1920_Wille_Glasberg.html




        
                                  Bruno Wille
                                  Der Glasberg
                     Roman einer Jugend die hinauf wollte
                                   Erstes Buch
                                 Wolkenstürmer
                             Traum von Glastelfingen
Dass ich noch einmal auf den Pfaden meiner Jugend gehandelt und den Schicksalen
er Tübinger Schulgefährten nachgegangen bin hat ein Traum veranlasst Er weckte
mir Heimweh nach einem Schatze der mir fast unbewusst geworden war Ich träumte
den Traum an einem Aprilmorgen des Weltkrieges in meiner Schlafkammer zu
Friedrichshagen am Müggelsee Von einem Geräusch auf dem Hausflur halb wach
geworden hörte ich eine Lerche trillern und dieser Frühlingsherold erinnerte
mich daran dass ich gestern zu meiner Frau gesagt hatte es sei Zeit
Hopfenknospen zu sammeln die ein würziges Kraut für die Suppe sind Die
Lerchenmusik lullte mich in neuen Schlaf und in den anhebenden Traum wob sich
die Vorstellung von Hopfen Ich war bei einer Hopfenpflanzung wie ich sie einst
auf sonnigen Höhen bei Tübingen erlebt hatte
    Ein Tälchen mit einem Bach über den ein Steg führt Der Wegweiser hat die
Aufschrift Glastelfingen Und ein beglückendes Staunen ergreift mich
Glastelfingen Ist das nicht jenes heimliche Dörfchen von dem ich als Knabe
geschwärmt Zwischen Gartengemäuer auf steinerner Steige empor Rechts und links
gestaffelte Beete Rebstock bei Rebstock von vorgewölbter Halde grüßen sonnige
Weinbergshäusle Dann säuselt ein Wald von Apfelbäumen Erquickende Rast im
Schatten und selige Schau Durchs Tal windet sich blinkend der Fluss  der Neckar
ist es nur dass er etwas holdselig Neues hat wie überhaupt die ganze
Schwabenlandschaft in Verklärung lächelt Aus goldigen Weizenfeldern grüßt ein
Dorfkirchlein Hinter dem Kranze der Waldhügel blaut die Alb mit ihren Schanzen
und burggekrönten Kuppen
    Umfassender noch möcht ich schauen  also hinauf ins Hohe Freie Je höher
ich komme desto leichter wird mir und schließlich ist es als ob ich schwebe 
wie eine Taube stillen Fittichs Oder als ob die Landschaft vorüberziehe am
ruhig Schauenden Wie wallendes Gewölk Selbst der Berg an dem ich weile hat
etwas Wolkenhaftes Nicht aus Erdenstoff besteht er sondern aus Lichtduft 
blaugrüner und goldiger Dunst bildet runde Stufen die sich himmelan häufen
Und nun sind diese Stufen Musik ein rätselhaft süßes Gewoge von Klang 
    Das überirdische Schweben hat aufgehört wieder bin ich Erdenwanderer
Kuhglocken läuten ein Hirt jodelt Die Halde über die ich wandle ist Vorstufe
eines Gebirges das sich weit und weiter dehnt Klee mit summenden Bienen  lila
blühendes Mohnfeld  Welschkorn dessen schwertförmige Blätter rascheln Dann
abermals gestaffelte Berggärten wimmelnde Rebstöcke Südlichen Charakter nimmt
die Landschaft an  gehts hier nach Italien hinab Weinlauben strotzend von
Üppigkeit aus dem Blätterwerk lugen schwarzblaue Trauben Feigengebüsch lockt
mit Honigfrüchten hochwipflige Edelkastanien wiegen sich in lauer Luft und
lassen aus geplatzten Stachelschalen die braunen Kugeln fallen Rings
riesenhafte Berge Als silberne Fäden gleiten Schaumbäche zwischen Felsen zu
Tal Aus dem Dunst der Ferne glimmerts von Gletschern 
»Ich hör ein Vöglein pfeifen 
Das pfeift die ganze Nacht
Und alle Sterne lauschen
Bis nun der Tag erwacht
Schliess du dein Herz wohl in das mein 
Schliess eins ins andre Herz hinein 
Daraus soll blühn ein Blümelein
Das heißt Vergissnichtmein«
    So schallt es aus ferner Landschaft zweistimmig Wohl ein Liebespaar Ja
dort erscheint der Bauernbursch mit seinem Mädel Trägt grauen Linnenrock zu
roter Weste Kniehosen Lederkäppchen Sie hat über gelben Zöpfen eine
schwäbische Flittertrone  blitzsauber stehen zum schwarzen Samtmieder die
weißen Hemdsärmel  Diese zwei dünken mich traute Bekannte  es bleibt mir aber
unklar wer sie sind »Nun Kinder« frage ich »hier oben soll ja Glastelfingen
sein Wie weit ists noch«  Sie stutzen lugen einander an als wüssten sie
nicht zu antworten Und das Mädel raunt mit verlegenem Lächeln »Glaschtelfinge
Uijeh« Der Bursch lässt die dunkelrote Rose die er im Munde hält fallen und
späht unschlüssig nach hinten Seufzend macht er mit dem Arm eine Bewegung als
wolle er ausdrücken »Weit ists himmelweit«
    Nun bin ich mit einemmal auf öder Hochebene Steinige Schafweide Bergsumpf
finsterer Tannenwald starrende Felsen Was ragt ganz hinten Ein kahler
Schroffen blinkend wie Glas Wars hier wo der Vorzeit Riesen Berg auf Berg
gewälzt haben den Himmel zu erstürmen  In die Schauer der Alpenwildnis mischt
sich etwas heimlich Wonniges Ein Jauchzen weht verschollen fast von oben her
 als sei ein Fest im Dorfe Glastelfingen das da irgendwo liegen muss Oder
sinds die Seligen auf Wolken wandelnd
    »Glastelfingen« spricht eine klangvoll tiefe Stimme  Ich glaube gar das
ist der Kandidat Hainlin Ja wirklich Ich bin auf seiner Studentenbude  bin
der dreizehnjährige Pennäler dem er Nachhilfe in lateinischer Grammatik
erteilt Im Wörterbuche blätternd belehrt er mich »Glastelfingen  Himmelsburg
altdeutscher Göttersage auf halber Höhe des Glasbergs Bei Dante eine Vorstufe
des Paradieses  Monte Cristallo«  
                                       
    In diesem Augenblick wars dass ich erwachte und  mich in meiner
Schlafkammer zu Friedrichshagen befand In hoher Morgenluft trillert die Lerche
mir im Ohr klingen noch Hainlins Worte »Glastelfingen  Monte Cristallo«
    Die Gestalt des Kandidaten macht einen früheren Zug des Traumes
verständlich der Bauernbursch und das Mädel haben Ähnlichkeit mit Hainlin und
seiner stillen Braut Rosel Dass mir der Kandidat Hainlin in ländlicher Tracht
erschien hat sich aus der Erinnerung hervorgesponnen er habe um Rosel
heiraten zu können Gärtner werden wollen Dazu passt die Weise »Schliess du dein
Herz wohl in das mein schliess eins ins andre Herz hinein  daraus soll blühn
ein Blümelein «
    Zärtliches Vergissnichtmein Plötzlich in einem Herzenswinkel hab ich dich
entdeckt Und staune nun darüber dass die Lichtgestalten meiner Knabenzeit die
mir scheinbar aus dem Sinn gekommen waren noch frisches Leben haben Als hätten
sie sich geflüchtet in ein verborgenes Wunderland wo keine Zeit schaden kann
Heimat ewiger Jugend wo bist du Meint dich die Träumerei von Glastelfingen
Findet man den Zugang zum heimlichen Märchendorf im Gemüte Ist es das verklärte
Leben der Erinnerung
    Anders als dort im geschützten Bereich gehts außen her in der Welt die
man Wirklichkeit nennt Hier verblühen die Blumen hier bleicht das Laub hier
wütet das Stürmen der Zeit Das Liebespaar wies mir im Traum erschien gibt es
nicht mehr in der Außenwelt Während der zweiundvierzig Jahre die ich von
Tübingen fort bin haben Hainlin und Rosel graue Haare bekommen und Runzeln
Wenn sie überhaupt noch atmen Hainlin wird längst tot sein Hätte er noch ein
paar Jahrzehnte das Leben behalten eine Spur von ihm wäre mir begegnet In
einer Zeitung einem Buche Trug ich mich doch einst mit der Hoffnung es werde
am deutschen Geisteshimmel ein Stern auftauchen Dichter oder Philosoph Hainlin
geheißen Weil mir dieser Name in keinem Literaturblatt begegnet ist weil ich
mir aber nicht denken kann dass aus diesem Feuerkopf ein Durchschnittsmensch
geworden ist so muss ihn der Strudel einer Welt verschlungen haben die ja nie
das Element für Träumer war
    Rosel könnte noch am Leben sein Vielleicht haust sie in Tübingen oder
sonstwo im Ländle als Witwe Hainlin oder als alte Jungfer  Jedenfalls wäre
sie jetzt Greisin Seltsamer Gedanke das frische Mädel mit den blanken Augen 
das in mir so lieblich blüht wie der Traum von Glastelfingen  jetzt sitzt sie
vielleicht welk und weisshaarig im Stuhle beim Kriegskaffee  schaut wehmütig
auf Hainlins Wandbild während in der alten Kastenuhr der Perpendikel langsam
tickt und tackt
»Net lang so geht dirs Lichtle aus
Ond steht bei Ührle still im Haus
Jetzt Menschekind waas soll dees Ganz
Oh glaub die Welt ischt Gaukeltanz
Ischt bunter Traum e Schattespiel 
Du Närrle gelt Trau net so viel«
    Wenn das nun wahr ist wenn alles Leben Traum bedeutet haben wir dann Grund
zur Klage Ich glaube kaum War die Wirklichkeit schlimm so ist es ein Trost
dass wir eben bloß geträumt haben War die Wirklichkeit aber etwas Holdes so
blüht das Holde als Blümlein Vergissnichtmein in Glastelfingen wo der
Jungbrunnen taut
    Viele Leute freilich allzu viele haben kein Verständnis fürs heimliche
Dörfchen Von der Außenwelt sind sie befangen von dem was die fünf Sinne
erfassen als Stoff und Genuss Dort seh ich ein Beispiel meinen alten
Stiefelknecht neben dem Waschtisch Er ist zwar ein geringes Möbel hat aber
nach verbreiteter Ansicht viel voraus vor Glastelfingen Denn er ist greifbar
während das heimliche Dörfchen bloß Traum ist Wenn jetzt ein Hausierer bei mir
anklopfte Lumpen und dergleichen einzuschachern der gäbe was für meinen
Stiefelknecht aber aus Glastelfingen machte er sich nichts Auslachen würden
mich die Leute wenn ich ihnen vorschwärmte Glastelfingen sei mein heimlicher
Garten Eden Würden mich einen überkandidelten Schwärmer schimpfen Und wenn ich
eigensinnig an meinem Traume festielte wohl gar auf die Wanderschaft ginge um
Glastelfingens Urbild im Schwabenland aufzuspüren  was gilt die Wette Ein
Landjäger würde mich in Numero Sicher schaffen und ein Arzt nachdem er mich
beklopft würde meinen Geisteszustand folgendermaßen beurteilen »Hier lieber
Mann ist die Landkarte von Württemberg  nun zeigen Sie mir mal Ihr
Glastelfingen Ihr Land wo Milch und Honig fleusst In welchem Oberamtsbezirk
liegt es denn he Gelt da werden Sie unsicher Geben Sie lieber ohne
Umschweife zu solch Dörfle gibts bei uns überhaupt net Deescht bloß Schaum in
Ihrem gärende Hirn  fixe Idee nennts der Psychiater Drum rat ich Ihne guter
Mann halte Se den Mund dass er net wieder von Glaschtelfinge babble tut 
sonscht lauft die Sach übel aus Dergleiche Schwärmer steckt mr bei ons eifach
ins Narrehäusle  net wahr Also gut I han Sie gewarnt Für diesmal wolle mr
Sie laufe lasse  Sie scheine ja im übrigen e harmloser Wicht zu sein«
    Donnerwetter ja Fatale Geschichten können einem widerfahren wenn man
übers Wirkliche und Wahre anders denkt als Gevatter Gerber und Färber  Aber so
ist die Welt Dem Hausierer der für meinen Stiefelknecht ein paar schmutzige
Groschen zahlt ihm traut man gesunden Menschenverstand zu Es hauste hingegen
mal jemand in Tübingen den ein Genius beseelte  Hölderlin nennt ihn die
Geschichte Und dieser Schwab gewordene Apoll wurde als Idiot in den Turm am
Neckar gesperrt weil sein Glaube an ein Glastelfingen ein griechisches ihn
derart enttäuscht hatte dass die zarten Saiten seines Herzens zersprangen
Diotima und des Menschentums adlige Schönheit bedeutete ihm wahres Sein  übers
Winkelgetriebe des Krämergelichters wollte er durchaus hinwegsehen Noch seine
heisere Harfe hallte rührend indessen um die verwitterte Stadtmauer nasskalter
Herbst schnob und auf dem Turm die Wetterfahne kreischte
    Hölderlintraum Heimweh nach dem ewigen Glastelfingen Geglommen hast du
schon hinter den Stirnen jener Weisheitsjünger die in atenischen Säulengängen
wandelten Wahrheit ist nicht zu verwechseln mit äußerer Wirklichkeit Willst du
das Wesen schauen so verliere dich nicht an die Erscheinung Wie ein Bergmann
tief nach Edelmetall schürft suche du Gehalt der eigenen Persönlichkeit Es
stimmt zwar dass man die Außenwelt nicht übersehen dass man Boden unter den
Füßen haben soll um Reben pflanzen zu können Doch was du geerntet was du vom
Wurzelbereich losgelöst und in höheres Leben umgewandelt hast erst das hat
Wert Man keltert die Trauben und ist der Saft im Keller gereift so hat man
des Erdbodens heimliche Feuerseele hat flüssiges Gold eine Essenz aller
Blumendüfte den Göttertrank der Begeisterung
    Wohlan Traubenblut meines Lebens äterisch gewordene Wirklichkeit von
ehedem Du bists wonach ich mich sehne bist mein Dörfchen am Monte Cristallo
Als blumigen Wein lass dich schlürfen aus einem Edelbecher In einer
altväterischen Weinstube soll es sein zu Tübingen wenn ich ausraste vom Gang
über sonnige Berge  Vielleicht dass da silberhell ein Stimmchen lacht Mein
Gott frisch Mädel bist du noch da meine Jugend  »Ha freili Ond du Wo
bischt so lang gwä Ond waas soll der Graubart da Weg mit der Maskerad domms
Büble«
 
                      Wie zuerst vom Glasberg die Rede war
Im Silber des Mondes schimmerte die Sommernacht als ein dreizehnjähriger Knabe
ins Neckarstädtle einfuhr das ihm neue Heimat sein sollte An der Eltern Seite
saß er im Gastofwagen der die Gäste vom Bahnhof abholte Hatte ich mich beim
Lesen des RobinsonBuches gesehnt auch mal als Schiffbrüchiger auf eine
unbekannte Insel zu gelangen so kam ich mir jetzt wie eine Art Robinson vor
Mich durchbebte die Lust am Abenteuer in den Mut der Jugend mischte sich
freilich auch etwas vom Zagen das meine Eltern bedrückte Durch des Vaters
drohende Erblindung und bereits erfolgte Verabschiedung aus dem Amte war die
Familie gewissermaßen schiffbrüchig geworden
    Es durchschauerte mich romantisch als wir über die Neckarbrücke fuhren und
der Blick durchs Wagenfenster auf ein nachtumwobenes Stadtbild fiel Längs des
glimmernden Flusses in dunkler Zeile altertümliche Häuser an Fensterscheiben
blinkernd der Mond Schwarze Laubmassen am anderen Ufer Über die Dächer lugt
ein stumpf zugespjetzter Kirchturm Vom Berge trotzt die Burg HohenTübingen Wie
ein Raunen dunkler Zukunft das Rauschen des Baches der aus dem Schacht einer
Mühle in den Neckar stürzt Meine Eltern in düstere Schweigsamkeit versunken 
Wie der Wagen beim plätschernden Marktbrunnen hält und der Lammwirt die neuen
Gäste willkommen heißt wünschen wir uns gleich zu Bett
                                       
    Pferdegetrappel und Peitschenknall Die Sonne scheint zum Fenster herein
und mir kommt zum Bewusstsein In einem Gasthaus hab ich geschlafen Im
Nebenzimmer dessen Tür offensteht sind die Eltern Noch müde leg ich mich
aufs andere Ohr Doch auf der Straße ists zu lebhaft Wagen rollen eine Kuh
brüllt Stimmengewirr Weibergetratsch
    »Gemüsemarkt« hör ich im Nebenzimmer meinen Vater sagen »Ich will zur
Zeitungsexpedition  vielleicht sind noch Wohnungsangebote eingelaufen Bleib
du nur ruhig liegen«  »Ruhig« erwidert meine Mutter kläglich »Kann ich unter
diesen Verhältnissen ruhig sein Die halbe Nacht hab ich mich gebangt Nun sind
wir in der Fremde und wissen nicht « Sie bricht in Weinen aus Ich höre wie
mein Vater aufsteht und die Verbindungstür schließt Schwer ist mir das Herz
Frisch und froh hatte ich ins neue Leben geblickt  nun war da wieder die graue
Sorge  als ob dies Gespenst die Familie Wille mit besonderer Tücke verfolge
    Als ich noch klein war hatte die Kette des Missgeschickes begonnen Von
seiner Kanzlei war mein Vater in einer Droschke nach Hause gekommen und gleich
zu Bett gegangen Von der Darmverschlingung die ihm ein Fehltritt auf der
Aktenleiter beigebracht wurde er zwar gerettet aber dann erkrankten die Augen
Um wenigstens das eine zu retten wurde das andere herausgenommen Mein Vater
musste seinem Beamtenberufe entsagen und wurde mit einem kargen Ruhegehalt
verabschiedet
    Meiner Mutter fiel es nicht leicht solchem Schicksal mit Fassung zu
begegnen Enttäuschungen die ihr schon in ihrem Elternhause nicht erspart
geblieben waren hatten ihr eine Bitterkeit beigebracht die nun überhandnahm
Ihr Vater ein Major hatte das Vermögen durch noble Passionen Spiel und
Bürgschaft zerrüttet Als er plötzlich starb blieb der Witwe mit acht Kindern
nur die schmale Pension und geringes Vermögen Diese Verarmung der Familie wars
gewesen was einen jungen Rittergutsbesitzer veranlasst hatte seine Bewerbung um
meine Mutter zurückzuziehen Sie hatte sich dann zur schlicht bürgerlichen Ehe
mit meinem Vater bequemt Aber den früheren Freier konnte sie nicht vergessen
Wenigstens kam es mir so vor seit ich zufällig ein Gespräch der Eltern
mitangehört hatte Seitdem bildete ich mir ein mitschuldig zu sein an der
Unzufriedenheit der Mutter Hätte sie damals den Junker geheiratet so hätte sie
 faselte ich  ein andres Kind bekommen als mich Es war also eine gewisse
Rücksichtslosigkeit von mir zur Welt zu kommen
    Aber nun war ich einmal da Und hatte schon wieder eine peinliche
Auseinandersetzung zwischen den Eltern belauschen müssen Ich atmete auf als
jetzt die begütigende Art meines Vaters die Oberhand gewann »Es wird schon
gehen« tröstete er »man soll die Dinge nicht trüber sehen als sie sind« 
Aber die Mutter klagte »Brunos Schule macht mir Sorge sie sollen hier im
Latein weiter sein«  »Ach was« ermunterte mein Mater »Er muss die Nase in die
Grammatik stecken und seine Allotria lassen«  »Das tut er eben nicht«  »Na
ja er ist eben noch Kind Auch bei mir hat sich ernsteres Streben erst nach der
Konfirmation eingestellt An Max haben sich die paar Jahre die er vor Bruno
voraus hat auffällig bewährt«
    »Ja Max hat Verstand  aber Bruno bleibt ein Träumer«  »Also tröste dich
mit Max Du wirst sehen keine drei Jahre und er kommt nach Tübingen als Bruder
Studio«  »Medizin muss Max studieren« sagte die Mutter »Ich denke mir ihn als
Arzt Nur nicht in einem Bauerndorfe Für die Großstadt bin ich«
    »Dafür mag Bruno das Landleben wählen« meinte der Vater »Bruno schwärmt ja
fürs Idyllische Ich sehe ihn schon als Landpastor bei seinen Rosen und Bienen«
 »Pastor Dazu kann ers allenfalls bringen Du hättest hören sollen wie er
vor dem Küchenpersonal den Pastor gespielt hat Deinen schwarzen Filzhut auf dem
Kopfe Krempe nach oben das war sein Pastorbarett Die Bäffchen aus Papier
geschnitten Sein Talar dein schwarzer Mantel die langen Ärmel schlappten
wenn er Gebärden machte und das Gesangbuch an die Brust gedrückt salbaderte
Geliebte in Christoph Kolumbus Klein ist die Haselnuss Grösser schon die Walnuss
Erstaunlich groß die Kokosnuss Aber die allerdickste Nuss in diesem Jammertal
das ist die Venus Amen  Die Dienstmädchen haben gejuchzt Venus was ist denn
das fragt eine und der Bengel antwortet Eine Nuss die wehtut  das Weib ist
bitter«  »Ho ho« lachte mein Vater »Für solche Faxen hat der Bengel Sinn 
aber Latein ist seine Liebe nicht Hat erst neulich wieder ut mit dem Indikativ
geschrieben«  »Ja sorge bloß dafür dass er nicht so viel Indianergeschichten
schmökert Neulich hat er auch noch das Dichten angefangen«
    »Stimmt der Bengel reimt In seiner Grammatik fand ich einen Zettel Der
Glasberg ein Heldengedicht Und dann gings los O märchenhafte Ferne ins
Blaue zög ich gerne Über solche Reimerei war das Epos nicht hinausgekommen
Aber eine Zeichnung dazu gekritzelt Kühn zu Ross sprengt ein Reiter den Glasberg
hinan  stürzt jedoch ab weil ihm ein Raubvogel nach den Augen hackt«  »Man
merkt« sagte die Mutter »er hat Uhlands Balladen gelesen und möchte nachäffen
Na die Reimerei ist wenigstens eine Stilübung«
    »Die Geschichte vom Glasberg steht in seinem Märchenbuche Übrigens keine
üble Idee«  »Idee Was für eine Idee«  Nach sinnendem Schweigen versetzte
mein Vater »Wie wir gestern abend an Reutlingen vorbeifuhren kam mir die
Achalm wie der Glasberg vor Solch ein Gipfel lockt uns alle es hat jeder seine
heimliche Sehnsucht auf eine Höhe zu gelangen die er sich träumt Meint nicht
sogar unsere Übersiedelung nach Tübingen gewissermaßen den Glasberg«  Die
Mutter seufzte »Lieber Gott ja Wenn nur die Kinder vorwärts kommen Das ist
jetzt mein Glasberg«  »Na und der wird zu erklimmen sein« sagte der Vater
sanft  »ist ja ein bescheidenes Ziel eigentlich nur ein Hügelchen  obwohl
einem kurzatmigen Manne wie mir beim Klimmen schon etwas die Puste ausgeht Du
mit den Kindern wirst hinaufkommen Wirst mal mit Max in der Stadtwohnung
hausen während sein Wartezimmer von Patienten wimmelt Oder wenn dirs besser
passt kannst du auch auf Brunos Glasberg ziehen in seine ländliche Pfarre Der
Frau Pastern ein wenig unter die Arme greifen Bist ja noch jung und rüstig Ich
werds nicht erleben Und wenn auch So würd ich das Gärtchen vielleicht nicht
sehen können und die Frau Pastern mit dem Kindchen  Aber lass gut sein Die
Welt braucht sich nicht um mich zu drehen «  »Und auf solche Ideen bringt
dich das Märchen vom Glasberg Aber von deiner Lebensphilosophie hat der Junge
keine Ahnung«  »Wer weiß Er spürt GlasbergSehnsucht Auf kindliche Art hält
ers mit dem Ritter der die Prinzessin vom Glasberg holen will Bei seiner
Reimerei schwebt ihm vielleicht zum ersten Male etwas wie eine Idee vor«
    Unvergesslichen Eindruck machte dies Gespräch der Eltern auf mich Und als
der Vater gegangen als es still im Nebenzimmer geworden war suchte mein
Grübeln zu erfassen was er meinte Wenn meine Mutter zur Köchin gesagt hatte
»Es fehlt an der Suppe ne Idee Salz« so hatte sie »ein ganz klein wenig«
gemeint Ich stellte mir daher eine Idee als ein verblasenes Ding vor so etwas
wie Stäubchen oder Spinnenfädchen Einen schon mehr vergeistigten Begriff hatte
mir das Lesebuch meines Bruders beigebracht  in einem Aufsatz über Parzival war
von der Idee dieses Heldengedichtes die Rede Nun hatte der Vater dem
GlasbergMärchen eine Idee zugesprochen Ich kam mir vor wie einer der einen
heimlichen Schatz gefunden hat Und war jetzt entschlossen nicht Landpastor zu
werden sondern ein Dichter der Ideen hat Eine Lebensaufgabe würdiger als die
Grammatikbüffelei Da ich ein Bild des ParzivalDichters gesehen hatte wie er
die Harfe schlägt so wollte ich mir beim Weihnachtsmann eine Harfe bestellen
Ich hörte sie schon vom Glasberg raunen und vom kühnen Erlöser der Prinzessin
 
                             Auf der Wohnungssuche
Vom Schlummer in den ich zurückverfallen war weckte mich der Vater und aus
dem Bette fuhr ich Lief zum Fenster und sah wimmelnde Menschen Körbe mit Obst
und Gemüse umdrängt von kaufenden Bürgerinnen »Flott« mahnte der Vater
»Runter zum Frühstück Es geht auf die Suche nach einer Wohnung«
    Unten schlürfte ich hastig den Milchkaffee und biss tapfer in den großen
gelben Wecken den mir nebst süßer Rahmbutter die neue Heimat bot
    Der angenehme Eindruck Tübingens steigerte sich noch als ich mit den Eltern
auf den Marktplatz trat Gewühl und Stimmengewirr ländliche Frauen und Mädchen
mit langen Zöpfen Sie schnatterten wie Enten Viele trugen ihren Korb auf dem
Kopfe Diese süddeutsche Art war uns neu ich machte auf das kranzförmige
Kopfkissen aufmerksam auf dem der Korb ruht »Seht doch das Bauernmädchen sie
trägt ihn so sicher braucht gar nicht anzufassen« Meine Mutter blieb bei
schönen weißen Rettichen stehen lobte auch Bohnen Kohlrabi und Zwiebeln »Was
kosten die Johannisbeeren« Ihr Norddeutsch wurde von der Bäuerin nicht
verstanden aber ich konnte aushelfen weil ich während der Eisenbahnfahrt auf
die schwäbische Mundart gemerkt hatte »Waas koschte die Träuble« Nickend
lachte die Bäuerin »So isch reacht So tuet mr bei ons schwätze«
    Mein Vater war in Betrachtung des Ratauses vertieft Ein mittelalterlicher
Bau mit großem Dach Die Kanzel an dem ersten Stockwerk kannte ich bereits aus
den Bildern zu Hauffs »Lichtenstein« und fragte »Von da hält der Bürgermeister
wohl seine Volksreden Aber was ist denn oben auf dem Dache Sieht aus wie ein
Storchnest«  »Ist auch eins« sagte der Vater »heute früh war der Storch
drin hat mit dem Schnabel geklappert«  »Wie ulkig Ein Storch auf dem
Rataus Vielleicht sitzt er noch drin und hat sich bloß geduckt Aber sag
Vater was bedeutet der steinerne Mann auf dem Brunnen da«  »Das ist der
Wassergott mit dem Dreizack« Ich tat noch schnell einen Blick in die Runde und
die Altertümlichkeit der hochgiebligen Häuser versetzte mich in die Ritterzeit
»Mir gefällt Tübingen« erklärte ich
    Meine Mutter schien anders zu empfinden als wir nun durch Gassen pilgerten
die eng waren und winklig Wie Rippen sahen die braunen Balken der Kalkwände
aus Die oberen Stockwerke der Bürgerhäuser über die unteren vorgeschoben Der
spitzige Giebel hat eine Luke zuweilen auch einen vorspringenden Balken um
Stroh und Heu zum Dachraum emporzuwinden Die schweigsame Mutter fragte
plötzlich »Wohin führst du mich« Im Notizbuch blätternd erwiderte der Vater
»Zur Bachgasse Ich habe die angebotenen Wohnungen notiert und da heißt es
Weingärtner Kübler Bachgasse zwei Zimmer drei Kammern Küche und Stall 
auffallend billig« Meine Mutter zog ein saures Gesicht Bereits in Magdeburg
war sie alten Stadtteilen abgeneigt und nun waren hier lauter »olle Kabachen«
wie sie sich ausdrückte Man sah keinen wohlgekleideten Menschen nur
Ackerbürger mit unsauberen Stiefeln verhutzelte Weiblein Handwerker mit
Schurzfell Herumlungernde Kinder gafften uns an und freilich waren wir eine
auffallende Erscheinung Meine Mutter in modischer Tracht ihr Kleid war billig
sah aber wie graue Seide aus und der Strohhut mit dem Schleier erregte hier
Aufsehen Mein Vater hager schwarz gekleidet blaue Brille Binde vor dem Auge
Ich ein hochgeschossener Junge mit himmelblauer Schülermütze
    Einen Ackerbürger der vom Karren Klee ablud fragte mein Vater »Wie kommt
man zur Bachgasse« In der rau schnatternden Mundart des Tübinger Weingärtners
erfolgte die Antwort unter beschreibenden Gebärden »Graad naus beim Schneider
Lämmle oms Eck num Na tut mr sich ebbes links drehe  ond widder ebbes rechts
E Seitegässle  dees ischt aber net die Bachgass  noi Erscht kommt die Froschgass
«
    Meine Mutter den Mann anstarrend bekam ihren roten Kopf und ging
übellaunig Bestürzt folgte ihr mein Vater während der Mann hinter uns her
rief »Erscht die Froschgass« Die aufgeregte Mutter war zwischen einen Karren
und einen Mistaufen geraten und kam über eine Pfütze nicht hinweg Der Vater
wollte ihr beistehen wurde aber ungnädig empfangen »Was mutest du mir zu Hier
soll ich wohnen«  »Aber das ist ja noch gar nicht die Bachgasse  Erst kommt
die Froschgasse«  »Ach was Frosch oder Bach Mistgassen sind das In die
wilde Walachei bin ich geraten Hier soll ich finden was du unsern Glasberg
nennst Ach lieber Gott« Sie schluchzte auf während mein Vater traurig den
Kopf schüttelte
 
                                  Einschulung
An meine Einschulung die eine Stunde später erfolgte knüpfte das Schicksal
bedeutsame Fäden In der Wilhelmstrasse wo das Gymnasium gelegen war gab es
kein AltTübingen mehr sondern freien lichten Raum breite Bürgersteige
schmucke Häuser Im Erdgeschoss wohnte der Direktor wir kamen gerade zur
Sprechstunde Ein kurzer rundlicher Herr schon weisshaarig mit einer
Samtkappe rasiert wie ein Pfarrer alten Stils Freundlich ließ er meinen Vater
Platz nehmen und setzte sich ihm gegenüber »So so Einen neuen Schüler bringe
Sie mir Ond woher denn« Mein Abgangszeugnis wurde ihm gereicht er prüfte es
in kurzsichtiger Betrachtung wobei er die Brille auf die Stirn geschoben hatte
»Aus Magdeburg komme Sie Ond Kloschter Onser Lieben Frauen heißt die Schul
Ischt aber doch proteschtantisch net wahr Säkularisierter Kirchenbesitz  I
bin Hischtoriker gelt Aber jetzt wolle mer höre ob onser Schüler imstand
ischt onserm Onterricht in der sechste Klass z folge  So heißt mer bei ons
die OnterTertia«
    Er schlug ein Buch auf und gab mir einen lateinischen Text zum Übersetzen
Es haperte und der Direktor fand heraus dass mir gewisse Kenntnisse der
Grammatik noch fehlten »I han mers denkt Onser Lateinpensom hat en Vorsprong
vor em preußische Die Lück muss Ihr Bub gschwind ausfülle gelt Gut wärs Sie
ließe ihm Nachhilfe erteile«  »Sofort Herr Direktor Wenn ich nur jemand
wüsste Vielleicht könnte ein Student «  Der Direktor nickte
»Vorausgesetzt dass Sie an den Rechten kommen Vielleicht dass Herr Präzeptor
Bock  Aber freili  ha « Er wollte nicht mit der Sprache heraus Als ihn
mein Vater gespannt ansah fuhr er fort »s wär bloß dass e Student billiger
käm Soviel i weiß nimmt der Bock einen Gulde für die Stond I hans als
Heidelberger Student billiger tan  zwanzik Kreuzer han i kriegt«
    »Ein Gulden  hm Das ist allerdings viel für meine Verhältnisse Ich lebe
von meiner Pension Möchte also lieber einen Studenten ausfindig machen Ob ich
im hiesigen Blatt inseriere«  »Warom net Übrigens wüsst i en Studente für
Sie Nur brauchte Sie net grad den Bock merke z lasse dass is gewese bin der
Ihne den Kandidaten Hainlin empfohle hat Der Bock hat e Vorurteil gegen
studentische Nachhilfestonde Besonders gegen den Kandidaten Hainlin«  »Heißt
so der Herr den Sie mir empfehlen«  »Ja den Hainlin kann i empfehle  mit
beschtem Gewisse Wenns Ihne recht ischt könnt i ja mit dem Kandidate rede
Den muss mr vorsichtik behandle Was der net mag dees tut er halt net Aber
vorerscht gilts ja Ihren Sohn eizschule gelt I bitt um Geburtsond
Taufschei« Als ihm diese Urkunden gereicht waren begab er sich zum
Schreibtisch schlug ein Hauptbuch auf und war mit Eintragen beschäftigt Ich
sah dem langsam tickenden Pendel der großen Kastenuhr zu verstohlene Blicke
glitten über Büchergestell und Bilder
    Der Direktor unterbrach sein Schreiben »Ha deescht mir sähr interessant I
les auf dem Schein da dass Ihre Frau eine geborene von Kotze ischt Da regt sich
in mir der Hischtoriker Ischt sie verwandt mit dem Kotze der an der hiesigen
Stiftskirch den Grabstei hat«  »Grabstein Wir haben die Stiftskirche heute
zum erstenmal gesehen ganz flüchtig«  »Ein Junker Jakob Kotze aus
GroßGermersleben liegt drin begraben«  »GroßGermersleben bei Magdeburg Das
war ein Schlossgut des KotzeGeschlechts wie der Familienstammbaum ausweist
Darin kann ich ja nachsehen ob der Junker Jakob erwähnt ist«»Maas e Buch
hänt Sie über die Vorfahre Derf i dees glegentlich durchblättre Dees trifft
sich gut Jetzt wüsst i wie mr den Kandidate zum Onterricht bestimme könnt I
will Ihne verrate dass dr Hainlin e talentierter Hischtoriker über die
Grabdenkmäler von Sankt Georgen schreibt Jetzt wenn er hört dass Ihr Sohn
blutsverwandt ischt mit dem Junker Jakob und wenn er in Ihrem Familienbuch nach
m Junker forsche derf  dees wird den Hainlin begeischtere so tut er Ihne wohl
den Gfalle  Ein ausgezeichneter Pädagog Dem Uli Ritter der mit saumässigem
Zeugnis vom Stuckrter Gymnasium komme ischt dem hat er Nachhilf erteilt  mit
beschtem Erfolg Da fällt mer übrigens ei i könnt den Hainlin geschwind holen
lasse  gelt« Und die Klingel zog der Direktor  ein Dienstmädchen erschien
»Spring Mädle nüber zom Pfleghof Beim Fechtmeischter Wühscht ischt der
Hainlin  en schöne Gruß von mir ond ob er net geschwind mal komme möcht 
wegen eines Buches das ihm arg lieb wär  Diplomatisch muss mr verfahre«
nickte der Direktor lächelnd als die Magd gegangen war
    Das Gespräch kam auf Vaters Augenleiden Der Direktor bot meinem Vater eine
Prise Nicht lange so ging draußen die Flurtür  es trat ein junger Mann
herein der vom Direktor als Kandidat Hainlin vorgestellt wurde Eine hohe
schlanke Gestalt  blonder Christuskopf träumerische Blauaugen eingehöhlt
unter einer lichten Stirn »Es wird Sie interessiere Herr Kandidat«  sagte
der Direktor  »dass die Gattin dieses Herrn der Familie des Junkers Kotze von
der Stiftskirch ahnghört Ond ein Ahnenbuch das vom ganze KotzeGeschlecht
handelt dürfe Sie durchlese  gelt Herr Wille«  Mein Vater stimmte
verbindlich zu »Sobald ich es mit meinem Gepäck erhalten habe solls mein
Junge dem Herrn Direktor und Ihnen bringen«  »Ja dieser Knabe« sagte der
Direktor »ischt soebe von mir ins Gymnasiom aufgnomme in die sechste Klass
Ischt aber ebbes rückständik im Latei Es fehlt net arg viel  fünf bis acht
Nachhilfestonde könnte ihm die paar Regele geläufik mache Die Sach ischt bloß
die dass mer niemand wisse der  das heißt empfehle könnt i schon jemanden
 i weiß bloß net  ob er mag«
    Hainlin hatte begriffen Er sah mich prüfend an ich fühlte dass ich
errötete »Wenns Herr Wille wünscht« sagte Hainlin bescheiden  »so wär i
bereit mich des Knaben ahnzunemme Er könnt glei morge zu mir komme« Dankend
war mein Vater einverstanden Ich schrieb mir Hainlins Wohnung auf und die
Schulbücher die ich brauchte  »Und wo wohne Sie Herr Wille« sagte der
Direktor »Dees müesst mr doch ins Schülerbuch eitrage«  »Augenblicklich im
Gasthof zum Lamm Erst gestern abend sind wir hier angelangt Ich bin auf der
Suche nach einem Heim Wir sind allerdings sehr darum in Verlegenheit« 
Hainlin schien zu überlegen »Eine Wohnung wüsst i schon  aber bloß drei Zimmer
sinds In Luschtnau  das ist ein Dorf ein freundliches nur e halbe Stond
entfernt «  »Luschtnau« fragte der Direktor »Bei wem wär dees«  »Beim
Kuttler«  »Dem RosenKuttler Dem sein Enzio Schüler in meiner Anstalt ischt
Dann wär der ja Klassekamerad vom Bruno Und könnt ihm in dr Grammatik zeige
wie weit die sechste Klass komme ischt Also Herr Wille s könnt sich Ihne
verlohne nach Luschtnau zu spaziere«  »Ich könnt Sie führen« meinte Hainlin
»wenns Ihne gfällik wär I möcht ohnehi nach der Richtung«
    »Also« ermunterte der Direktor und blinzelte vergnügt meinem Vater zu Dann
zu Hainlin gewandt »Wie komme denn Sie an die Bekanntschaft mit dem Kuttler
Hänt s die schöne Rösle tan« Errötend lächelte Hainlin »Die Rösle net  aber
daas Rösle Nemmlich Rosel Funk mei Spielkameradin Ihr Mutter ischt die
Schulmeischterswitwe von Lauffe an der Eyach Net weit drvon ischt mei
Heimatsdörfle glege Seit eme Jährle ischt die Frau Funk wieder verheiratet ond
zwar mit dem RoseKuttler«  »Ond gelt Herr Kandidat Alte Liebe roschtet
net« schmunzelte der Direktor Dann nickte er meinem Vater zu und scherzte
»Dies Kind kein Engel ist so rein soll eurer Huld empfohlen sein« Nun
verabschiedete sich mein Vater  alle waren wir sehr befriedigt von dieser
Einschulung
 
                                    Lustnau
»Bitte links« sagte Hainlin als wir auf die Straße kamen Er ging zwischen
Vater und mir Ich beobachtete ihn verstohlen Er war noch größer als mein
Vater von einer graden Haltung Ein edelschöner Mensch »Wenns Ihne passt
gange mrs näckschte Wegle nach Luschtnau  dicht unterm Oehschterberg 
Oesterberg« verbesserte er seine schwäbische Mundart  »Sie sind der Führer«
antwortete mein Vater und wir bogen von der Wilhelmstrasse ab Steil erhob sich
über uns eine Bergwiese mit Obstbäumen
    »Ist der Oesterberg hoch« fragte ich schüchtern  worauf Hainlin den
Bescheid gab »Bei Tübingen sind die Berge überhaupt net hoch und der
Oesterberg ist hier net grad die höckschte Erhebung Hat aber umfassende
Aussicht In langer blauer Kette sieht mr da die Alb  au ebbes vom
Schwarzwald Du kennscht Des Knaben Berglied gelt Ich bin vom Berg der
Hirtenknab schau auf die Schlösser all herab  Dees hab dr Uhland sagt mr
auf dem Oehschterberg gemacht«  »Oh« staunte ich  »dann muss es wunderschön da
oben sein Aber wo sind denn hier die Schlösser auf die man herabschaut« 
»Ha Büble« lächelte Hainlin »Net grad die Aussicht vom Oehschterberg hat der
Uhland schildre wolle  bloß dass ihn dieser Berg in Stimmung versetzt hat
Übrigens sieht mr drobe Schlösser genug Da wär vor allem unser Tübinger Schloss
gelt Aus der Ferne winkt das Zollernschloss  auch der Neuffen  die Achalm 
auf der andern Seite die Weilerburg und noch andre Ruinen«
    »Das muss ja großartig sein« bemerkte mein Vater »So recht was für uns
Naturfreunde sind wir der Junge schwärmt auch noch für Romantik«  »Recht so«
meinte Hainlin Und meinen Vater teilnehmend von der Seite betrachtend fügte er
hinzu »Es ist nur gut dass Ihr Augenleiden Sie net allzu arg stört«  »Na ja
in die Ferne sehe ich leidlich der Blick ins Grüne tut mir sogar wohl Nur dass
im Bild ein Flimmern ist das beunruhigt Immerhin Meines einen Auges will ich
mich freuen solange es noch brauchbar Wie lieblich ist nun dieses Bild« Mein
Vater blieb stehen wie er gern tat wenn er betrachten wollte Nach links
deutend fuhr er in wehmütiger Freude fort »Oh diese blumige Wiese  und der
Bach hindurchgeschlängelt  mit den silbernen Weidenbüschen Drüben der Baumweg
führt also nach Lustnau Oh und dahinter die sonnigen Berghalden Obstgärten
Weinberge mit niedlichen Laubenhäuschen Alles so duftig zart «
    Trunkenen Blickes nickte Hainlin »So zart als wärs kein Erdenstoff  als
wärs eitel Himmelsglascht«  »Glas« fragte ich  »Du denkst wohl an deinen
Glasberg« scherzte Vater  »Nicht Glas« sagte Hainlin in norddeutscher
Aussprache »sondern Glast  das bedeutet bei uns Glanz Ich meine wie
körperloser Himmelsglanz wirkt dieses Bild«  »Paradiesisch« schwärmte mein
Vater »Recht hat Ihr Uhland seiner schwäbischen Heimat mit den Worten zu
huldigen Man sagt du seist ein Garten du seist ein Paradies«
    »Sie brauchten den Ausdruck Glaasberg Herr Wille  was meinen Sie damit« 
»Der Junge faselt vom Glasberg Dichtet ihn sogar an Kennen Sie nicht die
Sage«  »Im alten Gedicht Titurel kommt ein Glasberg vor« erwiderte Hainlin
»Und irre ich nicht auch im Märchen von den sieben Raben das die Brüder Grimm
aus Volksüberlieferungen geschöpft haben Unsere Urväter meinten das Firmament
sei aus Glaas Ein Wipfel der Esche die nach germanischem Glauben das Weltall
bedeutet heißt LichtelfenHeim  es glastet hoch über der Menschenwelt und hat
eine Götterhalle namens Gladsheim«  »Sie sind wohl Germanist« sagte mein
Vater bewundernd Hainlin lächelte »Es gibt hier noch Studenten die auf
Uhlands Pfaden wandeln Ihr Glaasberg  möcht ich zusammenfassend sagen 
bedeutet das Himmelsgewölb  eine GlastElfenburg  auf gut schwäbisch könnt mr
sage Glaschtelfingen Sie wissen ja im Ländle enden die Ortschaftsnamen gern
auf ingen Tübingen Reutlingen Böblingen «
    »Glastelfingen« sagte mein Vater und nickte den sonnigen Berghalden zu
»Ich möchte die Weinberge erklimmen nur sind sie mir zu steil  es würde mir
gehen wie den Abenteurern die den Glasberg hinabrutschen Aber köstlich müsst es
sich droben hausen in solch einem Laubenhäuschen zwischen Reben und
Apfelbäumen«  »Sind die Häuschen bewohnt« fragte ich und Hainlin erwiderte
»Die Wengertäusle Dooch net Das Erdgeschoss dient zum Verwahren von Frucht und
Gerätschaft Darüber ischt bloß e Stüble eng wie e Schneckehäusle I denk
allweil dabei an des Reimle Waas ischt das im Schnützelputzhäusel Da pfeifen
ond tanzen die Mäusel«  Gemütlich lachte mein Vater vor sich hin
»Schnützelputzhäusel Der Ausdruck erinnert mich an meine Kindheit Damals
putzte man die Talglichte mit der Schnützelputzschere und diese hatte für den
abgeschnützelten Docht eine Art Kasten ähnlich allerdings einem Haus für
Mäusel«
    »In solch einem Schnützelputzhäusel« schwärmte ich »möcht ich hausen« 
»Warom au net Ond manch e Tübinger Studio hat so denkt Der Wieland  wisse
Sie der den Oberon gedichtet hat  er hat in einem Wengertäusle gewohnt  auf
dem Oeschterberg«  »Schon wieder ein Dichter auf dem Oesterberg« scherzte
mein Vater »Das scheint ja der hiesige Musensitz zu sein der schwäbische
Parnass«  »Ha freili« lachte Hainlin »Und dr Wieland so geht die Sage der
hab drobe die Verse gschriebe mit dene sein Heldenmärle ahnhebt Noch einmal
sattelt mir den Hippogryphen ihr Musen  zum Ritt ins alte romantische Land«
Ich war in heller Begeisterung Mein Bruder hatte ein Bild aus einer
»Oberon«Ausgabe abgezeichnet das hatte mir Gelegenheit geboten die Dichtung
durchzupeitschen Das Flügelross der Musen war auch meine Passion und mit dem
alten romantischen Land schien mir eigens das Schwabenland gemeint zu sein
Welch ein Zauberland war das und was für ein Glück für mich da hinein versetzt
zu sein Überall Wälder von Obstbäumen Weinberge blaue Höhen mit Burgen  man
träumt von Rittern und Märchenhelden von Dichtern die im Schnützelputzhäusle
unsterbliche Heldengedichte gereimt haben
    »Wie heißt der Berg dort links« fragte ich ehrerbietig Hainlin wusste es
nicht »Vielleicht hat er gar keinen Namen« Mein Vater spähte hin »Wo die drei
Pappeln stehen scheint die Spitze zu sein«  »Dees ischt bloß e Vorsprung
dahinter gehts noch höher Dann kommt hinter Obstgärten versteckt e winziks
Dörfle bloß e Weiler  i bi noch net drobe gwä «  »Wie heißt es«  »Ha
wie mags gheisse sein Dees heimlich Neschtle droben im blauen Himmelsglascht«
 »Sagen wir also Glastelfingen« scherzte mein Vater und Hainlin freute sich
über die Verwendung seines spielerischen Einfalls
    »Wissen Sie Herr Wille wie ich mir Glastelfinge vorstelle tu Aehnlich wie
mei Albdörfle am Lochstei  bloß dass es in Glastelfingen Traube habe müsst ond
Kaschtanie wie am Südhang der Alpen Ein Freund von mir ischt in Friaul gwese
Ha dort ischt das wahre Glastelfingen Ein Berg in Friaul soll Dante als Modell
vorgeschwebt haben um das Paradies zu schildern In den Südalpen hats au en
Berg Monte Cristallo zu deutsch Glaasberg  und da sieht mr wie innik die
Sinnbilder der Völker zusammenhängen In den verschiedenen Menschen schlägt halt
im rund einziks Herz«
    Gedankenvoll nickte mein Vater »Und darin ist was das immer ins Weite
schwärmt Um so feuriger jemehr es unter der Enge leidet Zum Glasberg wills
empor die Prinzessin zu erlösen Oder wenns Herz nicht so sehr dem stürmischen
Abenteuer als dem Sanften geneigt ist seufzt es nach dem Höhendorfe
Glastelfingen als ob das heimlich seine Heimat wär Doch ach wer weiß ob
solche Sehnsucht erfüllbar ist ob nicht vielmehr der Pilger bei Schiller recht
hat Der Himmel über dir kann die Erde nie berühren und das Dort ist niemals
hier«
    »Er hat recht« meinte Hainlin  »dort wo du nicht bist dort ist das
Glück Aber was folgt draus Dass mer besser tät den Himmel net über sich zu
suche«  »Wo denn aber sonst« fragte mein Vater worauf Hainlin zögernd
schüchtern wie verschämt antwortete »Net drausse Da wird mr alleweil
enttäuscht Es bleibt nicks übrik als im eigenen Innern zu suche  wie der
Bergmann nach den Schatz der Tiefe schürft« In feierlichem Ernst blickte mein
Vater auf den jungen Mann »Sie sind früh reif Und es scheint Sie haben das
bessere Teil erwählt Ja schürfen Sie innen Aber ganz verachten soll man die
Umwelt nicht Sie kann ja dazu beitragen dass man den Himmel im eignen Innern
findet Oder freilich ihn verfehlt« In stiller Beschaulichkeit schritten wir
nebeneinander her Nur dass Hainlin noch die Bemerkung fand »Am beschte wärs
scho wenn mr sich ohn abhängik mache könnt von dr Außenwelt«
    Mein Vater schwieg und sann  lächelte hierauf wehmütig »Ich sonderbarer
Schwärmer Rede da vom heimlich holden Dörfchen unserer wahren Heimat  und
weiß nicht mal wo ich mit Frau und Kind morgen das Haupt niederlegen werde Von
Glastelfingen träumen wir  und haben nicht mal unser bescheidenes Ziel Lustnau
erreicht«  »Da liegt es« sagte Hainlin hindeutend Hinter Wiese Bach und
Obstgärten ragte ein schmucker Kirchturm inmitten freundlicher Bauerndächer
Nebst den Weinbergen blickten waldige Höhen hernieder »Welch reizende Lage«
bemerkte mein Vater Als wir den Bachsteg überschritten und durch Wiesen mit
Obstbäumen kamen kreuzte den Weg ein zweiter Bach er rauschte ziemlich breit
über steinigen Grund wo Forellen huschten »Der Goldersbach« sagte Hainlin
und wir gingen übers hölzerne Brücklein
    Nun waren wir in der Dorfgasse Enten schnatterten im Dünger scharrten
Hühner braune barfüssige Kinder gafften Die Häuser waren leidlich sauber wenn
auch Mistaufen davor nicht fehlten An einer breiten Gasse lagen ein paar
Häuschen die nichts Bäurisches hatten Das eine von einem Rebstock
umschlungen enthielt einen Kramladen mit der Aufschrift Josua Kuttler »Dass
hier der RosenKuttler wohnt« bemerkte mein Vater »erkennt man sofort an den
Rosen im Garten Welche Pracht«
    Aus dem Garten kam ein junges Mädchen es stutzte bei unserm Anblick
blickte zärtlich auf Hainlin und sagte errötend »Mei Jörgle« Freudestrahlend
ergriff er ihre Hand »Grüß di Gott Rosel Was treibscht Ischt dei Stiefvatter
daheim Net Dr Herr da möcht « Indem trat aus der Ladentür die unter
Anschlag einer Klingel aufging ein andres Mädchen Sie hatte glühend schwarze
Augen und konnte für hübsch gelten »Deescht aber nett Herr Kandidat Ond waas
verschafft mir die Freid« Hainlin stellte meinen Vater vor und bezeichnete das
Mädchen als Fräulein Kuttler »Der Herr möcht die Wohnung ahnschaue wo bei Ihne
zu vermiete ischt  net wahr«  »Zu vermiete hänt mr scho« erwiderte Fräulein
Kuttler »Wenns gfällik wär ganget mr nauf Durchs Lädle da« Als Hainlin mit
Rosel zur Seite trat fügte sie etwas spitz hinzu »Ond Herr Hainlin Wolle denn
Sie net mitkomme«  »I möcht derweil mit dr Rosel rede«
    Wir traten in den Laden  hier gab es Waren wie sie ein Dorfkrämer feil
hat Kleiderstoffe Werkzeuge Zucker Briefpapier es roch nach Essig Tabak
und Seife Von da ging es in einen schmalen Flur und die Treppe hinauf zum
Oberstock Die leerstehende Wohnung war klein doch zur Not ausreichend Uns
fesselte besonders der Blick in den Rosengarten und über Obstbäume hinaus auf
gelbes Korn und grünes Hügelland Der Mietspreis war billig und so erklärte
mein Vater er werde voraussichtlich am Nachmittag mieten  nur müsse seine Frau
die Wohnung erst besehn
    Im Garten wandelte Hainlin mit Fräulein Rosel zwischen Gemüsebeeten Mit
Vergnügen hörte er dass uns die Wohnung zusage Dann bat er meinen Vater sich
gleich beurlauben zu dürfen Er wolle im Gasthof einen Imbiss nehmen dann nach
Einsiedel spazieren wo sein Onkel wohne Wir begaben uns zur Gartenpforte und
hinter den beiden Mädchen hergehend bemerkte ich wie die Schwarzäugige
ärgerlich der Blonden etwas zuraunte Mein Vater dankte Herrn Hainlin und wir
verabschiedeten uns Diesmal wollten wir den andern Weg nach Tübingen gehen die
breitwipflige Allee In der Mittagsonne tat es wohl von den Kastanien und
Ahornbäumen beschattet zu sein Uns begegneten Fuhrwerke und Fußgänger vom
Tübinger Markte heimkehrend Den Korb auf dem Kopfe schritten Landmädchen und
ältere Frauen wacker daher Keine unterließ »Grüß Gott« zu sagen und jedesmal
erwiderten wir diese Höflichkeit als ob wir uns schwäbisches Wesen rasch
zueigen machen wollten »Grüß Gott  das klingt so treuherzig« sagte ich und
blickte schwärmerisch zur Glastelfinger Höhe hinauf  dort war ja mein
Wunderland
 
                                  Jakobskindle
Als wir mittags im »Lamm« eintrafen empfing uns meine Mutter mit der Nachricht
unser Hausgerät sei auf dem Tübinger Bahnhof eingetroffen Vollends atmete sie
auf als Vater über die Erfolge des Vormittags berichtete Meine Mutter war fast
ohne weiteres entschlossen die Lustnauer Wohnung zu mieten Ich sollte sie nach
dem Essen hinführen während Vater die Besorgungen auf dem Güterbahnhof zu
verrichten hatte In guter Stimmung setzten wir uns zu Tische Die Kellnerin
hatte in der gemütlichen Gaststube gedeckt Zu lebhaft wars nebenan im
Speisesaal an langer Tafel schwadronierten da Studenten die grünseidne Mützen
hatten Tafelgerät klapperte man witzelte und lachte und immer von neuem
erscholl es »Prosit« »Gestatte mir« »Ich komme nach«  »Frankonen nennt der
Wirt diese Studenten« bemerkte die Mutter »es muss eine wohlhabende Verbindung
sein« Und der Vater meinte »Ja diese Jugend lässt Gott einen guten Mann sein
und fragt Was kostet die Welt«
    Es war noch heiß als die Mutter mit mir nach Lustnau wandelte Die
schmucken Häuser der Wilhelmstrasse und die Universitätsgebäude beschwichtigten
einigermaßen ihre Abneigung gegen Tübingen Auch die schattige Allee gefiel ihr
aber den landschaftlichen Reizen auf die ich hinwies widmete sie nur
flüchtiges Hinblicken Ein schiefes Gesicht zog sie als vor den Lustnauer
Bauernhäusern die Mistaufen erschienen »Ach du lieber Gott Der Geruch Und
die Fliegen« Beruhigt wurde sie als Kuttlers Häuschen mit dem Rosengarten
erschien und dann die Wohnung einen leidlichen Eindruck machte Fräulein Kuttler
benahm sich gefällig führte uns in die Laube und gab der Mutter Auskunft über
Angelegenheiten des Haushalts
    Nicht lange so erschien mein Vater Einigermassen erschöpft jedoch in guter
Stimmung Der Möbelwagen so berichtete er werde in einer Stunde eintreffen
das Mobiliar habe er auf dem Güterbahnhof gesehen es sei heil geblieben
    Jetzt lernten wir Frau Kuttler kennen Eine angenehme blonde Frau Hainlins
Jugendfreundin Rosel brachte Brotschnitten und einen Steinkrug mit Gläsern Als
sie die Platte auf den Laubentisch gesetzt hatte machte sie einen schüchternen
Knicks und Frau Kuttler stellte vor »Deescht also Rosel Funk die Tochter von
meim erschte Ma Gott hab ihn sälik Jetzt aber müsse die Herrschafte ebbes
veschpere Onsern Moscht versuche  onds Luschtnauer Baurebrot gelt« Rosel
füllte die Gläser und bot an Ihre Stimme hatte einen weichen tiefen Klang
hold war der warme Ausdruck der goldigbraunen Augen Apfelmost hatten wir noch
nie getrunken Den Vater erfrischte das Getränk ich fand es sauer doch in
Verbindung mit dem trocknen nüchternen Brote schmackhaft übrigens kam ich allem
Schwäbisschen willig entgegen
    Peitschenknall und Hühruf Ich eilte durch den Garten zur Straße Vor dem
Hause stand der Möbelwagen und ich erkannte die alten Heimgenossen den großen
Kleiderschrank den Mahagonitisch das Sofa dessen Seidenbezug unter einer
Linnenhülle hervorlugte Meiner Mutter fiel ein Stein vom Herzen als sich die
Sachen unbeschädigt erwiesen Beim Abladen half ich mit Feuereifer Aber als
mich die Mutter mit einem Spiegel auf der steilen Treppe sah untersagte sie mir
solche Betätigung
    Ich ging wieder zur Laube und fand einen Knaben mit dem übriggebliebenen
Most beschäftigt Da er Fräulein Kuttler ähnlich sah fragte ich »Ist Herr
Kuttler dein Vater« Er nickte wir streiften einander mit Blicken Er war in
meinem Alter klein und zierlich ein Krauskopf mit einem Zug von Wildheit im
hübschen Gesichte »Du gehst auch ins Gymnasium« fragte ich  »Freili In die
fünfte Klass«  »Famos Dann gehen wir zusammen«
    »Wie heißt du mit Vornamen« fragte ich weiter  »Enzio« Ich musterte ihn
von neuem »Das klingt romantisch Hiess nicht wer im Mittelalter so«  Er
suchte seine Gestalt zu recken »Könik Enzio der Hohenstaufe In der Alb drüben
ischt die Stammburg Die Staufe sind die beschte Kaiser gwä Aber dem Enzio hänt
die Italiener den Kopf abgschlage die Ssaukerle miserable Mei Mueter sälik hat
e Gedichtle gwusst Könik Enzios Tod  das fangt ahn O Könik schöner Könik mit
deinem goldnen Haar Drum hat sie mi Enzio gheisse«  »Du hast aber dunkles
Haar«  »Von meim Vatter Mei Mueter ischt blond gwä  ond i han als
Milchkindle goldige Häärle ghätt Zu de Germane ghöre mir Schwabe Drum wenn i
Student bin geh i zu dene Schwabe Suevia seis Panier Schwarzweißrot 
kneipe tuns beim Müller«  »Was willst du studieren«  Er stutzte und schien
unsicher antwortete aber stolz »Staatskarriär«
    Unvermittelt kam nun sein Vorschlag »Ganget mer fechte«  »Fechten«
fragte ich verdutzt hielt es aber für angebracht selbstbewusst fortzufahren
»Natürlich Fechten wir« Er eilte ins Haus und brachte ein paar Ledermappen
wie sie Studenten für ihre Hefte haben Wir begaben uns nach einem entlegenen
Teil des Gartens Den Rasen beschatteten breitwipflige Apfelbäume Dran hingen
Äpfel dass die Äste mit Stangen gestützt werden mussten Ein Schuppen war da
für leere Kisten und Tonnen »Deescht onser Paukbode Da hoscht dei Schlägerle«
Er gab mir eine der Mappen in Form einer Rolle Die andere Rolle nahm er wie
einen Säbel in die Faust hob den Arm zur Fechtstellung und tat etliche
Luftiebe
    »Erst musst du mir zeigen wie ihr in Tübingen fechtet« bemerkte ich etwas
kleinlaut »In Magdeburg hatten wir diese Waffe nicht«  »Mr hänt dees von dene
Schtudente glernt« erwiderte er stolz »I han schon richtige Mensure ghätt
Komm daher Dei Fechtmeischter bin i« Und er machte mir vor wie man mit dem
Rapier auslegt um dem Gegner eine Hochquart zu versetzen oder eine Terz Ich
ahmte alles nach und bald traute ich mir zu einen Waffengang mit Enzio zu
bestehen Wie die Wilden hieben wir aufeinander los und bald knallte ein
Durchzieher auf meine Backe  Allmählich begriff ich worauf es ankommt  ich
erfand sogar einen Kniff Wie zur Quart ausholend kehrte ich die Waffe
blitzartig zu einer Terz und jedesmal erhielt Enzio einen schallenden Hieb Er
behauptete zwar dees seien »Ssauhieb« war aber ausserstande mich zu
überzeugen dass meine Finte inkommentmässig sei Ihm an Armlänge überlegen
brachte ich seinem dunklen Krauskopfe immerfort Hochterzen bei Fuchsteufelswild
warf er seine Waffe weg
    »Derf mer mitmache« sagte eine tiefe Stimme Es war ein stattlicher Knabe
sonnenverbrannten Gesichtes Freundlich blitzten die wasserblauen Augen Vom
blonden Kopfe nahm er die grüne Schülermütze warf sie auf den Rasen und bückte
sich nach Enzios Waffe Ich hielt es für passend dem Ankömmling Bescheid zu
tun und rasch waren wir zwei Kampfhähne Hier hatte ich den Meister gefunden
und erhielt Schmiss auf Schmiss bis ich meine Waffe streckte Der Schüler hieß
Schmidt und wohnte in Lustnau Er war uns eine Klasse voraus bereits
konfirmiert
    Sich in die Brust werfend fragte Enzio ob ich rauche Was ich verneinen
konnte seit mir Onkels Tabakspfeife die ich neugierig versucht hatte übel
bekommen war »Aber i« sagte Enzio »Gänget mer zom Tempel I hol den
Schlüssel« Was er mit dem Tempel meinte verstand ich nicht Schmidt erklärte
es sei eine Scheune von Enzios Vater werde sie benutzt zum »Stondehalte« Es
stellte sich heraus das Stundenhalten sei eine Andacht der
Separatistengemeinde unter Führung unseres Hauswirts Kuttler  Den Schlüssel
des sogenannten Tempels hatte Enzio geholt und führte uns durch eine Lücke des
Gartenzauns zum »Tempel« zu jener Scheune Der spärlich erhellte Raum sah aus
als solle hier Puppenkomödie sein Bänke für ein Schock Leute eine Bühne mit
Vorhang Dahinter verschwand Enzio  ich fragte Schmidt was es denn nun gebe
»Blödsinn« raunte er »aber mer derfs net laut sage Wirscht glei sehe Grad
tut dr Enzio den Spiegel richte So Theater gehört zom Gootesdinnscht der
Separatischte«
    Indem scholl ein Glöckchen der Vorhang ging nach beiden Seiten voneinander
und von Oberlicht bestrahlt war etwas auf dunklem Grunde wie ein lebendes
Bild aus Puppen zusammengestellt »Der da im roten Rock« erklärte Schmidt 
»deescht der Erzvatter Jakob  er schläft  und rings ischt alls Wüschte ond
Felsen« Ich nickte mir gefiel das abenteuerliche Bild  und nun wurde mir auch
klar dass die goldene Strickleiter mit weissgekleideten Flügelengeln die
Himmelsleiter vorstellt die Jakob im Traume sieht Ich erfuhr noch die grelle
Beleuchtung von oben werde durch einen Spiegel bewirkt der den Strahl der
abendlichen Sonne nach unten werfe Seinen Eindruck auf mich verfehlte dieser
Tempel nicht  Puppenteater und Zaubervorstellung gehörten ja zu meinen
kindlichen Schwärmereien Nicht gerade feierlich war das gottesdienstliche
Möbel das ich schließlich noch kennen lernte eine Truhe die vor dem Vorhang
stand bedeckt mit einer schäbigen Samtdecke »Dees ischt die Bundeslad« sagte
Enzio tat die Decke weg und öffnete die Bundeslade Drin war eine Likörflasche
leider schon leer wie Enzio feststellte Aber aus einem Zigarrenkistchen nahm
er sich einen Glimmstengel biss kunstgerecht die Spitze ab und strich ein
Schwefelhölzchen an seinem Hosenboden an
                                       
    Für den folgenden Tag einen Sonntag war vom Kandidaten meine erste
Nachhilfestunde angesetzt und gleich nach dem Frühstück brach ich auf Enzio
begleitete mich und hatte seine Lateinbücher mit Unter den Bäumen der Lustnauer
Allee begegneten uns Landleute im Sonntagsstaat Die Mädchen hatten Mieder aus
schwarzem Samt dazu weiße Hemdärmel die Burschen kurze Jacke rote Weste
Kniehosen auf dem Kopf ein Lederkäpple Ein paar grauhaarige Männer trugen den
weit ausladenden Dreispitz des alten Schwabentums und einen blauen Rock mit
langen Schössen »Die gehen zur Kirch wohl gar zur Hochzeit oder Kindtauf« Diese
Bemerkung Enzios veranlasste mich zu fragen »Wie kommt es dass Herr Hainlin
während der Kirchzeit Nachhilfe erteilt Wir halten ihn doch von der Kirche ab«
Abweisend erwiderte Enzio »Aus der Kirch macht der sich nicks Mei Vatter hät
gsait der sollt eigentlich Heidlin heißen  e richtiger Heid sei der wo net
emol an Jakob ond Esau glaube tut Pfarrer derf so euner net sei«  »Und hat
doch Theologie studiert  wie«  »Ja im Stift ischt r gwä Aber aus ischt
dees  die Freistell ischt er los Sein Onkel in Pfrondorf tut ihm jetzt zahle
waas r braucht Ond efreier Bursch hats besser als wie in dr
StiftKloschterei der elendigen Au i täts net aushalte bei dene langweilige
Repetente beileib net«
    Wir waren in der Stadt angekommen An der Stiftskirche die für die
Kirchgänger offen stand bewunderte ich die Fenster mit den gemeisselten
Gestalten Da war der Drachentöter Sankt Georg Schutzpatron dieses
Gotteshauses Auch der heilige Martin wie er einem Bettler die Hälfte seines
Mantels reicht Und da war ein aufs Rad geflochtener Mann »Das Wahrzeiche von
Tübinge« sagte Enzio Schräg gegenüber dem Geburtshause Uhlands war ein altes
Gebäude das neben der Haustür ein blankes Messingschild mit dem Namen
»Schneckle« hatte »Georg Hainlin cand phil« stand auf dem beigehefteten
Kärtchen Dunkle Treppen stiegen wir empor und klopften an
    Im sonnigen Zimmer saß der Kandidat am Schreibtisch und begrüßte uns munter
»Zunäkscht beschaut euch wien i da wohn« Über Hainlins Bett hingen die Bilder
seiner Eltern Auf dem Tisch lag eine Flöte parademässig standen Bücher im
Glasschrank Wir gingen auf die Veranda und hatten einen Augenschmaus Gärten
an denen der Neckar vorbeirauschte  jenseits prachtvolle Alleen  über die
Platanenwipfel lugt als blauer Streifen die Rauhe Alb
    Ins Zimmer zurückgekehrt setzten wir uns um den Tisch und das Arbeiten
ging los »Sag mir Enzio wie weit euch der Naso gebracht hat« Enzio gab
Bescheid legte Bücher und Hefte vor und Lücken meines Lateins wurden
festgestellt Hainlin verstand die grammatischen Regeln nicht bloß gut zu
erklären sondern diesen für Knaben langweiligen Stoff sogar fesselnd zu
gestalten Setzte zum Beispiel auseinander »nunquam« könne in »ne unquam«
aufgelöst werden Kam dann auf das deutsche Wort »niemals« zu sprechen es laute
ursprünglich »nie jemals«  wie »niemand« aus »nie jemand« entstanden sei was
»nie je e Mann« bedeute Hatte ich bisher Grammatik für eine verschmitzte
Erfindung der Schulmeister gehalten in boshafter Laune ausgetüftelt um dem
Schüler Fallen zu stellen so begann ich unter Hainlins Führung zu ahnen es sei
jede Sprache ein lebendiges Gewächs das seine Formen folgerichtig aus Geist und
Volksgemüt hervortreibt
    Im Fluge war uns die Zeit vergangen und weitere Arbeit wäre mir nicht
unwillkommen gewesen hätte nicht Hainlin jetzt ein Kapitel zur Verhandlung
gebracht auf das ich mich besonders gespitzt hatte Nach dem Familienbuch
fragte er und aus dem Ranzen holte ich den Band in Leder mit Goldschnitt Vom
Vater der in der Frühe nach Junker Jakob geforscht hatte waren die
betreffenden Buchstellen mit Zeichen versehen Aus der Stammtafel derer von
Kotze und aus den Regesten ging hervor dass Hans von Kotze Erbherr von Groß
und KleinGermersleben LüttgenOschersleben Halle usw diese Güter seinem
Sohne gleichen Namens hinterließ und dass dessen ältester männlicher Sprosse
der edle und veste Junker als Studiosus zu Tübingen seliglich im HERRN
entschlafen und daselber in der Pfarrkirchen Sankt Georgen ehrlich zur Erden
bestattet worden Die Leichenpredigt gehalten durch Johannem Georgium
Sigwarten der H Schrift Doktorn Professorn Pfarrherrn und Superattendenten
zu Tübingen sei getruckt zu Tübingen in der Cellischen Truckerei Ihr angehängt
sei ein lateinisch Poem so vom Junker zur Vermählung seiner Schwester Ursula
gedichtet worden »Das muss ich haben« sagte Hainlin eifrig »Diese Druckschrift
wird sich wohl in der UniversitätsBibliothek finden Auf nun Pennäler Zur
Kirch Da zeig i euch den Graabstein« Und wir gingen
    Auf der Südseite der Kirche waren etliche Steinplatten mit Inschriften in
die Mauer eingelassen Vor solch einem Denkmal blieb Hainlin stehen Darauf war
das KotzeWappen Ich kannte es gut Auf dem Sofakissen der Großmutter wars ja
in bunter Stickerei Ein bärtiger langlockiger Mann angetan mit dem
kuttenähnlichen Staatsrock Auf dem gekrönten Ritterhelm kauert ein Hund Die
Mitte des Denkmals bildet die lebensgrosse Figur des Junkers Zu seiner wuchtigen
Tracht dem breiten Federhut den ausladenden Pluderhosen und dem drohenden
Stossdegen stimmte nicht das bartlos zarte wehmütig träumerische Gesicht »Wie
kommt es dass er in der Kirchengruft liegt nicht draußen in der Erde« fragte
ich  »Er war Student im Kollegium Illustre Diese Gründung Herzog Ludwiks wo
junger Adel des In und Auslandes Rechts und Staatswissenschaft studierte
wurde auch Fürstenschule genannt weil daselbst manch junger Fürst seine
gelehrte Ausbildung erhielt Ein paar dieser Standespersonen sind in der Gruft
zu Sankt Georgen beigesetzt«  »Mein Gott ja« seufzte ich und glaubte einen
Anhauch von Moder zu spüren Während hier oben die Sommersonne drei frische
Menschenkinder umlohte lag der Junker sechzehnjährig verstorben bereits ein
Vierteljahrtausend in der kaltfinstern Gruft und vor lauter Vornehmheit durfte
sein verdorrter Leib nicht einmal Gras und Blume werden  In der Kirche war die
Orgel verklungen nun stimmte die Gemeinde an »Wer nur den lieben Gott lässt
walten« Nach gleicher Melodie hatte ich zu Magdeburg am Grabe eines Sextaners
im Schülerchor gesungen
»Das Grab ist da  oft bei der Wiegen
Wie manches Kind sieht kaum die Welt
So muss es schon im Sarge liegen «
                                       
    Im Lustnauer »Ochsen« hatten wir zu Mittag gespeist dann brachte uns die
Ochsenwirtin den Kaffee in die Laube »Also beim Kuttler wohne Sie Ond wie
gefallts Ihne da«  »Wir sind eben erst eingezogen« antwortete meine Mutter
 »Ha no die Wohnung ischt sauber«  »Und die Leute gefällig Herrn Kuttler
allerdings kennen wir noch nicht«  »Grad ischt er da vorbei« sagte die
Wirtin »Verreist war er  hält aber nachmittags Stond«
    »So eine Art Betstunde wie Ist also sehr fromm«  »Ha wie mers nimmt«
entgegnete die Wirtin kühl  »Hoffentlich ist es kein überspanntes Getue  kein
Lippendienst« sagte mein Vater  »Lippedinnscht« nickte sie bedeutsam  »Sie
meinen«
    »Ha nicks mein i Die Frau ischt herzensgut  ond die Rosel e arg liebs
Dingle Wenn bloß der Kuttler begreife tät dass die zwei besser imstand send
ihm zum Himmelreich z verhelfe als die Engel auf seiner Teaderleiter«  »Er
weiß die Seinen also nicht zu schätzen«  »Er ischt halt e Reutlinger So sagt
mer in Tübinge von eme Hitzkopf ond Grobian Zudem tun die Pharisäer ond
Sadduzäer niemols aussterbe Aber i will nicks gesagt han Onsereim gohts Rübele
noh übers Brühele Beehre ons die Herrschafte öfters Guete Nachmiddaag« Sie
knickste und ging Die Mutter sah den Vater bedeutsam an Er meinte »Na ja Wir
werden selber sehen  in solch einem Nest gibts viel Geschwätz«
    Weiteres über die Sekte der Jakobskindle erfuhr ich ein paar Stunden später
Ich verzehrte den Abendimbiss vergnügt wieder am trauten Familientische zu
sitzen als Enzio im Garten den zwischen uns verabredeten Pfiff tat Ich
schlüpfte hinunter Enzio sagte »Glei gehts los Im Tempel hänt die
Jakobskindle Gootesdinnscht«  »Jakobskindle Nennen sich so die Anhänger eurer
Gemeinde«  »Ha freili Dem Vater Jakob tun sie folge«  »Und gehst du jetzt
auch hinein«  »Noi Erscht nach der Konfirmatio derf i nei Aber komm du
losne wolle mer«
    Neugierig folgte ich bei der Scheune lagerten wir uns auf Ackerklee »Ist
das dein Vater Enzio der da predigt Aber er ist doch kein richtiger Pastor
wie«  »Bei dene Jakobskindle tut predige wen der Geischt treibt Meischtens
ischt dees mei Vatter«  »Hat er denn einen Talar« »Pfaffe hänt mir koine«
    »Ist euer Glaube sehr verbreitet in Württemberg«  »Mir send die
allererschte Gemein in ganz Europa Aber drübe gibts meh«  »Wo drüben«  »In
Amerika Da ischt mei Vatter viele Johr gwä  ond hat sich erfülle lasse vom
Jakobsgeischt Wie er na zurückkomme ischt hat er in Luschtnau den Tempel
eigricht«
    Jetzt ging der Gesang in der Scheune los Männerund Weiberstimmen plärrten
einen schleppenden Choral Den Text las ich in Enzios Gesangbuche nach
»Wo im Lande der Zibeben
Milch und Honigbäche gehen
Durfte Vater Jakob leben
Blieb jedoch allhie nicht stehen
Sondern sprach in Gottes Heim
Fleusst der wahre Honigseim
Suchend zog er weit und weiter
Schlief des Nachts auf rauhem Stein
Und er sah im Traum die Leiter
Mit beschwingten Engelein
Winkend schwebten sie empor
Und da war des Himmels Tor
Ach und ich Wo bleibt mein Rater
Immer gehts durch Wüstensand
Jakob frommer Völkervater
Nimm dein Kindlein bei der Hand
Hier sei Betel Auf mein Herz
Stuf um Stufe himmelwärts
Nur wer solchem Heimweh trauet
Hat den besten Feiertag
Hat den Tempel der sich bauet
Ohne lauten Hammerschlag
Fragst du wie der Tempel heißt
Menschenherz voll Jakobsgeist«
    Obwohl bäurisch gesungen hatte dies Lied etwas Rührendes Besonders weil
ich den Flüchtling in der Wüste der im Traume den Himmel offen sah in
Verbindung brachte mit Vaters Idee vom Glasberg Es hat jeder seine Sehnsucht
die ihn auf eigne Weise lockt Die Himmelsleiter war Jakobs Glasberg
 
                               Die Ungebärdigkeit
An den Gartenrosen perlte Morgentau als ich mit Enzio zur Schule aufbrach
unter dem Arm den Ranzen mit Büchern Auf dem schmalen Holzsteg der über den
Goldersbach führte blieben wir ein Weilchen stehen um die Forellen zu
beobachten die sich gleich dunklen Stäbchen vom grauen Steingrund abhoben Es
kam eine Entenmutter mit ihrer Nachkommenschaft geschwommen und die piependen
von Flaum bedeckten Kindlein wussten ihre Paddelbeinchen schon geschickt zu
regen Nicht ohne Wehmut betrachtete ich das gemütliche Bild Meine Freiheit
sollte ja nun beschränkt werden
    »Wer hat die erste Stunde« fragte ich  »Der Naso  Latein«  »Ist er
streng«  »Ha Tatze gibt er keine«  »Tatze was ist das«  Verdutzt sah
mich Enzio an »Hats denn bei uich Norddeutsche keune Tatze Mit em Röhrle auf
d Händ Brenne tuts«  »Na ich danke Und so was soll man sich gefallen
lassen«  »Waas soll mr mache Geduld Enziole sag i mir  bis du im
Obergymnasium bischt Da muss der Lährer zum Schüler Sie sage  da ischt mr scho
halber Student«
    Unter solchem Gespräch hatten wir die schattige Baumstrasse die von Lustnau
nach Tübingen führt zurückgelegt und waren am Botanischen Garten vorbei zum
Gymnasium gelangt Es lag damals in der Wilhelmstrasse wo vom Oesterberg der
Fahrweg kommt Ehemals Privataus war das Schulgebäude ein nüchterner Bau Im
Erdgeschoss wohnte der Direktor mit dem Schuldiener der sich gern Pedell nennen
ließ Die Treppe führte zu drei Stockwerken Zur Seite der Flurgänge lagen die
Klassen Wir kamen zu einer Tür mit der Aufschrift »6 Klasse« So nannte man
die Untertertia Nicht ohne Beklommenheit trat ich ein Die Klasse war hell und
sauber Meine neuen Kameraden gafften und wiesen auf den letzten Platz der
Vorderbank »Wer neu ischt kommt ultimus«
    Ausgefragt woher ich sei antwortete ich kleinlaut und begegnete einem
grinsenden Staunen über meine Mundart Mir fiel es nicht leicht die Knaben zu
verstehen wenn sie Tübingisch sprachen Mein Nachbar ein stämmiger Dickschädel
namens Wurschterle schien ein Rädelsführer zu sein und machte sich besonders
mausig Ein Mitschüler hatte schon eine Bassstimme und war stattlich wie ein
Student Alle schienen ihn gern zu haben sie nannten ihn Ritter Uli
    Die Turmglocken hatten Acht geschlagen da ging die Tür auf und ein kurzer
ältlicher Herr in einem schäbigen Schwarzrock trat ein Sofort erhob sich die
Klasse und blieb stehen Der Professor hatte seinen Filzhut an den Kleiderpflock
gehängt und bestieg das Katheder Seine Brillengläser glommen als er die Klasse
überschaute Diese stand in Demut  die Hände gefaltet die Köpfe geneigt und
ich merkte es solle gebetet werden Rasch hatte ich noch einen prüfenden Blick
für des Professors Gesicht Harmlos kam es mir vor etwas einfältig wenn auch
gelehrt Naso war glatt rasiert  nur eine Halsfräse war stehen geblieben Die
faltige Haut war braungelb und hatte unter der Nase einen schwärzlichen
Schimmer sie erinnerte mich an den Ledereinband eines Gesangbuches das mein
Großvater hinterlassen hatte Und aus dieser altmodischen Postille schien das
Gebet zu stammen das Naso jetzt sprach In einer wunderlichen Spielart des
Schwäbisschen
»Du hoscht eun heulik Amt
O Herrgott mir gegäben
Im Schulstand dieser Welt
Zu schwärem Dinscht zu läben
Die Ohngebärdigkeut
Mit eufrigem Bemühn
Zu Kunscht ond Wissenschaft
Ond Tugend zu erziehn
So nimm meun Heuland du
Der selber eunscht gelähret
Ond Lährer eungesetzt
Ond ihren Stand geähret 
Der du den Kindern selbscht
Gar liebreuch wohlgetan 
So nimm auch meuner dich
Ond dieser Schüler ahn
Amen«
    Rauschend hüstelnd scharrend setzte sich die Klasse Nun entnahm der
Professor dem Deckelfach des Kateders das Klassenbuch eine Eintragung zu
machen Nachdem er sich aus seiner Schnupftabaksdose gestärkt hatte schlug er
das Buch auf  es war der Cäsar  und sagte »Fange mer ahn Ricker«
    Im Laufe der Verhandlungen kam Naso vom Katheder herunter und pflanzte sich
vor mich hin den kurzen Körper an die Bank gelehnt wovon der Stoffüberzug
eines Westenknopfs abgeschabt war Auf mein aufgeschlagenes Buch fiel bisweilen
etwas von seiner Prise  behutsam blies ichs weg  und das war ein bescheidener
Zeitvertreib Was im Cäsar stand fesselte mich hier so wenig wie auf dem
Magdeburger Gymnasium  zumal man hier in derselben langweiligen Art den
Unterrichtsstoff behandelte Wie der Botaniker eine Blume zerpflückt um
Blütenblättchen Kelch Staubgefässe besonders zu beäugeln und wie schließlich
vom schmucken Naturkinde nichts bleibt als ein Häufchen Gemüll so wurde jeder
Satz sprachlich zerfasert jedes Lateinwort konjugiert oder dekliniert und als
Vorwand benutzt um Grammatik zu pauken
»Bei a und e in prima hat
Das Femininum allzeit statt 
Die übrigen auf as und es
Bedeuten etwas Männliches«
    Ich dummer Junge konnte mich für solche Männlichkeit nicht begeistern »Us
quartae lasse männlich sein« Unsinn Was schert mich Us quartae Jung
Siegfried der den Amboss in den Grund schlug und Wildtöter mit seiner
unfehlbaren Büchse das waren Vertreter der Männlichkeit für die ich schwärmte
Julius Cäsar gehörte nicht dazu Diesem Römer mit der Adlernase war allerdings
eine gewisse Schläue nicht abzusprechen aber mit seinem nackten Schädel und den
dünnen Lippen sah er wie ein Geizhals aus wie ein gieriger Raubvogel und ich
gönnte ihm mal tüchtig verhauen zu werden von den wilden Galliern Diese waren
mir eher leidlich  sie hatten doch etwas Indianerhaftes
    So kams dass meine Gedanken zu den Indianern schweiften Und auf einmal
glaubte ich nicht den Cäsar vor mir zu haben sondern Koopers
LederstrumpfErzählungen Und ich phantasierte »Nur einen Moment hatte das Auge
des Mingo aus den dichten Blättermassen hervorgefunkelt als auch schon die
lange Büchse knallte  paff« Ja so etwas fesselt einen dreizehnjährigen
Teutonen Aber ach in diesem LateinZuchthaus hört er immerzu Geleier wie
vinco vicu victum vincere Dann kommt der nächste Satz an die Reihe  der wird
ebenso langweilig abgehandelt  uff Stöhnen möchte man hat auch noch Angst
dass man wegen Unwissenheit reinfallen könnte Und auf diese Weise sollen die
Jungen zu Helden werden nach dem Muster der Römer Was tun übrigens die
römischen Kohorten Ein Lager schlagen sie auf brechen es wieder ab und
schleppen sich etliche Meilen weiter Trockenes Kommissbrot ist das Die Indianer
im Lederstrumpf das sind Kerle Von Ast zu Ast stürzte der Körper des erlegten
Mingo  die Rotäute brachen in ein Wutgeheul aus  Falkenauge aber tat auf
einmal einen grellen Pfiff »Fuit«
    »Waas Waas Jetzt  wer onderschteht sich da z pfeife he Euner wo graad
daher komme ischt von Preuße Graad dass mer über die Ohngebärdigkeut klagt da
tut der pfeife Ond macht e domms Gesicht wie euner wo vom Traum erwacht Dem
rappelts scheunts«  Ich atmete wie ein Erlöster da soeben die Schulglocke
läutete
 
                   Der Ssaubock und die frische Wirklichkeit
Nun kam Französisch beim Ssaubock Dass dieser Spitzname den Nagel auf den Kopf
traf bestätigte die Erscheinung des Präzeptors Ein kurzer feister Kerl
schwammig das Gesicht rasiert bis auf zwei Koteletts Seine Schweinsäugelchen
hatten etwas Lauerndes Der breite Mund mochte manchen Humpen Bier genehmigt
haben Einen Stoß Hefte den Bock mitbrachte warf er aufs Katheder und setzte
sich »Grammatik Seite siebenondfufzik« grunzte er indem er eins seiner
Schreibhefte aufschlug Hastig blätterte alles in der Französischen Grammatik
und der Primus begann vorzulesen was auf der bezeichneten Seite stand Indessen
hatte Bock eine Gänsefeder in rote Tinte getunkt und kratzte in einem der Hefte
herum Offenbar korrigierte er die schriftliche Arbeit einer anderen Klasse In
dieser Weise ging die Stunde hin Nur dass Bock ab und zu sagte »Der näkschte«
und dass dann ein anderer Schüler vorlas Das HefteKorrigieren ging
maschinenhaft dabei hörte man grunzen »Ssimpel Idiot Dackel« Um
durchgesehene Hefte zu ordnen klemmte der Ssaubock zuweilen die Gänsefeder
zwischen seine Lippen und sah aus wie eine breitmaulige Kröte
    Uff War das Wetter heiß Wir schwitzten wie im Backofen  einschläfernd
wirkte das Vorlesen  auch nicht gerade belebend der Gesang der von einer
benachbarten Klasse zur Violine erscholl »Ahnungsgrauend todesmutig«  Ich
kannte die Weise steif und schleppend kam sie mir vor es plärrten die Schüler
und ein Ton wurde regelmäßig zu niedrig gesungen Dann brüllte der Gesanglehrer
»Höher« und die Violine schrie den Ton nunmehr übertrieben hoch In einem fort
kratzte die Gänsefeder und der Ssaubock auf dem Katheder grunzte »Ssimpel
Idiot« Ich brachte die Zeit herum indem ich Ssaubocks Konterfei entwarf
    Abermals kam die Pause diesmal wars die große Die Pennäler trotteten die
Stiegen hinab und stöhnten über den heißen Tag Da das Gymnasium keinen Hofraum
hatte wo wir uns hätten tummeln können standen wir auf der Straße herum und
verzehrten unsern Wecken Vorübergehende Studenten wurden angestarrt und
beschwatzt besonders solche die Farben trugen und Schmisse hatten Von einem
gedunsenen Kerl mit zerhauener Nase hieß es er habe schon achtundzwanzig
Semester Er hatte Ähnlichkeit mit seiner Bulldogge die hinter ihm drein
schnaufte »Ajax« riefen die Pennäler  aber das dicke Vieh blieb stumpfsinnig
»Bier kann der Ajax saufe« behauptete Wurschterle »des hat er von seim Herrle
glernt «
    »Griess di Goot Uli« Ich wandte mich nach dem Angeredeten um den sie auch
»Ritter Uli« nannten  sein Vatersname war Ritter Etwas Ritterliches hatte die
Erscheinung Eine Turnergestalt so kraftvoll und geschmeidig wie
hochgeschossen Mit dem sonnengebräunten Gesicht den kühnen Blauaugen machte er
mir Uhlands Ballade lebendig »Jung Siegfried war ein stolzer Knab« Erinnerte
auch an seinen Namensvetter den feurigen Schwabenherzog Ulerich
    Die dritte Stunde war Rechnen Da ich auf dem Magdeburger Gymnasium bereits
Anfänge der Mathematik gehabt hatte glaubte ich das hiesige Rechnen werde mich
vor vertraute Aufgaben stellen Doch wie betreten war ich als sich meine
völlige Ungewandteit in den Künsten des »Gsunden Menscheverstandes«
herausstellte So nannten wir den Rechenlehrer weil er diesen Ausdruck gern
gebrauchte An Freundlichkeit ließ es Herr Präzeptor Fausel nicht fehlen Ein
rüstiger Mann heiteren Gesichts setzte er sich neben mich und nahm meine
Schiefertafel mich persönlich zu belehren Die Proportion die ich
zusammengestoppelt hatte wischte er aus zog einen Bruchstrich und warf mit
Windeseile Zahlen bald oben bald unten hin während er ebenso hurtig sprach
»Wenn zwanzik Hektolitter Wei 1600 Mark koschte na kommt ein Hektolitter
zwanzik mol weniger  ond ein Litter noch Hundertmol weniger  also 55 Litter so
viel mol mähr  net wahr Gsunder Menscheverstand« Und schon saß Fausel bei
einem anderen Schüler mit dem Schieferstift auf dessen Tafel klappernd
    Nicht bloß diese Rechenmetode hatte mich verblüfft auch das Wesen des
Lehrers Er hatte etwas aufdringlich Klärendes eine selbstgefällige
Verschmitzheit Sein hellgraues Auge zwinkerte und während er rechnete machte
das blondbärtige Kinn gemeinsam mit der rasierten Oberlippe fortwährend die
Bewegung des Kauens Dass ich diese Seltsamkeiten sowie den dicken Siegelring auf
seiner rechnenden Hand beobachtete trug nicht gerade zu meiner Sammlung bei
Was mich vollends zerstreute war sein pädagogischer Grundsatz den Unterricht
damit er nicht trocken wirke durch Anschaulichkeit zu beleben »Frische
Wirklichkeit« fing er an »Der Wirt zum Poschtörnle kauft sechs Hektolitter
Moscht om acht Mark fufzik Den Schoppe möcht er om sechs Pfenning ausschenke 
ond will dabei hondert Prozent profitiere Wieviel Wasser muss er neischütte
Gsunder Menscheverstand«
 
                                 Auf der Mensur
Aus Anlass dieser Prositberechnung meldete sich Wurschterle und gab zum besten
wie sich auf spottbillige Weise feinschter Kunschtmoscht bereiten lasse  Als
ich nach Schluss der Stunde mit der Bemerkung herausplatzte hier im Ländle
scheine mans nicht minder hinter den Ohren zu haben als sonst in der Welt
trafen mich flammende Blicke und »Ssaupreiss« hieß es »hättscht solle in deim
Makdeburk bleibe« Wurschterle wollte witzig sein »Bei uich heißt mr alle
Städt Burk Makdeburk Hamburk«  »Und bei euch« erwiderte ich »heißt man
alle Ingen Tübingen Reutlingen Bopfingen Tropfingen« Hier bekam ich von
Wurschterle einen Rippenstoss und es wäre zu weiteren Tätlichkeiten gekommen
hätte nicht das Erscheinen des »Pedells« in der Klasse ablenkend gewirkt Dieser
»Puddel« wie wir ihn nannten war ein ausgedienter Unteroffizier das
Feldwebelhafte seines Auftretens war gemildert durch die wenig soldatische
Troddelmütze auf dem ergrauten Haupte »Achtong« kommandierte er »Ond heut wär
Hitzvakanz«  »Hurra« johlte die Klasse hurtig zum Abzug bereit
    Auf der Straße war ich umringt von Mitschülern die Händel mit mir suchten
Ich kam mir vor wie einer den die Bremsen stechen wollen Man belästigte mich
durch Zupfen und Knuffen Und vortretend krähte mir Quenstedt ein
Klassengenosse ins Gesicht »Wart no du Ssauballa Der Wurschterle wird di
verschlage Sein Kartellträger bin i Gfordert bischt Die Mensur steigt onter
der Neckerbrück«  »Gänget mr« heulte die Knabenrotte und es wälzte sich der
Auflauf die Mühlgasse hinab Auf Wurschterle redete man ermunternd ein während
mich tückische Blicke streiften Aber da ging neben mir der Mitschüler den sie
Ritter Uli nannten und raunte wohlwollend »Immer tapfer Aber Vorsicht Der
Wurschterle hat Ssauhieb«
    Von der Neckarbrücke führte eine hölzerne Seitentreppe zum Ufer des Flusses
und unter der Brücke war eine Sandbank wohin man von oben nicht sehen konnte
Hier entstand um mich und Wurschterle ein Kreis von Pennälern und
leidenschaftlich ging das Hetzen los »Auf Wurschterle Bach em ois Tu em d
Gosch verschlage«  »Net lang dischkuriere« prahlte mein Widerpart »Fanget mr
ahn« Auch ich war für rasche Entscheidung und machte mit meiner entleerten
Büchermappe eine Rolle in der Meinung mit dieser Waffe solle die Fehde
ausgefochten werden Kampfesmutig legte ich aus und sann schon auf meine
Hochterz Hohngelächter belehrte mich dass ich den Ernst der Lage verkannte Mit
geballten Fäusten lauerte Wurschterle und auf einmal traf mich ein Stoß auf die
Nase dass mir war als sei sie zerschmettert Gleich im nächsten Augenblick
knallte meine Faust auf Wurschterles Backe Er prallte zurück und spuckte 
Zähne schienen ihm wacklig geworden zu sein
    Mit mir drehte sich alles mein Schädel brummte die wirren Rufe der
Pennäler klangen wie aus der Ferne Dann unterschied ich Ritter Ulis gutmütige
Stimme »Gib dei Sacktüchle her« Er netzte mirs mit Neckarwasser und kühlte
die blutende Nase Auch Enzio stand bei mir mit Kennermiene betrachtete er
meine Abfuhr »Tuts arg weh Gelt« Ich schüttelte den Kopf »Ha  a« Der
indianerhafte Held darf ja nicht merken lassen wenns weh tut »Net lang
gaffe« rief Uli den Knaben zu »Beiderseits Abfuhr Mensur ex«  »Himmel
Herrschaft dees hätt mir passiere solle« prahlte Enzio als er mich
heimbegleitete »Metzelsupp tät i aus dem Wurschterle mache«
    Als ich zu meinen Eltern kam waren sie entsetzt über die Nase die
angeschwollen war wie ein Gebäck »Du führst dich ja nett ein Lümmel du Nach
dem Essen gehst du in die Laube und steckst die Nase in die Grammatik«  »Er
soll aber die Wasserschüssel mitnehmen« fügte Mutter hinzu »Nase kühlen« In
der Laube kam ich mir vor wie eine geknickte Lilie und legte triefende Umschläge
auf das misshandelte Organ Bald aber wurde ich guter Dinge Vom nahen Beete
nickten mir Rosen schelmisch zu »Du mit der komischen Nase schnüffle mal ob
du uns riechen kannst« Eine Lerche die trillernd ins Blaue stieg erinnerte
mich an Jakobs Himmelsleiter In einer Anwandlung von Frömmigkeit kam ich auf
die Idee den lieben Gott den ich durch meine Flegelhaftigkeit gekränkt hatte
zu bitten durch ein sichtbares Zeichen mir anzudeuten wie ers mit mir meine
Zwischen die Blätter meiner Bibel wollte ich mit der Feder stechen und die
Zeilen die ich dann zu lesen bekäme sollten mir Orakel sein Und ich las
»Selig sind die Friedfertigen«
 
                             Die Schöpfung der Welt
Mit geschwollener Nase kam ich am andern Tage zur Schule wurde aber von den
Mitschülern nicht ausgespottet eher mit Achtung behandelt Wurschterle der
eine bläuliche und geschwollene Backe hatte ging mir aus dem Wege Die erste
Stunde war beim Naso Geschichte Er begann mit seinem Gebet »Du hoscht eun
heulik Amt « Das darin vorkommende Wort »Ohngebärdigkeut« sprach er mit einer
anzüglichen Strenge und nach dem Amen lenkte er sein glasiges Auge auf mich
»Heut repetiere mr Gschichtstabelle  fange mer ahn Wille Sag du mr wann
ischt die Welt erschaffe«
    Ich war aufgestanden und starrte den Professor an wie er mich »Ja ja i
frag nach der Schöpfung der Welt Wann ischt die gwä He« Ich wusste die
Geschichtstabelle die ich jüngst angeschafft hatte begann mit diesem Datum
dann kam eine Jahreszahl für die Sintflut und eine für Abraham Ich hatte über
diese Zeilen hinweg gelesen ohne sie ernst zu nehmen Naso weidete sich an
meiner Ratlosigkeit »Also wann hat Gott  He du«
    Dumme Frage dachte ich Wer kann das wissen Als durchschaue Naso meinen
Widerspruchsgeist wurde seine Stimme streng »Das allererschte Datom der
Weltgschicht Ond daas weischt du net emal« Ich zuckte die Achsel und meinte
kleinlaut »Das  weiß  niemand« Naso riss die Augen auf  ich hatte noch die
Frechheit fortzufahren »Es gab ja damals überhaupt keinen der die Jahreszahl
hätte notieren können«
    Eine Bewegung des Staunens und der Heiterkeit ging durch die Klasse Naso
war so verblüfft dass er sich sammeln musste dann aber ging sein Schnauzen los
»Gschwätz domms Gschaffen freili war damals noch niemand Aber der Herrgott
selber war da ond der hat net nötik ghätt sich s Datom zu notiere Der
Allwissende braucht kei Notizbüchle Aber sein Gschöpf du hoscht die Pflicht
dirs Datom einzupräge Drum nimm di zamme du Also  wann hat Gott «
    Da glaubte ich eine Ausrede gefunden zu haben »In vorsündflutlicher Zeit«
    Wieherndes Gelächter der ganzen Klasse  Nasos Mund stand offen »Waas In
vorsünd  I glaub du selber  dei Nas die scheunt mir vorsündflutlich zu
sein« Dröhnende Heiterkeit Schmunzelnd betrachtete der Professor meine Nase
»Blau ischt sie grün gel  ond der Wurschterle da der hat auf seiner Backe
die Komplementärfarb He Wurschterle versuche mers mit dir Wann hat Gott die
Welt erschaffe«
    Wurschterle der Zeit gefunden hatte in seiner Tabelle nachzusehen sprang
soldatisch auf »Viertausendeinhondertzweuondachtzg«  »Ond« fragte der
Professor lauernd Wurschterle lugte nochmals in die Tabelle  und wiederholte
störrisch »Ond achtzg Zweuondachtzg So stehts bei mir«
    »Schafskopf dees mein i net Die Zahl tut stimme  aber ohnvollständik
bleibt jedes Datom wenn mr net dabei sage tut obs vor Krischtus gwä ischt
oder nach Krischtus« Wurschterle stutzte Mitleidigen Spottes Naso »Tut der
Ssimpel net emal begreife dass die Schöpfung der Welt vor Krischtus muss gwä
sein« Der gekränkte Wurschterle zuckte die Achsel »Ha no Selbschtverständli«
Naso krähte »Wenns selbschtverständlich ischt warum sagscht es denn net glei
Wiederhol« Und Wurschterle patzig »Viertausendeinhondertzweuondachtzg vor
Krischtus war die Schöpfung der Welt«
    Ich muss wohl ein erstauntes Gesicht gemacht haben denn der Professor wandte
sich plötzlich an mich »Dees glaubscht wohl net« Aufrichtig schüttelte ich den
Kopf Nasos Stimme wurde hart »So so Ond warom glaubscht net«
    Warum Ich dachte noch und da kam mir ein seltsames Steingebilde in den
Sinn In einem Steinbruch bei Magdeburg wars gefunden und dem dortigen
Gymnasium geschenkt Unser Lehrer der Naturgeschichte hatte gesagt »Das ist
eine Urweltsschnecke über hunderttausend Jahre alt« So wagte ich die Antwort
»Wenns versteinerte Schnecken gibt die hunderttausend Jahre alt sind muss doch
die Schöpfung älter sein«
    Die Klasse horchte auf  es war ganz still  Naso schien betroffen Er nahm
seine Zuflucht zur Witzelei »An Schneckle an so domme Viecher glaubscht Also
geh zu deim Schneckle ond lass dir von dem Gschichtsonterricht erteile Es weiß
wohl bessere Tabelle als mir da hänt gelt«
    Plötzlich starrte er einen Schüler an und keifte »Du da Quenstedt Waas
hoscht du frech zlache« Quenstedt erhob sich und zeigte grinsend seine etwas
schadhaften Zähne »Mei Vattr hat au so Schneckle« Quenstedts Vater war
Geologe und hatte aus dem Kalkstein der Alb manche Versteinerung urweltlicher
Tiere geholt Es war dem Naso peinlich dass diese geologische Autorität als
Trumpf gegen ihn ausgespielt wurde »Bleib mir vom Leib mit so ausgegrabene
Knoche Als ob mr beweuse könnt wie alt so Versteunerunge sind«
    »Ha dees kann mr« entgegnete Quenstedt keck Und Naso gereizt »Ein
vernönftiger Mensch tut sich net auf so Schneckle verlasse  wo auch noch
versteunert sind wie Lots Weib zur Salzsäule ward Versuchs ond frag dei
Schneckle wie alt es sei Meinscht es werd antworte Du Quenstedtle Tu mer
gratuliere Heut vor honderttausend Jahr ischt mei Versteunerungstag gwä «
Durch den Beifall der Klasse ermuntert fuhr Naso von oben herab fort »Hoscht
denn du überhaupt so Schneckle schon gsehe«
    »Ha freili Ins Hebsackers Gärtle liegt eus E Teolog hat im Neckrbaad
gewohnt  dem hats e Keemiker dediziert Wie na der Teolog hat fortmüsse
wars versteunerte Schneckle zu schwär für sei Köfferle Na hat ers dem
Hauswirt dediziert Der hats ins Gärtle gelegt zur Verzierung zwische die
Rose«  »Schwär sagscht sei dees Schneckle gwä« meinte Naso lauernd »wie
schwär denn«  »Ha an die fufzg Pfund«
    Alles staunte und ungläubig Naso »Eun Schneckle eunen halben Zentner
schwär Onsinn«  »Ha dees Schneckle dees Ammonshorn  so heißt mrs in der
Geologie «
    »Ammonshorn Weuscht denn du überhaupt wer der Ammon gwä ischt«  »E
Schafbock mit so runde Hörnle« grinste der Bengel Die Blöße die sich
Quenstedt gegeben hatte nutzte Naso aus »Selber bischt e Schafbock Lern du
erscht Mythologie Na kascht von Ammon rede« Milderen Tons wandte er sich jetzt
an Flammer der wegen seiner vielseitigen Kenntnisse allgemein bewundert wurde
»Also Flammer Red jetzt du«
    Flammer erhob sich ein Hauch von Röte überflog sein kluges Gesicht »Ammon
ist ein Beiname Jupiters Als Zeichen der Würde trug er Widderhörner am Kopf
Nach denen heißt eine große Schneckenart der Urwelt Ammonshorn weil sie so
geformt ist Beim Hebsacker dees stimmt liegen e paar Ammoniten Und Herr
Kandidat Hainlin hat gesagt ihr Alter sei kolossal«
    Naso wurde unsicher »Kolossal Ha no Dees möcht stimme Aber net
honderttausend Jahr«  »Eine Million sagt Herr Kandidat Hainlin«  »Ond mei
Vattr« platzte Quenstedt dazwischen »der sagt auf e paar Millione mähr oder
weniger käms net ahn  so alt sei dees Schneckle«
    Einen krebsroten Kopf bekam Naso seine Augen glotzten bestürzt auf
Quenstedt »Dei Vattr Der kommt hier gar neu in Betracht Derscht ja
Nadurforscher Ja wenn ihr Nadurkond habt im Obergymnasium na mögt ihr vom
Ammonsschneckle schwätze Vorausgsetzt dass sich der Herr Professor Wildermut
überhaupt auf so Sächle einlässt Ond sollt der alsdann für die Schöpfung der
Welt ein anderes Datom ahngebe als in der Tabell steht  na gilt dees halt für
die Nadurkond Aber jetzt hammr Welt gschicht Da wolle mr uns an dees halte
waas Hischtoriker feschtgstellt hänt Zom Überfloss ischt dees amtlich
ahnerkannt  onser württebergisch Minischteriom hat die Tabell da drucke lasse
Ond wer onser Minischteriom net reschpektiere tut bleibt halt sitze«
    Schon glaubte Naso mit der Genugtuung eines Siegers die Klasse überschauen
zu dürfen da hob Flammer den Finger »Waas Flammer« Und Flammer »Woher
wissen denn die Hischtoriker dees Datom« Naso erstarrte Augen und Mund
aufgerissen »Woher sie dees wisse Ha no  glaubscht denn du net an die Bibel
Aus dem Buch der Bücher hänt die Hischtoriker das Datom ausgrechnet Der Moses
zählt ja die Jahr auf wo seit der Schöpfung verstriche sind«  »Aber woher
weiß es denn der Moses«  »Ha« eiferte Naso »von Goot selber Der hat ihm ja
die Bücher Mose in die Feder diktiert Wer also net ans Datom der Schöpfung
glaubt der glaubt net an Moses Wer aber net an Moses glaubt derscht eunfach
 derscht e Lausbub«
    Etwas erschöpft schien Naso von solcher Abkanzelung Doch einmal im Zuge
schwang er sich noch zu einem majestätischen Finale auf »Oh freili« höhnte er
»Gootsleugner gibts in der Welt Aber net bloß dass so Ateischte ohnverschämt
dreischt sind sie sind au ssaumässik domm Hier vor euch Kinder steht ein
lebendiger Beweis dafür dass es einen Goot gibt Wenns nämlich keunen gäb
waas wär dann i« Gespannt starrte alles auf seine Brillengläser hinter denen
ein heiliger Eifer lohte »I wiederhol die Frag Waas wär dann i Waas wär euer
Professor Ihr wagts net auszuspreche  na werd is selber sage e Ssimpel wär
i Wenn i mir bloß einbilde tät dass e Herrgoot ischt wie er in der Bibel
steht na wär i nicks wie e bemitleidenswerter Idiot«
    Der Professor nahm offenbar an schon die leise Vorstellung er könne ein
Idiot sein müsse wie eine Ungeheuerlichkeit wirken dabei müsse den Pennälern
der Verstand stillstehn Den Zeigefinger an der Nase dozierte er weiter »Weil
aber dies  ohnmöglich  gradezu eun Widerspruch in sich selbscht wär lautet
der Vernonftschloss Also  quod erat demonschtrandom  also gibt es einen Goot«
 
                             Studentle der Hexerei
Kind einer Großstadt hatte ich Dorfleben immer nur in den Ferien und auf
Spaziergängen kennen gelernt also bei Gelegenheiten die der Erholung dienen
Kein Wunder dass ich mit dem schwäbischen Dorfe wo ich wohnhaft geworden war
die Vorstellung verband es komme hier hauptsächlich auf Naturschwärmerei an
Sah ich die Wiesen mit den Obstbäumen die ländlichen Gärtchen oder auch nur
blühendes Gestäude am staubigen Wege sah ich die Enten zum Goldersbach
watscheln und vernahm ich das Muhen von Nachbars Kuh so ging mir gleich das
Herz auf und ein Glück glaubte ich zu versäumen wenn ich nicht der Lockung zum
Idyll Folge leistete
    Begünstigt von der Ländlichkeit der ich ergeben war schoss jenes Benehmen
ins Kraut das den sogenannten Flegeljahren eigentümlich ist Der Umgang mit
anderen Halbwüchsigen trug auch dazu bei Wohl hätte der ältere und sehr
verständige Schmidt erziehlich auf mich einwirken können aber sein gesetztes
Wesen war mir bald langweilig und es verdross mich dass mir von den Eltern immer
seine Bravheit vorgehalten wurde Das einzig Flotte das er hatte sein Fechten
verlor den Reiz als wir einander unsere Finten abgelernt hatten Eine Störung
wars auch dass Enzio wenn wir fochten mit Verdrossenheit dabei stand weil er
wegen seiner kleinen Gestalt nicht mitalten konnte
    Enzio gehörte keineswegs zu den Musterknaben Immerhin kam er in der Schule
leidlich vorwärts  er fürchtete seines Vaters Drohung wenn er sitzen bleibe
muss er Kaufmann werden Das genügte seinem Ehrgeiz nicht Student wollt er
werden »Und was willst du studieren« fragte ich Stolz lautete die Antwort
»Staatskarriär«  »Also Jura«  »Iura et cameralia«  »Was ist das
cameralia«  »Dees sind die Koriehs wo cameralia studiere Grafe ond
Millionär Ond du Bruno Waas willscht du studiere he«  »Ich oh Mein Vater
rät zur Theologie  aber im Puppenteater hab ich den Doktor Faust gesehen  der
hat alles mögliche zusammenstudiert Und leider auch Theologie hat er gesagt
Auch ich kann mir nicht denken dass an der Theologie viel dran ist Na ja ein
Landpastor lebt gemütlich sein Garten könnte mich schon locken Aber die vielen
Kirchenlieder die man sich einpauken muss und der Katechismus so was ist
furchtbar langweilig«  »Dees scho Naa wirscht halt Philosophie studiere
gelt Der Doktor Fauscht war e Philosoph«  »Nein die Philosophie hat ihm auch
nicht gepasst Drum hab ich mich der Magie ergeben sagt er ja Und Magie
siehst du die möcht ich auch studieren Schade dass mans auf den heutigen
Universitäten nicht mehr kann wie in der guten alten Zeit wo es noch Ritter
und Hexen gab«
    »Aber waas tut mr denn mit der Magie Kann mr davon gut lebe«  »Und ob
Magie ist einfach Hexerei  und wenn ich hexen kann hexe ich mir gradezu her
was ich wünsche«  »Aber zaubern kann heuer kein Mensch mehr  verlernt hat mr
dees«  »Verboten hat mans« sagte ich »die Theologie hat schuld die ist
giftig auf die Zauberei Luther sagt im Katechismus wir sollen nicht fluchen
schwören zaubern Ich finde das kurios Meine Mutter sagt Fluchen tun ordinäre
Leute das schickt sich nicht Aber wenn ich Donnerwetter sage oder Verflucht
und zugenäht das sind einfach derbe Redensarten sie tun doch keinem was Warum
machen nun die Theologen aus der Mücke einen Elefanten möcht ich wissen Und
wie stehts denn mit dem Schwören Warum soll das eine Sünde sein Wenn doch
jeder der als Zeuge vor Gericht kommt schwören muss Na also Nun kommen wir
zum Zaubern Das soll auf einer Stufe stehen mit Lügen und Betrügen Unsinn Die
Zauberbuden auf den Jahrmärkten sind meine Schwärmerei und dagegen hat sogar
die Polizei nichts Ich selber zaubere mit meinem Zauberkasten den hat mir
meine Großmutter zu Weihnachten geschenkt Das ist doch kein Betrug Und ich
meine sogar Jammerschade dass ich nicht allen Ernstes zaubern kann Kennst du
das Märchen vom Knaben der hexen lernen wollte«
    Sinnend meinte Enzio »Wenn i hexe könnt honderddausend Dukate tät i mir
wünsche besser no dass mei Geldbeutel nimmer lär werde tät Na hätt i ällweil
Geld  ond wär e nobler Korieh mit roter Kapp Samtjäckle ond Kanonestiefel
gelt«  »Welches Kor trägt denn rote Kappen«  »Suevia seis Panier« sagte
Enzio prahlerisch und holte aus seiner Westentasche ein Stückchen Band
schwarzweißrot »Mei Bändle ischt dees ond älleweil bei mir han is Später
trag is om die Bruscht ond als Renommierbursch stolzier i durch Tübinge  mit
meim Reissebeiss«  »Wer ist denn das«  »Mei Hund heißt so e kolossale Dogg
auf Mensche dressiert Deescht e rechts Zauberviech  wie der Reissebeiss im Märle
vom Metzgergsell  den hat der Reissebeiss begleitet auf seiner Wanderschaft  ond
wie der Gsell in eine Räuberherberg graten ischt wo ihn die Räuber hänt
schlachte wolle na hat der Reissebeiss die Räuber verrisse«
    Auf Räuber kam Enzio auch sonst gern zu sprechen einmal deutete er nach
einem Bergwalde »Dort hinter Kirchetellinsfurt hats no richtige Räuber« Ein
zerlesenes Buch lieh er mir es handelte vom Räuber Schinderhannes Ich
peitschte den Schmöker durch habe indessen nichts davon behalten als eine
spannende Szene  im allgemeinen fand ich diese Geschichte verworren und wüst
    Neuerdings hatte sich Enzio einem rotköpfigen Realschüler angeschlossen der
auch in Lustnau wohnte Auf Obst und süße Erbsenschoten waren diese zwei
erpicht ohne den Unterschied von mein und dein sonderlich zu achten Sie hatten
am Pfrondorfer Berge gelbe Rüben gemaust und meine Tasche war prall von
Fallobst das ich in kindlichem Sammeleifer aufgelesen hatte Da sah ich wie
der Feldhüter geduckt heranschlich Gleich darauf kratzten meine Gefährten aus
und ich langbeinig wie ein Hase hinterdrein schnurstracks immer bergab 
Steinhaufen übersprang ich durch Gebüsche brach ich eine Gewandtheit
entwickelnd die ich mir bisher nicht zugetraut Bald war ich außer Gefahr und
wieder vereint mit den nicht minder leichtfüssigen Spiessgesellen
    Nun bargen wir uns in einer Grube die zum Flachsrösten hergerichtet war
Die Aschenreste brachten uns auf den Einfall hier ein Feuer zu machen Als das
zusammengesuchte Holz flackerte schlug Enzio vor Frühkartoffeln zu rösten und
wollte sie mausen Hieran mochte ich mich nicht beteiligen übernahm es aber
das Feuer zu unterhalten während die anderen gingen Als ich neuen Reisig
zusammengesucht hatte und behaglich die qualmende Glut nährte stand auf einmal
ein bäurisches Weib bei mir und überschüttete mich mit Entrüstung Wie sie gar
mit ihrer Hacke auf mich losging zog ich es vor Fersengeld zu geben
»Fuirlesmacher« hatte mich das Weib geschimpft und als ich andern Tags durchs
Dorf ging riefen die Kinder hinter mir her »Fuirlesmacher« Anfangs war ich in
Sorge meine Schandtat könne dem Naso kund werden Doch hatte sie keine andere
Folge als dass ich hinfort bei der Lustnauer Jugend der Fuirlesmacher hieß
    Solch wilde Geschichten wechselten mit Erlebnissen von sanfter Schönheit In
der Richtung nach Bebenhausen streifte ich gern längs des rauschenden Baches
wo Forellen schlüpften Über die großen Klettenblätter des Ufers erhob sich
wallender Weizen Mohn und Flachs Das ganze Talgelände ein einziger Obstgarten
Manche Apfelbäume derart mit Frucht beladen dass die hängenden Äste ein Dutzend
Stützen nötig hatten Die Wiesen strotzten von Halmen und hochgeschossenem
Kraut Falter gaukelten über die bunten Blumen Hummeln summten vom Feldrain
schwirrten Grashüpfer so zahlreich dass sie förmliche Wölkchen bildeten
    Vater der mich gern auf seine Spaziergänge mitnahm fand im Naturgenuss
einzig ungetrübtes Lebensglück Er machte mich mit der Vogelwelt bekannt wusste
mit seinem einen Auge Erdbeeren zu entdecken und zeigte mir schmackhafte oder
heilkräftige Kräuter Am Saum der Wälder die auf den Höhen beiderseits des
Goldersbaches säuselten fand er Haselsträucher und freute sich der Nüsse wenn
sie auch noch nicht reif waren Das lebhafteste Behagen widmete er den Pilzen
von denen die Buchen und Nadelwälder wimmelten
    Ging ich allein in die Landschaft gab ich mich weniger dem Ausnutzen der
Natur hin was Vaters Spezialität war als dem Träumen und einem Umherschweifen
das bloß der Stimmung folgte Ich konnte mich derart an die Dinge verlieren dass
ich mein Alltagsdasein vergaß und geradezu in einer andern Welt lebte Einmal
hatte ich den Goldersbach aufwärts verfolgt war hinter dem Kirnbache abgebogen
in einen domartigen Wald Die Säulen waren dicke Buchenstämme hart wie grauer
Stein Die Wurzeln überkrustete Moos Efeu rankte zum Gezweig empor Den steil
abfallenden Boden deckte braunes Laub und wo die Sonne durchs grüne Dach lugte
hatten sich Gewächse angesiedelt lila Glockenblumen Waldmeister und zarte
gelbe Blüten Nahe dem Berggipfel war ein Gewimmel starrender Felsen zwischen
denen Farne ihre grünen Wedel breiteten Als ich auf bemoostem Blocke saß war
mirs als rege er sich und ich wurde die Vorstellung nicht los diese Felsen
seien eines Ritters Reisige von einem Zauber versteinert Den verwunschenen
Ritter entdeckte ich in Gestalt eines hoch über den Wipfeln kreisenden
Raubvogels In einem Banne hielt mich die Träumerei so dass ich mir selber
schier versteinert vorkam und mit diesem Walde verwachsen Als unweit eine
Ringelnatter in der Sonne lag beobachtete ich sie ohne mich zu regen und
glaubte sie werde mir wunderbare Heimlichkeit offenbaren etwa ein Krönlein aus
einem Loche holen oder ein Kraut pflücken mit dem man die versteinerten Ritter
nur zu berühren brauche um sie wieder zum Leben zu erwecken
    An einem strahlenden Sonntagmorgen hatte ich einen Abstecher ins Neckartal
gemacht und am Fuße eines Waldberges die Blaulach gefunden einen
langgestreckten Sumpf von Rohr umflüstert Durch diese Wildnis führte ein
bretterner Steg und auf das vorspringende Ende setzte ich mich ins Wasser zu
starren Es fesselte durch seine dunkelblaue Farbe mit breiten Flächen grüner
Linsen bedeckt Geheimnisvoll war eine Stelle wo der Wasserspiegel
Perlmutterglanz hatte ein grünblaues und lilarotes Schillern Ein Zauber muss
hier im Spiel sein dachte ich Aus der Wassertiefe kommt das bunte Flimmern
drunten haben die Seejungfern ihr Schloss von Kristall und wenns für gewöhnlich
unsichtbar bleibt so bin ich doch vielleicht ein Sonntagskind weil ich Nixen
und Elfen so gern habe und mich sehne das Zaubern von ihnen zu lernen Libellen
kamen geschwirrt und zitterten wie Hauch über duftigen Wasserdolden  ich
bestaunte den blauen biegsamen Leib die langen Flügel wie aus Glas gesponnen
Und nun tauchte aus dem Wasser ein buntes Entlein schwamm näher mit munteren
Aeuglein mich betrachtend Mein Herz pochte da die ersehnte Zauberwelt fast
greifbar war Ich brauchte dem Entlein nur ein magisch Reimlein zu sagen und
durfte dann mit ihm hinabtauchen zum gläsernen Schloss Sagt nicht die Bibel
man könne Berge versetzen brauche nur an die eigene Kraft zu glauben  Und ich
reimte
»BlaulachEntle
Du Wasserfei
Bin ein Studentle
Der Hexerei«
    Aber die Ente tauchte blitzschnell unter weil ich eine Armbewegung gemacht
hatte Dafür regte sich etwas in einer braungelben Masse die zwischen den
Wasserlinsen schwamm ein dickköpfiger Frosch kroch aufs breite Blatt der
Seerose und meckerte fettes Spottgelächter »Na  a  arr« Und zerstoben war
die schillernde Seifenblase der Träumerei  ganz gewöhnlich war auf einmal die
Welt  es glühte die Sonne eine Bremse stach mich mein Magen knurrte
 
