wunderbare Ursache anzugeben.
    Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt. Auch wenn sie sich
herablie, unter den unzhligen, die sich um sie bewarben, einen von den Gttern
begnstigten glcklich zu machen, geschah es immer ohne da ihre Freiheit die
mindeste Gefahr dabei lief. Schwrmerische Liebe, die sich dem Geliebten
gnzlich hingibt, keinen Willen als den seinigen hat, ihm alles aufopfert, nur
in ihm lebt und da ist, kurz, eine Liebe, die man nicht in seiner Gewalt hat,
und deren Wirkungen im Gegentheil unsrer eigenen Selbststndigkeit Gewalt
anthun, und eine Art von Bezauberung sind, war in ihren Augen eine lcherliche
Schwachheit, deren sie sich gnzlich unfhig hielt. Eine spte Erfahrung hat sie
nun, zu ihrem eigenen Erstaunen, des Gegentheils berfhrt; und wer jemals
selbst geliebt hat, begreift, wie die mchtigste aller Leidenschaften, sobald
sie einmal Besitz von ihr genommen hatte, eine so gnzliche Verwandlung ihrer
Sinnesart bewirkte, da sie andern und sich selbst ein vllig neues Wesen
scheinen mu. Aber wie diese Anlage zu der hchsten Art von tragischer Liebe
vierzig Jahre lang, wie von einem magischen Schlaf gebunden, in ihrem Busen
schlummern konnte, und da gerade dieser Thessalische Taugenichts der einzige
seyn mute, der sie zu wecken vermochte, das ist es, was allen, die sie zuvor
kannten, unbegreiflich ist, und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann.
    Ich wrde mich nicht so sehr verwundern, wenn der Zaubervogel, womit er sie
an sich gezogen hat, keine andern als die gewhnlichen Zuflle der
leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrchte, wie heftig sie auch immer seyn
mchte, mit Einem Worte, wenn sie den schnen Thessalier liebte wie etwa Sappho
ihren Phaon; auch wrden, wenn die der Fall wre, ihre Freunde sich ihrentwegen
noch eher beruhigen knnen. Denn, da der schne Pausanias weit entfernt ist den
Grausamen gegen sie zu machen, so wre gute Hoffnung, da der Genu das Feuer
dmpfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer seyn wrde. Aber, zu ihrem
Unglck, hat die Phantasie ungleich mehr Antheil an ihrer Leidenschaft als die
Sinnlichkeit. Ihre Liebe ist das Ideal der reinsten, hchsten, treuesten und
bestndigsten Anhnglichkeit, und so wie sie selbst liebt, will sie auch wieder
geliebt seyn. Sie verlangt von ihm was er ihr nicht geben kann, ein Herz das nur
fr sie schlgt, eine ganz von ihr ausgefllte Seele. Alle seine Begierden
sollen in ihrem bloen Anschauen sich ersttigen; die zarteste ihrer
Liebkosungen, die leiseste Berhrung ihrer Hand soll ihn schon zum Gott machen.
Aber Pausanias, wiewohl er anfangs einige Tage lang den Schchternen und
Ehrfurchtsvollen spielte, hat keine Lust sich in den Mysterien der himmlischen
Aphrodite und des Platonischen Eros einweihen zu lassen; und daher entsprangen
ziemlich bald kleine Mihelligkeiten und Znkereien zwischen ihnen, wobei Lais
den Sieg allemal durch Geflligkeiten anderer Art theuer genug erkaufen mute.
Ihre Furcht ihn erkalten zu sehen, wenn sie das, was er mit einem mildernden
Namen seine Liebe nannte, befriedigte, war so gro, da sie lange Kraft genug in
sich fand ihm zu widerstehen; aber dafr glaubte sie, ihm auf einer andern Seite
einen verhltnimigen, d.i. nach ihrer eigenen Schtzung, einen sehr groen
Ersatz schuldig zu seyn; und so erhielt er (das Einzige, was sie immer noch zu
geben haben wollte, und was wahre Liebe am lngsten zurckhlt, ausgenommen)
alles andere von ihr, was er sich nur zu wnschen einfallen lie. Allein kaum
hatte der Undankbare den Schlssel zu ihrer Schatzkammer in seiner Gewalt, so
trug er auch kein Bedenken, sich fr die einzige Opfer, worauf sie einen so
hohen Werth setzte, auf die unzrtlichste Art zu entschdigen, indem er fters
ganze Nchte mit etlichen seiner Vertrautesten bei der schnen Phryne
durchschwrmte, einer jungen Hetre, die sich seit einiger Zeit hier
niedergelassen hat, und dermalen die berhmteste und theuerste unter den eilf
oder zwlfhundert Priesterinnen ist, die sich dem Dienste der Aphrodite Pandemos
in dieser ppigen Stadt gewidmet haben. Du kannst dir die Ungewitter vorstellen,
die eine Beleidigung dieser Art in einer so stolzen Schnen erregen mute, die
auch an allem Aeuerlichen, was die Mnner anziehen und fesseln kann, noch immer
keine ber sich sieht; zumal, da der bermthige Mensch, anstatt sie durch Reue
und Demthigung zu besnftigen, ihrer Empfindlichkeit anfangs einen kaltbltigen
Trotz entgegensetzte, der ihm unfehlbar seinen Abschied zugezogen htte, wenn
nicht eine einzige zu ihren Fen geweinte, wahre oder geheuchelte Thrne
hinreichend gewesen wre, ihren Zorn zu lschen und eine Ausshnung zu bewirken,
deren erste Bedingung seinen Triumph ber ihre Schwche vollstndig machte.
    Die Unglckliche sieht nun selbst, da ein lngerer Aufenthalt zu Korinth
ihr in jeder Rcksicht nachtheilig wre, und sie hat ihrem Geliebten - der seit
der letzten Ausshnung die leidenschaftlichste Anhnglichkeit an sie zeigt - den
Vorschlag gethan, mit ihm nach Thessalien zu ziehen, und, mit dem Rest ihrer
durch seine Verschwendungen ziemlich zusammengeschmolzenen Reichthmer, sich in
einer der anmuthigsten Gegenden dieses Zauberlandes anzukaufen. Sie ist, zum
Behuf dieses Vorhabens, bereits ber den Verkauf ihres schnen Landgutes zu
Aegina mit Eurybates in Unterhandlungen getreten, welche durch meine Hnde
gehen; denn ihr in Geschften dieser Art zu rathen und zu dienen, ist das
Einzige, wodurch mir noch erlaubt ist ihr meine Freundschaft zu beweisen. Da
Eurybates seine unmittelbar an dieses Gut grnzenden Besitzungen betrchtlich
dadurch erweitern und verschnern kann, und es daher schwerlich aus den Hnden
lassen wird, so habe ich gute Hoffnung, vortheilhaftere Bedingungen von ihm zu
erhalten, als von irgend einem andern Kufer zu erwarten seyn drften.
    Das Schlimmste bei allem diesem ist ohne Zweifel, da die arme Lais - wie
ich, aller ihrer Bemhungen es mir zu verbergen ungeachtet, nur gar zu deutlich
sehe - nicht glcklich ist. - Sollte dir nicht auch schon begegnet seyn, was mir
mehr als Einmal geschah, da du im Traum zu trumen whntest? Ich wei den
Zustand, worin Lais sich dermalen befindet, durch kein passenderes Bild zu
bezeichnen. Sie sieht zu hell, um nicht zu sehen, da sie ihr ganzes Glck in
eine bloe Tuschung setzt: aber sie will getuscht seyn, und so ist sie es denn
auch wirklich, und trumt, es trume ihr da sie glcklich sey. Mge nur das
vllige Erwachen nicht gar zu schmerzhaft seyn!
    Ob noch ein Mittel sie zu retten brig ist, wei ich nicht; mir wenigstens
sind alle Versuche, die ich gemacht habe, fehlgeschlagen.

                                      55.



                              Aristipp an Learch.

Lais ist dazu gemacht, in allem gro und auerordentlich zu seyn. Von ihrer
ersten Jugend an, mit der unbeschrnktesten Macht, sich ihren Neigungen zu
berlassen und immer von ganzen Schwrmen von Anbetern umgeben, unter welchen
gewi nicht wenige sehr liebenswrdig waren, sogar im vertrautesten Umgang mit
einigen von diesen eine so lange Zeit sich immer frei erhalten zu haben, war
vielleicht ohne Beispiel. Als aber diese Leidenschaft, deren sie selbst sich
immer fr unfhig gehalten hatte, endlich doch noch Meister ber die
Widerspnstige ward, war nichts anders zu erwarten, als da das Seelenfieber
(wenn ich es so nennen kann) wovon sie begleitet ist, von der heftigsten Art
seyn wrde. Es scheint es sey mit der Liebe wie mit gewissen Krankheiten, die
jeder Mensch Einmal in seinem Leben gehabt haben mu, und die desto
unschdlicher sind, je frher man davon befallen wird. Ich erinnere mich noch
sehr wohl, da ich in meinem fnften oder sechsten Jahre in eine meiner Basen,
ein Kind von drei bis vier Jahren, sterblich verliebt war, und da man, da sie
im fnften starb, die grte Mhe hatte, meiner Verzweiflung Einhalt zu thun und
mich mit dem Leben wieder auszushnen. Vermuthlich habe ich es dieser voreiligen
Liebschaft zu danken, da ich bis auf den heutigen Tag von dieser Art von Fieber
nie wieder, wenigstens nicht gefhrlich noch auf lange Zeit, befallen worden
bin.
    Wenn denn also die gute Lais einmal wenigstens in ihrem Leben sich in ganzem
Ernst verlieben mute, so sehe ich nicht, warum der schne und schlaue junge
Thessalier nicht eben so gut dazu htte taugen sollen als ein anderer; im
Gegentheil, mich dnkt ich begreife vermittelst der bekannten Aristophanischen
Hypothese recht wohl, warum gerade er und kein anderer, der Einzige war, welcher
den so lange in ihrem Busen verborgenen Krankheitsstoff entwickeln konnte. Ich
glaube wahrgenommen zu haben, da die heftigste Art von Liebe diejenige ist, da
man, ohne es sich deutlich bewut zu seyn, sich selbst, oder gleichsam ein
zweites aus dem Gegenstand in das unsrige hinein gespiegeltes und mit ihm
zusammenflieendes Ich, in dem Geliebten anbetet. Sollte die nicht nahezu der
Fall mit unsrer, immer ein wenig zu viel in sich selbst verliebt gewesenen,
Freundin seyn? Wenn ich alle charakteristischen Zge des jungen Pausanias aus
deiner Erzhlung zusammen nehme, so scheint mir eine sehr entschiedene
Aehnlichkeit der Naturen zwischen ihr und ihm vorzuwalten. Ich finde an beiden
ungefhr dieselben Naturgaben, eine lebhafte Einbildungskraft, Witz, Gewandtheit
und Geschmeidigkeit des Geistes, mit einer seltnen Schnheit und allem brigen
was beim ersten Anblick die Augen verblendet und die Neigung besticht; aber auch
dieselben Leidenschaften, Fehler und Unarten: denn beide sind eitel, flchtig,
rasch, leichtsinnig, stolz, eigenwillig, prachtliebend und verschwenderisch, und
in beiden bringen diese Eigenschaften ziemlich gleiche Wirkungen hervor. Den
ganzen Unterschied (auer dem, was auf Rechnung der Verschiedenheit des
Geschlechtes kommt) machte die Erziehung und das Glck. In ihr wurden alle
Naturanlagen von frher Jugend an entwickelt, bearbeitet, und durch einen
seltnen Zusammenflu glcklicher Umstnde ausgebildet, abgeglttet, und
gleichsam mit einem glnzenden Firni berzogen: da die seinigen hingegen, aus
Mangel an gehriger Cultur und gnstigen Glcksumstnden, einen groen Theil von
der Centaurischen Rohheit behalten muten, wodurch sich die Thessalier, im
Durchschnitt genommen, von andern feiner gebildeten Griechen nicht zu ihrem
Vortheil auszeichnen. Aber diese zufllige Verschiedenheit konnte die natrliche
Wirkung des sympathetischen Instincts nicht aufhalten; die schne Lais sprte
ihre Hlfte auf den ersten Anblick aus; und nun erfolgte alles, wie es uns
Plato, im Namen des Aristophanes (als des ersten Erfinders der Doppelmenschen),
so unverschleiert beschrieben hat, da Diogenes der Cyniker selbst nicht
natrlicher von der Sache htte sprechen knnen.
    Aber wozu diese Errterung? Du erinnerst sehr wohl, bester Learch, da es
hier nicht um eine begreifliche Erklrung des Geschehenen zu thun ist, sondern
um ein Mittel greres Unheil zu verhten. Noch ist nicht alles verloren; und
wofern auch Lais (wie ich ihr's zutraue) sich in den Kopf setzen sollte, ihrer
ersten Liebe bis in den Tod getreu zu bleiben: so bin ich nicht ohne Hoffnung,
da Pausanias, in einen Kreis von edeln und guten Menschen versetzt, selbst noch
ein besserer Mensch, und dessen, was sie fr ihn thut, wrdiger werden knnte.
Der beigelegte kleine Brief, um dessen Uebergabe ich dich bitte, enthlt den
einzig mglichen Versuch, den ich machen kann; wiewohl mir ich wei nicht was
fr eine Ahnung sagt - was ich weder denken noch aussprechen mag.
    Es wird dir zugleich, nebst einem kleinen Xenion158 fr dich selbst, ein mit
Gold beschlagenes Kistchen von Ebenholz fr die schne Lais zugestellt werden.
Es enthlt einen Halsschmuck von rundgeschliffenen Granaten und Hyacinthen, und
ein daran hngendes mit Sapphieren und Rubinen besetztes goldnes Bruststck,
worauf Kleone den Amor Anakreons gemalt hat, wie er von drei Musen mit
Rosenkrnzen gebunden der Schnheitsgttin ausgeliefert wird. Du wirst, wenn
mich meine Vorliebe fr alles, was aus Kleonens Hnden kommt, nicht sehr
verblendet, finden, da sie in solchen kleinen Gemlden mit Parrhasius selbst um
den Preis streiten knnte. Das Ganze ist ein Gegengeschenk von Musarion und
Kleone fr ein beinahe zu kostbares Geschenk, das Lais ihnen vor einiger Zeit
zum Andenken berschickte, und das, wenn wir es annehmen sollten, mit keinem
geringern erwiedert werden konnte.

                                      56.



                               Aristipp an Lais.

Ich vernehme von unserm Freund Learch, liebe Lais, da du Anstalten machest,
Korinth zu verlassen und deinen knftigen Wohnsitz in dem reizenden Thessalien
aufzuschlagen.
    Auch mir schweben noch so angenehme Erinnerungen von dem zauberischen Tempe
und andern anmuthigen Ufergegenden des Peneus vor, da ich deine Vorliebe zu dem
Vaterlande der ltesten und schnsten Mythen der Griechen nicht mibilligen
kann.
    Aber, wenn die Wnsche deiner Freunde Kleonidas und Aristipp, von den
freundlichsten Einladungen deiner Musarion und ihrer Schwester Kleone
untersttzt, etwas bei dir vermchten; wenn du bedenken wolltest, wie glcklich
du uns alle durch deinen Besuch machen, und wie vergngte Tage du selbst (wie
wir uns schmeicheln) in unsrer Mitte leben knntest: so wirst du es fr keine
Zudringlichkeit halten, wenn wir dich bitten, die Reise nach Thessalien - nicht
aufzugeben, nur ein einziges Jahr aufzuschieben, und dieses Jahr deinen Freunden
in Cyrene zu schenken, die sich beeifern wrden, dich fr das Opfer, das du
ihnen dadurch brchtest, so viel ihnen nur immer mglich wre zu entschdigen.
Cyrene ist seit einigen Jahren eine Art von Athen geworden, friedsamer, ruhiger,
und vielleicht sogar gastfreundlicher als jenes Attische; und es htte dir, um
nicht zu viel zu sagen, wenigstens fr ein Jahr Stoff und Gelegenheit zu den
angenehmsten Unterhaltungen berflssig anzubieten. Du wrdest, nach deinem
Gefallen, entweder in meinem Hause in der Stadt oder auf meinem nahe bei Cyrene
gelegenen Landsitze, oder wechselsweise bald in dem einen bald in dem andern
wohnen, und in jenem einen kleinen Tempel der Kunst, in diesem sogar eine Art
von Akademie zu deinem Gebrauch haben. In beiden ist alles schon zu deinem
Empfang bereit; und wer es auch sey, den du zum Begleiter whlen wirst, er soll
die Aufnahme eines Bruders finden, und uns desto werther seyn, je nher er dem
Herzen unsrer Freundin ist.
    La mich den Schmerz nicht erfahren, beste Lais, mein Vertrauen auf deine
Freundschaft getuscht zu sehen, und nimm inzwischen, als ein Unterpfand unsrer
Gesinnungen fr dich, das kleine Xenion freundlich an, wodurch Musarion und
Kleone dir ihre Dankbarkeit zu zeigen wnschen, und womit sie dich (wenn du ihre
Freude vollkommen machen willst) bei deiner Ankunft in Cyrene geschmckt zu
sehen hoffen.
    Du siehst wir rechnen so sehr auf deine Gromuth, da wir es gar nicht fr
mglich halten, eine Fehlbitte bei dir gethan zu haben.

                                      57.



                               Lais an Aristipp.

Mein Traum ist nur zu bald in Erfllung gegangen, lieber Aristipp! Die hhern
Mchte haben eine strenge Rache an mir ausgebt: Adrasteia, da ich
vierundzwanzig Jahre lang gar zu glcklich war; die Gtter der Liebe, da ich
ihnen so lange Trotz zu bieten wagte. Xenophons Cyrus hat Recht behalten; nur
darin irrt er sich, wenn er glaubt, das was er fr das einzige Rettungsmittel
gegen den furchtbarsten aller Dmonen hlt, die Flucht, stehe immer in unsrer
Macht.
    Aber, gesetzt er htte auch in diesem Stcke Recht, so verzeiht mir, lieben
Freunde, da ich euch sagen mu, ihr habt nicht bedacht was ihr mir ansinnt.
Nein, gute Musarion, nein, liebenswrdige Kleone! - Lais kann nie die Dritte
unter euch seyn! - Ueberlat sie ihrem Schicksal, und bittet die Gtter, da es
ertrglich ausfalle.
    Euer schnes Geschenk, dem die Hand der glcklichen Kleone einen
unschtzbaren Werth gegeben hat, nehme ich unter der einzigen Bedingung an, da
es nach meinem Tode durch Learchs Besorgung wieder an die holden Geberinnen
zurckkehre.
    Lebet wohl, Aristipp und Kleonidas - meine Freunde - lebet wohl! Verachtet
diese zwei kleinen Myrtenzweige nicht, die ich euch zum Andenken schicke - sie
welkten an meinem Herzen, und sind mit meinen Thrnen fr euch eingeweiht.
    Wenn ich an den Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, so werdet ihr mehr
von mir hren; - wo nicht, so lat mich in eurer Erinnerung leben, und seyd
glcklich!

                         Anmerkungen zum zweiten Band.



                                   1. Brief.

1 Hauptstadt von Lydien in Kleinasien.

2 (Unbezwingbare) Ketten (II.) sind nicht diamantene, sondern sthlerne Ketten.
Der Diamant war zu Aristipps Zeiten den Griechen noch unbekannt, und erhielt
erst viel spter, seiner Hrte wegen, den Namen adamas. W.

3 Das gemeine oder kleinere Attische Talent enthielt 60 Minen oder 6000
Drachmen, und ist also ungefhr 1000 Conventionsthalern unsers Geldes gleich. W.

4 S. Anm. z. Bd. 22, Br. 25.


                                   3. Brief.

5 Persische Benennung einer Art von wohlthtigen Genien und Feen. W.

6 Die Griechen.

7 Abkmmlinge des Achmenes. So nennen die Griechischen Geschichtschreiber eine
Dynastie der Knige von Persien, deren Stifter Achmenes (nach Phreret) ungefhr
800 Jahre vor unsrer gemeinen Zeitrechnung gelebt haben soll. Seine Abkmmlinge
theilten sich in zwei Linien, wovon die ltere von Achmenes bis auf Kambyses,
den Sohn des groen Cyrus, dauerte, und die jngere, von Darius Hystaspes Sohn
angefangene, mit Darius Kodoman ein Ende nahm. Arasambes wird also (als ein
vorausgesetzter Sohn einer Schwester des Darius Nothus) von Lais scherzweise
(II. 29.) ein Achmenide genennt. W.

8 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 4.

9 Die Dinge ber uns, die Luft- und Himmels-Erscheinungen. Das Komische dieser
ganzen Stelle liegt in Anspielungen auf Aristophanische Komdien. Die zwei
letzten erklren die Anmerkungen zum 69sten Briefe; bei dieser ersten mus man
sich der Scene aus den Wolken erinnern, wo Strepsiades zu dem Hause des Sokrates
kommt, und dieser in einem aufgehangenen Korbe erscheint. Von jenem angerufen,
sagt er:

Was hast du mir zu rufen, Erdensohn?

                                  Strepsiades.

Vor allem sage mir, ich bitte dich,
Was machst du denn da oben?

                                   Sokrates.

Ich wandle in der Luft,
Und bersehe hier die Sonne.

                                  Strepsiades.

Vermuthlich,
Weil du aus deinem Korbe ber die Gtter wegsiehst,
Und das hier unten nicht so angeht? Oder -

                                   Sokrates.

Wahr ist's, ich kann die Dinge ber uns
Nicht recht erfassen, wofern ich meinen Geist
Nicht exaltire, bis der Gedanke so verfeinert
Und verdnnet ist, da er gleichartig mit
Der Luft sich mischt. Sobald ich von unten auf
Die Dinge ber uns ersphen will,
Erkenn' ich nichts. Es ist nun einmal so;
Die Erde zieht den feinen Duft des Gedankens
Zu mchtig in sich ein.

                                   5. Brief.

10 Eine den bsen Feen in den Mhrchen der Dame d'Aulnoy hnliche Gttin, die
nicht leiden konnte, wenn es einem Menschen gar zu wohl ging. Hesiodus macht sie
zu einer Tochter der Nacht, Homer aber zu einer Tochter Jupiters, in der
sonderbaren Stelle des 19ten Gesangs der Ilias, wo Agamemnon die Schuld seiner
dem Sohne der Thetis zugefgten Beleidigung auf die Ate schiebt, und, bei dieser
Gelegenheit ihre ganze Legende (wie er sie vermuthlich ehemals von seiner Amme
erzhlen gehrt hatte) den versammelten Frsten der Griechen vortrgt. W.


                                   6. Brief.

11 Beschreibung des Feldzugs des jngeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes
Mnemon. Dieser Feldzug, dem Xenophon als Feldherr der Griechischen Hlfstruppen
beiwohnte, und wobei er seinen berhmten Rckzug machte, wird ein Hinaufzug
(Anabasis) genannt, weil der Zug nach Oberasien aufwrts ging. - Von dem, was
Xenophon dabei that, wird er auch der Rckzug der Zehntausend (Griechischen
Hlfstruppen nmlich) genannt. Ich erinnere hiebei an Halbkarts Uebersetzung.
Mit dem von Wieland hier und im folgenden Briefe gefllten Urtheil darber ist
zu vergleichen Creuzers Abhandlung de Xenophonte Historico Leipz. 1799.

12 Bibliokapelen hieen um diese Zeit, da der Autoren und der Bcher immer mehr
wurden, Leute, welche Profession davon machten, von alten und neuen Bchern
immer eine Anzahl schn geschriebener Exemplarien zum Verkauf bereit zu halten,
und vermuthlich auch die ffentlichen Mrkte mit dieser Waare bezogen, nach
welcher, so wie die Literatur bei den Griechen immer mehr Zuwachs und
Ausbreitung bekam, auch die Nachfrage immer strker wurde. W.

13 Einer der etwas, wozu gewhnlich Kunst, Wissenschaft und groe Uebung
erfordert wird, ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif (wie wir zu sagen pflegen)
oder auch obne Unterricht, aus bloem instinctmigen innern Antrieb,
unternimmt. Sokrates beschuldigt dessen den grten Theil der damaligen
Athenischen Feldherren in seiner Unterredung mit dem Sohne des Perikles. (
Memorab. III. 5-20)


                                   7. Brief.

14 Herabzug, Rckzug.

15 Jupiter der Sanftmthige, der Vershner, Anab. B. 7. K. 8.

16 Der Anfhrer. Anab. B. 6. K. 2.

17 Die Kunst und das Geschft derjenigen Art von Wahrsagern, die nach
sorgfltiger Beschauung der Eingeweide eines Opferthiers aus gewissen
Beschaffenheiten derselben den glcklichen oder unglcklichen Erfolg eines
Unternehmens vorhersagten. W.

18 Aberglubische Dmonenfurcht. W.

19 Ein Flu in Lydien, welcher, wie der Ganges in Indien, Gold fhrt.

20 Knig von Lydien, berhmt seines Reichthums wegen.

21 Der Bettler in Homers Odyssee.


                                   8. Brief.

22 Der Philosoph Leucipp (Leukippos) war der erste unter den Griechen, welcher
Arome, untheilbare Krperchen, als Elemente der Welt annahm, und es ist wohl
nicht zu bezweifeln, da die Sonnenstubchen ihn auf seine Atome gebracht
hatten.

23 Eine Pflanze, von welcher die Alten sowohl fr die Kche als fr die
Pharmacie starken Gebrauch machten. Vornehmlich wurde aus dem verdickten Safte
des Stengels und der Wurzel eine Art von Gummiharz bereitet, welches unter die
beliebtesten Gewrze gerechnet wurde. Die Anhhen um Cyrene waren mit dieser
Pflanze bedeckt, und die aus ihr gewonnene Specerei, von ihnen Sirfi, oder
Silfi, von den Rmern laser und laserpitium genannt, machte ein betrchtliches
Handelsobject der Cyrener aus. Die gemeinste Meinung der Neuern ist, da sie mit
unsrer asa foetida einerlei gewesen sey. W.

24 Diese romantische Insel ist den Lesern der Odyssee hinlnglich bekannt.

25 Der bei den Rmern gebruchliche Ausdruck fr Hausfrauen, Hausmtter.

S. 31. Medeenkessel der Phantasie - Wie aus Medea's Zauberkessel das Alte in
neuer Jugend hervorging, so zaubert die Phantasie aus der Vergangenheit eine
neue reizendere Gegenwart in der - Erinnerung.

26 Eine ansehnliche Insel an der Sdkste Kleinasiens. Die gleichnamige
Hauptstadt wurde whrend des Peloponnesischen Krieges erbaut.

27 Der eilfte Monat im Attischen Kalender, welcher grtentheils unserm Mai
entspricht. W.




                                   9. Brief.


28 Frherhin Halbinsel von Akarnanien, nachmals, als man die Landenge
durchstochen hatte, Insel, berhmt wegen ihres Vorgebirgs, von dem die Sage
ging, da ein Sprung von ihm das beste Mittel sey, alle Qualen der Liebe zu
enden. Dieser berhmte Leukadische Sprung hie daher auch der Sprung der
Liebenden (alma ton eronton) durch welchen auch Sappho endete.


                                   10. Brief.

29 d.i. eine der grten Seltenheiten, denn ein fabelhafter, nur alle 500 Jahre
erscheinender Vogel (Herodot. 2,73) und ein fabelhaftes, von Eubemeros
erdichtetes Land (vergl. die Anm. zu der Reise des Priesters Abulfauaris Bd. 29)
sind hier zusammengestellt.


                                   11. Brief.

30 Der letzte Assyrische Knig Sardanapalos war seiner Schwelgerei wegen
berchtigt.

31 Korbtrgerin - S. oben Kanephoren. 32 Hygron (to ygron toy blemmatos) Ein
gewissen feuchter Glanz des Auges, worin der Blick gleichsam zu schwimmen
scheint; Petrons oculorum mobilis petulantia und die oculi udi et tremuli der
Photis in Apulejus goldenem Esel bezeichnen ohne Zweifel dieses hygron, welches
Anakreon (Od. 28) zu einem Charakter der Augen der Venus macht, und der
Bildhauer Praxiteles an seiner Knidischen Venus sogar im Marmor anzudeuten
wute, wenn Lucian (Imagin. o. 6) nicht mehr zu sehen glaubte als er wirklich
sah; wiewohl auch die schon dem Knstler Ehre machen wrde. W.


                                   13. Brief.

33 Anspielung auf die Aristophanische Erklrung ber die Liebe in Platons
Gastmahl, wovon oben ausfhrlicher die Rede war.


                                   15. Brief.

34 Anubis, der Mercur der Aegyptischen Mythologie, mit einem Hundskopfe
dargestellt; hier eine scherzhafte Anspielung auf Sokrates, der beim Anubis oder
dem Hunde zu schwren pflegte.

35 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 13.

36 Insel im Ionischen Meere, des Odysseus Heimath und Ziel seiner Irrfahrten.

37 Das schwarze Meer.

                                   17. Brief.

38 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 6.

39 (Venus vulgivaga) - Die gemeine Liebesgttin, im Gegensatz von Platons
himmlischer Aphrodite Urania.

40 Orgien, heien alle religisen Feste, besonders die bakchischen, die mit
kriegerischem Tanz, lrmender Musik und einer dabei gesetzlichen Art von Raserei
begangen wurden, und hievon - von orgh Zorn, Leidenschaft, Affect - haben sie
den Namen. Oesters werden sie gleichbedeutend mit Mysterien gebraucht.

41 Speusippos, von Athen, war seines Oheims Nachfolger als Lehrer der
Philosophie in der Akademie, von dem ersten Jahre der 108ten bis zum zweiten der
110ten Olympiade. Krnklichkeit halter gab er erst das Lehren, und dann auch das
Leben freiwillig auf. In der Hauptsache blieb er zwar seines Oheims Lehre treu,
wich jedoch in einzelnen Punkten von ihm ab.

42 Dieser ist kein anderer als der des in seiner Art vollkommen Zweckmigen.
Man hat hiebei besonders zu bercksichtigen Buch 3. Kap. 8. der Sokratischen
Denkwrdigkeiten.

43 Der wilde Esel.

44 (die Schamlosigkeit) - Eine Gttin oder weiblicher Dmon, der die Athener,
auf Anrathen des Epimenides einen Tempel erbauten. (Cicero de Legg. II. 11.) W.

45 Einfhrer in die Mysterien.

46 S. die Anm. zu Agathodmon 5. Buch, 4. Abschnitt. Bd. 18.

47 Uebermuth, bermchtige Gewaltthtigkeit.

48 Mitleid und Scham.

49 Aus Mantinea in Arkadien gebrtig, wird als Schlerin Platons aufgefhrt, die
nachher auch selbst Unterricht ertheilte, so wie Axiothea von Phlius. Sie wird
auch eine Schlerin des Speusippos genannt, und Wieland hat unstreitig zu der
Schilderung seines Verhltnisses mit ihr folgende Punkte zusammengenommen, 1)
da Speusippos als verliebt geschildert, 2) da von Athenus Lasthenia eine
Hetre genannt, und 3) da Speusippos in einem Briefe des Tyrannen Dionysius mit
seiner Liebe zu ihr aufgezogen wird.

50 Platons Lehre wird mit den Mysterien verglichen in denen den Geweihten
gewisse Lehren unter der Verpflichtung zur heiligsten Verschwiegenheit
mitgetheilt wurden, und worin auch gewisse Namen vorkamen, welche man durch das
Aussprechen auerhalb des Heiligthums entweiht haben wrde.

51 Theseiden, werden von den Dichtern (und in diesen Briefen scherzweise) die
Athener nach ihrem zweiten Stifter, Theseus, genannt. W.

52 Der gemeinen Meinung nach eine Art von sehr kleinen Sardellen, die in groer
Menge an der Attischen Kste gesangen wurden, und zu den gewhnlichsten
Nahrungsmitteln der rmern Volksclasse in Athen gehrten. Weil sie sehr klein
und zart waren, sagte man im Sprchwort: die Aphyen brauchen das Feuer nur zu
sehen, um gekocht zu seyn. W.


                                   18. Brief.

53 Indem Aristipp hier zwei, aus der Geschichte der Griechischen Musik bekannte,
Tonarten nennt, spielt er zugleich auf der Lais frhere und sptere Lebensweise
an. Die dorische ist ihre frhere, der den Peloponnes bewohnten Dorier, die
lydische die, woran sie sich zu Sardes in Lydien gewhnt hatte.

54 (Luftwandler) - Ein Uebername, welchen Aristophanes in seinen Wolken
denjenigen anhngt, die sich ihrer spitzfindigen windigen Grbeleien wegen fr
weiser als andere dnken. Da es nach einem Paar Jahrtausenden Arobaten im
eigentlichen Wortverstande geben wrde, lie sich damals niemand trumen. W.

55 Regel, Musterbild. Eine gewisse Bildsule Polyklets wurde als Muster der
richtigsten und in der schnsten Eurhythmie und Harmonie stehenden Verhltnisse
aller Theile des menschlichen Krpers von den Bildhauern der Kanon genannt. W.

56 Mit dieser Stelle, worin wenigstens der Absicht Platons nicht Gerechtigkeit
widerfhrt, vergleiche man was in den Anm. zu den Briefen von Verstorbenen Br.
4. Bd. 2 6. als Vorbereitung zu spterem gesagt ist. Aristipp bat hier, so wie
Platon - halb Recht. Platon wird man so lange Unrecht thun, bis man eingesehen
bat, da er nach dem sthetischen Ideal hinstrebte, ohne den Weg dahin finden zu
knnen, was ihm kein Billiger, der es wei, was die Philosophie damals alles
noch erst zu suchen hatte, und zum Theil noch jetzt nicht gefunden hat, zur Last
legen wird.




                                   19. Brief.


57 Eine Gegend nahe bei Athen, mit einem Tempel des Hercules, einem dazu
gehrigen Hain, einem Gymnasion u.s.w. Antisthenes, der Stifter der sogenannten
Eynischen Secte der Sokratiker, pflegte sich meistens hier aufzuhalten, und
erhielt vermuthlich daher seinen Beinamen. W.

58 Pompeion, hie zu Athen ein ffentliches Gebude, aus welchem an den groen
Festen die Processionen ausgingen, welche einen wesentlichen Theil der
Feierlichkeiten, womit sie begangen wurden, ausmachten. W.

59 Eine kleine Stadt in Botien an der Grnze von Attika. Sie war vornehmlich
wegen der Gre, Strke und Streitbarkeit ihrer zum Kmpfen abgerichteten Hhne
berhmt. W.




                                   20. Brief.


60 S. darber die Briefe ber das Thal Tempe (in Thessalien, des eigentlichen
Griechenlands nrdlicher Grnze) im ersten Bande von Bartholdy's Bruchstcken
zur nhern Kenntni des heutigen Griechenlands, ein Buch, welches in den
jetzigen Zeitumstnden neues Interesse hat.

61 Ein unzchtiger Tanz. Aristophanes in den Wolken rhmt sich, da er seine
Komdie nie diesen Tanz habe tanzen lassen, und Theophrast fhrt in seiner
Charakterschilderung des Ehrlosen als einen der strksten Zge an, da er fhig
sey den Kordax nchtern und ohne Maske zu tanzen.

62 Wrtlich Weibertollheit, ist ein so unartiges Wort, und bezeichnet etwas so
Widerliches, da man es nur auf Griechisch sagen sollte. W.

63 Sardonisches Lachen, ist so viel als ein lautes bermiges Lachen, das man
nicht zurckzuhalten vermag. Dieses Beiwort bezieht sich auf ein gewisses
giftiges Kraut, Sardonion (auch apiastrum) genannt, welches bei dem, der es
gegessen hat, heftige dem Lachen hnliche Zuckungen erregen soll. W.

64 Ein in Holz arbeitender Bildner. W.

65 Wer den Unterschied dieser Juno von der Homerischen will kennen lernen, der
findet genaue Belehrung darber in Bttigers Kunst-Mythologie S. 85. fgg. Ihr
Bild, heit es, hat eine sehr alterthmliche Gestalt. Man mchte es den
Kirchenstyl der Griechischen Vorwelt nennen. Alles geht inde dabei von der
Enthllung und Verschleierung der Vermhlten aus.

66 Der angefhrte Preisgesang der Grazien von Pindar ist auf Asopichos
gedichtet, der aus Orchomenos in Botien gebrtig war, wo am Kephissos der
lteste Sitz und Dienst der Grazien war, auf die darum Pindar, als auf die
heimathlichen Gttinnen des Asopichos, kommt.

67 Ueber die Widersprche in den Sagen von diesem Philosophen, der erst eben so
aberglubig als nachher nicht blo unglubig, sondern gotteslsterisch gewesen
seyn soll, s. die Literarischen Miscellaneen.

68 Sichtbare Erscheinungen einer Gottheit; ein erst in viel sptern Zeiten in
Gebrauch gekommenes Wort, welches, wenn diese Briefe eine Griechische Urschrift
htten, sich sicher nicht darin vorfinden wrde; wiewohl eben nicht unmglich
wre, da Diagoras es entweder selbst gestempelt oder in den Mysterien gehrt
haben knnte. W.

69 Wem ber alles Folgende an den gehrigen Erluterungen liegt, die uns hier zu
weit fhren wrden, der lese die Alterthumswissenschaft von Kanngieer und
Mosers Auszug aus Ereuzers Symbolik und Mythologie der alten Vlker. - Wie es
scheint, hat Wieland in der Schilderung jener Zeit den wichtigen Punkt nicht
bergehen wollen, wie bei immer tiefer eindringender Philosophie die
Volksreligion mehr und mehr in Verfall gerieth, und dazu schien ihm Diagoras der
brauchbarste Mann, denn kaum einem andern htte er diese Lucianische Quintessenz
mit grerer Schicklichkeit in den Mund legen knnen. Er gibt in diesem Briefe
gewissermaen das Vorspiel zu dem, was sich im Peregrinus Proteus und
Agathodmon vollendet.

70 Glaube an gute und bse Dmone. W.

71 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 9.

72 Ein Beiname Jupiters, insofern der Eidschwur unter seiner besondern Aufsicht
und Rge stand. W.

73 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 25.

74 Als die ltesten und ehrwrdigsten dieses Namens in Griechenland.

75 Weil sein Heiligthum ein hchst wichtiges politisches Institut war.

76 Theils weil sich an ihn viele gesetzliche und die Cultur befrdernde
Einrichtungen knpften, theils weil man Zeus immer mehr der Idee der reinen
Gottheit annherte.

77 S. Bttigers Abhandlung Aristophanes impunitus deorum gentilium irrisor.
Leipz. 1790.

78 In seinen Anmerkungen zu den Wolken des Aristophanes sagt Wieland: die Melier
waren eine alte Colonie der Spartaner, und hatten immer, besonders auch in dem
Peloponnesischen Kriege, ihrer vorgeblichen Neutralitt ungeachtet, eine warme
Anhnglichkeit an Sparta bewiesen. Sie waren daher schon allein aus diesem
Grunde zu Athen bel angeschrieben; mehrere fehlgeschlagene Versuche sie zu
einer freiwilligen Unterwerfung unter das nicht allzusanfte Joch der Athener zu
bewegen, unterhielten den gegen sie gefaten Groll. - Nach Eroberung ihrer
Hauptstadt und Insel lie daher auch Athen den armen Meliern seine Uebermacht
auf die grausamste Weise fhlen. - S. hierber die Anmerkung zu dem vorigen
Bande.

79 S. die Anm. zu Agathodmon 5. Buch, 4. Absch, Bd. 18.

80 Ein mit Reihen von spitzigen und scharfen Eisenstben besetzter Abgrund,
worein man zu Athen zum Tode verurtheilte Verbrecher strzte.

81 Spitzfindigkeit oder bertriebene Subtilitt in unntzen und auerhalb des
menschlichen Gesichtskreises liegenden Speculationen. W.


                                   22. Brief.

82 Themistokles, der Retter Athens als Besieger der Persischen Uebermacht, ward
erst aus Athen verwiesen, dann abwesend des Hochverrates angeklagt, und fand nur
bei dem Persischen Knig Artiaxerxes Langhand Schutz und Beistand. - Konon, der
Wiederhersteller Athens, der den Persern gegen die Spartaner Beistand geleistet
hatte, wurde zuletzt den Persern verdchtig und, wie es scheint, von ihnen
heimlich hingerichtet.

83 Fr die Attische Komdie unterscheidet man bald zwei, bald drei Perioden, die
alte, mittlere und neue. Die erste, ein politisch-ksitisches Tribunal, voll
Personal-Satyre, blhte und verfiel mit der Demokratie. Als die Staatsgewalt
durch Hlfe der siegreichen Spartaner an die Aristokraten gekommen war, mute
der freimthige politische Tadel verstummen; und weil der durch den
Peloponnesischen Krieg gesunkene Wohlstand auch den vorigen Aufwand nicht mehr
gestattete, so verlor sich auch der Chor und alle mit ihm verbundene Pracht.
Selbst als Konon die Mauern der Stadt und des Hafens hergestellt und die Macht
des Staates wieder etwas gehoben hatte, blieb diese Vernderung; Aristophanes
brachte einige seiner alteren Stcke ohne Chor auf die Bhne. Da auf diese Weise
die ehemalige Hauptsache jetzt Nebensache, was sonst aber Nebensache gewesen,
Hauptsache geworden war, so war allerdings eine gnzliche Umbildung nthig, und
es entwickelte sich die Gattung der Komdie, die unserm Lustspiele gleicht und
deren Reihen des Aristophanes Plutos erffnet. Da ber diese neue Gattung nicht
alle so gnstig urtheilen als hier Aristipp, ist auch aus der neuesten
sthetischen Kritik bekannt.

84 (Ekklesiazusai) - Von Vo im dritten Band seines Aristophanes bersetzt unter
dem Titel die Weiberherrschaft. Im dritten Jahre der 96sten Olympiade (393 v.
Chr.) siegte Konon bei Knidos und erbaute dann mit Persischem Golde die Mauern
Athens wieder. Zu Ende dieser oder zu Anfange der folgenden Olympiade wurden des
Aristophanes Ekklesiazusen aufgefhrt, in denen auch die Platonische Republik,
von welcher im folgenden Bande gehandelt wird, nach Morgensterns sehr
wahrscheinlicher Vermuthung parodirt ist.

85 Eselskopf. Alle nachfolgenden Zusammensetzungen sind mit Onos, Esel, gemacht.


                                   23. Brief.

86 Anspielung auf eine Stelle in Pindars dreizehntem Olympischen Siegesgesange.

87 Homerisches Beiwort fr Poseidon, Neptun.

88 Mannweib; die letzte Bezeichnung als Anspielung auf die von Aristophanes in
Platons Gastmahl vorgetragene Theorie der Liebe.

89 Wohllautendes Wort fr eine garstige Sache, jedoch dem Sinne nach nicht
verschieden.

                                   25. Brief.

90 Diogenes von Larta nennt unter denen, welche die Philosophie Aristipps aus
der Quelle zu schpfen vorzgliche Gelegenheit hatten, einen Antipater von
Cyrene; der Name ist aber alles, was er von ihm zu wissen scheint. Ob es eben
derselbe ist, den wir aus diesen Briefen kennen lernen, oder nicht, kann uns
gleichgltig seyn, wenn der unsrige nur gekannt zu werden verdient. W.

91 Milon von Krotona, der berhmteste Athlet seiner Zeit (er wurde sechsmal zu
Delphi und eben so oft zu Olympia gekrnt, und da er zum siebentenmal in die
Schranken trat, sogar ohne Kampf, weil sich niemand fand, der es mit ihm
aufnehmen wollte), soll auch ein Zuhrer und Freund des Philosophen Pythagoras
gewesen seyn. W.


                                   26. Brief.

92 Die bunte Halle in Athen, hatte diesen Namen von den vielen und merkwrdigen
Gemlden erhalten, womit sie geschmckt war. Aristipp gibt seiner
Gemlde-Galerie darum denselben Namen.

93 Die Fahrt nach Korinth ist nicht jedermanns Sache. Dieses Sprchwort
scheint schon lange vor der schnen Lais im Munde der Griechen gewesen zu seyn,
wurde aber scherzweise auf diejenigen angewandt, die um ihrentwillen nach
Korinth reiseten. W.




                                   27. Brief.


94 Bathyll hie der Liebling Anakreons, dessen einzelne Schnheiten der Dichter
einem Maler schildert, damit er sie zum Ganzen eines Bildes zusammensetzte.

95 Zwei Gebirge in Attika, berhmt wegen ihrer Marmorbrche und ihres Honigs.

96 Zu Elea in Unter-Italien geboren, ein weiser Gesetzgeber fr seine Lansleute,
gleich ruhmwrdig durch seinen Charakter als seinen Tiefsinn, blhte um die
79ste Olympiade (464 v. Chr.), und so konnte Platon in dem Dialoge, dem er des
Parmenides Namen vorsetzte, diesen als Greis mit Sokrates als Jngling redend
einfhren. Parmenides gehrte zu denen Philosophen, welche man, nach der Stadt
Elea, Eleatische nennt, und deren Streben dahin ging, auf dem Wege des
Pythagoras fortschreitend, im Philosophiren die Speculation oder
Vernunfterkenntni an die Stelle der bisherigen Beobachtung oder
Sinnenerkenntni zu setzen. Jene, ein Denken mittelst der Begriffe, gibt
Erkenntni des Allgemeinen (rationale), diese, ein Denken mittelst der
Vorstellungen, gibt Erkenntni des Besondern (empirische,
Erfahrungs-Erkenntni). Jenes Allgemeine nannte die philosophische Kunstsprache
der Griechen das Eins, und dieses Besondere das Viele, so da Erkenntni des
Eins gleichbedeutend ist mit rationaler, und Erkenntni des Vielen mit
empirischer Erkenntni. Beide Arten von Erkenntni sind sich gewissermaen
entgegengesetzt, und die Philosophen waren dadurch in zwei Parteien getheilt, in
Anhnger des Einen (speculative Philosophen, Rationalisten), und in Anhnger des
Vielen (empirische Philosophen). Diese suchten das Werden zu erklren (die in
einem ewigen Wechsel zwischen Entstehen und Vergehen schwebenden Vernderungen
der Gegenstnde der Sinnenwelt), jene hergegen das Seyn (das bei allem Wechsel
beharrliche Wesen), denn so war es dem Standpunkt eines jeden angemessen. Ehe
man einsah, da beide die Lsung desselben Problems, nur auf verschiedene Weise,
versuchten, entstand zwischen beiden philosophischen Parteien Entzweiung, und
bei dem Unbefangenen mute die Frage entstehen, an welche von beiden Parteien
man sich wohl zu halten habe, um die Wahrheit zu finden. Die Entscheidung war zu
einer Zeit, wo man nach einer Psychologie, einer Logik, einer Wissenschaftslehre
eben erst strebte, weder im Allgemeinen, noch in besonderer Hinsicht auf
Parmenides zu erwarten. Gab es aber irgend einen Philosophen, der, von innerem
Gefhl gedrngt und von einer dunklen Ahnung des Wahren geleitet, mit
unablssigem Eifer nach jener Entscheidung strebte, so war es Platon, und wenn
er, wie anderwrts, so auch in seinem Dialog Parmenides - einem, wie
Schleiermacher sagt, fr Viele von vielen Seiten abschreckenden Gesprch - sich
durch alle Labyrinthe der Dialektik, wie sie damals zu Gebote stand, nach diesem
Ziele hin arbeitet, so kann er nur unsern Dank, aber nicht unsre Vorwrfe
verdienen. Man darf, um ihn richtig zu beurtheilen, nicht aus den Augen lassen,
da er von Parmenides und den Eleaten berhaupt ausgeht, und da deren
Hauptstze, mit Hauptstzen der Pythagorer zusammenflieend, ihn auf die damit
verbundenen Schwierigkeiten fhren. Mag nun der Weg, den er fhrt, noch so
dornig seyn, mag er noch so oft geirrt haben, dem Ziele nher hat er doch
gefhrt. Wer davon eine grere Ueberzeugung gewinnen will, der lese in
Flleborns Beitrgen zur Geschichte der Philosophie (Stck 6) dessen
Erluterungen zu den Fragmenten des Parmenides, und Schleiermachers Einleitung
zu Platons Parmenides in der Uebersetzung von Platons Werken (Theil 1. Bd. 2).
Antipater und Aristipp haben diesemnach hier kein Urtheil gefllt, das einen
tieferen Blick verriethe; Wieland aber - gesetzt auch, da sein Urtheil von dem
ihrigen verschieden gewesen wre - htte ihnen doch kein anderes in den Mund
legen knnen, denn sie beide gehrten zu der entgegengesetzten Partei, die gegen
die eleatische Speculation das Zeugni der Sinne und den gesunden
Menschenverstand auf ihrer Seite hat. Wenn sie sich also auf beide beriefen,
urtheilten sie im Geist ihrer Philosophie, in besonderer Beziehung auf Platon
aber ihrer Individualitt gem, d.i. ber seine Untersuchungen dieser Art etwas
zu voreilig absprechend, weil sie von Natur keine Neigung hatten, sich damit zu
befassen. Wieland lt sich den Aristipp hierber auf die befriedigendeste Weise
aussprechen.


                                   28. Brief.

97 Gttin der Ueberredung.

98 Gott des Reichthums.

99 Plutarch fhrt in seinem Solon dieses Distichon von ihm an, welches aus den
kleinen Gedichten genommen scheint, womit Solon sich in seinem hohen Alter die
Zeit vertrieb, und die vermuthlich zu Plutarch Zeiten noch vorhanden waren:

Erga de Kyprogenoys nyn moi pila kai Dionysoy
Kai Moyseon, a tithsA andrasin eyprosynas

100 Luftwandler. Anspielung auf den Aristophanischen Sokrates.

101 Bekanntlich sind mehrere Platonische Dialogen mit Namen von Sophisten
bezeichnet: Protagoras, Gorgias, Hippias. Den letzten Namen fhren als
Aufschrift zwei Dialogen, die man als den greren (ber das Schne) und den
kleineren zu unterscheiden pflegt.

102 Was Hippias hier in seiner Manier, und in dem Tone, worin er von Plato zu
reden gewohnt ist, erzhlt, stimmt, der Hauptsache nach, vllig mit der
Erzhlung des Diogenes Lartius berein, der sich dehalb auf den Speusipp (in
einer Schrift, Platons Begrbnischmaus betitelt), auf den Klearch (in dessen
Lobrede auf Plato) und auf den Anaxilides (im zweiten Buche seines, vermuthlich
historischen, Werks von den Philosophen) beruft. W.

103 Entspricht meist unserm Monat Mai. - Der siebente Tag jedes Monats war dem
Apollon geweiht, und dieser hie Hebdomagetas, weil er an einem Siebenten
geboren worden (Callim. H. in Del. 251), worber der Platonischer Proklos sehr
tiefsinnige Untersuchungen angestellt hat. - Der seine Spott in dieser Anfhrung
des Hippias kann Keinem entgehen.

104 Amphitryon, galt fr den Vater des Hercules, den aber Zeus mit der Gemahlin
von jenem erzeugt hatte.

105 Antalcidas, ist bekannt durch den Frieden, den er im Namen von ganz
Griechenland mit dem Perserknig im J. 587 v. Chr. abschlo, der Friede des
Antalcidas genannt. Fr Sparta politisch nicht fehlerhaft, war er fr ganz
Griechenland verderblich, und brachte in der Folge Sparta und seinen
Unterhndler ins Verderben. Dieser raubte sich im Verdru sein Leben durch
Hunger. Nichtsdestoweniger konnte Hippias hier nicht anders urtheilen als er
geurtheilt hat.


                                   29. Brief.

106 Irdische, sinnliche Liebe.

107 Ein Aristiphanisches Wort, um der Sophisten (Pseudo-Philosophen) zu spotten,
welche von den Dingen ber uns, die man damals Meteoren hie, mehr schwatzten
als sie wuten. W.

108 Knig von Sparta, ber welchen wir noch eine dem Xenophon zugeschriebene
eigne Schrift besitzen, hatte den Ioniern gegen Persien mit Glck beigestanden,
und wrde allerdings spterhin wieder dagegen aufgetreten seyn, wenn ihn der
Friede des Antalcidas nicht gebunden htte.

109 Eine Residenz der Persischen Knige in der Provinz Susiana.

110 Fhrung des Oberbefehls, verbunden mit dem Vorrange ber die brigen
Griechischen Staaten, Vorsteherschaft, ein Hauptgrund der Eifersucht zwischen
Athen und Sparta, und endlich des Untergangs der Griechischen Freiheit.


                                   30. Brief.

111 Die Insel Kos an der Kste von Karien war berhmt wegen ihrer medicinischen
Schule, aus welcher selbst Hippokrates hervorging. Diese Schule zeichnete sich
besonders dadurch aus, da sie auf die bisherigen einzelnen Erfahrungen eine
Theorie grndete.

112 Der achte Monat des Attischen Jahres, wovon ein Drittel mit unserm Februar,
und zwei Drittel mit unserm Mrz zusammentreffen. W.

113 Melampus, berhmt durch seine Heilung der wahnsinnigen Tchter des Prtos. -
Machaon und Podelirius, als Aerzte aus der Ilias bekannt, so wie Peon (der
Heilende), den man spterhin mit Apollon verschmolz. - Auch der Centaur Chiron
war Wundarzt, und ein Heilkraut wurde sogar nach ihm benannt.

114 Porus, der Gott der Betriebsamkeit, des Erwerbs und des daher entspringenden
Reichthums, erzeugte mit Penia, der Gttin der Drftigkeit, zufolge einer der
Dichtungen in Platons Gastmahl, den Gott der Liebe. Bastard wird dieser hier
genannt mit einer losen Anspielung auf die dort erzhlte Art seiner Entstehung.
S. Brief 10 und 12.

115 Deyterai prontides (sopoterai) - Die zweiten Gedanken (d.i. diejenigen, die
aus Ueberlegung entspringen) sind die weiseren. Ein nicht immer wahres
Sprchwort.

116 Pygmalions, der sich in eine von ihm verfertigte Bildsule verliebt hatte,
welche von der Venus belebt wurde.

117 Ein Korinthischer Eupatride, welcher, nach der wahrscheinlichen Berechnung
des de la Nauze, in der einundvierzigsten Olympiade sich der Alleinherrschaft
ber Korinth bemchtigte, und sie nach einer dreiigjhrigen Regierung seinem
Sohne Periander hinterlie. Dieser Kypselus war es, der den sieben weisesten
Mnnern unter seinen Griechischen Zeitgenossen das Gastmahl gab, welches
Plutarch irrig seinem Sohne zuschreibt, wenn anders der von Diogenes Lartius
angezogene alte Geschichtschreiber Archetimus von Syrakus Glauben verdient,
welcher bei diesem Gastmahle selbst zugegen gewesen zu seyn versicherte. Noch
bekannter ist dieser Name in der Geschichte der Griechischen Kunst durch einen
Kasten geworden, der im Tempel der Juno zu Olympia zu sehen war; ein von den
Kypseliden zu Korinth zum Andenken ihres Ahnherrn dahin gestiftetes
Weihgeschenk, dessen Kenntni wir einer sehr genauen, aber ohne allen Kunstsinn
und daher auch ohne Rcksicht auf die Kunst abgefaten Beschreibung des
Pausanias zu danken haben, die von einem der gelehrtesten und scharfsinnigsten
Alterthumsforscher unsrer Zeit in einer eigenen Abhandlung ber den Kasten des
Kypselus u.s.w. (Gttingen, 1770) mit dem Flei, den ein so altes Kunstwerk
verdiente, erlutert worden ist. W.

118 Korinth hatte zwei Hfen, wovon der eine Lechum, der andere Kenchre hie.
In diesen am Saronischen Meerbusen liefen die Schiffe aus Asien und Nordafrika
ein.

119 Der neunte Monat der Athener, dessen erstes Drittel in unsern Mrz, und der
Rest in unsern April fllt. W.

                                   31. Brief.

120 Gttin des Glcks.

121 Milet, vielleicht die ppigste Stadt Kleinasiens, war reich an
Liebesgeschichten, und den Anfang aller Romane machen die Millesiaka, d.i.
Milesische Geschichten oder Mhrchen eines gewissen Aristides aus Milet. Unter
Milesischen Mhrchen verstand man daher das, was man spterhin Romane nannte. Da
Aristides um vieles spter lebte als Aristipp, so kann dieser freilich den Namen
nicht von jenem entlehnt haben.


                                   32. Brief.

122 Der zehnte Monat der Athener, der dem letzten Drittel des Aprils, und den
zwei ersten des Mai's entspricht. W.

123 Vermuthlich dachte Wieland hier mehr an Gener als an Theokrit; aber auch an
diesen, spter als er Lebenden, htte Aristipp nicht denken knnen. Zu seiner
Zeit gab es noch keine Idyllen in unsern Sinne, und als es welche gab, wrde
sich doch wohl Lais durch die Vergleichung mit einer Arkadischen Schferin wenig
geschmeichelt gefhlt haben.

124 S. Plinii Hist. Natur. L. 35. c. 11. Euphranor - fecit et Colossos, et
marmora, ac scyphos scalpsit; docilis et laboriosus ante omnes et in quocunque
genere excellens atque sibi aequalis. Hic primus videtur expressisse dignitates
Heroum et usurpasse symmetriam; sed fuit universitate corporum exilior,
capitibus articulisque grandior. Volumina quoque composuit de Symmetria et
coloribus. Alles die hngt nicht sonderlich zusammen, scheint aber durch das,
was Aristipp in diesem Briefe von Euphranorn sagt, und diesen selbst sagen lt,
wenigstens was den ihm gemachten Vorwurf betrifft, ein ziemlich befriedigendes
Licht zu erhalten. W.

125 Einer der streitbarsten Helden der Griechischen Heroenzeit, bekannt durch
seine Theilnahme an der Argonautenfahrt und der Jagd gegen den furchtbaren
Kalydonischen Eber.

126 Als wackere Schmauser und Freunde von Lustbarkeiten aus der Odyssee bekannt.

127 Thesmotheten, hieen zu Athen unter den neun jhrlichen Archonten die sechs
letztern, denen die Oberaufsicht ber die Vollziehung der Gesetze anvertraut
war. W.

                                   33. Brief.

128 Von diesem Horne wissen die Alten vielerlei zu erzhlen. Es hatte einer
Ziege gehrt, und Zeus schenkte es den Nymphen, die ihn auferzogen hatten, und
gab ihm die Kraft ihnen alles, wessen sie bedurften, zu spenden. Dadurch wurde
es zu dem berhmten Horn des Ueberflusses.

129 Platons berhmtes Gastmahl, denn dieses veranstaltete der tragische Dichter
Agathon nach einem Siege, den er ber seine Mitbewerber um den poetischen Kranz
errungen hatte.

130 Anagnosten, hieen die Sklaven, deren Geschft war, whrend der Tafel
vorzulesen, wozu sie theils mit der schnen Literatur bekannt, theils im
Declamiren gebt seyn muten.

131 Wer diese nher kennen zu lernen wnscht, der wird in Wolfs Einleitung zu
seiner Ausgabe dieses Platonischen Dialogs volle Befriedigung finden.

132 Eine Art von weiblichem Staatsgewand. Besonders wurde die groe prchtig
gestickte Tapezerei so genannt, welche alle 5 Jahre an den groen Panathenen
(einem Feste der Schutzgttin von Athen) in einem feierlichen Aufzuge aus dem
Pompeion nach dem Tempel der Minerva gefhrt und daselbst aufgehangen wurde. S.
Voyage du jeune Anacharsis Vol. 2. pag. 491. W.

133 Der ungerechte Vortrag, der in den Wolken des Aristophanes als Streithahn
auftritt.

134 Eyryproktos ist ein schmhliches Beiwort, womit Aristophanes in seinen
Wolken die smmtlichen Athener beschmitzt, und welches ich unter die
unbersetzlichen gezhlt htte, wenn die Lexikographen in diesem Stcke die
Maxime der Cyniker, naturalia non sunt turpia, nicht so weit ausdehnten, da
sogar der berhmte Professor Schneider in Frankfurt kein Bedenken getragen hat,
es in seinem trefflichen Griechisch-deutschen Wrterbuch mit der mglichsten
Treue und Energie durch das neugestempelte Wort Weitarsch in unsre (ihrer
Zchtigkeit wegen mit Recht gepriesene) Sprache einzufhren. W.
 Vo hat, wie billig, da er einmal den Aristophanes bersetzte, keine Ansprche
darauf gemacht, zchtiger zu seyn als der Lexikograph und - der Dichter. Wieland
selbst bei Uebersetzung dieser Stelle sagt: Billige Leser werden, ohne mein
Erinnern, von selbst einsehen, da hier keine Mglichkeit war, das, was nun doch
einmal gesagt werden mute, auf eine anstndigere Art zu sagen. Die gute Dame
Dacier befand sich bei dieser Stelle, wie man denken kann, in einer
schrecklichen Verlegenheit, und ihre beinahe schwrmerische Liebhaberei fr
dieses Stck lt mich nicht zweifeln, da sie sich nicht ohne einen harten
Kampf endlich entschlossen habe, sich so schwer an den Aristophanischen Grazien
zu versndigen, und den Vers 1079 fg. so zu dolmetschen - da sie sich nun
genthigt sah, den Dikologos auf alle die folgenden Fragen seines Gegners eine
Antwort geben zu lassen, die den Witz ihres Lieblings bei ihren des Griechischen
unkundigen Lesern um allen Eredit bringen mute. - Da nun aber einmal hier auf
eine so kitzliche Stelle Bezug genommen ist (S. die Anm. zum Peregrinus Proteus
1. Thl. Bd. 16), so mu doch noch hinzugefgt werden, da unter den Euryprokten
zu verstehen sind Ehebrecher, wegen des Rettigs, und Mannspersonen, die man in
dem Sinne Weiber nennen kann, in welchem Julius Csar Knigin gescholten wurde.
(Suet. c. 49)

135 Mystagog wurde bei den Eleusintschen und andern Mysterien derjenige Priester
genannt, der die Aspiranten in das Heiligthum zum Anschauen Geheimnisse
einfhrte, und ihnen das, was sie hrten und sahen, erklrte. Man begreift
hieraus, in welchem Sinne Platons Diotima in Aristipps Symposion scherzweise die
Mystagogin der Liebe genennt wird. W.

136 Die Wissenschaft der Liebe (bis jetzt noch nicht aufs reine gebracht). W.

137 Thorheit, Unsinn. - Aselgeia - Ueppigkeit, Wollust, Geilheit.

138 Lais sagt selbst, da sie das Mhrchen von Amor und Psyche kaum zur Hlfte
erzhlte, und allerdings wrde das Weitere zu den Folgerungen, die hier daraus
gezogen werden sollen, nicht gepat haben. Desto besser aber drfte es zu der
Platonischen Theorie gepat, und wrde vielleicht ber diese noch andere, als
die hier mitgetheilten, Ansichten verschafft haben. Auf jeden Fall wird man wohl
thun, vor dem Endurtheil, auch hier Schleiermachers Einleitung zu dem
Platonischen Gastmahl zu vergleichen.


                                   37. Brief.

139 Krhs pros Aiginhthn, wurde von solchen gesagt, die gegenseitig um den
Vorrang in Schalkheit und Betrug mit einander wettelferten, denn Kreter und
Aegineten standen in dem gleich schlimmen Rufe sehr betrgerisch zu seyn. Erasmi
Adagia p. 72. Bei uns: es ist ein Fuchs an den andern gerathen.

                                   38. Brief.

140 Die Argonauten sollen zuerst von der Mndung des Kolchischen Flusses Phasis
jene bis dahin in Europa noch unbekannte Art von Hhnern gebracht haben, welche
nachmals von jenem Flusse den Namen der Fasanen erhielten. Sie waren ihrer
Schmackhaftigkeit wegen so beliebt wie die Aale aus dem See Kopais in Botien,
welche Aristophanes die leckersten Fische der Lecker nennt.


                                   39. Brief.

141 Dieser unterscheidet gleich im Eingange seines Lehrgedichts eine tadelhafte
und eine lbliche Eifersucht, und sagt von dieser letzten:

    Sey unthtig ein Mann, sie erweckt ihn dennoch zur Arbeit,
    Denn so den andern etwa ein Arbeitloser im Wohlstand
    Schauete, flugs dann strebt er, den Acker zu baun, und zu pflanzen,
    Wohl auch zu ordnen sein Haus; mit dem Nachbar eifert der Nachbar
    Um den Ertrag: gut ist den Sterblichen solche Beeifrung.




                                   43. Brief.


142 Die Anekdote, auf welche Diogenes hier, mit so vieler Bescheidenheit als man
von einem Cyniker nur immer verlangen kann, deutet, hat ihre Richtigkeit, wenn
Athenus, wenigstens was den Hauptpunkt betrifft, Glauben verdient. Wie sich
die mit dem Charakter unsrer Lais zusammenreimen lasse, macht uns der folgende
Brief begreiflich. W.


                                   48. Brief.

143 Fr Athen hatten anfangs die mit ihm verbndeten Inseln ihre Land- und
Seemacht selbst gestellt, Kimon aber schlug vor, da sie fortan nur Geldbeitrge
liefern sollten, wodurch Athen nicht nur seine Staats-Einknfte erhhte, sondern
es auch in seine Gewalt bekam, Verbndete in Abhngige zu verwandeln, denn die
Inseln verloren ihre Seemacht. Was nun erst Kriegssteuer gewesen war, wurde
fortwhrend eingetreiben, und stieg immer hher, von 460 Talenten unter
Aristides, auf 600 unter Perikles, auf 800 unter Kleon, und in der Mitte des
Peloponnesischen Krieges auf 12-1300. Auf dieses eiserne Capital wird hier
ziemlich beiend angespielt.

144 Zur Unterhaltung des Krieges gegen die Perser trugen die Griechischen Stdte
jhrlich eine Geldsumme bei, die in dem Tempel Apollons auf der diesem Gotte
geweihten Insel in Delos niedergelegt wurde. Diesen Schatz brachte man, um
grerer Sicherheit willen, nach Athen, und Perikles bediente sich seiner, die
Kosten der Baue zu bestreiten, wodurch er Athen verschnerte. Seine
Vertheidigung, als man ber solche Verwendung Rechenschaft von ihm forderte,
kann man bei Plutarch nachlesen.

145 Eine alte Sage leitete den Namen der Stadt Cyrene von einer Nymphe dieses
Namens, des Hypseus Tochter, ab. Da diese spterhin zu Cyrene als Gttin
verehrt ward, ist nicht zu bezweifeln, und auf Mnzen dieses Staates finden wir
noch ihr Bildni. Eben so wenig lt sich eine hohe literarische und
knstlerische Bildung der Cyrener bezweifeln, und vielleicht behauptete nur
Athen in dieser Hinsicht den Vorrang. Es ist wohl nicht berflssig, hiebei
aufmerksam zu machen auf Joh. Pet. Thrige's Historia Cyrenes inde a tempore, quo
condita urbs est, usque ad aetatem, qua in provinciae formam a Romanis est
redacta. Kopenhagen 1819.

146 Da in Athen die Frauen das Schauspiel nicht besucht haben, ist in neuerer
Zeit von den Meisten als ausgemacht angenommen. Eine scharfsinnige Untersuchung
darber findet man im Teutschen Merkur vom J. 1796 St. 1. Waren die Frauen in
Athen Zuschauerinnen bei den dramatischen Vorstellungen? Inde scheint die
Untersuchung doch noch nicht als geschlossen betrachtet werden zu drfen.


                                   49. Brief.

147 Das Wort Paradeisos haben wenigstens die Griechen von den Persern, bei denen
es Firdevss lautet, und einen Park im eigentlichen Sinne bedeutet, d.i. einen
Thiergarten. Die Perser haben es wahrscheinlich aus Indien.

148 S. Bd. 10

149 Smyrna, bei andern Myrrha genannt - Ihre Mutter hatte sich gerhmt, schner
als Venus zu seyn, und die Gttin rchte das Verbrechen der Mutter an der
Tochter dadurch, da sie dieser eine leidenschaftliche Liebe zu ihrem eigenen
Vater einflte. Vergebens sucht sie die unnatrliche Leidenschaft zu
unterdrcken, tglich mehr wchst ihre Sehnsucht, welken ihre Relze, und sie ist
schon im Begriff ihr Leben zu enden, als die mitleidige Amme ihr das
schreckliche Geheimni abpret. Nchtliche Zusammenknfte werden veranstaltet,
und der Vater kennt nicht die, die ihn beglckt. Als er endlich in ihr seine
Tochter entdeckt, ergreift ihn Wuth, und mit dem Schwert in der Hand verfolgt er
die Unglckliche. In Ermdung und Angst ruft sie endlich der Gtter Mitleid an,
und sie wird in eine Stande ihres Namens verwandelt (Myrrhe), aus deren Rinde
ein wunderschner Knabe, Adonis, hervorgeht.

150 Vermuthlich dachte Lais hiebei an die Helena des Euripides in den
Troerinnen, die zu ihrem beleidigten Gemahl sagt: die Gttin strafe, die auch
die Gtter beherrscht; mir gebhrt Verzeihung.

151 S. Bd. 27.


                                   51. Brief.

152 Athenus hat uns ein ziemlich groes Bruchstck aus der Anti-Lais dieses
sonst unbekannten Dichters im dreizehnten Buch seines beinahe aus lauter
Fragmenten zusammengesetzten Gelehrtenschmauses aufbehalten, welches zum Belege
alles dessen, was hier von ihm gesagt wird, dienen kann, und wovon eine
meisterhafte Uebersetzung in der Abhandlung meines gelehrten Freundes J. ber
die Griechischen Hetren, im zweiten Hefte des dritten Bandes des Attischen
Museums zu finden ist. W.


                                   52. Brief.

153 Wie diese prophetische Vermuthung Aristipps vornehmlich in dem goldnen
Zeitalter der nie genug zu preisenden Kaiser Hadrian und beider Antonine in
Erfllung gegangen, davon finden sich, unter andern, in Lucians Nigrinus, wo er
das damalige Athen mit dem damaligen Rom so treffend contrastiren lt, sehr
schne Beweisstellen. W.


                                   53. Brief.

154 Anspielung auf eine Anekdote, welche Diogenes der Larter und Athenus von
Aristipp erzhlen, und worber Cicero in einem Briefe an Ptus (in Wielands
Uebersetzung Bd. 5 S. 205) so schreibt: errthete doch auch der berhmte
Sokratiker Aristippus nicht, als ihm vorgeworfen wurde, er habe die Lais. Wahr
ist's, sagte er, ich habe sie, aber sie hat mich nicht. Auf Griechisch lt sich
das artiger sagen: versuche du einmal es besser zu bersetzen, wenn du Lust
hast. Man hlt schon darum diese Replik fr unbersetzbar, weil sie im
Griechischen nur aus drei Worten besteht: exo, oyk exomai (habeo, non habeor bei
Cicero). Auer dieser Krze aber liegt ein noch weniger bersetzbarer Doppelsinn
in dem Worte exomai (s. die Anm. von Schtz zu dieser Stelle Cicero's Epp. 4,
435). Dieser Doppelsinn wre nun hier glcklicher als irgendwo erreicht, aber
nicht die Krze.

155 D.i. gleichgltig gegen ihre Liebe zu bleiben. Hippolytus ist bekannt aus
des Euripides Tragdie dieses Namens und aus Racine's, von Schiller bersetzter,
Phdra.

156 Von diesem Haupthelden der Ilias wird erzhlt, da wegen einer Weissagung,
er werde vor Troja seinen Tod finden, seine besorgte Mutter ihn dem Lykomedes
bergeben habe, der ihn, um ihn desto sicherer zu verbergen, in Frauentracht
unter seine Tchter mischte. Im Griechischen Lager hatte man inde die
Weissagung, da ohne Achilles Troja nicht erobert werden knnte. Man
kundschaftete daher, erfuhr, und sendete Odysseus nach Skyros. Der Listige
brachte unter weiblichen Geschenken fr die Tchter auch Waffen mit, und bei
deren Anblick verrieth sich der junge Held.

157 Pausanias wird er im folgenden Briefe nach Athenus, bei Plutarch
Hippolochus, bei andern Eurylochus, Aristonikus und Hippostratus genannt.




                                   55. Brief.


158 Gastgeschenk. Nach Griechischer Sitte wurde jedem Gaste, wenn er sich wieder
entfernte, noch irgend ein kleines Geschenk gegeben.


                                 Dritter Band.

                                       1.

                             Aristipp an Eurybates.

Ich habe mich gewhnt mir einzubilden da es meinen Freunden sehr wohl ergehe,
wenn sie mich lange nichts von sich hren lassen, und es wre mir lieb, wenn sie
sich eben dasselbe von mir vorstellen wollten. In der That hat die Zeit fr
niemand schnellere Flgel als fr die Glcklichen; und wenn man auch
vielbeschftigte Personen sagen hrt, da ihnen Tage zu Stunden werden, so
geschieht die doch meistens nur, wenn sie sich aus eigener Wahl und mit Dingen,
die ihnen in einem hohen Grade wichtig oder angenehm sind, beschftigen; denn
bei Arbeiten dieser Art fhlt man sich nicht minder glcklich, ja vielmehr noch
glcklicher als im Genu eines nicht mit Arbeit erkauften Vergngens. Bei allem
dem gestehe ich, lieber Eurybates, wir haben uns beinahe zu viel darauf
verlassen, da wir einander nicht unentbehrlich sind, und wenn wir es noch lange
so forttrieben, knnt' es, wiewohl gegen unsre Meinung, doch so weit mit uns
kommen, da wir einander vor lauter Wohlbefinden endlich ganz vergen. Denke
indessen nicht, da ich mir ein Verdienst daraus machen wolle, dir in Erneuerung
unsers Briefwechsels zuvorgekommen zu seyn. Du weit, es ist meine Sache nicht,
meinen Handlungen einen gleienden Anstrich zu geben, und fr weiser oder
uneigenntziger angesehen seyn zu wollen, als wir andern anspruchlosen Leute
gewhnlich zu seyn pflegen. Kurz, ich habe zwei sehr eigenntzige Ursachen dir
zu schreiben: die erste, da mir das Verlangen nach zuverlssigen Nachrichten
von dir selbst und allem was zu dir gehrt, und von der schnen Athen berhaupt
durch so lange Nichtbefriedigung peinlich zu werden anfngt; die andere, da ich
vielleicht durch dich aus meiner Ungewiheit ber das Schicksal unsrer Freundin
Lais gezogen zu werden hoffe. Zwei Jahre sind bereits vorber, seitdem sie, im
Begriff Korinth und das sdliche Griechenland auf immer zu verlassen, mit den
ahnungsschweren Worten von mir und Kleonidas Abschied nahm: wenn ich an den
Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, werdet ihr mehr von mir hren: wo nicht,
so lat mich in euerm Andenken leben und seyd glcklich. - Sie hat in dieser
langen Zeit nichts von sich hren lassen, und ich kann mich nicht erwehren
ihrentwegen in Sorgen zu seyn; denn wofern es ihr nicht ginge wie wir wnschen,
so bin ich nur allzu gewi, da sie zu stolz ist Hlfe von ihren Freunden
anzunehmen, geschweige bei ihnen zu suchen.
    Wir gengsamen Cyrener befinden uns bei unsrer goldnen Mittelmigkeit so
wohl, da wir uns wenig um die besondern Umstnde der ewigen Zwistigkeiten und
Fehden bekmmern, welche Eifersucht, Ehrgeiz und Begierde immer mehr zu haben
zwischen Athen und Sparta, und berhaupt zwischen dem Dorischen und Ionischen
Stamm der Hellenen niemals ausgehen lassen werden. Alles was ich seit einiger
Zeit von dem Uebermuth, womit die Spartaner sich der ihnen aufgetragenen
Vollziehung des Friedens des Antalcidas berheben, vernommen habe, lt mich
einen nahe bevorstehenden neuen Ausbruch des allgemeinen Mivergngens der
Stdte vom zweiten und dritten Rang vermuthen, wovon die Athener ohne Zweifel
Gelegenheit nehmen werden, sich der Herrschaft des Meers wieder zu bemchtigen,
auf deren langen Besitz sie ein vermeintes Zwangsrecht grnden, welches ihnen
von den brigen Seestdten freiwillig niemals zugestanden werden wird.
    Inzwischen erheben sich im nrdlichen Griechenlande, wie uns neuerlich ein
reisender Byzantiner berichtet, zwei neue Mchte; eine seit ungefhr vierzig
Jahren unvermerkt heran gewachsene Republik, und ein vor kurzem noch
unbedeutender Frst; welche, wenn man ihren raschen Fortschritten noch einige
Zeit so gleichgltig wie bisher zusehen wrde, beide der bisherigen Verfassung
der Hellenen eine groe Vernderung drohen. Du siehest da ich von Olynthus in
der Chalcidice1 und von dem Thessalischen Frsten Jason2 rede, der, nach allem
was der Byzantiner von ihm erzhlt, den Unternehmungsgeist seines alten
Namensverwandten in der Heldenzeit mit der Tapferkeit Achills und der
Besonnenheit des erfindungsreichen Ulysses verbindet, und kein Geheimni mehr
daraus macht, da er nichts Geringeres vorhabe, als das alte Mutterland der
Hellenen wieder in sein schon so lange her verscherztes vormaliges Ansehen zu
setzen, und die Macht des gesammten Griechenlands darin zusammen zu drngen, um
sodann, an der Spitze aller Abkmmlinge Deukalions, das Griechische Asien auf
immer vom Joche der Perser zu befreien. Meiner Meinung nach knnte euern
belberathenen, die wahre Freiheit und ihr wahres Interesse ewig verkennenden
Freistaaten nichts Glcklicheres begegnen, als wenn es diesem edeln Thessalier
gelnge seinen groen Gedanken auszufhren.
    Aergere dich nicht, lieber Eurybates, mich so philotyrannisch reden zu
hren; meine Vorliebe zur Monarchie dauert gewhnlich nur so lange, als ich in
einem demokratischen oder oligarchischen Staat lebe, und ich bin der Freiheit
nie wrmer zugethan, als da wo ein Einziger alle Gewalt in Hnden hat. Ein
weiser und edel gesinnter Monarch wei jedoch beides sehr gut mit einander zu
vereinigen; nur Schade, da die weisen und guten Monarchen ein eben so seltnes
Geschenk des Zufalls sind als die weisen und guten Demagogen. Ist es nicht ein
niederschlagender Gedanke, da noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug
gehabt hat, das, was bisher blo Sache des Zufalls war, zu einem Werke seiner
Verfassung und seiner Gesetze zu machen? Und wo ist das Volk, von welchem ein
solches Kunstwerk (vielleicht das grte, dessen der menschliche Verstand fhig
ist) zu erwarten wre, da das sinnreichste und gebildetste von allen, die
Griechen, in so vielen Jahrhunderten noch nicht so weit gekommen ist, sich den
Unterschied zwischen Regierung und Herrschaft deutlich zu machen, und
einzusehen, da wohl regieren eine Kunst, und in der Ausbung zwar eine der
schwersten, aber doch, so gut wie jede andre, zu erlernen und auf feste
Grundstze zurckzufhren ist? Das schlimmste ist nur, da die Kunst wohl zu
regieren, wenn sie auch gefunden wre, ohne die Kunst zu gehorchen wenig helfen
knnte; oder mit andern Worten: da das Volk zum Gehorchen eben so wohl erzogen
und gebildet werden mte, als seine Obern zum Regieren. Der Gesetzgeber der
Lacedmonier ist meines Wissens der einzige, der die eingesehen hat; und da
die Verfassung, die er ihnen gab, der Natur zum Trotz lnger als irgend eine
andere gedauert hat, ist, denke ich, hauptschlich der sonderbaren Erziehung
beizumessen, an welche alle Brger von Sparta durch seine Gesetze gebunden sind.
    Ich fr meine Person werde immer und berall frei gestehen, da mir die
Wrter Herr und Herrschaft eben so herzlich zuwider sind als Knecht und
Knechtschaft; ich will regiert seyn, nicht beherrscht; wenn ich aber doch ja
einen Herrn ber mich dulden mu, so sey es ein einziger Agamemnon, nicht alle
Heerfhrer - und am allerwenigsten das ganze Heer der Achaier3. Da jedoch die
Wahl nicht immer in meiner Willkr steht, so werde ich mich, im Nothfall
wenigstens bis uns Plato mit seiner Republik beschenken wird, mit meiner
Philosophie zu behelfen wissen, die mich allenthalben unter leidlichen Umstnden
so glcklich zu seyn lehrt als ich billigerweise verlangen kann; und leidlich
sollte sie mir sogar den Schnappsack und Stecken unsers Freundes Diogenes
machen, wenn der einzige Herr, den ich gutwillig ber mich erkenne, die
allmchtige Gttin Anangke4 jemals Belieben tragen sollte, mich auf so wenig
Eigenthum herabzusetzen; ein Fall, wovor der groe Knig zu Persepolis am Ende
nicht sicherer ist als ich.

