1918_Ball_Flammetti.html




        
                                   Hugo Ball
                                   Flammetti
                                                         Emmy Hennings zugeeignet
 
                                       I
Flametti zog die Hosen an spannte die Hosenträger und brachte durch mehrfaches
Wippen der Beine die etwas straff ansitzende Hosennaht in die angängigste Lage
Er zündete sich eine Zigarette an stülpte die Hemdärmel auf und trat aus dem
Schlafgemach in das Gasfrühlicht seiner geheizten Stube
    »Kaffee« befahl er mit etwas verschlafener rau gepolsterter Stimme
    Er strich sich die haarigen Arme und gähnte Trat vor den Spiegelschrank
zog sich den Scheitel Er bürstete Hosen und Stiefel ab setzte sich dann auf
das weinrote Plüschsofa und öffnete zögernd die Schieblade des vor dem Sofa
stehenden Esstisches
    Dort befanden sich seine Rechnungsbücher seine verschiedenen Kassen
Quittungshefte und die brandroten Briefkuverte die die Anschrift trugen
»Flamettis VarietéEnsemble«
    Er stellte die Gagen zusammen  es war der fünfzehnte  und fand dass er zu
zahlen habe
dem Jodlerterzett Vater Mutter
und Tochter nach Abzug der à conti Fr 2750
dem Kontorsionisten nach Abzug
der à conti  227
dem Damenimitator keine à conti  60 
der Soubrette und dem Pianisten
zusammengenommen sie lebten
zusammen nach Abzug der à conti  15 
Zusammen Fr 10477
    Dagegen befanden sich in der Kasse
für das Terzett hier war Genauigkeit
geboten die Leute waren unruhig
aufsässig und Anarchisten Fr 2750
für den Kontorsionisten dem gab er
die Gage unter der Hand    
für den Damenimitator bei schlechtem
Geschäftsgang hatte Flametti für ihn
nur jeweils die Hälfte der Gage
allabends zurückgelegt  30 
für das PianistenSoubrettenpaar
strebsame ruhige Leute
die Anspruch machten auf Solidität  15 
Flametti addierte Fr 7250
Er zog die Summe von den Fr 10477 ab Blieben 3227 die aus der Haupt und
Betriebskasse noch nachzuzahlen waren
    Er öffnete auch diese Kasse und fand darin bar Fr 4181
    »Neun Franken vierundfünfzig Vermögen« Er schloss die verschiedenen Kassen
ab schob die Schieblade zurück schloss auch diese und steckte die Schlüssel zu
sich
    Seine linke Augenbraue flog hoch für einen Moment Er tat einen kräftigen
Zug aus der Zigarette und blies den Rauch aus der Lunge »Lausige Zeiten«
brummte er »Aber wird sich schon geben Nur kalt Blut«
    Ein kleiner Schalter öffnete sich der das Wohnzimmer mit der Küche verband
und ein übergross langes mürrisches Gesicht erschien in der Öffnung Eine große
magere Hand schob ein Tablett mit Kaffee Milch und Zucker durch die Öffnung
Dann ging auch die Türe und eine hörbar schnaubende ältere Frau erschien
missmutig verdrießlich russig in schlappenden grauen Pantoffeln mit
schmutzigem Rock von undefinierbarer Farbe und mit aufgestecktem Haar das wie
das Nest einer Rauchschwalbe aussah Teres die Wirtschafterin
    Sie schleppte sich zum Tisch zog die Tischdecke weg und legte sie knurrend
zusammen Schlappte langsam und uninteressiert zum Schalter nahm das Tablett
und stellte es auf den Tisch
    Ohne ein Wort gesprochen zu haben brummte sie wieder hinaus die Tür lehnte
sich hinter ihr an und von draußen schloss sich der Schalter
    Flametti goss sich Kaffee ein Er nahm den Hut vom Haken legte die Joppe an
die über der Stuhllehne hing holte aus einer Ecke sein Angelgerät aus dem
Büfett einige Blechdosen von unterschiedlicher Größe und war bereit
    Nein die Ringe Er drehte die Ringe von den geschwollenen Fingern den
Totenkopfring und den Ehering legte sie in das Geheimfach im Schrank schloss
den Schrank ab steckte den Schlüssel zu sich und ging Auf der Postuhr schlug
es halb sechs
    Er hatte ein kleines Stück Fluss gepachtet inmitten der Stadt nahe der
Fleischerhalle Dahin begab er sich
    Eine kurz angebundene Melodie vor sich hinpfeifend den Kopf energisch gegen
das Pflaster gesenkt bog er aus der kleinen verräucherten Gasse
    Im Automatenrestaurant nebenan fegte gähnte und scheuerte man Ein Polizist
auf der anderen Strassenseite nahe beim übernächtig nach Salmiak duftenden
Urinoir sah ziemlich gelangweilt die Frühluft schnuppernd über das
Kaigeländer ins Wasser
    »Salü« grüßte Flametti knapp und geschäftig an ihm vorüberstapfend mit
dem guten Gewissen des Bürgers der seinen Angelschein wohl in der Tasche trägt
und die Obrigkeit ihre unteren Chargen insonders nicht zu umgehen braucht
»Salü« rief er und fuhr mit der Hand gradaus vom Hutrand weg in die Luft
    Der Polizist brummte etwas zur Antwort das etwa »Guten Morgen« heißen
sollte Der Gruß war aber nicht eben freundlich Auch nicht unfreundlich
Vielmehr verschlafen beherrscht Man kann nicht leugnen dass sogar Sympatie
darin lag jedoch in wohldosierter Mischung mit einer Art Misstrauen das auf der
Hut ist Die Gasse aus der Flametti kam stand nicht eben im besten
ortspolizeilichen Ruf
    Der Morgen indessen war viel zu verheissend als dass Flametti sich hätte die
Laune verderben lassen An der Fleischerhalle vorbei die Kaitreppe hinunter
begab er sich guter Beute gewiss an den Steg
    Er prüfte die Angelschnur machte den Köder zurecht klappte den Rockkragen
hoch  es war frisch  und blies sich die Hände
    Gleich der erste Fang war ein riesiger Barsch Der Fisch flirrte und
glänzte flutschte und klatschte
    Das Wetter war grau Blaugrauer Nebel blähte die Türme am Wasser die
Schifflände mit ihren grünweiss gestrichenen sechsstöckigen Häusern den rasch
vorüberstrudelnden Fluss und die jenseits hoch über die Häuser hängenden
Stadtgartensträucher
    Flametti löste die Angel ließ den Fisch in das Netz hineinschnellen
brachte den Köder in Ordnung und warf die Angel zum zweitenmal aus
    Er sah sich um nach dem Polizisten Der war verschwunden
    »Überflüssiges Element« brummte er zupfte am Köder um die Aufmerksamkeit
der Fische zu erregen machte die rechte Hand frei und schneuzte sich kräftig in
ein derbes rotbedrucktes Taschentuch »Geschmeiss Grössere Faulenzer gibt es
nicht«
    Auf der Straße ließ sich ein drohendes Brummen und Surren vernehmen das
ratternd und knatternd näherkam ein frühester Autowagen der »Waschanstalt
AG« Das Vehikel puffte böllerte walzte vorüber Der ganze Kai vibrierte
Ein Ruck an der Angel ein zweites Tier hatte angebissen Diesmal ein Rotauge
    »Gut so« zwinkerte Flametti »darf so weitergehen«
    Fabrikarbeiter kamen vorüber Sie marschierten zur Bahn
    »Hoi« riefen sie hinunter »gibts aus«
    »Salü« drehte sich Flametti um Sie gestikulierten in Eile vor sich hin und
verschwanden
    Das Wasser floss graugrün und undurchsichtig Die Möwen strichen sehr niedrig
und zischten über die Brücken hinweg An der Häuserfront der Schifflände öffnete
sich ein Fenster und eine junge Frau sah nach dem Wetter »Salü« rief Flametti
hinüber
    Sie lachte und schloss das Fenster
    Ein Kind schrie und eine Turmuhr schlug Die Glocken einer katholischen
Kirche läuteten Auch in der Fleischerhalle regte es sich Auf der Gemüsebrücke
fuhren die Händler Obst und Kartoffeln an
    Der dritte Fang war ein armslanger Aal An der Grundangel kam er nach oben
Schwarz wie der Schlamm und die Planken aus denen er kam trug er deutliche
Spuren von Rattenbiss
    Auf den Kaiquadern schlug ihn Flametti zu Schanden
    Schulkinder und ein von entmutigendem Beruf heimkehrendes Fräulein die sich
oben am Geländer versammelt hatten schrien laut auf vor Entsetzen Das Fräulein
lächelte
    »Servus Margot« rief Flametti hinauf aus der Kniebeuge eifrigst mit
seinen Geräten beschäftigt
    Sie lachte und hielt die ringbesäte Hand in Verlegenheit vor ihre schlechten
Zähne Die Kinder sahen sie neugierig an und musterten ihren bunten Aufputz
    Übers Geländer gebeugt ließ sie ihr Täschchen schaukeln die Hand am Munde
und rief auf den heftig sich krümmenden Fisch hinzeigend
    »Noch so einen für mich«
    »Was zahlst du« wischte Flametti sich die Hände ab um weiterzufischen
    »Zahlen« rief sie und schaute dabei unternehmend nach allen Seiten »erst
heraus damit« was der Dienstmann im blauen Leinenkittel der sich inzwischen
mit seinem Karren an der Ecke der Fleischerhalle versammelt hatte als den
besten Witz des bisherigen Morgens verständnisinnig zur Kenntnis nahm und
lächelnd quittierte
    Flametti hatte Glück Als die Uhr acht schlug nahm er seine Büchsen Angeln
und Netze und begab sich nach Hause Auf zehn Kilo schätzte er was er gefangen
hatte Damit ließ sich leben
    Er stellte das Angelgerät an seinen Platz zurück ging in die Küche und
suchte der Wirtschafterin aus dem Netz die Rotaugen heraus für den Mittagstisch
Nahm dann mit einem kräftigen Ruck seine Last wieder auf und stapfte davon
    Schnurstracks begab er sich ins Hotel Beau Rivage wo er bekannt war
verlangte den Küchenmeister zu sprechen und bot ihm die Fische an
    »Schau her« sagte er »hast du so einen Aal gesehen« Er packte den
schleimigen Aal der sich zu unterst ins Netz verkrochen hatte und ließ das
Tier das sich heftig sträubte und ringelte durch die geschlossene Faust in das
Netz zurückgleiten
    »Schau den Barsch« sagte er und jonglierte den fettesten Barsch auf der
flachen Hand Dann wischte er sich mit dem Taschentuch seine Finger ab
    Man wurde handelseinig Der Küchenmeister stellte einen Schein aus und
Flametti nahm bei der Büfettdame dreißig Franken in Empfang Er hatte das leere
Netz zusammengerollt dankte verbindlichst und machte sich auf den Heimweg
    Das Wetter hatte sich aufgeklärt Die herbstgelben Bäume der Seepromenade
hoben sich scharf und klar gegen den hellblauen Himmel ab Die Möwen strichen
mit schwerem Flügelschlag langsam und mächtig den Fluss entlang ballten sich
kreischend zu einem wirren Schwarm und kreisten in schönem Bogen eine leis auf
die andre folgend vor einem Spaziergänger der ihnen Brösel zuwarf Mit langen
Schnäbeln haschten sie geschickt im Flug
    Flametti war bester Laune Er schwenkte in eines der kleinen am Kai
liegenden Zigarrengeschäfte und erstand sich eine frische Schachtel Philos grün
    Mit Gentlemanpose warf er ein Fünffrankenstück auf den Ladentisch Er schob
das Wechselgeld in die Hosentasche ohne viel nachzuzählen klimperte fuhr mit
der Hand an den Hut sagte »Salü« und marschierte weiter »Salü Fritz« rief
er die Hand am Hut einem Bekannten zu der aus einer kleinen Seitengasse bog
    »Was kosten die Kressen« fragte er im Vorbeigehen einen Gemüsehändler unter
den Arkaden
    Und vor dem Fenster eines Bazars blieb er stehen musterte mit Kennerblick
die ausgestellten orientalischen Waren ging hinein und erstand einen hellblauen
Tschibuk mit Goldschnur der ihm für seine Ausstattungsnummer Im Harem fehlte
zum Sultanskostüm
    Er war sehr zufrieden mit seinem Kauf stapfte den Kai entlang und begegnete
Engel dem Ausbrecherkönig Engel seiner Kreatur die vor kurzem noch Monteur
gewesen dann zum Varieté übergegangen war
    »Salü Max« grüßte Engel familiär doch in respektvoller Distanz »Auch
schon munter«
    Max machte Halt ein wenig degoutiert seinen Lieblingsgruss aus fremdem Mund
zu vernehmen Ziemlich nachlässig und nebenhin sagte er »Salü« nahm die
Zigarette aus dem Mund und kniff das rechte Auge zu
    »Das war ein Gaudi heut nacht« legte Engel los »hättest dabei sein müssen
Der Pips war mit und die Margot und die lange Mary und eine ganze Gesellschaft
aus ChauxdeFonds Unten bei Mutter Dudlinger Fünf Schampusflaschen haben wir
die Hälse gebrochen Und ein Lärm Da war PinkePinke«
    Mit sportsmännischer Nachlässigkeit hielt er den Arm lang ausgestreckt und
tippte die Zigarettenasche gegen die Gosse
    Max war sehr uninteressiert Die Abenteuer seines schmächtigen für
Zusteckereien allzu empfänglichen Ausbrecherkönigs imponierten ihm nicht
    »Komm mit« sagte er unvermittelt und packte den Ausbrecherkönig beim Arm
»trinken wir im Ochsen ne Halbe«
    Und sie schwenkten hinüber über die Gemüsebrücke zum Roten Ochsen
    »Du Max« meinte Engel und versuchte mit dem mächtig ausschreitenden
Flametti gleichen Schritt zu halten »sag mal aufrichtig Hast du der Margot
einen Aal versprochen Sie sagts nämlich«
    Flametti blieb stehen »Jawohl ich einen Aal der Margot Hab die Aale
grad zum Verschenken So seh ich aus«
    »Na also« beschwichtigte Engel »Weißt du Margot ist man n verrucktes
Frauenzimmer Habs ja gleich gesagt« Der Ochsenwirt war nicht zu Hause
Eigentlich war man hingegangen um ein Geschäft auszumachen Man nahm einige
Glas Münchner standesgemäss Flametti zahlte Engel nahm die Hüte vom Haken
Dann ging man zum Essen
    Mutter Dudlinger die Dame bei der sich Herr Engel mit der Gesellschaft aus
ChauxdeFonds ein so lustiges und vornehmes Rendezvous gegeben hatte
Eigentümerin des Hauses in dem auch Flametti wohnte lag ihrer Gewohnheit gemäß
unterm Fenster als die beiden Männer in die kleine Gasse bogen
    Sie sonnte den Busen und lächelte ihnen mit einem wohlwollenden Nicken des
Kopfes Willkomm zu
    Dieser Busen Er nahm die ganze Breite des Fensters ein und drängte dabei
den wahrlich ungraziösen fast könnte man sagen plumpen Körper zurück der auch
seinerseits aus dem grauen schmuggeligen Hause heraus nach Licht und Sonne
begehrte
    Diese Brüste Sie blähten sich auf quollen über und nur mit Mühe hielt sie
der speckige Rand der schwarzen zusammengehaftelten Kammgarnbluse zurück sich
über die Fensterbank auf das holprige Pflaster zu stürzen Die Sonnenstrahlen
vom Giebel des Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe Steil stellten sie
sich  es war Mittag  gegen besagte Fleischesfülle
    Mutter Dudlinger allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit ihrer
Massen im Kampf ums Licht Harmlos und freundlich lag ihre Seele gewissermaßen
zwischen Busen und Körper mitten inne und schaute umhegt von sanft hängendem
Speck aus listigen Äuglein gutmütig heraus
    Flametti grüßte hinauf den Kopf stark in den Nacken gebeugt Die Gasse war
eng Und Herr Engel ebenfalls grüßte hinauf rief wie Flametti »Salü« und griff
an den Hut
    Mutter Dudlinger streckte den Kopf aus dem Fenster schluckte den
Speiserest der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo zwischen den
Speicheldrüsen gefunden hatte und verfolgte voll Sympatie den Eintritt der
stattlichen Männer in ihr gastfreies Haus Sie bemerkte dabei zu ihrer
Verwunderung heute zum ersten Mal dass unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl
höchst niedlicher Schmutzfähnchen flatterten die sich aus langen auf das
Gesims gefallenen Regentropfen gebildet hatten und über die Hausfront
hinunterwehten
    Die Männer stiegen indessen die steile Treppe hinauf und Engel befand sich
immer hinter Flametti stapfend von Stufe zu Stufe mit kindlicheren Gefühlen den
rückwärtigen Massen seiner mütterlichen Protektorin gegenüber die mit gelüpftem
Posterieur noch immer die Regenfähnchen der Hausfront bestaunte
    Es war eminent Ein lächerlich kleiner Erker war der Unterbau dieser ganzen
bedenklichen Last die man Mutter Dudlinger nannte Unterbau einer Fülle von
der man sich von der Straße aus nicht einmal einen Begriff machen konnte
    Ein Wunder dass dieser Erker im nächsten Moment nicht krachend zusammenbrach
und samt der guten Mutter Dudlinger in eine mysteriöse Tiefe hinunterstürzte
Erstaunlich wenn mans bei Tag besah dass man in diesem Erker sogar zu dreien
sitzen konnte Und Engel hatte mit Mutter Dudlinger und Mary zu dreien darin
gesessen Man hatte gesprochen vom Krieg vom Konzert von den schlechten
Zeiten im Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt und Mary hatte
gegähnt weil ihr Kavalier aus ChauxdeFonds eine Anspielung machte auf ihre
Gesundheit Da hatte sie sich natürlich zurückgezogen und spielte die
Beleidigte Und Mutter Dudlinger hatte die Blätter der künstlichen Rebe
zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary Aber es half nichts Sie war
beleidigt
    Als Flametti und Engel oben in die Stube traten stand die Suppe bereits auf
dem Tisch Um den Tisch saßen Herr und Frau Häsli nebst Tochter das
Jodlerterzett Herr Arista der Damenimitator Fräulein Laura die Soubrette
und Herr Meyer der Pianist Bobby der Schlangenmensch und das Lehrmädchen
Rosa Sämtlich mit Löffeln und Schlucken beschäftigt
    Herr Häsli hatte die Serviette vorgebunden damit er sein gutes Hemd nicht
beflecke Bobby schlarpste Jennymama Flamettis Frau saß malerisch auf der
Sofakante bei der Schlafzimmertür rosig wie eine Venus im lachsfarbenen
Schlafrock den sie mit der rechten Hand sorgsam über die Hüften geschlossen
hielt Das offene Haar mit Wasserstoffsuperoxyd gebeizt war flüchtig
zurückgestrichen Die Suppenschüssel dampfte Und der Pianist benutzte den
günstigen Augenblick um sich zum dritten Mal Suppe zu schöpfen
    »Mahlzeit« sagte Flametti breit
    »Mahlzeit« erwiderten sämtliche Mitglieder des Ensembles Flametti hängte
seinen Hut an die Tür und begab sich um den Tisch herum an seinen frei
gebliebenen Platz auf dem Sofa
    Fräulein Rosa stand sogleich auf und griff nach der Terrine um Suppe
nachzufüllen Fräulein Teres die Wirtschafterin kam herein um nach den
Bedürfnissen zu sehen Durch den offenstehenden Bretterverschlag aus dem
Nebenzimmer grüßte das Krukru der kichernden Turteltauben die Flametti für
seine Zauberkunststücke pflegte
    »Setz dich Engel« rief Flametti gütig dem zögernden Ausbrecherkönig zu
der nicht zum Ensemble gehörte aber darin nach Bedarf gastierte und für tausend
wichtige Bühnenzwecke bestens verwendbar war
    »Merci Max Lass nur Ich finde schon Platz« Er nahm den Stuhl den Rosa
ihm aus dem Verschlag herbeiholte und setzte sich zu dem Schlangenmenschen Die
beiden mussten sich so in das obere Tischende teilen aber sie kamen zurecht
miteinander sie waren ja Freunde Schwieriger gestaltete sich die Platzfrage an
der Längsseite des Tisches wo der Damenimitator das Jodlerterzett und die
Soubrette saßen
    Fräulein Laura und Herr Arista waren verträglich Sie fanden sich ab Ganz
unverträglich aber und bissig sowohl untereinander wie den anderen gegenüber
waren die Jodler die Mutter insonders Frau Lotte Häsli spie Gift und Galle
wenn man nur an sie tippte
    Nun saßen die drei eng aneinandergedrückt Kaum konnten sie mit den Gabeln
auslangen um einen Fisch zu spiessen Kaum mit den Ellbogen hervorkommen um
eine Platte zu greifen
    Frau Häsli auf dem Mittelplatz zwischen Herrn Häsli und seiner Tochter
warf wütende Blicke voller Verachtung und Hohn auf den Gatten der lammfromm
dasaß und mit hochgezogenen Augenbrauen den Mund vollstopfte statt sich zu
beschweren Sie fletschte die Zähne und trat ihm wohl fünfmal hintereinander in
einem bestimmten bösartigen Rhythmus auf den Fuß
    Die Tochter herausgefordert durch solche forcierte Unverträglichkeit der
Mutter puffte ihr mit dem linken Arm in die rechte Seite anscheinlich um sie
auf die Blamage aufmerksam zu machen in Wahrheit aber mit solch erbittertem
Nachdruck dass jeder Unbefangene merken musste sie nütze nur die Gelegenheit
aus ihr eins zu versetzen
    Der Pianist dem Ausbrecherkönig gegenüber schmunzelte in seinen Teller
hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem Kopf andeutenden
Schlangenmenschen der seinerseits mit Messer und Gabel den Fisch zerhackte dass
sich die Gräten bogen
    Frau Häsli wurde aufmerksam und war rot vor Wut Doch beherrschte sie sich
drängte den Ärger zurück und rief mit unglaublich gesüsster doch etwas gewaltsam
flott gemachter Zutraulichkeit
    »Na Herr Direktor wie gehts wie stehts Geld brauchen wir Können wir
dann auch die Gage kriegen«
    Herr Häsli war konsterniert Eben wollte er eine neue Fracht Fisch auf der
Gabel zum Munde führen und hatte schon auf dem Messerrücken den Kartoffelsalat
bereit um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu wälzen Da musste er dieses
unglaublich taktlose Wort vernehmen jetzt bei Tisch wo man aß wo Flametti
gerade gekommen war und kaum saß
    Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurück Herrn Häslis
straffes Gesicht bekam Käsefarbe Die Augen eben noch versöhnlich und ungestört
an der spitzen Nase vorbei auf das Messer gerichtet schnellten mit einem
hörbaren Ruck nach rechts gegen die biestige Ehehälfte und es hätte nicht viel
gefehlt so wäre er aufgesprungen ihr eine Watsche herunterzuhauen
    Aber dabei hätten Stühle umfallen müssen weil man so eingekeilt saß dabei
wäre notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden Also beherrschte er sich
und blieb zitternd vor Empörung in drohendster Pose erstarrt still sitzen
    Das war doch die Höhe Herr Häsli kannte Flametti seit Jahren Wusste dass er
die Gagen nie schuldig blieb Wusste dass die Verlegenheit in der sich Flametti
befand nur momentan war und nichts besagte Wusste auch dass die vielen
Fischgerichte die Flametti da auftischen ließ nur seinen guten Willen
verrieten durchzuhalten um jeden Preis Da soll einem nun die Geduld nicht
reißen wenn solch obstinates Weibsstück in ihrer spitzigen Kribbeligkeit keine
Raison annahm Man hat doch Erziehung Man ist doch kein Schubiack Man hat
doch zum Teufel die Welt gesehen
    Herr Häsli hatte indessen gut denken Er war ein Faulenzer ein Nichtstuer
er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau schuften lassen Beim
Norddeutschen Lloyd war er Steward gewesen In unterschiedliche Phonographen
hatte er gejodelt zu Berlin und Paris War auch mal II Klasse gefahren von
Potsdam nach Wien eines Phonogramms wegen Aber was schon Das war vor Jahren
als er die Stimme noch hatte Das war vorbei Jetzt hatte sie Lotte Häsli ihn
durchzuschleppen Wie ein Lastvieh kuranzte er sie Immer singen und singen Bei
zwanzig Grad Kälte in den eiskalten verschmierten kleinen Hotels Tagaus
tagein In Bern dreißig Nummern an einem Sonntag von nachmittags drei bis
nachts elf Sie hatte es durchgemacht Sie hatte genug Sie kannte die Herren
Direktoren Aus wars Sie wollte nichts mehr wissen davon Wenn einer ihr nur
in die Nähe kam  genügte schon dass er ein Mannskerl war  fuchtig wurde sie
Die Hand weg
    Wenn man nicht einmal ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem
Betrieb ja geschuriegelt wurde  immer nur singen und singen und etwa noch
Schläge  lieber den Strick um den Hals
    Frau Häsli hatte zu essen nicht nachgelassen Mit Messer und Gabel hantierte
sie eifrig Zwei schwarze Löckchen fielen ihr zier und adrett schwarze
Bockshörner leicht in die Stirn Diese Stirn eigensinnig gedrungen von einer
kurzen nur schlecht verheilten Narbe gezeichnet war nicht eben hässlich
    »Mach mal n bisschen Platz« rief sie der Tochter zu um deren Fuß sich
unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb
    Frau Häsli gelang es durch Aufwärtsschieben der Ellbogen ihrem Brustkorb
etwas mehr Luft zu verschaffen Toni die Tochter aber kam sich ganz persönlich
verletzt und gepiesackt vor
    Was konnte sie dafür dass dieser verfettete Damenimitator so aufdringlich
war Sie hatte ihm ihren Fuß überlassen weil sie sich doch vergewissern musste
ob er auch wirklich angelte In diesem Moment war ihr das hässliche »Mach mal n
bisschen Platz« ans Ohr gedrungen Überhaupt mit dem Damenimitator hatte sie
nichts wenn er auch Lackschuhe trug und einen gebügelten kaffeebraunen Anzug
Wer weiß ob er überhaupt bei einer Jungfrau schlafen konnte Es war eine
bekannte Sache dass es Damenimitatoren an so manchem fehlte was eine Toni Häsli
reizen konnte
    Sie schob ihren Stuhl zurück stand auf und sagte ziemlich schnippisch »Ich
kann ja auch in der Küche essen wenn hier zu wenig Platz ist«
    Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden das Rotauge auf das sie
es abgesehen hatte aufgespiesst und auf den Teller herüberbefördert Mit einem
hörbaren Plumps ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen und sagte verwundert
    »Was willst du denn Was passt dir denn nicht Kannst du dich nicht ein
bisschen schicken Wenn der Platz knapp ist Sei froh dass du so gutes Essen
bekommst Schau mal diese Forelle an«  dabei zerrte sie den Fisch mit der Gabel
auf ihrem Teller hin und her  »so was Feines verdienst du gar nicht Dankbar
solltest du sein dass man dich durchschleppt«
    Herr Häsli saß noch immer erstarrt in furchtbarer Pose eine knödelessende
Schiessbudenfigur Von der Mutter weg wandte er seine Augen zur Tochter Ohne
viel Erfolg Toni setzte sich zwar wieder hin konnte sich aber nicht
verkneifen die Mutter darauf aufmerksam zu machen »Es sind ja gar keine
Forellen Es sind ja Rotaugen«
    »Na« beschwichtigte Jenny »sie ist ja noch jung Versöhnt euch Morgen
gibts Paprikabraten mit Spaghetti und Tomatensauce Kinder Ein feiner Frass«
Und sie hob den Zeigefinger hoch und ließ einige fettgurgelnde selige Laute
hören
    Flametti hatte das Hemdbördchen geöffnet um es bequemer zu haben Mit den
Oberarmen den Tisch festhaltend lag er vor seinem Teller den Kopf hart über
dem Tellerrand und schlarpste gierig die Suppe
    Das Plüschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem Knacken der
Federn das wie ein Magenknurren Flamettis fortdröhnte Als er nun die
baumwollenen Hemdärmel aufkrempelte konnte man so recht sehen was für ein
Riese er war
    Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum
Schulterblatt Teller Arme und Kopf bildeten ein einziges muskulöses Dreieck
Blutunterlaufen vom Sitzen schwollen seine Augen
    Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach Er
sprach nicht viel Für die Worte der Häsli wegen der Gage hatte er nur ein
kurzes brummiges »Ja ja Sowie das Essen vorbei ist« Was ihn ein wenig
wurmte war die Aufdringlichkeit dieser Person die immer etwas zu bestellen
hatte immer Stank mitbrachte
    Als Herr Häsli dann jene Schiessbudenpose annahm konnte Flametti sogar ein
heimliches Gaudium nicht verbergen
    Er senkte den Kopf noch tiefer und blies die Backen auf um nicht
loszuprusten
    Ihm machte es einen Heidenspass wenn das Ehepaar sich »anblies« Eine
bösartige Rippe diese Alte Der kleine Häsli ein Schlappier dass er sich das so
gefallen ließ Aber ihr Gesang alle Hochachtung Das musste man ihnen lassen
Was Exakteit Klangfarbe und Schulung betraf weit und breit keine Besseren
    Flametti war mit der Suppe fertig Ein einziger Fisch lag noch auf der
Platte und Engel holte weit aus um ihn an sich zu bringen
    Rosa beeilte sich aufzufüllen Jenny gesättigt nahm ihr offenes Haar aus
dem Nacken und flocht es zusammen
    »Na kommt das Zeugs bald« rief Flametti zum Schalter legte mit breiter
Oberlippe den Esslöffel trocken drehte ihn um und leckte auch die Kehrseite
gründlich ab
    Bobby zerriss ein Stück Brot und stopfte es in den Mund Die Häslis standen
auf sagten »Mahlzeit« gingen aber noch nicht denn es sollte ja Gage geben
    Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf Der Damenimitator aus
Höflichkeit blieb noch sitzen
    »Mahlzeit« rief Flametti Aber für ihn begann die Sache jetzt erst Und
auch Herr Engel wurde loyal fasste Mut und sie stocherten um die Wette nach den
pauvren Fischleins
    Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen Aber er hielt sie fest mit der
linken Hand und rief zu Flametti hinüber
    »Max weißt du noch Bratwurstglöckli«
    Dort muss vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben Denn die
beiden lachten einander an verständnisinnig und verdoppelten ihre
Anstrengungen
    Flamettis VarietéEnsemble hatte einen Ruf und war beliebt Bestrenommiert
stand auf den Plakaten Und durch bestes Renommé von dem nur die Neider
behaupteten es rühre von Flamettis Renommage her unterschied sich das Ensemble
von der Konkurrenz
    Ferreros DamenGesangs und PossenEnsemble war geschätzt glänzendst
weltbekannt Aber beliebt Nein Bestrenommiert Nein Es war vornehmst infolge
der vereinten Eleganz und Reservierteit seiner Damen Auch Pfäffers Spatzen
konnten da nicht mit Sie hatten weder jene geheimnisvolle Anziehungskraft die
Flamettis Ensemble eigen war noch jene gewisse Eigenart und Popularität
    Pfäffers Spatzen waren wenn man ihren Wert auf einen Nenner bringen wollte
altbewährt solid reichhaltig anerkannt Ihre Force dezentes
Familienprogramm mit ausgeschnittenen Kleidern und Broschen die wie Flametti
höhnte am Bauchnabel saßen
    Nein Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus die Wärme und Begeisterung
verbreitete Einladungen zu Bier Wein und Sekt mit sich brachte Wagenpartien
Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte
    Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis
    Darüber zerbrach sich mancher den Kopf Flametti zahlte weder die besten
Gagen hatte infolgedessen auch nicht die ersten Kräfte wie Ferrero Noch hatte
er die besten Schlager wie ebenfalls Ferrero der Jude war raffiniert
geschickt tüchtig und der infolge seiner Vornehmheit die besten Verbindungen
hatte Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiß Sorgfalt und Interesse
herausgebracht wie etwa die GesangsEnsembles von Pfäffers Spatzen Auch deren
farbenprächtige teure Matrosen Schornsteinfeger und
MausfallenhändlerKostüme hatte er nicht die Fabrikware waren und
Gesprächstema weit und breit
    Worin also bestand Flamettis Überlegenheit
    Er war ein Kerl sozusagen ganz persönlich Artist von reinstem Wasser Er
hatte ein Auge verstand seine Leute sich auszusuchen Er war eine
Persönlichkeit gewissermaßen Kein Ferrero der früher mit Lumpen gehandelt
hatte Kein Pfäffer der seinen Weibern zurief »Kinder machts euch bequem«
und dann im Hemd mit ihnen den Kleinen Kohn einstudierte
    Fleiß Verachtete er Der echte Artist schläft morgens bis gegen elf Wenn
man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat oft die schwierigsten Nummern kann
man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen sein
    Proben Jawohl Aber mit Maß und Ziel Es hat keinen Sinn den Leuten die
Lust an der Arbeit zu nehmen sie tot zu hetzen mit Proben Auf die Eingebung
kommt es an Nicht auf den Drill Wer es nicht in den Fingerspitzen hat der
wird es auch auf der zwanzigsten Probe nicht haben Man ist doch nicht beim
Kommiss Artisten sind keine Studiermaschinen Und wenn schon Proben dann nicht
zuviel Pünktlichkeit Pünktlichkeit soll der Teufel holen Es muss aus dem
Handgelenk kommen spontan
    Flamettis Proben waren unberechenbar Wenn eine angesetzt war fand sie
sicher nicht statt Wenn eine stattfand war sie sicher nicht angesetzt Das
Ganze blieb mehr der Inspiration dem persönlichen Einfall und Zufall belassen
    Extempores Prachtvoll Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu Fuß
Vielseitig unberechenbar auch in seinem Repertoire Nur kein festes Programm
Nichts langweiliger als das Bei Ferrero hing das Programm jeden Abend punkt
acht beim Kapellmeister am Klavier Bei Flametti gabs überhaupt keines Oft
wusste er fünf Minuten vor seinem Auftritt noch nicht solle er den Mann mit der
Riesenschnauze bringen oder die Feuernummer Sprudeln muss man das war sein
oberster Grundsatz
    Auch bei Engagements Flametti hatte das renommierteste Ensemble Und doch
keineswegs die renommiertesten Kräfte Im Gegenteil darin gerade bestand sein
Genie dass er verstand Kräfte zu entdecken zu finden ja aus dem Nichts zu
stampfen
    Flamettis Personal war interessant Er hatte eine Nase für natürliche
Begabung Auf Agenten Kritiken und Renommage gab er nichts Selber sehen Kerle
brauchte er Personnagen Talent kam in zweiter Linie Mochte das Talent einen
Knacks haben die Stimme einen Knacks die Figur einen Knacks Wenn nur der
Kerl der dahinterstand etwas zu sagen hatte
    Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie Einen Blick für jenen
Moment in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté Da setzte er
ein Da bemühte er sich Da lief er
    Und immer das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im
Vordergrund Herr oder Dame ihn interessierte zumeist was sie erlebt und
gesehen hatten Gute Manieren Kein Engagement ohne tagelange vorherige
Beobachtung Schicksale muss jemand gehabt haben um interessant zu sein für
Flamettis Ensemble Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich Überraschungen
Anlagen Geist Seine Mitglieder mussten sich bewegen können Welt mussten sie
haben Versiert mussten sie sein Vornehmheit war nicht seine Sache Dahinter
steckte nicht viel Deklassierte Menschen gerempelte Personnagen sind die
geborenen Artisten Im Druck muss man gewesen sein um Artist zu werden
    Unter fünfzig Mädels die auf der Straße das Täschchen schwenkten waren
zwanzig Soubretten Es kam nur darauf an sie davon zu überzeugen Unter fünfzig
Apachen die keiner beachtete zwanzig Ausbrecherkönige Zauberkünstler
Jongleure Es kam nur darauf an sie zu finden und durchzusetzen Und gerade
darin bestand Flamettis Genie seine Popularität seine Magie
    In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen englisch französisch
dänisch sogar malayisch Man hatte die Welt gesehen Man hatte sich redlich
bemüht und kannte das Leben
    Gefängnis Skandal Freudenhaus Fahnenflucht waren kein Einwand Artisten
kommen aus einer anderen Welt Sind keine Bürger Aus Unterdrückung werden
Artisten Wo keine Defekte sind sind keine Menschen Bunteit Zauber Exotik
nur aus Verzweiflung
    Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten
Kameradschaft nicht Abhängigkeit Freiheit nicht Zwang Vertrauen keine
Verträge Gage muss sein sowieso Aber was nützte der beste Vertrag wenn der
Direktor einmal nicht zahlen konnte
    Hier setzte Flamettis Verlässlichkeit ein Er war dann imstande mit Angeln
sein ganzes Ensemble zu halten Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein
    Bei Flametti konnte man aus und eingehen auch wenn man nicht mehr auf
seinen Brettern stand Bei welch anderem Direktor noch Was Flametti besaß
gehörte auch seinem Ensemble Es war nicht sein Ehrgeiz Geld zu machen
Bankkonto und dergleichen Sein Ehrgeiz war eine Truppe zu haben
    Kostüme Machte man selbst Nummern Erfand man sich Er selbst Flametti
hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht als Not am Mann war Und
aus Engel einen Ausbrecherkönig Demselben Engel der Speckschneider gewesen war
bei der Handelsmarine Eine Kiste hatte er ihm gebaut woraus mittels einer im
Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu
entkommen war Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement dass
Henry mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien
stand
    Freilich Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig
Geschick Aber Henry schaffte es Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt Eine
Berühmteit war aus ihm geworden über Nacht
    Welcher Direktor erlebte die Überraschung dass seine Soubrette als Gamsbua
auftrat und Schnadahüpfl sang nur aus Jokus Oder dass der Pianist die Klampfn
nahm und der Jodler das Piston
    Flametti legte auch keineswegs Wert darauf jeden Abend zu spielen
Besonders nicht in den kleinen Beiseln wo man um sechs Uhr abends schon auf dem
Posten sein musste wo das Wasser von der Decke tropfte und die Klaviere
jämmerliche Drahtkommoden waren unmöglich Töne darauf hervorzubringen
    Mochte Jenny recht haben man solle auch die kleinen Geschäfte annehmen man
müsse ja auch die Gagen zahlen Aber man war doch nicht in der Tretmühle Man
war doch nicht auf der Welt um sich abzustrapazieren
    Keine Überarbeitung das war man seinem Ensemble schuldig Flametti
verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen Anstand und guten Willen
Benehmen Oder er wurde verruckt was besagte schlug alles kurz und klein
rannte Köpfe an die Wand ging mit dem Messer los auf die Bande
    »So Kinder« rief Flametti wischte sich den Mund ab und legte die
Serviette hin »jetzt kommt die Gage«
    Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche schloss die Schieblade auf und
rief auf das Essgeschirr zeigend »Weg mit dem Zeugs«
    Rosa beeilte sich das Geschirr wegzutragen Das Ensemble spitzte die Ohren
Auch Engel hörte nun auf zu essen Und alle kamen näher
    »Monsieur Arista« begann Flametti »sechzig Franken Stimmts Quittieren
Sie«
    »Stimmt« sagte Arista »danke schön« Quittierte mit dem Tintenstift den
Flametti ihm hinschob und strich das Geld ein
    »Bobby  zwei Franken siebenundzwanzig  hier Stimmts A conto zweiten
soundsoviel à conto vierten soundsoviel à conto fünften à conto achten« Er
zeigte auf die einzelnen auf der Quittung verrechneten Posten
    »Stimmt stimmt« sagte Bobby »Danke« »Hier  quittieren«
    Bobby quittierte
    »Herr Meyer  zehn Franken A conto vierten  fünf Franken A conto achten 
fünfzehn Franken A conto zwölften  fünf Franken Stimmts«
    »Ja stimmt Danke«
    »Laura  fünf Franken A conto à conto à conto à conto« Flametti zeigte
wieder die einzelnen Posten auf der Quittung
    »Ja stimmt schon« zögerte die Soubrette ein wenig verwirrt und
enttäuscht Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet Sie konnte sich aber
auch irren
    »Immer dieselbe Sache« massregelte Flametti Nie wusste sie wieviel sie zu
bekommen habe und immer handelte es sich um etliche fünf Franken die sie
vergaß Aber die Sache klärte sich auf und auch diese Auszahlung ging glatt
vonstatten
    »Quittieren Sie« sagte Flametti und schob dem PianistenSoubrettenpaar die
Formulare hin
    Herr Meyer wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich nehmen
Aber Laura war keineswegs einverstanden
    »Nein das gibt es nicht« erklärte sie ziemlich verliebt »das ist mein
Geld Das habe ich verdient« und suchte ihrem Freunde Meyer den Fünfliver zu
entreißen Und als ihr das nicht sofort glückte ein wenig ärgerlich »Was fällt
dir denn ein Wir haben doch keine Gütergemeinschaft« was Herr Meyer spöttisch
zugab
    »Wie sie sich haben« flötete süß Frau Häsli »Wie sie sich necken Seht
nur« Wo ein Krakeel in Aussicht stand war sie stets voller Freundschaft und
Sympatie »Na so nimm schon deinen Fünfliver« murrte der Pianist und schob
sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin »Grüatzi« sagte der
Schlangenmensch steckte sich eine Zigarette an und verschwand
    »Addio« sagte Herr Arista machte der Jodeltochter insgeheim ein feuriges
Zeichen und verschwand
    »Netter Mensch« bemerkte Frau Häsli zu seinem Abgang
    »So bescheiden und lieb«
    »Mahlzeit« sagte Herr Engel der hier nichts zu erwarten hatte »komme
später nochmal vorbei« und ging ebenfalls was Fräulein Rosa sehr komisch fand
denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen dem Dackel hob ihn hoch und
drehte sich tanzend mit ihm auf dem Absatz
    »Wer kommt jetzt« fragte Flametti geschäftig aber mit ein wenig
verringerter Sicherheit »Richtig Häsli« Und beeilte sich die Summe
aufzuzählen »Siebenundzwanzig Franken fünfzig«
    »Waaaas« rief Frau Häsli wie von der Tarantel gestochen Sie beugte den
Oberkörper weit in den Hüften vor und blieb wie erstarrt so stehen
    »Siebenundzwanzig Franken fünfzig« wiederholte Flametti und setzte den
Tintenstift überrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch
    »Siebenundzwanzig Franken fünfzig Häsli komm« Sie packte den Gatten am
Ärmel »Häsli komm Das ist nichts für uns«
    Häsli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los Er war unangenehm
berührt
    »Marsch marsch fort komm« drängte die Jodlerin und packte ihn von neuem
heftig am Ärmel Sie gab keinen Pardon »Na mal langsam« brummte Flametti Und
ihre Tochter zog eine missmutige Schnute und stampfte hörbar ungehalten »Mutter«
    Aber Frau Häsli ließ sich nicht beirren »Nein das ist nichts für uns«
tobte sie und schüttelte abweisend die erhobene Hand »Die Häslis sind nicht
diejenigen die sich drücken lassen Ich kenne das schon Ich weiß schon worauf
das hinausläuft Häsli komm«
    »Na was ist denn« interessierte sich Jenny begütigend und phlegmatisch
Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich friedlich das Haar auf
    »Himmelherrgottsakrament« fluchte jetzt Flametti und schnellte vom Sofa
auf »Was gibts denn Was passt euch denn nicht Was wollt ihr denn Macht doch
den Schnabel auf wenn euch etwas nicht passt« Die Zornadern waren ihm
angeschwollen Er sah aus wie ein tanzender Fakir
    Häsli bekams mit der Angst schüttelte die Frau ab und meinte kleinlaut
»Max rechn s mal vor«
    »Da ist gar nichts vorzurechnen« schnitt ihm die Alte das Wort ab »Gar
nicht nötig Wenn ich hör siebenundzwanzig Franken fünfzig dann hab ich schon
genug Dann braucht man mir gar nichts mehr vorzurechnen« Und nestelte zitternd
an ihrer Bluse
    »Was wollt ihr denn« schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit dem
Zeigefinger an die Stirn »Fünfzig Franken Vorschuss bei Engagementsantritt  «
Beide nickten Frau Häsli so hastig als ob sie nicht abwarten könne weiter zu
hören »Dreißig à conto an Häsli nach Bern « »So So« unterbrach Frau Häsli
»Dreißig à conto nach Bern für die Lumpenmenscher für die Reitschuldamen für
die Fetzen« Ihre Stimme schnappte über
    »Dreißig à conto nach Bern« bestätigte Herr Häsli in aller Ruhe
    »Toni komm« rief Frau Häsli und packte die Tochter am Arm »Toni komm
Spuck deinem Vater ins Gesicht Sieh ihn an wie er dasteht Als wenn er nicht
auf drei zählen könnte Dreißig à conto nach Bern Und wir hungern zuhaus«
    Jetzt wurde aber auch Herr Häsli fuchtig »Soll ich vielleicht von der Luft
leben Hab ich dir nicht zehn Franken davon geschickt und den Koffer
ausgelöst« »Was für einen Koffer ausgelöst Die alte Scharteke Den Koffer hat
er ausgelöst Dreißig Franken braucht er dazu Wasserrutschbahn fahren mit den
Menschern Mit den Kellnerinnen scharwenzeln Herr Häsli hinten Herr Häsli
vorne Schau mich nicht so an Mensch« Mit ausgebreiteten Händen und
vorgereckter Stirn stand sie da im Begriff ihm an die Gurgel zu fahren
    »Mutter« suchte die Tochter zu beschwichtigen
    »Dummes Weib« brachte Herr Häsli mit aller Ruhe und Verachtung auf sah die
Alte an als zweifle er an ihrem Verstand und sah wieder von ihr weg
    »Na was wollt ihr also« schrie Flametti und wühlte krampfhaft und hitzig
in seinen Papieren um die Belege zu finden »Weiter« drängte die Alte »nur
weiter« »Zwanzig à conto an Toni am siebenten« »Stimmt stimmt« drängte die
Alte »nur weiter« Die zwanzig Franken waren für eine Seidenbluse der Mutter
    Jetzt war aber Herr Häsli seinerseits erstaunt »Zwanzig Franken Für was«
fragte er sprachlos
    »Kümmer dich nicht« rief Frau Häsli »Lass dir lieber vorrechnen was noch
weiter kommt Damit du siehst was für ein Peter du bist«
    »Ja dann freilich« verzichtete Herr Häsli »Da hat ja alles keinen Zweck
Da kann man ja schuften wie man will Wenn es hier nur so zwanzigfrankenweise
weggeht Fünf Tage ist man fort und zu Haus verbrauchen sie zwanzig Franken für
Kino Schokolade für Putz und Schnecken« »Kümmer dich um dich« schrie Frau
Häsli Der Geifer stand ihr in den Mundwinkeln »Auf den Hund möcht er einen
bringen und einem nicht einmal die paar Fetzen gönnen die man auf dem Leibe
hat Dich kenn ich mein Lieber Ich weiß ganz genau was du vorhast mit uns«
    Nun muss man wissen dass mit Frau Häsli nicht zu spassen war In Antwerpen und
St Pauli hatte sie Matrosen bedient Ein Gummiknüttel gehörte zu ihrer
Ausrüstung und die Kassiertasche war mit Eisenketten am Lederriemen befestigt
Kerle hatte sie niedergeschlagen baumslang wenn es drauf ankam Der
Varietéberuf war ihr zu still Mit der ließ sich nicht spassen
    Also gab auch Herr Häsli klein bei und weiter gings mit der Abrechnung
    »Dann am zwölften zweiundzwanzig Franken fünfzig vorgestreckt für Zimmer und
Konsumation  « Die Häslis bewohnten zusammen ein Zimmer in einem Gasthof das
sich die Damen selbst ausgesucht hatten das aber Flametti bezahlte weil er
Verbindungen hatte mit dem Wirt
    »Schon gut schon gut« winkte Frau Häsli ab »ich weiß schon genug Bleiben
siebenundzwanzig Franken fünfzig Stimmt schon Ja stimmt schon Häsli
quittier Wir gehen«
    dabei schob sie die Tochter mit beiden Händen wie aus einer Verbrecherkneipe
vor sich zur Tür »Wir verzichten Kannst alles selber nehmen Ich für meinen
Teil will nichts davon haben Wir verdienen uns schon unser Brot«
    Und Frau Häsli nebst Tochter waren verschwunden Nettchen bellte Jenny
färbte sich rosenrot im Gesicht vor verhaltenem Ärger Herr Häsli quittierte
und Flametti schob ihm das Geld hin
    »Mahlzeit Max« sagte Herr Häsli geknickt und bedauernd »Nichts für
ungut« und reichte Flametti die Hand
    »Salü« sagte Flametti offiziös und packte seine Sachen ein
    Auch Herr Meyer und Fräulein Laura gingen Eigentlich hatten sie um Zulage
bitten wollen Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht günstig
 