                               Hainlins Gärtnerei
So lagen in meiner Seele verschiedene Elemente durcheinander wie Kraut und
Rüben und ich litt darunter dass ich keinen Ausgleich fand Der Gegensatz
zwischen dem Nixenschloss und dem Schlamm des Frosches wurde täglich von mir
erlebt wenn ich aus der wundervollen Landschaft in die öde Schulstube kam Die
Gabe daselbst mich anzupassen war meiner Kindheit derart versagt dass der
Unterricht verschlossene Ohren fand Ich lebte zu sehr innen Wo ich nicht in
freier Teilnahme den äußeren Einwirkungen entgegenkam stießen sie auf
Gleichgültigkeit oder auf Ablehnung Bereits als ich die Schulbank der Sexta
gedrückt hatte war mir die alte Linde auf dem Klosterhof wie sie knospete und
blühte wie sie im Herbst gelb wurde und das Laub verlor ein würdigerer
Gegenstand der Teilnahme als der Lateinlehrer mit seinem mensa und amo
Geschwätz
    In Tübingen zog ich mich während des Unterrichts in mich selbst zurück wie
eine Schnecke in ihr Haus sobald man ihre Fühler anrührt Auf den Lehrstoff der
Klasse pflegte ich weniger zu achten als auf die Mundart der Mitschüler und
Eigenheit der Lehrer Mit ihrer graugrünen Fläche lud mich die Schulbank ein
Gestalten darauf mit Tinte zu kritzeln  den Glasberg mit der Prinzessin und dem
emporsprengenden Ritter War ich aber zu spöttischer Beobachtung aufgelegt so
malte ich den borstenköpfigen Wursterle mit seinen abstehenden Ohren den
schnupfenden Naso den feisten Saubock Sobald ich annehmen durfte der Lehrer
würde mich nicht mit Aufrufen belästigen ergab ich mich dem Verseschmieden und
schuf Gestalten meiner eigenen Welt In meinen Schulbüchern lagen Zettel denen
Zeilen meines »Epos« anvertraut waren Zu Hause fügte ich die Entwürfe in den
Zusammenhang des Ganzen und solcher Betätigung wie auch dem Lesen von Märchen
und Indianergeschichten widmete ich meinen Eifer während Schularbeit übers Knie
gebrochen wurde
    Hainlin der meine Art ausgespürt hatte sprach mit meinem Vater darüber
als er gekommen war sich für das KotzeBuch zu bedanken In der Weinlaube saßen
die beiden ohne zu merken dass ich mir in der Nähe zu schaffen machte
    »Ihr Sohn ist ein Sinnierer und Eigenbrödler  einer von denen die ihren
Gang nicht durch die Schule nehmen sondern nebenher Gelingt solchen Naturen
ihre Entwicklung so ists gut  aber sie kann auch misslingen und jedenfalls
haben sie viel Widrigkeit und Seufzen durchzumachen« Sorgenvoll nickte mein
Vater »Sie haben den Jungen durchschaut Ich kenne seine Kuriosität Ich selber
habe etwas davon  habe mich nie recht einschmiegen können ins Getriebe der
Leute Bei mir hat sich verständiges Wesen einigermaßen erst eingestellt als
ich die Schwelle zur Mannbarkeit überschritten hatte Vorher weiß man kaum was
man ist und was man im Leben soll«
    Der Kandidat spann den Faden weiter  ich konnte nicht alles hören und
manches blieb damals noch dunkel  allein später als mir Hainlins Ansichten
klarer wurden war ich imstande das belauschte Gespräch zu deuten Es sei
herkömmlich  so meinte er  einen jungen Menschen mit einer frisch aufgeblühten
Blume zu vergleichen  doch er gleiche eher einem Schuttaufen darauf allerlei
Gewächs durcheinander wimmelt Nesseln und Grashalme neben giftigem
Nachtschatten blüht das heilkräftige Johanniskraut die himmelblaue Zichorie
süssduftend die Königskerze Wohl haben Kinder glatte Gesichter und klare Augen
während der alte Mensch durchfurcht von Leidenschaften erscheint und vom
Schicksal zersplissen wie ein Weidenstumpf Doch trügt der Schein Mancher Alte
birgt unter den Runzeln eine abgeklärte Seele und manch äußerlich hübsch
blühendes Menschenkind ist innen wüst Ein Neugeborener bedeutet kein
unbeschriebenes Blatt eher ein vielbändiges Buch eine uralte
Historienbücherei oder auch ein Papier das zwar weiß ist aber geheime
Schriftzeichen trägt mit einer Tinte geschrieben die anfangs unsichtbar erst
durch längere Belichtung Deutlichkeit erlangt Was dem Neugeborenen solche
verstohlene Überlieferung beigebracht hat ist sein Vorleben das er innerhalb
seiner Ahnen geführt hat Mit dem Blute haben sie ihm Gefühle Tüchtigkeiten und
Laster vererbt So kommt es dass ein Kind zuweilen eine ganze Rotte wilder
Triebe darstellt Mit Bestürzung entdeckt es in sich ein heftiges Durcheinander
wie wenn eines Vielgespanns Pferde unverträglich hierhin und dorthin zerren
Arme Jugend die ihr Inneres noch nicht begreifen kann und nicht weiß was sie
anfangen soll mit den erwachenden Anlagen und Trieben Kläglich verlassene
Jugend die in solcher Hilfsbedürftigkeit nicht verstanden wird Eltern und
Lehrer die ihre Überlegenheit über die Unreifen wohltätig machen sollten
indem sie in deren seelische Gründe ordnend entwickelnd eingreifen haben dazu
selten Beruf Sie beschränken sich dann darauf rau zu unterdrücken was ihnen
unpassend erscheint und Heranwachsendes in Schablonen zu pressen Statt mit den
Kindern jung zu sein wie die Katzenmutter mit ihren Jungen tollt setzen sie
die Miene einer Überlegenheit auf die sie schroff scheidet von der unteren
Stufe so dass sich Kinder und Erwachsene wie zwei einander fremde Welten
gegenüberstehen Der Erwachsene befiehlt tadelt und straft Gestattet sauersüss
oder gönnerhaft Lässt oft nur deshalb die Jugend gewähren weil ihm das Gängeln
lästig ist Seine Sonderinteressen gehen ihm vor er fachsimpelt mit
seinesgleichen und überlässt die Kinder jener Heranbildungsfabrik die sich
Schule nennt
    »Um nun wieder auf Ihren Knaben zu kommen« so wandte Hainlin seine
Darlegung an »möcht ich fast raten Sie sollten ihm unter Anleitung eines
geeigneten Privatlehrers möglichst freie Entwicklung lassen Neigungsstudien
die allein passen für ihn Aber freilich wo den Pädagogen hernehmen«  »Ich
wüsste schon einen« sagte mein Vater »doch den zu honorieren gebricht es mir
an Mitteln « Abermals machte Hainlin die freundlich ablehnende Gebärde »Wenn
Sie mich meinen so muss ich gestehen dass ich nur Gelegenheitspädagog sein kann
Dilettant  dies Wort meint einen der etwas bloß aus Liebhaberei treibt  bloß
sagt mr  als ob Liebe ein geringes Motiv wär  komisch sind die Leut Nun also
die Nachhilf hab ich Ihrem Bruno gern erteilt Aber die muss nun ein End haben
Zum Oktober gang i nach Stuggart «  »Was Sie wollen fort von hier Und
Fräulein Rosel Und Uli Ritter Was fangen die ohne Sie an Wir alle werden
traurig sein « Während mein Vater so sprach fühlte ich wie mir heißes
Bangen zur Kehle stieg und ich war versucht weinend hinwegzuschleichen
    »Ja ja« fuhr Hainlin fort »den bunten Rock will ich anziehn  einmal muss
der Militärpflicht genügt werden Auch für Rosel wirds gut sein wenn i jetzt
geh  da mag sie sich besinnen Und der Uli Er muss lernen ohne mich zu
arbeiten Nun fragen Sie mich nach Ihrem Sohn Wie die Dinge liegen wag ich
nicht zu raten den Bruno von der Schule wegzutun Lassen Sie ihn ruhig im Drill
bei den anderen Schülern  er wird net erheblich hinter ihnen zurückstehen wenn
er auch mal kleben bleibt  wie möglicherweise demnäkscht Ihre Übersiedelung
von Norddeutschland in die hiesigen Schulverhältnisse stellt an seine
Anpassungsfähigkeit Ansprüche wie sie bloß ein Knabe bewältigt der sich ganz
in die Hände seiner Exerziermeister gibt Dees aber tut er net der Bruno net«
 Mein Vater tat einen Seufzer »Ach ja Wie mans anfängt  es hapert überall
So ist die Welt Ein Rezept haben Sie also nicht für mich«  »Nach einem Rezept
kann der Poet der Maler der Tondichter nicks Lebendiks zustandebringe
Ebensowenik der Pädagog dessen Beruf ich Erziehungs kunscht nenne möcht«
    »Wie hoch Herr Hainlin fliegt Ihr Idealismus Die Wirklichkeit kann da
nicht mit Bedenken Sie dass der Lehrstand nicht aus Künstlernaturen bestehen
kann«  »I weiß Fabrikwerker sind die weischte Wers net sein möcht wirds
mit der Zeit Das Getriebe macht ihn zu eme Rädle an der Maschin«  »Die
Schüler tragen auch nicht wenig dazu bei einem Pädagogen den Idealismus zu
versauern«  meinte mein Vater  »als Aussenstehender hat mans leicht sich
idealen Träumen hinzugeben Steht man aber vor der Aufgabe die Rotte Korah zu
bändigen  Herr Kandidat Hand aufs Herz«  »O freili I selber würd verzage
begab i mich ins Fabrikgetrieb«  »Das wollen Sie also nicht Sind Sie vom
Theologen zum Lehrer umgesattelt Ich meine gehört zu haben dass Sie eine
Anstellung an der Töchterschule erstreben Oder was möchten Sie werden«
    Wie ein verlegenes Kind sah Hainlin aus als er zögernd erwiderte »Ha auf
der Flöte spiel i gern  mach au Verse  halte Gespräche mit den Ideen die mich
besuchen wenn ich über Büchern und Papier brüte Weil aber onsereins davon net
lebe kann ond weil i vollends net auf diese Art mei liebs Rosel ernähren könnt
so muss i halt schaun wie ich das Brotmachen lern Am liebschte möcht i zur
Gärtnerei omsattle Ob mirs glingt ob überhaupt ebbes Leidlichs aus mir wird
dees weiß der Himmel« Betroffen hielt mein Vater das Auge auf den seltsamen
Kandidaten gerichtet »Gärtner Hm Nun ja ein schöner Beruf Aber dafür
brauchten Sie nicht auf die Universität zu gehen« Nicht ohne wehmütigen Spott
war Hainlins Lächeln als er erwiderte »I hab halt mei Studiom ganz und gar net
als Mittel zum Broterwerb betrachtet sondern als mei geischtiks Bedürfnis
Verloren ischts also net wenn i schließlich zu der Einsicht glang dass es mir
besser passt Pflanzen aufzuziehen als Menschenkinder im Drill zu peinigen und
zu verhunzen« Mitfühlend als ob er ihm Halt geben möchte ergriff mein Vater
des schwärmenden Jünglings Hand »Mein lieber Herr Hainlin Möchten Sie Kraft
finden die Entsagung zu bestehen und die Enttäuschungen die Ihnen ein so
seltsamer Lebensweg nicht ersparen wird«
    Seine Rührung konnte Hainlin nicht verhehlen Er schwieg und sann Dann kam
noch ein Hauch seines Geistes »Net um mich handelt es sich sondern um Ihren
Knaben Wenn ich nun fort bin könnten Brunos Freunde ihm beistehn Vom Segen
der Freundschaft halt i viel Im Umgang mit Altersgenossen zu denen er
begeischtert emporschaut wächst der junge Mensch Ond selbst wos auf Studiom
ahnkommt können ihm Mitschüler Lährmeischter sein wofern sie herzlichen Willen
dazu hänt Wo junge Leute mitsammen schwärmen sind sie wie ein Kriegshaufe im
heroischen Erstürmen einer Bergfeste  es wetteifern die Knappen ond einer
hilft dem andern Kein Volk hat solch erzieherische Freundschaft so vorgelebt
wie Athen und Sparta Das preisen nun zwar unsre Schulmeischter  doch ach wie
kläglich sind sie vom Geischt der Antike entfernt Wenn sie mit ihren Pennälern
Griechisch büffeln haben sie keine Ahnung von der freien Natürlichkeit und
Kraft derer die Plato schildert Helenas Gewand haben sie in Händen während
die Göttin ihnen entschwunden ist  mit den alten Lappen treiben sie einen
lächerlich traurigen Götzendienst indem sie die Nähte studieren auftrennen und
wieder zusammenflicken Wenn i mich zu dem Ohnfug hergebe soll den mir onsre
Bildungspfaffe zumute Himmel Herrgott Dann werd i Rebell« Bei diesen
unwirschen Worten war Hainlin aufgesprungen Nun nahm er Hut und Stock »Nicks
für ungut Bin halt kei Normalmensch Was aber den Bruno betrifft so seien Sie
wegen der Schul net arg in Sorg Es genügt wenn er leidlich mit ihr fertik
wird Im übrigen halten Sie darauf dass er Ihnen Vertrauen schenkt  ond dass er
sich zum Wendelin Flammer hingezogen fühlt In dem lodert Begeisterung  er hat
ebbes Emporreissendes Der Uli Ritter ischt aue Kerle Der Enzio « Hier machte
Hainlin eine Pause des Bedenkens  »Ha no Der Enzio möcht wohl Eine Art
Nobless ischt ohnverkennbar am Enzio Doch am albernen Ich hangt er  ond hat in
seim Blut e gefahrvolle Erbschaft«
 
                              Justinus und Rickele
Spätnachmittags wollte ich mit meinem Vater einen Spaziergang unternehmen Wir
standen vor dem Hause warteten nur auf einen Brief den meine Mutter noch unter
der Feder hatte  in den Postkasten wollten wir ihn befördern Fräulein Rosel
kam aus dem Haus auf dem Kopf einen leeren Korb Ihre rotgeweinten Augen
erinnerten mich an Scheltworte die ihr Stiefvater wieder einmal herausgepoltert
hatte »Noch fleißig Fräulein Rosel« fragte mein Vater freundlich 
»Kohlräble muss i hole  vom Haseläckerle« So ging sie Ich empfing nun Mutters
Brief aus dem Fenster warf sie ihn
    Als wir ihn zum Postkasten gebracht hatten wurde auf der Dorfstraße Herr
Hainlin sichtbar Da er auf Kuttlers Haus zuging erlaubte sich mein Vater die
Bemerkung »Fräulein Rosel ist eben fortgegangen zum Haseläckerle« Sein
Gesicht drückte Enttäuschung aus Dann meinte er »Und wo ischt sell Aeckerle«
Ich wusste das und mein Vater bot unsere Führung an
    Unter dem waldigen Hange des Dentzenbergs war der Acker gelegen bei
Haselgebüsch Vom Fusspfade sahen wir auf Gemüsebeete und da hantierte Rosel
gebückt Hainlin rief sie an  sie richtete sich auf »Griess Goot I komm glei«
Mein Vater war im Begriffe sich zu verabschieden Aber der Kandidat schaute in
Sinnen versunken auf die im Tale liegenden Gebäude »Also da beim Kloschterhof
ischt sell Ackerle Sonderbar« Was er meinte blieb vorerst dunkel Träumerisch
fuhr er fort »Drunten die dicke Währmauer und die zwei Türm stammen aus dem
Mittelalter Seit der Reformatio ischts e wirtschaftliche Gütle ond jetzt
werden Waisenkinder drin verpflegt  Aber schau mei Rosel kommt«
    Ihren mit Gemüse gefüllten Korb hatte sie auf den Kopf genommen und kam de
Pfad zur Halde herauf Als sie vor uns stand hatte ihr Gesicht noch immer
Spuren von Leid  Hainlin schien das sofort zu bemerken und meinte sanft »Sitz
nieder Rosel I möcht dem Herrn Wille und dir e Gschichtle verzähle gelt Also
 vor etlichen Jahren ischts Rickele verstorbe  als Greisin  von ihrer
Jugend aber will i verzähle « Am kleebewachsenen Hange saßen wir und blickten
auf den Klosterhof ins dunkelnde Tal des leise rauschenden Goldersbaches
    »In eme Gütle da in der Näh hat dr Oberamtmann wohnt mit seiner Tochter
Rickele Des liebe Mädle ischt emal bei em Ausflug zur Reutlinger Achalm gwä
Munter hat die Gesellschaft vom Berg ins prangende Land gschaut Abers Rickele
hat e wehmütigs Gsichtl gemacht  grab wie jetzt mei Rosel  als wärs Leben
nicks als Trauerspiel «  »Ischts net so« seufzte Rosel
    Unbeirrt fuhr Hainlin fort »Trat zum Rickele e junger Mann seines Zeichens
Student ond sprach zur Schönen die ihm noch fremd
Wie kommts dass du so traurig bist
Da alles froh erscheint
Man sieht dirs an den Augen an
Gewiss du hast geweint
    Nicht als Zudringlichkeit sondern als Teilnahme hats Mädle solche
Ahnnäherung empfunden  und vertraut mit ihrem Goethe die schlagfertige
Antwort gegeben
Und hab ich einsam auch geweint
So ists mein eigener Schmerz
Und Tränen fließen gar so süß
Erleichtern mir das Herz
    Hinfort hat den Jüngling innik verlangt es solle Rickeles Herz sich auftun
ond ein ander Herz in sich aufnemme  wies dr altdeutsche Sänger meint Ich bin
dein und du bist mein des solltu gewiss sein  du bist beschlossen in meinem
Herzen verloren ist das Schlüsselein nun musstu ewik darinnen sein«
    »Ond ischts denn so bliebe« fragte Rosel bewegt  »hat ers Rickele in
seim Herz behalte«  »Er hats Abends hat er oft gelauert beim Haus von
Rickeles Vatter  ond sälik ischt er gwä wenn er nurs Lichtle hat sehe könne
ins Mädles Kämmerle ihren Schatten am Vorhang Ond allerlei zärtlich
Geschreibsel hat sell Liebespaar zu tausche ghätt In einer zerfallenen Kapelle
beim Haus unter eine lose Stein hat der junge Mann seine Briefle niedergelegt
onds Rickele hat auf die gleiche Weise geantwortet Drei Jahr hernach hat sie e
Ringle von ihm trage dürfe  ond wie er seine medizinische Prüfung bestanden
hat na ischts Rickele die Frau vom Juschtinus worde«  »Also Arzt ist er
gewesen« fragte mein Vater  »und Justinus hieß er«  »Ja Juschtinus Kerner«
 »Wie Der berühmte Dichter«  »Ha freili Sie aber ischt selles Reckele gwä
des mit ihm in d Literaturgschicht kommen ischt Wie der Kerner später als Arzt
in Weinsberg ghaust hat ischt beim Rickele mancher berühmte Gascht gwä  zum
Beispiel dr Lenau In äußerlichen Dingen sind die Ehejahre des Kernerpaares
zunäkscht dürftik gwä Im Dorfe Welzheim hat es beim Ochsenwirt bloß zwei Zimmer
ghett ond e winzige Küch An den größeren Raum der Schlafzimmer gwä ischt hat
dr Wirt die Bedingung knüpft an Markttagen bei Hochzeiten Kindtaufen und
Tanzvergnügen sei er zu räumen um als Tanzsaal zu dienen Aber glücklich wie
Kinder sind Juschtinus und sei Rickele gwä zwischen weissgetünchten Wänden
hinter dene blinde Bleifenschterle Rickele hat als Beistand e Laufmädle ghätt
zum Wasser und Holz bsorgen hat aber sonscht älls selbscht tan  und der
Kerner besonders auch jeder Gascht hat net genug rühme könne wie schmackhaft
und wie vergnügt mr beim Rickele könn tafle«
    Rosel war aufgeheitert »Ha warom au net Viel braucht mer net um froh zu
sei« Beifällig bemerkte mein Vater »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein
glücklich liebend Paar Humor muss man haben  dann wird das Enge Dürftige weit
und reich« Hainlin nickte »Heitre Laune Schelmerei hat ihm net gfehlt Ischt
übrigens e rechter Träumlesschwob gwä den Kopf alleweil im Wolkenkuckucksheim
Spassik ischt dees manchmal gwä Zom Beispiel bei seiner Hochzeit Sei Bruder e
Pfarrer hat ihn wolle traue Wie aber der Bräutigam mit der Braut vor dem Altar
gestanden  ond jetzt des Pfarrers entscheidende Formel kommen ischt Ich frage
dich Justinus Kerner ob du   da ischt där so in Rührung aufgelöst gwä dass
er einfach fortglaufen ischt vom Altar Die Braut aber ischt stehen bliebe  ond
jetzt hat der spröde Bräutigam gestutzt  hat sie beobachtet und ist wie sie
ihm immerfort zugewinkt hat schließlich wieder wenn auch zögernd an ihre
Seite getreten Nochmals allerdings hat er sich einen Verstoss gegen die Form
zuschulden kommen lassen« Nämlich wie jetzt der Pfarrer von neuem seine Frage
gestellt hat ist der Kerner in seiner Scheu verblieben  hat net geantwortet
wies vorgeschrieben ischt Ja ich will  vielmähr verstockt gschwiege ond
hats em Rickle überlasse von Herze laut zu versichern Er will scho Später
hat ihms Rickele oft im Spaß vorghalte ihre Ehe sei eigentlich ongültik er
hab net ja gesagt Dann hat er sich verteidikt »Dees ischt mir halt zu dumm gwä
zu sage wie jeder hausbackene Ehema als ob mei Glück nicks weiter sein sollt
als eins unter Millione«
    »Echt ist das empfunden« meinte mein Vater  »einem Liebhaber wie er sein
soll kommt seine Liebe immer wie ein Wunder vor das nie dagewesen ist«  »Und
ischts dees net« bemerkte Hainlin ernstaft »Ischt Liebe net erhaben über
alle Zeitlichkeit Erlebnis des Ewigen«  »Scho recht« seufzte Rosel  »aber
wir Menschekinder hänt unser Leben halt in der Zeitlichkeit  Jetzt Jergle tu
uns au sage wies dem Kernerpaar weiter gange ischt in der Zeitlichkeit«
    »Ha woisch du dees net Die Formel die dr Juschtinus verfehlt hat bei
seiner Trauung in Enzweihingen«  »Wo« fragte mein Vater belustigt und auch
ich stutzte über den seltsamen Ortsnamen »Enzweihingen  so heißts Dörfle wo
die Ehe gschlossen worden ischt noch dazu unter Verstössen gegen das Herkommen
Entzwei ischt sie aber keineswegs gangen  treu und schön ischt sie bliebe  bis
über die goldene Hochzeit naus Da ka mer sehe woraufs ahnkommt Rosel gelt«
    Mein Vater bemerkte »Es wäre wunderschön wenn auch dieser Ausgang der
Liebesgeschichte als ein Typus gelten dürfte auf den Ihre Worte Herr Kandidat
passen Erhaben über alle Zeitlichkeit ein Ausdruck des Ewigen Leider jedoch
bleiben die Ehen solcher Art recht vereinzelt« Als spräche er besonders zu
Rosel erwiderte Hainlin »Zu so me Vorbild sollt jedes Paar gläubik aufschaue
wie zu me Stern Und wenns au im Leben oft anders kommt als wir Menschen
hoffen dees bleibt sicher  Onkel Guhl hat mirs verraten Von allem Haben in
der Welt macht bloß eins glücklich das Liebhaben«
    Forschend sah ihn Rosel an »Jetzt aber Jergle sag mer au warom tuscht
uns dees verzähle Worom grad jetzt« Nicht ohne Schelmerei war Hainlins
Lächeln »Weil grad an dieser Bergeshalde der Juschtinus gsessen ischt  zum
Kloschterhof spähend  eben da hats Rickele gewohnt Ihr Vatter ischt Verwalter
vom Kloschterhof gwä  und der Stein wohin das Paar seine Liebesbriefle tan
hat im Kapelleturm drunte liegt der Stein  Trohscht und Wahrzeichen für eine
Liebe die noch gar keine Aussicht hat s Neschtle zu baue  gelt Rosel« 
Sie lächelte wehmütig
    »Ich danke Ihnen Herr Hainlin Wenn man hört was sich in solcher
Landschaft Schönes zugetragen hat vertieft und verklärt sich die
Landschaftsseele« Mein Vater gab den beiden die Hand wir überließen sie ihrer
Zwiesprache Der Abendhimmel war erblichen  im Tälchen rauschte der
Goldersbach ein Grillenkonzert scholl von den Apfelbäumen Da der Weg schon
etwas dunkel war stolperte ich über eine Wurzel »Junge« mahnte mein Vater 
»stolperst ja über deine eigenen Beine«  »Weil ich noch an die Geschichte
denke Weißt du wie mir Herr Hainlin und die Rosel vorkommen Wie Justinus
Kerner und seine Braut«
    »Möchten sie sich finden wie das Paar vom Klosterhof«  »Finden Wieso
Gefunden haben sie sich schon als Kinder Jetzt brauchen sie bloß noch zu
heiraten«  »Bloß Du scheinst dir das Heiraten recht einfach zu denken«  »Na
ja etwas Geld ist nötig Aber der Kerner und seine Frau haben mit ganz wenig
angefangen und es ist ihnen doch geglückt  Ach sieh mal Papa da ist der
Abendstern Wie ne weiße Rose Ist es wahr dass Abend und Morgenstern dasselbe
sind«  »Es ist die Venus Wenn sie im Sonnenuntergang steht heißt sie
Abendstern im Osten Morgenstern« Ich hielt inne und starrte hin »Das also ist
die berühmte Venus« Mein Vater lachte kurz auf »Ja das ist sie  von der du
deinen Kusinen und den Dienstmädchen gepredigt hast die allergrösste Nuss dicker
noch als die Kokusnuss sei die WehNuss Hast gar nicht unrecht Um so eher
solltest du begreifen warum es keine einfache Sache ist zu heiraten Mancher
stolpert dabei über seine eigenen Beine  wie du vorhin Und dass es welche gibt
die vom Altare weglaufen statt ja zu sagen hast du gehört Der Hainlin ist
auch so einer Dazu auch ein Sterngucker Starrt nach der Venus gen Himmel
statt mit der Nase zum Erdboden zu zielen Oben wo die ewigen Sterne leuchten
hat er herrlichste Aussicht  hienieden aber tappt der Träumlesjörg und kann mal
böse hinpurzeln Ach ja das Reich der Guten ist nicht von dieser Welt«
 
                                 Wasserscheide
Obwohl ich mich bei meinen Eltern zu Hause fühlte und eine Schwärmerei hatte für
schwäbische Landschaft regte sich zuweilen ein Bangen für das ich keine andere
Deutung wusste als das Wort Heimweh Ich sehnte mich nach den Spielplätzen meiner
Magdeburger Zeit nach engen Gassen dumpfigen Winkeln nach dem Geruch der
Elbe der geteerten Kähne Malte mir den Anblick aus den die Vaterstadt
darbietet wenn man sie vom Roten Horn betrachtet So heißt eine große Elbinsel
deren weite Grasflächen und wildnisartige Weidengebüsche uns Knaben ein
IndianerTerritorium waren Traumhaft spiegelte sich im buchtigen Gewässer das
Abendrot hinein ragte eine Pappelgruppe Wehmütig gedachte ich meiner
Großmutter der gütig und klar blickenden Frau mit den blondweissen Locken an der
Schläfe Stellte mir ihre gemütliche Wohnung vor Das blaue Empfangszimmer aus
dem Goldrahmengemälde überem Seidensofa blicken die Blauaugen des soldatischen
Großvaters Ein bezopfter Chinese aus Porzellan Amoretten Zwerge und
Rokokokavaliere Gern war ich beim Glasschrank drin sich schmuck die Bücher
reihten  poetische Taschenbücher aus der Biedermannszeit in Schweinsleder eine
Geschichte Roms auch ein dicker Band der Fliegenden Blätter Selbst die
Leierkastenmelodien die Magdeburgs Straßen durchgellten dünkten mich schön
seit ich sie nicht mehr vernehmen durfte Und so war mir die alte Heimat zum
verlorenen Garten Eden geworden Ich war hinausgestossen in die Fremde Denn
fremd bangfremd berührte mich die Tübinger Schule wenn ich hin sollte wurde
mir das Herz oft schwer wie Stein  »Auf Junge Schon halb Sieben Musst dich
sehr beeilen« Noch am Waschtisch stand ich als unten Enzio pfiff bald darauf
rief er er müsse gehen Unterm Packen meines Schulranzens schlürfte ich hastig
den Milchkaffee und dann fort Enzio war nicht mehr einzuholen
    Fast schadenfroh strahlte der Sommermorgen als ich durch das Obstwiesenland
gen Tübingen trabte Die Sorge malte mir aus welchen Eindruck es auf Naso und
die Klasse machen würde wenn ich nach Beginn der Schule außer Atem einträte und
eine faule Ausrede stammelte Schadenfroh würde man grinsen Naso würde mich
anstarren als wär ich ein Verbrecher und meine Klassenarbeit wäre verpfuscht
die lateinische Klassenarbeit die heute geschrieben werden sollte und auf die
so viel ankam o je Das Herz krampfte sich mir zusammen ich musste einen
Augenblick verschnaufen  Aber das prangende Gelände der Berge die Halde mit
den Weinbergshäuschen lächelte zu meiner Not Es war ein Leuchten ohne Stoff
ein Duft und Hauch »Glastelfingen«  dies Wort Hainlins hallte mir durch den
Sinn und es raunte das Märchen vom heimlichen Höhendorf
    Unter den schattigen Kastanien der Landstraße war ich nahe dem
Gutleutehause als eine Turmuhr von Tübingen erscholl Sieben Uhr Und wie zum
Hohne wiederholten die anderen Glocken Sieben  sieben Jetzt läutet der
Schuldiener kurz darauf wird Naso in die Klasse eintreten Ich war stehen
geblieben es wankten mir die Knie Was nun Soll ich die Viertelstunde die der
Weg noch erfordert weiter durchhasten Soll ich dann als armer Sünder vor Naso
stehen und auch noch Spott ernten Nein schrie es in mir auf Nicht zur Schule
Uli hat recht sie ist ein BubenZuchthaus  ich will kein Zuchtäusler sein
Fratzen sind der Naso und der Saubock und der gesunde Menschenverstand Ich mag
nicht mehr Grammatik büffeln Ich brenne durch Gehe nach Amerika  wie Lenau
In Gottes freie Natur will ich
    Einen Weg der von der Landstraße zu den Bergen führt schlug ich ein War
an der Mündung eines Bachtälchens  schräg am Hange stieg der Pfad empor In der
sanften Landschaft fühlte ich mich geborgen  hörte den Bach drunten  hoch im
Blauen einen Lerchentriller  ich atmete auf An Obstgärten führte der Feldweg
vorbei an hochgemauerten Beeten Da sind Bohnen teils blühend teils mit
Schoten  Zwiebeln und Salat Mohnstauden mit silbernen Köpfen  Gartenlauben
davor leuchten Feuerlilien gelbe Astern Nun kommt Haferfeld raschelnder Mais
eine Hopfenpflanzung  um die hohen Stangen schlingen sich die großen
dunkelgrünen Blätter mit den gelblichen Blütentrauben Brombeerhecken auch
weiße Dolden lila Rittersporn duftendes Labkraut Kohlweisslinge taumeln drüber
hin Bläulinge Pfauenaugen Im Gras ein Flirren Zirpen  da kriechen bunte
Käfer Grashüpfer hopfen Hoch schrillt ein Habicht  ich blinzle hin sehe nur
weiße Wolkenballen im Blau
    Schon auf halber Höhe fesselt mich die Aussicht Lustnau mit seinem
Kirchturm die schmucken Dorfhäuschen zwischen Gärten und Wiesen Hinterm
Oesterberg lugt die Alb hervor Das Herz geht mir auf und seine
Überschwenglichkeit will Klang werden Den Schulranzen werf ich hin aus einem
Schulhefte reiss ich ein Blatt  die Verse von gestern abend will ich zu Rande
bringen Um besser sinnen zu können streck ich mich ins Gras den Ranzen
unterm Kopf Nicht weit ist meine Reimerei gediehen als die Lage der ich mich
hingab meine Augenlider schwer macht Sie fallen mir zu  ich reiße sie wieder
auf  blinzele und schließe sie fest Im Apfelbaum schmettert der Buchfink »Zie
zie zieh Melodie mit Trillern verziert«
    
    Auf einmal ein sanfter Alt »Ha wie wär denn dees« Ich schlage die Augen
auf  Rosel Funk steht vor mir »Schau Ischt dees net der Bruno Ha freili Ond
gschlafe hat er Aber sag mer du warom bischt net in deiner Schul«  »Ach
Fräulein Rosel ich  ich « Zu meiner Verlegenheit lächelt sie Mich tröstet
ihr Anblick Wie ein hochgeschossenes Maiengewächs steht sie da straff und
stolz dabei zart und biegsam Aus dem frischen Gesicht lächeln die
VergissmeinnichtAugen Ihre Blondzöpfe hat sie vor die Schultern gelegt Wie ein
Landmädchen ist sie gekleidet aus kurzem Hemdärmel lugt der braune Arm zum
Korb erhoben den sie auf dem Kopfe trägt
    »Also erklär mir Büble«  »Ach Fräulein Rosel« Ich erhebe mich
beschämt  »die Schule hab ich geschwänzt Und mag gar nicht wieder hin 
verleidet ist sie mir  ich «
    »Oha« begütigt sie als wär ich ein scheues Pferd »Ischt die Sach so arg
Folg du dem Jörg Hainlin Jetzt aber gehscht mit mir gelt Zom Häusle da nauf«
 »Zum Schnützelputzhäusle«  »Waas Schnützel « lächelt sie  »Sie meinen
doch das Weinbergshäusle Oben wos nach Glastelfingen geht«  »Wie sagscht
Glaschtel So ebbes gibts da net«
    »Zu finden ist Glastelfingen allerdings nicht Es bleibt ein heimliches
Dörfchen«  »Heimlich Wie wär denn dees«  »Man sucht immer  man ahnt das
Wunder  man sehnt sich  kanns aber nie erreichen So meint wenigstens Herr
Hainlin« Sie errötet »Hat dr Hainlin so geschwätzt Sieht em ähnlich dem
Träumlesjörg Also Büble Auf nach Glaschtelfinge«
    Ich nahm meinen Ranzen und ging mit Rosel Nach etlichen Schritten kehrte
sie zu der Stelle zurück und bückte sich nach dem Zettel den ich vergessen
hatte »Waas Versle Tuscht scho Liebesreimle mache du«
    Ich fühlte wie mir das Blut zu Gesicht schoss »Aber nein Fräulein Rosel
Mein Gedicht handelt bloß von einem sterbenden Ulanen Wie der blass daliegt
einsam im Vogesengebirge beugt sich sein Pferd über ihn Das Bild ist in der
Gartenlaube  es kommt mir so rührend vor  eine Ballade möcht ich draus
machen Und darüber bin ich eingenickt« Gutmütig lachte sie mir ins Gesicht
»Bischt mir e netts Dichterle Machs fertik Im Häusle drobe Aber die
Schulschwänzerei muss aufhöre gelt Willscht e Dichter werden na gehört sich
dass du Studentle wirscht Der Uhland war sogar Professer« Dieser Hinweis machte
Eindruck  zu erwägen begann ich ob ich mich nicht des weiteren zur Pennälerei
bequemen solle
    Heiter zerstreuend wirkte das Gelände das wir nun durchschritten Schräge
Wiesen  auf der Höhe ein Wald von Obstbäumen geheimnisvoll ins Weite gedehnt
Unter den Wipfeln Rasen Klee manchmal Weizenfeld ein Mohn oder Gemüsebeet
Aus diesem Garten Eden der von gefiederten Sängern erscholl lauschte hin und
wieder ein laubenartiges Häuschen hervor Nun kam gemauertes Rebengelände
Zwischen den stufenförmigen Beeten führten die Steinplattensteige aufwärts Ich
freute mich der Weinblätter zwischen denen die Trauben schwollen »Ist das Ihr
Weinberg und Ihr Häuschen« Sie nickte lächelnd Ein stattlicher Traubenstock
umarmte den oberen Teil des Baues  durch seine Laubmassen lugte die hell
getünchte Mauer mit schwarzbraunem Balkenwerk Der grüne Fensterladen
geschlossen Auf der einen Seite des Häuschens eine gemütliche Bank überwölbt
von einem Zierstrauch um dessen Blüten ein Volk von Bienen summte
    Wie ich auf der Bank saß und schaute offenbarte sich erst recht die Pracht
der Landschaft Gleich einem blühenden Flachsfelde blaute weithin die Alb »Wie
Schanzen sehen die Berge aus« sagte ich  »einer ist wie ein Sarg Aber der
hohe runde Berg da vorn wie heißt der«  »Der Rossberg«  »Da sind auch ein
paar spitze Kegel«  »Die Salmendinger Kapelle Rechts der Hohenzollern
Kascht die zackige Türmle erkenne«
    Ich nickte  musterte auch die nähere Umgebung Über Tübingens Dächer hebt
sich die Stiftskirche Auf dem Schlossberge trotzt die Burg mit den dicken
Türmen Am Ende des langgestreckten Schlossberges eine kegelförmige Höhe auf
deren Spitze ein leichter Bau schwebt »Was ist denn da«  »Droben steht die
Kapelle schauet still ins Tal hinab Dees Liedle hat der Uhland auf die
Wurmlinger Kapelle gemacht« Ich war entzückt Welch ein romantisches Land
Überall sagenumwobene Burgen Kapellen und Klöster von Dichtern unsterblich
besungen Es war doch wohl ratsam das Gymnasium durchzumachen um Landpastor im
Schwabenländle zu werden
    »Was will Herr Hainlin eigentlich werden« Ein forschender Blick streifte
mich »Eigentlich Ha  eigentlich ischt er scheints e Könikskindle im
Märchenreich Aber du meinscht wohl womit er sei Brot erwerbe soll Gärtner
möcht er werden«  »Gärtner« Ich stutzte  bedenkend dass ich sein Gespräch
mit dem Vater belauscht hatte »Und Sie Fräulein Rosel Möchten Sie
Gärtnersfrau werden«  »I« sagte sie  »Kennen Sie das Lied vom Wandersmann
der die Gärtnersfrau anspricht Warum weinst du schöne Gärtnersfrau Weinst du
um der Veilchen Dunkelblau Oder um die Rose die du brichst Nein um diese
Blumen wein ich nicht«
    Rosel schien verwirrt wohl etwas traurig Schweigsam starrte sie nach den
blauen Bergen Leise fing sie wieder zu reden an »Dort hinte  schau Der
letzte Berg dr Alb Der Lochen ischt dees da bin i zu Haus i ond mei Jörgle
dr Herr Hainlin Im Dörfle Tieringe hoch am Lochestei ischt er aufgewachse I
bin oft naufgestiege mit meim Vatter der ischt Freund gwä mit Jörgles Vatter
Kamerade sind au der Bue onds Mädle gwä hänt mitenander Feld ond Wald
durchstreift Auf ere sumpfigen Au drobe hats zwei Quelle  die eine fließt gen
Mitternacht zur Eyach die andere gen Mittag zur Beera Solchene Höh wo sich
die Bächle vonenander scheiden nennt mer e Wasserscheid gelt Dees hat mir dr
Jörgle erklärt Schau Rosel hat er gesagt die zwei Wässerle sind beisammen
entsprungen ond Spielkameraden  alsdann tun sie sich trennen  eins geht zom
Neckar ond Rhei zuletscht in die Nordsee s andere zur Donau ins Schwarze
Meer  Aber Jörgle han i erwidert  die beiden Wässerle könnt mr ja durch e
Gräbele verbinden gelt  Gut dees hänt mr probiert Ischt aber vergrate
Auswärts kanns Wasser ja net fliesse  nimmer kommts über die Wasserscheid 
ewik getrennt bleiben drum die beiden Quellen  Ha Büble tuscht jetzt
begreife warom ich nimmer glaub dass i Jörgles Gärtnersfrau werd Die Gärtnerei
möcht er zu seim Beruf mache  i weiß wohl  er denkt so könn er imstand sein
mich zernähre Aber so Opfer derf i net ahnemme Sei Sinn strebt nach freier
Geischteswelt  die Richtung derf mr ihm net störe Jörgle soll seinen Weg gehen
 mi wirds Schicksal anders führe So Büble Jetzt han i mei Herz
ausgschüttet Der Heimatberg drübe hat mi derzu verlockt  ond deine
Schulschwänzerei Dichterle Du bischt scheints gleichfalls e Träumlesjörg
wo sich net füge will in die Welt da Aber lass di verwarne Büble solang s
noch Zeit Schick dich in die Welt«  »Ach Fräulein Rosel Wenn ichs doch
nicht kann Sie sprechen von Wasserscheide Zwischen mir und den andern ist auch
ne Wasserscheide  ich bin anders  ich fühle mich  sagen wir nach Süden
gezogen wie der eine Bach  andere gehen nach anderer Seite«
    Sie stutzte Blieb indessen mit Entschiedenheit dabei »Schick dich in die
Welt« Und dann legte sie die Hand auf meine Schulter »Jetzt hör aber du
Derfscht mir kein Streich spiele ond ausbabbele was i dir gesagt han Hand aufs
Herz ond abgemacht Gelt du«
    Wie sie so vor mir stand wie ihr Auge strahlte von Liebe für ihren Jörgle 
zugleich von einem tiefen Geheimnis von einem Verzichten gütig und hoheitsvoll
 kam sie mir vor wie die GlasbergPrinzessin die heimliche Königstochter zu
Glastelfingen
 
                            Vom abgerissenen Bändel
Dass sich der römische Machtaber Antonius mit der ägyptischen Königin Kleopatra
einließ hat die Weltgeschichte erschüttert Hätte ers nicht getan ihr wärs
nicht gelungen ihn gegen Cäsar aufzuputschen und dann wäre die Völkerschlacht
zwischen Rom und dem griechischen Orient vermieden worden Ein Bienenstich auf
der Nase der Fürstin eine entstellende Geschwulst hätte wohl genügt ihn vor
den Schlingen ihrer Liebespolitik zu bewahren Jede Laune des Zufalls hat
unabsehbare Folgen
    Solch eine Laune des Zufalls wars als ich an einem freien Nachmittag zu
meiner Mutter sagte »Nun möcht ich auch mal die Burg von Tübingen besichtigen«
 »Lass dir aber erst das Bändel annähen« Ein Gummibändchen war gemeint das
meiner Schülermütze besseren Halt auf dem Kopfe gab Ich war zu ungeduldig die
Reparatur abzuwarten und nun werden wir sehen welche Schicksale sich hieraus
entspinnen
    Zunächst bescherte mir der Gang zur Burg dass ich sie in der Nähe betrachten
konnte Hinter einem gemauerten Graben über den die Zugbrücke führt ist das
erste Burgtor Die Steinmetzarbeit staunte ich an Schnörkel und Fratzen  das
württembergische Wappen   rechts und links steht ein Landsknecht in
Lebensgröße  der eine schwingt ein gewaltiges Schwert der andere zielt mit der
Hakenbüchse Als ich das Tor passiert hatte gings noch höher Vor dem kantigen
Eckturm eine knorrige Linde mit einer Bank Hinter dem zweiten Graben baut sich
die eigentliche Zwingburg auf  dicke Mauern mit Schiessscharten und Zinnen 
eiserne Drachen speien vom Dach Das Schloss in die Festung eingebaut ragt
übers Gelände einer Plattform Es hat nur ein Stockwerk mit Wohnungsfenstern
Über dem Tor ist wieder ein gemeisseltes Wappen diesmal von Hirschen flankiert
und zwei geharnischten Bannerträgern
    Ich kam in den Schlosshof  er ist geräumig und viereckig Der einen Front
entlang zieht sich eine Galerie Zwischen den Steinen die den Schlosshof
bepflastern wuchert Gras Es plätschert aus den Rohren eines verzierten
Brunnens  auf dem Rand des runden Beckens sitzt gurrend eine Taube Durch einen
dunklen Gang der fast zu niedrig für meine Länge schien kam ich zu einem
Söllergärtchen und hier erschien der dritte Turm ein runder sehr dicker  ich
kannte ihn vom Titelbilde der Tübinger Zeitung Und malte mir aus welche Rolle
er zu spielen hatte in Ulerichs Kriege mit den Städten  wie damals aus den
Schiessscharten die Büchsen knallten  eine feindliche Steinkugel schlug dumpf an
den dicken Turm prallte ab und polterte den Hang hinunter 
    Nein das Poltern kam vom Gewitter das rasch heraufzog  ich betrachtete
die schwarze Wolkenwand Mach lieber dass du fortkommst sagte ich mir Ohne
Verzug ging es zurück über den Schlosshof und die Grabenbrücken Die Luft war
schwül ohne Regung Da ich hastig gegangen war wollte ich ein wenig
verschnaufen Bei der Schlossküferei stand ich gefesselt vom Anblick eines üppig
entwickelten Weinstocks der ein Haus berankte Ich freute mich über die
Trauben die reichlich daran hingen
    Da kam ein Windstoß und riss mir die Mütze ab In die Luft gewirbelt hing
sie auf einmal im Weinlaub unter einem Fenster des ersten Stockwerks Mir blieb
nichts übrig als in das Haus zu gehen vom Inhaber der Wohnung wollt ich mir
die Mütze ausbitten An der Tür befand sich ein Kärtchen mit dem Namen
Bolkendorf »Herein« sagte eine Bassstimme Eintretend bemerkte ich einen
starken Mann der beim Fenster an einer Malerei arbeitete In blaues Gewölk
gehüllt das er aus langer Pfeife qualmte Zerstreut blickte er auf  er hatte
ein gutmütiges etwas aufgeschwemmtes Gesicht einen dicken Knebelbart braune
Künstlerlocken
    Ich bat um Entschuldigung  an der Kammerz sei meine Mütze hängen geblieben
»Kammerz Was ist denn das« fragte er und ich erwiderte »Die Wandberankung
draußen«  »Nennt man die hier so Der Ausdruck ist mir neu Ich bin kein
Schwabe Schlesier bin ich«  »Mein Vater ist auch aus Schlesien« sagte ich
erfreut  »aus Neumarkt«  »Donnerwetter« rief Herr Bolkendorf »Neumarkt bei
Breslau Daher bin ich ja ebenfalls«  Wir staunten vollends als sich
herausstellte dass Bolkendorf als Kind den Bruder meines Vaters gekannt hatte
»Nächstens besuche ich deinen Vater« versicherte Herr Bolkendorf
    Dann öffnete er das Fenster  die Mütze hing da vom Regen triefend Die
langrohrige Tabakspfeife musste Bolkendorf zu Hilfe nehmen um die Mütze zu
angeln Da es tüchtig goss lud mich der freundliche Herr ein noch etwas zu
bleiben Von meiner Familie musste ich berichten und er sprach von seiner
Lebensart Maler sei er  auf einer Studienreise habe ihn Tübingen Altstadt und
Landschaft derart gefesselt dass er hier hängen geblieben sei Er zeigte mir
sein Wanderbuch mit Skizzen malerischer Stadtwinkel und überzeugte mich dass er
zu den echten Schlesiern gehöre deren Urgemütlichkeit mein Vater rühmte
    Die Bekanntschaft mit Bolkendorf durch den Zufall vermittelt bildet das
Anfangsglied einer Kette bedeutungsvoller Begebenheiten Hätte mich nicht das
abgerissene Bändel zu Bolkendorf geführt manches wäre anders gekommen  in
seinem Schicksal desgleichen in Hainlins und Rosels Leben selbst in meinem
Doch diese Dinge wollen ausführlicher dargelegt sein
                                       
    Als ich nach Abzug des Gewitters zu den Eltern zurückgekehrt war und mein
Abenteuer erzählt hatte freute sich mein Vater dass außer ihm noch ein zweiter
Sohn des Schlesierstädtels in Tübingen hause Wie dann Herr Bolkendorf bei uns
erschien und sich von seiner angenehmsten Seite zeigte hatten die beiden
Landsleute viel zu plaudern In der Laube des Rosengartens saßen sie und da
mein Vater dem Gaste gern etwas Rauchbares angeboten hätte bat er Fräulein
Rosel die gerade Gemüse begoss aus dem Laden Zigarren zu holen Herr Bolkendorf
und Fräulein Rosel wurden einander vorgestellt  und hier begann ein wichtiges
Glied in der Kette von Folgen die der Windstoß eingeleitet hat Wieder und
wieder kam Bolkendorf zu meinem Vater und bald hatte meine Mutter heraus dass
seine Besuche weniger aus schlesischem Patriotismus erfolgten als aus
Schwärmerei für Rosel Funk
    »Warum soll er nicht« hatte mein Vater erwidert »Ich würde mich freuen
wenn dieser ältliche Junggeselle eine so liebe Frau fände wie ihm die Rosel
gewiss sein würde Unser guter Hainlin hätte dann freilich das Nachsehen« 
»Ach mit dem und der Rosel wird ohnehin nichts Ein Mann der keine Anstellung
hat  wie könnte der ernstlich ans Heiraten denken«  »Vielleicht bekommt er
die Stelle an der Höheren Töchterschule«
    »Zunächst muss er Soldat werden Na und dann Wie lange meinst du wohl
würde er die Stelle festhalten Solch ein Schwärmer passt in keinen Brotberuf 
Sieh bloß dass unser Junge nicht auf Hainlins Überspannteiten kommt Studieren
aus bloßer Neigung  brotlose Künste darf sich nur leisten wer das nötige
Kleingeld hat Ja Bolkendorf der mag pinseln und in den Tag hinein träumen 
der hat seine gute Rente Das wäre ein Mann für Rosel«
    »Und ihr wärs allerdings zu gönnen dass sie aus diesem Hause käme Sie
würde dann gewiss ihre Mutter zu sich nehmen die wäre erlöst von ihrem
Ehetyrannen Neulich hat dieser rabiate Kerl sie wieder geschlagen  und auch
heute ist wohl Krach gewesen Wenigstens hatte Frau Kuttler als ich vom
Spaziergang kam verweinte Augen«  »Ja Kuttler hat getobt Rosel war
natürlich wieder mal Stein des Anstoßes Linda diese Giftnudel möchte durchaus
Rosel aus dem Hause beißen Sie hetzt den Vater auf«  »Na ja 
Stiefgeschwister«
    »Ich sage es ist auch Eifersucht In Hainlin ist Linda verschossen« 
»Aber sie sieht doch dass dieser Kandidat nicht gerade als Heiratskandidat
gelten kann«  »Vater Kuttler dieser Wucherer hat Geld zusammengescharrt« 
»Wird er damit herausrücken«  »Der Linda zuliebe wohl von der lässt er sich
regieren Übrigens mag sie sich einbilden auch über Hainlin Macht zu gewinnen
Es ist ein dämonisches Frauenzimmer«
    »Oh diese Kuttlerei« seufzte mein Vater »Die arme Frau Wie konnte sie
einen solchen Schwupper machen den Kuttler zu heiraten Sie soll doch etwas
Geld gehabt haben«  »Das gerade war ihr Malör  darauf war der Kerl aus« 
»So soll sie endlich energische Schritte tun sich scheiden zu lassen«  »Ja
wenn der Kerl einwilligen würde Aber er lässt sie nicht aus den Klauen Das von
ihr eingebrachte Vermögen hat er auf dem Dentzenberge angelegt Der Obstgarten
soll hübsch sein soll auch ein Wengertäuschen haben  so hat mir die
Bäckersfrau gesagt Und dies Grundstück will Kuttler eben nicht verlieren 
Hopfen will er da pflanzen hat er gesagt  das ist seine Spezialität den weiß
er geschäftlich zu verwerten«
                                       
    So standen die Dinge als ich eines Nachmittags von der Schule kommend
durch den Rosengarten ging und eben ins Haus treten wollte Da hörte ich auf dem
Flur über der Treppe heftige Männerstimmen Gleich darauf fiel eine Gestalt
polternd die Treppe herab  und da lag vor mir Herr Bolkendorf  stöhnend
zuckend dann regungslos Frau Kuttler von oben herzugeeilt war
schreckensbleich als sie sich über den anscheinend Toten beugte »Herr
Bolkendorf Hören Sie doch O Herrgoot Er hat sich scheints « Verzweifelt
schrie sie auf Nun war Fräulein Rosel zur Stelle  und es kam noch meine
Mutter Mein Vater sagte sie sei spazierengegangen Man spritzte Herrn
Bolkendorf Wasser ins Gesicht  er kam zu sich Aber sprechen konnte er kaum
stöhnte nur und rollte die Augen
    Weinend wandte ich mich ab ratlos wie hier zu helfen sei Als aber meine
Mutter sagte ein Arzt müsse geholt werden erbot ich mich dazu Herr
Bolkendorf der diese Worte verstanden hatte brachte heraus seinen Freund
solle ich holen  in der Chirurgischen Klinik sei er Assistent Unverzüglich
eilte ich nach Tübingen Unterwegs suchte ich mir klarzumachen wie das Unglück
gekommen sei Deutlich erinnerte ich mich wie Bolkendorfs Bassstimme entrüstet
gerufen hatte »Was Sie unterstehen sich mich anzupacken« Dann hatte Kuttler
gebrüllt »nunter mit ihm« Er musste ihn also die Treppe hinuntergeworfen
haben Dieser Wüterich Und so was will ein Jakobskindle sein Salbadert von der
Himmelsleiter dran die Engel auf und nieder steigen
    Den Klinikassistenten fand ich und wie er vom Unglücksfall gehört hatte
entschied er sich den Patienten sofort mit Krankenbahre zur Klinik zu schaffen
 Wir fanden den Verunglückten in derselben Lage  nur hatte man ihm ein Kissen
unter den Kopf gesteckt Aechzend schilderte er dem Assistenten wie er unfähig
sei sich aufzurichten Dann huben ihn die Wärter auf die Bahre und trugen ihn
fort Fräulein Rosel ging mit
    Andern Tages hatte Kuttler eine Geschäftsreise angetreten Die Gelegenheit
benutzte Frau Kuttler ihre Habe zu packen und das Haus zu verlassen Weinend
hatte sie meiner Mutter gesagt unter keiner Bedingung kehre sie zurück  und
habe vor die Scheidung zu betreiben
    Das Befinden Bolkendorfs den mein Vater in der Klinik besuchte war
bedenklich Er lag im Gipsverband die Bewegungsfähigkeit der Beine war völlig
gestört »Ein rührend guter Mensch« sagte mein Vater »Denkt mehr an Rosel und
ihre Mutter als an sich Was ihn tröstet ist die Hoffnung es könne sein
Missgeschick ein Mittel werden um Frau Kuttlers Scheidung durchzusetzen«  »Wie
wäre das möglich«  »Wenn Kuttler in die Scheidung willigt verzichtet
Bolkendorf darauf gegen ihn Antrag auf Strafe und Entschädigung zu stellen« 
»Und du meinst das könne Kuttler bestimmen Wäre denn seine Bestrafung
erheblich«  »Glaubs schon Wenn der arme Bolkendorf lahm bleibt  und das ist
möglich  wenn er gar auf Schadenersatz klagt Das träfe den Kuttler viel viel
härter als der Verlust des Obstgartens den ihm die Frau eingebracht hat« 
»Dann wird also die Scheidung zustandekommen«  »Wenn die Frau fest bleibt
ja«
 
                      Was nützet mir ein schöner Garten 
»Ach Uli « begann ich Da legte er düstern Blickes die Hand auf meine
Schulter »I weiß«  »Und lässt sich nichts dagegen tun Es hieß doch immer bis
Ostern habe er Zeit mit dem Soldatwerden  und nun auf einmal will Hainlin schon
Herbst nach Stuttgart  warum hat ers so eilig« Mit großen Schritten ging Uli
im Zimmer umher blieb dann vor mir stehen und meinte dumpf »Warum Errate kann
mrs Wegen der Rosel«  »Das vermut ich auch Bloß dass mir nicht klar ist
warum er gerade setzt die Rosel allein lassen will«
    Raunend als ob ein Geheimnis zu wahren sei fuhr Uli fort »Warom Weißt du
net dass der Vollendorf jetzt eine Wohnung gemietet hat wo ihm d Frau Kuttler
mit dr Rosel die Wirtschaft führt«  »Weiß ich Und mein Vater sagt dem armen
Bolkendorf sei das zu gönnen  er habe so die beste Pflege«  »Dees hat er Dem
Bolkendorf passt es«  »Der Rosel wohl auch Sonst wäre sie nicht zu ihm
gezogen Na und der Frau Kuttler Mein Vater meint für die seis geradezu eine
Erlösung dass sie von ihrem Wüterich losgekommen ist und beim Bolkendorf den
guten Unterschlupf hat«  »Stimmt Aber «
    »Na ja einen Kranken pflegen ist keine leichte Sache Aber mit der Zeit
wird er ja wohl wieder gesund«
    »Ha no Wenn der Bolkendorf schliessli gsund ischt  ond wo er doch die Rosel
so lang bei sich gehabt hat na wird er sage er könn sie nimmer lasse seine
Frau soll sie werde«  »Leicht möglich« versetzte ich  »er ist ja verschossen
in die Rosel Aber sie Wenn sie doch den Hainlin lieb hat Dessen Frau möcht
sie werden  das weiß ich ganz genau  wenn sie auch zurückhaltend ist Sie kann
ja gar nichts anderes wünschen Oder bist du anderer Meinung«
    Bedenklich hatte Uli den Kopf gewiegt »Lieb hat sie ihn  natürli Aber
graad deshalb«  »Was denn« fragte ich obwohl ich ungefähr erriet was ihm
vorschwebte Und Uli fuhr fort »Graad deshalb Weil sie ihn lieb hat mag sie
ihn net binde«  »Binden Na ja gebunden wär er wenn er sie heiratet Das
geht ja gar nicht anders Und so allerdings  hm Du magst recht haben Die
Rosel « Und ich bedachte was sie mir anvertraut hatte Indessen wollte ich
hören wie sich Uli die Sache zurechtlegte Stellte mich daher als ob ich den
Zusammenhang nicht recht begriffe »Immerhin Wenn Rosel den Hainlin lieb hat
und er sie auch  so gehören die zwei zusammen und er soll sie einfach
heiraten«
    Einen geringschätzigen Blick hatte Uli als ob er sagen wollte Du sprichst
wie dus verstehst Und abermals lief er im Zimmer umher überlegend wie die
Sache verständlich zu machen sei »Ein  fach hei  rate So spricht e
Kindskopf Heirate dees ischt dorchaus net eifach Zom Heirate gehört Geld
Hausrat muss mr habe Wohnung muss mr miete Frau ond Kinder nähre könne« 
»Kinder Sie haben doch keine Kinder«  »Bählämmle du Freili hänt sie koine 
aber wenn sie heirate kriege sie min  desch  tens  sieben Kinder« Ich
merkte dass ich rot wurde »Na ja natürlich Aber «  »Nicks aber Mach dir
klar Der Hainlin  wo sich doch selber kaum durchbringt  soll Brot schaffe für
Frau ond  sie  ben Kinder Und net bloß Brot Die hänt ja au Kleider nötik 
Schühle Strümpfle ond so Zeugs Jetzt sag mr du woher soll ers Geld nemme
dees alles zu zahle he«
    »Er müsste dann allerdings eine Lehrerstelle annehmen  die was einbringt« 
Mit dieser Bemerkung brachte ich Uli in Harnisch »Lährerstell Ond dees sagscht
du Zom Präzeptor willscht ihn mache Philischter du Ein Genie wie Hainlin ond
Schulmeischter werde Ah bah« Und er spuckte aus  »Ich Aber nein« stammelte
ich »Ich denke nicht dran Ich will ihn nicht dazu machen Ich meine bloß wenn
er die Rosel heiraten will wird ihm nichts übrig bleiben als eben  na ja«
 Wütend schrie mich Uli an »Als Zucht  haus  auf  säher zu werden im
LateiZuchthaus gelt«  »Ich bins ja nicht der ihm das zumutet«  »Ond die
Rosel Du meinscht die wird ihm dees zumute«  »Zumuten Auch sie tut das
nicht«  »Also Wenn sies ihm net zumute will na bleibt ihr nicks als zu
entsage Die Heirat mit dem Genie muss sie sich aus dem Sinn schlage«
    »Wenn mans so ansieht dann allerdings  Ach ja So ist das Leben Die
Wasserscheide «  »Wasserscheide« meinte er befremdet und ich wurde
verlegen war ja in Versuchung mich zu verplappern  während mir Rosel
Verschwiegenheit auferlegt hatte  »Ich  ich stelle mir zwei Bäche vor die 
die können nicht zusammenkommen  weil  weil ne Wasserscheide dazwischen ist
« Uli nickte  das Bild schien ihm einzuleuchten »Ond dees ischt graadezu
tragisch dass sie net zusammekomme  obwohl sie sich lieb hänt als wäre se
füreinander bestimmt«  »Ach ja es ist hart«
    »Ond noch tragischer  dass jetzt dr Hainlin  graad weil ers so guet mit
ihr meint  dass er jetzt wünsche muss sie soll den Bolkendorf bekomme  weil der
e braver Kerl ischt bei dem sie versorgt wär«  »Oh Ich hätte nie geahnt dass
es so schwer sein kann zu heiraten Früher dacht ich mir die Sache ganz
einfach wenn einer heiraten will sieht er sich ne Masse Mädchen an und  die
ihm am besten gefällt die wählt er sich Weil doch die Leute sagen die Braut
ist seine Auserwählte  Aber jetzt sehe ich ein die Sache ist anders Ach
der arme Hainlin Grämen wird er sich«  »Grämen ja Aber e sendimendaler
Weichling ischt er dooch net Wie i den Hainlin kenn beißt er die Zahn zsamme
ond denkt Jetzt Jörgle gilts Deiner Rosel derfscht net im Weg sein Gang
still bei Seit Ongebunde soll sie sein Ongstört soll sie die Sach überlege 
onbeeiflusst sich entscheide  so oder so«  »Hast recht Uli So wird er
denken Aber woher weißt du das alles Hat dir Hainlin Andeutungen gemacht«
    »Nicks hat er gesagt I tu mir die Sach so zsammenreime Eins aber steht
bombefescht Nach Stuggart will er jetzt weil ihm der Bolkendorf in die Quer
kommen ischt«  »Ach ja« seufzte ich  »der Bolkendorf Und daran bin ich
schuld«  »Schuld Du meinscht das abgerissene Bändel«  »Allerdings Das hat
die ganze Geschichte angestiftet Dass ich zu Bolkendorf gekommen bin  und dass
er durch mich die Rosel kennen gelernt hat«  »Schicksal« brummte Uli
    »Und wir« fuhr ich beklommen fort  »was fangen wir an Sollen wir nicht
zum Kandidaten gehen und es mit ner Bitte versuchen« Uli blickte mutlos
»Helfen wirds nicks Aber freili  schuldig sind mrs ihm  zu sage wie mrs
meine«  »Ja sagen wollen wirs«  »Gänget mr« Und Uli machte sich zum
Ausgehen fertig
    Er hatte bereits die Schülerkappe auf als er zu einem Schlusswort vor mich
hintrat »Noch eis Mach dir klar wie dem Hainlin zumut wär wenn er jetzt  da
blieb Wenn er alsdann beobachte müsst wie dr Bolkendorf auf seim Schmerzelager
 wie ers Aug auf die Rosel gerichtet hält glühend ond bittend dass sie ihm
soll bleibe Ond wie die Rosel alsdann denkt Der guete Mann Leiden mussr
weilr für Mueter ond für mi eigstande ischt Dank sind wir dem schuldik Zudem
tut er schwärme für mich Ond jetzt den soll i verlasse Dees bring i net übers
Herz onrecht wärs Für waas denn au Auf mei Jörgle kann i dooch net warte
der kann nimmer heirate«  Ich nickte »Ja so wird sie denken«
    »Ha freili« fuhr er düster fort »Ond den Gedanke soll dr Hainlin älleweil
in ihrem Gesicht lesen Vielleicht bildet er sich au noch ei er hab sich z
schäme  weil halt jedes Baureknechtle sei Mädle heirate kann er aber dr
Hainlin wagt dees net Weilr sich selber im Weg steht«  »Stimmt Er steht
sich selber im Wege«  »Über sein Genie kommt der net hinweg Drum bleibtr
einsam Mag die Rosel  so tutr denke  mag sie dem Bolkendorf ghöre Dulde
will is ihr zulieb Aber für sich sollen die zwei sein I gang fort  ganz auf
mei Stüble   ond pfeif auf meiner Flöt
Was nützet mir e schöner Garte
Wenn andre drin spaziere gehn
Ond pflücke mir die Rösle ab
Daran i meine Freude hab«
 
                               Bertas Glasbergle
Als wir bei Hainlin anklopften war nicht er im Zimmer sondern die Tochter
seiner Wirtin die kleine blasse Berta Schneckle Beinem Eimer kniete sie auf
der Diele und wischte auf Dass wir sie überraschten machte sie verlegen
    Uli sagte wir möchten net stören Herrn Hainlin hätten wir gern gesprochen
»Der Herr Kandidat«  entgegnete sie  »kann jeden Augenblick komme«  »Wir
möchten ihm eine Bitt vortrage« fuhr Uli fort  »Sie errate wohl welche«
Traurig schlug Berta die Augen nieder
    »Gelt Fräulein Schneckle Ihne gehts au nah dass r uns verlasse will« 
Schmerzlich verzog sich ihr schmaler Mund  in der Schürze barg sie ihr Gesicht
Dieser Schmerz wirkte ansteckend »Oh« stöhnte ich  »SchaSchafe sind wir  oh
 ohne Hirten« In mein Jammern stimmte Uli ein  dumpf und rau war seine
Stimme »Unsern Meischter den solle mr verliere Sind wir net seine Jünger« 
»Oh  hu  huh« schluchzten wir drei zusammen
    Da ging die Tür auf Hainlin stand vor uns »Aber  Kindle« begütigte er 
mit beiden Händen nach Bertas Köpfchen greifend als wolle ers zurechtrücken
Sie erhob die nassen Augen und lächelte weh Das unansehnliche Mädchen kam mir
auf einmal verklärt vor Ich sah nicht die schwächliche Gestalt mit der schiefen
Schulter  sah nur das engelhaftzärtliche Auge und fühlte mich ihr verbunden
durch unsere Liebe für Hainlin
    Dieser wandte sich zu mir und Uli mit weichem Lächeln »Ond ihr Büble
Weswege ihr da seid braucht ihr net zu sage I dank euch Aber macht net so
Gschichte Macht mirs Herz net schwär Aendern lässt sich dooch nix Gemuschtert
bin i scho  Oktober bin i Rekrut  Sela« Diese Äußerung seiner
Entschiedenheit hatte eine Wirkung wie wenn einem der Zahnweh hat mit nem
Ruck der Zahn ausgerissen ist Gefasst blickten wir auf Und des weitern
ermunterte Hainlin »Wenn i scho jetzt den bunten Rock ahnzieh bin i ein
Semeschter früher zrück  Ohnangnehmes soll mr sich rasch vom Hals schaffe
gelt«  »Ond nach Ihrem Jahr Herr Hainlin« fragte Berta hoffend  »komme Sie
na wieder zu ons«  »Übers Jahr übers Jahr wenn mr Träubele schneidt«
scherzte Hainlin »Aber so lang brauche mr net z warte Stuggart liegt net aus
dr Welt  in fünf Stonde lauft dr Uli durch den Schönbuch  mit m Zügle hat
mrs no viel kürzer ond ganz bequem gelt Bertale So mach i glei jetzt den
Vorschlag ihr Kinderle Sonntags wenn mei Hauptma Urlaub gibt marschier i
Tübinge zue  ihr aber kommt mir entgege  ond in Waldebuch treffe mr ons Im
Gaschtaus zur Krone Am runde Eichetisch wo viel Musensöhn ihrer Flamme Namen
eigschnitte hänt  Glaube Liebe Hoffnung  gelt«
    Wir wollten nun Herrn Hainlin nicht länger behelligen und verabschiedeten
uns
    Als wir durch die Gassen gingen erkundigte ich mich bei Uli nach Berta
Schneckle Ob sie schon konfirmiert sei  »Ha freili Sie ischt scho siebzehn
Jahr  schaut allerdings zurückgeblieben aus schmächtik«  »Sie ist wohl
kränklich Ihr Rücken scheint verkrümmt zu sein«  »Ja s arm Dingle hat sich
verletzt  ischt gfalle Hätte balds Leben verlore Ond dees ischt so komme In
ihrem zwölften Jahr ischts Bertale zu Besuch beim Grossmütterle gwä die wohnt
im Gässle da nooch drbei  mr wolle durchgehe gelt Na zeig i dir wos Bertale
abgestürzt ischt«  »Abgestürzt Hoch herunter«  »Vom Hausdach em Bertale
sei Grossmueter wohnt im dritten Stock gegenüber steht e Häusle mit zwei
Stockwerk ond im Dach hats noch e Wohnung Frau Pfeifer wohnt da mit ihrem
Kindle Diesmal war sie fort  onds vierjährige Mariale allei z Haus Jetzt
waas gschieht  Aber da hänt mr ja die Gass Jetzt lueg die zwei Häusle
strecken ihre Köpf so weit vor dass sie enander fascht berühre Drobe rechts
wohnts Bertales Grossmueter  links aber schau dees Dachgärtle Die Käschtle
vor dene Fenschterle Da wohnt die Familie Pfeifer«
    Ich beschaute die Situation Drei aus dem Dach vorspringende Fenster außen
durch wagerechte Bretter verbunden  die entstandene Plattform bildet ein
schwebendes Gärtlein Aus Kästen die mit Erde gefüllt sind wachsen Bohnen
rotblühende Kresse und blaue Winden Holzstänglein mit Fäden gewähren zwar den
Gartenpflanzen Halt nicht aber einem Menschen wenn er sich anklammern wollte
Nur wer sich schwindelfrei fühlt kann droben verweilen »Und von da ist die
Berta « fragte ich beklommen Uli nickte »Nämlich wie die Pfeifersleut fort
sind kletterts Mariale vom Stuhl aus m Fenschter aufs Dachgärtle wohin sie
dr Vatter öfters mitgnommen hat Die Blümle hat sie gern  munter spaziert sie
herum ohne die Gefahr zu ahnen Bertas Grossmueter siehts auf einmal  schreit
auf  Berta springt die Stiege nunter ond zu Pfeifers nauf Findet aber die
Wohnung abgsperrt den Schlüssel hat Frau Pfeifer mitgnomme Waas tun Die
Grossmueter lauft zum Schlosser Berta ruft dem Kinde zu Glei gehscht zom
Fenschter nei In die Stub zruck Mariale lacht bloß Da weiß sich Berta net
anders Rat als e Bügelbrett zu nemme «  »Bügelbrett wozu«  »Dees tut sie
zom Fenschter nausschiebe  zom Dachgärtle nüber  ond wagts aufm Brückle
nüber zu kracksle «  «  »Um Gottes willen und«  »Abgerutscht ischt
s Brett  ond s Bertale  e Glück noch dass unte grad e Wägle Klee gstande
ischt Da drauf stürzt die Berta Ond schlagt mit der Schulter aufs Holz  dr
Knoche bricht«  »Oh Die arme Berta«  »Ja aber weiter hats ihr nicks
gemacht«
    »Die brave Berta Und s Mariale«  »Ischt ruhik weiter spaziert Mr sagt
onschuldige Kindle behütet ihr Schutzengel Wie mrs Mariale endlich vom Dach
hat hole könne hat sie gar net zruck wolle ins Stüble so gut hat ihrs drausse
gfalle Unser Bertale aber hat als Ahdenke die Schulter schief bhalte«
    »Die schiefe Schulter kommt mir jetzt rührend vor Ein Held ist die Berta
ein rechter Glasbergritter Zwar abgestürzt ist dieser Ritter wie die andern
auch  seine Tat war aber nicht vergebens sondern hat was Großes ausgerichtet«
 »Ausgerichtet Fürs Mariale war Bertas Expedition überflüssik«  »Und doch
hat sie gewissermaßen die Prinzessin erlöst«  »Prinzessin Wen meinscht s
Mariale wie gesagt «
    »s Mariale nicht Die Prinzessin die Berta erlöst hat sitzt anderswo als
aufm Dach«  Nachdenklich sah mich Uli an »Wo denn«  Erst war ich verwirrt
ich fand die Worte nicht Dann pochte ich auf meine Brust »Hier sitzt die
Prinzessin Ich weiß mich nicht recht auszudrücken Aber man spürt dass hier im
Herzen etwas erlöst ist durch Bertas Heldentat Findest du nicht Uli«  Er
nickte  sein Auge war geweitet als ob er nach innen schaue und da etwas Großes
betrachte »Hascht recht ond jetzt rat ich dir Bruno  tu weiter dichte an
deim Epos Schilder Bertas Glaasbergle Stelle klar heraus welche Prinzessin
sie erlöst hat durch ihre Heldentat Nenn die Prinzessin einfach Menschenseele«
 
                                    Adelaïde
Das Ammonshorn von dem Wendelin Flammer so klug zu reden wusste bildete den
Anlass dass ich mich zu ihm hingezogen fühlte Dies um so mehr als Flammer der
Intimus Ritter Ulis war dem ich Schwärmerei entgegenbrachte Es freute mich
daher als Wendelin Flammer im Anschluss an ein Gespräch über Versteinerungen
mich einlud ihn zu besuchen Ein Buch wolle er mir zeigen das auch die
Ammoniten behandle Es heiße Evangelium der Natur setze also der Bibel die
Offenbarung der Natur entgegen Er lese dies Buch heimlich  sein Onkel
katholischer Pfarrer dulde keine Ketzerei Der möchte ihn geistlich machen
doch ihm passe dieser Beruf nicht er wolle Mathematik und Naturwissenschaft
studieren Ich solle  sagte Wendelin  gleich nächsten Samstag kommen Da sei
auch Herr Hainlin anwesend und es werde musiziert Ich erfuhr noch dass
Wendelin keine Eltern mehr habe und mit seiner Schwester Pia bei der Witwe
Häfele wohne Verdrossen erwähnte er Pia habe sich in den Kopf gesetzt Nonne
zu werden Aber er und Uli hätten sich zugeschworen sie davon abzubringen
    Die Nachhilfestunde die ich am Samstag hatte schloss Kandidat Hainlin »So
Büble Bischt erlöst Ins Ränzle mit Buch ond Heft Komm jetzt zu unsrer Frau
Musika gelt Ganget mr zom Wendelin Von der Adelaïde zu schwärmen  kennscht
du dees Tongedicht dees wunderbare vom Beethoven Text von Mattisson« Und
aus einem Stoß Noten suchte Hainlin die Blätter »Eigentlich soll das Lied
gesungen werden  aber Wendelins Schwester hat ne zu leise Stimme I selber
möcht scho singe aber mein Organ reicht net aus Dafür soll jetzt die Flöte
her I han dees Lied für Flöte Gitarr und Harmonium bearbeitet Heute wolle mer
probiere obs klingt«
    Hainlin hatte seine Flöte in eine Wachstuchhülle getan und da ich bereit
war gingen wir die Stiegen hinab Das Haus wo Flammer wohnte war unweit
gelegen in der Münzgasse wo ihre wallartige Höhe zum Neckartal abfällt Ein
altertümlicher Bau von gediegener Eigenart Über dem Rundbogen der
eisenbeschlagenen Haustür sind zwei Wappenschilde aus Stein  das eine führt ein
Winkelmass das andere einen Stern Nicht in einen Hausflur traten wir sondern
auf die Plattform einer Steintreppe Vom Vorderhaus überbaut war sie nach dem
Hof ohne Wand so dass dieser zur Schau lag wie eine Teaterbühne Was ihn
besonders traulich machte war ein vollgewipfelter Nussbaum unter dem die Bank
zum Träumen einlud Den breiten Rahmen dieses Stillebens bildete das
schwarzbraune Gebälk des Treppenüberbaus »Den Blick da han i jedesmal gern«
sagte der Kandidat und wir gingen die Treppe hinab zum Hof
    Aus offenen Fenstern auf deren Blumenbrettern Geranien glühten erklang ein
sanftes Zusammenspiel von Harmonium und Gitarre Der Kandidat lauschte dann
rief er hinauf »Flotter« Gleich darauf erschien Wendelin Flammer und gab Herrn
Hainlin herzlich die Hand auch mir »Grüß Goot«  »Am Tempo fehlts« mahnte
der Kandidat  »Fräulein Pia soll net elfenhaft zirpe  sondern au Temperament
 E Jungferle von Sechzehn kann doch scho Leidenschaft entwickele  gelt
Pia« Das Mädchen das gleichfalls heruntergekommen war errötete Ihres Bruders
Zierlichkeit hatte sie  dazu etwas rührend Kindliches um den holden Mund einen
wehmütigen Zug Ich fühlte wie mir das Blut ins Gesicht schoss als mich ein
Blick ihrer Rehaugen streifte während der Kandidat meinen Namen nannte »Setz
dich onter den Nussbaum Bruno Vielleicht dass dir beim Zuhören ein Ahnhauch
kommt vom göttlichen Beethoven«
    Nach oben gingen die drei während ich unterm Baume Platz nahm Eine der
Steinplatten die den Hof bepflasterten war ausgehöhlt zu einem Wassertröglein
für Enten und Hühner  weil aber solch Nutzgeflügel zurzeit fehlte zu einem
kleinen Aquarium hergerichtet vom Naturfreunde Wendelin Farne hoben ihre
lichtgrünen Wedel es regte sich was im Wasser Als ich beobachtend saß kam ein
Spatz zu trinken und zu baden Eine Dohle deren Flügel beschnitten waren
hüpfte herbei und vertrieb mit eiferndem Schnabel den Eindringling Deutlich war
zu vernehmen was der Kandidat im Musikzimmer verhandelte »Alle Kunscht ischt
Ausdruck der Seele Ond der kann bloß glücke wos Innerliche sich durchringt
zur äußern Gestaltung  wie die Blüte ihre Knospenhülle sprengt Also Kinder
Erfasset jetzt das Erlebnis das onser Dichter meint Einsam wandelt Adelaïdes
Freund im Frühlingsgarten  mild von lieblichem Zauberlicht umflossen das durch
wankende Blütenzweige zittert Adelaïde« Er hatte das singend gesprochen mit
seiner wohlklingenden Stimme Um auch rein musikalisch den Ausdruck anzudeuten
erklang nun seine Flöte Bebend schwollen die Töne  Sehnsucht wogte und wuchs
als lohe eine Feuersbrunst in weiten Nachthimmel Das Gedicht malte die Kette
der Alpen Schneeberge erglühn im Sonnenuntergang  Goldgewölke Abendlüftchen
im zarten Laube flüstern Silberglöckchen des Mais im Grase säuseln Wellen
rauschen und Nachtigallen flöten Adelaïde Wie dann der Himmel dunkelt ragen
in blaue Nacht die Zypressen eines Friedhofs und Sterne glimmen wie zärtliche
Augen Engel sind die Sterne und es neigt sich ein Engel über den Grabhügel zu
küssen die Blumenknospe die ihren Purpurkelch öffnet Adelaïde
    Im kühlen Hofe wars lauschig unter dem Nussbaum der mich mit grüner
Dämmerung umfloss während im höchsten Wipfel Sonnengold träumte Es jauchzten
Schwalben die von oben in den Hof schossen und die Wände entlang streiften
Wenn die Musik eine Pause machte regten sich flüsternd die duftigen
Nussbaumblätter Zuweilen unterbrach Hainlin die Musik  im Eifer wurde seine
Stimme befehlerisch »Mit Glut Pia«
    Allmählich hatte jeder seine Partitur ziemlich beherrschen gelernt und nun
erfolgte das Zusammenspiel Dass Musik imstande sei derart zu bezaubern hatte
ich zuvor nicht gedacht In eine andere Welt war ich versetzt in Gefilde von
himmlischer Klarheit
    Dann kamen die drei Musikanten in den Hof und setzten sich zu mir Als sie
fragten ob mirs gefallen habe nickte ich in wortloser Begeisterung
    Frau Häfele eine behäbige Alte brachte ein Körbchen Kirschen »Jetzt
probieret onser Gwächs Herr Kandidat So fromm hänt ihr musiziert  beim
Lausche han i mei Rosenkränzle hernemme müsse Dees Ave sollt in onserer Kirch
zom Vortrag komme«  »Hoho Frau Häfele Dafür tät sich euer Pfarrer bedanke
Weltliche Musik ischt dees e Liebeslied«  »Liebeslied« staunte Frau Häfele
einfältig »Hänt Sie denn net gsunge Ave Maria«  »Adelaïde Net Ave Maria
Aber die benedeite Himmelskönigin hat an der Adelaïde ihr Wohlgefallen Für euch
Katholiken heißt sie Maria  für mich Frau Musika Lebt in Gottes Herzen und ist
aller Musen göttliche Mutter Demgemäss hänt die alten Griechen in ihren Schulen
viel auf Musik gehalten Wer die Harmonie der Töne liebt wird für den Einklang
der Seele ond der ganzen Welt empfänglich  ond waas die Menschen heilik nennen
ischt eigentlich nicks als e bsondere Erscheinung des einen Einklangs des
göttlichen «
    »Piale« warf Frau Häfele dazwischen und ihre Miene war bedenklich »geh
gschwind s Tellerle han i vergesse für die Kirschestoi« Als Pia gegangen war
eiferte die Alte »Aber Herr Kandidat s Piale hat noch ihren Kinderglaube
gottlob Aber guet kann ihrs net tun wemmer die Musik mit onsrer Gottesmueter
gleichstellt  wo doch in der Musik allerlei Weltlichs vorkommt wie Walzer ond
so Sächle«  »Ha om Gotts wille Frau Häfele Von mir aus wird niemandem e
gueter Glaube gnomme ond net ärmer solls Menschenherz werde nur reicher  net
wirr ond trüb sondern klar ond schön«
    Wendelin blickte düster auf Frau Häfele und nagte an seiner Lippe
    Pia kam mit dem Teller  Frau Häfele suchte dem Gespräch eine Wendung ins
Harmlose zu geben »Gelt Piale Morge beim Onkel hats bessere Kirsche   die
pflückt mer vom Bäumle glei ins Schnäble«  »Also gehts morge nach Wurmlinge
Solltescht den Bruno mal mitnemme Wendelin«  »Ha freili« sagte Wendelin
herzlich zu mir »Komm morge mit«  »Danke Morgen soll ich mit den Eltern
gehen«  »Also ein andermal« meinte der Kandidat »Wurmlinge ischt ebbes für
den Bruno  der schwärmt romantisch Wenn der auf dem spitzen Hügel die Kapelle
sieht kommt sie ihm vor wie sein Glaasbergle«
    Die Anspielung auf meine Träumerei vom Epos ließ mich erröten »Waas für e
Glaasbergle« fragte Wendelin Meine Verlegenheit bemerkend antwortete der
Kandidat »Dees bleibt onser Geheimnis  gelt Brunole«
    Frau Häfele der nicht entgangen war dass ihre Mahnung Pias religiösen
Glauben nicht zu stören verstimmend auf den Kandidaten gewirkt hatte sagte
versöhnlich »Ond gelt Herr Kandidat  auf den Kirscheschmaus folgt e
Ohreschmaus Tuns ons noch e bissle flöte«
    Der Kandidat hob die Querflöte an den Mund  sie war aus schwarzem Holz mit
silbernen Klappen Er blies eine wehmütige Volksweise  dabei zogen sich seine
goldigen Augenbrauen an der Nasenwurzel wehmütig in die Höhe Phantasierend ging
er in die Melodie der Adelaïde über  dem Hauchen hingegeben als wolle seine
Seele in die Unendlichkeit fluten zum Herzen Gottes Wie der letzte Ton
verzittert war träumten die VergissmeinnichtAugen dem Entschwebenden nach und
sanft sprach der Jüngling
»Einst o Wunder entblüht auf meinem Grabe
Eine Blume der Asche meines Herzens
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen
Adelaïde«
 
                              Die verlorene Kirche
Den Ausflug zur Wurmlinger Kapelle hatten meine Eltern erlaubt  an einem
Sonntage gleich nach Mittag hatte ich mich aufgemacht Auf dem Schlossberg
betrachtete ich die alte Burg von Westen Hinter dem breiten und tiefen Graben
den man Bärengraben nennt hebt sich trotzig die alte Feste Bei näherer
Betrachtung bemerkte ich im Graben Pflaumenbäume Obstgesträuch Gemüsebeete 
in Staffeln klettert die Gartenanlage das Mauerwerk hinan jedes Fleckchen Erde
nutzend Bäume die auf der Bastei wachsen gaben mir eine unbestimmte
Vorstellung von »hängenden Gärten« wie sie die Königin Semiramis angelegt haben
soll Im Durcheinander dieses Burgbildes unterschied ich Pfade und Treppen
angeklebte Kleinbauten ragende Giebel und Schornsteine wimmelnde Fenster
drohende Schiessscharten Eine Kanonenscharte des dicken Turms sah aus wie ein
brüllendes Maul Welch Tummelfeld für die Einbildungskraft eines Knaben der
gern von Ritterzeiten träumt
    Auch der Weg über den langgestreckten Grat des Schlossberges bescherte dem
Auge genug des Bunten Obstgärten gab es da Gemüsebeete Bohnen die an Stangen
rankten Hopfenpflanzung und Rebengelände Hinter einem Aussichtsplatz mit
Bänken kam Buchenwald dann Heidekraut Kiefernschonung Oedland mit schilfigen
Halmen Binsen und rostrote Tümpel Undeutlich wurde der Pfad Kein Mensch der
mir hätte Bescheid geben können Aber Wendelin hatte gesagt man brauche nur auf
der Höhe weiterzugehen  zur Kapelle führe da jedes Wegle
    Am Fuße des Kapellenberges bei einer Bank sollte ich zu bestimmter Zeit
Wendelin und Pia treffen die von Wurmlingen kommen wollten Allmählich senkte
sich der Bergrücken  verschnaufend blieb ich im kühlen Hochwalde stehen Es
troff mir von der Stirn  heiß war der Tag hastig war ich gelaufen Der
Waldeinsamkeit bangsüsser Schauer wehte mich an  Glocken schienen fern zu
läuten ein verworrenes Raunen Oh dachte ich  die Kapelle wird das sein Mein
Zutrauen wurde gedämpft als nur ein dunkles Summen sich erlauschen ließ Das
war entweder gar kein Geläut oder ein sehr entferntes
    Ich war fast ratlos  glaubte die Richtung verfehlt zu haben  Flammers zu
versäumen wäre mir recht leid gewesen Immerhin empfand ich im Verirrtsein den
Reiz des Abenteuerlichen Wer den Glasberg sucht dachte ich sei auf Dinge
gefasst die noch weit mühseliger und gefahrvoller sind als diese simple
Verlegenheit Indem ich aufs neue horchte kamen mir Verse in den Sinn die ich
bei Uhland gelesen hatte
»Man hört oft im tiefen Wald
Von oben her ein dumpfes Läuten
Doch niemand weiß von wo es schallt
Und kaum die Sage kann es deuten
Von der verlornen Kirche soll
Der Klang ertönen mit den Winden
Einst war der Pfad von Wallern voll
Nun weiß ihn keiner mehr zu finden«
    Was ich hörte war also die verlorene Kirche Hier wirds gewesen sein wo
Uhland ihr Summen erlauscht und sein Gedicht gemacht hat Welch ein wundervolles
Abenteuer war mir da beschert Bangfroh setzte ich meinen Weg fort Wo der
Hochwald eine Lücke zeigt ging ich pfadlos  leisen Hoffens das
Märchenkirchlein zu entdecken Vielleicht ists ein Klösterlein wies Pia
träumt Dann hat sie recht für fromme Einsamkeit zu schwärmen Süss muss es sein
dort den Himmel durch Glockenläuten zu preisen durch Sang zur Orgel und
Gitarre
    An einer Geländesenkung war plötzlich der Weg zu Ende Eine Halde gings
steil abwärts dann stieg kegelförmig ein Hügel empor und droben  wundervoll
 da schwebte die Kapelle eine schimmernde Krone Mir war zumute wie dem
Kreuzfahrer wenn vor ihm endlich das Ziel seiner Sehnsucht ragt die Burg Zion
 verklärt wie Goldgewölk
    Nahe der Bank streckte ich mich an den Waldrand das liebliche Bild zu
betrachten Die vom spitzen Berg himmelan getragene Kapelle hob sich sonnig von
einer dunklen Wolkenwand ab ein Schweben war sie ein lächelndes Schimmern
Schmal gereckt das Dachtürmlein und wenn auch das Glöcklein schwieg kam mirs
vor als ob es leise singe wie ein Engelchen
    Der Hang des Kapellenberges war Schafweide und ich meinte der Hirtenknabe
den das Lied erwähnt müsste bei seiner Herde zu entdecken sein Obstbäume Klee
und Welschkornfeld Hopfengärten und Weinterrassen Zur Seite des Berges offen
das Tal  Wiesen und Aecker grün und gelb gemischt Das Bild schimmerte als
seis mit Hauchen gemalt am tiefblauen Himmel schwammen Haufenwolken ähnlich
zackigen Schneegebirgen Während mir die Augenlider schwer wurden sah ich
droben weissgekleidete Gestalten lange Flügel an den Schultern Und selber
schwebte ich zu diesen seligen Inseln des Aeters empor In einer Flut von
Harmonie Es läutete die Waldkirche Hainlins Flöte schluchzte zur Gitarre sang
Pia und  auf einmal helles Lachen  Ich schlage die Augen auf  da stehen
Wendelin und Pia
    »Jesses Maria und Joseph Da liegt er Ond hört net dass es scho donnert
Und wie ihm die Sonne s Gsichtle verbrennt hat Wirscht wacker Durscht habe
gelt du Da ess Kirsche« Und ein Handkörbchen mit dunkelroten saftigen Kugeln
stellt mir Pia hin während Wendelin auf den Rasen gestreckt schmunzelnd
zusieht wie mir das Labsal mundet
    »Lange muss ich geschlafen haben« gestand ich  »inzwischen ist diese dunkle
Wolke am Himmel hochgezogen  ein richtiger Gewitterkopf«  »Es zieht vorbei«
meinte Wendelin während Pia vorschlug lieber nach Wurmlingen zu eilen »Und
wenn wirklich ein Schauer kommt mr hänt ja Onterschlupf in dr Kapelle« Also
gut ich schmauste weiter Und berichtete nun mein Abenteuer Als ich das
geheimnisvolle Läuten schilderte horchten Wendelin und Pia auf ich musste ihnen
Uhlands Verse sagen Sinnend nickte Wendelin »Einscht war der Pfad von Wallern
voll  nun weiß ihn keiner mähr zu finden«
    »Waas mag dr Uhland meinen mit der verlorenen Kirche« fragte Pia  nach
etlichem Sinnen fügte sie hinzu »Den Glauben meint er«  »Welchen Glauben«
fragte Wendelin Stutzig sah ihn Pia an »Welchen Den rechten Glauben unsern
Glauben«  Mit leisem Spotte Wendelin »Ischt denn dei Glaube ein verlorener«
 »Verlorener Wer hat dees gesagt«  »Du Wenn der Uhland mit der verlorenen
Kirche deinen Glauben meint na wär dein Glaube ein verlorener«
    Pia suchte dieser Folgerung auszuweichen »Du mit deiner Spitzfindikkeit I
will bloß sage der rechte Glaube hat heuer net mähr die Geltung wie in der
guete alte Zeit  Einscht war der Weg von Wallern voll«  Wendelin wiegte den
Kopf
    »An Wallfahrern und Betern fehlts auch heuer net  aber von denen findet
keiner s Pfädle zur Waldkapelle I glaub an du net Piale«  Pia schmollte
»Dees willscht mr abspreche«
    Sinnend blickte Wendelin zum Walde durch den ich gekommen war »Ha no Vom
Waldkirchle rede mer wies der Uhland meint Heimlich tut dees läute 
Selten dass es ebber vernimmt Ond wenn  so hat er noch lang net s
Waldkirchle Zu dem führt e schmals Pfädle überwachse verstohle Zeig mirs
Pfädle Piale«  »I brauch kei Pfädle Mei guete Strass han i«  »Dei Strass
die führt net zum Waldkirchle«
    »Mei breite Strass führt sicher«  »Ja zum Dom aus Stein Wenn du keinen
andern suche tuscht «  »Waas für einen tuscht denn du suche«  »Den
Waldesdom den lebendigen Dom Kalt ischt dei Tempel aus Stein ja kalt und
tot«
    Betroffen schwieg Pia  dann warf sies Näsle hoch »Und dei Waldesdom
Wühscht ischt der In der Wildnis hats net emal eine Orgel«  »Wühscht kanns
au im steinerne Dom hergehe«
    Da Pia verstimmt war suchte ich abzulenken »Wild kann der Waldesdom
allerdings sein  und manchmal ist man zufrieden wenn man aus dem Irrsal
rausgefunden hat Mir ist es vorhin fast unheimlich geworden Drum seh ich in
der lieblichen Kapelle drüben mein verlorenes schließlich gefundenes
Kirchlein«
    Freundlich nickte Pia Wendelin betrachtete mich »Mit so Märle scheints
hascht gern zu tun gelt Hat net dr Kandidat Hainlin von eme Glaasberg
gsproche Der sei dein Geheimnis Waas für Bewandtnis hats denn mit dem
Glaasberg« Als ich zögerte meinte Pia ein wenig spitzig »Darf is net höre
Na gang i« Da musste ich schon mit der Sprache heraus »O freilich dürfen Sies
hören Es ist ja gar kein eigentliches Geheimnis Bloß ein Märchen Den Glasberg
denke ich mir steil und spitz  ganz aus Glas hart und glatt  und kein Pfad
führt hinauf Wer es wagt hinanzuklettern rutscht ab  Hals und Beine bricht
er«
    Pia hatte sich hingekauert »Ha warum will er denn naufklettre Wenns so
gfährlich ischt«  Nicht ohne Verlegenheit erwiderte ich »Wegen der
Prinzessin Die soll oben hausen Herr Hainlin nennt sie eine Walküre« 
»Walküre Ischt dees net eine Oper«  »Walküre ist eine starke Jungfrau die im
Himmel wohnt Den tapferen Krieger beschützt sie Wenn er im Kampfe fällt nimmt
sie ihn auf ihr fliegendes Ross und trägt ihn zur Walhalla Das ist der
himmlische Freudensaal Solch eine Walküre ist die Prinzessin auf dem Glasberg
Herr Hainlin sagt jeder Mensch dem ein Traum von Glück vorschwebt meint die
Prinzessin auf dem Glasberg  und wagt den Versuch hinauf zu klettern«  »Ond
verunglückt dabei« bemerkte Pia ein wenig spöttisch  »dees hat na dr Held von
seiner Schwärmerei«
    Geringschätzig bemerkte Wendelin »Was verstehscht denn du von Helde«  Pia
gereizt »Oh warum soll i nicks dervo verstehe Es gab au Glaubenshelde Denk
an den heiligen Franz Für sein Ideal hat der die Welt drahngebe«  »Also«
erwiderte Wendelin  »seine Walküre war die Jungfrau Maria« Schwärmerisch hob
Pia den Blick zur Kapelle »Dees Marienkirchle ischt mei Glaasberg«
    Wendelin und ich sprangen auf munter gings den Berg hinan Hinter der
Mauer die den Gipfel umzingelt waren Gräber mit Holzkreuzen dran hingen
Kränze aus blauweissen Perlen Stiefmütterchen und Nelken blühten Auf dem Holze
las man den Namen des Ruhenden seinen Geburts und Sterbetag Pia zeigte mir
ein Grab »Da ruht unser Grossvatterle« Die Inschrift nannte ihn den
Storchenwirt zu Wurmlingen »Ein schöner Platz zum Schlafen gelt« fuhr sie
zärtlich fort »Hier obe möcht i au begrabe sein Wenns in meim Kloschterle
net sein dürft «
    Ich schwieg  über das Kloster zu sprechen glaubte ich nicht befugt zu sein
Sie kam mir wie eine Heilige vor Und weiter schwärmte sie mit einem weichen
Frohsinn »Es muss schön sein so ganz still zu liege  und gar kei Unruh mehr zu
habe Wenn dann mei Tant mei Hügele bsucht bricht sie e Zweigle Immergrün ond
na heißts Da schlaft unser Piale« Sie mochte wohl merken dass ich ein ernstes
Gesicht machte und nun war auf einmal ihr Ton verändert  schelmisch ahmte sie
die Redeweise geschwätziger Rührseligkeit nach »Ach ja s Piale War dees e
bravs Mädle Ond e fleissiks e sparsams Mädle«  »Ach nicht doch« bat ich
Doch sie gefiel sich in der Rolle »Ond klugs Mädle Ha warom dees net au Zu
Lebzeiten freili hört mrs anders  da heißts immer bloß Pia sei net so domm
Pia ohgschickts leichtfertiks Mädle Ha ja erscht wenn mr tot ischt tun sich
die Leut bsinne  ond da machen sies gnädik Schon aus Neugier möcht i
verstorbe sei  bloß dass i höre möcht waas alls die Leut vom Piale schwätze
Wie Weihrauch soll mir die Lobhudelei oms Näsle wehe Ui jele« Lachend brach
jetzt der Übermut hervor »Aber aufspringe möcht i uf oimal ond die Leut
auslache Gelt ihr Verstorbe muss mer sein  na gilt mer ebbes  eher net
Verstorbe oder wenikschtens krank gelt Wenn mr krank ischt hört mr
gleichfalls viel Schmeichelhafts Da heißts Werd mer bloß wieder gsund mei
Herzblättle  O Herrschaft«
    »Jetzt aber ihr zwei kommt da her« rief Wendelin über die Mauer
schauend die den kleinen Kirchhof umfriedet Wir gingen hin  ich ward von der
Aussicht ergriffen
    Unter den Weingärten des steilen Berghanges wimmelnde Dächer  rechts ein
zweites Dorf  weiter hinten eine Stadt  in heller Beleuchtung hoben sich Türme
und Dächer vom dunklen Waldgebirge »Das ist Rottenburg mit dem Rammertwald«
sagte Wendelin  »der Turm auf dem Berge die Weilerburg  Grad unter uns liegt
Hirschau  rechts Wurmlingen  weiter hinte Wendelsheim  die Seebronner Warte«
 »Geht mich nichts an« erwiderte ich »All die Namen kann ich nicht mal
fassen«  Im Eifer fuhr er fort quer über den Friedhof deutend »Pfäffinge«
    »Sag lieber Monsalwatsch«  »Waas«  »Monsalwatsch Märchennamen sind mir
lieber Geographie versetzt uns übermorgen der Naso  heute mag ich keine Was
geht es mich an wie die Stadt da heißt und das Dorf Vielleicht hat Herr
Kuttler da Hopfengeschäfte gemacht und der Braten den meine Mutter heute
aufgetischt hat stammt von einem Kalbe aus dem Dorfe drüben Will davon nichts
hören Lieber bin ich im Wunderlande« Und ich starrte zur Gebirgskette die
hinter breitem Tale das der Fluss durchquert über dunklen Waldbergen blaute
Die Höhen wie lange Schanzen geformt  vorn ein kuppelförmig gewölbter Berg 
ganz fern ein spitzer Kegel »So ungefähr sieht der Glasberg aus« sagte ich
    Jetzt war die Stadt Rottenburg nebst ihren Waldhöhen vom Dunst der
Wetterwolke verhüllt  man sah wie der Regen in schrägem Fall über die
Landschaft zog Während hier graublaue Düsterkeit lag strahlte weisslich die
Sonne über den westlichen Teilen des Neckar und des Ammertals Hügel wallten 
grüngolden flirrten Felder  hell und braunrot die Dörflein  dann kamen
dunkelgrüne Wälder  bis der Schwarzwald die blaue Grenze bildete Da wirs
donnern hörten suchten wir am Zuge des Gewölks zu erkennen ob uns Regen
beschieden sei Und zur Kapelle wandten wir uns Ein weissgetünchter Steinbau vom
Umfang einer kleinen Dorfkirche Zwei gotische Pforten vier hohe Fenster An
der Aussenwand Grabsteine bevorzugter Gräber
    Beim Eintreten in den Kirchenraum tunkte Pia den Finger ins Weihwasserbecken
und bekreuzigte sich Da ihr Bruder dazu keine Anstalt machte betupfte sie ihm
Stirn Schulter und Brust was er sich stumm gefallen ließ Dann trat Pia zum
Altar und neigte sich demütig Ich war noch nie in einer katholischen Kirche
gewesen die beflitterten Figuren am Altar und an den Wänden die starken
Sinnfälligkeiten die für manchen etwas Bestrickendes haben verfehlten auf mich
ihre Wirkung nicht obwohl ich das bäurisch Grelle nicht mochte Die Mutter Jesu
spielte hier die erste Rolle In dreifacher Gestalt bunt bemalt und blinkend
zierte sie die Hauptwand links als Mutter des Kindleins rechts als
Schmerzenreiche das Herz von Schwertern durchbohrt in der Mitte als
Himmelskönigin mit goldener Krone
    Der Regen war nun doch gekommen durch die offene Pforte hörte man s
tröpfeln dann brach ums Gemäuer rauschendes Giessen los »Mer werde doch net
eiregne« raunte Pia schüchtern »I mein bloß  weil der Uli halt gesagt hat
er woll nach Wurmlinge komme«  »Ha freili der Uli« nickte Wendelin Gleich
darauf gabs einen krachenden Blitzschlag  Pia bekreuzigte sich
    Aber schon wirbelte das Wetter seitwärts und in den abziehenden Regen lugte
die Sonne Ermuntert traten wir aus der Kapelle in erfrischte Luft und
bejubelten den Regenbogen der sich vor der Dunstwand wölbte
    »Ganget mer« sagte Pia  und als wir den Kirchhof verlassen hatten hüpfte
sie wie ein Reh den steilen Hang hinab wo schimmernde Tropfen an Halm und Blume
hingen Ihr sinniger Ernst kehrte zurück als sie mir die Bildnisse erklärte
die längs des Abstieges in gemessenen Abständen angebracht waren Stationen
seien das die den Martergang Christi schildern da bete der Wallfahrer Aufs
neue zur Ausgelassenheit gestimmt schlug Pia einen Wettlauf vor und wir
rannten bergab So waren wir bald im Dorf Bei der Kirche hatten sich geputzte
Landleute versammelt wohl zu einer Kindtaufe
    Da war nun das Gasthaus zum Storchen Herr Müller der Onkel Flammers
bediente Gäste und nickte uns zu Im Saal neben der Schankstube war ein Klavier
Pia schlug Akkorde an und sang ein wehmütiges Lied
»Ich armes Klosterfräulein
O Mutter was hast du gemacht
Lenz ging am Gitter vorüber
Hat mir kein Blümlein gebracht
Ach wie weit weit dort unten
Zwei Schäflein gehen im Tal
Viel Glück ihr Schäflein ihr saht
Den Frühling zum erstenmal
Ach wie weit weit dort oben
Zwei Vöglein fliegen in Ruh
Viel Glück ihr Vöglein ihr flieget
Der besseren Heimat zu «
Auf einmal fühlte sie sich bei den Schultern ergriffen  sie wandte sich um 
Uli wars Strahlend in Jugendfrische begrüßte er Pia nahm die dunkle Rose aus
seinem Knopfloch und überreichte sie dem errötenden Mädchen »Aufgespielt
Wendelin« kommandierte er jubelnd
    Und wie ein Walzer erscholl wirbelte das Paar durch den Saal Ich dachte an
Schmetterlinge die einander umgaukeln Mit Verwunderung sah ich Pias Art auf
einmal verwandelt War denn hier noch das Klosterfräulein das von der
Gottesmutter geschwärmt hatte Nach dem Tänzchen setzte sich Uli an das Klavier
trommelte auf den Tasten einen Militärmarsch und ging in die Volksweise über
»Wie kommts dass du so traurig bist und auch nicht einmal lachst« Die Antwort
summte sein wohlklingender Bass
»Und wer nen steingen Acker hat
Und einen brochnen Pflug
Und wem sein Schätzel untreu wird
Der hat wohl Leid genug«
    »Ha dees kommt davon« scherzte Pia  »warom hat er e Schätzel«  »Es
geht noch weiter« sagte Uli und sang
»Hab all mein Tag kein gut getan
Kommt mir auch net in Sinn
Die ganze Freundschaft weiß es ja
Dass ich ein Unkraut bin«
 
                                   Der Drache
Die letzten Getreidegarben waren eingeheimst Ein Knabe der im Flachland
aufgewachsen ist spürt um diese Zeit eigene Sehnsucht nun er über Stoppelfeld
und Anger schweifen darf unbehindert wie der kühle Wind indessen am mattblauen
Himmel Wandergänse mit den Wolken um die Wette reisen »Hier oben ists
herrlich« locken Vögel und Wolken und der Knabe sehnt sich empor Befreit von
Schwere möcht er das Luftreich durchschweben möchte ein schweifendes Schauen
sein
    Ausserstande selber zu fliegen will er wenigstens einen Boten zur Höhe
haben  der soll ihm das Fliegen veranschaulichen damit er sich hineinträumen
kann Der Drache aus Papier ist dieser Bote ihn verfertigt der norddeutsche
Knabe mit Sorgfalt  und stolz schaut er empor wenn der Liebling in die Lüfte
saust und immer mehr Faden nimmt Als wir noch in Magdeburg ansässig waren
hatte mein Vater seinen zwei Knaben jedesmal im Herbst einen Drachen gebaut und
ein Fest wars für meine Phantasie wenn unser Drachen die ganze Fadenrolle
abgewickelt hatte und nun unter den Wolken stand in der Entfernung ganz klein
lauernd wie ein Falke der zum Niederstossen zielt
    Kulturell rückständig kam mir die Lustnauer Jugend vor weil sie keine
Ahnung davon hatte dass man einen Vogel aus Papier steigen lassen kann Enzio
der mir in der Laube zusah wie ich einen kleinen Drachen zusammenbastelte
empörte mich durch die dummspöttische Bemerkung »Ond wenn er fliege tut waas
hoscht na du dervon«  »Blödsinn Es macht mir eben Freude«  »Ja wenn du
selber fliege könntescht So aber geht nicks in die Höch als bei Papierle«
Solche Einrede verdross mich Immerhin hatte ich die Genugtuung dass Enzio ein
Zuschauer voll neidischer Bewunderung war als ich hinterm Garten auf
Stoppelfeld mein Kunstwerk erprobte und nun der Drache munter im Winde wirbelte
ohne dass ich mich zu bemühen brauchte Er hielt sich wacker und wenn er
zuweilen etwas wackelte mit dem Schweife wedelnd so schien das auszudrücken
wie behaglich ihm droben die frische Luft sei
    »Zu klein ischt er« meinte Enzio geringschätzig Doch ich konnte
demonstrieren was für ein Teufelskerl solch ein fliegender Zwerg sei »Ich
telegraphiere hinauf« sagte ich Während nun Enzio den Drachen hielt schnitt
ich mit der Schere ringförmige Scheiben aus Papier Sie wurden über den Faden
gezogen und glitten vom Winde getrieben am sogenannten Telegraphendrahte
hinauf Schließlich hingen oben so viel Depeschen dass der Drache nieder musste
um Erleichterung zu finden
    Eine neue Kunst musste er jetzt produzieren  einen »Brummer« brachte ich
ihm bei  so nannten wir eine Papierzunge die unter der Wölbung des bogenförmig
gekrümmten Drachens schnarrend schwirrte Mein Drache brummte in der Höhe wie
ein Maikäfer »Gewaltiger müsst mir dees Brummerle sein Wenn i en Drache baue
wollt der müsst groß sein wie e Scheunetor Na könnt er einen Menschen hebe I
tät mi dra feschtalte  ond wenn er hochgeht na tät er mi mitnemme Ha dees
riskier i« prahlte Enzio Etwas Verlockendes hatte dieser Gedanke und im
Gerede spannen wir ihn weiter Ich malte aus wie mir zumute sein würde wenn
ich von einem Drachen in die Höhe getragen und vogelgleich bei den Wolken
schweben würde tief unten die Fluren mit den winzigen Menschlein »I habs
erfunde« protzte Enzio  »ja i kriegs Patentle  Millionär werd i«
    Auch ich nahm die Sache wichtig tagelang berieten wir suchten Material
bastelten und probierten Von einer alten Mosttonne ergatterte Enzio einen
Reifen der sollte die Stirn unseres Drachens bilden Zum Rückgrat schien eine
Dachlatte verwendbar dickes Packpapier gab es in Kuttlers Magazin Schwierig
war die Beschaffung hinreichend starken Fadens Es bedurfte eigentlich schon
eines Strickes um des Riesenvogels Zugkraft auszuhalten Das Geld das der
Seiler verlangte brachten wir nicht zusammen trösteten uns aber mit ein paar
Waschleinen wie sie im Haushalt gebraucht werden Da meine Mutter die große
Wäsche kürzlich erledigt hatte merkte sie nicht dass wir ihre kostbaren
Stricke auf denen sonst Hemden und Laken hingen für unsern tollen Plan in
Anspruch nahmen
    Als wir die Flugmaschine nahezu fertig hatten war der Wind günstig
Zufällig kamen Uli und Wendelin da gabs neues Geschwätz Uli erklärte sich
ebenfalls zum Fliegen bereit und wollte sich am Drachen festbinden lassen
Wendelin gab zu bedenken einen so ausgewachsenen Kerl zu tragen sei das
Gestell zu schwach lieber solle mit dem leichten Enzio der Versuch gewagt
werden Zur Anerkennung seiner kühnen Bereitschaft verlangte Enzio das Flugzeug
solle »Hohenstaufen« genannt werden weil ja Enzio der letzte Hohenstaufe
gewesen sei »Taufen müssen wir allerdings« erklärte Uli »jedes Schiff trägt
am Spiegel einen Namen so darf der Name unserm Luftsegler net fehle Bloß kann
i mi net für Hohenstaufe begeischtere  dees wär ebbes gschichtlich Überlebtes
während unserm Werk die Zukonft gehört«  Ich stimmte bei »Ja die Zukunft
Eine fabelhafte Zukunft Vogel Rock soll der Drache heißen nach dem Märchen in
Tausendundeiner Nacht« Wendelin schlug den Namen Ikarus vor  aber Uli
entgegnete »Onsinn Der Ikarus ischt e schlechter Flieger gwä  abgestürzt
ischt er«
    Ich befürwortete die Namen Pegasus und Gigant die Giganten hätten
bekanntlich den Himmel erstürmen wollen
    »Wieso bekanntlich« wandte Uli ein »Von Mythologie hat der schwäbische
Bauer keinen Schimmer  nurs Maul wird er aufreisse wenn er auf dem Ding in den
Wolken die Inschrift entziffert Gigant Sage mr lieber Wolkestürmer deescht
allgemei verständlich« Einstimmig wurde dieser Name gewählt nur dass Wendelin
zu bedenken gab die Schrift auf dem Flugzeug werde nicht zu entziffern sein
wenns in den Wolken schwebe  ratsamer sei ein deutliches Wappen auf die
Fläche zu malen etwa das Zollernwappen vier Quadrate schwarz und weiß
abwechselnd Enzio murrte etwas von Preussentum  das sei in Schwaben net
beliebt Uli trat für Bismarck ein und ich wandte meine GlasbergIdee auf die
Hohenzollern an denen es jedenfalls gelungen sei ihren Glasberg zu erklimmen
»I meins gar net politisch« entschied Wendelin »Schwarz weiße Quadrate hats
ja auf dem Schachbrett ond im vorliegenden Fall wären sie ein Sinnbild der
Berechnung Net der Zufall net Glück bringt dem Schachspieler Erfolg bloß
Verstand Drum wolle mer onsern Wolkestürmer mit dem Schachbrett ziere  Symbol
des Erfindergenies«
    Leuchtenden Auges betrachtete Uli das Ungeheuer für das die Laube viel zu
klein war Im Warenschuppen hatten wirs fertiggestellt und da lag es in Läng
und Breite  neben ihm der mächtige Schweif ein Strick mit Papierbüscheln  er
brauchte nur noch angeknüpft zu werden Mit seinem Schachbrettwappen war der
Wolkenstürmer versehen auch mit zwei Schlingen durch die Enzio die Arme
stecken sollte um in die Luft getragen zu werden
    Die Überführung auf Stoppelfeld blieb nicht ohne Schwierigkeiten Der
starke Wind packte die Fläche Wolkenstürmer war in Gefahr in den Wipfel eines
Apfelbaumes geschleudert zu werden Stemmen mussten wir uns gegen die brausende
Luft wild umher blickten wir wenn ein Windstoß die Obstbäume schüttelte dass
die Äpfel niederprasselten Aufgeregt waren wir wie Krieger vor dem Angriff
wie Seeleute wenn ein Orkan heranbraust Wie ein sich bäumendes Schiff kam uns
Wolkenstürmer vor Dann wieder wie der Riesenhengst Bayard dessen Ungestüm sich
kaum zügeln lässt  nein wie Pegasus das Flügelross der Begeisterung
Welterschütternd war unser Vorhaben ein Mensch sollte fliegen  wie einst
Dädalus dessen Erfindung verloren gegangen ist  an die abgerissene Tradition
knüpften wir ein neues Glied Unter dem grauen Gewölk trieb eine Krähe im
Sturme So wollten wir selber schweben  Unwillkürlich breiteten sich mir die
Arme wie Flügel dann fuchtelte ich mit den Armen und schrie »Ho hoch«
    Auf dem Stoppelfeld postierten wir uns Das Ende des Strickes dran ein
Querholz festgeknotet war sollte Uli halten alle Kraft aufbietend dass ihm der
Sturm den Drachen nicht entreisse Wir anderen schleppten das Fahrzeug in
wagerechter Haltung bis der Strick gestrafft war Schräg gegen den Wind wollten
wir die Fläche stellen sobald Enzio in den Armschlingen hangen würde Doch
obwohl von Uli »eins zwei drei« kommandiert war  und abermals kommandiert
war blieb Enzios Verhalten schleppend Wie er endlich die Arme in den Schlingen
hatte rief Uli »Los« wir richteten den Wolkenstürmer auf und ließ los Er
stieg sofort  doch ohne Enzio der sich im letzten Moment freigemacht hatte
Obwohl nicht programmmässig wars ein großartiger Moment als Wolkenstürmer sich
bäumte wie ein Hengst  dann brausend einen Bogen himmelan beschrieb und 
wieder zur Erde schoss Ein dumpfer Krach zertrümmert auf dem Acker lag der
Gigant Mit Mühe entwanden wir dem Winde sein Opfer das er gänzlich hinzumachen
beflissen war
    »Der Enzio hat schuld« tobte Uli  »der Feigling hat gekniffen« Der
Angeschuldigte wehrte sich »Deescht verloge Gekniffe hat mi der Strick  die
Schlinge war zu eng  da han i gschwind Ordnung schaffe wolle  aber der Uli hat
los brüllt Zu rasch Dees war der Fehler«  »Schwätz net so fad Kei Schneid
hoscht  deescht die Sach Im letzte Moment ischt dirs Herz ins Hösle gfalle
ond weil der Wolkestürmer zu leicht ischt hat er den Salto mortale gemacht«
    »I glaub die ganze Erfindung taugt nicks« entschied Wendelin  »Wohl
taugt sie« trotzte Enzio  »bloß dass mer sie noch verbessere muess«  »An der
Berechnung fehlts Die Windstärke muss mr genau in Rechnung stelle auch die
Schwäre des Apparats nebscht seiner Fracht Dann erscht ka mer beurteile wie
groß die Fläche sein muss und was für Maderial geeignet wär Papier ka mer net
brauche  dees zerreißt halt bei solcher Belaschtung Sägeltuch dees tät scho
halte  wär aber zu schwär An der Berechnung fehlts dem Wolkestürmer«
    Die traurigen Reste unserer verunglückten Erfindung bargen wir im Schuppen
Ich war froh dass die Waschleine meiner Mutter keinen Schaden genommen hatte
Die übrigen Materialien durfte Enzio behalten der sich nicht ausreden ließ
seinen Wolkenstürmer zu verbessern und patentieren zu lassen Da er sein
Schmollen noch nicht abgetan hatte mochte er nicht länger unsre Gesellschaft
teilen und drückte sich unter dem Vorwand er habe eine Besorgung für Vaters
Geschäft
 