                                       2.



                             Eurybates an Aristipp.

Das zweideutige Mittelding von Knabe und Jngling, aus dessen Hnden du diesen
Brief erhalten wirst, lieber Aristipp, trgt so deutliche Merkmale seiner
Abkunft in seinem Gesichte, da er euch hoffentlich beim ersten Anblick lebhaft
genug an Droso und Eurybates erinnern wird, um ihn ohne schrfere Untersuchung
fr den, wofr er sich ausgibt, gelten zu lassen, und als solchen gastfreundlich
aufzunehmen. Ich glaubte dir nicht besser beweisen zu knnen, da Zeit und
Entfernung meine dir lngst bekannten Gesinnungen nicht geschwcht haben, als
indem ich dir meinen Sohn Lysanias unangemeldet zuschickte, in voller
Zuversicht, da du ihn fr einige Zeit unter deine Hausgenossen aufnehmen, und
des Glckes unter deinen Augen zu leben wrdigen werdest. Es ist nun seine
eigene Sache, sich euch durch sich selbst zu empfehlen. Ihr werdet wenigstens
finden, da er euch, wie billig, nicht als ein roher Marmorblock zugefertiget
worden ist. Er hat drei Jahre lang die Schule unsers berhmten Isokrates, und in
dem letzt verfloss'nen sogar die Akademie besucht; und da sein noch grnes Alter
ihm den Zutritt zu den Geheimnissen der Philosophie verwehrte, welche der
gttliche Plato in ein beinahe noch dichteres Dunkel einhllt als jenes, das die
heiligen Mysterien zu Eleusis umgibt, so hat er wenigstens von dem exoterischen
Unterricht unsers Attischen Pythagoras so viel mit genommen als er aufpacken
konnte.
    Die Wahrheit zu sagen wnsche ich auch nicht, da mein Sohn und Erbe sich
jemals so hoch versteige, um unter die Dinge ber uns zu gerathen, oder gar bis
zu den Ideen unsers groen Sehers empor zu dringen, und bis zu der hehren
Gttin Anangke und ihrem vom Gipfel des Lichthimmels herabhangenden,
unermelichen sthlernen Spinnrocken und ihrer wundervollen Spindel mit den acht
in einander steckenden Wirteln, auf deren jedem eine Sirene sitzt, die ihren
eigenen aber immer eben denselben Ton von sich gibt, wozu die Moiren, Lachesis,
Klotho und Atropos, whrend sie unsre Schicksale spinnen, sich die Zeit damit
krzen, alle drei zugleich, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwrtige,
und Atropos das Knftige zu singen; - wie du aus dem zehnten Buch der
wundervollen Republik mit mehrerem vernehmen wirst, von welcher, als einer der
neuesten berirdischen Erscheinungen aus der Akademie, Lysanias dir eine von
unserm Freunde Speusipp selbst berichtigte Abschrift berbringt. Wenn du mir
gelegentlich dein Urtheil ber dieses sonderbare Kunstwerk, so ausfhrlich als
Lust und Mue dir's gestatten werden, mittheilen wolltest, wrdest du mir keine
geringe Geflligkeit erweisen: denn mein eigenes macht mit den dithyrambischen
Lobgesngen seiner Bewunderer einen so hlichen Miklang, da es unbescheiden
wre, wenn ich nicht einiges Mitrauen in seine Vollgltigkeit setzte.
Aufrichtig zu reden, Aristipp, ich hab' es noch nicht ber mich gewinnen knnen,
das ganze Werk von Anfang bis zu Ende zu durchlesen; ich kenn' es nur aus
einigen Bruchstcken, und wrde dir daher desto mehr Dank wissen, wenn du mich
durch einen umstndlichen Bericht, wie du das Ganze gefunden hast (einen
vollstndigen Auszug darf ich dir nicht zumuthen), in den Stand setzen wolltest,
mir einen hinlnglichen Begriff davon zu machen.
    Es wird dir nicht entgehen, da mein Lysanias mit einer gewissen natrlichen
Anmuthung zu den Spindeln, Wirteln, Sirenen und singenden Spinnerinnen des
gttlichen Platons auf die Welt gekommen ist. Um so nthiger fand ich, ihn bei
Zeiten in einen gesellschaftlichen Kreis feingebildeter aber unverknstelter und
unverschrobener, vorzglicher aber anspruchloser, mit Einem Wort, unverflschter
und (wenn ich dir eine deiner Redensarten abborgen darf) menschlicher Menschen
zu bringen, unter welchen er sich an eine natrliche Ansicht der Dinge gewhnen,
fr alles Menschliche das rechte Ma finden, und sich in allem auf der
Mittellinie zwischen zu wenig und zu viel mit Sicherheit und Leichtigkeit sein
ganzes Leben durch fort bewegen lernen knne.
    Ich wrde einen meiner angelegensten Wnsche erfllt sehen, wenn Lysanias
bei euch den Beschftigungen und Freuden des Landlebens Geschmack abgewinnen,
und bei tglichem Anblick der Glckseligkeit etlicher durch Uebereinstimmung der
Gemther und wechselseitiges Wohlwollen noch enger als durch die Bande der
Anverwandtschaft und Verschwgerung vereinigter Familien, den hohen Werth des
huslichen Glckes schtzen lernte. Er ist mein einziger Sohn; ich mchte ihn
einst als einen glcklichen Menschen hinter mir lassen, und ich habe keine Lust
ihn einer Republik aufzuopfern, in welcher der Uebermuth und thrichte Dnkel
des zu herrschen whnenden, aber jedem kecken Schwtzer zu Gebote stehenden
Pbels tglich ausschweifender, die Unredlichkeit der Demagogen, die ihm den
Ring durch die Nase gezogen haben, immer schreiender, die Maximen, nach welchen
man handelt, immer widersinnischer, der gegenwrtige Zustand immer heilloser,
und die Aussicht in die Zukunft immer trber werden. Der gute Plato hat uns mit
seiner erhabenen, aber nur gar zu hoch hinauf geschraubten Philosophie, die er
zur bsen Stunde der schlichten Sokratischen untergeschoben hat, im Ganzen nicht
um einen Schritt vorwrts gebracht; und wie sollt' er auch? Wahrlich, die
Behauptung in seinem Menon5, da die Tugend keine Frucht des Unterrichts und der
Erziehung seyn knne, ist nicht sehr geschickt eine bessere Erziehung unsrer
immer mehr verwildernden Jugend zu befrdern; und was ein noch so fein und
zierlich ausgearbeitetes Modell einer Republik idealischer Menschen, die von
lauter leibhaften Platonen nach idealischen Gesetzen zu einem idealischen Zweck
regiert werden, uns Athenern und allen brigen eben so unplatonischen Hellenen
helfen soll - wenn du es ausfindig machen kannst, lieber Aristipp, so wirst du
mich durch die Mittheilung sehr verbinden. Was ich tglich sehe ist, da die um
uns her aufschieende neue Generation (vermuthlich zu groem Trost unsers
Philosophen) alle mgliche Hoffnung gibt, noch schlechter als ihre schon so sehr
ausgearteten Vter zu werden, und also fr die Wahrheit seiner Behauptung, da
auer einer Republik von Philosophen seines Schlags kein Heil sey, noch
handgreiflicher beweisen wird als wir.
    So wie die Sachen dermalen bei uns stehen, kann ein ehrlicher Mann, der
nicht das Opfer eines vergeblichen und lcherlichen Heldenthums zu werden Lust
hat, keine bessere Partei ergreifen, als nach dem Beispiel unsrer wackern
Grovter sich auf seine Hufe zurckzuziehen, seiner Oelbume und
Knoblauchfelder zu warten, seinem Hauswesen vorzustehen, und sich von allen
Versuchungen der unter der schnen Larve der Vaterlandsliebe sich verbergenden
Ruhmsucht und Begierde den Meister zu spielen so rein als mglich zu erhalten.
    Bei allem dem knnen doch in Zeitlufen, wie die unsrigen, Flle eintreten,
wo man schlechterdings zwischen zwei Uebeln whlen mu, und, um nicht durch die
Untchtigkeit oder Treulosigkeit des Schiffers, auf dessen Fahrzeug man sich
befindet, zu Grunde zu gehen, genthigt ist selbst Hand anzulegen, und zu
Erhaltung des Ganzen mit Rath und That beizutragen. In dieser Rcksicht wird es
dann freilich nthig seyn, da Lysanias, auer den gewhnlichen gymnastischen
und andern Leibesbungen, sich hauptschlich in den beiden Knsten, die einem
hellenischen Staatsmann und Kriegsbefehlshaber die unentbehrlichsten sind, der
Redekunst und der Kunst die Menschen recht zu behandeln, so geschickt zu machen
suche als nur immer mglich seyn wird. In der letztern kann ihn niemand weiter
bringen als du selbst; zur erstern hat er unter Isokrates einen so festen Grund
gelegt, da es blo einer fleiig fortgesetzten Uebung unter den Augen eines
guten Meisters bedarf. Ich habe ihn dewegen noch besonders an deinen Freund und
ehmaligen Zgling Antipater empfohlen, der, nach einem langen Aufenthalt unter
uns, mit allen Schtzen der Griechischen Musen beladen zu euch zurckgekehrt
ist, und auch durch die genaue Kenntni, die er sich von dem Innern unsrer
zahllosen Republiken und ihren Verhltnissen gegen einander erworben hat, dem
jungen Menschen ntzlich werden knnte. In allem diesem, Aristipp, wird, wie ich
zuversichtlich hoffe, deine Gesinnung fr den Vater auch dem Sohne zu Statten
kommen, und ich werde dir und deinen Freunden in seiner mit eurer Hlfe
vollendeten Bildung die grte aller Wohlthaten zu danken haben.
    Nun noch ein Wort von unsrer Freundin Lais. Auch ich nehme an der schnsten
und liebreizendsten aller Weiber, die seit der schnen Helena die Mnnerwelt in
Flammen gesetzt haben, zu warmen Antheil, um nicht zu wnschen, da ich dir die
angenehmsten Nachrichten von ihr zu geben haben mchte: aber mit allen mglichen
Nachforschungen ist von ihrem dermaligen Aufenthalt und Zustand nichts
Zuverlssiges zu erhalten gewesen, wiewohl es an allerlei einander
widersprechenden und mehr oder weniger ungereimten Gerchten nicht fehlt. Ich
besorge sehr, die Moiren6 spinnen ihr nicht viel Gutes. So viel scheint gewi,
da ihr Vorsatz, sich in Thessalien anzusiedeln, nicht zu Stande gekommen ist.
Der heillose Mensch, der ihr ganzes Wesen auf eine so unbegreifliche Art
berwltiget hat, scheint ihr nicht Zeit dazu gelassen zu haben. Er fhrte sie
wie im Triumph von einer Thessalischen und Epirotischen Stadt zur andern, machte
berall groen Aufwand, und verlie sie endlich (sagt man) wie Theseus die arme
Ariadne auf Naxos, ohne sich zu bekmmern was aus ihr werden knnte. Sobald ich
diese Nachricht aus einer ziemlich sichern Hand erhielt, schickte ich einen
meiner Freigelass'nen, auf dessen Verstand und Treue ich rechnen darf, mit dem
Auftrag ab, wofern es nthig wre ganz Thessalien, Epirus und Akarnanien zu
durchwandern, um sie aufzusuchen und Nachrichten von ihr einzuziehen. Learch zu
Korinth that eben dasselbe, und unser Vorsatz war, sie, sobald sie gefunden
wre, mit mglichster Schonung ihres Zartgefhls zu bewegen, berall wo sie
knftig zu leben gedchte, uns die Sorge fr ihre Haushaltung zu berlassen.
Aber, wie gesagt, bis itzt ist es unmglich gewesen auf ihre Spur zu kommen. Wir
geben indessen noch nicht alle Hoffnung auf, und sobald wir etwas entdecken,
soll es dir unverzglich mitgetheilt werden. Wenigstens haben wir so viel mit
unsern Nachforschungen gewonnen, da alle ber ihren Tod und die Art ihres Todes
herumlaufenden Gerchte bei genauerer Untersuchung falsch befunden worden sind.
Mit wie vielem Vergngen wrde ich sie in den Besitz des schnen Witthums wieder
einsetzen, wo der edle Leontides ihr auf alle Flle eine ruhige und angenehme
Freisttte gegen alle Zuflle des Lebens zu hinterlassen glaubte!

    Was euch der Byzantiner von dem schnellen Wachsthum der neuen Chalcidischen
Republik Olynthus und von den weit aussehenden Entwrfen des Thessalischen
Frsten Jason berichtet hat, besttigt sich alle Tage mehr. Der letztere ist
wirklich ein Mann von seltnen und glnzenden Eigenschaften, ganz dazu gemacht
sein Vaterland aus dem politischen Nichts, worin es beinahe seit der Heroenzeit
gelegen, hervorzuziehen, und ihm die ganze Wichtigkeit zu verschaffen, die es
vermge seiner Lage, Fruchtbarkeit und starken Bevlkerung schon lngst htte
behaupten knnen, wenn seine Krfte in einen einzigen Punkt zusammengedrngt
gewirkt htten. Was Olynthus betrifft, so hat sie sich nicht nur zum Haupt einer
beinahe allgemeinen Bundesvereinigung aller Stdte der Chalcidice erhoben, sie
hat sogar einen ansehnlichen Theil der Macedonischen Provinz Pierien an sich
gebracht, den unmchtigen Amyntas aus seinem Knigssitz zu Pella7 vertrieben,
und sich unter den benachbarten Thracischen Vlkerschaften einen bedeutenden
Anhang zu verschaffen gewut; kurz sie ist bereits mchtig genug, eine gnzliche
Unabhngigkeit von Athen und Sparta behaupten zu knnen; zumal da Jason (der
einzige im nrdlichen Griechenland, der ihrer Vergrerungssucht Grnzen zu
setzen vermchte) es natrlicher Weise seinem Interesse gemer findet, mit
dieser neuen Republik in gutem Vernehmen zu stehen. Da beide unsrer
Aufmerksamkeit nicht entgangen sind, kannst du dir leicht vorstellen. Beide,
vorzglich aber der Held des Tages Jason, versehen unsre Versammlungspltze,
Mrkte und Hallen reichlich mit immer frischen Neuigkeiten, und wenn du uns
reden hren knntest, mtest du glauben, die Athener hielten sich dem letztern
noch sehr verbunden, da er nicht mde wird, ihnen so viel Stoff zu
zeitkrzenden Unterhaltungen zu geben. Denn da wir von den Fortschritten, die
er in Thessalien und den angrnzenden Landschaften macht, etwas fr uns selbst
befrchten sollten, dazu ist er noch zu weit von uns entfernt; und sollte die
Gefahr wider Vermuthen grer werden, so sind wir ja auch da, und im Nothfall
findet sich wohl immer, mit oder ohne unser Zuthun, ein Dolch, der den luftigen
Entwrfen eines kleinen Thessalischen Parteigngers auf einmal ein Ziel setzt.
Mit den Olynthiern, deren tglich zunehmende Seemacht billig unsre Eifersucht
reizen sollte, scheint es zwar eine andre Bewandtni zu haben: aber was ist
denn am Ende das Olynth, das wie ein Pilz seit gestern aus dem Boden auftauchte,
gegen die uralte, weltberhmte, von Pallas und Poseidon und allen andern Gttern
begnstigte Athen? und was werden diese Chalcidier gegen die Abkmmlinge der
unberwindlichen Mnner von Marathon und Salamis ausrichten? Lass' sie sich doch
vergrern und ausbreiten so gut sie knnen, sie arbeiten doch nur fr uns! Wir
knnen der Zeitigung dieser schnen saftreichen Frucht ruhig zusehen, sicher da
wir sie pflcken werden, sobald sie uns reif genug zu seyn dnken wird. - So,
mein Freund, denkt und spricht man in Athen, und sieht daher mit der grten
Gleichgltigkeit den Anstalten zu, welche die herrschlustigen Spartaner, als
Vollzieher und Schirmherren des Friedens des Antalcidas, zu machen im Begriff
sind, um etliche kleine, von ihnen selbst aufgehetzte Stdte gegen die Olynthier
in Schutz zu nehmen, und sich mit diesen in eine Fehde einzulassen, von welcher
wir, wie sie auch ausfallen mag, immer den Vortheil haben werden im Trben zu
fischen, und uns um so leichter wieder zu Herren des Meers zu machen, da, allem
Ansehen nach, entweder Sparta oder Olynth in den Fall kommen wird, unsern
Beistand suchen zu mssen.
    Diese eben so unkluge als unedle Art von Politik ist nun einmal unter uns
Griechen herrschend geworden, und wird (wie du sehr richtig voraussiehst) ber
lang oder kurz den Verlust unsrer Freiheit zur Folge haben. Ein Staat, der von
seiner Unabhngigkeit keinen weisern Gebrauch macht als wir, und es immer nur
darauf anlegt, alles rings um sich her zu unterdrcken und seiner Willkr zu
unterwerfen, ist eben so unfhig als unwrdig seine eigene Freiheit zu
behaupten, und bereitet thrichter Weise die Fesseln sich selbst, die er
unaufhrlich fr alle andern schmiedet. Aber wie weit sind wir Athener noch
entfernt, uns eine solche Katastrophe der ewigen Tragdie, die wir in
Griechenland spielen, trumen zu lassen? Wir sehen mit hmischer Schadenfreude
zu, wie das stolze, gewaltthtige und unersttliche Sparta sich allen Griechen
tglich verhater und unertrglicher macht, und kein warnender Dmon flstert
uns zu, da die Spartaner nichts thun, als was wir selbst an ihrer Stelle so
lange gethan haben und mit Freuden wieder thun werden, sobald das Uebergewicht
wieder auf unsrer Seite seyn wird.
    Wie hoch haben die Stifter von Cyrene sich um ihre Nachkommen verdient
gemacht, da sie euch jenseits des libyschen Meeres, unter dem heitersten Himmel
und auf dem fruchtbarsten Boden, eine so schne und sichere Freisttte
bereiteten; weit genug von der strmischen Hellas entfernt, um weder mit Gewalt
in den Wirbel unsrer Hndel hinein gerissen zu werden, noch in Versuchung zu
gerathen, euch freiwillig darein zu mischen. Wohl euch bei eurer goldnen
Mittelmigkeit! Cyrene wird vermuthlich niemals eine bedeutende Rolle in der
Geschichte spielen; aber in Hinsicht auf Glckseligkeit ist es mit Vlkern und
Staaten wie mit einzelnen Menschen: man wird immer unter denen, die sich still
und unbekannt durchs Leben schleichen, mehr glckliche finden, als unter denen,
die am meisten Aufsehen, Gerusch und Staub um sich her machen.

                                       3.



                             Aristipp an Eurybates.

Der schne Lysanias hat sich durch sein sittsames, anmuthiges und geflliges
Wesen bereits nicht weniger Freunde in Cyrene erworben als Personen sind, mit
welchen er bekannt zu werden Gelegenheit hatte. An einem jungen Cekropiden sind
die so seltene Tugenden, da man beinahe, wo nicht an seiner Attischen
Autochthonie, wenigstens an seiner Erziehung in Athen zweifeln mte, wenn er
nicht von so vielen andern Seiten eine Bildung zeigte, die man in seinem Alter
nur zu Athen erhalten haben kann. Mit Einem Worte, Freund Eurybates, die Grazien
haben ihm bei seiner Geburt zugelchelt und ihn mit der Gabe zu gefallen
beschenkt, der kstlichsten aller Gttergaben, die ihrem Besitzer in allen
Verhltnissen des Lebens unzhlige Vortheile bringt, und nur dann gefhrlich
wird, wenn er sich selbst zu sehr gefllt. Bis itzt scheint unser junger Freund
von dieser Untugend vllig frei zu seyn; nichts an ihm verrth da er sich
seiner Liebenswrdigkeit bewut sey; im Gegentheil beweiset die Art, wie er das
Wohlgefallen, so wir alle an ihm haben, aufnimmt, da er, weit entfernt es fr
einen schuldigen Tribut zu halten, uns vielmehr dafr, als fr eine ganz
freiwillige Aeuerung unserer Gutherzigkeit und Wohlmeinung mit ihm, verbunden
zu seyn glaubt. Da er in dieser schnen Unbefangenheit erhalten, und weder
durch zu vieles Liebkosen verzrtelt, noch durch Schmeichelei eitel und
einbildisch gemacht werde, soll eine der angelegensten Sorgen aller derer seyn,
denen du dieses edle Gewchs zu pflegen anvertraut hast. Wir fhlen den ganzen
Werth deines Zutrauens, und werden uns beeifern es zu rechtfertigen. Inzwischen
vereinigen sich Musarion und Kleone mit Kleonidas und mir, der schnen Droso zu
danken, da sie unsern Freund Eurybates mit einem so liebenswrdigen Erben
beschenkt hat, und bitten sie versichert zu seyn, da es nicht an ihrem guten
Willen liegen soll, wenn er seine geliebte Mutter in Cyrene nicht doppelt wieder
gefunden zu haben glauben wird.
    Du siehest ohne mein Erinnern, da sechzehn Jahre das Alter nicht sind, wo
das Landleben fr einen in Athen aufgewachsenen Abkmmling von Kodrus einen
berwiegenden Reiz haben knnte. Es wird aber auch zu deiner Absicht genug seyn,
wenn er nur, durch ftere Abwechslung des stdtischen Lebens mit dem lndlichen,
das Ntzliche sowohl als das Angenehme des letztern immer besser kennen und
schtzen lernt. Der Werth, den er uns auf die Arbeiten des Landmanns, auf
Feldbau, Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen, legen sieht, wird ihn immer
aufmerksamer auf diese Gegenstnde machen; er wird sehen, bemerken, fragen, auch
wohl zuweilen selbst Hand anlegen, und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen, die
er, sobald der Anfang einmal gemacht ist, bei jeder Gelegenheit zu vermehren
suchen wird. Ich sehe mit Vergngen, da sich zwischen ihm und Kratippus, dem
ltesten Sohn meines Bruders, eine gegenseitige Zuneigung entspinnt, die zu
einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht. Mein Neffe hat fnf oder
sechs Jahre mehr als dein Sohn, und wei sich des kleinen Ansehens, so ihm
dieser Vorsprung gibt, mit so guter Art zu bedienen, da er wirklich mehr ber
ihn vermag als wir andern alle. Lysanias zeigt eine Anhnglichkeit an seinen
ltern Freund, von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten lt, weil
Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat, und fr die Lebhaftigkeit
eines jungen Atheners eher zu trocken scheinen knnte. Wahrscheinlich wird diese
Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten frderlicher seyn, als alles was wir
Aeltern dazu beitragen knnen. Mein Bruder besitzt groe und eintrgliche
Lndereien in allen Gegenden der Cyrenaika, und Kratippus hat sich aus
angebornem Hang zum thtigen Landleben der Verwaltung der vterlichen Gter
gnzlich gewidmet. Die veranlat hufige kleine Reisen und einen lngern oder
krzern Aufenthalt bald auf diesem bald auf jenem Gute. Lysanias, der nicht
lange ohne seinen Freund leben kann, hat ihn also schon mehrmals begleitet, und
findet an diesen landwirthschaftlichen Reisen, die ihm in einem der
fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende
Gegenstnde, Ansichten und Gensse verschaffen, so viel Belieben, da wir eher
auf Mittel denken mssen, ihn in der Stadt zurckzuhalten als ihm Neigung zum
Landleben einzuflen. Indessen, da es bei diesen Landpartien weniger um
Ergtzlichkeiten als um Geschfte zu thun ist, und unser junger Gastfreund
jedesmal gelehrter, verstndiger und gesetzter zurckkommt, ohne einen andern
Nachtheil davon zu haben, als da die etwas mdchenhafte Gesichtsfarbe, die er
nach Cyrene brachte, unvermerkt eine brunliche Schattirung gewinnt; so halten
wir es fr besser ihn hierin seiner eigenen Willkr zu berlassen, und werden
dennoch alles so einzurichten wissen, da die brigen Zwecke seines Hierseyns
nicht vernachlssiget werden sollen.
    Seit kurzem, lieber Eurybates, habe ich auch von Learch einen Brief
erhalten, der mir ber das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch
Trost gibt als der deinige. Wenn sie nirgends gefunden werden kann, und niemand
etwas Zuverlssigeres von ihr zu sagen hat, als da sie aus Pandasia, ihrem
letzten Aufenthalt, pltzlich verschwunden sey; wenn der Taugenichts, dem sie
sich aufgeopfert, sie in einer Lage verlassen hat, wo ihr keine andere Wahl
blieb, als entweder die Hlfe ihrer Freunde anzunehmen - oder zur Schmach einer
gewhnlichen Hetre herabzusinken - oder zu sterben - so wei ich was sie
gewhlt hat. O mein Freund, der Stolz dieses so hochbegabten auerordentlichen
Weibes hatte keine Grnzen; er mute ihr in einer solchen Lage das Herz brechen,
und - es brach! Das meinige sagt es mir - sie hat gelebt!8 - Und wohl hat sie,
in der schnsten Hora des Lebens, gelebt, wie nur wenigen von Gttern Gezeugten
oder ohne Ma Begnstigten zu leben vergnnt wird; und was auch das Loos ihrer
letzten Tage war, ber die Natur und das Glck hatte sie sich nicht zu beklagen;
denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel fr eine Sterbliche gethan
als fr sie. Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser htte haushalten
knnen? - ist eine Frage, welcher die Freundschaft itzt, da ihr Schicksal
entschieden ist, auszuweichen strebt. - Vielleicht htten wir weniger schonend
mit ihr umgehen sollen, da sie noch glcklich war? - Diesen Vorwurf habe ich mir
selbst schon mehr als Einmal gemacht, und kann jedesmal nicht umhin, mir selbst
zu antworten: es wrde vergebens gewesen seyn; denn schwerlich hat man je ein
Weib gesehen, die mit einer so zauberischen Sanftheit und Geschmeidigkeit eine
so eisenfeste Beharrlichkeit auf ihrer Meinung, und mit einem so hellen Blick
und scharfen Urtheil eine so unerschpfliche Gabe sich selbst zu tuschen und
ihre eigene Vernunft (wenn ich so sagen kann) zu berlisten, vereinigt htte.
    Ob wir gleich wohl thun, uns unaufhrlich zu sagen, es hange immer von
unserm Willen ab, recht zu handeln oder nicht: so scheint doch - wenn wir den
Menschen betrachten, so wie er, in unzhligen, ihm selbst grtentheils
unsichtbaren Ketten und Fden an Platons groer Spindel der Anangke hangend, von
eben so unsichtbaren Hnden in das unermeliche und unauflsliche Gewebe der
Natur eingewoben wird - so scheint, sage ich, nichts gewisser zu seyn, als da
ein jedes ist was es seyn kann, und da es unter allen den Bedingungen, unter
welchen es ist, nicht anders htte seyn knnen. Lais selbst hielt sich nur zu
gut hiervon berzeugt. Da ich nun einmal Lais bin (schrieb sie in ihrem letzten
Brief an Musarion), so ergebe ich mich mit guter Art darein, und kann nicht
wnschen, da ich eine andere seyn mchte. - Auch mir, lieber Eurybates, wird
es, je mehr ich alles erwge was hier zu erwgen ist, immer einleuchtender, da
der Ausgang, den das genialisch frhliche, schimmernde und vielgestaltige Drama
ihres Lebens nahm, dazu gehrte, wenn sie bis ans Ende Lais seyn sollte. Ich
mchte sagen, das Schicksal war es gewissermaen der Menschheit schuldig; sie
mute fallen; aber ich bin gewi sie fiel wie die Polyxena des Euripides,
selbst im Fallen noch besorgt keine Ble zu zeigen. Nichts wre ihr
unertrglicher gewesen als vor irgend einem Auge, das einst Zeuge ihrer Glorie
war, als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen. Die Art, wie sie
verschwand, war die letzte Befriedigung ihres Stolzes: wir werden nichts mehr
von ihr hren.
    Du siehest, guter Eurybates, wie ich bei diesem traurigen Ereigni mein
Gefhl zu beschwichtigen suche. Aber die Natur behauptet ihr Recht darum nicht
weniger; es kommen Augenblicke, da ich, wenig strker als Musarion (deren
Thrnen um ihre geliebte Freundin und Wohlthterin so bald nicht versiegen
werden) eine Art von Trost darin finde meinem Schmerz nachzuhngen; Augenblicke,
da die schne Unglckliche in aller ihrer Liebenswrdigkeit vor mir steht, und
einen Glanz um sich her wirft, worin jede Schuld verschwindet und Flecken selbst
zu Reizen werden. In solchen Augenblicken mcht' ich mit dem Schicksal hadern,
da es einen so dstern Schatten auf das herrliche Gtterbild fallen lie; und
die vom Herzen bestochne Einbildungskraft spiegelt mir eine trgerische
Mglichkeit vor, wie alles anders htte gehen knnen; bis endlich die Vernunft
das gefllige Duftgebilde wieder zerstreut, und mich, wiewohl ungern, zu
gestehen nthigt: es habe dennoch so gehen mssen, und, wie unbegreiflich uns
auch die Verkettung unsrer Freiheit mit dem allgemeinen Zusammenhange der
Ursachen und Erfolge seyn mge, immer bleibe das Gewisseste, da das ewige, mit
der schrfsten Genauigkeit in die Natur der Dinge eingreifende Rderwerk des
Schicksals nie unrichtig gehen kann.

                                       4.



                               An Ebendenselben.

                     Ueber Platons Dialog von der Republik.

In Lagen, wo das Gefhl mit der Vernunft ins Gedrnge kommt, ist uns alles
willkommen, was uns in einen andern Zusammenhang von Vorstellungen versetzt, die
entweder durch Neuheit, Schnheit und Wichtigkeit anziehen, oder durch einen
Anstrich von sinnreichem Unsinn und Rthselhaftigkeit zum Nachdenken reizen, und
sich unvermerkt unsrer ganzen Aufmerksamkeit bemchtigen. In dieser Rcksicht,
lieber Eurybates, htte mir der neue Platonische Dialog, womit du mich beschenkt
hast, zu keiner gelegenern Zeit kommen knnen. Ich habe ihn, unter hufig
abwechselnden Uebergngen von Beifall, Interesse, Bewunderung und Vergngen - zu
Mibilligung, Kopfschtteln, Langeweile und Ungeduld, bereits zum zweitenmale
durchgelesen; was wenigstens so viel beweiset, da, meinem Gefhle nach, das
Lobenswrdige in diesem seltsamen Werke mit dem Tadelhaften um das Uebergewicht
kmpfe, und es daher keine leichte Sache sey, ber den innern Werth oder Unwerth
desselben ein unbefangenes Urtheil auszusprechen. Wirklich scheint mir Plato
alle Krfte seines Geistes und den ganzen Reichthum seiner Phantasie, seines
Witzes und seiner Beredsamkeit aufgeboten zu haben, um das Vollkommenste, was er
vermag, hervorzubringen; und ich mte mich sehr irren, oder es ist ihm
gelungen, nicht nur alle seine Vorgnger und Mitbewerber, so viele ich deren
kenne, sondern, in gewissem Sinne, auch sich selber zu bertreffen. Denn
unstreitig mu sogar sein Phdon, Phdrus, und das allgemein bewunderte
Symposion selbst, vor diesem neuen Prachtwerke zurckweichen. Da man ber diesen
Punkt (wie mir Lysanias sagt) zu Athen nur Eine Stimme hrt, und die meinige zu
unbedeutend ist, um das allgemeine Koax Koax der Aristophanischen Frsche
merklich zu verstrken, so wre wohl das Bescheidenste und auf alle Flle das
Klgste, was ich thun knnte, wenn ich es bei dem bisher Gesagten bewenden
liee. Aber du verlangst meine Meinung von dieser neuen Dichtung unsers
erklrten Dichterfeindes ausfhrlich zu lesen, und hast mich gewissermaen in
die Nothwendigkeit gesetzt dir zu Willen zu seyn, da ich nicht umhin kann, ihn
gegen einen Vorwurf zu vertheidigen, den du ihm machst, und der, neben so vielen
andern, die er nur zu sehr verdient, mit deiner Erlaubni, gerade der einzige
ist, von welchem ich ihn frei gesprochen wissen mchte. Bei so bewandten Dingen
will ich denn (nach andchtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten,
die ich mir mit ihrem Gnstling nehmen werde, nicht in Ungnaden zu vermerken)
mich dem Wagestck unterziehen, und dir meine Gedanken sowohl von Platons
Republik als von diesem Dialog berhaupt ungescheut erffnen; ohne mich jedoch
zu einer vollstndigen Beurtheilung anheischig zu machen, welche leicht zu einem
zweimal so dicken Buch als das beurtheilte Werk selbst, erwachsen knnte.
    Vor allem la uns bei der Form dieses Dialogs, als dem ersten was daran in
die Augen fllt, eine Weile stehen bleiben.
    Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus, was wenigstens Plato selbst willig
zugeben wird: da ein Dialog in Rcksicht auf Erfindung, Anordnung, Nachahmung
der Natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und
seyn soll, als eine Tragdie oder Komdie; und ist er die, so mu er allen
Gesetzen, die ihren Grund in der Natur eines aus vielen Theilen
zusammengesetzten Ganzen haben, und berhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen
und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit, des Ortes und
anderer Umstnde, eben so wohl unterworfen seyn als diese. La uns sehen, wie
der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen
wird, die ich ihm zum Theil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner
Bekanntschaft machen hre, zum Theil (ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter
zu seyn) meinem eigenen Gefhle nach, zu machen habe.
    Ich bergehe den allgemeinen Vorwurf, der beinahe alle seine Dialogen, aber
den gegenwrtigen noch viel strker als die meisten andern, trifft: da er dem
guten Sokrates unaufhrlich seine eigenen Eier auszubrten gibt, und ihm ein
System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt, womit der schlichte
Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte; kurz, da er
ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann, sondern in gewissen Stcken sogar zum
Gegentheil dessen macht was er war. Wir wissen was er hierber zu seiner
Rechtfertigung zu sagen pflegt, und lassen es dabei bewenden. Aber auf die sehr
natrliche Frage: Woher uns dieser Dialog komme? sollte er doch die Antwort
nicht schuldig bleiben. Das Ganze ist die Erzhlung eines im Peiron9 am Feste
der Thracischen Gttin Bendis10 im Hause des reichen alten Cephalus
vorgefallenen philosophischen Gesprchs zwischen Sokrates, Glaukon und
Adimanthus; denn die brigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem
Hauptgesprche blo mit den Ohren Antheil. Diese Erzhlung legt Plato dem
Sokrates selbst in den Mund; aber an wen die Erzhlung gerichtet sey, und aus
welcher Veranlassung? Wo und wann sie vorgefallen? davon sagt er uns kein Wort.
Was mssen wir also anders glauben, als Sokrates habe dieses Gesprch allen, die
es zu lesen Lust haben, schriftlich erzhlt, d.i. er habe ein Buch daraus
gemacht? Wir wissen aber da Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben
hat, das einem Buche gleich sieht. Plato verstt also gegen alle
Wahrscheinlichkeit, da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht, das
kaum um den sechsten Theil kleiner ist als die ganze Ilias.
    Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen, die man einem Dichter von
Profession nicht versagen wrde, den Sokrates zum Schriftsteller zu machen, was
dieser wenigstens htte seyn knnen, wenn er gewollt htte: aber wie kann er
verlangen, wir sollen es fr mglich halten, da ein Gesprch, welches von einem
nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht
gelesen werden kann, an Einem Tage gehalten worden sey, wenn gleich (was doch
keineswegs der Fall war) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die
sinkende Nacht in Einem fort gesprochen htte? Adimanth und Glaukon, welche bei
weitem in dem grten Theile des Gesprchs bloe Wiederhaller sind, brauchten
sich zwar auf ihre ewigen, ja freilich, allerdings, nicht anders, warum nicht?
so scheint's, ich sollte meinen, und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten,
eben nicht lange zu bedenken; aber man mu doch wenigstens Athem holen, und da
in diesen vollen sechzehn Stunden, die das Gesprch dauert, weder gegessen noch
getrunken wurde, so kann man ohne Uebertreibung annehmen, der gute Sokrates
mte sich, trotz seiner krftigen Leibesbeschaffenheit, dennoch zuletzt so
ausgetrocknet und verlechzt gefhlt haben, da es ihm unmglich gewesen wre,
das wundervolle Ammenmhrchen von dem Armenier Er, womit Plato seinem Werke die
Krone aufsetzt, in hrbaren Lauten hervorzubringen.
    La uns indessen aus Geflligkeit gegen den philosophischen Dichter ber
alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen: aber wer kann uns zumuthen (hre
ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen), da wir die Urbanitt so weit
treiben, die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschlieen, der ganz
allein hinreichend ist, jedes Kunstwerk, wie schn auch dieser oder jener
einzelne Theil desselben seyn mchte, insofern es ein Ganzes seyn soll,
verwerflich zu machen? Was wrden wir von einem Baumeister sagen, der sich um
die Richtigkeit und Schnheit der Verhltnisse der Seiten, Hallen, Sle,
Kammern, Thren und andrer einzelner Theile seines Gebudes so wenig bekmmerte,
da er ohne Bedenken die rechte Seite krzer als die linke, oder das Vorhaus
grer machte als das Wohnhaus; einem hohen gerumigen Speisezimmer kleine
Fenster und ungleiche Thren gbe, und den Gesellschaftssaal neben die Kche
setzte? Oder wie wrden wir den Maler loben, der, wenn er z.B. den Kampf des
Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemldes genommen htte, uns
auf derselben Tafel die schne Deianira unter einem Gewimmel von Mgden mit
Trocknen ihrer Wsche beschftigt zeigte, und, zu mehrerer Unterhaltung der
Liebhaber, auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel, eine Gluckhenne mit
ihren Kchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn
anbringen, und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte, da der
Zuschauer, zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe, oder Deianira mit ihren
Mgden, oder Hercules und Achelous, oder die Gluckhenne und der Pfau die
Hauptfiguren des Stcks vorstellen sollten, ber dem Betrachten der Nebendinge
den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlre? Wiewohl dieser Tadel
sich auf eine, meiner Meinung nach, etwas schiefe Ansicht des Dialogs, als
Kunstwerk betrachtet, grndet, und daher um vieles bertrieben ist, wie ich in
der Folge zu zeigen Gelegenheit finden werde: so mu ich doch gestehen, da das
vor uns liegende Werk von einem auffallenden Miverhltni der Theile zum
Ganzen, und von Ueberladung mit Nebensachen, welche die Aufmerksamkeit von der
Hauptsache abziehen und nthigern Untersuchungen den Weg versperren, nicht ganz
frei gesprochen werden knne. Das Problem, warum es dem angeblichen Sokrates
eigentlich zu thun ist, nmlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch
das Ideal eines vollkommenen Staats zu finden, macht kaum den vierten Theil des
Ganzen aus; und ob ich schon nicht in Abrede bin, da der Verfasser die hufigen
Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht
hat, so ist doch unlugbar, da einige derselben wahre Auswchse und ppige
Wasserschlinge sind, andere hingegen ohne alle Noth so ausfhrlich behandelt
werden, da der Verfasser selbst das Hauptwerk darber gnzlich zu vergessen
scheint.
    Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten, sobald
gefragt wird: wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen, worin die
wesentlichste Schnheit eines Dialogs besteht, beschaffen sey? - Vorausgesetzt,
da die Rede nicht von Unterweisung eines Knbleins durch Frage und Antwort,
sondern von einem Gesprch unter Mnnern, ber irgend einen wichtigen, noch
nicht hinlnglich aufgeklrten, oder verschiedene Ansichten und Auflsungen
zulassenden Gegenstand ist, so lt sich doch wohl als etwas Ausgemachtes
annehmen: ein erdichteter Dialog sey desto vollkommener, je mehr er einem unter
geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gesprch hnlich
sieht. In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen
Mann; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht, hat seine Meinung, und wei
sie, wenn sie angefochten wird, mit starken oder schwachen, aber doch wenigstens
mit scheinbaren, Grnden zu untersttzen. Wird gestritten, so wehrt sich jeder
seiner Haut so gut er kann; oder sucht man einen Punkt, welcher allen noch
dunkel ist, ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen, so trgt jeder nach Vermgen
dazu bei. Glaubt einer die Wahrheit, welche gesucht wird, gefunden zu haben, so
hrt er die Zweifel, die ihm dagegen gemacht werden, gelassen an, und die daraus
entstehende Errterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu besttigen und
anerkennen zu machen, oder den vermeinten Finder zu berfhren, da er sich
geirret habe; und wre auch einer in der Gesellschaft allen brigen an
Scharfsinn und Sachkenntni merklich berlegen, so ist dieser so weit entfernt
sich dessen zu berheben, das Wort allein fhren zu wollen, und den andern
nichts brig zu lassen als immer Ja zu sagen, da er ihnen sogar, falls sie ihre
Zweifel und Einwrfe nicht in ihrer ganzen Strke vorzutragen wissen, mit guter
Art zu Hlfe kommt, ihre Partei gegen sich selbst nimmt, und nicht eher Recht
behalten will, bis alle Waffen, womit seine Meinung bestritten werden kann,
stumpf oder zerbrochen sind. Unterhaltungen dieser Art sind es, die der
Dialogendichter zu Mustern nehmen mu; aber auch dadurch hat er den Forderungen
der Kunst noch kein Genge gethan. Denn da er, als Knstler, sich nicht auf das
Gemeine und Alltgliche beschrnken, sondern das Schnste und Vollkommenste in
jeder Art, oder genauer zu reden, ein in seinem Geiste sich erzeugendes Bild
desselben, zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren
Kunstwerk erheben soll: so kann mit dem grten Rechte von ihm erwartet werden,
da die gelungene Bestrebung, dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als
mglich zu kommen, in seinem ganzen Werke sichtbar sey. Ich darf nicht besorgen
einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden, wenn
ich sage, da er bei der Ausarbeitung des Gesprches, wovon wir reden, eher an
alles andere als an diese Pflicht gedacht habe; denn statt eines Gemldes, worin
Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft, in welcher es ehrenvoll ist
der erste zu seyn, erschiene, glauben wir den Homerischen Tiresias unter den
Todten zu sehen.

Er allein hat Verstand, die andern sind flatternde Schatten.

    In der That sind von der letzten Hlfte des zweiten Buchs an alle brigen
eine Art von stummen Personen; selbst Glaukon und Adimanth, an welche Sokrates
seine Fragen richtet, haben grtentheils wenig mehr zu sagen, als was sie, ohne
den Mund zu ffnen, durch bloes Kopfnicken, oder ohne sichtbar zu seyn, wie die
krperlose Nymphe Echo, durch bloes Widerhallen htten verrichten knnen; und
so ist nicht zu lugnen, da dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch
besserm Recht ein Sokratischen Monolog heien knnte.
    Da das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur
der Sache mit sich. In einer Gesellschaft von mehr als zwlf Personen, will
sich's nicht wohl schicken, da einer sich der Rede sogleich ausschlielich
bemchtige; und Plato benutzt diesen Umstand, seine Leser gleich anfangs durch
das Gesprch zwischen Sokrates und dem alten Cephalus (dem Herrn des Hauses)
ber die Vortheile und Nachtheile des hohen Alters (die kleinste und schnste
Episode dieses Werks) in Erwartung einer angenehmen und interessanten
Unterhaltung zu setzen. Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gesprch
dieser Art nicht ausdauern. Er mu etwas zu disputiren haben; und da ihm
Cephalus keine Gelegenheit dazu gibt, macht er sie selbst, indem er ihn, man
sieht nicht recht warum, durch eine verfngliche Frage in einen Streit ber den
richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht, und dadurch den
eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs, wiewohl ein wenig bei den Haaren,
herbeizieht. Der schlaue Alte, der die Falle sogleich gewahr wird, macht sich,
mit der Entschuldigung, da seine Gegenwart beim Opfer nthig sey, in Zeiten aus
dem Staube; seinem Sohne Polemarchus auftragend, die Sache mit dem kampflustigen
Herrn auszufechten. Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig, und der Streit
beginnt ber den Spruch des Simonides, jedem das Seine geben ist gerecht,
welchen Polemarch behauptet, Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit
und Ehrfurcht vor einem so weisen und gttlichen Manne wie Simonides, unter
dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht, nach
seiner gewohnten Art bestreitet, indem er jenen durch unerwartete Fragen und
Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu
bringen sucht. Polemarch wehrt sich zwar eine Weile, sieht sich aber, da er zu
rasch und hitzig dabei zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht
gewachsen ist, ziemlich bald genthigt, seine Meinung zurck zu nehmen. Ich
gestehe, da ich es, an Platons Stelle, nicht ber mich htte gewinnen knnen,
weder den Sokrates mit so strhernen Waffen fechten, noch den Sohn des Cephalus
sich so unrhmlich berwunden geben zu lassen. Man knnte zwar zu seiner
Entschuldigung sagen: bekanntermaen habe Sokrates sich gegen die Sophisten und
ihre Schler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient; da es ihm nicht
darum zu thun gewesen sey, sie zu belehren, sondern ihrer zu spotten, sie in
Widersprche mit sich selbst zu verwickeln, und eben dadurch, da sie sich so
leicht verwirren und in Verlegenheit setzen lieen, sie selbst und die Zuhrer
ihrer Unwissenheit und Geistesschwche zu berweisen. Ich antworte aber: sobald
Plato, der Schriftsteller, sich die Freiheit herausnahm, den nicht mehr lebenden
Sokrates zum Helden seiner philosophischen Dramen und dialektischen Kampfspiele
zu whlen, und ihm zu diesem Ende eine subtile, schwrmerische, die Grnzen des
Menschenverstandes berfliegende Philosophie, die nichts weniger als die seinige
war, in den Busen zu schieben; mit Einem Wort, sobald er sich erlaubte aus dem
wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen, wrde es ihm sehr wohl
angestanden haben, auch die einzigen Zge, die er ihm lassen mute, wenn er sich
selbst noch hnlich sehen sollte, die Art wie er die Ironie und die Induction zu
handhaben pflegte, zu idealisiren; ich will sagen, sie mit aller der Feinheit
und Kunst zu behandeln, deren sie bedarf, wenn sie fr eine Methode gelten soll,
dem gemeinen Menschenverstand den Sieg ber sophistische Spitzfindigkeit und
tuschende Gaukelei mit Aehnlichkeiten, Wortspielen und Trugschlssen zu
verschaffen. Die, denke ich, mte ihm Pflicht seyn, wenn er das Andenken
seines ehrwrdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte, und ich sehe nicht, womit
er zu entschuldigen wre, da er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das
Gegentheil thut. Oder mu es nicht dem bldesten Leser in die Augen springen,
da sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet,
die den Leser ungewi lt, ob der Sophist Sokrates den ehrlichen Polemarch,
oder der Sophist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle? Denn (was
wohl zu bemerken ist) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich
kurzsinniger und im Denken wenig gebter Mann, aber nichts an ihm lt uns
argwohnen, da es ihm nicht um Wahrheit zu thun sey; und der Satz des Simonides,
wenn er gleich den hchsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht
erreicht, drckt doch eine so allgemein fr Wahrheit anerkannte Maxime aus, da
man nicht begreift, wie Platons Sokrates sich erlauben kann, einen so platten
langweiligen Scherz damit zu treiben. Oder sollte Plato im Ernst glauben, die
Erklrung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit berwiesen, da einer
z.B. Unrecht htte, wenn er ein bei ihm hinterlegtes Schwert dem Eigenthmer auf
Verlangen wieder gbe, falls dieser wahnsinnig wre, oder der Depositor gewi
wte, da er seinen Vater damit ermorden wolle? Denn wer sieht nicht, da hier
blo mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort gerecht im gemeinen Leben
hat, gespielt wird; da die Flle, worin es nicht recht, d.i. weder gesetzmig
noch klug, schicklich und rathsam ist, das Anvertraute dem Eigenthmer wieder zu
geben, Ausnahmen sind, die aus dem Zusammensto verschiedener gleich heiliger
Pflichten entstehen; und da daher unter verschiedenen Umstnden und in
verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht seyn kann? Da Sokrates
die nicht zu wissen scheint - und da der gute Polemarch, sobald ihm die
Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird, gleich so erschrocken, als wrde ihm
der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten, zurckspringt, und den Worten des
Simonides flugs eine andere Deutung gibt, die er gleichwohl eben so wenig gegen
die Sophistereien und Ironien des groen dialektischen Kampfhahns zu behaupten
wei, - alle diese Antinomien11 gegen die Gesetze der gesunden Vernunft sind,
ich mu es gestehen, etwas hart zu verdauen, wiewohl sie aufhren in Erstaunen
zu setzen, wenn man gesehen hat, da das ganze Buch von ihres gleichen wimmelt.
Und gleichwohl drft' es jedem Leser, der gerade keinen besondern Sinn fr die
Reize dieser Art von Spamacherei hat, schwer fallen, an dem gttlichen Plato
nicht irre zu werden, wenn er auf die platten, und in eine Menge kleiner, zum
Theil ganz miger Qustiunkeln aufgelsten Inductionen stt, wodurch der
treuherzige Polemarch sich vom Sokrates wei machen lt: aus seiner Hypothese,
jedem das Seine geben sey so viel als seinen Freunden Gutes und seinen Feinden
Bses thun, folge ganz natrlich, der gerechteste Mann sey der grte Dieb, und
die Gerechtigkeit sey nur insofern etwas Gutes als man keinen Gebrauch von ihr
mache. Wer kann sich einbilden, ein so scharfsinniger geometrischer Kopf wie
Plato habe sich selbst ber die Armseligkeit solcher Beweise, die zum Theil auf
bloen Wortspielen beruhen, tuschen knnen, und sehe nicht so gut als wir, da
Polemarch der bldsinnigste Knabe von der Welt gewesen seyn mte, wenn er sich
in so groben Schlingen htte fangen lassen? Er mu also eine besondere Absicht
dabei gehabt haben; und was konnte diese anders seyn, als seinem
Pseudo-Sokrates, um ihm desto mehr Aehnlichkeit mit dem wahren zu geben, eine
Eirons12-Larve umzubinden; und die bekannte Manier im Dialogisiren, welche dem
chten Sokrates eigen war und vom Xenophon in seinem Symposion so schn
dargestellt wird, auf eine Art nachzuahmen, die zu jener Larve pat, und gerade
dewegen, weil sie bertrieben ist, dem groen Haufen und den Fernestehenden die
Aehnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original (dessen feinste Zge im
Gedchtni der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind) desto auffallender
macht?
    Unter die ziemlich hufig in diesem Dialog vorkommenden Beispiele, da
Plato, sobald er will, die dramatische Wahrheit und das, was jeder Person
zukommt, sehr gut zu beobachten wei, rechne ich die Art, wie er den Sophisten
Thrasymachus auf den Kampfplatz springen lt, und berhaupt, die wahrhaft
Attische Eleganz und Feinheit, womit er die eitle Selbstgeflligkeit und den
neckenden, nasermpfenden, nicht selten in beleidigende Grobheit bergehenden
Stolz des plumpen Sophisten mit der kaltbltigen Urbanitt und ironischen Demuth
des seiner spottenden Sokrates contrastiren lt. Nur Schade, da der letztere
auch hier seine Wrde nicht durchaus so behauptet, wie der Anfang uns erwarten
macht. Man knnte zwar sagen, es zeige sich in dem ganzen ersten Buche, da es
dem Sokrates noch kein rechter Ernst sey; da er blo, wie ein Citherspieler der
sich hren lassen will, sein Instrument zu stimmen und zu probiren scheine,
wiewohl er, auch indem er nur nachlssig auf den Saiten herumklimpert, schon zu
erkennen gibt was man von ihm zu erwarten habe. Es mag seyn, da Plato diesen
Gedanken hatte; indessen mcht' ich doch behaupten, da die Disputation mit dem
Sophisten Thrasymachus unter die ausgearbeitetsten Theile des ganzen Werks
gehre, und fr ein Meisterstck in der chtsokratischen Manier, einen
streitigen Punkt aufs Reine zu bringen, gelten knnte, wenn Sokrates seinem
eigenen Charakter immer getreu bliebe und - nachdem er den Sophisten so weit
getrieben, da er geradezu behaupten mu, die Ungerechtigkeit sey Weisheit, und
die Gerechtigkeit also das Gegentheil, - sich nicht, aus wirklicher oder
verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle, in eine weitausgeholte,
spitzfindige Manier mit unbestimmten, schillernden und doppelsinnigen Begriffen
und Stzen, wie mit falschen Wrfeln, zu spielen, verirrte, d.i. wenn der
verkappte Sokrates, der seine Rolle bisher bis zum Tuschen gespielt hatte,
nicht auf einmal in den leibhaften Plato zurckfiele, und am Ende noch zehnmal
mehr Sophist wrde als sein Gegner selbst. Es ist schwer zu begreifen, wie Plato
sich in solchen Spielereien so sehr gefallen, oder wie er glauben kann, er habe
seinen Gegner zu Boden gelegt, wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender
Gleichungen zuletzt das Gegentheil von dem, was jener behauptet hatte,
herausbringt. Das Allerseltsamste aber ist dann doch, da in diesem ganzen
Schattengefechte beide streitende Parteien, indem sie einen bestimmten
philosophischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen, den popularen, auf das
allgemeine Menschengefhl gegrndeten Begriff immer stillschweigend
voraussetzen, ohne es gewahr zu werden. Es ist als ob die nrrischen Menschen
den Wald vor lauter Bumen nicht sehen knnten; sie suchen was ihnen vor der
Nase liegt, und was sie blo dewegen nicht finden, weil sie sich in einer Art
von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Sie wrden gar bald einig
geworden seyn, wenn Sokrates, statt der kleinen spitzfindigen und
hinterstelligen Fragen, die ihm schon Aristophanes vorwarf, geradezu gegangen,
und das, was alle Menschen, vermge eines von ihrer Natur unzertrennlichen
Gefhls, von jeher Recht und Unrecht nannten, in seiner ersten Quelle aufgesucht
htte. Leicht wr' es dann gewesen, das, was Recht ist, von dem, was Wahn oder
Gewalt zu Recht setzen, zu unterscheiden; die Streitenden htten einander nicht
lange miverstehen knnen, und wren in der Hlfte der Zeit einig geworden,
welche Platons sophistisirender Sokrates verschwendet, um - am Ende selbst
gestehen zu mssen, da - nach allem, was ber die albernen Fragen: ob die
Gerechtigkeit Tugend oder Untugend, Weisheit oder Thorheit, ntzlich oder
schdlich sey? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt, ironisirt und in die
Luft gefochten worden, - die groe Frage, was ist Gerechtigkeit? aus seiner
Schuld noch immer unausgemacht geblieben sey.
    Wie Sokrates, nach einem solchen Gestndni, zu Anfang des zweiten Buchs
sagen kann: er habe geglaubt das Gesprch sey nun zu Ende, wei ich nicht;
denn da Thrasymachus schon seit einer ziemlichen Weile, mit dem hoffrtigen
Anstand einer Kmpfers, der seinen Gegner nicht fr gut genug hlt ihn seine
Ueberlegenheit fhlen zu lassen, sich zurckzieht, machte zwar dem
Spiegelgefecht mit ihm ein Ende; aber die Untersuchung selbst war so wenig
beendigt, da sie nicht einmal recht angefangen hatte. In der That hatte
Thrasymachus seine Sache so schlecht gefhrt, da man zur Entschuldigung des
Sokrates sagen knnte: er habe es nicht der Mhe werth gehalten Ernst gegen
einen Antagonisten zu gebrauchen, den man schon mit Strohhalmen in die Flucht
jagen konnte. Ob Plato diesem Sophisten, indem er ihn zu einem eben so hohlen
als aufgeblasenen Strohkopf macht, Recht oder Unrecht gethan habe, mag
dahingestellt seyn; genug da durch die Art, wie der Streit bisher gefhrt
wurde, fr die gute Sache der Gerechtigkeit, welche doch nach Platons Absicht in
diesem Dialog einen entschiedenen Sieg ber ihre Gegner erhalten sollte, wenig
oder nichts gewonnen war. Das Werk mute also ernsthafter angegriffen werden. Um
dieses zu bewerkstelligen, stellt Plato in seinen Brdern Glaukon und Adimanthus
zwei neue Personen auf, welche bisher noch keinen thtigen Antheil an dem
Gesprche genommen hatten; und man mu gestehen, da er sein Mglichstes gethan
hat, die Rolle, die er ihnen im zweiten Buche zu spielen gibt, glnzend und
ehrenvoll zu machen. Der erste von ihnen, Glaukon, tritt zwar als Verfechter der
Ungerechtigkeit auf, deren Sache Thrasymachus (wie er meint) allzu lssig
vertheidigt und ohne Noth viel zu frh aufgegeben habe; verwahrt sich aber mit
vieler Wrme gegen den Verdacht, als ob er, indem er alle seine Krfte zu
Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete, aus eigener Ueberzeugung und gleichsam aus
der Flle des Herzens rede. Also blo um den Gegnern der Gerechtigkeit alle
Mglichkeit der Einwendung, als ob ihre Grnde nicht in ihrer ganzen Strke
geltend gemacht worden wren, abzuschneiden, und um den Sokrates in die
Nothwendigkeit zu setzen, sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen, nimmt
Glaukon das Wort, und macht sich anheischig: vor allen Dingen zu erklren, was
nach der Meinung derjenigen, fr welche Thrasymachus gesprochen habe, die
Gerechtigkeit sey und woher sie ihren Ursprung nehme; sodann zu zeigen, da
diejenigen, die sich der Gerechtigkeit befleiigen, es nicht dewegen thun, weil
sie in ihren Augen ein Gut, sondern weil sie ein nothwendiges Uebel ist; und
endlich drittens zu beweisen, da diese Leute Recht haben; sintemal die
Erfahrung bezeuge, da das Leben des Ungerechten in der That glcklicher sey als
des Gerechten. Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte, sagt Glaukon;
aber doch stoen mir zuweilen Zweifel auf, da ich tglich von Thrasymachus und
zehntausend andern so viel dergleichen hren mu, da mir die Ohren gellen,
hingegen mir noch niemand, so wie ich es wnschte, bewiesen hat, da der
Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte.
    Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der
Sophisten (die brigens in der Geschichte der Menschen und der Erfahrung nur
allzu gegrndet ist) deutlicher und scheinbarer htte vortragen und zierlicher
zusammenfassen knnen, als in der kleinen Rede geschehen ist, welche Plato
seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt. Ob aber gleichwohl durch die unserm
Philosophen eigene Art, alles aufs Hchste zu treiben, den Behauptern der Lehre,
da der Unterschied zwischen dem, was die Menschen Recht und Unrecht nennen,
sich blo auf einen durch die Noth aufgedrungenen Vertrag grnde, nicht einiges
Unrecht geschehe, drfte wohl die Frage seyn. Unrecht thun (sagt Glaukon)
ist, nach der gemeinen Meinung, an sich selbst, oder seiner Natur nach gut,
Unrecht leiden an sich selbst, bel. Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr
und greres Unheil, als Gutes aus dem Unrecht thun. Nachdem nun die Menschen
einander lange Unrecht gethan und Unrecht von einander erlitten, glaubten die
Schwchern, - eben darum, weil die Schwche, um derentwillen sie alles Unrecht
von den Strkern leiden mssen, sie unvermgend machte, das Vergeltungsrecht an
jenen auszuben, - sich nicht besser helfen zu knnen, als indem sie in Gte mit
einander bereinkmen weder Unrecht zu thun noch zu leiden. - Auf diese Weise,
meint er, seyen die Gesetze und Vertrge entstanden, und so habe das durchs
Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten.
Die sey also der Ursprung der Gerechtigkeit, und so stehe sie, ihrem Wesen
nach, zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte; denn das Beste wre,
ungestraft Unrecht zu thun, das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rchen zu
knnen. Die Gerechtigkeit werde also nicht geschtzt weil sie etwas Gutes an
sich sey, sondern blo insofern sie den Schwchern zur Brustwehr gegen die
Beeintrchtigungen der Strkern diene. Wer sich folglich stark genug fhle,
dieser Brustwehr nicht zu bedrfen, werde sich wohl hten sich in Vertrge,
andern kein Unrecht zu thun um keines von ihnen zu leiden, einzulassen; denn da
er das letztere nicht zu befrchten habe, so mte er wahnsinnig seyn, wenn er
sich des Vortheils, den Schwchern ungestraft Unrecht zu thun, freiwillig
begeben wollte.
    Ich kann mich irren, aber so weit ich die Sophisten, deren System Plato in
diesem zweiten Buche in seiner ganzen Strke vorzutragen unternommen hat, kenne,
scheint er mir, es sey nun vorsetzlich oder unvermerkt, etwas von seiner eigenen
Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben. Ich
wenigstens zweifle sehr, ob es jemals einem Menschen eingefallen ist, zu
behaupten: Unrecht thun sey gut an sich. Und was versteht Glaukon, aus dessen
Munde Plato hier spricht, unter Unrecht thun? Wenn der Unterschied zwischen
Recht und Unrecht erst durch Vertrge und verabredete Gesetze bestimmt werden
mu, so gibt es in dem Zustande der natrlichen Freiheit, der den
gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht, kein Unrecht. Oder spielt Plato,
wie er so gern thut, auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein, welches
sowohl beleidigen, als Unrecht thun bedeutet? Im Stande der natrlichen Freiheit
(den ich lieber den Stand der menschlichen Thierheit nennen mchte) beleidige
ich den Schwchern, dem ich die Speise, womit er seinen Hunger stillen will, mit
Gewalt wegnehme; im Stande der politischen Gesellschaft thue ich ihm dadurch
Unrecht, weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet. So verstehen es meines
Wissens, die Sophisten; und wiewohl sie behaupten, da es dem Menschen, welcher
Macht genug hat alles zu thun was ihm beliebt und gelstet, nicht unrecht sey
die Schwchern zu berauben oder zu unterjochen, sobald er Vortheil oder
Vergngen davon zu ziehen vermeint: so hat doch schwerlich einer von ihnen
jemals im Ernste behauptet, Unrecht thun, oder andere beleidigen sey schon an
sich selbst, ohne Einschrnkung, Bedingung oder Rcksicht auf einen dadurch zu
gewinnenden Vortheil, gut, folglich recht thun an sich selbst bel. Sie kennen
berhaupt kein Gut noch Uebel an sich, sondern betrachten alle Dinge blo wie
sie in der Wirklichkeit sind, d.i. wie sie allen Menschen, in Beziehung auf sich
selbst oder auf den Menschen berhaupt, unter gegebenen Umstnden scheinen. Im
Stande der freien Natur erlaubt sich (sagen sie) der Strkere alles, wozu er
durch irgend ein Naturbedrfni oder irgend eine Leidenschaft, Lust oder Unlust,
getrieben wird; aber in diesem Stande gibt es, genau zu reden, keinen Strkern
als fr den Augenblick; denn der Strkste wird sogleich der Schwchste, sobald
mehrere ber ihn kommen, wiewohl er jedem einzelnen berlegen wre. Jener
angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand, bei welchem sich am
Ende, wo nicht alle, doch gewi die meisten so bel befinden, da sie sich
entweder in Gte zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen
verbinden, oder irgend einem Mchtigen gezwungen unterwerfen mssen, falls sie
sich ihm nicht aus Achtung und Zutrauen, mit oder ohne Bedingung, freiwillig
untergeben. In allen dreien Fllen sind Gesetze, welche bestimmen was sowohl den
Regierenden oder Machthabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und
unrecht ist, nothwendig; denn sogar ein Tyrann, der alles kann was ihn gelstet,
wird sich, wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen, nicht
alles erlauben was er kann. Indessen ist nicht zu lugnen, da der Grundsatz der
Sophisten, die Gerechtigkeit (insofern die Erfllung der brgerlichen Gesetze
darunter verstanden wird) sey ein Zaum, den blo die Nothwendigkeit den Menschen
ber den Hals geworfen habe, und von welchem jedermann, sobald er es ungestraft
thun knne, sich loszumachen suche, sich als Thatsache auf die allgemeine
Erfahrung grndet, und da die Sokratesse (wofern es jemals mehr als Einen
gegeben hat) noch seltner als die weien Raben sind. Diese Thatsache ist im
Lehrbegriff der Sophisten eine natrliche Folge des Beweggrundes, der die
Menschen aus dem freien Naturstande (wo die Kraft allein entschied, und, weil es
noch kein Gesetz gab, jeder sich alles erlauben durfte was er auszufhren
vermgend war) heraustrieb, und in den Stand des politischen Vereins zu treten
nthigte. Jene unbeschrnkte Freiheit wrde von den Menschen als ihr hchstes
Gut angesehen werden, wenn sie nicht, eben darum weil sie nur von dem Strkern
ausgebt werden kann, die unsicherste Sache von der Welt wre. Denn welcher
Mensch kann sich in einem Stande, wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen
sind, nur einen Tag darauf verlassen, der Strkere zu bleiben? Die eiserne
Nothwendigkeit zwingt sie also, wider ihren Willen, zum gesellschaftlichen
Verein, als dem einzigen Mittel, ihr Daseyn und jeden daher entspringenden Genu
unter Gewhrleistung der Gesetze in Sicherheit zu bringen. Natrlicherweise aber
behlt sich jeder stillschweigend vor, die Gesetze (die ihm nur, insofern sie
ihn gegen andere schtzen, heilig, aber, insofern sie seiner eigenen Freiheit
Schranken setzen, verhat sind) so oft zu bertreten, als er es mit Sicherheit
thun kann. Diesem nach wre denn bei allen, welchen es an Macht gebricht sich
ffentlich und ungescheut ber Recht und Unrecht wegzusetzen, kein anderer
Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Manne, als da jener sich nie
ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen lt, die er sich so geschickt
anzupassen wei, da sie sein eigenes Gesicht zu seyn scheint; dieser hingegen
so plump und unvorsichtig ist, sich immer ber der That ertappen zu lassen.
Darin, da keiner sich etwas, das ihn gelstet, versagen mchte, und jeder wo
mglich alles zu haben wnscht, sind sie einander beide gleich.
    Da die in der That hart klingt, so hlt sich Glaukon, im Namen derjenigen,
deren Sachwalter er vorstellt, zum Beweise verbunden, und fhrt ihn sehr
sinnreich, vermittelst der Voraussetzung, da beide, der Gerechte und
Ungerechte, wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 (dessen fabelhafte
Geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzhlt) im Besitz eines
unsichtbar machenden Ringes wren. Ein solcher Ring wrde, dnkt mich, als
Probierstein gebraucht allerdings das untrglichste Mittel seyn, den wahrhaft
rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden; aber zu dem Gebrauch,
den Glaukon von ihm macht, scheint er nicht zu taugen. Denn indem dieser ganz
herzhaft annimmt, da der Gerechte, sobald er sich im Besitz eines solchen
Ringes she, nicht um ein Haar besser als der Ungerechte seyn, und alle
mglichen Bubenstcke, wozu Lust, Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen
knnten, eben so unbedenklich verben wrde als jener, setzt er als etwas
Ausgemachtes voraus, was erst bewiesen werden sollte. Wenn auch wir andern
gewhnlichen Leute so berschwnglich bescheiden seyn wollten, einen Zweifel in
uns selbst zu setzen, ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes
widerstehen knnten; wer darf nur einen Augenblick zweifeln, da ein Sokrates
durch den Besitz desselben weder an Macht, noch Geld, noch sinnlichen Genssen
reicher geworden wre?
    Indessen, wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte, so ist
doch nur gar zu wahrscheinlich, da unter Tausend, die fr gute ehrliche Leute
gelten, weil sie weder Muth noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu
zeigen, nicht Einer wre, der mit dem Ring des Gyges nicht die vollstndigste
Befreiung von allem Zwang der Gesetze zu erhalten glauben wrde. Glaukon (der
noch immer im Namen derjenigen spricht, denen Recht und Unrecht fr bloe
Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machthaber in demselben gilt) ist
seiner Sache so gewi, da er geradezu versichert: jedermann sey so vllig davon
berzeugt, da die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vortheilhafter sey als die
Gerechtigkeit, da, sobald jemand glaube er knne mit Sicherheit unrecht thun,
er es nicht nur ohne alles Bedenken thun werde, sondern sich fr den grten
aller Thoren und Dummkpfe halten wrde, wenn er es nicht thte. Um sich, sagt
er, zu berzeugen, da einem verstndigen Menschen nicht zuzumuthen sey, anders
zu denken und zu handeln, brauche es nichts als das Loos zu erwgen, das der
Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe.
    So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten, die er nicht
ohne Grund die gemeine Meinung nennt, ziemlich treu und unverflscht vortragen
lassen; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart
unter, indem er ihn aus der wirklichen Welt, aus welcher sich jene nie
versteigen, auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt, unter dem Vorwand:
das Problem, wovon die Rede ist, knne auf keine andere Weise ganz rein
aufgelset werden. Wir wollen sehen!
    Denken wir uns (sagt der platonisirende Glaukon) um uns den Unterschied
zwischen dem gerechten und ungerechten Mann vllig anschaulich zu machen, beide
in ihrer hchsten Vollkommenheit, so da dem Ungerechten nichts was zur
Ungerechtigkeit, dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehrt, abgehe. Es
ist also, um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen, nicht genug, da er immer
und bei jeder Gelegenheit so viel Unrecht thut als er kann und wei; wir mssen
ihm auch noch erlauben, da er, indem er nichts als Bses thut, sich immer den
Schein des Gegentheils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse,
da er der rechtschaffenste Mann von der Welt sey; und da es, mit allem dem,
doch begegnen knnte, da auf eine oder die andere Weise etwas von seinen
Bubenstcken an den Tag kme, so mu er auch noch Beredsamkeit genug, um sich in
den Augen der Menschen vllig rein zu waschen, und im Nothfall, so viel Muth,
Vermgen und Anhnger besitzen, als nthig ist um Gewalt zu brauchen, wenn List
und Heuchelei nicht hinreichen will. Diesem Bsewicht nun stellen wir den
Gerechten gegen ber, einen guten, ehrlichen, einfachen Biedermann, der was er
ist nicht scheinen will, sondern sich begngt es zu seyn. Damit wir aber recht
gewi werden, da ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht, ist
schlechterdings nthig, da wir ihn in der ffentlichen Meinung zum Gegentheil
dessen machen, was er ist, denn wenn er auch rechtschaffen zu seyn schiene,
wrden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen, und da wrde es
ungewi seyn, ob er das, was er schiene, wirklich und aus reiner Liebe zur
Gerechtigkeit, oder nur der damit verbundenen Vortheile wegen sey. Wir mssen
ihm also alles nehmen, bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit brig
bleibt, und ihn, mit Einem Worte, so setzen, da er in allem als das Gegentheil
des Ungerechten dastehe. Dieser ist ein ausgemachter Bsewicht und scheint der
unbescholtenste Biedermann zu seyn; jener ist sein ganzes Leben durch der
rechtschaffenste aller Menschen, und wird fr den grten Bsewicht gehalten;
geht aber, ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten
anfechten zu lassen, seinen Weg fort, und beharret, wiewohl mit jeder Schande
des verworfensten Buben belastet, unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis
in den Tod. Man kann sich leicht vorstellen, wie es diesen beiden idealischen
Wesen, wenn sie verkrpert und ins menschliche Leben versetzt wrden, ergehen
mte. Der Gerechte, sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit, wird gegeielt,
auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden: man wird ihm die Augen
ausbrennen, und nachdem er alle nur ersinnlichen Mihandlungen erduldet hat,
wird er ans Kreuz geschlagen werden, und nun zu spt einsehen, da man zwar
rechtschaffen scheinen, aber kein Thor seyn mu es wirklich zu seyn. Wie
herrlich ist hingegen das Loos des Ungerechten, der die Klugheit hat, die
ffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen, und whrend er sich unter der
Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann, fr einen rechtschaffnen und
verdienstvollen Mann gehalten zu werden? Die hchsten Ehrenstellen im Staat
erwarten seiner; er kann heirathen wo er will, und die Seinigen ausgeben an wen
er will; jedermann rechnet sich's zur Ehre in Verhltni und Verbindung mit ihm
zu kommen; ihm, dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist, schlgt alles
zum Vortheil an; bei allen Gelegenheiten wei er andern den Rank abzulaufen,
kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann, und ist also im Stande, seinen
Freunden ntzlich zu seyn, seinen Feinden zu schaden, und die Gtter selbst
durch hufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen, so da er ihnen lieber
seyn wird, als der Gerechte, der nichts zu geben hat.
    Ich wei nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem gttlichen Plato fr diese
Darstellung ihrer Lehre von den Vortheilen der Ungerechtigkeit ber die
Gerechtigkeit wissen werden; gewi ist wenigstens, da es keinem von ihnen je
eingefallen ist, die Frage auf diese Spitze zu stellen, und einen gerechten
Mann, wie nie einer war, noch seyn wird noch seyn kann, zu erdichten, um durch
Vergleichung des glcklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben
und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzge der Ungerechtigkeit in
ein desto greres Licht zu setzen. Ich, meines Orts, habe gegen das Ideal des
Platonischen Gerechten zwei Einwendungen. Erstens liegt es keineswegs in der
Idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes, da er nothwendig ein Bsewicht
scheinen msse; im Gegentheil, es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er
ist, sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf,
bsen Schein, so viel mglich, zu vermeiden. Auch sehe ich nicht, wie er es ohne
Nachtheil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen
wollte, um von allen den Menschen, welche tgliche Augenzeugen seines Lebens
sind, immer verkannt, gehat und verabscheuet zu werden. Alle Umstnde, alle
Menschen, die ganze Natur mten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn
verschworen, und er selbst mte sich, unbegreiflicherweise, unendliche Mhe
gegeben haben, seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und
Verbrechens zu geben. Ich zweifle sehr, ob ein einziges Beispiel aufzustellen
sey, da ein so guter, redlicher und gerechter Mann, wie ihn Plato setzt, ohne
alle Freunde geblieben, und von Niemand gekannt, geliebt und geschtzt worden
wre. Ueberdie liee sich noch fragen, ob irgend ein menschenhnliches Wesen,
ohne ein Gott zu seyn, die Probe, auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten
stellt, zu bestehen, und alle Schmach und Marter, die er zu Bewhrung seiner
Tugend ber ihn zusammenhuft, auszuhalten vermchte. Dieses Ideal ist also, von
welcher Seite man es ansieht, ein Hirngespenst und zu der Absicht, wozu Plato es
erdichtet hat, ganz unbrauchbar. Denn solcher ungerechter Menschen, wie er bei
dieser Vergleichung annimmt, hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur
allzu viele gegeben, einen solchen Gerechten hingegen nie. Wenn sich also auch
aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen liee, welche
Glaukon daraus zieht, so wrde doch dadurch nicht bewiesen seyn, da die
Vortheile, welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet, wenn
alles, was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen mu, ehrlich und
redlich angesetzt wird, denen, die der wirkliche Gerechte durch seine
Rechtschaffenheit geniet, vorzuziehen wren.