                                       II
»Siehst du die Anarchisten« sagte Jenny als alle gegangen waren »siehst du
sie jetzt Brauchst nur mal ein paar Tage kein Geschäft zu haben  gleich werden
sie üppig Nur in Verlegenheit braucht man zu kommen  schon laufen sie fort
Forellen müsst ich ihnen vorsetzen das Kilo für acht Franken Dann solltest du
sehen Diese Häsli  ach du mein Gottchen wie sie hier ankam Aus Gnade und
Barmherzigkeit hat man sie aufgenommen Das ist der Dank Ausgehungert waren
sie dass Gott erbarm Jetzt sind sie auf einmal vornehm  Was machen wir nur
Max Du wirst sehen sie laufen uns fort«
    Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen »Ah was« sagte er unwirsch und
kramte verärgert in seiner Tischschublade
    Die Tür ging auf und herein kam Fräulein Teres lendenlahm und
verdrießlich Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders In der matt
herunterhängenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen und blies mit
spitzem Munde den Rauch von sich Unaufgefordert nahm sie Platz knetete
schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich schnaufend auf dem Stuhl
»Frau« sagte sie »wird gebügelt« »Jawohl Teres mach die Eisen heiß« Und
Teres erhob sich mühsam und trosste ab um die Eisen heiß zu machen
    Und Fräulein Rosa legte den Bügelteppich auf den Tisch und holte den
Wäschekorb aus dem Bretterverschlag um die Wäsche einzuspritzen
    Flametti aber hatte beim Abschliessen der Schieblade einen Schaden am Schloss
gefunden zückte den Hausschlüssel und hämmerte damit am Schlüsselloch
    Es klopfte Die Türe ging auf und herein trat Fräulein Lena vormals
Pianistin bei Flametti
    »Grüatzi« sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen herein
    »Tag Lena« nickte Jenny »komm nur herein«
    »Wenns erlaubt ist« sagte Lena
    »Tag Lena« bekräftigte Flametti ohne aufzusehen so versunken war er in
seine Reparatur
    »Bügelt ihr« fragte Lena
    »Ja wir bügeln« wischte Jenny sich die Schweisshände an den Busen
    Teres brachte das Bügeleisen und Lena nahm ihren Stuhl
    »Schöne Sachen hört man« rückte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht
    »Um Gotteswillen Lena was gibt es denn«
    »Ja ja« seufzte Lena
    »Was denn Lena Sprich doch«
    Und zu Rosa »Geh mal raus in die Küche Ich ruf dich dann«
    Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch
    »Also hört zu« strich Lena ihren Rock zu den Füßen »sie machen euch aus
wo sie können Sie erzählen dass es rutschab geht ihr zahlt keine Gagen mehr
es gibt nichts zu essen Ihr bekommt keine Geschäfte mehr Grad hab ich den
Bollacker getroffen Mit dem hats doch die Häsli Von einem Türken haben sie
erzählt und von Opium Ich weiß ja nicht was ihr da habt Aber sie sagten es
sei ihnen zu brenzlich und sie sähen sich nach einem anderen Engagement um«
    »Was haben sie erzählt« duckte sich Jenny »So eine Gemeinheit So eine
Niedertracht Hörst du Max was sie ausstreuen Wie sie sich rächen Ihren
Gadsch hat sie instruiert dass er herumgeht und uns das Geschäft verdirbt So
eine Infamie  Weißt du was Max Die wollen selbst anfangen Die laufen uns
fort  Wir keine Geschäfte mehr Lena man läuft sich die Füße wund dass wir
spielen An der Haustür fängt man uns ab Wir brauchten nur rübergehen zum
Krokodil  Du kennst doch das Krokodil Eins A dreihundert Franken Draufgeld
Aber wir wollen nicht weil wir neu einstudieren Weißt du der Braten war
bisschen angebrannt Das hat diese Alte so verbiestert dass sie jetzt überall
ausschreit sie hätte zu hungern bei uns Du kennst doch unsere Kost Warst drei
Jahre bei uns Hast du dich je zu beklagen gehabt Ist dir je etwas abgegangen«
    Lena schüttelte den Kopf Nein sie hatte sich nie zu beklagen gehabt noch
war ihr je etwas abgegangen
    Max hämmerte gewaltsam mit seinem Hausschlüssel am Schiebladenschloss
    »Na gut Nacht« rief Jenny »ich sollte der Direktor sein Ich würde sie
anders zwiebeln Hier die Gage soundsoviel Abzug und den Schuh an den Hintern
Treppe hinunter«
    »Ja ja ich hör schon« fuhr Flametti jetzt auf »Ich hör schon Bin doch
nicht schwerhörig Dummes Geschwätz«
    Jenny war überrascht Fräulein Lena ebenfalls Er hatte doch gar nicht
zugehört Er hatte doch an dem Schloss laboriert
    Flametti stand auf sehr rasch krempelte seine Hemdärmel herunter knöpfte
das Halsbördchen zu und ging in die Küche um sich die Hände zu waschen Er kam
zurück nahm Joppe und Hut und ging
    »Da hast du es« klagte Jenny »da geht er Ach Lena ich bin ganz
verzweifelt So macht er es immer Seit er die Geschichte hat mit dem Türken
ist er wie verdreht Kaum den Löffel aus dem Mund  fort ist er Alles mögliche
hab ich versucht Er hört mich nicht einmal an Wir gehen zu Grund Ich sehs
ja Was soll ich nur machen«
    »Tja« meinte Lena »was ist da zu machen«
    Flametti war dieser Summs zuwider Gewiss er liebte seine Frau Sie war ein
wenig furchtsam von Gemüt und leicht zu Übertreibungen geneigt wie alle
furchtsamen und aufgeregten Gemüter Aber sie meinte es gut war keine böse
Natur und er hätte ihr gerne ein wenig Gehör schenken dürfen Doch er schätzte
es nicht seine innersten Geschäfts und Familiengeheimnisse coram publico
verhandelt zu sehen
    Gewiss das Geschäft ging schlecht Schlechte Zeiten und keine Schlager
    Gewiss ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt sich standesgemäss
zu nähren zu kleiden und zu Triumphen geführt zu werden
    Obendrein eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu zahlen 
der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die Quittung präsentiert
 und von der Fischerei konnte man das nicht bestreiten Das wusste Flametti
selbst
    Aber Schlager fallen nicht vom Himmel Er hatte schon seine Pläne Man
brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei zuzuziehen
    Gar diese Lena Ein schönes Stück Malheur Die musste dann gerade noch
kommen Grausliches Weib Keine galante Erinnerung aus seiner Direktorenzeit war
Flametti unangenehmer als diese Ein Vampir Nicht von der Spur wich sie wenn
sie einmal Blut geleckt hatte
    Tüchtig war sie als Pianistin Russisch sprach sie auch von Lodz her Aber
ein Mundwerk hatte sie wie ein Schwert Eine böse Zunge Und das nun verstand
Flametti nicht wie Jenny sich mit ihr einlassen konnte
    Man soll ihn in Ruhe lassen Er wird es schon machen 
    Die Hände in beide Hosentaschen gesteckt so dass der Rockschoss weit hinten
abstand den breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirne gerückt froh seinem
häuslichen Glück entronnen zu sein schickte Flametti sich an einen Gang zu
unternehmen durch sein Revier
    Dieses Revier nannte sich »Fuchsweide« und war der Konzert und
Vergnügungsrayon aller lebenslustigabseitigen Kreise der Stadt Treffpunkt der
großen Welt Schlupfwinkel einiger unsicherer Elemente zugegeben Aber alles in
allem ein Monaco und Monte Karlo im kleinen
    Flametti fühlte sich frei wie ein Fürst Aller Hader fiel von ihm ab Aller
Kleinmut verließ ihn Hier kannte er jeden Weg jeden Steg jede Kneipe jede
Latrine Hier war der Felsen hier musste gesprungen werden Hier fielen die
Würfel hier war man zu Hause
    Vorbei am Alteisengeschäft des Herrn Ruppel und an der Drachenburg vorbei
an der Fischhandlung Teut mit ihren Riesenaquarien voll stumpfsinniger Hechte
und Karpfen vorbei an Hähnleins Kleiderbazar und Lichtlis Frisiersalon vorbei
am Olivenbaum und an der Tulpenblüte schwenkte Flametti in die
Hauptverkehrsader der Fuchsweide die bucklige Quellenstrasse ein
    Er verlangsamte seine Schritte und klimperte überlegend mit dem Geld in
der Tasche Er schnupperte in der Luft die nach Kaffee roch und zündete sich
eine Zigarette an
    Hier war der Korso Hier war der Betrieb Es weitete sich seine Brust und er
atmete auf Kein Gesicht das er nicht kannte Kein Laden mit dessen Inhaber er
nicht schon Tausch und Geschäfte hatte
    Auf dem Mönchsplatz saßen die Katzen und putzten sich in der Sonne Es war
eine Unmenge Katzen graue schwarze und rote Aber es war Platz genug für sie
da Nachts sangen sie hoch auf den Dächern
    Auf dem Mönchsplatz lärmten die Kinder Sie putzten einander die Nasen
banden einander die Hosen zu säuberten sich die Köpfe Aber um jeden Kopf legte
die Sonne eine kleine Gloriole
    Über den Mönchsplatz sprang Fräulein Frieda die Kellnerin dass die Röcke
flogen
    »Servus Flametti« rief sie Es war eine Lust zu leben
    Die Niedermeiers hatten Umzug heute Auf ein Rollwägelchen hatten sie ihre
Sachen gepackt auch den Kanarienvogel Der Mann schob Die Frau half drücken
Die Kinder halfen auch drücken und der kleine Peter hob die Sachen auf die vom
Wagen herunterfielen
    »Wo wohnt ihr jetzt« rief Flametti
    Und Herr Niedermeier rief »Kuttelgasse 33 V«
    »Angenehmer Flohbiss« rief Flametti zurück Er war ein großer Mann und
konnte sichs leisten
    Die Hände in den Hosentaschen breitspurig und schwer den Schritt wuchtig
aufs Pflaster gesetzt ging er hinüber zur Postfiliale
    »Eine Fünferkarte«
    Der Beamte händigte ihm die Karte aus und Flametti schrieb an Herrn Fritz
Schnepfe Vartietélokal Basel
»Werter Freund
    Teile mir bitte umgehendst mit ob du geneigt bist Flamettis
Varietéensemble zu engagieren für die Zeit vom 1 bis 31 Dezember laufenden
Jahres sowie die Bedingungen Wir haben lauter neue Nummern erstklassige
Attraktionen und es dürfte nur in deinem Interesse sein dir mein Ensemble für
die allfällige Zeit zu sichern
                                                Hochachtungsvoll Dein Flametti«
Kehrte dann zurück in die Quellenstrasse und lenkte am Luftgässlein vorbei
vorbei an dem kleinen aber seiner Weine wegen berühmten Gasthaus zu den Drei
Sternen vorbei am Mordloch mit den Gastwirtschaften Hopfenzwilling und
Jerichobinde vorbei an der Stutenreite in die Obere Träufe
    Es war ein Gang voller angestrengter Gedankenarbeit Im Gehen pflegte
Flametti zu denken Bei scheinbarem Schlendern fand er die besten Entschlüsse
    Zwei Herren kamen die Straße herunter geradenwegs auf ihn zu Verflucht
nochmal
    Der eine elegant schwarzer Schnurrbart aufgekräuselt glattes feistes
Gesicht und glänzende Drehaugen Der andere hager fanatisch nervös »Peter und
Paul« Ein Schäferhund leichte Patten tief wehender Hängeschwanz folgte ihnen
wippend auf dem Fuß
    Flametti steckte die Hände noch tiefer in seine Taschen festigte seinen
Gang um ein Erhebliches und grüßte forciert
    »Salü«
    Die beiden nahmen ihn scharf aufs Korn musterten unauffällig mit einem
kurzen Blick seinen Anzug und gingen vorüber
    Herr Abraham Kohn stand unter der Tür seines Magazins Zum Chnusperhüsli Er
deutete mit dem Kopf nach den beiden sacht gehenden Beamten
    Flametti benutzte die Gelegenheit stehenzubleiben und meinte »Die Apostel
gehen um«
    »Was wolln se« meinte Herr Kohn »mer muss se hamm
    Wär mer sonst sicher«
    Flametti trat ein und kaufte eine Tüte Leckerli
    Er ging weiter und kehrte ein im Gasthaus Zum Vogel Strauss wo die
ausgestopfte Gebirgsgemse und der balzende Auerhahn standen rechts und links
vom Entrée
    Der Auerhahn trug die Fischkarte mit beigedruckten Preisen um den Hals
gehängt Die Gebirgsgemse fletschte die Zähne ganz unnötigerweise und sah
todesmutig gen Himmel ein Symbol ihrer Heimat Auf dem Sockel aus Felsen und
Moos lagen zerstreut die Haare die sie gelassen hatte im Kampf mit der
Scheuerbürste des Hausknechts
    Flametti trat ein und überflog mit einem Adlerblick die drei Gäste die hier
versammelt waren
    Verflucht nochmal In der Ecke saß Kranemann Kranemann das Moskitogesicht
Kranemann die geschniegelte Niedertracht und Korrekteit Kranemann Flamettis
erbittertster Feind Das war nicht vorauszusehen
    
    Einen Moment überlegte Flametti Sollte er umkehren Sollte er tun als habe
er sich im Lokal geirrt Sollte er an den Hut fassen und grüßen »Salü Komme
später«
    Da stand aber Kranemann schon auf kam auf ihn zu wie von ungefähr und
sagte »Ah Flametti  was ist mit der Quittung Wann wird sie eingelöst
Höchster Termin«
    »Hoi hoi hoi« bockte der und trat einen Schritt zurück »Nur langsam Lass
erst mal absitzen damischer Kerl« Und beschloss jetzt zu bleiben
    »Nix da« rief Kranemann und fasste ihn leicht beim Kragen »heut ist der
letzte Termin Zahlen« und warf ein ZwanzigCentimesStück auf den Tisch
    Und wieder zu Flametti »Den damischen Kerl werden wir uns merken Wir
sprechen uns noch« Schob seine Röllchen zurück und verschwand
    »Was hats denn« fragte der Wirt neugierig drückte den schwarzen Kneifer
fester auf die Nase und kam näher Auch die Gäste am Kartentisch waren
aufmerksam geworden
    »Na« sagte Flametti »was hats Du kennst doch das damische Luder«
    Der Wirt schien das damische Luder durchaus nicht zu kennen
    »Ne Halbe« rief die Kellnerin Und Flametti nahm Platz
    »Du musst nämlich wissen« vertraute er dem Wirt »ich hab doch die
Konkubinatsstrafe weil wir nicht verheiratet waren Nun hab ich doch
inzwischen geheiratet und prozessiert Und da haben sie abgelehnt Nun machts
mit den Prozesskosten zusammen seine hundertachtzig Stein Und die wollen sie
haben von mir Und dieser Kerl war doch früher Latrinenbesitzer Dann ist er zur
Polizei übergegangen Das ist dieser Kranemann Und das dumme Luder meint nun
er kann mich schikanieren  Siehst du er tut mir ja leid Aber es ist doch zu
fad wo man hinspuckt stolpern einem diese traurigen Kreaturen über die Füße«
»Ah so so so so« verstand jetzt der Wirt »das ist der Kranemann Ja so zahl
doch die paar Stein Dann hast du doch Ruhe Man immer berappen«
    »Siehst du« kippte Flametti sein Bier »jetzt erst recht nicht Jetzt
sollen sie sich mal die Beine in den Leib laufen«
    »Tja« meinte der Wirt bedenklich »die verstehen keinen Spaß Da ists
schon das Gescheitste man gibt nach« Er lächelte schablonig und strich sich
die Hände »Maidche komm her« rief Flametti der Kellnerin und zog die Tüte mit
den Leckerli aus der Rocktasche »Das ist für dich« Und Maidche nahm beschämt
die Leckerli in Empfang
    »Ein Don Juan dieser Flametti« versicherte der Wirt seinen schmunzelnd
weitertrumpfenden Gästen
    »War der Mechmed da« fragte Flametti die Kellnerin
    »Nein bis jetzt nicht«
    Flametti sah nach der Uhr geschäftsmässig ohne indessen verabredet zu sein
Nach der dritten Halben als er eben gehen wollte öffnete sich die Tür und
herein trat Mechmed
    Ali Mechmed Bei hieß der Türke Er wohnte im Parkhotel und kam aus Aleppo
Und darin hatte Jenny wohl recht dass Flametti ein wenig verdreht war im Kopf
seit er den Türken kannte
    Ali Mechmed Bei schon der Name faszinierte Flametti Eunuchen Sklaven und
Harem wirbelten vor seinen aufleuchtenden Augen wenn er in heimlichen Stunden
den Namen vor sich hinsprach
    Ali Mechmed Bei enorme Gelder musste er haben Man wusste nicht recht was er
eigentlich trieb Aber er kam häufig in den Vogel Strauss und dort hatte
Flametti seine Bekanntschaft gemacht
    Ein großes Tier musste er sein unter seinesgleichen Denn er hatte noble
Allüren an sich Dämonisch zog er die dichten weißen Augenbrauen hoch wenn man
ihn ansprach und pflegte mit den Fingern zu trommeln auf der Tischdecke »Tja
mein lieber Freund« sagte er dann nickte mit dem Kopfe in einer
weltmännischgewitzigten Weise und sah nach der Decke wo er jede Fliege jeden
Schnörkel der Tüncherarbeit eingehend verfolgte
    Tiefe kaffeebraune Tränensäcke hingen ihm unter den Augen und diese Augen
selbst blickten in abgründiger Melancholie
    Horrende Trinkgelder gab er besaß einen Geldbeutel aus Affenhaut und roch
seiner orientalischen Herkunft gemäß nach Zwiebel Henna und Kokosnuss
    Dieser Türke Mechmed trat jetzt ins Lokal und Flametti verfolgte jede
seiner Bewegungen mit glühender heisshungriger Sympatie
    Paletot und Regenschirm hing Herr Mechmed an den Kleiderhaken und es kann
zugestanden werden dass die kleine untersetzte Gestalt die jetzt zerfallen
und morbid aber freundlich lächelnd auf Flametti zukam den mysteriösen Gestus
jener Leute hatte die im Traum wiederkehren Jener Leute die sehr wohl die
Macht besitzen ein Varietéunternehmen zugrunde zu richten dessen Direktor
nicht Zurückhaltung zu wahren weiß
    Dieser Türke Mechmed nämlich dessen Smoking ölig glänzte dessen Äußeres
fadenscheinig war besaß ein Opiumlager hier am Platz auch Kokain und
Haschisch im beiläufigen Werte von vierzigtausend Franken nur prima reine
unverfälschte Ware erste Qualität das er  je nun  geschmuggelt hatte und
das er  verstehen Sie  ohne Profit nur weil es ihn behinderte bereit war
bei konvenierender Gelegenheit abzustossen
    Und da Flametti sozusagen Fachmann war  er rauchte Opium in der Zigarette
nahm es wohl auch im Bier  den Rummel verstand ein Kerl war so sollte er
bei Gelegenheit mal sehen was sich tun ließ Man hat Bekannte einen Arzt
einen Advokaten einen Geschäftsfreund Ist ja ne Bagatelle vierzig Mille
liegt ja auf der Straße ist ja gefunden ist ja ein Dusel So sollte er also
mal sehen ob man nicht unter der Hand vielleicht einen Interessenten fände
    Und Flametti hatte sich auch umgesehen seit acht Tagen  Geschäft ist
Geschäft Spitzbuben gibt es hier wie dort  und einen Interessenten gefunden
Aber jetzt wollte er auch wissen wofür
    »Siehst du Mechmed« begann Flametti als Mechmed Platz genommen die Nase
geschneuzt und sich ein Helles hatte kommen lassen das er mit den Händen
wärmte »ist ja alles schön und gut Wir kennen uns jetzt seit vierzehn Tagen
Wir haben Brüderschaft getrunken Aber wir müssen doch jetzt einmal
weiterkommen Dein Pass ist abgelaufen  wann«
    » Zweiundzwanzigsten«
    »Zweiundzwanzigsten Bis dahin musst du das Quantum los sein«
    Mechmed nickte allem Anschein nach ganz vertrottelt und schläfrig
    Flametti rückte seinen Stuhl näher ran und zündete sich eine neue Zigarette
an
    »Hör mal zu ich bin doch kein dummes Luder versteht sich«
    Mechmed nickte
    »Du brauchst also innerhalb vierzehn Tagen einen Käufer
     Zwanzig Prozent«
    Mechmed nahm die Zigarette aus dem Mund hielt sie zwischen Zeige und
Mittelfinger weit von sich weg blies langsam den Rauch aus und überlegte einen
Moment
    »Zwanzig Prozent Provision« sagte er dann und wiegte den Kopf »gut
Abgemacht Was heißt« und war sehr verwundert wie man an seiner Kourtoisie
zweifeln konnte
    »Langsam« sagte Flametti »Ich hab den Käufer Drei Tage Bedenkzeit
Vierzig Mille bar auf den Tisch des Hauses«
    Mechmed wurde plötzlich sehr lebendig Mit einem Ruck fuhr er auf seinem
Stuhle herum Sein Ellbogen auf der Stuhllehne stach spitz gegen die Kellnerin
die mit einem geschickten Seitwärtsschwenken der Hüften den Tisch passierte
    »Aber« sagte Flametti und kreuzte die Arme vor sich auf dem Tisch »ich muss
nochmal Proben haben und zwei Mille Vorschuss« Wenn man acht Mille Provision zu
erwarten hatte konnte man wohl zwei Mille Vorschuss verlangen »Nix Proben«
lehnte Mechmed schwerfällig ab die Hand am Ohr um besser folgen zu können
    Flametti lächelte
    »Sei mal vernünftig Mechmed« begann er von vorne »mein Geschäft leidet
Seit acht Tagen bin ich nun unterwegs dir einen Käufer zu suchen Rechne die
Spesen Man trifft sich im Café zahlt die Zeche standesgemäss Verabredungen da
und dort hin und her Du weißt selbst wie das ist  «
    »Wie heißt der Käufer« fragte Mechmed ohne den Kopf zu drehen
    Flametti wich aus »Wie heißt er Tut nichts zur Sache Prima prima Kassa
Zahnarzt« Es handelte sich also um den Zahnarzt der Jennys Goldkronen
geliefert hatte einen Herrn von unzweifelhafter Solvenz gewiss der aber bis
dato weder von des Herrn Mechmed Opiumlager noch von Flamettis Hoffnung und
Agentur die leiseste Ahnung hatte
    »Tja mein lieber Freund« trommelte Mechmed auf der Tischkante und sah zur
Decke »wird sich nicht machen lassen Sieh mal her« und er entnahm seinem
Portefeuille einen ganzen Pack fremdartig kuvertierter Briefe mit denen er eine
Hausse aller orientalischen Narkotika und die gierige Nachfrage nach diesen
Artikeln spielend belegte
    »Was heißt das« stutzte Flametti ein wenig rau
    »Das heißt  «  der Türke gähnte schüttelte den Kopf und bestellte einen
Zwiebelsalat  »lässt sich nicht machen Unter fünfzig Mille ausgeschlossen
Offerten Papierkörbe voll« Und er zog die Briefe aus den Kuverts
    Flametti sah den Türken in blaue Fernen entschwinden Perdu Futsch Aus
Ihm schwindelte Aber er versuchte der Situation gewachsen zu sein
    »Mechmed« sagte er räsonnabel genug »du bist kein Filz und ich bin kein
Ganeff Ich weiß es kommt dir nicht darauf an wenn du siehst dass was läuft
Gut ich verzichte auf die Proben Macht fünfzig Franken Weg damit Aber die
zwei Mille Vorschuss  man muss sich bewegen auftreten können Nimm doch Vernunft
an Das ist ja nicht so Wir sind doch gut Freund Du verstehst schon«
    Mechmed verstand Er nickte Aber dann schüttelte er ablehnend den Kopf  er
schluckte dabei den Zwiebelsalat 
    »Nicht zu machen Gefährliche Sache« Und musterte jenen mit einem profunden
Blick »Varieté« meinte er »Weiber Feuer Indianer ja Ja ja Aber Opium 
« Er schüttelte »Mein lieber Freund« sagte er väterlich »schwierige Sache
Diffizile Sache Nicht zu machen« Und dabei verblieb er Den Daumen hatte er in
den Hosenbund eingehängt Den linken Arm ließ er über die Stuhllehne
herunterbaumeln Er schien darüber nachzudenken wen er zum Nachfolger ernennen
könnte
    »So« rief Flametti erbost »das sagst du mir heut Nach acht Tagen Das
hättst du mir wohl auch acht Tage früher sagen können«
    »Nix Proben« schüttelte Mechmed versunken den Kopf und suchte den
Zahnstocher in seiner Westentasche
    »Ah ich pfeif dir auf deine Proben Hier und hier und hier wenn du sie
wieder haben willst« Aus der inneren Rocktasche brachte Flametti dreimal je
eine kleine Papiertüte Haschisch Opium und Kokainprobe zum Vorschein die er
heftig in einer Reihe nebeneinander auf den Tisch schlug und dem Mechmed
zuschob Aber Mechmed hatte die überlegene Geste des père noble »Merci mon
cher ami cest pour bonhomie« und schob Flametti ohne einen Blick darauf zu
werfen die Pulvertüten wieder zu »Zahlen« rief er und schlug den Geldbeutel
aus Affenhaut den er an einer Ecke gefasst hielt grandenhaft auf den Tisch
    Flametti raffte die Proben zusammen steckte sie ein und sprang auf
    »Wieso Merci Wieso Proben Weißt du Mechmed das ist   das ist   «
Seine Augen funkelten Er schien zu Tätlichkeiten geneigt »Also weißt du   «
Aber Mechmed hatte sich etwas schwach auf den Waden schon zum Kleiderhaken
begeben nahm Paletot Hut und Regenschirm herunter sagte mit einer einzigen
großen zauberhaften Handbewegung über den Tisch und Flametti wegsegnend zur
Kellnerin »Deux francs laddition Bonjour die Herrn« und wandte sich
wackelnd zum Ausgang Flametti stand gebannt und entwaffnet Und da er die
Blicke der Gäste auf sich gerichtet sah ließ er seinen Ärger in ein
entschuldigendes Lächeln übergehen setzte sich wieder hin und drehte an seinen
Ringen
    Zu dumm diese ganze Affäre Was würde Jenny dazu sagen Was war nun das
Resultat von vierzehn Tagen Drei Tüten Niespulver
    Er musste lächeln wenn er an den alten Knacker dachte der es verstanden
hatte ihn hinzuhalten Aber es war ein Lächeln das saurer wurde je länger es
währte Eigentlich hatte er gehofft der Türke würde ihm aus der Klemme helfen
Und mehr
    Beim brasilianischen Konsulat hatte er vorgesprochen zwecks Auskünften
Auszuwandern gedachte er wenn die acht Mille vom Türken erst flüssig würden
    Sich in der Schweiz mit den Lölis placken Man ist doch kein Narr Die
brasilianische Regierung stellt Land zur Verfügung soviel man haben will Baut
einen Rancho Zwanzig Jahre Kredit Jenny wird Kaffee pflanzen Max Sumpfhühner
schießen Ein Pferd kostet dreißig Franken Eine Kuh zwanzig Ein Kalb zehn Und
man atmet in freier Luft Brust an Brust mit den Botokuden
    »Das machen Sie gut« unterbrach sich Flametti mit einer Floskel aus seinem
Varietéjargon »freie Luft«
    Ihm fiel die Konkubinatsstrafe ein Was wird nun damit geschehen Nachdem
der Türke versagt hat Kranemann wird keinen Pardon mehr geben In die Wohnung
wird er kommen mit dem Arrestbefehl Mit dem Loch wird er drohen
    Er Kranemann ihn Flametti arretieren Flametti lachte Zur Treppe wird er
ihn spedieren den Herrn Kranemann Vors Fenster wird er ihn hängen wie er die
Möbel seiner ersten Frau dieser Xantippe vors Fenster gehängt hat
    den Nachtstuhl den Schrank die Kommode alles hinaus vors Fenster an
langen Stricken Da hol dirs
    Das war ein Auflauf auf der Straße Mit Fingern zeigten sie auf die
Hausfront
    Nun man soll erst mal sehen wenn die Detektivs draußen hängen Jeder am
Rockkragen säuberlich zum Lüften aufgehängt Ists ein Wunder Geld hat man
keins Fürs Loch hat man keine Zeit Und doch wird man aufs Blut kuranzt 
Wenn mans bei Licht besieht die sind doch die eigentlichen Apachen Mit diesem
Beruf Warum betreiben sie ihn Aus Rechtlichkeit Ganz gewiss nicht Aus
Ordnungsliebe Keine Spur Raufbrüder sind es verkappte Herausfordernde
Protzen Leisetreter Drohnen der Gesellschaft
    Auch diese Schäferhunde das sind schon die rechten So ein Vieh ansehen
muss mans entartete Bestien Wirf ihnen einen Brocken hin sie schnuppern nicht
einmal dran Hochverräter an ihrer ganzen Rasse Leisetreter wie ihre Herrn
    In seinem Flamettis Fall wowohl er hatte in Konkubinat gelebt Die
Scheidung von seiner ersten Frau war noch nicht durchgeführt Wer beklagte sich
drüber Niemand Macht hundertfünfzig Franken Busse Inklusive Prozesskosten
hundertachtzig Franken Sah man von diesem Geld je etwas wieder Wurde dafür die
Fuchsweide verschönert Ein neuer Bahnhof gebaut Flametti reiste wenig Ihn
interessierte es nicht Aber die hundertachtzig Franken die interessierten ihn
    »Zahlen« rief er laut und patzig
    Als er auf die Straße trat fielen ihm Jenny und das Geschäft wieder ein
    Hinüber lenkte er zur Filiale des Tagblatt und gab eine Annonce auf
»Lehrmädchen gesucht Kostenlose Aufnahme und Ausbildung Flamettis
VarietéEnsemble«
    Kostete drei Franken achtzig Er nahm die Quittung und seinen Ausweis in
Empfang und kehrte um Seine Stimmung so sehr er auch grübelte klärte sich
auf
    Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Gerümpelauto Ein Mechaniker in blauem
Arbeitsanzug flickte am Reifen Eine Anzahl Kinder um ihn herum Die
Verwegensten drückten verstohlen auf die Gummiblase der Hupe was einige
grunzende missfarbige Laute zur Folge hatte
    Flametti stoppte und sah sich den Karren an
    »Panne« fragte er den Chauffeur »Panne« erwiderte dieser eifrig
beschäftigt
    Der Schaden war rasch repariert Die Kinder des Autobesitzers stiegen auf
Der Chauffeur ebenfalls Einige grunzende Laute der Hupe und der Kraftwagen
setzte sich unter dem lauten Johlen der schmutzigen Kinderschar die sich aus
allen Löchern und Winkeln eingefunden hatte in Bewegung Die Kinder des
Besitzers spuckten dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller
Anstrengung auf die Proletarierkinder die sich hinten angehängt hatten und mit
geknickten Beinen trompetend nachschleppen ließ Ein Auto in der Fuchsweide
so früh am Abend war ein Ereignis
    Die Quellenstrasse wieder hinunter schritt Flametti vorbei an Ismaëls
Holländerstübli vorbei an Muselmanns Zigarettengeschäft wo im Schaufenster der
Philipp saß den roten Fes auf dem Kopf Zigaretten fabrizierend vorbei am
Schlankeren Jacob und an den Geschäftslokalitäten der Heilsarmee hinein ins
Krokodil
    »Salü« grüßte er setzte sich kramte in seinen Taschen und brachte zum
Vorschein ein altes Trambahnbillett und den in der Frühe gekauften hellblauen
Tschibuk
    »Ist der Beizer da« Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt
    »Jawohl kommt gleich« sagte die Kellnerin Die hieß Anna
    »Gut« sagte Flametti und nahm einen kräftigen Schluck aus der frischen
Halben
    Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor
    So leicht wie Jenny sich vorstellte war es nicht im Krokodil engagiert zu
werden Herr Schnabel der Krokodilwirt kannte die Vorzüge seines Lokals zu
gut als dass er für jeden Schnorrer wäre zu haben gewesen Centrale Lage stand
auf den Empfehlungskarten seines Hotels Und dem Krokodil das über dem Eingang
prangte sagte man nach dass es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen
getrieben allwo es etliche Heiden und Christen im Magen dem Büchsenschuss
eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war um gegerbt und entkröst als
Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu verhelfen
    Nein es war gar nicht leicht im Krokodil anzukommen Denn es war eine
Ehre
    Wer bei Herrn Schnabel spielte war ein gemachter Mann Wen Herr Schnabel
auftreten ließ war ein Ehrenmann Ein von Herrn Schnabel vollzogener Kontrakt
war ein Ausweis und Leumundszeugnis Herr Schnabel mit Annahme und Ablehnung
teilte Zensuren aus
    Aber Flametti würde es schaffen Er hatte sichs vorgenommen Und hier ist
es am Platz zu sagen dass Flametti keineswegs unvorbereitet um eine Konferenz
mit Herrn Schnabel nachsuchte Er hatte die spielfreien Abende benützt er hatte
sich umgesehen Mit Jenny im GermaniaKabaret
    Stanislaus Rotter Schnelldichter und Konférencier  man hatte ihn seine
Schmonzes vortragen hören seinen redegewandten Improvisationen nicht ohne
Gewinn gelauscht Er war es von dem Flametti das Heil erwartete
    Angenommen der Rotter alter Bekannter von Max Stadtgrösse würde sich nur
für ein einziges Mal bestimmen lassen Flametti ein Ensemble zu schreiben ein
unerhörtes ein buntes nie dagewesenes Gesangstableau es würde die Kassen
füllen die Konkurrenz totschlagen und wäre ein voller Ersatz für den Türken
Freilich hingehen musste man zu ihm in seine Wohnung ihn bitten devotest um
soviel Güte Aber wer weiß vielleicht würde ers tun Ein gutes Ensemble von
ihm exotisch wild mit der Streitaxt brutal  und alles wäre in Ordnung Herr
Schnabel würde nicht Nein sagen können schon wegen der Konkurrenz Die
Konkubinatsstrafe könnte beglichen werden Die Schwierigkeit wäre behoben
Flametti hatte wie gesagt den Tschibuk aus der Tasche genommen und was war
natürlicher als dass er dabei an Ersatz für den Türken dachte
    »Lauf hol mir ein Paket Goldshag« sagte er zur Kellnerin die neugierig
den Tschibuk bewunderte und gab ihr Geld Steckte das Rohr des Tschibuks in den
Mund blies hindurch probierte den Zug und besah die Arbeit Es war die erste
stille Minute seit früh um halb sechs
    »Ah Flametti« trat der Herr Wirt freundlich näher »wie gehts wie
stehts Pfeife rauchen«
    »Mein neuer Tschibuk« renommierte Flametti »fürs Harem«
    »Neue Ausstattung« meinte Herr Schnabel Und mit Bezug auf den Tschibuk
»Schönes Stück  Echtes Stück«
    »Jawohl« bestätigte Flametti prompt und zuvorkommend »Tschibuk aus Aleppo
Echte Arbeit«
    »Ah von dem Mechmed« riet Herr Schnabel aufs Geratewohl Flamettis
Beziehungen zum Türken waren ihm nicht unbekannt
    »Nix Mechmed« beeilte Flametti sich mit gesundeter Selbstironie hausbacken
zurückzuweisen »Orientbazar Sieben Franken fünfzig«
    »Ist auch besser so« meinte Herr Schnabel leichthin und nur halb bei der
Sache Er drehte die Hand in der Hosentasche verfolgte mit wachsamen Augen den
Hausknecht der zapfte die Kellnerinnen die sich anschickten den Saal fürs
Konzert herzurichten und entschwand zum Büfett Er hatte offenbar viel zu tun
    Flametti war in Verlegenheit Was sollte er tun
    Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife Ein
glücklicher Umstand kam ihm zu statten
    Frau Schnabel erschien im Lokal freundlich lächelnd nach allen Seiten eine
aufgehende Sonne
    »Sie Herr Schnabel« rief Flametti vertraulich winkte mit dem Kopfe und
griff in die Brusttasche »Was sagen Sie dazu Kennen Sie den« Und lächelte
Madame Schnabel ein »Guten Abend« zu
    Herr Schnabel abgelöst am Büfett trat wieder näher Aus Flamettis Hand
zeremoniös umschlossen stieg eine Photographie in Postkartenformat darstellend
einen Herrn in den mittleren Jahren mit englisch gestutztem Schnurrbart
Schillerkragen und Künstlerkrawatte
    »Das ist doch der  Rotter« riet der Wirt »Jerum der Rotter« rief er
erstaunt seiner Frau zu und beugte sich näher um über Flamettis Schulter hinweg
die Photographie zu betrachten Auch Frau Schnabel trat näher
    »Ja der Rotter« bestätigte Flametti und stand auf um die Photographie
auch Madame zugänglich zu machen »Wissen Sie wo der jetzt auftritt« Er war
ein wenig verwirrt eine Supplikantenrolle zu spielen wurde verlegen und
lächelte »Als Schnelldichter im GermaniaKabaret«
    »So so« meinte Frau Schnabel skeptisch und dünn als habe sie den Pips an
der Zunge Sie neigte den Kopf zur Schulter drehte die Hand in der
Schürzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter auf ihren
Spangenschuh
    »Konférencier und Improvisator  Berühmteit« versicherte Flametti
»Fünfhundert Franken Gage Karrieremacher Feiner Kerl«
    »Waren ja Freunde ich und der Rotter« wandte er sich an Madame »Je Gott
Dort drüben«  er zeigte nach einer Nische  »nebeneinander sind wir gesessen
und haben Asti gezecht«
    Und wieder zu Herrn Schnabel »Erinnern Sie sich Und im Bratwurstglöckli
zBasel Sie kennen doch den Rotter was der für nen Appetit hat  Als der
Kaiser nach Bern kam wer hat das Begrüssungsgedicht verfasst Erinnern Sie sich«
    Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt »Richtig«
fuhr er in großem Bogen von der Stirn weg in die Luft
    »Macht ja Karriere« rühmte Flametti und schob klotzig den Unterkiefer vor
um die brutal vordrängende Energie des Herrn Rotter respektvoll zu
charakterisieren »Verdient ja ein Heidengeld Stadtgespräch«
    »Na und jetzt« interessierte sich Herr Schnabel
    »Unnahbar Nichts zu machen Keiner kommt an ihn ran Wie abgeschnitten«
    Und wieder mit unwiderstehlicher Grossartigkeit zu Madame Schnabel »Ein
Talent Der Kerl schüttelt die Verse nur so aus dem Ärmel Stundenlang
Phänomenal«
    »So so« lächelte Frau Schnabel wie oben mit einem so liebenswürdig knappen
Misstrauen dass es Flametti die Glieder lähmte
    »Elegant« schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte mit einem
ermunternden Blick auch seine zurückhaltende Ehehälfte zu gewinnen
    »Tipp topp« überbot Flametti »Man muss ihn abends sehen bei Beleuchtung
Im Frack Elegant Das ist das Wort zu viel« und etwas wie Ironie und leise
Verachtung mischte sich in Flamettis unendlich überlegenes Interesse Er war
sich bewusst seinen letzten Trumpf auszuspielen Jetzt oder nie
    »Siehst du Flametti« sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte sich an
den Tisch »so etwas müsstest du engagieren Mich gehts ja nichts an aber lass
doch den Kram mit dem Türken und such dir nen Schlager«
    Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus Er bekam Oberwasser Das alte
vertrauliche Du des Herrn Schnabel ehrte ihn Er steckte die Photographie ein
»Jawohl Und wieviel Draufgeld zahlst du mir«
    »Was Draufgeld Je nachdem Zweihundert Franken dreihundert Franken Haben
schon vierhundert gezahlt im Monat«
    »Je nachdem« lächelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas zwischen die
Hände »Ist ja Stuss Aber ich will dir was sagen Was zahlst du wenn er mir ein
Ensemble schreibt«
    »Was zahl ich« gigampfete Herr Schnabel »Kommt drauf an« Und er stieg
mit der Stimme Er stand auf drehte sich auf dem Absatz und strich sich den
Schnauzbart
    Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten Sie wusste jetzt kams zum
Geschäft Sie zeigte ein Lächeln das schon im voraus ihre Zustimmung zu allen
etwaigen Massnahmen des Gatten zum Ausdruck brachte Ein Lächeln das drüber
hinaus Ermutigung zu bedeuten schien für den glücklichen Kontrahenten dem es
gelungen war das Interesse ihres Gemahls des Herrn Schnabel vom Krokodil zu
erregen
    »Minimum« rief Flametti der nun einmal den Schnabel gefasst hielt und nicht
gewillt war ihn wieder loszulassen
    »Kommt darauf an was ihr bringt« schaukelte Herr Schnabel sich von den
Absätzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf die Absätze
Flametti zählte an den Fingern seine Mitglieder her »Zehn Personen Drei
Lehrmädel«
    »Gut« sagte Schnabel »wenn du was bringst von dem Rotter und alles
anständig dezent  dreihundert Franken und am fünfzehnten könnt ihr kommen«
»Abgemacht« schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand zu über den
Tisch »Anna ne Halbe«
    Jenny lag schon zu Bett als Flametti von diesem an Aufregungen reichen Tage
nach Hause kam
    »Na Max was ist Was hast du erreicht« Sie war sehr besorgt
    »Engagement im Krokodil Fünfzehnten fangen wir an«
    Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn »Aber
was spielen wir denn«
    »Morgen geh ich zum Rotter«
 