                                     Ikarus
»Solle mr Schach spiele« schlug Uli vor  ich holte mein Schachbrett und im
Schuppen wo es windstill war kauerten wir um das schwarz und weiß karierte
Feld »Dies könikliche Spiel«  sagte Uli die Figuren aufstellend  »ischt e
Schleifstein des Verstandes besonders solchen zu empfehlen die Feldherren
werden möchten oder Regenten Napoleon ischt e gueter Schachspieler gwä drum
hat er so viele Schlachten gewonnen Pädagogisch hat Schach viel mähr Wert als
lateinische Grammatich die zwar wegen ihrer Logik gelobhudelt wird aber
Onlogisches enthält Waas hilfts dass mr dem Pennäler einpauke tut
Viele Wörter sind auf is
Masculini generis
Panis piscis crinis finis 
I glaub s scho dass sie masculini sind Aber warom sind sies Ha warom ischt
panis das Brot männlich Sonscht sind die meischte Wörter auf is weiblich
Jetzt wo bleibt die Logik möcht i wisse Reimereien drüber hänt die
Grammatiker zustandebracht  aber die Sach bleibt eigentlich ongereimt«
    Diese Bemerkung verblüffte mich und ich meinte »Stimmt Dass piscis der
Fisch männlich sein soll will ich gelten lassen  auch wir Deutschen sagen ja
der Hecht der Karpfen der Aal Wie aber crinis das Haar zu der Ehre kommt
grade männlich zu sein und wieso es auch dann männlich bleibt wenns Weiber
haar ist das wissen die Götter«  »Hier liegt der Stumpfsinn auf der Hand«
entschied Uli »ond i sag euch wenn i Minischter bin oder mindeschtens
Reichstagsabgeordneter i sorg dafür dass net mähr so blöde Regle den
Pennälerverstand misshandle I werds Schachspiel zom Unterrichtsgegenstand mache
 an Stell von der lausigen Grammatich gelt« Das war nun wieder eine von Ulis
Grosszügigkeiten in ihm sahen wir einen künftigen Bismarck oder Napoleon
    Weil so die Gedanken auf die Zukunft gerichtet waren äußerte sich auch
Wendelin über sein Lebensideal »Der Bruno dichtet an seim Epos  mir ischt
Matema tik die schönschte Reimerei Mei Glaasbergle hat auf der Spitze einen
Krischtall« Fragend starrte ich diesen geistigen Wolkenstürmer an und er fuhr
fort »Aber der Krischtall dürft net so winzik sein wie Diamant Bergkrischtalle
hats schon in beträchtlicher Größe manche sind dick wie der Apfel da Aber
bedeutender müsst mei Krischtall sein  wie der Schuppen Ja größer noch Wie
die Wurmlinger Kapelle«  »Und« fragte ich gespannt  »Ond ganz scharf und
spiegelblank müsst mei Krischtall sein  spiegeln müsst er mir älles rings Ja s
Weltall müsst er abspiegele Na tät i älles im Spiegel betrachte Und die
Hauptsach wär dass sich älles was irgendwo geschieht berechne ließ waroms
grad so ond net anders hat müsse komme ond wies weiter geht«
    Ich bestaunte die Kühnheit dieses Ideals und Uli meinte mit Genugtuung
»Dann wär das Leben eine Art Schachspiel«  »O freili Wärs net schön wenn mr
die Nadur ond Weltgschicht studiere könnt wie mr Schachaufgabe löst«  »Dann
möchtest du also ein Staatsmann werden Als Politiker tut mr die Weltgschicht
vorher berechne  ond die Mensche tut mer schiebe wie Schachfigure«
    »Man glaubt zu schieben  ond mer wird geschoben  hab der Goethe gesagt« 
»Oho« muckte Uli auf »Meinen Weg gang i  und den möcht i sehe der mi als
Schachfigur schiebe dürft«  Unbeirrt fuhr Wendelin fort »Ja wenn das
Schicksal net wär Daas tuts«  »I selber will mei Schicksal sein«  »Dees
sagt sich leicht  doch vieles lässt sich net durchsetze  auch wemmer in der
Wahl seiner Eltern vorsichtik gwä ischt«  »Du meinscht weil mei Vatter Geld
hat«  »Ha jo Waas aber soll denn i abfange Eltern han i koine  Geld an
koins Bleibt mir der Onkel Gaschtwirt ond der Onkel Kaplan Deescht mei
Schicksal Ond schiebe tut mi dees«
    »Dann tät ich mich wenigstens net als Bauer schieben lassen« erklärte Uli
trotzig  und schrägen Blicks Wendelin »Bauer Noi Dees bin i net Der tut
immer bloß e Schrittle vorwärts«  »Sei Königin Läufer oder Turm« riet Uli
Aber Wendelin schüttelte den Kopf »So zu fliegen hat mirs Schicksal versagt
Aber Springerle kann i sein Dees tut einen Schritt gradaus ond einen schief«
Mit zwei Fingern das Pferdchen haltend veranschaulichte Wendelin auf dem
Schachbrett wies nach allen Seiten hüpfen kann »Springe tut s wohin der
Gegner net denkt  oms Eckle num kann s schieße  waas im Weg steht weiß s
zu omgehe  schlau ond schmiegsam ischt s  wie e Pfaff« An diesem Vergleich
fand er Behagen »Schwierigkeite zu omgehe darauf versteht sich niemand so gut
als wie mei Springerle ond dr Pfaff« Mit pfiffigem Blinzeln fügte er noch
hinzu »Ja dr Pfaff  ond die Weible Die können noch konkurrieren mit dem
Pfaffen gelt«
    Unsicher blickte Uli er wusste nicht wohin diese Anspielung ziele Dann
raffte er sich zum Spott auf »Waas weißt denn du von Weible Von Pfaffe magscht
ebbes verstehe  von Weible nicks«  Verlegen zuckte der andre die Schulter
»Ha no Mei Schweschter ischt doch au e Weible Ond i sag dir vom Pfaffegeischt
hat die schon ebbes Ond wenn die erscht im Kloschter ischt «
    Da gabs einen Krach als sei aus heiterem Himmel ein Blitz herabgefahren
Die Schachfiguren hüpften  mit der Faust hatte Uli aufs Brett geschlagen  von
einem Dämon der Wildheit schien er besessen wie er hochgereckt flammenden
Auges im Schuppen stand Gelähmt vor Schrecken starrte Wendelin »Himmelkreuz«
knirschte der Jähzornige seine Augen rollten Dann griff er sich an die Stirn
als ob er aufwache »Verzeih mir Wendelin«
    Wendelin schwieg traurig und kleinlaut fuhr Uli fort »Der Rappel hat mi
packt Dass du aber so rede tuscht  so von der Pia Dees han i net vertrage« 
»Ha warom denn net«  »Warom Weil dees auf keunen Fall gschehe darf dass die
Pia ins Kloschter kommt Hörscht Als Bruder bischt du verpflichtet dafür
zsorge«  Um den Mund hatte Wendelin ein schmerzliches Zucken »I Mir selber
weuss i net z helfe«
    »Aber i werd helfe« entschied Uli »Von meim Vatter werd i fordere dass
ers Geld hergibt für dich ond die Pia  na könnt ihr andre Wege gehen« 
Düster hatte Wendelin seinen Kopf gestützt »Und wenn mei Vormund der Kaplan
sich weigert von deim Vatter s Geld zu nemme Und wenn die Pia ins Kloschter
will Bedenke doch Wenn sie halt will«
    Tonlos stammelte Uli »Sie will Warom denn«  »Ha no Familiensache sind
dees«  »Familiensache Du kascht doch net dulde dass dei Onkel der Kaplan s
Piale beherrscht sie ond dich«  »Der Onkel Der spielt bloß die zweite Geig
Aber s Mütterle onser liebs Mütterle onser armes « Ergriffenheit
erstickte ihm die Stimme sammeln musste er sich um den Bescheid zu finden »Du
meinscht von so Weible tät i nicks verstehe Aber ischt net mei Mütterle e
Tochter Evas gwä Schön und hold so heißts sei die Eva gwä  mei Mütterle
wars au  deshalb hat mei Vatter net könne von ihr lasse obwohl sie net «
Wendelin wollte nicht heraus mit der Sprache
    Uli war sanft geworden »Brauchscht net weiter zu rede  ebbes davon han i
läute hören Dei Vatter hat dei Mütterle heiraten wolle hats aber zu lang
verschobe « Weinend platzte Wendelin heraus »Ja verschobe Ond ischt drüber
higstorbe So ischts komme dass i onds Piale mit dem Makel  ja mit dem
Makel  Warom aber hat mei Vatter so lang zögert Weil sei Vatter gegen die
Heirat mit der Schauspielerin war«  »I weiß Wendelin Ja du könntescht jetzt
Majoratsherr sein  mei Vatter hat mrs gesagt Wenn aber niemand von deines
Vatters Verwandten das Onrecht das an euch begangen ischt wieder gutmachen
will i möcht helfe i Ond werds durchsetze Ins Kloschter zu gehe soll die
Pia net nötik habe«
    »Ha ja« meinte Wendelin bitter »nötik hat sies grad net  kann ja
Kellnerin werde beim Onkel Gaschtwirt«  »Onsinn s gibt an passende
Stellungen für sie  ischt sie net e feins Mädle«  »Grad deshalb Fein ischt
die Pia  e zarte Dame Waas soll jetzt die in onsere Verhältnisse Ja wenn sie
zur Bühne könnt wies Mütterle Aber Onkel Flammer hat den Riegel vorgschobe
Hat der Pia ins Gewissen geredt  hat gewarnt um Gottes wille solle sie net s
Mütterles Weg gehe  sie muss vielmähr wieder guet mache waas Mütterle in der
arge Welt verfehlt hab«
    Uli wurde abermals unwirsch »Pfaffegschwätz Da wär nicks guet zu mache
Schuld hat dei Mütterle keune Schuld hänt bloß andre Leut Und andre Leut send
an jetzt wieder schuld dass dem Piale s Köpfle verdräht wird Aber i tus net
leide dass sie im Kloschter versauert« Als Wendelin den Einwand tat »Waas
willscht tun« brauste Uli auf »Heirate werd is Piale« Wendelin stammelte
»Hei  rate Wann denn dees Uli Vielleicht in zehn zwölf Jahre Inzwische
hats Piale den Schleier gnomme«
    »I dulds net Und wenn is Piale mit Gewalt raushole müsst« drohte Uli
blass vor Verbissenheit  Wendelin zuckte die Achsel »I selber  i bin dann
selber in eme Kloschter«  »Du Wendelin Du der Matematiker Der
Freigeischt«  »Matematikka mer au in der Kloschterzelle treibe Der
Freigeischt aber der sieht grad wies Schicksal on  ent  rinn  bar ischt
onentrinnbar  dees kann mr beweise Ond Pater Vinzenz hat mir prophezeit in
eme Kloschter werd i sterbe«  »Pater Vinzenz Wer ischt denn dees«  »E
Mönch Hat wiederholt im Rotteburger Dom geprädikt  dann send die katholische
Leut von weit und breit hergepilgert Eine Stimm hat der Pater  wie ne Orgel
Locken kann er donnern kann er Wenn er die Arme mit den Schleppärmeln breitet
ond mit seim Feueraug die Kirche durchrollt na ischt älles wie behext sei
Wort tut herrsche dass sich kei Zweifel herauswagt Ja der versteht sei
Handwerk Ond au dem Piale hat ers ahtan  wie bsesse ischt die vom Geischt des
Paters«
    »Und dich sogar hat er zom Narre gemacht Dass du glaubscht mer könn seim
Schicksal net entrinne Blödsinn Bloß recht z wolle braucht mer«  Wehmütig
schüttelte Wendelin den Kopf »Ob du wolle tuscht oder net ob du Meischter oder
Stümper bischt  älles kommt vom Schicksal Du selber bischt nix  ond ausrechne
könnt i warom dees älles grad so kommen muess ond net anders  konstruiere könnt
is  wenn i auf meim Glasbergle wär wo der Krischtall die ganze Welt
abspiegelt«  »Dei Glaasbergle kann mir gstohle bleibe« meinte Uli patzig Er
bereute aber sofort seine Schroffheit und streckte dem Freunde die Hand hin
»Nicks für unguet Wendelin I kenn mi selber net so wild bin i heut Waas du
gesagt hascht von Pia und der ganzen Kloschterei dees macht mir halt elend z
schaffe«
    Versöhnt ergriff Wendelin die Hand »Guet meinscht dus Uli  Ond wer
weiß ob dirs net glückt die Pia zu rette Du bischt e Mann der Tat ha «
Wie Sonnenschein glitt es über Ulis Gesicht sein herzliches Verhältnis zu
Wendelin war wiederhergestellt Und dieser schien seine beschauliche Art
wiedererlangt zu haben Als handle sichs um eine Schachaufgabe fragte er »Mit
Gewalt würdescht die Pia befreie wenn sie im Kloschter wär Wie meinscht dees«
 »Mei Revolverle nimm i«  »Ond«
    Die Abenteuerlichkeit des Plans schien Wendelin mehr zu fesseln als ein
praktisches Interesse In einer Stellung als drohe er mit gespanntem Revolver
fuhr Uli fort »Der Äbtissin sag i Heraus mit der Pia Sonscht «  »Sonst
tätest du sie verschiesse«  »Die Äbtissin Auf Weible schiess i net«  »Waas
willscht na mit deim Revolverle«  »Mi tät i verschiesse  mi« stieß Uli heftig
hervor  »Uli« sagte ich in zärtlicher Bewunderung  »brav von dir so
ritterlich aufzutrumpfen  aber lass es lieber Eine Äbtissin lässt sich nicht
erweichen  du würdest in der Aufregung vielleicht wirklich die Pistole
losdrücken«
    »Keine Überspannteit Uli« meinte Wendelin »Übrigens könnt mer die Pia
vielleicht dooch noch rette mit dem Wolkestürmer könnt mer sie entführe« Uli
horchte auf »Hast du ihn verbessert«  »Einen ganz neuen han i austüftelt Ihr
wisst ja vom Dädalus Wie der auf der Insel Kreta gefangengehalten wurde aber
entfliehen wollte Da verfertikte er für sich ond seinen Knaben Flügel und flog
über die See Diese Erfindung ischt der Menschheit verlore gange i aber bin ihr
auf die Spur kommen Wenn i sie herausbracht hab könnte mers Piale aus dem
Kloschtergarte entführe  durch die Luft Na braucht sich mei Uli net tot z
schieße«
    Forschend starrte Uli den Freund an »Ond wie denkscht du dir den neue
Wolkestürmer«  »E Krähe han i fliege sehen  na han i mir denkt Nachahme kann
i den Vogelflug net  aber benutze Einen SchwebeApparat han i mir austüftelt 
davor tu i große Vögel spanne ond ziehe müsse sie den« So hatten wir abermals
etwas zu bestaunen Ein schwebender Wagen von Vögeln gezogen Aber wir
wolltens auch begreifen Und Wendelin entwickelte seine Erfindung Ein Ballon
mit recht leichtem Gas sei nötig nicht sonderlich groß brauche der zu sein 
habe ja nichts weiter zu leisten als etwa drei Zentner in der Schwebe zu
halten Um diesen kleinen spitz geformten Ballon durch die Luft zu bewegen
bedürfe es keiner erheblichen Triebkraft  drei vorgespannte Schwäne würden
genügen Die Vögel seien an einem Drahtgestell befestigt und würden vom
Luftfahrer der in einer Hängematte unterhalb des Ballons hängt am Zügel wie
Pferde gelenkt
    Freudetrunken machte mich diese Idee  das Märchen war Wirklichkeit
geworden Auch Uli schwärmte obwohl ihm Bedenken kamen »Werden die Schwäne net
widerspenstik sein«  »Dressiere müsst mer sie halt Es wird eine Zeit kommen
wo jedes Haus seinen Schwanenstall hat Will mer na durch die Luft fahre spannt
mer eifach die Schwäne vors Wägle«  »Und du meinscht die Schwäne wären stark
genug«  »Wenn drei net ausreichen nimmt mer halt fünf Oder zwei Lämmergeier
Die sind so stark dass sie ein Lamm durch die Luft trage«  »Aber wild sind
Lämmergeier«  »Ha zähme müsst mer die Onser Ackergaul stammt vom Wildpferd 
durch Züchtung hat mer e geduldiks Viech erzielt«  »Wendelin« rief ich
»großartig Zauberei ist das In der guten alten Zeit als es noch Feen gab
hatten die einen Luftwagen mit Pfauen bespannt Auch heutzutage ließ sich
Pfauen verwenden  prachtvoll würde das aussehn«
                                       
    Durch dies Gespräch aufgeregt hatte ich nachts einen lebhaften Traum Wie
ein Vogel konnt ich fliegen mit den Armen flattern Auch die Füße ließ sich
dabei verwenden Bewegte ich sie wie ein Schwimmer der Wasser tritt so
schwebte ich sanft aufwärts Freilich nur in höheren Regionen gelang dies
Lufttreten Wendelin mit dem ich durch die Gassen einer alten Kleinstadt flog
hatte Mühe sich zu erheben Beängstigend wurde die Geschichte als Spiessbürger
empört gelaufen kamen und nach Wendelin langten Er strengte sich an dass er
keuchte kam aber eher rückwärts als vorwärts und fast konnte die schimpfende
Volksmenge seine Füße berühren »Tritt Luft« rief ich ihm zu und war selber
schon bei den Dächern Vergebens dass man aus Dachluken mit Stangen nach mir
schlug leichter wurde mir das Fliegen freier hob ich mich empor Doch ach der
unselige Wendelin geriet in die Klauen des Gassenvolkes  es war als ob Hunde
kläffend ein Edelwild zerfleischen
 
                                 Die Mühlspinne
Ein Nachmittag in den Herbstferien wars als unten bei Kuttlers ein Geschimpfe
und Geschrei losging Enzio war unter der Faust seines Vaters der mordsmässig
wetterte Gellend ging die Ladenklingel und wie ich zum Fenster hinausblickte
flog Enzio von einem Arm geschleudert auf die Dorfgasse dass er der Länge lang
in den Staub fiel Als er aufstand und in ohnmächtiger Wut plärrte wurde hinter
ihm drein kaum minder unsanft ein Handwägelchen expediert dann unter einer
wilden Androhung die Ladentür wieder zugemacht
    »Was ist los Enzio« fragte ich Ein scheuer Blick aus den schwarzen Augen
und mürrisch wandte er sich  schämte sich offenbar vor meiner Mutter die
soeben gleichfalls am Fenster erschien und teilnehmend fragte »Du sollst wohl
etwas holen Enzio mit dem Wagen da«  Er würgte sein Schluchzen hinunter
»Zur Neckermühl soll i Mehl hole«  »Na und Das möchtest du nicht Warum denn
nicht« Er schien unschlüssig wie er seine Widersetzlichkeit begründen solle
»I  i  bi  Gymnasischt Dees  Mehlhole im Wägle da  passt sich net
 für unserois«  »Ach dummes Zeug Du bist ja noch ein Junge Obendrein
Dorfjunge Geh getrost und hole das Mehl Arbeit schändet nicht«
    »Ich komme mit« rief ich um Enzio zu trösten Und weil meine Mutter nichts
einzuwenden hatte nahm ich meine Schülermütze und lief hinunter Enzio hatte
seine Tränen getrocknet und blickte schon zuversichtlicher Beide fassten wir den
Griff der Wagendeichsel und einträchtig nebeneinander zogen wir los Auf der
Lustnauer Baumstrasse raschelte welkes Laub und aus den geplatzten
Stachelschalen der Kastanien fielen die braunen Früchte so dass davon unsere
Taschen prall wurden Enzios Gram war verflogen und auch als wir in die noble
Wilhelmstrasse kamen bekam er keinen Rückfall Hinter dem Gymnasium gings die
Mühlgasse hinab So hieß sie weil es da mehrere Mühlen gab die das Gefälle des
vom Ammertal hergeleiteten Grabens ausnutzten Wie eine Schlucht sah die
Mühlgasse aus sie bebte vom Rauschen und Surren der Mühlen »Bischt in dr
Neckrmühl scho gwä« fragte Enzio »der Müllergsell heißt Louis Gassenmeier 
ischt bloß e Prolet doch e gscheiter Kerle« Die Steilheit der Gasse benutzend
setzten wir uns auf das Wägele  Enzio an die Deichsel um sie zu lenken  und
von selber rollten die Räder Als das Wägele auf den Platz schoss wo die
Neckarbrücke beginnt stand da der Torwart Fuchs um von einem haltenden
Zweispänner das »Pflaschtergeld« zu erheben Da wir ihn fast anrannten
schimpfte er  worauf Enzio mit Frechheit diente
    »So isch reacht Gibs em Enzio« hetzte der Müllergesell der am offenen
Tor der Neckarmühle lehnte Sie war ein nüchternes nicht hohes Gebäude mit
abgeschrägtem Dachgiebel an den Stadtmauerturm gelehnt der in alter Zeit die
Brücke beherrschte »Das ist wohl der Gassenmaier« raunte ich und Enzio
nickte Eine verkümmerte Gestalt bleich bartlos Mehlbestaubt die schlaffe
Mütze mehlbestaubt die nachlässig hängende Hose Das graue Hemd an der Brust
offen war über hagere Arme aufgekrempelt »Dem Fuchs muess mr eis drauf gebe auf
sei borschtige Ssaukopf« Nach diesem Giftworte streckte Gassenmaier grinsend
die Hand zum Willkommen Etwas Lauerndes hatten die kleinen graugrünen
rotumränderten Augen Auffallend waren die Pockennarben die das fahle Gesicht
übersäten als ob darauf Erbsen gedroschen wären Eine Narbe am Halse schien von
geschnittener Drüse herzurühren
    Spähend blinzelte mich Gassenmaier an »Der Gymnasischt aus Norddeutschland
Dems Wurschterle d Nas verschlage hat gelt« Ich quittierte mit saurem
Lächeln Wir folgten in die Mehlstube wo uns Surren und Tosen empfing Nach
Mehl roch es gereiht standen weiße pralle Säcke Steinscheiben konzentrisch
ineinander von Treibriemen in Drehung versetzt Aus dem Trichter darüber
rieseln die Körner Leert sich ein Mahlgang so läutet eine Glocke automatisch
sobald die Mehlfalle nicht mehr belastet ist Dann muss neue Frucht aufgeschüttet
werden
    »Unds Mühlenrad« fragte ich  »Kommet« erwiderte er und führte zu einer
Falltür  eine Treppe ging hinab Aus der dunklen Tiefe hauchte es feucht laut
war nun das Rauschen Plätschern und taktmässige Stampfen »Lauschet ihr
Studentle« sagte der Müllergesell behaglichen Spottes  »lauschet waas die
Räder schwätze Dr Müller dr Müller  stiehlt tapfer stiehlt tapfer  e
Sechstel vom Achter  hoho« Indem wir hinabstiegen wurde das Tosen so stark
dass man die Worte schreien musste Die Bretter über die wir gingen waren lose
auf die Balken gelegt Unter ihnen schoss das Wasser dahin dunkelblank im Schein
der Laterne
    Ich beugte mich übers Geländer da donnerte der breite Schwall auf
Schaufelräder  ächzend wälzten sie sich und trieften Unter dem Gischt
schimmerte grün die Flut Einen so mächtigen Eindruck hatte ich nicht erwartet
und riss die Augen auf Nickend schrie mir Gassenmaier zu »Gelt Dees ischt e
Mühlwerk«
    Als er in die Höhe leuchtete sah ich Seile Balken Zahnräder Von oben
dämmerte Tageslicht  ich spähte hinauf  wir waren in einem Schacht durch die
Öffnung oben blaute der Himmel herein
    Nahe bei mir bemerkte ich etwas das mich peinlich berührte ein
ausgebreitetes Spinnengewebe mitten drin eine dicke Spinne Gassenmaier der
meinem Blick gefolgt war leuchtete mit der Laterne hin »Mei GlücksSpinn ischt
dees« Es war eine unheimliche Kreuzspinne schwarz und weiß gestreift
graubepudert wie der Müllergesell Regungslos lauerte sie  hier und dort
hingen im Netz ausgesogene Fliegen Anzuglotzen schien uns das Raubvieh
zugleich nach einer Motte schielend die um die Laterne taumelte Da die Motte
meinem Gesicht nahe kam wehrte ich mit der Hand ab Gassenmaier meinte ich
wolle seiner Spinne etwas tun und hielt mir den Arm fest »Spinne am Abend
erquickend und labend gelt« Dann haschte er die Motte drückte sie tot und gab
sie der Spinne ins Netz Durchs Schallrohr seiner Hände rief mir Gassenmaier zu
»Au e Mühlteufel han i Willscht sehe« Und er drehte mich einer Tür zu die mit
Eisenblech beschlagen war »Da tut der Mühlteufel wohne ond sei Grossmütterle
Glaubscht net Beileib Mühlteufels Grossmütterle ischt nämlich die Mahlkrott  e
quappiks Viech  grad scheints spaziert se irgendwo«
    »Eine wunderliche Mühle haben Sie da Herr Gassenmaier Übrigens ist es
schon mehr eine Fabrik«  Er hielt das für ein Lob und nickte »Net wahr Ond
viel besser tät sich die Fabrik rentiere wenn mei Kabidalischt schlauer wär
Schlau muess dr Mensch sei wenn ers zu ebbes bringe will« Er tippte sich auf
die Stirn als ob er da einen Schatz habe Und wir begaben uns wieder zum oberen
Raum
    Das Knappenstüble war im Turme den die Mühle in den Neckar vorschiebt Eine
Bank war durch übergebreitete Kissen zum bequemeren Liegen hergerichtet Bei
einem Fenster lag auf dem Werkeltisch Hobel Axt Bohrer »E rechter Müller muess
au Zimmerma sein Hier gibts auweil ebbes zu repariere Aber jetzt kommt s
Bescht« Aus einem Wandschrank holte er eine Flasche »Schwarzwälder
Kirschegeischt« Ein Schnapsgläschen voll kippte er in seinen Mund den Kopf
zurückwerfend »Ha dees tut guet« Das zweite Glas bot er Enzio an und dieser
ahmte dem Beispiel forsch nach Auch ich erhielt mein Glas und nippte
vorsichtig Feuer rann mir durch die Kehle ich hustete
    Des Müllergesellen Gastlichkeit vergalt Enzio nobel mit Zigarren und die
beiden setzten ihre Glimmstengel in Brand indessen ich durchs Fenster blickte
Drüben jenseits des Neckars war die Platanenallee links die Brücke Dicht
unter dem Fenster kam grünweiss das Mühlwasser herausgeschossen in den Fluss
Paffend bemerkte der Gesell »So lässt sichs Müllerdasein ertrage  aber e
Ssauerei ischts dooch E guets Kräutle Davon derfscht mer e Kischtle besorge
Enzio Ond waas macht dei Schweschter die Linda Blitzsaubers Weibsbild Potz
Wetter hat die Auge Wie Kohle Ond tanze tut se HimmelSsackerle dees wär e
Bräutle für mi Wann i die hätt Kascht net e Wörtle für mi einlege Enzio
Sag i wär ganz verschosse Ond Geld han i au Wer weiß wozu is noch bring
Mei GlücksSpinnle tut für mi spinne Enzio  wir send ons einik gelt
Einschtweile bin i noch Galeeresträfling in der Mühl da  abers kommt e bessere
Zeit Der Johann Moscht wird dem Kabidal den Garaus mache Ssauhund send die
Kabidalischte Bloß dass mirs zu lang dauert mit dem Moscht sein Omsturz Drum
bin i net grad Sozialischt  bin au net Kabidalischt SozialKabidalischt bin i
 ond wenn Linda ihre Aussteuer bringt werd i Milljonähr«
 
                               Beim MadeereBeck
»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende« seufzte mein Vater als er mit
mir von Lustnau nach Tübingen ging wohin wir übersiedeln mussten Die Bäume der
Landstraße griffen mit leeren Armen in kalten Herbstdunst dürr raschelte das
Laub unter unseren Füßen geschorene Wiesen waren von Reif versilbert Dem
Fuhrwerk das unsern Hausrat zur neuen Wohnung beförderte folgten wir in
gedrückter Stimmung als wärs ein Leichenwagen Und allerdings wurde unser
schwäbisches Dorfidyll gewissermaßen zu Grabe getragen Aus dem Obst und
Rosengarten wo Immen summten aus der Nachbarschaft sonniger Weinberge und
Schnützelputzhäusel sollten wir unser Heim in die Altstadt verlegen in die
Neckargasse wo Marktleute strömten und Wagen rasselten
    Das Haus lag dicht gegenüber dem Chorschiff der Stiftskirche und war ein
uraltes Kleinbürgernest Mit vorgekragten Stockwerken krummen rissigen Balken
und einem steilen schadhaften Ziegeldach An der Aussenwand war in Stein
gemeisselt Dies haws ward 1493 erbawt  Ein daneben befindliches Holzschild
nannte die »Bäckerei von Forstbauer« Gebacken freilich wurde hier nicht bloß
Backware verkauft Dazu Getränk das mit Nachsicht zu genießen war Weil der
Beck einmal  vor Jahrzehnten  einen gezuckerten Krätzer als »Madeira« verzapft
hatte war er von den Studenten »MadeereBeck« getauft und so hieß er seitdem
im Volksmunde Wer das Haus zum MadeereBeck betreten wollte stieg vom schmalen
Bürgersteig ein paar Steinschwellen empor und war nun in einer Nische Rechts
führte die Tür zur Gaststube wo der MadeereBeck ein gebeugtes Männlein mit
wirrem Grauhaar den Marktleuten seine Wecken auftischte dazu Schwartemage
Backsteinkäs und einen sauren desto mehr angepriesenen Moscht Links bei der
Hauspforte war das Fenster hinter dem die MadeereBeckin zu sitzen pflegte
eine knochige Alte mit einem hängenden Kropf Ihre fischartig vorstehenden Augen
lugten durch die Scheibe nach der Kundschaft Dem Mädle das Brot holen wollte
reichte sie durch die Fensterklappe den Brotlaib und strich das Geld vom
Aussenbrett ein
    Des Hauses Haupttür war aus schwerem Holz mit grossköpfeten Nägeln
beschlagen Über der Eisenklinke befand sich ein Klopfer aus Eisen wie er in
alter Zeit statt der Klingel diente  eine Art Hammer mit dem man pochte dass
es durchs Haus dröhnte Vom dunklen Hausflur der eine Falltür zum Keller hatte
gelangte man auf abenteuerliche Weise zu den oberen Stockwerken Aus wackligen
Steinplatten war die Treppe gefügt ähnlich einer WengertSteige Nahezu ohne
Licht bog sie nach links und die auf dieser Seite schmalen Stufen machten das
Emporsteigen für den Uneingeweihten bedenklich Wenn die Hand nach einem
Geländer tastete fand sich nur ein Strick  mittels dieses urwüchsigen Anhaltes
mochte man sich emporarbeiten Die ersten Bewohner des Oberhauses die sich
bemerkbar machten  durch Laute und durch Duft  waren eine Kuh ein Schwein und
ein paar Gänse untergebracht in einem finsteren Stalle der hier im ersten
Stockwerk lag Wand an Wand mit solch wirtschaftlicher Einquartierung nach der
Straße zu hatte das madeerebecksche Ehepaar seine Privaträume Sie dienten
zugleich als Speicher für Mehl Bohnen Erbsen und getrocknetes Obst Vor den
Fenstern hingen an Schnüren Maiskolben schön gelbe Reihen an dicke Halsketten
aus Bernstein mahnend
    Zum zweiten Stockwerk führte eine steile Holztreppe und hier war die neue
Wohnung der Familie Wille Die drei Vorderzimmer ließ es an Breite und an
Helligkeit nicht fehlen waren aber niedrig und bäurisch Die Wände ungeschickt
mit Kalk beworfen weiß getüncht Die Decke ruhte auf ungeschlachten etwas
krummen Balken Vor der kalten Küche hatte meine Mutter eine Scheu Mit
Backsteinen war sie gepflastert hatte einen Ausguss der durch eine Mauerlücke
in den Hof führte und diese Öffnung stand in peinlich ventilierender
Wechselwirkung mit einem Herdrauchfang der so frei in den Schornstein führte
wies unsere Altvorderen eben gewohnt waren
    Was im Hinblick auf die raue Zeit tröstete war unsere Holzkammer überem
Salon der MadeereKuh Gleich nach vollendetem Umzug war sie mit zersägten
Buchenstämmen angefüllt Mit dem Beile waren die Blöcke noch zu zerscheitern
und das geschah auf einem Hackeklotz der sich in der Holzkammer befand
    Dass diese derbe Hantierung mir von der Mutter anvertraut war passte dem
Betätigungsdrange des hochgeschossenen Jungen Das Beil in der Faust kam er
sich mannhaft vor und hieb dass die Scheiter flogen Einen Dämpfer erhielt mein
Eifer durch eine Entdeckung die Holzdielen der Kammer waren vor Alter so
morsch dass ich mit aufgestampftem Stiefelabsatz einen Eindruck machte als sei
Pferdehuf in Erde gedrückt Indem ich einen tüchtigen Buchenknubben vorhatte und
das Beil mit äußerster Gewalt hindurchkeilen wollte tat ich einen Hieb dass der
Hackeklotz in die Diele einbrach Ein Glück dass darunter noch Balken lagen 
sonst wär ich wohl durchgebrochen und der MadeereKuh auf die Hörner gepurzelt
    Als die Familie bei der Abendlampe um den Tisch saß brachte meine Mutter
der ich gebeichtet hatte den Vorfall zur Sprache und jammerte »Mit dieser
Wohnung sind wir gründlich reingefallen Ich glaube der Schwamm ist drin Da
hinten ist alles verstockt und zermürbt Das kommt von den feuchten
Stalldünsten kommt von der MadeereKuh Eine unerhörte Verschrobenheit im
ersten Stock in der Beletage eine Kuh zu halten So was kommt nur in diesem
Spiessernest vor«
    Mein Vater antwortete nach Überlegung »Bedenke wie Tübingen mit der
Landwirtschaft verwachsen ist Jeder Hausbesitzer hat vor der Stadt ein Aeckerle
oder Weingärtle  und unserm MadeereBeck ist durch seine kropfige Ehehälfte ein
Stück Land eingebracht das eine Kuh nähren dazu noch Kartoffeln und Welschkorn
tragen kann um Schweine und Gänse zu mästen Die Kuhmilch kann er für seine
Kaffeegäste brauchen Übrigens beziehen wir die Milch von der MadeereKuh Was
mir nebenbei gesagt nicht koscher vorkommt Das arme Vieh das so gut wie gar
keine Sonne kennt und keine frische Luft kann nicht gesund sein wie eine Kuh
die ins Freie kommt«
    »Wie« fragte ich  »die MadeereKuh kennt keine Sonne und kommt nicht ins
Freie Wird sie denn nicht von Zeit zu Zeit auf die Weide geführt«  »Sprich
nicht gedankenlos Junge« sagte die Mutter »Die Kuh kann doch nicht die Treppe
runter spazieren und wieder herauf«  »Es gibt noch einen andern Zugang zum
Stall « entgegnete ich  »dies Haus ist an den schrägen Schulberg gebaut  zu
dem führt vom Kuhstall eine bretterne Brücke  ich habe mal gesehen wie von dort
ausgemistet wurde«  »Das mag sein«  sagte mein Vater  »aber mit der Kuh
machen die Leute nicht solche Umstände dass man sie spazieren führt Die hat
wohl kaum als Kälbchen die Wiese gesehen Sie kommt mir vor wie Kaspar Hauser« 
»Wer ist denn das«  »Den hatte man bald nach seiner Geburt geraubt und in ein
finsteres Gefängnis gesteckt  da ist er aufgewachsen so dass er als Jüngling
von der Welt nichts kannte als seinen Wärter und die lichtlos öde Enge Wie er
nun auf einmal freikam war er taumlig vor Verwirrung über all das Neue
Grossartige das ihm begegnete Sonne Blumen Kornfeld Himmelblau mit Wolken
nachts das prangende Sternenmeer alles sah er jetzt zum erstenmal Die
MadeereKuh ist eine Art Kaspar Hauser«
    »Rasch verkaufen sollten sie das Vieh  oder schlachten« meinte die Mutter
»Abgesehen von der Milch die sie uns gibt ist sie eine üble Eigentümlichkeit
dieses Hauses Nicht bloß den Stalldunst verbreitet sie stört auch zu
nachtschlafender Zeit mit ihrem Kettengerassel  Oh dies Tübingen Hier ist
alles rückständig und vermurkst Die Gassen eng ohne Sonne die Häuser uralt
dumpfig elend bäurisch In manchen Quartieren soll der Krebs hausen Wenn wir
nur nicht in ein Krebshaus geraten sind Oh Dass uns das Schicksal in dies
Schwabennest verschlagen musste Weißt du wie es mir vorkommt Wie die
MadeereKuh«  Mein Vater seufzte und blieb zuerst stumm meinte dann »Schade
dass wir nicht in Lustnau bleiben konnten Da hatten wir Sonne und Luft Freilich
muss ich gestehen Da hocktest du in der Wohnung statt dich im Rosengarten zu
sonnen Aber so ist der Mensch Was er hat nimmt er nicht genug wahr«
    »Du redest wie dus verstehst« erwiderte meine Mutter »Wenn ich im Haus
zu tun habe kann ich nicht wie eine Gräfin im Park sitzen Übrigens vertrage
ich Gartenfeuchtigkeit nicht Wir hätten eben weiter nach Süden ziehen sollen«
 »Wohin denn aber Freiburg hatten wir in Betracht gezogen Aber die
Verhältnisse waren da nicht so günstig«  »Sonne Sonne tut mir not« klagte
die Mutter leidenschaftlich »Ich kann nicht genug Sonne kriegen hat auch der
Arzt gesagt Schmoren möcht ich in Sonnenglut Südfrankreich wäre was für mich
 Nizza Avignon Montpellier Da gedeihen Apfelsinen und Feigen wie bei uns die
Äpfel Solch ein Sonnenland ist ein richtiger Garten Eden Ja wenn wir dahin
gezogen wären«
    »Aber bedenke doch die Kinder«  »Na ja Ich weiß« antwortete die Mutter
bitter »es ist eben ein Traum Das beste Leben bleibt immer Träumerei Das
Schicksal narrt uns Sein Glück phantasiert man sich zusammen  dann stellt sich
heraus dass es Seifenblase ist oder  wie du sagst  ein Glasberg Manchmal
denk ich Unsereins ist dazu verurteilt im Engen Dumpfen Finsteren zu hocken
Ein Kaspar Hauser ist man hier Eine MadeereKuh Hier versauert und verbauert
man« Schweigend stand der Vater auf zündete sich ein Licht an und ging ins
Nebenzimmer Ich wusste dass er an seiner Augenhöhle mit Höllenstein zu beizen
hatte
    In dieser Nacht träumte mir von einer paradiesischen Landschaft Sie hatte
etwas vom Wengert an der Waldhäuser Halde auch Schnützelputzhäuser waren da In
weißer Sonne saß die Mutter ich hatte ihr Apfelsinen gebracht wie sie
leuchtend an allen Bäumen hingen Feigen schmauste ich die wild an den Wegen
wuchsen Meine Mutter sagte zu mir »merci mon enfant« und ich dachte So wird
hier ohne Grammatik parliert  hier braucht man keinen Ssaubock
    Es war mir aber als ob jemand riefe »SsauBeck«  und plötzlich zerstob
mein Traum wie eine bunte Seifenblase Als ob ihn jener Schlag zertrümmert
hätte den ich dröhnen hörte Es war ein Schlag des Klopfers an der Haustür Und
ich war nicht im Südenparadies sondern lag in meiner Kammer die vom Hofe her
einen matten Abglanz des Mondes bekam so dass ich den krummen Balken
unterscheiden konnte  Unten ging neues Klopfen los  Studenten warens Sie
schwatzten johlten einer rief »Aufgemacht MadeereBeck Bring uns Moscht
ond heiße Weck« Gelächter lohnte den Witzbold Die Zechkameraden hatten sich
darauf versteift ihren Rausch mit einem derben Katerfrühstück zu dämpfen
Fanden aber keine Gegenliebe beim Wirt Als er nicht erscheinen wollte
schwatzten sie noch eine Weile dummes Zeug ein Bass blökte »Im tühfönn Köll 
lör sütz üch hür « Dann war die Bande wie tobsüchtig und brüllte
»SsauBeck« Endlich entfernte sie sich  die Stimmen verhallten Zuweilen kam
noch ein Gemurmel Aber nein das war Novemberwind Dann dumpf ein Stampfen
Kettenrasseln  unsre MadeereKuh
 
                               Robinson im Winkel
Wie meine Mutter von ihrem Sonnenland schwärmte ich von urwüchsiger Natur von
Seefahrt Steppenund Waldläuferei von einem Leben das alle brauchbaren Kräfte
in freier Betätigung heranbildet Früchte wollte ich pflücken wo sie wild
wachsen oder durch Anbau gewinnen Tiere jagen und züchten die Hütte mir
selber bauen mein Boot zimmern Kleidung und Gerät verfertigen Mein Held war
Robinson der durch Selbstilfe ein von Kultur unberührtes Eiland zum tropischen
Glastelfingen gestaltet
    Unter den Freunden wars besonders Uli der mich in solchem Idealismus
bestärkte Wendelin liebte weniger das Urwüchsige als Kunst Wissenschaft feine
Lebensart Immerhin spendete er Beifall wenn Uli grollend loslegte
»Engbrüschtige Menschheit Deine Gesittung mag i net Die Naturkinder in der
Südsee ond in Afrika lass du in Frieden statt deine Missionare ond Krämer auf
sie zu hetzen Was mr Kultur heißt bringt dene nicks Guts So wenik wies den
Büffeln der Prärie gut getan hat dass sie der Kulturmensch umgewandelt hat in
Stallviecher in MadeereBüffel Auch ons Pennäler will mr so komme Aber wir
duldens net gelt Zum Kaschpar Hauser der die Sonne net kennt lass i mi net
mache Unsre Hörner wolle mr brauche Die freie Welt tun mr dooch entdecke
gelt«
    Dieser naturhafte Trieb ins Freie regte sich auch in anderen Mitschülern
Einer namens Gaiser war plötzlich verschwunden  »durchgebrannt« wie man
raunte Aus dem Brief den er hinterlassen hatte ging hervor dass er gegen die
Schule eine unbezwingliche Abneigung habe Er wolle  schrieb er  nach
Brasilien auf dem Rio Negro im Kanu als Fellhändler leben Man möge ihm nicht
nachsetzen  eher werde er sich totschiessen als zurückführen lassen Merkwürdig
dass Gaiser keineswegs zu den schlechtesten Schülern gehörte und durch seinen
Schritt alles verblüffte Seine Schweigsamkeit hatte bewirkt dass er keinen
Vertrauten hatte und dass die Lehrer obwohl sie seine Leistungen anerkannten
ihn fast übersahn War nun Gaiser durch seine Tat der Held des Tages geworden
so stürzte er rasch von seinem Glasberg ab Keine Woche nämlich war vergangen
so erschien er wieder in der Klasse als sei nichts vorgefallen  hatte sogar
einen Entschuldigungszettel von seinen Eltern Er machte dasselbe gleichgültige
Gesicht das er immer gemacht hatte Von den Schülern war nichts aus ihm
herauszubringen Durch seine Eltern wurde bekannt in der Nacht hab er geklopft
und sei wie man geöffnet schweigend eingetreten Ohne weiteres hab er sich
seiner nassen Kleider entledigt und ins Bett gelegt Kaum dass er etwas Nahrung
die ihm die Mutter reichte hinuntergeschlungen habe so sei er in schnarchenden
Schlaf verfallen Da die Lehrerschaft dem Ausreisser weiter nichts vorzuwerfen
hatte ging sie achselzuckend über den Fall zur Tagesordnung über Ulis Versuch
Gaisers Vertrauen zu gewinnen erzielte nichts als dass dieser mit verlegenem
Lächeln meinte »Wemmer koi Geld hat kammer nicks mache«
    Das war ein ernüchternder Wasserstrahl für meine RobinsonSchwärmerei Enzio
meinte Gaiser sei e Stümper  mit Geld muss mr halt hinreichend versehen sein
 das hab auch Gassenmaier gesagt
    Meine Robinsonade spielte sich während der Winter ins Land geschnoben kam
zahm hinterm Ofen ab  in Gestalt von Handwerkerund ErfinderBasteleien Es
reizte mich Ideen aus mir heraus zu verwirklichen Ich tüftelte schnurrige
Mechanismen zusammen Windmühlenflügel bewegten sie durch den Luftstrom am
heißen Ofen getrieben Aus Pappe die ich bemalte wurde ein Schmied der beide
Arme bewegte während der linke die Zange mit dem glühenden Eisen zum Amboss
streckte schlug der rechte mit dem Hammer drauf Das pinkende Geräusch brachte
ich durch eine Drahtsaite heraus gezupft von einer Federpose die mit der Mühle
zusammenhing Variante dieser Grundidee war eine singende Harfenspielerin
Taktmässig riss sie den Mund auf verdrehte das Auge und griff in die Saiten 
diese spannten sich von ihrer ellenlangen Nase nach dem ebenfalls langen Fuß so
dass Harfe und Sängerin in einer Gestalt vereinigt waren hinter ihr war
natürlich wieder ein Klimperwerk
    Was dazu beitrug dass ich mich auf solche Basteleien warf war das Gefühl
meiner Unfähigkeit das Epos vom Glasberg herauszukriegen Die Poesie die mir
in Worten nicht gelang wollte sich plastisch ausdrücken In dieser Hinsicht
fand ich besondere Freude an der Gestaltung einer Weihnachtskrippe Unterm
Tannenbaum auf Waldmoos war der Stall von Bethlehem mit der heiligen Familie
mit Engeln von oben Hirten und allerlei Getier Der Hintergrund zeigte vom
Monde beflimmert den steilen Glasberg Das Erfinden Zeichnen und Tuschen
Kleben und Ausschneiden diese Robinsonade im Winkel verwob sich gemütlich mit
den Stimmungen die das Weihnachtsfest herbeiführte Während der Adventzeit
erwachte ich vom Chorsingen der »Pauper« So nannte man ärmliche Knaben die
sich unter Führung ihres Gesangmeisters durch religiöse Morgenständchen etwas
Geld verdienten das ihre Hauskollekte zusammenbrachte Aus hellen Kehlen scholl
es bald fern bald nah »Vom Himmel hoch da komm ich her«
    Auf die Weihnachtsromantik erfolgte eine neue Periode meiner
RobinsonSchwärmerei als wir Anfang März das Haus zum MadeereBeck verließen 
wir hatten einen Ersatzmieter gefunden Unsere neue Wohnung war im Hause des
Malermeisters Hebsacker im »Neckarbad« so genannt weil sich da ein paar
hölzerne Badehäuschen befanden Westliche Nachbarschaft war jenes Haus wo nach
seinem Verunglücken Herr Bolkendorf gemietet hatte um Raum für Frau Kuttler und
Rosel zu haben die ihn pflegen sollten Die zu beiden Häusern gehörigen Gärten
bildeten ein einziges durch keine Abgrenzung geteiltes Gelände wo es
Gemüsebeete Rosen Obstbäume und Lauben gab auch eine ragende Tanne Jenseits
des rauschenden Flusses hob die PlatanenAllee das noch kahle Gezweig Mit
seinem Rücken drängte sich das Hebsackersche Haus an die Stadtmauer und diese
schob nur einen Steinwurf von uns ostwärts den alten Befestigungsturm vor wo
Hölderlin der irre Dichter lange gehaust hat Dorthin erstreckte sich
unterhalb der Mauer an sie gebaut ein nach der Neckarseite offener Schuppen
wo früher einmal wie es hieß Tuchmacher ihre Gewebe gespannt hatten
    Jetzt gab es da Gerümpel und Brennholz Aber noch etwas Seltsames eine
Kiste so groß dass ein Mensch darin Platz fand wenn er sich zusammenkrümmte
Tatsächlich diente die Kiste selbem Zwecke Einen Sonderling beherbergte sie
nachts sogar im Winter Gewähren ließ man den »alten Faulhaber« weil er arm
war und es im »Gutleutaus« wo man ihn früher untergebracht hatte nicht
aushielt Mit anderen Menschen zusammenhausen und nach Vorschrift leben war ihm
zuwider Im Schuppen sagte er seis gemütlich Die frische Luft sei er
gewohnt in einer Kammer würd er ersticken Den Neckar hör er gern rauschen
der Garten komm ihm wie sein eigener vor hier dürf er leben wies ihm passe
hier hab er seine Heimat Niemand legte dem alten Faulhaber etwas in den Weg
da er still für sich lebte und den Nachbarn gefällig war obwohl ihm keine
vorgeschriebene Arbeit passte Man gab ihm Essen und abgelegte Kleidungsstücke
etwas Geld verdiente er sich ein Bettler mochte er nicht sein
    Als ich ihn mit Wilhelm Hebsacker dem Sohn unseres neuen Wirtes besuchte
saß der Graubart vor seiner Bettkiste und flickte einen zersprungenen Topf mit
Draht Willkommen schien ihm der Besuch nicht zu sein scheu lugten die Augen
unter grauen Augenbrauen Einsilbig antwortete er auf Hebsackers Fragen geriet
aber schließlich ins Plaudern Vom Fischfang erzählte er den er mit Vorliebe
betrieb Nächstens werde er viel Fische fangen meinte er einen Nachen wolle er
bauen Auf die Frage wie er das anzustellen gedenke winkte er geheimnisvoll
und führte uns zum Winkel des Schuppens hinten beim HölderlinTurm Da lag die
Ruine einer Bodentreppe bestehend aus zwei Balken mit aufgenagelten Brettern
Und es erklärte Faulhaber wie sich draus das Fahrzeug zimmern lasse Ich war
vom Alten begeistert und raunte Hebsacker zu das sei ein Robinson im Winkel
    Ihn allein zu besuchen wagte ich bald und es gab eine leidliche
Verständigung Ich erzählte vom weisen Diogenes zu dem als er sich grade
sonnte König Alexander herablassend sprach »Ich möchte dir eine Gnade erweisen
 was soll ich tun«  »Mir aus der Sonne gehen« antwortete Diogenes der ebenso
freimütig wie bedürfnislos war Die Hofschranzen waren entrüstet über den
Grobian doch der König sprach »Lassen wir ihn in Frieden Er hat recht und
könnte mich fast beschämen Während ich unersättlich die Welt erobern möchte
hat er sich freigemacht von allen Dingen an denen unsereins hängt Wenn ich
nicht Alexander wär möcht ich Diogenes sein«
    Gespannt und nachdenklich hatte der alte Faulhaber zugehört er nickte und
nickte Noch einmal musste ich die Geschichte erzählen und wie er alles
begriffen hatte blitzten seine Augen er kicherte in sich hinein wohlerhaltene
Zähne zeigend Als ich bald darauf wiederkam grinste er »Griess di Goot mei
Alexanderle«
    Es war das letztemal dass ich ihn sah In der Frühe andern Tages fand man
ihn tot Am Neckar lag er das Gesicht im Wasser Er hatte sich waschen wollen
war ohnmächtig geworden vielleicht infolge Schlaganfalls und ertrunken Den
Leichnam tat man in die Bettkiste darin hat man ihn begraben Wären wir Knaben
nicht durch die Schule verhindert gewesen unserm Diogenes hätten wir die letzte
Ehre erwiesen
 
                              »Ich bin ein Christ«
Konfirmatio heißt Befestigung im Glauben »Wer da will selig werden« versichert
ein Bekenntnis der Kirche »muss vor allen Dingen den rechten christlichen
Glauben haben  wer den selbigen nicht ganz rein hält der wird ohne Zweifel
ewig verloren sein«  Ewig verloren Unheimlich düstres Wort  ich konnte daran
nicht glauben so wenig ich im Grunde meines Herzens Beifall für Luthers Formel
fand »Wir sollen Gott fürchten und lieben« Herrn Hainlin liebte ich fürchtete
ihn aber nicht im mindesten  wusste ich doch dass ers immer gut mit seinen
Schülern meint Und nun sollte ich Gott fürchten Ihn der die Liebe ist Als ob
er geringer sein könnte als Herr Hainlin Und zutrauen sollte ich dem guten
Hirten er lasse ein Schäflein ewig verloren gehen bloß weils nicht den
Konfirmandenglauben hat
    Strenge Formeln wie jenes atanasische Kirchenbekenntnis paukte Naso mit dem
Eifer eines Anwalts der Gottes Sache führt Sein Religionsunterricht galt ihm
als die Vorbereitung auf das allerhöchste Examen Die Braven befördert es zur
Engelsklasse die andern fallen durch in den Schlund der Hölle Dieser graulige
Hinweis machte mir allerdings keine Kopfschmerzen Mein Herzensgärtlein bewahrte
sich einen Winkel wo zwischen allerlei Eigengewächs das Blümlein Vertrauen
blühte Der liebe Gott  sagte ich mir  ist doch kein Schulmeister der die
Schüler mit albernen Formeln quält mit Examenangst und mit einer Strafe die
noch viel bösartiger ist als Tatzen mit dem Rohrstock Dazu ist Gott viel zu
gutmütig und weise Sollte er wirklich am Jüngsten Tage ein Glaubensgericht
veranstalten das die Böcke von den Schafen absondert so wirds damit nicht
schlimm gemeint sein Es wird mir schon gelingen durch ein Gnadenpförtlein ins
Himmelreich einzuschlüpfen  und schließlich dürfen Böcke wie Schafe auf der Aue
bei den Sternblumen herumspringen Ich stellte mir dies Gefilde als eine Art
Glastelfingen vor Allerdings schwärmte ich nicht bloß engelhaft sondern oft
recht bengelhaft Zu Widerspenstigkeit reizte der Religionsunterricht Für
manches Lehrerwort hatte der Pennäler ein überhebendes Lächeln Bisweilen
stupfte einer verstohlen dem Nachbar in die Seite »Glaubst du das« Einmal wie
von der Hölle die Rede war grunzte ich halblaut »Bangemachen gilt nicht« Die
Beweggründe zu solchem Verhalten lagen mehr im Gemüt als im Verstande Ich war
kein Vernünftler Die biblischen Wunder verwarf ich nicht Befriedigten sie eine
Sehnsucht in mir so glaubte ich daran wie an die Glasbergprinzessin und ihren
Erlöser Sonst schüttelte ich den Kopf
    Zum Beispiel die Verfluchung des Feigenbaums wollte mir durchaus nicht
einleuchten Den Feigenbaum soll Christus verflucht haben Dies schöne dies
unschuldige Gewächs Und weshalb Weil keine Feigen an ihm waren zu einer Zeit
wo überhaupt keine Feigen gewachsen sein konnten Für ein ganz ordentliches
Verhalten wird also der arme Baum abgestraft so schrecklich dass er verdorren
ja ewig keine Frucht tragen soll Das passt nicht für einen Heiland Wär ich
Christus die Feigen auf die ich Appetit hätte würde ich rasch an den Baum
zaubern  würde dann sprechen Sei gesegnet lieber Baum Nun sollst du immer
schon im Frühling Feigen tragen Ja ich würde die ganze Gegend in einen Garten
Eden verwandeln Dann könnten sich die Leute fein gütlich tun Solche Wunder
würde ich tun und so was traue ich auch dem Heiland zu Wenn er das Töchterlein
von der Totenbahre auferweckt  das ist ein gutes Wunder daran glaube ich
    Statt der biblischen Geschichte die meinem Herzen willkommene Anregung gab
machte sich in Nasos Religionsunterricht der Katechismus breit Der kam mir vor
wie ein verdorrter Feigenbaum Luthers Werk bleibt mir groß und schön Aber in
der vorliegenden Form ist sein Katechismus für Kinder kaum geeignet Manche Idee
veraltet und zuweilen befremdet die altertümliche Ausdrucksweise Durch den
Katechismus fühlten wir Schüler uns zur Gedankenlosigkeit angehalten und das
verdross uns Wenn die Klasse den Katechismus im Chorus plärrte  was Naso liebte
 und die bei Luther übliche Formel kam »Das ist gewisslich wahr« sagten
etliche Schlingel »Das ist gewiss net wahr« Schelmerei gab es auch beim Pauken
der Kirchenlieder deren wir die schwere Menge »auswendig« zu lernen hatten
während die Inwendigkeit zu wünschen übrig ließ »Himmelan ja himmelan soll der
Wandel gehen« begann ein Choral und wenn diese Worte papageienhaft geplappert
wurden erfolgte verstohlenes Kichern  wir hatten nämlich einen Mitschüler
namens Wandel den stellten wir uns vor wie er himmelan ging Ein gleicher Fall
war mir in Magdeburg vorgekommen Da gab es einen Knaben namens Freudental 
und wie eine Zwangsvorstellung trat mir der krummbeinige Freudental vor Augen
wenns im Liede hieß »Von uns weiche Jammertal Zu uns komme Freudental«
    Der Konfirmandenunterricht trug nicht zur Vertiefung meines Glaubens bei
Wie hätte das auch sein können Da war zunächst der »Helfer« ein junger
Hilfsgeistlicher der männliche und weibliche Jugend in der Stiftskirche auf den
Bänken der Sakristei versammelte Während er seinen Nürnberger Trichter
ansetzte um hier oder dort Kirchenweisheit einzuflößen waren die übrigen
Konfirmanden fast durchweg in andrer Richtung beschäftigt Sie tuschelten gaben
einander Zeichen spielten den Hanswurst prügelten sich sogar wos verstohlen
anging Der Helfer hatte eine verschmitzte Art seine Herde zu überwachen Das
eine Auge auf den Zögling gerichtet der seine Frage zu beantworten hatte
luchste er mit dem andern seitwärts wo sich ein paar geduckte Schlingel
verdächtig machten Ein drittes Auge schien er im Nacken zu haben damit
bemerkte er manches das hinter ihm geschah  wandte sich dann blitzschnell und
hatte den Sünder ertappt Anscheinend mit Gleichmut trat er nun vor ihn hin 
nur dass in seiner Miene Schadenfreude lauerte »I tus net gern«  begann er
salbungsvoll  »doch wer sein Kind lieb hat der  züchtige es« Zum richtigen
Schlagwort wurde solch ein salbungsvolles Wort und es erfolgte der Schlag mit
einer Hurtigkeit die den Delinquenten wenn er auch den Arm zur Abwehr hob
stets überrumpelte Manchmal pürschte sich der Helfer unauffällig an sein Opfer
heran und mit dem Zitat »Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs« war schwapp
die Exekution erfolgt
    Da ich in Magdeburg keine »Kinderlehre« genossen hatte die in Württemberg
die Vorstufe des Konfirmandenunterrichts bildet so wurde ich vom Herrn Dekan
dem geistlichen Oberhaupt Tübingens beordert noch besondere Stunden von ihm zu
erhalten Nebst drei anderen Pennälern die ebenfalls rückständig waren saß ich
in seinem Studierzimmer um den runden Tisch wo die Lampe in gemütlicher
Dämpfung leuchtete Seine dicke Bibel hatte jeder aufgeschlagen und abwechselnd
wurde daraus vorgelesen Kapitel aus PaulusBriefen Sie blieben mir ein
salbungsvolles sonderbar dunkles Gerede das nicht zu Herzen ging Dem Dekan
kann ich nichts weiter nachsagen als dass er zu den vielen Geistlichen gehörte
die ihres Berufes mit lederner Amtlichkeit walten Schuld hat die Ausartung der
Religion in einen von oben angeordneten Formeldienst Anstatt vor allem darauf
auszugehen das Sehnen und Suchen der Menschen die höhere Seele zu wecken und
zu entwickeln stellt sich der Kirchenbetrieb als ein Gemächte von Fachleuten
dar die es nicht fertigbringen tausendjährig aufgehäufte Gottesgelehrteit
beiseite zu lassen damit Kirche und Leben nicht mehr durch einen Wall
voneinander getrennt sind
                                       
    Gekommen war der große Tag an dem ich konfirmiert werden sollte Damit der
Neuling in die Gemeinschaft der Heiligen einträte wie es unter wohlanständigen
Christen Brauch lag in der Kammer alles Nötige bereit schneeweiße Wäsche der
feierlichschwarze Anzug schwarzes Hütchen schwarze Handschuhe Nach hastig
eingenommenem Frühstück stand ich eingekleidet vor den Eltern die den langen
storchbeinigen Jungen in männerhaftem Gehrock nicht ohne Rührung musterten Die
steife Wäsche der zwängende Anzug und meine neue Würde brachten mir eine
unnatürliche gereckte Haltung bei Die Eltern waren ebenfalls in feierlicher
Kleidung und wie vom Turm die Glocken läuteten begaben wir uns zur Kirche
    Die Konfirmanden denen ich am Portal begegnete steckten in ihrer schwarzen
Uniform unbeholfen Die behandschuhten Finger hielten sie gespreizt sahen auch
sonst wunderlich aus Besonders ein paar zu kurz geratene Weingärtnersknaben in
langschossigem Bürgerrock der dem älteren Bruder gehören mochte oder schon das
Wachstum der kommenden Jahre berücksichtigte Auf den Bänken rechts und links
vom Altar die den Konfirmanden zugewiesen waren suchte jeder seinen Platz was
nicht ohne Murmeln und Drängeln abging Der Helfer prüfte ob alles in der Reihe
 und das war von Wichtigkeit weil es sonst nicht geklappt hätte mit dem
Beantworten der Katechismusfragen Sorgsam war jedem seine Rolle einstudiert
eine Störung der Reihenfolge hätte die ganze heilige Handlung in Unordnung
bringen können
    Wie wir nun lückenlos saßen hüben die Knaben drüben die
schwarzgekleideten mit Kränzlein geschmückten Mädchen wurden unter dem
Vorspiel der Orgel die schwarzen zitronengelb beschnittenen Gesangbücher
aufgeschlagen ein Hüsteln ging durch unsere Reihen und nun ging der Choral
los
Ich trete vor Dein Angesicht
Du Schöpfer meiner Jugend
Verwirf mein kindlich Flehen nicht
Um Weisheit und um Tugend
Eifrig sang die Jugend die sich als Mittelpunkt der Feier fühlte hell waren
die Kehlen auch schon Brummstimmen gab es Vor dem Altar stand in schwarzem
Talar und weißen Bäffchen der Herr Dekan  ja er war es wirklich derselbe den
wir bei seiner Stubenlampe nicht sonderlich respektiert sondern oft mit
albernem Unfug gehänselt und geplagt hatten Jetzt machte er einen hochwürdigen
Eindruck Tief und rein und getragen wie Glockengeläut klang sein Flehen um
Segen der solle niedertauen auf die frommgeneigten Häupter der Gemeinde »Die
Gnade des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes  Amen« Aus der Bibel
las er vom Bergprediger der zu seinen Jüngern sprach »Lasst die Kindlein zu
mir kommen und wehret ihnen nicht denn solcher ist das Himmelreich« Mit diesen
zur Seligkeit bestimmten Kindlein seien wir Konfirmanden gemeint drum seien wir
hier erschienen gleichsam an der Pforte zum Reiche Gottes
    Ich kam mir schon fast verklärt vor und begriff man habe mich deswegen in
diese feierliche Tracht gesteckt Die Handschuhe waren mir unbequem da ich sah
dass andere Knaben sie abgestreift hatten tat ich es gleichfalls Rührung
wandelte mich an wie ich sah dass Mütter ein weißes Tüchlein an die Augen
führten während die Väter ihr buntes Schnupftuch ausbreiteten um sich
geräuschvoll zu schneuzen Meine damalige Eigentümlichkeit bei lehrhaften Reden
mich der Träumerei oder Beobachtung hinzugeben ließ mich zu keinem Aufmerken
auf die Predigt gelangen Meinen Gefährten ging es kaum besser und zwar
deswegen weil sie mit Unruhe die Prüfung erwarteten
    Mir machte diese keinerlei Sorge Nicht als ob ich des Katechismus sicher
gewesen wäre sondern einfach weil durch glücklichen Zufall auf mich die
allerkürzeste Formel gefallen war »Wer bist denn du« lautete die Frage des
Geistlichen und ich hatte bloß zu antworten »Ich bin ein Christ« Diese vier
Worte brachte ich mit fester Stimme heraus und setzte mich nach der Heldentat
im Bewusstsein gerade mein Bekenntnis fasse das verzweigte schwer begreifliche
Glaubenssystem kurz und bündig zusammen eine Welt in Gestalt einer Haselnuss
    Glatt von allen Konfirmanden ohne Zwischenfall wurde die Prüfung bestanden
jedes Lämmlein ließ sein Stimmlein so erschallen wie mans haben wollte
nirgends machte sich der schlimme Geist des Zweifels bemerkbar Und so hatte die
Gemeinde allen Grund schließlich den Jubelsang zu intonieren »Nun danket alle
Gott mit Herzen Mund und Händen«
    Ein gewisses »Danken mit den Händen« wie es zum Abschluss der Konfirmation
üblich war brachte mich in eine Verlegenheit die einen bitteren Tropfen in den
Kelch meiner Andacht rinnen ließ Als wir Konfirmanden nämlich aus der Kirche
strömten sah ich mich dicht vor der offenen Pforte dem Kirchendiener
gegenüber der jedem Knaben oder Mädchen eine große Schale aus Messing hinhielt
Es warf dann der Konfirmand ein Geldstück hinein dass es klapperte Blanke Taler
lagen da und forderten Nacheiferung Ich aber hatte von dieser Sitte keine
Ahnung gehabt und mich nicht vorgesehen Ich stutzte ängstlich  Geld hatte ich
keins nicht einen Groschen Misstrauisch hatte mich der Kirchendiener ins Auge
gefasst als ob er sagen wollte »Halt Drückeberger Durchschlüpfen möchtest
wohl ohne zu zahlen was mir nach frommem Brauche zukommt Hab ich nicht mein
Teil beigetragen zu deiner Weihe Lausbub« Das waren offenbar die Gedanken des
Kirchendieners und wie von einem Basiliskenblick fühlte ich mich gelähmt
Starrte ihn an  wollte gern zur Kirche hinaus wagte es aber nicht weil ich
seinen schnöden Verdacht bestärkt hätte Ratlos sah ich mich nach meinen Eltern
um Aber die staken im Publikum das drüben dem Hauptausgang zuströmte Bei
einem plötzlichen Andrängen der Konfirmanden als der prasselnde Geldregen den
Kirchendiener von mir ablenkte nahm ich die Gelegenheit wahr und schob zur
Kirche hinaus Ich schämte mich als könne jeder mir ansehen dass ich trotz
meiner Versicherung ich sei ein Christ keinen Taler übrig gehabt hatte für das
christliche Opferbecken
    So bist du Menschenherz Soeben glaubst du die Beziehung zum Ewigen erfasst
zu haben und schon reißt dich aus deinem neuen Himmel der scheele Blick des
Kirchendieners oder vielmehr die eitle Sorge es könne was Hinz und Kunz von
dir denkt deiner Reputation unter den Erdenwürmern Abbruch tun Kommt denn das
Menschenkind je vom Busen der ärmlichen Erde los
 
                            »Dem unbekannten Gotte«
Den Konfirmandenspaziergang hatte man mir als große Sache hingestellt und so
war ich enttäuscht als auf dem Schlossberg wohin wir uns verabredet hatten
kaum ein Drittel der Knaben und Mädchen erschien zumeist auch noch solche die
ich nur vom Ansehen kannte Ein Trost dass wenigstens ein paar meiner Mitschüler
dabei waren Freund Jahn und Enzio Wendelin den ich eingeladen hatte war
ausgeblieben weil er meinte als Katholik auf einem protestantischen Feste
nicht ganz willkommen zu sein Uli hatte gesagt er sei ja bald siebzehn Jahre
also übers Lämmerhüpfen hinaus Jahn verhehlte nicht seine Unzufriedenheit über
die Zusammensetzung der Gesellschaft Außer den paar Pennälern und wenigen
Realschülern waren lauter »Gogen« gekommen So lautet eine studentische
Bezeichnung für die Tübinger Weingärtner und kleinen Ackerbürger Ob die
gogischen Konfirmanden »Rauhbeine« waren wie die Pennäler sagten konnte ich
nicht beurteilen weil ihre Mundart mir kaum verständlich war
    Nachdem unser Trupp durch Warten auf Nachzügler Zeit vertrödelt hatte
setzte er sich in Bewegung und trollte auf dem Kamme des Schlossberges dahin
Voran die Schar der Mädchen Arm in Arm schnatternd wie eine Gänseherde Auf
ihre Kränzlein ihre langen schwarzen Röcke und weißen Taschentüchlein waren sie
stolz und schielten zurück zu den Knaben Wir aber taten als machten wir uns
nichts aus ihnen  nur dass ein Gog herausfordernd grölte »O Mäd  chenn  vom
Lan  dee wie bischt du  so  scheen« Und dann wurde gekichert
    »Warum sagt mr eigentlich das Mädchen« philosophierte Jahn  »s ischt doch
feminini generis  müsst also die Mädchen heißen gelt« Die Bemerkung kam mir
tiefsinnig vor doch fand ich einzuwenden »Mit demselben Rechte könntest du
fragen warum man das Weib sagt und nicht die Weib«  »Ihr ssaudumme Kerle«
belehrte Enzio  »weils Mädle noch keine Frau ischt  sondern erscht werde
will So Backfisch send halt nicks«
    In diesem Punkte schienen wir einer Meinung Im stillen allerdings verhehlte
ich mir nicht von klein auf eine Scheu den Mädchen gegenüber gehabt zu haben
eine Schüchternheit die an Ehrfurcht streifte Ich sah in den Mädchen eine
besondere Menschenrasse Eine Rasse mit weichem Gesicht und langem Haar das in
Zöpfe geflochten und mit bunten Schleifen geziert war Eine Rasse die keine
Hosen anhatte wie wir Knaben sondern Rock und Schürze Eine Rasse leicht
einzuschüchtern zum Aufkreischen oder Juchzen geneigt Eine Rasse zum Nähen
und Stricken tauglich zum Kochen und Waschen Hatte ein junger Mann einen
Schnurrbart und eine Anstellung so durfte er aus der Mädchenrasse eine Braut
wählen Führte sie dann eine Zeitlang spazieren artig aber langweilig an
seinem Arm als ob sie hinfällig wäre ohne männliche Stütze Waren endlich
eigene Möbel angeschafft so wurde geheiratet und es hieß »Nun ist sie unter
die Haube gekommen« Frau war sie alsdann  feminini generis  aber auch schon
ziemlich alt
    Näher getreten war ich der Menschenrasse Mädchen niemals  eine Schwester
besaß ich nicht meine Kusinen sah ich selten und sie hatten nichts
Jungenhaftes Mit sonstigen Mädchen war ich bloß in flüchtige Beziehungen
geraten auf Geburtstagskränzchen wo fade Zimmerspiele wie Schwarzer Peter
gespielt wurden In Magdeburg wars Zeitvertreib für Bengel Schulmädchen mit
Schneeballen zu bewerfen oder wenn sie Arm in Arm gingen von hinten dazwischen
zu springen und die Kette zu zerreißen Dass kein Mädchen sich einfallen ließ
dem Missetäter eins hinter die Ohren zu hauen kam mir sonderbar vor ich wusste
nicht sollte ich die Mädchen deshalb verachten oder bemitleiden Jedenfalls
begriff ich warum man sagte »das schwächere Geschlecht« Den Ausdruck »das
schönere Geschlecht« bezog ich nur auf ganz ausgewachsene Mädchen besonders auf
Rosel Funk auch auf Isolde Kurz die Tochter des verstorbenen Dichters  auf
der Eisbahn hatte ich diese goldzöpfige Walküre bewundert Mädchen mit kurzen
Röcken kamen mir unbedeutend vor  sie hatten spillrige Strumpfbeine und
benahmen sich albern
    Wie mir das so durch den Sinn ging erschien eine Konfirmandin plötzlich an
meiner Seite  von einem kleinen Abstecher kam sie die Halde herauf In der Hand
ein Schneeglöckchen das sie dort gefunden hatte Dicht bei mir blickte sie
mich strahlend an  sie hatte braune Augensterne und gesundrote Backen Zwei
dicke dunkle Zöpfe hingen über die Schultern nach vorn Etwas wie ein Blitz
zuckte aus ihren Augen in mein Herz und das klopfte nun von süßem Bangen
durchschauert Ich spürte wie mir das Blut ins Gesicht schoss und war vollends
verwirrt weil sie mich deshalb stutzig ansah Peinlich war noch dass auch Jahn
meine Verlegenheit merkte Er schwieg und ich glaubte auf ihn müsse die
Konfirmandin denselben Eindruck gemacht haben »Rechts« sagte er als bei einer
Kiefernschonung der Weg abzweigte »Drunte liegt Schwärzloch«  »Und dahin gehen
wir Ist das ein Dorf«  »Eine Bierwirtschaft an der Halde Von altersher gehen
die Konfirmande nach Schwärzloch Mei Vatter sagt Schwärzloch heißt
SwertisWald  Heiliktum des heidnischen Schwertgottes Zu dem seien die
Alemannen an ihrem Jugendfescht gewallfahrtet  daraus hab sich später der
Konfirmandespaziergang entwickelt« Es war mir lieb dass Jahn plauderte 
unauffällig konnte ich dabei die Konfirmandin mit den braunen Zöpfen beobachten
Vor mir ging sie nebst den anderen Mädchen und übertraf diese an Stattlichkeit
und Rundung der Gestalt obwohl sie dabei etwas Zierliches hatte Anmutig war
ihr Gang der leicht in den Hüften wiegte Mich nach ihr zu erkundigen wagte
ich nicht
    Als wir nach dem Bergwald hinabstiegen öffnete sich der liebliche Blick ins
besonnte Ammertal und auf die terrassenförmig gebauten Höhen jenseits Hüben auf
einem Hügelchen lag Schwärzloch ein bäurisches Vorwerk mit Scheune und
Stallung Das für Gäste hergerichtete Haus war an die Ruine einer alten Kapelle
angebaut und es gab da verwitterte Steinmeisselungen Tiergestalten von denen
Jahn behauptete sie seien aus der Heidenzeit Das war die Zeit  dachte ich 
in der die Märchen spielen  da kam noch Wunderbares vor Heutzutage geht alles
langweilig nach dem Schnürchen Ich habe zwar versichert ich sei ein Christ
passe aber zu den heidnischen Alemannen besser als in unsre Kirche Ob
vielleicht dieser Heidentempel die verlorene Märchenkirche ist  »Höre mal
Jahn eine Idee Wir sollten eine neue Religion gründen Und solch heimlicher
Gott wie der Swertis hier sollte verehrt werden«  Jahn sah mich groß an und
nickte Doch ihm kam das Bedenken »Wer weiß denn aber Genaues vom Swertis« 
»Das ist ja gerade das Schöne dass wir nichts Genaues von ihm wissen Wenns
einen SwertisKatechismus gäbe möcht ich da kein Konfirmande sein Ich liebe
das Geheimnisvolle«
    Über die weiteren Vorkommnisse dieses Tages weiß ich nichts zu berichten
als dass wir an Brettertischen saßen dass die Mädchen Milch tranken die Knaben
Most oder ein kräftiges Bitterbier zu dem das dunkle Brot mit Backsteinkäs
mundete Volkslieder wurden angestimmt Witze gerissen kindische Faxen gemacht
Den Uhu und den Affen die in Käfigen zur Schau gestellt waren neckten die
Konfirmanden Das braunäugige Mädchen stand auch dabei aus einem Zuruf entnahm
ich dass es Rickele hieß Und dachte an Justinus und sein Rickele Die hatten
sich ja auch bei einer geheimnisvollen Kapelle gefunden
    Die Flasche Bier die ich getrunken hatte war mir zu Kopfe gestiegen ich
lärmte mit den andern Als wir bei Sternenschimmer heimgingen  diesmal im Tal 
bildeten Knaben und Mädchen bunte Reihe Arm in Arm zwei lange Ketten Durch
Johlen durch Hin und Herwanken nach Art der Angesäuselten und durch Zigarren
die von Halbwüchsigen gepafft wurden glaubte man den Erwachsenen näher zu
sein Ich war so albern durch flegelhaftes Benehmen das mir männlich vorkam
meiner Braunäugigen auffallen zu wollen So schloss meine Konfirmation in recht
weltlicher Weise
    Einen weltlichen sowohl wie einen geistlichen Teil hatte auch die bald
folgende Abendmahlsfeier Das weltliche Abendmahl bestand darin dass die am
Portal der Stiftskirche versammelten Konfirmanden gemäß einer alten Stiftung
Weizengebäck erhielten Aus Körben wurden jedem Erschienenen ein paar Wecken
gereicht und sogleich biss er tapfer hinein
    Der folgende Sonntag brachte das kirchliche Abendmahl Leib und Blut ihres
Heilands sollten die Eingesegneten genießen In meiner Erinnerung sind folgende
Erlebnisbilder geblieben Da meine Mutter behauptete das Abendmahl solle man
nüchternen Magens nehmen genoss ich als Frühstück nur Pfefferminztee mit Milch
Das Abendmahl das ich mit Spannung erwartete wurde vor dem Altare gereicht
und zwar von zwei Geistlichen Von einem wurde dem Teilnehmer ein kleines Gebäck
in den geöffneten Mund gelegt Es schmeckte pappig war eine Oblate wie man sie
zu damaliger Zeit auch als Briefverschluss anwandte Der andere Geistliche hielt
einen schweren Kelch aus blankem Metall hin  daraus nahm der Andächtige einen
Schluck Mir kam der Wein süß und feurig vor und ich tat ein paar herzhafte
Züge als ob es gelte auf diese Weise meinen Eifer zu erweisen In langen
Reihen traten die Teilnehmer zum Altare und wenn einer die Spendung erhalten
hatte war gleich der nächste da Inzwischen hatte der Kirchendiener mit dem
weißen Tuch den Rand des Kelches abgewischt Fortwährend sprachen die
Geistlichen bei der Darreichung die Formel »Nehmet hin und esset das ist mein
Leib der für euch gegeben wird  solches tut zu meinem Gedächtnis Desselbigen
gleichen nahm er auch den Kelch dankte gab ihnen den und sprach Nehmet hin
und trinket alle daraus  dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut
das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden Solches tut zu meinem
Gedächtnis«
    In einem Taumel frommen Staunens hatte ich das Abendmahl empfangen Eine
geheimnisvolle Gefühlswoge durchflutete nebst Orgelsäuseln das Gotteshaus War
das der Heilige Geist  Lebendig ist mir noch die Gestalt meines
Schreiblehrers des Herrn Kleinfelder Vor dem Tisch des Herrn neigte er sich
fortwährend in frommem Eifer  so dass der Geistliche Mühe hatte den Kelch an
seinen Mund heranzubringen Ein wunderlicher aber auch rührender Anblick
    Am Abend des Tages hatte ich einen Gang durch die Stadt Wie ich an den
Altar dachte wo ich heute gestanden kam mir eine der Bibelstellen in den Sinn
die Eindruck auf mein Gemüt gemacht hatten die Geschichte von Paulus in Athen
Wie er einen Altar fand mit der Aufschrift »Dem unbekannten Gotte«  wie er
dann von dieser Idee begeistert zum Volke redete
    »Nun verkündige ich euch denselben dem ihr unwissend Gottesdienst tut« Das
war nun auch für mich ein andachtsvoller Ausblick  auf ein Geheimnis tief und
schimmernd wie droben die Milchstrasse zu der ich aus dunkler Gasse
emporstarrte Dann fiel mein Blick auf die finster ragende Stiftskirche an
deren Altar ich heute getreten war einen Gott suchend der mir unbekannt blieb
obwohl ich so sicher meinen Katechismus hergesagt hatte Oder war er mir doch
nicht ganz unbekannt Hatte nicht heute der Prediger gesprochen Gott sei die
Liebe Etwas von ihrem heiligen Schauer hatte schon das Herz des Kindes berührt
Hingebend staunte ich zur ewigen Sternenhalle empor Und hörte den Apostel
predigen »Wohlan ihr Männer von Athen Nicht in Tempeln hat Gott seine
Wohnung nicht in Bildern von Stein nicht in Formeln der Menschen Sondern Gott
ist unseres Herzens reine Sehnsucht Wir sind göttlichen Geschlechts  und
sollen seine Kinder sein  in ihm leben weben und sind wir«
    Was solche Worte ausdrücken war dem Knaben nicht bewusst war Gefühl
Ahnung Erst auf der Höhe meines Lebens ist mir klar geworden inwiefern ich
mich als Konfirmand keinem KatechismusGotte sondern dem Unbekannten
konfirmiert und einverleibt fühlte Alles Bekannte hat etwas Enges
Gewöhnliches doch meine Sehnsucht suchte eine Lebendigkeit die übers ärmlich
Beschränkte hinausflutet ins wunderbar Unergründliche Am Altar des unbekannten
Gottes fleht das Erdenkind eins mit ihm zu werden ratlos wie das könne
geschehen Und sieh der sonst Unfassbare steigt zur Erde nieder als Speise dem
Geschöpf eingefleischt will ers in seine Ewigkeit einverleiben emporreissen
zur himmlischen Heimat
 
                                Die Insel Kreta
Es kam dahin dass der Glasberg den ich bisher nur von der romantischen Seite
gesehen hatte mir bösartige Wirklichkeit erschien das Pennal ist ein Glasberg
droben lockt die Prinzessin Freiheit zu ihr streben alle Pennäler doch mancher
gleitet die glatte Fläche hinab  Seit mir dies Schreckgespenst vor Augen
stand wars sogar mit der geringen Aufmerksamkeit die ich dem Unterricht noch
gewidmet hatte vorbei Dumpf und stumpf starrte ich auf mein Verhängnis
Schließlich wollte ich meine Sorge nur vergessen Und stürzte mich von neuem in
die Arbeit an meinem Epos Während die Klasse brav dem Lehrer folgte schmiedete
ich Reim auf Reim und kritzelte die Verse auf den Zettel den ich unter der Bank
oder im Cäsar verborgen hielt Wurde ich plötzlich gefragt so benahm ich mich
wie einer der aus Traum erwacht und konnte selten befriedigende Rede stehen
    Keinem Lehrer kam in den Sinn es sei angebracht in die Eigenart einzelner
Schüler einzudringen Nach der äußeren Schablone urteilten sie Die Fehler die
jeder machte wurden zusammengezählt und hiernach fielen die Noten aus
Geradezu erpicht waren die Lehrer darauf durch Ausfragen den Schüler aufs
Glatteis zu führen und möglichst oft purzeln zu lassen Wie blödsinnig diese
Methode ist empfand ich seit ich Herrn Hainlins Unterricht genossen hatte Er
war beflissen Fehler zu verhüten und wo sie auftraten des Übels Heilung von
Grund aus anzubahnen An des Zöglings schöpferische Kräfte wandte er sich an
seine Freude und Freiwilligkeit niemals ging er unterdrückend stets
entwickelnd vor Sein Einfluss wurde als Wohltat empfunden als Anregung zum
Lichten und Guten das in der jungen Seele gedeihen möchte Drum vergötterte ihn
sein kleiner Schülerkreis Aber Hainlin war ja nun Soldat in Stuttgart  bitter
vermissten wir ihn ich kam mir recht wie ein Schaf ohne Hirten vor
    Wendelin hatte sich meiner angenommen und mir des öfteren lateinische
Grammatik erklärt Die Früchte waren nicht ausgeblieben mehrere schriftliche
Arbeiten leidlich ausgefallen Auf den Rechenlehrer und besonders auf den
tonangebenden Naso setzte ich Hoffnungen Da geschah etwas das meinen Abrutsch
vom PennalGlasberg unaufhaltsam machte
    Mein Epos war bis zu jener Stelle gediehen wo der bunte Vogel dem Ritter
eröffnet er müsse aus dem Garten der Prinzessin den silbernen Apfel holen Die
Strophe an der ich arbeitete sollte mit den Worten schließen
»Den Silberapfel musst du holen Mensch«
    Einen Reim auf »Mensch« indessen fand ich nicht wie ich auch grübelte Zu
helfen suchte ich mir durch Umstellung der Worte und notierte
»Greif zu o Mensch und brich den Silberapfel«
    Doch abermals stand ich wie der Ochs am Berge  auch auf Apfel gelang kein
Reim Wohl gaukelte mir etwas von »Krapfel« vor doch diese Wiener Leckerei ließ
sich in meinem Epos nicht anbringen Während ich sonst spielend reimte war
diesmal mein Schädel wie vernagelt Auf einmal glaubte ich einen Ausweg aus der
Klemme gefunden zu haben  von neuem wendete ich die Worte
»Den Apfel hole Mensch  er ist von Silber«
    Es reizte mich das malende Wort Silber als Reim zu verwenden Aber zum
Kuckuck auf »Silber« wollte sich ebenfalls nichts reimen Ich konnte doch nicht
sagen
»Sind auch des Baumes Blätter gelb und gilber«
    Für solch elenden Lückenbüsser hätte ich das Los des Marsyas verdient
Silber Silber Gibt es denn sonst kein Wort auf ilber Himmel Sollte
Zuckerbeck unser neuer DeutschLehrer den wir nach einem Stück im Lesebuch mit
dem Spottnamen Adrast nannten das schwächliche rotlockige Männchen am Ende
recht behalten mit seiner Behauptung es fehle mir an Phantasie Er hatte es
behauptet weil ich nicht genug »blumige« Redensarten im Aufsatz anbrachte wozu
er uns abgerichtet hatte
    Ich war eine geknickte Lilie und starrte vor mich hin Geradezu auf die
große Landkarte die neben der schwarzen Wandtafel hing Ein Atlas wars der
Alten Welt  hauptsächlich das Land der Griechen und die Heimat der Römer
darstellend Ich betrachtete die italienische Halbinsel und fand von neuem
bestätigt dass ihr Umriss  wie jeder Schüler weiß  eine verblüffende
Ähnlichkeit mit einem Reiterstiefel hat Dann stellte ich fest die griechische
Halbinsel Morea sei einem Maulbeerblatt ähnlich
    Im Süden liegt die Insel Kreta  berühmt durch ihr Labyrinth dem der erste
Flugkünstler Dädalus auf dem Luftwege entfloh Mein Labyrinth war das Pennal
und aus dem gabs für mich einstweilen kein Entrinnen  der Luftwagen mit den
Lämmergeiern war ja noch nicht konstruiert
    Übrigens war die Insel Kreta noch durch etwas anderes berühmt durch eine
Scherzfrage die beim Studium der Logik gern erörtert wird  sie lautet »Alle
Kretenser sind Quatschköpfe behauptet einer der aus Kreta ist  was folgt
daraus«
    Hat er die Wahrheit gesagt so ist er selber ein Quatschkopf und dann ist
es unwahr dass alle Kretenser Quatschköpfe sind Folglich hat er vielleicht
recht mit seiner Behauptung  dann aber sind doch alle Kretenser Quatschköpfe

    Aus diesem geistigen Labyrinth kommt man nicht heraus
    Sinnend betrachtete ich die Insel Kreta Einem liegenden Männchen ist sie
ähnlich  und seht doch Dies Männchen hat eine knollenhafte Nase  wie unser
Naso Donnerwetter ja Ist das nicht Naso wie er leibt und lebt Sogar die
Warze auf der Nase deutlich zu erkennen Eine Schirmmütze hat er auf wie sie
Naso in seiner Häuslichkeit trägt Es stimmt der Hals mit dem vorspringenden
Kehlkopf es stimmt die Geschwulst am Nacken  stimmt der zugeknöpfte schlappe
Gehrock Und genau wie Naso hat diese Inselgestalt den Unterarm auf den Rücken
gelegt Meine Entdeckung versetzte mich in eine Lustigkeit dass ich kaum
imstande war mein Gelächter im Taschentuch zu ersticken  was Nasos Misstrauen
erregte O wenn er geahnt hätte welch einer ketzerischen Phantasie ich
huldigte
    Kaum war die Stunde zu Ende so schlug ich meinen »Atlas antiquus« auf
zeichnete die Insel Kreta genau ab und darunter das Konterfei Nasos Hinzu
schrieb ich noch boshafte Worte
    »Die Insel Kreta wo es lauter Quatschköpfe gibt sieht so aus«
    »Wer aber hat mit ihr bedenkliche Ähnlichkeit«
    Als meine Mitschüler das sahen brachen sie in Gewieher und Freudengeheul
aus  ich war der Held der Klasse und mein sonst gedrücktes Selbstbewusstsein
schoss auf einmal derart ins Kraut dass ich an mein Sitzenbleiben nicht mehr
glaubte
    Doch das Unheil schreitet schnell Als zwei Stunden später der Saubock
Unterricht erteilte kam es mir verdächtig vor dass er mich wiederholt mit
lauerndem Blick streifte Sollte er von meiner Zeichnung wissen Es wäre möglich
gewesen da sie in der Pause auf die Pennäler eine Anziehungskraft ausgeübt
hatte wie Käse auf Fliegen Statt nun die Zeichnung zu verstecken behielt ich
Schaf sie im Lesebuch und lugte sogar von Zeit zu Zeit hin mich daran weidend
Plötzlich schoss der Saubock auf mich los nahm mir das Lesebuch weg und fand die
Zeichnung »Aha« triumphierte er  »jetzt hänt mers Mäusle in der Falle gelt
du« Grinsend betrachtete er das Konterfei trat sogar vor die Landkarte hin um
es mit der Inselgestalt zu vergleichen und kicherte in sich hinein dass ihm der
Bauch wackelte In der Klasse war niemand der diesem Schein von Nachsicht
getraut hätte
    Naso der andern Tages mündliche Prüfung der einzelnen Schüler
veranstaltete ließ nicht merken dass er etwas wisse von meiner Karikatur  nur
dass er mir besonders schwere Lateinstellen zum Übersetzen aussuchte und die
Prüfung in der Geschichte die für mich ungünstig ausfiel mit der Bemerkung
schloss »Ja ja so gehts Mit Ammonshörnle ond so vorsündflutliche Sächle weiß
er Bescheid Kein Wunder dass die Sündflut wenn sie hereinbricht grad ihn
verschlingt  Setz dich Wille«
    Gramvoll berichtete ich meiner Mutter und fügte hinzu ich sei krank das
Herz tue mir weh und wenn ich sitzenbleibe wolle ich gar nicht mehr in die
Schule gehen  »Und was soll dann aus dir werden Dein Vater meint zum
Landpastor könntest dus allenfalls bringen Aber wenn du solche Abneigung vor
der Schule hast kommst du nicht zum Studium«  »Pastor will ich nicht werden 
ich bin ein Heide«  »Heidenmässig dumm bist du das stimmt Es wird dir nichts
übrig bleiben als Schuster oder Schneider zu werden Deine Versmacherei ist
eine brotlose Kunst Ein Dichter der nicht wenigstens den Doktor hat bringt es
zu nichts«
    Nach vielem Hin und Herreden kamen wir dahin überein dass ich die paar Tage
bis zum Schulschluss nicht zur Schule zu gehen brauchte Ein Stein war mir vom
Herzen Die geringschätzigen ja schadenfrohen Blicke die einzelne Mitschüler
und Lehrer für den Durchgefallenen haben blieben mir erspart
    Krank fühlte ich mich tatsächlich Zu meiner Stärkung wandte die Mutter ihr
Hausmittel an Eigelb mit Zucker in Rotwein Hiervon angeregt saß ich am Tage
des Schulschlusses am Fenster und brütete über dem »Poetischen Hausschatz«
einem Lieblingsbuche dessen kleiner Druck zu meiner Kurzsichtigkeit beigetragen
hat Träumerisch ließ ich den Blick über Garten und Neckar schweifen Die
Platanen waren noch winterlich kahl während an den Uferweiden schon
Silberkätzchen hingen
    Aus meiner Hingabe an das Lesen schreckten mich Rufe auf Stimmen die ich
kannte Ein paar Mitschüler standen drüben am Neckar  sie hatten mich am
Fenster sitzen sehen  und Wursterle rief mir höhnisch zu »Wille Ssaupreiss
Sitzebliebe bischt I bin versetzt«  Wie ein Dolchstoss traf mich das  von
Schmerz durchkrampft zog ich mich vom Fenster zurück Aber die Boshaften hatten
mich erkannt lachten und gröhlten
»Hinter meinem Schwiegervatter
Seinem graussa Segredähr
Steht a dicker Eichaprügel 
Wenn der no beim Teifel wär«
    Die Tränen schössen mir hervor  verzweifelt warf ich mich auf das Sofa
    Gleich darauf schellte die Klingel unserer Wohnung  ich hörte Ulis Stimme
er sprach mit meiner Mutter  sie antwortete kläglich Rasch trocknete ich
meine Tränen aber es traten die beiden schon zu mir herein und sahen auf den
ersten Blick dass ich Bescheid wusste »Siehst du Bruno« schluchzte meine
Mutter indessen Uli männlich auf mich zutrat und mir ebenso gutmütig wie fest
die Hand drückte »Nimm dirs net weiter zu Herze Brunole Kopf hoch Wenns
auch recht schad ischt dass mr net in derselben Klass bleibe«  »Ich habs
kommen sehen« jammerte die Mutter  »aber der Junge wollte nicht auf mich hören
wenn ich sagte Nimm die Grammatik vor Latein bringt dich zu Falle«  »s
Latein war bei ihm ganz erträglich  wenikschtens zuletzt  beim Herrn Hainlin
hat er seine Lücken ausgefüllt Ond überhaupt  er hätt versetzt werde müsse
wenns mit Gerechtikkeit zugange wär«  »Sie meinen also « Mit Sie pflegte
meine Mutter Uli anzureden Und nun legte er Dinge dar die er vom Pedell bei
dem er ja wohnte in Erfahrung gebracht hatte In der ersten
Versetzungskonferenz sei beschlossen es sollten zwei sitzen bleiben  sonst
werde in der fünften Klasse wo unbedingt drei sitzen bleiben sollten nicht
hinreichend Platz sein
    »Was« trumpfte meine Mutter auf  »weil kein Platz«  »Eine Bank hänt mr
zu wenik hat mir der Puddel gesagt«  »Zum Kuckuck dann muss die Bank eben
angeschafft werden«  Uli zuckte die Achsel »Bei ons herrscht dr Blödsinn« 
»Das scheint mir wirklich auch Also weil man zu knausrig ist  oder vielleicht
die Umstände scheut  deshalb soll mein Junge in seinem Vorwärtskommen um ein
Jahr geschädigt werden Bedenken die Lehrer denn nicht dass sie auf diese Weise
ein Lebensschicksal ruinieren können« Uli nickte »Sie hänt recht Frau Wille
Sie hänt recht Ssauerei ischt dees Gemeinheit« Meine Mutter die einen roten
Kopf bekommen hatte schlug die Hände zusammen und sank hilflos in einen Stuhl
»Oh oh Was wird Papa sagen zu der Bescherung  oh oh«
    Während sie vor sich hinbrütete raunte mir Uli zu »Was dem Fass den Boden
ausgeschlage hat isch des Bildle gwä wo du vom Naso gmacht hascht Der
Ssaubock hats herumgehe lasse in der Konferenz Ja ja die Insel Kreta«
 
                                   Die Räuber
Uli der als Pensionär des Schuldieners im Gymnasium wohnte hatte Wendelin
Flammer Jahn und mich auf seine Bude eingeladen Auch Enzio war gekommen seine
Begeisterung für Ritter Uli hatte etwas Klettenhaftes
    Uli imponierte uns durch studentenhaftes Auftreten Trug auf seiner Bude
eine Samtjacke mit Schnüren rauchte lange Pfeife und hatte eine Kanne Bier
holen lassen Auf dem Tisch lag Schiller aufgeschlagen qualmend legte Uli die
Hand darauf »Schaut ihr Buebe Deescht der Kodex onsrer Begeischterung Hört
waas dieser Prophet spricht« Wie einen Feldherrnstab die Pfeife ausgestreckt
deklamierte Uli »Mir äckelt vor onserm tintenklecksenden Säkulum Schöner Preis
für euren Schweiß in der Feldschlacht dass ihr jetzt in Gymnasien lebt  eure
Onsterblichkeit in eme Bücherrieme mühsam fortschleppend  Also Konpennäler
Da hänt mers ja Onser Pennal meint der Schiller Die Gymnasien nennt er
ausdrücklich gelt Ond mit dem Bücherriemen kann er niemand sonscht meine als
ebe uns Ja Tinte tun mer kleckse  also könnt mer auf die Art zu onsterbliche
Helde avanciere Pfui sag i « Und in heller Entrüstung spie Uli aus Hob
dann die Pfeife wie ein Schwert und brüllte »Ein  Pereat  dem 
TinteZuchthaus«
    Wir waren verdutzt erhoben uns aber und suchten mannhaft einzustimmen »Pe
 re  at«  »Also« quittierte Uli »löffeln mr uns mit eme
Verachtungsschlock« Auch das taten wir und zwar im Bewusstsein dem Feind eine
böse Schlappe beigebracht zu haben  Enzio hatte zu hastig getrunken und musste
aushusten »Schwächling« grunzte Uli »Zeichen der Zeit sind so Kerle wo von
eme Bierjung in Ohnmacht falle Aber die Schlacht bei Kannä die können sie im
Urtext lese  ond ihr Schulmeischter der Esel weiß nix Besseres zu tun als
Lateinbrocke zu klaube Tun mer spucke auf dees Kaschtratejahrhundert Pfui
pfui«  Wir echoten »Pfui«  »Sau  fet  den  Rescht« kommandierte Uli
»Prosit« erwiderten wir begeistert und kamen nach
    Jahn sprang auf »I weuss ebbes Idee von Schiller Eine Räuberbande zwar
die derf onsereins net gründe  aber für Ähnliches hänt mer noch Kraft ond Mut
gelt Tun mr einen Bildungsverein gründe Dees derf ons koiner verübeln
Deutsche Dichter wolle mr zsamme lese«  »Sogar Philosophe« fügte Wendelin mit
Wichtigkeit hinzu  Wie ein Schlot qualmte Uli  nachdenklich blickte er auf
Wendelin und Jahn »Kerle dees seid ihr Bloß noch zu zahm Bildungsverein Ha
warom net Aber der Titel klingt zu spiesserhaft Müsste flotter lauten Sage mer
Freie Bande«
    »Glasbergritter« schlug ich vor  Sinnend nickte Uli  »Glasbergritter
passt« meinte Wendelin  »oder besser Knappen Unser Glaasberg ischt die Schule
mit ihren aufsteigenden Klassen Eine Ssauerei da hochzukommen«  »Freile«
nickte Jahn  »mancher bleibt sitze«  Enzio trumpfte auf »Wenn is Einjährige
net krieg gang i nach Ameriga Ond werd i gschasst e Räuberbande tu i gründe«
    Ich hatte einen Einfall und sprang auf »Zusammen wollen wir die Räuber
lesen«  »So ischt reacht« stimmte Wendelin begeistert bei  »ja dees soll
der Glaasbergritter erschte Tat sein«  »Ich selber« gestand ich »habe das
Stück bloß mal durchgepeitscht Wollte ein Puppenspiel draus machen«  »Ein
frommer Knecht war Fridolin« höhnte Uli »Puppenkomödie will der mache aus der
bombenhaften Freiheitstragödie Zom Kaschperle soll der Karl Moor werden dieser
speiende Vulkan Blöd  sinn Fahr hin lammherzige Gelassenheit Zom Tiger
soll das Lamm verwildern  jede Faser dieses Arms recke sich auf zu Grimm  ond
 Ver  der  ben« Auf den donnernden Helden der die Faust schüttelte
blickten wir hingerissen »Bravo« meinte Wendelin »tun mr die Räuber mit
verteilte Rolle lese«
    Aber Uli entgegnete »Lese Bloß lese Dees wär zu zahm Aufführe wolle mr
die Räuber Richtiges Theater mache«  »Groß  artik« schwärmte Jahn  »Aber
net in der Stub da« fuhr Uli fort »Schon weil mr da keine Kulisse hänt Im
Freie wollen mrs Theater mache Im Bäregrabe die Räuber aufführe«  »Dees wär
kolossal« jubelte Enzio Wendelin schlug vor »Für den Bäregrabe passt die Szene
am Hongerturm Im Verlies schmachtet der alte Moor  na kommt der Baschtard
Hermann genannt mein Rabe Ond der Räuberhauptma  der ischt onserm Uli auf de
Leib gschriebe«  »Ja Uli Uli muss den Karl spiele« jubelten wir Nur Enzio
murrte »Warum net i I weiß scho wie mr sich als Räuberhauptma zu benemme
hat«  »Spiegelberg bischt« ordnete Uli an
    Nun berieten wir Einzelheiten der Aufführung »Als Hintergrund«  sagte Jahn
 »wähle mr den SternwarteTurm Der hat e Schiessschart in Mannshöh Da kann
sich der alte Moor bequem verstecke  e Brett tuet mer ausse vor«
    Wir lasen hierauf die Szene mit verteilten Rollen Uli schlug Kürzungen vor
und Einschiebsel Sofort wurde der Text entworfen und ausgeschrieben Uli
übernahm es die Aufführung zu leiten insonderheit die Räuberbande
einzudrillen Wendelin hatte für die Requisiten zu sorgen Am Sonntag abend
sollte die Vorstellung sein
                                       
    Es war ein lauer etwas windiger Aprilabend  mit Enzio und Jahn stieg ich
von der Haaggasse zum Schloss hinan Schwarz ragte die alte Feste in düster
treibendes Gewölk Hin und wieder lugte der Mond hervor Bei einer Bank machten
wir Halt um dem mitgebrachten Paket unsere Kostüme zu entnehmen Jahn machte
sein Gesicht mit Kreide weiß tat Bart und Locken von Watte um und zog ein
langes Hemd seines Vaters über den Anzug Eine rasselnde Pferdekette sollte die
Vorstellung wecken man habe den Greis in Ketten gelegt Wie ein Gespenst sah
Jahn aus Aber diesen Effekt verhüllte er einstweilen durch umgelegten Mantel
Ich sollte den Räuber Schweizer spielen Einen Ulanenhelm hatte ich auf und
schwang einen Studentenschläger Enzio behauptete als Spiegelberg müsse er
schon vorher im Publikum Faxen machen um eine gruselige Stimmung zu wecken
Einen breitkrempigen Hut mit langer Feder ins Gesicht gezogen hüllte er sich in
faltigen Banditenmantel und zückte malerisch den Dolch
    Beim SternwartenTurm fanden wir die anderen Räuber versammelt  flüsternd
gab ihnen Regisseur Uli letzte Weisungen Das zahlreiche Publikum von Ordnern
zurückgehalten bestand meist aus Schülern Aber auch Pia und die kleine
Schneckle waren da  scheu flüsterten sie im Hintergrunde Zwei Räubermütter
wollten es sich nicht nehmen lassen ihre Buben in der romantischen Rolle zu
bewundern
    Unsere Naturbühne entsprach der Phantasie des Dichters Schutt und Gerümpel
zwischen kahlen Rippen von Holundergesträuch Schwermütig stöhnte der Wind vom
Turme kreischte die rostige Wetterfahne Dumpfe Glockenschläge zeigten die
Geisterstunde an Aus der Räubergruppe löste sich eine Gestalt  und den
ritterlichen Karl Moor beleuchtete der Mond Er hatte einen Christusbart
Federbarett spanisches Mäntelchen ein breites Heldenschwert
    »Guete Nacht meine tapferen Räuber Lagert euch ond schlafet  es ischt
spät I selber will bis zur Morgendämmerung die Wacht übernemme gelt Die
Gegend da ischt mir bekannt Deescht e verfallener Turm Ganz in der Nähe
befindet sich das Stammschloss meiner Väter Mein greiser Vatter der Graf so
vernahm ich heut vor wenik Woche ischt er begrabe Friede seiner Asche Das
Schloss hat mein jüngerer Bruder Franz in Besitz genommen Meim Vatter hat er e
Teschtament abgschmeichelt das mich enterbt Alles hat jetzt der
Erbschleicher«  »Zur Hölle mit dem Lumpen« murrten die Räuber und lagerten
sich ins Gesträuch  man hörte sie bald schnarchen
    Mit einer Blendlaterne kam jetzt ein Mann »Hermann der Baschtard«
tuschelte das Publikum Eulen schrien »Horch horch« begann Hermann dumpf »Im
fernen Dorfe schlägts Zwölf  wohl wohl Das Bubenstück schläft  in dieser
Wildnis gibt es keunen Lauscher So darf is wage gelt« Und Hermann pocht ans
Brett der Schiessscharte »Turmbewohner Komm an dei Pförtle Jammermann Deine
Mahlzeit ischt ahngerichtet«
    »Waas bedeutet dees« raunt der Räuberhauptmann und tritt ins
Holundergebüsch zurück
    Abermals pocht Hermann aus dem Turm antwortet eine hohle Stimme »Wer
pocht Bischt dus Hermann mei Rabe«  »Ja i Dei Rabe Hermann bringt dir zu
essen Alter Durch die Lücke der Pforte will i dirs reiche gelt
Aufzuschliesse wag i diesmal net  s könnt ebber in der Nähe laure  verdächtik
Geräusch han i vernomme«  »Bloß die Eulen sinds« erwiderte die Stimme im
Turm  und abermals hört man den Eulenschrei Dazu der Räuber Schnarchen
    »Schmeckts Alter« sagt Hermann und es versetzt die Stimme »Wenn man vor
Hunger fascht verschmachte tut solls wohl schmecke Hab Dank für die leckere
Küchle die du mei Rabe mir in meine Wühschte bringscht Aber sprich gueter
Hermann hascht noch immer nicks in Erfahrung bracht über meinen verlorenen
Sohn Ischt es wahr waas mr der Franz mei Sohn eröffnet hat Fascht getötet
hat mich diese Schreckensmär Am Galge soll mei Karl verreckt sei Mei
Erschtgeborener als Räuberhauptma« Bei diesen Worten machte der lauschende
Räuber Moor eine Bewegung »Still« raunte Hermann  »da scheint wirklich ebber
zu sein Da tut jemand lauere I mach mi aus em Staub«  Wie er flüchten will
vertritt ihm der Räuberhauptmann den Weg und Hermann schreit »Weh Alles ischt
verrate«  »Waas ischt verrate« donnert der Räuberhauptmann  »gesteh du
Lausbub«
    »Erbarmen gestrenger Herr Oh ich erkenne euch Ihr seid Graf Karl von
Moor Vergebet mir Ich bin onschuldik am Verbrechen« In der Ruine unkt es
»Her  mann Ischt mr doch als ob du mit jemand redscht Mit wem denn« Und der
Räuberhauptmann »Waas gibts da Ein Mensch innen Waas ischt mit dem Weshalb
hält mr den gfange Dem Unseligen will ich die Ketten löse« Und es reißt der
Räuberhauptmann den Schlüsselbund aus Hermanns Hand und macht sich damit
rasselnd beim Brette zu schaffen Wie nun dies entfernt ist und der volle Schein
der Blendlaterne auf die geöffnete Schiessscharte fällt schlüpft heraus eine
unheimliche Gestalt kreidebleich ein Greis im Totengewand klirrende Ketten an
erhobenen Händen »Wer du auch seischt erbarme dich eines schuldlos
Gefangenen« Und zurück prallt der Räuber Moor
    »Waas Die Stimme kenn i Ischt dees net « Hermann nickt »Er ischts
euer Vatter  der alte Graf Moor«
    »Der Geischt meines verstorbenen Vatters« ruft Karl Moor »Warom mei
Vatter findescht du nach deim Tode kei Ruh im Sarge Hascht du etwa eine Sünd
in jene Welt gschleppt Ebbes das dir den Eingang zom Himmel verrammelt Hascht
du vielleicht Gold von Witwen und Waisen onter die Erd vergrabe he Verdächtik
ischts dass du zur Gespenschterstond dich heulend hier herumtreibscht So will
i dir beistehe  will den vergrabenen Schatz aus den Klauen des hütenden Drachen
reiße  mag er auch seine spitzige Zähn gegen diesen Degen blecke Sprich
Vatter waas soll i tun«  »Du irrscht mei Sohn Gschpenscht bin i net Tu mi
ahntaschte mei Karl E Gerippe zwar bin i  aber bloß vor Hunger Odem han i
noch«  »Waas Du bischt kein Begrabener«  »In diesem Turm lebendik begraben
Verhungern han i solle Elend verhungere«
    »Aber wie kommt denn dees Wer ischt solch Ohngheuer einen ehrwürdigen
Greisen zom Hungertode zu verdammen«  Kläglich erwidert der alte Moor »Wer
Gott seis geklagt mein eigen Fleisch ond Blut Mei jüngschter Sohn ischt dees
Ohngheuer«  »Wie Der Franz Mei Bruder«  »Derselbige Franz jetzt
Schlossherr Dich hat er verleumdet Hat sich an deiner Stell zum Erben gemacht
Mich der ich ihm zu lange lebte hat er bei lebendigem Leib in einen Sarg packt
ond hierher geschafft ond verhungere han i solle ver  hu  hu  hu«
    Der Räuberhauptmann hebt die Hand gen Himmel »Der da oben beruft mich zum
Richter über den Schurken Franz Auf meine Knechte Net mähr gschnarcht He
Will keuner erwache Ihr Klötz Eisklumpe« Und aus des Räuberhauptmanns Pistole
donnert ein Schuss Die Räuber springen auf »He holla Waas gibts«  Mit
furchtbarer Stimme der Räuberhauptmann
    »Waas es gibt Das Band der Natur riss entzwei Ein Sohn hat seinen Vatter
zom Hungertod verdammt  bloß weil er die Zeit net abwarte konnt ihn zu beerbe
Seht Leute dieser Greis ischt der Vatter eures Hauptmanns Der Schandbub
aber dessen Missetat gen Himmel stinkt ischt mei Bruder Franz« Mit einem
Schrei der Entrüstung antworten die Räuber und drängen heran Etliche Laternen
brennen  rote Lichter spielen über die Szene
    Hier setzte nun der Hauptteil meiner Rolle ein Ich der tapfere Räuber
stürze dem greisen Märtyrer zu Füßen »Vater meines Hauptmanns Ich küsse dein
Gewand Zu gebieten hast du über diesen Dolch Ich heiße Schweizer und bin
deines Sohnes ergebenster Freund«  »Das sind wir alle« rufen die Räuber eine
aufgeregte Gruppe um die Jammergestalt des Alten und den reckenhaften
Räuberhauptmann Dieser hat seinen Mantel von der Schulter genommen und reißt
ihn ritsch von oben bis unten entzwei »Da schaut Dees Bändle da wo mich mit
meim Bruder noch verbunde ghalte hat so ischt es jetzt verrisse Rachsucht
allei sei das Gfühl daas i für ihn übrik hab Ihr aber Leute wollt ihr mir
helfen Gelt So schwört Rache schwört auf mei Schwert« Im Kreise kniend
legen die Räuber die Linke auf das Schwert und heben die Schwurhand »Rache für
unsern Hauptmann und seinen ehrwürdigen Vatter Rache an Franz von Moor Teufel
in Menschengestalt«
    Ich erhebe mich »Nun Hauptmann befiehl was ich tun soll« Und der Räuber
Karl »Rühre dieses Greises heilige Locken ahn mei Schweizer Weißt du noch
wie du einscht jenem böhmischen Häscher den Kopf gespalten hascht da er den
Säbel über mich zückte Dazumal verhieß ich dir eine könikliche Belohnung
Bisher wußt i sie net zu zahle Doch jetzt weiß is Das Geschäft der Rache
übertrag i dir Lies die Würdikschten aus der Bande ond dringe in meines
bübisschen Bruders gestohlenes Schloss Schlepp ihn vom Mahle wenn er besoffen
ischt Reiss ihn vom Kruzifix wenn er frömmelnd auf den Knien liegt Eins aber
merke Liefre ihn mir beileibe net tot Ganz muss i den habe  das Fleisch will i
von ihm reißen den Hunden ond Geiern zom Frass Wehe dir Schweizer so du ihm
auch nur die Haut ritzest Bringscht ihn aber lebendik so geb i dir eine Millio
zur Belohnung«
    Jetzt hatten die Räuber die Fackeln angesteckt sie glühten und qualmten In
greller Beleuchtung sah man die bärtigen Gesichter mit den Federhüten »Hört
mich alle« ruft der Räuberhauptmann feierlich »Begreifet ihr nun waas i mit
onserm Räuberhandwerk meine Gewidmet seis der ewigen Gerechtikkeit Wenn auch
net auf die Art frommer Menschen Mit dem Schwert will i helfen wo die
misshandelte Natur gen Himmel schreit Mit Raub ond Brand ond Mord Mir gilt
jenes Recht das im Busen lebt Net das Gsetz Das hat die Welt verkrüppelt und
zerrüttelt Das Gsetz verhunzt zum Schneckengang waas Adlerflug worde wär Mir
äkelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum wenn i in meim Plutarch lese von
großen Menschen Ha dass der Geischt des Keruskerfürschten noch in der Asche
glimmte Ein Heer Kerls wie i  ond aus Deutschland wird e Republik gegen die
Rom und Sparta Nonneklöhschter send«
    »Es  le  be  der  Haupt  ma« brüllten alle Und während purpurn die
bengalische Flamme glüht gröhlt der Räuberchor unter martialischen Gebärden
»Ein freies Leben führen wir
Ein Leben voller Wonne
Bei Sturm und Schnee marschieren wir
Der Wald ischt onser Nachtquartier
Der Mond ischt onsre Sonne
Sei deutscher Knab kein Tugendbold
Duckmäuserischer Graurock
Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt
Er schlug den Amboss in den Grund
Dazu den DrachenSsaubock
Sei du kein Knecht sei du kein Hund
Und droht der TatzenHaustock
Zu Stücken schlag ihn Siegfried und
Das TintenZuchthaus in den Grund
Ein Pereat dem Ssaubock«
    Unter donnerndem Beifall brüllten die Pennäler »Pereat« und schwangen ihre
Räuberschwerter Ins Gelächter mischte sich die Kommandostimme Ritter Ulis der
sein Schlachtschwert zum Monde hob »Ein Hoch der ganzen Frei  heits  ban 
de« Und »Hoch« brüllte alles berauscht  es herrschte eine Begeisterung als
sei ein neues Zeitalter hereingebrochen
    Auf einmal war die blutige Beleuchtung erloschen  düster ragte die alte
Burg am Hungerturm blinkerte etwas Mondlicht Dann kam eine abenteuerlich
geformte Wolke geflogen ein Drache wars der den Mond verschlang
 