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                               An Ebendenselben.

                            Fortsetzung des vorigen.

Da ich mich, beinahe wider Willen, aber durch die Natur der Sache selbst, mit
welcher ich mich zu befassen angefangen, unvermerkt in eine nhere Beleuchtung
der einzelnen Theile, woraus die vor uns liegende reiche Composition
zusammengefgt ist, hineingezogen finde; wird es, bevor wir weiter gehen, edler
Eurybates, nthig seyn, uns auf den Punkt zu stellen, aus welchem das Ganze
angeschaut seyn will, um richtig beurtheilt zu werden. Auer mehrern nicht
unbedeutenden Nebenzwecken, welche Plato in seinen vorzglichsten Werken mit dem
Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist, scheint mir seine vornehmste Absicht in
dem gegenwrtigen dahin zu gehen, der in mancherlei Rcksicht uerst
nachtheiligen Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe
und herrschenden Vorurtheile ber den Grund und die Natur dessen, was recht und
unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen. Diesem groen
Zwecke zufolge zerfllt dieser Dialog in zwei Haupttheile. In dem einen, der das
erste Buch und die grere Hlfte des zweiten einnimmt, ist es darum zu thun,
die folgenden drei Lehrstze, als die gemeine, von Dichtern, Sophisten und
Priestern aus allen Krften untersttzte, Meinung vorzutragen und auf alle Weise
einleuchtend zu machen; nmlich:

1) da der Unterschied zwischen Recht und Unrecht lediglich entweder auf
    willkrlicher Verabredung unter freien Menschen, oder auf den Verordnungen
    regierender Machthaber beruhe, welche letztere natrlicherweise die Gesetze,
    so sie den Regierten geben, zu ihrem eigenen mglichsten Vortheil
    einrichten, sich selbst aber nicht dadurch gebunden halten;
2) da die Ungerechtigkeit dem, der sie ausbt, immer vortheilhafter als die
    Gerechtigkeit, diese hingegen durch nichts als ihren bloen Schein ntzlich
    sey; da also
3) nur ein einfltiger und schwachherziger Mensch das mindeste Bedenken tragen
    werde, gegen die Gesetze zu handeln, sobald er es ungestraft thun knne.
    Woraus sich dann von selbst ergibt: da - da diese Art zu denken nicht nur
    den Kindern durch die Dichter (aus deren Gesngen sie den ersten Unterricht
    empfangen) beigebracht, und in den Erwachsenen durch alles was sie hren und
    sehen genhrt, sondern sogar durch den religisen Volksglauben und allerlei
    priesterliche Veranstaltungen und Knste so krftig verstrkt werde, - kein
    Wunder sey, wenn diese, jeden wirklich edeln und guten Menschen emprende
    Vorstellungsart ber Recht und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und
    so verderbliche Frchte bringe, als die tgliche Erfahrung lehre.

    Jene drei Irrlehren zu bestreiten, den wesentlichen Unterschied zwischen der
Gerechtigkeit, im hchsten Sinn des Wortes, und ihrem Gegentheil berzeugend
darzuthun, und zu beweisen,

da sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Theils der menschlichen
    Natur sey;
da der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen
    Ganzen gesetzt werde, und
da, so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht
    drckenden Uebel sey, die Gerechtigkeit hingegen das hchste Glck aller
    einzelnen Menschen sowohl als aller brgerlichen Gesellschaften bewirken
    wrde;

    Alles die macht (die hufigen, zum Theil weitschichtigen Abschweifungen und
Zwischenspiele abgerechnet) den Inhalt der brigen acht Bcher aus, und das
ganze Werk kann also als eine ernsthafte Entscheidung des alten Rechtshandels
zwischen dem Dikos und Adikos Logos betrachtet werden, welche der genialische
Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen
unbertrefflich possierlichen Manier, in ein paar Kampfhhne verkleidet, auf der
Athenischen Schaubhne um den Vorzug hatte rechten lassen.
    Was fr eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Thrasimachus und
dem wackern Glaukon zu spielen gibt, haben wir gesehen: nun lt er auch
Glaukons jngern Bruder Adimanthus das Wort nehmen, und in einer Rede, die an
Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert, an
Lebhaftigkeit und Wrme ihn noch bertrifft, den groen Schaden vorstellig
machen, welchen Jnglinge edlerer Art nehmen mssen, indem sie sich an dem
auffallenden Widerspruch stoen, zwischen dem, was sie zu Hause aus dem Munde
ihrer Vter hren, und dem was ihnen, sobald sie in die Welt treten, von allen
Seiten entgegen schallt; wenn sie hren: wie eben dieselben aus Eingebung der
Musen singenden Dichter bald die groe Liebe und Sorge der Gtter fr die
Gerechten und das Glck, das sie ihnen in diesem und dem knftigen Leben
bereiten, anrhmen; bald wieder den Pfad der Tugend als hchst mhselig, steil
und mit Dornen verwachsen, den Weg des Lasters hingegen als breit, bequem und
anmuthig schildern; itzt in den strksten Ausdrcken und Bildern von dem Zorn
der Gtter ber die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen, die im Tartarus
auf sie warten, reden; ein andermal zum Trost aller Uebelthter versichern, da
auch die Gtter selbst sich wieder herumbringen lassen, und durch Spenden,
Gelbde und Opferrauch bewogen werden knnen, den Sndern zu verzeihen.
    Alles was Plato seinen Bruder ber diesen Gegenstand und die natrlichen
Folgen der Eindrcke, die durch diese sich selbst widersprechenden, aber der
Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte
und nachdenkliche junge Gemther gemacht werden, sagen lt, kann schwerlich
wahrer, strker und schner gesagt werden. Aber durch nichts wird mir Plato
achtungswrdiger als durch die Freimthigkeit, womit er den unendlichen Schaden
rgt, den der Mibrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen
Gefhlen und Urtheilen der Menschen anrichtet; und gewi ist noch nie etwas
Treffenderes ber diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem
Selbstgesprch, welches er einem solchen von Erziehern, Dichtern und
vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jngling in den Mund legt. Nachdem
nmlich dieser aus allem, was er beim Eintritt in die Welt sieht und hrt, das
Resultat gezogen, da es zum glcklichen Leben nicht nur hinreiche, sondern
sogar nthig sey, sich mit der bloen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen,
um unter ihrem Schutz des Vortheils, ungestraft sndigen zu knnen, in vollem
Mae zu genieen; macht er sich selbst den Einwurf: wenn es einem nun aber
auch gelnge, die Menschen theils durch List und Ueberredung theils mit Gewalt
dahin zu bringen, da sie ihm erlauben mten sich alles herauszunehmen was ihm
beliebte, so wren dann doch noch die Gtter da, gegen welche weder durch Betrug
noch Gewalt etwas auszurichten sey. Wie aber (antwortet er sich selbst) wenn es,
wie Einige behaupten, gar keine Gtter gibt, oder wenn sie sich wenigstens, wie
Andre versichern, um die menschlichen Dinge nichts bekmmern? - so brauchen auch
wir uns nicht zu kmmern ob sie uns sehen oder nicht. Gibt es Gtter, und nehmen
sie sich der menschlichen Dinge an, so haben wir doch alles, was wir von ihnen
wissen, aus keiner andern Quelle als vom Hrensagen, und am Ende blo von den
Dichtern, die ihre Genealogien verfat haben. Nun sagen mir aber eben diese
Dichter, da man den Zorn der Gtter durch demthige Abbitten, Opfer und
Weihgeschenke von sich ableiten knne. Ich mu ihnen also entweder beides
glauben, oder weder die noch jenes. Glaube ich, nun wohlan! so begeh' ich
ungescheut so viel Unrecht als ich kann, opfre den Gttern einen Theil dessen
was ich dadurch gewinne, und alles ist gut. Wollt' ich mich der
Rechtschaffenheit befleiigen, so htt' ich zwar von den Gttern nichts zu
frchten, dafr aber entgingen mir auch die Vortheile, die ich aus der
Ungerechtigkeit ziehen knnte; da ich hingegen bei dieser immer gewinne, und
alle Verbrechen, die ich um reich zu werden begehen mu, bei den Gttern durch
Gebete und Opfer wieder gut machen kann. - Aber (sagt man) am Ende werden wir
doch im Hades fr alles was wir im Leben Bses begangen haben, entweder in
unsrer eigenen Person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft. - Auch davor ist
Rath! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten,
durch welche selbst die furchtbaren Gtter der Unterwelt sich besnftigen
lassen, wie mir ganze Stdte, und die Dichter und Propheten unter den
Gttershnen bezeugen. Was fr einen Beweggrund knnt' ich also haben, die
Gerechtigkeit der grten Ungerechtigkeit vorzuziehen, da ich diese nur mit
einem guten Aeuerlichen zu bedecken brauche, damit mir bei Gttern und Menschen
im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe, wie ich so viele und
groe Mnner behaupten hre?
    Der junge Adimanth, der diese schne Gelegenheit, ein Probestck seiner
Wohlredenheit abzulegen, mglichst benutzen zu wollen scheint, fhrt fort die
Sache auf alle Seiten zu wenden, und findet ganz natrlich, der erste Grund des
Uebels liege darin: da von den uralten heroischen Zeiten an bis auf diesen Tag
niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders
gescholten habe, als in Rcksicht auf die Ehre und die Belohnungen, welche
jener, oder die Strafen, welche dieser nachfolgten. Was aber die eine und die
andere an sich selbst sey, was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des
Gerechten oder Ungerechten wirke, wenn sie auch Gttern und Menschen verborgen
blieben, nmlich, da die Ungerechtigkeit das grte aller Uebel womit eine
Seele behaftet seyn kann, die Gerechtigkeit hingegen ihr grtes Gut sey, - die
habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlnglich dargethan
und ausgefhrt. Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon, aufs
ernstlichste und mit Beweggrnden, denen kein aufrichtiger Anhnger der
Gerechtigkeit, und Sokrates am allerwenigsten, widerstehen konnte, in den
letztern einzudringen, da er sich nicht weigern mchte, einem so wichtigen
Mangel abzuhelfen; und Sokrates, nachdem er sich eine Weile gestrubt und mit
seinem Unvermgen, den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der
Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen, entschuldigt hat, wird endlich, von den
vereinigten Bitten aller Anwesenden berwltigt, da er wenigstens sein
Mglichstes zu thun verspricht, der guten Sache zu Hlfe zu kommen und ihrem
Verlangen Genge zu leisten.
    Da Plato die Gelegenheit, die er selbst durch die in den Mund seiner Brder
gelegten schnen Reden herbeigefhrt hatte, dazu benutzt, seiner Familie, und
namentlich seinem Vater Ariston und seinen ltern Brdern Glaukon und Adimanthus
aus dem Munde eines Sokrates, zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten,
ein Denkmal zu errichten, welches wahrscheinlich, durch das Werk, worin es wie
eine glnzende Spitze hervorragt, von ewiger Dauer seyn wird, wollen wir ihm auf
keine Weise verdenken. Wenn das, was ihn dazu bewog, eine Schwachheit ist, so
ist es wenigstens eine sehr menschliche, die ihm um so mehr zu gut zu halten
ist, da er (wie ich kaum zweifle) durch einen Abschnitt in Xenophons
Denkwrdigkeiten14, worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht, bewogen
worden seyn mag, diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vortheilhaftern
Lichte zu zeigen, und den Verdacht eines einbildischen, leeren, unwissenden
Windbeutels und Schwtzers durch die That selbst von ihm abzuwlzen.

    Bevor ich weiter gehe, Eurybates, wirst du mir wohl erlauben, dir, statt
eines kleinen Zwischenspiels, meine eigenen Gedanken ber die Frage, zu deren
Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt, in mglichster Krze vorzulegen.

    Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der Ungerechtigkeit: Unrecht thun
sey an sich etwas Gutes, Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel. Ich habe
schon bemerkt, da ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als
beleidigen heien mu. Die Rede ist von Menschen, und zwar nicht von diesen oder
jenen einzelnen, sondern von der ganzen Gattung. Was versteht er aber unter
beleidigen? Ich wei keine Formel, welche mir bequemer schiene alle
Beleidigungen, die der Strkere dem Schwchern zufgen kann, zusammen zu fassen
als diese: andere zu blo leidenden Werkzeugen unserer Bedrfnisse und Lste
machen, und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles ber sie
erlauben, wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermgen gibt. Wenn die seiner
Natur nach gut ist; so mu es allen Menschen, berall und zu allen Zeiten gut
seyn. Einander gegenseitig, eigenen Vortheils oder anderer Befriedigungen wegen,
alle mgliche Beleidigungen zuzufgen gehrt folglich wesentlich zur Natur des
Menschen, oder mit andern Worten: es ist das, wodurch der Mensch den Forderungen
der Natur und dem Zweck seines Daseyns ein Genge thut. Sein natrlicher Zustand
ist, ein geborner Feind aller andern Menschen zu seyn und unaufhrlich an der
Beschdigung, Unterdrckung und Zerstrung seiner eigenen Gattung zu arbeiten.
Indem nun jeder Mensch von seiner Natur getrieben wird, allen andern zu schaden,
beleidigt er sie zwar dadurch, aber er thut ihnen kein Unrecht; im Gegentheil,
da alles der Natur Geme insofern recht ist, so ist es recht und vllig in der
Ordnung, da jeder allen andern so viel Uebels zufge als er kann, und dafr von
allen andern so viel leide, als er zu leiden fhig ist. Wlfe, Tiger, Hynen und
Drachen wren also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige
Wesen; der letztere hingegen wre das unnatrlichste aller Ungeheuer, die der
Tartarus ausgespien htte. - Welcher Unsinn? und doch ist es nichts, als was
herauskommt, wenn wir annehmen, Unrecht thun, oder beleidigen sey an sich, oder
seiner Natur nach etwas Gutes. Bedarf es einer andern Widerlegung einer so
wahnsinnigen Behauptung - als sie auszusprechen?
    Demungeachtet ist und bleibt es Thatsache, da der rohe Stand der
natrlichen Gleichheit fr die Menschen, die sich darin befinden, eine Art von
Kriegsstand Aller gegen Alle ist; nicht, als ob die Menschen, ohne einen Grad
von Ausartung, der sie tief unter die wildesten Thiere erniedrigen wrde, jemals
das Gefhl, da es unnatrlich, folglich unrecht sey einander zu beleidigen,
verlieren knnten; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften,
wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden, im Augenblick der aufbrausenden
Leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedrfnisses strker sind als
jenes Gefhl, welches im Grunde nichts als die Stimme der Vernunft selbst zu
seyn scheint. Aus dieser Thatsache folget nun freilich, da die Menschen sich
durch eine gebieterische Nothwendigkeit gedrungen finden, in gesellschaftliche
Verbindungen zu treten, und sich Gesetzen zu unterwerfen, die ihrer aller
Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen, und insofern ihrer aller gemeinsamer
Wille sind; aber diese Verbindungen, diese Gesetze sind nicht die Quellen,
sondern Resultate des allen Menschen natrlichen Gefhls von Recht und Unrecht,
welches einem jeden sagt, da alles was nur Einem und allenfalls seinen
Mitgenossen und Spiegesellen ntzt und allen brigen schadet, unrecht sey. Es
ist also Unsinn, zu sagen: die Menschen machten sich durch den
gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der Gesetze anheischig,
als sie solche nicht ungestraft bertreten knnten; auch bedrfen wir keiner
solchen, die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden
Hypothese, um zu begreifen, wie es zugeht, da in jedem Staat nicht wenige, und
in einem sehr verdorbenen die meisten, in der That so handeln, als ob sie sich
die Freiheit zu sndigen, sobald sie keine Strafe befrchten, ausdrcklich oder
stillschweigend vorbehalten htten.
    Wenn ich nicht sehr irre, so htte sich also der Platonische Sokrates die
Mhe, mehr als zwlf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden, ersparen knnen,
wenn er, anstatt die Auflsung der Frage aus dem Lande der Ideen herabzuholen,
es nicht unter seiner Wrde gehalten htte, sich an derjenigen gengen zu
lassen, die vor seinen Fen lag. Weder unsre fnf Sinne noch unser Verstand
reichen bis zu dem, was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist: was mir und
meiner Gattung zutrglich ist, nenne ich gut; das Gegentheil bse. Die Natur
selbst nthigt mich, in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen.
Wenn Unrecht leiden, d.i. im freien Gebrauch meiner Krfte zu meiner Erhaltung
und zu Befrderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden, fr mich
ein Uebel ist, so ist eben dasselbe auch ein Uebel fr jeden andern Menschen.
Also eines von beiden: entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der
Welt, dessen natrliches Bestreben unaufhrlich dahin geht, seine eigene Gattung
zu zerstren: oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel fr das ganze
Menschengeschlecht, und also auch (ungeachtet des augenblicklichen Vortheils,
den der Beleidiger daraus ziehen mag) ein wahres Uebel fr diesen selbst, indem
er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt, sich auch gegen ihn
herauszunehmen, was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden
andern, sobald er Gelegenheit und Vermgen dazu hat, sich zu erlauben bereit
ist. Alle Menschen haben, als Menschen, gleiche Ansprche an den Gebrauch ihrer
Krfte, und an die Mittel, welche die Natur, der Zufall und ihr eigener
Kunstflei ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Befrderung ihres Wohlbefindens
darreichen. Wer die anerkennt und diesem gem handelt, ist gerecht, ungerecht
also, wer alles fr sich allein haben will, und das Recht der brigen nicht
anerkennt, oder thtlich verletzt. Mich dnkt, zwei Stze folgen nothwendig und
unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit: erstens, da jeder
Mensch, der einen andern vorsetzlich beleidigt, sich eben dadurch fr einen
Feind aller brigen erklrt; zweitens, da sobald mehrere Menschen neben
einander leben, zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend
zugestandener oder ausdrcklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet,
jedem auf das, was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat, ein
unverletzliches Eigenthumsrecht zuzugestehen. In dieser Rcksicht kann also mit
vollkommenem Grunde gesagt werden: Jedem das Seinige - nicht zu geben (denn er
hat es schon), sondern zu lassen und im Fall, da es ihm mit Gewalt genommen
worden, ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer
angemess'nen Entschdigung zu verhelfen, werde von allen Menschen auf dem ganzen
Erdboden Gerechtigkeit genennt, oder, falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung
allgemeiner Vernunftbegriffe htten, als Gerechtigkeit gefhlt und anerkannt.
    Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage knnten
wir, dnkt mich, allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne
bieten; auch wrde Plato selbst Mhe gehabt haben, die Untersuchung und
Festsetzung dessen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist, ber den
gewhnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen, wenn er sich innerhalb der
Grnzen des gemeinen, dem Sprachgebrauch gemen Sinnes der Worte htte halten
wollen. Da er aber diesem unvermerkt einen andern hhern und mehr umfassenden
unterschob, indem er den gewhnlichen Begriff der Gerechtigkeit (ohne uns jedoch
davon zu benachrichtigen) mit seiner Idee von der hchsten geistigen und
sittlichen Vollkommenheit, welche, seiner Meinung nach, der menschlichen Natur
erreichbar ist, bald vermengt bald verwechselt: ffnete sich seiner
dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld, wo sie sich nach Gefallen
erlustigen konnte, und Stoff genug fand, einen Kreis von geflligen Zuhrern
eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen.
    Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen
sollten. Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht, sich seinen Stoff nach
Belieben zu whlen, und ihn zu bearbeiten, wie es ihm gut dnkt; und wenn er
nur, wie Plato, dafr gesorgt hat, uns, sobald wir zu ghnen anfangen, durch
wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nthigen, so wr' es
unbillig und undankbar, wenn wir uns beklagen wollten, da er uns weit mehr
vorsetzt als nthig, oder selbst fr eine reichliche Befriedigung unsres
Bedrfnisses genug gewesen wre. Htte er sich auf das reichlich Genugsame
einschrnken wollen, so stand es nur bei ihm, die Aufgabe, so wie er sie
gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es ihm, kraft seiner philosophischen
Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben vllig
zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der hchsten
Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen,
so bedurfte es, meines Bednkens, keiner so weitlufigen und knstlichen
Vorrichtung, um ausfindig zu machen, worin diese Vollkommenheit bestehe. Es
gehrte wirklich eine ganz eigene Liebhaberei Knoten in Binsen zu suchen15
dazu, die Sache so auerordentlich schwer zu finden, und selbst ohne alle Noth
einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knpfen, blo um das Vergngen zu
haben sie wieder aufzulsen. Ich zweifle sehr, da ihm hier die Ausrede zu
Statten kommen knne, er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen, als ob
er selbst noch nicht wisse, wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflsen knnen,
- um die Tuschung der Leser, als ob sie hier den berchtigten Eiron wirklich
reden hrten, desto vollkommner zu machen. Man knnte die allenfalls fr eine
Rechtfertigung gelten lassen, wenn die Rede, anstatt von einem Gegenstande,
womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtglich beschftigte, von irgend
einer rthselhaften spitzfindigen Frage gewesen wre; oder auch, wenn er es,
anstatt mit so verstndigen, gebildeten und lehrbegierigen jungen Mnnern, wie
Glaukon und Adimanthus sich gezeigt haben, mit unwissenden Knaben oder
naseweisen Gecken zu thun gehabt htte. Man knnte zwar einwenden, da diese
Gebrder in dem grten Theil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender
Schulknaben spielen, und da Sokrates hufig Fragen an sie thut, durch welche
ein Knabe von zwlf Jahren sich beleidigt finden knnte: aber wenn Plato die
wirklich in der Absicht that, die langweilige Art, wie Sokrates ihren Ideen zur
Geburt hilft, zu rechtfertigen, so htte er nicht vergessen sollen, da er sie
kurz vorher wie verstndige und scharfsinnige Mnner reden lie. - Doch sein
Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spa mit uns zu haben, und wir
mssen uns schon gefallen lassen, in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich
auf den nmlichen Punkt mit ihm zu kommen, zu welchem er uns auf einer ziemlich
geraden mit wenig Schritten htte fhren knnen.
    Sehen wir also (wofern du nichts Besser's zu thun hast) wie er es anfngt,
seinen erwartungsvollen, mit gespitzten Ohren und offnen Schnbeln seine Worte
aufhaschenden Zuhrern zum chten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen. Da die
Sache so groe Schwierigkeiten hat, und wir uns nicht anders zu helfen wissen
(sagt er, die Rede an Adimanthen richtend), so wollen wir's machen, wie Leute
von kurzem Gesicht, die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen
sollten, es machen wrden, wenn einer von ihnen sich besnne, da eben diese
Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in grern Buchstaben zu lesen sey.
Diese Leute wrden, denke ich, nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen, um
durch Vergleichung der grern Buchstaben mit den kleinern zu sehen, ob nicht
etwa beide eben dasselbe sagten. Ohne Zweifel, versetzt Adimanth; aber wie pat
die auf unsre vorhabende Untersuchung? Das will ich dir sagen, erwiedert
Sokrates. Ist die Gerechtigkeit blo Sache eines einzigen Menschen, oder nicht
auch eines ganzen Staats? Adimanth hlt das letztere fr etwas Ausgemachtes,
wiewohl ich nicht sehe warum, da das, was die Gerechtigkeit sey, als etwas noch
Unbekanntes erst gesucht werden soll. Aber, da Glaukon und Adimanth
zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende, ja wohl gar ganz unverstndliche
Stze, der Bequemlichkeit des Gesprchs wegen bejahen, oder wenigstens gelten
lassen, begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft, da wir uns bei
dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen. - Aber ist ein Staat nicht grer als
ein einzelner Mann? fragt Sokrates. Grer, antwortet der Knabe, voller Freude
vermuthlich, da er hoffen kann es getroffen zu haben. Wahrscheinlich wird also
(fhrt der Schulmeister fort) auch die Gerechtigkeit im Grern besser in die
Augen fallen und leichter zu erkennen seyn. Gefllt es euch, so forschen wir
also zuerst, was sie in ganzen Staaten ist, und suchen dann, indem wir in der
Idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem Grern bemerken, herauszubringen,
was sie in dem einzelnen Menschen ist. - Wohl gesprochen, sollt' ich meinen,
sagt Adimanth. - Nun ducht mich, wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor
unsern Augen entstehen lieen, wrden wir auch sehen, wie Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit in ihm entstehen. - Knnte wohl seyn, versetzt jener. Und wenn
das wre, sollte nicht Hoffnung seyn, desto leichter zu finden was wir suchen?
- Viel leichter. - Mich ducht also wir thten wohl, wenn wir ohne weiters Hand
anlegten; denn es ist, meines Erachtens, kein kleines Werk. Bedenkt euch also!
- Da ist nichts weiter zu bedenken, sagt Adimanth, des langen Zauderns, wie es
scheint, berdrssig; thu nur das Deinige dabei!
    Und so stehen wir denn vor dem Thor dieser Republik, die uns Plato, ihr
Stifter und Gesetzgeber, durch den Mund seines immer whrenden Stellvertreters
fr das Ideal eines vollkommenen Staats ausgibt, an dessen Realisirung er selbst
verzweifelt; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem groen Theil dieses
Werks ernstlich beschftigt, und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen,
noch in der Absicht da sie irgend einem von Menschenhnden errichteten Staate
zum Muster dienen sollte, sondern (wie er sagt) blo dewegen mit so vieler Mhe
aufgestellt hat, um seinen Zuhrern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem,
was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist, zu verhelfen.
    Eine Einwendung, die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher, in Cyrene
wenigstens, am hufigsten gehrt wird, ist: es sey unbegreiflich, wie Plato
nicht gesehen habe, da, wofern zuvor aufs Reine gebracht wre, was die
Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sey, die Frage, was sie in einem
ganzen Staat sey? sich dann von selbst beantwortet htte: da hingegen diese
letzte Frage nicht ausgemacht werden knne, ohne den Begriff der Gerechtigkeit
schon vorauszusetzen; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen, und nur
insofern als diese gerecht seyen, finde Gerechtigkeit in jenem statt. - Es wre
in der That unbegreiflich, wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen
Einwurf nicht vorausgesehen htte. Er kann ihm aber nur von solchen gemacht
werden, die mit den Mysterien seiner Philosophie gnzlich unbekannt sind. Plato
setzt bei allen seinen Erklrungen, wovon auch immer die Rede seyn mag, eine Art
dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus, abgebleichte, durch den Schmutz der
Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit, womit sie bedeckt sind, unkenntlich
gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist, dumpfe
Erinnerungen, welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses
Leben mitgebracht, die sich zu deutlichen Begriffen des Wahren eben so verhalten
wie Ahnungen zu dem was uns knftig als etwas Wirkliches erscheinen wird, und in
deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht, womit die Philosophie
unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu Hlfe kommen kann. Dieses aus der
Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen
Zuhrern aufzuklren, ist itzt das Geschft des platonisirenden Sokrates. Sie
besteht, nach ihm, in dem reinsten Zusammenklang aller Krfte zur mglichsten
Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft. Um die seinen
Hrern anschaulich zu machen, war es allerdings der leichtere Weg, zuerst zu
untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn msse; und
erst dann, durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer
Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten
Gemeinwesens, die wahre Auflsung des Problems, welche Glaukon und Adimanth im
Namen der brigen Anwesenden von Sokrates erwarteten, ausfindig zu machen. Auf
diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in grern
Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere gefhrt; denn was der
Mensch gewhnlich am wenigsten kennt, ist das Innere dessen was er seine Seele
nennt.
    Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben, lass' uns sehen wie
Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht. Es ist wirklich eine Lust
zuzuschauen, wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern,
einem Feldbauer, Zimmermann, Weber und Schuster, gleich einer himmelan
steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn, zu einer mchtigen, glcklichen
und in ihrer Art einzigen Republik emporwchs't. Da es sehr schnell damit
zugeht, ist Natur der Sache; und mancher Leser mag sich wohl kaum enthalten
knnen zu wnschen, da die Sokratische Manier einen noch schnellern Gang
erlaubt htte, und da wir nicht alle Augenblicke durch die Frage: oder ist's
nicht so? aufgehalten wrden, wobei die beiden Gebrder mit ihrem ewigen: ja
wohl! eine ziemlich betrbte Figur zu machen genthig sind. Das Einzige was wir
dem wackern Glaukon zu danken haben, ist, da wir in der neuen Republik etwas
besser gehalten und bekstiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war.
Denn, wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu seyn und schlecht zu essen
gewohnt war, so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt
gehen, Kleider und Schuhe nur im Winter tragen, von Gerstengraupen, Mehlbrei und
Kuchen leben, und auf Binsenmatten, mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut,
in geselliger Frhlichkeit Mahlzeit halten. Aber auf Glaukons Vorstellung, da
sie doch auch einige Gemse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben
sollten, lt er sich gefallen, ihnen noch Salz, Oliven, Kse, Zwiebeln und
Gartenkruter, auch statt des Nachtisches Feigen, Erbsen, Saubohnen,
Myrtenbeeren und gerstete Bucheckern zu bewilligen. Bei den Bucheckern scheint
dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen; er wird fr einen wohlerzogenen
Athenischen Patricier ein wenig grob, und fragt den Sokrates: wenn er eine
Republik von Schweinen zu stiften htte, womit er sie anders fttern wollte? -
Was wre denn zu thun, Glaukon, erwiedert dieser mit seiner gewohnten
Kaltbltigkeit. - Ei was bei allen rechtlichen Leuten der Gebrauch ist,
antwortet jener: lass' sie, anstatt so armselig zu leben, fein ordentlich auf
Polstern um Tische herumliegen, und gib ihnen zu essen wie man heutzutage zu
speisen pflegt. Ah, nun versteh' ich dich, sagt Sokrates; meine Stadt, worin
alles nur fr die wirklichen Bedrfnisse ihrer Brger berechnet ist, scheint dir
zu drftig; du willst eine, wo es recht ppig zugeht. Sey es darum! Wiewohl jene
die wahre und gesunde ist, so hindert uns doch nichts, wenn ihr wollt, auch eine
kranke, von berflssigen und verdorbenen Sften aufgedunsene Stadt etwas nher
zu besehen. Er lt sich nun in eine umstndliche Aufzhlung aller der
unnthigen und blo der Eitelkeit und Wollust dienstbaren Personen und Sachen,
Knste und Lebensarten ein, welche die Ueppigkeit, wofern ihr der Zugang in die
neue Stadt einmal geffnet wre, den Einwohnern in kurzem unentbehrlich machen
wrde; und wir andern Liebhaber der nachahmenden und bildenden Knste knnen uns
nicht enthalten, ein wenig schel dazu zu sehen, da er bei dieser Gelegenheit
auch von den Malern und Bildnern, Tonknstlern und Dichtern, mit ihren Dienern,
den Rhapsoden, Schauspielern und Tnzern, als von Leuten spricht, die in seiner
gesunden Stadt nichts zu schaffen htten, und die er ohne Bedenken mit den
Putzmacherinnen und Haarkruslerinnen, Bartscheerern, Garkchen und -
Schweinhirten in eben dieselbe Linie stellt. Die gesunde Stadt, wovon anfangs
die Rede war, und ihr Gebiet, wird also (fhrt er fort) fr alle diese Menschen
sowohl als fr die groe Menge von allen Arten Thieren, die der Ueppigkeit zur
Nahrung dienen, viel zu klein seyn; wir werden sie sehr ansehnlich vergrern
und erweitern mssen, und da die nicht anders als auf Unkosten unsrer Nachbarn
geschehen kann, welche die, wie natrlich, nicht leiden, und, wenn sie eben so
habschtig und lstern sind wie wir, sich das Nmliche gegen uns herausnehmen
werden, was wird die Folge seyn? Wir werden uns mit ihnen schlagen mssen,
Glaukon? oder wie ist zu helfen? Wir schlagen uns, antwortet Glaukon ohne sich
zu besinnen. Wir werden also, fhrt Sokrates fort, ohne jetzt aller andern
Uebel, die den Krieg begleiten, zu gedenken, unsre Stadt abermals erweitern
mssen, um fr ein ansehnliches Kriegsheer Raum zu bekommen? - Glaukon hlt die
fr unnthig; die Brger, meint er, womit die Stadt bereits so ansehnlich
bevlkert sey, wren zu ihrer Vertheidigung hinreichend. Aber Sokrates beweist
ihm mit der unbarmherzigsten Ausfhrlichkeit, da ein eigener Stand, der nichts
anders zu thun habe als sich mit den Waffen zu beschftigen, in einem
wohlbestellten Staat ganz unentbehrlich sey. Er sttzt sich hierbei auf einen
Grundsatz, den er gleich anfangs festgesetzt hatte, da von den verschiedenen
Professionen die Rede war, deren wechselseitige Hlfsleistung zu Befriedigung
der gemeinschaftlichen Bedrfnisse die Veranlassung und der Zweck der ersten
Stifter seiner Republik war; nehmlich: da jeder, um es in seinem Geschfte
desto gewisser zur gehrigen Vollkommenheit zu bringen, sich der Kunst oder
Hanthierung, wozu er am meisten Neigung und Geschick habe, mit Ausschlu aller
andern widmen msse. Da nun Krieg fhren, und alle Arten von Waffen recht zu
gebrauchen wissen, unstreitig eine Kunst sey, welche viel Vorbereitung,
Geschicklichkeit und Kenntni erfordere, so wrde es ungereimt seyn, wenn man
dem Schuster verbte, den Weber oder Baumeister oder Ackermann zu machen, die
Kunst des Kriegsmanns hingegen fr so leicht und unbedeutend hielte, da
jedermann sie zugleich mit seiner eigentlichen Profession als eine Nebensache
treiben knne.
    Es sollte dem guten Glaukon, wofern er nur die Hlfte seines vorhin so stark
erprobten Witzes hrte anwenden wollen, nicht schwer gefallen seyn, dieser
Behauptung des Sokrates, und den Grnden womit er sie untersttzt, triftige
Einwrfe entgegenzustellen: aber Plato hat noch so vielen und mannichfaltigen
Stoff in diesem Dialog zu verarbeiten, da er sich an das dramatische Gesetz,
jeder Person ihr Recht anzuthun, so genau nicht binden kann; und da die Rede nun
einmal (wiewohl blo zuflligerweise) von den Beschtzern des Staats ist, aus
welchen sein Sokrates die zweite Classe der Brger seiner Republik bestellt: so
fhrt er sogleich in seiner erotematischen Methode (wobei er uns mit den
Antworten des Gefragten und dem unzhligemal wiederholten, tdtlich ermdenden:
sagte ich, und sagte er, fast immer htte verschonen knnen) fort, sich ber
die Naturgaben und wesentlichen Eigenschaften, die einem guten Soldaten
unentbehrlich sind, vernehmen zu lassen. Ich gestehe, da der Einfall, sich
hierzu der Vergleichung des Staatsbeschtzers mit einem tchtigen Hofhunde zu
bedienen, und zum Theil auch die Art wie er sich dabei benimmt, so vllig im
Charakter und in der Manier des wahren Sokrates ist, da Plato ihn vielleicht
eher seinem Gedchtni als seiner Nachahmungskunst zu danken haben knnte. Es
kommen solcher Stellen hier und da in diesem Werke mehrere vor, die, in meinen
Augen, gerade das Geflligste und Anziehendste darin sind. Nur Schade da Plato
es auch hier nicht lassen kann, dem reinen Sokratischen Gold etwas von seinem
eignen Blei beizumischen. Oder dnkt es dich nicht auch, Eurybates, da der
witzige Einfall, dem Hunde (auer der Strke, Behendigkeit, Wachsamkeit,
Zornmthigkeit und der sonderbaren Eigenheit, die ihn von den eigentlich
sogenannten wilden Thieren unterscheidet, da er seinen anschnaubenden beiigen
Naturtrieb nur gegen Fremde und Unbekannte auslt, gegen Heimische, Hausfreunde
und Bekannte hingegen sanft und freundlich ist) - sogar noch ein philosophisches
Naturell zuzuschreiben, dnkt es dich nicht, da dieser Einfall eher dem
Aristophanischen Sokrates, als dem, den wir gekannt haben, hnlich sieht, und
blo dazu da ist, um die Aehnlichkeit zwischen einem guten Hund und einem braven
Kriegsmann, der, nach Platon, schlechterdings auch Philosoph seyn mu,
vollstndig zu machen? Wenigstens ist der doppelte Beweis, warum sowohl der
Soldat als der Hund Philosoph ist, so cht Platonisch, da ich mir's nicht
verwehren kann, dir diese Stelle, zu Ersparung des Nachschlagens, von Wort zu
Wort vor Augen zu legen; wr' es auch nur, damit du mir nicht etwa einwendest,
Sokrates habe diesen Einfall nur scherzweise vorgebracht.
    Sokrates. Dnkt es dich nicht, da ein knftiger Wchter und Beschirmer des
Staats zu dem jhzornigen Wesen, das ihm nthig ist, auch noch von Natur
Philosoph seyn msse? Glauk. Wie so? ich verstehe nicht, was du damit sagen
willst. Sokr. Auch das kannst du an den Hunden ausfindig machen; es ist wirklich
etwas Bewundernswrdiges an diesem Thiere. Glauk. Und was wre das? Sokr. Sobald
der Hund einen Unbekannten erblickt, fngt er an zu knurren und bse zu werden,
wiewohl ihm jener nichts zu Leide gethan hat; den Bekannten hingegen bewillkommt
er, nach seiner Art, aufs freundlichste, wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm
empfing. Ist dir das noch nie als etwas Wundernswrdiges aufgefallen? Glauk. Ich
habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben; die Sache verhlt sich indessen
wie du sagst. Sokr. Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und
cht Philosophisches an ihm zu seyn. Glauk. Warum das? Sokr. Weil er einen
freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet, als
da er jenen kennt, diesen nicht kennt. Wie sollte er nun nicht lernbegierig
seyn, da er das Heimische von dem Fremden blo durch Erkenntni und Unwissenheit
unterscheidet? Glauk. Es kann wohl nicht anders seyn. Sokr. Ist aber ein
lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe? Glauk. Doch
wohl! Sokr. Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen,
da er, um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden,
Philosoph und lernbegierig seyn msse? Glauk. So setzen wir's denn! - Und ich,
meines Orts, setze, da diese Manier zu philosophiren eine eben so
unphilosophische als langweilige Manier sey, wiewohl nicht zu lugnen ist, da
wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken
haben.
    Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum
Ueberflu nochmals wiederholt hat, da ein Beschtzer seines idealischen Staats,
um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen, die verschiedenen
Tugenden eines edeln Haushundes in sich vereinigen, und auf alle Flle so
philosophisch und zornmthig, behend und stark seyn msse als der stattlichste
Molosser16, - wirft er die Frage auf: was man ihnen, um sie zu mglichst
vollkommnen - Staatshunden zu bilden, fr eine Erziehung geben mte? Eine
Untersuchung, welche, wie er meint, nicht wenig zur Auflsung des Problems, wie
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe, beitragen wrde.
Adimanth bekrftigt dieses letztere sogleich mit groem Nachdruck, ohne da man
sieht warum; denn da er, so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst,
vorausgesehen haben knnte, wie dieser dem Discurs forthelfen werde um zu dem
besagten Resultat zu gelangen, ist nicht wohl zu vermuthen. Sokrates gibt zu
verstehen, diese Untersuchung drfte sich ziemlich in die Lnge ziehen, meint
aber doch, da die kein Grund sey die Sache aufzugeben, zumal da sie gerade
nichts Besseres zu thun htten. Adimanth ist, wie sich's versteht, dazu willig
und bereit. Wohlan denn! was fr eine Erziehung wollen wir also unsern
Staatsbeschtzern geben? Es drfte schwer seyn eine andere zu finden, als die
schon lngst erfundene, nmlich die Gymnastik fr den Krper, die Musik17 (in
der weitesten Bedeutung dieses Wortes) fr die Seele. - Auf Musik und Gymnastik
also schrnkt sich auch in der Platonischen Stadt, deren Einrichtung uns
beschftigt, das ganze Erziehungswesen ein; aber beide sind freilich in dieser
ganz etwas anders als in unsern ppigen und von bsen Sften aufgeschwollnen
ungesunden Republiken. Die Ausfhrung dieses Satzes nimmt den ganzen
betrchtlichen Rest des zweiten Buchs und ein groes Stck des dritten ein; und
wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur
eine Episode ist, und nicht in gehrigem Ebenmae mit dem Ganzen stehen mchte,
so ist sie doch (auer ihrer Zweckmigkeit fr die Absicht unsers Philosophen)
als ein fr sich selbst bestehendes Stck betrachtet, bis auf eine oder zwei die
Musik im engern Verstande und die nachahmenden Knste betreffende Stellen, so
vortrefflich ausgearbeitet, und in jedem Betracht so unterhaltend, lehrreich und
zum Denken reizend, da ich versucht wre, sie, mit der Rede Adimanths (wovon
sie gewissermaen die Fortsetzung und vollstndigere Ausfhrung ist) fr das
beste des ganzen Werks zu halten, wenn ihr der Discurs ber die Gymnastik nicht
den Vorzug streitig machte.
    Wie ich hre ist ihm die Strenge, womit er vornehmlich den Homer und
Hesiodus fr wahre Verfhrer und Verderber der Jugend erklrt, und die tiefe
Verachtung, womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und
Schauspieler spricht, zu Athen sehr bel genommen worden. Ich kann es euch nicht
sehr verargen, da ihr euch fr eine eurer vorzglichsten Lieblings-Ergtzungen
und fr dramatische Meisterstcke, auf die ihr stolz zu seyn alle Ursache habt,
mit Faust und Fersen wehrt. Aber zwei Dinge, lieber Eurybates, wirst du doch bei
ruhiger Ueberlegung nicht in Abrede seyn knnen: erstens, da Plato in dem
ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Vlkerschaften, ihre Kinder die
Gesnge Homers und Hesiods als heilige, von den Musen eingegebene Bcher ansehen
zu lehren, und ihnen aus diesen, mit rohen pbelhaften Begriffen und
Gesinnungen, abgeschmackten Mhrchen, und zum Theil sehr unsittlichen Reden und
Thaten der Gtter und Gttershne angefllten alten Volksgesngen, in einem
Alter wo das Gemth fr solche Eindrcke weiches Wachs ist, die erste Bildung zu
geben - da, sage ich, Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und
wirksamsten, wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen, Ursachen der eben so
ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbni unsrer Republiken aufgedeckt hat;
zweitens, da es demungeachtet, bei der Verbannung unsrer smmtlichen
Musenknstler aus seiner idealischen Republik, seine Meinung nicht war noch seyn
konnte, da die Athener und die brigen Griechen eben dasselbe thun sollten. Bei
uns und an uns ist nichts mehr zu verderben; wir sind wie Menschen die in einer
schlechten Luft zu leben gewohnt sind; unsre Dichter, Schauspieler, Musiker,
Tnzer und Tnzerinnen, Maler und Bildner mgen es treiben wie sie wollen, in
Republiken wie Athen, Korinth, Milet, Syrakus und so viele andere (meine
ziemlich ppige Cyrene nicht ausgenommen), knnen sie nichts Bses thun, dem
nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch
einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt gethan wrde. In Athen oder
Milet ist wenig daran gelegen, ob die Leyer drei oder vier Saiten mehr oder
weniger hat. Aber in einem Staat, dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein
sittliche Grundstze gebaut wre, und wo also die ganze Lebensweise der Brger,
alle ihre Beschftigungen und Vergngungen, ihre gottesdienstlichen Gebruche,
Feste und gemeinschaftliche Ergtzlichkeiten, vor allem aber die Erziehung ihrer
Jugend mit jenen Grundstzen in der richtigsten Harmonie stehen mten: da wrde
allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch, auch
in Sprache, Declamation, Rhythmus, Gesangweisen, Tonfllen, Zahl der Saiten auf
der Leyer und Cither, und dergleichen, wo nicht ganz so viel als Plato meint,
doch sehr viel zu bedeuten haben; und wenn die Spartaner, die vor dreiig Jahren
ein so strenges Decret gegen die eilfsaitige Lyra des berhmten Sngers
Timotheus18 ergehen lieen, dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen
andern Stcken so getreu geblieben wren, so wrden sie, anstatt sich den
Athenern dadurch lcherlich zu machen, den Beifall aller Verstndigen davon
getragen haben.
    Da Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Theorie der musischen
und mimischen Knste, wenn man - anstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen
idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmen - sie als einen allgemeinen Kanon
fr Dichter, Maler, Musiker u.s.f. betrachten wollte, im Grund alle Poesie und
die smmtlichen mit ihr verwandten Knste rein aufhebt; da seine Einwendungen
gegen die knstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern, Gemthsbewegungen,
Leidenschaften und Handlungen (sie mgen nun lblich oder tadelhaft, der
Nachfolge oder des Abscheues wrdig seyn) keine scharfe Untersuchung aushalten;
und da eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften
Menschen, wie er sie haben will, ein kaltes, langweiliges und wenigstens durch
seine Eintnigkeit unausstehliches Werk seyn wrde, wer sieht das nicht? Und wie
knnt' es anders seyn, da er den Knsten einen falschen Grundsatz unterschiebt
und das Sittlichschne zu ihrem einzigen Gesetz, Zweck und Gegenstand macht?
Aber alles, was er behauptet, steht an seinem Platz, sobald wir es in seine
Republik versetzen. Seine Jnglinge sollen an Seel' und Leib ungeschwchte,
unverdorbene Menschen bleiben; sie sollen nichts lernen was sie knftig wieder
vergessen mssen; sie sollen nichts sehen noch hren, nichts denken noch
treiben, als was unmittelbar dazu dient, sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten.
Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mgliche Weise zu jeder Tugend gewhnt
werden, und ungeziemende, ungerechte, schndliche Dinge nicht einmal dem Namen
nach kennen. Sie sollen von der Gottheit das wrdigste und Erhabenste denken;
sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen, und Lgen als die
hlichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen; sollen immer nchtern, mig und
enthaltsam seyn, der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt ber sich lassen,
ihren Mitbrgern hold und gewrtig und nur den Feinden des Staats frchterlich,
in Gefahren zugleich vorsichtig und muthvoll, kaltbltig und entschlossen seyn,
immer bereit, Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern, ohne weder den Tod fr
sich selbst zu frchten, noch sich beim Ableben der Ihrigen unmnnlich zu
betragen. Zu allem diesem wird man freilich (wie Plato seinen Sokrates sehr
ausfhrlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen lt) durch das Lesen
unsrer Dichter und durch die Beispiele, Maximen und pathetischen Declamationen
unsrer Tragdien nicht gebildet; wohl aber kann es nicht fehlen, da sie in
jungen Gemthern Eindrcke und Vorstellungen hinterlassen, die das Gegentheil zu
wirken geschickt sind. Nehmen wir also dem Schpfer einer Republik, die blo
dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen
Vollkommenheit zu dienen, nicht bel, da er unsre Dichter mit eben so weniger
Schonung von ihren Grnzen abhlt, als alle andern Knstler und Werkleute des
Vergngens und der Ueppigkeit; in einem Staat, der in Ansehung aller
krperlichen Bedrfnisse und sinnlichen Gensse auf das schlechterdings
Unentbehrliche eingeschrnkt ist, findet sich kein Platz fr sie.
    Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschtzer von der Musik als
der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung, Uebung und Angewhnung des
Krpers ber. Alles was er ber diesen Gegenstand sagt: die scharfe Censur, die
er bei dieser Gelegenheit ber die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu
Syrakus, Korinth und Athen ergehen lt, alles was er ber die Ditetik
berhaupt, ber die Vorzge der chten Aesculapischen Heilkunst von der
heutzutage im Schwange gehenden, und ber die Analogie der Profession des
Richters (den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet) mit der Kunst des
eigentlich sogenannten Arztes, vorbringt, - mit Einem Wort die ganze
reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht
unbertrefflich schn und wahr. Alles darin ist neu, selbst gedacht,
scharfsinnig, und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten Blick
einleuchtend, da der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen
glaubt. Ich habe nichts darber hinzuzusetzen, als da der gttliche Plato, wenn
er immer auf diese Art philosophirte, in der That ein Gott in meinen Augen wre;
und da, wofern die Athener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung
dieses Discurses nicht weiser und besser werden, die Schuld blo an uns liegen
wird.
    Ich zweifle nicht, da Plato durch den Ausfall ber die dermalige Heilkunst
in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat. Eure Hippokratischen Aerzte, welche
sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und
Schwelgerei so viele Vortheile zu ziehen wissen, werden ihm nicht vergeben, da
er ihnen die Geschicklichkeit, einen bauflligen Krper recht lange hinzuhalten
und ihre Kranken des langsamsten Todes, der ihrer Kunst mglich ist, sterben zu
lassen, d.i. gerade das, worauf sie sich am meisten einbilden, zum Vorwurf, und
beinahe zum Verbrechen macht. Natrlicherweise ist ihre Partei, da alle
Schwchlinge, Gichtbrchige, Engbrstige, Wasserschtige und Podagristen von
Athen auf ihrer Seite sind, wo nicht die strkste, doch die zahlreichste; und
wie sollten sie ihm je verzeihen knnen, da er unmenschlich genug ist, zu
behaupten: sie und alle ihresgleichen knnten fr die allgemeine Wohlfahrt
nichts Besser's thun, als sich je blder je lieber aus der Welt zu trollen; und
die Heilkunst mache sich einer schweren Snde gegen den Staat schuldig, wenn sie
sich so viele Mhe gebe, ungesunden Menschen ein sieches, ihnen selbst und
andern unntzes Leben auch dann zu verlngern, wenn keine vllige Genesung zu
hoffen ist. In der That hat diese Behauptung etwas Emprendes; und es mag wohl
seyn, da nur ein sehr gesunder, der Gte seines Temperaments und seiner
strengen Lebensordnung vertrauender, auch berdie auer allen zrtlichern
Familienverhltnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen,
die mit allen ihren Uebeln, doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang'
als mglich athmen mchten, ein so unbarmherziges Todesurtheil zu sprechen fhig
ist. Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu
machen; indessen mssen wir auch nicht vergessen, da alles, was er seinen
kerngesunden alten Sokrates ber diesen Punkt sagen lt, mit unverwandter
Rcksicht auf seine Republik gesagt wird, wo sich freilich alles anders verhlt
als in den unsrigen. In den letztern lebt jeder Mensch sich selbst und seiner
Familie, dann erst dem Staat; in der seinigen lebt er blo dem Staat, und sobald
er diesem nichts mehr ntze ist, rechnet er sich nicht mehr unter die
Lebendigen. Er verhlt sich also zum Staat, wie der Leib zur Seele. Die Seele
ist der eigentliche Mensch; der Leib hat nur dadurch einigen Werth, und darf nur
insofern in Betrachtung kommen, als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug
gegeben ist. Es ist daher (wie Sokrates etwas, so er vorhin selbst gesagt hatte,
berichtiget) nicht recht gesprochen, wenn man die Musik allein auf die Seele,
die Gymnastik allein auf den Leib bezieht. Beide dienen blo der Seele, und die
Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz, als sie den Krper zu
einem rein gestimmten, diese Stimmung festhaltenden, und mit einer von den Musen
gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht. Eben
darum wre sehr bel gethan, die Gymnastik von der Musik oder diese von jener
trennen zu wollen; die Musik allein wrde nur weibische Schwchlinge, die
Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewaltthtige
Halbmenschen ziehen: aber so, wie Plato es vorschreibt, verbunden und eine durch
die andere getempert19, bilden sie den chten Musiker und Harmonisten, der
beide Benennungen in einem unendlich hhern Grad verdient als der grte
Saitenspieler.
    Was meinst du nun, Glaukon (fhrt Sokrates fort), sollten wir, wenn uns die
Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt, nicht immer gerade einen solchen Mann
zum Vorsteher derselben nthig haben? - Mit dieser leichten Wendung fhrt er uns
zu der dritten Classe seiner Staatsbrger, nmlich zu den Archonten oder
obrigkeitlichen Personen, deren die beiden ersten benthigt sind, wenn diese
unwandelbare Ordnung, Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll,
in welcher ihr Wesen besteht, und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden,
bauflligen und ihrer Zerstrung, langsamer oder schneller, entgegen eilenden
Republiken unterscheidet. Was er hier von dieser obersten Classe seiner
Staatsbrger berhaupt, und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen
Staats sagt, ist zwar nur ein bloer, mit wenigen Pinselstrichen entworfener
Umri, wovon er sich die Ausfhrung stillschweigend vorbehlt; aber auch in
diesem entwickelt sich alles so leicht und schn, ist alles so richtig gedacht,
in so zierliche Formen eingekleidet, und erhlt durch berraschende Wendungen
einen so eigenen Zauber von Genialitt und Neuheit, da man ihm Tage lang
zuhren mchte, wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so
lange erhalten knnte.
    Um so auffallender ist es, wenn wir seinen Sokrates, den wir eine geraume
Zeit lang so verstndig, wie ein Mann mit Mnnern reden soll, reden gehrt
haben, sich pltzlich wieder in den Platonischen verwandeln, und in eine andre
Tonart fallen hren, welche wir (mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt)
uns nicht erwehren knnen, unzeitig, seltsam, und, mit dem rechten Wort gerade
heraus zu platzen, ein wenig lppisch zu finden. Wie wollen wir es nun
anstellen (fragt er den Glaukon), um vornehmlich die Archonten unsrer Republik,
oder doch wenigstens die brigen Brger, eine von den gutartigen Lgen glauben
zu machen, von denen wir oben (als die Rede von den Fabeln und Lgen der Dichter
war) ausgemacht haben, da sie zuweilen zulssig und schicklich seyen? -
Glaukon, den diese unerwartete Frage vermuthlich eben so stark vor die Stirne
stie als uns, kann sich nicht vorstellen, was fr eine Lge Sokrates im Sinne
habe. -
    Sie ist nichts Neues, versetzt Sokrates; denn sie stammt schon von den
Phniciern her20, und hat sich, wie die Poeten mit groer Zuversichtlichkeit
versichern, vor Zeiten an vielen Orten zugetragen. In unsern Tagen ereignet sich
freilich so etwas nicht mehr, und ich wei nicht, ob es sich knftig jemals
wieder zutragen drfte. - Es mu etwas Seltsames seyn, da du so hinterm Berge
damit hltst, sagt Glaukon. - Wenn du es gehrt haben wirst, antwortet
Sokrates, wirst du finden da ich Ursache hatte, nicht gern damit
herauszurcken. - Sag' es immerhin und befrchte nichts. - Nun so will ich's
denn sagen, wiewohl ich selbst nicht wei, wo ich die Khnheit und die Worte
dazu hernehme.
    Nachdem er durch diesen dramatischen Kunstgriff die Erwartung seiner Zuhrer
aufs hchste gespannt hatte, mute ihnen doch wohl zu Muthe seyn als ob sie aus
den Wolken fielen, da er fortfuhr: Vor allem also will ich mich bemhen, die
Archonten meiner Stadt und die Krieger, und dann auch die brigen Brger dahin
zu bringen, da sie sich einbilden, alles was bisher mit ihnen vorgegangen und
die ganze Erziehung, die wir ihnen gegeben haben, sey ein bloer Traum gewesen.
Dagegen sollen sie glauben, sie selbst sammt ihren Waffen und allem ihrem
brigen Gerthe seyen wirklich und wahrhaftig im Schoo der Erde gebildet,
genhrt und ausgearbeitet worden; und erst, nachdem sie in allen Stcken fertig
und vollendet da gestanden, habe die Erde, ihre Mutter, sie zu Tage gefrdert.
Demnach sey es ihre erste Pflicht, das Stck Erde, welches sie bewohnen, als
ihre Mutter und Erzieherin zu betrachten, jeden feindlichen Anfall von ihr
abzuhalten, und alle ihre Mitbrger, ebenfalls Kinder derselben Erde, als ihre
Brder anzusehen. - Nun begreif' ich freilich, sagt Glaukon, warum du mit einer
so platten Lge so verschmt zurckhieltest. - Da hast du wohl Recht, versetzt
Sokrates; aber hre nun auch den Rest des Mhrchens. Ihr alle (werden wir nun,
die Fabel fortsetzend, zu ihnen sagen), so viele euer in dieser Stadt leben,
seyd Brder; aber der Gott, der euch bildete, vermischte den Thon, den er dazu
nahm, mit ungleichartigem Metall. Bei denjenigen von euch, die zum Regieren
tauglich sind, mischte er Gold unter den Thon, daher sind sie die geehrtesten
von allen; zu denen, die er fr den Soldatenstand bestimmte, Silber; Kupfer zu
den Ackerleuten und Eisen zu den brigen Handarbeitern. Da ihr nun alle zu einer
und eben derselben Familie gehrt, so zeugt zwar meistens jeder seines gleichen;
doch geschieht es auch wohl zuweilen, da sich aus Gold Silber, und dagegen aus
Silber Gold, und eben so auch Kupfer aus Silber, oder Gold aus Kupfer erzeugt,
und so weiter. Diesem zufolge macht der Gott, euer Schpfer, den Regierern zur
ersten und wichtigsten Pflicht, die Kinder, die unter euch geboren werden, genau
zu untersuchen, mit welchem von den besagten vier Metallen ihre Seelen legirt
sind, und wofern ihnen selbst kupfer- oder eisenhaltige geboren wrden, sie ohne
Schonung, wie es ihrer Natur gem ist, in die Classe der Handwerker oder
Ackerleute zu versetzen; hingegen, wofern diese letztern einen gold-oder
silberhaltigen Sohn erzeugten, solchen in die Classe der Regierer, oder der
Vertheidiger der Republik zu erheben; und die einem Orakel zufolge, welches dem
Staat den Untergang ankndigt, wofern er je von Kupfer oder Eisen regiert
wrde.
    Was sagst du zu diesem Ammenmhrchen, Eurybates? Sollte der gttliche Plato
wohl eine so verchtliche Meinung von seinen Lesern hegen, da er fr nthig
hlt, uns von Zeit zu Zeit wie kleine Knaben mit einem Fabelchen in diesem
kindischen Geschmack zufrieden zu stellen, weil er uns nicht Menschenverstand
genug zutraut, eine mnnlichere Unterhaltung, wie z.B. die unmittelbar
vorhergehende, in die Lnge auszuhalten? Wenn er es ja fr dienlich hielt, zu
mehrerem Vergngen der Leser den Ton zuweilen abzundern, wie konnt' er sich
selbst verbergen, da nur Kinder, die noch unter den Hnden der Wrterin sind,
an einem so platten Mhrchen Gefallen haben knnten? Oder sollte er vielleicht
die geheime Absicht, die ihm Schuld gegeben wird, wirklich hegen, die Ilias aus
den Kinderschulen der Griechen zu verdrngen, und diesen Dialog blo darum mit
so vielen Fabeln und allegorischen Wundermhrchen gespickt haben, um desto eher
hoffen zu knnen, sich selbst dereinst an die Stelle des verbannten Homers
gesetzt zu sehen? Beinahe mu man auf einen solchen Argwohn verfallen; zumal
wenn man die sonderbare Hitze bedenkt, womit er sich an mehrern Stellen dieses
Werkes mit einer sonst kaum begreiflichen Ausfhrlichkeit beeifert, den
sittlichen Einflu der Werke unsrer Dichter auf die Jugend in das verhateste
Licht zu stellen. Wie dem auch seyn mag, immer ist es lustig genug, zu sehen,
wie er seinen Sokrates vorbauen lt, da die Leser sein Phnicisches Mhrchen
nicht fr so ganz einfltig und anspruchlos halten mchten als es aussieht. -
Weit du wohl ein Mittel, lt er ihn den Glaukon fragen, wie man unsre Leute
dieses Mhrchen glauben machen knnte? Sie selbst nicht, antwortet Glaukon, aber
wohl allenfalls ihre Shne und Nachkommen und die andern Menschen der Folgezeit,
sollt' ich denken. Ich merke wo du hinaus willst, versetzt Sokrates; es knnte
doch immer dazu gut seyn, sie desto ernstlicher besorgt zu machen, da die
Absicht des Orakels erreicht werde; - nmlich, da die Republik nicht durch die
ble Staatsverwaltung kupferner und eiserner Regenten zu Grunde gehe. - Wenn
diese Reden nicht ganz ohne Salz seyn sollen, mu man, dnkt mich, annehmen,
Glaukon und Sokrates werfen hier beide einen Seitenblick auf Athen und andere
Griechische Stdte, in welchen die schlechten Metalle dermalen ein sehr
nachtheiliges Uebergewicht zu haben scheinen. Aber wozu hatte Plato - er, der an
mehrern Stellen dieses Dialogs seinen Mitbrgern und Zeitgenossen die derbesten
und ungeflligsten Wahrheiten ganz unverblmt ins Gesicht sagt - wozu hatte er
gerade hier einer so zwecklosen Behutsamkeit nthig?
    Uebrigens tusche ich mich vielleicht, indem es mir vorkommt, als ob
Sokrates, von diesem Mhrchen an, durch alle folgenden Bcher sich selbst
verloren habe, und sich mit aller Mhe nicht wieder finden, oder, wenn er auch
zuweilen in seinen eigenen Ton zurckfllt, sich doch nicht lange darin erhalten
knne. Ich drcke mich hierber so schchtern aus, weil es sehr mglich ist, da
die Ursache, warum mir die so vorkommt, vielmehr in meiner Gewohnheit, mir
einen ganz andern Sokrates zu denken, als in einem Mangel an Haltung liegt, der
dem Verfasser des Dialogs Schuld gegeben werden knnte. Die Wahrheit zu sagen,
der Sokrates, den er darin die doppelte Rolle des Erzhlers und der Hauptperson
des Drama's spielen lt, ist und bleibt sich selbst durchgehends immer hnlich;
denn es ist immer Plato selbst, der unter einer ziemlich gut gearbeiteten und
seinem eigenen Kopfe so genau als mglich angepaten Sokrateslarve, nicht den
Sohn des Sophroniskus, sondern sich selbst spielt. Hinter dieser Larve sieht er
zuweilen, je nachdem er uns eine Seite zeigt, dem wahren Sokrates so hnlich,
da man einige Augenblicke getuscht wird: aber seine Stimme kann oder will er
vielmehr nicht so sehr verstellen, da die Tuschung lange dauern knnte; und
berhaupt braucht man ihm nur nher auf den Leib zu rcken und ihn scharf ins
Auge zu fassen, um den leibhaften Plato berall durchschimmern zu sehen. Dieser
scheint sogar von Zeit zu Zeit die unbequeme Larve ganz wegzuschieben, und uns
auf einmal mit seiner eigenen, von jener so stark abstechenden Physiognomie zu
berraschen; und da er dieses seltsame Spiel, eben dieselbe Person bald mit bald
ohne Larve zu machen, einen ganzen Tag lang treibt, so kann es nicht wohl
fehlen, da der Zuschauer endlich irre wird, und nicht recht wei was man mit
ihm vorhat, und ob er beim Schlu des Stcks zischen oder applaudiren soll.

    Diese Ungewiheit ist indessen keineswegs der Fall im Rest des dritten und
im Anfang des vierten Buchs. Eine unserm Philosophen eigene dialektische
Spitzfndigkeit, die auch hier von Zeit zu Zeit durch die Lcken der
Sokrateslarve durchguckt, abgerechnet, scheint er darin die angenommene Person
wieder ziemlich gut zu spielen; so gut wenigstens, da man sich geneigt fhlt,
der Tuschung mit halb geschloss'nen Augen nachzuhelfen; und wiewohl man sich
hier und da nicht wohl erwehren kann ein wenig ungehalten auf den Schauspieler
zu seyn, wenn er unversehens aus seiner Rolle heraustritt und anstatt den
Sokrates rein fortzuspielen, in seine eigene Person zurcksinkt: so macht uns
doch die Gewandtheit, womit er sich unvermerkt wieder in die angenommene
hineinwirft, so viel Vergngen, da es wenig Mhe kostet ihm zu verzeihen und im
Ganzen recht wohl mit ihm zufrieden zu seyn.
    Die Rede ist nun im Rest des dritten Buchs davon, wie die aus dem Schoo der
Erde in voller Rstung hervorgesprungnen Beschirmer oder Soldaten unsers
idealischen Staats in Ansehung der Wohnung, Nahrung und aller brigen zum Leben
gehrigen Stcke gehalten werden sollen. Da in der vollkommensten Republik alles
rein consequent und zweckmig seyn mu; da es in derselben nicht darum zu thun
ist, die einzelnen Gliedmaen des Staats, sondern das Ganze so glcklich als
mglich zu machen, und das letztere auf keine andere Weise zu erhalten steht,
als wenn jede Classe, und jeder einzelne Brger in der seinigen, gerade das und
nichts anders ist, als was sie vermge ihres Verhltnisses zum Ganzen nothwendig
seyn mssen; so drfen wir uns nicht wundern, da Plato den bewaffneten Theil
der Brger, welcher blo zum Schutz der Gesetze und des Staats, zu Vollziehung
der Befehle der Regenten und zu Vertheidigung aller brigen Brger da ist, in
allen Stcken auf das bloe Unentbehrliche setzt. Sie wohnen in schlechten
Baracken, haben auer ihren Waffen und was die hchste Nothdurft zum Leben
fordert, nicht das geringste Eigenthum; halten ihre uerst frugalen Mahlzeiten
gemeinschaftlich in ffentlichen Slen, und leben in allen Stcken in der
nmlichen Ordnung beisammen, wie sie im Lager leben mten. In diesem und allen
andern Stcken sind sie der strengsten Disciplin unterworfen; mit Einem Wort,
nichts ist vergessen, was es ihnen unmglich macht, jemals aus den Schranken
ihrer Bestimmung herauszutreten, und aus treuen und wachsamen Hunden der Heerde
sich in Wlfe zu verwandeln. - Alles die und was dahin einschlgt, fhrt
Sokrates gegen die Zweifel und Einwrfe Adimanths so grndlich und sinnreich
aus, da weder diesem noch dem Leser das Geringste gegen die Zweckmigkeit
dieses Theils der Verfassung der Republik einzuwenden brig bleibt.
    Was bei dem allem nicht wenig zum Vergngen der Leser beizutragen scheint,
ist die anscheinende Unordnung, oder, richtiger zu reden, die unter diesem
Schein sich verbergende Kunst, wie der Dialog, gleich einem dem bloen Zufall
berlassenen Spaziergang, indem er sich mit vieler Freiheit hin und her bewegt,
unter lauter Digressionen dennoch immer vorwrts schreitet, und dem eigentlichen
Ziel des Verfassers (wie oft es uns auch aus den Augen gerckt wird) immer nher
kommt. Wenigen dieser kleinern oder grern Abschweifungen fehlt es an Interesse
fr sich selbst: sie schlingen sich aber auch berdie meistens so natrlich aus
und in einander, und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein, da man
den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist, oder sich's doch nicht reuen
lassen kann, ihn gemacht zu haben. Die ist zwar nicht immer, aber doch
wenigstens fters, der Fall; und ich finde um so nthiger diese Bemerkung hier
nachzuholen, da sie, wo nicht zu vlliger Widerlegung, doch zu gebhrender
Einschrnkung dessen dient, was ich oben, aus dem Mund etlicher vielleicht gar
zu schulgerecht urtheilender Kunstfreunde, gegen die Composition dieses Dialogs,
als dichterisches Kunstwerk betrachtet, erinnert habe. Ein Gesprch dieser Art
kann und soll weder an die Gesetze der architektonischen Symmetrie, noch an die
Regeln des historischen Gemldes gebunden werden; es ist in dieser Rcksicht
noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komdie selbst; die grte
Kunst des Dialogendichters ist, seinen Plan unter einer anscheinenden
Planlosigkeit zu verstecken, und nur dann verdient er Tadel, wenn er sich von
seinem Hauptzweck so weit verirrt, da er sich selbst nicht wieder ohne Sprnge
und mhselige Krmmungen in seinen Weg zurckfinden kann.
    Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik, unter den
gehrigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist, wirft er (blo um
Adimanthen auf eine Probe zu stellen, wie es scheint) die Frage auf: ob es wohl
auch nthig seyn drfte, ihre neue Republik mit Gesetzen ber die
Eigenthumsrechte, und die willkrlichen Handlungen der Brger unter einander,
und die Rechtshndel die aus dem Zusammensto ihrer Ansprche oder aus
persnlichen Beleidigungen entstehen, kurz mit Gesetzen ber eine Menge von
Gegenstnden, die in unsern Republiken vom gewhnlichen Schlag unentbehrlich
sind, zu versehen? - Aber Adimanth ist der Meinung, ihre Republik bedrfe aller
dieser armseligen Sttzen und Behelfe nicht; und es wrde ganz berflssig seyn,
so verstndigen und guten Menschen, wie die Brger derselben sammt und sonders,
vermge ihrer Verfassung, Erziehung und Lebensordnung nothwendig seyn mten,
ber diese Dinge etwas vorzuschreiben, da sie in jedem vorkommenden Falle die
Regel, nach welcher sie sich zu benehmen htten, ohne Mhe von selbst finden
wrden. Ganz gewi, sagt Sokrates, werde die der Fall seyn, wofern ihnen Gott
die Gnade gebe, den Gesetzen, die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben, getreu
zu bleiben. Wo nicht, erwiedert Adimanth, so mchten sie immerhin (wie es in den
gewhnlichen Republiken zu gehen pflegt) ihr ganzes Leben damit zubringen,
tglich neue Gesetze zu geben, in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu
treffen, - wie gewisse Kranke, die sich vergebens schmeicheln durch bestndiges
Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen, weil sie aus Unenthaltsamkeit die
Lebensart nicht ndern wollen, welche der Grund ihrer Krankheit ist.
    Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort, und findet sich
dadurch in der Behauptung besttiget, da kein weiser Gesetzgeber weder in einem
wohl, noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen
dieser Art befassen werde; nicht in diesem, weil sie unnthig und von keinem
Nutzen wren, in jenem nicht, weil das, was in jedem vorkommenden Falle zu thun
ist, jedem Brger vermge der Bildung und Richtung, die er durch die bereits
bestehende Verfassung erhalten hat, von selbst einleuchten mu. Was bliebe uns
also noch zu thun, um mit unsrer Gesetzgebung fertig zu seyn? fragt Adimanth.
Uns nichts, antwortet Sokrates; denn den grten, schnsten und wichtigsten
Theil derselben werden wir dem Delphischen Apollo berlassen. Und was betrfe
die? fragte jener etwas gedankenlos; denn er htte doch wohl mit einem
Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Mhe ersparen knnen, sich erklren zu
mssen, da die Anordnung der Tempel und Opfer und alles brigen, was die
Verehrung der Gtter, Dmonen und Heroen, wie auch die den Verstorbenen zu
Beruhigung ihrer Manen gebhrende letzte Ehre betreffe, damit gemeint sey. Da
wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben, sagt Sokrates, und wenn
wir weise sind, einen so wichtigen Theil der Einrichtung unsrer Stadt auch
keinem andern Sterblichen anvertrauen werden, so knnen wir nichts Besser's
thun, als uns darber von dem Gotte belehren zu lassen, der in solchen Dingen
der angestammte Rathgeber aller Menschen ist, und blo zu diesem Ende Delphi21,
als die Mitte oder den Nabel der Erde, zu seinem Sitz erwhlt hat.
    Sollte dir, Freund Eurybates, diese Stelle sowohl, als die kurz
vorhergehende, wo Sokrates zu verstehen gibt, da er selbst nicht begreife, wie
seine Republik, ohne unmittelbaren Beistand Gottes, sich bei ihrer
ursprnglichen Verfassung lange werde erhalten knnen - nicht eben so stark,
wie mir, aufgefallen seyn? Zwar erkennen wir an dergleichen Aeuerungen unsern
alten Freund und Lehrer, der fr den religisen Volks- und Staatsglauben nicht
nur (wie billig) alle schuldige Ehrfurcht hegte, sondern im Glauben selbst
nahezu bis zur Einfalt unsrer Gromtter ging, und durch den Contrast, den
dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen Verstande machte, uns
nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte. Aber Plato, dessen Art ber
unsre Volksreligion zu denken kein Geheimni ist, mute doch wohl mit diesen
beiden Stellen etwas Mehrer's wollen, als seine eigenen Gedanken hinter diesem
Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen? Htte er in diesem Werke wirklich die
Absicht gehabt, der Welt das idealische Modell einer vollkommnen Republik zu
hinterlassen, wrde es da wohl seiner oder irgend eines andern chten
Philosophen wrdig gewesen seyn, eine so wichtige Sache als die Religion ist,
dem Delphischen Apollo, d.i. den Priestern des Tempels zu Delphi zu berlassen?
Und wre er selbst von der innern Gte und Realitt seiner Republik, d.i. von
ihrer reinen Uebereinstimmung mit der menschlichen Natur, berzeugt gewesen,
wrde er wohl alle seine Hoffnungen, da sie sich bei seinen Gesetzen werde
erhalten knnen, auf einen Gott aus einer Maschine gegrndet haben? Keines von
beiden, ducht mich. - Was ist es also, was er eigentlich damit wollte? - Durch
den Compromi auf den Delphischen Apollo wollt' er sich, denke ich, den
hkeligsten und gefhrlichsten Theil der Gesetzgebung seiner Republik vom Halse
schaffen; und glcklich fr ihn, da er die um so schicklicher thun konnte, da
der starke Glaube des wirklichen Sokrates an jenen Gott ein bekannter Umstand
ist. Mit der frommen Hoffnung hingegen, womit er die Erhaltung seiner
Gesetzgebung dem Willen Gottes anheimstellt, konnt' er uns wohl nichts anders zu
verstehen geben wollen, als da er selbst von ihrer innern Lebenskraft und
Dauerhaftigkeit keine groe Meinung hege, und so gut als andre wisse, da eine
idealische Republik nur fr idealische Menschen passe, und, um so frei in der
Luft schweben zu knnen, an den Fuschemel von Jupiters Thron angehngt werden
msse. Denn freilich, wenn die Gtter das Beste dabei thun wollten, knnte auch
die Aristophanische Nephelokokkygia so gut existiren als die Platonische
Republik.

                                       6.



                            Fortsetzung des Vorigen.