                                      III
Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis Ein Brief kam an von Mechmed
Darin stand
Mein lieber Freund
    Ein schamloser Verdacht Ich sitze hier in den Händen der Polizei und kann
nicht heraus Mein ganzer Besitz einige Kilo Haschisch konfisziert Was wollen
sie von mir Ich habe keine Schuld an dem Anlass Hilf Bruderherz Im Namen der
Freundschaft Mechmed sitzt in den Händen der Polizei Die Hände der Polizei
geben schlechtes Essen und kein Luft Und die Seele schreit mit dem Dichter
Eilende Wolken Segler der Lüfte
Wer mit euch wanderte wer mit euch schiffte
                                                            Dein Freund Mechmed
Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug wusste Flametti
dass Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war würgte ein schadenfrohes
Gelächter und beeilte sich seine Probetüten zu Mutter Dudlinger beiseite zu
schaffen
    Und ein zweiter Brief kam an für Frau Häsli den sie vorlas mittags bei
Tisch Darin stand
    Mein heissgeliebtes Herz
    »Hört ihr« rief sie »heissgeliebtes Herz schreibt der Narr«
    Mein heissgeliebtes Herz
    Sie haben mich genommen 
    »Bein Militär« erklärte sie
      und es geht mir hier sehr gut Ich habe acht Tage Dienst zu machen
Dann werde ich beurlaubt Nichts ists mit dem Jodeln Ich blase die Trompete
trotz meiner Zahnlücke 
    »Er blost er blost« schrie Frau Häsli und versuchte den durch die
Zahnlücke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu vergegenwärtigen
    »Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir
Strenger Dienst und ich denke Dein in Liebe Bleibt mir treu «
    »Toni bleib ihm treu« schwadronierte die Alte
    Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken
    Frau Häsli machte eine verdutzte Pause »Ehret mein Angedenken«
wiederholte sie befremdet Dann auf jedes seiner Worte deutend
    Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte
    »Jawohl« bemerkte Frau Häsli »da kannst du lange verfolgen mein Lieber
Hähä Seine Blicke verfolgen uns Ja übermorgen Blos du die Trompet Er blost
die Trompet Der Häsli blost und seine Schritte verfolgen uns«
    Süße geliebte Lotte
    fuhr sie fort
    schick mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausführlich Ich
sehne mich nach euch und zähle die Tage bis zu meiner Rückkehr
    »Gott sei Dank« sagte Frau Häsli und schob den Brief in ihren Brustlatz
»jetzt ham sie ihn Sollen ihn nur recht zwiebeln Ich werd dem Hauptmann schon
schreiben dass er ihn sobald nicht wieder loslässt Wie gesund der ist wenns ans
Prügeln geht Heissgeliebtes Herz Ja Scheibenhonig«
    Und ein dritter Brief kam an für Flametti aus Basel Darin stand
    Werter Freund und Kupferstecher Flametti
    Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat hättst auch einen Brief schreiben
können Damit man weiß was ihr bringt en détail Ich bin bereit Dich zu
akzeptieren für die fragliche Zeit und wenn ihr gefällt dann noch länger Die
Alte kommt zu euch hinübergerutscht für einen Tag weil sie noch andere Affären
hat und dann könnt ihr einig werden Die Alte lässt grüßen Grüß auch Jenny und
bringt was rechtes mit
    Sacré nom du dieu
                                                   Dein Fritz Schnepfe und Frau
                                                            Varietélokal Basel
Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte »Komm mit« Und sie
gingen zum Einkauf und brachten zurück Fünf Bettvorleger aus getigertem Fell
und eine Negerlanze von den SundaInseln die sie erstanden hatten bei Herrn C
Tipfel Antiquariat wo Briefmarken Seesterne und Smaragdkristalle in
schillernder Auswahl das Schaufenster zierten
    Und überhaupt eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis Leben
kam in die Bude
    Niemand außer Jenny und Engel wusste was die fünf Bettvorleger sollten Aber
sie waren da und jedermann der zum Ensemble gehörte musste mit den Händen
drübergestrichen und sie für gut befunden haben
    Sie blieben zunächst im Esszimmer liegen Sechs Franken neunzig das Stück
Fünfunddreissig Franken die Partie
    Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister
beiseite und sagte »Herr Meyer morgen nachmittag fünf Uhr Soloprobe CDur«
Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die Bewegung heftigen Klavierspielens
    Und kaufte sich einen neuen Schlips ein Franken fünfundsiebzig schwarz
beim Globus
    Und der Herr Koiffeur Voegeli kam zu Besuch eines Nachmittags und man
servierte ihm im Schlafzimmer Wein und Fräulein Rosa musste ihn unterhalten
weil Jennymama keine Zeit hatte sondern roten Biber einkaufen gehen musste um
aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu
fertigen von wilder unerhörter Farbenpracht
    Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so
brillant dass Jennymama in der Lage war sich einen totschicken Abendmantel zu
kaufen den sie zu tragen gedachte zur Premiere
    Und siehe da zwei junge Damen kamen aus Bern zu Fuß eine schöner als die
andre Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute
    Fräulein Güssy lang überlang so was Langes haben Sie noch nicht gesehen
Vorne platt wie ein Nudelbrett Mit langen Zugstiefeln großen dunklen Kuhaugen
und langen wehenden Armen zwanzig Jahre Fräulein Traute kräftig rosenrot
Hakennase Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen der prall und
anbötig vorn abstand und den sie stets eifrig bedacht war mit beiden Händen
über die Hüften hinunterzuglätten achtzehn Jahre
    Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide Und all dies
Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa hinter den Bretterverschlag
zu den Turteltauben wurde als Lehrkraft dabehalten und suchte sogleich mit
Eifer sich nützlich zu zeigen
    Und Besuch kam nachmittags Fräulein Raffaëla Tänzerin und Fräulein Lydia
Tänzerin beide vom Zirkus Mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter Donna Maria
Josefa
    Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame Sie setzte beide Hände
trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen ohne den Kopf zu
bewegen
    Ihre Nase war etwas gerötet von Frost Ihr Gesicht beherrscht Ihre
schmalen behaarten Lippen verbargen ein Gebiss das mit wahren Haifischzähnen
besetzt war
    Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin und die beiden Töchter setzten
sich zu ihrer Seite je rechts und je links und sagten
    »Mama ach Mama Mama nimmst du Zucker Mama nimmst du Milch Mama nimmst
du Zwieback Mama nimmst du Honig oder Gelee«
    Und Flametti sagte »Jaja Frau Scheideisen« So hieß Donna Maria Josefa mit
ihrem Privatnamen
    Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den Töchtern
    »Greif zu Raffaëla Greif zu Lydia« wie zu alten Bekannten
    Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern als säße sie bei einer
EröffnungsGalaFestvorstellung an der Kasse Und lächelte gemessen wenn man
höflich war
    Das Ganze aber hatte Flametti wahrlich nicht übel arrangiert und
eingefädelt um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten die üppiger wurde
von Tag zu Tag Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender
Bewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria Josefas Blusenbusen
    Es begab sich aber dass auch zwei Detektivs erschienen eines Nachmittags 
schon wieder Kreuzdonnerkeil  an die Türe klopften ganz sachte und
Flametti zu sprechen wünschten zwecks einer Auskunft
    Und er ging hinaus vor die Tür nahm die Detektivs in die Küche und
verhandelte mit ihnen
    Und eine innere Stimme sagte Flametti Verdirb dirs nicht Häng sie nicht
vors Fenster sondern mach Ihnen Vorschläge zur Güte
    Und das tat er auch Aber es nützte nicht viel Noch immer wegen der
Quittung
    Und er stieß die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube schloss seine
Hauptkasse auf stürzte den Inhalt auf den Esstisch und schrie sehr erregt zu den
skeptisch nachfolgenden beiden Beamten
    »Was wollt ihr denn Seid doch vernünftig Kann ich denn zahlen Seht
selbst Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld Da ist mein Ensemble «
    »Jenny Rosa Güssy Traute« rief er und die kamen von rechts und links
im Unterrock mit offenen Haaren mit Lockenschere Schuhknöpfer und
Seifenhänden 
    »Da ist mein Ensemble« rief er und zerrte die Damen mit langen Armen zu
sich heran »man arbeitet doch Man rackert sich ab Man studiert simuliert
Man zahlt seine Steuern man tut sein Möglichstes «
    Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch Und es ist nicht einmal
unwahrscheinlich dass der Anblick so unterschiedlicher Frauenspersonen in
Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert ihr Misstrauen noch bestärkte Sie
notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die Küche Jetzt
handelte sichs um den Mechmed
    »Haben Sie einen Türken gekannt Ali Mechmed Bei«
    »Ja«
    »Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden« »Nein«
    »War Ihnen bekannt dass er mit Kokain Opium und Haschisch handelte«
    »Ja«
    »Nehmen Sie selbst Opium«
    »Nein«
    »Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen«
    
    »Nein«
    »War Ihnen bekannt oder mutmassten Sie dass seine Waren geschmuggelt waren«
»Nein«
    »Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen« etc
    Flametti gab Antwort auf all diese Fragen nach bestem Wissen und Gewissen
Denn er hatte nichts zu verbergen Aufgeplustert vor Wut und verlegen wie ein
Schuljunge
    Und sie nahmen ihn nicht in Haft Und wegen der Quittung würde er eine
Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner Vermögenslage
    Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage Offenbar große Dinge
standen bevor Wichtige Dinge Geheimnis tut not wo Schicksale schweben
Störung ist fernzuhalten
    Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble das Herr Rotter ihm zugesagt
und bestimmtest versprochen hatte nicht viel mehr als dass die Musik in CDur
ging dass es voraussichtlich Die Delawaren hieß und dass er selbst Flametti
den Häuptling Feuerschein vorstellen würde mit Lanze Pfeilen und Tomahawk
    Aber gerade die letztere Aussicht die Rolle des Häuptlings Feuerschein die
Flametti bevorstand in den Prachtworten die Herr Rotter sicherlich für ihn
finden würde im exotischen Aufputz voller Glut Farbenpracht und Majestät 
Adlerfedern über den Rücken hinunter Sandalen unten Hakennase oben 
veränderte gewissermaßen Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance
    Jetzt erst verstand er weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble Auftreten
und Spielen verleidet gewesen weshalb ihm all seine letzten Tableaus so
seicht geistlos und platt erschienen Schon diese Titel Die Modeweiber Die
Nixen Die Nachtfalter Was konnten sie einem geben Weiberzeug süsslicher
Schnack Kitsch Bruch
    Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt
Löckchen Gefältel Plissées FrouFrou  er konnte nicht mehr Er empfand
einen Brechreiz Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden Was
Wunder Sie standen im Mittelpunkt
    Dagegen Die Delawaren Wie das klang Stierig männlich farusch imposant
Das war eine Sache Das schuf Respekt Da ließ sich was ahnen
    Flamettis Benehmen wurde schon jetzt simpler beruhigter breiter Seine
Energie zäher verbissen Sein Selbstgefühl mächtig Die Löwenbrust wölbte sich
Wenn er die Hand auf den Tisch legte zitterte dieser Früher hatte er nicht
gezittert Wo Flametti hingriff wuchs jetzt kein Gras mehr Wen Flametti ansah
zuckte zusammen erbleichte
    Er ließ im Geist seine Freunde Revue passieren und beschloss zu lieben und
hassen nur noch tödlich Früher hatte er mit sich reden lassen
    Er beschloss alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit auszumerzen
Beschloss seine Gastfreundschaft auszudehnen und selbstverständlicher zu
gestalten Beschloss mehr zu sitzen zu liegen Weniger Aufregung mehr Schwere
und Weihe
    Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt werden
Opium sehr gut Feuerfressen sehr gut Das passte Und er beschloss die
Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr Finsternis in der Geste zum
Vortrag zu bringen
    Nicht soviel Anpassung Mehr Würde Magie Nicht soviel Worte Mehr lautlose
Tat Im ganzen Vereinfachung Wucht
    Und eines Morgens als Flametti in Träume versunken vor die Tür seines
Wigwams trat im vollen Waffenschmuck mit vergifteten Pfeilen den Rauch seiner
Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen erhob sich ein solches Gekreische
Gelächter und Girren im Lattenverschlag bei den Tauben dass Flametti beschloss
ein Exempel zu statuieren
    Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett im Hemd mit Bravour und hinüber
zum Lattenverschlag
    Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten
    Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke
Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht
Blank blänker am blänksten
Und Flametti griff zu und es klatschte
    Und die Lange flüchtete aus dem Bett Und die Dralle mit dem geschamigen
Busen schrie Und die die es traf Rosa die Sklavin rang die gefalteten
Hände und flehte und sträubte sich fruchtlos gegen die sehnigen Häuptlingsarme
    Stolz kehrte Flametti zurück die Brust geschwellt von männlichem Furor die
Augen gerollt vor strahlender Lust und sagte zu Jenny die neben ihm lag »Die
sollen mich kennenlernen«
    Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung weil Max
anderweitig beschäftigt war Alte Kostüme wurden unter Beteiligung der
Lehrkräfte repariert und aufgebügelt Die neuen Kostüme probiert
    Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen aus Besenstielen
rundum bemalt gelb grün und blau Oben eine Spitze aus Goldblech
    Und damit auch das übrige Ensemble nicht müßig ging hatten Engel und Bobby
Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot wozu sie die Pfanne und Pulver besorgen
mussten
    Herr Arista studierte ein neues Lied
Nur immer raus damit nur immer raus damit
Wozu haben wirs denn Na ja
was sich auf seinen Busen bezog
    Auch die Häslis hatten für neues Programm zu sorgen und studierten mit dem
Pianisten das interessante Terzett Schackerl Schackerl trau di net das Frau
Häsli ausgesucht hatte an dem sich aber nach seiner Rückkehr vom Dienst auch
Herr Häsli beteiligen sollte
    Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz aus der Premiere dieser Indianer
einen Festzug zu machen ein Ruhm und Gedenkblatt für sich und das ganze
Ensemble
    Wer weiß was für Intentionen mehr er damit verband was für Erbauungen und
Hintergedanken Soviel Sorgfalt wie auf dieses Ensemble hatte er noch auf keines
verwandt Soviel Aufwand und Wichtigkeit waren kaum zu erklären
    Ein Plakat ließ Flametti entwerfen von einem ersten Maler der Fuchsweide
Darauf stand in Majuskeln »Die Indianer«
    Abgebildet war Flametti als Häuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz
Rotaut über und über mit Ohrringen Funkelaugen und einer Kette aus
Bärenzähnen
    Darunter aber stand Alleiniges Aufführungsrecht Flamettis
VarietéEnsemble
    Hinging Max zu Herrn Fournier dem Vorstand der EisenbahnerKapelle und
fragte ihn ob er bereit sei mit fünfzig Mann Blasorchester zur Stelle zu sein
Und welche Konditionen
    Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe um Freinacht
und Tanz einzugeben bei der Polizei was Herr Schnabel zwar überrascht aber
bereitwillig versprach Er hatte ja keine Ahnung
    Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter im Terrassencafé
    Der Rotter war elegant wie immer Er las gerade die Daily Mail  ob er das
konnte Ob das nicht Getue war  lud Flametti mit einer raschen geschickten
Handbewegung ein Platz zu nehmen setzte den Kneifer vor seine lidlosen
entzündeten Augen rieb sich die Nase und zückte das Manuskript aus der Mappe
    Flametti bestellte ein Pilsner und dann befummelten sie die Affäre
    »Also sieh her Flametti« sagte Herr Rotter »das ist der Dreck« dabei wog
er das Manuskript auf der Hand
    Flametti beugte den Oberkörper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre
    »Also es ist so Die Delawaren Du machst den Feuerschein Die andern die
Weiber fünf Stück machen die Bande Ausstattung Fellkostüme wie gesagt
Lanze Tomahawk Kopfaufputz Musik CDur Beleuchtung Rot Einstudieren musst
dus selbst Hier ist der Text«
    Flametti bemerkte sofort dass Herr Rotter Eile hatte und beeilte sich
seinerseits aus der Brusttasche einen Fünfzigfrankenschein in Bewegung zu
setzen der als Honorar vereinbart und von Mutter Dudlinger mit riskierender
Teilnahme vorgestreckt worden war
    »Hier« sagte Flametti indem er den Schein auseinanderfaltete »jeder
Arbeiter ist seines Lohnes wert«
    »Ah was Bagatelle« sagte Herr Rotter und steckte den Schein nachlässig in
die Rocktasche
    Flametti hatte sofort das Gefühl »der ist das Einheimsen gewohnt« und
erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit mit der Herr Rotter im
GermaniaKabaret die Pausen füllte durch Selbstverkauf seiner Gesammelten Werke
    Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Händen und begann zu
lesen
    »Na kannst es zuhaus in Ruhe studieren« meinte Herr Rotter »es klappt
Sei versichert« und intonierte probeweise die erste Strophe
    Flametti gingen die Augen über vor Bewunderung
Die letzten von dem Stamm der Delawaren
Die Kriegerscharen
Der Delawaren    
Ausschritten die Rhytmen in gravitätischer Folge
    Flametti fühlte wie seine Nase schärfer wurde energischer eine Adlernase
Seine Augen kühner verwegener sprühend Er fühlte die Lanze in seiner Faust
Die Federbüschel liefen ihm kalt über den Rücken hinunter Sein Unterkiefer
schob sich vor in bestialischer Vehemenz
    Der Ober beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Kafécrème schlängelte
sich zwischen den Tischen hindurch und stieß an den Stuhl Flametti wäre ihm
knapp an die Gurgel gefahren So schreckte es ihn aus der Illusion »Klappt
alles Unbesorgt« versicherte Rotter
    »Hören Sie zu« sagte Flametti »ich hab ein Plakat machen lassen Die
Indianer Grossartig imposant Dreißig Franken Beim Lemmerle Kennst ihn doch«
    »Schon gut Mach was du willst mit dem Dreck« sagte Herr Rotter und
drückte den Klemmer fest »Ist ja nicht mein Beruf Macht man so nebenbei«
    »Schau« meinte Flametti treuherzig und verlegen »mich packts Musst nicht
so sprechen Mir tuts weh Mich freuts halt Akkurat weil du mir die Indianer
gemacht hast Siehst du ich hätte dir auch einen Hunderter gegeben wenn dus
verlangt hättst«
    Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah über den
Kneifer weg Flametti an als traue er seinen Ohren nicht
    »Wirst mal sehen« meinte der »wenn die Beleuchtung dazu kommt Musik
Reklame der ganze Klimbim« Und er versuchte durch gleichzeitige Anspannung
aller Gesichtsmuskeln Wackeln der Ohren vorgeschobenen Unterkiefer Hochziehen
der Brauen einen Begriff zu geben von der Schlagkraft der Dinge die dann
kommen würden
    »Apropos« behielt Rotter sich vor »bei der Hauptprobe will ich dabei sein
Damit ich auch sehe was ihr draus macht« »Sowieso« beruhigte Flametti Und um
zuverlässig zu beweisen dass das Ensemble in guten Händen sei »Fünfzig Mann
Blasorchester« Und nahm einen tiefen Schluck Pilsner
    »Das ist alles nichts« meinte Rotter »wenn ihr den Schick nicht trefft
Wenn das gewisse Etwas fehlt«
    »Es kommt« versicherte Flametti »da ist das Wort zuviel«
    »Na wollen mal sehen« schloss Rotter und griff nach der Daily Mail
    Flametti fühlte sich unbehaglich
    »Zahlen« rief er »habs pressant« und der Kellner kam und Flametti
reichte Herrn Rotter indianisch die Hand sagte »Salü« und »Merci« und ging
Ein unerhört despektierliches Wort unterdrückte er als er das Lokal verließ Zu
Hause aber warf er sich aufs Sofa und las Las mit immer wilderem Entzücken
immer hellerer Begeisterung Las das Ensemble von A bis Z ertrank darin ritt
galoppierte rasselte tobte donnerte blitzte und fluchte strahlte und
weinte lachte und staunte
    Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern Silbe klar an
Silbe reihend  er war ja der Sohn eines Lehrers  die Rollen heraus
    Sprechproben wurden angesetzt Ensembleproben Die Rollen wurden verteilt
Persönlich probte Flametti vor dem Spiegel
    Probierte mit den Mädels teilte Ohrfeigen aus rannte Köpfe an die Wand
schrie brüllte und fluchte
    Konnte gar nicht Worte genug finden sein Erstaunen über die Bornierteit
dieser Weiber Jenny und die Soubrette mit eingeschlossen kundzugeben
    Es ging denn auch rapid vorwärts Nach drei Tagen saß schon der Text Nach
weiteren drei Tagen saßen auch die Bewegungen Auf und Umzug des Ensembles auf
der Bühne
    Was hatten die armen Weiber alles für Vorstufen durchzumachen bis sie
wirkliche richtige echte Indianer waren Kalb Ochs Esel säbelbeiniges
Frauenzimmer Schmerbauch Mistvieh Bauer Was alles mussten sie anhören in
hartem Ringen um die Kunst
    Und erst die Bewegungen Bis die saßen »Links Links Links herum
Stoffel«  »Vor die Lanzen Hoch den Tomahawk Runter aufs Knie«  »Um
mich herum Vor mich hin Ich beschütze euch«  »Apoteose Verklärung
Verklärte Augen sollst du machen Mistvieh damisches«  Und die Musik bis die
saß »Hörst du denn nicht Sperr deine Löffel auf Wozu hast du denn deine
Windfänger Die Nasenlöcher kannst du doch auch aufsperren«  »Den
Allerwertesten werd ich dir treffen wenn du nicht aufpassen willst
Himmelherrgottsakrament sperr deine Ohren auf«
    Aber dann gings auch wie am Schnürchen nach sechs Tagen und alle waren
des Lobes voll und bekamen allmählich Geschmack an der Sache und machten die
Bewegungen von selbst auch bei Tisch beim Zubettgehen beim Morgenkaffee im
Hemd und in Unterkleidern Sangen pfiffen und trällerten die Musik vor sich
hin die Herr Meyer feinsinnig aufgefasst hatte und kongenial wiedergab
    Und Flametti studierte solo mit Meyer ein den Auftritt des Häuptlings
    Unten in der Musik muss es donnern und blitzen Brwrr brwrrrr worgeln und
tremolieren Dann muss die rechte Hand höherlaufen Feuerschein kommt von links
späht durch das Kulissenfenster der Bauernstube drohend erschrecklich in
hohem dämonischem Federnschmuck mit der Lanze Kommt dann heraus auf die
Bühne vorsichtig schleichend verfolgt den Kopf spähend vorgestreckt die
Halsmuskeln gespannt den Tomahawk mordbereit Verschwindet unter Donner und
Blitz der Musik in der Kulisse rechts Es beginnt das eigentliche Ensemble
CDur Andante Mächtig und breit Auf dem Kriegspfad
Die Letzten von dem Stamm der Delawaren
Die Kriegerscharen
Der Delawaren 
Dann haben zu singen die Weiber mit vorstellender Handbewegung zu Flametti
gewandt
Der tapfre Häuptling Feuerschein 
Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafften Zügen
Mit seinen wilden Mägdelein 
Dann tutti zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten
Entbieten euch die Freundeshand
Zum Gruß Schlagt ein
An den Türken dachte Flametti nicht mehr seit er Indianer geworden war Aus dem
Opiumhandel war nichts geworden Desto besser Wenn nicht dann nicht hieß es
in einem Kouplet der Soubrette
    Dafür hatte Flametti jetzt selbst einen Harem und gewissenhaft war er
darauf bedacht seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen Einteilte er seinen
Wigwam in drei Gemächer
    In der Mitte die Stube wurde das Häuptlingszelt wo man Beratung pflog
Botschaften empfing Mahlzeiten einnahm Siesta hielt Das Schlafzimmer rechts
davon ward zum Gemach der obersten Lieblings und Hauptfrau Der
Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen und Nebenfrauen
    Das ideal in der Mitte gelegene Hauptgemach erregte zwar den heftigen und
unverhohlenen Widerspruch der Lieblings und Hauptfrau aber Flametti ließ sich
nicht beirren und bald hatte er es denn auch dahin gebracht den Begriff seiner
männlichen Würde und Überlegenheit von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen Und
es war ein zwar ungewöhnlicher aber in seiner Totalität strammer Anblick für
Mutter Dudlinger eines Tags den Häuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden
beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen um ihn herum die Haupt und die
Nebenfrauen hockend mit Herstellung kleiner roter Lämpchen beschäftigt die
dazu bestimmt waren von den Delawaren auf dem Kriegspfad an langen Schnüren als
Beleuchtungskörper geschwungen zu werden Herr Schnabel der Wirt hatte sich
nämlich das bengalische Pulver verbeten des unbändigen Gestanks wegen den die
beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten
    Solcherlei Zurüstungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben
    Der Neid war grenzenlos Die Versuche Flametti das Wasser abzugraben
gingen ins Lächerliche
    Pfäffer zeigte an
    Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko Posse in drei
Akten
    Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbüchse und rotem Regenschirm
sollte Fräulein Mary singen eine zwar nicht mehr jugendliche aber sympatische
Darstellerin von der Jenny beruhigt voraussah dass sie mit ihren Beinen eines
alten Kaleschengauls abgewetzt knollig und dürr notwendig müsse Fiasko
machen
    Ein andrer Direktor begann ebenfalls Indianer einzustudieren die er
Komantschen nannte So dass Flametti sich genötigt sah unter das Plakat des
Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen Jede Nachahmung verboten Wer die Idianer
nachmacht wird gerichtlich verfolgt
    Den Vogel aber schoss Ferrero ab Unter Zuhilfenahme massloser Reklame zeigte
er an Lullu Cruck König aller Bauchredner Man lacht lacht lacht
    »Krampf« lachte Flametti »Macht er ja selbst«
    Flamettis Selbstgefühl erreichte den Gipfel Und als eines Tages die Zusage
des Herrn Fournier eintraf wegen der fünfzig Mann Blechmusik als Herr Schnabel
die Erlaubnis vorzeigte für Freinacht und Tanz als endlich die Hauptprobe
angesetzt werden konnte da fand er sogar den Mut dem Rotter die Spitze zu
bieten Und das war gut denn um ein Haar wäre durch Rotters provozierendes
Benehmen noch auf der Hauptprobe alles gescheitert
    Haltlos ironisch wie es seiner Gemütsart entsprach kam Herr Rotter am Tage
der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen den Koks keck auf den
Kopfwirbel geschoben Dandy Geniesser und Zyniker
    »Nu man los« rief er indem er sich vorn an die Bühne placierte Arme und
Beine verschränkt an den Wirtstisch gelehnt
    »Hoch mit die Röcke« rief er dem vorhangbedienenden Engel zu
    »Wa« schnodderte er die Kellnerin an die ihn nach seinen Belieben fragte
    Flametti verstand nicht wie sich ein Mensch seinem eigenen Geisterprodukt
gegenüber so heillos frivol benehmen könne Ihn schauderte Doch er versuchte
gute Miene zum bösen Spiel zu machen und schwieg
    Als aber der Auftritt kam
    Die Letzten von dem Stamm der Delawaren  die selbstverfasste
Häuptlingsouvertüre unterdrückte Flametti in einer Anwandlung von Unsicherheit
 als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein prustendes Gelächter
ausbrach und als infolge der höchlichen Laune des Herrn Autors auch die
fellgegürteten Weiber auf der Bühne anfingen die Sache lustig zu finden da riss
Flametti die Geduld
    Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn Die Lanze
stieß er auf den Boden dass das Bauernhaus rechts und die Renaissancelandschaft
im Hintergrund ins Wackeln gerieten Hochrot wurde er im Gesicht wie ein Puter
Und er schrie mit drosselnd erhobenen Händen im Dialekt seiner Heimat über die
Rampe hinunter
    »Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen Herr
Dichter Nur einen Augenblick wenn es gefällig ist Sie sehn doch dass hier
gearbeitet wird«
    Der Rotter war ganz überrascht Das war ja eine unglaubliche Frechheit von
diesem Flametti Was fiel dem eigentlich ein Das war doch die Höhe
    Hoch hob er sein Stöckchen fjetzte es durch die Luft und rief auf die Bühne
hinauf
    »Sie hören Sie mal Hab ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine gehütet
oder hab ich Ihnen das Ensemble geschrieben Das Frauenzimmer dort mit der
Gurkennase ist doch unmöglich«
    Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fräulein Rosa Und Flametti sah hin
und stand einen Moment lang betroffen »Ich hab das Ensemble doch Gott
verdamm mich für Hakennasen und nicht für Himmelfahrtsnasen gemacht«
    Er schlug mit dem Stöckchen CDur an und rief
    »Na mal weiter«
    Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen
    »Lassen Sie das Klavier in Ruh« schrie er herunter und fuchtelte mit der
Lanze »Was fällt Ihnen eigentlich ein Sind Sie hier Direktor oder ich«
    Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig nahm sachte sein Stöckchen von
den Tasten rückte die Mütze zurecht und sagte
    »Hören Sie mal Wenn Sie glauben Sie Botokude mich für Ihre fünfzig
Franken hier anschreien zu können dann sind Sie im Irrtum«
    »Und Sie« rief Flametti stellte die Lanze hin und sprang in vollem
Häuptlingsschmuck über die Bühne herunter »machen Sie dass Sie rauskommen
Raus Ich habe genug von Ihnen«
    Und da Herr Rotter als Antwort hierfür nur ein spöttisches Grinsen hatte
die Stirnhaut hochzog die Ohren bewegte und den Blöden spielte packte Flametti
den Patron am Ärmel und spedierte ihn höchst persönlich durch das Lokal zum
Büfett wo Herr Schnabel automatisch und ohne zu fragen sich seiner annahm und
ihn im Hinblick auf seine moralische Zweideutigkeit vor die Türe setzte
    Nachdem der Dichter entfernt war ging alles glatt Von vorne von vorne
und nochmal von vorne bis dass es saß
 