                                 Im Burgverlies
Der Hungerturm sollte uns Zutritt verschaffen zu den Heimlichkeiten des Tübinger
Schlosses Eine Entdeckungsfahrt war verabredet und sogar umständlich
vorbereitet Ich erschien mit einem Bergstock als gelte es eine
Gletscherpartie Wendelin hatte eine Strickleiter Enzio ein Bündel Dietriche
vom Schlosser geliehen Jahn eine Laterne und eine Pechfackel die einem
Studenten vom Fackelzuge übrig geblieben war Ritter Uli wurde von einem
Weingärtnerbuben begleitet der ein Rapier einen Kübel mit Most und ein
Trinkhorn schleppte und dafür zwei Groschen bekam In den Hungerturm zu
gelangen fiel nicht sonderlich schwer wenn auch die Schiessscharte so eng war
dass Uli und ich etwas gezwängt wurden Wir standen in halber Dunkelheit
neugierig sahen wir uns um Es war da nichts als Schutt ein paar alte Bretter
und etwas Asche Diese mochte von einem Feuer herrühren das Eindringlinge
unserer Art angezündet hatten um Allotria zu treiben Die aus Felsquadern
gefügten sehr dicken Mauern atmeten eine schaurige Erhabenheit
    »Wie alt mag das Schloss sein« fragte ich und Uli antwortete »Genau lässt
sich dees net sagen  jedenfalls uralt Hier sollen die Römer den Alemannen die
letzte Schlacht geliefert und von den Tübinger Weingärtnern Schläg bekommen
haben« Der belesene Wendelin gab die Auskunft »Die älteschte Benennung von
Burg und Stadt lautet Twingen  in einer Urkunde aus dem Jahre 1000 heißt es
Kastrum Alemannorum quod Twingia vocatur Twing oder Zwing bedeutet Festung
Zwingburg Heißt net die Stadtmauer bei der Neckarbrück noch heutigen Tages
Zwingle  gelt«  »Solle mer jetzt den Moscht trinke« fragte Enzio Uli
entgegnete »Da gfallt mers net Suche mer weiter zu komme«
    Morsche Holzstufen führten zu einer eisenbeschlagenen Tür Sie war
verschlossen und wenn auch Enzios Dietriche versagten so gelang es mit dem
Handwerkszeug das Türschloss abzuschrauben Die Pforte gab nach und wir traten
in einen gähnend weiten finsteren Raum Lauschend hörten wir nichts als das
leise Pfeifen einer Ratte Wir zündeten die Laterne an da kam eine Fledermaus
geflattert »Wir sind im Schlosskeller« raunte Uli Unsere Augen gewöhnten sich
an die Dunkelheit und Enzio rief »Das große Fass  da leit s« Den ganzen
Nordbau des Schlosses schien die Unterkellerung zu umfassen  ein hohes Gewölbe
zu dem das Tageslicht nur spärlich durch vergitterte Luken eindrang Inmitten
ragte das Fass wie ein Riesenelefant Als wir es umringten und beklopften
erklärte der belesene Wendelin »Acht Meter Länge hats fünf Meter Höhe  aber
den Inhalt einer großen Stub  es fasst noch hundert Hektoliter mähr als das
berühmte Heidelberger Fass Schaut waas ungschlachte Knochen dees Viech hat
Wisst ihr wieviel Eichen Meischter Simon von Bönikheim zum Bau hat verarbeiten
müssen Zu den Bohlen  geradezu Balken sinds  ond Dauben vierzik Eichen zu
den Reifen weitere fünfzik Als Lohn für sein Kunschtwerk hat er hundertfufzik
Gulde kriegt dazu ein Hofkleid« Jahn beleuchtete mit der Laterne eine Tafel
die am Fass angebracht war und buchstabierte »Als großes Buch bin ich bekannt
durch Herzog Ulrich so genannt 1546 wurd ich erbaut aus neunzig Eichen wie
ihr schaut  zweimal ward ich gefüllt mit Wein 286 Eimer nehm ich ein« 
»Herrschaft« staunte Enzio »Gelt hier tun mer den Moscht trinke« Aber Uli
meinte wir sollten erst noch rekognoszieren und jedenfalls den unterirdischen
Schlossbrunnen ausfindig machen Wir wagten die Fackel zu entzünden  ihre
qualmige Röte sprühte durch das gotische Gewölbe wo nun mehrere Fledermäuse
herumhuschten
    »Hier ischt die Richtong zom Brunne« sagte Uli auf einen finsteren
Seitengang deutend  »den Bauplan des Schlosses kenn i« Schräg aufwärts gings
über Bretter und Felsenstufen Moderluft hauchte kalt Eine Kuppel wölbte sich
über einer Schranke die aus Felsenquadern kranzförmig erbaut war und vier Meter
Weite haben mochte Es war der Schacht eines Ziehbrunnens Mit der Fackel
leuchteten wir hinein unergründlich schien der Abgrund Nach Enzios Behauptung
betrug die Tiefe bis unter den Neckar hundertfünfzig Meter Den Zweck dieser
Anlage setzte Uli auseinander Im Schlosshof sei ein laufender Brunnen der
genüge aber nicht wenn die Burg belagert werde »Na ka mer ja aus dem Riesefass
saufe« meinte Enzio  aber Uli gab zu bedenken wieviel Wasser nötig sei für
Hunderte von Menschen sowie für all die Pferde Rinder und Schafe mit denen man
während der Feindesnot versehen sein müsste  Wir warfen Steine in den Brunnen 
man hörte sie sausen seitlich wiederholt anprallen und nach einer Weile unten
aufschlagen Ein Zeitungsblatt das wir angezündet hatten schwebte effektvoll
nieder Die brausende Flamme beleuchtete tief und tiefer den Schacht bis sie
auf einmal erlosch
    Enzio wollte noch weiter in die unterirdische Romantik vordringen er
schwärmte vom Femgericht und der Folterkammer Es sei da auch ein Burgverlies
aus dem hab ein Gefangener ausbrechen wollen mit den Fingernägeln ein Loch in
die Felsenmauer geklaubt einen Meter tief Aber drei Meter dick sei die Mauer
»Ein andermal« vertröstete Uli  »für heute hänt mer noch e wichtige
Tagesordnung Zurück zum Fass«
    Dort füllten wir Most in das Trinkhorn und Uli erhob es feierlich »Knappen
vom Glaasberg Rühmlich soll unsre Freiheitsbande ihren Weg gehen Ond jetzt
stehen mr vor ener neuen Stuf unsres Aufstiegs Ahne könnt ihr net waas i mein 
drum rund heraus Net graad dass mr eine Räuberbande gründe wolle  aber eine
Zeitong E Pennälerblatt e heimlichs Wir selber wollens schreibe Redaktör
Wendelin Bruno macht die Bilder Jahn tuts drucke ond verlege Hektographisch
vorläufik Ond jetzt ratet wie dees Blättle heiße soll«  »Böhmische Wälder«
schlug Enzio vor  »Ah waas« lehnte Uli ab  »Der Glaasberg Ein Blatt für
solche die hinauf wollen«  »Famos« rief ich  »das gibt ein Titelbild«
    Uli fuhr fort »Da ihr also gewillt seid ans Werk zu schreiten guet So
begiessen mrs zur Weihe mit eme Trunk Hier schwing is Horn von eme Auerochse
wie sie einscht durch Germaniens Eichenwälder gstapft send Gfüllt mit
schäumendem Met drin unsere Väter hänt ihrer Götter Minne trunke Wohlahn dr
erschte Schluck sei Wotan geweiht dem Gotte der Begeischterung« Ein Teil des
Trankes platschte auf den Boden und Ulis Bass stimmte das Lied an »Alles
schweige Jeder neige ernsten Tönen nun sein Ohr« Die Weise von den Studenten
Landesvater genannt war uns halbwegs geläufig  wir wiederholten wenn auch
etwas schüchtern den Rundreim »Hört ich sing das Lied der Lieder Hört es
meine deutschen Brüder Hall es wider froher Chor« Uli tat aus dem Horn einen
tiefen Zug und reichte es Enzio ders aber bloß zu halten hatte  während Uli
seine Schülerkappe abnehmend weiter sang »Seht ihn blinken in der Linken
diesen Schläger nie entweiht Ich durchbohr den Hut ond schwöre Halten will
ich stets auf Aehre  stets ein braver Bursche sein« Schwärmerisch gröhlten
wir »Du durchbohrscht den Hut  so schwöre Halten sollscht du stets auf Aehre
stets ein braver Bursche sein« Die Reihe Solo zu singen war an Enzio Obwohl
er sich bemühte Ulis tiefe Stimme nachzuahmen schnappte sie ihm quiekend über
So ging das Trinkhorn von Mund zu Mund und mit dem Schläger hatte jeder seine
Schülerkappe zu durchbohren »Nimm den Becher wackerer Zecher vaterländischen
Trankes voll  nimm den Schläger in die Linke  bohr ihn durch den Hut und
trinke  auf des Vaterlandes Wohl«
    Erhabene Wonne als teutscher Knabe durchschauert zu sein von der Ahnung
eigener Bedeutung Je tiefer die Züge aus dem Trinkhorn gerieten desto
heldenhafter dünkten wir uns Aber wie ein Hund der im wohligen Sonnenscheine
liegt jählings auffährt weil ein boshafter Schusterjunge einen Eimer kalt
Wasser über ihn ausschüttet so schlug uns Bestürzung in die Knochen als eine
raue Mannesstimme schimpfte »Ssauballa dreckete Wart no i tu mei Knüppel
hole Verschlag uich die Köpf« Vor diesem Feind der uns fast im Nacken saß
ergriffen wir die Flucht Enzio stolperte über den Kübel der Most netzte mir
die Beine Wendelin rannte mit dem Trinkhorn Jahn mit der Laterne
Zurückblickend sah ich wie Uli in der Linken die Fackel den Schläger drohend
erhob  während auf der Treppe die vom Schlosshof in den Keller führte im
hereinflutenden Tageslicht ein bärtiger Mann stand unschlüssig was er machen
solle
    Den Flüchtlingen hastete ich nach und war wieder im Hungerturm Enzio
schlüpfte zur Schiessscharte hinaus Jahn folgte mitsamt der Laterne Wendelin
wandte sich »Woscht dr Uli« Indem war Uli zur Stelle »Haseherze« schimpfte
er »Der knotige Philischter soll nur komme  mit dem nehm is auf Ha Der hat
sich zurückgezoge« Aber Wendelin warnte »Beistand wird er hole Ond wenn wir
ons net bald fortmache so kommt er vom Schlossgrabe na ischt ons der Rückzug
abgschnitte« Uli sah das ein »Retraite« Er half Wendelin zum Ausschlupf und
kroch hinterdrein
    Ich hatte bereits ein Bein und einen Arm in der Schiessscharte aber die
Brust ließ sich nicht hindurchzwängen Ich wurde ängstlich weil ich mir sagte
Fasst man mich hier ab so riskier ich geschasst zu werden Hinaus hinaus Aber
das ging nicht wollte nicht gelingen wie ich mich auch wand War ich denn
behext Von unsrer Grossmannssucht geschwollen  Ich stöhnte »Uli Uli« 
»Waas« erwiderte er von außen  »Ich komme nicht durch«  »Onsinn«  »Hilf«
 Meinen Arm fasste er und zog »Au Halt«  »Sei gscheit« mahnte Uli und zog
nun auch am Bein  »Au So geht es nicht«  »Du bischt doch nei komme so musst
auch wieder raus Tu di zsammereisse Hup Komm ra«  »Au Ich bin zu dick
geworden  von der verfluchten Sauferei«  Uli lachte und begann aus Schelmerei
auch noch zu kneifen
    »Seid ihr verrückt« raunte Wendelin »Grad kommt ebber über die Grabebrück
gloffe  der meint ons«  »s ischt der Knote« sagte Uli  »also Wille
schau wie du fertik wirscht Aber nix verrate wenn mr dich abfasst 
verstande«  Ich vernahm die Tritte der enteilenden Kameraden und zog mich in
den Hungerturm zurück Bald darauf schimpfte die Männerstimme hinter den
Fliehenden her »Gymnasischte seid ihr  ja versteckt nur eure bunte Kappe  I
kenn uich Halunke Schasse muess mr uich«
    Mir kam der Gedanke in seiner Hast könne der Mann die Kellertür offen
gelassen haben  sofort kehrte ich in den Keller zurück Glimmend lag die Fackel
neben dem umgeworfenen Mostkübel Ich raffte sie auf und leuchtete mir zur
Kellertreppe Aber die Tür war verschlossen Um das Maß meiner Ratlosigkeit voll
zu machen verrieten Stimmen man wolle den Keller durchsuchen Ich flog die
Treppe hinab und wandte mich um die Verfolger irrezuführen nach links Als der
schmale Gang um die Ecke bog glaubte ich verborgen zu sein Wie gut dass ich
die Fackel hatte  allerdings war sie fast heruntergebrannt Ich stieg eine
Treppe empor hohe Steinstufen Es war als wollten die Mauern sich
zusammenpressen Kalt fühlten sie sich an glitzernd vor Nässe Als ein
Seitengemach kam stand ich verschnaufend Die Stimmen waren verstummt  man
schien das Suchen aufgegeben zu haben Aber eingesperrt war ich und die Fackel
ging zur Neige
    Als ich mich umsah merkte ich dass ich in jenem Raume war den Enzio als
das Femgericht bezeichnet und beschrieben hatte Ein zylindrisches Gewölbe 
hier unten war die Stelle für den Angeklagten droben die kranzförmige Galerie
war für die Femrichter Meine aufgeregte Einbildungskraft sah auch jetzt
unheimlich vermummte Gestalten und es war als halle eine dumpfe Stimme »Gras
und Grein Stock und Stein Maus und Molch Daus und Dolch« Und weiter tappte
ich durch die Gänge  abermals Stufen hinan Ich muss zu den Gefängniszellen
gelangt sein  es waren gemauerte Löcher so eng dass die Gefangenen nicht
aufrecht hatten stehen können In einen dieser Steinsärge kroch ich weil es mir
vorkam man könne von da in einen weiten Raum gelangen Ich hatte mich
getäuscht überdies erschreckte mich eine unheimliche Entdeckung Ich befand
mich in dem Verliese das Enzio erwähnt hatte Da war ja das Loch in die Mauer
geklaubt jahrelang mochte der Gefangene daran gearbeitet mit den Fingern
gekratzt haben  Werkzeuge hatte er nicht besessen Wie verzweiflungsvoll musste
die Verlassenheit des Aermsten gewesen sein dass der Kerkerwärter der ihm
Wasser und Brot durch die Lücke schob vom Fluchtversuch so lange nichts gemerkt
hatte
    Teufel schießt es mir durch den Kopf  wenn mich der Uli im Stich lässt
Wenn jetzt die Fackel ausgeht So muss ich hier die Nacht kampieren bei Ratten
und Fledermäusen umkrächzet nur von Molch und Unk  Tatsächlich ist die Fackel
dahingeschwunden und es hilft nichts dass ich den Stummel zu entfachen suche
Eine Gänsehaut überschauert mich das Haar auf dem Kopfe tut mir weh die Knie
beben
    »Hilfe« brülle ich Vom hohlen Echo vollends erschreckt stürze ich fort 
mein Schädel stößt ans Gemäuer  So mag einer Maus zumute sein hinter der die
Falle zugeschnappt ist Verstört rennt sie hierhin dorthin mit allen Sinnen
nach dem Ausschlupf suchend  In Angstschweiß gebadet tappe ich durch die
Eingeweide des Burgverlieses Schon hat der Stummel meiner Fackel kein Fünkchen
mehr  da zeigt sich hinten im finsteren Gange ein bläuliches Dämmern Ich
stolpere hin  ertaste eine schwere Holztür durch deren Ritze ein Strahl des
Tages lugt Ein plumper Riegel  verzweifelt rüttle ich daran  drücke ziehe 
und  auf geht das Tor  Licht Ich schlüpfe hinaus
    In einem Gärtchen bin ich  an molliger Sonne grünen Stachelbeersträucher 
Veilchen blühen und Milchstern Im Bärengraben muss es sein  ach freilich Da
staffeln sich die Beete empor  noch ein kleiner Aufstieg und ich bin aus aller
Not  Sonnenschein Frühlingsgrün Blauer Himmel O süße süße Freiheit
 
                             Unsere Schülerzeitung
Titel »Der Glasberg Zeitschrift für solche die hinauf wollen« »Mit diesem
Organ«  so hieß es darin  »vertreten wir GlasbergKnappen das Recht der Jugend
auf eigenes Leben Das verkümmert uns die Schule Von ihren Verschrobenheiten
möchten wir uns innerlich frei halten Äusserlich müssen wir uns ja fügen dem
Werkelgange dieser Philisterfabrik Die Faust ballen wir in der Tasche Blitz
und Donner Heimlich wenigstens wollen wir uns austoben Das Ideal verehren das
uns im Herzen blüht Lachen und spotten über das Unterfangen der verknöcherten
Schulmeister aus uns solche Karikaturen zu machen wie sie selber sind
    Unser Mitschüler Fritz Bählamm schrieb neulich in seinem Aufsatz der von
Adrast diesem Kamel natürlich belobt wurde es sei unsere Pflicht nützliche
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu werden Blödsinn Wenn diese
Gesellschaft hauptsächlich eine Proles ist  was wir behaupten  so folgt
daraus dass sie ihrer Natur gemäß auf nichts Bessres ausgehen kann als ihren
Nachwuchs zu Proleten ihrer Art heranzubilden Das aber wollen wir uns nicht
gefallen lassen Wenns wahr ist dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbilde
schaffen wollte so sollen wir halt etwas andres sein als unsere Honoratioren
Herr Präzeptor Bierbauch und Herr Stadtpfarrer Leitammel Wir fügen uns keiner
tötenden Schablone  innerlich nicht Die frischlebendige Seele soll man nicht
wie eine Sache behandeln Das ist Misshandlung der Menschenwürde Wir verlangen
dass unsere Jugend jede Stunde ihres Lebens noch etwas andres sei als ein
Mittel zum Zwecke des Banausentums Auch für sich soll der Mensch etwas sein So
erst kann der Gott in ihm lebendig werdend«
    Auf diesen Leitartikel folgte ein Gedicht »Frau Sonne an die Scholaren«
unterzeichnet »Der Grossmeister« Hainlin sei das raunte man  er habe Uli
gestattet Verse aus seiner Maulbronner Pennalzeit mitzuteilen
Frau Sonne kommt gegangen
Und tausend Spieglein prangen
Am Klee der bunte Perlentau
Frau Sonne lacht vom Hügel
Indes der Lerchenflügel
Den Jubelgruss ihr trägt zum Aeterblau
Frau Sonne spricht »Euch allen
Ihr Kinder soll gefallen
Auch dir du Stadt im Tal mein Licht«
Und doch wie Morgengluten
Durch Winkelgassen fluten
Verzieht Frau Sonne schmollend ihr Gesicht
»Was seh ich Knabenköpfe
Und doch schon Sauertöpfe
Das schleppt nun seinen Schmökersack
Und lässt in Klostermauern
Das junge Herz versauern 
O heilger Stumpfsinn Bakelpfaffenpack
Gymnasten  Leib und Seele
In edler Parallele 
Wie Griechen sollt ihr sein Ach wohl 
So faselt Herr Magister
Er selber das vergisst er
Ist eine Vogelscheuche schlapp und hohl
Bebrillt mit krummen Rücken
Die Folterbänke drücken
Heißt das der Weisheit Jünger sein
Ihr wollt auf deutscher Erden
Mal Würdenträger werden
Lernt ducken Kerle büffelt Stocklatein
Grammatik Tüftelsätze
Und Ciceros Geschwätze 
O eitel StarenmatzDressur
Nur einer sei euch Meister
Der Innenstrahl der Geister 
Und Alma mater sei die Gottnatur
Ihr glaubt dem Bibelbuche
Die Arbeit sei zum Fluche
Für Durst nach Licht von Gott ersehn
Ihr glaubt ein Weltregente
Gebiet im Firmamente
Die Sonne soll als Knechtin stillestehn
Ihr Toren Ich die Leuchte
Die stets das Dunkel scheuchte
Ich mach euch frei von Sklaverei
Lasst ab vom Mottenplunder
Ich weiß euch holde Wunder
Versäumt das Schönste nicht den Jugendmai
Kein Klauben und kein Knüllen
Entfaltet Knospenhüllen
Das Zwängen bringt nur Krüppelweh
Lernt in der Sonne leben
So wird euch schon gegeben
Dass ihr wie Lerchen seid und Maienklee«
    Als Gegengewicht zu solcher Schärfe sollten Schelmereien dienen Darunter
befand sich aus meiner Feder folgende
                                 Räuberballade
Drei verfluchte Räuber hausten
In dem finsteren Gruselwald
Manche Börse sie schon mausten
Machten manchen Wandrer kalt
Spät am Abend wars da lauschten
Im Verstecke diese drei
Schauerlich die Bäume rauschten
Und es scholl des Uhus Schrei
Plötzlich ihre Augen funkeln
Denn es regt sich was im Tann
Und sie sehen aus dem Dunkeln
Treten einen Wandersmann
Wie drei wilde Tiger brechen
Sie hervor mit Mordgebrüll
Und mit ihren Dolchen stechen
Sie den Wandrer kalt und still
Als sie darauf ihm die Tasche
Gierig wenden hin und her
Finden sie nur eine Flasche
Drauf geschrieben steht Likör
Durstig setzen sie sich nieder
Auf des Waldes blutgen Grund
Um zu stärken ihre Glieder
Geht der Trank von Mund zu Mund
Aber jeden bösen Lümmel
Schließlich seine Strafe trifft
In der Flasche war kein Kümmel
Sondern schnödes Rattengift
Dieses zwickt und zwackt die Bäuche
Und das Mordtrifolium
Mit Geröchel und Gekeuche
Wird auf einmal kalt und stumm
Der Moral von der Geschichte
Schenket aufmerksam Gehör
Werdet keine Bösewichte
Und misstrauet dem Likör
    Obwohl unsere Schülerzeitung unter dem Siegel der Verschwiegenheit
erscheinen sollte gingen Abschriften unter den Pennälern herum Nur dass
glücklicherweise geheim blieb von wem die einzelnen Beiträge verfasst waren Die
Räuberballade hätte ihrem Autor keinen weitern Vorwurf zuziehen können als dass
er eben beteiligt sei am Unfug einer Schülerzeitung Ein anderes Opus aber das
ich verbrochen hatte war geeignet mich auf der Schule unmöglich zu machen Es
ging unter den Pennälern wie ein Lauffeuer herum wurde aber nicht mir sondern
dem Kandidaten Hainlin zugeschrieben Ich schwieg dazu war sogar stolz darauf
dass Verse von mir einem Hainlin zugetraut wurden Was ihnen den Beifall der
Pennäler zuzog war ihre Giftigkeit die sich gegen den Ssaubock und das
Schulsystem richtete Pikant war noch dass sie einen Stadtklatsch behandelten
der einen Beinbruch Bocks deutete
                                  BockBallade
TatzeBock
Mit der Glatze 
Manche Tatze
Haut sein Stock
TatzeBock
Und Schneider Gock
Minnen beid
Eine Maid
Lisle Rettig
Im Hotel
Schankmamsell
Etwas fettig
Gock der Schneider
Wird galant 
Bock sein Neider
Wutentbrannt
Schimpft den Schneider
Hungerleider
Und infame
Dessen Dame
Puh in Galle
Rjetzt das Mädel
Mit der Kralle
Ssaubocks Schädel
In die Fratze
Schmeisst ihm Lisle
Ein Servisle
Leberspatze
Schneider Gock
Auch nicht faul
Klebt dem Bock
Eins aufs Maul
Hui sie packen
Sich am Nacken
Und zerzwacken
Ihre Jacken
Sonderbar
Putzig Paar
Wer erfasst
Den Kontrast
Hier die volle
Kürbisknolle 
Dort die schlanke
Hopfenranke
Gock waschlappig
Heuschreckartig 
Bock froschquappig
Schweineschwartig
Arme zappeln
Beine trappeln
Krallen kratzen
Es knallen Pratzen
Gäste lachen
Gekrümmt im Schreikampf
Brüllend entfachen
Sie noch den Zweikampf
Uff im Geraufe
Wird übel dem Frosche 
Rötliche Traufe
Tropft von der Gosche
Fritz der Hausknecht
Zieht den Rock aus 
Hurra das Hausrecht
Übt er an Bock aus
Sämtliche Gäste
Helfen feste 
Bock muss fliegen
Abi die Stiegen
Hei Pennäler
Euer Quäler
Lieg im Kot 
Mausetot
Nein nur scheinbar
Weh die Glieder
Regt er wieder
Höchst beweinbar
Nichts gebrochen
Als der Knochen
An der Wade 
Jammerschade
Soll denn Schweinheit
Bocks Gemeinheit
Uns am Leben
Ewig kleben
Oh dies Schwein
Ist Höllenplage
Donner schlage
Krachend drein
Zuchthaus Schule
Stürz in Flammen
Überm Stuhle
Bocks zusammen
 
                                  Bebenhausen
Die Dämmerung die über des Kandidaten militärischem Dasein lag wurde wie von
einem Blitz erhellt An Uli schrieb er es bestehe die Wahrscheinlichkeit dass
er als untauglich aus dem Dienst entlassen werde Beim Turnen sei er vom Reck
gestürzt und habe den linken Arm gebrochen Der sei zwar geheilt aber schief
Wenige Tage nach dieser brieflichen Äußerung erschien Hainlin persönlich Witwe
Schneckle seine frühere Wirtin in der Neckarhalde beherbergte ihn Er machte
sich überaus stattlich im bunten Rock und trug die Gefreitenknöpfe Den Arm
hatte er noch in der Binde Dass dieser kernhaft deutsche Jüngling solche
Beschädigung erlitten hatte war seinen Bewunderern ein schmerzlicher Gedanke
Wir trösteten uns mit der Aussicht unsern grosszügigen Geistesführer nunmehr für
die Dauer zu haben Er hatte sich nämlich entschlossen mit dem Amtieren als
Lehrer einen Versuch zu machen und sich zu einer Vakanz an Tübingens oberer
Mädchenschule gemeldet
    Zugleich war er von Herrn Ritter der in Stuttgart Bankdirektor war
gewonnen worden sich mehr planmässig Ulis anzunehmen Uli war dazu von Herzen
willig und gestand mir es sei ihm  das fühle er selber  eine Unbändigkeit
eigen die gezügelt werden müsse freilich mit Liebe und Verständnis Dafür
wisse er keinen andern als den Kandidaten Hainlin Seinem Vater hatte Uli
wiederholt Grund zur Sorge gegeben Zunächst durch Schülerstreiche die seine
Entfernung vom Stuttgarter Gymnasium herbeigeführt hatten Dann durch seine
erwachte Männlichkeit Hochgeschossen in blühender Kraft war dieser
Sechzehnjährige wie ein brausender Student Dass er auf seinem Stübchen Bier
trank und Pfeife qualmte erregte bei uns seinen jüngeren Freunden zwar
Bedenken aber auch Bewunderung Welch ein Kerl dachte ich  und turnen kann
er schwimmen fechten sogar Schade dass Herzog Ulerichs Zeiten vorüber sind
Sonst wäre unser Uli ein zweiter Georg von Sturmfeder
    Es traf sich gut dass in die Tage des Hainlinschen Urlaubs der Geburtstag
Ulis fiel  er vollendete sein siebzehntes Jahr Zur Feier hatte der Kandidat
einen Ausflug nach Kloster Bebenhausen versprochen und ich durfte ebenso wie
Wendelin teilnehmen weiter war niemand geladen Der Kandidat hatte angeordnet
er wolle am frühen Nachmittag nach Bebenhausen gehen und zwar mit Uli allein 
mit dem hab er unter vier Augen zu sprechen Daraufhin hatte Wendelin mit mir
verabredet eine Stunde früher als diese beiden im Kloster einzutreffen
Wendelin wollte den Kreuzgang abzeichnen  und ich indessen Flöte blasen Ich
hatte mir nämlich eine Blechflöte zugelegt um auf diesem schlichten Instrument
das seelenvolle Spiel des Kandidaten nachzustümpern
    Zur verabredeten Zeit gings an Wendelins Seite am Goldersbache hin Das Tal
entlang zwischen Waldhöhen führt die mit Obstbäumen eingefasste Landstraße Auf
den Buchenwald zur Rechten deutete Wendelin »Der Olgahain Den besucht unser
Könik gern wenn er seine Sommervakanz in Bebenhausen zubringt Das Kloschter
hat er zum Jagdschloss eigrichtet« Links wo sich das Wiesental weitet war
jetzt das Kloster sichtbar Über bäuerische Häuschen Obstbäume Gemüsegärtchen
hoben sich Bauten mit vielen Fenstern hohen Dächern und einem gotischen
Türmchen An der Landstraße lag das Gasthaus zum Postörnle wo wir später den
Kandidaten und Uli treffen sollten Den Wirt bat Wendelin wenn die andern
kämen solle er sagen wir seien einstweilen im Kreuzgange
    Im Weitergehen betrachteten wir das deutlich werdende Kloster Von einer
mittelalterlichen Mauer mit Wehrtürmchen wars umschlossen und wirkte vornehm
durch die stolzen Giebel und grosszügigen Ziegeldächer Vom Kalkbewurf hob sich
dunkelbraun in reicher Verschränkung das wuchtige Gebälk ab Empor zu
sommerlichen Wölkchen strebten ein paar Dachreiter Deren einer war ein
stattliches Kunstwerk ein Glockenturm aus schmalen Steinpfeilern gotisch
zusammengewoben so dass die Glocke hervorlugte »Vor achthundert Jahren« 
meinte Wendelin  »hats da net so grossartik ausgsehn Eine dürftige Klause war
da am Goldersbach gekauert dem heiligen Babo geweiht Begüterte Mönche hänt
später Bebenhause zum Kloschter gestaltet immer stattlicher ists worde«
    Bewundernd standen wir vor dem hohen Gemäuer aus gewaltigen Quadern Efeu
nebst wildem Wein schlingt sich dran empor Wie eine mittelalterliche Feste
schauts drein Das Bogentor führt zu einem Zwinger dessen Schiessscharten lugen
auf Umwallungsgraben Gesträuch und Wiese Durch ein Pförtchen links gelangten
wir in einen dunklen Treppengang und stiegen Steinstufen empor ganz ausgetreten
sind sie von den Füßen derer die hier während mehrerer Jahrhunderte gegangen
sind »Den Fuchsbau heißt mr dees« sagte Wendelin  Wir kamen wieder ins Freie
und standen bald vor dem eigentlichen Klosterbau »Da schau dees wunderbare
Kreuzgängle« Wendelin meinte den gewölbten Gang der in Form eines Quadrats um
den Klostergarten führt Zwischen den schlanken Säulen der offenen Fensterbogen
blickt man hindurch auf Rosen Blumenbeete Umwoben von wildem Wein dessen
Blätter sich leicht röteten war mitten im Garten ein steinerner Springbrunnen
Von Becken zu Becken fiel raunend das Wasser Rings blühten weiße Rosen
    »Oh diese Kreuzwölbungen« schwärmte Wendelin der Sinn für harmonische
Form hatte »Wie zart fügt sich dees alles Pflanzenhaft scheint der Stein
emporzuwachsen zur Decke rankt er  da hats zierliche Gewebe Gelt wie reich
an Abwechslung die Schnörkel da sind Alle paar Schritt kommt ein neues eigen
erfundenes Schlussstück Alles so schön matematisch In eme Kloschter wo man so
wandeln kann in lieblicher Ordnung  da könnt is allefalls aushalte trotz
Geisselkammer ond so Zeugs Guck die Schwälble da wie die sich wohl fühle« Und
er deutete auf Schwalben die ihre Nester zwischen das steinerne Rankwerk
geklebt hatten  mit anmutiger Hurtigkeit geisterhaft lautlos schwebten sie
durch die Kreuzgänge Mücken haschten sie ihr Jauchzen mischte sich ins sanfte
Geraume des Brunnens
    Bald saß Wendelin in einer Nische mit dem Stift in sein Skizzenbuch
zeichnend Ich aber hatte im Klostergarten Platz genommen bei dem singenden
Brünnlein und den weißen Rosen Weiche Töne suchte ich meiner Blechflöte zu
entlocken Ich liebte eine Weise die am Sommerabend Lustnauer Mädchen sangen
»Durchs Wiesetal gang i jetzt na
Brech lauter Batenke dort a «
    »Fertik« sagte Wendelin und wies mir seine Zeichnung Klar und innig gab
sie den Kreuzgang wieder »Komm jetzt weiter« Ich folgte in eine offene Halle
Mitten stand auf einem niedrigen Sockel das Steinbild eines bärtigen Ritters
»Graf Aeberhard im Bart« sagte Wendelin  und ich bestaunte die kraftvolle
Gestalt im Harnisch das gebieterische Gesicht mit dem wallenden Bart
    »Aus Sandstein ist er scheints« sagte ich zu Wendelin der wieder
zeichnete Um die Steinart festzustellen wagte ich die Hand zu befühlen die
der Majestätische mir entgegenstreckte Und ermutigt weil er sich das gefallen
ließ klopfte ich mit der Blechflöte ein wenig an Eberhards Zeigefinger Wie
erschrak ich als der Finger knack machte und  abgebrochen auf der Steinfliese
lag  Himmel was hatte ich angerichtet Erst glaubte ich mich narre eine
Sinnentäuschung Aber da lag der Finger an der Hand war ein Stumpf »Wendelin«
stöhnte ich »Etwas Schreckliches « Er stand an meiner Seite und sah die
Bescherung »O Himmel Dees ischt e beese Gschicht« Schon hatte er das
Skizzenbuch in seiner Jackentasche geborgen und die Schülermütze aufgesetzt
während ich den abgebrochenen Finger aufgehoben hatte und anstarrte Wie gelähmt
war ich als jetzt hastige Schritte nahten  Der König kommt dachte ich
    Doch ich durfte aufatmen  der da kam war Freund Uli »Ach Uli« klagte
ich und berichtete was geschehen »Fort Net lang gfackelt« drängte Wendelin
Aber Uli beschwichtigte »Immer kalt Blut Zeig dees Fingerle her Vielleicht
kann mers napappe Hat keiner e bisle Leim« Mit gekneteter Brotkrume suchte er
den Finger an den Stumpf zu kitten  vergebens Das Fragment fiel ab
    »O Brunole« sagte Uli geringschätzig  »bischt du e Kerle Ond damit net
genug Auch noch d Linda tuscht uns auf den Hals lade«  »Wieso Linda Ich
hätte  Linda Kuttler Unsinn«  »Doock Sie ischt komme mit ihrem Bruder
doran bischt doch du schuld Dem Enzio hascht gesagt dass mr in Bebehause send
mit dem Kandidate«  »Das hab ich allerdings gesagt  aber nicht dass er
mitkommen soll Die Linda einzuladen wäre mir erst recht nicht eingefallen Ich
weiß ja der Kandidat kann sie nicht ausstehn«  »Also Grad deshalb wars
onvorsichtik von dir zum Enzio zu schwätze Du solltest doch wissen wie
aufdringlich die Linda dem Kandidaten nachstellt« Und es erzählte Uli er sei
mit dem Kandidaten den Waldpfad dahergekommen der die Landstraße begleitet 
da hab er die Linda mit dem Enzio bemerkt Weil sie Bebenhausen zugingen habe
sich der Zusammenhang erraten lassen Der Kandidat sei nun stehen geblieben Mit
der Linda mög er net zusamme sein um keinen Preis Er schlag daher vor dass
man ein andres Ziel als Bebenhausen wähle Uli solle nach dem Kloster springen
Wendelin und mich verständigen  Treffpunkt Olgahain »Also jetzt da bin i ond
ihr wisst Bescheid Auf ganget mr Dass ons dr Enzio net trifft ond die Linda«
    Aber da kam er schon An unserer unfreundlichen Miene merkte er sofort er
sei nicht willkommen  misstrauisch rollten ihm die schwarzen Augen Der
freimütige Uli sah ihn fest an »Du Enzio Waas willscht denn du bei ons Heut
hänt mr deine Gesellschaft net gern Der Kandidat Hainlin grad heraus gesagt
mag mit der Linda net zusammetreffe Ond jetzt ganget mr Nix wird aus dr
Partie Du bischt schuld dass die Linda mitkomme ischt  deescht einfach
taktlos«
    Roten Kopfes stammelte Enzio »Dees  dees  Mei Vatter hat mir den
Ausflug bloß gestatte wolle wenn die Linda mitkam«  »Na hättescht selber
wegbleibe solle« entschied Uli kühl  »Aber  aber  was ischt denn mit der
Linda warom mag dr Kandidat sie gar net«  »Also Enzio  wenn dus wisse
willscht die Linda ischt e charakterloses Weibsbild«
    »Enzio« sagte ich beklommen »Ohnehin könnten wir nicht in Bebenhausen
bleiben Wir müssen uns gleich aus dem Staube machen Sieh doch hier fehlt dem
Eberhard der Finger«  »Ha« sagte er stutzig  »wie ischt dees komme«  Und
ich erwiderte kurz »Abgeschlagen ist er  mit der Flöte Fort müssen wir ohne
Verzug  sonst kriegt mans noch mit der Polizei zu tun« Ich hatte noch so viel
Besonnenheit den Finger in eine Ecke des Refektoriums zu legen  damit er dort
beim Fegen gefunden würde Enzio blickte finster und verkrümelte sich
 
                                 Beim Einsiedel
So kams dass aus der Geburtstagsfeier in Bebenhausen nichts wurde Aber der
Kandidat Hainlin den wir im Olgahain trafen wusste Entschädigung »Na ganget mr
halt zum Einsiedel« Jubelnd stimmten Uli und Wendelin dem Vorschlag zu Den
Einsiedel diese Lieblingsstätte Eberhards im Bart hatten sie rühmen hören
waren aber bisher noch nicht hingelangt »Ischt dees net wo Ihr Onkel Guhl
wohne tut« fragte Wendelin und Hainlin erwiderte »Gewiss Der wohnt beim
Pächter der Domäne Einsiedel Und wird sich freuen dass ich ihm Pennälerle
bringe von denen ich ihm erzählt hab«
    Die Wege im schattigen Olgahain sind gepflegt  einmal freilich mussten wir
steil empor durch raues Dickicht Wieder abwärts gings es kam die Schlucht
des Kirnbaches dann eine neue Waldhöhe In hochgelegener Feldlandschaft waren
Landleute mit der Kornernte beschäftigt Pfrondorf berührend bogen wir in ein
Wiesentälchen ein Laubwald ragte als dunkelgrüne Wand hinter der Kerbung des
Geländes durch die ein Bach floss Hinüber führte ein Steg aus dicken Stämmen
Alte Buchen bildeten das Gewölbe dessen Schattigkeit vom Sonnengold durchäugelt
wurde In die steingraue Baumrinde hatten Besucher Buchstaben und Herzen
geschnitten
    Aus dem Walde getreten waren wir auf einer Hochebene die umfassenden Blick
auf die Alb eröffnet Sanft blauten die Berge weiße Wolken schwammen drüber
Durch Stoppeln führte ein Grasweg den alte Apfelbäume einfassten Man sah die
Spuren von Schafen drüben in der Ferne blökte und wimmelte die Herde Nun kam
Stallung Rinder brüllten auf den Tennen hüpften Dreschflegel Inmitten
landwirtschaftlicher Gebäude lag ein Wohnhaus von Wein berankt »Hier wohnt
Onkel Guhl« sagte Hainlin  »er wird aber beim Schlössle sein« Nachdem wir ein
Geviert von Ställen dann ein Tor passiert hatten deutete Hainlin auf einen
altertümlichen Bau »Da hänt mr den Einsiedel«
    Vom ehemaligen Kloster war nichts übrig als ein Steinportal nebst
halbversunkenem Gemäuer »Im Baurekrieg ischt alles zerstört Aeberhards
Lieblingswerk ischt verfalle  bloß sei Weissdorn der grünt«  »Weissdorn«
fragte ich  »Ha kennscht denn du dees Gschichtle net« fragte Uli Und
Hainlin fügte hinzu »In deim Uhland steht doch die Ballade von Aeberhards
Weissdorn Der damalige Graf im Bart hat e Wallfahrt gemacht zum heiligen Land 
und soll davon en Weissdornzweig heimbracht haben An seiner Lieblingsstätte hier
hab er den Zweig in die Erde gepflanzt  ond e Baum sei draus worde Drüben seht
ihr ihn  zwischen Apfelbäumen e Steintisch drunter Aber der Onkel den i da
vermutet hab ischt net da Ganget mr ihn suche«
    Seitwärts abbiegend wandelten wir am Graben hin der das Klostergebiet
umschließt Er war schmal flach wasserlos  schilfiges Gras wuchs drin Die
Wehrmauer dahinter hatte nur Mannshöhe und von unserm Pfade konnten wir
hinüberblicken ins Bereich des ehemaligen Klosters Allerdings war nichts weiter
zu sehen als Rasen mit Obstbäumen und Gesträuch Beete mit Salat und Bohnen
    Ein Hund schlug an und gellend pfiff auf dem Finger Herr Hainlin Drüben
zwischen den Beerensträuchern erschien kläffend ein rehbrauner Dachshund und
der Kandidat deutete auf eine Gestalt die sich bei einer Bretterhütte zu
schaffen machte »Da hänt mr den Onkel Seine Lieblinge tut er füttre Hört ihr
ihn locke« Wir vernahmen soweit es das Hundegebell zuließ ein zirpendes
Gezwitscher das wohl von einer Trillerpfeife herrührte Um einen weissbärtigen
Mann schwirrten Vögel und etliche saßen ihm auf Hand und Schulter nach
dargereichter Nahrung pickend Neue Gäste kamen geflattert Fink Meise
Goldammer Rotschwänzchen Auf einem Pfahl lauerte eine Krähe und krächzte
begehrlich
    »Aus der ganzen Gegend kommen die Tierle zu ihrem Wohltäter wenn er bloß
pfeife tut  ond so wenik Scheu hänt sie vor ihm dass sie sich greife lassen
Jetzt ist die Fütterung scheints beendet  Griess Goot Onkel Guhl«  Der
Angerufene winkte »I komm scho« Und näherte sich uns fortgesetzt umflattert
Am Steinportal wohin wir zurückgekehrt waren hüpfte uns der Dackel entgegen
und schwänzelte um den Kandidaten Dann kam etwas schwerfällig doch für sein
Alter aufrecht genug ein freundlicher Greis Langes Weisshaar und ein
weisswallender Vollbart umrahmten das wettergebräunte Gesicht aus dessen blauen
Augen Gutherzigkeit strahlte »Griess Goot Jergle« Er schüttelte des Neffen
Hand freute sich über sein stattliches Aussehen fragte eingehend was der Arm
mache und wie es mit den Militärverhältnissen stehe erkundigte sich nach Rosel
und nach Bolkendorfs Befinden  blickte dann behaglich in die Runde »Dei
Schülerle Dees da ischt der Uli ond dees der Wendelin  leicht zu raten Recht
so dass ihr komme sind Ihr hänt gewiss tapfer Hunger gelt I geh gschwind i
hol was zom Veschpere« Hainlin duldete nicht dass sich der Alte bemühe selber
ging er zum Verwalterhause Speise und Trank zu bestellen
    »Kommt ihr Lateinerle« sagte Guhl  »betrachtet derweilen den Ort Nicks
Bsonders freile hats da Zunäckscht hänt mr dees Jagdschlössle s Innere bleibt
uns verschlosse  hausse aber ischt kaum ebbes zu sehe Übrigens kann dees da
net als ganz echtes Denkmal Aeberhards gelten Dessen Jagdschlössle ischt im
Dreissikjährigen Krieg niedergebrannt  bis auf einen dürftigen Rescht  den hat
mr später ausgebaut« Wir besichtigten das Gebäude Unter überhängendem Dach hat
der Oberstock eine Galerie die von fünf Holzsäulen gestützt wird
    Die Magd die nun mit Herrn Hainlin kam richtete auf dem Steintisch an was
sie beschafft hatte Es wurde jedem Milch eingeschenkt und Brot gereicht
Gemütlich war die Tafelrunde Herr Guhl und der Kandidat saßen am Steintisch auf
der Bank  wir drei Knaben lagerten im Grase Der Dackel stand wedelnd vor Uli
und erschnappte zugeworfene Brocken Die Vögel wurden auch nicht vergessen 
traulich hüpften und hockten sie sich zur Familie rechnend
    Der Weissdorn ein ziemlich dicker Baum wölbte über uns die schattige Krone
zwischen gekerbten Blättern hingen noch grün die Früchte »Ja ja so gehts«
sagte Guhl  »Wachsen und Welken Ond dees nennt mers Lebe E Sträuchle ischt
der Baum gwä wie dr Aeberhard sei Schlössle erbaut hat Wie dann s
Einsiedelstift den Fünfzikjährigen aufgenomme hat ischt scho e Bäumle
hochgewachsen Später hat mrs abghaue weil aber die Wurzel noch lebenskräftik
gwä ischt hat sie en Schössling hervorgetriebe  der breitet jetzt den Wipfel
da Ond so hält der Aeberhard über seine Landeskinder noch immer die gütige
Hand«
    Gütige Hand  das Wort war mir peinlich weil es mein Gewissen traf Ich
dachte an die von mir verstümmelte Hand zu Bebenhausen Hainlin hatte in meinem
Gesicht gelesen und lächelte mir zu
    »Ond da herum«  sagte Uli mit Ehrfurcht  »liegt der Aeberhard begrabe« 
»Er lag hier« erwiderte Guhl »Im Wald hat er ruhen wolle unter Bäumen wo er
den Hirsch gejagt wo er später sinniert hat Der Graf im Bart tut in den Wald
passe hat ja selber ebbes Waldhaftes Dees Waldhafte Eigenwüchsige sollt im
Menschenkind Geltung behalten Aber leider masst sich dr Menschewitz ahn es
auszuroden Menschewitz hat auch hier gscheiter sein wolle als das Waldhafte
Drum hat mr nachdem der Aeberhard hier bestattet worden vier Jahrzehnte später
seine Gebein ausgegraben und in der Tübinger Stiftskirch beigesetzt Für en
Fürschten so meint Menschewitz seis besser in prunkender Gruft zu ruhen als
in gemeiner Erd«
    »Bitte Herr Guhl« sagte Wendelin  »können Sie wohl erklären weshalb die
Ringmauern des Kloschters da so auffällik niedrik sind Der Verteidiger hat ja
gradezu aufm Erdboden liegen müsse um durch die Schiessscharte ziele zu könne
Oder ischt die Ruin in die Erd neigsunke War die Erd etwa sumpfik Schilfgras
wächst im Graben da Wie i dees bemerkt hab ischt mirs Gedichtle vom Uhland in
den Sinn komme Ein Kloschter ischt versunken«  »Net versunken ischt der
Einsiedel« antwortete Guhl  »sondern rings um die Mauern hat sich das Erdreich
erhöht  vier Jahrhundert sind drüber hingange Hänt ihr beim Bachstegle die
Buchstaben an den Baumstämmen gsehn Frisch gschnitte sind sie lesbar doch im
jahrelangen Wachsen kommt von der Seit die Rinde herübergewallt und schließlich
sind da nur sonderbare Risse So gehts mit allem was einscht gewesen  und
selbscht Inschriften aus Stein werden unleserlich Kommet I will euch das
Grabdenkmal zeige das dr Knecht beim Pflanzen eines Baumes aus Schutt
ausgegraben hat«
 
                          »O Ewigkeit du Donnerwort«
Und zu jener Hütte führte uns Herr Guhl wo er die Vögel gefüttert hatte Unter
der Bedachung lag ein rechteckiger Stein dessen Meisselung durch Abwaschen von
Erde und Moos gereinigt war »Dees da han i entziffert« Und Herr Guhl wies auf
eine Zeichnung die auf ein Brett gespannt war »Anno Domini  die Jahreszahl
ist leider zerstört der Name net ganz leserlich Martinus  Aber die Verse
han i so ziemlich beisamme  seind die Menschenkind   all Fleisch wie
Heu Auff Tennen tanzt ein Würbelwind  Und bläset von dem Korn die Spreu  Was
staubgeborn das muss verwehn  Nur was aus Gott ist bleibt bestehn«  Die
Lücken der Inschrift versuchten wir auszufüllen  Herr Guhl meinte es seien
freilich auch andere Lesarten möglich »Aber Lesart hihn Lesart her  die
Hauptsach bleibt halt die Wahrheit vom Vergehn und von der Ewikkeit  gelt
Jergle«
    »Bitte Herr Guhl derf i noch ebbes frage« bemerkte Wendelin bescheiden
»Von Ewikkeit sprechen Sie I möcht gern wisse waas für Bewandtnis es hat mit
der Ewikkeit«  Mit gutlaunigem Lächeln Guhl »Ha Büble  selbes möcht i au
wisse Was onsereins begreife tut wenik genug ischt dees  ha« Ernstaft sah er
den Kandidaten an »Kascht dus vielleicht deute«
    Dieser fand die Antwort »Paulus meint Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Wort Ja von Dämmerung bleibt die Abspiegelung verschleiert 
mögen auch Umrisse hervortreten  nur Ahndeutungen sinds des ewik Wahren 
drüber naus kann Menschewitz net gelange  O Ewikkeit du Donnerwort« 
Langsam nickte Guhl »Donnerwort Ein Blitz aber muss beim Donner sein Den
Blitz den wolle mer schaue«  »Er blendet«  »Blendet ond erleuchtet« 
»Dees schon Onkel Guhl  aber net dauernd erleuchtet er Kaum dass er aufzuckt
ischt er wieder erlosche Ond nicks Bessers hat er aus der Finschternis zur
Deutlichkeit erhobe als ein Sekundebild  was liegt daran Mr kanns net fescht
halte«
    »Immerhihn« meinte Guhl »In mancher Gewitternacht blitzt es so rasch
aufeinander dass sich die Augenblicke wie Glieder einer Kette aneinander reihen
Ond einmal han i e Wetter gschaut sell ischt e einzige Flamm gwä versteinerte
Zeit«
    Leuchtenden Auges Hainlin »Versteinerte Zeit« Und zu mir gewandt mit
leisem Lächeln »Nunc stans lautet eine treffende Bezeichnung  was heißt das
Bruno«  »Ein Jetzt das still steht«
    »Allerdings das ist die Ewikkeit« bestätigte Guhl  »festgefrorener Moment
 richtiger noch der unverwüstliche Zusammenhang aller Daseinsmomente  das
sonst von Trennung zerrissene Leben verschmolzen zur heiligen Einheit«
    »Festgefrorener Moment« nickte Hainlin  »Dies Wort Onkel erinnert mich
daran dass du mal so ebbes erlebt hast  ich meine die Gschicht vom Herzog
Christoph  die solltescht dene Buebe da verzähle gelt Denket ihr Buebe
Unsern Herzog Christoph der vor dreihundert Jahren gelebt hat den Enkel
Aeberhards hat Onkel Guhl mit eigene Augen geschaut  net bloß im Bild nein
leibhaftik«  »Ha« stutzte Wendelin  »wie wär dees mögli«
    »So möcht i selbr frage« sagte Guhl  »i staun alleweil von neuem dass ein
Moment vor drei Jahrhunderten erstarrt mir Gegenwart hat sein können Ja den
Herzog Christoph den han i vor mir ghätt wie jetzt euch Bloß dass er wie e
Schlafender war  So hört Anno Zwanzik ischts gwä  i bin damals im
Geschäft von meim Vatter dem Tübinger Stadtmauermeischter gwä Da hats
geheißen das Grabmal vom Herzog Christoph tu sich über der Gruft senke und könn
einstürzen wenn mer net vorbeug Na hat mr beschlosse die Gruft zu repariere
Mei Vatter hats übernomme und i bin dabei gwä wie mrs Gwölb geöffnet hat Im
Schein der Laterne hänt wir da den Herzog liegen sehen  noch völlik unversährt
als ob er grad entschlummert wär Den Kopf mit dem HerzogHut auf dem
Purpurkissen im Talar von grünem Samt Auf dem schwarzen Wams eine goldene
Kette Das volle Kinn vom runde Bart umgebe dunkelbraun mit Grau vermischt
Unerschütterlich ruhevoll war das gutmütige Gesicht das gelblich blasse Die
Hände lagen gefaltet Ringe an den Fingern Mit Ahndacht sahs wer durfte«
    Wir Knaben blickten schweigsam staunend den Alten an der da unter dem Baume
saß den Eberhard gepflanzt und Eberhards Enkel einen vor drei Jahrhunderten
Verstorbenen hatte dieser Alte von Angesicht zu Angesicht geschaut Geweiteten
Auges wie ein Seher fuhr Guhl fort »Ja ja Das war ein versteinerter Moment 
nunc stans Wie nun Einbalsamierung den entschlafenen Herzog vor Vergänglichkeit
bewahrt so enthält die Ewikkeit alles was einmal war jeden Augenblick in
sich geborgen und zwar nicht bloß mumienhaft sondern in Lebendikkeit überdies
in säliger Harmonie mit dem Ganzen«
    Wie ein Entrückter starrte Hainlin und sprach leise vor sich hin »Species
aeternitatis Schau der Ewikkeit Ja so könnte sie gelingen Gleichwohl wäre
sie bloß Schau Auf Aeusserliches erstreckt sich die Schau das uns
gegenübersteht wie ein Gegenstand Faust der soeben schauen gedurft wie alles
sich zum Ganzen webt kann net umhihn gleich darauf zu seufzen Ein Schauspiel
aber ach ein Schauspiel nur Wo fass ich dich unendliche Natur So möcht auch
ich das Ewige net als bloßer Zuschauer erfassen  Das bloß Gedachte ischt mir
net eigen gnueg  fascht äußerlich steht mirs gegenüber Grad darauf aber käms
mir ahn das Ewige unmittelbar zu haben net als Gegenstand sondern innerlich«
    »Zu haben Sag lieber zu sein Um Ewiges ganz zu haben müssen wir Ewiges
sein Richtiger noch Die Ewikkeit soll uns haben Wie eine Mutter ihr Kind
umfängt«  »Recht so Onkel Guhl Ja dann hätten wir sie unmittelbar« 
»Vorerscht freile«  fuhr Guhl fort  »tuts Kindle net viel erlebe von seiner
Mutter  schlafe tuts meischt  benommen von wirrer Träumerei  und da ischt
ihm oft bang  Aber wach kanns werde«
    »Hilf mir dass i wach werd« sagte Hainlin und es war in seiner weichen
Stimme ein Flehen »Das Einzelne zu verbinden zum heiligen Ganzen Wo ist der
Born aus dem sich solche Macht schöpfen lässt«
    »Liebe« sagte der Alte »ischt innikschte Schau der Ewikkeit Wers erlebt
der weiß es Musst halt derart lieben  dass keine Zeitlichkeit hinanreicht zur
Höhe deiner Liebe«
    Bei diesem Gespräche war uns Knaben zumute gewesen als wachse vor uns ein
Felsenberg ins Ungeheure so dass der Emporlugende Schwindel empfindet dass er
meint jetzt müsse der Berg auf ihn hereinstürzen An den Glasberg gemahnte mich
dieser Felsenriese So unermesslich freilich hatte ich meinen Märchenberg noch
nicht gesehen
    Ein Aufatmen wars für mich als jetzt zu Herrn Guhl eine zahme Dohle
gehüpft kam Wir lachten über ihre Drolligkeit  wie sie krächzend als begrüsse
sie ihn freudig auf ihres Schirmherrn Schulter flatterte und da behaglich
kauerte als seis ihr angestammter Platz »Bischt mei Peterle« sagte der Alte
 »Ich nenne ihn Hugin« scherzte Hainlin »Hugin und Munin sind Wotans heilige
Raben alle Zeiten durchschauen sie stellen also die Sehergabe dieses
Weisheitsgottes dar Ja Onkel ein Seher bist du hast von der weißen Schlange
gegessen wie Merlin der Wilde  bist ein Zauberer der sich und seine Gäste in
graue Vorzeit versetzen kann tote Helden aus der Gruft beschwört und die
Sprache der Vögel versteht Den Gedanken des Weltenmeisters weiß er nachzuspüren
 die Allsymphonie belauscht er die Chöre der Engel «
    »Eure Chöre will ich belauschen  ihr seid mir jetzt Seraphim ihr jungen
Dachse Wenn schön Wetter ischt hat mei Grossvatter gern gesagt so fliegen die
Engele spaziere Drum hänt ihr EngeleBengele heut beim alten Guhl vorgsproche
gelt I aber lass euch net eher wieder fort als bis hier ebbes Schöns gesungen
ond geklungen ischt«  »Singet unser Schwabenlied vom Weissdorn« bestimmte
Hainlin  »die Buben hänts in der Schul gelernt gelt« Während nun im Wipfel
des Weissdorns den das Abendgold verklärte eine Grille geigte und kleine Vögel
gemütlich kauerten als ob sie lauschten und zwitschernd mittun möchten
erscholl es aus frischen Kehlen und den Bass brummte der Alte
»Graf Eberhard im Bart
Vom Württemberger Land
Er kam auf frommer Fahrt
Zu Palästinas Strand
Daselbst er einsmals ritt
Durch einen frischen Wald
Ein grünes Reis er schnitt
Von einem Weissdorn bald
Er steckt es mit Bedacht
Auf seinen Eisenhut
Er trug es in der Schlacht
Und über MeeresFlut
Und als er war daheim
Ers in die Erde steckt
Wo bald manch neuen Keim
Der milde Frühling weckt
Der Graf getreu und gut
Besucht es jedes Jahr
Erfreute dran den Mut
Wie es gewachsen war
Der Herr war alt und lass
Das Reislein war ein Baum
Darunter oftmals saß
Der Greis in tiefem Traum
Die Wölbung hoch und breit
Mit sanftem Rauschen mahnt
Ihn an die alte Zeit
Und an das ferne Land«
 
                                   Engelheim
Frau Schneckle Studentenmutter in der Neckarhalde hatte ihrem frühern Mieter
Herrn Hainlin sein altes Zimmer eingeräumt Weil nun das Haus wo wir wohnten
unterhalb der Neckarhalde liegt konnte ich durchs offene Fenster sowie vom
Garten her das Flötenspiel des Kandidaten belauschen wenn er abends auf
Schneckles Altane saß und mit seinen Flötenseufzern Rosel grüßte die in der
Laube träumte Der kranke Herr Bolkendorf dem Rosels Mutter die Wirtschaft
führte hatte wie gesagt neben uns seine Wohnung Unsere Beziehungen zu dieser
Nachbarschaft waren freundlich Sah ich Rosel bei der Tanne gärtnerisch
hantieren so war ich bereit ihr zu helfen und habe manche Giesskanne auf ihre
Salatbeete getragen Mein Vater saß zuweilen am Bette des Patienten und
plauderte mit ihm von der Heimat
    »Gespannt bin ich«  sagte meine Mutter zum Vater  »was nun mit Rosel und
dem Kandidaten wird«  »Sag einfach ob er die Anstellung an der Töchterschule
erhält Das ist entscheidend Alsdann wenn er Rosel ernähren kann wird er wohl
ernstlich um sie anhalten  und sie gibt ihm keinen Korb«  »Oder« entgegnete
die Mutter »wies im Liede heißt das Hainlin gestern geflötet hat wird sie
sagen Für die Zeit wo du geliebt mi hast dank i dir schön  und wünsch dass
dirs anderswo besser mög gehen«  »Oho sie liebt ihn Und Bolkendorf hat
seiner Sorge Ausdruck gegeben mit ihrem Jugendfreunde werde sich Rosel
unauflöslich verbunden fühlen«  »Unauflöslich Irdische Verhältnisse sind
niemals unauflöslich Rosel im Grunde eine verständige Natur muss sich sagen
Jugendschwärmerei ist bald verflogen und was dann Einen vermögenden übrigens
herzensguten Mann zu haben ist besser als einen Schwärmer arm wie ne
Kirchenmaus«  »Ach ja« seufzte mein Vater  »man könnte wahrhaftig meinen
nicht der liebe Gott regiert unsre Welt sondern der Geldbeutel Aber Gott sei
Dank gibts noch Menschen die auch das Herz mitsprechen lassen beim Eheschluss«
 »Du bist eben kein Realist Hast selber was von diesem Träumlesjörg  so nennt
ihn Rosel und hat ganz recht«
    »Und was würde Bolkendorf sagen  wie würde er fühlen  wenn sich nur
vermuten ließe dass Rosel solchem  Realismus huldigte«  »Na ja erbaulich
wärs nicht Aber was ist da zu machen Bolkendorf hat nun mal das Pech Krüppel
zu sein  und hat herzliche Pflege nötig  ist zudem verliebt in Rosel Also
wird er ein Auge zudrücken Ich wundere mich übrigens über dich  du bist
Bolkendorfs Landsmann und besuchst ihn  da solltest du ihm die Rosel gönnen
Wirst doch wohl einsehn dass es edelmütig von ihr getan wäre Bolkendorf nicht
zu verlassen«  »Edelmütig ja Aber aus bloßem Edelmut soll man nicht
heiraten Was wird sie denn wenn sie den Patienten heiratet Seine barmherzige
Schwester  so eine mit der Dienstaube Schließlich entartet sie zur
MadeereKuh«  »Frauenlos« versetzte die Mutter herb  »Vor solchem Frauenlos
sollte Hainlin sie eben bewahren Sollte ihre Hand ergreifen  oder wenigstens
ein ernstes Wort mit Bolkendorf sprechen  ihm dringend abraten «
    »Nun bin ich aber gespannt was du in Bolkendorfs Lage machen würdest«
fragte die Mutter Der Vater räusperte sich und obwohl zögernd kam die
Antwort »Ich Wenn ich Bolkendorf wäre Hätte dann allerdings  warum auch
nicht  den Wunsch Rosel  bei mir zu haben  es zu dürfen Wenn ich aber
sähe dass sie innerlich zu Hainlin gehört würd ich sagen Heiratet euch Hier
Rosel hier ist ein Geldzuschuss Und wenn ich sterbe vermach ich euch ein
Auskommen Und zu Hainlin würd ich sagen Mach sie glücklich Im Grunde will
ich ja nichts anderes als Rosel soll glücklich sein das ist die Hauptsache« 
Tief atmend schwieg meine Mutter  dann meinte sie nachsichtig wie man zu
einem törichten Kinde spricht »Aber Mann«
    »Ja« bekannte mein Vater leise »Es ist nichts mit jener Verliebteit die
den Menschen haben will wie man Eigentum hat Wahre Liebe ist anders«  Die
Mutter seufzte »Ach Gott Mann Was du wahre Liebe nennst ist bei den Engeln
daheim  nicht bei uns Menschen Ich glaube übrigens selbst dir würde es schwer
fallen  Hand aufs Herz Wärst du fähig so uneigennützig so engelhaft 
wie«  Demütig versetzte der Vater »Über meine Fähigkeit wage ich nichts zu
behaupten Aber eins weiß ich Wer solche Liebe fertigbringt rutscht nicht vom
Glasberg ab  der ist und bleibt im Engelheim«
    Die Mutter schien gerührt »Solche Liebe  wir Frauen meinen sie wenn wir
ein Kind haben Mann und Frau die lieben einander anders  wenigstens
gewöhnlich  nein fast immer«  »Allerdings mit dieser andern Liebe fängt ein
Paar gewöhnlich an  während es nicht mal den Grund zur Freundschaft gelegt
hat«  »Du meinst anfangen sollten sie mit der Engelhaftigkeit Dann wären die
Ehen so selten wie Engel auf Erden und an der Engelhaftigkeit würde die
Menschheit aussterben Adam und Eva  heißt es  waren zwar anfangs im Engelheim
 aber ich kann mir nicht denken dass der liebe Gott gemeint hat sie sollten
sich bloß in heiliger Seelenfreundschaft finden  wie Hainlin und Rosel Bei
Hainlin vermute ich allerdings dass seine Unfähigkeit mitspielt das Leben
realistisch zu nehmen Er will lieber träumen und Junggesell als verheirateter
Schulmeister sein«
    »Ganz einfach« platzte ich dazwischen  »er will nicht ins
TintenZuchthaus So sagt Uli Der durchschaut die Geschichte Und weil Hainlin
nicht dazu passt PennalLehrer zu sein  und weil Rosel das einsieht drum eben
will sie ihn nicht dazu verleiten«  »Der Junge mag recht haben«  sagte mein
Vater  »was kein Verstand der Verständigen sieht  Hainlin will Rücksicht auf
Rosel nehmen  sie auf ihn  auch natürlich auf ihre Mutter  und auf
Bolkendorf Und so entsagt Hainlin  wie Rosel entsagt Dass es aber dahin kommen
kann macht die Dumpfigkeit die Sumpfigkeit dran unser öffentliches Leben
krankt Staat und Kirche und Schule und alles wird beherrscht von den
Philistern Einem Menschen wie Hainlin gewähren sie kein Brot wenn er nicht
mitmachen will Soll ich sagen wer mit Bestimmtheit eine MadeereKuh ist
Unsere Zivilisation Um Futter zu haben versauert sie im Stall auf der
Beletage Und kennt die Sonne nicht Neulich hat Hainlin das rührende Lied
geflötet vom Wanderer der seine Engelheimat sucht Ich bin ein Fremdling
überall Wo bist du wo bist du mein geliebtes Land Gesucht  geahnt  und nie
gekannt«
 
                                Hundsgemeinheit
An einem Sonntag wars nach Tische Ich übte auf meiner Zither während mein
Vater schrieb und die Mutter in Haushaltsachen ausgegangen war Da scholl die
Wohnungsglocke gleich darauf hörte ich wie eine Bassstimme sprach und Uli trat
ein Schmerzliche Spannung im Gesicht Nachdem er meinen Vater wegen der Störung
um Nachsicht gebeten hatte reichte er mir düster die Hand
    »Ist etwas mit Hainlin« fragte ich beklommen  »Er will ons verlasse«
lautete die dumpfe Antwort  »So ist es nichts mit seiner Anstellung« fragte
mein Vater Ulis Auge sprühte Zorn er schüttelte die Faust »Den Denunziante
den hundsmiserable wenn i den ausfindik mach «
    »Denunziant« stutzte mein Vater »Herr Hainlin ist denunziert Was soll er
denn verbrochen haben Und wer hat denunziert« Aufgeregt fuhr sich Uli durchs
Haar und lief mit großen Schritten umher »Der Ssaubock hats tan Der ond die
Linda Hintertreibe will sie dass Hainlin die Rosel kriagt Dees neidige Huhn
Ond mit dem Ssaubock hält sies neuerdings«
    »Und deshalb meinen Sie  Aber was ist denn eigentlich geschehen
Tatsachen Herr Ritter Nicht bloße Verdachtsmomente« Uli blieb vor meinem
Vater stehen »Erschtens  Tatsach Ein anonymer Brief an die Polizei der
behauptet in Bebehause hab Herr Hainlin mit seiner Flöt dem Standbild des
Grafen Aeberhard s Fingerle abgschlage Aber dees ischt verloge Herr Hainlin
hat auf Ehrenwort erklärt mit keinem Schritt sei er damals im Kloschter
Vebehause gwä vielmehr beim Herrn Guhl im Einsiedel Alsdann hat Frau Schneckle
zu Protokoll gebe besagte Flöt sei damals auf Hainlins Bud glege den ganze
Taag  Na hat die Polizei davon Abstand genomme die Sach weiter zu verfolge«
 »Also« sagte mein Vater  und mir fiel eine Last vom Herzen
    Doch Ulis Gesicht wurde aufs neue finster »Jetzt kommt die andre Tatsach
Auch die Schulbehörde hat eine anonyme Denunziatio erhalte Hainlin hab e
Schmähgedicht auf den ganzen Schulbetrieb gemacht und habs veröffentlicht in
der geheimen Schülerzeitong«  »Und ist das Gedicht so scharf dass es Herrn
Hainlin als Lehrer unmöglich macht« fragte mein Vater Uli entgegnete
spöttisch »Im Ländle send mr halt  ond Herr Hainlin hat gesagt da ghör d
Schulmeischterei zur Staatsordnung«
    Ulis seelische Gespannteit schien sich einigermaßen entladen zu haben und
er nahm Platz  heller wurde seine Miene »Den heutige Tag möcht i net weiter
veronreinige mit so Hundsgemeinheit Herr Hainlin bittet wir sollten uns heut
net weiter mit dem Schmutz da befasse Feire möcht er mit uns den Abschied Ond
dazu soll i den Bruno einlade  ins Wengertäusle Wenn Sies erlaube Herr
Wille kommt dr Bruno glei mit  gelt«  »Gewiss erlaub ichs Aber muss denn
gleich geschieden sein Und wohin will Herr Hainlin sich wenden«  »Nach Bonn
will er  da hat er nen Poschten in Aussicht als Hilfsbeamter der
UniversitätsBibliothek dabei könnt er sei Studium fortsetze  Germanischtik«
    »Das freut mich für ihn Und nun grüßen Sie Herrn Hainlin herzlich von mir
Ich hoffe ihm noch die Hand drücken zu können Über die
Denunziationsgeschichte sagen Sie mir wohl später Näheres Herr Ritter Ihr
Verdacht gegen Linda Kuttler interessiert mich natürlich Sollte sie wirklich so
bösartig sein«  Mit bitterem Lächeln zuckte Uli die Achsel Dann empfahl er
sich in seiner höflichen Weise und ich ging mit ihm Als wir durch die Gassen
schritten wurde er wieder leidenschaftlich »Der Ssaubock steckt dahinter Aber
dem werd is eitränke Wart du Hundsgemeiner«
 
                              Reicher als die Welt
Herbstlich klar war das Wetter dabei sommerlich warm als wir zur Waldhäuser
Höhe emporstiegen Am Weg in dürrem Gestäude gabs leis Gezirpe von Grashüpfern
Aus dem geschorenen Rasen der Obstgärten blühten Herbstzeitlosen die Bäume
strotzten von rotbackigen Aepfeln stellenweise war im Laub ein goldig Lodern
Als wir uns dem Schnützelputzhäusel näherten sahen wir zwischen den Rebstöcken
Herrn Hainlin und seinen Onkel Guhl  sie musterten den stattlichen
Traubenbehang Hainlin kam uns strahlend entgegen Onkel Guhl hatte seine
ruhevolle Gemütlichkeit Und es nahten Wendelin mit Berta Schneckle Rosel mit
Frau Schneckle  diese beiden trugen Henkelkörbe
    Während Frau Schneckle und Berta die Körbe zum Schnüzelputzhäusel trugen um
Kaffee zu brauen ging Hainlin mit Rosel Hand in Hand Onkel Guhl berührte mit
keinem Worte den trüben Anlass unserer Zusammenkunft Wendelin konnte sich nicht
enthalten leise mit mir darüber zu verhandeln und ihm kamen die Tränen Dann
wurden wir von Berta zum Häusel geladen und gingen hinauf ins Stüble
    Der zum Fenster gerückte Tisch weiß gedeckt bei einem Blumenstrauß die
Kaffeekanne nebst Tassen ein Gugelhopf eine Glaskanne Rotwein Nach Frau
Schneckles Anordnung nahmen Hainlin Rosel und Onkel Guhl in der Mitte auf
Stühlen Platz während wir anderen zur Seite auf Bänken saßen
    Für Hainlin und sich füllte Onkel Guhl zwei Gläser mit Wein und stieß an
»Zum Kaffee han i mi noch immer net bekehrt  seit er mir vom Arzt verboten
worden  wie ich Schwindsuchtskandidat war  Ja ihr jungen Leut damals hat
der Arzt das Gutachten abgegeben keine zwei Jahr würd i am Lebe bleibe  ond
jetzt sind vierzik seitdem herum Drum Prosit Jörg ond Rosel An mir wird
offenbar dr liebe Gott fügt die Ding oft ganz anders als der Mensch vermutet
Also lasset uns net sorge Vorschmack der üblen Sach ischt oft schlimmer als die
Sach selbscht In der Gegenwart lasset uns lebe Der Augenblick sei Ewikkeit«
Friedlich lächelnd stieß Guhl mit seinem Neffen an schlürfte und lobte das
Weinle
    Dann schwelgte sein Aug im Anblick der Alb die durchs Fenster blaute 
»Heut hat sie e Lächeln so sälik wie damals als i Glaubens war sie zum
letztemal zu schauen Was sie mir damals offenbart hat gilt au für euch ihr
Kindle So hört
    In meim Studentestüble war i glege krank und einsam  bei der Burggass
hoch oben wo mr die Alb übers Steinlachtal aufsteige sieht Aber dafür war mir
der Sinn schier vergange Vom Fieber benommen hatt is Gsicht zur grauen Wand
gekehrt  läär ischt mir die Welt vorkomme wie e taube Nuss  alsdann han i die
brennenden Augenlider gschlosse gar nicks han i mähr sehe wolle  am gernschte
hätt i alle Gedanken aus meim dumpfe Schädel naustan Dees kammer freili net
zwinge Drum wimmelte hinter den Augenlidern e krauser Gedankeschwarm Bilder
früherer Tage  allerlei Erlebtes und Grübelei Und obwohl ich teilnahmslos
hinstarrte kam mir die Frage Hats unter all dem ebbes das dich wünschen
lassen könnt noch am Leben zu bleiben  Student war ich  aber an
Schulweisheit hatt ich net Glauben  und der Burschefreud hatt ich mich
enthalten müssen wegen meiner Kränklichkeit Die Eltern waren tot meinem fern
lebenden Bruder war ich entfremdet net emal en Freund besaß ich Wohl hatt ich
seit Jahren e Mädle lieb  doch nur verstohle ohn ihrs Herz entdeckt zu haben
Was hätte sie denn auch gewollt mit me Verährer der die Schwindsucht hat  und
dem sie nur kühle Freundschaft keine Zärtlichkeit widmete Zudem wars Mädle
fortzoge von Tübinge  an eme Novemberabend bei glutik dunklem Gewölk hatt ich
Abschied von ihr genommen  Wie ich das alles so bedacht hab auf meim
Krankenlager ist mir durchs Herz das Lied erklungen  Gelt Jörgle Dir ist
die Volksweise bekannt Wenn ich an den letzten Abend gedenk als ich Abschied
von ihr nahm  denn die Sonne scheint nicht mehr ich muss scheiden von ihr 
doch mein Herz bleibt stets bei dir  Seltsam hänt mich diese Worte ergriffen
besonders die letzten Mein Herz bleibt stets bei dir  Welch ein Wunder han
i denkt hier liegt dr Körper elend ein verröchelndes Tier  die Seele aber
fliegt in weite Ferne zu ihr die ich liebe 
    Wie mir selbiks Lied innerlich gehallt hat ist es mir zum Wiegenlied worde
Und hat mich in Schlummer gelullt Tief muss ich geschlafen haben denn wie ich
aufwachte fühlt ich mich erquickt Sonniger Tag wars und grad wie heut
lächelte durch mein Fenster das Gebirg herein In dieser neuen Form rührte mich
das Wunder von gestern Denn ich sagte mir Fern ist die Alb aber du hast sie
Und warum Weil du sie lieb hast Innen hegst du alles Liebe  und keine
Trennung nicht Raum nicht Zeit kann dir rauben was du liebst  ewiges Leben
hat die Liebe  einen Reichtum so kostbar wie net emal Gold  Und wie ich so
dachte summte mir als süßer Trost der Schluss des Liedes durch den Sinn Ich
gedenke noch einmal recht reich zu werden  aber nicht an Gut und Geld Wolle
Gott mir schenken das ewige Leben  ei so bin ich reicher als die Welt«
    Hier pausierte Herr Guhl in seiner Erzählung Unter stillem Lächeln hielt er
seinen Kelch empor drin ein Glimmen war geheimnisvoll als solle ein Abendmahl
genommen werden Unvergesslich ist mir auch der glühende Blick mit dem Rosel ihn
anstarrte  als wolle ihre Seele in sein Heiligtum stürmen Dann winkte Guhl der
Alb zu und schlürfte langsam
    »Ja reicher als die Welt« sprach er tief atmend  »der ist es der sich
einlebt in die ewige Heimat Was dort blüht im Heilgemüt aller Schöpfung
gehört jedem der s lieb hat Und da gibts keinen Hader um Mein und Dein Ein
einzik Haben ischt wert dass wir uns was draus mache s Liebhaben 
vorausgesetzt dass mans ohne Habsucht meint Nun mach du die Torheit der Welt
nimmer mit  tu die Augen auf Fang recht zu leben ahn Vom Siechbett deiner
Seele steh auf und wandle  Die ferne Alb die so zu mir gesprochen hat ist
mir vorkommen wie des Herrgotts VergissmeinnichtAug Auf einmal hab ich sein
Wort verstanden es könne einer von neuem geboren werden  aus dem Geist Und
dieser Geist hat von da an mich hervorgebracht wie eine Mutter ihr Kind Und
gesprochen hab ich zu mir selber bin ich auch nichts weiter als e gerings
Kindle dieses neuen Lebens so han i doch Teil daran
    Meine dazumal eingetretene Seelenerquickung hat allmählich auch den siechen
Körper geheilt Immer besser gings mit meinem Befinden  wiewohl der Arzt wenn
er die Brust beklopft hat sein Sorgengesicht net hat aufgebe wolle Herr Doktor
 han i gesagt  Hand aufs Herz Wie lang han i noch zu lebe Hör i den Kuckuck
noch einmal schreien  Dees kammer hoffe gab er zur Antwort  wollte mir aber
hökschtens noch zwei Jahr zuerkenne Gut han i denkt  so will i diese Frist
verständik ausschlürfe  wie e guts Tröpfle Net Quantität sei mirs Leben nur
Qualität Jeder Tag der mir vergönnt ist soll Liebe bescheren  so wird er mir
zum Fest
    Da ich neuntausend Gulden Vermöge hatte nahm ich mir vor jährlich
dreitausend zu verbrauchen  denn zu meiner Galgenfrist von zwei Jahren hatte
ich vorsichtik noch eins hinzugerechnet Während ich zuvor mein Kapital
ängstlich gehütet hatte um bloß von den Zinsen zu leben war ich jetzt sorglos
in Geldsachen und wirtschaftete aus dem Vollen Mietete eine sonnige Wohnung mit
Garten  bei Hausleuten die gute Küche hatten  trank täglich mei Schöpple
Roten  unternahm Spritzfahrten in die Berg  hielt luschtige Kumpane frei «
    »Derf i einschalten Onkel« sagte Hainlin  »net bloß Kumpane auch
mancherlei Notleidende hascht onterstützt  i has wohl erfahre Bald ischts e
bedrängter Handwerker gwä en abgerissener Wandergesell bald eine verwaiste
Familie oder ein arms Studentle«
    »Wenn is net leugne tu«  erwiderte Guhl  »geschiehts bloß weil i noch
sage möcht Vom Überfluss mitzuteilen ischt Lebenskunscht Froh sein kann bloß
wer andre froh macht  Kurz ich war e Art Feinschmecker  und das ist dem
Leib wie der Seel wohl bekommen Wie meine zwei Jahr abgelaufen waren befand
ich mich keineswegs am Rand des Grabes sondern fühlte mich frei vom Husten und
rüschtik Gut dass noch für e drittes Jahr vorgesorgt ischt han i denkt  und
es schien mir an der Zeit auf einen Brotberuf bedacht zu sein
    Für Gemälde interessiert lernte ich einen Antiquar kennen  und nach einem
Gespräch über ästhetische Dinge machte er mir den Vorschlag mit meinen letzten
paar tausend Gulden in sein Geschäft einzutreten Ich habe dann Reisen gemacht
um vergessene Gemälde ans Licht zu ziehen  und mancher gute Fund ist mir
gelungen So hab ichs erfolgreich getrieben bis vor fünf Jahren mein
Geschäftsfreund verstorben ist Seitdem such ich meinen Frieden wo einscht der
Aeberhard gehaust hat  Aber Kinder I bin am Schluss meiner Gschicht Lasst
den Kaffee net kalt werde«
    Bei dieser Mahnung an Behagliches der Erdenheimat löste sich die Spannung
der Lauschenden In frohem Beifall raunten sie durcheinander und begannen zu
genießen was der Tisch bot
    Durch Anklingen ans Weinglas bat Hainlin um Gehör »Ihr Lieben elend sind
diese Wochen für mich gwä  an den himmlischen Lazarus han i denken müssen wie
den ein höllisch Gequälter um e Tröpfle Wasser anfleht seine dürre Zung zu
kühlen Nun hat mich arme Seel mein Onkel Guhl erquickt mit seinem Lebenswasser
 hat auch Rosel erquickt  ich sehs ihr ahn Oh wir waren arg bedürftik Die
Sehnsucht nach dem Ewigen die ich hier spür  Onkel Guhl hat sie geweckt  ja
alles was ich Gutes in mir spür in ihm hats Wurzel Das sei dir unverhohlen
mei guter guter Onkel ond gedankt«  Die beiden Männer schüttelten sich die
Hände wortlos vor innerer Bewegung Tränen im Auge stand Rosel auf  Hainlin
folgte ihr Auch uns andere hielt es nicht mehr lang im Häusel
    Als wir draußen wandelten sah ich hinten im Obstgarten Hainlin und Rosel
beisammen stehen Eindringlich schien er zu sprechen  hielt ihre beiden Hände
gefasst  das Paar sah einander in die Augen Plötzlich schlang sie die Arme um
ihn  sie küssten sich Dann kehrten sie zu uns zurück
    An jeden richtete Hainlin nun ein paar herzliche Worte dazu gabs
Händeschütteln und Umarmung Wehmütig lächelte Berta den Kandidaten an »Schier
könnt mr meine da wär dr Bahhof und Herrn Hainlins Zügle sollt glei abfahre«
 »Noch net« entgegnete Hainlin mild  »ond net e Lokomotiv soll jetzt pfeife 
sondern mit Verlaub bloß i auf meiner Flöt«
    Das war allen willkommen  aus dem Häusle holte Hainlin das Instrument »Von
drüben möcht i blase gelt Aus der Ferne klingts besser« Er deutete auf den
benachbarten Weingarten der einen Vorsprung des Berges bildete
    Dorthin sahen wir ihn gehen  unterwegs tat er den Hut auf  der Sonne
halber die aus geröteten Wolken ihr Abendgold strömte Zwischen Obstbäumen
hatte er sich verloren  nun klang die Flöte herüber  in langen Tönen weich
und bebend Es war das Lied von dem Onkel Guhl gesprochen hatte  er nickte in
stummer Rührung  lauschend bedachten wir die Worte »Wenn ich an den letzten
Abend gedenk als ich Abschied von ihr nahm «
    Wie diese Strophe geblasen war erwarteten wir Fortsetzung  sie schien
nicht kommen zu wollen und vergebens rief Uli »da capo« Nach einer Weile aber
sang die Flöte nochmals  jetzt aus größerer Entfernung
»Ich gedenke noch einmal recht reich zu werden 
Aber nicht an Gut und Geld
Wolle Gott uns schenken das ewige Leben 
Ei so bin ich reicher als die Welt«
    Als nach langer Pause kein Laut mehr kam brach Rosel in Schluchzen aus
Berta starrte ängstlich dorthin wo Hainlin verschwunden war Er ist ganz fort
schoss es mir durch den Sinn Da trocknete Rosel mit dem Tüchle die Augen und
sprach mit sanfter Festigkeit »Er lässt schön grüße  keiner soll ihm nachgehe 
er ischt fort«
 
                                  Die Meuterei
Ssaubock hatte herausgeschnüffelt demnächst solle unser Gymnasium visitiert
werden durch ein großes Amtstier aus Stuttgart Wohl wissend dass seine Schüler
im Französischen verwahrlost seien fürchtete er durch sie blamiert zu werden
Bat sie daher noch rasch etwas zu lernen  und sich einstudieren zu lassen was
zu antworten sei auf Fragen die er stellen werde Zur Einpaukung sollten wir am
Sonntag vormittag erscheinen Darob erbost beschlossen wir zu meutern Als
Bock die Klasse betrat war sie leer  auf der Tafel stand dick mit Kreide »Du
sollst den Feiertag heiligen«
    Nicht zu uns in die sechste Klasse kam der Herr aus Stuttgart sondern in
die höhere Von Uli angestiftet hatte sich diese verabredet möglichst dumm
aufzutreten um den Ssaubock in seiner Unfähigkeit zu zeigen Der Schulrat war
denn auch starr über die allgemeine Unwissenheit Da die Übersetzung des
Ausdrucks »ich habe zu verdanken« Schwierigkeiten machte sagte der Schulrat
»Bildet mal einen Satz mit verdanken« Stumpf saß die Klasse da keine Hand
zeigte auf und jeder Gefragte blieb maulfaul  »Unerhört« grollte der
Schulrat Da hob Uli den Finger stand stramm und sprach in festem Bass »Das
Wenige das die Klasse im Französischen gelernt hat verdankt sie natürlich
ihrem Lehrer« Bock bekam seinen roten Kopf  vor Wut zitternd wandte er sich
an den Schulrat »Dieser Schüler ischt e ganz gefährlicher Bursch  eine geheime
Schülerverbindung hat er gegründet  was ich hiermit gehorsamscht zur Meldung
bringe Da hab ichs corpus delicti eine Schmähschrift auf die Schule Das
Heilikschte wird da in den Kot gezerrt oh« Was Bock dem Schulrat überreichte
war unsere Schülerzeitung
    Der Schulrat blickte hinein stutzte las weiter schüttelte den Kopf und
fragte »Herr Präzeptor wie sind Sie zu dieser Schrift gekommen«  »In seim
Zimmer han i die gfunde« behauptete Bock  »Dees ischt verloge« brüllte Uli
»Betrug hundsgemeiner«  »Wawaas« rief der Schulrat außer sich  »sofort 
ins Konferenzzimmer mit dem Lausbubn«
    »Den Ssaubock da  den bringens vor Ihre Konferenz Net mi I gang scho
selber Ond pfeif auf dees TinteZuchthaus ond die ganze Schul« Bücherranzen
und Mütze nahm Uli  und der lange starke Bursch verließ das Lokal nachlässig
schlürfenden Schrittes im Gesicht kalten Trotz
                                       
    Sein Leugnen war nicht aus Furchtsamkeit erfolgt Er besaß den Mut für
seine Handlungsweise wo es sein sollte offen einzustehn Bocks Angabe er habe
die Schülerzeitung auf Ulis Zimmer gefunden war tatsächlich eine gemeine Lüge
    Die Dinge hingen folgendermaßen zusammen wie Uli mir nach der Katastrophe
dargelegt hat Das Exemplar unsrer Schülerzeitung das Bock zu erlangen
verstanden hatte gehörte Enzio und war von Linda ausgeliefert worden unter der
Bedingung dass man ihren Bruder aus dem Spiel lasse Bock wollte Hainlins
Anstellung und Verbindung mit Rosel hintertreiben und obwohl er verheiratet
war hielt ihn die sinnlichgefallsüchtige Linda am Bändel Bock hätte sich
damit begnügen können Hainlin zu kompromittieren hätte also nachdem die
Abschrift des Hainlinschen Gedichts ihre Wirkung getan die Schülerzeitung nicht
vorzubringen brauchen Aber nicht bloß einen Konkurrenten wollte er beseitigen
sondern auch Uli den er zu fürchten hatte
    Bock hatte sein Ränkespiel folgendermaßen angelegt Der Schuldiener alias
»Puddel« bei dem Uli Wohnung und Kost hatte benahm sich Lehrern gegenüber mit
der Unterwürfigkeit des kleinen Beamten und so fiel es dem Ssaubock nicht
schwer hier zu erreichen was er wollte »Herr Kordes« hatte er feierlich
gesprochen »ich komme zu Ihnen weil die Aehre unsrer Ahnstalt auf dem Spiele
steht und man erwartet von Ihnen dass Sie mir sofort behilflich sind den Dorn
der unsre Schulmoral vergiftet zu entfernen Ulrich Ritter den Sie in Pension
haben ist der Rädelsführer eines Geheimbundes ders arg treibt Im Keller des
Schlosses wohin sie als Einbrecher gedrunge sind hänt die Kerle wie Studente
gsoffe Wer Rädelsführer ischt könne Sie sich denke gelt Ulrich Ritter der
bei Ihm wohnt Dass er gschasst wird scheint onvermeidlich Abers braucht Ihne
net leid zu sein  e Sälenverderber ischt dieser Lausbub  ond einen Pensionär
von besserer Art will i mit dem Herrn Direktor Ihne verschaffe Jetzt aber zur
Tat Es trifft sich gut dass dr Ritter graad spazieregange ischt gelt Sie
haben mich unverzüglich auf sei Zimmer z führe  Haussuchung muss i halte  im
Namen der Schuldisziplin verstande Ond im Vertraue gesagt  morge kommt dr
Schulrat aus Stuggart«
    Der überrumpelte Puddel ein ehemaliger Feldwebel ohnehin gewohnt
strammzustehn wie einst vor seinem Hauptmann hatte nichts gegen dies Ansinnen
einzuwenden gehabt und so wars gekommen dass der Ssaubock auf Ulis Bude
gelangte »Aha« schnüffelte er  »nach Tabak riechts Da steht die lange
Pfeif Am Bierstudiom hats der saubere Ritter an net fehle lasse Aber dees
ischt jetzt Nebensach Die Bibliothek da will i mal revidiere  da scheint mirs
net richtik zu sei« Und indem er sich bei Büchern und Heften zu schaffen
machte tat er so als hab er soeben hier die Schülerzeitung gefunden  während
er sie ja von Linda hatte
 
                                BierküglesBock
Das war vor einer Woche geschehen Als mir Uli nunmehr nach seinem Weggehn vom
Pennal diese Dinge auseinandersetzte wandte ich ein »Aber Uli hat er nicht
vielleicht doch ein dir gehörendes Exemplar erwischt«  »Unmöglich« schrie Uli
 »seit vier Wochen ischt kei Exemplar bei mir  aus Vorsicht han i alles
beseitikt Nie  der  träch  tik  ge  loge  ond  be  troge hat der
Ssaubock Aber wart Füchsle s Fangeisen lauert scho auf di  bald hats
gschnappt«
    Was Uli angedroht hatte ging in Erfüllung Persönlich spielte er dabei
keine andre Rolle als dass er die Fuchsfalle gestellt hatte  was schon vor
Wochen geschehen war Eben weil Bock davon Witterung erhalten hatte war er mit
seinem Ränkespiel rasch bei der Hand gewesen  durch vernichtenden Hieb hatte er
dem Angriff des Gegners zuvorkommen wollen Das war ihm zwar gelungen aber nun
platzte der Angriff los den Uli gegen ihn eingeleitet hatte Dass Uli inzwischen
von der Schule entfernt war machte nichts die von ihm gestellte Falle
bedurfte um zuzuschnappen nicht seiner Anwesenheit
    Angesponnen hatte sich die Sache folgendermaßen Bei verstohlenem Biertrunk
im »Waldhörnle« war Uli mit der Kellnerin Alma Freund geworden Sie hatte ihm
anvertraut Präzeptor Bock ihr täglicher Gast prelle sie planmässig um einen
Teil der Zeche fast jedesmal unterschlage er etliche Bierkügelchen  Brachte
die Kellnerin dem Gaste einen Schoppen so legte sie auf den Untersatz ein
Schrotkorn Um die Zeche festzustellen brauchten bloß die Bierküglein gezählt
zu werden Natürlich setzt diese Einrichtung voraus dass die Gäste Redlichkeit
bewahren  und in dieser Hinsicht hatte Alma bis dahin keine üblen Erfahrungen
gemacht Der Saubock aber war nicht was der Studio »bierehrlich« nennt Beim
Kassemachen hatte Alma bemerkt dass ihr am Gelderlös jedesmal wenn Bock gezecht
hatte etliche Schoppen fehlten Er musste also Bierkügle verschwinden lassen
Geschahs aus bloßer Unbedachtsamkeit Undenkbar Er war doch kein Neuling auf
der Bierbank  Alma hatte dem Wirt ihr Leid geklagt doch dieser hatte erklärt
sie dürfe keinen Gast beschuldigen ohne Beweis zu haben Mit Bock mochte ers
nicht voreilig verderben  und so hatte die Kellnerin einstweilen den Schaden zu
tragen
    Als Uli die Geschichte hörte blitzte sein Auge wie das eines Jägers dem
ein Wild ins Garn gehen will Er entwarf den Plan zu einer Verschwörung um den
Betrüger zu entlarven Ein paar Gogen von Alma beschafft waren die
Mitverschwörer Wochenlang überwachte man den Saubock im »Waldhörnle« wobei
auch Wirt und Wirtin halfen So wurde festgestellt dass Bock wenn er sich
unbeobachtet glaubte ein paar Bierkügle vom Untersatz nahm und in der
Westentasche verschwinden ließ
    Die gelegte Schlinge wurde zugezogen als Bock inmitten einer Gesellschaft
angesehener Männer kneipte Beim Rechnungmachen gab er an neun Krüge Bier
getrunken zu haben und wies auf die neun Bierkügle die da lagen »Zwölf hänt
Sie  ond mit zwölf Kügle han i au markiert«  »Wenn aber bloß neun da send«
knurrte Bock  »Na hänt Sie halt drei wegtan« war die ruhige Antwort  Bock
war aufgesprungen und versuchte sich in die Brust zu werfen »Ha Herr Wirt« 
»Da bin i« sagte der Wirt »Weiß scho Hab die Sach beobachtet mit meiner Frau
 heut schon den vierte Abend Die Kügle hänt Sie in der Westentasch da «
Bock wich einen Schritt zurück und machte eine abwehrende Handbewegung  ein
umgestossener Bierkrug entleerte sich
    Plötzlich waren die beiden Gogen an seiner Seite und jeder hatte einen Arm
Bocks in festem Griff »He holla Herr Präzeptor Vorsicht gelt« Zu gleicher
Zeit hatte jener Kellner der zu den Verschworenen gehörte in Bocks
Westentasche gegriffen und da waren die Kügelchen »Ha natürli Drei Stück« 
Saubock den die Gogen nicht mehr gepackt hielten war bleich geworden und
stammelte »Ha waas ischt jetzt dees Bin denn i «  Von den Tübinger
Honoratioren die Zeuge dieser Szene waren versuchte einer die Sache ins
Harmlose zu ziehen »Der zerstreute Professor  hat in Gedanken «
    Das war der Strohhalm an den sich der Ertrinkende klammerte »I glaub
wahrhaftik Sie hänt recht Ssimpel der i bin Jetzt also Freilein Alma  da
hänt Sie drei Mark Trinkgeld  fünf Mark  zehn Mark als Pauschalsumme gelt«
 »Trinkgeld will i koins« entgegnete Alma frostig  »ond Manko han i weit mähr
ghätt«  »Also Dees zahl i Nicks für ungut Freilein Schicken Se mir die
Rechnung gelt« Angstschweiß auf der Stirn strebte Saubock nach seinem Hut 
man ließ ihn ziehen ohne zu antworten
    Dann brach die allgemeine Aufregung los  die einen schimpften andere
lachten wieder andere meinten es könne tatsächlich Zerstreutheit vorliegen
»Wenn an net grad dees« sagte der Wirt »Aber üble Ahngewohnheit  er kanns
net lasse Von seiner Studentezeit her Er machts au mit de Laugebretzle so« 
Was diese knusprigen Salzbrezeln betrifft so wurden sie oft vom Wirt den Gästen
gespendet Während diese dann mit Anstand und Bescheidenheit zulangten hatte
Bock die unsaubre Manier mit seinen Tintenfingern die Brezeln zu betasten und
etliche zu zerbrechen so dass anderen Gästen der Appetit verging Was nun auf
dem Teller liegen blieb war Saubocks unbestrittene Beute
    Mildernde Umstände machte Alma für ihn geltend indem sie auf sein
häusliches Leben verwies Eine lüderliche Schlumpe hab er zur Frau die auch
noch e Drache sei  Trost könn er ja bloß im Wirtshaus finden Dieser Ansicht
trat die öffentliche Meinung bei und »BierküglesBock« hieß jetzt der Präzeptor
 bis man geltend machte der Name »Ssaubock« sei halt doch bezeichnender weil
er alles in allem enthalte In lachendem Geschimpfe ging die Entrüstung über
Bock unter Er gehörte zu jenen Originalen der Stadt denen man eine Art
Gewohnheitsrecht einräumte Die Schulbehörde zu der keine Anzeige gelangte
bloß ein Gerücht war heilfroh dass sie in der Sache nicht zu rühren brauche
und tat so als liege hier bloß Zerstreutheit und Taktlosigkeit vor Sie legte
Bock nahe Tübingen zu verlassen  und das tat er bald  an andres Städtlein
beglückte er  als Rektor einer Mädlesschul
 
                                  Die Schlange
Von Pia die seit September in Wurmlingen weilte hatte Wendelin einen Brief
erhalten der ihn furchtbar aufregte Sie habe sich schrieb sie nunmehr fest
entschlossen ins Kloster zu gehen Warum Darüber sei oft im einzelnen
gesprochen Jetzt erkläre sie rundweg Vor der Schlange die auf dem
beiliegenden Bildle dargestellt sei wolle sie ihre Seele retten
    Die Schlange bedeute die Erbsünde Nach Adams und Evas Verstossung aus dem
Paradiese halte sie das ganze Menschengeschlecht umringelt Sogar den heiligen
Menschensohn habe sie versucht in der Wüste Der freilich habe ihr den Kopf
zertreten Es sei dies aber nicht so gemeint als dürften wir Menschenkinder uns
jetzt einfach auf den rettenden Helden verlassen  man müsse ihm nacheifern
»Drum«  so schloss Pia  »will ich meine Zuflucht nehmen zur benedeiten Mutter
Gottes sie soll mich bewahren Sind unsere armen Eltern der Schlange
anheimgefallen so muss ich schauen dass es mir nicht ebenso ergehe Und schon
aus Kindespflicht hab ich beizutragen dass ihre gequälten Seelen zum Frieden
gelangen Versäume ich das so bleibt ihnen der Gram dass ihr Kind ihnen
nachfolgt auf dem Unheilsweg Und ach mir ist so bang  ich bin in arger Gefahr
 bin so schwach Heilige Jungfrau steh mir bei dass ich der Welt entweiche
wo die Versucherin immer neue Evaskinder zum Apfelbiss verlockt Ich flehe zum
Himmel dass mir keine andere Mutterschaft beschieden sei als jene von der unser
Heiland spricht es könne jemand von neuem geboren werden Hilf mir lieber
heiliger Geist dass in mir ein neuer Mensch werde der würdiger ist Pia zu
heißen als ich  deine arme arg weltliche doch zur Busse entschlossene
Schwester«
    Dass Wendelin mir diesen Brief zu lesen gab war ein Zeichen seiner
kummervollen Ratlosigkeit Er hatte jetzt keinen anderen Vertrauten als mich
Herr Hainlin war ja fort und vor Uli sollte wie der Brief beschwörend bat
alles einstweilen geheim bleiben
    Das Bild auf das der Brief bezugnahm war einer jener kleinen Buntdrucke
die in katholischen Kreisen verbreitet werden um Gestalten des kirchlichen
Lebens volkstümlich zu machen und erbaulich zu wirken Vor der Pforte des
Gartens Eden den ein Engel mit Flammenschwert bewacht sieht man Adam und Eva
in angstvoller Lage Während sie zwischen Dornen und Disteln weinend zum
verlorenen Paradies zurückverlangen  wobei Eva den angebissenen Apfel noch in
der Hand hält  sind ihre zur Flucht erhobenen Füße und ausgestreckten Arme von
der großen Schlange umwunden Indessen kommt auf weißer Wolke Maria geschwebt
auf ihrem Arm den Retter der Welt
    Im Zusammenhange mit dem Flammerschen Familienschicksal machte der Brief auf
mich wie auf Wendelin erschütternden Eindruck Gleichwohl war Wendelin nicht
einverstanden mit seiner Schwester »Waas redet sie von der Erbsünd Dass ihre
Liebelei mit dem Uli sündik sei die Verschrobenheit hat ihr der Beichtvatter in
den Kopf gesetzt In der Welt da hats viel Wüschtes Aber mei Piale ischt reine
Unschuld Ond die Erbsünd von der ihr bangt kann nicks anders bedeuten als des
Menschen leibliche Natur Ha freile die Leiblichkeit hält alle in Banden Aber
warum hat sie uns der Schöpfer verliehn Warum uns aus dieser Natur
herausgeschöpft Warum sollen wir hernach büsse wofür wir doch nicks könne
Pfaffegschwätz«
    Trotz solcher Freigeisterei kamen Stunden wo Wendelin seinen guten Glauben
an die Natur wanken fühlte Ein Buch über Bau und Leben des menschlichen Körpers
fand ich bei ihm aufgeschlagen und ein paar Abbildungen überrumpelten mich dass
ich in bange Verwirrung geriet »Ist das wirklich so« fragte ich  und er
nickte unter Erröten Dann mochte ich das Buch nicht mehr sehen auch nicht hier
bleiben  und wir liefen hinaus in Wind und Regen In der PlatanenAllee die
bei dem Wetter einsam war wagten wir zu raunen von den Dingen die mich
bestürzt gemacht hatten und die auch Wendelins klaren Kopf verwirrten »Ich
habe geglaubt«  sagte ich  »was die Jungen davon reden sei gemeines
Geschwätz Soll das nun wirklich wahr sein«  »Ond i« gestand Wendelin »i han
gemeint  e Kindle wachs der Mutter unterm Herze  wie aus der Apfelblüt der
Apfel hervorwachst«  »Ja  und stimmt das etwa auch nicht« fragte ich
bekümmert  »Wohl stimmts  aber dabei ischt ebbes Rohes Die Natur scheints
macht net viel Unterschied zwischen dem Menschen ond dem Viech«
    Mir war als sei eine weiße Lilie in widerlichen Unrat gefallen Wir
schwiegen lange Und traurig fuhr Wendelin fort »Wann i denk mei Schweschter 
tat so Sache  oh« Auch ich schämte mich für andre die mir nahestanden 
und für mich selbst  dass ich ein Menschenkind war
    »Na möcht mr bald der Pia vergönne dass sie ins Kloschter kommt  gelt« 
Ich seufzte  und fügte kleinlaut hinzu »Bloß dass sie dann immer eingesperrt
bleibt das ist traurig«  »Dees wär mir alsdann grad recht« erwiderte er
bitter »weil die Welt ahnsteckend wirkt mit ihrer  Ge  mein  heit«
    »Und Uli«
    »Ach Uli Der macht sich keine Skrupel  der denkt weltlich Schau dees
Bänkle da Weißt noch wie wir da sind mit Uli gsesse  ond über so Sache hänt
gschwätzt Der Uli ischt e derber Kerle«
                                       
    Die Bank im Seufzerwäldchen wo jetzt Novemberlaub moderte erinnerte mich
allerdings an das Gespräch Kurz vor Ulis Entfernung hatte es stattgefunden 
und sich anfangs auf den übelen Ruf eines hübschen von Studenten umschwärmten
Bürgermädchens bezogen
    »Aekelhaft sind so Sache« hatte Wendelin gesagt  worauf Ulis Antwort
lautete »Aber sie sind natürlich Honger ond Durscht ond Liebe glaub mir
solche Triebe hänt ihr eigene Philosophie Wann i nen saftigen Pfirsich in dr
Hand hab ond i spür Durscht na beiss i halt nein in die leckre Frucht Iss du vom
Baum der Erkenntnis  na hascht mitrede  eher net« Mit schelmischer Heiterkeit
hatte Uli so gesprochen dann leichtfertig vor sich hingeträllert Seine
Lebenskenntnis hatten wir schweigend bestaunt
    Was mich betrifft so war ich in solchen Dingen unerfahren während Wendelin
darüber schon gelesen und nachgedacht hatte Jetzt begriff ich warum mich meine
Magdeburger Mitschüler noch in der Untertertia »die Unschuld« zu nennen
pflegten Was bisher bedeutungslos fast unbeachtet in einem Winkel meines
Innenlebens versteckt gewesen war erhielt jetzt durch die Gespräche
aufgestört eine beunruhigende Geltung Worte die ich von Erwachsenen
aufgeschnappt Vorkommnisse die ich beobachtet hatte erschienen in neuer
Beleuchtung In einer Deutung die ich »gemein« nennen musste die aber Macht
über meine Phantasie gewann  als habe sich bei mir ein fremder Gast ein roher
eingenistet Träume die nachts Träume die selbst bei Tage kamen wehten mich
mit süsslichbanger Schwüle an Von ihnen umgaukelt ahnte ich Ungeheuerliches
unter den Hüllen der Kleidung und Sitte Das Erröten das mich beim Anblick der
Konfirmandin überrumpelt hatte kam nun öfter vor bezog sich aber nicht auf
Backfische sondern auf ausgewachsene Weibsleute zum Beispiel üppige Mägde
    Wendelin gestand ihm gehe es ebenso Er war verstört und bleich »Jetzt
spür i was die Schlange Erbsünd ischt  wie sie Adams Kinder umringelt Mir
wird die Welt verleidet Oh wenn dr Herr Hainlin noch bei uns wär Der hätte
rechten Rat für uns«  »Wir wollen mit Uli über diese Dinge sprechen wenn er
wieder mal von Reutlingen kommt«  »Ach dr Uli« seufzte Wendelin und sah mich
traurig an Er wollte weiter sprechen  da zuckten seine Lippen und der Mund
verzog sich wie wenn ein Kind zu greinen beginnt Von Mitleid bestürzt ergriff
ich seine Hand »Was hast du Was ist mit Uli«
    Mit Tränen rang er und winkte mit der Hand ab »Dr Uli« Das sprach er auf
einmal in einem rauen Bass während seine Stimme in letzter Zeit mädchenhaft
gewesen war »Ach der« fuhr er bitter fort und wischte sich die Augen Zögernd
kam dann folgendes Geständnis heraus wobei die Stimme bald tief gluckste bald
fistelte Uli mache sich nichts aus ihm Nur wegen der Pia habe Uli mit ihm
verkehrt Nun sie fort sei hab Uli wenn er mal von Reutlingen herüberkomme
ein unerquickliches Wesen  frostig sei er und mürrisch
    Ich entgegnete auch mir gegenüber benehme sich Uli so er komme mir
verwandelt vor »Hat ja nie recht zu uns gehört  aber jetzt ist er völlig
erwachsen scho wie ein Student«  »Also du meinscht er hab nicks gegen mi« 
»Gegen dich Keine Spur Die Sache ist ganz einfach In Ulis Augen sind wir
dumme Jungen«  Wehmütig lächelte Wendelin und nickte »Dees könnt stimme«
Obwohl er sich beruhigte brach aus seinem stummen Brüten noch einmal die
Leidenschaft »Wenn  oh Wenn mir net so arg bang wär Die Schlange die
Schlange«  »Unsinn Die ist ein Popanz  wie der schwarze Mann«  Scheu
raunte Wendelin »Einmal wie ichs Bildle von der Schlange besehn hab  da ischt
mirs vorkomme dr Adam ond d Eva seien niemand anders als dr Uli ond die Pia«
 
                           Zwischen Himmel und Erde
Gegengewicht gegen solche bangschwülen Grübeleien war ein Schaffensdrang wie
ihn gesunde Jugend in den Jahren des Wachstums und der beginnenden Mannbarkeit
entfaltet Wendelin betätigte ihn besonders als Matematiker Sich in die
Schauungen reiner Logik zu vertiefen war ihm Beruhigung Über Zahlen und
Formeln konnte er brüten bis in die tiefe Nacht und Bücher der Mechanik der
Physik durchflog er wie man Romane liest Dass es nicht ohne Erfolg geschah
bewies seine Fähigkeit die mathematischen Aufgaben der obersten Klassen
spielend zu lösen In die Philosophie Spinozas deren matematische Fassung
schon begeisternd auf ihn wirkte führte er mich gesprächsweise ein und ich
konnte ein wenig folgen wenn auch mehr fühlend und schauend als auf dem Wege
begrifflichen Beweises Der »unbekannte Gott« den ich ahnungsvoll verehrte
wurde nunmehr spinozistisch benannt Substanz Natur Ich spürte ihn im
Naturgefühl im Raunen des Waldes in den erhabenen Schauern stürmischen
Wetters im Flockengewimmel der Winterwolken und im Aufblick zur
Sternenunendlichkeit
    Während meine Art die Natur zu lieben versöhnlich wirkte selbst wo
Peinvolles vorlag kam Wendelin trotz seines Spinozismus nicht hinweg über den
Gegensatz der zwischen Heiligkeit und Gemeinheit klafft »Aber alles ist doch
schließlich natürlich« entschuldigte ich  »Stimmt« erwiderte Wendelin
»indessen gibt es neben der Gottnatur auch Teufelsnatur  diese beiden sind bloß
in der Folgerichtikkeit einik sonscht aber derf mr die Gemeinheit net in einen
Topf werfe mit dem was ideal ischt Ssaumässik kanns Irdische sein« Ich hatte
den Einwand »Vielleicht lässt sich das Irdische verklären ohne dass man sich
gleich von ihm loslöst Ich möchte mich erst mal herumtummeln auf dem irdischen
Schauplatz«
    Solche Tummelfreudigkeit wurde begünstigt durch die Wohnung am Neckarbad
Den Sommer und Herbst über hatte ich im Garten zu schaffen Ein paar Beete mit
Tisch und Bank unter der ragenden Tanne hatte mein Vater gepachtet da wurden
Erbsen und Bohnen Salat und Blumen gezogen Mir wars Freude das Gewächs zu
pflegen mit Hacke und Giesskanne Das Wasser schöpfte ich hinter den Weiden aus
dem Neckar und dies stille Plätzchen gefiel mir Kauernd starrte ich in den
Fluss der hier glatter war als draußen und beobachtete die Fische die als
dunkle Stäbchen im flüssigen Braungold schwammen und wenn ich mich regte
fortuschten
    Zuweilen wurde die Lauschigkeit jählings unterbrochen durch ein Floss
Schwarzwälder Stämme zu langem Zuge gereiht von wasserstiefligen Kerlen
stromab gelenkt mit Stossstange und Hemmklotz Rechtes Hemmen genannt »Sperren«
war von Belang konnte doch das Floss infolge einer Ungeschicklichkeit gegen
einen Brückenpfeiler prallen oder eine Zickzackform bilden einen Ailaboga
Ellenbogen Diese Kunstausdrücke waren von den übermütigen Studenten
aufgegriffen um die rauen Schwarzwälder zu foppen während sie vom Strom an
der Musenstadt vorbeigetrieben wurden ohne sich wehren zu können Das war eine
Art Spiessrutenlaufen durch einen Hagel von Spott Kaum war das nahende Floss von
einem Studenten gesichtet als er schon aus dem Fenster brüllte »Jockele spee 
a  ee  a  ee  ar« Dieser Ruf war für die benachbarten Burschen das Signal
ebenfalls zu brüllen und so gereichte jedes vorbeifahrende Floss den Tübingern
zum närrischen Zeitvertreib Aus allen Häusern der Wasserfront aus fast jedem
Fenster des Stifts von der Burg her von der Platanenallee und der
Neckarbrücke von überall her scholl es »Jockele spee  a  ee  a  ee  ar«
Ein Dröhnen von Gelächter ein Summen als ob Bienen stechlustig schwärmen Auch
durch Gebärden suchten die Musensöhne den Zorn der »Knoten« anzufachen Wer
Schaftstiefel besaß winkte damit aus dem Fenster oder hing sie heraus  eine
foppende Anspielung auf die gewaltigen Flösserstiefel Die Söhne des
Schwarzwaldes vergalten den Spott wie ihnen der Schnabel gewachsen war
    Vom Uferplätzchen behorchte ich die Wortgefechte die an geschwollene Reden
homerischer Zweikämpfer gemahnten »He Jockele« rief ein Studio mit der Pfeife
winkend  »gebb mr gschwind bei Pfeifle her  i han koi Fuir« Grimmig versetzte
der Flösser »Gang zu deim Professer  lass dir von seim Pfeifenröhrle de Hintre
verschlage  na hoscht Fuir« Vorübergeflogen war die Erscheinung und neue
Baumstämme kamen Drauf stand einer der trotz seines grauen Bartes noch
hitzköpfig schalt »Saufa dees könnt r Schulda macha De Vatter bestehla
Gelt«  »Hoho Jockele Obacht s geiht en Ailaboga«  »Red du net vom
Handwerk elend fauler Bua Nicks bischt  so kommt an nicks derzua« Doch wie
er sich anstrengte die Musensöhne zu verletzen unverwundbar lachten sie und
ihre Renommierhunde bellten dazu Übrigens bildete die Aufregung einen
Zeitvertreib den die Flösser so wenig missen mochten wie die Studenten
    »Solch ne Wasserreise  vom Schwarzwald nach Holland  möcht ich mal
mitmachen« sprach ich zu Wilhelm Hebsacker und er antwortete »Ha freile Weil
mr aber dees net könne solls wenikschtens e Kahn sein auf dem mr Wasser
fahre Mir will net ausm Sinn was dr alte Faulhaber gesagt hat aus den Balke
wo unterm Schuppen liegen könnt mr e Kahn baue«
    »Wir bauen ihn Hurra« Und nun waren wir erpicht auf das Unternehmen Ich
schwärmte abermals von Robinson und Wilhelm phantasierte davon mittels der
»Arche« wie er unser künftiges Fahrzeug getauft hatte eine Art
Flusspiratenleben zu führen Das Schönste an der Sache war das hoffnungsfrohe
Durchführen des Planes Die Holztrümmer wurden ausgemessen Zeichnungen
entworfen Materialien beschafft wie Bretter Nägel Werg und Teer auch Säge
Axt Bohrer Hobel Wochen hindurch verwandten wir unsere freie Zeit auf das
Werk und wenn wir Schularbeit versäumten gewannen wir andererseits allerlei
handwerkerische Fertigkeit die so beglückend war dass ich in der Schülerzeitung
den pädagogischen Grundsatz vertrat es solle eigentlich jede Stadt jedes Dorf
Werkstätten einrichten wo die Jugend frei basteln dürfe
    Unser Fahrzeug wurde ein plumper doch fester Kasten Nachdem er geteert
war erhielt er in roter Farbe die Aufschrift »Arche« Schließlich gabs noch
Bänke herzurichten ein paar Ruder und eine Stossstange Sogar von einem Segel
schwärmten wir hatten aber kein Segeltuch Rat wusste der Müllergesell
Gassenmaier der aus der Nachbarschaft wo seine Mutter wohnte unser Treiben
beobachtete »I verkauf euch Säck  die tut ihr verschneide zsamme nähe ond mit
Teer bestreiche  gelt« Als wir einwandten das Geld hätten wir nicht lachte
er höhnisch »E rechter Bue muss alleweil wisse wie mr Geld schafft« Etwas
Widerwärtiges hatte dieser Bursch mit seinem grauen pockennarbigen Gesicht und
den entzündeten Augen Gleichwohl duldeten wir dass er vertraulich mit uns
plauderte Konnten sogar über seine Rüpeleien schmunzeln An unserer Arbeit
beteiligte sich Gassenmaier kaum auf andere Weise als indem er alles besser
wissen wollte Aber Hebsacker und mein Klassengenosse Fuchtmann wurden durch ihn
angeregt ein Fangeisen zu beschaffen für einen Iltis den man hatte schleichen
sehen Als das Wild gefangen war brachte sein Fell einen Erlös und für den gab
Gassenmaier die Sackleinewand zum Segel her
    An einem Novembertage schleppten wir die fertige Arche zum Neckar Sie
schwamm gleichmäßig und war fähig drei Knaben zu tragen Da Ostwind blies
konnten wir unser Segel erproben Es war kurz und breit fing auch die Luft
schlappte aber des öfteren weil im Tal der Wind nur stossweise ging Fortan
nutzten wir jede freie Stunde zum Kahnfahren und waren bald gewandt im Rudern
und Lenken auch in der Ausnutzung des Segelwindes  Unfälle blieben nicht aus
verliefen aber harmlos Weil ich im Stehen stoßen wollte glitt ich aus und fiel
hin  nicht ins Wasser aber derart in die Arche dass ich mir die Hand
verstauchte Einmal kam ein Schwarzwälder Floss den Neckar herabgeschwommen
während Hebsacker die Arche mittels eines Steines verankert hatte Dass sie in
Gefahr war über den Haufen gerannt zu werden merkte er erst als aus den
vordersten Hängen der Neckarhalde Studenten brüllten »Jockele sperr« Mit
Geistesgegenwart schnitt er den Ankerstrick entzwei und wollte mit der Stange
das Ufer gewinnen Aber schon traf das Floss die Arche krachend in die Flanke
Obwohl nun der Insasse nicht in den Fluss geschleudert wurde füllte sich das
gekippte Fahrzeug mit Wasser Der Flossführer hatte die Geschicklichkeit es mit
einem Stoß seiner Stange ans Ufer zu drängen Hebsacker kam mit nassen Kleidern
davon
    Das Fischen und Fallenstellen reizte meine Gefährten da es sowohl
abenteuerlich als auch einträglich war Für die Beute fanden sich zahlende
Abnehmer Ein dem Iltis und Marderfang günstiger Jagdgrund waren die Hänge und
Gräben an der Burg Fuchtmann dessen Wohnhaus mit dem Garten die Burgmauer
berührte konnte leicht den Schleichpfad seines Wildes erreichen Einmal hatte
er mich mitgenommen wies in der Abenddämmerung auf die Iltisspur und stellte
das Fangeisen Als wir im Versteck lauerten kam ein Tier in katzenartigen
Sprüngen gehuscht   vermied aber die Falle und ließ sich nicht mehr blicken
 