Wir sind nun ganz nahe bis zu dem Punkt vorgerckt, um dessentwillen vermuthlich
diese ganze Unterredung angefangen und durch so vielerlei Mandrische Umschweife
und Aus- und Einbeugungen bis hierher gefhrt worden; aber so wohlfeil gibt es
unser poetisirender Philosoph oder philosophirender Dichter nicht. Er hat sich
nun einmal vorgesetzt, uns in diesem dramatischen Dialog zu weisen, da er sich
so gut als irgend ein Tragdienmacher auf die Kunst verstehe, den Punkt, auf
welchen wir losgehen, alle Augenblicke bald zu zeigen, bald wieder aus dem
Gesichte zu rcken, um uns desto angenehmer zu berraschen, wenn wir das, was er
uns so lange durch einen unmerklich wieder in sich selbst zurckkehrenden Umweg
suchen lie, endlich unversehens vor unsrer Nase liegen finden. Unser verkappter
Sokrates, der itzt fr eine ziemliche Weile die Larve wieder weggeschoben hat
und mit seinem eigenen Gesichte spielt, meint: sie htten ihre Republik so gut
angeordnet, da es nun weiter nichts bedrfe, als da Adimanth seinen Bruder und
Polemarchen und die brigen Anwesenden aufrufe, ihm mit einer tchtigen Fackel
so lange in derselben herum suchen zu helfen, bis sie die irgendwo in ihr
versteckte Gerechtigkeit ausfindig gemacht haben wrden. In der That muthet er
diesen wackern jungen Mnnern damit nicht mehr zu, als was sie mit einer migen
Anstrengung ihres Menschenverstandes sehr leicht leisten konnten und sollten.
Aber dabei htte der Verfasser des Dialogs seine Rechnung nicht gefunden.
Glaukon besteht darauf, da Sokrates seinem Versprechen gem das Beste bei der
Sache thun msse, und dieser schickt sich denn auch um so williger dazu an, da
er wirklich in einer ganz eigenen Laune zu seyn scheint, sich mit der
Treuherzigkeit der jungen Leute einen dialektischen Spa zu machen, und sie nach
dem Ding, das er in der Hand hat, fein lange berall wo es nicht ist
herumstbern zu lassen. Wohlan also (sagt er) hier zeigt sich mir ein Weg, der
uns hoffe ich zu dem, was wir suchen, fhren soll. Wenn wir unsre Republik
gehrig angeordnet haben, so sollte sie, dcht' ich, durchaus gut seyn. -
Nothwendig, antwortet Glaukon. - S. Augenscheinlich ist sie also weise, tapfer,
wohlgezchtet und gerecht? - Gl. Augenscheinlich. - S. Wenn wir nun von diesen
Vieren Eins, welches es sey, in ihr finden, so ist das brige das, was wir nicht
gefunden haben; nicht wahr? - Gl. Wie meinst du das? - S. Wenn wir unter vier
Dingen, welcher Art sie auch seyn mgen, nur Eines suchen, und (indem wir
glcklicherweise zuerst darauf stoen) es sogleich fr das Gesuchte erkennen, so
lassen wir's dabei bewenden; haben wir hingegen die drei ersten vorher ausfindig
gemacht, so kennen wir eben dadurch auch das, was wir suchen; denn es ist klar,
da es kein anderes seyn kann als das vierte, so noch brig ist. - Richtig,
antwortet Glaukon wie ein unbesonnener Knabe; denn es greift sich doch mit
Hnden, da er nur unter der Bedingung, wofern diese vier Dinge uns schon
bekannt sind, mit Ja antworten konnte; denn wofern sie es nicht sind, so wei
ich, in dem gegebenen Falle, zwar, da das noch nicht gefundene, das gesuchte
ist; aber wozu kann mir das helfen, wenn ich nicht wei, was es ist? Glaukon
mute einfltiger seyn als Praxillens Adonis22, wenn er nicht sah, wo Sokrates
mit seinem mathematischen Axiom hinaus wollte; da er es nmlich auf die nur
eben seiner Republik nachgerhmten vier charakteristischen Eigenschaften
anwenden, und wenn er die drei zuerst genannten in ihr gefunden htte,
versichern wrde, da ihnen nun auch die Gerechtigkeit nicht entgehen knne;
wiewohl dieser Umweg im Grunde zu nichts helfen konnte, als sie, ohne alle Noth,
eine gute halbe Stunde lnger aufzuhalten. Da sich aber seine Zuhrer nun einmal
alles von ihm gefallen lassen, so macht sich unser After-Sokrates abermals den
fr seine Leser ziemlich langweiligen Zeitvertreib, durch eine Menge unnthiger,
zum Theil lcherlicher und kindischer Fragen, und kopfnickender oder platter
Antworten des ehrlichen Glaukons, herauszubringen: worin die Weisheit,
Mannskraft und Zucht bestehe, in welchen (nebst der Gerechtigkeit) er den
unterscheidenden Charakter seiner Republik setzt, und von welchen die erste den
Regenten, die zweite den Beschtzern vorzglich beiwohne, die dritte aber (wie
er sehr sinnreich und spitzfindig darthut) durch die gebhrende Subordination
der zwei untern Brgerclassen unter die oberste, eine mit dem, was man in der
Musik Diapasn (die Octave) nennt, vergleichbare Harmonie des ganzen Staats
hervorbringe. Wir htten also (fhrt er nun fort) die drei ersten Formen der
Tugend oder der Vollkommenheit, die unsrer Republik eigen seyn soll, gefunden:
welches wre dann die noch brige? Doch wohl die Gerechtigkeit? Gl. Ja wohl!
Sokr. Was haben wir also nun zu thun, lieber Glaukon, als da wir, nach
Jgerweise, einen Kreis um diesen Busch schlieen, damit uns die Gerechtigkeit
nicht etwa unvermerkt entwische und aus dem Gesicht komme; denn da sie hier
irgendwo stecken mu, hat seine Richtigkeit. Schaue also berall scharf herum,
ob du sie vielleicht eher als ich gewahr werden und mir zeigen kannst. Gl. Ja,
wenn ich das knnte! Aber so fern sonst nichts nthig ist als dir zu folgen und
zu sehen was du mir zeigst, bin ich dein Mann. Sokr. Nun so komm denn mit, und
mgen uns die Gtter Glck zu unsrer Jagd verleihen! Gl. Das ist auch mein
Gebet. Sokr. Der Ort scheint mir ziemlich steil und so verwachsen und dunkel,
da kaum fortzukommen ist. Wollen's aber doch versuchen! Gl. Das wollen wir!
Sokr. Heida! Heida, Glaukon! Mich ducht ich bin auf die Spur gekommen; nun soll
sie uns hoffentlich nicht entwischen. Gl. Das ist mir lieb zu hren. Sokr. Ei,
ei! was seh' ich? da haben wir ja alle beide einen erzdummen Streich gemacht! Gl
. Wie so? Sokr. Sind wir nicht auslachenswerth, da wir uns so viele Mhe gaben
etwas zu suchen, das uns gleich von Anfang an so nahe lag? Wir sahen darber
weg, und suchten in der Ferne, was uns diese ganze Zeit ber vor den Fen
herumkollerte. Gl. Wie soll ich das verstehen? Sokr. Ich will sagen, wir reden
und hren schon wer wei wie lange davon, und merkten nicht, da wir nur mit
andern Worten von nichts anderm redeten. Gl. Welche lange Vorrede fr einen,
dessen Wibegierde du so sehr erregt hast! Sokr. Nun so hre denn! -
    Ich gestehe sehr gern, Eurybates, da mir die Natur den besondern Sinn
versagt hat, der dazu gehrt, um an dieser niedrig komischen Vorbereitungsscene
zu einer so ernsthaften Untersuchung Geschmack zu finden. Ich erkenne in dieser
unzeitig schkerhaften Hasenjagd, wobei der Leser sich noch allerlei
possierliche Gebrdungen und Grimassen hinzu denken mu, hchstens eine
verunglckte Nachahmung irgend einer Aristophanischen Possenscene, und
allenfalls den Pseudo-Sokrates der Wolken, aber nichts weniger als die frhliche
Laune dieses immer heitern und wohlgemuthen, aber zugleich immer gesetzten und
die Wrde seines Charakters nie vergessenden Sokrates, mit welchem ich lange
genug gelebt habe, um das feine Salz, womit sein Scherz gewrzt zu seyn pflegte,
von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu knnen, worein Plato hier (im Zorn
der Grazien, die ihm sonst hold genug zu seyn pflegen) einen so unglcklichen
Migriff gethan hat.
    Und was ist nun das Resultat der Entdeckung, die er itzt auf einmal gemacht
haben will, nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den
Brei herumgefhrt hat? Oder vielmehr, wie sieht denn der Vogel aus, den er diese
ganze Zeit ber in der Hand hatte, und uns in einem Ansto von jugendlich
muthwilliger Spahaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und Bschen suchen
half? - Man erwartet, wie billig, da er sich endlich entschlieen werde die
Hand aufzuthun, und dem armen, vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden
Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen. Aber nein! Dieser Sokrates sagt und
thut nichts wie andre Menschenkinder, und bei ihm wird uns das schale Vergngen
einer immerwhrenden Ueberraschung bis zur Uebersttigung zu Theil. Er ffnet
zwar die Hand nur eben so weit, da das Vgelchen mit der Spitze des Schnabels
hervorgucken kann, macht sie aber sogleich wieder zu, fngt wieder von neuem zu
subtilisiren und chicaniren an, und wozu? - Um durch eine Menge unnthiger
Fragen (womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte,
da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der mhseligsten
Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war) und durch eine lange Reihe von
Gleichungen zu unsrer groen Verwunderung endlich heraus zu bringen: die
Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin, da ein jeder einzelner Brger der
drei Classen, aus welchen sie zusammengesetzt ist, schlechterdings nur das Eine,
wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am ntzlichsten seyn
kann, und sonst nichts anders treibe.
    Wenn ich die verschiedenen, zum Theil sehr verschraubten Formeln, in welchen
er diesen Satz aufstellt, recht verstehe, so luft alles darauf hinaus: da in
seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist, was es seiner Natur
und Bestimmung nach seyn soll; oder um die Sache noch krzer zu geben: da jedes
das, was es ist, immer ist. Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer
Sache, oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben, ist, so kann es dem
Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel seyn, was Plato damit zu bezeichnen
beliebt; aber der Sprache ist die nicht gleichgltig; und ich sehe nicht mit
welchem Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmaen knne,
Worte, denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders
heien zu lassen als sie bisher immer geheien haben. Was Plato unter
verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Gte
eines Dinges, die ihm eben dadurch, da es recht ist, oder da es ist was es
seyn soll, zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele
verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge
das, was sie vermge dieser Verbindung seyn sollen, immer sind; bald die
Harmonie, die eine natrliche Wirkung dieser Ordnung ist. Aber frs erste, wenn
sein Geheimni weiter nichts als das war, so htte er uns, ducht mich, die Mhe
einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen knnen; und zweitens
wird es, wenigstens auerhalb seiner eigenen Republik, wohl immer bei der
gewhnlichen allenthalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit
verbleiben; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten, da alle
Platonischen Formeln ohne groe Mhe sich mit der seinigen in Gleichung setzen
lassen. Denn, indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist, was sie seyn soll und
nichts anders, erhlt und gibt sie (wie er beilufig selbst gesteht) dem Staat
und jedem einzelnen Gliede desselben, was sie ihm vermge ihrer Bestimmung
schuldig ist; und eben dasselbe gilt von der Classe der Beschtzer oder
Soldaten, und von den smmtlichen Knstlern, Handwerkern, Feldbauern,
Kaufleuten, Krmern u.s.w., welche Plato mehr seiner Hypothese zu Gefallen, als
aus hinlnglichem Grunde, ohne sich viel um sie zu bekmmern, in die dritte
Classe zusammengeworfen hat.

    Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht, am Beispiel
einer gerechten Republik im Groen zu zeigen, was Gerechtigkeit in der Seele
eines Menschen gleichsam im Kleinen sey. Das erste also, was ihm oblag, war, das
Bild eines gerechten, d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen Staats
zu entwerfen; und die ist es, was er bisher nach seiner Weise geleistet hat. Er
fand da ein chtes Gemeinwesen - dessen Grundgesetz ist, da jedes Glied
desselben ausschlielich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches
Geschft treibe und dazu erzogen werde, - nothwendig aus drei Classen von
Brgern, aus Regenten, Rthen und Aufsehern, aus bewaffneten Beschtzern, und
aus einer fr die Wohnung, Nahrung, Kleidung, Bewaffnung und andere solche
Bedrfnisse des Staats und seiner Brger um Lohn arbeitenden Classe bestehen
msse; und da auf der Einschrnkung eines jeden Brgers in den Kreis der
einzigen Beschftigung wozu er am besten taugt, und auf der strengsten
Unterwrfigkeit unter die Gesetze und die Regierung, die gesunde Beschaffenheit
des Staats (die ihm Gerechtigkeit heit) so wie auf dieser die Erhaltung und der
Wohlstand desselben beruhe.
    Um nun die Anwendung dieser Erklrung der Gerechtigkeit auf den einzelnen
Menschen zu machen, und sich dadurch auch des zweiten Theils seines Versprechens
zu entledigen, unternimmt er seinen Zuhrern zu zeigen: da in der menschlichen
Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde, wie in seiner Republik; nmlich da
sie, wie diese, aus drei Haupttheilen, oder eigentlich aus drei ihrer Natur nach
verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23; in
deren unterster alle Arten von sinnlicher, eigenntziger, an sich selbst
unvernnftiger, zgelloser und unersttlicher Begierden, in der zweiten ein
gewisses muthiges, zrnendes, an sich selbst wildes und unbndiges Wesen (Thymos
vom Plato genannt), das sich gegen alles, was ihm als schlecht, unedel,
ungerecht und ordnungswidrig erscheint, emprt und ihm aus allen Krften
entgegenkmpft, in der dritten und hchsten endlich die Vernunft, und ein
unaufhrliches Streben nach der Wissenschaft des Wahren und Guten, ihren Sitz
haben. Die smmtlichen Begierden nach Genu und Besitz krperlicher Gegenstnde
und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele, was die
mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende Classe in der Republik; zwar zum Leben
eben so unentbehrlich, wie diese, aber sich selbst berlassen, knnen sie (wie
jene, wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten
wrden) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als
Unheil in der innern Republik des Menschen stiften. Um den Wohlstand derselben
befrdern zu helfen, mssen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser
immer unter strenger Zucht gehalten werden. Der bewaffneten Classe oder den
Beschtzern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen
das (vorgebliche) zornmthige, streitbare, ruhmbegierige, Wollust und Eigennutz
verachtende, nichts frchtende, und allem Widerstand Trotz bietende Princip
Thymos, dessen Bestimmung ist, die Regierung der Vernunft zu untersttzen, ihre
Rechte zu schirmen, und den Pbel der Begierden in gehriger Ordnung und
Unterwrfigkeit zu erhalten; welches aber, um diese Bestimmung nie zu verfehlen,
zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebndigt und gezchtet, die
Oberherrschaft der Vernunft, als des natrlichen Regenten dieser Republik im
Menschen, immer anerkennen und seinen hchsten Stolz blo darin suchen mu, in
Vollziehung ihres Willens keine Gefahr, kein Ungemach, keinen Schmerz zu
scheuen, der Erfllung dieser Pflicht hingegen jedes Opfer, das sie verlangt,
willig darzubringen. So wie nun die Gerechtigkeit in unsrer groen Republik in
der gehrigen Einschrnkung und Subordination der untersten und mittlern Classe
unter der obersten, und in der daraus entspringenden Harmonie und Einheit des
Ganzen besteht; so hat es, vermge der Natur der Sache, eben dieselbe Bewandtni
mit den drei verschiedenen Principien, woraus (nach Plato) die Seele
zusammengesetzt ist; und so wre denn die wahre Antwort auf die Frage, was die
Gerechtigkeit in der Seele, an sich selbst, ohne Rcksicht auf irgend etwas
auer ihr, sey? glcklich gefunden, und unser redseliger Sokrates, der es sich
in der That sauer genug werden lie, die Masche, die er auflsen wollte, so
stark er nur konnte zusammen zu schnren, und mit so vielen neuen, in einander
verwickelten Knoten zu verstrken, knnte nun billig fr heute von aller weitern
Bemhung losgesprochen werden.
    Da unser Mann in der Art, wie er seine vorgeblichen Untersuchungen
anstellt, sich selbst auch hier gleich bleibt, versteht sich, und was ich gegen
diese Methode bereits erinnert habe, tritt daher auch hier wieder ein.
Eigentlich kann man nicht sagen, da er untersuche; denn er hat das, was er
seinen Zuhrern suchen zu helfen vorgibt, immer schon in der Hand, und, bei
allem Schein von Grndlichkeit und Subtilitt, den er seinen
taschenspielerischen Operationen zu geben wei, bedarf es doch nur einer migen
Aufmerksamkeit, um zu merken, da er uns tuscht, wenn gleich nicht jeder
Zuschauer ihm scharf genug auf die Finger sehen kann, um gewahr zu werden wie es
damit zugeht. Es wrde uns zu weit fhren, wenn ich die Wahrheit dieser
Behauptung durch eine umstndliche Analyse dieses Theils des vierten Buchs
darlegen, und unsern Tausendknstler gleichsam nthigen wollte, seine
Handgriffe, einen nach dem andern, so langsam vor unsern Augen zu machen, da
sie auch dem bldsichtigsten nicht entgehen knnten. Ich will mich also blo
darauf einschrnken, seinen Beweis der drei wesentlich verschiedenen Principien,
die er in der menschlichen Seele entdeckt haben will, etwas nher zu beleuchten,
um zu sehen, ob es wirklich zur Erklrung der mannichfaltigen Erscheinungen in
derselben nthig ist, dreierlei Seelen anzunehmen, oder ob wir uns dazu recht
gut mit einer einzigen behelfen knnen.
    Gegen das Axiom, worauf er seinen Beweis sttzt, da eben dasselbe Subject
in Widerspruch stehende oder einander aufhebende Dinge unmglich zugleich und in
eben derselben Hinsicht weder thun noch leiden knne, habe ich nichts
einzuwenden. Wenn er also zeigen kann, da diese zugegebene Unmglichkeit
gleichwohl in dem, was wir unsre Seele nennen, tglich als etwas Wirkliches
erscheint, so hat er den Handel gewonnen und ich stehe beschmt.
    Ich bergehe die Einwendungen, die er sich von einem erdichteten Gegner
machen lt, und die fast zu mhsame Art wie er sie beantwortet; denn ich werde
ihm diese Einwrfe nicht machen. Also ohne Weiteres zu dem Beispiele, woran er
seinem Glaukon klar machen will, da es ohne seine Hypothese gar nicht zu
erklren sey! Hren wir, wie sich sein Sokrates anschickt, um uns zu diesem
verzweifelten Ausweg zu nthigen.
    Sokrates. Rechnest du den Durst nicht unter die Dinge, die das, was sie
sind, nicht seyn knnten, wenn nicht ein anderes wre, dessentwegen sie sind? -
    Glaukon (sieht ihn an und verstummt).
    Sokrates. Nach was drstet der Durst?
    Glaukon. Ja so! - Nach einem Trunk.
    Sokrates. Bezieht sich der Durst auf eine gewisse Art von Getrnke? Oder
verlangt der Durst, insofern er Durst ist, weder viel noch wenig, weder gut noch
schlecht, sondern lediglich nur etwas zu trinken?
    Glaukon. So ist es allerdings.
    Sokrates. Die Seele des Drstenden, insofern sie drstet, will also nichts
als trinken; das ist's, wornach sie trachtet und strebt?
    Glaukon. Offenbar.
    Sokrates. Wenn sie also drstet, und etwas zieht sie zurck, mu da nicht
noch etwas anders in ihr seyn als das, welches drstet und sie wie ein Thier zum
Trinken treibt? Denn nach unserm obigen Grundsatz ist es ja unmglich, da eben
dasselbe, in Ansehung eben desselben Gegenstandes die oder das und zugleich das
Gegentheil thue?
    Glaukon. Unmglich.
    Sokrates. So wenig als es recht gesprochen wre, wenn man sagte, da ein
Bogenschtze den Pfeil mit beiden Hnden zugleich abstoe und anziehe, sondern
die eine Hand zieht an, und die andere stt ab; nicht so?
    Glaukon. Nicht anders.
    Sokrates. Mssen wir nicht gestehen, da es Leute gibt, welche nicht trinken
wollen, wiewohl sie durstig sind?
    Glaukon. O gewi, das begegnet alle Tage nicht wenigen.
    Sokrates. Wie kann man sich das nun erklren, als wenn man sagt, das Etwas
in ihrer Seele, das ihnen zu trinken befiehlt, sey ein Anderes als das, so sie
vom Trinken abhlt und strker als jenes ist?
    Glaukon. So ducht es mir.
    Sokrates. Ist nun das, was uns von dergleichen (sinnlichen Befriedigungen)
zurckhlt, nicht ein Werk der Ueberlegung und des Urtheils, so wie hingegen
das, was zu ihnen anreizt und hinreit, Leidenschaft und Krankheit ist?
    Glaukon. So scheint es.
    Sokrates. Haben wir also nicht recht, zwei einander entgegen gesetzte
Principien in der Seele anzunehmen, von welchen wir jenes, kraft dessen sie
urtheilt und schliet, das vernnftige, und dieses, vermge dessen sie liebt und
hungert und drstet, und von allen andern Begierden, die zu wollstiger
Anfllung und Ausleerung reizen, hingerissen wird, das unvernnftige und
begierliche nennen?
    Glaukon. Wir knnten mit Recht dieser Meinung seyn, sollt' ich denken.
    Unser Philosoph fhrt nun fort, in dieser kurzweiligen Manier auch das
dritte in der Seele, welches er Thymos nennt, zu betrachten und so lange hin und
her zu schieben, bis er die Aehnlichkeit dieses vorgeblichen Princips mit der
streitbaren Classe in seiner Republik entdeckt, und herausgebracht hat, da
Thymos mit den Begierden hufig in Streit gerathe, und so oft sich diese gegen
das regierende vernnftige Princip auflehnen, mit groem Eifer die Partei des
letztern nehme, fr welches er eine ganz eigene Anmuthung habe u.s.w., wozu denn
der gefllige Glaukon immer seine Beistimmung gibt, und sich am Ende gnzlich
fr die Hypothese der dreifachen Seele oder der drei Seelen in Einer erklrt. Es
mag eine ganz bequeme Sache seyn, mit Schlern zu philosophiren, bei welchen man
immer Recht behlt. An Glaukons Stelle htte ich mich so leicht nicht von dieser
neuen Platonischen Lehre berzeugen lassen, und wrde mir die Freiheit genommen
haben, folgende Vorstellungen gegen dieselbe zu machen.
    Wie eng auch die unbegreifliche Verbindung unsrer Seele mit ihrem Krper
ist, ehrenwerther Sokrates, so kann man doch eben so wenig von der Seele sagen,
da sie hungre oder drste, als da sie esse und trinke; auch ist sie eben so
unschuldig an dem, was du aus geziemender Urbanitt lieben nennst, und was (in
dem Sinne, den du diesem Worte hier beilegst) eigentlich blo den gewaltsamen
Zustand bezeichnet, worin Aristophanes den Gemahl der schnen Lysistrata von der
Armee zu ihr zurckeilen lt. Alle Triebe, - welche die Befriedigung eines
natrlichen Bedrfnisses des Krpers zum Gegenstand haben, gehren auch dem
Krper zu; sie sind nothwendige Folgen seiner Organisation, und werden nur
insofern Begierden der Seele, als diese durch das geheime Band, wodurch sie an
jenen gefesselt ist, sich genthigt fhlt. - Doch, warum sollte ich dir, lieber
Eurybates, bei dieser Gelegenheit nicht eine kleine Probe geben, da ich die
Kunst, das Wahre einer Sache durch Frag' und Antwort herauszubringen, unserm
gemeinschaftlichen Meister so gut als Plato abgelernt habe? Wenigstens werde ich
keine hinterlistige und mit einer vorgefaten Hypothese in geheimem
Einverstndni stehende Frage thun, und keine Antwort geben lassen, als die
immer die einzig mgliche ist, die ein vernnftiger Mensch auf die vorgelegte
Frage geben kann. Also, unter Anrufung der schnsten aller Gttinnen, der
Wahrheit, und ihrer ungeschminkten Grazien - zur Sache!
    Aristipp. Mich ducht, lieber Sokrates-Platon, der gute Glaukon hat dir zu
schnell gewonnenes Spiel gegeben. Erlaube da ich eine kleine Weile seine Stelle
vertrete und in seinem Namen einige unschuldige Gegenfragen an dich thue.
    Sokrates. Frage immer zu.
    Aristipp. Gibt es unter allen Krpern in der Welt einen, den deine Seele den
ihrigen nennt?
    Sokrates. Allerdings.
    Aristipp. Thust du die nicht, weil deine Seele in einer viel engern,
besonderern und unmittelbarern Verbindung mit ihm steht als mit irgend einem
andern?
    Sokrates. Getroffen!
    Aristipp. Belehrt uns nicht die tgliche Erfahrung, da wir ohne unsern
Krper weder sehen noch hren, noch von irgend etwas, das auer uns ist oder zu
seyn scheint, ja nicht einmal von uns selbst, die mindeste Kenntni htten?
    Sokrates. In diesem Leben wenigstens knnen wir nichts von allem diesem ohne
unsern Krper.
    Aristipp. Lehrt uns die Erfahrung nicht berdie, da wir ohne Hlfe unsers
Leibes nichts von allem, was wir zu verrichten und hervorzubringen wnschen,
ausfhren knnen? Ingleichem, da sobald der Leib leidet und in seiner
natrlichen Lebensordnung gestrt wird, auch die Seele, sie wolle oder nicht,
sich zur Mitleidenheit gezogen fhlt, und je grer die Leiden ihres Krpers
sind, desto mehr auch in ihren eigenen Verrichtungen, im Denken, und in der
Freiheit ihre Gedanken zu gewissen Absichten zu ordnen, unterbrochen und
aufgehalten wird?
    Sokrates. Ich sehe nicht, wie die gelugnet werden knnte.
    Aristipp. Ist es also nicht natrlich, da die Seele in solchen Umstnden
und Lagen ein Verlangen trgt, ihrem Krper nach Mglichkeit zu Hlfe zu kommen?
    Sokrates. Sehr natrlich.
    Aristipp. Sollte nun aber nicht eben so natrlich seyn, da eben dieselbe
Seele, die ihrem Leibe wohl will und seine Erhaltung begehrt, auch alles
verabscheuen mu, was seinen Wohlstand unterbricht oder ihn gar zu zerstren
droht? Oder wie sollt' es mglich seyn, da die Seele etwas wollte, ohne das
Gegentheil nicht zu wollen? Oder da sie etwas ernstlich und eifrig begehrte,
ohne da sie das, was der Befriedigung dieses Verlangens entgegen steht, aus dem
Wege zu rumen suchte?
    Sokrates. Es ist klar, da in dem angenommenen Fall das Nichtwollen im
Wollen, das Verabscheuen im Begehren nothwendig enthalten ist.
    Aristipp. Lehrt uns die Erfahrung nicht, da, da unser Leib zur Erhaltung
seines Lebens und seiner Krfte von Zeit zu Zeit Speise und Trank bedarf, die
Natur im Bau desselben eine solche Einrichtung getroffen hat, da wir durch eine
gewisse Unbehglichkeit an dieses Bedrfni erinnert werden, und da diese
Unbehglichkeit, je nachdem das Bedrfni grer und dringender wird, so lange
zunimmt, bis es endlich peinvoll und unausstehlich ist?
    Sokrates. Wiewohl ich das letztere nicht aus eigener Erfahrung wei, so
zweifle ich doch so wenig daran, da die unmittelbare Erfahrung mich nicht
strker berzeugen knnte.
    Aristipp. Wie nennst du diese Aufforderung der Natur jenen Bedrfnissen
unsers Leibes zu Hlfe zu eilen?
    Sokrates. Hunger und Durst.
    Aristipp. Und das wodurch beiden abgeholfen wird?
    Sokrates. Speise und Trank.
    Aristipp. Sollten wir also den Hunger und den Durst, als Gefhle, die uns
die Natur selbst aufgedrungen hat, nicht mit gutem Fug Naturtriebe nennen
knnen?
    Sokrates. Ich sehe nicht was uns daran hindern sollte.
    Aristipp. Wenn mich drstet, regt sich der Trieb zum Trinken zunchst im
Leibe, der des Getrnks bedarf, oder in der Seele, die weder trinken kann noch
dessen fr sich selbst nthig hat?
    Sokrates. Nur ein Wahnsinniger knnte das letztere behaupten.
    Aristipp. Man kann also, eigentlich zu reden, nicht sagen, die Seele drste;
und Plato hatte ein wenig Unrecht, einen so vernnftigen Mann wie du bist, etwas
so Unschickliches sagen zu lassen.
    Sokrates. Schlimm genug fr mich oder ihn, da ihm das nur gar zu oft
begegnet.
    Aristipp. Wenn also, wie die Erfahrung gleichfalls lehrt, dieser krperliche
Trieb, welcher unmittelbar aus dem Gefhl des Bedrfnisses entsteht, in der
Seele des Drstenden zur Begierde jenen Trieb zu befriedigen, und zur
Verabscheuung des aus der Nichtbefriedigung entstehenden peinlichen Zustandes
wird, kommt die nicht blo daher, weil sie an dem Zustande des Leibes, ihres
unmittelbaren Gefhrten und Gehlfen, Antheil zu nehmen genthigt ist; und weil
sie, auch um ihrer selbst willen, desto lebhafter und ungeduldiger wnschen mu,
da der Drstende zu trinken bekomme, je dringender sein Bedrfni, je qulender
sein Durst, und je peinlicher folglich ihr selbst die Hemmung ihrer freien
Thtigkeit wird, die eine natrliche Folge desselben ist?
    Sokrates. Ich sehe nicht, wie ich mir die Sache anders denken knnte.
    Aristipp. Wenn nun kein besonderer Grund vorhanden ist, warum der Drstende
sich des Trinkens enthalten soll, so ist auch nichts da, was die Ueberlegung
oder die Vernunft verhindern knnte, ihre Einwilligung dazu zu geben; Trieb,
Begierde und freier Wille fallen alsdann in einander, und es ist klar, da wir
nicht zwei verschiedene Principien anzunehmen brauchen, um das, was in der Seele
dabei vorgeht, begreifen zu knnen. La hingegen irgend einen Grund des
Nichttrinkens vorhanden seyn, z.B. da kein anderes als stinkendes Wasser, oder
irgend ein Getrnk, dessen Schdlichkeit dem Drstenden bekannt ist, vorhanden,
oder da noch vorher irgend ein uerst dringendes Geschft abzuthun, der Durst
hingegen noch ertrglich wre: so wrde zwar der mechanische Trieb zum Trinken
nichts dadurch von seiner Strke verlieren, aber die Begierde, durch die
Ueberlegung unterdrckt, wrde dem Willen nicht zu trinken Platz machen; und
die auf eben die Weise, wie wir, wenn wir uns mit Ueberlegung, aber aus irriger
Meinung zu etwas entschlossen haben, unsern Entschlu ndern, sobald wir den
Irrthum gewahr werden, wiewohl es eben dieselbe Vernunft ist, die uns in beiden
Fllen bestimmt. Oder sollte es etwa, zu Erklrung dieser so hufig vorkommenden
Vernderlichkeit unsrer Meinungen und Entschlieungen, einer zweifachen
vernnftigen Seele bedrfen, einer die sich irren kann, und einer andern, die
sich nie irrt, und welcher jene unterthan zu seyn verbunden ist?
    Sokrates. Mich dnkt eine und eben dieselbe Seele sollte hinlnglich seyn,
alles was in den besagten Fllen in ihr vorgeht zu bestreiten.
    Aristipp. So lange uns also Plato nicht gezeigt haben wird, da es andere
Flle gebe, wo der Mensch in eben demselben untheilbaren Augenblick, in Ansehung
eben desselben Gegenstandes, von der Begierde nach einer gewissen Richtung, und
von der Vernunft nach der entgegengesetzten gezogen werde, ist keine Ursache
vorhanden, warum wir aus dem was in uns begehrt, und dem was in uns berlegt und
whlt, zwei verschiedene Seelen machen sollten.
    Sokrates. Aber wie, wenn (um bei unserm bisherigen Beispiele zu bleiben) der
Durst endlich auf einen so hohen Grad dringend wrde, da seine Pein
unausstehlich wre, und der Drstende knnte schlechterdings keines andern
Getrnkes habhaft werden als eines Bechers voll Schierlingssaft, entstnde da
nicht der Fall, wo Begierde und Ueberlegung den Menschen zugleich nach zwei
entgegen gesetzten Richtungen ziehen wrde?
    Aristipp. Ich wei nicht ob jemals ein solcher Fall stattgefunden haben mag;
wenigstens werden wir, weil die Erfahrung uns hier verlt, das, was in diesem
unbekannten Falle geschehen mte, nur aus dem, was uns von der menschlichen
Natur berhaupt bekannt ist, oder aus hnlichen Fllen durch Muthmaung
herausbringen knnen. Auf alle Flle ist gewi, da eben dieselbe Seele, die dem
dringenden Bedrfni des verlechzenden Krpers um jeden Preis abgeholfen wissen
will, den Gifttrank, sobald sie ihn fr einen solchen erkennt, insofern er dem
Krper die gnzliche Zerstrung droht, verabscheuen mu. Demungeachtet bin ich
berzeugt, sobald das Bedrfni zu trinken aufs uerste, und folglich die Pein
des Durstes auf einen so frchterlichen Grad gestiegen wre, da dem
Unglcklichen nich brig bliebe, als sein Leben an die Erleichterung der
gegenwrtigen Qual zu setzen: so wrde nicht nur der sinnliche Abscheu von der
wthenden Begierde bertubt werden, sondern die Vernunft selbst, wenn sie kein
anderes Rettungsmittel vorzuschlagen htte, wrde die leichtere und schnellere
Todesart der grausamem vorziehen, und der Begierde keinen vergeblichen
Widerstand entgegen setzen. -
    Aber genug, lieber Eurybates, fr eine kleine Probe, welche freilich dreimal
so gro htte ausfallen mgen, wenn ich, nach der Weise meines Vorgngers, jede
Frage noch in zwei oder drei dnnere htte spalten wollen.
    In Betreff des sogenannten Thymos, welchen Plato zum dritten - ich wei
nicht was in unsrer Seele macht, mu ich zu dem bereits Gesagten nur noch
hinzusetzen, da alle Schwierigkeiten von selbst wegfallen, sobald bei den
Erscheinungen, die er unter dieser Benennung begreift, das, was seinen
unmittelbaren Grund in der organischen Beschaffenheit des Leibes hat, von dem
was das eigentliche Werk der Seele dabei ist, so genau als mglich unterschieden
wird. Ueberhaupt fehlt sehr viel, da dieses vorgebliche Princip bei allen
Menschen gleiche Wirkungen hervorbringe: die Verschiedenheit des Temperaments,
der Nervenstrke und Muskelkraft, der von Jugend an gewohnten Lebensweise und
anderer Umstnde, gibt gar verschiedene Resultate. Der eine zittert vor dem
bloen Anschein einer Gefahr, da ein andrer gar nicht wei was Furcht ist, und
seinen Muth mit der Gefahr steigen fhlt. Dieser ergrimmt ber etwas, das jenen
kaum aus dem Gleichgewicht rckt. Bei einigen ist hoher Muth mit Sanftheit und
Zartgefhl, bei ungleich mehreren mit Rohheit, Hrte und Gefhllosigkeit
verbunden, u.s.w. Das aber, was ohne Zweifel allen Menschen gemein ist, - der
natrliche, mit mehr oder minder lebhaftem Widerstand verbundene Abscheu vor
allem, was unsern gegenwrtigen Zustand zu verschlimmern, oder gar unser Wesen
selbst zu zerstren droht, - und die Begierde alles, was sich als angenehm,
unserm Wesen zutrglich und den Genu unsers Daseyns verstrkend, kurz, was sich
uns unter der freundlichen Gestalt des Schnen und Guten darstellt, an uns und
so viel mglich in uns hineinzuziehen, - ich sage jener Abscheu und Widerstand
entspringt mit dieser Begierde und Anziehung aus einer und eben derselben
Wurzel. Beide bedrfen, um uns in ihren Wirkungen begreiflich zu werden, keines
andern Princips, als dessen, worin unser Wesen selbst besteht, dieser sich
selbst bewege den Kraft, die sich in dem unaufhrlichen Bestreben uert, ihr
durch den Krper beschrnktes, aber innigst mit ihm verwebtes Seyn zu genieen,
zu nhren, zu erweitern und zu erhhen; und die immer eben dieselbe ist, es sey
nun da sie, als Begierde, das was ihr gut scheint an sich zu ziehen, oder, als
Abscheu, das wirkliche oder vermeinte Bse zurckzustoen strebt. Zu Erklrung
dieser so nothwendig mit einander verbundenen und unter der Regierung der
Vernunft so harmonisch zu einerlei Zweck zusammenwirkenden Bestrebungen eben
derselben Kraft, zwei besondere Seelen anzunehmen, dnkt mich eben so
unphilosophisch, als wenn man, um sich die verschiedenen Wirkungen der Liebe und
des Hasses zu erklren, eine liebende und eine hassende Seele erdichten wollte.
Nach Platons Art zu rsonniren wrden wir zuletzt jeder besondern Leidenschaft,
wiewohl sie alle aus einerlei Quelle entspringen, ihre eigene Seele geben
mssen; denn sehen und erfahren wir nicht tglich bei tausend Gelegenheiten, da
eine begehrliche Leidenschaft mit einer andern, fters sogar mit mehrern
zugleich (z.B. der Geiz mit Gewinnsucht, Eitelkeit und Lsternheit) in
offenbaren Widerspruch gerth?
    Doch genug und schon zu viel ber die zwei untersten Endpunkte des
Platonischen Seelen-Dreiecks. Sollte es mit der vernnftigen Seele, welche die
oberste Spitze desselben ist, nicht die nmliche Bewandtni haben? Sollten sich
nicht alle Erscheinungen und Wirkungen der Sinnlichkeit und der
Einbildungskraft, des Verstandes und des Willens, der Leidenschaften und der
Vernunft, sehr wohl aus einer und eben derselben mit einem organischen Krper
vereinigten Seele erklren lassen? Knnen sie nicht ganz natrlich und
ungezwungen als bloe verschiedene Modalitten oder Zustnde eben derselben
selbstthtigen Kraft gedacht werden, welche, je nachdem sie von ihrem Krper und
andern in sie einwirkenden Dingen auer sich mehr oder minder eingeschrnkt
wird, und je nachdem sie sich selbst aus verschiedenen Beweggrnden und
Absichten eine andere Richtung oder Stimmung gibt, oder ihre Kraft hher oder
tiefer spannt, sich unter andern Gestalten zeigt und andere Benennungen erhlt?
Sind wir nicht sogar durch das innigste Selbstbewutseyn genthigt, unser Ich in
allen seinen Vernderungen, Zustnden und Gestalten, selbst in den
ungleichartigsten und unvertrglichsten (z.B. im Uebergang aus der Trunkenheit
einer heftigen Leidenschaft in den heitern Stand der ruhigen Besonnenheit) fr
ebendasselbe zu erkennen? Ich mchte wohl sehen, wie uns Plato dieses
immerwhrende Zusammenflieen seiner drei Seelen in der Einheit des Bewutseyns,
ohne eine ihm und uns bisher unbekannte vierte Seele, begreiflich machen wollte?
    Uebrigens bedarf es kaum der Erwhnung, da ich gegen die allgemeinen, aller
chten Lebensweisheit zum Grunde liegenden Wahrheiten, womit sich das vierte
Buch schliet, und gegen die Formel, in welcher Plato seine Theorie ber
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zusammenfat - da die Tugend der Seele eben
das sey, was Gesundheit, Schnheit und vollkommenes Wohlbefinden dem Leibe, und
gegen die Behauptung - da beide Arten von Gesundheit aus einerlei Ursachen
entspringen, wenn nmlich jeder Theil, in gehrigem Verhltni zu den brigen,
nichts als sein ihm eigenthmliches Geschft verrichte, und im Ganzen die
reinste Uebereinstimmung und Ordnung herrsche - nichts zu erinnern habe. Warum
er uns aber zu so sonnenklaren, von niemand, meines Wissens, bestrittenen und,
wie er selbst gesteht, so augenscheinlich vor unsern Fen liegenden Wahrheiten
auf solchen Umwegen und durch so viele struppichte Dornhecken gefhrt hat,
bleibt indessen immer eine Frage, die er selbst vielleicht durch den Ausspruch
des alten Hesiodus beantwortet glaubt: da die Gtter es nun einmal so in der
Art haben, den Sterblichen nichts Gutes ohne groe Mh' und Beschwerde zukommen
zu lassen.

                                       7.



                            Fortsetzung des Vorigen.

Der Platonische Sokrates hat, seinem eigenen mehrmaligen Vorgeben nach, die Idee
seiner Republik zu keinem andern Ende aufgestellt, als um an einem gro in die
Augen fallenden Vorbilde desto deutlicher zeigen zu knnen, was Gerechtigkeit
und Ungerechtigkeit an sich selbst in der Seele und fr die Seele sey, von
welcher die eine oder die andere Besitz genommen habe. Mit dieser Arbeit ist er
nun in den vier ersten Bchern dieses Dialogs glcklich zu Stande gekommen; er
hat berflssig geleistet, was er versprochen hatte, und in der That viel mehr
als er schuldig war. Man erwartet also die Gesellschaft entweder auseinander
gehen, oder eine neue Materie zum Gesprch auf die Bahn gebracht zu sehen. Aber
Plato hat es bereits darauf angelegt, da er nur die Fden, die er hier und da,
wie es schien blo zuflliger Weise, aber in der That absichtlich fallen lie,
nach und nach wieder aufzunehmen braucht, um an seinem reichen und
vielgestaltigen Gewebe in die Lnge und Breite so lange fortzuweben, als es
seine mit dem Werke selbst wachsende Lust und Liebe nur immer auszuhalten
vermgend seyn wird. Sein Sokrates stellt sich also am Schlu des vierten Buchs,
als ob er sich auf einmal erinnere, da er, um die Gerechtigkeit gegen ihre
Gegner vollstndig zu vertheidigen, noch zu untersuchen habe: welches von beiden
ntzlicher sey, gerecht und tugendhaft zu seyn, auch wenn man weder von Gttern
noch Menschen dafr anerkannt wird, oder ungerecht, wenn man es gleich
ungestraft seyn knnte? Glaukon, der seit geraumer Weile eine ziemlich
schlerhafte Rolle spielen mute, erhlt hier Gelegenheit, durch seine Weigerung
an einer so berflssigen Untersuchung Theil zu nehmen, seinen Verstand wieder
bei uns in Credit zu setzen. Es wre lcherlich, sagt er, nachdem so ausfhrlich
erwiesen worden, da Gerechtigkeit Gesundheit der Seele sey, erst noch zu
untersuchen, ob es ntzlicher sey, krank oder gesund zu seyn? - Sokrates gesteht
das Lcherliche einer solchen Untersuchung, meint aber doch, da sie nun bereits
einen so hohen Standpunkt erstiegen htten, sollten sie sich's nicht verdrieen
lassen, so weit sie knnten herumzuschauen, um sich desto vollstndiger zu
berzeugen, da es diese Bewandtni mit der Sache habe. Wenn er die thun wolle,
fhrt er fort, so werde er sehen, da die Tugend nur Eine Gestalt oder Form
habe, die Untugend hingegen unzhlige. Unter diesen seyen jedoch nur vier
vorzglich bemerkenswerth, deren jede die Form einer nichts taugenden Art sowohl
von Staats- als von Seelen-Verfassung sey. Es gebe nmlich genauer zu reden -
nicht (wie er eben gesagt hatte) unzhlige, sondern nur fnferlei
Regierungsformen, und eben so viele verschiedene Verfassungen der Seele. Die
erste sey diejenige, welche sie bisher mit einander durchgangen htten; sie
knnte aber unter zweierlei Benennungen erscheinen: wenn nmlich unter den
Vorstehern des Staats Einer als der vorzglichste alle andern regiere, werde sie
Monarchie, wenn der Staat hingegen unter mehrern Regenten stehe, Aristokratie
genennt. Im Wesentlichen sey es aber in seiner Republik ganz einerlei, ob sie
von Mehrern oder nur von Einem regiert werde; denn vermge der Erziehung, welche
alle zum Regieren bestimmten Personen in derselben erhielten, wrde dieser
Einzelne so wenig als jene Mehrern das Mindeste an den Grundgesetzen des Staats
ndern; und in dieser Rcksicht begreife er beide Regierungsarten unter Einer
Form. Da nun diese die gute und rechte sey, so folge von selbst, da die andern
vier nichts taugen mten.
    Wie er eben anfangen will, dieses von einer jeden besonders mit seiner
gewhnlichen Ausfhrlichkeit zu beweisen, entsteht auf Anstiften Polemarchs und
Adimanths ein kleiner Aufruhr unter den anwesenden Theilnehmern an diesem
Gesprch. Man erinnert sich, da, als vorhin von verschiedenen die Polizei der
idealischen Republik betreffenden Dingen, fr welche die Archonten derselben zu
sorgen haben wrden, die Rede war, Sokrates sich, wie von ungefhr, ein Wort
davon hatte entfallen lassen, als ob es sich von selbst verstehe, da in den
obern Classen Weiber und Kinder gemein seyn mten.
    Ein so paradoxer Satz htte nun freilich den Adimanthus, an welchen er
gerichtet war, sowohl als alle brigen gewaltig vor die Stirne stoen sollen:
aber die wre dem Verfasser damals ungelegen gekommen. Man lie ihn also
unbemerkt auf die Erde fallen, und Adimanth, der fast immer nichts als ja
freilich zu antworten gehabt hatte, sagte wie in einer Zerstreuung: das alles
wrde so in der besten Ordnung seyn. Wir sehen aber aus dem Eifer, womit er und
Glaukon und die brige Gesellschaft itzt auf einmal in Sokrates dringen, sich
ber diese Gemeinschaft der Weiber und Kinder unter den Beschtzern seiner
Republik nher zu erklren, da sie ihnen stark genug aufgefallen seyn mute;
nur sehen wir nicht, warum sie die Erklrung nicht damals, da es so natrlich
war, sie zu fordern, sondern gerade itzt, da keine Veranlassung dazu vorhanden
ist, von ihm verlangen.
    Platon lt hier seinen Sokrates abermals (wie er schon fters gethan hat,
und in der Folge noch mehrmal thun wird) um die Neugier der Zuhrer noch mehr zu
reizen, den Eiron spielen und sich stellen, als ob er groes Bedenken trage sich
auf eine so hkelige Materie einzulassen, da er voraussehe, wie vielerlei neue
Fragen, Zweifelsknoten und Streitigkeiten sie nach sich ziehen werde. Was thut
das, sagt Thrasymachus; sind wir denn nicht dewegen hier, um uns mit
interessanten Discursen zu unterhalten? - Das wohl, versetzt jener, aber alles
mit Ma! - O Sokrates, ruft der ungengsame Glaukon aus, was nennst du mit Ma?
Verstndige Menschen wrden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhren, und
noch immer nicht genug haben! - Du merkst doch, Eurybates, wem die eigentlich
gilt, und wozu es gesagt ist? Der Philosoph hat, wie du siehst, darauf
gerechnet, recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben, und hat ihnen wenigstens
seinen guten Willen zeigen wollen, ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes
Leben lang zu lesen haben.
    Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten. Man werde, sagt er, frs
erste nicht glauben wollen, da eine solche Einrichtung ausfhrbar sey; und wenn
man die auch zugbe, so werde man doch nicht glauben, da sie die beste sey. Er
erklrt sich also nochmals, da er sehr ungern daran gehen wrde diese Dinge zu
berhren, aus Furcht man mchte die ganze Sache blo fr ein windichtes Project
halten. Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm ablt, und ihn zu
bedenken bittet, da er weder undankbare, noch unglaubige, noch belwollende
Zuhrer habe: so rckt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus, und wir
vernehmen zu unsrer groen Verwunderung: der wahre Grund seiner Schchternheit
sey eigentlich blo, weil er selbst nicht recht berzeugt sey, da es mit diesem
Theil der Gesetze, die er seiner Republik zu geben gedenkt, so ganz richtig
stehe, und er also groe Gefahr laufe, nicht etwa blo sich lcherlich zu machen
(denn das wrde wenig zu bedeuten haben), sondern, indem er auf einem so
schlpfrigen Wege im Dunkeln nach der Wahrheit herumtappe, auszuglitschen, und,
was noch schlimmer wre, auch noch seine Freunde im Fallen mit sich
nachzuziehen. Er wolle also Adrasteen zum voraus fufllig angefleht haben, ihm
zu verzeihen, wenn das, was er itzt zu sagen vorhabe, etwa gegen seine Absicht,
strafwrdig seyn sollte; denn (sagt er) ich bin der Meinung da es eine kleinere
Snde sey, jemanden unvorsetzlich todt zu schlagen, als ihn in Dingen, wo es auf
das, was schn und gut, rechtlich und sittlich ist, ankommt, irre zu fhren; -
eine Gefahr, die man allenfalls eher bei Feinden als bei Freunden laufen mchte.
Siehe also zu, lieber Glaukon, wie du es angreifen willst, um mir zu einem
solchen Wagestck Muth zu machen. - Wohlan denn, sagt Glaukon lachend, wenn wir
ja durch das, was du sagen wirst, in einen falschen Ton gerathen sollten, so
sprechen wir dich zum voraus von aller Schuld und Strafe los. Rede also ohne
Scheu. - Gut, erwiedert Sokrates, wer hier losgesprochen wird, ist dort rein,
wie das Gesetz sagt: hoffentlich also wenn er es dort ist, wird er es auch hier
seyn. - So la dich denn nichts mehr abhalten, anzufangen, sagt Glaukon, und
jener entschliet sich endlich dazu, doch nicht ohne nochmals zu verstehen zu
geben, da es ihn viele Ueberwindung koste, und da er vielleicht besser gethan
htte, sich die Sache sogleich bei der ersten Erwhnung vom Halse zu schaffen. -
Und wozu, um aller Gtter willen! alle diese langweiligen Grimassen, welche
Plato seinen verkappten Sokrates hier machen lt? Ist's Ernst oder Scherz? Im
letztern Fall konnte wohl nichts unzeitiger seyn (um kein hrteres Wort zu
gebrauchen) als in einer solchen Sache den Spa so weit zu treiben; bittet er
aber Adrasteen (mit der man sonst eben nicht zu scherzen pflegt) in vollem Ernst
um Nachsicht, und ist es wirklich zweifelhaft, ob die neuen Gesetze, die er
seiner Republik zu geben gedenkt, gut, gerecht und geziemend sind: was in aller
Welt nthigte ihn sie zu geben? zumal, da der Zweck, wozu er diese Republik
erdichtete, bereits erreicht ist, und vollkommen erreicht werden konnte, ohne
da die Rede davon zu seyn brauchte, wie die junge Brut in derselben gezeugt und
abgerichtet werden sollte? Und wie kommt es, wofern sein Zaudern und
Achselzucken nicht eine platte und aller ffentlichen Ehrbarkeit spottende
Spamacherei ist, da er, sobald er ber der Darlegung seiner widersinnischen
Ehgesetze ein wenig warm wird, auf einmal aller seiner vorigen Aengstlichkeit
vergit, und so positiv und zuversichtlich mit den anstigsten Behauptungen
herausrckt, als ob sich nicht das Geringste mit Vernunft dagegen einwenden
liee, und als ob er auf lauter so gefllige Leser rechne, wie sein vom Zuhren
berauschter Freund Glaukon, der fr die paradoxesten Stze immer die
eilfertigste Beistimmung in Bereitschaft hat? - Ich gestehe, da ich auf diese
Fragen keine Antwort wei.
    Uebrigens, lieber Eurybates, wirst du mir hoffentlich eine ausfhrliche
Beurtheilung dieses Theils der Platonischen Republik (dem ich ungern seinen
rechten Namen geben mchte) um so geneigter nachlassen, da, so viel ich selbst
sehe und von andern hre, allenthalben nur Eine Stimme darber ist. Das Unwahre,
Ungereimte und Unnatrliche in diesen Ehgesetzen liegt freilich so unverschmt
nackend vor allen Augen da, da der erste Eindruck nicht anders als unserm
Philosophen nachtheilig seyn kann; zumal da sein Sokrates gerade die
auffallendsten Verordnungen mit der gefhllosesten Kaltbltigkeit vortrgt, und
z.B. von dem anbefohlenen Abtreiben oder Aussetzen der Kinder, die aus der
Vereinigung der Mnner unter dreiig und ber fnfundfunfzig Jahren mit Weibern
unter zwanzig und ber vierzig etwa erfolgen mchten, nicht anders spricht, als
ob die Rede von jungen Hunden oder Katzen wre. Freilich ist diese Sprache dem
Gesichtspunkt gem, woraus er diesen Gegenstand betrachtet; indessen konnte er
doch, wie verliebt er auch in sein System seyn mag, leicht voraussehen, da sein
Grundsatz, das Verfahren bei Paarung der Pferde und Hunde, wenn man eine gute
Zucht erhalten will, msse, ohne alle Einschrnkung und in der grten Strenge,
auch auf die Menschen angewandt werden; und die mnnliche gymnastische
Erziehung, die er (diesem Grundsatz zufolge) den menschlichen Stuten und Fhen,
die zur Paarung mit den menschlichen Hengsten und Rden seiner kriegerischen
Brgerclasse bestimmt sind, mit allen den unsittlichen und zum Theil
unmenschlichen, der Natur Trotz bietenden Gesetzen, wodurch er die Gemeinschaft
der Weiber und Kinder in seiner Republik unschdlich und zweckmig zu machen
vermeint - er konnte, sage ich, leicht genug voraussehen, da dieses, gegen das
allgemeine Gefhl so hart anrennende Paradoxon, in einem so zuversichtlichen Ton
und so kaltbltig vorgebracht, alle seine Leser empren, und das Gute, so er
etwa durch die vortrefflichen Partien dieses wichtigsten aller seiner Werke
htte stiften knnen, bei vielen, wo nicht bei den meisten, unkrftig machen und
vernichten werde.
    Aber gerade der Umstand, da er stockblind htte seyn mssen, um die nicht
vorauszusehen, und da er sich dennoch nicht dadurch abschrecken lie, mu uns
billigerweise auf einen Punkt aufmerksam machen, der, wenn wir gerecht gegen ihn
seyn wollen, nicht bersehen werden darf; nmlich auf den Gesichtspunkt, aus
welchem er selbst die Sache angesehen hat. Denn ich mte mich sehr irren, oder
die wrde uns begreiflich machen, wie es zugegangen, da ein Mann wie er sein
eigenes Gefhl so seltsam bertuben konnte, um baren Unsinn fr Aussprche der
hchsten Vernunft zu halten? - Plato scheint mir von den Geometern und Rechnern
angenommen zu haben, da er immer gewisse Begriffe und Stze, als an sich selbst
klar, ohne Beweis (wenigstens ohne strengen Beweis) voraussetzt, aus diesen aber
sodann mit der genauesten Folgerichtigkeit alles ableitet, was sowohl aus ihnen
selbst, als aus ihrer Verbindung mit andern Begriffen und Stzen gleicher Art,
durch Schlsse herausgebracht werden kann. Wo von Zahlen, Linien und Winkeln die
Rede ist, kann diese Art zu rsonniren nicht leicht irre fhren; oder, wofern
die auch begegnen sollte, so ist der Irrthum wenigstens leicht und sicher zu
entdecken: aber wo es um Auflsung solcher Aufgaben zu thun ist, die den
Menschen und dessen Thun und Lassen, Wohl- oder Uebelbefinden, vornehmlich seine
ursprngliche Natur, seine innere Organisirung, seine Verhltnisse zu den
brigen Dingen, seine Anlagen, seinen Zweck, seine Erziehung und Bildung fr das
gesellschaftliche, brgerliche und kosmopolitische Leben, und andere hierher
gehrige Gegenstnde betreffen, kurz, bei Gegenstnden, an welche man weder
Meschnur noch Winkelma anlegen kann, findet jene Methode keine sichere
Anwendung. Der Mensch lt sich nicht, wie eine regelmige geometrische Figur,
in etliche scharf gezogene gerade Linien einschlieen; und es sind vielleicht
noch Jahrtausende einer anhaltenden, eben so unbefangenen als scharfsichtigen
Beobachtung unsrer Natur vonnthen, bevor es mglich seyn wird, nur die
Grundlinien zu einem chten Modell der besten gesellschaftlichen Verfassung fr
die wirklichen Menschen zu zeichnen; und selbst dieses Modell wrde fr jedes
besondere Volk, durch dessen eigene Lage und die Verschiedenheit der Zeit- und
Ortsumstnde, auch verschiedentlich bestimmt und abgendert werden mssen. Aber
auf alles die nimmt ein Plato keine Rcksicht; und da seine Nephelokokkygia
nicht auf der Erde, sondern in den Wolken, d.i. so viel als nirgendswo existirt,
und nicht mit physischen Menschen, wie die Natur sie in die Welt setzt, sondern
mit menschenhnlichen Phantomen von seiner eigenen Schpfung besetzt ist, so ist
er freilich Herr und Meister, sowohl den Elementen seines Staats als dem Ganzen
die Gesetze vorzuschreiben, deren Beobachtung am geradesten und gewissesten zu
seinem Endzweck fhrt. Anfangs ist es, in seiner Voraussetzung, blo das Gefhl
krperlicher Bedrfnisse, was eine Handvoll Hirten, Ackerleute und Handwerker
bewegt, den ersten Grund zu seiner Republik zu legen. Der kleine Staat erweitert
sich unvermerkt; die Anzahl der Brger nimmt zu; ihre Bedrfnisse degleichen.
Nicht lange, so fhlt man, da ohne innere und uere Sicherheit der Zweck der
neuen Gesellschaft nicht erhalten werden knnte; da zu Erzielung der innern
Sicherheit gute Zucht und Ordnung, zu Handhabung der Ordnung Gesetze, zu
Vollziehung der Gesetze eine Regierung, und zum Schutz der Regierung und des
Staats berhaupt eine bewaffnete Macht vonnthen ist. Um nun die alles seinem
Ideal gem so zweckmig als mglich einzurichten, baut unser philosophischer
Lykurg seine ganze Gesetzgebung auf zwei Grundgesetze. Das erste ist: die
hchste Wohlfahrt des Ganzen soll der einzige Zweck des brgerlichen Vereins
oder des Staats seyn, also auf das Wohl eines jeden einzelnen Gliedes nur
insofern, als es ein Bestandtheil des Ganzen und eine Bedingung des allgemeinen
Wohlstandes ist, Rcksicht genommen werden; folglich jedermann verbunden seyn,
fr den Staat zu arbeiten, zu leben und zu sterben, und nur, insofern er diese
Bedingung erfllt, soll er seinen verhltnimigen Antheil an dem Wohlstand
desselben nehmen drfen. Das zweite: zu Verhtung aller schdlichen Folgen,
welche in andern Republiken daraus entstehen, wenn jedermann sich nach Willkr
beschftigen und also auch mit Sachen, die er nicht versteht und fr die er kein
Talent hat, sich bemengen darf, soll jeder Brger nur Eine Art von Hanthierung
oder Geschfte treiben und darin die mglichste Vollkommenheit zu erreichen
suchen.
    Beide Grundgesetze scheinen auf den ersten Anblick ihre Richtigkeit zu
haben: allein so scharf und ohne alle Einschrnkung, wie Plato sie annimmt, sind
sie nicht was sie scheinen, und knnten auf keinen wirklichen Staat ohne die
nachtheiligsten Folgen angewendet werden. Der Irrthum liegt darin, da er die
Brger als organische Theile eines politischen Ganzen, d.i. als eben so viele
Gliedmaen Eines Leibes betrachtet, welche nur durch ihre Einfgung in denselben
leben und bestehen, keinen Zweck fr sich selbst haben, sondern blo zu einem
gewissen besondern Dienst, den sie dem Ganzen leisten, da sind. Da die bei den
Gliedmaen eines jeden organischen Krpers wirklich der Fall ist, so kann man
freilich mit Grund behaupten: da die Glieder um des Leibes willen da sind,
nicht der Leib um der Glieder willen. Allein mit einer brgerlichen
Gesellschaft, die aus lauter fr sich bestehenden Gliedern zusammengesetzt ist,
hat es eben dewegen eine ganz andere Bewandtni. Die Menschen, woraus sie
besteht, haben sich (wie Plato selbst anfangs voraussetzt), blo in der Absicht
vereinigt, ihre natrlichen, d.i. ihre weltbrgerlichen Rechte, in die
mglichste Sicherheit zu bringen, und sich durch diesen Verein desto besser zu
befinden. Hier ist es also gerade umgekehrt: der Staat ist um des Brgers willen
da, nicht der Brger um des Staats willen. Die Erhaltung des Staats ist nur
insofern das hchste Gesetz, als sie eine nothwendige Bedingung der Erhaltung
und der Wohlfahrt seiner smmtlichen Glieder ist; nur, wenn es allen Brgern,
insofern jeder nach Verhltni und Vermgen zum allgemeinen Wohlstand mitwirkt,
verhltnimig auch wohl ergeht, kann man sagen, da der Staat sich wohl
befinde; und damit die mglich werde, darf der Einzelne in freier Anwendung und
Ausbildung seiner Anlagen und Krfte nur so wenig als mglich, d.i. nicht mehr
eingeschrnkt werden, als es der letzte Zweck des Staats, mit Rcksicht auf die
uern von unsrer Willkr unabhngigen Umstnde, unumgnglich nthig macht.
Daher ist denn auch das zweite Grundgesetz der Platonischen Republik so vielen
genauern Bestimmungen, Einschrnkungen und Ausnahmen unterworfen, da, wofern es
so scharf und streng, wie Plato will, in Ausbung gebracht wrde, eben dadurch,
da es den einzelnen Brgern ungebhrliche und unnthige Gewalt anthut, dem
Ganzen selbst weit mehr Schaden als Vortheil daraus erwachsen mte. Doch die
nur im Vorbeigehen; denn es gehrig auszufhren und anschaulich zu machen, wrde
ein greres Buch erfordert, als ich, so lange noch etwas Besseres zu thun ist,
zu schreiben gesonnen bin.
    Sobald man unserm Philosophen seine beiden Grundgesetze zugegeben hat, so
ist alles Uebrige in seiner Gesetzgebung so folgerichtig und zweckmig als man
nur verlangen kann. Vor allen Dingen ist nicht auer Acht zu lassen, da die
gnzliche Ausschlieung von allem Eigenthum, die Gemeinschaft der Weiber und
Kinder, und die mnnliche Erziehung, Lebensweise und Bestimmung der erstern, nur
in der mittelsten der drei Brgerclassen, in welche seine Republik zerfllt,
nmlich nur unter den bewaffneten Beschtzern oder, wie man sie auch mit gutem
Fug nennen knnte, den menschlichen Jagd- und Hofhunden seines Staats, Platz
findet. Denn die Archonten und Rthe, welche die erste Classe ausmachen, sind zu
alt und zu sehr im Anschauen der Ideen der Dinge und der Uridee der Ideen
vertieft, um der Weiber noch zu bedrfen; und wiewohl Plato ber das husliche
und eheliche Leben der dritten Classe (die er berhaupt sehr kurz und mit einer
ziemlich sichtbaren Geringschtzung abfertigt) sich nicht besonders erklrt, so
lt sich doch aus verschiedenen Aeuerungen nichts anders vermuthen, als da er
die Gemeinschaft der Weiber fr ein viel zu erhabenes und heiliges Institut
ansieht, als da der Pbel der Handwerker, Knstler, Krmer, Kaufleute und aller
andern die sich mit Erwerb beschftigen oder um Lohn arbeiten, daran Theil haben
drfte. In der That bringt die auch die Natur der Sache mit sich; denn die
Weiber und Tchter dieser Leute haben nthigere Dinge zu thun, als den
Wissenschaften und Musenknsten obzuliegen, sich in den Palstren nackend mit
den Jnglingen herumzubalgen, mit ihnen auf die Wache und in den Krieg zu ziehen
u.s.f. Sie sind natrlicher Weise mit Haushaltungsgeschften, mit Spinnen,
Wirken, Kleidermachen, Kochen, Brodbacken und tausend andern Arbeiten dieser Art
beladen; mssen auch - auer der Wartung und Pflege ihrer eigenen Kinder - bei
den Kindern der zweiten Classe (wie sich aus verschiedenen Umstnden schlieen
lt) gelegenheitlich Ammendienste thun, und was dergleichen mehr ist; kurz sie
stehen in den Augen unsers Philosophen zu tief unter den edeln Heroinen, die er
zu Mttern seiner Staatsbeschtzer bestimmt, als da man glauben knnte, er
wolle das hohe Vorrecht der Vielmnnerei bis auf sie ausgedehnt wissen; zumal da
bei der dritten Classe die Beweggrnde gnzlich wegfallen, aus welchen er die
Gemeinschaft der Weiber und Kinder in der zweiten fr nothwendig hlt. Bei
dieser also allein findet in Platons Republik diese aller Welt so anstige
Einrichtung statt: und dazu hat er theils physische theils sittliche
Bewegursachen von so groem Gewicht, da alle entgegen stehenden in keine
Betrachtung bei ihm kommen knnen. Seine Republik soll weder zu gro noch zu
klein, sondern gerade so seyn, da sie weder Verderbni von innen, noch
Anfechtung von mignstigen und streitschtigen Nachbarn zu befrchten habe. Die
Anzahl der Brger darf also nicht viel ber eine bestimmte Zahl zunehmen; aber
desto mehr ist daran gelegen, da sie muth- und kraftvolle, von der edelsten
Ruhmbegierde und reinsten Vaterlandsliebe glhende, und mit allen zu ihrer
Bestimmung erforderlichen Tugenden in vollestem Mae begabte Jnglinge und
Mnner zu Beschtzern habe. Der Stifter der Republik hat also diese Classe, auf
welcher die Erhaltung derselben in jeder Rcksicht beruht, mit ganz besonderer
Sorgfalt ausgewhlt, und zu ihrer erhabenen Bestimmung erzogen und ausgebildet.
Er mute aber auch die dienlichsten Maregeln nehmen, da eine so wichtige
Krperschaft immer wieder durch gleichartige Elemente ersetzt werde, immer von
eben demselben Geist beseelt bleibe, und sich dadurch in einer Art von ewiger
Jugend und Unsterblichkeit erhalte. Um zwei Hauptquellen einer mglichen
Ausartung auf immer zu verstopfen, muten diejenigen, welche blo fr den Staat
leben sollten, weder Eigenthum noch Familie haben. Die mglichste Gleichheit
sollte unter ihnen herrschen; alles Gute und Bse, Arbeit und Vergngen, Gefahr
und Ruhm, Leben und Sterben immer gemeinschaftlich seyn. Solche Menschen knnen
von allem, was mein und dein heit, nie weit genug entfernt, und unter einander
niemals eng genug verbunden werden. Wie gut er aber auch fr die alles gesorgt
htte, immer wrden die Weiber alle seine Mhe zu Schanden gemacht haben, wofern
ihm sein Genius nicht ein Mittel zugeflstert htte, diesen reizenden Schlangen
ihren Gift zu benehmen. Lieber wr' es ihm ohne Zweifel gewesen, wenn die Mutter
Erde, als sie seine Krieger in voller Waffenrstung aus ihrem Schoo hervor
springen lie, sie auch mit dem Vermgen begabt htte, ihres gleichen entweder
aus sich selbst, oder mit ihresgleichen hervorzubringen. Da die Weiber nun aber
einmal zu diesem wichtigen Geschft leider unentbehrlich sind, und berdie
nicht wohl gelugnet werden kann, da die Neigung zum weiblichen Geschlecht
gerade die Seite ist, wo die Natur den Mann am wenigsten befestigt hat, was
blieb dem guten Plato brig, um zu verhindern, da seine braven Krieger durch
den Umgang mit diesen Zaubrerinnen nicht geschwcht, weichlich gemacht und
durchaus verdorben werden knnten, als den knftigen Mttern der Kriegs- und
Staatsmnner durch eine rauhe mnnliche und kriegerische Erziehung so viel nur
immer mglich von ihren gefhrlichen Reizungen abzustreifen, sie, so weit es die
Zrte und Schlaffheit ihrer Natur gestatten mchte, zu einer Art von Androgynen
zu erheben, oder wenigstens mit den Atalanten, Deianiren und Penthesileen der
heroischen Zeit auf gleichen Fu zu setzen? Durch dieses Mittel war nun zwar fr
eine derbe und krftige Nachkommenschaft gesorgt: aber wenn er den Vtern
erlaubt htte, in eine monogamische Verbindung mit den Mttern zu treten, wrden
zwei mchtige Naturtriebe, die Liebe zu den eignen Kindern und die
wechselseitige Zuneigung des Mannes zu der Mutter, des Weibes zu dem Vater ihrer
gemeinschaftlich Erzeugten, zum Nachtheil der Vaterlandsliebe ins Spiel gesetzt
worden seyn, und die unvermeidlich aus dem Stande der Ehe hervorgehenden
besondern Familienverhltnisse wrden, so zu sagen, eine Menge kleiner Staaten
im Staat erzeugt haben, wobei sich die Grundstze, der Geist und die Tugend des
letztern unmglich lange in ihrer ersten Reinheit htten erhalten knnen. Mit
Einem Wort, es bedurfte nichts als die bloe Beibehaltung der gewhnlichen Ehe,
um aus unsrer Platonischen Republik an sich (dieser vollkommensten oder vielmehr
einzigen, in welcher, nach Plato, die reine Idee der Republik sichtbar
dargestellt ist) ein so armseliges Ding von einer gemeinen heillosen
Alltagsrepublik zu machen, wie man ihrer in Griechenland, klein und gro, zu
Hunderten zhlt. Es blieb ihm also, um der Verderbni des Staats von dieser
Seite den Zugang auf ewig zu versperren, kein anderes Mittel, als die
Gemeinschaft der Weiber und Kinder zu einem Grundgesetz zu machen. Jeder Soldat
der Republik erhielt dadurch ein unbestimmtes Recht an alle Frauen und
Jungfrauen seiner Classe, keiner ein ausschlieliches an Eine. Die Liebe in der
eigentlichen Bedeutung des Worts fand hier keine Statt; das Zeugungsgeschft
sollte als eine rein physische oder thierische Sache behandelt werden, wobei es
blo darum zu thun wre, sich einer Pflicht gegen den Staat zu entledigen, und
also auf selbstschtige Befriedigungen keine Rcksicht genommen wrde. Man mu
gestehen, unser Philosoph thut sein Bestes, um einer sich aufdringenden
Vergleichung seiner sogenannten Ehen mit dem ungefhren momentanen
Zusammenlaufen jener kaum durch die Gestalt vom Vieh unterschiedenen
Waldmenschen, welche man sich gewhnlich als die Stammeltern des menschlichen
Geschlechts vorstellt, zuvorzukommen. Vor dem zwanzigsten Jahre der Weiber und
dem dreiigsten der Mnner erklrt das Gesetz alle Befriedigungen des Triebes,
von welchem hier die Rede ist, fr unrechtmig, unheilig und sacrilegisch. Der
Tag, an welchem eine Anzahl von Jnglingen und Mdchen das gesetzmige Alter
zur Platonischen Ehe erreicht haben, ist ein republikanisches Fest, das mit
Opfern, Gebeten, und von den Dichtern der Republik besonders dazu verfertigten
Epithalamien aufs feierlichste begangen wird. Jede Verbindung zwischen einem
Jngling und einem Mdchen (wiewohl sie nur fr den Augenblick gilt) wird von
den Archonten, vermittelst eines knstlichen Looses angeordnet, wodurch immer
die schnsten, strksten und muthigsten zusammen kommen, die schlechtern
hingegen lauter Nieten ziehen; eine Veranstaltung, welche zu Verhtung aller
schlimmen Folgen, die aus dieser durch das gemeine Beste nothwendig gemachten
Uebervortheilung der armen Schlechtern, wenn sie bekannt wrde, zu befrchten
wren, ein Staatsgeheimni bleiben mu. Von diesem ersten groen Copulationstage
an, zhlen die Glcklichen, welche von den Archonten mittelst dieses heiligen
patriotischen Betrugs wrdig und tauglich erfunden wurden, der Republik Kinder
zu geben, die Weiber zwanzig, die Mnner sechsundzwanzig Jahre, whrend deren
ihnen die Pflicht obliegt, sich von dieser Seite um den Staat so verdient zu
machen, als ihnen nur immer mglich ist. Alle Kinder, welche binnen dieser Zeit
geboren werden, nennen jeden dieser in Diensten der Republik stehenden Zeuger
Vater, jede dieser Gebrerinnen, Mutter, und werden hinwieder von ihnen Shne
und Tchter genannt; aber dafr ist gesorgt, da kein Vater und keine Mutter
ihre leiblichen Kinder unterscheiden, noch von diesen unterschieden werden
knne. Denn in dieser Classe, wo niemand etwas Eigenes haben darf, ist es auch
nicht erlaubt ein eigenes Kind und einen eigenen Vater zu haben. Alle, die in
dem Lauf einer Generation von fnfundzwanzig Jahren geboren werden, nennen sich
Brder und Schwestern, und erhalten, nachdem sie das gesetzmige Alter erreicht
haben, auf obige Weise von den Archonten die Erlaubni, fr die Fortdauer der
Republik zu arbeiten. Vor dieser Zeit aber ist z.B. einem Jngling von sechs
oder achtundzwanzig Jahren nicht erlaubt, ein Mdchen von siebzehn oder achtzehn
zur Mutter zu machen, wie entschieden auch immer ihre beiderseitige Tchtigkeit,
und wie dringend ihr innerer Beruf dazu seyn mchte, da sie tglich auf der
Palstra handgemein mit einander zu werden Gelegenheit haben; und sollte
gleichwohl ein solcher unglcklicher Fall sich ereignen, so mu die Frucht der
gesetzwidrigen Verbindung abgetrieben, oder, wenn sie dennoch Mittel findet
lebendig ans Tageslicht zu kommen, sogleich als der Ernhrung unwrdig auf die
Seite geschafft werden. Zwischen Eltern und Kindern, d.i. zwischen Mnnern und
Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Mnnern von der zweiten und
dritten findet (da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und
Groeltern verhalten) keine gesetzmige Begattung statt; und berhaupt ist es
eine der heiligsten Pflichten der Regierer des Staats, den Zeugungstrieb bei
ihren Brgern so viel als mglich einzuschrnken, und ja nicht mehr Kinder
aufkommen zu lassen, als nach Beschaffenheit der Umstnde nthig sind, damit der
Staat sich immer bei gleicher Strke erhalte; woraus klar ist, da sie auch von
Zeit zu Zeit fr einen tchtigen Krieg zu sorgen haben. Denn es brauchte nur
einen hundertjhrigen Frieden, um die Regierung in die gefhrliche
Nothwendigkeit zu setzen, das vorbesagte Loos so einzurichten, da von hundert
Paar Jnglingen und Mdchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen
Unfruchtbarkeit verdammt werden mten, wofern die Menge der Kinder, denen der
Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird, nicht auf eine so ungeheure Zahl
steigen sollte, da dem Platonischen Sokrates selbst, wie kaltbltig er auch
diese Dinge ansieht, bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu
Berge stehen mten.
    Alle diese und eine Menge anderer Ungereimtheiten und Abscheulichkeiten, die
sich jedem Unbefangenen bei diesem Theil seiner Gesetzgebung aufdringen,
verschwinden in Platons Augen vor dem groen Grundsatz: da die hchste denkbare
Vollkommenheit des Staats der einzige Zweck desselben, und der einzelne Brger
nur insofern fr etwas zu rechnen sey, als er blo fr das Ganze lebt, und immer
bereit ist, diesem seine natrlichsten Triebe und gerechtesten Ansprche
aufzuopfern. Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sey, ist bei ihm
keine Frage; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung
Lykurgs, da es mglich sey, Menschen so zu erziehen und zu bilden, da man
ihnen alles, selbst das Unnatrlichste, zumuthen kann. Er trug also um so
weniger Bedenken, die Hauptzge des Spartanischen Instituts in seiner Republik
noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben, die, wie ein eiserner
Streitwagen, alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt, und ber alle
Bedenklichkeiten und Rcksichten, d.i. ber die Kpfe und Eingeweide der
Menschen weg, in gerader Linie auf das Ziel losrennt, das sie sich vorgesteckt
hat.
    In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen knnen,
lass' ich dahin gestellt seyn; mir ist wenigstens gewi, da er in allem, was
uns an seinem idealischen Sparta am anstigsten ist, treulich und ohne Gefhrde
zu Werke ging, und z.B. auf unsre Bedenklichkeit, der abgezweckten hhern
Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein
zum Opfer darzubringen, mit eben dem nasermpfenden Mitleiden herabsehen wird,
womit sein Sokrates sich ber die lcherliche Weisheit derjenigen aufhlt, die
das Ringen nackter Mdchen mit nackten Jnglingen auf der Palstra ungeziemend
finden. Ich zweifle daher auch keinen Augenblick, da er wenig verlegen seyn
wrde, fr jeden andern Einwurf, der ihm gegen seine Erziehungs- und
Begattungsgesetze gemacht werden knnte, auf der Stelle eine Antwort zu finden;
wiewohl er es nicht der Mhe werth gehalten zu haben scheint, die mancherlei
Schwierigkeiten vorauszusehen, welche sich der Ausfhrung dieser - der Natur,
dem sittlichen Gefhl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden - Gesetze
entgegen thrmen. Bei einem Philosophen, der seine Geistesaugen immer nur auf
die ewigen und unvernderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet hlt,
kommen die einzelnen Dinge, als bloe vorbergleitende Schemen oder
unwesentliche Wolken- und Wasserbilder, in keine Betrachtung; und da er alle die
Knoten, in welche die Meinungen, Neigungen, Bedrfnisse und Leidenschaften der
Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhrlich verwickeln und
durcheinanderschlingen, immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem
zweischneidigen Schwert zerhauen kann, warum sollte er sich die Mhe geben sie
auflsen zu wollen?
    Etwas, worber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen seyn drfte,
sind die kleinen Widersprche mit sich selbst, die seinem redseligen Sokrates
hier und da in dem Feuer, womit er seine Behauptungen vortrgt, zu entwischen
scheinen. Hierher gehrt (um nur ein paar Beispiele anzufhren) wenn er, um die
gymnastische Nacktheit seiner knftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen, sich
auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt, und kein Bedenken trgt, den Satz
alles Ntzliche ist auch ehrbar und anstndig, und nur das Schdliche ist
schndlich, fr eine ausgemachte Wahrheit zu geben. Unglcklicher Weise
begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal, da von den
Belohnungen die Rede ist, wodurch die Beschtzer des Staats aufgemuntert werden
sollen, im Kriege sich durch tapfere Thaten auszuzeichnen. Wer, der den
ehrwrdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat, mu sich nicht in Platons Seele
schmen, wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen lt: da
es, so lange ein Feldzug daure, niemanden erlaubt seyn solle, sich den Kssen
eines ausgezeichneten Braven zu entziehen, damit dieser, der Gegenstand seiner
Leidenschaft mge nun ein Mann oder ein Weib seyn, desto mehr angereizt werde,
nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen? - Die ist doch wohl eine von
den Stellen, deren ich oben erwhnte, wo der verkappte Sokrates seines
angenommenen Charakters pltzlich vergit, und in den sich selbst spielenden
Plato zurcksinkt?
    Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch
aufgefallen, wo er ber die parasitische Geflligkeit der Sophisten gegen die
Vorurtheile, Neigungen und Unarten des groen Haufens (d.i. dessen, was man in
demokratischen Staaten den Pbel, oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt),
und die schdlichen Eindrcke, die dadurch auf die Jugend gemacht wrden, viel
Wahres sagt, und bei dieser Gelegenheit von dem besagten groen Haufen unter dem
Bild eines groen und starken Ochsen oder Bullenbeiers eine wahrlich nicht
geschmeichelte Schilderung macht, sondern ihm ohne alle Schonung so viel Bses
nachsagt, da Timon der Menschenhasser selbst damit htte zufrieden seyn knnen;
bald darauf aber, da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite
in einem mildern Lichte zu sehen, die Partei des nmlichen groen Haufens nimmt,
von ihm als einem gar sanften gutartigen Thiere spricht, und alle Schuld seines
Hasses gegen die chten Philosophen auf die unchten schiebt.
    Uebrigens ist es eine glckliche Eigenheit unsers Philosophen, da er nach
jeder betrchtlichen Verfinsterung, die er, so oft seine Phantasie zwischen
seinen Verstand und seine Leser tritt, zu erleiden scheint, sich sogleich durch
irgend eine desto glnzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebhrende Achtung
zu setzen wei. Ein Beispiel hiervon ist in diesem fnften Buch die Vorschrift,
wie seine Staatsbeschtzer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben;
eine Gelegenheit, die er mit eben so vieler Feinheit als Freimthigkeit benutzt,
um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, worin sie vor ihren
eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen mssen, deren gewohntes
Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden
Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und
Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht. Diese Stelle ist, meines
Erachtens, eine der schnsten in diesem ganzen Werke, und du wirst mir
hoffentlich zugeben, Eurybates, da die Schuld nicht an Plato liegt, wenn er
durch die heilsamen Wahrheiten, die er euch darin strker und einleuchtender als
irgend einer von euern Rednern ans Herz legt, seiner Vaterstadt und der ganzen
Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat. Da die wenigstens seine
Absicht war, ist um so weniger zu bezweifeln, da dergleichen Seitenblicke auf
seine Zeitgenossen und Mitbrger in diesem Dialog hufig genug vorkommen, um uns
ber einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben.
    Was ich gleich anfangs meiner Briefe ber die Republik Platons gegen den
Vorwurf, da es diesem Werk an kunstmiger Anordnung fehle, erinnert habe,
scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu besttigen, womit
der Verfasser gegen das Ende des fnften Buchs dem Dialog unvermerkt eine solche
Richtung gibt, da er eine (dem Anschein nach) ungesuchte Gelegenheit erhlt, in
den beiden folgenden Bchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine
falichere und poetischere Art, als in andern seiner frhern Dialogen,
vorzutragen; eine Gelegenheit, die er, wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand
entfernt, und zu einer weitlufigen episodischen Abschweifung verleitet, um so
weniger aus den Hnden lt, weil die Abschweifung in der That blo anscheinend
und vielmehr das einzige Mittel ist, seiner Republik eine Art von hypothetischer
Realitt zu geben, woran wenigstens alle die Leser sich gengen lassen knnen,
die der magischen Tuschung eben so willig und zutraulich als die beiden Shne
Aristons entgegen kommen. Da er uns brigens auch auf diesem Spaziergang, den
wir mit ihm machen mssen, durch eine Menge unnthiger Krmmungen in einem
unaufhrlichen Zickzack herumfhrt, der uns das Ziel, worauf wir zugehen, immer
aus den Augen rckt, ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates, die man
sich, insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhlt und erhht,
recht gern gefallen liee, wenn er nur einiges Ma darin halten wollte; denn
wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren, wenn
er bald einen Satz, wie z.B. Seyn ist von Nichtseyn verschieden in eine oder
zwei Fragen verwandelt, bald die schlichtesten Fragstcke auf eine so
spitzfindige und verfngliche Art vorbringt, da man sich keine andere Absicht
dabei denken kann, als das schale Vergngen, den Gefragten in Verlegenheit zu
setzen und zu einer einfltigen Antwort zu nthigen. Bei allem dem mu ich
gestehen, da etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander
zu unterhalten ist, und ich zweifle nicht, Eurybates, da dir die
Pseudo-Sokratische Manier, wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen
Dialogen behandelt, wenn gleich nicht immer angenehm, doch gewi bei weitem
nicht so auffallend vorkommen wird als mir. Die sey also das letztemal da ich
darber wehklage, wiewohl in den fnf Bchern, die ich noch vor mir habe, die
Anreizung dazu oft genug vorkommen wird. Und nun wieder in unsern Weg!