                                       IV
Am siebzehnten fand die Premiere statt Schon am frühen Morgen herrschte im
Hause Flametti beträchtliche Aufregung Es war noch nicht sieben Uhr früh als
sich die Frauen aus dem Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht für
diesen Ehrentag FlamettiFeuerscheins Stiefel putzen zu dürfen
    Fräulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der
Häuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domäne gemacht Kaum regte sich in
der Frühe das erste Gurren und Flattern der Turteltauben so sprang sie schon
aus dem Bett hin zum Gemach der Hauptfrau vor dessen Türe die Knöpfelschuhe
der Frau und die Zugstiefel Flamettis in trunken übernächtiger Kameradschaft
beisammenstanden nahm die Häuptlingsstiefel weg ließ die Hauptfraustiefel
stehen und rannte in die Küche nach dem Putzzeug um den beiden anderen
Favoritinnen zuvorzukommen Heute aber hatte sie sich verrechnet Denn während
sie in fliegendem Negligé zu der Schlafzimmertür rannte rutschte auch Fräulein
Rosa über die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Küche um Bürste und
Putzzeug an sich zu nehmen Güssy aber die im Nu zurückbleibend die Chancen
des kommenden Streits berechnet hatte langte sich ihre Beinkleider und zog sich
an fieberhaft Ihr Temperament war stiller phlegmatischer heiß Aber soviel
wusste sie Angekleidet würde sie bei einem Streit vor ihren im Hemd stehenden
Rivalinnen im Vorteil sein
    Der Streit ließ nicht auf sich warten Unter der Türe zwischen Esszimmer und
Küche begegneten sich Traute und Rosa Die eine mit den Stiefeln die andere mit
Bürste und Crème Güssy knöpfte sich gerade die Spangenschuhe zu
    »Gib die Stiefel her« rief Rosa »sie gehen dich nichts an Ich bin länger
im Hause als ihr« Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht nicht nehmen
lassen auf das sie früher gerne verzichtete
    Aber Traute dachte nicht dran die Stiefel aus der Hand zu geben
    »Hast du sie gestern gewichst Hast du sie vorgestern gewichst Verstehst du
überhaupt was davon Fütter deine Tauben«
    Güssy lachte Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen
Auseinandersetzungen
    »Gib sie her« rief sie entrüstet und klopfte der Traute die Wichsbürste auf
die Nase
    Güssy kam näher aus dem Lattenverschlag lachend Die Stiefel fielen zu
Boden Die Wichsbürste ebenfalls Die Crème rollte unter den Schrank Traute und
Rosa kriegten sich bei den Haaren
    In diesem Moment aber klopfte es und herein trat Frau Schnepfe aus Basel
Sie war mit dem Frühzug herübergefahren um ihre Visite zu machen ihre Affären
zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen
    »Guten Morgen« sagte sie freundlich und stand unter der Türe »Bin ich hier
recht bei Flametti«
    »Ah die Frau Schnepfe« rief Rosa freundlich überrascht und ließ ihre
Partnerin los »Ja ja natürlich sind Sie hier recht Setzen Sie sich Frau
Schnepfe« und lachte sich tot
    Güssy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich Traute war in den Verschlag
geflüchtet Auch Rosa kichernd hinter dem Spalt der Lattentüre beeilte sich
einen Rock anzuziehen
    Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der
Künstlerinnen Musternd sah sie sich im Esszimmer um Hier also wohnte Flametti
»Er schläft noch« entschuldigte Rosa und kam die Druckknöpfe schließend
wieder zum Vorschein Dann vorstellend »Das ist Fräulein Güssy Das ist
Fräulein Traute« Die rieb sich mit dem Handtuchzipfel die Schuhcrème aus dem
Gesicht »Noch ein bisschen früh Er steht immer erst auf gegen elf Heute steht
er wohl früher auf weil wir heut abend die Indianer haben Aber ich darf ihn
nicht wecken« »Gut gut« sagte Frau Schnepfe und stand auf den Schirm in der
Hand »Ich komme später vorbei Grüssen Sie ihn Die Frau Schnepfe war da«
    »Es ist recht« verbeugte sich Rosa graziös ihres stellvertretenden Amtes
bewusst »Ich werd es bestellen Adieu Frau Schnepfe«
    »Adieu« dehnte Frau Schnepfe und ging nicht ohne im Vorbeigehen einen
Blick auch in die russige Küche geworfen zu haben wo inzwischen Fräulein Teres
hantierte verdrießlich und Stumpen rauchend
    Dann kam Engel um acht
    »Schläft er noch«
    »Ja er schläft noch«
    »Wo hast du das Plakat«
    »Hier« sagte Rosa und holte das schöne Plakat des Herrn Lemmerle aus der
Ecke beim Spiegelschrank blieb bei Herrn Engel stehen und lachte ihn an
    Auch die beiden andern kamen näher und lachten
    Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden
    »Das ist ein Plakat Was« sah er sich nach den Weibern um als hätte er das
Plakat selbst gemacht
    Rosa lachte Güssy kicherte verschämt Sie kannten doch Flametti Und wenn
man das Bild ansah wo er so feierlich aussah als Indianer  wie sollte man da
nicht lachen
    Aber Traute lachte nicht Sie fand es dumm da zu lachen Was gab es da zu
lachen Gar nichts gab es zu lachen
    Sie ärgerte sich über diese Gänse Diese Rosa die Trulle was die schon
davon verstand Das ist doch nur für die Reklame
    Er hat ein Geschäft der Flametti Das ist das Indianerspielen Das macht
ihm Spaß Und wenn er ein Plakat machen lässt ists schade dass es nur ein
Brustbild ist dass nicht auch die Beine drauf sind mit den Fransenhosen und die
Stiefel Und man muss froh sein wenn man ihm die Stiefel putzen darf damit er
sich freut Und wenn er manchmal verruckt wird und toll zuschlägt dann ist das
auch nicht so schlimm Weiber brauchen das sonst werden sie frech Man siehts
ja Und wenn er einen anfasst dann ists als ob einem Hören und Sehen vergeht
und man möchte am liebsten zurückschlagen weil er sich gar nicht geniert und
sich nichts draus macht Das ist schon ein Aas dieser Flametti
    Und sie sagte es ganz laut ein wenig schmollend und sehr verliebt »Das ist
schon ein Aas dieser Flametti«
    Rosa krähte vor Übermut und sah die unglücklich im Fensterwinkel sitzende
Traute förderlich an Die hatte es mächtig Güssy aber still und heiß hatte
ein Geschäker mit dem Engel angebahnt Sie hatten ihre Hände zum TricTrac
ineinandergesteckt und Güssy lang wie sie war versuchte den schmächtigen
Ausbrecherkönig unterzukriegen
    Rosa hielt versunken das Plakat vor sich hin
    Und Traute kam näher und warf dem »tapfren Häuptling Feuerschein« singend
einen Handkuss zu indem sie Theater machte aus ihrer Verliebteit
    Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum
    »Lass los Güssy« meinte Engel ernstaft »hab keine Zeit Muss weiter Das
Plakat aushängen«
    »Frau Schnepfe war da« rief Rosa
    »Aus Basel«
    »Ja aus Basel«
    »Fein wirds heut abend Die Letzten von dem Stamm der Delawaren« sang
Traute mit übertriebenen Gesten die ihr im Ernstfall gewiss nicht so leicht
gefallen wären
    »Ja Frau Schnepfe war da« quittierte Engel »und das ist auch eine
Neuigkeit dass die Häsli nicht singen wollen Herr Häsli will den Schackerl
nicht machen Weils ihm nicht passt«
    »Ach der« maulte Rosa gegen Engel »was der nicht alles weiß« Und sie
intonierte
Schackerl Schackerl trau di net
was sie auf der Probe gehört hatte und kopierte dabei Frau Häslis neckische
Vortragsart
    Überhaupt die Weiber waren außer Rand und Band schon so früh am Morgen
und Engel warnte
    »Wenn ihr mal nicht andre Augen macht eh es Abend wird«
    Und Engel schickte sich an zu gehen das Plakat unterm Arm nebst den beiden
Bildertafeln die er sich selber langte und auf denen die Mitglieder des
FlamettiEnsembles in ihren entbötigsten Privat und Teaterposen photographisch
zugegen waren
    »Engel« rief Flametti dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertür erschien
und die Mädels fuhren auseinander
    »Ja Max« drehte Engel schon bei der Treppe noch einmal um
    »Komm mal her«
    Rosa nahm Güssy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tür
Traute rief durch den Schalter
    »Teres den Kaffee«
    Güssy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch Engel
folgte Flametti ins Allerheiligste
    »Was gibts« fragte Flametti
    »Plakate holen« berichtete Engel
    »Sonst was« Flametti war wieder ins Bett gestiegen
    »Guten Morgen Jenny« machte Engel seine Reverenz »Nein sonst nichts Ja
doch Die Häsli machen solchene Zicken Er ist ganz blutig gekratzt und er will
nicht singen sagt er« Engel bibberte heftig wie immer wenn er solchene
Hiobsposten zu bringen hatte
    »Was will er« setzte Flametti sich auf »Na weißt du« begütigte Engel
»es passt ihm nicht Er ist doch gestern zurückgekommen vom Militär Und es passt
ihm nicht dass die Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schakkerl«
    »Was ist das« setzte sich nun auch Jenny auf indem sie das Hemd über der
schönen vollen Brust zusammenzog
    »Na du weißt doch Jenny« erklärte Engel »sie katzen sich doch immer Und
nun ist mir der Häsli schon früh um sieben wie ich von der Annie kam auf der
Straße begegnet ganz zerkratzt um die Schnörre herum und hat mir gesagt dass
er nicht singen will wegen dem trau mi net Und er will nicht das Kalb machen«
    »Gut« sagte Flametti »häng die Plakate aus Er wird schon singen Ich
werde schon sorgen dafür dass er singt«
    Und Jenny rief »Max geh rüber zu ihnen Setz sie vor die Tür Hol dir
Ersatz Hab ich dirs nicht gesagt dass sie uns aufsitzen lassen Hab ichs
nicht immer gesagt Da hast dus Aus der Nachtruhe stören sie einen auf die
Anarchisten« Und Max sprang aus dem Bett zog die Hosen an schnackelte die
Hosennaht zurecht und trat ins Esszimmer unwirsch Der Kaffee stand auf dem
Tisch »Wer hat die Stiefel geputzt« rief er
    »Ich« riefen Traute Rosa und Güssy zugleich
    »Gut« sagte Flametti zog die Stiefel an setzte den Hut auf und stapfte
davon
    Er ging aber nicht zu den Häslis sondern begab sich schnurstracks zu
Fräulein Mabel Magorah der indischen Traumtänzerin Rübengasse 16IV die er
als Ersatz benötigte
    Auch Jenny stand jetzt auf gar nicht guter Laune zog den blauen Schlafrock
über der wie ein Bügelteppich aussah band ihn über dem Leib zusammen und kam
zum Vorschein
    Das erste war dass sie ihre ungeputzten Knöpfelschuhe bemerkte Sie tat als
merke sie gar nichts und fragte harmlos indem sie sich zum Kaffeetisch setzte
    »Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt«
    Schweigen
    »Na werd ichs erfahren wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat«
    Güssy frech und phlegmatisch
    »Ich Warum«
    »Weil du auch meine zu putzen hast wenn sie dabeistehen«
    Und Jenny nahm die Knöpfelschuhe und warf sie der Güssy vor die Füße
    »Na« maulte Güssy »ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause Soll doch
die Rosa die Stiefel putzen Ich bin hier als Sängerin engagiert«
    »Was bist du« rief Jenny erbost »Sängerin Was sagst du Einsperren werd
ich euch Nichts zu essen werd ich euch geben Ich werd euch Mores lehren Für
die Kerls habt ihr Augen Fürs Arbeiten nicht«
    Traute stand irgendwo beim Fenster abgewandt und kicherte in sich hinein
Rosa war hinterrücks in die Küche verschwunden »Rosa« rief Jenny hinaus »hast
du dein Kleid ausgebügelt«
    »Nein noch nicht« antwortete es von draußen
    »Du bügelst dann dein Kleid aus Teres soll die Eisen einlegen Und dann
tragt ihr die Kostüme rüber in die Garderobe«
    Traute bekam einen Einfall Sie ging hinaus in die Küche und kam zurück mit
einer Teekanne
    »Na was hast denn du da« fragte Jenny »Teewasser« sagte Traute
»Teewasser« fragte Jenny »wozu Teewasser«
    »Ich will meine Locken wickeln«
    Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf »Na da hört doch die
Weltgeschichte auf Du bist wohl ganz und gar übergeschnappt Locken jetzt um
neun Uhr vormittags Und aus meiner Teekanne Deine Dreckfinger willst du in
meine Teekanne stecken aus der ich Tee trinke«
    Aber Traute fand das gar nicht absonderlich Weder dass sie sich Locken
wickeln wollte noch dass sie Flamettis Teekanne dazu nahm Sie ging deshalb
ruhig weiter mit der Teekanne nach dem Verschlag um ihre Lockenwickler aus der
Schieblade zu nehmen
    Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt »Her mit der Kanne« schrie sie
»raus damit in die Küche«
    Traute hielt fest
    »Gibst du die Teekanne her du Mensch« schrie Jenny
    Sie zerrten sich hin und her bis die Hand der kräftigeren Jenny mit der
Teekanne hoch in die Luft fuhr dass das Wasser spritzte
    »Ich will dir Locken geben Du gehst mir nicht aus dem Haus heut und kommst
mir mittags nicht an den Tisch«
    »Pah« rief Traute »was ich mir draus mache Herr Flametti hat drüber zu
bestimmen Er wird mich schon rufen« »Hier drinnen bleibst du« schrie Jenny
außer sich versetzte ihr einen Stoß schlug die Türe zu und schloss ab
»Teres« rief sie zum Schalter »die bekommt heute nichts mehr zu essen«
    »Und wehe euch« rief sie den beiden andern zu »wenn ihr ihr was zusteckt
Ich will euch zeigen wer hier Meister ist« Vom Verschlag her hörte man Traute
trommeln und dazu singen
    Der tapfre Häuptling Feuerschein
    Mit seinen wilden Mägdelein  in einem eigensinnig verliebten Rhythmus
    »Ah so« sagte Jenny »Na warts nur ab«
    Güssy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben mit dem Traute sich die
Schuhcrème aus dem Gesicht gewischt hatte und versuchte in einer Anwandlung von
Solidarität es verschwinden zu lassen
    Aber Jenny bemerkte gerade dass das Handtuch hinter die Gardine fiel und
rief
    »Gib nur her was du dort verschwinden lassen willst Was ist denn das«
    Güssy zögerte
    »Her damit« schrie Jenny und riss es ihr aus der Hand »Wo kommt dieser
Fleck her«
    »Teres« jammerte sie »diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch
eingeschmiert«
    Jetzt kam auch Fräulein Teres herein »Mein Gott« verwunderte sie sich
»was ist denn jetzt das Aber nein das ist doch zuviel« und ihr Gesicht wurde
lang wie ein Laib Brot
    »Teres die bringen mich ganz herunter Die ärgern mir die Schwindsucht an
den Hals«
    »Rosa jetzt sag mal du« wandte Jenny sich an die auf das Jammergeschrei
hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa »Ich kann nichts dafür« versicherte
die »Ich hab der Traute die Bürste auf die Nase geklopft und sie hat sich die
Nase ins Handtuch gewischt«
    
    »So Und warum das«
    »Weil sie mich aufzieht Weil sie mich hänselt Sie sagt ich hätte was mit
Ihrem Mann gehabt in der Garderobe Und das lass ich mir nicht gefallen Ich hab
nie was mit Ihrem Mann gehabt Aber sie hat sich knutschen lassen Hab ich
selbst gesehen Sie ist ja ganz verschossen in ihn Und die Güssy hats auch
gesehen«
    »Hast du das gesehen«
    »Ich habe nichts gesehen« meinte Güssy apatisch »was geht es mich an«
    »Jawohl hast dus gesehen« fuhr Rosa sie an »bist ja selbst eifersüchtig
auf ihn Bist dus vielleicht nicht«
    »Pah« warf Güssy weit weg »eifersüchtig«
    »Raus in die Küche« schrie Jenny und packte eine nach der andern beim
Ärmel »ihr sollt mich kennenlernen«
    Da ging auch Fräulein Teres wieder hinaus Stumpen rauchend und schloss die
Türe hinter sich
    Und Schritte ließ sich vernehmen auf der Treppe und Raffaëla kam die
Tänzerin Tochter von Donna Maria Josefa mit ihrem Kind der kleinen Lotte die
bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte
    »Duden Morgen« dehnte Raffaëla bamsig und fett im Ton ihres Kindes »sag
schön Duden Morgen Lotte«  »wir haben unsern Sirm stehenlassen neulich
und wollen ihn wieder holen «
    »Dida holen« echote die kleine Lotte
    »Dieder holen« wiederholte Raffaëla phlegmatisch
    »Ach Raffaëla« klagte Jenny »ich bin ganz unglücklich Gut dass du
kommst Setz dich trink ne Tasse Kaffee«
    »Tasse Taffee« wiederholte Lotte
    »Denk dir« fuhr Jenny fort »diese Menscher Sie stellen mir das ganze
Haus auf den Kopf Heut abend haben wir doch die Indianer Und zu Haus geht
alles drunter und drüber Locken brennen sie sich am hellen Vormittag Der einen
hab ich Ohrfeigen gegeben Die heult draußen Die andere hab ich eingesperrt
Hinter meinem Mann sind sie her Seit diese Indianer ins Haus kamen hab ich
keine ruhige Minute mehr Er ist der Häuptling Feuerschein verstehst du und
sie sind seine Mägdelein sein Harem Er hat sie in der Kur alle drei und sie
trumpfen auf Sie lassen sich nichts mehr bieten von mir Sie werden frech Was
mach ich nur«
    Raffaëla war sprachlos fand aber soviel Besinnung Lotte Kaffee einzugiessen
und Brote zu streichen
    »Nein« tat sie verblüfft »so was Geh Jenny s ist nicht möglich« 
»Seine Mägdelein« krähte sie »nein so was« Sie schien für Flamettis Romantik
noch weniger Sinn zu haben als Jenny
    »Geh lach nicht« sagte die »Er hat sie in der Kur Ich weiß es ganz
genau Und sie trumpfen auf Das werden wir schon sehen sagte dieser Fetzen
die Traute Sie weiß dass er ihr die Stange hält Mit der Teekanne kommt sie an
gerade vorhin und will sich Locken wickeln Meine Handtücher schmieren sie mir
ein Die Betten zerschneiden sie mir Die Vorhänge reißen sie mir herunter«
    »Na das ist doch die Höhe« war Raffaëla paff vor Erstaunen und setzte die
Geleeschnitte ab die sie gerade in den geöffneten Mund schieben wollte »Ja
lässt du dir das gefallen«
    »Was soll ich denn tun Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus Er lässt sich
ja nicht mehr blicken Er verspielt ja das ganze Geld Sechshundert Franken
hatten wir auf der Kasse Alles ist fort Auto fährt er mit ihnen Ins Kino
führt er sie Er ist der Häuptling Feuerschein und sie sind seine Trullen  Mit
der Soubrette hat er auch was Vor zwei Stunden ist er weggegangen Heut
nachmittag kommt er zurück Und hier geht alles drunter und drüber Der Engel
hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn Die Häsli wollen
nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden Kein Geld lässt er mir für
die Haushaltung und mutet den Leuten zu sechsmal Fisch zu essen in der Woche
Natürlich laufen sie weg «
    Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten
    »Ja Jenny ist das denn möglich«
    »Ah du hast ne Ahnung« seufzte die wirklich mitleiderregend ganz
zersprengtes Gesicht »ich weiß mir ja nicht mehr zu helfen«
    »Ja Jenny« rief Raffaëla »ich bin ja starr«
    Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und begann
sich selber zu trösten
    »Aber lass nur gut sein« sagte sie »ich hab ja auch meine Leute an der
Hand Ich hab ja meinen Freund aus Baden Heut abend kommt er in die
Vorstellung Ich hab ja Kavaliere Ich brauche ja nur ein Wort zu sagen
Brauche ja nur einen Wink zu geben  Ich lass ihn ins Irrenhaus stecken «
    »Jenny«
    Aber Jenny unbeirrt »Ich lass ihn ins Irrenhaus stecken meiner Seel Ich
schaffe mir Geld beiseite und geh mit meinem Freund auf und davon«
    Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich »Ach Jenny« lächelte sie
beschwichtigend und patschte liebreich nach Jennys Hand »Lottely schau wie
sie eifersüchtig ist« Und mästete sich weiter
    »Eifersüchtig« schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit einem
Rückfall in frühere chicke Allüren um den Leib »nichts zu machen Wir verkehren
nicht miteinander Ich bin nicht eifersüchtig Ich hab ihn genommen weil er
ein solcher Bauer war Weil er mir meine Pakete trug«
    »Raffaëla« sagte sie in plötzlichem Einfall »du musst mir helfen Wir
stecken ihn ins Irrenhaus Dann machen wir zusammen ein Ensemble Ich hab die
Kostüme Du und Lydia ihr tanzt Leporello das war Lydias Partner wird
Direktor«
    »Je Jenny« meinte Raffaëla »du phantasierst ja Beruhig dich doch« Und
aß weiter als müsse sie selbst sich beruhigen
    Schritte auf der Treppe ließ sich vernehmen Flametti kam zurück
    Er hing den Hut an den Nagel »So« sagte er »das ist erledigt Wenn die
Häsli nicht singen wollen « »dann tanzt die Mabel« wollte er sagen Aber er
bemerkte noch rechtzeitig Raffaëla und sagte »Dann hab ich Ersatz Tag
Raffaëla«
    Es sei hier angefügt dass Traute über das Mittagessen nicht eingesperrt
blieb
    »Dummes Zeug« sagte Flametti »das gibt es bei mir nicht Bei mir wird
niemand eingesperrt«
    Und Fräulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum Vorschein den
Kopf über und über voll Locken die sie mit Hilfe von Jennys Himbeersyrup der
im Taubenverschlag auf dem Schrank stand sehr kunstvoll ge und entwickelt
hatte
    Jenny war keine böse Frau von Natur Sie war edel hilfreich und gut Sie
schenkte den Armen und liebte ihre Feinde Aber sie wusste was sie sich schuldig
war als Flamettis Weib Einem solchen Manne entsprach eine solche Frau Wenn sie
in engerem Kreise versicherte diese Person diese Traute sei nicht die erste
die sie ins Arbeitshaus bringe so brauchte man das nicht wörtlich zu nehmen Es
war ein Symbol gewissermaßen für ihre Anschauung dass ein Mann von der Kühnheit
Flamettis einer Frau gewiss zu sein habe die gefährlich herzlos zum Handeln
bereit auch Kanaille sein könne entschlossen eiskalt und zu jedem Mittel
bereit wenn es drauf ankam sich Achtung und Furcht zu verschaffen
    Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Häsli beide ein wenig zerkratzt und
zerbeult aber beide voll Liebe und Güte
    Und daran war nicht zu denken dass sie das Schackerl nicht singen wollten
Im Gegenteil
Und die Fuchsweide dämmerte Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem Halbhundert
Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in den Abend Die Giebel
zerschnitten sich hoch in der Luft
    Die Häuser barsten von Feuer und Licht Die Osram und Tristankerzen die
Glasglühlichter und Bogenlampen leuchteten auf Die Metzgereien und Magazine und
Handwerksstätten glühten wie Einkaufsbuden des Teufels
    Man legte die Arbeitsschürzen jetzt ab in den Kellern Im Hinterhaus in den
Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette
    Los gingen die Grammophone Orchestrione und das Elektroklavier Auftauchten
verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten Spiegeln unter dem
Haustor und auf der Straße
    Auf ging der Mond und in den Konzertlokalen tummelten freundliche
Sängerinnen und früheste Zauberkünstler bereits ihre Stimmen
    Schlächtergesellen führten den Wolfshund spazieren Soldaten riefen sich zu
Ausbündige Eleganz grüßte »Salü« Hoch aus dem fünften Stockwerk wie von der
Sternwarte weg probierte Herr Bonifaz Käsbohrer in überschnappenden Tönen sein
BKlarinett das er mit Hilfe des Tagblatts nachmittags eingetauscht hatte gegen
ein abgenütztes Veloziped Dann aufdringlich und bunt Die Rumänische
Damenkapelle begab sich zum Blauen Himmel Ein Fräulein knüpfte Bekanntschaften
an Tirolerjodler gingen mit grünen Hüten und Ziterkästen Ein Komiker kam im
Zylinderhut Drei schäbig gekleidete Herren mit Jockeimützen wollenen Schal um
den Hals gaben beim Gehen leicht ihre Schultern drehend einer pompaduresk
hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit
    Und höllenhaft magisch radauend und zeternd die Lichtreklame des Krokodil
entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete Buchstabenreihe die vom Dach
bis zum Boden reichte Der ganze Mönchsplatz war rot überstrahlt Die
benachbarten Häuserfronten schienen von rotem Licht halb aufgefressen Die
Bummler Passanten und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer
Flut von Licht
    Im Nebengebäude negerten los die Pauke und das Tschinell Über der Straße
drüben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn aus
    Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand schrie es aus der
Tulpenblüte
Hei wie das prasselt und wie das herrlich zischt
Das sieht nur einer der in der Hölle ist
stampfte und klatschte es aus dem Vaterland Dort schwangen Ferreros Lustige
Teufel die Zackenspiesse
Welch wunderschöner Klang
Tönt durch die Strass entlang
Jetzt kommt auf Ehr
Das Militär
In Reih und Glied daher
wetterte es weniger diabolisch dafür preußischer aus der weiter unten
gelegenen Wasserjungfer wo auch Fräulein Kunigunde die Schlangendame zugegen
war
    Weiter oben aber jenseits des Platzes übertönte den Lärm die wie eine
Weckuhr losrasselnde französische Soubrette des Café Neptun
»Einrich lass die Osen runter
Tu mir den Gefallen
Lass sie bitte gance erunter
Auf die Strümpfe fallen«
Unschlüssig schwankte das Publikum zwischen Große Trommel Infernalische
Leidenschaft Kaiser Wilhelm und Pariser Eleganz
    Hier war was geboten Hier kam man auf seine Rechnung Und was ein richtiger
Dandy war der von der Welt etwas verstand entschloss sich überhaupt nicht
hineinzugehen sondern die Sache mehr platonisch zu genießen als Schauspiel
gewissermaßen von außen als Zusammenklang mit der überlegenen Intelligenz
dessen den die Realität nur als Widerspruch nicht mehr enttäuschen kann
    Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht ausgespielt die
Echteit inmitten einer Welt des Scheins das Wunder als Resultat unerhörter
Perversitäten Von wem aber konnte man solche Leistung erwarten Nur von
Flametti
    Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des Krokodilen Da stand vor
dem großen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der Indianer Flametti
als Häuptling Feuerschein
    So sah er aus So leibte und lebte er Das war die Syntese seiner inneren
Eigenschaften
    Wer hatte ihn nicht gesehen mittags um zwölf wenn man von der Arbeit kam
vor der Haustüre in Hemdärmeln gutartig und freundlich Wer hatte ihn nicht
gesehen früh morgens wenn er mit Jenny vom Markte kam und die Markttasche trug
mit den Karotten Er war nicht immer der Furchtbare Blutige Zahm und
umgänglich war er privatim ein friedlicher Bürger viel mehr als ein
Menschenfresser
    Unter dem Plakat aber stand Alleiniges Aufführungsrecht Flamettis
VarietéEnsemble
    ein Hieb für die Herren Direktoren Und der Satz Wer die Indianer
nachmacht wird gerichtlich verfolgt
    Das Publikum stieß sich und drängte sich auch vor dem zweiten
Reklamefenster Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat 50 Mann
Blasorchester Beginn acht Uhr Grossartiges allerneustes Programm Tanz Tanz
Tanz Lauter Schlager Es wird kassiert
    Las es und strömte hinein ins Krokodil Es kam sah und strömte Herr
Friedrich Naumann kurzweg der Krematoriumfritze genannt einer von Jennys
scharfen Verehrern
    Es kamen sahen und strömten Fräulein Annie nebst Herrn Engel welch
letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte »Annie« sagteer »es wird
großartig Verlass dich drauf«
    Es kamen und strömten Raffaëla und ihre Schwester Lydia sowie deren
gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa nebst einer ganzen Anzahl
männlicher Zirkusmitglieder die alle nicht zahlten weil sie Artisten waren
    Es kam sah und strömte Frau Schnepfe in Begleitung Flamettis und der
Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Koiffeurs Voegeli Das Publikum wich
ehrerbietig zurück
    Es kamen sahen und strömten zwei israelitische Handlungskommis rote
Nelken im Knopfloch der obgenannte Koiffeur Herr Voegeli der seinen
Regenschirm ausschüttelte denn es regnete inzwischen Und späterhin eine ganze
Reihe Mannschaften des Fussballklubs Hermes
    Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung Der ganze Raum war verwandelt
in ein Gehänge blühender Rosenranken Künstliche Lauben aus Birkenruten zogen
sich an der Wand lang Festtagscharakter trug das Lokal
    Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt Saftige Kuchen
und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern Die Plattmenagen mit
Öl Pfeffer und Salz warfen gescheuert das elektrische Licht unzähliger kleiner
blutroter Birnen zurück Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf Und
so man den Löffel bewegte der darin steckte heut war er nicht angeklebt Es
ließ sich bewegen
    Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf Vorne am Künstlertisch wo
sie heute nicht gerne gesehen war saß Fräulein Amalie in braunem Samtkostüm mit
Bolerohut schon seit halb acht Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen
Busen gesetzt Das gab ihr viel Air Ihre Beine elastische Sägmehlbeine
baumelten unter den Tisch und sie spielte mit einer der Hängrosenranken Eine
Zigarette rauchte sie Ihr Verhältnis war Eisenbahner heute hatte er
Nachtdienst Brillanten blitzten an ihren Fingern Die spitzigen Halbschuhe aus
feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden Auch schien das
Strumpfband gerissen die braunen Wollstrümpfe knäulten sich unter den Waden
Das Hündchen aber auf seiner exponierten Stelle drehte den knappen Popo und
konnte sich gar nicht genugtun vor Freude dabeizusein
    Weiter drüben auf den besten Mittelplätzen saßen der runzliche Totenkopf
und seine Schwester Der Totenkopf war die berufenste Dame der Fuchsweide
Allabendlich Gast des FlamettiEnsembles Weiß geschminkt die Augenhöhlen
gerötet saß ihr Gesicht auf dem kropfigen Hals Unruhig schob sie das
Hinterquartier auf dem Stuhl hin und her blickte sich um nach den eintretenden
Gästen band sich das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten
Kuchen zwischen das goldne Gebiss Sie konnte sichs leisten Die Schwester des
Totenkopf hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt tupfte die rote
Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch und juckte sich mit dem linken Fuß an
der abgewetzten Innenseite des rechten Knies
    An der Wand gegenüber bescheiden in Rückendeckung hatte sich Fräulein
Annie die Freundin Engels ein helles Bier bestellt ihren Fuchspelz loser
gehängt besah sich die Fingernägel aus denen sie mittels eines zerknickten
Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen suchte und war sehr besorgt mit der
Manicure nicht fertig zu werden bevor sich ein Herr mit schottischem
Schäferhund der jetzt eintrat allenfalls zu ihr setzte um ihr Gesellschaft zu
leisten
    Sie lächelte kopfschüttelnd als sei sie erstaunt zu lächeln konnte jedoch
ihren Hals nicht recht drehen weil ein Furunkel dransass
    Dieser Furunkel ein Unglück Er wanderte über den ganzen Körper Bald da
bald dort tauchte er auf gesellte sich andern Furunkeln zu und konnte schon
bald den Eindruck erwecken als sei er ein ganz besondrer Furunkel Annies fixe
Idee war er möchte von heute auf morgen am Hals verschwinden und zwischen den
Zähnen auftauchen Drum zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing
ihr vom Munde weg Doch jener Furunkel tat das nicht
    Der Herr trat näher und sagte verbindlich
    »Wenn Sie gestatten Fräulein«
    »Oh bitte« sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Röcke
zusammen um Platz zu machen Und in ihr silbernes Etui greifend
    »Rauchen Sie eine Zigarette«
    »Sehr liebenswürdig« sagte der fremde Herr und zog das Zigarettenetui näher
zu sich heran
    Herein trat Fräulein Frieda der Hinkepott aufgetakelt in Seidengrimmer
mit ausgeleierter Hüfte verschoben haxend Ihr folgte Fräulein Dada in einem
Schneiderkleid à la feldgraue Uniform nach neuestem Schick Der Unterkiefer
hing ihr sehr lang ein verfettetes Dreieck Mit den Händen stützte sie sich im
Vorbeigehen langsam und sehr elegant auf die Tische Das feldgraue
Schneiderkleid machte Furore Aller Augen sahen nach ihr Auch diese beiden
Damen begaben sich möglichst nach vorne um in der besten Gesellschaft zu sein
und ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht
    Neben der Bühne aber versammelte sich das Orchester des Herrn Fournier
fünfzig Mann mit Schlagzeug und Basstrompeten
    Die Lehrmädel Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen
Babyhängern Schleifen im Haar neigten die Köpfe schwänzelten nickten den
Gästen zu und gruppierten sich um den Künstlertisch
    Engel vom Vorhang aus machte verrenkt patetische Zeichen zum Büfett für die
Beleuchtung Sein Gehrock flatterte Hinter der Bühne zog es Herr Meyer
entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und probierte für alle Fälle das
Pedal Er war auf der ganzen Linie für Pedalisierung Ein Leben ohne Pedal
schien ihm scheusslich und abgeschmackt Flametti den Herrn Farolyi vom Zirkus
Donna Maria Josefa mit vorgestreckter Hand fachmännisch begrüßte wischte sich
mit dem Sacktuch über die Stirn Jenny stellte die Kasse nebst Zubehör auf den
Künstlertisch Und Fräulein Traute den Kopf wippend voll Locken setzte sich
plumpsend daneben
    Herr Häsli hatte eben noch Zeit seine Krawatte zurechtzuzupfen Frau Häsli
den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren Dann beganns
    »Mtata mtata umba umba umba umba« und Herr Fournier schlug mit dem
Taktstock als wärs eine Peitsche Die Musik ging denn auch merklich vorwärts
Nur der linke Trompeter der die Posaune bediente kam nicht zurecht Doch das
war jetzt nicht mehr von Belang Los ging die Musik dass die Schwarten knackten
    »Ptuhh dada dada da umba umba« bliess die Basstrompete in idealer
Konkurrenz mit Pauke und Schrummbass Dieser Schrummbass war die Spezialität des
Herrn Fournier Es war phänomenal
    Immer mehr Volks strömte hinzu Soldaten kamen rote Gesichter silberne
Epauletten und saßen zu beiden Seiten eines mittleren Längstisches wie Ruderer
bei der Regatta Studenten warfen mit Schokoladeplätzchen verstohlen nach der
festlich grinsenden Rosa die von Tisch zu Tisch Billette verkaufend gar artig
die Beine setzte Rechts von der Bühne nahe beim Künstlertisch steckte
Fräulein Güssy in Eile der Soubrette eine halb aufgeblühte Rose ins Haar Herr
Häsli suchte die Noten heraus An der Kasse mit Frau Schnepfe saß Jenny
gravitätisch bonzenhaft ihrer Bedeutung vollkommen bewusst die Repräsentation
verkörpernd Neben ihr Traute
    Auch Güssy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum Frau
Häsli trat mit dem Fuß den Takt zur Musik
    Toni die Tochter äugte nach Kavalieren »Dadadadada umba umba um«
machte die Musik Sie war angekommen am Ziel Das Stück war zu Ende
    Langsamer Beifall erhob sich Flametti fuhr sich nervös durchs Haar
    Er schob sein Röllchen zurück nahm einen Schluck Helles Dann trat er vor
und sprach
    »Meine Damen und Herrn Ich heiße Sie herzlich willkommen und danke Ihnen
für Ihren zahlreichen und glänzenden Besuch Ich gebe mir die Ehre Ihnen
mitzuteilen«  lautlose Stille  »dass es mir gelungen ist Ihnen heute abend
ein ganz besonders interessantes Programm zu bieten Herr Generalmusikdirektor
Fournier mit seiner fünfzig Mann starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits
eine Probe seiner bewährten Kunst vorgelegt Er wird bei uns bleiben nicht nur
bis elf wie es sonst üblich ist sondern bis drei Uhr Denn es wird getanzt
    Sie sagen vielleicht wie kann man hier tanzen unter den Heckenrosen Aber
das ist gerade die Kunst Wir werden den Frühling in Herbst verwandeln durch
Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom Krokodil und Umgebung Durch eine
geheimnisvolle Mechanik hat unser Gastgeber Herr Hotelier Schnabel es möglich
gemacht im Handumdrehen die hängenden Gärten der Semiramis in ein Palais
Mascotte ein Moulin Rouge in ein Tivoli zu verwandeln«
    Flametti lächelte Der Totenkopf warf ihm mit offenem Mund befremdete Blicke
zu
    »Meine Damen und Herrn« fuhr Flametti fort »Das ist ja ein Schmus was ich
Ihnen da sage Das merkt ja der Dümmste Das ist ja Stuss Aber Sie sehen heute
zum erstenmal hier das berühmte Jodlerterzett Häsli aus Bern dessen Scherzos
und herzerquickende Jodlerlieder «  Flametti sah sich nach Frau Häsli um 
»Ihnen einen Begriff geben werden mit was für angenehmen soliden und
renommierten Künstlern Sie es zu tun haben Ich führe Ihnen sodann zum erstenmal
hier im Krokodil unseren Herrn Damenimitator Arista vor
    Nur immer raus damit nur immer raus damit
    Wozu haben wirs denn Na ja«
    Flametti kam in Stimmung Er zitierte und gab Probegesten 
    »Ich führe Ihnen endlich hier zum erstenmal Die Indianer vor verfasst von
meinem Freunde St Rotter Konférencier und Improvisator am GermaniaKabaret
Meine Damen und Herrn Keine richtigen echten wirklichen Indianer Keine
Sioux Apachen Komantschen Keiner wird mit die Ketten rasseln wie auf dem
Jahrmarkt oder auf der Mess z Basel Sie brauchen keine Angst zu haben Es
schreckt nicht Es passiert Ihnen nichts Sondern Sie sehen die Wirklichkeit
Das aussterbende Volk der Indianer auf dem Kriegspfad Die Rache und die
Verklärung Den Häuptling mache ich selbst«
    »Ich selbst« wiederholte Flametti indem er in Selbstpersiflage komisch an
sich hinunterstrich »Die Musik macht Herr Meyer« und stellte mit einer
seitlichen Handbewegung den Pianisten vor
    »Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein Sie werden uns
staunend Ihren Bekannten rekommandieren wenn es Ihnen gefallen hat
    Sie können sich denken dass solche Ausstattungspiècen bei den heutigen
Zeiten fast unerschwinglich sind Sie werden befürchten dass eine
Extrakassierung stattfinden wird Nichts von alledem Wir kassieren wie sonst
Ohne Extraeerhebung Dafür hoffe ich aber dass auch Sie sich erkenntlich zeigen
und ein wenig tiefer in den Geldbeutel greifen Besonders die Galerie Bei der
Kassierung bleibt die Toilette geschlossen  Wir beginnen also jetzt mit dem
Eröffnungslied Mister Bobby wird Ihnen sodann seinen neu einstudierten
Kautschuk und Exzentrikakt vorführen«
    Er trat zurück Freundlicher Beifall erhob sidi man dankte fürs
Arrangement
    »Sehr hübsch« sagte Donna Maria Josefa überrascht zu Herrn Leporello
demselben Herrn Leporello den Jenny morgens im Gespräch mit Raffaëla als
Direktor bezeichnet hatte
    Mister Bobby der Exzentrikmann war inzwischen ebenfalls erschienen in
schillerndem Eidechsenkostüm einen hellbraunen vom Regen verwaschenen
Sommerpaletot über den Schultern Zigarette rauchend
    Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits darin
überein dass Flametti in solchen sarkastischsachlichen Gängen unübertroffen
sei
    Der Ausfall gegen das Jodlerterzett bei aller Anerkennung der Häslischen
Leistungen bildete eine ganz besondere Sensation Solcherlei Ausfälle liebte
Flametti Sie erweckten im Zuschauerkreis ein Interesse das über die rein
artistische Leistung hinaus die Person des Artisten auch von der menschlichen
Seite ins Auge fasste Sie boten Flametti Gelegenheit zu privaten und häuslichen
Dingen summarisch Stellung zu nehmen Der Vortrag vor Öffentlichkeit und
Gesellschaft wurde in seinen Händen ein starkes Mittel die Seinen an
exponierter Stelle im Zaume zu halten
    Frau Häsli war denn auch reichlich aufgebracht
    »Flametti« stellte sie ihn zur Rede »das war nicht nötig Das haben wir
nicht verdient um euch So eine Blamage Ich hab nun gesehen wie man mit uns
verfährt Ich habe nie nötig gehabt im Häuschen zu sitzen«  das war eine
Anspielung auf Jennys Vergangenheit  »na gut dass ichs weiß«
    Hastig strich sie sich die Löckchen aus der Stirn
    »Jenny« rief sie »das hätte ich nicht erwartet Pfui Teufel Da sieht
mans«
    Auch Häsli fand solche Manier despektierlich Er spuckte aus Sagte aber
nichts Rosa feixte
    Es war keine Zeit sich aufzuhalten
    »Fort Kinder Anfangen anfangen« drängte Flametti »Engel den Vorhang
Fertig Herr Meyer«
    Die Mädel rannten hinter die Bühne Flametti stürzte sein Helles hinunter
Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte weil ihn Amalie
kitzelte Die Rosenlauben schwankten Das Publikum rückte gespannt auf den
Stühlen Klingelzeichen Der Vorhang ging auf und in einer Reihe standen
Jenny Rosa die Soubrette Fräulein Güssy und Fräulein Traute alle in
Tangokostümen Rot blau grün gelb violett die Schleifen im Haar Überflutet
von Bühnenlicht Ein zärtlicher Anblick
    Die hochgeschminkten Gesichter strahlten Die fünf Paar Beine in farbigen
Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen Kadettenbeine Die duftigen Hänger
in süßen Farben stützten kokett die baumelnden Lockenköpfe
    Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft Herr Meyer schlug den Akkord an
Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich und ein
FrühlingsBegrüssungsmarsch erfüllte die Bühne das Publikum und die Rosenlauben
mit unternehmendem Marschrhytmus
    