                               Der Fuirlesreiter
An einem Märztage wars dass Enzio während der Schulpause zu mir sagte
»Willscht mitkomme I han widder ebbes mit dem Gassemaier Heut nachmittag wolle
mr zur dicken Eich  dees ischt e kolossal alter Baum  zweitausend Jahr alt
sagt mr seinsgleichen hab er net in Deutschland Dr Sturm hat ihn omgschmisse
Kommscht mit« Mich begeisterte die Aussicht und ich sagte zu falls meine
Eltern nichts einzuwenden hätten
    Zur verabredeten Zeit traf ich an der Neckarmühle Enzio und Gassenmaier
Dieser trug Sonntagsanzug Veilchenstrauss im Knopfloch eine krumme Feder am
Hütchen  roch nach Schnaps und trällerte Den Ausgehtag hab der Meischter ihm
bewillikt weil seine Muetter gesagt hab die Ahne in Nehren werd heut Siebenzik
    Neber die Neckarbrücke waren wir gegangen vor uns öffnete sich das
Steinlachtal In Hufeisenform lagen die Vorberge deren knospende Buchenwaldung
lila schimmerte Hinten blauten Kuppen und Schanzen der Alb Wir gingen einen
Pfad längs des breiten Kiesbettes darin der Fluss schäumte Die Halde des
Galgenbergs war vom ersten Grün überhaucht »Warum heißt er Galgenberg« fragte
ich und Enzio antwortete »Ha weil da der Galge von Tübinge gestande ischt
Der letzte den mr ghenkt hat ischt dr Küferkarle gwä«  »Ah« sagte
Gassenmaier begierig  »von dem tu mir verzähle Was war mit dem Küferkarle« 
»Halt e Gauner ischt r gwä Spitzbub ond Brandstifter Wie r auf dr
Galgeleiter gschtande ischt zwischen Himmel ond Erd hat r zom Volk spreche
wolle ond hat wie mr ihm dees erlaubt hat zunäkscht glacht zom Zeiche dass
er sich net fürchte tät net vor Tod ond Teufel I sterb in meim Beruf hat er
gesagt  ond der scht net so übel wie ihr meine tut ihr Ssimpel In eurem
finschtere Oberstüble möcht i zu gueter Letzt e Laternle ahnzünde gelt Dees
sei mei Vermächtnis Also Geb mir euner e Scheibe Brot mit Butter  Guet e
Bäuerin ischt da gwä die hat was er begehrt im Körble ghätt Jetzt wie dr
Küferkarle s Brot dick mit Butter beklebt in der Hand hält spricht r weiter
Fresse dees ischt kei Kunscht  aber richtik fresse ihr dumms Volk dees
verstandet ihr net Wenn ihr Butterbrot fresset stecket ihrs net richtik ins
Maul Himmelwärts lasset ihr die Butter schaun  aber gfehlt ischt dees O m
drehe müsst ihr die Brotscheibe so dass die Butter zur Erd schaut Auf die Art
kommt die Butter grad auf eure Zung  ond dees ischt die Hauptsach im Leben dass
mr von seiner leckern Seit alleweil s recht Gschmäckle hat  tut ihr dees
begreife  Ha freili hänt die Leut gschrie ond hänt sich ausgschüttet vor
Lachen wie dr Delinquent s Butterbrot auffällik auf seine Art verspeist hat
die Butter nach unte Drauf hat ihm dr Henker die Schling um den Hals tan  ond
zappelnd hat dr Küferkarle zwischen Himmel ond Erd geschwebt«
    »Bravo bravo« rief Gassenmaier entzückt »Der Teufelskerle hat die rechte
Philosophie«  »Aber sie hat ihn an den Galgen gebracht« wandte ich ein Doch
Gassenmaier meinte sterben müsse halt jeder auf irgendeine Art  ond wer so
unerschrocken sterb wie dr Küferkarl dem seis Sterben kaum anders als ob mr
sich zum Schnarchen aufs Ohr leg  Enzio gab seinen Senf dazu Wann dooch jeder
von seim Glaasbergle abrutsche muss sei net viel Unterschied auf welche Art er
sichs Genick brech so oder so
    »Sag mr au« meinte Gassenmaier »warum hat sich dr Küferkarle aufs
Brandstifte verlegt«  »Warom denk wohl s Fuirlesmache hat ihm wie Butter
gschmeckt  ond manchem so heißts hockt der Fuirlesreiter auf« 
»Fuirlesreiter« stutzte ich indem ich an die Ballade von Mörike dachte Ich
glaubte etwas über die Sage erfahren zu können doch Enzio wusste bloß der
Feuerreiter sei ein Kobold mit roter Kappe  hinterrücks überfall er einen der
Neigung zum Brandstiften spür und reit ihn wie ein Pferd zur Stell wo er den
Brand stiften soll Die Ballade vom Feuerreiter kannte weder Enzio noch
Gassenmaier Ich berichtete ihren Inhalt und fuhr fort »Weißt du Enzio wie
Mörike auf diese Idee geraten ist Herr Hainlin hats von einem Repetenten der
mit Mörike zusammen Stiftler war Wie Mörike einmal in der Platanenallee
spazierenging fiel ihm etwas Wunderliches in die Augen Am offenen Fenster des
Stadtmauerturms stand der geisteskranke Hölderlin die rote Jakobinermütze auf
die er von Bordeaux mitgebracht hatte Sie wippte auf und nieder 
wahrscheinlich hat Hölderlin wie er sich aus dem Fenster lehnte mit dem einen
Bein gezappelt  es sah aus als ob ein Kobold mit roter Kappe wie ein Reiter
auf und nieder wippt«
    »Dr Hölderlin« meinte Gassenmaier  »ischt der net e Narr gwä«  »Ein
Dichter Ein ganz bedeutender« entgegnete ich  »wenn auch lange Jahre
geisteskrank«  Gassenmaier grinste »Komisch ischt dees Also net wahr dr
Narr mit seiner raute Kapp wenn r damals net grad am Fenschter gstande wär ond
mit dem Bein zappelt hätt na wär der andre Dichter der Mörike net drauf
verfalle sei Gedichtle zu mache vom Fuirlesreiter gelt«  »Allerdings So
spielt manchmal der Zufall«  »Jai jai jai« nickte Gassenmaier lächelnd  »dr
Zufall Fatal kann r sei  ond s Große Los kann r bringe Dass mr da jetzt vom
Fuirlesreiter schwätze ischt au bloß Zufall gelt Ond wer weiß waas dieser
Zufall mir bringe kann  zeh zwanziktausend Mark  jai jai jai Vielleicht
werd i Millionähr  s könnt mir au gschehe wie em Küferkarle  bloß dass dr
Brandstifter heuer net aufs Galgebergle sondern ins Zuchthaus spaziere tut So
oder so Jedenfalls stimmt waas dr Küferkarle gesagt hat dass mr s Butterbrot
soll richtik ins Maul stecke«
    Als wir durch das Dorf Dusslingen kamen stahl sich Gassenmaier in eine
Scheune dann in eine zweite und dritte Er wusste wohin die Hennen ihre Eier
legen und mauste deren ein Stücker zehn
    Unweit des Dorfes Nehren fanden wir die Rieseneiche die der Sturm
umgebrochen hatte weil vor Alter der Stamm hohl war Die Eiche war nicht hoch
aber so dick dass man  wie sie lag  an die sieben Schritt hineingehen konnte
ohne sich zu bücken Gassenmaier hatte wieder sein höhnisches Grinsen »Einer
Göttin sei die Eich heilik gwä sagt dr Schulmeischter von Nehren Mit fufzeh
Kinder von seiner Schul hat r vorigen Sommer als die Eich noch aufrecht
gschtande ischt im Innern Platz gehätt  ond hat singe lasse Wer hat dich du
schöner Wald aufgebaut so hoch da droben Jetzt aber  do leit sie aus ischt
die Herrlichkeit Ond wenn mr jetzt täten den Hölderlin tanze lasse « Unter
listigem Augenzwinkern raunte Gassenmaier diese letzten Worte Stutzig sah ihn
Enzio an  und Gassenmaier erklärte die Geschicht vom Fuirlesreiter hab ihm
Lust gemacht in der Eich da e Fuirle zu mache  vielleicht sei der Stamm
trocken genug um in Asche aufzugehen
    Zum Andenken an den gewaltigsten Baum Deutschlands schnitt ich mir ein
dürres Zweiglein ab  draus wollt ich einen Federhalter machen Wir gingen nun
ins Dörflein Nehren und kehrten im Wirtshaus ein Da ließ sich Gassenmaier von
den gemausten Eiern einen Pfannkuchen backen Der Birnenmost an dem wir Knaben
uns labten war dem Gesellen zu fad Schwarzwälder Kirsch trank er bis er
lallte War dann plötzlich verschwunden und blieb es für eine Stunde Als wir
ohne ihn den Heimweg antraten fand er sich wieder ein und schmunzelte bei
seinem Schatz sei er gwä Dies Mariale sei halt verschossen in ihn  er hab sie
bloß zum Karessieren net zum Heiraten  Geld hab sie halt keins ond sei
saumässik dumm Ja wär sie wie Enzios Schweschter na möcht er zugreife
    Es dunkelte bereits flott marschierten wir im Takt unserer Schritte wurden
Lieder gesungen Gassenmaier brachte Zoten vor und renommierte mit unsauberen
Liebesabenteuern Ich dachte an mein Gespräch mit Wendelin  wie ich damals so
unbesonnen gewesen alles Natürliche zu beschönigen während ich vor
Gassenmaiers Natürlichkeiten Ekel empfand 
                                       
    Gestalten wie Mosel Pia und Berta erhielten mir damals den Glauben an
heilige Weiblichkeit Auch Rickele gehörte dazu meine rehäugige Konfirmandin
die ich auf der Eisbahn wiedersah Ein süßes Weh dem Heimweh ähnlich
durchschauerte mich wenn ich nur an sie dachte Hingezogen fühlte ich mich
obwohl ich nicht im mindesten wusste was ich von ihr wollte ratlos wär ich
gewesen hätte ich sie sprechen dürfen Ich glaube unschuldige Verliebteit
meint etwas das über irdisches Leben hinausgeht daher dem unreifen Geiste
unfassbar ist  Wie mir damals als meine Stimme männlich wurde Ahnungen
aufgingen vom himmlischen Wesen der Liebe regte sich der Trieb etwas davon
festzuhalten in bunten Bildern und süßen Klängen erste Lyrik entstand
    In einer Märznacht als lauer Wind durch die kahlen Platanenwipfel brauste
und dazu der Neckar rauschte war auch im jungen Herzen ein Frühlingswogen Ich
lag im Bett glaubte Flötenschluchzen zu hören und formte Verse
Es harft die hauchende Lenznacht
Im knospenden Weidenbaum 
Vorüber wallen die Wasser
Und raunen
In meinen Traum
Von fern ein Flötenseufzer
Zittert das Tal entlang 
Da beichtet wer im Dunkeln
Süsstraurigen Seelensang 
    Als ich weiterdichten wollte unterbrach mich ein Schrei der vom Neckar her
gellte Eine weibliche Stimme Mein Kammerfenster war halb offen und wie jetzt
der Märzwind für ein Weilchen schwieg hörte ich einen Ruf voll Angst und
Flehen »Lui Luile« Es stockte mir der Atem Louis hieß Gassenmaier  was war
mit dem draußen am finsteren Wasser Ich lauschte und grübelte  alles blieb
still  aber dann hob das Frühlingswogen wieder an und des weiteren versank ich
in bangsüsse Träumerei Rickele gaukelte mir vor  dann Pia wie sie mit Uli
getanzt hatte als ob zwei Falter kosend umeinander gaukeln Fortwährend glaubte
ich Hainlins Flötenspiel zu hören Mein Gedicht wollte ich zu Rande bringen
schlief aber darüber ein  so fest 
    Morgens aufgestanden hörte ich die Schreckensmär es sei ein Mädchen im
Neckar ertrunken  Gassenmaiers Braut Sie habe sich mit einer Sorge getragen
und sei von Nehren wo sie wohne abends nach Tübingen gekommen um ihr
bekümmertes Herz dem Bräutigam zu eröffnen Von der Platanenallee aus habe sie
Licht gesehen in seinem Stüble hinterm HölderlinTurm in der Brauerei von Betz
Sie habe »Louis« gerufen sei gehört und in der Arche von ihm geholt worden
Gegen Morgen habe er sie zurückbefördert wieder in der Arche Fast schon sei
sie am andern Ufer gewesen da habe die Braut infolge einer Ungeschicklichkeit
beim Aufstehen das Gleichgewicht verloren und das Fahrzeug zum Umschlagen
gebracht Im hochgeschwollenen Wasser sei sie rasch ertrunken obwohl
Gassenmaier versucht habe sie zu retten Der Leichnam sei geborgen
Gassenmaier zur Vernehmung auf der Polizei habe sich anfangs schweigsam und
verstockt benommen dann frech Der Tod des Mädchens rühre ihn kaum und er habe
gesagt eigentlich seis gar net seine Braut
    »Und mit solch einem gemeinen Kerl hast du Umgang gehabt« sagte meine
Mutter  »schämst du dich nicht«
    Meine Bestürzung wurde noch peinlicher als ich nach der Schule von Wilhelm
Hebsacker erfuhr es liege Verdacht vor dass Gassenmaier die Arche mit Fleiß
umgeworfen habe um seine Braut weil sie in anderen Umständen loszuwerden
Nachbar Spengler habe diese Ansicht auf der Polizei vertreten Vom
HölderlinTurm aus wo er wohne habe er Verdächtiges beobachtet Gassenmaier
habe mit dem weinenden Mädel zur Arche gehend leise mit ihr geschimpft  bald
darauf sei ein Schrei erfolgt das Mädel seis gewesen und erst zehn Minuten
später habe Gassenmaier »Hilfe« gebrüllt am Ufer drüben habe man ihn
gefunden mit nassen Kleidern Nach seiner ersten Aussage hab er wies Mädel
ins Wasser gefallen sei sofort um Hilfe geschrien Später auf dem Polizeibüro
als der Nachbar Spengler bei seiner Behauptung blieb der Hilferuf sei erst zehn
Minuten später erfolgt hab er gesagt so lange mögs gedauert haben bis er
selber ans Land gelangt und von der Erschöpfung zu sich gekommen sei Da sich
gegen diese Darstellung nichts Wesentliches einwenden ließ wurde keine Anklage
gegen Gassenmaier erhoben
                                       
    Um diese GassenmaierGeschichte zum Abschluss zu bringen muss ich ein Jahr
überspringen Meine Tübinger Zeit war zu Ende die Eltern waren mit mir nach
Aachen übergesiedelt wo mein Bruder die Technische Hochschule besuchen sollte
Ein Brief Jahns unterrichtete mich nun über folgende Begebenheiten
    Gassenmaier war nicht mehr Müllergesell sondern Diener des Korps
»Rhenania« das in der Betzei kneipte In diesem Hause mit seiner Mutter
wohnhaft hatte Gassenmaier zunächst als Aushilfe bei den Kneipereien bedient
und durch Unterwürfigkeit die Gunst der Studenten gewonnen Bald darauf trug er
fest angestellt die bunte Dienermütze führte vormittags die Korpshunde
spazieren und war ein Faktotum das den Vergnügungstaumel der wohlhabenden
Burschen mitmachte Plötzlich aber verlor er seine Stelle weil er verdächtig
war einen betrunkenen Studenten bestohlen zu haben Indessen beschäftigte ihn
der Brauer Betz dem er das Projekt eingeredet hatte das HölderlinHaus vom
Nachbar Spengler zu kaufen und umgebaut mit der Betzei zu vereinigen Neben dem
Turm sollte eine Veranda für die Studenten sein  das werde wie Gassenmaier in
Aussicht stellte der Brauerei zum Aufschwung verhelfen Recht ärgerlich wars
nun für Gassenmaier wie für den Brauer Betz dass Spengler sich weigerte zu
verkaufen
    Da brach eines Nachts Feuer im HölderlinTurm aus  der Dachstuhl brannte ab
 ein Student der oben wohnte entging den Flammen indem er am Blitzableiter
abwärts rutschte dass ihm die Hände bluteten Auf diese Feuersbrunst folgten
andere im Ammertal und wieder andere hier und dort  eine Epidemie von
Brandstiftung schien zu grassieren und die Stadt war derart besorgt vor neuen
Einäscherungen dass freiwillige Wachtposten Studenten wie Bürger nachts durch
die Gassen patrouillierten Plötzlich hieß es man habe den Brandstifter 
Gassenmaier sei es Schon beim Brande des HölderlinTurms war er verdächtig
gewesen und Frau Spengler hatte während die Lohe zum Himmel sprühte vor den
Nachbarn gerufen »s Louile hats tan  mei Häusle will er für den Betz« Das
Gerede über Gassenmaier wollte nicht zur Ruhe kommen und nun war er verhaftet
Es kam aber nichts weiter heraus als dass Gassenmaier drohend zu Spengler gesagt
hatte »Wart no Dir werd i den Hölderlin tanze lasse« Verdächtig waren diese
Worte insofern sie irgendein Vorhaben in bezug auf den HölderlinTurm
andeuteten
    »Den Hölderlin wollten Sie tanzen lassen Wie stellen Sie sich das vor«
fragte der untersuchende Beamte Und Gassenmaier redete sich heraus Er hab
gemeint früher oder später werds HölderlinHaus halt in e Kneip umgewandelt
werden wo Studenten ihre Luschtbarkeit hänt Obwohl diese Deutung etwas
Gewundenes hatte war sie nicht zu widerlegen
    Dass die Redensart vom tanzenden Hölderlin den rotbemützten Kobold der
Brandstiftung meine konnte niemand wissen als Enzio und ich die wir mit
Gassenmaier über den Anlass zur FeuerreiterBallade geredet hatten Meine Mutter
der ich alles gestand erwiderte darauf »Hiernach möcht ich schwören
Gassenmaier hat das Feuer angelegt Schon seine ertrunkene Braut lässt darauf
schließen dass er eine Verbrechernatur ist Den HölderlinTurm hat er beseitigen
wollen aus Rache an Spengler auch weil er sich Vorteil versprach von der
vergrösserten Kneipe Mit dieser Brandstiftung ist ihm der Appetit auf
dergleichen gekommen Dass er schuld an all den Bränden ist geht auch aus Jahns
Brief hervor  da heißt es Seit Gassenmaier in Amerika ist hat die Brandseuche
aufgehört Also Da siehst du wie recht ich hatte vor dem Kerl zu warnen
Hinfort sei vorsichtig in der Wahl deines Umgangs Und an Jahn schreibe lieber
nichts Du wirst sonst in die Sache verwickelt«  Immerhin  wandte ich ein 
seis von Wert den Schuldigen herauszubringen Doch in den Hintergrund meiner
Interessen geriet diese Angelegenheit so dass ich nichts darin tat
                                       
    Was mich damals  wie gesagt in Aachen nicht in Tübingen  in Anspruch
nahm war die schwere Erkrankung meines Vaters und eine Nervosität meines
Herzens die es mir zur Pflicht machte Aufregung zu meiden An Tübingen zu
denken tat dem Entfernten weh als werde von einer Wunde das Pflaster
abgerissen Über diese Wunde den überaus traurigen Abschluss meiner Tübinger
Schulzeit habe ich nunmehr zu berichten
 
                                      Pia
Mein Verkehr mit Wendelin war fast eingeschlafen Seit uns nicht mehr dieselbe
Klasse umschloss besonders aber seit Hainlin und Uli uns verlassen hatten war
ein Band gelöst das zuvor den Hauptanteil an unserm Zusammenhalten hatte Von
Belang war noch dass die Knabengruppe die mir im Neckarbade nahe gekommen war
nicht Wendelins Teilnahme fand Auch durch sein sorgenvolles immer scheues
Wesen hatte er sich mir entfremdet Wie ernstaft sein Inneres gestört war
verriet das Zurückgehen seiner Lernfähigkeit Nach Aussage von Mitschülern war
er in den letzten Monaten unaufmerksam und zerstreut den fremden Sprachen
gegenüber gleichgültig ja mürrisch
    Einmal fragte ich ihn warum er so verändert sei Düster loderten die Augen
im blassen Gesicht sein Mund zuckte blieb aber verschlossen »Ist es weil Pia
nun wirklich ins Kloster soll« Er kniff die Lippen zusammen und schüttelte den
Kopf Endlich kam es dumpf heraus »Jetzt gang i selber ins Kloschter« Ich
wusste nichts zu erwidern  irre war ich an ihm Nachdem wir eine Weile
geschwiegen hatten seufzte ich »Ach ja Wendelin Aus den Augen aus dem Sinn
In Reutlingen hat uns der Uli scheints vergessen« Da verzerrte sich sein
Gesicht und heftig kam die Entgegnung »Von dem  red mir nicks« Erschrocken
war ich  stumm gingen wir nebeneinander durch die Gassen bis zu Wendelins
Wohnhaus wo er mit einem Händedruck schied
    Der Sommer war wieder da und es hatte sich entschieden die Tübinger Tage
der Familie Wille seien gezählt Die Übersiedlung nach Aachen war beschlossene
Sache Meine unrastige Mutter begann bereits mit dem Packen Da ging die
Wohnungsklingel  Jahn wars der mich sonst durch einen Pfiff von unten zu
rufen pflegte Sein verstörtes Gesicht verriet er habe eine Hiobspost Im
Stübchen mit mir allein rang er nach Worten »Wendelins Schweschter  ischt
«  »Pia Ist sie im Kloster«  Düster schüttelte er den Kopf  »So sprich
doch Was ist mit ihr«  Er stierte vor sich hin presste die Faust an die Stirn
und stöhnte »Tot«  Ich war sprachlos erstarrt  konnte nicht fassen was er
nun zögernd berichtete
    Wendelin war seit Tagen nicht zur Schule gekommen Jahn der ihn hatte
besuchen wollen war von Frau Häfele empfangen und weinend hatte sie gesagt
Wendelin sei zur Pia nach Wurmlingen krank sei sie bedenklich Soeben nun 
fuhr Jahn fort  hab er von Pfeilstickers Bruder dem Mediziner gehört Pia
Flammer sei vorgestern gestorben  an Herzschwäche nachdem sie einem Kind das
Leben gegeben
    »Was Pia  hat ein Kind«  »Vom Assischtente der Geburtshilflichen Klinik
hats der Pfeilsticker erfahren Ja die Pia Das Kindle sei am Leben«  »Aber
wie ist denn das  möglich Pia  ein Kind Sie wollte doch ins Kloster gehen«
Jahn zuckte die Achsel zog sein Taschentuch und wischte sich die Augen  worauf
auch mir die Tränen kamen
    Gemildert wurde mein Leid durch einen Zug von Fremdheit der jetzt in Pias
Bilde aufgetaucht war Ihr Mutterwerden hatte sie mir entfernt  wie eine Kluft
lag zwischen uns etwas Unfassbares Meine Trauer war nun hauptsächlich Mitgefühl
mit Wendelin Welch ein Schmerz musste es für ihn sein der so innig an seiner
Schwester hing Dann bedachte ich wie hart Uli von diesem Schicksal getroffen
sei Und grübelte über die heimlichen Beziehungen die ihn mit Pia verbanden 
ich hatte manches beobachtet Schließlich sagte ich mir Ein Kind hat nicht bloß
eine Mutter sondern auch einen Vater Wer ist denn nun hier der Vater Hat
jemand Pia verführt dem Uli abspenstig gemacht Oh grässliche Dinge können sich
verbergen hinter dem sanften Namen »Liebe« Meine Mutter die mich nachts hatte
schluchzen hören war besorgt ich könne krank werden So hielt sie mich von der
Schule zurück
    Jahn besuchte mich wieder und brachte die Nachricht übermorgen werde Pias
Sarg nach Tübingen überführt Kaum waren wir unter vier Augen so raunte er
»Das Kind ist  von Uli«
    Ich fuhr zusammen  atmete dann auf So war Pia nur ein Opfer ihrer
Zärtlichkeit »Und er« fragte ich  »Mr weiß nicks von ihm  ond vielleicht
weiß er nicks von Pia«  »Was Man hat ihn nicht benachrichtigt Sie ist
gestorben ohne dass er « Schweigend zuckte Jahn die Achsel
    Als ich andern Tags zur Schule kam hieß es heute bei Sonnenaufgang sei Pia
begraben Nicht in Tübingen sondern bei der Wurmlinger Kapelle Als ihr das
Sterbesakrament gereicht worden sei habe sie den Wunsch geäußert auf dem
Bergfriedhof zu ruhen der ihr besonders lieb  Ich fühlte wie ein Zucken über
mein Gesicht ging  die Kehle war mir zugeschnürt  dann fasste ich mich und
sagte weich »Piale da bist du nun auf deinem Glasbergle«
 
                                      Uli
Unglück kommt nie allein Diese Volksweisheit bestätigte sich Als ich von der
Schule heimkam empfing mich die Mutter kummervoll und blickte forschend »Du
weißt es noch nicht«  »Was denn«  »Ach Gott« sagte sie weinerlich und
wandte sich ab als wolle sie nicht mit der Sprache heraus »Aber es muss ja
gesagt werden So fasse dich Dein Freund  Uli Ritter « Aufschluchzend brach
sie ab
    »Was ist mit ihm Ist er etwa auch « Sie nickte und griff nach meiner
Hand »Ja  tot Vor zwei Stunden hat er sich  drüben im Seufzerwäldchen mit
der Pistole  Vorhin haben sie ihn geholt  mit der Tragbahre  Ach Bruno
Lass dirs nicht zu nahe gehen  es ist nun mal so«
    Mein Vater der soeben kam  bei Bolkendorf und Rosel war er gewesen 
hatte Neues erfahren Wies um Pia stand hatte Uli bis zum gestrigen Tage nicht
gewusst Das in frommer Unwissenheit erzogene Mädchen hatte nicht fassen können
sie solle Mutter werden Als sie es endlich begriff wollte sie Uli schonen  er
sollte solang er Schüler wäre nichts erfahren Nach ihrer schweren Stunde
hatte sie mit wehmütiger Freude ihren gesunden Knaben betrachtet Und den Wunsch
geäußert er solle Wendelin getauft werden Sterbe sie so wolle sie bei der
Kapelle ruhen Hierauf müde geworden sei sie entschlummert ohne wieder wach zu
werden Durch Blutverlust infolge ungeschickter Pflege war ihre Kraft erschöpft
    Was Uli betrifft der ja in Reutlingen war so hatte er von Wendelin ein
Schreiben erhalten das die bevorstehende Niederkunft meldete und zwar unter
leidenschaftlichen Vorwürfen Infolge eines Zufalls war dieser Brief um Tage
verspätet in Ulis Hand gelangt Obwohl er nun sofort nach Wurmlingen reiste kam
er zu spät  im Abendschein grüßten ihn die weißen Rosen die Wendelin auf Pias
Hügel gesteckt hatte
    Von Seelenqual zerrissen war Uli nachts umhergeirrt und vormittags nach
Tübingen gelangt Hatte die Pistole gekauft und sich in die Schläfe geschossen
Auf jener Bank wars wo er mit Wendelin und mir das Gespräch über Liebe gehabt
hatte Man fand bei der Leiche den Brief Wendelins  darunter von Ulis Hand
geschrieben
»Hab all mein Tag kein gut getan
Kommt mir auch nicht in Sinn
Die ganze Freundschaft weiß es ja
Dass ich ein Unkraut bin«
                                       
    Ulis Vater war aus Stuttgart gekommen  in Tübingen sollte Uli begraben
werden Der Direktor meines Gymnasiums war weiterzig genug die Beteiligung der
Schule am Begräbnis zuzulassen Es erfolgte mit Musik lang zog sich der Zug
hinterm Sarge der hoch mit Kränzen bedeckt war Ich ging neben Jahn wir
schwiegen Wendelin war nicht dabei  ich habe ihn überhaupt nicht
wiedergesehen
    Beetovens Trauermarsch erscholl Als wir zum Gymnasium kamen stand da mein
Vater  hatte den Hut vor dem Sarge gezogen Ich vergesse nicht seinen
Gesichtsausdruck  ehrerbietig schien er den Toten zu segnen Am Grabe blies die
Musik den Choral »Ruhe ist das beste Gut das man haben kann« Und nun kam die
Rede des Herrn Dekans Was er sagte klang salbungsvoll ich konnte aber nicht
folgen der Schmerz hatte mich zu sehr aufgeregt Zuletzt sangen Schüler »Wo
findet die Seele die Heimat die Ruh« Bei diesen Worten fiel mein Blick auf
meinen Vater der sich dem Zuge angeschlossen hatte und nun wieder versunken
blickte Mit seiner schwarzen Binde vor der Augenhöhle mit den Falten die ein
herbes Geschick in die hageren Wangen gepflügt hatte sah er wie ein narbiger
Kriegsveteran aus ein müder Lebensinvalide
 
                                    Knospen
Und zum dritten Male hab ich den Vater so gesehen als er selber im Sarge lag
Ein Jahr nach Ulis Tode wars und die Hälfte dieser Zeit hatte der arme Vater
auf dem Krankenbette zugebracht wo er nur im Morphiumrausche Ruhe finden
gekonnt vor den folternden Beinkrämpfen Nun aber brauchte er kein
Betäubungsmittel mehr  lag im Sarge jenseits von Qual und Lust
    Die vier schwarzen Kuttenmänner Alexianerbrüder denen in Aachen die
berufliche Pflicht oblag die Toten zu bestatten  flüsterten ihr Gebet um dann
den Sarg zu schließen Als ob mein Vater heimlich alles beobachte stahl sich in
seine feierliche Miene ein mildes Lächeln Es kündete mir dass er nun auf seinen
Glasberg gekommen war zum heimlichen Friedensdörfchen Glastelfingen
    Als Vaters Sarg in kühle Erde sank taumelten ein paar vergilbte Blätter
hinterdrein  von der Esche die sich drüber neigte Diese Blätter  so ging es
mir durch den Sinn  waren im Frühling zarte Knospen gewesen sehnsüchtig
schwellend Und nun
    Vom Begräbnis heimkehrend sann ich dem Rätsel nach wie das Leben vom
Knospen zum Welken drängt Und ich dachte an jene Verse die ich in der
Frühlingsnacht am Neckar geformt hatte Was damals bangsüss hervortrieb aus
meinem lenzigen Herzen hatte gestockt beim Schrei des Mädchens das erstickend
rang in dunkler Flut  Ja auch Knospen können ersticken  nicht alle geraten
zu sommerlicher Entfaltung Wo ist Pia Wo mein Uli Was wird aus all unserer
knospenden Jugend Aus den Wolkenstürmern die hinaufbegehren zur Glasberg
Prinzessin Nichts weiter als dass sie ein Weilchen drängen und stürmen in
wogender Luft Durch Sonnenschein und Wetter  um schließlich ein Modergrab zu
finden Mich schauderte 
    Und wie ich einsam spät bei der Lampe saß nahm ich mein Versbüchlein und
dichtete zu Ende jenes Gedicht das unterbrochen worden war als Gassenmaiers
Mädchen im geschwollenen Fluße schaurig ertrank
Es harft die hauchende Lenznacht
Im knospenden Weidenbaum 
Vorüber wallen die Wasser
Und raunen
In meinen Traum
Von fern ein Flötenseufzer
Zittert das Tal entlang 
Da beichtet wer im Dunkeln
Süsstraurigen Seelensang
Ich selber möchte beichten 
Und kann nur lauschen stumm
Ein stammelnder Knabe bin ich 
Weinen möcht ich  weiß nicht warum
Bin wohl der Knospen eine
Und bebe vor dem Blühn
Wird meine Blüte weiß sein
Oder düster glühn
Soll Hagel mich zerschmettern
Oder küsst mich Sonnenschein
Tu wie du willst mein Frühling
Erschauernd bin ich dein
Bin dein  wie dieses Mondlicht
Im Windgewölk verweht 
Bin dein wie nun die Flöte
Im wogend weiten Dunkel
Schluchzend untergeht
 
                                  Zweites Buch
                                 Glastelfingen
                                 Wieder am Neckar
Und mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen  neue Dinge und Menschen sind vor
mich hingetreten die Erinnerungen derart überwuchert dass nur hin und wieder
eine aus der Versunkenheit hervorlug Solch ein Auftauchen aus dem
Unterbewusstsein war mein Friedrichshagener Traum vom heimlichen Dörfchen am
Monte Cristallo Es waren Gefühle in mir erwacht die als entfesselte
Spannkräfte zu einer plötzlichen Wirkung zusammenflossen zur Sehnsucht nach dem
verlorenen Paradies meiner Kindheit Und keine Ruhe wollte dies Glastelfinger
Heimweh geben  ich musste das Neckarstädtchen wiedersehen und noch einmal auf
den Pfaden meiner Jugend wandeln
    Nun saß ich im Eilzuge der abends von Stuttgart nach Tübingen fährt und
starrte durch die Fensterscheiben Goldgewölk im Neckar gespiegelt Ragende
Pappeln Ein Häuschen im Garten Hügel mit Obstbäumen Ein Dorf Ich erkenne die
Gegend wieder die vor bald einem halben Jahrhundert den Knaben fesselte als er
dieselbe Fahrt an der Eltern Seite machte Ist nicht dort die Stelle die mir
damals ein Bäuerlein wies In den Neckar sei Herzog Ulerich auf seinem
Streitgaul gesprengt den bündischen Landsknechten entwischend Was ich für den
feurigen Schwabenherzog empfand übertrug ich auf dich mein Jugendfreund Uli
Jetzt bist auch du ein Traum wie die Gestalten der Heldensage Vielleicht ist
nicht einmal dein Grab mehr zu finden auf dem Tübinger Friedhofe
    Hinter Waldhügeln die schon dunkeln ragt ein Kegel die Achalm muss das
sein Reutlingen  die letzte Station vor dem Ziel und ich schnüre den
Rucksack mache mich zum Aussteigen bereit Jetzt im Tal das Wiesenland von
Lustnau Trotz der späten Stunde sind Weiber und Kinder mit Heuen beschäftigt
In der Dämmerung ist der gotische Kirchturm des fernen Dorfes erkennbar Nun
erscheint der Oesterberg Er hat einen Turm Früher war das nicht Es wird der
unvermeidliche Aussichtsturm sein Häuser von Tübingen tauchen auf Verdächtig
modern Und in den Bahnhof läuft der Zug »Tü  binge«
    Hierherzukommen hab ich mich gesehnt gebangt  nun ich da bin wundert
michs dass mir das Herz nicht aufgeht wie eine Blume Ziemlich gewöhnlich kommt
mir dies Erlebnis vor  es ist hier genau so wie auf sonstigen Bahnhöfen
Gepäckträger überwachend blickt der Vorsteher mit roter Mütze Koffer
schleppende Reisende Weiber mit Körben Empfangshalle nagelneu  Damals wars
hier noch kleinbürgerlich fast schäbig
    Ich trete ins Freie  atme tief die kühle Nachtluft des Neckartals Der
wolkenlose Himmel ist veilchenblau  im Westen hat er ein gelbes Leuchten
Halbmond versilbert den Wiesendunst Da sind die Alleen die herrlichen Viel
dicker geworden die Kastanien Strauchgruppen mit Bänken  nach einem Park
siehts hier aus Und was ist das Ein künstlicher Teich Hier war zu meiner
Schulzeit Wiese  nur bei Eintritt des Winters wurde sie unter Wasser gesetzt
Damit Musensohn und Bürgermädel auf dem Eise schön tun konnten Hier wo ich
Ulis Schwungkraft bewunderte und meine ersten Holländerbogen wagte schwimmt
jetzt ein Schwan den Hals gereckt Wie vornehm wie grossstädtisch Offenbar
hatten s die Tübinger mit dem Fortschritt Das UhlandDenkmal freilich wirkt
altmodisch Einem Handwerker im Sonntagsrock ähnlich ist Uhland im Ländle der
getreue Eckart altbiedern Bürgertums
    Hinterm Denkmal kommt lauter Bereich von ehedem Die Platanenallee zu der
das Brücklein führt gleicht dem Säulengang eines Domes Kreuzweis verschränkte
Äste Laubmassen als Gewölbe An den Stämmen helle Flecke wo die Borke
abgeblättert ist  im Mondschein besonders auffällig Ich begebe mich auf den
Rasen dicht an den Neckar der zwischen Weidengesträuch blinkert Er ist so
still beklemmend still Warum denn rauscht er nicht Früher schoss er jubelnd
dahin und die Flösser der Schwarzwaldstämme mussten aufs Bremsen bedacht sein
»Jockele sperr« Jetzt schleicht das Wasser und ich merke Man hat reguliert
Gewinnt von der Wasserstauung wohl elektrisch Licht Ja auf der Neckarbrücke
seh ichs strahlen Schritt um Schritt drängt das Neue vor
    Was mich wieder versöhnt ist das Bild der Altstadt Dunkel ragen die
altmodischen zum Teil mittelalterlichen Häuser Flanke an Flanke gedrängt mit
der Giebelseite blicken sie über den Fluss  vier fünf Stockwerke das obere
jedesmal übers untere vorgekragt niedrige Fenster dicht gereiht nur wenige
sind jetzt erleuchtet Solch altes Haus hat sein Dach wie eine Spitzkappe über
die Ohren gezogen Hinter den Fronten der Neckar und Bursagasse steigt in
Terrassen die mittlere Stadt empor Wie ein Wall quergelagert die Stiftskirche
mit dem kurzen Turme Droben aus der Luke glimmt ein Licht Der Türmer beginnt
seine Nachtwache  Links auf dem Berge kauert die Burg mit den dicken Türmen
in ihrer Wucht einem bewehrten Riesen ähnlich Dort wars wo wir Knaben Räuber
spielten und Femgericht Zu Füßen der Feste schmiegt sich ein Klosterbau  jenes
Stift wo Württembergs Pfarrer ihre akademische Ausbildung erhalten
    Mit Rührung grüß ich das Haus wo ich bei den Eltern gewohnt habe Nahe
liegts tief am Fluße hinter flachem Gartenland Die bretternen Buden die
damals zum Baden dienten sind nicht mehr  im übrigen sieht das »Neckarbad«
unverändert aus Das zweistöckige breite Haus hat seine üppige Weinberankung
behalten Im Garten sind noch die Obstbäume und Gemüsebeete auch die Laube die
ragende Tanne Längs der Stadtmauer erstreckt sich noch immer jene
schuppenartige Bedachung wo einst Tuchmacher ihr Tuch spannten und wo wir
Knaben unsere Werkstatt hatten Rechts daneben kauert Hölderlins Turm
    Die Dunkelheit nimmt überhand Gleichwohl erkenne ich hinter hohen Tannen
das Haus wo Rosel den lahmen Herrn Bolkendorf pflegte Wenn sie im
Dämmerstündchen strickend am offenen Fenster saß oder in der Gartenlaube hallte
zu ihr ein sanftes Grüssen das Flötenspiel Hainlins der droben in der
Neckarhalde wohnte und gern abends auf seinem Altane träumte
    Dazumal wars am Neckar lebensfroher als jetzt Aus Gärten und Fenstern
scholl Gelächter und Burschengeträller in der Brauerei von Betz brauste der
Kommers im Seufzerwäldchen wo der Flieder duftete schlug die Nachtigall und
Mädchen sangen »Das Lieben bringt groß Freud es wissens alle Leut« Jetzt
ist alles hier befremdend schweigsam Das Wasser sogar  nur ein hüpfender Hecht
plätschert es pfaucht eine Eule von der Stiftskirche schlägts ein Viertel 
gleich wird der Turmwächter ins Tutehorn stoßen  Richtig noch besteht der
Brauch  Und ich spinne mich in Erinnerungen ein  Da ist mir auf einmal es
halle von drüben des Kandidaten Flötenspiel und immer deutlicher entfaltet sich
die Melodie Ein Gemisch von zärtlichem Schmachten und klagendem Verzicht dann
wieder Aufjubeln und Andacht eine Beichte die in Tönen ausdrücken möchte was
unsagbar ist Und mich begnadet jene Stille die hinter allem Lebensgetriebe ihr
heimlich Wesen hat Von Unrast leer ist sie gleichwohl durchzittert von
Gefühlswellen Alles lebt darin was einst gewesen Wie im Wasserspiegel in den
ein Stein gefallen ist kreisförmige Wellen entstehen und in der Ausdehnung
immer zarter werden ohne dass ihre Wirksamkeit ganz verloren gehen kann Wer
hineinzulauschen weiß dem gibt diese mütterlich hegende Stille Verlorenes
wieder
    Im Silberduft des Mondes schweben um mich Geister  Bist dus Vater Ich
erkenne die hagerlange Gestalt das ernste Gesicht mit der schwarzen Binde über
leerer Augenhöhle die schwermütigen Falten um den schnurrbärtigen Mund Aber
jetzt hast du Vater ein Lächeln so verklärt wie ichs früher nicht an dir
gesehen Und deine Sprache ist lautlos unmittelbar dringt sie ins Herz
durchleuchtend mit heiliger Klarheit 
    Die Erscheinung zerfliesst  das Flötenspiel verliert sich in eine Tiefe
scheint es zu sinken und  aus meiner Versonnenheit fahr ich empor 
    Trunken von den Gesichten die mir aufgegangen sind wandle ich den
gewölbten Laubgang dahin bis er auf die Neckarbrücke stößt die oben quer geht
Eine Treppe führt hinauf  es ist nicht mehr die alte Holzstiege ist eine
breite Steintreppe Oben ragt etwas wie ein Denkmal Ich habe keine Neigung
hinzuschauen biege nach rechts ab Dort liegt der Gasthof zum Goldenen Ochsen
wo ich logieren will Auf meinen Wunsch wird mir sogleich das Schlafzimmer
angewiesen
                                       
    In tiefer Nacht wache ich auf Ferne Musik  Blechinstrumente intonieren
eine wehmütige Weise Soldaten die im Trauerschritt einen Sarg zum Bahnhof
geleiten »Ich  hatt  einen  Ka  me  ra  den « Ach ja Krieg ist  und
Tübingen hat Lazarette Dumpfes Krachen  Gewehrsalven rufen dem Toten Ade
Dann singen Studenten das Abschiedslied Ein Jenenser Bursch hats gedichtet
als er nach vielen Jahren sein Musenstädtchen wieder besuchte Ergriffen sprech
ich die Worte für mich ins Dunkel
»Auf den Bergen die Burgen
Im Tale die Saale
Im Städtchen die Mädchen 
Einst alles wie heut
Ihr werten Gefährten
Wo seid ihr zurzeit mir
Ihr Lieben geblieben
Ach alle zerstreut
Die einen sie weinen
Die andern sie wandern
Die dritten schon mitten
Im Wechsel der Zeit
Auch viele am Ziele
Zu den Toten entboten 
Verdorben gestorben
In Lust und in Leid«
    Am Morgen bin ich ausgeruht die gestrige Überschwänglichkeit hat einer
ruhigen Heiterkeit Platz gemacht Ich begebe mich ins Frühstückszimmer meinen
Kaffeeersatz zu schlürfen Der Kellner überreicht mir einen Brief von meinem
Jugendgefährten Hebsacker in dessen Elternhause ich einst gewohnt habe In der
Hoffnung dass er noch am Leben und im Vaterhause ansässig sei hatte ich ihm
angezeigt ich würde dann und dann in Tübingen eintreffen und im Ochsen
logieren Hebsackers Antwort lautete um Zehn werde er ins Gasthaus kommen Es
treffe sich ungünstig dass er morgen verreisen müsse für zwei Wochen
Hoffentlich werde ich länger in Tübingen bleiben so dass er mich später noch
treffe  Das Frühstück ist reizlos Ich greife nach der Zeitung »Tübinger
Chronik« Das Titelbild ist das alte die Burg mit den dicken Ecktürmen Ich
schmunzele über kleinbürgerlich idyllische Anzeigen landwirtschaftliche
Bildchen ein dickes Schwein eine Kuh ein Pferd »Milchziege gesucht«
»Blütenhonig« Modern wirkt das Inserat »Kunstmost pulverförmig nur für
Selbstverbraucher« In der guten alten Zeit hatte jede Familie reinen Apfelmost
im Keller
    »Ischt vielleicht ein Herr Doktor Wille bei Ihne abgstiege« sagt jemand zum
Kellner Ich erhebe mich  schweren Schritts schreitet auf mich zu eine Gestalt
die mir zuerst ganz fremd vorkommt Dieser behäbige Mann mit ergrautem Haar und
Schnurrbart soll der schmächtige blasse Knabe von damals sein Über mich mag
er entsprechend denken  sein Stutzen verrät es sein Auge das mich unsicher
anstarrt Dann wird der Blick auf einmal gemütlich als ob er Bekanntes
entdecke Aber wie wir uns betrachten entdeckt auf einmal jeder etwas
Vertrautes im Gesicht des andern und herzlich schütteln wir einander die Hand
    Hebsacker gesteht mir schon nachmittags müsse er seine Reise antreten und
jetzt hab er eine geometrische Vermessung im Keesbachtal zu erledigen 
»Keesbachtal Für mich eine liebliche Erinnerung Darf ich Sie dorthin
begleiten Ich habe ja keine andern Geschäfte hier als noch einmal auf den
Pfaden meiner Kindheit zu wandeln«
    Wir verlassen den Gasthof und gehen nach der Neckarbrücke Auf meine Frage
wie er lebe entgegnet Hebsacker Es sei da nicht viel zu berichten  von den
Eltern hab er das Haus geerbt besitze Frau und Kinder und sei Stadtgeometer
»Ond waas sage Sie jetzt zu onserem Tübinge Hänt Sies wiedererkannt s hat
sich arg verändert gelt«  »Scheint aber noch immer das liebe Nest zu sein 
wenn auch hier und da die neue Zeit «  »Ha freile Da schaue Sie die
AeberhardsBrück So heißt mr sie jetzt  die alte war gemütlicher gelt Diese
neue hat ebbes Kaltes gesucht Grossartiges Wisse Sie noch wie abends am
Sonntag unsere Weigärtner auf der alten Brück gsesse sind Die steinerne
Einfassung bildete sozusage zwei lange Bänk Wie s Landvolk heimwärts zog in
seine Dörfer Die Baure trugen dreispitzige Hut  die Mädle Sammetmieder bunte
Röck weiße Hemdsärmel ond Flitterhäuble Ond zweistimmik sangen sie Jetzt gang
i ans Brünnele «
    Vor dem EberhardDenkmal stehen wir das von einem mittleren Brückenpfeiler
emporragt Ich finde dass durch diesen schwerfälligen Aufsatz mit der
gemeisselten Rittergestalt der Betrachter vom natürlichen Reiz der Brücke von
der Aussicht abgelenkt wird Hebsacker gibt das zu und meint sogar »Die
Aussicht selber hat arg gelitten Da schaue Sie zum Oeschterberg nauf  ob Sie
den wiedererkenne O ihr Rebstöcke von dazumal wo seid ihr bliebe Kaum dass mr
noch eins sieht von dene Wengertäusle der Biedermeierzeit Dafür hänt mr jetzt
drobe die Protzepaläscht von dene Korstudente Ond den KaiserWilhelmTurm wo
mr um e Fünfziger naufkracksle derf obwohl mr überall die schönschte natürliche
Aussicht gratis hat Aber so ischt die Welt Immer verzierter künschtlicher
nobler ond komfortabler solls werde  so wird manches verschlimmbessert«
    »Himmel« Und ich stehe erstarrt »Was ist aus der alten Wassermühle
geworden« Der ins Wasser vorgeschobene Turm ehedem Brückenverteidigung der
Stadtmauer steht noch ist aber modernisiert angepasst dem hochgereckten
Geschäftsbau dessen Erdgeschoss »LichtspielTheater« heißt In die Melodie des
Wassers das immer noch aus dem Schacht in den Neckar stürzt mischt sich nicht
mehr das Summen des unterirdischen Wasserrads  sondern das seelenlose Geklimper
und Geklapper einer Musikwalze die zum Augenschmaus der Flimmerbude einen
gleichrangigen Ohrenschmaus gesellt Hebsacker sucht zu entschuldigen »Ohne
Kino gehts heuer net Die alte Mühle war halt net lebensfähik  solche Werke
gehen älle zugrund  ond sentimental braucht mr dees net zu nemme  es hat ja die
Romantik au ihre Kährseit«
    Die Neckargasse aufwärts schlendern wir Die Mündung der Mühlgasse sieht
ganz neu aus Stattliche Schaufenster sind in alten Häusern eingerichtet Ist
das nicht die Bursagasse Da siehts noch aus wie damals Ihre Buckel und
Krümmen hat die Stadt behalten Die Stiftskirche natürlich hat sich nicht
verändert  großartig wirkt ihr Aufbau Links an der steigenden Gasse ragt das
aus mächtigen Quadern gemauerte Fundament eingefasst durch eine gemeisselte
Schranke ein Meisterwerk der Gotik Dicht dahinter hebt sich der Chor der
Kirche Ein Blick mir sehr vertraut  gegenüber hab ich ja mit den Eltern
gewohnt
    Jetzt such ich das alte Haus vergebens Wos stand ist auf dem Bürgersteig
ein Neubau  moderner Maurermeisterstil  Sonderbar Aus der äußern
Wirklichkeit ist das alte Haus verschwunden kein Stein kein Balken blieb
übrig Aber in mir find ich noch den dreihundertjährigen verkümmerten und
morschen Bau mit den vorgekragten Stockwerken sehe die Steinstufen die zur
Haustür führen  links das Schubfenster wo die kropfige MadeereBeckin zu
sitzen pflegte Wecken und Most an vorbeigehende Marktleute zu verkaufen
Schweigsam mir zur Seite geht der Gefährte meiner Knabenzeit  mein Sinnen will
er nicht stören So trollen wir durch die Gassen und aus allerlei Winkeln kommt
alte Zeit hervorgeschlüpft Staunend erlebe ich das Wunder dass etwas in der
Außenwelt tot sein kann aber im Gemüt unverwüstlich lebt Erinnerung ist
Mitteilung aus dem Ewigen Leben Wenn ich jetzt durch die erinnerungsreichen
Gassen und die liebliche Landschaft Tübingens walle so geh ich gewissermaßen
in der Ewigkeit spazieren Und bin Odysseus der nach langen Irrfahrten wieder
sein Ländle Itaka durchstreift sein Glastelfingen
 
                                Das Wahrzeichen
Alles kehrt wieder  was einmal war das ist und wird sein  in der Ewigkeit hat
es Wurzel  So kams dass ich an waldiger Halde auf einmal jener altdeutsche
Sänger war und dass von mir sein Gesang galt
»Ich saß auf einem Steine
Und deckte Bein mit Beine
Darauf der Ellenbogen stand
Kinn und Wange schmiegt ich in die Hand 
O weh wie Wellenschaum
Schwanden Jahr auf Jahr
Ist mein Leben Traum
Oder ist es wahr
Was da vorgekommen
Scheint Gedankenspiel
Vom Schlaf war ich benommen
Und manches mir entfiel 
Eins ist wie sonst das Wasser wallt
Am Gestein die Welle rauscht
Und der Talbach was er lallt
Hab ich weiland schon belauscht«
    Es war der Goldersbach der zu mir emporraunte An waldiger Berghalde saß
ich  drunten lag das Kloster mit dem zart gewobenen Glockenturm den stattlich
schönen Gebäuden und der Ringmauer sanft gebettet zwischen Waldhöhen  Wie
lang ists her seit ich dies zuletzt gesehen Als Knabe war ich hier  in der
Brunnenkapelle des Kreuzganges hab ich dem Standbilde Eberhards einen Finger
abgeschlagen Oder ist das bloßer Traum Brennende Sehnsucht spür ich
festzustellen ob die Geschichte etwas wirklich Erlebtes und was alsdann aus
dem abgeschlagenen Finger geworden ist Wenn ich mir nun all das bloß
zusammenphantasiert hätte Auf ins Kloster Machen wir die Probe
    Und nun geh ich  wie einst  zwischen den Gärtchen Wohnhäuschen
Stallungen des Weilers Bebenhausen Schmuck hat sich alles entwickelt in den
Jahrzehnten des Fortschritts Telephondrähte überspinnen die Dächer
elektrisches Licht ist sogar im Kuhstall Das Klosterportal den wuchtigen
Steinbau erkenne ich wieder an der hohen Mauer rankt Efeu wilder Wein Und
der finstere Aufstieg da ist das nicht der sogenannte Fuchsbau Noch tiefer als
damals sind die Steinstufen von den Fusstritten ausgehöhlt Nun kommt der
Söllergarten  der plaudernde Brunnen  die Kastellanwohnung mit Rosen Kressen
blauem Rittersporn
    Und wie gerufen erscheint ein Beamter mit Dienstmütze wohl der Kastellan
Eine jener soldatisch korrekten Gestalten mit denen sich Herrschaften umgeben
Grüssend fragt er »Möcht dr Herrs Kloschter besichtige Tut mir leid  heute
gehts net  grad tun die Majeschtäte da wohne«  »Bloß in den Kreuzgang möcht
ich einen Blick tun«  »Ha dees dürfen Se scho«
    Wir treten in das kühle Gewölbe Mich rührt die vornehme Anmut dieser
schlanken Steinpfeiler Lebendig sehn sie aus wie Rankwerk wachsender Pflanzen
 jede Ranke hat eigene Gestaltung und besondere Formen des Verwobenseins Da
sind auch die Schwälblein Noch immer kleben sie ihre Nester zwischen die
Steinranken Lautlosen Fittichs huschen sie den Kreuzgang dahin  und durch die
Pfeilerlücken in den Klostergarten wo Rosen blühn und der Brunnen plätschert
Wir kommen zur Brunnenkapelle und sieh da steht das Steinbild das ich suche
der Graf im Bart Wie weiland  in Helm und Panzer Die Hand vorgestreckt als
ob er sagen wolle »Ja freile Hier wars Dees Fingerle da hat mir e Lausbub
abbroche«
    Aber nein reichster Fürst Der Finger sitzt ja an der Hand und da scheint
kein Fehl Oder  Nahe tret ich jetzt und betrachte genau den Finger Nun seh
ich er hat eine Narbe Also doch  Ich lächle wie jemand der ein Geheimnis
hat Befremdet blickt der Kastellan und tritt ebenfalls herzu Ich weise auf den
Finger »Der war mal ab Sehen Sie er ist gekittet Aber gut verheilt die Narbe
kaum zu merken«  Der Kastellan sieht mich stutzig an Ich fahre fort »Das
wussten Sie wohl nicht Na ja Lang ists her Vor vierundvierzig Jahren ist das
geschehen Damals hat ein Pennäler mit einer Blechflöte diesem Steinbild den
Finger abgeschlagen« Der Beamte macht große Augen  blickt auf den Finger
mustert mich dann scharf »Wer hat dees E Pennäler Sie wissen scheints
Näheres darüber he«  »Sogar genau weiß ich wie die Sache zuging Als ich mit
der Blechflöte dran schlug brach der Finger ab und polterte auf die
Steinfliesen Ich erschrak  hob ihn auf  war ratlos und  legte ihn in die
Ecke Da wird man ihn schon finden wenn man fegt dacht ich und machte mich
aus dem Staube War natürlich bange ich könnte abgefasst und vom Gymnasium
gejagt werden  wegen groben Unfugs oder dergleichen Jetzt ist die Geschichte
wohl bloß Kuriosum Und nicht wahr Wenn Sies dem König melden wird er einfach
schmunzeln Dann können Sie ihn höflich von mir grüßen  er soll entschuldigen
was ein dummer Junge getan«
    Der Kastellan starrt mich noch immer an »Mit ner Blechflöt sagen Sie« 
»Ja die hatt ich auf den Spaziergang mitgenommen  und in der Wölbung hier
klang es schön wie ich des Sommers letzte Rose blies Als ich dann das
Standbild beobachtete und mir klarzumachen suchte wie man eine Hand einen
Finger meisseln könne ohne dass der mürbe Sandstein bricht überkam mich die
Neugier einmal zu probieren ob das Material haltbar sei Darauf pickte ich mit
der Blechflöte an dem Finger und knicks da lag er«
    Der Kastellan lächelte »Wer ebbes begänge hat find kei Ruh so sagt mr 
zurück ziehs ihn zur Stelle seiner Missetat«  »Stimmt Ich bin gekommen um
zu sehen ob die Geschichte nicht etwa bloße Einbildung von mir ist  Na das
weiß ich ja nun Der Verbrecher sucht am Schauplatz seiner Tat das Wahrzeichen
Er kann nicht glauben was er getan hat  er hofft alles könne böser Traum
gewesen sein Urkundlich möcht er sich überzeugen«  »Urkundlich Wie meinen
Sie dees«  »Ich meine die Urkunde die das Schicksal schreibt  ins Buch der
Wirklichkeit Das Schicksal ist ein Buchhalter dem kein Versehen unterläuft
Nichts von dem was wir angerichtet haben ist spurlos vergangen in irgend
welchen Überbleibseln wirkt es weiter Und so kommen wir niemals los von
unserer Vergangenheit Jede Lebensgestalt hat ihren abgeschlagenen und
angekitteten Finger  alles bleibt in Ewigkeit« 
    Wie zur Bekräftigung tut jetzt die Uhr vom Klosterturm Schlag auf Schlag 
Zwölf
    Nachdenklich nickt der Kastellan und seufzt Ich fahre fort »Aber natürlich
auch das Gute bleibt Vom Winzigsten wird Vermerk genommen im Schicksalsbuche
Soll ich Ihnen davon ein Beispiel sagen Es war mal ein Fürst  kein so braver
wie dieser Eberhard sondern ein Tyrann Als der am Jüngsten Tage vor dem
Weltrichter stand klagten ihn lauter Missetaten an Ist denn aber nichts da
was zu seinen Gunsten spricht fragte der Weltrichter das Schicksal Das
blätterte in seinem Buche folgende Notiz heraus Von einer Jagd heimkehrend
hatte der König eine Ziege angetroffen die kurz angebunden war und weil sie
ihren Umkreis abgeweidet hatte kläglich nach Futter meckerte Da schob ihr der
König mit dem Fuß etwas zum Fressen hin eine niedergebrochene Staude  Ja
alles wird angerechnet erklärte der Weltrichter auch das Unscheinbare Weil
selbst in diesem harterzigen Tyrannen etwas Gutes sich geregt hat gehört auch
er zu den Erlösten  um der einen Guttat willen seien ihm seine Sünden
vergeben«
    Während wir schweigsam sinnen plätschert melodisch der Brunnen im
Klostergarten »Zirr  rieh« jauchzt ein Schwälblein in zierlichem Flug ums
Standbild
 
                               Der verlorene Sohn
Das »Postörnle« ist jenes Bebenhausener Wirtshaus wo einst Ulis Geburtstag
gefeiert werden sollte  was vereitelt wurde durch Lindas unwillkommene
Erscheinung sowie durch den abgeschlagenen Finger Ins Postörnle trat ich
jetzt und die Wirtin eine freundliche Frau in Mitteljahren wies mich ins
Herrenstüble Vor einem Ledersofa stand da der Eichentisch in den Hunderte von
Namen eingeschnjetzt sind »Also darf ich hier Platz nehmen«  »Ha warom net
Der Könik beährt ons erscht om fünf Uhr«  »Der König von Württemberg Ei das
ist ja interessant Kommt er als Gast«  »Grad wo Sie sitze ischt sei
Stammtisch  bisweile trinkt er da sei Bier  ond raucht sei Pfeifle«  »Ja es
heißt er sei ein schlichter leutseliger Mann Hier lässt sich auch gemütlich
kneipen Bitte Frau Wirtin ein Schöpple Wein  und womöglich etwas zum Vespern
 Brotmarken hab ich Was wär denn zu haben«  »Eierpfannkuchen mit Salat«
schlug die Wirtin vor und ging zur Küche
    Nun kam ihr Mann und brachte den Wein »Sind Sie von Bebenhausen gebürtig«
fragte ich und die Antwort lautete »Von Luschtnau«  »Ach Lustnau Als Knabe
wohnte ich in Lustnau  beim Josua Kuttler  haben Sie den gekannt«  »Ha
freile Ond lebe tut er noch dr Josua Zäh ischt der Kerle zählt bald Neunzik
Bloß im Oberstüble haperts«  »So so Dann haust er wohl bei seiner Tochter
Linda Die war ja immer sein Augapfel«  Der Wirt machte eine abwehrende
Handbewegung »Uijeh Die zwoi sind wie Katz ond Hund Bei dr Frau Jedele
seiner Enkelin wird er geduldet dr alte Narr«  »O weh Jakobskindle Früher
warst du Herr Na und die Linda Lebt sie noch Müsste scho Mitte Sechzig sein
Und Enzio Was ist aus dem geworden«
    »Kuttlers Enzio Hänt Sie den kennt«  »Aber natürlich  wir haben zusammen
das Gymnasium besucht  er war mein Kamerad«  Etwas spöttisch sah mich der
Wirt an zögernd kam die Antwort »Was ausm Enzio worde ischt Ha wisst Sie
denn nicks dervon«  »Wie sollte ich Bin ja über vier Jahrzehnte fort gewesen
 erst seit ein paar Tagen suche ich hier Spuren meiner Kindheit«  »Waas ausm
Enzio worde ischt« wiederholte der Wirt als sei er um die Antwort verlegen 
platzte dann aber hart heraus »E verlorener Sohn  e Mörder«  Ich fuhr
zusammen »Was Mörder«  »Es stimmt Mörder Zuchtäusler Am End hat ihn
onser Könik begnadikt  i han selber mit Majeschtät gsproche graad in dem
Stüble da«  Ich schüttelte den Kopf »Mörder Um Gottes willen Wie ist denn
das gekommen Und wen hat er gemordet«  »Seinen Schwager«  »Wie Lindas
Mann«  »Ja den Gassenmaier«  »Gassenmaier Der war sein Schwager Louis
Gassenmaier«  »Hänt Sie den au kennt«  »Durch Enzio hab ich den Gassenmaier
kennen gelernt  er war Gesell in der Neckarmühle Wir drei haben einen Ausflug
zur Nehrener Eiche gemacht Und dieser Gassenmaier hat also die Linda
geheiratet Und ist von Enzio  ist es wirklich wahr Sonderbares Schicksal Von
Linda hat Gassenmaier schon damals geschwärmt Ich hätte aber nicht geglaubt
das hübsche wohlhabende Mädchen das immer so hoch hinaus wollte werde einen
Müllergesellen nehmen so einen garstigen Kerl wie den Gassenmaier«  »Ha 
dazumal hat die Linda net mähr hoch naus könne Was d Leut über sie geschwätzet
hänt ischt nicks Guts gwä Übrigens hat sie scho wie e alt Jungfer ausgschaut
«
    Hier wurde der Bericht unterbrochen durch Gelächter einer Frauenstimme von
der Küche her Es war die Wirtin »Ui Jungfer Dees kann net stimme Ischt sie
doch in andere Omständ gwä«  Auflachend kratzte sich der Wirt hinterm Ohr
»Freile Ihr Kindle ischt scho onterwegs gwä ond so ischt dr Gassenmaier graad
recht komme  sie zur Frau z mache«  »Ich verstehe als Lückenbüsser hat sie
ihn genommen Und weiter Sie sagen den Gassenmaier habe Enzio umgebracht« 
»Vergiftet« rief die Wirtin von der Küche her  »Ich bitte Sie Herr Wirt 
ich bin aufs äußerste gespannt Wie kam das alles Erzählen Sie doch«
    Er nahm auf einem Stuhle Platz zündete ruhig sein Pfeifle an und sann beim
Paffen »E omständliche Gschicht Also  dr Enzio ischt in Amerika gwä  Ond
heimkomme als rechter Lump Na hat dr Vatter den verlorenen Sohn ausm Haus
gschmisse  sein Sohn sei er net mähr«  »Ach ja wild aufbrausend und hart war
der Alte«  »Die Linda ischts gwä wo ihn so weit bracht hat Dr Enzio natürli
hat e Jähzorn kriagt  sei Rachsucht hat en higrisse dassr die Schweschter hat
wolle beiseitschaffe«  »Mit giftige Pilz« rief die Wirtin  »ja ond dr
Gassemaier hats Pilzgricht gesse  zufällik bloß der  na ischt r hi worde« 
»Sie meinen also aus Rachsucht habe Enzio «  »Aus Rach ond Habsucht Hat
sich die Erbschaft sichre wolle«
    Die Wirtin trug mir auf mechanisch begann ich zu speisen Die Erzählung an
der Wirt und Wirtin sich beteiligten nahm mein Aufmerken in Anspruch Schwer
fiel es mir zu glauben Enzio sei ein schleichender Meuchelmörder
Gewalttätigkeit die war ihm zuzutrauen nicht berechnende Heimtücke Anderseits
fiel in die Wagschale dass ihn der harte Vater und die eigensüchtige Linda
grausam gefoltert hatten so schien es möglich dass er sich zu einer
Verzweiflungstat hatte hinreißen lassen
                                       
    Über den Zusammenhang der Dinge erfuhr ich etliches durch die Wirtsleute
Enzios Traum er werde »Staatskarrjähr« studieren und als farbentragender Bursch
umherstolzieren war wie eine Seifenblase geplatzt weil Linda ihren Vater
bestimmt hatte auf diesen üppigen Lebensplan nicht einzugehen sondern den Sohn
einfach Handelslehrling werden zu lassen Nachdem Enzio in Stuttgart gelernt und
ein paar Jahre in Stellung gearbeitet hatte kaufte ihm der Vater ein
Tuchgeschäft in Tübingen Da er es ungeschickt betrieb und die Zeit mit
studentischen Kneipereien verbummelte machte er Bankrott und ging nach Amerika
Drüben in der strengen Schule lernt manch einer das Arbeiten  Enzio aber kam
arbeitsscheu und trunksüchtig zurück Der aufgebrachte Vater machte Versuche
ihm auf die Beine zu helfen doch seine Darlehen wurden von Enzio vertan Da
wies ihn der alte Kuttler endgültig aus dem Hause  wohl in ähnlich schroffem
Ton wie damals als er den Knaben in den Strassenstaub geschleudert hatte
    Enzio war nun kaum etwas anderes als ein vagabundierender Strolch Einen
letzten Versuch machte er ins Vaterhaus aufgenommen zu werden Aber Linda
stachelte den Vater auf dass er immer noch ein starker Mann den Sohn mit der
Faust hinaustrieb Da war Enzio entschlossen seinem verfehlten Leben ein Ende
zu machen An der Südhalde des Oesterbergs rief eines Weingärtners Knabe
»Vatter in den Neckr ischt euner gsprunge  grad luegt sei Kopf ausm Wasser«
Der Weingärtner der ein tüchtiger Schwimmer war holte den fast Ertrunkenen
heraus erkannte den jungen Kuttler und brachte ihn zum Vaterhaus  nicht ohne
zuvor eine Prügelei mit dem Widerspenstigen bestanden zu haben Aber auch jetzt
ließ sich der alte Kuttler nicht im mindesten rühren »Gang wieder zom Neckr«
rief er  und diese Grausamkeit empörte den Weingärtner dass er den verlorenen
Sohn in eine Kneipe mitnahm
    Hier wurde neuer Lebensmut getrunken wenns auch kein guter Mut war
sondern gärende Leidenschaft brennende Rachsucht Ohne noch zu wissen wie er
sich rächen solle lauerte Enzio im Wald am Dentzenberg ob Linda nicht zum
Haseläckerle gehe oder zum Obstgarten auf die Höhe Richtig da kam sie mit dem
Korbe und nachschleichend bemerkte Enzio sie wolle Pilze sammeln die sie
durch Gassenmaier schätzen gelernt hatte Auf dem »Sand« einem Anger wo die
Soldaten zu exerzieren pflegten gab es gute Pilze aber auch eine sehr giftige
Art Ihren halbgefüllten Korb hatte Linda an den Waldrand gestellt und ging über
den Sand weitere Pilze in die Schürze zu sammeln Währenddessen soll es Enzio
gelungen sein den gefährlichen Pilz in den Korb zu schmuggeln Abends schmorte
Linda das Pilzgericht  und davon aß ihr Mann der Gassenmaier es geschah
hastig weil er nur eine Viertelstunde verweilen konnte  dann hatte er eine
Geschäftsreise anzutreten Zufällig wurde Linda ehe sie gegessen hatte in den
Stall gerufen wo eine Kuh das Kalben bekam Gassenmaier reiste ab war andern
Tages krank und starb
    Wie Linda des weiteren verhindert wurde von den Pilzen zu essen blieb ein
dunkles Kapitel in diesem Bericht gegen den ich überhaupt manches Bedenken
vorbringen konnte ohne dass Wirt und Wirtin imstande waren alles glaublich zu
machen
    »Hat Enzio denn ein Geständnis abgelegt«  »Zuerscht hat er gleugnet
zuletzt gschwiege Ond wien er ischt ausm Zuchthaus naus gwä hat er gesagt wohl
hab er e Schuld aber Mörder sei er net«  »Und was ist aus Enzio geworden
seit er begnadigt wurde«  »Nach der Schweiz ischt er gange Etliche Jahr vorm
Krieg hat r sich wieder in Luschtnau sehe lasse  bei seim Vatter  dass ders
seitdem besser hat«  »Ein braver Zug von Enzio Was war denn aber mit dem
alten Kuttler Inwiefern gings ihm schlecht Das sagten Sie doch eben Weshalb
hat ihm Enzio beistehen müssen«
    »Ha  weil Kind ond Kindeskind den Alten schlecht behandelt hänt Dem
Gassenmaier hat die Linda net lang nachtrauert hat wieder gheiratet  diesmal
ischts e junger Kerl gwä Straubisch heißt r Dem alten Kuttler sind die zwoi
um den Bart gange bis r so dumm gwä ischt ihne sei Eigentum abzutrete
Seitdem gehörts Haus mit dem Kramlade der Frau Linda Straubisch Das andre Haus
am Goldersbach  hat der Alte Lindas Tochter zuschreibe lasse die den Jedele
gheiratet hat Aber sie hat sich müsse verpflichte ihren Grossvatter in Pfleg zu
nemme«  »Ah ich merke Diese Verpflichtung hält sie wohl schlecht«  »So
ischt s« antwortete die Wirtin »die Jedeles tun dem Alten s Lebe verleide 
dass r seinen Sohn soll bitte ihn anderswo onterzubringe«  »Seinen Enzio
Kann er denn hoffen von dem so viel zu erhalten«  »Ja dr Enzio hat seim
Vatter verziehe wie sich der von dr Linda losgemacht hat Taschegeld gibt dr
Enzio seim Vatter  aber der weiß es bloß zu verwende um den Jedeles ond dr
Linda Ärger zu mache Anderswohin tut Enzio den Alten net bringe Die
Luschtnauer Verwandte solle sich gegeseitik e Straf sein Übrigens würd dem
Alten ebbes fehle wenn er seine Verwandte net plage könnt«
    »Also Geld gibt Enzio her Dann gehts ihm in dieser Hinsicht so ziemlich
wie«  »Am Geld heißts fehls ihm net In der Schweiz hab er e guets Gschäft
 sei übrigens e ordentlicher Mensch worde Jetzt weil r für Jedeles Buebe e
Vermächtnis in Aussicht stellt derfen die den Alten net zu schlecht behandle
Zank freile gibts mit ihm Tag um Tag Ond er selber der Alte hat schuld
Ischt halt e böser Ssimpel Sei Freud hat r wenn er schimpfe tut  ond wenn er
droht er werds Häusle azünde«  »Meint ers im Ernst«  »I glaub net Aber
weiß mr denn ob er net doch emol tut waas er so oft gesagt hat Net grad
verarge sollt mrs den Jedeles dass sie den Alten net ohn Aufsicht im Häusle
lasse möge  ond dass r bisweile ausgsperrt vor dr Haustür sitzt«
    »Ausgesperrt Da hat er allerdings einen trüben Lebensabend  und überhaupt
das Schicksal des Hauses Kuttler  Kuriose Welt Aber sagen Sie ob ich den
alten Kuttler sprechen kann«  »Warom net Sogar den Enzio  wenns stimmt dass
er sich in Tübinge hab sehe lasse die letzte Täg«  »Enzio Es wär mir sehr
interessant ihm zu begegnen Wo mag er wohnen Wie könnt ich das erfahren« 
Fragend blickte die Wirtin auf ihren Mann der zuckte die Achsel »Leicht wirds
net sei Einen amerikanischen Namen hat er ahngenommen  Tobias  oder so 
Mister  i woiss net«
    Nach diesem Gespräch verabschiedete ich mich von den Wirtsleuten und ging
gen Lustnau Nichts schien sich hier im Tal verändert zu haben  der Goldersbach
murmelte auf der Talwiese zirpten Grashüpfer die fruchtbeladenen Zweige der
Apfelbäume waren gestützt auf den Höhen beiderseits säuselte Hochwald Als ich
an die Sophienpflege kam und die Reste des ehemaligen Klostervorwerks sah die
alte schiefe Mauer und den Kapellenturm dachte ich an Justinus Kerner und sein
Rickele wie sie hier den zarten Vorfrühling ihrer Liebe erlebt hatten
    Dies Paar und die Familie Kuttler  welch ein Gegensatz Ich glaubte zu
sehen woraus die Verschiedenheit der Schicksale hervorwuchs Es gibt nur eine
Sünde in Verengung sich abzutrennen vom ewigen Leben  und gibt nur eine
Erlösung dorthin heimzukehren wie der verlorene Sohn zum Vaterhause Um es zu
finden braucht man nur das eigene Herz zu öffnen aus dem Schneckenhaus Ich
herauszufinden ins einige All
 
                                   König Lear
Das Lustnauer Haus wo ich bei den Eltern gewohnt hatte sah noch schmuck aus
und wie damals lächelte der Rosengarten Über dem Krämerladen stand jetzt ein
anderer Name Mattias Straubisch  Ob ich eintreten durfte Ich tat es schon
ging die Türschelle  es war derselbe Laut den ich als Knabe oft vernommen
Hinterm Ladentisch stand eine Frau mit weißem Haar und kohlschwarzen Augen  ich
wusste sofort Linda ist das  noch immer scheint es in dieser Seele hexenhaft zu
lodern
    »Grüß Gott Frau Straubisch Nicht wahr Sie sind es Haben Sie « Und
suchend musterte ich die ausgelegten Waren In meiner Verlegenheit deutete ich
obwohl kein Raucher auf Zigarren Und während sie diese in eine Hülle tat
begann ich das Gespräch »Sie werden mich nicht mehr kennen Es ist ja auch so
lange her dass ich bei Ihrem Vater Rosen kaufte Student war ich damals « Zu
dieser Ausrede hatte ich meine Zuflucht genommen weil mich der forschende Blick
ihrer wilden Augen verwirrte Sie schwieg als ob sie abwarte wo hinaus ich
wolle »Ach ja Frau Straubisch« fuhr ich fort »die Zeit vergeht Ihr Vater
muss schon bald Neunzig sein Ich höre er wohnt bei Ihrer Tochter der Frau
Jedele Ich erinnere mich des Hauses  es liegt ja wohl am Goldersbach wo das
Stegle hinüberführt«
    Ihr Blick wurde schielend  auch Enzio und der alte Kuttler hatten diesen
Zug Und nun hörte ich Lindas Stimme  sie war noch hart wenn auch leise
lauernd »Ja wo früher s Stegle war ond dr Goldersbach Jetzt hat mr ihn
reguliert im Boge abgleitet durch d Wiese  onds Stegle ischt fort«  »Oh«
bedauerte ich »wieder ein Stück Vergangenheit dahin Man fühlt eine Art
Zerrissenheit wenn da draußen nicht mehr zu finden ist was vor dem innern Auge
noch wie greifbar steht Sie Frau Linda  wie Sie damals waren und Enzio und
Ihr Vater  das alles hat noch volles Leben in meiner Erinnerung Also Ihr
Vater hm  Und besteht seine Jakobsgemeinde noch Der Tempel hinterm Garten«
 Sie lächelte verächtlich »Den Tempel hat dr rote Hahn gholt«  »Der rote
Hahn Sie wollen sagen dass er abgebrannt ist Wie kam denn das«  »Ha wie so
ebbes halt kommt Er musste ja abbrenne War halt zu ogschickt glega«  Auf
meinen forschenden Blick antwortete sie mit listigem Augenblinzeln und winkte
mit dem Kopf nach dem Goldersbach wo ihr Vater wohnte Das war nun die echte
Linda  ihre spöttische Bosheit wars die beissend treffen konnte wie ein
gezielter Peitschenhieb
    Ich dachte an Gassenmaier und suchte sie durch eine Anspielung zu strafen
»So so ungeschickt gelegen Und darum brannte die Scheune ab Na ja Der
HölderlinTurm der zu meiner Knabenzeit in Flammen aufging war einem gewissen
Jemand auch ungeschickt gelegen«  Sie stutzte misstrauisch bohrten sich die
schwarzen Augen in mich hinein »Der HölderlinTurm Dees ischt aber lang her
arg lang Ond dazumal send Sie Knab in Tübinge gwä«  Ich fühlte wie ich unter
ihrem argwöhnischen Spähen errötete Drum legte ich has Geständnis ab »Als ich
sagte ich sei in Tübingen Student gewesen wollte ich nur mein Inkognito
wahren Rund heraus gesagt meine Eltern haben hier bei Ihnen im Haus gewohnt
ich bin Enzios Schulkamerad Herr Hainlin hat mir Nachhilfe erteilt Erinnern
Sie sich«  Betroffen starrte sie mich an und hauchte »Hainlin«  »Ja
Hainlin Was ist denn aus ihm geworden Sie können gewiss von ihm erzählen« 
»Net viel mähr als dass r tot ischt lang«  Schweigend sah ich sie an und
nickte »Ein edelfeiner Mensch Nicht wahr« Etwas Weiches kam in ihren Blick
stumm bebte ihre Lippe
    »Aber Enzio« fuhr ich fort  »was ist denn mit dem Ich höre soeben er sei
in Tübingen geschäftlich  da möcht ich nicht verfehlen ihn aufzusuchen Sie
blicken finster Frau Linda Nun ja ich weiß was er Ihrem Manne angetan hat 
aber Menschenkindern bleibt wenn sie einander begreifen wollen nichts übrig
als Nachsicht zu üben« Ihre Augenbrauen die noch schwarz und buschig waren
zogen sich zusammen als solle die Seele darunter versteckt werden  und etwas
von wölfischem Knurren hatte ihre Stimme »Tun mr net von dem rede Nur dees
net«  »Na ja ich  Entschuldigen Sie wenn ich Peinliches berühre Aber wer
alten Erinnerungen nachgeht wie ich kann sich geradezu vernarren in den
Wunsch Gestalten von damals wiederzufinden Seien es Menschen seien es
Stätten Von Ihrem Haus da vom Rosengarten und der Weinlaube hab ich in diesen
Jahrzehnten manchmal geträumt  hab mich gesehnt das alles mal wiederzusehen
Nun ich endlich hier bin freut es mich dass so ziemlich alles wie es scheint
beim alten geblieben ist Steht denn die Laube noch«  Sie hatte einen
schmeichlerischen Zug als sie erwiderte »Sie möchten in den Garte« Und durch
den Hausflur ging sie voran ihre Gestalt war noch straff Da sieh wie einst
blühten die Rosen und die Laube war noch immer von Wein umrankt
    Der Wunsch Näheres über Hainlin zu hören veranlasste mich an ihn zu
erinnern »In der Laube da saß der Kandidat mit meinem Vater und sprach über
Erziehung  sprach über uns Knaben und die Schule  Oh wie treffend Zum
Seelenpfleger zum Menschengärtner war er durch sein Genie berufen« Wehmütig
sah sie mich an und nickte »Sälengärtner Ja war onsereis wär i in seiner
Pfleg gwä  anders wär älles worde Aber  mi hat er net möge  zuletzt schon
gar net mähr wie er hat gemeint i hätt die Denunziatio gschriebe Wisst Sie
noch Der Figur in Bebehause hat ebbers Fingerle abgschlage ghätt«  »Ob ich
weiß Ich selber bin ja der Missetäter gewesen Grade komm ich von Bebenhausen
und habe mir den abgeschlagenen Finger besehen Und hab in mich
hineingelächelt weil er gut angeheilt ist« Auf diese Wendung zum Heiteren ging
Linda nicht ein »Gschriebe han i die Denunziation net noi« Aus ihrem
verzogenen Munde kam es wie unterdrücktes Schluchzen sie wandte sich ab Da sah
ich nun dass sie Liebe für Hainlin gehabt hatte  Liebe auf ihre Art Milder war
also zu beurteilen dass sie Bock zu jener Denunziation veranlasst hatte Aus
Verliebteit wars geschehen aus Eifersucht Hainlins Heirat mit Rosel hatte
sie hintertreiben wollen
    Als hätten sich auch ihre Gedanken in dieser Richtung bewegt fuhr sie fort
Tränen im Auge »Dass es mit dem Hainlin so komme würd han i net ahne könne« 
»Wie denn gekommen Ich weiß gar nichts von ihm«  »Ond i han nicks weitr
gehört als dass r hab kei Glück ghätt mit seiner Frau«  »Mit Rosel«  »Net
mit der Die hat ja den Bolkendorf gheiratet«  »Also doch Und leben die
beiden noch«  Mit der Hand machte sie eine abwehrende Bewegung »Ui jeh
längscht net mähr Beide tot«  »Ach ja Die Zeit reißt alles in ihren Strudel
 Aber Sie wollten etwas von Hainlins Frau sagen  wer wars denn«  »I han
sie net kennt  in Berlin heißts hab er mit ihr gwohnt Ond sie sei ihm
ontreu gwä«  »Untreu Dem Hainlin«  Sie nickte finster
    »Und über Enzio möchten Sie mir nichts sagen Nicht einmal den Namen den er
jetzt führt Ich möchte ihn gern sprechen«  Finster schüttelte sie den Kopf
und kniff die Lippen zusammen Dann loderte ihre Wildheit auf »Nicks wisse mag
i von dem So wenik wie vom Dreck onter meim Schuh«  Da konnte ich nicht
weiter in sie dringen Schweigend sah ich mich im Garten um In lieblicher
Unschuld wie einst lächelten die Rosen wangenrote und weiße dunkelglühende
und marmorgelbe Linda pflückte mir etliche zum Andenken Diesen freundlichen
Zug an ihr hatte ich als Knabe ein paarmal beobachtet eine verstohlene
Weichheit mitten in harter Ichgier  es war als luge aus Unkraut fast davon
erstickt ein letztes gutes Pflänzchen hervor
    Dankend verabschiedete ich mich und ging von ihr begleitet zur
Gartenpforte »Ond jetzt gehe Sie zu meim Vatter« bemerkte sie spitzig  »Ja
ich möchte ihn gern wiedersehen«  »Den werde Sie net wiederkenne er ischt e
Ssimpel«  »Ich bedaure dass Sie Ihr gutes Verhältnis zum Vater verloren haben
Früher waren Sie doch sein Augapfel«  Nichtachtend zuckte sie die Achsel »Er
hat mi schlecht behandelt halb enterbt«  »Aber wie ich höre doch bloß
zugunsten Ihrer Tochter«  Gereizt eiferte sie sich auf die Brust pochend »I
I hätt ihm solle dr Näckschte sein Warum stellt er mei Tochter mir gleich
Abers geschieht em recht dem Narre dass er bei Jedeles so bhandelt wird Jetzt
hat ers mit allen Kindern verdorbe Ha jo Dr Enzio gibt em Geld  aus Schikahn
gegen mi Um den Alten gegen mi auszuspiele  om mir s Lebe schwär zu mache
«
    »Wieso denn Ihnen Wenn doch Ihr Vater nicht bei Ihnen sondern bei Jedeles
wohnt«  »Ha der Alte droht alleweil  mit Brandstiftong Ond dees geht scho
viele Jahr so«  »Dann ist wohl klar dass es leere Drohung ist«  »Ha  weiß
mr denn waas so e Narr noch ahnstelle ka Rabiat ischt r gmeingfährlich Ins
Narrehaus gehört r«
    Dem widerwärtigen Keifen entzog ich mich Die beiden von Linda erhaltenen
Rosen eine dunkle und eine weiße steckte ich mir ins Knopfloch
Gewohnheitsmässig wie einst bog ich in die Gasse die zum Goldersbach führt 
hier war ich so oft mit dem Schulranzen gegangen Aber ach das steinige Bett
des Baches lag öde wasserleer und der hölzerne Steg von dem ich die Forellen
beobachtet hatte war fort  an seiner Stelle führte ein aufgeschütteter Weg
durchs Wiesenland Enten gab es da noch  nur watschelten sie jetzt über
trockenen Schlamm
    Ich sah mich um  hier in der Nähe musste das Haus sein wo der alte Kuttler
jetzt wohnte Führte nicht ein steinerner Vorbau zur Haustür Richtig Dort die
Freitreppe Auf den Stufen sitzt ein Mann eine schlottrige Gestalt Ich gehe
hin  das ist der alte Kuttler An den schwarzen Augen zu erkennen  Lindas
Augen sind es Enzios Augen Um das lederbraune verrunzelte Gesicht starren
weiße Bartstoppeln Das Kinn macht Kaubewegungen Auf den Kopf ist eine
Troddelkappe gestülpt Dürr und eingesunken die Gestalt als ob ein Holzgestell
bekleidet sei Der eine Fuß steckt in einem Pantoffel vom andern scheint der
Pantoffel verloren Unheimlich lodernd ist des Alten Blick auf mich geheftet 
es glimmt darin noch heftiges Wollen der übrige Mensch ist Schlacke
    Ich ziehe den Hut »Grüß Gott Herr Kuttler« Er lallt und ich fahre fort
»Ich wollt nur grad den Goldersbach anschaun  vierundvierzig Jahre bin ich
nicht in Lustnau gewesen  und da seh ich das Wasser ist fort  der Bach
abgeleitet« Er nickt und murmelt hohl »Menschewerk Bloß Menschewerk«
    »Vielleicht erinnern Sie sich meiner Herr Kuttler  ich heiße Wille  ich
habe mit meinen Eltern etliche Monate bei Ihnen gewohnt in Ihrem
Geschäftshaus« Spähend kneift er die Augen zusammen immerfort kaut das Kinn
    »Ja Herr Kuttler Anno Dreiundsiebzig wars vielleicht erinnern Sie sich
meines Vaters er hatte bloß ein Auge« Jetzt schien in dem Alten etwas
aufzuwachen die Hand tat er vor sein Auge und lallte »E schwarz Bändle hat er
da ghätt gelt«  »Ja Das war mein Vater«  »Na send Sie der  wo mit meim
Enzio zum Gymnasiom gange ischt«  »Stimmt Herr Kuttler Und über den Enzio
hätt ich Sie gern befragt Dieser Tage ist er in Tübingen hab ich gehört Ich
möchte ihn besuchen  wo wohnt er« Grinsend schüttelt der Alte den Kopf »Den
finde Sie net Verpuppt hat er sich  ausgeschlüpft ischt e fremder
Schmetterling  AemörrikenMister«  »Ja ich weiß dass er in Amerika war und
den Namen gewechselt hat Und wie nennt er sich Wo wohnt er«  Der Alte
murmelt in sich hinein rückt aber nicht mit der Sprache heraus Wahrscheinlich
weiß er selber nichts Näheres über seinen Sohn Der will ja auch inkognito
bleiben drum wird er sich wohl hüten einen Schwachkopf zum Mitwisser seiner
Heimlichkeit zu machen
    »AemörrikenMister« lallt der Greis  »aber all dees Menschewerk soll
vergehe Onds Häusle tu i dooch azünde«  »Aber nein Herr Kuttler Das kann
nicht Ihr Ernst sein Sie waren sonst ein frommer Mann  Und denken jetzt
daran solche Sünde zu begehn Nicht doch«  Starrsinnig winkt er ab »Dees
Häusle da ischt Menschewerk Ond die Sünd graad da tut die Sünd hause  drum
muess dees Häusle fort Ond wenn sie den Ssimpel aussperre  azünde kann er
dooch«  »Hat man Sie ausgesperrt Wo sind denn Jedeles«  »Auf dr Wies 
Oehmd mache«
    »Wollen Sie rauchen Herr Kuttler« Ich gebe ihm die gekauften Zigarren  er
nimmt eine beißt ab und sagt lauernd »Gebt mir e Zündhölzle« Ich hole mein
Schächtelchen heraus und reiche ein brennendes Hölzchen Er raucht an und bittet
mich ihm s Schächtele zu schenken  die Ziehgarr muss er halt immer wieder
azünde weil er aufs Rauche vergess Da ich argwöhne er könne Feuer anlegen
erwidere ich das Schächtelchen brauch ich selber  Die Zigarre scheint ihm zu
schmecken und ich sage »Aus Ihrem früheren Laden hab ich die gekauft  von
Ihrer Tochter Linda« Sein Gesicht wird düster die Zigarre betrachtend faselt
er »Menschewerk«  »Ich bedaure dass Sie nicht mehr so gut wie einst mit Ihrer
Tochter stehen Wie ist das gekommen«  Seine Antwort ist eine Handbewegung nach
dem Pfosten der Haustür Auf schwarzem Grund steht da rot gemalt der seltsame
Haussegen »Undank ist der Welt Lohn«  »Sehr wahr« entgegne ich und da
lodert der alte Propheteneifer in ihm auf hohl deklamiert er »Wer seinen
Kindern gibt das Brot  ond leidet nachher selber Not  den schlag mr mit dr
Keule tot Ja meine Kinder die hänt mi verleugnet ond verlasse  an dene bin i
gstroft Jetzt Herr sagt mir ob so ebbes scho vorkomme ischt in dr Welt«
    »Es ist schon alles einmal dagewesen hat ein Weiser gesagt Und haben Sie
denn nie die Geschichte vom Lear gehört Nicht Dieser König Lear hat eine
Affenliebe gehabt für seine zwei ersten Kinder so dass er ihnen sein Reich
geschenkt hat Aber wie sies besaßen haben sie ihn grausam behandelt  vor
Gram ist er wahnsinnig geworden und wie ein Bettler in seinem Reich umhergeirrt
Ach kennen Sie die Geschichte wirklich nicht Shakespeare hat ein Teaterstück
daraus gemacht«
    Finsteren Blickes brummt er »Teadr Menschewerk ischt dees Von Teadr ond
so Märle will i nicks Nach der wirkliche Welt frag i  ob da so ebbes scho
vorkomme ischt Auf em Teadr freili wenn da d Leut sehe wie e Könik Gram
hat na mache se e groß Gschrei weil sie Fürschteknecht sind oh dr arme
Könik Ond e Buch tun se draus mache e Teadrstückle Wenn aber e Dörfler
einer wo seinen Sohn verstosse hat ond all sei Eigentum verschenkt hat an seine
Tochter ond an deren Tochter wenn i dr Josua Kuttler so ebbes erleb na macht
mr nicks draus Na hat die Welt net Erbarme Na spottet sie bloß ond lacht
Gschieht ihm recht dem Narre I aber sag Domme Welt Waas weißt denn du von
Recht ond Onrecht Vom Onterschied zwischen Menschewerk und dem Gott Jakobs der
da äwik ischt He du Welt  ssaumässik domme pfui« Und er spuckt aus  ganz
außer sich seine Augen rollen Da ihm die Zigarre ausgegangen ist geb ich ihm
nochmals Feuer er raucht an betrachtet die Zigarre und murrt »Menschewerk«
    Für diesen Lustnauer Lear hab ich nun nichts weiter als einen Gruß  dann
geh ich eilig womöglich seinen Sohn ausfindig zu machen Die Rosen die mir
Linda geschenkt hatte vergingen rasch die dunkle verlor auf einmal ihre
Blütenblätter die weiße fiel in den Strassenkot
 
                                 Am Stammtisch
Nicht selten solls geschehen dass in einem entlegenen Weltteil ein Schwab dem
andern begegnet  dann schütteln sie einander die Hände und sprechen »Klein
ischt die Welt« In seinem kosmopolitischen Liede erzählt Bruder Straubinger
auf seiner Wanderschaft in Indien hab er einmal an einem Wirtshaus
vorüberkommend auf gut Glück hineingerufen »Ischt koiner von Böblinge do«
Drauf sei hinten von der Bierbank wo ein alter Brahmine gesessen das
schwäbische Echo erklungen »Noi dees net Aber von Ellwange«
    Diese Geschichte ließ mich hoffen Enzios Spur in Tübingen ausfindig zu
machen zumal mit der Art einer Kleinstadt gerechnet werden durfte wo jede
fremde Persönlichkeit neugierig beobachtet und besprochen wird Nun geh aber
gleich vor die rechte Schmiede sprach ich zu mir nämlich  wie Bruder
Straubinger  ins Wirtshaus Nachmittags war ich einziger Gast in der Gaststube
konnte frei mit der Kellnerin plaudern »Hören Sie Liesel Hier in Tübingen
soll ein Amerikaner weilen  ist in meinem Alter  hat kohlschwarze Augen 
nennt sich Tobias oder so ähnlich Wo könnte der wohnen«  Die Kellnerin
blickte nachdenklich und zuckte lächelnd die Achsel »Onsereis kommt wenik
naus« Aber aus dem Schubfenster das zur Küche ging erscholl der Köchin
Stimme »Ameriganer Dees könnt dr HallelujahMister sein«
    Begierig griff ich die Andeutung auf  sie passte zu dem Worte des alten
Kuttler AemörrikenMister »HallelujahMister sagen Sie Weshalb nennt man ihn
so«  Und durchs Schubfenster lugend schmunzelte die Köchin »Nicks für
unguet Herr Dooktr dass i so vorlaut bin Gnaues weiß i selber net Aber e
Student aus meiner Bekanntschaft tut über den Ameriganer schimpfe Jeden Morge
stör ihn der im Schlaf indem dass er Choräl sing  ond ameriganische
HallelujahLiedle  wie so Leut von dr Heilsarmee«  »Amerikanische Das wird
er sein« Auf Enzio war um so eher zu raten als dem Zögling der Jakobskindle
fromme Lieder zuzutrauen waren Auf meine Erkundigung wo der Student wohne
erfolgte der Bescheid Das wisse sie nicht auch nicht seinen Namen Aber
darüber könne ich Auskunft erhalten in der Weinwirtschaft zur Pepita wo der
Student verkehre
    Nach dem Abendessen machte ich mich zur Pepita auf Es regnete dunkel war
die mir bezeichnete Gasse nur eine Laterne glomm Die alten Häuser brüteten
mürrisch ihre Giebel verloren sich im Nebel und weil die unteren Fensterläden
geschlossen waren kam nur hin und wieder ein Lichtschimmer aus den Wohnungen
Vergebens sah ich mich nach der Wirtschaft um  niemand war da den ich hätte
fragen können Endlich nahten Schritte  es kam jemand mit einem Regenschirm
»Entschuldigen Sie  wo ist die Weinstube der Pepita«  »Bitte kommen Sie mit
 i gang selber zur Pepita«
    Ich folgte dem Bürger schwerfällig schritt er voran Nicht lange so wandte
er sich auf ein krüppeliges Haus deutend »Dem sieht mers net ahn was für e
guts Tröpfle da lauft« Durch die niedere Haustür traten wir in einen Flur der
elektrisch erleuchtet war im übrigen nach ältester Kleinbürgerzeit aussah
Steinfliesen  in den Ecken standen Fässer und Geräte herum  zum Keller führte
eine Falltür hochgeklappt
    Das Gaststüble in das wir kamen war klein ohne Gäste hatte nur drei
Tische aus rohem Buchenholz an den Wänden Bänke Die Decke sah vergilbt aus wie
angeschmauchte Meerschaumpfeife Während wir Schirm Hut und Mantel ablegten
scholl aus dem offenen Nebenraume Bratengeprutzel und eines ältlichen Weibes
Stimme »Griess Goot Herr Stadtrat« Dann kam eine Matrone grauhaarig faltigen
Gesichts Dem Stadtrat ohne weiteres einen Schoppen Rotwein hinstellend blickte
sie mich prüfend an »Neu oder alt« Ich entgegnete »Vom Neckar soll immer der
Neue ratsam sein«  »Neuen also« Und die Frau ging
    »Ist das die Mutter der holden Pepita« raunte ich  worauf er lächelte
»Sähr gut Ha jo Wenn ein Fremder herkommt ond bloß den Namen Pepita kennt 
ond wenn alsdann dees Weible da erscheint so zwische Fufzik ond Siebzik na
fragt er wo die Tochter sei  unter der Pepita stellt er sich halt ebbes vor
wie jene aalglatte Donna wo einschtmals der Welt den Kopf verdräht hat mit
ihrem Tanzbein gelt« Schelmisch nach der Alten blinzelnd die mir jetzt meinen
Schoppen brachte fuhr er fort »Mir wärs au lieber wenn die Pepita e Schlange
wär«  »E Schlange« fragte wieder eintretend die Wirtin  »Ha  weil die
Schlange alle Jahr efrische Haut kriegt  dees wär onsrer Pepita zu gönne« 
Die Wirtin parierte den Hieb schlagfertig »Wenn i e Schlängle wär an den Herrn
Stadtrat tät i mei Gift net verschwende   der ischt selber giftik gnueg«
    Belustigt zwinkerte der Stadtrat »Von Ihne will i au koi Gift  sondern e
guets Tröpfle  ond jetzt Maultasche gelt«  »I werd so guet sein« entgegnete
sie schnippisch und kehrte zur Küche zurück
    »Also das ist die Pepita Hat sie diesen Namen wenigstens in ihrer Jugend
gerechtfertigt«  Lächelnd schüttelte der Stadtrat den Kopf »Dass i net wüsst
Aber ihr Mann der verstorbene Beck hat Paul Pita gheisse  gschriebe P Pita 
drausse aufm Schild stehts« Gemütlich trank er mir zu und ich tat Bescheid
Mir mundete das sanfte Feuer des jungen Rotweins
    »Bloß dr Wecke fehlt« sagte er  »Weissbrot erhöht den Wohlgeschmack Schon
um wieder Wecke zu kriege sollt mer endlich Friede schließe Ond all die
Sächle wo mr vor dem Krieg gschleckt hänt  Rührei Leberspätzle Milchreis 
o jerum älls futsch«
    »Sie Pepita« rief er nach der Küche »Für wen soll denn der Brate da sei«
Wieder eintretend sagte die Wirtin geheimnisvoll als schenke sie uns
besonderes Vertrauen »Für zwei Herre aus Norddeutschland Vor dreissik Jahr hänt
sie in Tübinge studiert  Pfarrer ischt der ein der andre scheints
Kapellmeischter Im vierte Kriegsjahr hänt sie Sehnsucht nach dem Ländle
verspürt Hänt brieflich bei mir gfragt ob da ebbes Guets zu kriege wär wenn
sie zu mir kämen  Ripple mit Kraut Maultasche ond so Schwabefressa Om älls in
der Welt möchtens dees noch mal schmause Aufs End des Kriegs möchten se lieber
net warte  dees könnt gar zu lang ausbleibe ond immer schlimmer könnts komme
 Ha waas sollt i mache Den Wunsch han i net abschlage könne Na sind se
halt komme Heut sind se zum Frühschoppe da gwä alsdann nach Burg Entringe
gwalzt da wollten se zu Middaag speise  ond für den Abend sollt i ebbes Guets
aschaffe In der Kuch han i arichte lasse  damit hier kein Gascht futterneidik
wird  Heuer hats sogar Denunziante gelt Zom Dank dafür dass onsereis aus
guetem Herze « Grunzend nickte der Stadtrat Und zur Küche zurückkehrend 
seufzte die Wirtin »Ja s ischt scho so«
    »In der Zeit könnt eim der Humor vergehe« brummte der Stadtrat »E
Menscheschlachtaus ischt Europa Höre Sie die Granatemädle«  »Sie meinen die
Weiber die drüben singen Kriegsindustrie«  »Ja drüben beim Mekanikus Zum
Mord wirt heuer älles abgrichtet  sogar die Mädle  höre Se wie se
Granateröhrle schleife Zuwider ischt mir dees Quietsche uii  hii  äh 
Das fatale Geräusch war mir schon auf der Straße aufgefallen Die Arbeiterinnen
suchtens durch ein Lied zu übertönen
»Wenns im Felde blitzen
Bomben und Granaten
Weinens die Mädchen
Um ihre Soldaten«
    »Waas sagt mr denn bei Ihne über den Krieg Sie send von Norddeutschland
gelt«  Ich hielt es für angebracht zu bemerken ich sei vor mehr als vier
Jahrzehnten Schüler des Tübinger Gymnasiums gewesen in der Stiftskirche
konfirmiert also mit einem gewissen Heimatgefühl für Tübingen behaftet Bei
dieser Gelegenheit stellte ich mich vor
    Verblüfft war ich als jetzt die Wirtin aus der Küche kommend fragte »
Wille heißt der Herr Vielleicht Bruno«  »Allerdings Wie kommen Sie darauf«
 »Ha« sagte sie vergnügten Gesichts »I bin halt mit Ihne konfirmiert
Oschtern Vierondsiebzik gelt I hol Ihne dees Täfele«
    Sie hastete fort  und brachte etwas unter Glas Gerahmtes ein Druckblatt
»Da stehen die Konfirmanden  dees bin i  ond dahier steht Ihr Name Wille
Bruno« Jugendlich lachten die Augen aus dem alten Gesicht während ich sie
anstarrte
    Nicht die leiseste Erinnerung dämmerte in mir Rickele meine erste Liebe
war sie nicht  die hatte ja braune Augen Rehaugen 
    »s ischt scho so« wiederholte Pepita »Ond Sie send mir deutli in der
Erinnerong  graad mir zwei hänt ja bei der Prüfung dieselb Frag bekomme 
Wisst Sie noch«  Ich entsann mich »Wer bist denn du« hatte der Dekan
gefragt Wie damals antwortete ich jetzt »Ich bin ein Christ«  »Ha freile«
jubelte sie  »graad so hänt Sies gsproche Krisst Ich  bin  ein  Krisst Die
norddeutsche Sprach hat mir arg gfalle ond so han i au spreche wolle wann die
Reih an mi käm Aber wie der Herr Dekan mi gfragt hat Wer bischt denn du han i
mi gschämt  nicks gholfe hat mei Vorsatz ond groob wie mir der Schnabel
gwachse ischt han i gsproche Ich bin ein Krischt«
    Belustigt nickte der Stadtrat »Der Frosch hüpft wieder in den Pfuhl  ond
säss er auch auf goldnem Stuhl «  Aufgeräumt plauderte Pepita weiter »Ond
wisst Sie noch wie mer onsern Konfirmandespaziergang gemacht hänt Nach
Schwärzloch wars  an der Halde han i Batenke pflückt onds Sträussle an mei
schwarz Kleidle steckt Nachher in der Wirtschaft hänt mr mitsamme Moscht
trunke ond hänt gsunge Freut euch des Lebens weil noch das Lämpchen glüht 
Ja  schö ischt die Jugend  sie blüht nicht mähr  s ischt scho so«
Seufzend nickte sie  ich schaute in ihre wasserblauen Augen  die ergrauten
Wimpern bebten  ein Zucken ging durch die Fältchen ihrer Schläfe 
    Das also ist deine Jugend sprach ich still zu mir Als ein blühendes Mädle
 so hat deine Träumerei geschwärmt  werde sie in Tübingen dich begrüßen  und
da ist sie nun vertrocknet grauhaarig das Gesicht verhutzelt die Stimme wie
eine knarrende Tür Aber  in diesem alten Gesicht ist noch etwas Schönes ein
mattes Abendrot
    Die Granatenmädle drüben sangen das Fuhrmannslied
»Hab mei Wage voll gelade
Voll mit alte Weibe 
Als mr in die Stadt nei kamen
Huben s ahn zu keife 
Hüh Schimmel hüh«
    Nach einer Pause brachte ich meine Anfrage vor Ob hier ein Student
verkehre der mir Auskunft geben könne über den sogenannten HallelujahMister 
wo der wohne »Die Auskunft kann i selber gebe« entgegnete Pepita  »in dr
Haaggass wohnt dr HallelujahMister ond e Kriegslieferant aus dr Schweiz ischt
er Näheres weiß dr Herr Gräter«
    »Gräter« fragte ich  »ist das etwa mein Schulkamerad vom hiesigen
Gymnasium«  »Freile Er ischt so alt wie wir  ond aufm Gymnasiom ischt r
gwä«
    Der Stadtrat sah nach seiner Uhr »In achtzehn Minuten kommt r Hier zom
Stammtisch gehört ja der Podex«  »Podex« rief ich belustigt  »wenn Sie ihn
so nennen ists der Gräter  den Spitznamen haben wir ihm in der Klasse
gegeben Den hat er also noch«  »Freili« entgegnete der Stadtrat  »seit ich
ihn kenne heißt mr ihn den Podex  wenn auch bloß hinter seinem Rücken  er
hats net gern wenn ers hört Also schon in dr Schul hänt sie ihn so gheissen
Warom denn Verrate Sie mir dees«
    »Das kann ich Ihnen sagen Herr Stadtrat aber erst befriedigen Sie meine
Neugier Was ist aus Gräter geworden«  »Ha waas soll aus eim werde der in
Tübinge hocke bleibt Waas anders als e eingefleischter Philischter Zum
Oberamtssegredär hot ers bracht  jetzt lebt er außer Dinnscht von seiner
Pensio ond eme Kapidal das er geerbt hat«  »Verheiratet«  »Alter
Junggesell  mit seim Köter  dees kontrakte Viech kommt heut natürli mit em
Angle tut der Podex  Freimarke sammle  abends gehts zur Kneip Om Neun sitzt
r da beim Schöpple  so pünktlich zur Sekunde  Aber jetzt tun Sie mir
verrate warom er Podex heißt«  »Dees kann i mir scho denke« meinte Pepita
listig lächelnd
    Mit stillem Schmunzeln griff ich ins Archiv meiner Erinnerungen »Also Beim
Naso wars in der Lateinstunde Der neue Direktor des Gymnasiums hatte den
ersten Tag seiner Amtierung dazu bestimmt den Unterricht zu inspizieren und
gelegentlich zu prüfen was die Klasse leistet So kam er auch zu uns Der Naso
komplimentiert vorm neuen Direktor und dieser meint »Ich will nicht stören
Herr Kollega  bitte fahren Sie fort im Unterricht« Und so hört der Direktor
ein Weilchen zu Dann aber verfällt er darauf die Schüler zu examinieren Vom
Katheder wo er Platz genommen hat späht er über die Klasse hinweg nach der
zweiten Bank die fast hinten an der Wand war Du da so greift er sich einen
Schüler heraus der sich nun pflichtschuldigst erhebt Wie heißt der Fisch 
Piscis lautet die Antwort Welch Geschlecht hat piscis  Masculini generis 
Gut der näckschte Sag du mir wie heißt das Brot  Panis männlich das Brot
 Gut Weiter Jetzt du da der Hinterschte Der Direktor meint den Schüler der
hinten auf der letzten Bank sitzt und das ist Gräter Dieser versteht falsch
springt militärisch auf und antwortet schlagfertig Podex podicis der
Hinterschte«  »Haha« lachte der Stadtrat Die Wirtin schien nicht zu
begreifen obwohl sie lächelte Der Stadtrat wollte ihr die Sache erklären 
aber sie winkte »Pscht I glaub er kommt Lasse mr net merke dass mr von ihm
gsproche hänt«
    Gespannt sah ich nach der Türe  es war zu hören dass jemand kam Aber nicht
Gräter trat ein  dieser große massige Mann im Havelock hatte mit Podex nicht
die geringste Ähnlichkeit Was dem Gesicht einen würdevollen Ausdruck verlieh
waren die schwungvollen buschigen Brauen unter denen blaue Augen rollten Für
einen Schauspieler hätte man ihn halten können wäre nicht die Hornbrille
gewesen und der Knebelbart »Gueten Abend Herr Stadtpfarrer« knickste Pepita
Hinter der riesigen Gestalt erschien noch eine zweite  aber das konnte Gräter
ebenso wenig sein Ein hageres bewegliches Männchen Sein zierlicher Kopf mit
dem Spitzbärtchen und dem schwärmerischen Blick hatte etwas von Don Quixote
bloß dass hier nichts Einfältiges war sondern sprühende Geistigkeit Der schief
sitzende Kneifer und die nachlässige Kleidung ließ auf zigeunerhaft
unbekümmertes Wesen schließen wies bei Künstlern vorkommt Im Vorbeigehn hatte
er für mich eine freundliche Verneigung für die Gaststube einen verzückten
Blick Die Wirtin nannte ihn »Herr Kapellmeischter«  und führte die Ankömmlinge
in den Nebenraum die Küche wo sie ihr Gebratenes bereit hatte »Wein her«
bestellte der Pfarrer Dann rückten Stühle klapperten Teller und der
Kapellmeister ein zarter Tenor trällerte
»Der liebste Buhle den ich han
Der liegt beim Wirt im Keller
Er hat ein hölzin Röcklin ahn
Und heißt der Muskateller «
    »Jetzt aber kommt wirkli dr Herr Oberamtssegredähr Gräter  ond sei
Rheumadiesle bringt er mit« sagte Pepita Ein Winseln wie von einem Hunde hatte
sich draußen vernehmen lassen Und abermals warens zwei Männer die eintraten
Ein gebückter Greis von schlaffen verschwommenen Gesichtszügen  den zahnlos
lächelnden Mund umstarrten weiße Bartstoppeln »Griess Goot Herr Schulrat«
knickste Pepita
    Der zweite Eintretende war offenbar Podex Feiste Backen darüber ein Paar
Schweinsritzen unter breitem Munde ein Doppelkinn Etwas Rundliches war schon
dem Schüler eigen gewesen
    Dass Herr und Hund Wahlverwandtschaft haben bestätigte sich wieder einmal
Der Moppel richtiger eine Kreuzung von Mops und Bulldogge war dem Podex
ähnlich Ein mürrisch stumpfes Wesen hatte das Tier  nur dass es sich das Maul
leckte zum Zeichen etlichen Behagens als ihm Pepita den prallen Körper
klatschte und dann einen leeren Sack in die Ecke breitete »Da hoscht bei
Bettle gelt du Rheumadiesle«  Auf diese Unterlage die er erst beschnüffelt
hatte streckte sich der Moppel nachdem er um die genehme Position zu finden
sich im Kreise gedreht hatte Den Nilpferdkopf zwischen den Pfoten richtete er
die Augen auf seinen Herrn der am Stammtisch Platz genommen hatte und seufzte
tief
    Ich erhob mich stellte mich in aller Form vor  ein Benehmen für das Podex
nur Gemurmel hatte »Sie werden sich meines Namens vielleicht nicht mehr
erinnern Herr Gräter« fuhr ich fort und brachte vor dass ich mit ihm dieselbe
Klasse besucht habe  »I hab nicks mähr übrik für die Pennälerzeit« knurrte
er
    Der Greis den Pepita Schulrat genannt hatte blinzelte beobachtend Da ich
schwieg entstand eine Verlegenheitspause  nur dass Pepita seufzte »s ischt
scho so«  »Uh ju ju« stöhnte der Stadtrat und die Mumie bewitzelte das
eingetretene Schweigen indem sie lallend deklamierte »Es bildet ein Talent
sich in der Stille «
    Der Hund winselte als ob er Schmerzen habe  ihn suchte Gräter zu
beschwichtigen indem er bedauernd sagte »Sei still mei Rheumadiesle«
Erläuternd raunte der Stadtrat »Dr Neckrnebel ischt dem Viech in die Knoche
gfahre dieweils seim Herrle beim Angeln fleissik assischtiert«
    Etwas verschnupft über Gräters abweisende Art entgegnete ich »Jeder nach
seinem Geschmack Herr Gräter Aber Sie werden hoffentlich verstehen wenn man
nach vier Jahrzehnten einem ehemaligen Mitschüler begegnet möchte man ein klein
wenig von der alten Zeit sprechen und hören ob der oder jener noch am Leben
und was aus ihm geworden ist Von Ihnen Herr Gräter «
    Er unterbrach mich indem er sich erhob und mit einer steifen Verbeugung
grunzte »Gestatten Se OberAmtsSegredähr Gräter«  »Ah so Na ja Bitte um
Entschuldigung Meine Gedanken stecken noch in der alten Zeit ich vergesse dass
sich die Welt seitdem entwickelt hat Mit Ihrer Entwicklung zu Amt und Würde
werden Sie gewiss zufrieden sein Manchem Klassengenossen ward solcher Erfolg
nicht beschieden  obwohl ich auch Erfreuliches gehört habe Drei sollen sogar
Universitätsprofessoren geworden sein Und drei haben wie wir schon damals in
der sechsten Klasse stolz erlebt haben das Landexamen bestanden Es sind gewiss
auch große Tiere geworden Einer saß ja neben mir auf der ersten Bank der Lutz
 ist was Tüchtiges aus ihm geworden«  »P« entgegnete Gräter geringschätzig 
»e Narr ischt ausm Lutz geworde  im Idiotehaus hat der geendet«
    »Ah wie traurig Und auf welche Weise hat er sich die Geisteskrankheit
zugezogen Sein Vater  ich erinnere mich dessen  war gesundes Bauernblut Und
der Sohn ist doch sicher so brav geblieben wie er auf der Schule war«  »Brav
das war er  war halt zu brav Überstudiert hat sich der Lutz«  »Der Aermste
Das war ihm allerdings zuzutrauen Er war ja wohl einer von denen die das
Landexamen bestanden«  »Mit Note Eins Ond die Eins ischt sei Verhängnis
worde In Maulbronn  nachher aufm Stift  immer hat er die Eins habe wolle 
net emal Eins bis Zwei hat ihm genügt Schließlich beim Hauptexamen ischt er
zusammebroche von all der Büffelei  ond Streberei Ja e Streber ischt r gwä 
hat durchaus Dekan werde wolle«  »Ha ja« nickte die Mumie »freili freili
Wenn er Dekan hat werde wolle  bloß mit Note Eins wird mr Dekan oder
Repetent«  Der Stadtrat erläuterte »Bei ons in Württeberg hangt dem
Akademiker sei Schulzeugnis fürs ganze Leben ahn«
    »Ha Ond wo liegt die Wurzel dieses Übels« krähte Gräter »Der einfache
Mann ischt ohngnügsam  will zu hoch hinaus Jeder Dorfschulmeister meint sei
Sohn der muss Karrjähr mache in Staat oder Kirch Onds Tübinger Stift tut
solchen Größenwahn begünschtige Kei Wunder dass der Vatter seim Buebe
tagtäglich predikt aus Landexamen soll er denke und jedesmal die Eins
durchsetze  soll beileib mit keiner geringeren Note heimkommen  So wars beim
Lutz  den hat sei Vatter alleweil gespornt  sei Vatter hat ihn aufm Gwissen«
    »s ischt scho so« seufzte Pepita und ich meditierte »Ehrgeiz  Aufstieg
 Absturz« Indem ich mir den kleinen Lutz vorstellte wie ich mit dem zur
Schule ging wenn er von Pfrondorf herunter gekommen war dachte ich an Enzio 
und fragte lebhaft »Ja und nun Enzio Kuttler«  »Wie komme Sie auf den«
stutzte Gräter  »Im Hause seines Vaters wohnte ich mit meinen Eltern So war
er wenigstens ein paar Monate hindurch fast täglich mein Gefährte«  »Stolz
dürfe Sie darauf net sein«  »Stolz Das bin ich auch nicht  zumal ich heute
morgen die traurige Geschichte gehört habe Nein stolz bin ich durchaus nicht
auf ihn  aber Mitgefühl hab ich mit ihm  und möchte ihn aufsuchen«
    Unter Tabakswolken schien Gräter die gewichtige Antwort vorzubereiten
»Ahngnomme e nodorischer Lump ischt im Zuchthaus gwä ond i sag dees laut  na
kann er mi deshalb verklage Oder e Mörder wird vom Landjäger transportiert 
ond i spuck dem Mörder ins Gsicht vor moralischer Entrüschtung  na kann mi dr
Landjäger verhafte gelt Ond dees dees nennt mr  Humanidäd« Während wir
Zuhörer in schweigendem Sinnen die Folgerung aus diesem Worte zu ziehen suchten
schloss Gräter seine Rede »Drum  sag i nix über so Kerle wie den Kuttler«
    Betreten schwieg ich Bah Welch aufgeblasener und harterziger Spiesser war
Gräter geworden Nun verstand ich weshalb er mir schon als Schüler gar nichts
Erquickliches hatte
    Mein Interesse an Enzio veranlasste mich noch zu der Frage »Können Sie mir
nicht wenigstens sagen wo Enzio Kuttler wohnt Er soll zurzeit in Tübingen sein
 ich möchte ihn besuchen«  Kalt abweisend blickte Gräter »Nicks von dem
Kerle Dees Kapitel gehört eifach net an den ährsamen Stammtisch da«
    Verächtlich blickte der Stadtrat und hatte ein bitteres Lächeln Pepita trat
zu mir und raunte »Wo dr Kuttler wohnt dees kann i net gnau sage Aber in der
Haaggass brauche Sie nur zu frage in der Wirtschaft zum Maierhöfle Hier heißt
mr ihn den HallelujahMister«
    Während ich mit Pepita über diese Angelegenheit flüsterte war der Stadtrat
ausfallend gegen Gräter geworden Wegen des Spitznamens Podex hatte er
gestichelt  und dann rund herausgesagt ich habe soeben erzählt wie der
Spitzname aufgekommen sei Giftig blickte Gräter und spuckte verächtlich unter
den Tisch Pepita wollte beschwichtigen »Ha Herr Oberamtssegredähr Net
respektlos hänt mr von Ihne gesproche  noi Im Gegeteil Bisher han i mir die
Sach schlimmer denkt«  »Welche Sach« fragte die Mumie und der Stadtrat
antwortete »Die Gschicht weshalb mr den Herrn Oberamtssekredähr Podex heißt
Also Pepita Wie hänt Sie sich die Sach denkt Tun Se uns dees verrate«
    Unter verlegenem Lächeln gestand Pepita »I han mir denkt den Herrn
Oberamtssegredähr heiß mr Podex weil r  weil r halt so aussieht«
    Verblüfft starrte einer den andern an  die Mumie kicherte  der Stadtrat
krebsrot im Gesicht bekam einen Erstickungsanfall um plötzlich in brüllendes
Gelächter auszubrechen
    Im selben Augenblicke ging ein klägliches Geheul los Der Hund war
aufgesprungen  nun taten ihm die rheumatischen Glieder weh »Au au huhuh« In
Wut versteinert war Gräter  dann schnellte er empor als ob er losplatzen wolle
 schien aber keine Worte zu finden Weil der Hund fortfuhr zu jammern trat
Gräter zu ihm und redete mit einem Ausdruck als ob er meine Ja mein Tierle
das ist eine rohe Gesellschaft Wir zwei passen da net nein »Sei still«
beschwichtigte er  »still mei Rheumadiesle Leg di aufs Bettle Bischt mei
Rheumadiesle gelt«  Der Hund antwortete mit leisem Gewinsel wedelte ein
wenig und kringelte sich seufzend auf seine Decke
    Von diesem Erfolge seiner Autorität gehoben suchte Gräter nun auch am
Stammtisch Eindruck zu machen und zischte verbissen »Wissen Se Herr Stadtrat
wie mr so Benehmen nennt Rücksichtslos nennt mr dees Ha ja So zu brülle Mei
Rheumadiesle so zu verschrecke Dees ischt Tierquälerei«
    »Uff« stöhnte der Stadtrat und mit spitzigem Spott kicherte die Mumie
»Pihihi« Von der Küche her wo die zwei Freunde saßen kam Gläserklang  es
summte der Tenor eine Burschenweise All das reizte Gräter aufs neue und seine
Lippen bebten »I verbitt mir so Roheite«
    Nun reckte sich der Stadtrat »Ond i  verbitt mir  dass Sie ons hier
tyrannisiere Lasse Sie Ihr Rheumadiesle gfällikscht derhoim Verlange Sie doch
net dass kneipende Männer zarte Rücksicht nemmen auf die Nerve Ihres drecketen
Köters«  Jetzt geriet Gräter wieder außer sich »Waas Dreckete«  »Hier tut
mer deutsch rede«  Giftig rollte Gräter die Augen »Aber net gogisch«
    Das war nun allerdings eine faustdicke Beleidigung Die Gogen wie man die
Tübinger Weingärtner schimpft sind wegen ihrer Rauhbeinigkeit berüchtigt Kein
Wunder dass der Stadtrat mit der Hand auf den Tisch schlug »Herr«  Und
abermals heulte der Hund »Au huhu«  Diesmal sagte sein Herr nicht »Leg di
mei Rheumadiesle« sondern sprang auf  schlüpfte hastig in seinen Mantel und
warf die Zeche auf den Tisch Umsonst dass Pepita ihn zu halten suchte Er hatte
nur ein barsches »Komm daher mei Rheumadiesle« Grüsste summarisch die
Gesellschaft und ging gefolgt von seinem ächzenden Köter
 