    Glaukon scheint von der Schnheit der neu errichteten Republik so bezaubert,
da er sich nicht enthalten kann, den Philosophen, der die Miene hat als ob er
von der innern Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzgen vor den
gewhnlichen noch viel zu sagen gedchte, etwas rasch zu unterbrechen. Von allem
diesem, meint er, wten sie bereits genug, um sich das, was etwa noch
zurckgeblieben sey, selbst sagen zu knnen; die groe Frage, auf welche alles
ankomme, sey itzt blo: ob diese herrliche Republik unter die mglichen Dinge
gehre? Sokrates stellt sich, nach seiner Gewohnheit, als ob ihm diese Frage
sehr ungelegen komme; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von
einem halsbrechenden Wagestck, und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes
dadurch von sich abzulehnen, da er ihn bereden will, seine Republik knnte als
Ideal und Kanon, woran man die Grade der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit
aller gegenwrtigen und knftigen Republiken messen knne, immer noch gute
Dienste thun, wenn gleich ihre Mglichkeit nicht erwiesen werden knnte. Meinst
du etwa (fragt er den Glaukon), ein Maler, der das Modell eines vollkommen
schnen Mannes oder Weibes in der hchsten Vollendung seiner Kunst aufgestellt
htte, wrde darum ein schlechterer Maler seyn, wenn er nicht zu zeigen
vermchte, wie es mglich sey, da ein Mensch so schn seyn knnte? Diese
Ausflucht ist, mit Platons Erlaubni, ein bloer Taschenspielerkniff; denn es
ist ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Maler, von dem er hier
spricht, und zwischen ihm selbst als Maler der vorgeblichen vollkommensten
Republik. Freilich braucht z.B. Zeuxis die Mglichkeit seiner Helena nicht zu
beweisen; aber warum die? Weil er sie uns unmittelbar vor die Augen gestellt
hat, und (vorausgesetzt ihre Schnheit sey in der That untadelig) jedermann, der
sie anschaut, sich selbst gestehen mu, er verlange nichts Schneres zu sehen.
Damit ist denn auch jedermann zufrieden, und kmmert sich wenig darum, ob jemals
ein sterbliches Weib eine so schne Tochter geboren hat oder knftig gebren
wird; genug, da uns der Maler von der Mglichkeit einer so hohen Schnheit
durch den Augenschein berzeugt hat. Es fehlt aber viel, da es mit Platons
Republik derselbe Fall sey; der Augenschein ist nicht zu ihrem Vortheil; die
Stimmen der Anschauer sind wenigstens sehr getheilt, und gegen einen, der sie so
herrlich findet als sie unserm in sein eignes Werk verliebten Pygmalion
vorkommt, sehen wir zwanzig, denen sie ein sehr unvollstndiges, bel mit sich
selbst bereinstimmendes, berladenes und unnatrliches Phantom von einer
Republik scheint, von welcher der Strenge nach zu beweisen ist, da ihres
gleichen unter den Menschen, so lange sie ihre dermalige Natur behalten werden,
weder entstehen, noch, wofern sie auch (wie andere Migeburten) durch eine
zufllige Verirrung der Natur jemals ans Tageslicht kommen sollte, lange genug
leben knnte, da es der Mhe werth wre zu sagen sie sey da gewesen. Der
Platonische Sokrates kann sich also der Pflicht, die Mglichkeit seines
politischen Kanons darzuthun, mit Recht nicht entziehen; und er selbst scheint
die so gut zu fhlen, da er dem ehrlichen, durch seine Induction zu schnell
irre gemachten Glaukon von freien Stcken einen Vorschlag zur Gte thut, indem
er ihn fragt: ob er zufrieden seyn wollte, wenn ihm gezeigt wrde, wie eine
seinem Ideale wenigstens sehr nahe kommende Republik zur Wirklichkeit gelangen
knnte? Glaukon ist so billig sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen, und
Sokrates rckt, nach mehrmaligem Achselzucken, dem vorgeblichen halsbrechenden
Wagestck so nahe, da er bekennt: um allen unsern Republiken eine andere
ungleich bessere Gestalt zu geben, bedrfte es nur einer einzigen Vernderung;
aber freilich wre dieses Einzige weder etwas Kleines noch Leichtes, wiewohl
nichts Unmgliches. - Und was ist es denn? fragt Glaukon. - Weil es doch
einmal heraus mu, erwiedert jener, will ich es ja wohl sagen, wiewohl ich
Gefahr laufe, von dem ausgelassensten Gelchter, wie von einer ungeheuren Welle,
berschwemmt und in den Grund gelacht zu werden; - es ist: so lange nicht
entweder die Philosophen die einzigen Regenten der Staaten sind, oder
diejenigen, die man gegenwrtig Knige und Gewalthaber nennt, wahrhaft und in
ganzem Ernst philosophiren, so da die hchste Gewalt im Staat und die
Philosophie in einem und eben demselben Subject zusammentreffen, und alle, die
sich nur auf eine von beiden beschrnken, schlechterdings von der
Staatsverwaltung ausgeschlossen werden: so lange, lieber Glaukon, ist gegen die
Uebel, welchen die brgerliche Gesellschaft, ja das ganze Menschengeschlecht
unterliegt, kein Rettungsmittel, - und bis es dazu kommt, wird auch die
Republik, von welcher bisher die Rede zwischen uns war, weder mglich werden,
noch das Licht der Sonne sehen!
    In der That hatte der verkappte Plato hohe Ursache, ungern mit einer
Behauptung herauszurcken, von welcher so leicht vorauszusehen war, da sie eben
so stark gegen alle herrschenden Begriffe und Vorurtheile als gegen das
Interesse der jetzigen Machthaber anrannte, und wenn sie gleich bei den meisten
nur ein lautes Gelchter ber ihre Ungereimtheit erregen wrde, von den
dermaligen Regierern selbst, als eine gefhrliche und nur durch die politische
Nullitt unsers Philosophen verzeihlich gemachte Lehre, mit Unwillen angesehen
werden mte. Aber auf was fr einen Empfang mute er sich erst gefat halten,
nachdem man aus dem folgenden sechsten und siebenten Buch verstndigt worden
war, was er unter dieser Philosophie und diesen Philosophen, welche die Welt
ausschlielich regieren sollten, verstehe! Da er nmlich keine andre
Philosophie fr cht gelten lasse, als seine eigene, und also sein groes
politisches Geheimmittel gegen alle die Menschheit drckenden Uebel darauf
hinaus laufe: da alle Regenten zu Platonen werden, oder vielmehr (da die, wenn
sie auch wollten, nicht in ihrer Macht steht) da der einzige mgliche und
wirkliche Plato, Aristons und Periktyonens Sohn, zum Universalmonarchen des
Erdkreises erhoben werden mte, wofern das Reich der Themis und die goldne Zeit
des alten Kronos wiederkehren sollte? Wenn nun aber auch zu dieser einzigen
kleinen Vernderung, wie heilbringend sie immer fr das gesammte
Menschengeschlecht wre, nicht die mindeste Hoffnung vorhanden ist, wofr will
er da wir seine Republik ansehen sollen?
    Doch, dem sey wie ihm wolle, das groe Wort ist nun einmal gesprochen, und
wir knnen uns auf unsern Mann verlassen, da er, seiner verstellten
Schchternheit oder Schamhaftigkeit ungeachtet, keinen Augenblick verlegen ist,
wie er sich aus dem Handel ziehen wolle. Er hat sich eines mchtigen Zauberworts
bemeistert, womit er sich gegen Hieb und Stich fest machen, womit er, wie man
eine Hand umkehrt, Berge versetzen und Meere austrocknen, womit er Alles in
Nichts und Nichts in Alles verwandeln kann. Das Bild, das kein Bild ist - des
Dings das kein Ding ist, weil es weder von den Sinnen ertastet, noch von der
Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande gedacht und bezeichnet werden
kann, mit Einem Wort, die Idee des Dings an sich, das wahre unaussprechliche
Wort der Platonischen Mystagogie, die formlose Form dessen was keine Form hat. -
Was ist unserm dialektischen Thaumaturgen nicht mit diesem einzigen Aski Kataski
24 mglich? Ja, wenn unter dem Wort Philosoph so ein Mensch gemeint wre, wie
unsre gewhnlich sogenannten Philosophen, Sophisten, Allwisser, Liebhaber und
Kenner des vermeinten Wahren, Schnen und Guten, welches mit den Augen gesehen,
mit den Ohren gehrt, mit irgend einem uern oder innern Sinn gefhlt, von der
Einbildungskraft gemalt, von der plastischen Kunst gebildet, vom Verstand
erkannt, von der Sprache bezeichnet, und im wirklichen Leben als Mittel zu
irgend einem Zweck oder als Zweck irgend eines Mittels, als Ursache irgend einer
Wirkung oder Wirkung irgend einer Ursache, gebraucht werden knnte: wenn solche
Philosophen die Welt regieren sollten, dann, meint er, wrde sie freilich um
kein Haar besser regiert werden als dermalen. Aber der Philosoph, der an der
Spitze seiner Republik stehen soll und an der Spitze des ganzen menschlichen
Geschlechts zu stehen verdient, ist ein ganz anderer Mann; der hlt es unter
seiner Wrde, sich mit Betrachtung und Erforschung all des armseligen Plunders
der materiellen und einzelnen Dinge, abzugeben, welche (wie der verkappte
Sokrates dem ehrlichen Glaukon mit seiner gewhnlichen dialektischen
Taschenspielerkunst sehr wortreich und auf mehr als Eine Manier vorspiegelt)
weder Etwas noch Nichts, sondern eine Art von Mitteldingen zwischen Nichts und
Etwas sind. Das hauptschlichste, wo nicht einzige Geschft seines Lebens ist,
sich auf den Stufen der Arithmetik, Geometrie und Dialektik zur Betrachtung der
einfachen und unwandelbaren Ideen der Dinge, und von diesen bersinnlichen Wesen
bis zum mystischen Anschauen des hchsten Onts On oder Urwesens aller Wesen zu
erheben, ber welches, als etwas an sich Unbegreifliches und Unaussprechliches,
ihm eine deutliche Erklrung nicht wohl zuzumuthen ist, und da er durch diese
gnzliche Versenkung seines Geistes in das, was an sich wahr, schn, gerecht und
gut ist, nothwendig selbst durch und durch wahr, edel, gerecht und gut werden
mu: wo knnten wir einen Sterblichen finden, welcher tauglicher und wrdiger
wre, die Welt zu regieren, als er?
    Alles die aus einander zu setzen, und nach seiner Manier zu beweisen, d.i.
seinen glaubigen Zuhrern durch weit ausgeholte Fragen, Inductionen,
allegorische Gleichnisse und subtile Trugschlsse wei zu machen, beschftigt
unsern Sokrates in dem grten Theil des sechsten und siebenten Buchs; und da
die Natur des Dialogs ihm vllige Freiheit lt sich nach Belieben vorwrts und
seitwrts zu bewegen, und sich ber dieses und jenes, was er mit Vortheil in ein
helleres Licht zu setzen glaubt, mit Geflligkeit auszubreiten, so war
natrlich, da er - bei Gelegenheit der Schilderung des chten Philosophen, der
bis zum Wahren und Schnen selbst vorzudringen und es in seinem Wesen
anzuschauen vermag, im Gegensatz mit den eingebildeten Allwissern und Philodoxen
25, die ihre Meinungen von den Dingen fr die Wahrheit selbst ansehen - ber die
Quellen der Vorurtheile, welche der groe Haufe, besonders in den hhern
Classen, gegen die chten Philosophen heget, ber die Ursachen, warum man sie
mit anscheinendem Recht fr unntze und vornehmlich zum Regieren ganz
untaugliche Leute halte, und ber den Grund, warum auch die Philosophen ihres
Orts mit Verwaltung solcher heilloser Republiken, wie die gegenwrtigen alle
seyen, nichts zu thun haben mgen - sich alles dessen, was er vermuthlich schon
lange auf dem Herzen hat, mit vieler Freimthigkeit entledigt. Dieser Theil des
sechsten Buchs, wo Adimanth wieder an die Rede kommt, und durch den Versuch
einer Rechtfertigung des popularen Vorurtheils gegen die Philosophen den
Sokrates auffordert, sich umstndlicher ber diese Materie vernehmen zu lassen,
scheint mir (dem persnlichen Antheil, welchen Plato an der Sache nimmt, gem)
mit vorzglichem Flei ausgearbeitet zu seyn; und ausnehmend schn ist unter
andern, was er den Sokrates (den ich hier wieder erkenne und reden zu hren
glaube) von den Ursachen sagen lt, woher es komme, da wahrhaft weise und gute
Menschen so selten sind, und so manche Jnglinge, mit den herrlichsten Anlagen,
der hohen Bestimmung, zu welcher die Natur sie ausgerstet hatte, unglcklicher
Weise fr den Staat und fr sich selbst, gnzlich verfehlen, ja desto
schdlichere Brger und Regenten werden, je glnzender die Naturgaben und
Talente sind, wodurch sie sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Mitbrger zu
bemchtigen wissen. Weniger die Probe einer strengen Prfung haltend, wiewohl
mit einem leidenschaftlichen Feuer geschrieben, das den auf sich selbst
zurcksehenden und seine eigene Sache fhrenden Plato verrth, scheint mir die
Stelle zu seyn, wo er die Grnde angibt, warum die Wenigen, die im Besitz der
wahren Weisheit sind, sich in die mglichste Verborgenheit zurckziehen und mit
den ffentlichen Angelegenheiten unserer verdorbenen Republiken nichts zu
schaffen haben wollen, sondern, in ihren eigenen vier Wnden gegen alle Strme
des ffentlichen Lebens gesichert, beim Anblick der allgemein herrschenden
Gesetzlosigkeit, genug gethan zu haben glauben, wenn sie, selbst rein von
Unrecht und lasterhaften Handlungen, ihr gegenwrtiges Leben in Unschuld
hinbringen, um dereinst mit guter Hoffnung freudig und zufrieden aus demselben
abzuscheiden. - Wenn Aristipp und seines gleichen diese Sprache fhrten, mchte
wohl nichts Erhebliches dagegen einzuwenden seyn; aber von dem Platonischen
Weisen sollte man mit vollem Recht eine heroischere Tugend fordern drfen; und
ich zweifle sehr, ob irgend eine Republik verdorben genug seyn knne, da ihm
eine solche Verzweiflung an ihrer Besserung erlaubt wre, oder da Rcksicht auf
seine persnliche Sicherheit und Furcht vor dem Ha und den Verfolgungen der
Bsen fr einen zuverlssigen Beweggrund gelten knnte, sich seiner Pflicht
gegen das Vaterland zu entziehen. Der wirkliche Sokrates war wenigstens ganz
anders gesinnt, und lie es sich, als er mit sehr guten Hoffnungen aus diesem
Leben ging, keinen Augenblick gereuen, das Opfer der entgegengesetzten Denkart
geworden zu seyn.
    Aber freilich ist Platons Weiser kein Sokrates; und ihm, der sein hchstes
Gut im Anschauen des Schnen und Guten an sich, und in der dazu erforderlichen
Ruhe und Abgeschiedenheit findet, mchte jene Sinnesart um so eher zu verzeihen
seyn, da er sich nothwendig sehr lebhaft bewut seyn mu, da er nirgends als in
seiner idealischen Republik am rechten Ort ist, und wahrscheinlich als
Staatsmann in jeder andern eine traurige Figur machen wrde.

    Ich bin, gegen meinen anfnglichen Vorsatz, indem ich durch ich wei nicht
welchen Zauber, den unser dichterischer Philosoph um sich her verbreitet, mich
gezogen fhlte, ihm in seinem mandrischen Gang beinahe Schritt vor Schritt
nachzuschlendern, unvermerkt so weitlufig geworden, da ich nur so fortfahren
drfte, um ber ein unmig dickes Buch ein noch dickeres geschrieben zu haben.
Die Versuchung ist nicht gering und nimmt mit jedem Schritt eher zu als ab; aber
sey ohne Furcht, Eurybates, ich will es gndig mit dir machen; und wenn du dich
entschlieen kannst, mir nur noch in die wundervolle unterirdische Hhle unsers
Mystagogen zu folgen, so verspreche ich dir, dich mit allem brigen zu
verschonen, was du noch zu lesen bekmest, wenn ich meine bisherige
Umstndlichkeit bis ans Ende beibehalten wollte.
    Die Behauptung, da ein Staat nur durch chte Philosophen wohl regiert
werden knne, hatte die Darlegung des Unterschieds zwischen dem unchten und
chten Philosophen herbei gefhrt. In dieser bis auf den Grund zu kommen, sah
sich Plato (denn mit diesem allein, nicht mit Sokrates haben wir es nun zu thun)
genthigt, seinen Zuhrern einen Blick in das innerste Heiligthum seiner
Philosophie zu erlauben. Da er aber hier keine Eingeweihten vor sich hat und
dieser Dialog unter die exoterischen, d.i. unter diejenigen gehrt, welche
weniger fr seine auserwhlten Jnger als fr die immer zunehmende Menge miger
und wibegieriger Leser, bei denen ein gewisser Grad von Bildung vorausgesetzt
werden kann, geschrieben sind: so war nicht schicklich, und in der That auch
nicht wohl mglich, seine Geheimlehre anders als in Bildern vorzutragen, um uns
andre Profanen wenigstens durch einen, wiewohl nicht sehr durchsichtigen,
Vorhang in die Mysterien derselben blinzeln zu lassen. Hierzu macht er nun zu
Ende des sechsten Buchs den Anfang, indem er uns - mit vieler Behutsamkeit,
damit nicht zu viel Licht auf einmal in unsre blden Augen falle - die Existenz
einer zwiefachen Sonne offenbart: der bekannten sichtbaren, die uns zum
Wahrnehmen krperlicher Dinge, Gestalten und Schattenbilder verhilft, und einer
rein geistigen, folglich auch blo dem reinen Geist, ohne Beihlfe der Sinne,
der Einbildungskraft und des Gedankens, anschaulichen (welche er die Idee des
Guten und das selbststndige Gute, Auto-Agathon, nennt), in dessen Licht allein
das an sich Wahre, Schne und Gute unserm Geiste sichtbar werden kann. Die neu
entdeckte bersinnliche Sonne scheint den wibegierigen Glaukon so freundlich
anzustrahlen, da Sokrates sich aufgemuntert fhlt, die Vergleichung eine Weile
fortzusetzen. Beide Sonnen, sagte er, sind die Knige zweier Welten; die eine
dieser sinnlichen, theils aus krperlichen Dingen, theils aus mancherlei
vergnglichen, unwesentlichen Erscheinungen zusammengesetzten Welt; die andere
der bersinnlichen, dem reinen Verstand allein in dem Lichte des selbststndigen
Guten sichtbaren. wesentlichen Dinge. So wie die materielle Sonne ber uns
aufgeht, erscheinen uns in ihrem Lichte die krperlichen Dinge klar und
deutlich; so wie uns dieses Licht entzogen wird, verfinstert sich alles um uns
her, wir erblicken nur zweifelhafte, farbenlose, unfrmliche Gestalten und
wissen nicht was wir sehen. Eben so wird uns, sobald unser Geist in das
Lichtreich des Auto-Agathon eindringt, auf einmal die ganze Welt der Ideen, oder
der ewigen, unwandelbaren Wesen (onts ontn) aufgeschlossen; wie uns hingegen
dieses Licht entzogen wird, sehen wir im Reich der Wahrheit - nichts, und alles
um uns her ist Dunkelheit, Ungewiheit, Irrthum und Tuschung. - So wie uns die
Sonne in der materiellen Welt zweierlei Arten von Gestalten sichtbar macht, die
wirklichen Krper, und die bloen Schatten und Abspieglungen derselben, z.B.
blauen Himmel, Wolken, Bume, Gebsche u.s.w. in einem klaren Wasser: eben so
erlangt unser Geist durch das bersinnliche Licht, das von dem Auto-Agathon ber
das ganze Reich der Wahrheit ausstrahlt, eine doppelte Art von Erkenntni: eine
rein wahre, von Plato Nosis genannt, und eine mit Wahn und Tuschung
vermischte, die ihm Dianoia26 heit; jene durch unverwandtes Aufschauen in das
Reich der Ideen, als die allein wahrhaft wirkliche Welt, in welcher kein Trug
noch Irrthum stattfindet; diese durch das Herabschauen in die Welt der
Erscheinungen und Tuschungen, wo wir nichts als die Abspieglungen und Schatten
der wesentlichen Dinge erblicken; daher denn auch, natrlicher Weise, nicht mehr
Wahrheit in dieser Art von Erkenntni seyn kann, als in der Vorstellung, die wir
von einem Krper bekommen, wenn wir seinen Schatten, oder hchstens seine
Gestalt im Wasser erblicken. Unser Sokrates konnte leicht bemerken, da es dem
guten Glaukon, mit dem besten Willen von der Welt, dennoch schwer werde, sich
die bersinnlichen Wahrheiten, die durch diese Vergleichungen angedeutet werden
sollten, klar zu machen. Er lt sich also herab, der Bldigkeit seines
geistigen Auges durch eine allegorische Darstellung der Sache zu Hlfe zu
kommen. Und nun hren wir ihn selbst!
    Stelle dir, sagt er zu Glaukon, die Menschen vor, als ob sie in einer Art
von unterirdischer Hhle wohnten, die von oben herein weit offen, blo durch den
Schein eines groen auf einer entfernten Anhhe brennenden Feuers erleuchtet
wird. In dieser Gruft befinden sie sich von Kindheit an, am Hals und an den
Fen dergestalt gefesselt, da sie sich weder von der Stelle bewegen, noch den
Kopf erheben und herum drehen knnen, folglich, gezwungen immer nur vor sich hin
zu sehen, weder ber noch hinter sich zu schauen im Stande sind. Zwischen dem
besagten Feuer und den Gefesselten geht ein etwas erhhter Weg, und lngs
desselben eine Mauer, ungefhr so hoch und breit als die Schaugerste, auf
welchen unsre Gaukler und Taschenspieler den Zuschauern ihre Wunderdinge
vorzumachen pflegen. Nun bilde dir ferner ein, du sehest neben dieser Mauer eine
Menge Menschen mit und hinter einander auf der besagten Strae daher ziehen,
welche allerlei Arten von Gerthschaften, Statuen und hlzerne oder steinerne
Bilder von allerlei Thieren auf alle mgliche Art gearbeitet, auf dem Kopfe
tragen, so da alle diese Dinge ber die Mauer hervorragen. Glaukon findet
dieses ganze Gemlde etwas abenteuerlich, und scheint nicht errathen zu knnen,
wo Sokrates mit seinen Gefesselten, die er in eine so seltsame Lage setzt,
hinaus wolle. Gleichwohl, fhrt dieser fort, sind sie unser wahres Ebenbild. -
Aber bevor er diese Behauptung seinem staunenden Lehrling klar machen kann, mu
er die natrlichen Folgen entwickeln, welche die vorausgesetzte Lage fr die
Gefesselten haben mte. Frs erste, sagt er, werden sie, da sie unbeweglich vor
sich hinzusehen gezwungen sind, weder von sich selbst und denen, die neben ihnen
sind, noch von allen den Dingen, die hinter ihnen vorbei ziehen, sonst nichts
erblicken knnen als die Schatten, die auf die gegenber stehende Wand der Hhle
fallen. Ferner werden sie, falls sie mit einander reden knnten, den Schatten
die Namen der Dinge selbst beilegen; und wofern im Grund ihrer Hhle ein Echo
wre, welches die Worte der (ihnen unsichtbaren) Vorbeigehenden wiederhohlte,
wrden sie sich einbilden, die Schatten, welche sie vor sich sehen, brchten
diese Tne hervor. Sie wrden also unstreitig nichts anders fr das Wahre
halten, als die Schatten der vorbesagten Gerthschaften und Kunstwerke. Glaukon
bejaht alles die ohne Widerrede, sogar mit einem groen Schwur; und Sokrates
geht desto getroster weiter. Siehe nun auch, sagt er, wie sie zugleich mit ihren
Fesseln von ihrer Unwissenheit entbunden wrden, wenn die Natur sie von jenen
befreien wollte. Gesetzt also Einer von ihnen wrde losgebunden und genthigt
pltzlich aufzustehen, den Kopf umzudrehen, zu gehen und zum Licht empor zu
schauen, so ist kein Zweifel, da ihm alles die anfangs sehr sauer werden
mte, und da ihn das ungewohnte Licht blenden und unvermgend machen wrde,
die Dinge gewahr zu werden, deren Schatten er vorher gesehen hatte. Was meinst
du nun da er sagen wrde, wenn ihn jemand versicherte, was er bisher gesehen
habe, sey eitel Tand, und jetzt erst habe er wirkliche und dem Wahren nher
kommende Gegenstnde vor den Augen; und wenn man ihm dann eines der
vorbergehenden nach dem andern mit dem Finger zeigte und ihn zu sagen nthigte
was es sey, wrde er nicht verlegen seyn, und die zuvor gesehenen Schatten fr
wahrer halten als was ihm itzt gezeigt wird? Glauk. Ganz gewi. Sokr. Und wenn
man ihn zwnge in das Feuer selbst hinein zu sehen, wrde er nicht, weil ihm die
Augen davon schmerzten, das Gesicht sogleich wegwenden und auf die Schatten
zurckdrehen, die er ohne Beschwerde anschauen kann, und die er eben dewegen
fr reeller halten wrde, weil er sie deutlicher she als die im Licht
erblickten Gegenstnde? Glauk. Nicht anders. Sokr. Wenn man ihn nun vollends mit
Gewalt und ber Stock und Stein aus seiner Hhle heraus an das Sonnenlicht
hervor zge, wrde er nicht whrend der Operation gewaltig wehklagen und
ungehalten seyn, und so wie er an die Sonne selbst gekommen wre, vor lauter
Glanz von allem, was wir andern wirkliche Dinge nennen, nichts sehen knnen?
Glauk. So pltzlich gewi nichts. Sokr. Es wird also, wenn ein solcher Mensch
die Dinge hier oben sehen soll, Zeit erfordert werden, bis er sich allmhlich
daran gewhnt. Was seine Augen anfangs am leichtesten ertragen, werden die
bloen Schatten seyn; hernach die Bilder von Menschen und andern Dingen im
Wasser, zuletzt diese Dinge selbst. Aber was am Himmel zu sehen ist, und den
Himmel selbst, wird er lieber Nachts bei Mondenschein und Sternenlicht, als bei
hellem Tag im Sonnenglanze sehen wollen. Glauk. Daran ist kein Zweifel. Sokrat.
Nach und nach aber wird er es doch endlich so weit bringen, da er auch die
Sonne, nicht blo ihr Bild im Wasser oder ihren Widerschein in andern Krpern,
sondern sie selbst, wie sie ist, und an der Stelle, wo sie sich befindet,
anzublicken im Stande seyn wird. Glauk. Das ist nicht anders mglich. Sokr. Und
nun wird er auch durch Ueberlegung und Vernunftschlsse herausbringen, da es
die Sonne sey, welche das Jahr und die Wechselzeiten desselben ordnet, ber
allem in der sichtbaren Welt waltet und gewissermaen die Ursache alles dessen
ist, was sie zuvor sahen? Glauk. Offenbar mu er von diesem auf jenes geleitet
werden. Sokr. Und wenn er sich nun seines vorigen Aufenthalts, und des Begriffs,
den man sich dort von der Weisheit macht, und seiner armen Mitgefangenen
erinnert, wird er nicht sich selbst der mit ihm vorgegangenen Vernderung wegen
glcklich preisen, und die letztern hingegen bemitleiden? Glauk. O gar sehr!
Sokr. Und wofern, bei diesen, Lobsprche, Ehrenstellen und Belohnungen fr
denjenigen stattfanden, der die vorbeigleitenden Schatten am deutlichsten sah,
sich der Ordnung, in welcher sie aufeinander gefolgt oder neben einander
erschienen waren, am genauesten erinnerte, und wie es knftig damit seyn wrde
am besten vorhersagen konnte: meinst du jener wrde diese Vortheile vermissen,
oder diejenigen beneiden, die bei ihnen geehrt werden und die Oberhand haben,
oder er wrde nicht lieber (wie Homer den Schatten des Achilles sagen lt)
einem armen Sldner das Feld als Tagelhner bestellen, und lieber alles
erdulden als in seinen vorigen Zustand zurckkehren? Glauk. Er wrde, denke ich,
sich eher alles andere gefallen lassen, als wieder dort zu leben. Sokr. Gesetzt
aber, er mte wieder in die Hhle herabsteigen und seinen alten Platz wieder
einnehmen, wrde es ihm, wenn er so auf einmal aus der Sonne ins Dunkle kme,
nicht zu Muthe seyn, als ob er in die dickste Finsterni versetzt worden sey?
Glauk. Nichts gewisser! Sokr. Und wenn er dann, bevor er den Gebrauch seiner
Augen wieder erlangt htte (wozu einige Zeit erforderlich seyn wrde) von den
besagten Schatten wieder Kenntni nehmen und sich mit den andern Gefesselten
darber streiten mte, wrde er ihnen nicht lcherlich scheinen? wrden sie
nicht sagen, er wre durch sein Hinaufsteigen in die obere Gegend um sein
Gesicht gekommen; und es sey nicht zulssig, da man auch nur versuche
hinaufzukommen, und wofern sich jemand unterfinge einen von ihnen zu entfesseln
und hinauf zu fhren, mte man ihn greifen und mit dem Tode bestrafen? - Glauk.
Unfehlbar; mit nichts Geringeren als dem Tode. Sokr. Machen wir nun, lieber
Glaukon, die Anwendung von diesem ganzen Bilde auf das, was wir vorhin gesagt
haben. Die unterirdische Hhle bedeutet diese sichtbare Welt; das Feuer, wovon
sie beleuchtet wird, die Sonne; das Aufsteigen in die obere Gegend und was dort
gesehen wird, die Erhebung der Seele in die intelligible Welt. Wenigstens ist
die meine Vorstellungsart, weil du sie doch zu hren verlangt hast. Ob sie aber
die wahre ist, mag Gott wissen! Genug, mir meines Orts kommt die Sache so vor,
wie ich dir sage. Das Hchste in der intelligibeln Welt ist die Idee des Guten,
zu deren Anschauen schwer zu gelangen ist. Wer aber dazu gelangt ist, kann nicht
anders als den Schlu machen, da sie die Grundursache alles dessen sey was
recht, schn und gut ist, indem sie in dieser sichtbaren Welt das Licht und den
Beherrscher desselben hervor gebracht, in der geistigen hingegen, deren
unmittelbare Beherrscherin sie ist, die Wahrheit und den reinen Verstand
erzeugt; und da es also schlechterdings nthig ist sie zu kennen, um in irgend
einem ffentlichen oder besondern Wirkungskreise recht zu handeln. Glauk. Ich
denke hierber wie du, so viel mir immer mglich ist. Sokr. So stimme mir denn
auch darin bei, da es kein Wunder ist, wenn diejenigen, die von dannen
herabkommen, keine Lust haben, sich mit den menschlichen Dingen abzugeben,
sondern von ganzem Gemth dahin trachten, sich in jener erhabenen Region immer
aufzuhalten. Denn es kann, unserm vorigen Bilde gem, nicht anders seyn. Glauk.
Das folgt ganz natrlich. -
    Hieran mag es genug seyn, lieber Eurybates; und nun erwartest du vermuthlich
meine Meinung von diesem allem? Aber was kann ich dir darber sagen? Es ist
schwer in solchen Dingen berall eine Meinung zu haben. Das Gewisseste, was ich
davon sagen kann, ist, da meine Vorstellungsart so verschieden von der
Platonischen ist, als die Grundstze, von denen wir ausgehen. Wer von uns Recht
hat, mag Gott wissen, mchte ich beinahe mit seinem Sokrates sagen. Und doch
dnkt mich, wenn ich alles mit ganz nchternem Muth berlege, der allgemeine
Menschenverstand, oder der allen Menschen einwohnende Sinn fr das, was uns
Wahrheit ist, spreche ziemlich entschieden fr meine Grundstze. Aber Plato
denkt von den seinigen noch vornehmer; denn sie scheinen ihm so gewi zu seyn,
als da Eins = Eins ist; wofern wir also nicht etwa den Delphischen Gott zum
Schiedsrichter nehmen wollen, wer soll zwischen uns Richter seyn?
    Uebrigens scheint Plato die Schwierigkeiten, die sein dichterisches
Lehrgebude drcken, sehr gut zu kennen. Daher die Vorsicht, jede seiner
unerweislichen Voraussetzungen durch andere eben so luftige zu untersttzen; wie
ein Dichter, um ein erstes Wunderding glaublich zu machen, immer ein zweites und
drittes in Bereitschaft haben mu. Wir wollen, zum Beispiel, in Betreff der
vorliegenden Allegorie so hflich seyn als sein guter Bruder Glaukon, und ber
alle die ungereimten Voraussetzungen, ohne welche sie nicht bestehen kann,
hinaus gehen; aber das wird uns doch zu fragen erlaubt seyn mssen: was die
armen Gefangenen verbrochen haben, da sie an Hals und Fen gefesselt ihr Leben
in dem hlichen unterirdischen Kerker damit zubringen mssen, unverwandt vor
sich hin zu gucken, und, weil sie nichts als Schatten zu sehen bekommen, sie
gezwungner Weise fr reelle Dinge anzusehen? - Du erinnerst dich vielleicht, da
er die Antwort auf diese Frage schon lange in seinem Phdrus bereit hlt.
Allerdings, sagt er, haben sie durch ein sehr schweres Verbrechen eine so harte
Bue verdient. - Aber zum Unglck finden wir uns, wenn wir ihm auch diese
Ausrede, als auf eine ihm besser als uns bekannte Thatsache gegrndet, gelten
lassen wollen, genthigt abermals zu fragen: wie die Idee des Guten (die er zur
Grundursache alles Wahren, Rechten und Schnen macht) recht und wohl daran thue,
diese Verbrecher mit einer Strafe zu belegen, wodurch ihnen ein fortdauernder
Zustand von Unwissenheit und Irrthum unvermeidlich und alles Aufstreben ins
Reich der Wahrheit unmglich gemacht wird? Ich sehe nicht was er antworten kann,
um seine Idee des Guten von dem Vorwurf zu retten, da sie, gleich den Gttern
unsrer Dichter, kein Bedenken trage, diejenigen, die sich gegen sie vergangen
haben, aus Rache in unfreiwillige Irrthmer und Verbrechen zu verwickeln, blo
um einen neuen Vorwand zu erhalten, mit den armen Unglcklichen noch grausamer
verfahren zu knnen.
    Diesen und einer Menge anderer Klippen und Untiefen, zwischen welchen die
Platonische Philosophie, unter bestndiger Gefahr zu scheitern oder auf dem
Sande sitzen zu bleiben, sich durcharbeiten mu, entgehen wir andern chten
Sokratiker freilich durch den groen Grundsatz unsers Meisters: blo ber die
menschlichen Dinge menschlich zu philosophiren, und die gttlichen, als ber
unsern Verstand gehend, unbesorgt den Gttern zu berlassen: aber wir bekennen
uns dadurch auch zu einer Unwissenheit, die uns mit den ungelehrtesten Idioten
in Eine Reihe stellen wrde, wenn wir nicht wenigstens die voraus htten, da
wir die Ursachen kennen, warum diese Unwissenheit unvermeidlich ist.
Demungeachtet lugne ich nicht, da der Hang alles, was um, ber und unter uns
ist, ergrnden zu wollen, - wiewohl er sich nur bei wenigen auerordentlichen
Menschen in seiner ganzen Strke zeigt - dennoch eines der Merkmale zu seyn
scheint, wodurch sich der gebildete und seiner Vernunft mchtig gewordene Mensch
von dem bloen Thiermenschen unterscheidet. Er gehrt zu dem ewigen Streben ins
Unbegrnzte, welches das groe Triebrad der unbestimmbaren Vervollkommnung ist,
deren hchstem Punkte das Menschengeschlecht sich in einer Art von unermelicher
Spirallinie langsam und unvermerkt anzunhern scheint. Werden wir jemals dieses
Ziel erreichen? Oder bewegen wir uns (wie der Aegyptische Hermes gesagt haben
soll) in einem Cirkel, dessen Mittelpunkt berall und dessen Umkreis nirgends
ist? Und ist vielleicht gerade die die einzige Mglichkeit, wie wir uns immer
bewegen, d.i. nie zu seyn aufhren knnen? - Auch die Natur, Freund Eurybates,
hat in ihren groen Mysterien unaussprechliche Worte, die wir entweder nie
erfahren werden, oder welche der, dem sie sich enthllte, nicht verrathen
knnte, weil es ihm an Worten fehlen wrde sich andern verstndlich zu machen?
Befnde sich jemals ein Sterblicher in diesem glcklichen Falle, wrde er nicht,
wenn er von dem, was unaussprechlich ist, sprechen wollte, genthigt seyn, seine
Zuflucht, wie Plato, zu Bildern und Allegorien zu nehmen? Und da er doch sicher
darauf rechnen knnte, mit seinen Offenbarungen von niemand verstanden, und nur
von sehr Wenigen vielleicht, gleich fernen das Ohr kaum noch leise berhrenden
Tnen, mehr geahnet als gehrt zu werden, tht' er nicht eben so wohl, wenn er
gar nicht davon sprche? - Aber was htte da der gttliche Plato zu thun gehabt?
- Ich beantworte also jene Frage mit Nein; aber nun auch keine Sylbe weiter!

                                       8.



                     Fortsetzung und Beschlu des Vorigen.

Meinem Versprechen zufolge werde ich die vier Bcher, die noch vor uns liegen,
wie reich und schwer an Inhalt sie auch sind, und wie viel gegen Manches zu
erinnern wre, wenn es scharf gesichtet werden sollte, so schnell als mglich
durchlaufen, und (wenn anders die Versuchung nicht hier oder da gar zu stark
werden sollte) nicht mehr davon sagen, als zur Uebersicht des Ganzen nthig ist.
    Die Behauptung, da die beste (der Vollkommenheit am nchsten kommende)
Republik nur unter der einzigen Bedingung, wenn sie chte Philosophen zu
Regenten habe, realisirt werden knne, hatte den Platonischen Sokrates auf die
verschiedenen Untersuchungen und Erluterungen gefhrt, die den Inhalt des
sechsten Buchs ausmachen. Die allegorische Dichtung zu Anfang des siebenten
sollte das, was er ber chte und unchte Philosophie, ber Irrthum, Wahrheit
und Meinung (die zwischen beiden liegt) vorgebracht hatte, durch ein passendes
Phantasiebild begreiflicher machen. Das Resultat davon ist: da nur der, dessen
Geist aus der Sinnenwelt (die uns andern gemeinen Menschen die wirkliche
scheint) in die Welt der Ideen empor gestiegen, und durch diese sich endlich bis
zum unmittelbaren Anschauen der Idee des Guten erhoben hat, den Namen eines
Philosophen verdiene. Da nun unsre Republik lauter solche Philosophen zu
Vorstehern haben soll, so fragt sich: durch was fr eine Erziehung diese
letztern zu ihrer Bestimmung zubereitet, auf welchen Stufen sie zu ihr empor
gefhrt, und welchen Prfungen sie unterworfen werden sollen, bevor sie fr
fhig und wrdig zu erkennen sind, in unsrer Republik das zu seyn, was die
Vernunft in dem Mikrokosmos der menschlichen Seele und die Idee des Guten im
Weltall ist? Diese Aufgaben beschftigen unsern Philosophen durch das ganze
siebente Buch, und geben ihm, indem er von den Wissenschaften spricht, wodurch
seine knftigen Archonten sich den Eingang in die bersinnliche Ideenwelt
erffnen sollen, Gelegenheit, manches Brauchbare zu sagen, aber auch manches,
das mir und vermuthlich seinen meisten Lesern ziemlich unverstndlich ist, und
uns den Argwohn abnthigt, da er uns entweder absichtlich tantalisiren27, oder
eine Unwissenheit, die er mit uns und allen andern Sterblichen gemein hat,
hinter die vielversprechende geheimnivolle Miene, womit er uns - nichts
offenbart, verstecken wolle. Die Wissenschaften, welche seine knftigen
Archonten mit besonderm Eifer treiben sollen, sind die Arithmetik, Geometrie,
Astronomie und Musik. Aber da du dir ja nicht einbildest, der Platonische
Sokrates denke ber diese Wissenschaften wie der Sohn des Sophroniskus, der
seinen jungen Freunden zu rathen pflegte, sich nicht tiefer in sie einzulassen,
als zu ihrem Gebrauch im Rechnen, Feldmessen, in der Schifffahrt, und zum
Singen, Citherspielen und Tanzen nthig ist! Gerade das Widerspiel; er spricht
von dem praktischen Theil derselben mit einer Art von Verachtung, und empfiehlt
sie seinen Zglingen nur, insofern sie die Seele durch Betrachtung des
Uebersinnlichen reinigen und zum Anschauen des Wesens der Dinge und der Idee des
Guten tchtiger machen. In dieser Rcksicht rumt er der Dialektik28 (die ihm
etwas ganz anders ist als was gewhnlich unter diesem Namen verstanden wird) die
oberste Stelle unter allen (in Vergleichung mit ihr nur uneigentlich so
genannten) Wissenschaften ein, weil sie sich (wenn ich ihn anders recht
verstehe) zu den brigen verhlt, wie in seinem vorigen Gleichnibilde von den
Gefesselten in der unterirdischen Hhle das Anschauen der Sonne selbst zum
Anschauen des Feuers, welches den Gefesselten die Schatten der zwischen ihnen
und dem Feuer vorbergetragenen Dinge sichtbar macht; daher denn auch niemand
als der wahre Dialektiker im Stande ist, die brigen Wissenschaften so zu
veredeln, da sie zu Stufen werden, worauf die Seele, nachdem sie sich von allem
was sthetisch ist losgewunden29 hat, vermittelst eines Organs, das mehr als
zehntausend krperliche Augen werth ist, zur unmittelbaren Anschauung des
Auto-Agathon, als dem hchsten Endpunkt alles Reindenkbaren, sich erheben kann.
Mehr verlange nicht, da ich dir von diesen bersinnlichen Geheimnissen sagen
soll; denn ich gestehe dir unverhohlen, da mein Geistesauge (mit Plato zu
reden) noch zu sehr mit barbarischem Schlamm (borbor barbarik) berzogen ist,
um von dem unendlich subtilen dialektischen Licht, womit dieses siebente Buch
erfllt ist, nicht geblendet zu werden. Beinahe mchte man den wackern Glaukon
beneiden, der, wie es scheint, als ein chter junger Adler mit heilen Augen in
diese Sonne schauen kann, und dem alles, was er blo hrt, auf der Stelle so
klar einleuchtet, als ob er es aus Platons eigenen Augen she.
    Ernsthaft von der Sache zu reden, Eurybates, glaube ich, trotz der
Bldigkeit meines Gesichts fr unsichtbare Dinge, ziemlich klar zu sehen, da es
nur auf den guten Willen unsers Mystagogen angekommen wre, die erhabenen
Lehren, die er uns, bald in die seltsamsten Bilder verschleiert, bald in einer
nur ihm und seinen Eingeweihten verstndlichen Sprache, als eine Art von Rthsel
zu errathen gibt, in der Sprache der Menschen deutlich genug vorzutragen, da
jeder nicht gnzlich im Denken ungebte Leser sie ohne groe Anstrengung htte
verstehen und beurtheilen knnen. Aber vielleicht wrden sie dann auch nicht
wenig von dem hohen Werth, den er ihnen beilegt, verloren haben, und es wre
beim ersten Blick in die Augen gefallen, da wir durch die Verwandlung bloer
ausgeweideter Gedankenformen in das was er Ideen nennt, und sogar durch das
Aufschauen zu seinem Auto-Agathon, - in welches unser geistiges Auge, eben so
wenig als unser leibliches in die Sonne, lnger als einen Augenblick (und auch
da nicht ohne zu erblinden) schauen knnte, - bei weiten nicht so viel gewinnen
als er uns zu versprechen scheint. Denn es hat (menschlicherweise von der Sache
zu reden) mit diesem Auto-Agathon, diesem Knig der unsichtbaren Welt, diesem
ersten unergrndlichen Grund alles dessen was wahrhaftig ist, so ziemlich eben
dieselbe Bewandtni wie mit der Sonne, dem Herrscher in der sichtbaren. Was wir
von beiden wissen, ist sehr wenig, und wir reichen nicht weit damit, wenn es
darum zu thun ist, uns eine reelle, d.i. im praktischen Leben brauchbare und
hinreichende Kenntni der Menschen und der Dinge um uns her anzuschaffen, deren
wir gleichwohl am meisten bedrfen, da von den Verhltnissen dieser Menschen und
dieser Dinge zu uns, und von der Art, wie wir diese gebrauchen und uns gegen
jene benehmen, unser Wohl oder Weh abhngt. Ob die Welt um uns her aus reellen
Dingen oder bloen Erscheinungen bestehe, wenn es fr gesunde Menschen auch eine
Frage seyn knnte, wre doch eine unntze Frage, weil wir uns, um nicht wie
Thoren zu handeln, immer so benehmen mssen, als ob alles, was gesunden und
vernnftigen Menschen reell scheint, es auch wirklich sey. Sich mit Gewalt in
eine unsichtbare Ideenwelt hinein zu trumen oder hinein zu abstrahiren, ist
schwerlich der rechte Weg, die Sinnenwelt, die nun einmal unser Wirkungskreis
ist, kennen zu lernen; aber wohl das unfehlbarste Mittel, eine jede andere als
die Rolle eines schwrmerischen Mystosophen ziemlich schlecht in ihr zu spielen.
Was wrde man von einem zum Maler oder Bildner bestimmten Menschen sagen, der,
wenn er in eine Galerie von Bildsulen und Gemlden der besten Meister gefhrt
wrde, diese Kunstwerke, weil sie doch nichts als leblose und unvollkommene
Nachbildungen wirklicher Menschen, Gtter und Gttershne seyen, mit Verachtung
anekeln und sich noch gro damit machen wollte, da er nur die Urbilder seines
Anblicks wrdig halte? - Doch die im Vorbeigehen; denn eine scharfe
Untersuchung dessen, worauf es in dem Streit zwischen dem gttlichen Plato und
dem gesunden Sokratischen Menschenverstand ankommt, wrde mich viel weiter
fhren als ich mir in diesen Briefen zu gehen vorgesetzt habe, und es kann,
dnkt mich, an den Winken genug seyn, die ich hierber hier und da bereits
gegeben habe.

    Nachdem unser Platonischer Sokrates das Kapitel von der Erziehung und
Vorbereitung, und den darauf folgenden Beschftigungen und Prfungen, wodurch
die zur Regierung seiner Republik bestimmten Personen beiderlei Geschlechts zu
dem erforderten hohen Grad von Weisheit und Tugend gebildet werden sollen, im
siebenten Buche zu Ende gebracht hat, beginnt er das achte mit einer
summarischen Wiederholung der Resultate alles dessen, was vom fnften an bisher
zwischen ihm und den beiden Brdern abgehandelt worden, und nimmt, mit Glaukons
unbedingter Beistimmung, als etwas Ausgemachtes an: da in einer vollkommen
wohleingerichteten Republik erstens Weiber, Kinder, Erziehung und Ausbildung zu
allen in Krieg und Frieden nthigen Eigenschaften, in den beiden obern Stnden
gemeinschaftlich seyn mssen; zweitens, der zur Vertheidigung bestimmte Stand
kein Eigenthum besitzen drfe, und drittens aus demselben nur die vollendetsten
und bewhrtesten Philosophen und Kriegsmnner zu Regenten oder Knigen (wie er
sie nennt) erwhlt werden sollen. Beide erinnern sich nun des Orts, von wo aus
Sokrates durch Adimanths und Polemarchs Zudringlichkeit in diesen Labyrinth von
groen und kleinen Digressionen, Absprngen und Widergngen verleitet worden;
und da beide gleich geneigt sind, der eine zu reden, der andere zuzuhren: so
wird nun der im Eingang des fnften Buchs angefangene, aber sogleich
unterbrochne Discurs ber die verschiedenen Staatsformen wieder aufgenommen, und
gezeigt, wie einer jeden dieser Verfassungen (welche unser Philosoph auf fnf,
nmlich eine gesunde und vier mehr oder weniger verdorbene, zurckfhrt) eine
hnliche Verfassung im Innern des Menschen entspreche. Die einzige gesunde
Staatsverfassung ist ihm die Aristokratie, d.i. die Regierung der Besten, oder
(was bei ihm einerlei ist) der Philosophen. Ob sie monarchisch oder polyarchisch
sey, gilt gleichviel, wenn nur die Philosophie regiert, und alles nach dem
Modell seiner bisher beschriebenen Republik eingerichtet ist. Unglcklicherweise
(sagt er) ist auch diese vollkommenste Verfassung, wie alle Dinge unter dem
Mond, der Verderbni unterworfen; sie kann und mu nach und nach krank werden,
und sobald dieser Fall eintritt, artet sie in die erste der ungesunden
Verfassungen, in die Timokratie oder Herrschaft der Ehrgeizigen aus, so wie
diese, wenn sie den hchsten Grad ihrer Verderbni erreicht hat, sich in die
Oligarchie, und diese, aus der nmlichen Ursache, sich in die Demokratie
verwandelt; welche, durch eine eben so natrliche Folge, endlich in der
verdorbensten und verderblichsten aller Staatsformen, der Tyrannie, ihren
Untergang findet. Wie es mit diesen Verwandlungen zugehe, den Charakter und so
zu sagen die Krankheitsgeschichte dieser vier Perioden einer ursprnglich
kerngesunden, aber nach und nach ausartenden und kachektisch werdenden Republik,
und eine genetische Schilderung der Gemthsverfassung und Sitten eines jeder von
den vier verdorbenen Regierungsarten entsprechenden einzelnen Menschen, alles
die wird im achten und neunten Buch, aus dem Gesichtspunkt, worauf uns Plato
gestellt hat, auf eine sehr einleuchtende Art mit vieler Wahrheit und
Zierlichkeit vorgetragen. Man erkennt in der Schilderung der Timokratie das
heutige Sparta auf den ersten Blick; auch Korinth, Argos, Theben und andere
ihresgleichen, werden sich in seiner Oligarchie nur zu gut getroffen finden;
aber die Darstellung und Wrdigung der Demokratie, wozu er an seiner eigenen
Vaterstadt das trefflichste Modell vor Augen hatte, geht ber alles. Sie ist ein
Meisterstck Sokratisch-Attischer Feinheit und Ironie; zwar etwas scharf
gesalzen und reichlich mit Silphion gewrzt, aber wenn den Athenern noch zu
helfen wre, so mte diese Arznei wirken: oder, richtiger zu reden, wenn sie
(wie Plato selbst schwerlich anders erwartet) ungefhr eben so viel wirkt als
die Ritter, die Vgel und die Wespen des Aristophanes, d.i. nichts, so ist den
Athenern schwerlich zu helfen. Gleichwohl sollt' es mich wundern, wenn diese
Satyre auf die Demokratie nicht gerade das wre, was ihnen in diesem ganzen
Dialog am meisten Vergngen macht.
    Ich fr meine Person wurde auf eine angenehme Weise berrascht, da ich den
Sokrates in diesem achten Buch sich selbst unverhofft wieder so hnlich fand,
da ich ihn zu hren geglaubt haben wrde, htte nicht Plato recht
geflissentlich dafr gesorgt, uns gleich zu Anfang durch ein unfehlbares Mittel
gegen diese Tuschung zu verwahren. Er bewirkt die durch eine Probe seiner
Geschicklichkeit in der dialektischen Arithmetik, oder arithmetischen Dialektik,
die so hoch ber allen Menschenverstand geht, oder, um das Ding mit seinem
rechten Namen zu nennen, so rein unsinniger Unsinn ist, da man die Stelle zwei
oder dreimal lesen mu, ehe man seinen Augen glauben kann, da sie wirklich
dastehe. Sie befindet sich zu Anfang des achten Buchs, wo die Rede von der
Mglichkeit ist, da sogar die beste und vollkommenste Republik nach und nach
ausarte und sich in eine Timokratie verwandle. Diese Aufgabe, deren Auflsung
fr einen Mann von unverschrobenem Kopf wenig Schwierigkeit hat, scheint ihm so
schwer zu seyn, da er den Glaukon fragt, ob sie nicht nach Homerischer Weise
die Musen anrufen wollten, ihnen zu sagen, wie es zugehen mte, wenn sich in
einer so wohl geordneten Republik ein Aufstand sollte ereignen knnen. Wahr
ist's, er setzt sogleich hinzu: wollen wir sie nicht bitten, sich einen kleinen
Spa mit uns zu machen, wie wenn man kleinen Knaben spielend lppisches Zeug in
einem tragischen Ton und hochtrabenden Worten als etwas gar Ernsthaftes und
Wichtiges vordeclamirt? - und heit das nicht sich deutlich genug erklren, da
er selbst die hierauf folgende Auflsung des Problems fr nichts Besser's als
Kinderpossen gebe? Aber wir kennen diese Art ironischer Neckerei an ihm, und er
soll uns nicht glauben machen, da ein so gravittischer Mann wie er, auf eine
so unanstndige und zwecklose Art den Narren habe mit uns treiben wollen, indem
er uns auf eine sehr ernsthafte Frage die rechte Antwort zu geben Miene macht.
Ganz gewi hat er also mit dem arithmetisch geometrischen Unsinn30, den er den
Musen in den Mund legt, mit diesem unerrathbaren Rthsel einer durch die
verworrensten und unverstndlichsten Bezeichnungen angedeuteten oder vielmehr
nicht angedeuteten geometrischen Zahl - durch deren Einflu Kinder von
schlechterer Art so nothwendig gezeugt werden mssen, da, wofern die Vorsteher
unserer Republik aus Unwissenheit dieser unglcklichen Zahl sowohl als der ihr
entgegengesetzten vollkommenen, welche den Zeitpunkt des gttlichen Erzeugnisses
bezeichnen soll, den rechten Augenblick, ihre Brute und Brutigame zusammen zu
lassen, verfehlen, es unmglich ist, da die Republik eine an Leib und Seele
wohlbeschaffene, glcklich organisirte Nachkommenschaft erhalten knnte; - ganz
gewi, sage ich, hat Plato mit diesem aller menschlichen Vernunft spottenden
Rthsel etwas sagen wollen; wr' es auch nur, da er seine gutmthigen Leser zu
glauben nthigt, er selbst besitze den Schlssel zu diesem Geheimni, ohne
welches seine Republik, trotz aller vorhergegangenen Beweise ihrer Mglichkeit,
nimmermehr zu Stande kommen kann, wofern er sich nicht erbitten lt, den
knftigen Vorstehern das Verstndni hierber zu ffnen. Denn nach seiner
ausdrcklichen Versicherung ist das Geheimni dieser Zahlen so beschaffen, da
die Vorsteher, wie weise sie auch seyn mchten, es weder auf sthetischem Wege
(durch Sinne, Einbildung und Divination) noch durch Vernunftschlsse
herausbringen knnten; so da es also ein bloes glckliches Ungefhr wre,
wenn sie jemals den rechten Moment zur Zeugung ihrer Staatsbrger treffen
wrden. Auf alle Flle hat unser Philosoph sich durch diese neue Probe seiner
bermenschlichen Kenntnisse in ein sehr beschwerliches Dilemma verstrickt. Denn
entweder sind ihm jene mystischen Zahlen bekannt oder nicht. Sind sie ihm nicht
bekannt, wie ist es mglich, da er, um einfltigen Lesern wei zu machen, er
kenne sie, lieber baren Unsinn vorbringen als seine Unwissenheit gestehen will?
Kennt er sie aber, was in aller Welt konnte ihn bewegen sie in ein Rthsel, und
dieses Rthsel in Worte und Stze einzuwickeln, von welchen er selbst gewi seyn
mu, da sie dem gelehrtesten und scharfsinnigsten seiner Leser eben so
unverstndlich sind als dem unwissendsten und bldsinnigsten? Und da nun einmal
(wie er sagt) auer seiner Republik kein Heil ist, diese aber, so lange seine
beiden Zeugungszahlen ein Geheimni bleiben, niemals, wenn sie auch zu Stande
kme, in die Lnge bestehen knnte: war es nicht seine Schuldigkeit, sie auf
eine wenigstens den Gelehrten verstndliche Art der Welt mitzutheilen? Ist er
nicht dem menschlichen Geschlecht auch ohne Rcksicht auf seine idealische
Republik eine so wohlthtige Entdeckung schlechterdings schuldig? Was sollen wir
von dem Manne denken, der ein unfehlbares Mittel, die ganze menschliche Gattung
zu veredeln, besitzt, und wiewohl er selbst keinen Gebrauch davon machen will
oder kann, es nicht nur fr sich allein behlt, sondern sogar ein leichtfertiges
Vergngen daran zu finden scheint, es den Leuten mit einem dicken Tuch
siebenfach bedeckt vorzuzeigen, und sobald er sie recht gelstig darnach sieht,
ihnen den Rcken zu weisen und lachend davon zu gehen? Ich zweifle sehr, ob
Aristophanes selbst, wenn er unsern Mystosophen zum Helden eines Seitenstcks
der Wolken htte machen wollen, es gewagt htte, ihm eine so erbrmliche Rolle
anzudichten, als er hier, in einer unbegreiflichen Eklipse seiner Vernunft, mit
augenscheinlichem Wohlgefallen an sich selbst von freien Stcken spielt.

    Es gibt vielleicht kein auffallenderes Beispiel, wie nachtheilig es ist in
mehrern und entgegen gesetzten Fchern zugleich glnzen zu wollen, und wie wohl
Plato daran thut, die Knstler und Handarbeiter in seiner Republik durch ein
Grundgesetz auf eine einzige Profession einzuschrnken, - als sein eigenes.
Glcklich wr' es fr ihn gewesen, wenn die Athener ein Gesetz htten, vermge
dessen ihren Brgern bei schwerer Strafe verboten wre, in eben demselben Werke
den strengen Dialektiker, den Dichter, und den Schnredner zugleich, zu machen.
Vermuthlich wrde Plato jedes von diesen dreien in einem hohen Grade gewesen
seyn, wenn er sich auf Eines allein htte beschrnken wollen: aber da er diesen
dreifachen Charakter in sich vereinigen will, und dadurch alle Redner, Dichter
und Dialektiker vor und neben ihm auszulschen glaubt, kann er neben keinem
bestehen, der in einem dieser Fcher ein vorzglicher Meister ist; denn er ist
immer nur halb was er seyn mchte. Wo er scharf rsonniren sollte, macht er den
Dichter; will er dichten, so pfuscht ihm der grbelnde Sophist in die Arbeit.
Hat er uns einen strengen Beweis oder eine genau bestimmte Erklrung erwarten
lassen, so werden wir mit einer Analogie oder mit einem Mhrchen abgefertigt;
und was oft mit wenigem am besten gesagt wre, webt er mit der unbarmherzigsten
Redseligkeit in klafterlange, aus einer einzigen Metapher gesponnene Allegorien
aus. Statt der Antwort auf eine Frage, zu welcher er uns selbst genthigt hat,
gibt er uns ein Rthsel aufzurathen; und wo das zweckmigste wre, geradezu auf
die Sache loszugehen, fhrt er uns, fr die lange Weile, in mhsamen
Schlangenlinien, Berg auf Berg ab, durch Dick und Dnn, oft so weit vom Ziele,
da er selbst nicht mehr wei wo er ist, und uns eine gute Strecke lang wieder
zurckfhren mu, um die Strae, die er ohne Noth verlassen hat, wieder zu
finden. Das letztere begegnet ihm so oft, da dieser Dialog, dessen ungeheure
Lnge die Geduld des migsten und leselustigsten Lesers endlich mrbe macht,
wenigstens um den vierten Theil krzer wre, wenn er das bereits Gesagte nicht
so oft wiederholen mte, um wieder in den Zusammenhang zu kommen. Die ist auch
zu Anfang des neunten Buchs der Fall, worin er das Ideal des vollstndigsten
Bsewichts, dem er (gegen den Sprachgebrauch) den Namen Tyrann beilegt, mit
seiner gewhnlichen rhetorischen Ausfhrlichkeit vor unsern Augen entstehen
lt; erst als bloen Privatmann, wie er sich in der Demokratie durch den
Zusammenflu aller mglichen befrdernden Umstnde zum knftigen Tyrannen
bildet; sodann als wirklichen Beherrscher des Staats, von welchem er sich durch
die schndlichsten Mittel zum unbeschrnkten Gebieter und Eigenthumsherrn
gemacht hat. Da es in diesem Buch blo darum zu thun ist, die Lehre des
Thrasymachus, welche zu dieser ganzen Unterhaltung Anla gegeben, bis zum
Widerspruch mit sich selbst zu treiben und also in ihrer ganzen Ungereimtheit
darzustellen, und dieses nicht auffallender als durch den Contrast zwischen dem
Ideal eines Tyrannen mit dem Ideal eines philosophischen Knigs, und zwischen
dem Glck eines von diesem mit idealischer Weisheit regierten - und dem Elend
eines von jenem ohne Ma und Ziel mihandelten Staats, geschehen konnte: so
wollen wir unsern philosophirenden Dichter nicht darber anfechten, da sogar
unter den berchtigten Dreiigen, welche in Platons frher Jugend etliche Monate
lang zu Athen tyrannisirten, kein solches Ungeheuer war, wie sein idealischer
Tyrann ist; und da er also von den sogenannten Tyrannen berhaupt und von dem
jammervollen Zustand der von ihnen unterjochten Staaten manches behauptet, was
sich in der wirklichen Welt ganz anders befindet. Wir wrden damit nichts gegen
ihn beweisen; denn es ist ihm hier nicht um Thatsachen, sondern um einen
vollstndigen Charakter der Gattung zu thun, und es mu ihm eben so gut erlaubt
seyn, zum Behuf seines Zwecks, alle Laster und Abscheulichkeiten, die seit dem
Thracischen Diomedes 31 und dem Aegyptischen Busiris bis auf den heutigen Tag,
von kleinen und groen Tyrannen begangen worden, in ein einziges phantastisches
Subject zusammenzudrngen, als einem komischen Dichter erlaubt ist, die
lcherlichsten Charakterzge von hundert Geitzhlsen in einen einzigen zu
verschmelzen. Freilich htte es dieser mhsamen Auseinandersetzungen, und dieser
langen Kette von Fragen und Antworten, Bildern, Gleichnissen und Inductionen
nicht nthig gehabt, um am Ende nichts mehr als eine so einleuchtende Wahrheit
als diese, vollkommene Ungerechtigkeit wrde die Menschen uerst elend,
vollkommene Gerechtigkeit hingegen hchst glcklich machen, zur Ausbeute davon
zu tragen. Aber wir wollen auch so billig seyn, unsern Mann nach seinem Zwecke
zu beurtheilen, der im Grunde doch wohl kein anderer war, als diesen Gegenstand
als Dichter und Schnredner zu behandeln, und die Leser dadurch gewissermaen zu
dem neuen hitzigen Ausfall vorzubereiten, den er im zehnten Buch auf den guten
alten Homer und berhaupt auf die nachahmenden und darstellenden Knste thut.
    Auch hier holt er, wie gewhnlich, weit aus, um den ehrlichen Glaukon durch
eine Reihe von Analogismen und Paralogismen und eine einseitige schiefe Ansicht
der Knste, die er aus einer wohlbestellten Republik verbannt wissen will, zu
seiner Meinung zu verfhren, ohne ihn wirklich berzeugt zu haben; was ihm bei
einem jungen Menschen nicht schwer werden kann, der die Bescheidenheit so weit
treibt, unverhohlen zu bekennen, er werde sich in Sokrates Gegenwart nie
unterstehen seine eigene Meinung von etwas zu sagen. - Lcherlich (dnkt mich)
wrde sich einer machen, der den kraftlosen Beweis ernsthaft bestreiten wollte,
welchen Plato aus seiner Theorie von den Ideen gegen die besagten Knste fhrt.
Ich fr meinen Theil finde seine Distinction der dreierlei Bettstellen, der
wahren wesentlichen d.i. der idealischen, deren Naturschpfer (Phyturg) Gott ist
- der einzelnen, die der Drechsler macht, und welche, da sie nicht die
Urbettstelle selbst ist, eigentlich nur eine Art von Schattenbild derselben oder
eine Quasi-Bettstelle vorstellt, und der gemalten, die, als eine bloe
Nachahmung der gedrechselten, im Grunde gar keine Bettstelle, und also,
Platonisch zu reden, gar nichts ist, - ich finde das alles sowohl, als die
Anwendung, die er davon gegen die gesammten nachahmenden Knste macht, ungemein
lustig zu lesen; und wrde mich am Ende nur verwundern, wie eben derselbe Mann,
der, so oft er sich vergit und gleich andern natrlichen Menschen von
menschlichen Dingen menschlich spricht, so verstndig rsonnirt, sich auf einmal
wieder in solchen Unsinn versteigen kann; es wrde mich wundern, sag' ich, wenn
ich nicht aus so vielen Beispielen wte, da eine einzige Vorstellung, die sich
zur Tyrannin aller andern in einem phantasiereichen Kopf aufgeworfen hat, sobald
sie angeregt wird, die Wirkungen der Verrcktheit und des Wahnsinns
hervorzubringen fhig ist. Wenn brigens unsre Dichter, Maler, Schauspieler und
wer sonst hierher gehrt, anstatt aus der Fehde, die er ihnen in diesem Dialog
mit so groem Gebraus ankndigt, Ernst zu machen, sich begngen ber ihn zu
lachen, so werden sie alle Vernnftigen auf ihrer Seite haben; denn das Unglck
aus seiner Republik ausgeschlossen zu seyn, ist doch wohl der einzige Schade,
der ihnen aus allem, was er ihnen Bses nachsagt, zuwachsen kann; und diese
Republik hat fr ihres gleichen so wenig Anziehendes, da sich schwerlich auch
nur ein Tischmacher in ganz Athen finden wird, welcher Lust haben knnte um das
Brgerrecht in derselben anzuhalten.
    Alles in der Welt mu endlich ein Ende nehmen; und so erinnert sich auch
unser Sokrates, dem der Gaumen vermuthlich trocken zu werden anfngt, da die
Rede in diesem Gesprch eigentlich nicht von Dichtern und nachahmenden
Knstlern, sondern von dem wahren Charakter der Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit habe seyn sollen, und von den Wirkungen, welche die eine und die
andre in einer von ihr beherrschten Seele hervorbringt. Er lenkt also mit einer
ziemlich raschen Wendung wieder in den Weg ein, aus dem er schon so oft
ausgetreten ist; und sobald er sich und seine Zuhrer orientirt hat, zeigt
sich's, da ihm, nachdem er den Beweis,

    da die Gerechtigkeit an und durch sich selbst das beste und edelste
    Besitzthum der an und in sich selbst betrachteten Seele sey, und da man
    also, ohne alle Rcksicht auf Vortheil und Lohn, immer gerecht handeln
    msse, man besitze den Ring des Gyges oder nicht,