    Freunde rasch voran lasst die Becher kreisen
    Heiter immerdar Lieb und Jugend preisen
    Freude nur allein kann das Leben schönen
    Schenket Kraft spendet Mut macht die Alten jung
    
    
Der Beifall wurde lebhaft Das Orchester richtete seine Instrumente und die
Notenblätter her für die zweite Unternehmung Das Publikum kam in Stimmung
    Gläser klapperten Stimmen schwirrten Satzfragmente zerknäulten sich im
Zigarettenhimmel Die Kellnerinnen riefen einander zu und Herr Schnabel legte
die Hand an die zurückfliehende Stirn wie ein kleines Dach und übersah das
Gewühl »Mehr Stühle« Man schleppte noch Stühle herbei
    Die Kassierungen kamen herein Glänzend Exzentrik Zauber Gesangs und
Ensemblenummern lösten einander ab in wohlarrangierter Steigerung
Zwischenmusik die Kapelle des Herrn Fournier
    An der Kasse aber saß einheimsend Jennymama Silber und Kleingeld ordnend
Fünffrankenscheine wechselnd die ankommenden Muschelschalen ihrer kassierenden
Damen so distinguiert in die Kasse kippend als fürchte sie sich die Finger zu
netzen
    Und als Fräulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte »Gutes
Geschäft« erhielt sie die sehr reservierte Antwort »O ja«
    Frau Schnepfe obgleich es ihrem Geschäftsinteresse zuwiderlief konnte sich
nicht versagen anzuerkennen wie hübsch der Saal arrangiert wie interessant
das Programm und wie tüchtig Herr Fournier sei
    Und Traute nahm die Gelegenheit wahr sich ein wenig zu beschäftigen indem
sie Frau Schnepfes Halsbördchen schloss dessen mittlerer Druckknopf
entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen ihn mit der Nabe zu
einem Ganzen zu vereinigen beharrlichst widerstand
    Was für einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte Und wie sie nach
Wurmsamen roch
    Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da nahm eine Handvoll
Silber tat es hinein stand auf ging zu Herrn Meyer ans Klavier und sagte
    »Lieber Herr Meyer« flüsternd »ach nehmen Sie doch mein Portemonaie zu
sich bis nachher Es stört mich beim Umziehn Ich habe keine Tasche im Kleid
Gell ja« Und legte Herrn Meyer vertraulich die Hand auf die Schulter
    Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich ohne viel Worte zu machen
und wischte die schweissenden Tasten ab
    »Dank Ihnen« sagte Jennymama »puh welche Hitze« und streckte sich im
Korsett dass das Fischbein knackte und setzte sich wieder zur Kasse
    Und Traute stand auf unauffällig duckte sich schlich zu Flametti und
raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor
    »Man nimmt Geld aus der Kasse«
    »Wer«
    »Jenny«
    »Dann gib acht wieviel sie nimmt«
    Und Traute fühlte Triumph setzte sich harmlos wieder zur Kasse und begann
ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch
    Jenny fiel auf dass die nicht von der Stelle wich
    »Zieh dich um« rief sie »die Nixen kommen«
    »Ist noch Zeit« flegelte Traute sich hin »erst kommt ja noch Engel«
    Kam auch Mit seiner Ausbrechernummer
    »Sie sehen hier eine Kiste « rief Flametti auf der Bühne und klopfte mit
einem Hammer eine große quadratische Holzkiste ab »Aus solidem Holz« und
drehte die Kiste nach allen Seiten »Stand auf dem Hofe der Firma Maulig 
Kopp bis gestern Kein Schwindel Innen fest außen fest Keine Einlagebretter
Keine Vexierwand  Ich werde Monsieur Henry das war Engels Bühnenname in
diese Kiste legen «
    Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenäht  
    »Ich werde die Kiste verschließen«  er legte den Deckel drauf  »Sie
selbst meine Herren« zum Publikum gewandt »werden die Kiste vernageln«
    Eine Bewegung ging vor sich im Publikum Mutter Dudlinger kam spät doch
sie kam in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips der von Beruf ein Student
war
    Man musste aufstehen damit Mutter Dudlinger durchkonnte Man wurde gestört
weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer verhandelt wurde Man
nahm Ärgernis machte Bemerkungen ward unwirsch
    »Setzen« rief man von hinten
    »Ruhe« rief man von vorne
    Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte gutmütig lächelnd
Popoansätze am ganzen Körper gestützt auf den Regenschirm Vom Velvetut nickte
die goldene Troddel Vom Antlitz tropfte die Anstrengung Am Korsett stieg ihr
der Rock hoch weil sich der Leib darunter von rechts und links eingezwängt
nicht anders zu helfen wusste
    Warum kam sie auch so spät
    Weil sie zu den Eingeweihten zählte Weil sie wusste dass vor halb zehn Uhr
nichts von Belang gegeben wurde was sie nicht kannte
    »Sie selbst meine Herren« betonte Flametti mit ingrimmig rollenden Augen
und einem vielsagenden Blick auf den Frauenverein von dem einmal wieder die
Störung kam »sie selbst meine Herren haben Gelegenheit die Kiste zu prüfen
den Deckel daraufzunageln«
    Jenny winkte Mutter Dudlinger zu unterdrückt aber deutlich
    »Hierher Mutter Dudlinger hier gibt es noch Platz« und deutete dabei auf
einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube die an den Künstlertisch
grenzte
    Aber Mutter Dudlinger blieb stehen lächelnd ob soviel Güte Mit dem
schwitzenden Zeigefinger lüpfte sie eingegergelt das samtene Kropfband Mit dem
Regenschirm gab sie Erklärung sie wolle lieber an Ort und Stelle warten bis
diese Nummer vorüber sei
    Herr Pips seinerseits versuchte mit plötzlichen wohlorientierten und
freudige Überraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten der Herr
Krematoriumfritze säße ja ganz in der Nähe und ihm dem Herrn Pips sei es
unverständlich wie Jennymama bei der langweiligen Kasse sitzen könne statt
hier hier hier bei dem Krematoriumfritze
    Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete völlig jedes Interesse
Breitknochigen Angesichts saß er finster vor seinem Veltliner Zigarre rauchend
und tat als ob er die Jenny nicht sähe noch sehen wolle heimlich doch gar voll
schnackelnder Gedanken
    Es ist so schwer Gefühle bemerkbar zu machen Am besten man tut als habe
man keine noch irgendwelche Absichten Möglich auch dass sein ingrimmiger Ernst
von seinem Beruf herrührte Wenn man jahraus jahrein Leichen verbrennt kann
man nicht ohne weiteres und im Handumdrehn das Gehaben finden das eine
Primadonna bestrickt Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er
längst bemerkt  so mal seitwärts  und wieviele Fünfliver er in der Tasche
hatte wusste er auch
    Und Herr Pips wieder seinerseits der dies missverstand suchte Herrn Naumann
 Friedrich Naumann hieß der Herr Krematoriumfritze genau wie der deutsche
Nationalökonom  diskret auf Jennymama hinzulenken ebenfalls mit Gesten Doch
gelang es ihm nicht ein gegenseitiges Verständnis zu erzielen
    »Sie sehen« sagte Flametti und stürzte die Kiste »die Kiste ist völlig
geschlossen«
    »Wissen wir schon« sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der flachen
Hand
    Die Gäste seiner Umgebung wussten sofort der gehört zur Familie Und dem war
auch so Herr Pips war der erklärte Freund der Artisten häufigster Gast Mutter
Dudlingers und der Flamettis Er bezog einen Monatswechsel von dreihundert
Franken
    Es kam wie es kommen musste auch diese Pièce war schließlich zu Ende Man
machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden Unterkunft in der
Rosenlaube wo sich Herr Pips sofort unbehaglich fühlte weil er nicht nach
Wunsch Fühlung nehmen konnte
    Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch breit wuchtig und forsch wie
es der Denkungsart dieses obersten Heerführers entspricht als eben mit ihrem
Impressario Miss Ranovalla de Singapore eintrat ein siamesisches Gegenstück zu
Mutter Dudlinger schwarz von Gesicht ein zinnoberrotes Mäntelchen um die
Schultern gehängt aufgeputzt wie ein Affe
    Und das Häsliterzett sang soeben das Schackerl als wie auf Verabredung auch
Herr Direktor Ferrero erschien der heute abend nicht spielte
    Einige Gäste die zur Bahn mussten standen auf So bekam er rasch Platz
abseits vom Künstlertisch
    »Schackerl Schackerl trau di net« gingen Mutter und Tochter singend mit
neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den unglücklich die Mitte
behauptenden Häsli los
    »Trau mi net« erwiderte Herr Häsli ängstlich und sehr verschüchtert aber
mit einem plötzlichen Aufschauen und Horchen das unsagbar drollig wirkte
    »Hoam zu deiner Alten« sangen Mutter und Tochter indem sie ihn
ausspotteten
    »Dreahn ma lieber weiter no« sangen alle drei und fassten sich bei den
Händen Die Musik hielt drohend das no aus
    »Trink ma no an Kalten« sank die Musik
    »An Kalten« wiederholte Herr Häsli mit aufleuchtendem Grinsen und
persiflierte Bauerneleganz
    Die Liebenswürdigkeit seiner Damen war bezaubernd Sie waren so recht in
ihrem Element Und Herr Häsli machte also doch das Kalb
    Die Musik aber  hier begleitete nicht Herr Meyer sondern das Orchester 
feierte eine Orgie
    Hörner Piston Bassklarinett Tuba Trommel und Fagott schrien zeterten
kreischten gröhlten Die Schallöcher der Trompeten stachen wie Sternwartenrohre
nach allen Seiten gelb in die Luft sie spieen Musik Die Augen der Bläser
verdrehten sich und drohten als blanke Kugeln aus ihren Höhlen zu fallen Die
Disharmonieen zerfetzten einander Und Herr Fournier der für das Ganze
verantwortlich war gebärdete sich wie ein Wilder
    »Kriagst dei Murrer sowieso «
    »sowieso« nickte Herr Häsli vergelstert Das ganze Lokal brüllte mit
»sowieso« Die Damen kreischten auf weil sie sich in einer Eigentümlichkeit
ihres Idioms erkannt sahen
    »Tu jetzt drauf vergessen« lenkten Frau Häsli und ihre Tochter ein mit
ihnen die Musik die plötzlich zartest und pianissimo wurde
    »Lass dei Alte Alte sei« johlte die Musik  Herr Häsli improvisierte ein
»Juhu« das er mit einem Freudensprung begleitete und schlug sich auf sein
nacktes Tirolerknie 
    »Die wird di net fressen«
    »Net fressen« wiederholte Herr Häsli mit täppischer Sorglosigkeit
begleitet von der magenerschütternd drohenden Basstrompete die wie der Murrer
der Alten klang so dass Herr Häsli entsetzt und mit offenem Mund nach Herrn
Fournier stierte
    Der lächelte Das Publikum raste Die Rosenhecken wackelten Einem Herrn
fiel der Kneifer herunter Der Totenkopf streckte die Beine weit von sich und
hielt sich den Leib vor Lachen Annie bog sich vor Lachen wiehernd auf die Seite
zu ihrem Kavalier dass sich die Köpfe berührten
    »Hoh hoh« brüllte die Galerie
    Flametti allein schmunzelte nur
    Und jetzt begann der Jodler
    »Hollo dero hi hollo dero « schnackelten klatschten und plattelten
die drei auf der Bühne Es war überwältigend So ein Erfolg war noch nicht
Unerhört Festrausch verbreitete sich Das war Stimmung
    »Jesses Jenny« rief Fräulein Amalie voller Entzücken und doch
kopfschüttelnd »Trau mi net wie er das singt Wie er das singt«
    »Kassieren« rief Jenny
    Rosa Güssy und die Soubrette rannten mit den Muscheln
    »Los kassieren« schrie Jenny auch Fräulein Traute zu die noch immer am
Tische saß und nicht von der Kasse wich
    Fräulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr einmal hinauszugehen
Frau Schnepfe stand auf um die Häslis und Flametti zu beglückwünschen
    »Gehen Sie doch selbst kassieren« antwortete Traute gereizt aber schlicht
    »Gehst du kassieren oder nicht« drohte Jenny unterdrückt um keinen Skandal
zu machen
    »Ich habe hier aufzupassen« antwortete Traute
    »Was hast du hier«
    »Aufzupassen« sagte Traute »Sie nehmen Geld aus der Kasse«
    »Was tu ich Lumpenmensch« knirschte Jenny und packte Traute trotz
Publikum und Konzert über den Tisch beim Kragen
    »Lassen Sie mich los« rief Traute »Ich habe den Auftrag aufzupassen Ich
habe gesehen wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten Ich kann aber jetzt auch
gehen wenn Sie wollen Ich habe keine Lust mich von Ihnen misshandeln zu
lassen Sie werden das weitere sehen Sie sind abgesetzt Sie machen für uns die
Kassiererin solange bis wir uns eine andere nehmen«
    »Max« rief Jenny und fegte hinter die Bühne »Max« ganz hysterisch Das
war ihr zuviel
    Man wurde aufmerksam reckte die Hälse Traute zuckte die Achseln
mitleidig und schnickte mit dem Kopfe
    Da spürte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um Der Freund
aus Baden stand hinter ihr
    Auch er war gekommen soeben hatten den Steifen noch auf dem Kopf den
Regenschirm hängend am Arm Schnurrbart kurz aufgekräuselt Paletot zugeknöpft
Teilhaber der Firma Seidel  Sohn Wäsche engros
    »Na was gibt es denn Jenny« fragte er ruhig begütigend
    »Ah guten Abend« fasste sie sich »nichts weiter«
    »Setz dich doch her« sprach er ihr zu hing Paletot Hut und Schirm an den
Haken und setzte sich seinen Smoking glättend zum Künstlertisch
    »Nichts nichts« versicherte Jenny
    »Na siehst du« meinte Herr Seidel stolz auf die Suggestion die auszuüben
er sich befähigt fühlte
    Traute ging selbstgefällig in die Garderobe Sie hatte es ihr gegeben
dieser Bordelldame
    Flametti kam und fragte ein wenig unsicher
    »Was gibts« und begrüßte Herrn Seidel Frau Häsli saß bei Direktor
Ferrero
    »Siehst du dort« zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar
    »Meinetwegen« zuckte Flametti die Achseln »Wer kassiert«
    »Rosa Güssy und die Soubrette«
    »Wo ist die Traute«
    »In der Garderobe«
    »Gut« sagte Flametti sehr in Gedanken und setzte sich aufgedunsen und
abgehetzt an Donna Maria Josefas Tisch
    »Das ist ja fabelhaft« glückwünschte Herr Farolyi der Kunstreiter und
schob Flametti einen Kognak hin »Na ihr habt euch ordentlich rausgemacht«
    »Jo« meinte Flametti wegwerfend stürzte den Kognak stand auf und begrüßte
Miss Ranovalla
    Das Lokal war jetzt überfüllt Wenn das Orchester spielte verstand man sein
eigenes Wort nicht mehr
    Herr Arista war ganz vergebens bemüht sich Geltung zu verschaffen
    »Nur immer raus damit nur immer raus damit« sang er in hohem Diskant Ein
Schleppkleid trug er reichlich mit Spitzen besetzt Seine Allüren waren von
jener holzigen Grazie alttoskanischer Edelfrauen
    Aber man hörte ihn nicht Vergebens kämpfte er gegen das laute Interesse der
animierten Habitués Man sah nur die Gesten die zu besagen schienen dass er
sich übergeben wolle Man fand es dégoutant So sehr Dandy war man schon dass
man die Aristokratie im großen und ganzen gelten ließ Es bedurfte so peinlicher
Hinweise auf deren Materialismus nicht um ihn abzulehnen
    Es war indessen ein Missverständnis Die Gesten des Herrn Arista bezogen sich
auf seinen Busen ganz und gar nur auf seinen Busen von dem das Kouplet von A
bis Z handelte Damen Damen Damen stellte er dar Aber eben man verstand ihn
nicht
    Herr Pips gab die Anschauung von sich ein Damenimitator überhaupt sei ihm
widerlich »Nicht Fisch nicht Fleisch«
    »Komm doch mit mir mein Auto steht draußen« arbeitete Herr Seidel von der
Firma Seidel  Sohn an Jenny »mein Auto steht draußen Du brauchst nur
einzusteigen«
    »Umziehen Indianer« drängte Flametti vorn bei der Rampe
    »Jetzt kommts« sagte Engel zu Annie einen Moment über ihren Tisch gebeugt
mit aufgestützten Händen und ohne Rücksicht auf den zigarettenrauchenden
Kavalier »Na es ist ein Erfolg«
    »Sehen Sie die kleine Soubrette« sagte Frau Schnepfe zu Mutter Dudlinger
»wie die kassiert Die verstehts Das ist ein Geschäft«
    »Geschäft glänzend« erwiderte Mutter Dudlinger ganz verfettet doch
freundlich sympatisierend Flametti war ja ihr vorzugsweise begünstigter
Protegé
    Der Totenkopf und seine Schwester aber standen auf mit zwei Kavalieren die
etwas wüst aussahen und verließen ostentativ das Lokal Ostentativ bezüglich
einiger ihrer Kolleginnen die denn auch nicht ermangelten den Abgang spitz zu
glossieren
    »Mba mba mba« dröhnte die Musik
    Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa ein Pferdekenner
wie kein zweiter Flamettis erklärter Freund kam aus der Garderobe steifte
sich auf vor der Rampe klopfte ans Glas und sprach
    »Meine verehrten Herrschaften Sie erleben jetzt die Sensation dieses
Abends Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von St Rotter bearbeiteten
Indianer vorführen Gestatten Sie mir mit kurzen Worten meiner Freude über den
wohlgelungenen Abend und meiner Bewunderung für unsren verehrten Flametti
Ausdruck zu verleihen Die Indianer welche Gefühle durchwandern unsere Brust
beim Klang dieses Wortes Welche Ahnungen entzücken das Herz Welche Hoffnungen
und Erinnerungen liegen darin begraben Der Rausch unserer Kindheit die Freude
unserer Mannbarkeit Wer hoffte nicht selbst als Indianer die Gefilde unserer
Heimat zu durchschweifen Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser dem
Bowiemesser nach dem Skalp unserer Feinde «
    Die Damen lächelten hold Die Augen ihrer Freunde blitzten verständnisinnig
verlegen
    »Wir alle kennen die Namen unserer Unterdrücker Ich brauche sie nicht zu
nennen «
    Herr Detektiv Steix der auch von der Partie war zog sein Notizbuch heraus
und notierte sich etwas
    »Wir alle lieben die Freiheit die Pferde den Wigwam den Kriegspfad
    Das alles sehen Sie in den Indianern die unser verehrter Freund Ihnen jetzt
vorführen wird Sie sehen sogar noch mehr Rache und Vergeltung im Jenseits
    Unterdrückt von der brutalen Gewalt der Eindringlinge müssen sich die
Indianer verstecken in Urwald und Sumpf zwischen Nattern und Schlangen Das
sind wir lieber Leser das sind wir teure Freundin Die Luft unseres stillen
Quartiers wird mehr und mehr erfüllt von den Klagen der Opfer die sich die
Polizei herausgreift Das Volk der Indianer geht dem Verfall entgegen
Doch dort oben in dem ewgen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied
und so schließe auch ich mit dem Ausruf
Doch dort oben in dem ewgen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied
In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stoße an auf das Wohl und Gedeihen das
Glück und Genie unseres einzigartigen Flametti Er lebe hoch«
    Herr Farolyi der Ungar hatte sein Glas erhoben und leerte es in einem Zug
    »Flametti der Häuptling hoch Flametti Flametti« tobte das Publikum Man
stampfte und johlte 
    Der Vorhang hob sich Leer war die Bühne und die Indianer fanden statt
    Erst die Ouvertüre mit den worgelnden Donnerund BlitzAkkorden
    Dann der Kriegspfad
Die Letzten von dem Stamm der Delawaren
Die Kriegerscharen
Der Delawaren   
Dann der zweite Vers
Wenn man das Letzte uns genommen
Wenn unsre Besten umgekommen
Ziehn Falkenaug und Feuerschein
Zum großen Geist dort oben ein
Dann heben sich die Roten Brüder
Zu neuem Reich und Glanze wieder
Und es erreicht das Blassgesicht
Für seinen Raub ein Strafgericht
Dann der dritte Vers den Herrn Farolyi als Ausklang zitiert hatte
Und dort oben in dem ewgen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied
Einmal wieder ziehen wir noch auf Kriegespfad
Einmal noch wenn der Tag der Rache naht
Und die Lichter im Saal waren verdunkelt Und die Indianer Flametti Jenny die
Soubrette Fräulein Rosa Fräulein Güssy und Fräulein Traute schwenkten die
roten Laternchen in hohem Federschmuck und sangen so monotonklagend so
herzergreifendverschollen dass Fräulein Amalien und Mutter Dudlinger die Tränen
in die Augen traten dass Herr Meyer plötzlich glaubte er habe falsch gespielt
und infolgedessen für einen Moment wirklich daneben griff dass Engel beim
Vorhang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte als indem er
zitternd eine Zigarette anzündete und Herr Farolyi der wieder bei Donna Maria
Josefa saß ein über das andere Mal ausrief »Macht er wirklich hübsch der
Flametti«
    Gewiss hätte jetzt auch Herr Rotter seine Freude gehabt denn die Nasen
besonders die Flamettis waren überraschend gut geklebt Und für den dritten
Vers hatte sich Max eine so prachtvolle Apoteose ausgedacht  er allein stand
aufrecht Die Weiber knieten mit gesenkten Köpfen und Lanzen um ihn herum Dann
sprangen alle auf ganz vor an die Rampe in eine Reihe und drohten mit
geschwungenem Tomahawk  dass auch der stumpfeste Batzenbengel solcher
Auffassung Unübertrefflichkeit hätte zusprechen müssen Besonders die Damen
hielten sich über Erwarten gut
    Es war ein runder glatter Erfolg
    »Flametti Flametti Feuerschein« schrien die Roten Brüder als der
Vorhang fiel und sich noch einmal hob
    Herr Farolyi in vehementem Enthusiasmus ging klatschend bis vor die Rampe
Donna Maria Josefa winkte mit Flatterhand Mutter Dudlinger die so selbstlos
den Fünfzigfrankenschein vorgestreckt hatte strahlte ein Strahlen das über das
ganze Lokal hinstrahlte Miss Ranovalla de Singapore speckiges Wunder stand auf
und ließ ihre beschatteten Augen schweifen Sie empfand die Exotik dieser
Indianer als eine ihr ganz persönlich gewidmete Ovation Und Flametti verbeugte
sich bärig lächelnd mit leuchtenden Jungensaugen ob all dem Glück und Erfolg
    Die Musik intonierte wie auf Verabredung den Missouristep von Engel mit
selbstgefertigtem Plakat zu Bewusstsein gebracht Bobby zog seinen Sommerpaletot
aus und paradierte in glitzernd zur Schau gestelltem Eidechsenkostüm
    »Flametti Flametti Feuerschein raus« tobte das Publikum immer noch und
Flametti musste allein erscheinen Kühn leuchtend und groß stand er inmitten der
Bühne Delaware von Kopf bis zu Fuß Held dieses Abends Würdenträger und
Häuptling seines Reviers
    Nach der Kassierung aber kamen die dienstbaren Geister vom Krokodil und
Umgebung und räumten mit Hilfe des Publikums die Rosenhecken weg soweit sie im
Wege waren Ein anstossender zweiter Saal wurde geöffnet Eine Vermischung des
VarietéEnsembles mit dem Publikum fand statt es wurde getanzt
    »Nein Jenny was ihr für ein Glück habt« rief Raffaëla »ich muss mich ein
bisschen zu euch setzen« und sah Jenny träumerisch in die Augen
    »Fräulein Raffaëla« stellte Jenny vor »Herr Seidel mein Freund aus Baden
Fräulein Amalie Frau Schnepfe«
    Und Raffaëla da Jenny gerade damit beschäftigt war die Kassierung
nachzuzählen »Was für ein Glück«
    »Ach Raffaëla« seufzte Jenny »wenn du wüsstest«
    »Was macht er denn« flüsterte Raffaëla
    Und Jenny unendlich traurig die Hand am Munde dann abwinkend
    »Ach ich will lieber schweigen«
    Herr Seidel aus Baden zwirbelte unternehmend mit disziplinierter Eleganz
seinen Schnurrbart Er stützte die Hand auf den Schenkel Der Ellbogen stand
weit ab
    »Boston« rief der Tanzordner und rutschte mit schleifenden Füßen durch den
gebohnerten Saal
    Frau Schnepfe schüttelte den Kopf ob solchen Tumults
    Fräulein Amalie den Rücken an die Wand gelehnt streichelte ihren
Zwergpintsch mit der gepflegten Haltung einer Dame die in der Hofloge sitzt
    Flametti noch im Indianerkostüm ging durch den Saal und quittierte mit
seiner Stattlichkeit renommierend die flüssig ihm dargebotenen
Glückwunschbeweise Man befühlte die Lanze die Lederhosen den Halsschmuck
Auch Herr C Tipfel von den SundaInseln war da
    »Du poussierst mit Flametti« warf Bobby der treulosen Traute vor mit der
er seit Wochen in zünftigem Briefwechsel stand Sie standen beim Vorhang »Ich
hab es gesehen Er hat dich ans Bein gefasst als du die Treppe hinaufgingst
Ich hab auch gesehen wie ihr getuschelt habt mieinander«
    »Dummer Fatzke« gab Traute zurück »was bildst du dir eigentlich ein Bist
ja zwei Köpfe kleiner als ich Willst du eine Frau ernähren«
    »Na schön« sagte Bobby und musterte sie von oben bis unten »Pfui Teufel«
Er nahm seinen Regenschirm zog den Paletot an sagte »Grüatzi« und ging in den
Hopfenzwilling
    »Ach Raffaëla« sagte Jenny »du glaubst es ja nicht Aber wart nur ab
Ich werde mich revanchieren«
    Die Soubrette kam an den Tisch
    »Na Fräulein« sagte Herr Seidel freundlich »was trinken Sie«
    Die Soubrette zierte sich
    »Einen Eierkognak«
    »He Fräulein« hielt er die Kellnerin fest »einen Eierkognak«
    Die Soubrette nahm Platz »Laura heiße ich«
    »Fräulein Laura  hübscher Name« sagte Herr Seidel und legte den Arm um
ihre Stuhllehne
    Jenny entging es nicht Sie hatte die Kasse gezählt und winkte Flametti »Da
nimm Hundertneunzig Franken«
    Flametti schob das Geld mit gekrampfter Hand in die Hosentasche und fühlte
sich verpflichtet eine Weile stehen zu bleiben
    »Wo ist die Traute« fragte Jenny
    »Was weiß ich wo die Traute ist« fuhr er auf »sie wird tanzen«
    Jawohl Fräulein Traute tanzte In ausgelassenem Vorüberschieben warf sie
Flametti einen kokettauffordernden Blick zu Hei flog ihr Kopf in den Nacken
    »Ja ja die Jugend« träumte Frau Schnepfe resigniert
    »Uff« schnaubte Flametti »das war eine Hetze« Jetzt lief es von selbst
    Vorbei schob Herr Scherrer Handlungskommis aus Wien mit Fräulein Rosa
Vorbei schob Herr Glatt turmhoher Stehkragen Handlungskommis aus der Mark
Brandenburg mit Fräulein Güssy Vorbei schob Herr Pips mit der
hüftengewaltigen Lydia Vorbei schob der Herr Krematioriumfritze mit der in
Feldgrau
    »Das ist der andere« flüsterte Jenny vertraulich Raffaëla zu
    »Schwer reich Der spendiert nachher Sekt Immer französischen Sekt Er tut
jetzt so als säh er mich nicht«
    »Stattlicher Mann« gab Raffaëla sich Mühe Es schien ihr eine wenig drauf
anzukommen Jenny die Ruhe zu nehmen
    Aus der Garderobe kam als der letzte Herr Meyer Er hatte die Noten
hinaufgetragen Unschlüssig blieb er stehen Jennys gespicktes Portemonnaie in
der Tasche das ihm bei jedem Schritt wie ein Klotz an den Schenkel schlug
    »Ach Herr Meyer« sagte Jenny und streckte sich über den Stuhl zu ihm hin
»geben Sie her Es ist nicht mehr nötig« und ließ das Monstrum von
Portemonnaie das Meyer ihr gleichgültig gab in den Busen rutschen
    Und Herr Meyer trat zu Flametti sah in das Gewühl und meinte »Pfui Teufel
ist das eine Hitze«
    Und den Walzer tanzte auch Mutter Dudlinger Sie hielt den Herrn Pips fest
um die Taille gefasst und drehte sich auf den Zugstiefeln Herr Pips aber drehte
sich wie ein Trabant um die Sonne Meistenteils war er verfinstert
    Und Engel machte auch Jennymama seine Aufwartung animiert wie mans werden
kann erhielt aber glatt einen Korb
    »Ach der Engel« lächelte Jennymama
    Und noch um ein Uhr kam ein Rudel Studenten holländische Forsteleven Die
schoben und pfiffen und klatschten dazu Und hatten eine eigene Laute dabei und
stellten das ganze Lokal auf den Kopf
Wer dem Indianerfeste nicht bis zum Ende beiwohnte und wer Jenny nicht kannte
erlebte am nächsten Tag Überraschungen
    Flamettis Erfolg war unbestritten Und galt ihm allein nur ihm Er wurde
gefeiert in allen Tönen
    Aber gerade das vertrug Jenny nicht Gerade das lehnte sie ab Sie konnte in
ihrer offenbaren Beschränktheit nicht einsehen dass für Flametti dieses
Indianerspielen ein Bild ein Symbol war ja eine Lebensfrage begriff nicht
wie ein vernünftiger Mensch ein Mann sich so kindisch benehmen konnte Sie
hatte kurzum keinen Sinn für die Illusion verstand auch nicht was der
Farolyi gekauderwelscht hatte Spielen Wetten Revolverschiessen Pariser
Apachen Felsengebirge und Honolulu ein Ritt durch die Wüste Komantschen
Blutunde und Polizei das alles waren ihr spanische Dörfer
    Weltfremd war Jenny und eitel dazu Sie konnte für möglich halten das ganze
Fest sei nur für sie arrangiert gewesen Flametti nur für sie für Jennymama
geboren sei es indem er den Diener machte wenn sie Karotten einkaufte sei
es indem er Mannderl und Weiberl schnitzte fürs Wetterhäuschen
    Und ganz besonders für Wigwams hatte sie gar keinen Sinn Sie hielt das für
Humbug In kleinlicher Missgunst klammerte sie sich an Äußerlichkeiten warf ihm
gewöhnliche Vielweiberei vor Als ob sich ein Mann seiner Art von der Fertigkeit
eines einzigen Weibes gefesselt entzückt und versorgt fühlen konnte
    Flametti versuchte umsonst es ihr klar zu machen morgens um zehn Uhr im
Bett Sie verstand nicht
    »Also was heißt das« setzte sie sich verbissen und leidenschaftlich im Bett
auf
    »Dass ich meine Ruhe haben will« erklärte Flametti abschliessend und drehte
sich nach der anderen Seite
    Aber damit gab Jenny sich nicht zufrieden So ließ sie sich nicht abspeisen
Klarheit wollte sie haben von wegen dieser Person dieser Traute der Schlampen
die nicht einmal wusste wozu die Klosettschnur da war und die es doch wagte
ihr dreist ins Gesicht zu sagen man habe sie abgesetzt
    »Du Max ich will Antwort« drohte sie »wie ist das mit der Traute Mach
mich nicht wild Ich hab euch wohl tuscheln sehen gestern im Krokodil Gut es
war Publikum da Aber heut will ichs wissen«
    »Himmelherrgottsakrament lass mir jetzt meine Ruhe« setzte Flametti sich
ebenfalls auf »Was soll ich denn machen mit ihr Was willst du denn Soll ich
vielleicht den Heiligen spielen Darf ich nicht meine Nachtruhe haben Plag ich
mich immer noch nicht genug« Eine Prügelszene im Bett stand bevor
    »Gut« sagte Jenny »lass nur« Sie wusste Bescheid Heraus sprang sie aus dem
Bett warf sich den Schlafrock über und war schon im Lattenverschlag
    »Traute raus« schrie sie und packte die schlafende Traute beim Kragen
    »Pack deine Sachen zusammen Vorwärts marsch marsch Und heraus aus der
Wohnung«
    Traute fuhr auf Der Ton der ihr ans Ohr drang war zu energisch als dass
es ein Weigern gab Schlaftrunken eben noch mit dem Kommis aus Brandenburg
Twostep schiebend glitt sie über die Bettkante herunter Unterkleider und
Schuhzeug griff sie stürzte das Tanzkleid über den Kopf und bemerkte erst
jetzt worum es sich handelte »Raus wohin« fragte sie erstaunt
    »Raus aus der Wohnung Raus auf die Straße Ins Arbeitshaus wenn du Lust
hast Nur raus und zwar sofort oder ich hole die Polizei«
    Große Augen machte Fräulein Traute Arbeitshaus Straße Polizei Was war
denn passiert Was war denn geschehen Warum Wieso Was hatte sie denn getan
    Sie bekams mit der Angst Verstört und verdattert riss sie die Augen auf
Ihr Mund hing schief Zitternd und bebend beeilte sie sich ihr Kleid zu
schließen
    »Was hab ich denn getan Ich habe doch nichts getan« stotterte sie
    »Du wirst schon wissen was du getan hast« schrie Jenny
    »Fort sag ich dir Raus Nur raus Ich werde dir Beine machen« riss
Trautes Sachen vom Haken und warf sie ihr zu »Das andere kannst du dir holen
lassen Nur raus auf der Stelle«
    »Sie haben mich hier nicht rauszuwerfen Flametti hat mich hier
rauszuwerfen« versuchte Traute
    »Was hab ich« schrie Jenny jetzt vollends rabiat und keilte die
Künstlerin aus dem Verschlag
    Die hielt sich mit beiden Händen fest an der Tür Die Türe schlug zu Zwei
Vasen mit Binsen und Klatschmohn fielen zerschellend hoch vom Büfett Nettchen
der Dackel schoss ein fauchendes Krokodil mit zwei Reihen Sägezähnen hervor
aus den Sofafransen
    Die Mädel kreischten Flametti im Hemd mit haarigen Beinen drang aus dem
Hauptfrauzimmer
    »Was gibts denn da« riss er die Sklavin der Hauptfrau weg
    »Hier gibts eine Kindsleiche wenn sie nicht rauskommt«
    »Hilfe Hilfe« schrie Traute als sei ihr der Hals bereits abgeschnitten
und rannte zum Fenster
    »Bist du ruhig« drohte Flametti mit aufgeblasenen Backen
    Schon war die ganze Nachbarschaft an den Fenstern Eine Scheibe klirrte
    »Raus kommt sie« arbeitete Jenny
    »Willst du ruhig sein« schäumte Flametti ergriff das Brotmesser das auf
dem Tisch lag und ging auf die Frau los
    »Hilfe Hilfe« Jenny stieß auf der Flucht mit dem Kopf an den
Spiegelschrank Nettchen gurgelnd und seibernd sprang hoch an Flamettis Brust
und verbiss sich im rotweiß gestreifelten Baumwollhemd
    Flametti kam zur Besinnung und ließ das erhobene Messer sinken
    »Machst du jetzt dass du hinauskommst« funkelte er Traute an und bedeutete
ihr mit dem Zeigefinger den Weg
    Und Traute entsetzt in die Enge getrieben lief heulend über das
Plüschsofa am Rocke den wütenden Hund nachschleifend nahm einen viertel
Fußtritt Flamettis mit schrie Zeter und Mordio rannte die Treppe hinunter zur
Straße und lief was sie laufen konnte
    Die Mittagstafel war schlecht besucht Auch die Häslis fehlten Sie hatten
Kontrakt gemacht mit Ferrero gestern noch spät in der Nacht nach dem
Schackerl und fanden es nicht übertrieben Flametti Adieus zu ersparen
 