                                Musik der Dinge
Abschluss dieser Szene war ein Stutzen am Stammtisch ein Schweigen der
Verlegenheit Den Stadtrat schien es zu gereuen durch seine foppende Derbheit
den reizbaren Gesellen vertrieben zu haben Wie ein Erwachender fragte er »Han
i ebbes gesagt«  »Hihi« nickte die Mumie  »Macht nicks« sagte die Wirtin
»Der Herr Oberamtssegredähr kommt wieder  morge abend sitzt er da am
Stammtisch«
    In der Küche wurden jetzt die Stühle gerückt und der Tenor sagte »Prost
Frosch«  »Prost Rest Strolch« gluckste der Bass  »ja ja morgen ist auch ein
Tag Die Zeche Frau Pepita«
    Ich beschloss ebenfalls zu gehen Nachdem ich dem Stadtrat und dem Schulrat
etwas Höfliches gesagt verabschiedete ich mich Der Wirtin schüttelte ich die
Hand und versprach nächstens mit ihr weiter zu plaudern Die beiden Freunde
kamen aus der Küche und gingen von mir gefolgt
    Als wir auf die Gasse traten überraschte uns ihr verändertes Aussehen Der
Regen war vorbei  nicht mehr in dumpfigen Nebel ragten die Giebel sondern in
hellen Mondschein Durch die Lücke zwischen den Häuserzeilen lugte dunkelblauer
Himmel mit Silberwölkchen Der in die Gasse flutende Mondschein schied sich
grell von den wunderlich gezackten Riesenschatten der Dächer und Schornsteine
Entzückt blieb der Tenor stehen und deutete auf das Bild »Spitzweg«
    Der Name dieses Malers den auch ich liebe bildete den Anlass dass ich mit
den beiden Männern noch ein Stück Wegs gehen wollte »Sie haben recht« sagte
ich »an Spitzweg erinnert dies abenteuerliche Verwobensein von Licht und
Schatten Solche Spiessernester schildert er gern  in ihrer  wie soll ichs
nennen Romantik sagt nicht genug  In ihrer Magie«
    »In ihrer heimlichen Musik« meinte der Tenor  »Recht so Allmusikus«
brummte der Pfarrer »Und da fällt mir auf dass der Ausdruck »heimlich« einen
Doppelsinn hat Einerseits meint er etwas Verborgenes das geheimnisvoll
befremdet andererseits etwas vertraut Heimisches  wir spüren darin unser
Eigenstes  die Liebe«
    »Stimmt« sagte ich »Und dies hat auch mich alten Knaben nach Tübingen
getrieben Ein Traum von süßer Heimlichkeit hat mir auf einmal Heimweh erweckt
nach dem was mein einst war«  »Ich dachte mir so etwas« antwortete der
Pfarrer »Wir haben  ich wills gestehen  ein wenig zugehört als Sie dem
ehemaligen Schulkameraden das Herz zu öffnen suchten Aber dieser Spiesser hat
sein Herz verschrumpfen und verfilzen lassen  im Stumpfsinn der
Gewöhnlichkeit«  »s Rheumadiesle« lachte der Tenor und ahmte nach »Leg di
mei Rheumadiesle«  »Haha« schmunzelte der Pfarrer »Rheumadiesle ist ein
Sinnbild der Spiesserseele im Eugen Dumpfen ist sie versauert steif und
griesgrämig geworden Gleichwohl hängt der Spiesser an ihr und hätschelt das
vertrackte Vieh«
    »Und doch« wandte ich ein »hat Spitzweg mit Vorliebe das Spiessertum
dargestellt Es kann also doch nicht ganz ohne Liebenswürdigkeit sein«  »
Dargestellt« betonte der Pfarrer »Spiesser darstellen ist ja auch was anderes
als Spiesser sein Wer künstlerisch schaut steht über seinem Gegenstande« 
»Und doch auch wieder drin« versetzte ich »Spitzweg hat sich eingefühlt in den
Antiquar in den Kakteenfreund und den Bücherwurm in all solche Spiesserseelen
die er in ihren dunklen Gassen und staubigen Winkeln beobachtet hat Mit Liebe
hat er sich hineingelebt«  »Na ja« brummte der Pfarrer »für den Schauenden
kann jeder Halunke jeder Tropf reizvoll sein Als Studie lasse ich den borniert
anspruchsvollen Oberamtssekretär und den verschimmelten Schulrat gelten  aber
sonst «  »Lass gut sein« sagte der Kapellmeister »auf die Musik der Dinge
musst du lauschen nicht auf ihre störenden Geräusche Alle Wesen machen
heimliche Musik Wie nach uralter Ansicht die wandelnden Sterne Bloß dass die
Leute gewöhnlich nichts davon spüren Ihre seelischen Sinne halten sie eben
verschlossen«  Ich nickte »Musik der Dinge Wer sich darauf versteht ist ein
Adept«  Bescheiden erfolgte die Antwort »Lieber Gott Ich bin noch weit
entfernt mich darauf zu verstehen Nur dass mich die heimliche Musik würdigt
ihr Student zu sein«
    »Oh« sagte ich bewundernd »Sie haben die schönste aller Fakultäten
erwählt Herr Studiosus der Sphärenmusik«  Und er im Eifer der Begeisterung
»Ja es ist wundervoll der Allsymphonie nachzuspüren  anfangs summt es wie
verhüllt wird aber deutlicher je mehr man sich hinein vertieft  Kennen Sie
das«  »Ich glaube« gab ich zur Antwort Ich dachte daran wie mich einst im
märkischen Kiefernwalde ein Wacholderbaum zu einem Erlauschen von Allmusik
erweckt hat Davon sagte ich aber nichts  nähere Erörterung wollte ich
vermeiden
    »Als Jakob Böhme im Sterben lag« raunte der Allmusikus »erklang ihm Musik
 aus dem Innern  aus seinem reinen Herzen«  »Weil er ins Pleroma tauchte«
fügte der Pfarrer hinzu  »Pleroma der Schatz ewigen Lebens umgibt uns
beständig  Die Geisterwelt ist nicht verschlossen dein Sinn ist zu dein
Herz ist tot Auf bade Schüler unverdrossen die irdische Brust im
Morgenrot«  »Eine Riesenorgel ist der Makrokosmos« schwärmte der Allmusikus
»Drin klingen alle Töne die es gibt  alle Zusammenklänge die erfindbar
sind«  »Nicht erfindbar« meinte der Pfarrer »sondern entdeckbar Ein
Beethoven hat seine Herrlichkeiten nicht ausgeklügelt sondern entdeckt  wie
Kolumbus die Neue Welt Tonmeister befahren die Meere der Ewigkeit und daselbst
harren paradiesische Inseln des Entdeckers«
    »So ist es« bekräftigte ich »Und dieser Ozean enthält alles was jemals
war und was sein wird Es kann überhaupt nichts erfunden werden was nicht zur
Ewigkeit gehört Die schöpferischen Geister schöpfen aus dem Ewigen weil sie
Anschluss ans Ewige haben Uns alle umgibt das ewige Leben  aber für gewöhnlich
verschließen sich ihm die Leute«
    Der Allmusikus blieb stehen versunken in Schauen in Lauschen »Lazare«
raunte der Begeisterte  und man wusste nicht meinte er die schlafende Stadt
oder das Leben überhaupt  »Lazare Stehe auf«  Es war an einem Platz wo eine
düstere Kirche ihren stumpfen Turm in die Mondnacht erhob Am veilchenfarbenen
Himmel zogen zerrissene Wolken silbern umrandet Auf freien Flächen lag das
Mondlicht wie frischgefallener Schnee  es blinkerte in den Regenlachen Rings
die Häuser waren eine schweigsame Versammlung von Sonderlingen  wie
Zipfelmützen sahen die Dächer aus Alle Häuser kehrten den Giebel nach der
Straße und ihre oberen Stockwerke waren vorgekragt  manche hatten dunkles
Fachwerk und oben unterm Dach eine Winde Hinter geschlossenen Fensterläden
schlummerten die Handwerker und Ackerbürger
    In einer dumpfigen Seitengasse stand ein Wagen mit Grünfutter  eine
Stallkuh brummelte Neben dem krüppeligen hinfälligen Häuschen das eine
spitzbogige Haustür und einen Treppenvorbau hatte war allerlei Gerumpel
Stangen Zuber ein Karren Dahinter Nebengebäude im Dunkeln kaum zu
unterscheiden Durch das Schweigen der Nacht raunte das Geplätscher eines
lebendigen Brunnens Stumm reichte mir der Pfarrer die Hand  desgleichen der
Allmusikus Wir fühlten dass wir einander nahe standen obwohl ein gewisses
Fremdsein uns äußerlich trennte Der Allmusikus hatte ein letztes Wort als
wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen »Wissen Sie was auf dem Kasten einer
alten Dorfkirchorgel geschrieben steht
Wenn einst in der letzten Zeit
Alle Ding wie Rauch vergehen
Bleibet in der Ewigkeit
Noch die Musika bestehn 
Weil die Engel insgemein
Selbsten Musikanten sein«
    Einsam durch hallende Gassen schritt ich meiner Herberge zu Über Häuser
die wirr den Berg hinanklettern ragt in bläulichem Dämmer die alte Burg Dort
in Türmen und Kellern haben den Knaben Träume der Romantik durchschauert Auch
das war heimliche Musik
    Über die Gasse huscht ein schwarzes Tier  eine Katze  nun hockt sie
zwischen Gerümpel grün funkeln die lauernden Augen Im Kämmerlein eines fernen
Giebels glimmt eine Lampe Vielleicht haust da ein Mensch wie Hainlin einer
war Der verstand sich auf eine Musik die verstohlen aus dem Monde zittert aus
diesen Gärtchen und Hofwinkeln aus den Seelen der Dinge Hainlin hatte Heimweh
nach Glastelfingen  das Pleroma der Allmusik in der Seelentiefe suchte er
Selig sind die reinen Herzens sind denn sie werden Gott schauen Nicht der Ton
macht die Musik sondern das Herz und Engel sind ohne weiteres Musikanten
 
                             Der HallelujahMister
Über Enzio hatte ich im Wirtshaus »Zum Maierhöfle« folgendes in Erfahrung
gebracht Der die Choräle singe wohne seit Wochen im Hause gegenüber zwei
Treppen hoch Der Volksmund heiße ihn den Aemörriken oder HallelujahMister Er
nenne sich Köttler und sei ein Schweizer der lange in Amerika gelebt habe In
Württemberg hab er als Kriegslieferant zu tun
    Als ich im bezeichneten Hause die Treppe emporstieg ging vor mir eine
weibliche Gestalt die aus der Wohnung des ersten Stockwerks gekommen war und
auf einem Präsentierbrett Kaffeegeschirr trug Im zweiten Stockwerk klopfte sie
an eine Glastür und gleich darauf wurde geöffnet  von einem kurzen
gedrungenen Mann mit geschorenem Graukopf und schwarzem Borstenbart
    Als er das Fräulein mit dem Kaffee hatte eintreten lassen zog ich den Hut
»Entschuldigen Sie Herr Köttler Darf ich Sie sprechen« Er stutzte und
schwieg Wie dann das Fräulein mit leerem Tablett herauskam ließ er mich
eintreten In der Helligkeit des Zimmers erkannte ich Enzios kohlschwarze Augen
 misstrauisch funkelten sie mich an während er knurrte »Waas wöllet Sie von
mir«  »Wenn Sie gestatten alte Bekanntschaft erneuern Mein Name ist Wille 
Ihr ehemaliger Mitschüler bin ich«  »Wa « Sein Mund blieb offen während er
mich anstarrte  »Ja Ihr Kamerad vom GlasbergBunde bin ich«
    Jetzt verzog sich sein Gesicht zu einem seltsamen Gemisch von Bestürzung
Lächeln und Wehmut Noch immer schwieg er  wie versteinert  nur dass aus
seiner Brust ein mattes Glucksen kam Seine seelische Bewegung rührte mich  ich
streckte ihm die Rechte hin Er griff nicht zu ließ den Kopf hängen und konnte
abgewandt ein Aufschluchzen nicht unterdrücken »Enzio« begütigte ich
Schüchtern blickte er auf  mit einer Gebärde lud er mich ein am Tische Platz
zu nehmen Er stand derart am Fenster dass sein Gesicht im Schatten blieb
während er mich beobachten konnte
    »Hänt Sie von mir gehört« begann er  »von meinem Lebenslauf« Ich nickte
und düster fuhr er fort »Im  Zuchthaus bin i gsi Sell ischt Ihne bekannt« 
»Ich weiß«  »Ond auch  weswege i neikomme bin«  »Auch das«  »Ond dees 
tut Sie net abschrecke«  »Beim Naso haben wir den Spruch gelernt Homo sum 
nichts Menschliches bleibe mir unverständlich«
    Er seufzte stöhnend »Gelt Ond irren  irren ist menschlich« Nun setzte er
sich auf einen Stuhl »I  dank Ihne  dass Sie trotz «
    Er verstummte Während ich ihn schweigend betrachtete irrte sein Auge zum
Fenster hinaus »Dort« sagte er träumerisch  und seinem Blicke folgend sah
ich die Burg die den steilen Berg krönte »Dort hänt wir Räuberles gspielt 
beim Hungerturm Schillers Räuber Ond i bin dr Spiegelberg gsi Wer hätt dazumal
ahne könne dass i mei Spiegelbergrolle noch emal sollt im Ernscht spiele he«
    Im Geiste sah ich die Szene wie Enzio in Banditentracht den Dolch schwang
Und als errate er meinen Gedanken murmelte er dumpf »Meuchelmörder Von hinte
meucheln  ja dees han i wolle dees stimmt I mag mi net verteidige  Hiob hat
recht Ich weiß fascht wohl dass ein Mensch nicht rechtfertik bestehe mag gegen
Gott Ha no Bloß dass i zur Steuer dr Wahrheit sag Jury and morality sind
zweierlei Nach dem law wies die Jurischte ahnwende bin i koin Mörder Den
Gassemaier han i net vergiftet noi noi«
    Ich suchte ihm ins Herz zu spähen »Enzio Wie Unschuldig wärst du« 
»Ohnschuldik Dees sag i net Schuldik bin i nach dr morality Gedankesünd han i
begange sell ischt woahr Aber vor der Ausführung hat mi mei Herrgott bewahrt«
 »Enzio Vor mir hättest du nicht nötig zu leugnen Ich möchte die Menschen ja
bloß verstehen  nicht verdammen«
    Er stand vor mir Aufrichtigkeit im Gesichtsausdruck und mit wehmütigem
Lächeln reichte er mir die Hand »Grüß di Goot Bruno Wo du so zu mir rede
tuscht send mr wieder Kamerade gelt«  Wir schüttelten einander die Hände er
fuhr fort »Gotwillche Gotwillche Eure Rede sei ja ja nein nein ond waas
darüber ischt daas ischt vom Übel gelt Drum so sag i Ja Die Hand da wo i
dir reich  von Mord ischt sie rein Ja die Hand Wenn auch leider nets Herz
Den Gassemaier han i net umbracht by Got«
    Ich konnte nicht umhin dem ehrlichen Ausdruck zu trauen erschüttert
starrte ich ihn an »Aber Enzio So hättest du unschuldig im Zuchthaus
gesessen« Abwehrend hob er die Hand »Ohnschuldik Des Gotlosen Herz ischt voll
Trugs  ond er lauert in seiner Höhl als ein Löwe zu erwürgen den
Ohnschuldigen Mei Straf han i verdient  reichlich Aber  dem Gassemaier han
is Leben net gnomme koi Mensch ischt von mir getötet by Got«
    »Enzio erkläre mir Woran ist Gassenmaier denn gestorben«  »An
Pilzvergiftung dees stimmt Bloß dass net i die Giftpilz neitan hab in Lindas
Körbli  sie selber wars«  »Was Sie hätte ihren Mann vergiftet« 
»Versähentlich«  »Und du Enzio hättest gar nichts damit zu tun«  »Dooch
dooch Den Giftmord han i tun wolle dees stimmt Die Gedankesünd han i begange
 ond dicht vor dr Ausführung selbigen Giftsmords bin i gstande Wohl wohl I
bin e arger Sünder Bin ja auch vom Weibe geboren Ond siehe unter Gottes
Heiligen wird keiner befunden ohne Tadel  die Himmel sogar sind net fleckelos
vor unserm Herrn Zebaot Um wie viel wäniger dr Mensch wo Unrecht saufe tut
wie die Kuh Wasser«
    Schwärmerisch hatte er gesprochen die Hand erhoben wie zur Predigt Mir kam
der Verdacht diesem Fanatiker seis vielleicht nicht ganz richtig im Kopfe
»Enzio Ich bin nicht gekommen dich aufzuregen Lass dich nicht stören Man hat
dir den Kaffee gebracht  er wird kalt«  »Ha jo« sagte er seufzend und strich
sich über die Stirn  »aber du Nimmscht au ebbes I han mancherlei Guts da  es
wäre mir e Freid di zu bewirte Waas also wischt Echten Mokka Oder
Schokolad Schwyzer Fabrikat Da schau« Und einen Schrank öffnend holte er
Schokoladetafeln heraus drückte dann auf den Knopf der elektrischen Klingel
»Jetzt Kamerad tu dir bstelle waas du magscht Also gelt Schokolad« Als ich
seine Gastbereitschaft zu dämpfen suchte fügte er mit herber Wehmut hinzu
»Gift  ischt net drin glaub mirs«
    Dem eintretenden Fräulein gab er den Auftrag von den überreichten Tafeln
Schokolade zu kochen Dann wollte er mir Zigarren aufnötigen »Alles han i da
Bloß Alkohol kriagscht koinen Satanas geht ja im Rausch umher als e brüllender
Löwe ond suchet wen er verschlinge Des Menschen Fleisch ischt halt net von
Stoin ond seine Kraft nicht ehern Mi hats Biersaufe mit dene Studente ond dr
Whisky zum Lumpe gemacht Bis dass dr Herr in seiner Gnad mich dem Löwenrachen
entrisse hat ond herausgholt aus dem Walfischbauch wie den Jonas I tu dirs
verzähle gelt«
    Als die Schokolade gekommen war und duftig dampfte saßen wir auf dem Sofa
Die Fremdheit die zuerst trennend gewirkt hatte war im Schwinden da jeder in
des andern Gesicht Züge aus der Knabenzeit entdeckte Eine Last war mir vom
Herzen seit ich glauben durfte Enzio sei kein Mörder Mit Spannung sah ich
seinem Bericht entgegen
 
                           »Vergiss das Beste nicht«
Was Enzio erzählte hatte anfangs nichts Überraschendes Längst war zu
erwarten sein Abgleiten vom Glasberge werde aus seiner Eitelkeit hervorgehen
Schon als Knabe war er ein Prahlhans und Gernegross Den Renommierstudenten hatte
er zum Muster  und dies Ideal war von seinem Vater zunächst geduldet worden um
den Gymnasiasten anzuspornen In einem Zornanfall aber hatte der alte Kuttler
angedroht sein Sohn solle nichts Besseres werden als der Vater  und könne noch
froh sein wenn er mal das Geschäft erhalte oder Ratausschreiberle werde Eine
Folter war für Enzio der Gedanke es könne dahin kommen dass er in Lustnau
hinterm Ladentisch stehe und den Bauern Schnupftabak den Kindern Zuckerles
verkaufe
    Die bittere Enttäuschung die nun über ihn kam weil der Vater ihn mitten
aus der Schule riss und dem Handelsberuf überlieferte suchte Enzio zu versüßen
indem er heimlich den Studenten spielte In Stuttgart wo auch der »rote
Realischt« von Lustnau in die Lehre ging trieb sich dies gleichgesinnte Paar
Sonntags in Kneipen herum angetan mit bunten Kappen um für Tübinger Koriehs
gehalten zu werden Und wie sie ausgelernt und als Kommis angestellt waren
trieben sie ihre Afferei noch alberner Geschniegelt und gebügelt Arm in Arm
stolzierten sie über belebte Promenaden wie vornehme Lebemänner In geziertem
Ton sagte der eine zum andern »Gelt Herr Baron« und dieser antwortete »Ha
freili  äh Herr Graf«
    Hatte Enzio unter den Augen eines Chefs noch auf etliche Ordnung halten
müssen so verbummelte er sobald er im Besitze des Tübinger Tuchgeschäfts
sein eigener Herr war »Armsälik« war ihm was er »Geschäftsknickerei« schalt 
befangen vom Sumpfen und aufgeblasenen Kraftmeiertum jener Burschen die immer
über den Philister zetern und selber ganz leere Schläuche sind Von Studenten
denen er pumpte ließ er sich hätscheln und bildete eine skatende Saufblase mit
drei alten Semestern die man »die drei Ewigen« nannte Der eine lebte von einer
reichen Tante der andere von Pump der dritte von einer Familienstiftung die
nach dem Wortlaut der Urkunde dem Stipendiaten zukommen sollte solang er
studiere  weswegen er nie daran dachte sein »Studium« abzuschließen Anstatt
Geschäftsbriefe zu schreiben saß Enzio im Hinterstüble seines Ladens mit den
drei Ewigen beim Frühschoppen und klopfte Skat Vollends zerrüttet wurden seine
Geldmittel durch eine junge Wirtschafterin die »e liederiks Mensch« war
Nachdem Enzios Vater ein paarmal ausgeholfen hatte zog er seine Hand von ihm
ab und nun war der Bankerott unvermeidlich
    Nicht recht mit der Sprache heraus mochte Enzio als er auf seine
amerikanische Zeit zu sprechen kam  offenbar hatte er nichts Gutes zu melden
Es sei ihm schlecht ergangen  Kellner sei er gewesen Hausierer und alles
mögliche Dem Alkohol hab er derart zugesprochen dass man den Trunkenbold
überall verschmäht habe Als Tramp sei er umhergeschweift von Chicago bis
Frisco Ein Spielergewinn hab ihn in den Stand gesetzt heimzukehren nach
Germany  hier aber und zwar im Ländle sei er völlig auf den Hund gekommen
ohne Kraft zu regelrechter Arbeit hab er sich auf der Landstraße und im
Arbeitshaus herumgetrieben Ein paarmal sei ihm der Vater mit Geld beigestanden
 doch das hab er jedesmal verlumpt
    Leidenschaftlich wurde Enzio als die schlimme Katastrophe seines Schicksals
darzustellen war Über seinen Vater äußerte er sich schonend  der sei bloß
herrisch jähzornig und hart Wenn er aber von Linda sprach funkelten seine
Augen er keuchte vor Grimm »Die ischt Vatters böser Geischt gsi Mi hat sie
aus em Vatterhaus nausbisse weil sies für sich hat habe wolle Alleweil ischt
sie eifersüchtik ond boshaft gsi Jetzt wo mein Vatter mir ohnehihn ischt gram
gsi hat sies leicht ghätt mi gänzlich zu verderbe Also kurz  enterbt hat mi
dr Vatter  ond verstosse Na hat mi Verzweiflung packt ond in den Neckr bin i
gsprunge  mei verfehlts Leben zu beschliesse E fremder Kerle hat mi ausm
Wasser zoge ond hoimbracht Aber die Linda die Kanalli hat glei ihr Gschrei
erhoben Ischt r schon wieder da Naus mit dem Fallot Da hat mi dr Vatter am
Krage packt ond nausgschmisse auf die Gass Ond die Linda Höhnisch glacht hat
sie wien i daglege bin im Dreck klapprik wie e Vogelscheuch Gschnatteret hänt
mir die Zähn vor Entsetzen ond vor Wut  ond dr einzik Gidanke won i han fasse
könne ischt Rache gsi Rache Goddam Azünde han i wolle die cottage von mei
Vatter Auf die Lauer han i mi glegt im Wald  drobe beim Exerzierplatz Jetzt
wer kommt da Die Linda kommt über de Anger  ond Pilz tut sie lese in ihren
Schurz  den Korb aber der schon halber voll ischt hat sie zu mir an den Wald
gstellt  ohne meiner gwahr zu werde Waas Pilz denk i  ond weil sotte da
wachsen pflück i mir Schau Dr Knollenblätterschwamm ischts e tödlicher
Giftpilz om so gefährlicher als die Vergiftung erscht nach vielen Stunden
wirkt aber dann sicher Mit em Champignon kann mer den Knollenblätterschwamm
verwechsle  Champignons aber hats viel aufm Anger O Hölle denk i  jetzt
lieferst du meinen Todfeind in meine Hand Rache Rache Will ihr solche
Giftpilz ins Chörbli tun gelt Ond Knolleblätterschwämm raff i auf  onbemerkt
schleich i zum Chörbli Aber schau Da liegt bereits Knolleblätterschwamm
zwische dene Champignons  den Giftpilz kennt die Linda also net Himmel
frohlock i  so soll mir erspart bleibe dass i Mörder werd ond dooch han i mei
Rache Sie selber tut sich vergifte Dees ischt dr Finger Gootes  Zurück in
den Wald stehl i mi zu beobachten waas gschieht Nicks weiter als dass die
Linda daherkommt  aus ihrem Schurz die neuen Pilz in den Chorb tut den auf de
Kopf nemmt ond hoimtragt Jetzt bin i wieder am Wald glege  in mir hats
brodelt wie in eme Hexekessel Gidanke dumpf ond schwarz Wies Abendrot kommen
isch han i denkt Jetzt tun die Pilz im Fett schmore  jetzt tragt sie d
Schüssel auf  ond sitzt am Tisch  mit m Gassemaier Da hats mir en Stich ins
Herze tan Soll denn der Gassemaier au sterbe Warum der Mir hat er nicks tan
Bloß dass r ihr Ma ischt Aber dees hat dr Tropf ohnehihn zu büsse Oh oh e
böse Gschicht Wenn i dees könnt verhüte dass dr Gassemaier stirbt Ond die
Angscht hat mi packt  ond gschüttelt  ond hochgrisse Den Dentzeberg bin i
nuntergsprunge wie e Pferd das mr peitscht Ond ohn Zaudern ins Häusli gange
    In der Stub ischt koiner gsi  aber aufm gedeckten Tisch hats Pilzgericht
gstande dabei e lärer noch unberührter Teller  ein andrer aber von dem waren
Pilz gesse worde Dieser Teller hat den Tod bedeutet der andre die Rettung
Noch wärs Zeit den Vergifteten zu retten  ausbrechen müsst ers Gegessene
»Gassemaier« schrei i durchs Haus  zum Garte lauf i ond schrei »Linda«
Niemand kommt Aber im Kuhstall ischt ebber mit dr Latern  die Kuh brüllt  da
fallt mir ein dass sie ja trächtik ischt ond ihr Chälbli kriage soll I schleich
zum Stall  da stehts Chälbli scho ond die Kuh leckts die Linda hantiert 
dr Gassemaier ischt net dabei  Jetzt han i aufgeatmet  ond e grimme Freid
ghätt Die Linda also hat gesse  ond ischt abberufen vom Chalben der Kuh Dr
Gassemaier aber fehlt im Haus  o freili der hat ja gesagt auf Geschäftsreis
muss er heut O Finger Gootes abermals fügst du alles in Gnaden  die Kanalli
schickst nunter zur Höll  aber dr Gassemaier weil er mir nicks tan hat der
soll heil bleibe gelt mei Goot
    Gleichwohl han i mir denkt  s könnt dooch sein dass dr Gassemaier noch net
auf der Reis ischt Drum will i die übrigen Pilz wegschütte damit sie ihm nicks
tun falls er noch in Luschtnau weilt Wien i in die Stub komm ischt da ällis
wie zuvor Ond i nemm die Pilzschüssel will grad damit naus  da steht die
Linda vor mir  ond dr Knecht vom Nachbar »Was tuscht denn du da« herrscht sie
mich ahn »Hallo Fritz lass mir den Kerl net naus er will mir mei Esse
stehla« Ond dr Knecht nimmt die Schüssel weg Mir aber geht e Schauder überen
Leib Wie hat sie gesagt Ihr Essen wärs So hat sie noch nicks gesse Oder
meint sie bloß sie will noch mähr esse »Linda« sag i verschrocke »sind dees
net deines Mannes Pilz Hascht denn du net scho gesse Von dem Teller da Mr
siehts dooch«  »Narr du Waas kümmerts di wer hier gesse hat Mei Ma hat
gesse  i selber han noch nicks Ond jetzt willscht mir mei Teil wegnemme Naus
mit dir Lump auf dr Stell« Aber i  net dass ihr Keife mi hätt eischüchtern
könne  i han mi müsse setze so hänt mir die Knie zittert »Linda« tu i
stammle »so hat der Gassemaier Giftpilz gesse Jetzt schwind wo ischt r Glei
soll er von sich gebe waas er gesse hat« Da stutzt sie »Giftpilz Woher
willscht du dees wisse«  »Woher Bin i net am Wald gstande bei deim Chörbl
wie du die Pilz gsammelt hascht Schau dees da ischt der Knolleblätterschwamm
den hascht du drunter tan«  Ond aus mein Jäckli hol i den Pilz ond zeig ihn
her an dr Knecht bsieht ihn Ond wien i jetzt wisse will wo dr Gassemaier
ischt ond von Brechmittel red da lacht die Linda höhnisch Grad fahrts Kalwer
Zügle ab  wohi weiß i net  Hopfegschäft will er mache Spring em nach so bin
i di los räudiger Hund Haha verloge ischt bei Giftgschicht Dees ällis hoscht
dir ausdenkt um zu verkappe dass du hier hascht stehla wolle Spitzbue
verlogner Naus mit dir naus«
    Nach Tübinge bin i gsprunge dass mirs Herz fascht zerbroche ischt Wien i
zum Bahnhof komm ischt kei Gassemaier da  onds Kalwer Zügle sagt dr
Schaffner sei vor ere halbe Stond fort Jetzt Herrgott han i denkt kascht
bloß du noch helfe Wenn dus net magscht so lauft die Sach halt weiter wie
sie lauft
    Zwei Tag drauf hat mi dr Landjäger verhaftet ond im Verhör han i erfahre
dr Gassemaier sei an Giftpilz gstorbe Überbleibsel vom Knolleblätterschwamm
hat mr in meim Jäckle gfunde ond für klar hats golte dass i dr Mörder sei
Zuerscht hat i gleugnet  aber sie hänt mir net glaubt Na han i denkt Für die
Gidankesünd will di dr Herrgoot züchtige
    Mit Ergebung bin i ins Zuchthaus gange ond han mei Straf ertrage Dass i net
mehr han saufe könne ond e regelmässiks Leben führe müsse hat mi gsund
ordentlich ond arbeitsam gemacht Zu meim Goot aber han i gsproche Mei Schuld
vor dir erkenn i ond bereu i  die Menschen hänt aber unrecht mi als Mörder zu
verdamme  drum Herr willscht du mit mir tun wie mit deinem Knechte Hiob Den
hascht du ohne dass ers verdient hat nunter gstossn in die Grub dass er da
glegen ischt wie e Toter bei Toten Aber wie er gnueg Busse tan hat in Staub und
Asche hat der Herr sei Gefängnis gewandt dass er ausgange ischt von der Grub in
Glückes Haus Ond ward gesegnet dass er bekam vierzehntausend Schafe ond
sechstausend Kamele ond tausend Esel  ond kriagte sieben Söhn ond drei Töchter
 ond lebte nach seinem Leid noch hundertvierzik Jahr bis er gesättiget war von
seinen Tagen Also Herr Zebaot sei auch deinem Knechte dem Enzio gnädik
Hallelujah«
    Aufseufzend lehnte er sich im Sofa zurück  die Beichte hatte ihn aufgeregt
und erschöpft Wie er dasaß die Augen geschlossen so dass seine interessanten
schwarzen Sterne verdeckt waren kam auf einmal ein andrer Ausdruck in seinem
Gesicht zur Geltung Einfältigkeit Als ob ein Schauspieler dessen Bühnenmaske
von Temperament gesprüht hat nach Schluss des Theaters abgeschminkt in
gewöhnlicher Kleidung bei uns sitzt und jetzt nichts weiter ist als ein simpler
Bürger Eine Geistesleuchte war Enzio nie gewesen  jetzt sah ich in ihm etwas
das man Gemütsbeschränkteit nennen könnte Nicht mit seinem Unglück hatte ich
jetzt Erbarmen  das war ja gut ausgegangen  nur mit seiner Gefühlsdummheit
    »Und es scheint Enzio dein Gott hat nun alles nach deinem Wunsch gefügt«
 Die schwarzen Augen blitzten wieder und er lächelte »Gut geht es mir mit
Segen tut mi mei Herrgoot überschütte«  »Dein Herrgott Warum nennst du ihn
deinen Ist dein Gott keiner den auch andere haben«  Er stutzte »Ha no Wenn
er sich dooch um mi kümmert zu jeder Stond Ob ihn andere haben dees ischt ihre
Sach  i halt mi an meinen Goot Aber freili Hiobs Goot ischt er au gsi«
    »Hiobs Gott Das Buch Hiob hast du wohl eifrig gelesen«  »Aufgrichtet hat
mis im Zuchthaus  neugboren hat mis«  »Und hast du nicht bemerkt dass der
Schluss mit den Rindern und Schafen die dem geplagten Hiob als verdiente
Entschädigung zugemessen werden eigentlich ein Rückfall ins Weltliche ist« 
Fast Entrüstung wars das aus Enzios Augen blitzte »Ond du meinscht solche
Entschädigung hab er net verdient«
    »Enzio In deiner Jugend hat dich wie du sagst die Aussicht gefoltert am
Lustnauer Ladentisch den Bauern Schnupftabak verkaufen zu sollen den Kindern
Zuckerles Nun mach dir klar ob es nicht auch Gottes unwürdig sei den
Menschenkindern Zuckerles zu verabreichen  irdisch Gut zum Lohn ihrer Bravheit
 wodurch er sie erst recht ablenkt von dem worauf alles ankommt Der Schluss
des Hiobgedichts ist ein Rückfall ins Weltliche Kleinlich im Vergleich mit
einer andern Geschichte die ich hier heranziehen möchte  ich meine das
deutsche Volksmärchen von den drei Wünschen  kennst dus«
    Enzio schüttelte den Kopf und ich fuhr fort »Als mal der Herrgott auf
Erden ging wollte er einen Wanderer belohnen für eine Guttat und sprach Drei
Wünsche darfst du tun die sollen dir erfüllt werden Da wünschte sich der
Wanderer ein Paar Schuhe die nie zerreißen Der Herrgott antwortete Dieser
erste Wunsch ist dir gewährt  aber vergiss das Beste nicht Das wird ein
HeckePfennig sein dachte der Wanderer  in meiner Tasche soll er Geld hecken
So sprach er den Wunsch aus und Gott sagte Abgemacht Aber jetzt aufgepasst
Nur noch einen Wunsch hast du Vergiss das Beste nicht  Das Beste Ei das ist
ne Schnapsflasche die nie leer wird Und diese wünschte sich der Wanderer
Tropf schalt der Herrgott  deine drei Wünsche hast du vertan Das Beste das
du hättest wünschen sollen ist das Ewige Leben«
    Enzio fuhr sich mit der Hand übers Gesicht als ob er eine schmerzliche
Unrast hinwegstreichen wolle Dann nahm er eine Zigarre und biss nervös ab
»Pardon wenn i  Du also bischt  Nichtraucher« Und nach heftigem Paffen
schien er seine Gedanken etwas gesammelt zu haben »Jetzt  waas i frage möcht
das Ewige Leben von dem du meinscht es seis Bescht  wo denn hat mr dees«
    »Was nach dem Tod ist weiß kein Sterblicher  aber Ewiges Leben spürt
mancher hienieden auf Erden Wenn die kleine Waldschnecke aus ihrem Gehäuse
kommt wenn sie zum Tasten die Hörnlein mit den Augenknöpfchen ausstreckt und
den Leib vorschiebt wenn sie von einem Grashalm zum andern kriecht als könne
sie den Waldesdom durchmessen  ein rührendes Bild Es zeigt uns wie sogar dies
Geschöpfchen Sehnsucht hat aus der Enge hinauszugehn ins Weite Oder wenn die
Lerche von der Ackerfurche emporschwirrt ins grenzenlose Blau trunken vor
Begeisterung Und wenn der Mensch schwärmt Unendliches spürend wies eben uns
begnaden will  wenn er nicht befriedigt von seinem IchSchneckenhaus in den
Wald der Umwelt vordringt Verständnis Mitgefühl für andere Wesen hat gütige
Tat Freundschaft Liebe  dann ist er am Erwachen dann taucht er ins Ewige
Leben  Und dies Enzio glaubst du nicht dass dies mehr ist als Hiobs tausend
Kamele und Esel Du selber hast es fertig gebracht aus deinem Ich hinauszugehen
 sogar unter recht schwierigen Umständen  nämlich wie dein Ich rasend war vor
Angst und Rachsucht im Dentzenberger Wald da hast dus fertig gebracht einen
Giftpilz deines Herzens zu zertreten Des Gassenmaier hast du dich erbarmt  und
hast sogar dein Leben gewagt ihn zu retten So hat dich Ewigkeit berührt mit
ihrem Gnadenstrahl Vergiss das Beste nicht«
    Es zuckte in Enzios Gesicht  dann weinte er still vor sich hin Ich stand
auf um zu gehen  das Gespräch schien mir einen innerlichen Abschluss gefunden zu
haben Er trocknete sich die Augen »Du willscht scho fort Ond hascht mir noch
nicks von dir verzählt«  »Ein andermal Enzio«  »Aber« entgegnete er
»morge muss i nach Konstanz«  »So müssen wir verzichten Für heute hab ich
dich genug aufgeregt Leb wohl Enzio«
 
                               In Abrahams Schoss
Tübingens Landschaft konnte zwar nicht die paradiesische Verklärteit erreichen
mit der mich der Traum von Glastelfingen bezaubert hatte bescherte mir aber
köstliche Sonnentage auf Höhen die ein grenzenloser Obstgarten waren Ausblicke
über goldene Täler und wogende Waldberge lockten die Seele ins blaue Rätselreich
der Ferne Doch eine Wehmut zitterte in solchem Schauen die Landschaft kam mir
vor wie ein Spiegel darin ich bloß mich selber finden kann während mich nach
Menschen verlangte Um so einsamer fühlte ich mich als die Schauplätze meiner
Kindheit zu erzählen wussten von Jugendkameraden die nicht aufzuspüren waren
Übrigens konnte die Begegnung mit Enzio nicht gerade zu weiteren Enthüllungen
verborgener Schicksale ermutigen Die Bilanz von Jahrzehnten wird mehr Trübes
als Erbauliches enthalten  sprach ich zu mir  und also wirds am gescheitesten
sein wenn du dein Bündel schnürst und aus deinem Jugendlande wieder nordwärts
ziehst zu den grüblerischen Kiefern der Mark allenfalls geh noch für wenige
Tage in die Schwabenalb besuche den Neuffen den Zollern auch den Lochenstein
und das Heimatdörfchen Hainlins Vielleicht dass dort etwas über ihn zu erfahren
ist
    Zum Bahnhof wollte ich den Rucksack auf dem Rücken schlenderte ich die
Neckarhalde entlang und kam an das Haus wo Hainlin gewohnt hatte Es sah wie
damals aus und  ich traute meinem Auge nicht  an der Haustür war noch das
Schildchen mit der Aufschrift Schneckle  Hainlins Wirtin oder wahrscheinlich
ihre Tochter Berta war also hier wohnhaft geblieben An dieser Entdeckung durfte
ich nicht vorübergehen Also hinauf die Treppen  Oben an der Flurtür war
abermals »Schneckle« zu lesen und freudig stutzen ließ mich die beigefügte
Visitenkarte Professor Wendelin Ritter War das etwa Ulis Sohn Ich erinnerte
mich dass Pia sterbend den Wunsch geäußert hatte das Kind solle nach ihrem
Bruder Wendelin heißen
    Als ich die Klingel gezogen hatte öffnete ein etwa dreizehnjähriger Knabe
Das geistvolle Auge und die zierliche Gestalt gemahnten an Wendelin Flammer
»Ist Frau Schneckle zu sprechen« Der Knabe sah mich groß an »Grossmütterle
ischt tot Oder meint Sie Tante Berta  Die ischt ausgange«  »Und Herr
Professor Ritter«  »Der scht dahoim Bitte treten Sie näher« Höflich führte
er mich in eine Wohnstube und bot mir einen Stuhl an »I werd den Vatter rufe«
Wie ich mich umschaute in dem gemütlichen Raum blickte mich plötzlich Kandidat
Hainlin an  wie in meiner Kindheit eine lebensgrosse Kreidezeichnung nach einer
Photographie Darunter ein Kranz von gelben Immortellen
    Die Tür ging auf schweren Schrittes trat eine hohe wuchtige Gestalt ein
blauäugig So hätte Uli aussehen können wenn er wie dieser Mann im Anfang der
Vierziger gewesen wäre Ich konnte mich nicht enthalten ihm zutraulich die Hand
zu reichen »Sie sind der Sohn meines Jugendfreundes Uli  ich sehs sofort«
Und ich nannte meinen Namen  »Grüß Goot« erwiderte er herzlich  »ich kenne
Sie bereits  Tante Berta hat von Ihnen erzählt  ha die wird sich freuen Sie
sind ja Hainlins Schüler gwä  und hänt Versle für die GlaasbergZeitung
gemacht gelt Tante Berta hat sie noch«  »Fräulein Schneckle ist wie ich
höre nicht zu Hause«  »Aber bald erreichbar  falls Sie den Rucksack da
ablegen und etliche Zeit für uns haben gelt«  »Herzlich gern Herr Professor
Der Zufall hat mich hereingeschneit Ich war im Begriff nach Hechingen zu
fahren  aber wie ich an Ihrem Hause vorbeikomme entdecke ich den Namen
Schneckle Wenn Sie nun meinen dass ich Fräulein Schneckle nicht ungelegen komme
«  »Aber nein Tante Schneckle wird entzückt sein  ihr Herz ist ja treu wie
Gold Wenns Ihnen passt gehen wir sogleich zu ihr  ich wollte sowieso hin Sie
ist auf dem Schlossberg bei Krüppelkindern die droben spielen«  »Dankbar nehm
ich Ihre Einladung an Herr Professor und  bleibe noch etwas in Tübingen
Jetzt hab ich wohl den Torschlüssel gefunden zu meinem Jugendlande Sie und
Fräulein Schneckle werden mir manches zu erzählen haben Was macht mein lieber
Wendelin Ihren Onkel Flammer mein ich«  »Ist tot länger als dreißig Jahr«
 »Oh Und wie kams dass er so jung«  »Er starb im Irrenhaus«  Ich stand
traurig stumm und er fuhr fort »Ja an Geisteskrankheit zermürbt von seiner
Zerrissenheit  den Ausgleich hat er nicht finden können zwischen sich und der
Welt Übrigens wissen wir nicht viel von den letzten Jahren seines Lebens 
eigentlich nur was sich in Hainlins Nachlass darüber findet«
    »Hainlin  ach ja Und woran ist dieser Prachtmensch gestorben«  »An
Herzkrankheit infolge von Gelenkrheumatismus Auf seine Gesundheit hat Hainlin
nicht geachtet in der Apathie die bei ihm nach dem Zusammenbruch seiner Ehe
auftrat«  »Zusammenbruch seiner Ehe Mit wem war er verheiratet«  »Mit einer
Berlinerin einer geschiedenen Frau«
    Schicksal unheimlich rätselhafte Macht dachte ich als ich mit dem
Professor das Haus verlassen hatte und zum Hirschauer Tor ging Hainlin und
Rosel An Seele wie Leib schienen sie für einander geschaffen  und doch nach
langem Harren und Entbehren sind sie unvereint gestorben Uli und Pia  ich sehe
das blühende Paar noch tanzen im Wurmlinger Wirtshaus gleich verliebten
Schmetterlingen und  der Sprössling ihrer Liebe die ihnen beiden den Tod
gebracht hat wandelt hier an meiner Seite ein bärtiger Mann lahmend auf dem
einen Bein  sonderbares Schicksal
    Mit einer mechanischen Hilfe scheint das Bein versehen Bei jedem Schritt
gibt es ein quiekendes Knirschen von sich  ein paarmal bleibt der Professor
stehen als strenge er sich an und empfinde Körperschmerz »Sind Sie Invalide«
frage ich  »An der Somme hab ichs Bein verloren Wer hätte vor drei Jahren
ahnen können ich werde bald Krüppel sein Ich der Turner Schwimmer
Schlittschuhläufer ein unermüdlicher Wanderer und Bergsteiger  Führer der
Wandervögel der mit den Buben um die Wette getollt hat  ich muss mich so
hinschleppen« In den Worten bebte das Leid eines Verzichtenden der noch keine
Ergebung gefunden hat
    »Sie sind Gymnasialprofessor« fragte ich  »Gewesen bin ichs Mit ganzer
Hingabe Jetzt freili han i Abschied nehmen müssen«  »Musste das wirklich
sein«  »Es musste sein Und das würde Sie nicht wundern wüssten Sie welche
Rolle ich als Pädagoge gespielt hab In allen Körperfertigkeiten hatte ich
meinen Schülern als Vorbild gegolten Unerträglich wär mir in ihren Augen
Krüppel zu sein geringschätzig oder auch nur mitleidig angesehen zu sein« Er
sagte das düster mit einem flammenden Stolz der an Ritter Uli erinnerte 
»Jetzt privatisieren Sie also«  »Ja  und möchte mich als Privatdozent
habilitieren  in Tübingen  da hab ich ja auch meine liebe Pflegemutter«
    »Meinen Sie Fräulein Schneckle«  »Freili Tante Berta Seit meinem ersten
Jahr hat sie mich bemuttert«  »Die kleine Berta  Sie Und wie kam das Ich
meine welche Umstände haben das gefügt«  »Ha no Pia und Uli meine Mutter
und mein Vater waren tot den Verwandten Pias aber war ich halt bloß eine
Mahnung an Fatales Ulis Vater adoptierte mich zwar doch als Witwer wusste er
nichts mit mir anzufangen Gab mich daher in Pflege  zu Frau Schneckle und
ihrer Berta Die haben mir Liebe entgegengebracht wie sie eine leibliche Mutter
nicht inniger haben kann Tante Berta ist ein Engel in Magdgestalt«  »Ja sie
hat ein gutes Herz ein kindlich reines liebliches Es ist bald ein halb
Jahrhundert her dass wir auseinanderkamen Damals schien sie Hainlin zu lieben«
 »Ja sie hat ihn geliebt ihn und alle Liebenswerten von damals meinen Vater
Uli und Wendelin  auch für Sie hat sie geschwärmt«
    »Für mich« fragte ich verwirrt  »Ja natürlich Sie sind ja auf dem Eise
ihr Ritter gewesen davon redet sie zuweilen Nicht als ob sie sich eingebildet
hätte ihre Schwärmerei würde Erwiderung finden Sie hat alleweil nach dem Worte
gelebt das sich bei Goethe findet Wenn ich dich liebe was gehts dich an Sie
liebt um zu lieben  nicht um etwas zu erlangen Und das ist das Geheimnis
ihrer Erfolge die sie als älteres Fraule hat In ihrer Jugend wurde das blasse
Geschöpfle mit der schiefen Schulter übersehen  seit sie aber nimmer zu den
jungen Mädle gehört achtet die Welt auf ihr Herz auf ihre guten Worte und
Werke Es gibt kaum einen Menschen in Tübingen der so allgemein beliebt ist wie
sie Sie hat ja auch Hunderten beigestanden  früher als Hebamme Pflegerin
Kräuterkundige«  »Dann ist Fräulein Schneckle sehr beschäftigt«  »In der
Fürsorge für allerlei Hilfsbedürftige geht sie auf  so bin ich versucht zu
sagen  wär sie nicht zugleich für mich und Uli e einzigs Hausmütterle
Jedenfalls lebt sie nur für andre  und deshalb hat sie ein reiches glückliches
Leben  Sie werden ja schaun«
    Während dieses Gespräches waren wir an die Stufensteige gelangt die vom
Hirschauer Neckarbrückle zur Burg emporführt »Solche Stufen zwing ich schon«
sagte der Professor  »aber die schrägen Bergwege fallen mir schwär« Schweigsam
gings aufwärts  dann waren wir zwischen dem Schänzle und dem Bärengraben  und
nahmen Platz auf einer Bank von der man ins Ammertal schaut
    »Die zwei Aussichten die der Schlossberg bietet haben verschiedenen
Charakter« sagte ich »Drüben der Blick auf die Alb ist freudig  die Aussicht
ins Ammertal von wehmütiger Lieblichkeit Noch ausgeprägter als jetzt war diese
Wehmut in meiner Knabenzeit Damals gabs nicht die hübschen Landhäuser und
großen Kliniken damals bestand das Stadtviertel nur aus Kleinbürgerhäusern
schwärzlich alt und winklig wimmelten die Dächer drunten Und darüber ragten
die lieblichen Hänge des Steinenbergs und der WaldhäuserHöhe  lauter
Terrassen Weingärten Obst und Hopfenpflanzungen  sie lächelten als wärens
Stufen der Himmelsleiter Meine kindliche Träumerei vermutete ein Paradies
droben hinter Obstwäldern versteckt  ein heimliches Höhendorf«  »Ich weiß
Glastelfingen« nickte der Professor  »Wie« stutzte ich  »Sie wissen davon
Woher denn«  »Aus Hainlins literarischem Nachlass Da ist ein Gedicht von
Glastelfingen«  »Gedicht Haben Sies«  »Ja es schildert die Suche nach dem
Glasberg Auf dem Glasberggipfel harrt die verwunschene Prinzessin dessen der
sie erringen soll Jedem kommt sie wie sein Liebchen vor und lockt wie eine
Sirene Die Betörten möchten zum Gipfel gewaltsam oder auch mit List  und alle
gleiten vom Glasberg ab Wahres Glück lässt sich nicht außen erobern  im Innern
ist es der heimliche Schatz«  »Was Sie meinen Herr Professor ist das Eden
nach dem meine Kindheit verlangte  und noch immer sehne ich mich danach  nur
freilich haben Sie recht man soll es nicht draußen in der gewöhnlichen Welt
suchen sondern im Gemüte  da kann man diesen paradiesischen Schlupfwinkel
finden«  »Wissen Sie wer ihn gefunden hat« fragte der Professor  »Tante
Berta Aber nun lassen Sie uns zu ihr gehen  die Wiese wo sie mit den Kindern
spielt ist hier in der Nähe«
    Wir gingen auf dem Grat des Schlossberges entlang vorbei an stattlichen
Häusern wohlhabender Studentenverbindungen
    Ein Pfad der links abbog führte uns an die sonnige Halde von wo man ins
Neckartal schaut Auf einer Wiese die ziemlich eben war und gemäht spielten
etwa ein Dutzend Mädchen neun bis zehnjährig  unter der Aufsicht eines
älteren Fräuleins »Ist das «
    »Eine Kindergärtnerin wird es sein  Tante Berta ist nicht dabei Sie wird
aber bald kommen hat wohl noch anderswo zu tun Lassen Sie uns geduldig warten
als stille Beobachter«
    Der Anblick hatte etwas WehmütigRührendes Diese Kinder schienen geistig
verkümmert Kein Blick schweifte neugierig zu uns  wir schienen für sie nicht
vorhanden Waren die Kinder so stumpf Dagegen sprach ihre lebhafte Teilnahme
für das Bewegungsspiel das sie betrieben Zwei größere Mädchen hielten die
Arme hoch einander an den Händen und durch dies Tor zogen im Gänsemarsch die
Kinder  jedes hielt sich am Röckchen des Vorderen
    Und sie sangen
»Mr ziehe durch mr ziehe durch
Durch die goldne Brücke 
Sie ischt entzwei sie ischt entzwei 
Mr wolln sie wieder flicke 
Womit
Mit einerlei mit zweierlei 
Der erschte kommt der zweite kommt 
Den dritte muss mr fange«
    Beim letzten Worte senkten sich plötzlich die Arme der beiden Mädchen die
das Tor bildeten und zwischen ihnen war ein Kind gefangen Es wurde nun
gefragt wohin es wolle  ob zu den Engele oder zu den Teufele Je nachdem es
gewählt hatte musste es sich hinter den einen oder den anderen Brückenkopf
stellen Zuletzt gebärdeten sich die Parteien als Engel und als Teufel und
wurden in scherzhafter Weise handgemein dabei benahmen sie sich auffällig
ungeschickt  manche griffen ins Leere als haschten sie Schatten
    Ein paar Mädchen standen abseits und lächelten vor sich hin  es fiel mir
auf dass sie keinen Sinn verrieten für den wundervollen Blick auf die
Neckarauen ins Steinlachtal über die Waldhöhen zur violetten Alb »Als
Pädagoge haben Sie Herr Professor wohl schon bemerkt dass Kinder mehr Auge für
Nahes haben als für Fernes Eher für ein Gänseblümchen oder Kleeblatt zu ihren
Füßen als für die Aussicht da«  »Diese Kinder« erwiderte der Professor
»können weder für das eine noch fürs andere Sinn haben«  »Wie Es sind
Idioten«  »Idioten nicht aber blind«  »Blind« Mich erschütterte das Wort 
zumal die Aussicht hier ein so paradiesisches Lächeln der Erdenheimat war
    Doch als wollten die blinden Kinder mein Bedauern widerlegen waren sie
jetzt mit Entzücken bei einem neuen Spiel Die beiden großen Mädchen hielten
sich wieder an beiden Händen diesmal die Arme gesenkt  auf dem so gebildeten
Sessel nahm ein drittes Kind Platz rechts und links einen Nacken umschlingend
Und wurde nun geschaukelt wozu die Kinder sangen
»Wir wiegen dich in Abrahams Schoss 
Da bischt du alle Schmerzen los
Dein Herz ischt nimmer schwär
Schwindele Kindele Kaffeemühl
Schwäbele Bäbele bautz«
    Beim KaffeemühlVersle wurde das geschaukelte Kind auf einmal herumgewirbelt
wie ein wagerechtes Rad  dabei gabs groß Gelächter Ich sehe noch das
verzückte Lächeln eines blassen Mägdeleins wies in Abrahams Schoss gewiegt
wurde Nichts sah es vom Leuchten der Sonne nichts vom Blauen der Ferne  und
war doch ein Engel der zum Paradies schwebt
    Da kam ein gebücktes Weiblein geschlichen  sie winkte uns Sehenden wir
möchten nicht verraten dass sie da sei An der buckligen Schulter und am gütigen
Gesicht war Berta Schneckle zu erkennen Ein Engel in Magdgestalt dies Wort des
Professors schien mir treffend
    Plötzlich stutzten die Kinder aufhorchend und wussten nun wer gekommen war
Jubelnd umringten sie Tante Berta jedes wollte mit greifender Hand etwas von
ihr haben sich an ihren Arm hängen einen Finger von ihr halten einen Zipfel
ihres Kleides
    Sie lächelte war aber bald den Kindern entschlüpft und kam zu uns Ihr
Pflegesohn küsste sie auf die Stirn »Schau wen i dir da bring Waas meinscht
wer ischt dees he«  Mit sinnendem Lächeln sah sie mich an »Bekannt kommt er
mir vor«  »Hainlins Schüler ists der Norddeutsche«  Errötend streckte sie
mir die Hand entgegen »Grüß Goot Herr  Bruno Ischt dees aber e Freid Oh
Wendelin geahnt han i dass mr heut ebbes Guts beschert werden soll  graad wien
i da über den Klee komme bin han i gstutzt  ond beinah hätt i e vierblättriks
Kleeblättle erwischt  drei Blättle sind scho dran gwä« Wir lachten über ihre
Schelmerei
    »Net wahr« sagte der Professor »dein alter Freind derf net so bald fort 
heut hat er schon abreise wolle  hat aber zufällik am Haus bei ons dei
Namensschildle glesen«  »Abreise Aber nein« bat Fräulein Schneckle und
errötete von neuem »bleibe müsst Sie Mr hänt uns arg viel zu verzähle
möchten noch e mal jung sein Also gelt Sie kommen mit uns Einschtweile möcht
i mi noch e bissle meinen Kinderle da widme Dees ischt mei Altweibermühl« 
    Bei denen war sie nun abermals mit Jubel umringt Man fasste sie trug sie
auf Händen  und selber ein strahlendes Kind saß Tante Berta auf der lebendigen
Schaukel  man sang
»Wir wiegen dich in Abrahams Schoss
Da bischt du alle Schmerzen los
Dein Herz ischt nimmer schwär«
 
                            Alte Liebe rostet nicht
Ein paar Wochen hindurch war ich täglich zu Tante Berta gegangen und hatte mit
ihr die Vergangenheit besprochen auch Hainlins schriftlichen Nachlass
durchforscht Nun lockte mich beständig klares Wetter die aufgeschobene
Albfahrt zu unternehmen Um von Wirtshäusern wo in der Kriegszeit oft
Schmalhans Küchenmeister war möglichst unabhängig zu sein gedachte ich
Mundvorrat im Rucksack mitzuführen »I besorg Ihne Schinkewurscht«  »Aber
Tante Berta meine Fleischmarken sind zu Ende«  »Na ganget mr zur Metzgerei
von Gackenheimer  die Meischterin gibt ohne Fleischmarke  zumal Ihne«  »Mir
Wie sollte sie dazu kommen«  Tante Berta lächelte schalkhaft »Ha no  Frau
Gackenheimer ischt ja Ihre Jugendflamme selles Rickele mit dem Sie konfirmiert
send« Ich stutzte  fühlte dass ich rot wurde »Aber Fräulein Schneckle Zu
seiner Jugendflamme kann man doch nicht gehen um ein Stück Wurst zu kaufen« 
»Warum net Alte Liebe roschtet net Wenn Sie aber zu schenierlich sind um von
der Schinkewurscht aazfange na könnt is ja tun« Da sie sah dass es mir recht
war machte sie sich zum Ausgehn bereit
    Als die kleine gebeugte Gestalt im faltigen Umhang ein altmodisch Hütchen
auf dem grauen Lockenhaar an meiner Seite hinhuschte dachte ich lebhaft an die
ferne Vergangenheit Den verkrümmten Rücken hatte Bertale schon damals gehabt
auch den ältlichen Zug im schmalen blassen Gesicht Ihre Seelenheiterkeit
hatten die Jahre nicht getrübt  noch immer blühte aus den etwas wehmütigen
Zügen jenes Lächeln auf dessen Kindlichkeit damals als ich mit der
Sechzehnjährigen Schlittschuh gelaufen war nebst ihrer munteren Unterhaltung
einen Zauber auf mich ausgeübt hatte Sie verstohlen von der Seite betrachtend
sah ich in den Altersfältchen die dem Gesicht aufgeprägt waren nur ein Zeichen
innerer Vertiefung  ich dachte an die goldklare Feierstille des
Altweibersommers »Wissen Sie Tante Berta wie Sie mir jetzt vorkommen Fast
wie jenes Mädle mit dem ich gern auf der Eisbahn war Eigentlich verändert sich
doch der Mensch im Leben fast gar nicht« Sie schien verwirrt mich streifte ein
sonniger Blick »Ja damals Im Herzen lebt mir noch alles Sie hänt sich meiner
ahngenomme obwohl mit eme buckligen Mädle kein Staat zu machen war Hänt sich
um mich ritterlich bemüht mir die Schlittschuh getrage gelt Wie schön so
ebbes erlebt zu haben Dees hat mr na in seiner Säl wie e netts Schmuckstück 
ond nimmts bisweile aus m Käschtle sich dra zu erquicke« Da war nun wieder
die hervorblühende Heiterkeit  »Sagen Sie bloß Tante Berta wie bringen Sie
es fertig immer so jung zu bleiben«  »Jung« staunte sie »Ha wie wär denn
dees Sechzik bin i«  »Die echte Jugend bleibt dem Menschen treu bis ins
Alter Und merkwürdig Damals kamen Sie mir manchmal mütterlich vor wie ein
gutes Tantchen jetzt aber sind Sie jung geworden sind geradezu kindlich Sie
haben neulich gesagt eine Alteweibermühle hätten Sie Sogar zum Jungbrunnen
wissen Sie den Weg Ich möchte auch ein wenig mitalten Wo versteckt sich denn
Ihr Jungbrunnen«
    Sinnend blickte sie auf »Bei meine Patiente« Weich war das gesprochen
dabei voll Überzeugung »Meine Patiente soll i gsund mache  aber die tun m i
gsund mache Zum Exempel heut morge  wien i zur Frau Kielwein bin ihr krankes
Herz zu massiere damits Blut besser zirkuliert  ganz behutsam muss mer dees
 kommt also ihr Mann wo vorher immer so sorgevoll gwä ischt  kommt
Meischter Kielwein auf emal freudestrahlend Mei liabs Freilein Schneckle Ihre
Kur schlagt ahn Die ganze Nacht hat mei Fraule durchgschlafe  Ha wisse Sie
Herr Wille wemmr so Erfolg sieht ond sich sage derf dass mr net umsonscht
schaffe tut  dass mr Bedürftige ebbes Guets erweise ka  na wird mr so froh 
oder wie Sie sage so jung«
    »Sie sind ein guter Mensch Fräulein Schneckle   das machts«  »Den
Titel derf i mir net ahnmasse I bin net gut  tun Sie lieber sage Es tut mir
gut Dees ischt älles Schaue Sie Neulich komm i zum Martale Sie ischt e
zwölfjähriks Mädle hat en arg böse Fuß Jetzt wien is Martale massier nimmt
sie mich om den Hals ond drückt ihr Bäckle an meins Aus ihrem Aug leuchtets
als ob durchs Schlüsselloch der Himmelstür ein goldiger Strahl zu mir käm 
Ha wems so guet geht der freili hat e Jungbrunne  Aber tun mr net von mir
rede I schau net gern in den Spiegel Ond Sie Herr Wille sollten Ihre Gedanke
jetzt lieber em Rickele zuwende Denn es bleibt dabei alte Liebe roschtet net«
 »Wenigstens will ich sehen ob von dem Glanz den Rickele damals für mich
hatte noch etwas zu finden ist«
    Träumerisch meinte Fräulein Schneckle »Ha ja s Rickele war ja auch beim
Schlittschuhlaufen Wisst Sie noch wie dr Gräter mit Ihne hat Händel
ahfange«  Ich nickte »Ach richtig Dr Gräter«  Neckisch fuhr sie fort
»Ond dass i onbedeutends Dingle der Ahnlass sein konnt zu so eme Streit wo beinah
übel ausgange wär Wisst Sie noch Mit dem Rickele sind Sie Hand in Hand
gelaufen Dicht vor Ihnen aber bin i gfalle Wie das dr Gräter sieht lacht er
schadenfroh Dees tut Sie aufbringe  dr Gräter wird giftik ond  die Rauferei
geht los Gelt So isch gwä«
    »Ja wie Pfeffer scharf und giftig war der Gräter Er packte mich
ausgleitend schlug ich lang hin Ich höre noch Gräters Hohngelächter Was mich
aber am meisten gewurmt hat war Rickeles Benehmen Ihr bot Gräter die Hand und
was tat sie Nahm die Hand und lief mit ihm davon  O Bertale Diese
kaltschnuppige Art Rickeles wirkte auf mich abstoßend obwohl ich sonst in sie
verschossen war«  »Verschossen ja Glühende Bäckle hat sie ghätt ond
leuchtend braune Aeugle unterm Pelzbarettle  zwei dicke dunkle Zöpf vorn über
die Schultern«  Sinnend nickte ich »Ja sie war hübsch  wie ein holdes
Wunder berührte mich ihr Blick  ich dachte dabei an das Märchensprüchlein Was
macht mein Kind was macht mein Reh Anmutig war jede Regung des Köpfchens und
ihr leicht wiegendes Hinschreiten In ihrer Altstimme bebte etwas  wie soll
ichs nennen Ich möchte sagen Gemütstiefes Glaube aber das hatte sie gar
nicht Sogar ihre Tübinger Mundart war mir reizvoll Eine neue Welt hatte
Rickele mir erschlossen süße Schauer bebten durch mein Herz «
    »Da wären mr« sagte Fräulein Schneckle Vor einem Schaufenster das zwar
keine Fleischwaren zeigte aber durch ein Schwein von Porzellan die Metzgerei
andeutete Weil die Ladentür durch einen Rollvorhang geschlossen war traten wir
in den Hausflur und Fräulein Schneckle schellte an der Nebentür des Ladens
    Nun erschien eine weibliche Gestalt Obwohl sie nichts Mädchenhaftes mehr
hatte sah sie dem Rickele von damals ähnlich  nur war die Knospe jetzt zur
vollen Rose erblüht »Aber nein« dachte ich »Rickele kann das unmöglich sein
Ihre Tochter wohl«
    »Ah Fräulein Schneckle« sagte sie knicksend »Griess Goot Wie schade dass
Sie nach Ladeschluss komme s ischt mir arg leid Aber ahn Verordnunge muss mer
sich halte gelt« Auch die Stimme erkannte ich wieder  sie hatte etwas vom
alten Reiz
    »Dooch net« entgegnete Fräulein Schneckle »Net dass mr gschäftlich komme
Prifaat Der Herr da aus Norddeutschland ischt e Jugendfreind Ihrer
Großmutter«
    Großmutter Mein Gott ja Also nicht Rickeles Tochter ist das schon ihre
Enkelin Ich war so verwirrt dass ich nicht mehr genau weiß wie die Szene sich
abspielte Bloß dass ich Fräulein Schneckle reden hörte »Er möcht sie halt
wiedersähe nach so langer Zeit Bitte holet Sie die Frau Meischterin gelt«
    Wir standen in halber Dämmerung Vor einem Ladentisch auf dem Schüsseln
waren In blanken Messinghaken hingen Schwarzwurst und Schwartenmagen es roch
nach geräuchertem Fleisch
    Das Ladenfräulein war gegangen  nun kam sie wieder  mit einer Matrone von
bedeutender Körperfülle Unter einer geräumigen weißen Schürze hochgewölbt das
Busengerüst Das volle Gesicht rot das Haar weiß das Auge dunkel
    »Griess Goot Frau Meischterin« Fräulein Schneckle sprachs  und rückte nun
heraus mit einer umständlichen Darlegung die sich auf mich bezog Sie erwähnte
das Schlittschuhlaufen brachte sogar ein Gedicht in Erinnerung das ich damals
meinem verehrten Fräulein Rickele gewidmet hatte Schließlich kam eine leise
Hindeutung auf die Albfahrt die ich vorhätte ohne unterwegs auf einen Bissen
Schinkenwurst rechnen zu können
    Obwohl diese Darlegung schüchtern und bittend herauskam war sie mir
peinlich Doch unterbrach ich nicht Fühlte mich wie gelähmt  ausserstande zu
begreifen diese Fülle von Fleisch sei mein Rickele von damals Allerdings
glaubte ich die braunen Augen wiederzuerkennen Aber nichts Märchenhaftes hatten
sie  fremd misstrauisch begegneten sie meinem zagen Blick Etwas eingeengt
waren sie durch die feisten Backen Rickeles Haar obwohl jetzt silbergrau
hatte die starre Kraft von damals bewahrt  Fräulein Schneckle brach ihre Rede
ab und nun entstand ein Schweigen das den schnarchenden Atem der Meisterin
auffällig machte
    Unschlüssig schien Frau Gackenheimer wie sie sich stellen solle zu meinem
Besuch Bald lächelte sie verlegen bald zog sie ein saures Gesicht bald zuckte
sie die Achseln Und zögernd kam das Geständnis »Ha no Waas soll mr da sage
Von dem Gedichtle woiss i nix Mr kann halt net älles im Kopf behalte waas eim
passiert ischt Mit dem Schlittschuhlaufe hats seine Richtikkeit Ha jo Damals
ischt mr e Backfischle gwä  jetzt aber hat mr andres zu tun als ahn so
Firlefanz zu denke Und von wege der Schinkewurscht muss i leider sage mr hänt
koine mähr Aber Schwartemage könnt i dem Herre ablasse« Meine Verlegenheit
missverstehend fügte sie mit gnädigem Lächeln hinzu »Ha no  diesmal gehts
ohne Floischmarke  mr send ja onter ons« Und mit der Linken ergriff sie den
Schwartenmagen während die Rechte das Aufschneidemesser hielt Verwirrt schlug
ich die Augen nieder Auf die feisten Arme starrte ich auf die roten
rundlichen Finger
                                       
    Als wir auf der Gasse waren atmete ich leichter Schweigsam gingen wir
nebeneinander Endlich stammelte Tante Berta »Mein Goot Han i doch gmoint
jeder Mensch muss e Herz haben für seine Jugend müsse sie drin bewahren wie e
Kleinod Aber jetzt  Waas hat sie gesagt Sie wiss nicks mähr von alledem Also
hat sie ihr Kleinod verlore«  Ich zuckte die Achseln »Verloren Wie ich sie
jetzt kenne hat sie es kaum je besessen«
    Die grauen Gassen kamen mir auf einmal öde vor  erloschen war ihr heimlich
Schimmern das Altgold das ich sonst wahrgenommen hatte Da hausen nun dachte
ich nicht wenig solcher Menschen die nichts mehr wissen wollen von ihrer
Jugend Eine Lücke haben sie in der Brust ein Vakuum  oder wenn da ein Herz
ist hat es sich verfetten lassen vom Speck der Gewöhnlichkeit Sollte innen mal
was geflackert haben so ist es traurig ausgebrannt an Stelle des Herzens haben
sie einen Klumpen Schlacke
    Planlos gingen wir zur Neckarbrücke dann die Treppe hinab zur
Platanenallee Hier ergriff mich besonders die Erinnerung an meine knabenhafte
Schwärmerei für Rickele Mein Freund Wendelin hatte mich damals halb scheu halb
warnend gefragt was ich eigentlich im Sinne hab mit dem Mädle Ich hatte
gestutzt  sehr unklar war mir wonach ich mich sehnte Erschauernd hatte ich
mir ausgemalt wie süß es sein müsse mit Rickele durch das Seufzerwäldchen zu
wandeln  bei Mondschein  meinen Arm um ihren Nacken gelegt so dass ihr Köpfle
an meiner Schulter ruhte 
    »Ist es wirklich wahr« seufzte ich und empfand etwas wie Beschämung  »ist
es möglich dass Rickele mich einst begeistern konnte Was bin ich doch fürn
Schaf gewesen« Nach diesem erlösenden Wort fand ich ein Lächeln
    »Ha no« meinte Tante Berta  »wenn mr e grüner Fratz ischt gibt mr ebbes
aufs Lärvle Später wird mr anders Die Blüte verweht auf die Frucht kommts
ahn Ond im September gibts welke Blätter Freilich auch Altweibersommer Die
goldklare Feierstille lieb i mähr als den unruhigen Frühling«
    Und nach dem UhlandDenkmal das unweit der Platanenallee steht deutete sie
hin »Der Uhland drübe auf seim Poschtamentle tut mir aus der Säl spreche in
eme Gedichtle das mir arg gfallt Ich bin so hold den sanften Tagen  wann
ihrer mild besonnten Flur gerührte Greise Abschied sagen  dann ist die Feier
der Natur Sie prangt nicht mähr mit Blüt und Fülle all ihre regen Kräfte ruhen
 sie sammelt sich in süße Stille in ihre Tiefen schaut sie nun Die Säle
jüngst so hoch getragen sie senket ihren stolzen Flug  sie lernt ein
friedliches Entsagen  Erinnerung ist ihr genug«  Sie war stehen geblieben um
mit Innigkeit diese Verse zu sprechen
    Es löste sich etwas von meinem Herzen wie wenn von Lenzodem ein gefrorener
Born auftaut »Ja gutes Bertale Alte Liebe rostet nicht Nur Menschen können
rosten Liebe wo sie echt bleibt ein blankes Kleinod Oder ist sie nicht noch
mehr als Diamant Ist sie nicht wie Sie sagen ein Strahlen aus der
Himmelspforte«
 
                                Der grüne Strom
Hainlins Tagebücher die ich vom Professor Ritter erhielt beschäftigten mich
für Wochen
    Sie behandelten zunächst seine in Bonn verlebten Jahre Da waren Notizen
über die Rheinlandschaft Als ihre Seele empfand der Sohn des Schwabenlandes den
grünen Strom Heilig kam er ihm vor weil er so schön ist und mit seiner Feuchte
die Rebenhügel Gärten und Fluren lieblicher Dörfer tränkt besonders aber weil
er eine Straße bildet aus der Enge ins Weite Wie er aus Schlüften die Büchlein
und Flüsse holt und geeinte Fluten zum Weltmeer wälzt verbindet er die rings
wohnenden Menschen mit dem großen Völkerleben
    Wenn Hainlin schauend an der Rheinwerft wandelte und die Wassermasse breit
und wuchtig hinrollen sah wenn ein Kettendampfer die Reihe belasteter Kähne
keuchend stromaufwärts schleppte oder ein Salondampfer wimmelnd von
Vergnügungsreisenden mit Musik zur Landung kam wenn Hainlin die Aussteigenden
Englisch Holländisch Französisch parlieren hörte und die verschiedenen
Mundarten deutscher Stämme belauschte das singende Platt von Köln die rauen
Kehllaute des Schweizers die vorlaute Witzelei des Berliners das hastige
Geschwätz des Frankfurters   wenn alsdann unser Kind der Schwäbisschen Alb ans
heimische Dörfle dachte an die Schulen die seine Jugend unter Klausur gehalten
hatten an das Spiessernest am Neckar  so kam er sich vor wie ein Vogel der aus
dem Käfig schlüpfen durfte und im Freien die Schwingen erstarken fühlt Noch
mehr In dieser Erweiterung seines sozialen Erlebens spürte er einen religiösen
Gehalt Der Rheinstrom war ihm Sinnbild der Menschenseele die aus ihres
Ursprungs Kleinlichkeiten sehnsüchtig drängt zum göttlichen Ozean in der
Unendlichkeit aufzugehen
    Solchem Fühlen gab sich Hainlin gern auf dem Balkon einer Schifferkneipe
hin genannt »Zum Rheinkranen« Einsam saß er da beim Weinschoppen  vor ihm
unter ihm rauschend die grüne Flut In den Atem des Wassers mischt sich
Teergeruch Fernher dumpf eines Dampfers Ruf das Gellen der Schiffsglocke
Drüben vom Dörfchen Beul kommt die Fähre geschwommen Stromaufwärts lila im
Abendschein das Siebengebirge über Königswinter schroff der Drachenfels Wie
Hainlin so träumte und auf die hineilenden wirbelnden Wassermassen schaute kam
es ihm vor als bewege sich das Plätzchen wo er saß  als sei es ein Kahn und
trage ihn einem geheimnisvoll großen Ziel entgegen
    »Antschuldijen Sie« sagte jemand und Hainlin fand sich wieder auf dem
Balkon der Schifferkneipe Der ihn angeredet hatte war ein blasser Jüngling mit
blondem Schnurrbärtchen schäbig gekleidet Hainlin erinnerte sich ihn bereits
gesehen zu haben am Schalter der Bibliothek  da hatte er ihm Bücher
ausgehändigt »Herr Bibliotekar« fuhr der junge Mann fort und verbeugte sich
linkisch  »antschuldijen Sie dass ich Sie anspreche ausserdienstlich in äiner
Biblioteksanjelejenhäit«
    Ein armer Student aus Ostpreussen dachte Hainlin und erhob sich höflich »Ha
freili Om waas handelt sichs«  »Um ein Buch Können Sie mir sagen unter
walchem Titel die Jedichte von Angelus Silesius erschienen sind« Hainlin konnte
Auskunft geben Der junge Mann machte Notiz in sein Büchlein verbeugte sich
dankend und nahm am Nachbartische Platz Der Wirt brachte den üblichen
Porzellanschoppen der Gast nippte und ließ seinen Träumerblick über den
Rheinstrom gleiten
    Nach längerem Schweigen nahm Hainlin das Gespräch wieder auf »Darf ich
fragen Sind Sie Teolog«  Leichte Röte überflog des Jünglings Gesicht »Ach
näin Studant bin ich käiner  bloß Schusterjesalle« Hainlin stutzte wollte es
aber nicht merken lassen und ermunterte lächelnd »Ha no Hans Sachs der war
ein Schuhmacher und Poet dazu Ein andrer Schuster Jakob Böhme e großer
Philosoph«
    Des jungen Mannes Augen leuchteten »Es freut mich dass Sie so vorurteilslos
sind Darf ich mich vorstellen Burdinski häiss ich Herr Professor Knodt war so
jütich mir Erlaubnis zu erwirken zur Benutzung der Bibliothek Ich hab ihn
kennen jelernt als er sich bei meinem Mäister Stiebel anmessen ließ Säitdem
darf ich zu ihm kommen und er läiht mir wohl ein Buch Aber ich möcht ihn doch
nicht viel behallijen Un Sie Herr Bibliotekar «  »Hainlin ist mein Name«
 »Also Herr Hainlin auch Sie möcht ich nich wäiter «  »Aber gar net Im
Gegeteil Möchten S noch ebbes plaudere so tun S an meim Tischle da Platz
nemme gelt« Das tat Burdinski gern und Hainlin hatte Teilnahme für den
geistig strebsamen Schustergesellen
    Burdinski war der Sohn einer armen Sachsengängerin Sein Handwerk das ihm
ein Zufall vermittelt hatte galt als Notbehelf solange sich kein besseres
Mittel zur Fristung des Lebens bot Dass er mit seinem Wochenlohn  fünfzehn Mark
 auskam und sogar zuweilen ein Schöppchen Wein genehmigen durfte war zwei
Umständen zuzuschreiben Abgelegte Kleidung die ihm passte bekam er von
Professor Knodt und als Vegetarier wusste er sich sehr billig zu nähren Als er
einmal ohne Arbeit gewesen war hatte er für sechs Mark die er als letztes
besaß Bohnenkerne gekauft  davon kochte er täglich ein paar Hände voll und tat
die Bohnen in ein Linnensäckchen Während er nun in Kölns Straßen Arbeit suchte
aß er von Zeit zu Zeit Bohnen und  spürte dabei keine Erschöpfung Nur eine
Kleinigkeit Obst und Brot hatte er sonst noch
    Ersparnisse die er seinem ärmlichen Einkommen noch abgewann befähigten
ihn zuweilen eine Rheinreise zu machen auf Lastkähnen die von Kettendampfern
geschleppt wurden Dafür dass er den Schiffern die Stiefel flickte oder durch
Belehrung gefällig war durfte er an ihrer Mahlzeit teilnehmen So war er
wiederholt von Bonn bis Bingen gefahren einmal auf einem holländischen Dampfer
sogar bis Rotterdam Burdinski war ein eremitischer Lebenskünstler eine Art
Diogenes  nur dass er Freuden des Daseins nicht verschmähte wo sie auf
unschuldige Weise zugänglich wurden
    Hainlin der bisher einsam gelebt hatte und schon deshalb Zurückhaltung üben
musste weil ihm die Stelle als Bibliotekargehilfe nur fünfzig Mark monatlich
einbrachte wozu Onkel Guhl allerdings noch zwanzig fügte Hainlin wurde durch
Burdinski mit dem er in Verkehr blieb veranlasst auch mal unternehmungsfroh in
die Außenwelt zu tauchen An manchem Abend plauderte er mit dem Schustergesellen
beim Kölschen Bier im »Bären« und wenn der eine oder andere sein Geld für
ausreichend hielt gingen die beiden zum »Rheinkranen« Sogar dörfliche
Kirchweihfeste besuchten sie und in Küdinghofen Dollendorf Godesberg wurde
mit Mädchen die man im Tanzsaal vorfand zu Klarinette und Hörn Rheinländer
gewalzt
    Auf einer Kirmess lernte Hainlin den Vater seiner Tänzerin kennen einen
Goldarbeiter namens Hannes der gleich Burdinski zu den Autodidakten gehörte Es
war ein graubärtiger aus dunkeln Augen hohl blickender Mann der patetische
Ausdrucksweise liebte Über die französische Revolution verbreitete er sich mit
Sachkenntnis hatte lebhaften Sinn für Arbeiterfragen und war ein glühender
Anhänger Lassalles Durch ihn erhielt Hainlin die ersten Einblicke in den
Sozialismus Was ihn daran fesselte war nicht so sehr seine
volkswirtschaftliche Seite als die von ihm eröffnete Aussicht auf Veredelung des
Menschentums »Mich erschüttert« sprach Hainlin »die Tatsache dass die
besitzlose Masse neunzehn Zwanzigstel unseres Volkes ausmacht dass also der
Hauptteil des Ackers für geistige Kultur brachliegen bleibt und dass gute
Anlagen mit denen die Natur den Proletar ausgestattet hat massenhaft
verkümmern während man doch folgern darf Bebauung des ganzen Volksackers werde
die Leistungen in Wissenschaft Technik Kunst verzwanzigfachen Eine
Zivilisation zu deren Art solche Vergeudung von Werten gehört hat eigentlich
keinen Ahnspruch auf den Ehrennamen Kultur«
    
    »Stimmt« erwiderte Burdinski »es ist übertünchte Barbaräi  und alle
soziale Kulturpolitik soll man natürlich unterstützen Die Frage is bloß ob die
sozialistischen Häilrezepte radikal jenuch sind  ob sie die Wurzel des Übels
besäitijen Die Wurzel der Barbaräi is nämlich äinfach der Ejoismus Zu eng im
Jemüte sind die Manschen nehmen nich jenuch Antäil aneinander Sollen sie
veredelt werden so kann es bloß durch höhere Lebensanschauung jeschehn Aber an
diesem Hauptziel schießen fast alle Sozialen vorbäi  sie sind zu öisserlich Vom
Wohlstand erwarten sie schon das Himmelräich auf Erden Darüber denke ich
anders Anjenommen ich hätte hinfort dräitousend Mark Verdienst  na was
wärs denn nu Kurz wäre mäin Jlück  die paar Jenüsse die man mehr hätte wäre
man eben rasch jewöhnt na ja un würde noch höher hinous wollen müsste schon
fünftousend haben  un siehste so is das soziale Emporkommen ne Schroube ohne
Ende  schäinbar schroubt man sich hoch das Jlück wird aber dabäi nich jrösser 
das Jemüt sojar oft schlechter Jald machts Herz äijennützig  un durch Bildung
 was man so nennt will sagen Kanntnisse werden die Manschen jewöhnlich bloß
raffinierte Ejoisten wo den Dümmern überflüjeln und ausböiten Na ja was der
Hannes von Ausböitung sagt stimmt nich janz Nämlich die Sozialen halten den
Manschen für äin Produkt der Verhaltnisse  ich aber behoupte ausm Herzen
kommt des Menschen Jeschick verstehste Nich aus den Kanntnissen  vielmehr aus
säiner Jefühlswelt Erkanne dich selbst steht jeschrieben am Tempel der
Wäishäit Findet man die Jottäit in sich so erschliesst sich das wahre
Himmelräich  nich durch Lösung der sozialen Frage  sie erlöst uns nich in dem
worauf es äijentlich ankommt«
    In einer Mainacht wars dass Burdinski so sprach die beiden Freunde gingen
bei Mehlem dicht am Rhein dessen Spiegel der Vollmond silbern überbrückte Ins
leise Rauschen und Gurgeln der Wasser mischte sich fernes Flöten einer
Nachtigall Lauschend blieb Burdinski stehen »Drüben im Fliederbusch singt sie
wie ihr ums Herz  un is selich sich ihrem Liebchen mittäilen zu können
Mansch ich behoupte jlücklich is jedes Jeschöpf wenns mit nem andern
verbunden is durch Mitjefühl un Verstandnis Bedenke doch bloß wie sich n
Hundeken fröit wenn sein Herrchen zu ihm n jütiges Wort spricht oder es bloß
anlacht  wies dann hüpfen tut un wedelt und jauchzt  Ja ja lieber
Häinlin Sich äins fühlen mit jetrennten Wesen was man Liebe nennt das ebent
 Un Mansch ich behoupte je jrossartiger de Jeschöpfe fortschräiten in
jejensäitiger Mittäilung desto selijer werden se  Da da hast es«
 
                                 Heilige Ferne
An ein Lied musste Hainlin denken das sein Landsmann Hölderlin gesungen hat Vom
Strom den der Frühling weckt so dass Winters Fessel die Eiskruste bricht 
der nun jauchzend seiner Bestimmung entgegenrollt talab zum grenzenlosen Ozean
Ein Bild der Menschenseele die vom Glastelfinger Heimweh zum Ewigen gezogen
wird »Der Frühling kommt es dämmert das neue Grün Er aber wandelt hin zu
Unsterblichen Denn nimmer darf er weilen als bis ihn in die Arme der Vater
aufnimmt«
    Ja nimmer darf er rasten der Erdensohn den Zeitlichkeit umfangen hält
Werden und Vergehn reißen ihn vom Ruheplätzchen das er liebgewonnen hat  und
nichts woran sein Herz hängt bleibt ihm eigen Wieder einmal sollte Hainlin
das erfahren im dritten und vierten Jahre seines Bonner Aufenthaltes Zunächst
verlor er seinen Freund Burdinski  und das kam so Burdinski war Katholik aber
durch seine religiöse Selbständigkeit dem Formeldienste der Kirche entfremdet
Der Schuhmachermeister bei dem er Arbeit hatte und neuerdings Schlafstelle war
von seinem Beichtvater ausgehorcht worden über den Gesellen und hatte nicht
verhohlen für Messe Beichte Kommunion sei dieser kuriose Kerl nicht zu haben
Da hatte der Priester verlangt wenn der Gesell verstockt bleibe müsse er
entlassen werden ein räudig Schaf könne ja die Herde anstecken Bei den paar
Meistern die sonst noch in Bonn Gesellen beschäftigten fand Burdinski keine
Arbeit  so entschloss er sich auf Wanderschaft zu gehen
    »So is das Leben« meinte er wehmütig »Alles fließt Un in demsalben Fluße
schwimmst du nie zum zwäitenmal Liebe un Schau der Ewichkäit is der ruhige Pol
in der Erscheinungen Flucht  an den halten wir uns lieber Häinlin Auf alles
andere is käin Verlass« Das war Burdinskis Vermächtnis  Hainlin nahms in sein
Herz und die Freunde trennten sich Es gellte die Schiffsglocke das
Holzbrücklein wurde an Bord gezogen zu schaufeln begann der Dampfer Während er
abfuhr und sich entfernte winkte Burdinski mit himmelblauem Taschentuch
Hainlin fühlte sein Gesicht zucken  wandte sich und  nun fand er innerlich
den Verlorenen wieder sah ihm ins gute Träumergesicht und hörte die singende
Stimme »Liebe un Schau der Ewichkäit Auf alles andere is käin Verlass«
    »Gott«  wie Hainlin das Leben in Licht und Liebe nannte  Gott war jetzt
der einzige Freund mit dem Hainlin Umgang hatte In der Wissenschaft gab sich
ihm als Tiefstes »Gott« zu erleben Indem Hainlin die Musik mit religiöser
Mystik verwob wurde er ein Kunstphilosoph dessen Aufsätze in große Blätter des
Rheinlandes gelangten und von denkenden Musikfreunden geschätzt wurden Das
Einkommen des Verfassers besserte sich er hatte mehr Behaglichkeit Schon
knüpfte er an den Erfolg die Hoffnung sich eine Existenz zu gründen so dass
Rosel die Seine werden könne
    Sehnsüchtiger Träumerei ergeben hatte er einen Herzenserguss an Rosel unter
der Feder als von ihr ein Brief anlangte der ihn von seiner Höhe jämmerlich
abstürzen ließ »Als du von Tübingen gegangen bist liebster Freund hast du mir
gesagt ich solle aufhören mich als deine Braut zu betrachten Du habest keine
Aussicht auf eine Lebensstellung die dich befriedigen und zugleich zum
Eheschluss befähigen könne Und wie ich vor einem Jahr meine Herzensnot nicht
länger hehlen gekonnt und dir geschrieben hab Herr Bolkendorf wolle mich nimmer
entbehren hast du geantwortet wenn er mich heiraten möge sei wohl nichts
andres einzuwenden als dass er vermutlich ein Krüppel bleibe Neuerdings aber
seit ihn der neue Professor in Behandlung hat gehts überraschend gut mit ihm
Ohne Krücken bloß mit dem Stock geht er zur Gartenlaube hat sich vorgestern
überen Neckar setzen lassen und die ganze Platanenallee durchspaziert Er war
selig und bei der Erdbeerbowle die zur Feier des Tages die Mutter auftischte
hat er gesagt jetzt solle sichs entscheiden ob ich die Seine werde Er wisse
dass es jetzt aufwärts mit ihm gehe und ich dürf es mit ihm wagen Mir wars
Weinen net fern  doch um dem guten Mann die Freude net zu vergällen hab ich
ein zuversichtlich Gesicht gemacht  und nichts weiter eingewandt als dass ich
dich halt einmal befragen möcht in der Sach Mei Mütterle macht geltend in den
vier Jahren die wir schon mit Bolkendorf hausen seien wir so aneinander
gewöhnt dass es nicht bloß für ihn hart sein würd uns von ihm zu trennen Net
grad drängen wolle sie mich und wenn ich ihn net mög könn unser Leben in Gotts
Namen so weiter gehen es müsse net grad gheiratet sein Aber weils den
Bolkendorf doch arg freuen würd und wegen meiner Versorgung  ich sei ja schon
Zweiunddreissig  auch wegen der Leut die ein bös Maul hänt seis besser
wenns endlich zur Hochzeit käm Und jetzt mei Jergle hilf mir aus dem Zweifel
und sag frei was soll geschehen«
    Das Herz tat Hainlin weh als solle sein Liebstes zu Grabe getragen werden
In langer Grübelei nahm er Abschied vom zärtlichsten Traume seiner Jugend  dann
schrieb er an Rosel
    »Wenn dein Herz nichts gegen die Heirat hat so brauchst du sie nicht zu
unterlassen« Dies Wort entschied und es dauerte nicht lange so sandte Hainlin
einen Glückwunsch an »Frau Rosel Bolkendorf geborene Funk«
    Als wolle ihn das Geschick verhöhnen erfuhr gerade um diese Zeit sein
Einkommen eine Besserung die ihm erlaubt haben würde Rosel zu heiraten Ein
Verlagsbuchhändler trug ihm an ein Werk über Musik herauszubringen Hainlin
erwärmte sich für den Gegenstand die viertausend Mark Honorar dünkten ihn ein
Vermögen und er begann aufs neue von Gärtnerei zu träumen  die sollte ihn
trösten
    Einstweilen versuchte ers noch einmal mit der Menschengärtnerei Bonn hatte
nicht bloß eine Universität auch viele Mädchenpensionate  und vom
TöchterInstitut Bouvier ließ sich Hainlin als Lehrer für Literatur und
Kunstwissenschaft beschäftigen Auch diese Stellung war gut bezahlt und nichts
erschwerte den Unterricht Die jungen Damen Töchter rheinischer Kaufleute und
Fabrikanten  darunter ein paar Belgierinnen und Engländerinnen  benahmen sich
gewählt und zeigten Interesse für die Vorträge Allmählich zwar entdeckte
Hainlin an mancher Schülerin Stumpfsinn und die Sache wurde ihm nun etwas
langweilig Es verdross ihn dass Fräulein Bouvier auf oberflächlichen Drill
ausging auf eine Scheinbildung die im Salon funkeln soll »Pfui nein Das
darf man nicht merken lassen« »So was sagt man nicht in Herrengesellschaft«
»Mit der Frisur werden Sie keinen Staat machen« »Zum Teebereiten legt man
Tändelschürzen an das sieht hausmütterlich aus« Mit solchen Ermahnungen putzte
Fräulein Bouvier am Gefieder ihrer Gänse herum Besonders streng ging es her
wenn sie die Herde spazieren führte durch die Poppelsdorfer Allee Die Damen
gingen zwei und zwei hintereinander und mussten sittig tun  Geschwätz
Gelächter Kokettieren mit Studenten war streng verboten
    Persönliches Interesse an seinen Schülerinnen konnte Hainlin nicht nehmen
da sie vor lauter Getue nicht zur Aufrichtigkeit kamen Aber ein Mädchen
fesselte ihn die zwanzigjährige Marga Deutges eine zarte Blondine vom
Niederrhein Wenn er unterrichtete ruhte ihr Blauauge auf ihm mit kindlicher
Gläubigkeit Wurde sie gefragt so errötete sie freudig hatte ein wehmütiges
Lächeln ihre Antwort war schüchtern doch naturfrisch
    Eines Nachmittags im Januar als Hainlin ein Buch aus dem TöchterInstitut
holen wollte fand er im Salon Fräulein Deutges »Fräulein Marga So ganz
allein« Am Fenster saß sie bei einer bunten Stickerei und erhob sich grüßend
»Ach ja Vom Spaziergang hab ich mich gedrückt Ich mag den Gänsemarsch nicht
die schreckliche Ehrpusseligkeit«  »Und da ziehen Sie vor sich hier die Augen
zu verderben Es ist ja fast dunkel Ihre Stickerei ist wohl für den Karneval
gelt«  »Ach nein Herr Kandidat Ich wollte Sie hätten recht Oh ein Kostüm
für den Karneval Aber hier lässt man keine Allotria gelten hier versauert man
vor Langeweile uff«  »Sie sind unverblümt Fräulein Marga«  »Bloß Ihnen
gegenüber wag ich das Darf ich nicht Übrigens wars ungeschickt von mir über
Langeweile gerade dem zu klagen der hier meine Oase in der Wüste ist«
    Ihre zarte Hand die sie in überströmender Herzlichkeit bot hielt er in der
seinen erfreut über ihre Zutraulichkeit »Also am Karneval möchten Sie
teilnehmen In den Jahren die ich hier bin hab ich vom Karneval grad nicks
Erbaulichs gspürt«  »Aber der Kölner Karneval soll großartig sein Den Zug
durch die Stadt möcht ich sehen«  »Daran könnt ebbes sein Die bunten witzigen
Bilder interessieren auch mich  und vielleicht mach ich diesmal nen Abstecher
nach Köln«  »Ach tun Sie das Herr Hainlin Und wenn ich bitten dürfte 
nehmen Sie mich mit«  »Ha Fräulein Marga wo denken S hihn Wie wär denn dees
stattaft«  »Stattaft Fräulein Bouvier braucht davon nichts zu wissen Ich
nehme einfach Urlaub zum Geburtstag meiner Düsseldorfer Tante und in Köln auf
dem Bahnhof treffen wir uns übrigens kann ich ja ne Maske vors Gesicht tun
Den Festzug erwarten wir in einer Straße und wenn Sie mich dann los sein
wollen fahr ich eben wirklich zu meiner Tante«
    Lächelnd blickte Hainlin auf die kleine Versucherin und da er nicht rundweg
ablehnte verstärkte sie ihr Bitten durch stürmischen Frohsinn »Sie werden
schließlich enttäuscht sein Fräulein Marga« mahnte er »Erstens passt meine
Schwärblütikkeit net in die Ausgelassenheit«  »Aber Sie sind doch Künstler
Dichter« warf sie ein  »streiten Sie nicht Aber weiter Zweitens he
Schießen Sie los«  »Zweitens werden Sie enttäuscht sein weil manche Sach
ihren Reiz bloß so lang hat als sie fern ist Kommen wir zu nah treten wir aus
der reinen Beschaulichkeit heraus so  verwandelt sich die holde Ferne in 
etwas Gewöhnliches« Sie war ernst geworden und schwieg  dann blickte sie ihm
ins Gesicht »Was Sie da sagen ist Wahrheit  bloß dass ich erwidern kann Wenn
uns der Kölner Karneval enttäuscht so schadet das nichts weiter die Sache ist
geringfügig Übrigens bin ich nun mal so dass ich einer Sehnsucht nachlaufe 
auf die Gefahr hin enttäuscht zu werden Lieber sich mal die Finger verbrennen
als unerfahren bleiben und  in der Enge versauern«  »So hat die Eva auch
gedacht« scherzte er und sie erwiderte »Ach was Ein Paradies steht nicht
gleich auf dem Spiel Fräulein Bouvier schasst mich nicht sofort  und wenn
selbst mein Verlobter was davon erführe mag er mich doch ausschelten«  »Sie
sind verlobt«  »Wussten Sie das nicht Haben Sie noch nie den Ring an meinem
Finger bemerkt Übrigens war mein Verlobter neulich hier«  »Ach der 
korpulente Herr Entschuldigen Sie  ich hielt ihn für Ihren Onkel«  »Das
könnt er auch sein  ist schon Fünfundvierzig Aber gut ist er zu mir  hat mich
armes Ding  Fabrikmädel hätt ich werden müssen wenn er nicht  der also
will mich heiraten Ich soll erst noch etwas Bildung lernen Hermann hat nämlich
eine große Fabrik und verlangt von mir mal ne vornehme Häuslichkeit  Und
sehen Sie drum soll ich feine Benehmigung lernen und so braucht er natürlich
nicht zu wissen  Was aber die holde Ferne betrifft die man nach Ihrer
Ansicht respektieren soll so macht mir diese Frage nichts zu schaffen Denn die
Fernen die mir aufdämmern bleiben ohnehin fern ich gerate nicht mal in
Versuchung zuzugreifen Und wenn ichs täte will ich  lieber enttäuscht sein
als ein Schaf bleiben«
    Also gut der Plan wurde ausgeführt Hainlin und Marga trafen sich in Köln
kostümierten sich in einem kleinen Gasthof  sie als Zigeunerin mit
schwarzseidener Halbmaske er als rotbemützter Jakobiner Arm in Arm gings
durch die närrische Stadt erst durch volkstümliche Lokale wo ein paar bunte
Szenen erlebt wurden dann in eine Gasse durch die der Karnevalszug kommen
sollte Der Ort schien insofern gut gewählt als es da nicht viel Zuschauer gab
Unser Paar stand auf der Steinschwelle einer Haustür so dass Marga gut sehen
konnte War auch das Warten langwierig so hatte Marga doch Spaß an den
Witzeleien die rings laut wurden Als Kind vom Niederrhein verstand sie das
Köllsche Platt
    Nun ging eine Bewegung durch die Menge an den offenen Fenstern erschienen
Neugierige Die Haustür an die sich Hainlin und Marga lehnten wurde
zweiflügelig geöffnet und Hausbewohner drängten hervor so dass Marga ihren
erhöhten Posten nicht behaupten konnte Klein wie sie war hatte sie hinter der
Menschenmauer die den Bürgersteig einnahm einen ungünstigen Stand Während
unter frohem Gejohl der Menge die Vorreiter und ersten Wagen des Zuges
erschienen nahm Hainlin das Mädchen bei der Hand und hastete in die vorderste
Zuschauerreihe Aber da liefen sie Gefahr von den Wagen erfasst zu werden Sie
drängten rückwärts unter Geschrei erfolgte Gegendrängen und plötzlich sah
Hainlin dass sein Kopf vom weit ausladenden Borde eines Fuhrwerks bedroht war
    Hainlin hatte die Geistesgegenwart sich rasch zu ducken  so verhütete er
das Unglück bloß dass er einen Stoß an den Backenknochen bekam Da der nächste
Wagen mit Abstand folgte hatte er noch Zeit die Jakobinermütze die ihm
abgerissen war aufzuraffen und Marga fortzureissen bis ein erträglicher
Standpunkt gefunden war
    »Sie bluten ja« raunte das Mädchen erschreckt »wir wollen fort«  »Es ist
nichts« behauptete er obwohl ihm der Kopf dröhnte Er wollte Marga nicht um
das Vergnügen bringen auf das sie sich gefreut hatte
    Was sie zu sehen bekamen war allerdings unbedeutend  oder kam ihnen
deshalb so vor weil die Stimmung einmal verdorben war Die Gruppen der
altkölnischen Stadtsoldaten der sogenannten Funken der Winzer Brauer
Schiffer der Wagen des Prinzen Karneval all diese bunten Bilder die witzig
und gar künstlerisch sein sollten waren grell und roh albern zumal die
Darsteller kein Feuer mehr hatten und hinter Fratzen ihre Müdigkeit versteckten
    In einer Konditorei erholte sich das Paar Hainlin kühlte die Backe mit
Wasser Marga bemutterte ihn fütterte ihn mit süßem Eis Das war der Glanzpunkt
des Tages zumal ihre blauen Augen rührend blickten und im Geplauder ihr Herz
sich auftat als wärs ein Pförtlein zum Paradiese Nachdem sie in einer stillen
Weinstube gespeist hatten begaben sie sich auf den Maskenball In Dunst und
Tabaksqualm raste der Tanz gepeitscht von der stampfenden Musik Ein Strudel
wars Rausch Taumel der Sinnlichkeit stumpfe Hingabe an die Bewegung des
Menschenknäuels Doch dass Hainlin die zierliche Gestalt in seinen Armen halten
durfte war ihm Wonne  die Menschen störten ihn Plötzlich wurde Marga
weggerissen von einem Pulcinell in kreidiger Larve verschwunden war sie Er
musste suchen Aber da hing sie wieder an seinem Arm Und raunte »Du hattest
recht So was lässt man in Distanz Der Kerl war widerwärtig Wenn du willst
gehen wir« Es war auch Zeit sonst hätten sie den Abendzug verpasst Sie hatten
solche Eile dass sie sich nicht einmal umkleiden konnten im Gasthof wo sie
einen Teil ihrer Garderobe gelassen hatten Im Karnevalkostüm mussten sie reisen
    In Bonn angelangt verstand es Marga in der Garderobe eines Lokals wo
getanzt wurde sich umzukleiden um wieder als braves Pensionsfräulein zu
erscheinen Hainlin behielt seine Halblarve mit der langen Nase auf weil er
Marga in die Gegend des Instituts begleiten wollte Er führte die Verhüllte
durch eine einsame Gasse wo der Mond schien Hier ging er langsam blieb stehen
und sagte weich »Marga Das Narrenfest hatte uns angesteckt Was wir da fanden
war Stumpfsinn Meinst du nicht auch«  »Ja« raunte sie »aber bitte nimm die
Nase ab« Er warf die Larve fort fasste ihre Hände und sah in die feucht
schimmernden Augen »Marga Alles sonst war nichts Aber als du mich füttertest
und mir dein Herz auftatest und als ich dich beim Tanz in den Armen hielt da 
war ich sälik«  Ihr Busen hob sich sie seufzte »Ich auch«  »Marga Und
weshalb hänt mr net lieber das Glück im stillen genossen  ohne störendes
Beiwerk«  »Gescheiter wärs gewesen« hauchte sie  »Und jetzt da wir
scheiden müssen  du willst ja Ostern heiraten  hier wos grad keinen Störer
hat gelt Marga Willst mir e Bussel geben« Da hing sie an seinem Halse sanft
drückten auf seinen Mund die lieblichen Kinderlippen Doch wie ein Traum war
dies Glück verflattert Nur dass ein heimlicher Schatz blieb als sei auf eine
Perlenschnur eine neue Perle gereiht schön wie eine Wonneträne
    Dem Seelenrausch folgte ein garstiges Nachspiel Das Paar war erkannt war
beobachtet worden Hainlin erhielt von Fräulein Bouvier einen bissigen Brief
der ihm die Stellung kündigte Gleichzeitig schrieb Marga ihr Bräutigam komme
sie zu holen »Aber unser Karneval ist doch keine Enttäuschung Das Beste  wie
treffend hast Du das gesagt  hat seinen Reiz eigentlich nur solang es fern
ist Du sollst mir fortan fern sein das Schicksal will es so Nun wohl so
bleib mir im Herzen meine nie verblühende Seligkeit«
    Hainlin beschloss nach Berlin zu übersiedeln  was übrigens seinem Werk über
Musik und weiteren Unternehmungen zustatten kommen konnte Durch eine Rheinfahrt
wollte er Abschied nehmen vom grünen Strome Der Wirt zum »Rheinkranen«
vermittelte ihm die Fahrt auf einem Schleppdampfer  ungestört konnte er da
träumen Die Sonne ersten Frühlings lächelte das Ufer mit den Rebenterrassen
war ein lila Duft wie Veilchen die schimmernde Ferne Am Bugspriet saß Hainlin
 so sah er fast nichts vom Schiffe nur grüne Wasserfläche und die Ufer die
sich wie TeichesGestade ausnahmen Das machten die Windungen des Stroms Da sie
das Uferbild fortwährend verschoben sah es aus als ob vor dem nahenden
Schiffer das Ufer zurückweiche
    »Ihr habt recht« lächelte er wehmütig  »meinem Glastelfingen darf ich
nicht nahe kommen  nur schauen will ich nicht begehren Klarer Spiegel sein
geistig lieben Das allein heißt teilhaben am Ewigen «
Mein Auge träumt Auf glattem Teiche gleitet
Mein Segelkahn
Dem Abendhauch die Schwinge hingebreitet
Als wärs ein Schwan
Die Ufer grün und blumig  Hügel blauen 
Rings Duft und Glanz
Als wöbe bunt ein Volk von Elfenfrauen
Den Schleiertanz
In Staffeln klimmt die Rebe  Schattenlauben
Bergan geschmiegt
Um Dorf und Turm ein Silberblitz von Tauben
Im Kreis gewiegt
Zur Hürde ziehen die Herden von der Halde 
Purpuren blinkt
Ein Fensterlein mein Märchenschloss am Walde
Es winkt mir winkt
Ich komme Schwill nun Segel Sei mir Flügel
Es gilt mein Glück
Schon naht der Kahn  da ziehen die Uferhügel
Sich scheu zurück
Und will mein Arm erhaschen sie entgleiten
Wie Traumgebild 
Und ach mein Heimweh nach den Wunderweiten
Bleibt ungestillt
»Du stillst es wenn du still bist« lächeln milde
Die Uferhöhn 
»Daheim in deiner Tiefe blühn Gefilde
Wie Eden schön
Sei du ein Teich Die Unrast all versunken
In kühler Flut
O selig wer von heilger Ferne trunken
Im Schauen ruht«
 
                                Volksversammlung
Aus den beiden ersten Jahren die Hainlin in Berlin zubrachte verlautet in
seinen Papieren dass er an seinem Werk über Musik arbeitete insbesondere über
Zusammenhänge zwischen Kunst und Etik spekulierte Auch werden Eindrücke
geschildert die der Spaziergänger von Strassenbildern erhielt und Typen des
Volkslebens märkische Landschaft brausende Kieferforste Sandhügel große
Seen
    Dann taucht Burdinski wieder auf In Zürich ist er gewesen in Wien Prag
Arbeitet nun in einem Schusterkeller der Schönhauser Allee ist Mitglied des
Fachvereins für Schuhmacher interessiert sich für Arbeiterfragen und besucht
volkstümliche Wissenschaftskurse des HandwerkerVereins Zu einem Einzelvortrag
den hier ein Oberlehrer hielt war Hainlin mitgegangen und dieser rednerische
Versuch über den kulturellen Beruf des Mittelstandes war eben erledigt Mit
geschwungener Glocke eröffnete der Vereinsvorsitzende die »freie Aussprache«
wie ers nannte »Ich bitte ums Wort« rief ein hohlwangiger Mann »Name Stand
Wohnung« forderte der Polizeileutnant der mit einem Schutzmann beim
Vorstandstisch saß die Versammlung zu überwachen
    Ein Tischlermeister war der Mann abgespannt und sorgenvoll wie einer der
hart zu ringen hat Er sprach wie ein gebildeter Mensch »Der Mittelstand ist
ein ins Meer vorspringender Felsen den die Brandung von zwei Seiten zermürbt
Rechts ist es das Grosskapital das uns Handwerksmeistern zusetzt  mit dem
können wir auf die Dauer nicht konkurrieren  unsere Produkte fabriziert es zu
billig im Grossbetrieb Von links aber drangsalieren uns die Lohnarbeiter mit
ihren Forderungen So ist unsere Lage  begeistern kann sich unsereins nicht
dafür Sie ist ein Verhängnis und das geht weiter Bald kommen bloß noch zwei
Wirtschaftsparteien in Betracht Kapital und Arbeit Die kämpfen den
Entscheidungskampf und wir Handwerksmeister sind die Opfer  so oder so Wir
sind eine Armee die umgangen wird zweiseitig von einer Zange gefasst  wie die
Franzosen bei Sedan  wir werden dezimiert wir müssen kapitulieren  und das
ist der sogenannte Kulturberuf des Mittelstandes«  Dies Schicksalsbild
verfehlte nicht seinen Eindruck auf die Hörer  gepackt schwiegen sie dann
brach Beifall los
    Ein neuer Redner trat auf den Plan ein hagerer Mann mit Künstlerhaar das
rasierte Gesicht faltig eine rote Nelke im Knopfloch Obwohl er Kneifer trug
brachte er das Papier nach dessen Notizen er seinen Vortrag einrichtete
zuweilen dicht an die Augen »Redakteur Teichmann« nannte ihn der Vorsitzende
Der Polizeileutnant schien ihn zu kennen er fragte nicht nach seiner Wohnung
»Was wir soeben gehört haben« sagte Teichmann träumerisch »ist der
Schwanengesang des bürgerlichen Handwerks Richtig erkannt sind die beiden
Sozialmächte zwischen denen es zermürbt wird der Kapitalismus und die
Proletarisierung Bloß dass der Vorredner nicht sieht auf welche Weise sich der
Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit lösen ließe« Teichmann skizzierte nun in
marxistischem Sinne die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus und schloss »Der
soziale Missstand den ich hier in knappem Umriss zeige lässt sich radikal nur
dadurch beseitigen dass das Kapital aufhört wenigen zu gehören dass es in
Gemeinbesitz übergeht Dann erhält der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit
nicht bloß einen Hungerlohn« Teichmann hatte tastend gesprochen Offenbar aus
Rücksicht auf den überwachenden Beamten Dieser hatte eifrig Notizen gemacht und
an einer Stelle gestutzt als glaube er den Redner unterbrechen zu sollen Aber
dieser war zu vorsichtig um sich eine Blöße zu geben und im rechten Moment
nachdem er seine Hauptsache gesagt hatte hörte er auf Mit Spannung war die
Versammlung ihm gefolgt und er hatte die Hochachtung selbst solcher die nicht
sozialistisch dachten
    »Das Wort hat Herr  Edgar Neumann Studiosus der Chemie« Den Namen las der
Vorsitzende von einer Visitenkarte Ein hochgewachsener junger Mann stahläugig
mit dunklem Kraushaar und Bärtchen auf der Oberlippe Die Stimme frisch und
keck »Der vorletzte Redner  ich meine den Herrn Tischlermeister  hat den
Mittelstand bloß von zwei Seiten betrachtet Jedenfalls aber hat der Felsen der
ins Meer ragt nicht bloß zwei Flanken sondern noch eine Vorderseite und was
wichtig eine vierte Seite den Zusammenhang mit dem Festlande Die Front muss
jedenfalls bedacht werden die Brust des Felsens gegen die das Meer anstürmt
Diese Front richtet sich gegen den äußeren Feind der Franzmann zum Beispiel
bleibt unser Erbfeind weil er Rache schnaubt Er kann mal durch Bündnis mit
anderen Feinden unseres Vaterlandes gefährlich werden Schon deswegen müssen wir
einig bleiben und stark Sollte aber im Zusammenwirken mit dem Erbübel
Deutschlands seiner Uneinigkeit der äußere Feind dereinst Gewalt über Germania
erringen dann gnade Gott sowohl dem Mittelstand als auch dem Proletariat
Alsdann würde unser Volk in all seinen Schichten Sklave des Besiegers « Der
Redner der mit Leidenschaft sprach wurde unterbrochen weil etliche »Oho«
riefen Schlagfertig war seine Erwiderung »Wer s nicht glaubt kennt einfach
die Lehren der Geschichte nicht die ja allenthalben zeigt dass ein Sieger der
nichts mehr zu fürchten hat seinen Sieg rücksichtslos ausbeutet « «
Hierauf rief jemand »Fünf Milliarden« Diesen Stich wusste der Student zu
parieren »Die fünf Milliarden die Frankreich zahlte sind eine bescheidene
Kriegsentschädigung  schon hat sich Frankreich erholt von diesem Aderlass« Die
Versammlung murmelte zwar schien aber dem Redner nicht unrecht zu geben Und
der sprach weiter »Nachdem ich Ihr Aufmerken auf den äußeren Feind gerichtet
habe auf die Vorderseite des Felsens der ins Meer ragt komme ich auf die
vierte Seite zu sprechen auf seinen Zusammenhang mit dem Festlande Wenn dieser
gelockert wird bricht der Fels ab und stürzt in die Brandung Darum sollen wir
und nicht zum mindesten Sie ehrenwerte Handwerksmeister und Gesellen treu
darauf bedacht sein dass der Halt den unser Volk noch hat nicht untergraben
werde Dies Bollwerk in den Stürmen von vorn von rechts von links ist unser
Staat ist das einige Deutschland unsere kaiserlich gekrönte Germania mit
Schild und Schwert«
    Obwohl das Händeklatschen das hier einsetzte den Erfolg des Redners
vollenden wollte ließ er sich noch zu Worten hinreißen die einen Umschlag der
Stimmung herbeiführten »Die Rücksicht auf Deutschlands Halt ist die leitende
Idee des Mannes den die Weltgeschichte zum Hüter unseres Vaterlandes bestellt
hat  ich meine den Eisernen Kanzler Seine Politik ist zu verstehen wenn man
seine Grundidee erfasst Daran freilich lassen es Bismarcks Feinde fehlen  die
Parteien der Linken die Fortschrittler und Sozialisten  verblendet von den
Träumereien internationaler Demokraten und roter Utopisten« Murrend widersprach
ein Teil der Versammlung » Doch meine Herren so ist es Unsere Linkser  von
Eugen Richter bis zu Johann Most  versündigen sich an Germania insofern sie
ausländischen Fahnen nachlaufen « Einer rief »Oho« ein anderer schlug mit
der Faust auf den Tisch »Beweise« Die Glocke des Vorsitzenden mahnte zur
Mäßigung »Sie wollen Beweise Als ob die Ideale der Linken nicht undeutsch
wären Jüdisch sind sie«  »Hört hört«  »Und aus Frankreich England
Amerika stammen sie Meinen unsere Liberalen denn nicht die Handels und
Ausbeuterfreiheit von Manchester Die Gleichmacherei mit der Jakobinermütze
Jawohl In die Schlagworte und bunten Lappen der französischen Revolution ist
der blonde Michel vernarrt  darum hat Bismarck recht wenn er mal die Rute
nimmt und dem unartigen Michel eins drauf gibt « Hier erscholl der höhnische
Zwischenruf »Ausnahmegesetz« Und der Student griff ihn auf »Ja natürlich
Ausnahmegesetz Wenn Michel in Gefahr ist sich zur Meuterei verführen zu
lassen dann hat er sich das Ausnahmegesetz selber zuzuschreiben  verdient
nichts anderes als die Karbatsche «  »Pfui« schrien etliche von ihren
Sitzen aufspringend  die Versammlung war ein Brausen und Zischen  und schon
hatte der Polizeileutnant drohend seinen Helm aufgesetzt als es dem
Vorsitzenden gelang die Ruhe wiederherzustellen Nicht durch das Gellen der
Glocke sondern indem er durch Zureden den heissspornigen Studenten zum Abtreten
veranlasste
    Burdinski war zur Tribüne gelaufen und jetzt erklärte der Vorsitzende »Ich
muss die Anwesenden Redner und Zuhörer dringend ersuchen hier nicht maßlos
aufzutreten Gereizteiten sollen unbedingt vermieden werden  im übrigen hat
hier jeder Standpunkt das Recht sich frei auszusprechen  Gemeldet hat sich
der Schuhmacher Burdinski Schönhauser Allee«
    »Mäine Herren Eine unselije Wendung hat die Diskussion jenommen  indem der
Herr Student der sonst läidlich jesprochen hat schließlich aufs Ilattäis des
wildesten Partäizwistes jeraten is Das Ausnahmegesetz hat er beschönicht  un
dabei is er  wies jar nich anders kommen konnte  ausjerutscht un
hinjeschlagen Quittung darüber hat ihm die Versammlung ertäilt mit ihrem
Zischen Aber ouch was der Vorsitzende eben jesagt hat is ne Abfertijung
unseres BismarckSchwärmers obwohl vielläicht ne unwillkürliche Hier hat jeder
Standpunkt das Recht sich fräi auszusprechen  hat er jesacht Ja das
Manschenrecht hat er aber nich hat er das Recht als Staatsbürjer Das is ja
ebent der Jäist des Ausnahmegesetzes  vielmehr die jäistlose Brutalität «
Nervös läutete der Vorsitzende »Ich muss den Redner ermahnen nicht so
leidenschaftlich «
    »Die Läidenschaft«  fuhr Burdinski ruhig fort  »is nich auf mäiner Säite
sondern bei jenen die nich an den häilijen Jäist jlauben der uns in alle
Wahrhäit läiten soll sondern an die rohe Faust Bismarck der wie sein Käiser
für den christlichen Staat schwärmt sollte doch den Rat beherzijen den
Jamaliel im Konzil der Schriftjelehrten zu Jerusalem jab als man die Lehre des
Varchpredijers mit dem damaligen Ausnahmejesetz niedermachen wollte Wenn diese
Bewejung  erwiderte Jamaliel  bloß ne Mache irrender Manschen is wird sie von
salber unterjehn ohne dass wir nötich haben Jewaltmittel anzuwenden Sollte sie
aber  was doch der Fall säin könnte  aus Jott stammen so werden eure Scherjen
un Schranken dajejen nichts ousrichten Un so wende ich jetzt Jamaliels Rat auf
unsere Zäit an Lasst doch dem Jäist sein Recht Fortschräiten kann er bloß auf
die Jefahr hin ouch mal irrezujehn Mit brutaler Jewalt lässt er sich nich
jängeln Denn die Jedanken zerbrechen die Schranken der Tyrannäi  die Jedanken
sind fräi«
    Lautlos gefesselt war die Versammlung leuchtende Augen hingen am Redner
und jetzt entlud sich die Spannung in einem tosenden Beifall der aus dem Herzen
kam Burdinski war aber noch nicht zu Ende »Mit säiner Polletik die unter dem
Schutz der in Waffen starrenden Jermania Millionäre züchtet hat Bismarck
vielläicht Erfolch  schäitern aber muss was den Idealismus verjewalticht Un
wenn die Polletik mit Blut un Eisen den döitschen Michel schließlich zu nem
Blut un Eisensklaven macht «
    Da sprang der behelmte Polizeileutnant entrüstet auf und donnerte im
Kasernenton »Laut Paragraph Neun des Gesetzes vom Oktober 1878 erkläre ich die
Versammlung für aufgelöst« Einen verächtlichen Blick warf Burdinski der Polizei
zu und ging an seinen Tisch zu Hainlin der aufgesprungen war »Pfui« schrien
viele  »Nieder mit der Blut und Eisensklaverei«  »Alles hat den Saal zu
verlassen« kommandierte der Polizeileutnant und gab dem Schutzmann eine
Weisung worauf dieser von der Tribüne hinunter in den Saal ging und barsch auf
die Menge einredete Um den Redakteur mit der roten Nelke drängten sich grimme
Männer mit Schlapphüten und stimmten die ArbeiterMarseillaise an »Wohlauf wer
Recht und Freiheit achtet  zu unsrer Fahne steht zu Hauf  ob auch die Lüge uns
umnachtet  bald steigt der Morgen hell herauf Marsch marsch  marsch marsch«
Ein junger Heisssporn bleich mit rotem Schlips stand auf dem Tisch und krähte
»Hoch die rote Republik« War aber kaum heruntergesprungen als ihn der
Schutzmann in den Klauen hatte Ein Knäuel von Männern umschlang die Gruppe man
protestierte wild und suchte durch Drängelei den Verhafteten von seinem Häscher
zu trennen Doch der stämmige Schutzmann der sein Opfer mit beiden Fäusten am
Bruststück des Rockes gepackt hielt ließ nicht los obwohl er von der Menge
seitwärts in die Saalecke gedrängt wurde Es sah aus als ob nach einem
Schiffbruch die Brandung ein Brett an das sich ein Mensch verzweifelt klammert
mit hochgebäumter Woge in eine Nische der Küstenklippe schleudert von dort
etwas rückwärts flutet um aufs neue das Brett mit dem Angeklammerten an die
Klippe prallen zu lassen Der arme Schutzmann dem die Rippen krachten hatte
den Verhafteten nicht festhalten können  diesem öffnete die Menge sofort eine
Gasse durch die er entsprang Der Polizeileutnant auf der Tribüne war bleich 
tat als sähe er die Szene nicht  kam dann heruntergelaufen doch nur um die
Leute die am Ausgang des Saales zögerten zu flotterem Gehen zu ermahnen
    Was aus der Sache noch wurde warteten Burdinski und Hainlin nicht ab
Draußen in der Sophienstrasse staute sich die Menge  ihre Aufregung wurde neu
angeregt durch Schutzleute die im Laufschritt nahten »Da sehen Sie was die von
Ihnen jepriesene Polletik anrichtet« sagte Burdinski zum Studenten Neumann der
zufällig vor ihm stand Stutzig schaute der drein und erwiderte aufgeregt »Herr
Burdinski ich stehe Ihnen als Zeuge zur Verfügung  Sie haben nichts gesagt
was eine Auflösung rechtfertigen könnte  ein Missverständnis des
Polizeileutnants liegt vor  Sie haben bloß gesagt Wenn die Politik mit Blut
und Eisen den deutschen Michel schließlich zu einem Blut und Eisensklaven
macht Das ist keine Kanzlerbeleidigung ist auch kein Verstoss gegen das
Ausnahmegesetz Ich habe Ihre Worte stenographiert  hier ist meine
Visitenkarte« Da Neumann diese Erklärung mit lauter Stimme gab und da
Burdinski ohnehin Aufsehen machte so hatten sich Leute angesammelt Aber
Hainlin bat sie auseinanderzugehen und raunte Neumann zu »Auf dr Gass da kann
mr net dischkutiere Wenn die Herre noch mitnander zu rede hänt na ganget mr in
e stilles Lokal«
 