gegen die Behauptungen des von Glaukon und Adimanth untersttzten Thrasymachus,
aufs vollstndigste und bndigste gefhrt zu haben vermeint, nun nichts brig
sey, als der Gerechtigkeit selbst - Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihr
alles, was er ihr zum Behuf jenes Beweises nehmen mssen, wiederzugeben, und sie
wieder in den vollen Besitz aller Belohnungen einzusetzen, welche die Tugend
einer Seele bei Gttern und Menschen im Leben und nach dem Tode verschaffe.
    Die ist es nun, womit er sich im Rest dieses letzten Buchs beschftigt.
Nachdem er nmlich die unendlichen Vortheile des Gerechten oder Tugendhaften vor
dem Lasterhaften oder Ungerechten, selbst in bloer Rcksicht auf die
Belohnungen, welche jener, und die Strafen, welche dieser von Gttern und
Menschen schon in diesem Leben zu gewarten habe, mit bestndiger Rcksicht auf
die gegentheiligen Behauptungen des Thrasymachus und seiner Gehlfen, krzlich
dargethan hat, und Glaukon von der Menge und Gre jener Vortheile des Gerechten
berzeugt zu seyn versichert, fhrt Sokrates fort: das alles sey doch nichts
gegen das, was auf beide nach ihrem Tode warte, und es werde zur Vollstndigkeit
seiner Ueberzeugung nthig seyn zu hren, was er ihm hiervon zu sagen bereit
sey. Glaukon, der sich nach einer solchen Aeuerung auf wundervolle Dinge gefat
macht, versichert, da er, wie lang' es auch whren mchte, mit Vergngen
zuhren werde; und so folgt denn eine sehr umstndliche Erzhlung des Berichts,
den ein gewisser Armenier Namens Er, als er am zwlften Tage nach seinem Tode,
auf dem Scheiterhaufen worauf sein unversehrt gebliebener Leichnam verbrannt
werden sollte, wieder ins Leben zurckgekehrt, von den erstaunlichen Dingen, die
er in der andern Welt gesehen und gehrt, ffentlich abgestattet habe. Da diese
Erzhlung, ber deren Quelle uns Plato in gnzlicher Unwissenheit lt, keinen
Auszug gestattet, und ich nicht zweifle, da sie eines von den einzelnen Stcken
dieses Dialogs ist, die du mit gebhrender Aufmerksamkeit gelesen hast, so
begnge ich mich, blo ein paar Anmerkungen beizufgen, welche nicht sowohl dem
Mhrchen selbst, als dem erhabenen Dichter, der uns damit beschenkt hat, gelten
sollen.
    Natrlicherweise knnen uns aus der andern Welt keine Nachrichten zugehen,
als durch Personen, welche dort gewesen und wieder zurckgekommen sind. Die
fabelhafte Geschichte nennt, meines Wissens, auer Theseus, Peirithous, Hercules
und dem Homerischen Odysseus, welche lebendig in den Hades hinabgestiegen und
wieder heraufgekommen, nur drei Todte - den zwischen Aphrodite und Persephone
getheilten Adonis, die Alcestis, und den schnen Protesilaus - denen ins Leben
zurckzukehren erlaubt worden, wiewohl dem letzten nur auf einen einzigen Tag.
Plato dichtet also nichts Unerhrtes, indem er den Armenier Er aus der andern
Welt zurckkommen lt; aber da dieser Er von den Richtern, welche am Eingang
den neuangekommenen Seelen ihr Urtheil sprechen, ausdrcklich dewegen ins Leben
zurckgeschickt wird, um uns andern Bewohnern der Oberwelt von den Belohnungen
und Strafen, die uns nach dem Tode erwarten, zuverlssige Nachrichten zu geben;
so erforderte, sollte man denken, ein so wichtiger Zweck, da der Dichter einige
Sorge dafr getragen htte, da wenigstens ein Anschein von Mglichkeit das
Ungereimte der Sache unserm ersten Blick entzge. Je unglaublicher eine Dichtung
an sich selbst ist, desto nthiger ist es, unsre Einbildungskraft dadurch zu
gewinnen, da alle das Wunderding umgebenden Umstnde in der natrlichen Ordnung
der Dinge sind. Wir wollen uns gern gefallen lassen, da Er aus der andern Welt
zurckkommt, zumal wenn er uns recht viel Hrenswrdiges aus ihr zu erzhlen
hat: aber was wir uns nicht gefallen lassen knnen, ist, da der Dichter nicht
an die gnzliche Unmglichkeit gedacht hat, da der entseelte Leichnam eines an
tdtlichen Wunden verstorbenen Menschen, nachdem er zehn Tage lang unter einem
Haufen anderer bereits in Fulni gegangenen Leichen gelegen, unversehrt hervor
gezogen werde, und am zwlften Tage bei Wiedervereinigung mit seiner Seele sich
so frisch und gesund befinde, als ob ihm kein Haar gekrmmt worden wre.
    Wenn wir aber auch ber das Unnatrliche dieser Umstnde hinaus gehen, und
mit der grnzenlosen Geflligkeit, welche Plato immer bei seinen Zuhrern
voraussetzt, annehmen wollen, da eben diese (uns unbekannten) Richter, welche
die Seele des Armeniers nach zwlf Tagen in ihren Leib zurckschicken knnen, es
auch in ihrer Macht haben, einen tdtlich verwundeten und entseelten Leichnam
durch ein unbegreifliches Wunderwerk zwlf Tage lang frisch und gesund zu
erhalten - sollten wohl die Fiebertrume, die uns der Armenier als Nachrichten
aus der andern Welt erzhlt, eines so groen Wunders wrdig seyn? Ich habe wohl
auch in meinem Leben Milesische Mhrchen gehrt, und unter unsern alten Gtter-
und Helden-Mythen ist mancher ammenhaft genug; aber ein so idealisch ungereimtes
Phantasiegebilde wie dieses ist mir noch nicht vorgekommen. Man fordert mit
Recht von einem Dichter, da er auf jede Frage, warum er die und das an seinem
Werke gerade so und nicht anders gemacht, eine hinlngliche Antwort bereit habe.
Ich mchte wohl wissen, was der Platonische Sokrates zu antworten htte, wenn
ihn Glaukon oder Thrasymachus in aller Demuth fragten: was ein gewisser
dmonischer Ort fr ein Ort sey? Nach welcher Regel der Gerechtigkeit die Seelen
der Lasterhaften fr jede Uebelthat zehnfltig gestraft werden? Warum die
Seelen, die vom Himmel herunter, oder, nach ausgestandener Strafe aus der Hlle
herauf gestiegen sind, um wieder in sterbliche Leiber zurckzukehren, sich
gerade sieben Tage auf der Wiese, die er vorhin einen dmonischen Ort nannte,
aufhalten? Warum sie gerade vier Tage zu marschiren haben, bis sie den groen
Lichtring oder Lichtgrtel zu Gesicht bekommen, der dem Regenbogen hnlich aber
viel glnzender und reiner ist? Wie dieser Lichtring zugleich zwischen Himmel
und Erde aufgerichtet stehen, ber Himmel und Erde ausgebreitet seyn, und den
ganzen Himmel wie ein Grtel umfassen kann? Warum die Seelen gerade noch einen
Tag zu reisen haben, bis sie bei diesem Licht angelangt sind? Woran die Enden
dieses den Himmel zusammenhaltenden Lichtgrtels befestigt sind, damit die
Spindel der Anangke an ihnen hangen kann? Warum Anangke ihre Spindel, gegen die
Gewohnheit aller andern Spinnerinnen, zwischen ihren Knieen herumdreht? und
zwanzig andere Fragen, deren der Leser sich nicht erwehren kann, ohne die
Antwort darauf zu finden. Plato ist, wie wir lange wissen, ein Liebhaber vom
Uebernatrlichen, Unerhrten, Kolossalischen; wir wollen ihn dieses Geschmacks
wegen nicht anfechten; aber die Bilder, die er uns darstellt, mssen doch Sinn,
Bestandheit und Zusammenhang wenigstens an und unter sich selbst haben, und er
mu unsrer Einbildungskraft nicht mehr zumuthen als sie leisten kann. Versuch'
es einmal, dir die ganze Gruppe von Erscheinungen, die der Armenier in dem
Lichtgrtel des Himmels gesehen haben will, in Einem Gemlde vor die Augen zu
bringen. - In der Mitte die groe Gttin Anangke mit der ungeheuren sthlernen
Spindel zwischen den Knieen; um die Spindel einen nicht minder ungeheuren
Wirtel, in welchem sieben andere, wie die Bchsen der Taschenspieler, in
einander stecken, und alle zugleich, aber mit ungleicher Geschwindigkeit, von
der Spindel in einer, ihrer eigenen Bewegung entgegen gesetzten, Richtung
herumgedreht werden; - jeden dieser an Glanz, Farbe und Bewegung verschiedenen
Wirtel mit einem mehr oder minder breiten cirkelfrmigen Rand, und auf jedem
eine Sirene sitzend, die sich mit ihm herumdreht und aus voller Kehle singt;
aber jede nur einen einzigen Ton aus der Tonleiter bis zur Octave, so da der
Gesang aller acht Sirenen eine einzige sich selbst immer gleiche Harmonie ist -
vor welcher die Gtter unsre Ohren bewahren wollen! - Nun denke dir noch die
Tchter der Anangke, die drei Moiren, Lachesis, Klotho und Atropos, wei
gekleidet und mit Krnzen um die Stirne auf Lehnsthlen um ihre Mutter herum
sitzend, wie sie, vom achttnigen Zetergeschrei der Sirenen begleitet, Lachesis
das Vergangene, Klotho das Gegenwrtige, Atropos das Zuknftige absingen,
whrend dessen Klotho ihrer Mutter mit der rechten Hand von Zeit zu Zeit den
uersten Wirtel der Spindel, Atropos mit der linken die innern, und Lachesis
alle zusammen mit beiden Hnden umdrehen hilft. Lass' deine Phantasie, wenn's
ihr mglich ist, ein Gemlde aus diesem allem zusammensetzen, und sage mir, ob
einem Kranken im strksten Fieberanfall etwas Abenteuerlicheres und
Phantastischeres vorkommen knnte? Und was will nun Plato da wir uns bei diesem
lcherlich wunderbaren Phantasma denken sollen? Ist das alles in der dmonischen
Welt wirklich so, wie sein Armenier gesehen zu haben vorgibt? Er rechnet so
wenig darauf, da irgend einer seiner Leser einfltig genug seyn werde die zu
glauben, da sein Sokrates selbst die ganze Erzhlung am Ende fr ein bloes
Mhrchen gibt. Alle diese Wundergestalten, Anangke mit ihrer Spindel und ihren
Tchtern, die acht Sirenen, die sich auf und mit den acht Wirteln ewig
herumdrehen und den armen Seelen, die hier tglich schaarenweis sich einzufinden
genthigt sind, die Ohren gellen machen, der Prophet, der den Seelen im Namen
der Gttin ankndigt, da sie um ihr knftiges Schicksal im Leben, in welches
sie zurckkehren, losen mssen u.s.w., das alles ist also nichts weiter als eine
Gruppe von emblematischen Bildern, oder vielmehr ein Haufen ziemlich dicker
Hllen, unter denen etwas verborgen liegt, das entweder schwer zu errathen, oder
des Rathens kaum werth ist? Aber unglcklicherweise ist der Armenier, der diese
wunderbaren Personen und Sachen in einem dmonischen Ort zu sehen glaubt, keine
emblematische Figur; er wird uns als eine wirkliche historische Person
vorgefhrt, und damit wir desto weniger daran zweifeln, sogar Pamphylien als das
ursprngliche Vaterland seines Geschlechts angegeben. Der wackre Er macht sich
also entweder nach Art weitgereiseter Leute ein Vergngen daraus, unsre
Leichtglubigkeit auf die Probe zu stellen; oder er ist selbst ich wei nicht
von welchen Dmonen getuscht worden, da er sich einbildete wirkliche Dinge zu
sehen, wiewohl er nur Sinnbilder sah. Uebrigens ist nicht leicht zu errathen,
was Plato mit dieser Dichtung beabsichtigt, da sie fr den Satz, den er dadurch
besttigen will, nicht das Geringste beweisen, und schlechterdings zu nichts
dienen kann, als Knaben in Erstaunen zu setzen, Mnnern hingegen eine eben so
geringe Meinung von seinem Dichtergeist als von seinen astronomischen
Kenntnissen zu geben. Denn wie er dichtet, heit nicht dichten sondern ins Blaue
hinein phantasiren, und es steht ihm wahrlich bel an, ber die Erzhlungen,
womit der Homerische Odysseus die Tischgesellschaft des Alcinous unterhlt, die
Nase zu rmpfen, von denen die ungereimteste ohne Vergleichung wahrscheinlicher
gemacht ist als das Mhrchen seines Armeniers. Aber nun vollends die Art, wie er
die Pythagorische Seelenwanderung seinen eigenen Hypothesen anpat, und wie er
die Freiheit, ohne welche keine Zurechnung, folglich keine Strafen und
Belohnungen in der andern Welt stattfinden, mit den Gesetzen der Nothwendigkeit
zu vereinigen glaubt! - Die zur Rckkehr in sterbliche Leiber vor dem Thron der
groen Spinnerinnen versammelten Seelen kommen theils aus dem Himmel, theils aus
der Unterwelt. Ueber die letztern habe ich nichts zu erinnern; aber wie die
Gttin Anangke den erstern zumuthen knne, aus der reinen Himmelsluft wieder in
den mephitischen Dunstkreis des Erdenlebens zurckzuwandern, darber htte uns
billig einiger Aufschlu gegeben werden sollen. Denn da sie den Himmel, wo es
ihnen (ihrer eigenen Versicherung nach) so unaussprechlich wohl ging, von freien
Stcken verlassen haben sollten, ist nicht zu vermuthen; wiewohl ich gestehe,
da das Vergngen, womit er sie den Boden der mtterlichen Erde wieder betreten
lt, ein feiner Zug von dem Dichter ist. Soll berhaupt Sinn in dieser Dichtung
seyn, so mte entweder eine innere Nothwendigkeit die Seelen aus dem Himmel
wieder auf die Erde treiben, oder ihre Verbannung mte die Strafe schwerer
Verbrechen seyn, welche sie in jenem herrlichen Zustand begangen htten. Keine
dieser beiden Voraussetzungen steht auf irgend einem festen Grunde, und die
letztere ist sogar mit der Gerechtigkeit der allgemeinen Weltregierung
unvereinbar; denn was knnte ungerechter seyn, als die armen Seelen zu Abbung
begangener Verbrechen in Umstnde zu setzen, wo sie die grte Gefahr laufen
neue Verbrechen zu begehen, welche sie mit einer noch viel hrtern Bestrafung,
nmlich einer tausendjhrigen Peinigung im Tartarus fr jedes derselben, werden
ben mssen? Plato glaubt zwar, sich aus dieser Schwierigkeit durch die
Erklrung zu ziehen, die er seinen Propheten im Namen der Lachesis (warum gerade
dieser?) den versammelten Seelen thun lt. Ihr seyd im Begriff, lt er ihn
(wiewohl in geflissentlich dunkeln und nach Art der Orakel, vieldeutigen
Ausdrcken) sagen, einen neuen Kreislauf unter den Sterblichen zu beginnen.
Nicht das Schicksal wird euch euer Loos anweisen, sondern ihr selbst werdet euer
Schicksal whlen. Wen das Loos zum Ersten erklrt, der soll auch zuerst die Wahl
der Lebensart haben, an welche er nothwendig gebunden bleiben wird. Die Tugend
aber hat keinen Herrn ber sich; je nachdem jemand sie ehrt oder verachtet, wird
er mehr oder weniger von ihr besitzen. Die Schuld wird an dem Whlenden seyn;
Gott hat keine Schuld. - Nach dieser seltsamen Anrede wirft er die Loose auf
die umherstehenden Seelen herab; jede greift nach dem, das ihr zufllt, und itzt
zeigt sich's in welcher Ordnung sie whlen sollen. Nunmehr werden Muster aller
mglichen Lebensformen, thierischer und menschlicher, die im Schoo der Lachesis
beisammen lagen, auf der Erde vor ihnen ausgebreitet, damit jede diejenige
whle, die ihr am besten ansteht. Die Anzahl dieser Lebensformen ist zwar viel
grer als die Zahl der Whlenden; indessen gesteht doch der Erzhler, da die
Seelen, die in der Reihe die letzten sind, gegen die andern sehr zu kurz kommen
und mit dem was noch da ist vorlieb nehmen mssen; eine Unbilligkeit, welche
vermieden werden konnte, wenn, anstatt die Wahl theils auf sie selbst theils auf
den Zufall ankommen zu lassen, ein Gott fr jede gewhlt htte, was fr sie und
andere das Beste gewesen wre. Was diese Unbilligkeit noch hrter macht, ist das
Gesetz, vermge dessen alle diese aus dem Himmel und der Hlle ins irdische
Leben zurckkehrenden Seelen aus dem Lethe zu trinken genthigt sind, dessen
Wasser die Eigenschaft hat die Erinnerung des Vergangenen in der Seele
auszulschen. Natrlicherweise gehen dadurch alle Vortheile verloren, welche sie
aus der Erinnerung der ausgestandenen Strafen oder der genoss'nen Seligkeit, und
aus dem Bewutseyn dessen, womit sie das eine oder das andere in ihrem
vormaligen Leben verdient hatten, zum Behuf des neuangehenden htten ziehen
knnen. Das Uebel wrde zwar, wie er zu verstehen gibt, nicht so gro seyn, wenn
sie (was nur bei Wenigen der Fall zu seyn scheint) weise genug wren, nicht ber
ein gewisses Ma zu trinken: aber da die meisten viel Durst zu haben scheinen,
und daher nicht leicht das rechte Ma treffen, wrde es nicht billig und
freundlich gewesen seyn, ihnen das Wasser der Vergessenheit in einem Becher zu
reichen, der gerade nicht mehr und nicht weniger gehalten htte als ihnen
zutrglich war? So schlecht durch diese Dichtung die Weisheit und Gte des
obersten Weltregierers gerechtfertiget ist, so wenig scheint sie uns auch ber
die Freiheit der Seele, insofern sie neben der Nothwendigkeit bestehen kann, ins
Klare zu setzen. Die Seelen whlen zwar die Bedingungen, unter welchen sie ihr
neues Erdenleben antreten wollen, nach Belieben; aber diese Freiheit ist den
meisten mehr nachtheilig als vortheilhaft, und scheint mehr ein Fallstrick als
eine Wohlthat zu seyn. Der Armenier sah z.B. wie eine Seele (und es war sogar
eine aus dem Himmel wiederkehrende) mit unbegreiflicher Hastigkeit nach einer
Tyrannie griff, auf welche, wenn sie sich nur ein wenig Zeit genommen htte sie
recht anzusehen, ihre Wahl unmglich htte fallen knnen. Dieser Fall mu sehr
oft vorkommen, da es den Seelen, wie es scheint, theils an genugsamer
Bedenkzeit, theils an Einsicht und Unterscheidungskraft fehlt; berdie gesteht
der Dichter selbst, da sehr viel dabei auf den Zufall ankomme, und da die
letzten wenig oder keine Wahl mehr haben. Aber auch ohne die knnen sie ihrem
Schicksal nicht entgehen. Denn sobald sie das, was sie in ihrem neuen Leben seyn
wollen, gewhlt haben, gibt Lachesis jeder einen Dmon zu, der dafr zu sorgen
hat, da alles, was zu ihrem erwhlten Loose gehrt, pnktlich in Erfllung
gehe. So wird z.B. die Seele, welche sich, von der glnzenden Auenseite
verblendet, die Tyrannie gewhlt hatte, erst da es zu spt ist gewahr, da sie
ihre eigenen Kinder fressen, und eine Menge anderer ungeheurer Frevelthaten
begehen werde; sie heult und jammert nun ganz erbrmlich, aber vergebens; ihre
Wahl ist unwiederruflich, und der Dmon, unter dessen Leitung sie steht, wird
nicht ermangeln, alle Umstnde so zu ordnen und zu verknpfen, da die Kinder
gefressen und die Uebelthaten begangen werden, wie gro auch der Abscheu ist,
wovon sie sich itzt gegen die Erfllung ihres Looses durchdrungen fhlt. Alle
brigen Feierlichkeiten, welche vorgehen, indem die Seelen von Lachesis zu
Klotho, von Klotho zu Atropos, und sodann, unter dem Thron der Anangke vorbei,
nach dem Lethischen Gefilde abgefhrt werden, knnen keinen andern Sinn haben,
als die unvermeidliche Nothwendigkeit anzudeuten, die ber ihnen waltet. Der
Profet hat gut sagen, die Tugend sey herrenlos, d.i. frei und unabhngig; was
kann das den armen Seelen frommen, die das Schicksal in Lagen versetzt, worin es
ihnen uerst schwer, wo nicht gar unmglich gemacht wird, zu diesem von Wahn
und Leidenschaft unabhngigen Zustand zu gelangen, der die Bedingung der Tugend
ist? Plato htte also den vermuthlichen Hauptzweck des Mhrchens von dem, was
der Armenier Er in der Geisterwelt gesehen, so ziemlich verfehlt; und, da
berdie seine Bilder, der Erfindung und Darstellung nach, meistens so
beschaffen sind, da keine gesunde Einbildungskraft sie ihm nachmalen kann: so
gestehe ich, wenn jemals darber gestimmt werden sollte, ob die Ilias und
Odyssee seinen poetischen Dialogen in den Schulen Platz zu machen habe, so werde
ich mit meiner Stimme die Mehrheit schwerlich auf seine Seite ziehen.

    Nach dieser langen Reise, die wir machen muten, um unserm dichterischen
Mystagogen durch die verworrenen und immer wieder in sich selbst zurckkehrenden
Windungen seines dialektischen Labyrinths zu folgen, ist wohl, sobald wir wieder
zu Athem gekommen sind, nichts natrlicher als uns selbst zu fragen: was fr
einen Zweck konnte der Mann durch dieses wunderbare Werk erreichen wollen? Fr
wen und zu welchem Ende hat er es uns aufgestellt? War seine Absicht, das wahre
Wesen der Gerechtigkeit aufzusuchen und durch die Vergleichung mit demselben die
falschen Begriffe von Recht und Unrecht, die im gemeinen Leben ohne nhere
Prfung fr cht angenommen und ausgegeben werden, der Ungltigkeit und
Verwerflichkeit zu berweisen: wozu diese an sich selbst schon zu weitlufige
und zum Ueberflu noch mit so vielen heterogenen Verzierungen und Angebuden
berladene Republik, deren geringster Fehler ist, da sie unter menschlichen
Menschen nie realisirt werden kann? Oder war sein Zweck, uns die Idee einer
vollkommenen Republik darzustellen; warum lt er sein Werk mangelhaft und
unvollendet, um unsre Aufmerksamkeit alle Augenblicke auf Nebendinge zu heften,
und uns stundenlang mit Aufgaben zu beschftigen, die nur an sehr schwachen
Fden mit der Hauptsache zusammenhangen? Arbeitete er fr denkende Kpfe und war
es ihm darum zu thun, die Materie von der Gerechtigkeit grndlicher als jemals
vor ihm geschehen war, zu untersuchen, wozu so viele Allegorien, Sinnbilder und
Mhrchen? Schrieb er fr den groen leselustigen Haufen, wozu so viele
spitzfindig tiefsinnige, rthselhafte, und wofern sie ja einen Sinn haben, nur
den Epopten seiner philosophischen Mysterien verstndliche Stellen?
    Soll ich dir sagen, Eurybates, wie ich mir diese Fragen beantworte? Platon
pflegt (wie ich schon oben bemerkte) mit seinem Hauptzweck immer mehrere
Nebenabsichten zu verbinden und scheint sich dazu in dem vorliegenden Dialog
mehr Spielraum genommen zu haben als in irgend einem andern. Da hier sein
Hauptzweck war, die im ersten und zweiten Buch aufgeworfenen Fragen ber die
Gerechtigkeit streng zu bestimmen und aufs Reine zu bringen, leuchtet zu stark
aus dem ganzen Werk hervor, als da ich noch ein Wort dewegen verlieren mchte.
Unlugbar htte er die auf einem andern, als dem von ihm gewhlten - oder
vielmehr erst mit vieler Mhe gebrochenen und gebahnten Wege, leichter, krzer
und grndlicher bewerkstelligen knnen; aber er hatte seine guten Ursachen,
warum er seine Idee einer vollkommenen Republik zur Auflsung des Problems zu
Hlfe nahm. Er verschaffte sich dadurch Gelegenheit, seinem von langem her gegen
die Griechischen Republiken gefaten Unwillen Luft zu machen, den heillosen
Zustand derselben nach dem Leben zu schildern, und, indem er die Ursachen ihrer
Unheilbarkeit entwickelt und mit mehr als Isokratischer Beredsamkeit darstellt,
zugleich nebenher seine eigene Apologie gegen einen fters gehrten Vorwurf zu
machen, indem er den wahren Grund angibt, warum er keinen Beruf in sich fhle,
weder einen Platz an den Ruderbnken der Attischen Staatsgaleere auszufllen,
noch (wenn er es auch knnte) sich des Steuerruders selbst zu bemchtigen. Die
Ausfhrlichkeit der Widerlegung des den Philosophen entgegenstehenden popularen
Vorurtheils und des Beweises da eine Republik nur dann gedeihen knne, wenn sie
von einem chten Philosophen, d.i. von einem Plato regiert werde, spricht laut
genug davon, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen lag, wiewohl ich sehr zweifle,
da er mit der versteckten Apologie seiner politischen Unthtigkeit vor dem
Richterstuhl der Sokratischen Moral auslangen drfte.
    Nchst diesem fllt von allen seinen Nebenzwecken keiner strker in die
Augen, als der Vorsatz, den armen Homer, dessen dichterischen Vorzgen er nichts
anhaben konnte, wenigstens von der moralischen Seite (der einzigen wo er ihn
verwundbar glaubt) anzufechten, und um sein so lange schon behauptetes Ansehen
zu bringen. Da er ihn aus den Schulen verbannt wissen will, ist offenbar genug;
sollte er aber wirklich, wie man ihn beschuldigt, so schwach seyn, zu hoffen da
einige seiner exoterischen Dialogen, z.B. Phdon, Phdrus, Timus und vor allen
der vor uns liegende, mit der Zeit die Stelle der Ilias und Odyssee vertreten
knnten? Wofern ihm dieser Argwohn Unrecht thut, so mu man wenigstens gestehen,
da er durch die episch-dramatische Form seiner Dialogen, durch die vielen
eingemischten Mythen, durch das sichtbare, wiewohl fters (besonders in dem
Mhrchen des Armeniers) sehr verunglckte Bestreben, mit Homer in seinen
darstellenden Schilderungen zu wetteifern, und berhaupt durch seine hufigen
Uebergnge aus dem prosaischen in den poetischen, sogar lyrischen und
dithyrambischen Styl mehr als zu viel Anla dazu gegeben hat. Was aber den
Vorwurf betrifft, er knne den Dialog von der Republik weder fr Philosophen
von Profession noch fr das groe Publicum geschrieben haben, so zweifle ich,
ob er anders zu beantworten ist, als wenn man annimmt, er habe dafr sorgen
wollen, da keine Art von Lesern unbefriedigt von dem geistigen Mahl aufstehe,
wozu alle eingeladen sind, und wobei es mit der Menge und Verschiedenheit der
Gerichte und ihrer Zubereitung gerade darauf abgesehen ist, da jeder Gast etwas
finde, das ihm angenehm und zutrglich sey.

                                       9.



                             Eurybates an Aristipp.

Ich wei nicht ob ich Recht hatte auf deine stillschweigende Einwilligung zu
rechnen, lieber Aristipp; aber ich wrde mich selbst der Undankbarkeit angeklagt
haben, wenn ich das Vergngen und die Belehrung, die mir deine Antiplatonischen
Briefe gewhrten, fr mich allein htte behalten wollen. Ich gestehe dir also,
da ich sie unter der Hand einigen vertrauten Freunden mitgetheilt habe; und da
jeder von ihnen ebenfalls zwei oder drei vertraute Freunde besitzt, so geschah
(was ich freilich voraussehen konnte) da in kurzem eine ziemliche Anzahl
Abschriften in der Stadt herumschlichen, von welchen endlich eine unserm Freunde
Speusipp und sogar dem gttlichen Hierophanten der Akademie32 selbst in die
Hnde gerieth. Da die meisten Stimmen auf deiner Seite sind, wirst du
hoffentlich fr kein Zeichen einer bsen Sache halten. In tausend andern
Hndeln, die zur Entscheidung der Athener gebracht werden, drfte ein solcher
Schlu die Wahrheit selten verfehlen; aber die Mehrheit, die ich hier meine, ist
von besserer Art; denn es versteht sich, da nur die hellesten Kpfe in einer
Sache wie diese ein Stimmrecht haben. Indessen fehlt es unserm Philosophen, der
die Welt so gern allein belehren und regieren mchte, auch nicht an Anhngern,
die sich mit Faust und Ferse fr ihn wehren, und nicht den geringsten der
Vorwrfe, die du ihm gemacht hast, auf ihn kommen lassen wollen. Sogar die
mnnliche Erziehung und Polyandrie seiner Soldatenweiber findet ihre
Vertheidiger, und ich kenne einen gewissen Gleukophron, der ein Gelbde gethan
hat, weder in ein Bad zu gehen, noch seinen Bart zu salben, noch der sen Werke
der goldenen Aphrodite zu pflegen, bis er die geheimnivolle Zahl im achten
Buche herausgebracht habe, wiewohl die Redensart, dunkler als Platons Zahl,
bereits zum Sprchwort in Athen geworden ist, und alle unsre Geometer und
Rechenmeister behaupten, das einzige Mittel sich noch lcherlicher zu machen,
als der Aufsteller dieses arithmetischen Rthsels, sey sich mit der Auflsung
desselben den Kopf zu verwsten. Speusipp, der dir nchstens selbst zu schreiben
gedenkt, zeigte mir unter vier Augen seine Verwunderung, nicht da du so streng
mit seinem Oheim verfhrst, sondern da du dich habest enthalten knnen, ihn bei
einer so guten Gelegenheit nicht mit noch schrferm Salze zu reiben. Er habe
sich nicht wenig gefreut, sagte er, viele seiner eigenen Gedanken ber dieses
sonderbare Werk in deinen Briefen besttiget zu finden, und wenn er etwas an den
letztern tadeln mchte, wr' es blo, da du hier und da eher zu viel als zu
wenig Gutes davon gesagt habest; zumal von der Schreibart, welche, seiner
Meinung nach, nichts weniger als rein Attisch, geschweige musterhaft schn
genennt zu werden verdiene; da sie nicht selten von allzugesuchter Zierlichkeit
und geschwtziger Schnrednerei, noch fter von Heraklitischer Dunkelheit und
von Metaphern, die an einem jungen Nachahmer des Pindar und Aeschylus kaum
ertrglich wren, entstellt werde, und bald bis zur plattesten Gemeinheit
herabsinke, bald wieder in die Wolken steige, um sich in dithyrambischen
Schwulst und Bombast zu verlieren. Doch behauptet er, da seine Fehler meistens
nur von allzu groem Reichthum an Gedanken und einer zu ppig in Ranken, Bltter
und Blumen aufschieenden Phantasie herrhren, und durch groe und erhabene
Schnheiten reichlich vergtet werden. Aber woher kommt es, frage ich, da ein
Leser, der Xenophons Anabasis oder Cyropdie nicht eher aus der Hand legen kann,
bis er nichts mehr zu lesen findet, ber Platons Politeia mehr als einmal
einschlft, oder doch vor Ghnen und Ermdung nicht weiter fort kann? Mir
wenigstens, nachdem deine Briefe mich zu dem heroischen Entschlu gebracht
haben, dieses Meer von Anfang bis zu Ende durchzurudern, ist es unmglich
gewesen anders als nach fnf- oder sechsmaligem Absetzen und gewaltsamen neuen
Anlufen damit zu Rande zu kommen.
    Plato hatte so viel von deiner Beurtheilung des Werks worauf er seine
Unsterblichkeit vornehmlich zu grnden scheint, reden oder vielmehr flstern
gehrt, da er (wie mir Speusippus sagt) endlich neugierig ward, sie selbst zu
sehen. Er durchbltterte das Buch, und sagte, indem er es zurckgab: es ist wie
ich mir's gedacht hatte. - Wie so? fragte einer von den Anwesenden. - Er lobt
(versetzte Plato) wovon er meint er knnt' es allenfalls selbst gemacht haben,
und tadelt was er nicht versteht. Eine kurze und vornehme Abfertigung, flsterte
jemand seinem Nachbar zu; aber eine laute Gegenrede erlaubte der
ehrfurchtgebietende Blick des Gttlichen nicht, und so lie man den unbeliebigen
Gegenstand fallen, und sprach - von dem Thesmophoros des alten Dionysius von
Syrakus, dem die Athener an dem letzten Bacchusfeste, aus Hflichkeit,
Staatsklugheit oder Laune, den tragischen Siegeskranz zuerkannt haben. Da er
ihn verdient haben knnte, mute diesen Tyrannenfeinden ein von aller
Wahrscheinlichkeit gnzlich entfernter Gedanke scheinen, weil auch nicht Einer
darauf verfiel. Bei dieser Gelegenheit erzhlte jemand fr gewi: Dionysius habe
die Schreibtafel des Aeschylus ich wei nicht um wie viel Tausend Drachmen an
sich gebracht, in Hoffnung (setzte der platte Witzling hinzu) es werde so viel
von dem Geiste des Frsten der Tragiker darin zurckgeblieben seyn, da er
nichts als dessen Schreibtafel nthig habe, um Aeschylus der Zweite zu werden.
Er mag sich dessen um so getroster schmeicheln, sagte Plato, da ihm so feine
Kenner des Schnen, als die Athener sind - oder seyn wollen, eine Urkunde
darber zugefertigt haben. - In diesem Ton und in diesem Geiste mssen
vermuthlich alle Handlungen dieses in seiner Art gewi groen Mannes ausgelegt
worden seyn, oder es wre unmglich, da eine bereits dreiigjhrige glckliche
und in so vielen wesentlichen Stcken musterhafte Staatsverwaltung ihm nicht
einen bessern Ruf unter den Griechen erworben htte.
    Ich habe vor kurzem von Kleonidas und Antipater Briefe erhalten, die mir
sehr angenehme Nachrichten von meinem Lysanias und von eurer fortdauernden
Zufriedenheit mit ihm ertheilen. Er selbst fhlt sich so glcklich in eurer
Mitte, und verspricht sich so viel Gutes von seinem Aufenthalt in dem
gastfreundlichen Hause meines Aristipps, da ich kein so geflliger Vater seyn
mte als ich bin, wenn ich ihm seine Bitte um Verlngerung desselben nicht mit
Vergngen zugestnde, insofern er sich nicht zu viel schmeichelt, da er deine
Begnstigung seiner Wnsche fr etwas Ausgemachtes hlt.

                                      10.



                            Speusippus an Aristipp.

Unsre Freundschaft, lieber Aristipp, ist, gleich edlem Wein, alt genug um Strke
zu haben, und wir kennen beide einander zu gut, als da du mir zutrauen
solltest, ich knnte die scharfe Censur, die du in deinen Anti-Platonischen
Briefen an Eurybates ber den neuesten Dialog meines Oheims ergehen lassen, von
einer schiefen Seite angesehen und beurtheilt haben. Ich habe dir nie zu
verheimlichen gesucht, da mich weniger eine natrliche Uebereinstimmung meiner
Sinnesart mit der seinigen, oder Ueberzeugung von der Wahrheit seiner
spekulativen Philosophie, als das enge Familienverhltni, worin ich mit ihm
stehe, zum Platoniker gemacht hat. Er hat sich daran gewhnt, den knftigen
Erben seiner Verlassenschaft auch als den Erben seiner Philosophie zu
betrachten, und ich kann es nicht ber mein Herz gewinnen, ihm einen Wahn zu
rauben, an welchem das seinige Wohlgefallen und Beruhigung zu finden scheint.
Wenn du ihn aus einem so langen und nahen Umgang kenntest wie ich, wrdest du
ihn, denke ich, in mehr als Einer Rcksicht, des Opfers wrdig halten, welches
ich ihm durch diese kleine Heuchelei bringen mu. Im Grunde kann ich mir
ihrentwegen keinen Vorwurf machen, und die nicht blo um der Bewegursache
willen, sondern weil wirklich die Augenblicke ziemlich hufig bei mir sind, wo
ich mich versucht fhle, oder mir wohl gar in vollem Ernst einbilde, das
wirklich zu seyn, was ich zu andern Zeiten nur vorstelle. Wenn ich bei ganz
kaltem Blute in lauter klaren Vorstellungen lebe, denke ich von der Philosophie
meines Oheims nahezu wie du; ich finde sie schwrmerisch, berspannt,
meteorisch, unbegreiflich; seine Ideenwelt scheint mir ein gewaltiges
Hirngespenst33 und sein Auto-Agathon34 eben so undenkbar als ein unsichtbares
Licht oder ein unhrbarer Schall. Aber in andern Stunden, wo mein Gemth zu den
zartesten Gefhlen gestimmt und mein Geist frei genug ist sich mit leichterm
Flug ber die Dinge um mich her zu erheben, zumal wenn ich den wunderbaren Mann
unmittelbar vorher mit der Begeisterung des lebendigsten Glaubens von jenen
bersinnlichen Gegestnden reden gehrt habe, dann erscheint mir alles ganz
anders; ich glaube zu ahnen da alles wirklich so sey wie er sagt; unvermerkt
verwandeln sich meine Ahnungen in Gefhle, und ich finde mich zuletzt wie
genthigt, fr Wahrheit zu erkennen, was mir in andern Stimmungen trumerisch,
lcherlich und bloes Spiel einer bergeschnappten Phantasie zu seyn ducht.
Warum (sage ich mir dann) sollte ein unsichtbares Licht, ein unhrbarer Schall,
nicht unter die mglichen Dinge gehren? Kann nicht beides nur mir und meines
gleichen unsichtbar, unhrbar seyn? Kann die Schuld nicht blo an meiner
Zerstreuung durch nhere Gegenstnde, oder an der Schwche und Stumpfheit meiner
Organe liegen? Scheint nicht dem, der aus einer finstern Hhle auf einmal in die
Mittagssonne tritt, das blendende Licht dichte Finsterni? Oeffnet sich nicht,
wenn alles weit um uns her in tiefer nchtlicher Stille ruht, unser lauschendes
Ohr den leisesten Tnen, die uns unter dem dumpfen Getse des Tages, selbst bei
aller Anstrengung des Gehrorgans, unhrbar blieben? - Soll ich dir noch mehr
bekennen? Diese Schlsse erhalten keine schwache Verstrkung durch eine
Wahrnehmung, die ich oft genug an mir zu machen Gelegenheit habe. Die
Philosophie Platons kommt mir nie phantastischer vor, als wenn ich mich in den
Wogen des alltglichen Leben herumtreibe, oder beim frhlichen Lrm eines groen
Gastmahls, im Theater, oder bei den Spielen reizender Sngerinnen und
Tnzerinnen, kurz berall, wo entweder Verwicklung in brgerliche Geschfte und
Verhltnisse, oder befriedigte Sinnlichkeit, den Geist zur Erde herabziehen und
einschlfern. Wie hingegen in mir selbst und um mich her alles still ist, und
meine Seele, aller Arten irdischer Fesseln ledig, sich in ihrem eigenen Element
leicht und ungehindert bewegen kann, erfolgt gerade das Gegentheil; ich erfahre
alles, von Wort zu Wort, was Plato von seinen unterirdischen Troglodyten
erzhlt, wenn sie ans Tageslicht hervor gekommen und aus demselben in ihre Hhle
zurckzukehren genthigt sind. Alles was mir im gewhnlichen Zustand reell,
wichtig und anziehend scheint, dnkt mich dann unbedeutend, schal, wesenlos,
Tndelei, Traum und Schatten. Unvermerkt ffnen sich neue geistige Sinne in mir;
ich finde mich in Platons Ideenwelt versetzt; kurz, ich bedarf in diesen
Augenblicken eben so wenig eines andern Beweises der Wahrheit seiner
Philosophie, als einer der etwas vor seinen Augen stehen sieht, einen Beweis
verlangt da es da sey.
    Ob nicht in diesem allen viel Tuschung seyn knne, oder wirklich sey, kann
ich selbst kaum bezweifeln: denn wie km' es sonst, da jene vermeinten
Anschauungen keine dauernde Ueberzeugung zurcklassen, und mir zu anderer Zeit
wieder als bloe Trume einer ber die Schranken unsrer Natur hinaus
schwrmenden Phantasie erscheinen? - Und dennoch dnkt mich, die Vernunft selbst
nthige mich zu gestehen, es sey etwas Wahres an dieser bersinnlichen Art zu
philosophiren. Dem groen Haufen, d.i. zehnmal Zehntausend gegen Einen, ist es
freilich nie eingefallen einen Augenblick zu zweifeln, da alles, was ihm seine
wachenden Sinne zeigen, wirklich so, wie es ihm erscheint, auer ihm vorhanden
sey; der Philosoph hingegen findet nichts wunderbarer und unbegreiflicher, als
wie etwas (ihn selbst nicht ausgenommen) da seyn knne. Wie lt sich von einem
Dinge sagen, es sey, wenn man nicht einmal einen Augenblick, da es ist, angeben
oder festhalten kann? Theile die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden
Pulsschlgen nur in vier Theile, und sage mir, welcher dieser fliegenden
Zeitpunkte ist der, worin irgend ein zu dieser Sinnenwelt gehriges Ding
wirklich da ist? Im Nu, da du sagen willst es ist, ist es schon nicht mehr was
es war, oder (was eben dasselbe sagt) ist das Ding, welches war, nicht; aber vor
dem vierten Theil eines Pulsschlags, und vor zehntausend derselben, konnte man
eben dasselbe gegen sein Daseyn einwenden. Es war, es wird seyn, wre somit
alles was sich von ihm sagen liee: aber wie kann man von dem, dessen Daseyn in
irgend einem Moment ich mir nicht gewi machen kann, mit Gewiheit sagen es sey
gewesen? es werde seyn?

    Doch ich will zugeben da die dialektische Spitzfndigkeiten sind, die uns
das zweifache Gefhl, da wir selbst sind und da etwas auer uns ist, nicht
abvernnfteln knnen. Ganz gewi kann dieses Gefhl keine Tuschung seyn: nur
wird das Unbegreifliche in unserm Seyn durch diese Gewiheit nicht aufgelst.
Wir und alle Dinge um uns her befinden uns in einem unaufhrlichen Schwanken -
nicht, wie Plato sagt, zwischen Seyn und Nichtseyn, sondern - zwischen so seyn
und anders seyn. Die wre unmglich, wenn nicht allem Vernderlichen etwas
Festes, Bestndiges, Unwandelbares zum Grunde lge, das die wesentliche Form
desselben ausmacht. Es gibt aber in dieser uns umgebenden Sinnenwelt nichts als
einzelne Dinge, die sich durch alles, was an ihnen vernderlich ist, d.i. durch
alles, was an ihnen in die Sinne fllt, von einander unterscheiden, in ihren
Grundformen hingegen einander mehr oder weniger hnlich sind, und nach dieser
Aehnlichkeit von dem denkenden Wesen in uns in Gattungen und Arten eingetheilt
werden. Gleichwohl sind diese letztern bloe Begriffe, die wir uns von den
wesentlichen Formen der Dinge zu machen suchen, und die zu diesen Formen sich
nicht anders verhalten als wie die Schatten oder Widerscheine der Krper zu den
Krpern selbst. Aber woher kommen uns diese Begriffe? Gewi nicht von den Dingen
der Sinnenwelt selbst, an denen wir nichts, was nicht vernderlich und in einem
ewigen Flu ist, wahrnehmen. Die wesentlichen Formen, wovon sie gleichsam die
Schatten sind, mssen also ein von ihnen und von unsrer Vorstellung unabhngiges
Daseyn haben, und irgendwo wirklich vorhanden seyn. Die sind nun eben diese
Ideen, die in Platons Philosophie eine so groe Rolle spielen, deren Inbegriff
die bersinnliche oder intelligible Welt ausmacht, und denen er (weil wir uns
doch alles, was wirklich ist, nicht anders als in einem Orte denken knnen)
berhimmlische Rume zum Aufenthalt anweiset. Sie sind, nach seiner Meinung (die
ihm geistige Anschauung ist), unmittelbar von der ersten ewigen Grundursache
alles Denkbaren und Wahrhaftexistirenden erzeugt, und waren die Gegenstnde, an
deren Anschauen unsre Seelen sich weideten, bevor die strenge Anangke sie in
diese Sinnenwelt und in sterbliche Leiber zu wandern nthigte. Sie sind aber
auch die Urbilder und Muster, nach welchen untergeordnete Geister aus einem an
sich selbst formlosen und durch seine unbestndige Natur aller Form
widerstrebenden Stoff die Sinnenwelt bildeten, wiewohl es nicht in ihrer Macht
stand, ihnen mehr als den Schein jener ewigen unwandelbaren und in sich
vollkommenen Formen zu geben, der gleichwohl alles ist, was an ihnen reell und
wesentlich genennt zu werden verdient. Von diesem Schein - welcher (wie die
Sonnenbilder im Wasser) gleichsam der Widerschein der mehr besagten Ideen ist,
fhlen sich nun die neuangekommenen Seelen, sobald sie sich aus der Betubung
des Sturzes in die Materie erholt haben, aufs lebhafteste angezogen. Die Meisten
whnen, da die Gegenstnde, die ein dunkles Nachgefhl ihres ehmaligen seligen
Zustandes in ihnen erwecken, das, was sie scheinen, wirklich seyen; sie
berlassen sich also in argloser Unbesonnenheit dem Ungestm der Begierden, von
welchen sie zum Genu derselben angetrieben werden; und was daraus erfolgt, ist
bekannt. Nur sehr Wenige (nmlich, nach Plato, die Philosophen im chten Sinn
des Wortes) sind weise genug, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, sich
aus den Schattenformen, die ihr Verstand in der Sinnenwelt gewahr wird, eine Art
von Stufenleiter zu bilden, und so wie sie sich, von Irrthum und Sinnlichkeit
gereinigt, ber die materiellen Gegenstnde erheben, nach und nach in das reine
Element der Geister emporzusteigen und zu dem was wirklich ist, zu den ewigen
Ideen und dem Auto-Agathon, ihrem Urquell, mit immer weniger geblendeten
Geistesaugen aufzuschauen.
    Hier hast du, in die mglichste Krze zusammengezogen, das Platonische
System oder Mhrchen, wenn du willst, welches - allen meinen nur zu hufigen
Verirrungen und Untertauchungen in den reizenden Schlamm der Sinnenwelt zu Trotz
- so viel Anziehendes fr mich hat, da ich, wofern es wirklich nur ein Mhrchen
seyn sollte, mich wenigstens des Wunsches, da es wahr seyn mchte, und in
meinen besten Augenblicken des Glaubens, da es wahr sey, nicht entbrechen kann.
Ehrlich zu reden, ich kenne kein anderes, woran ich mich fester halten knnte,
wenn mich die nrrischen Zweifel ber Seyn und Nichtseyn anwandeln, die bei
meines gleichen sich nicht immer mit dem Sokratischen was wei ich? oder dem
Aristippischen was kmmert's mich? abfertigen lassen wollen. Verzeih, Lieber,
wenn ich deine Gleichgltigkeit ber diese Dinge auf der unrechten Seite
angesehen haben sollte, und lass' dich meinen kleinen Hang zur Schwrmerei (die,
wie du weit, eben nicht immer die Platonische ist) nicht abschrecken mein
Freund zu bleiben. Lasthenia grt dich und empfiehlt sich dem Andenken ihrer
Musarion. Du wirst es hoffentlich als ein ganz unzweideutiges Zeichen ihrer zur
Reife gediehenen Sophrosyne ansehen, da deine Antiplatonischen Briefe eine
lebhafte und beinahe warme Vertheidigerin an ihr gegen diejenigen gefunden, die
ich wei nicht welche Spuren eines alten Grolls und einer bel verhehlten
Eifersucht darin ausgeschnuppert haben wollen. Denn im Grund ist sie noch immer
eine so eifrige Platonikerin als damals, da sie zu Aegina mit dem kleinen
unbeflgelten Amor am Busen von dir berrascht wurde.

                                      11.



                            Aristipp an Speusippus.

Ich danke dir, lieber Speusipp, fr das sehr angenehme Unterpfand deines
wohlwollenden Andenkens, und fr dein mildes Urtheil von meinen Briefen an
Eurybates, welchen, ducht mich, das Beiwort antiplatonisch nur sehr
uneigentlich gegeben wird, da sie wenigstens eben so viel Lob als Tadel
enthalten, und mit gleichem Recht proplatonisch heien knnten.
    Verschiedenheit der Vorstellungsart wird Mnner nie entzweien, deren
Freundschaft, wie die unsrige, auf Uebereinstimmung der Gemther in allem, was
den Charakter edler und guter Menschen ausmacht, gegrndet ist.
    Der Unterschied deiner und meiner Art ber Platons Philosophie zu denken
scheint mir (den Einflu der nahen Verwandtschaft und anderer Betrachtungen
abgerechnet) hauptschlich in dem Mehr oder Weniger Festigkeit und Ruhe des
Gesichtspunkts gegrndet zu seyn, woraus wir beide berhaupt die Dinge anzusehen
pflegen; aber ich liebe die Aufrichtigkeit, womit du die wahre Ursache deines
noch immer unentschiedenen Schwankens zwischen dem gemeinen Menschensinn und der
philosophischen Mystagogie deines Oheims gestehest, und ich mte mich sehr
irren, oder die Vorliebe, die du zu gewissen Zeiten fr sein System in dir
findest, und die Leichtigkeit, womit du in einer andern Stimmung darber
scherzen und lachen knntest, entspringt aus einer und eben derselben Quelle;
nur da sie in jenem Fall reiner und geistiger, in diesem etwas dicker und
milchartiger fliet.
    Es gibt, wie du weit, angenehme und sogar wohlthtige Tuschungen; aber es
ist immer gut, in allen menschlichen Dingen (unter welche ich auch die
meteorischen und gttlichen rechne) klar zu sehen; zu wissen, wann, wo, und wie
wir getuscht werden, und auf keine Art von Tuschung mehr Werth zu legen als
billig ist. Die Stimmung, in welcher die Platonischen Mysterien so viel Reiz fr
dich haben, und worin das, was sie uns offenbaren, dir wirklich das Innerste der
Natur aufzuschlieen scheint, ist (mit deiner Erlaubni) nur dem Grade nach von
derjenigen verschieden, worin der tragische Pentheus zwei Sonnen und zwei
Theben, oder seine Mutter Agave35 das abgeriss'ne Haupt ihres Sohnes fr den
Kopf eines jungen Lwen ansieht. Die Phantasie ist immer eine unsichere
Fhrerin, aber nie gefhrlicher, als wenn sie sich die Larve der Vernunft
umbindet und aus Principien irre redet. Doch was sage ich von Gefahr? Fr dich,
lieber Speusipp, knnen diese sublimen Trume nichts Gefhrliches haben,
wenigstens so lang' es nur ein lustiges Gastmahl oder einen Ku der Lasthenia
bedarf, um dich aus den berhimmlischen Rumen in deine angeborne Hhle
herabzuzaubern.
    Um so weniger htte ich mir also ein Bedenken darber zu machen, wenn mich
die Lust ankme, das zierliche Gebude von Spinneweben, worein du deine
geliebten Ideen gegen allen Angriff geborgen zu haben glaubst, mit einem
einzigen Hauch umzublasen? - Doch nein! wenn ich auch aus dieser scherzenden
Drohung Ernst zu machen vermchte, wer wollte einem Freund ein harmloses
Spielzeug mit Gewalt aus den Hnden drehen? Alles was ich mir erlauben kann,
ist, dir meine Weise ber diese Dinge zu denken darzulegen, und es dann deinem
eigenen Urtheil zu berlassen, ob du Ursache finden wirst, mich von der
Beschuldigung einer allzugemchlichen Gleichgltigkeit im Forschen nach Wahrheit
loszusprechen.
    Ist es nicht sonderbar, da wir vom Nichts entweder gar nicht reden mssen,
oder uns so auszudrcken genthigt sind als ob es Etwas wre? Freilich sollten
wir, da dem Worte Nichts weder eine Sache noch eine Vorstellung entsprechen
kann, gar kein solches Wort in der Sprache haben. Was ist Nicht-Seyn? Ein
Unding, ein hlzernes Eisen, eine unmgliche Verbindung zwischen Nein und Ja,
kurz etwas sich selbst Aufhebendes. Was ist, ist, und da es nie Nichts seyn
konnte, so liegen in dem Begriff des Seyns alle Arten von Seyn: gewesen seyn,
itzt seyn, knftig seyn, immer seyn, nothwendig enthalten. Mit der
dilemmatischen Formel, Seyn oder Nicht-Seyn ist gar nichts gesagt; hier findet
kein oder statt; Seyn ist das Erste und Letzte alles Fhlbaren und Denkbaren.
Indem ich Seyn sage, spreche ich eben dadurch ein Unendliches aus, das alles was
ist, war, seyn wird und seyn kann, in sich begreift. Indem ich also mich selbst
und die meinem Bewutseyn sich aufdringenden Dinge um mich her, denke, ist die
Frage nicht: woher sind wir? oder warum wir? - sondern das Einzige was sich
fragen lt und was uns kmmern soll, ist was sind wir? Und ich antworte: wir
sind zwar einzelne aber keine isolirten Dinge; zwar selbststndig genug, um
weder Schatten noch Widerscheine, aber nicht genug, um etwas anders als
Gliedmaen (wenn ich so sagen kann) oder Ausstrahlungen (wenn du es lieber so
nennen willst) des unendlichen Eins zu seyn, welches ist, und alles, was da ist,
war, und seyn wird, in sich trgt. Da all unser Denken im Grund entweder auf
Anschauen oder bloes Rechnen mit Zeichen hinausluft, das Unendliche aber sich
weder berschauen noch ausrechnen lt, so bleibt mir, wenn ich mir das wie
meines Daseyns im Unendlichen einigermaen klar zu machen wnsche, kein anderes
Mittel als mir an dem drftigen Begriff gengen zu lassen, den ich durch Bilder
und Vergleichungen erhalten kann; z.B. mit einem Baum oder einem gegliederten
Krper, der aus einer unendlichen Menge von Theilen zusammengesetzt ist, von
welchen jedes seine eigene Art und Weise, Gestalt, Bildung und Einrichtung hat,
aber sich doch nur dadurch in seinem Daseyn erhalten und gedeihen kann, da es
mit dem Ganzen in engester Verbindung steht, und von dem aus demselben und durch
dasselbe strmenden und durch alle Theile sich ergieenden Leben seinen Antheil
empfngt. Jedes Blatt eines Baums ist in dieser Rcksicht zugleich ein kleines
Ganzes und Theil eines grern, des Zweiges, so wie dieser einem Ast, der Ast
(an Strke und Flle der Zweige und Bltter oft selbst ein Baum) dem Hauptstamm
einverleibt ist. Wenn mir diese von materiellen Dingen erborgte Vergleichungen
kein Genge thun wollen, stelle ich mir das unendliche Ist (welches durch das
geheimnivolle Ei im Tempel zu Delphi36 bezeichnet zu seyn scheint) unter dem
Bilde der Seele, und alles was durch und in ihm ist, wie die Gedanken vor,
welche, wiewohl durch die Kraft der Seele erzeugt und gleichsam aus ihr hervor
strahlend, doch weder auer ihr seyn, noch als Bestandtheile von ihr betrachtet
werden knnen. Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken
das groe Geheimni der Natur zu symbolisiren suchen mag, der einzige Gebrauch,
den ich davon mache, ist: die ewige Grundmaxime der chten Lebensweisheit daraus
abzuleiten, die zugleich die Regel unsrer Pflicht und die Bedingung unsrer
Glckseligkeit ist. Denn natrlicher Weise trgt die Ueberzeugung, da ich nur
als Gliedma des unendlichen Eins da seyn, aber auch nie gnzlich von ihm
abgetrennt werden kann, eine zwiefache Frucht: erstens, die feste Gesinnung,
da ich nur durch Erfllung meiner Pflicht gegen das allgemeine sowohl, als
gegen jedes besondere Ganze dessen Glied ich bin, in der gehrigen Unterordnung
des Kleinern unter das Grere, glcklich seyn kann; und zweitens die eben so
feste Gewiheit, da ich, wie beschrnkt auch meine gegenwrtige Art zu
existiren scheinen mag, dennoch als unzerstrbares Glied des unendlichen Eins,
fr Raum und Zeit meines Daseyns und meiner Thtigkeit kein geringeres Ma habe,
als den hermetischen Cirkel - die Unendlichkeit selbst. Ich wei es nicht gewi,
aber ich vermuthe, da sich Plato bei seinem Auto-Agathon ebendasselbe denkt,
was ich bei meinem Unendlichen; wenn man anders bloes Hinstreben nach etwas
Unerreichbarem Denken nennen kann: aber das ist gewi, da ich keinen
speculativen Gebrauch oder Mibrauch davon mache, und mich nur dewegen nicht
bekmmere mehr davon zu wissen, weil ich fhle, da indem ich einen
schwindelnden Blick in diese unergrndliche Hhe und Tiefe wage, ich bereits
ber der Grnze alles menschlichen Wissens schwebe.
    Was Platons Ideen betrifft, so gestehe ich dir unverhohlen, da ich nach
allem was mir seine Dialogen davon geoffenbaret haben, mir keine Idee von ihnen
zu machen wei. Sie sind weder blo gedachte noch personificirte allgemeine
Begriffe; auch sind es nicht die Erscheinungen, die der begeisterten Phantasie
des Dichters, Bildners oder Malers vorschweben, wenn er nach dem Hchsten seiner
Kunst, dem Uebermenschlichen und Gttlichen, nach vollkommner Schnheit, Strke
und Gre ringt. So wie Plato von ihnen spricht, knnen sie nichts dergleichen
seyn, wiewohl ich vermuthe, da du in den Momenten der geistigen Anschauungen,
wovon du sprichst, sie mit jenen verwechselst. Was sind sie also? Ich wei es
nicht; aber das wei ich, da der Platonische Tisch, der weder klein noch gro,
weder rund noch dreieckig, weder von Holz noch von Elfenbein, noch von Gold oder
Silber ist, der nicht dieser oder jener Tisch, sondern der Tisch selber, der
Tisch an sich und das einzige Exemplar seiner Art im Lande der Ideen ist, neben
den knstlichen goldnen Dreifen im Palast des Homerischen Hephstos37 eine
schlechte Figur macht. Wie kommt Plato dazu, da er den abgezogenen Begriffen
von Arten und Gattungen, deren wir Menschen blo als erleichternder und
abkrzender Hlfsmittel zum Denken und Reden benthigt sind, Selbststndigkeit
und wirkliches Daseyn auer uns gibt? Die Natur hat ihm schwerlich dazu
angeholfen; denn sie stellt lauter einzelne Dinge auf, und wei nichts von
unbestimmten Formen, nichts von Krpern, die weder klein noch gro, weder rund
noch eckicht, weder aus diesem noch jenem Stoffe gemacht sind. Sie kennt nur
Aehnlichkeit und Verschiedenheit in unendlichen Graden und Schattirungen; die
Abtheilungen, Einzunungen und Grnzsteine sind Menschenwerk. Der Maulwurf steht
mit dem Elephanten auf eben derselben Linie, wie viel andere Thiere auch
zwischen ihnen stehen mgen, und die Verschiedenheit zwischen einem Elephanten
und einem andern, ist, wiewohl nicht so stark in die Augen fallend, doch nicht
minder gro als die Aehnlichkeit. Weil alles Mgliche wirklich ist, so mu
nothwendig der Unterschied zwischen den Wesen, die einander die hnlichsten
sind, kaum merklich seyn; wir bersehen also das, worin sie verschieden sind,
fassen sie unter dem Begriff einer Art zusammen, und bezeichnen sie mit einem
gemeinsamen Wort. Durch das nmliche Verfahren erhalten wir, indem wir die
hnlichsten Arten unter Ein gemeinschaftliches Wort stellen, den hhern Begriff
der Gattungen. Das Bedrfni einer Sprache, und das Gefhl der Nothwendigkeit,
den auf uns eindringenden Vorstellungen Festigkeit und Ordnung zu geben, nthigt
den Menschen zu dieser ihm natrlichen Anwendung seines Verstandes, und es wre
nicht schwer (wenn es mich nicht zu weit fhrte) zu zeigen, wie es zugeht, da
es ihm unvermerkt eben so natrlich wird, diese Abtheilungen und
Classificationen fr das Werk der Natur selbst zu halten, wiewohl sie nichts
anders als Producte seiner durch den Drang des Bedrfnisses erregten
instinctmigen Selbstthtigkeit sind. - Die hat mich wenigstens eine mige
Aufmerksamkeit auf die Natur gelehrt, und wenn Speculiren um bloen Speculirens
willen meine Sache wre, so dchte ich auf diesem Wege ziemlich weit zu kommen.
Aber ferne von mir sey die Anmaung, dich, mein liebenswrdiger Freund, oder
irgend einen andern Sterblichen von einer Vorstellungsart abzuziehen, die ihm
einleuchtet, wobei er gutes Muthes ist, und wodurch keinem andern Weh geschieht.
Auch die Philosophie ist in gewissem Sinn etwas Individuelles, und fr jeden ist
nur diejenige die wahre, die ihn glcklicher und zufriedner macht als er ohne
sie wre.
    Uebrigens danke ich der schnen Lasthenia, da sie sich ihres entfernten
Freundes so gromthig annimmt, und finde sehr billig, wenn sie (ohne sich des
geheimen Beweggrundes bewut zu seyn) etwas Reelleres in der Welt vorzustellen
wnscht, als ein bloes Schattenbild des Platonischen Urweibes, welches weiter
nichts zu thun hat, als im Lande der Ideen umher zu stolziren, und
zehntausendmal zehntausend Myriaden mchtig von einander abstechender
Weiberschatten auf diese Unterwelt herabzuwerfen; eine Verrichtung, wobei die
Dame, wie gro ihre Selbstgengsamkeit auch seyn mag, endlich doch ziemlich
Langeweile haben drfte, wenn anders ihr prsumtiver Gesellschafter und
Liebhaber, der idealische Urmann, neben seinem eignen gleichen Tagewerk, nicht
noch Mittel und Wege findet, ihr auf eine uns Sterblichen unbegreifliche Weise
die Zeit zu krzen.
    Ich gestehe dir, lieber Speusipp, da ich groe Lust htte, diesen platten
Scherz, seines chten Atticismus ungeachtet, wieder auszustreichen, wenn ich
nicht eine geheime Hoffnung nhrte, da er deinem erhabenen Oheim vielleicht
Anla geben knnte, sich ber die zur Zeit noch unbegreifliche Natur seiner
Ideen etwas deutlicher zu erklren. Denn in der That, wenn er uns nicht mehr
Licht ber diese wunderbaren Wesen zukommen lassen wollte als bisher, htte er
besser gethan, uns gar nichts davon zu offenbaren.

                                      12.



                             Aristipp an Eurybates.

Der angeborne Trieb der streitlustigen Athener fr und wider jede Sache zu
sprechen, und von allem, was ein anderer sagt, stehendes Fues das Gegentheil zu
behaupten, ist durch die berhmten Sophisten, die ehmals eine so gute Aufnahme
bei euch fanden, und seitdem durch Antisthenes, Platon und die brigen
Sokratiker, bei Alten und Jungen aus den hhern Classen euerer Brger dermaen
gebt und in Athem erhalten worden, da es mich nicht wundert, edler Eurybates,
wenn Platons neuester Dialog noch immer, wie du mir schreibst, den meisten Anla
zu den dialektischen Kampfbungen gibt, womit eure vornehmern Miggnger,
whrend des dermaligen Stillstands kriegerischer und politischer Neuigkeiten,
sich einige Unterhaltung zu verschaffen suchen. Da meine Briefe (die nun
einmal, beliebter Krze und Bequemlichkeit halben, Platonisch oder
Antiplatonisch heien mssen) Oel ins Feuer gegossen haben, wrde mir, als einem
der friedfertigsten Menschen unter der Sonne, beinahe leid seyn, wenn du nicht
zu gleicher Zeit den Trost hinzu fgtest, da sie auf der andern Seite nicht
wenig dazu beitragen, die Nachfrage nach dem wundervollsten Werke unsrer oder
vielmehr jeder Zeit allgemein zu machen, und manchen einseitigen Tadler zu
Anerkennung des vielfltigen Verdienstes zu vermgen, welches der Urheber
desselben sich um Athen und die ganze Hellas, ja ich darf wohl sagen, um das
ganze Menschengeschlecht dadurch erworben hat. Denn ich zweifle keinen
Augenblick, es wird so lange leben, als unsre Sprache das Mittel bleiben wird,
die Cultur, die uns so weit ber alle andern Vlker erhebt, nach und nach ber
die ganze bewohnte Erde auszubreiten.
    Auerdem gesteh' ich dir gern, da ich mich nicht wenig geschmeichelt finde,
auch in so groer Entfernung von der schnen Minervenstadt eine Art geistiger
Gemeinschaft mit ihren Bewohnern zu unterhalten, und mich meinen ehmaligen
Freunden und Gesellschaftern zu vergegenwrtigen, indem ich ihnen Gelegenheit
gegeben habe meinen Namen zu nennen und sich so mancher schnen, mir selbst
unvergelichen Stunden zu erinnern, die wir unter dem freiesten Umtausch unsrer
Gedanken und Gefhle, in euern prchtigen Hallen und anmuthigen Spaziergngen,
oder beim frhlichen Mahl und bei thauenden Sokratischen Bechern, so vergnglich
zugebracht haben. Je glcklicher das Gegenwrtige, worin wir leben, ist, um so
angenehmer ist es, den Genu desselben durch die ihm so schn sich
anschmiegenden und darin verschmelzenden Erinnerungen des Vergangenen zu
erhhen, und uns dadurch dem Wonneleben der seligen Gtter zu nhern, deren
Daseyn ein immer whrender Augenblick ist. Warum, ach! warum mu unsre
liebenswrdige Freundin zu Aegina - nicht mehr seyn! Welchen Genu, welche
Unterhaltungen wrden alle diese neuen Erscheinungen, die so viel Reiz fr diese
vorwitzige aber schwer zu tuschende Psyche hatten, ihr und uns durch sie
verschafft haben!
    Unter den vielerlei Problemen, die, wie du sagst, aus Veranlassung meiner
Briefe, eure Philodoxen (wie Plato sie benamset) unter den Propylen oder in den
Schattengngen der Akademie in Bewegung setzen, ist diejenige Frage, worber du
eine nhere Erklrung von mir verlangst, vielleicht die wichtigste, weil sie auf
das praktische Leben mehr Einflu als irgend eine andere zu haben scheint. Du
weit da ich kein Freund von unfruchtbaren Grbeleien bin; aber gewi gehrt
die Streitfrage: wie sich das was ist, zu dem was seyn soll, verhalte? oder,
ob und inwiefern man sagen knne, da das was ist, anders seyn sollte? nicht
unter die Processe um des Esels Schatten; es ist nichts weniger als gleichgltig
fr den sittlichen Menschen, wie sie entschieden wird. Ich bin so weit entfernt
meine Meinung fr entscheidend zu geben, da ich vielmehr berzeugt bin, dieses
Problem knne niemals rein aufgelst werden. Indessen sehe ich nicht, warum ich
Bedenken tragen sollte, dir die Antwort mitzutheilen, die ich mir selbst auf
jene Fragen gebe.
    Da im bloen Seyn (dem ewigen Gegentheil des ewig unmglichen Nichtseyns)
alles Mgliche enthalten sey, ist fr mich etwas Ausgemachtes, an sich Klares
und keines Erweises Bedrftiges. Das was ist, im unbeschrnktesten Sinn des
Worts, ist also das Unendliche selbst, und umfat, nach unsrer Vorstellungsart,
alles was mglich ist, war, und seyn wird. Ich sage nach unsrer Vorstellungsart;
denn im Unendlichen selbst ist weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern ewige
Gegenwart; und eben darum ist es uns unbegreiflich. In dieser Rcksicht kann man
also nicht sagen, da was nicht ist, seyn sollte; denn alles was seyn soll, mu
seyn knnen; und alles was seyn kann, ist.
    Aber wie bringe ich diese unlugbaren Grundstze in Uebereinstimmung mit der
Stimme meiner Vernunft und meines Herzens, die mir tglich sagen, es geschehen
Dinge in der Welt, die nicht geschehen sollten? Brder z.B. sollten nicht gegen
Brder, Hellenen nicht gegen Hellenen zu Felde ziehen, ihre Wohnsitze und
Landgter wechselsweise ausrauben und verwsten, die eroberten Stdte
schwcherer Vlker nicht dem Erdboden gleich machen, die Ueberwundnen nicht mit
kaltem Blute morden, oder auf ffentlichem Markt als Sklaven verkaufen, u.s.w.
Wer erkhnt sich zu lugnen, da die alles nicht seyn sollte? Und gleichwohl
ist es. - Leider! Aber wie knnt' es anders seyn?
    Das Bedrfni unsre Gedanken an Worte zu heften, und die unvermeidliche
Unschicklichkeit, mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu mssen,
deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der Natur der Dinge, sondern blo in
unsrer verworrenen und unvollstndigen Ansicht derselben, und in den
Trugschlssen haben, die wir aus diesen tuschenden Anschauungen ziehen, - diese
Quellen beinahe aller der Irrthmer, Halbwahrheiten und Miverstndnisse, die so
viel Unheil unter den Menschen anrichten - sind auch hier die Ursache eines
Trugschlusses, an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln,
da ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu
werden, wenn ich mich erkhne ihn anzufechten. Indessen, der erste Wurf ist nun
einmal geschehen, und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen mssen.
    Da der Tiger blutdrstig, der Affe hmisch, die Otter giftig ist, da der
Wolf Lmmer stiehlt und der Ilti die Tauben erwrgt um ihre Eier
auszuschlrfen, wer wundert sich darber? Es ist ihre Natur, sagt man, und wie
lstig sie uns auch dadurch werden, fordert doch niemand, da sie anders seyn
sollten als sie sind. Diejenigen, welche behaupten, da die Menschen weiser und
besser seyn sollten, als sie sind, nehmen als Thatsache an, da sie dermalen,
im Ganzen genommen, eine thrichte und verkehrte Art von Thieren sind; Plato
trgt sogar kein Bedenken zu behaupten, es gebe kein Volk in der Welt, dessen
Verfassung, Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben
wren. - Aber es sollte und knnte anders seyn, sagt man. - Allerdings knnte
und wrde es anders seyn, wenn die Menschen vernnftige Wesen wren. - Wie? sind
sie es etwa nicht? Wer kann daran zweifeln? - Ich! - Wenn sie es wren, so
wrden sie anders, nmlich gerade das seyn, was vernnftige Wesen, ihrer Natur
zufolge, seyn sollen. Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner,
die ihr, weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht
tragen wie die eigentlichen Menschen, mit diesen zu vermengen und unter dem
gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt, sind nun einmal
grtentheils (wie ihre ganze Weise zu seyn und zu handeln augenscheinlich
darlegt) alles andre was ihr wollt, nur keine vernnftigen Wesen. Das uerste,
was ich, ohne mich an der Wahrheit zu versndigen, thun kann, ist, ihnen eine
Art von vernunfthnlichem Instinct zuzugestehen, mit etwas mehr Kunstfhigkeit,
Bildsamkeit und Anlage zum Reden, als man an den brigen Thieren wahrnimmt;
Vorzge, wodurch sie einer zwar langsamen, aber doch fortschreitenden
Vervollkommnung fhig sind, deren Grnzen sich schwerlich bestimmen lassen. Die
gibt einige Hoffnung fr die Zukunft. Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen
38 mgen sie, nach zehntausendmaliger Wiederholung der nmlichen Migriffe und
Albernheiten, durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget,
einige Schritte vorwrts gemacht haben, und wenn sie dereinst vllig zur
Vernunft gereift sind, zuletzt so verstndig und gut werden, als sie eurer
Meinung nach bereits seyn sollten; was doch unter allen Bedingungen ihrer
dermaligen Existenz und auf der Stufe von Cultur, worauf sie stehen, keine
Mglichkeit ist. Ihr verget nmlich, da von allem, was wir uns, unter einem
abgezogenen unbestimmten Begriff, als mglich vorstellen, keines eher in die
wirkliche Welt eintreten kann, bis die Ursachen und Bedingungen seiner
Mglichkeit in derselben vollstndig zusammentreffen. Ihr verget, da das, was
itzt ist, aus dem, was zuvor war, hervorgehen mu, und da Jahrtausende nthig
waren, bis an jenen Tigermenschen, Wolf- und Luchsmenschen, Pferde-Stier- und
Eselmenschen u.s.w., welche, als die wahren ursprnglichen Autochthonen, vor
undenklichen Zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten, das Menschliche so viel
Uebergewicht ber die ungeschlachte Thierheit bekam, da es einem Hermes,
Cekrops, Phoroneus, Orpheus, den Kureten, Telchinen, Idischen Daktylen und
ihresgleichen mglich war, sie in eine Art von brgerlicher Gesellschaft zu
vereinigen, sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewhnen, und in den
ersten Anfngen der Knste, die das Leben menschlicher machen, zu unterrichten.
Wer sich die Mhe nehmen mag, den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten
nachzudenken, welche die Vernunft noch itzt, da die sogenannten Menschen sich
aus ihrer ursprnglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange
herausgearbeitet haben, in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften, in ihrer
Geistestrgheit, Sinnlichkeit und thierischen Selbstigkeit zu bekmpfen hat, der
wird sich nicht wundern, da es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht, und wird
nicht schon von der harten und herben grnen Frucht die Weichheit und Sigkeit
der zeitigen verlangen.
    Nun wohl, hre ich sagen, wenn die auch von der grten Mehrheit der
Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten knnte, bleibt darum weniger
wahr, da dieser und jener, oder vielmehr da jeder einzelne Mensch besser seyn
knnte, folglich seyn sollte, als er ist? - Mich dnkt hier ist viel
auseinanderzusetzen. Wenn ich z.B. meinen Sklaven Kappadox aus dem ganzen
Zusammenhang seiner uern Umstnde und aus sich selbst gleichsam heraushebe, so
scheint es allerdings, da er verstndiger, besonnener, geschickter, fleiiger
und bei Gelegenheit etwas nchterner seyn knnte; denn es ist nicht zu lugnen,
da ihm, wiewohl er eben kein bsartiger Menschensohn ist, doch ziemlich viel
fehlt, um fr ein Muster der Sokratischen Sophrosyne zu gelten. Unstreitig lt
sich also nicht nur ein besserer Mensch denken als er; ich glaube sogar zu
begreifen, wie er selbst, unter andern Umstnden, dieser bessere Mensch seyn
knnte. Wenn ich aber berlege, da er ein geborner Cappadocier, unter
ungebildeten Menschen aufgekommen, schlecht erzogen, schlecht genhrt, und nie
zu etwas Besserm als knechtischer Arbeit angehalten worden ist u.s.w., so finde
ich mehr Ursache, mich wundern zu lassen, da er nicht schlechter als da er
nicht besser ist, und ich fordre nicht mehr Weisheit und Tugend von ihm, als ihm
unter allen Bedingungen seiner Existenz zuzumuthen ist. Sollte, was von meinem
Cappadocier gilt, nicht aus gleichem Grunde von jedem gebildeten und
ungebildeten Athener, Thebaner oder Korinthier gelten? - Aber (knntest du mir
einwenden) kommen nicht Flle vor, wo du deinen Sklaven zu einer Pflicht
ermahnest, oder ihm eine Unart verweisest, oder ihn wohl gar krperlich
zchtigen lssest? - Das letztere ist in meinem Hause nicht blich. Wenn einer
meiner Sklaven sich auf einen wiederholten scharfen Verweis nicht bessert, wird
er auf den Markt gefhrt und - nicht fr gut - verkauft. - Du nimmst also doch
die Besserung als etwas Mgliches an? - Warum nicht? Wenn ich ihm einen
mehrmals begangenen Fehler scharf verweise, so geschieht es nicht des begangenen
wegen, denn der ist nun einmal gemacht; aber da der Fall wieder kommen kann,
warum sollt' es nicht mglich seyn, da mein Kappadox, indem er im Begriff ist
dieselbe Snde wieder zu begehen, sich meines Verweises und der angehngten
Drohung erinnerte, und dadurch zurckgehalten wrde? Wo nicht, so wirkt
vielleicht eine derbe Zchtigung, die ihm sein knftiger Herr geben lt; aber
aus beiden Fllen geht weiter nichts hervor, als da ein Mensch, der einer
gewissen Versuchung heute nicht zu widerstehen vermochte, es mit Hlfe eines
strkern Beweggrundes ein andermal vielleicht vermgen wird. Belehrung, Warnung,
Zchtigung, beziehen sich daher immer auf knftige Flle, und sind, insofern,
als mgliche Verbesserungsmittel nicht zu versumen. Denn die Mglichkeit durch
gehrige Mittel unter den erforderlichen Umstnden besser werden zu knnen, ist
unlugbar eine Eigenschaft der menschlichen Natur, wiewohl daraus nicht folgt,
da eben derselbe, der in einer gewissen uern Lage und innern Stimmung etwas
zu thun oder zu unterlassen vermag, auch bei vernderten Umstnden Kraft genug
haben werde, dasselbe zu thun oder nicht zu thun. - Du rechnest also nichts auf
die Kraft eines fest entschloss'nen Willens? - Im Gegentheil, sehr viel. Aber
ein Wille, der zu allen Zeiten jeder Versuchung, jeder Leidenschaft und jeder
Gewohnheit siegreich zu widerstehen vermag, setzt eine groe erhabene Natur
voraus, und kann nicht das Antheil gewhnlicher Menschen seyn. Von diesen zu
fordern, was nach dem Zeugni der Erfahrung nur in sehr seltnen Fllen von den
auerordentlichsten Heroen der Menschheit geleistet worden ist, wre unbillig
und vergeblich. Wir bewundern alle Arten von Helden, aber niemand ist schuldig
ein Held zu seyn, und hrt er auf es zu seyn, wenn er's einst war, was knnen
wir dazu sagen, als da ihn seine Kraft verlassen habe? Er ist in die Classe der
gemeinen Menschen zurckgesunken, und verdient dewegen keine Verachtung,
wiewohl er, als er ein Held war, Bewundrung verdiente. - Du wirst mir einwenden,
die Rede sey nicht von moralischen Heldenthaten, sondern von dem, wozu jeder
Mensch verbunden ist, von der Pflicht gerecht und gut zu seyn; und ich - werde
wiederholen mssen was ich schon gesagt habe: die Vernunft fordert beides, aber
nur von vernnftigen Wesen. Der brgerliche Gesetzgeber scheint zwar diese
Forderung ohne Unterschied an alle Glieder des Staats zu machen; aber im Grunde
rechnet er wenig auf ihre Vernunft; er verlangt nur Gehorsam. Unbekmmert aus
welcher Quelle dieser Gehorsam fliee, glaubt er genug gethan zu haben, indem er
seine Untergebnen durch Strafen von Uebertretung der Gesetze abschreckt.
Indessen zeigt der allgemeine Augenschein wie wenig die hinreicht, und Plato
hat vollkommen Recht, wenn er behauptet, da die Brger eines Staats von
Kindheit an durch zweckmige Veranstaltungen zur Tugend erzogen, d.i.
mechanisch an ihre Ausbung gewhnt werden mssen, und da alle andern Mittel,
wodurch man dem Gesetze Kraft zu geben vermeint, unzulnglich oder unvermgend
sind. So lange diesem Mangel nicht abgeholfen ist, sind Strafgesetze zwar ein
nothwendiges Uebel, aber immer ein Uebel, worber der Weise den Kopf schttelt
und der Freund der Menschheit trauert.
    Aber wir haben es, bei Beantwortung der Fragen ber Seyn und Sollen, nicht
mit Brgern, sondern mit Menschen zu thun, nicht mit einer dialektischen,
geschweige Platonischen Idee der Menschheit, sondern mit den smmtlichen
einzelnen Wesen, welche unter dem allgemeinen Namen Mensch begriffen werden. Von
diesen zu fordern, sie sollten anders seyn als sie sind, - wre die Vernunft nur
dann berechtigt, wenn sie unbillige Forderungen thun knnte. Aber die Vernunft
will nichts als da sie anders werden sollen, und auch die erwartet sie nur von
solchen innern und uern Veranstaltungen, wodurch die Verbesserung mglich
wird: denn sie verlangt nicht (mit dem Sprchwort zu reden), da das Bckchen im
Hofe herum springe bevor die Ziege geworfen hat.
    Ich htte noch mancherlei zu bemerken, wenn ich ins Besondere gehen, und
diese reichhaltige Ader erschpfen wollte. Ich glaube aber meine Gedanken
hinlnglich dargelegt zu haben, um dir klar zu machen, da ich durch meine Art
die Dinge zu sehen hauptschlich den schiefen und unbilligen Urtheilen
(wenigstens bei mir selbst) zuvorkommen mchte, die man tglich ber Personen,
Sachen und Handlungen von Leuten aussprechen hrt, denen nichts recht ist wie es
ist, wiewohl der Fehler blo daran liegt, da sie selbst nicht sind, wie sie
seyn mten, um ber irgend etwas ein unbefangenes Urtheil fllen zu knnen.