                                       V
Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte Man fuhr nach
Basel Herr Meyer sah aus als sei er Herr Meyer verantwonlich für diese
Partie Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach Basel und dieser Herr Meyer sah aus
als seis eine Fahrt nach dem Feuerland
    »Sehen Sie mal Herr Meyer« sagte Flametti »ich kenne doch Schnepfes
Lokal Keine Sorge Wochentags leer Aber Sonntags brillant Und jetzt zur
Messzeit mit unseren Schlagern  Das Wichtigste ist man muss ihm den Schneid
abkaufen dem Schnepfe Von vornherein Gar nicht aufkommen lassen So und so
sieht es aus bei uns Das und das brauchen wir  Großes Lokal bei den
Schnepfes Prachtvolle Zimmer Guter Kontrakt«
    Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben Er hörte kaum zu Rauchte
ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Koupéfenster
    »Sehen Sie mal« sagte Flametti und tippte die Asche weltmännisch auf die
vorbeisausende Landschaft »wir haben die Indianer den Harem den
Friedhofsdieb den Mann mit der Riesenschnauze die Nixen die Ausbrechernummer
« Er zählte das alles an den Fingern her
    »Die Indianer« warf Herr Meyer ein
    »Na ja die Indianer«
    »Wieso die Indianer«
    »Na ich meine Frau die Soubrette und Rosa«
    »Schöne Indianer« meinte Herr Meyer Ihm konnt es ja recht sein
    »Was wollen Sie« meinte Flametti »genügt das nicht« Er wurde heftig
»Jawohl Werde mir fünf Soubretten engagieren Zehn Lehrmädel dazu«
    »Feine Stadt Basel« rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und entnahm ihrer
Handtasche zwei Schinkenbröte »Gelt Max auf die Mess gehen wir Und die
Kavaliere bringen uns Leckerli«
    »In Basel gibts doch die Leckerli« erklärte sie Fräulein Laura die
ebenfalls skeptisch schien »Solchene Tüten bringen sie an« Sie zeigte eine
Tütengrösse von reichlich einem halben Meter »Und einen zoologischen Garten gibt
es Wildschweine Strausse Giraffen Feine Stadt«
    Fräulein Laura schien ganz Ohr Nervös sah sie von Flametti zu Meyer von
Meyer zu Jenny
    »Der Herr Meyer meint das Repertoire reiche nicht aus« lächelte Max zu
Jenny
    »Nimm ein Schinkenbrot Max«
    Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster Und Jenny fühlte sich
verpflichtet deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten Stadt
    »Und der Rhein ist da« sagte sie kauend im hübsch ansitzenden Reisekleid
»und die Polizei ist sehr streng Papiere und Heimatschein da darf nicht das
Tüpfel fehlen Wenn dort eine auf der Straße geht zwei Tage Schon ist sie
weg«
    Stosshaft belustigt spuckte Herr Meyer Doch seine Skepsis war abgründig
finster Jeder Versuch ihn aufzuhellen schien vergebens Und Fräulein Laura
zuckte nervös mit den Augenlidern Sie schien sich gar nicht zurechtzufinden
    Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepäcknetz Bobby sah nach der Uhr
und griff die Plakate Rosa bemühte sich um den Käfig der Turteltauben
    »Ists schon so weit« fragte Jenny erstaunt und steckte ihr Schinkenbrot
halb in den Mund halb in die Reisetasche
    »Basel« bestätigte Flametti
»Ah das ist recht« rief Frau Schnepfe als das Ensemble eintrat »Das ist
recht« und drehte an ihrem Ehering »Guten Tag Guten Tag Guten Tag« und gab
jedem einzelnen die Hand
    »Salü« grüßte Flametti »da sind wir« und blieb mit Reisetasche und
Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen als wolle er sagen jetzt
geht der Kontrakt an Jetzt habt ihr zu sorgen für uns
    Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck Und die Soubrette als
Stimmungsmacherin angezeigt nahm sogleich einen Stuhl ganz erschöpft von
Influenza stützte den Kopf auf und begann einzuschlafen
    »Wo ist der Beizer« fragte Flametti forsch
    »Fritz« rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch »da sind sie Komm
einmal rauf die Artisten sind da« Und Engel und Bobby stapelten das Gepäck
auf schleppten den großen Koffer herein
    Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein blinzelnd und etwas verrusst von der
Kellerarbeit
    »Salü Max« grüßte er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und blödem
Gesichtsausdruck Er trug eine Schnurrbartbinde war klein von Gestalt und es
fehlte der Kragenknopf
    »Salü Fritz« grüßte Flametti souverän und stellte den Handkoffer ab Herr
Schnepfe sah aus als sei ihm nicht wisslich um was es sich handle
    »Das ist die Frau« stellte Flametti vor »das ist die Soubrette das der
Pianist das die Rosa Das der Engel und das unser Herr Bobby«
    »Früh auf den Beinen« meinte Herr Schnepfe
    »Schweinskopf mit Senf« porträtierte Engel indem er den Koffer zum andern
Gepäck hinschob
    »Alles parat« fragte Flametti militärisch
    »Alles parat« rapportierte Herr Schnepfe die Hand an der Hosennaht Den
Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade zurechtgeplätscht Doch
sträubten sich seine Borsten
    »Wo sind denn die zwei andern Fräulein« erkundigte sich Frau Schnepfe
freundlich und süß
    »Kommt Ersatz« tröstete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf
    »Na dann zeig mal die Zimmer« gebot Herr Schnepfe und zog sich mit einem
kommissartigen Ruck die Kellerschürze über den Kopf
    »Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken«
    Oh das war eine freundliche Frau Schnepfe Oh die war nett
    »Oh ja« nickte Jenny mit ihrem süßesten Lächeln und gab der Frau Schnepfe
das Reiseplaid Die gabs einer Kellnerin weiter
    Flametti nahm Rosa die Tauben ab hing seinen Hut an den Haken und nahm
seine Philos heraus
    Die Kellnerin brachte Helles Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn gab seine
Befehle Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen Und man war
angekommen
    Nachmittags ging man zur Polizei von wegen der Anmeldung Die Stadt war
grau Hohe Häuser elektrische Strassenbahnen Regenwetter und Nebel
    Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener burgähnlicher Bau Der Weg hinauf
führte vorbei am Gefängnis Ein Sträfling sah mit verwildertem Kasperlgesicht
durchs Eisengitter herab auf die Straße Schweigend ging man vorbei gedrückt
wie Katholiken vorübergehen am Kreuz Man nimmt seinen Hut ab
    Der Rückweg führte vorbei an der Messe Das elektrische Karussel war in
vollem Betrieb Eine blau gestrichne Karosse kam zitternd und rasselnd in
majestätischer Fahrt aus dem Tunnel An der Stirnseite des Wagens prangte ein
Seeweibchen Bruststück Das schlug die Tschinelle Rot waren die Backen weiß
ihre Brüste gelackt Stolz flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm
hochfarbig lackierter Wagen aus dem Tunnel Die Dampfpfeife schrillte
    Herrn Schnepfes Varietélokal war unschwer zu finden Wenn man öfters den Weg
machte fand man es spielend Bei einem großen Bankhaus schwenkte man ab nach
rechts in die Vorstadt Vor dem Haus stand ein Brunnen mit großem Bassin voll
grasgrünen Wassers Darüber der heilige Bartolomäus aus Stein gehauen mit
segnenden Händen An den Fenstern hingen Flamettis Plakate In der Straße am
Abend schaukelte blau eine Bogenlampe
    Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment
Mattscheiben und die gekalkten Wände erinnerten barsch an Krankenbaracken in
einem Gefängnisbau Doch waren sie teilweise hübsch mit Öfen versehen und
geräumig ebenso wie das Konzertlokal
    Zwei ineinandergehende Kammern gleich überem Wirtslokal bekamen Flametti und
seine Frau nebst Rosa Eine Kammer im dritten Stock die Herren Engel und Bobby
Ein Dienstmädchenzimmer im Seitenflügel Herr Meyer und Fräulein Laura
    »Sagen Sie nur« meinte Frau Schnepfe zu Jenny »warum haben Sie nur die
zwei netten Fräulein nicht mitgebracht«
    »Ach Frau Schnepfe« winkte Jenny ab »Sie haben ja keine Ahnung was in
unsrem Beruf alles vorkommt Die eine hab ich entlassen müssen  schlimme
Geschichten Die andre hat man mir abgenommen«
    »Abgenommen«
    »Ja denken Sie sich die Mutter kam mir ins Haus und sagte sie dulde nicht
länger dass ihre Tochter Artistin ist Wegen der Kerls«
    »Was Sie nicht sagen«
Die Vorstellungen waren nicht gut besucht Trotz pomphafter Vorreklame Ein
Dutzend Leute saßen wohl in den Ecken Aber sie jassten und ließ sich weiter
nicht stören Keine Hand rührte sich wenn eine Nummer zu Ende war Keine Miene
verzog sich
    »Man muss sich einleben« meinte Flametti »Es muss sich herumsprechen was
wir zu bieten haben Nur keine Sorge Kommt schon«
    Herr Meyer musste sich jedenfalls bald überzeugen dass die Indianer auch ohne
Güssy und Traute gingen
    »Sehen Sie« sagte Flametti »Basel ist eine ernste Stadt Religiös Das
vornehme Bürgertum klatscht nicht gern Lassen Sie uns etwas Ernstes bringen
den Friedhofsdieb und wir haben ein volles Haus«
    Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im Friedhofsdieb was
Frau Häsli früher zu spielen hatte und lief tagsüber unglücklich zwischen den
Tischen und Stühlen umher und rang mit dem Ausdruck
    Herr Meyer aber blieb skeptisch Auch die Wirtsleute gefielen ihm nicht
    Ihm war nicht entgangen dass Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen Wurf
junger Wolfshunde aufzog Die heulten dort nächtlich herum wenn die Ratten über
das Dach wegstoben
    Eine innige Antipathie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe Auch diese
Frau Frau Schnepfe gefiel ihm nicht Ihr gedrehtes Wesen belästigte ihn Herr
Meyer war ein Poet Wie sollte das Publikum Zutrauen fassen wenn die
blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren Hängeschwänzen das Haus durchstrichen
und jedermann an den Waden schnupperten wenn die gedrehte Frau Sdmepfe auf ihre
gedrehte Art »Guten Morgen« sagte und einem die Hand gab geziertreligiös wie
Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen
    Flametti aber versuchte es analytisch
    »Was ist Blödsinn« philosophierte er in dem Mann mit der Riesenschnauze
»Blödsinn ist wenn das Kind keinen Kopf hat Blödsinn ist aller Jammer der
Welt Blödsinn ist die Enttäuschung der Seele die Quintessenz der Melancholie
Blödsinn ist überhaupt ein Blödsinn«
    Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen Das löste seine
Komplexe Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht aufzuheitern
    Mit ringförmigen Fischaugen saßen sie da tranken ihr Bier aus zahlten und
gingen Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg Das Ganze schien hoffnungslos
    »Alles nichts« sagte Jenny »wir müssen Artisten haben« Und eines Tags bei
Tisch verkündete sie dem erregten Ensemble »Neue Artisten kommen Vornehme
Artisten Kinder da müsst ihr euch fein benehmen«
    Zwei Tage später wars auch schon da Die Tür ging auf Ankamen die neuen
Artisten Herr Leporello und Lydia Herr Leporello und Lotte Herr Leporello und
Raffaëla nebst vielem Gepäck darunter auch Eisenstangen
    Das war ein Getue Das war ein Geschmatze Das war die lauterste Seligkeit
    Lottely hinten Lottely vorne »Gut dass ihr da seid«  »Trinkst du Helles
Lepo«  »Wollt ihr einen Kaffee trinken«  »Wie geht es der Mutter« und was
dergleichen Begrüssungsformalitäten mehr sind
    Sogar Herr Meyer taute jetzt auf Leben und Lebensart kamen ins Haus Die
Reservierteit Schnepfes verfing nicht mehr
    Und diese Nummern Drahtseilakt und Czardas Spitzentanz Matschiche und
Drehbarer Unterleib Ein wirklicher Zuwachs Akquisition Das ließ sich hören
    Auch die neuen Artisten wurden untergebracht Zimmer Numero 6 und 7 Engel
und Bobby beschäftigten sich mit dem neuen Gepäck und den Eisenstangen Herr
Leporello gab Anweisungen Und man begab sich zur Polizei
    Eine Stunde später schon waren für Raffaëlas Drahtseilakt im Parkett quer
vor der Bühne die Stützen befestigt die Zeitungsannonce war aufgegeben und der
Erfolg war freundlichst gebeten sich einzufinden
    Kam auch Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den Fähigkeiten
der neuen Artisten Die Kostüme waren zwar etwas zerknittert Sie hatten zu
lange im Korb gelegen und von Frau Schnepfe war kein Bügeleisen zu erhalten
Auch missglückte Herrn Leporellos Drehbarer Unterleib weil Lepo zu Mittag infolge
der langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte
    Aber Raffaëlas Matschiche auf dem hohen Seil mit japanischem Schirm und im
Himbeertrikot  Teufel hatte das Frauenzimmer Schenkel  ermunterte selbst die
griesgrämigen Basler Und als Fräulein Lydia Czardas tanzte  verflucht noch
einmal Sie schlug auf das Tamburin und ging mit pferdhaftem Posterieur
stampfend und tänzelnd gegen die grätschende Schwester los  da gab es auch bei
den Baslern keine Bedenken mehr laut und vernehmlich klatschten sie
    Am nächsten Abend gab es schon Ehrengäste Herr BumsdieLerche der
Komikerkönig und Fräulein Nandl das Wunder der Tätowierung welch letztere im
Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte der guten Adresse wegen
    In den nächsten Tagen brachte Raffaëla als Neuheit ihren Spitzentanz  immer
auf den Fußspitzen nach der Melodie
Frühling ists die Blumen blühen wieder
Süss berauschend duftet jetzt der Flieder
immer auf den Fußspitzen die Pointen markiert durch ein Hochschnellen des
Körpers die Arme mit grazienhaft hinauf und hinuntergebogenen Handflächen
ausgebreitet immer so
Alle Vögel jauchzen jubeln sihingen
Die Natur scheint neu sich zu verjühingen
Und Herr Leporello wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen Begabung bei
der Begleitmusik abgelegt hatte produzierte sein Teufelskabinett bei dem er
unter Zischen und Pfeifen auf einer Sirene mit zusammengelegten Gliedern durch
einen Schornstein aus Pappkarton den Lydia festhielt borstig herniederfuhr
    Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt brachte  er
erschien dann als eine infernalische Klatschbase im Korsett einen Kamm in der
Perücke das Hemd hing ihm hinten heraus und der Rock aus Sackleinwand mit
roten Litzen benäht war ihm zu kurz  dann spielte sich in seinen Mienen eine
so diabolische Einfältigkeit ab dass der Kontrast zwischen seinen gespreizten
Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem Grinsen
entflammte
    Was Wunder wenn das Geschäft sich hob Wenn die Zirkusleute mehr und mehr
in den Vordergrund traten auch bei der Direktion
    Ein Feldwebel von der St GottardFestung kam als Konzertbesucher Er hatte
Urlaub Die Frau war gestorben Was der Mann alles spendierte Sogar Leckerli
brachte er mit die ersten die man bei Schnepfes zu sehen bekam
    Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe Und zwar teilte
sich hier das Ensemble Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum Zoo Die andern mit
Flametti zur Mess
    Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so üppig bestückt zu sein wie
Hagenbecks Tierpark zu Hamburg Auch nicht so künstlerisch interessant
arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu München Wenigstens wusste
der zoologisch interessierte Teil der Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu
berichten
    Jenny war aufgefallen dass die Strausse im Basler Zoo echte Straussfedern
trugen Lydia klagte die Papageien hätten erbärmlich geschrien Die Ohren
gellten ihr jetzt noch davon Man solle den Viechern die Hälse abschneiden
statt ihnen die Bälge mit Brot vollzustopfen Nur Raffaëla schien einen
stärkeren Eindruck gerettet zu haben
    »Kinder der Elefant« schlug sie die Hände zusammen und konnte sich gar
nicht genugtun »so etwas Schamloses gibt es nicht mehr«
    Giraffen hatten sie nicht gesehen Auch keine Wildschweine Einige Affen
Doch das war alles
    Die Messe war interessanter Wer mit Flametti ging fand keine Enttäuschung
    Erst im Panoptikum Der Feuerkessel von Tahure da platzten die Bomben Da
staunte das Volk Da streckten die toten Poilus die Beine zum Himmel wie
niedergeknallt auf der Hasenjagd
    Dann auf der Rutschbahn zwei Karossen hintereinander in der ersten
Flametti und Fräulein Laura In der zweiten Herr Engel und Meyer Wie flog man
dahin Wie flog man daher
    Dann beim Jägersalon »Schießen Sie mal junger Herr« Und Herr Engel schoss
auf den Trommler Und traf ihn mitten in die Visage Der rasselte los Aber
unentgeltlich Man war ja Artist Es war eine Freude zu leben
    Mittlerweile war es nun Winter geworden ganz unvermerkt über Nacht und
man war gezwungen sich enger zusammenzuschliessen Da gab es lange Gesichter
    »Jenny wir haben ja gar keinen Ofen« reklamierten Lydia und Raffaëla
zugleich
    »Ist doch nicht kalt« tröstete Jenny »je seid ihr verfroren« Aber es
waren fünf Grad unter Null
    »Eene klappernde Kälte« meinte Herr Leporello in komischem Bass mit
hervortretenden Augen und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal
    »Sie Leporello In Mesopotamien Krieg« verkündete Bobby der eifrig die
Zeitung studierte
    »Ha ick ja immer jesagt in Mesopotamien fangen se ooch noch an«
    »Jenny« rief Raffaëla ins Wirtslokal schnatternd vor Kälte und tief
beleidigt »das geht so nicht Ich muss einen Ofen haben Wo soll ich denn hin
mit dem Kind«
    »Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden« meinte Jenny im
blauen Schlafrock am Ofen »Hier ist es doch warm Bleibt doch hier unten im
Wirtslokal«
    Das tat man denn auch Raffaëla Lydia Lotte und Lepo blieben im
Wirtslokal Lepo las seine Kriegsberichte von morgens bis abends Lotte machte
die Hosen nass Lydia und Raffaëla schlappten einher in den Schlafröcken und
beschimpften einander
    Abends aber während der Vorstellung saßen die fünf Damen aufgeputzt um
Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring um den
Dompteur
    »Kinder nein ist das eine Kälte« zitterte Lydia mit erfrorener Nase und
zog ein Gesicht als sei sie hereingefallen und komme erst jetzt allmählich
dahinter
    Und zu der Soubrette »Ihr habt es gut Ihr habt einen Ofen«
    Und alle bebten und pressten die Schenkel zusammen
    »Menschenskind« tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich die
Hände »ist doch keene Kälte fünf Grad Hättest vergangenen Winter dabei sein
sollen« und hob sich fast in die Luft so betrieb er mit beiden Armen
gymnastische Packung »Hauptsache ist man kriegt was Warmes in Magen«
    Nun daran fehlte es nicht Herr Schnepfe ließ sich nicht lumpen
    Der Kaffee zum Frühstück ließ zwar manches zu wünschen übrig Die
Blechkanne in der er serviert wurde mochte innen ein wenig verrostet sein Die
Damen erbrachen sich wenn sie getrunken hatten Das konnte jedoch wie Herr
Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte auch andere Ursachen haben
    Das Mittagessen war einfach tipp topp Sauerkraut Würstel und
Pellkartoffel  Gulasch Bohnen und Rösti  Hackfleisch Erbsen und
Rettichsalat Jennymama kochte besser gewiss Aber man war nun einmal in der
Fremde Da war es wie die Verhältnisse lagen das beste den Magen zu heizen
    »Iss« sagte Laura zu Meyer »wer weiß wann man wieder was kriegt«
    Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem übrigen
Teil des Ensembles dem Bruch wie die Zirkusleute alle Kollegen nannten die
nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren
    Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie Herkunft Tradition Sie waren
exklusiv und sahen den Bruch verächtlich an Herr Leporello etwa den kleinen
Bobby Beide waren sie Kontorsionisten Bobby arbeitete rückwärts war also
Schlangenmensch Herr Leporello arbeitete vorwärts war also Froschmensch Herr
Leporello hatte die komplizierteren Balancen den drehbareren Unterleib Bobby
hatte den besseren HandStand das biegsamere Rückgrat
    Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht Herr Leporello war ausschließlich
Artist Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig auf Heizerfahrt
    Oder Miss Raffaëla den Engel Sie verlangte von ihm dass er Einkäufe für sie
besorge Sie glaubte der Bühnenmeister sei hier auch Stiefelputzer Aber Engel
lehnte es ab Kommissionen zu machen
    »Hab keine Zeit Hab zu studieren Bin selber Artist« Und Flametti
bestätigte das indem er Monteur auf Engels Papier durchstrich und Artist
drüberschrieb
    Zwei Parteien bildeten sich Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny Die
Bruch und Apachenpartei mit Flametti
    Flametti waren die Zirkusdamen zuwider Sie hänselten ihn Er fand sie
verdorben aufdringlich utriert Sein Herz war bei der andern Partei den
Gestrandeten den Gelegenheitskönnern den Kindern Gottes Auch Meyer und
Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté Und doch  alle
Hochachtung
    Äusserlich aber tat sich die Rivalität in folgendem kund Die Zirkusleute
brachten das Geld Die Bruchleute hatten  den Ofen
    Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube herum oder
im Wirtslokal wo das Glasdach tropfte die Ratten liefen die Windeln rochen
Sie schürten und hetzten Sie glaubten wider Verdienst schlecht weggekommen zu
sein
    Die Bruchleute schlossen sich täglich enger zusammen im Zimmer des
Pianisten wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte wo aber
der Ofen glühte Fräulein Laura wusch der Männer gemeinsamen Kragen Bobbys
Eidechsenkostüm hing glitzernd über der Wäscheleine Man saß auf Herrn Meiers
entgleistem Rohrplattenkoffer und sang Schnadahüpfl zur Laute Man richtete
Engel ein Bett her am Ofen damit er geborgen war wenn die Malaria ihn
überfiel
    Und Engel erzählte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun der
Baronesse die ihn geliebt als er noch Forsteleve in Deutschland war beim
Grafen von Reiffenstein
    Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch dass es plötzlich noch
kälter wurde
    Es war jetzt so kalt dass es wirklich nicht anging länger zu singen
Die Luft ist lau die Täler prangen lenzesgrün
wie es in jenem Begrüssungsmarsch hieß den man im Krokodil vor Rosenlauben
gesungen
    Die Damen rieben sich auf der Bühne ganz unverhohlen die Hände vor Frost
Und wenn der Marsch auch ein heissblütiges Tempo hatte die Worte konnten jetzt
nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit
    Die Varietébesucher Totengräber Kirchendiener Leichenbitter und
Mädchenjäger saßen mit Zapfenschnurrbärten wenn sie zufällig in die Peripherie
des Saales gerieten in die Nähe eines der großen Fenster
    Auch der Spitzentanz Raffaëlas verfing nicht mehr Vergebens suchte sie
mittels Duftigkeit Sinnenrausch und Beschwingteit der Schritte die Illusion
eines Maientags aufrechtzuhalten Ihr Odem wehte wie Höhenrausch Ihre Nase
karfunkelte
    Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen Aber das war wie
ein Zündholz im Eisschrank
    Es ging nun auch nicht mehr an dass der Vetter Flamettis Herr Graumann
länger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz photographierte
    So traf dieser Herr Herr Graumann Vetter Flamettis eines Tags bei Herrn
Schnepfe ein just in dem Augenblick als die Generalprobe zum Friedhofsdieb
stattfand
    Sehr erstaunt war Herr Graumann seinen Vetter Flametti in einem langen
schwarzen Talar zu erblicken als Richter vor einem Stoß Aktenmappen Eine
kleine zierliche Knabengestalt dem Richterstuhl gegenüber schien prozessiert
zu werden
    Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf der gestohlen war
Blumentopf
    Auf der Mitte der Bühne stand eine vornehme Dame wohl eine Baronin mit
Blicken die halb auf den Richter halb auf den Knaben gerichtet waren Neben
ihr krausköpfig ein schmächtiger Herr der als Zeuge Emil Schmidt figurierte und
offenbar seine Rolle noch nicht vollkommen beherrschte er stammelte stotterte
war in der größten Verlegenheit
    Herr Graumann trat näher ein wenig verschüchtert von solch künstlicher
Atmosphäre und legte die Hand vor die Augen die Szene prüfend auf ihren
photographischen Gehalt
    »Von vorn« schrie Flametti Und es wiederholte sich der Auftritt Zeuge
Emil Schmidt  Friedhofsdieb
    Und jener krausköpfige Herr kam mit dem Knaben durch die Kulisse herein
zitternd und bebend so dass man ihn selbst für den Delinquenten hielt Er legte
mit irren Augen die Hand auf die Schulter des Knaben und sprach
Man immer ruhig mein liebes Kind
Die Wahrheit darf immer man sagen
Dann kann man die Strafe wie sie auch sei
Mit leichterem Herzen ertragen
Sprich frisch von der Leber weg 
Engel hustete heftig Das war nicht verwunderlich denn hinter der Bühne zog es
abscheulich
    Flametti aber war wie ein Stier vor dem roten Tuch diesem Husten gegenüber
    »Lass das Husten sein« schrie er und rüttelte seinen Amtstisch »oder ich
werf dir die Glocke vor den Kopf«
    Eine Glocke gab es auch auf dem Amtstisch konstatierte Herr Graumann
    Und Engel hustete kurz noch zu Ende räusperte sich und fuhr fort
Sprich frisch von der Leber weg
Und was zur Tat dich getrieben
Ein Richter ist streng nach Gebühr wenn es muss 
»Hundsfott« schrie Flametti »ist das ein Vers«
    Ein Richter ist streng wenn sichs gebührt berichtigte Engel zitternd vor
Ergriffenheit
Doch weiß er auch Nachsicht zu üben
»Gut« sagte Flametti »weiter« Und er selbst wandte sich an den Knaben
Tritt näher mein Sohn und habe nicht Scheu
Vor schreckender Tracht und Gebahren
Und so du begangen hast was es auch sei
Hier kannst du es offenbaren
Tritt näher und sprich Vielleicht dass alsdann
Ein mildernder Umstand dir etwas Luft schaffen kann
Und Flametti begleitete seinen letzten Satz mit einer erleichternden Bewegung
beider Hände von der Magengegend aufsteigend gegen den Brustkorb
    Herr Graumann fand diese Gerichtssitzung ein wenig romantisch wenn auch
nicht fremd Hörbar lächelte er
    »Wer ist da im Publikum« brüllte Flametti die Hand vor den Augen und
ärgerlich über die neue Störung
    »Hallo Flametti« rief Herr Graumann hinauf
    Und Flametti »Ja Menschenskind wo kommst denn du her« Die Glocke stellte
er hin und sprang im Richtertalar herunter über die Rampe
    »Direkt vom Tessin«
    Da war die Probe vertagt Die Probe war aus Und Engel atmete auf
    Herr Graumann blieb als Flamettis Gast drei Tage zur großen Freude des
ganzen Ensembles das er photographierte in allen möglichen und unmöglichen
Posen immer mit dem Pappkarton den er mit schwarzem Tuch überzogen hatte und
mit dem er furchtbar penibel war Die Bilder versprach er später zu schicken
    Herr Graumann war ein Original Ein wenig glich er dem Wurzelsepp aus der
bayrischen Bauernkomödie Die ganze Schweiz bereiste er als Photograph Mit dem
Pappkarton In die entlegensten Dörfer kam er Und immer zu Fuß Auch aus dem
Tessin war er zu Fuß gekommen Wind Wetter Eis und Schnee vermochten ihm wenig
anzuhaben Es war sein Beruf zu wandern Die Geschäfte brachten es mit sich
    Was wusste Herr Graumann für treffliche Schnurren zu erzählen Manch
ernsthaftes Abenteuer und Rencontre mit der Polizei Unter Plattenreissern war er
der yokerste
    »Herr Graumann« rief Raffaëla taktlos »wie riechen Sie schön nach den
Kräutern« und schöpfte mit der Hand von Herrn Graumanns Luft »Ist wohl
Farnkraut«
    
    Und Lydia »Sagen Sie Graumann tragen die Wanzen auch Fahnenstangen wenn
sie Versammlung haben«
    Und Fred »Sie Graumann wie macht man das Graumannol«
    Denn Herr Graumann hatte in knappen Zeiten ein Mittel erfunden gegen
Insektenstich
    »Man nehme« sprach er »Urin und Brombeersäure füge dazu ein Fünftel
Salzwasser das durch die Kiemen von Klippfisch ging Schüttle das Ganze«
    Reissend waren sie abgegangen die dreißig Flaschen von je einem halben Liter
à zwei Franken fünfzig die er an einem sonnigen Mittag in Mussestunden
verfertigt hatte am Ufer des Lago Maggiore und die den Vergleich aushielten mit
jedem Salmiakpräparat
    Herr Graumann nahm eine Prise reichlich mit Glas untermischt damit es die
Schleimhäute redlich beize und Raffaëla und Lydia drangen ihn sie zu
photographieren zusammen mit Lottely
    Das war nun nicht leicht weil Lotte sich fürchtete vor dem zerfederten
Eulengesicht des Herrn Graumann Aber es ging Ein halbes Dutzend Visit Ein
halbes Dutzend Kabinett
    Und Herr Graumann griff nach Stativ und Kasten und sagte
    »Bitte den Kopf etwas schief Bitte die Hand etwas höher Bitte etwas
freundlicher sonst kann ichs nicht machen«
    Und schrieb die Bestellung in sein Notizbuch und nahm eine lächerlich kleine
Anzahlung Dann musste er weiter
    »Kinder« rief Raffaëla »das wird ein Vergnügen Der Mama schicke ich eins
Eins meinem Männe ins Feld Eins dem Farolyi«
    Doch als Herr Graumann gegangen war kehrte die alte Langeweile wieder
    Herr Engel um eine Diversion zu haben feierte den Namenstag seiner Tante
indem er in fremden Lokalen für eigene Rechnung ausbrach und sich entfesselte
Herr Schnepfe unterhielt sich mit seiner Frau über Tunis allwo Frau Schnepfe
Köchin gewesen war
    Schnepfe konnte das gar nicht für wahr annehmen Hotelköchinnen in Tunis
Nach seiner Herrn Schnepfes unmassgeblicher Ansicht waren Hotels nicht
angebracht in einer Himmelsregion wo haarige Bestien meckernd über die Wüste
strichen wo Totengerippe und Schädel die Wege markierten Frauenzimmer hatten
dort nichts zu suchen
    Und da man allgemach nicht mehr ausgehen konnte  die Kälte riss einem die
Ohren vom Kopfe  so suchte sich jeder zuhaus nach Neigung und Temperament die
Zeit zu vertreiben
    Bobby unternahm umfassende Korrespondenzen zwecks Wiederherstellung
vernachlässigter finanzieller Beziehungen Seine Mussestunden widmete er der
Pflege der kleinen Lotte schneuzte sie tränkte sie legte sie trocken
    Engel gab Herrn Meyer sachdienliche Ticks für ein Apachenstück das Meyer zu
Ehren Flamettis entwarf und versenkte sich in das Studium medizinischer
Schriften aus des Herrn Meyer Handbibliotek Auch schrieb er die Sätze
druckfertig ab die sich aus dieses Meyer strotzender Feder wölbten
    Jenny und Rosa ein Stockwerk tiefer schneiderten orangefarbene
Matrosenkostüme für ein neues Ensemble die Kommis voyageusen
    Herr Leporello Parterre hatte vertrackte politische Disputationen mit
einem vierzigjährigen zelotischen Schriftsetzer der selbstverfasste
revolutionäre Verse voller ästhetischen Klangs jeden Nachmittag eh er zur
Arbeit ging eine Viertelstunde lang zielbewusst rezitierte
    Weniger friedlich beschäftigten sich die Damen Raffaëla und Lydia
    Solange noch Aussicht war auf Einladungen und Unterhaltung auf Kavaliere
und Konditorei ging es an Solange waren sie guter Laune und üppig
    Da ihnen Haushalt und Belletristik nicht lagen gaben sie selbdritt der
kleinen Lotte französischen Unterricht
    »Lottely sag Bon jour« kreischte Raffaëla
    »Lottely sag Rabenmutter« ärgerte sich Lydia und gab Raffaëla einen Stoß
    »Lottely sag Voulezvous coucher avec moi« stichelte Raffaëla und schoss
den Vogel ab
    »Gib das Kind her Halt doch deinen Mund« entrüstete sich Lydia »Ich
würde mich schämen Was die dem Kind beibringt diesem unschuldigen Seelchen
Gib das Kind her du Fetzen«
    Und sie zerrten das schreiende Lottely hin und her dass Lottely selbst nicht
mehr wusste wer da die Mutter war
    Am Abend indes bei der Vorstellung waren Mutter und Tante längst wieder
versöhnt
    Übermütig und ausgelassen stocherten sie wenn Bobby seinen Bogen schlug
mit den Angelruten der Nixen durch die Kulissenwand nach Bobbys Bäuchlein und
knäbischer Druse
    In der Garderobe kneipten sie mit den Lockenscheren die sanftmütige Rosa
dass diese halb ausgezogen und mit beiden Händen den wertvollen Busen schützend
laut kreischend bis auf die Bühne rannte
    Als aber die Kavaliere ausblieben und sich auch sonst nichts regte wandte
sich auch bei ihnen das Temperament mehr nach innen
    Das bisschen Vorstellung die paar Tänze der Schnack das alles resorbierte
sie nicht Der Zirkus beschäftigt mehr fordert mehr Kraftaufwand bietet indes
auch mehr Sensation und Belustigung
    Sie vermissten die nötige Reibung den Zug den Elan Die Verpflanzung bekam
ihnen nicht Die Stille reizte sie auf
    Als man am Mittagstisch saß kamen zwei Briefe an einer für Lydia einer
für Raffaëla
    »Ein Brief von meiner Mama« rief Lydia riss das halbe Tischtuch mit als
sie aufsprang und las gierig mit langem Gesicht
    »Ein Brief von meinem geliebten Manne« schrie Raffaëla und tanzte den
Brief in der Luft mit Küssen bedeckend auf den Filzpantoffeln
    Leporello neugierig brachte seinen Kaumechanismus ins Stocken
    »Was schreibt se denn« fragte er und schnitt auf dem Holztisch sein Brot
    »Ach unsre liebe Mama Das ist eine gute Mutter« schmachtete Lydia
»Meine lieben Kinder Seid ja recht artig und zankt euch nicht «
    »Ach mach nicht son Getöse« rief Raffaëla »Du mit deinem Geschmachte
Als wenn es nur deine Mutter wäre Meine Mutter ists ebensogut«
    »An mich ist der Brief adressiert«
    »Weil du beständig den Hader bringst«
    »Ich« kreischte Lydia durchschaut »Unverschämte Person«
    Und schon lagen sie sich in den Haaren
    Die Briefe von Mutter und Gatte vermischten sich unter dem Tisch Lottely
die soeben noch munter mit ihrem Zinnlöffel den Tisch bearbeitet hatte ließ ab
von dieser Beschäftigung und suchte mit einem resolut angesetzten heulenden
»Bäh« die Aufmerksamkeit ihrer Mutter von der sympatischen Lydia abzulenken
    Flametti schimpfte und Lepo zog unter dem Tisch sein Sprungbein an um
einzugreifen falls der Streit peinlichere Dimensionen annehmen sollte
    Jenny allein beschwichtigte
    »Kinder na setzt euch Das Fleisch wird ja kalt«
    Es wurde schlimmer von Tag zu Tag Die wahre die Zirkusnatur kam zum
Vorschein
    Welch ein Schreck für das ganze Ensemble und auch für Herrn Schnepfe als
eines Tags in der Vorstellung die Eisenstütze des Drahtseils die am Parkett des
Herrn Schnepfe festgeschraubt war ganz unvermittelt herausbrach samt einem
halben Quadratmeter Parkett
    Raffaëla tanzte gerade den Matchiche In fliederfarbenem Satinröckchen den
einen Fuß vorschiebend über den Telegraphendraht wie Flametti zu sagen pflegte
den andern Fuß nach rückwärts hoch in die Luft geschlagen den Japanschirm in
gezierter Hand hielt sie bedacht die Balance so heftig schaukelnd und mit dem
Japanschirm schlagend dass die Petroleumhängelampen des Herrn Schnepfe in
blutiger Majestät sich verfinsterten
    Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht da krachte der Boden Der
Eisenträger neigte sich und das ganze Spektakel Raffaëla im Fliederkostüm der
Japanschirm das vorgeschobene Bein und das hochgeschlagene Bein fielen auf dem
geknickten Telegraphendraht ineinander
    »Ach Gott meine Schwester« schrie Lydia als stürzte ein Neubau zusammen
»helft ihr doch Zieht sie doch heraus Ach ihr lieben Leute helft ihr doch«
    Es war jedoch nicht viel passiert Das Seil war nur ein Meter achtzig hoch
gespannt Raffaëla lag wohl am Boden der Schirm daneben Aber sie schien sich
nur auszuruhen Abgestürzt war sie aus luftiger Höhe und dem Publikum bot sich
Gelegenheit ihre Schenkel zu besehen wie man eine Schwalbe besieht die sich
an schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstiess und nun plötzlich den
Blicken der Gaffer preisgegeben ganz nahe am Boden liegt
    Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus Immer fiel seit diesem Begebnis
Raffaëla irgendwo herunter
    Von der Bühne fiel sie herunter und hätte sich fast das Bein gebrochen
    Von der Treppe fiel sie herunter polternd kam sie angerutscht Und man
musste den Arzt holen
    Vom Draht der jetzt der Länge nach durch das Lokal gespannt war fiel sie
ein zweites Mal herunter mitten auf einen mit Gästen besetzten Tisch wo sie
zwischen Biergläsern verdutzt und verschämt einen Augenblick lächelnd stehen
blieb eine bierschaumgeborene Venus Bösartig aber gebärdete sich Lydia
    Sie schimpfte aufs Essen auf ihr kaltes Zimmer auf die Männer die samt
und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter Tagediebe und Unterdrücker seien die
kein Geld herausrückten
    Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn ausgebrannt ruiniert und
durchlöchert zurück Hin war der Respekt vor Flametti und seinen Indianern
    Wenn sie Flametti sorgfältig sich schminken sah in der Garderobe schminkte
sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen Körperteil von dessen
Ausbeutung für Teaterzwecke selbst die Wilden der Südsee sich nichts hätten
träumen lassen
    »Wart nur Ich werd es der Mama schon schreiben« rief Raffaëla verletzt
und entrüstet
    Aber dann brach die empfindsame Lydia in heftige Tränen aus
    »Nicht einmal Spaß darf man machen Was hat man denn noch vom Leben
Aufhängen möchte man sich«
    Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm mit Flametti zusammen
einen Rennstall zu besichtigen brach zwischen Lydia und Lepo ein solch
abgründiger Hass aus dass sich Herr Schnepfe genötigt sah noch spät in der Nacht
mit seinem prämierten Wolfshunde einzuschreiten
    »Judenverkäufer Bandit Unterdrücker Schmierfink« schrie Lydia von
Raffaëla gezaust und von Lepo zerdroschen dass es weithin den Gang und das Haus
durchgellte
    Sogar Jenny die sich in Wahrheit aufopfernd benahm  sie lieh ihren
Protegés das halbe Boudoir aus Brennschere Seife Nachttopf Benzin  wurde
in Mitleidenschaft gezogen
    »Du Jenny« sondierte Raffaëla als sie an Jennys Namenstag traulichen
Streuselkuchen zum Kaffee bekam »wie ist das denn mit der Traute geworden
Schreibt er ihr noch Der schreibt ihr doch sicher noch Meinst du nicht auch«
    »Nein nein« meinte Jenny bedeutungsvoll »der schreibt ihr nicht mehr Dem
ist die Lust vergangen Das hat sich ausgeschrieben«
    Und einige Tage später »Du Jenny der hat was mit der Soubrette Der Lepo
auch Gib mal acht wenn sie singt Ist dir denn das noch nicht aufgefallen«
    »Geh« sagte Jenny »du träumst« Aber sie nahm sich vor auf der Hut zu
sein
    Und Raffaëla in ihrer Strohwitwenschaft leistete sichs mit Flametti
anzubändeln
    Sie hielt ihn nach alledem was Jenny ihr anvertraut hatte für einen
Naivling
    Schon duzten sie sich trotz Flamettis erklärter Antipathie als eines Tags
Jenny dahinterkam in der Garderobe
    »Was ist denn nun das« schrie sie hochrot und abgetrieben von dieser
ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her »mit einer verheirateten Frau fängst du
auch noch an Hast du noch nicht genug mit dem einen Prozess Willst du uns ganz
ruinieren« »Und du Raffaëla schämst du dich nicht«
    »Prozess Prozess« staunten Lydia und die Soubrette zugleich
    Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer
    Während Herr Engel sein Sekretär Fortschritte machte in der druckfertigen
Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstücks gönnte Herr Meyer seiner
Inspiration nicht Ruhe noch Rast
    Tag und Nacht saß Herr Meyer durchstreichend was er geschrieben neu
ordnend was sich nicht fügen wollte Ja es konnte passieren dass die
Inspiration ihn in Momenten heimsuchte die in der restlosen Hingabe an Fräulein
Laura gipfelten dass es ihn aus dem Schlaf auftrieb inmitten der Nacht Dann
schnellte er aus dem Bett mit gesträubten Haaren und nicht ließ er locker bis
dass der Gedanke gefesselt war
    »Laura« sagte Flametti als eines Tags Herr Meyer wieder mit völlig
gelähmten Augenlidern bei Tisch erschien »sagen sie doch dem Meyer er soll
sich nicht gar so quälen mit seinem Ensemble Wissen Sie Die Apachen  offen
gestanden  gefällt mir nicht recht«
    »Verstehen Sie wohl gefällt mir schon Aber es ist zu direkt Das Publikum
stößt sich dran Man muss Rücksicht nehmen Außerdem wird es nächstens bei uns
entscheidende Veränderungen geben«
    Fräulein Laura machte große Augen
    Sie hatte mit Engel bereits den Apachentanz einstudiert der zwischen
Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel rüde Körpergymnastik und
mancherlei Aneinanderpressen der Hüftbecken mit sich brachte
    »Veränderungen«
    »Ja Veränderungen Im Vertrauen gesagt Mit den Zirkusleuten  das geht so
nicht mehr Leporello  allen Respekt Aber die Weiber  unmöglich Meine Frau
hat sie engagiert Wir brauchten Ersatz für die Häslis Gut Aber jetzt ist es
so weit dass sie selbst schon verrückt wird«
    Und als Fräulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten suchte
    »Der ganze Kram ist mir über Es gibt keine Achtung mehr keinen Respekt in
der Welt Keine «
    »Grandezza« wollte er sagen Er suchte das Wort fand es nicht und ersetzte
es durch eine Geste
    »Nur Gemeinheit Auch meine Frau sie meint es ja gut Aber vom Höheren
versteht sie halt nichts Die Weiber haben das an sich sie sind gemein
Niederträchtig alle Das ist es Sie sind aus Prinzip gegen das  das «
    Wieder blieb ihm das Wort aus
    »Sie sind aus Prinzip dagegen Leer sind sie und dumm wie der Teufel Alles
ziehen sie in den Dreck  Sie hat mir den Zirkus ins Haus gebracht Wer weiß
warum Vielleicht nur weil sies allein nicht schaffen konnte Man kommt auf
den Hund«
    Laura versuchte zu lächeln
    »Ach was Depressionen« rief sie und schwenkte den Lockenkopf »Geht
vorüber Sowie der Besuch sich hebt Sowie der Erfolg einsetzt Müssen es denn
gerade die Indianer sein Es gibt doch andere Nummern«
    Aber Flametti schüttelte den Kopf
    »Unverstand von der Jenny Ah diese ganze schäbige Wirklichkeit  
Schad dass der Türke hoch ging Es war eine Beruhigung so einen Mann in der
Welt zu wissen solch eine Quantität von Opium Kokain und Haschich«
    Laura lächelte gütig bewundernd
    »Eine Freundin von mir Russin hat Kokain Ich werde ihr schreiben «
    Und eine zarte Sympatie entstand zwischen beiden Anlass zu manchem
Vertrauen
    Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonder niedergeschlagen
    Eine Vorladung war gekommen vom Bezirksanwalt Missbrauch und Misshandlung
von Dienstpersonal Verführung Minderjähriger Traute und Güssy hatten Anzeige
erstattet
    »Was hast du gesagt« bestürmte Jenny den Gatten als er vom
Untersuchungsrichter zurückkam
    »Was hab ich gesagt« brummte Flametti »das kannst du dir denken Es kommt
zum Prozess«
 