                              Zum fidelen Bierhuhn
Neumann eine germanische Gestalt mit keckem Gesicht das durch einen Schmiss
gezeichnet war übernahm die Führung in eine Weissbierkneipe »Zum fidelen
Bierhuhn« benannt Vollgequalmt war sie und hauptsächlich von Studenten besucht
Flotte Kellnerinnen bedienten trällerten oder plauderten mit den Gästen Auf
unpolierten gescheuerten Tischen standen Glashumpen mit dem goldigen Weissbier
Für gewöhnlich tranken ein paar Tischgenossen aus dem gleichen Kübel Mancher
dem das Gebräu zu sauer oder zu dünn war nippte dazu ein Gläschen Pfefferminz
oder Kümmelschnaps Es gab auch Lichtenhainer Hainlin kannte bereits dies
harmlose Gesöff das nach seiner Meinung wie geräucherte Buttermilch schmeckt
man trinkt es aus hölzernen Deckelkannen
    Neumann von den Kellnerinnen wie ein Stammgast begrüßt steuerte auf einen
Tisch los der soeben frei wurde lud Hainlin und Burdinski ein Platz zu
nehmen und setzte sich nebst seinem Leibfuchs wie er den jungen Studenten
nannte der ihn begleitet hatte Die beiden bestellten Lichtenhainer nebst
Kümmelschnaps Hainlin und Burdinski je ein Glas Lagerbier Und dann sahen sie
sich um Vom Qualm den die Studenten aus Zigarren und langen Pfeifen pafften
war das ganze Bild umnebelt Fast jeder Tisch besetzt von Karten und
Würfelspielern die sich aufgeregt gebärdeten und Kraftausdrücke liebten Aus
Lederbechern wurde geknobelt es rasselten und klapperten die Würfel Skatkarten
wurden knallend auf den Tisch gehauen als wäre hier eine Reiterschlacht
    »Michel mein he  herrlicher Held« krächzte eine kurzatmige greisenhafte
Stimme ein Buckliger kam auf Neumann zugetorkelt Dass er Student war zeigte
das bunte Band auf seiner Weste Die schwimmenden etwas listigen Augen hinter
dem schief sitzenden Kneifer das schlaffe bleiche Gesicht das süssliche
Lächeln unter dem dünnen Schnurrbärtchen verrieten dass er widerstandslos im
Kneipendusel trieb Die kurze wenn auch langbeinige Gestalt suchte er
hochzurecken und seinen Buckel durch den locker hängenden Gehrock zu bemänteln
    »Mein Name is Hildebrandt« stellte er sich vor Neumann fügte hinzu »Vulgo
Perkeo« Der Bucklige war um sich anzuvettern einer unterwürfigen Höflichkeit
beflissen und einer Witzelei die durch Augenzwinkern und meckerndes Gelächter
noch gehoben werden sollte »Michel« raunte er Neumann zu unter bewundernden
Blicken  »sei mein rettender Engel Die Rauhbeine drüben wollen mich besoffen
machen  un es fehlt nich viel so bin ichs Aber Schna  Schnaps den mag ich
heut nich mehr  es sei denn dass mir Michel  mein herrlicher Held ein Glas Lu
 Luft spendiert  mähähä«
    »Dicke Emmi« rief Neumann »einen großen Pfefferminz  für unseren Perkeo«
Wie dies Wort laut wurde stimmte eine skatende Gruppe das Lied an »Das war der
Zwerg Perkeo  im Heidelberger Schloss «
    »Maul jehalten Füchse« schnauzte der Bucklige und wie Emmi den Schnaps
brachte legte er schmachtend seinen Arm um die aufgeschwemmte Kneipenschönheit
»Versüsse mein Feuerwasser indem dein Rosenmündchen  mähä  davon nippt« 
Emmi lachte dumm leerte das Glas auf einen Zug  und holte ein neues »Dazu n
Lichtenhainer« rief ihr der Bucklige nach  »ach ja Michel ich muss mich
nüchtern saufen  von morjen ab heißts Pandekten büffeln Mein Alter hat mir
Ultimatum jestellt  wenn ich bis dahin nich meinen Referendar jedeichselt habe
zieht er seine Hand von mir ab  Auf Ehre Michel Brauchst nich zu jrinsen
Wetten dass Übrijens wo kommste her Siehst so politisch aus Haste wieder
ne Philippika jeschwungen in der Volksversammlung Immer feste Mensch Schaff
uns den Mosaik vom Halse Diesen  Fremdkörper in Jermanias Leibe  Nich
gelächelt Herrschaften Es is so Wir Jermanen « Hier brach er seine Rede
ab weil er selbst im Dusel merkte wie an Nachbartischen gefeixt wurde über den
Rassenstolz des buckligen Schwächlings  »Hätten wir recht viele deines
Schlages« erklärte Neumann  »ja dann wäre unser Germanenvolk fein raus 
Prost Perkeo« Ins hohle Gelächter der nächsten Tische stimmte der Bucklige
sauer ein »Mähähä« Gleich darauf erhob er sich und wankte mit seiner Holzkanne
zu einer Kartenspielergruppe
    Raunend wandte sich Burdinski an Hainlin »Was sollen wir hier« Neumann
hatte die Worte vernommen »Warum nich auch mal mit den Wölfen heulen mit den
Schweinen grunzen wie«  »Na ja« knurrte Burdinski  »es kommt drauf an was
man für Ansprüche macht Mag sein ich bin zu wählerisch«  Neumann hielt es
für geraten diese geringschätzige Bemerkung des Schustergesellen zu überhören
und wandte sich an Hainlin »Man will doch auch mal n bisschen ausspannen  he
sich gehen lassen«  Hainlin zuckte die Achsel »Wie mrs nimmt Auf recht
unterschiedliche Art lassen sich die Leute gehen Wollen Sie diese Art
begünstigen«
    »Ja un jlouben Sie« setzte Burdinski mit Schärfe ein »dass aus Döitschland
was Tüchtijes wird wenn die studierende Jugend ihre Musse nich jäistvoller zu
verleben wäiss als in Bier und Schnapsdusel bäi Knobelbecher un
Kellnerinnenjesindel«  »Ach was« sagte Neumann stirnrunzelnd »heulmeiern Sie
nicht Man muss diese Dinge mit Humor nehmen  nich mit Schulmeisterei« 
»Humor« entgegnete Burdinski  »nennen Sie das Humor wenn diese fidelen
Bierhühner Stumpfsinn für Jugendglück halten Sie sprechen von Heulmeierei  ich
aber erkläre Ihnen Was unser Vaterland zerrüttet is die Saufmeierei der
tonangebenden Jugend un ihre faule Kraftmeierei ja faule Denn ihren
Männerstolz kehren sie nach unten heraus nich nach oben vielmehr ducken sie
sich vor ihren Vorjesetzten als jesinnungslose Streber Auf die Juden wird
jeschimpft Na ja Aber der Jude söift nich  un is käin Jewaltprotz«
    Neumann winkte ab und lächelte spöttisch »Ereifern Sie sich nicht Wenn der
Jude nicht säuft geschieht es einfach weil er keinen Stiebel vertragen kann
Wir Germanen sind anders  wir begeistern uns gern «  »In der Knäipe« warf
Burdinski dazwischen  »Alle Begeisterung is ne Art Rausch« fuhr Neumann
unbeirrt fort  doch Burdinski versetzte »Aber Rausch noch käine Bejäisterung«
                                       
    Hainlins Aufmerksamkeit wurde plötzlich in Anspruch genommen durch einen
Gast der eintrat Seine Gesichtsbildung erinnerte an Wendelin Flammer  nur dass
die Augen hinter einem grauglasigen Kneifer versteckt waren und die Züge nichts
Klares hatten sondern etwas flackernd Unrastiges Wars Fieber oder Ausschlag
was Stirn und Wange rotfleckig machte Als Hainlins Auge dem des jungen Mannes
begegnete schien dieser zu stutzen  vielleicht beunruhigte ihn der prüfende
Blick Er ging in die entfernte Ecke des Lokals wo ein leerer Tisch stand
hängte seinen Schlapphut an den Haken und nahm Platz Ein paarmal lugte er
verstohlen herüber Hainlin überlegte ob das Wendelin sein könne Nein das
Alter konnte nicht stimmen  dieser Mensch mit dem gewölbten Rücken und schon
gelichteten Stirnhaar musste mindestens fünf Jahre älter sein als Wendelin Jetzt
ging die dicke Emmi trällernd auf ihn zu und reichte ihm die Hand
    »Herr Neumann« sagte Hainlin »würden Sie mir den Gefallen erweisen die
Kellnerin da drüben unauffällig zu fragen ob sie den jungen Mann kennt mit dem
sie spricht Er kommt mir bekannt vor« Neumann nickte zustimmend und wie jetzt
Emmi kam winkte er sie herbei »Wer ist der junge Mann den Sie eben
begrüßten«  »Der Wir nennen ihn den Klosterbruder  det is n entsprungener
Mönch«
    Hainlin fuhr empor und ging hastig auf den Menschen los Auch dieser erhob
sich staunend streckten die beiden einander die Hand entgegen »Wendelin« 
»Herr Kandidat I han glei gstutzt  aber Ihr großer Bart «  »Auch du
Wendelin bischt  arg verändert Gehts dir gsundheitlich net guet« 
Wendelins fahles Gesicht errötete leicht die matten etwas entzündeten Augen
hinter dem dunklen Kneifer flackerten wirr Er zuckte die Achseln stumm bebten
ihm die Lippen
    »Setzen wir uns« sagte Hainlin Aber da stand Burdinski bei ihm den Mantel
an »Willscht gehe Also Ond wenn dir ebbes Onannehmliches passiere sollt 
wege der Auflösung gelt du Na kommscht zu mir« Burdinski ging
    Wendelin Flammer hatte sich derart gesetzt dass man sein Gesicht nicht
beobachten konnte  den Kneifer abgenommen  voll Tränen standen ihm die Augen
»Waas hascht« fragte Hainlin bestürzt  und Wendelin schluchzte »Oh  warum 
warum han i net  Sie behalte dürfe Sie als väterlichen Freund s wär halt
anders worde mit mir Aber so einsam so beistandslos wie onsereins hat müssen
s Leben führen« Wendelin beugte sich ganz nieder »Den Vatter han i net kennt
onds Mütterle ischt au so früh gstorbe Wer hat sich da unser ahngnomme Dr Uli
hats Piale lieb ghätt  ischt mei Freund worde  ond Sie Herr Kandidat hänt
Ihre Teilnahme für Uli auf uns übertrage Was Sie Guets an mir ond an Pia tan
hänt dees kann i net sage gschweige vergelte Abers Irdische hat net Bestand
 so hänt Sie fortmüsse von Tübinge ond oh mei liaber Kandidat Warum hats
Schicksal Sie von uns grisse Menschliche Stumpfheit und Tücke ischt schuld Die
Guten werden vertrieben nausgbissen von den Gemeinen  ond dees ischt mei Gram
An einen Herrgott droben kann i nimmer glaube So bleibt mir nicks gar nicks«
Verzweifelt schlug er die Hände vors Gesicht
    »Aber Wendelin« begütigte Hainlin die Hand auf seinen Arm gelegt  »net
so Warum denn mutlos«  »I tu mi schäme Bin zu tief gsunke«  »Du bischt der
alte Bischt mei braver «  Schmerzlich schüttelte Wendelin den Kopf »Hihn
ischt mei Kern Verdorbe bin i an Leib ond Seel« Schluchzend warf er den Kopf
über die aufgelegten Arme  Hainlin bemerkte wie dünn ihm das Haupthaar wie
hager der Nacken geworden war Und obwohl er das Trostwort gesprochen hatte
Wendelin sei der alte empfand er mit Erschütterung dass aus dem frischen
reinen mädchenhaft hübschen Knaben ein verwüsteter Schwächling geworden war
    Da jetzt Neumann kam rüttelte Hainlin den Zusammengesunkenen »s kommt
ebber Lass di net gehe« Das half Wendelin richtete sich auf Neumann wollte
sich bloß empfehlen  es geschah in kurzer Höflichkeit Und nun konnten die
Tübinger Freunde ihre Aussprache fortsetzen »Wendelin Ist es wahr was die
Kellnerin sagt du seist im Kloster gewesen und entsprungen«  »Der Ausdruck
ist zu romanhaft   i bin halt gange ond jetzt leb i weltlich«  »Wie denn
Wovon«  »Als Korrektor für en wissenschaftlichen Verlag  lateinische
griechische matematische Werke tu i korrigiere Werd net grad schlecht bezahlt
 nur dass die Arbeit meine Augen ahngriffen hat und meine Nerven  i leid an
Sehstörung und Kopfschmerz  der Arzt meint e Badekur würd mir gut tun Etwa in
Aachen Da könnt i zugleich auf dem Polytechnikum studiere gelt Bloß schad
dass i ausm Kloschter ohne AbschlussPrüfung fort bin Um net bloß Hörer sondern
Studierender zu sein und später s Staatsexamen machen zu können muss mrs
Abiturium haben Ja wenn sich dees noch jetzt schaffe ließ Zom Pauken aber
langt mei Kraft net«
    Wendelin goss den Schnaps den die Kellnerin gebracht hatte auf einen Zug
hinunter Und schwermütig abwinkend »I han koi Lebensmuet Verpfuscht bin i s
Kloschter hat mi verdorbe Da tut mr den Zögling gängele Weh ihm alsdann wenn
er den Sprung ins Freie wagt In die Welt tut er net passe ond im Kloschter hat
ers Daheim verlore I weuss net soll i zum Himmel halte oder zur Erd Net Vogel
bin i net Maus  bin e Fledermaus wo bei Tag sich verkriecht nachts aber
umhergeischtet  bloß dass bei mir der Geischt nicks mähr taugt  e Ruine bin i
Net mal dass i die Kraft hab meine jetzige Berufsarbeit zu tun  nachlässik bin
i verlottert  an Schlaffheit leid i verrückt bin i nicks bin i« Und den
Kopf in die Hand gestützt brütete Wendelin ratlos vor sich hin
    Dass es an der Zeit sei die Aussprache für diesmal abzubrechen bekundete
die Situation die jetzt im »Fidelen Bierhuhn« Platz griff Nach der Melodie
»Heil dir im Siegerkranz« gröhlten sesshafte Kneipbrüder »Wir konzentrieren uns«
 um den runden Mitteltisch nahm man Platz und suchte die Widerstandskraft gegen
den Alkohol noch einmal aufzupeitschen indem man schneidig anstimmte »Und wenn
sich der Schwarm verlaufen hat um die mitternächtliche Stunde« Unter Gelächter
wurde eine Gestalt emporgehoben samt dem Stuhl auf dem sie saß der bucklige
Perkeo In Erhabenheit den Tisch zum Sockel tronte er als Mittelpunkt seiner
Sippschaft In der herabhängenden Rechten die Holzkanne aus der die Neige
troff weidete er sich am Ringelreihen den die Studenten mit den Kellnerinnen
um ihn drehten »Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloss« ging der
Gesang und der Bucklige dem einer sein Schnapsglas reichte hob es mit blödem
Lächeln und lallte »Wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheit«
 
                                   Im Kloster
Vor dem Hause wo Hainlin wohnte verabschiedete sich Wendelin mit dem
Versprechen an einem der nächsten Abende zu kommen und alles übrige zu
berichten Doch er blieb aus eine Woche zwei Wochen  nun dachte Hainlin
Kommt der Berg nicht zu Mohammed so soll dieser halt zum Berge gehen Als seine
Wohnung hatte Wendelin angegeben Institut für Kirchenmusik  mit einem
Musikstudenten zusammen wohne er beim Hausmeister
    Als Hainlin in dem Gebäude nach Flammer fragte lud ihn der Musikstudent zur
Aussprache ein und sagte Flammer wohne nicht mehr in Berlin Sein Onkel der
Kaplan sei verstorben und Wendelin zum Begräbnis gereist Habe auch mit der
Erbschaft zu tun die auf ihn gefallen sei So habe Flammer nun die Mittel
Mathematik an einer Hochschule zu studieren  »Nun kommt er doch wohl noch auf
seine Höhe« sagte Hainlin fügte aber als der andere wie ein Zweifler aussah
hinzu »Oder meine Sie net«
    Achselzuckend sagte der Musikstudent »Nur der Arzt könnte Entscheidendes
sagen«  »Sie halten Wendelin für ernstlich krank I muss allerdings gestehe
dass i verschrocke war als ich ihn neulich wiedersah  er machte den Eindruck
als ob er zehn Jahre älter wär ond obendrein zerrüttet«  »Das ist er auch
Sein Blut ist vergiftet Er trinkt scharfen Alkohol und zwar im Übermaß Seine
Zigaretten macht er aus türkischem Tabak der Opium enthält Und in Berlin war
er intim mit einem kranken Frauenzimmer  einer Kellnerin im Fidelen «
    »Ha um Gottes Wille« unterbrach ihn Hainlin bestürzt »Mein Wendelin
Diese keusche Blüte«
    »Ja das war er Damals als er aus dem Kloster kam war er noch unverdorben
 benahm sich wie Parsifal der reine Tor«
    »Bitte schildern Sie mir wie er diese Jahre gelebt hat Können Sie das« 
»Ja Er hat mirs ausführlich erzählt«
    Und wie ein beschworener Geist stieg Wendelins Knabenzeit aus der
Versunkenheit herauf
                                       
    Auf dem Bergfriedhof war Pia zu Grabe getragen Ein paar Tage drauf hatte
Wendelin das Erdhüglein besucht  es war besteckt mit weißen Papierblumen in
der Mitte ragte ein hölzernes Kruzifix Wendelin war freudig gerührt über diese
Fürsorge die ein Unbekannter dem Grabe gewidmet hatte Und fragte sich Was nun
schenk ich meinem Piale Weinend zog er den Rosenkranz hervor den die
Sterbende ihm vermacht hatte Da kam es ihm vor als raune Pia ihm zu er solle
in die Kapelle gehen zur Mutter Gottes
    Wie er da kniete vor dem Bilde der Schmerzenreichen fühlte er sich
entrückt übers bange Erdendasein und sehnte sich seine arme Seele ganz der
Himmelsliebe hinzugeben Und plötzlich kam ihm der Wunsch zu leisten was Pia
hatte leisten wollen im Kloster die Schuld schwacher Menschen löschen zu
helfen Ja das sollte seine Gabe für Pia sein zugleich sein Beitrag zur
Entsühnung der Eltern die das gefährliche Beispiel eines ungeweihten
Liebesbundes gegeben hatten
    Wie ein erneuter Mensch kam er sich vor als er die Kapelle verließ und
abermals an Pias Grabe stand  es war als ob sie ihn dankbar anlächle Über
die Mauer des Friedhofs spähte er ins Weite  hinter des Schwarzwalds blauem
Gewoge ging blutig die Sonne unter Wendelin seufzte nach dem Abendfrieden der
Seele nach einer Beschaulichkeit wie sie in weltentrückter Einsamkeit zu
finden Ein Kloster wie ers in Bebenhausen geschaut hatte konnte ihn locken 
obwohl sein Verstand nichts vom Kirchendogma wissen wollte Was er meinte
vertrug sich im Grunde mit seinem Freidenkertum Eine Mystik wars die auf
EwigkeitsSchau zielte Immer noch trug er sich mit der Vorstellung auf der
Spitze des Glasberges sei ein riesenhafter Kristall der das Weltall spiegele in
matematischer Klarheit und Folgerichtigkeit Solche Beschaulichkeit hoffte
Wendelin im Kloster zu finden
    Als das AveLäuten der Kapelle verhallt war begab er sich nach Wurmlingen
zum Onkel Gastwirt und eröffnete ihm feierlich seinen Entschluss ins Kloster zu
gehen Die Familie hatte dafür nur Zustimmung und Ehrerbietung  die
Nachbarschaft das ganze Dorf sah im jungen Flammer einen Himmelskandidaten Und
wenn ihn Zweifel anwandelte ob er sich nicht vorschnell entschlossen habe
glaubte er an seine Erklärung gebunden zu sein er fürchtete das spöttische
Lächeln der Leute falls er nun doch weltlich bliebe
    Onkel Kaplan hatte einen Bekannten der eine Klosterschule leitete ein
Juvenat wo Ordenspriester ihre erste wissenschaftliche Vorbereitung erhalten
Es war allerdings fern gelegen in einer holländischen Ortschaft bei Aachen
Doch in der Anstalt waren fast lauter Deutsche und Deutsch war die
vorherrschende Sprache
    Wendelins Gesuch um Aufnahme wurde genehmigt  als Juvenist trat er ein Die
phantastischen Erwartungen mit denen er gekommen war erhielten schon insofern
einen Dämpfer als das Kloster keine Spur von Romantik hatte sondern nach einer
Fabrik oder Kaserne aussah Der Pater Direktor war halb Feldwebel halb
pfäffischer Schleicher Er ließ Wendelin fühlen seine uneheliche Abkunft
erwecke nicht grade Vertrauen könne aber gesühnt werden durch besonders gute
Führung
    Die Lebensweise der Juvenisten war hart nach Vorschrift verlief jede
Stunde Wenn die Tür des Saals wo die Jünglinge in eisernen Betten getrennt
durch Vorhänge die Nacht durchschnarcht hatten um Fünf aufgerissen wurde und
der Befehl zum Aufstehn erscholl ging allgemeines Gähnen und Seufzen los dann
ein Knarren der Bettstellen Stimmengewirr Poltern und Wasserplätschern Dem
Ankleiden folgten Gebet und Messe sowie einstündiges Studium Dann erst kam
Morgenkaffee und kurze Erholung Der Klassenunterricht wurde von etlicher
Körperbewegung unterbrochen Mittags nach dem Beten erfolgte das Essen im
Speisesaal wobei Erbauliches vorgelesen wurde Nach kurzer Körperarbeit und
einem Rosenkranzbeten kamen Nachmittagsunterricht und eigenes Studium Das
Abendessen war natürlich wieder mit geistlichem Wesen verquickt und der Tag
schloss mit Heiligenlegenden Beten und Gewissenserforschung
    Hatte Wendelin schon das Tübinger Gymnasium für simpel gehalten so kam ihm
die Klosterschule geradezu stumpfsinnig vor Hier herrschte abergläubisches
Mittelalter frei von Naturwissenschaft und modernen Ideen In der Metaphysik
hieß es die Seele könne nicht anders als unsterblich sein weil sie halt aus
einem Stück sei Das Menschenleben werde durch allerlei böse Dämonen gestört In
der Literaturstunde las man Schillers »Jungfrau von Orleans« doch waren alle
Stellen die von Liebe handelten durch Schwärzen unleserlich gemacht Die
Lehrer waren verknöcherte Priester ohne geistige Selbständigkeit Mechanisch
übten sie ihr Amt wie überhaupt der Klosterbetrieb eine Maschine war
    Eine Oase dieser Wüste bildete der temperamentvolle Pater Ambros Leider war
er nicht als Lehrer hier nur als Gast zur Erholung von einer Tropenkrankheit
die er sich in HolländischIndien geholt hatte Hin und wieder durfte er den
Bitten der Juvenisten willfahren und etwas aus seinem Leben erzählen Er hatte
den Insulanern im Stillen Ozean das Evangelium gepredigt und manches Abenteuer
erlebt Was er über die blaue See und das ewige Sonnenwetter über die üppige
Landschaft von Hawaii und die braunen Tropenkinder erzählte erweckte in
Wendelin eine Sehnsucht wie der Garten des Paradieses Zuweilen wenn er keine
rechte Nachtruhe finden konnte während im Schlafsaal das Schnarchen rasselte
und alle Viertelstunde die Glocke klang umgaukelten ihn Bilder der Südsee  es
kam ihm vor er sei da Missionar und Uli bei ihm Traulich umschlungen standen
die Freunde auf einer Klippe schauend über spiegelklare See
    Im Kloster hatte Wendelin keinen Freund und  durfte ihn nicht haben War
dem Zelator dem Aufpasser ein Juvenistenpaar der Zuneigung verdächtig so
erfolgte Anzeige Strafe und Trennung der Verdächtigen Sich anlächeln einander
die Hand drücken miteinander flüstern war schon Sünde Dass nun Wendelin keinen
Vertrauten haben durfte verödete sein Dasein er wurde schwermütig Sein leeres
Herz suchte sich durch fromme Schwärmerei zu entschädigen Heiligengeschichten
und Erlebnisse der Mystiker rührten ihn mit Stimmungszauber Gern weilte er
unbeobachtet in der Klosterkapelle kniend vor einer Madonna die im Leide
lächelte Wenn der Novembersturm draußen um die Pfeiler brauste schwelgte
Wendelin in süßen Schauern nach der ewigen Lampe lugend und den stillen
Kerzenflammen Etwas Einlullendes hatten die engelhaften Knabenchöre die
dumpfen Männerstimmen der Singsang der Gebete nebst den ChorAntworten die wie
Glockenläuten waren Diese Region der gotischen Wölbungen und bunten
Fensterscheiben der vom Goldreif gekrönten Gestalten der Wachskerzen und
Weihrauchwolken schien aus dumpfer Gefangenschaft einen Ausweg zu verheißen zu
den heiligen Weiten der Ewigkeit Das war Wendelins Trost
    Hinzu kamen Aufmunterungen die ihm seine Arbeit einbrachte In der
Mathematik galt er als Genie Wegen seines seelenvollen Orgelspiels war er dem
Organisten als Vertreter willkommen und allgemein beliebt Es wurde sogar
geduldet dass er an einem Werke schrieb  er nannte es »Psychophysik der
Tonkunst«
    Pater Direktor hoffte mit diesem Lumen seines Klosters glänzen zu können
Eins indessen tadelte er an Wendelin seinen Hang zur Selbständigkeit Zu ducken
suchte er ihn durch die typische Drohung »Hochmut kommt vor dem Fall Immer
fein demütig« Sein Ideal war die Ordensregel ihr Symbol die Klosterglocke Für
jede Viertelstunde hatte diese einen Befehl indem sie anschlug oder in
besonderen Takten läutete Wendelin aber fühlte sich durch die Ordnungssklaverei
stumpf gemacht und hätte dies Leben wohl schon bald aufgegeben wäre nicht
Aussicht gewesen das Schlussexamen zu bestehen und dann Missionar zu werden oder
Professor  oder Pater in einem Orden der wissenschaftliche Beschaulichkeit
pflegt  Dass es anders kam ist nicht bloßen Zufälligkeiten zuzuschreiben
sondern der Kluft die zwischen dem äußeren Leben der Klosterleute und ihren
Neigungen klaffte Wo das Verlangen nach Freiheit noch nicht alle Tatkraft
verloren hatte sann es auf heimlichen Ausweg
    In einer schwülen Augustnacht war Wendelin vom Schlagen der Glocke wach
geworden und konnte nicht wieder einschlafen Ihn folterte das Bewusstsein
kasernenhaft zu hausen mit all diesen Juvenisten unter denen er keinen
Vertrauten hatte »Pia« seufzte er  »mei Piale Du hoschts guet Dein
Bettlein auf der Spitze des schönen Hügels ist jetzt überwölbt von blauer
Unendlichkeit da wimmeln Funkelsterne ohne Zahl«
    Die Vorstellung von der Milchstrasse und den Sternschnuppen die gerade in
diesen Nächten flogen regte Wendelin zu solcher Sehnsucht auf dass er jetzt
durchaus den Sternenhimmel betrachten wollte Vielleicht  so dachte er  hat
Pater Ambros dem in dieser Woche die Inspektion obliegt ein Flurfenster offen
gelassen weils ja heute so heiß war  und dann könnt ich dort die Sterne
beobachten
    Im Bett aufgerichtet lauschte Wendelin ob nicht einer seiner Nachbarn
wache Da nur Laute festen Schlafes zu vernehmen waren bekleidete er sich rasch
und schlich auf Socken aus dem Schlafsaal Die Fenster des matt erleuchteten
Flurs waren geschlossen  doch als er die Treppe hinuntergegangen war stand die
zum Hof führende Haustür offen
    Hinausschlüpfend prallte Wendelin auf eine Kuttengestalt die soeben
eintreten wollte Pater Ambros hielt ihn bei den Schultern Ließ ihn aber frei
sobald er ihn erkannt hatte und an seinem Zittern spürte wie erschrocken er
war »Wohin« raunte der Pater und Wendelin »Ach verzeihen Hochwürden
Heimweh han i ghätt nach dene Stern«  »Was« kicherte Pater Ambros und ahmte
die schwäbische Mundart nach  »Heimweh nach dene Stern I glaub im Ländle
bischt eher dahoim als drobe gelt«  »Dees scho Hochwürden Von Stuggart bin
i  aber dahoim han i so gern die Sternle betrachtet ond Sternschnuppe«
stotterte Wendelin Lächelnd sah ihm der Pater ins Gesicht und meinte gutmütig
»So komm Sternguckerle«
    Sie gingen in den Klosterhof von da in den Gemüsegarten Zwischen den
Beeten schritt der Pater voran  zu einem Gewächshaus an der Mauer Hier nahm er
Platz auf einer Bank und gab Wendelin einen Wink sich gleichfalls zu setzen
»Also Erquicke dich an deiner Sternenheimat«
    Und sein Angesicht wandte Wendelin himmelan  sich weidend am unendlichen
Gewimmel der Milchstrasse Als eine Sternschnuppe aufleuchtete fuhr er mit dem
Arm in die Höhe Auch der Pater hatte sie gesehen »Nun Flammer Was hast du
eben gewünscht Du weißt doch Wenn gerade eine Sternschnuppe fällt so geht der
Wunsch in Erfüllung«  »Ach Hochwürden Was i gwünscht hab weiß i selber net
Aber nach der Südsee hätt i Sähnsucht  da möcht i braune Heiden bekehren  wie
Sies tan hänt Pater Ambros«  »Ha mein Sohn« schmunzelte Pater Ambros 
»wärst du da dich täten die braunen Heiden eher bekehren als du sie« Wendelin
stutzte in diesem Worte war etwas Grosszügiges wie in der Sternschnuppe
Übrigens rührte ihn das trauliche Du mit dem er ein Juvenist der Oberklassen
von Hochwürden angeredet war
    »Du möchtest also zur Mission« fuhr der Pater fort  »solltest dir aber die
Sache nicht so reizvoll denken wie sie sich ausnimmt wenn ich erzähle Es ist
ein hartes Leben man wird in ungesunde Gegenden geschickt und an Heimweh wirst
du da erst recht leiden Sieh zu dass du in deinem Vaterlande bleibst und etwas
Rechtes wirst Du bist zu schade zum Klostermann Weshalb bist du überhaupt
darauf versessen geistlich zu werden Vorsicht Kind Noch liegt dein Schicksal
in deiner Hand Bist du erst zehn Jahre älter so bist du mönchisch verknöchert
hast nicht mehr Elastizität aus Eigenem etwas zu werden Nun sag mir auch was
ist es mit dem Werk über Tonkunst daran du schreibst Wie ich höre ist es
nicht bloß physikalisch sondern auch philosophisch Du brauchst also
philosophische Literatur wenigstens eine gute Geschichte der Philosophie Hast
du die Was weißt du zum Beispiel von den Pytagoräern Herzlich wenig Was in
unserm braven Kompendium steht Andere Bücher erlaubt Pater Direx natürlich
nicht«
    Dass Ambros so keck sprach ließ Wendelin stutzen und dann gestand er von
Pythagoras nicht mehr zu wissen als den mathematischen Satz und etliches was
über seine Zahlenmystik gemunkelt werde  zum Beispiel dass die Sternsphären
harmonisch zusammenklingen dass man diese Harmonie bloß deshalb nicht höre weil
sich unser Ohr daran gewöhnt habe  so wie der Müller das Geräusch der Mühle
überhört
    Zustimmend erinnerte Ambros an den »Faust«Vers »Die Sonne tönt nach alter
Weise in Brudersphären Wettgesang«  und fügte spöttisch hinzu »Solche
Ketzerschriften sind hier natürlich verboten Aber du musst sie lesen wenn du
was Besseres werden willst als ein Klostersimpel  Nun genug für diesmal
Jetzt wieder ins Bett Und geschlafen wird jetzt nicht gegrübelt Bloß noch
über einen Punkt steh mir Rede Wie denkst du übers Beichten Ich meine ob du
dabei nach eigenem Gewissen verfährst oder dein Gewissen hast herausoperieren
lassen aus deiner Brust und dafür den Befehl der Vorgesetzten eingeführt hast
Kennst du das Märchen von der Nachtigall die am chinesischen Hofe verdrängt
wurde durch eine mechanisch konstruierte Nachtigall Hier im Kloster ist man
auch so chinesisch hier waltet nicht Gott im Herzen sondern starre
Verordnung«
    Wendelin schwieg  er fühlte dass der Pater ihn mahne sich nicht willenlos
vom Beichtvater bestimmen zu lassen Und Ambros sprach weiter »Ich mag nicht
pfäffisch sein Ich beichte nur was zu beichten mein Gewissen mich drängt Das
andere geht den Beichtiger nichts an Zum Beispiel werde ich nicht beichten dass
ich den Wendelin Flammer abgefasst habe wie er ging die Sterne zu begucken
Diesen Verstoss gegen die Hausordnung  aus Heimweh nach den Sternen  halte ich
für keine Sünde Und wie meinst du Kind«  »Genau wie Hochwürden« sagte
Wendelin aufatmend und neigte sich zum Kusse über des Paters Hand
    Als dieser mit ihm zurück zum Kloster ging raunte er noch »Wenn unsere
heutige Begegnung unbemerkt bleibt und du Vertrauen zu mir hast so steht es dir
frei mir mal eine Probe aus deinem Werke vorzulesen Aber sei verschwiegen Hat
der Direx dein Manuskript schon gelesen Nein Das ist gut  er würde wohl auch
wenig davon verstehen Hüte dich dass er dir nicht dazwischen fährt mit seiner
Zensur Ich an deiner Stelle würde zweierlei Manuskript anlegen eins das für
ihn ist und ein heimliches Ich spreche aus Erfahrung kenne Pfaffenart«
    »Aber Hochwürden dann sind Sie eigentlich « stammelte Wendelin 
»Eigentlich« erwiderte der Pater  »ja eigentlich gehör ich anderswohin Bin
auch bloß zur Kur hier Sobald ich wieder rüstig bin geh ich heim nach Indien
 ja ich bin daheim bei Sternen die aus den Veden leuchten  die Upanischaden
tönen mir Sphärenharmonie«
 
                                 Sternschnuppe
Menschenkenner war Pater Ambros  seine Warnung vor dem Direktor erwies sich als
zutreffend Als Wendelin an seinem Werke schrieb blickte ihm plötzlich der
Direktor über die Schulter und äußerte den Wunsch das Manuskript der Arbeit zu
lesen Wendelin der den Ratschlag des Paters beherzigt hatte gab nun das
Manuskript her das er für diesen Zweck zurechtgemacht hatte Nach ein paar
Wochen brachte es der Direktor zurück und gab Wendelin auf die
rotangestrichenen Stellen umzuarbeiten sie seien nicht in Einklang mit den
Lehren der heiligen Kirche Wendelin tröstete sich damit dass die Sache leidlich
abgelaufen sei Das eigentliche Werk war dem Unratschnüffler ja verholen
geblieben Dies wollte er nun bei Pater Ambros in Sicherheit bringen
    Eine stürmische Herbstnacht wars als Wendelin unmittelbar nachdem Pater
Ambros den Schlafsaal inspiziert hatte aus seinem Bett in die Kleider schlüpfte
und ein vorbereitetes Bündel unter die Bettdecke legte  einen Schlafenden
sollte das vortäuschen Die Vorhänge die jedes Bett vom andern absperrten
begünstigten Wendelins Entfernung Im Flur fand er Pater Ambros der gewartet
hatte ob kein Zwischenfall eintrete Nun schlichen sie zur hinteren Pforte
Durch die geöffnete Tür stürzte ein Windstoß herein irgendwo im Kloster schlug
eine Tür zu Ambros fuhr zusammen legte die Hand auf den Mund und horcht Da
nichts Verdächtiges erfolgte gingen die zwei hinaus und schlossen die Pforte
Der Sturm peitschte mit Regentropfen Die Kapuze hochgezogen schritt der Mönch
durch den Garten voran hastig zum Gewächshaus Erst nahebei war zu merken dass
innen eine Laterne brannte
    Als Ambros gebückt und hinter ihm Wendelin eintrat  sie mussten etliche
Stufen abwärts weil das Gewächshaus halb in die Erde gegraben war  kauerten im
Laternenschimmer auf Strohbündeln ein paar Gestalten »Pax vobiscum« grüßte
Ambros jene murmelten »Et cum spiritu tuo« Bruder Gärtner wars und ein
Bruder von der Küche Nachdem die Ankömmlinge Platz genommen hatten wurde
zunächst eine Schnupftabaksdose herumgereicht später eine Kanne Klosterwein
    »Das hast du brav gemacht Bruder Kellermeister« rief der Gärtner fröhlich
einem Kuttenmanne zu der soeben ins Gewächshaus eingetreten war und mit einem
frostigen »Huhu« den Regen abschüttelte Die Kapuze hatte er übers Gesicht
gezogen Am Eingang verweilte er ein Gewächs betrachtend das ihn zu fesseln
schien  Ambros der aus der Weinkanne einen Zug getan hatte stöhnte
behaglich »Ha das wärmt bei dem Hundewetter und ich muss mich noch ein bisschen
ans Gute halten das es hier gibt  viel ist es ja nicht Übrigens könnte das
mein Abschiedstrunk sein«  »Oho« hieß es  »so plötzlich«
    »Ich stehe nicht dafür dass mich nicht die Ungeduld übermannt Einen Winter
halt ich nicht aus im dumpfen Pfaffenstall da  besser haust es sich jedenfalls
bei meinem Freund in Düsseldorf Hier verkommt man In der Klosterbibliotek
findet sich nichts Gescheites Geistige Anregung wie man sie nötig hat ein
freies Wort müssen wir in dieser Heimlichkeit holen wie der Dieb in der Nacht
Unserm jungen Freunde hier der ein Werk ganz aus Eignem schafft ist der Direx
dazwischengefahren wie ein Inquisitor Hast du die Manuskripte mitgebracht
Wendelin Lass schauen was der Pfaff korrigiert hat Haha mit roter Tinte Die
Handschrift ist nicht von ihm  natürlich Nicht einmal er hats geschrieben
sondern sein Faktotum der Lazaristenpater auf dessen Weisheit er schwört« In
die Blätter schauend fuhr Ambros spöttisch fort »Hört hört Von der Hölle ist
hier die Rede Unser Freund Flammer hat folgendes geschrieben Jede Dissonanz
gipfelt in ihrer Auflösung so dass die Musik als Sinnbild der ewigen Liebe
gelten darf die ja alle Dinge zum Besten kehrt Wendelin da hast du eine
selige Wahrheit erlebt Aber nun hört was der Zensor an den Rand geschrieben
hat Irrlehre steht hier dreifach unterstrichen Und weiter Das
atanasianische Symbolum spricht vom ewigen Höllenfeuer und die heiligen Väter
lehren durch Sünde werde der vollkommene Gott unendlich beleidigt hieraus nun
folgt die Ewigkeit der Hölle Da gibt es also keine Auflösung der Dissonanz Was
sollen denn auch Verdammte mit Musik«
    Hier blickte Pater Ambros seinen Zuhörern ins Gesicht grimm sich weidend an
ihrer Verblüffung Und schlug ein Hohngelächter an »Haha Klassisch Was sollen
Verdammte mit Musik fragt dieser Mann Gottes  spottet seiner selbst und weiß
nicht wie Müsste eigentlich sich selber zu den Verdammten rechnen An einen
Herrgott glaubt er ja der ganz musenlos ist den jeder Organist beschämt Kein
Organist schließt sein Stück mit einer Dissonanz er löst sie auf Aber einem
Herrgott traut dieser Pfaffe zu am Schluße seiner Schöpfung stehe ewige
Verdammnis Und so was will Christ sein Nachfolger des Bergpredigers Seine
Karikatur ist das Wollte ich meinen sanften Heiden predigen Gott der durch
seinen Sohn die Menschen ermahnt sogar den Feinden wohlzutun dieser liebe Gott
sei durch Evas Apfelbiss unendlich beleidigt und habe das Bedürfnis seine
Geschöpfe dafür dass sie nicht vollkommener aus der Hand des Schöpfers
hervorgegangen sind abzustrafen mit ewiger Folter  o Kinder Wenn ich derart
meine Mission betriebe meine braunen Inder würden mich anlächeln als ob ich
betrunken wär  und würden entgegnen Wenn du von deinem Gotte nichts Besseres
weißt wollen wir lieber nach wie vor unserem Brahma angehören Dessen Sohn
das ewige Licht so heißt es soll die ganze Welt verklären Also siegt die
Liebe nicht der Hass«
    Hingerissen war Wendelin im Innersten erschüttert von dieser Rede Eine
Dissonanzauflösung war das die seiner heiligsten Sehnsucht entsprach »Ach
Hochwürden« sagte er  »darf ich nun ein paar Worte von mir vorlesen Aus
Evangelium von der erlösenden Liebe klingen sie an Entalten sind sie nicht in
dem Geschreibsel das ich für den Direx zurechtgemacht habe sondern in diesem
Geheimmanuskript  das enthält ja meine wahre Überzeugung Und das lieber
Pater bitte ich Sie hernach an sich zu nehmen  damit es nicht ein unseliger
Zufall dem Direx in die Hände spielt«
    Das Heft in dem Wendelin nun blätterte wurde ihm auf einmal von hinten
entrissen Er glaubte der Kuttenmann habs getan den man Bruder Kellermeister
angesprochen hatte Doch das Gesicht in das Wendelin nun mit Entsetzen starrte
gehörte dem Direktor an Dem Direktor der jetzt die Kapuze abgelassen hatte und
höhnisch die verdutzte Gruppe musterte »Ihr seid mir saubere Diener Gottes
Aber euer Direx wird euch Mores lehren  wird euch zeigen wo der Zimmermann s
Loch gelassen hat in diesem Pfaffenstalle wie einer von euch ein geweihtes
Kloster zu nennen sich erfrecht Pfui über euch«
    Als wären sie gelähmt hockten Pater Ambros die Brüder und Wendelin auf dem
Stroh Dann rappelte sich Pater Ambros auf und sagte mit Festigkeit »Der
Horcher an der Wand hört seine eigne Schand Da haben Sie mal die Wahrheit
gehört«
    »Jugendverführer« schrie der Direx  »das Asylrecht missbrauchen Sie
Eingeschlichen haben Sie sich als Patient  und heimliche Zechgelage
veranstalten Sie Meine Herde hetzen Sie gegen mich  gegen die heilige Kirche
Ketzer«  »Hoho« lachte Ambros hohl  »ein kalter Wasserstrahl ist die
Wahrheit  aber gesund Sie schütteln sich wie ein nasser Pudel  das ist der
eigentliche Grund Ihrer Entrüstung«
    Weiteren Auseinandersetzungen entzog sich der Direx indem er das
Gewächshaus verließ Bruder Gärtner war aufgestanden und zuckte die Achsel nahm
den Weinkrug und trollte sich Hilfesuchend blickte Wendelin den Pater an  der
sprach »Nun halt dich tapfer Jong Und macht man dir die Hölle heiß so tu
wie ich Mein Bündel schnür ich und ziehe los Du weißt doch dass man dich
freilassen muss wenn du gehen willst Krieche nicht zu Kreuze Ich an deiner
Stelle würde mein Talent nicht im Kloster vergraben Studiere lieber was
Exaktes Mensch Bitte deine Verwandten dass sie die Hand dazu reichen Und
sollten sie dich verlassen so begib dich nach Düsseldorf zum Doktor Habermann 
das ist mein Freund und dahin geh ich morgen Leb wohl Jong« 
Aufschluchzend beugte sich Wendelin über des Paters Hand dieser sah ihn
schmerzlich an und schlug das Kreuz
    Die nächsten Monate waren für Wendelin harte Zeit Dass er nicht gleich dem
Pater Ambros gefolgt war erklärt sich aus seiner Erwägung ob es nicht klüger
sei bis Ostern auszuharren weil dann das Reifezeugnis für die oberste Klasse
zu gewärtigen sei In dessen Besitze konnte man zur Oberprima eines weltlichen
Gymnasiums übergehen und ein Jahr darauf das Abiturium machen An den Onkel
Kaplan hatte Wendelin geschrieben und alles gebeichtet Die Antwort war eine
dröhnende Moralpauke nebst der Drohung er werde seine Hand von ihm abziehen
wenn Wendelin aus dem Kloster entweiche und die Welt habe nur Verachtung für
einen verdorbenen Klostermann
    Sprachen nun diese Gründe für sein Verbleiben im Kloster so schrie sein
Herz oft genug Es ist unerträglich Aus den Bussen zwar die ihm auferlegt
waren machte er sich wenig  aber die pfäffische Gesinnung die jetzt
unverfroren hervortrat war widerlich Der Direx wollte ihn zum Kadavergehorsam
drillen  die übrigen Lehrer behandelten ihn als räudiges Schaf  die Juvenisten
waren Duckmäuser die sich bei den Oberen lieb Kind machen wollten indem sie
Wendelin verachteten und quälten
    In Form der »offenen Beichte« die für verdienstvoll galt war Angeberei
organisiert und sie durchseuchte das ganze Klosterleben Obwohl es den
Juvenisten streng verboten war Briefe nach außen zu richten die nicht des
Direx Genehmigung gefunden hatten ließ sich Wendelin durch einen Laienbruder
verleiten ihm ein Schreiben an Pater Ambros anzuvertrauen Es wurde nicht der
Post übergeben sondern dem Direktor Weil nun darin geklagt war das
beschlagnahmte Manuskript werde ihm vorenthalten wurde Wendelin vor den Pater
Direktor zitiert und dieser erklärte patzig Das Manuskript sei längst im
Schornstein besser seis die Schrift brenne als der Verfasser Übrigens
solle sich Wendelin nicht einbilden versetzt zu werden  ihm fehle die
sittliche Reife
    Jetzt hielt Wendelin seine Empörung nicht zurück und verlangte sofort aus
dem Kloster entlassen zu werden »Ja in Form einer Relegation sind Sie
entlassen« schnauzte der Direx  und dabei blieb es
 
                                 Der arme Eros
Vom Rate des Paters Ambros nach Düsseldorf zu kommen machte Wendelin Gebrauch
und fand den Doktor Habermann Ambros aber war nach HolländischIndien
abgereist Habermann ein früherer Kaplan der sich zum Altkatolizismus bekehrt
hatte beherbergte unseren Flüchtling und verschafte ihm eine Hauslehrerstelle
bei einer begüterten Witwe die einen achtjährigen Knaben und ein kleineres
Mädchen zu erziehen hatte
    Hier war Wendelin auf einmal wie im Himmel Die Kinder waren lieb und
KleinKatrinche die ihr verstorbenes Väterchen vermisste schloss sich zärtlich
an Wendelin an Von Frau Senftenberg wurde Wendelin mit einem Respekt behandelt
als ob er nicht erst neunzehnjährig wäre Das machte sein ernstes vergeistigtes
Wesen Übrigens war Frau Senftenberg anschmiegsam an ein Rankengewächs
gemahnend dem die Stütze fehlt Sie sah es gern dass Wendelin mit dem Knaben
Ausflüge machte und im Dämmerstündchen schöne Geschichten für KleinKatrinche
wusste Da ihr Mann ein nüchterner Fabrikant gewesen war ging ihr im Verkehr mit
Wendelin eine neue schöne Welt auf Nun hätschelte sie den Jüngling kaufte ihm
geschmackvolle Kleidung stattete sein Zimmer gemütlich aus mietete ein
Harmonium und war dankbar wenn sie unter seiner Leitung darauf üben durfte Auf
Konzert und Theater abonnierte sie für Wendelin  doch es war auffällig dass sie
niemals in seiner Gesellschaft hinging  offenbar um dem Gerede der Leute keinen
Stoff zu geben Wie Wendelin über diese Dinge nachsann kam ihm der Gedanke ob
es nicht möglich wäre der sanften blonden Frau so nahe zu kommen wie ihm seine
zärtliche Träumerei vorgaukelte Ob sie nicht vielleicht doch wagen würde ihn
zu heiraten Sie war allerdings zehn Jahre älter als er und  was ihn besonders
demütigte  ein grüner Junge war er nicht einmal für seinen Beruf vorbereitet
    Nun beriet er sich mit Frau Senftenberg über seine weitere Ausbildung und
gestand das Jahr bei ihr sei ihm wie ein Himmel gewesen aber gerade dadurch
nachteilig für seine wissenschaftliche Ausbildung Die habe er vernachlässigt
und das bekümmere ihn Je lieber er hier weile desto heißer wünsche er etwas
Rechtes zu werden
    Frau Senftenberg war zunächst bestürzt meinte aber In ihrem Hause brauche
er nichts anderes zu sein als er eben sei Wenn er aber wolle dürfe er aufs
Gymnasium gehen  sie sei schon zufrieden wenn sie ihn zuweilen nachmittags bei
den Kindern habe In stürmischer Dankbarkeit griff Wendelin nach ihrer Hand und
wagte seine Lippen darauf zu drücken
    Seit er ein Ziel hatte arbeitete er planmässig fürs Abiturium Es kam ihm
vor als behandle ihn die schöne Frau nun erst recht mit Zurückhaltung Seine
dunkel treibende Hoffnung loderte auf als sie einmal sagte Er brauche
eigentlich kein Abiturium bei ihr könne er ja Privatgelehrter sein Dies
einfältige doch zärtlich andeutende Wort machte ihn verwirrt  einsilbig war
er in sich gekehrt Frau Senftenberg schien zu stutzen und zog sich auf ihr
Zimmer zurück
    Es war nicht möglich dass zwei jugendfrische liebebedürftige Menschen so
nahe beieinander wohnen konnten ohne sinnliche Sehnsucht füreinander zu
empfinden Dass sie zurückhaltend blieben lag nur an Bedenken des Verstandes an
Rücksichten auf die Satzungen der Welt Die innere Zerrissenheit an der
Wendelin litt musste sich nun irgendwie rächen Es geschah in einer Form die in
hundert ähnlichen Fällen harmlos bleibt diesmal jedoch verhängnisvoll wurde
    Wendelin hatte nach dem Abendessen mit Frau Senftenberg Harmonium gespielt
und sich von ihrer Nähe wie von den Klangwogen in Zärtlichkeit wiegen lassen
Doch plötzlich wurde sie kühl und verabschiedete sich für den Rest des Abends
Einsam saß Wendelin auf seinem Zimmer verdrossen den Kopf in die Hand gestützt
Da regte es sich hinter ihm  es kam ihm vor Frau Senftenberg sei
hereingeschlüpft
    Aber nur das Stubenmädchen wars das noch etwas in Ordnung zu bringen
hatte Seinen fragenden Blick erwiderte sie mit schelmischem Schmollen »Ach Sie
Stuwehocker Worüm sinn Se denn nit emol e bissche flott« Sie war ein zierliches
Schlänglein  erst seit ein paar Wochen hier in Stellung hatte sie für Wendelin
wiederholt ein Lächeln gehabt als wolle sie ihn ermuntern Um so leichter ließ
er sich jetzt überrumpeln Sein Blut war erhitzt durch Frau Senftenberg die
reizte ohne zu erfüllen Er war wie ein Sommertag der zum Gewitter drängt
    Beklommen blickte er auf die niedliche Minna die verheissend lächelte Und
er stammelte »Flott soll ich Wie denn«
    Sie dehnte sich »J  a Wat man so  flott nennt E bissche durchbrenne
Heut spielt dr Millowitsch Hännesche«  »Waas Wer«  »Awwer Herr Flammer
Kennt Ihr nits Hännesche Dats ooch jut« Und Minna lachte ihn aus Vom
weltberühmten Kölner Puppenteater wusste er nichts  von Millowitsch der damit
in Düsseldorf gastierte »Ech lad Sie ein« meinte sie schelmisch  »heut führe
Sie mich zu Millowitsch In ner halwe Stond  wenn Frau Senftenberch zu Bett
jejangen is Abjemacht«  Wendelin konnte nicht Nein sagen  übrigens verlangte
seine überspannte Natur nach Zerstreuung
    Minna erwartete ihn an der Straßenecke Sie hatte sich sein gemacht war
kaum wiederzuerkennen Er benahm sich linkisch und wortkarg Als sie in die
kleinbürgerliche Kneipe traten wo das Puppenteater gastierte in den
verqualmten Saal und als die Ausgelassenheit niederrheinischen Volkes eine
johlende Witzelei in befremdender Mundart ihn umschwirrte wars ihm schon
leid dass er sich auf diesen Abweg begeben hatte Das Puppenteater hatte den
derben Titel »Das dreieckige Verhältnis« War von einer kindischen
Harmlosigkeit Hännesche der rheinische Faxenmacher hat einen Freund »Tünnes«
 das ist einer der immer möchte aber nie dazu gelangt Seiner »Alten«
überdrüssig unternimmt er eine Extratour mit einer Tänzerin Gerade will er sie
abküssen da schneit die Alte herein ins gemietete Gastauszimmer Der flinke
und schlaue Hännesche rettet die Situation indem er die Decke vom Tisch reißt
und wie einen Vorhang vor die leichtfertige Schöne breitet »Nu hürens is dat
nu Baumwoll  oder Seide« Diese einfältige Schlaubergerei entfesselte einen
Sturm von Beifall Das Beste an der Puppenkomödie war das Zusammenwirken des
Publikums mit den Darstellern Immerfort rief man übermütige Bemerkungen in das
Spiel hinein und schlagfertig antwortete Hännesche Eine dieser witzigen
Improvisationen war der Höhepunkt des Abends und mit wieherndem Gelächter
verließen die Stammgäste das Lokal
    Auch Wendelin und Minna gingen  sie selig aufgekratzt er von der
ungewohnten Nähe und Vertraulichkeit eines hübschen Mädels verwirrt Noch zu
ermuntern wusste sie ihn durch eine Flasche Wein in einem Lokal für Liebende Um
Mitternacht wandelte das Pärchen Arm in Arm über die Promenade und hier kam es
zu einer Küsserei der allerersten in Wendelins Leben
    Als die beiden ins Haus geschlichen waren standen sie auf Wendelins Zimmer
einander gegenüber »Un jetzt deust do mich aaf  jetzt fall ich no owe jon in
mien kaal Stuf wo de blecke Dachbalke mir ming Eynsamkeit opzeije Oder nit«
Dies Evawort entschied  der schwankende Adam fühlte sich hingerissen  und so
kams dass er sein Paradies verlor
    Frau Senftenberg zufällig in aller Frühe aufgestanden entdeckte Minnas
Nachtschwärmerei und den Zusammenhang der Dinge Wendelin der in einer so
heiklen Lage ganz unerfahren war verlor den Kopf und verließ sofort das Haus
    Doktor Habermann dem er beichtete kraute sich den Schädel  wusste aber
keinen anderen Rat als dass der Sünder eben versuchen müsse sich irgendwie
durch die dornige Welt zu schlagen So kam Wendelin nach Berlin  fand hier
Stellung an einer Einjährigenpresse dann als Korrektor eines Verlags für
wissenschaftliche Werke
                                       
    Nachdem Hainlin diese Geschichte vernommen hatte schwieg er lange Und nach
einem tiefen Seufzer murrte er
    »Wie der Ochs am Berg steht unsere Zivilisation vor der Aufgabe das
Verhältnis der Geschlechter gesund schön weise zu gestalten Weil man sich
keinen Rat weiß steckt man wie der Vogel Strauss den Kopf in den Sand und lässt
die Dinge laufen Unser armer Wendelin ist ein Opfer solcher Misswirtschaft Zur
Scheu vor dem Weibe hat man ihn förmlich gedrillt Da war der Kaplan  mit dem
pharisäischen Hinweis auf die Mutter die sich durch uneheliche Kinder
versündikt hab Da war verängstigend das Beispiel Pias und Ulis Endlich die
klösterliche Duckmäuserei Wie nun Wendelin ins Freie kommt haust er bei einer
schönen Frau die ihn hätschelt Zwei blühende Menschen für einander
geschaffen leben familienhaft zusammen über ein Jahr  aber ihr Schmachten für
einander wagt sich nicht hervor Natürlich wirkt die flotte Minna hinreißend so
betäubt Wendelin seine ungestillte Sehnsucht durch ein Surrogat Und schließlich
taumelt er in die Arme der Berliner Kellnerin  Woher nun dieser Unsinn
Schäbige Interessen und soziale Grillen beherrschen die Herzen  die Meinung von
Hinz und Kunz gilt etwas  Eros der Genius der Gattung wird misshandelt und ins
Elend verstoßen In den Schulen wird Plato gebüffelt sein heiliger Geist aber
gelästert An Helenas Gewand tüfteln die Pädagogen wie Flickschneider  von der
Göttin haben sie keine Ahnung«
                                       
    Nach dieser Aussprache mit dem Musikstudenten vergingen fast zwei Jahre
ohne dass Hainlin irgend etwas über Wendelin erfuhr Der Musikstudent war
ausgezogen ein an ihn gerichteter Brief kam als unbestellbar zurück Der Zufall
fügte dass Hainlin als er einen Konzertsaal verließ den Musikstudenten traf
Und der sagte
    »Ich wollte Sie dieser Tage aufsuchen  habe Nachricht über Flammer 
äußerst traurige Er ist im Irrenhause«  Sprachlos starrte Hainlin den andern
an  dieser zuckte die Achsel und seufzte
    Wendelin Flammer hatte vor Wochen aus Basel geschrieben als Hörer der
Universität studiere er Mathematik und stehe im Begriff eine Entdeckung
abzuschließen die nichts Geringeres bedeute als eine neue Epoche der
Welterkenntnis  es sei die Vernullung der Unendlichkeit Seine Gemütsverfassung
sei die eines Märtyrers Er leide an Gehirnfeuerwerk verzehre sich im Leuchten
gleich einer Kerze  wie das eigentlich schon sein Name andeute er sei ein
Flammender  und sei bald ausgebrannt
    Weil diese Schreibweise krankhaft erschien richtete der Musikstudent eine
Anfrage an Frau Chevalier wo Wendelin zur Miete wohnte Die Antwort lautete
Herr Flammer sei ein guter Mensch zerrütte aber seine Nerven durch Überarbeit
und verschrobene Lebensweise Die Nacht durch werde studiert vormittags die
Universität besucht mittags geschlafen Neulich habe sich ein Polizist
erkundigt was für ein Mensch der Flammer sei Dann habe man ihn in Gewahrsam
nehmen müssen weil er auf belebter Straße vor einer Schauspielerin
schwärmerisch aufs Knie gefallen sei Und des weitern habe er sich auffällig
gemacht durch das ZeitungsInserat »Matematiker Zahlenmystiker sucht
Aufenthalt in einem Kloster wo man ihn ungeschoren lässt«
    »Ein Anfall von Tobsucht«  so schrieb Frau Chevalier  »ließ es geboten
erscheinen den armen Menschen in eine Irrenanstalt zu überführen Um ihn
gefügig zu machen redeten wir ihm vor auf sein Inserat habe sich ein Kloster
gemeldet Nebst einem Wärter begleitete ihn mein Mann nach Zürich und hinauf zum
Burghölzli Die Aussicht auf den Seee und die fernen Gletscher entzückten den
Irren dass er singend in die Anstalt einzog Er hielt sie für das erwünschte
Kloster ließ sich auch nicht warnen durch herausschallendes Gekreisch eines
Wahnsinnigen Als die eiserne Gittertür hinter ihm klirrend ins Schloss fiel
zuckte er zusammen und wandte sich um Meinem Mann ist unvergesslich sein
bestürzter Blick  dann hatten ihn zwei Wärter an den Armen gefasst und führten
ihn ab«
 
                                    Genossen
Burdinskis Rede in der aufgelösten Versammlung sollte nicht ohne Folgen bleiben
Er war zum »Molkenmarkt« geladen wie man die Berliner Polizei wegen ihres
damaligen Standortes nannte Hainlin dem er sofort Mitteilung gemacht hatte
begab sich zum Studenten Neumann der ja als Entlastungszeuge dienen wollte
    Neumann wohnte bei seiner Schwester einer Frau Goldberg  und zufällig
öffnete sie als Hainlin die Wohnungsklingel gezogen hatte Eine blasse
dunkelhaarige zur Üppigkeit neigende Frau in einer burgunderroten Haustracht
Die langwimprigen grauen Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck Dann
lächelte sie gewinnend »Ja mein Bruder ist zu Haus Bitte«
    Hainlin trat in den gutbürgerlichen Salon wo ein Flügel stand Der nun
erscheinende Neumann begrüßte ihn herzlich und widmete dem Falle Burdinski
lebhaftes Interesse Bat sich nähere Auskunft über Burdinski aus und sagte »Ein
genialer Kerl Übrigens scheint er nicht mal Sozialdemokrat zu sein  ist wohl
mehr religiöser Schwärmer so was wie Mystiker wie«
    »Er glaubt dass die Menschheit nicht durch äußere Reform gebessert wird
sondern durch Revolution der Gesinnung«  »Verstehe Aber erlauben Sie mir
einen Rat Herr Hainlin Vor allem drücken Sie sich von der Zeugenaussage bis
die meinige gemacht ist Ich möchte dem Gang der Untersuchung eine ganz
bestimmte Richtung geben Diesen Plan dürfen Sie mir nicht verderben Also
Vorsicht Dass Sie nicht zu ehrlich sind Wenn Sie auf der Polizei die
Anschauungen Ihres Freundes schildern brauchen Sie lieber nicht die Worte die
Sie eben gesagt haben Wenigstens nicht genau so Sondern vertauschen Sie lieber
die Worte Reform und Revolution Sagen Sie also Burdinski glaubt dass die
Menschheit nicht durch äußere Revolution gebessert wird sondern durch Reform
der Gesinnung Das ist diplomatisch  der Ton macht die Musik  und Sie können
sich denken dass die Polizei misstrauisch aufhorcht wenn man irgend was
Revolutionäres gelten lässt«
    Neumanns Berechnung erwies sich als zutreffend Seinem Rate gemäß ließ ihm
Hainlin den Vortritt Wie er nun selber auf der Polizei war ersah er gleich aus
den Fragen die der vernehmende Beamte stellte wie günstig Neumann
vorgearbeitet hatte Da sich die Auffassung des Polizeileutnants der eine
BismarckBeleidigung konstruiert hatte durch die anderen Zeugen widerlegen
ließ erklärte ihm der untersuchende Beamte schließlich »Diesmal kommen Sie
noch mit einem blauen Auge davon  nur merken Sie sich Der Knüppel liegt beim
Hund«
    Immerhin griff dieser Fall bestimmend in Burdinskis Schicksal ein Der
Schuhfabrikant bei dem er arbeitete entließ ihn  mit der Begründung ein
Arbeiter der unter Polizeiaussicht stehe mache dem Geschäft Ungelegenheiten
Dass er beobachtet werde merkte Burdinski an Gestalten die ihm auflauerten und
verstohlen folgten Es waren kräftige Männer anscheinend ehemalige
Unteroffiziere und auf sie passte was ein Bekannter Burdinskis der Buchdrucker
Glaser von den Polizisten in Zivil behauptete An ihren Stiefeln lassen sie
sich erkennen  diese seien militärisch blank und seien plumpe Kommissstiefel
wie sie eben zum Dienst geliefert werden  deshalb habe solch ein Spitzel was
mit dem Pfau gemeinsam er werde verlegen wenn man ihm scharf auf die Füße
sehe
    »Menschenskind«  sagte Glaser zu Burdinski  »willst du jetzt ne seine
Stelle haben so komm mit zu Frau Klein Die hat n Schusterkeller in der
Linienstrasse  ihr Mann juter Jenosse is ausjewiesen  nu führt sie det
Jeschäft mit ihren ollen Jesellen Der aber will jetzt nach Dresden Also nimm
du die Stelle Mensch«
    Burdinski ging mit Glaser hin Die dunkle Kellerwerkstatt war elend aber
Frau Klein eine zierliche Blondine hatte etwas Rührendes und wusste darzulegen
dass sich aus dem Geschäft etwas machen lasse Sinnend sah Burdinski Frau Klein
an treuherzig erwiderte sie den Blick und er beschloss den Versuch zu wagen
    Von Glaser der mit dem Schuster Klein freundschaftlich verkehrt hatte
erfuhr er Näheres über dessen Ausweisung Vorigen Sommer hatten zehn
Sozialdemokraten Führer des geheimen Zentralkomitees von der Polizei den
Befehl erhalten innerhalb dreier Tage die Stadt zu verlassen Am Anhalter
Bahnhof wo die Abreise erfolgen sollte waren nicht bloß ihre Frauen und Kinder
zum Abschied erschienen sondern auch ein paar hundert Genossen geschmückt mit
rotem Schlips und roter Nelke Unter Händeschütteln wurden Herzensworte
gewechselt und Liebesgaben überreicht  die Ausgewiesenen dankten bewegt und
mahnten zum Ausharren für die gerechte Sache der Arbeiter Das geschah in den
Wartesälen vierter und dritter Klasse die natürlich reichlich besetzt waren
Ein paar Anwesende mit roten Abzeichen hatten sich durch Horchen oder durch
aufreizende Redensarten in den Verdacht gebracht »Achtgroschenjungen« zu sein
billig bezahlte Spitzel
    Plötzlich erscholl das Kommando eines behelmten Polizeileutnants »Ich
fordere die Anwesenden auf sofort die Wartesäle zu verlassen« Alles
verstummte dann ging Murren los
    »Na nu Sachte Will erst mein Bier austrinken Kellner zahlen« Doch schon
begannen die Schutzleute ihre Arbeit Sie packten und pufften »Wirds bald
Raus« Kein Wunder dass Widersetzlichkeiten vorkamen »Nich anfassen Wat
erlauben Sie sich Kommisslümmel« Eine Weiberstimme kreischte Säbel blitzten
mit geschwungenen Gummischläuchen trieben die Schutzleute die Menge vor sich
her Die Frau eines Ausgewiesenen die mit ihrem Manne noch Abschiedsworte
wechseln wollte wurde an den Haaren herausgeschleift Männer wurden geschlagen
und am Kragen weggeschleppt
    Aber die Menge ließ sich nicht beseitigen  sie wimmelte durch die
Bahnhofshalle drängte auf den Bahnsteig wo der Zug bereitstand  ein paar
hundert Fahrkarten waren gelöst von solchen die den Ausgewiesenen noch Geleit
bis Luckenwalde geben wollten Bei der Überfüllung des Zuges mussten die
Bahnbeamten Wagen anhängen So entstand Aufenthalt neue Gelegenheit für viele
ihre Herzlichkeit auszudrücken sowie ihre Entrüstung Fortwährend erfolgten
Verhaftungen sie bedeuteten weitere Ausweisungen
    Als der Zug in Bewegung kam und die Menge mit den Abfahrenden die aus den
Fenstern winkten letzte Grüße tauschte erscholl die Melodie »Heil dir im
Siegerkranz«  die gesungenen Worte aber lauteten bloß »Nicht Ross nicht
Reisige sichern die steile Höh wo Fürsten stehen«
    Das Nachspiel war ein Prozess der zu Ausweisungen führte und zu bitteren
Gefängnisstrafen Jene Frau die den Abschied von ihrem Manne nicht dem Kommando
entsprechend genommen hatte erhielt vier Monate Gefängnis Um zur Roheit noch
die Gemeinheit zu gesellen boten Polizisten den Ausgewiesenen Geld für
Verräterei an Mancher Arbeiter wurde aus Angst vor drohender Ausweisung ein
Spitzel
    Dieser Bericht den Glaser gab war geeignet Burdinskis Hilfsbereitschaft
noch anzuspornen Nun er eine sittliche Aufgabe fühlte arbeitete er freudig
obwohl der Schusterkeller ein trüber Aufenthaltsort war Sonnenschein brachten
ihm Frau Kleins Kinder der fünfjährige Fritz und das jüngere Mariechen Ihr
Geplauder war ihm traulich wenn er seinen Pechdraht zog oder auf die Sohlen
hämmerte Ein Übriges taten das schnurrende Kätzchen und der Kanarienvogel der
bei Geranienblüten am Fenster schmetterte
    Frau Klein die mit dem Haushalt mit Austragen oder Holen von Stiefeln und
sonstiger Kundenbedienung zu tun hatte sprach gern mit Burdinski nach dem
Abendessen Ihr Mann erzählte sie sei anfangs nach Luckenwalde gegangen aber
durch Nachfragen der Polizei um seine Stelle gebracht Sei dann in Leipzig von
neuer Ausweisung betroffen desgleichen in Hamburg Endlich in Stellung auf
einem Überseedampfer mache er allerlei Lederarbeiten Für seine angegriffene
Lunge sei die Seeluft gut  neulich habe er hundert Mark für die Sparkasse
geschickt Es sei bloß traurig dass er gar nicht wiederkommen dürfe nicht mal
zum Besuch Ihm aufs Schiff zu folgen sei wegen der Kinder nicht angängig
    Die kleine Hausgemeinschaft zu der noch der Lehrjunge Maxe gekommen war
lebte in musterhafter Ordnung und das Einkommen besserte sich derart dass Olga
Klein die als Frau eines Ausgewiesenen von der heimlichen Parteiorganisation
eine Unterstützung von dreizehn Mark wöchentlich erhielt sich mit neun begnügen
wollte
    Sonntags ging Burdinski mit Frau Klein aus und die Kinder wurden
mitgeschleppt Selten freilich kam man weiter als bis zum Pappelplatz einem
Anger wo alltags die Soldaten übten Fritz und Mariechen wühlten dann im Sand
und Burdinski las der strickenden Frau aus einem Buche vor Es geschah auch dass
sie ein kleines Gartenlokal der Schönhauser Allee aufsuchten zu dem die
Inschrift einlud »Hier können Familien Kaffee kochen« Das braune Pulver das
Frau Klein nebst Zucker mitgebracht hatte wurde für ein paar Nickel aufgebrüht
und angeregt vom duftigen Getränk hatte man eine behagliche Stunde zwischen
grünem Gesträuch
    Auch Hainlin war ein paarmal dabei  in seinen Aufzeichnungen ist ein
Ausflug zum Schützenhaus beschrieben Glaser hatte dazu eingeladen  feiern
wollte er dass er sich als Geschäftsmann etabliert hatte Ein kleiner Kapitalist
namens Ahlert hatte eine Druckerei gekauft und Glaser zum Kompagnon genommen
Dieser war nicht bloß ein tüchtiger Werkführer sondern hatte auch Ersparnisse
Neben dem Schützenhaus hatte ein Genosse namens Patzke einen gepachteten Acker
und da sollte Erntefest sein
    Nachdem nun die Männer im Schützenhaus Kegel geschoben die Frauen Kaffee
gekocht die Kinder sich getummelt hatten gings hinüber in Patzkes Laube wo
ein Achtel Bier aufgelegt war und Papierlampen ihr buntes Licht in die
Abenddämmerung streuten Patzke der sich Rechtskonsulent nannte erzählte
prahlerisch von schlauen Ratschlägen die er prozessierenden Genossen gegeben
habe Und wandte sich an Glaser »Weesste Fritze dein Ahlert hätte mich zum
Kompagnon nehmen sollen
    Ei waih würden wir Jeschäfte machen Spaß beiseite So eener als wie icke
der fehlt eich Eenen Koofmich müsst ihr haben der Koofmich is heitzutage die
Seele vont Janze Aufträje würd ick eich beschaffen Vabindungen ha ick 
Menschenskind Ick jeh morjen zu Ahlerten«  »Nu hört aber uff mits
Jeschäft« sagte ein Genosse  »Ilaser soll seine Jedichte vorlesen Er hat
welche mit  seine Sachen  zum Quietschen ulkig« Glaser lächelte rückte dann
heraus mit Spottversen auf Bismarck Stöcker und andere Zeitgenossen
    Vom Beifall den dies Talent fand fühlte sich Patzke angespornt auch
seinerseits zu glänzen Er gefiel sich in der Rolle des lustigen Schwerenöters
brachte die Männer durch Berliner Redensarten zum Lachen und schäkerte mit den
Weibern Für Frau Klein hatte er besondere Aufmerksamkeit  seinen gepflegten
Schnurrbart streichend nannte er sie »Schöne Frau« Er benahm sich als ob er
Unteroffizier dann Koupletsänger gewesen wäre Glänzte mit komischen Versen
die er halb singend im Kehlkopfbass deklamierte
»War wohl wer in der Welt so frech
Als der Bürgermeister Tschech 
Selbst die brave Landesmutter
Schoss er durch das Unterfutter«
    Dies Attentat auf eine königliche Equipage gab Anlass zu Bemerkungen über
Hödel und Nobiling Patzke rühmte sich bei einem Arbeiterfeste die Ballade von
den zwei Grenadieren so vorgetragen zu haben dass es nicht heißt »Mein Kaiser
mein Kaiser gefangen« sondern »Mein Kaiser mein Kaiser muss hangen«
    Grimmes Gelächter  Patzke ließ sich bestaunen wegen seiner Waghalsigkeit
Und dann sang man Lieder aus einem verbotenen Buche Nach französischer
Operettenmelodie
»Wir sind die Petrolöre
Das sieht uns jeder an
Drum tun wir alle Ehre
Dem Petroleum an
Und weil es schön zu brennen ist
Und uns viel Licht verschafft
So sei Petrol zu dieser Frist
Des Armen Lebenssaft
Hie Petroleum da Petroleum
Hei Petroleum um und um
Lasst die Humpen Frisch vollpumpen
Dreimal hoch Petroleum«
    Frau Klein hatte ihre Kinder zum Aufbruch gerüstet Burdinski nahm Mariechen
auf den Arm Glaser wollte den Knaben tragen  Hainlin atmete auf die
Gesellschaft war ihm peinlich Mit kühlem Gruß verabschiedete man sich und ging
schweigsam die vom Mond beleuchtete Landstraße
    Glaser begann »Weesste Burdinski woran mir Patzke erinnert An det
Sprichwort Trau schau wem Mancher der so ne Lippe riskiert is n Fauler«
    Burdinski überlegte ehe er antwortete »Du mäinst ein Polizeispitzel Wer
wäiss Schlimm is jedenfalls dass sich der Arbäiter beäinflussen lässt von so nem
jrossmauligen Radikalinski Überhaupt bejäistert sich der Proletar für alles
was ihm radikal vorkommt  darunter versteht er was die Kampfläidenschaft
anstachelt«  Glaser schwankte ehe er antwortete »Von Hetzern wie Patzke will
k nischt wissen Aber  radikale Kampfhähne brauchen wir Arbeeter  weil wir
ebent im Kampfe stehen  im Klassen kampfe«
    »Die äine Klasse wollt ihr mobil machen jejen die andere Hass jejen Hass 
Jewalt jejen Jewalt Un so wollt ihr Jewalt un Hass besäitigen«
    »Wat sollen wir sonst machen«  »Was sonst Bloß äine Macht bringt uns
vorwärts Verstandnis für äinander Mitjefühl Hinäinleben muss man sich in die
Natur in die andern Jeschöpfe so mäinens die alten Inder wenn sie sagen
Alles bist du Un dasselbe mäint der Barchpredijer Liebe däinen Nächsten wie
dich salbst«
    »Dann wären wir also«  spottete Glaser  »jlücklich wieder bei die olle
Kirche anjelangt bei Stöckern un Konsorten«  »Näin« erklärte Burdinski 
»die Kirche wie wir sie haben is was andres Die Kirche is läider auch ne
politische Orjanisation  Staatskirchentum is ne Art Klassenkampf  Ejoismus
Jewalt  den Teufel soll man nich mit Beelzebub austreiben wollen  bloß das
ewije Licht kann uns helfen Erst wenn der Sozialismus nichts will als das ewije
Licht erst dann is er echt«
    »Mensch was du da redest is wat für Schillern un Joeten aber nich für
unsern Arbeeter«  »Kann säin« seufzte Burdinski  »un das is die schlimmste
Not der Arbäiter dass ihnen so was zu hoch vorkommt Mehr aus Materialle denken
se Den Läib möchten se pflejen wie die Bourgeois  un beherzijen nich dass der
schlimmste Mangel ihrer Klasse der jäistige is Du saachst höheres Menschentum
wäre bloß was für Schiller un Joete Das is eben das Traurige die Kluft
zwischen dem Massenmanschen un den anderen die bäi Schiller un Joete stehen
Brücken über die Kluft soll man bauen«  »Ja Brücken bauen« meinte Glaser
bitter  »bau du mal Brücken unterm Sozialistenjesetz Deine Schwärmerei fürs
Jeistige will ick jewiss nich stören  aber vereinzelte Uffjeklärte wie du
erreichen nischt Dazu brauchen wir Orjanisation Klassenkampf Sonst knüppelt
die Pollezei die janze Freiheitsbewejung nieder Un denn is all der scheene
Jeist futsch den Joete un Schiller Lassalle un Marx leuchten lassen  un uff
deine Kultur prätzelt sich der Jeldsack ruff un erstickt se«
 
                                    Spitzel
Wie eine stille Wasserfläche die das Uferschilf und den Himmel spiegelt
aufgewühlt wird wenn ein Hund hineintappt so wurde Burdinskis Beschaulichkeit
plötzlich gestört Eines Sonntags während er zum Besuch bei Hainlin war
erschien im Schusterkeller eine verschleierte Dame Erst redete sie von
Stiefeln Dann begann sie »Und wie geht es Ihrem Manne Er is ja woll in
London Nich Schade Wenn er in London wäre hätt ich lohnende Arbeit für ihn
Mein Mann is nämlich Journalist un hätte gern schriftliche Berichte über
Arbeiterbewegung un Politik Stilisiert brauchen se nich zu sein das besorcht
mein Mann hinterher Es genügt wenn angegeben wird welches die Führer sind 
ich meine auch so Genossen wo ne kleine Rolle spielen Un was man so denkt und
treibt in den Bezirken Bloß Materialien braucht mein Mann  die verarbeitet er
für Zeitungen Die Sache wird nich schlecht bezahlt  un Ihr Mann würde sein
Teil abbekommen  son Stücker dreißig vierzig Emmchen für nen ordentlichen
Bericht Was meinen Sie Und wenn Sie selber Frau Klein solche Berichte
machten Auch mündlich könnten Sie se mir geben«
    Erstarrt hatte Frau Klein zugehört »Ich Wa  was soll ich«  »Aber warum
denn nich Sie werden das schon machen Und ein Stück Geld verdienen Bloß vor
Burdinskin müssen Sie reinen Mund halten Vorläufig wenigstens  solange wir
seiner nich sicher sind Später wenn wir ihn bekehrt haben kann er selber
Berichte schreiben Das wäre ein Mitarbeiter für meinen Mann Dann wird es Ihnen
gut gehen Wir richten Ihnen ne Stehbierhalle ein  da können die Genossen
verkehren un was Sie Interessantes hören wird notiert für meinen Mann Na
sehen Se so hätten Sie n feines Leben  und wenn Se wollen geb ich Ihnen ne
kleine Anzahlung«
    Nun hielt sich Frau Klein nicht länger »Was Sie wollen mich zum Judas
machen Raus Auf der Stelle raus Die Stiebel schmeisse ich Ihnen ins Jesichte
Sie Jiftschlange«  »Aber Frau Klein Was erlauben Sie sich Sie haben es
wies scheint noch nich nötig Na warten Se man Aus der Hand fressen Se uns
noch« Und naserümpfend machte sich die Dame fort
    In wilder Erregung war Frau Klein als sie dem heimgekehrten Burdinski
berichtete Bleich stand er da seine Lippen bebten Glaser der nach Tische kam
und die Geschichte hörte lachte bitter »Da hast dus Burdinski In dein
Wolkenkuckucksheim steckst du den Kopp  un wenn hier unten Jiftnattern
schleichen so saachst du Kinder keenen Kampf keene Jewalt Bloß das ewije
Licht kann uns helfen Proste Mahlzeit du Schwärmer«  Burdinski nagte an der
Unterlippe
    Es sollte aber noch ärger kommen Nachdem der Schusterkeller wie zu merken
war ein paar Wochen von Aufpassern umlauert worden war erschien ein
Wachtmeister mit zwei Schutzleuten Haussuchung wollten sie veranstalten nach
verbotenen Schriften »Rücken Se man raus damit Wir wissen ja doch dass Sie die
Londoner Freiheit vertreiben  ja Sie Burdinski Tun Se nich so unschuldig
Sie sind von die Mostsche Sorte Der lässt sein Blatt von Hamburch aus an hiesige
Vertrauensleute schicken Heute sind hier Exemplare einjetroffen  heraus
damit«
    Burdinski zuckte die Achseln Frau Klein leugnete  zornbebend berichtete
sie dann die Geschichte von der verschleierten Dame Der Wachtmeister sah sie
groß an und schwieg Alle Winkel ließ er durchwühlen Schränke und Kästen Küche
und Betten sogar die Stiefel die zur Reparatur lagen Schließlich erklärte er
zur Leibesvisitation schreiten zu müssen »Wir wissen hier ist heute ein Brief
aus Hamburg abgegeben  wo ist er Wo«  »Ein Brief« antwortete Frau Klein
»Wenns weiter nichts ist Das hätten Sie eher sagen können dann wäre die ganze
Kramerei erspart geblieben« Und aus ihrem Täschchen zog sie den Brief den der
Briefträger vor einer Stunde gebracht hatte »Von meinem Mann der is auf nem
Schiff beschäftigt  er schreibt dass er gerade eine Fahrt nach Norwegen hinter
sich hat«
    Das dargereichte Schreiben las der Wachtmeister »Es waren aber auch
Schriften im Kuvert  wo sind die«  »Schriften im Kuvert Nee Aber ein paar
Bilderbogen  damit will mein Mann den Kindern ne Freude machen  hier liejen
se  un vorhin haben Sie se anjesehn« Es waren Buntdrucke Lappländer mit
Zelten Schlitten mit Renntieren An der Faltung des Papiers sah man deutlich
dass die Bilderbogen im Kuvert gewesen waren Der Wachtmeister machte ein
verlegenes Gesicht und zog mit seinen Leuten ab
    Die Lage der Dinge wurde wie durch Blitzlicht aufgehellt als gegen Mittag
derselbe Postbote der den Brief mit den Bildern gebracht hatte einen zweiten
Brief abgab der war an Burdinski adressiert Schon wollte Frau Klein dem
Postboten ihr Herz ausschütten als sie einen Blick von Burdinski auffing der
Schweigen gebot Als nun der Briefträger gegangen war brach Burdinski
Entrüstung los »Jemäinhäit Olja Wie niederträchtich is diese Welt Hier
nämlich sind die Schriften nach denen die Polizeistrolche jesucht haben 
äinfach zu spät is diese Sendung anjelangt in dem ersten Brief aber der heute
früh hier abjejeben is hat die Polizei die verbotenen Schriften vermutet Er
kommt auch aus Hamburch Jetzt is bloß die Frage Wer hat ihn abjeschickt Ich
habe die Ahnung dass man uns was Strafbares zuschieben will Schurken
Schurken« Burdinski knirschte mit den Zähnen und schüttelte die Faust
»Verderben wollen se uns  zu Verbrechern stempeln Vielläicht hat doch Ilaser
recht Zertreten soll man dies Jiftgewürm zertreten«
    Obwohl Frau Klein dafür war die Schriften sofort zu verbrennen konnte sich
Burdinski nicht dazu entschließen Dies Verbotene war ihm interessant Ja wie
eine Sünde kams ihm vor Druckpapier zu vernichten dem Freiheitskämpfer ihre
Sehnsucht anvertraut hatten »Wer wäiss ob nich jrade da ne Wahrhäit steht«
    »Aber hier dürfen die Sachen nich bleiben« sagte Frau Klein  »die Strolche
könnten ja noch mal suchen Sofort bring ich die Schriften zu Ilasern« Und
schon hatte sie ihr Umschlagtuch um tat die verbotenen Schriften in ihren
Handkorb und ging  Nicht lange so war sie zurück Glasern hatte sie
angetroffen Über die Geschichte wär er fuchsteufelswild Die Schriften hätt
er in einem Versteck untergebracht Im Hinterhause die Sargschreinerei gehöre
einem Genossen Da sei die »Freiheit« versteckt in einem Kindersarge
    Als der Briefträger wieder mal kam sagte Burdinski »Na wissen Se Ihr
Postjehäimnis is fouler Zouber« Der Beamte antwortete mit langsamem Kopfnicken
»Unser eens sieht manches  muss abers Maul halten«
    Wenn Burdinski zu Glaser ging lasen die beiden in den Londoner Schriften
und suchten zu verstehen wie sich Most die Freiheit denke »Wenn Anarchie
Herrschaftslosigkeit heesst«  sagte Glaser zu Burdinski »dann bist du ooch ne
Art Anarchist Un ick wär ooch dafür wenn ick nich sähe wie weit die Menschen
noch davon ab sind aus freien Stücken Ordnung zu halten Rejiert müssen se
werden Bei de Engels da wäre Anarchie am Platze Uff Erden braucht man immer
noch ne Knute Bloß det wir Arbeeter nich länger unter die Knute sein wollen
selber wollen wir se schwingen  fürs erste mal den Kapitalistenstaat
abschaffen Und heite abend Burdinski kommste mit in meine Iruppenvasammlung«
Wie Glaser nun auseinandersetzte waren die Wahlkreise von Berlin heimlich in
Bezirke gegliedert diese in Gruppen Glaser war ein Gruppenhauptmann Und heute
sollte ein Akademiker einen Vortrag in der Gruppe halten
    Burdinski ging mit Glaser doch trennten sie sich am Andreasplatz wo die
Sitzung in einer Privatwohnung stattfinden sollte Sie taten das aus Vorsicht
um nicht einem Spitzel aufzufallen Im Hinterhaus vier Treppen hoch wohnte der
Schlossergeselle bei dem die Versammlung war Die Stube war voll Menschen
zwanzig mochten es sein auch ein paar Frauen waren dabei Zuerst wurden
geschäftliche Sachen erledigt Gelder gezählt verbotene Schriften ausgegeben
und Bons zur Unterstützung der Ausgewiesenen
    Dann hatte Genosse Steinhauer das Wort ein Buckliger in ärmlicher Kleidung
er hatte Chemie studiert In fünfzehn Jahren  so führte er aus  werde die
sozialistische Bewegung derart angewachsen sein dass es zum Kampfe mit dem
Staate komme Friedlich könne die Sache unmöglich verlaufen  Bismarck
Puttkamer und Konsorten seien darauf aus das Proletariat zur Verzweiflung zu
treiben Unerträglich mache man ihm das Leben Die Regierung verfolge offenbar
den Plan die Arbeiter zu provozieren dass die Revolution vorschnell ausbricht 
um sie dann niederzukartätschen
    Eine Bewegung ging durch die Versammlung und einer rief »Wir dürfen uns
eben nich provozieren lassen Das sagt auch Liebknecht«  Steinhauer wusste den
Einwurf sofort zu parieren »Und recht hat Liebknecht  vor der Zeit dürfen wir
uns nicht provozieren lassen  das bekäme uns schlecht Aber wenn die Partei ein
paar Millionen tüchtige Genossen hat dann ist es Zeit loszuschlagen Die
Frucht muss reif sein dann fällt sie vom Baum Aber dann soll man sie säuberlich
aufheben dass sie nicht zertreten wird Seht Genossen auf diesen Zeitpunkt
müssen wir uns vorbereiten In der Oeffentlichkeit gilt es die Revolution zu
bremsen damit sie nicht hervorbricht  in der Stille aber müssen wir rüsten
damit uns die Stunde der Entscheidung nicht überrumpelt«
    Nach dieser Einleitung die beifällig aufgenommen wurde ging Steinhauer zu
einem Kapitel über das er revolutionäre Kriegswissenschaft nannte Von Dynamit
war die Rede von Handbomben und vom Stinkgase Kakodyl Die Bereitung und
Anwendung solcher Mittel wurde dargelegt und durch Zeichnungen erläutert
    Patzke der zu Beginn des Vortrags noch Geschäftliches zu erledigen hatte
ergriff das Wort und schilderte wie die Revolutionäre gegen die Berliner
Kasernen vorzugehen hätten Mit einem Schlage müssten die Dächer der umliegenden
Straßen besetzt werden  dann seien die Soldaten in der Mausefalle
    Auch von Kniffen war die Rede mit denen man den Spitzeln ihr Handwerk sauer
machen könne Patzke witzelte er werde zurzeit wie ein General behandelt Vor
seinem Hause hab er nämlich nen Doppelposten und wenn er ausgehe folge ihm
seine Leibwache Aber diese Faulen hätten keinen leichten Dienst er sei nämlich
Dauerläufer und mache sich anheischig jedem Verfolger zu entwischen oder ihn zu
»versetzen« Neulich habe er sie tüchtig herumgehetzt Um ihnen zu entweichen
sei er auf die Pferdebahn gesprungen und nun hätten die Faulen rennen müssen
Von einer Pferdebahn zur andern sei es so gegangen  und dies Verfahren biete
den Vorteil dass der Ausreisser sich ausruhen kann die Verfolger aber abgemattet
werden Sobald ihnen eine Haltestelle Gelegenheit gibt wieder nahe zu kommen
müsse der Ausreisser sofort auf ne andre Pferdebahn springen Endlich sei den
Faulen die Puste ausgegangen und sie hätten die Jagd aufgegeben Ein paar Tage
später sei ihm einer von ihnen auf der Straße begegnet »Na Herr Polizeirat
sage ick  wie wärs Solln wr wieder mal n kleenet Hindernisrennen riskiern
Da macht der Faule n wildet Jesichte und schnauzt Mensch Sie haben mir ne
richtije Herzerweiterung beijebracht Wenn Sie doch endlich mal ausjewiesen
wären Fünf Pullen Kognak jeb ick zum besten«
                                       
    Solche Spitzelabenteuer hatten etwas von einer Seiltänzerei die wie ein
Spiel aussieht und auch gewöhnlich harmlos abläuft  bis mal ein Unfall
geschieht
    Derselbe Briefträger der die verbotenen Schriften gebracht hatte kam
morgens in den Schusterkeller wo Burdinski an der Arbeit saß während der
Lehrjunge Stiefel austrug »Nich wahr Herr Burdinski Sie sind dem Buchdrucker
Ilaser sein Freund Na denn sagen Sie ihm mein Kolleje wo die Pakete
austrächt bringt ihm morjen ein jefährliches  da is nämlich Schweizerkäse
drin«  Burdinski stutzte »Schweizerkäse« Er wusste das bedeutet die
verbotene Züricher Zeitschrift »Der Sozialdemokrat«  »Ja Schweizerkäse« fuhr
der Briefträger fort  »un was das Schlimme is die Pollezei weiß es  un hat
vor die Schriften un zujleich den Empfänger abzufassen Also muss man vorbeujen
Warnen Sie Ilasern So Burdinski Ick habe mein Jewissen erleichtert aber nu
sorjen Se det ick keene Nackenschläge krieje Bloß Ilaser un Frau Klein keen
andrer darf wissen det ick jepfiffen habe«
    Weil Burdinski besorgte er könne beobachtet werden schickte er Frau Klein
zu Glaser Als sie wieder zurück war sagte sie Glaser wolle ein seines Ding
drehn um die Polizei auch noch zu foppen
    Die Sache entwickelte sich nun folgendermaßen In der Tat erhielt Glaser ein
Paket versiegelt mit Wertangabe Es kam aus Danzig der Absender gab sich für
einen Seiler aus und hatte als Inhalt »Seilerware« bezeichnet Glaser öffnete
mit Vorsicht um die Paketülle möglichst wenig zu beschädigen Das Bündel
Zeitschriften nahm er heraus und brachte es sofort in Sicherheit beim Nachbar
Sargschreiner Zurückgekehrt tat er in die Papierhülle etwas hinein das an
Form und Gewicht den herausgenommenen Schriften ungefähr gleichkam und so war
das Paket äußerlich wiederhergestellt  Die Polizei erschien weder am ersten
noch am zweiten Tage Sie lauerte draußen denn Glaser beobachtete verdächtige
Gestalten Am dritten Tage nahm er das Paket unter den Arm und ging aus Er
merkte dass ihm Spitzel folgten tat aber harmlos und ging in die Gartenhalle
der Brauerei Pfefferberg Hier waren Genossen zu einer Tafelrunde beisammen 
fragend waren ihre Blicke auf Glaser gerichtet und wie er mit einer
Kopfbewegung auf die herumlungernden Spitzel aufmerksam machte schmunzelte er
verstohlen »Da wäre nu der Käse« sagte er laut das Paket auf den Tisch
werfend Die Genossen beugten sich darüber es wurde geöffnet und freudiges
Johlen begrüßte den Inhalt
    »Halt« schnauzte da eine Polizeistimme  »keiner rühre sich von der Stelle
Und her mit dem Paket«  »Nanu« murrten die Genossen und Glaser trumpfte laut
auf »Für den Inhalt sind nich wir verantwortlich sondern der Absender der den
Strick geschickt hat«  »Strick« fragte der Polizeibeamte Im Pakete war
allerdings ein Strick dazu ein Holzklotz »Un hier is noch wat Jeschriebenes«
sagte Ilaser und las laut vor
»Dem Judas gebt die Silberlinge
Dazu den Klotz und diesen Strick 
Den Klotz zur Fussbank  und die Schlinge
Um sein verfluchtes Strolchgenick«
    Das Hohngelächter in das die Genossen ausbrachen mochte der Polizei wie
Rachegeheul in die Ohren gellen Der führende Beamte bekam einen roten Kopf Um
seine Autorität zu retten beschlagnahmte er das Paket und erklärte das weitere
werde sich finden Die abziehende Polizei musste spitzige Bemerkungen über sich
ergehen lassen und die zechenden Genossen sangen
»Mang uns mang is keener mang
Der nich mang uns mang jehört«
    Die Exemplare des Züricher »Sozialdemokraten« die im Sargmagazin versteckt
waren ließ Glaser liegen bis er glaubte nicht mehr scharf beobachtet zu
werden Dann fuhr aus dem Tore des Hauses ein Handwagen mit einem Kindersarge
und niemand ahnte dass darin die verbotenen Schriften seien
    Burdinski hatte sich bereit erklärt in einem bestimmten Hausflur den Wagen
zu erwarten aus dem Sarge die Schriften zu nehmen und fünf Genossen zu
überbringen die im Volkskaffeehaus Stralauer Straße warten sollten Als Frau
Klein von diesem Plane erfuhr machte sie geltend die Aufpasser die noch immer
den Schusterkeller im Auge hätten könnten ihm nachschleichen Lieber wolle sie
selber die Sache ausführen Ein Paar Stiefel wolle sie tragen als ob sie
Kundenbesuch mache Ihr zu folgen erscheine den Spitzeln längst als verlorene
Mühe Burdinski fügte sich dem Vorschlage
    Die Sache ging so weit gut dass Frau Klein im bezeichneten Hausflur die
Schriften empfing und ins Volkskaffeehaus brachte wo die Genossen harrten Als
jeder sein Paket erhalten hatte erhoben sich drei Pferdebahnkutscher die an
einem Tische Karten gespielt hatten und erklärten die Gesellschaft für
verhaftet Rollenden Auges stand Frau Klein da und sagte schneidend »Verhaftet
Wer sind Sie überhaupt Lassen Sie Ihre Hundemarke sehen«  »Frechdachs«
knurrte einer der Beamten und zeigte sein Stück Blech
    Die Verhafteten wurden mit dem grünen Wagen nach Moabit befördert ins
Zellengefängnis  ein böser Prozess war zu erwarten Burdinski war trostlos 
lieber wärs ihm gewesen selber verhaftet zu sein als die Frau die er von
Herzen gern hatte in Gefangenschaft zu wissen und das Klagen der Kinder zu
hören Etwas leichter wurde ihm als Frau Ahlert bat ihr die Kinder ins Haus zu
geben  und als dann von Frau Klein folgender Brief kam
 
            »Lieber Burdinski
    Es geht mir gut ich erhole mich in der Ruhe hier und nun bin ich froh dass
die Kinder versorgt sind Tu mir den Gefallen Dich nicht zu bekümmern Tröste
Dich mit Deinen Büchern Wir haben beide ein gutes Gewissen«
 
                                Hainlin heiratet
Spielten sich diese Schicksale im Kreise der Genossen ab mit denen Hainlin
Umgang hatte so ging an einer andern Stelle seines Horizonts der Stern auf der
ihn fesseln sollte Im Konzertaus Bilse sah er unterm Publikum Neumann nebst
Schwester und als er ihnen an der Garderobe begegnete kam es zu einem
Gespräch das beide Teile gern fortgesetzt hätten Hainlin war einverstanden
als Neumann vorschlug mitsammen in die Griechische Weinstube zu gehen
    Neumann benahm sich freundlich und burschikos seine Schwester als stille
Beobachterin doch liebenswürdig Der Reiz ihres Körperbaues wurde noch gehoben
durch das dunkelseidene mit Rot verbrämte Gewand Im kühn geschlungenen
Braunhaar glühte ein Granatschmuck Die Farbe des sanft gerundeten Gesichts
erinnerte an gelblichen Marmor nur dass die Wangen von zarter Röte durchhaucht
waren Verstohlen betrachtete Hainlin das hellgraue Auge das durch den Schleier
dunkler Wimpern rätselhaft wirkte Es ähnelte einem Waldsee aus dem eine Nixe
lugt und lauscht
    Von dem Pianisten der hinreißend gewirkt hatte ging das Gespräch zu Chopin
über und Neumann machte die Bemerkung »Chopin Mit dem treibt meine Schwester
Götzendienst Spielt ihn aber nicht übel  das muss ihr sonst mäkelnder Bruder
anerkennen« Hainlin verhehlte nicht sein Heros sei der Himmelstürmer
Beethoven und dem gegenüber erscheine Chopin weichlich »Ich widerspreche
durchaus nicht« sagte Frau Marianka  »aber die träumerische Passivität die
Weiblichkeit wie Sie sagen hat auch ihr Recht Sie Herr Hainlin sind ein
Mann  ich glaube fast ein geistiger Titan der auf hohe Berge klimmt Ich bin
ein Weib durch Leiden mutlos geworden  im trüben Winkel träum ich bei meinem
Chopin«
    Etwas beschämt durch ihre Nachgiebigkeit milderte Hainlin sein Urteil über
Chopin und rühmte dessen Präludien und Tänze Die Wärme mit der er jetzt
sprach berührte die Geschwister wohltuend Freudig horchten sie auf als eine
Wendung des Gesprächs verriet Hainlin sei der Verfasser gewisser Aufsätze über
Musik
    Mariankas Anmut und schwärmerische Hingabe hatte auf Hainlin der sich sonst
einsam fühlte solchen Eindruck gemacht dass er in seiner Kammer lange
wachträumend lag Mit Mariankas Worten beschäftigt mit ihrer schmeichelnden
Stimme und dem wehmütigen Lächeln ihres weichen Gesichts Die Nixe des
Waldteiches stieg vom dunkeln Grund als weiße Seerose empor den Kelch öffnend
während der Mond mit leisem Klingen schien und Nebelgebilde zwischen den Erlen
brodelten Dann wieder war die Seerose ein Marmorleib kühl doch voll
heimlicher Glut  und diese Glut zu wecken war bangsüsse Lockung
    Ein ChopinAbend den man verabredet hatte gestaltete sich für Hainlin zum
Ereignis Pochenden Herzens ging er hin noch im Banne seiner Träumerei Auf das
nasse Strassenwetter wirkte wohlig der warme Salon mit der bunten Ampel der Samt
weicher Sessel rings die Blumen und das üppige Blattgewächs Außer Marianka und
ihrem Bruder war eine junge hübsche Dame anwesend Neumann machte ihr den Hof
Traulich plauderten die zwei Paare deren jedes fast für sich blieb Den Imbiss
bot ein kaltes Büfett von gutem Geschmack zusammengestellt Als nach dem Tee
Herr Neumann Sekt perlen ließ und Mariankas weiße Hände über die Tasten des
Flügels huschten wurde die Stimmung ein bang süßes Erschauern Chopin waltete
der Zauberer Es war als harfe einsame Sehnsucht zum Wimmern einer Dachtraufe 
dann blaute Sommernacht  ein Park im Mondschein und auf dem Strahl des
Springbrunnens gaukelt eine Glaskugel Was huscht aus dem Schatten blühenden
Gesträuches Ein bleiches Weib  nackten Armes hebt sie einen blinkenden Dolch
zum Monde 
    Hainlin saß neben Marianka um ihr die Noten zu blättern Leise wiegte sie
den Kopf Hainlin anlächelnd als ob sie mit ihm tanze Und es verfing sich
seine Seele in ihre Seele  ähnlich einem Nachtschmetterling der in ein
erleuchtetes Gemach geraten die Wände entlang taumelt und bedenklich ums Licht
schwirrt
    Dann saßen Marianka und Hainlin beisammen auf dem Sofa Mokka nippend
sprachen sie leise von ihren Schicksalen Marianka gestand ihr sei ein Stein
vom Herzen nun die Scheidung von ihrem Manne endlich Rechtskraft habe Was sie
gelitten solle jetzt verschwiegen bleiben  denn diese Stunde offenbare ihr
dass es noch ein Glück gebe Gerührt ergriff Hainlin ihre Hand eine samtweiche
kleine Hand und hielt sie zwischen seinen Händen was sie dankbaren Blickes
geschehen ließ
    »Woran denken Sie« hauchte Marianka »erzählen Sie mir von sich Wenn
Herzen aneinander Anteil nehmen solcher Zusammenklang ist doch die heiligste
Musik«
    Und es berichtete Hainlin von seiner Jugend schilderte sein Albdörfle das
Leben im Kloster Maulbronn und im Tübinger Stift verschwieg auch nicht seine
trauervolle Liebe zu Rosel
    »Ein Jüngling liebt ein Mädchen« lächelte Marianka wehmütig  »das hat
einen andern erwählt  der andre liebt eine andre und hat sich mit dieser
vermählt   Es ist eine alte Geschichte Rosel ist also nicht mal glücklich
mit dem andern Du lieber Himmel Die Menschen werden genarrt von einem Dämon
der ihnen wo sie das Glück ergreifen können Bedenken einflößt allerlei Wenn
und Aber so dass sie die günstige Stunde versäumen Hinterher heißt es Was du
in der Minute ausgeschlagen bringt keine Ewigkeit zurück«
    Hainlin schwieg beklommen er fühlte dass ein Schicksal sich entscheiden
wolle »Nun« fragte Marianka leise  ein Schmeicheln war in ihrer Stimme fast
ein Flehen
    »Ich« fragte er verwirrt  »wenn mir das Glück endlich einmal hold wär ich
möchts schon fest halten« Sie reichte ihm ihre Hand er drückte seine Lippen
darauf  und es war als flüstre sie »Liebling«
    Herr Neumann nahm am Flügel Platz um seine Dame die etwas singen sollte
zu begleiten So hatte das trauliche Geplauder ein Ende  konnte auch nicht
wieder aufgenommen werden da man hinterher gemeinsam an einem Tischchen Früchte
aß Nur durch Blicke und anspielende Worte drückten Hainlin und Marianka ihr
Einverständnis aus
    Die nächsten Tage waren für Hainlin voll seelischer Unrast Marianka
beschäftigte ihn fortwährend Störte ihm den Schlummer verwirrte seine
Gedanken wenn sie sich zur Arbeit sammeln sollten ließ ihn aufspringen als
hab er etwas zu suchen Ungeduldig seufzte er es war ihm als solle jemand
kommen Auf der Flöte blies er schmachtende Weisen brach aber plötzlich ab und
ging auf die Straße Ein bewusstes Ziel hatte er nicht fand sich aber bald vor
dem Hause wo Marianka wohnte Er schwankte ob er sich damit begnügen solle zu
den Fenstern hinaufzublicken oder ob er einen Besuch wagen dürfe Die
Aufwartung die er am Tage nach dem ChopinAbend gemacht hatte war insofern
verfehlt als bloß Neumann ihn empfangen hatte Als Hainlin nun zum andernmal
die Klingel gezogen hatte öffnete das Stubenmädchen und erklärte mit etwas
spöttischem Bedauern die gnädige Frau sei abermals abwesend auch Herr Neumann
Aber dann machte ihm Neumann einen Gegenbesuch und brachte von seiner Schwester
folgende Zeilen »Wohl ohne Beteuerung glauben Sie mir lieber Freund dass ich
recht betrübt war Sie beide Male zu verpassen Und nun kommt auch noch ein
Brief von meinem Rechtsanwalt der mich in Vermögensangelegenheiten nach
Kattowitz ruft In einer Woche aber bin ich zurück und dann  nicht wahr soll
unsre Musik jubeln Krone des Lebens « Hainlin kannte dies Goetewort und
ergänzte den Gedankenstrich »Krone des Lebens Glück ohne Ruh Liebe bist du«
Bangfroh pochte ihm das Herz Aus dem Gespräche mit Neumann das er auf Marianka
zu lenken wusste erfuhr er etliches über ihren Lebensgang Die Geschwister waren
auf einem schlesischen Gute dann in Kattowitz aufgewachsen  ihr Vater
frühzeitig Witwer war Direktor einer Kohlengrube gewesen  Geldinteressen
hatten Mariankas Verheiratung mit einem Grosskaufmann zustandegebracht  sein
rücksichtsloses Benehmen hatte die Ehe gestört  der Scheidungsprozess war völlig
zu Mariankas Gunsten verlaufen Und nun würde sie  wie Neumann sagte  ihre von
Schwermut angewelkten Blütenblätter abtun um sich zu neuer Frische zu
entfalten
    Plötzlich in der Rolle eines gern gesehenen Freiers nutzte Hainlin die vom
Schicksal gewährte Atempause um sich über sein Herz klar zu werden In einem
Briefe an Rosel schilderte er offen was vorgefallen war und fragte gradezu ob
es ihr schmerzlich sein würde wenn er heirate Rosels unverzügliche Antwort
lautete Dass es ihr schmerzlich sei könne sie nicht leugnen  er aber solle
sich keine Vorwürfe machen wofern solche überhaupt am Platze seien habe sie
selber die Schuld Sei doch von ihr zuerst der Bund verleugnet der zwei Herzen
seit der Kindheit verschmolzen halte »Verleugnet« sei nicht ganz das rechte
Wort  treue Liebe zu ihrem Jörgle hege sie noch immer und einzig das Schicksal
seis wodurch ein Schein von Untreue entstehe »Frau Bolkendorf bin i worden
hab mir halt keinen Ausweg gewusst  doch mein Herz bleibt stets bei Dir Kann
man denn nicht einen Menschen lieben von ganzer Seele und zugleich noch einen
andern Darum hab ich meinem Manne gesagt Tu nicht an mir zweifeln Wenn der
liebe Gott für jedes seiner zahllosen Kinder unzerstückelte Liebe hat dürfen
auch wir zum Bilde Gottes geschaffen nach solcher Liebe streben Und Dir
Jörgle gilt das gleiche Heirate Du Deine Marianka Sei glücklich mit ihr
Behalt aber e bissle lieb Deine Dich segnende Rosel«
    Diesen Brief netzte Hainlin mit Tränen einer seltsam schmerzlichen Freude
Leichter war ihm das Herz  wusste er doch nun dass er Marianka heiraten dürfe
ohne in Widerspruch mit sich zu geraten Als er zu ihr kam und sie allein fand
und als aus ihrem Auge zärtliches Verlangen blühte umfing er sie wortlos
    Als das Paar zur ersten Aussprache gekommen war mochte Hainlin Rosels Brief
nicht verhehlen Marianka las und gab ihn lächelnd zurück War Schelmerei in
ihrem Lächeln oder eine Art Spott »Ihr guten Kinder Eine himmlische Liebe
macht mich nicht eifersüchtig Aber komm Schatz Jetzt zeig ich dir wie
Marianka liebt« Und in weiche Arme zog sie ihn zu glühender Liebkosung
    Mit der Hochzeit wollte man nicht zögern  die Zurüstung erforderte wenig
Umstände da das Paar die vorhandene Wohnung beibehalten wollte Marianka legte
ihre Vermögensverhältnisse dar  Hainlin war überrascht eine so begüterte Braut
zu haben In die Freude materieller Sorgen entrückt zu sein mischte sich
Verschämteit darüber dass er sich ernähren lassen solle von seiner Frau Er
verhehlte das nicht »Aber Schatzl« schmollte Marianka  »also besser würde
dirs passen wenn ich arm wäre Möchtest die Abhängigkeit von dir auf mich
abschieben Holla Freundchen Das Zeitalter der Frauenemanzipation hat begonnen
 lange genug ist die Frau des Mannes Kreatur und Haremsdame gewesen  jetzt
wirds anders Ich habe jedenfalls den Ehrgeiz mein Schatzl freizuhalten und
das muss er annehmen sonst kommt etwas Herbes in mein Glück Und gleich heute
fahren wir aus dich auszustaffieren zum Ehemann comme il faut Hörst du Oder
soll ich deine Sklavin sein« Unter ihren Schmeichelreden gab er nach und fühlte
sich wie ein verhätscheltes Kind
    Sie schenkte ihm ein Portefeuille gefüllt mit vielen Geldscheinen ließ
eine Droschke holen und fuhr mit ihm der Reihe nach zu den Geschäftsläden wo
Einkäufe zu machen waren Beim Juwelier wurden ein paar Ringe erstanden  der
für Hainlin bestimmte hatte einen gleissenden Diamanten Einen Anzug aus Samt
kaufte Marianka ihrem Verlobten  er sei ein Künstler sagte sie und müsse auch
so aussehen  übrigens hebe sich sein Goldhaar vom glänzenden Schwarz wundervoll
ab Hainlin war wie berauscht von den Zärtlichkeiten mit denen sie ihn
überschüttete
    Die Hochzeit sollte so intim und still wie möglich sein In Grünheide einem
Dörfchen das Hainlin auf seinen Streifereien durch märkische Landschaft
entdeckt und liebgewonnen hatte fand sich der alte Pfarrer bereit das Paar zu
trauen Neumann nebst seiner Freundin und Burdinski waren die Trauzeugen im
Kirchlein das auf einem Hügel am Werlsee lag
    Nach der Feier gab es im Pfarrhause ein Frühstück zu dem Marianka allerlei
Gutes mitgebracht hatte Eine Kahnfahrt erfolgte zur Liebesinsel War auch das
Wetter späterbstlich rau so glühte die Gesellschaft vom Sekt Übrigens wurde
am Strande der Insel zwischen gelbem Schilfrohr und hochstämmigen Erlen Feuer
gemacht um Kaffee zu kochen Burdinski anfangs niedergeschlagen weil Frau
Klein noch immer in Untersuchungshaft saß taute auf zumal die Landschaft mit
den Seen und moorigen Fliessen den Schilfmassen Erlen und Kiefern an seine
masurische Heimat erinnerte
    Als man die Liebesinsel wieder verlassen hatte und an einem Landungssteg
der sich zufällig darbot angelegt hatte trat aus seinem Häuschen ein
grauköpfiger Mann Sein Pfeifchen schmauchend grüßte er die Gesellschaft und
ließ sich auf ein Gespräch ein Er sei der olle Krause sagte er seines
Zeichens ein Schiffer aber zu seinem Handwerk nicht mehr recht tauglich
Immerhin wolle er demnächst wieder aus einen Spreekahn gehen zu seinem Sohn
zum Steuern sei er ja noch zu brauchen Das Haus hier wolle er verkaufen Es sei
ihm jetzt zu einsam  vor ein paar Wochen nämlich habe er seine Ehehälfte
verloren Mit einem Kauflustigen unterhandle er bereits  der wolle bloß zu
wenig zahlen
    Hainlin bat das Häuschen besichtigen zu dürfen  es war ein ganz
schlichtes doch gemütliches Heim mit hübschem Garten Den Obstertrag rühmte der
Alte »Ha« sagte Hainlin  »alleweil hat mich verlangt Gärtner zu sein  jetzt
bietet sich mir e Gärtle dar mit Häusle Und ums Geld bin i net verlege Meine
Schriftstellerei hat mir e Sparkassenbüchle eingebracht He Marianka waas
meinscht Soll i kaufe«  »Wie es dir behagt Schatzl Mir ists recht«
entgegnete sie und Neumann blinzelte zustimmend den Preis des Grundstückes
hielt er für sehr bescheiden
    »Abgemacht« erklärte Hainlin  »ich bin also bereit zu kaufen« In
Gegenwart des Pfarrers wurde die Anzahlung geleistet  Hainlin strahlte vor
Freude Als man nun das erworbene Grundstück im einzelnen betrachtete und  wie
das so üblich  gleich Pläne zur Umgestaltung durchgesprochen hatte scherzte
Hainlin »He Burdinski Denk emal Ausgezogen bin ich heut mir meine Frau zu
hole  aber net bloß dass ich die jetzt hab e Fraule schön und klug und gut 
dazu han i noch Eigentum gefunde e Häusle mit Garte  e Hütte traulich am
stillen See wie im Märle von Undine gelt«
    Der alte Pastor den der Sekt etwas duselig gemacht hatte wollte geistreich
sein »Saul der Jüngling Sohn des Kis war ausgezogen die verirrte Eselin zu
suchen  und was fand er Ein Königreich«
    »Hörst dus Marianka« witzelte Neumann  »mit dem Königreich ist diese
Hütte gemeint  und wer folglich mit der verirrten Eselin«  Der Pastor blickte
unsicher »Ich wollte bloß sagen hier unser junger Ehemann sei geradezu ein
Glückspilz«
    Der alte Fischer Krause horchte auf und wie er begriff was für eine
Gesellschaft dies sei streckte er Hainlin die Hand hin »Ach so Sie hebben
Hochzeit jemacht Da wünsch ich ooch Ilück«
    Inzwischen faselte der Pastor weiter »Ach ja Das Sprichwort von den zwei
glücklichen Tagen bewährt sich hier  den einen hat man wenn mans Grundstück
kauft den andern wenn mans wieder los ist«
    »Na ich danke« lachte Neumann  »was zwischen diesen zwei glücklichen
Tagen liegt dürfte folglich mit mancherlei Verdruss durchwachsen sein«  Der
entgleiste Pastor suchte einzulenken »Ich meine bloß das Sprichwort trifft
insofern zu als unser frischgebackener Ehemann der hier die reizende Hütte
gekauft hat den einen der beiden Glückstage erlebt  den andern aber hat heute
der Verkäufer  hab ich recht Vater Krause«
    Der Gefragte schien schwerhörig zu sein  wie ein Hörrohr hielt er die Hand
 laut sprach nun der Pastor auf ihn ein »Schließlich sind Sie doch froh dass
Sie se los sind He«  Erst blickte Schiffer Krause den Pastor stutzig an dann
paffte er aufgeregt aus seiner Pfeife und meinte »Ob ick froh bin Wie mans
nimmt Herr Pastor Vadruss Ja woll den hat se mich dicke jemacht Aber seit se
nu fort is fühl ick mir doch so einsam  un möchte sie schon zurücke holen«
    Hainlin der das auf die Hütte bezog  wie ja auch der Pastor  erklärte
»Aber lieber Mann Sie können sie ja behalten Wenn ihnen der Verlust so
schmerzlich ist«  Krause blickte verdutzt  er begriff nicht Neumann rief ihm
ins Ohr »Wenn Sie wollen lässt sich die Sache wieder rückgängig machen« 
»Rückjängig« stammelte Krause  »wenn se doch dot is«
    Zu einem schreienden Lachen verzog Neumann das Gesicht »Seine Frau meint
der Mann  und wir reden von der Hütte«  »Aber Krause« lächelte der Pastor 
»wir reden doch nicht von Ihrer Frau«  »Nich Hebben Se nich jesaacht ick
soll froh sind det ick ihr los bin Hebben Se nich von die zwee Ilückstage
jesprochen«  Neumann schlug auf den Schenkel »Aus  ge  zeich  net Auch in
der Ehe gibts zwei glückliche Tage Den einen wenn man seine Ehehälfte
erworben hat den andern wenn man sie wieder los ist Aus  ge  zeich  net«
    Zwischen Heiterkeit und Verlegenheit biss sich Marianka auf die Lippe
Hainlin der gutmütig lachte suchte die komisch zerrüttete Lage
wiederherzustellen »Ha freili mir grauet vor der Götter Neide Ond wer weiß
ob mir dem neuen Eigentümer dieses Gartenhäuschens noch solch e froher Taag
beschieden ist wie der heutige Eins aber sag i dir Burdinski Wenn Frau Klein
wieder in Freiheit ist zieht sie mit den Kindern da heraus sich zu erholen
gelt Ond dees wird mir sicher ein Glückstag« Burdinski hatte Tränen im Auge 
die Lippen zusammengepresst schüttelte er dem Freunde die Hand
    So hatte Hainlins Ehe einen guten Anfang genommen Doch auf heiteres Wetter
folgt graues Gewölk Als er eine Woche später vom Bahnhof Fangschleuse nach
Grünheide ging Angelegenheiten des gekauften Grundstückes zu erledigen war ihm
das Herz schwer und er wusste nicht warum Beunruhigte ihn vielleicht das
Grundstück Kam der Rückschlag auf die Freude des Kaufs
    Plötzlich sah er den Ring an seinem Finger blitzen  und mit diesem Blitz
war ihm sein Inneres aufgehellt »Verheiratet bischt« sprach er zu sich  »ond
net an Rosel«
    Wie Echo klang Neumanns Spottgelächter »Aus  ge  zeich  net Auch in der
Ehe gibts zwei glückliche Tage Den einen wenn man die Ehehälfte erworben hat
 den andern wenn man sie wieder los ist  haha«  Scheu blickte sich Hainlin
um  Kiefernstämme sah er im rauen Winde stöhnten die Wipfel
 