                                      13.



                   Lysanias von Athen an Droso, seine Mutter.

Wenn ein Jngling, der so glcklich ist ein Athener und dein Sohn zu seyn, an
irgend einem Ort in der Welt in Gefahr kommen knnte, zu erfahren was den
Gefhrten des edeln Laertiaden39 bei den Lotophagen begegnete,

 Lotos pflckend zu bleiben und abzusagen der Heimath,

so mt' es, denke ich, zu Cyrene im Hause unsers edeln Gastfreundes Aristippus
seyn, wo ich bereits vom dritten Frhling berrascht werde, ohne recht zu
wissen, wie mir so viele Zeit zwischen den Fingern, so zu sagen, durchgeschlpft
ist. Nicht als ob ich mir selbst so Unrecht thun wollte, liebe Mutter, die
Besorgni bei dir zu erregen, da ich sie bel angewandt htte; was freilich bei
den Menschen, mit welchen ich lebe, nicht wohl mglich gewesen wre: aber gewi
ist, ich befand mich von allen Seiten so wohl, hatte so viel zu sehen, zu hren,
zu lernen, zu ben, zu schicken und zu schaffen, und das alles unter dem
mannichfaltigsten Genu immer abwechselnder Vergngungen, da ich mich auch
nicht eines einzigen Tages besinnen kann, der mir nicht zu kurz geducht htte.
    Cyrene ist in der That eine Stadt, die selbst ein geborner Athener schn
finden mu; nicht ganz so gro noch so volkreich als Athen, aber doch beides
genug, um nach Karchedon40 die ansehnlichste Stadt an den Ksten Libyens zu
seyn. Ihre Lage ist sehr anmuthig, noch mehr durch den Flei und Geschmack der
Einwohner als von Natur; denn die Stadt scheint in einem einzigen
unbersehbaren, trefflich angebauten Garten zu liegen. Nichts bertrifft die
Fruchtbarkeit des Bodens; alle Arten von Frchten gelangen hier zu einem Grad
von Vollkommenheit, wovon man in unserm rauhern Attika keinen Begriff hat.
    Die Brger von Cyrene sind berhaupt ein guter Schlag Menschen; eben nicht
so fein geschliffen und abgeglttet als unsre Athener, aber auch nicht so hart,
um so vieler Politur nthig zu haben. Gutmthigkeit, Geflligkeit und Frohsinn
sind ziemlich allgemeine Zge im Charakter dieses Volkes; sie lieben (wie alle
Menschen) das Vergngen, aber mit einer eigenen, in ihrer Sinnesart liegenden
Migung; sie wollen lieber weniger auf einmal genieen, um desto lnger
genieen zu knnen; und die ist vermuthlich die Ursache, warum ich hier so
viele Greise gesehen habe, die mir das Bild des weisen Anakreons, so wie er sich
selbst in seinen kleinen Liedern darstellt, vor die Augen brachten.
    Aristipp und Kleonidas haben unvermerkt auf den Geist und Geschmack ihrer
Mitbrger eine Wirkung gemacht, deren Einflu auf das gesellige Leben, die
ffentlichen Vergngungen und vielleicht selbst auf die bisherige Ruhe dieses
kleinen Staats nicht zu verkennen ist. Auch genieen beide die allgemeine
Achtung ihrer Mitbrger so sehr, da selbst auf mich eine Art von Glanz davon
zurckfllt, und mir als ihrem Freund und Hausgenossen berall mit Auszeichnung
begegnet wird. Ich hoffe mich keiner allzu groen Selbstschmeichelei bei dir
verdchtig zu machen, wenn ich hinzu setze, da die Grazien (denen ich, nach
Platons Rath, fleiig opfre) auch den Cyrenerinnen gnstige Gesinnungen fr mich
eingeflt zu haben scheinen. Man sieht zwar hier, wie zu Athen, die Frauen und
Jungfrauen der hhern Classen nur bei ffentlichen religisen Feierlichkeiten in
groer Anzahl beisammen; aber sobald jemand in einem guten Hause auf dem Fu
eines Freundes steht, erhlt er dadurch auch die Vorrechte eines Anverwandten,
und wird, insofern sein Betragen die von ihm gefate gnstige Meinung
rechtfertigt, von dem weiblichen Theil der Familie eben so frei und vertraut
behandelt als ob er selbst zu ihr gehrte.
    Du zweifelst wohl nicht, liebe Mutter, da ich mir diese Cyrenische Sitte in
dem Hause, worin ich das Glck habe zu leben, aufs beste zu Nutze zu machen
suche, und ich hoffe du wirst dereinst finden, da mir der freie Zutritt, den
ich bei Kleonen und Musarion habe, fr die Ausbildung meines Geistes und mein
Wachsthum in der Kalokagathie, in welcher ich erzogen bin, wenigstens eben so
vortheilhaft gewesen ist, als der tgliche Umgang mit den vortrefflichen
Mnnern, an welche mich mein Vater empfohlen hat. Unlugbar sind diese beiden
Frauen unter den liebenswrdigsten, deren Cyrene sich rhmen kann, eben so
ausgezeichnet als es ihre Mnner unter ihren Mitbrgern sind; und ich gestehe
dir offenherzig, es ist ein Glck fr mich, da ich beide zu gleicher Zeit
kennen gelernt habe, und, da sie beinahe unzertrennlich sind, beide immer
beisammen sehe. Ohne diesen Umstand wrde es mir, glaube ich, kaum mglich
gewesen seyn, ungeachtet sie die Blthenzeit des Lebens bereits berschritten
haben, von der Leidenschaft nicht berwltiget zu werden, welche mir jede von
ihnen, htte ich sie allein gekannt, unfehlbar (wiewohl gewi wider ihren
Willen) angezaubert htte. Du wirst ber mich lcheln, gute Mutter; aber, wie
wunderlich es auch klingen mag, ich schwre dir bei allen Gttern, ich knnte
sie nicht reiner und heiliger lieben, wenn sie meine leiblichen Schwestern
wren; und doch fhle ich zuweilen, da ich in Kleonen, wenn keine Musarion, und
in Musarion, wenn keine Kleone wre, bis zum Wahnsinn verliebt werden knnte.
Blo dadurch, da beide zugleich so stark auf mich wirken, erhalten sie mein
Gemth in einer Art von leiser Schwebung zwischen ihnen, die ich beinahe
Gleichgewicht nennen mchte. Kurz, weil ich beide liebe, so - liebst du keine,
wirst du sagen; und im Grunde glaube ich selbst, da fr diese seltsame Art von
Liebe ein eigenes Wort, das unsrer Sprache fehlt, erfunden werden mte. Was
mich auf alle Flle beruhigt, ist, da ich Aristipp und Kleonidas zu meinen
Vertrauten gemacht habe. Diesem sage ich alles was ich fr seine Schwester,
jenem alles was ich fr Musarion empfinde. Beide sind mit mir zufrieden; sie
selbst sowohl als ihre Frauen gehen mit mir wie mit einem jngern Bruder um, so
unbefangen, so traulich und herzlich, da sie mich unvermerkt gewhnt haben,
mich dafr zu halten. Darf ich dir alles gestehen, meine Mutter? - und warum
sollt' ich nicht, da ich nichts zu bekennen habe, worber ich errthen mte?
Jede der beiden Frauen hat eine Tochter, die ich, wenn sie auch an sich selbst
weniger reizend wren, um der Mutter willen lieben wrde. Aber hier bedarf es
keines solchen Beweggrundes; die Tchter sind in einem so hohen Grade
liebenswrdig, da sogar ihre Mtter (wenigstens in meinen Augen) durch sie
verschnert werden. Melissa, Musarions Tochter, soll an Gestalt und
Gesichtsbildung der berhmten Lais hnlich seyn; und wirklich besitzt Kleone ein
Bild der letztern, worin alle, die es zum erstenmal sehen, Melissen zu erkennen
glauben. Ich selbst wurde beim ersten Anblick getuscht; aber als ich das Bild
genauer mit ihr verglich, sah ich, da Melissa - vielleicht nicht ganz so schn
ist, aber etwas noch sanfter Anziehendes und, wenn ich so sagen kann, dem Herzen
sich Einschmeichelndes hat, welches sie ihrer Mutter hnlicher machen wrde,
wenn es nicht mit den Zgen der schnen Lais so zart verschmolzen wre. Diese
wunderbare Vermischung, wodurch sie, je nachdem man sie von einer Seite ansieht,
bald Musarion bald Lais scheint, gibt ihr etwas so Eigenes, da ihr jede
Vergleichung Unrecht thut; einen Zauber, der mich unwiderstehlich an sie fesseln
wrde, wenn nicht Kleonens leibhaftes Ebenbild, ihre einzige Tochter (einen
holden dreijhrigen Knaben hat ihr Aurora entfhrt41) die liebliche Arete, neben
ihr stnde, und durch die zierlichste Nymphengestalt, und die Vereinigung aller
Grazien der holdesten Weiblichkeit mit dem stillen Ausdruck eines edeln
Selbstgefhls mich etwas empfinden liee, wofr ich keinen Namen habe; eine Art
von Anmuthung, die nichts Leidenschaftliches, aber etwas unbeschreiblich Inniges
hat, und die Gewalt der magischen Reize ihrer schwesterlichen Gespielin so
lieblich dmpft - da ich (wiewohl ohne mein Verdienst) bis jetzt noch immer
Herr von mir selbst geblieben bin, und zwischen Arete und Melissa ungefhr eben
so in der Mitte schwebe, wie zwischen Kleone und Musarion.
    Ich bin es zu sehr gewohnt, nichts Geheimes vor einer so gtigen und
nachsichtvollen Mutter zu haben, als da ich meine Bekenntnisse nicht
vollstndig machen sollte. Da ich die Freundschaft kannte, die schon so lange
zwischen meinem Vater und Aristipp, so wie zwischen dir und Musarion besteht, so
mute der Gedanke an die Mglichkeit einer engern Verbindung unsrer Familien um
so natrlicher in mir entstehen, da ich in den uern Umstnden kein erhebliches
Hinderni sehen konnte. Es zeigte sich aber bald nach meinem Eintritt in das
Aristippische Haus, da Melissa, welche bereits das dreizehnte Jahr zurckgelegt
hat, meinem neuen Freund Kratippus, Aristipps Brudersohne, und die holdselige
Arete, welche vier Jahre weniger als ihre Base hat, von der Wiege an einem Sohne
des Kleonidas zugedacht ist. Ein Glck fr mich, da mir dieses Verhltni,
welches fr die beiden Kinder selbst noch ein Geheimni ist, bei Zeiten entdeckt
wurde. Indessen htte ich die Tochter Kleonens jedem andern streitig gemacht,
als einem Sohn von Musarion und Kleonidas. Ueberdie zeigten mir beide Mtter so
viele Freude an dem Gelingen ihres Plans und an der tglich sichtbarer werdenden
Sympathie ihrer Kinder, da ich eher einen Tempel zu berauben oder mein
Vaterland zu verrathen, als das husliche Glck dieser schnen Seelen zu stren
vermchte. Glaube nicht, ich dnke mir dieser Selbstbezhmung wegen ein groer
Tugendheld; dazu kommt sie mich in der That zu leicht an. Eine Familie wie
diese, worin Mnner, Frauen und Kinder, jedes in seiner Art so uerst
liebenswrdig, alle wie von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt, so
zufrieden, so einmthig, so glcklich in sich selbst und eines in dem andern
sind, werde ich in meinem Leben schwerlich wieder finden. Mir ist ich lebe in
einer kleinen idealischen Republik, worin ich durch den bloen Geist der Liebe
diese reine Zusammenstimmung realisirt sehe, welche Plato in der seinigen
vergebens durch die mhsamsten Anstalten und die unnatrlichsten Gesetze zu
erzwingen hofft. Der mte ein Ungeheuer seyn, der, in der Mitte so edler und
guter Menschen lebend, und so freundlich von ihnen in ihren Kreis aufgenommen,
die Harmonie, die das Glck ihres Lebens macht, durch irgend einen vorsetzlichen
Miklang zu unterbrechen fhig wre!
    Ich kann es mir nicht versagen, liebe Mutter, noch einmal zu Kleonen
zurckzukommen; dieser Einzigen, in welcher alles was ich fr eine Schwester und
Freundin, fr die Gattin des wrdigsten Mannes, und selbst fr eine Mutter
fhlen kann, mit dem, was eine noch junge Frau, die von Aphroditen mit jedem
Reiz und von den Musen mit ihren schnsten Gaben ausgestattet wurde, einem
empfnglichen, aber nicht unbescheidenen Jngling einzuflen vermag, in einer
mir selbst beinahe wunderbaren Mischung zusammenfliet. Zu dem allem kommt noch
zuweilen eine Art von heiligem, ich mchte sagen religisem Gefhl, wie ich
glaube da mir zu Muthe wre, wenn ein berirdisches Wesen in aller Glorie, die
ein irdisches Aug' ertragen kann, aber mit dem Ausdruck von Huld und Wohlwollen,
pltzlich vor mir stnde. Wie oft ist mir in solchen Augenblicken eingefallen,
was Plato in einem seiner Dialogen von der unaussprechlichen Liebe sagt, welche
die Tugend in uns entznden wrde, wenn sie uns in ihrer eigenen Gestalt
sichtbar werden knnte!
    Einer der schnsten und seltensten Zge im Charakter dieses vortrefflichen
Weibes ist die Vereinigung einer immer gleichen Heiterkeit, welche nah an
Frohsinn, selten an Frhlichkeit grnzt, mit einem sanften Ernst, der ber dem
reinen Himmel ihrer Augen wie ein durchsichtiges Silberwlkchen schwebt. Seit
einiger Zeit scheint dieser Ernst zuweilen (doch nur wenn sie unbemerkt zu seyn
glaubt) in ein stilles Brten ber dstern Gedanken bergegangen zu seyn; auch
haben Musarion und ich einander die Wahrnehmung mitgetheilt, da sie, wiewohl in
kaum merklichen Graden, blsser und magerer wird, von den zahlreichen
rauschenden Gesellschaften (die in diesem gastfreien Hause nicht selten sind)
mehr als sonst ermdet scheint, und berhaupt, wo sie kein Aufsehen zu erregen
befrchtet, sich gern ins Einsame zurckzieht. Musarion glaubt in diesen und
andern kleinen Umstnden Zeichen einer langsam abnehmenden Gesundheit
wahrzunehmen, und verdoppelt daher ihre Aufmerksamkeit und Sorgfalt fr die
geliebte Schwester, ohne jedoch weder Aristipp noch Kleonidas in Unruhe zu
setzen, welche, von Kleonens gewohnter Heiterkeit und Munterkeit getuscht, von
allem dem nichts gewahr werden, worber wir selbst uns vielleicht aus allzu
sorglicher Liebe tuschen. Denn manches kann vorbergehende Ursachen haben; und
besonders scheint ihre Liebe zur Einsamkeit eine natrliche Folge davon zu seyn,
da sie sich aus der Bildung der jungen Arete das angelegenste ihrer Geschfte
macht; denn selten oder nie findet man sie ohne ihre Tochter allein.
    Dieser Tage machte mich ein Zufall zum unbemerkten Zeugen einer Scene, die
ein unauslschliches Bild in meiner Seele zurckgelassen hat. Es traf sich da
Aristipp mit einem merkwrdigen Fremden, der sich seit kurzem hier aufhlt,
einen kleinen Abstecher ins Land machte. Da jedes im Hause seinen Geschften
oder Erholungen nachging, lockte mich die Schnheit des Abends bei halb vollem
Mondschein in eine abgelegnere Gegend der Grten die das Landhaus, wo wir uns
aufhalten, umkrnzt. Unvermerkt fhrte mich ein schmaler Pfad in die Nhe eines
kleinen von Cypressen und duftreichen Gebschen eingeschloss'nen, mit Moos
bewachs'nen Platzes, den die elterliche Liebe dem Andenken ihres in der Kindheit
verstorbenen einzigen Sohnes widmete. Selbst ungesehen erblicke ich hier
Kleonen, an den Aschenkrug des kleinen Klearists zurckgelehnt, auf einer Stufe
des marmornen Denkmals sitzen, den Kopf auf den linken Arm gesttzt, die Augen
mit sanft traurigem Lcheln auf den Mond, der so eben ber den Cypressen
aufging, wie auf die Scene einer himmlischen Erscheinung geheftet. Ihr bis zu
den Fen herabgefloss'nes weies Gewand, die Blsse ihres schnen Gesichts, und
die kalte Marmorweie des Arms, worauf sie sich sttzte, das Unvermuthete des
Anblicks, und die schauerliche Stille des Orts, alles vereinigte sich meine
Besonnenheit zu berraschen. Ich glaubte Kleonens Schatten zu sehen und
schauderte zusammen; aber zu allem Glck blieb mir der unfreiwillige Ausruf, der
mir entfahren wollte, in der Kehle stecken. Einen Augenblick darauf hrt' ich
ein Rascheln durchs Gebsch, und die kleine Arete an der Hand ihres vermeinten
Bruders Kallias kam von der andern Seite, mit lautem Rufen, da ist sie! das ist
sie! auf die geliebte Mutter zugeflogen, welche sie schon lange im ganzen Garten
gesucht hatten. Es war ein entzckender Anblick fr mich, wie sie die holden
Kinder, jedes mit Einem Arm umschlingend, an ihren Busen drckte, und wie
schnell das se Muttergefhl fr die Lebenden die kurz zuvor so bleichen
Lilienwangen mit warmen Blut aus dem berwallenden Herzen durchstrmte. Eine
heilige Ehrfurcht hielt mich in den Boden gewurzelt und band meine Zunge. Kleone
stand ohne mich entdeckt zu haben auf, nahm die frhlich hpfenden Kinder an
beide Hnde, und verschwand in wenig Augenblicken.
    Ich werde zwar frei zu dir zurckkehren, liebe Mutter; aber du wirst Mhe
haben in Athen eine Jungfrau zu finden, die mich meiner lieben, wiewohl leider!
nicht fr mich gebornen, Cyrenerinnen vergessen machen knnte.

                                      14.



                       Aristipp an Learchus von Korinth.

Der Syrakusier, der sich seit einiger Zeit bei uns aufhlt, edler Learch, ist
wirklich der nmliche identische Philistus42, von welchem Kundschaft einzuziehen
du von einem Freund in Syrakus ersucht worden bist. Er macht kein Geheimni
daraus; zumal da er nicht unterlassen hatte dem Dionysius schriftlich
anzuzeigen, da er seiner Gesundheit wegen eine Reise nach Rhodus und Kreta, und
von da vielleicht nach Cyrene unternehmen wrde. Da er die Einwilligung des
alten Frsten nicht abgewartet oder vielmehr gar nicht um sie angesucht, kann
ihm nicht zum Vorwurf gereichen: denn der Ort, wo er whrend seiner Verweisung
aus Sicilien leben wolle, war in sein Belieben gestellt; und so gut als er von
Thurium, wo er sich anfangs einige Jahre aufhielt, eigenmchtig nach Adria
ziehen konnte, stand es ihm frei, von Adria nach Rhodus, Cyrene oder Gades zu
gehen, wenn er Lust dazu hatte. Er hat sich selbst dadurch um einige Tausend
Stadien weiter von Syrakus verbannt, aber doch nicht weit genug, da ihn Dionys
nicht finden knnte, wenn er ihn wieder bei sich haben wollte; und ich sehe
nicht, warum sein Besuch bei einem alten Bekannten (der berdie noch von seiner
Jugend her ein erklrter Verehrer der Regierungstalente dieses Frsten ist) ihm
den mindesten Verdacht zuziehen knnte. Mge Dionysius noch lange vor allen
andern Anschlgen so sicher seyn, als vor denen, die in Aristipps Hause gegen
ihn geschmiedet werden!
    Es sind nun ber fnfundzwanzig Jahre, da ich mit Philisten zu Syrakus
(wohin ich, wie du weit, den Sophisten Hippias begleitete) zuflligerweise
bekannt wurde. Damals stand er bei dem sogenannten Tyrannen noch in Gunsten, und
schien Geschmack an mir zu finden: aber weder meine Absichten noch die Krze
meines Aufenthalts gestatteten mir ein nheres Verhltni mit ihm anzuknpfen,
und ich gestehe da ich ihn in der Folge gnzlich aus meinem Gesichtskreis
verlor. Demungeachtet erkannten wir einander wieder, als er vor einigen Monaten
ohne alle Vorbereitung bei mir erschien, und sich mir, unter dem Titel eines
alten Bekannten, als Philistus des Archomenides Sohn von Syrakus ankndigte. Da
er berall im Ruf eines Mannes von Geist und Talenten steht, und unlugbar einer
der vorzglichsten und gebildetsten unsrer Zeitgenossen ist, so wirst du dich
eben so wenig wundern, da er hier allgemeinen Beifall findet, als da sich nach
und nach eine Art von Freundschaft zwischen ihm und mir entsponnen hat, so
vertraut als sie zwischen dem planlosen Weltbrger Aristipp und einem
ehrgeizigen Syrakusischen Eupatriden mglich ist, der (wie es scheint) nie
vergessen wird, da seine Geburt, sein Vermgen, die wesentlichen Dienste, die
er dem Dionysius geleistet und seine Verbindung mit einer Bruderstochter
desselben, ihn zu Erwartungen berechtigten, die mit seiner schon so lange
dauernden Verbannung in einem sehr unangenehmen Miverhltni stehen. Bei allem
dem hat er sich selbst so sehr in seiner Gewalt, da diese unfreiwillige
Auswanderung das Werk seiner eigenen Wahl zu seyn scheint; und allenthalben, wo
die Rede von dem Zustand seines Vaterlandes und der Regierung des Dionysius ist,
spricht er darber so unbefangen mit, da niemand, der von seinen Verhltnissen
nicht genau unterrichtet ist, weder in seinem Ton, noch in seiner Miene das
geringste, was einen Mivergngten verriethe, gewahr werden kann. Da er sich
gegen mich, wenn wir ohne Zeugen von diesen Dingen sprechen, fr jenen Zwang ein
wenig entschdigt, ist natrlich; indessen kann ich dich versichern, er mte
entweder der verdeckteste und undurchdringlichste aller Menschen seyn (was von
einem so feuervollen Sicilier kaum zu glauben steht), oder er ist fest
entschlossen, da alle bisherigen Versuche, den nichts verzeihenden Herrn zu
seiner Zurckberufung zu bewegen, fruchtlos abgelaufen sind, sich nun vollkommen
leidend zu verhalten, und den Zeitpunkt ruhig abzuwarten, der seinem Schicksal
vermuthlich eine andere Wendung geben wird.
    Philist ist ein so angenehmer Gesellschafter, da es nur von ihm abhinge, zu
Cyrene ein so miges und ppiges Leben zu fhren als eure ausgemachtesten
Sardanapale zu Korinth und Syrakus. Er hat aber in seiner Jugend schneller
gelebt als rathsam ist, und scheint nun mit seinem Rest etwas behutsamer
haushalten zu wollen. Er theilt sich nur gerade so viel mit, als nthig ist sich
bei meinen gastfreundlichen Mitbrgern von der ersten Classe in Credit zu
erhalten, und hat die Uebereinkunft mit ihnen getroffen, sich monatlich nicht
mehr als sechsmal einladen zu lassen; so da er, wenn jeder einmal an die Reihe
kommt, gerade ein volles Jahr braucht, um bei allen herumzuzechen. Seine meiste
Zeit bringt er in meiner Akademie zu, wo ich ein eigenes Cabinet fr ihn habe
zubereiten lassen, um in der Nhe der Bibliothek ungestrt an der Fortsetzung
seiner Geschichte von Sicilien arbeiten zu knnen, die seit zwanzig Jahren seine
Lieblingsbeschftigung ist, wiewohl wir sie mehr seiner Verbannung aus dem
schnsten Lande der Welt, als seiner Liebe zur historischen Muse zu danken haben
mgen. Vermuthlich kennst du die neun Bcher dieses Werkes, welche bereits in
den Hnden der Bibliopolen sind, und wovon die beiden letzten die Geschichte der
Regierung des Dionysius von der dreiundneunzigsten bis zur hundertsten Olympiade
enthalten. Man findet, wie ich hre, zu Athen lcherlich, da Philistus, ohne
den Geist, den Scharfblick und die Strke des Thucydides zu besitzen, sich
vermesse, seinen Styl, seine scharfen Umrisse, seine Trockenheit und nervige
Krze, und, wo es ihm damit nicht recht gelingen wolle, wenigstens seine
Dunkelheit nachzuffen. In der Akademie aber soll ihm hauptschlich zum
Verbrechen gemacht werden, da er, wenigstens in den Bchern die den Dionysius
betreffen, die Heiligkeit der Geschichte durch eine vorsetzlich verflschte
Darstellung der Begebenheiten verletzt und allen parasitischen Kunstgriffen
aufgeboten habe, den Lastern des Tyrannen die Farbe der Tugend anzustreichen,
seinen schlechtesten und grausamsten Handlungen edle Beweggrnde und Absichten
unterzulegen, und, kurz, den hassenswrdigsten Unterdrcker seines Vaterlandes
der Nachwelt (wenn anders sein Buch so lange leben knnte) fr das Modell eines
vortrefflichen Frsten aufzuschwatzen. Meiner Meinung nach geschieht Philisten
durch die erstern Vorwrfe weniger Unrecht als durch die letztern. Wenn ich
nicht irre, so hat er in den sieben ersten Bchern, worin er das Denkwrdigste
der Geschichte Siciliens von der fabelhaften und heroischen Zeit an bis auf die
Regierung Gelons und die Wiederherstellung der Oligarchie zusammenfat, mehr den
Herodot, in der Erzhlung der Begebenheiten und Thaten des Dionysius hingegen
mehr den Thucydides zum Muster genommen: da er aber keinen von beiden zu
erreichen vermochte, htte er allerdings besser fr seinen Ruhm gesorgt, wenn er
alles, was ihm das auffallende Ansehen eines Nachahmers gibt, vermieden, und
falls er nicht Kunst genug besa, Herodots naive und angenehm unterhaltende
Darstellungsgabe mit dem tiefblickenden Verstand und der scharfen Urtheilskraft
des Thucydides auf eine ungezwungene, ihm eigenthmlich scheinende Art zu
vermhlen, sich lieber begngt htte, uns seine Geschichten mit Ordnung,
Klarheit und mglichster Anspruchlosigkeit zu erzhlen. Aber um die zu knnen,
ja, um es nur zu wollen, htte Philist - der auch als Geschichtschreiber glnzen
und mit den ersten in diesem Fache wetteifern wollte - nicht Philist seyn
mssen. Wir wollen ihm die nicht zumuthen: aber dafr mag er auch fr alles
ben, was er als Philist sndiget. Leichter und (meiner Ueberzeugung nach) mit
besserm Grunde wird er von dir und mir von dem, was in den Beschuldigungen der
Platoniker das Verhateste ist, losgesprochen werden; denn, so viel ich wei,
sind wir beide ber das, was an dem alten Dionysius zu loben und zu tadeln ist,
ziemlich einverstanden. Der Tyrann (wie er sich nun einmal schelten lassen mu,
da seine Feinde die ffentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen gewut haben)
hat vor vielen Jahren das ungeheure Verbrechen begangen, sich ber den
gttlichen Plato, der ihn auf eine etwas linkische Art zu seiner Philosophie
bekehren wollte, in seiner mitunter ziemlich sarkastischen Manier lustig zu
machen, und, da sein sauertpfischer Verehrer Dion durch eine belverstandene
Zudringlichkeit aus Uebel Aerger machte, den Philosophen allerdings unsanfter
als recht war nach Hause zu schicken. Das konnte freilich nie verziehen noch
vergessen werden! Einer solchen Unthat war nur ein Abschaum der unmenschlichsten
Laster fhig! Die Feinde des Tyrannen konnten ihm nun nachsagen was sie wollten,
das Aergste schien immer das Glaublichste. Mit Einem Worte, Dionysius wurde in
der Akademie zu Athen zum Ideal eines Tyrannen erhoben, und es ist kein Zweifel,
da Plato, indem er im neunten Buch seiner Republik den vollstndigen Tyrannen
mit den hlichsten Zgen und Farben eines moralischen Ungeheuers darstellt, ein
getreues Bild des Dionysius aufgestellt zu haben glaubt. Wir beide, und viele
andre, die, wie wir, weder Bses noch Gutes von diesem Frsten empfangen haben,
wissen indessen sehr gut, wie bertrieben und unbillig der schlimme Ruf ist, den
ihm seine Sicilischen Feinde und die allzuheien Anhnger des gttlichen Plato
unter den brigen Griechen gemacht haben, und um so leichter machen konnten, da
der groe Haufe schon voraus geneigt ist, von jedem, der sich der
Alleinherrschaft ber einen oligarchischen oder demokratischen Staat zu
bemchtigen wei, das Schlimmste zu denken und zu glauben. Dionysius kmpfte
lange gegen dieses allgemeine, und (insofern ein Vorurtheil gerecht genannt
werden kann) nicht ganz ungerechte Vorurtheil. Da aber weder die Befreiung
Siciliens von dem Joch und den Verheerungen der Karchedonier, noch der
Wohlstand, worin sich diese Insel unter seiner Oberherrschaft befindet, und sein
Bestreben jede wesentliche Pflicht eines klugen und thtigen Regenten zu
erfllen, vermgend war, den Mangel eines unbestrittnen Rechtes an die
eigenmchtig aufgesetzte Krone in den Augen der Menge zu rechtfertigen; da ihm
alle seine Verdienste, alle seine Bemhungen, das Vertrauen und die Liebe der
Syrakusier zu gewinnen, nichts halfen, und eine Strenge, die nicht in seinem
natrlichen Charakter ist, endlich das einzige Mittel war, ihm vor den
unermdeten Anfechtungen seiner heimlichen und erklrten Feinde Ruhe zu
verschaffen, kurz da man ihn wider seinen Willen nthigte, seinen bsen Ruf
gewissermaen zu rechtfertigen, und er gern oder ungern den Tyrannen spielen
mute, weil man ihm nicht erlauben wollte ein guter Vlkerhirt zu seyn: ist der
Geschichtschreiber, der seinen Talenten und Verdiensten Gerechtigkeit
widerfahren lt, nicht vielmehr Lobes als Tadels werth? Und wenn er auch das
volle Licht nur auf die schne Seite seines Helden fallen lt, wenn er dem
Zweideutigen die vortheilhafteste Wendung gibt, und wie ein geschickter
Bildnimaler, alles was sein Bild nur verunzieren wrde, entweder ganz verbirgt,
oder wenigstens nach den Regeln seiner Kunst mit schwchern oder strkern
Schatten bedeckt: kann man dem Bildni darum alle Aehnlichkeit absprechen? und
hat der Geschichtschreiber darum allen Glauben verwirkt, weil er uns von einem
der merkwrdigsten Mnner unsrer Zeit, von welchem seine Feinde lauter
grausenhafte und mit der schwrzesten Galle bersudelte Zerrbilder in der Welt
verbreitet haben, blo die glnzende Seite zeigt? Eine vollkommen unparteiische,
weder verschnerte noch absichtlich oder leidenschaftlich verflschte Geschichte
dieses Mannes drfen wir von keinem Zeitgenossen erwarten: aber die Nachwelt
wird das Wahre (wenn es ihr anders darum zu thun ist) desto gewisser zwischen
dem, der zu viel Gutes, und denen, die zu viel Bses von ihm gesagt, in der
Mitte finden knnen.
    Da Philist mir von Zeit zu Zeit ein Stck der Fortsetzung, an welcher er
arbeitet, vorliest, so fehlte es nicht an Gelegenheit, aus seinem eignen Munde
zu hren, was er zu seiner Rechtfertigung gegen die ihm sehr wohl bekannten
Vorwrfe, die man seiner Geschichte macht, vorzubringen hat.
    Glaubst du (sagte er mir einsmals) an eine ganz unparteiische und durchaus
wahre Geschichte von Begebenheiten deren Augenzeugen wir gewesen sind und an
denen wir selbst unmittelbaren Antheil genommen haben? Ich nicht. Gesetzt auch,
was doch selten der Fall ist, der Erzhler habe von Verschweigung oder
Verflschung der Wahrheit weder Vortheil zu hoffen noch Schaden zu befrchten,
und sey fest entschlossen alle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu schreiben;
gesetzt (was wenigstens eben so selten ist) er habe alles, was er erzhlt,
selbst gesehen oder selbst gethan und gelitten, oder doch von vollkommen
glaubwrdigen Personen (dergleichen es vielleicht noch nie gegeben hat) selbst
aufs genaueste erkundiget; gesetzt endlich er sey (was ich geradezu fr
unmglich erklre) in dem, was er von sich selbst zu berichten hat, von allem
Einflu der Eigenliebe und Eitelkeit so frei und rein wie ein noch ungebornes
Kind - alle diese unerllichen und doch kaum irgend einem Sterblichen
zugestndlichen Voraussetzungen als richtig angenommen, stehen uns doch noch
zwei schlechterdings nicht wegzurumende Hindernisse im Wege, um derentwillen es
ewig unmglich bleiben wird, eine ganz wahre, ganz zuverlssige Geschichte einer
Reihe von Begebenheiten und Handlungen, die wir selbst gesehen haben, zu
schreiben. Das erste dieser Hindernisse ist, da es kein Mittel gibt,
unmittelbar in das Innerste der Menschen zu schauen, und die Entstehung ihrer
Gesinnungen und Leidenschaften, Entwrfe und Absichten, und alles was sie sich
selbst von den Beweggrnden und Tendenzen ihrer Handlungen bewut sind, ohne ein
verflschendes Medium in ihrer Seele zu lesen. Aus Mangel eines solchen Sinnes
bleiben die wahren Ursachen der Begebenheiten in ihren reinen Verhltnissen mit
den Wirkungen immer zweideutig und ungewi; das uerlich Geschehene liegt wie
ein unaufgelstes Rthsel vor uns, und der Geschichtschreiber, der den Verstand
seiner Leser zu befriedigen wnscht, sieht sich genthigt zu den Knsten des
Wahrsagers, Dichters und Malers seine Zuflucht zu nehmen. Aber auch ohne dieses
Hinderni wird es ihm schon allein dadurch unmglich ganz wahr zu seyn, da er,
unvermgend sich selbst aus dem festen Punkt seiner Individualitt
herauszurcken, Personen, Handlungen und Ereignisse niemals sehen kann wie sie
sind, sondern nur wie sie ihm, aus dem Gesichtspunkt woraus er sie ansieht,
erscheinen. Ueberzeugt von allem diesem, sagte ich, als ich mich entschlo die
Geschichte des Dionysius zu schreiben, zu mir selbst: da du keine Milesische
Fabel, sondern Dinge, die unter deinen Augen geschahen und bei denen du selbst
keine unbedeutende Rolle spieltest, erzhlen willst, so ist es allerdings deine
Pflicht, so wahrhaft zu seyn als dir nur immer mglich ist; aber zum Unmglichen
bist du nicht verbunden. Du konntest nicht alles sehen, nicht allenthalben seyn;
und wie ernstlich du auch unparteiisch seyn wolltest, du kannst es nicht seyn!
Du bist weder ein Gott noch ein Platonischer Mensch, sondern Philistus,
Archomenides Sohn, ein Verwandter, Freund und Gehlfe des Mannes, dessen
Geschichte du erzhlen willst, und es geziemt dir, die Personen und
Begebenheiten so darzustellen, wie sie dir unter allen den Verhltnissen, worin
du mit ihnen standest, erschienen und erscheinen muten. Nur so kannst du wahr
und mit dir selbst einig seyn, gesetzt auch da du fters getuscht wurdest. Der
unfehlbarste Weg, die Welt mit einer ungetreuen und verschrobenen Erzhlung zu
belgen, wre, wenn du aus dir selbst herausgehen, und, unter dem Vorwand desto
unparteiischer zu seyn, einen Gesichtspunkt, aus welchem du die Dinge nicht
gesehen httest, aber gesehen zu haben schienest, erdichten wolltest. Die,
Aristipp, ist der Kanon, nach welchem ich die Geschichte, ber die so viel
Schiefes und Leidenschaftliches zu Syrakus und Athen gesprochen wird, gearbeitet
habe, und nach welchem allein ich mit Billigkeit beurtheilt werden kann. Auch
keiner meiner Richter ist unparteiisch; er ist, seiner eignen Sinnesart und
Vorstellung zufolge, mehr oder weniger geneigt, den Dionysius und seinen
Geschichtschreiber in einem gnstigen oder ungnstigen Lichte zu sehen; und
diese uns selbst oft verborgene, von den Sachen ganz unabhngige Zu- oder
Abneigung besticht unser Urtheil viel fter als der groe Haufe glaubt. Mein
Wille war, gerecht gegen Dionysius zu seyn; aber da ich ihn liebte und seine
Erhebung zum Theil mein Werk war, so wr' es Vermessenheit, wenn ich lugnen
wollte, da dieser zweifache Umstand gar keinen Einflu auf die Zeichnung,
Frbung und Haltung meines Gemldes gehabt habe: denn wenn ich alles, was in
seinem Charakter und in seinen Handlungen zweideutig ist, zu seinem Vortheil
deutete, glaubte ich auch hierin blo gerecht zu seyn. Uebrigens gestehe ich
zwar, da mir im Schreiben der Gedanke fters kam: Dionysius, wenn er in meiner
Geschichte auch nicht die leiseste Spur einer durch sein hartes Verfahren gegen
mich gereizten Empfindlichkeit entdecken knnte, wrde sich desto eher bewogen
finden, mir seine Gunst und sein Vertrauen wieder zu schenken: aber wenn ich das
Gegentheil auch vorausgesehen htte, wrde ich doch, um meiner selbst willen,
nicht das Geringste gendert oder weggelassen haben.
    Mich ducht, Learch, es ist in dieser Erklrung Philists etwas
Offenherziges, das fr eine Art Ersatz dessen, was seiner Rechtfertigung abgehen
mag, gelten kann. Uebrigens ist, wie gesagt, sein ganzes Betragen so beschaffen,
da ich nichts zu wagen glaube, wenn ich mich, falls es gefordert wrde, dafr
verbrgte, da er mit nichts umgeht, was zu dem mindesten Argwohn Ursache geben
knnte. Wr' es anders, so htte er zu Bearbeitung irgend eines dem Dionysius
unangenehmen Anschlags keinen ungeschicktern Ort als Cyrene whlen knnen. Er
wird, ungeachtet des guten Zutrauens so man ihm zeigt, sehr genau beobachtet,
und es ist den Cyrenern zu viel an ihren Handlungsverhltnissen mit Syrakus
gelegen, als da sie die Gunst eines Frsten, den noch niemand ungestraft
beleidigt hat, um des Philistus willen verscherzen sollten.

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                              Learch an Aristipp.

Ich will dir nicht verbergen, lieber Aristipp, da es (wie du zu vermuthen
scheinst) Dionysius selbst war, von dem ich durch einen Freund in Syrakus
ersucht wurde, mich bei dir nach Philisten zu erkundigen. Wie wenig dieser auch
bisher durch sein Betragen whrend seiner Verbannung aus Sicilien Anla gegeben,
ihm heimliche Anschlge und Vorkehrungen zu einer eigenmchtigen Rckkehr
zuzutrauen, so gewi scheint es doch, da der alte Tyrann (der mit dem
zunehmenden Gefhl der Abnahme seiner Krfte immer mitrauischer und
argwhnischer wird) durch das schnelle Verschwinden Philist's aus Italien und
durch seinen Aufenthalt in einem weit entfernten Freistaat (wo es um so leichter
scheint, die Anstalten zu einer solchen Unternehmung zu verheimlichen) merklich
beunruhigt worden ist; zumal da sein Bruder Leptines zeither neue sehr
ernstliche Versuche gemacht hat, ihn zur Zurckberufung seines Schwiegersohnes
zu vermgen. Mehr bedurfte es nicht, um den Verdacht bei ihm zu erregen, da man
mit einem Entwurf schwanger gehe, dessen Ausfhrung seine Einwilligung
allenfalls entbehrlich machen knnte. Wenn ich den Dionysius recht kenne, ist es
indessen doch weniger die Furcht, da Philist etwas gegen seine Person zu
unternehmen fhig sey, als sein Widerwille, einem so schwer beleidigten
ehmaligen Freund wieder ins Gesicht zu sehen, und wenigstens stillschweigende
Vorwrfe eines kaum verzeihlichen Undanks in seinen Augen zu lesen, was den
stolzen alten Selbstherrscher so unbeweglich gegen die Vorstellungen seines
Bruders und die anhaltenden Bitten der Frauen des Palastes macht. Bei so
bewandten Dingen habe ich fr gut befunden, ihm deinen Brief an mich in der
Urschrift mitzutheilen, um ihn desto eher zu berzeugen, da er sich von dieser
Seite vllig sicher halten knne. Er hat mir eine fr dich und mich sehr
schmeichelhafte Antwort geben lassen; aber da ich meine Absicht nur sehr
unvollkommen erreicht habe, davon werdet ihr in kurzem einen Beweis in der
Erscheinung eines Abgesandten sehen, der bei eurer Republik um die Erlaubni
ansuchen soll, hundert Freiwillige, aber geborne und angesessene Angehrige von
Cyrene, unter sehr annehmlichen Bedingungen zu Vermehrung der Leibwache des
Tyrannen anzuwerben. Da der Abgeordnete neben diesem ffentlichen noch einen
geheimen Auftrag hat, wozu jener nur der Vorwand ist, nmlich Philisten aufs
genaueste zu beobachten, brauche ich dir nicht erst zu sagen; denn auf alle
Flle ist die bisherige Leibgarde stark genug, um durch den Zuwachs von hundert
Cyrenischen Bauerjungen nicht viel furchtbarer zu werden. Inzwischen ist auch
Leptines berall von Spheraugen umringt, und ihm sowohl als allen andern
Syrakusiern ist alle Gemeinschaft mit Philisten von neuem aufs schrfste
untersagt. Dieser wird also wohl thun, sich mehr als jemals ruhig zu verhalten.
Vielleicht ist die Zeit seiner Erlsung nher als er glaubt. Denn die Gesundheit
des Alten soll in so groen Verfall gerathen seyn, da (wie die Rede geht) alle
Kunst der Hippokratischen Schule sein Leben hchstens noch ein paar Jahre
fristen kann, wenn anders seine Leibrzte nicht etwa aus Geflligkeit gegen den
Nachfolger in Versuchung gerathen, es vielmehr abzukrzen als zu verlngern.
Uebrigens kann ich ihm nicht sehr verdenken, wenn er gegen alles, was sich ihm
nhert, immer mitrauischer wird, seitdem die Welt an dem berhmten Thessalier
Jason ein neues Beispiel gesehen hat, wie unsicher das Leben solcher Frsten
ist, die sich, ohne einen andern Titel, als das stolze Gefhl ihrer persnlichen
Ueberlegenheit, aus dem Privatstand auf den Thron geschwungen haben. Seit dem
Peleiden Achilles brachte Thessalien keinen Mann hervor, der wrdiger war ein
Knig zu seyn als Jason; und wenn Dionys ihm auch an den Talenten, die dazu
erfordert werden, gleich oder vielleicht noch berlegen war, so stand er
hingegen an allem, was den Menschen Zutrauen und Liebe abgewinnen kann, desto
weiter unter ihm. Gleichwohl mute der groherzige Jason schon im vierten Jahre
seiner Regierung unter Mrderhnden fallen, und der verhate Dionysius
beherrscht die unlenksamen Sicilier schon im sechsunddreiigsten! Die sollte,
scheint es, diesen sicher machen; aber das Bewutseyn, wie viele Gewalt und
List, welche nie ermdende Wachsamkeit und Anstrengung es ihm gekostet sich so
lange zu erhalten, wirkt gerade das Gegentheil. Diese sich immer auf allen
Seiten vorsehende, allenthalben hinlauschende, argwhnische, berall Gefahr
witternde Aufmerksamkeit ist ihm zur andern Natur geworden; sie besteht sogar
mit der hhnischen faunenhaften Art von lustigmacherischer Laune, die ihm eigen
ist. Daher glaube ich auch, da er bei weitem nicht so unglcklich ist, als
Plato seinen Tyrannen schildert; ungeachtet er das Mitrauen so weit treibt, da
niemand (selbst seinen Bruder und seine Gemahlin nicht ausgenommen) sich ihm
nhern darf, ohne vorher aufs genaueste durchsucht worden zu seyn, und da er
sich in seinen Wohnzimmern blo von zehnjhrigen Kindern in leichtem fliegendem
Gewande, wie unsre Maler die Zephyrn und kleinen Liebesgtter zu kleiden
pflegen, bedienen lt. Diese vorsichtigen Manehmungen mgen nicht ganz
berflssig seyn; ob sie aber auch gegen die Trnkchen seiner Leibrzte helfen
werden, mu die Zeit lehren.
    Was Philists Sicilische Geschichte betrifft, so denke ich, wie du, da ihm
niemand wehren konnte, einen Mann, der von seinen Gegnern vor der ganzen Hellas
verleumdet wird, in eine Beleuchtung zu stellen, worin die groen und guten
Eigenschaften, die ihm seine bittersten Feinde selbst kaum streitig machen
knnen, so stark hervorstechen, da sie eine dem Ganzen vortheilhafte Wirkung
thun. Was ich tadeln mchte, ist blo, da er diese seine Absicht nicht besser
zu verbergen gewut hat. Gern will ich ihm zugeben, da derjenige, der eine
gnzliche Unparteilichkeit fr etwas Unmgliches hlt, nicht verbunden ist, ganz
unparteiisch zu seyn; aber es zu scheinen, liegt allerdings jedem
Geschichtschreiber ob, dem es Ernst ist, die Leser fr seinen Helden zu
gewinnen. Die wei Philistus so gut als ich, und da er demungeachtet den Schein
der Parteilichkeit nicht vermieden hat, so ist ziemlich klar, da er bei
Abfassung seiner Geschichte mehr an Dionysen als an die Leser dachte, und sich
lieber bei diesen in den Verdacht der Schmeichelei setzen, als etwas, das jenem
mifallen knnte, schreiben wollte. Gegen diesen Vorwurf wird er sich schwerlich
rechtfertigen knnen, und was daraus zum Nachtheil seiner Geschichte und seines
Helden gefolgert wird, brauche ich dir nicht erst zu sagen.

                                      16.



                             Antipater an Diogenes.

Mehr als zehn Jahre sind schon verflossen, seit ich mit Aristipp bekannt wurde,
und das Glck hatte, seines Umgangs whrend eines groen Theils dieser Zeit
tglich zu genieen. Ich habe ihn in mancherlei Lagen und Verhltnissen gesehen
und beobachtet; oder, richtiger zu reden, er zeigte sich mir immer so offen,
unzurckhaltend und anspruchlos, da ich, um ihn kennen zu lernen, nichts als
das Paar gesunde Augen brauchte, womit mich die Natur ausgestattet hat. Es mte
also nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich von den Grundstzen, die er in
seinem Leben befolgt (und er hat keine andern) nicht besser unterrichtet seyn
sollte, als Leute die ihn blo von Hrensagen kennen, oder aus einem zuflligen
Umgang und im Flug aufgeschnappten einzelnen Worten ber ihn abzusprechen sich
vermessen.
    Du wirst dich daher nicht wundern, Freund Diogenes, wenn ich dir sage, da
ich nicht ohne Unwillen hren kann, mit welcher Dreistigkeit er noch immer von
einigen Sokratikern, besonders von den eifrigsten Anhngern der Akademie,
ffentlich beschuldigt wird, da er die Grundstze des gemeinschaftlichen
Meisters der Athenischen Schule nicht nur verflsche, sondern sogar das
frmliche Gegentheil derselben lehre und ausbe, indem er die Wollust, und zwar
blo die krperliche oder den groben thierischen Sinnenkitzel, fr das hchste
Gut des Menschen erklre, ausdrcklich behauptend: es gebe kein anderes
Vergngen als die Sinnenlust, und alles brige bestehe blo in leeren
Einbildungen, womit nur Leute sich zu tuschen suchten, denen es an den Mitteln
fehle, sich den wirklichen Genu aller Arten von sinnlichen Vergngungen zu
verschaffen.
    Ich gestehe dir, Diogenes, meine Geduld reit, wenn ich diese alten
abgeschmackten Verleumdungen noch immer von Mnnern, denen der Name Sokratiker
zur Beglaubigung dient, erneuern, und, auf deren Verantwortung, aus so manchen
schnatternden Gnsehlsen und ghnenden Eselskinnladen widerhallen hre; und
mehr als einmal bin ich schon im Begriff gewesen, nach der Aristophanischen
Geiel zu langen und die Thoren ffentlich dafr zu zchtigen, wenn mich nicht
die Achtung fr Aristippen, der keiner Rechtfertigung bedarf, und die Verachtung
seiner Verleumder, die der Zchtigung nicht werth sind, jedesmal zurckgehalten
htte. Indessen kann ich mir doch die Befriedigung nicht versagen, wenigstens
dir, mein alter Freund, wiewohl du es (denke ich) nicht schlechterdings
vonnthen hast, einen Aufschlu ber diese Sache zu geben, der dir begreiflich
machen wird, wie eine so alberne Sage unter den morosophirenden43 Miggngern
und Schwtzern zu Athen entstehen konnte.
    Den ersten Anla mag wohl der starke Abstich gegeben haben, den die
verhltnimig etwas ppige Lebensweise Aristipps mit dem schlechten Aufzug und
der sehr magern Dit der meisten Sokratiker und des Meisters selbst machte, und
der jenen um so anstiger seyn mochte, weil er im ersten Jahre seines Umgangs
mit Sokrates sich ihnen in allem ziemlich gleich gestellt hatte. Indessen war
Aristipp nicht der einzige, der sich auf diese Art auszeichnete; mehrere
begterte Freunde des Weisen lebten auf einem ihrem Vermgen angemessenen Fu,
und er selbst (sagt man) war weit entfernt mit seiner Armuth zu prunken, und
diejenigen mit stolzer Verachtung anzusehen, die nicht, wie er, von einem
Triobolon des Tages leben wollten, weil sie wollen muten. Warum wurde denn
Aristippen allein so bel genommen, was man an andern nicht ungehrig fand? Ohne
Zweifel lag der wahre Grund darin, da Aristipp berhaupt nicht recht zu den
meisten Sokratikern pate, und da er die bald genug gewahr wurde, von Zeit zu
Zeit aus ihrem Kreise heraustrat und sich auch mit andern, die nicht zu ihnen
gehrten, sogar mit einem Hippias und Aristophanes, in freundschaftliche
Verhltnisse setzte. Hierzu kam noch, da er, bei aller seiner Verehrung fr den
Geist und Charakter des Sokrates, eben so wenig zum Nachtreter und Widerhall
desselben geboren war als Plato, und sich eben so wenig verbunden hielt ber
alle Dinge einerlei Meinung mit ihm zu seyn, als sich ihm in seiner
absichtlichen Beschrnkung auf das Unentbehrliche gleich zu stellen. So reizten
z.B. eine Menge wissenschaftlicher Gegenstnde seine Neugier, welche Sokrates
fr unntze Grbeleien erklrte; und so machte er auch kein Geheimni daraus,
da der Attische Weise ihm die eigentliche Lebensphilosophie zu sehr in den
engen Kreis des brgerlichen Lebens und auf das Bedrfni eines Attischen
Brgers einzuschrnken scheine; da er selbst hingegen schon damals Trieb und
Kraft in sich fhlte, einen freiern Schwung zu nehmen, und die Verhltnisse des
Brgers von Cyrene den hhern und edlern des Kosmopoliten, wo nicht aufzuopfern,
doch nachzusetzen.
    Indessen hinderte die alles nicht, da Aristipp, so lange Sokrates lebte,
fr einen seiner Freunde und Homileten44 vom engern Ausschu, und selbst in
Ansehung des Wesentlichsten seiner Philosophie fr einen Sokratiker galt. Als
aber nach dem Tode des Meisters Antisthenes und Plato sich an die Spitze dessen,
was man jetzt die Sokratische Schule zu nennen anfing, stellten, und die Stifter
zweier Secten wurden, welche, ihrer Verschiedenheit in andern Stcken
ungeachtet, darin bereinkamen, da sie gewisse Sokratische Grundbegriffe und
Maximen weit ber den Sinn des Meisters und bis auf die uerste Spitze trieben:
so mute nun, wie Aristipp von seinen langen Wanderungen nach Athen zurckkam
und ebenfalls eine Art von Sokratischer Schule erffnete, nothwendig eine
ffentliche Trennung erfolgen, wobei die Pflichten der Gerechtigkeit und
Anstndigkeit, wenigstens auf Einer Seite, ziemlich ins Gedrnge kamen. Beide,
Plato und Antisthenes, sprachen von allen Vergngungen, woran der Krper Antheil
nimmt, mit der tiefsten Verachtung: dieser, weil er nichts bedrfen fr ein
Vorrecht der Gottheit hielt, und also, nach ihm, der nchste Weg zur hchsten
Vollkommenheit ist, sich, auer dem schlechterdings Unentbehrlichen, alles zu
versagen was zum animalischen Leben gerechnet werden kann; jener, weil er den
Leib fr den Kerker der Seele, und die Ertdtung aller sinnlichen Triebe fr das
krzeste Mittel ansieht, das innere Leben des Geistes frei zu machen, und die
Seele aus der Traumwelt wesenloser Erscheinungen zum unmittelbaren Anschauen des
allein Wahren, der ewigen Ideen und des ursprnglichen Lichts, worin sie
sichtbar werden, zu erheben. Aristipp, dem alles Uebertriebene, Angemate und
ber die Proportionen der menschlichen Natur Hinausschwellende lcherlich oder
widrig ist, mochte sich, als er noch zu Athen lebte, bei Gelegenheit erlaubt
haben, ber diese philosophischen Solcismen45 seiner ehemaligen Lehrgenossen in
einem Tone zu scherzen, den der sauertpfische Antisthenes so wenig als der
feierliche Plato leiden konnte. Beide rchten sich (jeder seinem Charakter
gem, jener gallicht und plump, dieser fein und kaltbltig) durch die
Verachtung, womit sie von dem Manne und seiner Lehre sprachen. Aristippen hie
die Sinnenlust eben sowohl ein Gut als irgend ein anderes; er sah keinen Grund,
warum er es ber diesen Punkt nicht mit dem ganzen menschlichen Geschlecht
halten sollte, welches stillschweigend bereingekommen ist, alles gut zu nennen,
was dem Menschen wohl bekommt; ja er war so weit gegangen, zu behaupten: auch
das geistigste Vergngen sey im Grunde sinnlich, und theile den Organen des
Gefhls eine Art angenehmer Bewegung mit, deren Aehnlichkeit und Verwandtschaft
mit andern krperlichen Wollsten von jedem sich selbst genau beobachtenden
nicht verkannt werden knne. Diese Stze wurden, ohne da man sich auf ihre
Beweise und genauere Errterung einlie, in der Akademie und im Cynosarges fr
beltnend und antisokratisch erklrt; und so erzeugte sich unvermerkt bei
allen, denen Aristipp nicht besser als von bloem Ansehen oder Hrensagen
bekannt war, jene ungereimte Meinung, die ihm und seinen Freunden von den
Anhngern der beiden Tyrannen, die sich damals in die Beherrschung der
philosophischen Republik theilten, den Spitznamen Wollstler (Hedoniker)
zugezogen haben. Das Miverstndni wre leicht zu heben gewesen, oder wrde
vielmehr gar nicht stattgefunden haben, wenn jene Herren nicht so einseitig und
steifsinnig wren, ihre persnliche Vorstellungsart zum allgemeinen Kanon der
Wahrheit zu machen. Die meisten Fehden ber solche Dinge hrten von selbst auf,
wenn die verschieden Redenden vor allen Dingen gelassen untersuchen wollten, ob
sie auch wirklich verschieden denken; und in zehn Fllen gegen einen wrde
sogleich Friede unter den Kmpfern werden, wenn sie anstatt um Worte zu fechten
und in der Hitze der Rechthaberei sich selbst immer rger zu verwickeln, die
Begriffe kaltbltig auseinander setzen und, so weit es angeht, in ihre
einfachsten Elemente auflsen wollten. Daher kommt es ohne Zweifel, da Aristipp
in solchen Fllen immer das allgemeine Wahrheitsgefhl der Zuhrer auf einer
Seite hat. Wie stark auch das gegen ihn gefate Vorurtheil bei einer sonst
unbefangenen Person seyn mag, sobald er sich erklrt hat, wird man entweder
seiner Meinung, oder sieht, da man es bereits gewesen war und sich die Sache
nur nicht deutlich genug gemacht hatte; oder man begreift wenigstens, wenn man
gleich selbst nicht vllig berzeugt ist, wie es zugeht, da andere verstndige
Leute seiner Meinung seyn knnen.
    Mit Plato und Antisthenes hat es nun freilich eine andere Bewandtni. Ihre
Philosophie ist von Aristipps zu sehr verschieden, um eine Vereinigung
zuzulassen. Die seinige begngt sich menschliche Thiere zu Menschen zu bilden -
was jenen zu wenig ist; die ihrige vermit sich Menschen zu Gttern
umzuschaffen, was ihm zu viel scheint. Sie gehen von Begriffen und Grundstzen
aus, die mit den seinigen in offenbarem Widerspruch stehen. Die Fehde zwischen
ihnen kann also nur durch eine Unterwerfung aufhren, zu welcher wohl keine von
den streitenden Mchten sich je verstehen wird. Ich verlange aber auch fr
meinen Lehrer und Freund sonst nichts von ihnen, als nur nicht unbilliger gegen
ihn zu seyn, als er gegen sie ist. Mgen sie doch sein System mit stolzem
Nasermpfen verhhnen, oder mit gerunzelter Stirne verdammen! Nur verflschen
sollen sie es nicht.
    Uebrigens ist bekannt genug, oder knnt' es wenigstens seyn, da Aristipp
nie eine eigene philosophische Secte zu stiften begehrt, und so wenig als
Xenophon oder Sokrates selbst, seine Lebensweisheit jemals schulmig gelehrt
hat. Denn da er vor vielen Jahren, whrend seines letzten Aufenthalts in Athen,
die Philosophie des Sokrates einigen Liebhabern, die sich schlechterdings nicht
abweisen lassen wollten, zu groem Aergerni der brigen Sokratiker, um baare
Bezahlung, unverndert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzuthun, vorgetragen,
gehrt nicht hierher. Er that damit nichts anders, als was ein Maler thut, wenn
er eine mit allem Flei gearbeitete Copei eines berhmten Gemldes eines ltern
Meisters, nicht fr das Urbild selbst, sondern fr das was es ist, fr ein
Nachbild verhandelt. Das, was man seine eigene Philosophie nennen kann, stellt
er weniger in mndlichen und schriftlichen Unterweisungen als in seinem Leben
dar; ob er gleich kein Bedenken trgt, seine Art ber die menschlichen Dinge zu
denken. und die Grnde, die sein Urtheil, es sey nun zum Entscheiden oder zum
Zweifeln, bestimmen, bei Gelegenheit an den Tag zu geben, zumal in
Gesellschaften, die zu einer freien und muntern Unterhaltung geeignet sind.
Unter vertrautern und kampflustigen Freunden lt er sich auch wohl in
dialektische Gefechte ein, wo es oft zwischen Scherz und Ernst so hitzig zugeht,
als ob um einen Olympischen Siegeskranz gerungen wrde; aber auch diese
Spiegelgefechte endigen sich doch immer, wie alle Kmpfe dieser Art billig
endigen sollten: nmlich da die Ermdung der Kmpfer dem Spiel ein Ende macht,
und jeder mit heiler Haut, d.i. mit seiner eigenen unverletzten Meinung davon
geht, zufrieden sich wie ein Meister der Kunst gewehrt zu haben, und die Zuhrer
ungewi zu lassen, welcher von beiden der Sieger oder der Besiegte sey. Ich will
damit keinesweges sagen, da Aristipp von seinem System, in wiefern es ihm
selbst zum Kanon seiner Vorstellungsart und seines praktischen Lebens dient,
nicht wenigstens eben so gut berzeugt sey als Plato von dem seinigen; nur
glaubt er nicht, da eine ihm selbst angemessene Denkweise und Lebensordnung
sich darum auch fr alle andern schicken, oder was ihm als wahr erscheint, auch
von allen andern fr wahr erkannt werden msse.
    Gestehe, Diogenes, da man mit einem so anspruchlosen Geistescharakter eher
alles andere als ein Sectenstifter seyn wird, und da es sogar widersinnisch
ist, denjenigen dazu machen zu wollen, der eben darum, weil er seine Art zu
denken und zu leben unter seine persnlichen und eigenthmlichen Besitzthmer
rechnet, andern nur so viel davon mittheilt, als sie selbst urtheilen, da ihnen
ihrer innern Verfassung und ihren uerlichen Umstnden nach zutrglich seyn
knne.
    Uebrigens sehe ich nicht, warum er nicht eben so gut als andere berechtigt
wre, seine Grundbegriffe fr allgemein wahr und brauchbar zu geben. Was er
unter jener, seinen Tadlern so unbillig verhaten Hedone (welche, nach ihm, das
Wesen der menschlichen Glckseligkeit ausmacht) versteht, ist nicht Genu
wollstiger Augenblicke, sondern dauernder Zustand eines angenehmen
Selbstgefhls, worin Zufriedenheit und Wohlgefallen am Gegenwrtigen mit
angenehmer Erinnerung des Vergangenen und heiterer Aussicht in die Zukunft ein
so harmonisches Ganzes ausmacht, als das gemeine Loos der Sterblichen, das
Schicksal, ber welches wir gar nichts - und der Zufall, ber den wir nur wenig
vermgen, nur immer gestatten will. Ist etwa die Eudmonie der andern Sokratiker
im Grunde etwas anders als ein solcher Zustand? Warum hlt man sich, anstatt
sich um Worte und Formeln zu entzweien, nicht lieber an das, worin alle
bereinkommen? Wer wnscht nicht so glcklich zu seyn als nur immer mglich ist?
Und, wie verschieden auch die Quellen sind, woraus die Menschen ihr Vergngen
schpfen, ist das Vergngen an sich selbst nicht bei allen eben dasselbe? Warum
soll es Aristippen nicht eben so wohl als andern erlaubt seyn, Worte, die der
gemeine Gebrauch unvermerkt abgewrdigt hat, wieder zu Ehren zu ziehen und z.B.
die schuldlose Hedone, wiewohl sie gewhnlich nur von den angenehmen Gefhlen
der Sinne gebraucht wird, zu Bezeichnung eines Begriffs, der alle Arten
zusammenfat, zu erheben? Da durch einen weisen Genu alle unsrer Natur gemen
Vergngungen, sinnliche und geistige, sich nicht nur im Begriff, sondern im
Leben selbst sehr schn und harmonisch vereinigen lassen, hat Aristipp noch mehr
an seinem Beispiel als durch seine Lehre dargethan. Seine Philosophie ist eine
Kunst des Lebens unter allen Umstnden froh zu werden, und blo zu diesem Ende,
sich von Schicksal und Zufall, und berhaupt von aller fremden Einwirkung so
unabhngig zu machen als mglich. Nicht wer alles entbehren, sondern wer alles
genieen knnte, wr' ein Gott; und nur, weil die Gtter das letztere sich
selbst vorbehalten, den armen Sterblichen hingegen ber alle die Uebel, welche
sie sich selbst zuziehen, noch so viel Noth und Elend von auen aufgeladen haben
als sie nur immer tragen knnen, nur aus diesem Grund ist es nothwendig, da der
Mensch entbehren lerne was er entweder gar nicht erreichen kann, oder nur durch
Aufopferung eines grern Gutes sich verschaffen knnte.
    Doch ich sehe, da ich mich unvermerkt in Errterungen einlasse, die zu
meiner Absicht sehr entbehrlich sind. Denn es versteht sich, da ich dich nicht
zur Philosophie Aristipps bekehren, sondern nur geneigt machen mchte, dich des
Charakters eines Mannes, den ich als einen der edelsten und liebenswrdigsten
Sterblichen kenne, bei Gelegenheit mit so viel Wrme, als deiner wohlbekannten
Kaltbltigkeit zuzumuthen ist, gegen seine unbilligen Verchter anzunehmen. Ich
befriedige dadurch blo mein eigenes Herz; Aristipp wei nichts von diesem
Briefe, und scheint sich berhaupt um alles, was seine ehemaligen Mitschler von
ihm sagen und schreiben, wenig zu bekmmern. Indessen nhrt er doch fr die
Athener noch immer eine Art von Vorliebe, die ihn ber ihre gute oder bse
Meinung von ihm nicht so ganz gleichgltig seyn lt als er das Ansehen haben
will. Zuweilen wenn die Rede von den Albernheiten, Unarten und Verkehrtheiten
ist, wodurch sie ehemals dem Witz ihres Aristophanes so reichen Stoff zu
unerschpflichen Spttereien und Neckereien gegeben haben, sollte man zwar
meinen, er denke nicht gut genug von ihnen, um sich viel aus ihrem Urtheil zu
machen: aber im Grund entspringt sein bitterster Tadel blo aus dem Unmuth eines
Liebhabers, der sich wider seinen Willen gestehen mu, da seine Geliebte mit
Mngeln und Untugenden behaftet ist, die es ihm unmglich machen sie hoch zu
achten, und worin sie sich selbst so wohl gefllt, da keine Besserung zu hoffen
ist.
    Ich hre, da du seit dem Tode des alten Antisthenes nach Athen
zurckgekehrt seyest, um, wie man sagt, von seiner Schule im Cynosarges Besitz
zu nehmen, da du itzt als das Haupt der von ihm gestifteten Secte betrachtet
werdest. Ich kenne dich zu gut, Freund Diogenes, um nicht zu wissen, wie die zu
verstehen ist. Du wirst so wenig als Sokrates und Aristipp in dem gewhnlichen
Sinn des Worts, an der Spitze einer Schule oder Secte stehen wollen, und deine
Philosophie lt sich so wenig als die ihrige durch Unterweisung lernen. Aber
die Athener bedrfen deines scherzenden und spottenden Sittenrichteramts mehr
als jemals; und wenn gleich wenig Hoffnung ist, da du sie weiser und besser
machen werdest, so kann es ihnen doch nicht schaden, einen freien Mann, dessen
smmtliche Bedrfnisse auf einen Stecken in der Hand und eine Tasche voll
Wolfsbohnen am Grtel eingeschrnkt sind, unter sich herum gehen zu sehen, der
sie alle Augenblicke in den Spiegel der Wahrheit zu sehen nthigt, und ihnen
wenigstens das tuschende Vergngen des Wohlgefallens an ihrer eignen -
Hlichkeit mglichst zu verkmmern sucht. Wenn deine Gegenwart endlich ihnen,
oder ihre unheilbare Narrheit dir, gar zu lstig fiele, so wirst du die Arme
deiner Freunde in Korinth immer wieder offen finden; und sollte dich zuletzt die
ganze Hellas nicht mehr ertragen knnen, so lass' dich irgend eine freundliche
Nereide an die Kste Libyens zu deinem Antipater geleiten, der die Tage, die er
in seiner Jugend mit dir verlebte, und die traulichen Wallfahrten nach dem
Eselsberg, und die Schwimmpartien nach dem Inselchen Psyttalia, immer unter
seine angenehmsten Erinnerungen zhlen wird.

                                      17.



                             Diogenes an Antipater.

Weder der hoffrtige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen, noch ein
Cynischer Trieb die Laster und Thorheiten der edeln Theseiden anzubellen, hat
mich von Korinth nach Athen zurckgerufen, Freund Antipater. Die bloe Neigung
zur Vernderung, die dem Menschen so natrlich ist - wr' es nur um sich selbst
eine Probe seiner Freiheit zu geben - ist allein schon hinlnglich eine so
unbedeutende Begebenheit zu erklren; wenn auch der Reiz, womit Pallas Athene
ihren Lieblingssitz vor allen andern Stdten der Welt so reichlich begabt hat,
fr einen Weltbrger meiner Art weniger Anziehendes htte als fr andre
Menschen. Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu, ohne welchen
ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen htte, meinem lieben Miggang zu
Korinth - wo sich, Dank sey den Gttern! schon lange niemand mehr um mich
bekmmert, und meinem kleinen sonnichten Winzerhttchen (seines Umfangs wegen
mein Fa genannt), aus bloem Muthwillen zu entsagen.
    Wisse also, mein Lieber, da ich vor einiger Zeit, zuflligerweise, mit
einem jungen Thebaner in Bekanntschaft gerieth, der mit der vollstndigsten
Auenseite des Homerischen Thersites eine so schne Seele und eine so
frohsinnige Unbefangenheit verbindet, da der tugendhafteste aller Pderasten,
Sokrates selbst, seinem bekannten Vorurtheil fr die krperliche Schnheit zu
Trotz, sich in ihn verliebt htte, wenn er dreiig bis vierzig Jahre frher zur
Welt gekommen wre. Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich hliche
Migestalt vor die Augen gekommen, und es sollte sogar dem sauertpfischen
Heraklites kaum mglich gewesen seyn, ber den komischen Ausdruck, womit alle
Theile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen, nicht zum erstenmal in
seinem Leben zu lcheln. Glcklicherweise fr den Inhaber dieser seltsamen Larve
leuchtet dem, der ihm herzhaft ins Gesicht schaut, ich wei nicht was fr ein
unnennbares Etwas entgegen, welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung
einflt, und einen jeden, dem es nicht gnzlich an Sinn fr die energische
Sprache, worin eine Seele die andere anspricht, fehlt, in wenig Augenblicken mit
der Ungereimtheit seiner Gestalt und Gesichtsbildung ausshnt.
    Ich wei nicht wie es zuging, da er, ohne an den Fransen meines ziemlich
abgelebten Mantels Ansto zu nehmen, nicht weniger Geschmack an meiner Person zu
finden schien als ich an der seinigen. Genug, wir fhlten uns gegenseitig von
einander angezogen, und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft
gelegt, welche vermuthlich lnger dauern wird als unsre Mntel. Krates (so nennt
sich mein junger Botier) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes, der
sein Leben unter rastlosen Anstrengungen, Sorgen und Entbehrungen mit der edeln
Beschftigung zugebracht hat, sein Vermgen alle zehn Jahre zu verdoppeln; und
der nun, da ihm nchst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das
Glck seines Sohnes, alles Mgliche thut, um diesen zu eben derselben
Lebensweise, in welcher er das seinige gefunden, anzuhalten. Zu groem Schmerz
des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu, da,
im Gegentheil, unter allen mglichen Dingen, womit der menschliche Geist sich
befassen kann, die Rechentafel ihm gerade das verhateste ist; und nur aus
Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjhrigen Vater, - der zwar noch immer
wachend und schlafend auf seinen Geldscken zhlt und rechnet, aber nicht Krfte
genug brig hat, seinen Geschften auer dem Hause nachzugehen - unterzieht er
sich den Auftrgen, womit ihn der Alte berhuft, um ihm keine Zeit zu solchen
Beschftigungen zu lassen, die in seinen Augen nichts als zeitverderbender
Miggang sind. Der Auftrag, eine alte Schuld zu Korinth einzufordern, gab
indessen Gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft, welche Krates als den einzigen
wahren Gewinn betrachtete, den er von dieser Reise mit nach Hause bringe.
Wirklich fhlte er sich stark versucht die Rckreise gar einzustellen, und ich
mute alle meine Macht ber sein Gemth aufbieten, um ihn zu bewegen, da er die
Ausfhrung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben mchte,
als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war. Vor kurzem
berichtete mich mein junger Freund, da der Tod des Alten ihm endlich die
Freiheit gegeben habe, seiner Neigung zu folgen, und seinen Geist aller der
schweren Gewichte zu entledigen, die ihm, so lange er sie an sich hangen htte,
den reinen Genu seines Daseyns unmglich machten. Er habe, um der verhaten
Last je eher je lieber los zu werden, bereits seine ganze Erbschaft, die sich
auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe, mit Vorbehalt dessen, was er
etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nthig haben knnte, unter
seine Verwandten und Mitbrger ausgetheilt, und sey nun im Begriff, Athen -
wofern ich mich entschlieen wrde, es mit dem ppigen und geruschvollen
Korinth zu vertauschen - oder, widrigenfalls, das letztere, wiewohl ungern, zu
seinem knftigen Aufenthalt zu whlen.
    Was dnkt dich von diesem jungen Menschen, Antipater? Hier ist mehr als
Antisthenes und Diogenes, mehr als Plato und Aristipp, nicht wahr? - Ich gestehe
dir unverhohlen, htte mich die wackelkpfige Gttin Tyche nicht, sehr gegen
meinen Willen, um mein vterliches Erbgut betrogen, ich wrde so wenig als
Aristipp daran gedacht haben, mir diese Last, die mir ehemals sehr ertrglich
vorkam, vom Halse zu schaffen. Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben
nicht bel nehmen, wenn er von den Gtern, die ihm das Glck freiwillig zuwirft,
einen zugleich so edeln und so angenehmen Gebrauch macht, wie Aristipp. Eben so
wenig soll es dem von Kindheit an zur Drftigkeit gewohnten Antisthenes, oder
dem Sinopenser, den der Zufall um sein Vermgen brachte, zu einem groen
Verdienst angerechnet werden, da sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben,
als Karren schieben, rudern, oder das schmhliche Parasiten-Handwerk treiben
wollten. Auch Plato hat sich wenig auf eine Gengsamkeit einzubilden, die ihm
das Glck, unabhngig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben, und die erste
Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der ffentlichen Meinung verschafft
hat. Aber, wie Krates, in dem Alter, wo alle Sinnen nach Genu drsten, die
Mittel zu ihrer vollstndigsten Befriedigung, die uns das Glck mit
Verschwendung aufgedrungen hat, von sich werfen, und jedem Anspruch an alles,
was dem groen Haufen der Menschen das Begehrenswrdigste scheint, von freien
Stcken entsagen, um sich mit vlliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu
ergeben: die, dnkt mich, ist etwas bis itzt noch nie Erhrtes, und setzt einen
Grad von Heldenmuth und Strke der Seele voraus, den ich um so
bewundernswrdiger finde, da derjenige, der sich zu einem solchen Opfer
entschliet, zum voraus gewi seyn kann, von der ganzen Welt (den Diogenes
vielleicht allein ausgenommen) fr den Knig aller Narren erklrt zu werden. -
Und das mit Recht, hre ich dich sagen; denn was sollte aus den Menschen werden,
wenn der Geist, der diesen jungen Schwrmer so weit aus dem gewhnlichen Gleise
treibt, in alle Kpfe fhre, und die Begriffe und Grundstze, nach welchen er
handelt, allgemein wrden? - Auf alle Flle etwas Besseres als sie itzt sind,
antworte ich, und getraue mir's von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so
stattlichen Grnden zu behaupten, als die, womit uns Plato beweiset, da ein
Staat nicht eher gedeihen knne, bis er von lauter Philosophen regiert werde.
Leider hat die Natur selbst dafr gesorgt, da es mit den Menschen nie so weit
kommen wird, und die Freunde des dermaligen Weltlaufs knnen sich, der Gefahr
halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu
besorgen ist, ruhig auf die Ohren legen. Sie ist desto geringer, da du ihm
wirklich groes Unrecht thust, wenn du ihn fr einen Schwrmer hltst. Er ist
vielmehr der ruhigste, besonnenste, heiterste Sterbliche, der mir je vorgekommen
ist; und wie auerordentlich sein Verfahren auch immer seyn mag, so fllt
wenigstens das Wunderbare weg, wenn ich dir sage, da nebst einem sehr kalten
Temperament, die von Kindheit her gewohnte beinahe drftige Lebensart im
vterlichen Hause, eine durch beides ihm zur andern Natur gewordene
Gleichgltigkeit gegen alle Vergngungen der Sinne, und eine noch tiefer
liegende Verachtung der Urtheile des groen Haufens, der einen Menschen nicht
nach seinem persnlichen Gehalt, sondern nach dem Gewichte der Attischen
Talente, die er werth ist, zu schtzen pflegt, - da, sage ich, das alles nicht
wenig zu der Entschlieung beigetragen habe, sich eines ihm wirklich mehr
berlstigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen. Denn was htte er, der von
drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war, mit dreihundert Talenten anfangen
sollen, da es seine Sache nicht war, nach dem Beispiel seines Vaters
sechshundert daraus zu machen? Von allem, wozu der Reichthum seinen Besitzern
gut ist, hatte er entweder keine Kenntni, oder keinen Sinn dafr. Gnzliche
Unabhngigkeit und sorgenfreie Mue war schon damals, da ich ihn zuerst kennen
lernte, das hchste Gut in seinen Augen: und so ging es, dnkt mich, ganz
natrlich zu, da der Umgang mit deinem Freund, Diogenes, in sehr kurzer Zeit
tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte; da die Harmonie der
Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von
ihm zu trennen erzeugte, und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte
Ueberzeugung, da es keinen glcklichern Menschen gebe als den Diogenes, und da
er zufriedener mit seinem Loose sey als zehntausend vermeinte Glckliche mit dem
ihrigen, seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab. Ich
denke du wirst die desto begreiflicher finden, Antipater, da du noch nicht
vergessen haben kannst, wie wenig ehemals daran fehlte, da du selbst den
Cynischen Mantel und Schnappsack bergeworfen httest, wenn nicht, glcklicher
Weise fr dich, der Genius Aristipps den Reizungen der zuthulichen Nymphe Penia,
unsrer Schutzgttin, das Gegengewicht gehalten htte. Denn nicht alles, was dem
einen gut ja sogar das Beste ist, ist es darum auch dem andern; und ich bin
ziemlich gewi, da unsre Lebensweise, sobald der Ehrenpunkt, nicht in
Widerspruch mit dir selbst zu gerathen, jede andere unmglich gemacht htte, dir
nicht halb so wohl bekommen wre als meinem Thebaner - wiewohl es ein launisches
Ding um den Menschen ist, da ich mich nicht dafr verbrgen mchte, da Krates
selbst, wie glcklich er sich gegenwrtig auch in seinem neuen Gtterleben
fhlt, auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sey.
    Ich bin mit deinem Freund Aristipp, wie in vielem andern, auch darin
einverstanden, da jeder Mensch, sobald er Verstand genug hat eine Philosophie,
d.i. eine mit sich selbst bereinstimmende Lebensweisheit nach festen
Grundstzen, zu haben, in gewissem Sinn seine eigene hat. Das was den
Unterschied macht, ist nicht die Richtung: wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel
los. Eudmonie ist der Preis, nach welchem wir ringen; und wie gern der stolze
Plato (der, wenn's mglich wre, gar nichts mit uns andern gemein haben mchte)
sich auch die Miene gbe, als ob das bersinnliche Anschauen der formlosen
Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agathon, ohne alle andere
Rcksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sey, so soll er mich doch nicht
bereden, da sie es auch dann noch seyn wrden, wenn er sich in diesen -
geistigen oder phantastischen? - Anschauungen nicht glcklicher fhlte als in
jedem andern Genu seiner selbst. Der Unterschied wird also in dem Wege und den
Mitteln bestehen. Wir Cyniker z.B. whlen uns, mehr oder weniger freiwillig, den
krzesten Weg, unbekmmert da er ziemlich rauh und steil ist und hier und da
von Disteln und Dornhecken starrt. Aristipp whlte sich einen weitern, aber
ungleich ebenern und anmuthigern Weg, nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen
oder jenen Abweg zu gerathen, der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn
mehr oder minder schwer machen knnte. Andere haben sich zwischen diesen beiden,
oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen, mehrere Mittelstraen gebahnt.
Plato nimmt den seinigen sogar, wie Ikarus, durch die Wolken; unlugbar der
sanfteste und nchste, wenn es nicht der gefhrlichste wre. Noch verschiedener
sind die Mittel, wodurch jeder auf seinem Wege sich zu erhalten und zu frdern
sucht. Tausend innere und uere, zufllige und persnliche Umstnde,
Temperament, Erziehung, geheime Neigungen, Verhltnisse, kurz das Zusammenwirken
einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflssen auf
Verstand und Willen, ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben
(wenn ich so sagen kann) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit (ich erkenne
keine Philosophie die nicht Ausbung ist) im Leben einzelner Personen darstellt,
und worin eben das Eigenthmliche derselben besteht. Denn, wie gesagt, im
Hauptzweck, und selbst in solchen Mitteln, welche, als zu jenem unentbehrlich,
selbst wieder zu Endzwecken werden, stimmen alle berein. Von dieser Art ist
z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft, ohne welche
schlechterdings keine Eudmonie denkbar ist. Alle Philosophen, von Thales und
Pythagoras an, bekennen sich zu diesem Grundsatz: aber wie weit gehen sie wieder
aus einander, sobald es zur Anwendung kommt! Wir knnen von den Wahnbegriffen,
Phantomen und Vorurtheilen, die unsern Verstand benebeln und irre fhren, nur
durch die Wahrheit frei werden. Aber was ist Wahrheit? Der eine behauptet die
Ungewiheit aller Erkenntni; ein anderer erklrt alle sinnlichen Anschauungen
und Gefhle fr Tuschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer
bersinnlichen Ideenwelt; ein dritter lt im Gegentheil keine Erkenntni fr
zuverlssig gelten, die uns nicht durch die Sinne zugefhrt und durch die
Erfahrung besttiget wird, u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der
Herrschaft der Triebe und Leidenschaften. Der eine will alle Begierden an die
Kette gelegt, und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen; ein anderer
lt nur die reinen Naturtriebe gelten, und verwirft alle durch Verfeinerung und
Kunst erzeugten Neigungen; ein dritter will die natrlichen Triebe und
Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt, sondern blo gemildert,
verschnert, und durch die Musenknste mit Hlfe der Philosophie in die
mglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen. Alle diese Verschiedenheiten
sind in der Ordnung, so lange die Leute keine Secten stiften wollen. Jeder hat
fr seine eigene Person Recht; aber sobald sie mit einander hadern, und sich um
den ausschlielichen Besitz der Wahrheit, wie Hunde um einen fetten Knochen,
herum beien, dann haben sie alle Unrecht; - und in diesem einzigen Punkt
wenigstens ist Diogenes, der mit niemand um Meinungen hadert, vollkommen gewi
da er Recht hat.
    Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen, denen dieser Name in der
eigentlichsten Bedeutung zukommt, so klein, da wahrscheinlich unter der ganzen
brigen Menschenmasse manche seyn mssen, die an Sinnesart,
Gemthsbeschaffenheit und uerlichen Umstnden mit irgend einem von jenen mehr
oder weniger bereinstimmen. Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen
gleichsam als den Reprsentanten einer ganzen Gattung46, und indem ich annehme,
da seine Philosophie einer Anzahl ihm hnlicher Menschen als Ideal oder Kanon
ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar seyn knne, berechne und schtze
ich hiernach ungefhr den verhltnimigen Nutzen, den sie der Menschheit etwa
schaffen knnte. So kann z.B. meiner demthigen Meinung nach, die Platonische
Philosophie nur solchen Menschen verstndlich seyn und wohl bekommen, denen zu
einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und
Scharfsinn und eine nicht gemeine Cultur mit vlliger Freiheit von Geschften zu
Theil wurde, d.i. sehr wenigen. Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick
weit mehrern angemessen zu seyn: aber sie macht aus dem Wohl leben (aus dem, was
sie Hedone nennt und worber ich deinen Freund nie anfechten werde) eine so
schne und zugleich so schwere Kunst, da, meines Bednkens, nur ein besonders
begnstigter Liebling der Natur, der Musen und des Glcks (schier htte ich auch
noch die schne Lais hinzugesetzt) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen
hoffen darf. Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art
von Schwrmern ist, so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die
Lebensweisheit aller Eupatriden und Begterten seyn; auf diese Weise wrde die
Schwrmerei unschdlich, Geburtsadel und Reichthum sogar liebenswrdig werden.
Aristipps Philosophie, zum Niebrauch solcher Leute, die das Glck vergessen
oder bel behandelt hat, herabgestimmt, wrde sich der Cynischen nhern, nach
deren Vorschriften jeder glcklich leben kann, der in einem Staat, wo er als
Brger keinen Anspruch an die hhern und eigentlichen Vortheile des politischen
Vereins machen will oder zu machen hat, wenigstens den Genu seiner
Menschheitsrechte in Sicherheit bringen mchte. Um ein Cyniker zu seyn, braucht
man nichts als ein bloer Mensch zu seyn; mit so wenig Zuthaten und Anhngseln
als mglich, aber freilich ein edler und guter Mensch; und eben darum wird unser
Orden, dem ersten Anschein zu Trotz, immer nur zwei oder drei Mitglieder auf
einmal zhlen. Sollte er (was die Gtter verhten mgen!) jemals zahlreich
werden, so knnt' es nur dadurch mglich seyn, da seine Glieder den Geist
desselben gnzlich verlren, und blo das Costum, die Sprache und die brigen
Formen des Cynism zur Hlle und Larve der verchtlichsten Art von Schmarotzerei
und Miggang herabwrdigten. Ein chter Cyniker kann, vermge der Natur der
Sache, nicht anders, als eine Seltenheit seyn; und von einem Cyniker wie Krates
wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen.
    Die rein Sokratische Philosophie, welche, allen Stnden, Lagen und
Verhltnissen gleich angemessen, dem Staat edle Menschen und gute Brger bildet,
wird also, die Wahrheit zu sagen, immer die gemeinntzigste unter allen, die aus
ihr hervor gegangen, bleiben; und wehe der, die sich's nicht zur Ehre schtzt
ihre Tochter zu heien, und einer solchen Mutter wrdig zu seyn! So viel, Freund
Antipater, auf deine eigene Veranlassung davon, wie ich ber Aristipp und seine
Philosophie und die andern Masken denke, in welchen sich die
menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen lt. Lebe
wohl, und sorge ja dafr, da keine Abschriften von diesem langen Briefe
genommen werden. Die Leute knnten sonst denken, ich habe ein Buch schreiben
wollen, und das mchte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen.