                                       VI
Herr Leporello hieß mit Vornamen Emil
    Er war schlank lang geschmeidig Zwei mächtige Eckzähne blitzende Augen
ein heiserer Bass geben einen Begriff seiner Persönlichkeit Besonderes Merkmal
steifer schleifender Gang der Zirkusleute die sich bei einer verwegenen Pièce
einen Bruch geholt haben Auch seine Weste war eine Weste wie man sie nur beim
Zirkus trägt goldfarbig Tapetenmuster mit allerhand Schnörkeln und Tressen
    Dieser Leporello Emil Artist geboren 17 März 1883 bekam seine
Kriegsbeorderung just an dem Tage da seine Tante Geburtstag hatte
    »Emil« wehklagte Lydia »ach Emil Die Beorderung«
    Ihr Schmerz kannte keine Grenzen Und obzwar dieser Schmerz keineswegs
affektiert war stand er doch in einem so auffallenden Gegensatz zu Lydias
früherem Benehmen ihrem Hass ihrer Verachtung wovon man in Basel gelegentlich
der nächtlichen Szene mit Herrn Schnepfes prämiertem Wolfshund ein Beispiel
gesehen hat dass es Lydia selbst zu Bewusstsein kam
    »Ach ich weiß gar nicht« seufzte sie und die Hände fielen ihr in den
Schoss »ich möchte gar nichts mehr hören und sehen seit ich weiß dass mein Emil
in den Krieg muss Ach Emil wie wird das enden«
    Aber Emil war guten Mutes
    »Ho ho« lachte er gedrückt ohne die Eckzähne zu zeigen »lass man jehen
Ick bin froh drum Det Vaterland ruft Da jibts keene Zicken«
    Und dann nahm er sein Handköfferchen eines Tags und hatte den Paletot an und
den Regenschirm in der Hand und verabschiedete sich
    Lydias Augen hingen an ihm wie leere Sonnenblumen im Herbst auf die es
geregnet hat
    »Ach ihr lieben Leute Mein guter lieber Emil Jetzt geht er dahin und wer
weiß ob er wiederkommt«
    Und sie streckte sich auf den Zehenspitzen umarmte und küsste ihn und
stellte immer wieder ihr eigenes Handtäschchen dabei auf den Boden denn sie
begleitete ihn bis zur Grenze
    Aber Emil war guten Mutes und sagte
    »Herrjott nochmal Man meent ja es jeht in die Ewigkeit«
    Er hoffte draußen schon Kameraden zu finden Es gab dort gewiss lustige
Brüder genug Tarock spielen würde man sicher auch dort Als Froschmensch wird
es ihm leichter fallen sich in der Kriegsgymnastik zurechtzufinden Und es gab
Bilder in den Illustrierten aus denen hervorging dass auch da draußen nicht
immer nur die Granaten platzten
    Und so reiste er ab
    Man spielte jetzt wieder im Krokodil Basel war doch nicht das Richtige Man
war zur Fuchsweide zurückgekehrt Warum auch nicht Die Polizeibusse war bezahlt
In der Fuchsweide war man zu Hause Und wo man zu Hause ist da soll man sich
nähren
    Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geändert Es war nicht
die alte Fuchsweide mehr Ein neues Polizeiregiment war aufgekommen Ein andrer
Inspektor Es wehte ein schärferer Wind
    Die Annehmlichkeiten des Krokodilen waren die alten Das Klavier vorzüglich
Die Heizung brillant Biermarken im Überfluss
    Aber die Polizei hatte heftige Lücken gerissen ins Publikum Hin war der
mondäne Glanz Hin war die Freude Verschwunden die Habitués Verschwunden der
Totenkopf und seine Schwester Verschwunden Fräulein Amalie Verschwunden Herr
Pips Verschwunden der Herr Krematoriumfritze der all sein Geld verjuckt und
mit der Dame in Feldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhältnis auf
Gegenseitigkeit unterhalten hatte
    Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein Organ Die Zündschnur Organ gegen
die Übergriffe der Polizei und des Kapitalismus redigiert von Herrn Dr Asfalg
einem ehemaligen Freund und Studiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns
    Herr Dr Asfalg ein Schwärmer und Utopist ließ sich die Interessen der
Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein
    Als der neue Polizeihauptmann Herr Adalbert Schumm eines Tages höchst
persönlich im Krokodil erschien um nach dem Rechten zu sehen kam es zu ganz
privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen zwischen ihm und seinem ehemaligen
Keilfuchs und die Szene endete so dass Herr Polizeihauptmann Schumm der
incognito da war den Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen musste weil
ihn anders das schwere Geschütz des Dr Asfalg eine Gruppe
Schlachtausgehilfen in Grund und Boden geschlagen hätte
    Und wenn auch Herr Dr Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle Gebiet
hinüberspielte so waren doch solche erregte Läufte den Musen nicht günstig
    Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte
    »In allen Konzert und Vergnügungslokalen der Fuchsweide untersage ich
hiermit ab 1 Dezember die Schaustellung wilder Tiere dressierter Löwen Bären
Affen Bärenringkampf singende Schakale sogenannte Meerweibchen etc
Dergleichen untersage ich die Verwendung von Schlagzeug große Trommel Pauke
Tschinelle Schrummbass bis auf weiteres Wer diesem Verbot zuwiderhandelt wird
mit Polizeibusse bestraft bis zu dreihundert Franken«
    Und Herr Dr Asfalg erwiderte in der Zündschnur
    »Wir kennen die wilden Tiere Tiger Füchse und Affen der Polizei Es bedarf
keiner Hinweise Wir werden uns bemühen sie um die Ecke zu bringen
    Wir kennen auch den Schrummbass der Polizei Es ist ein Instrument das
rasselt wenn man es auf den Boden stößt Wir werden dahin wirken dass auch dies
Instrument verschwindet
    Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit Wir werden in
Unterhosen die Nationalhymne singen Wir werden in Schnurrbartbinden unsre
Ensembles aufführen statt uns Masken zu schminken Wir werden uns Bäuche
stopfen und Scheitel ziehen wie sie Herr Adalbert Schumm zur Schau trägt und
werden auf diese Weise hottentottischer wirken als nach dem Urteil der Polizei
alle wilden Tiere und Pauken zusammengenommen« Zündschnur Nummer 3 vom 18
Dezember
    Und ein andermal Nummer 4 Seite 3 »Man lasse dem Volk seine harmlosen
Freuden Wie sagt doch der Dichter Freude schöner Götterfunke Tochter aus
Elysium«
    »Jene aber Verräter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus dem
Leben seinen holden Schimmer seinen Flaum zu nehmen gez Dr A«
    Und als eine neue Razzia stattfand konnte man in der Zündschnur Nummer 6
Jahrgang I die Sätze lesen
    »Freunde Mitbürger Genossen
    Hört Euer Bestes euer Gemüt ist verdächtig Vor Gericht ist alles Gemüt
verdächtig Gemüt kennzeichnet unseren Henkern Menschen die auf suspekten Wegen
gelitten haben und zermürbt sind Gemüt ist für sie Opposition und Verschwörung
Gemüt ist das Merkmal von Menschen die renitent sind waren oder sein werden
Gemüt ist Eigendünkel und eine Gefahr für sie Leute von Gemüt gehören in
Untersuchungshaft Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten
von ihnen Legt euer Gemüt ab«
    Bei solchen Ergüssen war es erklärlich dass das Geschäft litt dass sich die
Habitués verflogen
    Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite sehr
angefeindet Sein ironischer Ton war leicht misszuverstehen
    Legt euer Gemüt ab das konnte auch heißen Meidet die Vorstellungen Gebt
keine Gelegenheit euch zu fassen
    Das musste dem Publikum Angst einjagen es abhalten zu kommen
    Der Dr Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit begann der
Sache zu schaden Und erreichen der Polizei gegenüber konnte er doch nichts
Sie hatte die Macht Sie hatte vom Staat die Befugnis zu säubern Und wenn man
Sauberkeit Ordnung und Rechtlichkeit anerkannte dann musste man auch die
Polizei anerkennen
    Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang es den
Besuch ein wenig zu heben
    Neben herausgebügelten Bauernweibern die in der Stadt ihre Einkäufe
besorgten saß ein französischer Invalide dem beim Aufstehen die Krücken
fielen Neben dem Seifensieder den die Reklameaufsätze der Zündschnur angelockt
hatten saß eine brotlose Köchin voller Entschluss unsittlich zu werden und
sich im Varieté den entscheidenden Stoß zu holen
    dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhohe Rechnungen über
gehabte Extraschnitzel Hähnchen Schnecken der Damen Raffaëla und Lydia die
unter Nichtbegleichung der Zeche Knall und Fall abgereist waren
    Man trat im Krokodil jetzt auf in Jennys neuen Orangekostümen
    Es war eine Sensation
    Jenny in diesem Matrosenkostüm sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen Rosas
gemässigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrückten Waden wie gedrechselt
aus einem Stück ohne Gelenke und Knöchel Die Spatzenbeine der Soubrette gaben
der Linie der drei Chanteusen einen wenigstens in der Perspektive harmonischen
Abschluss
    Interessanter wurde das Bild wenn die drei Damen sich dann vorn Profil her
boten
    Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier
Da gehn die Mädchen hin
Da sitzt der Jüngling drin
Da ists wohin sich alles zieht
Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach Die hinterste Hosennaht der
Matrosenkostüme prall ausgefüllt mit Unterwäsche schwankte zuckte zackte
    Losmarchierten die drei mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender
Eleganz
    Aber es war kein Erfolg Und das hatte weniger ästhetische als moralische
Gründe
    Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht
länger ihre Renommee aufrechtzuerhalten Die Hochachtung schwand Der Respekt
der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung Man kam dahinter dass die
Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war
    Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus In früheren
Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben
Noch jetzt fand man unten am See wo die Zirkusse standen bei eifrigem Suchen
und zufälligen Gängen Kupferund Silbermünzen die beim Wegschleppen der Gelder
zu Boden gefallen waren
    Es stellte sich auch heraus dass Lydia und Raffaëla keineswegs Artisten von
Kindesbeinen auf waren Artisten die gewissermaßen schon an der Mutterbrust in
Spagat ausbrachen Im Gegenteil Frau Scheideisen war Hebamme gewesen eh sie
zum Zirkus ging und sich Donna Maria Josefa nannte
    Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf mühevoll Renommee und
Distanz zu wahren
    Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde Lydia ging auf in der
Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten
    »Ach mein Emil ach mein Emil« jammerte sie und die Tränen standen ihr in
den Augen
    Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn Die Augen flossen ihr aus
    »Ach Emil ach Emil wer hätte das denken können«
    Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer
herunter während der Vorstellung um sie den Gästen zu zeigen
    »So hat er ausgesehen Das ist er Ach mein guter Emil Sie haben ihn
sicher schon totgeschossen«
    Und wenn sie dann die Photographien ansah  da stand Emil Leporello
freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs den Arm in die Seite gestützt
die Beine übereinander geschlagen  und sich vergegenwärtigte wie er zerhackt
und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Frass überlassen
dalag und nach ihr rief Lydia hierher zu mir dann brach ihr das Herz
Herunter hing ihr der Unterkiefer herunter hingen ihr die Augenlider die Arme
Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase Ausbrach sie in lautes
Heulen und war untröstlich
    Umsonst versicherte man ihr er sei gewiss noch in der Kaserne und wer weiß
ob er jemals wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne
hinauskomme in den Schützengraben
    Kein vernünftiges Wort verfing Kein Scherzwort genügte ihr Sie hatte genug
von der Welt Dem Hauptmann wollte sie schreiben hinreisen zu ihm sich
niederwerfen vor ihm sich ihm anbieten zu jeder Schmach wenn er ihr nur ihren
Emil wiedergebe Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt eine
Nivellierung innerhalb des Ensembles
    Ja die Apachenpartei die unter empfindsamen Regungen weniger litt gewann
langsam wieder die Oberhand
    Monsieur Henry der Ausbrecherkönig beherrschte jetzt völlig die Rolle der
Zeugin Emilie Schmidt Und Herr Piener der Schlangenmensch unter dem
überragenden Druck der Begabung Leporellos nicht länger leidend arbeitete sich
unter täglichen Trainagen und Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder
in den Vordergrund
    Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles
als man dahinterkam Flametti habe einen Prozess und als man erfuhr um was für
einen Prozess es sich handelte
    »Kinder« rief Raffaëla und ein Licht ging ihr auf »habt ihr gehört was
der Alte für einen Prozess hat Verführung Minderjähriger das Schwein Soll man
das glauben Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute«
    Sie setzte sich  es war im Zimmer des Pianisten und der Soubrette  und
ließ die Hand auf die Tischkante fallen
    »Das ist nichts Neues« meinte Bobby der für Laura Zigaretten besorgt hatte
und den fadenscheinigen Wollschal der ihm von der Schulter gerutscht war über
die Schulter zurückwarf »Schon in Bern hat er mit denen was gehabt bevor sie
noch zu uns kamen«
    »Ja Kinder das ist ja die Höhe« rief Raffaëla in ihrer emphatischen
Weise »Die stecken ihn ja ins Zuchthaus Was machen wir nur«
    »O jeh« winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge Sie
wusste noch ganz andere Dinge Aber sie wollte nicht reden
    Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer
    »Hm so was« sagte sie und nickte sorgenschwer »Das ist doch ein Skandal
Der alte Esel«
    Man wohnte jetzt im Krokodil Lydia Raffaëla und Lottely der Pianist und
die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel Zu den Mahlzeiten ging man
hinüber in Flamettis Wohnung
    Herr Meyer kam zurück von der Bibliothek Er arbeitete noch immer an seinem
Apachenstück
    »Vor allem eins« sagte er »Ruhig Blut Ich habe das lange kommen sehen
Schon in Basel Es ist mir nichts Neues Im schlimmsten Fall machen wir selbst
ein Ensemble Wir sind eins zwei drei vier fünf sechs Leute die alle etwas
können Engel macht seine Ausbrechernummer Bobby macht den Schlangenmenschen
Sie beide tanzen Ich spiele Klavier Es müsste doch mit dem Teufel zugehen wenn
wir keinen Erfolg hätten Außerdem habe ich ein Apachenstück geschrieben
glänzend Das führen wir auf Aber Diskretion«
    Damit waren alle einverstanden Leise sprach man denn die Wände im Krokodil
waren dünn wie Papier Lattenverschläge waren die Zimmer mit Tapeten bezogen
Meterlange Risse klafften hinter den Betten Und wenn ein Bekannter Flamettis
etwa der Hausknecht zufällig horchte war man verkauft und verraten
    Nur Engel hatte Bedenken Ihm war die Karriere verleidet
    »Nein nein« sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft »ich habs
satt Ich mache nicht mehr mit Mich müsst ihr streichen«
    Und sei es nun dass er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte oder
die Luft zu brenzlich fand oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum
Friedhofsdieb er lehnte ab gab es auf verzichtete auf seine Mitwirkung
    Meyer war überrascht
    »Das ist unmöglich Engel Das tun Sie uns nicht an Das geht nicht«
    Aber Engel zuckte die Achseln
    »Ich hab ja ein wenig Geld auf der Kasse Ich brauche nur zu schreiben und
fünfhundert Franken sind da Ich kann mich beteiligen Aber nein nein Ich hab
keine Lust mehr Ich nehme eine Vertretung an Ich habe Beziehungen«
    Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche Darauf stand Original
Ideal Perplex und SimplexMühlen Schrot und Mahlmühlen für Zerkleinerungen
jeder Art Plupper  Ko Vertretung
    Und spuckte aus die Zunge über den Zähnen und ging mit vermiestem völlig
desillusioniertem Gesichtsausdruck die Beine schlenkernd durchs Zimmer
    »Da ist nichts zu machen« bedauerte Meyer
    Er legte Engel die Hand auf die Schulter sah ihm tief in die Augen und
sagte
    »Na schön Engel dann nicht Aber bleiben Sie uns gut Freund«
    »So weit es an mir liegt« versicherte der und reichte dem Meyer zitternd
vor Ergriffenheit die Hand »ein Mann ein Wort«
    Flamettis Prozess war binnen kurzem stadtbekannt Und wie es zu gehen pflegt
wenn eine solche Sache publik wird man zog sich zurück von ihm nahm Partei
gegen ihn fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt Man verurteilte
ihn
    Im Intelligenzblatt erschien ein Brandartikel Moderne Sklavenhalterei worin
Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare Geschäfts und Familienpraxis ans Licht
gezerrt wurde
    Ein Direktor der zugestandenermassen nichts von Gesang versteht hieß es in
jenem Artikel dessen Verfasser keinen Anspruch erhob als Autor genannt zu
werden ein Direktor der zugegebenermassen nicht das leiseste
Tonunterscheidungsvermögen besitzt hält sich eine Anzahl Gesangselèven denen
er seine sauberen Künste beibringt Gesangselèven die er zugleich als
Dienstboten benutzt die er zwingt ihm zu Willen zu sein und denen er doch als
Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt
    Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich wenn man die
Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei diese Brutstätten des Elends
aufsucht In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der
Lasterquartiere und Dirnenviertel Ein Absteigequartier dient als Schauplatz
wilder Gelage als Treff und Versammlungspunkt wo man die Beute verspielt
Mädchenhändler und Bauernfänger Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein
Stelldichein Und der Direktor preist seine Ware an Wahrlich es ist an der
Zeit dass die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert
    So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war so
wusste doch jeder dass der Artikel auf ihn ging
    Beim großen Artistenfest in der Weißen Kuh reichte man sich den Artikel von
Hand zu Hand ein klebriges Heiligtum mit verständnissinnigem Lächeln und
unterdrücktem Gezwinker
    Da war besonders Herr Köppke Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei
Ferrero der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität
    »Schweinerei von dem Menschen« erklärte Herr Köppke mit der Resonnanz eines
Gemeindesängers »Blamage für unseren ganzen Stand Die Konzession werd ich ihm
entziehen lassen Seinen Ausschluss aus dem Klub werde ich beantragen Das geht
doch zu weit«
    Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge Edelstein deren Logenbruder
auch Flametti war
    »Haben Sie schon gelesen« sagte Herr Köppke und steckte Meyer das
Intelligenzblatt zu »Lesen Sie mal«
    Und Herr Meyer las und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinen Platz
zurück
    Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der
Rabenschmiede einige Tage später dass zwei Tische und drei Stühle in Trümmer
gingen sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen die der Beizer der
Rabenschmiede aus seinem Privatbesitz zur Ausschmückung des Lokals herangezogen
hatte
    Das Renommee Flamettis ging flöten Langsam aber sicher
    Noch hatte er viele Freunde und seine treueste Helferin war Mutter
Dudlinger die ihm stets lächelnd im Hintergrund heimlich die Stange hielt
    Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich
    Noch konnte er auftrumpfen sich sehen lassen wenn das Geschäft auch
täglich schlechter ging
    Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter
Dudlingers Wohnung eindrang wobei Herr Engel in knapper Not durch das
Lokusfenster über die Dächer entkam da schloss Mutter Dudlinger die offene Hand
und versagte
    Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen
    Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache In der
Garderobe saßen sie herum wenn das Klingelzeichen längst gegeben war Sie
beeilten sich gar nicht sonderlich sich zu schminken noch legten sie Wert
darauf pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen Herr Meyer war gezwungen von
Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu spielen Andere Nummern mussten eingeschoben
werden weil Raffaëla mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt
weil Lydia zum Kakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am
Anzug die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt hatte
    Sie aasten ganz offensichtlich Flametti zum Trotz Sie tanzten ihm auf der
Nase
    Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte nahmen sie
wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln Doch sie vergaßen dann ganze Reihen
zu kassieren tauschten Späße mit den Gästen und schienen auf alles andere eher
bedacht als auf gute Kassierung
    Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten die Flametti ihnen zu
bieten hatte
    Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee Flametti und Jenny
schliefen dann noch
    Sie drangen in die Küche schoben die blöde Rosa beiseite und durchstöberten
Kisten und Kasten nach Honig Gelee und Butter Was ihnen bei solcher Razzia in
die Hände fiel aßen sie auf
    Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht Die stopften sie voll Brot
Kaffee und Gelee dass der Mund des Kindes aussah wie ein Kleistertopf
    Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein rasch
unverschämt und gefrässig
    Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier Kaum erschien die Platte
mit Fleisch oder Gemüse so hatte sie schon die Gabel oder den Löffel zur Hand
und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte ging leer aus
    Sie aßen systematisch überzeugt mit Absicht Sie aßen als gelte es Vorrat
zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron der ihnen durch seinen
ganzen Prozess durch sein ganzes schuldbewusstes Benehmen die Überzeugung eingab
es komme nun nicht mehr drauf an Rücksicht walten zu lassen
    Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen Flametti und
drohte klug »Du du« schlug mit dem Suppenlöffel auf den Tisch dass die Körner
der Reissuppe spritzten schnellte sich in unbewachten Momenten mit beiden
schmutzigen Schuhchen auf dem gebürsteten Plüschsofa hopsend und krähend warf
die große steinerne Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauss um hinter der Tür
heulte und quäkte
    Mutter und Tante aßen ruhig weiter in wetteiferndem Tempo unbekümmert
sachlich eilig wie Harpyen deren Geschäft es ist möglichst viel Frass zu
schlucken und zu verdauen
    Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eine
Geigerin kam ins Haus eines Tags um Probe zu spielen
    Leider sie war nicht geschaffen fürs raue Leben Von einer gottergebenen
Friedlichkeit war sie und Naivität Hatte bis dato ihr Brot verdient durch
Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen und Spelunken der Fuchsweide
    Erst war sie mit dem Ziterkasten gegangen allabendlich Dann hatte sie das
Violinspielen gelernt
    Bleichsüchtig und hager von einer rührenden Gottseligkeit war sie Sie säen
nicht sie ernten nicht und doch ernähret sie der Herr
    Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes Nachtlager
gegeben wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf der Straße irrte
    Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt ein Lehrerinnentyp
    Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos
freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument dass man ihr wirklich
nicht böse sein konnte
    »Soll ich mal was spielen« fragte sie harmlos
    »Ja fiedel mal los« sagte Raffaëla
    Aber die GeigenMarie genierte sich
    »Draußen in der Küche« sagte sie forsch
    Und sie ging hinaus in die Küche öffnete den Schalter damit man auch
drinnen etwas hören könne und dann spielte sie los Stille Nacht heilige
Nacht oder Behüt dich Gott es wär so schön gewesen oder Die Rasenbank am
Elterngrab
    Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an als
wolle sie fragen
    »Na wie wars Schön nicht wahr«
    Aber Lydia meinte
    »Komm mal her Was hast du denn da für ein Fähnchen« und zog ihr ein
kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz
    Lydia war neugierig wie ein Tier beschnupperte sie federte sie ab
    Den Brustlatz knöpften sie ihr auf Ihre Strumpfbänder sahen sie nach den
Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den Fingern
    »Ja« meinte Raffaëla bedenklich »wenn du zu uns ins Ensemble willst da
musst du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper Zeig mal her«
    Und die Geigerin immer freundlich lächelnd ein Sonntagskind zog sich aus
und zeigte ihre Beine
    Raffaëla krähte vor Vergnügen
    »Ja das ist ganz gut« sagte sie »bisschen mager aber es geht schon
Kannst du auch tanzen«
    Nein tanzen konnte sie nicht
    »Musst du noch lernen Eine Tänzerin brauchen wir Fiedeln kannst du
nebenbei«
    Marie war argwöhnisch geworden
    »Ihr macht Spaß mit mir« sagte sie ein wenig rau und erkältet
    »Nein nein« versicherte Raffaëla »das ist bei uns anders als bei der
Heilsarmee Bei uns gibt es Kavaliere Lebewelt Da muss man herzeigen was man
zu bieten hat«
    Flametti fühlte sehr wohl dass die Frivolität dieser Szene nur gegen ihn
gerichtet war dass man sich lustig machte
    Auf dem Sofa saß er dunkel vor Wut und Scham und biss sich die Lippen
    »Zieh dich an« sagte er zu der Geigerin »Du spielst sehr gut Mancher wär
froh wenn er so spielen könnte Kannst heut abend in die Vorstellung kommen
und dir mal ansehen was wir machen Wenn du Lust hast kannst du den Herrn
Meyer begleiten zum Klavier«
    »Das ist wohl zu schwer« meinte Marie
    »Ja dann ist nichts zu machen« bedauerte Flametti »dann kann ich nicht
helfen«
    »Tut nichts« lächelte die Geigerin »dann geh ich wieder in die
Wirtschaften und spiel auf«
    Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein
    Einige Tage später als Flametti die Gagen auszahlen wollte entdeckte er zu
seinem Schreck dass Quittungen über à conti die er an Raffaëla Lydia und Bobby
ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte aus seinem Quittungsblock verschwunden
waren
    Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt dass
an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen
    »Das ist doch die Höhe« rief Jenny ganz in Raffaëlas Weise »das ist doch
die Höhe Max du zahlst ihnen nichts aus bis sie die Quittungen wieder
beigeschaft haben Du zeigst sie an Das ist Einbruch Sie haben die
Tischschublade aufgebrochen Sie wollen den Verdacht auf den kleinen Bobby
lenken Sie haben einen Dietrich gehabt Das sind Verbrecher Das lässt du dir
nicht bieten«
    Aber Flametti lächelte bitter und verlegen »Wer kanns ihnen beweisen Die
Quittungen sind fort Ein Esstisch ist kein Kassenschrank Vielleicht hatte ich
nicht abgeschlossen Vielleicht hab ich selbst die Blätter in der Aufregung
herausgerissen Lass nur Die paar Franken tuns auch nicht«
    Und er zahlte die vollen Beträge aus
    Am Abend aber in der Garderobe als er sich Maske schminkte und mit der
Soubrette allein war drängte es ihn doch sich auszusprechen
    »Wissen Sie Laura es liegt mir ja nichts an den paar Franken Aber das
hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern«
    Fräulein Laura saß vor dem langen Schminktisch auf dem die
Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der Puderquaste die
Nase
    Flametti stehend Laura den Rücken zugekehrt zog sich ein wenig
unbeholfen Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe
    Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück den MissouriStep
spielen
    Flametti kam auf seinen Prozess zu sprechen
    »Wissen Sie« meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe »das ist ja
ganz anders als die alle glauben Das weiß ja meine Alte selbst nicht«
    Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde
    »Mit der Traute das stimmt Aber mit der Güssy  schon in Bern  das war
ein Gewaltsakt Wenn man dahinterkommt gehts mir nicht gut«
    Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meiers MissouriStep
    Laura sprang auf und horchte über das Teppengeländer hinunter
    »Haben noch Zeit« meinte Flametti
    Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los
    Fräulein Laura eilte zurück zur Schminkschatulle
    Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf
    »Jenny versucht ja alles Sie schafft Geld und sie hat sich ihre Aussage so
zurechtgelegt das man den beiden nicht glauben wird  Wenn der Schwindel
glückt «
    Er selbst schien nur halb dran zu glauben Trotzdem konnte er sich nicht
verkneifen ein wenig zu renommieren Im Indianerkostüm gings wohl nicht
anders
    »Man kennt mich zu gut Weiß dass ich ein Gewaltsmensch bin wen man vor
sich hat und dass es nicht so glatt abgeht wenn man mir an den Kragen will«
    Er stellte sich in Unterhosen den Speer zurecht
    »Achtzehn war ich alt  in Bern mit ein paar Kollegen  einen ganzen
Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit das Fundament
weggegraben Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel in die Aare «
    Er sah sich vorsichtig um ob es auch keinen Zeugen gäbe und lachte
belustigt
    »Das war ein Gezeter Das hätten Sie hören sollen«
    Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein
    Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf Als die Erzählung aber nicht
weiter ging komplizenhaft und verkniffen
    »Diese Mädel natürlich Unschuldig sind die auch nicht«
    »Ob die unschuldig sind« blies Flametti durch die Nüstern und langte sich
den Kitt für die Nase »Ich soll die Weiber nicht kennen Mir muss mans sagen«
    »Na also« meinte die Soubrette und beeilte sich fertig zu werden »Wenn
sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift «
    Und ordnete ihre Turnüre
    Drunten im Lokal widerholte Herr Meyer zum zweiten Male den Mittelsatz des
MissouriStep
    Flametti setzte den Kopfputz auf strich sich mit beiden Händen über den
Perückenansatz
    »Das ist es ja nicht« zwinkerte er »sie hat geschrien Sie hat sich
gewehrt Und gerade das hat mich gereizt verstehen Sie«
    Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante
    Die Soubrette verstand Und nickte bedenklich
    »Haben Sie einen Anwalt«
    »Selbstverständlich« lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der
Kniebeuge er musste sich bücken um in den Spiegel sehen zu können
    »Na also« griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel »was kann da
geschehen«
    Von unten ertönte das Klingelzeichen
    Die Indianer zogen nicht mehr Das Publikum war wie verändert Was ihm
früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war hielt es jetzt für
Zynismus
    Wie doch Dieser Flametti der allen Grund hatte sich zu ducken der solche
Sachen auf dem Kerbholz hatte setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln
hinweg Spielte die Indianer und machte sich lustig Was für eine sittliche
Verrohung in dem Menschen Was für eine unerhörte Missachtung der Rücksichten auf
die Gesellschaft Soviel Taktgefühl musste man haben einzusehen dass die
Aufführung dieser Indianer unter sotanen Umständen kompromittabel war für die
ganze moralische Tradition der Fuchsweide Nein nein das ist Freibeuterei das
ist Lästerung So sind wir nicht Da tun wir nicht mit Man verschone uns
    Flametti fühlte wohl dass man sich zurückzog von ihm dass er umsonst sein
Talent ausspielte Es verfing nicht mehr Die russischen Freunde Fräulein Lauras
waren die einzigen Gäste die noch immer klatschten wenn er mit Augen
blutunterlaufen vor ästetischer Anstrengung auf der Bühne lächelnd seine
Feuerund Fakirnummer absolvierte die ihn einluden Platz zu nehmen wenn die
Nummer vorbei war und er an ihrem Tisch stehend mit souveränsalopper
Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des
Petroleums wischte das er in langen brausenden Flammen einem Höllenfürsten
vergleichbar ausgespuckt hatte
    Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch Ein Pyromante und Sadist war
er von Natur Und wenn er ein wenig angetrunken oder berauscht von Opium
darauf verzichtete das Petroleum das ihm vom Mund tropfte abzuwischen dann
schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein der
gemischt mit Trauer und Melancholie jenen Sendboten der Hölle eignet die in
Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind
    Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger um
Auskünfte Recherchen und Feststellungen
    Flametti an unbehelligte Freiheit gewöhnt riss die Geduld
    Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts Eingriffe in
seine Familienehre Das Misstrauen der Polizei kränkte ihn
    »Sie kujonieren mich Sie kuranzen mich« schrie er im Jähzorn »Ich schlag
sie tot diese Hunde Das ist mir zu viel«
    Und er beschloss ihnen aufzulauern im Hausflur und den ersten besten der
seine Schwelle übertreten würde zu erschlagen
    Mit einem kopfgrossen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti um dem ersten
besten der sich blicken ließe den Schädel zu zertrümmern
    Und als man ihm sagte »Flametti die Polizei kommt« eilte er in die Küche
trotz Jennys Geschrei packte den Stein und lief die Treppe hinunter
    Jenny stand oben am Treppengeländer entsetzt einer Ohnmacht nahe und
hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu Mutter Dudlinger schnaubte und bebte
    Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers den Flametti am Kragen gepackt
in den Hausflur schleppte Ein Missverständnis ein Irrtum Die Verwechslung
klärte sich auf
    Mutter Dudlinger stand lächelnd mit brennender Kerze Jenny atmete auf
»Ach Max hast du mir einen Schreck eingejagt«
    Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man saß oben in Flamettis
Stube zu vieren und feierte Bruderschaft
    Ein alter eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast gemütlich
breit keine Spur von Spitzel oder Detektiv das Gegenteil davon ein
weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliatstirn
    Auf streifte er seinen Hemdärmel ballte die Faust eine Seele von Mensch
und ließ den Muskel schwellen
    Flametti tat das gleiche So saß man sich gegenüber auf dem Kanapee und sah
sich voll trunkener Sympatie tief in die Augen
    Anstiess jener dass der Wein überschwappte und rief mit völkischer
Urwüchsigkeit
    »Prosit Flametti«
    Mutter Dudlinger aber die ihn liebte in ihrer Seele setzte sich auf seinen
Schoss brünstigen Gemütes und umhalste ihn Und ihr Speck hing über seine
breiten Schenkel in vollen Schwaden
Wer nicht liebt Wein Weib Gesang
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang
Jenny war keineswegs gewillt die Dinge gehen zu lassen wie sie gingen
    Sie beschloss strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und auch
zu Hause Kontenance zu bewahren Ihre Massnahmen richteten sich zunächst gegen
Fräulein Teres
    Fräulein Teres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füßen litt
unter der Kälte furchtbar
    Schon als die Herrschaft in Basel war saß Fräulein Teres in stillen
Stunden weinend in der leeren Wohnung für deren Heizung man ihr kein Geld
schickte und gedachte trauernd der Maienzeiten da sie mit Löckchen und
Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstrasse zu München und selig verliebte
Blicke den jungen Herren zuwarf
    Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen Fräulein
Theresens Gesicht war lang geworden ihre Nase spitz ihre Augen grell Die
Jahre die so himmelblau und sommerlich begonnen hatten sich verschwärzt
    Ein verschwärztes Mädchen saß Fräulein Teres in der verlassenen Stube
wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war
    Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Teres rauchte
Stumpen den Arm auf den Tisch gestützt die müden Glieder nur mit Seufzen
hebend wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein neues
ZwanzigcentimesStück in den Automaten werfen musste
    Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre schleppte
Fräulein Teres mit in ihren Röcken Und jetzt gönnte man ihr sogar das Bier
nicht mehr und die Stumpen
    Eine Erbitterung überkam Fräulein Teres und sie beschloss selbst wenn sie
täglich geschumpfen würde ihren Gliedern eine strengere Leistung nicht mehr
zuzumuten
    Was konnte geschehen Mochte man sie wegschicken Irgendeine Lebensfreude
muss der Mensch haben Die Zigaretten ihrer Jugend hatte sie sich abgewöhnt Auf
die Stumpen ihres Alters würde sie nicht verzichten Nie und nimmer Zuletzt
blieb immer noch eine Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim Sie
verdiente das Sie hatte sich redlich geschunden
    Und wenn Jenny ihr dann vorhielt
    »Teres wir müssen früher aufstehen Teres ich kann keine Bierschulden
mehr für sie zahlen« dann gab Fräulein Teres gleichgültig brummend und grob
zur Antwort
    »Ja dann müssen wir Kohlen haben damit ich einheizen kann Ja dann kann
ichs nicht mehr schaffen ich bin krank« und die roten Tränen rannen ihr über
das alte lange Gesicht
    »Max« sagte Jenny »das geht so nicht mehr Die Haushaltung verschlampt
mir«
Der Prozess war Jennys geringste Sorge Das würde sich schon arrangieren lassen
Sie war der begründeten Meinung dass in der Fuchsweide viel ärgere Sünder
ungeschoren ihr Wesen trieben
    »Mach dir keine Sorge« sagte sie zu Max »der Ferrero hat ganz andere
Sachen hinter sich Und der Pfäffer  was der für eine Wirtschaft hatte Ich
weiß doch Ich war doch Soubrette bei ihm Die reine Haremsagentur nach
Konstantinopel Das sind ja Falschspieler alle durch die Bank Seine Lehrmädels
müssen mit den Metzgerburschen anbändeln damit er das Fleisch gratis hat Das
sag ich dir wenn wir reinfallen die ganze Fuchsweide lasse ich hochgehen«
    Behaupten musste man sich Respekt und Vertrauen einflößen Zu Hause und im
Ensemble Dann würde man vor Gericht schon sehen
    Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht der zunächst das Vertrauen der
Zirkusartisten wieder gewinnen sollte und der auch seine Wirkung nicht
verfehlte
    »Kinder« verkündigte sie eines Tags in der Garderobe »nächstens gibts
eine Gans Mein Alter spendiert eine Gans«
    Das wirkte wie eine Brandbombe
    »Eine Gans« fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen herum als
hätten sie nicht recht gehört
    »Ja eine Gans« versetzte Jenny mit Zier und äußerster Delikatesse »eine
Gans« und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten indem sie mit
beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von Daumen und Zeigefinger
Engelsflügel in der Luft bildete »Piekfeine Sache Oh das Gänsefett Das
Kastanienfüllsel Oh die knusprigen Schlegel und die Brust und die
Gänseleberpastete«
    Jenny wusste die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort weidenden
Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen dass Lydia die gerade die tränenbenetzte
Photographie ihres Emil am rechten Schenkel der übereinander geschlagenen Beine
abgewischt hatte den Arm sinken ließ und träumerisch verzückt an Jennys Augen
hing
    »Nein Jenny sag wirklich gibts eine Gans«
    »Werdet schon sehen« tat Jenny geheimnisvoll
    Da konnte man denn so recht sehen wie solche Bravourstücke einer aufs
Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung verfehlen
    Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage Um den Finger konnte
man sie wickeln Pünktlich wurden sie wie Normaluhren Zahm wie Tauben
    Ja der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn
    »Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement«
    »Oh danke sehr gut Verpflegung vorzüglich Alle drei Tage Geflügel Das
Geschäft geht famos Heute ausnahmsweise schlechtes Haus Aber sonst glänzend«
    So und ähnlich sprach man im Krokodil und in der Umgebung des
Künstlertischs
    Ja Donna Maria Josefa alias Frau Scheideisen und Herr Farolyi erfuhren
von der Gans
    »Na stehts doch nicht schlecht mit dem armen Flametti« meinte Herr
Farolyi »wenn er sich noch Geflügel leisten kann Kinder der hat gewiss Geld
auf der Kasse War ja ein Bombengeschäft damals die Indianer«
    Und eines Tags kam sie denn auch wirklich die Gans aus Rapperswyl Weiß
ohne Kopf Klauen und Federn lag sie auf einer Schüssel
    »Sehen Sie mal Laura schöne Gans was  Aber die kriegen nichts davon«
deutete Jenny gegen die Treppe über die Lydia und Raffaëla kommen mussten »Die
sollen sich mal trompieren«
    Und die schöne Gans die fette Gans die Riesengans wurde gebraten und lag
nun hübsch gebräunt und knusperig förmlich zerblätternd vor Knusprigkeit auf
derselben Schüssel verschlossen im Büfett
    »Laura« sagte Jenny abermals »glauben Sie die kriegen was davon« Und
zeigte wiederum zur Treppe »Nicht das Schwarze unterm Nagel Geben Sie acht
was die für Gesichter machen werden Das wird ein Fez Jawohl Gans Husten
werd ich ihnen was«
    Als aber Raffaëla und Lydia kamen öffnete Jenny das Büfett wie man das
Triptychon eines Altars öffnet
    