                           Zwischen Heimat und Fremde
Die Anzeige von seiner Hochzeit hatte Hainlin auch an Marga Deutges geschickt
oder  wie sie jetzt hieß  Frau Marga Osterkamp geborene Deutges in Harburg
Jener Fabrikant mit dem die Bonner Pensionatsschülerin verlobt gewesen war
hatte sie heimgeführt In ihrem Glückwunschbrief hieß es »Wissen Sie noch Herr
Hainlin wie Sie von der Ferne sagten sie habe was Heiliges Es stimmt  und
doch möcht ich wir wären nicht so weit voneinander getrennt Ich muss oft
seufzen Nur in einer Hinsicht hab ichs glänzend Holde gesunde Kinderchen
sind mir geschenkt  ein Knabe und zwei Mädchen Wenn Sie mal an die Waterkant
kommen müssen Sie uns besuchen Oh dann wollen wir vom Kölner Karneval
plaudern wollen alles Liebe und Leidige von damals durchhecheln«
    Rosel hatte zur Hochzeit nebst einem treuen Briefe ein Album mit
Photographien gesandt Alles Schwäbische wofür Hainlin schwärmte war hier
vertreten Rosel selbst natürlich und ihre Mutter Onkel Guhl Frau Schneckle
und Berta Ferner Ansichten vom Tübinger Stift von HohenTübingen und der
Neckarbrücke von Bebenhausen Einsiedel und der Wurmlinger Kapelle sogar vom
Schnützelputzhäusel
    Hainlin war tief bewegt von dieser Gabe und brütete über einer Landkarte der
Alb »Spazierst du wieder mal im Ländle« sagte Marianka und blickte ihm
schmeichelnd über die Schulter »Wir müssen doch mal hin Wenn wir die bisher
versäumte Hochzeitsreise an die Riviera nachholen könnten wir ja den Abstecher
machen in Jörgs Märlesreich«
    Rosels Bild hatte Marianka lange betrachtet dann fragte sie kühl »Und die
liebst du Warum eigentlich«  Hainlin fühlte einen Stich in seinem Herzen 
fremd kam ihm Marianka vor Da er schwieg fuhr sie fort »Ihr habt euch seit
eurer Kindheit lieb na ja Aber Kind bleibt man nicht  und sie ist jetzt schon
Mitte der Dreißig  übrigens eines andern Frau  wohl richtiger
Krankenpflegerin Die Aermste Ich kann mir denken wie sie dich vermisst Aber
du warum bist du so vernarrt in sie«  Nur mit einem traurigen Blick
antwortete Hainlin und einem Zucken seiner Lippen  dann ging er in sein
Studierzimmer
    Die Wohnung in der Charlottenstrasse war was man elegant und komfortabel
nennt doch Hainlin wollte sich da nicht heimisch fühlen Die Fenster waren mit
Gardinen verhängt daher nicht hell genug  überdies fast ohne Sonnenschein
Schwere Teppiche machten den Schritt lautlos Decken mit Stickerei lagen auf den
Möbelplatten Die großen Gemälde an den Wänden waren anspruchsvoll gerahmt
hatten aber nichts Warmes In der Glasschale zwischen blütenlosem Blattgewächs
schwammen Goldfische schluckten das langweilig klare Wasser und glotzten durch
die Wand des Kerkers  alle paar Wochen lag einer mit dem Bauch an der
Oberfläche dann sagte das Stubenmädchen »Inädche Frau müssen wieder n paar
neue kaufen«
    Dieses Stubenmädchen war eine fade Person »So Leut mag i net wo bloß am
Lohn hange ond ohne Herz schaffen Mädle wo oft alle paar Monat ihre Herrschaft
wechsle hänt kein Heim und können die Wohnung net heimisch machen«  »Schatzi
du bist zu anspruchsvoll Ich verlange vom Stubenmädchen die ausgemachte Arbeit
weiter geht sie mich nichts an Heimisch sollen sie sich fühlen Ach Kind
Glaube mir man verliert bei den Leuten an Respekt wenn man sich mit ihnen
gemein macht  sie werden dummdreist und tanzen einem schließlich auf der Nase
herum Mein kluger Vater sagte immer Distanz muss man wahren für alles Man darf
die Leute nicht als gleichberechtigt behandeln Dein Träumerherz möchte immer
mit Charakteren rechnen wie sie im Reiche Gottes sind Aber da wohnen wir
nicht wir wohnen in einer Welt wos recht gemischt hergeht An Burdinski und
Frau Kleins Erfahrungen siehst du ja was dabei herausspringt wenn man aus
Schwärmerei anrennt gegen unsere Staatsordnung die doch wie eine Mauer gefügt
ist Glaube mir  ich bin kühle Rechnerin  niemals werden diese Sozialisten zur
Welterrschaft gelangen Aus dem einfachen Grunde weil bloß der Egoismus sich
aufs Herrschen versteht und weil die Menschen im Egoismus wurzeln  Begehren
und Genießen bleibt immer heiß und wild«
    Schweigend starrte Hainlin vor sich hin Marianka sprach weiter »Sechs
Monate also hat die arme Frau Klein bekommen Und nun wird sie wohl noch
ausgewiesen wie ihr Mann Was meinst du«  »Zur Ausweisung von Müttern hat sich
dr Puttkamer noch net verstiege Er scheut vor der öffentlichen Meinung und die
ischt halt gegen Ausweisung von Frauen zumal wenn sie Kinder haben«
    »Es war ein guter Einfall von dir Frau Klein mit ihren Kindern nach
Grünheide einzuladen Im Freien kann sie sich erholen Aus dem Gefängnis in den
dustern Schusterkeller überzusiedeln das wäre kümmerliche Befreiung Schade
nur dass Burdinski nicht auch nach Grünheide kann Sollte sich nicht draußen für
ihn eine Existenz finden Er könnte ja was anderes betreiben als die
Schusterei«
    »I han auch schon dran denkt Aber dem steht ebbes im Weg Frau Klein ischt
halt ihres Mannes Frau Dass er ausgewiesen ist betrachtet Burdinski als einen
Grund der erst recht zu Rücksicht verpflichtet«
    »Ach wirklich« staunte Marianka  »Ich hätte kaum gedacht dass Proletarier
so zart die Ehe respektieren  es heißt doch die Sozialisten seien für
Weibergemeinschaft«
    »Sogar für All gemeinschaft  hab ich gesagt  aber Allgemeinschaft ist Güte
 Aus Güte hält Burdinski zu Frau Klein Ja wäre sie Witwe er würd sie
heiraten«
    »Das wäre fabelhaft gutmütig Sie ist doch arm  und ist keine junge Frau
mehr Zwar noch ganz niedlich  aber sie hat zwei Kinder«
    »Ha« lächelte Hainlin  »dees wär für Burdinski erst recht ein Grund zum
Heiraten Liebe Kinder sinds  Kinder sind überhaupt der Ehe Sonnenschein«
    »Meinst du Wenn aber zu den zwei Kindern noch ein paar hinzu kommen«
    »Welchen Gärtner täts net freue wenn sei Gärtle reiche Frucht hat«
    »Mit dieser Gartenschwärmerei verwirrst du die Frage Kinder sind nicht
immer willkommene Frucht  Kinder fallen den Eltern schwer Na ja und wenn man
schon das Opfer bringen möchte um einen Stammhalter zu haben so wärs doch
töricht darüber hinaus zugehn Die Franzosen erweisen sich auch in dieser Frage
als Kulturvolk  mit ihrem Zwei kindersystem«
    Missbilligend wiegte Hainlin den Kopf »Unnatur ischt dees«
    Sie zuckte die Achsel »Unnatur ist so ziemlich die ganze Zivilisation 
Unnatur ist dieser Teppich dies Mobiliar unsere Kleidung unsere Lebensweise
Du Schatzl schwärmst für Natur  ich lasse dir deine Liebhaberei  bin aber
nun mal für Kultur«
    »Diese Franzosen denen in der Ehe ihre bürgerliche Behaglichkeit oberstes
Gesetz ist sind Egoisten die ihr Herz knapp halten bloß damit ihr Geldbeutel
dick bleibt«
    Nun wurde Marianka unruhig »Aber Schatzl Wenns nach dir ginge  wieviel
Kinder sollten dann wir haben«
    Lächelnd spreizte er seine fünf Finger Mit beiden Händen griff sie nach der
Schläfe »Oh«
    »Oder auch sieben  neun  ein Dutzend wenn du magst«  »Scherz beiseite
Klar ist doch dass die Eltern einer Kinder herde nichts weiter sind als deren
Anhängsel Bloß für die Kinder müssen sie sorgen Aber ich will kein bloßes
Mittel für das Menschengeschlecht sein  sondern auch etwas für mich«
Schmeichelnd legte sie den Arm um seinen Nacken »Und wär ich nichts mehr für
mich wie könnte ich dann etwas sein für dich Schatzl«
                                       
    Mit dem Frühjahr begann für Hainlin eine besonders glückliche Zeit insofern
die kleine Besitzung am Waldsee seine Liebe zur Gärtnerei befriedigte Ein paar
Wochen hintereinander weilte er draußen Grub und karrte Dünger wie ein
Bäuerlein Ging mit der Giesskanne zimmerte eine Laube war sogar Maurer und
Dachdecker Sonnabends gegen Abend kam gewöhnlich Burdinski um einen Tag mit
seinem Freunde zu verleben und auch seinerseits im Sonnenschein zu hantieren
Zuweilen war noch Frau Ahlert mit den Kleinschen Kindern dabei Dann betreuten
diese ein paar Beete die man das Kleinsche Rittergut nannte Besonders die
Blumen mit denen Frau Klein begrüßt werden sollte
    Und endlich zur Zeit der Lilienblüte erschien Frau Klein an Burdinskis
Arm von den Kindern umschmeichelt Ihre Blässe verriet was sie durchgemacht
hatte doch sie benahm sich rüstig und klagte in keiner Weise über ihre
Gefängniszeit Beunruhigt hatte sie nichts als die Frage wie die Polizei in
Erfahrung gebracht habe dass im Volkskaffeehaus die Ausgabe der verbotenen
Schriften stattfinde »Es muss doch einer gepfiffen haben« meinte sie »Glaser
wird keinen Schwupper gemacht haben  der ist vorsichtig Offenbar hat die
Polizei mindestens schon einen Tag vorher Wind bekommen  die drei Beamten
erwarteten uns ja Hier muss was faul sein«
    »Wir werden die Sache untersuchen Aber jetzt lassen wir sie ruhen Jetzt
soll uns bloß Liebes und Frohes beschäftigen«
    Man fuhr Kahn  landete auf der Liebesinsel wo die nunmehr belaubten Erlen
und die Birken mit dem lichtgrünen Haar im lauen Winde säuselten Man ruderte
ins Löcknitzfliess das mehrere Seen verbindend eine Sumpfwildnis
durchschlängelt Frösche quarrten im dichten Schilf schwatzten Rohrsperlinge
Frau Klein träumte verzückt Burdinski lächelte vor sich hin Hainlin ließ den
Kahn steuerlos  nichts begehrte man als die Junisonne den blauen Himmel die
weißen Wölkchen gespiegelt im Wasser das lispelnde Röhricht mit den
schwebenden Libellen die Süßigkeit der gelben Seerosen den Harzduft der
Wacholderbüsche die den nahen Kiefernwald säumten Nun bebten aus Hainlins
Flöte wonnige Weisen  er dachte an die schwäbische Heimat  Burdinski an sein
Masuren
    Marianka fehlte  sie nahm an solchem Naturgefühl selten teil an
städtischen Interessen hing sie an menschendurchströmten Straßen an Konzert
und Theater am Tiergarten wo sie in den Zelten ein Kaffeekränzchen mit
Freundinnen hatte
    Dass die geplante Reise nach dem Süden unterblieb weil Hainlin vom
Grünheider Gärtchen gefesselt wurde tat Marianka leid obwohl sie davon kaum
etwas merken ließ
    Als sie erwähnte ihre Erbtante würde es gern sehen wenn sie mit ihrem
Manne für ein paar Wochen zum Besuch käme  die Tante hatte ein Gütchen an der
pommerschen Küste  erwiderte Hainlin vor Herbst dürfe er seinen Garten nicht
im Stich lassen zumal jetzt das Treibhaus gebaut werde Wenn aber Marianka gern
zu ihrer Tante möge solle sie doch reisen  die Seeluft werde ihr gut tun
    Marianka reiste also zur Tante während Hainlin in Grünheide gärtnerte Aber
keine vier Wochen und er hatte solche Sehnsucht nach Marianka dass er Frau
Klein bat mit den Kindern für ein Weilchen nach Grünheide überzusiedeln damit
er seiner Frau nachreisen könne
    Mit freudiger Genugtuung empfing ihn Marianka Ein paar Tage blieb das Paar
bei der Tante dann machte es einen Abstecher nach Bornholm Auf Hainlins Wunsch
war das geschehen  ihn reizte diese naturhafte Insel mit den Granitklippen und
Brandungen Er liebte es über Heidehügel zu schweifen die anrollende See zu
belauschen einsame Feldlandschaft zu durchwandern in einem Bauerngehöft
einzukehren und mit den Leuten Dänisch zu radebrechen
    Marianka blieb lieber in Blanks Hotel  las Journale plauderte mit
Hotelgästen ging zum kleinen Hafen und beobachtete die Abfahrt des Dampfers
    Herr Starke ein Arzt aus Stettin leistete ihr zuweilen Gesellschaft  sie
sah ihn gern und auch Hainlin fand ihn leidlich Starke war ein Hüne von
Gestalt mit durchdringenden Blauaugen blondem Vollbart kühner Adlernase
Leidenschaftlicher Segler nahm er Hainlin mit hinaus in die schäumenden Wellen
Der Schwabe war begeistert vom seemännischen Wesen und von der nordischen
Landschaft »Nordisch« lächelte Starke  »da sollten Sie erst mal nach Norwegen
kommen«
    Und von Norwegens Felsenbuchten war nun viel die Rede Hainlin schlug
Marianka vor die nächste Sommerreise nach Norwegen zu machen Sie war
einverstanden »Aber Sie Herr Doktor Starke müssen Führer sein«
    Als das Ehepaar auf dem Dampfer war der es heimführen sollte und bei der
Abfahrt Marianka mit dem Taschentuch wedelte rief Starke »Also gnädige Frau 
nächsten Sommer in der Mitternachtssonne  am Malström«
    »Wo« rief sie zurück während der Dampfer zu schaukeln begann  »Am
Malström Das ist der große Strudel bei den Lofoten Den möcht ich durchsegeln
Sind Sie dabei Nicht Na denn fahr ich alleine Far well«
    »Dees ischt e Kerle« sagte Hainlin anerkennend als der Hafen wo der
verbliebene Starke den Hut schwenkte allmählich zurückwich  »So stelle ich
mir Tell vor« meinte Marianka  »solche Naturwüchsigkeit hab ich gern«
 
                               Die Nordlandreise
Mitte Juni so war mit Starke ausgemacht wollte man sich in Sassnitz treffen und
mit dem Dampfer über Malmö fahren zunächst nach Dronteim Es ging auch alles
plangemäss In der Stadt am blauen Fjord zwischen malerischen Höhenzügen
erfolgte ein kurzes Ausrasten  dann fuhr der Touristendampfer stracks gen
Norden
    Nacht gab es nicht mehr Um Mitternacht schwebte die Sonne überem Horizonte
glutig wie bei uns die Abendsonne Da es fortwährend hell war und die Blicke
nach der Küste in die Buchten hinein auf die Klippen und Bergriesen immer neu
gefesselt wurden kam die Reisegesellschaft nie zur Ruhe fühlte sich müde oder
nervös aufgepeitscht Hainlin saß auf Deck und blätterte in einem Buche »Hör
Marianka was der Tegner sagt Mitternachtssonne mit blutroter Pracht färbte die
Bergeszinnen  es war nicht Tag es war nicht Nacht es schwebte mitten innen«
    »Ach ja« gähnte Marianka  »die Sonne sieht aus wie ein Auge das vom
Wachen gerötet ist Dass hier die Nacht fehlt kommt mir wie eine Lücke in meinem
Leben vor Die Natur ist ja hier recht interessant  aber ich sehne mich nach
unserm dustern Berliner Zimmer und dem weichen Bett Kultur ist eben auch ne
schöne Sache«
    Ganz großartig wurde die Seelandschaft als die Lofoten kamen Eine Kette
von Felseneilanden dem Eismeer vorgelagert erstrecken sie sich vom
norwegischen Festlande in den Ozean  wie eines Riesenfisches Gerippe das in
die Wirbelknochen und Gräten zerfallen ist
    »Die Dolomiten« jubelte Starke als Felsenberge wie Zinken aus der See
ragten  »Die Dolomiten in den Ozean gestellt«
    Mit einem kleinen Postdampfer ging es nun von Insel zu Insel Nach der
Südspitze der Lofoten fuhr man im Segelboot und Starke fühlte sich in seinem
Element Herausfordernd fragte er die Schiffer ob sie mit ihm durch den
Malström fahren wollten Sie schwiegen den Fremdling kalt musternd
    Starke wandte sich an Marianka »Dieser gewaltige Strudel entsteht indem
die Flut durch eine Felsengasse in einen Kessel strömt Früher ging die Sage
auf dem Meeresgrunde sei hier ein Loch ein Schacht  und das hineinstürzende
Wasser komme erst bei Indien heraus Von Schiffen die mit Mann und Maus der
Strudel verschlungen habe sei keine Planke wiedergesehen«
    Auf Mariankas dringende Bitte begnügte sich Starke den Strudel bloß von der
Küste aus zu betrachten Hainlin und Marianka begleiteten ihn auf die ragende
Klippe wo Moose und karge Beerensträucher blühten Die Aussicht zeigte etwa
eine halbe Meile entfernt eine Brandung und ein paar kleine Felseninseln
dahinter offene See Die Felsbrocken vorn waren von Vogelschwärmen bevölkert 
Lummen hockten träge es flatterten kreischende Möwen »Nun haben wir uns wohl
satt gesehen an dieser Wüstenei  mich verlangt nach einem Glase Grog«
    Beim Abstieg vom zackigen Felsen vertrat sich Marianka den Fuß und fühlte
sich kaum fähig zu gehen Hainlin wollte aus Birkengesträuch einen tragbaren
Sitz machen  Starke bat um die Erlaubnis die gnädige Frau einfach zu tragen
Als sie nicht widersprach hatte der Hüne sie wie ein Kind auf seine Schulter
gehoben und hielt ihre Hände in den seinen So stieg er abwärts fest und sicher
 während Marianka gegen Schwindelgefühl anzukämpfen hatte
    Im kleinen Gasthaus zu Helle war Starke ärztlich um Marianka bemüht Er
massierte den Fuß und machte einen Verband »In acht Tagen ist Frau Marianka
wieder sicher auf dem Fuße Die Schonzeit kann nicht langweilig sein wenn wir
sie an Bord verleben Der Dampfer trägt uns ja fortwährend Ihre zwei Kavaliere
gnädige Frau werden ja auch wetteifern Ihnen die Stunden zu versüßen  so wie
ich jetzt diese zwei Stücken Zucker in Ihr Toddyglas tue«
    Das feurige Getränk sorgte für gute Stimmung und bald scherzte man über das
Abenteuer »Dees muss i sage Doktor« meinte Hainlin  »e Kerle sind Sie Mei
Fraule ischt net leicht  ond solche Last hänt Sie den steilen Felsenpfad nunter
getrage als wär dees nicks«
    »Für Alpenkraxler wie ich einer bin ist das auch nicks« entgegnete
Starke »Das heißt gnädige Frau den Ausdruck nicks beziehe ich bloß auf meine
Muskelarbeit  nicht etwa auf die holde Last«  »Süssholzraspler«  »Auf Ehre
Wie ein Gott kam ich mir vor«
    »Gut gesagt« meinte Hainlin  »wie ein Olympier sahen Sie tatsächlich aus 
so kühn und sicher Wie Zeus als er die schöne Europa trug Das Bild hat
allerdings eine komische Seite  wenn mr nämlich bedenkt dass Zeus die Gestalt
eines Stieres angenommen hatte Ha eines Stieres Kraft hänt Sie allerdings
Prosit«
    Nach einer längeren Rast in Digermülln auf der ausgedehnten Felseninsel
Hinnö fühlte sich Marianka fähig eine Partie ins Gebirge mitzumachen Mit dem
Segelboot ging es durch den düstern Raftsund eine Wasserstrasse zwischen
gewaltigen Bergen Auf der Westseite öffnet sich überraschend eine Gasse Fast
senkrecht ragen rechts und links die Felsenwände  in den Schluchten die von
oben nach unten gerissen sind liegt Schnee Wo die Sonne wärmen kann sind
leuchtend grüne Teppiche von Moos Rosen und Beerengesträuch An schattigen
Stellen hängen Gletscher in die See Schwarz sieht die Flut im Felsenkessel aus
    In diesem sogenannten TroldFjord landete das Boot und nachdem in einer
Nische der Felsenwand Feuer gemacht und die Gesellschaft mit Kaffee erfrischt
war ging es längs eines Giessbaches auf rauhem sumpfigem Pfade steil in die
Berge
    Nach einer Stunde war das Ziel erreicht ein Bergsee zwischen Felsen die
fast senkrecht an die tausend Fuß emporragen Gletscher gleiten auf den See den
folglich auch im Sommer Eis bedeckt
    »Hier ist das unheimliche Reich der Berggespenster von denen die nordischen
Jäger und Fischer fabeln« sagte Starke Und Hainlin der zu den gleissenden
Gletschern emporstarrte fügte träumerisch hinzu »Blank sind wir ganz und gar 
aber auch ewig unfruchtbar«  »Ist das nicht aus dem Faust« fragte Starke 
»Ja aus der Walpurgisnacht  schöne Hexen jammern so«
    Marianka die auf einem Felsblock saß hatte aufgehorcht »Hexen
Unfruchtbar Was will der Dichter sagen«
    Hainlin erwiderte »Es kommt halt vor dass e Weib um nix von seiner blanken
Schönheit einzubüssen sich scheut vor der Mutterschaft und also unfruchtbar
bleibt«
    Über Mariankas Gesicht huschte ein Schatten »Und Hexen sollen das sein«
    »Alles Unfruchtbare ist für Goethe sinnlos So ist es zu erklären dass sich
in der Walpurgisnacht Naturen versammeln deren Treiben unfruchtbar ist  das
ist die Bedeutung jener Hexen die Mephistos Gefolgschaft bilden Er ist die
chaotische Seite unseres Lebens  das Gemeine Schlechte Unsinnige«
    »Willst du sagen dass ein unfruchtbares Weib gemein ist« Schneidend klang
ihre Stimme
    Überrascht blickte Hainlin Wie eine unheimlich brütende Norne kauerte sie
zwischen dem Urgestein und rollte die Augen finster zu den Gletschern Hainlin
suchte nach Worten um sich gegen die Missdeutung zu verwahren
    Aber schon hatte Marianka sich gefasst Sich erhebend erklärte sie kühl
»Lassen wir die Wortgefechte«
    »Aber Marianka Mit keinem Wörtle han i ebbes gegen dich gesagt Oder
Doktor Sie sind Zeuge«
    »Oh ihr Männer« sagte Marianka wegwerfend  »mich friert überhaupt« Schon
ging sie und hatte da Hainlin zögerte einen Vorsprung
    »Ach ja die Weiberchen« wandte sich Starke an Hainlin  »was die alles
raushören wenn unsereins mal was Ungewöhnliches sagt Übrigens Hainlin 
einem Frauenarzt gestatten Sie diese Bemerkung vielleicht ist Marianka der
Fruchtbarkeit näher als sie ahnt Ihre Nervosität hat einen körperlichen Grund«
 »Unser Berliner Arzt« meinte Hainlin  »den sie befragt hat ob sie Aussicht
habe auf Mutterschaft hat daran gezweifelt und hat sie verstimmt durch sein
Gutachten«  »Ach was Gutachten Ich selber bin Frauenspezialist Selbst
organischen Mängeln lässt sich beikommen Schon Massage hm Aber sagen Sie
Hainlin denken Sie wirklich so streng dass eine Ehe in Ihren Augen gleich
entwertet ist wenn sie unfruchtbar bleibt Das wäre eine grelle Übertreibung
Jedenfalls sollte man den Begriff Fruchtbarkeit auch auf das Seelische
ausdehnen auf das Liebe und Tüchtige das sich oft in kinderlosen Ehen findet
Auch mit geistigen Kindern kann man sich Unsterblichkeit verdienen«
    »Hallo« rief Marianka aus der Ferne und winkte  »Wir kommen« antwortete
Starke
    Noch einmal schaute Hainlin auf den mit Schollen bedeckten Bergsee  auf die
Gletscher die sich von den hohen Felswänden hernieder erstreckten Eisige
Fremde hauchte ihm Schauer ins Mark Und sein Heimweh schluchzte auf  ein
schmerzliches Sehnen nach dem freundlichen fruchtbaren Sonnenländle
    Da fiel sein Blick auf den Ring den er am Finger trug Und es gleisste der
Diamant wie die Gebirgsgletscher »Blank sind wir ganz und gar  aber auch ewig
unfruchtbar«
 
                               Hainlins Heimkehr
Als unser Paar wieder in der Charlottenstrasse hauste hatte es zunächst das
Bedürfnis sich gründlich auszuruhn von all den starken Eindrücken der Fremde
Dann begab sich Hainlin nach Grünheide Burdinski der ihn gärtnerisch vertreten
hatte war unzufrieden mit dem regenlosen Sommerwetter das ihn gezwungen hatte
Tag für Tag stundenlang die Giesskanne anzuwenden Als Marianka einmal herauskam
sagte sie spitzig »Na weißt du Schatzl in diesem Sande wird deine Gärtnerei
nicht gerade erfolgreich sein Die Mark gehört also wohl auch zu den
unfruchtbaren Hexen  aber ein bissel gern hast du sie doch  ein Lückenbüsser
ist sie für deine Heimat  wie ich Lückenbüsser bin für dein Rosel«
    Als abermals ein Sommer gekommen und wieder von Reisen die Rede war meinte
Hainlin »Du wolltest ja wohl zur Riviera«  Marianka sah ihn prüfend an und
lächelte »Ist das dein Ernst Zur heißen Zeit geht man nicht an die Riviera
Aber du willst wohl andeuten dass du gern einen Abstecher ins Ländle machen
würdest Na warum denn nicht Besuche deine Jugendflamme dabei ist natürlich
die zweite Flamme überflüssig Eigentlich bin ich sogar schon deine dritte 
denn gesteh die Marga mit den drei Kindern die dir zur Hochzeit gratuliert
hat kommt auch in Betracht Du errötest Ich bin nicht eifersüchtig Wenigstens
nicht auf Frau Rosel Bolkendorf Bloß dass mir eure Innigkeiten nicht gerade
erbaulich wären Du verstehst  was du nicht willst dass man dir tu  Gesetzt
ich wollte auch schön tun mit einem Dritten  na siehst du Also Schatzl
reise allein nach Tübingen Bleib ein paar Wochen Ich verspreche dir mich
nicht zu langweilen«  Fast beschämt von Mariankas Großmut küsste er ihre Hand
und sagte so wolle er denn reisen  es werde wie er fühle ein Abschied von
seiner Jugend sein
                                       
    Als der Zug in den Bahnhof Tübingen einlief sah Hainlin aus dem Fenster
gebeugt drei Frauen  sie winkten mit Tüchern und Sonnenschirmen Er griff nach
seinem Koffer vom Zuge der noch im Fahren war sprang er ab und stürzte in
Rosels Arme Er fühlte dass ihre Gestalt die Kraft und Üppigkeit von damals
verloren hatte Ihr Kuss hatte etwas Unbeholfenes ihre Hand bebte in der seinen
ihr Gesicht war eine angewelkte Blume Bekümmert sah er sie an und küsste
nochmals Ihre Lippen waren mutlos und er bemerkte eine Locke an ihrer Schläfe
war weiß
    Einen anderen Eindruck machte Rosels Mutter Ihr rundes Gesicht blühte das
dunkelblonde Haar zeigte noch kein Ergrauen  diese Matrone war fast jugendlich
Und Hainlin wandte sich an die dritte Gestalt Zärtlich strahlte Berta
Schneckle das schmächtige Gesichtchen rosig überhaucht Mit Berta wisperte ein
Knabe als gehöre er zur Gruppe »Ha freile« sagte Berta »warum ziehscht dei
Käpple net Gib dem Herrn Kandidate die Hand« Das tat der Knabe unter artiger
Verbeugung »Ei wer ischt denn dees« fragte Hainlin  und gab selber die
Antwort »KleinWendelin gelt« Aus Tübinger Briefen war ihm bekannt dass Pias
und Ulis Kind Wendelin getauft von Schneckles in Pflege genommen war In
plötzlicher Zärtlichkeit nahm Hainlin den Kopf des Knaben zwischen seine Hände
Das hübsche Gesicht erinnerte an Pia besonders durch die Rehaugen aber auch
ein Zug von Uli war darin seine strahlende Keckheit
    Nun setzte sich die Gruppe in Bewegung Hainlin führte Frau Funk und hatte
Rosel den linken Arm gereicht  scheu hielt sie ihn gefasst Da waren nun die
Alleen und Rasenflächen hinterm rauschenden Fluße die gute alte Stadt das
Stift die ragende Burg Und da war das traute Haus Anerkennend nickte Hainlin
als er das Messingschild an der Haustür las »Berta Schneckle geprüfte
Krankenpflegerin«  »Ja« erklärte Frau Schneckle stolz  »guete Praxis hat sie
scho«
    In der Wohnung war alles beim alten jedenfalls in der Stube die Hainlin
früher bewohnt hatte und auch jetzt bezog Als er das bekränzte Plakat
»Willkommen« gelobt hatte und den Rosenstrauss auf dem weiß gedeckten Tisch
öffnete er die Tür zum Altan Drunten blank der Neckar jenseits hochwipflig die
Platanenallee herüber lugte das Blau der Berge Rosel stand an Hainlins Seite
und deutete auf das Haus am Neckarbad »In der Laube sitz i heut abend ond hör
zu wenn du hier obe flöte tuscht gelt Ond morge kommscht zu meim Mann Heut
tut er sich net sonderlich wohl fühle  ond i möcht ihn net lang allei lasse«
    Hainlin war betroffen  er hatte sich gedacht den ganzen Nachmittag und
Abend mit Rosel zu verleben überhaupt fast immer mit ihr zusammen zu sein die
paar Tage die er in Tübingen bleiben wollte Und nun ging sie nachdem sie ihn
kaum begrüßt hatte Etwas Frostiges hatte ihn angehaucht er stand traurig
    Mitfühlend streichelte sie seine Hand und in aufwallender Liebe schlang er
den Arm um sie Unter sanftem Lächeln war sie ein Weilchen seinem Kosen ergeben
Dann griff sie nach seiner Hand und führte ihn zur Stube Hier hatten die
anderen Frauen einen Gugelhupfkuchen aufgetischt und spendeten aus der mächtigen
Kanne duftenden Kaffee Im Plaudern kam Gemütlichkeit zur Geltung Rosel aber
und ihre Mutter hielten nicht lange aus »Onser arms Heinerle hat uns nötik«
entschuldigte Frau Funk
    »Wills denn gar net besser mit ihm werde« fragte Hainlin Frau Funk
schüttelte seufzend den Kopf
    Draußen klopfte jemand  es war der Briefträger Der Brief den er brachte
war von Marianka Ihn überfliegend las Hainlin »Als ich mich gestern abend
legte und Dein Bett sah erschrak ich Mich überwältigte die Sorge ich könne
Dich verlieren weil Du ja heimkehrst zu Deiner ersten Liebe  on revient
toujours  Jetzt bist Du bei ihr  nach der Du Heimweh hattest an meiner
Seite Und wenn Ihr in Tübingen von gemeinsamen Jugenderlebnissen plaudert
fließen Eure Blicke ineinander Ich aber in meiner Verlassenheit was fange ich
an Ich beisse die Zähne ins Taschentuch  habe eigentlich jetzt keinen Menschen
dem ich mich anvertrauen könnte Komme mir so haltlos vor wie ein dürres Blatt«
                                       
    Als Hainlin andern Tages am Stift vorbeikam begegnete ihm eine Bürgersfrau
die ihn von früher kannte »Griess Goot Herr Kandidat Au wieder da Wollet Sie
zur Frau Bolkedorf Auf m Markt ischt die Und ihr Mueter die Frau Funk ischt
graad die Bursagass nunter«
    Durch diese Mitteilung ließ sich Hainlin nicht abhalten schon jetzt
Bolkendorfs Heim aufzusuchen In die Wohnung freilich mochte er nicht gleich
gehen  mit Bolkendorf allein zu sein hätte er gern vermieden In der
Gartenlaube wollte er Rosels Rückkunft abwarten
    Es rührte ihn den Garten genau so wiederzufinden wie er ihn kannte Rosen
blühten und Rittersporn es strotzten die Beete von Endiviensalat In der Laube
die wilder Wein umsponnen hielt wars dunkel und kühl hier am Tische wo
Hainlin einst gesessen hatte nahm er Platz  hinter ihm rauschte der Neckar
    Nicht lange so vernahm er Stimmen vom Hause her Jemand sagte zu Rosel der
Herr Kandidat sei im Garten Glückselig lächelte Hainlin bei der Vorstellung
Rosel werde nun ihn suchend in die Laube eintreten  dann wolle er sie
umfangen
    Und richtig es nahten hurtige Schritte  sie kam als errate sie wo er
sei Ihre schlanke Gestalt trat ein sich bückend unter den Ranken und schon
hatte er die Arme um sie geschlungen »Jergle Oh du« So hing sie an seinem
Halse  »Rosel mein Lieb« Sie küssten sich Auge fand das Auge  Mund drückte
sich auf Mund Dann hörten sie vom Haus her den Kanarienvogel schmettern den
Sommerwind im Laube lispeln den Fluss raunen 
    Auf einmal dumpf ein Stöhnen  dann Schluchzen  Rosel war aufgesprungen
und zur Laube hinaus geschlüpft Hainlin folgte und sah Hinter der Laube
Bolkendorf im Fahrstuhl  dicht an der Laube nur das Blättergewebe hatte ihn
getrennt vom kosenden Paar So war er schon gesessen ehe Hainlin gekommen war 
hatte sie belauscht
    Der lahme Mann mit dem Graubart hielt beide Hände vors Gesicht geschlagen
und zuckte in krampfhaftem Weinen Schmerzlich bestürzt stand Rosel bei ihm und
suchte zu beschwichtigen  seine Locken streichelte sie »Heinerle Sei net bös
Dr Jerg ond i sind wie Brueder ond Schweschter« Nun tat er die Hände weg 
betränt blickten die blauen Augen zu Rosel auf  kein Vorwurf wars ein Flehen
um Mitleid »Bös Das bin ich nicht Aber so hilflos ach so verlassen«
    Und an Hainlin wandte er sich mit einem langen Blick der eine stumme
Sprache hatte Argwöhnisches Spähen war darin »Lass mich allein mit ihm« raunte
er Rosel zu  »Ja« nickte sie und atmete tief  »redet mitsammen«
    Sie ging  leidvoll blickten sich die Männer an  heiser begann Bolkendorf
»Sind Sie gekommen Herr Hainlin mir Rosel abspenstig zu machen Ich kanns
kaum glauben Rosel hat so viel Gutes von Ihnen erzählt  sie behauptet man
müsse Sie lieben Drum  wenn Sie so sind  nicht wahr Dann darf ich ruhig
sein« So bettelte der Gelähmte
    Hainlin blickte starr vor sich hin und gequält kam die Antwort »Herr
Bolkendorf Viel ließe sich hier sagen  aber was sind Worte Sie drücken aus
was die Leute meinen ach die Leute Ich aber und Rosel  was wir erlebt haben
von Kindheit an  richtiger noch was Rosel und ich mitsammen sind  das «
Seine Lippen bebten  ratlos zuckte er die Achseln
    Angstvoll blickte Bolkendorf und nickte langsam »Ich weiß  verstehe Hier
ist auch nichts zu machen als dass wir unser bissel Verstand zusammennehmen
nicht wahr Also überlegen Sie Rosel ist nun mal meine Frau Vielleicht
bedauert sies manchmal  vielleicht hätt ich gescheiter getan ihre Mutter zu
heiraten  aber  sie ist nun mal meine Frau Bedenken Sie doch Herr Hainlin
In der Ehe mit mir hat Rosel Halt gehabt und hat ihn noch Ein Baum ist bald
umgehaun aber Jahre waren nötig ihn aus dem Keim aufzuziehn Ist er gebrochen
so gibts keine Heilung mehr Das gilt übrigens nicht bloß für meine Ehe
zugleich für Ihre Sie sind wie ich höre sogar glücklich verheiratet Der Ring
an Ihrem Finger bestätigt es mit seinem Gefunkel Nun denn halten Sie fest was
Sie haben  und lassen Sie auch mich in meinem Besitz Ich würde sonst völlig
verarmen wäre geradezu vernichtet  vernichtet Rosel ist mir alles alles«
    Bei dem klagenden Geständnis brach Bolkendorf von neuem in Tränen aus Es
war gut dass jetzt Frau Funk erschien und Rosel Mitleidig bemühten sich die
Frauen um den Gelähmten Er beruhigte sich und raunte Frau Funk etwas zu Ein
wehmütiges Grüssen hatten die beiden Männer für einander  dann  rollte Frau
Funk den Wagen des Gelähmten weg und Hainlin stand mit Rosel allein
    Traurig blickte sie zu ihm auf Er wusste nichts zu sagen Bis sie endlich
die bange Starrheit brach »Solle mr net e bissle umhergehe im Garte« Sie
wandelten zwischen den Beeten Teilnahmlos sahen sie hin  als wollten sie bloß
die öde Zeit hinbringen
    Gequält brachte Hainlin heraus »Jetzt  möcht i bloß noch Ulis Grab besuche
 dann wär hier mei Sach erledikt«  Rosel hauchte »Auch i  gang heut aufn
Friedhof« 
    So findet mein Stürmen auf den Glasberg ein kläglich Ende dachte Hainlin 
abgeglitten bin ich  wie die andern  nur dass ich noch ein wenig Anhalt habe 
in einen Riss der Glasfläche krall ich mich ein Aber bald stürz ich  in den
Höllengrund
                                       
Abends wars  die Grabzypresse rauschte
Traurig saß ein Paar
Zwischen Hügeln Was es sann belauschte
Gott allein und rings der Toten Schar
An des Todes dornumwobnen Toren
Betteln wir um Ruh 
Unsre Heimat Eden ging verloren
Seit wir zwei geworden Ich und Du
Gott verband uns Schon als Kinder träumten
Wir uns Mann und Frau
Doch die Trennung kam Was wir versäumten
Ist dahin  die Locke wird nun grau
Zu den Toten gehen wir  die gestatten
Unsre Herzensglut
Aber gramvoll grübeln unsre Gatten
Und sie löschten gern wie Wasserflut
Ist kein Ausweg  Sieh den Zeisig hüpfen
Dort im Eibenstrauch
Durch die Lücken  lockt er  lerne schlüpfen
Wo ein Käfig ist ein Türlein auch
Vogel schweig Dein Türlein heißt Verschulden
Treulos sein tut weh
Lieb ist Wohltat Lieb ist keusch im Dulden 
Spriesst wie Märzenglöcklein unterm Schnee
Einst  wenn unsre Gatten beide sterben 
Mag es schuldlos sein
Dass wir noch ein Glück ein spätes erben 
Unser Ehepriester heißt Freund Hain 
Doch wir träumen Unsre Gatten leben
Küssen wir die Hand
Die uns heilsam strenge Zucht gegeben
Und des Vögleins Lockung überwand
Lass uns treu den Gatten angehören
Zwar leibeigen nicht 
Seelen dürfen lieben Nie kann stören
Einer Liebe Licht das andre Licht
Schwarze Dünste  in der Abendsonne
Sind sie Purpurglanz
Licht der Gottesliebe deine Wonne
Strömt durchs All  und jeder hat sie ganz
Lass uns Engel Wang an Wange lehnen
Groß ins Leuchten schaun
Und im Schauen ströme unser Sehnen
Hier von Grüften heim zu Edens Aun
Fern zwei Rosenwölkchen  sie zerrinnen
In das Goldmeer weit 
Hauchgleich weben sie für unser Minnen
Weltentrückt das späte Hochzeitskleid
 
                               Der Zusammenbruch
Hainlin hatte den Abend und die ganze Nacht im Eisenbahnwagen zugebracht und
morgens Berlin erreicht Nachdem er sein Gepäck der Aufbewahrungsstelle
überliefert hatte fuhr er mit der Pferdebahn zur Charlottenstrasse Übermüdet
freute er sich auf behagliches Ausruhn daheim
    Mit dem Schlüssel den er bei sich hatte öffnete er die Flurtür Als er
seinen Reisemantel an den Keiderpflock hängte sah er da einen Herrenhut  es
war ein breitkrämpiger Samtut Doktor Starke trug der nicht solch einen
    Indem Hainlin stutzte trat aus der Küche das Stubenmädchen Wie sie ihn
sah erstarrte sie offenen Mundes »Ach  äh Herr Hainlin kommen schon Bitte
hierher Treten Sie einstweilen  in die Küche Einen Augenblick  ich äh «
    »Waas« fragte Hainlin befremdet  und wollte ihrem Drängen entsprechend
in die Küche gehen Da fiel ihm auf dass sie Miene machte an ihm
vorbeizuschlüpfen Sie verhehlt etwas schoss es ihm durch den Kopf »Halt«
gebot er das Mädchen am Arm ergreifend  »ischt hier wer«  »Ach nein Bloß
die gnädige Frau hat  äh «
    »Waas hat sie« Hastig trat er in den Salon  ging ins Studierzimmer
Niemand da Also weiter Er ahnte es sei etwas vorgefallen
    Der schmale Flur führte zu Mariankas Schlafzimmer Sie wird doch nicht krank
sein Sollte Doktor Starke Sein Hut sein Hut
    Die Schlafzimmertür innen verriegelt gab dem Drucke nach  und wie sie
aufsprang vernahm Hainlin Mariankas leisen Aufschrei
    Wie ein Blitz in der Nacht dem Wanderer enthüllt dass er vor einen Abgrund
geraten ist so genügte der rasche Blick um die Situation zu erfassen Wie
gelähmt stand Hainlin Dann  trat er zurück und  drückte die Tür zu
    Wie er in seinem Studierzimmer stand brach ein Stöhnen aus tiefer Brust 
ineinander krallten sich die Hände dabei bemerkte Hainlin den Ring an seinem
Finger  zog ihn ab und legte ihn auf den Schreibtisch Einem Zettel vertraute
er die Worte an »Dies Glied unserer Kette nimm zurück Und wenns der andre
haben will mag ers nehmen Leb wohl« Aus der Küche lugte scheu das
Stubenmädchen  er warf die Tür ins Schloss
                                       
    Strassengetümmel umgab ihn  Wagen rollten die Leute hasteten zu ihrem
Tagewerk als wäre die Welt noch im alten Gleise Aber für Hainlin war sie ein
Haufen Scherben
    Zerschlagen fühlte er sich  sein Herz zuckte der Kopf tat ihm weh Ratlos
sah er sich um Was beginnen Wohin Nur fort von diesen Menschen den
treulosen In irgendeinen Versteck
    »Hotel« las er auf einem Schilde  es war ein bescheidenes Haus Hainlin
ging hinein  zum Portier sprach er heiser »Ein stilles Zimmer«
    Der Kellner kam  musterte den neuen Gast und legte das Fremdenbuch vor
Hainlin trug seinen Namen ein Hier stand gedruckt »Kommt von  reist nach «
Bitter lächelnd schrieb er »Von Berlin nach Glastelfingen« Der Kellner der
ihm über die Schulter sah mochte denken Glastelfingen sei ein süddeutsches
Städtchen
    Dann war Hainlin in einem Zimmer dessen Bett vom Stubenmädchen mit frischer
Wäsche bezogen wurde Das dauerte ihm endlos Als er dann allein war warf er
sich nur halb entkleidet aufs Bett Es wimmelten die Gedanken durcheinander 
er schloss die Augen wollte nichts sehen Aber innerlich sehen musste er
Mariankas Schlafzimmer ihr Bett  Hören musste er ihren leisen Aufschrei Dazu
hier das Strassengeräusch  Steinsetzer verrichteten Pflasterarbeit  unter ihren
Handpicken wimmerte der Stein  das klang fast wie Mariankas Aufschrei
    Nun trällerte auf dem Flur das Stubenmädchen einen Gassenhauer »Fischerin
du kleine fahre nicht alleine auf die hohe See hinaus  in das wilde
Sturmgebraus« Es schrillte die elektrische Klingel  auf dem Flur lief man hin
und her
    Trotz solcher Störungen musste Hainlin genickt haben  verworrene Bilder
waren ihm durch den Kopf gegangen An Burdinski hatte er gedacht an Grünheide
an Garten und Haus An die Hochzeit  wie Mariankas Bruder gewitzelt hatte
»Zwei glückliche Tage gibts in der Ehe  den einen wenn man seine Ehehälfte
erworben hat  den andern wenn man sie wieder los ist«
    Stöhnend richtete sich Hainlin auf Nur der Gedanke an Burdinski und Frau
Klein war etwas Mildes in seiner Seele Sie bildeten ja eine Ausnahme unter den
Menschen die sonst so rohgierig sind so schonungslos Hainlin stand auf und
machte sich fertig Drückte den Knopf der Klingel und verlangte die Rechnung
Als er bezahlt hatte tauchte er abermals ins Strassengewühl
    Am Bahnhof Alexanderplatz ersah er aus dem Fahrplan dass bis zum Zug mit
dem er nach Fangschleuse fahren wollte noch zwanzig Minuten waren Da kam ihm
der Wunsch erst Frau Klein aufzusuchen  zur Linienstrasse wars ja nicht weit
    Als er in den Schusterkeller hinabgestiegen war saß auf dem Schemel ein
fremder Mensch der eingestellte Geselle Frau Klein trat gerade aus der Küche 
ihr Anblick befremdete  denn sie trug ein schwarzes Kleid und einen beflorten
Hut »Sind Sie in Trauer Frau Klein«  »Mein Mann ist tot« Sie presste die
Lippen zusammen »Die Ausweisungen haben ihn mürbe gemacht« Mit dem Taschentuch
wischte sie die Augen  brach aber plötzlich in Empörung aus »Und nu das mit
Glaser«
    »Glaser Was ist mit dem«  Es sprühte aus ihrem Auge »Verleumdet hat man
ihn Ein Spitzel sei er sagt Patzke Gemeine Lüge Der Spitzel ist Patzke« 
»Spitzel« sagte Hainlin dumpf »Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede Mag
Glaser ein Ehrengericht von Genossen beantragen«
    Verächtlich winkte Frau Klein ab
    »Ach die Genossen Die sind rasch fertig mit ihrem Urteil Eben hab ich das
erlebt Komme ja von Glaser Bei dem war die ganze Stube voll Genossen  und
alle schäumten vor Wut Über Glaser den Unschuldigen Mich haben sie vor die
Tür gesetzt wie ich ihn verteidigt habe Aber Sie Herr Hainlin Sie haben
Ansehen bei den Leuten durch Ihre Vorträge Reden Sie den Aufgeregten
vernünftig zu Bitte gehen Sie sofort zu Glaser Schützen Sie ihn Weichen Sie
ihm nicht von der Seite Ich kann mich jetzt nicht um ihn bekümmern Muss
Burdinski hier erwarten  hab ihm nach Grünheide telegraphiert er soll sofort
kommen«
    Hainlin tat einen Seufzer  aber nicht schwerer war ihm das Herz eher
leichter Hatte er doch einen Gefährten im Unglück  und eine Aufgabe »Ich gehe
zu Glaser Und wenn Burdinski kommt treff ich den bei Ihnen gelt Nicht in
der Charlottenstrasse  da wohn ich nicht mehr«
                                       
    In der Buchdruckerei Ahlert  Glaser war es still man schien die Arbeit
eingestellt zu haben Als Hainlin an Glasers Tür klopfte hörte er eine zankende
Männerstimme Weil das Klopfen nicht beachtet wurde trat Hainlin ohne weiteres
ein
    Glaser saß am Tische den Kopf in die Hand gestützt  bleich verstört 
blutrünstig als habe man ihn geschlagen Ein hohlwangiger Arbeiter schüttelte
vor ihm die Fäuste trampelte mit beiden Füßen und kreischte »Häng dir uff
Mensch Häng dir uff Lass dir bloß nich mehr bei uns blicken Vadufte du Aas
stinkijet fui fui«
    »Justav« stöhnte Glaser »erst noch hier Det Jeld musste mitnehmen  die
Abrechnung Et stimmt uffn Sechser Un nu mein letztes Wort Ick bin keen
Lump« So brüllte er verzerrten Gesichts schluchzend barg ers in aufgestützten
Armen
    Der andre starrte hin schüttelte den Kopf und atmete schwer Dann strich er
das Geld ein nahm den Abrechnungszettel und ging
    »Glaser« sagte Hainlin ihm die Schulter rüttelnd »Ich bins Hainlin Und
ich  glaube an Sie Gewiss Sie sind unschuldig«
    Sofort richtete sich Glaser auf und sah Hainlin vollen Blickes an »Ja un 
schuldig«
    »Erzählen Sie Glaser Weihen Sie mich ein Die Sache muss sich ja aufklären
Ihre Genossen sollen wieder Zutrauen finden«
    In Glasers Augen lohte es düster »Zutrauen Aus dem Zutrauen solcher
Jenossen mach ick mir nischt Mit die bin ick fertich Wissen Se wat die jetan
haben An  je  spuckt haben se mich Verdroschen haben se mich Jetreten wie
nen räudijen Köter Un det wolln Jenossen sind Wilde Tiere sinds Feindliche
Brüder Neidisch misstrauisch vablendet vahetzt hintalistich un toll Unkraut
erstickt de janze Arbeeterbewejung Dadraus wird nich das was ihre Propheten
vaheissen  ick habe meinen Ilauben valoren Ick will nischt sehen nischt hören
von den janzen Schwarm Nach Kamerun jeh ick« Er war aufgesprungen  schlüpfte
mit ängstlicher Hast in seinen Mantel tat ein Ränzel um das in Bereitschaft
war und griff nach Hut und Stock
    Hainlin folgte ihm auf die Straße »Nachn Alexanderplatz« raunte Glaser 
»ick will nach Hamburch fahren«
    »Hamburg« Das Wort erinnerte Hainlin an Harburg wo Marga wohnte  und
Harburg war ja nahe bei Hamburg So kam ihm der Einfall mit Glaser zu fahren
dann nach Harburg Besuchen wollte er Marga nicht  das hätte eine Aussprache
gegeben und die scheute er Aber noch einmal gesehen hätte er sie gern nebst
ihren Kindern  er wollte sie belauern nur von weitem sehen
    Glaser blieb stehen wie unschlüssig »Herr Hainlin Da fällt mir ein Ick
muss zum Notar  det muss noch heute erledigt werden Besser wir fahren erst
morjen nach Hamburch«
    Während man nach einem Notar suchte äußerte Glaser den Wunsch Hainlin möge
ins Büro mit kommen Vielleicht dass ein Zeuge nötig sei  er wolle nämlich
seinen Geschäftsanteil an der Buchdruckerei auf Frau Klein übertragen
    Hainlin stutzte »Frau Klein Wie kommt die dazu einen Anteil an so nem
Gschäft zu kaufen Oder  wie meinen Sie das«
    »Kaufen nee Jeschenkt soll sie ihn haben Un wenn se Burdinskin heiratet
so kann ja der den Jeschäftsmann machen«
    »Aber Sie Glaser Können denn Sie eine solche Summe glatt verschenken« 
»Ah« sagte er wegwerfend »zuwider is mich der janze Kitt Frau Klein na ja
die kann ihn brauchen Mir hat der Mammon dies höllenmässije Schicksal
heraufbeschworen Den Patzke hat er neidisch jemacht  der war darauf erpicht
mir den Anteil abzukoofen Wie er sah det ick nich wollte hat der Halunke den
schwarzen Plan ausjebrütet mich hier unmöjlich zu machen bei die Jenossen«
    Hainlin stand starr »Ha Na wär dr Patzke e Teufel«  »Der verfluchte
Mammon hat ihn dazu jemacht«
    »Tun Sie mir dees verzähle Glaser«  »Später später«
    Es dauerte nicht lange so war vom Notar die Übereignungsurkunde
ausgefertigt Wie nun Glaser gehen wollte nahm Hainlin das Wort »Herr Notar
auch ich habe mich entschlossen etwas von meinem Eigentum zu verschenken Ein
Grundstück in Grünheide gelegen an meinen Freund Burdinski« Die Angaben über
Personen und Grundbuchzeichen wurden gemacht  dann war auch dieser Akt
erledigt
    Als Hainlin und Glaser wieder auf der Straße waren blickten sie einander an
 beide atmeten auf von einer Last befreit  und jedes der beiden Gesichter war
umgewandelt Aus dem Gram lugte etwas SanftStilles
    »Verstehn tu ich Sie Glaser Mir hats Schicksal ähnlich mitgespielt wie
Ihnen Ich würd Ihnen alles sagen darfs aber net  gewisse Menschen möcht i
halt schone Aber jetzt der Patzke der verdient keine Schonung Also wie wars
mit dem Tun Sie mir dees verzähle gelt«
    Am Friedrichshain waren die beiden angelangt fanden im Gebüsch eine leere
Bank und nun enthüllte Glaser die ränkevolle Geschichte Patzke war der Schuft
der Glasers Ehre zugrundegerichtet hatte Wars auch der Frau Klein und die
anderen Expedienten des verbotenen Blattes der Polizei überliefert hatte Und
das war so gekommen
    Die Liste mit den Namen der heimlichen Expedienten hatte Glaser in seiner
Zither versteckt Frau Ahlert die es lächelnd beobachtet hatte war so
unbedacht gewesen es auszuplaudern Patzke gegenüber der sie beständig
umschmeichelte dabei hatte sie sich nichts Arges gedacht  hatte sich bloß ein
wenig lustig machen wollen über Glasers Geheimniskrämerei wie sie es nannte
Patzke aber hatte nichts andres im Sinn als die ahnungslose Frau über Glaser
auszuholen um diesen in der sozialdemokratischen Bewegung unmöglich zu machen
Dann gedachte er ihm seinen Geschäftsanteil billig abzukaufen und als Ahlerts
Kompagnon die Druckerei zu einer Goldgrube zu machen
    Auch noch aus einem andern Grunde wollte er Glaser ruinieren Er hatte das
Gefühl Glaser beargwöhne ihn Und dem war auch so seit der Verhaftung im
Volkskaffeehause hegte Glaser den Verdacht Patzke sei der Angeber Patzke
wollte nun nach dem Grundsatze verfahren Zuvorkommender Hieb ist die beste
Abwehr Er verdächtigte also Glaser bei den Genossen er habe aus alter
Schwärmerei für Frau Klein seinen Nebenbuhler Burdinski beseitigen ihn daher
mit der Expedition des »Sozialdemokraten« in die Polizeifalle locken wollen Dass
nicht Burdinski sondern Frau Klein die Schriften zum Volkskaffeehause gebracht
habe sei eine bloß zufällige Abweichung von Glasers Plan gewesen
    Als es Patzke gelungen war Glaser bei den Genossen derart anzuschwärzen
fuhr er sein schweres Geschütz auf In einer geheimen Versammlung sagte er
»Jetzt wolln wr mal dem Ilaser ne feine Falle stellen Seht diesen Brief
Jenossen Hier ha ick ufjeschrieben wat ick Ilasern nächstens vorschwatzen
werde ne erfundene Jeschichte von ne jeheime Vabindung Is nu Ilaser Spitzel
so wird er der Pollezei berichten wat er von mir jehört hat un die dämliche
Pollezei wird druff rinfallen un den Vasuch machen det Umstürzlernest
auszuheben Na un denn wissen wir Bescheid Vastanden Jenossen Is det nich
sauber injefädelt«
    Ein Bedenken gegen diesen Plan wurde laut Selbst wenn die Polizei auf die
erfundene Geschichte reinfiele wäre noch nicht mit aller Bestimmtheit erwiesen
dass Glaser der Spitzel ist es könnte ja eine dritte Person die von der
Geschichte gehört hat den Bericht an die Polizei geliefert haben
    »Dritte Person« entgegnete Patzke  »unmöchlich Es kann ebent keene dritte
Person in Betracht kommen Unter vier Augen will ick Ilasern die Jeschichte
beibringen  un will hinzufüjen Ilaser Det du keenen Dritten wat merken lässt
Deine Ehre steht uffm Spiel  Also Jenossen Wenn er nach solcher Verwarnung
doch pfeift na denn is er eben nich vertrauenswürdich Also abjemacht
Jenossen Un hier überjeb ick euch den Brief vasiejelt Nu wolln wr sehen wat
kommt«
    Ein paar Tage später berief Patzke dieselben Genossen und führte sie nach
der Ackerstrasse zum Restaurant von Ludwig Ein Paket das Patzke trug wurde
einem Packträger übergeben den man am Stettiner Bahnhof aufgegriffen hatte Er
sollte es in jenes Restaurant zum Wirt bringen Das Weitere werde sich finden
    Als nun der Packträger den man vorangeschickt hatte seinen Auftrag
ausgerichtet hatte ging Patzke mit den Genossen ins Restaurant und fragte den
Wirt ob für ihn etwas abgegeben sei  »Ja woll dies Paket« antwortete der
Wirt Patzke erhielt es und saß mit den Genossen am Tisch um es zu öffnen
Plötzlich tauchten Polizisten auf und verhafteten die Gesellschaft Als sich
gleich darauf herausstellte dass im Pakete nichts Verbotenes war nur ein Paar
zerrissene Filzpantinen zog die Polizei verlegen ab
    »Haha« scholl Patzkes Hohngelächter »Un jetzt Jenossen meinen Brief
raus Erst revidiert det Siejel Et is unvasehrt Also uffjemacht Un nu lees
eener vor wat da steht«
    Im Brief stand »Ich habe Glasern unter dem Siegel strengster
Verschwiegenheit anvertraut am 5 August nachmittags sechs Uhr wird bei
Ludwig in der Ackerstrasse ein Paket mit Liederbüchern abgegeben und an die
hinbestellten Expedienten verteilt Aber keine dritte Person darf davon Wind
bekommen Das habe ich aber Glasern bloß gesagt um ihn auf die Probe zu
stellen«
    »Seht ihr Jenossen« triumphierte Patzke »Ick habe Ilasern durchschaut 
un uff meine List is er rinjefallen Klar wie Klossbrühe is nu Een Spitzel is
Ilaser Hat an die Polezei varaten wat ick ihm anvertraut habe  un de Pollezei
natürlich hat jejlaubt eenen fetten Fang zu tun Also Jenossen  den Ilaser
missen wr schleunigst unschädlich machen Sofort alle Mann zu ihm«
    »Jawoll zu Ilasern« hatte die aufjehetzte Rotte geschnaubt  und so war
Glaser der Tücke zum Opfer gefallen
    »Ond jetzt Glaser mach i den Vorschlag Ganget mr zunäkscht in e stills
Lokal und stärke mr uns Auch ich bin erschöpft  hab die Nacht keinen Schlaf
ghätt und hab heut noch nicks gegessen Hernach tun mr uns Schlafgelegenheit
suche  ond morgen reisen wir«
    Die Unglücksgefährten begaben sich in eine Destille Hainlin trank Weissbier
und aß etwas Glaser hatte nur für Schnaps Neigung »Wir müssen uns doch nu
trennen Herr Hainlin« sagte Glaser »denn wo ick übernachte da passen Sie
nich hin«
    »Wenn daas Ihr einziks Bedenken ischt Glaser so sag ich Ihne In ein Hotel
gang i net Davon han i heut genug Ins ärmlichste Quartier gang i gern mit
Ihne«
    In schweigender Prüfung sah ihn Glaser an »Aber wissen Sie wo ick heute
nächtigen will Im Asyl für Obdachlose Dahin zieht es mich  die janz
Valassenen sind meine wahren Jenossen  bei die kann ick mir beruhijen un bin
heimisch bloß bei die«
    »Sie hänt recht I versteh Ond komm gern mit ins Asyl falls i net störe tu
 ond falls mr Leut in so guter Kleidung net abweise tut«
    Wirklich empfand es Hainlin als Erlösung nicht wieder in ein Hotel gehen zu
brauchen Das Getriebe daselbst kam ihm abstoßend vor Wars doch ein
Mechanismus der in allen Teilen von Selbstsucht getrieben wird und dessen
gefällige Art so viel Gemachtes Erlogenes hat Hinter der Schmiegsamkeit des
Personals lauert die Sucht nach Trinkgeld Der Gast ist Gegenstand der
Ausbeutung
    Die ganze Volkswirtschaft die Zivilisation sogar ist so kam es Hainlin
vor von Selbstsucht getrieben Möglichst viel Geld Genuss und Glanz sollen die
Geschäfte sollen alle Berufe bringen
    Die Geselligkeit die sogenannte Gemütlichkeit dran man sich erwärmt hat
viel heuchlerisches Getue Die gutbürgerliche Welt Mariankas Kreis ist eine
Maskerade von glatten Larven
    Aber freilich  was Glaser jetzt erlebt hatte bildete einen erschütternden
Beweis dass auch die Arbeiterklasse von Minderwertigkeit wimmelt
    In Hainlin war ein Aufschluchzen  durch seine Seele zitterte das Lied »Ich
bin ein Fremdling überall Wo bist du wo bist du mein geliebtes Land Gesucht
geahnt und nie gekannt«
    Als der Abend dämmerte begaben sich Glaser und Hainlin zur nahen
Büschingstrasse Vor dem Asyl standen in zwei Reihen Männer die Einlass
begehrten Die Ankömmlinge schlossen sich an und harrten Neben Hainlin war ein
bartloser Bursche bestaubt von der Landstraße Da war ferner ein Graukopf mit
Stoppelbart Ein polnischer Landarbeiter in abgerissener Kleidung Seine
Schnapsflasche trank er aus weil sie im Asyl nicht geduldet wurde
    Jetzt kam der Hausvater und schritt die Front der Obdachlosen ab jeden
musternd Hin und wieder hatte er etwas zu fragen schalt auch wohl »Sie kommen
schon wieder Das ist gegen die Vorschrift Diesmal noch will ich ein Auge
zudrücken  weil wir heute Platz haben«
    Als der Hausvater zu Hainlin kam stutzte er »Na nu Wat wollen Sie denn
hier Sie haben doch ne feine Kluft Wat sind Sie Künstler«  Hainlin nickte
und selbstgefällig schmunzelte der Hausvater »Unsereens hat n Blick dafür«
    Nach beendeter Musterung kommandierte der Hausvater »Rrechts  om Links
schwenkt marsch« So zog die Kolonne ins Asyl  der Sonnenbruder ahmte mit den
Lippen das Trompetengeschmetter eines Militärmarsches nach
    Innen war abermalige Musterung und es wurde gefragt wer baden und wer
seine Kluft in die Bienenbäckerei bringen wolle Durch Glaser erfuhr Hainlin
gemeint sei ein Dörrapparat für verlauste Kleider  Bienen nennt man in der
Vagabundensprache die Läuse
    In einer Halle an langen Tafeln saßen die Asylisten und löffelten Mehlsuppe
aus Blechnäpfen Es wurde noch etwas geplaudert nicht laut eher schüchtern
Dann gings in die Schlafräume in die »Falle« Die eisernen Bettgestelle
enthielten Strohsack Kopfkissen und Decke
    Als Hainlin entkleidet unter seiner Decke lag wandte er sich zum
Nachbarbett das Glaser innehatte und nickte ihm zu »Schlaf Bruder Vergiss
die Welt« Und während nun Schnarchen rasselte schwammen die Seelen auf stiller
Flut im Traumkahn hinüber zu wundersamen Ufern Was Hainlin ins Hotelbuch
geschrieben hatte er reise nach Glastelfingen das gelang ihm für diese Nacht
 
                                Zwei Heidehügel
Am Morgen holte Hainlin seinen Koffer vom Anhalter Bahnhof und fuhr mit der
Pferdebahn zum Lehrter Bahnhof wo ihn Glaser erwartete Vierter Klasse kamen
sie nach Hamburg  Glaser nahm Abschied Hainlin fuhr weiter nach Harburg
    Die Fabrik von Osterkamp war bald gefunden und beim Pförtner erkundigte
sich Hainlin wo Herr Osterkamp wohne »Wollen Sie ihn sprechen Er ist in der
Fabrik«  »Danke nein hier mag i net störe  möcht bloß der Frau Osterkamp
meine Aufwartung machen«  »Die gnädige Frau ist aber verreist«  »Verreist
Oh wie schad Ond wohin denn verreist«  »In die Heide  nach Achterkrog«
    Achterkrog war ein Oertchen an der See Teils mit der Bahn teils wandernd
gelangte Hainlin hin Im Wirtshause erkundigte er sich bei der Wirtin vorsichtig
nach Frau Osterkamp und erfuhr die wohne im Forstause zwei Stunden von hier
Es sei leicht zu finden  man brauche bloß in die Heide zu gehen und auf den
nächsten Hügel los  dahinter sei der Wald und an dessen Rande liege das
Forstaus
    Hainlin beschloss im Achterkrog zu übernachten um zunächst einmal die See
zu beschauen die hinter der Düne brüllte Am Morgen wollte er das Forstaus
aufsuchen
    Zum letzten Häuschen des Fleckens gelangt bemerkte er wie im Winde der
von der Heide schnob ein Schmetterling geflattert kam  ähnlich einem welken
Blatt das dahintreibt Und ins Gärtchen der Strandhütte taumelte der matte
Sommervogel  zu einer Malve die dort weiß blühte Es war ein Trauermantel 
und wehmütigen Reiz hatte das Bildchen auf dem Blütenschnee spreizte der
Verirrte die dunklen Flügel sich ein wenig an der Sonne zu wärmen Es war sein
letztes Glück gleich darauf riss ihn ein Windstoß seewärts  auf die Wasserwüste
war das haltlose Seelchen geschleudert und Wogenmäuler schnappten nach ihm
Ein Trauermantel im Nebelsturm
Über Stoppel und Heidekraut
Zur Düne trieb der Falter
Wo drohend das Weltmeer blaut
Bei der Gartenmauer am letzten Strand
Von Brandung schon umsprüht
Da wankt die weiße Malve
Ein Spätling fast verblüht
Der hingetaumelte Falter hängt
Dunkel am Blütenschnee
Zu rasten ein süßes Weilchen 
Dann reißt ihn der Sturm zur See
O haltlos flatternde Zärtlichkeit
Wie welkes Laub verweht
Im Wogenmaul nicht anders
Als ob ein Schaum zergeht
                                       
    Morgens in klarer Sonne schritt Hainlin durch die Heide Sie war ein lila
Blütenmeer aus dem zuweilen eine Gruppe dunkelgrüner Wacholdersäulen ragte Das
sandige Land bildete Wellen draus hob sich der Hügel den die Wirtin bezeichnet
hatte  auf seiner Höhe ragten Steine
    Um den Hügel führte eine Wagenspur  und da lag das Forstaus am Walde der
sich über moorigen Boden erstreckte Nach rechts ging die Heide weiter  ins
Grenzenlose so konnte man denken  nur dass in violetter Ferne ein anderer Hügel
mit einer Felsenkuppe ragte
    Vom Hügel an dessen Fuß er sich befand scholl eine Kinderstimme
Vorsichtig näherte sich Hainlin dem Gipfel Ein Knabe und ein Mädchen streiften
durch das Heidekraut als ob sie etwas sammelten Auf des Hügels Kuppe saß bei
einem kleinen Mädchen eine junge Frau in städtischer Kleidung Hainlin den
Rücken gekehrt las sie in einem Buche
    Sie ist es sprach Hainlins pochendes Herz und es war fast Schreck was ihn
lähmte Dann fasste er sich und nutzte den Augenblick um Marga zu betrachten Da
sie ins Lesen vertieft war und ihr Kind das Gesichtchen abgewandt hatte konnte
Hainlin unbemerkt näherkommen  und blickte Marga von der Seite an Sie sah
frisch aus rosig  von der Schläfe wehte ein goldiges Löckchen  die Gestalt
war frauenhaft
    »Mammi Da is wer« sagte das kleine Mädchen und schleunigst wandte sich
Hainlin ab Er bückte sich nach Heidekraut und schlenderte wie planlos den Hügel
hinab
    Ob sie mich beachtet hat Ob meine Gestalt ihr Erinnerungen weckt dachte er
 und schwankte ob dies zu wünschen sei oder nicht
    Einmal fühlte er den Drang auf den Hügel zu stürmen und sie in seine Arme
zu reißen Dann griff er seufzend an seine Stirn An Marianka hatte er plötzlich
denken müssen  an den Gram den sie über ihn heraufbeschworen hatte Sollte nun
er dem das Herz davon noch blutete störend eingreifen in den ruhigen Zustand
einer Ehe Margas Ehe zerrütten
    Entschlossen entfernte er sich von Marga  schritt nun fest und flott durch
die Heide Nicht zum Forstaus sondern dem blauenden Felsenhügel entgegen
    Daselbst angelangt ging er zum Gipfel setzte sich auf den Steinblock und
schaute zurück zu Margas Hügel Ob sie noch da war ließ sich nicht erkennen
Versonnen nahm er aus dem Ränzel seine Flöte und es zitterten Seufzer der
Sehnsucht über die lila wogende Weite Sonst war es still  nur Bienen summten
leise ein Wacholder raschelte im Winde schleppenden Fluges krächzten Krähen
    Unweit war ein Dörfchen und hier fand Hainlin Unterkunft Es war bei einer
Schulmeisterwitwe die ihr ererbtes Häuschen hatte und von den Bienen Honig
erntete In einem Märleslande fühlte sich Hainlin  er mochte sich nicht trennen
von dieser Heide wo man Herr blieb in seinen Träumen Oft stieg er auf den
Heidehügel schaute nach Margas Hügel und blies Flöte
    Der Herbst war gekommen Nebelwind schnob über die verblühte Heide  mit
schnarrendem Sehnsuchtslaut zogen Wildgänse im Keilgeschwader südenwärts Ein
paar Schwäne kamen auch geflogen  ermüdet schienen sie einem Genossengeschwader
nachzurudern 
    Nach Marga erkundigte sich Hainlin niemals  keine Nachricht aus dem Reiche
trüber Wirklichkeit sollte sein Innenleben mehr stören Hier suchte er Neuland
suchte die Friedensinsel in wüster See Und die Insel tauchte auf er spürte
dass er sie erreichen werde
Zwei Heidehügel ragen 
Die Öde trennt sie weit
Es sind versteinte Klagen
Der Einsamkeit
Die Felsenkuppen spähen
Rings Heide struppig braun
Hinüber schweifen Krähen
Und Wolkenfraun
Die Krähen haben Flügel
Zum lila Heidesaum 
Die beiden Felsenhügel
Verwebt nur Traum
Sie dürfen kaum sich grüßen
Als blauer Duft von fern 
Und schmiegten sich zu Füßen
Einander gern
Die Wanderschwäne flogen
Im gelben Abendschein
Ein letzter kam gezogen
Müd hinterdrein 
Herbstregen wob in Floren
Da war der Blick geraubt
Und in sich starr verloren
Das Hügelhaupt
Im Finsteren schnob von Norden
Der barsche Flockengreis 
Und morgens waren worden
Zwei Scheitel weiß
Jedoch ein Sternenfriede
Hat nächtens sie geweiht 
Da lauschen sie dem Liebe
Der Ewigkeit
»Getrost wenn Stern bei Sterne
Wie Laub vom Wipfel fällt
Wenn Nähe sich und Ferne
Umfangen hält 
Getrost wenn Berge tauchen
Ins lang geliebte Tal
Und sich erlöst zu Hauchen
Der Steine Qual
So finden sich zwei Hügel
Ein spätes Hochzeitspaar 
Und sind zwei weiße Flügel
Die wölbt auf spiegelklarer Flut
Ein stiller Schwan«
 
                               Mit dem Ruhebecher
Auf einem Heidegang war Hainlin von Regen durchnässt  heimgekehrt fühlte er
sich von Frost durchschüttelt Am Morgen fand ihn seine Wirtin im Fieber  er
stöhnte  alle Glieder taten ihm weh Ein Arzt weiter geholt stellte
Gelenkrheumatismus fest Durch Medikamente brachte er den Patienten aus dem
einen Übel heraus um ihn dem andern zu überantworten einem Herzleiden
    Inniger Trost für Hainlin war das Erscheinen Margas an seinem Bette Von der
Heideförsterin hatte sie gehört jener Herr der auf dem fernen Hügel manchmal
Flöte geblasen liege gefährlich krank Da mehrere Kennzeichen auf Hainlin
hindeuteten den sie schon damals als er dicht bei ihr war zu erkennen
geglaubt hatte war sie zum Patienten gegangen
    Über die Aussprache der beiden kann man Vermutungen hegen Hainlins
Tagebuch besagt nur Marga habe ihn liebreich gepflegt
    So weit hergestellt dass der Herzleidende die weite Reise zum Onkel Guhl
unternehmen durfte schrieb er einen Brief an Marianka »Das Märle vom Glasberg
das ich Dir erzählt hab bewahrheitet sich an mir Abgerutscht bin ich lieg
unten zerschlagen und fühle dass ich nicht lange mehr dies Dasein werde zu
tragen haben Recht so Ich passe nicht hinein Hab alleweil den Fehler
gemacht von ihm etwas zu erwarten was es nicht leistet seiner Natur nach
nicht leisten kann Mein Reich ist nicht von dieser Welt  ist vielmehr jenes
heimliche Dörfle das in der äußeren Wirklichkeit nicht existiert Mein
Glastelfingen soll mich nun ganz haben Du liebe Marianka bist mehr
realistisch veranlagt Drum hab ich für gut befunden dass wir uns nicht durch
äußeres Band aneinander gefesselt fühlen Als ich Dir den Ring dagelassen hab
ist es nicht bloß die eherechtliche Seite unseres Verhältnisses gewesen was ich
als Kette empfunden hab Nein der Ring ist ein Glied jener Kette die uns
schwache Geschöpfe an die Sinnenwelt schmiedet Mich wie Dich Es liegt mir
fern Dich Marianka zu kränken  auch damals hab ich das nicht wollen als ich
an das FaustWort von den blanken unfruchtbaren Hexen erinnerte Deines Herzens
Gram lass mich lindern mit einem anderen FaustWort Lies nach was der Doktor
Marianus von den »Leichtverführbaren« sagt
»Wer zerreißt aus eigener Kraft
Der Gelüste Ketten
Wie entgleitet schnell der Fuß
Schiefem glattem Boden
Wen betört nicht Blick und Gruß
Schmeichelhafter Odem«
    Recht haben auch die halb erlösten Engel
»Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich 
Und wär er von Asbest
Er ist nicht reinlich«
    Ja »geeinte Zwienatur« ist jedes Menschenkind und nur die »ewige Liebe«
vermag das höhere Element vom niederen zu scheiden das Gold von der Schlacke
Die ewige Liebe  teure Marianka  die soll uns beisammen halten und wir
vergeben einander die Schwächen die in unserer körperlichen Ichnatur begründet
sind Bitte lass mich einsam Ich reise ins Neckarländle zum Onkel Guhl der
ein berufener Führer ins Ewige ist Da möcht ich an meiner Läuterung schaffen
solang ich Odem hab Übers Grab hinaus bleib ich der Deine  wie ich Rosel
zugehörig bin  und Marga Glastelfingen ist das Engelheim wo man nicht freit
im irdischen Sinne wo Eifersucht keinen Sinn hat weil Mein und Dein im Ewigen
verschmelzen«
    Die paar Monate die Hainlin noch am Leben blieb bilden die lieblichste
Zeit seines Erdenwallens Er hauste beim Onkel Guhl in Eberhards Einsiedelei
Umhegt fühlte er sich von der Ewigkeit deren Donnerwort ihm hier erklungen war
und in ihrem Leuchten verklärte sich sein Schicksal Neben Onkel Guhl weilten an
seinem Lager Rosel an Berta für etliche Zeit auch Marianka und Marga die aus
Sehnsucht gekommen waren
    »Da hab ich nun«  lächelte Hainlin  »mein Himmelreich im Herzen  ich
sterbe umgeben von dem was ich liebe«
    Friedevoll entschleierte sich ihm das große Rätsel  sein Sterben war als
ob Vollmond aus Wolken quillt
Der Garten schwarz  Gestalten seh ich kauern
In Flor gemummt
Sinds Büsche Blätter wagen kaum zu schauern
Alsbald verstummt
So fremd so steinern alles wie besprochen
Von Hexerei
Die Seelen sind wie Vögel scheu verkrochen
Beim Eulenschrei
Und bist du steinern Welt lass dich beschwören
Sei Seele Welt
Geheime Sucht einander zu gehören
Hat uns gesellt
Wir suchen uns wir liegen auf der Lauer
In Dunkelheit
O Bann der Fremdheit löse dich im Schauer
Der Zärtlichkeit
Komm Zärtlichkeit Ich bin allein Ein Zecher
Bei Ampelschein 
Wie Rebenblüte duftet mir im Becher
Der Edelwein
Den Trost der Öde soll ich nicht vermissen
Aufglüht der Mond 
Ein Fürst in Purpur der auf Wolkenkissen
Beschaulich tront
Nun hoch den Kelch Dir Vollmond gilt mein Trinken
Da lächelt hold
Durch Glas und Rebenflut sein Augenwinken
Wie Bernsteingold
Ein Kelch ein blanker süßen Rausches Quelle
Bist Mond auch du
Dein Licht durchrieselt mich  o kühle Welle
Der Seelenruh
Erlöser Mond wenn über Flur und Bäume
Dein Silber haucht
Wenn Allgefühl die sanften Schwärmerträume
In alles taucht
Traumkönig Mond Es huldigt deinem Glanze
Die Wolkenfee
Aus ihrem feierlichen Schleiertanze
Bljetzt keuscher Schnee
Zum Sterben süß dies Leuchten O dies Schweigen
Der Rätselnacht
Wies heimlich klingt So zittern Flöten geigen
Herbstgrillen sacht
Mir bangt nach jenem ewigklaren Frieden 
Wer den erlauscht
Der hat den Becher Gral ist schon hienieden
Aus Gott berauscht 
Es tropft der Tau Nachtmotten surren trunken
Ums Ampellicht 
Und Stirn an Stirn so bin ich hingesunken
Zum Mondgesicht
 
                                Totenbeschwörung
Noch ein Gedicht von Hainlin sollte ich kennen lernen In einem Buche wars das
droben im Schnützelputzhäusel aufbewahrt wurde So kams dass ich noch einmal zu
diesem Ort lieblicher Kindheitsträume gelangte
    KleinUli sollte mich hinführen Professor Ritter konnte den Aufstieg seinem
Beine nicht zumuten Begleitete uns aber bis zur Universitätsbibliotek wo er
seine Arbeit über Hölderlin betrieb
    Den Botanischen Garten hatten wir hinter uns waren an der Universität
vorbei und standen betrachtend vor der Bibliothek An der Aussenwand dieses
vornehmen Neubaues sind Bildnisse von Geisteshelden »Aber Hölderlin ist nicht
dabei« meinte der Professor spöttisch »Wohl Uhland ha freili der war ja
Universitätsprofessor Hölderlin aber hats net mal zum Stiftsrepetenten
gebracht Ist ein simpler Hauslehrer gewesen wiederholt stellungslos so dass er
bei Freunden oder bei seim Mütterle Unterschlupf suchen musste Dies Götterkind
das im Geistesschauen den Olymp nicht verleugnete war auf Erden ein
unbeholfener Träumer Als er von elender Wirklichkeit zerbrochen in Tübingen
die ärmliche Pflegestätte hatte schalt ihn wenn er sich auf Spaziergang wagte
Janhagel einen Narren Jetzt weiß der deutsche Michel der gern mit seinen
Dichtern und Denkern protzt von Hölderlin immer noch so gut wie nichts Die
Tübinger raunen davon es hab im Neckarturm ein irrsinniger Dichter gehaust 
Doch nun Herr Doktor kommen Sie mit mir in die Bibliothek Ich zeig Ihnen
leuchtende Spuren des Genius Hölderlin Bearbeite seine Handschriften die aus
dem Stuttgarter Archiv hergeliehen sind Die Gelegenheit ist wahrzunehmen
gelt«
    Durch einen Flur gelangten wir in den Lesesaal Im hellen weiten Raume
saßen an langen Tischen über Büchern grübelnde Männer schreibende Studentinnen
Die Stille der Beschaulichkeit gemahnte an Tempelandacht Eine Beschwörung von
Geistern schien hier stattzufinden und dazu passte das große Wandgemälde
    Szene aus Homer Am Eingang zur Unterwelt veranstaltet Odysseus ein
Totenopfer Aus der Tiefe nahen Schatten von Toten  Kinder und Bräute
kummergebeugte Greise und Männer in Rüstung Auch Sänger mit der Harfe
weisheitsvolle Seher Vom Opferblut nippen möchten die Seelen um wieder einmal
mit irdischem Leben verbunden zu sein  die Erinnerung daran war ihnen bisher
benommen  sie haben ja vom Strom der Vergessenheit geschlürft Immerhin regt
sich ein dunkles Heimweh und lüstern sind sie nach dem dampfenden roten
Lebenssaft Hat ein Schatten davon genossen so fühlt er sich verkörpert Darf
mit dem Opfernden plaudern  darf sich nach der Oberwelt erkundigen Auch Fragen
beantworten die Odysseus stellt So enthüllen sich diesem mancherlei Schicksale
Sogar in die tiefere Unterwelt gewinnt er Einblick Und erreicht den Hauptzweck
seines Abenteuers der Seher Teiresias sagt ihm wahr wie seine lange Irrfahrt
enden solle Wiedersehen werde er die Heimat sein trautes Felseneiland Itaka
die Gattin und den Sohn
    In das Bild vertieft fand ich darin einen Bezug auf mich Auch ich ein
Vielgereister suche die Heimat Und bringe ebenfalls Totenopfer dar Schatten
meiner Jugend beschwörend dass sie aus der Unterwelt heraufsteigen Blut geb
ich ihnen zu trinken damit sie Verkörperung gewinnen und ihr Geheimnis
offenbaren
                                       
    Unterm Arme nahm mich der Professor mir die Handschriften zu zeigen die im
Nebengemach aufbewahrt wurden Der Knabe hatte Weisung im Lesesaal zu warten
    Eine Mappe legte der Professor auf den Tisch und nahm mit Ehrerbietung
vergilbte Papiere heraus Hölderlins Briefe  die Handschrift ist rund und
schön fest und klar
    »Eine Stelle lassen Sie sich zeigen An seinen Halbbruder schreibt der
Dichter  bekennt ihm er hab in den letzten Jahren einen lieblos kalten Ton
angestimmt Zu entschuldigen sucht er sich auf eine tiefsinnige Art Lesen Sie«
    Der Professor wies mit dem Finger die Zeilen» Ein Unglaube an die ewige
Liebe hatte sich meiner bemächtigt «
    Betroffen hielt ich inne und sann Unglaube an die ewige Liebe Das
allerdings ist ein verwüstender ist wohl der einzig schlimme Unglaube
    Und ich las weiter »Ich sollte auch dahinein geraten  in diesen
furchtbaren Aberglauben Aberglauben an das was eben Zeichen der Seele und
Liebe ist Was aber wenn es so nicht verstanden wird ihr Tod ist«
    Wie wahr Wer nicht den Glauben an die ewige Liebe hat ist verstrickt in
einen Aberglauben der tödlich sein kann für unsere eigentliche Seele »Glaub
es Teuerster«  schloss Hölderlin das Bekenntnis seiner innerlichen Verödung 
»ich hatte gerungen bis zur tödlichen Ermattung  um das höhere Leben
festzuhalten im Glauben und im Schauen«
    »Ist das nicht ein Aufleuchten jener Liebe selbst von der die Rede ist«
meinte der Professor begeistert »Das Glauben der Liebe ist das höhere Leben
ein Schauen der ewigen Wahrheit Diese Offenbarung macht mir klar warum mein
armer Vater vom Glasberg stürzte Weil ihm die bösartigste aller Sorgen das
Zweifeln am geliebten Herzen ja an unserem Gotteskern  weil ihm dieser Geier
mit hartem Flügelschlag das Auge getroffen und geblendet das Schauen der Liebe
genommen hatte Anders starb Hainlin  ihm leuchtete das Morgenrot der Ewigkeit
Es ist dasselbe Schauen das Hölderlin durch den griechischen Eremiten verkünden
lässt «
    Und aus einem Heft blätterte der Professor die Notiz heraus »Eins zu sein
mit allem was lebt das ist das Leben der Gottheit  das ist der Himmel auf
Erden  ist Gipfel der Gedanken und Freuden«
    »Ist der Glasberggipfel« sagte ich  »wo die Prinzessin die wahre Seele
gefunden und erlöst wird Vorausgesetzt dass man auf Erden fähig ist vom ewigen
Leben  zu nippen Ja eins zu sein mit allem was da lebt  mit allem Das wäre
ein geradezu übermenschliches Leben für uns kaum fassbar in seiner Hoheit«
    »Übermenschlich das stimmt Nur auf diese Weise verwirklicht sich
Zaratustras Sehnsucht der Übermensch« versicherte der Professor  und es
erschütterte mich freudig dass ein Mann so sprechen konnte der grausige
Schlachten durchfochten hatte Weich fügte er hinzu »In der Liebe haben wir den
Anteil am Göttlichen Wir sehnen uns danach in jenem Glastelfinger Heimweh von
dem das Gedicht im Schnützelputzhäusel handelt«
    Um seine Studien nicht länger zu verzögern nahm ich Abschied von Professor
Ritter Er geleitete mich wieder zur Lesehalle wo sein Knabe wartete Mit dem
ging ich
 
                              Aus der Tiefe empor
Von der Lustnauer Baumstrasse führte mich KleinUli links ab  zur Waldhäuser
Höhe »Mr heißt sie jetzt AeberhardsHöhe« erklärte der Knabe
    Zwischen zwei schmucken Landhäusern steigt der Weg empor Bald öffnet sich
zur Rechten der Ausblick ins Lustnauer Tal Um den gotischen Kirchturm breitet
sich das Dorf neumodische Bürgerheime ragen an der Baumstrasse In meiner
Kindheit war hier alles schlicht gemütlicher als jetzt Der kasernenartige Bau
auf halber EberhardsHöhe eine Heilanstalt passt nicht ins Idyll der Gärten
die sich am Hang emporstaffeln Schade dass von den Wengertäusle die einst
zahlreich von der Berghalde lächelten nur wenige übrig sind
    Die Aussicht verschwindet wir passieren einen Hohlweg der steil aufwärts
führt überwölbt von Weissdorn und Haselbüschen Rechts kommt eine Schlucht in
deren struppiger Tiefe ein Wassergefälle rauscht
    KleinUli beugt sich übers feste Holzgeländer »Dees da ischt unsre
Wolfsschlucht  i han sie so getauft«
    »Ah« lächle ich  »Samiel erscheine«
    »Freile« scherzt der Knabe  »von da führt e heimlicher Gang grad in die
Höll Aber Sie brauche dees net zu glaube«
    »Ich verstehe«
    »In der Wolfsschlucht bin i mal drunte gwä  o jele arg wühscht siehts da
aus Nesseln tun brenne Dorne steche Wo Baumwurzle aus der Erd krieche hats
Löcher  Kröten ond Ratten  sogar e Kreuzotterle hat mr da erlegt«
    »Hu wie graulich«
    Raunend fuhr der Knabe fort »Wissen Sie Herr Doktor  wie mrs Bild von
Odysseus betrachtet hänt han i mir denkt So ähnlich wie die Wolfsschlucht mag
dr Eingang zur Unterwelt sein draus die Toten kommen sind  Aber freile eine
Unterwelt gibts überhaupt net Hölle scho gar net Dees ischt Aberglaube
Mythologie  gelt«
    Des Kindes Geplauder lenkte mich auf eine Idee die ich zunächst im stillen
verfolgte  weshalb meine Antwort einsilbig ausfiel
    Was mir durch den Sinn ging war die Myte von Hermes Er ist der Luft und
Geistgott Herr über den Odem über Leben und Tod  ist daher der Psychopompos
oder Seelenführer Die Seelen der Toten bringt er zur Unterwelt Seine weitere
Aufgabe ist jedoch aufwärts zu führen zur himmlischen Höhe Ein Christus der
Griechen ist Hermes niedergefahren zur Hölle auferstanden von den Toten
Erlöser der Unterwelt  
    Nun aber meint der Knabe Eine Unterwelt gibt es gar nicht Im
buchstäblichen Sinne gibt es natürlich keine Aber diese Völkeridee ist kein
bloßer Aberglaube
    Die Unterwelt bedeutet ja nicht allein den Ort wo die Schatten weilen
sondern philosophisch bedeutet sie das Reich formlosen Stoffes Aus
Formlosigkeit haben sich die Geschöpfe gestaltet zu ihr kehren sie verwesend
zurück
    Wozu aber dies Aufwärts und Wiederabwärts Ist es Wellenschlag am
Meeresstrand Ist es die Bemühung jenes Unterweltbewohners Sisyphus der seinen
Felsblock auf den Hügel wälzen soll jedesmal aber wenn das Ziel beinahe
erreicht ist aus den Händen rollen lässt
    Oder gibt es ein Auf und Ab in dem sich eine Leistung vollzieht Des
Uhrpendels Hin und Her leistet etwas das Uhrwerk geht der Zeiger rückt So ist
vielleicht auch Werden und Vergehen der Geschöpfe mehr als sinnloses Spiel
Irdisch Leben bedeutet Gelegenheit haben zum Aufstieg ins Ewige Oft wird die
Gelegenheit verpasst Doch dieser Verlust kann wieder gutgemacht werden der
große Wellenschlag bietet immer neue Gelegenheit Vielleicht hat darum die Natur
Zeit ohne Ende  niemals aufhören soll die Möglichkeit zum Bessern zu gelangen
    Dass ein Schüler mich begleitet bringt mich auf folgenden Einfall »Hör
Uli Du bist jetzt in der sechsten Klasse und ich war auch einmal darin Das
Pensum das ihr zu bewältigen habt ist wohl dasselbe wie zu meiner Zeit In den
viereinhalb Jahrzehnten die seitdem verflossen sind hat das Pensum keinen
Fortschritt gemacht Der Schüler schreitet ein wenig fort indem er die sechste
Klasse durchmacht wenn er sie beginnt gibts einfache Aufgaben zuletzt sieht
man dass ein Stück Weges zurück gelegt ist aber das Pensum dieser Klasse kehrt
sobald die Versetzung geleistet ist zurück von wo es ausgegangen ist Da haben
wir nun das ewige Auf und Ab den Wellenschlag ein Hin und Her wies der
Perpendikel macht Als obs keinen Fortschritt in der Welt gäbe Ist das nicht
wunderlich Uli«
    Der Knabe lächelt »Ja wemmers so betrachtet Aber Fortschritt gibts halt
dooch Darin besteht er dass mr aus der sechsten Klass versetzt wird in die
fünfte Wer klebe bleibt der freili macht nochmals dees Pensum durch Ond s
kommen ja alleweil Schüler von unten rauf Dees muss so sein«
    »Du willst sagen Der Fortschritt geht durch die sechste Klasse hindurch«
    »Ha freili«
    »In die fünfte Klasse gehts dann «
    »Ond von da noch höher«
    »Unter einer Klasse versteht man also die dem Schüler angemessene
Gelegenheit etwas zu lernen  nicht wahr«
    Belustigt staunte KleinUli »Ha Dees ischt doch klar«
    »Warum ichs dennoch ausspreche Weil mir die Frage kommt ob die Menschheit
nicht vielleicht eine bloße Klasse ist«
    Der Knabe stutzt »Mögli wärs«
    »Oft hört man die Menschheit schreitet fort und wirds noch zum Himmelreich
auf Erden bringen Aber wenn sie bloß eine Klasse ist wie etwa die sechste
kann man zwar bis zum Ende ihres Pensums gelangen bis zur Grenze ihrer
Fassungskraft  nicht darüber hinaus Fürs höhere Pensum ist dann eben die
höhere Klasse da Drum gehört das sogenannte Himmelreich auf Erden nicht zum
Pensum der Menschheit  wenigstens nicht in dem Sinne wies verkündet wird von
landläufigen Aposteln  als ob nach hunderttausend Jahren die ganze
Menschenmasse gut und glücklich sein werde Mir scheint die Dummen werden nicht
alle auch nicht die Gemeinen Wüsten und Wilden  Was meinst du Sieh mal
diesen Weltkrieg Es hat vorher mancher gesagt So etwas ist nicht zeitgemäss
die Menschheit hat ja Fortschritte an Gesittung gemacht Nun aber haben wir die
Bescherung das Erdenrund in zwei Lager gespalten und blutiger gehts her als
im eifersüchtigen Ringen zwischen Rom und Kartago wüster als in der
Völkerwanderung und im Dreissigjährigen Krieg Die Menschheit ist nicht
hinausgelangt über ihre Flegeljahre«
    Uli schmunzelte Sann und meinte »Da möcht mr halt  naus aus der
Flegelklass«
    »Nicht wahr In die höhere Aber erst muss man Reise dafür gewinnen«
    Und der Knabe mit schüchternem Zögern »Sie denken gelt an den Himmel«
    »Jedenfalls halte ich die Menschheit für eine Durchgangsstation  das Ziel
wird nicht in ihr erreicht Sie gibt dem einzelnen Gelegenheiten sich zu
läutern  so dass er dem Ewigen näher kommt Allzu viele freilich lernen gar
wenig und bleiben sitzen  das Pensum gerade dieser Klasse ist überaus schwer«
                                       
    Schweigsam stiegen wir Über die Wolfsschlucht führte die Straße in aller
Bequemlichkeit Noch einen Blick tat ich hinunter Und dachte abermals an die
Unterwelt
    Das Chaos ist die Unterwelt Worin aber besteht das Chaos Im wüsten
Durcheinander so dass der Teil sich nicht ums Ganze bekümmert einem bornierten
Eigensinn ergeben Jegliche Ordnung fehlt
    Sie zu wecken ist Aufgabe des Seelenführers Hermes Aus dumpfer Niedrigkeit
ringe sich Geistiges empor Zusammenstimmen Überordnung Gemeinschaft
    Gern hätte ich solche Einfälle mit dem Professor durchgesprochen Nun er
fehlte nahm ich mit KleinUli vorlieb und versuchte den klugen Knaben in meine
Anschauungsweise einzuführen
    »Die Wolfsschlucht kommt dir also wie der Eingang zur Unterwelt vor Lass dir
davon eine Geschichte erzählen Die Unterwelt ist kein Aberglaube  sie
bedeutet was die Griechen auch Chaos nennen Bevor das Dasein Sinn hatte wars
wüst und leer  wenn auch schon Geist hauch über den Wassern schwebte In der
Chaostiefe gabs keinerlei Einigkeit da war ein Kampf aller gegen alle Drachen
balgten sich ineinander verbissen
    Nun geschahs dass etliche dieser Viecher höher krochen und zur Öffnung der
Schlucht gelangten Durch Gestrüpp lugte da ein Lichtstrahl  nie zuvor hatten
die Drachen solch einen Schimmer gesehen Wie gebannt hielten sie inne mit ihrem
Hader  die Schönheit des Lichtes bezauberte sie dass sie verliebt waren in den
Lichtstrahl Und sie sannen darauf ihn zu erobern Aber damit lässt sich Gutes
nicht gewinnen Es erging den Drachen nicht anders als jenen Riesen die den
Olympus erstürmen wollten  zur Unterwelt stürzten sie hinab Doch in der
finsteren Tiefe sehnten sich die Ungetüme erst recht zum Licht Die Liebe war
geweckt Und sie bändigt das Wilde macht anschmiegsam kann den Höllenhund zum
Lamm entwickeln Ja  und «
    Da ich eine Weile schwieg fragte Uli »Und Wie gehts weiter«
    »Ja siehst du darauf bin ich selber gespannt Wir sind noch mitten in der
Begebenheit die ich schilderte Die Unterwelt ist gewissermaßen unsere Welt 
die Menschen haben noch etwas vom Drachen Und da bleibt kein Rat als dass sie
fortfahren sollen dem Lichtstrahl ihr Herz zu weihen  und aus der Tiefe empor
zu klimmen«
 
                                  Auf der Höhe
Dreiviertel der Höhe haben wir erstiegen und wandeln nun an der Halde hin Da
weitet sich die wundervolle Aussicht mir traut von Kindheit her Im Tale die
graue Stadt mit der Stiftskirche Dicht dabei die alte Feste auf dem Berge der
sich bis zur Wurmlinger Kapelle dehnt Links der Oesterberg Nach Lustnau zu
begrenzt ihn Buchenwald dessen Wipfel rotgolden schimmern wie auch die
Bergwälder hinterm Neckartal Dies erste Lodern des Herbstes stimmt wehmütig zum
sanften Blau der Alb
    Dort hinten Berg an Berg gereiht Leuchtende Bilder eines Sagenliedes Da
sind auch die Burgen von denen ich als Kind schwärmte Wie Efeu um Ruinen wob
damals meine Sehnsucht um die alte Zeit wos noch urwüchsige Kraft gab Drüben
auf den Schlössern Neuffen Teck und Urach auf dem Hohenstaufen und dem
Hohenzollern sah meine Träumerei goldlockige Recken den Speer gezückt Riesen
und Drachen
    Diese Romantik geht nun zu Ende Die Ritter die einst Drachentöter waren 
so ruft eine Volksmenge haben selber etwas Drachenhaftes  Raubtiere sinds
wie ihre Wappentiere Greif Adler Wolf und Leu
    Auf dem Acker den der Bauer mit dem Ochsen pflügt wandelt ein Schwarm
Stare Sie picken sich Nahrung aus der frisch umgestürzten Scholle Aus
mattblauen Lüften schrillt eines Habichts Schrei  und scheu schwirren die Stare
auf Ihr Geschwader macht eine Schwenkung zur Pappelgruppe die in der Nähe
ragt Das Gezweige bietet Deckung  darin lassen sich die Stare nieder
    »Da nauf« spricht der Knabe und geht voran Zwischen terrassenförmigen
Gartenbeeten führen Steinstufen empor Und ich erkenne das Gelände wo ich die
Schule schwänzend mit Fräulein Rosel zum Schnützelputzhäusel gegangen bin  wo
später Hainlins Abschied gefeiert wurde
    »Seit wann sind die Rebstöcke fort« frage ich bedauernd und die Antwort
lautet »Ui jele Arg lang Mei Vatter ischt noch im Gymnasium gwä da hat mr
scho den Wengert abgschaft Die Weigärtnerei tut sich bei uns net lohne Aber
drobe am Häusle hats noch die alte Kammerz  die tragt guet«
    Rechts und links auf den Beeten bei Kohl und Rüben blühen Astern gelb und
blau Mohnstauden stehen dürr  ihre Köpfe sind abgeerntet An Bohnenranken
hängen reife Schoten Beerengesträuch Birnen und Zwetschgenbäume
    Ei da bist du ja liebes Schnützelputzhäusel Kommst mir vor wie eine alte
Waldfrau von der es heißt sie sei heimlich eine Fee Hinter dir beginnt das
Märchenland  Wiesen wo lila Herbstzeitlosen blühen Apfelbäume ein Gartenhain
 ins Grenzenlose scheint er sich zu dehnen So ähnlich mag der Garten Eden
gewesen sein schwärmte ich als Kind Und wenn man auf der Hochebene weitergeht
findet man wohl das geheimnisvolle Dorf Da gibts ganze Felder duftender
Hyazinten weiß und blau  ragende Edelkastanien und Weinlauben an denen die
Trauben strotzen wies nur im Sonnenlande sein kann Mein Kindheitstraum von
Glastelfingen der in Dornröschenschlaf gesunken war schlägt wieder die Augen
auf
    Wir stehen beim Schnützelputzhäusel Es sieht fast aus wie einst Hat
freilich auch etwas Befremdendes Verwittert lugt die Kalkwand aus vergilbter
Weinberankung Schwarzbraun und rissig das Gebälk Das Fenster mit grünem Laden
verschlossen Die Windharfe auf der Dachspitze ist noch vorhanden  sie
schweigt
    Und zum Trepple kommen wir das auf der Rückseite zum Oberstüble führt Der
Knabe hat den Schlüssel mitgebracht und schließt auf Gleich nach unserm
Eintreten öffnet er Fenster und Laden Das weissgetünchte Gemach hat in seiner
Einfachheit etwas Rührendes
    Am Fenstertische nehm ich Platz und schau in die blauende Weite Auf einer
der Pappeln die in der Nähe ragen hat der Starenschwarm Platz genommen und
jauchzt nun ins goldige Lodern des Altweibersommers
    Jung Uli öffnet einen Schrank und legt ein großes Schreibebuch vor mich hin
Wie ichs betrachte kommt mir die Erinnerung dass es von Hainlin als er
Abschied nahm dem Schnützelputzhäusel gestiftet wurde Ich schlage auf  da
sind Hainlins harmonisch runde Schriftzüge
    KleinUli meint ungestört könne ich mich ins Buch vertiefen er wolle
derweilen draußen nach den letzten Birnen schauen
    Während ich lese schwillt der Luftzug ums Häusel an  ein sanftes Heulen
geht durch Türspalt und offenes Fenster Und nun tönt die Windharfe
    Wie eigen In den Pappeln drüben ist dieser Hauch bloß ein Geräusch in der
Windharfe wird er zu holder Harmonie So findet der ewige Lebensgeist alle
Weiten durchflutend verschiedene Resonanz je nachdem er durch dieses oder
jenes Gemüt weht  und je nach Stunde und Stimmung
    Als ich das Gedicht zu Ende gelesen habe und aufschaue bin ich überwältigt
von einer süßen Wehmut Da hat mich nun das Schicksal an eine Station meiner
Lebensreise geführt die ich bereits vor einem Menschenalter berührt habe Der
Knabe von damals steht jetzt an der Schwelle zum Greisenalter Abschied nimmt er
von dem was hinten liegt und unter ihm
    Die Schlucht an der wir vorbeigekommen sind bedeutet meines Lebens dumpfe
Tiefe Nun ich oben angelangt bin im SonnigFreien vergönnt mir der kühlklare
Herbst zu durchschauen wie alles Leben mein und meiner Gefährten Schicksal
nichts ist als ein Suchen nach den verheissenen Wundern des Glasbergs
Hinaufkommen möchte man Mit Arbeit sich emporarbeiten Oder mit List mit
Kühnheit Gewalt  seis auf ehrenvolle seis auf unwürdige Art
    Und was erreicht man Mühsal und Enttäuschung Begierde die sich wie eine
Kerze verzehrt Gewiss auch mancherlei Lust  aber gleich der bunten Seifenblase
ist sie rasch zerstoben Gaukelwerk der Hoffnung Spuk der Sorge Schließlich
wohl ein Abgleiten in die Wolfsschlucht
    Aber gibt es nichts Besseres Muss denn die Fahrt zum Glasberg Trauerspiel
sein Hainlin hat die Erlösung erspürt Besinne dich Seele Hast du nicht eine
Schwungkraft die mit Flügeln der Morgenröte zum Berggipfel trägt Keine
Schranke gibt es zu hemmen heilige Sehnsucht Freilich nicht äußerlich beschert
sie  nur im Innern in deiner heiligen Tiefe Am Tautropfen deiner
Unschuldsblume funkelt das eine allen Blumenperlen gemeinsame Licht
    Erkenne Glasbergsucher dass deine Träumerei vom Märchendorfe nichts andres
meint nichts andres ist als Heimweh nach jenem Garten Eden der heimlich blüht
in deinem Gemüte Das selige Glastelfingen ist deine reinste Liebe dein Anteil
Menschenkind am ewigen Leben
 
                                 Glastelfingen
Ich bin der Träumlesjörg erpicht auf Märle 
Ein Schwab er wird mit vierzig Jahren klug
Mir bleibt als Galgenfrist noch manches Jährle
Doch vom Sinnieren krieg ich nie genug
Schön Märle spinnen gilt mir mehr denn Klugsein
Da reimt sich was dem Herzen wohlgefällt
Die Leute sagen Traum der müsse Trug sein 
Doch was mich trog war nur die kluge Welt
So lass mich Welt Verstöre nicht mein Sinnen
Lass wandeln mich auf Klee am Hügelhang
Ein Engel den ich ahne lockt mein Minnen 
Wie Harfentraum im Winde sein Gesang
Der Engel schwebt mir vor ich möcht ihn schauen
Doch bleibt er heimlich  wie durch Buchenwald
Der blaue Himmel flirrt und wie durch Auen
Im krautverwachsnen Bett ein Bächlein lallt
Ich seh ihn elfenhaft auf Halmen schaukeln
Auf einmal ist es lila Rittersporn
Ich seh sein blaues Kleid durch Ähren gaukeln 
Ein Pfauenfalter taumelt übers Korn
Wo bist du Schwebtest du zu Bergverstecken
Da ragt auf Beeten Mohn mit Silberköpfen
Um Stangen rankt der Hopfen Brombeerhecken 
Die Perlen funkelschwarz an Blätterzöpfen
Auf Rasen kurze Rast bei Apfelbäumen 
Aus breitem Wipfel lockt die goldne Frucht
Und immer süßer gibt es da zu träumen
Und immer höher lockt des Engels Flucht
Ihr Wolkenlämmer droben weiß Gewimmel
Wer ist euch Hirtin Sie die mich entzückt
Darf ich zur ÄtherAu Und hat der Himmel
Dem Jörg die Jakobsleiter hergerückt
                                       
Hinan die Stufensteige zwischen Reben
Ein Lachen horch Es war dein Silberlaut
Wo steckt mein Schelm Und willst du stets entschweben
Mein süßes Rätsel lose Elfenbraut
»Hier ist es lauschig« winkt das Wengertäusle 
»Mein Traubenstock umarmt Gebälk und Mauer
So komm und finde hier dein Herzensmäusle
Das blonde Kind vom Glastelfinger Bauer« 
»Nicht hier Fort flog sie« hör ich Bienen raunen 
»Im Stüble hat sie kurz sich aufgehalten«
Ich rasch das Trepple hoch  und steh in Staunen
Sie ist nicht hier  jedoch ich seh ihr Walten
Der Tisch gedeckt  den konnte sie nur decken
Purpuren im Pokale glüht der Wein
Auf blütenweissem Linnen Weizenwecken
Im Wasserglas der Unschuld Röselein
Ich spürs wer das beschert Darf ich mich setzen
Wie Grüssen kommt ein Hauch vom Rosenglas
Als wärs ein Abendmahl will ich mich letzen
Am sanften Brot am kühlen Feuernass
Doch wo ist sie Mich rührt ein wonnig Bangen 
Wie einst den Knaben beim verschollnen Lied
Das fern am Dorf zwei Liebesleute sangen
Wann dunkel sie der Sonntagabend schied
Ich sinne vor den Augen beide Hände
Ich seufze Bleibt mir Liebchen ewig weit 
Auf einmal blaut es durch die Fingerwände
Da ist sie wieder ist ihr Veilchenkleid
Die Augen auf Durchs Fenster seh ich blauen
Die Alb  wie Sagenberge von Kristall
Hier deine Heimat lächeln Wald und Auen 
Dein Engel ists  den hast du überall
                                       
Sei wo du willst  im Herzen blüht dein Minnen
Und wo du schwärmst da hast du deinen Traum
Die lautre Heimat finde sie tief innen
Und greife nicht hinaus in fremden Raum
Sei kein Laternle du das seinen Schimmer
Auf dunkle Pfade wirst  und nach ihm hascht
Gibs auf o Närrle Draußen wird ja nimmer
Was innen glimmt als Beute überrascht
Und zweifelst du so suche Glastelfingen
Geh fragen nach des Michelbauers Maid
Vernimms von Wandrern die schon lange gingen
Sie seufzen Glastelfingen Himmelweit
Versuchs und steige Magre Haberfelder
Und kahle Bühle die noch höher sind
Morast mit finsteren Binsen Tannenwälder
Umstarren wüst ein Felsenlabyrint
Ein Glöcklein wimmert von der Bergkapelle
Und droben siehst du blaue Schleier wehn
Drei Glockenblumen sinds die an der Schwelle
Der öden Felsengrotte schweigsam stehen
Zuletzt ein Berg  wie Glast der Abendwolke
Das möchte denkst du Glastelfingen sein
Da wäre Jörg entrückt dem klugen Volke
Das Märlesträume hält für Gaukelschein
Jedoch der Berg ist Glas Da muss man zagen
So glatt und steil  kein Fuß der da sich hält
Ob Mann und Ross das Abenteuer wagen
Sie gleiten ab  da liegen sie zerschellt
Glücksritter einst nun bleichende Gerippe
Der Schädel grinst ins Leere krallt die Faust
Gen Himmel trotzt die unerreichte Klippe 
Und horch mein Engel singt so droben haust
»Ich bins die dich gelockt  bin die Walküre
Von Glastelfingen Michels Töchterlein
Der will nicht dass mich Ungestüm entführe
Wer rauben will der mag des Todes sein
Sei du wie jene nicht die hergezogen
Als gälts vom Himmel reißen einen Stern
Ei Märlesjörg Sinnierend komm geflogen
Wer lieben kann hat nie das Liebchen fern
Schon selig bist du weil ich dir gefalle
So hast du mich  und mein und dein sind gleich
Dies Engelheim die blaue Aeterhalle
Ist deiner Sehnsucht heimlich Innenreich
Und alle Sehnsucht soll Erfüllung werden
Was einer liebt das wird er selber sein
Der Erdengier gebührt das Reich der Erden 
An Erde klammert sich das Totenbein
Zwar wirst auch du am Glasberg hingesunken
Den Stürmern gleich wie Fackelbrand verglühn 
Doch aus der Asche soll dein Heimwehfunken
Beseligt still zur Sternenheimat sprühn«