                                      18.



                             Aristipp an Learchus.

Wiewohl ein Mann wie Philistus keiner Empfehlung an dich bedarf, so halte ich
mich doch versichert, da der Titel meines Freundes, den er von Cyrene mit sich
nimmt, ihm in den Augen meines Learchs ein Recht zu einer desto geflligern
Aufnahme geben werde, da er auf seiner Rckreise nach Syrakus etliche Tage zu
Korinth auszurasten gesonnen ist.
    Was du, dem seine Verhltnisse bekannt sind, vorausgesehen hast, ist durch
das endlich erfolgte Ableben des alten Dionysius eingetroffen. Es war eine der
ersten Handlungen seines Nachfolgers, den so lange aus seinem Vaterlande
verbannten Gemahl der Nichte seines Vaters zurck zu berufen, und ihn um so
dringender zu Beschleunigung seiner Reise einzuladen, je unentbehrlicher ihm,
wie er in seinem Schreiben sagt, die Gegenwart und Untersttzung eines so
verdienstvollen und so nahe mit ihm verbundenen Mannes in seiner neuen Lage sey.
Es wre kein schlimmes Zeichen da es dem jungen Dionysius, seiner sehr
vernachlssigten Erziehung ungeachtet, nicht ganz an Anlage zu einem guten
Frsten fehle, wenn er die Nothwendigkeit, sich der Leitung eines weisen
Rathgebers zu bergeben, wirklich so lebhaft fhlte, als er in seinem sehr wohl
gesetzten Schreiben ausdrckt; es ist aber ziemlich klar, da ihm ein anderer
bei dieser Gelegenheit seinen Kopf und seine Hand geliehen hat. So viel sich aus
einzelnen, wiewohl nicht immer zuverlssigen Nachrichten von diesem Sohn und
Erben des sogenannten Tyrannen muthmaen lt, scheint keine groe Hoffnung zu
seyn, da er die unruhigen und schwer zu zgelnden Syrakusaner mit der
unbeschrnkten Regierung eines Einzigen grndlich ausshnen werde. Nur allzu
wahrscheinlich kann man sich zu ihm aller Ausschweifungen versehen, zu welchen
ein feuriges Temperament einen im Frauengemach und unter Sklaven aufgewachsenen
Jngling hinzureien pflegt, der sich aus dem strksten Druck pltzlich auf den
Knigsstuhl erhoben, im Besitz eines von seinem Vorfahrer vierzig Jahre lang
zusammengehuften Schatzes, und von Schmeichlern und Parasiten umschwrmt sieht,
deren Interesse ist, unter der Larve einer grnzenlosen Anhnglichkeit an seine
Person, seine unaufhrlich von ihnen gereizten und befriedigten Leidenschaften
zu Werkzeugen der ihrigen zu machen. Unter einem schwachen Frsten regieren
gewhnlich die schlechtesten Menschen; und da Dionysius, trotz seiner
krperlichen Strke ein sehr schwacher Knig seyn werde, davon sind bereits
Vorbedeutungen genug vorhanden. Der einzige, den er scheut und der ihn, eine
Zeitlang wenigstens, zurckhalten wird, ist sein Oheim und Schwager Dion,
bekanntlich ein schwrmerischer Verehrer Platons, der keine groe Mhe gebraucht
haben mag, ihn zu berzeugen, da Syrakus nicht eher wohl regiert seyn werde,
bis es einen Philosophen zum Regenten habe. Zum Unglck fehlt es diesem Dion,
bei allem Schein von Weisheit und Tugend den er von sich wirft, gar sehr an
allen Eigenschaften, wodurch man sich andern, zumal einem jungen Knig der das
Vergngen und die Freude liebt, angenehm und liebenswrdig machen kann; und, was
noch schlimmer ist, ich frchte sehr, da er selbst etwas mehr Tyrannenblut in
den Adern hat, als seine Lobredner in der Akademie sich gern gestehen mgen. Wie
dem auch sey, der junge Frst befindet sich dermalen zwischen dem strengen,
Ehrfurcht gebietenden und scharf ber den Grundstzen der Platonischen Republik
haltenden Dion, und dem schlauen, gewandten, allgeflligen Gesindel seines Hofes
in einer zwang- und peinvollen Klemme. Diese sehen, da er nicht Muth genug hat,
das Joch, das ihm jener ber die jungen Hrner geworfen, abzuschtteln; und das
dringende Bedrfni, dem majesttischen Dion einen Mann von Gewicht entgegen zu
stellen, ist es ganz allein, was sie genthiget hat, mit vereinten Krften auf
die schleunigste Zurckberufung des Philistus anzutragen.
    Da die die wahre Lage der Sachen am Syrakusischen Hofe sey, habe ich aus
den unvollstndigen Nachrichten, die mir Philist von Zeit zu Zeit mittheilte,
nach und nach herausgebracht. Denn er selbst treibt, wie es scheint, die
Freundschaft gegen keinen Sterblichen so weit, da er sich ihm ganz offen und
ohne alle Zurckhaltung entdecken sollte. Da er ein Mann von groer Weltkenntni
und Erfahrenheit ist, die Syrakusischen und Sicilischen Staatsverhltnisse
vollkommen inne hat, dabei (worauf hier alles ankommt) eine sehr einnehmende
Auenseite besitzt, und an Feinheit, Geschmeidigkeit und Besonnenheit es mit dem
ausgelerntesten Hofmann aufnehmen kann: so ist nicht schwer vorauszusehen was
der Erfolg seyn msse, und da Dion bald genug den Rath erhalten werde, eine
kleine Gesundheitsreise zu seinem ehrwrdigen Freund Plato vorzunehmen.
    Uebrigens scheint Philist darauf zu rechnen, da Korinth, als die
Mutterstadt von Syrakus, es seinem Staats- und Handelsinteresse gem finden
werde, mit dem Thronfolger des alten Dionys in gutem Vernehmen zu bleiben. Auch
zweifle ich nicht, da er sich in dieser Rcksicht unter der Hand mit Nachdruck
fr den edeln Timophanes47 verwenden wird, welcher (wie ich hre) groe
Anstalten macht, sich mit guter Art der Alleinherrschaft ber euch zu
bemchtigen.
    Auch an unserm Himmel, der whrend der letzten dreiig Jahre so heiter war,
steigen, seit dem Tode meines guten Bruders Aristagoras, bereits einige trbe
Wolken auf, die uns mit Sturm und Ungewitter zu bedrohen scheinen. Sein ganzes
thtiges Leben war der Wohlfahrt von Cyrene gewidmet; sein Tod wird uns, wie ich
groe Ursache habe zu befrchten, eben so nachtheilig seyn als sein Leben
wohlthtig war. Er war, wiewohl seine Bescheidenheit und Klugheit es immer zu
verbergen suchte, der wahre Urheber und die strkste Sttze unsrer dermaligen
Verfassung. Unglcklicherweise ist noch keine Staatsverfassung erfunden worden,
die durch sich selbst bestnde; und da sogar Platons Republik (seiner eigenen
Versicherung nach) nur unter einer unmglichen Bedingung von Dauer seyn knnte,
von welchem andern Menschenwerk drften wir uns mehr versprechen? Seit der Mann
nicht mehr ist, der allein Ansehen und Weisheit genug besa, dem Ehrgeiz des
mchtigen Demokles und seiner Shne das Gegengewicht zu halten, sehe ich einer
Abspannung der Springfedern unsrer Staatsmaschine entgegen, wodurch sie nur zu
bald ins Stocken gerathen wird. Wir werden in unsre alten Mibruche, Parteien
und Erschtterungen zurckfallen, und was sollte mir dann ein lngerer
Aufenthalt in Cyrene? Doch die, bester Learch, ist weder das Einzige, noch das
Aergste, was mir bevorsteht und das husliche Glck, dessen ich seit meiner
Verbindung mit der liebenswrdigen Schwester unsers Kleonidas geno, auf immer
zu zerstren droht. Mge mein guter Genius den Unfall noch lange von uns
entfernt halten, dessen langsame Annherung ich mir selbst vergebens zu
verbergen suche! - Trifft er mich, so ist Athen und Korinth - doch weg mit dem
unglckweissagenden Gedanken! Noch ist Hoffnung. Die Aerzte haben zu einer
Luftvernderung, wovon sie uns die beste Wirkung versprechen, eine Reise nach
Rhodus vorgeschlagen, welche ich mit Kleonen und unsrer Tochter Arete, von
Kleonidas, Musarion und dem jungen Kallias, ihrem Sohne, begleitet, zu
unternehmen im Begriff bin. Rufe Hygieien mit mir an, mein Freund, da der
Erfolg unsre Wnsche begnstige!

                         Anmerkungen zum dritten Band.



                                   1. Brief.

1 In der Macedonischen Landschaft, wo der Berg Athos liegt, zwischen zwei
Meerbusen, hatten Griechen aus Chalkis in Euba, wovon die ganze Landschaft den
Namen erhielt, die Stadt Olynthus erbaut, welche zu einer so ansehnlichen Gre
empor wuchs, da die zehntausend Krieger, worunter tausend Reiter, ins Feld
stellen konnte. Der Krieg, den das, nach dem Frieden des Antalcidas mehr als je
stolze, Sparta mit Olympus fhrte, wurde die Veranlassung zu einer ganz neuen
Umgestaltung der Dinge in Griechenland, wobei Theben, eben durch jenen Frieden
zu einer Stadt zweiten Ranges herabgedrckt, sich siegreich und glnzend erhob.

2 Tyrann von Pher in Thessalien, erhob gegen 380 v. Chr. seinen kleinen Staat
zu einer solchen Macht, da er ein Heer von 20,000 Fuvolk und 3000 Reitern,
ohne die leichten Truppen, unterhielt. Er hatte den Plan, den spterhin
Alexander ausfhrte, wurde aber, auf Anstiften seiner Brder, gemeuchelmordet.

3 Anspielung auf die Stelle der Ilias 2, 204.

4 Gttin der Nothwendigkeit.


                                   2. Brief.

5 Auch Eurybates, wie man sieht, gehrt zu denen, welche den Platon
miverstehen. Sein Urtheil ber dessen Philosophie im Allgemeinen ist das
Urtheil eines - Geschftsmannes, und man darf sich nicht verwundern, wenn es
ber Gegenstnde dieser Art ein wenig seicht und voreilig ist: weit mehr drfte
man sich verwundern, da er nicht einmal fr den Menon den richtigen
Gesichtspunkt ausgefunden hat, auf welchen doch Anfang und Ende des Dialogs
hinweisen. Inde mu ihm auch die wohl zu Gute gehalten werden, da es vielen
gelehrten Leuten nicht besser damit ergangen ist. Auch hier mu Schleiermachers
Einleitung nachgesehen werden.

6 Parzen, Gttinnen des Schicksals.

7 Residenz der Knige von Macedonien.

                                   3. Brief.

8 Da ihrer hier zum letztenmale gedacht wird, so ist eine Mittheilung von ihrem
letzten Schicksal, nebst einigen Bemerkungen, wohl auch hier an ihrer rechten
Stelle. In einer Lobrede auf die Liebe sagt Plutarch (nach der Uebersetzung von
Jacobs a.a.O.): Mit der Liebe ist so viel Enthaltsamkeit, Zucht und Redlichkeit
verbunden, da sie auch ein zgelloses Gemth durch ihre Berhrung von andern
Liebschaften abziehen kann. Denn sie rottet die Frechheit in demselben aus,
drckt den Uebermuth nieder, impft ihm Schamhaftigkeit, Stillschweigen und Ruhe
ein, umhllt es mit dem Gewande der Ehrbarkeit, und macht es Einem Liebhaber
unterthan. Ihr habt ohne Zweifel von der Lais, jener berhmten und vielgeliebten
Hetre gehrt, wie sie ganz Hellas mit Verlangen entzndete, ja, wie zwei Meere
um sie gestritten haben. Als aber die Liebe zum Hippolochus, dem Thessalier, ihr
Gemth ergriff, verlie sie das

von den grnlichen Wellen besplte Akrokorinthos,

entfloh heimlich der Schaar ihrer brigen Liebhaber, und lebte ehrbar mit ihm.
Aber dort in Thessalien lockten sie die Weiber, aus Neid und Eifersucht ber
ihre Schnheit, in den Tempel der Venus, steinigten und verstmmelten sie. Daher
wird, wie es scheint, dieser Tempel auch noch jetzt der Tempel der mrderischen
Aphrodite genennt. Nach der Ermordung, am Feste der Aphrodite, wobei keine
Mnner gegenwrtig waren, heit es anderwrts, brach eine Pest in Thessalien
aus, die nur endete, als man jenen Tempel erbaut hatte. Der Lais wurde an den
Ufern des Peneus ein Grabmal errichtet, worauf folgende Inschrift stand:

Das mit Ruhm gekrnte, im Kampfe nimmer besiegte
Hellas beugte der Macht gttlicher Schnheit sein Haupt,
Lais Schnheit! die Tochter des Amor nherte Korinthos,
In Thessaliens Flur ruht der Entschlummerten Staub.

Die Lais nun, welche dieses Schicksal traf, hlt Jacobs fr die jngere Lais,
eine Tochter der Timandra; die ltere Lais, Aristipps Geliebte, scheint zu
Korinth gestorben zu seyn, wo die Korinthier ihr ein Denkmal im Kraneion
errichteten, - obgleich sie, wenn man den Epigrammendichtern, unter denen hier
auch Platon mit seinem Epigramm auf den Spiegel der Lais genannt wird, trauen
darf, ihre Reize berlebt hatte, womit sich freilich die ihr nachgesagte Art des
Todes, den sie auch Heinse in seiner Laidion sterben lt, nmlich - im Arm der
Liebe, schwer will vereinigen lassen. Glaubte nun Wieland, auf alle diese
Anekdoten nicht mehr Gewicht legen zu drfen als auf die Ausflle des Epikrates?
Es scheint so, und man kann ihm darin wohl nicht ganz Unrecht geben. Mit mehr
Grund als Heinse aus Pausanias und Hippolochus zwei Geliebten der Lais gemacht
hatte, verschweigt Wieland den Unterschied zwischen der lteren und jngeren
Lais, den er sehr wohl kannte und behlt nur eine einzige bei. Indem er aber aus
dem Leben der lteren so viel wegschneidet, da sie nicht zu dem Gemeinen, oder
wie Aristipp sagt, zur Schmach einer gewhnlichen Hetre, herabsinkt, und
lieber, mit Uebergehung der ganzen chronique scandaleuse aus dem Leben dieser
lteren Lais, zu dem Zeitpunkte, wo nur eben die Vergnglichkeit des
Jugendreizes sich vom weiten muthmaen lt, in die Lebensgeschichte der
jngeren einbiegt, raubt er dieser doch wieder, was sie nach Plutarchs Berichte
vielleicht sehr vielen Lesern erst wrde empfohlen haben. Was mag er also mit
seiner Lais gewollt haben, da er, anstatt sie nun zuletzt mit Pausanias ein
ehrbares Leben fhren zu lassen, diesem Pausanias vielmehr, ohne irgend eine
historische Verbrgung, einen solchen Charakter gegeben hat, der es unmglich
machte, da Lais solch ein Leben mit ihm htte fhren knnen? Wie es scheint,
hatte Wieland sich die doppelte Aufgabe gemacht, erst die vielen
widersprechenden Nachrichten von Lais durch Auffindung ihres wahrscheinlichen
Charakters und glaublicher Umstnde in einen solchen Zusammenhang zu bringen,
da die Widersprche gelst wrden, wobei denn das ganz Unstatthafte
stillschweigend verworfen werden mute, und dann zu zeigen, von welcher Art eine
Liebe habe seyn mssen, deren ein weibliches Wesen von diesem Charakter
empfnglich war. Vor allen Dingen hat nun wohl Wieland darin Recht, da er
einer, nach allgemeinem Zeugni, so schwer zugnglichen, geistreichen Frau wenig
Temperament, und um ein gutes Theil mehr Kopf als Herz gab, so da sie dessen,
was man Liebe nennt, nicht sonderlich empfnglich seyn mute. Gleichwohl wurde
nun von ihr berichtet, da sie einmal in ihrem Leben sogar eine
leidenschaftliche Liebe gefhlt habe, denn auch von der ltern Lais erzhlt man
dieses. Es kam darauf an zu bestimmen, in welche Periode ihres Lebens diese
Liebe mit Wahrscheinlichkeit zu setzen sey. Historisch wahrscheinlich fiele die
bei der einen und der andern Lais freilich in ihre Blthenzeit, allein daran
glaubte Wieland sich nicht binden zu mssen, zumal da nur Anekdoten Brgschaft
leisteten, und greren Unwahrscheinlichkeiten aus dem Wege zu gehen war, theils
nmlich denen, welche das Alter der einen Lais zu Korinth, theils jenen, welche
die Sage von der zweiten Lais in Thessalien betreffen. Er zog es daher vor, die
Liebe seiner Lais so nahe an das Ende ihrer Blthenzeit zu rcken, da es
einerseits eben so glaublich wird, verschmhte Liebhaber, beleidigter Stolz und
Neid htten wohl gewisse beiende Epigramme auf sie in Umlauf bringen knnen,
als von der andern, da eben jetzt in einer solchen Frau eine solche Liebe und -
gerade zu einem solchen Manne entstehen konnte. Wer die Weiber kennt und nicht
ohne Welterfahrungen ist, wird gestehen mssen, da hier alles dem natrlichen
Laufe der Dinge gem ist, und Wieland, dem Lais fr seine Darstellung so viele
Dienste geleistet hatte als nur irgend mglich war, that wohl, lieber dem
natrlichen Laufe der Dinge als widersprechenden Sagen voller
Unwahrscheinlichkeit zu folgen. Habe er nun weder in der einen noch der andern
Lais die griechische dargestellt, so ist seine Lais doch ein in sich vollendetes
Wesen, und die Zeichnung ihres Charakters, die Motivirung der Begebenheiten, und
die Schilderung der Art von Liebe, zu welcher diese Lais allein kommen konnte,
und die vielleicht nirgend so entwickelt ist als hier, sind ein dieses Meisters
so wrdiges Werk, da man selbst dann ber den Mangel an Aehnlichkeit mit dem
Original hinwegsehen knnte, wenn er auch noch grer wre als er es in der That
doch nicht ist.

                                   4. Brief.

9 Der Hafen Pireus bei Athen.

10 Diana bei den Thraciern, deren Fest, Bendideia, seit der 88sten Olympiade
auch in Athen gefeiert wurde, wo ihr Tempel im Hafen, nicht weit von dem der
Artemis Munychia stand.

11 Sind hier wohl blo in dem Sinne von Regelwidrigkeiten genommen; gewhnlich:
Widerspruch eines Gesetzes mit dem andern.

12 Ein solcher, dessen Charakter Ironie ist.

13 Gyges, wurde, nach Platon, zufolge des Gebrauches eines magischen, unsichtbar
machenden Ringes, zum Knig von Lydien (vergl. Cic. de offic. 3, 9.), nach
Herodot aber (1, 8. fgg.) dadurch, da der Knig Kandaules ihn genthigt hatte,
seine Gemahlin im Versteck entkleidet zu sehen, worber diese, die den Gyges
entdeckt hatte, entrstet, ihm nur die Wahl zwischen dem eignen oder des Knigs
Tode lie. Gyges brachte den Knig um, und erhielt mit dessen Gemahlin auch sein
Reich.

                                   5. Brief.

14 Buch 3, Cap. 6.

15 (Nodum in scirpo quaerere) sprchwrtliche Redensart fr: auch da
Schwierigkeiten finden, wo keine sind; denn die Binsen haben keine Knoten.

16 Dogge. Die Landschaft Molossis in Epirus war wegen ihrer starken und muthigen
Hunde, die auch zur Jagd trefflich zu gebrauchen waren, berhmt.

17 Muskenknste, mit Inbegriff aller der Wissenschaften, die zu einer wahrhaft
menschlichen Bildung wesentlich gehren.

18 Der Timotheus, von welchem hier die Rede ist, war einer der berhmtesten
Tonknstler und musikalischen Dichter der Zeit, in welcher die smmtlichen in
diesen Briefen vorkommenden Personen gelebt haben. Er wurde, zum Dank da er den
Gesang und die Saitenmusik seiner Zeit (nach unsrer gewhnlichen Vorstellung) zu
einer weit hhern Vollkommenheit gebracht als worin er beide gefunden, von den
strengern Anhngern der alten, uerst einfachen, an wenige Formen gebundenen,
feierlich ernsten Musik fr einen ihrer grten Verderber erklrt, und unter
andern von dem komischen Dichter Pherecydes, seinem Zeitgenossen, in einem von
Plutarch aufbehaltenen betrchtlichen Bruchstck seines Chirons, sehr bel
mitgenommen. Indessen war nicht er, wie sptere Compilatoren sagen, sondern
(laut des besagten Fragments) ein gewisser Melanippides derjenige, der die
Saitenzahl der Lyra, welche schon sein Meister Phrynis, zum grten Aergerni
der Eiferer fr die gute alte Sitte (S. die Anklagsrede des dikaios Logos in den
Wolken des Aristophanes) bis auf sieben gebracht hatte, noch mit fnf neuen
vermehrte. Wie dem aber seyn mochte, genug Timotheus war, wie es scheint, der
erste, der mit einer eilf- oder zwlfsaitigen Magadis (einer Art von Cither, auf
deren Saiten ohne Plektron mit den bloen Fingern geklimpert wurde) zu Sparta
erschien, und sich unter andern mit einem dithyrambischen Gesang ber die
bekannte Fabel von Jupiter und Semele hren lie. Aber die Spartanische
Regierung nahm diese sittenverderbliche Neuerung (wiewohl damals wenig mehr an
ihren Sitten zu verderben war) so bel, da sie ein Decret (welches uns Bothius
in seinem Buche de Musica aufbehalten hat) abfate, des Inhalts: Demnach ein
gewisser Timotheus (oder Timotheor, wie man in Sparta zu sprechen pflegte) von
Milet in ihrer Stadt angekommen, und durch sein Spiel ffentlich bewiesen habe,
da er die alte Musik und die alte Lyra verachte, indem er die Zahl der Tne und
der Saiten ber alle Gebhr vermehrt, der alten einfachen Art zu singen eine
viel zusammengesetztere chromatische untergeschoben, auch in seinem Gedicht ber
die Niederkunft der Semele die geziemende AnstndigkeitA1 grblich verletzt
habe: als htten die Knige und Ephoren, in Erwgung da solche Neuerungen nicht
anders als den guten Sitten sehr nachtheilig seyn knnten, und zu Verhtung der
davon zu besorgenden Folgen, besagtem Timotheor einen ffentlichen Verweis
gegeben, und befohlen, da seine Lyra auf sieben Saiten zurckgesetzt und die
brigen ausgerissen werden sollten. - Da Athenus (im 10. Kap. des XIV. B.)
diese Anekdote nach andern Autoren anders erzhlt, beweiset eben so wenig gegen
sie, als das Ansehen des edeln und fr sein Zeitalter gelehrten Bothius die
Aechtheit des Decrets, nach Verflu von 1000 Jahren, verbrgen kann. Ich kenne
nicht eine einzige Griechische Anekdote dieser Art, die nicht von andern anders
erzhlt wrde. Gewi ist indessen, da das Decret ganz im Geiste der
Spartanischen Aristokratie, die in allem streng ber die alten Formen hielt, und
ihrem Geschmack in der Musik gem, abgefat ist. W.

19 Tempern ist ein wenig mehr blicher Kunstausdruck der Maler, und bedeutet so
viel als dmpfen, mildern.

20 Da Plato durch dieses Vorgehen seinem Mhrchen eine Art von Beglaubigung
geben wolle, ist klar genug: aber worauf er die Phnicische Abkunft desselben
grndet, und wer die Dichter sind, welche versichern, es habe sich an vielen
Orten zugetragen, wei ich nicht. Denn da er auf die bewaffneten Mnner
anspiele, die aus der Erde hervorgesprungen seyn sollen, als der Phnicier
Kadmus die Zhne des von ihm erlegten Castalischen Drachen in die Erde sete,
oder auf die goldnen, silbernen, ehernen, heroischen und eisernen Menschen des
Hesiodus, die nicht zugleich, sondern in aufeinander folgenden Generationen,
nicht aus dem Schoo der Erde hervorsprangen, sondern von den Gttern gebildet
und zum Theil gezeugt wurden, - ist mir nicht wahrscheinlich. Doch vielleicht
will er mit dieser anscheinenden Beglaubigung seines in der That gar zu
abgeschmackten Mhrchens nicht mehr sagen, als mit dem etwas plattscherzhaften
Zweifel seines Sokrates: ob es sich knftig jemals wieder zutragen drfte. W.

21 Nach der alten Vorstellung der Griechen von der Erdscheibe war Delphi der
Mittelpunkt derselben, und wurde darum der Nabel der Erde genannt. Apollon
sollte gerade dehalb sein Orakel daselbst gestiftet haben.


                                   6. Brief.

22 Praxilla, eine zu ihrer Zeit berhmte Skoliendichterin aus Sicyon, hatte ein
Lied verfertiget, worin Adonis, den sie so eben im Reich der Schatten anlangen
lt, auf die Frage: was von allem, so er auf der Oberwelt habe zurcklassen
mssen, das Schnste sey? zur Antwort gibt: Sonne, Mond, Gurken und Aepfel.
Man fand diese Antwort so albern naiv, da die Redensart, einfltiger als
Praxillens Adonis, zum Sprchwort wurde. W.

23 Da Platon hiemit hinstrebte nach der Unterscheidung des Erkenntni-,
Begehrungs- und Gefhls-Vermgens, unterliegt so wenig einem Zweifel als das
groe Verdienst, welches er sich um Psychologie erworben hat. Am zweckmigsten
wird man mit dieser Stelle vergleichen Carus Geschichte der Psychologie S.
301-306.


                                   7. Brief.

24 Sind ein Paar Zauberworte von denen, die bei den Griechen Ephesia grammata
hieen, womit von Betrgern und aberglubischen Leuten allerlei Alfanzerei
getrieben wurde, und ber deren Abstammung und Bedeutung viel Vergebliches
philologisirt worden ist. W.

25 Platon sagt im fnften Buche seiner Republik: welche manches schn finden,
das Schne selbst aber nicht sehen, noch zu dessen Anschauung sich zu erheben
vermgend sind; welche im Einzelnen manches gerecht finden, das Gerechte selbst
aber nicht begreifen: werden wir von solchen nicht sagen, da sie nur meinen,
nicht aber wahrhaft erkennen? Und wie, werden wir von solchen, die jegliches an
sich anschauen, wie es ewig auf dieselbe Weise ist, nicht sagen, da sie
erkennen, nicht aber meinen? Und werden wir solchen nicht Liebe fr das
zuschreiben, was der Erkenntni, den andern aber nur Liebe fr das, was der
Meinung angehrt? Nicht mit Unrecht werden wir daher diese als Philodoxen, jene
hergegen als Philosophen bezeichnen. Die nur, welche jedes in seinem Wesen, in
seinem wahren Seyn umfassen, verdienen den Namen Philosophen.

26 Nosis und Dianoia, sind bei Platon eben so unterschieden wie bei uns
Vernunft- und Verstandeserkenntni.


                                   8. Brief.

27 Des Tantalus Schicksal bereiten, dem ewig ein brennendes Verlangen erregt und
nie befriedigt wurde.

28 Ist bei Platon in der hier beurtheilten Stelle die philosphische berhaupt,
und von der dialektischen Methode wird diesem gem behauptet, da sie zur
Erkenntni des Wesens fhre. Platon selbst nimmt anderwrts Dialektik nicht in
dieser Bedeutung.

29 Aesthetisch steht hier, so wie spterhin, in seiner ursprnglichen Bedeutung
fr wahrnehmbar durch die Sinne.

30 Die sogenannte Platonische Zahl, wovon Aristipp hier mit einer Art von
Unwillen spricht, der ihm zu gut zu halten ist, hat von alten Zeiten her vielen
bene und male feriatis unter Philologen, Mathematikern und Philosophen, manche
saure Stunde gemacht. Alle haben bisher bekennen mssen, da ihnen die Auflsung
dieses Rthsels, oder vielmehr die Bemhung Sinn in diesen anscheinenden Unsinn
zu bringen, nicht habe gelingen wollen. Ich gestehe gern, da ich den Versuch,
eine auch nur den schwchsten Schein einer sichtbaren Dunkelheit von sich
gebende Uebersetzung dieser berchtigten Stelle, eben so wohl, wie der sehr
geschickte und beinahe enthusiastisch fr den gttlichen Plato eingenommene
Franzsische Dolmetscher ber meine Krfte gefunden habe. Herr Kleuker - dem wir
eine schwer zu lesende Uebersetzung der Werke Platons zu danken haben, die nicht
ohne Verdienst ist und einem knftigen lesbaren Uebersetzer die herculische
Arbeit nicht wenig erleichtern wird, - ist herzhafter gewesen als wir beide: und
da seine Dolmetschung wohl den wenigsten Lesern dieser Briefe zur Hand seyn
drfte, so sehe ich mich zu Aristipps und meiner eigenen Rechtfertigung beinahe
genthiget, von seiner mhsamen Arbeit dankbaren Gebrauch zu machen, und seine
wrtlich getreue Uebersetzung dieser Stelle, so wie sie die Platonische Zahl
betrifft, hier abdrucken zu lassen. Sie lautet folgendermaen:
 - Alles Lebende auf Erden hat seine Zeit der Fruchtbarkeit und
Unfruchtbarkeit, der Seele und dem Krper nach. Diese Zeit ist zu Ende, wenn die
umkreisende Linie eines jeden Cirkels wieder auf den ersten Punkt seines Anfangs
kommt. Die kleinen Umkreise haben ein kurzdaurendes, die entgegengesetzten ein
entgegengesetztes Leben. Nun aber werden diejenigen, die ihr zu Regenten des
Staats gebildet habt, wie weise sie auch seyn mgen, dennoch den Zeitpunkt der
glcklichen Erzeugung und der Unfruchtbarkeit eines Geschlechts durch alles
Nachdenken mit Hlfe der sinnlichen Erfahrung nicht treffen. Dieser Zeitpunkt
wird ihnen entwischen, und sie werden einmal Kinder zeugen, wenn sie nicht
sollten. Der Umkreis der gttlichen Zeugungen hlt eine vollkommene Zahl in
sich: aber mit der Periode der menschlichen Zeugungen verhlt es sich so:

        da die Vermehrungen der Grundzahl, nmlich drei potenziirende und
        potenziirte Fortrckungen zur Vollendung, welche vier unterschiedene
        Bestimmungen des Aehnlichen und des Unhnlichen, des Wachsenden und des
        Abnehmenden annehmen, alles in gegenseitigen Beziehungen und
        ausgedruckten Verhltnissen darstellen. Die Grundzahl dieser
        Verhltnisse, nmlich die Einsdrei mit der Fnfe verbunden, gibt nach
        dreifacher Vermehrung eine zwiefache Harmonie; eine gleiche ins
        Gevierte, als Hundert in der Lnge und Hundert in der Breite; eine
        andere, die zwar von gleicher Lnge ist, aber mit Verlngerung der einen
        Seite, so da zwar auch Hundert an der Zahl, nach dem diametrischen
        Ausdruck der Fnfen darin liegen, wovon aber jede dieser Fnfen noch
        eine bedarf und zwei Seiten unausgedruckt sind: Hundert aber folgen aus
        den Kuben der Dreiheit. Diese ganze Zahl ist nun geometrisch, und
        regiert ber die vollkommnern oder unvollkommnern menschlichen
        Zeugungen. u.s.f.

Herr Kleuker hat uns in einer Anmerkung zu dieser Platonischen Offenbarung,
welche ihm vielleicht doch erklrbar scheint, einen knftig nhern Aufschlu
darber hoffen lassen; ob und wo er diese Hoffnung erfllt habe, ist mir
unbekannt. W.

31 Von diesem wird erzhlt, er habe seine Pferde mit Menschenfleisch gefttert,
und zu diesem Behuf die Fremden, die in seine Gewalt geriethen, ermordet.




                                 Zu Brief 4-8.


Wollte der Herausgeber dem, wozu der verewigte Wieland ihn mehrmals aufforderte,
Genge leisten, diese seine Beurtheilung der sogenannten Platonischen Republik
wieder zu beurtheilen, so mte er besorgen, in den Fall Aristipps zu kommen,
ber das beurtheilte Buch ein wenigstens eben so dickes Buch zu schreiben.
Gesetzt nun auch, da es Leser gbe, die ihm die danken wrden, so wre doch
hier schwerlich der Ort dazu. Um jedoch der Aufforderung einigermaen zu
gengen, will der Herausgeber wenigstens einige Bemerkungen mittheilen, die
vielleicht zu einer weiteren Vergleichung mit der Aristippischen Beurtheilung
einladen. Im Betreff des Hauptzwecks dieses Dialogen und des Zusammenhanges der
Episoden mit demselben wrde es Unrecht seyn, eine Schrift nicht zu
bercksichtigen, welche Wieland, ungeachtet sie vier Jahre vor dem Aristipp
nicht erschienen war, doch nicht gekannt zu haben scheint, Morgensterns de
Platonis Republica Commentatio prima: de proposito atque argumento operis. Halle
l794. Hiemit sind zu vergleichen die Bemerkungen Garve's sowohl in seiner
Darstellung der verschiedenen Moralsysteme (S. 32 fgg.) als in den Anhngen zu
seiner Uebersetzung der Politik des Aristoteles (Bd. 2. S. 184 fgg.). Auf
Tiedemann, Tennemann und Buhle erst noch besonders zu verweisen, wrde wohl
unnthig seyn.
    Morgenstern unterscheidet in diesem Dialog den Hauptzweck und mehrere
Nebenzwecke. Da der Hauptzweck nicht die Aufstellung einer idealen
Staatsverfassung sey, ungeachtet der Dialog den Namen davon trgt, und ein sehr
groer Theil desselben sich damit beschftigt, sondern Untersuchung ber
Dikosyne, darin stimmen alle unbefangenen Leser mit einander berein, und
Wieland lt seinen Aristipp austrcklich sagen ihm scheine die vornehmste
Absicht dahin zu gehen, der in mancherlei Rcksicht uerst nachtheiligen
Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und
herrschenden Vorurtheile ber den Grund und die Natur dessen, was Recht und
Unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen. Hiebei kommt
nun aber bald ein Ansto an dein Worte Dikosyne, welches man gewhnlich durch
Gerechtigkeit bersetzt. Platon gebraucht allerdings dieses Wort auch in dem
gewhnlichen, in den bei weitem meisten Stellen dieses Dialogs aber in einem von
dem Sprachgebrauche ganz abweichenden Sinne, nach Morgensterns Ausdruck beinahe
fr Tugend berhaupt. Wielands Aristipp hat die auch nicht unbemerkt gelassen,
denn er sagt: da ein Wort doch weiter nichts als ein Zeichen einer Sache, oder
vielmehr der Vorstellung, die wir von ihr haben, ist, so kann es dem Wort
Gerechtigkeit allerdings gleichviel seyn, was Plato damit zu bezeichnen beliebt;
aber der Sprache ist die nicht gleichgltig, und ich sehe nicht, mit welchem
Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmaen knne, Worte,
denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders heien
zu lassen als sie bisher immer geheien haben. Was Plato unter verschiedenen
Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Gte eines Dinges,
die ihm eben dadurch, da es recht ist, oder da es ist was es seyn soll,
zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele verschiedene mit
einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das, was sie
vermge dieser Verbindung seyn sollen, immer sind; bald die Harmonie, die eine
natrliche Wirkung dieser Ordnung ist. An einer andern Stelle sagt er: Htte
sich Plato auf das reichlich Genugsame einschrnken wollen, so stand es nur bei
ihm, die Aufgabe, so wie er sie gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es
ihm, kraft seiner philosophischen Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und
zum Gebrauch im Leben vllig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu
verlassen, und die Idee der hchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der
menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen, so bedurfte es, meines Bednkens,
keiner so weitlufigen und knstlichen Vorrichtung, um ausfindig zu machen,
worin diese Vollkommenheit bestehe.
    Unbezweifelt liegt hierin der Grundirrthum von Aristipps Beurtheilung des
Ganzen, und man mu sagen, da er zwar bis zu dem Punkte vorgedrungen, wo er den
richtigen Gesichtspunkt htte fassen knnen, ihn aber nicht gefat hat, und da
dehalb gegen Platon nicht gerecht und billig verfahren wird. Nach Morgenstern
und Garve ist der Hauptzweck dieses Dialogs die Entwickelung des Platonischen
Moralsystems, welches, dem Erstgenannten zufolge, auf diesen Grundstzen beruht:
1) da der menschlichen Natur eine eigenthmliche Tugend und Wrde zukomme, die
sich dadurch beweise, da jedes menschliche Vermgen das thue, was ihm zukomme,
da die Vernunft befehle, die brigen aber gehorchen, 2) da diese Tugend ein
Gut an sich sey, Gtter und Menschen mgen darum wissen oder nicht, 3) da sie
aber gleichwohl die Quelle der reinsten, wahrhaftesten und dauerhaftesten
Glckseligkeit sey, und 4) da man dehalb aus zwiefachem Grunde nach ihr als
dem hchstem Gute streben, das Laster hergegen als das hchste Uebel fliehen
msse. Man sieht leicht, da Platon die Selbstgesetzgebung der Vernunft im Auge
hat, aus welcher er die Tugend ableiten will, und da er nach etwas Hherem
strebt als dem, was man brgerliche Tugend nennen kann, nach einer rein
menschlichen Tugend, die auch aus der Befolgung anderer als der brgerlichen
Gesetze entspringt. Nur hier konnte er Grund und Natur dessen, was Recht und
Unrecht, und zwar nicht blo heute und morgen oder hier und da, sondern dessen,
was allgemein und ewig Recht und Unrecht ist, finden; nur wenn er die
Untersuchung bis auf diesen Punkt zurckfhrte, konnte er den vulgaren Begriffen
darber auf immer abhelfen. Auf jeden Fall aber war es zweckmig, da er, um
auch andern seine Ueberzeugung mitzutheilen, von den vulgaren Begriffen ausging.
Die that er, und dadurch wurde einerseits der ganze Gang seiner Untersuchung,
er aber anderseits selbst bestimmt, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben
vllig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der
hchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle
zu setzen, welches mit andern Worten nichts anders heit als: die Gerechtigkeit
zur Tugend an sich zu erheben, wozu er mehr Grund und Recht hatte, als Wielands
Aristipp ihm zugestehen will. Um aber bis auf diesen Punkt zu kommen, bedurfte
es in der That aller der weitlufigen und knstlichen Vorrichtung, die Platon
gemacht hat, und Aristipp hat hierin Unrecht.
    Man mu wohl bedenken, da Platon ja noch keineswegs die volle Wahrheit
schon in den Hnden hatte, sondern sie erst suchte, da ihm zwar das Ziel hell
und klar vor Augen war, da er aber den Weg dahin noch nicht kennen konnte, und
da es einen gewissen Punkt gab, von dem er ausgehen mute, der Punkt nmlich,
auf den ihn selbst seine zwei grten Vorgnger gestellt hatten. Alles mte
mich trgen, oder Platon hatte zunchst den Sokrates vor Augen, der in Ansehung
dessen, was Recht sey, noch ziemlich befangen war, denn er blieb meist bei dem
stehen, was die Staatsgesetze gebieten, wobei aber dem Platon nothwendig die
Bedenklichkeit aufstoen mute, ob denn alles, was die Staatsgesetze gebieten,
auch Recht sey. Da mute er nach einer andern Ableitung dessen, was Recht sey,
sich umsehen, und zu erforschen suchen, was Recht an sich sey. Da stie er auf
die Pythagorer, die ihn zur rechten Quelle leiteten, zu dem Grunde in der
menschlichen Natur selbst. Hier fand er die vier Cardinal- oder Haupt-Tugenden,
die Weisheit als die Tugend des Verstandes, Migung und mnnlichen Muth
(Tapferkeit) als Tugenden des Begehrungsvermgens, und endlich die
Gerechtigkeit, die alle Tugenden zu Einer Tugend macht, die ganze Seele zu
Harmonie stimmt, aber die keinem besondern Vermgen zugehrte. Platon bestimmte
diesem gem den Begriff der Gerechtigkeit und konnte ihn ohne groe
Schwierigkeit auf seine Weise bestimmen, ohne der Sprache groe Gewalt anzuthun,
wie wir es in unserer Sprache mit dem Worte Gerechtigkeit leicht auch knnen
wrden. Sie erschien ihm als die Beschaffenheit der menschlichen Natur, wie
diese ihrem moralischen Vermgen zufolge seyn soll, als moralische
Vollkommenheit.
    Wenn nun Wielands Aristipp uert, diese sey viel leichter ausfindig zu
machen gewesen als auf Platons Wege, so bersieht er den Vortheil, den in den
ersten Bchern Platon sich dadurch schaffte, da er gleich alles zusammenfate,
was beseitigt werden mute, wenn seine Ideen Eingang finden sollten, - und die
war nichts Geringeres als die Erfahrung des wirklichen Lebens, die Art der
Erziehung und die Gegenstnde des Unterrichts, der Einflu der Sophisten und
Redner, der Dichter und der Priester, - und da er in dem Nachfolgenden auf
Schwierigkeiten stoen mute, die, wenn sie uns leichter zu heben sind, es doch
nicht fr Platon seyn konnten. Er hatte seine Angabe zu erweisen aus der
menschlichen Natur selbst, allein dazu fehlten ihm die Vorarbeiten der
Psychologie und Anthropologie, zweier Wissenschaften, die er selbst erst, man
kann wohl sagen neu zu schaffen hatte, und um die er sich, bei allem Einzelnen
worin er irrte und irren mute, im Ganzen so groe Verdienste erwarb, da ich
noch jetzt fr die dereinstige Vollendung dieser Wissenschaften keinen andern
Weg wei als den er einschlug. Was als Ahnung der Wahrheit in der Tiefe seiner
Seele lag, war wohl kaum auf geradem Wege mitzutheilen mglich, und er schlgt
daher einen Weg ein, der, wie Garpe sagt, dem Dichter mehr als dem Philosophen
ansteht, den Weg der Vergleichung. Wielands Aristipp urtheilt hierber sehr
richtig, wenn er sagt: Die Gerechtigkeit besteht, nach ihm, in dem reinsten
Zusammenklang aller Krfte zur mglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der
Oberherrschaft der Vernunft. Um die seinen Hrern anschaulich zu machen, war es
allerdings der leichtere Weg, zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl
geordneter Staat beschaffen seyn msse, und erst dann, durch die entdeckte
hnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen
Verfassung und Verwaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens, die wahre Auflsung
des Problems ausfindig zu machen. Auf diese Weise wurden sie in der That vom
Bekanntern und gleichsam in grern Charaktern in die Augen Fallenden auf das
Unbekanntere gefhrt; denn was der Mensch gewhnlich am wenigsten kennt, ist das
Innere dessen was er seine Seele nennt.
    Was Platon von der Staatsverfassung sagt, soll also blo Mittel zu dem
Zwecke seyn, die ideale Menschennatur kennen zu lehren. Wenn die geschehen
sollte, so mute Platon auch das Ideal einer Staatsverfassung schaffen, wobei
mir nicht unwahrscheinlich ist, da er eigentlich nur die gyptische Verfassung
mit ihrem Kastenwesen idealisirt habe. Wie dem aber sey, genug er schafft ein
solches Ideal, und zwar ganz sichtlich zum Behuf der Vergleichung. Die
Vergleichungspunkte, die er durchfhrt, sind der einzelne Mensch und der Staat,
die drei Seelenformen des Menschen und die Stnde des Staates, die Tugenden und
eben diese Stnde. So erhlt er folgende Parallele:

Stand der
Regierenden = Seelenform
der Vernunft = Weisheit
und Klugheit;

Stand der
Beschtzenden = Seelenform
des Affects = Tapferkeit;

Stand der
Gewerbetreibenden = Seelenform
des Begehrens = Migung;

wobei man leicht bemerken kann, da von den Cardinaltugendcn nur drei angefhrt
werden, die vierte aber, um deren Wesen es der Untersuchung gerade zu thun ist,
noch nicht zur Erscheinung kommt. Hierin liegt nun aber auch die
Hauptschwierigkeit, wie einst fr Platon selbst, so fr jeden, der ihn verstehen
will, und zwar entspringt diese Hauptschwierigkeit aus der dem Platon eigenen
Bestimmung des Begriffs der Gerechtigkeit. Htte er diesen im gewhnlichen Sinne
gefat, so htte er die Gerechtigkeit blo darstellen knnen als eine Pflicht,
als Gesetzmigkeit der Handlungsweise. Er hatte sie aber aufgefat als
Vollkommenheit, und die vernderte den ganzen Gesichtspunkt, den man jedoch
schwerlich finden wird, wenn man sich von dem deutschen Worte Vollkommenheit
lt irre leiten. Diese ist in Platons Sinne nicht etwa ein zu Stande
gebrachtes, ruhendes, unthtiges Product, nicht eine Wirkung oder ein Werk jener
drei Seelenformen oder Tugenden, sondern vielmehr eine Kraft, und zwar die Kraft
der Gesinnung, des sittlichen Willens, wodurch alle Tugeuden erst zu Tugend
werden, und in dieser Hinsicht die Tugend selbst. Aus dem Wirken dieser Kraft
geht erst ein Product hervor, die Gesundheit, Wohlgestalt, Schnheit der Seele,
welche zuletzt als Gotthnlichkeit dargestellt wird.
    Wohl knnte man wnschen, da Platon zur Bezeichnung jener Kraft sich eines
andern Wortes als des der Gerechtigkeit bedient haben mchte: wie nun aber, wenn
er, ohne sich gerade dieses Wortes zu bedienen, weder selbst auf diese Hhe des
Standpunktes gekommen wre, noch uns darauf htte fhren knnen? Mir scheint,
da Platon in seiner Untersuchung gerade darum, weil er von dem Begriff der
Gerechtigkeit ausging, mit dessen gewhnlicher Bestimmung er nicht zufrieden
war, auf eine hhere Ableitung desselben kam, und da eben dieses ihn auf die
wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Ethik sowohl als der Politik fhrte.
Indem sich bei ihm, wie Schleiermacher in seiner Kritik der Sittenlehre sich
ausdrckt (S. 325), diejenige Tugend, welche sich am meisten auf die
Verhltnisse gegen Andre zu beziehen scheint, als diejenige zeigt, welche der
Mensch am meisten in und gegen sich selbst zu ben hat, und welche allein ihn in
sich selbst zu erhalten vermag oder wie es an einer Stelle heit (S. 250),
indem er die Gerechtigkeit nicht blo als gesellige Tugend, sondern als die
gleiche auf den Handelnden selbst sich beziehende Gesinnung aufsuchte,
entdeckte er den reinen Tugendbegriff selbst, und stellte diesem gem die
Tugend als etwas lediglich Innerliches dar, als diejenige Gesinnung, denjenigen
Willen, wodurch erfllt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die Gesetze
der Vernunft, die zugleich die Gesetze der Gottheit sind. Nur aber wenn die
gefunden war, konnte die brgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes
erscheinen, und Platon auf den Gedanken kommen, da auch die Politik auf der
sittlichen Idee ruhen solle. Da sie nicht darauf ruhe, so wenig als das
gewhnliche Leben der Menschen, sah er vollkommen klar und bewies es, indem er
die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele
aufstellte, gegen die Eine Staatsverfassung nmlich, wie sie seyn soll -
Monarchie oder Aristokratie, Regierung der Vernunft und des Guten - wie sie
sind, eben so viele als Leidenschaften das menschliche Leben von der Vernunft
und Sittlichkeit zur Abweichung bringen. Er stellt darum gegenber

der Timokratie die Ehrsucht
dcr Oligarchie die Habsucht
der Demokratie die Genusucht
der Tyrannie die Herrschsucht;

bei welcher Schilderung ihm unverkennbar wirkliche Staaten und Personen
vorschwebten. Indem er ihren verdorbenen Zustand und ihr zweckwidriges Treiben
schilderte, durfte er hoffen, die Ueberzeugung zu bewirken, da von ihnen die
zuverlssige Regel dessen, was Recht sey, nicht entnommen werden knne, und da
die positive Gesetzgebung von einer hheren das Gesetz erhalten msse. Selbst
hievon berzeugt, stellte er die Idee der Menschheit und des Staates in das
reinste Licht, und verknpfte beide durch ein gemeinschaftliches Band, durch die
Idee der Sittlichkeit. Das Verhltni der Menschheit und des Staates zu der Idee
der Sittlichkeit stellt er als vllig gleich dar, und man mu annehmen, da,
dieses zu zeigen, sein Hauptzweck war. Dehalb kann ich Morgenstern nicht
beistimmen, wenn er die Aufstellung der Staatsverfassung fr den vorzglichsten
Nebenzweck in diesem Dialog ausgibt. Platon sieht den Staat aus dem
Gesichtspunkte der Menschheit an, und die Menschheit aus dem Gesichtspunkte des
Staats - wie er denn am Ende seiner Parallele selbst sagt, da der Mensch in
sich einen Staat darstelle - und so konnte er beide nicht von einander trennen;
die gleichmige Betrachtung beider war ihm nothwendig, und man wird nun, zumal
wenn man bedenkt, um wie viel wichtiger der Staat einem Griechen erschien als
uns, errathen knnen, warum er seinem Dialog die Ueberschrift gab: von der
Staatsverfassung (Politeia), und - warum er damit miverstanden wurde.
    Die Platonische Republik, sagt Kant (Krit. d.r. Vft. S. 372), ist, als ein
vermeintlich auffallendes Beispiel von ertrumter Vollkommenheit, die nur im
Gehirn des migen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprchwort geworden, und
Brucker findet es lcherlich, da der Philosoph behauptete, niemals wrde ein
Frst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen theilhaftig wre. Allein man wrde
besser thun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche
Mann uns ohne Hlfe lt) durch neue Bemhungen ins Licht zu stellen, als ihn,
unter dem sehr elenden und schdlichen Vorwande der Untbunlichkeit, bei Seite zu
setzen. So billig wie Kant lieen nicht Philosophen und Staatsmnnern der
Absicht Platons Gerechtigkeit widerfahren, und am allerwenigsten die, welche
sich eingebildet hatten, Platon habe hier eine ausfhrliche Theorie der
Staatsverfassung liefern wollen; ein Gedanke, den sie nicht gefat haben wrden,
wenn sie, was ihnen zuzumuthen war, diese Schrift mit Platons brigen
politischen Schriften verglichen htten, bei dem es ihnen aber ganz leicht
wurde, den Philosophen einer eben so groen Mangelhaftigkeit als
Oberflchlichkeit zu beschuldigen.
    Den grten Ansto bei diesem Dialog hat man inde von jeher an einzelnen
jener Vorschlge und Ausfhrungen genommen, welche, nach Morgensterns Ansicht,
als Nebenzwecke mit dem Hauptzwecke in Zusammenhang gebracht worden sind: 1)
psychologischer Grundri von dem Seelenvermgcn des Menschen, 2) Grundri einer
Encyklopdie der Wissenschaften; 3) Ideen ber Erziehung und Unterricht; 4) die
mit der Gotteslehre zusammenhngende Ideenlehre; 5) die Schilderung eines chten
Philosophen; 6) Grundri einer Theorie und Kritik der schnen Knste, die zum
groen Theil, wegen ihres schdlichen Einflusses auf die Sittlichkeit, aus dem
Staate verbannt werden sollen; 7) Gemeinschaft der Weiber, Kinder und Gter bei
der Kriegerkaste. Da jeder dieser Punkte von der Art sey, um uns geradeswegs
auf den Tummelplatz streitiger Meinungen zu fhren, sieht man auf den ersten
Blick; es ist daher unmglich, da wir uns auf jeden einzeln hier einlassen
knnten. Bleiben wir also bei der Frage stehen, ob sie als bloe Episoden zu
betrachten sind, und ob sie wesentlich in diese Untersuchung gehrten oder
nicht.
    Hat man die Absicht der ersten Bcher richtig gefat, so entdeckt man bald,
da hier ein neuer Parallelismus statt findet. Platon sucht hier jedem, was er
dort als aus der Wirklichkeit zu beseitigend zusammengefat hatte, das Bessere,
oder vielmehr das, was seyn soll, entgegen zu stellen, der Erfahrung des
wirklichen Lebens die wahre Beschaffenheit der Menschennatur, der Art der
Erziehung und des Unterrichts nicht nur eine bessere Methode, sondern auch den
Geist der Wissenschaftlichkeit und chten Philosophie, den Sophisten seinen
Weisen, den Dichtern und Rednern seine Kritik der schnen Knste, die er nicht
ohne deren Theorie vortragen konnte, und den Priestern - am behutsamsten - seine
Ideen- und Gotteslehre, die mit seiner Tugendlehre aufs innigste zusammenhngt.
Nur fr den siebenten der angefhrten Punkte findet sich keine solche Beziehung
auf ein Vorhergehendes, und man kann das so ausfhrliche Detail ber ihn
allerdings als eine mige Episode betrachten, dahingegen, wenn man auch die
Ausfhrung der brigen Punkte aus dem Gesichtspunkte der Episoden betrachten
will, man sie keineswegs als mige ansehen kann, indem sie wesentlich in das
Ganze eingreifen. Was ihre Anlage betrifft, so ist vielleicht mehr Kunst darin,
als man bisher vermuthct hat; die allzuverborgene Kunst aber scheint gerade hier
dem Knstler geschadet zu haben, da doch alte ohne Ausnahme geurtheilt haben,
Platon habe sich - wie Flleborn am billigsten sich ausdrckt - seines
Hauptzwecks uneingedenk, es sey durch Zeitumstnde, es sey durch die Neuheit
seiner Ideen verleitet, sich in zu detaillirte Vorschlge ausgelassen.
    Will man nun nach diesen Andeutungen Aristipps Beurtheilung beurtheilen, so
drfte sich finden, er habe den Hauptzweck nicht vllig genau aufgefat, der
Absicht Platons keine volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf die
Mangelhaftigkeit der Mittel zu Erreichung des Zweckes keine billige Rcksicht
genommen, dagegen in Einzelnem richtiger gesehen, treffender geurtheilt als die
meisten, und ber die Form, wenn ihm gleich, wie allen, ein Hauptpunkt verborgen
geblieben war, doch das Vorzglichste gesagt, was ber dieses merkwrdige
philosophisch-poetische Kunstwerk bisher gesagt worden ist. Man vergesse nun
aber bei dem allem nicht, da Aristipp es ist, welcher hier urtheilt, und da
Wieland, gesetzt auch er selbst wre so Platonisch als Platon selbst gewesen,
diesen doch nicht in einen Platonikcr htte verwandeln drfen.


                                   9. Brief.

32 Platon, dessen Akademie hiedurch ironisch den Mysterien, wie er selbst dem
Oberpriester derselben, dem, der das heilige Wort ausspricht, gleichgestellt
wird.


                                   10. Brief.

33 Zu dem, was frher hierber gesagt worden, will ich hier nur die eben so
kurze als treffende Schilderung derselben von Schleiermacher beifgen. Dem
Platon, sagt er, erscheint das unendliche Wesen nicht nur als seyend und
hervorbringend, sondern auch als dichtend, und die Welt als ein werdendes, aus
Kunstwerken ins Unendliche zusammengesetztes, Kunstwerk der Gottheit. Daher
auch, weil alles Einzelne und Wirkliche nur werdend ist, das unendliche Bildende
aber allein seyend, sind ihm auch die allgemeinen Begriffe die lebendigen
Gedanken der Gottheit, welche in den Dingen sollen dargestellt werden, die
ewigen Ideale, in welchen und zu welchen Alles ist. Da er nun allen endlichen
Dingen einen Anfang setzt ihres Werdens, und ein Fortschreiten derselben in der
Zeit, so entsteht auch nothwendig in allen, denen eine Verwandtschaft mit dem
hchsten Wesen gegeben ist, die Forderung, dem Ideale desselben anzunhern, fr
welche es keinen andern erschpfenden Ausdruck geben kann als den, der Gottheit
hnlich zu werden.

34 Das Selbstgute, das Gute an sich, das vollkommene Gute, ist der Name, welchen
Platon der Gottheit gibt, gewi nicht allein, um sich von dem priesterlichen
System zu unterscheiden, sondern weil das Gefhl eines moralischen und
religisen Bedrfnisses ihn bei seinem Philosophiren leitete. - Diejenigen,
welche gemeint haben, da davon Wieland nichts gewut, mssen - nebst vielem
andern von ihm - auch diesen Brief Speusipps nicht gelesen haben; und wer wollte
lugnen, da ihnen allerdings ihre Beurtheilung oder Verurtheilung dadurch sehr
erleichtert worden ist! - Mge nur nicht der folgende Brief, der leider von
Aristipp ist, die gute Meinung wieder vertilgen!

                                   11. Brief.

35 Agave, die Tochter des Kadmos, des Stifters von Theben in Botien, war
vermhlt mit Echion, dem sie den Pentheus gebar. Dieser widersetzte sich der
Einfhrung der neuen Religion des Bakchos, welcher dafr eine grausame Rache
nahm, denn er verwirrte den Sinn des Pentheus und seiner Mutter, die in
Bakchischer Wuth das Haupt ihres Sohnes abri, whnend einen Lwen getdtet zu
haben. So in den Bakchischen Frauen des Euripides.

36 Im Apollonstempel zu Delphi fand man die dreimal in Gold, Erz und Holz
ausgefhrte Aufschrift Ei, welches eben so wohl ist als wenn oder ob bedeuten
kann. Plutarch hat ber die Rthsel eine eigne Abhandlung geschrieben.

37 Homer in der Ilias 18, 373 berichtet, Hephstos habe Dreife verfertigt und

Goldene Rder befestigt' er jeglichem unter den Boden,
Da sie aus eigenem Trieb in die Schaar eingingen der Gtter,
Dann zu ihrem Gemach heimkehrten, Wunder dem Anblick.

Ideen s. die Anm. zu den Briefen von Verstorbenen, 4. Br. Bd. 26. - Man mu hier
bei Beurtheilung Platons in Anschlag bringen, da ihm die Wahrheit vorschwebte,
da er sie aber darum nicht zu fassen vermochte, weil ihm das Mittel dazu fehlte
- die Theorie der Einbildungskraft.


                                   12. Brief.

38 Der Athenische Astronom Meton, ein Zeitgenosse des Sokrates, machte sich
einen unsterblichen Ruhm durch die Einfhrung der unter seinem Namen bekannten
Periode (die gldene Zahl). Sie enthlt 6940 Tage, welches bis auf wenige
Stunden 19 Sonnenjahre und 235 Monate ausmacht, nach deren Verlauf die Neu- und
Vollmonde wieder auf dieselben Tage des Jahres fallen.


                                   13. Brief.

39 Odysseus, s. Odyssee 9, 94 fgg.

40 Die griechische Name von Karthago.

41 Von gestorbenen Kindern gebrauchte der Grieche den Ausdruck, Aurora habe sie
entfhrt.

                                   14. Brief.

42 Dieser Zeitgenosse des ltern Dionysius, nach Einigen aus Naukratis, nach
Andern aus Syrakus gebrtig, war eine Zeitlang mit jenem Tyrannen aufs engste
verbunden und ihm durch seinen Reichthum sehr ntzlich, erregte aber dann durch
die, ohne des Tyrannen Wissen, mit der Tochter von dessen Bruder Lepines
geschlossene Ehe Verdacht gegen sich, ward verwiesen, und begab sich nach Adria,
wo er seine Muse dazu benutzte, die Geschichte Siciliens zu schreiben, die aus
13 Bchern in 2 Abtheilungen bestand, deren zweite mit Dionysius anhub. Unter
mehreren Andern rhmt ihn auch Cicero, der ber ihn an seinen Bruder (Epp. ad
Quint. Fratr. 2, 13 Ausg. von Schtz Bd. 2, Br. 134) also schreibt (Wielands
Uebers. Bd. 2, S. 369): der Sicilianer (Philistus) geht immer auf den Grund der
Sache, ist gedankenreich, scharfsinnig, gedrngt, beinahe ein kleiner
Thucydides. Ich wei aber nicht, welches von seinen Werken du hast, denn ihrer
sind zwei, oder ob beide? Ich finde vorzgliches Vergngen an seinem Dionysius,
der ein durchtriebener alter Schlaukopf und dem Philistus durch und durch
bekannt war. Den meisten Nachrichten zufolge ward er erst unter Dionysius dem
Jngeren zurckberufen, und zwar nicht ohne Betrieb der Hflinge, die durch ihn
gegen den Einflu Platons und Dions ein Gegengewicht zu erlangen hofften, und in
dieser Hoffnung sich nicht betrogen, denn er wirkte dem Platon auf alle Weise
entgegen und bewirkte hauptschlich Dions nachmalige Vertreibung. In dem von
diesem hierauf begonnen Kriege kam Philistus mit einer Flotte dem Dionysius zu
Hlfe, wurde geschlagen, und soll nach Einigen sich selbst entleibt haben, nach
Andern von Dions Truppen umgebracht worden seyn. Er wird geschildert nicht blo
als Freund der Tyrannen, sondern auch der Tyrannei, und von Plutarch erfahren
wir (im Leben Dions), da er eben so bittre Tadler als bertriebene Lobredner
fand. Die nun scheint Wieland veranlat zu haben, auch hier die Wahrheit in der
Mitte zu suchen. Die Schilderung, die er von diesem so geistreichen und
gewandten als zweideutigen Mann entwirft, vergleiche man mit dem, was Sevins
ber ihn im 19. Bande der Mmoires de l'Acadmie des inscriptions gesagt hat.


                                   16. Brief.

43 Wenn man mit Rochow Philosophiren durch das, sonst fr Raisonniren
einigermaen gebruchlich gewordene, Vernunften bersetzen will, so drfte die
schwer bersetzliche Wort vielleicht durch Narrheit-vernunftend ausgedrckt
werden, da es von den Morosophen, den nrrisch-Weisen, doch unterschieden werden
mu.

44 Gesellschafter, Schler.

45 Solcismen, nennen die Sprachlehrer alle Eigenthmlichkeiten der schlechten
Art, wie man vermuthet nach der Stadt Soli in Cilicien, der eine schlechte
Mundart eigen gewesen seyn mu.


                                   17. Brief.

46 Wre Aristipp mit der Theorie der Temperamente und einigen nachfolgenden
Philosophen bekannt gewesen, so wrde er ohne Zweifel versucht haben, die
verschiedenen Gattungen der Philosophen auf diese zurckzufhren, und drfte
dann gesagt haben, da die Natur den Sanguiniker zum Aristipp-Epikur und
allenfalls zum Cyniker, den Choleriker zum Stoiker, den Melancholiker zum
Platoniker, und den Phlegmatiker zum Aristoteliker geschaffen habe. Htte er
ferner zu seiner Zeit schon wissen knnen, da berhaupt nur vier verschiedene
Systeme der Metaphysik mglich sind, so wrde er auch diese eben so auf jene
Temperamente zurckgefhrt haben, wie Kant die verschiedenen Religionsansichten.
Um den Aerger der Leute, die da meinen, da Ein Schuh an jeden Fu passen msse,
wrde er sich vermuthlich wenig gekmmert haben.




                                   18. Brief.


47 War der Bruder des berhmten Feldherrn und Befreiers Siciliens, Timoleon,
durch dessen Hand (wenigstens nach Diodor, von welchem Plutarch abweicht) jener
fiel, weil er nach der Alleinherrschaft strebte, und durch gtliche
Vorstellungen von seinem Vorhaben sich nicht abbringen lie.

    Mit diesem Briefe hat Wieland diese Sammlung geschlossen, allein, wie es
scheint, nicht beendigt, weder in Hinsicht auf Aristipp, noch auf die Ereignisse
jener Zeit. Wie diese Sammlung jetzt ist, reicht sie bis auf den Tod des alteren
Dionysius, also bis in das Jahr 368 vor unserer Zeitrechnung. Angenommen, da
nach der groten Wahrscheinlichkeit Aristipp bei dem Tode des Sokrates 25 Jahre
zhlte (Anm. zu Bd. 22 Einl.), so stand er jetzt in einem Alter von 56 Jahren.
Gerade jetzt aber kommt erst noch die wichtigste Periode seines Lebens, nmlich
die Regierungszeit des jngern Dionysius, erst bis zur Vertreibung desselben
durch Dion i.J. 355, und dann bis zu dessen Verweisung nach Korinth i.J. 343.
Kurz zuvor erst hatte sich Aristipp, ein etwa achtzigjhriger Greis, vom Hofe
dieses Tyrannen nach Athen begeben. Diese Zeit nun aber, welche Aristipp am Hofe
zu Syrakus zubrachte, mag wohl die wichtigste zu seiner Beurtheilung genannt
werden, indem die Anekdotensammler des Alterthums eben aus ihr das Meiste
berichten, was ihm bei der Nachwelt so bsen Leumund gemacht hat, da Viele sich
fr berechtigt hielten, ihn fr etwas weit Verchtlicheres als einen bloen
Hofnarren zu erklren. Da Wieland, nach der gemachten Anlage, einen ganz andern
Gesichtspunkt fr die Beurtheilung gefat haben wrde, ist keinem Zweifel
unterworfen, und gewi wrde seine Darstellung sehr anziehend gewesen seyn. Wie
sehr inde auch dieser Verlust zu beklagen seyn mag, so ist es doch ein anderer
weit mehr. Die wichtigsten Ereignisse aus der philosophischen und politischen
Welt fallen in diesen Zeitraum, und sie zu schildern und auf seine Weise zu
beurtheilen, hatte Aristipp die dringendste Veranlassung. Wer sollte nicht
erwarten, da die zweimalige Reise Platons zu dem jngeren Dionysius und der
Aufenthalt an dessen Hofe die Veranlassung gegeben haben wrde, den Punkt ber
die Platonische Republik vollends ins Reine zu bringen, und zur Beurtheilung der
ganzen Platonischen Philosophie wenigstens einen Blick auf Aristoteles geworfen
zu sehen, auf diesen wichtigsten Schler und Gegner Platons, dessen Blthe in
diese Periode fllt! Wer sollte nicht erwarten, da Aristipps Tochter Arete,
durch welche die Kyrenaische Schule fortgesetzt wurde, gerade von jetzt an noch
weit mehr wrde hervorgehoben worden seyn! Und wie viel Wichtiges bot die
politische Welt dar! Abgesehen von der Schilderung des Dionysischen Hofes, und
so interessanten Personen, als in Philistus, Dion und Timoleon dabei vorkommen;
abgesehen von der Umgestaltung der Dinge, die sich in Kyrene vorbereitete: fllt
nicht in eben diese Zeit die wichtigste Umgestaltung von ganz Griechenland durch
die Macedonischen Knige? Fllt nicht der Anfang einer neuen Periode der Poesie
und Kunst in diese Zeit? - Man mte die vorliegende Briefsammlung wenig
aufmerksam gelesen haben, wenn man nicht wahrgenommen htte, da Wieland die
Anlage dazu gemacht hat, alle diese Gegenstnde in den Kreis seiner Darstellung
zu ziehen, sehr auffallend sogar noch in dem letzten Briefe. Bei dieser Anlage
ist es aber auch geblieben, und so hat Wieland es seinen Lesern berlassen, in
seinem Agathon, Diogenes und Krates einen Thcil dessen zu suchen, was er sie
hier vermissen lt, in Ansehung des Uebrigen aber ihre eigne Divinationsgabe zu
versuchen, welcher der Herausgeber auf die Spur zu helfen gewi nicht einmal
nthig gehabt htte.

                                    Funoten


A1 Nmlich durch das frchterliche Geschrei, welches er die in des Donnerers
allzufeuriger Umarmung sich verzehrende und vor Angst und Schmerz zu frh von
dem jungen Bacchus entbundene Semele erheben lie; wie aus einer Stelle im
Athenus, Bd. VIII. Kap. 5. erhellet; denn eine andere Art von Unziemlichkeit
ist hier nicht zu vermuthen.