    »Seht her« sagte sie »die herrliche Gans« Und sie nahm die Schüssel aus
dem Schrank und hob sie hoch wie Salome die Schüssel mit dem Haupt des
Jochanaan hochhob und Raffaëla schrie auf
    »Aehhh die Gans«
    Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch auf die Schüssel
zustürzend und sie umtanzend
    Lydia aber überkam es wie Verklärung In den nächsten besten Stuhl sank sie
    »Die schöne Gans« hauchte sie ganz versunken und verträumt mit gefalteten
Händen und gottergebenen Augen »Wann wird sie gegessen« Und ihr Unterkiefer
bebberte gierig und erregt wie einer Katze das Maul zittert wenn sie den
Kanarienvogel sieht
    Jenny weidete sich an der Qual der Opfer
    Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib die alle
Anstalten machte in den Besitz der Gans zu kommen
    »Wann wird sie gegessen Wann wird sie verzehrt Wann wird sie verspeist«
rief nun auch Raffaëla
    Lydia saß noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen
    Und Jenny amüsiert grausam pervers
    »Vielleicht morgen Vielleicht übermorgen Vielleicht schon heute nacht Je
nachdem«
    »Wieso heute nacht« dehnte Raffaëla betroffen
    »Nun« sagte Jenny ganz grande dame »vielleicht kommen ein paar Freunde
von mir und meinem Mann und wir feiern einen kleinen Abschied«
    »Aehhh« rief Raffaëla »wir kommen auch Wir kommen auch«
    Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden Emils gedachte sie beim
Anblick der Gans dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand dieses
Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt Ihres fernen
Emils gedachte sie und glücklicherer vergangener Zeiten Salzige Tränen rannen
ihr über die schlaff geweinten Wangen 
    Gelang es Jenny auf diese Weise den am Verfall sich mästenden Zynismus der
beiden Scheideisen zu knebeln so sah sie doch ein dass damit nur die Hälfte der
Arbeit geleistet war
    Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles Herr Meyer
dieser Idealist dem es nicht passte dass Flamettis Flagge auf Halbmast wehte
der sich ganz persönlich betroffen fühlte von Flamettis Fehltritt und seinem
Verzicht auf ein erstklassiges Renomee
    Fräulein Laura die gewiss an dem Meyer schürte weil es sie juckte selbst
die Direktorin zu spielen an der Kasse zu sitzen und das Geld einzuheimsen
statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln
    Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung die man im Krokodilen
geschmiedet hatte
    Freilich musste der Meyer sich einbilden er könne so gut wie Flametti ein
Varieté aufmachen Was war leichter als das
    Freilich glaubte diese Laura sie kenne den verstohlensten Geschäftskniff
weil es ihr gelungen war Jenny den Seidel  Sohn auszuspannen
    Aber sie sollten sich verrechnet haben
    »Bis hierher und nicht weiter« sagte sich Jenny »Wenn sie weggehen sind
wir pleite«
    Max dieser gutmütige Taps merkte ja nichts Wenn sie Jenny nur ein Wort
gegen diesen Meyer sagte fuhr er sie an wie ein böses Tier Auf den Meyer ließ
er nichts kommen
    Sorgfältig ging Jenny zu Werk
    Zunächst kaufte sie sich den Engel
    Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt hatte
fragte sie ihn eines Abends geradezu
    »Du Engel sag mal was ist das eigentlich mit dem Ensemble das der Meyer
vorhat Brauchst dich nicht zu genieren Kannst es frei heraussagen«
    Engel wurde sehr verlegen
    »Was weiß ich von einem Ensemble« stotterte er »Da weiß ich nichts von«
Und harmlos »Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben Herr Meyer und
ich «
    »Mach mir nichts vor« unterbrach Jenny ihn streng »Das haben wir nicht
verdient um dich dass du uns jetzt so kommst Du wirst dich wohl erinnern was
du uns alles verdankst Immer ist man dagewesen für dich Nichts hat man auf
dich kommen lassen Du wirst dich wohl erinnern wie du zu uns kamst abgerissen
und ausgehungert Du wirst wohl wissen dass Max dich in der Hand hat Brauchst
bloß an die Annie zu denken Na davon spricht man nicht«
    Engel wurde noch verlegener Die Szene war peinlich Er rückte den Stuhl hin
und her den er oben an der Lehne gefasst hielt ließ ihn tanzen auf dem einen
Hinterbein
    »Jenny« sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten Barons den
die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten bis in die Retirade
seines Landschlösschens verfolgen »Jenny ich kann nicht  ich weiß nicht
 ich hab dir nichts zu sagen  ich weiß nicht was ich dir sagen soll
« Doch sich erinnernd »Ja gewiss es war wohl die Rede davon «
    Er räusperte sich »Ja ganz richtig Aber du weißt doch Bescheid Du kennst
doch den Meyer Bisschen litti titti«
    Als aber Jenny kurz abschnitt »Na schon gut Lass nur« da nahm er das für
ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde und bemühte sich zart abzuschließen
    
    »Mir könnt es ja gleich sein Was hab ich davon Ich hab ja abgedankt
Mir ist alles gleich«
    »Gut gut« sagte Jenny »streng dich nicht an Ich weiß schon Bescheid«
»Lena« sagte Jenny zu der früheren Pianistin als die einmal wieder zu Besuch
kam »du kommst gerade recht Jeden Moment kann die Soubrette kommen Die wollen
doch weg von uns Der Meyer will eine eigene Truppe machen Du sollst mal sehen
wie ich die ins Gebet nehme«
    »Wollte dir nur sagen« dienerte Lena »dass ich die zwei Unterschriften
mitgebracht habe Schon besorgt Hier ist die eine von meinem Mann hier die
andere von dem Leinvogel«
    Sie entfaltete zwei Papiere breitete sie auf den Tisch plättete sie mit
der Hand und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen abwartend an
    »Lass mal sehen« sagte Jenny Sie las »Gut gut Hast du gut gemacht
Sollst du nicht umsonst getan haben Komm trinkne Tasse Kaffee« Und sie goss
Kaffee ein
    Es klopfte Herein trat die Soubrette
    »Tag Laura« sagte Jenny
    »Tag Fräulein« sagte Lena versteckt
    Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt Geschenk ihrer russischen
Freundin und eine grüne Strickmütze von der ihr kurzgeschnittenes struppiges
Blondhaar vorteilhaft abstach
    Sie wollte Einkäufe machen Meyer treffen und für Jenny verschiedenes
mitbesorgen
    Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid
    »Setzen Sie sich Laura Trinken Sie doch ne Tasse Kaffee mit«
    Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich
    »Eigentlich habe ich Eile« meinte sie
    »Na setzen Sie sich nur« sprach Jenny ihr zu »behalten Sie Ihr Jackett
nur an«
    Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugiessen
    »Wir sprachen gerade von unsrem Prozess« begann Jenny Sie wusste dass es
zunächst darauf ankam der Soubrette das Heikle der Situation Flamettis
auszureden
    »Ja wir haben gerade vom Prozess gesprochen Jetzt ist es aus mit der Güssy
aus mit der Traute Jetzt können sie einpacken die beiden Sehen sie her da
haben Sies schwarz auf weiß« Und sie zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere
die Lena mitgebracht hatte
    Lena lächelte
    Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee schob ihre Mütze ein wenig zurück
und las
    Aber dann lächelte auch sie nicht unhöflich nur etwas ironisch und gab die
Papiere zurück
    »Glauben Sie dass das etwas nützen wird« fragte sie maliziös Die Wahrheit
der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres ein Auch schien sie
Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der unterschriebnen Persönlichkeiten
Lenas Gemahl war eben aus dem Gefängnis entlassen wo er für einen
Wellblechdiebstahl zwei Monate Aufenthalt hatte Der andere Herr Herr Leinvogel
war Laura nicht bekannt aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere
Notabilität
    Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt die Liebe der beiden
Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen besessen und
käuflich erworben zu haben
    Jenny riss der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand faltete sie
zusammen und lächelte
    »Ob das wirken wird Ob das nützt Da hat mans ja schwarz auf weiß was das
für Dämchen waren Und außerdem fechte ich ihre Glaubwürdigkeit an«
    Der Soubrette gabs einen Ruck Doch sie besann sich und parierte mit einem
mitleidigen Achselzucken
    Lena war sichtlich überrascht
    »Was heißt anfechten« nahm die Soubrette jetzt offen die Partei ihrer
Kolleginnen
    »So« schrie Jenny aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz »Ich
habe die Beweise«
    Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend »Die eine hat
einen Meineid geleistet Kann ich beweisen In meiner eigenen Stube Die andre
hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten denen sie Rippchen brachte  damals
war sie noch Kellnerin  ins Krankenhaus gebracht und drei Jahre Arbeitshaus
dafür abgesessen «
    Und da sie merkte das seien unwahrscheinliche Dinge so fügte sie bei »Von
Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen Aber was tut man nicht«
    Sie machte eine Pause um Luft zu schnappen und die Wirkung abzuwarten
    Lena lächelte ein Lachen das etwa besagte Siehst du wohl Nimm dich in
acht
    »Die sollen mir nur kommen« fuhr Jenny gefährlich fort »die sollen was
erleben Die habens nötig zur Polizei zu laufen Von wegen Unbescholtenheit
Von wegen Misshandlung«
    Sie war wütend All ihr Bemühen alle ihre plausiblen Gründe verfingen
nicht Ein neuer Beweis dass Komplotte geschmiedet waren Der Soubrette schien
es durchaus gleichgültig ob Flametti seinen Prozess verlor oder gewann Ja sie
schien bei Jennys heftigen Argumenten nur noch entschiedener abzurücken
Unerhört
    Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee
austrank und sich zu gehen anschickte da fühlte Jenny nicht nur dass der
Anschlag missglückt war sondern dass jetzt alles auf dem Spiele stand
    Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer Verteidigung
aufgedeckt Da es ihr nicht gelungen war sie zu gewinnen so konnte die Sache
gefährlich werden Der stärkste Trumpf musste heran Nichts durfte unversucht
bleiben die neue Truppe zu verhindern Der offene Verrat an Flametti musste die
letzten Freunde noch gegen ihn bringen alle Aussenstehenden überzeugen Das war
gleichbedeutend mit dem Ruin
    »Wissen Sie Laura« begann Jenny von neuem » bleiben Sie doch noch nen
Moment  wissen Sie schließlich ists ja egal ob wir den Prozess gewinnen oder
verlieren Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten Wir brauchten uns nur zum
Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die Indianer für großes
Varieté zu bearbeiten Es ist ja borniert von uns hier zu sitzen mit einem
solchen Schlager Deutschland wär wie geschaffen dafür Säcke voll Geld könnten
wir machen Aber das will mein Mann nicht Im schlimmsten Fall und wenn alle
Stricke reißen wird er ein paar Tage eingesperrt Aber dann sollen Sie mich mal
kennen lernen« Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch dass
die Tassen wackelten »Dann sollen Sie mal sehen wer ich bin«
    Laura stand unwillkürlich auf und zog sich vor ihrem Stuhle stehend ein
wenig zurück gegen den Spiegelschrank
    »Soll das eine Drohung sein« fragte sie nervös und ihre unterstrichenen
Wimpern flogen
    »Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun« rief Jenny mit einer
Handbewegung die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb
»Ich weiß Bescheid Ich verstehe was man mir gackst Bin nicht auf den Kopf
gefallen Eine warme Tasse Kaffee im Leib da gacksen sie alle Von wegen
Spionage Sie werden sich wohl erinnern wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer
Dass Sie dabei nicht ganz sauber waren haben Sie selbst gesagt Man renommiert
nicht mit solchen Dingen Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein Und von
wegen Sagefemme laufen Man kennt das Das lässt sich konstatieren «
    »Unverschämtheit« schrie die Soubrette »Das ist eine masslose Dreistigkeit
Was unterstehen Sie sich«
    Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank der ihre Erscheinung in
merkwürdiger Weise verdoppelte Ihr blondes Haar zischte Ihr schmaler Körper
krümmte sich vor Ekel und Abscheu
    »Ah Sie habens gar nicht nötig sich aufzuregen Man weiß Bescheid über
Sie Auch über Ihren Meyer Lassen Sie nur gut sein«
    »Geh Jenny regdich doch nicht auf« beruhigte Lena »wir haben sie ja in
der Hand Wir wissen ja Bescheid«
    »Was wollen Sie von mir Was können Sie mir nachsagen« schluckte die
Soubrette
    »Nun Ihr Herr Meyer  erinnern Sie sich mal  wo haben Sie denn gewohnt
bevor Sie zu Flametti kamen«
    Laura erinnerte sich wohl Sie wurde merklich blass und zitterte
    »Was geht Sie das an« rief sie und fuhr sich mit der Hand an den Kopf
    »Oh nichts Mich geht das nichts an Aber die Polizei vielleicht Sie
werden nicht vergessen haben womit Sie damals Ihr Brot verdienten und was Ihr
Herr Meyer dabei für eine Rolle spielte«
    »Ich reiße Ihnen die Haare aus Sie Miststück« schrie die Soubrette packte
jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her
    Jenny löste die beiden Damen
    »Na« sagte sie abschliessend »Sie wissen Bescheid Sie können sich ja nun
überlegen was Ihnen lieber ist Wir zwingen Sie nicht Es steht ganz bei Ihnen
 Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu besorgen Danke schön Tun Sie
nur was Sie nicht lassen können«
    »Gehen Sie nur zur Druckerei« assistierte Lena »lassen Sie Ihre Plakate
drucken Wir wissen schon dass sie Plakate bestellt haben Man hat nicht umsonst
seine Freunde«
    »Plakate bestellt« fragte Jenny die davon nicht einmal wusste »So so Na
das muss ich doch Max erzählen«
    »Adieu« rief Laura »ich habe nichts mehr zu sagen« Und damit schlug sie
die Türe zu
    »Alles nichts« sagte Herr Meyer als Laura ihn traf im Lohengrin »wir
müssen heraus aus dem Pfuhl Kann alles nichts helfen Wir haben sie ja in der
Hand Sie hat sich ja selbst verraten Du brauchst dich nicht aufzuregen Was
kann sie wissen von uns«
    Und sie begaben sich selbander zur Druckerei um nach dem Preis
beschlossener Plakate zu fragen
    An der Ecke aber beim Rudolf MosseHaus kamen ihnen entgegen Güssy und
Traute sehr frisch sehr wirsch und vertraut mit roten Backen in roten und
braunen Strickjacketts
    »Ah Laura Ah der Herr Meyer« riefen sie schon von weitem »wie gehts
Wie stehts Könnt ihr uns nicht brauchen Wir haben gehört ihr macht eine
Truppe«
    »Wo denkt ihr hin eine Truppe« warf Laura weit weg
    »Keine Spur« bekräftigte Meyer
    »Fesch seht ihr aus Geht euch gut was«
    »Oh« meinte Traute quick und bezüglich »uns geht es gut« und sie strich
sich in der gewohnten Weise den Busen herunter »wir finden schon was wir
brauchen«
    »Na das ist recht« meinte Herr Meyer praktisch Und Fräulein Güssy
versuchte mit schweren Augen sich in ihn versenkend seine Hand zu erreichen
    »Na und was macht der Prozess«
    »Oh« schnalzte Traute »er wird schon sehen Flametti was er angestellt
hat Er wirds schon erfahren Und sie auch diese Verbrechergustel Denen wird
man das Handwerk legen«
    Mehr schien sie für jetzt nicht sagen zu wollen denn sie schwenkte sogleich
über
    »Was macht denn der Bobby Netter Kerl war er doch Wie er sich ärgerte dass
ichs mit dem Flametti hatte Immer wollte er Geld von mir haben Und ich hatte
doch selbst keins«
    »Oh er hat sich getröstet« meinte Laura »Fünf andre seitdem«
    Herr Meyer wurde unruhig
    »Na Adieu« sagte Laura »wir habens eilig«
    »Adieu adieu« riefen die Mädels frisch
    Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander aber die Hand Fräulein
Güssys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer Ihr langer Arm glich einer
Rosengirlande die sich am Kleid verhakt wenn man vorübergeht
    Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam pfifferte er viel vor sich
hin wie es seine Gewohnheit war wenn ihn Unangenehmes heftig beschäftigte
    Er zerbrach Zündhölzchen zwischen den Fingern untersuchte die Leuchter am
Klavier untersuchte die Vorhangschnur kratzte mit der Stiefelspitze an
Papierschnitzeln die auf dem Boden lagen und ging auf und ab
    »Na Herr Meyer warum so ein finstres Gesicht« meinte er unvermittelt zum
Pianisten
    Der saß die Beine übereinandergeschlagen auf dem wackligen Klavierstuhl
blätterte in den Noten und nahm eine Zigarette die Flametti leger spendierte
    »Ah nichts« versuchte Meyer zu lächeln »kalt ists« und rieb sich die
Hände
    Es war viertel nach acht Langsam kamen die Gäste
    »Anfangen Die Leute kommen Vorspiel«
    Flametti machte Betrieb
    Und Herr Meyer begann Mysterious Rag indem er mit krampfhaft erhobenen
Adlerfängen die Füße in die Pedale gestemmt auf die Klaviatur loshackte
    An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe
    »Hören Sie mal Laura wie ist das eigentlich mit dem Ensemble das Meyer
plant Man sagt mir da alles mögliche Sie hätten sogar schon Plakate in Druck
gegeben Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wort gesagt dass ihr wegwollt
Ich habe bis jetzt keine Kündigung«
    Laura wurde verlegen Flamettis Ton klang befremdet aber nicht bitter
    »Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage Steht ihr was aus Seht
ihr denn nicht dass es unmöglich ist mehr Gage zu zahlen Sie sehen doch selbst
am besten wie das Geschäft geht Ihr könnts euch doch an den Fingern abzählen
was übrig bleibt Zehn Leute ernähren  glauben Sie nicht dass das einfach ist
Ich kann euch ja eine Kleinigkeit zulegen ab fünfzehnten Aber mehr kann ich
nicht tun Wenn Meyer will  ich mach ihn zum Regisseur Ich habe jetzt meinen
Prozess Meyer ist tüchtig Meyer ist still Meyer ist anständig Man hat Respekt
vor ihm Er kann mich vertreten Vertrauensstellung Vielleicht vergrößern wir
wenn erst der Prozess vorbei ist und teilen die Truppe Er kann die eine Hälfte
leiten ich nehme die andre Aber man muss sich doch aussprechen Ich kanns ihm
doch nicht am Gesicht ablesen Tut doch den Mund auf wenn ihr was zu sagen
habt«
    Die Soubrette schwieg
    »Jenny hat mir erzählt Sie wissen ja ich liebe meine Frau Sie übertreibt
manchmal das dürfen Sie nicht tragisch nehmen Ich weiß ja nicht was sie
gesagt hat Aber Herrgott Wir sind doch alle Menschen Man spricht sich aus
Man sagt sich auch einmal was ins Gesicht Aber man rührt sich doch«
    »Nein wissen Sie« tischte Laura jetzt auf »das war ein bisschen zuviel
heute nachmittag Das kann ich mir denn doch nicht sagen lassen Es ist ja
lächerlich sie tut ja als hätte sie uns auf der Straße aufgelesen Das geht
zuweit Das war eine Drohung So kann sie mich nicht behandeln Sie ist Ihre
Frau  gut Aber ich kann mich nicht ins Verhör nehmen lassen Sie können sich
nicht beklagen dass ich meine Pflicht nicht getan habe immer «
    »Und Sie nicht dass ich Ihnen nicht immer pünktlich die Gage zahlte dass ich
nichts auf euch kommen ließ «
    »Gewiss« sagte Laura »aber sie darf uns nicht mit Apachen verwechseln Das
sind wir nicht Spionin soll ich sein  und  und  von der Straße sprach
sie  und  und Sagefemme und das ist mir zuviel Das tu ich nicht Das
kann sie dieser Lena sagen«
    »Na Sie haben doch selbst erzählt dass Sie Nacktphotographien von sich
verkauft haben Dass Sie sich haben photographieren lassen« nahm Flametti
abweisend aber nicht unberührt die Partei seiner Frau
    »Wen geht es was an« zuckte die Soubrette und schluchzte
    »Wer hat mir was dreinzureden Wenn ich mich ausbiete auf der Straße wenn
ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe  wen geht es was an Kümmre ich
mich um andre Mische ich mich in die Angelegenheiten der andern Laufe ich zur
Polizei wenn man mir was anvertraut Mir hat Ihre Frau das Zehnfache
anvertraut Was hat sie mir alles vertraut Wollte ichs wissen Hab ich
Gebrauch davon gemacht«
    »Na das tun Sie ja auch wohl nicht« begütigte Flametti und streichelte ihr
Haar »So weit kommts ja wohl nicht Eine Hand wäscht die andere Ich hoffe ja
dass wir uns verstehen Wir werden ja keinen Gebrauch davon machen Und ich werde
auch mit Jenny sprechen Ist ja alles dummes Zeug Ihr habt eine Zukunft bei
uns Sagen Sie das dem Meyer Aber ich hasse dieses Hintenherum Das ist
Weibermanier Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter Ich weiß schon von
wem all diese Dinge kommen Ich werde dafür sorgen dass das ein Ende hat«
    Und Laura wischte sich die Tränen und stieg Rinnen im Schminkgesicht die
Hühnertreppe hinunter ins Lokal
    Am Klavier saß Meyer Er hatte soeben sein Zwischenstück beendet und machte
ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter
    »Was hast du mit Flametti gehabt« fuhr er die Braut an »wie siehst du aus
Ihr wart allein in der Garderobe Was habt ihr gehabt«
    »Nichts Lass mich«
    Raffaëla und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu
    Bobby meinte ungerührt »Ach Laura das muss man sich nicht so zu Herzen
nehmen« Zu gerne hätte er gewusst worum es sich handelte
    An der Kasse saß Jenny kalt und unnahbar grande dame vom Scheitel bis zur
Sohle
    Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur 
»Kinder« sagte Raffaëla nach der Vorstellung »die Nacht diese Nacht«
    Sie meinte die Nacht in der die Gans verzehrt wurde
    »Das war ja toll Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte Vier
Kerls waren da Und Flametti war angetrunken Sein ganzes Geld hat er verspielt
Und dann ging er auf seine Frau los Du hast mich verraten Du bist schuld an
allem Du hast mir das eingebrockt Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins
Haus und lockst mir das letzte Geld aus der Tasche   Das war ja nicht
mehr schön Die Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt Die Kerls hatten sie
bezahlt Wie die gegessen haben davon macht ihr euch keinen Begriff Das ganze
Geld haben sie ihm abgenommen und dann brachten sie ihn ins Bett Getobt hat
er Und gingen zu der Dudlinger hinunter Jenny und die vier Brüder Das ganze
Haus stand auf dem Kopf«
    »Ja wart ihr denn auch dabei« fragte die Soubrette
    Lydia winkte ab »Natürlich Wir waren doch eingeladen Aber für so was
nein nein dafür sind wir nicht zu haben Wir gingen natürlich als es mal drei
Uhr war«
    »Ja woher wisst ihr denn «
    »Aehh diese Unschuld« krähte Raffaëla »so was sieht man doch Man hat
doch Augen im Kopf«
    »Ah so« entschuldigte sich die Soubrette 
    Der nächste Tag brachte jene Depression der Gefühle die auf große
Aufregungen zu folgen pflegt aber auch jenen Niederschlag in Taten der
fruchtlose Debatten klärt
    Raffaëla und Lydia wurden ohne viel Federlesens ausgezahlt und entlassen
    Herrn Meyer und Fräulein Laura wurden neue Verträge unterbreitet zu deren
Akzeptierung und Ratifizierung Herr Meyer sich eine Bedenkzeit von drei Tagen
erbat
    Die Gründe für die Entlassung der beiden Scheideisen lagen auf der Hand
Ihnen schob Flametti die Verhetzung des ganzen Ensembles zu Von ihnen wollte
Flametti nicht länger sich nasführen lassen
    Nachmittags aber als man gerade beim Kaffeetisch saß klopfte es an der
Türe behutsam und diskret
    Ein Detektiv stand draußen wieder einmal Alle schracken zusammen
    Flametti beeilte sich den Herrn zu empfangen
    »Fräulein Laura« kam er geschäftig zurück »für Sie«
    »Für mich« fuhr Laura zusammen
    »Ja für Sie«
    Auch Meyer wurde unruhig bemühte sich aber Haltung zubewahren
    Laura ging hinaus und mit dem Herrn in die Küche die nun einmal bestimmt
schien als Konferenzzimmer Tradition zu bekommen
    »Welcher ist es denn« fragte Jenny
    »Der Puma« sagte Flametti ging auf den Zehenspitzen und biss sich die
Lippen
    »Ach der ist nett« meinte Jenny konziliant »Da ist es nichts Schlimmes«
    Alle auch Fräulein Teres die missmutig den Gasherd abgestellt hatte
horchten bedrückt und gespannt
    Aus der Küche vernahm man das stöbernde Murmeln eines Verhörs
    »Pst« machte Jenny und winkte nach rückwärts »ich kann ja nichts hören«
    Sie stand am geschlossenen Schalter und versuchte wenigstens ein paar Worte
aufzuschnappen
    »Rezepte  selbst geschrieben  Basel  Narkotika «
    Man vernahm von draußen ein Räuspern Mit einem kurzen Schritt trat Jenny
vom Schalter weg
    Jemand polterte die Treppe hinunter
    Die Soubrette kam zurück seltsam verdonnert und zerfedert mit Gedanken und
Blicken noch halb bei dem unten aus der Haustür tretenden Beamten
    »Ja ja« meinte Flametti
    »Was war denn« interessierte sich Jenny
    »Nichts nichts« wehrte Laura ab
    Jenny fühlte sich verpflichtet einige Ansichten über die Polizei im
allgemeinen und die Detektivs im besonderen von sich zu geben
    »Hm diese Kerls« meinte sie »nirgends ist man sicher vor ihnen Max
sag die müssen doch aus den hintersten Familien stammen«
    Ein wenig Sympatie und Besorgnis klang durch
    Max glaubte Verachtung
    »Was willst du« zuckte er die Achseln »Beruf Der eine verdients mit
Alteisen der andre mit Varieté der dritte mit dem Wolfshund«
    »Hm« gab Jenny in backfischhafter Anwandlung zu bedenken »immer so mit dem
Wolfshund gehen«
    Flametti hielts für ein Gruseln
    »Was denkst du« zeigte er sein überlegenstes Indianerlächeln »erst die
amerikanischen Detektivs Die amerikanischen Handfesseln Schlagringe und
Gummiknüppel« und sah sich Sympatie heischend nach dem geschulten Herrn
Meyer um
    Herr Meyer aber saß da mit der verdiesslichsten Miene der Welt die
Augenlider krampfhaft hochgezogen fadiert gelangweilt bar jeglicher Lust zu
Disputationen
Die Ereignisse folgten sich rasch und von s der Hauptbeteiligten ohne
nennenswerten Widerstand
    Flamettis Prozess war jetzt auf den dreizehnten angesetzt
    Man spielte in den kleinen und kleinsten Kneipen Das Ensemble hatte nach
dem Austritt der Damen Scheideisen eine Ergänzung erfahren Man richtete sich
ein
    Die Soubrette trat zehnmal auf am Abend fünf Soli vier Ensembles einmal
als Rezitatorin Sie sprach dann den Leutnant aus Zinn und die Fremdenlegionäre
    Engel hatte sich durch freiwilligen Eintritt ins Krankenhaus einen
glücklichen Übergang zu den Original Ideal Perplex und SimplexMühlen
gesichert
    Bobby laborierte an einer Entzündung und die Bögen und Handstände fielen ihm
schwer Aber er schaffte es
    Herr Meyer seinerseits saß pünktlich um sechs allabends am Piano um das wie
Pleureusen die Tropfen von der Decke fielen Die Portiere am Eingang  Türen gab
es nicht  klatschte vereist an die Beine etwelcher zirkussüchtiger Gäste Die
Kalkwände der Garderoben blätterten ab Frühling ists die Blumen blühen wieder
 selige Erinnerung
    Flametti und Jenny allein bewahrten Humor
    Zum Zeichen ihres absoluten unwandelbaren Einvernehmens sangen sie zusammen
die Meistersinger von Berlin ein revueartiges Duett das unter ihrer scharf
pointierten Interpretation sich als anmutigstes Duell voller mondäner
Anspielungen auf den laufenden Prozess präsentierte
    Der Detektiv von neulich wiederholte Besuch und Nachfrage Und Fräulein
Teres war ein zweites Mal gezwungen den Gasherd abzudrehen und den Schauplatz
ihrer klausurhaft verteidigten kulinarischen Manipulationen für ein
Viertelstündchen zu verlassen
    Flametti wälzte im rastlosen Gehirn finanzielle Transaktionen
    Eine zweistündige Unterredung hatte er mit Madame Dudlinger fruchtlosen
Resultates Eine dreistündige Unterredung mit Direktor Farolyi dem Ungar
voller Elogen Respekt und Meriten aber ohne den rechten klingenden Ausgang
Die Säulen des Hauses Flametti wackelten
    Aufgestört eine Wanderschwalbe trat Fräulein Teres vor die Herrschaft um
ihre Kündigung vorzubringen
    »Frau« sagte sie sittig »am fünfzehnten ist meine Zeit aus« und kraulte
sich mit der Haarnadel in der zerknäulten Frisur
    »Geh Teres was machen Sie da für Sachen« suchte Jenny das Verhängnis
aufzuhalten
    Aber Teres machte ein Gesicht so diffizil und spitz wie ein Moskito dem
ein Ausräucherungsdampf in die empfindliche Nase fuhr
    Nein nein sie hatte genug Wenn man nicht einmal in der Küche seine Ruhe
haben sollte  Verhörzimmer auf ihre alten Tage Detektiv am Herd am Spülstein
im Kohlenkasten  »Nein nein Frau« sagte sie gröber als sie es meinte und
mit einer Art schluchzendem Humor »ich will nicht auf meine alten Tage den
Remis noch kriegen Am fünfzehnten geh ich«
    Umsonst versuchte Jenny ihr den närrischen Einfall auszureden Umsonst
Flametti ihr eine wärmere Küche Stumpen auf der Stelle und eine Flasche Bier
vor die Phantasie zu rücken Nichts mehr verfing Teres blieb bei der
Kündigung Sie hatte ihre eigene moralische Ansicht von den bei Flametti
eingerissenen Zuständen
    Gewiss sie nahm die geschassten Lehrmädel nicht in Schutz Aber so behandelt
man trotzdem nicht sein Dienstpersonal Nein nein Fräulein Teres fühlte eine
tiefe Solidarität Nein nein so was rächt sich Da machte sie nicht mit Das
konnte sie nicht guteissen
    Und weiter gewiss der Herr war im Unrecht So beleidigt man nicht eine
Frau die aufs Sach sieht und jede Nacht pflichtgetreu neben ihm lag die sich
hübsch machte für ihn und hinter den schlampeten Weibern herwar mit Ordnung und
Zucht
    Aber die Frau so behandelt man auch nicht einen Mann der mal einen
Fehltritt beging Man lässt nicht gleich vier Kerle zu sich kommen setzt ihnen
Gänsebrust vor und lässt seinem eigenen Gatten das Geld abnehmen
    Nein nein da tat Teres nicht mehr mit Das war nichts für ihre alten
Tage Mochte man lachen über sie mochte man sie für altmodisch halten Sie tat
nicht mehr mit verstand diese neue Welt nicht mehr gab sich auch keine Mühe
mehr sie zu verstehen Sie legte den Schürhaken hin und ging
    Jetzt fasste auch Herr Meyer seinen Entschluss rücksichtslos und farusch Den
Einflüsterungen der Geschwister Scheideisen dem Zureden Bobbys den
Vorstellungen der Braut widerstand er nicht länger
    Zwei Tage Bedenkzeit waren bereits verstrichen Der Zeitpunkt war da Jetzt
musste gehandelt werden
    Die Moralität obsiegte Hundert Plakate kosteten achtzehn Franken Das war
zu erschwingen In drei Tagen konnten sie fertig sein Man war gefasst auf alles
    RaffaëlaEnsemble sollte die Gründung heißen nach dem Namen der
hervorragendsten Kraft Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee Dort würde
man debütieren auswärts sich die ersten Meriten holen Noch musste gesprochen
werden mit Flametti
    Und Herr Meyer überwand ruckhaft die ihm angeborene Scheu und sagte beim
Abendessen
    »Sie Herr Direktor ich habe zu reden mit Ihnen«
    »Gehen wir rüber ins Café Lohengrin«
    »Gut«
    Und sie gingen ins Café Lohengrin und Flametti bestellte zwei helle Bier und
Herrn Meyer klopfte das Herz
    »Also schießen Sie los« sagte Flametti Und Herr Meyer holte weit aus
    Mit den Zuständen vor Kriegsausbruch begann er gab einen Inbegriff seiner
Familie kam dann auf seine Geburt zu sprechen berührte kurz seine Konfirmation
und das Knabenalter schwenkte dann über zur Gymnasiastenzeit immer das
Typische unterstreichend
    Flametti sah ängstlich auf seine Uhr Sieben Minuten vor acht Um acht Uhr
begann die Vorstellung
    »Kurz und gut« fragte er und sah Meyer gespannt ins Gesicht
    »Wir wollen weg wollen uns selbständig machen«
    »Also doch« meinte Flametti ein wenig betroffen
    »Ja« sagte Meyer »Ein gutes Einvernehmen besteht ja doch nicht mehr Ihre
Frau hat das zerstört Laura hat die Affäre mit den Rezepten Wir brauchen ein
Attest für sie Das kostet Geld Ich brauche eine neue Hose ein Paar neue
Stiefel Das Leben stellt Ansprüche Kurzum es geht nicht mehr«
    »Tun Sie was Sie nicht lassen können« sagte Flametti »Sie müssens am
besten wissen Ich will Ihrem Glück nicht im Wege stehen Wenn Sie glauben «
    »Ich glaube« sagte Meyer
    »Na gehen wir zur Vorstellung«
    Und Flametti zahlte auch für den neuen Herrn Direktor der zu schüchtern
war Lina Frieda oder Katrein zu rufen
    Und Flametti sah was da kommen würde lächelte ironisch und man ging
    Jenny hätten Sie sehen sollen an diesem Abend Glacéhandschuhe zog sie
gewissermaßen über die Zunge So spitzig und kalt so unnahbar verächtlich
wusste sie sich zu benehmen dass Meyer kaum wagte sie anzusehen
    »Geh Max lass doch das Gesindel« sagte sie mehr als halblaut als Herr
Meyer in den Indianern danebengriff und Flametti auf der Bühne einen
cholerischen Anfall bekam vor Indignation
    »Lass sie doch gehen Sie habens ja nicht mehr nötig«
    Und als die Soubrette mit doppeltem Eifer nach der Kassiermuschel griff um
sich ins Publikum zu stürzen
    »Nein lassen Sie nur Ist nicht nötig Rosa besorgts schon«
    Und auch Rosa hob ihre Nase von Stunde an höher und Bobby überkam ein
solcher Ärger darob dass er sie am liebsten geohrfeigt hätte
    Der Zustand wurde unerträglich Und es war deshalb eine Erlösung für beide
Teile als Fräulein Laura an einem der nächsten Abende gelegentlich der Kommis
voyageusen auf dem kleinen viereckigen Podium der Drachenburg ausglitt und mit
dem Steissbein so unglücklich auf eine Stuhlkante aufstiess dass man sie stöhnend
und ächzend in die Garderobe und von dort mit einer heftigen Prellung nach
Hause bringen musste
    Eine alte Sympatie regte sich in Flametti und er war wirklich besorgt
    »Ach Max« hetzte Jenny »gibs doch auf Sie simuliert ja nur Merkst du
denn nichts«
    Jetzt war Laura entschlossen keinen Schritt mehr in die Vorstellung zu
gehen Kontrakt hin Kontrakt her
    Und Herr Meyer sagte
    »Die sollen uns kennen lernen«
    Und Bobby sagte
    »Gehts besser Laura« und stand sehr besorgt am Bett
    Und Lydia und Raffaëla sagten
    »Den Doktor muss er bezahlen Macht ihn doch schadensersatzpflichtig Er muss
euch Schmerzensgeld zahlen So eine Gemeinheit«
    Und Lauras russische Freundin kam und sagte
    »Auf mich können Sie zählen Ich bin immer da für Sie«
    Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister und Schnur
die Bilderreklame für Arbon
    So war denn Flamettis Schicksal besiegelt
    Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als Pianistin
ein Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle Und Lena meinte
    »Ich habs euch ja gleich gesagt sie führen etwas im Schilde«
    Aber das half nichts Das Geschäft wurde noch schlechter Die Beiseln in
denen man auftrat noch kleiner ja nuttig
    Flametti verhehlte es nicht dass er blank aller Hilfsmittel bar in den
Prozess eintrat
    In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in Bern Standpunkt
und Situation eindringlich zu erläutern
    Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer größer das Plädoyer immer
schwieriger
    Und als Flametti die Geduld riss und er ganz offen auf einer Postkarte
vermerkte der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen der Fall sei doch
sonnenklar da schrieb dieser chargé zurück er bedaure unendlich mitteilen zu
müssen dass ohne einen weiteren Vorschuss von hundert Franken die Sache zu einem
guten Ende kaum werde geführt werden können
    Herr Farolyi gab den Rat die Verteidigung doch selbst zu führen und auf den
Advokaten überhaupt zu verzichten Und auch Fräulein Lena erbot sich für die
sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine eidesstattliche Versicherung zu
riskieren
    Aber Jenny wurde doch immer nervöser
    »Was machst du nun Max« fragte sie ernstlich besorgt als Max von Farolyi
zurückkam
    »Was mach ich Verteidige mich selbst«
    Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann die Verteidigungsschrift
aufzusetzen
    Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich Aber es ging
    An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts Bern Da stand es Das
war die Instanz Und Jenny bekam einen Schreck als sies so stehen sah
    Aber Flametti ließ sich nicht stören Mit einer schier unpersönlichen
Korrekteit entledigte er sich der schwierigen Arbeit
    Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu
versetzen da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines Vorgesetzten
entgegennahm und die Stilnuance war gefunden
    »Fertig aus« rief er als er nach zweistündiger Arbeit unterschrieben und
abgelöscht hatte Er überlas das Ganze noch einmal von Datum bis Schlusspunkt und
er war sehr zufrieden damit
    »So« zog er findig die Stirn in Falten »drehen wir die Geschichte mal um
Da schaut die Sache erheblich anders aus«
    Und er verlas es auch Jennymama Die war bass erstaunet
    »Ja meinst du denn Max sie lassen es gelten«
    »Frage«
    Er spuckte steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen kleinen
Abstand von seinem Elaborat
    »Hättest deutlicher sagen müssen was das für zwei waren« drängelte Jenny
    Max zündete grossspurig eine Zigarre an
    »Was Ist das nicht deutlich genug Marktware der Wollust der Perversion
gefrönt schon in den Kinderschuhen verdorben Ich bin der Verführte verstehst
du Angeboten haben sie sich Gezwungen haben sie mich direkt belästigt«
    Jenny war ganz verstört
    »Wenn es nur durchgeht Max«
    »Frage«
Sonntag den zwölften spielte man in der Jerichobinde zum letztenmal die
Indianer Flametti Jenny und Rosa
Und dort oben in dem ewgen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied
Einmal wieder ziehn wir noch auf Siegespfad
Einmal noch wenn der Tag der Rache naht
Dann fuhr Flametti nach Bern
    Mit dem Nachtzug
    Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn Rosa trug das Handtäschchen
    »Viel Glück Max und schreib gleich wies ausging damit man es weiß«
    »Wenn ich nicht schreibe weißt du Bescheid«
    »Ach Maxel wie wird es dir gehen«
    »Wird schon alles gut gehen« beruhigte er und der Zug setzte sich in
Bewegung 
    Er schrieb nicht wie es gegangen war
    Ein zwei drei Tage vergingen Da las Jenny es in der Zeitung in einem
Café Sie trug ihre beste Toilette
    Sie ließ sich ihren Schmerz nicht merken
    Gute Freunde lud sie zu sich ein und so in engstem Kreise seufzend aufs
Kanapee hingeschmiegt suchte sie Trost und Vergessen
    Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es ihr etwas Luft zu
schaffen
    Herr Meyer aber ging pleite